"uur^il ïimm m$ ^eTri iUMTllAXZJüSEPI VIRI3US UNITIS OFFICIELLER AUSSTELLUNGS-BERICHT HERAUSGEGE15EN DURCH DIE ŒifflAl-MEtTOÎ DB mHBSTFUßf, DER PAVILLON KLEINEN KINDE f' Techn< BERICHT, Dr- FERDINAND STA: WIE N. tklCK LAD VERLAD DER K. K. EOF- DD STAATSDRUCKEKEl. Preis: 30 kr OFFICIELLER AUSSTELLUNGS-BERICHT HERAUSGEGECEN DURCH DIE GENERAL-DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 . DER PAVILLON DES KLEINEN KINDES. BERICHT D R - FERDINAND STAMM. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. i§73- j^BKT FT ' yt j J ;m ) t '! '■ ! O rjrjöiiMii-K;v/. nt”: /■•.>! 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Die Anregung, auf der 'Wiener Weltausftellung 1873 in einem befonderen Pavillon alles dasjenige auszuftellen, was auf die Pflege und Erziehung des Kindes von der Geburt bis zu feinem Eintritt in die Schule Bezug hat, ift von Herrn Julius II i r fch , dem Präfidialreferenten der Weltausftellungs-Direclion ausgegangen und in das Programm der Additionalausftellungen aufgenommen worden. Das von einem Comité berathene Programm erhielt die Genehmigung der Generaldiredlion und wurde veröffentlicht. In Folge deffen Tagten die Weltaus- ftellungs-Commiffionen von Grofsbritannien, China und Japan ihre Betheiligung zu. Die fchwer zu bewältigende Aufgabe der Herftellung des Induftriepalaffes verzögerten den Angriff des befonderen Pavillons bis zum April 1873, wo Herr Archi- tect Auguft Weber die Herftellung des Gebäudes übernahm und im Juni vollendete. Das Gebäude hatte einen Mittelfaal, vierzig Meter lang und vierzehn Meter breit. An den vier Ecken vier nach dem Saale geöffnete Cabinette, eines zur Aufnahme der Sammlung aus England, das zweite für die chinefifche, das dritte für die japanefifche Ausftellung, das vierte für die Einrichtung einer Crèche beftimmt. An derWeftfeite des Saales waren noch zwei Cabinette, eines zur Aufnahme der Einrichtungsftücke eines Kinderfpitales, das andere zur Darftellung der Ver- befferungen in der Kinderftube armer Leute beftimmt, und darüber hinausragend war ein gröfseres Zimmer angebracht, in welchem die Einrichtungsftücke eines fiirftlichen Kinderzimmers und die Kinderwäfche ausgeftellt wurden. Gerade gegenüber an der Oftfeite erweiterte fich der Hauptfaal durch einen Yorfprung von fünf Meter Tiefe und vierzehn Meter Breite. Der Hauptfaal war für die Ausftellung alles deffen beftimmt, was im Allgemeinen auf die Pflege, Erziehung und den Unterricht des Kindes Bezug hat. Die Betheiligung war eine lebhafte und es handelt fleh darum, aus dem Gebotenen eine Auswahl zu treffen, welche ein iiberflchtliches Bild von der Pflege und den reichen Mitteln des erften Unterrichtes und der Ausbildung des kleinen Kindes in Oefterreich und in anderen Ländern zufammenftellt. Ein Executivcomité, beliebend aus den Herren Julius Hirfch. Ilofrath Dr. Hermann W iderhofer, Dr. Heinrich v. Weil, Leibarzt Dr. J. E. P o 1 a k, Direktor Dr. Friedinger, Dr. Maximilian H e r z, Dr. E i f e n f c h ii t z , Buchhändler Rudolf L echne r, Profeffor Hans S c hmi 11, Hof-Chromolithograph Auguft Harting er, Architect Auguft Weber und den Herren Spiehvaaren-Händlern C. A. M ü 11 e r, Franz K i e t a i b 1 und E ranz Lutzenleitner unter dem Yorfitze des Dr. Ferdinand Stamm, beforgte die Ausführung der Ausftellung. Der Pavillon wurde erft Ende Juni dem Befuche eröffnet. Wir beginnen bei der Darftellung der Expofition mit den Kinderzimmern. G Dr. Ferdinand Stamm. Das Kinderzimmer. Wenn fchon der Naturtrieb der Thiere für den neuen Ankömmling lang voraus forgt und felbft der leichtfinnige Schmetterling das Ei in eine Blüthen- knospe legt, damit das auskriechende Raupenkind eine fchöne Wiege und die zubereitete eilte Nahrung findet, und wenn die unftäten Vögel fich im Frühling feftfetzen und ein weiches wohlgefchütztes Neft für ihre Jungen bauen, fo wird es nicht überrafchen, wenn wir bei allen Völkern die hoffende Elternliebe zu der zarteften Sorgfalt für den zu erwartenden neuen Galt veredelt finden. Der reiche Vater baut einen ganzen Flügel an das Schlofs, um dem erfehnten Stammhalter und den l'rinceffinen eine befondere Hofhaltung einzurichten und er (teilt für fie goldene Wiegen als erftes Lager hin ; die Fiirftin beforgt die reiche Ausflattung für ihr Kind : Leibwäfche, Bettzeug, Kleider, hundert Sachen und Sächelchen, für jedes erdenkliche Bedürfnifs und die reichfte Bequemlichkeit des Kindes und flickt wohl mit eigener Hand die Prunkdecke oder ein F'eftkleidchen nach kunstvoller Zeichnung, um zum Guten „den Glanz und Schimmer“ zu fügen. Auch der einfache bemittelte Bürger richtet für feine Kinder ein befonderes Zimmer ein, und Hattet es bequem aus, wie wir es in muflerhafter Weife in dem englifchen Kinderzimmer ausgeftellt finden. Und felbft arme Eltern beftimmen den beiten Winkel ihrer Stube für die Wiege und die hoffende Mutter näht nach der Tagesarbeit halbe Nächte lang an der Leibwäfche des Kindes und Hattet das vom Vater vielleicht nur roh gezimmerte Kinderbettchen aus. Die Wiffenfchaft gibt den Eltern in diefer Sorge Recht. Sie zeigt ihre flatiflifchen Tafeln, welche die bedenkliche Erfahrung nachweifen, dafs die Hälfte der Gebornen im erlten Lebensjahre ftirbt und ein anderer bedeutender Bruch- theil der übrig gebliebenen aus dem erlten Lebensjahre Krankheiten und Gebrechen, Blindheit oder Taubheit, krumme Glieder, Ausfatz, Skrofeln und andere Leiden mit hinübernehmen. Die Lage und Befchuffenheit, die Einrichtung und Ausflattung des Kinderzimmers ift kaum weniger entfcheidend für die Entwicklung der darin wohnenden Kinder, als die Befchaffenheit der Brutzelle für die Bienen, welche bekanntlich in einer gewöhnlichen kleinen Zelle zu verkümmerten Arbeitsbienen, in einer grofsen befonders gebauten Zelle aber zu einem vollkommenen Bienenweibchen, zu einer Königin, heranwachfen. Im Pavillon des kleinen Kindes waren mehrere Kinderzimmer mit ihrer Einrichtung dargeflellt. Ein gröfseres Zimmer war von der Möbelhandlung des Herrn S. Löwi aus Wien mit Einrichtungsltücken ausgeflattet, die für muftergiltig gelten können. Im richtigen Verltändniffe des Zweckes war der Prunk und Glanz vermieden, welcher die Sinne des Kindes eher blenden und überreizen, als ausbildend anregen kann. Die blaue Farbe herrfchte vor. Sie ift neben dem heiklen Grün die mil- defte Farbe. Bei künltlichem Lichte, das mehr oder weniger gelblich gefärbt ift. ergänzt das Blau die gelbliche Mifchung zu einer rein weifsen Beleuchtung. Die Schränke und Kälten für die Wäfche glichen jenen, welche fich in den Zimmern für die kaiferliche Princeffin am öfterreichifchen Hofe befinden. Die Kinderwäfche, welche die Hof-Wäfchehandlung des Herrn Carl llofmann in diefern Zimmer ausgeftellt hatte, war ganz gleich der Kinderwäfche Ihrer kaiferlichen Hoheit der Erzherzogin .Marie Valerie, nur mit dem Unter- fehiede, dafs die Leibwäfche der Erzherzogin mit violetter Farbe garnirt ift, während die ausgeftellte Wäfche blau garnirt war. Der Wickeltifch und die Wiege mit ihrer Ausftattung war denen am kaiferlichen Hofe nachgebildet. Ihre Majeftät die Kaiferin hatte geftattet, dafs iiberdiefs der prächtige Kinclerfeffel Seiner kaiferlichen Hoheit des Erzherzogs, dann eine kleine Garnitur Der Pavillon des kleinen Kindes. i Tifchchen und Seffel, und ein kleiner Schrank mit dem Spielzeuge, welches Ihre kaiferliche Hoheit die Erzherzogin Gifela in Gebrauch hatte, ausgedellt wurde. Lebensgrofse Photographien, die Bruftbilder der erhabenen Kaiferfamilie Ihrer Majedäten des Kaifers und der Kaiferin, und der kaiferlichen Hoheiten des Kronprinzen Rudolf und der Erzherzoginen Gifela und Valerie, fchmückten die Wände und erhöhten das Intereffe an den ausgedellten Ausdattungen des Zimmers und machten das fiirftliche Kinderzimmer zum anziehendden Raum des Pavillons. Das bürgerliche Kinderzimmer mit feiner Einrichtung und Ausdattung war von der grofsbritannifchen Commiffion in einem befonderen Cabinette zur Anfchauung gebracht. Die Engländer find in der Erziehung ihrer Kinder muflergiltig. Nach Klima und Volksfitte bringt das Kind die Jugend meid in einem und demfelben Zimmer zu, die Winterzeit, welche alle Kinder in den Zimmern gefangen hält, dauert in England lang, in den Städten kommen auch im Sommer die Kinder nur wenig ins Freie; von der gefunden Lage, der reinen Luft und der zweckmäfsigen Einrichtung des Raumes, in welchem das Kind faft ausfchliefslich leben und fich bewegen nntfs, hängt feine Gefundheit und feine Entwicklung ab. Wir willen, dafs im Haufe des Engländers, das meid nur zwei bis vier l'ender breit, zwei Zimmer tief und zwei bis drei Stockwerke hoch gebaut id, das Kinderzimmer in den oberen Stockwerken liegt, denn diefe find in Städten mit engen Gaffen lichter und luftiger und daher gefunder als die Zimmer der unteren Stockwerke. Es id in diefen Zimmern iiberdiefs für eine gute Lüftung geforgt. Die Fender find zum Schieben derart eingerichtet, dafs ein unteres Schubfender hinauf-, das obere Schubfender herabgefchoben werden kann ; fo entdeht unten und oben eine offene Spalte, weiter oder enger, wie man es nach der jeweiligen Witterung für zweckmäfsig findet; durch die untere Spalte des Fenders drömt von aufsen die frifche gute Luft ein, durch die obere Spalte drömt die wärmere fchlechte Zimmerluft aus. Das erreicht man mit der fenkrechten Spalte der Fenderflügel, wie fie in den Iiäufern der meiden anderen Länder im Gebrauch find, nicht fo gut. In allen englifchen Iiäufern wohlhabender Eltern liegen warme weiche Teppiche auf dem Eufsboden. Das Kind fitzt und rutfeht und läuft felbd auch blofsfüffig auf folchen Teppichen, ohne fich zu verkühlen, und fällt, ohne fich wehe zu thun. Die Grundbedingung eines gefunden Kinderzimmers id reine mälsig warme Luft von möglichd gleicher Temperatur. Verdorbene Luft wirkt auf das Kind wie eine verdorbene Nahrung, und wenn diefes einige Male im Tage Nahrung nimmt, fo athmet es in vierundzwanzig Stunden ungefähr dreifsig Taufend Mal und id mit jedem Athemzug in Gefahr, das Blut in feinen Lungen zu verderben und fich zu vergiften. Man lüftet die Kinderzimmer wenig, weil man Zugluft und Verkühlung des Kindes beforgt. Dagegen kann man durch einen Schirm gegen Zugluft (Paravent) und durch zweckmäfsige Heizung und Kleider fchützen, gute Luft kann man nur durch Zuführung von Aufsen erlangen. Die Appartements der Kinder an einem fürdlichen Hofe und in einem Palade bedehen daher aus mehreren Zimmern, um das eine zu lüften, während die Kinder in einem anderen Zimmer fich aufhalten. Die Engländer forgen in ihrer ganzen Wohnung für frifche Luft und haben den Kamin und die Fender darnach eingerichtet um zu lüften, ohne den Luftzug fchädlich werden zu laffen, eine Vorforge, die den Kindern in erhöhtem Mafse zu Gute kommt. Im Pavillon des kleinen Kindes hatte das Comitemitglied, Herr Dr. Polak, ein Cabinet für eine Familie mit zwei Kindern eingerichtet, um zu zeigen, wie man durch eine Ventilation im Winter und eine zweite im Sommer immer für frifche Luft forgen könnte. 8 Dr. Ferdinand Stamm. Rir die Ventilation im Winter war ein Rohr von aufsen unter der Diele nach dem Ofen geführt, und mündet hier. Die Luft im Rohre wird durch den geheizten Ofen erwärmt und fteigt im Rohre empor, dabei dringt die kalte Luft von aufsen nach und erneuert die Zimmerluft. Im Sommer wird die Circulation der Luft dadurch bewirkt, dafs an einer äufseren Zimmerwand ein Rohr geftellt oder auch in die Wand eingelaffen wird, das man öffnen und fchliefsen und die Lüftung regeln kann. Die erfte Pflege des Kindes. Nahrung und Bad. Die hefte Nahrung des kleinen Kindes ift die Muttermilch, wie fchon der Name „Säugling“ andeutet. Wenn die Mutter fehlt oder ihr Kind nicht ftillen kann und auch keine Amme fie erfetzt, so ift die frifche thierifche Milch wieder die hefte Nahrung für das Kind, denn fie enthält zunächft der Muttermilch die noth- wendigen Nahrungsbeftandtheile für das Kind, in der nahezu gleichen Zufammen- fetzung. Die natürliche Wärme mufs durch künftliche Erwärmung erfetzt werden. Die nächfte Gefahr hei diefem Erfatzmittel der Muttermilch liegt in der Eälfchung der thierifchen Milch durch Waffer oder noch fchädlichere Zufätze. Um fich von dem Wafferzufatz zu überzeugen, dienen die Mefsinftrumente für den Waffergehalt der Milch, Galaktometer, wie fie vom Herrn l’rofeffor Mofer im Pavillon ausgeftellt waren. Um die anderen Verfälfchungen nachzuweifen, bedarf es chemifcher Unterfuchungen. Noch fchwieriger ift es, in grofsen Städten fich zu verfichern, dafs die Milch nicht von kranken Thieren herkomme, was dem kleinen Kinde den gröfsten Nachtheil bringen kann. Unter folchen Verhältniffen hat die von dem Chemiker Johann Freiherrn v. Liebig in den Handel gebrachte „Liebig’fche Kinderfuppe“ weite Verbreitung gefunden. Liebig befpricht (liefe Suppe für Säuglinge in folgender Weife: Wenn man Milch mit Weizenmehl zu einem dicken Brei kocht und diefem eine gewiffe Menge Malzmehl zufetzt, fo wird die Mifchung nach einigen Minuten flüffig und nimmt einen füfsen Gefchmack an. Auf diefer Ueberführung des Stärkemehls in Zucker und einer Ergänzung des Alkalis in der Milch beruht die Darftellung der neuen Suppe, die ich jetzt befprechen will. Die käufliche abgerahmte Kuhmilch enthält feiten mehr wie n Percent fefte verbrennliche Stoffe (4 Cafein, 4'5 Zucker, 2 5 Butter); 10 Theile Kuhmilch, 1 Theil Weizenmehl und ein Theil Malzmehl liefern eine Mifchung, welche fehr nahe den Ernährungswerth der Frauenmilch befitzt: Blutbildende Wärmeerzeugende Beftandtheile. Beftandtheile. 10 Theile Kuhmilch enthalten.0-4.roo 1 Theil W eizenmehl enthält .0U4.° 74 1 Theil Malzmehl enthält.0 07.0 58 061.232 -= I : 3‘S- Das Malzmehl enthält 11 Percent blutbildenden Stoff, von welchem aber nur 7 Theile in die Suppe übergehen. Da das Weizenmehl und Malzmehl fehr viel weniger Alkali enthalten als die Frauenmilch, fo mufs diefes bei der Bereitung der Suppe zugefetzt werden; ich habe gefunden, dafs der Zufatz von 7 '4. Gran doppelt-kohlenfaurem Kali, oder Der Pavillon des kleinen Kindes. 9 von 30 Tropfen oder 3 Gramme oder 45 Gran einer Löfung von einfach kohlen- faurem Kali, welche 11 Percent kohlenfaures Kali enthält, genügt, um die faure Reaction der beiden Mehlforten zu neutralifiren. Im Pavillon des kleinen Kindes war das Liebig’fche Nahrungsmittel in zwei Formen ausgeflellt: als Extradlpulver der Liebig’fchen Kinderfuppe von Georg Stöger in Wien, und in concentrirter Form von Hermann v. Liebig und A. Widemann. Von anderen Nahrungsmitteln für kleine Kinder war von Herrn Raab, Apotheker in Wien, eine Eleifchextracl-Chocolat und von Filipp Suchart aus der Schweiz eine Ivinderchocolat ausgeflellt. Das Kind bedarf einer forgfältigen Reinigung. In den erften Monaten foll es täglich gebadet und gewafchen werden. Die Einrichtung dafür befleht in der Radewanne und dem Wickeltifch oder Wafchtifch. Im fürftlichen Kinderzimmer und im englifchen Kinderzimmer waren Wickel- oder Windeltifche ausgeflellt von muflerhafter Einrichtung. In einem Seiten- cabinette war von Ed. Lipovsky aus Heidelberg die Einrichtung eines Kinder- fpitales ausgeflellt mit der Badewanne und einem Wickeltifch und von Franz Zacherl ein zweckmäfsig eingerichteter Tifch, auf welchem das Kind bequem gewafchen werden kann. Die dafür präparirten Schwämme waren von vorzüglicher Qualität. Die Ausftattung cles Kinderzimmers. I. Die Kindenväfche. Das neugeborne Kind hat eine noch unausgebildete Haut, die äufserft empfindlich ifl gegen Luftzug und Kälte. Man kann erfl nach einigen Monaten, wenn das Kind Schweifse entwickelt, annehmen, dafs die Haut ausgebildet ifl. Bis dahin ifl dasfelbe, befonders in der Winterszeit, forgfältig warm zu halten. Wenn fich das Kind nafs macht, fo kühlt es an diefen Stellen um fo rafcher ab. es ifl daher auch darauf zu achten, dafs es nicht lange in der Näffe liegen bleibt. Darnach mufs die Leibwäfche des Kindes eingerichtet fein. Von einer zweckmäfsigen Leibeswäfche und deren forgfältigem Wechfel hängt die erfle gefunde Entwicklung des Kindes zum grofsen Thcile ab. Die Wäfche und Kleidung des Kindes ifl nach dem Klima und der Jahreszeit fehr verfchieden. In der Wiener Ausftellung war Gelegenheit zu eingehenden Studien hierüber geboten. In Photographien und anderen Bildern, in Figurinen und plaftifchen Dar- flellungen konnte man die Kinder bei verfchiedenen Völkern vom nackten Negerkinde bis zu dem in Pelzwerk eingewickelten und eingenähten Kinde der Eskimos fehen. In dem Pavillon des kleinen Kindes waren nach den Angaben des Hof- rathes Dr. Hermann Widerhofer zwölf Statuetten von Müttern, ihr Kind nach der Sitte von zwölf verfchiedenen Völkern tragend, aufgeflellt: eine Wienerin, eine Oberöflerreicherin, eine Kroatin, eine Engländerin, eine Nordamerikanerin, eine Egyptierin, eine Kaflernfrau, eine Indierin, eine Chinefin, eine Brahlianerin, eine Lappländerin und eine Samojedin, und man konnte an diefen Statuetten zugleich die Art der Bekleidung des Kindes fehen. Die chinefifche und japanefifche Commiffion hatten jede in einem Seiten- cabinette Wäfche und Kinderkleider ausgelegt. Die englifche Commiffion hatte in einem der Seitencabinette die vollflän- dige Ausftattung eines englifchen Kinderzimmers ausgeflellt, darunter auch die 10 ])r. Ferdinand Stamm. Ausftattung eines Kinderbettes, einer Wiege und eines Wickeltifches mit der dazu gehörigen Wäfche. Nach englifcher Art halten leichte aber dicke Wollftoffe das Kind trocken und warm. Im Uebrigcn find die Wäfchftücke und Kleidchen des englifchen Kindes fo eingerichtet, dafs die Kleinen in der freien Bewegung der Glieder wenig gehindert werden. Die vollftändigfte Sammlung der Kinderwäfche war in dem ftirfllichen Kinderzimmer von der Wiener Hof-Wäfchehandlung des Herrn Carl llofmann aus- geftellt. Sie war genau nach dem Stoff und in der Form angefertigt, wie fie an dem kaiferlichen Hofe in Wien für Ihre kaiferliche Hoheit die Erzherzogin Valerie im Gebrauch ift, und beftandwohl aus hundert verfchiedenen einzelnen Stücken, fad alle dutzendweife zum Wechfel eingerichtet: Bettwäfche und Leib wäfche, Windeln, Leibbinden, Hemdchen, Bruftlazzen, Hauben, Strümpfe, Leibchen, Jäckchen, geftrickte und gehäckelte Schuhe, Röckchen, Kleidchen, Tragmäntel. Diefe Wäfche, blühend weifs, gedickt und mit Spitzen gefehmückt, war eine wahre Augenlud für Mütter, welche die Ausdellung bedichten. Eine zweite Sammlung von Kindeswäfche und Kinderkleidern hatte Frau Augude Friedberg aus Wien ausgedellt. Sie erhielt die in der Form von Puppenkleidchen gebräuchliche Wiener Kinderwäfche und Kleider und zwar für ein Kind noch in Wickelbettchen, dann für ein Kind, wenn es fitzen kann und ausgetragen wird, und endlich für ein Kind von einem bis zwei Jahren, das fchon laufen kann und ausgeführt wird. Nach dem Wiener Klima braucht das kleine Kind für den Sommer und den Winter eigene Kleider, und fo war denn auch eine Sommergarderobe und eine Wintergarderobe befonders ausgelegt. Man lieht daran, wie die Sorgfalt der liebenden Eltern hunderte Sachen und Sächelchen erfunden hat und bereit hält, um den vielerlei Bedürfniffen des Kindes in den erden Lebensjahren zu genügen. II. Die Wiege und das Kinderbett. Das Kind kann von feiner Geburt an zwei bis drei Monate lang feinen Kopf nicht frei heben, noch weniger fich auch nur mit dem halben Leib aufrichten oder fitzen ; es nitifs liegen wie ein fchwer Erkrankter und daher ift für eine gute Lagerftätte zu forgen, wenn das Kind gedeihen foll. Auch niufs es gut eingehüllt fein, und braucht befonders zur kalten Jahreszeit für die erfte Pflege ein warmes Bettchen, denn die Haut ist noch zart, ein rauher Luftzug kann dem Kinde eine Krankheit bringen. Auch für einen guten Platz in der Stube, wo das Kind ruht, mufs geforgt fein, am bellen Halbdunkel, denn ein greller Sonnenltrahl, der in den erften Lebenstagen in das offene Auge des Kindes fällt, kann es blind machen. Was ift nun die belfere Schlafftätte für ein Kind, die fchaukelnde Wiege oder die fefte Bettftatt ? Die belle Schlafftätte des Kindes ift der Mutterfchofs. Auf den Armen, an der Bruft der Mutter ruht das Kind am fiifseften, fchläft es am liebften und daher am ruhigften. Doch die Mutter mufs ihre Liebe unter die Kinder theilen, fie ift auch Hausfrau und mufs fich dem Säugling entziehen, um Andere noch zu beforgen und zu betreuen. Sie legt das eingefchlafene Kind in fein Bettchen. Damit diefes die fchaukelnde Bewegung des Mutterarmes nachahme, hat der forgfame Vater die fchaukelnde Wiege erfunden, und fie hat fich erprobt. Die belle Wiege ift jene, welche in ihrer leichten Bewegung dem fanften Wiegen des Mutterarmes am nächften kommt. Aerzte und Kinderfreunde haben manches gegen die Wiege eingewendet und finden das Wiegen der Kinder nachtheilig, weil es fchwindlich mache und betäube, und man ging in der Bekämpfung der Wiege fo weit, aus der täglich sich Der Pavillon des kleinen Kindes. j r wiederholenden Betäubung eine Gefahr für die gefunde Ausbildung des Gehirnes abzuleiten und die fchaukelnde Wiege die Wiege des Blödfinnes zu nennen. Diefe ftrengen Tadler haben dabei fehlerhaft gebaute und übel behandelte Wiegen im Auge, die auf zwei ungleichen Bogen von kurzem Radius geftellten kleinen Wiegenkäflen, welche bei der flarken holpernden Bewegung das eingewickelte Kind fo heftig hin und her werfen, dafs man es wie den Odyffeus bei der Fahrt zwifehen der Scylla und Charybdis anbinden mufs, und die auf einen Erwachfenen, wenn er diefer Folter ausgefetzt würde, die Wirkung einer Seereife im Sturm haben würden. In solchen Wiegen wird das Kind erfl ermüdet und betäubt, ehe es einfchläft, was gewifs nicht ohne Nachtheil ift. Allein eine gut gebaute Wiege mit sanfter Schwingung ahmt die Bewegung des Mutterarmes nach und ift für das Kind ebenfo wenig fchädlich wie diefer. Eine gegründete Einwendung gegen den Gebrauch fchaukelnder Wiegen kann man daraus nehmen, dafs bei ihrem Gebrauch unnützer Weise Mühe und Zeit verfchwendet wird, indem die Kinder verwohnt werden. Viele fchlafen erst ein, nachdem man fie längere Zeit fchaukelte und manche fchlafen nur so lange, als fie gefchaukelt werden. In dem Pavillon des kleinen Kindes und in den anderen Abtheilungen der verfchiedenen Länder waren viele Wiegen ausgeftellt, auch waren in Zeichnungen und Photographien Wiegen bildlich dargeftellt und man hatte die Ueberficht einer vollständigen Reihe, die man in zwei IIauptgattungen eintheiien kann: in hängende und flehende Wiegen. Zu den hängenden zählen wir alle jene, an welchen der Korb oder das Kinderbett aufgehängt ift, und fich alfo um eine fefte Achfe bewegt. Es find das die Hängematte und das aufgehängte Netz, dann die mit Zapfen in den Zapfenlagern des feilen Geflelles oder fonft aufgehängten Wiegenkorbe oder Wiegen- käften. Zu diefer Gattung gehört die fchöne Wiege, welche in den fürftlichen Kinderzimmern des Pavillons ausgeftellt war. Dann die mit Gold- und Silberbronce überzogenen eifernen Wiegen in der englifchen, franzöfifchen, öfterreichifchen und fpanifchen Abtheilung. In der Abtheilung von der Türkei war eine Bettftätte ausgeftellt, welche aus einem Rahmen beiland, der ftatt der Gurten mit einem Netze feftgespannter Lederriemen überzogen war. An der Seite diefer Bettftätte an dem Rahmen war der Wiegenkorb für das Kind aufgehängt. "e aus Siebenbürgen hebt man den Wiegenkorb an langen wn uci nuucmen Stubendecke herabhängen. Bei der anderen Art der Wiegen ruht der Korb oder der Wiegenkäflen auf zwei Kreisbögen und fchaukelt pendelartig wie der Kahn auf dem Waffer. Die Bewegung fchaukelt das Kind abwechfelnd auf die linke und rechte Seite. Davon abweichend ift die fchwedifche Wiege aus dem Gebiete von Darle- karlien eingerichtet. Hier find die Bögen, worauf die Wiege fleht, gleichlaufend mit der Lage des Kindes und beim Schaukeln heben fich abwechfelnd der Kopf und die P'iifse des Kindes. Die Wiegen der zweiten Art waren unter den deutfchen Ivinder-Spielwaaren in vielen kleinen Modellen im Pavillon ausgeftellt und fie find wohl am meiften in Deutfchland verbreitet. Sie fchaukeln nur dann fanft und geräufchlos, wenn der Wiegenfufs genau einen Kreisbogen bildet und die Wiege auf ebenem Fufsboden fleht. Wie fich beim Gebrauch die Wiegenbögen ungleichförmig abnützen, oder der Boden uneben ift, fo holpern und poltern fie und ftofsen das Kind. Die Hängewiegen verdienen daher den Vorzug. In der neueren Zeit macht man die Wiegengeftelle aus runden Eifenftäben und hängt einen Wiegenkorb, der gut ausgepolstert ift, an die Tragftangen, welcher das Rohrgeflecht nachahmt. Man fetzt die Tragftangen in einem Bogen über den Tragkorb fort 12 l>r. Ferdinand Stamm. und befehigt daran Vorhänge, welche an beiden Seiten über den Wiegenkorb herabhängen. Diefe Wiegen, broncirt oder vergoldet, find fehr fchon, fie find auch feh. fchaukeln fanft und angenehm und haben die anderen Vorzüge der eifernen Betthätten, nur muffen fie gut ausgepolhert und der Rand mufs mit einem weichen Stoff überzogen fein, damit das Kind nicht das kalte Metall berühre. In der Ausheilung konnte man in der englischen und öflerreichifchen Abtheilung mehrere fehr fchon und zweckmäfsig eingerichtete Eifenwiegen fehen. Kant fagt irgendwo in feinen Schriften: Das Bett ist das Neh vieler Krankheiten. Diefer Ausfpruch, den alle Aerzte behätigen, gilt vorzugsweife von den Kindern in den elften Lebensjahren, wo fie die meihe Zeit liegen und bei der Weichheit und Zartheit ihrer Glieder durch ein fchlechtes Lager, wie durch ein fehlerhaftes Liegen leicht verkrüppeln oder fonst Schaden nehmen können. Wie fo 11 e n die K i n d e r 1 i e g e n ? Das ift eine wichtige Frage, und das Comité für den Kinderpavillon benützte die Gelegenheit der Ausheilung, welche Taufende Eltern befuchen würden, um eine richtige Antwort darauf zu geben. Das Comité glaubte diefe Antwort am deutlichhen und eindringlichhen durch plahifche Darhellungen vor Augen zu legen. Es wurden in dem Kinderpavillon Statuetten aus Gyps nach den Angaben des Direclors Herrn Dr. v. Weil, von Brofeffor Taffara modellirt, ausgehellt: ein Kind, wie es zweckmäfsig liegt, auf dem Rücken, wagerecht, den Kopf durch einen Polher etwas gehoben, die Eiifse gerade, die Anne gleichfalls neben dem I,eib abwärts ausgehreckt ; daneben sah man das Bild eines Kindes in fehlerhafter, ungefunder Lage : auf die eine Seite gewendet, den Oberleib auf mehrere Polher gehoben, das Rückgrat gekrümmt, die Arme unter den Kopf geheckt, fo dafs die Lunge beim Athmen sich nicht frei ausdehnen kann, der Blutumlauf gehemmt ih, der Rücken gekrümmt und alle Glieder verschoben find. Man fieht diefe beiden Kinder nebeneinander liegen, das eine blühend, lächelnd in gefundem Schlafe, das andere verdriefslich wie von fchweren Träumen und Alpdrücken geänghigt und erkennt mit einem Blicke die Lage des einen für muhergiltig, die des anderen für abschreckend. Eltern handen mit ihren Kindern vor den beiden Statuetten und riefen den Kindern zu : So mufst Du dich legen, ausgehreckt wie diefes, und ja nicht zufannnengekriinnnt wie das andere! Es ih zu hoffen, dafs der Eindruck diefer Darheilung von Taufenden dauernd aufgenommen wird, und dafs die Eltern auch daheim den Kindern zurufen werden : „Wie das Muherkind im Pavillon auf dem Rücken und gerade follh Du liegen, nicht auf der Seite verfchoben und gekrümmt!“ I III. Der Kinderfeffel, Kindertifch und anderes Zimmergeräthe. Ungefähr im vierten Monate feines Lebens ih das Rückgrat des Kindes fo feh geworden, dafs es aufrecht fitzen kann. Die Mutter bringt es jetzt von dem Arme und richtet ihm die Polher im Bettchen oder auch in einem Kinderfeffel, dafs es allfeitig angelehnt und gehiitzt fitze. Der Kinderfeffel, auf welchem das Kind von da ab sehr viel Zeit verbringt, wird wieder zu einem für die gefunde Pintwicklung fehr wichtigen Geräthe. Wie f o 11 e n die Kinder fitzen? Auch diefe Frage glaubte das Comité durch eine plahifche Darheilung am •deutlichhen zu beantworten. Ein zweites Paar Statuetten von Profeffor Taffara nach den Angaben des Dr. Heinrich v. Weil zeigt hier ein Kind auf einem Stuhle am Tifclie fitzend in gerader zweckmäfsiger Haltung, frei und kräftig, geihig geweckt und entfehieden Selbhhändigkeit verrathend, daneben ein anderes Kind, gleichfalls auf einem Seffel am Tifche fitzend, aber hockend, den einen Fufs aufgezogen, den Kopf faul und Der Pavillon des kleinen Kindes. 1 ;* mürrifch auf den einen Arm gediitzt, und dadurch unnatürlich und unfchön ver- fchoben und verzerrt; ein unerfreuliches Gegenbild. Die Kinder, welche den l’avillon befuchten. konnten fich eine gute Lehre daraus ziehen, was fie meiden und was Ae nachahmen follten; denn der Arzt mufste ihnen fagen: Wenn Ihr wie das hübfche heitere Kind fitzet, werdet Ihr wachfen und gedeihen ; wenn Ihr wie das verdriefsliche Kind hockt, werdet Ihr verkümmern und verkrüp peln. Das Vorbild des auf einem Seffel sitzenden Kindes gilt eben nur bei Völkern. welche auf Seffel und Stühlen fitzen, wie die abendländifchen Völker, es id kein allgemeines Vorbild und gilt nicht bei Völkern, welche auf niedrigen Poldern fitzen oder auf Teppichen hocken wie die Orientalen, bei ihnen führen aber auch nicht fo viele Berufsgruppen „eine fitzende Lebensweife“ wie bei den abendländifchen Völkern. Bei diefen müden alle Kinder vom fechden bis zum zwölften und vierzehnten Lebensjahre auf der Schulbank fitzen, die Jünglinge auf Univerfitäten und anderen Lehrandalten bis in das zwanzigde Lebensjahr, und wenn die Kinder nach der Schulzeit in die Werkdätten der Weber, Schneider, Schuder, Sattler, Goldarbeiter, Graveure u. s. w., die Jünglinge von der Hochfchule in die Schreibduben der Aemter, der Advocaten, der Buchhaltungen und Correfpon- denzen und an die Schreibpulte der Lehrer und Gelehrten kommen, fo fitzen fie lebelang. Auch ein grofser Theil der Frauen id während der Schulzeit,und durch das ganze Leben zur fitzenden Lebensweife bedimmt und es id daher gewifs nützlich und nothwendig, wenn die Kinder fchön frühzeitig zweckmäfsig „fitzen lernen“, um gerade und gefunde Gliedmafsen und im weiten Brudkorbe eine ausgebildete Lunge zu erhalten. Die Haltung des Sitzenden id aber durch die Unterlage, fei es der Arm der Mutter, ein Stuhl, ein Seffel oder eine Bank, bedingt. So lange die Kinder auf den Armen getragen werden, find de von den Trägern abhängig, auf diefen liegt die Verantwortlichkeit, dafs die kleinen Kinder beim Tragen nicht verkrümmen oder fond Schaden leiden. In dem Pavillon war ein drittes Paar Statuetten aufgedellt, von denen die eine zeigte : wie das Kind auf dem Arme getragen werden foll, und eine zweite anfchaulich machte, wie es beim Tragen eine fchiefe, der leiblichen Entwicklung nachtheilige Haltung nimmt, die vermieden werden foll. Eine weitere Reihe von zwölf Statuetten, nach den Angaben des k. k. Ilof- rathes Dr. Hermann Widerhofer, von Profeffor Taflara ausgeführt, dellen Mütter von verfchiedenen Volksdämmen aus allen Theilen der Erde dar, wie fie nach der Volksfitte ihr Kind tragen, und man konnte de mit dem Vorbilde vergleichen, welches der Kinderarzt als die bede Art des Tragens anerkennt. Wenn nicht alle Mütter ihre Kinder immer in mudergiltiger Weife auf dem Anne tragen, fo liegt wohl eine Entfchuldigung darin, dafs es eben fehr fchwer id, ein Kind lang auf dem wagerecht ausgedreckten Arme zu tragen und dafs die Wärterin das Kind bald auf den rechten bald den linken Arm nimmt, und zur Abwechslung wohl auch auf dem Rücken huckepack trägt, um die Arme ausruhen zu laffen, befonders auf langen Wegen. Andeigend auf ein Gebirge kann die Trägerin das Kind nur auf ihrem Rücken liegend, am bequemden für die Mutter und das Kind, ausdauernd tragen. Die Mutter pafst dem fitzenden Kinde in jeder Haltung ihren Arm an ; das foll nun der Seffel, foweit es möglich id, erfetzen. Die Füfse müden aufruhen können, denn herabhängende Füfse ermüden und das Blut kreid weniger gut. Der Seffel mufs eine zweckmäfsige Höhe haben, damit das Kind, welches auf dem Tifche vor fich fein Spielzeug hat, fchreibt oder in anderer Weife befchäftigt id, in gerader Haltung bleibt. Wenn die Tifchplatte zu niedrig ist, und das Kind fich tief bücken mufs, fo krümmt es in gefährlicher Weife den Rücken; id die Tifchplatte zu hoch, fo wird es veranlafst, die Gegendände zu nahe an die Augen zu bringen, und wird kurzfichtig. Im Pavillon des kleinen Kindes waren mehrere Ivinderfeffel ausgedellt. u l>r. Ferdinand Stamm. Die englifchen Kinderzimmer hatten einen vorzüglichen Verfchlufs, damit das kleine Kind nicht nach vorne vom Seffel fallen könne. Im chinefifchen Kinderzimmer Händen zwei Seffel für ein ganz kleines und für ein etwas gröfseres Kind. Vorne war jeder Seffel mit einer Ilolzftange gefchloffen. um das Kind vor dem Ilerabflürzen zu fchiitzen und an diefer Ilolzftange hingen drei Ringe von Bambusrohr. Das Kind hatte daran ein Spielzeug, das es nicht wegwerfen konnte und das beim Drehen zugleich klapperte. Wir möchten diefes Spielzeug zurXachahmung empfehlen und zugleich rathen, die Ringe vcrfchiedcn zu färben, etwa nach den Grundfarben : roth, gelb und blau. Der T i fc h , an welchem das Kind ifst, fpielt oder fich mit den Anfängen des Lefens, Schreibens oder Rechnens befchäftigt, foll im Verhältniffe mit der Höhe des Sitzes gebaut fein, fo dafs der Sitzende während der Befchäftigung fich aufrecht halten kann und die Gegenflände in der richtigen Sehweite vor fich hat. Wenn das Kind vorgebogen mit gekrümmtem Rücken fitzen mufs, so wird es eng- brüftig, wenn es die betrachteten Gegenflände zu nahe vor den Augen hat, kurz- fichtig; zwei Uebel, die man fo häufig bei Studenten entwickelt antrifi't. Zu empfehlen ifl eine Tifchplatte, welche nach Art der Fröbel’fchen Spiel- tifche fich kreuzende Linien von beftinnnter Entfernung hat und die ein quadra- tifches Netz von zwei Centimeter Entfernung der Mafchen bilden, damit das Kind frühzeitig fein Augenmafs üben kann. Je nachdem die Knochen des Kindes früher oder fpäter erftarken , richtet cs fich, wenn es ungefähr ein Jahr alt iffc, auf, um zu flehen und fich im Gehen zu verfuchen. Am liebften ergreift es dabei die Mutterhand und läfst fich führen. Auch diefes mufs anfangs mit Vorficht gefchehen, damit das Kind nicht ein- feitig gezerrt wird und Schaden nehme. Im Pavillon des kleinen Kindes waren zwei Statuetten zu fehen, von denen die eine zeigte, wie ein Kind fchleclit geführt wird, indem es bei einer Hand fchief in die Höhe gezogen wird, was eine Verrenkung zur Folge haben kann. Die andere Statuettengruppe zeigte ein Kind in der Mitte von zwei Erwachfenen, die es an beiden Händen in der zweckmäfsigften Weife führen. Am Gängelbande, das man dem Kinde um die Brüll fchlingt und unter beiden Armen zurück zufanwnenfafst, fühlt das Kind die Bruft beim Gehen in nachtheiliger Weife beengt. Um der Mutter die Mühe des Führens zu erleichtern, gebraucht man den Gehftuhl oder die Gehfchule. Ein folcher Gehftuhl war in dem chinefifchen Zimmer ausgeftellt Mehrere Bambusftäbe bildeten ein niederes Geländer um einen etwa zwei Schuh weiten achteckigen Raum. Das Kind kann fich an dem Geländer anhalten und aufrichten. Alle Stäbe find rund und glatt. Das Kind ftöfst nirgends an eine Ecke und kann einige Schritte machen. An dem Geländer hängen einige Ringe aus Bambusrohr gefchnitten und laden das Kind zum Spiele ein. In dem Seitencabinette, wo die Einrichtung einer Creche ausgeftellt war, fah man eine Gehfchule für mehrere Kinder. Zu den gewöhnlichen Einrichtungsftücken des Kinderzimmers gehört auch die Schaukel und das S ch auke 1 p fe r d als ein beliebtes Spielzeug der Kinder. Die Natur drängt fie, fich zu bewegen und das Schaukeln ist gefund, es entwickelt die Lungen, indem es ein kräftiges Athmen erregt und übt die Kinder das Gleichgewicht zu halten. Mufterhafte Kinderfchaukeln waren von England ausgeftellt in dem engli- fchen Kinderzimmer und in der Sammlung von Herrn Kremer jun. aus London. Diefe Schaukel hat drei Sitze und befchäftigt drei Kinder, zwei auf den äufseren Sitzen, welche fich gegenfeitig das Gleichgewicht halten, und ein drittes auf dem Mittelfitz, welches fich rechts oder links neigend die Schaukel in wiegende Bewegung fetzt. Diefe Schaukel kippt nicht leicht um, macht wenig Lärm und hat einen fanften Gang. Der Pavillon des kleinen Kindes 15 Die Kinder-Spielwaaren. Das Spiel ifl der Anfang der Arbeit. Die Kinderfpiele follen daher gepflegt lind geleitet werden, denn bei einem zweckmäfsigen Spiele entwickelt das Kind feine Kräfte, feine Sinne und feinen Yerftand. Die Kinder, welche gern und anhaltend fpielen, werden als Krwachfene gern und fleifsig arbeiten. An der Art wie ein Kind fpielt, kann man auf feine Naturanlagen fchliefsen, aus denen fleh der Charakter entwickelt Die Eltern und Erzieher follen daher wohl Acht haben auf die Spiele ihrer Kinder und fie leiten, um ihre leiblichen Kräfte gleichmäfsig zu entwickeln, ihre Sinne auszubilden, den Yerfland zu üben, fie an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen und zu verftändiger Arbeit heranzuziehen. Arme Kinder fpielen mit den Dingen, wie fie ihnen die freie Natur auf dem Lande bietet: mit Sand und Steinchen, mit Blumen, Weidenruthen und Mufcheln. Ein Grashalm, einige Binfen genügen ihnen. Können fie ein Melier handhaben und fchnitzen, dann machen die Kinder fich ihr Spielzeug in unerfchöpflicher Menge ; meifl ahmen fie das Handwerk oder die Kunft ihres Yaters nach: der Sohn des Tifchlers fchnitzt Bänke, Seffel und Tifche, der Miillersfohn baut Wafferräder, der Sohn des Bildhauers fchnitzt Thiere erfl aus Krautflriinken und Rüben, dann aus Holz, der Euhrmannsfohn baut allerlei Wägen, Futterkrippen und andere Stallgeräthe. Die Eltern follen diefe Yer- fuche begünfligen und nicht ängfllich dem Kinde das Schnitzmeffer aus der Hand nehmen, wenn es auch fleh einmal in den Finger fchneidet, es lernt nur mit Wunden fchnitzen , wie es nur mit Fallen gehen lernte ; hat es aber in der Kindheit Luft und Gefchick zum Schnitzen und Bauen, fo wird es fpäter ..praktifch” werden. Die Mädchen armer Leute greifen am erften nach den Blumen als Spielzeug und binden fle zu einem Straufs oder Kranz. Hier foll die Mutter in der früheften Jugend ihr Töchterlein auf die Farben aufmerkfam machen, fle nennen und ihr zeigen, welche Farben im Kranze zufammenftimmen und welche nicht. Der aufserordentliche Nutzen davon wird fleh fpäter zeigen, wenn das Kind mit der Puppe fpielt und fle kleidet, und noch fpäter, wenn die Tochter in die Schule geht und Nähen und Sticken lernt und Farben auswählen foll. Für die Kinder wohlhabender Leute und namentlich für alle Kinder in den Städten, denen die Natur ihre grofse Spielwaaren-Bude verfchliefst, forgt derMarkt der Kinder-Spielwaaren. Yiele Handwerke betheiligen sich an ihrer Erzeugung : Schneiderund Schuhmacher, welche Puppenkleider machen, Porzellanfabriken, welche Puppenköpfe erzeugen, Lederarbeiter für Puppenglieder, Drechsler, Tifchler, Glafer, Zinngiefser, Spängler, Töpfer, Wagner, Mufik-Inflrumentenmacher, Buchbinder u. f. w. Auch Fabriken find für die Erzeugung von allerhand Kinder-Spielwaaren entflanden wie zu Nürnberg und Sonnenberg in Deutfchland, Oberleitensdorf in Böhmen, ferner in den meiften Hauptflädten. Der Handel mit Spielwaaren ifl ein felir ausgebreiteter. Europa exportirt maffenhaft über die See. Die Stücke zu einem Kreuzer, die Pfennig- und Pennywaare ifl am reichften vertreten; es gibt aber auch in diefen Waaren viel Luxus und manche Puppe und manche Puppen equipage koflet wohl hundert Gulden. Ueberblickte man die Spielwaaren, wie fle in dem grofsen Saale des Kinderpavillons ausgelegt waren, fo konnte man glauben, man betrachte den Weltmarkt durch eine Concavlinfe , und fie erfcheine verkleinert, in Miniatur. Alles wird zur Spielwaare, der Wagen, das Pferd, der Krug und das Haus, wenn man es in einem Modelle darflellt, das drei, zehn und hundert Mal kleiner ifl als in der Naturgröfse. Es gibt aber auch Spielzeug im engeren Sinne, dahin gehört das Steckenpferd, der Ball, der Springreif, der Kreifel. 16 Dr. Ferdinand Stamm. Wir wollen fie hier nach dem Zwecke eintheilen, wie lie in dem Pavillon auch gröfstentheils geordnet waren. Der erde Zweck der Kinderfpiele i(l die Entwicklung der leiblichen Kräfte. Die Griechen, welche diefer Seite der Kindererziehung eine vorzügliche Sorgfalt widmeten, fafsten fie mit dem Namen der Gymnaftik zufammen. In Deutfchland hat man in dem Tu men diefen Theil der Erziehung wieder aufgenommen und ausgebildet. Es beginnt im früheflen Alter der Kinder mit den B ewegungsübunge n. Das erde Bewegungsfpiel des Kimles, welches in Anwendung kommt, wenn es fitzen kann, id die Schaukel und das Schaukelpferd. Es dient vorzugsweife zur Ausbildung der Ilrud und der Lungen, indem es das tiefe Athmen angenehm anregt. In frifcher guter Luft erquickt das Schaukeln die Lungen wie auf einem Spaziergange ohne zu ermüden, und id daher vorzüglich bei engbrüdigen Kindern zu empfehlen. An das Schaukelpferd reiht ficli das Steckenpferd an. Sein Gebrauch id uralt, feine Verbreitung geht durch die ganze Welt. Es id eine originelle Erfindung der Kinder, welche die Kinder-Spielhändler nur mehr ausgebildet haben. In dritter Reihe kommt der Wagen. Er erfcheint in allen Gedalten von dem Handkarren zum befpannten Karren und Ladenkarren, zur Kutfche und Staatscaroffe und bis zu den Waggons eines Eifenbahnzuges, denn das Spielzeug ahmt die Gebrauchsgegendände nach. In dem Kinderpavillon waren über hundert Wagen ausgedellt, mehr als in dem grofsen Indudriepalade, fo bedeutend auch deffen Wagenpark angefüllt war. Eine reiche Gruppe von Bewegungsfpielen bilden die Springreifen, Bälle und Ivreifel. Beim Gebrauche diefes Spielzeuges bewegt und übt das Kind alle Glieder, namentlich beide Arme und Beine ebenmäfsig, und der Blutumlauf wird fehr gedeihlich angeregt und gefördert. Im Pavillon war eine ganze Reihe Spiele aus diefer Gruppe ausgedellt: Springreifen und Wurfreifen, Springfchnüre, Bälle aus Wolle, Leder und Ivautfchuk, Eederbälle, dichte Kreifel, welche mit der Peitfche umgetrieben werden und hohle Brummkreifel, welche mitteld einer umgewickelten Schnur, die rafch abgewickelt wird, gedreht werden, dann metallene Kreifel, die einen Ring oder eine Scheibe mit fchwerem Rand haben und kräftig gedreht lange Zeit umlaufen. W ir heben daraus zunächd die von der Firma Reithofer ausgedellten Gummibälle hervor, welche zwei und dreifärbig waren, wobei immer bei zweifarbigen Bällen die complementären Farben, bei dreifärbigen die harmonifche Triade oder Tricolore gewählt war, um beim Spiele den Farbenfinn des Kindes zu wecken und zu bilden. Die Unna C. A. Müller in W r ien hatte Kreifel in den zwei complementären Farben ausgeftellt, welche zugleich die daraus entftehende Mifchfarbe zeigen, wenn fie ficli fchnell drehen. Das Kind wird dadurch auf eine ihm gewifs fehr auffällige Erfcheinung hingewiefen, welche die Eltern zum erden Unterricht über die Farbenlehre benützen können. Der Schlagball der Engländer in der Verwendung zum Crocket war in mehreren Formen vertreten und es ift zu wünfchen, dafs diefes der Gefundheit fehr zuträgliche Spiel vom Kinderpavillon aus allgemeine Verbreitung finden möge. Der bei den Franzofen beliebte Federball empfiehlt fich zum Spiele in gröfseren Zimmern und Sälen. DerWurfball mit d e r Z i e 1 fch e i b e bildet den Uebergang zudem Scheibenfchiefsen. Es gibt eine grofse Zahl folcher Spiele mit Bogen, Flinten, Knallpiflolen' u. dgl., die wohl das Augenmafs üben, aber faft alle mit Gefahren verbunden find, welche den Vortheil, den fie haben, aufwiegen. In dritter Reihe kommen die Baufpiele, gefchnittene Holzftücke, welche Quadern und behauene Steine vorftellen oder auch Modelle von Balken, ])cr Pavillon des kleinen Kindes. 17 Sparren, Thüren, Fenflern mul anderen Beflandtheilen von Gebäuden, welche die Kinder ordnen und zu Gebäuden zufannnenfetzen können. Diefe Spiele find als anregende Befchäftigung im Zimmer, befonders in der Sommerzeit von vielfachem Nutzen. Sie felfeln die Aufmerkfainkeit der Kinder und regen ihr Nachdenken an; aber nur dann, wenn fich aus denfelben liaufteinen und llaugeräthen mehrere und verfchiedene Gebäude aufführen lalfen; je mehr deflo beffer. liaugeräthe, aus welchen man nur ein und dasfelbe Gebäude ausführen kann, ifl ganz unzweck- mäfsig, denn das Kind fetzt nur einmal mit Freude dasfelbe Gebäude aus den Steinen zufammen, das zweite Mal fieht es nichts Neues daran, und je aufgeweckter das Kind ift, delto lieberer wird es an der Wiederholung wenig Freude haben. Das mögen Eltern beim Kaufe, und noch früher die Spielwaaren-Fabrikanten bei der Anfertigung folcher „ßaukäflen“ bedenken. In vierter Reihe flehen die 11 a u s li a 11 u n g s- und die Handwerks- f p i e 1 e. Das 1 laushaltungs-Spielzeug ift zunächft für die Mädchen berechnet. Die Puppe ift die Hausfrau in diefer Spielwelt und Hellt meiflens das fpielende Mädchen felbfl vor. An ihr lernt es fich kleiden und für die Kleider und Leib- wäfche folgen ; dann arbeitet die Puppe unter Anleitung der Spielenden, kocht, wäfcht, näht, ftrickt, bereitet die Gemächer für Gäfte zu, empfängt, bewirthet und unterhält die geladenen Gäfle. Dafür braucht fie Modelle von Zimmern mit allerlei Einrichtungsflücken, Küche und Keller, Gefäfse und Gefchirre. Das Spielzeug für das Mädchen ift eine ganze häusliche Einrichtung und Ausftattung im Kleinen, und ihr Spiel ift ein erfler Verfuch, Haus zu halten. Die Eltern mögen diefem Verfuch Hilfe leiflen, die Mutter foll in kluger Weife diefe Yerfuche leiten; je beffer fie im Spiele gelingen, deflo mehr Hoffnung machen fie, dafs auch die ernfte Haushaltung fpäter gelingen werde. Im Pavillon des kleinen Kindes hatte die Kinderfpielwaaren-IIandlung des Herrn Franz Kietaibl eine Sammlung Kinderpuppen von der einfachflen des armen Kindes bis zu der reich ausgeflatteten Puppe einer Princeffin ausgeflellt. Daneben fah man das Ilausgeräthe diefer Puppen : Zimmermöbel, Tifche, Seffel, Canape’s, Schränke, Käflen, Spiegel, dann die gefammte Küchen- und Wirthfchaftseinrichtung. Die Kinder - Spielhandlungen bringen fie nach verfchiedenen Preifen und aus mehrerlei Stoffen auf den Markt. Die wohlfeilflen find jene aus Holz, wie fie die Handlung der Herren Müller & Comp, aus der F'abrik von Oberleitensdorf in Böhmen ausgeflellt hatte, Kreuzerwaare und Pennyartikel. Dann kommen die Gefchirre aus verzinntem oder bemaltem Blech und aus Zinn, welche ebenfalls von den Herren Müller & Comp, in reichfter Auswahl ausgeflellt waren. Die theuerflen Gefchirre find die aus Glas und Porcellan, Miniaturen nach dem grofsen gewöhnlich gebrauchten Gefchirre, alles nachahmend, was der Haushalt kennt und hat. Sie waren von Herrn F'ranz Kietaibl ausgeflellt. Die Kinderpuppe braucht auch Wäfche und Kleider, wenn fie das kleine Mädchen, welches damit fpielt, in den gelammten Haushalt einführen foll. Frau Augufle Gottfried aus Wien hatte die Puppe des Wiener Kindes ausgeflellt: eine Sammlung der Toilette für eine Puppe, die ein Kind in der Wiege, dann ein Kind, das fchon fitzen, und endlich ein drittes, das fchon flehen kann, braucht, und zwar doppelt, einmal für den Sommer und einmal für den Winter. Die Toilette brachte zugleich die gefammte Wäfche und Kleidung, wie fie in diefem Alter der Kinder in Wien gebraucht wird, zur Anfchauung. Herr Kremer jun. aus London hatte eine Sammlung aller in den Handel gebrachten Kinder-Spielwaaren ausgeflellt; ein eingerichtetes englifches Zimmer, Puppen mit ihrem Spielzeuge, Bewegungsfpiele, darunter das empfehlenswerthe Crocket, Pferde, Wägen, Schiffe, ßretfpiele, Kinderbillards u. f. w. 18 llr. Ferdinand Stamm. Diefc Spielwaaren geflatteten einen intereffanten Vergleich mit den in Deutfchland gebräuchlichen. Noch anziehender war der Vergleich mit den Kinder-Spielwaaren, welche die Chinefen und die Japanefen in den für fie beflimmten Seitencabinetten ausgeftellt hatten. Man konnte fich überzeugen, dafs manche von ihren Spielzeugen, nach Europa übertragen wurden, ohne dafs man ihren Urfpr'ung kannte, fo die im Winde ficli drehenden Räder aus Federn, die künfllichen Schmetterlinge, die Gaukler, welche ficli auf eine fchiefe Ebene oder Treppe aufwärts fchnellen. Neue Spiele find der Gaukler, der an einem gefpannten Kofshaar mit poffirlichen Sprüngen abwärts rutfeht, dann die winzigen Schildkröten, an welchen die Fiifse und die Zunge in betländiger zitternder Bewegung find und den Eindruck machen, als ob das Thier lebendig fei. Alle ihre Puppen und Spielereien find in der zierlichen niedlichen Weise ausgeführt, welche die japanefifche Arbeit auszcichnet. Die oreiftige Entwicklung des kleinen Kindes, i. Die Entwicklung der Sinne. Die Sinne des Menfchcn find einer hohen Entwicklung und Ausbildung- fähig ; fo das Geficht in bezug auf Schärfe, auf genaue Auffaffung der Formen und Gehalten, oder Farben und Farbcnzufammcnftellungen ; das Gehör in Bezug auf Schärfe, und auf die feine Unterfeheidung der Klangarten, Tonhöhe und des Rhythmus oder Tactcs ; der Geruch und Gefchmack in Bezug auf Schärfe und Sicher heit; das Gefühl oder der Taftfinn in Bezug der Feinheit und Genauigkeit oder Verläfslichkeit. Die Ausbildung der Sinne, namentlich des Geheiltes und Gehöres, des Farbcnfinnes und Tonfilmes oder des mufikalifchcn Gehöres mufs in den ersten Lebensjahren beginnen ; wird fie in diefer Zeit verfäumt oder vernachläffigt, fo kann das Verfäumte in fpäteren Jahren nicht mehr eingeholt werden. Die Pflege der Sinne bezieht fich einmal auf die .Sorge der Eltern, dafs die Sinnesorgane nicht gefchädigt werden, das Auge nicht durch Ueberreiz des Lichtes oder Mangel an Licht in finiteren Stadtwohnungen ftumpf oder gar blind, das Ohr nicht durch Verkühlung, Krankheiten oder durch Ueberreiz bei bedeutendem Lärm krank oder taub werde. Das fällt mit der Gefundheitspflege überhaupt zufammen und das Comité mufste fich begnügen, gute Bücher darüber aufzulegen, unter denen Profeffor Ritter v. A rl t s Pflege des Auges hervorgehoben werden kann. Die rtlege der Sinne begreift aber auch die frühzeitige Uebung zur A u s b i 1 d u n g d e r S i n n e und darauf bezogen fich eine Reihe von Ausftellungs- gegenftänden. Herr Constantin De liiez hatte einen Apparat unter dem Namen: „Gym- naftik der Sinne“ ausgeftellt, welcher fich auf alle fünf Sinne bezog. Die Far- benabftufungen von Roth, Gelb und Blau, von Orange, Violet und Grün, nach einer Seite hin gegen Schwarz, nach der anderen Seite hin gegen Weifs waren auf kleinen, einen Centimeter breiten und drei Centimeter langen Ilolztäfelchen aufgetragen und geordnet. Die Uebung des Kindes mit (tiefem Apparat befteht nun darin, dafs man dem Kinde die Farben nennt und wieder nennen läfst, dann dafs man die Täfelchen durch einander mengt und das Kind anleitet, die genauen Reihen wieder daraus herzuftellen, und endlich, dafs man andere Farben aus dem Haushalt oder der Natur: Blumen, Vogelfedern u. s. w. mit den Farbenfcalen zufannnenftellen läfst. Der Pavillon des kleinen Kindes. 19 Zur Uebung des Augenmafses und in der lleurtheilung der Geflalten dienten Täfelchen in geometrischen Formen und Stäbchen, einen Centimeter breit und von einem bis vierzig Centimeter lang. Um das Ohr am Klange tan der Klangfarbe) und an der Tonhöhe zu üben, dienen dünne kreisrunde Scheiben aus verfchiedenen Metallen und verfchiedener Gröfse, etwa von zwei bis fünf Centimeter Durchmeffer. Das Kind fchliefse die Augen, man wirft mehrere folche Scheiben auf den Tifch und läfst das Kind errathen, von welchem Metalle die Scheibe und welche von zwei Scheiben gröfser, welche kleiner ift. Es ift eine Vorübung der Mufik, deren Inftrumente wohl noch weit geeigneter find, Klangfarbe und Tonhöhe zu üben. In ähnlicher Weife lind in einer Reihe Fläfchchen verfchiedene riechende und fchmeckende Fliiffigkeilen und andere unfchädliche Stoffe zufammengeftellt und das Kind wird zur Uebung angehalten, an den Stoffen zu riechen oder einen an der eingetauchten Glasftange hängenden Tropfen zu koften und daraus den Stoff zu erkennen. Für die Uebung des Gefühles hat Herr Delhez eine Reihe handlicher IIolz- klötzchen von ungefähr fünfzehn Centimeter Länge und fünf Centimeter Dicke ausgeftellt, welche äufserlich ganz gleich find aber durch die im Inneren enthaltenen vcrfchieden grofsen lfleiftangen ungleiches Gewicht haben. Die Gewichtszunahme wäclift nach einer beftimmten Stufenleiter. Man gibt nun dem Kinde in jede Hand ein folches Klötzchen und läfst das Kind prüfen, welches von beiden fchwerer ift, und gewöhnt das Kind daran, Gewichte zu fchätzen. Diefe hier ausgeftellte Art fyftematifcher Sinnenübungen der Kinder ift einer grofsen Vervollkommnung fähig und verdient die Beachtung aller Kinderfreunde. Für die Ausbildung des Farbenfinnes insbefondere hatte die k. k. Hof- Chromolithographie des Herrn Anton Ilartinger & Sohn in Wien einen Farbenkreis und eine Reihe Farbentafeln nach der Angabe des Herrn Ilofrathes Profeffor II r ü c k e ausgeftellt. Der Farbenkreis ift in zwölf Theile gefondert, welche in der Reihe des Spectrums die drei Ilauptfarben Roth, Gelb und Blau und noch neun Zwifchen- farben enthalten. Jeder diefer zwölf Farbenftrahlen ift wieder in zwölf Farben- ftufengetheilt; gegen den Mittelpunkt der Scheibe verdunkelt fich die Grundfarbe bis zum Schwarz und gegen den Rand der Scheibe hellt fich die Grundfarbe bis zum Weifs auf, fo dafs die Farbentafel die meiften der in der Kunft und Induftrie verwendeten Farben enthält. Die Anordnung der Farbenftrahlen ift fo getroffen, dafs die fich gegenüber- ftehenden Strahlen immer die complcmentären Farben, das heifst diejenigen find, welche nebeneinander geftellt fich gegenfeitig heben und verftärken. Um diefe Wirkung der harmonifchen Farben noch deutlicher darzuftellen, dient eine Reihe von Farbentafeln, welche je zwei complementäre Farben, und andere, welche drei harmonifirende Farben oder Farbentriaden auf fchwarzem Grunde enthalten. Diefe Tafeln bilden die Grundlage der Farbenlehre, nach welcher die Kinder die Farben nennen, vergleichen und nach den Gefetzen der Farbenharmonie zufammenfetzen lernen. Auch die Anwendung diefer Farbenlehre war in dem Pavillon ausgeftellt. Dahin gehören die von der Gummiwaaren-Fabrik der Herren Reithofer ausgeftellten Spielbälle mit zwei complementären oder drei harmonifirenden Farben. Das kleine Kind übt fpielend das Auge an richtig zufammengeftellten Farben, und die Luft an fchönen Farben wird geweckt. Die Spielwaaren - Handlung der Herren Müller «S: Comp, in Wien hatte Kreifel mit complementären Farben ausgeftellt, welche im Drehen die Mifchfarben zeigen und das Kind auf neue Farbengefetze aufmerksam machen. 2 () Dr. Ferdinand Stamm. Eine weitere Anwendung der harmonifclien Farben zeigten die von Herrn Anton Ilartinger ausgeflellten Sprüche und Sprichwörter für Kinderfluben und Schulzimmer. Nach englifchem Vorbilde find hier die lehrreichen, bald ermunternden, bald abmahnenden Sprüche, welche die Engländer den Kindern vor die Augen flellen, in fehönen farbigen buchbaben mit Randverzierungen ausgeführt, und die Farben wieder nach dem Gefetze der complementären, zufammenflimmenden Farben ausgewählt. In den Frübel’fchen Kindergärten können diefe Uebungen tles Farbenfmnes mit dem gröfsten Nutzen angewendet werden, und in der That fallen wir in der Austlellung des Direclors der Leopoldflädter Kleinkinderbewahr-Anflalt, Herrn A. S. Fi feil er, auch die Flechtereien mit farbigem Papiere fchon nach den Ilartinger’fchcn Farbentafeln ausgeführt. Auch in bezug auf die A u s b i 1 d u n g des ni u f i k a 1 i f c h e n Gehöres d es Ki n d e s enthielt die Austlellung im Pavillon des kleinen Kindes Anregungen und Anleitungen. Es ifl nicht zufällig, dafs ficli das mufikalifche Gehör und das Virtuofen- thum der Mufik in gewiffen Familien vererbt. Viele belege 1 affen fielt für die Thalfache beibringen. Die berühmte Tonkünfller-Dynatlie „bacli“ blühte durch zwei Jahrhunderte, jeder Sproffe ein Meifler. Man lernt die Mufik eben zuerft und allein mit dem Gehör und wird ein guter Mufiker, wenn man frühzeitig viel und gute Mufik hörte. Wie frühzeitig fich das mufikalifche Gehör ausbildet, lehrt Amadeus Wolfgang Mozart, der mit drei Jahren fchon die Accorde auf dem Clavier herausfuchte, imfechsten Lebensjahre Goncerte gab und in einem Alter, wo manche Kinder erft Mufiknoten lernen, fclion componirte. Man kann lieh diefe Entwicklung des Mufiktalentes nur dadurch erklären, dafs Mozart fchon in der Wiege an fing Mufik zu lernen. Im Gegenfatze zu diefer frühzeitigen Entwicklung flehen die mifslungenen Verfuche, einen Erwachfencn, der in feiner Kindheit wenig gute oder gar keine Mufik hörte, fpäter Mufik zu lehren. Er ifl mufik taub, wie andere farbenblind find, und beide, wie die Phyfiologcn lieueflens wiffenfchaftlich begründeten, defs- halb, weil die Ausbildung des Sinnes indem erben zur Ausbildung am geeignetben Lebensalter verfäumt, uneinbringlich verfäumt wurde. Wenn Erfahrung und Wiffenfchaft darin iibercinbimmen, fo wird es zu einer ernben Pflicht der Eltern und Erzieher, die bildung des mulikali- fchen Gehöres wie die des Farbenfinnes möglichb zeitlich zu beginnen. Diese bildung kann in bezug des Tonfilmes in den erben Kinderjahren nur darin belieben, dafs die Kinder in den erben Lebensjahren gute Mufik hören. Das Wiegenlied der Mutter ib der erbe Mufikunterricht. Dabei lernt das Kind und beruhigt fich, es fchläft darüber ein, aber es lernt auch im Traume weiter. Da tritt der Vater als zweiter Mufiklehrer hinzu, indem er die Violine, das Clavier oder ein anderes Tonwerkzeug fpielt. bei jüngeren Gefchwibern erfetzen die älteren den väterlichen Mufiklehrer, indem fie Mufik üben, während die jüngeren Kinder zuhören. Wie das Kind Spielzeug in die Hand bekommt, können kleine Mufikinbrumente darunter fein; die Kinder werden nicht anbehen darnach zu greifen. Sie haben alles gern, was farbig ib und was klingt und tönt. Weil man das weifs, machen die Mufikinbrumente auch einen grofsen Theil der marktläufigen Spielfachen aus. Leider ib wenig Zweckmäfsiges darunter. Pfeifen und Trompeten mit fchrillen, unreinen Tönen, Geigen, die mehr fchnarren und kreifchen als klingen, Trommeln und Tambourinen, Schellen und Glocken, welche das Gehör der kleinen Leute eher verderben als veredeln und die Erwach- fenen mit dem abfcheulichen Lärm zur Verzweiflung bringen. In der neuen Zeit haben die Inbrumente, an welchen eine Metallzunge durch blasen in tönende Schwingung verhetzt wird, die Mundharmonika und die Der Pavillon des kleinen Kindes. 21 Handharmonika, eine weite Verbreitung gefunden. Sie haben einen angenehmen Ton, den man anfchwellen und abnehmen 1 affen kann, und es laffen (ich auf folchen einfachen Kinderinflrumenten auch Scalen und Accorde anflinunen ; fie find aber in ihrer Einrichtung noch wenig brauchbar zur Bildung des Tonfilmes. Die Ausflellung im Pavillon des kleinen Kindes brachte die gelammten Kinder - Mufikinffrumente und zeigte einige beachtenswerthe Verbefferungen an ihnen. Auf Anregung des Comitemitgliedes 1 lerrn Profeffor Hans Schmitt wurden von der Spielwaaren-Eabrik des Herrn Mühlhaufer in Wien Harmoniken aus- geffelll, wo jeder Ton mit den ihm zukommenden Buchflaben fa, b, c, d, e, f, g) und auch zugleich mit der italienifchen Benennung lut, re, mi, fi, so, la, si) bezeichnet ill. Auch waren kleine Claviere mit tönenden Glastäfelchen oder Metallzungen von der Kinderfpielwaaren-I landlung der Herren Müller & Comp, von Wien aus- geftellt, welche über der Claviatur die Bezeichnung der Noten und ihrer Namen trugen. Herr Hans Schmitt, Profeffor am Confervatorium der Mufik in Wien, hatte einen Pedalfchemmel ausgeflellt. Derfelbe kann über das Pedal eines jeden der gewöhnlichen Claviere geflelll werden und erhöht durch zwei Tallen den Tritt des Pedales, dafs auch ein kleines Kind das Pedal ohne Anffrengung treten und dadurch die Schönheit des Tones erhöhen und überhaupt frühzeitiger das Pedal gebrauchen lernen kann, als es bei dem Baue der Claviere, deren Pedal nur für erwachfene Perfonen eingerichtet i(l, vorher möglich war. Von befonderem Intereffe waren die ausgellclllen verbefferten Kinder- v i o 1 i n e n. Die Violine, welche wie die menfchliche Stimme die feinflen Tonabftufungen möglich macht, während die anderen Inflrumente, wie Flöten und C-iarinetten, nur beflimmle Töne geben oder, wie das Clavier, gar keine fcharfen, fondern nur gemäfsigte (Quinten in der Tonleiter haben, bildet das mulikalifche Gehör am voll- kommenden aus und follte daher das erde Inflrument fein, welches der angehende Mufiker lernt; allein die Eltern laffen die Kinder nur ungern darin unterrichten, weil ein lernender Violinfpieler für die Umgebung felir läflig werden kann durch die falfchen Grille und die kreifchende Bogenführung. Die im Pavillon aus- gcftöllte Kindervioline ifl nun fo eingerichtet, dafs der Violinbogen die richtige Einie einhalten mufs, ferner dafs die Hand am Hälfe der Violine die richtige Tage hat, und endlich dafs durch Linien auf dem Griffbrete der richtige Einfatz der Eiliger angegeben ifl, wodurch der Anfänger mehr Sicherheit gewinnt. 2. Der erfte Anfchauungsunterricht. Die bellen Lehrmittel des Anfchauungsunterrichtes find die Naturgegen- (lände felbfl. Kinder, welche auf dem Lande lieranwachfen, haben daher die fchärfflen Begriffe von den Gegenlländen, die ihrer Betrachtung zugänglich find. Den Stadtkindern, die nur zeitweife und feiten auf das freie Land kommen, können die Eltern umf Erzieher nur Erfatzmittel für die unmittelbare Anfchauung bieten; diefes find ausgeftopfte Thiere, getrocknete Pflanzen und einzelne Gelleinsarten, dann Modelle von Wirthfchaftsgeräthen und Gewerbsvorrichtungen, endlich Bilder und Zeichnungen. Diefe Lehrmittel geben keine fo klaren, fcharfen Begriffe wie die unmittelbare Anfchauung von lebenden Thiercn, frifchen Pflanzen und die Lager- llätten der Mineralien oder die unmittelbare Betrachtung der Landwirthfchaft und der Werkflätten der Gcwerbsthätigkeit; aber fie können unifaffender fein und die Ueberficht ausdehnen, während das Dorfkind nur auf einen engen Kreis von Gegenlländen befchränkt ill. Im Pavillon des kleinen Kindes war nun eine reiche Auswahl folcher Hilfs- mittel des erden Anfchauungsunterrichtes ausgedellt. Die Spielwaaren - Fabrik der Herren Reimann & Müller aus Oberleitensdorf in liühmen hatte Thiere aller Art, aus Holz gefchnitzt, dann aus Papiermache, ferner in Schachteln zufammengedellte Modelle von Landwirth- fchafts-Geräthen und Ilaushaltseinrichtungen, von Ausdattungen der Gewerbswerk- dätten, von Wägen, Schiffen. Jagden, Fifchereien, Bergwerken u. f. w. ausgedellt. Befonders hervorheben müden wir die fogenannten ^Baukäden“, das find Modelle von Baudeinen und Baubedandtheilen von Iläufern, Schlöffern, Kirchen, Thiirmen, Brücken und anderen Bauwerken nach verfchiedcnen Stilarten und die Holzmodelle von geometrifchen Figuren. Herr M. Trenfche n s k y, Kundhändler aus Wien, hatte eine grofse Anzahl Bilderbogen ausgedellt, Dardellungen aus allen Gebieten der Natur und des Menfchenlebens. Viele diefer Bilderbogen lind zum Ausfehneiden und Aufkleben auf Pappendeckel und zum Aufdellen bedinnnt und können in Gruppen zufammen- gedellt werden, fo dafs fie einen Garten, eine Landfchaft, eine Jagd, das Ilirten- leben, eine Weihnachtskrippe, eine Fifcherei u. f. w. dardellen. Die Kinder können fich aus diefen Bilderbögen auch Theater oder Schaubühnen mit Couliffen aufbauen und diefe durch die Figuren der I'erfonen aus vielen Theaterdücken und Opern bevölkern. Eine Sammlung von kleinen, genau ausgeführten Modellen aller Gattungen Karren, Ladwägen, Kutfchen, Staatscaroffen, Omnibus, Tramwaywägen und Eifen- bahn-Waggons, welche die Spielwaaren-IIandlung Johann Haller’s Enkel ausgedellt hatte, zeichnete fich durch die genaue Ausführung bis in die kleinden Einzelnheiten und die fchöne Befpannung mit Pferden aus. Herr Dielen aus Wien hatte die Modelle von Dampfmotoren und anderen Mafchinen ausgedellt. Die Figuren von allerlei Soldaten und Kriegsvolk aus Holz oder Blei oder anderen Stoffen üben fad auf alle Knaben eine grofse Anziehungskraft aus und durften zur Vervolldändigung im Pavillon des kleinen Kindes nicht fehlen. Herr Franz Kietaibl, Spielwaaren-IIändler aus Wien, hatte die Gardefoldaten verfchiedener Staaten mit ihren Officieren in fpannenlangcn Figuren, in Tuch gekleidet und mit gut nachgeahmter Bewaffnung, in reicher Anzahl ausgedellt. Daneben Figuren in der Volkstracht aller öderreichifchen Volksdämme. Auch in den chinefifchen und japanefifchen Kinderzimmern waren vorzüglich ausgeführte Figuren verfchiedener Volksdände ausgedellt. Als eine Uebergangsdufe von dem erden Anfchauungsunterricht zum ernden Lernen kann man die von dem Lehrer der Handelsakademie in Wien Herrn Carl Winter nitz ausgedellten Lehrfpiele betrachten. Sie find für Kinder von vier bis heben Jahren bedimmt und bedehen in einem Lefefpiele zur Erlernung der Buchdaben und des Lefens, in einem Schreibfpiele, Rechenfpiele, dem Länder- fpiele von Europa für den erden Unterricht in der Geographie, und einer Sammlung von vier und fünfzig Kaiferbildern, dem Kaiferfpiele. Die Buchhandlung des Herrn Rudolf Rechner aus Wien hat aus ihrem Verlage Bildertafeln aus der Naturgefchichte ausgedellt. An diefe reihen fich zahlreiche Bilderbücher und Bildertafeln in der Sammlung der Kinderbücher, welche Herr Lechner aus d.er gefammten deutfehen, franzöhfchen und englifchen Literatur ausgewählt und zur Anfchauung gebracht hatte. III. Die erften Befchäftigungsfpiele. Es id ein grofses Verdiend des deutfehen Kinderfreundes F r ö b e 1, dafs er die erde Befchäftigung und Arbeit der Kinder in ein bedimmtes Sydem brachte, das unter dem Namen des Fröbel’fchen Kindergartens weite Verbreitung gefunden Der Pavillon des kleinen Kindes. hat. Diefe Befchäftigungcn beftehen in dem Zufanunenlegen von Ilolzftäbchen, Ringen und gebogenen Drahtdücken nach bedimmten Vorlagen, in dem Falten von l’apierblättern, im Flechten von farbigen Papierdreifen, im Ausdechen und Aus nähen nach gewilTen Mildern und in dem Aufbauen der Baudeinmodelle aus Ilolz. Diefe llefchäftigungen wechfeln mit dem Unterricht des Lehrers, mit Gefang und Turnen und erhalten die in einem Zimmer oder in einem Garten verfammelten Kinder in geidiger Anregung und gefunder leiblicher llewegung. Drei Ausdellungen im Pavillon des kleinen Kindes bezogen fich auf den Frübel’fchen Kinderunterricht. Das Modell einer Volksfeinde im Zufammenhang mit einem eingerichteten Saale und einem ausgedatteten Garten nach Frübel’fchein Sydem von Herrn Rudolf Em. Selber, Lehrer zu Aul'fig in Rühmen; dann die Sammlung der Fröbel’fchen „Gaben“ von Herrn Hugo Bretfch aus Berlin, endlich in den Arbeiten der Kleinkindcrbewahr-Andalt in der Leopolddadt in Wien. Herr Lehrer Selber hatte ein volldändiges Modell einer Volksfeinde in Ver- bindung mit einem Fröbel’fcbcn Kindergarten nach einem Mafsdabe ausgedellt, welcher auch die Einrichtungsdticke deutlich zeigte. Neben den zwei Schulzimmern id ein Spielzimmer und ein Turnfaal angebaut und von dem Turnfaal kann man in den freien Garten hinaus treten, welcher für die Befchäftigung der Kinder eingerichtet id. In dem Spielzimmer find die Tifche, welche den Baufpielen zur Unterlage dienen, befonders eingerichtet. Sie find mit Linien überzogen, welche fich in rechten Winkeln fcheiden und ein Netz von gleich grofsen Quadraten bilden. Die Gröfsc der Vierecke id den Baudeinen angepafst, fo dafs diefe in geordneter Reihe darauf gelegt werden können. Die Gröfsc der Baudeine felbd id nach verfchiede- nem Mafsdabe genommen. Es crfchcint zweckmäfsig, dafs die Baudeine und folglich auch die Eintheilung des Netzes auf dem Tifche nach einem bedimmten Mafse ausgeführt werde. Dafür empfiehlt fich das Mctermafs, welches bereits in den meiden Staaten angenommen wurde. Das Netz würde demnach aus därkeren Linien in der Entfernung von einem Decimeter, und dazwifchen aus fchwächeren Linien von einem Ccntiineter Entfernung anzuordnen fein. Nach (liefern Mafsdabe müfstenauch die in den Handel gebrachten Baudeine oder Fröbel’fche „Gaben“ gefchnitten fein, und dann würde das Kind fpielend fein Augenmafs üben können ; was felir wichtig id. An den Wänden des Spielzimmers hängen Tafeln für den Anschauungsunterricht, in Wandfehränken find die Fröbel’fchen Gaben und anderen Befchäfti- gungsfpiele aufgedellt. Der Turnfaal enthält die gebräuchlichen Turngeräthe zur Uebung im Winter und an Regentagen. Der offene Garten hat einen Spielplatz mit dem Turngeräthe und einen Pflanzgarten mit Bäumen und Gewächfen in Beeten für den erden Unterricht in der Pflanzenkunde, und zur Befchäftigung der Kinder in der Gärtnerei. Dicfer Garten, der hier in dem Pavillon des kleinen Kindes in einem Modelle angedeutet war, war vom Profeffor Schwab in der Ausdellung neben der üder- reichifchen Muderfchule als ein Muderfchulgarten ausgeführt und zeigte wie Knaben und Mädchen in der Schulzeit die Gärtnerarbeiten und die Pflanzencultur erlernen können. Die Kundhandlung des Herrn Hugo Bretfch aus Berlin hatte eine voll- dändige Sammlung der Lehrmittel und Befchäftigungsfpiele nach dem Fröbel’fchen Sydenre ausgedellt: Vorlagen und Mappen mit Müdem zum Flechten, Ausdechen, Falten, Ausnähen, die Baudeinkäden u. f. w. Der Director der Kleinkinderbewahr-Andalt in der Leopolddadt zu Wien Herr A. S. Fifcher hatte die in der Andalt verfertigten Arbeiten nach (liefern Sydeme ausgedellt. Die Chemikalienfabrik von Auffig an der Elbe hatte die Pläne des Fröbel’fchen Kindergartens, in welchem die Kinder ihrer Arbeitercolonie befchäftigt und unterrichtet werden, eingefendet. 24 Dr. Ferdinand Stamm. IV. Der erfte Unterricht des Kindes im Haufe. Der reichlich den Kindern, befonders in Städten, gebotene Anfchauungs- unterricht in Modellen und bildern und bei ihren Spielen entwickelt die Yerdandes- thätigkeit fo frühzeitig, dafs die Kinder faft von felbfl nach dem Unterricht im Lefen, Schreiben und Rechnen verlangen, ehe fie die Jahre haben, welche für die Aufnahme in die Volksfeinde gefordert werden. Wie weit man den Kindern hierbei entgegenkommt, zeigte die Ausheilung in dem Pavillon des kleinen Kindes. Wir haben fchon die \\ internitz’fchen Uehrfpiele angeführt, welche für das Kind vom vierten Jahre an bedimmt find. Auch die Chinefen beginnen den Unterricht im Lefen, der zugleich mit dem Schreiben verbunden ift im vierten Lebensjahre des Kindes. Ihr ganzer Sprachfchatz befleht aus 450 einlilbigen Wörtern, die aber durch verfchiedene Betonung bis zu 1203 Wortlauten anwachfen. Aber auch dasfelbe W'orl genau auf diefelbe Weife ausgesprochen, hat noch verfchiedene Bedeutungen, oft bis vierzig, daher die Erlernung der Sprache grofse Schwierigkeit bietet. Die Schrift, welche diefe Sprache fefthält, befleht nicht aus Buchflaben oder Lautzeichen, fondern aus Zeichen oder Bildern für die grofse Zahl von Worten und Begriffen, deren es über 40.000 gibt. IndelTen dienen 214 ausgewählte Wortzeichen oder Schlüffe 1 zur Erklärung der anderen. Das chinefifche Kind lernt alfo mit dem Schreiben zugleich lefen und Begrifte bilden oder denken. W r ie die ausgeftellten Kinderbücher zeigen, beginnen fie damit im vierten Lebensjahre und für jedes Jahr wird ihnen eine gröfsere Anzahl Schriftzeichen zum Erlernen zugetheilt. Die Ausftellung zeigte diefe erweiterten Unterrichtsbücher in fechs Jahrgängen. Auf den Schreibblättern fleht das Schriftzeichen vorgedruckt und gleich daneben der leere Raum, um die Züge nachzuahmen. Die Japanefen haben eine Buchflabenfchrift von 48 Zeichen. Auch fie beginnen den Unterricht der Kinder frühzeitig und wie die ausgeflellten erden Schreibevorlagen andeuten, fo id das Zeichen am Anfänge des Blattes voll aus- gefchrieben oder, da fie einen Pinfel dabei gebrauchen, ausgemalt, daneben deht nun das Zeichen noch zwanzig Mal in Conturen und das Kind mufs diefe C011 turen ausfüllen. Es wird dadurch an die genauede Ausführung der Zeichen gewöhnt, was bei der grofsen Anzahl derfelben nothwendig id. Die Kinderbücher der Japanefen find reich mit Zeichnungen und Bildern gefchmückt. Es war eine illudrirte Gefchichte Japan’s, dann des Nachbarreiches, China’s, ferner ein Gefchichtshuch mit dreifsig hidorifchen Landkarten, welche die jeweiligen Grenzen des Reiches und derten innere Eintheilung in verfchiedenen Zeiten zeigten, ausgedellt. Wandtafeln mit naturgefchichtlichen Abbildungen und Scenen aus der Gefchichte oder dem Volksleben fclnnückten die japanefifche Kinderduhe. Am reichden id undreitig die Zahl der Kinderbücher des deutfehen Volkes. Für das zartede Alter hat man Abcbiicher, Fibeln und Schriften, welche das Lefen, Schreiben und Rechnen leicht und als Lernen überhaupt angenehm machen füllen. Diefe Bücher find meidens nut Bildern ausgedattet, um das kleine Kind von dem Anfchauungsunterricht zu den Zeichen der Buchdaben und Zahlen überzuführen und das Lefen vorzubereiten. Für jedes Alter, für jedes der beiden Gefchlechler, für die Kinder der verfchiedenen Stände id durch zahlreiche Abcbiicher geforgt. Nächd den Deutfehen haben die Engländer und Franzofen die meiden Bücher für den erden Unterricht der Kinder bis in das zartede Lebensalter herab. Der Pavillon des kleinen Kindes. • 2 .') Herr Rudolf Rechner, Huchhändler aus Wien, hatte alle deutfehen Ruchhandlungen zur Einfendung der in ihrem Verlage erfchienenen Kinderbücher eingeladen und diefelben hatten der Einladung freundlich entfprochen , fo dafs die Sammlung eine vollftändige genannt werden konnte. Herr Rechner hatte überdiefs auf einer Reife nach Frankreich und England die gebräuchlichften Kinderbücher für das erde Lebensalter ausgewählt und der von ihm verfafste Katalog zeigt den Reichthum der Auswahl diefer bedeutenden Kinderbibliothek. Herr l’rofeffor llans Schmitt hatte die deutfehen Mufikalienhändler aufgefordert, die Kinderlieder, dann die Mufikftiike, welche für den erften Unterricht in der Mufik und hefonders für das Clavier und die Violine befthnmt find, im 1‘avillon des kleinen Kindes auszuftellen; alle vorragenden Mufikalien -Verlagshandlungen fandten das darauf bezügliche und die Anstellung zeigte eine reiche Sammlung, die einen volltländigen Ueherblick über das llefle in (liefern Fache gellattete.. ; '•k (J - ;. -*< rnrtr* ^ M - .. iJSlWiirH ' • i 1 . 1 ‘’i' •■; /rvli. 1 , 1 : <1 r^ttn.‘i*iArf •'1 :Ui iinfi < ;i W '■,' ^Vifili ,i?tV/ ** I j • U-ivf rti j». h~ßt*? >i> • i «£•• l > i' ■• • ) tyyits.-. " i.’iv-r >' *4 f.'t: > ' -i . 'n ••*’* ' ';J '•.!). . u.S- , ïi! .1-,^^ . ;. «»■?»(.. .‘.'i'.i'iv. " . : i . . ■ I ii* .'i i "Ï ,i >.i k i'ÎT, , • , „^.^4 i _ b tt i .'u. ♦!. 1 -. •• .. qütf'fck^A'- »•• • '■ •-;*•• ' . 'vi >' -itaii j<«y*TbY*l i-. jH 1 .*•, ■' i? j *&.. . \tfî, »■’ i!i ■! -Li 1 if»*: y* «K'u i< - i,**îi ’P 4 >i»i J/Ttfiifl'jW j>L uv<{''>- '' fl 1 iw!'*:» #/.lî''n<ÿ «ft 'i .r.V: a i< 3'*1 uTij.ii'f K ■ W. ■- gut, -;r i: ' , 5 .. v '^u^.r^V' , -’* .■ ; v ' ~ ‘ 1 , . i‘^-* •' '"F-ifc^r/i f , _ > . - Ï * _ :^rff — TT ''.J.j'if Î * ■• ;•/ . ' JT ■•■*■ # r -■• *i • ■ . i-V*-. i-- . ' ’ v ■ i.i. r ii * •'*•) 1 ii _ i'i jiil i m>! ’Jivri*. * tt.fH ;*■ >< ' r ;)l t«f) * »iW. :*• J n 1 ü nvfu’J û’Vî’i'» " Æ I ,■ i*> itji h/iii rrUiii^iü *:•■ * ■ i'.tf io . >!■, vlli" '" y 'i .»î.li'vH C.Mr ; ^ SC r _i 1 ^ * -ii ' i hm* »fit'* .i*'- **-: lAri;*,? «'v-' V-'- A - \>A: t r! vV 1 ^'' ■ t* . \r wi ,J fi v ! tV“ 1* (L v. '-;;. ;• v // -i ,v 'U .* ^ J ^ r\ TMW-Bibliothek 0020962 5 P R O G R A M M. Der o f f i c i e 11 e B e r i c h l erfeheint in drei Ilauptabtheihmgen, von denen die erhe die Berichte über die feehsundzwanzig Gruppen der Weltaushellung und die additioneilen Ausftellungen, die zweite, als ein felbhhändiges Ganzes, die Ausheilungen der orientaüfchen und ohafiatifchen Völker, die dritte die Thätigkeit der internationalen Congrefle unifafst. Die Einleitung zu dem gefannnten ofticiellen Berichte wird durch die Gefchichte der Wiener Weltausftellung, der Entwicklung ihrer Organifation und die Darftellung ihrer Gefetze und ihres Verwaltungskörpers gebildet. Ihrem Inhalte nach foll die amtliche Berichterstattung fo geordnet werden, dafs jeder Detailbericht in feinen kritifchen und gefchichtlichen Betrachtungen die letzte Parifer Weltausftellung zum Ausgangspunkt zu nehmen, das Referat auf die ausgeftellten Gegenltände zu befchränken und nur dort, wo es der Stand der Wiffenfchaft und der induftriellen Entwicklung gebieten follte, die Lücken in der Ausheilung auszufüllen hat. In jedem Einzelberichte foll insbefondere auf die 1 landelsbewegung der einzelnen Artikel und auf die Eortfchritte der Erzeugungs methoden Rlickficht genommen werden. Was den zweiten Theil des Aushellungsberichtes anbelangt, so sollen in (liefern die Ausheilungen der orientaüfchen und ohafiatifchen Völker ausführlich befchrieben, die Bedeutung derfelben für Europa und deffen Handels- und Indu- hriepolitik gekennzeichnet, und insbefondere den Ilandelsintereffen Oeherreichs in diefer Richtung umfaffende Aufmerkfamkeit zugewendet werden. Eine Vergleichung mit der Thätigkeit und den geihigen und materiellen Kräften der anderen Nationen, welche auf den Märkten des Orientes auftreten und die Bediirfniffe der Völker desfelben in Handel und Verkehr zu befriedigen fuchen, wird von felbh eine Darhellung der Gefanuntbeziehungen aller aushellenden Volker und ihrer Producte zum Orient und zu Ohafien ergeben. Die Frage, welche die Gefchichte vergangener Jahrhunderte ebenfo wie die Gegenwart fchon fo oft aufgeworfen hat: — Die Stellung Mittel-Europa’s und insbefondere Oeherreichs zum Oriente — soll nach der Ordnung der officiellen Berichterhattung eine wiffenichaftliche Grundlage insbefondere für. die wirthfchaftliche Politik der Völker Europa’s erhalten. Es hat ja noch keine Weltaushellung fo reiehes Material für die Betrachtung der Vülker des Orientes und Ohafiens in Gewerbe, Induhrie und Handel geliefert, als eben die Wiener Weltausftellung. Eine amtliche Berichterhattung über die Thätigkeit der internationalen Con- greffe ih bis jetzt noch niemals erfolgt. Der diefsmalige Bericht foll diefe Lücke ^ ausfüllen, um 1b mehr, als auf den Congreffen während der Wiener Weltausheilung * eine Reihe der wichtighen Fragen zur Verhandlung kommen. Was die äufsere Ordnung des gefammten officiellen Berichtes anbelangt, fo foll derfelbe nicht, wie es bei ähnlichen Gelegenheiten früher der Fall war, erh lange nach der Weltausheilung, fondern während der Feier des internationalen Fehes abgefafst und aufgelegt werden. Dem entfprechend werden die einzelnen Sections- oder Gruppenberichte alsbald nach ihrer Abfaffung und Redaction gedruckt und zum Verkaufe aufgelegt. Nach Vollendung der gefammten Arbeiten werden diefe Sections- und Gruppenberichte, verbunden mit den Entfcneidungen der Jury, als ein Ganzes erfcheinen, und bilden mit dem Berichte über den Orient und Ohafien, ebenfo wie mit den Berichten über die internationalen Gongreffe den officiellen Bericht über die Wiener W e 11 a u s he 11 u n g des Jahres 1873 . Nur in diefer Weife erfeheint es möglich, den ganzen Werth eines folch’ grofsen und umfaffenden Werkes dem Publikum zugänglich zu machen und vollkommen auszunützen. Als Redacteur des officiellen Aushellungsberichtes ih Herr Dr. Carl Th. Richter, k. k. o ö. l’rofeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag, ernannt. TMW-Bibl WA 132