mm- ■MUST' H"?™ •.>«1 0k..*''A DAS STUDIUM UND DIE AUSÜBUNG DER MEDICIN DURCH FRAUEN. Beleuchtet VON D R - Theodor L. W. von Bischoff, O. Ö. PROFESSOR DER ANATOMIE UND PHYSIOLOGIE ZU MÜNCHEN. MÜNCHEN. Literarisch-artistische Anstalt (Th. Riedel) VORMAI.S DER COTTA’SCHEN BUCHHANDLUNG. Ö cchnisches museumwien BIBLIOTHEK 1872. Druck von C. R. Schurich in München. Naturam expellas furca Principiis obfta; fero medicina paratur, tarnen usque recurret. Cum mala per longas convaluerc moras. Die in der That beklagenswerthe Lage vieler Frauen und Töchter, befonders der gebildeteren Klaffen, die nicht gehörige Ausbildung und Ausnutzung der auch ihnen von der Natur eigenthtimlich verliehenen Eigenfchaften und Kräfte, find die in der Wahrheit begründeten Hebel und Hülfen des in der neueren Zeit immer lebhafter hervortretenden Strebens, ihnen weitere Lebenskreife für ihre Thätigkeit zu erwerben, als fie ihnen die bisherige Entwicklung des focialen Lebens eröffnet und angewiefen hat. Sie wenden ihre Blicke nach allen möglichen Richtungen, um ihre Stellung und Lage zu verbeffern, und dafs diefes nicht überall mit der nothigen Selbftkenntnifs gefchieht, ift ihnen um fo weniger zu verdenken, als der Mangel der Schärfe diefer Selbftkenntnifs gerade einen Theil ihrer eigen- thümlichen Natur ausmacht. Dafs zu diefen verkehrten Richtungen ihres Strebens auch das Studium der Medicin gehört, ift auch nicht fo fehr zu verwundern, wenn man den Standpunkt diefes Studiums, und leider auch eines grofsen Theiles feiner Vertreter an unferen Univerfitäten und medicinifchen Facultäten, wenn man die Lage und Leiftung einer grofsen Anzahl pra6tifcher Aerzte, und endlich vor Allem auch das Urtheil des Publicums, felbft in höheren und regierenden Kreifen über diefe Stellung und Leiftung der praötifchen Aerzte, kennt. In einer Zeit, wo es gefchehen konnte, dafs in dem Staate Europas, welcher fich für das Centrum der Intelligenz Bi fch off. Die Frauen u. d. Studium der Medicin. I hält, und auch wirklich den Beruf dafür befitzt, die Ausübung der praötifchen Medicin für ein Gewerbe erklärt und unter das Gewerbegefetz geftellt wurde: in einer Zeit, wo man nicht etwa unwiffende Bauern, ungebildete Handwerker, oberflächliche Frauenzimmer und bigotte Pfaffen, fondern Perfonen der höchften Stände und hochgeftellte Staatsdiener die Anfleht und Ueberzeugung ausfprechen hört, dafs ungebildete Schäfer und Schinder, Schuhmacher und Weiber, Einfleht in Krankheitszuftände und Heilmittel gegen diefelben befltzen könnten, von denen die wiffenfchaftliche Medicin keine Kenntnifs habe: in einer Zeit, wo die Anbetung des Erfolges fo blind und kritiklos ift, dafs man in diefem Erfolge einen Beweis für diefe ganz ohnmögliche Anfleht und Ueberzeugung zu haben glaubt: in einer folchen Zeit ift es allerdings auch möglich, dafs Frauen fleh für vollkommen befähigt erachten, das Handwerk der Medicin zu erlernen und zu betreiben, und dafs man es nur für gerecht und billig hält, ihnen den Weg dazu zu eröffnen und möglich zu machen. Diefe traurige Lage der Einfleht und des Urtheils über die Natur, die Anforderungen und die Leiftungsmöglichkeit des ärztlichen Studii und Berufes ift die Urfache, aus welcher ich mich entfchloffen habe, die Feder zu ergreifen, um das Beginnen der Frauen, fleh in das Studium der Medicin und die Ausübung der ärztlichen Praxis einzudrängen, als naturwidrig und der Frauen felbft unwürdig zu beleuchten; wobei ich nur noch für Diejenigen, welche mich nicht perfönlich kennen, bemerke, dafs ich kein prac- tifcher Arzt bin, und mich durchaus nicht mit der Ausübung der Heilkunde befchäftige. Diefer Mangel eines auch nur einigermafsen richtigen Urtheils über die Natur und die Aufgaben des ärztlichen Studii auch bei wiffen- fchaftlich gebildeten Männern, und, man follte es kaum glauben, felbft bei Aerzten, mufs es auch rechtfertigen, dafs und wenn ich hier Dinge zur Sprache bringe, welche all- 3 gemein bekannt und von Niemanden verkannt zu fein fcheinen. Wenn man aber in den daraus mit Nothwendig- kcit hervorgehenden Schlüffen und Folgerungen fo koloffal fehl geht und fich vergeht, wie es in den eben erwähnten Erfcheinungen der Beurtheilung und Behandlung des ärztlichen Studii und Handelns der Fall ift, dann mufs man es fich gefallen laffen, immer und immer wieder auf die alltäglichften und allbekannteften Dinge aufmerkfam gemacht zu w r erden, damit man fich herbeiläfst und entfchliefst, auch die nothwendigen Folgen anzuerkennen und ihnen gemäfs zu handeln. Ich denke, heut zu Tage ift man felbft in den ein- fachften Kreifen des gebildeten bürgerlichen Lebens dahin gekommen, einzufehen, dafs man die Erfcheinung des Men- fchen (um bei ihm allein flehen zu bleiben) nicht als ein für fich beftehendes unbegriffenes und unbegreifbares Räthfel, als einmal gegebene Exiftenz, betrachten kann, deren Bedingungen ein für allemal nicht beizukommen ift; auf die man da und dort einzuwirken verfucht, fo gut es eben geht, über die zu einer Einficht zu kommen, man aber verzichtet. Im Gegentheil hat fich doch wohl ziemlich allgemein die Ueberzeugung verbreitet, dafs der menfchliche Organismus ein aufferordentlich fein und complicirt zufam- mengefetzter Apparat ift, deffen Thätigkeit die Folgen zahllofer chemifcher und mechanifcher Bedingungen und Urfachen find. Wer davon nur irgend eine Vorftellung hat, dafs man eine künftlich zufammengefetzte Uhr, eine Dampfmafchine in ihren Effedten gar nicht verliehen, nicht beurtheilen, nicht reguliren, nicht bei erfolgter Störung wieder herftellen kann, ohne dafs man die chemifche und mechanifche Zufammenfetzung diefer Apparate und die Gefetze, nach welchen fie wirken, kennt: der hat doch wohl auch eine Einficht darüber, dafs diefes Alles in weit erhöhtem Maafse von dem menfchlicben Organismus gilt. Wenn er auch weis, dafs alle unfere chemifchen und phy- i * i 4 fikalifchen Erkenntniffe noch nicht ausreichen, um uns die Erfcheinungen des menschlichen Organismus nach ihren gefetzlichen Bedingungen und Urfachen erkennbar und durchfichtig zu machen, wenn er auch weis, dafs und wie weit wir von diefem Ziele noch entfernt find, fo weis er doch, dafs diefe Erfcheinungen des menfchlichen Organismus nur erkennbar und beftimmbar find durch Anwendung chemifch-phyfikalifcher Gefetze, und dafs Alles, was wir von ihnen wirklich wiffen, durch diefe Anwendung erlangt ift. Derjenige, welcher aufserdem in der geiftigen Erfchei- nungsweife des Menfchen noch andere, nicht chemifch- phyfikalifche Urfachen und Gefetze für wirkfam erachtet, weis doch, dafs fowohl diefe geiftige Erfcheinungsweife einerfeits überall und in hohem Grade von den chemifch- phyfikalifchen Verhältniffen des Körpers abhängig ift, als dafs anderer Scits das geiftige Verhalten den tiefgehenften Einflufs auf das körperliche Befinden und die chemifch- phyfikalifchen Proceffe in dem Körper ausübt. Diefe, man kann wohl fagen, allgemein verbreitete populäre und felbft triviale Kenntnifs von dem menfchlichen Organismus follte doch nun wohl zu der ebenfo allgemein nothwendigen Einficht führen, dafs nur, wer die chemifch-phyfikalifchen Bedingungen für die organifchen Proceffe, nur wer die geiftige Erfcheinungsweife des Menfchen wenigftens hiftorifch ftudirt und kennen gelernt hat, im Stande ift, die Vorgänge in dem menfchlichen Organismus irgend wie richtig zu erkennen, Abweichungen in demfelben richtig aufzufaffen und Mittel aufzufinden und anzugeben, diefe Abweichungen zu befeitigen und zu bekämpfen. Es weis aber ein Jeder, dafs es fich hiebei um die allerfchwierlgften Theile der Phyfik und Chemie, und um ein vorurteilsfreies Studium der Phyfiologie und Philofophie handelt, wogegen das Studium der unorga- nifchen Chemie und Phyfik als das bei Weitem leichtere erfcheint. 5 Längft* weis man aber, dafs der Menfch nur als der Schlufsftein und als das vollkommenfte Endglied der ganzen Reihe der organifchen Wefen zu erfaffen ift, und dafs er zahllofe feiner Eigenfchaften und Erfcheinungen mit den übrigen organifchen Wefen theilt. Diefe Erfcheinungen treten hier oft einfacher, weniger complicirt auf, und was hier als Gefetz und Wahrheit ermittelt worden, das behält feine Gültigkeit und feinen Werth auch für den Menfchen, ja wird hier von ganz entfcheidendem Werthe, weil die Erfcheinungen bei dem Menfchen felbft fo zufammengefetzt auftreten, dafs fie nur durch ihre Zerlegung in ihre einzelnen Factoren unferer Einficht irgendwie zugänglich werden. Diefes bedingt für den Arzt das Studium der gefamm- ten organifchen Natur, und fo ficher es ift, dafs der Einzelne diefe ungeheure Aufgabe nie und nimmermehr ihrem ganzen Umfange nach zu löfen vermag, fo unzweifelhaft logifch richtig ift es doch, dafs nur derjenige Arzt, der feinen Geift an dem Studium der organifchen Natur überhaupt gebildet und gefchult hat, im Stande ift, die Erfcheinungen des zufammengefetzten Organismus des Menfchen irgendwie befriedigend aufzufaffen und zu verliehen. Wer wird irgend Jemanden zumuthen oder von Jemanden erwarten, dafs er einen höchft zufammengefetzten mechani- fchen Apparat, einen künftlichen Webftuhl, eine Dampf- mafchine, eine Uhr irgendwie richtig kennen gelernt haben kann, wenn er nicht vorher viel einfachere Apparate nach ihrer Zufammenfetzung und gefetzlichen Wirkfamkeit ftudirt hat? Der menfchliche Organismus und die menfchliche Natur ift, foweit diefes überhaupt möglich, nur von Demjenigen zu erfaffen, der fich mit der organifchen Natur überhaupt vertraut gemacht hat. Diefe Aufgaben der Mathematik, Phyfik, Chemie und des Naturftudiums überhaupt, find fo fchwierig und fo ura- faffend, dafs nur bei einer fehr gründlichen Schulung und Entwicklung der Kräfte und Fähigkeiten des Individuums, 6 eine Möglichkeit zu ihrer irgendwie genügenden Löfung lieh ergeben kann. Eine durchgeführte Schulbildung ift bis jetzt noch immer als die nothwendigfte Vorbedingung für das ärztliche Studium betrachtet worden, und noch ift es keineswegs entfehieden, ob dazu eine realiftifch-mathema- tifch-phyfikalifche Bildung ausreicht, oder nicht jene geiftige Entwicklung des Denkvermögens abfolut erforderlich ift, wie fie bisher nur durch das Studium der alten Sprachen, als einer der höchften Bliithen des menfchlichen Geiftes, erlangt werden konnte. Auf Grund einer fo umfaffenden Vorbildung hat fich der künftige Arzt fodann mit dem menfchlichen *Körper in feinen gefunden und krankhaften Verhältniffen bekannt zu machen. Die Einrichtung und der Bau des menfchlichen Körpers mufs ihm ganz genau bis in feine feinften Einzelheiten bekannt fein; er foll die Verrichtungen aller Organe defselben nach ihren Bedingungen und Abhängigkeit von äufseren und inneren Einflüffen kennen. Hierauf foll er fich mit dem ganzen Heere innerer und äufserer Krankheiten, ihrer Natur, Erkenntnifs und den gegen diefelben anwendbaren Heilmitteln bekannt machen, und fich zugleich die mannigfachen technifchen Fertigkeiten und Gefchicklichkeiten aneignen, welche zur Behandlung innerer und äufserer Krankheiten erforderlich find. Wenn nun der Arzt alle feine geiftigen und körperlichen Fähigkeiten in folcher Weife zur möglichften Ausbildung gebracht und eine möglichft grofse Summe von erfahrungsmäfsigen Kenntniffen über den menfchlichen Organismus im gefunden und kranken Zuftande gefammelt hat, fo tritt jetzt erft recht eigentlich die Prüfung feiner Befähigung zum Arzte an ihn. Gelangt er nun an das Krankenbett, fo geben ihm alle feine angefammelten Kennt- niffe noch keineswegs die directen Mittel an die Hand, wie er in dem individuellen P'alle zu handlen hat. Da der menfchliche Organismus keine in gleichförmiger Wie- 7 derkehr arbeitende Mafchine ift, fondern die Mannigfaltigkeit der Zufammenfetzung feiner einzelnen Theile und die Bedingungen ihrer Thätigkeit eine ungeheure, ja man kann fagen unendliche ift, fo wiederholt fich derfelbe Fall in ganz gleicher Art niemals wieder. Derfelbe Vorgang im gefunden und kranken Zuftande entwickelt fich nie genau in derfelben Art und Weife, fondern hat immer feine individuellen Bedingungen. Zwei Menfchen, die ganz genau diefelben Nahrungsmittel und Getränke geniefsen, verdauen doch nicht ganz auf die gleiche Weife, und ernähren fich nicht in -gleichem Grade. Zwei Menfchen, die an derfelben Krankheit darnieder liegen, z. B. einer Lungenentzündung, find doch nie ganz genau in derfelben Art und Weife krank geworden, bieten nie genau dasfelbe Krankheitsbild dar, und werden nie genau in derfelben Weife von der Krankheit getödtet, aber auch nie genau in derfelben Art und Weife von derfelben geheilt und gerettet werden können. Hieraus ergiebt fich die ganze Schwierigkeit, und die ganze Eigenthümlichkeit des ärztlichen Handlens. Für dasfelbe laffen fich keine allgemeinen für jeden Fall paffende Regeln und Vorfchriften aufftellen. Es giebt keinen Codex morborum et medicamentorum, welchen der Arzt entweder in feinem Kopfe oder in feiner Tafche nachtragen könnte, und wo er nur nachzufchlagen habe, um zu erfahren, wie er in dem einzelnen Falle zu handlen hat. Er arbeitet nicht nach einem vo'rgefchi iebenen und vorgelegten Mufter; er vervielfältigt nicht ein ihm einmal gegebenes Beifpiel. Vielmehr ift es feine Aufgabe, an der Hand seiner allgemeinen, durch Studium und Erfahrung gewonnenen Erkennt- niffe den fpeciellen Fall nach feinen fpeciellen Bedingungen zu erforfchen, und mit den fpeciell indicirten'Hülfsmitteln zu behandlen. Das ärztliche Handlen erfordert daher ftets eine umfaflende geiftige Operation, deren Ergebnifs um fo - werthvoller und ficherer ift, je mehr fich der Geilt des Arztes dazu durch allgemeine und fpecielle Studien vor- 8 bereitet hat. Dabei kommt seine ganze individuelle Befähigung und die Entwicklung derfelben durch seine Arbeit in Betracht; bei dem Einem wird diefe, bei dem Anderen jene Seite die bevorzugte und befähigtere fein. Allein nie wird die Wiffenfchaft Denjenigen als einen Arzt anerkennen und anerkennen können, der nach Vorfchriften und Recepten arbeitet. Aus diefem Grunde ift die ärztliche Praxis kein Handwerk, und wird es nie fein, und wenn auch taufend Gefetzgebungen ihre Carricaturen unter die Gewerbe verfetzen. Ganz gewifs ift es wahr, dafs viele Aerzte den an fie zu {teilenden Anforderungen nicht entfprechen. Ihrer Befähigung, ihrem ganzen Entwicklungsgang, ihrem Streben nach find fie keine frei geiftig producirende und denkende Forfcher und Künftler, fondern Handwerker, die mit dem mehr oder weniger grofsen Vorrathe ihrer erlernten Vorfchriften arbeiten, und dem eigentlichften Zwecke ihrer Thätigkeit nicht entfprechen. Allein einer Seits ift die Natur der Sache, die wechfelnde individuelle Mannigfaltigkeit der Krankheit, eine fo hervortretende und zwingende, dafs dennoch die Mehrzahl der Aezte ihr bewufst oder un- bewufst, befähigt oder unbefähigt, nachleben mufs, anderer Seits entfeheidet das Verfehlen eines Zieles. nichts über diefes Ziel felbft, feine Nothwendigkeit und feinen Werth. Giebt es unter hundert Aezten neun und neunzig Handwerker und auch nur einen einzigen gebildeten felbftftändig denkenden und handlenden Geilt, fo entfeheidet doch nur diefer Eine über die Natur, die Art und den Werth der ärztlichen Praxis, und nur von diefem Einen geht der Fortfehritt, die Weiterbildung der ärztlichen Einficht und des ärztlichen Handlens aus. Er allein ift der wirkliche Repräfentant der Medicin, er allein verwirklicht ihre Forderungen, er -allein vertritt aber auch ihre Rechte, und 9 wiclerfetzt fich allen handwerksmäfsigen Zumuthungen und handwerksmäfsiger Beurtheilung. Ich will hier keinen vergleichenden abfoluten Werth- mafsftab an die Medicin und andere wiffenfchaftliche und zugleich in das fociale Leben eingreifende Richtungen, wie Jurisprudenz, Theologie, Lehramt, Pädagogik etc. anlegen. Allein da letztere und befonders die Jurisprudenz durch ihren Einflufs auf die Gefetzgebung' in vielen Fällen tief und entfcheidend auch auf die Medicin einwirken, fo ift es dennoch nothwendig hervorzuheben, dafs fie fich in Beziehung fowohl auf ihre Ideale als die Realifation derfelben im Leben, in durchaus keinem anderen Verhältniffe befinden, als die Medicin. Was zunächft die Summe des Wiffenswerthen und Notlügen betrifft, fo kann fich in diefer Hinficht keine der genannten Disciplinen mit der Medicin meffen. Wirklich ift es wahr, dafs der Arzt: die grofse und kleine Welt durchftudiren mufs, um fich für feinen Beruf vorzubereiten; Natur und Menfchenkenntnifs ift ihm in einem Grade nothwendig, wie fie die übrigen Disciplinen in keinem höheren Maafse erfordern. Darin liegt zugleich der Beweis, dafs auch die Mittel zur Löfung der Aufgabe keine niedrigen find. Die Gabe der Beobachtung, die Unbefangenheit und Schärfe des Urtheils, die Forderung der Abftraötion von der Einzelheit der Erfcheinung zu einer allgemeinen Er- kenntnifs, gelten für die Medicin zuverläffig nicht minder als für Theologie, Jurisprudenz etc. Die Idee des Rechtes und der Religion, fleht in keinem Falle höher, als die des Lebens, des körperlichen wie geiftigen überhaupt, welche für den Arzt die letzte und höchfte Aufgabe bildet. Niemand wird aber läugnen können, dafs auch die Juriften, Theologen, Lehrer etc. ihre Ideale im Leben nicht oft verwirklichen. Auch bei ihnen ift die grofse Anzahl Handwerker, die nach vorgefchriebener Schablone arbeiten, geiftlofe Aölenfabrikanten, Wortklauber und Rechtsverdreher, IO blinde Dogmatiker, ftumpffinnige Anbeter des Wortes oder Heuchler. Dennoch ift es noch Niemanden eingefallen, und die Wortführer unter den Juriften und Theologen werden es niemals dulden, dafs man diefe Mifsgeftalten für die Reprafentanten des Rechtes und der Religion, das was fie treiben für Jurisprudenz und Theologie ausgiebt, und danach die Forderungen an die Befähigung und Leift- ungen der Juriften und Theologen richtet, und von ihrem Treiben'den Charakter und die Werthfehätzung der Jurisprudenz und Theologie ableiten wollte. Welch ein Hallo würde entftehen, wenn man Jurisprudenz, Theologie, Ge- fchichte, Pädagogik unter die Handwerke verfetzen und durch Parlamentsbefchlüffe ihre pradtifche Anwendung unter das Gewerbegefetz bringen würde ?! Auf den erften Schritten würde ein Solcher als ein Tollhäusler niedergefchrien werden, und nie würde auch nur die geringfte ftaatliche Einrichtung oder Connivenz geduldet werden, welche nur im Minderten darauf hinausliefe, dafs Jurisprudenz, Theologie, Lehramt auch von minderbefähigten und unterrichteten Individuen betrieben werden könne und dürfe. Und doch unterliegt es keinem Zweifel, dafs es hunderte von Individuen giebt, die ein lebhafteres Rechtsgefühl, einen lchärferen Verftand, eine gröfsere Dialektik, mehr Rednergabe befitzen, als viele ftudirte Juriften; und hunderte von Individuen, die mehr wahrhafte Frömmigkeit, mehr Liebe zu Gott und ihren Mitmenfchen, mehr Streben nach eigener Befferung und Vervollkommnung, auch mehr Gaben, auf Andere in diefer Hinficht günftig und fördernd einzuwirken, befitzen, als hunderte von Geiftlichen. Allein Juriften und Theologen haben in unferen civili- firten Staaten die äufsere und innere Macht in Händen, und fie halten zufammen und vertreten die Würde ihrer Disciplinen und Ideale. Die Aerzte haben keine Macht in Händen, und nur wenn Krankheit und Tod drohen, befitzen fie eine Autorität, die nach verfchwundener Gefahr fogleich wieder erlifcht. Leider haben fie aber auch felbft meiftens nur geringen Corpsgeift, find Skeptiker gegen ihr eigenes Willen und Vermögen, Egoiften in Beziehung auf ihre Collegen, und fpüren den Teufel meiftens erft dann, wenn er fie am Kragen hat. Es liegt das Alles ganz in der verfchiedenen Natur des Studii und feiner Aufifaffung. Juriften und Theologen find meift Infallibiliften und von ihrer Unfehlbarkeit vollkommen überzeugt. Sie fchwören auf ihre Gefetze und Dogmen und verfolgen, beftrafen und verketzern und verbrennen Diejenigen, welche fich ihnen nicht unterwerfen und ihnen nicht glauben. Es gab eine Zeit, da war es in der Medicin auch fo, da war der Autoritätsglaube und das Autoritätsanfehen ebenfalls fehr grofs, da waren die Vorfchriften der Coryphäen unantaftbare Glaubensartikel. Schüler und Patienten fchwuren in Verba Magiftri und das Anfehen der Aerzte war fehr grofs. Aber der unaufhaltfame Fortfehritt der Wiffenfchaft untergrub nach und nach diefen guten Glauben an Autorität und an Sich felbft, und lehrte, dafs je mehr man wufste, man um fo weiter fich von abfolutem Wiffen entfernt fieht. Gerade die gröfsten Aerzte und Naturforfcher find am entfernteften davon, fich als unfehlbare Autoritäten zu betrachten, kennen am vollkommenften die Unzulänglichkeit unferes Wiffens und Könnens gegenüber den noch fo verborgenen Gefetzen der organifchen Natur, und »weil fie fich nicht felbft vertrauen, vertrauen ihnen auch die anderen Seelen nicht!« So ift es gekommen, dafs je mehr die Medicin in der That fortgefchritten ift, um fo mehr hat fie an Anfehen verloren. Je fchwieriger ihr Studium und je gröfser feine Anforderungen geworden, weil die Autorität verfchwunden, um fo mehr finden fich dreifte Eindringlinge, die auf die alte Infallibilität und ihre Anhänger im Publicum fpeculiren. Es wird einft fo auch mit der Jurisprudenz und Theologie gehen; wahrfcheinlich mit letzterer zuerft, da fie hartnäckig 12 ihre Infallibilität dem gefunden Menfchenverftande gegenüber aufrecht zu erhalten fich bemüht. 4 » Die Bedeutung des Arztes aber für den Staat hat keineswegs abgenommen, vielmehr fteigt fie, je gröfser die allgemeine Bildung wird, denn um fo gröfser wird das Be- dürfnifs: Leben und Gefundheit durch zweckmäfsige Einrichtungen und Mittel zu fchützen und aus Gefahren zu retten. »Der Arzt übt in gebildeten Staaten einen fehr grofsen Einflufs auf das körperliche und fittliche Wohl der Familien und dadurch auf die Kraft des Volkes aus«: fagt ein bewährter und erfahrener alter Arzt und Lehrer*), und »die Bildung des ärztlichen Standes greift mehr als die irgend eines anderen tief in die Lebensverhältniffe aller Stände ein«, fchreibt mir derfelbc als Refultat feiner langjährigen Erfahrungen. Ich halte es endlich für durchaus nothwendig, auch noch darauf aufmerkfam zu machen, dafs an den Arzt auch eine bedeutende Anforderung von körperlicher Kraft und Leiftungsfähigkeit gemacht wird. Nicht nur, dafs er überhaupt einen fehr anftrengenden Beruf zu erfüllen hat, Tag und Nacht, zu jeder Jahres- und Tageszeit, bei jeder Witterung zur Hülfe bereit fein mufs, in den Städten alle Strafsen und Häufer betreten, im Keller und über vier Stiegen, in kalten und überhitzten Räumen aushalten, auf dem Lande ftundenweite Wege zu Fufs, zu Pferd und zu Wagen zurücklegen, fich den nachtheiligften Einflüffen ausfetzen mufs, und dennoch gefund bleiben foll; auch viele feiner fpeciellen Leiftungen erfordern oft einen bedeutenden Kraftaufwand. Man fehe einen Operateur am Operations- tifch, einen Geburtshelfer bei fo mancher fchweren Entbindung, und man wird fich überzeugen, dafs nur ein *) Jüngken: Promemoria, die medicinifchen Studien, Prüfungen und die Stellung der Aerzte unter das neue Gewerbe- gefetz. Berlin 1872. kräftiger gefunder Mann folche Anftrengungen zu leiftcn vermag. »Mens sana in corpore sano!« Das ift Alles in Allem in der weiteften Bedeutung der Worte die Forderung, die an einen Arzt geftellt wird' und geftellt werden mufs. Eine gründliche Schulbildung, welche auf die Entwicklung aller intelligenten Kräfte gerichtet fein mufs; ein umfaffendes Studium der gefammten anorganifchen und organifchen Natur, welches den Geilt reift zur Auffaffung und Ahnung der zwar noch verhüllten, aber dennoch mit unverbrüchlicher Nothwendigkeit wirkenden Gefetze des organifchen Lebens; eine eindringende Kenntnifs des menfchlichen Organismus im gefunden und kranken Zuftande, fowohl von feiner körperlichen als geiftigen Seite, ein gefunder, kräftiger, im freien Gebrauche aller feiner Glieder und Organe fich befindender Körper: Das find die Forderungen, die wir an einen Arzt Hellen, die an ihn geftellt werden müffen. Bleiben Neunhundert und neunzig dahinter zurück: die Zehne, die diefe Anforderungen erfüllen, find die Reprä- fentanten des Berufes, feiner Zwecke, feiner Leiltungen, feiner Rechte! Es fragt fich nun, ob das weibliche Gefchlecht vermöge feiner ihm von der Natur verliehenen Eigenfchaften und Kräfte befähigt ift, die eben gefchilderten Aufgaben des Studiums der Medicin und des praötifchen Arztes zu löfen ? Die Vertheidiger diefer Prätenfion geberden fich fo, als könne darüber gar kein Zweifel fein, dafs auch die Frauen die natürliche Befähigung zu diefem Studium und feiner praötifchen Bethätigung befitzen, und dafs nur die Tyrannei des männlichen Gefchlechtes und die Unterdrückung, in welcher die Frauen bis jetzt erhalten worden feien, denfelben auch diefen ihnen von Natur offen ge- ftellten Bildungs- und Berufsweg abgefchnitten habe. Sollte man aber ja etwa daran zweifeln können, dafs fie in ihrer 14 jetzigen Lage diefe Befähigung befitzen, fo fei diefes nur die Folge der taufcndjährigen Bedrückung und Unterjochung, welche die Befähigungen der weiblichen Natur nicht habe zur Entwicklung kommen laffen. Es fei hohe Zeit und das Verdienft unferer Zeit, diefe Sclavenfeffel von der zahlreicheren Hälfte des menfchlichen Gefchlechtes ab- zuftreifen, und fie fich zu allen Leiftungen entwickeln zu laffen, welche ihnen die Natur fo gut als den Männern ermöglicht habe. Aus diefem weit verbreiteten Gerede, oder aus diefer ftillfchweigenden Vorausfetzung von der gleich befähigten und gleichgearteten Naturanlage des männlichen und weiblichen Gefchlechtes, mufs man fchliefsen, dafs einem grofsen Theile felbft des gebildeten Publicums die Kenntnifs der Natur und Artung des weiblichen Gefchlechtes, feiner Vorzüge und feiner Schwächen, trotz täglichen Umganges und Erfahrung, abhanden gekommen ift. Es wäre daher wohl angezeigt, hier die feit Jahrhunderten gefammelten Thatfachen und Erfahrungen über die körperlichen und geiftigen Verfchiedenheiten beider Gefchlechter wieder in die Erinnerung zu bringen, und darauf aufmerkfam zu machen, dafs fich diefe Verfchiedenheiten nicht etwa nur auf einige Unter- fchiede in den äufseren Formen und den Gefchlechts- organen, fondern man kann fagen auf jeden Knochen, jeden Muskel, jedes Organ, jeden Nerven, jede Fafer erftrecken, fo dafs, wenn der Satz irgend eine Wahrheit enthält, dafs Gleiches fich nur durch gleiche Fadloren erzielen läfst, es fich ohne Alles Weitere von Selb ft ergiebt, dafs Frauen Das nicht leiften können, was Männer vermögen, fowie umgekehrt diefe nicht, wasjene. Denn es hat fich dabei durch die unpartheiifchfte und gewiffenhaftefte anatomifche und phyfiologifche Forfchung herausgeftellt, dafs das Weib entfchieden ungleich fchwächer ift, in feiner ganzen Organi- fation einen minder hohen Entwicklungsgrad erreicht hat, und in allen Beziehungen dem Kinde* näher fteht, als der Mann. Da ich indeffen befürchte, dafs man zu diefer ana- tomifch-phyfiologifchen Schilderung der Unterfchiede zwifchen Mann und Frau höhnifch oder gelangweilt die Achteln zucken würde, wie fehr man auch durch die Unkenntnifs der daraus hervorgehenden nothwendigen Folgen beweifet, dafs ein folches Promemoria durchaus am Platze fein würde, fo will ich mich hier im Texte nur auf Angabe der Hauptunterfchiede in dem Baue des Schädels und Gehirnes beim Weibe und beim Manne befchränken, ein kurze Schilderung der übrigen Unterfchiede aber nur in einem Anhänge für Diejenigen hinzufügen, welche ein Intereffe daran finden, fich auch über diefe zu belehren. Die Unterfchiede in der Schädel- und Gehirnbildung find fo charakteriftifch und wichtig, dafs fie namentlich zur Beurtheilung der geiftigen Unterfchiede zwifchen beiden Gefchlechtern nicht überfehen werden dürfen. In Beziehung auf den Bau des weiblichen Schädels folge ich dabei den neueften Forfchungen zweier unterer forgfältigften, gewiffenhafteften und kenntnifsreichften Anatomen, den Herren H. Welker in Halle und A. Ecker in Freiburg. Nach ihnen unterfcheidet fich der weibliche Schädel von dem männlichen: I. In Beziehung auf die Befchaffenheit der Knochenoberfläche durch die geringere Ausbildung aller Vorfprünge und Leihen, befonders auch der Oberaugenbraunengegend und der hier gelegenen Stirnhöhlen, letzteres in Zufammenhang mit der geringeren Ausbildung des Athemapparates. Die Verknöcherungspunkte an den Stirn- und Scheitelflächen find viel deutlicher als beim Manne, verhalten fich dagegen wie beim Kinde. II. In Beziehung auf die Gröfsen-Verhältniffe ift der männliche Schädel abfolut gröfser, als der weibliche; nach Welker verhält fich der horizontale Umfang bei beiden: wie 100:96,6; die Capacität wie 100:89,7. Nach Sömmering verhält fich das Gewicht des Schädels zu dem des Skeletes beim Manne wie i:8, beim Weibe wie i:6, ift alfo bei letzterem dem Kinde ähnlicher. In Beziehung auf die relativen Gröfsen-Verhält- niffe einzelner Theile des Schädels ift hervorzuheben: 1. Die Kleinheit des Gefichtstheiles in Verhältnifs z-um Schädeltheil, daher geringerer Umfang der Mundhöhle, kleinere Zähne etc. abermals ähnlich dem Kinde. 2. Das Ueberwiegen der Schädeldecke über die Schädel- bafis, ebenfalls wie beim Kinde. 3. Die geringere Höhe des Hirnfchädels. Beim Manne verhält fich die Länge des Schädels zur Höhe nach Welker wie 100:73,9; beim Weibe wie 100:70,1; nach Ecker wie 100:83,9 und 100:79,4. 4. Eine gröfsere Flachheit des Schädeldaches, befon- ders der Scheitelgegend. 5. Die mehr fenkrechte Stellung der Stirne, und daher ein höherer Grad Orthognathie (Gerade Schädel), wie beim Kinde. Aus allem Diefem geht eine eigenthümliche Gefammt- form des weiblichen Schädels hervor, die fich befonders darin ausfpricht, dafs der flache Scheitel ziemlich plötzlich in die fenkrechte Stirnlienie überzugehen pflegt, fo dafs der Ueber- gang von Stirn und Scheitel nicht in einer Wölbung, fondern in einem leichten Winkel ftattfindet. In ähnlicher Weife geht der Scheitel auch in einer Art winklicher Biegung in das Hinterhaupt über. Auch diefes find Eigenthümlichkeiten des kindlichen Schädels. In Beziehung auf das Gehirn hebe ich hier vorzüglich nur die bedeutende Thatfache hervor, dafs nach allen Beobachtern ohne Ausnahme, bei allen Völkern und Racen, das abfolute Gewicht des ganzen Hirns bei den Männern immer gröfser ift als bei den Frauen-. Nach Tiedemann beträgt der Unterfchied 130— 150 Grm., nach Hufchke 152 Grm., nach Boyd 130— 160 Grm., nach Peacock 108 Grm., nach Sappey 102 Grm., nach Blosfeld 15 1 Grm., nach Weisbach 150 Grm., nach einer von mir ausgeführten Wägung von 391 männlichen und 253 weiblichen Gehirnen bayrifcher Nationalität 134 Grm. Diefer Unterfchied ift fchon bei der Geburt zu Gunften des männlichen Ge- fchlechtes vorhanden. Derfelbe fällt ebenfo nach allen Autoren, wenigftens zu dem bei weitem gröfsten Theile, auf das grofse Gehirn, das Organ des Bewufstfeins, der Intelligenz und der höheren geiftigen Fähigkeiten, weniger oder gar nicht auf das kleine Gehirn, oder das Centralorgan der Bewegungen, welches bei beiden Gefchlechtern beinah gleich fchwer ift. Sind auch die Grenzen, innerhalb welcher das abfolute Hirngewicht verfchiedener Individuen fchwankt, fehr grofs, giebt es gleich zahlreiche Weibergehirne, welche ebenfo fchwer und fchwerer als viele Männergehirne find, ift es gleich nicht möglich den Satz, dafs ein fchwereres Gehirn eine höhere Befähigung oder gar Leiftung in psychifcher Hinficht bedinge und mit fich bringe, fo nackt hinzuftellen, fo ift doch die Thatfache des unbedingten Vorwiegens des männlichen Gehirns über das weibliche im Grofsen und Ganzen, fo wie die, dafs das Maximum des Hirngewichtes immer nur bei Männern beobachtet wird, fo entfchieden, dafs es ganz ohnmöglich ift, deren Bedeutung zu überfehen. Man hat geglaubt, diefelbe durch die Be- rückfichtigung des relativen Hirngewichtes d. h. durch das Verhältnifs des Hirngewichtes zum Körpergewicht, bedeutend abfchwächen zu können, indem man angiebt, dafs daffelbe bei beiden Gefchlechtern gleich, oder bei dem weiblichen felbft etwas gröfser fei, z. B. nach Reid bei dem männlichen 1/37, bei dem weiblichen 1/35. Auch ich fand daffelbe hier bei dem erfteren 1/36 bei dem letzteren 1/35. Allein es ift eine unbeftreitbare, und auch von allen umfichtigeren Beobachtern anerkannte Thatfache, dafs das relative Hirngewicht, namentlich bei Individuen ein Bifchoff, die Frauen u. d. Studium der Medicin. 2 und derfelben Gattung, gar keine Bedeutung hat. Denn während das individuelle Hirngewicht erwachsener Perfonen nach allen darüber möglichen Beobachtungen nur fehr geringen Schwankungen unterliegt, ift das Körpergewicht bekanntlich bei demselben Individuum nach dem Zu- ftande der Ernährung, Gefundheit und Krankheit, dem Alter etc. fehr grofsen Schwankungen unterworfen. Seine Berechnung hat defshalb namentlich bei durch Krankheiten getödteten Individuen, auf deren Körpergewicht die Krankheit nach beiden Seiten hin den gröfsten Einflufs ausübt, (z. B. Schwindfucht und Wafferfucht) gar keinen Werth, wie mir namentlich auch meine Beobachtungen und Zahlen gelehrt haben. Wir befitzen nun freilich Berechnungen des normalen mittleren Körpergewichtes bei beiden Geschlechtern und man könnte daher mit diefen die gefundenen mittleren Hirngewichte in Parallele bringen. Quetelet z. B. beftimmt das normale mittlere Körpergewicht von erwach- fenen Männern belgifcher Nationalität zu 63,7 Kgrm. und von Weibern zu 55,2 Kgrm., wonach fich, nach den von mir erhaltenen Zahlen für das abfolut mittlere Hirngewicht, bei beiden Gefchlechtern ein gleiches relatives Hirngewicht von 1/45 herausftellen würde. Allein auch diefe Zahlen find bedeutenden Zweiflen unterworfen, da über das normale mittlere Körpergewicht in verschiedenen Ländern die Angaben durchaus nicht übereinftimmen, und daffelbe namentlich z. B. von der hiefigen Bevölkerung gar nicht bekannt ift. Aber jedenfalls mufs angenommen werden, dafs auch die von mir gefundenen abfoluten Hirngewichte, als von durch Krankheiten getödteten Menfchen, keinesweges den normalen derfelben Individuen vollkommen entfprechen. Alle diefe Zweifel treffen die Vergleichung der gefundenen Unterschiede in dem abSoluten Hirngewichte nicht, da Sich diefe Zweifel bei beiden Gefchlechtern ausgleichen. Weniger zuverläffig als diefer Gewichtsunterschied in dem ganzen grofsen Gehirne beider Gefchlechter, ift die Angabe Sömmerings, dafs namentlich die mittleren Hirnlappen der Hemisphären des grofsen Hirns bei den Weibern kleiner feien, als bei den Männern. Es wird diefes mehr aus der Form des weiblichen Schädels, als aus wirklichen Meffungen und Wägungen des genannten Hirntheiles gefchloffen. Sollte es fich aber auch durch letztere, wenn es gelingt die einzelnen Hirnlappen durch beftimmte Grenzen voneinander zu trennen, beftätigen, fo würde ich diefem Unterfchiede fchon einen Werth beizulegen geneigt fein, indem ich den mittleren Hirnlappen überhaupt einen höheren psychifchen Werth beilege, als diefes gewöhnlich gefchieht. — Wenn es richtig ift, wie ältere Anatomen und auch Sömmering angeben, dafs die Zirbeldrüfe im Durchfchnitt bei dem weiblichen Gefchlechte gröfser fei, als bei dem männlichen, fo wiflen wir, bei unferer Unbekanntfchaft mit der Bedeutung diefes Gebildes, leider daraus keine Folge zu ziehen. Das Rückenmark foll bei dem Weibe relativ zum Gehirne ftärker fein, als bei dem Manne. Auch diefes wird mehr aus der gröfseren Weite des Wirbelkanales als aus directen Beobachtungen erfchloffen. Wäre es aber richtig, fo würde daraus ebenfalls eine geringere Hirnentwicklung bei dem Weibe zu erfchliefsen fein, infofern auch bei den Thieren das Rückenmark relativ zum Gehirn ftärker ift, als bei dem Menfchen. Diefer kurzen Angabe über die Verfchiedenheit der wefentlich in Betracht kommenden Schädel und Gehirnbildung bei beiden Gefchlechtern, füge ich eine ebenfo kurze, den erfahrendften Menfchenkennern und Psychologen entnommene Schilderung der geiftigen Eigenthümlichkeiten, Mängel und Vorzüge beider Gefchlechter hinzu. Der Mann ift muthig, kühn, heftig, trotzig, rauh, ver- fchloffen; das Weib furchtfam, nachgiebig, fanft, zärtlich, gutmüthig, gefchwätzig, verfchmitzt. Der Mann befitzt mehr Fertigkeit, das Weib ift wandelbar und inconfequent. Der Mann handelt nach Überzeugungen, das Weib nach 20 Gefühlen; die Vernunft beherrfcht bei jenem das Gefühl, bei diefem umgekehrt das Gefühl die Vernunft. Der männliche Geift fieht tiefer, weiter, fchärfer, dringt mehr in das Innere der Dinge und berückfichtigt mehr das Wefen der- felben, erforfcht gründlicher und genauer, prüft ruhiger und urtheilt unbefangener. Der weibliche Geift berückfichtigt mehr das Aeufsere, den Schein, als das innere Wefen; fein Urtheil ift befangen, oberflächlich, fein Wille fchwach, das Handlen unbeftimmt. Das Weib befitzt eine extenfiv und intenflv gröfsere Stärke des Gefühles und der Theil- nahme fowohl für die Ihrigen, als für jeden Nothleidenden. Das Weib ift fchamhafter und die Regungen des groben Ge- nuffes der Sinnlichkeit find bei ihm in der Regel geringer, als bei dem Manne. Der Mann ift das Schaffende, das Weib das erhaltende Princip der menfchlichen Gefellfchaft. Vortrefflich und bekannt ift die Schilderung des Charakters der Gefchlechter von Kant in feiner Anthropologie. Sie entfpricht der gegebenen Würdigung der Vorzüge und Schwächen beider Gefchlechter. Aus diefer Verfchiedenartigkeit der Gefchlechter in körperlicher und geiftiger Hinficht, geht unwiderleglich hervor, dafs das weibliche Gefchlecht für das Studium und die Pflege der Wiffenfchaften und ins- befondere der Medicin nicht geeignet ift. Das Studium der Medicin erfordert eine durchgeführte Schulbildung, nach den bisherigen Erfahrungen an der Hand der alten Sprachen und der Mathematik felbft für das männliche Gefchlecht bis zu dem 18.—19. Lebensjahre. Die Erfahrung hat gelehrt, dafs die Durchführung derfelben, felbft für das durchweg kräftiger organifirte männliche Gefchlecht, mit vielfachen Gefahren für körperliche und geiftige Gefundheit verbunden ift. Wenn es gleich einzelne Mädchen gegeben hat und giebt, welche Lateinifch und vielleicht, obgleich feiten, Griechifch gelernt haben, hin und wieder vielleicht auch einmal eine für 21 i 1 1 *> j I 3 >1 i mathcmatifche Entwicklungen befähigt ift, fo ift doch mit Sicherheit vorauszufagen, dafs, wenn felbft der Staat weibliche Gymnafien organifiren würde, diefe nicht gedeihen könnten. Was für Treibhauspflanzen man auch in unferen weiblichen Penfionaten, in der Erlernung der Mutterfprache, des Eranzöfifchen, Englifchen, Italicnifchen, der Literatur- Kenntnifs, Geographie, Gefchichte und der Muflk erzielen mag, diefe im Ganzen doch immer nur bei Wenigen, unter Aufbietung grofser Hilfsmittel erlangten Refultate, werden fleh niemals zu einer allgemeinen Volksbildung ausdehnen laffen, w r ie das bei unferen Gymnafien für den männlichen Theil der Bevölkerung der Fall ift. Schon jetzt find jene Refultate der Penflonsbildung in Beziehung auf die wahren und werthvollcn Seiten der weiblichen Natur und Organifation mehr als. zweifelhaft. Die verftändigen und wahrhaft Gebildeten aller Stände fchütteln zu dem Gebahrcn und den Lebensrefultaten der meiften diefer Pen- fionatspflanzen bedenklich den Kopf. Sie haben die Ge- fundheit, Unbefangenheit, Liebenswäirdigkeit, Heiterkeit, Anflelligkeit und Bereitwilligkeit der weiblichen Jugend verloren, find kränklich, voller fremdartiger Anfprüche, tiber- fchätzen das mit grofser Anftrengung von ihnen Erlernte meiftens bedeutend, und ihre Leiftungen find verhältnifs- mäfsig doch immer gering. Dazu erträgt der weibliche Organismus bei feiner rafcheren und lebhafteren Entwicklung in den Jahren von 12—16 und 18 noch w r eit weniger als der männliche, ohne tiefe und lebenslänglich nachwirkende Beeinträchtigung, die Anftrengungen einer ausdauernden Schulbildung. In diefer Lebensperiode entwickelt fleh das Gefchlechtsleben des Weibes und es ift eine alte und allgemeine Erfahrung, welche Schwierigkeiten dabei für eine grofse Anzahl von Mädchen zu überwinden find. Schon jetzt, wo wir unfere Töchter in diefer Zeit auf das auf- merkfamfte zu fchützen, zu fchonen und zu pflegen bemüht find, haben es die mancherlei Mifsgebilde der Civilifation dahin gebracht, dafs eine grofse Zahl von Familien mit Krankheiten und Störungen der mannigfaltigften Art zu kämpfen hat. Man unternehme es nur, als Fortfehritt in diefer Civilifation, dem jugendlichen weiblichen Organismus in noch weiterer und allgemeinerer Ausdehnung einen feinem natürlichen entgegengefetzten Entwicklungsgang, die Gehirnentwicklung auf Koften der Gefchlechtsentwicklung, zuzumuthen, und die Strafe der Natur wird in grofsartigem Maafsftabe nicht ausbleiben. Das Gerede, dafs man nur für diejenigen Frauen oder Mädchen den Zugang zu dem Studium der Medicin verlange, welche entweder verheirathet, keine Kinder hätten, oder für Solche, welche fich nicht verheirathen, bezeugt einmal fchon an und für fich, dafs man den Beruf des Weibes nicht im Studiren, fondern in der Begründung und der Leitung eines Familienlebens anerkennt. Nur alfo diejenigen, welche diefen ihren wahren Beruf verfehlen, für cliefe ift das Studium noch gut genug! Allein aufserdem fchliefst diefe Einfchränkung der Zulaffung für das Studium eine Ohnmöglichkeit für dasfelbe in fich ein. Denn fchwer- lich wird es irgend welche junge Mädchen von 14—16 Jahren geben, welche jetzt fchon entfchloffen find, nicht zu heirathen oder abfolut an einer Heirath gehindert find, und ebenfo wenig werden junge Frauen in ihren früheren Jahren beftimmt wiffen, dafs fie keine Kinder bekommen. Es wird alfo wohl immer das 25. oder 26. Lebensjahr wenig- ftens herankommen, bis fich jetzt der unwiderftehliche Drang zum Studium entwickelt. Wie ift es jetzt noch möglich, dasfelbe nach allen feinen nothwendigen Entwick- lungs- und Bildungsftufen durchzumachen? das Gymnafium noch zu abfolviren und die gehörige Zeit dem Studium felbft zu widmen? Es gehört mit zu den naturgefetzlichen Verhältniffen des weiblichen Gefchlechtes, dafs es früher feine Reife erreicht, aber auch früher wieder in feinen Leiftungen zurückbleibt, als das männliche. Bei Männern 23 aber haben wir die durchgehende Erfahrung, dafs diejenigen, welche die früheren Jahre ihrer Bildung verfäumt haben, diefes Verfäumnifs meiftens nie mehr, oder fehr feiten und nur mit grofser Aufbietung aller Kräfte nachholen. Ein alter Gymnafiaft und noch älterer Student wird trotz feiner gereifteren Erfahrung, rückfichtlich der Möglichkeit der Erreichung eines befferen Zieles feiner Studien mit Recht immer zweifelhaft angefehen. Das Sprichwort: »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr«, ift fo wahr als irgend eines. Und bei dem weiblichen Ge- fchlechte follte das nicht, und nicht noch in erhöhtem Grade fich geltend machen? Ich follte meinen, ein grofser Theil der Widerwärtigkeit fogen. Blauftrümpfe 'behände gerade darin, dafs fie eine fehr geringe geiftige Beweglichkeit und Empfänglichkeit zeigen; der von ihnen eingefam- melte Vorrath an Wiffen ift abgefchloffen, und fie zeigen fich unfähig noch weitere geiftige Eindrücke in fich aufzunehmen und zu verbreiten. Wie will man es alfo recht- fertigen, dafs Mädchen und kinderlofe Frauen in ihrem 25. oder 26. Jahre erft anfangen follen zu ftudiren und doch noch irgend ein befferes Ziel als das einer handwerks- mäfsigen Abrichtung erreichen?! Eine Gymnafialbildung für Mädchen mtifste ferner mit Nothwendigkeit auch eine allgemeine, für Alle zugängliche fein. Man wird doch wohl nicht fchon im 10. oder 12. Jahre beftimmen oder erwarten können, dafs fich bei dem Mädchen die Neigung und Befähigung zum dereinftigen medicinifchen Studium vorfindet, fondern diefelbe kann jedenfalls erft fpäter hervortreten. Höchft wahrfcheinlich würde fie fich nur bei einem kleinen Bruchtheil der Gymnafia- ftinnen ausbilden. Was will man mit den Uebrigen anfangen? Unzweifelhaft find fie fo gut wie ihre Colleginnen zum Studium der Medicin, zum Studium der Jurisprudenz, Theologie, Philofophie, Philologie, Gefchichte etc. berechtigt und befähigt! Wie ift es? Sind unfere Staats- 24 männer, Juriften, Theologen etc. damit einverftanden ?! Ift nicht was für die Eine Recht ift, für die Andere billig? Wenn es möglich ift, für das weibliche Gefchlecht einen Schulbildungsgang zu eröffnen, der dasfelbe zu dem Studium der Medicin befähigt, fo ift es nicht nur möglich, fondcrn auch abfolut nothwendig, ihm in diefcm Schulbildungsgang auch den Zutritt zu allen anderen Studien und deren prac- tifchen Anwendung zu geftatten. Die Logik ift unerbittlich und führt ad absurdum, wo man fich ihr fonft aus Bequemlichkeit, Feigheit und im Gefühl des Machtbefitzes auf Koften Anderer entziehen zu können glaubt. Inzwischen wird es gewifs nicht an Solchen fehlen, welche es vorläufig auch für durchaus unnöthig erklären, dafs medicinifche Studentinnen eine Gymnafial-Bildung genoffen haben müfsten, obgleich felbft an dem Hauptfitz diefes Unwefens, in Zürich, fchon jetzt diefe Forderung lauter und durchgreifend geworden ift. Aber man wird fagen: Es ift fchon jetzt mehr als zweifelhaft, ob eine humaniftifche Gymnafial-Bildung oder eine realiftifche die bcffere Vorbildung für das Studium des Arztes ift. Die letztere kann fich auch das weibliche Gefchlecht aneignen, und indem wir diefen Ausweg wählen, vermeiden wir es zugleich, die Juriften, Theologen, Philologen zum Wider- fpruch zu reizen, welche dann die humaniftifche Schulbildung für fich behalten, und dann gewifs nicht fo viele Um- ftände machen werden, uns das Studium der Medicin Preis zu geben! Und in der That, mit Hinblick auf den Ausgang der Discuffion über das Gewerbegefetz und die Verletzung der Medicin unter die Gewerbe, ift diefe Specula- tion nicht ganz unwahrfcheinlich und, unberechtigt. Es giebt ja auch hier fchon unter den Profefforen der Medicin Vertheidiger der realiftifchen Vorbildung für die Mediciner genug; fie werden fich diefem Vorbildungswege auch für das weibliche Gefchlecht anfchliefsen! ? Vielleicht aber auch nicht! Vielleicht wird es auch unter Denjenigen, welche eine rcaliftifche Gymnafial-Bildung für den Mcdiciner für hinreichend oder felbft zweckmäfsiger halten, vielleicht wird es doch auch unter diefen nur Wenige geben, welche auch nur diefen Bildungsgang für Mädchen für möglich und durchführbar halten. Ich halte ihn aus inneren und äufseren Gründen für ebenfo unmöglich und unnatürlich wie den humaniftifchen Bildungsgang. Auch für ihn, namentlich für das durch und in ihm gepflegte matlie- mathifche Bildungs-Element, halte ich die weibliche Natur und Organifation für ganz ungeeignet und unbefähigt, während die äufseren und der gefunden Entwickelung des weiblichen Körpers durchaus widerftrebenden Schwierigkeiten diefelben bleiben. Ich erachte aber ferner die weibliche Natur auch für nicht befähigt zu einem ernften und wirklichen Naturftudium! Es mag fein, dafs es einzelne weibliche Individuen giebt und gegeben hat, welche durch die Schönheit und Pracht der Formen und Farben der Pflanzenwelt angezogen, fleh mit Erfolg eine Kenntnifs der fyftematifchen Botanik, des Linne’fchen und felbft des natürlichen Syftemes erworben haben. Vielleicht haben Einzelne auch fchon Gefallen gefunden an Schmetterlingen und Käfern und dem Haushalte der Thiere; andere vielleicht an bunten Steinen und Kryftallen; allein felbft für diefe hiftorifchen Naturwiffen- fchaften fehlt der weiblichen Natur das Intereffe, die Ausdauer und die Schärfe des Verftandes, um fleh mit den in diefen Studien geftellten ernfteren Fragen zu befchäftigen. Sobald die finnliche Anfchauung, in welcher vielleicht manche Frau viele Männer übertreffen mag, ihr diredtes Ziel erreicht hat, werden in der Regel die Motive eines näheren Eindringens in die Gefetze und den Zufammenhang diefer Form und Farben-Unterfchiede fehlen, und ich wüfste auch nicht, dafs jemals fleh eine Frau mit den hierhin gehörigen Fragen mit Ernft und Erfolg befchäftigt hätte. Es fehlt dem weiblichen Geifte dazu an Combinations-Gabe und 2 6 Schärfe der Unterfcheidung des Wefentlichen von dem Unwefentlichen. Die Maffe der Einzelheiten wird den weiblichen Geift eher bedrücken und erdrücken, als ihn anregen, das in den wechselnden Formen Gleichbleibende herauszufinden und zu entdecken. Es wird nie einen weiblichen Ariftoteles, Plinius, Linné, Büfifon, Cuvier etc. geben. Man wird Sagen, das braucht es auch nicht für die Frau, welche Arzt werden will, ebenfo wenig als Neun und neunzig Hundertel der bisherigen und zukünftigen Aerzte Sich eingehender in diefer Weife mit Botanik, Zoologie, Mineralogie, Geognofie und Geologie beschäftigen. Allein ich behaupte, dafs Das, was der weiblichen Natur und dem weiblichen Geifte fehlt, Sich jemals und auch nur einmal unter Hunderten, in fchöpferifcher Weife den hiftorifchen Naturwiffenfchaften zu widmen, das fehlt ihm auch Schon in viel geringeren Graden der Anforderung, receptiv. Wenn der männliche Geift durch das Hören botanifcher, zoologifcher und mineralogischer Vorlefungen wenigftens gefchult wird für das richtige Verftändnifs und die richtige Auffaffung organifcher Erfcheinungen, wie fie die Aufgabe des ärztlichen Lebens bilden und bleiben, fo wird diefe Schulung bei dem weiblichen Geifte nicht gelingen; denn er befitzt keine Zugänglichkeit dafür, er bleibt an der Einzelheit des Objedles haften, die an dasfelbe Sich anknüpfenden allgemeinen F ragen und deren Anwendung auf andere Objecte werden ihn nicht berühren. So geht gerade der meiftens diredt unbewufste Einflufs des natur- hiftorifchen Studii für den zukünftigen Arzt, für das Weib verloren. Freilich weil er oft unbewufst ift, wird er von Vielen heut zu Tage auch für den Arzt nicht anerkannt und gewürdigt. Allein die Gefchichte der Medicin und gerade der pradtifchen Medicin, hat längft Anders entschieden, und fie wird auch für die Zukunft fortfahren, Anders zu entfcheiden. Die Beobachtung, d. h. nicht das einfache Wahrnehmen des Gegebenen, Sondern die fcharfe 2 7 Unterfcheidung des Wefentlichen von dem Unwefentlichen, des Zufälligen von dem Gefetzlichen, des Gemeinfchaft- lichen von dem Befonderen an den wahrgenommenen Er- fcheinungen, worin die wefentlichfte Anforderung und die gröfste Leiftung des Arztes beruht, foll durch das Studium der hiftorifchen Naturwiffenfchaften geweckt und entwickelt werden. Aber die Befähigung zu folcher Beobachtung fehlt dem Weibe, welches zwar fchnell und im Einzelnen auch fcharf und richtig zu beobachten, aber nur flüchtig und ohne in den Zufammenhang der Erfcheinungen einzudringen, geartet ift. Noch weniger aber entfpricht das Studium der Phyfik und Chemie der weiblichen Natur. Unzweifelhaft wird eine gebildete Frau vielfaches und hohes Intereffe haben und nehmen, an den wunderbaren Erfcheinungen der Wärme des Lichtes, der Electricität, des Magnetismus etc., welche uns die Phyfik, und an den merkwürdigen Wechfel- wirkungen der Stoffe aufeinander, welche uns die Chemie kennen lehrt. Allein fo wie es daran geht, die inneren Bedingungen und das Gefetzmäfsige diefer Erfcheinungen aufzufuchen und zu entwicklen, wird der weibliche Geift verfagen und erlahmen, es fehlt ihm dazu die nachhaltende Kraft und Energie. Der Arzt aber foll fleh gerade bei diefen fogenannten exacten Naturwiffenfchaften das Be- wufstfein und die unwiderrufliche Ueberzeugung erwerben, dafs auch in den Erfcheinungen der organifchen Natur und des menschlichen Lebens, überall Gefetz und Regel, nirgends Zufall und Willkühr wirkfam find, wenn wir gleich noch weit entfernt davon find, fle in diefen Erfcheinungen überall erkennen und nachweifen zu können. Die fchlimmfte Eigen- fchaft eines Arztes ift unzweifelhaft die, dafs und wenn er, weil er fo Vieles in dem Gebiete des gefunden und kranken Menfchenlebens nicht erklären, nicht auf feinen gefetzlichen Zufammenhang und Bedingungen zurückführen kann, Alles für möglich hält; denn hiedurch öffnet fleh dem un- 28 wiffenfchaftlichen, handwerksmäfsigen Treiben Thür und Thor. Der wahre Geift der exakten Naturwiffenfchaften und fein Einflufs auf das Denken und Handlen des Arztes, wird dem Weibe ftets verfchloffen bleiben. Allein wir wollen annehmen, der weibliche Mcdiciner hat fich nun wirklich eine gewiffe Summe von botanifchen, zoologifchen, mineralogifchen, phyfikalifchen und chemifchen Kenntniffen angeeignet. Er befteht das betreffende Examen, welches ja nur nach diefen Kenntniffen, nicht nach feinen Früchten fragen kann. Die Studentin beginnt nun ihre medicinifchen Studien. Bei der Anatomie und Phyfiologie wiederholen fich fogleich die eben gefchilderten Verhältniffe, denn fie repräfentiren Naturgefchichte und Naturwiffenfchaft von dem menfchlichen Körper. Die Studentin wird fich auch hier im beften Falle eine gewiffe Summe von anatomifchen Kenntniffen über den Bau und die Zufammenfetzung des menfchlichen Körpers, über die Verdauung, Blutlauf, Ath- mung, Function der Nerven und Sinnesorgane etc. aneignen, ein mikroskopifches Präparat anfertigen lernen, aber ficher- lich wird die Mehrzahl fchon auf diefem blofs äufseren Wege, an der grofsen Menge der Thatfachen und Er- fcheinungen erlahmen. Das Intereffe der Neuheit, die Neugier werden bald nachlaffen, wenn die Schwierigkeit der Anforderung wächft; die Abftraction von dem Gewirre der Einzelheiten in der Anatomie wird zu Schwierig; des F'eftftehenden Doktrinären in der Phyfiologie ift noch viel zu wenig, das felbftthätige Denken und Urtheilen wird zu fehr in Anfpruch genommen, und fehr bald wird fich jener Handwerksgeift entwicklen, der bei dem männlichen Studenten durch Trägheit und Leichtfinn zu dem Raifonnement führt: Wozu diefe minutiöfe Kenntnifs von dem Baue des Körpers und aller feiner kleiner Fäferchen und Bläschen, wozu diefe genaue Verfolgung aller Vorgänge in dem menfchlichen Körper, dadurch lockt man keinen Hund — 29 — hinter dem Ofen her! Dadurch lerne ich nicht mehr von den Urfachen, dem Wefen und den Heilmitteln gegen die Krankheiten, denn eine unmittelbare Anwendung giebt es nicht; ich pfropfe mir nur mit all dem unnützen Zeug den Kopf voll, den ich mir beffer mit Recepten und pradtifchen Hand- und Kunftgrififen anfülle! Bei dem Studenten führt der Mangel an gutem Willen, an Fleifs und Eifer, der Leichtfinn, die Zerftreuung und Vergnügungsfucht leider nur .zu gewöhnlich auf diefen Weg. Bei der Studentin wird er eine naturnothwendige Folge der Befähigung der weiblichen Natur fein. Bei Jenen giebt es Ausnahmen, bei Diefen find fie nicht möglich. Dazu nun die dem weiblichen Zartgefühl, der Weichheit des Charakters, der Empfindlichkeit der Sinnesorgane, der Lebhaftigkeit der Phantafie, dem Schamgefühl ganz und gar wiederftrebende Befchäftigung mit der Leiche des menfchlichen Körpers. Ich bin ein alter abgehärteter Anatom, den in anatomifcher Hinficht der Spruch: Natura- lia non funt turpia, längft unempfindlich gemacht hat. Aber ich kann mir doch Nichts Abftofsenderes und Widerwärtigeres denken, als ein junges Mädchen, befchäftigt am Secirtifch oder bei der Sektion einer menfchlichen Leiche. Ich will mich nicht mit Ausmalen der Scenen befchäftigen, welche dabei nothwendig und unvermeidlich Vorkommen müfsen; aber mich ergreift ein Ekel, wenn ich mir bei denfelben ein weibliches Wefen befchäftigt denke. Welche Verläugnung aller Weiblichkeit, welche Ueberwindung gehört dazu, auch wenn ich mir Alles in den beften Formen und zu dem edelften Zwecke denke. Wie mancher Mann bedarf der ftärkften Berückfichtigung des Zweckes und der höchften Abftradltion von dem Mittel für den Zweck, um das Abfchreckende der Leiche und der Befchäftigung mit ihr zu überwinden. Es ift die Pflicht und die Aufgabe des Mannes, das zu überwinden. Für das Weib ift das nicht möglich, oder es ift ein Zeichen der äufserften Rohheit des Ge- 30 fühles und Charakters. Und das follen die Wefen fein, welche wegen der Feinheit ihres Zartgefühles, ihrer Mitempfindung, ihrer Vermeidung alles Anftöfsigen und Verletzenden, den Kranken vor den rohen männlichen Aerzten befonders zu empfehlen find? Es ift eine Beleidigung und Sünde wider die Natur, in meinen Augen für eine Frau ebenfo unverzeihlich, wie eine Sünde wider den heiligen Geift. Auch haben wir felbft hier bereits Erfahrungen gemacht, obgleich fie nur die leifeften Anfänge berühren. Im Anfänge hält die Neugier Stand; allein bald erfchlafft das Intereffe, die innere und äufsere Schwierigkeit wird zu grofs, die Sache nimmt ein Ende, indem man fich vorredet: Die Befchäftigung mit der Anatomie, mit der Leiche fei nicht fo nothwendig, das Nothwendige könne man fich durch Ledtüre, durch Abbildungen, durch plaftifche Darftellungen erwerben, und fo die Schreckniffe der Anatomie umgehen. Ja! Diefes ift der Weg, den unfere medicinifchen Studentinnen bald einfchlagen werden; ift es ja derfelbe, den Unverftand, Trägheit, Mifsgunft, falfche Humanität, welche fich fcheut, die nothwendigen menfchlichen Leichen herbeizufchaffen, fchon feit lange, Gott fei Dank bis jetzt aber vergebens, einzufchlagen fich bemüht haben. Bis jetzt ift es nicht geglückt, die Einficht zu unterdrücken, dafs die Anatomie, und zwar in ihrer pradtifchen Erlernung und Uebung an der menfchlichen Leiche, der reale und formelle Grundftein des gefammten medicinifchen Wiffens und Handlens ift. Die Anatomie lehrt den jungen Arzt nicht nur das Objedt feiner gefammten künftigen Bildung und feiner Thätigkeit kennen, fondern fie fchult auch feinen Geift in deffen logifcher geordneter und fcharfer Beobachtung und Aufiaffung; und dazu bedarf es der eigenen Befchäftigung mit dem Objedte. Die medicinifche Schule, welche die Anatomie vernachläffigt, wird nur oberflächliche und un- fichere Kurirer und ärztliche Handwerker hervorbringen. 3i Auch die Beschäftigung mit dem experimentalen Theile der Phyfiologie, namentlich die Vivifeötionen, widersprechen in höchstem Grade der weiblichen Natur, welche nicht So viel Abftradtion beSitzt, um Sich durch die Höhe des an- geStrebten Zweckes über So vieles AbSchreckende dieSer VerSuche hinwegSetzen zu können. Ich erinnere mich des theils widerwärtigen theils lächerlichen Eindruckes, den die Heldin eines Romanes der Frau Wilhelmine von Hillern hervorbringt, welche Sich mit vielem ErSolge mit der neueren NervenphySiologie beschäftigt; obgleich die Tendenz dieSes Romanes allerdings das ganz Verfehlte einer Solchen weiblichen Richtung darftellen zu Sollen Scheint. Die Darstellung aber ift ganz vollkommen in dem Geifte dieSer unreifen und unweiblichen Bestrebungen. Wenn ich aber die weibliche Natur für ganz ungeeignet und unbefähigt zu den wiffenfchaftlichen Grundlagen der pradtifch-medicinifchen Studien erkläre, So verfteht Sich dieSes von Selbft auch für diefe practifchen Studien und ihre Ausübung am Krankenbette Selbft. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dafs wer in den pradtifch-medicinifchen Disciplinen nur Vorschriften zur Erkenntnifs und Behandlung feststehender Krankheits- Sormen, und in der ärztlichen Praxis nur diredte Anwendung dieSer Vorschriften nach den aufgeftellten Muftern und Beispielen erblickt, daSs DieSer dazu allerdings auch weibliche Individuen für befähigt erachten wird. Zu diefem hand- werksmäfsigen Betriebe der medicinifchen Praxis laffen Sich gewifs auch Frauen abrichten. Ich glaube Schon, daSs es Manche giebt, welche dazu Beobachtungsgabe, GedächtniSs und Gewandtheit genug beSitzt. Ich habe auch Schon gesagt, daSs es nicht beftritten werden kann, daSs wir eine groSse Anzahl auch männlicher Aerzte kaum weiter bringen, die Sich nicht über das Niveau von ärztlichen Handwerkern erheben. Aber ich habe auch Schon geSagt, daSs Sie das Unglück des ärztlichen Standes und Berufes ausmachen. 32 Sie find wahrfcheinlich unvermeindlich wegen des Bedürf- niffes. Allein diefes Bedürfnifs ift auch durch fie vollkommen befriedigt, und es ift nicht nur keine Nothwendigkeit vorhanden, die Zahl diefer ärztlichen Handwerker noch zu vermehren, fondern das ganze Streben der ärztlichen, Bildungsanftalten mufs dahin gehen, ihre Zahl immer mehr und mehr zu vermindern, und fie wo möglich auszurotten. Dazu befteht bei dem männlichen Gefchlechte wenigftens die Hoffnung; denn bei ihm findet lieh die Befähigung, die oben an den pradtifchen Arzt geftellten Forderungen und die für ihn vorhandenen Aufgaben zu löfen. Bei dem weiblichen Gefchlechte ift diefes aber nicht der Fall; ihm fehlt von vorneherein die Befähigung zum Verftändnifs und zur Löfung diefer Aufgabe; in feiner Hand würden fie nie ihrer Erledigung zugeführt, fondern verewigt, die Fortentwicklung der Medicin abge- fchnitten, das Handwerk ftationär werden. Und gerade darin befteht die gröfste Gefahr und das gröfste Unheil, welches durch den Andrang des weiblichen Gefchlechtes der Medicin droht. Uns der Handwerker immer mehr und mehr zu entledigen, immer mehr und mehr wirklich wiffen- fchaftlich gebildete, denkende und handlende Aerzte zu erziehen, dadurch die pradtifche Medicin endlich wirklich zu einer rationellen Thätigkeit zu erheben, das ift und mufs das Streben der Facultäten und der fie leitenden Regierungen fein, felbft wenn es unzweifelhaft ift, dafs folches Ziel noch in Jahrhunderten nicht erreicht wird. Allein kein Vernünftiger wirft fich bei feinem Streben nach einem Ziele felbft die Steine in den Weg, oder leidet, dafs fie ihm in den Weg geworfen werden, um fo weniger, je fchwieriger diefes Ziel zu erreichen, und je entfernter es ift. Die weibliche Natur und der weibliche Geift find nicht befähigt die Ideale ärztlicher Bildung und Praxis zu erreichen. Frauen find daher auf diefemWege nicht zu dulden, denn fie erfchweren — 33 — das Erreichen des Zieles und vermehren die Hin- derniffe, welche fo fchon grofs genug find. Wenn diefes nun der innerlichfte und Hauptgrund ift, weshalb ich mich weiblichen Studien im Gebiete der Me- dicin widerfetze, welcher in feinem Wefen derfelbe ift, wie in Beziehung auf andere, juriftifche, theologifche, philo- fophifche etc. Studien, fo beftehen nun aber noch eine Maffe anderer innerer und äufserer Hinderniffe, welche gerade in Beziehung auf die Medicin leicht erkennbar find. Das Gefchlechtsleben tritt bei allen naturhiftorifchen anatomifch-phyfiologifchen Studien fo fehr hervor, es fpielt in allen Krankheitszuftänden eine fo wichtige Rolle, dafs eine ärztliche Bildung und weiterhin ein ärztliches Handeln, gar nicht gedacht werden kann, ohne beftändiges Eingehen auf daffelbe nach allen Seiten hin. So gewifs nun, als das weibliche Gefchlecht von Natur fittfamer, fchamhafter und keufcher ift, als das männliche, fo gewifs, als gerade diefe Eigenfchaft des Weibes eine der fchönften und edelften ift, und einen nicht hoch genug anzufchlagenden Werth für die Erhaltung der Sittlichkeit in der menfchlichen Gefell- fchaft befitzt, fo gewifs, als die Zerftörung diefer weiblichen Tugend vor allem den Untergang und die Vernichtung der Völker herbeigeführt hat und herbeiführt, wo fie nicht hochgeachtet, gefchont und gepflegt wird, fo gewifs ift es, dafs die nothwendige Mifsachtung und Vernachläffigung derfelben, welche medicinifche Studien mit fleh führt, das abfolute Verdammungsurtheil über diefes unfittliche Unternehmen unterer Zeit ausfpricht. Ich werde darüber kein Blatt vor den Mund nehmen. Die civiliflrte Gefellfchaft ift fehr empfindlich, ja man kann wohl fagen prüde, in Beziehung auf jede mündliche Erörterung über gefchlechtliche Verhältniffe, und es gilt das Wort des Dichters: »Man darf das nicht vor keufchen Ohren nennen, was keufche Herzen nicht entbehren können.« Es mag das oft befchränkt und Heuchelei fein; aber beffer Bifchoff, die Frauen u. d. Studium der Medicin. 3 34 ift es gewifs, als das Gegentheil. Nun denke man ficli eine Vorlefung über Anatomie in Gegenwart von Dutzenden junger Männer und junger Mädchen oder Frauen, in welcher, felbft abgesehen von der Befchreibung und Demonftration der Gefchlechtsorgane felbft, bei jeder Materie, Muskeln, Gefäfsen, Nerven etc. von den Gefchlechtsorganen gefpro- chen werden mufs, diefelben demonftrirt und in natura gezeigt, ihr Gebrauch und felbft ihr Mifsbrauch erörtert werden!! Oder eine Vorlefung über Zeugung und Entwicklung, in welcher die Zeugungsmaterien, die Funktionen der Gefchlechtsorgane, Begattung, Befruchtung ausführlich behandelt werden!! Von einer oberflächlichen Berührung diefer Materien, Andeutungen, Umgehungen etc. kann hier in keiner Weife die Rede fein, fondern es müffen diefe Verhältniffe ganz beftimmt und klar auseinandergefetzt werden. Wie ift diefes möglich in Gegenwart junger Perfonen weiblichen Gefchlechtes überhaupt, wie nun gar bei gleichzeitiger Gegenwart vieler junger Männer?! Diefes ift mir fo vollftändig unbegreiflich, dafs es mir ganz un- verftändlich ift, wie gerade Zwei meiner Specialcollegen in Zürich und Edinburg es öffentlich haben ausfprechen können, dafs der Befuch ihrer Vorlefungen durch weibliche Zuhörerinnen bei ihnen gar keinen Anftand gefunden habe. Nach neueften Mittheilungen in d. Augsb. All. Zeitung vom 24. Feb. d. J. Nro. 55. p. 814 ift es dann auch bei den anatomifchen Vorlefungen eines dritten Collegen in Petersburg zum Ausbruche gekommen, indem die »Damen« Ex- ceffe aller Art veranlafst haben. Um fo mehr werden wohl dort die fchon im Auguft v. J. bekannt gewordenen, fehl* verftändigen Vorfchriften des Kai fers von Rufsland innegehalten werden, nach denen fleh der Unterricht, und alfo auch die ärztliche Thätigkeit der Frauen in Rufsland auf Geburtshülfe, und auf Ausübung von Feldfcheer-Funkti- onen, Pockenimpfung und Befchäftigung in Apotheken weiblicher Heilanftalten zu befchränken hat. 35 Aber auch in faft allen anderen medicinifchen Vor- lefungen, weiterhin in klinifchen Anhalten, wo Behandlung gefchlechtlicher Verhältniffe, Unterfuchungen der Gefchlechts- organe etc. ganz unvermeidlich find und alle Tage Vorkommen, halte ich die Gegenwart von weiblichen Studirenden, zumal gleichzeitig mit männlichen, geradezu für einen groben Verftofs gegen Anhand und gute Sitte und für eine fcham- lofe Preisgebung alles weiblichen Zartgefühles. Ih diefes doch fogar der fchwierighe und heikelhe Punkt, welcher bei der fonh fo ganz der weiblichen Natur entfprechenden Krankenpflege zur Sprache kommt, und für gewiffe Ver- hältniffe meiner Anficht nach immer männliche Wärter erfordert. Es ih abfolut unmöglich, diefen Vorwurf oder diefe Schwierigkeit etwa in Beziehung der Behandlung weiblicher Kranken durch männliche Aerzte umzudrehen. Man hat mit Beriickfichtigung der auch hier gegebenen Schwierigkeiten und Unzukömmlichkeiten, bei Behandlung von Geburten, Operationen, Krankenpflege, dem weiblichen Ge- fchlechte zu überlaffen gehrebt, was nur immer möglich war. Aber das Anhöfsige liegt hier überall nicht fowohl in der Reflexion auf den Kranken, als in der auf den Bchandlenden. Der Mann ih einmal in Beziehung auf das Gefchlechtsleben der Handlende, der Thätige, Angreifende, Rückfichtslofe; das Weib ih und foll fein der fleh zurückziehende und zurückhaltende, verletzbarere Theil. Giebt das Weib als Arzt diefen Charakter auf, und nimmt den männlichen an, fo mufs fein Handlen und Ge- bahren mehr verletzen, als wenn es von dem roheren Manne ausgeht. Ich möchte es für ganz gewifs halten, dafs manche Frau ihre »Heimlichkeiten«, wie die alte Me- dicin es nannte, viel lieber einem männlichen als weiblichen Arzte offenbart; ein Mann kann und wird einem Weibe darin gar kein Vertrauen fchenken: es ih ein ganz unnatürliches und ekelhaftes Verhältnifs. 3 — 36 — Ich halte es defshalb auch für ein ganz unwahres Vorgeben, wenn man zur Unterftützung cles weiblichen ärztlichen Studiums behauptet, dafs fich die Frauen lieber von Frauen würden behandlen laffen. Ich bin überzeugt, dafs fobald die Sache ernft wird, das Vertrauen fchwinden wird. Denn das liegt in der Natur der Sache. Der Schwache fehnt fich nach dem Starken und fucht fich auf ihn zu ftützen, nicht nach dem Schwachen. Jede Frau kennt inftinötiv die Schwächen ihres Gefchlechtes und wird fie zum Voraus auch bei ihrem weiblichen Arzte vorausfetzen. Ich rechne hierauf fo viel, dafs wenn der anzurichtende Schaden nicht gar zu grofs und anderweitig nachwirkend fein würde, ich, wie Viele Andere glauben würde, man könne der Sache geduldig zufehen, fie werde in fich zu Grunde gehen. Wenn man an dem Krankenbette der Seinigen oder bei eigenem Erkranken mit Zittern und Zagen und zugleich mit Hoffnung auf Hülfe, Rettung und Troff dem Arzte entgegenfieht, dann kann ich mir ohnmöglich denken, dafs das frifirte Haar und die raufchen- den Röcke einer Frau dem Kranken diefe Hoffnung und diefen Troff bringen werden. Selbft die phyfifche Schwäche wird fich der Möglichkeit eines weiblichen Arztes in taufend Fällen entgegen- ftellen. Frauen können die Mühfeligkeiten und Strapazen des ärztlichen Berufes nicht ertragen. Man denke fich eine fchwie- rige Entbindung durch die Zange oder eine Wendung, Zer- ftücklung des Kindes etc.; man denke fich eine gröfsere chirurgifche Operation, Amputation, Exarticulation, Stein- fchnitt etc. etc., welches Mannweib würde dazu gehören, um die nöthigen Kräfte aufzutreiben! Selbft für Zahnoperationen, für die man es liebt weibliche Kräfte für ausreichend zu halten, beftreite ich das durchaus. Auch hier ift vollftändige Sicherheit und Herrfchaft über die noth- wendigen Bewegungen unabläffige Bedingung, wie fogleich Jeder zugeben wird, wenn er fich mit irgend einer Unficher- 37 heit oder Schwanken an feinen Zähnen herumgezogen denkt. Und gefetzt eine Frau befäfse foviel Kraft, Sicherheit und Ruhe in ihren Bewegungen, fo ift das nicht ohne eine gleichzeitige Rohheit und Gefühllofigkeit zu denken, welche man dem Manne verzeiht, bei ihm nichts Anders erwartet, bei einem Weibe aber den unangenehmften und widerwärtigften Eindruck machen mufs. Man liebt es überhaupt, die Zahnheilkunde als ein geeignetes Gebiet für Frauenpraxis hervorzuheben, die fchonende Zartheit ihrer Behandlung, die Feinheit ihrer Bewegungen etc. zu rühmen. Es hängt diefes zum Tlieil mit dem niedrigen Standpunkte, den die Zahnheilkunde überhaupt und namentlich bei uns in Baiern einnimmt, zufammen, da man in der That bei uns nur fehr wenig Bildung, und namentlich auch wenige ärztliche Bildung, von den Zahnärzten verlangt. In Norddeutfchland ift das fchon anders, und liegt auch durchaus nicht in der Natur der Sache. Der Zahn ift ein fo wichtiges und integrirendes Glied des menfchlichen Körpers, als irgend eines, und nimmt an deffen allgemeinen Zuftänden ebenfo Theil, wie irgend eines. Er bedarf zu feiner richtigen Beurtheilung und Behandlung ebenfo viele allgemeine Kenntnifse, Ur- theilskraft und Individualifirung, wie irgend eines. Aber weil wir 32 Zähne haben, gehen wir leichtfinnig mit dem einzelnen um, bis einer nach dem andern fort ift, und wir zu fpät den Nachtheil einfehen. Indeffen fo weit ift doch auch das grofse Publicum, dafs es einen wirklich gebildeten Arzt, der fich der Zahnheilkunde widmet, dem gewöhnlichen Zahntechniker, zu dem (ich allenfalls auch eine Frau qualificärt, vorzieht. Denn mit Recht refleölirt das Publicum fo, dafs wenn auch in 99 Fällen keine gröfseren und allgemeineren wiffenfchaftlichen Kenntniffe bei der Behandlung der Zähne in Anfpruch genommen werden, doch im hun- dertften und gerade in dem bedenklichften Falle, viel und felbft das Leben davon abhängen kann, ob der Zahnarzt — 38 - (liefe allgemeineren Kenntniffe befitzt, und fich durch fie zu helfen weis. Z. B. beim Chloroformiren, wo einem ungebildeten Zahntechniker, einer Frau, ein Patient unter den Händen'ftirbt, ein wiffen'fchaftlich und chirurgifch gebildeter Zahn-Arzt aber fich zu helfen weis. Die Schwäche der weiblichen Natur offenbart fich aber auch vor Allem in ihrem eigenen Gefchlechts- leben. Ift die Aerztin ein wirklich gefundes Weib, wie wird es ihr ergehen, wenn fie alle vier Wochen den ihrem Gefchlechte fchuldigen Tribut zu leiften hat, der ihren eigentlichften Beruf in der menfchlichen Gefellfchaft bezeichnet. Selbft wenigftens für drei bis vier Tage meiftens in ihrem gefunden Gefühl getrübt, in Gefahr ihren Zuftand Kundigen durch verfchiedene Zeichen und Zufälligkeiten zu offenbaren, foll fie felbft anderen Leidenden helfen, und fich körperlich und geiftig frei am Krankenbett bewegen! Warum find die Weiber zu allen Zeiten und bei faft allen Nationen in diefer Periode für unrein gehalten worden, warum ziehen fie fich zu diefer Zeit felbft in den gebildeteften Kreifen zurück? Weil fie fich ihrer Schwäche, Empfindlichkeit, Reizbarkeit und Verletzbarkeit bewufst find. Ift es nicht empörend und im höchften Grade verletzend, die Aerztin fich auch zu diefer Zeit bewegen zu fehen, oder ihr zuzumuthen fich zu bewegen, als wenn gar nichts los wäre ? Es wird auch gar nicht gcfagt und gar nicht verlangt, dafs alle Aerztinnen das Gelübde der Keufchheit ablegen, und fich einem ehelofen Leben widmen follen; und würde es gefagt, fo würde das wieder von anderer Seite zahlreiche phyfifche und moralifche Bedenken erwecken. Man mufs alfo erwarten und wünfchen, dafs fie verheirathet find; fie find alfo auch in der Lage von Zeit zu Zeit fchwanger zu werden und zu gebären. Wie verträgt fich nun das mit ihrem ärztlichen Berufe? Wie intereffant, paffend und würdevoll mufs es nicht fein, die Frau 39 Aerztin Sich mit Schwangerem Leibe am Krankenbette und Operationstifche umherbewegen zu fehen!? Und nun kommt die Zeit ihrer Entbindung. Nun da können die Kranken 6—8 Wochen warten, bis ihre Frau Dodtorin wieder fo weit genefen ift, dafs fie, felbft die Hülflofefte und Hiilfs- bediirftigfte, nun Anderen wieder ihre fegensreiche Hülfe leiften kann! Alles Diefes ift fo finnlos, fo naturwidrig und widerwärtig, dafs man glauben follte, der entferntefte Gedanke daran muffe jeden Verfuch auf einem folchen Wege unterdrücken und ohnmöglich machen. Aber nein! die Zahl der Aerztinnen wächft; in Zürich ftudiren ihrer einige dreifsig, in Edinburg zehn, an allen Univerfitäten machen fie den Verfuch fich einzudrängen. Defshalb ift es nöthig, dadurch wird es entfchuldigt, dafs man das ganze Unternehmen in feiner nackten und widerwärtigen Blöfse darftellt. Das Unnatürliche und Ohnmögliche des Univerfitäts- Studiums von Seiten des weiblichen Gefchlechtes tritt aber auch noch ganz vorzüglich in der Ohnmöglichkeit der Trennung beider Gefchlechter bei diefem Studium hervor. Man hat fich längft überzeugt, dafs es über die erften Kinderjahre hinaus fchon abfolut nothwendig ift, Knaben und Mädchen bei dem Unterrichte von einander zu trennen. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dafs diefes bei einem beabfichtigten Gymnafialunterricht, fei er nun humaniftifch oder realiftifch, noch weit entschiedener nothwendig wäre. In der That wird auch bereits von den blinden Vertheidigern der wiffenfchaftlichen weiblichen Erziehung darauf angetragen, weibliche Gymnafien zu errichten. In noch höherem Grade würde es nothwendig fein, auch weibliche Facultäten und Univerfitäten zu gründen. Noch zwar hat die parifer Grifettenwirthfchaft bei unferen Studirenden in Deutschland keine beunruhigende 40 Ausdehnung gewonnen. Wer aber das Unheil kennt, welches frühzeitiger und unmäfsiger gefchlechtlicher Umgang an dem Geift und Körper auch unferer deutfehen Studenten verrichtet, und die grofse Zahl Derer, welche daran zu Grunde gehen, der mufs fich mit allen Kräften dagegen fträuben, ein Unwefen zu geftatten, welches die gefchlechtlichen Verirrungen unferer ftudirenden Jugend in der gefährlichften Weife fteigern müfste. Es ift ganz ohn- möglich, dafs wenn junge Mädchen und junge Männer in ihren kräftigften und begehrlichften Jahren täglich und ftündlich in folche Gemeinfchaft kommen, wie diefes der gemeinfchaftliche Befuch von Vorlefungen, und namentlich medicinifcher Vorlefungen, mit fich bringt, dafs diefes nicht zu fortgefetzten gefchlechtlichen Beziehungen Veranlaffung geben mufs. Vorausgefetzt felbft, aber nicht zugegeben, dafs diefe von dem weiblichen Theile der Zuhörerfchaft nicht gefuclit werden, fo unterliegt es doch keinem Zweifel, dafs derfelbe beftändigen Angriffen von Seiten des männlichen Theiles ausgefetzt fein wird; mag man von Zürich oder von Edinburg her auch noch fo oft verfichern, dafs man bis jetzt keine auffallenden Thatfachen der Art wahrgenommen habe. Auch hier haben wir es mit einem Naturgefetz zu thun, und es ift eine Lüge, wenn man behaupten will, es fei unferer Civilifation und Sittlichkeit gelungen, daffelbe in ftrengen Grenzen zu erhalten. Für die Studenten mufs die Gegenwart vielleicht hübfeher und üppiger Mädchen in den Vorlefungen eine beftändige Veranlaffung zur Zer- ftreuung, Unaufnierkfamkeit und gefährlicher Abwege der Phantafie werden. Die Studentinnen aber werden entweder dem fortwährenden Andrange von Seiten der männlichen Zuhörerfchaft erliegen, oder wenn fie ihm Widerftand leiften, fo wird die unausbleibliche Folge Anfeindungen, Beleidigungen, Spott, Streitigkeiten der Studenten untereinander u. f. w. fein. Diefes ift fo gewifs, als nur irgend eine mathe- matifche Schlufsfolge fein kann, und alle Schönredereien 41 in diefer IIinficht können bei Verftändigen und Erfahrenen gar keinen Werth haben. Ich für meine Perfon bin aus diefem Grunde vorzüglich feft entfchloffen, weiblichen Zuhörerinnen zu meinen Vor- lefungen niemals den Zutritt zu geftatten. Aufserdem habe ich mich nicht zum Mädchenlehrer ausgebildet, habe keine Berufung an eine Anftalt zum Unterrichte von jungen Mädchen angenommen, kann alfo auch nicht zum Unterrichten derfelben genöthigt werden. Weibliche Gymnafien, weibliche Univerfitäten würden alfo die erften Anforderungen fein, welche man an den Staat {teilen müfste, wollte man dem weiblichen Gefchlechte den Weg zu wiffenfchaftlichen Studien, und den auf fie begründeten Berufszweigen Medicin, Jurisprudenz, Theologie, Gefchichte, Lehramt etc. eröffnen. Die Vertreter der falfchen weiblichen Emancipation find auch gar nicht blöde in diefer Hinficht. Allein in Europa wird die Sache wohl ernfter geprüft, und die natürliche Befähigung des weiblichen Gefchlechtes zu wiffenfchaftlichen Studien und Berufsarten genauer erwogen werden. Jene Lobredner thun zwar, als wenn diefe principielle Frage gar nicht exiftire, als wenn nur eine falfche Richtung der Culturentwicklung die Frauen von einem auch für fie erreichbaren Culturzweck abgehalten und ihnen den Weg abgefchnitten habe, den unfere Zeit endlich ihnen frei zu geben fich genöthigt fehe. Allein die Gefchichte widerfpricht folchem Vorgeben auf das Beftimmtefte. Es ift einmal unzweifelhaft: auf die Dauer fiegt zuletzt immer der Stärkere und beweift fich dadurch als der Stärkere. Der Sieg, den das männliche Gefchlecht überall unter allen Umftänden und in allen Beziehungen, wo es fich um Wiflenfchaft und Fortfehritt handelt, zuletzt über das weibliche davongetragen, beweifet die fchwächere natürliche Anlage des letzteren. Wären beide auch nur gleichgeftellt, fo würde diefer Sieg irgendwie und irgendwo 42 zweifelhaft und in das Gegentheil umgewandelt worden fein. Eine dauernde Unterdrückung eines Theiles bei natürlicher Gleichartigkeit der Kräfte ift nicht möglich. Die Unterdrückung müfste auch irgendwie einmal angefangen haben, und man ficht gar nicht ein, weshalb fie gerade den weiblichen Theil überall getroffen haben follte. Man fage auch nicht die Unterdrückung des weiblichen Gefchlechtes fei durch die gröfsere Körperhaft des männlichen herbeigeführt worden. Der Geift hat noch immer auf die Dauer den Sieg über den Körper herbeigeführt. Wären die Weiber im Befitze der gröfseren Geifteskräfte, fo hätten fie die Männer längft noch mehr zu ihren Sclaven gemacht, als diefes fo fchon in faft allen Gebieten des Lebens offener oder verfteckter der Fall ift, mit Ausnahme der Wiffenfchaften. Die Gefchichte lehrt uns ferner, dafs es vielleicht zu allen Zeiten Frauen gegeben hat, welche ungewöhnliche Gelegenheiten hatten, ihre geiftigen Befähigungen auszubilden, fo wie dafs zu allen Zeiten Einzelnen gelang, fich über die grofse Zahl ihrer Mitfchweftern zu erheben, und in der „fchönen Literatur und in den Künften Leiftungen zu vollbringen, die fich denen von vielen Männern vollkommen ebenbürtig an die Seite ftellen liefsen. Auch in der Medicin hat es Frauen gegeben, die fich ungewöhnliche practifche Kenntniffe erwarben und mit Erfolg praötifch thätig waren. Allein die Gefchichte weifet keinen einzigen Fortfehritt, keine einzige Entdeckung in Wiffenfchaften und Künften, keine n*eue Wahrheit auf, welche jemals von einer Frau ausgegangen wäre. Diefes beweifet zur Genüge, dafs dem weiblichen Gefchlechte die fchöpferifche Befähigung auf geiftigem Gebiete abgeht, welche dem Manne allein zukommt. Dafs diefelbe nicht allen Männern verliehen ift, dafs manche Weiber in geiftiger Beziehung ebenfoviel leiften, als manche Männer, entfeheidet nicht über den Beruf zu geiftiger Arbeit und Thätigkeit. Denn aufser der verhältnifsmäfsig 43 immer fehr kleinen Zahl folcher Frauen, welche fich in Wiffenfchaften und Künden ausgezeichnet haben, würden doch in ihren Händen allein diefe Wiffenfchaften und Künfte immer auf derfelben Stufe ftehen geblieben fein, fich nie weiter entwickelt haben. Sie konnten fich wohl allenfalls die Leiftungen der Männer aneignen, diefelben auch vielleicht in glücklicher Weife reproduciren, allein der Fortfehritt, welcher das Wefen der menfchlichen Natur ausmacht, wäre in ihren Händen allein niemals möglich gewefen. Das beweifet, dafs die Frauen zur Cultur der Wiffenfchaften und Künfte nicht berufen find. Zur Aushülfe in den untergeordneteren Gebieten, als blofse Arbeiterinnen brauchen wir fie aber nicht, vor Allem nicht auf dem Gebiete der Medicin; denn es fehlt uns hier durchaus nicht an folchen Arbeitern, und die Zahl der nur in untergeordneterer Weife Verwendbaren noch zu vermehren, ift durchaus nicht rathfam und wünfehenswerth. Auf keinen Fall kann es gerathen und gerechtfertigt fein, um die Zahl folcher untergeordneter, unprodudtiver ärztlicher Hilfsarbeiter durch ein weibliches Contingent noch zu vermehren, alle jene Schwierigkeiten und Mifsftände zu ihrer Bildung gering achten, und diefelben durch die extravaganteren Maafsregeln und Anforderungen überwinden zu wollen. Man denke fich, dafs es dahin gelangt fei, durch Errichtung weiblicher Gymnafien und weiblicher medicinifcher Bildungsanftalten eine grofse Anzahl folcher weiblicher handwerksmäfsiger pradtifcher Aerzte zu bilden, und es fei ihnen geglückt, die nicht beffer befähigten und beffer gebildeten Aerzte durch alle ihrem Gefchlecht zu Gebote flehenden Mittel zu verdrängen, wie würde fich da bei der fo viel geringeren phyfifchen Leiftungs- fähigkeit die grofse Mafse der Bevölkerung namentlich auf dem Lande dabei befinden? Durch eine gröfsere Zahl von Aerztinnen könnte man ihre geringere Leiftungsfähigkeit nicht erfetzen, denn fie wollen ja doch von ihrem Gewerbe leben, und bekanntlich ift die Concurrenz bereits jetzt fchon 44 fo grofs, dafs der pradtifche Arzt auf dem Lande kaum mehr einen hinreichend grofsen Kreis finden kann, um fein Brod zu verdienen. Man denke fich dann ferner den Ausbruch eines grofsen Krieges, deffen Möglichkeit nach Dem, was wir fo eben erfahren haben, doch wohl Niemand als in das Reich der Phantafie und Schwarzfeherei gehörend, betrachten kann. Werden die weiblichen Aerzte im Stande und geeignet fein, unfere Armeen in das Feld zu begleiten und alle jene Strapazen auszuhalten und das zu leiften, was auch diefesmal wieder unfere Aerzte leiften mufsten und geleiftet haben? Will man uns da etwa mit dem Gerede abfertigen, dafs fich dann fchon noch eine hinlängliche Zahl von männlichen Aerzten finden würde, die mit in’s Feld ziehen, während unfere weiblichen uns dann erft recht zu Haufe erwünfcht fein würden? Hat man vergeffen, wie grofs die Noth von Aerzten 1866 und 1870 war, und will man uns überfehen machen, dafs wenn wir mit weiblichen Aerzten überfchwemmt werden, die Zahl der männlichen nothwendig und unausbleiblich abnehmen mufs ? Oder wird man uns als Beweis, dafs auch die Frauen vortreffliche Militärärzte abgeben werden, etwa das Beifpiel jener in Zürich promovirten Ruffin vorführen, welche nach dem Zeugnifs des Profeffor Rofe in Zürich bei dem Züricher Hülfszug nach dem Schlachtfeld bei Beifort fich bei der Lazarethverwaltung in Hericourt »durch ihre befcheidene und aufopfernde Thätigkeit bald Aller Herzen gewann?« Gewifs! diefe »Dame« wird mit unter die Beweife und Beifpiele für diejenige Art pflegeärztlicher Thätigkeit aufzunehmen fein, für welche das weibliche Gefchlecht, wie der Krieg aufs Neue gezeigt hat, fo unübertrefflich und ganz naturgemäfs geeignet ift, für die ärztliche Pflege und Wartung, aber gewifs nicht für die eigentliche ärztliche und wundärztliche Thätigkeit, für die dafselbe ebenfo ungeeignet ift. Man denke fich ferner eine Frau als ärztliche Dirigentin 45 eines Hospitales, oder als Gerichtsärztin! Mufs nicht Jeder bei dem Gedanken lachen (oder aber auch weinen), dafs eine Frau, felbft wenn fie die medicinifchen Kenntniffe dazu hätte, den hohen Grad von Autorität ausüben foll, welcher dem Dirigenten eines Spitales unentbehrlich ift?! Oder wenn wir fie als Sachverftändige vor einem Gerichtshöfe oder Schwurgericht uns denken, wo fie mit der ganzen Schärfe und Sicherheit ärztlichen Wiffens ausgerüftet, auf- treten foll, um öffentlich ihre Gutachten gegen technifche und laienhafte Einwürfe zu vertreten?! Auch hier wird man wohl antworten, es fei ja nicht nothwendig, dafs weibliche Aerzte auch in folche Stellungen einträten, die könne man ja den männlichen überlaffen. Allein erftens fehe ich nicht ein, wie man erfteren diefe Stellungen irgend wie ftreitig machen könnte, wenn man fie einmal für gleich befähigt und berechtigt mit letzteren erklärt hat. Sodann aber acceptire ich vollftändig das Zugeftändnifs für die nicht genügende Befähigung und Leiftung weiblicher Aerzte, was in jener Ausrede liegt. Diefelbe liefert den Beweis, dafs wir fie nicht nothwendig haben, da es uns leider auch an untergeordnet befähigten männlichen Aerzten nicht fehlt. Ich fchliefse diefe meine Bemerkungen mit folgenden Sätzen: Es fehlt dem weiblichen Gefchlechte nach göttlicher und natürlicher Anordnung die Befähigung zur Pflege und Ausübung der Wiffenfchaften und vor Allem der Natur- wiffenfehaften und der Medicin. Die Befchäftigung mit dem Studium und der Ausübung der Medicin, widerftreitet und verletzt die beften und edel- ften Seiten der weiblichen Natur, die Sittfamkeit, Schamhaftigkeit, Mitgefühl und Barmherzigkeit, durch welche fleh diefelbe vor der männlichen auszeichnet. Die Bildung weiblicher Aerzte läfst fleh mit unferen ftaatlichen Einrichtungen auf Schulen und Univerfitäten nicht 46 vereinigen. Ihre Theilnahme an dem an denselben ertheilten Unterricht ftört und hindert denfelben in unerträglicher Weife, und gefährdet das fittliche Wohl der männlichen Theilnehmer auf das allerfchlimmfte. Die Ueberladung des ärztlichen Standes mit unbefähigten halbgebildeten weiblichen Handwerkern, wie fie allein von dem weiblichen Gefchlechte zu erziehen find, hemmt und ftört die Fortbildung der ärztlichen Wiffenfchaft und Kunft auf das Schädlichfte. Diefe Ueberladung mit weiblichen ärztlichen Handwerkern, unter gleichzeitig unausbleiblicher Verdrängung männlicher Aerzte, gefährdet das fanitätliche Wohl des Staates im Frieden und Kriege auf die bedenklichfte Art. Ich halte es für durchaus unnöthig im Gegenfatze zu dem, w r as ich über das weibliche Gefchlecht und feine natürlichen Befähigungen bisjctzt gefagt habe, feine Vorzüge gerade in Beziehung auch auf Kranke und Leidende hervorzuheben. Wer mich wegen des Gefagten mifsverftehen will, der wird es thun, auch wenn ich jetzt dem weiblichen Gefchlechte die gröfste Lobrede halten w'ollte. Seine Sitt- famkeit, Demuth, Geduld, Gutmüthigkeit, Aufopferungsfähigkeit, theilnehmende Lebensftimmung, Frömmigkeit, find fo viel gröfser, als bei dem männlichen Gefchlechte, dafs, wo es auf diefe ankommt, die Frauen ebenfo den Vorzug verdienen, als die Männer, da, wo Kraft, geiftige Produdlivität, moralifcher Ernft, Muth, Ausdauer, Ehrgeiz erforderlich find. Es ift alfo in medicinifcher Hinficht das Gebiet der Krankenpflege, in welchem die Frauen jedenfalls vor den Männern fich auszeichnen können, wenn fie fich dazu hinreichend ausbilden. Die Natur hat ihnen dazu die Befähigung in hohem Grade verliehen, und fie haben es oft bewiefen, dafs fie, diefe Befähigung auch thatfächlich erweifen können. Dafs fie diefes indeffen 47 auch nicht immer thun, dafs fie fich auch dazu bilden müffen, das beweifet das Urtheil manches hochgeftellten Arztes, der auch zu Krankenwärtern und Pflegern lieber Männer, als Frauen haben wollte. Allein ich glaube, das betraf und betrifft nur mangelhaft oder fchlecht geleitete und gebildete Krankenpflegerinen, welche Nebenzwecke, be- fonders fanatifch religiöfer oder meiftens kirchlicher Art, verfolgen. Die reine, unverfälfchte weibliche Natur befitzt unzweifelhaft alle und die vortrefflichften Eigenfchaften zur Krankenpflege. Man forge, dafs diefe Eigenfchaften gepflegt, gebildet und verwendbar gemacht werden, und man wird dem weiblichen Gefchlechte einen gröfseren Dienft leiften, als wenn man ihm einen Beruf aufpfropfen will, zu deffen befriedigender Löfung ihm von Natur die Eigenfchaften und Kräfte verfagt find. Ich fchliefse mit dem Ausfpruche Sömmerings: »Aliam corporis humani fabricam et ftrudturam, pulchram et perfectam efle vocandam in foeminis, aliam in viris.« und reihe daran noch die »Beherzigung« unferes gröfsten Dichters: Eines fchickt fich nicht für Alle! Sehe jeder, wie er’s treibe, Sehe jeder, wo er bleibe, Und wer fleht, dafs er nicht falle. Anhang. Die, wie ich oben fchon erwähnt habe, überrafchende Bemerkung, dafs es zahlreiche Individuen in allen Lebens- kreifen giebt, welche über den natürlichen Unterfchied zwifchen Mann und Weib trotz der täglichen Erfahrung und des täglichen Umganges, durchaus im Unklaren find, veranlafst mich, Denfelben diefen Unterfchied in gedrängter Darftellung wiederzugeben, wie ihn die Anatomie und Phyfiologie feit Jahrhunderten kennen gelernt hat. Wer diefen Unterfchied kennt, der kann diefe nichts Neues enthaltende Darftellung übergehen. Das find aber gewifs nicht Diejenigen, welche der Einführung der Frauen in wiffenfchaftliche Studien, und namentlich in das der Medicin, das Wort reden; denn fonft würden fie eine Gleichftellung von Mann und Frau in diefer Hinficht für ohnmöglich halten. Daher empfehle ich Denfelben die Anficht diefer Zeilen, fo fchulmeifterifch fie ihnen auch gehalten fein mögen. Der männliche Körper ift durchweg grofser als der weibliche, nach Quetelet ift jener im Mittel 179,5, diefer 148,5 Ctm. hoch. Diefer Unterfchied befteht fchon bei der Geburt; die Gröfse eines neugeborenen Knaben beträgt nach Quetelet im Mittel 49,8 Ctm., die eines neugeborenen Mädchens 48,3 Ctm. Das weibliche Gefchlecht bleibt ftets kleiner, erreicht früher das Ende feines Wachsthums und die jährliche Zunahme feines Körpers ift geringer, als bei dem männlichen. 49 Der männliche Körper ift auch durchweg fchwerer als der weibliche. Das Mittelgewicht jenes beträgt nach Quetelet 63,7 Kgrm., das Mittelgewicht diefes 55,2 Kgrm. Bei gleichem Alter und gleicher Höhe wiegt der Mann immer mehr, als das Weib, mit Ausnahme des 12. Lebensjahres , wo beide gleich viel wiegen. Der neugeborne Knabe wiegt im Mittel 2520 Grm.; das neugeborne Mädchen 2168 Grm. Der Mann erreicht fein höchftes Gewicht im 60., das Weib im 5 °- Lebensjahre. Der Kopf des Weibes ift rundlicher, feiner ausgearbeitet, das Antlitztheil im Verhältnifs zum Schädeltheil kleiner; beim Manne dagegen ift das Antlitz länger, die Phy- fiognomie kräftiger und mehr marquirt. Der Hals und Nacken des Mannes find dicker und muskulöfer und durch den niedriger gehängten und gröfseren Kehlkopf, der mehr vorfpringt (Adamsapfel) ausgezeichnet ; der Hals des Weibes ift dünn und fchlank, man bemerkt den Vorfprung des kleineren und höher gehängten Kehlkopfes nicht. Die männliche Bruft ift hoch, breit, gewölbt und fehl* geräumig, während die weibliche niedrig, fchmal, klein, kurz, nach oben kegelförmig zulaufend und weniger geräumig ift. Aufserdem unterscheidet fich die weibliche Bruft durch die auf ihrer vorderen Fläche halbkugelförmig vortretenden Milchdrüfen, während bei dem Manne fich nur die Bruftwarzen finden. Die Schultern des Mannes fpringen bei dem breiten und gewölbten Thorax ftark nach den Seiten vor, ftehen mehr ab, und bilden faft einen rechten Winkel mit dem Hälfe, die Schultergegend ift der breitefte Theil des Körpers. Beim Weibe dagegen find fie wegen des engen Thorax mehr an den Rumpf angefchloffen, niedriger und bilden mit dem Hälfe einen ftumpfen Winkel. Beim Weibe fpringen die Hüften weiter vor und bilden Eil chof die Frauen u. d. Studium der Medicin. 4 50 den breiteften Theil des Körpers; die Nates find von einem weit gröfseren Umfange, als beim Manne. Der Bauch des Weibes ift im Verhältnis zur Bruft länger und gröfser, als beim Manne; namentlich ift die Nabelgrube von der Scham weiter entfernt. Aufserdem ift der Bauch des Weibes rundlicher und fchlanker, während er beim Manne mehr platt ift. Die Gliedmafsen find im Vergleich zum Rumpfe bei dem Weibe kürzer, als bei dem Manne, worin das Weib wiederum dem Kinde näher fteht. Aufserdem find fie abgerundeter und weicher, während fie bei dem Manne fchärfere Umriffe von den vortretenden Muskeln zeigen. Die weiblichen Schenkel convergiren wegen der gröfseren Entfernung der Hüftpfannen von einander bei dem breiteren Becken gegen die Knie, während fie bei dem Manne gerade herabtreten. Die Hände und Füfse des Weibes find verhältnifs- mäfsig viel kleiner, feiner und zarter gebaut, als beim Manne. Die Haut der Weiber ift weicher, glatter, zarter und befitzt ein ftärkeres Unterhautfettgewebe; daher die gröfsere Rundung der Glieder und die weniger vorfpringenden und fcharfen Umriffe. Die Lederhaut felbft ift dagegen, wie Bichat richtig bemerkt, dünner. Wie überhaupt die Epidermis, fo find auch die Nägel zarter und durchfichtiger. Das Haar ift weicher, glatter und feiner, der Bart fehlt, auch die Bruft, die Gegend zwifchen. dem Nabel und Schamberge und der Damm find haarlos, oder nur mit einem zarten Flaum bedeckt; daher die Weiber die Veränderungen der Temperatur und Witterungsveränderungen überhaupt leichter empfinden, als die mit vielen Haaren bewachfenen Männer. Die Abfonderung der Haut bei dem Weibe ift geringer, als bei dem Manne, deffen Haut fettiger ift und mehr fchwitzt. Die Ausdünftung der Weiber hat einen fpecififchen, von der der Männer merklich verfchie- denen Geruch. Die Meinung des Ariftoteles, Agrippa, Büfifon u. A., dafs die Weiber nie kahl werden, ift zwar durch Sömmering widerlegt, doch ift es richtig, dafs Männer öfter kahl werden, als Weiber. Das Skelet der Weiber ift abfolut und relativ leichter und kleiner, als das männliche. Die Knochenmaffe verhält fich nach Autenrieth zu der- des Mannes bei gleichem Körpergewicht wie 8: i o. Die Knochen find dünner, fchwächer, abgerundeter, glatter und haben weniger ftarke Erhabenheiten, Leiften und Vertiefungen für die Befeftigung der Muskeln; auch die Gelenkhöhlen, fowie die Rinnen, in welchen die Sehnen der Muskeln gleiten, find weniger tief. Die Wirbelfäule ift verhältnifsmäfsig beim Weibe länger, die einzelnen Wirbelkörper, namentlich die Lendenwirbel höher, ihre Zwifchenknorpel dicker. Der Rückgradskanal ift wegen der ftärkeren Aushöhlung der hinteren Fläche der Wirbelkörper geräumiger; die Zwifchenwirbellöcher, vorzüglich an den Lendenwirbeln, enger; die Querfortfätze der Rückenwirbel gehen mehr nach hinten, weshalb auch die Rippen hier ftärker zurücktreten. Ueber den Schädel habe ich fchon oben berichtet. Die Rippen des weiblichen Körpers find kürzer, glatter und dünner, mit fcharfen Rändern, bei fchönen Körpern oft fo dünn, dafs fie faft durchfcheinend find. Sie machen nach hinten einen ftärkeren, nach vorne einen fchwächeren Bogen, und gehen mehr in einer fpiralförmigen Windung nach abwärts, fo dafs fchon die vierte in gleicher Höhe mit dem unteren Ende des Bruftbeines liegt. Die falfchen Rippen nehmen fchnell an Gröfse ab, fo dafs die Knorpel derfelben theils länger find, theils wegen der Kürze des Bruftbeines fteiler auffteigen und mit demfelben einen fpitzeren Winkel bilden. Das Bruftbein ift wie ge- fagt kürzer, aber verhältnifsmäfsig breiter als beim Manne. Die Schlüffelbeine find beim Weibe gerader und kürzer, als beim Manne; die Schulterblätter kleiner, dünner 4 * 52 und flacher, an den Rändern weniger dick, liegen dichter an. Ober- und Unterarmknochen find feiner, glatter, mit kürzeren Mittelftücken; die Handknochen feiner, zierlicher und von geringerer Knochenmaffe. Sehr verfchieden ift das weibliche Becken von dem männlichen. Die Hüftbeine find breiter, flacher, mehr nach den Seiten gebogen, ausgefchweift. Die Sitzbeine und Schambeine find niedriger, und erftere divergiren ftärker von einander; der Schambogen ift gröfser, rundlicher nicht fpitzwinklich, und macht in der Regel einen Bogenaus- fchnitt von 95—100O, während er bei dem Manne nur 75O beträgt. Das weibliche Becken ift geräumiger in allen feinen Abfchnitten, und verhält fleh in feiner Capacität zu dem männlichen wie 70:50. Die unteren Extremitäten find kürzer; wegen der ftärkeren Divergenz der Sitzbeinäfte flehen die oberen Enden der Schenkelknochen weiter vom Becken ab. Der Schenkelhals läuft mehr in querer Richtung, und macht mit dem Mittelftücke nach innen fall einen rechten Winkel, während derfelbe bei dem Manne ein ftumpfer ift. Gegen das Knie hin convergiren die Oberfchenkel, während die Unterfchenkel wegen überwiegender Gröfse des unteren inneren Gelenkkopfes wieder divergiren. Die Knochen des Fufses find wie die der Hand kleiner und zierlicher ausgearbeitet. Die Muskeln des Weibes find kleiner, dünner, fchwä- cher, weicher und weniger roth, als die des Mannes. Der Mann befitzt mehr Kraft und Ausdauer in feinen Bewegungen, das Weib mehr Schnelligkeit, Beweglichkeit und Reizbarkeit. Die Muskeimaffe eines mäfsig kräftigen männlichen Körpers betrug nach Wägungen meines Sohnes 41,8, die eines fehr kräftigen weiblichen Körpers 35,8 Proc. des ganzen Körpergewichtes. Die Muskelkraft eines gefunden kräftigen Mannes verhält (ich zu der eines gefunden weiblichen Körpers nach Regniers Verfuchen mit feinem Dynamometer wie 3:2. 53 Nach Quetelet ift die Lendenftärke, d. h. die Kraft, mit welcher eine Laib vom Boden aufgehoben werden kann, des männlichen Gefchlechtes in den Pubertätsjahren noch einmal fo grofs, als die des weiblichen, und die Stärke der Hände verhält fich wie 9:5. Die Bewegungen der Weiber zeigen mehr Leichtigkeit und Grazie, als die der Männer, doch ift der Gang mehr fchwankend, weil wegen der mehr nach vorne befindlichen Stellung der Gelenkpfannen der Oberfchenkel, der Schwerpunkt des weiblichen Körpers mehr nach hinten fällt, die Schenkelpfannen mehr von einander entfernt find und die Schenkel eine fchrägere Richtung haben. Die Kürze der Extremitäten macht kleinere Schritte nöthig, das Laufen ift • erfchwert, und ift, wie Rouffeau fagt, die einzige Bewegung, die das Weib ohne Anmuth vollzieht; fein Fliehen fcheint darauf berechnet, eingeholt zu werden. In Beziehung auf die Verdauungsorgane, fo find die Kaumuskeln des Weibes fchwächer, die Zähne, und namentlich die Eckzähne, kleiner; die Mundhöhle kleiner und niedriger, der Rachen enger. Der Magen ift kleiner, länglicher, darmähnlicher, fötusähnlicher; der Darmkanal ift im Verhältnis zur Körperlänge kürzer. Von den Drüfen ift die Leber meift kleiner; mein Sohn fand das Gewicht der männlichen Leber 1598,5 Grm., das der weiblichen 1247,0, oder jene betrug 2,3 Proc. des Körpergewichtes, diefe nur 2 Proc. Das Nahrungsbedürfnifs ift geringer; Weiber effen feiten viel, aber fie lieben es, öfter etwas zu effen, wie die Kinder. Alle berüchtigten Freffer waren Männer, während alle Perfonen, welche lange Zeit ohne Nahrung aushielten, oder doch nur fehr wenige Nahrung zu fich nahmen, Weiber waren. Ebenfo ift es bekannt, dafs der Mann viel mehr trinkt, als das Weib. Die Reforption im Darmkanal erfolgt übrigens bei dem Weibe eher rafcher und lebhafter, als bei dem Manne. Das Herz des Weibes ift im Durchfchnitte abfolut 54 und im Verhältniffe zur Maffe des Körpers leichter und kleiner, als beim Manne; feine Wandungen find weniger dick und derb. Die Schlagadern und Venen find beim Manne geräumiger und haben dickere und ftärkere Wandungen. Der Herzfchlag und Puls des Weibes ift im Durchfchnitte immer frequenter, als der des Mannes; beim erwachfenen Weibe unter gleichen Umftänden8o—85 Schläge in der Minute, beim Manne 70—-75. Dabei zeigt fich der Puls fehr veränderlich, das Herz ift alfo extenfiv reizbarer. Der Herzfchlag der Männer ift dagegen kräftiger und gleich- mäfsiger. Die Werkzeuge desAthmens haben bei dem weiblichen Gefchlechte eine geringere Gröfse und Ausbildung, als bei dem Manne. Die Brufthöhle und die Lungen find nicht nur abfolut, fondern auch relativ kleiner; der Kehlkopf ift enger und kleiner, der Schildknorpel fpringt nicht fo weit vor, er ift höher gehängt und daher die Luftröhre länger; die Stimmbänder find kürzer, die Stimmritze enger, die Muskeln des Kehlkopfes find regfamer und beweglicher, die Stimme ift feiner und fchwächer. Der einathmende Theil des Bruftkorbes ift im Verhältniffe zu dem ausathmenden kleiner. Beim Einathmen ift vorzugsweife der obere Theil des Bruftkorbes thätig, der Bruftkorb erweitert fich mehr in horizontaler Richtung, der Bufen hebt und fenkt fich ftärker (Coftal obere Refpiration). Bei dem Manne erfolgt die Erweiterung des Thorax vorzugsweife in fenkrechter Richtung, die Thätigkeit des Zwerchfelles und der unteren Rippen ift gröfser (Coftal untere Refpiration). Sowohl die Vitalcapacität der Lunge, als die Athemgröfse find bei dem Manne bedeutender, die Kohlenfäureausfcheidung gröfser. Die Zufammenfetzung des Blutes ift bei den Weibern anders, als bei den Männern. Das Blut der Weiber ift fpecififch leichter, weniger reich an feften Beftandtheilen und enthält mehr Waffer, Eiweis und Faferftoff, aber weniger rothe Blutkörperchen, als das der Männer. Jenes \ 55 gerinnt fchneller, der Kuchen zieht fich aber weniger feil zufammen. Nach Einigen foll das Weib felbft relativ weniger Blut enthalten, als der Mann, was nicht fehr wahrfcheinlich ift. Gewifs ift, dafs der weibliche Körper leichter bedeutende Blutverlufte erträgt und fie fchneller wieder erfetzt, als der männliche. In Beziehung auf die Harn Werkzeuge und deren Funölion, fo werden die Nieren wohl meiftens bei dem weiblichen Gefchlechte kleiner fein. Die Harnblafe ift kleiner und rundlicher, in ihrem Grunde mehr, als in dem Scheitel entwickelt; die Harnröhre kurz und weit. Die Harnmenge ift im allgemeinen geringer; der Harn ift weniger dicht, enthält weniger Harnftoff, weniger Farbeftoff und mineralifche Beftandtheile, und hat einen weniger ftarken Geruch. Der Stoffwechfel ift bei dem Weibe weniger lebhaft, als bei dem Manne. Daher ift auch die Wärmebildung weniger grofs, und das Weib friert mehr, und leidet bei niederer Temperatur mehr, als der Mann. In Beziehung auf das Nervenfyftem habe ich die wichtigen Unterfchiede in Beziehung auf das Gehirn fchon oben angegeben. Was die Hirnnerven betrifft, so will Sömmering dieselben bei dem weiblichen Gefchlecht viel feiner und kleiner gefunden haben, als bei dem männlichen, und nach Ackermann follen fie bei ihrem Abgänge vom Gehirn näher beieinander flehen, was auch aus dem oben fchon erwähnten Verhältnifs der Schädelbafis hervorgeht. In Beziehung auf die Rückenmarks-Nerven befitzen wir nur die Angabe Ackermanns, dafs er fie im Verhältnifs zum Körper weder kleiner noch gröfser bei dem Weibe als bei dem Manne gefunden habe, mit Ausnahme des Beckennervengeflechtes, der Sitzbeinnerven und der Nerven des oberen Gekrös- und Grimmdarmgekrös-Geflechtes, welche bei dem Weibe noch einmal fo ftark find, als bei dem Manne. 56 Hinfichtlich der Sinnesorgane unterfcheidet fich ein wohlgebildetes weibliches Auge von einem wohlgebildeten männlichen nicht nur durch einen kleineren Augapfel, fon- dern auch durch mehrere Abweichungen in der äufseren Form. Das weibliche Auge ift flacher, fanfter und zarter, als das männliche; der Hautwulft der Augenbrauen ift flacher und rundlicher, die Haare dafelbft find fchwächer, kürzer und dünner. Ein vollkommen ausgebildetes äufseres weibliches Ohr hat ein länglicheres, zarteres und dünneres Ansehen als das männliche. Das Geruchsorgan ift kleiner und weniger entwickelt; eine grofse Nafe ift feiten bei Weibern. Die Zunge des Weibes ift kleiner und die Gefchmacks- wärzchen, befonders die wallförmigen, find nach Sömmering nicht fo grofs als bei dem Manne. In Bezug auf die Sinnes-Eindrücke ift das Weib viel reizbarer als der Mann und alle äufseren Reize wirken heftiger. Sein Auge erträgt nur einen geringeren Lichtreiz. Ein ftarker Schall oder fehr geräufchvolle Mufik find den Weibern unangenehmer als den Männern. Starke und durchdringende Gerüche afficiren fie heftig, bewirken Kopfweh, Schwindel, Uebligkeiten und krampfhafte Zufammenziehun- gen. Der Gefchmack der Weiber ift feiner, fie lieben weder Speifen noch Getränke, die fleh durch einen fcharfen Gefchmack auszeichnen, und den Männern angenehm find. Der Taftflnn der Weiber ift feiner und fie unterfcheiden leichter taftbare Körper als der Mann. Die Leichtigkeit der Uebertragung der Nerven-Erregung in den Central- Organen, die fogenannte Reflexthätigkeit, ift bei den Weibern viel gröfser, als bei dem Manne. Es zeigen fleh daher bei jenen viel öfter fogenannte confenfuelle und fym- pathifche Erfcheinungen fowohl im gefunden als kranken Zuftande, als bei den Männern. *HV*$*; ;• i\M^f?* *. ^>’.iV; •.^y.Sç.; V;,’ *''»3y^ft«tiV~|aéfe«4< i.->*/**- i' WÄS>V^ 7***> •^!ÿv' ' - « S' !>'AV«y -$u*rV•#•$♦*' 4*»» v <3*#* r ; tV* A : ..**£*,«v **.- V'.- -**-*-V > w- ■•»•: •*►*•'/*•* ** 'Wcthtv*?«?'- .•'• ^^>V.* *W' : ', 'rî.^^faài ♦-!?*•• > >*V* ' *%4 t 2. 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