Dr. Barnardos Homes (Rettungs- und Wohlfahrts-Anstalten). Von KATHARINA MIGERKA. Preis 25 Kreuzer. Der Ertrag ist dem Abend-Kochcurse für Arbeiter-Frauen und -Töchter (Wien, X. Quellengasse 114) gewidmet. WIEN 1892. Im Commissionsverlag von Georg Szelinski, k. k. Univ.-Buchhändler I. Stefansplatz Nr. C. f W£V. ‘: ■-*»*• ^a'TOW! . i *i p.i *^o.’ , s£' ^r/^aAt 'i>7w!>,r;: •v« ££^ukkü’ Dr. Barnardo’s Homes (Rettungs- und Wohlfahrts-Anstalten). KATHARINA MIGERKA. -'UV — Preis 25 Kreuzer. Der Ertrag ist dem Abend-Kochcurse für Arbeiter-Frauen und -Töchter (Wien, X. Quellengasse 114) gewidmet. WIEN 1892. Im Commissionsverlag von Georg Szelinski, k. k. Univ.-Buchhändler I. Stefansplatz Nr. G. 1 Dr. Barnardo’s Homes (Rettungs- uud Wohlfahrts-Anstalten). Das Gewissen unserer Zeit ist erwacht. Unser Auge beginnt sich zu schärfen für das geistige und physische Elend, in dem Millionen unserer Mitmenschen schmachten. Wir lernen es, nachsichtiger zu sein gegen die Sünde und das Verbrechen, das in der Finsternis gesäet und in der Wildnis bitterster Noth zur Reife kommt. Und selbst die milde Lehre, dass jedes Verbrechen eine auf Krankheit beruhende geistige Verirrung sei, sucht vergebens das mahnende Schuldgefühl zu beschwichtigen, das uns anklagt, mit dem Licht der Erkenntnis in unseren Händen nichts gethan zu haben, um die dunklen Stätten des Elendes und der Sünde zu erhellen. „Discite justitiam vioniti u — immer ernster, immer mahnender durchzieht dieser Ruf die Welt und rüttelt an den Thoren der satten Gleichgiltigkeit und des gedankenlosen Egoismus. Langsam, aber mit sicherer Klarheit ringt sich aus dem heissen Kampfe der socialen Gegensätze die Erkenntnis empor, dass die eine Hälfte der Menschheit mit die Verantwortung zu tragen hat für das Wohl und Wehe der anderen, dass jedem Haben an geistigen und materiellen Gütern ein Sollen gegenübersteht. Und diese Erkenntnis ist es, die den Baustein legte zu all den zahlreichen Schöpfungen für die Wohlfahrt der besitzlosen Classen, die in den letzten Jahrzehnten in allen Culturländern geschaffen wurden, die dem Staate zum leitenden Motive wurde, die Schutzwehr seiner Hilfe, seiner Gesetze immer weiter auszuspannen. Aber all das Geleistete, wie wenig will es bedeuten gegenüber der grausamen Macht der Verhältnisse! 1 * 4 Die Armenhäuser sind gefüllt, und ungezählt ist die Schaar derer, die nach einem Leben harter Arbeit und Entbehrung mit heissem Sehnen als letzte Erdengunst es sich wünschen, den Tod im Armenhause erwarten zu dürfen. Die Krankenhäuser sind ein Segen, aber wie viel Siechthum kann dieses Segens nicht theilhaftig werden, weil es der armen Kranken zu viele gibt, weil die Sorge um die Existenz der Familie, um die Verlassenheit der Kinder den Vater, die Mutter festhält mit bleierner Hand, bis der einzige Retter kommt, den die Welt für sie in Bereitschaft hat. Die Waisenhäuser thun ihr Bestes, aber Millionen von Kindern wachsen auf ohne Liebe, ohne Freude, ohne Erziehung, der bittersten Noth, der Versuchung zum Schlechten hilflos überlassen. Die Feriencolonien, die Seehospize, sie sind eine Oase in der Wüste eines solchen Kinderlebens, aber welch ein endloser Zug des Jammers wäre es, würden all die bleichen, verkümmerten Kindergestalten an uns vorüberziehen, die ohne Linderung ihres Leidens, ohne Pflege und Hoffnungsschimmer dulden und leiden! Die Gefängnishäuser und Besserungsanstalten füllen sich immer von Neuem zum Schutze der Gesellschaft, aber die Zahl der Verbrechen, die sittliche Verkommenheit der Jugend nimmt nicht ab. Die Industrie breitet sich immer mächtiger aus, der menschliche Erfindungsgeist, immer neue Triumphe feiernd, öffnet ihr immer neue Betriebe, und daneben wächst die Zahl der Arbeitslosen, die ohne Wille und Schuld zu Bettlern herabsinken, in erschreckender Weise. Es steigert sich der Reichthum des Einzelnen, die Begehrlichkeit des Luxus, aber die Seufzer und Thränen der Hungernden, der im Kampfe mit dem Schicksale Ermatteten, sie werden nicht "weniger. Jeder Selbstmord, den verzweifelte Hilflosigkeit begeht, jede Lebenskraft, die, ob schnell oder langsam, erlöscht aus Mangel an Nahrung, sind sie nicht furchtbare Ankläger unserer gesellschaftlichen Zustände? Wer gewohnt ist, nicht über die Mauern des eigenen Wohlbehagens hinüberzusehen, der wird solche Darstellung übertrieben finden, nicht aber der, der denkend, o fühlend den Zeitverhältnissen in’s Antlitz sieht. Ihm werden die furchtbaren Contrasts sich offenbaren, die angesichts aller fortschreitenden Cultur sich entwickelt haben, er wird sich dessen bewusst sein, dass es der Mitarbeiterschaft Aller bedarf, um das Riesenwerk der socialen Verbesserung zu vollziehen, dass die Pflicht solcher Mitarbeiterschaft für jeden Einzelnen wächst mit jedem Zuwachs an innerer Kraft und äusserem Besitze. Doppelt gibt, wer schnell gibt, so lehrt ein altes Wort. Dreifach, hundertfach gibt, wer solche Hilfe gewährt, die nicht nur die Noth, die Qual des Augenblickes beschwichtigt, sondern die Ursache des Leidens beseitigt, der den Schwachen, den Kämpfenden die Kraft der Selbsthilfe zu stärken weiss. Wer so moralische und physische Gesundheit, Berufstüchtigkeit und Lebensfreudigkeit in die Reihen der Armen, der Hoffnungslosen trägt, der lichtet der Zukunft den Weg, den wird die Gesellschaft zu ihren Rettern zählen. Von solch einem Retter und seinen Werken sollen diese Blätter erzählen. Es ist Dr. Barnardo, der grosse Kinderfreund, dessen Name weit über England hinaus den Wiederhall freudiger Bewunderung weckt. Die nachfolgenden Mittheilungen sind der von Dr. Barnardo herausgegebenen Zeitschrift „Night and Day u und den Jahresberichten seiner Institutionen entnommen. Im Jahre 1866, an einem kalten Winterabende, wurde ein junger Student, der freiwillig den Unterricht an einer sogenannten „Lumpenschule“ (ragged school) ertheilte, von der Verlassenheit eines armen, obdachlosen Knaben so tief bewegt, dass, als er sich die Ueberzeugung verschafft hatte, .dass das reiche, mächtige London viele Tausende solcher Kinder berge, die nicht wissen, wohin sie Nachts ihr Haupt niederlegen, womit sie ihren Hunger stillen sollen, er sich gelobte, sein Leben, seine ganze Kraft fortan der Rettung solcher Kinder zu widmen. Dieser junge Student besass weder Reichthum, noch Ansehen, noch hohe Verbindungen, aber er besass Besseres — ein tapferes, liebreiches Herz und unbeirrtes Gottvertrauen. Und heute, nach 26 Jahren, sind es nahezu 19.000 Kinder, die durch ihn eine Heimat, 6 Erziehung und eine gefestigte Lebensführung gefunden haben, und 50 Anstalten hat er zum Wohle seiner leidenden Mitmenschen seitdem in’s Leben gerufen. 34 dieser Anstalten, „Homes“ genannt, befinden sich in London selbst, 13 in verschiedenen Counties Englands, 3 in Canada. Und die 19.000 Kinder, die Dr. Barnardo von den Gefahren der bittersten Noth, aus der Umgebung des Lasters, aus den Händen der Grausamkeit befreit hat, die durch ihn erst den Segen -liebender Fürsorge, religiöser Erziehung, geregelter Arbeit, sorgloser Fröhlichkeit kennen lernten und solchen Segen nun weiter tragen werden, sie wären, aller Wahrscheinlichkeit nach, mit vielleicht wenigen Ausnahmen, zu Vagabunden, Bettlern, Trinkern, Verbrechern herangewachsen, sie wären Lasten und Eiterbeulen der Gesellschaft geworden. 1870 eröffnete Barnardo das erste Heim für schutzlose und nothleidende Knaben in Stepney Causway (Ost-London), nachdem er sein wohlthätiges Wirken 1867 daselbst in einem kleinen Zimmer mit jenem heimatlosen Knaben begonnen hatte. Nacht für Nacht zogen Dr. Barnardo und seine Helfer hinaus in die dunkelsten, verrufensten Strassen, nicht die Berührung mit Gemeinheit und Verworfenheit, nicht das wilde Auf lehnen gegen Recht und Sitte fürchtend. Wo immer sie ein hungerndes, frierendes, verlassenes Kind fanden, Dr. Barnardo nahm es an sein liebendes Herz und bot ihm eine Heimstätte, darin es geborgen war für alle kommenden Tage, eine Heimstätte, die wie ein Wunderland das Kind der Strasse umfing, das von dem Leben bisher nichts kannte, als den Fluch der Armuth, die tägliche Angst, wie es seinen Hunger stillen werde. Und solcher Kinder gibt es in London so viele! Bald wurde sein Haus zu klein. Er erliess Aufrufe, berief Versammlungen, hielt Vorträge und weckte Begeisterung für sein Liebeswerk, dem sich zahlreiche Freunde und Mitarbeiter anschlossen. Von allen Seiten strömten ihm Gaben zu. Auch hervorragende Persönlichkeiten nahmen an seinem Unternehmen werkthätigen Antheil. Schon nach verhältnissmässig kurzer Zeit war er in die Lage versetzt, in Stepney Causway, wo sich auch von Anbeginn an die Centralleitung seiner wohlthätigen Anstalten befand, eine Anzahl Häuser zu bauen — im Jahre 1882 waren schon 400 Knaben dort untergebracht — und in der Nähe Londons ein Mädchenheim zu gründen. Eines der Häuser in Stepney Causway dient seit 19 Jahren als Zufluchtsstätte für schutzlos herümirrende Kinder. Nicht nur bei Tage, sondern auch Nachts sind die Thüren dieses Hauses geöffnet und durch ein freundlich schimmerndes Licht erhellt, um jedes arme, verlassene Kind, gleichviel welchen Alters, welchen Geschlechtes, welcher Herkunft, welchen Glaubens es sei, gastlich aufzunehmen Es ist das Dr. Bärnardo’s „ Open-All-Night-Refuge u . Erst am anderen Tage, wenn das Kind eine erquickende Nachtruhe hinter sich hat, werden, wenn dasselbe um bleibende Aufnahme bittet, persönliche Nachforschungen über seine Verhältnisse angestellt, und das, was etwa zur Besserung seiner Lage geschehen kann, wird zu erreichen gesucht. Ergibt es sich aber, dass das Kind elternlos oder in einer Umgebung lebt, die ihm körperlich und seelisch gefährlich ist, findet es unbedingt Aufnahme und wird fortan unter den schützenden und erziehenden Einfluss von Dr. Barnardo’s Homes gestellt. Welch eine Wohlthat, welch ein dringendes Bedürfniss diese Zufluchtsstätte für die Kinder der Armuth ist, dafür spricht, dass jährlich 5000 — 6000 Kinder dort ein Nachtlager suchen. Die daselbst im Jahre verabreichten Frei-Mahl- zeiten belaufen sich ungefähr auf die dreifache Zahl. * Der Gedanke, den unschuldigsten, den hilflosesten, den schwächsten aller Kummerbeladenen dieser Erde, die wehrlos der Noth, der Roheit und Hartherzigkeit preisgegeben sind, jederzeit eine Stätte offen zu halten, in die sie flüchten können, um ihren Hunger zu stillen, ihre Müdigkeit auszuschlafen, ihre Thränen sich trocknen zu lassen, der Gedanke ist so einfach und zu gleicher Zeit der Ausdruck so grosser Herzensgüte, dass Alle, die auf dem Gebiete der Humanität wirken, Dr. Barnardo beneiden könnten, ihn zuerst gefasst zu haben. Ist es nicht die schönste Bethätigung des milden Wortes Christi: „Lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret ihnen nicht“? Heute bestehen im Zusammenhänge mit Dr. Barnardo’s Rettungswerken noch in sieben Provinzstädten (Liverpool, Leeds, Edinburgh, Cardiff, Bath, Newcastle und Plymouth) solche Tag und Nacht geöffnete Schutzhäuser für hilflose Strassenkinder. Jedes derselben trägt als Schild: „An Ever Open Door For Orphan And Waif Children“ und wird von einem Inspector und dessen Frau geleitet. 10—20 Kinder können dort täglich ein wohlbereitetes Nachtlager finden. Nahezu ein Drittel der jährlich in Dr. Barnardo’s Homes eintretenden Kinder kommt aus den Provinzen. Die jeder bleibenden Aufnahme vorangehenden sorgfältigen Nachforschungen der persönlichen Verhältnisse werden durch diese Zufluchtsstätten bedeutend erleichtert. Dr. Barnardo’s Wünschen und Hoffen geht dahin, dass dereinst jede grössere Stadt Englands ihren verlassenen Kindern ein solches Schutzhaus bieten möchte. Es gibt kaum eine zweite Stadt in der Welt, in der die Anhäufung des Reichthums auf der einen, des Elends auf der anderen Seite so furchtbare Contraste herausgebildet hat, als in London. Die Hoffnung auf Erwerb, auf Arbeit, treibt täglich immer neue Schaaren in die Riesenstadt, und Arbeitslosigkeit, die traurigste Entwicklungskrankheit unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse, führt dem Massenelende, dem Vagabundenthum, den Verbrecherlisten immer neue Opfer zu. In einer jüngst g-ehaltenen Rede eines Arbeiter-Abgeordneten wurde die Zahl der zur Zeit beschäftigungslosen Arbeiter in London auf 100.000 geschätzt. In London werden viele Millionen für wohltätige Zwecke ausgegeben, und doch sollen nach polizeilichen Ausweisen ca. 120 Menschen jährlich einfach verhungern. Zu wem wären nicht einmal die schreckenerregenden, das menschliche Gefühl schaudern machenden Schilderungen und Zustände der Armenviertel Ost-Londons gedrungen? Die Untersuchungen der Congregational-Union haben so entsetzliche Dinge zu Tage gefördert, dass die Feder sich sträubt, sie wiederzugeben. Wie „Night and Day u angibt, leben in London nicht weniger als 163.000 Familien in sogenannten Single-rooms (Einzel-Kammern), das will heissen, dass 163.000 Familien ohne Trennung der Geschlechter, des Alters, der Kranken und Gesunden, der Unschuldigen und Lasterhaften in Räumen sich auf halten, 9 die durchschnittlich 8 Schuh im Quadrat nicht übersteigen, von 6—12 Personen, theilweise auch aus Aftermiethern bestehend, bewohnt werden. Dass diese Wohnungen selbst den allerniedrigsten Forderungen des AVohlbehagens, der Reinlichkeit und der Gesundheit geradezu Hohn sprechen, ergibt sich bei der Armuth der Bewohner und den obwaltenden Verhältnissen von selbst. Unsittlichkeit, Trunksucht, Unfrieden und Laster aller Art sind die Folgen. Die dunkelste Seite aber in dem Buche dieser Millionenstadt ist das herzzerreissende Kinderelend, das verborgen wie auf offener Strasse und in einem Umfange wie vielleicht sonst nirgendwo zu finden ist. Statistischen Erhebungen zufolge werden an 30.000 Schulkinder als schlecht genährt bezeichnet. Bei einem grossen Theile derselben erscheinen die physische Entwicklung und die geistige Empfänglichkeit durch den Mangel an Nahrung in Frage gestellt. Gegen Kinder verübte Grausamkeiten bilden einen nicht kleinen Theil des bemerkten Elendes. Am beredtesten spricht dafür die Thatsache, dass sich in London in den letzten Jahren ein eigener Verein gebildet hat, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, Kinder vor Grausamkeiten zu schützen und für solche an ihnen verübte die Bestrafung zu erwirken. Der Verein hat seit seinem Bestehen schon 10.169 Fälle durchgeführt, und sind bisher als Strafen 376 Jahre Gefängnis verhängt worden. Von den 50.000 Menschen, die in London jährlich sterben, entfallen durchschnittlich 21.000 auf Kinder unter zehn Jahren, und kaum ein Drittel dieser Zahl kommt auf die Kinder wohlhabender Eltern. Dass Kinder mit Bewusstsein zu Tode gemartert werden, um die Versicherungssumme von I 5 zu gewinnen, dass entartete Mütter ihr Kind dem Erstbesten für wenige Schillinge verkaufen, um von dem Schandgelde dem Laster des Trunkes zu fröhnen, sind nicht selten anzutreffende Erscheinungen. 88.000 Kinder sollen jährlich aus den Volksschulen entlassen, halb erzogen und mehr oder weniger sich selbst überlassen, in den Strassen Londons sich herumtreiben. Trostlos und die physische und moralische Gesundheit gefährdend ist das Nachtleben der Londoner Strassen- 10 kinder. Wie viele von ihnen suchen eine Schlafstelle in den Logirhäusern schlimmster Art, wo sie oft mit Personen zusammengepfercht werden, die zum Auswurf der Menschheit gehören. Nicht viel bessere Gesellschaft finden sie in den Garküchen, wo sie mit hungriger Gier ihr armseliges Mahl verzehren. Auch hier müssen sie oft Zeugen der gemeinsten Reden, der rohesten Spässe sein. Wenn aber das tagsüber verdiente, erbettelte oder auch unrechtmässig erworbene Geld zu solchem Luxus nicht reicht, dann dient ihnen- jeder Schlupfwinkel, in dem man sie ungestört liegen lässt, gleichviel ob ein kalter Stein, ein Brett, Stroh oder Lumpen ihr Lager bilden > sie schlafen den Schlaf der Jugend, und die Müdigkeit war gross, so gross, dass sie selbst den Hunger zur Ruhe brachte. Wie oft hat Dr. Barnardo, der wie kein anderer das Kinderelend Londons erforscht und geschildert hat, sie liegen gesehen, schutzlos dem feuchten Nebel, dem Froste preisgegeben, wie oft hat er die kleinen, verkümmerten Gestalten mit den stillen, bleichen Gesichtern, in welche Gewohnheit des Leidens, nie ganz gestillter Hunger, Angst und Schlauheit so unkindliche Linien gezogen, voll Mitleid und Herzweh betrachtet! Wie oft hat er sie in jenen elenden Logirhäusern aufgesucht, sie dort in verpesteter Luft, von ekelerregendem Schmutz umgeben, schlafend gefunden! Bei Dr. Barnardo aber ist das Mitgefühl auch immer Wegbahner zur helfenden That. Im Mittelpunkt des verrufensten und ärmsten Theiles Ost-Londons errichtete er später noch zwei Chi'ldren-Free-Lodgino-jFfouses(Kmder-]$a.chiherbergen), die, freundlich und wohnlich eingerichtet, jederzeit schutzlosen Kindern unentgeltlich zugänglich sind und wo jedes derselben eine Tasse heissen Cacao und ein Stück Brod erhält, damit es nicht hungrig die müden Augen schliessen darf. Für viele dieser jugendlichen Einkehrer ist es der erste Strahl'warmer Menschenliebe, der hier in ihr armes, dunkles Kinderleben fällt, vielen aber auch wird der Eintritt über diese Schwelle der Eingang zu einem glücklicheren Leben. Dr. Barnardo dehnte die Frei-Logirhäuser auch auf junge Mädchen und Frauen aus, die kleine Kinder mit 11 sich führen. 422 von diesen während des Jahres 1890 eingekehrten Müttern, die zum Theil völlig existenzlos, zum Theil auf Abwege gerathen waren, empfingen von hier aus zugleich Schutz und Führung zu einem gesicherten Leben der Arbeit. Die Totalsumme der 1890 in diesen Lodging-Houses ein Nachtlager Suchenden betrug 24.818. Die Zahlenverhältnisse des Jahres 1891 sind etwas geringer, weil durch Umlegung der Strasse eine zeitweise Sperrung der Schlafhäuser veranlasst wurde. Eines derselben befindet sich jetzt 81 Commercial Street und kann 100 Frauen und Kinder beherbergen. Die Zahl von Dr. Barnardo’s Homes mehrte sich beständig, in noch grösserem Masse aber auch die der Bittsuchenden. Nicht nur aus London, aus allen Theilen Englands und darüber hinaus wurden ihm Kinder zugeführt oder suchten solche selber bei ihm Schutz und Beistand. Und in wahrhaft bewunderungswürdiger Weise steigerte sich die schöpferische Kraft ihres Retters. Wenn je das Wort: „Es wächst der Mensch mit seinen grossen Zwecken“ an einem Manne sich bethätigt hat, so ist es bei Dr. Barnardo der Fall. Kein nothleidendes Kind von seiner Thüre zu weisen, das war der Leitstern seines philanthropischen Wirkens, und er ist ihm treu geblieben seit 2G Jahren. Alle durften sie zu ihm kommen, die Verwaisten und Verwahrlosten, die Verfolgten, die Kranken und Krüppel, er hat ihnen allen eine Heimat bereitet. In Hawkhurst (Kent) in gesunder Luft, inmitten von Wald und Feld — da ist Dr. Barnardo’s Babies-Castle. Dort finden die jüngsten und kleinsten seiner Pflegebefohlenen ein freundliches Heim und mütterliche Pflege. Im December 1891 waren 92 Kinder in dieser AVeise versorgt, von denen das jüngste vier Wochen alt war. So manches dieser Kleinen, die jetzt ein Bild des Lebens und der Gesundheit, war, als es zu Dr. Barnardo gebracht wurde, dem Erlöschen nahe aus Mangel an Nahrung, aus roher Vernachlässigung. Das Heim steht unter der leitenden Aufsicht einer medicinisch gebildeten Frau, die zugleich die Stelle eines Hausarztes vertritt. Kinder, die das fünfte Jahr erreicht haben, kommen, wenn sie männlichen Geschlechtes sind, von hier aus nach dem 12 Nursery Home for very Little Children in Teighmore (Jersey). Dieses ist das Heim für Knaben im Alter von 5—10 Jahren. Seine gesundheitlich ausserordentlich günstigen Verhältnisse machen es besonders geeignet zur Pflegestätte für körperlich schwache Kinder. Mit diesem Home ist eine Schule verbunden. Children Fold (London, Grove Road E.) dient gesunden, kräftigeren Kindern gleichen Alters zur Aufnahme. 575 Kinder haben in diesen beiden Homes sich während des Jahres 1891 aufgehalten, 292 verblieben am Schlüsse desselben. Sind dieselben vorzugsweise der körperlichen Pflege ihrer Schützlinge gewidmet, so ist das Leopold House Orphan Home (199 Burdett Road E.) der eigentliche Mittelpunkt der Schulbildung für die unter Dr. Barnardo’s Obhut stehenden Knaben, die hier durchschnittlich im Alter zwischen 10—13 Jahren stehen. Es ist zugleich das grösste seiner Knabenheime. 1471 Knaben haben vorübergehend im letzten Jahre hier Aufnahme gefunden. Für die sehr gut geleitete Schule erhält Dr. Barnardo aus öffentlichen Mitteln eine Subvention von £ 340 7 sh. Ein Theil der älteren Jungen kommt alljährlich nach dem Home in Stepney Cause, dem ältesten von Dr. Barnardo’s Homes. Hier werden die jungen Burschen nach dem Halbzeitssystem erzogen. Der eine Theil des Unterrichtes wird der wissenschaftlichen, der andere der gewerblichen Ausbildung gewidmet. Für die theoretische wie praktische Belehrung tüchtige Lehrkräfte anzustellen, ist Dr. Barnardo’s eifrigstes Bestreben. Je nach Neigung und körperlicher Eignung können die Jungen sich aus den elf, gegenwärtig als Lehrgegenstand vertretenen Handwerken das ihnen zumeist zusagende wählen. Für diese Schulen wird Dr. Barnardo gleichfalls eine, aber verhältnissmässig sehr geringe Subvention von £ 147 7 sh. bewilligt. Die diese Anstalten verlassenden Knaben finden theils im Gewerbestande und in Geschäften ein weiteres Unterkommen, theils werden sie nach den Colonien, nach Canada geschickt, auf die wir später zurückkommen. 13 Dr. Barnardo ist nicht nur ein grosser Philanthrop, sondern er ist auch ein grosser Pädagoge und als solcher ein Feind jeder Massenerziehung, deren nachtheilige Folgen in England vielfach zu Tage treten. So z. B. fallen, nach einer Aeusserung Lord Monkswell’s, in einer der grössten Arbeitsschulen Englands {Industrial Schools ) 169 von 1000 Knaben innerhalb drei Jahren nach ihrer Entlassung der Polizei in die Hände. Oder: Von den 1299 im Jahre 1890 in Besserungsanstalten untergebrachten Kindern waren 417 schon einmal, 284 zweimal, 70 dreimal, 38 viermal und darüber bestraft (ein verhältnissmässig sehr kleiner Bruch- theil entfällt dabei auf die Kinder weiblichen Geschlechts). > Ebensowenig hat die Erziehung in den Werkhäusern, die in Englands Armenpflege eine so grosse Rolle spielen, besonders günstige Erfolge aufzuweisen. Die Werkhäuser nehmen allerdings ganze Familien auf, aber das Familienleben hört an der Schwelle des Werkhauses auf. Es wmrden die einzelnen Glieder derselben streng nach Alter und Geschlecht getrennt und wird auch kein Bedacht darauf genommen, die moralisch verwahrlosten Kinder von den gut gearteten zu trennen, was selbstverständlich nachtheilige Folgen haben muss. Die Individualität eines jeden einzelnen der in ihrer körperlichen, geistigen und moralischen Beanlagung so verschiedenen Kinder zu erforschen und darnach mit liebevoller Fürsorge deren Erziehung die Richtung zu geben, das ist das grosse Geheimnis, das die ausserordentlichen Erziehungsresultate Dr. Barnardo’s erklärt, die er nach eigenen und den Mittheilungen seiner Freunde und Mitarbeiter erzielt. Dieses Vorgehen sichert ihm auch die dankbare, verehrende Liebe seiner Kinder, mit der sie, selbst wenn sie längst seiner Obhut entwachsen sind, an ihm hängen. Dr. Barnardo ist es Herzenssache, in jedem der durch ihn geretteten Kinder dereinst der Gesellschaft einen sittlich gefestigten, arbeitsamen und materiell selbstständigen Menschen wiederzugeben. Arbeit und Religion das sind die beiden Grundsteine seines grossen Erziehungsw r erkes, dessen Material er den gemischtesten, oft rohesten Elementen entnimmt. 14 Liebe zu geregelter Thätigkeit ihnen einzuprägen ; hält Dr. Barnardo als das einzige Mittel, sie für ihr späteres Leben berufstüchtig zu machen, ihnen äusseren Halt zu verleihen. Von jener heiligen Stunde an aber, in der er gelobte,, sein Leben der Beschützung, Besserung und Erziehung unglücklicher Kinder zu weihen, war sein Herz erfüllt von der Erkenntnis, dass nicht materieller Beistand, nicht Unterricht und Belehrung allein genügen, um die Nacht zu lichten, in der ein grosser Theil der Menschheit unter Kummer und Thränen, unter mühseliger Arbeit, Roheit und Sünde sein Leben verbringt, dass solches Werk unmöglich zu vollbringen sei ohne Mithilfe der Religion. In allen seinen Homes wird dahin gewirkt, durch religiösen Einfluss das Gemüth der Kinder zu bilden, zu veredeln. Wiederholt spricht Dr. Barnardo es aus, dass das, was er vollbracht hat, ihm unmöglich gewesen wäre zu thun, wenn nicht seine Liebe, sein unbedingtes Vertrauen zu Gott, die feste Ueberzeugung, seinen Willen zu thun, ihm Kraft, Muth und Ausdauer verliehen hätten, dass all sein Thun ihm aber als ein vergebliches erscheinen würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, den ihm anvertrauten Kindern das Evangelium Christi als bestes Lebensgut einzuprägen. Um solchen Knaben, die für die sitzende Lebensweise des Handwerkerstandes weder Lust noch Beanlagung zeigen, denen das Leben auf der Strasse im Verkehr mit Menschen zum Lebensbedürfnis geworden war, gerecht zu werden, hatte Dr. Barnardo schon 18G8 eine Schuhputzerbrigade (Union Jack Schoeblack Brigade) errichtet, zu der später noch eine Lumpensammler-Abtheilung (.Rag Collecting Brigade) kam. Die Burschen erhalten Wohnung, Kleidung und Unterricht in den Homes und müssen dafür ihre Einnahmen gewissenhaft abliefern; die gemeinschaftlichen Verdienste betrugen im Jahre 1891 £ 252. Auch eine Stadtträgerbrigade rief Dr. Barnardo in’s Leben, sie ist für solche Jungen bestimmt, die wohl hilfsbedürftig, aber nicht in dem Maasse aller Hilfsmittel entblösst sind, um ihre Aufnahme in den Homes zu rechtfertigen. Dr. Barnardo sorg't für ein anständiges Unterkommen für sie, das sie selber bezahlen müssen, ebenso müssen sie sich 15 verpflichten, die hübsche Uniform, die jeder dieser Brigade Beitretende erhält, im Laufe von 18 Monaten ratenweise abzuzahlen, nach welcher Zeit der Junge frei wird. Auch für eine Abendschule zur weiteren Ausbildung der Burschen ist Sorge getragen. Die Durchschnittsmitgliederzahl dieser Brigade im Jahre 1891 betrug 109, der Gesammt- verdienst £ 1484. Lord Shaftesburry sagte in einer Versammlung, dass Statistik und Erfahrung ergeben, dass mit kaum einer Ausnahme jede verbrecherische Laufbahn im Alter zwischen 14—20 begonnen hat und, wenn die jungen Leute in dieser ebenso lenksamen als gefährlichen Periode auf den Weg des Rechtes und der Tugend geleitet werden könnten, damit viel gethan würde, um der Gesellschaft nützliche Mitglieder zu gewinnen. Ein bestätigendes Zeugnis dieses Ausspruches kt die Thatsache, dass nach polizeilichen Ausweisen mehr als die Hälfte der in Paris in einem Jahre begangenen Verbrechen im Alter zwischen 15—20 Jahren verübt wurde. Bei solchen Burschen, wie sie in jeder Grossstadt zu Tausenden zu finden sind, die zwischen dem Knaben- und Mannesalter stehen, arbeitskräftig, ohne für einen Beruf ausgebildet zu sein, freundlos und den Versuchungen des Strassenlebens ausgesetzt sind, entscheidet oft ein einziger Fehltritt, ein schwacher Augenblick über ihre Zukunft; bald sind Ehrgefühl und Ehre verloren, es geht schnell bergab, und ein einst hoffnungsvolles Leben schliesst ab als Trinker, Vagabund, Verbrecher. Zur rechten Stunde eine rettende Pland, und das Leben des Jünglings hätte eine Wendung zum Guten genommen. Eine solche rettende Hand ist das Arbeitshaus für nothleidende Jünglinge ( Labour house for destitute Youths), das Dr. Barnardo vor zehn Jahren schuf und das seitdem 2400 Burschen im durchschnittlichen Alter von 17 bis 22 Jahren aufgenommen und ihnen die Möglichkeit einer gesicherten Existenz geboten hat. Jeder dieser Jungen bleibt in diesem Home G—8 Monate; es genügt erfahrungsgemäss diese Probezeit, um sich über dessen Charakter, Begabung und Tüchtigkeit ein richtiges Urtheil zu bilden und danach ihm bei Wahl eines zukünftigen Berufes rathend und helfend an die Hand zu gehen. 16 Mit dem Labour House in Verbindung steht eine Holzhauerbrigade, ein Betrieb künstlicher Wässer und eine Schiffs-Agentie, letztere für solche Burschen, deren Neigung und Beanlagung das Seeleben wünschenswerth erscheinen lässt. Der grösste Theil der Schützlinge des I^abour House aber wird nach Amerika gesandt. Dr. Barnardo vereinigt mit seiner unbegrenzten Menschenliebe, seinem pädagogischen Talente auch einen eminent praktischen Scharfblick, der ihm stets die richtigen Wege vorzeichnet, um die gebotene Hilfe in eine dauernde zu verwandeln. So hat er seit dem Jahre 1882 die Auswanderung eines Theiles seiner Schützlinge nach den englischen Colonien, namentlich nach denen in Canada systematisch und mit den erfreulichsten Erfolgen eingeführt und damit den Überfliessenden Kräftestrom in London und England überhaupt nach einem culturfähigen und tüchtiger Arbeiter so dringend bedürftigen Lande hingelenkt. Aus dem Arbeitshause für nothleidende Jünglinge allein haben nahe bei 2000 junger Burschen drüben zukunftsfrohe Arbeit und Aussicht auf eigenen Besitz gefunden. So mancher von ihnen, der daheim in der alten Heimat dem Untergange nahe war, ist durch Dr. Barnardo’s Hilfe heute ein wohlhabender Farmer und gedenkt mit tiefer Dankbarkeit seines edlen Wohlthäters; manche glückliche Frau und Mutter drüben segnet, wenn sie ihrer Heimat gedenkt, ihn als den Gründer ihres Glückes. Im Ganzen sind in diesen zehn Jahren 5000 Mädchen und Knaben hinübergeschickt worden, u. zw. gewöhnlich in drei Partien ä 100 bis 200. Im Frühling und im Sommer werden die Knaben, im Herbst die Mädchen eingeschifft. Wie in England, so hatte Dr. Barnardo auch drüben Freunde und Mitarbeiter, die ihm halfen, die jungen Auswanderer unterzubringen und zu überwachen. Bald musste Dr. Barnardo daran denken, auch drüben Centralstellen zu schaffen, in denen die Ankömmlinge schützende Aufnahme und entsprechende Weiterbeförderung fanden, wenn ihre Dienststellung nicht schon vor ihrer Einschiffung vermittelt worden war. Eine dieser Centralstellen ist „ Ilazelbrae u (Peterborough, Ontario, Canada) und nur für Mädchen bestimmt, während die in Farley Avenue (in Toronto) nur für Aufnahme der Knaben dient. Das ausserordentlich günstige Ergebnis der hinübergesandten jungen Arbeitskräfte - bestimmte Dr. Barnardo, für die ältesten seiner männlichen Auswanderer in Canada eine selbstständige Industrielle Farm (landwirthschaftliche Schule), u. zw. in Russel (Manitoba) zu gründen. Unterstützt von seinen amerikanischen Freunden, gelang es ihm, ein 9000 Acres grosses Grundstück zu erwerben. Dieses Land wurde den jungen Emigranten zur Urbarmachung übergeben. Haus und Hof, Felder, Gärten, Scheunen, Brunnen, Alles musste erst geschaffen werden. Die jugendlichen Colonisten arbeiteten unter tüchtiger Führung mit so viel Liebe und Ausdauer, dass diese Farm, das Werk ihres Fleisses, allgemeine Anerkennung fand; schon im ersten Jahre war der Ertrag ein günstiger, und gerne nahmen fortan die Farmer der Umgegend sich ihre Hilfskräfte aus dieser Arbeitsstätte. Der unermüdlichen Fürsorge Dr. Barnardo’s für seine Schützlinge gelang es in jüngster Zeit, für seine Auswanderung ein neues Colonisations-System mit Billigung des Ackerbauministeriums einzuführen, das den älteren und erprobten seiner hinübergeschickten Burschen Gelegenheit gibt, in kurzer Zeit ihre Selbstständigkeit zu erreichen. Die Regierung von Canada hat zu diesem Zwecke sich bereit erklärt, jedem durch Dr. Barnardo’s Aufsichts. ■organe vorgeschlagenen Ansiedler 160 Acres Land unentgeltlich zu überlassen. Die Industrial-Farm wird als Mittelpunkt betrachtet und das der Colonisation überlassene Land aus den umliegenden Ländereien gewählt. Der junge Mann, dem solcher Besitz zukommen soll, muss vier bis fünf Jahre drüben gearbeitet und sowohl sich in Tüchtigkeit wie Charakter bewährt haben, und ausserdem muss er ein Ersparnis von wenigstens $ 150 nachweisen können, die er dem Director der Industrial-Farm zu übergeben hat. In diesem Falle wird ihm ein wohnliches Haus und ein Stall gebaut, er wird mit Vieh, Ackergerätlischaften, Vor- räthen u. s. w. ausgestattet, und zwar nach Massgabe der verdoppelten Summe, die er hinterlegt hat. Maschinen werden ihm im Bedarfsfälle leihweise überlassen, so dass der junge Ansiedler in die Lage gesetzt ist, sogleich mit 2 18 dem Betriebe seiner Wirthschaft zu beginnen. Das ihm vorgestreckte Capital kann er in kleinen Raten, mit denen er nach der ersten Ernte zu beginnen hat, zurückerstatten, kann aber diese noch durch Arbeitsleistungen für die Industrial- Farm während ihrer strengsten Arbeitszeit vermindern. Durchschnittlich nach 18 Monaten kann der junge Mann soweit wirthschaftlich gefestigt sein, dass er von Dr. Bar- nardo’s Institution unabhängig und ein selbstständiger Landwirth geworden ist. Dr. Barnardo sieht der Erweiterung der in dieser Weise ausgeführten Colonisation mit freudiger Hoffnung entgegen, und die Aussicht auf baldige Selbstständigkeit ist ein neuer Sporn für die jungen Burschen, im fremden Lande ihr Bestes zu thun zur eigenen und zu ihres Vaterlandes Ehre. Bei der Auswahl derjenigen, die für die Auswanderung bestimmt werden, geht Dr. Barnardo mit äusserster Strenge vor, ganz im Gegensätze zu der Gewissenlosigkeit mancher Auswanderungsgesellschaften, die durch das Hinübersenden körperlich schwacher, moralisch untüchtiger, arbeitsscheuer Leute diese nicht nur dem Elend entgegenführen, sondern auch die Auswanderung im Allgemeinen in Miss- credit bringen. Dadurch aber, dass Dr. Barnardo nur körperlich gesunde, kräftige Burschen und Mädchen, deren moralischer Charakter und Intelligenz während ihres Aufenthaltes in den Homes genügend geprüft und festgestellt wurde, hinüberschickt, brachte er es in kurzer Zeit so weit, dass die von ihm gesandten Auswanderer nicht nur überall leicht ein Unterkommen fanden, sondern die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigt, und als Dr. Barnardo 1884 selbst hinüberging, um seine Schützlinge zu besuchen und die zu ihrem Vorwärtskommen getroffenen Einrichtungen zu prüfen, konnte er mit freudiger Genugthuung die Erfahrung machen, dass seine Schützlinge in Canada alle in ganz besonderem Ansehen standen. Kaum l s / 4 Percent der bisher Hinübergeschickten haben den gestellten Erwartungen nicht entsprochen, und diese wenigen Unbrauchbaren lässt Dr. Barnardo nach England zurückkommen, damit kein untaugliches Element sich in die Elite der durch ihn gesandten Colonisten mischt. Gewiss ein Ehrenzeugnis schönster Art! Ganz besonderen Anwerth 19 finden Dr. Barnardo’s Mädchen, weil es bekannt ist, dass nur solche zur Auswanderung zugelassen werden, die schon eine gewisse hauswirthschaftliche Tüchtigkeit erworben haben. Die durch die Auswanderung verursachten Kosten, die per Kopf durchschnittlich £ 9—11 betragen, entnimmt Dr. Barnardo nicht den für seine Homes bestimmten Fonds, sondern immer von Neuem sucht er durch Aufrufe, Vorträge, durch Berichte der erzielten Erfolge in „Night and Day li das erforderliche Geld aufzubringen, und w r enn, wie es wiederholt schon vorgekommen, dieses nicht reicht, um alle zur Auswanderung Gewählten hinüberzuschicken, dann empfindet der edle Mann es als einen persönlichen Schmerz, „seine Kinder“, die es verdienen, die sich darauf freuten (denn Alle betrachten die Zulassung als eine Auszeichnung), diesen Weg zu einer glücklichen Zukunft noch nicht ziehen lassen zu können. Und hat Dr. Barnardo nicht Recht? Kann die verhältnissmässig geringe Summe von £ 9—11 segensreicher angewendet werden, als damit das Lebensglück eines Menschen zu gründen, ihm einen seinen Neigungen entsprechenden Wirkungskreis und damit die Basis für eine neue, glückliche Generation zu schaffen? Der Jüngling und das Mädchen, den sie umgebenden Gefahren hilflos überlassen, würden sie nicht früher oder später dem Staate weit grössere Opfer kosten, die wohl zum Schutze des Ganzen noth- w T endig, dem Einzelnen aber weder Hilfe, Trost noch eine Zukunft geben können ? Anlässlich der Auswanderung eines Theiles von Dr. Barnardo’s Kindern wäre noch zu erwähnen, dass in jüngster Zeit auch in England, in Bromyard (Worcester), eine Farm School , also eine Art Ackerbauschule geschaffen wurde, in der Knaben im Alter von 11—13 Jahren Pflege und jene Ausbildung erhalten, die sie zur Auswanderung berechtigt, d. h. sie mit den Aufgaben eines Landmannes in Canada vertraut macht. Diese Schule wird ganz durch einen Freund Dr. Barnardo’s und seiner Homes erhalten; Er und seine Frau widmen sich mit liebevoller Hing'abe der Erziehung der Knaben, die in der Zahl zwischen 40 und 50 jährlich dort Aufnahme finden. 2 * 20 Wir haben bisher nur von jenen Anstalten eingehender gesprochen, die Dr. Barnardo für verwaiste und noth-,- leidende Knaben geschaffen hat; dass die Mädchen, die ja noch hilfloser und den Gefahren des Lebens noch mehr ajusgesetzt sind, in ihm einen ebenso liebreichen und väterlichen Beschützer finden, ist selbstverständlich. 25 Minuten von Ost-London liegt das freundliche Dorf Illford. Es ist das Village Home for Orphan and Destitute Girls , Barkingside Illford, Essex. Dort hat Dr. Barnardo seinen Mädchen ein trauliches Heim bereitet, in dem Alles dazu angethan ist, dass die armen Kleinen den Jammer ihrer ersten Jugendjahre vergessen lernen und zu gesunden, braven und arbeitsamen Mädchen heranwachsen. Aus kleinen im Jahre 1874 begonnenen Anfängen hat sich in Illford eine blühende Colonie entwickelt, deren Besuch Jedem das Herz mit innigster Freude erfüllen muss. Ueber 1000 Mädchen werden dort jährlich erzogen. Dr. Barnardo, von dem Grundsätze ausgehend, dass Mädchenerziehung nur dann ganz ihren Zweck erreichen kann, wenn sie auf der Basis des Familienlebens steht, hat in Illford das Cottagesystem eingeführt. Nebst fünf grösseren Wohnhäusern bilden 52 nette, kleine Landhäuser, von hübschen Blumengärten umgeben, einen Complex; jedes ist für eine Familie von 16—20 Kindern berechnet, deren Erziehung eine Frau, von den Kindern „Mutter“ genannt, leitet. Es sind diese Frauen zumeist Damen aus der besten Gesellschaft, die, w T eil ohne näherliegenden Pflichtenkreis, sich gerne die Erziehung dieser verwaisten oder doch schutzlosen Mädchen zur Lebensaufgabe machen. Von echt christlicher Gesinnung beseelt, sind sie alle bestrebt, das Gemüth der Kinder zu ver- edlen, sie wirthschaftlich tüchtig heranzubilden. Dr. Barnardo bekundet auch darin seine Abneigung gegen den Casernengeist auf dem Gebiete der Mädchenerziehung, dass er die Mädchen keine gleichmässige Kleidung tragen lässt. Das Village Home in Illford hat selbstverständlich seine eigene Schule, die jetzt umgebaut und vergrössert wird. Den unermüdlichen, herzenswarmen Vorstellungen Dr. Barnardo’s ist es gelungen, diese Kosten 21 sowie die zur Erbauung eines eigenen Spitals von einzelnen Wohlthätern aufzubringen. Seinen Mädchen ein eigenes Gotteshaus zu schaffen, das ist jetzt seine nächste Sorge. Aus Staatsmitteln wird der Illford-Schule eine Subvention bewilligt von Jg 648. Die in Illford erzogenen Mädchen finden theilweise in England selbst Unterkommen als Stubenmädchen, Köchinnen, Kindermädchen u. s. w., ein Theil von ihnen aber wird, wie schon erwähnt, alljährlich nach Amerika eingeschifft. Wie Dr. Barnardo bei all seinen Schöpfungen in bewunderungswürdiger Weise Theorie und Praxis zu verbinden weiss, so hat er auch mit dem Illforder Home ein in grossem Style betriebenes Waschhaus mit Dampfbetrieb eingerichtet, in dem die Wäsche für alle seine Anstalten, also nahezu für 4500 Menschen, gewaschen wird. Illforder Mädchen, die sich im Waschen und Bügeln ausbilden wollen, um dadurch später ihren Erwerb zu finden, ist dort die günstigste Gelegenheit dazu geboten. Nichts macht Dr. Barnardo eine grössere Freude, als Freunden seiner Institutionen das Illforder Home mit seinen vor Gesundheit und Jugendglück strahlenden Insassen zeigen zu können. Und mit welchem Jubel wird er allemal begrüsst, von den Kleinen wie von den Grossen, die er alle einst gekannt traurig, verkümmert, furchtsam und scheu, mit dem Blick des Stumpfsinns oder der Entsagung. Jeder Fall eines neuen Schützlings wird sorgfältig untersucht, herzzerbrechende Thatsachen werden da oft J enthüllt. Die traurigsten aber vielleicht sind jene, in denen Kinder, durch die Verworfenheit ihrer Eltern ihrer Unschuld beraubt, schon im zarten Alter den Weg des Lasters gewandelt sind oder ihn wenigstens als ihre Zukunft vor sich gesehen haben. Mädchen aus solcher Umgebung mit moralisch gesunden zusammenzubringen, scheint Dr. Barnardo gefährlich, ihnen hat er ein eigenes Heim gegründet: ,, Rescue Home for young Girls in danger 11 (Rettungshauär für junge gefährdete Mädchen). Dort haben sie eine Art „moralische Quarantaine“ durchzumachen, bevor sie in Illford Aufnahme finden. Die Adresse dieses Home’s wird geheim gehalten. So manches dieser unglücklichen Mädchen wurde dadurch auch vor den Verfolgungen schlechter und böswilliger Verwandten geschützt, wie denn auch Dr. Bar- nardo die Sendung nach Amerika oft benützt, um Kinder vor dem Einfluss lasterhafter Ang-eliörigen zu sichern. „Her Majesty’s Hospital for Waif Children“ , 13, 15, 17 und 19 Stepney Causeway E., nimmt Dr. Barnardo’s kranke Kinder auf; es ist für 75 Betten eingerichtet. Im Jahre 1891 wurden 692 Kinder dort gepflegt, während in den verschiedenen Homes 2932 Patienten von hier aus ärztliche Behandlung fanden. 13 Pflegerinnen unter der Leitung einer Vorsteherin walten hier ihres Amtes. So manches arme, kranke Kind wird hieher gebracht, damit es in Ruhe und in liebreicher Pflege sterben kann. Kinder, die in keinem Krankenhause Aufnahme finden können, hier harret ihrer schützende, sorgende Liebe. Für solche Knaben und Mädchen, die während ihrer Genesung stärkender Seeluft bedürfen, oder für Kinder, die in körperlich geschwächtem Zustande Aufnahme finden, schuf Dr. Barnardo das „ Convalescent Seaside Home Felix- tow?i u , ein am See gelegenes Genesungshaus (Suffolk). Auch dieses Haus ist durchschnittlich für 75 Pfleglinge berechnet, und fanden im Jahre 1891: 371 Kinder dort vorübergehenden Aufenthalt und damit Stärkung ihrer Gesundheit. Die blinden und taubstummen Kinder, die sich unter Dr. Barnardo’s Schutz gestellt haben, erhalten eine ihrem Gebrechen angepasste Erziehung und Ausbildung; ihre Zahl ist eine verhältnismässig nur geringe, da ja solche Kinder immer in öffentlichen Anstalten aufgenommen werden. Die körperlich verkrüppelten Kinder lässt Dr. Barnardo so viel als möglich sich unter den gesunden bewegen und entwickeln, weil das seiner Erfahrung nach auf ihre physischen und geistigen Kräfte anreg'end einwirkt. Als Beleg dafür mag gelten, dass Dr. Barnardo in einer der letzten Nummern von „ Night and Day u erzählt, dass in der neu eröffneten grossen Schwimmschule in Stepnay - Cause - Home einige seiner besten Schwimmer Krüppel sind und ein Knabe, dem beide Füsse von den Hüften abgenommen werden mussten und der sich nur mit Hilfe seiner muskelstarken Arme weiterbewegt, an Schnelligkeit und Ausdauer im Schwimmen die meisten gesunden Knaben übertrifft. 23 Die durch die verschiedenen körperlichen Gebrechen geschädigten Mädchen und Knaben erwerbsfähig zu machen, gehört zu Dr. Barnardo’s grössten Sorgen und Schwierigkeiten, doch nie hat er sich dadurch abhalten lassen, einem solchen Kinde, wenn es arm und hilflos, Aufnahme in seinen Homes>. zu gewähren. Dr. Barnardo lässt sich aber nicht daran genügen, diese für unglückliche Kinder immer offen zu halten, sondern sein grosses Rettungswerk wird noch wesentlich erweitert durch das Boarding-Out System . Es werden darnach Kinder in der Weise versorgt, dass sie zu braven Familien in Kost und Pflege gegeben werden. Doch sucht Dr. Barnardo dafür mit Vorliebe solche Orte, die keine Stadt und keine Eisenbahnverbindung in der Nähe haben. Gegenwärtig sind die Boarding-Out-Kinder, deren Zahl im letzten Jahre schon auf 1476 gestiegen ist, in 98 verschiedenen Districten vertheilt. Ein Orts-Comite, dem immer auch Frauen angehören und an dessen Spitze gewöhnlich der Geistliche des Sprengels steht, hat die Wahl der Familie zu treffen und deren Beaufsichtigung zu führen, damit das daselbst untergebrachte Kind gut gehalten und in gewissenhafter christlicher Weise erzogen werde. Zur weiteren Controle wird jedes Kind einmal in sechs Monaten, und zwar unangemeldet von einem der beiden sich dieser Aufgabe widmenden weiblichen Doctoren besucht und wird über das Ergebnis dieser Inspection Bericht erstattet. Die Kosten für ein Kind betragen durchschnittlich 5—6 sh. per Woche. Dr. Barnardo ist mit den bisherigen Erfahrungen ausserordentlich zufrieden. Die Kinder können sich in der natürlichsten und gesündesten Atmosphäre, der des Familienlebens, ohne den oft schädigenden Einfluss des Lebens in der grossen Stadt entwickeln, und dem kleinen Landmanne gewährt das gezahlte Kostgeld eine oft wesentliche Förderung. Dr. Barnardo ist eifrig bestrebt, den Segen solcher Fürsorge immer mehr Kindern zugänglich zu machen. In Copperfield Broad, in einem von der ärmsten Arbeiterbevölkerung Ost-Londons ^bewohntenl'heil, hat Dr. Barnardo eine Children Free-School nach dem Systeme der „Lumpenschulen“ in’s Leben gerufen, die sich der lebhafte- 24 sten Inanspruchnahme erfreut. Die Tagesschule wurde 1891 von 791 Knaben und Mädchen besucht, die Sonntags-Abendschule, die für ältere Kinder bestimmt ist, von 2050. Während des Sommers wurden 187 der schwächlichsten Kinder zu je vierzehntägigem Aufenthalt auf's Land geschickt. An die ärmsten diese Schule besuchenden Kinder wurden im Jahre 1891: 36.382 Mittagsmahlzeiten und 34.800 Frühstücke unentgeltlich vertheilt. Wenn wir annähernd überblicken, was Dr. Barnardo gethan hat und mit derselben Treue, Hingabe und Liebes- fülle tagtäglich thut, um hilflose, dem Elend verfallene Kinder zu retten und zu brauchbaren und geachteten Menschen zu machen, dann müssen wir in Bewunderung unser Haupt beugen vor diesem Manne, den einer seiner Mitarbeiter mit Recht the greatest philantrope of our time nennt. Diese Bewunderung wird sich aber noch steigern, wenn wir sehen, wie Dr. Barnardo noch über dieses als Lebensaufgabe erkannte Wirken hinaus Bruderliebe übt, wie er sich selbst die Last seiner Arbeit und Sorgen immer steigert, wie er an die eigene Kraft und die helfende Nächstenliebe seiner Mitarbeiter immer höhere Anforderungen stellt, um Kämpfenden Beistand, Sinkenden die rettende Hand, Lebensmüden und Bedrängten Trost und freundliche Aufmunterung zu bieten. Schon als junger Mann hatte Dr. Barnardo in Ost- London Versammlungen gehalten, gleichviel auf welcher Stätte, um mit der Kraft seiner ganzen Begeisterung und Gottesliebe die Leute zum Glauben zu bekehren, sie zur Arbeit, zur Rechtlichkeit, zur Enthaltsamkeit zu ermahnen. Seine Beredsamkeit, die ihm auch viele Mitarbeiter und Helfer gewann, war eine so hinreissende, dass die Zahl seiner Zuhörer immer wuchs und die gewählten Räume sich als zu klein erwiesen. Schon damals war er von der Erkenntnis durchdrungen, dass die Trunksucht der eigentliche Dämon der Armen ist, der ihnen Körper und Seele verdirbt und dessen Fluch sich forterbt auf kommende Geschlechter. Die Trunksucht zu bekämpfen, schien ihm Pflicht jedes Menschenfreundes. So war ihm das in einem Theile des östlichen London liegende Edinburgh-Castle als eine der grössten und berüchtigtsten „Gin-Kneipen“ und alsSammel- 25 platz der gemeinsten Belustigungen und rohesten Trinkgelage ein Gegenstand des Abscheues, aber auch ein Ziel seiner Zukunftspläne. Und er erreichte dieses Ziel als einen der schönsten Siege seiner Thatkraft, seiner Menschenliebe. Seinem Feuereifer, seiner Begeisterung für die gute Sache gelang es, im Jahre 1872 die sehr bedeutende Kaufsumme für das Edinburgh-Castle aufzubringen und diese verrufenen Trinklocale, die seit vielen Jahren den verderblichsten Einfluss auf die ärmere Bevölkerung der Umgegend ausübten, in einen Volks-Kaffeepalast zu verv/an dein. Er ging von dem richtigen Gedanken aus, dass, wenn man den Armen ihr oft einziges Genussmittel — den Schnaps — nehmen will, man ihnen dafür auch Ersatz, und zwar etwas Besseres bieten müsse, und ihm gebührt das Verdienst, die Volkskaffeehäuser als eines der besten Bekämpfungsmittel des Alkoholismus zuerst eingeführt zu haben. In angenehmen, im Winter geheizten Räumen kann in Edinburgh-Castle jeder Arbeiter eine Tasse Kaffee, Thee oder Cacao und ein Butterbrod für nur einen Penny haben, gute Lectüre und Zeitungen stehen ihm unentgeltlich zur Verfügung. Die Totaleinnahme 1891 war £ 1235. An diese Räume stösst ein schöner, über 3000 Menschen 'fassender, jetzt auch mit elektrischer Beleuchtung versehener Saal, der zu Sonntagsandachten und volkstümlichen Vorträgen benützt wird. Diese Vorträge zielen vor Allem darauf hin, das Wissen der Arbeiterbevölkerung und der ärmeren Classen überhaupt zu heben, ihre Sittlichkeit zu steigern. Edinburgh-Castle ist der eigentliche Mittelpunkt für das mit Dr. Barnardo’s Institutionen zusammenhängende Missionswerk. 609 Andachtsversamm- lungeri, deren Besuch sich auf 286.728 Personen, zumeist aus dem Arbeiterstande, belief, und 436 Versammlungen, die Temperenz-, sociale und erziehliche Zwecke verfolgten und die von 107.421 Personen besucht wurden, haben 1891 dort stattgefunden. Mit dem Edinburgh-Castle-Kaffeepalast in Verbindung steht auch ein Vertrieb guter Volksschriften religiösen, belehrenden und unterhaltenden Inhalts, dessen Wirken ein reich gesegnetes ist. 27.183 solcher Schriften sind im letzten Jahre theils verkauft und theils verschenkt worden. 6000 Armenbesuche wurden von hier aus gemacht. Und noch einem anderen Liebeswerk dient Edinburgh-Castle; dort finden Dr. Barnardo’s Free Suppers .statt, an denen theilzunehmen es genügt, ein hungerndes, armes Kind zu sein. „ A Wonderful Feast“, unter diesem Titel schildert Dr. Barnardo in der März-Nummer 1892 von „ Night and Day “ das grosse Free Supper am 6. Jänner dieses Jahres. 2000 Kinder jeden Alters, von denen viele an dem Tage noch nichts Warmes genossen haben mochten, harren in freudiger Aufregung des festlichen Mahles. Die meisten von ihnen sind nur dürftig gekleidet oder in Lumpen gehüllt. Welch Entzücken malt sich auf den blassen, abgezehrten Gesichtern beim Anblicke des heissen Thees, der Fülle Bäckerei und Butterbrode, die vor jedem Platze, letztere in einer mitnehmbaren Papierhülle, liegen. Wenn die Mittel irgend reichen, erhält noch jedes Kind ein Six- pence-Stück, um sich, wenn obdachlos, für die nächste Nacht ein Ruhelag-er schaffen zu können. Die Burschen des Labour Fdouse in sauberer, weisser Kleidung halten Ordnung und sorgen für die Bedienung. Am Schlüsse des Festes, wenn all die Kleinen und Grossen gesättigt sind und sich im fröhlichen Beisammensein ergötzt haben, wird eine Ansprache an sie gehalten, in der sie in warmer, herzinniger Weise zum Guten ermahnt werden, und zuletzt folgt die trostbringende Frage: „Wer von Euch ist so heimatlos und verlassen, dass er in unseren Schutz ein- treten möchte Die Zutrittskarten zu diesen Frei-Mahlzeiten werden von Dr. Barnardo’s Helfern, wie sich seine Mitarbeiter nennen, schon einige Tage vorher an arme Strassenkinder vertheilt. Ausser diesem grossen 'Weihna.chts-Free-Supp er finden in Edinburgh - Castle in jedem Winter noch mehrere kleinere Freimahlzeiten statt für 100—200 Kinder. Auch arme Erwachsene werden hier von Zeit zu Zeit w T ährend der kalten Jahreszeit zu warmen Mahlzeiten eingeladen, wie denn überhaupt die Freimahlzeiten und der Verkauf billiger Speisen an Arme in grossem Umfang bei der unter Dr. Barnardo’s Leitung stehenden Armenpflege geübt werden. 27 Im Jahre 1891 wurden in Edinburgh-Castle und in den verschiedenen Homes 115.906 Frei-Mahlzeiten vertheilt. Ein zweiter 7 später gegründeter Kaffeepalast ist der Dublin Coffee-Palace (Mils Road E.). Auch er erfreut sich einer bedeutenden Inanspruchnahme; was sich aus dem Jahresumsätze von '£ 1113 ergibt. Hier wie in Edinburgh- Castle steigert sich die Zahl der Besucher mit jedem Jahre. Das Stur ge Home (Bow Road E.) ist bestimmt; Fabriksmädchen die Gelegenheit zu bieten, sich die nothwendig- sten hauswirthschaftlichen Kenntnisse anzueignen, damit sie ; wenn sie heiraten, nicht ganz kenntnislos ihren Pflichten gegenüberstehen. Ebenso wie sie, finden auch Mädchen der dienenden Classe Unterkunft und, wenn sie es anstreben, Handarbeits- und hauswirthschaftlichen Unterricht, auch ist eine freie Dienstvermittlung mit diesem Home verbunden. Eine zu dem Home gehörige Wäscherei gibt den Mädchen Gelegenheit, sich auch in diesem Arbeitszweige gründlich auszubilden. Mit dem Sturge Home im Zusammenhang ist das Schutzhaus in Alfred-Street {Shelter). Die ärmeren Mädchen dieser beiden Anstalten w T erden auch nach anderer Richtung hin von hier aus unterstützt. Aehnliche Zwecke verfolgt Bee-hive (273 Mare Street, Hackney E.), ein mit hauswirthschaftlichem Unterricht verbundenes Asyl für ganz verarmte und hilflose Mädchen, die zu alt sind, um in die Ulforder Colonie aufgenommen zu werden. Factory Girl's Club and Institut (Copperfield Road Limehouse E.) strebt gleichfalls, auf die Mädchen der arbeitenden Classe einen günstigen Einfluss auszuüben und ihnen, denen im Allgemeinen so wenig Bildungsmittel zu Gebote stehen, ein Gegengewicht zu bieten gegen die Gefahren und Versuchungen, die durch ihre frühe Selbstständigkeit und das freie Verfügen über ihre Abende hervorgerufen werden. Eine Abendschule, eine Schneide r- und Näh-Sch ule und ein Lesezimmer stehen den Mädchen zur unentgeltlichen Benützung zur Verfügung. Um den Fleiss der Mädchen zu ermuntern, lässt Dr. Barnardo Preise austheilen. „A T ight aoid Day u berichtet sehr Günstiges 28 über die Erfolge dieses Clubs. Auch die Fabriksarbeiterinnen werden mehrmals im Laufe des Winters zu Thee- abenden eingeladen, die dann durchschnittlich für 600 bis 700 Mädchen berechnet sind. Der Unterricht in dem Factory Girl’s Club wird von den Damen des Diaconissen- hauses geleitet. Dieses Deaconess House (Mib End Road) ist seit 16 Jahren das eigentliche Centrum für die Armenpflege Dr. Barnardo’s in East-London. 20 Diaconissinnen üben, unter der Leitung einer Lady Superintendent, Nächstenliebe mit hingebender Treue. Durchdrungen von der Heiligkeit ihrer Aufgabe, gilt es ihnen nicht nur, die armen und oft unter den trostlosesten Verhältnissen mit ihren körperlichen Leiden ringenden Kranken zu besuchen, ihnen stärkende Nahrungsmittel und Medicamente zu bringen, sondern sie wollen auch die durch den Druck des Elends stumpf gewordenen Seelen zu neuem Leben erwecken, wollen das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in die Finsterniss des Unglaubens und der Verzweiflung tragen. Viel heisses Dankempfinden, viele Segenswünsche sind der Lohn ihres liebreichen Waltens, selbst Roheit und Gemeinheit wagen es nicht, ihnen wehe zu thun, sie zu be- leidig-en. Abendschulen und Bibelclassen für Arbeiterinnen, Arbeiter und für Kinder stehen unter ihrer Leitung; all diese Versammlungen und Abendschulen und die der Medical Mission finden in zwei dazu bestimmten Missionshallen statt, deren letztere, the Earl-Caions Mission Hall, erst in diesem Jahre eröffnet wurde; die Armen-Unter- stützung wird häufig auch in der Weise geübt, dass man verarmte Gewerbsleute durch Vorstreckung eines kleinen Betriebscapitals wieder erwerbsfähig macht, und dass während der kalten Jahreszeit, ganz insbesonders zur Weihnachtszeit — 11.648 Besuche bei Armen wurden 1891 von den Diaconissinnen bei armen Familien abgestattet — Betheilungen von Lebensmitteln und Kleidungsstücken Statt- Anden. In gewissem Sinne eine Ergänzung des Diaconissen- hauses ist Fast End Medical Mission (224 High Street Schadwell E.). Hier haben arme Kranke dreimal wöchentlich freien Zutritt und finden unentgeltliche Behandlung. 29 In einem kleinen Laboratorium werden die Medicamente von medicinisch ausgebildeten Diaconissinnen nach Vorschrift des amtirenden Arztes bereitet und gelangen dann durch ein Schalterfenster an die betreffenden Kranken zur Vertheilung. Solche Kranke, die zu leidend sind, um selber zu kommen, werden von dem Arzte besucht, und wird dieser in seinen Krankenbesuchen durch die Diaconissinnen unterstützt, die gleichfalls unter Leitung einer Lady Superintendent stehen. 10.807 Patienten wurden im Laufe des Jahres 1891 von der Medical Mission aus behandelt und unterstützt. Von Interesse zu erwähnen und als ein sprechender Beweis für die vorzüglichen sanitären Einrichtungen der Homes Dr. Barnardo’s ist es, dass von den 5416 Kindern, die im Laufe des Jahres unter dem Schutze seiner Homes standen und von denen eine grosse Zahl körperlich verkommen und schwächlich und ein grosser Theil in den ersten Lebensjahren zu ihm kamen, nur 34 gestorben sind — was nur 6'27 per Tausend ausmacht, ein Gesundheitsverhältnis, wie es günstiger gar nicht gedacht werden kann. Das Bestreben Dr. Barnardo’s, den Wirkungskreis jedes seiner Homes so viel als möglich zu erweitern zu Nutzen der mit der Noth des Lebens Kämpfenden, bethätigt sich auch hier. Mancherlei Wohlfahrtseinrichtungen sind noch mit der Medical Mission verbunden. So eine Abend-Nähschule für junge Mädchen, die durchschnittlich von 40 bis 50 Theilnehmerinnen besucht wird und nicht nur durch den praktischen Unterricht, sondern auch durch den moralischen Einfluss günstig auf die Lernenden einwirkt. Einmal wöchentlich findet unter Leitung der Diaconissinnen der Medical Mission ein Theeabend für "Witwen, die über 60 Jahre alt, statt. Mit froher Ungeduld sehen die alten, an harte Arbeit um’s tägliche Brod gewöhnten P'rauen diesem Abend entgegen. In freundlichen, warmen Räumen, nett servirt, erhalten sie ihren Imbiss, Thee und Butter und Brod, letzteres beides so reichlich, dass meistens noch immer ein Theil mitgenommen wird. Für die während dieser Abendstunden geleisteten Handarbeiten, die in den Homes Verwendung finden, erhält jede noch 3 Pence. 30 Zweimal wöchentlich finden, gleichfalls von Diaconis- sinnen geleitet, Mother- Meetings (Mütter-Zusammenkünfte) statt, die theils belehrende, theils praktische Zwecke verfolgen. So vermittelt der durch Dr. Barnardo gegründete Bekleidungsclub den sich versammelnden Frauen den Ankauf billiger alter und neuer Kleidungsstücke. Ihr Sparsinn wird angeregt und gefördert durch Vermittlung kleiner Spareinlagen bei einer Pfennig-Bank. Um bei solchen Zusammenkünften unnütze Klatscherei zu vermeiden, wird ein Theil der Zeit durch Gesang und das Vorlesen guter Schriften ausgefüllt. Die letzte halbe Stunde des Beisammenseins wird einer kleinen, im evangelischen Geiste gehaltenen Ansprache gewidmet. Die Sprecherin ist immer eine der für die Medical Mission wirkenden Frauen. Wie Dr. Barnardo die Idee der Volkskaffeehäuser in London eingeführt hat, so war er es auch, der zuerst in Ost-London den Droschken-Kutschern, die bei jedem Wind und Wetter auf ihren Posten stehen müssen, eine Schutzhütte erbaute, Cabmen' s Shelter (Burdell Road). Er bot damit den Männern nicht nur die Möglichkeit, sich vor feuchtem Nebel zu schützen und sich zu erwärmen, sondern sie können dort auch zu den billigsten Preisen warme Getränke, Milch, Kaffee und Thee erhalten. Branntwein darf nicht verkauft und getrunken werden, und damit ist wieder ein neues Mittel geschaffen, die Versuchung, die Gefahren des Branntweintrinkens zu bekämpfen. Das Schutzhaus ist täglich von 12 Uhr Mittags bis 2 Uhr Nachts geöffnet. Unermüdlich prüft und forscht der grosse Menschenfreund den Ursachen nach, aus denen sociales Elend hervorgeht, und rastlos und unermüdlich ist er im Ersinnen von Hilfs- und Heilmitteln, die in’s Werk zu setzen, ihm dank dem Beistände treuer Gesinnungsgenossen bisher auch immer möglich war. So hat er seit zwrei Jahren eine Hilfsaction in’s Leben gerufen, the Auxiliary Boarding Out- Branch, um armen zu Fall gekommenen Mädchen, die von dem Vater ihres Kindes verlassen worden sind, behilflich zu sein, wdeder einen ehrbaren Lebenswandel zu führen und ihr Kind bei einer gewissenhaften Pflegemutter in 31 Kost geben zu können. Wie immer, so legt Dr. Barnardo auch hier den Hauptwerth seiner Unterstützung auf die dauernde Besserung der Betreffenden und ihrer Lage. Gründliche Untersuchung jedes einzelnen Falles und strenge Ueberwachung der unter seinem Schutze Stehenden, das ist der Weg, den Dr. Barnardo immer wieder einschlägt. Und solche Gewissenhaftigkeit ist hier mehr denn je angezeigt, damit nicht die Hand der Menschenliebe den Hang zum Bösen fördert, statt ihn zu bekämpfen. Dr. Barnardo’s Vorgehen diesen Mädchen gegenüber ist folgendes: Wenn die Untersuchung ergibt, dass das betreffende Mädchen willens ist, einen ordentlichen Lebenswandel zu führen und ihren mütterlichen Pflichten nachzukommen, und wenn der Vater des Kindes nicht zu erforschen ist oder sich nicht in der Lage befindet, für den Unterhalt des Kindes zu sorgen, übernimmt Dr. Barnardo einen theilweisen Beitrag des sich durchschnittlich auf 5 sh. belaufenden Kostgeldes des Kindes, den allein aufzubringen der Mutter oft bei der grössten Selbstverleugnung nicht möglich ist. Dieser Beitrag, der nie über 3 sh. per Woche, oft aber auch kaum 1 sh. wöchentlich beträgt, wird aber nur für jene Kinder geleistet, die die ersten und einzigen unverheirateter Mütter sind. Menschenfreundliche Damen, die Dr. Barnardo für seine Idee gewonnen hat, bemühen sich, dem 'Mädchen einen guten Dienstplatz zu besorgen, behalten dieses sowie das bei einer durch die eigene Mutter gewählten Pflegemutter untergebrachte Kind unter Controle. Durch sie wird auch der bewilligte Beitrag an die Pflegemutter übergeben. Das Anrecht auf denselben verliert die Mutter des Kindes mit dem Augenblicke, wo sie sich einer leichtsinnigen oder unmoralischen Handlungsweise schuldig macht. Die günstigsten Erfahrungen belohnten bisher die gebrachten Opfer an Zeit und Geld. 91 Kinder wurden bis jetzt in dieser Weise unterstützt und bewacht, und ebensoviele Mütter wurden damit von drückender Sorg'e befreit, dem Pfade der Ehrbarkeit und • Pflichttreue zugeführt und ermuntert, darauf zu beharren. 32 £ ' - Wir haben uns bemüht, annähernd ein Bild des grossen und sich immer mehr erweiternden Thätigkeitsgebietes Dr. Barnardo’s und seiner Helfer, deren Zahl eine bedeutende ist, zu geben. Wenn wir nun hinzufügen, dass das ganze Werk, mit Ausnahme der geringen Subventionen aus den öffentlichen Mitteln für Schulzwecke, keine anderen Hilfsquellen hat als jene, die ihm die Freigebigkeit wohl- thätiger Menschen gewährt, dass Dr. Barnardo weder über sichere Fonds noch nennenswerthe Stiftungen verfügt, um seine über 4200 zählende Kinderschaar zu erhalten, und dass, ganz abgesehen von der beständig geübten Armenunterstützung, die Beköstigung seiner Schützlinge allein täglich £ 150, die Gesammt-Tageskosten aber M 250 betragen, die Jahreskosten der Auswanderer sich auf durchschnittlich £ 5000 belaufen, die dem Unternehmen zugehörigen und gepachteten Gebäude einen Werth von 208.236 haben, dann wird es fast wie ein Räthsel erscheinen, wie es möglich ist, die Mittel zu all diesen grossartigen und kostspieligen Unternehmungen aufzubringen. Die Erklärung hiefür ist durch die Verhältnisse Englands überhaupt, sodann durch die Persönlichkeit Dr. Barnardo’s gegeben. England ist, wie kein anderes Land, der Boden, auf dem Wohlthätigkeit, im grossen Styl geübt, gedeihen und sich entwickeln kann. So werden, um nur ein Beispiel anzuführen, alle Besserungsanstalten und 89 Percent der Arbeitsschulen durch freie Beiträge erhalten. Die Zahl der Männer und Frauen, die mit Opferwilligkeit, bewunderungswürdiger Selbstverleugnung und Ausdauer ihren nothleidenden und unglücklichen Mitmenschen ihre besten Kräfte widmen, ist grösser, als irgendwo. Aus den vornehmsten Kreisen so gut, wie aus den ärmsten erstehen die Kämpfer für die materielle und sittliche Besserung der ärmeren Volksclassen. Und wer immer in England mit ernstem Wollen und voller Hingebung ein Werk der Menschenliebe unternimmt — und welche lange Reihe von männlichen und weiblichen Namen liesse sich da anführen! — er ist sicher, hilfsbereite Freunde, freigebige Geber zu finden. Und noch etwas ist es, das trotz der materialistischen Richtung unserer Zeit in England so gewaltig mithilft, 33 Menschen zu guten Zwecken zu begeistern, sie dafür zu gewinnen, das, wie es den Einzelnen mit wunderbarer Kraft ausstattet, zugleich das Band ist, das die Geretteten so fest mit ihren Rettern verbindet, das, so gross auch die Sittenverderbnis und Verrohung gewisser Schichten sein mag, doch vielen Tausenden von Verbrechern und Gefallenen die Kraft gibt, sich wieder zu erheben, und das den Unglücklichen Geduld und Ergebung lehrt im Leiden — es ist der Glaube, das tief religiöse Gefühl. Mag immerhin viel Formenwesen und Pietismus dabei im Spiele sein, der Glaube, der da lehrt, das Gute nicht um der Menschen, sondern um Gottes willen zu thun, er stattet Alle, die in ihm der Menschheit dienen, mit siegreicher Gewalt aus. Wollte man der freien Wohlthätigkeit Englands das religiöse Element entziehen, sie würde, ihrer besten Kraft beraubt, machtlos zusammensinken. Wie wir schon früher erwähnt, ist auch bei Dr. Bar- nardo in erster Linie tiefe Frömmigkeit, das Bewusstsein, der Vollstrecker göttlichen Willens zu sein, die Triebfeder all seines Thuns. Aber Dr. Barnardo ist nicht nur der grosse Menschenfreund, der glaubensstarke Streiter, er ist auch ein genialer Agitator, ein organisatorisches, wie erfindendes Talent auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit. Dazu kommt seine herzbezwingende Beredsamkeit, seine hinreissende Begeisterung, die ohne Unterlass für seine gute Sache zu wirken weiss. Unerschöpflich wie der Born seiner Liebe scheint auch die Zaubergabe zu sein, seinem Rettungswerke Freunde, Helfer, Geber zu gewinnen. In allen Städten Englands und über England hinaus tritt er und treten, gdeich ihm, seine Mitarbeiter als beredte Anwälte auf aller unglücklichen und hilfsbedürftigen Kinder. Und in der sein Wirken unterstützenden und verbreitenden Zeitschrift „Night and Day u schildert er in ergreifender Anschaulichkeit in Wort und Bild die Verlassenheit und Noth, die Härte und Grausamkeit, die moralischen Gefahren, die mehr oder weniger all die Kinder zu erdulden hatten, bevor sie eine schützende Zufluchtsstätte in seinen Homes fanden. Niemand wird diese Blätter, die in AVahr- heit Gedenkblätter des tiefsten Menschenelendes -3 3 34 und der höchsten Menschenliebe sind, unbewegten Herzens lesen können. Dr. Barnardo weiss klug Stunde, Ort und Gelegenheit zu benützen, um die Theilnahme für seine Unternehmungen zu wecken und zu steigern. Das 25jährige Jubilarfest seiner ersten Institution, das am 3. Juli 1800 in Albert Hall mit grosser Festlichkeit begangen wurde, hat ihm und seinen Homes gewiss viel neue Freunde zugeführt. Eine anlässlich dieses 25jährigen Bestandes seiner Homes angeregte Sammlung ergab die Summe von JG 13.000; 1500 „seiner“ Kinder nahmen bei der Festversammlung, bei der Marquis de Lome, Schwiegersohn der Königin, den Vorsitz führte, handelnd theil. Dr. Barnardo ist der Erfinder der Idee, die seitdem auch von anderen Kinderschutzvereinen Nachahmung fand, seine Erziehungs- und Unterrichts-Resultate in Bildern der versammelten Menge zur Anschauung zu bringen. Rothwangige Babies mit ihren Wärterinnen, kleine Mädchen mit Gesang und Kindergartenspiel, emsig arbeitende Wäscherinnen, lustige Turner, taktfeste Musiker, Feuerwerker, junge Schreiner, Tischler, Schneider, .Schmiede u. s. w. mit ihren Handwerkszeichen, Burschen, die Rettungsarbeiten bei Bränden und Unglücksfällen zur Darstellung brachten, andere, die in voller Reiseausrüstung mit sichtlicher Eignung für den künftigen Farmerberuf sich zeigten, Lahme, Krüppel und mit sonstigen Gebrechen Behaftete, die zeigten, was körperliche und geistige Pflege vermag, sie alle zogen an den in frohes Schauen versunkenen Zuschauern in Gruppenbildern vorüber, alle mit dem Ausdrucke der Gesundheit, des kindlichen Frohsinnes im Antlitz. Um den Werth solcher Errungenschaften noch wirksamer zu machen, wurden auch Kinder, wie sie in den letzten Tagen zur Aufnahme gelangten, vorgeführt, schmächtige, in Lumpen gehüllte Gestalten mit blassen, hohläugigen Zügen, die von viel Hunger und Leid erzählten. Der Gegensatz wirkte ergreifend. Bei solchem Anblick, da ging wohl in Manchem, den bisher Noth und Bedrängnis seiner Mitmenschen kalt und gleichgiltig gelassen, ein Ahnen auf, mehr als das, das Bewusstsein mochte erw T achen, dass wir Alle, die wir uns — 35 unseres Lebens freuen können, die wir für unsere Kinder liebend sorgen, unsere Kranken hegen und pflegen und ohne Sorgen in den kommenden Tag blicken können, eine Schuld einzulösen haben Jenen gegenüber, die so bettelarm am Wege stehen, dass diese Schuld aber doppelt schwer wiegt, wenn jene Enterbten des Glückes Kinder sind, die unschuldig leiden, die unschuldig den Fluch der Sünde tragen müssen, der ihre Jugend beschmutzt, ihre Zukunft zu verderben droht. Wie es traurig macht zu sehen, wie ein böser Mensch in den Kreis seiner Niedrigkeit so Viele herabziehen kann, so muss es jeden besseren Menschen mit dankbarer, mit freudiger Genugthuung erfüllen, auf einen Mann blicken zu können, der an vielen Tausenden die Unterlassungssünden unserer matten Nächstenliebe gut macht. Es ist etwas Grosses, Tröstliches und Sieghaftes um das wahrhafte Gutsein auch nur eines Menschen, es kommt immer der Gesammtheit zugute und hilft sie vorwärts führen. All die Redner, die an jenem Festtage sprachen, sie stimmten darin überein, dass das, was Dr. Barnardo für das öffentliche Wohl, für die gefährdete Jugend Englands geleistet hat, kein zweiter vollbracht hat. Und wenn „Night and Day il in einer Notiz mittheilt, dass die Zahl der jugendlichen Verbrecher in England von 9998 im Jahre 1871 auf 3892 im Jahre 1891 herabgesunken ist, dann hat Dr. Barnardo wohl einen grossen Theil des Verdienstes daran. Sein Name wird unter den Armen Londons als der ihres besten Freundes und Wohlthäters genannt. Bei dem grossen und immer wachsenden Bedarf an Mitteln, den Dr. Barnardo’s Homes und seine Armenpflege erfordern, muss er unablässig bemüht sein, sich neue Hilfsquellen, neue Hilfstruppen zu schaffen. So hat er im December vorigen Jahres „ the Young Helpers League gegründet, deren Präsidentschaft die Herzogin von Teck übernommen hat. Es ist das ein Verband von Kindern der mittleren und oberen Stände, die mit kleinen Gaben und durch Sammlungen in ihren Kreisen das grosse Liebeswerk, das ihren unglücklichen Altersgenossen gilt, unterstützen sollen. Eine illustrirte Vierteljahrsschrift, deren Abonnement nur 10 Pence beträgt, dient demselben Zwecke, wie „Night 3 * 36 and Day u für die Erwachsenen. Schon zählt dieser Bund über 9000 Mitglieder, die sich fast über alle Länder verbreiten. Weil aber eine grosse Zahl der sich Meldenden das vorgezeichnete Alter von 18 Jahren schon überschritten hatte, wusste Dr. Barnardo auch diese wieder unter ge meinsamer Fahne zu sammeln, indem er eine freiwillige Gesellschaft von adult helpers (von erwachsenen Helfern) gründete, deren Mitglied Jeder werden kann, der ihm den Jahresbeitrag von 10 sh. zusendet. Eine weitere Einnahme von £ 4712 floss 1891 dem Unternehmen dadurch zu, dass einer der Deputations-Secretäre der Institution mit einer gut geschulten Musikbande von Knaben aus Dr. Barnardo’s Elomes eine Concertreise, wie er sie zuerst in England ausgeführt, nach Australien unternahm, welche Reise auch dazu diente, durch Vorträge Theilnahme für Dr. Barnardo’s Unternehmen zu wecken. Eine andere Geldquelle hat sich Dr. Barnardo dadurch geöffnet, dass er anstatt Geld auch Geschenke von solchen Werthgegenständen, die er nicht für seine Homes verwerthen kann, wie Schmuck, Bilder, Möbel, Spitzen, Weine u. s. w., entgegennimmt. Die grösseren und werthvolleren werden in „Night and Day u zum Kauf angeboten oder unter der Hand verkauft, die kleineren aber, wie Phantasieartikel, Genussmittel, Galanterieartikel u. s. w., werden nach ihrem Schätzungswerthe zu je ( £ 6 und ^ 12 gesondert in Schachteln, die im TmIout House verfertigt sind, sorgfältig verpackt und während der Weihnachtszeit als Geschenks- Gegenstand zum Verkauf gebracht. Um diesen Boxes grösseren Absatz zu sichern, werden sie zu je 5 und c £ 10 verkauft. Mit derselben herzlichen Dankbarkeit wie die 100 ü?-Note empfängt Dr. Barnardo die Eiebesgabe der Armuth, gleichviel, ob sie in Geld oder anderen Beiträgen geboten wird. So manche arme Witwe, die nichts Ueber- flüssiges hat, sucht unter ihrem Besitzthum etwas, was sie entbehren kann, um es dem Menschenfreunde Dr. Barnardo darzubringen; manche arme Näherin, welche täglich hört und sieht, was Dr. Barnardo für die hungrigen, kranken und elenden Kinder thut, möchte so gerne auch ihr Scherflein beitragen zu dem grossen Liebeswerke. Und freudig rühren sich die fleissigen Hände, um irgend eine Arbeit 37 zu verfertigen ; sie weiss ja, Dr. Barnardo kann Alles ver- werthen. Auch aus weiter Ferne und oft auch von ehemaligen Schützlingen werden ihm Beiträge gesandt; so manches der mit den Geldsendungen kommenden rührenden Begleitschreiben hat Dr. Barnardo in „Night and Day veröffentlicht. Eine stehende Rubrik in dieser Zeitschrift ist „Wanted“ (gebraucht wird); dort findet der Leser solche Gegenstände verzeichnet, welche in den verschiedenen Homes besonders dringend gebraucht werden, als: Der Jahreszeit entsprechende Kleider, Bücher, Zeichenvorlagen, Handwerks-Utensilien, eine Nähmaschine, ein Harmonium, ein Pferd für Warenbeförderung u. s. w. Der Eine geht hin und kauft das Gewünschte, der Andere hat es vielleicht überflüssig und freut sich, dem Unternehmen damit nützen zu können. Es ist das eine sehr glückliche und praktische Methode, um Bedürfnis und Ueberflüssiges mit einander in Deckung zu bringen. Die Gesammtzahl seiner Geber im Jahre 1891 war 76.590, davon waren 49.164 Schenkungen unter £ 1, und 1851 gingen von £ 10 aufwärts, wovon 30 Spenden von £ 500 und darüber betrugen und Spenden im Werthe von £ 6009 ihm anonym zugestellt wurden. Seine Gesammtein- nahme im letzten Jahre betrug - £ 131.376, gegenüber £ 214 im ersten Jahre seines Wirkens. Die Gesammtsumme der Einnahmen, welche ihm während seiner 26jährigen zum Wohle seiner Mitmenschen ausgeübten Thätigkeit zufloss, beläuft sich auf £ 1,138.046. Um sich von dem Thätigkeitsumfange von Dr. Bar- nardo’s Institutionen eine Vorstellung zu machen, sei erwähnt, dass im Jahre 1891 in seinem Central-Office (Stepney Causway 18—20) 243.899 Briefe und Postsendungen einliefen und 2,032.015 solcher von dort nach allen Weltgegenden versandt wurden. 6866 Fälle von Aufnahmsgesuchen wurden sorgfältigster Prüfung unterzogen, 1717 Kinder wurden aufgenommen. 100 Helfer sind in beständiger Thätigkeit, 3 Secretäre haben die Institutionen nach aussen zu vertreten, für dieselben fördernd und ihr Wirken verbreitend zu schaffen. Dem Vorstandscomite fällt die be- rathende, die Rechnungsausweise und die Ergebnisse der Fortentwicklung der Institutionen prüfende Thätigkeit zu, 38 Es nimmt in den Monats- und Jahresversammlungen die Berichte Dr. Barnardo’s, der die leitende Seele ; die schöpferische Kraft des Ganzen ist, entgegen. Einen Ueberblick über das, was durch ihn und seine Mitarbeiter im Laufe der 26 Jahre geleistet wurde, mögen folgende Zahlen geben. 18.839 Kinder wurden aufgenommen, erzogen und versorgt. 60.000 Kinder erhielten durch die Tages-, Abend- und Sonntagsschulen Unterricht, wurden im Bedarfsfälle mit Kleidung und Verabreichung von Speisen unterstützt. 5005 Kinder wurden für die Auswanderung nach den Colonien ausgestattet und durch dieselbe einer gesicherten Existenz zug-eführt. 64.200 obdachlose Kinder und Frauen erhielten freies nächtliches Unterkommen. 323.840 Freimahlzeiten wurden an sie vertheilt. 4691 Jungen wurden durch die Industrial - Brigaden erwerbsfähig gemacht. 42.100 Kinder erhielten in vier „Lumpenschulen “ (ragged schools), durch Dr. Barnardo’s Institutionen vermittelt, Religionsunterricht. 1,000.000 Freimahlzeiten wurden, zum Mindesten, seit ihrer Einführung vor 22 Jahren, an jugendliche und erwachsene Bedürftige vertheilt. 2163 kranke und schwächliche Kinder wurden durch zeitweiligen Aufenthalt auf dem Lande und an der See in ihrer Gesundheit gefördert. 9,500.000 Personen wurden durch die seit 18 Jahren von Dr. Barnardo’s Institutionen aus geübten Missionsbestrebungen zu sittlichem Lebenswandel und Mässigkeit beeinflusst. 4,750.000 Besucher haben seit 19 Jahren an den durch die Kaffeepaläste gebotenen Segnungen theilgenommen. 75.000 arme Kranke wurden unentgeltlich behandelt und theilweise unterstützt, und 20Dia- conissinnen widmeten sich jederzeit der Erfüllung dieser Pflichten mit voller Hingabe. So ist der Liebesquell, den die Hilflosigkeit eines armen obdachlosen Knaben erschloss, zu einem mächtigen Strome angewachsen, der das sociale Leben Englands reinigend und befruchtend durchzieht, der viel Jammer und Herzleid gestillt, viel Gutes gefördert, und der in jenen Theilen Londons, wo die physische und sittliche Ver- 39 kommenheit ihre dunkle Geburtsstätte hat, viel Schlamm und Sünde hinweggespült hat! Die Welt, sie bewundert Dr. Barnardo’s aufopfernde und schöpferische Thätigkeit, die Grossartigkeit seiner Unternehmungen und ihrer Erfolge, aber sie weiss wenig von der Arbeits- und Sorgenlast, die auf ihm liegt, wie furchtbar schwer die Verantwortung zu tragen ist, alltäglich für die Erziehung und Erhaltung von nahezu 4300 Kindern zu sorgen; sie ahnt wenig von der Angst seines Herzens, es könnte sein Werk einmal in’s Stocken gerathen, es könnte der Augenblick kommen, wo das Motto seines Lebens: „No destitute child is ever refused u nicht mehr auf seiner Thüre stehen kann. Dr. Barnardo, der so gerne es ausspricht, die grösste Familie der Welt zu haben, lebt er nicht mit dieser mehrtausendköpfigen Familie das sorgenvolle Leben von der Hand zum Munde? Immer von Neuem muss er bitten, mahnen, sammeln, auf Einnahmsquellen sinnen, um dem Elend des Tages, der immer wachsenden Inanspruchnahme seiner Homes, um dem Zuge seines liebreichen Herzens folgen zu können. Fürwahr, es liegt eine Fülle von Kraft, Muth und Ausdauer dem zu Grunde, wie sie nur wenigen Menschen eigen ist. Heil dem England, das einen Mann wie Dr. Barnardo besitzt, das die grossartig-e Entwicklung seiner Institutionen möglich machte! Wehe aber auch dem England, wenn je dieses Denkmal grösster Menschenliebe Zusammenstürzen sollte, weil die Hände sich nicht fanden, die es stützen, die Herzen, die es lieben und verstehen wollten! Und nicht nur England, nein die ganze Welt soll helfend Antheil nehmen an den Werken Dr. Barnardo’s, wissend, dass sie das Wohl und Wehe vieler Tausende umschliessen. Von Dr. Barnardo’s persönlichen Verhältnissen ist wenig zu sagen. Eine edle Frau und liebe Kinder sind der Segen seines Hauses; in seinen materiellen Verhältnissen ist er soweit unabhängig, dass er seine ganze eminente Arbeits- und Leistungskraft dem Wohle seiner Mitmenschen 40 widmen kann. Er dürfte in der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre stehen. So viel Anerkennung, Liebe und Verehrung ihm auch zutheil wird, fehlt es ihm auf der anderen Seite auch nicht an Feinden und Gegnern. Den Einen ist er zu fromm, den Anderen nicht kirchlich genug. Auch der Vorwurf, dass er durch seine Sammlungen über London hinaus andere Wohlthätigkeits-Stiftungen beeinträchtigt, wird ihm von engherzigen Menschen gemacht. Sogar des Kinderraübes hat man ihn wiederholt beschuldigt, weil er in einzelnen Fällen, wo er Kinder durch die Grausamkeit ihrer Angehörigen beinahe sterbend oder durch deren Verworfenheit dem moralischen Untergange nahe fand, sich dieser Kinder, die Niemand hatten, der sie schützen wollte, annahm und nicht eher ruhte, als bis er sie in dem Schutze seiner Homes geborgen wusste. Ein Genie auf dem Gebiete des Wohlthätigkeitswesens, geht Dr. Barnardo unbeirrt seinen Weg; die reinste Menschenliebe ist seine Führerin, Kinder und Erwachsene durch die Lehre Christi zu besseren, zu liebreicheren Menschen zu machen, sein letztes Ziel. Möchte die Kunde nicht von dem Ruhme, aber von der Liebe, von der an’s Wunderbare streifenden Thatkraft dieses Mannes durch alle Lande-, in alle Herzen ziehen, möchten ihm tausendfache Gaben Zuströmen, sein grosses Werk der Barmherzigkeit, der Menschenrettung fortzu- setzen! Möchte dieser grösste Samariter aller Zeiten aber auch als ein Erwecker der Menschenliebe unter seinen Zeitgenossen wdrken! Was menschlicher Wille vermag, wenn gotterfüllte Liebe seine Triebkraft ist, — Dr. Barnardo lehrt es uns. Dr. Barnardo konnte in dem Rückblick auf seine 25jährige Thätigkeit von sich sagen: 17.112 Kinder g'erettet zu haben, „is worth living for u (ist werth, gelebt zu haben). Könnte Jeder von uns auch nur auf ein Kind hinweisen, das er den Gefahren bitterster Armuth entrissen, dem Guten zugeführt hat, es könnte manche Sünde uns darum vergeben werden. Wir alle, die wir das Elend der Leidenden beklagen, glauben uns loszukaufen durch Almosen, die uns nicht 41 drücken, die uns keine Opfer sind, wir geben wohl leicht unser Geld, aber so schwer unsere Liebe, wir helfen wohl oft aus Mitleid, aber so selten aus Gerechtigkeit. Und noch etwas Anderes können wir von Dr. Barnardo lernen; dort zuerst zu helfen, wo Hilfe am dringendsten Noth thut, wo sie in bleibenden Segen sich verwandeln kann. Wie die Hygiene der Gegenwart immer mehr ihren Schwerpunkt auf das Vorbeugen der Krankheit legt, so ist auch auf socialem Gebiete das Bekämpfen der Ursachen socialer Uebel weit bedeutsamer, als das ihrer Folgen. Gefängnisse, Trinkerasyle, Arbeitshäuser, sie können viel Böses verhüten, aber das Gute fördern, liegt wenig in ihrer Macht. Wer das Elend vermindern will durch Zuwachs an Fleiss, Tüchtigkeit, Sittlichkeit und Mässigkeit, der fange bei der Jugend an, bei jener Jugend, die gefährdet ist durch Mangel an physischer und geistiger Pflege, durch Mangel an Aufsicht und Erziehung. Die Jugend ist das Blatt, auf dem wir unser Vermächtniss an die Zukunft verzeichnen. „Das traurigste Ding auf Erden ist ein ungeliebtes Kind.“ Dieses Wort voll Seelenmilde, das Dr. Barnardo einmal ausgesprochen hat, lässt es sich nicht dahin erweitern, dass das gefährlichste Ding ein Kind ist, das schutzlos der bittersten Noth, der Versuchung und bösen Einflüssen überlassen ist? Denn wer kann ermessen, welche Quelle von Leid, Unglück und Böswilligkeit ein solches unbehütetes Kind für Andere einst werden kann! Welche wirthschaftlichen Verbesserungen man ersinnen, welche Anforderungen an die Staatshilfe man stellen mag, immer wird der freien Nächstenliebe ein weites Arbeitsfeld bleiben. Wer wahrhaft Gesegnetes auf ihm leisten will, der halte sich stets vor Augen, dass das einzig ausgleichende Element in der Gesellschaft, die einzig siegreiche Waffe gegen das Elend — die verbesserte Erziehung ist. Aus ihr allein kann das Morgenroth einer besseren Zukunft aufgehen. t TMW-Bibliothek 0060530 4 CH. REISSER & M. WERTHNER, WIEN.