X. Vereinsjahr. October 1897— October 1898. des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien. BEILAGEN: VI. Bericht über die gymnasiale Mädchenschule. Rückblick vom 28. October 1888 bis 28. October 1898. , Aus der Heimat der Medea. Preis für Nichtmitglieder 30 kr. Verkaufsstellen : Bureau des Vereines, I., Wipplingerstrasse 8, und in den Buchhandlungen der Herren CARL KONEGEN, I., Opernring 8. JULIUS SCHELLBACH, I., Kärntnerstrasse 30, und BERMANN & ALTMANN, I., Johannesgasse 2. Gesellsctaafts-Buchdruckerei Brüder Hollinek, Wien, III., Erdbergstr S. X. Vereinsjahr. October 1897-October 1898. des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien. BEILAGEN: VI. Bericht über die gymnasiale Mädchenschule. Rückblick vom 28. October 1888 bis 28. October 1898. Aus der Heimat der Medea. Preis für Nichtmitglieder BO kr. Verkaufsstellen: Bureau des Vereines, I., Wipplingerstrasse 8, und in den Buchhandlungen der Herren CARL KONEGEN, I., Opernring 3, JULIUS SCHELLBACH, I., Kärntnerstrasse 30, und BERMANN & ALTMANN, I., Johannesgasse 2. Gesellschafts-Buclidrackerei Brüder Hollinek, Wien, III.. Erdbergat.r 8. ?o° ,3 WW.IOTHEK pVtechnisciie* Minuseumwien X. Jahresbericht des Vereines für ermeiterte Frauenbildung in Wien. Erstattet in der Generalversammlung am 11. November 1898. y////////// m&m Seehrte Versammlung! Sie alle, geehrte Anwesende, ahnen, wissen, wem auch hier wie allerorten in unserem Lande der erste Gedanke, das erste Wort gewidmet sein soll. Noch immer klingt der dumpfe Nachhall jenes Schicksalsschlages wieder, der inmitten erhöhter Festesstimmung die Herzen traf. Ich will im Namen des Vereines für erweiterte Frauenbildung, dessen Mitglieder als treue Bürger zum Reiche stehen, den Hingang unserer Kaiserin beklagen. Ich will im Geiste unseres Vereines der ersten Frau im Reiche gedenken, die unter der Krone stolz und frei, selbstherrlich in ihrem tiefen Eigenwesen, in unberührter Wahrhaftigkeit durch das Leben schritt. Sie trug das Frauenschicksal, von dem geschrieben steht: es ist beklagenswert. Sie hat leiden und mitleiden gelernt. Sie war eingeweiht in alle Geheimnisse jener hohen Schule der Schmerzen, die uns Frauen seit jeher so willig aufnahm, und ihr Gebet war das Gebet einer Mutter unter dem Kreuze. Sie wandelte den eigenen Pfad dem Lichte entgegen mit dem gelassenen Mutlie des Edlen, der unter Musen und Grazien die Stirn dem Unglück, die Brust dem Tode bietet. So traf die hohe Frau der Ausbruch jener rohen Mordlust, die selbst vor der durch Leiden gebeugten Frau, vor der Priesterin der Liebe und des Friedens nicht zurückschreckt. Am Heiligthum der Familie und des Volkes geschah die Unthat. Diesem Heiligtliume mit vermehrtem Eifer dienend wider Unwissenheit und Gewalt, wollen wir sie sühnen helfen. * Der Rechenschaftsbericht des Jahres 1898, den die Vereinsleitung der geehrten Versammlung unterbreitet, schliesst sich der General-Versammlung vom 10. Februar d. J. an, und umfasst daher, nur die Ferialmonate abgerechnet, die Thätigkeit einiger Monate. Die letzte General-Versammlung liess die Vereinsleitung in ihrer Zusammensetzung unverändert fortbestehen; doch Frau Nina Hoffman, ihr und des Vereins treu bewährtes Mitglied, hat im Laufe des Jahres, schriftstellerischen Arbeiten zulieb, das Auschuss- mandat zurückgelegt. Se. Magnificenz der Prorector der Wiener 6 Universität, Professor Leo Reiniscli, dem das Frauenstiidium Förderung und offenherzige Anerkennung dankt, sowie Fräulein Dr. Gabriele Baronin P o s sanner, die erste „rite promovierte“ Ärztin der Monarchie, wurden zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt. In Fräulein Helene Richter trat der General-Versammlung eine sympathische Persönlichkeit gegenüber, die über das Thema: „Shelley und die Frauen“ in gewinnender Sprache die Auswahl des Trefflichsten aus einer wohlbeherrschten Fülle zu geben wusste. Grossen An wert fand auch ein Vortrag der Frau Maria Ernestowna Glaser, die ihre im vieljährigen Contacte mit den Völkern des Kaukasus erworbenen Kenntnisse von deren Sitten und Bräuchen, Sprache, Literatur und Geschichte in einem farbenreichen Bilde des Georgischen Frauenlebens: „Aus der Heimat der Medea“ in interessantester Weise verwertete. Im Laufe dieser Monate legte Fräulein Kamm er ling, welche an den Universitäten von Wien und Zürich Collegien hörte, die Prüfung für das Lehramt am Gymnasien ab. Ebenso können wir Fräulein Sembor, deren Lehrthätigkeit an dem Prager Mädchenlyceum eine Stätte gefunden, als akademisch gebildete Mittelschullehrerin freudig begrüssen. Mehr als in allen vorangegangenen Jahren trat heuer die Schule des Vereines in den Vordergrund. Die erste Matura unserer Gymnasiastinnen zog die öffentliche Beachtung in hohem Masse auf sich und als das Ergebnis derselben bekannt wurde, zeigte sich eine alle Erwartungen übertreffende Theilnahme der Presse und des Publikums an dem schönen Erfolge, von dem man keineswegs sagen kann, er sei auch nur im geringsten der Gunst von Umständen oder Personen zu danken. Wir citieren über das Resultat derselben von den zahlreichen Berichten, die im Juli d. J. in den Blättern erschienen, den der „Neuen freien Presse“ • „Die erste Maturitätsprüfung der Schülerinnen der gymnasialen Mädchenschule des Vereines für erweiterte Frauenbildung, ein Ereignis im Schulleben Wiens, ein grosser Erfolg in der Frauenbewegung Deutsch Österreichs, ist im wesentlichen abgeschlossen. In dem Ergebnisse, wie es die nachfolgenden Ziffern ausdrücken, liegt der vollerbrachte Beweis für die Parität der Leistungsfähigkeit im Studium, welche dem weiblichen Geschleckte mit soviel Eifer und Hartnäckigkeit bestritten wurde. Bei den am 9., 11. und 13. Juli erfolgten Prüfungen erhielten von den 18 Abiturientinnen zwei das Zeugnis der Reife mitAuszeichnung, neun das Zeugnis der Reife, eine wurde abgemeldet, zwei haben im Herbste die Nachprüfung für Mathematik, zwei für Griechisch abzulegen, zwei Abiturientinnen wurden auf ein Jahr reprobiert. Vergleichen wir damit das Resultat der Maturitätsprüfung der Schüler des akademischen Gymnasiums, wo von 24 Schülern drei die Auszeichnung, 13 das Reifezeugnis erhielten, _ fünf eine 7 Nachprüfung zu bestehen haben und drei reprobiert wurden, so linden wir, dass die Gymnasiastinnen fast genau denselben Percentsatz wie die Schüler des akademischen Gymnasiums aufzuweisen haben. Um aber den Erfolg dieser ersten Maturitätsprüfung der gymnasialen Mädchenschule völlig zu würdigen, muss man die Schwierigkeiten beachten, die im Wege lagen. Denn die Gymnasiastinnen genossen als Exsternistinnen keine jener Erleichterungen, wie sie den regelrechten Schülern des Gymnasiums in so reichem Masse laut gesetzlicher Bestimmungen zutheil werden. Vom Beginne des Schuljahres bis April mussten die Abiturientinnen für die sogenannten Vorprüfungen studieren. Ein Examen, das für die jungen Männer entfällt. Während diese von ihren eigenen Lehrern geprüft wurden, mit denen sie bis zu sechs oder sieben Jahren gemeimsam gearbeitet hatten, standen die Maturantinnen fremden, strengen Richtern gegenüber. Wenn trotzdem die Prüfungsresultate, wie dies durch den ziffermässigen Vergleich festgestellt wurde, denselben Procentsatz ergaben, so kann und braucht hier nicht erwähnt zu werden, wieviel Mühe und Arbeit, wieviel Kämpfe und Opferwilligkeit dieser Erfolg gekostet hat. Die Gegner der Sache des Erauenstudiums werden mit Bedauern ein Bollwerk erstürmt sehen, das sie so lange und so tapfer vertheidigt haben; alte Freunde des Fortschrittes und der wirklichen Hebung der Frauenbildung, von der wir Segensreiches erwarten, freuen sich mit den wackeren Abiturientinnen des wohlerworbenen Sieges und ‘beglückwünschen sie zur bevorstehenden Vereinigung mit der Alma mater. “ Da fünf Mädchen die Nachprüfung im Herhst erfolgreich bestanden, so haben von den 19 Mädchen zwei (eine Privatistin) die Matura mit Auszeichnung und 14 mit gutem Erfolg bestanden und zwei wurden auf ein Jahr reprobiert. Die Vereinigung mit der Alma mater hat sich seitdem vollzogen: die 16 Maturantinnen vom Juli sind heute ordentliche Hörerinnen der Wiener Universität. Dass die Studentinnen auch auf ihrer akademischen Laufbahn der regen Fürsorge nicht entbehren werden, erhellt aus der schon jetzt activierten grossherzigen Stiftung unseres Ehrenmitgliedes Fräulein Marie von Najmäjer. Die Dichterin, welche die Abiturientinnen mit einer grossmüthigen Gabe als Zeichen ihrer freundlichen Gesinnung überrascht hatte, stiftete ein Stipendium von jährlich 300 fl. für ordentliche Hörerinnen der Wiener Universität, auf dessen Bezug die absolvierten Schülerinnen der Gymnasialschule des Vereines, nach dem Willen der Spenderin, den nächsten Anspruch haben. Der Schule, deren erste Classe in diesem Jahre mit 44 Schülerrinnen eröffnet wurde, ist leider in diesem Herbste zum tiefsten Bedauern der Vereinsleitung, des Lehrkörpers und der Schülerinnen durch den Abgang des allverehrten und so überaus 8 verdienten Herrn Dr. Emanuel Hannak ein grosser Verlust erwachsen. Überbürdung mit Amtsgeschäften, die seine wissenschaftliche Thätigkeit hemmten und seine Kräfte allzusehr in Anspruch nahmen, zwangen den ersten unvergesslichen Leiter der Anstalt, seinen so opferwillig behaupteten Posten aufzugeben. Die Vereinsleitung betrachtet es als einen besonders tröstlichen Umstand, dass sie in der Person des verdienten, vieljährigen Leiters des Leopoldstädter Gymnasiums, Herrn Regierungsrath Halmschlag, der schon während des letzten Jahres Director Hannak unterstützte, eine leitende Kraft gewinnen konnte, die der Bedeutung der Schule völlig entspricht und von der mit Zuversicht der bisherigen, gleichkommende Resultate zu erwarten sind. Weitere Veränderungen im Stande des Lehrkörpers enthält der Schulbericht. Wie alljährlich, fand auch heuer eine fröhliche Maifahrt statt. Fast sämmtliche Schülerinnen, eine Anzahl ihrer Lehrer, sowie mehrere Mitglieder der Vereinsleitung nahmen an diesem Ausfluge nach Guntramsdorf theil. Das Scheiden der ersten Abiturientinnen von der Lehranstalt verlieh der heurigen Schlussfeier einen besonderen Charakter. An deutsche, lateinische und griechische Recitationen dreier Schülerinnen schloss sich die Abschiedsrede der Abiturientin Fräulein Grete Müller, deren schlichte, gemüth- und verständnisvolle Worte alle Herzen gewannen. Hierauf folgte eine hauptsächlich an die Abiturientinnen gerichtete, warme und inhaltsschwere Rede des Directors, die das zahlreich versammelte Publicum, der Bedeutung dieser Stunde eingedenk, mit laut bezeugtem Beifall vernahm. Fräulein von Grünzweig dankte im Namen der Vereinsleitung dem Director Dr. Hannak für die vorzügliche Leitung der Schule, dem gesammten Lehrkörper für seine erfolgreiche Thätigkeit und den Schülerinnen für ihren Fleiss und Ausdauer. Den Wortlaut der beiden Reden gibt der Schulbericht. Dieser stimmungsvollen Feier brachten alle Anwesenden ein wohlwollendes Mitfühlen und Verständnis entgegen. Möge der innigen Dankesbezeugung, welche die Vereinsleitung heute an so Viele, in erster Linie aber an den verehrten Herrn Director Hannak, richtet, ein gleiches Schicksal beschieden sein. Nicht eine blosse Pflicht soll damit erfüllt werden, aus ganzem Herzen drängt es uns, die wir aus kleinen Anfängen zu immer grösserem Werke vorschreiten, zu danken. Denn im Förderer und Geber dürfen wir auch den gleichgesinnten Freund ehren, und selbst wo wir nicht Gleichheit der Gesinnung voraussetzen dürfen, schätzen wir das tolerante Wohlwollen, welches der Überzeugung Raum zur Entfaltung gönnt. Wir danken der hohen Regierung und den Behörden, auf deren fernere wachsende Pheilnahme wir so sehr angewiesen sind, der Commune Wien, die unserer Schule ihr schützendes Dach gibt, wir danken den Männern der Feder, die 9 wehrend und klärend für uns eintraten. Wir danken bewegten Herzens dem scheidenden Director unserer Schule und ihren Lehrern für ihre viele Mühe, den Eltern unserer Schülerinnen für ihr Vertrauen. Wir danken schliesslich allen, die uns die Sorge für unsere Schützlinge erleichtert haben. Allen Mitschreitenden aber auf der Bahn, die jetzt schon freier und breiter aufwärts führt, sagen wir mit Zuversicht: So weit vom Ausgang, das kann nicht mehr zuweit vom Ziel sein! 4 10 Zehntes Vereinsjahr. Cassa- Einnahmen. Bargeld am 1. October 1897 . Vom Gymnasial-Schulfond erstatteter Vorschuss. Für einen Stifterbeitrag von Frau Helene Suess-Rath. „ „ Gründerbeitrag von Frau Emma Pokorny. „ Mitgliederbeiträge. „ Spenden . „ Einnahmen bei den Vorträgen. „ Jahresberichte. Aus der Sparcassa behoben. Für Zinsen der Wertpapiere und Guthaben bei der Länderbank vom vorigen Jahre. „ Zinsen der Sparcassabücher.. . . Saldo. Summe . . ß. kr. 141 76 19 54 300 — 50 — 759 — 5 — 120 50 1 18 100 — 449 20 8 60 9 69 1964 i 47 Revidiert und richtig befunden: Anna hindl, Revisorin. Cat*l Konegen, Revisor. 11 Bericht. Zehntes Vereinsjahr . Ausgaben. ft. ! kr. Für n n n r> r> n n n Auslagen anlässlich der Generalversammlung in Verbindung mit einem Vortrage, und zwar: für Saalmiethe, Druck der Wahlzettel und Einladungen, deren Versendung und kleine Auslagen. Saalmiethe, Druck und Versendung der Einladungen, Beistellung eines Skioptikon und kleinen Auslagen anlässlich dreier Vorträge. ausserordentliche Auslagen, und zwar: Beitrag zum Kranze der Frauenvereine Wiens für weiland Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth, Grabkranz für Dr. Bondi und Beitrag zur Weihnachtsfeier im Karolinen-Kinderspital. einen Beitrag zur Erbauung der Gedächtniscapelle für weiland Ihre Majestät Kaiserin Elisabeth. Mitbenützung des Bibliothekssaales an den Verein der Lehrerinnen . Abschriften, Ausfertigung von Ehrendiplorrien. Stempel, Porti, Kanzleierfordernisse und diverse Auslagen für das Vereinslocal Bücher, Broschüren, Journale... Auslagen anlässlich des Festabendes der ersten Abiturientinnen der gymnasialen Mädchenschule. Beitrag zum Sängerhausverein. Druck und Versendung des Jahresberichtes. das Incasso der Mitgliederbeiträge. den Ankauf von Wertpapieren. Sparcassa-Einlagen. Guthaben bei der Länderbank. Summe . . . 61 ! 70 | 131 21 22 40 25 50 — 81 79 25 34 35 82 5 — 175 76 45 — 722 65 133 60 449 20 1964 ; 47 Hermine von Grünzweig, Ca s sa - V er walterin. 12 Cassa- des Gymnasial- Einnahmen. An Einschreibgebüren und Schulgeld „ Spenden . Aus der Sparcassa behoben . . . . An Zinsen des Sparcassenbuches . . „ „ der Wertpapiere . . . . Summe fl- hr. 15913 340 150 4 187 15 60 i 16594 75 Revidiert und richtig befunden: Anna hindl, Carl Konegen, Revisorin. Revisor. Bericht Schulfou (1 s 13 Ausgaben. Dem Vereine für erweiterte Frauenbildung erstattet. An Auslagen für den Unterricht. Für Bücher, Drucksorten und Nebenauslagen. „ Einrichtungsgegenstände. „ Beleuchtung und Beheizung. „ Benützungsbeitrag für Lehrmittel. „ Plakatierung . . . „ Druck und Versendung von Circularen. ,, ^Unterstützung einer bedürftigen Schülerin der Gymnasialen Mädchenschule . . . „ Stipendien an der k. k. Zeichenschule für Frauen und Mädchen ,, Anschaffung von Wertpapieren. „ Einlagen in die Sparcassa. „ Guthaben bei der Länderbank. An Bargeld. fl. kr. 19 54 15157 56 68 21 203 80 126 83 50 — 51 25 19 33 31 — 150 — Summe . . Hermine von Grünzmeig, Cassa-Verwalterin. 206 62 234;15 187 1 60 88 : 86 16594: 75 amm u V ermögensstand des Vereines für erweiterte Franenbildung in Wien am Schlüsse des zehnten Vereinsjahres. //. I kr.' j 2000 fl. n.-ö. Landes-Hypothekar-Pfandbriefe, Courswert .... 2016 — 1 2100 „ Notenrente, Zinsen Februar—August, „ .... i 2122 ■ 05 1700 „ „ „ Mai—November, „ . . . . | 1720 ; 40 100 „ „ „ Jänner—Juli .• . . j 101 05 100 Kr. ungarische Rente. 48 92 8 Stück serbische Tabaklose. 1 38 ‘ — Sparcassa-Einlagen., 196 95 Guthaben bei der Länderbank. 449 j 20 i 6692 57 Summe 15 V ermögensstand des Gymnasial-Schulfonds am 30. September 1898. * I Marie von Najmäjer-Stiftung: 4000 fl. Notenrente, Zinsen Mai l bis November, Courswert. i 100 fl. Notenrente, Zinsen Mai—November, Courswert . . . . j 500 „ „ Februar—August, „ . . . . . Sparcassa-Einlagen ... Guthaben bei der Länderbank. Bei der städtischen Hauptcassa erliegende Caution . An Bargeld... 1 , Summe . . . fl. ! kr. j 4048 — 101 20 507 50 107 84 187 60 100 — 88 86 5141 - GesammtVermögerj. Summe . . . i 11833 ; 57 ! ; Die ausgewiesenen Werte, zusammen 11.833 fl., 57 kr., richtig vorgefunden: Anna Iiindl, Card Konegen, Revisorin. Revisor. fl: i Ä-V.j j i 5141 | - | | 6692 | 57 Gymnasial-Schulfond Vereinsvermögen . . NB. Die angeführten Wertpapiere sind bei der Je. Je. österr. Länderbank deponiert. Bitte an die JVIitgliedeF des Vereines. Zur Vereinfachung der Geschäftsgebarung und Verminderung der Auslagen wird um gütige Einsendung des Mitgliederbeitrages gebeten an den Verein für erweiterte Frauenbildung, Wien, /., Wipplingerstrasse 8 , oder an die Cassierin des Vereines, Frau Emma Wahrmann, I., Wollzeile 29. VereinsleiuiDg 1898-99. Präsidentin: Marie Bosshardt van Demerghel. Vice-Präsidentin: Bertha Weyda von Lehrhofen. Vice-Präsidenten: Sanit.-R Dr. Friedrich Schauta, Dr. Ludwig Schwitzer, k. k. Universitäts-Professor. Schriftsteller. Gabriele Sturm, k. k. Professorin i. R. Schriftführerin. F. A. Nussbaumer, Privatgelehrter, Schriftführer. Hermine Grünzweig v. Eichensieg, Emma Wahrmann, Cassa- Verwalterin. Cassierin. Dora Rosier, Bibliothekarin. Dr. Karl Benesch, k. k. Ministerialrath. Dr. Rafael Eckhardt, k. k. Hofrath. Ober-Sanit.-R Dr. Max Gruber. k. k. Univ.-Professor. Bertha Hartmann. Exc. Amalie Freiin von Langenau. Otto Baron Pfungen, k. k. Ministerial -Vicesecretär. Dr. Josef Schmidl, Hof- und Gerichtsadvocat. Marie Schwarz, Bürgerschul-Directorin. Dr. Emil Zuckerkandel k. k. Univ.-Professor. 17 Spenden -V erzeichnis. Yon Miss Maria Ludger für einen halben Freiplatz fl. 75.— „ Herrn Professor Johann Ludwig für einen halben Freiplatz.. 75.— Durch Frau Emma Wahrmann von einem Ungenannten für den Gymnasialschulfonds.„ 100.— Yon U. H. Honorar für die Feuilletons „Eva“ und „Sodoms Ende“, dem Gymnasialschulfonds gewidmet .„ 40.— „ den Fräulein Helene und Marie Richter dem Gymnasialschulfonds gewidmeter Jahresbeitrag „ 50.— „ E. P. für Bibliothekszwecke.. 5.— Die israelitische Cultusgemeinde honorierte den Herrn Religionslehrer für mosaische Religion. Der Herr Kirchendirector Carl Kummer und der Herr Professor Johann Ludwig ertheilten eine Reihe von Stunden unentgeltlich. Von Frl. Conrat die selbstverfertigte Büste des Herrn Directors Hannak. 2 18 Mitglieder-Y erzeichnis. Ehrenmitglieder. Dr. med. und phil. Carl Bernhard Brühl, emer. Univ.-Professor. Marianne Hainisch. Dr. Emanuel Hannak, Director des städtischen Pädagogiums. Dr. med. Rosa Kerschbaumer. Marie von Najmäjer, Schriftstellerin. Dr. Leo Reinisch, k. k. Univ.-Professor. Dr. med. Baronin Gabriele Possaner von Ehrenthal. Stifter. A Najmäjer Marie, von. 4000 Suess-Rath Helene.,.300 Thorsch Ernestine.300 Gründer. a. Auspitz Rudolf.50 Benedikt Moriz, Dr. Univ.-Professor.50 Bosshardt van Demerghel Marie.100 Dutsclika Malvine, von.50 Glassner Marie.50 Gomperz Theodor, Dr. Hofrath.50 Hainisch Marianne.50 Kollmann Therese, Schwanenstadt.50 Ottendorfer Oswald, New-York.100 Pfäffinger Adele, München.50 Pokorny Emma.50 Schmidl Josef, Dr.50 Springer Otto, Freiherr.50 Schwarz-Senborn Wilhelm, Freiherr, Excell.50 Tempsky, Prag.50 Thielen Marie, von.100 Thorsch Anna.50 Ungenannte durch Frau Dr. Rosa Kerschbaumer . . . 100 Beitragende Mitglieder. Adler Cäcilie .... fl. 2.— Altenberg Marie, von 2.— Altmann Rosa .... 2.— Ambrusz Marie, Baronin 2.- Arnberger Pauline 2.— Äusserer Carl, Dr. 2.— Bageard, Prof. . . . . fl. 2.— Baiersdorf Carl, von 5.— Bamberger Hermann, Dr. 2.- Bauer Moriz, Dr. . 2.— Bauer Mathilde 2.— Bechtel Emma .... 2.— Bendele Johanna . Q ' Li* - Benedikt Adele 2.— . Benedikt Moriz, Hr. . 5.— Benesch Auguste . 2.50 Benesch Carl, Hr. 2.50 Benk Johannes 2.— i Berg Amalie .... 2.— : Berg Leopold, Hr. 2.— Berner dt Marie, von . 5.— I Biach Fanny .... 3.- Bien Friedrich, Hr. . 2.50 | Bien Gisela. 2.50 ! Bienenfeld Victoria . 2.— ! Blaschke Therese . . 2.— i Blondein Caroline 2.— Bondi Sidonie .... 2.— ! Bondy Ottilie .... 2.— ! Bosse-Hüller Anna . . 2._ j Bosshardt Louise . 2.— Bosshardt van Hemerghel Marie 10.— Brauer Marie, geb. Haas 9_ Braun Amalie .... 2.— ! Braun Johann .... 2 — ; Breuer Mathilde . 2.— Breuer Moriz, Hr. . . 2._ Breuer Sofie .... 2.— i Brünning, Frl. 2_j Bunzel Wilhelmine . 5.— Cahn Susie . 2.50 Carnegie Flora.... 2._ Chmelarz Risa .... 5.— Cohn Charlotte 5.— I Colbert Clara .... 2- , Conrat Hugo .... 2.- - 1 Cronbach Emilie . 2.— , Czermak-Becker Rosa . 2.— ' Czerny Leo, von . 2.— Doublier L. 2. — Dungl Marie .... 2.— Bupky Hermann . 2.— Ebner-Eschenbacli Marie, Baronin. 5.— Eckhardt Rafael. I)r. 2._ Eder Elise.3. Egger Ritt. v. Möllvvald Friedrich.2. Ehrenfeld Mina . . . 2. Eisenmenger Bertha . . 2. Ernst Leopoldine, von . 2. Escherich Kitty, von . 2. Etti E. ...... 2 . Fabini Ernestine . Feichtinger Emanuel Figdor Marie . Fink Ottilie .... Fischer Carl Flattich, von Fleischl Ida, von . Florian-Wiesinger Olga Frankenstein Hermine Frankfurter Hedwig . Frankl Fanny . . . Freischberger Julie . Freund Emil Frisch Marie, von Fuchs Fanny, von Fuchs Alice .... Funk Alice .... Furcht Anna Fürth Melanie . 2 . 2 . 5 . 2 . 2 . 2 . 2 . 2 . 2 . 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 (1 erhärt Philippine . . 2 Gersuny Bertha ... 5 Giuliani Ernst, v., Exc. f 5 Glassner Anna .... 3 Glassner Marie .... 10 Glassner Marie ... 3 Glattauer Berthold, I)r. 2 Gomperz Elise .... 3 Gomperz Theodor, Hr. . 2 Graf Antonie .... 2 Gruber Max, Hr. ... 2 Grünbaum Hermann, Hr. 5 Grünhut A . 2 Grünzweig von Eichensieg Amalie . . . Grünzweig von Eichensieg Hermine . . 20 fl. Hackländer A., von . 2.- ; Hämisch Emmy, geb. Figdor. 10.- i Hämisch Marianne h.— ; Halban Marie, von . 3.— Hall wax Antonie . 3. - Hartmann Bertha . 3. — Hartmann Ludwig, Dr. . 3.— Hanschka Adele, Excell. 2.— Herzka Friederike 2._ ' Herzmansky Amalie . 2. - i Hiecke Philippine 2.— : Hoffmann Louise . 2.— ' Hoffmann Clara . . 2.- i Hoffmann-Matscheko Nina. 2.- : Högel Mina. 5.— Horner Helene .... 2.— , Hornung Eleonore 2 — 1 Hugonnay Yilma, Gräfin 5 . ; Hunger Beatrice . 2.— ! Ibsen Henrik . . . . 2.— Jagoditz Melanie . 2.- ! Jerusalem Josef, Dr. 2.- ! Kaindl Sidonie 2.— Kaufmann Ernestine. 2.-- Keck Bohuslava, Dr. med. 2.— Kettler J. 4.- Klein Adolf, Dr. . 2._ Kohen Sidonie . . . . 2.— Kolasiewicz Anna 2.— Kolbenheyer Christine . 2.— Koller Mina. 2.— Komberec Johanna . 3. - Konegen Carl . 2.— Kopperl Fanni . . 4.— König Marie, geb.Baronin Wenig-Ingenhein . O O Koring Jenny, geborene Schwarz.2.— Kotzian Marie ... .2.— Kner Sehne.2.— Kralik Maria, von . . 2. — fl. i Kralik Mathilde, von . 2 - ; Kraus Sohe. 2 - i Krenn Friedrich, Dr. . 2.- I Krennmayer Caroline . 2.- Kropej Marie .... 2 - Kulla Franz .... 2. - Kummer Karl .... 2.- Kunz Emilie .... 2.- Langenau Amalie, Baronin Excell.3.- Langer Julie, geborene Glassner.2.- Langer Justa .... 2.- Latzko Ella.2.- Latzko Lina .... 2.- Leidesdorf Amalie . 2.- Levetus A. S. . .' . . 2.~ Lewinsky Josef ... 2 .- Lichtenfels Lidwine, Baronin .2.- Lieben Anna, von . . 10.- Lieben Mathilde, von . 5. Liechtenstein Philipp, Fürstin.3. Lindl Anna.2. Lindl Josef, Dr. . . . 2. Lipiner Clementine . . 2.- Löhr Friedrich, Dr. . . 2 . Löwenthal Anka, Baronin 3. Ludger Maria . . . . 5. Ludwig Ernst, Dr. . . 3. Ludwig Johann, Prof. . 2. Lukas Franz, Dr. ... 2. LukschVilma,geb.Brones 2. Lumpe Marie . . . . 2. Lustkandel Wenzel . . 2. Luzzatto Elly . . . . 2. Mandl Louise .... 5. Mandl Mary . . . . 2. Matscheko Marietta, von 2. i Mayer Cecile .... 5. Mayerhofer Claud ine . 2. Mayr Anna, Baronin . 2. Mayr Minna, Baronin . 2. 7 — 21 — fl. Menger Marie . . . . 5.— Mettinger Marie . . . 2.— Metz Ida, von . . . . 2.— Michl Adolf.2.— Müller Amalie .... 2.— Mussil Alexandrine . . 2.— Mutinelli Josef . . . 2.— Xajmajer Marie, von . 5 — Neumann Anna, von . 2.— Niebauer Caroline, von . 2 — Nussbaumer F. A. . 2 50 Obermayer Amalie . . 2.—■ Oblak Louise .... 2.— Ofner Julius, Dr. . . . 2.— Ogrinz Josef . . . . 2.— Paulus Sophie .... 2.— Perger Marie .... 2.— Perger Marie, geb. Figdor 5.— Pfungen Otto, Baron . 2.— Pick Ottilie.2.— Pineies Moriz .... 2.— Pischek Hans, Dr. . . 2.— Plener Otvös Marie, von, Excell.2.— Pokorny Emma . . . 7.— Pollak Melanie . . . 2.*— Pollitzer Anna .... 2.— Poppelka Emilie . . . 2.— Popper Simon .... 2.— Possanner von Ehrenthal, fl. Roth Georgine v.,Dr. md. 2 - Rulf Gabriele .... 2.- Ruprecht A. . . . . 2.- Sadil Meinrad, P. . . . 2.- Salzer Ida .3.- Samson Pauline . . . 5.- Schärl Heinrich, Dr. . 2.- Schauta Friedrich, Dr. . 5.- Schenkl Marie .... 2.- Schewitz Louise, von . 2.- Schey Malvine .... 2.- Schima Johanna . . . 3.- Schirnhofer Rosa ... 2 .- Schlesinger Julie . . . 2. Schloss Nina .' . . . 2.- Schmidl Marie .... 2.- Schmidt Johann . . . 2.- Schnabel Helene . . . 2.- Schnapper von Wimsbach, Baronin . 5.- Schönfeld Louise ... 2 .- Schönthaler Mina . . . 2.- Schrötter Leop., R. v., Dr. 5.- Schücktanz Ricka . . 3.- Schulz-Strassnitzky Dorothea, von . . 2.- Schüssler L., Dr. . . . 2.- Schwarz Marie .... 2.- Schwitzer Ludwig, Dr. . 5. Seegen Hermine . . . 5. Seidler G., Dr. . . . 3. Selldorf Sally .... 2.- Semo Clara.2.- Baronin Pauline 2.— Silec Franz. 2.— i Prausek Vincenz . . 2 .— Singer Hermine 3.- i Singer Isidor, Dr. . . 3.— i! Raab Marie .... . 3 — Sittig Melanie .... 2 -~ Rausch Franz X. . 2._ Slameczka Friedrich, Dr. 2.— Reich Elisabeth . 2.— Sor Wilhelm .... 2.— j; Reich Emil, Dr. . . 2.— Springer Otto, Baron 5.— i Reiner Marie 2.— Stern Sarah, von . . . 5.- Reitzes Pauline . ib!- Sterneck Mina, Baronin 2.— Reyer Eduard, Dr. . . 2.— Stowasser Josef M. . . 2.— Robert Laura . . 2.— Stremayr Carl, Dr., Exc. 5.— Rosier Dora 9._ Stoerck Bertha . . . 5.— 22 fl. Sturm Gabriele . . 2.— Szeps Amalie 2.- Teirich Irma, von 2.— Thielen Marie, von . . 5.— Thorsch Anna .... 5.— Thorsch Ernestine 10.- Tinus Auguste .... 3.- Tretter von Trittfeld Aurelie. 2.— Troll Wilhelmine . . . 2.— Tuma von Waldkampf Henriette Excellenz . 2.— Ul man Regina .... 2.— Yesque Helene, Baronin 2.- Vesque Risa, Baronin . 2 — Wachtl Emilie .... 2.— Wahrmann Emma 3.— Wahrmann Emmy 2.— fl. Wahrmund Auguste . Waldstein Hermine . Walter Louise .... j Wanitschek Georg j . i Weeger Caroline . Weiss Ottilie .... Weitlof Moriz .... Wengraf Edmund, Hr. . Werner Marie .... Wertheimer Franziska . Wetzler Bernhard Weyda von Lehrhofen Bertha. Wien Heinrich Wien Rosa. Wottitz Betti .... Wrzal Friedrich, Hr. Znaimwerth Mathilde, v. Zograf Gabriele . . . Zuckerkandel Bertha Zuckerkandel Emil . . c : ' Seehrte Anwesende! Am 28. October des Jahres 1888 wurde der Verein für erweiterte Frauenbildung gegründet. Das Jahrzehnt, dessen Ablauf wir heute rückschauend betrachten, ist bedeutungsvoll für die Geschichte der Frauenbewegung in Österreich. Es gab vorher vereinzelte Anfänge, ja es gab sogar einen organisierten Stand geschulter, berufstüchtiger Frauen, ohne deren Vorwirken und Mitarbeit die Erfolge der letzten Zeit undenkbar wären. Unmittelbar neben dem Manne auf einem der wichtigsten Arbeitsfelder unter den Augen einer nicht nachsichtigen Kritik tliätig, hatte die Lehrerin bereits den vollgiltigen Beweis für die Gleichbefähigung und Gleichberechtigung in ihrem schwierigen Pflichtenkreise erbracht. Aber diese Stellung verdankten die Frauen nicht ihrem bewussten, nachdrücklichen Verlangen, sie waren dazu berufen worden. Diese Anerkennung der Ebenbürtigkeit des weiblichen Geistes, von der orthodoxen Männlichkeit bis auf diesen Tag beklagt und befehdet, fand Begleitung und Nachfolge im zaghaften, widerwillig geduldeten Vorschreiten der Frau auf andere Erwerbsgebiete minderen Banges. Die Tafel mit der Inschrift: „Verbotener Weg“ war an einigen Orten abgenommen worden und eine kleine Strecke über ihren alten Standplatz hinaus las man jetzt: „Bis hielier und nicht weiter“. Viele Hessen sicli’s gesagt sein, manche standen unschlüssig und zweifelnd vor dem Hindernis; einige wenige fanden Mutli und Kraft, den Versuch zu wagen, wie das Verbot, zu umgehen sei. Sie rechneten auf den Anschluss der zwar schon Gleichgesinnten, aber erst Halbentschlossenen. Sie erkannten den so leicht übersehenen Unterschied zwischen Aufgehaltenen und Stillestehenden. Diese verschwindend kleine Zahl überzeugter Frauen gründete, unter Milhilfe einiger gerechter fördernder Freunde der Idee, den Verein für erweiterte Frauenbildung. Die Geschichte dieses Unternehmens gibt Zeugnis von einem gesunden und normalen Wachsthum, von einem Fortschritte, dessen Mass die Furcht vor dem Zurückbleiben wie vor Übermüdung gleiclimässig ausschliesst, gibt Zeugnis, dass der Verein an seinen Grundsätzen und seiner Auffassung der Frauenrechtsfrage mit Beruhigung festhalten darf, weil sie sich in schlimmen und in besseren Tagen gleiclimässig bewährten. 40 Die leitenden Gedanken, welche in dem Aufrufe vom April 1888, sowie in der ersten Petition an den österreichischen Reichsrath niedergelegt sind, sind überraschend schnell zu Verbreitung und Geltung gelangt ; ihrer Proclamierung durch unseren Verein, den ersten, der auf Grundlage des Frauenrechtes in Österreich sich erhob, folgte eine lebhafte Propaganda. Mit dem Eintreten für das Frauenstudium ward der lebenskräftige Keim der Frauenfrage zur Entwicklung gebracht. Die Forderung nach Erschliessung des ärztlichen Berufes und des höheren Lehramtes, sowie verwandter Berufe für die Frauen, anscheinend eng begrenzt und auf ein nahes concretes Ziel gerichtet, wies dem Vereine den geraden richtigen Weg und schrieb ihm die Wahl der Mittel vor. Das Gymnasium, die Universität für die Frauen! In diesem Losungswort war die Sache zur Gemeinverständlichkeit gediehen. Die Gleichheit im höchsten Wissen musste die Gleichheit der meistgeschätzten Befähigung erweisen, aus welcher die Ebenbürtigkeit auf anderen Gebieten si($i unschwer ableiten und nacliweisen lässt. Die strenge Geisteszucht dieser wenigen Frauen muss vorbildlich und aneifernd überallhin wirken. Das Bestreben der Frauen wird mehr und mehr darauf gerichtet sein, den belächelten und becomplimentirten Dilettantismus aufzugeben, ihre Leistungen einer objectiven Kritik zu unterwerfen, das einheitliche Mass für den Wert idealer Lebensgüter anzunehmen und nach eben diesem einheitlichen Mass den Preis dafür zu zahlen. Für ganze Arbeit den ganzen Lohn — echte Bildung und daraus folgende echte Wertschätzung. Aus der Durchführung dieser Norm ergeben sich die Bedingungen jeder zweckdienlichen Organisation zur Hebung des zurückgesetzten Geschlechtes. Der Verein entwickelte seine gesammte Thätigkeit auf Grundlage der Annahme, dass die Frau durch Unwissenheit zur Ohnmacht im öffentlichen Leben sank, dass sie durch gütiges Wissen wieder den ihr gehörenden Machtantheil erwerben müsse Aber damit man das Recht erlangt, der aufsteigenden Generation dieses gütige Wissen verabreichen zu dürfen, muss man die Eltern, die Behörden, alle Urtheilsberechtigten an seine Überzeugung glauben lehren. Gleichgiltigkeit, Feindschaft, Spott und Lauheit müssen nacheinander überwunden werden. Dieser Aufgabe hat sich der Verein gewidmet jahrelang mit nimmermüdem Eifer, mit dem Mutli, der vor keinem Wagnis zurückschreckt, mit der Sorge, welche die kleinste Pflicht nicht unerfüllt lässt. Es braucht nicht ausgeführt zu werden, welche Summe von Schwierigkeiten in den Worten „Gründung eines Mädchen-Gymnasiums“ enthalten ist. Die vielen falschen Propheten, die zum Unterschied von den echten auch im Vaterlande etwas gelten, erhoben warnend ihre Stimme. Wo sollen denn die benöthigten beträchtlichen Mittel herkomm en ? 41 Der Cassabestand vom 1. October 1889 weist etwas über 2300 fl. als Vereinsvermögen aus. Die Beiträge von 2 Stiftern, 14 Gründern und 195 Mitgliedern, einige Spenden und der Ertrag zweier Vorträge machen diese Summe aus. Sie ist nicht klein zu nennen für einen Verein, dessen Zwecke der grossen Mehrheit der Gebildeten sogar noch so fremdartig waren. Sie erscheint beträchtlich, wenn man erwägt, dass sich der Verein vom Beginn an nicht zunächst die Beschaffung reichlicher Geldmittel, sondern die Ausbreitung seiner Principien, die Anerkennung der Nothwendigkeit einer exacten höheren Frauenbildung zum Ziel gesetzt hatte. Jeder Zoll des Bodens musste mit heisser Mühe gewonnen und bereitet werden, auf dem das Werk erstehen sollte und dauern konnte. Rasch erworbenen und seither in keiner Stunde vermissten Beistand fand der Verein bei der Wiener Presse. Sie hatte unbefangen und mit bewundernswerter Intuition die Bedeutung der Frauenfrage erfasst; sie trat willig, tactvoll und wirksam für eine Idee ein, deren wachsenden und reformierenden Einfluss sie vorschauend schätzte. Die Überzeugung der kleinen Gemeinde stärkte und klärte sich. Im zweiten Jahre seines Bestehens entwickelte der Verein bereits eine ziemlich ausgebreitete publicistische Thätigkeit, die mit dem Artikel eines Züricher Professors ihren Anfang nahm und so weit gediehen ist, dass der Verein nicht nur dnrcli einzelne Notizen und Essays, sondern auch durch Serien von Publicationen, ja während eines Jahres sogar durch die selbständige Herausgabe eines gern gelesenen Beiblattes zu einer Wiener Tageszeitung mit dem Publicum Fühlung nehmen konnte. Nebenher gieng eine Propaganda im engeren Kreise; ihre Aufgabe war, überzeugungstreue, ausdauernde Mitarbeiter am Werke zu. gewinnen. Denn der Verein hielt es für räthlich, Fluctuationen hintanzuhalten, da das Resultat der Frauenbestrebungen und die Achtung vor diesen ja besonders unter dem nicht selten auftretenden Anschein geringer Ausdauer und Stetigkeit gelitten hat. Die Listen der Mitglieder und der Vereinsleitung mit den seit vielen Jahren festgehaltenen Namen zeigen, dass sich der Verein keineswegs mit oberflächlicher Proselytenmacherei befasste. Der Sache Fernerstehende suchte der Verein durch Vorträge und Vorführungen solcher künstlerischer Productionen zu interessieren, die mit dem Reiz der Originalität eine nutzbringende Beziehung auf das Arbeitsprogramm des Vereines verbanden. Die Leistung hervorragend begabter Frauen, wie diese Frauen selbst, ihr Lebensgang und ihr Auftreten in Vergangenheit und Gegenwart sollen die Vorbedingungen für die neue Stellung der Frau schaffen helfen, um jenen Parallelismus in der Culturarbeit beider Geschlechter anschaulich zu machen, der den wichtigsten Schienenweg auf der Bahn modernen Fortschrittes bildet. Die Ausführung dieses planmässigen Vorhabens begann nutzbringend mit dem Vortrag der ersten prakticierenden Aerztin Österreichs und fand unter anderem eine sehr eindrucksvolle Fortsetzung in der Er- 42 langung .eines Ehrengrabes für Ida Pfeiffer, der ersten Forsclmngs- reisenden unseres Landes, und der Aufstellung eines künstlerisch wertvollen Denkmales, welches würdig ist, neben ihren Werken ihr Gedächtnis lebendig zu erhalten. So wurde durch eine vielbeachtete Denkfeier Deutschlands grösste Dichterin Droste-Hülshoff, durch eine vielbesprochene Aufführung Hroswitha, seine erste Dramatikerin, dem Publicum Wiens näher gebracht. Diese Einzelheiten aus der grossen Reihe der Vorträge genügen wohl, um die Entscheidung des Vereines zu begründen, dass auf dem mit Erfolg eingeschlagenen Wege weitergegangen werde. Neben diesen Bemühungen muss die minder ins Auge fallende, aber gewiss nicht weniger anstrengende Thätigkeit des Vereines erwähnt werden, welche der Umstimmung der Machtfactoren und Competenzen gegenüber dem Frauenstudium galt. Auch hier darf das Verhältnis zwischen dem Erreichten und dem Angestrebten als ein günstiges bezeichnet werden, und wenn das Ergebnis auch auf nothwendige Ergänzungen hinweist, lässt es doch jetzt schon vielfach eine Tendenz im Verhalten der Gesetzgebung, Regierung und ihrer Organe gegenüber der zielbewussten Frauenbewegung erkennen, die zu berechtigten Hoffnungen Anlass bietet. Wenn irgendwo, so muss hier gelten, was der Verein als Devise auf seinen Schild setzen könnte: Nicht wähnen und nicht wanken! Nach vier Jahren mühsamen Strebens. unausgesetzter Vermehrung und sorgfältiger Verwendung seiner Mittel und Kräfte hat der Verein im Herbste 1892 die erste gymnasiale Mädchenschule in den Ländern deutscher Zunge eröffnet. Unsere Gemeinde gewährte ihr eine schöne Heimat, einer der besten deutschen Schulmänner bot ihr die führende Hand, ein glänzend bewährter Fachmann schuf unter Mithilfe namhafter Mitarbeiter einen Lehrplan, der all’ den schwierigen Anforderungen Rechnung trug und während seiner sechsjährigen Benützung im In- und Auslande voll gewürdigte Erfolge zeitigte. Diese Schule geschaffen und zum grössten Theil aus eigenen Mitteln erhalten zu haben, ist ein schöner und ehrlich erworbener Lohn für alle Opfer und Arbeit, die der Verein daran gewendet. In ihr ist ein Wegweiser gesetzt worden für die Richtung, nach welcher früher oder später alle dem Scheine, der Halbfertigkeit und Halbwertigkeit abgeneigte höhere Mädchenbildung sich wenden wird. In ihr ist bezeugt, dass der weibliche Geist in Fleiss und Tüchtigkeit, in der Vorbildung für die höchstgehaltenen Berufszweige dem männlichen nicht nachsteht, sofern ihn nicht künstliche Schranken zurückhalten, an deren Aufrichtung die Natur wahrlich keine Schuld trägt. Zum erstenmal haben ‘sich in diesem nicht nur fiir den Verein denkwürdigen Jahre 19 Mädchen der Maturitätsprüfung unterzogen und sich die Pforten der Hochschule 16 glücklichen, wissbegierigen und wissensfrohen unter ihnen erschlossen. Unsere Segenswünsche begleiten sie dahin, wie unser Schutz, unsere Liebe ihnen auf dem schwer geebneten W e g dahin zur Seite war. 43 In seiner ersten Jiitte an den Reichsrath um Freigebung des Frauenstudiums war es schmerzlich ausgesprochen, dass im Sohn die Hoffnung, in der Tochter die Sorge der Familie geboren wird. Heute dürfen wir w'ie die beglückten Eltern, die uns ihr Bestes anvertrauten und nicht getäuscht wurden, mit freudigem Stolz auf die Erwählten hinweisen, die aus der Dumpfheit und Enge zu befreiender Höhe tapfer emporgestiegen sind. Unser Herz ist mit ihnen, unsere Zukunft ist bei ihnen. In ihrer Jugend sei dem Verein verjüngende Kraft verbürgt, die ihn fortwirken lässt mit unverbrüchlicher Treue, mit unerschütterlichem Mutlie, in Erkenntnis und Ausdauer, damit in späteren Decennien die kommenden Sieger sich der ersten Kämpfer dankbar erinnern mögen! So ist diesem Verein am Kommenden ein reichlich Tlieil gesichert und des Miterlebten darf er sich als eines Miterworbenen freuen. Überall hin ging es wie Anregung und Erweckung, neue Kräfte bethätigen sich, die wirkenden schlossen sich näher zusammen, zeigen mehr und mehr Planmässigkeit und den Erfolg verbürgende Arbeitstheilung. Das Princip des Vereines, die Frauensache der Dienstbarkeit des Parteigetriebes zu entrücken, hat nunmehr unbestrittene Geltung erlangt. Die irreführende Verwechslung von schablonenhafter Gleichheit im Unbedeutenden und Äusserlichen mit wirklicher Gleichberechtigung hat aufgehört. Der Märchenglaube, dass Freiheit und Recht wie die Sterntlialer durch Himmelsgunst dem kindlichen Geschöpf in den Schoss geworfen werden, ist der besseren Einsicht gewichen. Was inmitten des Vereines mit Klarheit ausgesprochen, mit Entschiedenheit erstrebt wurde: „das Recht auf Arbeit als die Grundlage des Rechtes auf volles Menschenthum, ist zum allgemeinen Losungswort geworden. Der Sectenwahn der Fanatiker, die bald im Hass, bald in der Liebe der Geschlechter den Inbegriff des Menschlichen erblicken, bald im Animosen, bald im Animalischen schwelgen, stets aber die Vernunft des Weibes darben lassen und sein Existenzminimum von Achtung noch tiefer herabdrücken, dieser traurige Sectenwahn verliert seine Anhänger. In der Kräftigung, Schulung und Entfaltung des weiblichen Geistes haben wir ihm siegreiche Gegnerschaft erwecken geholfen. Der Verein hat bei seinem Entstehen von veralteter Tradition sich losgesagt, von starren Doctrinen sich ferngehalten. In vertiefter Bildung glaubt er die Bedingungen veredelter Sittlichkeit und wachsender Wohlfahrt zu erkennen. Zehn Jahre der Entwicklung um ihn her bestätigen diese Meinung. Denn wo immer und von wem immer zu Gunsten des Frauenrechtes gestrebt und geschaffen wurde — die unerbittliche, unausweichliche Forderung nach dem Gleicli- mass des Wissens für Mann und "Weib, die der Verein zuerst erhoben, gelangten immer mehr zur Geltung. Die Frauen müssen so scharf in sich wie um sich blicken lernen, müssen mit gleicher Strenge von sich wie von den andern zu fordern verstehen. Darauf ist jeder Fortschritt in diesem Decennium zurückzuführen. Mit dem Aufschwung des Bildungswesens in gleichem Grade wachsen die Leistungen. Mit dem Eintritt in neue grosse Pflichtenkreise wird die Frau Besitzerin eines 44 neuen, grossen Vertrauens. Sie reformirt die Anschauung, sie lässt ihr eigenes verkanntes Wesen klarer erkennen, indem sie aus dem Dunkel hervortritt. Von allen Veränderungen, die sich während des Zeitraumes zugetragen, an dessen Geschichte der Frauenbewegung der Verein betheiligt ist, muss die Veränderung im Urtheil über die Frau als die grösste gelten. Daran mitgeholfen zu haben ist ein Bewusstsein, dem allein schon ein nimmermüder Schaffenstrieb entkeimt. der der JVJedea. #//,/' y///. ///y//y////////y ssn SM mm mm rlauben Sie mir, dass ich nach der Sitte der Georgier mit dem althergebrachten Grusse beginne: Gaomavdschns. Gageinardschos! — Gott behüte dich — er beschütze dich. — Es sei mir gestattet, bei der Erinnerung an den Kaukasus unter dem Einflüsse der loyalsten Gefühle und der herzlichsten Unterthänigkeit des georgischen Volkes an' das regierende Haus Sr. Majestät des Kaisers von Russland und dessen monarchischer Macht den bevorstehenden Vortrag Sr. kais. Hoheit dem Grossfürsten Michael Nicolajevitsch, zu Füssen zu legen, dem langjährigen ehemaligen Statthalter und innigstgeliebten Beschützer der Cultur eines Landes, welches ist und verbleibt die Perle in der russischen Krone. Dieser Vortrag ist mein Erster. Ich möchte vom ganzen Herzen das erzielen, was meiner Sehnsucht am dringendsten ist, nämlich ein sich steigerndes Interesse für den Kaukasus und seine Bewohner hier im Ausland, und bitte um Nachsicht und Wohlwollen bei den geehrten Zuhörern. — Was ich sagen kann, ist vielleicht stark subjectiv von meiner Anschauung beeinflusst, trotzdem wage ich es, für eine Stunde laut zu denken und bitte um Vergebung für die erste Befangenheit. — »Es ist ja oft leichter, eine glänzende Rede zu halten, als das rechte Wort zu finden!« Motto: „Nicht jeder war in Kolehis, so wie ich, () Kolehis, wunderbares Land. Sie nennen dunkel dich, Mir scheinst du licht.“ Grillparzer s Medea ist eine Kolchidin. Sein schöpferisches Talent legte in’s Herz und in die Handlungen dieser starken Frau vielleicht ein etwas anderes Feuer und eine andere Leidenschaft, als sie eine georgische Medea haben mag, aber die Grundzüge dieser Kämpferseele sind so unverkennbar die der georgischen Frau, — dass dieses Werk in Georgien aus dem Deutschen übersetzt, eines der beliebtesten auf der stabilen georgischen Bühne geworden ist. Ich sehe sie noch deutlich vor mir die »Medea« im Tiflis, Frl. Pepiko Mecxi, in ihrer braunen Tunika mit dem finsteren, grenzenlos tiefen Blick, ihrem verfehlten Glücke nachstarrend! Ich höre noch die Begeisterung im Parterre und auf der Gallerie, die sich bei jedem patriotischen Satze kaum bemeistern Hess und ich führe sie hier vor, die ewig lebende Medea — mit geschwächter Willens- und Thatkraft, gelähmt in ihrem Drange, aber leidenschaftlich unverändert in ihren Gefühlen! Freudig überrascht war ich, als ich im Burgtheater am Vorhang in der Ecke die grosse, braune, wilde Medea wiedererblickte. Die Züge der berühmten Tragödin 48 Charlotte Wolter sind so unbegreiflich typisch für die Frau aus der Kolchida, dass jeder Kaukasier für den ersten Moment eine seiner Verwandten oder Bekannten zu sehen wähnen kann. So sind sie! Die Frauen in Gurien und Mingrelien, draussen, die friedlich Maisbrot backen und Büffelkühe melken; so sehen sie aus die Mütter und Gattinnen tapferer, freiheitsliebender Männer; die grossen Märtyrinnen der Geschichte — einer Geschichte von mehr als 30 Jahrhunderten. Die Zeiten sind wohl vorbei, da sie die steilen Berge hinaufgeklettert und Steine losgerissen haben, um sie in die tollen Schaaren der Perser oder Türken zu schleudern. Heute schleppen sie nicht mehr mit tollkühner Freude und wahnsinnigem Schmerz zugleich die verwundeten, blutenden Körper ihrer Kämpfer zum Aul (im georgischen: das Dorf). Die Kämpfe sind ausgekämpft; das Land gesättigt mit Blut, aber die Frau fühlt noch immer das Bedürfnis, zu opfern und zu siegen. Und ihr ehemaliger Sieg war kein leichter, kein billiger; der heutige ist ein noch schwererer. ’ Zur Zeit der Regierung des georgischen Königs Wachtang Gorgoslan (d. h. des eisernen Löwen) im V. Jahrhunderte, versuchten die Georgier auf dem Suramer Bergwalle, einer Gebirgskette, die das Land in zwei Hälften theilt, eine starke Festung zu errichten, die ihnen Zuflucht und Sicherheit gewährte, gegen die beständigen Einfälle der Perser und Lesgier (ein mohamedanischer asiatischer Stamm). Alles Volk strömte zusammen, alles half an dem Baue und nach Monaten war die Festung fertig. Der König wollte sie besichtigen. Doch plötzlich kam die schreckliche Kunde: Die Festung sei eingestürzt. Bestürzt uud betrübt vernahm sie der König. Was sollte das bedeuten ? Doch das Volk liess ihm nicht Zeit zu grübeln. Vom neuem schafften willige Hände an dem misslungenen Baue und wieder stand er fertig da. l 1 ,^ Meter dicke Mauern ragten hoch empor, ein Riesenwerk, das von aussen von einem breiten, wassergefüllten Graben getrennt wurde; wer die Festung erreichen wollte, musste erst den Graben überschwimmen. Der König und sein Staat begaben sich dahin, um das Werk zu bewundern. Jedoch, o Schrecken! Zum zweitenmale sank das Mauerwerk in Trümmer vor den Augen des Herrschers und begrub den Liebling des Königs, den Architekten Peter Jani. Mit vom Schmerze zerrissener Seele kehrte der König in sein Schloss zurück. »Ich habe wohl gesündigt gegen den Herrn — und das ist meine Strafe,« so dachte verzweifelt der Herrscher. In dieses Grübeln versunken, traf den König der alte weise Arab Megdi-Saib. Er vernahm die Klage des Königs und begab sich in die Festung, von der im Volke sich schon die schauerlichsten Legenden verbreitet hatten. Dort verbrachte er die Nacht. Am Morgen kam er zum Könige zurück. »Mir offenbarte Gott das grosse Räthsel, das über dieser Festung schwebt. Dieselbe wird nur dann sich fest und ganz erhalten, wenn aus der Mitte deines Volkes sich eine Mutter findet, die ihren einzigen Sohn zu opfern bereit ist. Dieser muss in die Grundmauer lebend eingemauert werden.« Dann, .o grosser König, unbezwingbar und ewig bleibt sie, diese Festung! Der Alte gieng. Der König rief sein Volk zusammen. In weiter Ferne wogt und drängt sich Kopf an Kopf. »Meine Lieben«, so sprach der König, »der weise Arab Megdi-Saib verrieth mir das Geheimnis, durch welches unsere Festung unbestürmbar und unzerstörbar werde. Doch wird es mir schwer, es Euch mitzutheilen. Eine Mutter müsse ihr einzig Kind, ihren Sohn opfern, ihn in die Mauern lebend vergraben 49 lassen! Ihr habt’s gehört. Nun rathet mir und lasst mich andere Wege finden.« Wer aus Eurer Mitte wollte und könnte sich opfern . . \ Der König wartete. Todtenstille ringsum. Noch eine Secunde. Der König will fortfahren zu sprechen. Da hört er einen Ruf. »Ich gehe, theurer König, ich habe es beschlossen.« Die Volksmenge theilte sich. Ein 20jähriger Jüngling mit strahlendem, bleichem Antlitz trat vor den König; »Ich gehe in den Tod. Ich helfe meiner Heimat! Es lebe ewig mein theures Vaterland.« Gerührt umarmte ihn der König. »Mein Sohn, es gibt keinen Lohn, kein Lob für Dich auf Erden! Dort, dort in jener Welt — —« der König konnte vor Schluchzen nicht fortfahren, er beugte sich herab und küsste den Saum am Gewände des Jünglings. »E)och, wo ist Deine Mutter, wo ist sie die Heilige?« »Hier, mein Herr und König«, antwortete bebend eine Frau. Welch’ heisse, unbegrenzte Qual verbargen ihre Züge. »Gibst Du mir Deinen Sohn auch aus freiem Herzen?« frug der König. »O Herrscher, für wen hab’ ich ihn sonst geboren, wenn nicht für unser Vaterland? für wen hab’ ich ihn grossgezogen, wenn nicht für Dich? Was bin ich vor der Heimat? Nimm ihn hin, der Herr beschütze uns!« Sie sank zu den Füssen des Sohnes. Im Gesicht des Königs zuckte es krampfartig, er beugte sich herab und küsste ihre Hände. Todtenstille. Und nur Steine und Schaufeln unterbrechen sie. Eine tausendköpfige Menge steht vor den Mauern; der Priester sprach mit gebrochener Stimme das letzte Gebet. Zurab, so hiess das Opfer, stand schon im Sande. »O Sohn, wo bist du, hörst du mich?« So tönte es aus einer Reihe. Die Mutter frug es, kaum mächtig ihrer selbst. »Hier Theure, die Erde reicht mir bis zum Knie.« Und wieder hört man: »Mein Kind, wo bist Du — sag’?« Und mit fester Stimme antwortete Zurab: »Hier Mütterchen. Die Erde deckt mir schon den Leib.« »Grosser Gott, Zurab, wo bist Du, sprich?« verzweifelnd schrie das Weib.> »Hier, Mutter, die Erde ist mir schon am Hals.« Einige Secunden später schrie er laut und fest: »Leb’ wohl, Mutter, die Erde reicht mir in den Mund.« Ein einziger Athemzug aus tausend Lungen, ein einziger angehaltener Seufzer in tausend Herzen. Schon soll er ganz verschwinden, Zurab der Held, da plötzlich oben an der gebrochenen Mauer steht Saib: »Halt«,-schreit er, Gottes Wunder sind erfüllet. Haltet ein! Und befreiet diesen Heiligen! Und Du, o König, der Du aus lebenden Söhnen Mauern bilden kannst, Du fürchte nichts! Dein Volk ist unbesiegbar, unbesiegbar durch das Volk bist Du! Baut weiter, Gott prüfte Eure Herzen! Schwer war die Prüfung, Ihr bestandet sie. Freut Dich, Kartvelien! Dich kann kein Persien bezwingen.« Und heute steht sie noch, die Festung in Suram. Und diese Mutter, die freiwillig zu so grausamen Opfer sich erbot, sie ist vom V. bis zum XX. Jahrhundert unzertrennlich mit dem Ideal aller Georgierinnen verbunden. Ein zweifelloser, leidenschaftlicher Patriotismus ist im einfachsten Landweibe, wie in der feudalsten Fürstin ausgeprägt. Man hat mich oft gefragt, ob die Georgierinnen nicht an den Harem verkauft würden. Das ist ein Irrthum. Es sind Tscherkessenkinder, aus den mohamedanischen 50 Stämmen, wilde Kirschen aus dem freiesten und wildesten Garten im Süden, die mit ihren braunen, geschmeidigen Leibern eines Tages in den Polstern des Gunstdivans im Harem verschwinden und deren Seele ein verzaubertes, schlafendes Märchenkind geblieben ist. Die georgischen Frauen im Gegentheil stehen unter sehr strengen Sittengesetzen. Es gibt Provinzen (z. B. Abchasien), wo die Neuvermälte mit ihrem Mann ein Jahr nicht spricht aus Ehrfurcht; wo der Gatte sich nie mit seinem Weibe oder Kinde öffentlich zeigt, aus Scham; die mingrelischen Mädchen waschen noch heute die Füsse der Gäste vor dem Schlafengehen und schneiden sich das Haar, wenn sie den Gatten verlieren. Bei den Svanen im Gebirge und Guriern sind die Gebräuche liberaler. Die Frauen — stets zu Pferde — betheiligen sich an den Geschäften des Mannes, sie sind waghalsige Jägerinnen und tüchtige Reiterinnen, unerschrocken im dichtesten Wald und bei dem grössten Ungewitter, stets bereit, einer Gefahr zu trotzen, ja sogar eine Gefahr heraufzubeschwören. Sie sind die treuesten und besten Freundinnen der mingrelischen Räuber, dieser seltsamen Verächter bürgerlicher Gesetze, die das Volk nicht fürchtet, sondern verehrt, und deren Überfälle manch’ heiteren Stoff zu Legenden liefern; die dem Reisenden mit grösstem Humor und Witz sein Geld abnehmen, um es einem anderen zu schenken. Vor allen anderen Stämmen ist der Mingrelier abenteuerlich veranlagt. Der Mingrelier kann auch Pferde stehlen. Das steckt im Blute. Bei Tschotschua z. B. ist ein prächtiges, theures Pferd! »Ach, denkt Dutu, wie ich nur zu diesem Prachtthier kommen könnte!« Aber Tschotschua ist schlau. Er lässt sein Pferd keine drei Schritte von sich, es ist bewacht Tag und Nacht; Tags von ihm und Nachts von einem Hunde, der wirklich keinen Spass versteht. Dutu sinnt und sinnt, er isst nicht, er schläft nicht, das Pferd muss er haben, anders ist sein Leben nichts werth. Und eines Nachts steht Dutu am Zaun vor dem Stalle; er klettert in den hohen Feigenbaum und lässt von oben langsam am Seile einen grossen Käfig herab. In diesem Käfig vor einer Fallthüre liegt das schönste File aus Poti, das er kaufen konnte. Die böse Bestie im Hofe wittert und springt um die Holzkiste herum, es wird ihr unmöglich zu widerstehen, sie beisst an, zwängt sich durch das Loch hinein, um den ganzen Braten still zu verzehren, die Thüre schnappt zu und Dutu zieht das Vieh im Käfig an den Baum herauf, hier bindet er’s fest. Und dann springt er herunter. Das Pferd zu bekommen, ist ihm eine Kleinigkeit. Tschotschua kommt am Morgen zum Stalle. Er hört einen eigenthümlichen Gesang vom Baume herab! »Was für ein Vogel hängt denn da im Geäst?« denkt er und schneidet den Strick los. Der Kasten fällt herab, zertrümmert die Wand und sein treuer Wächter stürzt heulend aus dem Gefängnis. — Tschotschua weiss sofort, was das bedeute. »Macht nichts. Ich bekomm's schon wieder, mein Pferd,« denkt er schmunzelnd. So spielen sie ganze Jahre mit ihren Pferden, einer holt sich sie beim anderen! Grosse Kinder einer sehr nachgiebigen Natur! Und mit dem Mingrelier geht auch die grosse, starke, gluthäugige Mingrelierin auf die endlosen Weiden hinaus und schwingt sich federleicht auf den Rücken des grasenden Pferdes, führt und reitet es nach Hause und flicht in seine Mähne das letzte, rothe Band aus ihrer Putzlade. Sie weiss den Lasso zu werfen und ohne jeden Sattel stundenlang fortzutollen. Jedoch um diese Thatsache keiner Missdeutung auszusetzen, erwähne ich hier, dass dies eine harmlos zu beurtheilende Sitte der Provinz ist. Jedenfalls hat der Pferderaub der Min- grelierin nichts gemein mit der banalen Kleptomanie, die Schopenhauer den Frauen vorvvirft, sondern entspringt vielmehr einem heroischen Instinct, einer Sucht nach waghalsigen Unternehmungen, die Mann und Frau dort gleich beherrschen. Doch dieselbe Frau treffen wir vor dem grossen Kessel mit Chomi (einer Art Grütze) hockend, der an einer Kette vom Plafond der Hütte herabhängt über dem offenen Feuer. Und hier, in der rauchigen Idylle ihres Lebens, alte, uralte Weisen einer vergessenen Legende vor sich hinsummend, die gekreuzten Arme um die Knie geschlungen, mit dem verrauften, glänzenden, Haar über der Schulter, in der malerischen Armuth ihrer heimischen Tracht die prächtigen Glieder bergend, so ist sie die zur Sphinx gewordene, einstige Medea, die dem modernen Forscher noch viele Räthsel zu lösen geben wird, die Nachfolgerin der ehemaligen Medea, jener Frau, der kein Hemm- niss zu schrecklich, keine Idee zu kühn w’ar, die alles wagen konnte, weil sie alles wagen wollte. Ich habe immer eine Art Beklemmung empfunden vor den schweigsamen, finsteren Mingrelierinnen im Dorfe und jedesmal bedauerte ich, sie nicht malen zu können. — Kein besonderer Jubel umgibt die Wiege des neugeborenen Mädchens. Wenn das rothe, schreiende Geschöpf ein Knabe ist, dann weiss es die ganze Nachbarschaft ringsum auf einige Meilen; denn da schiesst der glückliche Vater all sein Waffenarsenal von Flinten und Pistolen ab und die Taufe ist ein Festgelage für Geladene und Ungeladene. Selbstredend ist das am Land. In Tiflis schiesst man nicht bei der Geburt kartvelischer Knaben, dennoch sehe ich noch deutlich die Gesichter der neuen Papas vor mir und lese an jedem die schlecht verhehlte Versuchung herab, so rech 1 tüchtig Lärm zu schlagen; aber Tiflis ist doch schon ein grosses Stück Europa, dessen Sitten man so mühsam und so sorgfältig zu civilisiren trachtete und in Europa ist das Taufschiessen aufgehoben, das Todtschiessen ist dafür noch im vollsten Gange. Man muss sich nur über die Nerven der Mutter wundern, deren Schmerzensschrei bei einem solchen Heidengetöse ganz verhallt und ich habe oft die Ahnung gehabt, der tolle Vater werde den Neugeborenen zwingen, sogar selbst loszufeuern ; in der heissen Sonne da unten gibt es so sehr verwischte Grenzen zwischen dem Möglichen und Unmöglichen. Aber wenn das Neugeborene ein Mädchen ist, haben nur die Frauen ihre Freude. Ein Dutzend beflissener Muhmen und Tanten (und die zählt man bis ins achte Glied) umgeben, die Schaukelwiege und studieren vor allem, wem die Kleine ähnlich sei und ob sie schön werden will. Besondere Aufmerksamkeit lenkt man auf die Augenbrauen. Wie eine prächtige, seidene Feder in einen leise angedeuteten Schwung auslaufend, so zieht die Augenbraue über die grossen Gazellenaugen der Georgierin. Eine blendend weisse Haut bei pechschwarzem, glänzendem Haar das bis an die Knie reicht und eine kleine, feinflügelige Nase sind fast durchwegs bei allen Georgierinnen zu finden. Darin liegt der grösste und ausgesprochenste Contrast mit der Armenierin, die alle grosse und fleischige Nasen haben. Im Gouvernement Kutais bis Suchum und Poti herunter gibt es auch zahlreiche blonde Frauen, sogar »rousotte« d. h. kastanienbraunes Haar mit stark rothgoldenem Schimmer. Die Georgierin im Dorfe draussen ist von so berückender Schönheit, dass sie den Einheimischen auffällt; ich finde diese Schönheit im höchsten Grade anmuthig, durchgeistigt und durchaus nicht sinnlich. Die schlanken und über die Mittelgrösse gewachsenen Frauen und Mädchen haben weiche, geschmeidige Bewegungen, zarte Formen und einen unnachahmlichen 4 * rhythmischen Gang. Diesen Gang haben in Tiflis viele Schönheiten in französischen Schuhen verloren. Die Georgierin pflegt sehr ihre Hände; eine einfache Dortschöne sitzt am Fenster vor einem Stück Spiegel und reisst erst mit einer kleinen Zange aus den Augenbrauen alle überflüssigen Haare, die nur im mindesten ausser der schönen Form stehen, und dann feilt und putzt sie an ihren Händen, dass es Staunen erregt; trotzdem wäscht und kocht sie, freilich nicht mit der eigentlichen Lust und Sorge, wie es die deutsche Frau so gründlich, die französische / so graziös und geschickt zu thun wissen, aber alles kann doch nicht der »bitscho« besorgen, der arme Junge kommt so nie zum Schlafen. Wer er ist der »bitscho« ? Gott weiss, woher er kam. Eines Tages ist er da. Eltern hat er keine gehabt, aber immer hat er einen »Onkel«. Dieser Onkel kommt am Ende des Jahres und holt sich den bedungenen Lohn von 30 Rubel, den der bitscho abdient. Weitere Pflichten, glaube ich, hat der »Onkel« nicht. Bitscho stellt den Samowar, wäscht Geschirr, bettet das Bett und bürstet den Fussboden, er legt das Kind trocken und treibt die Schafe heraus aus dem Dorf, er holt Pulver für den Hausherrn und füttert die Hunde, er lauft in den Bazar und kocht Chomi (Grütze) daheim, er steht an der Thür und bewundert seine Herrin, wenn sie ihr Sonntagskleid anzieht, er schnitzt Pfeifen und macht einen Heidenlärm mit den Hühnern. Der bitscho ist das gebrauchteste Wesen im Leben und das gebräuchlichste Wort in der Rede der Georgier; Bitscho kann alles, wird für alles bestraft und darf, wenn Gäste da sind, einen Trinkspruch sagen und auf das Wohl der Anwesenden ein Büffelhorn austrinken. Er wird langsam gross und wenn er gross ist, sagt er dem grossen Mädchen, dass er einst trocken gelegt »Du« und trägt ihr Nüsse und Kewi (eine Art Harz für den Glanz der Zähne) heimlich in den Garten. Er beti achtet sie als Schwester und wäre sehr erstaunt, wenn man ihn fragen würde, wieso er einem so grossen Mädchen, dass doch nicht seinem Stande angehört, »Du« sagt. — Aber nicht nur ihre Hände und Zähne pflegt die Georgierin, sie legt- auch viel Sorgfalt in ihre Toilette. Die Tracht der Georgierin, wie sie jetzt allgemein ist, besteht aus einem glatten und sehr weiten Rocke, der meist schleppt. Ein fest anschliessender Leib ist über der Brust handbreit geöffnet über einen bunten Einsatz und wird über diesem bis an die Taille kreuzweis verschnürt. Von derselben Farbe und Material des Einsatzes ist der Gürtel, der vorne in zwei lange Bandenden ausgeht, die bis zum Rocksaum herabfallen müssen. Die Georgierin trägt im Dorfe Strümpfe und tschusti, d. i. weiche Lederschuhe; in der Stadt natürlich hat sich bereits die allwärts herrschende Mode der französischen Schuhe breit gemacht, aber noch immer findet sich keine wirkliche Georgierin oder Kartvelin, die einen Hut aufsetzen wollte. Sie tragen gestickte, dreieckige Schleier, die oft sehr kostbar sind und originell über den zwei herabhängenden Zöpfen angenadelt werden. Die Tracht ist malerisch und sehr coquett, in früherer Zeit trugen die Frauen unter dem Oberkleid nach orientalischer Sitte weite seidene Beinkleider. Die schlanken Gestalten der Frauen, wenn sie sich schaaren bei Volks- und Religionsfesten, die ’ kleinen wohlgeformten Köpfe auf den geschmeidigen Schultern wiegend, in der harmonischen Tracht der Voreltern mit den langen, wehenden Spitzenschleiern über der .Stirn, sind wie wandelnde, poetische Illustrationen anzusehen, zu den süssen Strophen ihrer heimischen Lieder. Die Kartvelierin ist musikalisch; fast alle spielen die Guitare oder Dschon- guri, ein Instrument (fünfsaitig), dass der Laute ähnelt, sie schlagen die Daira (eine 53 Trommel mit kleinen Silbermünzen) und singen mit ihren klangvollen Altstimmen zu des Poeten »Schota Rustaveli« Versen oder zu »Baratoffs« wehmüthigen Klagen die ältesten Weisen, die aus einer grauen Vergangenheit herübergedrungen sind. Der Gesang in Georgien ist eigenartig und unähnlich allem, was man sonst gewohnt ist darunter zu verstehen. So auch die Musik, die ausschliesslich in Halbtönen zum Ausdruck kommt; trotzdem, das ungewohnte Ohr erfasst sofort den ganzen Zauber und Sinn. Ich hörte sogar Engländer unterm Spiel eines Salamuri-Pfeifers improvisieren. Rossi, der Tragöde weinte,- als diese Musik aus der Ferne zärtlich herüberdrang in den Park, wo die Fürsten und begeisterten Verehrer seines Talentes ein nationales Gelage für ihn veranstaltet hatten. Die vielen Deutschen und Franzosen der dortigen Colonien, alle haben dasselbe Gefühl einer zauberischen Hypnose während des Spieles; ich brauche kaum der Russen zu erwähnen, deten historisch bekannte Weichheit und Neigung zu wehmüthiger Schwärmerei längst mit den Gefühlen und den Gebräuchen des südlichen Volkes sich befreundet haben. So wächst sie denn auf, die liebliche, zartgliedrige kleine Kali (Frau). Mit 9—10 Monaten tanzt sie auf der Hand der Wärterin nach dem Tact der Lesginka und greift mit den rosigen Fäustchen so verständig und coquett in der Luft herum, als wüsste sie, dass die ganze Zukunft ihres Seelenlebens damit symbolisiert sei; denn ihr Leben ist ja fast ein beständiges Greifen und Haschen ins Leere, sie hat noch keinen Halt. Die Wärterin erzählt der Kleinen vor dem Einschlafen von der grossen Königin Tamara, dann von den Helden der alten Legenden, die viele Türken und Perser todtgeschlagen haben und mit Wunden bedeckt nach der Heimat zurückkehrten die dann plötzlich über Nacht an der Aragva (ein Fluss) heilten, denn das Wasser that Wunder, weil darin kleine Waisen gebadet hatten. Dann erzählt sie von Hiraklij und von Mzchet, dem grossen Grabe ruhmvoller Könige. Sie lehrt die Kleine begreifen, Georgien sei der Antheil der Gottesmutter (denn die Georgier nennen ihr Land so und mit dem Bildnis dieser Landesherrin sind alle Kriegsfahnen versehen) und diese poetische Anspielung ist der erste Religionsunterricht für das erwachende Herzchen. Georgien ist fast durchwegs orthodox. Doch sind auch einige Provinzen dem römisch-katholischen, Glauben beigetreten. Ich wende mich der Kleinen wieder zu, die ich in ihrem Bettchen zurückgelassen, an dem die schläfrige, alte Niania eintönig und schwerfällig ihren Gedächtnisschatz auskramt, der vom Alter verblichen und angemodert, dennoch seinen echten Goldwerth nicht verloren. Sie schläft, die kleine kartvelische Frau, aber ihr Traum ist nicht mehr ein ganz ruhiger. Die neue Luft, die in ihre Heimat eingedrungen ist, hat ihr Herz schon erweitert, ihrem Blute Fieber eingeträufelt; bald kommt der Tag, an dem sie kräftiger und frischer zum Erwachen gelangt, als es die Frau des Abendlandes gekonnt, die nervöse Bahnbrecherin neuer Wege über schwierige Hemmnisse. Neuerungen fordern vor allem Kraft, später veredelnden Einfluss. Der Schönheitsgeist, den man sofort an jede neue Idee knüpfen will, er überwältigt sie. Kraft, drängende rohe Kraft, vielleicht unsympathische und unschöne Kraft, wird die Georgierin der Zukunftsidee entgegenbringen. Sie wird keine Com- promisse eingehen mit dem Alten, Gewesenen und wäre es auch das heiligste am Altar 54 ihrer Pietät; ein neues Weib wird mit neuen Forderungen, aber auch mit neuen Opfern ein besseres Ziel anstreben. Eines weiss ich gewiss: dort unten bleibt beim Aufruf zum Kampf fürs neue Leben keine einzige Seele theilnahmslos, dort werden Alle wollen, wenn auch nicht Alle sofort begreifen. Mit drei Jahren weiss die georgische Kleine bereits genau, wer Schola Rusta- weli gewesen, dass er das'Buch geschrieben, das im Gastzimmer liegt: »Die Tigerhaut«. Sie weiss vielleicht auch wer der Dichter »Baratoff« war, aber sicher weiss sie, wer llia Tschawtschawadze und Akakiy Zeretelli sind (die zwei populärsten gegenwärtigen Dichter) ; sie kennt die Porträts der vaterländischen Helden, singt herzig Akakins Strophen an »den Dolch« und citiert »Iraklius, des Helden Traum«. Sie wird von den Gästen auf den Tisch gestellt zwischen volle und leere Flaschen (man liebt in Georgien mehr volle Köpfe als volle Flaschen) und hier hebt sie das gefüllte Büffelhorn und trinkt mit einem »Ala verdi« (Gott gebe Gesundheit) vom Traubensaft der heimatlichen Weinberge. »Musia«, fragte ich einst so ein kleines Mädi, »wen hast du lieber, Ilia oder Akakij? Sie sah mich eine Weile an, dann zu den Porträts an der W'and hinauf: »Du sagst ja, sie seien beide Georgier, warum soll ich einen lieber haben ?« Kleine Jungen, zerrissen und zerfetzt, sitzen mit ein paar schmierigen Mädels am Rasen vor der Rückwand des grossfürstlichen Parkes in Tiflis. Einer der Buben hat ein zerrissenes Heft in der Hand, der andere ordnet wichtig ein paar Blätter. Was spielen wir: Samschoblo oderDadzma? »Heimat« und »Bruder und Schwester«, (die zwei besten historischen Dramen in georgischer Sprache) das erste eine Umarbeitung des »Grafen von Risoor« vom Fürsten Eristoff, das zweite ein Originaldrama vom besten Journalisten und Dramatiker Gounias. »Hm, weisst du, wir spielen beide zusammen. Zuerst bringt der Bruder die Schwester um, die ihm nicht mehr helfen kann und dann machen wir die Heimat frei.« »Ich spiele Otia Dscholia«, raisonnierte ein ganz verzweifelt wilder Junge, und die Fratzen spielten Theater und ich habe ihnen zugehört und gestaunt. Welche Bemerkungen! Welche Kenntnis technischer Kunstgriffe! Und das sind Naturkinder! Am Fleischmarkt, während der Kinto (Verkäufer) das Fleisch wiegt, improvisiert er. Ich kaufe Grünzeug für 1 Kopeken. Man füllt mir die Hand und meint: »Oho, du hast wohl heute Gäste, weil du soviel kaufst.« In Georgien wird sonst eine Unmasse rohen Grünzeugs gegessen. »Ach, was isst man dort nicht«, höre ich Sir Vardrop, den britischen Consul in Kertech, sagen. Der Herr war mit seiner aus England eingetroffenen Familie draussen ausse Tiflis in Orta tschali zu einem grossen Mahle geladen. Nun bäckt man nämlich in Tiflis eine Art halb Mais- halb Gerstenbrot in Form weisser, dünner und weicher Fladen, die wie Tücher aussehen. Diese Brote legt man vor jedes Gedeck und nun kriegt man Reis mit Schaffett, jeder schüttet sich seine Portion auf das Brot, legt dann Braten dazu, rollt das Ganze omelettenförmig zusammen und bringt dann diesen quasi-Strudel ohne Gabel und Messer in den Mund. »Mein Gott, sieh’!« sagte Sir Thomas zu seiner Schwester, »die Leute verschlingen mit dem Essen auch ihre Servietten.« »Desto besser für die Hausfrau«, sagte Miss Madchori, »sie braucht keine zu waschen.« 00 Wie oft habe ich noch später Sir Vardrop und viele Fremde mit ihm, Servietten schlucken gesehen in der heiteren, gastfreundlichen Gesellschaft der Georgier und nie hat man etwas unverdaulich gefunden, was der reiche georgische Tisch angeboten. Die georgischen Mädchen schickt man meist in die Klosterschule der hl. Nina in Mzehet ausser Tiflis, viele jedoch besuchen die russischen Mädchengymnasien. In kurzer Zeit wird das auf die Initiative der Frau Fürstin Orbeliani ins Leben gerufene adelige, georgische Mädchengymnasium eröffnet und mit dieser neuen Ara für weibliche Fortbildung in Georgien öffnet sich auch eine neue Aussicht, die fast in orientalischer Abgeschiedenheit von Literatur und frischem Ideendrange nach geistiger Freiheit lebende georgische Frau der abendländischen, fortschrittlichen näher zu bringen. Das tief veranlagte Gemüth, die leichte Auffassungskraft und ein gewisser Ernst in allem, werden es der Georgierin leicht machen, gewisse Ubergangsstadien auszulassen und sie gleich der russischen Frau, die aus der ersten Epoche sofort in die vorgeschrittenste hinübertrat, aus ihrem einfachen, begrenzten Familienleben in ein allgemein nützliches hinüberleiten. Die Georgierin wird sich nicht zersplittern, ihr fehlen alle Anlagen hiezu; sie ist nicht entnervt von vornherein, hat keine Halbfragen an das Leben und keine zerstückelten Wünsche für die Zukunft. Sie wird wollen und unbekümmert um alles übrige zum Ziele gehen, alle ihre solange niedergehaltene Seelenkraft und Leidenschaftlichkeit in das Pionierthum für sociale Gleichberechtigung und Gleichleistung mit dem Manne verlegen. Ich kenne eine Menge junger georgischer Mädchen, noch Schülerinnen, den verschiedensten Kreisen entstammend, die ganz klar jetzt schon sich von der allen Sitten, »ein von der Familie genährtes, nur zur Ehe bestimmtes Wesen zu bleiben« — lossagen und sich social selbständig zu machen versuchen. Die Schule selbst, Post-, Telegraph- und Telephonämter, die Eisenbahn, Bank- und Privat-Comptoir, alle öffnen zu diesem Zwecke bereitwillig ihre Thüren für die Frau. Jedenfalls geschieht dies, dank dem wohlthätigen russischen Einflüsse, der in der Frauenfrage das humanste und weitgehendste leistet und dem sich unwillkürlich alle Sympathien der heranwachsenden Generationen im Süden dankbar zuwenden werden. Und mit der Abendländerin, die über alte Sitten und Gesetze zürnend hinwegsetzt und einen Kampf begonnen, an den sie alles wagt und opfern will, weil sein Ausgang ein günstiger und befriedigender sein muss, gleich ihr und mit ihr wird die Georgierin begeistert nach vorwärts eilen. Das der Schule entwachsene junge Mädchen in Georgien, mit der traditionellen Träumerei im Blute, temperamentvoll und leidenschaftlich im Wünschen und Hoffen, hatte bisher nur einen Weg zu gehen, den der Liebe! Und auch dieser Gang, der im Abendland die zagende Unschuld durch eine Menge schüchterner Pfade und Umwege zur grossen Lösung ihres Daseinszweckes lockt, ist der Georgierin durch uralte Sitte verkürzt. Noch in der letzten Zeit waren Entführungsprocesse eine alltägliche Begebenheit und regten das Publicum durchaus nicht besonders auf. Die Sitte von ehemals, jetzt festgenagelt im Strafprocessbuch, verlor allerdings den romantischen und sympathischen Impuls: jedoch draussen in der Provinz, in Gurien, Mingrelien, Imeretien, besonders aber in den Bergen holt sich der kühne Anbeter seine Erkorene dennoch 56 ganz ungehindert und mit Hindernissen aus dem Elternhause. Eines hat sich auch hier geändert. Heute ist die Schöne von vornherein einverstanden, ehedem wurde sie geraubt und nicht gefragt. Auf flinken Pferden stihmen Nachts ein paar Tollköpfe und abenteuerlustige junge Leute mit dem Bräutigam unter das Haus der schönen Dzika und man ruft die alte, sich ewig bekreuzende, seufzende »Nianja« (Wärterin), steckt in ihre knochigen, runzeligen Hände ein Briefchen und ein Geldstück und die gute, weiche Frau wackelt ächzend ins Schlafzimmer ihres Lieblings und thut so geheimnisvoll mitwissend, und Dzika, wie sie dastand vorm Spiegel, mit dem W r ellenscheitel über dem schelmischzuckenden Auge, ohne Schleier, die blauseidenen »Kaba« kaum über die Brust festgezogen. die kleinen, sehnigen Füsschen in goldgestickten Pantoffeln bergend, so lauft sie neugierig hinaus auf den Balkon und von dort kommt sie nicht mehr als kleine Dzika ins trauliche Mädchenzimmer unter die ewig-flackernde Ampel vor dem Madonnenbilde, — nein, Dzika rast mit dem kecken, jungen Entführer über Stock und Stein, festgehalten im Sattel von seinem eisernen und doch zärtlichen Arm, bis an ein fernes Dorf und sein Kirchlein, in dem ein altes, trocknes Greislein als Priester halb schmunzelnd, halb zürnend, ihr Jawort auf ewig mit dem »Ja« des »Räubers« verflicht. Dzika weint und lacht in einem Athem. Ob sie liebt oder nur neugierig ist, ob sie zürnt oder geschmeichelt ist über die waghalsige Frechheit ihres Mannes, Dzika weiss es nicht, aber sie weiss, dass auch ihre alte, runzelige Grossmutter so zum Altar gebracht wurde und vielleicht nach einem sehr ernstlich gemeinten, thatsächlichen Handgemenge erst in die Hände des Entführers ihr Schicksal gelegt hat. Dzika, Nina, Marine oder Despine, Meteara oder Pepiko, der ganze liebliche Kalender melodischer Frauennamen, sie alle die Töchter des verführerischen Südens da unten mit seinem fast noch unberührten orientalischen Cultus des Herzens, springen aus dem Kinderleben direct in die Ehe und bleiben auch oft in dieser bis ans Todten- bett aufgescheuchte, erschreckte oder verzogene, zärtlichkeitsbedürftige kleine Mädchen. Ihr Herz stockt im Wachsthum am ersten Tage der Ehe und ihre Seele flattert nicht höher als bis zum Horizont des Machtgebotes ihres Beherrschers. Und wie man um sie wirbt! Am Festtage Ilioba, draussen in Saguramo, dem prächtigen Herrensitze des Fürsten Ilia (Tschawtscha-vadze), während einer wochenlangen, grenzenlosen Gastfreundschaft des Gutsherrn, nähert sich vielleicht dem erröthenden, jungen 14—15jährigen Mädchen ein flotter Dolchtänzer, oder ein unvergleichlicher Sänger und Improvisator der Tafelrunde, oder ein Dschigit, der im Galopp den Ring der Auserwählten aus dem Staube zu heben versteht und aufrecht im Sattel über Abgründe stürzt . . . Wer zählt und kennt sie alle die geheimen Künste, die so bestrickend wirken, dass ein Wille dem anderen widerstandslos unterliegt? Und dann sehen sie sich wieder, in der Kirche, bei Freunden, unerwartet irgendwo im Freien, mitten im Mondglanze, verführt von der verführten Natur. Viele freilich wählen auch nicht. Einer ist von gutem Adel, ein Anderer reich und Väter und Brüder machen alles Nöthige aus. Die weinende kleine Rascha oder Tasso sieht ihren Mann erst vorm Altäre und erkennt ihn erst ganz in seinem Hause. Aber sie sind nicht unglücklich, auch die so überstürzt Vermälten, wenigstens selten. Es kommt schon vor, dass ein junges Weib verschwindet und tpdt heimgebracht wird, noch öfter, dass der eifersüchtige und gebieterische Mann sein Weib tödtet und kein anderes nimmt, weil er die Todte endlos liebt. Wer würde da fertig mit der Geschichte des Liebeslebens eines südlichen Volkes, dem die ganze Natur, der heisseste Himmel, h 57 die zügelloseste Üppigkeit in Feld und Flur, die schwindelnde Höhe seiner Berge und die überschäumende Leidenschaft seiner Waldströme, das Gepräge ihres Temperamentes gaben ; wo beginnt hier die Liebe, wo endet sie ? Sie schweigt nur in Gefahr für’s Vaterland. Die grossen Königinnen der Vorzeit waren immer bereit, ihr Herz zu zertreten, wenn es galt, Alle zu lieben und zu. schonen und »Einen« dafür zu vergessen. Sie schnitten ihr Haar ab und giengen barfuss zum Sion (der ältesten Kathedrale, deren Bau im IV. Jahrhundert begonnen wurde) und von dort verkündeten sie ihre Befehle an das Heer. So die weise Königin Tamara aus dem XIII. Jahrhundert, die Förderin der Kunst, Architektur, der Wissenschaft und des Friedens, die schönste Frau ihrer Zeit; sie war das Vorbild einer grossen Herrscherin, aber sie war keine glückliche Frau! Die Legende, wie die Geschichte schildern Tamara in den begeistertsten Ausdrücken. Viele Königssöhne aus dem Perserreiche warben um ihre Hand, jedoch vergebens. Der Sohn des osetischen Königs entbrannte in so wilder Leidenschaft zu der schönen Königin, dass er, heimkehrend, erkrankte an Sehnsucht nach ihr und starb. Ebenso verliebte sich der Sohn des bisantischen Kaisers Manuel, ferner der Sohn des Sultans Küsil-Aslan und Mutafradin, der Enkel des Salduka. Jeder, der in die Nähe der blendend schönen Tamara kam, wurde von ihrer Würde und Zurückhaltung so tief gerührt und beschämt, dass er sich mit zerrissenem Herzen entfernte. Tamaras Sinne waren aber auf das Höhere, Sittliche, auf Bildung und allgemeines Wohl gerichtet. Sie hiess ihr Herz schweigen und sogar wilde Thiere empfanden die Macht ihres Wesens. Man erzählt von einem grossen, prächtigen Löwen, den man Tamara als Geschenk gebracht hatte, dass er vor sie geführt, plötzlich stutzte, dann seinen Kopf an ihre Knie legte und ihre Hände liebkoste und als man ihn an starken Ketten fortziehen wollte, so wiedersetzte er sich heftig; Thränen stürzten aus seinen Augen, das wilde Thier war bezwungen. Schota Rustawali, der grosse Poet und Sänger, der Dichter der »Tigerhaut«, beschreibt in diesem Poem in der Gestalt des Nestan Daredschan die grosse Königin, die er wahnsinnig geliebt hatte und von der er nie Erhörung hoffend, endlich fortzog nach Jerusalem, wo er Mönch wurde, und im Kloster des hl. Kreuzes starb. »Sie ist mein Leben«, ruft er im Gedichte aus, »aber sie ist unerbittlich wie ein Diph (Gott). Ich verliere den Verstand und sterbe aus Liebe zu der, welcher gehorsam sind alle Legionen und Heere! Ich erkrankte an Liebe und für mich gibt es keine Heilung als die ewige Ruhe-im Grabe, die mein Herz austrocknen soll.« Sie sehen, auch der Kaukasus hatte seinen Ritter Toggenburg. Neben Tamara glänzen aber noch viele bedeutende Frauennamen, Herrscherinnen und Fürstinnen, derer Heroismus nicht selten den der Medea überstieg, und derer Thatkraft, Geistesgegenwart und Einfluss dem Geschichtsschreiber aus dem trockenen Tone des Aufzählens von Thatsachen in jenen eines begeisterten Erstaunens verfallen lässt; die Legende, das Volkslied, Sage und Dichtung haben Rusudana, Dare- dschana, Maria, Johanna, die Dadianis und Fürstinnen Eristoff und Dadeschkiliani unsterblich herübergeleitet in die grosse Umsturzwelle der Neuzeit und der Glanz und Nimbus ihrer Namen leuchtet unverändert über der Geschichte Georgiens. Der Brauch und die Sitte erfordern es sogar noch bis in die heutigen Tage, dass bei grossen Volkszusammenkünften und allgemeinen Festlichkeiten die Frauen getrennt von den Männern sich verhalten; man lagert im Freien in riesigen Gruppen 58 und nur der patriotische Trinkspruch und das angestimmte Lied sind die Brücke zwischen den einzelnen Schaaren. In der höheren Gesellschaft ist die Frau nicht mehr diesem Zwange unterworfen. 'In den Sitzungen, bei Banketten und öffentlichen Belustigungen räumt man den Damen jetzt den ersten Platz gerne ein. Ich hörte die gewagtesten Playdoyers aus Frauenmunde während einer gefährlichen, tumultarischen Versammlung, in der der Parteihass jede Schranke zu übergehen drohte, die feste Stimme einer Frau zwang zur Ruhe, die Dolche wurden zurückgelegt und die einfache gediegene Rede einer sehr klugen Frau genügte, um ein Wirrsal von Begriffen und Meinungen in eine gemeinschaftliche Bahn zu lenken. Ritterlichkeit und aufrichtige Verehrung bürgen der Georgierin für Schonung ihrer Sonderstellung in der Zukunft. Sie wird in ihren Forderungen vielleicht natür. liehen Widerstand begegnen, aber nie ein hämisches Achselzucken oder eine geringschätzige Ignoranz für ihre Bemühungen ernten. Was man von der europäischen Fortschrittsfrau da unten im Süden erfährt, wird einer eingehenden Kritik unterworfen und wenn auch bei den Frauen selbst, viele Neuerungen noch Zweifel und Unbehagen hervorrufen, so ist dies nicht ein Mangel an Verständnis oder Streben, sondern der Nachklang noch sehr tief eingewurzelter Vorurtheile in Beziehung auf Würde und Frauenstolz. Die Georgierin mag unnahbar erscheinen, wo sie nur zurückhaltend ist, hochmüthig, wo sie einfach würdevoll sein will. Ziererei, kleinliches Formenwesen kennt man dort nicht. Eines möchte ich nur zum Nachtheil der Georgierin erwähnen, das ist ihre schwach veranlagte Selbstcontrole. Sie hat gar nicht das Bedürfnis, an sich und ihren Handlungen Kritik zu üben. Sie war solange das gefügige Instrument für den Mann, an dem es genügte, eine Saite mit Liebe anzuschlagen, um eine Menge anderer mit zittern zu machen, dass es ihr heute sogar an Willen und Muth fehlt, eine Initiative aus sich heraus zu entfalten und die daranschliessenden logischen Folgerungen und Nebensachen zu beurtheilen. Daran ist wohl auch der fast durchwegs herrschende Fatalismus des Orientalen schuld. »Kismet« sagt auch der gelehrte Denker dort im Süden, und er findet Befriedigung in diesem Wort. Bei den Bergstämmen z. B. herrschen wirklich noch ganz rohe Sitten betreffs der Frau, eine Zurücksetzung nicht nur ihrer Seelenfähigkeiten, sondern überhaupt ihrer Weiblichkeit, und nun dächte man, dass bei so grausamen Verhältnissen aus diesen Frauen ganz wilde und verscheuchte Wesen werden sollten! Doch nein. Hier sorgt die mächtige Natur, der beständige Contact mit ihr für die Veredlung der Seele des bedrängten Weibes und eine beispiellose Fülle von Heroismus und Seelenfreiheit eben bei diesen Frauen setzen so manchen Europäer in Erstaunen! Der Instinct der Bergbewohnerinnen ist ein sinnlich- und sittlich-reinerer als aller anderen, ihr ganzes Wissen sind ein paar Legenden und die Bibel, ein paar Strophen eines Volksliedes, aber ihr Herz ist der Sammelpunkt aller vorelterlichen grossen Gefühle, von denen sie nun beherrscht wird, ohne sich Rechenschaft geben zu können, mit denen sie handelt, ohne sie von der Vernunft leiten zu lassen, aber das Allgemeinleben der georgischen Frau jetzt nach der Epoche der Freiheitskämpfe ist kein episodisches mehr, es ist ein langes Athemholen zu vielleicht sehr grossen und wichtigen Umgestaltungen in der verzauberten, träumenden Atmosphäre. Literatur und Poesie, im Drama und im Romane, überall geht die Frau bei den Georgiern als lichter Streifendurch alle Zeiten und alle Ereignisse. 59 Am häufigsten führt sie der Mann vor das Dillemma der Liebe zur Familie, zum Gesetze und Brauch und zum Erwählten. Und immer wählt die Georgierin das von Vornherein verfehmte Glück, sie wird erst Weib und dann sühnt sie, mitten im Taumel abbrechend, ihr Vergehen vor den Eltern oder vor der Heimat mit einer grossen, selbstlosen Aufopferung; sie bringt z. B. mit Lebensgefahr Feilen und Waffen ins Gefängnis, wo ihre Brüder und Landsleute schmachten, sie überrascht nachts das feindliche Lager und stiehlt die Schlüssel zur Festung, hinter der Stammesbrüder gefangen, wehrlos verzweifeln, sie wirft die brennende Fackel in das feindliche Zelt, sie erscheint zu Pferde als Mann verkleidet, entreisst die Fahne dem zaudernden Träger und stürzt mit fanatischer Tollkühnheit voran in das Gefecht; im ruhigsten Verlaufe ihrer Geschichte stirbt sie an einer Dolchwunde, die sie sich selbst im Anfalle von Reue und Gewissensbissen beibringt. Im Lied wie in der Prosa verherrlicht sie der Mann, überall zerreisst er jeden Schatten vor ihrer Seele mit kundiger und zärtlicher Hand; sie geht verklärt hervor aus allen Wirren ihres Seelenlebens und ihrer Leidenschaften, sie begeistert ihn und ermuthigt ihn; wohl schreibt kein Georgier mit Heine: »Des Weibes Leib ist ein Gedicht.« Es singt doch der Volkspoet: „Stolz wie ein Herrscher, erhebe ich das Haupt Und höher als alle diink’ ich mich dann Die ganze Welt zu besiegen, gibt das Glück mir Kraft, Dass ich an Deine Liebe glauben kann.“ Und Rafael Eristoff singt: Wozu der Spiegel, liebe Kleine? Du w r eisst es ja, dass schön Du bist. Das kalte Glas, es strahlt nicht wieder Den Reiz, der mir so theuer ist. Wenn aber Du Diel) sehen wolltest,- So blick’ ins tiefste Herz mir nur, Dort spiegelt sich in vollem Glanze Dein Bild mit seiner Zauberspur. Ich erlaube mir, Sie, geehrte Anwesende, auf das Mangelhafte dieser aus dem Stegreif gewagten Übersetzung aufmerksam zu machen; in georgischer Sprache klingen diese Strophen in einer unnachahmlichen Lieblichkeit. Ein Zug in der Poesie der Georgier ist auffallend: Der Dichter weint, schluchzt, fleht, droht, wirbt und schmeichelt um die Frau, aber in jeder Strophe, in jedem Worte fühlt man, dass mit dem grossen Bilde der Angesungenen die erste Frau im Leben des Georgiers gemeint ist, die, für welche er ohne Unterlass Jahrhunderte lang vom Ahnen herauf kämpfte und starb, die Heissgeliebte, Ideale, Beste und Ewige, »Die Heimat.« Deshalb keine einzige, sinnliche Note in der ganzen Poesie. Eine entzückende, harmlose Reinheit und Fülle von Empfindung überströmt die Gedankenausbrüche der Sänger, die frische, durchsichtige Atmosphäre der hohen, finster brütenden Berge seines Landes weht schaurig reinigend und kräftig durch sein Minnelied, die grosse, noch nicht ausgeblutete Wunde an seinem historischen Bestehen klafft auf und heisse, dünne, rothe Wellen rieseln durch die Zärtlichkeiten und Seufzer, mit denen der Poet »die Heimat« begrüsst. Aber es gibt keine heissenden Sprichwörter und höhnischen Anspielungen an Fehler und Frauenschwächen, man schwört mit dem Namen »der Mutter« und man tödtet ohne zu zaudern für die kleinste, unzarte Bemerkung über eine Frau, ob sie nun verwandt oder ganz fremd ist. 60 Die Frauen werden hinausgeleitet, wenn beim Mahle die Reden freier zu werden beginnen und auf ihre Hälfte wagt sich schüchtern und zurückhaltend nicht nur der Gast, auch der Hausherr nicht. Dort sitzen sie auf breiten, mit vom Plafond herabfallenden theuren Teppichen beworfenen Tachten (Sophas) und auf weichen, niedrigen Polstersitzen, in rauschender Seide, graziös plaudernd, musicierend und mit schöngepflegten Händen die Schleier glättend ; hier nagt man Süssigkeiten und Nüsse, nippt von süssen Fruchtsäften und tauscht die kleinen Geheimnisse des eigenen Herzens, die erlauschten des fremden miteinander. Durch die angeführten Beispiele des Frauenlebens in der georgischen Literatur, glaube ich Ihnen ein ziemlich richtiges Bild gegeben zu haben; es gibt keine einzige Gestalt, die sogar bei ungünstiger Beleuchtung des Autoren nicht sofort von ihm selbst entschuldigt würde, d. h. man unterlegt sogar verbrecherischen Zügen und Empfindungen einen sittlichen Leitgedanken und gruppiert die Verhältnisse zum Schlüsse immer in so günstiger Weise, dass die Frau hier nur tiefes Mitleid und jedenfalls Bewunderung erregen muss. Die Aufzählung der Typen nähme unendlich viel Zeit in Anspruch, die Literatur ist sehr productiv, besonders in letzter Zeit, wo die Georgierinnen schon selbst zur Feder greifen und von sich selbst zu sprechen beginnen. Hoffentlich wird diese beginnende Selbstanalyse neues Licht über das Frauenleben ergiessen und vielleicht geheime, unbekannte Seiten der Charaktere zutage fördern, die ethisch und moralisch einflussreich auf die ganze südliche Frauenbewegung wirkten. Somit überlasse ich die georgische Frau ihrer Beurtheilung und Sympathien. Ich liebe sie mit überzeugter Achtung, sie haben von der Frau alles, das Beste und Schönste und nicht nur das Geschlecht. Möge die russische Nachbarin und Freundin, die ausdauernde, es ernst mit sich und dem Leben meinende Emancipierte, möge sie ihren bildenden Einfluss ausüben auf das erwachende Streben der Südländerin. Dann wird jede Georgierin im Herzen vielleicht besser den grossen Tag verschmerzen können, den Tag des 24. Jänner 1784, an welchem der letzte Georgierkönig, der tapferste Feldherr und Held, dem sogar Friedrich der Grosse den ersten Platz am Schlachtfelde einräumte Hiraklius in all’ seiner majestätischen Pracht, umgeben von alten Getreuen und Genossen in der Sion-Kathedrale in Tiflis feierlich auf’s Evangelium ewige Unterthänigkeit dem russischen Reiche und seinem Monarchen schwur. „ Ich gedenke mit aufrichtiger Hochachtung und Bewunderung der einzelnen bereits wirksamen und thätigen Frauen im Kaukasus, die ihr Ziel mit so viel Anmuth und so viel Geschicklichkeit den heranwachsenden Mädchen näheirücken, der Frau Fürstin Maria Orbeliani, der Poetesse und Schriftstellerin Kato Gabaeff, der Redacteurin und Herausgeberin einer Zeitung und Zeitschrift Fürstin Zeretelli, der wohl- thätigen Frau Fürstin Olga Fadjejewna und aller jener jungen, frischen Kräfte, die sich so lebhaft an allem betheiligen, was Fortschritt und Cultur erheischt. Es sind ihrer noch nicht viele, aber die wenigen können getrost am Wege für die Kommenden arbeiten und ihn ebnen. Ich rufe Ihnen des berühmten Ilia Tschawtscha-wadse Worte freudig zu. „Nur wenig sind wir, aber gut vereinet Und einem Ziele ehrlich zugewandt, Nicht selten schon gescliah’s, dass viel Berufen’e Von wenig Auserwählten wurden iiberinannt.“ 1 r i > li L TMW-Bibliothek 00810038 ll Technisches Museum Wien Bibliothek 41.709/3