IY. YEREINSJAHR. OCTOBER 1891— OCTOBER 1892. des Vereines für erweiterte Frauenbildiing in Wien. BEILAGE: VORTRAG VON MARIANNE HAINISCH: „Ein Mutterwort über die Frauenfrage“ VORTRAG DES HERRN UNIV.-PROF. DR. C. B. BRÜHL: Einiges Uber die (Laben der Natur an die Frau und die Konsequenzen hieraus für Bedeutung, Stellung, Aufgaben und Rechte der Frau in der menschlichen Gesellschaft. Preis für Nichtmitglieder 30 kr. Verkaufsstellen : Bureau des Vereines; I., Wipplingerstrasse 8; Buchhandlung des Herrn CARL KONEGEN, I., Opernring 3; Buchhandlung der Herren BERMANN & ALTMANN, I., Johannesgasse 2. Gesellschafts-Buclidruckerei Brüder Hollinek, Wien, III., Erdbergstrasse 3. Bericht des IV. Vereinsjahres. Noch unter dem Eindruck der treffenden und aneifernden Worte, welche unser Ehrenmitglied, Frau Dr. Rosa Kerschbaume r, im December vor. Jahres gesprochen, erhob die Generalversammlung den Antrag der Frau Marianne Hain i sch: „Es sei die vom Verein zu gründende, in ihren Unterrichtszielen den bestehenden Gymnasien entsprechende Schule mit Beginn des Schuljahres 1892 zu eröffnen“, einhellig zum Beschluss und der Ausschuss begann in Ausführung desselben mit den Vorarbeiten, deren Zahl und Schwierigkeit beträchtlich genannt werden darf. Zunächst suchte eine Deputation des Ausschusses, bestehend aus dem Vicepräsidium und dem Herrn Oberlandesgerichtsrath Ertl v. Seau um Audienz bei Sr. Excellenz dem Herrn Minister für Unterricht an, wurde empfangen und erhielt die freundliche Zusage Se. Excellenz werde sicherlich die Bestrebungen des Vereines in wohlwollende und eingehende Erwägung ziehen ; als nächster Schritt empfehle sich die Eingabe eines Gesuches an das Ministerium des Innern um Zulassung gehörig vorgebildeter Frauen zur ärztlichen Praxis. Diesem Hinweis wurde auch hierauf mit einem Gesuche entsprochen. Dem günstigen Erfolg desselben sehen wir im Hinblick auf die seither neuerlich erfolgte Ausschreibung von Stellen für Amtsärztinnen im Occupationsgebiete mit begründeter Hoffnung entgegen. Um dem geplanten Unternehmen erhöhte Aufmerksamkeit und Theilnahme in den gebildeten Kreisen Wiens zu schaffen und zu sichern, hielt Frau Marianne Hain isch am j. Februar unter dem Titel : „Einer Mutter Wort fürs Frauenstudium“, einen sehr wirksamen und überaus beifällig aufgenommenen Vortrag, der im Eamilienjournal des „Wr. Tagblatt“ am 22. und 23. Juli zum Abdruck gelangte. Es gelang auch den Bestrebungen des Vereines die werthvolle Mitwirkung des Herrn Prof. Dr. Brühl zu gewinnen, des angesehenen und geehrten wissenschaftlichen Vorkämpfers für das Recht der Frau. Sein Vortrag: „Einiges über die Gaben der Natur an die Frau etc.,“ welcher am 30. Mai die Räume des N.-Oe. Gewerbe-Vereins-Saales mit einer begeisterten Zuhörerschaft füllte, war nicht nur geeignet das Verständnis der Absichten unseres Vereines zu verbreiten, 1 er gab auch die erste fruchtbare Anregung für das nunmehr erfolgte Zustandekommen anatomischer Course für Frauen, deren Werth sowohl als Alittel zur Hebung der Frauenbildung als auch eines Beleges des vermehrten und zum Hervortreten ermuthigten Interesses fürs Frauenstudium sehr geschätzt werden muss. Den competenten Schulbehörden hatte das erste Gesuch um Genehmigung zur Eröffnung einer Schule schon seit April Vorgelegen, und hatte unterstützt von einem späteren Nachtrags-Gesuch auch den gewünschten Erfolg. Dankenswerth rasch und günstig wurde die an den Gemeinde- und Stadtrath Wiens geleitete schriftliche Bitte um unentgeltliche Ueberlassung eines Locals .erledigt, wobei von Seiten der- genannten Körperschaften auch die Benützung zweier Localitäten und der Eehrmittelsammlungdes städt. Pädagogiums gütig st zugestanden wurde. Gleichzeitig gelang es dem Aus- , schusse in der Person des Herrn Dr. Em. Hannak, Director des Wiener Pädagogiums, einen rühmlichst bekannten Schulmann für die Leitung der neuen Lehranstalt zu gewinnen. Ein Schul-Comite, bestehend aus unserem Ausschussmitglied Herrn Prof. Th. Gomperz und den Herren Prof. Stowasse r, Jerusalem und Pfurtscheller, schuf einen neuen, theil- weise völlig eigenartigen, den Zweck des Unternehmens, sowie den thatsächlichen Verhältnissen, wie wir ohne Ueber- treibung sagen zu können glauben, musterhilft angepassten Lehrplan.Derselbe zielt darauf ab, absolvirte Bürgerschülerinnen im Verlauf von sechs Jahren jenes Mass von Kenntnissen zu vermitteln, welches die erfolgreiche Ablegung der Maturitätsprüfung ermöglicht. Im Einvernehmen mit dem erwählten Director engagirte der Ausschuss den Lehrkörper, dessen Mitglieder als ebensoviele Bürgen einer erspriesslichen Wirksamkeit gelten können. Ein Aufruf an das Publicum, um zunächst Zahl und Alter der angemeldeten Schülerinnen fe.stzustellen, damit den vorhandenen Bedürfnissen Rechnung getragen werde, bestätigte die vom Ausschüsse gehegte Voraussetzung, dass sich vorwiegend Mädchen im bereits schulmündigen Alter um Aufnahme bewerben würden, Circulare an alle Mitglieder, an alle hervorragenden Journale Wiens und Oesterreichs, Unterrichtsanstalten etc. versendet, bewirkten, dass man bei der Aufnahme, unter 70 gemeldeten Schülerinnen strenge Auswahl treffen und demnach mit- einer Zahl von 30 Schülerinnen am 10. October die 1. Classe eröffnen konnte. Neben diesen Bestrebungen für die Schule trug sich der Ausschuss seit längerer Zeit mit der Idee, den Namen einer der besten und bedeutendsten Frauen Wiens der Vergessenheit, welchen er unverdient anheimgefallen, zu ent- reissen und dieser Gedanke reifte allmälig zu einem Plan heran. Am 27. April wurde unter freundlicher Mitwirkung 3 der Frau Ottilie Bondy, Präsidentin des Wiener Hausfrauenvereines und des Frl. Kola vom Burgtheater und unter mehrfacher besonders schätzenswerther Beihilfe des Herrn Ludwig Aug. Frankl eine Feier zu Ehren der Weltreisenden Ida P feifer veranstaltet, deren schöner und würdiger Verlauf in der öffentlichen Meinung allseitige und warme Anerkennung fand. In dem durch die Firmen Haslinger & Backhausen schön geschmückten Saale gelangte eine Petition an den Gemeinderath der Residenz zur Verlesung, worin um die Ueber- führungder gefeierten Todtenin ein Ehrengrab auf dem Central- Friedhof angesucht ward, und die Unterzeichneten Namen auf diesem Schriftstück sind an sich ein ausreichendes Zeugniss für den Anklang, welchem der Gedanke begegnete. Die Bitte fand williges Gehör, eine Aufforderung zur Zeichnung von Beiträgen für das Monument, auf privatem Wege erlassen, brachte rasch die zur Herstellung des Denkmals erforderliche Summe ein und bereits Ende Juli, nachdem in den Zeitungen der Ausweis und Dank für die eingelaufenen Geldmittel und die Bekanntgebung der amtlichen Bewilligung des Ehrengrabes erfolgt war, konnte Prof. Johannes Benk die Meisterhand ans Werk legen, das er, nach Andeutungen des bereits genannten Freundes der Gefeierten, Dr. L. Aug. Frankl, die besten Erwartungen übertreffend, Ende October vollendete. Nach Erfüllung aller gesetzlich vorgeschriebenen Formalitäten, fand am 27. October die Exhumirung und Beisetzung der irdischen Reste IdaP f e i f f e r’s, am 5.November dieWiederbestattung und Enthüllung des Denkmals unter grosser Betheiligung geladener Gäste und zahlreicher Deputationen von Frauen-Vereinen und wissenschaftlichen Instituten statt. Präsident Prof. W arhanek sprach in besonders warmen und schwungvollen Worten im Namen des Journalisten- und Schriftsteller-Vereines„Concordia", Frl. Högel, die Präsidentin des Vereines der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen widmete der berühmten Berufsgenossin, Dr. H aberlan dt seitens des Naturhistorischen Hofmuseums, der Reisenden und Sammlerin Worte wärmster Anerkennung. Den Schluss der Feier bildete ein ebenso stimmungs- als wirkungsvolles Quartett des „Schubertbundes“» und die Uebergabe des Denkmals von seiten des Vereins an den Vertreter der Stadt Wien, Herrn Stadtrath V augoin. Besonderen Dank um das Zustandekommen der Feier gebührt Herrn Beschorner, dessen opferwillige und bewährte Unterstützung wesentlich zum würdigen und eindrucksvollen Verlauf derselben beitrug. Um das Bild der Thätigkeit des Ausschusses zu vervollständigen, sei noch kurz erwähnt, dass er, unterstützt von dem wirksamen und wohlwollenden Beistand der Wiener Presse, bedacht und befähigt war, seinen Bestrebungen im 1 * 4 Publicum Aufmerksamkeit und einsichtige Beurtheilung zu verschaffen, wozu betreffs der Schule wesentlich beitrugen Aufsätze von Frau Ottilie Bondy und Regine U11 mann, Herrn Dr. Lin dl und Dr. Bondi, Frl. Wey da und Frl. Grün zweig, Goldscheider, Vivus und U. H. erschienen in der Hausfrauenzeitung und dem Blatt der Hausfrau, im Neuen Wr. Tagblatt und der Deutschen Zeitung, in der Wr. Allgem. Zeitung und Fürs Haus, im Wr. Tagblatt, Literaturblatt und Wiener Mode. In Bezug auf die Pfeiffer-Feier erschienen ausser zahlreichen Besprechungen, in der Extrapost, in der Neuen Freien Presse und im Wr. Tagblatt, Feuilletons von Dr. Haberland t, Dr. Ludwig Aug. Frankl und U. H. Bezeichnend für das Vertrauen und Ansehen, dessen sich derVerein erfreut, ist seine, auf mannigfaltige Aufforderung hin, erfolgte informirende Thätigkeit zahlreichen Privatpersonen und Vereinen (in Graz, Brünn, Lemberg, Berlin, Leipzig, Weimar, Warschau etc.) gegenüber. Ausserdem wurde jede Gelegenheit ein Zusammenwirken mit anderen Vereinen anzubahnen oder durchzuführen mit Eifer und Freude benützt. So vermittelte der Ausschuss das Erscheinen seiner Mitglieder bei dem von dem Verein der Lehrerinnen und Erzieherinnen im Monate März veranstalteten Vortrag des Herrn Dr. Wengraf: „Die Frauenfrage in Oesterreich“ und hat ein Mitglied des Ausschusses Frl. Glassner eine weitgreifende Correspondenz durchgeführt, welche den Beitritt der Frauenvereine in den verschiedenen Kronländern der Monarchie zu unserer, Ende Juli durch den Reichsrathsabgeordneten Herrn Dr. Jaques zum zweitenmale überreichten Petition anstrebte. Das abgelaufene Jahr darf daher in der Geschichte unseres Vereines wohl als ein von Erfolg begleitetes bezeichnet werden und der Ausschuss, welcher hiermit seine Thätigkeit dem Urtheil der Vereinsmitglieder unterbreitet, spricht dieses Wort der Befriedigung mit um so grösserer Freude aus, als es nicht nur eine Rechtfertigung des Geleisteten, sondern eine bekräftigte Verlieissung für zukünftiges Streben und Wirken bedeutet. Jetzt, nachdem der Verein sich unleugbare Beweise von Würde und Anerkennung verschafft, nachdem er trotz verhältnissmässig kurzen Bestandes und sehr bescheidener materieller Mittel das für so schwer möglich Gehaltene zu greifbarer Wirklichkeit gestaltet, ist der kommenden Zeit und ihren Forderungen mit erhöhtem Bewusstsein des Könnens entgegen zu sehen. Das Recht der Frau auf ungeschmälerte Bildung, mass- voll und ohne Schwäche, ohne Hast und ohne Stillstand, treu und einsichtsvoll verfochten, hilft einen jener schönen Triumphe 5 der Aufklärung- und des Fortschritts herbeiführen, welche dem Ueberwundenen wie dem Ueberwinder Gewinn bringen. Der Ausschuss glaubt seine Ansicht über die zweifache Art seiner diesjährigen Bemühungen in einigen Worten deshalb hier darlegen zu sollen, weil er hierin das leitende und ordnende Prinzip seiner Thätigkeit klar vor Augen bringen kann. Weise Beschränkung in den Zielen und con- centrirte Anwendung der vorhandenen Mittel, Beseitigung der nächsten Schwierigkeit und schnellste Lösung der dringendsten Aufgabe: diese Momente kennzeichnen das Walten des Ausschusses nach einer Richtung hin und das Ergebniss ist die nunmehr geschaffene Schule. Allein der Ausschuss weiss, dass er im Sinne und Auftrag des Vereines handelt, wenn er über dem Einzelnen das Gesammte nicht ausser Acht lässt, wenn er die Frage des Frauenstudiums stets im organischen Zusammenhang mit den Bestrebungen zur Hebung des Frauenrechtes und der Betheiligung der Frau an solcher Culturarbeit erfasst, von welcher sie bisher ausgeschlossen war. In der Werthschätzung des Gethanen liegt ein Hauptreiz zu künftigen 'Thaten, eine Bürgschaft dafür, dass man die zur Arbeit Berufenen nach Verdienst lohnen werde. Man muss immer wieder versuchen, ob jene leidige Gepflogenheit, welche weit über Mittelmass reichende Leistungen einzelner begabter Frauen als wunderlich verschreit und so des ehrlich verdienten Ruhmes beraubt — nicht zu brechen sei, versuchen, ob nicht doch endlich die gewaltsam unterdrückte Achtung vor dem Talent und Schaffen der P'rau zur Geltung zu bringen sei unverwischbar, Erz auf Stein, Neidern und Nerglern zur dauernden Widerlegung, jungaufstrebenden Kräften, die dem Studium gewidmet, nicht geopfert werden sollen, zur Ermunterung, zum Unterpfand des Lohnes für schwierige Arbeit, den ihnen eine aufgeklärte und gerechte Nation nicht mehr vorenthalten wird. Von diesen Erwägung-en geleitet, hat sich der Ausschuss der Mission, für die Weltreisende und Schriftstellerin Ida Pfeiffer ein Denkmal zu schaffen, unterzogen und sie glücklich zu Ende geführt. Wir sind der Hoffnung, dass diese Betonung des Zusammenhanges zweier scheinbar fernliegender, in Wahrheit durch innigste Wechselwirkung vei'bundener Bestrebungen und der Hinweis auf ihre fruchtbringenden Folgen für alle Mitstrebenden und Mitschaffenden eine klare Andeutung der Punkte sei, an welchen auch fürderhin unser Eifer einsetzen soll, damit sowohl Zersplitterung der Kräfte, als Isolirung unseres Strebens gleichermassen vermieden werde. Dann wird von dem Werden besserer Frauenbildung in künftigen Tagen bezeugt werden, dass es innerhalb der Mauern unserer Vaterstadt rechte, wenn auch mühevolle Pflege fand Viertes Vereinsjahr. Cassa- Einnahmen. Cassastand am 1. October 1891 Beiträge der Mitglieder Spenden . . Einnahmen bei den Vorträgen . Zinsen. Aus der Sparcasse behoben . Summe fl. kr. 66 19 709 76 115 — 83 50 118 58 145 — 1238 03 Hermine v. (wrUnzweig’ m. p. Cassieri.n. 7 Bericht. Viertes Vereinsjahr. Ausgaben. Für den Druck der Mitgliederkarten und der Einladungen zu den Ausschusssitzungen sammt deren Versendung. » Saalmiethe bei der Generalversammlung, der Pfeiffer-Feier und den Vorträgen.. » den Druck der Wahlzettel und der Einladungen und deren Versendung bei diesen Anlässen . . » Bedienung, Stempel, Polizeitaxen, Armengebühren, Fiakern und Claviermiethe bei diesen Anlässen. » Stenogramme und Plakatirung der Vorträge. » Photographie und Clichés zum Jahresberichte. » den Druck des Jahresberichtes. » dessen Versendung. » Telegramme .... ... Auslagen bei Wiedereinreichung der Petition an den Reichsrath . Dem Vereine der Lehrerinnen gespendet. Für die Leitung der Bureaugeschäfte und kleine Auslagen im Vereinslocale . » das Incasso der Mitgliederbeiträge. v Bibliothekskosten. » Anzeige der Eröffnung der Gymnasialschule für Mädchen durch Circulare.. Unkosten dieser Anzeige durch Plakatirung. Einlagen in die Sparcassen. Für Versendung von Vereinsschrifteu . .. Auslagen bei der Wiederbestattung der Ida Pfeiffer. Für Stempel und Porti.. » einen Kranz für Ida Pfeiffer . . » Vervielfältigung des Grabdenkmales der Ida Pfeiffer durch Lichtdruck .. » Zeitungen mit Nachrichten über die Wiederbestattung der Ida Pfeiffer... Baargeld am 30. September. Summe . ff. kr. 10 80 50 — 46 43 79 70 23 — 22 — 135 — 11 96 7 71 35 — 50 — 24 51 25 66 15 77 39 40 39 60 47G I 58 16 85 31 11 14 ! 62 10 j — 20 1 _ 5 40 46 | 93 1238 ! 03 Revidirt und richtig befunden : Marie Lumpe m. p. Revisorin. Karl Kouesyen m. p. Revisor. Yermögensstand am Schlüsse des vierten Vereins) ahres. tl. kr. 075 _ 988 — 45 — 389 82 923 65 46 93 3368 40 1 Stück Notenrente ä 1000 fl., Cours 1. October 1 Stück Landes-Hypothekar-Pfandbrief a 1000 fl . 8 Stück serbische Tabaklose a 10 Francs Einlagen in der Wiener Sparcasse. Einlagen in der Währinger Sparcasse . Baargeld. Summe Die ausgewiesenen Vermögensbeträge, zusammen 3368 fl. 40 kr. richtig vorgefunden : Karl Konegeii m. p. Revisor. Marie Lumpe m. p, Revisorin. Die Zusendung des Mitgliederbeitrages wird erbeten an den »Verein für erweiterte Frauenbildung«, Wien, I., Wipplingerstrasse 8 oder an Frl. Hermine v. Grünzweig, Cassierin des Vereines, Wien, XVIII 1, Schulgasse 13. 9 i I Spenden-V erzeichniss. Von Frau Angerer.fl. io.— „ Frl. Marie Glassner.„ 30.— „ Frau Marie Bosshardt von Demerghel für die Pfeiffer-Feier am 27. April.„ 50.— Anlässlich des Vortrages Brühl am 30. Mai von Frau v. Bengel.. 2.— Von Frau Josefine v. Loehr.„ 3.— „ Herrn Elias Lehr.„ 3.— Durch Frau Marie Bosshardt v. Demerghel das von U. H. dem Vereine für die Pleiffer-Feier am 5. November gespendete Honorar vom „Wiener Tagblatt“ für das Feuilleton „Die Emancipation der Todten“.. 50.— Von U. H. das von der „Wiener Mode“ erhaltene Honorar für den Artikel „Erweiterte Frauenbildung“ (Betrag durch Fr. M. Bosshardt v. Demerghel übermittelt).„ 25.— Von Herrn Beschorner wurde bei der Exhumirung und Wiederbestattung der Ida Pfeiffer in uneigennützigster Weise auf die Erstattung von Auslagen im Betrage von.„ 466.— verzichtet. „ Herrn Professor Johannes Benk das Modell des Portrait- Medaillons von Ida Pfeiffer. „ den Firmen Backhausen und Haslinger wurde die De- coration des Saales bei der Pfeiffer-Feier am 27. April unentgeltlich ausgeführt. Die Plakatirung der Gymnasialanzeige während der Ferienmonate wurde in verschiedenen Provinzialstädten auf eigene Kosten veranlasst von Hrn. Dr. Bauer, Mrs. Fl. Carnegie, Hrn. Prof. Dr. Gomperz, Hrn. Dr. Gans, Frl. Marie Glassner und Hrn. Toni Jesch. Der Bibliothek des Vereines spendeten: Frau M. Bosshardt v. Demerghel 5 Bücher und 6 Broschüren. Frl. M. Glassner „Womans Herald“, Jahrg'ang 1891 und „Neue Bahnen“, Jahrgang 1891. Frauenverein „Reform“ „Frauenberuf“, Jahrgang 1892. h 10 Spenden für das Ehrengrabdenkmal von Ida Pfeifer. Von Fr. Cäcilie Adler.fl. 5.— „ Hr. Dr. Oscar Baumann . . ... . „ 5.— „ Amélie de Brucker .„ 10.— „ Mrs. Flora Carnegie.„ 5.— „ Frau Regierungsrath Eizinger, Graz ...... 20.— „ „ Gabriele Dragowina Wünsch.„ 25.— „ „ Giuseppina Holzknecht.„ 10.— „ „ Baronin Lang, Klagenfurt.„ 20.— „ Hr. Baron und Frau Baronin Mensi, Triest . „ 41775 „ Frau Josefine Oblasser de Brucker .„ 10.— „ Hr. Oscar Pfeiffer, Buenos Ayres .„ 50.50 „ „ Baron Reinelt.„ 100.— „ Hr. Constantin Reyer.„ 31775 „ „ Eduard Reyer.„ 100.— » » Dr - Emil Reyer.„ 317.75 „ Frau Leopoldine Reyer. „ 417.75 „ „ Baronin Therese Reyer, Leipzig .... „ 200.— „ „ Louise Scharff de Brucker. .. 10.— „ „ Baronin Auguste Stummer v. Tavarnok ,, 100.— „ beiden Familien Wünsch. 2^ — Zinsen der angelegten Spenden. 12.21 Summe ... fl. 2178.71 Auslagen für das Ehrengrabdenkmal von Ida Pfeiffer. Dem Herrn Professor Johannes Benk für die Herstellung des Ehrengrabdenkmals.fl. 2000.— Herrn Beschorner für die bei der Wiederbestattung gehabten Baarauslagen .„ 178 40 Summe . . fl. 217870 11 Verzeichniss der Mitglieder. Ehrenmitglieder: Carl Bernhard Brühl, Univ.-Prof., Doctor med. und phil.; Wien. Rosa Kerschbaumer, Doctor med.; Salzburg. Stifter. fl. Najmajer Marie von.300 Thorsch Ernestine.300 Gründer. fl. Auspitz Rudolf. 50 Benedikt Moriz, Dr. 50 Bosshardt van Demerghel Marie. 100 Dutschka Malvine von. 50 Glassner Marie. 50 Gomperz Theodor, Dr. 50 Hainisch Marianne. 50 Kollmann Therese, Schwanenstadt. 50 Ottendorfer Oswald, New-York. 100 Pfäffinger Adele, München. 50 Schwarz-Senborn, W. Freiherr v., Excell. 50 Tempsky, Prag. 50 Thorsch Anna. 50 Eine Ungenannte (Betrag durch Frau Med. Dr. Rosa Kerschbaumer übermittelt). 100 Beitragende fl. Abeies Auguste . . . 5.— Adlmanseder Louise, Lambach ..... 2.— Altenberg von ... 2 — Altmann Rosa .... 2.— Arlt Marie von . . 5.— Arnberger Pauline . . 2.— Arneth Alfred,R. v., Exc. 5.— Äusserer Carl, Dr. . . 5.— Bartak Emilie . . . . 2.— Barolin Leopoldine . . 2.— Bauer Moriz, Dr. . . 2.— Bechtel Emma .... 3.— Beck v. Managetta, R. Alex. Paul .... 2.— Benedeie Johanna . . 2.— Benedikt Moriz, Dr. . 5.— Mitglieder. fl. Benesch Auguste 2Ö° Benesch Carl, Dr. 2.5O Bettelheim Carl, Dr. 2.— Bezecny Josef, Freiherr, Exc. 0 - Biach Fanny .... 2.— Bisching Anton, Dr. 2.— Blaschke Therese 2,- Blondein Caroline 2 . — Bluhm Agnes, Dr. med., Berlin. 9 —— Blumenstock Marie von 2.— Böhm Pauline .... 2.— Bondi Serafin, Dr. . 3- Bondy Ottilie .... 2.- Bosse Höller Anna . . 2.— Bosshardt Louise. 2 .— 12 fl. Bosshardt van Demerg- hel. Marie.20.— Brauer Marie, geb. Haas 2,- Breuer Mathilde . 2,- Breuer Moriz, Doctor . 2 — Brünner-Fellner Lina . 2.— Bunzel Wilhelmine . 5-'— Burian Louise .... 2 .- Carnegi Flora .... IO — Chiari Franziska . 5 — Czermak-Becker Rosa . 2.— Diamant Regina . 2.— Dodel Prof., Zürich . 2.— Doublier L. 2.- Dutschka Malvine v. 3-— Ebner-Eschenbach Marie, Baronin . 5 — Eckart Rafael, Dr. . 2.- Eidlitz Rosa .... 2 .- Eisenmenger Bertha 2.— Egger R. v. Möllwald Friedrich. - Egyedi Sofie, Egyed 2 — Ertl R. v. Seau, Dr. 5*— Exner Constantia. 2.- Ficker Marie .... 2 ,- Fickert Auguste . ... 2.- Figdor Marie .... 5 -— De Fin Marie, Baronin 2.— Fleischt Ida von . . . 2.— Flesch Stefanie 2.— Florian-Wiesinger Olga 2.- Fraenkel J. 9 — Frankenstein Hermine . - Frankl von Hoch wart Paula .... 2,- Frankfurter Hedwig 2.- Franul v. Weissenthurn Max. 9 - Friedl von Liebentreu Leonie. 2.— Friedländer Regina . IO.- Frisch Marie von 5- — Frischauer Charlotte 2.— Fritsch Franziska von, Salzburg.2.— fl. Gersuny Bertha . . . 5- — Giuliani Ernst v. . 5*— Glassner Anna 3* Glassner Marie 10.— Glassner Marie 3-— Goldblatt-Kammerling Sprince. 2.— Gomperz Theodor, Dr. 3- Grey-Stipek Valerie 2. — Grünzweig Amalie v. . 2. — Grünzweig Hermine v. 2, — Habel Marie .... 2.— Hacker Marie v. . 2.— Hackländer A. v. . . 2.— Hainisch-Figdor Emmy 10.— Hainisch Marianne . 2.— Hallwax Antonia 2.— Hannak Emanuel, Dr. . 2.— Hartl Marie .... 2.— Hartmann Bertha . 3* Hartmann Ludwig, Dr. 3 — Hassinger Else 2.— Hauschka Adele . 2 — Heim Caroline 2 — Herdegen Johann 2.— Herold Alphons . 2.— Hertzka Friederika . 2.— Herzmansky Amalie 2.— Hildesheimer Rosa . . 10.— Himmel Marie .... 2.— Högel Mina. 5*— Hornung Eleonore . 2. — Huber Josef, Salzburg . 2.— Huber Käthe, Oberdorf- Dornbirn . 2,— Huber Robert, Doctor, Salzburg. 2.— Hugonnay-Wartha Vilma, Dr. med., Pest 2 — Hunger Beatrice . 2.— Ibsen Henrik . . . . —.— Jagoditz Melanie . 2.— Jerusalem Wilhelm, Dr. 2. Joelson Ottilie 3 Kahane Mary . 2.— Kaufmann Ernestine 2.— fl. I o fl. Kautsky Mina .... 4-— Kettler J., Weimar . 2. — Klein Adolf .... 2.- Kner Sefine .... 2.— Kolasiewicz Anna . 2 - Kolbenheyer Christine . 2.- Komlosy Irma .... 2, - Konegen Karl.... 2. - Kotzian Marie .... 2. - Krassa Clara .... 2.— Kraus Margarethe 2.'— Krennmayer Caroline . 2. - Kuh Paul, Dr . 3' Kulstrunk Therese, Steyr . 2. - Kunz Emilie .... 2.- Lampel Emilie 2.— Lampel Leopold . 2.- Langer Julie, geb. Glass- ner . 2.— Leidesdorf Amalie . 2.- Lesser-Kiessling Anna 2.— Lesser Sophie, Strass- bürg . 2.- Lieben Anna v. . IO. — Lieben Mathilde v. . 5-— Lichtenstein Philipp, * Fürstin . , . . . 3 Lichtenfels Lidwine, Baronin ..... 2. - Lin dl Anna . 2,- Lindl Josef, Dr. . 2. - Lorenz Marie .... 5 ‘ — Löwenthal Anka, Ba- ronin. 2.- Ludger Maria .... 5 - — Luksch Vilma, geb. Brones . 2.— Lumpe Marie . . . . 2.— I.ustkandel Wenzel . 2.— Mandl Louise .... 5 -— Mandl Sigmund . 2.- Mataja Emilie (Emil Mariot). 2.- Mayer Cécile . . . . 5-— Mayer Hedwig 2.- Mayerhofer Claudine fl. 2 .- Mayr Anna, Baronin Mayr Mina, Baronin 2 .- 2 .- Meisel Rebecca . . . IO. — Menger Marie .... 5 -— Metz Ida v.. 9 - Meynert Theodor, Dr. . 2 .-- Mussil Alexandrine . 2 .- Mutinelli Jos , Pürstenfeld . 9 - Najmajer Marie v. . 5-— Neisser Eugen .... 2 .- Neumann Anna v. 2 .- Niebauer Caroline v. 2 . - Obermayer Aurelie . 2 .- Ofner Julius, Dr. . Otto Peters Louise, Leipzig. 2 .- 2 .- Paulus Sofie .... 2 - Pehersdorfer Anna, Steyr .~. 9 - Perger Amie .... 5 -— Perger Marie, geb. Fig- dor .. Piadtrik v. Lanzenberg Marie. 2 .- Pick Ottilie, Szakowa . 2 .- Plener Otvös Marie v. . 2 , - Pollitzer Anna 2 .- Possanner v. Ehrenthal Pauline . . . . 2 .- Prausek Vincenz . 2. - Pröbstle Pauline . 2 - Rausch E'ranz X. ' 2.- Reich Else. 2 .- Reich Emil, Dr. . 2 .-- Reitzes Pauline I5-— Reyer Eduard, Prof., für 5 Jahre . IO.— Rosman Bertha 2.-7— Sacher Anna . 5-— Sadil P. Menrad . 2 - Salkind Jenni . 2 .- Samson Pauline . 5-— Schevitz Louise v. 2 .- Schey Melanie 2 .- 14 Schick Sofie .... fl. 2,- Thenen Julie . . . fl. 2.— Schiff Caroline 2.- Thorsch Anna .... 5 -— Schiller Mathilde . 2,- Thorsch Ernestine . . 10.— Schipper Jacob 2 _ Toldalagi Marie, Com- Schirndorfer Rosine 2.- tesse . 9 - Schmidl Marie .... 3 - Tretter von Trittfeld Schnabl Helene . 2.- Aurelie. 2.— Schneider F. 2.- Triesch Gust. Friedrich —.— Schrötter Leopold, R. Troll Wilhelmine v. 2.- v., Dr. Schüller Henriette . . Vesque-Püttlingen He- 2.- lene, Baronin . . . Vesque-Püttlingen Risa, 2.— a Schwarz Marie . . . * 2 .^— Seegen Hermine . 5-— Baronin. 2.— ?. Seidler Professor . . 3- Vian Marie, Salzburg . 2.- Semo Clara. 4-— Wachtl Emilie .... 2.- Selldorf Sally .... Wahrmund Auguste 2-- Siegl Rosa v. . . . . 9 - Waldstein Hermine . 2.— * Silvatici Marie, Baronin Warhanek W. F. 2.— v., Salzburg .... Singer Hermine . 2.- Weitlof Moriz, Dr. . 2.— 3- Werner Marie .... 2.- Singer Isidor, Dr. . . 3- Wertheimer Franziska . 5-— Slameczka Friedrich Wetzler Bernhard 5-— Specker Amalie . 2.- Weyda Bertha 5-— 1 Steindler Caroline, Wilheim Sigmund 2.— Grasslitz. 2.- Wohlmuth Eugenie . — . — Stern Sara v. 5- Wolf-Leitenberger J. . 2.- Stremayer Carl, Dr. Fxc. 2. — Wottitz Betti . 2,- Suttner-Kinsky Bertha, Zerkowitz Adele . 2.—- Baronin. 3- Zograf Gabriela . 2 . - Studentinnen-Verein, Zomraer Eugenie . 2.— Allgemeiner, Zürich . 4.76 Znaimwerth Math. v. 2.— Tedesko Clara 5-— Ferner sind dem Vereine beigetreten: Benk Johannes, Prof. Bienenfeld Heinrich, Dr. Czerny Leo v. Eder Elise. Fink Ottilie. Fischer Carl. Fuchs Carl, Dr. Frank Fanny. Gänsbacher Antonie. Hell Sidonie. Horecky Marie. Komberz Marie. Koriny Jenny. Kuschel Natalie. Kulla Franz. Lichtenstein Albine. Lichtenstein Helene. Müller Amalie. 15 Ogrinz Jose!. Pöting Adrienne, Gräfin. Reiner Marie. Schönfeld Louise v. Sienkiewicz Helene Sokolar Jacob. W ening-Ingenheim, Walter Adolf. Baronin. Mitglieder-StaiuL Der Verein zählt 286 Mitglieder. Vereinsleitung 1892/93. Präsidentin: (unbesetzt). Marie Bosshardt van Demerghel, Vice - Präsidentin. Dr. Seralin Bondi, Hof- und Gerichts-Advocat, Vice-Präsident. Bertha Weyda, Schriftführerin. Hermine v. Griinzweig, Kassierin. Dr. Michael Haberlandt, Custos-Adjunct am Naturhistorischen Hof- Museum, Schriftführer. Heiniscli Marianne Hartmann Bertha Schwarz Marie Benesch Karl, Sectionsrath. Gomperz Theodor von, k. k. Universitäts-Professor. Herdegen Johann, Gemeinderath. Stern Sabine v. Thorsch Ernestine, Lampel Leopold, Gymnasialdirector. Warhanek Wilhelm Präsident der Concordia. f -:. J.Wi '*j «-■; < £■ ^,7'i ïïif.X. •4.' W.‘ ^rjjüjfc. -fcJürje^' Ein Mutterwort über die Frauenfrage. Vo rtrag, gehalten am 1. Februar 1892 zu Wien im „Verein für erweiterte Frauenbildung“ von Marianne Hämisch (Wien). Einiges über die Gaben der Natur an die Frau und die Konsequenzen hieraus für Bedeutung, Stellung, Aufgaben und Rechte der Frau in der menschlichen Gesellschaft; eine anatomisch-sociologische Betrachtung mit Gehirn- Demonstrationen, Vortrag des Univ.-Prof. Med. und Phil. Dr. C. B. Brühl im Vereine für erweiterte Frauenbildung am 30. Mai 1892. —IMit zwei Illustrationen. «>»■ > (Nach einem, vom Vereine besorgten, von Prof. B. corrigirten Stenogramm.) Alle Hechte Vorbehalten. 19^ Die am 27. April bei der Pfeiffer-Feier gehaltene Festrede der Frau Ottilie Bondy konnte, da sie frei gesprochen, leider nicht zum Abdrucke gelangen. 2 * Verehrt« Anwesende! Wäre der Titel: »Noch einmal die Brotfrage der Frau« berufenen Personen, und wohl mit Recht, nicht gar zu trocken erschienen, ich hätte Sie, hochverehrte Anwesende, unter demselben hierher gebeten. Ich hätte Ihnen damit gleich von vorneherein bekannt, dass ich Ihnen nichts Neues zu sagen habe, sondern mich auf Bestrebungen berufen will, mit welchen ich vor mehr als zwei Jahrzehnten vor die Frauenwelt trat. Damals stellte und begründete ich den Antrag auf Errichtung von Mittelschulen für Mädchen, von der Ueberzeugung ausgehend, dass dem Mädchen gleiches Recht am Unterrichte zukomme. Es gilt auch diese Stunde dem gleichen Streben und somit der Förderung eines alten Wunsches. Fragen Sie mich, wieso ich mich berechtigt halte, diesen alten Wunsch noch einmal öffentlich auszusprechen, so muss ich darauf erwidern, dass gerade der Umstand, dass meine Ueberzeugungen in nahezu einem Vierteljahrhundert nicht gewankt haben, dass ich heute, nachdem ich meine Kinder erzogen habe und meinen Enkeln meine Aufmerksamkeit gilt, als Grossmutter unwandelbar vertrete, was ich im idealen Zuge meines jugendlichen Herzens mit Feuereifer ergriff, dass gerade dieser Umstand mich drängt, die Gymnasialfrage der Frau nochmals zu vertreten, obgleich deren Besprechung keine neuen Gesichtspunkte verspricht. Es ist die moralische Verpflichtung, immer und immer wieder das anzustreben und zu betreiben, was man als gut und nothwendig erkannt hat, bis es That geworden ist. Stehe ich einerseits unter diesem Gefühle der Verpflichtung, so ist mir anderseits bange, Sie mit Oftgehörtem zu ermüden. Ueber diese Besorgniss kann mir nur der Gedanke hinweghelfen, dass wir uns hier ja nicht zusammengefunden haben, um uns im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu unterhalten, sondern um eine Vielen von uns gemeinsame Sache zu fördern. Neues erwarten Sie nicht. Ich weiss in der That kein klareres Bild meiner Bestrebungen zu geben, als dies in der Petition mehrerer Fi'auenvereine an den Reichsrath vom 7. Mai 1800 ausgedrückt ist. Der Reichsrathsabgeordnete Dr. Jaques hatte die Güte, dieselbe im Hause einzubringen und zu befürworten. Uebersichtlicher ist der Stand der Frauenbewegung in Deutschland nicht mitzutheilen, als dieses durch den Bericht geschieht, welchen Louise' Otto Peters zur Feier des. 2öjähiigen Bestandes des allgemeinen deutschen Frauenvereines geschrieben hat. Lina Morgenstern liefert in dem alljährlich erscheinenden allgemeinen Frauenkalender ein ausgezeichnetes Nachschlagebuch. Die Berichte über den Pariser I'rauen- congress im Jahre 1880, dem der greise Jules Simon Vorstand, geben Aufschluss, wie verschieden die Rechte der Frauen in den Culturländern sind, wobei die deutschen 22 Frauen und die Oesterreicherinnen erkennen lernen, wie weit sie nicht nur hinter den Amerikanerinnen, sondern auch hinter den Schwedinnen, Engländerinnen und Russinnen auf volkswirthschaftlichem Gebiete zurück sind. Frau Mathilde Weber hat in ihrem Buche über den ärztlichen Beruf der F'rau: »Aerztinnen, eine ethische und sanitäre Nothwendigkeit«, so unwiderlegbar dargethan, dass der weibliche Arzt ein Segen wäre, dass diesem Buche nichts zuzufügen ist. Diese Frau verwaltet in Württemberg einen Fond von 200,000 fl., dessen Zinserträgniss zu Studienzwecken für weibliche Aerzte verwendet wird. Wir sind über die Ziele der I'rauen und auch ihre Erfolge und Misserfolge bestens unterrichtet; in zahlreichen Büchern, Flugschriften und Vorträgen haben Männer und Frauen in ausgezeichneter Weise die Frauenrechte vertheidigt, so dass ausser stets willkommenen Specialberichten so ziemlich Alles Wiederholung ist, was in der Sache gesagt werden kann. Es drängt sich so die F'rage auf, ob wir wohl deshalb schweigen sollen. Ich glaube nein. Denn gerade in dieser Antheilnahme liegt etwas unendlich Ermunterndes, etwas, das auffordert, durch die noch widerstrebende Tagesmeinung uns nicht entmuthigen zu lassen, sondern nicht zu ruhen, bis wir auch die Menge überzeugt haben. Als ich vor 22 Jahren die Forderung nach Mittelschulen für Mädchen aussprach und meiner Ueberzeugung Ausdruck gab, dass der Frau alle Berufszweige offen sein müssten, zu welchen sie sich befähigt fühlt und befähigt ist, da war meine Forderung in Oesterreich neu, ich stand allein, ich konnte zweifeln. Heute kämpfe ich nicht mehr allein, ein kleiner, aber überzeugter Kreis Gleichgesinnter kämpft mit mir. Ja wir, die wir dem Vereine für erweiterte Frauenbildung angehören, sind sogar in Einigem überholt. Ich meine damit die politische Seite der Frauenfrage. Ich möchte die Frau nicht in die Arena eintreten sehen, so lange die geschulte, auf der Höhe der Zeit stehende F'rau zu den Ausnahmen gehört. Krankt doch unser politisches Leben nur allzusehr an dem Mangel an politisch tüchtigen Männern, so dass ich es fast als einen Gewinn betrachte, dass heute und in Oesterreich den Frauen nur der Antheil an den Angelegenheiten ihres Volkes wird, als Zuschauerinnen zu beobachten, und als solche zu beobachten, wie man es machen soll oder auch nicht machen sollte. Was ich für uns Frauen anstrebe, das ist zunächst erhöhte Bildung. Nicht Jeder begreift darunter dasselbe. Ich meine eine Gemüthsbildung, welche uns in jedem Menschen den Nächsten erkennen lässt, eine Verstandesbildung, welche uns ein richtiges Bild von Natur und Menschen und von den Wechselbeziehungen derselben gibt, und ein technisches Können nach Wahl und Begabung, das wir für uns und Andere verwerthen können. Man sollte meinen, diese Forderung könne nicht auf Widerstand stossen. Und doch! Besonders das technische Können wird bekämpft, die Fachbildung, welche der Frau den Wettbewerb mit dem Manne ermöglichen würde. Man will es nicht ins Auge fassen, dass die grössere Hälfte der Staatsangehörigen, bei ganz gleicher Rechtsverbindlichkeit, bei ganz gleicher Steuerschuldigkeit, von allen höheren Lehranstalten, von allen einträglichen Berufen — nur Künstlerinnen machen Ausnahmen — von allen höheren Aemtern, von allem Einfluss auf Verwaltung und Gesetzgebung ausgeschlossen ist; wollte man diese dem Rechtsgefühle hohnsprechende Verkürzung der F'rau unbefangenen Blickes ins Auge fassen, man müsste die stets aufs neue entgegen gehaltene Ausflucht fallen lassen, dass man der Arbeitssphäre der F'rau nur darum die Schranken ziehe, weil man ihre sittliche Kraft, ihr Gefühls- und Geistesleben allein der F'amilie erhalten wolle. 28 Ich habe das Wort Ausflucht gebraucht, und ich muss es festhalten; denn wäre es wirklich wahr, dass man der Frau das Familienwohl anvertrauen wollte, so müsste die Frau das erste Wort in allen Erziehungsfragen, in allen Familienangelegenheiten haben. Es müsste für die mutterlosen Kinder Vormünderinnen geben, wie für die vaterlosen Vormünder, die Vormundschaftsgerichte müssten aus Männern und Frauen zusammengesetzt sein, und Gatte und Gattin müssten gleiche Rechte auf ihre Kinder haben. Das empörendste Unrecht wird uns an der Seite des geliebten Gatten, am eigenen Herd. Wir, die wir in Hingabe für das Kind, dessen Herzschlag wir durch Monden theilen, keine Grenzen kennen, wir, die wir aufhören, für uns zu wünschen, zu streben, und nur im Kinde leben, wir haben kein Recht auf unser Kind! Die grösste Härte widerfährt uns im Rahmen der Familie, und kein Sohn sollte im Andenken an seine Mutter dieser Schmach gleichgiltig gegenüber stehen. Sie aber werden mir zugeben, dass ich mit der Bezeichnung »Ausflucht« kein Unrecht beging; wir sind auf dem Boden, den man uns allein einräumt, rechtlos, auch in der Familie wehrt man unserer Seele die Bethätigung. Lassen Sie' mich hier abbrechen, abbrechen, um dem Ehemanne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Ehemann ist viel besser als der Gesetzgeber. Die Güte des Gatten, welche vielen, vielen Ehefrauen das Leben schön und leicht macht, ist ein Hauptgrund, dass es mit der Rechtlosigkeit beim Alten bleibt, in der Familie und ausserhalb derselben. Hegt das. Mädchen am Traualtäre wenigstens die Hoffnung, durch die Liebe des Mannes einem freundlichen, geschützten Dasein entgegenzugehen, so entbehrt das ehelose Mädchen mit der Liebe des Mannes auch dieser Hoffnung. Der gemeine Mann sieht in ihr zumeist die Sitzengebliebene; er hat eben eine so hohe Meinung von sich, dass er übersieht, dass gerade sehr begabte, schöne und reiche Mädchen oft das Sitzenbleiben einem Gang durchs Leben mit einem ungeliebten oder untergeordneten Manne vorziehen. Die Wahl eines Mannes ist eben kein Criterium für den Werth, und begabte Mädchen trösten sich auch leicht über die »alte Jungfer«. Worüber sie sich nicht hinwegsetzen können, ist, dass, während sie einerseits den naturgemässen Wirkungskreis und den Ernährer entbehren, sie anderseits kein Recht auf eine freie Berufswahl haben. Und doch liefern die Ergebnisse der Statistik die feste Basis für die Forderung nach dem ungeschmälerten Rechte auf Arbeit; sie erweisen die übergrosse Zahl unverheirateter, unversorgter Frauen, welche auf den Broterwerb angewiesen ist. Damit bin ich bei der einen Aufgabe dieser Stunde angelangt: zur Beantwortung der F’rage, wieso es kommt, dass eine Angelegenheit, welche sowohl von einem unbefangenen Rechtsstandpunkte, als auch vom Standpunkte der wirthschaftlichen Nöthigung als unanfechtbar erscheint, so viele Gegner hat. Zunächst überrascht die Gegnerschaft der Frauen. Es ist eine traurige Erscheinung, dass gerade die hochgestellten, die einflussreichen, die begüterten F'rauen am ablehnendsten sind. Es müsste dieser Indifferen- tismus zu einem harten Urtheile verleiten, gäbe es nicht eine mildernde Aufklärung. Denn kann man sich eine grössere Herzlosigkeit, einen grösseren Egoismus denken, als die sich in der beglückten Gattin und Mutter oder in der reichen Frau verkörpernde Theilnahmslosigkeit und Gleichgiltigkeit für die verzweifelten Anstrengungen 24 des gebildeten unbemittelten Mädchens, für ihr fruchtloses Ringen, auf ehrenhafte Weise Brot und den entsprechenden Wirkungskreis zu erringen? Die Bibel erzählt ein Gleichniss, welches die Maler vielfach zum Bilde ver- werthet haben, die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus. Alle Sympathien hat der arme, zerlumpte, hässliche Bettler. Der reiche Mann in seinem Prunkgewande wirkt beinahe abschreckend, das Gefühl verletzend. Man wird in dem Anblicke beinahe dem Reichthume gram, und doch ist Reichthum Segen und wird nur in Verbindung mit so brutalem Egoismus zur herausfordernden Macht, der alle Armuth nothwendig den Krieg erklären muss. Des reichen Prassers und des armen Lazarus muss ich so oft gedenken, als ich elegante Weltdamen oder behäbige Bürgersfrauen in ihrem unbegründeten Hochmuth, in ihrer gnädigen Herablassung und mit ihrem zugeknöpften Herzen gegenüber der Erwerb suchenden Frau sehe. Und doch, wer wäre mehr als die Frau berufen, der Mitschwester hilfreich die Hand zu reichen, die Kluft zw'ischen Ueberfluss und Dürftigkeit zu überbrücken, die Liebe walten zu lassen! — Ob wir Frauen die socialen Gegensätze mildern könnten, wer weiss es? aber ich weiss, dass wir unendlich viel Elend mildern könnten. Wir Frauen könnten, wären wir nur fest aneinandergereiht und zielbewusst, vielen Frauen, welche in erzwungener Thatenlosigkeit vergrämen und ihr Leben fristen, die Bahn zu Wirken und Erfolg eröffnen, denn täuschen wir uns nicht, wir selber tragen die Schuld, dass nun, wo die Hörigkeit von dem tiefstehenden Manne, wenigstens dem Buchstaben nach, genommen ist, die Frau noch soweit darin steckt, dass sie über ihr eigenes Kind so viel wie kein Recht hat, und dass ihr das Recht am Unterrichte vorenthalten wird. Aber was ist es, das die Mutter auf so heilige Rechte freiwillig verzichten lässt, das die Frau willig in politischer, socialer und wirthschaftlicher Nichtigkeit erhält? Entspringt diese Apathie der F’urcht vor dem Manne, dem Gefühl der Ohnmacht, oder einem Mangel an Gemüth und Verstand? Vielleicht beantwortet eine Begebenheit aus meinem .Leben diese Frage. Es ist lange her, dass ich sie erlebte. Ich war damals jung. Denken Sie sich ein heimliches, friedliches Nest im Gebirge, im Winter ganz abgeschieden von allem, was man Welt nennt. Der Mann mit seinem Berufe vollauf beschäftigt, die Frau nur dem Manne und den Kindern und w’as darauf Bezug hat lebend. Denken Sie sich das ganze Heimwesen auf Gegenseitigkeit gestellt und in dem Reichthum seines Daseins unbekümmert um, und unbekannt mit der Aussenwelt. Wer dächte da an Frauenarbeit für den Markt! Es bedurfte des Weckrufes einer Freundin, welche Rath und Hilfe zu suchen kam. Der amerikanische Sklavenkrieg, der auch in Oesterreich eine verheerende Krise in der Baumwollindustrie heraufbeschworen, hatte den kränklichen Mann meiner jungen Freundin um sein bedeutendes Vermögen gebracht. Der Mann war zu krank, um eine neue Erwerbsquelle' suchen zu können, nun trat an die Frau die Aufgabe heran, für ihren Unterhalt und den ihres Mannes und ihrer Kinder zu sorgen. Ich werde die Stunde niemals vergessen, die ich damals mit meiner jungen Freundin verlebte. Die F'rau war sehr begabt, äusserst talentvoll, sehr fein erzogen, trotz alles Sinnens und Denkens konnten wir aber für sie keinen Erwerbszweig ausfindig machen, der ihre Familie hätte nur leidlich ernähren können. Die arme Frau verliess mich in dem Bewusstsein, nur durch die Wohlthaten ihrer näheren und ferneren Anverwandten und F’reunde in Zukunft den Unterhalt finden zu können. Als ich sie gehen sah, eine Bettlerin, zum Betteln für alle Zukunft verdammt, trotz aller Begabung und aller sogenannten guten Erziehung, überfiel mich ein unbeschreibliches 25 Gefühl. Jetzt wusste ich auch, was es mit meiner Ausbildung war. Ich, die ich mein Haus recht und gut versah, was konnte ich, was war ich ohne dasselbe ?! Und wer verbürgt jedem Mädchen ein Hauswesen, und den Mann und das Haus bis ans Ende!? An demselben Tag und in der darauf folgenden Nacht reifte ich zum selbstbewussten Weibe heran. Selbstständig muss auch die Frau sein, stand es plötzlich klar vor mir. Was taugt eine Erziehung, die uns im Falle der Noth im Stiche lässt! Ich sah plötzlich die vielen unverheirateten Berufslosen, und in welchem Lichte sah ich sie! Mir wars, als nöthige mich mein bevorzugtes Los, ihnen zu helfen, ihnen Befreiung von überlebter vGepflogenheit zu bringen. An jenem Morgen stand es in meinem Innern fest, dass die Frau nebst echter Bildung und den hausfraulichen Fertigkeiten, einer Berufsbildung zu erwerblichem Zwecke bedürfe, und dass die erste Stufe dazu die Gleichberechtigung in der Schule sei. Ich suchte nach Gelegenheit, um zu meinen Geschlechtsgenossinen sprechen zu können, die Generalversammlung des Frauenerwerb-Vereines bot sie mir. Später freilich erfuhr ich, dass schon Viele vor mir dasselbe gedacht hatten, und dass in England, Schweden und Amerika die Frauenbewegung in vollem Fluss war. Ich aber hatte dabei immer das Eine voraus, die unmittelbare Erfahrung, mich hatte das Leben gepackt. Was ist alles Hörensagen und Lesen im Vergleich zur eigenen Erfahrung! Unseren glücklichen, gutgestellten Frauen fehlt sie. Was über die Frauenfrage gesprochen und geschrieben wird, liegt weitab von ihrer Erfahrung, weitab von ihrem Ideenkreise, so dass ihnen die Bestrebungen der gebildeten, aber mittellosen Mädchen — diesen gilt die Agitation zunächst — nur als Sport erscheinen. Wozu alle diese Neuerungen, meinen sie, jedes Mädchen sehe einen Mann zu bekommen, und wenn es der Einen oder der Anderen nicht glückt, oder wenn die eine oder die andere Ehefrau Witwe wird, so nehme sie eine Stelle als Erzieherin, Haushälterin oder auch Kammerjungfer, es fehle ohnedies an guten Stützen der Hausfrauen. Oder schliesslich, warum sollte ein wohlhabender Verwandter sich nicht finden, der für die geringen Bedürfnisse der Tante, Nichte oder Kousine aufkommen wollte. Als ob die genannten Stellen und die mildthätigen Verwandten so leicht zu finden wären, und äls ob es selbstverständlich wäre, dass ganze Schichten der Gesellschaft deklassirt und zum Almosennehmen verurtheilt werden. Wie anders wäre es, wenn die Frauen in •glücklichen Lebenslagen ihren Einfluss für die erwerbenden Frauen einsetzen würden, wenn die Frauen die schuldige Anerkennung für die wirthschaftlich selbstständigen dadurch zu erkennen gäben, dass sie die mit ihnen auf gleicher Bildungsstufe stehenden Erwerbenden in ihre Kreise ziehen würden. Die Frauen der höheren Stände sind in der Lage den Wirkungskreis der Frau zu erweitern und die sociale Stellung der erwerbenden Frau auf ihre eigene Stufe zu heben. Es geben sich die Frauen darüber nur nicht Rechenschaft; woran es fehlt, das ist der Contakt mit der lebendigen, ergreifenden Wirklichkeit. Da ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, unsere Gegner nach Möglichkeit kennen zu lernen — immer in geheimer Bekehrungshoffnung — so folgen Sie gütig nun auch noch meiner Betrachtung der männlichen Gegnerschaft. Diese ist entschieden leichter zu erklären, sie ist naturgemässer, es ist der Standpunkt des Privilegirten gegenüber dem Emporkömmling. Es ist ein »Standplatz«, ein breiter Standplatz, aber ein Pünktchen ist auf demselben, das für die Zukunft dennoch verheissungsvoll ist, die pragmatische Sanction ist auch davon ausgegangen, es ist das Vaterinteresse für die Tochter. Ja, Vater und Tochter, Bruder 26 und Schwester, Gatte und Gattin! und doch fehlt es nicht an kindischen und erbitterten Klagen der Männer über die Frauen und der Frauen über die Männer! Muss man nicht auf Krankhaftes in der Gesellschaft schliessen, wenn die Geschlechter streitbar werden? Krankhaft ist der fürs Ganze getrübte Blick mancher einsamen gedrückten Frauenseele, und nicht minder krankhaft die Geringschätzung manches Mannes für die Frauenwelt. Man sollte glauben, dass nur verbitterte Hagestolze, welchen schliesslich sogar die Erinnerung an die Mutter abhanden gekommen ist — wir haben darin ein grosses Muster: Schopenhauer — Verächter der Frauen sein können. Aber so steht die Sache nicht, eine grosse Zahl unserer Gegner gehört dazu. Ich möchte die männliche Gegnerschaft überhaupt in zwei Gruppen theilen. Die eine besteht aus Männern, welche der Würdigung und Werthschätzung für die Frau entbehren und in ausgeprägtester Eigenliebe die Bahn allein für sich frei haben wollen. Diese waren entweder so unglücklich, dem ganzen Reichthum- einer edlen tüchtigen Frauennatur niemals zu begegnen, oder es fehlt ihnen der Sinn für die ethischen Anlagen pflichttreuer Frauen, der Sinn für Ethik und Recht überhaupt. Es wäre vergebens, sich an sie wenden zu wollen. Anders die zweite Gruppe. Deren Gegnerschaft entspringt nicht der Geringschätzung für die Frau, sondern einem Verkennen der Sachlage. Der sittlich und geistig hochstehende Mann weiss die Bedeutung der gemüthvollen, intelligenten Frau zu schätzen, und gerade weil er den Einfluss solcher Frauen in der Familie sehr hoch anschlägt, möchte er alle Frauenkraft in dem einen Brennpunkte der Familie sammeln. Dieser Standpunkt ist theoretisch richtig und er schliesst auch das intensivste Bildungsbedürfniss der Frau nicht aus; denn wie Diesterweg für die Volksschule meinte: »dass das Beste gerade gut genug sei«, so gilt das Gleiche für die Gattin und Mutter. Aber bei dem Gedanken, dass alle Frauen nichts zu sein hätten, als dem geliebten Manne die treue Freundin und den eigenen Kindern die beste Pflegerin und Erzieherin, nichts als die gute Vorsehung der Ihrigen, erinnert man sich des Ausspruches: »dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist«. Hier schafft er eine verlockende Aussicht, welche auch die aufstrebende Macht der socialen Arbeiterpartei uns eröffnet, und praktisch in dem Bemühen um Einschränkung der Frauenarbeit in den Fabriken zum Ausdrucke bringt. Man sagt uns, die Arbeiterfrauen unterstützten dieses Bemühen und es ereigne sich das Widerspruchsvolle, dass während einerseits die Frauen der unbemittelten Intelligenz nach neuen Erwerbsquellen ausser dem Hause suchten, die Frauen der Arbeiter nach ausschliesslicher Arbeit am eigenen Herde strebten. Wollte man damit wieder einmal sagen, dass die unbemittelte weibliche Intelligenz den Sport lassen solle, so müsste man darauf erwidern, dass gewiss nur die Arbeiterfrauen, deren Männer reichlichen Verdienst haben, lieber zuhause bleiben, dagegen diejenigen, deren Männer beispielsweise 1 fl. pro Tag verdienen, von der Beschränkung der Frauenarbeit so wenig wie wir etwas wissen wollen. Die Letzteren nehmen lieber die Arbeitslast der doppelten Verpflichtung, ausser dem Hause und in der Familie auf sich, als dass sie mit dem kargerf Lohn von 1 fl. für den Tag Wohnung, Beheizung, Nahrung und Kleidung für die ganze Familie zu beschaffen suchen. Denn nichts ins Haus bringen, nichts verdienen, bedeutet hungern-. Das doppelt arme Weib des Armen hat in dem schweren Bedenken zu entscheiden: ob es für sie und ihre Kinder nachtheiliger ist, wenn sie sich überarbeitet und dabei die Kinder den fremden Nachbarn anheimgibt, oder wenn sie sainmt ihren Kindern an Nahrungsmangel leidet. Die bettelnden Mütter an den Kirchenthüren und in den einsamen Gassen haben sich für 27 das Letztere entschieden. Andauernde Krankheit des Mannes oder sonstige Brodlosig- keit desselben bringen die Proletarierfrau, welche nicht selbst erwerben kann oder will, entsetzlich leicht in die ärgste Noth und zum Betteln. Thatsächlich sind nur wenige Frauen harter Arbeit entbunden, die meisten arbeiten trotz geringen Lohnes über ihre Kräfte. Die Tochter des hohen Beamten oder Militärs, wie die Tochter des Taglöhners suchen jede nach ihrem Bildungsgrade Stellen ausser dem Hause, nicht aus Tändelei, sondern weil's sein muss. Was würde z. B. die einzigen Töchter reicher F'abriks- und Kaufherren hindern, sich dem Sport hinzugeben, sich zu Industriellen und Kaufleuten auszubilden, wäre es nicht der Wunsch, im Elternhause dem Hause des Gatten entgegen zu reifen, der Wunsch, den Beruf der Gattin und Mutter dereinst zu erfüllen? Es ist dies ein herrlicher Beruf! Selten kommt einer diesem gleich an Wichtigkeit und innerer Befriedigung. Wie wenig Männern wird überhaupt das Glück, einem Beruf leben zu können! Erwerben! Auch der Mann widmet dem Erwerb meist seine Kräfte unter der zwingenden Subsistenzfrage. Nur wenige unter den Vielen haben es nicht nöthig; diese sind dann entweder passionirte Geschäftsleute und Beamte, oder Menschen, die überhaupt nach Zeitvertreib verlangen, oder geschickte Mehrer des Besitzes, oder solche, welche die öffentliche Meinung scheuen, der gemeinhin nur die geldeinbrin- gende Arbeit als rechte Arbeit gilt, wie überhaupt in bürgerlichen Kreisen eine sehr widerspruchsvolle Meinung über den Gelderwerb herrscht. Während der Mann, wenn er Geld nicht erwirbt, an Ansehen verliert, büsst die Frau an gesellschaftlicher Stellung ein, sobald sie um Geld arbeitet. Die Logik ist nicht einzusehen. Da ist der Engländer folgerichtiger in seiner Definition der Lady und des Gentleman, wenn uns auch seine Ansicht verkehrt eftcheint, dass Gelderwerb und Gentleman sich aus- schliessen. Es kann diese Anschauung nur darauf fussen, dass der Gelderwerb in der That häufig eine Handlungsweise erheischt, welche bei aller Ehrenhaftigkeit doch mit den Ueberzeugungen des Handelnden nicht völlig übereinstimmt. Dies mag dem Engländer vorschweben, und was den Werth seines Gentlemans gewiss vollends begründet, ist: dass derselbe seine aussergeschäftliche Stellung sehr häufig zu strenger wissenschaftlicher, literarischer, politischer oder philantropischer Arbeit nützt. Sein Leben ist frei von dem lähmenden Druck, der dem Dichter (Sauter) die folgende Strophe erpresste: »Aber Eins bedenke Jeder, Was er immer thut und treibt, Ob mit Hammer oder Feder Brod er schmiedet oder schreibt, Dass die Mühe des Erwerbens Ihm sein Bestes untergräbt, Und am Tage seines Sterbens Niemand weiss, dass er gelebt.« Wie viele Männer mögen dem Dichter beistimmen; aber trotzdem hämmern und schreiben sie fleissig um Brod; und wohl ihnen, denn verhungernd könnten sie ihr Bestes auch nicht vor dem Untergange retten. Ganz so steht es mit den Frauen. Die ideale Auffassung ihres eigensten Berufes soll ihnen der Leitstern hleiben, aber sie können und dürfen im Anblick des strahlenden Gestirnes den Boden nicht vergessen, an dem sie haften. Die Männer, welche unsere Kräfte nur für den Brennpunkt in der Familie aufsparen, möchten übersehen, dass die nöthige Grundlage dazu fehlt; — 28 — es übersehen dies die Männer am grünen Tisch, die Männer in den Volksvertretungen und auch die Männer, welche in der Beschränkung der Frauenarbeit den Aermsten erlösende Gesetze zu erringen meinen. Das Wohlwollen leitet die Einen und die Andern — ich nehme es an — aber verschweigen darf ich es nicht, dass sie sich wenig Mühe gegeben haben, unsere Angelegenheit zu ergründen. Wir sind fern von dem Naturzustände, in welchem der Mann als Jäger die Stoffe für die Nahrung und Bekleidung lieferte, welche die Frau verarbeitete. Glücklicher Weise liegen diese Zeiten der Wildheit weit hinter dem Kulturmenschen. Aber wir sind auch weit entfernt von dem Gesellschaftszustand, von welchem Bellamy uns in seinem »Rückblick« ein so bezauberndes Bild entwirft. Eine Utopie sagen die Meisten, was nicht hindert, dass man sich im Banne derselben befinden kann. Es wäre ja auch herrlich, wenn die Association und die Maschinen alle Noth und alle aufreibende Arbeit aus der Welt geschafft hätten, wenn Alle gebildet und brüderlich wären, wenn der Männ mit dem 45. Jahr sich von den Geschäften zurückzöge, um in Zukunft dem Gemeinwohle seine Kräfte zu leihen; wenn die Frauen alle, und zwar nur zum Segen in der Familie wirkten. Das Bild ist bezaubernd, nur erscheint es in gar so weiter Ferne, so unerreichbar für uns von heute. Der Wahlspruch des Liberalismus ist: »Gleiches Recht für Alle«. Wie reimt sich damit die Rechtlosigkeit des Weibes? Oder sollte der Liberalismus nur angesichts der Frauenforderungen des Vorwurfs eingedenk werden, der ihm gemacht wird: dass laisser faire et laisser aller nicht grösste Regierungsweisheit ist? Meine Herren, uns gegenüber etwas weniger Weisheit und etwas mehr consequente Durchführung Ihres Wahlspruches! möchte ich bitten. Wir kennen das Frauenleben, wir wissen, was wir bei der heutigen wirtschaftlichen Sachlage ohne grosse Schädigung unserer Interessen nicht länger entbehren können, wir verlangen auf Grund reicher Erfahrung die Gleichberechtigung in der Schule und frei die Bahn für unsere Arbeit! Heisst das zu viel verlangen im Angesichte des Wahlspruches: »Gleiches Recht für Alle«. Es ist die grösste Utopie, die Frauenarbeit nur der Familie Vorbehalten zu wollen. Man sehe die Ergebnisse der Volkszählung; die imposante Zahl der erwerbenden Frauen und die grosse Zahl der unverheirateten Frauen widerlegt die Utopie vollends. Wir stehen im 11). Jahrhundert! Im 18. war noch Manches anders. Die Frauen spannen und webten noch, sie zogen Kerzen und sotten Seife, sie nähten und stickten für den ganzen Hausbedarf; jedes Hauswesen schloss mehrere Gewerbe ein, da schufen die Töchter im Hause die Waaren, welche man heute viel billiger kauft, als selbst verfertigt. Dadurch ist die Arbeitskraft der Bürgerstöchter brach gelegt worden, und dieser Umstand, nicht ein unbegründeter Wunsch nach Gleichmacherei, wie jüngst behauptet wurde, drängt die Töchter dieser Familien zur Ausschau nach neuen Erwerbsquellen. Die Verarmung eines Theiles des Mittelstandes im Verhältnisse zum andern und die gleichzeitige Steigerung der allgemeinen Lebensansprüche, bei Vertheuerung der Wohnungs- und Lebensmittelpreise, erzeugt für sehr viele Bürgerfamilien eine äusserst bedrängte Lage. Es reicht nicht für den Unterhalt der erwachsenen Töchter und anderseits schränkt die allgemeine Nothlage des Mittelstandes die Zahl der Ehewerber ein. So steht es heute. Der Widerstand, den wir erfahren, der Widerstand gegen den Eintritt der Frauen in Berufssphären, welche, wie die der Künstlerinnen, gute Entlohnung ohne den Einsatz von Kapital versprechen und eine gesellschaftliche Stellung gemäss den Fami- lienbeziehungen, welche die Mädchen haben, dieser Widerstand kann nach allem Gesagten nur in einer sehr flüchtigen Betrachtung der Sachlage wurzeln, oder man muss ihn auf den früher erwähnten brutalen Egoismus zurückführen. Dieser Egoismus, so verwerflich er ist, setzt nicht in Erstaunen, aber Staunen erregt es, dass die Regierungen und Gesetzgebungen diese ungebändigte Gewinnsucht frei gewähren lassen und ihr nicht durch Gesetze und Verordnungen, welche den Frauen günstiger wären, einen Damm setzen. Man sollte glauben, die Volksvertretungen müssten gerne die Gelegenheit ergreifen, einmal wirklich helfen zu können. Geehrte Anwesende, gerne Hesse ich den Blick weiter schweifen über die engen Grenzen der bestimmten Gesellschaftsclassen hinaus, für welche ich zunächst die Er-, richtung der höheren Bildungsanstalten anstrebe. Die Zeit reicht heute nicht, aber ich kann die Hoffnung nicht verschweigen, dass jede Stufe, welche die Frau auf irgend einem Gebiete erklimmt, den Frauen in ihrer Gesammtheit zu Gute kommen wird, dass einerseits das ganze Geschlecht eine Eileichterung erfahren, anderseits dasselbe gegenseitig hilfreicher sein wird. Es liegt nahe dabei, an die Aerztin zu denken. Frau Mathilde Weber hat darüber so vortrefflich geschrieben, dass ich nur die Bestätigung aus meiner Erfahrung hinzu zu setzen habe. Ich habe schon früher erwähnt, dass ich viele Jahre im Gebirge verlebt habe. Da habe ich unzählige Male gedacht : wenn doch hier ein Frauenarzt zu haben wäre! wie viele Schmerzen und wie viel Unglück könnte erspart werden! Es ist hier nicht der Ort, Einzelnheiten zu besprechen, auch nicht in wie weit weibliche Frauenärzte allmälig die Hebammen ersetzen könnten, aber das muss gesagt werden, dass es ein grosses Versäumniss der Landesvertretung ist, für den bezüglichen Sanitätsdienst gar nichts vorzukehren. Weit und breit ist oft kein Arzt zu haben und erst recht keiner, der in dem speciellen Fache tüchtig wäre; und dazu will die ländliche Frau auch keinen Arzt. Die intime Angelegenheit will sie nur mit Hilfe ihres Geschlechtes bestehen, daher auch ein Arzt nur geholt wird, wenn Mutter und Kind äusserst gefährdet sind. Die Folgen dieser und vieler anderer Vernachlässigungen sind schwere Erkrankungen und mit das frühe Hinsiechen und Hinwelken der ländlichen weiblichen Bevölkerung. Diesem grossen Uebel kann nur durch weibliche Frauenärzte abgeholfen werden. Wendet man den Blick der möglichen Durchführbarkeit dieser von Vielen als nothwendig und ^weck- massig erkannten Institution zu, so scheinen zwei Umstände der Sache günstig, welche ich mich freue mittheilen zu können. Der eine ist der diesjährige Sanitätsbericht für den n.-ö. Landtag, der andere die Anstellung eines weiblichen Frauenarztes in Bosnien durch die dortige Verwaltung. Erlauben Sie, dass ich das Bezeichnendste und für uns Entscheidendste aus dem Sanitätsberichte für das flache Land in Nieder-Oesterreich vorlese. Dieser Bericht wurde am 7. Januar d. J. dem Landtage vorgelegt. Es heisst darin: »Im Jahre 1891 wurden an 92 Aerzte Subventionen im Gesammtbetrage von fl. 28.000 vertheilt. — — Von den ärztelosen 98 Gemeinden und Gemeindegruppen sind nahezu alle um Subventionen aus dem Landesfond bei dem Landesausschusse eingeschritten. — — Die Bewilligung der nöthigen Dotation, um auch nur dem dringendsten Bedürfnisse abzuhelfen, ist ein Gebot der Nothwendigkeit. In den 1870er Jahren waren noch immer 500—G0O Gemeinde-Aerzte ausserhalb des Wiener Polizei-Rayons im Lande Oesterreich u. d. Enns bestellt. Dermalen amtiren nun 887 Gemeinde-Aerzte, während mindesten 485 Gemeinde-Aerzte unerlässlich nothwendig sind, um den sani- 30 tären Bedürfnissen der Bevöllkerung zu genügen. Es bedarf wohl nur eines objektiven Blickes auf die misslichen sanitären Verhältnisse der Landbevölkerung, um sich zu überzeugen, dass eine dringende und ausgiebige Hilfe nöthig ist, um die hereinbrechende Verschlimmerung des Sanitätsdienstes in den Landgemeinden hintanzuhalten.« Dieser Sanitätsbericht stimmt mit meinen Erfahrungen überein; er betont die Xoth an Gemeinde-Aerzten, die Verschlimmerung des Sanitätsdienstes, er spricht es aus, dass Hilfe dringend nöthig ist, und dass trotz der bewilligten Subventionen Aerzte für die Landgemeinden nicht zu beschaffen waren. Dieser Bericht des Landesausschusses lässt für Aspirantinnen der Medicin nichts zu wünschen übrig, als dass die Posten, welche das Land und die Gemeinden zu vergeben haben, verlockendere wären. Denn, dass die abgeschiedene Lage von den Kulturcentren und gleichzeitig die mühevolle und wenig einträgliche ländliche Praxis nicht verlockend sind, wird man annehmen müssen, bedenkt man den Ueberfluss von jungen Medicinern in den Städten. Demungeachtet ist dieser Aerztemangel auf dem Lande für die Frauen eine »Aussicht«. Die Frauen, welche als Pionniere neue Bahnen gehen wollen, müssen sich bescheiden, sie müssen bescheiden sein und tüchtig zugleich; tüchtig vor Allem. Es wäre ganz verkehrt, wollten wir durch übelverstandene Humanität die Mittelmässigkeit mit der Frau befürworten. Die Mittelschulen und die Universitäten haben nur Mädchen von entschiedener Begabung zu betreten. Bescheiden und tüchtig wäre die Medicinerin auf dem Lande ein unermesslicher Segen. Heute freilich verfügen wir noch nicht über solche Aerztinnen, die Aerztin ist überhaupt noch eine grosse Seltenheit in Oesterreich. Für Bosnien konnte bis jetzt eine einzige gewonnen werden. Minister Kallay Hess als Chef der bosnischen Landesverwaltung im Vorjahre in schweizerischen Blättern eine Concurrenz ausschreiben zur Besetzung einiger Regierungsposten mit weiblichen Aerzten. Dies scheint mir von Bedeutung, wenn auch die Aerztinnen nur für das Occupationsgebiet und für mohame- danische Frauen gesucht wurden. Die Nachfrage nach denselben ging doch von einem österreichischen Minister aus und die österreichische Regierung bestellte mittelst De- cret Frl. Anna Bayer in Bosnien zum Arzte. Die Dame erfüllt als Tschechin die Bedingung, einer slavischen Sprache mächtig zu sein. Sie studirte in Zürich und prak- tizirte zuletzt in Bern. Am 1. Januar d. J. trat sie ihr Amt in Tuzla in Bosnien an. Der Aerztemangel auf dem Lande und die Initiative des Ministers Kallay müssen günstig gedeutet werden. Wird man Aerztinnen aber auch Leben und Gesundheit der Frauen anvertrauen können, hören wir oftmals sagen. Das Vertrauen zu dem einzelnen Arzte beruht und wird immer auf Persönlichem beruhen. In der Allgemeinheit, wie *ler Zweifel aber oft laut wird, kann er heute schon entkräftet werden. Vor 60 Jahren hätte man noch in Ungewissheit sein können, denn Ausnahmen zählen nicht und die Heilkünstlerinnen, welche man durch alle Zeiten nannte, waren Ausnahmen. Ganz anders ist es gegenwärtig. Nicht nur müssen die Aerztinnen wie die Aerzte durch alle strengen Prüfungen hindurch, sondern auch ihr Wirken hat den Befähigungsnachweis erbracht. In Amerika praktiziren gegenwärtig 8000 Aerztinnen. In England gab es schon 98 praktische weibliche Aerzte, als im Jahre 1885 die Frauen daselbst die Gleichberechtigung zum Universitätsstudium erhielten. In Schweden, wo die gemischten höheren Schulen befürwortet werden, das ist ein gemeinsamer Unterricht für Knaben und Mädchen, ist die Medicinerin auch nicht mehr unbekannt. In Deutschland praktiziren je eine oder zwei in den grösseren Städten. In Paris sind 7 weibliche Frauenärzte. Die Russinnen waren die ersten, welche sich den Doctorgrad in Zürich holten, um in ihrer Heimath ihr Wissen zu verwerthen, bis ein Ukas — ob durch das auffällige Benehmen einzelner Damen oder die Abneigung der Czarin gegen dieselben veranlasst — den Russinnen den Besuch der Universität Zürich verbot. Ein Verbot, das überdies wieder aufgehoben wurde. Im Gegensätze zur Czarin hat die Königin Margarita von Italien eine Dame: Frl. Dr. Farne, zum Leibärzte ernannt. Damit erbringen die Frauen den Fähigkeitsnachweis, so dass die Zeit überwunden erscheint, in welcher man peinlichst so und so viel Gramm Gehirn mehr oder weniger zum entscheidenden Momente machen wollte. Wären statistische Daten nicht ein gar so spröder, langweiliger Stoff für eine Vorlesung, so wollte ich Ihnen von den Professorinnen, Advokatinnen, Technikerinnen und Beamtinnen Amerikas eingehend berichten. Mir obliegt aber, Ihnen, geehrte Anwesende, viel Näherliegenderes mitzutheilen. Es ist die Hauptaufgabe dieses Abends, Ihnen von einer Schule innerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle zu berichten, und zwar von einer Schule, welche sich als Ziel setzt, Mädchen zur Matura zu fü h re n. 9 ' Der Verein »Minerva« gründete diese Schule im Herbste 1890 in Prag. Es ist eine Mädchen-Mittelschule, welche, auf die dritte Classe der Bürgerschule aufbauend, in 6 Jahren den Lehrstoff eines ordentlichen Gymnasiums bewältigen soll. Der Verein »Minerva« Hess einen Aufruf ergehen, der in der Bürgerschaft Prags volles Verständniss fand. Es meldete sich eine Ueberzahl zum Eintritt in die erste Classe, von derselben wurden 53 Mädchen im Alter von 14 Jahren und darüber aufgenommen. Obgleich dieser Classe die Aufgabe gestellt war, den Lehrstoff des Untergymnasiums' ergänzend zu bewältigen, so lösten 50 Schülerinnen dieselbe; 33 erhielten Vorzugsclassen! Mit dem Erfolg des ersten Jahres ist eine Befähigung zum Studium nachgewiesen, welche jeden Zweifel an derselben behebt. Wie viel von dem Erfolg auf die Liebe und Lust der Lernenden und Lehrenden entfällt, ist nicht zu bestimmen. Anders mag es in dieser Mädchenclasse allerdings ausgesehen haben als gemeinhin in den Classen unserer Knaben-Gymnasien. Lange ehe der Sinn der Kinder an den Sprach formen Interesse finden kann, werden sie zum Ueberdruss damit belastet, und nur wenig Lehrern ist es gegeben, diese Schwierigkeit durch besonders pädagogisches Bemühen zu überwinden und durch Ruhe und Erholungspunkte das Gehirn vor Ermüdung zu bewahren. Von Ermüdung muss die Prager Mädchenclasse frei gewesen sein, sie kann meines Erachtens ihre grosse Leistung nur in einem freudigen Eifer vollbracht haben, der ein 14jähriges Mädchen sicher auch eher beseelt, als einen 10jährigen Knaben. Darum ist es klug von den Pragern, die Mädchen erst mit dem vierzehnten Jahr beginnen zu lassen. Dadurch wird für die Mädchen und deren Eltern die Entscheidung für das strenge Studium hinausgeschoben und erspart der Verein auch 2 Jahre Unterricht, welchen er der Bürgerschule zu er- theilen überlässt. Es sind das gewichtige Vortheile; dennoch musste ich mir die ganze Aussichtslosigkeit, in Bälde ein vollständiges Gymnasium für Mädchen erreichen zu können, vor Augen halten, um mein ursprüngliches Streben auf eine Privat-Mittel- schule für Mädchen zu reduciren. Eine staatliche Mittelschule für Mädchen erschiene mir noch immer der erste Schritt zur Gleichberechtigung am Unterrichte. Das ist aber eben der Schritt, den die Unterrichtsbehörden nicht thun wollen. Zwei - 1 32 undzwanzig Jahre warte ich auf denselben. In diesem Zeiträume gab es Jahre, in welchen ich unter Beihilfe theurer Gleichgesinnter alle Zeit und alle Kraft an die Verwirklichung meiner Idee setzte. Seit 8 Jahren unterliess der Verein für erweiterte Frauenbildung, unterstützt von hochgebildeten und angesehenen Männern, keinen Schritt, der zur Errichtung eines Gymnasiums für Mädchen führen könnte. Doch nicht minder erfolglos. Da plötzlich sehen wir in Prag eine Privatschule erstehen; ihr stehen nur geringe Mittel zur Verfügung, aber ein grösserer Kreis zielbewusster Männer und Frauen unterstützt sie, und ihr wird die werthvolle Unterstützung der Gemeinde, welche die Schulräume, die Beleuchtung und Beheizung beistellt. Die Mädchen legen die Unterstufe der Gymnasialbildung rasch zurück, so dass der die Schule unterhaltende Verein sich der Hoffnung hingibt, in vier Jahren Abiturientinnen an die Thore der Universität zu bringen. Der Verein sieht auch für diesen Fall vor und es hat der Reichsrath sabgeordnete Mazaryk die Petition desselben um Zutritt zum Universitätsstudium für Frauen im Abgeordnetenhause vertreten. Gestehen wir, es ist ein kurzes Verfahren, das zu der Frage auffordert, ob wir nicht desgleichen thun sollten. Ist ja doch unser ganzes Mühen um Erweiterung des Frauenunterrichtes und Erwerbes nur eine Zeitfrage, denn um was wir uns heute mühen, was uns heute noch widerstrebend vorenthalten wird, das wird, das muss werden. Ihren Enkelinnen wird es frei stehen, das Gymnasium zu besuchen oder nicht, zu Medicinerinnen, Phi- losophinnen oder Juristinnen, zu Allem wozu sie Lust und Befähigung haben, sich auszubilden. Es ist nur eine Frage der Zeit, denn immer mehr wird der Druck, welchen die sozialen und wirthschaftlichen Zustände üben, die Frau auf die eigenen Füsse zu stellen. Ich zweifle nicht daran, wie ich nicht daran zweifle, dass die Frau im Wettbewerbe mit dem Manne an Intelligenz gewinnen wird. Hoffen wir, dass damit auch echte Bildung Schritt halten wird, so dass die Frau von ihrer sittlichen Ueber- legenheit nichts einbüsst. Wir wissen im Glücke Anderer unser Glück zu finden, wir haben für Andere leben gelernt — möchten die Töchter unserer Töchter es niemals verlernen! Denn nichts lohnt besser im Leben als die Liebe! / Meine liebe, hochanselinliche Zuhörerschaft! Geehrte Frauen, ehrenwerthe Herren! Die Letzteren besonders ehrenwerth, weil sie hieher zu Ihren vorgeblichen »Feindinnen» gekommen sind, zu den sogenannten »Frauenrechtlerinnen«. So hat nämlich Sie, die Frauen vom Vereine »für erweiterte Frauenbildung« und anderen ähnlichen Frauen-Vereinen, das, jedenfalls noch mehr energische als gedankenreiche, Fräulein Dworzak, die moralische und schriftstellerische Fahnenträgerin der Wiener Reform-Arbeiterinnen, jüngst in einer Versammlung derselben genannt. Fräulein Dworzak wollte hiemit einen vorgeblich schlagenden Gegensatz zwischen den Reform-Arbeiterinnen (Socialistinnen) und den Frauen, die ihre natürlichen Rechte anstreben, den »Frauenrechtlerinnen«, bezeichnen. Die Letzteren sollen nämlich, wie das genannte Fräulein behauptet, den Kampf gegen die Männer wollen, d. i. den Kampf um das Dasein gegen die Männer. Die Ersteren, die Arbeiterinnen, wollen hingegen den Kampf mit (im Vereine mit) den Männern zu — socialdemokratischen Zwecken! Nun, — wir werden vielleicht noch heute, später, oder ein anderes Mal Gelegenheit haben, diesen sogenannten Kampf zu beleuchten, welchen die »Frauenrechtlerinnen«, d. s. die gebildeteren, die nicht socialdemokratischen Vorkämpferinnen für Frauenbildung, Frauenfortschritt und Frauenrecht, mit einem Worte die »Bourgeois- Frauen« der Socialistinnen, vorgeblich gegen die Männer führen. — Zunächst will ich hier jedoch die eigentliche Veranlassung, die Genesis der heutigen Vorlesung besprechen Diese Veranlassung ist in erster Linie eine ganz subjective, eine pro domo. Sie ist eine Herbstblume, ersprossen auf einem, wohl sich bald wölbenden Grabeshügel, — auf dem meinigen! — Vergönnen Sie mir dies zu erklären. Als ich vor wenigen Wochen meinen, Anfangs Mai fallenden 72. Geburtstag heranrücken sah, nachdem ich fast zwei Jahre körperlich verhindert war, irgendwie lehrend in der Oeftentlichkeit wirken zu können, nahm ich mir vor, wenn mich der Welten-Herr den obgenannten Tag erleben Hesse, im selben Monate noch einmal zu einer grösseren Menge meiner Mitbürger zu sprechen, und zwar von einer jener Fragen, die mich mein Lebelang beschäftigt haben. Ich hatte nun unter diesen zu wählen zwischen Fragen, welche eine grössere, besonders gegen gewisse Kreise gerichtete Kampfesmuthigkeit erheischen und dadurch wahrscheinlich allerlei Streit und Gegenreden wieder herbeigeführt hätten, — und solchen, die dies kaum thuen könnten. 3 . 1 34 Wenn man aber so alt geworden, wie ich nun, und nicht gerade die moralische und physische Disposition eines Bismarck oder Gladstone hat, den beiden, bekanntlich trotz ihren hohen Alters, noch jugendlichen Heissspornen, so gibt man es doch, wenn auch nur sehr schweren Herzens, endlich auf, einen Kampf besonders mit den gewissen dunkeln, will sagen Verfinsterungs-Kreisen, wieder aufzunehmen. Dorthin führende Themata liess ich daher sogleich fallen. Ich wollte mir nur ein friedliches erwählen. Deshalb erwog ich nach links und nach rechts. Allüberall aber, wo die n aturhistorische Erkenntniss, die einzig richtige des Menschenthums, zu vertreten war, gab es zahlreiche Elemente zum Kampfe ! Da, — eines Abends spät, vor zwei Monaten, mit mir selbst berathend, entschlief ich endlich und hatte folgenden Traum; einen Traum, den ich, ich möchte sagen, in kleinerem Massstabe, einst schon als angehender Medicinae Studiosus geträumt hatte, — damals als ich meine Gehirnstudien begann. Mir träumte nämlich jüngst, Ende April 1892, Folgendes: Ich war in eine Riesenhalle getreten, von wunderbarer Art, eine Halle von oben her in einer Weise beleuchtet, wie man auf Erden derartig Licht nicht sieht. Am hinteren Ende dieser Halle stand eine Frauengestalt, etwa sechsmal so gross wie ich und von unsagbarer Schöne, in Worten nicht zu schildern, mit saphirblauen Augen, welche Strahlen aussandten, dass sie mich, den kleinen, winzigen Sterblichen zu Boden leuchteten. Ueber dem strahlenden Haupte dieser weiblichen Gestalt zitterte in ganz eigenthümlicher Weise eine Schriftlinie, das Wort, »Natur«. Zu beiden Seiten dieser Gestalt nun war je ein gigantischer Wolkenballen zu sehen. Ich stand zagend und wie verloren. Da rief mir jene Frauengestalt zu: »Menschling, nähere Dich mir!« Das war nun, wie Sie wohl hören, eine recht Richard Wagnerische Apostrophe.'"(Heiterkeit.) »Menschling, schreite nur muthig vorwärts,« so klang es weiter mit orgelartigem Ton. Zu muthig war ich eben nicht, die Scenerie bewegte mich in eigenthümlicher Weise. Ich, der ich mich seit meiner Jugend mit Naturforschung beschäftigt habe, sah die ewige Mutter Natur selbst vor mir. Ein ehrfurchtsvolles und zugleich banges Gefühl durchzuckte mich. Gebeugten Hauptes schritt ich vor. Als nun die Gestalt und die beiden Wolkenballen zu deren Seiten nur noch in geringer Entfernung von mir waren, entstand plötzlich ein eigenthiimliches Geräusch in den Lüften und die Natur rief mir zu: »Schau hieher, Menschling, schau ie rechts und je links!« Die Wolkenballen waren plötzlich verschwunden und es standen zwei riesige Krystallschalen da, in deren jeder ein Gehirn lag, ganz gleich diesem (hier zeigte Professor Brühl ein in Alcohol erhärtetes menschliches Gehirn; die Red.), in eigen- thümlichem opalfarbigen Glanze leuchtend, und zwar in einem Schimmer, den ich bis dahin auf Erden nicht gesehen. Es waren zwei menschliche Kolossal-Gehirne, eines in der Krystallschale rechts, eines in jener links, die auf den ersten Blick ganz gleich aussahen. »Schreite noch näher, Menschling!«, rief nun die Natur, »schau diese beiden Gehirne an: das Eine ist ein weibliches, das Andere ein männliches. Bestimme nun, der Du Dich Dein Lebelang der Anatomie des Menschen und Thieres gewidmet hast, das Geschlecht beider Gehirne!« Ich war in nicht geringer Verlegenheit. Denn soviel ich vom Menschenhirne 35 wusste, so viele menschliche Gehirne ich auch gesehen, nie hatte ich einen auch nur annähernd wesentlichen und leicht zu erfassenden Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirne finden können. Da sprach die Natur nochmals zu mir mit strengem Blicke: »Sieh nur genau her, und sage, welches Hirn ist des Weibes, welches des Mannes?« Ich vermuthete nun in diesem neuerlichen Zurufe der Natur eine Art geheimer Drohung, als würde ich nicht zugeben wollen, dass die Natur wirklich zweierlei Gehirne, männliche und weibliche, geschaffen habe, und könne mich deshalb nicht entscheiden. Ich schaute nun auf, noch immer stumm. Da entsann ich mich, dass in einem Orte in Deutschland, von welchem vor.20 Jahren, 1872, der erste Krieg gegen die Befähigung des Weibes, auf Grundlage vorgeblicher Gehirnunterschiede zwischen Mann und Frau, ausgegangen war, — dass aus derselben Stadt am Isarstrande, die sich rühmt, Kunst und Wissenschaft in gleicher Weise zu pflegen, wiederum in jüngster Zeit, 1890, von sogenannten Jüngern jener Münchener Schule (unter Anderen auch von einem Österreicher, Dr. Rohon, und Anderen) neuerliche Versuche gemacht worden waren, darzuthun, dass das weibliche Gehirn im Vergleiche zum männlichen doch ein inferiores, in vielen Beziehungen minderwerthig ausgestattetes ist. Da ich nun mich nicht für unfehlbar hielt, — Menschen sind ja niemals unfehlbar, nicht einmal gewisse Römer, die sich dafür halten! •— ging ich in mich und dachte: ich werde einmal meine eigene Erfahrung ignoriren und jenes Wissen verwenden, das ich den neuen Münchner Berichten entnommen hatte, — und wies auf das Gehirn zur linken Seite der Natur als auf das weibliche. Denn, ich will’s gestehen, ein echter »Männling«,'wie ich ja doch als Menschling es war, dachte ich: es werde wohl der Mann, als das physisch jedenfalls bevorzugtere Wesen, zur rechten und das Weib zur linken Seite der Natur placirt sein! Im selben Augenblicke aber, wo ich meinen Zeigefinger gegen links ausstreckend »Weib« rief, — ertönte ein donnerähnliches Geräusch; die ganze Halle erzitterte, ich blickte scheu nieder und dann voll Angst wieder auf, — und an der Stelle des linken Gehirnes, auf das ich als weibliches hingewiesen, stand ein wunderbar schöner Mann, weit schöner als der Apoll vom Belvedere; ober ihm zitterte eine Orifiamme, beleuchtend das Wort: »Adam«! An der Stelle der Krystallschale auf der rechten Seite der Natur hingegen, deren Hirn ich, — nach meiner früheren Bestimmung des linken als weibliches, — somit als ein männliches bezeichnet hatte, — stand, in schämiger Herrlichkeit, ein liebliches und doch hehres Weib, mit der Flammenschrift ober ihrem, von längstem Goldhaar umflutheten Flaupte: »Eva«! — »Was Du, Menschling, hier gesehen und gelernt« sprach nun mit energischem Stimmfalle die Natur, »geh’ hin und verkünde es!« »Du hast auf Erden von mannigfacher Seite gehört, das Weibes-Gehirn sei vom Mannes-Gehirn sehr verschieden und wichtige Konsequenzen sind hieraus für das Weib auf Erden erwachsen. Gehe nun, berichte von dem, was Du hier im Gegensätze erfahren hast!« Da noch ein Donnerschlag, — ich erwachte. - Ich hatte meine Autgabe gefunden, die ich noch in jenem Mond mir zu lösen fest vorgenommen. Es war dies dazu eine Aufgabe, die ich schon vor vielen Jahren mir wiederholt gesetzt. Im Jahre 1872 war es zuerst, dass ich über das Weib, von einem Forum 3* 36 der Naturwissenschaft aus, von dem Katheder der von mir bekleideten Lehrkanzel der Zootomie (vergleichenden Anatomie) an der Wiener Universität, sprach. Im Jahre 187(i war es dann zum 2. Male, und 1878 habe ich, als Resume beider Vorlesungen (der von 1872 und 1876) eine Schrift veröffentlicht, welche den Titel führt: »Einiges über das Gehirn der Wirbelthiere mit besonderer Berücksichtigung jenes der Frau, mit, den Gehirnbau erläuternden Figuren«. Dieser, in den Schriften des »Vereines zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien« 1878, veröffentlichten umfangreichen Darstellung, liess ich 5 Jahre später, 1883, einen Aufsatz in der Monatsschrift »Auf der Höhe«, Leipzig, Jänner 1883, folgen, unter dem Titel: »Frauenhirn, Frauen seele, Frauenrecht«. Ich hatte mithin sowohl ein gewisses chronologisches als litterarisches Recht, bei der mir im Traum zugewiesenen Aufgabe zu bleiben. Für den Ort, diese Aufgabe zu lösen, ergab sich bald eine passende Gelegenheit. Es kam nämlich Frau Bosshardt, die ehrenwerthe Präsidentin des Vereines für erweiterte P'rauenbildung, zu mir. Ihr sprach ich dann von der Absicht, noch in diesem Monate (Mai), vom »Frauenhirn« öffentlich zu meinen Mitbürgern beiderlei Geschlechtes reden zu wollen, und diese Dame forderte mich auf, dies in ihrem Vereine zu thun. So erscheine ich denn in Ihrer Mitte, in einem hoffentlich der Sache und mir freundlichen Kreise und werde, soweit die sehr kurz zugemessene Zeit reicht, zunächst den Gegenstand besprechen, von dem ich Ihnen im Traumberichte erzählt, vom Frauenhirne, dieses als Grundlage benützend, um meinem im Titel angekündigten Vorhaben näher zu kommen. Bevor ich jedoch in medias res gehe, fühle ich mich unwillkürlich veranlasst ein Wort über mehrere Briefe zu sagen, die ich bezüglich dieser heutigen Vorlesung empfangen habe und in welchen mir über die Art des Vortrages allerlei Grundsätzliches empfohlen wird. In dem einen dieser, durchwegs von F'rauenhänden herrührenden Briefe, ersucht man mich, ja nicht länger als eine Stunde zu sprechen. Es wurde hinzugefügt, ich möge für diese Vorlesung den alten Spruch Luthers beherzigen: »Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör' bald auf!« Diesem »tritt fest auf« contradictorisch entgegengesetzt lautete ein zweiter Rath: »Treten Sie ja nicht zu fest auf, damit Sie Niemand provociren! — seien Sie hübsch artig und fein, — denken Sie, dass Sie ein alter ruhebedürftiger Mann sind und scheuen Sie den Kampf mit den stets im Finstern wühlenden, Ihnen wohlbekannten Leuten, welche Sie schon genug geschädigt haben«. Ein dritter Rath kam aus meinem engsten häuslichen Kreise. »Ich solle ja nichts Schlimmes von den Frauen erzählen, sonst glaube alle Welt* ich hätte trübe Erfahrungen in domo gemacht.« Da hatte ich also schon drei Directiven für meine Vorlesung. Es hätte mir nur noch ein Mann schreiben sollen: »Unterstehen Sie sich ja nicht, viel Gutes von den Weibern zu sprechen, denn sonst werden Sie von . uns ausgezischt !« Nun, — einem solchen vierfachen Rathe gegenüber, thut ein Mann von Ueber- zeugung Folgendes: er hört auf gar keinen, folgt ausschliesslich seinem Wahrheitstriebe, folgt dem, was ihn begeistert, folgt dem, wozu ihn der Schöpfer in dem Augenblicke bestimmt hat, in welchem er spricht. 37 Ich spreche zu Frauen von — Frauen; ich spreche zu Männern von — Frauen. Es ist nicht leicht, Beiden zugleich Genüge zu leisten. Indem icn nun weiter erwäge, dass ich doch vorherrschend auf ein Frauen-Publicum wirken möchte, fällt mir sogleich eine Frage ein, welche von Frauen an Männer, in ernsten Stunden fast immer, besonders wenn die Männer Naturforscher sind, gestellt wird, — eine Frage, welche am treffendsten G ö t h e, in unvergleichlich wahrerund erhabener Weise, in seines Faust’s erstem Theile, als Gespräch zwischen Faust und Gretchen, formulirt hat. Ich erlaube mir, die betreffende Stelle zu lesen. Gretchen, die kindlich gläubige, von ihrem Glauben hold und naiv beseeligte, jedoch wissensarme Jungfrau frägt den heissgeliebten, gelehrten Mann, Heinrich Faust's, der ihr aber in dieser Beziehung etwas verdächtig vorkömmt: Margarethe: Versprich mir, Heinrich! Faustr Was ich kann. Margarethe: Nun sage, wie hältst Du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, — allein ich glaube, Du hältst nicht viel davon! Faust: Lass das, mein Kind, Du fühlst, ich bin Dir gut. — Für meine Lieben liess ich Leib und Blut; — will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben. Margarethe: Das ist nicht recht, man muss daran glauben! Faust: Muss man ?! Margarethe: Ach wenn ich etwas auf Dich könnte! — Du ehrst auch nicht die heiligen Sacramente! Faust: Ich ehre sie. Margarethe: Doch ohne Verlangen. — Zur Messe, zur Beichte bist Du lange nicht gegangen. — Und jetzt, meine Damen, kömmt der Hauptschlag, wie ihn nur ein Mann voll echter, durch begeisterte Naturanschauung ganz allein möglicher Religiosität, — Göthe. — führen konnte. Margarethe: Glaubst Du an Gott? — So einfältig das Gretchen auch ist, so fühlt sie doch, dass die Grundlage der Religion nicht wesentlich »die Sacramente«. nicht »die Messe« seien; — der Glaube an Gott ist es ganz allein. — Wer nun überhaupt mit Frauen über Ernstes .spricht, muss in dieser Beziehung Farbe bekennen, wenn er ihr Vertrauen gewinnen will. Ich bekenne Farbe : ich bin der entschiedenste Deist, der auf Erden nur möglich. Ich habe das einzige w r ahre Glück in meinem Leben, besonders werthvoll in höherem Alter, darin erfunden, dass ich mit derartiger Liebe an dem Schöpfer der Welten und ihrer Wunder zu hängen vermag, wie sie, — diese Liebe —, allein den Menschen Tag und Nacht und in allen Lagen des Lebens zu beleben, zu trösten und aufzurichten vermag. Wessen Lebensaufgabe es ist, mit dem Mikroskope ausgerüstet Alles, was da Lebendiges existirt, wissenschaftlich zu untersuchen, kommt zu jener Lebens- und Weltanschauung, zu der einst ein grosser holländischer Anatom, der grösste seiner Zeit, Swammerdam, gekommen und von dem ich später einige, ihn und meine Anschauung bezeichnenden Aeusserungen hier vorlesen will. Ich habe diese Swammerdam'schen Aeusserungen schon vor einigen Jahren mit- getheilt, in einer kleinen Untersuchung von mir über Thiere, die man in guter Gesellschaft kaum nennen darf, nämlich über die Läuse. Diese, — wie jene Thiere, die mich eben jetzt sehr angelegentlich beschäftigen und meist die Gefährten jener sind, 38 die Flöhe, die man bekanntlich auch nicht vor »keuschen Ohren« nennen darf, — zeigen unter dem Mikroskope, als, ich möchte sagen stille Geheimnisse der Natur, eine Schönheit der Formen und architektonische Wunder des Baues, welche über alle Beschreibung genial und herrlich sind, — wenn anders ein Menschenkind überhaupt von Gottes Werken diese Worte gebrauchen darf. Eine Vorjahren, 1876, in der Wiener medicinischen Wochenschrift erschienene Abhandlung über die »menschlichen Läuse« begann ich mit den Worten: »Der grösste Anatom des 17. Jahrhunderts, der für alle Zeiten sowohl durch die Art als durch die Resultate seiner Arbeiten unsterbliche Jakob Dürk oder Dittrichsohn, nach seinem Geburtsorte Swammerdam genannt (1607 geboren) hat ein Buch veröffentlicht, von dem Sie, geehrte Anwesende, vielleicht schon einmal gehört haben; es heisst: »Die Bibel der Natur«, Bibiion naturae. In diesem Buche sind alle anatomischen Abhandlungen, die Swammerdam geschrieben, gesammelt. Jene dieser Abhandlungen über die »Laus der Menschen«, *) die erste grössere und fast die beste, die je über diesen Gegenstand publicirt wurde, hat S. dem damaligen Gesandten Frankreichs in der freien Stadt Genua, Herrn Thevenot gewidmet. Damals haben die Gesandten grosser Staaten noch anderartige Dedicationen angenommen, wie heutzutage; jetzt würde der Unterbreiter einer, einem Gesandten gewidmeten Abhandlung »über die Läuse« einfach die Treppe hinabgewiesen. Swammerdam hat aber jenem Gesandten folgende Worte als Dedications- Einleitung zugerufen, aus denen Sie, meine lieben Zuhörer, ersehen können, wie ein Naturforscher Gott lieben kann und muss, wenn er dessen »kleinste« W T erke mit Enthusiasmus studiert. »Ich stelle hiemit Euer Hochedlen in der Zergliederung einer Laus den allmächtigen Finger Gottes vor Augen. Sie werden in derselben mit Wunder angehäufte Wunder erblicken und in einem kleinen Punkte die Weisheit Gottes deutlich erkennen.« Zum Schlüsse dieser in vielen Stücken noch heute unübertroffenen Laus- Anatomie ruft Swammerdam weiter aus: »Ich gebe Euer Hochedlen zu bedenken, ob der Zufall oder Zufälligkeiten auch nur einigen Antheil haben an dem künstlichen Bau dieses kleinen Punktes der grossen Welt, in welcher so viele und so ) verschiedene Wunder die Allmacht Gottes mit lauter Stimme preisen«. Diese treffenden Worte bezeichnen die ganze Breite der Kluft zwischen jenen Leuten, die, von ihrem irrlichterirenden Verstände hin und her geworfen, vermeinen, an Gott nicht glauben zu können und stets ausrufen: »die Natur hat es so gemacht«, — und Jenen, die diesen Rationalisten? immerfort Zurufen: »wer hat denn diese euere Natur gemacht?« Hierauf Schweigen Jener als Antwort, oder: »Die Natur hat sich selbst gemacht«, — eine complet verrückte Antwort, da sie alle irdische Logik über den Haufen wirft. Swammerdam hingegen sagt ausdrücklich, »dass nicht das Kleinste der Zufall gemacht'hat« und fährt fort: »Ich beschliesse hiermit diese Abhandlung und bewundere standhaft die Wunder der Natur als eine aufgeschlagene Bibel, die überall auf Gottes ewigen Ursprung zurückweist«. So denkt und spricht nun einer der allerexactesten Naturforscher, die jemals gelebt baben. *) In der von Iloerhave besorgten deutschen Ausgabe der M. sehen „Bibel der Natur", Leipzig, 17.V2, Fol. S. 30 u^ t'. / — 39 — Nicht das kleinste Atom von Zweifel, nicht das kleinste Moment zum Abirren von dem grossen Gottesgedanken vermochte in ihm Macht zu gewinnen! • Ich füge noch hinzu, dass es historisch festgestellt und bekannt ist, dass Swammerdam jede seiner Arbeiten mit einem Gebete, — jedoch durchaus nicht mit einem confessionellen, sondern mit einem naturforscherlichen, — begonnen hat, und dass er jedesmal Abends, am Schlüsse seiner Arbeit, wieder zum Schöpfer aller jener tagsüber gesehenen Wunder betete. Von dieser Art der Naturforscher nun, meine verehrten Hörerinnen, bin auch ich! Ich kann keine anatomische Arbeit beginnen oder vollenden, ohne hiebei an den Schöpfer der Welten inbrünstig zu denken. Und es gilt mir völlig gleich, ob Sie mich um dieser Aussage willen für einen Mucker halten oder nicht. Meine Antwor auf Gretchen’s Frage: »Glaubst Du an Gott?« wäre ein lautes entschiedenes »Ja«. Warum sage ich Ihnen aber dies Alles? Weil Sie später Einiges hören werden, was Sie vielleicht, wenn ich nicht ausdrücklich meinen deistischen Standpunkt betonte, über meine Anschauungen bezüglich des Göttlichen und seiner wahren Offenbarung, »der Natur«, irre führen könnte, oder, aber Sie glauben machte, ich rede so, weil ich nicht ganz bestimmte Vorstellungen über Gott und dessen erhabenen Willen für den Menschen hätte! Sie, erzogen in den traditionellen Anschauungen über die Geschöpfe-Ent- stehung, könnten z. B. zu dieser Meinung vielleicht veranlasst werden durch meine Darstellung eines, besonders die anwesenden Frauen interessirenden Punktes der Schöpfungsgeschichte. Es ist dies nämlich meine ganz entschiedene Ansicht über die Entstehungsweise der »Frau« und hiernach über die Bedeutung und die Stellung des »Weibthu ms« in der Natur! Vor der betreffenden Diseussion jedoch eine Mahnung an Sie, meine geehrten Damen. Sie müssen nicht etwa glauben, dass ich Ihretwegen, Ihnen zu Gefallen, so spreche, wie ich es thun werde. Sie sind mir, individuell völlig gleichgiltig, ob alt oder jung, schön oder hässlich. Sie sitzen hier vor mir nur als exemplifizirte Ausführungen des Begriffes, als Figurinen der mir so hochwichtig scheinenden Schöpfungs-Form »Weibthum«. Wenn ich an dieses denke und von ihm zu Mitmenschen beiderlei Geschlechtes reden soll, fühle ich sogleich jenen Enthusiasmus in mir wach werden, der schon vom Anbeginn meines naturhistorischen Strebens und Denkens, mich bezüglich des gleich erhabenen wie formell herrlichsten Schöpfer-Gedankens, »das Weibthum zum Mittelpunkte alles menschlichen Fortschrittes auf Erden zu machen«, stets durchglüht und zur Verkündigung dieses Lehrsatzes angeregt hat. »Weibthum?« Was bedeutet dies, von mir hier zuerst naturhistorisch verwendete Wort? Es bedeutet die organische Grundlage alles dessen, was da ist, den vom Schöpfer, am Anfänge aller Zeiten eingesetzten Ausgangspunkt aller noch höheren organischen Existenzformen, um unsere Welt, die Erde, zu einem fortwährend vervollkommnungsfähigen und herrlichen Daseinsorte zu gestalten. »W'elche Ueberschwänglichkeit!« höre ich Sie, besonders die anwesenden Männer, ausrufen! »Durchaus nicht!« entgegne ich Ihnen. Sie werden meinen Ausspruch selbst zugeben, wenn Sie meinem Gedankengange genau folgen. Vor Allem: das Weibthum hat die angedeutete Mission nur, wenn es so ist, sich so entwickelt, wie es sein soll und sein kann. 40 Sie Alle, die hier gegenwärtigen Vertreterinnen des Weibthums, sind freilich, (entschuldigen Sie die Offenheit) noch kaum so, wie Sie sein sollen, — die Eine mehr, die Andere minder! Es ist nun die Aufgabe des Naturforschers, — als Menschenstamm-Erzieher (seine höchste Aufgabe), — das Weibthum, d. i. die menschliche Frau, so herauszubilden, dass sie ihrer wahren und eigentlichen Naturaufgabe gerecht werden kann. Und diese ist: die wirkliche Genossin, die echte, wahre, theilnehmende, ausdauernde Genossin des anderen Wesens zu werden, welches der Schöpfer als Krone seiner^, lebendigen Existenzformen auf Erden schuf, — des Mannes. Die Geschichte der Entstehung des Weibes ist eben eine ganz andere, als sie traditionell gewöhnlich gelehrt wird. Es wurde nicht zuerst der Mann geschaffen und aus ihm das Weib, wie eine orientalische Sage dies lehrt. Es war vielmehr ganz gewiss zuerst das Weibthum, die weibliche Existenzform, und aus ihr hat sich später, als höchste lebende Daseins- forrh, die männliche entwickelt. Damit aber dieser, die höchste irdische Daseinsstufe repräsentirenden Mannesform die nöthige Genossin zur Seite stehe, — die, laut Schöpfungs-Gedanken unerlässliche und entsprechende Hilfskraft zur Erzeugung von anderen menschlichen Geschöpfen, — hiezu muss das »Weibthum«, das Weibs-Individuum so herangebildet werden, wie dies der denkende Naturforscher, und er zunächst allein im Sinne hat, — wie Sie dies, so ich mich nicht irre, anstreben, — und wie des leider bis nun weder von der öffentlichen Meinung, noch von denjenigen, welche das Unterrichtswesen in den meisten Staaten leiten (mit Ausnahme Russlands! merkwürdigster Weise), in entsprechender Weise gewürdigt wurde. Vielleicht erscheint Ihnen als ein etwas gewagter Ausspruch die Behauptung, dass alles wahre Glück der Manneswelt auf unserer Erde auf dem Weibthume beruhe, von ihm ausgehe, jedesfalls durch selbes sehr getrübt, ja zerstört werden könne. Und doch ist es so. Ich meine nämlich, was hier besonders betont werden muss, das Weibthum nicht allein im Menschenreiche, sondern auch jenes aller Thiere und sogar der Pflanzen. Allüberall, d. i. im ganzen Gebiete der organisirten Wesensformen auf unserer Erde, ist die Weibsform die frü here, die der Mannesform vorhergehende gewesen. Dieser naturhistorisch leicht zu begründende Ausspruch ist aber noch zu erweitern und näher zu präcisiren durch eine gleichfalls naturhistorisch sichere That- sache. Es ist nämlich mehr als wahrscheinlich, ja zweifelsohne, dass eine ganz neutrale Existenzform der dermalen bestehenden männlichen und weiblichen Thier- und Pflanzenform voranging, zur Zeit als Gott seine Welten schuf und deren Einwohner hervorrief. Es scheint fast, als ob der Schöpfer anfangs in seinem Entschlüsse, verschiedene Geschlechter zu bilden, geschwankt habe und darum eine organische Existenzform entstehen Hess, welche die Grundlage aller zweigeschlechtlichen Thier- und Pflanzen-Bionten (Lebewesen, von (itov Leben) werden konnte. Wir wollen sie die neutrale Lebensform nennen, die in zweierlei Anordnung, als neutrales Thier- und neutrales Pflanzen-Bion geschaffen wurde. ') Auch die uns als Sterne erscheinenden Welten, wenigstens die grösseren, beherbergen ganz igewiss Lebensformen, die denen unserer Erde mehr oder minder ähnlich sind. 41 Aus dieser neutralen Thierform entstand nach dem Schöpfungsgesetze eine weitere Form, welche schon den Keim all der Herrlichkeit und Wunder in sich trug, zu welchen sie in weiterer Entwicklungsfähigkeit bestimmt war: es wurde die thie- ' rische Weibesform, »das thierische Weibthum« hervorgerufen. Als die weibliche Form vollendet war, und diese vielleicht viele hunderte und tausende von Jahren allein die Erde bevölkert hatte, entstand dann der göttliche Entschluss, eine noch vollendetere Lebensform darzustellen und diese höchste aller thie- rischen Existenzformen ist die männliche. Das eben Gesagte klingt zwar nicht sehr schmeichelhaft für ein Frauen-Publikum, noch auch sehr einladend, um auf eine, gleichsam von der Natur schon im Vorhinein (durch ihren Schaffungsplan) abgelehnte, radikal umwandelnde - Verbesserung der Existenzform »Weib« hinzuarbeiten. Wenn wir aber ruhig überlegen, liegt doch ein tiefer, mit grösster Weisheit ausgedachter und für das »W T eibthum«, speciell für das Menschenweib, sehr vorsorglicher, zugleich aber dem ganzen Menschthume dienender Plan hinter dieser Entwickelungsanordnung des Schöpfers. Diese andere obenerwähnte höhere Existenzform, der Mann, das »Mannthum«, hätte absolut keine dauernde Existenz-B erechtigung für den Fortbestand der Welt, wenn sie allein bleiben würde. Denn, wenn sie nur das und nicht mehr vollbrächte, was sie allein bleibend vollbringen könnte, wäre aller irdische Fortschritt bald zu Ende. Sie hätte aber ferner auch keine Existenz-Freude zu gewärtigen, wäre sie die einzige F'orm. Die wahre Existenz-Freude für den Mann, »das Mannthum«, erwächst erst ganz wesentlich aus der Weiterentwickelung der weiblichen Form, »des Weibthums«, in einer, dem Manne correspondirenden Weise, in einer, seinem, dem männlichen Geiste und dessen Aufgaben auf Erden, auch adäquaten Art. Hierüber ist noch folgendes Wesentliche zu bemerken. Obschon die Natur den Mann als eine vollkommenere F'orm aus dem Weibe entstehen liess und ihn hiebei mit mancherlei körperlichen Eigenthümlichkeiten ausgestattet, ja, man muss sagen, bevorzugt hat, war sie doch, entschieden nicht gewillt, dass gewisse, beim Manne weg- fallende vegetative Körpereigenthümlichkeiten des Weibes dieses dem Manne gegenüber etwa physisch herabsetzen, noch, dass diese das in letzter Linie eigentlich Massgebende der weiblichen Existenzform sein sollen. Die Natur, d. i. der weise Schöpfer, hat hingegen ganz entschieden beabsichtigt, schon um des Mannes und seiner Weltaufgabe willen, »das Weibthum« organisch so zu gestalten und es auch in geistiger Beziehung so hoch zu entwickeln, dass das Weib die wünschenswerthe und gleichzeitig würdige Genossin des Mannes werden könne. Vielleicht denken Sie, geehrte Hörerinnen: »wie können Sie (ich) dies behaupten? Es ist ja in der ganzen weiten Welt nicht das, was factisch geschieht. In den verschiedensten Ländern der Erde denkt man nicht entfernt daran, das Weib zur würdigen Genossin des Mannes heranzubilden«. Ja, an der Hand der Tradition könnten noch weitere Einwände gegen meine Behauptung vorgebracht werden. Liest man z. B. die Entstehungsgeschichte der Frau in der Darstellung jener Männer, von denen die gültigste Tradition stammt (Moses), so findet man von obiger Behauptung absolut Verschiedenes. Sie, meine geehrten F'rauen, könnten weiter fragen: »warum ist, wenn die Ab- 42 sichten der Natur mit dem Weibe so klar vorliegen, wie Sie (ich) behaupten, die Stellung der Frau noch bei den meisten Völkern der Erde eine so niedrige, eine der Bibel oder richtiger der Orient-Tradition so entsprechende?« Hierauf habe ich Folgendes zu erwidernEs ist eine eigentümliche Erscheinung in der Natur, wie der unbefangene Forscher zugestehen muss, dass das Bessere, die höhere Entwicklungsstufe der W'esen, die auf manchen Stellen der Erde Statt hat, nicht überall zu gleicher Zeit auf ihr erreicht wird. Naturhistorisch ausgedrückt: »Nur in ganz beschränkten Localitäten kommen zuerst bessere Existenzformen, bessere organische Einrichtungen der Lebewesen zu Stande.« So ist es bis jetzt überhaupt nur eine relativ ganz kleine Anzahl von Völkerschaften unserer Erde, welche durch höhere Bildung sich auszeichnen. Diese nun sind es, bei denen vorerst die Weiterentwicklung der weiblichen Form, des »Weibthums«, gepflegt, oder wenigstens angebahnt wird; Noch schmachten aber auf dem weiten Erdenrunde, ja selbst in vielen sogenannten civilisirten Ländern, viele Tausende von Frauen in einer Abhängigkeit, in einer Situation, welche weit mehr an die eines vortheilhaften Hausthieres als an die einer stammesgleichen Genossin des Mannes erinnert. Beispiele: Türkei, ja der ganze Orient. Freuen wir uns daher, d. h. Sie mit mir, dass wir auf einem Erdtheile wohnen, wo dies nicht mehr der Fall ist und hauptsächlich, dass wir, d. h. Sie mit mir und so manchen Männern, die Einsicht haben, dass nur diese Weiterbildung des »Weibthums« der letzte und eigentliche Wille des Schöpfers mit dem Weibe ist. Leugnen wir, d. h. Sie und ich, mit aller Entschiedenheit die Behauptung derjenigen, welche sagen, »es sei vom Schöpfer, von der Natur nicht so geplant, wie hier ausgesagt wird«. Dass die grösste Entschiedenheit hierbei Noth thut, können Sie, Verehrte, aus einigen hier folgenden historischen, in die jüngste Neuzeit fallenden Thatsachen entnehmen. Wenn ein gelehrter Anatom, Bi sc hoff, (f München) in einer Schrift im Jahre 1872 erschienen und den Titel führend; »Das Studium und die Ausführung der Medicin durch die Frau«, sagt: »Die Frau sei zum Studium der Medicin nicht tauglich« und dann sich zu der mehf als groben Aeusserung versteigt; »Es fehlt dem weiblichen Geschlechte nach göttlicher und natürlicher Anordnung die Befähigung zur Pflege und Ausführung der Wissenschaften, speciell der Naturwissenschaften und der Medicin«, — wenn, sage ich, ein Mann, der sonst in der Wissenschaft einen der ersten Plätze einnimmt, der die exactesten Untersuchungen besonders über die Entwickelungsgeschichte gemacht hat, wenn ein Mann, der ein langes Leben in unverdrossener, ernster Arbeit zubrachte, ein solches Volum abgibt, »Gott und die Natur habe dem Weibe die Befähigung zur Pflege der Wissenschaften versagt«, — so ist wahrlich die grösste Entschiedenheit, die schrankenloseste Energie nöthig, um einem der gewichtigsten Keulenschläge, welche man je gegen das weibliche Geschlecht in Europa geführt hat, in verdienter, der Wahrheit allein entsprechenden und naturgerechten Weise zu begegnen. Ich verweise Sie für Ausführlicheres über diesen Gegenstand auf jene Schrift, in welcher ich diesen ebenso unlogischen als unwahren Ausspruch B i s c h o f fs : »Gott und die Natur etc.« (siehe früher) in verdienter abfälligen Weise beleuchtet habe. Es ist dies meine schon S. 82 erwähnte Schrift: »Einiges über das Gehirn der Wirbel- thiere mit besonderer Berücksichtigung jenes der Frau, 1878 etc.«, in welcher sich 43 Folgendes über die angeführte Behauptung Bischoff’s findet (S. 5 des Separat abdruckes). »Entweder«, sage ich dort, »glaubt Bischoff an Gott, dann hat die Natur nichts an dem Weibe gemacht, sondern Gott, der die Natur erschuf. Oder Bischoff ist kein Deist, sondern nur Naturalist, — dann kennte und musste er die Anführung »Gott« als Werkmeister aus dem Spiele lassen.« Allein Bischoff hat mit Absicht diesen Pleonasmus »Gott und die Natur« gebraucht, denn er wusste ganz gut, dass es viele Menschen mit wenig Ueberlegungs- vermögen gibt, die leicht zu überführen sind, wenn sie nur recht viel klangvolle Worte zu hören bekommen. »Gott und die Natur«, — dies will und soll sagen, was Gott etwa noch an der Weibesform übersehen, hat die Natur nachgeschaffen, und vice versa, was die Natur etwa zu bilden vergessen hat, wurde von Gott ergänzt. Eine solche Ausdrucksweise scheint mir aber eines sowohl gottgläubigen als wissenschaftlichen Mannes ganz und gar unwürdig. — Eine einigermassen pikante historische, meine Kritik Bischoffs betreffende Notiz sei hier noch bezüglich einer in meiner oben citirten Schrift, S. 5, vor- findlichen sogenannten »Redactions-Anmerkung« vor Sie gebracht, die ein schon verstorbener Haupt-Funktionär des »Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien« zu machen sich unterfangen hat. Diese Notiz beleuchtet ein vor 14 Jahren, 187S, geschehenes, gleich hinterlistiges wie albernes Gebahren jenes Redactionsmitgliedes. Als ich die früher citirte Kritik des Bischoff'schen Satzes niederschrieb, konnte ich die Correctur jenes Bogens, in dem sie vorkömmt, nicht mehr selbst durchsehen, weil ich Wien verlassen hatte. Da hat nun die damalige Redaction aus Schweifwedelei vor dem Münchner Bischoff sich es herausgenommen, zu meiner ganz und gar berechtigten Kritik Bischoff’s hinterher die Anmerkung zu setzen: »Diese Seite hat der Herr Verfasser trotz allen Drängens nicht weglassen wollen.« So geschehen im Jahre 1878, im »Vereine zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien«. Den Mann, der dieses gethan, deckt' schon lange die Erde; ich enthalte mich daher einer Erörterung über die muckerischen Motive dieser nicht dem Naturforschersjande angehört habenden Person. Ich habe ihm jene Anmerkung längst vergeben; er hat aber mit ihr an der Wahrheit meiner Aussprüche gegen Bischoff wahrlich nichts geändert ! Wir aber müssen diesen Bischoff’schen Satz noch ein wenig in Ihrem Interesse wegen seiner möglichen Folgen beleuchten. Es ist dies eben ein Ausspruch, der übrigens vollständig seine verheerende Wirkung geübt hätte, wenn Bischoff auch nur Gott allein, ohne Natur, als Ursache jenes weiblichen Geistesmangels angeführt haben würde. Wie, soll sogleich gezeigt werden. Bekanntlich pflegen die Unterrichtsministerien, vor Entscheidung über einschneidende Studienfragen, die Universitätsfacultäten um ihr Votum über diese anzugehen. Wenn nun z. B. an die Münchner medicinische oder philosophische Facultät von Seiten ihres Unterrichtsministers die ex offo zu beantwortende Frage gelangt wäre: »Sind die Frauen befähigt, wissenschaftlich unterrichtet zu werden?« und weiter: »Hat der Staat die Verpflichtung, dafür zu sorgen?« —■ und die befragte Facultät hätte nun ihr Mitglied Bischoff zum Referenten für die Beantwortung dieser Fragen bestellt, — und dieser hätte nun als Antwort über das Frauenstudium an das Ministerium 44 berichtet: »Gott und die Natur gaben dem Weibe die Befähigung zur wissenschaftlichen Ausbildung nicht«, — so wäre dieses Referat bei der grossen Autorität Bischoff’s im Collegium zweifelsohne mit Stimmenmehrheit angenommen worden. Wer könnte es nun da dem Unterrichtsminister verargen, wenn er, der doch kein Naturforscher ist, und vielleicht nur Frauen ohne wirkliche wissenschaftliche Befähigung kennt, einer solchen naturhistorischen Autorität, wie B i s c h o f f, und dem auf ihn sich stützenden Majoritätsvotum glaubte! Ein Unterrichtsminister kann doch nicht alle möglichen Specialkenntnisse in sich vereinigen, um in allen Dingen auf eigene Anschauungen und Erfahrungen hin zu einem vollkommen unbefangenen Urtheile zu gelangen. Man könnte es ihm also kaum übel nehmen, wenn er, auf ein solches Votum hin wie das Bischoffsehe, jedes Ansuchen von Frauenseite um Gewährung von Einrichtungen für höhere, Gymnasial- und Facultäts-Studien abschlägig bescheiden würde! Darum aber habejich mich schon im Jahre 1878 in meiner, S. 32 citirten, streng wissenschaftlichen Schrift und sodann im Jahre 1883 im aus S. 32 erwähnten Essay: »Frauenhirn, Frauenseele etc.« sehr bemüht, die Grundlagen, auf welche hin Bischoff diese Aeusserungen abgegeben hat, zu prüfen und die Frage zu beantworten: »sind die Grundlagen für sie richtig? — sind sie vor Allem naturhistorisch, anatomisch richtig — oder nicht?« In der früher angeführten Schrift Bischoff’s über »das Frauenstudium« hat er die Beweisführung, auf welche hin er seine Anschauungen über die Inferiorität der Frauen gewonnen hat, in zwei Theile getheilt, in ein Hauptkapitel und in einen Anhang voll mehr nebensächlicher anatomischen Details. Im Ersteren bespricht er die Frage vom Frauenhirne, und bemüht sich, weitläufig nachzuweisen, dass das Frauenhirn ein inferiores, dem männlichen Gehirne weit untergeordnetes sei. Auf welche anatomische Thatsachen hin hat er nun dies behaupten können? Ich kann natürlich in einer so kurz währenden Vorlesung, wie die heutige, unmöglich alle Details Vorbringen; ich werde mich nur bemühen, Ihnen das Allerwesentlichste zu bieten, um Sie, zu Ihrem Tröste, von der völligen anatomischen Unrichtigkeit der Bi sc ho ff sehen Aussage zu überzeugen. Was Sie hier hören, können Sie als eine Art anatomischen Fundus instructus über das Frauenhirn aus dem Saale mit sich nehmen, mit der Beruhigung: Ihr Gehirn, d. i. das weibliche, ist ganz genau so or- ganisirt als das Ihres Gatten, falls Sie bereits verheirathet sind, oder als das Ihres eventuell zukünftigen Mannes, — wenn Sie einen bekommen sollten. Ihr Gehirn ist ganz ebenso, von Alpha bis Omega, im Grossen und Ganzen wie in allen Einzeln- heiten, in Lage, Form, in derEntwickelungswei.se wie das männliche gebaut, es ist in gar Nichts seh- oder greifbarem vom Manneshirne verschieden. Wenn ich in meinem früher erzählten Traume der Natur gegenüber auf Ein Gehirn als ein weibliches hingewiesen habe, so that ich dies, ich möchte sagen, aus einer Art Pietäts-Anwandlung für das, was man »gewissenhafte Litteratur-Benützung« nennt. Weil einige jüngere Münchner Anatomen von Neuem die Frauenhirnfrage beleuchtet und behauptet hatten, es gäbe doch wesentliche Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirn, verfuhr ich— im Traume! — wie früher erzählt. Allein es ist denn doch nicht entfernt so, wie die Münchner (voran Bischoff 1872 bis 1881) aussagen. Bis in die neueste Zeit hat nicht ein einziger Gehirnanatom, nicht Einer betone ich, jene Merkmale anzugeben gewusst, durch welche er sicher im Stande wäre, 45 von zwei ihm vorgelegten Gehirnen verschiedenen Geschlechtes richtig zu bezeichnen, welches das männliche und welches das weibliche. Sie sehen hier ein frisches Menschen-Gehirn.') Wenn man dieses nun einem, auch dem gewiegtesten Anatomen vorzeigt, ohne ihm dessen Herkunft zu sagen, würde er ganz bestimmt dasselbe, auf die Angaben jener Münchner Anatomen sich stützend, als das Gehirn eines Mannes und noch dazu als das eines wahrscheinlich geistig sehr entwickelt gewesenen Mannes bezeichnen. Dieses hier vorliegende Gehirn ist nämlich ein formell vortrefflich ausgebildetes, ja in jeder Form-Beziehung musterhaftes. Und wem gehört es: einer im allgemeinen Krankenhause gestern verstorbenen T a g 1 ö h n e r i n. Was wir unter einem formell trefflich entwickelten Gehirne verstehen, werden wir später ein wenig, so weit die Zeit reicht, kennen lernen. Hier aber sehen Sie ein sicheres männliches Gehirn. 2 ) Wenn man nun diese beiden Gehirne, das frische und das Spiritusgehärtete, formell, d. i. bezüglich ihrer verschiedenen Form-Einzelnheiten vergleicht, so muss man augenblicklich sagen, dass dieser Mann von der Natur weit weniger bezüglich Gehirn bevorzugt wurde, als jene F'rau, die noch dazu eine Taglöhnerin war! Vom anatomischen Standpunkte ist es auch ganz erklärlich, dass ein ordinäres Weib ein formell vortrefflich entwickeltes Gehirn haben könne. Nebenbei bemerkt, meine Damen, was ich Ihnen hier von Präparaten biete, kann man nicht eigentlich eine lehrreiche Demonstration nennen. Gehirn-Demonstrationen überzeugender, eingehender Art, kann man nur mit einem kleinen Publicum, höchstens i5—20 Personen, unternehmen. Sollte ich im nächsten Winter noch leben, so werde ich gerne in einem grösseren Zimmer meiner Wohnung einer kleinen Anzahl von Damen Gehirn-Demonstrationen geben. (Bravo-Rufe; die Red.) Damit Sie aber doch einigermassen einsehen, warum ich früher sagte; dass dieses frische Gehirn jenes der Taglöhnerin, ein schönes, und das männliche Spiritus- Gehirn ein viel weniger schönes ist, will ich kurz andeuten, was wir Anatomen unter den Worten »formell schön« oder »gutes Gehirn« verstehen. Beachten Sie aber noch wohl, was ich jetzt hervorhebe. Die formelle Schöne oder Güte des Gehirnes entscheidet noch gar nicht über den wahren Werth desselben. Sie bestimmt nur einigermassen das Urtheil, welches der Kenner über ein Gehirn dem Anscheine nach fällt. Das menschliche Gehirn hat öberflächilich, wie Sie hier leicht sehen, Bas-reliefs ähnliche Erhebungen (Wülste) und Vertiefungen (Furchen) zwischen diesen. Die Erhebungen heissen »Windungen« (gyri), die Vertiefungen »Furchen« (sulci). Man lehrt nun : je reicher an Windungen ein Gehirn, desto entwickelter, desto »formell schöner« ist es. Darum sagte ich früher, das vorliegende weibliche Gehirn sei schöner als das männliche; das weibliche ist, wie Sie sehen, sehr reich configurirt, zeigt viel mehr und reichere Windungen (nach Zahl aller und Schlängelung der einzelnen) an seiner Oberfläche, als das hier vorliegende männliche. Ich betone nun: es ist unmöglich, aus Zahl und Form der Windungen zu erkennen, ob man ein männliches oder weibliches Gehirn vor sich habe. Ich betone dies mit der grössten Entschiedenheit, nach vielfachsten, am Secirtische von mir gesam- f) Professor Bijiihl zeigt bei diesen Worten ein solches (die Kedaction). : i liier zeigt Professor Brühl ein anderes in Spiritus gehärtetes Gehirn (die lle- daction). 4G melten Erfahrungen. Wenn Sie alle Anatomen der Welt befragen, so können diese, soferne sie nicht schwindeln, keine bestimmten Anhaltspunkte geben, wie man nach Form und Zahl der Windungen die Geschlechter unterscheiden könne. ' Wir wollen auch erwähnen, was jüngst ein Schüler Bischoffs, abgesehen von den Windungen, gegen die Frauen, respective gegen ihr Hirn vorgebracht hat. Diese Furche des Gehirnes hier (Professor Brühl zeigt sie an einem menschlichen Spiritus-Gehirn; die Red.) heisst die S v 1 v i u s-Spalte, nach einem alten Anatomen der sie zuerst signalisirt hat. Diese an der Seitenfläche des Gehirns befindliche lange Furche, welche die ganze Gehirnmasse gleichsam in zw r ei Abtheilungen, in eine vordere mehr obere, und eine hintere mehr untere, zu theilen scheint, hat nun an ihrem vorderen unteren Ende mehrere verschiedentlich entwickelte vordere Ausläufer. Aus der Gestalt, Zahl und Länge dieser übrigens sehr nebensächlichen kurzen Furchen soll sich, nun nach jener Münchner Angabe, ein neuer Beweis für die Inferiorität des F r a u e nhirnes nachweisen lassen. Der vielfachste Wechsel aber dieser vorderen F'urchen- Ausläufer, den ich auch beim Mannes hirne gesehen, erlaubt nicht, aus ihnen auch nur den allergeringsten Scnluss auf Hirnunterschiede nach dem Geschlechte zu machen. — Ein weiterer vorgeblicher, gegen die formelle Gleichheit des Frauen- und Manneshirnes sprechender und von München aus sehr betonter Umstand ist von Bischof Fs Nachfolger auf der Münchner anatomischen Lehrkanzel, Herrn Dr. Rü- dinger, vorgebracht worden. Herr Rüdinger, ein Anatom übrigens der allerbesten Art, ein überaus fleissiger Arbeiter, der, man kann sagen, Tag und Nacht am Secir- tische sitzt, die feinsten Nerven ausmeisselnd, ein wahrer Künstler in mechanischer Beziehung, hat von seinem verstorbenen Herrn und Meister B i s c h o f f die Aufgabe übernommen, das Frauenhirn herabzusetzen und hat nun geglaubt, einen sehr schlagenden Beweis für diese Aufgabe in Folgendem gefunden zu haben. Professor Rüdinger hat nämlich ein Paar Z w i 11 i n g e verschiedenen Geschlechts auf ihre Gehirn-Contouren untersucht. Da diese beiden Zwillirtgs-Individuen, Mädchen und Knabe, fast zu gleicher Zeit (wenige Minuten Unterschied) geboren waren, konnten Gehirn-Verschiedenheiten nicht auf verschiedene Entwicklungszeiten zurückgeführt werden. Von den Gehirnen dieser Zw’illinge berichtet nun Herr Rüdinger: in dem Knaben-Gehirne waren gewisse Windungen und Furchen, speciell die Sylvius-Spalte weit mehr entwickelt, länger und grösser, als in jenem des Mädchens. Hieraus zog er nun sogleich, nach Meister Bischoff, gleichsam zu dessen Deckung, den Schluss: durch diese Zwillinge ist der Beweis für die Inferiorität des weiblichen Gehirnes gegeben, da beide Individuen, Mädchen und Knabe, in derselben Zeit und von denselben Eltern entstanden, und siehe da: das eine, das männliche Hirn ist formell viel (?) reicher entwickelt als das andere, weibliche. Ergo, quod erat demonstrandum: das Gehirn der F'rau steht niedriger etc. Professor Rüdinger hat aber schon im Jahre 1S77, in welchem seine bezügliche Schrift vom Gehirnunterschiede der Zwillinge erschien, ’) versprochen, das, was er an den Zwdllingen gesehen, »auch an Erwachsenen eingehend zu begründen« (seine eigenen Worte), also auch an Erwachsenen nachzuweisen, dass das ausgebildete Gehirn der beiden Geschlechter formell verschieden und dass das ’) Futer dem Titel: „Vorläufige Mittheilungen über die Unterschiede der (frossliirn- windungen nach dem Geschlecht bei Fötus und Neugebornen“ mit drei Tafeln München 1877 . weibliche Gehirn niedriger organisirt sei, als das männliche. Im Jahre 1877 hat er dies versprochen und bis heute 1892, also 15 Jahre später, ist das verheissene Buch noch nicht erschienen, und wird auch wohl kaum jemals erscheinen. Ich frage nun: wie konnte ein so routinirter Anatom, wie Herr Rüdinger, aus einem einzigen Zwillingspaare ein Urtheil schöpfen, welches beweiskräftig darthun soll, dass das männliche Gehirn höher, das weibliche niedriger sei ? Kann dies Eine Zwillingspaar sich nicht nur zufällig so verhalten ? Deshalb schrieb ich schon 1878, in meiner mehrfach citirten Schrift »über das Gehirn der Säugethiere etc.« (Seite 84—86, Anmerkung): »ein Beweis, wie ihn Rüdinger vorbringt, ist absolut keiner, — und es ist wirklich unverständlich, wie ein Gelehrter vom Range Rüdinger’s Derartiges auftischen könne«. Ich habe damals wörtlich hinzugefügt (a. a. O., S. 86): »Eine typische Differenz der Gehirne besteht ganz gewiss nicht in deren Bildungsgesetzen für die Grosshirnwindungen der beiden Geschlechter; — es gibt wohl individuelle Windungsdifferenzen in zahlloser Menge unter den verschiedenen Individuen beiderlei Geschlechtes, aber es gibt gewiss keine von der Natur eingesetzten typischen sexuellen, d. h. solche zwischen den Geschlechtern«. Ich fuhr damals fort: »Unterrichtet Euere Mädchen gehörig und in einigen hundert Jahren wird man über anatomische Untersuchungen, wie die des Herrn Rüdinger, nur mitleidig lachen können.« Nun noch ein neuer schlagender Beweis für das, was ich 1878 gegen Herrn Rüdinger schrieb, aus allerj üngster Zeit. Im Jahre 1890 hat ein junger, höchst talentvoller und gewissenhafter anatomischer Schriftsteller, Dr. Eber stalle r, dermalen Stadtphysikus in Graz, ein kleines Buch über das'S t i r n h i r n geschrieben; so heisst nämlich der vorderste Theil des Gehirnes. Hr. Eberstaller theilt nun in diesem Buche mit, dass auch er ein neugeborenes Zwillingspaar auf ihre Gehirnbildung untersucht habe. In diesem Falle waren beide Zwillings-Individuen Knaben. Von diesen beiden männlichen Zwillingen nun hatte der eine ein 85 mm., der andere ein 86 mm. langes Gehirn. Das erstere wog 900 Gramm, das letztere 1000 Gramm. Das Kind mit dem leichteren Hirn lebte zwei Tage, jenes mit dem schwereren nur einen. Prof. Rüdinger bezeichnete in der früher citirten Schrift, wie erzählf, das männliche seiner Gehirn-Zwillinge als das bessere, das weibliche als das min- denverthige. Drücken wir dieses Verhalten der Rüdi nge r'schen Zwillinge so aus: ~f- O () (Zeichen des männlichen Geschlechtes) mit -j- Qualität und das weibliche, -(-, als inferiores, mit—. Stellen war nun Rüdinger's und Eberstaller's Aussagen über die Gehirn-Qualitäten der Geschlechter bildlich kurz zusammen: •f- . , R ü d i n g e r's Zwillingspaar : <) Gehirn : -y-; — -(-Gehirn : — ; Eberstalle r’s Zwillingspaar: 1. ^Gehirn: -j- ; 2. "o Gehirn: —. Wir sehen hieraus, dass die zwei männlichen Zwillings-Individuen Eberstal 1 e r’s sich bezüglich des Gehirns ebenso verschieden verhalten wie die verschiedengeschlechtlichen Zw'illinge R ü d i n g e r’s. In Eberstaller’s Zwillingspaar hatte Ein Knabe, nach Rüdinger's Anschauung, eine männliche Gehirnentwicklung, der andere eine weibliche. Was würde nun da Herr Rüdiger bezüglich der Gehirn-Unterschiede Vorbringen können ? Herr Eberstaller bemerkt ganz richtig zu seinem Zwillingsfunde: »ich 48 ziehe aus meinen Zwillingen keine schlagenden Geschlechts-Unterschiedsschlüsse, aber ich kann keinesfalls zugeben, dass jemand Anderer aus einem einzigen Zwillingspaare solche ä la Riidinger zieht«. Aus diesem Eberstaller’schen Fall kann man aber so recht ersehen, mit welchen anatomischen Beweisen selbst die gelehrten Feinde des Frauenstudiums (Bischoff und Consortes) kämpfen, und mit welchem Rechte! — Nun kann man aber weiter auch leicht nachweisen, und ich habe dies in meiner Schrift vom Jahre 1878 durch statistische Daten und Zahlen eingehend und schlagend gethan, — dass Nichts, was am Gehirne äusserlich zu sehen ist, — Nichts, was als dessen Form, Oberfläche, Grösse bezeichnet wird, — weder dessen Gewicht noch dessen Dimensionen, — irgendwie entscheidend sind, für die unfehlbare Beur- theilung des geistigen Werthes, also der intellectuellen Bedeutung eines Gehirns. Es kann, — wie ich dies auch in meiner Schrift vom Jahre 1883: »Frauenhirn, F'rauenseele und Frauenrecht«, nachdrücklichst hervorgehoben habe, — ein schweres und grosses Gehirn ein intellectuell sehr wenig leistendes sein und hingegen ein leichtes kleines sehr bedeutende geistige Arbeit verrichten. Wenn also auch alle weiblichen Gehirne wirklich kleiner, leichter, umfangsgeringer, windungsärmer wären als die männlichen, — was sie aber durchaus nicht alle sind, — so resultirte aus diesen Verhältnissen noch nicht entfernt die von Bischoff und Anderen behauptete geistige Inferiorität des W e i b e s ! Ein kleines, leichtes Gehirn kann ein für Geistesarbeit vortrefflich entwickeltes, und hingegen ein grosses schweres ein geistig inferiores sein, und zwar dies aus folgendem, ganz u nzurück weisbarem Grunde, der jedoch zu seinem Verständniss eine etwas weitläufigere Exposition verlangt. Ich lasse sie hier folgen. Jedes menschliche und Säuger-Gehirn, wie leicht an jedem frischen Schweinshirne ersichtlich, zeigt, wenn die Gehirnhäutchen abgezogen J ) und ein ausgiebiger Querschnitt gemacht ist, zwei der Farbe nach völlig verschiedenen Substanzen: eine rosig-graue und eine blendend weisse. An Spiritus-Gehirnen kann man dies meist nicht mehr gut sehen, weil der Spiritus die grauen Gehirntheile bleicht, aber z. B. an diesem heute secirten Menschenhirne sehen Sie, meine Damen, diesen Farbenunterschied der Gehirnsubstanzen sehr deutlich. Die graue oder R i n d e n Substanz ist die oberflächliche; sie bildet die Rinde des Gehirns. Ihr folgt im Innern des Gehirns die weisse Mark Substanz. Man lehrt daher: im Wesentlichen besteht ein Säugethier- und Menschen-Gehirn aus zwei Substanzen, der grauen oder Ri n den- und der weissen oder M arksub s tanz. Auch im Innern des Marktheiles finden sich hier und da graue Inseln: das Kern-Grau. Nun wollen Sie sich bezüglich des Werthes und des feineren Baues dieser Gehirnsubstanzen Nachfolgendes wohl einprägen. Die graue Gehirnmasse ist die einzig und allein massgebende sowohl für alle Aufgaben des Gehirns, als ganz besonders für die intellectuelle Bedeutung desselben, — für dessen Geistesarbeit im weitesten Sinne des Wortes; sie allein ist das einzige und wahre »Seelenorgan«. Die weisse Gehirnsubstanz hingegen hat eine weit untergeordnetere, obgleich *) Die in der Küche verwendeten Tliicrliirno ("Schwein und Kalb) müssen bekanntlich vor weiterer Zubereitung von der Köchin „abgehäutelt“ werden. 49 auch sehr wichtige Aufgabe; ') diese gleicht völlig jener, welche Telegrafendrähte besorgen, die, zwischen zwei elektrischen Batterien ausgespannt, die Wirkung aus einer Batterie zur anderen vermitteln. Die weisse Substanz besteht nämlich aus lauter weissen Fasern, den Nervenfasern, die von einer Stelle der grauen Substanz zur anderen, sowie von dieser zu der Oberfläche des Körpers ziehen und die Leistungen der grauen Substanz allüberall hin übertragen. Die graue Substanz besteht hingegen nicht aus Fasern, sondern, wie im frischen Zustande bei Thieren leicht ersichtlich, aus einer sehr grossen Menge (vielen Millionen) rundlicher, aus Eiweiss bestehenden Körper (Ballen), welche wie kleine, nur durch das Mikroskop zu gewahrenden Eiweissklümpchen aussehen. In deren Mitte ist ein sogenannter »Kern« sichtbar. Von diesem, sowie von der Peripherie der Klümpchen, den sogenannten Nervenzellen, geht eine ziemliche Anzahl (bisweilen 20 und mehr) von Fortsätzen aus. Diese mehr oder weniger kugeligen Gehirn-Elemente, deren viele direct in Nervenfasern übergehen, haben die Grösse von O’Ol mm. bis 0'1 mm. Sie allein sind das eigentlich Wirksame im Thier- und Menschengehirn; deren Wirksamkeit allein stellt das her, was man Seelenthätigkei.t im weitesten Sinne des Wortes nennt. Was Sie Alle, die Sie hier sitzen, fühlen, — was Sie denken, — was Ihre Fantasie schafft, — alle Erfindungen, alle Künste, alle Leistungen der Wissenschaften, unser Ersinnen und Ausdenken, unser Behalten irgendwelcher Eindrücke, — mit einem Wort, Alles, was wir als geistige Thätigkeit bezeichnen, in erster Linie; — in zweiter Linie Alles, was wir von Bewegungen vollführen, die Fähigkeit, unser Fleisch in einen gewissen Zustand der Zusammenziehung und Verkürzung zu versetzen, hiedurch unsere Knochen in beliebige Stellung zu bringen, — endlich unsere Fähigkeit, verschiedentliche Eindrücke durch unsere Haut, durch unsere Sinne, Auge, Ohr, Zunge, Nase wahrzunehmen, — alle diese verschiedenen Funktions-Möglichkeiten unseres Körpers, die man rationell als die drei Hauptthätigkeiten: Bewegung, Empfindung und psychisches Vollbringen zusammenfasst, werden nur und allein durch diese O'Ol —(h 1 mm. grossen Eiweissklümpchen, die Nervenzellen vollbracht. Sie sehen in diesen eines der allergrössten Wunder des Schöpfers, — eigentlich das grösste, — wenn man Schöpfungswunder überhaupt classificiren darf. Wer ein solches Eiweissklümpchen, eine Nervenkugel, durchs Mikroskop betrachtet, würde wohl nicht entfernt ahnen, dass diese winzigen Klümpchen aus einer ganz unscheinbaren Substanz eine derartig grosse und umfassende Arbeit vollbringen können. Was müsste der Mensch für complicirte Maschinen bauen, um solche Resultate zu erzielen, wenn dies überhaupt auf rein mechanischem Wege nur irgend möglich wäre! Gott aber ersann den kleinen Eiweissklumpen, »Nervenzelle«, — und dieser vermag nicht nur was wir oben angeführt, zu leisten, — er vermag auch Gottes Wunder zu erkennen und zu begreifen! Die Nervenzellen sind es also allein, welche die Bedeutung eines Gehirnes ausmachen. Wenn Sie nun fragen: worin liegt, bezüglich der Nervenzellen, das Wesentliche der Gehirnverschiedenheit? — wie kann es kommen, dass in Folge einer gewissen Ner- venzellen-Anordnung ein Gehirn mehrwertiger ist als ein anderes, so mögen zunächst, ') Fiir Näheres über (len Hau der nervösen Elemente des Gehirns verweise ich die geehrten Leser auf S. 17—28 meiner hier schon öfters (8. 32) citirten [Schrift vom Jahre 1878. 4 50 damit Sie sich dies nur einigermassen klar machen können, folgende, auf die Tafel hier entworfenen, kleinen schematischen Zeichnungen Sie über das Wesentlichste orientiren. Es stelle die ovale Linie Fig. 1: G—G’ ein Stück der glatten Oberfläche eines aus Marksubstanz (Fasern) bestehenden Gehirnabschnittes dar; die in mehrfacher Zahl aufliegenden Kügelchen, wie Perlen an einem Kamme, 1—22, a, b, repräsentiren die der Marksubstanz oberflächlich gesellten Nervenzellen. Pty / / -Z&, a, b, Nerven* 'Zellen;. Fig. Z. Wenn nun in Fig. 1 eine Lage von 24 (1—22, a, b) Nervenzellen Platz findet, so würden, wenn die Marksubstanz eine Vertiefung, Furche (fu) enthielte, wie in Fig. 2, leicht in selber noch 20 Zellen (F—20') unterzubringen sein. Ein Mensch nun mit der Gehirnoberfläche der Fig. 2: G—G’ würde also, obzwar diese scheinbar nicht grösser als jene der Fig. 1 : G—G’, — fast noch einmal so viel Zellen, also noch einmal so viel Seelenorgane besitzen, als der Inhaber des Gehirnes Fig. 1, der die Vertiefung, die Markfalte fu. nicht hat. Wenn also Jemand viele Vertiefungen der Gehirnoberfläche besitzt, so liegt die Wahrscheinlichkeit vor, dass er auch viele Gehirnzellen besitze, und zwar viel mehr als Einer, der nur wenige Vertiefungen der Oberfläche aufweisst. D. h. nun wissenschaftlich ausgedrückt: je mehr, durch Vertiefungen (sulci) getrennte Erhabenheiten (gyri) ein Gehirn besitzt, je windungsreicher es also ist, desto mehr Furchen oder Beete für Nervenzellen enthält es. Wenn man vom guten Aussehen eines Gehirnes, von einem sogen, schönen Ge hirn, von einem, das formell mehr werth als ein anderes ist, spricht, — so drückt man damit stillschweigend aus, dass es viel windungsreicher sei. Nun kömmt aber noch etwas Anderes, sehr Wichtiges für die Beurtheilung des geistigen Werthes eines Gehirnes zu dem Gesagten. Es können zwei Menschen auch ganz dieselbe Nervenzellen-Zahl besitzen, also entweder ein gleich windungsreiches, oder wenigstens gleich zellenreiches Gehirn (durch eine mehrfache Zellenschicht-Anordnung bei weniger Windungen), und doch sind die Gehirne beider Menschen ganz verschieden leistungsfähig. Viele Leute, Laien und Fachmänner, glauben freilich nicht an verschiedene Qualitäten der Nervenzellen in geistiger Beziehung, aber mit Unrecht, wie ich schon in meiner (S. 32) citirten Schrift von 1878, S. 25, nachdrücklichst hervorgehoben habe. In den Nervenzellen ist wohl das grösste Wunder aller Schöpfungsgebilde gegeben, denn, so nehme ich als sicher an, es existiren von Anbeginn im Gehirne : Musikzellen, Ge- dächtnisszellen, Mathematikzellen, Fantasiezellen etc. Nach meiner Ueberzeugung gibt es so viele verschiedene Z e 11 e n - A r t e n, als es verschiedene psychische Grundfahig- keiten und sogenannte Talente für Künste und Wissenschaften gibt. Was man angeborenes Genie nennt,- ist^nichts. anderes_als der Besitz „von- gewissen Zellen-Arten, deren specielle Qualität eben darin besteht, dass sie das psychische Material für eine besondere Kunstart, eine besondere wissenschaftliche oder künstlerische Fähigkeit enthalten; freilich auf eine noch nicht erklärbare Weise. Denn es sieht mikroskopisch ja eine Gehirnzelle wesentlich so aus wie jede andere; die Unterschiede, die in der Grösse, Form und Fortsätzezahl sich finden, sind, wie man sagen muss, nur ganz nebensächlicher Art. Man ist daher auch nicht im Stande, mit dem Mikroskop eine Zelle von der anderen m er i torisch zu unterscheiden. Man kann nicht einmal eine Bewegungs- oder eine Empfindungs- oder eine psychische Zelle auch nur entfernt sicher als solche feststellen; geschweige eine musikalische, mathematische oder Fantasiezelle formell erkennen. — Das eben über die Nervenzellen Gesagte ist nun die w ah r h af t naturhistorische Grundlage alles dessen, was man bei Beleuchtung der eventuellen Gehirnunterschiede von Mann und Frau in's Auge zu fassen hat. Kein Anatom hat bisher die Gehirnzelle einer Frau von jener eines Mannes unterscheiden können. Hiemit hört eigentlich auch jedes ernstere Suchen von Gehirn-Unterschieden der Geschlechter für den leidenschaftslosen, wirklich naturhistorisch vorgehenden Forscher auf. Denn die Unmöglichkeit, Unterschiede des Grundmaterials des Gehirns, der Nervenkugeln und Nervenfasern, bei Mann und Frau zu finden, enthebt von weiterer Forschung über, wenn vorhanden, (was ich ganz entschieden läugne) gewiss nur nebensächliche formelle Differenzen. In wie weit diese letztere Behauptung im Detail zu begründen ist, kann ich wegen Zeitmangels in dieser schon ziemlich lang dauernden Vorlesung hier nicht ausführen, verweise daher hierüber nur auf meine Schrift vom Jahre 1878. — Wir wissen nun, was über das Gehirn ob dessen Bedeutung für unsere Sache vorzubringen ist, und müssen uns nun endlich dem eigentlichen, im Titel angedeuteten Zwecke unserer Vorlesung zuwenden. — Wir haben nämlich noch immer Nichts von der Bedeutung, der Stellung, den Aufgaben und Rechten der Frauen auf Grundlage der Gaben der Natur gesagt. Bezüglich dieser Gaben wissen Sie nur zunächst, dass Sie ein Gehirn besitzen, welches Manche von Ihnen ganz gehörig geltend zu machen verstehen, und welches durchaus nicht weniger werth ist, als ein männliches. Sie wissen dies, sofern Sie dem Gehörten Glauben schenken. Sie besitzen aber noch andere Gaben der Natur, welche Sie ohne weitere Erörterung nicht so gläubig als vortheilhaft auffassen würden, wie die Gehirn-Beschaffenheit. Von diesen sollte ich nun auch sprechen. Es sind dies jene anatomisch-physiologischen Eigenthümlichkeiten, welche die 4 * 52 Natur dem Weibe wirklich andersartig als dem Manne gegeben hat und die Herr Bi sc hoff auch benützte, im Anhänge seiner früher erwähnten Schrift, um zu zeigen, dass das Weib anatomisch-physiologisch geringeren Werthes als der Mann sei. Sie werden aber bald einsehen lernen, dass diese Eigenthümlichkeiten durchaus nicht von dem ihnen von Bischoff zugeschriebenen Belange sind. Ein kleines Beispiel: Sie sehen hier zwei verschieden-geschlechtige Oberschenkel;') bei dem männlichen steigt der Hals auf, d. h. ist mit dem Körper des Knochens unter einem sehr stumpfen Winkel verbunden, — am weiblichen Oberschenkel ist hingegen der Hals weit mehr quer gestellt, d. h. er geht vom Körper unter fast rechtem Winkel ab. Hieraus resul- tirt, dass die beiden Oberschenkelknochen (der rechte und der linke) beim Weibe an ihrem oberen Ende (in der Hüftgegend) weiter von einander abstehen als beim Manne, und die unteren, die Knie-Enden, daher einander näher kommen als beim Manne. Alle Frauen sind mithin mehr oder weniger knie-eng. Soll dies nun etwa ein Grund dafür sein, dass die Frauen nicht lateinisch lernen können, wie Bischoff will?! — Die Frau hat, wie weiter behauptet wird, noch andere kleine, meist nur auf Grössenverhältnisse sich beziehende Eigenthümlichkeiten des Skeletes, die auch beweisen sollen, dass der Frau von Natur aus eine andere geistige Stellung zukomme als dem Manne. Wir haben jedoch heute nicht Zeit, die betreffenden Details hier vorzubringen, und es ist dies auch nicht nöthig, weil die sogenannte Inferiorität des weiblichen Knochensystems nur zu vielfach auch an männlichen Skeleten aller Völkerstämme zu finden ist: ich brauche z. B. nur an die vom Volke sogenannten »kleinen Männer oder Manderln« zu erinnern. — Damit Sie aber erfahren, was Bischoff weiter noch gegen die Frauen von anatomischen Differenzen zwischen ihnen und dem Manne aufzählt, will ich die wesentlichsten dieser einzelnen Unterschiede kurz vorführen. Von den Sinnen sagt B.: »sie sind beim Weibe weniger ausgebildet«. Also, laut B.ischoff, sind Auge, Ohr, Geruch, Geschmack und Getaste bei der Frau weniger entwickelt als beim Manne. »Doch.« fährt Bischoff fort, »sind sie empfänglicher«. Also weniger ausgebildet und trotzdem empfänglicher! Ich citire diese Aeusserung, um zu beweisen, welcher anatomische Unsinn schon in Frauensachen selbst von anerkannten Gelehrten geschrieben worden ist. »Die weiblichen Augen sind flacher, sanfter und zarter.« (Bischoff.) Nun gibt es viele weibliche Augen, die gar nicht zart, gar nicht sanft und gar nicht flach sind, und wieder andere, die die genannten Eigenschaften wirklich besitzen; — so aber bei Frauen und bei Männern. — »Die Ohren sind länglicher und zarter.« (Bischoff.) Nun, wenn ich meine sehr reiche Sammlung von Ohren-Photographien hier hätte, könnten Sie leicht aus ihr entnehmen, welche Merkwürdigkeiten bezüglich der Ohrformen, hei F’rauen wie bei Männern zu gewahren sind. Ich kann nur versichern, dass sehr viele weibliche Ohren nichtsweniger als zart sind. Schauen Sie sich nur einmal in der Tramway die weiblichen Ohren an und erinnern Sie sich an das eben Gesagte. Es gibt aber auch Männer mit schönen kleinen Ohren, während die Mehrzahl der Frauen, — ja, die Mehrzahl der Frauen, — keine solchen hat. Erst jetzt, seitdem 'die Mädchen sich der Wildemann- Gewohnheit, Ohrgehänge (— der Titel ist ganz richtig, Gehänge an den Ohren —) zu ') Prof. B. zeigt hier zwei Oberschenkelknochen von erwachsenen Menschen (die Redaction). tragen, zum Vortheile ihrer Ohren, wie ihrer Bräutigame und Gatten entschlagen haben, werden die weiblichen Ohren wohl geformter werden und kleiner bleiben. — »Der Geruch ist beim Weibe weniger entwickelt.« (Bi sch off.) Ich kann hierauf nur bemerken, alle Frauen, die ich kennen gelernt, hatten sehr entwickelte Geruchsorgane. Ich z. B., der ich häufig auch in meiner Wohnung mit anatomischen Arbeiten beschäftigt bin, leide täglich unter nur zu vortrefflichen und empfindlichen weiblichen Geruchsorganen und zwar jenen der Frauen meiner nächsten Umgebung. Auch haben die Parfümeure wohl eine weit grössere Kundschaft unter dem weiblichen, als dem männlichen Geschlechte, was gerade nicht für die Gleichgiltigkeit des weiblichen Geruchssinnes spricht. — »Eine grorse Nase ist selten bei F'rauen.« (Bi sch off.) Ich bitte in dieser Beziehung Ihre Btobachtungen bei Bekannten und an öffentlichen Orten zu machen, Sie werden bald ersehen, dass die grossen Nasen bei F'rauen nicht so sehr selten sind, wie Bischoff vorgibt, diejenigen Nasen nicht mitgerechnet, welche den Frauen so oft die Männer drehen! — »Der Geschmack ist feiner und die Zunge kleiner.« (Bischoff.) Dies ist ziemlich richtig, aber nur »ziemlich«. Denn ich kenne viele Frauen mit ganz unintelligent entwickelten Geschmacksorganen auf plumpen Zungen. Zudem haben sehr viele Frauen eine, zwar schmale, doch sehr lange, also nicht kleine Zunge, besonders jene, welche die Gewohnheit haben, sich fortwährend an den Mundwinkeln abzulecken, eine Bewegung, die manche Frauen sogar für hübsch und verführerisch halten.' Jedenfalls hietet diese Gewohnheit häufige Gelegenheit, die Frauenzungen zu studiren, und zu sehen, dass Bischoff hier nur »sehr gelegentlich« Recht hat. — »Ver d au u n g s-O rga ne : a) die Leber ist kleiner.« (Bischoff.) Wenn die Leber das Organ ist, als dessen moralisches Secret, —- das physische ist bekanntlich die Galle, —■ der Aerger erscheint, — dann muss .die Leber beim Weibe viel grösser sein, denn die Frauen ärgern sich ja jeden Augenblick, sondern meist auch mehr Galle ab; — mehr Produkt — grössere Fabrik! Uebrigens sind alle die Organengrösse-Angaben nach den spärlichen Untersuchungen hierüber mehr als verfrüht und keinesfalls in der Frauenfrage zu verwenden. — »Der Mann trinkt mehr als das Weib.« (Bischoff.) Nun ich kenne eine ziemliche Anzahl Frauen, die mehr, besonders Spirituosa, trinken als ihre Männer! — Wollen Sie aber, meine Damen, nicht vergessen, w a ru m ich alle diese Citate vorführe. Es sind dies Alles vorgebliche anatomische Unterschiede zwischen Mann und Frau, von Bischoff vorgeführt, um die I nferiorität des Weibes darzuthun. Also z. B., weil Sie einen vorgeblich kleineren Magen haben und weniger trinken, sollen Sie weniger befähigt sein, Latein zu lernen! — »Das Herz der Frau ist kleiner als das des Mannes.« (Bischoff.) Die Hälfte der Romane beruhet auf der Thatsache, dass das Herz der Frau grösser ist als jenes der Männer! — »Der Blutverlust ist vom Weibe leichter zu ertragen.« (Bischoff.) Welchen Zusammenhang soll diese Thatsache mit den geistigen Fähigkeiten und dem Studium der Frau haben ?! — »Der Puls ist 70—75 beim Manne und 80—85 beim Weibe.« (Bischoff.) Das ist entschieden als Regel unwahr! Es gibt sehr viele F'rauen mit dem langsameren Pulse von 70 — 75; die praktischen Aerzte wissen dies hinlänglich. — 54 Es werden noch einige Organe von I5i sc ho ff angeführt, die ich hier nicht nenne, weil die angeblichen Differenzen gar zu unwesentlich sind. Am Schlüsse dieser Aufzählung sagt Bise hoff: »Man sieht aus meiner Verführung, dass alle Organe des Weibes niedriger (?! Brühl) angelegt sind als beim Manne«. Aus meiner eben gegebenen Revision der B i sc h o ff sehen Aussagen werden Sie wohl ersehen haben, dass diese letzte Aeusserung Bi s ch of f s gleich unwahr wie lächerlich und — verläumderisch ist. — Wir wollen uns . nun ein wenig näher über die Bedeutung, Stellung, Aufgaben und Rechte der Frau unterhalten. Die Bedeutung der Frau im Haushalte der Natur kann ich Ihnen leider nicht so in extenso darlegen, wie ich es gerne möchte, theils wegen Zeitmangels, theils aus Besorgniss, verkannt zu werden. Ich würde leicht enthusiastisch werden und, die Rolle eines Naturforschers überschreitend, in jene des Poeten verfallen. Der Grund hiefür liegt in meiner Anschauung über das »Weibthum« in der Natur. Ich habe schon in der Einleitung unserer Vorlesung darauf hingewiesen, dass aus ihm alle höheren Existenzformen hervorgehen, welche wir auf der Erde bewundern. Wenn man also von der naturhistorischen Bedeutung desWeibes spricht, so kann man das Weib vor Allem mit Recht als das Mütterliche in der Schöpfung bezeichnen. Denn Alles, was da war, war zunächst weiblicher Art. Alles, was sich dann weiter entwickelte, stammt aus der we i b 1 i c h e n Form, und Alles dies ist um so vollkommener, je mehr schon die weibliche Grundform entwickelt war. Darum ist es angezeigt, dass sich die Form Frau höher entwickle, weil sie der Ausgangspunkt aller höheren Formen, zunächst der männlichen, zu sein bestimmt ist. An diese Wahrhe i t knüpfe ich nun zunächst folgende, wohl zu beherzigende Betrachtung. Was ich nämlich hier in Bezug auf die Stellung der Frau sagen will, gilt nicht etwa von der b ü rg e r 1 i c h e n Stellung. Ich habe hier nur die Stellung des Weibes als Naturgeschöpf im Auge, die nach meiner Meinung die erhabenste ist, die ein Geschöpf von der Natur erhalten konnte. Die bürgerliche bisherige Stellung der Frau ist aber leider durch ganz andere Momente als durch die naturhistorisch zu begründenden gegeben. Eines dieser geltenden Momente beruht z. B. eben auf der herrschenden Meinung, dass das Weib schon physisch dem Manne untergeordnet ist, weil es, nach Bischoff, von der Natur viel stiefmütterlicher bedacht wurde. Wenn aber diese Behauptung nicht wahr ist, wie ich entschieden lehre, dann ist auch die wesentlich mit darauf begründete bürgerliche Stellung der Frauen unhaltbar und unbegründet. Es kann im Rahmen meiner nur noch kurzen Vorlesung nicht gut dargethan werden, w'elche die eigentliche Stellung der Frau im bürgerlichen Leben sein soll und kann. Ich will lieber Sie hiefür auf das treffliche Buch von John Stuart Mill »Die Hörigkeit der Frau« verweisen. Wohl möchte ich nun wissen, wie viele von den Anwesenden dieses Buch selbst nur dem Namen nach kennen, und w r ie viele von Ihnen es wirklich gelesen haben! Dieses Buch ist es, das zu allererst das litterarische Fundament geschaffen, auf dem alle weiteren Bemühungen zur Verbesserung des Frauenloses fussen können, und dieses Buch ist, wie ich aus Ihrem Stillschweigen auf meine obige Frage entnehme, — Ihnen unbekannt! Sie kennen eben leider die einfachsten Hilfsmittel nicht, die Sie als Frauen zur Verbesserung Ihrer Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft interessiren sollten. 1 — 00 - Noch ein weiteres Beispiel Ihrer Unbekanntschaft mit Ihren litterarischen Helfern ! Hat Jemand von Ihnen ein Buch eingesehen, das ein schon lange verstorbener Mann über die Frauen geschrieben hat, der Deutsche Hippel? Theodor Gottlieb von Hippel, Dr. juris und musterhafter Bürgermeister von zuerst Königsberg und dann Danzig, geh. 1741, gest. 1796, hat zwei Schriften veröffentlicht, in denen er nur das Beste für und von Frauen ausgesagt hat. Obwohl er aber nur für die Frauen geschrieben, hat er doch keine geheirathet!; sapienti sat. Das eine Buch H.’s führt den Titel: »Ueber die Ehe«, das zweite: »Ueber die bürgerliche Verbesserung der Weiber«. Lesen Sie diese zwei Schriften; Sie werden von ihnen auf das Höchste befriedigt werden; lesen Sie aber vor Allem das Meisterwerk des Engländers Mill: »Die Hörigkeit der Frau«. Es enthält eine Fülle sehr wahrer, wirklich erhabenen Gedanken, bezüglich Alles dessen, was Leben, Stellung, Entwickelung und Rechte der Frauen betrifft. Mill ist es auch, der zuerst von der Schwierigkeit spricht, wahrhaft physiologische Unterschiede zwischen Mann und Frau nachzuweisen. Mill ist es, der den Muth hatte, seinen Landsleuten ganz unumwunden zu sagen, die Frau stehe in England in einem Verhältnisse zum Manne, welches ihr gar nicht erlaubt, sich weiter zu entwickeln und das zu werden, was sie natur- und gerechtigkeitsgemäss werden sollte. Die Frauen, meint Mill, sind bisher nur Genossinnen der Männer, aber nicht deren Gefährtinnen; deshalb sucht der Mann ganz vergeblich Interesse und Empfänglichkeit für sein Schaffen und Wirken bei ihnen. Dies ist, wie sehr nachdrücklich hier gesagt werden soll, auch wirklich der Krebsschaden der Frauen-Stellung und Geltung. Er besteht aber nur deshalb, weil den Frauen die Vorbedingungen zur Einsicht, die allein zum Verständnisse der Mannesaufgabe führenden Kenntnisse fehlen. Das Kapitel von den für Männerberufe verständnisslosen Frauen ist allein schon ein Gegenstand, über welchen man viele Stunden lang sprechen könnte. Ich verweise Sie nochmals auf M i 1 l’s Buch; Sie werden daraus in höchst überzeugender Weise entnehmen können, was Sie werth sein könnten, wenn — Sie — wollten! Wie Sie, die hier gegenwärtigen Frauen, sind, kann ich selbstverständlich nicht beurtheilen. Jede aber von Ihnen frage sich: was bin ich meinem Manne oder irgend einem Manne? Folge ich dessen Ideen? Bin ich im Stande, ihn auf die Höhe dessen zu begleiten, was er als Lebensziel betrathtet? — Wenn ich früher hier gelehrt habe, dass Sie, meine Damen, ein Gehirn besitzen, welches anatomisch gerade so viel werth ist, als jenes der Männer, so habe ich dies nicht entfernt in erschöpfender, anatomisch-demonstrativer Weise darthun können, ja Sie haben nicht einmal den kleinsten Theil jener Details zu hören und zu sehen bekommen, welche zur Erhärtung meiner Behauptung nothwendig gewesen wären. Ich muss mich darauf verlassen, dass Sie mir glauben! Ich habe den richtigen und allein wahren Lehrsatz (trotz Bi sc hoff und Consorten) über Ihr Gehirn nur darum verkündet, um Ihren Muth zu stärken, ja Sie moralisch zu zwingen, das Ihnen von der Natur gegebene Pfund, eines in jeder Beziehung dem männlichen gleich gut organ isirten Gehirns, zu benützen und zu verwerthen, — durch Erwerbung von Kenntnissen. Leider sind aber sehr viele Frauen nur Feinde ihres eigenen Geschlechtes bezüglich einer höheren geistigen Entwickelung. Ja, das Weib hat in der That keinen schlimmeren und verbisseneren Gegner als sein eigenes Geschlecht. Die Mehrzahl der Frauen, — ich habe hier nur die besser situirten im Auge —, glauben leider, wenn sie das thun, was Maschinen viel besser leisten, was die unwissendste Magd, 56 das älteste Waschweib ebenso wie sie, ja vielleicht noch besser vollbringen können, dann ihre allein wahre Pflicht zu thun. Es gibt nun allerdings bürgerliche Verhältnisse, in denen dies sehr ehrenwerth ist, aber es gibt auch nicht wenige, in denen dies durchaus nicht genügt, sondern geradezu ein Vergehen ist und das Glück der Ehen, durch Zwietracht der Gatten, entschieden untergräbt! — Ich sagte früher: Sie sollen sich zu wahren Gehilfinnen des gebildeten und strebenden Mannes entwickeln. Sie wenden aber, und leider nicht unbegründet, ein: es fehlten Ihnen die Mittel hiezu, die Lehranstalten, vor Allem jene, welche das Fundament ernsterer, sogenannter klassischen Bildung zu legen haben, die Gymnasien. Sie verlangen die Errichtung von Frauen-Gymnasien. Nun, solcher bedarf es nach meiner Anschauung, vorläufig und später, nicht genau von der Beschaffenheit unserer K n a b e n - Gymnasien, d. i. im vollen Umfange der bei uns bestehenden Einrichtung dieser Gymnasien. Ich will nun zum Schlüsse, zur tieferen Begründung dessen, was ich früher als den Kernpunkt aller Einwendungen gegen höhere Frauenbildung und gründlichen Frauenunterricht bezeichnet habe, — ich will über die von Fachmännern verbreitete falsche Lehre von der Minderwerthigkeit des Frauengehirns noch vorlesen, was ich in meiner Schrift von 1S83 (»Frauenhirn, Frauenseele, Frauenrecht«) diesbezüglich in Schlusssätzen, als Resume meiner betreffenden Erfahrungen und Untersuchungen zusammengestellt habe. Der 1. Punkt jenes Resumes lautet wörtlich: »Die Gehirnanatomie ist nicht »im Stande zu beweisen, dass das Weib »»laut, göttlicher und natürlicher Anordnung«« »wie Bischoff sagt, ein niedereres Gehirn besitzt als der Mann, denn nicht ein ein- »ziger wirklicher und schlagender Unterschied zwischen den Gehirnen beider ist bisher »auffindbar gewesen.« Ich bemerke nun zu diesem Satze von 1883: er gilt heute noch vollständig, und ich kann Sie versichern, er wird nach Tausenden von Jahren noch ebenso gelten. Ich lese nun die Lehrsätze meines Resumes bezüglich des Frauenhirns weiter vor: Der oben (S. 52) angeführte Lehrsatz über das Frauenhirn wird von mir weiter so begründet: »Alle diesbezüglichen, vorgeblich beweiskräftigen Angaben von der In- »feriorität des Frauenhirns beruhen entweder auf Uebertreibung oder absichtlicher »Entstellung, oder unzweckmässiger und theilweise unlogischen Verwerthung der »wirklich nachzuweisenden Thatsachen. Das allein für die geistige Begabung eines »Gehirns Massgebende ist dessen graue Rinde und zwar die Grosshirnrinde. Diese »aber ist bisher niemals, weder bei einem Mannes- noch Frauenhirne, vom übrigen »Gehirn getrennt, gewogen und gemessen worden; es fehlen also alle Daten, die »allein wirkliche Auskunft über entscheidende Unterschiede zwischen Mannes- und »Frauenhirn geben könnten.« Und weiter: »Gehirngewichte und Oberflächen-Mes- »sungen des ganzen Gehirnes geben keine auch nur entfernt sichere Auskunft über »die Gehirnrinde, das eigentliche Seelenorgan; ganz gleich schwere und oberflächlich »gleiche Gehirne können die verschiedensten Rindendicken, (Seelenzellen-Schichten) »also die verschiedensten Geistesorgane besitzen.« »Auch haben alle bisherigen Wägungen und Oberflächen-Bestimmungen von »Gehirnen so viele Fehlerquellen, dass die anscheinenden Resultate der meisten »nur mit grösstem Misstrauen aufzunehmen und nicht zu massgebenden Schlüssen, 57 'i »am allerwenigsten zu solchen, für Unterschiede von Männer- und »Frauenhirnen zu verwerthen sind.« — Ein Hauptsatz meines Resume’s zur Widerlegung der vorgebrachten Bedenken über Kleine, Leichtigkeit etc. der Frauenhirne ist folgender: »Die anatomische Er- »fahrung lehrt, dass Menschen mit grossen, schweren, und solche mit kleinen, leichten »Gehirnen Bedeutendes in Geistesarbeit geleistet haben. Man ist mithin nicht berech- »tigt, weder aus dem Gewichte, noch aus der Oberflächengrösse eines Gehirnes, einen »irgend sicheren Schluss auf dessen geistige Leistungsfähigkeit zu ziehen. »Man ist also auch durchaus nicht berechtigt, selbst, wenn überall ein sicheres »grösseres Percent leichterer Frauen- als Männerhirne, bei neuerlichen grossen Wä- »gungsreihen, sich heraussteilen sollte, deshalb den Frauenhirnen eine geringere »geistige Leistungs- und Fortschrittsfähigkeit zuzuschreiben.« — Besonders wichtig für die Sache ist folgender von mir aufgestellte Lehrsatz: »Es muss endlich, als zwar nicht mit Messer und Scheere zu beweisen, aber doch »mit der Sicherheit, die menschliche Verstandesschlüsse überhaupt gewähren können, »behauptet werden, dass bei ganz gleichen Gewichten, ja selbst bei ganz gleichen »Oberflächen und bei ganz gleichen Rindendicken, zwei Gehirne doch ganz verschieden »geistig leistungsfähig sein können, weil eben die zweifellos angeboren »werdenden Qualitäten ihrer Rindenkugeln von Haus aus ver- »schieden waren, oder es später durch Ausbildung (Wissenserwerb, »Erziehung u. s. w.) geworden sind.« Ich zog aus diesen angeführten Lehrsätzen sodann 1883 folgende Schlüsse: »Aus allen dem Vorhergehenden ergibt sich wohl unwiderleglich, dass Alles, was bisher »über Gehirnunterschiede von Mann und Frau vorgebracht wurde, auch nicht mit »dem geringsten Schein von wahrem Recht, wahrer Wissenschaft- «lichkeit gegen das Frauenhirn verwerthet werden könne, — dass »mithin diese von Professor Bi sc ho ff angerufene »»göttliche und natürliche An- »ordnung«« nicht für etwas verantwortlich gemacht werden könne, für das sie es »durchaus nicht ist, weil — es eben gar nicht existil't. — für die vorgeblich »anatomisch nachzuweisenden Gehirnunterschiede von Mann und Frau.« Und weiter: »Wenn die Frauen der Mehrzahl nach bisher auf geistigem Ge- »biete sich minder entwickelt und daher auch productionsunfähiger erwiesen haben »als die Männer, was gar nicht geleugnet werden kann und soll; — wenn auch »die Grosssumme des geistigen und Kulturbesitzes der menschlichen Gesellschaft durch »männliche — und nicht durch weibliche — Gehirne erworben wurde, was ebenso »gewiss; — so können hierfür, wie wohl jeder Kulturhistoriker weiss, und jeder nur »einigermassen unbefangene, vernünftige Mensch zugeben muss, die bisherige Er- »ziehungsweise und selbst allgemein bekannte sociale Verhältnisse viel be- »gründeter verantwortlich gemacht werden als die anatomischen Gehirn- »unterschiede, weil diese eben durchaus nicht in einer diesen Leistungsunterschied »erklärenden/Weise existiren. Der Anatom müsste vielmehr, von s e i n e m Standpunkte »aus, geradezu überrascht sein, dass trotz solch 1 eminenter Analogie in der »Architectur der Gehirne beider Geschlechter das eine davon, das weibliche, im Durch- »schnitt bisher so wenig von Geistesarbeit geleistet habe. Müsste es sein! — wenn er »nicht durch die Kulturphilosophie, sowie durch eigene unbefangene Beurtheilung der »bürgerlichen Verhältnisse der Frauen, selbst bei den gebildetsten Nationen, bald er- »kennen würde, dass, wie in so vielen von der Natur scheinbar unwiderleglich ange- 58 »ordneten Dingen, nur die Menschen, d. h. hier die Männer, und nur sie allein »und nicht die Natur das Frauengeschlecht zu dem gemacht haben, was es vorläufig noch grösstentheils ist.« Ich behauptete daher 1883 und behaupte jetzt weiter: »Eine entsprechende Be' »handlungdes weiblichen Gehirnes durch Erziehung, Unterricht, Einführung das Selbstver- »trauen stärkender socialen Verhältnisse und Aehnliches — durch eine hiemit auch »naturhistorisch gegebene Weiterentwicklung der weiblichen Gehirn- »zellen, speciell ihres Grosshirnes, — wird zeigen und hat schon genügend in »der Neuzeit gezeigt, dass das weibliche Gehirn ganz ungemein leistungs- »fähig ist, ja in manchen Leistungsbeziehungen sogar jene des »Mannes übertrifft.« — Ich schalte hier eine cursorische Bemerkung ein, die mir sehr am Platze scheint. Wenn Sie, meine Damen, auch Roman-Lecture pflegen, werden Sie mehrfach heutzutage weibliche Leistungen in diesem Litteraturzweige finden, besonders auf deutschem, auch österreichischem, englischem, dänischem, schwedischem Markte, welche kaum in gleichem Reize und gleicher Feinheit psychologischer Beobachtung, besonders der Frauenwelt, von Männergehirnen hervorgebracht worden sind. — Ich lasse nun’ die wichtigsten Schluss-Mahnungen meines Resume’s von 1883 folgen: »Auch ist es, wegen des ungeheueren Einflusses, den die Menschen- »mütter organisch! auf das ja von ihnen allein zur Reife gebrachte Menschen- »geschlecht — laut sicherer und wahrhaft natürlicher Anordnung, — nehmen »müssen, — auf dieses gewiss zur höchsten Entwicklung prädestinirte Menschen- »geschlecht! — ich sage, es ist viel wissenschaftlicher und näher liegend, die »grösste Entwickelungsfähigkeit des Frauenhirnes als Absicht (ler »Natur anzunehmen, als das Gegentheil, wie die Frauenfeinde (Bi sc ho ff und Con- »sorten) vorgeben. Ja, diese erstere Annahme (die Absicht der Natur für die grösst- »möglichste Entwickelung des Frauenhirnes) ist, im Angesichte der heutigen Kenntnisse »über Entwickelungsgeschichte der Lebewesen, geradezu ein wissenschaftliches »Postulat!« Ich stellte daher 1883 schliesslich das Dogma auf: »Die Naturwissenschaft »verwirft also nicht die Frauen als Hauptwerkzeuge ihres Fortschrittes, — wde dies »die Gegner meinen, — sie fordert sie vielmehr unbedingt als unent- »behrliches Mittel für ihn.. Vergeblich wird der Egoismus der Einen Menschen- »hälfte sich gegen diese Forderung der Natur stemmen. Diese dringt, wenn auch oft auf »langen Umwegen, doch durch, und die Mauerbrecher hierzu sind immer Anfangs nur »durch einzelne Vorkommnisse und Erscheinungen gegeben.« »Mögen,« so lasse ich mein Resume von 1883 austönen, — »die gesagten »Worte auf die Leser, — und Hörer füge ich heute hin?u, — einen solchen Eindruck »gemacht haben, dass Sie Alle solche Mauerbrecher, wie eben besprochen, werden, »indem Jeder von Ihnen in seinem Kreise zur praktischen Geltung zu bringen suche, »was die anatomische Theorie für das Weib fordert: gleiches Gehirn, »gleiche Seele, gleiches Recht!« — Ich bin mit meinen Citaten, die Sie als Fahnenrufe bei Ihren Bemühungen für den Frauenfortschritt betrachten mögen, zu Ende und Sie — werden mit Ihrer Geduld ob der langen Vorlesung zu Ende sein. (Rufe: Nein, nein.) Diese Rufe sind zwar einladend, allein man kann eben nicht jeder Einladung folgen, darum will ich trachten, zu Ende zu kommen. — Es wäre, nebst vielem Anderen, vor Allem an das Gesagte noch eine Auslese von Vorschlägen zu knüpfen, welche für die Frauen eben das von Ihnen für Sie gewünschte gleiche Recht für Lehre und Menschenstellung ermöglichten, die Sie also befähigten, das zu erreichen, was ich von ganzem Herzen für Sie herbeiführen möchte. Da ich aber hier heute in einem Frauenvereine spreche, der zunächst ein ganz bestimmtes Vervollkommnungsmittel, die Errichtung eines Mädchen-Gymnasiums, verfolgt, möchte ich nur hierüber noch einige Worte sagen. Wenn ich in dieser Angelegenheit mit Ihren Plänen nicht ganz übereinstimme, so nehmen Sie mir dies nicht übel. Ich betrachte es als wesentliche Redneraufgabe, in ernsten Dingen keine Koncessionen zu machen, die der Ansicht des Redners widersprechen würden. Auch haben Sie den Trost, denken zu können: wenn er (d. h. ich) draussen ist, machen wir es doch, wie wir wollen! Nun, — Sie, meine geehrten Damen, wollen ein Mädchen-Gymnasium! Was will das Wort »Gymnasium« im wahren Sinne des Wortes aber sagen ? Ich gehe nicht auf die Bedeutung der alten, griechischen Institution »Gymnasium« ein, in der von Bewegungen weit mehr als von Wissenschaften die Rede war, ja von Ersteren meist ausschliesslich. Was ist der eigentliche Grundcharakter und Zweck unseres der maligen Knaben-Gymnasiums ? Der einer Anstalt zur Erlernung der sogenannt klassischen Sprachen, d. i. der lateinischen und altgriechischen. Dass diese Erlernung, und nur sie, der wahre Stempel des »Gymnasiums« sei, geht daraus hervor, dass Lehranstalten, welche die vortrefflichsten und wirklich, nicht illusionär, nützliche Kenntnisse ihren Schülern mittheilen, bei W ; eglall des Vortrages über alte Sprachen, niemals Gymnasien heissen und heissen »dürfen«. Hier drängt sich nun sogleich die Frage auf: istdie Erlernung dieser todten Sprachen für eine wahrhaft höhere Bildung unerlässlich oder wenigstens nothwendig? Ehrliche Antwort: ja. — Ist sie aber in der Art, dem Umfange und der Nutzanwendung nothwendig, wie sie an unseren Knaben-Gymnasien geschieht? Ebenso ehrliche Antwort : nein, und — dreimal nein! W 7 enn mir das Schicksal vergönnt hätte, meine officiöse Thätigkeit im Unterrichtsministerium Feuchter sieben (die leider nur vom Mai bis October 184S dauerte) weiter entwickeln zu können, so stünde es, dessen kann ich Sie versichern, mit der Gymnasien-Beschaffenheit in Oesterreich heute ganz anders! Leider aber war Feuchtersieben schon im December 1848 durch Entlassung ausser Amt und starb bald darauf. Mit ihm schwand auch für mich alle weitere Möglichkeit, in jener und aller nachherigen Zeit, fördernd auf das Unterrichtswesen in Oesterreich wirken zu können. Hätte das Schicksal nicht ein derartiges unabänderliches Veto gegen meine Wirksamkeit im Jahre 1848 eingelegt und dann im Jahre 1859 wiederholt (Graf Thun's Demission), so wären nicht nur viele Universitäts-Angelegenheiten ganz anders geordnet worden (1859), als sie es dermalen sind, — wir hätten auch schon seit 1848 ganz andersartige Knaben-Gymnasien — und dazu auch Mädchen-Gymnasien, seit — 44 Jahren! Ueber den Lehrplan dieser, schon 1848 von Feuchtersieben und mir ins Auge gefassten Mädchen-Gymnasien bezüglich der klassischen Sprachen hier noch ein W T ort. W 7 as wir damals beabsichtigten, hat noch heute, 48 Jahre später, seine volle Berechtigung; daher einiges Nähere. Wir haben, 1848, nicht im Entferntesten beabsichtigt, dass die Mädchen etwa GO den Griechen Aristoteles im Originale lesen! Dies erachteten wir für völlig überflüssig. Nebenbei gesagt, ist es auch ganz so für Knaben und Jünglinge. Vermag es Einer durch Privatfleiss, — gut für ihn; wichtig ist es nirgends und für Niemanden. Wir haben auch nicht gewünscht, dass die Mädchen durch alle Bücher des Lateiners T a c i t u s geführt werden und dass sie lateinische Originalaufsätze machen lernen. Ein gewisses Quantum jedoch der lateinischen und griechischen Sprache wäre aber jedesfalls an den Mädchen-Gymnasien gelehrt worden. Denn für jeden Menschen, der überhaupt eine Universitäts-Wissenschaft cultiviren will, — hiezu dürften bald manche unserer Mädchen gehören, — ist ein gewisses Budget der alten Sprachen, besonders der lateinischen unentbehrlich. Schon darum, weil sie die einzige Sprache ist, in der sich die Gelehrten aller Völker der Erde leicht und ohne Vor- urtheil verständigen — könnten. Es stand wahrlich weit besser um den Frieden der Völker in nationaler Beziehung, als die Gelehrten aller Nationen ihre Werke nur und exclusive in lateinischer Sprache schrieben. Was haben wir denn von jenen Büchern, und wären es die besten, die z. B. heutzutage in czechischer oder ungarischer Sprache abgefasst sind? Wird irgend ein deutscher oder französischer oder englischer Gelehrter je czechisch oder ungarisch so gründlich, ja nur überhaupt lernen, um die gelehrte, bisweilen wirklich Treffliches bietende Litteratur dieser Völker im Originale verstehen zu können ? Die hiezu nöthige sehr geraume Zeit wird Jeder weit besser und erspriesslicher auf eigene wirkliche Forschung zu verwenden wissen. Und wohin ist es heute durch eine wahrhaft erbärmliche Rivalitätssucht in Sprachenfragen und durch die ebenso naturhistorisch wie politisch völlig unberechtigte und unkluge Nationalitäts-Flunkerei gekommen, — auch in der Gelehrtenwelt gekommen? Die Dänen z. B. haben eine Sprache, die der deutschen sehr nahe verwandt ist; sie wissen auch alle ganz gut deutsch. Sie sind aber seit dem Schleswig- Flolsteinischen Krieg solche Deutschenhasser geworden, dass sie, die früher alle ihre gelehrten Abhandlungen in deutscher Sprache abfassten, nun sich stellen, als ob Deutsch für sie Arabisch wäre, und was sie schaffen, in dem, doch nur auf einer winzigen Flrdscholle verständlichen Dänisch schreiben, — höchstens noch mit einem französischen Resume! Solcher Beispiele liessen sich noch sehr viele anführen. Bedenken Sie nun, welche Schwierigkeiten hieraus heutzutage für die Wissenschaft erwachsen. Bis zur zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts schrieben die Gelehrten aller Völker ihre Werke nur in lateinischer Sprache. Es wäre ein wahres Glück für uns, wenn es wieder so käme! Nicht Alles erwägende Gegner der alten Sprachen wenden immer ein, diese Sprachen seien todt. Ja, w'enn sie Niemand zum allgemeinen Gebrauche cultivirt, sind und bleiben sie freilich todt. Wenn das lateinische Idiom wieder allgemeine Schriftsprache würde, hörte es sogleich auf, eine todte Sprache zu sein. Eis wäre das trefflichste, friedlichste und auch ausreichendste Verständigungsmittel der Gelehrten aller Völker der Erde. — Die altgriechische Sprache hingegen mit ihren zahlreichen Dialecten hat nie eine derartige Verwendung als Schriftsprache gehabt und kann daher auch ganz gut, mit Ausnahme einiger elementaren Kenntnisse und des Erwerbes eines gewissen Wortquantums derselben, — besonders in ihrem dermaligen bei uns (— nicht mehr in Transleithanien ! —) leider üblichen Betriebsumfange, — aus dem Lehrplane der Gymnasien sowohl für Knaben als noch mehr für Mädchen entfernt werden. — — Ül — Ich bin daher entschieden dafür, dass für Frauen, — auch abgesehen von solchen, die später Universitäts-Studien anstreben, — jenes von mir schon 1S4S in’s Auge gefasste Quantum und Quäle der lateinischen Sprache jedesfalls in Lehranstalten gelehrt werden müsste, die Sie als Gymnasien anstreben. Dieses Lateinische müsste jedoch in absolut anderer Weise, anderer Zeitfolge und nach anderem Umfange gelehrt werden, als dies an unseren heutigen österreichischen (und deutschen) Knaben-Gymnasien der Fall. Dass aber einem zweckgemässen Unterrichte zunächst der lateinischen Sprache, auch nicht die geringste Schwierigkeit von Seite dur Mädchenfähigkeiten im Wege steht, ist sehr leicht zu constatiren. Betrachten wir einen Augenblick, was die Mädchen der gebildeten Stände in der Jetztzeit lernen. Sie lernen fast Alle Französisch, Italienisch, Englisch, und dies ganz vortrefflich. Ich kenne z. B. nicht wenige deutsche Mädchen, die beinahe besser Englisch sprechen und schreiben, als ihre deutsche Muttersprache. Glauben Sie nun etwa, dass Französisch oder Englisch leichter zu erlernen ist als Lateinisch ?! Eine Sprache, in der die Worte genau so ausgesprochen werden, wie sie geschrieben sind, wie dies im Lateinischen der Fall, ist schon darum viel leichter als alle sogenannten modernen Sprachen zu bewältigen. Ich habe die feste Ueberzeugung, dass Knaben und Mädchen in zwei gehörig verwendeten Jahren vom Lateinischen so viel erwerben können, als sie im Durchschnitte für das Leben, — die Universitäts-Gegenstände aller Facultäten, mit Ausnahme der klassischen Philologie, miteingerechnet — brauchen. Indem ich also nochmals hervorhebe, dass der Unterricht in der lateinischen Sprache auch für Frauen nöthig ist, bin ich insoferne mit Ihrem Unternehmen einer Mädchen-Gymnasiums-Gründung einverstanden. Was weiter die anderen Lehrgegenstände eines Gymnasiums betrifft, so lernen die meisten Mädchen besserer Stände dieselben schon ohnedem heutzutage. Werden ja doch Geschichte, Geographie, Mathematik, Physik, Chemie, Zoologie und Botanik in allen besseren Mädchen-Lehranstalten vorgetragen. Jedesfalls müssen Sie aber trachten, Männer für diese Vorträge zu gewinnen, die vor Allem den Frauen auch wohlwollend gesinnt sind, und die nebst ihren Fachkenntnissen eine gewisse universelle Bildung besitzen. Einseitige, selbst sehr gelehrte Lehrer sind für Frauenschulen ganz unbrauchbar! Ich hege weiter die feste Ueberzeugung, dass Sie, meine jungen Hörerinnen, Ihre lateinischen Aufgaben viel besser machen werden, als die Mehrzahl Ihrer Brüder! Von den Knaben wollen ja sehr viele die alten Sprachen gar nicht lernen; ja Viele verabscheuen sie sogar, daher der schlechte Fortgang so vieler Gymnasisten in den unteren Classen gerade im Lateinischen. Die Mädchen hingegen, die den Latein-Vorträgen Ihrer projectirten Schule folgen werden, lernen Alle gerne, ja kommen nur deshalb. Auch sind sie an und für sich meist schon sehr befähigt, da gewiss nur solche Befähigte Ihr »Gymnasium« besuchen werden. Sie werden daher Alle sehr eifrige Schülerinnen sein und schnell gute Fortschritte auch in der »alten Sprache« machen. Für die Naturwissenschaften, speciell für Anatomie und Physiologie des Menschen- und Thierkörpers, bin ich selbst gerne erbötig, Ihnen mit Rath und That beizustehen, wenn anders mein Gesundheitszustand im nächsten Winter dies erlaubt. (Bravo-Rufe.) Gestatten Sie, dass ich bei Nennung der beiden Fächer Anatomie und 62 Physiologie des Menschen einen Augenblick verweile. Ich halte dafür, dass für alle Mädchen, die einmal heirathen wollen, und auch für solche, die hiezu nicht Gelegenheit haben, die aber sonst in Familien hilfreich leben, eine gewisse Summe von anatomisch-physiologischen Kenntnissen ein sehr nothwendiger Hausbedarf ist. Denn, wer stiftet oft mehr Unheil in sanitärer Beziehung als die Frauen, — durch ihre, nur zu oft auf falschen Autoritäts- oder auch auf Aberglauben beruhenden »Kuren«? Und wem von allen Laien wäre es eigentlich nothwendiger, als den »Müttern unserer Kinder«, fachgenväss unterrichtet zu sein: über die wahren anatomischen und hygienischen Verhältnisse, die im gesunden und kranken Leben massgebend sind und die von Natur aus bestehen, welche aber meist durchaus nicht den Meinungen, Lehren, Vorstellungen jener traditionellen »Altweiber-Weisheit« entsprechen, die leider nur zu oft das ganze medicinische Hausbudget unserer »erfahrenen« (?) Hausmütter bildet? .Den betreffenden Unterricht müsste aber ein Mann übernehmen, der nebst gründlichen Fachkenntnissen auch über eine gewisse Summe »sociologischer« Erfahrungen über das Frauenleben verfügt. Dieser, der vor Allem auch die »Mütteraufgabe« ins Auge zu fassen hätte, müsste Anatomie im Vereine mit Physiologie, d. i. Bau- und Zweck-Lehre des menschlichen Körpers, in einer für Frauen passenden und auch fasslichen Weise lehren. Wenn mir der Schöpfer noch weiter das Leben gönnt, übernehme ich diese Aufgabe für Ihre Bedürfnisse sehr gern. (Bravo-Rufe.) — Ich hoffe, meine geehrten Damen, wir haben uns bis nun verstanden! — Natürlich wird es nicht immer und nicht einmal lange gehen, dass Ihnen unentgeltliche Lehrer zur Verfügung stehen. Ich muss daher nothgedrungen, freilich malgré moi, noch einen Augenblick bei einem etwas . heiklen Punkte, bei der Geld angelegenheit der Gymnasienfrage Ihres Vereines, und was damit zusammenhängt, verweilen. Um Ihnen nun Sachlage und Würdigung solcher Dinge, wie es die Frauen- Gymnasialfrage ist, durch die Menge unserer Mitbürger, — d. i. die Geldbeschaffung für solche Dinge durch freiwillige Beiträge, selbst zu besten Zwecken, — ein wenig und zwar als Schlusseffect unserer Vorlesung in etwas humoristischer Weise näher zu bringen, erlaube ich mir auf ein analoges Factum aus meinem früheren Leben, erzählend, zurückzugreifen. Ich hatte im Sommer 186h, auf mehrfaches Ersuchen betheiligter Personen, die temporäre Leitung des Thiergartens im Prater übernommen, der damals seit drei Jahren bestand und trotz seines blühenden und vielversprechenden Anfanges ob schlechter Verwaltung dem völligen Untergange zuneigte. Ich übernahm diese Leitung unter den allerschlechtesten .Auspicien, da damals gerade unsere »norddeutschen Brüder« sich Wien zu dessen Belagerung näherten. Ich kündigte nun, bei meiner Uebernahme des Director-Postens, Juli 1866, eine Vorlesung im Hörsaale des Thiergartens an, zur Darlegung meiner Pläne und Zwecke für denselben. Die Vorlesung war unentgeltlich und sollte wesentlich fördernd auf den Beitritt der besseren Wiener Bevölkerung zu einer neu zu kreirenden Thiergarten-Gesellschaft (— die alte war fallit geworden —) wirken. Einige Tage, nachdem ich diese Vorlesung gehalten, erschien in dem Ihnen wohlbekannten Witzblatte »F’igaro«, damals von einem meiner ehemaligen Hörer, Herrn Med. Cand. Sitter redigirt, ein offener Brief an mich, den ich Ihnen als Erheiterungs- und noch mehr als Belehrungsmittel, ob seines wirklich treffenden und noch heute völlig gütigen Inhaltes, wörtlich vorlesen will. 63 Dieser Junibrief 1860 lautete: »An den neuen Leiter des Thiergartens, Herrn »Professor Doctor Brühl, in Wien.« »Hochverehrter Herr!« »Sie haben vorigen Montag die gesammte Intelligenz von Wien zu einer Ver- »Sammlung im Thiergarten berufen, und Ihr Appell ist von den besten Erfolgen ge- »krönt worden; denn es sind wirklich über hundert Personen erschienen. Es hat uns »herzlich gefreut, einmal die Gesammtintelligenz einer Weltstadt mit einem Blicke •>mustern zu können ; weniger sind wir von den Eröffnungen befriedigt gewesen, die >Sie unserer Intelligenz gemacht haben.« »Sie behaupten, Herr Professor, es sei für eine Grossstadt wie Wien »»Ehren- »sache««, dass es eine Unternehmung, wie den Thiergarten, nicht zu Grunde gehen »lasse, indem „15 ähnliche Unternehmungeri in 15/viel kleineren Städten in Deutsch- -- *«v;- i— --*■&>**.■** ' »land leben, wachsen und gedeihen.« »Ein Thiergarten »»Ehrensache«« für den Wiener! Lächerlich! Als wenn es für »die Wiener keine würdigere Gesellschaft gebe, als Dromedare und Orang-Utange! »Wissen Sie, was für den echten Wiener »Ehrensache« ist? Es ist für ihn »Ehren- »sache«, dass er täglich seinen »Taper« oder seine »Billard-Preferance« macht, dass »er Abends mit seiner Gattin und Nachkommenschaft zum Heurigen geht und dort | »noch einen Gulden beim »Krainer« oder beim »Kegelschieben« verspielt. Für den ? »echten Urwiener ist es »Ehrensache«, dass er beim »Petersdorfer Umgänge«, beim »Mariabrunner Kirchtag«, kurz um bei jeder ordentlichen »Hetz« dabei ist. Wie soll »ihm da bei der jetzigen Zeit noch monatlich ein Gulden überbleiben, um denselben »für ein so verfehltes Unternehmen, wie unser Thiergarten, hinauszuwerfen?« »Und verfehlt war diese Anlage im Vorhinein, denn wenn deren Gründer dem »Geschmacke des Wiener Publikums nur einigermassen Rechnung getragen hätten, >so würden Sie in demselben — anstatt ungeniessbarer Paviane und Riesen-Sala- - »mander; fette Kapauner und Backhendel, Karpfen und Forellen, oder wenigstens tri- >chinenfreie Schweine cultivirt und zu billigen Preisen ausgeschrottet haben.« »Mit geringer Achtung vor Ihrem praktischen Verständnisse der Wiener Ver- I »hältnisse, »zeichnet »Doctor Sixtus Plützerl, m. p.« (Sollte heissen: Red. Sitter.) Also der Figaro-Brief. Hr. Sitter hatte seinerzeit vollkommen Recht gehabt — und Sie, meine Damen vom Vereine »für erweiterte Frauenbildung«, sind dermalen in einer sehr ähnlichen Situation bezüglich Ihrer Unternehmungen, wie damals der Thiergarten. Ein Verein »für erweiterte Frauenbildung« in Wien!, seit Jahren bestehend! — und Sie zählen bis heute nur 284 Mitglieder — sage 284 Mitglieder in der Residenz Oesterreichs mit mehr als Einer Million Einwohner! Dies ist wahrlich eine Schmach; jedoch für wen ? Für die Mitglieder des Vereines gewiss nicht, sondern für diejenigen, welche es nicht sind und es doch bei dem so geringen freiwilligen Beitrage leicht sein könnten. Mir erscheint es eigentlich ganz unfassbar, dass unter den vielen Tausend gebildeter Frauen unserer Residenz so wenige das Bedürfniss fühlen, für die Erhöhungsmöglichkeit des geistigen Bildungs-Niveaus ihres Geschlechtes etwas zu thun. 4 64 Es wäre nun gewiss, meine Damen, für Sie nicht uninteressant, wenn ich noch vor Ihnen entwickeln würde, warum, nach meiner Meinung, diese vielen Tausend Frauen von einer »erweiterten« Frauenbildung nichts wissen wollen! — Weil Sie, die Gegenwärtigen, aber zu diesen gewiss nicht gehören und unsere Vorlesungsstunde längst abgelaufen ist, schliesse ich, indem ich mich Ihrem geneigten Andenken bestens empfehle, — nur noch den Wunsch aussprechend, es möge mir bald Gelegenheit und Müsse gegönnt sein, das heute hier meist nur andeutungsweise Berührte ausführlicher mit Ihnen besprechen zu können. (Lebhafte Bravo-Rufe und Händeklatschen; die Red.) Gesellschafts-Buchdruckerei Brüder Hollinek, Wien, III., Enlbergstr. r ( TMW-Bibliothek 00810041 Technisches Museum Wien Bibliothek 41 . 709/1