aWönS!' ■ i^’ijBnwMitü-v v*»0< i ^ j . «■ < w ^ < ij "i f ■ >< [j" . r ,. . - ^ ru; ; t ^j yT "n. 1 ' 1 1 ./♦•ftifeW* Ü3p; MÊsSè >-S5S!S~gSK •ssasä i§^gi§sfi iHHH; g£)*£W; SSr 'üssf' ÉSfeSlPli i«C**K C^tÄ: -y-Æ W*:; >?*£3S? â25«Ç: 3äSi£g£ S&feÿî îgf: t*s&s JàfejiS sçy- *tÿ. -••»£* Âf“ 'iCjj^^c;- ^•* : ^’"*ÜSΫ ?&*:■ ;r ^.o; :£»£ H?*sc£; ;a c^: -jTÂÇ ^rv- iïÿSSSf ifruair / r D technisches mtiseumwien BIBLIOTHEK LLOYDS ILLÜSTRIRTE REISEBIBLIOTHEK -—o- DER ORIENT. I. AEGYPTEN. TRIEST. LITERA RISCH-ARTISTISCHE ANSTALT (JULIUS OHSWALDT.) 1870 . AEGYPTEN. REISEHANDBUCH FÜR AEGYPTEN DB' MORITZ BUSCH. MIT SECHSZEHN ILLUSTRATIONEN, ZWEI KARTEN UND EINEM PLANE TON KAIRO. ZWEITE AUFLAGE. TRIEST. LITERARISCH-ARTISTISCHE ANSTALT (JULIUS OHSWALDT.) 1870 . f \2 o o > An die Leser: Berichtigungen etwaiger Irrtliümer oder Ungenauigkeiten, unter der Adresse: „Literarisch-artistische Anstalt in Triest“ eingesendet, werden mit grossem Dank aufgenommen und berücksichtigt werden. L AEGYPTEN. Inhalt INHALT. Seite Allgemeines für Orient-Reisende. 1 Erstes Kapitel: Geographisch und ethnographische Verhältnisse. — Abriss der Geschichte des Landes. — Die alte Religion und die Darstellung der Götter durch die Kunst. — Der Glaube an Unsterblichkeit und der Leichendienst der alten Aegypter. — Die Hieroglyphen. — Die geeignetste Zeit zum Aufbruch. — Der beste Weg von Deutschland nach Aegypten. — Ausrüstung. -- Geld, Maass, Gewicht. — Preise in den Bazars und Läden von Kairo und Alexandrien. — Consuln und Consularagenten. — Firmane. — Dragomane. — Briefpost. — Gesundheitsregeln. — Dysenterie. Fieber, Ophthalmie, Pest. — Die Jagd. — Die gewöhnliche Tour: — Zeit- und Kostenaufwand für dieselbe.23 Zweites Kapitel: Alexandrien. Die Duane. — Fiaker und Reitesel. — Gasthöfe. — Coiisulu. — Das alte Alexandrien. — Plan desselben und Beschreibung seiner hauptsächlichsten Gebäude. — Monumente ausserhalb des Kanopischen Thors. — Reste der alten Stadt. — Das jetzige Alexandrien, Einwohner, Handel und Verkehr. — Moscheen und andere sehenswerthe Gebäude. — Vergnügungen und Gesellschaften. — Der Mahmudie-Kanal. — Die Eisenbahn nach Kairo. — Andere Routen dahin 57 Drittes Kapitel: Kairo. Bulak. — Der Esbekieh-Platz. — Gasthöfe. — Die rascheste Weise, Kairo und die Nachbarschaft zu sehen. — Geschichte Kairos. — Charakter der Stadt. — Moscheen. •- Die Citadelle. — Die Gräber der Mainelukenkfmige. — Bazars. — Stadtviertel. — Thore. — Volksfeste. — Pilgerzug nach Mekka. — Oeftnung des Kanals in Altkairo. - Der Geburtstag des Propheten. — Nilmesser und Insel Roda. — Kasv El Aini. — Das Derwischkloster. — Heliopolis und das versteinerte Holz. — Der Palast und Garten Mehemed Alis in Schubra. — Die Barrage des Nil.63 Viertes Kapitel: Die Pyramiden von Gizeh und Sakkarah. — Der Sphinx. — Die Apisgräber. — Das Serapeura. — Die. Stätte des alten Memphis und seine Reste.95 Inhalt. VI Fünftes Kapitel: Seite Die Nilreise bis nach Theben. — Verschiedene Reisegelegenbeit. — Wahl einer Barke. — Ausrüstung derselben. — Einige Verhaltungsregeln. — Die Entfernungen der Uferstädte. — Leben auf dem Nil. — Uferscenerie. — Benisuef. — Medinet el Fayum und der See BlÖris. — Minyeh. — Dscliebel el Tayr. — Die Grotten von Benihassan. — Antinoe. — Monfalut. — Assiut. — Girgeh und Abydos. — Kenneh und Denderah.109 Sechstes Kapitel; Die Ruinen von Theben. -- Vorbemerkungen. — Die Lage Thebens. — Da.' alte Theben. — Die schnellste und passendste Weise, die Ruinen zu sehen. -- Die Westseite: Der Tempel von Kurna. — Das Memnonium. — Die Kolosse. — Medinet Habu. — Die Gräber der Könige. - Die Priestergräber des Assasif. — Die OstseiteLuxor, — Karnak. — Punkte von geringerem Interesse .... 132 Siebentes Kapitel; Die Nilreise von Theben bis Assuan. — Herment. — Esneh. — El Kab. — Edfu. — Die Steinbriiche von Dscliebel Silsileh. — Ombos. — Assuan. • Ele.- phantine. — Philä und die Katarakten.179 Achtes Kapitel: Ausflug von Assuan bis Wadi Haifa . — Vorbemerkungen. — Preise und Entfernungen. — Die Nubier. — Dabod. — Die beiden Tempel vor Kalabschi. — Dscherf Hossejn. — Der Tempel von Wadi Sebua. — Korosko. — Amada. — Abu Simbel. -- Wadi Haifa und der zweite Katarakt. - Blick von hier bis Kartum 193 Neuntes Kapitel: Der Suez-Kanal. — Suez. — Ismailia. — Porto-Said.209 Zehntes Kapitel: Weitere Touren von Kairo ans: Nach Suez. — Nach dem Sinai. — Nach der Oase des Jupiter Ammon. — Nach Jerusalem.217 Elftes Kapitel: Weitere lonren von Alexandrien. — Nach Rosette. — Nach den Natron- Seen. — Nach Bebet el Hadschar. — Nach Damiette. — Nach Tanta. — Bemerkungen über die Rückreise nach Europa.232 ïteiseliteratur. VII REISKLITEMTUR aus dem Verlage der Literarisch-artistischen Anstalt (J. Oliswaldt) in Triest, zu beziehen durch jede solide Buchhandlung. Lloyd’s lllustrirte Reisebibliothek. Wien bis München. Reisehandbuch, eleg. geh. fl. 2.50 Wien bis Triest. do. „ Adelsberger Grotte. Ein Grottenführer Triest und Umgebung. Reisehandbuch . Trieste et ses environs. Guide . Venedig. Reisehandbuch .... Venise. Guide. Aegypten. Reisehandbuch .... Egypte. Hand-Book for travellers . Griechenland. Reisehandbuch . . Türkei „ . . Albuins mit deutschem, französischem und englischem Album zur Erinnerung an Athen (12 Stahlstiche) zur Erinnerung au Constantinopel (28 Stahlstichel, eleg. geh. malerischer Ansichten aus Dalmatien (25 malerischer Donauaiislehteii (51 Stahlstiche), eleg. geb. malerisch-historisches aus Italien 50 Stahlstiche), eleg. geb. zur Erinnerung an Italien (18 Stahlstiche), eleg. geb. zur Erinnerung an den Rhein (22 Stahlstiche), eleg. geb. der Südbahn von Wien bis Triest (32 2.50 - Thlr. 1.20. 1.60= „ 1. 2. -.80= „ -.16. 2. - = . 1.10. 1.36 = „ -.27. 2—= , 1.10. 2.50= „ 1.20. 3.-= . 2.-. 3-= „ 2— 8—= » 2.—. 3.— = „ 2— itel und Inhalt■ 2.50 ~ Thlr. 1.20. 5.50= „ 3.20. 5.50 = „ 3.20. 8.-= „ 5.10. 6.50 = „ -1.10. 5.50= , 3.20 4.— -- „ 2 20. 3.-= „ 2.—. Illustrirte Prachtwerke. VIII Illustrirte Prachtwerke, Bilder ans Griechenland. Nach der Natur gezeichnet vun A. Löffler und mit beschreibendem Text begleitet von Dr. Moritz Busch. Folio 1870. Enthaltend 18 künstlerisch ausgeführte Stahlstiche in Folio und 7 Holzschnitte. Elegant gebunden.ii. 7.50 = Thlr. 5.—. Bilder aus dem Orient. Nach der Natur gezeichnet von A. Löffler und mit beschreibendem Text begleitet von Dr. Moritz Busch. Folio. 1861. a ) Aegypten; b) Palästina; c) Syrien und Kleinasien. Enthaltend 32 vortreffliche Stahlstiche in Folio. Elegant gebunden.fl. 10. — = Thlr. 6.20. L’ Orient pittoresque. Publication artistique dessinée d’après nature par A. Löffler et accompagnée du texte descriptif du Docteur Maurice Busch. Nouvelle édition. 1868. a) Egypte, b) Palestine, c) Syrie et Asie mineure. Contenant 32 gravures élégantes, in folio. Relié toile.fl. 10.— = Thlr. 6.20. Die Kunstsehätze Venedigs. Gallerie der Meisterwerke venetiani- scher Malerei, mit erläuterndem Text von Friedrich Pecht gr. 1 0 1860. Enthaltend 36 prachtvolle Stahlstiche. Elegant gebunden.fl. 15.— = Thlr. 10.— Die Kunstsehätze Wiens in 108 Stahlstichen nebst erläuterndem Text von A. B. von Berger, gr. 4." 1856. Elegant gebunden.fl. 20. - = Thlr. 13 10. Allgemeines für Orient-Reisende Allgemeines für Orient-Reisende. Wer kann in den Orient reisen? — Die rechte Zeit im Jahre. — Reiseplan für Fechs Monate. — Kostenüberschlag. — Ausrüstung. — Pass. — Geld. — Sprachen. — Verhaltungsregeln auf der Reise, namentlich in Betreff der Gesundheit. — Malaria, Fieber und Ophthalmie. — Pest. — Quarantäne. — Triest, — Gasthäuser. Merkwürdigkeiten der nächsten Umgebung. — Pola. — Venedig. Eine Reise in den Orient erfordert, wofern sie sich nicht auf den Besuch der Kiistenplätze beschränkt, vor Allem einen gesunden Körper, Ausdauer im Ertragen von Beschwerden und Entbehrungen und einen Geist, der auf eine Weile, ja nach Befinden auf lange Zeit absehen kann von den Freuden und Annehmlichkeiten des civilisirten Lehens. Nach den Küstenorten und nach einigen Theilen Aegyptens können auch Frauen gelangen, ohne sich zu viel zumutheu zu müssen. Bis Triest führt Post und Eisenbahn, und dort nimmt sie ein bequem j i eingerichteter Dampfer auf, um sie bis hart vor die Thore Alexandriens, Athens, Smyrnas oder Konstantinopels zn tragen. In Betreff anderer Funkte genüge es vorläufig zu bemerken, dass inan in Griechenland und der europäischen und asiatischen Türkei nur zu Pferde | reisen kann, dass man den grössten Theil des Jahres einer glühenden ! Sonne ausgesetzt ist, dass man im Innern des Landes oft die einfach- ' sten Bequemlichkeiten vermisst, und dass man das Mangelnde nur i j mit beträchtlichen Kosten mit sich führen kann. Unter solchen Umständen zu reisen ist nur dem Kühnen und Starken vergönnt, oder dem, ; welchem ein fürstliches Vermögen einen Theil der Schwierigkeiten ebnet. Im Uebrigen bedarf es keines ungewöhnlichen Muthes, um die ' interessantesten Funkte im Innern zu besuchen. Man hört Mancherlei j von Raubaniallen, wird aber, wenn man die im Folgenden angegebenen I Vorsichtsregeln befolgen will, seihst in den berüchtigtsten Gegenden i kaum einen Räuber zu Gesicht bekommen. Ein Orientale reist in der Regel mit seinem halben Vermögen im Gürtel, da er Anweisungen und Wechsel nicht kennt, und seine Waffen und Kleider sind gewöhnlich so kostbar, dass es sich lohnt, ihn zu berauben. Der Franke dagegen lässt bei Ausflügen nach gefahrvollen Gegenden (wirklich ge- ! fahrvoll ist nur die Nachbarschaft von Smyrna und ein Theil Palästinas und Syriens), wenn er sich nicht von einer Escorte begleiten lassen und sich keiner Karavane anschliessen kann, sein Geld bis auf das Notliwendigste in Sicherheit beim letzten Consul seiner Nation zurück, und was er sonst mit sich führt, hat für orientalische Wegelagerer keinen oder nur geringen Werth. 1 2 Allgemeines für Orient-Heisende. Dazu kommt Folgendes: Jeder Beduine oder Grieche weiss, dass, wenn ein Franke ein Schiessgewchr in der Hand hat, mit einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, erstens, : dass es geladen ist, und zweitens, dass es, sobald auf den Hahu ge- j drückt wird, losgeht, was sich mit gleicher Zuversicht von dem Waffen- ! magazine, welches er selbst an und um sich hängen hat, nicht annelmien lässt. Endlich aber wird, wenn ein Franke beleidigt worden ist, Alles in Bewegung gesetzt, um Genugthuung zu erlangen. Die Consuln schreiben energische Briefe, die Paschas werden aus ihrem Phlegma aufgestört, Soldaten, Kawassen und Tataren jagen wie toll durch das Land, wo die Unthat vorgefallen ist, misshandeln die Bevölkerung und leben als Executionstruppen in deren Häusern, bis der Mörder — oder statt seiner ein Anderer — aufgefunden und, um den Consul zu beschwichtigen, geköpft worden ist, während die sonstigen Verdächtigen die Bastonade bekommen haben. Alles diess ist sehr unangenehm, ! und so ist es gekommen, dass die Bewohner der Striche, wo die Re- gierungen überhaupt ihre Hand fühlen lassen können, schon seit Jahren zu der Einsicht gekommen sind, dass bei Anfällen auf Europäer ; der zu hoffende Gewinn von der zu fürchtenden Strafe überwogen wird, j Als zweite wichtige Frage drängt sich die auf, zu welcher Zeit ! man die verschiedenen Länder des Orients besuchen soll. In dieser i Beziehung empfiehlt man für die, welche auf die Tour ein ganzes ! Jahr und mehr Zeit verwenden können, Nachstehendes: Januar und die erste Hälfte des Februar verbringe man in ICorfu oder Athen, ln j dieser Jahreszeit ist es in der Regel zu kalt und stürmisch, und die i Flüsse sind zu sehr angeschwollen, um eine Reise in das Innere Griechenlands unternehmen zu können. März, April und Mai verwende man auf Touren durch Nordgriechenland und Thessalien, Morea und i Albanien. Zu Reisen, welche tiefer gehende Studien zum Zwecke | haben, ist die Zeit von drei Monaten zu kurz. Derjenige aber, welcher sich nicht an einige Strapatzen kehrt, wird in ihr im Stande sein, alle allgemein interessanten Orte dieser Gegenden zu sehen und sich einen guten Begriff von der Art des Landes und seiner Bewohner zu verschaffen. Im Juni besuche man sodann die Inseln des Aegäi- sclien Meeres, die Sieben Kirchen Asiens und die Ebne von Troja. Die beiden folgenden Monate verhalte man sich ruhig in Ivonstanti- uopel und in den kleinen Orten am Bosporus, welche in dieser Jah- j reszeit kühler als irgend ein Punkt an der Küste des Mittelmeeres i sind. Eine Wanderung durch Syrien und das heilige Land kann im September unternommen und Ende October vollendet werden. Nach j Aegypten zu gehen, um sich dort länger aufzuhalten, ist nur im Winter rathsam. Wer endlich die Tour durch das südliche Kleinasien zu machen wünscht, der wähle dazu die ersten Frühlingsmonate. Der Verfasser, welcher seine Reise zu Ende December antrat und in kürzerer Zeit zurückkehren musste, kann denen, die sich im gleichen Falle befinden, folgenden lieiseplan empfehlen. Man begebe sich von Wien Mitte December nach Triest, besuche in der Zwischen- | Allgemeines für Orient-Reisende. 3 ! zeit bis zur Abfahrt des Dampfers nach Alexandrien auf einige Tage Venedig und gehe dann über Korfu nach Aegypten. Dort bleibe man, von Kairo Ausflüge nach den ersten Pyramiden und nach Suez machend, drei bis vier Wochen (wer die Stromfahrt nach Theben und bis zum ersten Katarakt dos Nil hinzufügen will, bedarf im günstigsten Palle sechs Wochen mehr) und reise dann entweder durch die Wüste nach Jerusalem oder zur See nach Jaffa und von dort nach der heiligen Stadt. Hier und in Palästina überhaupt sich vierzehn Tage aufzuhalten, genügt, um alle merkwürdigen Orte und Gegenstände des Landes in Augenschein zu nehmen. Dann kehre man entweder nach Jaffa zurück, um mit dem Dampfer nach Beyrut und von dort nach Damaskus zu reisen, oder man begebe sich auf dem Landwege nach Damaskus, gehe von dort nach Beyrut und von da über Cypern und llhodus nach Smyrna. Von Smyrna aus besuche man die interessantesten Punkte der Nachbarschaft, schiffe sich dann nach Griechenland ein, mache von Athen drei bis vier Wochen hindurch Touren nach dem Norden und Morea, begebe sich hierauf vom Piräus nach den jonischen Inseln und fahre von da direct nach Konstantinopel. Von hier lassen sich Ausflüge nach Salonik und dem Athos, sowie nach Trapezunt machen. Dann mag man sich nach der Sulinamündung begeben und von dort die Donau hinauf nach Wien zurückkehren. Die Kosten einer solchen Reise hängen begreiflicher Weise von dem Style ab, in welchem man dieselbe unternimmt. Etwas Bestimmtes lässt sich somit darüber nicht mittheilen: doch mag bemerkt werden, dass dieselben für den, der sich einzuschränken weiss, im Durchschnitt 10 Gulden Ö. W. auf den Tag nicht übersteigen. Für die in Gesellschaft Reisenden, sowie für solche, welche der Landesprachen kundig sind und sich längere Zeit an einem und demselben Orte aufhalten, wird sich die Rechnung noch etwas niedriger stellen. Im Allgemeinen dürfte feststehen, dass für die zuletzt bezeichnete sechsmonatliche Tour (mit Einschluss der Fahrpreise auf den Lloyddampfern) 2100 bis 2250 Gulden 0. W. oder 1400 bis 1500 proussisclie Thaler genügen, dies aber auch der niedrigste, nur für Sparsame ausreichende Satz ist. Auch in Betreff der Ausrüstung für eine Reise in den Orient lassen sich allgemein gütige Regeln nicht aufstellen. Der Gelehrte wird sich mit zahlreichen Büchern, der Bequeme mit einer Menge von Gegenständen beladen müssen, die ihm an das Herz gewachsen sind. Derjenige, welcher sich vor Entbehrungen nicht scheut, wird i wohl thuu, so wenig wie möglich von Gepäck mitzunehmen. Derselbe j versehe sich mit soviel Wäsche, um wenigstens drei Wochen auszu- 1 reichen, ohne waschen lassen zu müssen, mit zwei Anzügen, einem I feinen, um Besuche bei Consuln und Paschas machen zu können, und I einem möglichst starken, ferner mit waschledernen Unterbeinkleidern • und einem wollenen Hemd, das unmittelbar über der Haut getragen j werden muss, endlich mit rindslcdernen Stiefeln und einem breitran- ■; digen Hute, um den man sich in den heissen Monaten ein weisses Tuch nähen lässt. Die Stiefel lasse man bei langem Reisen ungewichst, * 4 Allgemeines für Orient-Keisende. da die natürliche Farbe des Leders die Sonnenstrahlen weniger aut' sich lenkt. Dagegen bestreiche man sie gelegentlich mit etwas Öel, was sie geschmeidig erhält. Die Farbe des Alltagsanzugs sei licht- ■ j grau, der Stoff Wolle. Sodann nehme man sich einen Mantel von ; wasserdichtem Stoff mit, um nötliigenfalls des Nachts im Freien sclüa- ; feil und durch den Regen Weiterreisen zu können. Ein Regenschirm : ist gut zu brauchen, weniger als Schutz vor plötzlichen Regengüssen. \ als gegen die Sonne. Orientalische Kleidung anzulegen ist nur dem zu rathen, der die Sprache des Landes versteht. Für jeden Andern ist sie Maskerade ; und nichts weniger als ein Präservativ gegen Anfälle. Indess mag man sich des Fez bedienen, da es den Kopf gut gegen die Sonne schützt. Dann aber kaufe man eines von den höchsten und stärksten, wie man sie in Triest zum Preise von 3 bis 4 Gulden bekommt. Für Reisen in das Innere nehme man sich einen ledernen Mantelsack mit, da Koffer sich auf Pferden nicht gut transportiren lassen. Den Koffer lasse man mit den schweren Gegenständen in sicheren Händen (im Gasthaus, oder, wenn Empfehlungen dies ermöglichen, hoi den Agenten des Lloyd oder den Oonsuln) zurück, um ihn bei der Rückkehr abzuholen oder ihn nach dem nächsten K.üsten- platze, den man berühren will, senden zu lassen. Sich mit Waffen und Munition zu versehen, ist im Allgemeinen nicht mehr erforderlich. ! Wer ein guter Schütze ist, nehme sich eine Büchse oder einen j guten Revolver mit. Ausserdem versehe man sich mit einer grünen Brille zum Schutze gegen das grelle Sonnenlicht, mit einer über- j flochtcnen Trinkflasche , mit starkem Bindfaden , einigen Riemen, einem guten Messer und Nadeln und Zwirn zu etwa nöthig werden- ; ; den Ausbesserungen. ; Ein wichtiges Stück der Ausrüstung für don Orient ist ein Pass für das Ausland. Derselbe muss von dem österreichischen Gesandten ' | oder Consul in dem Lande oder Orte, von wo die Reise angetreten : ; wird, und später von den Gesandten oder Consuln aller der Regie- ! rungen visirt sein, durch deren Gebiete man zu gehen gedenkt, d. h. i ! von denen der Pforte (Gesandte in Berlin und Wien, Consul in Triest), ' Griechenlands (hier genügt das Visum des griechischen Consuls in . Triest) und Englands für die Insel Malta. Im Jahre 1844 machte die türkische Regierung bekannt, dass kein Reisender das Gebiet der Pforte betreten dürfe, der nicht mit einem regelmässigen, von einem Gesandten oder Consul des Sultans visirten Passe versehen sei. Man nimmt es mit dieser Anordnung seit 1809 strenger, daher wird der ; Reisende wolilthun, es auch seinerseits genau damit zu nehmen, da er ! sich sonst leicht Verlegenheiten aussotzt. Bei seiner Ankunft in der ; ersten grossem Stadt, welche der Wohnsitz eines Pascha oder Gouverneurs ist, muss er sich dann mit einem regelmässigen türkischen . ; Passe versehen. Diese zerfallen in drei Klassen: Firmane, Buyurdi's I und Teskeres. Ein Finnan kann nur vom Sultan oder einem Pascha höchsten Ranges gewährt werden. Man erlangt ihn in Konstantinopel Allgemeines iür Orient-Reisende. 5 durch Vermittelung der Gesandtschaften und Consulate. Er ist nicht absolut nothwendig; denn ein Buyurdi (auch Buyuruldi genannt) oder Tesiere entspricht in der Regel dem Zwecke vollkommen eben so gut und macht beträchtlich weniger Kosten. Der Buyurdi ist eine Empfehlung an alle Beamten, der Teskere der eigentliche Pass für den Reisenden. Doch gelten beide nur für die betreffende Provinz, so dass man sich in Aegypten nicht für Kleinasien, in Kleinasien nicht für Rumelien mit diesen Beglaubigungsschreiben versehen kann. Ausgerüstet mit diesen Documenten, hat der Reisende das Recht, bei den Christen in jedem Dorfe und jeder Stadt der Türkei Wohnung zu begehren und von dem Menzil oder der Postanstalt der Regierung mit Pferden zu demselben Preise versorgt zu werden, wie die grossherrlichen Kuriere. Selten wird der Reisende in den Pall kommen, seinen europäischen Pass vorzeigen zu müssen; diess wird nur da nöthig sein, wo er sich aus eignem Antriebe zu den Behörden begibt, um Genugthuung oder Hilfe in schwierigen Fällen zu suchen. Indess ist es Sitte, dass er, wenn er einem Pascha seine Aufwartung macht, seinen Pass durch den Dolmetscher (Dragoman) seiner Excellenz oder dessen Sekretär vorzeigt; auch dient derselbe dazu, dass sich die Consuln von der Identität seiner Person überzeugen können. Endlich ist zu empfehlen, dass man, um sich Aufenthalt und Verlegenheit zu ersparen, womöglich bewirke, dass in dem türkischen Passe der Name und der Titel des Reisenden, die Landstriche, welche er besuchen will, und die Pferde, welche er bedarf, deutlich angegeben werden, und dass man sicfi eine Uebersetzun.' des Passes ins Französische, Italienische oder Englische verschaffe. In Aegypten bedarf cs nirgends eines Passes. Im hohen Grade nützlich sind gute Empfehlungsschreiben. Man kann davon nicht genug mitnehmen. Die besten sind die an die österreichische und preussische Gesandtschaft und an die österreichischen und preussischcn Consuln in Alexandrien, Kairo, Jerusalem, Bey- rut. Damaskus, Athen, Salonik, Smyrna, Konstantinopel und Trapezunt. Kann man zwei oder mehrere für einen Ort bekommen, so verschaffe man sie sich, da es leicht geschehen kann, dass man den einen oder | den andern der Herren nicht zu Hause trifft. Für Griechenland suche man sich ausserdem Empfehlungen an Gelehrte zu verschaffen, für ! Aegypten und Kleinasien Briefe an grössere Handlungshäuser, für das heilige Land solche an die dort lebenden deutschen Geistlichen. Im Innern ist der Reisende sicher, bei jedem gebildeten Deutschen Rath und Auskunft zu finden. Ueber die Geläsorten, welche in der Levante gelten, wird das Nöthige später verzeichnet werden. Hier nur so viel, dass man im ganzen Orient, so weit er in das Bereich dieses Buchs gezogen ist, nach Piastern und Paras rechnet, dass Thaler aller Länder circuliren, unter denen der spanische gewöhnlich 1 Piaster mehr gilt, als die übrigen, dass von europäischen Goldmünzen englische Sovereigns und französische Napoleons die empfehlenswerthesten sind. Die türkischen 6 Allgemeines für Orient-Keisende. Banknoten haben nur in Konstantinopel und an einigen andern Küstenplätzen Rumeliens Werth. Man hüte sich deshalb vor ihnen, zumal sie nirgends zu dem Betrage, den sie repräsentiren, angenommen werden. Im Uebrigcn ist zu bemerken, dass es nicht gcrathen ist, sich mit grossen Summen in baarem Gelde zu versehen. Bis Triest gelten die österreichischen Banknoten. Von da nehme man sich Kreditbriefe nach Alexandrien, Athen, Smyrna, Beyrut und Konstantinopel mit, und ausserdem versehe man sich mit einigen Sovereigns oder Napoleons, einigen spanischen Thalern und einigen Dutzend Piastern, um den ersten Bedürfnissen genügen und dem unvenneidlichen Verlangen der Orientalen nach Trinkgeldern nach Belieben gerecht werden zu können. Das Wort Bakschisch ist dasjenige, mit welchem der Beisende in der Levante zuerst vertraut wird. Es empfängt ihn, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt und hallt ihm bei der Heimkehr als Abscliieds- gruss nach. Es ist damit ein freiwilliges Geldgeschenk gemeint, welches der gemeine Orientale bei jedem Zusammentreifen mit Europäern, namentlich aber bei jeder Dienstleistung, sei sie noch so geringfügig, erwartet und beansprucht. Niemand ist gezwungen, ein Bakschisch zu geben, indess nöthigt oft die Klugheit dazu, und es ist nicht sowohl Freigebigkeit, als Sparsamkeit zu nennen, wenn dem Verlangen gewillfahrt wird. Wird zum Beispiel das Gepäck nach der Mauth gebracht und der Beamte macht Miene, es zu untersuchen, so steht er sofort von seiner Absicht ab, wenn das Wort Bakschisch ausgesprochen wird und ein paar Piaster aus der Hand des Reisenden in die seine gleiten. Findet der Wanderer im Orient beim Anbruch der Nacht die Thore eines Khan oder einer Stadt geschlossen, so ist Bakschisch der beste Schlüssel, der sie öffnet. Ueberhaupt gibt es kaum eine Schwierigkeit, die das magische Wort nicht überwände. Andere Geschenke zu geben, ist im Allgemeinen nicht mehr üblich. Früher war es Gebrauch, mit den Paschas, denen man vorgestellt wurde, Gaben zu wechseln. Dies ist in den letzten Jahren abgekommen. Wer sich indess länger an einem Orte aufhält und dort von einem Scheik oder Gouverneur Gefälligkeiten in Anspruch zu nehmen hat. kann den Wunseh hegen, sich erkenntlich zu bezeigen. Dann nehme er sich für ersteren eine Pfeifeiispitze von Bernstein, einen Tarbusch oder ein hübsches Messer, für letztem ein Taschenfernrohr, einen Revolver, Spielzeug für Kinder oder Zierrathen für Frauen mit. Wer viel unter dem Volke im Innern zu leben gedenkt, mag sich iiberdiess in Wien, wo dergleichen billig ist, mit einigen Dutzenden von recht grellfarbigen von Messing- oder Stahlzierrathen blinkenden Armbändern und billigen Taschenspiegeln versehen. Er kann sich namentlich in Syrien und Palästina manchen Freund damit machen. Den Consuln im Innern wird man in den meisten Fällen schon durch sein Erscheinen Freude bereiten, die durch das letzte Quartal einer oder der andern deutschen Zeitschrift oder durch ein neues epochemachendes Buch erhöht werden kann. Allgemeines für Orient-Beisende. 7 Ueber die Sprachen des Orients wird später das Nothwendigste bemerkt werden. Die Verbreitetstep sind das Arabische, das Türkische und das Neugriechische. Wer sie alle versteht, wird natürlich am Billigsten, Sichersten und Bequemsten reisen und den reichsten Gewinn an Erfahrung, das beste Bild des Volkslebens mit heimbringen. Von dem gewöhnlichen Reisenden ist eine solche Kenntniss nicht zu erwarten. Dieser wird sich mit dem Italienischen bekannt machen müssen, der Sprache, welche von den Sprachen des Abendlandes in der Levante am ausgebreitetsten ist. Wer nicht Italienisch kann, wird sich in den Küstenstädten mit Französisch und Englisch durchhelfen können; für alle Ausflüge in das Innere muss ein Dragoman genommen werden, über dessen Wahl und dessen Leistungen weiter unten alles Erforderliche zu sagen sein wird. Das kostbarste Gut, welches der Reisende auf seiner Tour mit sich führt, ist seine Gesundheit. Es ist zugleich dasjenige, welches von allen am meisten bedroht ist, und so nehmen Regeln zum Schutze desselben unter allen Rathschlägen, die hier zu ertheilen sind, die oberste Stelle ein. Was auch der Plan des Reisenden ist, wohin immer er seine Schritte lenken möge im Morgenlande, stets sollte er die Nothwendigkeit im Auge behalten, sich vor allen irgend bekannten Ursachen von Krankheiten der Länder zu hüten, wo ärztliche Hilfe in der Regel schwer und fast nie zu rechter Zeit zu erlangen ist. Zu diesem Zwecke merke und beachte man folgende Grundregeln: 1. Dass wir in heissen Klimaten nicht in der Weisq essen und trinken und nicht in dem Grade Strapatzen ertragen können, wie in der nördlichen Heimath. 2. Dass die Gemüthsruhe in diesen Ländern directen Einfluss auf die Kraft und Gesundheit der in ihnen lebenden Fremden ausübt, und dass die Geisteskräfte und die Verdauungsfunktionen in dem Maasse dieses Einflusses in Wechselwirkung zu einander stehen. 3. Dass man in Betreff der Diät, der Bewegung und der für Mahlzeit, Ruhe und Geschäfte festgesetzten Stunden des Tages sich nach Möglichkeit an das halten muss, was unter den Eingeb ornen der Länder, welche man besucht, als Regel gilt. 4. Dass in allen heissen Ländern der Körper zu seiner Erhaltung weniger Speise und namentlich weniger animalische Nahrung bedarf, als in der kalten Zone. 5. Dass der Reisende, welcher Wein oder Bier massig geniesst, wohl thut, dass er aber noch besser thut, sich des Genusses von beiden ganz zu enthalten, wenn er nicht sicher ist, sich massigen zu können. 6. Dass, was in kalten Ländern im Bereiche der Massigkeit ist, in heissen oft schon masslose Ausschweifung genannt werden muss. 7. Dass in Betreff der Diät für solche Länder keine allgemeinen und unabänderlichen Regeln gelten, sondern jeder nach seiner Körperbeschaffenheit geniessen oder enthaltsam sein muss. 8. Dass manche Dinge, die in dem einen Landstriche gesund sind, in dem andern als schädlich vermieden werden müssen. 8 Allgemeines für Orient-Reisende. 9. Dass Reinlichkeit, Heiterkeit, regelmässiges Leben und Vermeidung zu grosser und langdauernder Erhitzung und Durchnässung, vor Allem aber eine solche Eintheiluug der Reise, dass mau nicht zu lange der Nachtluft ausgesetzt ist, die Hauptmittel sind, durch die man sich in heissen Ländern vor Krankheit schützt. 10. Dass Aengstlichkeit, zu heftige Anstrengung und Völlerei die gewöhnlichsten Thüreu sind, durch welche der Körper dem Einflüsse endemischer und contagiöser Krankheiten geöffnet wird. 11. Dass in tropischen Klimaten zu üppig wuchernde Vegetation ein der Gesundheit nachtheiliges Miasma erzeugt (dies gilt vor Allem I von der nordöstlichen Küste Kleinasiens, wo die Kiescnwälder von Trapezunt und ganz Kolchis im Sommer die giftigste Fieberluft aushauchen); weshalb als Regel bei der Wahl eines Aufenthalts für längere Zeit zu gelten hat, dass der Boden und die sonstigen Natureinflüsse, welche dem Gedeihen von vegetabilischem Leben günstig sind, entgegengesetzte Wirkung auf das animalische haben. 12. Dass Trübsinn und Unruhe, häufiges Nehmen von Arzneien bei leichten Anfällen von Unwohlsein und andrerseits Vernachlässigung rascher Vorsichtsmassregeln und wirksamer Gegenmittel bei eiutreteudem schweren Unwohlsein Fremden in diesen- Ländern gleich verderblich sind Aus diesen zwölf Hauptsätzen der Diätetik für Reisende im Morgenlande leiten sich dann folgende bestimmtere Regeln für die Art, wie man sich einzurichten hat, ab: Wenn es irgend zu ermögli- i chen ist, so stehe man des Morgens um 5 Uhr auf und begebe sich des Abends vor 10 Uhr zu Bett. Man frühstücke, wo man die Wahl hat, um 8, esse zu Mittag um 3 und halte seine Abendmahlzeit um 8 Uhr. Auf der Reise halte man bei heissem Wetter von 11 Uhr . Morgens bis 3 Uhr Nachmittags Rast. Man hüte sich vor starker Bewegung oder Anstrengung unmittelbar nach dem Essen, und man ruhe stets vor der Mahlzeit eine halbe Stunde aus, wenn man stark gegangen oder geritten ist. Man trinke lieber Wein als Rum, Cognac oder andere Spirituosen und überhaupt kein geistiges Getränk vor dom | Mittagsessen. Man hüte sich vor sauren oder herben Weinen bei Ti- i sehe. Sie sind schädlich, auch wenn sie mit Wasser gemischt sind. Wo Wein nöthig ist, thuu ein oder zwei Glas von gutem Xeres oder Madeira die besten Dienste. Man nehme sich vor dem häufigen und reichlichen Genüsse der süssen kühlenden Getränke des Orients, der Limonade, der verschiedenen Scherbet-Arten u. s. w. in Acht. Man esse die einfachste Nahrung, vermeide cs, zu viele Gerichte zu gemessen, lasse alle Zuckerbäckerwaaren unberührt oder koste nur da- j von, und hüte sich, wenigstens so lange man noch Neuling im Lande j ist, vor allen Früchten, an die man nicht gewöhnt ist, besonders vor | frischen Datteln, Melonen, Aprikosen und allem säuerlichen Obst Ihm nehme gelegentlich ein warmes oder Dampfbad, hüte sich aber, in Afrika wenigstens, ohne Erlaubnis des Arztes kalte Bäder i zu nehmen, nicht weil dieselben unter Umständen nicht heilsam sein > Allgemeines für Orient-Reisende. 9 könnten, sondern weil sie Vorsiclitsinassregeln erfordern, welche ein ! Fremder nicht kennt. Allen und jeden, ausgenommen allein die, wel- ! che stark und kräftig, akklimatisirt und vollkommen frei von allen Unterleibsbeschwerdeu sind, müssen solche Bäder schädlich sein. Es sind mehr Fälle von verhängnissvollen Folgen kalter Bäder in heissen Ländern aufzuzählen, als die Hydropatheil glauben mögen. Andere Gesundheitsregeln für lleiseude im Orient sind nachstehende : Man trage in allen Jahreszeiten und bei allem Wetter ein ; Flanellhemd auf der blossen Haut; es wird dom daran nicht Gewöhnten zu Anfang sehr unbehaglich sein, aber vor Erkältung besser als alles Andere schützen. Man suche sich, während man schwitzt oder dem Winde ausgesetzt ist, niemals dadurch Kühlung zu verschaffen, dass man irgend welchen Theil der Kleidung ablegt. Man nehme sich in Acht, des Nachts in freier Luft zu sitzen, wenn der Tliau fällt. Man schlafe, wo üies zu vermeiden, nie in Zimmern, deren Fenster offen stehen. Man gebe (wenigstens in den Sommermonaten) jeden Gedanken an die Freuden der Jagd in diesen Ländern auf, da Durchnäs- sung und Sonnenbrand in den Gebüschen und Marschgründen, in denen das Wild haust, schon Vielen den Tod gebracht haben. Man , reise nur im Nothfall in der Zwischenzeit zwischen Sonnenuntergang j und Aufgang. Man setze sich, wenn dies nicht durch die Verhältnisse 1 geboten ist, nie in nassen Kleidern nieder. Man nehme seine Wohnung niemals auf längere Zeit in einem Hause, das in der Nähe eines Ufers, auf dem Ebbe und Flutli wechseln, oder hart bei morastigen Stellen liegt. Man beschäftige den Geist während der Mahlzeiten nicht mit ernsten Gedanken. Man widme nur ausnahmsweise die zum Schlafen bestimmte Zeit dem Studium oder dem Umgang mit Freunden. Man ; mache, wenn man sich an einem Orte länger aufhält, täglich ent- j weder zu Fuss oder zu Pferde Bewegung und wähle dazu die Stunden | von 5 bis 7 Uhr Morgens oder von 6 bis 8 Uhr Abends. Man hüte ; sieb, im Zuge sitzen oder stehen zu bleiben. Man quäle sich nicht mit Gedanken a.n kommende Uebel, berechne nicht, welche Schwierigkeiten sich möglicherweise auf dem Wege einstellen können, sondern halte sich einfach an das Wahrscheinliche, folge der Bahn, die man gewählt, mit frischem Muthe und lasse das Gespenst der atra cura denen sich [ auf den Sattel setzen, welche es nicht zu bannen im Stande sind. Man blicke der Gefahr, wo sie nicht zu umgehen ist. ruhig ins Auge und sei in Krankheiten entschlossen, sich von ihnen nicht unterwerfen zu lassen, sondern sie zu besiegen. Letzteres gilt namentlich von der Seekrankheit, der wenige entgehen, welche auf dem Mittelmeere oder auf dem Pontus zu fahren genöthigt sind. Sie ist nichts weniger als gefährlich, niemals tödtlich, aber vielleicht die unangenehmste und am meisten zu Verzweiflung und Lebensüberdruss stimmende unter allen leichtern Krankheiten. Das beste Mittel gegen sie ist, dass man so lange als möglich an der freien Luft bleibt und der Krankheit, wenn sie sich trotzdem einstellt und 10 Allgemeines für Orient-Reisende. uns einreden will, sie sei ein ernstliches Uebel, keinen Glauben beimisst. Ernster hat man es mit den Fiebern, namentlich den Wechselfiebern zu nehmen, und mit der bösen Fee Malaria, deren Kinder sie sind. Dieses feine Gift ist nicht blos über die Urwälder der westlichen Tropenwelt, sondern sehr stark auch über verschiedene Striche des Orients und zwar gerade über die schönsten Landschaften ausgegossen. Es zerstört die menschliche Gesundheit und raubt das Leben vielleicht mehr als irgend eine andere schädliche Substanz. Bekannt nur durch seine schädlichen Wirkungen, ist dieser unsichtbare, heimtückische Feind unsres Geschlechts von der Heilwissenschaft bis in seine Schlupfwinkel verfolgt und wenigstens nach einigen seiner Gewohnheiten beobachtet worden. Man weiss, dass er vorzüglich in sumpfigen Niederungen und in Waklthälern und deren Nachbarschaft wohnt, wo grosse Massen vegetabilischen Stoffes faulen. Man weiss ferner, dass die Malaria des Nachts gefährlicher als am Tage und besonders gefährlich im Herbste ist, und dass zu grosse Anstrengung, Nachtwachen und jeder schwächende Genuss Dinge sind, welche den Körper ihrem Einfluss zugänglicher machen. Bekanntlich ist Chinin das beste Heilmittel gegen das Fieber, welches sie bringt, und so sollte kein Reisender, der den Orient besucht, ohne ein Fläschchen mit Chininpillen und ohne Anweisung von seinem Arzte, wie sie zu gebrauchen, sich auf den Weg begeben. In Griechenlmul sind der August und die erste Hälfte des September die ungesundesten Zeiten dos Jahres, dann herrschen fast überall, und namentlich in den sumpfigen Gegenden, sowie in der Nähe von Seen allerlei Fieber, denen viele Eingeborene und Fremde zum Opfer fallen. Muss man sich in dieser Jahreszeit dort aufhalten, so nehme man sich in Acht, nicht in freier Luft oder bei offnen F’en- stern zu schlafen, sich um die Mittagszeit nicht den Strahlen der Sonne auszusetzen, sich im Essen und Trinken nicht zu übernehmen, keine rohen Pflanzenspeisen, keine Gurken, Melonen, Salate und kein Obst zu gemessen. Die Fülle von Obst, welche das Land hervorbringt, ist eine grosse Versuchung für Fremde, aber nichts ist gefährlicher, als dieser Versuchung nachzugeben. Die Hauptursachen der grossen Sterblichkeit unter den bayerischen Truppen, die mit König Otto nach Griechenland kamen, war die Gier, mit welcher dieselben von dem Obste des Landes assen und sich dem Genüsse des Weines überliessen. Aegypten hat sehr wenige Krankheiten, ja Its wird bekanntlich die Gegend von Kairo für Brustkranke als Aufenthaltsort empfohlen. Fieber sind äusserst selten, ausgenommen in der Nachbarschaft von Alexandrien, Damiette und einigen anderen Orten am Ausfluss des Nil. Als die einzigen Krankheiten, welchen Fremde im Innern ausgesetzt sind, können Diarrhöen, Dysenterie und Ophthalmie genannt werden. Hinsichtlich der beiden erstgenannten verschaffe man sich Verhaltungsregeln bei einem der europäischen Aerzte, die sich in Alexandrien und Kairo niedergelassen haben und unter denen sich mehre Deutsche Allgemeines für Orient-Reisende. n befinden. In Betreff der Ophthalmie (Augenentzündung) kann man sich in den meisten Fällen selbst helfen. Stellt sich eine leichte Entzündung ein, so bade man das Auge mit Rosenvvasser oder Weingeist; im letzteren Falle natürlich so, dass das Auge festgeschlossen und nur das Lid benetzt wird. Oft thut schon warmes Wasser oder der Dampf von kochendem dieselben Dienste. Endlich wird auch ein fleissiges Waschen mit einem lauen Absud von Mohnköpfen empfohlen. Die Ursache der Ophthalmie ist häufig in dem feinen Sand der Wüste gesucht worden. Das ist ein Irrthum. Augenentzündungen sind in der Wüste unbekannt, sie müssten denn aus dem Nilthale dorthin gebracht worden sein, und sie hören schon nach zwei bis drei Tagen auf, wenn der Kranke nach diesen trocknen Strichen kommt. Wir behaupten damit nicht, dass in die Augen gewehter Sand oder ein sehr starkes Sonnenlicht, zurückprallend von dem dürren kahlen Erdboden, dem Auge nicht schaden könnte; Staub und Sonnenschein auf Schnee- j flächen bringen ja dieselbe Wirkung in andern Gegenden hervor; allein i in Aegypten ist die eigentliche Ursache der Augenkrankheiten ander- ! wärts zu suchen. Sie liegt in dem Wechsel zwischen ausserordentlicher ! Trockenheit und Feuchtigkeit, der hier stattfindet. Aegypten hat vielleicht das trockenste Klima von der Welt, aber der Unterschied zwischen der fast stets trockenen Atmosphäre und den feuchten Ausdünstungen des Flusses, sowie der engen und der Kühlung halber stets besprengten Strassen Kairo’s und andrer Städte ist so gross, dass das Auge leicht davon angegriffen wird, vorzüglich wenn es in dem em- j pfänglichen Zustande ist, in welchen es durch die fühlbare und unfühl- ; bare Transpiration versetzt wird, welcher die Haut unterworfen ist. So i kommt es, dass während der Ueberschwemmungen des Nil, wo jene i Ausdünstungen am stärksten sind, die Ophthalmie am häufigsten beobachtet wird. Die Thatsache, dass die Krankheit sich sofort vermindert und nach wenigen Tagen ganz aufhört, wenn der Leidende in die Wüste geht, bestätigt diese Meinung. Sehr rathsam ist es, sich vor feuchtem Luftzuge in Acht zu nehmen, und wenn man genötliigt ist, des Nachts aus einem warmen Gemache oder der Kajüte eines Nilbootes zu gehen, sich Stirn und Augen, nachdem man sich vorher den Schweiss abgetrocknet, mit etwas kaltem Wasser zu waschen, wodurch die Transpiration beim Hinaustreten vor plötzlicher Unterbrechung bewahrt und das Auge auf den Temperaturwechsel vorbereitet wird. Ueber die Pest ausführlich zu sprechen, ist unnöthig. Jedermann wird sich hüten, nach Aegypten oder Syrien zu gehen, wenn sie dort wütliet. Jedermann wird sich sofort aus dem Lande entfernen, wenn sich Fälle der Krankheit zeigen. Kann er letzteres nicht ermöglichen, so begebe er sich nach Oberägypten oder halte gleich den andern Europäern in Lande Quarantäne, ln Alexandrien kommen Pestfälle selten in der Zeit zwischen September und Anfang Februar vor und das nur : in manchen Jahren. In Kairo ist man von Ende Juni bis Ende März ganz sicher. Im grossen Maassstabe tritt die Pest nur alle zehn bis zwölf Jahre auf. Man fürchtet sie übrigens bei Weitem nicht mehr so I 12 Allgemeines für Orient-Reisende. wie früher, da der Gesundlieitsrath stets passende Massregeln trifft und die .Behandlung der Kranken grosse Fortschritte gemacht hat. Das erste Mittel für den, der die Vorboten herannahen fühlt, sollte ein Brechmittel sein, welches, wenn es zu rechter Zeit genommen wird, dem Uebel oft Halt gebietet; ein Aderlass ist nicht zu empfehlen. Das Qaarantänehalten war bis vor wenigen Jahren ein sehr dunkler Funkt inmitten des Kranzes von Genüssen, welche eine Reise im Orient bot. Mit Grauen erinnerte sich der Tourist des Fegfeuerlebens, welches er in den Lazarethen der verschiedenen Küstenstädte durchzumachen hatte, ehe man ihn für hinreichend gereinigt hielt, um in das Paradies des civilisirten Lebens Einlass zu finden. Oft musste ein solcher Unglücklicher volle vierzig Tage (woher das Wort Quarantäne kommt) in diesen Orten sich langweilen und für schlechte Herberge bezahlen, als oh er im ersten Gasthofe gewohnt. Selten liess man ihn vor 10 Tagen aus seiner Haft, gleichviel, ob das Schiff, mit dem er gekommen, einen reinen Gesundheitspass oder nicht besass, d. h. gleichviel, ob es von einem Orte kam, wo keine Pest oder andere ansteckende Krankheit herrschte, oder von einem solchen, wo dies der Fall war. Dies ist jetzt beträchtlich besser geworden. Vernünftigere j Ansichten von der Natur der Ansteckung haben Platz gegriffen, und ' der Reisende ist jetzt nicht dem zehnten Theile der Plackereien ausgesetzt, welche ihn früher trafen. Fast in jedem Hafen der Levante ! ist die Quarantäne aut eine Beobachtung beschränkt worden, welche 24 Stunden dauert, und in den meisten Fällen ist sie factisch ganz abgeschafft, da man Dampfschiffen und Kriegsfahrzeugen die Zahl der Tage anrechnet, welche sie auf der Fahrt sind, sobald der Kapitän j versichert, dass er auf der See mit keinem Schiffe Vorkehr gepflogen hat. Die Regeln der Quarantäne sind indess steten Abänderungen unterworfen, da sie sich in der Hauptsache nach dem Staude der Gesundheit in der Türkei oder überhaupt dem Lande richten, welches das Fahrzeug zuletzt berührt hat. Wenn die Post, die Blattern oder die Cholera in der Türkei, Griechenland oder sonstwo ausbrechen, so wird in den Häfen des Mittelmeeres die Quarantäne verlängert, und wenn der Reisende das Unglück haben sollte, mit einem Schiffe zu segeln, das einen unreinen Gesundheitspass hat, so muss er sich auf einen langem Aufenthalt im Lazarath der Stadt gefasst machen, wo er an das Land steigt. Für solche wird es gut sein, sich zu erinnern, dass die besten Lazarethe der Levante sich in Syra, Korfu, im Piräus und in Malta befinden. In allen diesen Anstalten wird man unter Aufsicht eines Guardiano (W ächters) gestellt, welcher darauf zu sehen hat, dass man nicht mit seinen Mitgefangnen verkehrt. Versieht man es in dieser Beziehung und berührt man einen Reisenden, der später in das Lazareth gekommen ist, so muss man so lange eingesperrt bleiben, bis letzterer Pratica bekommt, d. h. bis derselbe für rein gilt. Ueberall werden Trinkgelder und andere Geldzahlungen verlangt, ehe man die Erlaubniss zum Herausgehen erhält. Verletzungen der Quarantänegesetze wurden früher Allgemeines für Orient-Reisende. 13 als todeswürdige Verbrechen bestraft und sic werden noch jetzt mit grosser Strenge geahndet. i Da die Quarantäne gewisse Bezeichnungen hat, welche dem Un- ’ eingeweihten nicht bekannt sind, so mag noch bemerkt werden, dass j Personen und Gegenstände, die ihr unterworfen sind, eontumaci und sporchi genannt werden, bis sie pratica , das heisst die Erlaubniss zum Herausgehen und zum Verkehr mit Andern nach Belieben bekommen. Früher, wo lange Quarantäne igelialten wurde, konnte die Zeit der . Haft dadurch abgekürzt werden, dass der Eingesperrte sich dem spoglio unterwarf, d. h. ein Bad nahm und seine Kleidung- wie sein Gepäck im Lazareth liess, indem er sich aus der Stadt Kleider verschaffte, die entweder gekauft oder geliehen wurden. Auf diese Weise liess sich eine Quarantäne von vierzehn Tagen auf sieben verkürzen. Vierzehn Tage ; nach der Ankunft im Lazareth erhielt man seine inzwischen vom Guardiano durchräucherten Effecten zurück. Für Deutsche (und selbst für Engländer) ist die billigste, schnellste und bequemste Fahrgelegenheit nach allen Küstenorten des Orients die über Triest führende. Der Nordwestdeutsche fährt von Hannover oder Cassel oder Cöln, der Norddeutsche von Hamburg, Berlin oder Königsberg nach Dresden und Wien. Der Südwestdeutsche begibt sich während des Frühlings, Sommers und Herbstes auf der Donau nach j der Haupstadt Oesterreichs, wobei er die schönsten Partien des Flusses j berührt. Von Wien fährt man mit dem Eilzuge der Südbahn bis Triest, ; wobei man die riesenhaften Brücken und Tunnels des Semmering, die romantischen Alpenthäler Steiermarks und hinter Laibach die öden Steinwüsten des Karst passirt, dessen interessanteste Punkte man von der Station Adelsberg aus besuchen mag. I Zwischen Wien und Triest verkehren täglich ein Eilzug, der den I 78 Meilen langen Weg in 16, und zwei Personenzüge, die ihn in 23 Stunden zurücklegen. Die Preise der verschiedenen Wagonclassen findet man in jedem der zahlreichen Verzeichnisse von Eisenbahnen u. s. w. angegeben, nur ist zu bemerken, dass dort die Preise in Silber zu verstehen sind, während die Gesellschaft der Südbahn dieselben in österreichischem Papiergelde zahlen lässt mit einem Agiozuschlage, der ; halbmonatlich wechselt und so in allen Bahnstationen angezeigt ist. i In der Nähe von Nabresina verlässt die Bahn das dürre, wild- I romantische Karst-Plateau, dessen traurige Einöde nur selten von einigen j Steineichen und kümmerlichen Weingärten unterbrochen ist, und wendet < sich scharf nach Südost, um längs des Karst-Abhanges in starker Neigung dem Seokessel zuzulaufen. Da plötzlich erscheint in der Tiefe, amphitheatralisch an den Abhang gelehnt, umgeben von Weinbergen und Olivenpflanzungen, aus denen zahllose, in italienischem Styl erbaute | Landhäuser hervorblicken, Triest, die Porta orientalis , die Haupthan- i delsstadt des adriatischen Meeres und ganz Oesterreichs. Rückwärts ! erheben sich über einer flachen Küste in der Ferne in scharfen Um- ! rissen weiss und röthliehgrau die Felshäupter der karnischen Alpen; ! gerade vorwärts ziehen sieh, von Buchten gespalten und spitze Land- 14 Allgemeines für Orient-Reisende. zungen in das Meer hinausstreckend, die Berge Istriens hin. Unten streckt sich, mehrere Hügel bedeckend, die weisse Stadt mit ihrem Castell hin. Im Hafen liegen zahlreiche Dampfer und Segelschiffe von allen Grössen, während rechts bis an den Horizont die blaue Adria sich ausbreitet. Schon dieser eine Eindruck ist es werth, dass der Reisende die Tour nach der Levante über Triest und nicht über Pest, Belgrad und Galacz macht. Wird die Reise im Spätherbst unternommen (und dies ist schon deshalb zu empfehlen, weil man auf diese Weise den Schnecstürmen und der Kälte des Nordens entgeht), so ist an eine Benutzung der Donaudampfschiffahrt ohnedies nicht zu denken. Aber auch im Sommer sollte diese Route vorgezogen werden, da man vielleicht an keiner Stelle den Unterschied zwischen unserm Norden und dem Süden so plötzlich und so eindringlich gewahr wird, als hier zwischen der starren grauen Welt des Karst und den selbst im Winter des Laubgrüns nicht ganz entbehrenden Gestaden der Bucht von Triest. Der bemittelte Reisende begebe sich vom Bahnhofe in das Hotel de la Ville. Dasselbe ist ein palastartig eingerichtetes Gasthaus auf I der Riva Carciotti, es hat im dritten und vierten Stockwerke eine herrliche Aussicht auf den Hafen. Die Einrichtung ist sehr elegant. Bäderanstalt Süss- und Meerwasser. Gespeist wird nach der Karte, und man kann Diners von 2 bis 24 Gulden haben. Ein einfaches Zimmer mit Bett kostet 1 '4 PL, eins mit 2 Betten 2 Fl., grössere Appar- i tements mit eleganterer Einrichtung mehr. Lohnbediente bekommen für den Tag 2 PI. Andere empfehlenswerthe Gasthäuser sind: Aquila j nera am Corso, der Hauptstrasse Triests. Zimmer sind für den Preis 1 von 1 bis 3 PI. zu haben. Hotel Daniel in der Via S. Nicolö, in nächster Nähe der Börse. Zimmer von 80 Nkr. aufwärts. Gespeist wird ä la carte. Ferner das Hotel de France im dritten Stocke des Strattisclien j Hauses zwischen dem Tergesteum und dem grossen Platze. Ein Zimmer ! mit Bett von 1 bis 1 '4 Fl., ein Zimmer mit 2 Betten von 1 '/ 3 bis 2 Fl. Endlich die Locanda grande (Grand Hotel), ein geräumiges, in neuester Zeit erweitertes und elegant eingerichtetes Gasthaus am Fischplatz (Pesclieria), wo ein Zimmer mit Bett 1 Fl., eins mit 2 Betten 1 Fl. 50 Kr., und das in der Nähe des Bahnhofes neu errichtete Hotel Europa können als die besten in Triest bezeichnet werden. Von Kaffeehäusern sind zu empfehlen: Tommaso, hart am Hafen, agli Specchi, Stella Polare, Europa felice. Die hiesigen Landweine sind eines Versuchs wertli, namentlich der Istrianer und Costrener. Refosco ist ein süsser, ziemlich feuriger, Prosecco ein weisser Schaumwein. Von Fischen sind mancherlei Arten zu haben; man versuche den Thunfisch. Austern sind billig, aber nicht so schmackhaft als die der Nordsee. Wer das Leben des niedern Volks zu beobachten wünscht, der besuche auf eine Stunde eine der Osterien, oder begebe sich auf den Fischmarkt, wo er besonders an Freitagen zugleich eine sehenswerthe Auswahl der Bewohner des adriatischen Meeres kennen lernen wird. Allgemeines für Orient-Reisende. 15 Von Buchhandlungen mögen die Coen’sclie am Corso, die Münster’sclie und die SchimpiTschc neben der Lcopoldssäule, nicht weit von der Börse, angeführt werden. In allen Kaffeehäusern liegen zahlreiche Zeitungen auf. Eine Fahrt durch die Stadt kostet mit einem einspännigen Fiaker 30 Kr., mit einem zweispännigen Fiaker 45 Kr. für die Viertelstunde. Die Stunde wird mit 1 Fl. 40 Kr. für Zweispänner, mit 1 Fl. für Einspänner bezahlt. Von der Plattform des Kastells, zu dessen Besuch cs einer Er- laubnisskarte vom Platzkommandanten bedarf, hat man eine gute Aussicht über den grössten Theil der Stadt und den Hafen. Die Kirchen Triests sind in architektonischer Hinsicht ohne Bedeutung. Der Dom, theils im Basiliken-, tlieils im Bundbogenstyle erbaut, ist ein Werk des 4. und 0. Jahrhunderts mit manchen Zusätzen aus der neuern Zeit. Früher stand ein römischer Tempel an der Stelle, von welchem noch Spuren sichtbar sind. Vor einem Scitcualtare rechts liegen Don Carlos, der spanische Prätendent und seine 2 Söhne, auf dem Friedhofe neben der Kirche der 1768 hier in der Locanda gründe ermordete Winkelmann begraben. Unter den öffentlichen Gebäuden verdient das Teatro gründe, die Börse und das daneben befindliche Tergesteum Erwähnung. Letzteres ist ein kolossales, palastartiges Gebäude, in dessen Parterresälen jetzt die Börse abgclialten wird. Die Einrichtung ist eben so elegant als praktisch. Eine Keihe von Zimmern enthält die ! wichtigsten deutschen, italienischen, französischen, englischen, griechi- j sehen und slavischen Zeitungen. Der Fremde, der von einem Mitgliede einem der Directoreu vorgestellt wird, darf 15 Tage lang unentgeltlich ■ diese Lesezimmer benutzen. Im ersten und zweiten Geschosse sind die Bu- reaux des Oesterreichisclien Lloyd, welches wichtige, in den Welthandel tief eingreifende Institut 1833 gegründet wurde und aus 3 Abtheilungen, den Assecuranzkammern, der Dampfschifffahrtsgesellschaft und der literar.-artistischen Section bestellt. Die Dampfschifffahrtsgesellschaft gehört zu den bedeutensten in Europa, im Jahrel868 hatte sie 65 Dampfschiffe von zusammen 14600 Pferdekraft und 56220 Tonnengehalt. Diese Schiffe haben im Jahre 1868 1422 Reisen gemacht und dabei 990029 Meilen zurückgelegt. Die Zahl der Keisenden betrug 294852, die Summen der Geldsendungen 108680790 Fl. und die der Waaren 4308282 Zollcent- ner. Das neue Arsenal in der Bucht von Servola ist im grossartigen Style angelegt und zerfällt in zwei Abtheilungen, deren eine ausschliesslich dem Schiffsbaue, die andere dem Maschinenbaue gewidmet ist. Von den Sprachen überwiegt in Triest die italienische, doch wird auch das deutsche verständlich gesprochen und fast überall verstanden. Sonst hört man auch viel slaviscli und griechisch, französisch und englisch sprechen. Das Klima gilt für ziemlich gesund, doch tritt oft ein plötzlicher und sehr empfindlicher Temperaturwechsel ein, der durch die zuweilen mit grosser Heftigkeit wehende Bora (Nordostwind) bewirkt wird. Den interessantesten Anblick in Triest bietet das Menschengewühl auf den Strassen und die Mannichfaltigkeit von Trachten, die 16 Allgemeines für Orient-Reisende. ; sich in denselben bewegen und in denen sich die Nähe des Orients schon sehr deutlich ankündigt. Die Bäuerinnen der Umgegend mit ihren schneeweissen Kopfhüllen, die Bauern mit ihren seltsam gestalteten Pelzmützen, den weiten Kniehosen und den thalergrossen Westenknöpfen, die Facchini (Lastträger) in braunen Kaputzenmänteln, zahlreiche Fez, bisweilen ein Turban, die griechische Fustanella, die eigenthümlielien, faltenreichen, wulstigen Pluderhosen der Dalmatiner, k. k. Militärs, Matrosen, Seecapitäne tummeln sich wie eine grosse i Maskerade über den Corso, der Sonntags belebter wie die Haupt- | strasse mancher grossem Stadt ist. j Zum Schlüsse ein Wort über die Sanitätseinrichtungen im Trie- ! ster Hafen, welche dem Leser einen deutlicheren Begriff von dem, was ; j er von der heutigen Quarantäne zu erwarten oder tu fürchten hat, | i geben, als er aus dem vorhergehend Bemerkten entnommen haben kann. ' : Seit 1852 werden in Triest alle Schilfe und Personen, mögen sie her- ; | kommen, woher sie wollen, wenn sie mit einem Sanitätspatent (patente : ; netta) versehen sind, ohne Verzug zur freien Gemeinschaft zugelassen. Nur die aus Aegypten und Syrien anlangenden Fahrzeuge unterliegen : noch einer Beobachtung von drei Tagen, während welcher übrigens j : alle Waaren und Personen an Bord des Schiffes bleiben können. Die ■ Dampfer des Lloyd, welche auf ihren Reisen stets von Sanitätswächtern j begleitet sind, bestehen diese Beobachtungszeit (riserva) während der ; Reise selbst, so dass sie sofort nach ihrer Ankunft freie Pratica haben, j Wenn dagegen die Pest oder das gelbe Fieber irgendwo wirklich herrscht, so tritt gegen die von dort eintreffenden Schiffe eine längere Contumaz i ein, in Folge welcher je nach den Umständen die Waaren in das La- ; zareth ausgeladen werden müssen, die Personen aber nach Belieben entweder an Bord bleiben oder sich im neuerbauten Lazareth ausschiffen können, wo ihnen unentgeltlich anständige Zimmer angewiesen werden. Schiffe und Personen, welche mit patente brutta aus Ländern kommen, wo die Pest herrscht, sind einer Contumaz von 15 Tagen unterwoifen. Wechseln die Personen sogleich nach ihrem Eintreffen die j Kleider, so ermässigt sich diese Zeit auf 12 Tage. Schiffe, Personen j und Ladungen, die aus Aegypten oder Syrien anlangen und mit einer i von dom Consulat einer europäischen Macht ausgefertigten patente j netta versehen sind, haben nur 3 Tage Contumaz zu halten; wenn i ihnen jenes Document fehlt, steigert sich die Contumaz für die Per- . sonen auf 4, für die verdächtigen Ladungen auf 7 Tage. | Fahrzeuge, Waaren.und Passagiere, welche aus andern ottoma- j nischen Häfen in Europa, Asien und Afrika kommen und mit dem j Certificat eines Consuls versehen sind, haben freie Pratica; mangelt jj ihnen das gedachte Zeugniss, so müssen sie 24 Stunden Contumaz ; halten. Schiffe und Personen, die aus den christlichen Häfen des | ‘ schwarzen und des azoff’schen Meeres und von den Donaumündungen ' anlangen, ohne die ottomanischen Zwischenhäfen berührt zu haben, 1 ] erhalten, gleichviel ob sie mit freier Pratica abgereist sind, dieselbe ^ auch hier, wenn sie nur patente netta haben. Sind sie aber ohne freie 17 Allgemeines für Orient-Reisende. Pratica und mit patente brutta abgefahren, so müssen sie nach Ausschiffung der Waaren und verdächtigen Effecten im Lazareth 14 Tage und die nach ihrer Eröffnung verdächtig befundenen Effecten 20 Tage Oontumaz halten. Schiffe, Personen und Ladungen endlich, die mit patente brutta aus einer Gegend kommen, wo das gelbe Fieber herrscht, haben 10 Tage Contumaz zu halten; auf einen reinen Gesundheitspass bekommen sie sofort die Erlaubnis zu freiem Verkehr. Für Diejenigen, welche sich einige Zeit in Triest aufhalten, genügen Ausflüge nach Contovello, Muggia, Capo d' Istria, Pola und vor Allem nach Venedig. Contovello bietet eine entzückende Aussicht auf den Golf und die Stadt Triest. In dem benachbarten Prosecco übersieht man einen grossen Theil des Karstes und erblickt in der grauen Steinwüste das riesige Berghaupt des Nanos, wo nach dem Volksglauben der Wohnsitz der Bora ist. In Miujgia besucht man die malerischen Ruinen einer- alten Burg. In Capo iV Istria sieht man Venedig en miniature. Nach Venedig geht wöchentlich dreimal um Mitternacht ein Lloyddampter ab, der gegen7 Uhr Morgens daselbst eintrifft; doch kann man täglich auch zweimal die ßahnzüge benutzen und in etwa 10 Stunden zu Lande dahin gelangen. Die Fahrpreise sind für die Dampfschiffe von Triest, für die Eisenbahn von Cornions ab in Silber zu entrichten. Wer eine ausführliche Schilderung der alten Lagunenstadt wünscht, um sich ihrer als vorbereitenden Führers zu bedienen und ein Andenken an die geschaute Herrlichkeit mitzunelunen, der kaufe sich „Venedig, j Herausgegeben vom Oestr. Lloyd. Triest, 1802.“ Es ist dies eine sehr i gute Zusammenstellung alles dessen, was dem Fremden in Venedig zu wissen nötliig ist, geschmückt mit 12 hübschen Stahlstichen und versehen mit einem Plane der Stadt. In miserai Zusammenhänge kann nur eine gedrängte Uebersieht gegeben werden. Um Venedig zu studiren, bedarf es zum Mindesten mehrere Monate. Um es gut zu sehen, braucht man wenigstens zwei Wochen. Die folgenden Bemerkungen sind für solche Reisende berech- net, rvelehe höchstens drei Tage auf einen Ausflug dahin verwenden i können. Hotels ersten Ranges sind in Venedig : Hôtel royal Daniel! an der riva degli Scliiavoni ; Hôtel St. Marc j am Marcusplatz; Hôtel d’Europe am grossen Kanal, Hôtel Vittoria, in ! der Frezzeria; Hôtel d’ Italia und Hôtel Stella d' oro, Besitzer Bauer und Grünwald, in der Nähe des Marcusplatzes und vorwiegend deutsches ; Hôtel zur Stadt München, Hôtel New-York am Canal grande, Hôtel la Luna dicht am Marcusplatze und mehre andere in der Nähe desselben. In den Hotels ersten Ranges zahlt man für ein Zimmer täglich 3—15 Franken, doch kommt dabei ausser der Lage die Jahreszeit sehr in Betracht. Gedenkt man länger in Venedig zu bleiben, so wird man gut thun, vorher nach den Preisen der Zimmer zu fragen und sich nach getroffener Wahl mit dem Wirth zu einigen. Es ist ge- T » 18 Allgemeines für Orient-Reisende. bräuchlich und auch wohlfeiler im Eaffeeliause zu frühstücken. Auch diniren kann man, ohne dass es auffällt, ausser dein Hause; die Table d’hôte, gewöhnlich um 5 Uhr, kostet 3—5 Franken per Couvert und dürfte meist zu empfehlen sein. Von Kaffeehäusern sind Florian, Qua- dri, Specchi. Svizzero, Français, alle am Marcusplatz, sowie das kürzlich wieder eröffnete Kaffeehaus im Giardinetto mit herrlicher Aussicht 1 die besuchtesten. In Venedig rechnet man seit 21. October IStiß in italienischen j Lire. 1 Lira ist — 100 centesimi — 1 Frank — 40 österr. Nkr. — : 8 Silbergroschen. Daneben sind im gewöhnlichen Verkehr auch noch ! die alten österr. Bezeichnungen nach Zwanzigern und Gulden keineswegs verschollen. Fiaker gibt es bekanntlich in Venedig nicht, sondern inan bedient sich zu Ausflügen durch die Stadt der Gondeln. Es gibt deren zwei- und eiurudrige, von denen erstere doppelt so viel als letztere kosten. Reisende, welche mit der Eisenbahn ein treffen, finden sowohl Omnibusbarken als Gondeln beim Ausgange am Balmhofe zur Ab- , fahrt bereit. Wer sich der ersteren bedienen will, hat nur seinen Gast- ! hof zu nennen, um sofort an die betreffende Barke gewiesen zu w r er- I den. Das Dampfschiff von Triest ankert der Piazzetta gegenüber und hält also in nächster Nähe der frequentirtesten Gasthöfe. Für Gondeln mit einem Ruder, deren Tarife an allen besuchteren Abfahrtsplätzen angeschlagen sind, zahlt man innerhalb der Stadt für eine Stunde 1 Lira, und für jede folgende halbe Stunde 25 Centesimi mehr, l'iir 1 Tag von 10 Stunden 5 Lire. Von der Eisenbahn-Station nach ! irgend einem Puncte bis San Marco oder umgekehrt 1 Lira, vom j Dampfschiffe nach der Piazzetta oder umgekehrt 50 Centesimi. Für j jedes Gepäckstück, das nicht in der Hand getragen werden kann, bezahlt man extra 15 Centesimi. Der Reisende, welcher nur wenige Tage auf die Besichtigung' : Venedigs verwenden kann, bedarf unbedingt eines Führers, und deren i gibt es eine grosse Anzahl. j Der Reisende, den wir vor Augen haben, ward wohl thun, wenn ! er sich zu beschränken weiss, sich mit Besichtigung der Hauptseliens- 1 Würdigkeiten begnügt, und den Führer von vornherein darüber ver- : ständigt. Diese Hauptpunkte besuche man in folgender Ordnung: 1. Tag. Marcusplatz, die alten und die neuen Procuratien, den Torre delV orologio, den Campanile (den man der Aussicht wegen besteigen mag), die Loggetta am Fusse desselben, die Marcuskirche und den alten Dogenpalast. Die Marcuskirche, eine Basilika, zu deren Verschönerung alle Jahrhunderte beigetragen haben, in welcher indess der byzantinische und der maurische Styl vorherrschen, zeichnet sich auch durch ihren Reichtliuin an Mosaikbildem und seltenen Steinarten [ aus. Man betrachte die 4 Bronzepferde über dem Eingang, die aus der Zeit Nero’s stammen, die kostbaren Säulen der Façade, die Mosaiktafeln neben den Pferden, die metallnen Thüren. die Mosaikbilder der e T ■/ Allgemeines für Orient-Beisende. 19 Decke, den Hochaltar, die Sakristei, die Kapellen Zeno, della Madonna dei Mascoli, Santo Isidoro, endlich die Reliquien und Kostbarkeiten des Kirchenschatzes. Im Dogenpalast werden ausser den mit den herrlichsten Gemälden geschmückten Empfangs- und Rathssälen der alten Zeit die berühmte Marcusbibliothek, die unterirdischen Kerker (Pozzi) und die Seufzerbrücke gezeigt. Dem Dogenpalast gegenüber liegt, an der sogenannten Piazzetta, der königliche Palast, das Meisterwerk Sansovino’s, und rechts davon das prachtvolle Münzamt (la Zecca). 2. Tag. Der Canale grande, welcher die Stadt in zwei Hälften theilt und als ihre Hauptstrasse gelten kann. Man nimmt zu diesem Zwecke eine Gondel an der Piazzetta und lässt sich langsam bis dahin rudern, wo der Kanal sich erweitert und in der Ferne die prachtvolle Eisenbahnbrücke sichtbar wird. Auf dem Rückwege mag man zur Besichtigung der auch im Innern sehenswerthen Gebäude aussteigen. Zu letzteren gehören: der Palazzo Treves mit vielen guten Gemälden, der Palazzo Morosini, nicht weit vom Canale grande entfernt und die Bilder der acht Dogen aus dieser Familie enthaltend, der Palazzo Giustiniani, die Paläste Foscari, Mocenigo, Pisani (mit dem berühmten Gemälde P. Veroneses „Darius' Familie vor Alexander d. Gr.“ und andern Bildern), Mangili, Sagredo, Tron mit einem sehr reichhaltigen Museum, Manfrin mit einer der besten Sammlungen von Bildern ve- netianischer Meister und der Palazzo Valmarana, dessen Gemälde indess nur auf besondere Erlaubniss des Besitzers zu sehen sind, lieber den Canale grande führt ausser der Rialto-Brücke auch eine eiserne Brücke. 3. Tag. Früh nach der Akademie, welche die vollständigste Sammlung der Gemälde venetianischer Schule, darunter die besten Werke Tizians, Tintorettos, Paolo Veronese’s, Giorgione's, Palma Vecchio’s und Bordone’s enthält, dann nach den Kirchen, von denen ausser der Marenskirche die Sta. Maria gloriosa dei Frari, Sti. Giovanni e Paolo, Sta. Maria della Salute und San Giorgio maggiore die selienswer- thesten sind. Die Kirche Sti. Giovanni e Paolo ist das Pantheon Venedigs, da hier die Mehrzahl seiner berühmten Männer, namentlich viele Dogen ruhen, ln der Kirche Sta. Maria gloriosa dei Frari befinden sich die prachtvollen Mausoleen des Dogen Pesaro, Tizians und Canovas. ln den Machmittagsstunden besuche man das Arsenal oder eine der Inseln. An den Abenden mag man in eines der Theater, unter denen das Teatro la Fenice das grösste und beste ist, gehen oder in einem der Kaffeehäuser unter den Procuratien venetianisches Leben studiren. Geographisches, 23 ERSTES KAPITEL. Geographische und ethnographische Verhältnisse. — Abriss der Geschichte des Landes. — Die alte Religion und die Darstellung der Götter durch die Kunst. — Der Glaube an Unsterblichkeit und der Leichendienst der alten Aegypter. — Die Hieroglyphen. -- Die geeignetste Zeit /.um Aufbruch. — Der beste \Veg von Deutschland nach Aegypten. Ansrüstung. — Geld, Alaass, Gewicht. — Preise in den Bazars und Läden von Kairo und Alexandrien — Consuln und Consnlaragenten. — Fivmane _— : Dragomane. —. Briefpost. - Gesundheitsregeln. --- Dysenterie, Fieber, Ophthalmie, | Pest. — Die .Tagil. - Die gewöhnliche Tour. — Zeit- und Kostenaufwand für dieselbe. Aegypten wird das NilthaL mit der dasselbe auf beiden Seiten begrenzenden Wüste vom Mittelmeer bis zum ersten Katarakt genannt. Der Name ist griechischen Ursprungs. Die alte einheimische Bezeichnung war Ilemi, d. li. schwarz, schwarzes Erdreich im Gegensatz gegen die helle röthlichgelbe Farbe der Wüste. Die Bibel nennt es Mizraim, die Araber, welche es jetzt innehaben, bezeichnen es mit dem Worte Masr. Aegvpten im engern Sinne dehnt sich als langge- j streckte Oase von 24° 0' bis 31° 30' n. Br. ans. In der Breite gewinnt die fruchtbare Thalsohle nur da, wo der Nil sich in zwei Arme getheilt hat, das heisst im Delta, einige Ausdehnung und fallt hier zwischen 27° 30' und 30° 40' ö. L. Die mittlere Breite beträgt oberhalb Kairos ungefähr 1Meilen. Die Macht der ägyptischen Herrscher reichte aber einst viel weiter, und die Herrschaft des jetzigen Vicekönigs umfasst die Länder bis über die Vereinigung des Weissen j und Blauen Nil, die Küste des Rothen Meeres bis Sauakin (if) 11 n. Br.) , und im Siidwesten Kordofan, welches sich bis zu 27° nach Westen erstreckt. Flüsse kennt diese Oase ausser dem Nil, der sie allein bewohnbar macht, nicht. Gebirge ebensowenig: denn es sind mir Thalwände, welche die Flussebne begrenzen, und dieselben erheben sich fast, nirgends höher als einige hundert Fuss über den Stromspiegel. Das Delta ausgenommen, wo nicht selten Regen fällt, ist die | Luft Aegyptens sehr rein und trocken, und es sind Fälle vorgekom- i men, dass es in Oberägypten mehrere Jahre hindurch gar nicht regnete, j Die mittlere Jahreswärme ist in Alexandrien 16, in Kairo 18, in The- j ben 23° R. Der heisseste Monat ist der August, wo das Thermometer ! in Kairo bisweilen bis auf 42, in Oberägypten bis über 40° Wärme ' im Schatten steigt. Im Winter sinkt die Temperatur zu Kairo mit- | unter bis auf 3 U 11., doch nur in der Nacht. So lange die Sonne scheint, ist in der Kegel selbst im Januar eine sommerliche Hitze. In der Zeit vom Juni bis Januar herrschen nördliche, im Januar. ! Geographisches. Februar und März nordwestliche, im April und Mai häufig die heissen und austrocknenden Winde, welche Chamsin genannt werden. | Die Hügelketten des Nilthals bestehen in der Gegend von ' Assuan aus Granit und Syenit, von dort bis Fl Kal) aus Sandstein, |i endlich von El Kab bis zum Meere, also in dem bei weitem grössten j Theile des Landes aus Nummulithenkalk. Die Flora Aegyptens ist ji die der übrigen südlichen Küstenländer des Mittelmeeres. Von Früchten bringt das Land alle sogenannten Südfrüchte, von Getreidearten vorzüglich Durrha, Weizen, Gerste, Bohnen und Linsen hervor. Ausserdem wird viel Tabak, Reis, Baumwolle, Zuckerrohr, Flachs, Hanf und Indigo gebaut, auch pflanzt man alle unsere Gartengemüse Auf , die Blumenzucht wird nur im Fayum Sorgfalt verwendet, wo man grossen Rosengärten begegnet. Die Getreideernte in Unterägypten ; findet Mitte März statt, im Süden erzielt man durch künstliche Be- 1 Wässerung eine doppelte und selbst eine dreifache Ernte. Wälder hat | Aegypten nicht, die Haine von Dattelpalmen, die es besitzt, sind von ! Menschenhand gepflanzt. ; Im Uebrigen ist das Land arm an Bäumen, unter denen ausser Gartenbäumen die Sycomore, die Nilakazie und die Tamariske noch | am häufigsten sind. Von unsern Hausthieren kommen alle Gattungen i vor, ausserdem zahlreiche Kameele und Büffel. Ueber die wilden Thiere | des Landes wird weiter unten hei Erwähnung der Jagd das Nöthigste j' bemerkt werden. j Die Erzeugnisse Aegyptens sind im Laufe der Jahrhunderte in ; vieler Beziehung andere geworden. Der Weinstock, früher viel angebaut. ist jetzt auf das Fayum- beschränkt, die Papyrusstaude ist fast ganz verschwunden, und ebenso flndet sich der Lotos seltner. Die altägyptische Fauna hat sich in die Gegend von Meroe und weiter südlich zurückgezogen, Dagegen sind Kameele und Büffel eingeführt worden, die einst entweder unbekannt oder nicht wie. jetzt benutzt waren, gleich dein Tabak, dem Mais, dem Reis, dem Zuckerrohr und andern nützlichen Gewächsen. I Auch der Mensch ist seit dem Einbruch der Araber hier vielfach ein anderer geworden, und zwar ist das Volk im Allgemeinen von seiner frühem Höhe herabgesnnken. Die Bevölkerung muss in der Pharaonenzeit gegen sieben Millionen betragen haben, die unter Amasis in mehr als 20,000 Ortschaften wohnten. Jetzt ist sie auf I höchstens 3—3'/ 2 Millionen zu schätzen. Davon sind etwa 1,750,000 muhamedanische Araber, gegen 150,000 christliche Kopten, 12,000 ji Türken, 5000 Syrer, 5000 Griechen, ebensoviele Juden, 2000 Armenier. I Der Rest besteht aus Nubiern, Negern aus Innerafrika nml Europäern, , unter denen die meisten Griechen, Franzosen und Italiener sind. Tn der ältesten Zeit zerfiel das Land in Ober- und Unterägypten, von denen letzteres bis zum Fayum reichte. Später trat eine Dreitheilung in Ober-, Mittel- und Unterägypten ein — Abtheilungen, die wieder in kleinere Kreise, Nomen, zerfielen, von denen es unter Sesostris .‘16, zu Plinius' Zeiten 46 gab. Jetzt ist Aegypten in drei Geschichtliches 25 Theile: Masr el Bacliri, El Wustani und El Said getheilt, die wieder aus einer Anzahl von Provinzen und kleinern Bezirken zusammenge- ! setzt sind. Der seit den ältesten historischen Zeiten Aegypten bewohnende ; Stamm war aus Asien eingewandert, nicht, wie man früher annahm, j aus Aethiopien, und ebensowenig stieg die Civilisation im Mithaie | aus Süden herab. Der älteste Königssitz war This in Oberägypten. I Vorher regierten Götter und Halbgötter über das Land. Von This ging der erste geschichtliche König Menes oder Mena aus. ln This jl hatten seine unmittelbaren Vorgänger, die als thinitische Dynastie auf ■ ! die Halbgötter folgenden Nekyes regiert, deren Stamm sich nach | Menes als zweite thinitische. Dynastie fortsetzte. Menes verliess diesen : | Stammsitz und gründete für sich und seine Nachkommenschaft die : neue Residenz Memphis. Sein Geschlecht herrschte acht Generationen j hindurch neben der thinitischen Dynastie, welche der memphitischen I untergeordnet war. und gründete in Memphis Tempel und Paläste. I An die Dynastie des Menes, welche 252 Jahre regierte, schloss >: sich die dritte memphitische Dynastie an. deren zweiter König Sesorthos . bereits den Bau mit behauenen Steinen einführte und Sorge für die I Entwickelung und weitere Anwendung der Hieroglyphenschrift trug. In | das Ende dieser an 200 Jahre regierenden Dynastie fallen die ältesten ■| uns erhaltenen Monumente, die Pyramiden von Daschur. Sehr reich entfaltete sich das Leben der ägyptischen Kunst zur ! Zeit der nun folgenden vierten Dynastie. Ihr und der fünften gehören ; die Pyramiden von Giseli mit den benachbarten zahlreichen Privatgräbern an, die voll von Skulpturen sind. Die vierte Dynastie bestieg ; nach Lcpsius 3427 v. Chr. den memphitischen Thron, und schon in ' jener Zeit finden wir hier ein in allen Künsten des Friedens hoch |; unterrichtestes Volk, einen geordneten Staat, eine ausgebildete .Religion. ; eine allgemein verbreitete Schrift, kurz eine Civilisation, die in allen ii wesentlichen Punkten bereits ihre Reife erlangt hat. j Die fünfte Dynastie schliesst sich in allen Stücken der vierten j an. Doch erhob sich neben ihr wieder eine unabhängige oberägyptische, | die sechste Dynastie Manethos. des Chronisten der Pharaonen, dem wir hierbei folgen. Der Stammsitz dieser Seitendynastie war die Insel Elephantine. und es gehörten ihr der König Phiops und die bekannte Königin Nitokris an, von denen ersterer hundert Jahre regiert haben soll. | Unberühmter waren die nächsten memphj'tischen Dynastien, i Unter ihnen erhöh sich die elfte wieder in Oberägypten, w r o sie die Re- ! sidenz Theben gründete. Die zwölfte, ebenfalls in Theben, vereinigte | um 2300 v. Chr. ganz Aegypten zu Einem Reiche und erweiterte ihre ; Herrschaft bis weit nach Nubien hinein. Unter ihr wurde der Mörissee gegraben und das Labyrinth erbaut. Unter den verschiedenen Resten |! der von diesen Königen errichteten Bauten sind die Grabgrotten von 1 Benihassan die schönsten und lehrreichsten. | Nach dieser Dynastie fand ein Einbruch semitischer Völker in i Aegypten statt. Sie bemächtigten sich Unterägyptens, hielten auch das 26 Geschichtliches. obere Land in Abhängigkeit und beherrschten von Memphis aus den grössten Theil Aegyptens mehrere Jahrhunderte hindurch. Sie sind unter dem Namen der Hyksos bekannt und bilden bei Manetlio die 15. und 16. Dynastie, während die von ihnen abhängigen in Oberägypten eine Scheinherrschaft fortführenden einheimischen Könige als 13. und 14. bezeichnet sind. Erst im 17. Jahrhundert v. Clir. ermannten sich letztere und erhoben sich als siebzehnte Dynastie gegen die Eindringlinge, die nach langem Kampfe von dem Pharao Thotmes III. zum Abzug nach Palästina genöthigt wurden. Jetzt erhob sich das Land zu hoher Kraft und BHithe, und es entstanden unter der 18. Dynastie im ganzen Lande grossartige Baudenkmäler, deren Beste wir noch heute bewundern. Einer der grössten Pharaonen dieser Periode war Amunoph III., welcher in der Memnonsstatue von Theben dargestellt ist. Nach ihm begannen Thronstreitigkeiten und Beligionskämpfe, welche die Einführung eines einfachen Sonnencultus bezweckten, und denen durch Horus, den letzten Herrscher dieser Königsreiche, ein Ende gemacht wurde. Es folgte die 19. Dynastie, die ruhmvollste von allen, welche die im Innern erlangte Kraft nach Aussen wendete, siegreiche Kriege bis nach Indien und weit nach Aetliiopien hinauf führte, unermessliche Beute zurückbrachte und diese Eeichthiimer zu den grossartigsten gemeinnützigen Unternehmungen und den gewaltigsten Kunstschöpfungen im eignen Lande verwendete. Die berühmtesten Könige derselben waren Setlios I. und Ramses II. Der erstere regierte über 50, der letztere, unter welchen nach Lepsius die mosaischen Ereignisse fallen, 66 Jahre. Aber erst 1311 v. dir., unter Menephta. dem schwachen j Eolme Ramses II. (Sesostris) sollen die Israeliten aus dem Lande gezogen sein. Die Grenze der ägyptischen Macht und Grösse war erreicht. Auf Sesostris folgten zunächst schwache Fürsten. Die 20. Dynastie hatte im Ramses III. (dem Rhampsinit der Griechen) noch einen grossen kriegerischen und kunstliebenden König. Seine Nachfolger aber verfielen in Abhängigkeit von den Priestern, welche in der 21. Dynastie aus ihrer Mitte Könige auf den Thron erhoben zu haben scheinen. Dev Glanz Thebens sank, und Memphis wurde wieder die erste Residenz des Landes. Noch einmal bestieg in Scheschonk I. (der 22. Dynastie angehörig) ein energischer Herrscher den Thron , dann aber ging der Verfall des Reichs unaufhaltsam fort, bis mit dem Ende der 24. Dynastie Aegypten in die Hände des äthiopischen Eroberers Sabakon oder Schebek fiel, welcher mit seinen Nachfolgern die 25. Dynastie bildet. Der letzte derselben, der Tirhaka der Bibel, kehrte freiwillig nach Aethiopien zurück und wurde daselbst der Gründer blühender Königsgeschlechter. welche ägyptische Bildung und Kunst in Aethiopien ein- j heimisch machten und es zu einer gewissen Selbständigkeit erhoben, i Nach dem Abzüge der Fremdlinge erwachte die nationale Kraft j des Volks von Neuem. Es trat zuerst eine revolutionäre Epoche ein, j welche von Herodot als eine Herrschaft von zwölf Fürsten (Dodek- ! Geschichtliches. 27 arcliie) bezeichnet wird. Bald aber kam das legitime saitische Königshaus mit Hülfe ins Land gerufener griechischer Söldner in der Person Psammotichs I. wieder auf den Thron. Unter ihm und seinen Nachfolgern. der 26. Dynastie, nahm Aegypten einen Aufschwung, der an die besten Zeiten des alten Reichs erinnerte. Aber nach kaum anderthalb Jahrhunderten war auch diese Bliithezeit vorüber. Die Perser kamen und im Jahre 525 v. Chr. eroberten sie unter Kambyses ganz Aegypten, welches von ihnen zur persischen Provinz gemacht wurde. In diese Zeit fällt die Zerstörung der Tempel von Theben und Memphis. Aegypten blieb in diesem Zustande bis 405, erhielt dann für 65 Jahre noch einmal seine Unabhängigkeit unter der 29. und 30. Dynastie des Manetho. und wurde 340 v. Chr. zum zweiten Male von den Persern unter Ochus erobert. Acht Jahre später, 332 v. Cr., fiel es an Alexander den Grossen, dessen Feldherr sich 305 zum König von Aegypten erklärte und die Dynastie der Ptolemäer gründete. Die Zeit der griechischen Herrschaft war für alles Nationale in Aegypten eine Zeit raschen Verfalls. Alexandrien wurde Mittelpunkt des Reichs und zugleich Brennpunkt griechischer Gelehrsamkeit und griechischer Prachtliebe. Unter den Künsten erhielt sich noch am kräftigsten die Architektur. Eine Reihe stolzer Tempel, die von den alten Formen wenig abweichen, in Dendera. Theben, Esneh, Edfu. Ombos und Philä legen davon Zeugnis« ab. Dagegen verfiel die Skulptur und Zeichnung. Die greuelhafte Sittenverderbniss, welche in der Herr- schorfamilie immer mehr um sich griff, theilte sich dem Volke mit und führte schliesslich auch unter Kleopatra zum Untergänge des Staats. Nach der Schlacht bei Actium im Jahre 30 v. Uhr. wurde Aegypten als Provinz dem römischen Reich einverleibt. Schon im ersten Jahrhundert nach Christus wurde das Christenthum — der Sage, nach durch den Evangelisten Marcus — nach Aegypten gebracht. Es verbreitete sich rasch, erzeugte in den Wüsten von Theben die ersten Einsiedler und Mönche und machte Alexandrien zum Schauplatze der heftigsten und gelehrtesten theologischen Kämpfe. Doch lassen sich noch hieroglyphische Inschriften in ägyptischen Tempeln bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts nachweisen. und in Philä wurde der Isiscultus erst im 6. Jahrhundert, unter Justinian, aufgehoben. Bei der Theilung des römischen Reichs, 395 n. Chr., wurde Aegypten den morgenländischen Kaisern überlassen, die es bis 638 -beherrschten, in welchem Jahre es von Amru. dem Feldherrn des Kalifen Omar, erobert wurde. In Folge dieser Eroberung drang der Islam und eine zahlreiche arabische Bevölkerung in das Land, und das Christenthum sowie die Eingebomen wurden fast ganz vernichtet. Im Jahre 868 machte sich Achmed, der Statthalter Aegyptens, von dem Kalifen unabhängig und gründete die Dynastie der Tuluniden. doch schon 905 ging die, Herrschaft wieder anf die Kalifen von Bagdad über, aber nur. um ihnen 935 von Neuem durch Mohammed den Ichschiden entrissen zu werden. Im Jahre 969 eroberte Moos, der fatimidische Geschichtliches. 28 Kalif, das Land und gründete Kairo, liio glanzvolle Herrschaft der Fatimiden ward schon 1171 durch Saladdin vernichtet, dessen Dynastie, die der Eijubiden. bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts herrschte. Unter ihm ward das Land an seine aus erkauften Sklaven bestehenden Kriegerschaaren, die Mamluken, als Lehen vertheilt, welche die Bauern bald völlig zu Leibeigenen machten und im Jahre 12a0 sogar die Herrschaft des Staatsoberhauptes in der Weise an sich rissen, dass sie fortan unter selbstgewählten Sultanen eine wilde und blutige Prätorianerdespotie bildeten. Dieser Zustand währte bis 1517. wo der türkische Sultan Selim I. das Land eroberte und als Provinz seinem .Reiche einverleibte. Von da an wurde Aegypten durch Paschas regiert, deren Macht indess durch die Mamluken sehr beschränkt wurde. Unter der rohen Herrschaft der sich fortwährend bekämpfenden Türken und Mamluken kam das Land immer mehr herab. Günstig dagegen wirkte der Einfall der Franzosen 1798, welcher eine Demü- thigung der Mamluken und die Einführung einer geordneten Landesverwaltung im Gefolge hatte und durch den Aegypten vielfach Keime eines neuen Lebens empfing. In noch höherem Grade geschah dies seit ; 1800, wo Mehemed Ali zum Statthalter Aegyptens ernannt wurde. Die erste erfolgreiche That dieses energischen Mannes, der in vielen Beziehungen an Peter den Grossen erinnert, war die vollständige Vernichtung der Mamluken, seine zweite die Organisation eines regelmässigen Heeres und einer Flotte. Sodann arbeitete er mit aller Kraft auf ;die Entwickelung der natürlichen Hülfsquellen des Landes hin, freilich nur zu dem Zwecke, um die Steuerkraft desselben zu heben. Es wurden Kanäle gegraben, das unter den Mamluken ganz verfallene Bewässerungssystem verbessert, mehrere wichtige Culturen, namentlich Zuckerrohr, Baumwolle und Indigo eingeführt u. s. w. Dagegen war die Errichtung verschiedener Fabriken ein Missgriff und zugleich, da der Pascha alleiniger Besitzer derselben blieb und die Eingebornen darin als Sklaven zu arbeiten genöthigt waren, ein schreiendes Unrecht. Noch mehr gilt dies von der Anordnung, nach welcher der Bauer (Fellah) genöthigt wurde, den ganzen Ertrag seines Feldes dem Pascha zu willkürlich festgesetzten Preisen zu verkaufen, dagegen seine Bedürfnisse aus den Magazinen der Regierung zu entnehmen. Auch die Massregeln zur Hebung des Handels kamen nur dem Pascha zu Gute. Selbst die Lehranstalten, welche derselbe gründete und die Sendung junger Aegypter auf europäische Hochschulen, die Errichtung von Telegraphen, die neue Eintheilung des Landes und die Ausarbeitung eines neuen Civilgesetzbuches nach dem Muster des Code Napoleon brachten dem Lande nur wenig Gewinn, da sie mehr darauf berechnet waren, den persönlichen Zwecken des Paschas zu dienen. Dagegen litt der letztere keine andere Bedrückung des Volks, als die von ihm selbst ausgehende und seine Anstrengungen, das Land vor Räubern und Dieben zu sichern, waren lobenswert!) und heilsam. " -V Geschichtliches. 29 | Die gewonnene Macht wurde von Meheincd Ali geschickt nach : Aussen verwendet. Ein Feldzug seines Adoptivsohns Ibrahim Pascha unterwarf 1816 ganz Arabien, Nubien, Seimaar und Kordofan. Sodann schritt er zu Gunsten der Pforte im Kampfe gegen Griechenland ein. > Endlich wendete er seine Waffen gegen den Sultan selbst und versuchte, i ihm Syrien zu entreissen und wo möglich ein unabhängiges Reich zu stiften, dessen Mittelpunkt Aegypten sein sollte. Die Eroberung Syriens gelang im Jahre 183 i, indess nöthigte die Einmischung der europäischen Mächte den Pascha zum Frieden von Kiutahia (1833), in dem | sich Mehemed Ali mit der blossen Statthalterschaft über Syrien be- i gnügen musste. 1839 brach der Kampf nochmals aus, die Türken ; wurden von den Aegyptern unter Ibrahim Pascha wieder geschlagen, die türkische Flotte ging über und schon bedrohte Ibrahim Pascha Konstantinopel, als die europäischen Mächte abermals zu Gunsten der Pforte einschritten und Mehemed Ali zur Unterwerfung zwangen. Nach dem damals abgeschlossenen Vertrage ist das Verhältniss des Lehnstaats Aegypten zur Pforte folgendes: den männlichen Nachkommen Mehemed Alis ist nach dem Rechte der Erstgeburt die erbliche Herrschaft über Aegypten und die Lander des obern Nil zugesichert, sie haben den Titel Vicckönig, damit aber kein Vorrecht vor den übrigen Veziren des Reichs. Indessen hat der jetzige Vice-Kiinig Ismail Pascha es bei der Pforte durch Zahlung ungeheurer Summen dahin gebracht, dass die Erbfolge abgeändert, und ihm zugestanden wurde, den Thron direct auf seinen ältesten Sohn zu vererben. Ks bleibt abzuwarten, ob dieses durchsetzbar ist. Die Verträge der Pforte mit andern Mächten haben auch für Aegypten Geltung. Die Administrativgesetze des Landes sollen sich an die des übrigen Reichs anschliessen. Die Abgaben werden im Namen und mit Zustimmung des Sultans erhoben. Der jährliche Tribut an die Pforte soll pünktlich abgeliefert werden, das ägyptische Münzwesen sich nach dem türkischen richten. Das ägyptische Heer soll für den innern Dienst nicht mehr als 18,000 Mann zählen und die Vermehrung desselben sowie der Flotte kann nur mit Bewilligung des Sultans geschehen. Der Vicekönig ernennt seine Offiziere mir bis zum Obersten, der Sultan wählt die hohem Befehlshaber. Nach diesem Schlage wandte sich die Sorge Mehemed Ali's mehr auf das Innere, doch blieb es bei der alten Aussaugung und Bedrückung. Mehemed Ali verfiel, vom Alter gebeugt, 1847 in bedenkliche Geisteszerrüttung. so dass Ibrahim Pascha von der Pforte zu seinem Nachfolger ernannt werden musste. Derselbe starb indess wenige Monate nach seiner Ernennung und noch vor seinem Adoptivvater. I Auf ihn folgte der leibliche Enkel Mehemed Alis, Abbas Pascha, der i durch verschiedene löbliche Massregeln die Last des Landes zu erleichtern suchte. Auch er ging nach kurzer Zeit mit Tode ab und ihm folgte Said Pascha, der ebenfalls Manches gethan hat. um den drii- j ckendsten Beschwerden cinigermassen abzuhelfen. f ft ä 30 Beligion. Nach dem unverhofft schnellen Abloben Said Paschas im Jahre 1803 gelangte der gegenwärtige Vicekönig Ismail Pascha, ein Sohn Ibrahim Paschas, zur Regierung' und liess es den Vertretern der europäischen Mächte gegenüber nicht an den glänzendsten Versprechungen fehlen. In der Tliat nähert er sich auch mehr den europäischen Sitten als alle seine Vorgänger und hat Bedeutendes für die Verschönerung seines Landes getlian , Gasbeleuchtung und Wasserleitung eingeführt, Schulen und Bildungsanstalten errichtet und grossartige Bauten unternommen. Er strebt dahin, die Hauptstädte seines Reiches, Alexan- , drien und Kairo, mit europäischer Kultur zu versehen. Bereits bestehen | Theater, Circus, Pferderennen u. s. w. Aber er hat auch nach und nach fast den ganzen Handel Aegyptens monopolisirt und ist auf dem I besten Wege, durch Bedrückungen aller Art der einzige Grundbesitzer des Landes zu werden. Er hat nach dem Ausbruche einer Seuche j seine Fellahs nicht nur gezwungen, anderes Vieh um theuern Preis | von ihm zu kaufen, sondern zwingt sie auch zu schweren Frohndien- sten. Der durch den amerikanischen Krieg zu hohem Flor gelangte I Baumwollhandel, die zum inländischen Fabriksbetrieb nötliige Stein- j kohle, der Bau und die Bearbeitung des Zuckerrohrs, kurz der ganze I Handel Aegyptens liegt in seiner Hand. In der letzten Zeit scheint ; der Khedive das ihm drückende Abhängigkeits-Verhültniss um jeden Preis lösen zu wollen. ! Wir kehren jetzt in die alte Zeit zurück und schildern von dem ' Leben der Aegypter in der Pharaonenzeit das, was zum Verständnisse i der Denkmäler das Wichtigste ist, die Religion. Anderes musste wegen Mangels an Raum wegbleiben oder wird später bei der Schilde- i rung dieser Monumente Platz finden. Die Religion der Aegypter hatte zwei Hauptmomente, Sonnendienst und das Leben nach dem Tode. Das System, in welches sie, die in Oberägypten vielfach anders sich gestaltete als in Unterägypten, von den Priestern gefasst wurde, hatte zwei Götterkreise, von denen der erste die Hauptgottheiten, der zweite die Götter in sich begriff, deren Cultus weniger verbreitet war. Nach der Lehre der Priester von Memphis war der Lichtgott ; Ptali der oberste Gott, ihm folgte der Sonnengott Ra oder Re und j dessen Kinder Ma und Tefnet, dann der Himmelsgott Sebund, die Göttin Nutpe, Osiris und Tsis, Typhon (Set) und Nepti, Horos und ; Hatlior. Die thebanische Lehre dagegen stellt den Amun an die Spitze statt des Ptah, an der Stelle des Re stehen hier die beiden oberägyptischeu Sonnengötter Mentu und Atmu, und indem noch der kvokodilköpfige Gott Savak hinzugefügt wurde, hatte man hier neun grosse Gottheiten. Diesen folgten in beiden Systemen zwölf kleine Götter, Thot, der Gott der Buchstaben, an ihrer Spitze, dann dreissig Halbgötter und Genien.’ Die Verehrung des Sonnengottes war der älteste und verbreitetste Cultus. Derselbe, Ra oder mit dem Artikel Phra, erscheint auf Religion. 31 den Monumenten mit der rothen Sonnenscheibe auf dem Haupte, die Farbe seines Körpers ist gleichfalls roth, sein heiliges Tüier ist der Sperber, weshalb er oft mit einem Sperberkopf, bisweilen auch nur als Sperber mit der Sonnenscheibe abgebildet ist. Das symbolische Bild desselben, eine geflügelte Scheibe, befindet sich über allen Pylonenthoren. Kr ist der Vater der Götter und der Könige, ja der Name Pharao selbst scheint kein anderer, als der des Sonnengottes Phra. Man dachte sich ihn in stetem Kampfe mit der Nacht und der Finsterniss. Mit dem Anseheu des ßa wetteiferte in Unterägypten der Gott von Memphis Ptah, ebenfalls ein Liclitgott. Da die Griechen ihn Hephästos nennen, so muss wohl das Feuer Symbol desselben gewesen sein. Er heisst auf den Inschriften: König der beiden Welten, Herrscher des Himmels, Herr des gnädigen und schönen Antlitzes, auch bisweilen Herr der Wahrheit, weil das Licht Alles in seiner wahren Gestalt zeigt. Als täglich junges Licht wird er zuweilen als nacktes Kind dargestellt, als unwandelbarer Gott, aber auch als Mann in mumienartiger Hülle, den sogenannten Nilmesser — einen Stab, der in einen Bing endigt mit zwei gleichlaufenden Querriegeln — als Zeichen der Beständigkeit in der Hand. Er gilt für den Gebärer der Sonne. Eine Inschrift sagt: „Ptah, der sein Ei im Himmel wälzt“, ln dieser Auffassung vertritt auf den Denkmälern häufig den Kopf des Ptah der Skarabäus, ja der Gott selbst wird als Skarabäus abgebildet, ein Mistkäfer, von dem die Aegypter glaubten, dass er seine Eier vor sich herrolle. Dem Ptah war auch der Stier heilig, woher die Verehrung des Apis in Memphis. Neben Ba und Ptah wurden in Unterägypten auch Göttinnen verehrt. Zu Sais war Neitli die Göttin der Stadt und ihrer Umgebung. Sie erscheint auf den Denkmälern meist mit einem grünen Gesicht und trügt die niedrigere rothe Krone von ünterägypten, das Bluinenscepter in der Hand, bisweilen auch Bogen und Pfeile. Sie war die Mutter der Sonne und wahrscheinlich eine Personifikation des mütterlichen, gebärenden Naturprincips überhaupt. Eine andere unterägyptische, aber auch in Olierägyptcn verehrte Göttin war Pacht. Sie wird mit einem Löwonkopfe dargestellt, zuweilen mit einer Sonnenscheibe über sich und das gehenkelte Kreuz in der Hand. Die Katze, das Thier der mächtigen Fortpflanzung, war ihr heilig, und sie scheint eine Göttin der Geburt und des Kindessegens gewesen zu sein. Ihr Cultus war sehr heiterer Art, und es wurde ihr zu Ehren alljährlich zu Bubastis ein Fest gefeiert, bei dem man sich grossen Schwelgereien überliess. Andern Göttern diente Oberägypten. Der Gott von Theben war Amun, „der Verborgene“. Er scheint ursprünglich ein Himmelsgott gewesen zu sein; denn die Inschriften nennen ihn einen Herrn des Himmels und seine Farbe auf den Denkmälern ist blau. Letztere zei- f en ihn stehend oder auf einem Throne sitzend, zwei hohe steife 'edern auf dem Haupte und die Zeichen der Herrschaft und des Lebens in den Händen. Amnn gelangte erst nach der Herrschaft der 32 Religion. Hyksos zu grosser Bedeutung. Um ihn zum höchsten Gotte ganz Aegyptens zu machen, verschmolz man ihn mit dein Sonnengotte Ba j oder Ee. Dieser war, wie bemerkt, bis dahin in Oberägypten nicht verehrt worden; an seiner Stelle hatte man hier zwei Götter. Mentu, ’ die aufgehende, und Atmu, die untergehende, unterweltliche Sonne. Neben Amun wurde in Oberägypten vorzüglich der widderköpfige Gott Kneph angebetet. Ihm war der Widder als Symbol kräftiger Zeugung geheiligt. Die Farbe Knephs ist auf den Denkmälern gewöhnlich grün, und er heisst auf den Inschriften .Herr der Ueberschwem- mungen“. Auch dieser Gott wurde später mit Amun zu einer Gestalt verbunden, um Amun’s Wesen und Bedeutung zu erhöhen. In | dieser Verbindung wird Amun dann mit dem Widderkopfe oder Wid- derhörnem dargestellt. So wurde er unter Andern! in der Oase Siwah verehrt. Ausserdem hatte man einen Kriegsgott Onuris und in Ombos einen Gott Sawak, dem das Krokodil heilig war, zu Chemmis einen phallischen Gott Chem, welchen die Griechen mit ihrem Pan verglichen u. a. m. Unter den hier verehrten Göttinnen tritt die Mut besonders hervor, welche dem Amun als mütterliches, empfangendes Princip an die Seite gestellt wurde. Die Monumente zeigen sie mit j der hohen Königsmütze von Oberägypten bedeckt. Ihr heiliges Thier ist der Geier, und so erscheint sie oft mit dem Geierbalg auf dem ‘ Haupte, ja nur als Geier dargestellt. I Von den zahlreichen Göttern untergeordneter Art heben wir nur i den Gott des Mondes, Chonso, und den himmlischen Schreiber Tliot hervor. Letzterer erscheint oft mit dem Kopfe des Ibis, des ihm geheiligten Thieres. Kr trägt auf allen Darstellungen die Schreibtafel, den Grilfel oder den Palmenzweig in der Hand, in welchen er die Wiederkehr der Feste u. a. verzeichnet. Da die sichere aufgeschriebene Wissenschaft nicht irrt und so vor Unrecht schützt, so ist Thot auch ein Gott der Gerechtigkeit und trägt deren Zeichen, zwei Straussfedern, auf dem Kopfe. Da er ferner die Zeiten aufschreibt und damit regelt, so hat er auch eine Beziehung zum Monde und wird gleichbedeutend mit dem Mondgott. Da er endlich den Menschen durch Aufschreiben des Willens der Götter deren Gebote verkündet hat, so nimmt er Tlieil an der Prüfung der ; Todten in der Unterwelt. In beiden letzteren Beziehungen wird er j nicht mit dem Kopf des Ibis, sondern mit dem des Hundsaften dar- ! gestellt. ! Neuer, aber in späterer Zeit allgemeiner verbreitet war die j Verehrung des Osiris und der Isis. Der Gott und die Göttin des ^ Himmelsraums, Seb und Nutpe erzeugten, so heisst es, den Osiris und die Isis und den bösen Typhon und die Nebti. Segensreich walteten Osiris und Isis über Aegypten, bis Typhon den erstercn erschlug und die Leiche ins Meer warf. Isis suchte den Bruder und Gatten lange in der ganzen Welt, bis sie ihn endlich fand und bestattete. Aber Horus, der Sohn beider, der inzwischen herangewachsen, kämpfte mit I r Religion. 33 Typhon und erschlug ihn. Osiris war nicht gestorben, sondern nur in die Unterwelt hinabgestiegen, wo er als König herrschte. Diesem Mythus liegt der Kreislauf der Natur zu Grunde. Nach der Ueberschwemmung und » der fruchtbringenden Zeit folgt in A gypten bis zur Wiederbefruchtung des Landes eine Periode ausdörrender Hitze und Unfruchtbarkeit. Aber sie währt nicht lange, nach der neuen Ueberschwemmung ist das Kind der Isis und des Osiris, der fruchtbringenden Erde und der gedeihenspendenden Sonne, erwachsen, der neue Segen des Jahres ist der Sohn des gemordeten Gottes. In der Gestalt des Typhon (ägyptisch Sed genannt' sind alle schädlichen Naturkräfte zusammengefasst. Er ist der versengende Sonnenstrahl, die Unfruchtbarkeit und die Dunkelheit, der Gott des öden salzigen Meeres im Gegensatz zu dem süssen befruchtenden Nilwasser, ihm gehörten alle verderblichen Thiere und Pflanzen an. Er war auch der Urheber des moralisch Bösen. Seine Farbe war dunkelroth, das Krokodil, das Nilpferd, der Esel mit seiner hässlichen Stimme waren ihm geweiht. Er selbst trug Eselsohren. Horos (ägyptisch Har) wird häufig als Kind mit dem Finger im Munde dargestellt, wo er als Harpechruti, Harpokrates bezeichnet wird; aber er heisst schon in dieser Gestalt „der grosse Heiland“, „die Stütze der Welt“. Herangewachsen ist er der starke Horus, Haruer. Als solcher erscheint er mit dem Sperberkopfe des Ra und mit den Zeichen der Herrschaft und des Lebens. Dem Horus steht zur Seite die Göttin Hathor, die bald als Liebesgöttin erscheint und dann mit Stricken und dem Tamburin in der Hand, den Symbolen fesselnden Reizes und jubelnder Lust dargestellt ist, bald aber auch blos als Naturpotenz des Gebarens aufgefasst wird. In letzterer Bedeutung ist ihr der weibliche Sperber und die Kuh heilig, und wie in ihrem Haupttempel eine weisse Kuh gehalten wurde, so wird sie selbst mit Kulihörnern und mit dem Kuhkopfe abgebildet. Ausserdem war ihr der Perseabaum, eine Pflanze des Lebens, geweiht. Dem bösen Typhon gegenüber sind in Horus und Osiris alle an einzelne Götter vertheilten Eigenschaften der wohlthätigen Natur vereinigt und personificirt. Den Osiris riefen die Aegypter als Herrn des Lebens an, aber die Herrschaft über Aegypten hatte er an Horus überlassen, sein wichtigstes Amt ist die Herrschaft in der Unterwelt. Die immergrüne Tamariske ist sein Baum, der Reiher sein heiliges Thier. In Isis, die “grosse Göttin“, die „königliche Gemahlin“, gehen alle Göttinnen der Empfängniss und der Geburt, die Mut, die Neith, f die Hathor über, während sie doch auch als besondere Gestalten neben ihr bleiben. Die Kuh, das Bild des bereiten Empfanges, der reichlichen Geburt und der mächtigen Nahrung ist ihr Symbol und so wird sie auch mit Kuhhörnern und selbst mit einem Kuhkopfe dargestellt. Osiris und Isis wurden im ganzen Lande verehrt. Ihre Haupttempel aber hatten sie zu Abydos und This und auf der Insel Philä. 3 I 34 Religion. Osiris’ Grab wurde au vielen Orten gezeigt, doch galt das in der Stadt Busiris im Delta für das echteste, und hier wurden ihm und seiner Gemahlin an dem Tage, wo die Sonne durch das Zeichen des Skorpions geht, seinem Todestage, auch die grössten Feste gefeiert. Die Priester hatten grossen Einfluss, doch darf man sich nicht vorstellen, dass sie das Land in politischem Sinne regiert hätten. Der Staat gehörte den Pharaonen allein und ausschliesslich. Die Aegypter sind in der Erhöhung der Herrschormacht weiter gegangen als irgend ein Volk, sie haben ihre Despoten göttlich verehrt. Die Könige stammen nicht blos von den Göttern ab, sie sind selbst Götter des Landes. Die Götter müssen sogar (auf den Monumenten) die Könige bedienen. Häufig opfern die Könige ihren königlichen Vorfahren, ja auf einigen Darstellungen bringen sie sogar sich selbst Opfer und sehr charakteristisch ist, dass Amunoph der Dritte sich in Nubien selbst einen Tempel erbaute. Diese Vergötterung der Könige dauerte übrigens bis in die späteste Zeit. Die Aegypter glaubten nicht blos an ein Leben nach dem Tode, sondern auch an die Belohnung der Guten und die Bestrafung der Bösen im Jenseits. Osiris ist der König dieser j’euseitigen Welt. Nach dem Tode steigt die Seele im Westen mit der sinkenden Sonne hinab unter die Erde, in den „Amentes“. Am Thore dieses Ortes sitzt der Wächter oder Verschlinger der Unterwelt, ein Ungethüm mit weit anfgesperrtem Bachen. Im Vorhof der Unterwelt, im „Saale der doppelten Gerechtigkeit“, d h. der lohnenden und strafenden, wird das Gericht über die Todten gehalten, von dem wir im Grabe B-amses des Fünften bei Theben ein Bild haben. Osiris, den Krummstab und die Geissei in der Hand, sitzt auf einem Throne, umgeben vom Wasser des Lebens, aus welchem Lotosblumen spriessen. Neben dem Gotte sitzen, Straussenfedern, die Symbole der Wahrheit und Gerechtigkeit, in den Händen, 42 Todtenrichter, welche über die 42 Todsünden der alten Aegypter Gericht halten. Der Todte bittet mit der Versicherung, keine Sünde begangen zu haben, Osiris um Aufnahme unter die Seligen. „Er habe nicht gestohlen, Niemand gemordet, nicht geheuchelt, das Eigenthum Gottes nicht gestohlen noch die Speisopfer geraubt, sei kein Trunkenbold und kein Ehebrecher gewesen, habe seine Bede nicht unnöthig verlängert u. s. w.“ Darauf wird das Herz des Todten in die eine Wagschale der Wage der Gerechtigkeit gelegt, während in der andern die Straussenfeder der Wahrheit liegt. An der einen Schale steht Anubis mit dem Schakalkopfe, an der andern der sperberköpfige Horus. Thot sitzt dabei, um das Ergebniss der Prüfung aufzuzeichnen. Ist das Herz zu leicht befunden, so wird der Todte in die aus 75 Abtheilungen bestehende, an Qualen und Peinigungen aller Art reiche Hölle gesandt. Die Seelen derer dagegen, welche gerecht befunden worden, erhalten die Straussenfeder der Ge- ; rechtigkeit und die Göttinnen Hathor und Nutpe giessen von ihren Lebensbäumen, der Persea und der Sycomore, Wasser des ewigen Lebens auf sie. So gestärkt durchschreiten sie die schreckliche Unterwelt * i IV i II Ml / -jl ' 11 iU - 11 '» ' SeelengericLt im Grabe Ramses des Fünften. Kmfflaifgcc Leichendienst. 35 \incl gelangen im Osten zu den Gefilden des Sonnengottes Ke, um sich auf ewig an dessen Anblick zu freuen. In welcher Verbindung man sich das Schicksal des todten Lcihes mit der Seele dachte, ist unklar. Es scheint indess, dass man aunahm, die Fortdauer der Seele sei an die Fortdauer des Leibes geknüpft und die entweihte oder gestörte Ruhe des letzteren beunruhige auch die Seele in ihrem Aufenthalt im Lande der Seligen. Daher die ängstliche Sorge für Erhaltung der Leichname, der wir in den Monumenten des alten wie des neuen Reiches begegnen. Die Verwesung abzuwehren, wurde die Leiche einbalsamirt. Man verfuhr dabei nach sehr bestimmten priesterlichen Vorschriften. Nach Herodot wurde zuerst das Gehirn durch die Nasenlöcher herausgezogen. Dann trat der Tempelschreiber des Bezirks an die Leiche und bezeichnete genau den Ort, wo eingeschnitten werden musste. Der Einschneider tliat den Schnitt mit einem scharfen Stein und entfloh sogleich, verfolgt von Flüchen und Steinwürfen der Angehörigen. Hierauf wurden die Eingeweide durch den Einschnitt herausgenommen, der Leih mit Palmwein ausgespült und mit Myrrhen und andern Spezereien gefüllt wieder zugenäht. Dann lag der Leichnam siebzig Tage in Natron, worauf er wieder gereinigt, mit Harz bestrichen und mit Byssusbinden umwickelt wurde. Aermcre mussten sich mit einer einfacheren Behandlung begnügen. Auf der Brust wurde meist der dem Ptah heilige Skarabäus oder das offene Auge, das Zeichen des Osiris, angebracht. Die Särge, in welchen die Leichen beigesetzt wurden, viereckig oder die Gestalt des Körpers nachahmend, waren am Fussende meist mit dem Bilde der Isis, am Kopie mit dem der Nutpe, der Himmelskönigin, geschmückt. Der Name und Stand des Verstorbenen, Gebete an Osiris wurden auf den Deckel des Sarges gemalt oder eingehauen. Reiche Familien nahmen doppelte oder dreifache Särge vom härtesten Holz oder Granitsarkophage. Geräthe, deren sich der Todte im Lehen vorzüglich bediente, Verzeichnisse seiner Besitztlnimer wurden ihm in den Sarg gelegt, vor Allem aber bekam die Leiche eine Papyrusrolle mit, welche die Gebete, die der Todte in der Unterwelt an die Götter zu richten hatte, und eine Beschreibung des Todtenreiclis enthielt. In feierlichem Zuge wurde der Leichnam in die Grabkammer gebracht, welche, der Todte meist schon bei seinem Lehen hatte aushauen und mit Darstellungen seiner Beschäftigung, der wichtigsten Vorfälle seines Lebens u. s. w. hatte ausschmücken lassen. Die Insignien des Standes wurden dem Todten vorgetragen, wenn er Priester oder Beamter gewesen; war es ein Befehlshaber im Heere, so folgte auch sein Kriegswagen. Im Zuge gehen wehklagende Weiber, nach der Sitte des Orients zu diesem Zwecke gemiethet, und Männer mit Palmenzweigen. Vor dem Todten wird der zum Leichenopfer bestimmte Stier geführt. Endlich kommt der Sarkophag auf einer Barke (die Seele des Todten schifft wie der Sonnengott auf einer Barke hinab in die Unterwelt), die, auf einen Schlitten gesetzt, von Ochsen gezo- Götter. 36 gen wird. Hinter dieser folgen die leidtragenden Familienglieder und Freunde. Der Stier wird geopfert, den Göttern Weihrauch angezündet, dem Todten seihst, der nun ein osirischer Geist ist, werden Spenden dargebracht. Er wird als fromm, gerecht und massig gepriesen, und die Götter werden angefleht, ihn in die Gemeinschaft der Seligen aufzunehmen. Nachdem dann dem Todten noch irdene Gelasse mit Wasser und einige Opferkuchen mitgegeben waren, wurde die Grabkammer geschlossen. Der Verstorbene war „eingezogen in seine ewige Wohnung“. Die beträchtliche Anzahl der ägyptischen Götter vermehrte die Zahl und Verschiedenheit der Attribute, mit denen die Kunst sie darstellte, und so ist es ziemlich schwer, sie auf den Monumenten herauszufinden. Letzteres zu erleichtern, geben wir im Folgenden einige Andeutungen. Als allen Gottheiten zustehende Zeichen sind zu bemerken: 1) das Kreuz mit der Handhabe oder ein T, worüber ein King angebracht ist; 2) das Scepter, ein langer Stab, der bei männlichen Gottheiten oben mit einem Kukuplia- (d. h. Wiedehopf) Kopfe geziert, bei weiblichen blos mit einem breiten Knopfe versehen ist. Werden bei gewissen Handlungen die Gottheiten ohne diese Zeichen dargestellt, so sind sie au ihrem Kopfputze zu erkennen, den wir jetzt in seinen hauptsächlichsten Abweichungen näher betrachten wollen. Vgl. die beistehende Tafel nach der Reihenfolge: 1) Amun der Welterzeuger, der Körper, wo er nackt ist, blau bemalt, auf dem Haupte zwei hohe steife Federn. 2 Pooh der Mondgott, grünes Gesicht, der Körper wie in einer Scheide steckend, auf deru Kopfe eine enganschliessende Haube von schwarzer oder blauer Farbe, den Halbmond mit einer Scheibe in der Mitte. Zur Seite hängt eine lange Flechte herunter. 3) Suk, mit dem Saturn der Römer verglichen, zwei Bockshörner, der Kopfputz weiss, das Gesicht grün, zwei Uräusschlangen auf den Hörnern sich bäumend, in der Mitte eine Scheibe und das Ganze von zwei geraden Federn überragt. 4) Mandu-Re. Sperberkopf. worauf eine Schlange, die einen Ring bildet. 5) Der ägyptische Kriegsgott, sein Haupt bedeckt der Pschent, der königliche Kopfputz, in der Hand hält er den Scepter. 6) Osiris, auf dem Kopfe die Mitra mit zwei oben rückwärts gekrümmten Anhängseln, Peitsche und Hakenstock in den Händen, der Körper wie in einer Scheide. 7) Horus, der Kopf des Sperbers, bedeckt mit- dem Rschent, der den Lituus besitzt. 8) Neith, auf dem Haupte einen Perlhuhnbalg, darauf den Pschent, das Nackte gelb gefärbt. 9) Thme, Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit, auf dem Kopfe eine rückwärts gekrümmte Straussenfeder, die Bedeckung des Kopfes blau, das Nackte gelb, mit oder ohne Flügel. Götter. Kopfputz aegyptischer Götter. Mil *sm ii mm iSMSSjS« ' Kunst. 38 10) Ilathor, auf dem Kopfe dev heilige Sperber mit der Geissei und dem Hauptsclnnuck Amuns, zu seinen Piissen die Straussenfeder, die Göttin hält Bänder oder eine Schnur in den Händen. 11) Dieselbe, sie trägt als Kopfschmuck den Balg eines Perlhuhns, worüber das Bild einer Tempelthiir mit strahlenförmig sie umgebenden Blumen angebracht ist. 12) Tpe, die Göttin des Himmels, sie trägt ein Diadem, aus dem sich grosse Blätter von verschiedener Farbe erheben; das Kackte ist gelb bemalt. 13) Isis, die Gattin des Osiris, sie hat auf dem Kopfe Kulihör- ; ner, in der Mitte eine Sonnensclieibe, auf der Stirn den IJräus. i 14) Buto (Mut), das Fleisch ist grün, der untere Theil des Pschent mit einem Lituus verziert. Symbolische Tliiere, welche Gottheiten vorstellen, sind unter Andern folgende: Eine bärtige Schlange mit Menschenbeinen, Knepli. Der Stier mit einer Scheibe auf dem Kopfe, Apis-Ptah. Der Schakal auf einem Altar bald mit, bald ohne Peitsche, Anubis. Der Widder, auf dem Kopfe die Sonnenscheibe und zwei gerade Federn, Amun-Be. Der Käfer mit dem Widdorkopfe, welchen Sonnenscheiben und Schlangen auf den Hörnern zieren, an denen zwei gehenkelte Kreuze hängen, Kneph, sofern er Nilgott ist. Der Geier, auf dem Kopfe den Pschent, in jeder Klaue eine Palme haltend, Neith. Der weisse Ibis auf einer Fahne, Thot. Ein einfacher, Sperber, Horus. Der Sperber mit der Sonnenscheibe und einem Uräus auf dem Kopfe, Phra. Der Sperber in einem Viereck, die Kuli mit einer Scheibe auf dem Kopfe, Hathor. Der männliche Sphinx, am Kinne den Bartzapfen, auf dem Kopfe eine rothe Scheibe und einen IJräus, Phra, der Sonnengott. Die bildenden Künste in Aegypten ordneten sich im Allgemeinen der Baukunst unter. Sie haben, wie diese, in der Festhaltung gewisser überlieferter Regeln und Typen, eine gewisse Starrheit. Dennoch hat eine Art von Entwickelung stattgefunden. Wenn die Pyramiden eine grosse Einfachheit der Formen, die Bildwerke in den sie umgebenden Gräbern nur wenig Leben haben, so zeigen die Bauwerke und Skulpturen aus der Periode, welche der Vereinigung Ober- und Enterägyptens folgte, manniclifaltigere Formen, einen reichen, wenn i auch grellen Farbenschmuck, grosse Zierlichkeit auch in der Beliand- | lung mächtiger Säulen und Kapitale und eine bei Weitem bessere ■ Zeichnung der Figuren. Unter den Herrschern der 19. Dynastie steigerte sich der Reichthum der Linien, die Sauberkeit der Umrisse, und die Zeichnung nähert sich der Naturwahrheit immer mehr. Dieser Periode der Vollendung schliesst sich nach mehreren Jahrhunderten des Verfalls noch eine kurze Nachbliithe unter der Herrschaft des Psammetich und seines Hauses an, welche durch noch treuere Nachahmung der Natur und grössere Anmutli der Körperzeichnung sich aus- zeiclmet. im Allgemeinen aber nur wenige Reste ihrer Schöpfungen hinterlassen hat. Hieroglyphen. 39 Auch Musik und Poesie müssen von den Aegyptern gepflegt worden sein. Indess dürfte die erster« sicli nicht über die Leistungen der heutigen Aegypter erhoben haben, und die letztere ist zwar (nach den Besten in Inschriften zu schliessen) nicht ohne Kraft und Schwung, verfällt aber leicht in Ueberschwänglichkeit und ermüdende Wiederholungen, wie aus den folgenden Kapiteln zu ersehen sein wird. Ueber die Hieroglyphen, mit denen der grösste Theil der Tempel- und Palastruinen, sowie der Gräber Aegyptens bedeckt ist, sei Folgendes bemerkt: Dieselben sind ohne Zweifel eine Erfindung der Priester und entwickelten sich aus dem Triebe des ägyptischen Volkes, das Vorübergehende fest zu machen, das Vergängliche zu verewigen und nichts, was einmal geschehen war, vergessen zu lassen. Dieses Streben der Erhaltung hat die Aegypter getrieben, zuerst in bildlichen Darstellungen zu den Nachkommen zu reden, wie dies auch bei den Mexikanern geschah. Dabei sind sie aber nicht stehen geblieben, sondern bis nahe an die rein alphabetische Lautschrift gelangt. _ Die ägyptische Hieroglyphenschrift enthält alle Mittelstufen der Entwickelung von der Schrift, welche sich begnügt, Ideen durch Bilder auszudrücken, bis zu der Schrift aus reinen Lautzeichen, in welchen Consonant und Vocal getrennt erscheinen, und so zerfällt sie in verschiedene Klassen. Die erste Klasse, die, welche Begriffszeichen enthält und deshalb die ideographische heisst, tlieilt sich wieder: 1) in solche, welche die zu bezeichnenden Gegenstände mehr oder minder direct darstellen, 2) in solche, die abstracto Begriffe oder schwer darstellbare Dinge symbolisch oder andeutend vorführen, 3) endlich in solche determinative oder Bestimmungszeichen, welche gar nicht ausgesprochen werden, sondern nur zur nähern Bestimmung eines vorausgehenden Wortes dienten, d. h. es wurden zum Zwecke grösserer Deutlichkeit bei Namen von Ländern, Flüssen, Menschen u. s. Bilder hinzugefügt, welche anzeigten, ob es sich um einen Mann, eine Frau, einen Bezirk, einen Fluss u. a. m. handelte, ob das Bild bildlich genommen werden oder als Lautzeichen gelten solle, in welchem Falle man einen Mund hinzuzeichnete. Zu 1) gehören der Kreis, welcher die Sonnenscheibe, und die Thierbilder, welche die Götter darstellen, denen sie heilig waren; zu 2) die Straussenfeder, welche die W ahrheit, das gehenkelte Kreuz, welches das Leben, der Fisch, welcher alles Hassenswerthe, der schreitende Vogel, welcher eine Beise bedeutet, der Geier, welcher Symbol der Mutter ist; zu 3) endlich der Löwe, hinter seinem Namen Mui bildlich wiederholt, und der Blumenstengel hinter Pflanzennamen. Die zweite Klasse der Hieroglyphen ist die der phonetischen oder Lautzeichen. Diese wurden aus der grossen Menge der ideographischen so gewählt, dass der zu bezeichnende Laut der Anfangslaut des gemeinten Gegenstandes war. So bezeichnet die Eule, ägyptisch Mulag, ein M, der Adler Achene, oder das Schilfblatt. Ak. ein A. die Axt, Kelebin, ein K, eine Käucherpfanne, Berbe, ein B, eine Hand, Tot, ein T. u. s. w. Die Anzahl der für die 15 Laute der Sprache 40 Hieroglyphen. ausgewählten Hieroglyphen, welche in allen Fällen, wo nur der einzelne Laut geschrieben werden sollte, gebraucht werden konnten, wurde auf 30 beschränkt, doch wurde in römischer Zeit dieses Alphabet noch um mehrere Zeichen vermehrt. Die dritte Gasse der Hieroglyphen endlich steht zwischen den beiden ersten in der Mitte, indem ihre Zeichen an beiden Naturen, sowohl der ideographischen, als der phonetischen Theil haben. Man bediente sich nämlich häufig der für bestimmte Wörter gebräuchlichen Hieroglyphen nicht nur in ihrer ursprünglichen ideographischen Bedeutung, sondern auch nur für die Anfangsbuchstaben derselben Wörter und fügte ihnen dann die übrigen Laute des Wortes aus dem allgemein-phonetischen Alphabete hinzu. So dient, wie bemerkt, das auf den Sculpturen der Monumente häufig anzutreffende Henkelkreuz zur Bezeichnung des Wortes Anche, d. i. Leben; es kann aber auch nur für A stehen, indem man die Zeichen für N u. Ch aus dem allgemeine Alphabet hinzusetzt. Im Jahre 1799 fanden die Franzosen bei Bosette in Unterägypten einen Stein mit einer dreifachen Inschrift, oben in Hieroglyphen, darunter in damotischer Schrift und zuletzt griechisch. Der griechische Text sagt, dass der König Ptolemaeus V. dem Lande grosse Wohltha- ten erwiesen, unter Anderem die Steuern vermindert, rückständige Steuern ganz erlassen und bei seinem Begierungsantritte eine allgemeine Amnestie gewährt habe; deshalb hätten die Priester beschlossen, in jedem Tempel seine Bildsäule aufzustellen und ihm alljährlich ein besonderes Fest zu feiern, endlich in jedem Tempel einen Stein anzubringen, auf welchem dieser Beschluss in den der obgenannten Schriftzeichen einzugraben sei. Mit diesem kostbaren Funde war die erste sichere Grundlage zum Verständnisse der Hieroglyphen gegeben und es ist in den letzten 6o Jahren sehr viel Mühe und Scharfsinn mit dem glücklichsten Erfolge auf ihre Entzifferung verwandt worden. Am 15. April 1866 hat der ausgezeichnete Berliner Aegyptologe, Professor Dr. Lepsius, eine ähnliche Inschrift gefunden, die ebenfalls ein Decret in Hieroglyphenschrift nebst griechischer Uebersetzung enthält. Diese Inschrift ist aber viel grösser als die bei Bosette gefundene — der griechische Text allein füllt 76 Zeilen — und gibt also einen unschätzbaren Prüfstein dafür, ob das, was bis jetzt erforscht und gefunden wurde, auf richtiger Grundlage ruht. Einmal von den Priestern erfunden, wurden die Hieroglyphen bald in sehr ausgedehntem Maasse angewendet. Schon in den Gräbern an den Pyramiden von Gizeh notiren Schreiber die Verlassenschaft des Todten. Auf andern Denkmälern schreiben die Götter die Jahre der Pharaonen auf Blätter des Lebensbaums. Schreiber begleiten den König auf die Jagd, um das erlegte Wild zu verzeichnen. Endlich gab es auch Bücher oder Bollen, in denen die Götterlehre, die Gesetze, die Begeln des Bituals, die hergebrachten Lobgesänge und Gebete, die Lehre von der Schreib- und Baukunst, die Ordnung der Sonne und der Auf- und Niedergänge der Sterne, die Wissenschaft der Aerzte u. Hieroglyphen. 41 Demotisch. Hieroglyphen. A A V.U.K,.)?.!. .la^JI.W.D.JäB.. B B Gr r /j . ^). D A -4-. . ®.J. E E ?. l/k- Z z. Th 0 ia. +s ,*s. :=. E H . /ii. nt. J I in .yn . -«/. M.Q. ä=s.^ v K K A.A*ü.t 3. £3• 1 L A fij./.j.A b. ^ivu. M M aA3._3.3-A ei s. ^3 . &,. N H X).a-A —J3 ^•S.5.ö.o.4-^.i=j. X = —OP— • 1 ' 0 0 r.r.r./.i. M-Äc-U- — P n . A .-o.'/'I.H. □ .□.□. V-1| • R P /l/. o • <=>•«>• ^t^JbA.&Ä-‘hlln..llton.JnA t , s X OMilA» ■ ■'-.-^..h-.'i-**-. . t&=*3 . ^=J. .^a . ’g 1 . <□». Ss X |c..&|.Uk. B3.X.HMI?-*. T T ( - x/".^syG). • £l ■ A-A•-*--1 • J=>i y y K.h. f- c. Ph $ AO./iX.. 2..%.. 1111 . 1 . Ch X JL.Zf- i- A. ©. Ps Y ap.-g- o a ( (. 4. ir Geld, Maass und Gewicht. 45 Orientalische Kleidung lege nur der an, welcher weiter als bis zum zweiten Katarakt des Nil zu gehen gedenkt. Für den, der die Sprache des Landes nicht versteht, ist sie eine Maskerade, die nur dazu dienen kann, ihm Verlegenheit zu bereiten, und überdies ist die fränkische Kleidung bei Weitem mehr respectirt in Aegypten, als der Turban und Kaftan. Indess mag man sich des rothen Tarbusch mit der blauen Seidenquaste bedienen und im Sommer darüber eines jener roth und gelb gestreiften in Oel getränkten Seidentücher binden, welche die im Lande ansässigen Europäer häufig tragen. Der Tarbusch, unter den man ein weissbaumwollnes Käppchen setzt, ist eine bequeme Kopfbedeckung, und jenes Tuch, Kuffia genannt, schützt besser als alles Andere gegen den Brand der Sonne. Im Uebrigen rüste man sich mit Geduld aus, die man dem Phlegma der Orientalen, der hartnäckigen Zudringlichkeit der allenthalben um Bakschisch bettelnden niedern Klasse und den Launen des Windes auf dem Nil gegenüber im reichlichsten Maasse bedarf. Endlich versehe man sich mit Kreditbriefen an eines der Handelshäuser in Alexandrien, von wo man wieder einen Creditbrief nach Kairo bekommen kann. Doch lasse man sich nur kleine Summen an weisen (um Häuser zu haben, welche die Briefe des Reisenden befördern) da man auf grössere Summen je nach dem Curs beträchtlich verlieren kann. Das sonst nötliige Geld nehme man in französischem oder englischem Golde (Napoleons oder Sovereigns) oder Mariatheresienthalern mit, von welchen jedoch nur die mit der Prägung vom Jahre 1780 angenommen werden. Diese Münzen und der Fünffrankenthaler sind die, welche unter den ausländischen Geldsorten in Aegypten am meisten im Umlauf sind. Von andern Münzen fremder Staaten gilt die Regel, dass sie um so weniger zu ihrem wahren Wertlie anzubringen sind, je seltener sie Vorkommen und je weniger man sie in Folge dessen kennt. Ihre Geltung wird durch den Piaster bestimmt, die Münze, nach der man im gewöhnlichen Verkehr überhaupt rechnet, und welche etwa 10 Neukreuzer österreichischer Währung oder 20 Pfenn. preussiscb entspricht. Grosse Summen werden nach Beuteln bestimmt, welche 500 Piaster haben. Man unterscheidet in Aegypten 2 Geldsorten, die erste ist die durch die Regierung festgesetzte, sogenannte Tarifmünze , die sie in ihren Geschäften allein annimmt und ausgibt; ihr Werth ist von den Bewegungen des Handels völlig unabhängig und bleibt immer unverändert. Die zweite im Verkehr und beim Einkäufe der täglichen Bedürfnisse allein cursircnde wird Current genannt und ist in ihrem Werthe von vielerlei Schwankungen afficirt. Das ägyptische Münzsystem hat als Einheit den Piaster, welcher wieder in 40 paras unterabgetheilt wird. Unter Beutel (Kisse) versteht man eine Summe von 500 Piaster. Die folgende Tabelle gibt die Werthe der inländischen und gebräuchlichsten ausländischen Münzen; ihre Einrichtung ist nach dem oben Gesagten von selbst verständlich. 46 Geld, Maass und Gewicht. Tarifpiast. Frcs. Crtpiast. Frcs. 6 fold Aegyptisehe Guinee (Guynich marris) 100 25-92 185 26 i/ /2 * 50 12-96 92- 20 13 Silber Aegyptischer Thaler 20 5-18 36 5-20 '/» 10 2-59 18 2-60 V 4 5 1-30 9 1-30 '8 V 2—20 0-65 4—20 0-65 1 Tarifpiaster 1 0-26 1—35 0-25 7i 0-20 0-13 0—25 0-10—0-15 1/ ■4 » 0—10 O-06 0—15 0-15-0-10 Kupfer Stücke von 20 paras 0-13 „ 10 „ 0-06 w n ^ v 0.03 Ausländische Münzen Ein Pfund Sterling 07-20 25-28 177 25-25 Eine türkische Guinee 87-30 22-75 162 23 „ russische „ 79-18 20-60 142 20.50 Ein Napoleon d’or — 20 Francs 77— 6 20 140 20 , österreichischer Ducaten 45-37 11-91 82 12 „ » Thaler 20 5-18 36 5-20 „ spanischer „ 20—28 5-37 36 5-20 5 Franken Stück 19-10 5 35 5 Ein türkischer Thaler 16—35 4-37 32 4-50 „ russischer Rubel 14-29 3-80 28 4 Eine indische Rupie 9—10 2-39 17 2-50 Ein Schilling 4-35 1-27 8—10 1-25 „ Frank 3-34 1 7 1 Ein Österreich. Gulden 9—16 2- 4 16 2- 5 \ 2 -14 0-60 4 0-60 Bechlik 3-34 1 7 1 Abon Sabain 0 -33 0-20 1—30 0-25 Hamsä-ou-talatiu Ö—16 0-10 0—35 0-15 Bei einer Bezahlung in Tarifmünze darf man niemals Kupfer- geld annelimen, weil — so seltsam dies auch dem Fremden scheinen mag — 2 Stücke von 20 Paras in Kupfer, nicht ebensogut einen Tarifpiaster, wie einen Courantpiaster machen. Der Frank z. B. gilt, wenn man in Tarifmünze bezahlt, 3 Piaster 34 Paras, d. h. 7 Stück zu 20 Paras, während wenn man in Courentmünze bezahlt, derselbe 7 Courantpiaster d. h. 24 Stück zu 20 Piaster gilt. Man würde also auf diese Weise beinahe die Hälfte seines Geldes verlieren, denn die Kupfermünzen cursiren nur bei Zahlungen in Courantpiastern. Geld, Maass und Gewicht. 47 Wird ein Tlialer gefordert, so verstellt man darunter den österreichischen, verlangt der Kaufmann eine Guinea, so ist damit das englische Pfund gemeint. Schliesslich ist darauf aufmerksam zu machen, dass man hei dem oft nötliig werdenden Einwechseln von Piastern gegen grössere Münzen (der Kleinkrämer und Handwerker gibt nicht leicht auf Napoleons oder Thaler heraus) stets einige Procente verliert. Für Einkäufe sind) sodann die Maasse und Gewichte des Landes von Wichtigkeit, und so wird die folgende Tabelle zum Nachschlagen erwünscht sein: Längenmaasse. Kubdih — einer Männerfaust mit aufgerichtetem Daumen. Fitr = einer Spanne mit Zeigefinger und Daumen. Schibr = „ mit dem kleinen Finger und Daumen. 1 Drall beledih = 23 Zoll rheinisch. 1 Drah stambulih = 27 Zoll rheinisch. 1 Drah Hindazih (für Stoffe) ----- 25 Zoll rheinisch. 2 Bah = 1 Kassobih oder 11'/, Fuss rheinisch. Landmaasse. ' 22 Kubdih oder Charubih machen 1 Kassobih. 13 7 8 Kassobih oder ägyptische Ruthen machen 1 Kirat. 24 Kirat oder 333 Kassobih machen-1. Feddan oder ägyptischen Acker. Getreideraaasse. In Unterägypten. 2 Koddach machen 1 Melwili. 2 Melwih = 1 Rub. 2 Rub — 1 Kehlih. 2 Kehlih = 1 Welibih. 24 Rub = 1 Ardeb. In Oberägypten. 4 Roftau machen 1 Mid. 3 Rub = 1 Mid. 8 Mid oder ( 1 Ardeb ’ der lm g efähl ' a i V-T , 5 Berliner Scheffeln 6 Wehbih-— entspricht. Gewichte. 8 Mitkäl machen 1 Okia oder Wokia 12 Okia = 1 Rotl (ungefähr 1 Pfund 2 Unzen Troy) 2% Rotl. = 1 Okka oder Wokka. 100 bis 110 Rotl. machen ein Kantär. Auf den Kantär Kaffee gehen 108, auf den Kantär Pfeffer und andere Gewürze 102, auf den Kantär Baumwolle 120 Rotl. In Betreff der Preise von Lebensmitteln und andern Bedürfnissen auf den Märkten in Alexandrien und Kairo, welche denen, die entweder bei längerem Aufenthalte im Lande einen Privathaushalt einzurichten oder sich für die Nilreise oder die Wüste zu verprovian- tiren beabsichtigen, zu -wissen nöthig sind, muss im Allgemeinen bemerkt werden, dass die Preise der Lebensmittel beiläufig um höher sind als in Europa, und dass es gegenwärtig, wo die Eisenbahn Ale- 48 Preise. xandrien und Kairo einander näher gerückt hat, kaum noch einen Unterschied ausmacht, ob man hier oder dort seine Einkäufe besorgt. Im Folgenden ist eine Liste des Nöthigsten zusammengestellt, grossen- theils nach eigener Erfahrung entworfen, im Uebrigen auf verlässlichen Quellen beruhend. 1. Lebensmittel. Keis die Okka oder 2'/, Pfd. preussisch (l’Okka) 6—9 Piast. Gurr. Maecaroni und Nudeln „ 9—11 Weizenmehl I „ 9 » 11 8— 7 n Kartoffeln „ 4 / 2 - 5 n Essig feiner (die Flasche) 8-10 yy „ gewöhnlich „ 3— 4 „ Salatöl die Flasche 10—12 „ Brennöl (Bottolo) 5 — 0 » Sardinen (in Büchsen gross.) 7- 9 n , ( „ klein.) 6— 7 » Salz (Okka) 7— 8 » Zucker (Okka) 12 Senf 7 Piaster pr. (Rottolo) fein Flacon 7— 8 » Graupen (l’Okka) 12 7 ! Mandeln (Bottolo) 12 15 Bosinen „ 4— 5 Aprikosen getrocknet (Mischmisch) 10 n Bohnen (l’Okka) 7-10 » Linsen , 5— Rindfleisch „ 16—18 Hammel „ 18 Schweinefleisch (P Okka) 18—20 Brod (l’Okka) 3- 3% Butter (Bottolo) 10 Fett 10 Käse arabisch (Bottolo) 4- 5 s „ switzer (1’ Okka) 30 7> Eier (das 100) 18-20 Zwiebeln (das Bottolo) '4 Datteln frische (das Bottolo) 1— 2 77 ,. trockene „ 2- 3 Feigen „ 3 — 3 ’/, Nüsse Wall (l’Okka) 6- 7 „ kleine „ 5— 6 Hühner das Stück 7u.l0 Gänse r 20—25 Tauben „ 3 Tauben, wilde (das Paar zu kaufen) 3 Truthühner das Stück 40— 60 Schafe r 200—400 r> * > Preise. 49 Ziegen das Stück Kaninchen * Pfeffer (das Rottolo) Honig „ Kaffee „ Durah (das Ardeh) Wasser (der Schlauch), süsses 150- 200 Pst. Curr. 7- 9 , * 6— 7 9 150—160 1- IV, „ NB. Französische Weine und Cognac sind in Alexandrien zu denselben Preisen zu haben, wie in den meisten deutschen Hafenstädten. Ungarweine sind sogar billiger als in diesen. Ebenso ist englisches Bier, Ale, Porter und Stout in Alexandrien und selbst in Kairo in vorzüglicher Qualität und nicht theurer als im Innern von Deutschland zu bekommen. 2. Kleidungsstücke, Werkzeuge und Geräthe. Stoffe, Bournous, Kaftans etc. kauft man ebenso wie alle anderen Luxus-Artikel je nach dem Stand der Seide, der Wolle, der Baumwolle etc. Die Preise der Werkzeuge und Geräthe hängen von der Grösse und Rarität der betreffenden Utensilien ab! 3. Verschiedenes. Tabak (Dchebbeli) de T Attakia Tuvia, die Okka „ (Turi) die Okka 50 — 80 Pst. Curr. 25 — 40 „ (Belledi) von Oberägypten, die Okka 12 — 25 n „ Stambulina, die Okka 100 - 200 a , Tambak (par Schlsche), die Okka 25 — 40 a Seife, gute syrische (das Rottolo) 7 — 8 » Schiesspulver, die Okka 80 — 120 » Blei (Schrot) , 6 — 8 „ Kohlen [Holzkohlen] (das Oantar 110 Rottoli) 50 — 00 » Holz und Kiehn 25 — 30 » Reitesel (einigermassen gute) 900 - 2000 # Pferde 1000 —10000 Kamele 1500 — 5000 Stearinkerzen, die Okka 22 — 24 f) Pfeifen-Mundstücke, das Stück 4 — 40 » Pfeifenköpfe, das Dutzend 2 — 4 A Pfeifenröhre, das Stück 10 — 200 » Flaggen (je nach Grösse und Feinheit) 100 — 1000 j? Wasserschläuche (lederne für Wüstenreisen) 30 - 50 A Wasserflaschen (sogenannte Ullen), das Stück 1' 3 » NB. Seidenwaaren kauft man in Kairo besser und wohlfeiler als in Smyrna und Konstantinopel. Teppiche nimmt man mit Vortheil am letztem Platze oder noch besser in Damaskus, und Goldstickereien entweder in Beirut oder Damascus. Beim Einkauf von Waffen, namentlich Damascenersäbeln, ist man in Aegypten wie im ganzen Orient stets dem Betrogenwerden 4 50 Consulate, ausgesetzt. Mau sei in letzterer Hinsicht dessen eingedenk, dass sich in Söhlingen und andern Wallenwerkstätten sehr wohl die Wässerung, nicht aber der eigenthümliche Klang der alten guten Klingen von Damaskus und Persien nachahmeu lässt. Schliesslich sei bemerkt dass der arabische Kaufmann in der Kegel beträchtlich vorschlägt, und dass man sich nicht zu scheuen braucht, ihm die Hälfte dessen zu bieten, was er auf die erste Frage nach dem Preise fordert. Consulate hat Preussen in Alexandrien und Kairo, Oesterreich ebenfalls in Alexandrien und Kairo. Unter denen des ersteren, welches auch einen Consularageutcn in Luxor hat, stehen die Angehörigen sämmtlicher Zollveroinsstaaten. Letzteres hat Consularagenten in verschiedenen kleinern Städten Aegyptens, namentlich in Assint, Tahta, Kenneh und Assuan, welche dem. der die Nilreise macht, unter Umständen von Nutzen sein können. Doch bedarf es dann (wenn der Keiscnde nicht arabisch spricht) eines Dragomans, indem diese Herren Levantiner sind. Die Consuln haben die Verpflichtung, den Angehörigen der Staaten, die sie vertreten, den erforderlichen Schutz gegen Beeinträchtigung ihrer Kechtc oder Beleidigung ihrer Person zu gewähren. Sie üben in gewissem Maassc polizeiliche Gewalt über dieselben, so dass letztere von der ägyptischen Polizei an ihr Consulat abgegeben werden müssen, falls sie sich Ungebührlichkeiten zu Schulden kommen lassen. Sie schliessen endlich rechtsgültige Käufe und Contraete ab, entscheiden Processe, vermitteln Birmane und Erlaubnisscheine zum Besuch von Moscheen u. a. m. und befördern auf Verlangen Briefe, die mit der arabischen Post aus dem Innern des Landes für europäische Plätze eingehen. Spocielle Empfehlungen an die Herren, welche den Consu- laten vorstehen, geben begreiflicher Weise ein grösseres Anrecht auf Unterstützung durch guten Bath. Im Uebrigen genügt der deutsche Pass, der in Triest vom türkischen Consul unterzeichnet und bei der Lösung des Falirbillets abgegeben werden muss. Derselbe geht nach der Ankunft des Dampfers in Alexandrien an das betreffende Consulat, welches ihn visirt und dem Reisenden, sobald er sich meldet, zurückstellt. Derselbe mag ihn dann für die Rückfahrt aufbewahren. In Aegypten wird er nur dann seiner bedürfen, wenn er sich einem Consulate gegenüber auszuweisen hat. Die einheimische Polizei fragt nirgends nach Legitimationspapieren. Firmane und Teskerchs sind für den, der sich auf die gewöhnliche Route beschränkt und sich nicht über Aegyptens Grenzen entfernt, gegenwärtig unnöthig. Die fränkische Kleidung ist allenthalben, soweit die Macht des Vicekönigs reicht, der beste Pass und die geeignetste Empfehlung, der Niemand den ihr gebührenden Respect versagt, und der die Kawassen weit eher Hülfe gewähren, als der orientalischen. Wer demungeachtet eines jener Documente, die weniger Pässe als arabische Empfehlungsschreiben an die Behörden sind — vielleicht, um mit Paschas und Beys Bekanntschaft zu machen — für nöthig hält, wende sich an sein Consulat. Firmane — Dragomane. 51 Die Landessprache in Aegypten ist die arabische, und zwar ein Dialekt derselben, welcher von der Schriftsprache erheblich abweicht. Koptisch wird gegenwärtig von keinem Bewohner des Landes mehr geredet. Für den, der es nicht auf ein gründliches Studium von Land und Volk abgesehen hat, ist die Kenntniss des Arabischen nicht erforderlich. Er wird in Alexandrien und Kairo selten und dann nur auf kurze Zeit in Verlegenheit kommen, wenn er ausser dem Deutschen Französisch oder Englisch, und noch seltener, wenn er Italienisch spricht. Ein kleines arabisches Lexikon einzuflechten, wie dies ältere Reiseführer gethan haben, halten wir für unzweckmässig. Der, welcher zum Vergnügen reist, mag sich nicht mit Auswendiglernen von trocknen Worten befassen, und dem, welchen sein Reisezweck nötliigt, sich die Landessprache anzueignen, ist mit einigen hundert Worten und einigen Dutzend Redensarten nicht gedient. Der letztere wird vor seiner Abreise die arabische Grammatik und im Lande selbst die Conversation sich geläufig machen, der erstere sich, sobald er von Alexandrien ins Innere aufbricht, auf dem Consulat oder im Gasthofe nach einem tüchtigen Dragoman erkundigen müssen, der zugleich als Dolmetscher und Bedienter fungirt. An diesen ist kein Mangel, sie kommen schon auf das Schift, um dem Reisenden ihre Dienste anzubieten, melden sich bei ihm im Gasthofe und dringen sich ihm so lange auf, bis er seine Wahl getroffen hat. Man muss aber bei dieser sehr vorsichtig sein und nur die wählen, welche gute Empfehlungen aufweisen können. In Kleinigkeiten wird man bei den Einkäufen, die sie zu besorgen haben, stets betrogen werden, und man hat von Glück zu sagen, wenn man einen einigermassen ehrlichen Burschen bekommt. Im übelsten Rufe stehen die Malteser. Dragomane, welche geläufig Englisch, Französisch und Italienisch sprechen, bekommen 9—10, die geschicktesten und mit besondern Empfehlungen versehenen verlangen selbst 12 Pf. St. nebst freier Station. Dies ist eine sehr beträchtliche Ausgabe, die indess dadurch vermindert werden kann, dass der Reisende mit Andern in Gesellschaft einen Dragoman nimmt, wozu sich immer Gelegenheit findet. Die Post für Briefe ist in Aegypten gut geregelt. In Alexandrien treffen jeden Freitag die Lloyddampfer ein und gehen, wenn die indische Post nicht länger ausbleibt, jeden Samstag nach Triest ab. Zur Francatur ist der Absender nicht genöthigt, dagegen schreibe er auf das Couvert „via Trieste“, da der Brief sonst mit den französischen Postschiffen abgehen kann. In Kairo ist rin europäisches und ein arabisches Postbureau. Ersteres befördert Briefe nach Europa, die bis Alexandrien freigemacht und mit französischer oder italienischer Adresse versehen werden müssen, letzteres besorgt den Briefverkehr im Innern des Landes, und zwar bis nach Kartum. Nach dem Reglement von 1866 für den Postdien3t im Innern Aegyptens zahlt ein Brief von 10 Grammen 1, einer von 10—20 Gr. 2 52 Briefpost—Gesundheitsregeln. und von 20—30 Gr. 3 Tarifpiaster. Wer sich dieser Anstalt bedienen will, um den Angehörigen in der Heimat Nachricht zu geben, oder von ihnen während der oft langdauerndeil Nilfahrt Nachricht zu erhalten, der setze sich mit dem Consulat in Verbindung oder adressirc seine Briefe aus Oberägypten (arabisch überschrieben) an seinen Bankier oder Gastwirth in Kairo zur Weiterbeförderung nach Alexandrien und Europa, und lasse die Briefe aus der Heimat an dieselbe Adresse zur Aufgabe auf die arabische Post nach Assiut, Theben oder Assuan gehen, wo sie der Dragoman abholen kann. Arabisch adressirte Couverts nehme man sicli entweder von Kairo mit oder lasse sie sich an den oberägyptischen Orten von einem der öffentlichen Schreiber schreiben, welche an dem Tintenfass im Gürtel leicht erkannt werden. Endlich begegnet der den Nil Hinauffahrende im Winter häutig flussabwärts gellenden Booten mit europäischer Flagge und es ist Gebrauch, dass diese aus Gefälligkeit Briefe nach Kairo befördern. Telegraphische Depeschen von 20 Worten mit Einschluss der Adresse kosten nach den verschiedenen Hauptstädten Europas 2—3 Livre Sterling. Von Gesundheitsregeln sind für Aegypten, eines der gesundesten Länder der Welt, nur einige zu befolgen. Im Winter hat man durchaus nicht nöthig, sich eine andere Lebensweise aufzuerlegen, als die, welche gewöhnlich in Europa befolgt wird, und jedermann kann essen und trinken, was er in der Heimath zu gemessen pflegte. In den Sommermonaten dagegen ist es besser, wenig oder keinen Wein und keine Spirituosen zu trinken, da sie das Blut erhitzen und die Glut der Sonne mehr empfinden lassen. Manchen bekommen Fische, Eier und imabgekochte Milch nicht, doch sind solche Fälle selten. Obst und grüne Gemüse sind sehr zu empfehlen, und Bindfleisch ist selten so gut als Hammelfleisch. Die Fische des Nil sind nicht viel werth, am Besten ist noch der Bnltih und der Chischer. Gesunde Personen können bisweilen am Morgen oder Abend ein Bad im Nil nehmen, wo unterhalb Monfalut nichts, weiter aufwärts nur in der Nähe von Sandbänken et-was von Krokodilen zu fürchten ist. Ein sehr angenehmes Gefühl lassen endlich die orientalischen Dampfbäder zurück, welche man beinahe in jeder Stadt haben kann; doch hüte man sich unmittelbar nach ihnen vor Zugluft und lege im Winter, wenn man sich aus ihnen wegbegibt, warme Kleider an. Aegypten hat nur wenige Krankheiten. Seine trockene Luft und sein milder Winter, der einem schönen deutschen Frühling gleicht, lassen es Brustkranken zum Aufenthalt empfehlen. Nur vor denkalten Nächten, die auf warme Tage folgen und namentlich nach Mitternacht sehr empfindlich werden, hat man sich zu hüten. Fieber sind sehr selten, ausgenommen in Alexandrien und andern Küstenplätzen des Delta. Sonst sind Verstopfung, Diarrhöe und selbst Dysenterie sowie Ophthalmie die einzigen Uebel, welchen Fremde ausgesetzt sind. Gegen das erste dieser Leiden sichert man sich am Einfachsten dadurch, dass man früh nüchtern ein Glas Nilwasser trinkt. Stellt es Krankheiten. 53 sich demungeachtet ein, so lasse man bei Tische den Iiotliwein weg. Für hartnäckige Fälle versehe man sich mit Bittersalz, welches in den italienischen Apotheken zu Alexandrien und Kairo unter dem Namen Sale amaro zu haben ist. Gegen Diarrhöen, die hier sehr leicht einen bösartigen Charakter aunchmen, sichert man sich dadurch, dass man den Unterleib warm hält und zu diesem Ende einen breiten seidenen oder wollenen Gürtel trägt oder auf den blossen Leib ein Flanellhemd zieht. Stellen sich trotzdem Zeichen der Krankheit ein, so lasse man sich einen Trank aus 2 Speiselöffeln von Arrowroot und 1—2 Theelöffeln von Gummi arabicum bereiten, der rechtzeitig genossen sicher Abhülfe schafft. Gegen Anfälle von Dysenterie (rothe Ruhr) nehme man Castoröl oder Sennesblätterthee, suche danu rasch den Rath europäischer Aerzte und nehme sich inzwischen vor allem Genuss von Fleischspeisen in Acht. Die Ursache der in Aegypten auffallend häufigen Aucjenkrank- heiten (man erblickt fast eben so viele Blinde und Einäugige als Leute mit gesunden Augen) ist von einigen in dem feinen Sande gesucht worden, welchen der Wind aus der Wüste her zuweht. Andere bezeichnen dies als einen Irrthum und wie es scheint mit Recht. Augenentzündungen sind in der Wüste fast ganz unbekannt, und wenn sie dort angetroffen werden, so sind sie aus dem Nilthale dahin gebracht worden, ja es wird von wohlunterrichteter Seite behauptet, dass sie nach zwei bis drei Tagen sich bessern, wenn der Leidende sich nach den hochgelegenen, völlig trockenen Strichen zu beiden Seiten des Stromtha^s begibt. Es wird damit nicht behauptet, dass in die Augen gewehter Sand und sehr starkes Sonnenlicht, welches von dürren, kahlen Flächen zurückprallt, dem Auge nicht schaden könne. Staub und Sonnenschein auf Schneeflächen bringen ja in andern Gegenden dieselbej Erscheinung hervor. Allein in Aegypten ist die Ursache der Ophthalmie, die bekanntlich zuweilen contagiös auftritt, anderswo zu suchen. Sie liegt in dem Wechsel zwischen ausserordentlicher Trockenheit und Feuchtigkeit, der hier besonders zu manchen Jahreszeiten stattfindet. Aegypten hat, wie bemerkt, ein äusserst trockenes Klima, aber der Unterschied zwischen der fast dunstlosen Atmosphäre und den feuchten Ausdünstungen des Flusses sowie der engen und der Kühlung halber stets mit Wasser besprengten Strassen Kairos und anderer Städte ist so gross, dass das Auge leicht davon angegriffen wird, vorzüglich wenn es in dem empfänglichen Zustande ist. in welchen es durch die fühlbare und unfühlbare Transspiration versetzt wird, der die Haut unaufhörlich unterworfen ist. So kommt es. dass während der Ueberschwem- mungen des Nil (September und die erste Hälfte des October), wo jene Ausdünstungen am stärksten und die Wirkungen der Sonnenstrahlen noch sehr fühlbar sind, die Krankheit am häufigsten beobachtet wird. Man entgeht ihr in dieser gefährlichsten Zeit dadurch, dass man sich vor jedem feuchten Luftzuge in Acht nimmt und, wenn man 54 Krankheiten — Jagd. genöthigt ist, des Nachts aus einem warmen Zimmer oder der Kajüte eines Nilboots zu gehen, sich Stirn und Augen, nachdem man sich vorher den Schweiss abgetrocknet, mit etwas kaltem Wasser w r äscht, wodurch die Transspiration vor plötzlicher Unterbrechung beim Hinaustreten bewahrt und das Auge auf den Temperaturwechsel vorbereitet ■wird. Bekommt man dennoch einen Anfall, so kann man sich mitunter selbst helfen, oder doch die Krankheit an weiterem Portschreiten verhindern. Stellt sich eine Entzündung ein, so bade man das Auge mit Kosenwasser oder Weingeist, mit letzterem natürlich so, dass nur die Lider benetzt werden. Oft thut schon warmes Wasser oder der Dampf von kochendem, durch einen Trichter auf den kranken Theil geleitet, dieselben Dienste. Andere rathen für das erste Stadium 5—6 Gr. Zinksulphur, bei vorgeschrittener Krankheit eine Lösung von salpeter- - saurem Silber an. Sodann wird ein Absud von Mohnköpfen empfohlen. Endlich soll fleissiges Waschen mit einer Abkochung von Petersilie | sich als heilsam erwiesen haben. Im Winter ist von der Ophthalmie wenig zu fürchten. Ueber die Pest ausführlich zu sprechen ist unnöthig. Jedermann wird es erfahren, wenn sie in Aegypten wüthet, und dann seinen Besuch auf gelegenere Zeit verschieben. Jedermann wird sich unverzüglich aus dem Lande entfernen, sobald sie ausbricht. Kann er letzteres nicht ermöglichen, so ist Oberägypten, wo Pestfälle oberhalb Assiut noch nicht vorgekommen sind, ein ebenso sicherer Zufluchtsort, als das Ausland. Ist ihm auch die Abreise dahin nicht gestattet, so halte er gleich den andern Europäern in Kairo oder Alexandrien Quarantäne. In der letzteren Stadt werden nur sehr selten in der Zeit zwischen Ende September und Anfang Januar Pestfälle beobachtet, und das nur in manchen Jahren. In Kairo ist man von Ende Juni bis Ende März völlig sicher. Uebrigens tritt die Pest in grossem Maasstabe nur alle zwölf bis fünfzehn Jahre auf. Man fürchtet sie bei Weitem nicht mehr so wie früher, da der Gesundheitsrath in Kairo stets pas- ! sende Maassregeln gegen sie trifft, und die Behandlung der Kranken grosse Fortschritte gemacht hat. Das erste Mittel für den, der die Vorboten herannahen fühlt, sollte ein Brechmittel sein, welches, wofern es zu rechter Zeit genommen wird, dem Uebel oft Halt gebietet; dagegen ist ein Aderlass nicht zu empfehlen. Zum Schluss verdient Erwähnung, dass nach manchen Reisenden Hand- und Kopfw'unden in Aegypten schwerer heilen, als anderwärts, was wir in Betreff der erstoren bestätigen können. Freunden der Jagd wird es angenehm sein zu erfahren, dass sie in Aegypten neben der Betrachtung des orientalischen Lebens und der grossartigen Reste der Pharaonenzeit und neben den Genüssen einer Nilfahrt zugleich dem edlen Waidwerk obliegen können. Nament- ! lieh hat das Land einen Ueberfluss von Federwild, von dem man sich i kaum eine Vorstellung macht. Wilde Tauben finden sich in den Pal- | menhainen Überägyptens so zahlreich, dass man in einer Stunde meh- t k Jagd, Tour, Zeit- und Kostenaufwand. 55 rere Dutzend scliiessen kann. Die Sandbänke des Flusses wimmeln von Pelikanen, Reihern, weissen Ibissen (nicht mit dem heiligen Vogel der alten Aegypter zu verwechseln, der schwarze Federn hatte) und Schnepfen. Zahlreiche Adler, Geier und Stossvögel kreisen über den Dörfern. Seltener trifft man auf Schakale und Füchse. Dagegen sind wilde Schweine in einigen Strichen des Delta, insbesondere in der Nachbarschaft von Karjum, sowie in den Sümpfen am See Menzaleh bei Tanis sehr häufig. Am Rande der Wüste kann man zuweilen eine Gazelle zu Schuss bekommen. Krokodile aber werden zwar in der Gegend von Kenneh an aufwärts nicht selten gesehen, indess weit weniger oft erlegt, als manche Reisende glauben, und dasselbe gilt von den Hyänen in den Bergklüften am Ufer. In den folgenden Kapiteln ist die gewöhnliche 'Tour durch Aegypten besonders ins Auge gefasst. Dieselbe beginnt mit Alexandrien, dessen Merkwürdigkeiten in drei bis vier Tagen sämmtlich gesehen werden können. Von da begibt man sich mit der Eisenbahn über Tanta (wo man sich, wenn das Fest zu Ehren des moslemitischen Heiligen Said Achmed el Bedaui gerade in die Zeit der Durchreise fällt, — es findet zu Anfang des März statt und es ist damit ein grosser Markt verbunden — einen Tag aufhalten mag) nach Kairo, zu dessen Besichtigung man mindestens eine Woche bedarf. Von Kairo bricht man in der Regel zu Wasser nach Oberägypten auf, besucht Theben und geht weiter stromaufwärts bis nach Assuan und der Insel Philae, wo die gewöhnliche Tour ihr Endziel hat. Zurückgekehrt nach Kairo, kann man einen Ausflug nach Suez machen, um das rothe Meer zu sehen, den Suez-Kanal zu besuchen und sich das Wesen der Wüste zum Bewusstsein zu bringen. Zu dieser Reise bedarf es, wenn der Wind auf dem Nil nicht besonders günstig ist und die Städte und Alterthümer des Landes nicht blos im Fluge gesehen werden sollen, mindestens zwölf Wochen. Die Kosten derselben lassen sich nicht so bestimmt angeben, da sie von dem Grade von Comfort, den der Reisende beansprucht, sowie davon abhängen, ob dieser für die Tour nach Oberägypten eine Barke für sich allein miethet oder sich mit Andern zu diesem Zwecke verbindet. Bis nach Kartuni liegt jetzt eine Telegraphen-Linie, ebenso ist man eifrig damit beschäftigt eine Eisenbahn bis nach dort zu legen. Selbe geht bereits von Imbabe (einer Station, '/, Stunde von Kairo) aus bis nach Minieh in Ober-Aegypten, eine andere Zweiglinie führt gleichfalls von Imbabe aus direct nach Fagoum. Die Zeit der Abfahrt ist um 8 '/ 2 Uhr Morgens, u. z. wie bei allen andern Bahnen so auch hier mit Passagieren 1., 2. und 3. Klasse. In Minieh sowohl wie auf allen andern Eisenbahnstationen befinden sich bereits europäische Post-Üfficen, welche die Briefe von und nach Kairo und ganz Unter-Aegypten befördern. Dasselbe steht 56 Zeit- und Kostenaufwand. mit den übrigen Orten Ober-Aegyptens in baldiger Aussicht, da unermüdlich an der ganzen Strecke gearbeitet wird. Schliesslich kann bemerkt werden, dass 1200 bis 1500 fl. oder 1000 Thlr. preuss. genügen, um die angegebene Reise mit aller Bequemlichkeit von der Mitte Deutschlands aus und zurück zu machen, und dass diese Summe sich für den, welcher auf den Eisenbahnen und Dampfschiffen in zweiter Klasse fährt und sich für die Tour durch Aegypten einer Gesellschaft anschliesst, auf 800 bis 900 fl. oder 600 Thlr. preuss. ermässigen wird. Alexandrien. 57 ZWEITES KAPITEL. _A.lexand.rien- Die Douane. — Fiaker und Reitesel. — Gasthöfe. — Consuln. — Das alte Alexandrien. — Plan desselben und Beschreibung seiner hauptsächlichsten Gebäude. - Monumente ausserhalb des Kanopischen Thores. — Reste der alten Stadt. — Das jetzige Alexandrien. — Einwohner, Handel undjVerkehr. — Moscheen und andere selions- werthe Gebäude. — Vergnügungen und Gesellschaften. — Der Makmudie-Kanal. — Die. Eisenbahn nach Kairo. — Andere Routen dahin. Sobald der Dampfer, von dem Lootsen in den neuen Hafen geführt, Anker geworfen hat, erscheint das Boot des Quarantänebeamten, der sich über den Gesundheitszustand der Passagiere versichert. Erst nachdem dies geschehen, dürfen letztere an’s Land gehen, wozu man sich eines der Boote bedient, welche sofort nach der Ankunft des Schilfes dasselbe zu umschwärmen beginnen. Für ein solches Boot vom Dampfer bis an die Stelle, wo die Douane ist, werden 2 —2 '/, Francs bezahlt, wofür sich zwei Personen seiner bedienen können. Am Strande angekommen, drängen sich Massen von Lastträgern herzu, um die Sachen des Beisenden nach dem Zollhause zu schaffen. Hier werden dieselben rasch untersucht oder — wenn es nur ein Beisekoffer ist und ein Trinkgeld von einem Schilling oder Zwanziger den Beamten verstehen lässt, dass der Beisende Eile hat — nicht untersucht. Omnibusse der verschiedenen Hötel’s stehen zum Empfange der Fremden bereit, doch kann er sich auch eines Esels bedienen, für welchen er 3—4 Piaster bis zum Hotel zahlt. Lange Wahl bringt hier Qual; denn die Eselbuben Alexandriens gehören zu den zudringlichsten Aegyptens, und die Art. wie sie sich des Ankömmlings zu bemächtigen suchen, bringt buchstäblich die Kleider desselben in Gefahr zerrissen zu werden. Einheimische geben nicht mehr als die Hälfte. Auf die nie ausbleibende Klage der Treiber, dass man zu wenig gezahlt, achte man nicht, da sie keinerlei Berechtigung hat. Für den Gebrauch eines Esels während eines ganzen Tages gibt man 16 bis 18 Piaster, für einen der Lohnwagen, welche auf dem grossen Platze des Frankenviertels halten, für dieselbe Zeit nach vorhergängigem Uebereinkommen 140 bis 160. Für eine einzelne Tour in der Stadt, oder von der Douane bis zum Hotel zahlt man 2‘/ s —3 Franken; etwas mehr, also 3 /,—4 Franken, wenn man grösseres Gepäck hat. Uebrigens besteht jetzt nur ein vorläuiiger Tarif, welcher in kurzer Zeit durch die oben im Entstehen begriffene Municipalität geregelt und festgestellt werden wird, nnd hat sich der Fremde einfach danach zu richten. 58 Alexandrien. Die Strasseil, durch die man nach dem Hôtel zu gehen hat, sind eng, ungepfiastert und unregelmässig. Die Häuser stehen fast ohne alle bestimmte Ordnung neben einander und sehen wie unvollendet oder wie Euinen aus. Palmen, die bisweilen über eine Mauer schauen, Minarets, Fenstergitter von schön geschnitzten Holzstäben und hier und da ein Thorweg im sarazenischen Styl erinnern an den Orient, und wenn man den etwas langem Weg durch die Bazars einschlägt, wird man durch manche echt morgenländische Scene überrascht werden. In der Eegel beeilt man sich indess, nach dem Frankenquartier und in seinen Gasthof zu kommen. Das erstcre befindet sich am Ende der Stadt und am fernsten von dem neuen Hafen, indem früher die europäischen Fahrzeuge auf den alten östlichen Hafen beschränkt waren und die Kaufleute und Consuln sich in dessen Nähe ansiedelten. Es hat gerade Strassen und man kann sicli in den neueren Theilen in eine italienische Stadt versetzt glauben. Manche von den Gebäuden sind förmliche Paläste, und der grosse Platz in der Mitte, an welchem die bedeutenderen Gasthäuser, die sehr geschmackvolle englische Kirche, die Bureaux der Dampfschiifahrts-Gesellschaften und die Wohnungen der meisten Consuln sich befinden, bietet einen recht stattlichen Anblick und dürfte am meisten mit den Linden Berlin’s zu vergleichen sein. Von zwei Beihen schöner Akazienbäume beschattet, hat er an jedem Ende einen marmornen Wasserbehälter, aus dem sich ein circa 30 Fuss hoher Wasserstrahl erhebt. Auf jeder Seite findet man alle 20 Schritte eine Marmorbank, welche den Spaziergänger zum Sitzen einladet. Die Gasthöfe in Alexandrien sind folgende: Hôtel Péninsulaire et Oriental im Mittelpuncte der Stadt am Consulatsplatze gelegen und vorzugsweise von Engländern besucht; Hôtel d’Europe, nächst dem vorigen gelegen und von Angehörigen j verschiedener Länder besucht; Hôtel Abbat, nach dem Eigenthümer benannt, neuerlich vergrössert und mit Bädern versehen, vorzugsweise von Franzosen besucht; das Hôtel d’Angleterre am Bande des Meeres und im Mittelpunct der Geschäfte gelegen. In diesen grossen Hotels wechseln die Preise zwischen 15—20 Francsauf den Tag, jedoch ohne Getränke. In den Umgebungen von Alexandrien, zum Bamleh, einer Eisenbahnstation, wurde vor einiger Zeit ein Hôtel mit englischem Confort errichtet und die Menschenhand hat da mitten in den Sand eine reizende Oase hingezaubert. Man findet daselbst prächtige Speise-, Billard- und C'onversationssäle, Schlafzimmer von überraschender Kühle. Kabinen für Meerbäder stossen an das Etablissement und von Zeit zu Zeit erheitert ein Orchester die Gäste dieses fürstlichen Aufenthaltes. Die Preise sind gleichwohl nicht höher als in den übrigen Hotels ersten Banges. Zu den Hotels zweiten Banges gehört das von Deutschen viel besuchte Hôtel de Trieste; überdies gibt es auch eine grosse Zahl meublirter Wohnungen, wo ein Zimmer je nach der Lage, 90—125 Alexandrien. 59 Francs monatlich kostet. Eine eingerichtete Wohnung aus Salon, Schlafzimmer und Küche bestehend, kostet monatlich 200— 300 Francs. Die confortabelsten Restaurants à la carte sind das Café restaurant d’Europe und de France; eine Flasche Wein kostet daselbst 2 Fr., eine gewöhnliche Mahlzeit 4 Fr. Ausserdem gibt es 2 Cafés chantants und zahlreiche Bierhäuser mit meist weiblicher Bedienung. Im Winter gibt man in 2 Theatern. Zizinia und Rossini meist italienische Opern. Die Wohnungen der Consuln sind an den Flaggenstangen auf ihren platten Dächern leicht zu erkennen. Wer mit den Dampfern des Lloyd ankommt, muss sich hei ihnen seinen Pass abholen. Der preus- sische Consul vertritt zugleich die Staaten des Zollvereins. Ausserdem halten hier Oesterreich, Dänemark, Russland, Frankreich, England, Italien, Belgien, die Yer. Staaten, Griechenland und einige andere tür uns hier weniger wichtige Staaten Consuln. Alexandrien wurde von Alexander dem Grossen im Jahre 331 an der Stelle einer kleinen griechischen Colonie Namens Rakotis gegründet. Die Stelle war gut gewählt, da sie den Haupthandelsweg nach Arabien und Indien beherrschte, und die Stadt wuchs so rasch, dass sie zur Zeit der ersten römischen Kaiser in der gesammten alten Welt nur von Rom an Grösse übertrotten wurde. Ihre Mauern, welche einen Umfang von mehr als drei deutschen Meilen hatten, schlossen ehedem eine Bevölkerung von 600,000 Seelen und eine grosse Menge von Tempeln und Palästen, wissenschaftlichen Anstalten und Sammlungen ein. Die merkwürdigsten Gegenstände des alten Alexandrien waren der Leuchtthurm und die Bibliotheken. Der erstere, welcher zu den sieben Wundern der Welt gezählt wurde, war ein viereckiges Gebäude von wcissem Marmor, welches von Ptolemäus Philadelphus mit einem Kostenaufwands von fast zwei Millionen Thalern errichtet wurde. Dieser Pharos stand auf einer Klippe am Nordosten der kleinen Insel i gleiches Namens, mit welcher er vermittelst einer Mauer verbunden | war, während die Insel ihrerseits mit dem Festlande durch einen Damm in Verbindung stand, der, weil er sieben Stadien lang war, das Hepta- stadion hiess, und welcher jetzt, durch die Schutthaufen eingestürzter Gebäude breiter geworden, den grössten Theil des heutigen Alexandriens trägt. Der alte Leuchtthurm des Hafens nimmt noch immer die Stelle ein, wo jener Riesenbau des Sostratos von Knidos (denn so hiess der Baumeister) sich erhöh, aber Spuren sind keine mehr vorhanden. Von den Bibliotheken gehörte die eine zu dem Museum, einer 1 Art Universität, die andere zu dem Sarapion, einem Tempel des Se- rapis. Die erstere enthielt gegen 400,000, die andere gegen 200,000 Handschriften. Die Büchersammlung des Museums wurde während des Krieges Julius Cäsars mit den Alexandriern durch einen Brand völlig vernichtet. Die andere Bibliothek war gleichfalls währond der römischen Kaiserzeit grossen Beschädigungen und Verlusten ausgesetzt, besonders als unter Theodosius in den Jahren des untergehenden Heidenthums, welches sich in Alexandrien sehr lange Anhänger bewahrte, das Sarapion von den Christen gestürmt wurde. Der Rest der Bücher, 60 Alexandrien. noch immer beträchtlich, wurde, wie die Saga will, von dem Kalifen Omar, als er die Stadt einnahm, zur Heizung der 4000 Bäder verwendet, welche Alexandrien damals besass. Bas Museum, an welches sich die Namen Euklides, ICtesibios, Klemens, Origenes und Athanasius knüpfen, stand in dem Stadtviertel, welches Bruchion hiess. Seine Stätte lässt sich jetzt nicht genau mehr angeben, wahrscheinlich ist nur, dass es in der Nähe des Zweiges des Kanals stand, welcher bei dem Rosette-Thor sich der See zuwendet das Bruchion nahm den ganzen Kaum um dasselbe bis zum Cäsarion ein. Letzteres, ein Tempel Casars, befand sich da, wo sich der Obelisk erhebt, welcher den Namen „Nadel der Kleopatra“ führt. Hier — und zwar da herum, wo der sogenannte römische Thurm stand — war ferner der Hauptpalast der ptolemäischen Könige, und hier war auch das Soma, das Familienbegräbniss dieser Fürsten, in welchem zugleich der Gründer der Stadt ruhte. Die Araber sahen lange Zeit ein Grab in der Nähe des Bades westlich von der Strasse, die vom Frankenquartier nach dem Thore zur Fompejussäule führt, als das Grab „Iskanders, des grossen Propheten und Königs“ an. Es scheint indess nichts weniger als der Ruheplatz Alexanders, sondern das Grab eines alten Scheehs zu sein. Eben so wenig ist der Sarkophag, welchen die Franzosen aus der Moschee des Athanasius entführten, und welcher jetzt im Britischen Museum ist, der Sarg des grossen Eroberers, sondern, wie die darauf befindlichen Hieroglyphen zeigen, der des Pharao Amyrtäus. Gegenüber dem Obelisken war mit einem Palaste die Insel Anti- rliodus, jetzt gänzlich verschwunden. Auf einem Hügel in der Nähe des Rosette-Thores, welcher jetzt Kom Dirnas heisst, war das Theater. In dessen unmittelbarer Nachbarschaft befand sich der Tempel des Poseidon, vor dem sich der Marktplatz ausdehnte, der östlich von dem Obelisken lag. Wo jetzt der grosse Platz des Frankenquartiers ist, waren einst die Docks. Auf der Westseite des Molo’s oder Heptasta- dions war der Hafen Eunostos, der jetzt der alte Hafen heisst. Neben ihm war ein künstlicher, Kibotos genannt, welcher zweifelsohne die Stelle südöstlich von dem Fort Cafarelli einnahm. Weiterhin war der nach dem See Mareotis führende Kanal. Die Grenzen der Stadt waren nur wenig westlich von diesem Kanal. Dann kamen die Vorstädte, die Nekropolis und eine Anzahl von Gärten. Das Sarapion oder Sarapeum stand auf der Ostseite des Kanals in dem Theile Alexandriens, welcher die Stelle des alten Rhakotis einnahm. Es wurde an Pracht und Schönheit mit dem Kapitol verglichen, stand auf der Hochfläche eines künstlichen Hügels, welcher sich 100 Fuss über den benachbarten Theilen der Stadt erhob, und bestand aus Vorhöfen, Hallen und zahlreichen schönen und reichgeschmückten Nebengebäuden. Das Panium, ebenfalls ein künstlicher Hügel, auf den eine Schneckentreppe führte, und von dessen Gipfel man die ganze Stadt überschaute, glauben einige in der Höhe, wo jetzt das Fort Ca- Alexandrien. Gl ferelli stellt, Andere in dem Hügel, wo sich die Pompejussäule erhebt, zu erkennen. Das Gymnasium befand sich hart bei der Strasse, die sich von dem westlichen Thore (dem der Nekropolis) nach dem östlichen oder kanopisehen hinzog — eine Strasse, die 40 Stadien lang und lOOFuss breit war. Diese und eine andere grosse Durchfahrt, welche jene im rechten Winkel durchschnitt, war vor einigen Jahren noch mit ziemlicher Deutlichkeit eine Strecke zu verfolgen. Das Rosette-Thor ist der östliche Eingang in den grossen umwallten, zum Theil mit schönen Landhäusern, und Gärten bedeckten Raum, welcher südlich und südöstlich von der heutigen Stadt liegt. Wo noch keine Gärten sich befinden, erheben sich wüste Schutthaufen, tlieilweise von beträchtlicher Höhe. Das genannte Thor steht nicht an der Stelle des alten kanopisehen, welches bedeutend weiter östlich war. Ging man durch das kanopische Thor, an dem Hippodrom vorbei, so gelangte man nach dem 28 Stadien von Alexandrien gelegenen Niko- polis. Hier schlug Augustus die Anhänger des Antonius, woher der Name des Ortes, der von dem Sieger mit vielen prächtigen Gebäuden geschmückt wurde und in späterer Zeit von zahlreichen vornehmen Leuten bewohnt war. Man erkennt die Stelle noch jetzt an den Spuren eines römischen Lagers, verschiedenen gebrochenen Säulen und umhergestreuten Trümmern von Marmorzierrathen. Auch die Stelle des Hippodroms ist von den Alterthumsforschern aufgefunden worden und zwar auf der Fläche hinter den von den Franzosen während der Schlacht bei Alexandrien besetzten Hügeln, 2800 Metres von dem Rosette-Thor und 250 Metres von der Seeküste, Der kanopische Kanal ist zum Theil in dem Mahmudie-Kanal aufgegangen. Er befand sich, wenn man aus der Stadt trat, rechts, floss in den See und stand mit dem Städtchen Kanopos in Verbindung. Er versah Alexandrien mit Wasser, welches theils der Nil, theils der Regen des Winters lieferte. Man bewahrte dasselbe in Cisternen auf, die sehr gross und oft mit säulengetragenen Dächern versehen waren, und von denen manche noch jetzt bestehen und benutzt werden. Alle diese Reste der alten Stadt haben nur für den Gelehrten ein Interesse. Der gewöhnliche Reisende wird sich begnügen, die im Folgenden zn schildernden auffallendsten und deutlichsten Ueberbleib- sel des Alterthums aufzusuchen. Dieselben sind: Die beiden Obelisken, die sogenannte Säule des Pompejus und die Katakomben. Die Obelisken, gewöhnlich als die Nadeln der Kleopatra bezeichnet, standen, wie bemerkt, vor dem Tempel des Cäsar. Der eine derselben steht noch aufrecht, der andere liegt daneben, zum Theil mit Erde bedeckt; jener ist von Mehemed Ali den Franzosen, dieser den Engländern geschenkt worden. Es sind Granitsäulen aus rothem Stein und aus einem einzigen Stück, auf jeder Seite mit drei Reihen von Hieroglyphen verziert. Der stehende ist gegen 21 Metres hoch und zeigt an der Basis einen Durchmesser von 2'/, Metres, der umgestürzte hat eine Höhe von 66 Fuss. Sie standen ursprünglich in Heliopolis, und ! 62 Alexandrien. 1 man sieht auf ihnen die Namensovale des dritten Thothmes. In den ; Seitenlinien befinden sich ferner die Ovale Ramses des Grossen (Seso- stris) und unten an den Ecken die eines spätem Pharao, walirschein- : lieh Osirei’s II., des dritten Nachfolgers des Sesostris. Die Pompejussäulc steht gegen 1800 Fuss südlich vor der Mauer i der heutigen Stadt sehr anmuthig auf einem Hügel, der wahrschein- i lieh die höchste Stelle der alten Stadt war, und unter dem sich jetzt der nmhamedanische Begräbnissplatz ausbreitet. Die totale Höhe derselben beträgt 98 Fuss 9 Zoll, die Höhe des Schafts 73 Fuss, der Umfang 29 Fuss 8 Zoll und der Durchmesser der Oberfläche des Iva- I pitäls lG Fuss 6 Zoll. Sie gehört zu den grössten Säulenmonolithen der Welt. Kapital und Fussgestell scheinen aus späterer Zeit als der Schaft, der aus dunkelrothem Granit und 8 Fass dick ist. Der Unter- satz ist etwas schwerfällig aus Sandstein gearbeitet und besteht aus Blöcken, auf deren einem der Name des zweiten Psammeticli gefunden wurde. Auf dem Gipfel, der schon wiederholt bestiegen worden ist, und auf welchem Napoleon gefrühstückt haben soll, bemerkte man Spuren, aus denen man schloss, dass die Säule einst eine Statue getragen. Die Araber haben eine Sage, nach welcher die Säule früher I mit drei andern eine Kuppel gestützt habe. Makrisi lässt sie in einer von 400 Säulen getragenen Stoa gestanden haben, welche zu der Bibliothek gehört. Die beiden letzteren Angaben sind eben so fälsch als die Ansicht, welche die Säule von Poinpejus oder zu Ehren desselben errichtet sein liess. Die Säule hat eine Inschrift, welche deutlich besagt, dass sie von Publius, dem Präfecten von Aegypten, zu Ehren des Kaisers Diocletian errichtet wurde, und Wilkinson verlegt mit grosser Wahrscheinlichkeit ihre Aufstellung in die Zeit nach 296, wo Alexan- j drien von jenem Kaiser belagert und eingenommen worden war. Nichts zeigt die Grösse des alten Alexandrien mehr, als die ; Katakomben an der Küste im Westen. Der Eingang zu ihnen ist in ' der Nähe der Nekropolis. Ihre Ausdehnung ist ungeheuer, aber die : Hauptveranlassung, einen Besuch derselben zu empfehlen, gibt die ; Eleganz und Symmetrie der Architektur in einem der Gemächer. Um ■ sie zu besuchen, bedarf es eines Führers, einiger Kerzen oder Fackeln ; und. wenn der .Reisende weit vorzudringen wünscht, einer Leine. Die Entfernung von den Gasthöfen am grossen Platze beträgt eine reichliche Stunde Weges. Unterwegs trifft man verschiedene Gräber am ! Ufer an, von denen einige sich zum Theil unter Wasser befinden, weshalb sie r die Bäder der Kleopatra“ genannt worden sind. | Sonst ist von der prächtigen Stadt Alexanders des Grossen und der Ptolemäer nichts Wesentliches erhalten. Häufig zwar werden hei Ausgrabungen zuin Zweck vom Baue neuer Häuser im Frankenviertel Spuren von Gewölben und Säulen, Trümmer von Statuen und Mauern, verschiedene Münzen und dergleichen gefunden. Im Allgemeinen aber hat Alexandrien jetzt nur in seiner neuen Gestalt ein Interesse für den Reisenden. Efe^SäiSI D;e Pompejua-Saul .ar.arie; glj# .jfr' y#f53; ^S^/ffTw!Ç*^i^- S^P^k’- 1 ' ' .1 *>,.’- Alexandrien. 63 Einst die grösste Handelsstadt der Welt, sank Alexandrien schon nach der Eroberung Aegyptens durch die Araber beträchtlich, aber erst die Entdeckung des Seewegs um das Kap der guten Hoffnung vernichtete seine Bedeutung völlig. Es hatte zu Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr als 6000 Einwohner, die damals in sehr üblem Eule standen. Unter Meliemed Ali hob sich der Verkehr der Stadt beträchtlich. Europäische Kaufleute, besonders Italiener, siedelten sich an, Engländer und Franzosen gründeten Handelshäuser hier, auch Deutsche fanden sich zahlreich ein, europäisches Wesen gewann die Oberhand und der blühendste Handel entfaltete sich. Das Araberthum trat mehr und mehr zurück, und die Stadt gewann allmählig fast das Aussehen eines italienischen Hafenplatzes. Die Einwohner, jetzt gegen 200000, bestehen zu wenigstens einem Drittel aus Franken', die übrigen sind Griechen, Araber, Juden, Berbern, Türken, Syrier, Albanesen, Armenier und Kopten. Die Anzahl der jährlich aus- und einlaufenden Schiffe is stetig im Wachsen begriffen. Die Dampfschiffe des österr. Lloyd, der italienischen, der russischen, spanisch-englischen, der niederländischen, der anglo-ägyptischen Gesellschaft verkehren regelmässig von und nach Alexandrien. Die Ausfuhr stieg namentlich während des nordamerikanischen Krieges zu beträchtlicher Höhe. Im Jahre 1862 betrug sie in Piast 7.806,940,26, im Jahre 1863 = 1.283,145,000,1864 = 1.644,571,000, 1865 = 1.686,135,000 und ist seitdem noch immer in Wachsen begriffen. Die Bazars sind in Alexandrien nicht so reich ausgestattet, als in Kairo. Doch ist denen, welche sich mit syrischem Tabak für die Reise versehen, oder sich bei der Rüekkehr nach Europa in syrischen Wollen- und Seidenwaaren Andenken aus dem Morgenlande mitnehmen wollen, zu rathen, ihre Einkäufe hier zu machen. In den arabischen Läden sieht man viele deutsche Gegenstände, böhmisches Glas, ost- preussischen Bernstein, Sohlinger Säbelklingen, Nürnberger Spiegel, Türkenbecher und Spielwaaren. Schon nimmt Oesterreichs Verkehr mit Aegypten den dritten Rang unter den rivalisirenden Nationen ein, und es -ist kein Zweifel, dass dasselbe jetzt nach Vollendung des Suezkanals bald noch glänzendere Erfolge erzielen wird. Das Leben im Hafen, in welchem durchschnittlich 500 bis 600 grössere und kleinere Schiffe, darunter viele Dampfer, ankern, ist für den, der noch nicht im Morgenlande war, schon deshalb von besonderem Interesse, weil liier gewöhnlich auch die ägyptische Flotte liegt. Sonst mag man den Palast besuchen, in welchem Mehemed Ali während eines Theils seines Lebens residirte. Von den Moscheen ist keine des Besuches werth und nur zwei sind von beträchtlicher Grösse. Die eine derselben, Moschee der tausend und ein Säulen genannt, befindet sich im _ westlichen Theile der Stadt nicht fern von der alten Nekro- polis. Sie hat viele, aber keineswegs die in ihrem Namen enthaltene Anzahl von Säulen, sonst auch nichts Merkwürdiges, als dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach die Stelle einnimmt, wo einst die Kirche des lit Alexandrien. heiligen Markus stand. In letzterer war der Sitz des Patriarchen, und die Legende liess sie auf der Stätte stehen, wo jener Apostel den Tod erlitt. Die Kirche wurde von Melek Kl Kamel 1219 zerstört, als die Kreuzfahrer Damiette belagerten und auch Alexandrien mit einem Angriff bedrohten. Die andere grössere Moschee ist die nach Athanasius benannte, welche vermuthlicn ebenfalls einst eine Kirche war. Von den Klöstern ist das der Kopten zu bemerken, wo der Leichnam des Markus gezeigt wird, der indess nach Andern im Mittelalter von den Venetianern nach ihrer Stadt entführt wurde. Das Klima Alexandriens ist durchaus nicht ungesund zu nennen, jedoch muss man sich sehr vor Erkältung hüten. Während Cairo eine gleiclunässige Temperatur und trockene Hitze hat, wird man in Alexandrien sehr unangenehm berührt durch den grossen Unterschied in der Temperatur, die während des Tages herrscht und welche gegen Abend, bei Sonnenuntergang, und durch die feuchte Meeresluft erzeugt wird; und kann man sich allerdings, wenn man (was so häufig geschieht), vom | Gehen echauffirt, sich in den Kaffeehäusern am Meeresufer niedersetzt, j leicht bösartige Fieber, Dyssenterie und zumal Augenübel.zuziehen. Im Uebrigen liât Alexandrien ganz das Aeussere und den Anstrich einer europäischen Stadt angenommen und im Laufe der letzten Jahre erhalten. Man findet sehr elegante Läden, in denen man Alles, was nur europäisches Comfort kennt, erhalten kann; es besitzt ein schönes neugebautes Theater, in dem meist französische Gesellschaften spielen, zwei kleinere italienische Theater und eine Masse sogenannter Café Chantants, in denen grösstentheils auch Roulette gespielt wird. Zahlreiche Casino's und Clubs'sind entstanden; es existirt ein schweizer Verein und ein sehr hübscher deutscher Verein; letzterer ist jedenfalls der bedeutendste sowohl der Lokalität als der Anzahl der Mitglieder nach. Man findet daselbst ein reich ausgestattetes Lesezimmer, eine Bibliothek, zwei Billards, ein schönes Flügel Fortepiano. Oefter werden Concerte darin gegeben, und im Winter zuweilen auch Bälle. Jeder Fremde kann durch ein Mitglied eingeführt werden. Alexandrien hat eine Wasserleitung, welche die Stadt mit Wasser versorgt und welche durch Röhren bis in die Häuser hinaufgeleitet werden kann. Ferner hat es eine Gasbeleuchtung, welche sich jeder europäischen an die Seite stellen kann; hiedurch ist der lästige Gebrauch, Abends mit einer Papierlaterne auszugehen, beseitiget. Oeffentliche Vergnügungsorte, Gärten, wo Erfrischungen zu haben sind, werden völlig vermisst. Lohnend und besonders für Militärs interessant sind Ausflüge nach den verschiedenen Forts in der Nachbarschaft und nach dem eine starke Stunde von dem Rosette-Thor befindlichen Schlachtfelde, wo am 21. März 1801 die Franzosen unter Menou mit den Engländern kämpften, deren General Sir Ralph Abercromby bei dieser Gelegenheit den Tod fand. Ferner mag der, welcher Zeit dazu übrig hat, die 4 Meilen von Alexandrien gelegene Bai von Abukir besuchen, in welcher am 1. August 1718 Nelson seinen berühmten Sieg erfocht, der mit Alexandrien. 65 der Vernichtung der französischen Flotte endigte. Der Verlust, den die Franzosen an diesem Tage an Schiffen und Material erlitten, wird auf dreizehn Millionen Thaler veranschlagt, und 3500 Franzosen verloren dabei das Leben, während die Engländer nicht mehr als 900 Todte und Verwundete zu beklagen hatten. Den 25. Juli des folgenden Jahres endlich besiegte Napoleon bei Abukir mit 8000 Mann das 18000 Mann starke Heer des Sultans. Weitere Ausflüge von Alexandrien können nach dem See Ma- reotis, Rosette, Damiette, den Natron-Seen und nach der Oase des Jupiter Ammon unternommen werden. Doch wird letzterer besser von Kairo aus gemacht, und über die Natron-Seen, Rosette und Damiette sprechen wir, da diese Orte am geeignetsten nach der Rückkehr aus dem Innern besucht werden, am Sclilusse unserer Schilderung von Aegypten. Zu den Merkwürdigkeiten in der Nachbarschaft Alexandriens gehört endlich der Mahmudie-Kanal mit seinem Gewimmel von Booten, Barken und grossen Lastschiffen. Derselbe beginnt am Ende der Strasse unter der Säule des Pompejus, ist 10 ■/„ deutsche Meilen lang, ungefähr 90 Fuss breit und endigt bei Alfen am Rosettearm des Nil. Er wurde von Mehemed Ali in den Jahren 1819 und 1820 erbaut, kostete 7,500,000 Franken und nahm zu seiner Vollendung die Kräfte von 250,000 Menschen in Anspruch, von denen dabei nicht weniger als 20,000 durch Hunger, Entbehrungen und Krankheiten umkamen. Sein Lauf folgt zum Tlieil dem Bette des alten zur Zeit der Venetianer schiffbaren Kanals von Fuah, zum Tlieil dem Kanal von Ramanyeh, der von Manchen für den alten Kanopischen Nilarm gehalten wird. Seine Uferlandschaften sind einförmig. Die aus demselben aufgeworfene Erde bildet zu beiden Seiten hohe Dämme oder Wälle, und die einzigen Gegenstände, welche die Monotonie der Gegend unterbrechen, sind die Schutthaufen alter Städte und die weissen Thürme der Telegraphen. Dagegen ist das Leben auf dem Kanal selbst interessant und sehr geeignet, die in Alexandrien empfangenen Eindrücke vom Orient zu vervollständigen. Man begegnet ganzen Karavanen von Schiffen, deren Matrosen eintönige Gesänge zur Arbeit singen, und die mit Knäueln kauernder beturbanter Araber, Schafen, Ochsen, Büffeln, Dur- rah, Waarenballen, Bastsäcken, Geflügel aller Art, Melonen, Manderinen, Orangen und andern Früchten so überladen sind, dass man aller Augenblicke gewärtig sein zu müssen glaubt, dieses bunte Durcheinander Umschlägen oder untersinken zu sehen. Die Reise von Alexandrien nach Kairo musste früher entweder zu Lande auf einer der diese Städte verbindenden Strassen oder auf dem eben geschilderten Kanal gemacht werden, und zwar wurde der letztere gewöhnlich vorgezogen. Jetzt ist die Tour beträchtlich abgekürzt, indem seit Ende 1855 eine Eisenbahn nach Kairo führt. Die fragliche Bahn nimmt unmittelbar am linken Ufer des Mahmudie- Kanals zunächst dem Hafen von Alexandrien ihren Anfang und zieht sich auf dem schmalen Terrain zwischen dem Kanal und dem See 5 06 Alexandrien. Mareotis in südöstlicher Richtung durch die grosse, gutgebaute und mit zahlreichen, freilich nicht eben schönen Lehmdörfern besäete Ebene des Delta auf den Nil zu. Sie berührt zunächst Kafr Dauar, durchschneidet sodann die aus Erdhäusern bestehende Stadt Damanhur und trifft hierauf bei Kafr Sejat am linken Ufer des grossen Nilarmes von Rosette ein. Hier verbindet eine schöne, grosse, eiserne Brücke beide Ufer, welche die Bahn passirt. Jenseits des Armes von Rosotte nimmt die Schienenstrasse alsdann die Richtung gegen Tanta, eine ziemlich grosse Stadt, wo jährlich verschiedene Märkte stattfinden, bei denen ganz Unterägypten vertreten ist. Darnach wendet sie sich mehr südöstlich über Mahallet Roh, Mahal el Kebir, Samanluid und Birket es Sab gegen das mit einem Palaste des verstorbenen Vicekönigs Abbas Pascha geschmückte Benha, wo eine schöne Brücke über einen zweiten Nilarm, den von Damiette, führt. Von diesem Punkte an läuft sie entschieden südlich und erreicht, das befestigte Lager von Saidieh rechts liegen lassend und neben Kaliub hinstreichend, Kairo vor dem östlichen Thore gegen Suez zu. Von Benha geht eine Zweigbahn über Zagazig nach Suez, daher vereinigen sich dort die von Alexandrien und Kairo kommenden Reisenden, um nach Suez zu gehen, das man in 6—7 Stunden von Benha aus erreicht. Die Richtung deT Bahn ist grösstentlieile geradlinig und die wenigen Kurven sind sehr gedehnt. Ebenso vortheilhaft sind die Verhältnisse in altimetrisclier Hinsicht, indem von Alexandrien nach Kairo die ganze Bahn fast horizontal liegt. Sehr kostspielige Bauten und sehr wichtige Erdbewegungen gibt es deshalb auf der ganzen Stocke nirgends. Die Bahnkrone ist auf zwei Geleise eingerichtet. Die Schienen dieser ersten Eisenbahn des Orients sind auf gusseisernen Chairs, welche die Gestalt von Schüsseln haben, mit Keilen festgemacht, und die Chairs sind hinwiederum durch gewalzte Eisenstäbe zur Erhaltung der Parallelität mit einander verbunden. Die gedachten Chairs liegen eiiifach auf dem Dammkörper, welcher meist aus angeschwemmtem Nilschlamm, an einigen Stellen auch aus Sand besteht. Bei den klimatischen Verhältnissen Aegyptens, wo es oft jahrelang nicht regnet, und wo so gut wie gar kein Rasen existirt, erhält sich der Rand der Bahn selten in normalem Zustande. Ja die Böschungen selbst werden von der Sonne zu Staub ausgetrocknet und mitunter vom Winde derartig aufgewühlt, dass zur Steinverkleidung gegriffen werden musste, um zu verhindern, dass der Dammkörper unter den Schüsseln, worauf die Schienen ruhen, abgeweht werde, wodurch der Oberbau selbst in Gefahr gerathen würde. Ueberhaupt ist die Beschaffenheit des Bahndamms eine nichts weniger als sichere, und es dürfte seiner zu Vollendung entweder eine durchgehende Steinverkleidung oder die Ueberzieliung des Dammkörpers mit einer starken Kieslage nöthig werden. Bahnwärter oder Wächter gibt es auf der ägyptischen Eisenbahn nicht. Dennoch kommen Unfälle äusserst selten vor. Die Conduc- teure, die uniformirt sind, sind durchgehends Europäer, Engländer, Alexandrien. 67 Italiener, aucli Deutsche. Die Frequenz ist eine enorme. Doch verdient es hervorgehoben zu werden, dass in Aegypten, dem uncultivirten Lande, und wo noch so viele wandernde Volksstämme Vorkommen, der Betrieb auf der Eisenbahn, obwohl ohne alle Ueberwacliung, ohne irgendwelche Störung vor sich geht. Die Stationen sind keine Meisterwerke, doch genügen sie bei der Natur des Landes. Bei einer derselben, zu Kafr Sejat, befindet sich eine Restauration, die vorzüglich auf die durchreisenden Engländer berechnet zu sein scheint. Endlich wird die Eisenbahn von dem Drahte eines elektrischen Telegraphen begleitet, der über Suez nach Indien und über Palästina nach Konstantinopel geht. Ein Zug geht in circa 6 Stunden von Alexandrien nach Kairo. Die Abfahrtszeit ist um 8 und 9'/, Uhr früh und um 2'/, Uhr Nachmittags. Die Wagen erster und zweiter Klasse sind gut und kommen denen derselben Gattungen auf europäischen Bahnen gleich. Die der dritten Klasse sind unsern Pack- und Viehwagen ähnlich und werden fast ausschliesslich von Eingebornen benutzt. Der Preis für die Strecke von Alexandrien bis Kairo beträgt für einen Platz in der I. Klasse 135 Tarifpiaster - fr. 35, II. Klasse 77 Tarifpiaster = fr. 20, III. Klasse 40 Tarifpiaster =— fr. 10. Jeder Passagier hat in der ersten 80, in der zweiten 50 und in der dritten 25 Pfund Freigepäck. Für Uebergewicht wird auf 100 Pfund für die ebenerwähnte Strecke 40 Piaster berechnet, für 1 Pferd 300, für 2 Pferde 500, für 1 Hund 20 Piaster. Kinder unter zehn Jahren zahlen in allen. Klassen die Hälfte, solche, die noch auf dem Arme getragen werden, sind frei. Geldsummen sollen nicht in den Koffern mitgenommen werden, ohne dass Anzeige davon gemacht wird. Näheres besagen die in allen Gasthöfen ausliegenden, englisch und französisch abgefassten Statuten und Reglements. ln Betreff der andern Wege nach Kairo genügt es hier, ihre Station kurz anzugeben. 1) Von Alexandrien nach Kairo zu Lande durch das Delta über E’Sid, Kariun, Karrawi, Damanhur, Sauwiet el Bachr, Menuf, Schubra Schabich und Schubra el Maekascli nach dem Nordwest-Tlior von Kairo — im Ganzen 22 % deutsche Meilen. 2) Von Alexandrien nach Kairo auf dem Westufer des Nil über Algam, Teraneh, Beni Salameh, El Kuttah, Embabeli, Bulak — im Ganzen 217 3 deutsche Meilen. 3) Von Alexandrien nach Kairo auf dem Mahmudie-Kanal und dem Nil über Kariun, Karrawi, Afteh, Sa el Hadschar (Sa'is), Teraneh, Schubra und Bulak - im Ganzen circa 37 deutsche Meilen, welche bei vorzüglich gutem Wind mit dem Segelschiff in 3 V.,, sonst in 4—5 Tagen, mit dem Dampfboote aber in ungefähr 24 Stunden zurückgelegt werden. 68 Kairo. DRITTES KAPITEL. Iiairo- Bulak. -• Bei* Esbekieh-Platz. — Gasthöfe. — Bie rascheste Weise, Kairo und die Nachbarschaft zu sehen. — Geschichte Kairos. — Charakter der Stadt. — Moscheen. Die Citadelle. — Bie Gräber der Maraelukenkönige. — Bazars. — Stadtviertel. — Thore. — Volksfeste. — Pilgerzug nach Mekka. Oettnung des Kanals in Altkairo. — Ber Geburtstag des Propheten. — Nilmesser und Insel Roda. — Kasr El Etii und Derwischkloster. — Heliopolis und das versteinerte Holz. — Ber Palast und Garten Mehemed Alis in Schubra, — Bie Barrage des Nil. Wer mit Schiffsgelegenheit nach Kairo geht, landet zunächst in Bulak, dem Hafen der ägyptischen Hauptstadt, wo man Gelegenheit hat, weitere Beobachtungen der Transportmittel zu machen, welche dem Verkehr Aegyptens auf dem Flusse dienen. Sonst befindet sich in der ungefähr 4000 Einwohner zählenden und von anmuthigen Gärten umgebenen Stadt nichts Merkwürdiges, als die grosse Druckerei, aus welcher — sie ist wohl die bedeutendste im ganzen Morgenlande — seit ihrer Gründung im Jahre 1822 schon über dreihundert Werke, meist wissenschaftlichen Inhalts, hervorgegangen sind. In Bulak lässt man seinen Koffer auf einen Esel oder, wenn er schwer ist, auf ein Ivameel laden, besteigt einen Reitesel und begibt sich nach dem etwas über eine halbe Stunde entfernten Kairo, wohin eine breite Allee führt. Die Preise für Kameelo sind auf dieser Strecke 7 jbis 8, für Esel auf die gleiche Entfernung 3—4 Piaster. Wer mit der Eisenbahn anlangt, findet daselbst Omnibus von allen grösseren Hötel's vor, doch gibt es auch Fiacres und Wägen in Menge. Der Fahrpreis bis zum Hôtel ist 2 bis 2',4 Franken; mit grösserem Gepäck 3 bis 3 4 Franker. Es besteht ein polizeilich festgesetzter Fahrtarif, welcher jedoch von den Kutschern, zumal bei Fremden, gern umgangen wird. Mehr wie 2 1 /, bis höchstens 3 '/, Franken hat jedoch selbst der Fremde, bis zum Hôtel, welches immer es sei, nicht nöthig zn bezahlen. Der Weg führt zunächst nach dem Esbekieh-Platz ; dieser Platz, zur Zeit der Invasion des ersten Napoleons ein Teich, im Sommer ein Sumpf, wurde durch Mohemet Ali, den grossen Regenerator Aegyptens, in eine schöne Anlage umgewandelt. Ringsum von einer schönen Allee, schattigen Sycomoren und Akazien umgeben, war ër im Innern nach dem Muster der englischen Parkanlagen angelegt, von sogenannten Irrgängen und schönen Myrthenhecken durchschnitten, welche die präch- Kairo. 69 tigsten und schattigsten Spaziergänge gewährten. In der äussern Allee waren nach und nach eine Menge Cafè’s entstanden, wo man Kaffee, Gefrorenes und alle Erfrischungen erhalten konnte, und wo allabendlich Musik spielte. In letzterer Zeit hatten sich sogar zwei oder drei dieser Cafè’s zu sogenannten Café chantants umgestaltet. So wie die Abendkühle begann, konnte man hier die ganze europäische Bevölkerung sehen. Kurz die Esbekieh war für Kairo das, was für Wien der Volksgarten, für Berlin der Thiergarten, für Paris die Champs Elysées sind, der Vergnügungs- und Erholungsort der schönen Welt und der Tummelplatz der Kinder, und an arabischen Eesttagen wurde er zu demselben Zwecke massenhaft von den Eingebornen besucht. Leider hat sich die Spéculation und der Eigennutz des jetzigen Vice-Königs dieses schönen Platzes bemächtiget. Während man in andern Hauptstädten Millionen ausgibt, um in Mitte der Stadt einen solchen Platz zur Zierde und zur Erholung der Bewohner herzustellen, wurde diese von Mehemed Ali mit so vieler Sorgfalt und Kosten angelegte Anlage — die Zierde Kairos — in 14 Tagen heruntergehauen und vernichtet. Nur ein kleines Rondeau im Mittelpunkt blieb und wurde mit einem Eisengitter umgeben (etwa der sechste Theil der ganzen Anlage), das Uebrige wurde parzellirt und zu Baustellen verkauft. Auf der einen Seite ist bereits ein kleines recht hübsches Theater und ein Circus erbaut worden. In der Umgegend und dicht an der Esbekieh befinden sich auch die Mehrzahl der Gasthöfe. Das grösste Hôtel ist das von einer Aetiengesellschaft ganz neu erbaute „Grand? Hotel“, in Styl und Einrichtung eine Nachahmung der grossen Pariser und Londoner Hotels, und eignet sich demnach wohl nur für indische Durchreisende und für Engländer. Tafel und Bedienung englisch. Preis 22 Pranken per Tag. Hôtel Shepheard, bei der Einfahrt von der Eisenbahn gleich rechts am Esbekiehplatze, noch immer so genannt nach seinem frühem Eigenthümer, obgleich es seit mehreren Jahren im Besitze eines Deutschen, Herr Philipp Zech, ist, gross, mit schönen Zimmern und sehr bequem eingerichtet. Gute Küche, halb englisch, halb französisch, meistens von Engländern, doch auch viel von Deutschen besucht. Preis Pr. 20 per Tag. Etwas weiter nach der Stadt hin, jedoch ebenfalls noch am Esbekiehplatze gelegen, befinden sich zwei kleinere gute Hotel’s zweiten Ranges: Hôtel Royal und Hôtel des Ambassadeurs, beide im französischen Style; letzteres wegen seiner guten Küche bekannt. Preis in beiden ebenfalls Pr. 20. Noch etwas weiter heraus, neben dem Palaste Nnbar Pascha’s, liegt das Hôtel d' Orient, ein grosses und früher sehr besuchtes Hôtel. Durch den Bankerott der Besitzerin zwar in Verfall gerathen, wird es jedoch unter Administration der Gläubiger fortgeführt. Preis Fr. 16 bis 20. Am Anfang der Stadt gelegen ist das Hôtel des Pyramides, welches bei bescheidener Einrichtung massigen Ansprüchen genügt; Kairo. 70 auch kann man daselbst Chambre garni wohnen, ohne genöthiget zu sein die Kost zu nehmen. Preis für ein Zimmer 3, 1 bis 5 Franken per Tag, je nach der Grösse. Endlich Hotel du Nil, mitten in der Stadt gelegen; der Eingang, durch eine enge Gasse, ist allerdings nicht sehr einladend; doch lasse mau sich dadurch nicht täuschen oder abschrecken, man findet sich um so angenehmer beim Eintritt in das Hotel selbst überrascht, welches inmitten eines gut gepflegten Gartens wirklich schön gelegen ist. Das Hotel kann in jeder Hinsicht, die Lage beim Eintritt abgerechnet, als Hotel ersten Banges bezeichnet werden; denn es zeichnet sich durch Beinlichkeit, prompte Bedienung und eine sehr gute deutsch-französische Küche vortheilhaft aus. Der Eigentliümer E. Friedmann ist durch seine Gefälligkeit und sein cou- lantes Benehmen, ebenso wie dessen Geschäftsführer durch seine Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit rühmlichst bekannt. In jedem Falle bleiben die beiden deutschen Hotels, Hotel She- pheard und Hotel du Nil die empfehlenswerthesten Gasthöfe Kairo's. Uebrigcns ist man nicht absolut gebunden, in ein Hotel zu gehen, denn es gibt heut zu Tage eine Menge Privatwohnungen und Chambres garnis. Es hat jedoch, wenn man eine Privatwohnung bezieht, seine Schwierigkeit mit dem Essen; man müsstein diesem Falle die Mahlzeiten in einer italienischen oder griechischen Locanda nehmen, welche ebenso wie die Kaffeehäuser in ziemlicher Anzahl vorhanden sind. Als bekannt wird vorausgesetzt, dass, wie im ganzen Orient, so auch in Kairo und Alexandrien, eine jede Nation ein Consulat hat, an welches sich der Beisende in schwierigen Fällen, oder wenn er mit Eingeborenen oder andern Fremden in Collision kommt, zu wenden hat. Das preussische Consulat, seit 1867 in ein norddeutsches Bundesconsulat umgestaltet, vertritt selbstverständlich die Untertlianen des norddeutschen Bundes, doch begehen sich auch vielfach Schweizer und Süddeutsche unter dessen Schutz. Ausserdem besitzt Kairo überhaupt Alles, was für eine Hauptstadt des Landes erforderlich ist und genügt allen Ansprüchen, welche man in Europa an eine grosse Stadt macht, sowohl was das Nützliche und die Bedürfnisse des Lebens, als auch was Vergnügen und Luxus anbetrifft und erfordert. Für Ersteres hat die sich mit jedem Jahre mehrende Anzahl der Europäer gesorgt, für Letzteres der Fortschrittssinu des jetzigen Vice-Königs, welcher sich mit anzuerkennendem Eifer und mit Hintansetzung vieler Gebräuche und Vorurtheile seines Landes und Volkes, bemüht, seiner Besidenz einen europäischen Anstrich zu geben, und vor Allem die nützlichen und unentbehrlichen Institutionen zu treffen, welche in Europa jede Provinzialstadt, ja fast jeder Marktflecken schon lange besitzt. Kairo hat ganz kürzlich, seit 1 ' j Jahren, durch den Vice-König eine Gasbeleuchtung erhalten, welche das europäische Viertel und die Hauptstrasson erleuchtet; eine Wasserleitung, welche das Wasser von dem V a Stunde entfernten Nil bis in die Stadt leitet. Ein kleines aber 71 Kairo. recht hübsches Theater, in welchem während der 4 Wintermonate (December-März) von einer französischen Gesellschaft gespielt wird; einen Circus, welcher betreffs seiner Bauart und Eleganz jenen mancher europäischen Hauptstädte gleichkömmt, wenn nicht übertrifft u. s. w. Alles dieses ist auf eigene Kosten des Vice-Königs erbaut worden, und wird von ihm erhalten. Es existiren ferner, von Privatleuten errichtet, meistens Griechen, mehre Cafe’s chantants und Meine Theater; leider wird in fast allen diesen Etablissements gewerbmässig Roulett gespielt. Als ein von einer Privatgesellschaft errichtetes Etablissement verdient besonders der deutsche Verein angeführt zu werden. Derselbe hat durch die Bemühung des sowohl in Kairo als auch ausserhalb wohlbekannten llr. Reil in kurzer Zeit einen so grossen Aufschwung genommen, dass es möglich wurde ein grosses und hübsches Lokal zu miethen. Mau hat auf Actien ein kleines Theater erbaut, wo im Winter alle Sonnabend recht hübsche kleine Theaterstücke aufgeführt und öfters Concerte gegeben werden und alle 14 Tage ein Tanzvergnügen stattfindet, so dass fast jeder Reisende und zumal jeder Deutsche es sich angelegen sein lässt, eine Eintrittskarte zu erhalten, und sowohl die Ansässigen, als die sich im Winter daselbst auf haltenden Fremden verbringen dort manchen vergnügten Abend. In vielen eleganten Läden und Magazinen findet man alle europäischen Erzeugnisse und alles Nothwendige zu kaufen und zwar im Allgemeinen, was Kleidung mul Lebensbedürfnisse anbetrifft, durchaus nicht theurer, als in vielen andern Orten Enropa's, ja Vieles sogar ver- hältnissmässig billiger. Alle französischen Erzeugnisse, als Kleider, Kleiderstoffe, Schuhzeug, Setdenwaaren sind ebenso billig oder billiger, als man selbe in Deutschland findet, wo sie hei der Einführung einem höheren oder niederen Zoll unterliegen; nur Luxusartikel und solche Sachen und Stoffe, welche der Einwirkung des Klima’s unterliegen, sind theuer, ebenso muss jede Arbeit und jedes Handwerk dort theuerer bezahlt werden; denn die Handwerker, als Schneider, Tischler, Uhrmacher, Goldarbeiter werden mit Fr. 10, 12, 15 bis 20 per Tag bezahlt. Reisende machen wir besonders auf die Buchhandlung des Herrn A. Kaufimann (Hofbuchhändler) und auf das Geschäft des Herrn J. Zollikofer aufmerksam; bei Ersterem kann mau sich mit allen nö- thigen Reisewerken, Karten und Lecturen versehen und findet man daseihst zugleich eine Leihbibliothek in deutscher und französischer Sprache, Schreib- und Zeichenutensilien, und zumal eine bedeutende Auswahl von Ansichten und Photographien von Aegypten und Syrien, darunter die rühmlich bekannten grossen Photographien von W. Hammerschmidt. Bei Letzterem findet man alle möglichen Reiseartikel, Gewehre, Jagdutensilien, Handschuhe, Parfümerie, Cigarren u. drgl. In beiden Handlungen, deren Inhaber Mitglieder des deutschen Vereins sind, kann man sich gleichzeitig Eintrittskarten für die Vereins-Abende verschaffen. 72 Kairo. Auch mögen sich Reisende, welche die Nilreise machen wollen, betreffs Auskunft über den Preis der Barken, über einen guten Dra- goman, betreffs Anschaffung dazu nöthiger, guter und billiger Lebensmittel und Reisenutensilien an Herrn A. Kauffmann wenden, welcher als einer der ältesten in Kairo ansässigen Europäer darüber die beste und bereitwilligste Auskunft geben kann. Die Reisenden, welche zur Besichtigung Kairos nur wenige Tage übrig haben, mögen ihre Ausflüge auf die folgenden Punkte beschränken, die in fünf Tagen gesehen werden können. 1. Tag: Nach der Citadelle, um einen Ueberblick über die Stadt und ihre Umgebung zu gewinnen, den Jussufs-Brunnen, den Palast des Paschas und die neue Alabastermoschee zu sehen, auf dem Rückweg in die Moschee Sultan Hassans und die Moschee Tulun, die älteste in Kairo, endlich nach dem Bab Suejleh und dem Bazar von Gorieli. 2. Tag: Nach den andern berühmteren Moscheen, durch die Hauptstrassen der Stadt, nach dem Chanchalieh-Bazar und dann nach den Khalifengräbern; Nachmittags nach dem Palast und Garten von Schubra. ' 3. Tag: Nach der Wüste des Mokattam-Gebirges und von da zum sogenannten versteinerten Walde. 4. Tag: Nach Heliopolis. Man verlässt .die Stadt durch das Bab El Fotuh, besucht das Grabmal El Gorih, schaut den Obelisken, die Sonnenquelle, den Marienbaum an. geht nach den Gräbern der Mamelukensultane und kehrt durch das Bab El Nasr in die Stadt zurück. 5. Tag: Nach Altkairo und Roda. Man begibt sich zuerst nach den Gräbern der Mameluken und denen der vice-königlichen Familie, besucht hierauf in Altkairo die Amru-Moschee, lässt sich nach der Insel Roda übersetzen, besichtigt hier den Garten Ibrahim Pascha’s und kehrt dann über das Derwischkloster und das Hospital von Kasr El Eni nach Kairo zurück. Zu diesen Ausflügen bedient man sich der Reitesel, welche mit ihren Treibern in Menge vor jedem Hotel stehen und die Fiaker unsrer Hauptstädte ersetzen. Für die Stunde zahlt man durchschnittlich 3'/ 2 Piaster, für den Tag 4—5 Franken. Wer sich längere Zeit aufhält, thut wohl, eines der Tliiere für die ganze Zeit seines Verbleibens zu miethen, wo er (ausser einem beliebigen Bakschisch für den Treiber) nur 18 Piaster pro Tag zu zahlen hat. Die Esel sind stark und ausdauernd, sichern Schrittes und weit besser als Pferde für die engen Strassen der Stadt geeignet. Wägen gibt es in Kairo in genügender Zahl und sogar gute, nur stellt sich der Fahrpreis, obgleich eine polizeiliche Taxo existirt, zu den Preisen in Europa immer noch hoch. _ Die polizeiliche Taxe dehnt sich auch fast auf alle Transportmittel, auf die Eselbuben, Kameelführer etc. aus, indess kann man sich, besonders als Fremder, selten darauf verlassen, und wird gewöhnlich ein wenig übervortheilt. Kairo. 73 Was Literatur betrifft, so ist auch hierein Aegypten bereits etwas vorgeschritten, denn es bestehen seit geraumer Zeit verschiedene Blätter, von denen einige in Kairo, die anderen in Alexandrien erscheinen und täglich per Post nach hier versandt werden. Telegraphische Verbindung besteht sowohl von hier aus nach allen Plätzen Europas, als auch nach dem Innern des Landes — dann nach Suez und von dort bis nach Indien. Der arabische Name Kairos ist Masr, auch Masr El Kaliira. Es wurde von Golier, dem Feldherrn des Khalifen El Moez, dem ersten Herrscher der Fatimiden-Dynastie, der über Aegypten herrschte, gegründet, und zwar im Jahre der Hedsclira 3fi2, nach unsrer Zeitrechnung 973 n. Ohr. Bald nachher schlug der Khalif selbst seine Residenz hier auf, und Fostat (jetzt Altkairo genannt) musste seine Eigenschaft als Hauptstadt des Landes an die Nebenbuhlerin abtreten. Das Beiwort el Kahira bedeutet die Siegreiche, eine Bezeichnung, welche die Stadt bis auf die neuere Zeit sehr wohl verdiente. Namentlich war dies in den letzten Jahren der Fatimiden, wo Kairo von den Kreuzfahrern angegriffen wurde und theilweise niederbrannte, und Unter Selah Eddin (Saladin), dem grossen Gründer der Ejubiten-Dvnastie, der Fall, welch Letzterer die Stadt auch mit einer steinernen Mauer umgab und über ihr die Citadelle erbaute. Kairo ist nach Konstantinopel die grösste Stadt des Orients und zugleich eine der schönsten im ganzen Morgenlande. Die Bevölkerung Kairo’s soll zu Anfang dieses Jahrhunderts die Zahl von 300,000 Seelen überstiegen haben. Genau lässt sich dieses jedoch nicht angeben, da eine officielle Zählung nie bestanden hat, und auch jetzt, der Harem’s- verhältnisse wegen, wonach selbst der Polizei der Eintritt in das Innere der Häuser nicht gestattet ist, seine Schwierigkeiten haben dürfte. Man nimmt an, dass gegenwärtig 300,000 Muhamedaner, 12,000 Kopten, 8,000 Juden, 2,000 Armenier, 0—7,000 Griechen und 18—20,000 Europäer hier leben; höchstwahrscheinlich ist aber die Einwohnerzahl grösser, und erreicht nahe eine halbe Million Gegenwärtig hat die Anzahl der Europäer seit dem Krimkriege, während des amerikanischen Krieges und durch den Suez-Kanal in grossem Maasstabe zugenommen. Die Zahl der hier ansässigen Deutschen beläuft sich auf ohn- gefähr 1000 Seelen; 300 hievon sind Norddeutsche, und stehen demnach unter dem norddeutschen Bundesconsulate; 100 sind Schweizer, welche grösstentheils unter französischem der Rest aber unter österreichischem Schutze stehen, doch befinden sich hierunter natürlich auch Ungarn, Böhmen und viele Walachen. Die vornehmem Leute, die hohem Beamten der Regierung sind, wie die Familie des Vicekönigs, sämmtlich türkischer Abstammung; unter den Europäern, die hier leben, wiegt das italienische Element vor. Die Lage der Stadt unter dem Mokattam-Gebirge ist sehr an- muthig. Von allen Seiten mit Palmengruppen, Akazien- und Sykomo- renalleen, grünen Feldern und Gärten umgeben, bietet sie mit ihren 74 Kairo. gelblichgraueu Häusern, ihren weissen Palästen und ihren zahlreichen schlanken Minarets ein echt orientalisches Bild. Im Innern ist sie, mit Ausnahme des Prankenviertels, welches an spanische und italienische Städte erinnert, sehr unregelmässig angelegt. Die Strassen sind meist eng und winkelig, die Fenster gewöhnlich ohne Rücksicht auf Symmetrie an den Häusern angebracht. Viele der Moscheen' und ebenso manche Häuser sind halbe Ruinen. Sehr selten findet sich im Innern ein freier Platz, ja ein grosser Tlieil der Gassen ist sogar zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen oben mit Tüchern oder Matten überspannt, so dass man im Halbdunkel durch sie hingeht. Die Häuser, im Unterstock aus Stein erbaut, oft mit wagerecht laufenden weiss und rothen Streifen bemalt, gewöhnlich 2, auch 3 Stock hoch, und mit schrankartigen Erkern versehen, haben sämmtlich platte Dächer. Glasfenster sind nur im europäischen Quartier und in den Palästen des Yicekönigs und der Bei’s und Paschas zu finden. An allen andern Häusern sieht man lediglich Holzgitter statt der Scheiben, doch sind dieselben in der Regel in so amnuthigen Mustern geschnitzt, dass man das Glas gern vermisst. Häufig begegnet man schön geineisselten Rundbogenthüren, bisweilen stattlichen Moscheen mit einer Architektur, die an die beste Zeit der sarazenischen Baukunst mahnt, hin und wieder auch buntbemalten Brunnenhäusern in türkischem Geschmack. In den Hauptverkehrsstrassen sind im Erdgeschoss offene Verkaufsläden angebracht, die in der Regel aber nur in etwas über dem Erdboden erhöhten, durch Fallklappen zu schliessenden Nischen bestehen. Keine Stadt des Orients, Damaskus vielleicht ausgenommen, hat in ihrem Charakter und in ihrer Physiognomie das eigenthümliclie altmorgenländische Wesen so treu bewahrt, als Kairo, die Haupstadt Aegyptens; und zwar beschränkt sich die Eigenthümlichkeit nicht auf die Moscheen und die Bazars, oder auf das Aeussere der Häuser, das Innere zeigt denselben oft wunderbar schönen altarabischen Styl, und Niemand kann die Höfe und Gemächer der Privatwohuungen der reicheren Ivairener betreten, ohne lebhaft an die Eindrücke erinnert zu werden, welche die Lectüre von Tausend und Eine Nacht auf ihn machte. Das Innere eines Hauses in Kairo gleicht an Planlosigkeit und Verwirrung der Vertheilung der Stadt selbst. Es hat aber ebenso viele einzelne Schönheiten. System ist nicht darin, aber um so mehr Phantasie und Poesie, die sich allenthalben in niedlichen Thürmchen, Gittern, Säulen, Geländern, Nischen und Schränkchen, geschnitzten Decken, eingelegten Fussböden, amnuthigen Simsen, Basins und Springbrunnen knndgibt, und der sich häufig die Natur mit Palmen und anderen Bäumen, Schlingpflanzen und Blumen zu weiterer Verschönerung an- schliesst. Die Hauptaussicht der Zimmer geht gewöhnlich nicht auf die Strasse, sondern auf den Hof, in den man durch eine mit einem Holzriegel verschlossene Thür und einen in mehreren Biegungen laufenden Gang gelangt. In diesen Hof führen auch die Thiiren der Besuchszimmer, der Küche, der Stuben für die Dienerschaft u. s. w., Kairo. 75 welche oft unsymmetrisch von verschiedener Höhe gebaut sind und selten in directer Verbindung mit einander stehen. In den Häusern der Reichen findet man bisweilen mehrere Höfe mit Gartenbeeten, Baumgruppen, Brunnen und Bädern. Vom Hofe aus kommt man über eine steinerne Treppe in das Mandarah oder Besuchszimmer, dessen Fussboden, mit Marmorplatten, rothen Ziegeln oder Mosaik gepflastert, aus zwei Abtheilungen, einer höheren und einer niedrigeren, besteht. Die erstore ist rings an den Wänden mit Kissen oder Divans versehen, auf denen der Besuch mit Kaffee und Tabak bewirthet wird. Die letztere, Darkah genannt, ist meist mit einem kleinen Springbrunnen und mit einem kunstreich ge- meisselten Sims geschmückt. Das Meublement der Zimmer ist, wo die europäische Mode sicli nicht eingedrängt hat, sehr einfach. Es besteht fast nur aus Teppichen und Kissen. Allein der phantasievoll zusammengesetzte Fussboden, die zierlich geschnitzten Arabesken der Wandschränkchen und die bisweilen gemalten, manchmal selbst vergoldeten Deckenbalken geben dem Ganzen demungeachtet ein anmuthiges und behagliches Aussehen. Im zweiten Geschoss ist das Harem, die "Wohnung der Frauen. Der hier befindliche Hauptsaal ist so eingerichtet, dass zu beiden Seiten der Darkah sich erhöhte Abtheilungen erheben, und dass die Wände noch mehr mit künstlichen Sclirankthüren und Simsen, die Fenster mit buntem Glas geschmückt sind. Ausserdem hat das Haus zahlreiche kleinere Gemächer. Besondere Schlafzimmer sind nur im Winter im Gebrauch, zu welcher Jahreszeit oft die ganze Familie das obere Geschoss als das wärmere bezieht. Oefen kennt man ebenso wenig als Kamine. Bei grosser Kälte sucht man sich mit Becken, in denen Holzkohlen liegen, zu erwärmen. Manchem vielleicht noch interessanter als die Stadt ist das Leben, das in ihren Gassen pulsirt und welches nicht weniger als jene an die Gestalten der arabischen Märchenwelt erinnert. Um dieses Leben recht ruhig zu betrachten, ist kaum ein Ort geeigneter, als der grosse Erker des Speisesaals im Hotel des Pyramides oder die sogenannte Muskili, die Hauptstrasse Kairo’s. Hier kann man in Zeit einer Stunde alle Trachten und Physiognomien Kairos an sich vorüberziehen sehen wie eine ungeheure Maskerade. Weisse, rothe, grüne Turbane, letztere die Nachkommen Mohammeds bezeichnend, himmelblaue, braune, orangenfarbene, rothe, weisse und schwarze, braun und weissgestreifte Kaftane, prächtig gestickte Jacken, farbenreiche Gürtel und Westen, rothe und schwefelgelbe Schuhe, zerlumpte Fellahs in blauen Baumwollenkitteln, Kopten in schwarzen Turbanen, das Schreibzeug im Gürtel, Soldaten in weissen Pumphosen, Arnauten in der Fustanella, im Gürtel ein ganzes Magazin von Dolchen lind Pistolen, Beduinen der Wüste mit langen schwarzen Haaren, geputzte Haremssklaven mit Negerphysiognomien, Griechen, Türken, von der Mekkafahrt heimkehrend, Reiter zu Esel, Reiter zu Pferd, Reiter auf hohem Kameelrücken, Herden schöngebauter Ziegen, lange Reihen von Lastkameelen, vergoldete Karossen, Kutschen von orientalisch gekleideten Kutschern ge- 76 Kairo. fahren, protestantische Missionäre mit weissen Halstüchern, katholische Mönche, griechische Popen, Engländer für die Reise durch die Wüste — oft sehr seltsam — ausstaffirt, drängen sich schweigend an einander vorüber. Vor den Kutschen rennen Läufer her, Guarda! Guarda! schreiend. Dazwischen tönt das Riglak! Jeminak! Sehemalak! der Reiter und Eselsbuben, der Ruf der Scherbetverkäufer, der Brotträger und andrer Handelsleute, das klingelnde Geräusch, womit die an den Ecken sitzenden Wechsler auf ihre Existenz aufmerksam machen, das Geschrei von Eseln, das Gewielier von Pferden, das dumpfe Brüllen von Büffeln und Karneolen, das unaufhörliche Gezänk der gemeinen Araber und zu den Gebetsstunden der sonore Ruf des Mueddin von den Minarets. Bettelderwische mit seltsamen spitzen Mützen, langen Haaren, struppigen Bärten und zerfetzten Kleidern, prächtig gekleidete Paschas und. Beis auf edlen Pferden, kohlschwarze Abyssinier in schneeweissen Gewändern, die vierspännigen Omnibus und die zweirädrigen Fourgons der indischen Post, Fellahs mit Wasserschläuchen, Pfeifenputzer, tättowirte Fellahweiber, bis zur Unförmlichkeit verhüllte vornehme Frauen in blassrothen, lichtgrünen oder schwefelgelben Seidenkleidern, über welche ein schwarzseidener oder weisser Ucberwurf und ein weisser Schleier getragen wird, der nur die Augen sehen lässt, langsam durch das Menschengewühl watschelnd, oder, auf beiden Seiten von Begleitern gehalten, auf Eseln reitend, Schlangenbändiger, Fechter, Blumenverkäuferinnen, Wasserträger, Blinde von Sehenden geführt, Armnth und Elend in der sclieusslichsten Gestalt, dazu ein wolkenloser Himmel und eine balsamische Luft. Alles dies bewegt sich am Eingang in die grosso Verkehrsader der Muskih an uns vorüber. Nicht selten mischt sich in dieses brausende Gewoge eine Lei- chenprocession mit der buntüberhangenen Sargbahre, den Fahnen der Moschee und den heulenden, tücherschwingenden Klageweibern. Bisweilen füliren Tänzerinnen nach dem Schall von Cimbeln und Tamburins arabische Tänze auf, die sie mit kreischendem Gesänge begleiten. Häufig auch sieht man Brautzüge sich durch die Strassen bewegen, mit denen in der Regel das Beschneidungsfest eines kleinen Knaben von armen Eltern verbunden ist. Das bei Hochzeitsprocessionen der niedern Stände ausgestossene gellende Freudengeschrei der mitgehenden Frauen und das von Musikanten auf Hoboen und Trommeln ausgeführte wilde Concert lässt einen solchen Zug schon von Weitem erkennen. Die Procession wird gewöhnlich von den Musikanten eröffnet, dann kommt der Barbier mit seinem verzierten Schränkchen, dann auf einem reich aufgezäumten Pferde der für die Beschneidung bestimmte Knabe, dann erscheinen in langer Reihe die Verwandten und Freundinnen der Braut und zuletzt diese selbst in einem rotlien Schleier oder unter einem Baldachin von gleicher Farbe. Bisweilen gehen dem Zuge Männer mit wohlriechenden Substanzen voran, manchmal auch reitet ein seltsam aufgeputzter Spassmacher der Procession voraus. Kairo soll über dreihundert Moscheen haben, doch liegen von dieser Zahl viele in Ruinen. Die sehenswerthesten sind die Tulun-, 'K [ Stra^erbild ver. :.air Kairo. 77 die Ezher-, die El Hakem-, die Sultan Hassan- und die Seddi Sejnab- Moscliee. Man wendet sich, um Eintritt in selbe zu erhalten, gewöhnlich an das Consulat, welches einen Erlaubnissscliein von der Regierung besorgt, und seinen Kawass mitgibt, dem für seine Bemühung ein Trinkgeld gegeben wird. Doch nimmt man es in neuester Zeit damit nicht mehr so genau, da man auch ohne Kawass und Erlaubnissscliein Einlass findet und nur die Stiefel auszuziehen oder über dieselben Bastschuhe zu ziehen hat, welche am Eingang mehrerer der Moscheen gegen ein Bakschisch von einigen Piastern zu bekommen sind. Die älteste Moschee in Kairo ist die von Achmed Jbn Tulun. Sie ist nach dem Plane der Kaaba gebaut. Den Mittelpunkt bildet ein grosser offener Hof, der mit Säulengängen umgeben ist, welche Spitzbogengewölbe tragen. Drei Seiten haben zwei, die vierte, nach Osten gekehrte, hat fünf Säulenreihen. Um die Moschee läuft eine äussere Mauer, die jetzt zum Theil durch Häuser verdeckt wird und von der aus sich einst 4 Minarets erhoben, während jetzt nur eins noch übrig ist. Dieses hat ein eigenthümliches Aussehen, indem sich die Treppe aussen um dasselbe hernmwindet. Von seinem Gipfel geniesst man eine sehr schöne Aussicht auf die Stadt. Die Moschee wurde 90 Jahre vor der Gründung Kairos, im Jahre 879 n. Chr., erbaut, wie die kufischen Inschriften an den Wänden des Hofes zeigen. Wenn sie nicht schön ist, so hat sie für die Geschichte der Architektur ein hohes Interesse, indem sie zeigt, dass der Spitzbogenstyl eine Erfindung sarazenischer Baumeister ist und nicht weniger als zweihundert l Jahre vor seiner Anwendung in Europa von den Arabern gekannt j war. Die hölzerne Kanzel und die Kuppel über dem Waschbecken im Centrum des viereckigen Hofes sind von Melek Mansur Hesam Eddin Lagin und tragen in arabischen Buchstaben das Datum 696 der Hedschra. Die Erhöhung, auf welcher die Moschee steht, hiess früher El Kuttia, jetzt führt sie den Namen Kalat El Kebsch, „die Burg des Widders“, indem die Sage hier Abraham jenen Widder geopfert haben lässt, der ihm erschien, als er Isaak zu opfern im Begriffe war. Nach einer andern Sage liess sich Noahs Arche an der Stelle nieder, und in Erinnerung an das Dankgebet des Patriarchen für seine Rettung aus den Wassern der Siindflnth heisst der Hügel auch Dschebel Oskur. Die Ezher-Moschee, von Goher gegründet und später vielfach vergrössert, verschönert und umgebaut, ist sehr gross und mit zahlreichen Säulen geschmückt, die dem Innern ein äusserst anmuthiges Aussehen verleihen. Sie ist die Theologenscliule Kairo's und in ihr wird besonders der Koran ausgelegt und studirt, doch findet man in ihr ancii, wie einst im Tempel zu Jerusalem, zahlreiche Verkäufer und Käufer und noch mehr Faullenzer, die im Schatten ihrer Gewölbe schlafen und träumen. Nicht fern von hier ist die Hassanin-Moschee, wo Reliquien der Söhne Ali’s, Hassan und Hossein aufbewahrt werden. Wieder eine sehr alte Moschee ist die des Sultan El Hakem, des bekannten Stifters der Drusensecte, welcher der dritte Kaiiph 78 Kairo. der Fatimiden-Dynastie, von 996 bis 1021 herrschte. Die hier befindlichen Spitzbogen sind ein weiterer Beweis für die frühzeitige Anwendung dieses Baustyls bei den Sarazenen. Das Minaret dieser Moschee wurde von den Franzosen, als sie Aegypten erobert, stark befestigt, und das ganze Gebäude ist jetzt eine Buinc. Die schönste aller Moscheen Kairos ist die des Sultan Hassan, unmittelbar vor der Citadelle an der Rumejlich, dem früheren Richtplatz der Stadt, gelegen. Man steigt vor einer majestätisch hohen Steinmauer ab. welche eine Anzahl flacher Nischen und in jeder acht bis neun Fenster über einander hat. Eine kleine Freitreppe führt nach einer gleich hohen und stolzen Portalnische, über der sich ein überaus zierliches Tropfsteingewölbe zusammenzieht. Das Innere ist ein vierseitiger, oben offener, aber mit Zinnen im selben Viereck gesäumter Hof, in den das Minaret herabschaut. Derselbe erweitert sich nach allen vier Seiten zu einfachen, nicht sehr tiefen Spitzbogen schiffen oder Rieseunischen. Die eine derselben ist grösser als die andern drei und misst gegen 70 Fuss in der Spannung. Sie hat in der Mitte ihrer Rückwand die kleine Nische, welche in allen Moscheen den Betern die Lage von Mekka angibt und daneben die Kanzel des Imam, welcher Freitags predigt. Zu beiden Seitdn führen Thüren in den mit einer Kuppel überspannten Raum, wo der im Jahre 762 der Hedschra verstorbene Gründer der Moschee ruht. Auf seinem Grabe liegt ein schöngeschriebenes Exemplar des Koran. An den Wänden läuft ein Ring von Koransprüchen in sehr grossen Buchstaben herum. Die Kuppel ist von Holz und zeigt wie die ganze Moschee (die beiläufig aus den Steinen einer Pyramide erbaut ist) starke Spuren des Verfalls. In dem Hofe findet sich unter einem von hölzernen Säulen getragenen Kuppelbau ein Brunnen, und in den offenen Seitenräumen, in welche die Mauern sich spitzbogenschiffartig vertiefen, schweben zahlreiche Lampen nieder. Die Kairener erzählen von dem Erdbauer der Moschee, dass ihm nach Vollendung derselben auf Befehl Sultan Hassans die Hand abgehauen worden sei, damit er keiue Zweite von dieser Schönheit baue — eine Fabel, da Baumeister auch ohne Hände hauen können. Die Seddf Sejnab-Moschee zeichnet sich durch viele sehr schöne Säulen aus, die aus älteren Gebäuden hierher verpflanzt worden zu sein scheinen, und durch ein zierliches Gitter, welches den Hauptraum in zwei Hälften trennt. Sie ist der Enkelin des Propheten geweiht, zu Ehren derer jährlich grosse Feste gefeiert werden. Die Citadelle muss man womöglich am frühen Morgen besuchen, da das Morgenlicht das günstigste für das sich hier bietende Landschaftsbild ist. Von keinem andern Punkte und zu keiner andern Zeit nimmt Kairo sieh so schön aus. Ungemein imposant liegt sie daun da zu den Füssen des Beschauers, die gelbgraue Riesenstadt mit ihren zahllosen, jetzt vom Morgenlicht gerötheten Minarets, ihren Palästen, Kuppeln, Gärten und Hainen, nach Norden, Südwesten und Westen umgehen von grünem Flachland, durch welches sich der Nil schlängelt, Kairo. 79 während drüben in der Ferne auf dem Wüstenabhang die Pyramiden herüberschauen und zur Rechten der Strom sich mit zwei breiten Armen dein Meere zuwendet. Innerhalb der Mauern der Citadelle, welche weniger zum Schutz der Stadt, als zu einer Zwingburg derselben angelegt ist, und nach der man vom Esbekieh-Platz in einer reichlichen halben Stunde reitet, befinden sich die Ruinen des Palastes Saladins und der sogenannte Josefsbrunnen, der aber nichts mit dem keuschen und klugen Sohne Jakobs zu thuu hat, sondern eigentlich Jussut's- brunnen heisst und mit dieser Bezeichnung an den Vornamen Saladins erinnert, dev ihn reinigen liess. Der Brunnen selbst schreibt sich aus altägyptischer Zeit her, war aber viele Jahrhunderte mit Sand gefüllt und fast gänzlich verschwunden. Er besteht aus einem obern und einem untern Schacht, der 260 Fuss tief durch den Felsen getrieben ist. Eine von dem Schacht ihr Licht erhaltende Wendelgalerie geht bis auf den Grund der ersten Abtheilung, wo in einem in den Fels gehauenen Raume ein Pferd das grosse Rad dreht, welches beständig eine Anzahl von Wassereimem aus dem unteren Brunnen heraufbringt. Das Vhsser wird in ein geräumiges Becken gegossen und von dort an einer Kette von Eimern hinauf zu Tage befördert. Von einem Araber mit einer Kerze oder Fackel begleitet, steigt man in den ersten Schacht hinab und trinkt von der frischen kühlen Fluth. Dieser Brunnen und die Stelle, wo an dem denkwürdigen 1. März 1811 der Mameluk Emin Bei sich durch einen kühnen Sprung mit dem Pferde über die Mauer vor dem Schicksal seiner 439 Gefährten rettete, welche auf Mehemed Alis Befehl von den Arnauten hier im Hofe der Citadelle angegriffen und sämmtlich niedergeschossen wurden, sind Punkte, welche die Führer dem Reisenden meist zuerst zeigen. Der Palast des Vicekönigs und die Gebäude der verschiedenen Ministerien, die sich hier befinden, bieten nur geringes Interesse. Dagegen macht die neue Moschee Mehemed Alis Anspruch auf architektonische Schönheit. Ein offener Hof mit Säulenhallen an der südlichen, westlichen und nördlichen Seite, in der Mitte mit einem Brunnenhaus und gegen Westen hin mit einem Thurm verziert, der eine Uhr zeigt, führt in die eigentliche Moschee, die aussen von vier ungemein schlanken, fast halmartigen weisscn Mina- rets überragt wird, während sich über die Mitte eine grosse Kuppel wölbt, neben der mehrere kleine emporschwellen. Die innem Wände sind allenthalben mit ägyptischem Alabaster von der Farbe leicht angerauchten Meerschaums bekleidet, und die Kuppeln schimmern von kunstreichen Arabesken in Grün, Roth, Blau und Gold. Ein magisches Licht fällt durch das bunte Glas der Fenster. In der einen Ecke befindet sich ein marmornes Grabdenkmal Mehemed Alis ohne Inschrift. Das Ganze macht einen angenehmen Eindruck, hält indess keinen Vergleich mit den alten Moscheen aus der Kaliphenzeit aus. Auf dem Rückwege von der Citadelle mag man die von hier in einer halben Stunde zu erreichenden, nordöstlich von Kairo gelegenen Sultansgräber besuchen. Die Khalifengräber nahmen die Stelle ein, wo jetzt der Bazar Clianclialil sich befindet, sind aber mit Aus- 80 Kairo. nähme eines einzigen, in welchem der Khalif E'Saleh Ejub liegt, verschwunden. Jene ausserhalb der Stadt gelegenen Gräber werden auch wohl Khalifengräber genannt, aber mit Unrecht; denn sie sind weit spätem Datums, indem in ihnen die Mamelukenkönige ruhen, welche von 1382 bis 1517 über Aegypten herrschten. Sie sind mit Kuppeln überwölbt und mit kleinen Moscheen verbunden und wegen ihrer schönen Portale und mancher andern kunstreichen Arbeiten sehenswerth. Das grösste und schönste derselben ist das Grab des Sultans Bl Aschraf, welcher 1496 n. Chr. starb, und fast ebenso viel künstlerisches Verdienst hat das Grab des Sultans El Barkuk, der wiederholt siegreich mit den Tataren Tamerlans kämpfte. Andere Mamelukengräber befinden sich im Süden der Stadt, wo man auch dem Erbbegräbnis Mehemed Alis und seiner Familie begegnet. Das Ganze ist einfach gehalten. Man tritt durch einen langen Corridor in zwei Zimmer, von denen jedes mit einer besondern Kuppel überwölbt ist. In dem innern ist das Grab des Pascha, das äussere ist zum Be- gräbniss seiner Kinder und Verwandten bestimmt. Die Sarkophage sind mit prachtvollen persischen Teppichen behängen, der Boden ist mit Ueberzügen bedeckt. Zu den grössten Sehenswürdigkeiten Kairos gehört das neue Museum, welches sich in der Vorstadt Balak (Alt-Kairo) befindet Auf Anregung der Franzosen fasste der verstorbene Vicekönig Said Pascha, den Entschluss, den unablässigen Zerstörungen und Verschleppungen dadurch ein Ende zu machen, dass er von transportablen Denkmälern Alles dorthin schaffen liess, was noch vorhanden war. Er liess einen Glaspallast im alten Tempelstyle errichten, welcher aus einem Vorhofe und vier Sälen besteht, deren grösster 150 Fuss lang und 54 Fuss breit ist. Dem französischen Gelehrten, August Mariette, der den Titel Bey erhielt, gab er zur Ausführung des Planes unbeschränkte Vollmacht; er konnte jeden Eingebornen, der etwas zerstören oder entwenden wollte, sofort einsperren lassen, konnte Hunderte von Arbeitern anstellen und Geld verbrauchen soviel er wollte; der Vicekönig trug bereitwillig alle Unkosten. Mariette machte von dieser Erlaubniss den umfassendsten Gebrauch. Er liess Sphinxe und Bildsäulen, welche unter dem Sande begraben lagen, wieder frei machen, Felsengräber öffnen, Tempel, die nur noch mit ihrem obersten Theile aus dem Boden sahen, wieder ausgraben. Ueber 100 Fellahhütten, die auf dem Dache des grossen Tempels von Edfo standen, liess er abreissen und wieder anderwärts aufbauen. So sammelte er für das neue Museum von Bulak während der Jahre 1858—61 mehr als 18,000 Gegenstände, musste aber dann wegen seiner angegriffenen Gesundheit nach Frankreich zurückkehren, wo er mit der Herausgabe eines umfassenden und gelehrten Werkes über seine ägyptischen Arbeiten sich beschäftigte. Nach dem Tode Said Pascha’s im Jahre 1863 seinen es Anfangs, als ob sein Nachfolger. Ismail Pascha, der Sache weniger Theilnahme schenken würde. Doch auch dieser bewilligte bald die Fortsetzung des kostspieligen Werkes auf seine Kosten und erneuerte die Vollmacht, Kairo. 81 welche sein Vorgänger dem ausgezeichneten französischen Gelehrten gegeben hatte. Gelegentlich der Ausstellung zu Paris im Sommer 1867 hat der Vieekönig eine kleine aber kostbare Sammlung leicht transportabler Denkmäler ausgestellt, welche die Aufmerksamkeit der Besucher in hohem Grade erregte. Insbesondere waren es die Kleinodien der Königin Eahhotep, welche im grossen Glaskasten zur Schau gestellt ungetheilte Bewunderung fanden. In diesem Museum findet der Reisende auf engem Raume beisammen, was er sonst grösstentheils nie zu Gesicht bekommen hätte und gewinnt einen tieferen und umfassenderen Einblick in das altägyptische Leben, als die ausgedehntesten Reisen ihm hätten bieten können. Ein an Ort und Stelle käuflicher Katalog gibt über die einzelnen Objecte des Museums die erwünschte Belehrung. Die interessantesten Bazars von Kairo sind die Gorieli und der Khan Khalil. Der erstere ist nach dem Sultan Gori benannt, dessen Grab sicli in ihm befindet, und es werden in ihm hauptsächlich Schnitt-Waaren, Baumwollen- und Seidenstoffe, Wollenzeuche und Tarbusch verkauft. Der Khan Khalil nimmt die Stelle der alten Khalifengräber in der Mitte der Stadt ein und ist auch ohne Führer leicht zu. finden, indem man nur die grosse Strasse der Muskih bis zu ihrem innern Ende hinaufzugohen, dann in die Tschibukmacher- strasse links und dann nach etwa hundert Schritten in das erste Gässchen rechts einzubiegen hat, um ihn zu erreichen. Er ist mit sehr kostbaren Waaren aller Art ausgestattet. Die beiden Hauptverkaufstage sind Montag und Donnerstag. Die bedeutendsten Läden werden von Türken gehalten, doch sind die Besitzer mehrerer von den grossen Magazinen türkischer Kleidungsstücke Griechen. In der leicht erkennbaren Abtheilung, welche „innerhalb der Kette“ genannt wird, sind nur Kaufleute aus Konstantinopel. Eines der Vierecke ist nur von Kupferschmieden besetzt und kann man sich hier über die Form arabischer Geschirre unterrichten. Dieser Bazar wurde 1292 von einem der Beamten des regierenden Sultans erbaut, dessen Kamen er trägt. Ein anderer grosser Bazar ist der Hamsauwi, wo Krepp, Seidenstoffe und Tuche zu haben sind. Die Kaufleute sind alle Christen (weshalb die Läden des Sonntags geschlossen sind) und die Waaren meist europäisches Fabrikat. In der Tarbieh, welche zwischen der Gorieh und dem Hamsanvi liegt, kauft man wohlriechende Essenzen und Golddraht, in dem Fahamin: arabische Decken, Burnus, und tuneser Kappen, in der Sukarieli: Zucker, Mandeln und getrocknete Früchte. Im Sug e’Sallah, nahe bei der Moschee Sultan Hassans ist der ; Waffenmarkt, und es werden hier jeden Tag, Montag und Donnerstag ausgenommen, in der Frühe von 9 Uhr an Auctionen gehalten, bei denen man mitunter billig kaufen kann. Syrische Waaren verkauft | man in der Dscheinalieh, Schuhe im Kassobet Radwan, vor dem Thor j Bab Zuejlih. Der Besuch der Bazars ist eine angenehme Unterhaltung. _ Sie nehmen einen bedeutenden Flächenraum ein, und ihre Gebäude zeigen h I 82 Kairo. oft schöne architektonische Einzelheiten. Die Durchgänge zwischen den Verkaufsgewölben sind schmal und, da sie überdacht sind, düster und kühl. Jede Gasse ist in der Regel einem bestimmten Handwerke gewidmet. Es gibt eine Gasse der Schneider, eine Gasse der Schuhmacher, Gassen der Kastenmacher, der Riemer, der Töpfer, der Bäcker, der Blechschmiede, der Goldarheiter u. s. f. Der Handel wird meist sehr gemüthlicli und langsam abgeschlossen, indem der Kaufmann den sich meldenden Kunden einladet, in seiner Bude auf dem Teppich Platz zu nehmen und mit ihm zu rauchen und Kaffee zu trinken. Der Europäer, der mit seinem Dragoman in den Bazars erscheint, um Einkäufe zu machen, kann sich auf eine dreifache Erhöhung des Preises gefasst machen. Doch ist dies nur hei den arabischen und griechischen Kaufleuten der Fall. Die Türken sind im Allgemeinen ehrlicher und das Vorschlägen kommt bei ihnen fast nie vor. Sonst ist es überall ebenso sehr ' Gebrauch wie Sitte, dass der mitgehende Lohndiener oder Mäkler sich nach abgeschlossenem Kauf ein Geschenk ausbittet. Dies geschieht selbst von den Esclsbuben. Am wohlfeilsten kauft man von den Dellals, welche die Strassen mit Waaren, die ihnen von Andern zum Auschreicn übergehen werden, durchziehen und die Trefflichkeit derselben nach Kräften ausposaunen. In den Bazars gibt es überall Kaffeehäuser und Buden. W’o Scherbet verkauft wird, indess sind dieselben nichts weniger als bequem und reinlich und am Allerwenigsten elegant. Die Karawanserais oder Khans, welche sich in der Mitte der meisten Bazars erheben, sind Magazine, in welchen die Waaren aus Persien und Arabien, Syrien, Indien und dem Sudan aulgespeichert werden. Zugleich dienen sie als Herbergen für arabische und türkische Reisende, besonders für Mekkapilger, und so kann man hier manche interessante morgenländische Scenen beobachten und, wenn man Arabisch versteht, sich gut unterhalten. Kairo zerfällt in eine Anzahl von Quartieren oder Stadtvierteln, die entweder nach einem öffentlichen Gebäude, das in ihnen steht, oder nach einer bestimmten Klasse von Personen, die in ihnen leben, benannt werden. So gibt es ein Hart e'Saklcain, d. i. Quartier der Wasserträger, ein Hart e'Nassara (Christen- oder Koptenviertel,) ein Hart el Jahud (Judenviertel) und ein Hart el Frang (Frankenviertel). Das Koptenquartier nimmt die eine Seite des Esbeldeh-Platzes ein und hat viele Häuser, die im Innern sehr bequem eingerichtet sind. Seine Einwohner sind nicht beliebt und gelten selbst bei den Franken für falsch und betrügerisch. Ihr Christenthum ist ein sehr rohes und häufig kommen unter ihnen Uebertritte zum Islam vor. Das Frankenviertel, gewöhnlich Muskih genannt, hat mehrere gerade Strassen und verschiedene ansehnliche Gebäude. Es stammt aus der Zeit Saladins, unter welchem die ersten Europäer Erlanbniss zur Ansiedelung erhielten. In der Hauptstrasse ist Laden an Laden, meist mit italienischen Firmen. Doch haben auch viele Griechen, Franzosen und Deutsche hier Gewölbe. Der rotlie Palast an der Esbekieh, zwischen dem Hotel Kairo. 83 d’Orient and. dem früheren französischen Generalconsulat, wurde eine Zeitlang von Napoleon bewohnt, der auch die Palme gepflanzt haben soll, die sich neben ihm erhebt. Die Fellahdörfer in der unmittelbaren Umgebung Kairos sind überaus hässlich, meist nichts als Haufen mit Kuh- oder Kameelkoth beklebter fensterloser Lehmwände, die kein eigentliches Dach haben, sondern lediglich mit Durrahstroh überdeckt sind, und in Vergleich mit denen unsre Ställe Paläste sind. Von den Thoren Kairos, deren es sehr viele gibt, da fast jedes Stadtviertel, wie in den meisten orientalischen Städten, sein eigenes hat, sind das Bab e’Nasr (Siegesthor), das Bab Bl’Potuh und das Bab Zuejlih die vornehmsten und sehenswertliesten. Die öffentlichen Bäder sämmtlich Dampfbäder — sind mittelmässig gut und zeichnen sich in der Kegel nicht eben durch Reinlichkeit aus. Von Volksfesten, welche das orientalische Gepräge Kairos besonders deutlich herauskehren, sind namentlich der Auszug der alljährlichen grossen Mekkakarawane, die Eröffnung des Kanals in Altkairo und das Geburtsfest des Propheten sehenswerth. Der Auszug der Mekkapilger findet stets am 25. des Monats Schowal statt. Es ist eine grosse, sehr malerische und groteske Proces- sion, in welcher das Mahmal und Kisweh die Hauptrolle spielen. Das erstere ist ein prächtiger Sammtbaldacliin, der von einem reich aufgeschirrten Kameel getragen wird und früher als Reisezeit der Frauen der Khalifen benutzt wurde, welche die Pilgerfahrt mitmachten. Das Kisweh c’ Nebbi ist ein Teppich zur Bekleidung der Kaaba, des grossen Tempels in Mekka. Es ist von schwerer Seide, geschmückt mit Goldstickereien, welche Sprüche des Koran darstellen, und wird alljährlich vom Pascha erneuert. Das alte wird dafür zurückgeschickt und, in kleine Stücke zerschnitten, an die Gläubigen als Reliquie vertheilt. Die Pilgerkarawane, zu der Muhamedaner aus sehr fernen Gegenden Afrikas eintreffen, und welche deshalb als Musterkarte fast aller Stämme des Orients gelten kann, wird von Soldaten geleitet. Ein grosser Theil der Pilger, zumal der wohlhabenderen, bedienen sich in neuerer Zeit der Dampfschiffe, welche direct von Suez nach Gedda gehen. — Die andern Pilger halten sich nach ihrem Auszug durch das Bab e’Nasr zwei Tage am Saume der Wüste, nicht weit von Dimerdasch auf, ziehen dann nach dem Birket El Hadsch, wo sie wieder einen Tag bleiben, und gehen dann nach dem Orte El Hamra, wo ein vierter Tag verbracht wird. Dann setzen sie ihre Reise bis Agerud fort, und nachdem sie den Neumond von Zulkadi gesehen, verlassen sie die Grenze Aegyptens, begeben sich nach der Nordseite der Sinaihalbinsel, von da nach El Akaba am innem Ende des östlichen Golfs und ziehen endlich durch Arabien hin, bis sie die heilige Stadt des Islam erreichen. Nachdem sie hier die vorgeschriebenen Ceremonien abgethan, sieben Mal die Kaaba umschritten, den geheimnissvollen schwarzen Stein geküsst, Wasser aus der Quelle Zemzem geschöpft und den Hügel von Zafa besucht haben, ziehen sie nach dem heiligen 84 lairo. Berge Arafat. Es sind immer 70,000 Pilger; denn wenn (was jetzt stets der Fall ist) die Zahl der Frommen geringer sein sollte, so schickt Allah so viele seiner Engel herab, als nöthig sind, um sie voll zu machen. Die Reise der Karawane nach Mekka und zurück nimmt genau hundert Tage in Anspruch. Ihre Rückkehr ist gleichfalls ein grosser Fest- und Jubeltag. Derselbe fällt auf das Ende des Monats Saffer, gewöhnlich auf den 25., und einige Tage später kommt das Mahm&i zurück. Ziegler, der diesem Aufzuge im Jahre 1852 beiwohnte, beschrieb denselben wie folgt: „Aegyptische Infanterie bildete Spalier, Kavallerie und Artillerie vermehrte das krigerische Gepränge. Die Musik, meist von Knaben ausgeführt, war entsetzlich. Zuerst kam eine unabsehbare Linie von Militär, dann ein reichgeschmücktes Kameel mit dem Mahmal, einem prachtvollen grünen viereckigen, reich mit Inschriften, Goldstickereien und Fransenarbeiten ausgestatteten, auf der Aussenseits mit einer Abbildung des Tempels zu Mekka und zwei angehefteten vergoldeten, Koranexemplare bergenden Kapseln geschmückten Zelte, welches in eine thurmartige Spitze auslief. Auf mehreren dahinter gehenden Kameelen thronten bis an den Leib nackte Heilige, d. h. Leute, welche dreissig Mal in Mekka gewesen sind und die jährliche Pilgerfahrt als Geschäft betrieben. Ihr Aeusseres imponirte freilich nicht im Geringsten; sie glichen vielmehr Menschen, welche allen Eindrücken der Aussenwelt bereits völlig abgestorben sind, oder Wahnsinnigen. Hierauf folgte ein grosser Zug mit Flinten bewaffneter Piiger in den verschiedenartigsten malerischen Costümen. Sie erschienen wie irreguläre Truppen und bildeten unbedingt den interessantesten Theil der Karawane, welche nach der Oitadelle zog und dort von dem Vicekönig Abbas Pascha, sowie den Grossen des Reichs feierlich begrüsst wurde.“ Die Oeffnung des .Kanals in Altkairo gilt ebenfalls und mit Recht als eine Ceremonie von grösster Wichtigkeit. Die Zeit, wo der Damm durchstochen wird, welcher den Kanal an seiner Mündung schliesst, hängt natürlich von dem Steigen des Flusses ab, doch findet die Durchstechung gewöhnlich zwischen dem 8. und 12. August statt. Die Ceremonie wird stets am Morgen vollzogen, und zwar gewöhnlich durch den Gouverneur von Kairo. Die ganze Nacht vorher schon ist das Ufer des Kanals mit Menschen bedeckt, und Massen von Booten drängen sich auf dem Flusse. Man brennt Feuerwerk ab, belustigt sich in Buden und Zelten und hört der arabischen Musik zu, die allenthalben erschallt. Gegen 8 Uhr erscheint der Gouverneur mit Gefolge und Truppen, und auf ein Zeichen wird der Damm durchstochen und das Wasser ergiesst sich in den Kanal, worauf der Beamte des Vicekönigs nach altem Gebrauch eine Anzahl kleiner Goldmünzen in den Kanal wirft, um welche die dort harrenden Knaben in Wasser und Schlamm zu raufen beginnen. Sobald hinreichend viel Wasser in den Kanal geströmt ist, laufen mit Menschen gefüllte Bah&bisn und 85 andere Fahrzeuge in denselben ein, die Behörden ziehen sich zurück und die Menschenmenge verläuft sich allnäMig. In der Mitte des Damms befindet sich eine Art Pfeiler von Erde, welcher Aruset e’Nii heisst, d i. die Braut des Mi. Die Sage behauptet, dass derselbe von dem Eroberer Aegyptens Amru als eine Art Aequivalent für den Gebrauch der damaligen Christen, alljährlich zu dieser Zeit dem Flussgotte eine Jungfrau zu opfern, aufgerichtet worden sei — eine Fabel, die in dieser Gestalt unwahr ist, aber immerhin einige Begründung haben mag, wie denn selbst in Deutschland von vielen Flüssen unter Abergläubischen die Sage geht, dass sie jährlich zu Ostern oder Pfingsten ein Menschenleben verlangen. Ganz vorzüglich interessant für europäische Beobachter ist endlich das Muiid e’Nebbi, das Sebmtsfest des Propheten Mohammed. Es wurde vom Sultan Arenrath III. im Jahre 998 der Hedschra (1588 n. Chr.) gestiftet, und wird in Kairo im dritten Monat nach muhame- danischer Zeitrechnung, dem Monat Sebieh el Auwel, auf der Esbekieh geharten. Eine ganze Woche dauernd, beginnt es am 3. und endigt am 11 . oder in der Nacht des 13. dieses Monats. Der letzte Tag ist der Hauptlag, die ihm vorgehende Nacht heisst Lejl Mobarakeh, d. i. die gesegnete oder heilige Nacht. Wie es dabei zugeht, mag Ziegler erzählen, welcher der Feier am 23. December 1852 bewohnte. Derselbe sagt: „ Gegen Mittag ging ich mit mehreren Landsleuten, begleitet \'on einem Cocsulats-Zaw&ss, nach der Südseite des Platzes der Ce- reiEonis, woselbst schon acht Tage und acht Nächte lang die Derwische ihre Gesänge und Tänze und die Seiltänzer, Possenreisser und Taschenspieler ihre Künste zur Vorfeier des Festes zum Besten gegeben hatten. Es waren Mer sehr viele Zelte aufgeschiagen, Gerüste erbaut, Buden und Kaffeehäuser errichtet, Fahnen aufgezogen. Zur Nachtzeit wurde der Platz durch eine unzählige Menge von Lampen und Lichtern erleuchtet, wodurch das Ganze einen märchenhaften Anstrich erhielt. Wir wurden in das Haus des obersten Scheich aller ägyptischen Derwischorden geführt und erhielten dort in dem mit einem Tuch überspannten grossen Hofe bequeme Sitzplätze angewiesen. Die Türken behandelten uns mit grosser Aufmerksamkeit, reichten uns Kaffee und warfen das arabische Gesindel, welches sich uns zudrängte und die Aussicht versperrte, ohne Umstände hinaus. Es wurde jetzt ein förmlicher CyMusvon Schauspieles aufgeführt. Zuerst traten zwölf weissgekleidete Derwische, den siedern Ständen angekärig, auf, bildeten eines Kreis, sangen den Zikr mit dem bekannten: La rllsha 111 Allah (es gibt keinen Gott ausser Allah) und machten die widerlichsten Geberden nnd Sprünge. Man glaubte Tolle vor sieh ru haben, und die von ihnen ausgestossener. Töne glichen fast dem dumpfen heisem Hundegebell. Schliesslich sprangen sie wie Essende umher nnd trieben allerlei Gaukeleien und Rohheiten. Unter I Anderem bemühten sie sich, ihre Heiligkeit dadurch an den Tag zu j legen, dass gm Glas, Steine und Metallstücke assen, Schlangen und 86 Kairo. Skorpione zähmten und mit Feuerflammen spielten, ohne sich zu verbrennen. Nach den Derwischen folgten zwei Fechter mit Schilden und Säbeln, Karrikaturen nach Don Quixotes Zuschnitt; sie führten eine Art Zweikampf auf, nach dessen Beendigung sie demüthig einsammelten und sich mit der geringsten Gabe sehr zufrieden zeigten. Nach ihnen trat ein Possenreisser auf, an dem der buntscheckige Anzug, aus kleinen farbigen Läppchen bestehend, das Beste und Lustigste war. Der Kerl hatte auch ein grosses Horn umhängen, in das er von Zeit zu Zeit hineinstiess. Jetzt erschienen zwei alte, fast ganz nackte Männer als Eiliger oder Gladiatoren, welche aber mit ihren Gestalten nicht nur einen nach unsern Begriffen unanständigen Anblick gewährten, sondern auch ihre Sache sehr schlecht machten. Dagegen legten die nunmehr folgenden Gaukler eine grosse Gewandtheit an den Tag. Sie stiessen sich unter Heulen und Brüllen auf eine sehr täuschende Weise spitzige Eisen in die Augen und Säbelspitzen in die Brust. Der Eine warf sich auf den Rücken nieder, und der Andere schien ihm mit dem scharfen Säbel den Leib, aufzu- sclineiden. Die Täuschung wurde der Wirklichkeit um so näher geführt, als der Ueberwundene die ergreifendsten Schmerzenstöne ausstiess, die zuletzt iii ein förmliches Todesröcheln übergingen, so dass man unwillkürlich den Blick von dieser entsetzlichen Scene abivenden musste. Endlich folgten die Saadi oder Schlangenfresser, welche die Kunst besitzen sollen, Schlangen aus den Häusern zu bannen, Skorpione zu essen, Schlangen zu verzehren. Zum grossen Theile sind sie Betrüger, und wenn auch manche von ihnen eine gewisse Geschicklichkeit besitzen, so ist es doch abgeschmackt, behaupten zu wollen, dass sie eine geheime Beschwörungskunst verständen, von der sich schon im alten Testament Andeutungen vorfänden. Drei Männer brachten eine etwa sechs Fuss lange dicke giftige lebendige Schlange, die sie am Schwänze haltend dem Publikum vorzeigten. Sie war der Giftzähne beraubt und konnte in Folge ihrer Abhängigkeit sich nicht bis an die Hand der Haltenden emporringeln, so sehr sie sich auch darum abmühte. Nach mancherlei Sprüngen und Grimassen biss plötzlich der Eine den Kopf ab und frass ihn, ein Anderer riss mit den Zähnen ein grosses Stück aus der Mitte des Leibes heraus, und ein Dritter würgte den ganzen Schwanz hinunter. Deutlich und genau, muss ich hinzusetzen, habe ich das Abreissen, Kauen und Hinunterschlucken dieser Barl aren gesehen, die weit unter dem Vieh stehen. Diese wilden Sprünge und Grimassen, dieses Zungensehnalzen und Zähneknirschen der Wilden, diese rollenden leuchtenden Augen der Schlange, diese mit Blut besudelten Mäuler der Schlangenfresser werde ich nie vergessen. Zum Schlüsse der ganzen Festlichkeit folgte das Doseh, d. li. das Treten. Der Gedanke daran macht mich noch schaudern. Eine Menge junger Menschen — ich zählte dreissig — die seit melirern Tagen gefastet und gebetet, traten in den Hof herein und legten sich mit dem Gesicht zur Erde, die Beine gerade ausgestreckt, die Arme Alexandrien. 87 unter den Ko^f gelegt und alle dicht an einander gereiht, der Art hin, dass der Kopf eines Jeden zwischen die Füsse von zwei Nachbarn zu liegen kam. Anfangs hörte man sie „Allah !- murmeln, dann trat eine feierliche Stille ein, die nur durcli dumpfes Stöhnen und tiefes Athmen unterbrochen wurde. Plötzlich öifnete sich das Thor, und ein dicker heiliger Manu, der Scheich der Saadiderwische, ritt in den Hof. Sein Pferd, das Anfangs zu zaudern schien, die Menschenkörper zu betreten, wurde auf beiden Seiten am Zügel geführt, der Heilige schloss die Augen — und ruhig und langsam schritt sein Thier über die auf der Erde liegenden Menschen hinweg. Diese sprangen sodann mit Geheul und Wehklagen auf und drehten sich wie rasend im Kreise herum. Manche Hessen sich schreiend wegtragen, Andere entfernten sich still. Im Allgemeinen werden wenige dieser elastischen arabischen Körper durch den Tritt des Pferdes verletzt oder verstümmelt, obgleich dasselbe, wie ich mich mit eignen Augen überzeugte, beschlagen war. Die ganze Handlung galt für ein Wunder, und man sagt von demjenigen, welcher verletzt wird, dass er sich nicht genug durch Pasten und Beten vorbereitet habe. Im Uebrigen glauben die Märtyrer selbst, wenn sie zu Tode getreten werden, das Paradies gewonnen, wenn sie gequetscht werden, ein verdienstliches Werk gethan zu haben.“— Das Mulid ed Hassanin (Geburtsfest der Söhne Ali’s) wird vom 11. Rebi el Acher acht Tage hindurch gefeiert und gilt, da diese als die Patrone der Stadt angesehen werden, als eines der bedeutendsten Feste Kairo’s. Die Moschee, wo die Gräber der beiden Heiligen sieh befinden, ist dann prachtvoll beleuchtet. Ebenso die benachbarten Häuser. Menschenmassen strömen nach der Stelle, und die Derwische führen ihre wilden Tänze auf, während Gaukler und profane Tänzer ihnen secundiren. Die Feste zu Ehren der Seddi Sejnab, der Enkelin Mohammeds, und anderer männlicher und weiblicher Heiligen, die in der Stadt Moscheen haben, werden in ähnlicher Weise gefeiert. Interessanter waren früher die Abende während des Ramadan. Dann waren alle Bazars glänzend erleuchtet, und Massen von Menschen sassen vor den Läden und erholten sich von dem grausamen Pasten während des Tags durch allerlei Genüsse, plauderten und hörten den Märchenerzählern za, welche ihnen mit lebhaften Geherden die Geschichten von Tausend und Eine Nacht und andere Erzählungen vortrugen, deren das arabische Volk eine grosse Anzahl besitzt. Diese Festlichkeitei: während des Ramadans haben jedoch seit einigen Jahren sehr abgenommen, ja man kann heut zu Tage ganze Strassen und Bazars durchwandeln, ohne ein Licht und ohne einen Menschen zu erblicken. Europäische Kultur und europäische Einrichtungen, haben wohl den ersten Anstoss hierzu gegeben; die Divans, d. h. die Ministerien, und Gouvernementsbureaux, welche früher währenddes Tages geschlossen und während des Nachts offen und in Thätigkeit waren, sind jetzt, ganz gleich wie an andern Tagen, geöffnet, und werden nur etwas 88 Kairo. früher wie sonst, am Ahend geschlossen. Jener alte Gebrauch musste selbstverständlich, durch die Einrichtung von Eisenbahnen, Telegraphen, Gasleitung etc., welche eine fortgesetzte und exacte Thätigkeit erfordern, wegfallen. Jedoch scheint auch der strenge Gebrauch des Fastens und der damit verbundene Fanatismus sehr abgenommen zu haben, dadurch ist denn auch der Sinn für jene nächtlichen Festlichkeiten grösstentheils verloren gegangen. Ein recht lohnender Ausflug war früher der nach der Insel lioda, welche eine halbe Stunde südlich von Kairo liegt und durch einen schmalen Arm des Nil von dem Ufer zwischen Bulak und Altkairo getrennt ist. Die Sage lässt hier die Tochter des Pharao, von Josephus Tliermutis genannt, das ausgesetzte Kind Moses finden. Gegenwärtig jedoch ist der grössere Tlieil dieses einst schönen Gartens in ein Weizenfeld umgewandelt; nur wenige Parthieu, einige Blumenbeete und einzelne tropische Bäume sind stehen geblieben; dennoch bleibt es ein ganz angenehmer Ausflug, und ist die Aussicht wohl dieses halbstündigen Eselritts werth. Yon der Estrade aus betrachtet, scheinen die Pyramiden von Gizeh gleich hinter dem nahen Palmenhaine zu stehen, obsclion ihre Entfernung fast drei Stunden beträgt. Mit ihnen vollenden auf der einen Seite die Pyramiden von Sakarah und Abusir das schöne Landschaftsbild, während auf der andern die nadelfeinen Minarets der Cita- dellenmoschee herschauen, auf der dritten die rastlose Geschäftigkeit des obern und untern Hafens von Bulak erscheint und im Vordergrund nach Westen derbreite von zahllosen Dahabien durchfurchte Nilstrom fluthet. Zur Zeit des oströmischen Kaisei'thums war zwischen der Insel und dem Festland eine Schiffbrücke geschlagen, wodurch die Städte Babylon und Memphis in directe Verbindung gebracht wurden. Auch befindet sich auf Boda, an der Seite nach Altkairo hin, der Nihnesser, eine steinerne mit vielen Strichen versehene Säule inmitten eines viereckigen, an der obern Seite mit einer kufischen Inschrift versehenen Gemachs, in welches das Wasser von unten hereinströmt. An dieser Säule wird das Steigen und Fallen des für das Land so überaus wichtigen Stromes beobachtet und zur Zeit der Ueberschwemmung den Einwohnern durch Ausrufen kundgetlian. Die erste Gründung eines solchen Observatoriums wird dem Khalifen Suleiman aus der Oimiia- jaden-Dynastie (714 bis 717 n. Chr.) zugeschrieben. Der jetzige Nilmesser ist von dem Khalifen Motawackel 860 n. Chr. erbaut. Dem Steigen des Nils wurde schon in den ältesten Zeiten, nach Ilerodot schon unter Möris, grosse Aufmerksamkeit geschenkt. 18 Ellen Höhe ist das geringste Maass, 20 sind gut, 22 ganz vollkommen, aber mehr als das ist ein Unglück, weil dann die erhöhte Lage der Dörfer und die Dämme zwischen den Feldern nicht mehr gegen die Gewalt des Wassers schützen. Mit dem Besuche Rodas kann man einen Besuch der berühmten, jetzt in Ruinen liegenden Amru-Moschee in Altkairo, unter deren Kairo. 89 Säulen sich eine der Sage zufolge auf den Befehl Omars von Mekka hierliergckomniene befindet, verbinden. Zum Besuch der tanzenden oder heulenden Derwische muss man den Freitag wählen. Der Versammlungsort desselben war früher ein der Insel Roda gegenüber unmittelbar am Nil sehr romantisch gelegenes Kloster auf der Strasse nach Alt-Kairo. Seitdem jedoch dieses Kloster durch die grosse Nilüberschwemmung im Jahre 1863 arg gelitten hat und grösstentheils verwüstet wurde, haben die Bewohner ihr Domicil inmitten der Stadt genommen, wo jeden Freitag Nachmittag jener fanatische Tanz aufgeführt wird; die Ceremonie findet zwischen 2 und 3 Uhr statt. Jeder Eseltreiber kennt den Ort und kann den Fremden dahin fahren. Die Derwische zerfallen in Aegypten in vier verschiedene Orden oder Brüderschaften, die sich nach ihren Stiftern, berühmten Heiligen, wie El Bejumi, Sidi Ibrahim, El Bedauwi u. a. nennen und sich durch die Farbe der Turbane und den Schnitt der Haare von einander unterscheiden. Nur ein kleiner Theil lebt in Klöstern, die Mehrzahl gehört den niedern Standen an. Obgleich sie gewisse religiöse Pflichten mit strenger Gewissenhaftigkeit erfüllen, so beobachten sie doch Andersgläubigen gegenüber eine grosse Duldung. Einige Orden können als Rationalisten des Islam bezeichnet werden, andere als pantheistische Mystiker, denen Versenkung in Gott, Aufgehen des Ichs in das Unendliche Hauptzweck ihres Strebens ist. Das Heirathen ist ihnen nicht untersagt, ausgenommen, wenn sie das Gelübde der Keuschheit abgelegt haben, wo sie Megurrud genannt werden. Viele durchziehen als Bettler die ganze morgenländische Welt vom Mittelmeer bis nach Indien. Das Kloster in Kairo gehört jetzt der Secte der Dschelanieh an, welche nicht zu den tanzenden, sondern zu den sogenannten heulenden Derwischen gezählt werden. Nachdem man einen Hof durchschnitten hat, tritt man in eine Art Moschee ein. Der Boden ist mit Matten belegt; an den Wänden hängen Keulen, Hellebarden und Streitäxte, Pauken und Becken. Vor der Gebetsnische, die weiss und roth gestreift ist, stehen zwei Fahnen, zwischen denen eines jener kahnartigen Gefässe von Zinn hängt, welche die Derwische bei ihren Wanderungen tragen. Vor der Nische war ein Halbkreis mit Schaf- und Leopardenfellen belegt, auf welchen die eintretenden Derwische, das Gesicht der Nische zugekehrt, wo der Scheich sass, Platz nahmen. Einige von ihnen hatten ein sehr abenteuerliches Aussehen, hohe spitze Mützen von buntgewirktem Zeuch, unten mit schwarzem Pelz besetzt, grosse Amulette, lange rothgebeizte Haare und lange wilde Bärte. Neben dem Scheich standen zwei Knaben, welche feine faltige Gewänder von braunem Tuch und graue Filmützen von der Form eines Zuckerhuts, dem die Spitze abgeschlagen ist, trugen. Der Gottesdienst begann mit einem langsamen Liede, welches von dem Scheich angestimmt wurde, und in welches sämmtliche Derwische, gegen 40 an Zahl, auf den Fersen sitzend, einstimmten. Dann 90 Kairo. sang ein Sänger aul'stehend und die rechte Hand an das Ohr legend ein Loblied auf Mohammed, Sidi Ibrahim, El Bedauwi und El Bejumi, ungefähr in der Weise, wie in katholischen Kirchen die Messe gesungen wird. Er endigte mit dem Worte Allah, welches nun von dem Chor der Derwische mehrere hundert Male eintönig wiederholt wurde, wobei alle sich taktmässig verbeugten. Dann wurde ein anderes Lied im Chor gesungen, während die Derwische, die sich jetzt erhoben, rechts und links zur Seite sich schaukelnd bewegten. Plötzlich trat der eine der Knaben in die Mitte, legte den Kopf auf die Schulter, breitete die Arme aus rmd fing an, sich wie ein Kreisel zu drehen, eine Bewegung, welche er fast zwanzig Minuten fortsetzte, während die Andern sich unaufhörlich und immer heftiger verbeugten und fortwährend den Kuf Allah hören Hessen. In den eintönigen Gesang mischten sich jetzt wieder die tremulirenden Jubeltöne des Sängers, dem sich die Flöten von zwei Musikanten anschlossen. Die Vorbeugungen der Derwische wurden lebhafter, rascher und zuletzt förmlich krampfhaft. Ihr Ruf wurde zum Gebrüll, in das sich das wüste Hu! Hu! einzelner besonders Erregter mischte. Viele legten die Mützen und Oberkleider ab. Der Knabe aber drehte sich ruhig fort, bis er endlich ebenso plötzlich, wie er begonnen, abbrach und ohne alle Zeichen von Erschöpfung in die Reihe der Andern zurücktrat Es folgte eine Pause, dann fing das Bücken, jetzt nur von takt- mässi gern Stöhnen begleitet, das Flötenspiel und der Lobgesang des Sängers von Neuem an. Erst langsam, wurde es von Minute zu Minute rascher und gewaltsamer, bis es endlich in ein förmliches wftthendes Schlenkern des Körpers bis zu den Knien ausartete. Die Haare flogen wie Mähnen von wilden Thieren, die Augen glühten wie die von Rasenden, dann und wann kreischte die Stimme eines Verzückten Allah! Zu den Flöten gesellte sich die Trommel und zu dieser das schallende Becken. Der Scheich ermunterte die, deren Kräfte nachliessen, init Händeklatschen. Mehrere alte Graubärte sprangen in der Mitte herum und trieben durch Paukenschlag zu grösserem Eifer an. Endlich mochte das Geheul und Geächz, das taktmässige Bücken und Schlenkern die Mehrzahl erschöpft haben. Das Gestöhn wurde schwächer, Einzelne Hessen mit ihrer Verbeugungen nach, Andere aber führen, wie vom Veitstanz ergriffen oder von einer unsichtbaren Faust geduckt und emporgerissen, schweisstriefend, röchelnd, brüllend fort, bis sie von ihren Gefährten auf den Rücken gelegt wurden oder unter Zuckungen von selbst zusammenstürzten. Mehrere türkische Derwische hielten noch lange aus, bückten und bückten sich mit wildfliegenden Haaren, brachen zusammen, standen wieder auf, bückten sich wieder, taumelten wie Betrunkene, Schaum vor den Lippen, umher, sprangen kreischend nach den Wänden, um den Kopf daran zu stossen, fielen hin und lagen wie todt auf dem Boden, bis der sanfte Gesang des Scheichs und andrer Vorsteher, der die scheussliclie Scene beschloss, sie erwachen liess. Man kann sich kaum etwas Grauenvolleres denken, wie diesen Gottesdienst, als die Inbrunst der Beter, unter denen alle a» « m Kairo. 91 Altersklassen vertreten waren, ihren Gipfel erreicht hatte. Während wir das Kloster besuchten, befanden sich in demselben 14 Derwische, doch nahmen an den Tänzen und Gesängen auch zahlreiche Mitglieder der Brüderschaft, die als Privatleute für sich wohnen, Soldaten, Arbeiter u. s. w. Theil. Dieser eigentümliche Gottesdienst der Derwische findet jeden Freitag gegen 1 Uhr Nachmittags statt, und um ihm beizuwohnen, bedarf es für den Europäer nichts, als dass er sich nach dem Kloster begibt. Die Bewohner des letzteren sind zuvorkommend gegen den Fremden und bewirthen ihn in der Begel sogar mit Kaffee. Um die Stätte von Heliopolis zu besuchen, reitet man nach dem Dorfe Matarieh, welches circa eine deutsche Meile von Kairo entfernt liegt. Auf dem Wege passirt man das einst reichgeschmückte, jetzt in Trümmern liegende Grab des bekannten Melek Adel und weiterhin noch einige Kuppelgrabmäler, die innen anmuthige Ornamente zeigen. Die Gegend ist gut angebaut und zum Theil mit Bäumen bepflanzt. Heliopolis, das On der Bibel, lag ein Stück von dem ebengenannten Dorfe, und der Beisende erkennt seine Stätte leicht an dem Obelisken, welcher nebst einigen Schutthügeln der einzige Best der verschwundenen Stadt ist. Letztere war vorzugsweise von Priestern bewohnt und der Sitz ägyptischer Weisheit und Wissenschaft. Josephs Gemahlin war die Tochter eines hiesigen Priesters. Herodot, Plato und Dionysius Areopagita lagen hier ihren Studien ob. Ausserdem war die Stadt durch ihren grossen Sonnentempel berühmt, wo alle fünfhundert Jahre der Vogel Phönix aus Arabien erschien, um sich hier in einem Weihrauchscheiterhaufen zu verbrennen und aus der Asche verjüngt wieder aufzustehen - ein Heiligthum, von dem zu Pocoke's Zeit in einigen verstümmelten Sphinxen von gelbem Marmor noch Spuren zu sehen waren. Die Sphinxe bildeten einen Dromos, der zu zwei Obelisken führte, von denen indess nur einer noch übrig ist. Derselbe steht in einem Garten und erhebt sich, mit Einrechnung des in der Erde verborgenen Fussgestells 68 Fuss über den Boden. Er besteht aus Granit, ist mit Hieroglyphen aus der Zeit Sesurtesens bedeckt, welche jetzt von Wespen ganz mit ihren grauen Zellen überbaut sind, und gilt für den ältesten in Aegypten. Seine Spitze soll einst mit Bronzeplatten belegt gewesen sein. Die Inschrift lautet: »Der Sohn der Sonne, Sesurtesen, der Horos, welcher den Menschen das Leben gibt, der König Sonne, welcher der Welt geschenkt ist, der Herr des obern und des untern Aegyptens, der geliebt wird von den Geistern der reinen Gegend, der immer lebt und den Menschen das Leben gibt, der das Leben der Menschen ist, dem Gotte (Phra), welcher ihn zum Lebensgeber machte.“ In Matarieh wuchs einst die Balsamstaude, aus der jener berühmte Balsam gewonnen wurde, mit dem die Königin von Sabah Salo- mon beschenkte und den Kleopatra in Aegypten einführte. Auch wird in der Nähe die „Quelle der Sonne“ gezeigt, deren bitteres Wasser durch die mit dem Jesuskinde nach Aegypten geflohene Maria in süsses vor- Kairo. 92 wandelt worden sein soll. Dabei steht der Marienbaum, eine grosse immergrüne Sykomore, in deren Schatten der frommen Sage nach einst die heilige Familie ruhte. Die Balsamstaude wächst jetzt nicht mehr hier, sondern nur noch in der Nähe .von Mekka, von wo ihr Erzeugnis als Balsam von Mekka nach Europa in den Handel gelangt. Dagegen wurde in Matarieh vor etwa dreissig Jahren der erste Versuch mit der Pflanzung von Baumwollensträuchen gemacht, die jetzt allenthalben in Aegypten wachsen und reiche Ernten liefern. In der Nähe von Heliopolis ist das Schlachtfeld, wo General Kleber mit 6000 Franzosen 60,000 Türken schlug, und eine Meile östlich von dem Obelisken liegt der Birket El Hadsch, d. i. der Pilgersee, wo sich die Mekkakarawanen zu sammeln pflegen. Die Tour nach dem versteinerten Walde, oder richtiger versteinerten Holze, erfordert einen Vormittag, denn um Etwas mehr als blosse Holzstücke zu sehen, muss man ein wenig tiefer in die Wüste hineinreiten. Der Weg führt beim Khan Khalil durch das Bab el Nasr nach Osten hin, bei den Khalifengräbern vorbei, wo der Dschebel Aclunar, ein rötblicher Felsrücken, sich durch das gelbe Mokattam- Gebirge zieht, und führt mitten in die Wüste hinein. Die Hauptmasse des versteinerten Holzes befindet sich ungefähr 3 / 4 deutsche Meilen südöstlich von jenem rothen Berge. Man darf sich indess, wie angedeutet, darunter keinen versteinerten Wald vorstelleu. Es sind Fragmente von Palmen und andern Bäumen, die, bisweilen mehrere Fuss lang und in eine Art Agat verwandelt, auf den Hügeln und in den Thälern der Wüste umherliegen. Dehnt man diese Tour jedoch eine Stunde weiter in die Wüste hinein aus, so findet man ganze versteinerte Baumstämme von 30—40 Fuss Länge vor. Eine ähnliche Erscheinung trifft man an der Strasse nach Suez, und dieselbe Art von Petrefacten findet sich auf dem andern Ufer des Nil an dem Rande des Wady Fargh. Im Mokattam - Gebirge begegnet man überdiess andern ähnlichen Versteinerungen, unter welchen Krabben und Haifischzähne gefunden wurden — letztere unmittelbar hinter der Cita- delle. In einer Schlucht rechts vom Wege nach dem versteinerten Holze befindet sich eine einsame Quelle mit romantischer Umgebung, Aien Mussa, d. h. Moses-Quelle genannt. Die Quelle ist in einer Art Vertiefung, zu der man 5—6 Fuss herunter steigen muss, um Wasser zu schöpfen; das Wasser hat übrigens einen unangenehmen bittern Geschmack und ist kaum trinkbar. Am Eingang zu der Quelle steht ein einzelner grosser Feigenbaum. Wie derselbe hingekommen, bleibt merkwürdig genug. — Das Ganze, mitten in einer tiefen Schlucht, gewährt indess einen so angenehmen und romantischen Anblick, dass Niemand dieses Plätzchen unbesucht lassen sollte. Es ist der geeignetste Ort, um daselbst bei der Rückkehr aus dem versteinerten Walde auszuruhen und sein Frühstück einzunehmen. Schnbra. die Schöpfung Mehemed Alis, darf ebenfalls nicht unbesucht bleiben und mag seine Besichtigung Ziel eines Nachmittagsspazierritts sein. Eine breite schattige Allee von prächtigen Kairo. 93 Nilakazien und Sykomoren führt von Kairo aus dahin durch wohl angebaute Fluren, die von weissschimmernden Landhäusern und einzelnen Palmengruppen unterbrochen werden. Der Garten, der einen Flächenraum von circa 14 Morgen einnimmt, ist seltsamer Weise im altfranzösischen Eokokostyle angelegt, aber man vergisst den Zopf dieses Geschmacks über der orientalischen Vegetation, die ihn überwuchert. Eine Menge tropischer Gewächse, Citronen- und Olivenbäume und selbst indische Limonensträuche kommen hier mit schönen I Früchten oder Blüthen beladen im Freien fort, und die reizenden Rosen- und Geranienbeete, neben den mit bunten Steinen belegten Wegen, die Farbenpracht anderer mit Wasserkünsten geschmückter Anlagen und der balsamische Wohlgeruch des Ganzen bieten einen nicht gewöhnlichen Genuss, zumal im Winter. Der Mittelpunkt dieses Zaubergartens bildet ein Basin von grauem Marmor, aus dem sich eine von Krokodilen getragene Insel erhebt, die mit einem glänzenden Gitter umgeben ist. Der hier befindliche schöne Kiosk, einst Mehemed Alis Lieblingsaufenthalt, ist Fremden zugänglich, und man hat hier eine anmuthige Aussicht auf den Nil. Die mit dem Garten verbundene Menagerie ist unbedeutend. Der Palast bietet ebenfalls wenig Sehens- werthes. Schliesslich mag man noch einen Ausflug nach der sogenannten Barrage machen (arabisch Fum el bachert). Dieselbe befindet sich etwa anderthalb deutscfle Meilen von Kairo, wo der Nil sich in den Rosette- und Damiettearm theilt, und ist ein hydraulisches Kunstwerk in Form einer Schleussenbriicke. Da der Strom oft nicht hoch genug steigt, um alle Kanäle des Landes mit Wasser zu speisen, so glaubte man ihn durch eine solche Vorrichtung stauen zu können, ja man dachte sogar an eine Bewässerung bis jetzt von der Ueberschwemmung überhaupt noch nicht erreichter Landstriche. Wäre dieser Zweck durchgeführt worden, so würde man die Provinzen Baireh und Kharkieh zu allen Zeiten bewässert, gegen 25,000 Schadufs und Sakiehs (Bewässerungsmaschinen) und die Kräfte von ebenso vielen Menschen und doppelt so vielen Ochsen, die dabei beschäftigt sind, erspart, die Kanäle des Nil schiftbar gemacht und endlich das Eindringen des Meerwassers in die Küstenseen verhindert haben. Der Plan, von dem Franzosen Linant Bey entworfen, ging dahin, einen gewaltigen Steindamm mit 24 Bogenthoren von 30 Fuss Breite und einem Mittelbogen von 92 Fuss Breite über den Rosettearm, einen ähnlichen Damm mit 16 Bogen von 30 Fuss Breite und einem Mittelbogen über den Damiettearm und einen grossen, mit Schleussen versehenen Kanal durch die Mitte des Delta zu führen. Die Mittelbogen sollten stets offen, die Seitenbogen dagegen während des niedrigen Wasserstandes geschlossen sein. Dieses Stauwerk würde das grossartigste Bauwerk der Welt gewesen sein, wenn es vollendet worden wäre. Allein nur der Damm über den Damiettearm ist fertig geworden, und die Arbeiten sind jetzt schon seit mehrern Jahren eingestellt, einige Bogen sind gesprengt, ja es heisst sogar, dass das ganze wieder niedergerissen werden soll. Es hat sich Kairo. 94 nämlich herausgestellt, dass es einerseits dem Andrang des Stroms nicht widerstehen kann, während andrerseits die enge Durchfährt, welche die Bogen der prächtigen Brücke den Schiffen lassen, bewirkt, dass jährlich zahlreiche Fahrzeuge beschädigt werden und zu Grunde gehen. Es ist dies um so mehr zu beklagen, da der Bau der Barrage, die nun in wenigen Jahren eine Ruine sein wird, mehr als zwanzig Jahre Arbeit und einen Kostenaufwand von nahe an dreissig Millionen Franken in Anspruch genommen hat. Die Pyramiden. 95 VIERTES KAPITEL. Die Pyramiden. Die Pyramiden von Gizeli. — Der Sphinx. — Die Gräber. — Die Pyramiden von Sakkarali. — Das Sarapeum. — Die Stätte von Memphis. Um die Pyramiden*) zu besuchen, kann man jetzt verschiedene Wege einsclilagen; bisher war man genöthigt zu Esel nach Alt-Kairo zu reiten und sich daselbst nach Gizeli über den Nil setzen zu lassen. Doch kann man jetzt diese Tour auch zu Wagen machen, und nicht lange wird es dauern, so wird man per Dampf bis an den Puss der Pyramiden gelangen und die brausende Loeomotive wird über die 4000jährigen Gräber dahin sausen und die alten Aegypter in ihrem Schlafe aufselireken. Es mag dahingestellt bleiben, da hier nicht die Zeit und der Ort zu einer Abhandlung vorhanden, in wie weit es nötliig und angenehm ist, dass auch dieses Stück alter Erde von der europäischen Kultur und europäischem Fortschritt beleckt wurde: zweifellos bleibt es, dass hiedurch ein grosser Reiz und vieles Angenehme der Tour verloren gehen wird; schon durch die Fahrt zu Wagen dahin geht das Amüsante der Tour vollkommen verloren und dürfte nur Durchreisenden, welchen es an Zeit mangelt, zu empfehlen sein. Einen komischen, ja wirklich unangenehmen Eindruck macht das Gebäude, welches, 250 Schritte von der grossen Pyramide entfernt, zu Ehren und zum Empfang des Prinzen von Wales (Januar 1869) in einem Style erbaut wurde, welcher zwischen dem eines chinesischen Kiosks und eines Schweizerhauses mit einem bunten arabischen Anstrich, schwebt. Will man nun die Tour zu Wagen machen, so führt der Weg nach Boulak über eine Schiffsbrücke, welche der Vicekönig im Decem- ber 1868 (eigens zu einem Balle, welchen er in seinem Palast in Gesirah gab) über den Nil schlagen liess, und welche stehen gehliehen ist-, von da führt der Weg über einen breiten, guten Damm, welchen der Vicekönig ebenfalls, ein Jahr früher, als Fahrstrasse bis zum Puss der Pyramiden für die Kaiserin Eugenie hersteilen liess, welche, *) Von p-uro-ma d. b. wörtlich das Königsgrab. 90 Die Pyramiden. wie schon damals verlautete, Aegypten einen Besuch abstatten wollte. — Ein guter zweispänniger Wagen kostet für diese Tour 25 Franken. Die einfachste, amüsanteste und billigste Art, die Pyramiden zu besuchen, bleibt jedenfalls die eines Eselrittes dahin, eines besondern Führers bedarf es nicht. Man besteigt einen guten Esel, welche man vor jedem Hotel findet, und reitet von dem Eselbuben begleitet, nach Alt-Kairo; dort lässt man sich in einer Barke über den Nil nach Gizeh setzen; der Preis einer solchen Barke, worin 3—4 Personen nebst Eseltreiber und Esel übergesetzt werden, ist 4—5 Franken; ist die Gesellschaft grösser, so nimmt man eine zweite Barke, oder auch eine grössere, wofür dann, je nach Anzahl der Personen und Esel (j, 8 bis 10 Franken zu zahlen sind. Der Preis eines Esels nebst Treiber ist für die Pyramidentour 4—4% Franken, gewöhnlich gibt man noch ein kleines Backschis, also 5 Franken. Der polizeilich festgesetzte Tarif ist jedoch nur 3 1 /, Franken. Von Grizeh geht der Weg durch einen hochstämmigen Palmenwald, über verschiedene Kanäle, die aber von Ende Januar an meist wasserlos sind, und zuletzt über grüne Felder immer nach Westen auf die Wüste zu, an deren Rand jene Wunderbauten sich erheben. Schon vor dem Dorfe, das unter ihnen liegt, kommen dem Reisenden die Fellahs entgegen, welche ihn auf den Gipfel der Pyramiden begleiten. Sie sprechen meist etwas englisch und französisch. Sowohl zum Besteigen als auch zum Besuch des Innern ist, man genöthigt sich der Beduinen zu bedienen. Für das Besteigen sind 2'4 Franken eine angemessene Bezahlung; für das Hineingehen weitere 2 Franken, und mit wenigen Ausnahmen werden sie auch damit zufrieden sein; stellen sie höhere und unverschämte Forderungen, so weise man sic kurz ab. Ebenso weise man die Backschis-Forderungen, welche von den hinaufbegleitenden Beduinen fast immer auf der Hälfte der Pyramiden gestellt werden, wo man gewöhnlich einen Ruhe- und Haltpunkt von einigen Minuten macht, einfach damit zurück, dass man unten beim Wiederherabkommen bezahlen werde; am gerathensten ist es, gar kein Geld mit hinaufzunehmen, sondern es Angesichts der versammelten Beduinen einem nicht heraufsteigenden Bekannten oder dem Dra- goman zu übergeben. Ueberhaupt ist die ganze Sache gar nicht so übertrieben gefährlich, wie sie in vielen Reisehandbüchern dargestellt wird. In früheren Zeiten sind wohl hin und wieder Unzukömmlichkeiten, die bei furchtsamen und unpraktischen Leuten in Erpressungen ausarteten, vorgekommen, doch sind, wo der Fall zur Anzeige kam, selbe streng bestraft worden, und haben zur Zurückgabe des erpressten Geldes, und zu einigen 100 Stockstreichen auf die Fusssohlen geführt. Dieses wissen die Beduinen recht gut, und hüten sich davor. Wenn man indoss, wie sehr viele Reisende, und zumal Engländer, die üble Gewohnheit habt, sich mit diesen Leuten in lange Unterhaltungen und in tpässo einzulassen, sich von ihnen etwas vortanzen Die Pyramiden. 97 und singen zu lassen rrnd dergleichen, so darf man sich nicht wundern, wenn diese Leute zudringlich und in ihren Forderungen unverschämt werden. Die Beduinen der Pyramiden besitzen eine sehr grosse Beob- achtungs- und physiologische Beurtheilungsgabe, und danach richten sie ihr Verhalten und ihre Forderungen ein. Man kann dreist eine Wette eingehen, dass der Beduine unter 100 Personen, 90 ihrer Nationalität nach sofort erkennen wird. Es ist vorgekommen, dass eine als Herr gekleidete junge Dame, die ganze dreistündige Tour bis zu den Pyramiden zu Esel mitgemacht hatte, ohne dass sie von mehreren Personen als Dame erkannt wurde; erst bei den Pyramiden wurde das Gelieimniss verratlien, indem mehrere Beduinen schon von weitem ausriefen: ich werde die Dome hinaufbegleiten. Vor den Alterthümern, die sie anbieten, nehme man sich in Acht, sie sind grossentheils neueres Fabrikat. Man besteigt in der Regel nur die grösste Pyramide, die des Cheops. Zwei Araber fassen den Reisenden bei den Händen und ziehen, ein dritter hält und schiebt von hinten, und so geht es die 3 bis 4 Fuss hohen Stufenblöcke bis zum Gipfel hinauf. Der Weg ist, da die Stufen mehr als fussbreit und das Material rauher Stein ist, welcher den Sohlen einen festen Halt bietet, zwar beschwerlich und ermüdend, aber nichts weniger als gefährlich. Unterwegs und oben wird man nochmals und unter allerlei Vorwänden um Bakschisch angegangen. Für den Verdruss, welchen diese beharrliche Bettelei verursacht, entschädigt die Aussicht, die man von der Höhe geniesst, reichlich. Man überblickt, wenn man auch mitten im Winter kommt, im Osten eine grüne Thalfläche, zwischen deren Feldern und Palmenhainen graue Fellahdörl'er wie Ameisenhaufen liegen. Jenseits des Nil, den man übrigens Mer nur in der Zeit der Uebersehwemmung sieht, zieht sich geradlinig die gelbliche schroffe Waud des Makattamgebirges hin, unter dem nach Norden Kairo sich ausbreitet. Nilaufwärts, auf diesseitigem Ufer begegnen dem Auge die dunklen Palmenwälder der Stätte, wo einst Memphis stand, die Stadt, welche diese Pyramiden als riesige Denkmale ihres Todtenackers hinterlassen hat. Wir erkennen die andern, dieser Königsstadt der Urzeit nähern Pyramidengruppen von Abusir, Sakkarah und Daschur, gleichfalls als Grenzsteine_ der Wüste, die sich allenthalben haarscharf von dem grünen Lande scheidet. Auf ihrer ersten felsigen, mit Sand verwehten Erhebung steht auch die von uns bestiegene Pyramide und hat dicht hinter sich eine fast ebenso grosse, die sich indess dadurch von ihr unterscheidet, dass von der Spitze lierah ein Tlieil ihrer glatten Bekleidung hängen gehliehen ist. Sie stehen Ecke gegen Ecke gewandt und ebenso die dritte, die bedeutend kleiner ist. Die Richtung ist Südwesten. Rechts und links auf der mit Sand und Schutt bedeckten Felsenplatte reihen sich felderweis, grösser oder kleiner, die Gräber, in welchen hei ihrem Könige die Beamten des Hofstaats beigesetzt wurden, gestreckte, fest aus Quadern gefügte Hügel mit flacher Decke und geneigten Wänden. 7 98 Die Pyramiden. Westwärts endlich schweift der Blick über eine bald rothhraune, bald gelbe, bäum- und grasleere Einöde von Wüstenhiigeln. Yon Weitem gesehen, erscheinen die Pyramiden so ungeheuer wie sie wirklich sind. Näher kommend und etwa noch eine Viertelstunde von ihnen entfernt, glaubt man sich in ihrer Grösse getäuscht zu haben. Hart vor und auf ihnen wird man wieder inne, welche Riesenwerke sie sind. Auf dom Gipfel der grossen Pyramide stehen wir so hoch, dass der Thurm des Strassburger Münsters, wenn er darin stände, nicht mit seiner äussersten Spitze hervorragen könnte. Die gewaltige Peterskirche, die mit ihrer Laterne die Thurmspitzenhöhe von Strassburg fasst erreicht, hätte im massiven Kerne der Pyramide vollkommen Raum. Den Gesammtiulialt ihrer Masse schlägt man auf neunzig Millionen Kubikfuss an, sie hat eine Grundlinie von 746 Fuss, oder nimmt mit andern Worten einen Raum von mehr als 21 preussischen Morgen ein, und ist jetzt ohne den Sockel 421 '/ 2 Fuss hoch, während ihre ursprüngliche Höhe sammt dem, den Felsen an- gehörigen Sockel und der jetzt weggefallenen Spitze gegen 480 Fuss betragen haben muss. Um sich ihre Grösse recht zum Bewusstsein zu bringen, versuche man von oben einen Stein nach ihrem Fuss zu werfen. Man wird staunend finden, dass keine Menschenkraft so weit reicht, und dass der Stein bereits auf dem dritten oder vierten Theil ihrer Stufen niederfällt. Der regelmässig behauene Felssockel der Pyramide erhebt sich 100 Fuss über den höchsten Wasserstand des Nil. Auf ihm befindet sich die erste senkrecht gestellte Steinlage und auf dieser dann der pyramidale Bau selbst mit seinen Quadern und Stufen. Nach der Erzählung der alten Schriftsteller war die in Stufenabsätzen über einander geschichtete Pyramide von Aussen mit geglätteten, genau aneinander gepassten Steinplatten belegt, welche sammt den längs der vier Kanten zur Ausfüllung der Räume an jedem Absatz angebrachten Steinpnsmen ihren Seitenflächen den Charakter glatter Felswände gaben. Gegenwärtig sind diese Aussenflächen aber herunter gestürzt und jede Seite bietet das Bild einer nach Oben zu schmäler werdenden Treppe. Das Material dieser, sowie der meisten andern liier befindlichen Pyramiden rührt zum Theil und zwar vorzüglich im Innern von dem liier häufig angetroffenen Nummuliten-Kalkstein, zum Theil aus den auf dem rechten Nilufer liegenden arabischen Gebirgen her, von wo es auf Flössen über den Fluss und dann auf einem ungeheuren Damm aus geglätteten Steinen an Ort und Stelle geschafft wurde. Das Herabsteigen ist leichter, als das Hinaufklimmen, namentlich für Schwindelfreie, welche überhaupt allein hinaufgehen sollten. Man wird dann von den arabischen Begleitern in das Innere geführt. Der Eingang findet sich in der Mitte der Nordseite einige Stufen über der im Sande verborgenen Basis der Pyramide. Es ist ein viereckiger Schacht von etwa 4 Fuss Höhe und 3% Fuss Breite, der schief hinabführt, dessen Fussboden sehr glatt ist und vor dem man die mitge- brachten Kerzen anzündet, um sich zurechtzufinden. Ein gewaltiger Die Pyramiden. 99 Querblock deckt das Portal, und darüber stemmen sich andere fast ebenso grosse gicbelförmig gegen einander, um die obere Last zu tragen. Dieses Thor war einst vollständig verdeckt von der erwähnten glatten Bekleidung des Bauwerks. Die Bellahs voran, geht es nun hinab beinahe bis auf den Grund der Pyramide, wo eine Höhle ist, welche von den Arbeitern eines alten Klialifen hinterlassen wurde, der hiernach Schätzen graben liess. Von hier führt ein Gang bis in die unterste Felsenkammcr, mehr als hundert Puss unter der Grundlinie und sechshundert unter dem Gipfel. Wir indess werden nach oben gezogen und geschoben in den zweiten Gang, der in demselben Winkel wie der von Aussen herabkommende, aber aufwärts nach innen führt. Er ist ebenso niedrig wie jener, aber glänzend glatt in der haarfeinen Fügung seiner Blöcke. Nach einer Weile erhöht er sich plötzlich zu einer grossen 28 Fuss hohen und 5 Fuss breiten Galerie, deren Wände in leicht über einander vorrückenden Stufen nach oben zusammentreten, und welche in derselben ßich- tnng wie der Gang unter ihr weiter nach oben führt. Die Luft ist hier ein wenig leichter und kühler als unten, wo sie überaus schwer und schwül ist. Wo die grosse Galerie anfängt, lenkt unter ihr der wagerechte Gang nach der sogenannten Königinkammer ab. Es ist das Gemach, wo die Leichenfeier gehalten wurde. Auch dieses wird dem Besucher von den Führern nicht erlassen, obwohl man nichts sieht, als eine granitne Kammer von 14 Fuss Höhe, 18 Fuss Länge und 16'/j Fuss Breite, die ihre glatte Decke dachförmig aus grossen Blöcken zusammenstemmt. Folgen w r ir dann wieder der Galerie nach oben, so gelangen wir endlich durch ein niedrigeres Vorgemach und eine Thür, eben nur gross genug, um einst den Sarkophag hindurchzuschieben, in die hohe Königskammer. Es sind ebenfalls Granitwände, die im Scheine der Kerzen glänzen, aber die Decke ist flach; denn über ihr folgt noch eine Reihe niedriger Räume, um die Last zu verthoilen und zu tragen. Die Sarkophagkammer ist 19 Fuss hoch, 34 Fuss lang, 17 Fuss breit und man befindet sich in ihr 138 Fuss über der Grundfläche. Hier pflegt die arabische Begleitung sich im Kreise niederzukauern und mit den Händen Takt schlagend zu singen, während der Eine und der Andere seine Flinte abscliiesst. Es ist aber eben nicht sehr behaglich im Herzen der Pyramide. Das Gemach enthält nur den einfachen, sehr zerkratzten Sliarkophag des Königs Cheops oder richtiger Cliufu, der diesen Steinberg über sich aufthürmte, um seine Mumie und damit dem Glauben der Zeit gemäss die Existenz seines Ich zu sichern. Dies gelang ihm auch auf lange Zeit, bis jene Schatzgräber einbrachen. Der Klialif, der sie geschickt, war Mamun, das Jahr, in dem es geschah, 820. Man fand in dem Sarkophag den hölzernen Mumienkasten und in diesem den Leichnam des Königs mit einer goldnen Brustplatte, auf der unbekannte Zeichen standen. Schätze aber entdeckte man keine, und der Klialif musste, wie es heisst, selber eine Summe Geldes darin verbergen und finden lassen, um das Volk zu beschwichtigen, das über die unnütze langwierige Arbeit zu murren begann. 100 Die Pyramiden. Wenn man wieder durch die grosse Galerie hinabsteigt, so versäume man nicht den Brunnenschacht zu beachten, der sich an ihrem untern Ende in die Tiefe senkt. Er lehrt, in welcher ausgesuchten Weise man den Zugang zu dem Sarkophag zu versperren strebte. Das untere Ende des engen Ganges, der die erwähnte Galerie abwärts fort- setzt, war von innen mit Granitblöcken verrammelt worden. Dann kamen die Arbeiter bis hierher wieder herauf, Hessen sich in diesen engen brunnenartigen Schacht hinab, der eben nur ausreicht für einen Menschenleib, und kamen in einer Windung, die nicht mehr ganz zu verfolgen ist, in den untern Gang, der aus der tiefsten Felsenkammer an jener Verrammelung aussen vorbei nach oben führt. Das Alter der grossen Pyramide ist sehr verschieden angegeben worden. Wilkinson verlegt ihre Entstehungszeit in jene um das Jahr 2123 v. Chr., und Max Duncker spricht sich in seiner Geschichte des Alterthums dahin aus, dass die Erbauung der Cheopspyramide nicht hinter das Jahr 2300 zurückgehc. Andere Schriftsteller halten alle Pyramiden für Werke fremder, nicht ägyptischer Stämme und schreiben sie entweder den Aethiopicrn oder den Hyksos zu, gewiss mit Unrecht. Nach der hebräischen Sage sollen sie von den Kindern Israel errichtet worden und Kornspeicher Josephs gewesen sein. Nach Plinius hat die Aufrichtung der drei Pyramiden von Gizeli zusammen 78 Jahre 4 Monate in Anspruch genommen — eine Angabe, die durch nichts verbürgt ist. Herodot sagt, dass die Erbauung der grossen Pyramide 20 Jahre gekostet, die auf den Ban der zwei grössten verwendete Zeit 106 Jahre in Anspruch genommen und dass nicht weniger als vierhunderttausend Arbeiter damit beschäftigt gewesen. In der ägyptischen Volkssage, die derselbe alte Schriftsteller mittheilt, ist Cheops ein gottloser Tyrann. Die Aegypter wollten vor Hass die Namen der Pyramidenkönige gar nicht aussprechen — also ein Hass, der sich fast zweitausend Jahre fortgeerbt hatte. Sie nannten die Pyramiden nach einem Hirten Philitis, der in der Gegend geweidet habe. Das sind offenbar die Philister, das Volk der Hirtenkönige, der Hyksos, jener verhasstem fremden Zwingherren Aegyptens in der zweiten Hälfte des z'weiten Jahrtausends vor Christus. Da aber, wie bemerkt, diese Hyksos auf keinen Kall die wirklichen Erbauer der Pyramiden sein können, so müssen wir annehmen, dass die zwei grössten Leidensperioden der ägyptischen Geschichte, die des Pyramiden- baus mit seinem Zwang zu nutzloser schwerer Arbeit und die der Philisterherrschaft, wenn auch mehr als tausend Jahre Zwischenraum ist, in der Erinnerung der Volksseele zu Herodots Zeiten verschmolzen waren. Die zweitgrösste der Pyramiden von Gizeli, von dem König Chephren oder Cliafra (nach Lepsius, Chronologie S. 302 von dem Sons der Königslisten, dem Vorgänger des Chufu oderSuphis) erbaut, von Belzoni 1810 wieder eröffnet und einst 454, gegenwärtig 447 Fuss hoch, steht etwas höher als die erste, und die Erbauer haben, um Kaum für ihr Werk und einen freien Umgang zu gewinnen, den Felsen Die Pyramiden. 101 Plaa der Pyramiden von Gizeh. . 9 4> ^ tr> «.aiSSfl?-... *H?*I sÄft Ô^B^SÏSIBj “'“TWiPHT: L£J|b &,M311£ I.Y<:BV«IK <4k Ai**® £^54Ss àlfèilê 1. Wirklicher und gewaltsam geöffneter Eingang in die Cheops-Pyramide. 2. Eingang in die Belzoni-Pyrannde. 3. Lange Gruben, wo die Arbeiter vermuthlich den Mörtel mischten. 4. Pyramide der Tochter des Cheops. 5. Pflaster von schwarzen Basaltsteinen und Sphinx. 0. Reste von Mauerwerk. 7. Runde Einfassung von Ziegeln ans arabischer Zeit. 8. Gräber mit tiefen Gruben. 9. Das Grab der Zahlen. 10. Zwei geneigte Gänge, die unter der Erde Zusammentreffen und einst wahrscheinlich zu einer Pyramide gehörten, die über ihnen stand. 11. Künstlich geebneter Felsen. 12. Ein schmaler in den Felsen gehauener Graben. 13. Eine viereckige Vertiefung, vermuthlich in den Felsen gemeisselt, um den Eckstein der Umhüllung der Pyramide aufzunehmen. 14. Hier stand ein Grab, welches man den Tempel des Osiris nannte. 15. Grab der Handwerker. 17. Eine mit Steinen ansgelegte Grube von modernem Datum. 18..Dritte Pyramide. 19. Drei kleine Pyramiden. 20. und 21. Verfallene Gebäude, deren einstige Bestimmung jetzt schwer zu errathen ist. 22. Reste einer Steinmauer. 24. Einige Palmen und S ycomoien mit einer Quelle. 25. Südlicher und nördlicher gepflasterter Weg. 102 Die Pyramiden. abtragen müssen, der aber nach Norden nnd Westen als 20 bis 30 Fnss hohe Wand stehen sehlieben ist. Der Eingang, gleichfalls auf der Nordseite und in ziemlicher Höhe angebracht, leitet durch einen geneigten Gang hinab auf die Grundlinie und auf dieser wagerecht fort in die Grabkammer, welche in den Fels gehauen ist. Man fand auf ihrem Boden einen granitnen Sarkophag, der jedoch nichts als Schutt enthielt. Aber derselbe wagerechte Gang, der auf der Grundlinie hinein- und wieder herausführt, zweigt dort, wo er nach dem obeni Eingang zu steigen anfängt, auch nach unten ab und führt in einen tiefem Arm, unter der Basis der Pyramide weg, gleichfalls nach der Oberfläche, um unter dem Pflasterboden der Pyramide zu münden. Sie hat, wie gesagt, vom Gipfel herab noch ein beträchtliches Stück ihrer glatten Plattenbekleidung und ist deshalb nur mit grosser Mühe bis zu ihrer Spitze zu besteigen. Auch in das Innere zu kommen ist nicht Jedermanns Sache, da man dabei an den meisten Stellen kriechen muss. Die dritte Pyramide, erbaut von Mykerinos oder Menkera, das durch Umstaltung aus der Plamerka entstand, und von Oberst Vyse 1837 zuerst wieder geöffnet, ist jetzt 203 Fuss hoch, während sie ursprünglich eine Höhe von 218 Fuss hatte. Sie steht mit der zweiten gleichfalls Ecke gegen Ecke und, um sie zu bauen, hat man den nach Nordosten abfallenden Felsboden nicht nur beschneiden, sondern auch mit riesigen Blöcken zur Terrasse umbauen müssen. Auch in ihr Inneres gelangt man nur mit grosser Mühe. Ein geneigter Gang, in geringer Höhe über dem Boden, führt durch den Fels in die Tiefe hinab und dann meist wagerecht in eine erste Kammer. Granitno Fallgruben oder Verblockungen waren bestimmt, den Zutritt zu wehren. Aus dieser Kammer geht ein Gang, dessen Mündung in der Höhe ihrer Wand zu gewahren ist, in die Masse hinein aufwärts und hört dann plötzlich auf. Im Boden dieser ersten Kammer aber, welche der Raum für die Leichenfeier war, öffnet sich ein tieferer Gang, der, sehr niedrig und eng, in das Grabgemach führt, wo der Sarg des Menkera stand. Dieses Gemach ist in den Fels gehauen, aber mit Granitblöcken ausgekleidet, die in der Decke sich von zwei Seiten gegeneinanderstemmen und in Bogenform geschnitten sind. Der Sarkophag war ein sehr schönes Werk von dunkelbraunem Basalt, geschmückt mit senkrechten triglyphenartigen Gliederungen, vier an der Zahl, die durch Querbänder verbunden waren. Er war gekrönt durch ein Hohlgesims mit scharfer Stirnkante und einem Rundstab, der dieses Hohlgesims von jenen senkrechten Gliederungen der Sarkophagwand trennte, um dann auf den pyramidal geneigten Kanten herabzusteigen und die Sarkophagwand einzurahmen. Neben dem Sarkophag fand man die Mumie des Menkera in Stücke gerissen liegen. Sie ist jetzt im Britischen Museum, der Sarkophag aber musste, um das in Noth gerathene Schiff, das ihn nach England bringen sollte, zu erleichtern, über Bord geworfen werden. Die drei Meinen Pyramiden, die sich an die Südseite der dritten grossem reihen, zeigen, wie letztere entstanden. Sie sind An- T T * Y J or Sphinx und dis Pyramide des Cheop h-'' UâjiiïyJ t Die Pyramiden, 103 fange oder Kerne von Pyramiden. Auf der Ostseite der zweiten und dritten Pyramide aber können wir die Reste der kleinen Tempel finden, die den in den Pyramiden beigesetzten Todten geweiht waren. Ks sind einige Wände von grossen Blöcken, halb im Sande verborgen. Sie liegen im Osten der Pyramide, um sieb nach Westen, wo der Verstorbene bei Osiris wohnend gedacht wird, zu wenden, und mau erkennt in ihnen noch eine Abtheilung in Kammern, eine hinterste Wand des Allerheiligsten und manches Andere. Von den Pyramiden begibt man sich zunächst nach der oder- richtiger dem Sphinx. Man muss sich mühsam über grosse Sandhügel hinabarbeiten, bis man dem nach Osten schauenden Riesenbilde ins Antlitz blicken kann. Dieses Antlitz, ungefähr 28 Puss hoch, muss einst, als es noch unverstiimmelt war, schön und stolz zwischen den Flügelecken seines streifigen Kopfputzes hervorgesehen haben. Jetzt mangelt ihm die Nase und ein Theil der Wangen, welche die Mameluken, denen dieser Kopf vor Zeiten als Ziel ihrer Schiessübungen diente, zerstört haben. Man erkennt deutlich, dass es früher braunroth bemalt war. Die Ausgrabungen Mariette’s im Jahre 1852 haben viele von den frühem Ansichten über dieses Bildwerk berichtigt. Es ergab sich aus den Untersuchungen dieses rastlosen Forschers, dass der Sphinx trotz der ägyptischen Darstellungen dieses Denkmals, die ihn uns als auf einem Säulenstuhl ruhend zeigen, kein Fussgestell hat, und dass er nicht die ursprüngliche Höhe der Hochfläche, auf der er liegt, anzeigt; denn diese Hochfläche ist nie ausgehauen worden. Der Sphinx ist bis auf seinen Kopf, wo deutlich der Meissei geschaffen hat, ein natürlicher Fels, ein Geschenk der Natur. Darauf deuten auch die griechischen Inschriften hin, die man in der Umgebung findet, und in denen es heisst, die Götter haben seinen Leib gebildet. Der Hals ist noch der natürliche Felskegel mit seinen riesigen Schichten, und der ungeheure tonnenförmige Leib ist gleichfalls nur wenig behauen. Nach vorn aber wurden durch grosse Blöcke die ruhenden Vordertatzen ergänzt, und an andern Stellen verstopfte man die Löcher des Gesteins durch Mauerwerk. Zwischen den Vordertatzen und der Brust des Sphinx befindet sich ein kleiner Tempel. Die Rückwand davon ist eine oben abgerundete Platte, auf welcher Thothmes der Vierte dem Sphinx opfert. Die verschiedenen Namen, welche die Platte dem Sphinx gibt, lassen keinen Zweifel, was derselbe für die Aegypter war. Er war das Bild des Sonnengottes. Der zweite Theil der Inschrift ist leider sehr verstümmelt, doch ist darin die Rede des Gottes an den König noch ziemlich erhalten. Man sieht hier den Rest eines Königsnamens, den man nach einer von Lepsius herausgegebenen Tafel nur dem König Chafra zuschreiben kann, daun unterscheidet man noch die Worte: „Gemacht das Bild von Tum, Har Ein Asehu-- (Tum oder Atrau ist die untergehende Sonne, Har Ein Asehn der Gott am Horizont). Man glaubt daraus schliessen zu können, dass der Erbauer der zweiten Pyramide auch den Sphinx geschaffen habe. Thothmes IV. aber mag 104 Die Pyramiden. um das Jahr 1552 v. Chr. einige Ausbesserungen oder Verschönerungen am Tempel dabei vorgenommen haben. Schliesslich sei bemerkt, dass die ganze Länge des Sphinx von den Spitzen der Tatzen bis zur Schwanzwurzel nicht, wie man bisher nach Caviglia glaubte, bloss 143, sondern 172'/„ Puss, und die Höhe vom Scheitel bis zum Pusse 74 Puss beträgt und dass die Araber denselben Saba El Lejl, d. i. Löwe der Nacht nennen. Hie Ausgrabungen Mariette’s haben aber auch noch ein anderes wichtiges Ergebniss geliefert, das jedoch leider jetzt wieder vom Sande bedeckt ist. Vor dem Sphinx nämlich führt ein gepflasterter Dromos an eine grosse Mauer, die einen Hof um den Sphinx gebildet zu haben scheint, und durch welche im Süden ein Thor in einen Tempel geht. Berge von Sand bedecken denselben. Mariotto stiess auf das Steinplattenpflaster 24 Fuss unter dem Gipfel der Mauer, aber das Thor lag noch beträchtlich tiefer, konnte also nur in unterirdische Kammern unter dem Pflaster führen. Nachdem man durch das Thor getreten ist, kommt man in einen 18 Fuss hohen und 7 Fuss breiten Gang, der sich sanft geneigt unter die Umfassungsmauer senkt. Bald öffnet sich nach rechts ein zweiter kleiner Gang, durch den man in eine Kammer gelangt. Ihm gegenüber zieht sich links ein dritter Gang aufwärts, der an die freie Luft auf die Höhe des Fflasters führt. Der grosse Hauptgang aber geht immer abwärts fort, und ist noch nicht bis an sein Ende verfolgt worden. Bewundernswürdig ist die Wahl und Verwendung der Materialien, aus denen der Tempel erbaut ist. Das grosse Thor besteht ganz aus Blöcken von rosenfarbenem Granit. Der grosse Gang ist trotz seiner 18 Puss Höhe von einem Ende zum andern aus demselben Material, und man geht auf einem Pflaster von Platten des schönsten Alabasters. In der kleinen südlichen Kammer und dem aufsteigenden nördlichen Gang sind Decke und Fussboden aus Granit, während die Wände aus Alabaster bestehen, in welchem die Kerzen sich spiegeln. Später entdeckte Mariette noch mehrere Gänge und Gemächer, die sämmtlich aus Granit und Alabaster erbaut waren. Leider wurde nirgends ein Basrelief oder eine Inschrift gefunden, die auf das Alter und den Urheber dieses prachtvollen Bauwerks schliessen liesse. Alles ist, wie gesagt, jetzt wieder verschüttet. Hinter dem Sphinx können wir in die Tiefe eines grossen Felsengrabes hinabschauen. Interessanter aber sind die Gräber, welche die Winkelfelder der Pyramiden reihen- und felderweis einnehmen. Hier waren die Prinzen, die Räthe, die obersten Hofbeamten und andere Vornehme beigesetzt. Es sind grössere und kleinere Hügel in Quaderbau mit pyramidal geneigten Wänden, aber grossentheils sehr zerstört. Gewöhnlich öffnet sich auf der Ostseite die schmale Thür unter dem runden Thürbalken und führt in ein Gemach, das der Verehrung des Todten geweiht war. Er selbst erscheint stehend oder sitzend in erhabener Arbeit auf der Wand und hat vor sich Haufen von Opfergaben, gerupfte Gänse, Ochsenkeulen u. s. w. Seine Frau, die i. Die Pyramiden. 105 hinter ihm steht und die Hand um ihn legt, ist gelb, er selbst als Aegypter braunrotli. Bunte Hieroglyphenschriften melden seine Titel und Eeichthümcr oder zählen die ihm gebrachten Opfer auf. Andere Bäume geben die Abbildung ägyptischer Gewerbe, Felsbauscenen u. s. w. Der eigentliche Schacht, der zum einfachen Sarkophagraum führt, ist stets, davon getrennt, auf der Westseite des Baues. Andere Gräber gehen wagerecht von Osten in den Fels hinein, auf dem die Pyramiden stellen. Eines der bekanntesten ist das sogenannte Grab cler Zahlen, auf dessen Wänden der reiche Mann, dem das Grab gehört, seine Herden überzählt. Er steht in grosser Figur auf seinen Stab gelehnt und hat einen Hund neben sich. Die Herden erscheinen in verschiedenen Beihen über einander sehr klein und es ist einer jeden beigeschrieben, wie viel Stück sie hat, 834 Ochsen, 7(30 Esel u. s. w. Mit dem Ausflug nach den Pyramiden von Gizeh kann man den nach den Pyramiden von Sakkara verbinden. Die ganze Tour erfordert sodann zwei Tage; dass inan sich in diesem Falle der Esel bedient, ist selbstverständlich, und zwar muss man einen Esel mehr, zur Fort- schaifung des Gepäckes und des Proviantes, mitnehmen. Da man ge- nötliiget ist die Nacht in den Apis-Gräbern von Sakkara zuzubringen, so muss man einen Teppich oder eine dünne Matraze und eine wollene Decke Entnehmen. Im Uebrigen lässt sich auf dem weichen Sande, in den geräumigen Gräbern sehr gut schlafen; nur vergesse man nicht einige Stearinkerzen, 1 Dutzend kleine Wachskerzen zum Besichtigen des Innern und eine Spiritusmascliine, um sich Thee oder Kaffee zu bereiten, mitzunehmen. Der Weg führt von den grossen Pyramiden am Bande der Wüste hin nach Süd-Westen, durch das Dorf Abusir, nach Sakkarah. Die Pyramiden von Abusir , denen wir unterwegs begegnen, verdienen keinen Besuch. Dagegen halten wir vor dem grossen Stufeii- bau von Sakkarah an. Er erhebt sich in 6 oder vielmehr 7 Stufen, deren unterste begraben ist, zu einer Schicht gewaltiger Blöcke. Der Gipfel ist stumpf, die Stufen sind zum Theil mit Sand überweht. Im Innern befindet sich ein seltsamer hoher Baum wie das Innere eines vierkantigen Thurmes, in dessen Wände in jeder Höhe labyrinthisclie Gänge münden. Aus solchen Mündungen konnte mail sich nur an Seilen in die Tiefe lassen, wo im untersten, durch einen Granitblock verschlossenen, Gemach der Sarkophag stand Wer darin lag, ist unbekannt. Einige Kammern fand man mit Porzellan-Mosaik, grün, schwarz und blau, ausgelegt. Ueber das Alter dieser Pyramide ist man nicht im Klaren. Einige schliessen auf eine spätere Zeit, als die der Pyramiden von Gizeh. Andere meinen sie in das vierte Jahrtausend vor Christus versetzen zu müssen. Ebensowenig kennt man das Alter der südlicher liegenden unvollendeten Pyramide, welche von den Arabern Mustabat El Faraun, das ist der Thron des Pharao genannt wird. Es ist ein Bau von schönem Muschelkalkstein, vierseitig, langgestreckt, und kann uns 106 Die Pyramiden. vielleicht lehren, wie aus dem einfacheren Quaderhügel der höhere Schwung der Pyramide sich entwickelte. Ein Eingang ist his jetzt noch nicht entdeckt. Weiterhin erblicken wir die Pyramiden von Daschur, eine von Ziegeln und eine von Stein, die erstere zu einer unförmlichen Masse geworden, die andere noch glatt, beide wahrscheinlich aus späterer Zeit datirend, als die von Gizeh. Die Steinpyramide hätte sehr steil und hoch werden müssen. Allein ihre Kanten knicken plötzlich ein und führen den Bau in kurzem stumpfem Winkel zur Vollendung. Nicht fern von der grossen Stufenpyramide von Sakkarah befindet sich das von Mariette im November 1851 entdeckte sogenannte Sarapemn, wo die heiligen Apisstiere beigesetzt wurden. Das Wort Sarapis ist aus Osiri-hapi, d. h. Osiris-Richter gebildet und von den Griechen irrig ein eigener Gott daraus gemacht worden. Das Serapeum ist das grösste aller Felsengräber von Memphis, gehört aber nicht in die Zeit der Pyramidenerhauer. An den Seiten des 16 Fuss breiten und 14 Fuss hohen Hauptganges sind Nischen eingehauen, deren Boden 4 Fuss tiefer als der des Ganges ist. In diesen Nischen stehen die Sarkophage der Apisstiere, welche an Grösse und Schönheit des Steins alles übertreffen, was bis jetzt der Art entdeckt worden ist. Man hat bis jetzt 31 gefunden, alle mit Steinen gefüllt, als Zeichen der Verachtung. Einige sind aus dem röthlichen Granit von Assuan, die übrigen aus dem dunkelgrünen Granit der Berge am todten Meere. Sie sind polirt und theilweise mit Hieroglyphen versehen. Ihre Länge beträgt ungefähr 12‘/„ ihre Breite 7'/„ ihre Höhe mit Einschluss des aus einem 3 Fuss dicken Block bestehenden Deckels nahezu 11 Fuss. Ausser ihnen wurden hier noch viele andere Thiersärge und verschiedene griechische Bildsäulen aufgefunden. Apis, der Stier des Mondgottes, wurde in einem mit Figurenpfeilern umstellten Hofe beim Phtha-Tempel in Memphis verehrt. Er durfte nur 25 Jahre leben, und es bezeiclinete diese ihm gestattete Lebensdauer ein grosses Mondjahr, nach dessen Ablauf die Neu- und Vollmonde auf dieselben Kalendertage des zu kurzen ägyptischen Jahres, welches hinter dem natürlichen znriickbleibt, wieder einfielen. Andere Ausgrabungen, von dem österr. Generalconsul Huber angestellt, lieferten im Jahre 1857 gleich werthvolle Resultate, unter Anderm einen herrlichen, aussen und innen mit sehr feinen Hieroglyphen bedeckten Basaltsarkophag. Wir wenden uns nun hinab nach der Stätte von Memphis-, der altägyptische Name war eigentlich Man-muffi, d. i. Hafen der Guten, ■woraus durch Zusammenziehung später Memfi wurde. Wo die ungeheuere Stadt stand, die nach Diodor einen Umfang von 150 Stadien hatte, ist jetzt nur grünes Getreidefeld oder Palmenwald. Die Privatgebäude, .aus ungebrannten Ziegeln bestehend, zerfielen in Erdhaufen, und aus den Steinen der Tempel und Paläste wurde Fostat und später Kairo erbaut. Auch der grosse Phtha-Tempel verschwand bis auf die Grundmauern. Nur die gewaltige Statue des Königs Ramses II.. welche nach Herodot an diesem Heiligthum lehnte, und vor Die Pyramiden. 107 einigen Jahren von Caviglia entdeckt und blossgelcgt wurde, meldet von der verschwundenen Herrlichkeit. Sie liegt halb auf dem Angesicht im Loch ihrer Ausgrabung unter den Palmen des Dorfes Mitrahenny und ist am Kopf sowie an den Füssen sehr beschädigt. Das Material ist ein weisser kieselhaltiger Kalkstein, und die einstige Höhe des Kolosses wird ohne das Piedestal auf 42 Fuss 8 Zoll geschätzt. Das Gesicht ist gut erhalten und sehr schön. Die Inschrift lautet: „Ramses Meiamun, König Sonne, Wächter der Wahrheit, gebilligt von der Sonne.“ Der Tempel, zu dem die Statue gehörte, ist der älteste, von dem wir historische Kunde haben. Menes, der erste König Aegyptens, legte ihn an. Aber Jahrtausende lan' wurde an ihm fortgebaut. Er hatte zahlreiche Höfe, Hallen, Statuen und Kolosse und schloss auch einen Tempel des Proteus sowie mehrere andere Heiligthümer ein, ist aber jetzt, wie bemerkt, vollständig verschwunden. Ganz in der Nähe der Apisgräber befinden sich die Ibisgräber und die Königsgräber. Fast jeder Eseltreiber kennt die Stellen, und jeder kleine Beduinenjunge zeigt Einem gegen einige Para den Weg. Erstere nennt man mit dem arabischen Namen Magara ei Asafir. Magara (Grab) el Asafir (Plural von Asfur, Vogel). Um zu letztem zu gelangen, darf man nur den Namen Lepsius aussprechen; er hat die Königsgräber entdeckt und viel aus denselben für das Museum in Berlin herausgenommen. Viele der Bewohner Sakkara’s, die für ihn gearbeitet haben, kennen ihn persönlich, Alle dem Namen nach. Während der Ueherschwemmung ist der Weg bedeutend weiter, indem man dann auf dem Damme bis nach dem Dorfe Schebrament reiten muss. Während dieser Zeit ist auch die Gegend von Mitrahenny mit Wasser bedeckt, so dass ein Besuch der Stelle von Memphis nicht möglich ist. Der Reisende, welcher Anfangs October nach Aegypten kommt, thut daher am Besten, wenn er die Pyramiden und Memphis vor der Hand unbesucht lässt und den Ausflug dahin auf die Zeit seiner Rückkehr aus Oberägypten verspart, in welchem Falle man den Reis der Barke bei dem Dorfe Bedrescheen anhalten lässt. Die Tour nach der Sakkarah lässt sich jedoch auch in einem Tage machen, seitdem die Eisenbahn nach Ober-Aegypten eröffnet ist. Man sendet vor Allem die nöthigen Reitesel des Morgens ganz früh fort, nach Bedrischeen. Der Reisende selbst muss um 7 Uhr von Kairo aufbrechen, begibt sich nach Bulak, und setzt daselbst nach Gesirah über, woselbst dicht neben dem Palaste des Vice-Königs die Station Embabeli liegt. Von hier fährt der Eisenbahnzug nach Ober- Aegypten um 8 Uhr ah, welcher um 9 % Uhr in Bedrischeen anlangt; hier besteigt man die daselbst wartenden Esel uud reitet über Me- trihenneh nach Sakkara, wozu eine gute Stunde erforderlich ist; hier muss man nun in aller Eile die Tempel und Gräber besehen und mit dem Zuge, welcher um 3'4. von Oherägypten kommend, Bedrischeen pas- sirt, wieder nach Kairo zurückkehren. 108 Die Pyramiden. Nöthigenfalls kann man übrigens die Bückkehr, welche 3 Stunden erfordert, zu Esel machen. Der Weg, fast immer durch Palmen- wähler und angehautes Land führend, ist sehr interessant und angenehm. Da diese Tour jedoch eine ziemlich anstrengende ist, und vor Allem nicht die nöthige Zeit lässt, um Alles ordentlich und mit Müsse zu besehen, so ist Jedem die zweitägige Tour zu empfehlen, wenn er irgend die Zeit dazu hat. Die Nilreise bis nach Theben. 109 FÜNFTES KAPITEL. Die ^Nilreise bis nach. Theben. Verschiedene Keisegelegenheit. — Wahl einer Barke, — Ausrüstung derselben. — Einige Verhaltungsregeln. — Die Entfernungen der Uferstädte. — Leben auf dem Nil. — Uferscenerie. — Benisuef. — Medinet el Faynm und der See Möris. — Minyeh. — Dschebel el Tayr. — Die Grotten von Benihassan. — Antinoe. — Monfalut. — Assiut. — Girgeh und Abydos. — Kenneh und Denderah. Die Nilreise hinauf nach den Altcrthümern Oberägyptens und zurück nach Kairo kann auf verschiedene Art und Weise gemacht werden, sowohl mit dem Dampfschiffe, als auch in einer Nilharke. Eine einzelne Person thut wohl am besten, sich des Dampfschiffes zu bedienen. Jeden Monat geht ein ägyptischer Regierungsdampfer den Nil herauf bis Assuan ; ein solcher Dampfer ist für 30 Personen eingerichtet nnd macht die Fahrt in 21—22 Tagen, wofür die Summe von 40 Pfd. Sterling zu bezahlen ist. Alles Nähere wird von der Administration, zur bestimmten Zeit und in besondern Aviso’s, welche in jedem Hôtel ausgehängt werden, angezeigt. Machen jedoch mehrere Personen die Reise zusammen, zumal wenn sie Zeit haben und Specialitäten verfolgen, als Jagd, Zeichnen, oder überhaupt wissenschaftliche Zwecke, so ist es jedenfalls besser, eine Nilbarke zu benützen. Wählt man diese Art zu reisen, so schliesse man mit dem Dra- goman auf dem Consulat einen Contract ab, in welchem die Verpflichtungen und Ansprüche desselben genau angegeben sind. Derselbe muss enthalten, wie gross, für wie viele Personen und in welcher Weise die Barke eingerichtet sein soll, wie viele Mahlzeiten und wie viele Gerichte, welche Weine und welche sonstigen Bedürfnisse zu liefern sind. Es muss ferner darin gesagt sein, dass der Dragoman sich anheischig macht, alle Nebenausgaben, seien sie welche sie wollen, Trinkgelder, Führer nach den Tempeln und Gräbern, so wie die Esel und Pferde, zu bezahlen. Es muss endlich die Zeit angegeben sein, die man sich für die Betrachtung der Monumente bedingt, sowie die, in welcher man in Kairo zurück sein will. Von dem Gehle, welches man dem Dragoman zahlt, entrichtet man entweder die Hälfte oder zwei Drittel vor der Abfahrt, den Rest bei der Rückkehr. Wir geben einen derartigen Contract als Beispiel : „Wir, die Unterzeichneten N. N. aus M. und P. P. aus R. sind am heutigen Tage mit dem Dragoman Mohammed Abd El Atti über- 110 Die Nilreise bis nach Theben. eingekommen, mit ihm eine Reise den Nil hinauf zu machen und zwar unter folgenden Bedingungen: 1) Mohammed Abd El Atti verpflichtet sich, ein bequem eingerichtetes geräumiges Boot nebst Sonnenzelt und Kahn zu besorgen und besagtes Boot mit Betten und Bettwäsche, Tischen, Stühlen, Porzellangeschirr, Gläsern, Filtrirkrügen und allen und jeden zur Bequemlichkeit von Passagieren erster Classe gehörenden Bedürfnissen zu versehen. 2) Mohammed Abd El Atti verspricht, alle Vorräthe, Lebensmittel, Weine und Liqueure, Kerzen und Laternen, die für die Reise nothwendig sind, zu liefern, und täglich soviel Gänge beim Frühstück und beim Diner zu geben, als die Unterzeichneten verlangen. 3) Mohammed Abd El Atti verpflichtet sich, einen Koch, einen Bedienten und einen Gehiilfen zum Waschen der Wäsche und zur Reinigung der Gemächer der Reisenden zu besorgen und für die ganze Dauer der Reise zu bezahlen. 4) Unter den genannten Bedingungen verspricht Mohammed Abd El Atti die Herren N. N. und P. P. nebst deren Frauen nach Assuan und wieder zurück nach Kairo zu bringen, ihnen fünfzehn Tage Aufenthalt während der Reise, wo immer es ihnen zu bleiben belieben wird, zu gestatten, und ihnen zum Besuch der Orte, die sie zu sehen wünschen, Führer und Esel zu liefern. 5) Für alle unter den vorhergehenden Paragraphen begriffenen Leistungen erhält Mohammed Abd El Atti von den Herren N. N. und P. P. die Summe von Zweihundertfünfundzwanzig Pfund Sterling in Gold, wovon hundertfünfundzwanzig Pfund Sterling jetzt und der Rest nach erfolgter Wiederankunft in Kairo zu zahlen ist. . 6) Sollte es den Herren N. N. und P. P. gefallen, länger als die in §. 4 genannten fünfzehn Tage unterhalb des ersten Katarakts zu verbleiben, so verpflichten sich dieselben für die ersten fünfzehn Tage, welche diese ihnen gestattete Frist überschreiten, dem Mohammed Abd El Atti die Summe von drei Pfund fünfzehn Schilling für den Tag zu zahlen. Für jeden weitern Tag nach Ablauf der zuletzt erwähnten Periode bewilligen sie ihm drei Pfund. 7) Sollten die obengenannten Reisenden nach ihrer Ankunft in Assuan den Wunsch hegen, bis zum zweiten Katarakt zu gehen, so verspricht Mohammed Abd El Atti sie in demselben Boot und unter derselben Verpflegung dorthin zu bringen, und sie werden ihm dann für die Reise vom ersten Katarakt bis zum zweiten und zurück, während welcher ihnen drei Tage Aufenthalt, an beliebiger Stelle von ihnen zu wählen, bedungen wird, die Summe von siebenundsechzig Pfund zehn Schilling zahlen. Und sollten sie oberhalb des ersten Katarakts länger als drei Tage zu verweilen wünschen, so versprechen sie ihm für jeden weiteren Tag drei Pfund zu entrichten. 8) Es gilt dabei als selbstverständlich, dass Mohammed Abd El Atti alle Geschenke während der Reise, alle Ausgaben für Wächter, Extramannschaft zur Bedienung des Bootes, das Hinauf- und Herab- schaffen des letzteren durch die Stromsclmellen von Assuan und Philä Die Nilreise bis nach Theben. Hl zu tragen und alle Trinkgelder für Matrosen, Kapitän und Lootsen während und am Ende der Fahrt zu gehen hat. 9) Und es gilt gleichfalls als selbstverständlich, dass, wofern die Gesellschaft nach dem zweiten Katarakt gehen sollte, dann die Klausel in Betreff der Zahl der Aufenthaltstage über die fünfzehn Tage unterhalb des ersten Katarakts insofern ungiltig wird, als die Beisenden in diesem Falle nur verpflichtet sind, Mohammed Abd El Atti drei Pfund Sterling für jeden Tag Aufenthalt, der jene fünfzehn Tage überschreitet, zu zahlen. Gegeben zu Kairo, den 27. October 1856. NB. Das Boot muss binnen fünf Tagen, von heute ab gerechnet, mit allem Erforderlichen versehen und segelfertig sein. Unterzeichnet: N. N. aus M. P. P. aus B. Untersiegelt von Mohammed Ahd El Atti. Gewöhnlich vereinigen sich zu einer solchen Beiseunternehmung sechs Personen, und der Preis ist dann für Fahrt, Beköstigung und Nebenausgaben für den Einzelnen 40 Pfd. St. Sind weniger Tlieil- nehmer, so stellen sich die Kosten beträchtlich höher, und zwar kamen uns im Januar 1857 drei Beispiele vor, wo bei Barken, die nur für zwei Personen venniethet waren, auf den Mann die Summe von 70 Pfd. St. kam, ohne dass die Einrichtung besonders elegant, die gebotenen Genüsse grösser als anderwärts und die Schiffsmannschaft zahlreicher als gewöhnlich gewesen wären. Genau lässt sich der Preis indessen nicht angeben; vor Allem kommt es sehr auf die Jahreszeit an, in welcher man die Beise antritt, dann auf die Anzahl der Fremden und die Nachfrage nach Booten, wie auch auf die Grösse, und mehr oder minder schöne Ausstattung der Barke. Die dritte Weise, in der man die Nilreise machen kann, vorausgesetzt dass einer der Theilnehmer der arabischen Sprache mächtig ist, der die Tour schon einmal gemacht hat, ist die, dass man sich von Kairo nach Bulak begibt, sich die dort vor Anker liegenden Barken (Daliabieh oder Kandje genannt) selbst ansieht und eine derselben miethet, sich dann Lebensmittel und andere Beisebedürfnisse auf acht Wochen einkauft und als zeitweiliger Herr und Gebieter des Fahrzeugs und seiner Mannschaft die Tour unternimmt. In solchem Falle bedarf man keines Dragomans (wodurch man 10—12 Pf. St. pr. Monat spart), sondern engagire sich einen guten Koch, welcher irgend eine europäische Sprache spricht. Bei der Wahl einer Barke ist vor Allem darauf zu achten, dass dieselbe kurz vorher versenkt worden und dass sie innen neu angestrichen ist. Beides hat den Zweck sie von Ungeziefer, namentlich von Batten und Wanzen zu befreien. Sodann muss man sich versichern, dass sie geräumig genug, dass die Fenster sämmtlich vorhanden und ganz, dass Segel, Buder und Stangen in gutem Zustande, dass die Schlafbänke in den Kajüten mit 112 Die Nilreise bis nach Theben. Kissen belegt und mit Muskitonetzen versehen, dass ein passender Waschapparat und ein überdachter Kochherd mit Bratröhre da ist und dass es in den Gemächern an Spiegeln und auf dem Deck an dem grossen Kruge nicht fehlt, in welchem das Nilwasser zum Trinken geläutert wird. Endlich erkundige man sich, in welchem Kufe der Reis (Kapitän) steht, und ob die Barke zu den bessern Seglern gehört. Ist man damit im Reinen, so begebe man sich mit dem Reis auf das Consulat, um mit ihm einen schriftlichen Contract abzu- schliesson, der in zwei Exemplaren ausgefertigt, von beiden Theilen unterschrieben und untersiegelt wird, und von dem der Reisende sein Exemplar bei der Tour mit sich führen möge. Gut ist es, sich davon zugleich eine deutsche oder italienische Uebersetzung machen zu lassen. Die Kosten eines solchen Vertrags sind durch die Consulattaxen bestimmt und belaufen sich auf einige Thaler. Im Folgenden theilen wir einen solchen Vertrag als Probe mit: Contract zwischen Herrn L. und Reis Fargalli Ibrahim in Bulak bei Kairo. 1) Sonnabend den — des Monats Rabi acher des Jahres 1283 (— Januar 1867) vermiethet der Reis Fargalli Ibrahim an Herrn L. eine Barke von 200 Ardeb Tragfähigkeit, um von Kairo nach Assuan zu gehen, zum Preise von 40 Pfund Sterling für die ganze Reise von sechzig Tagen, anfangend Sonntag den 11. Januar 1867, zahlbar 26 Pfund im voraus und den Rest bei der glücklichen Zurückkunft. 2) Die Bemannung muss bestehen: aus acht Matrosen, einem Steuermann und einem Reis. Sämmtliche Leute müssen gesund, stark und den Befehlen des Miethers in allen Stücken gehorsam sein. Keiner darf ohne Erlaubniss des Miethers das Fahrzeug verlassen. Entläuft einer oder wird er während der Fahrt zur Arbeit unfähig, so ist er sofort durch einen andern Mann zu ersetzen. 3) Die Abreise geschieht nach Belieben des Herrn Miethers. Der Reis ist verbunden, während der Nacht anzuhalten, bei sichern Dörfern anzulegen und zwei Mann als Wache aufzustellen. 4) Der Reis ist verpflichtet, dem Miether zwölf Tage zur Besichtigung der Orte zu gestatten, welche ihnen zu sehen wünschens- wertli sind. Wollen sie sich länger aufhalten, so sind selbige verbunden, den Reis in Proportion des geschlossenen Oontracts für jeden Tag des langem Aufenthalts zu entschädigen. 5) Die Herren ihrerseits gestatten dem Reis, sich in Assiut und Esneh je 24 Stunden aufzuhalten, um Lebensmittel einzukaufen und Brot backen zu lassen. 6) Dauert die Reise mit Einschluss der in §. 4 erwähnten zwölf und der in §. 5 genannten zwei Tage länger als sechzig Tage, so haben die Herren Miether nicht nöthig, dem Reis eine Mehrzahlung zu gewähren. Die Nilreise bis nach Theben. 113 7) Die Barke muss rein gehalten werden. Der Reis ist verbunden, unter allen Umständen bis Assuan zu gehen, die Barke während des Tages hei ungünstigem Winde ziehen und hei der Rückreise rudern zu lassen. 8) Der Eigenthümer der Barke hat keinen Anspruch auf Entschädigung, wenn dieselbe während der Reise Schaden leidet. Untersiegelt und unterzeichnet u. s. w. Die Kosten einer Barke richten sich nach der Grösse und Einrichtung derselben, sowie nach der Jahreszeit, in welcher der Reisende eintrifft. Sehr grosse und besonders elegant ausgestattete werden mit 50 bis 70 Pfd. St. monatlich bezahlt. Eine Barke von 200 bis 250 Ardeb, einfacher eingerichtet, ist im October und November jetzt nicht wohl unter 40, im December dagegen um 30 bis 35 Pfd. pro Monat zu haben. Im Januar, wo der Strom der Reisenden schwächer und die Nachfrage nach Fahrzeugen nicht mehr so stark ist, kann man sie bisweilen um 25 Pfd. monatlich miethen. Der Lohn der Schiffsmannschaft ist dabei immer eingerechnet, doch ist es Gebrauch, derselben in Assiut und Esneh oder Assuan ein Schaf und, wenn sie sich gut aufgeführt, bei der Rückkehr nach Kairo ein Geschenk von einigen Thalern zukommen zu lassen. Andern Ansprüchen derselben gebe man keine Folge, da das Verlangen nach Baksehisch sich sonst bei jeder einzelnen Stadt, die passirt wird, wiederholt. Auch die Verprovümtirung der Barke hängt natürlich von den Ansprüchen ab, welche der einzelne Reisende an das Leben stellt. Für die, welche als Grand Seigneur zu reisen gewohnt sind, schreiben wir nichts, da diesen der Kostenpunkt gleichgültig ist. Um die Tour nach den gewöhnlichen Begriffen bequem und angenehm zu machen, wird es hinreichen, wenn man seine Einkäufe ungelähr nach dem Maassstabe der folgenden Mittheilung über die Verproviantirung und Ausrüstung eines Fahrzeugs bestimmt, welches drei Personen nach Assuan und zurücktrug und dazu auf acht Wochen mit Lebensmitteln versehen war. Vorher möge bemerkt sein, dass man diese Einkäufe gewöhnlich selbst, ohne Begleitung seines Dragomans, mit Hülfe eines Freundes oder Bekannten macht, dass man dabei wohlthut, nachzusehen, ob das Gelieferte nach Qualität, Maass und Gewicht den Versicherungen des Verkäufers oder Mäklers entspricht, nnd dass es endlich gerathen ist, sich über Alles, was man bekommen, eine schriftliche Rechnung geben zu lassen. Gut ist es, sich reichlicher zu versehen, als man es nöthig zu haben glaubt; da die Reise sich bisweilen verzögert, sehr viele Gegenstände in den Städten Oberägyptens entweder nicht zu haben oder sehr theuer sind, und andererseits Gelegenheit da ist, unverdorbene, nicht verbrauchte Dinge am Ende der Reise in Kairo wieder zu verkaufen. Muss ein Koch engagirt werden, so beläuft sich der Lohn desselben auf 4 bis 5 Pfd. monatlich, 8 114 Die Nilreise bis nach Theben. Ausrüstung einer Nilbarke für drei Personen auf 8 Wochen: 20 Okka Keis. 15 „ Maccaroni und Nudeln. 80 „ Weizenmehl zum Brotbacken. 18 „ Kartoffeln (die in Aegypten meist schlecht sind). 2 „ weisse Bohnen. 2 „ ägypt. ausgeschälte Linsen. 6 „ Zwiebeln. 2 „ Graupen aus Gerste. 2 „ Gries u. andere Suppenstoffe für 100 Piaster. Hühner, Bier, Butter, Brot, Hammel- und Bindfleisch, um bisBenisuef (eine Fahrt von durchschnittl. 3 Tagen) zu reichen. Eine Quantität von Liebig’schein Fleischextract. 2 Okka getrocknete Aprikosen. 1 „ grosse Bosinen. 1 „ Mandeln. 1 , getrocknete Pflaumen. 300 Stück Orangen. 50 Oitronen. 2 Pfd. Chokolade. 4 Okka weissen Zucker. 1 Flasche Mixpickles. 1 „ Fischsaucc. 4 Büchsen eingelegte grüne Gemüsen. 1 Getrockneter Kabljau. 1 Cheshire-Käse. 1 holländischer Käse. 4 Okka Biscuits. 4 „ Zucker. 8 „ Kaffee. 1 „ Thee. 2 Botl Salz (feines in Blechdosen). 4 Fruchtwürste vom Sinai (aus Datteln und Mandeln). Gewürze, Pfeffer u. s. w. für 10 Piaster. 2 Okka Seife zum Waschen der Tisch-, Bett, und Leibwäsche. 1 Flasche Salatöl 2 Okka Brennöl. 2 Flaschen Weinessig. 4 Büchsen Sardinen. 2 „ Senf. 60 Flaschen rothen Ungarwein. 12 „ Schomlauer. 20 „ Ale 8 „ Aquavit. 8 „ Cognac. 4 Okka Stearinkerzen. 6 „ Dschebelli-Tabak. 1000 Stück Cigarren. 3 Dutzend Pfeifenköpfe (die sehr zerbrechlich sind). '/ 2 Dutzend grosse geschliffene Trinkgläser. ‘/ 2 Dutzend kleine geschliffene Trinkgläser. ’/s, Dutzend Theetassen. % Dutzend kleine türkische Kaffeetassen mit Bändern. 6 Stück Suppenteller 6 „ flache Teller. 1 „ Suppenterrine. 2 „ Assietten. '/ 2 Dutzend Speiselöffel. ‘/, , Theelöffel. 6 Paar Messer und Gabeln. 1 Salzfässchen. 1 Kaffeebret. 2 Leuchter. 1 Schiffslaterne. 1 Stubenlateme Ferner gehörten zur Ausrüstung des Schiffes: ein kupferner, verzinnter Kochkessel, 2 Kasserole, 2 Pfannen, 6 irdene Kochtöpfe und Tiegel, 6 Stück Gullihs (ägyptische irdene Wasserflaschen), 1 Kübel zum Wasserholen, 1 Zuber zum Aufwaschen, 1 Küchentisch, Die Nilreise bis nach. Theben. 115 1 Kaffee- und 1 Theekanne von Blech, 1 Rührlöffel, 1 Suppenkelle, 1 Reibeisen, 1 Schlacht- und 1 Hackmesser, 1 Rost, 1 Sieb, eine Puddingform, 1 Wasserschöpfer, 1 Hühnerkorb, ein Behälter mit Draht- gespinnst oder Gaze überzogen zur Aufbewahrung von kaltem Fleisch, Butter und Eiern, ferner Holz zum Feueranmachen und Holzkohlen auf eine Woche, Tischtücher, Servietten, Handtücher, Kopfkissenüberzüge, Bettdecken und Betttücher, Bürsten und Wichse zum Stiefelreinigen und Putzen, ein Besen, einige Wischtücher und ein grosser Kasten zur Aufbewahrung des Geschirrs und der kleinern Küchen- und Tischgeräthe. Schliesslich vergesse man nicht, sich mit Insectenpulver, mit Quassia gegen die sehr lästigen Fliegen der Nilufer, mit Arrowroot und Gummi arabicum als Mittel gegen Anfälle von Diarrhöe, mit Rosenwasser für entzündete Augen, mit englischem ' Salz, Bittersalz oder Kastoröl gegen Dysenterie und mit einigen Lotli I Alaun zur Klärung des Wassers zu versehen. Zeichen- und Schreibmaterialien müssen von Europa oder Kairo mitgebracht werden. Zündhölzchen und Cigarrenpapier sind auf jedem Bazar bis hinauf nach Assuan zu bekommen. Desgleichen liefern die Dörfer an den Uiern zu beiden Seiten Hühner, Eier, Schafe, Milch, arabisches Brot und essbare Butter; doch muss der Reisende sich zu diesem Zwecke mit Kupfermünze versorgen, da die Fellahs sich nicht leicht auf das Wechseln von Silber- oder Goldmünzen einlassen, und ; so gehörten zur Ausrüstung der oben erwähnten Barke ein Sack mit 500 Piastern in ganzen, halben und Viertelstücken dieser Münzgattung. Bei Engländern das erste, bei Deutschen in der Regel das letzte Stück, womit man die Barke versieht, ist eine Flagge für den hintern Mast und ein Wimpel für die Spitze der Raa, an welcher das grosse I Segel befestigt ist. Die Kosten der Ausrüstung erwähnter Nilbarke betrugen circa 30 Pfd. St. Die Miethe der Barke für 60 Tage 50 , , Lohn des Dragomans, der zugleich Koch war 20 , , Auf dem Wege eingekaufte Provisionen 15 , Führer, Esel, Pferde am Ufer, Trinkgelder (inclusive 2 Schafe für die Matrosen) und sonstige Nebenausgaben am Lande 15 „ , Kosten der gesammten Nilreise für 3 Personen 130 Pfd. St. An Zeit rechnet man auf eine Nilfahrt bis Theben, wenn dieselbe ohne Aufenthalt fortgesetzt wird, durchschnittlich 20 Tage; bei besonders gutem Winde kann sie in 15, bei sehr ungünstigem aber auch erst in 30 Tagen zurückgelegt werden. Bis Assuan werden von Theben im Durchschnitt 5 Tage gebraucht. Die Rückfahrt von Assuan nach Kairo macht man in ungefähr zwei Wochen, doch kommen vor Ende December oft Fälle vor, wo Schiffe eine Woche mehr bedürfen. Zur Besichtigung der hauptsächlichsten Punkte, die wir in Folgendem beschreiben, sind mindestens 12 Tage erforderlich, so dass der Rei- * 116 Die Nilreise bis nach. Theben. sende, der vom Winde begünstigt ist und rasch zu sehen verstellt, in etwa 7 Wochen die Tour vollendet haben kann. Als Kegel gilt, dass man bei der Fahrt stromaufwärts die Begier nach dem Anscliauen der Monumente am Ufer dem Winde unterordnet und lieber bis Assuan nichts näher in Augenschein nimmt, als durch Entfernung von der Barke die Schiffsleute nöthigt, eine gute | Laune des Windgottes unbenutzt zu lassen. Erlaubt es der letztere, oder ’ hat es der Keisende überhaupt nicht so eilig, so sehe man die weniger bedeutenden Punkte, z. B. die Grotten von Benihassan, den Tempel von Denderali und die Ruinen von Abydos eher als Theben, da der, welcher in Karnak und in den Königsgräbern gewesen ist, das Interesse an dem Kleineren und weniger Edeln verliert. Andere Verhaltungsregeln sind: 1) Man sorge, dass vor der Kajütenthür oder auf dem Kajüten- daehe ein Sonnenzelt construirt werde. 2) Man ordne sofort an, dass sowohl das Deck als der Boden der Kajüte täglich sorgfältig gefegt und gewaschen werde, und beauftrage damit einen von den Schiffsleuten, dem man dafür wöchentlich einige Piaster gibt. 3) Man lasse durch den Keis der Mannschaft verbieten, die Segel festzuknüpfen; sie müssen vielmehr das Tau, welches Scliogul heisst, fortwährend und vorzüglich da, wo die Felsen nahe an den Strom treten (wie am Dschebel Schech Umbarak, Dschebel el Tayr, dann am Dschebel Schech Timay, Dschebel Abu Fedi, Dschebel Schech ' Haridi und am Dschebel Tukh in der Nähe von Girgeh) mit der Hand i halten, sodass es sofort losgelassen werden kann, wenn der Wind das ! Boot nach den Felsen hintreibt. Der Vernachlässigung dieser Kegel | sind die meisten Unfälle auf dem Nil zuzuschreiben, l 4) Das Benehmen des Reisenden gegen das Schiffsvolk sei der ' Art, dass er demselben vor Allem als wirklicher Gebieter erscheint. Man lasse sie vor der Abreise durch den Dragoman verständigen, dass mau ihnen nichts Ungebührliches zumuthen, dass man aber seine Befehle unter allen Umständen durchsetzen, keinerlei Einreden und am Wenigsten offener Widersetzlichkeit nachgeben, dass man (was dem, der einen Firman oder auch nur eine Empfehlung an die Consular- agenten hat, nicht schwer fällt) jeden Ungehorsam und jeden Betrug bei den Behörden bestrafen lassen, eine gute Aufführung dagegen am Ende der Reise belohnen wird. Man trete dann besonders in den ersten Tagen mit Festigkeit auf. Ist auf diese Weise Achtung und Gehorsam erlangt, so kann man später so nachsichtig sein, als man will, und jede Freundlichkeit, jede Belohnung wird wirklich als solche angesehen werden. Wird jenes versäumt, so legt der Araber dem Fremden seine Güte für Unwissenheit oder Aengstlichkeit aus, sucht ihn auf jede Weise zu täuschen oder gar einzuschüchtern und kehrt sich kaum noch an die strengen Maassregeln, die dann — zu spät — ergriffen werden. Mit Einem Worte, recht behandelt sind diese arabischen Bootsleute so gutherzig und willig wie wenige andere, falsch behandelt sind Die Nilreise bis nach Theben. 117 sie unbotmässiger als viele andere, und der Reisende kann sich, wenn er es von vorn herein mit ihnen versieht, die ganze Tour verderben. Im Uebrigen sind sie fleissig, genügsam, immer lustig und guter Dinge. Suchen sie auch den, welchen sie für unbekannt mit den Verhältnissen halten, bisweilen zu täuschen, selten oder nie ist ein Dieb unter ihnen und der Reisende kann sich Tagelang von seiner Dababieh entfernen, es wird ihm von der Schiffsmannschaft schwerlich auch nur eine Handvoll Tabak entwendet werden. 5) Gibt man an einem bestimmten Punkte der Reise der Schiffsmannschaft ein Bakschisch, so lege man es nicht in die Hand des Reis, der in den meisten Fällen geneigt sein wird, Alles oder den Lö- wenantheil für sich zu nehmen, sondern übergebe die Summe einem von den Leuten selbst, dass er sie mit den Kameraden theile. Die Fahrt bis Assuan beträgt 578 englische Meilen, von denen circa 4 auf die deutsche Meile gehen. Nach den grossem Orten am Ufer zerfällt die Tour in mehrere Stationen, deren Entfernung von einander folgende ist: I. Von Bulak, dem Hafen Kairos, bis Benisuef. Bulak bis El Massarah (auf dem Ostufer 11V, Meile englisch. Bedreshayn (auf der Stätte von Memphis, Westufer) 4’A » Tibbin (W.) 5V, Kat'r el Ejal (W.) 12 b, 35 V, n Rigga (W.) T, Atfieh (0.) »V. n 9 Gomon (W.) 6V, n Benisuef (W.) 18 » V. II. Von Benisuef nach 77 Minyeh. ' •f) Benisuef nach Abu Girgeh (W.) « V, » Minyeh (W.) 87", n 82 ", - III. Von Minyeh nach Assiut. Minyeh nach Benihassan (0.) 15 *? Stätte von Antinog (0.) 3 5 Tel cl Amarna (0.) 10 Monfalut (\V.) 29'/, * Assiut (nach einer grossen Windung des Flusses, westlich eine halbe Stunde vom Ufer) 2‘, » - 94'/, • * 118 Die Nilreise bis nach Theben. IV. Von Assiut nach Girgeh. Assiut nach Abu Dik (TV.) 12 Meile englisch. Gau el Kebir (0.) 14,4 » Akmim (0.) 39'4 „ » Menschieh (W.) 9 » Girgeh (TV.) 13 7) 88 y> V. Von Girgeh nach Kenneh. Girgeh nach Hau (0.) 35 V Kenneh (0. auf dem andern Ufer der Tempel von Denderah) 29 n 64 n VI. Von Kenneh nach Luxor (Theben). Kenneh nach Kus (0.) 18 T Luxor (0. gegenüber Kuma und Medinet Habu, südlich, ebenfalls anf dem Ostufer, Karnak) 30 '/ 2 „ » 48'4 „ » VII. Von Luxor nach Esneli. Luxor nach Herment (TV.) 9 n Esneh (TV.) 23 » 32 n VIII. Von Esneh nach Assuan und Philae. Esneh nach Edfu AV.) 30 Hadschar Silsileh (Felsenpforte 0. und TV.) 22 „ Assuan (0.1 40 Philae (Insel) 7 99 » Wir bemerken hierzu, dass die Bootsleute, wenn man sie durch den Dolmetscher fragen lässt, wie weit es noch bis zu einem Orte sei, zwar nie um die Antwort verlegen sind, aber, da sie keinen Begriff von Zeit und Baum haben, nur durch Zufall das Rechte sagen können. Hierzu ist ferner zu bemerken, dass die Entfernungen dieser Orte auf dem Landwege weit geringer sind. Die Landreise aber ist für die, welche an weite Touren zu Pferde oder auf dem Bücken von Kameelen nicht gewöhnt sind, zu beschwerlich. Sodann wäre der Beisende dabei auf Uebernachten in einem zu diesem Zwecke mitzunehmenden Zelte angewiesen. Schliesslich liegt aber auch einer der Hauptreize eines Ausflugs nach Oberägypten in dem eigentlichen Leben auf dem Strome. Die Nilreise bis nach Theben. 119 Das Interesse an der Landschaft erschöpft sich (mit Ausnahme der Alterthümer) hei dem, der nicht Zeit hat, dieselbe nebst ihren Bewohnern ernstlich zu studiren, ziemlich bald. Wer am Nil viele an- muthige Punkte, Abwechslung in der Gestaltung und im Colorit der Gegenden sucht, wird sich getäuscht finden. Aegypten ist von Kairo an aufwärts ein bald breiteres, bald schmäleres grünes Wüstenthal, eingefasst von kahlen röthlich grauen Hügelketten, die bisweilen als schroffe Klippen unmittelbar am Flusse hinlaufen, bedeckt mit reichtragenden, aber immerhin prosaischen, Getreide-, Zuckerrohr-, Gemüse- und Baumwollenfeldern, in denen im Schatten von Palmenhainen, Sycomoren- und Akazienwäldchen erdfahle Dörfer und hier und da ebenso gefärbte mit weissen Minarets und Landhäusern von Beys und Paschas geschmückte kleine Städte liegen. Hier und da das Grab eines moslemitischen Heiligen. Dort eine Herde schwarzer Ziegen, brauner Schafe oder grauer Büffel. Da ein Zug Kameele, ein Eselreiter, eine knarrende Bewässerungsmühle, verschleierte Frauen mit alterthümlichcn Krügen auf den Köpfen zum Stromspiegel hinabsteigend, nackte Kinder und kläffende Hunde, auf dem Flusse Schwärme von Gänsen, Ibissen und Pelikanen, über den Dörfern wilde Tauben wie Mücken, in Stadt und Dorf unendlicher Unrath, Schutt und Ruin, das ist Alles. Eins gleicht dem Andern zum Verwechseln, zum Terzweifein. Dagegen hat das Leben in den Barken des Nil einen Zauber, der bei wenigen Gemüthern seine Wirkung verfehlt. Der Reisende ist vollkommen König auf seinem Boot Die Luft ist balsamisch, der Himmel klar, das Klima ein ewiger Frühling, das Hingleiten auf dem Strome einladend zu träumerischem Nichtsthun, zu behaglicher Beschaulichkeit wie keine andere Fahrt. Für Manchen wird die Nilreise einzelne Momente des Verdrusses und der Langeweile haben. Aber wenige fanden wir, die sich nicht mit Entzücken des Gesammteindrucks erinnerten, den jenes eigenthümliche Leben auf der Barke, welche für acht Wochen ihre Heimat war, mit seiner stillen Heiterkeit und seiner vollkommenen Ungebundenheit in ihrer Seele zurückgelassen. Die Schiffer der Nilbarken sind, wie alle Aogypter, grosse Liebhaber von Musik und Gesang. Man findet oft recht gute Sänger unter der Mannschaft einer Dahabieh, und diese gemessen dann einer be- sondern Bevorzugung von Seiten ihrer Kameraden. Beim Rudern singen sie improvisirte, bisweilen ganz sinnlose Strophen, bald auswendig gelernte Lieder mit heller Stimme ab. So beleben sie den Takt ihrer Ruderschläge bisweilen mit den eintönig wiederholten Worten: „Nebbi, Allah, y’Allah!“ (Prophet, Gott, 0 Gott) oder: „Imlal, Imlal, Imlali!“ (Fülle, fülle, fülle mir, seil, den Becher). Ein andrer Ausruf dieser Art lautet: „Ya Arafat, ya Allah!“ (o Arafat*), 0 Gott). Andre als Refrains gebrauchte und häufig gehörte Sätze sind: „Allah! Daman- huri! (Gott! 0 Mann von Damanhur**) ferner: „Y’ Abu Mohammed *) Ein heiliger Berg bei Mekka. **) Ein berühmter Heiliger des Islnr». 120 Die Nilreise bis nach Theben. ya Beumi!“ (0 Abu Mohammed o Betonier). Man sieht, die meisten sind Ausrufungen religiöser Art. Oft singt der Hauptsänger des Schiffsvolks die folgenden Worte: *E’ duchan el libdeh fejn?“ (Wo ist die Pilzkappenbude?) Dann antworten die andern im Chore: „Bacliri Luksor beschwutejn“ (Nördlich ein wenig von Luxor). Sehr gewöhnlich ist auch der Chorgesang: „Jammah mandili — Wagaffil hara“ das heisst: Ich habe verloren mein Tuch — Auf dem Wege. Zu dem Schalle der Darabuka singen bisweilen des Abends oder wenn sonst nichts zu thun ist, einzelne der Matrosen Tlieile der berühmten Romanzen von Abu Sejd oder Antar. Bisweilen werden auch Liebeslieder gesungen: z. B. das, welches El Esauijeli heisst; die meisten sind indess so schmutzig, dass man nicht viel verliert, wenn man sie nicht versteht. Wir gehen nun an die Beschreibung der einzelnen merkwürdigeren Punkte zwischen Bulak und Theben und geben den Tarif der Dampfer, welche zwischen Kairo und Assuan fahren, im Anhänge. Bis Benisuef ist mit Ausnahme der Pyramiden, welche das Boot auf eine weite Strecke begleiten, wenig von allgemeinerem Interesse zu sehen. El Masarah soll die Stätte bezeichnen, wo das von Diodor erwähnte Troicus pagus entstanden, das Dorf Mitrahenny ungefähr den Mittelpunkt des alten Memphis. Südwestlich von Eigga befindet sich eine Pyramide, die von den Arabern Haram el Kedab, d. i. die falsche Pyramide genannt wird, weil sie irrthümlich annahmen, die Basis sei blosser Felsen und gehöre nicht zu dem Gebäude selbst. Zu Atfieh bemerkt man die Schutthügel von Aphroditopolis, wo einst Athor oder Hathor, die ägyptische Venus und Göttin der Unterwelt, in der Gestalt einer weissen Kuh verehrt wurde. Benisuef ist die Hauptstadt eines Beylik (Provinz) und der Sitz eines Gouverneurs, dessen Palast in Norden der Stadt steht. Die Pyramide, die man hier in der Perne erblickt, ist die von Illahun im Nordosten der Provinz Fejum. Diese Provinz gehört zu den fruchtbarsten und schönsten von ganz Aegypten. Es ist eine Halb-Oase, durch Wüstengebirge vom mittelägyptischen Nilthale getrennt. Aber eine südliche Thalöffnung gestattet den Nilgewässern bei der Ueberschwemmung den Zutritt, und die Gegend ist voll Zuckerrohrfelder, Rosen- und Orangengärten. Hier standen einst die Wunderbauten des Königs Amenemhe III., der den Beinamen Mares, d. i. Geliebter der Sonne führte, weshalb ihn die Griechen Möris nannten, und hier war der Mörissee, d. h. ein Theil der Landschaft, wo während der Ueberschwemmung das Uobermass der Nilfluthen durch ungeheuere Dämme gefangen wurde, um für die wasserarme Sommerzeit aufgespart zu werden. Die Stelle ist von Benisuef in circa 10 Stunden zu erreichen. Jetzt ist der alte Seeboden längst trocken, doch sind die Bruchstücke seiner meilenweiten Damm- züge noch wohl zu erkennen. Hier, am Ufer des Sees stand einst auch Die Nilreise bis nach Theben. 121 das Labyrinth, der Palast des Königs, ein vierseitiger Hof, der von drei Seiten mit Massen von Sälen und Zimmern, zusammen dreitausend, umgeben war, während auf der vierten eine grosse Pyramide, sein Grab, abschliessend eintrat. Geweiht war es dem La, p-liro en-tho, d. h. der Sonne, der Königin der Welt, aus welcher Aufschrift die Griechen ihr Wort gebildet haben. Die zerrissenen Erdwände dieses später erneuerten Labyrinths sind noch übrig, ebenso die weissen Bruchstücke seiner Säulen. Zur Seite deutet ein runder Erdhügel die Stelle an, wo die aus ungebrannten Backsteinen aufgeführte Pyramide stand. Das Ganze durchschneidet ein moderner Kanal. Mitten im See erhoben sich nach Herodot zwei andere Pyramiden, auf deren Spitze die sitzenden Biesenstatuen eines Königspaares sich befanden. Von diesen Pyramiden ist zwar keine Spur mehr vorhanden, aber auf ein so bestimmtes Zeugniss hin kann ihr Vorhandengewesensein nicht bezweifelt werden. Auch die Strecke bis Minijeh Hat wenig, was das Aussteigen verlohnte. In Bibbeh ist ein koptisches Kloster, in welchem ein mos- lemitischer Heiliger El Bibbaui verehrt wird, der nach seinem Bilde nichts anderes ist als der christliche St. Georg mit seinem weissen Pferde und seinem grünen Drachen. Einige Meilen von hier erhebt sich auf dem Ostufer der hohe Tafelberg Dschebel Schech Embarak hart am Flusse. In der Nähe von El Meragha, auf demselben Ufer, starrt die Felswand von Iladscliar el Salam (Stein des Wohlergehens) in den Stromspiegel, an welche sich der Aberglaube knüpft, dass keine ! Barke als glücklich zurückkehrend betrachtet werden kann, die bei der Heimkehr nach Kairo noch nicht an ihm vorüber ist. Von Abu Girgeh führt eine Strasse nach dem 2'/ 2 deutsche Meilen westlich liegenden Benesah, dem alten Oxyrhynclius. Auf dem Dschebel el Tayr, einer andern Bergkette hart am östlichen Ufer, steht das von koptischen Mönchen bewohnte Kloster Sitteh Mariam el Adra ; in Reisebüchern oft erwähnt wegen der Sitte seiner Bewohner, nach jedem unter europäischer Flagge vorüberfahrenden Fahrzeuge heriiberzuschwimmen und mit dem Ausrufe: „Ana Christian ya HowadsehL um Almosen (und Branntwein) zu betteln. Minyeh hat ein gutes türkisches Bad und sein Bazar gibt Gelegenheit, die Vorräthe der Barke zu ergänzen, ln einer der vier Moscheen der Stadt sieht man Marmor- und Granitsäulen mit korinthischen Kapitalen, und die Frommen glauben, dass jeden Freitag aus einer derselben Wasser Messt, um den Durst der Gläubigen zu löschen. Die ersten wirklich selienswerthen Beste der altägyptischen I Kunst trifft man auf der Strasse zwischen Minyeh und Assiut. Es sind diess die berühmten Grabgrotten von Benihassan und die etwas höher flussaufwärts gelegene Speos Artemidos. Dieselben befinden sich oberhalb des verlassenen Dorfes Benihassan in der Bergwand, die sich hier mehrere Stunden weit auf dem Ostufer des Nils hinzieht, und man erreicht sie von dem Punkte, ivo das Boot ihnen am nächsten kommen kann, in einer reichlichen halben Stunde. Sie sind weniger wegen * 122 Die Nilreise bis nach Theben. ihrer Grösse als wegen der Bildwerke interessant, mit denen das alte Aegypten ihre Wände geziert hat — Bildwerke, welche älter als die von Theben sind und eine sehr deutliche Anschauung von den Sitten des Volks der Pharaonen geben. Es sind sehr viele Grotten, doch kann man sich mit dem Besuche von einigen begnügen. Die nördlichen unterscheiden sich von den südlichen beträchtlich, indem sie Säulen haben, aus denen die dorischen hervorgegangen sind. Es sind Polygone von IG Seiten, leicht geriel't, U>% Puss hoch und 5 Fuss im Durchmesser haltend. Die Decke zwischen jedem Architrav hat die Form eines Gewölbes, und die vier Pfeiler sind so gestellt, dass sie den Raum in ein Hauptschiff und zwei Seitengänge thcilen. Die Säulen in den südlichen Grotten stellen die Halme von vier zusammengebundenen Wasserpflanzen, überragt von einer Lotosblüthe, dar. Alle Höhlen sind mit bemalten Figuren geschmückt, während der untere Theil der Wände und die Säulen in den nördlichen roth getüncht sind, um wie Granit auszusehen. Endlich sind in allen Grotten Gruben, in welche die Todten gelegt wurden, denen sie gewidmet waren. Wir können nur einige der sehenswertheren schildern. In der ersten von don nördlichen ist das Wässern des Flachses und seine Verarbeitung zu Leinwand, Scenen des Landbanes und der Jagd, ein ltingkampf, ein Sturm auf eine Festung, ein Tanz und eine Opferfeierlichkeit zu Ehren des hier Begrabenen dargestellt. An einer Stelle verzeichnen Schreiber seine Einkünfte, an einer andern wird ungetreuen Dienstboten eine Züchtigung ertheilt, wieder an einer andern schiessen seine Jäger mit Pfeilen die Thiere der Wüste. Hier fangen Vogelsteller in Schlagnotzen wilde Gänse, dort werden Netze voll Fische an’ s Land gezogen, da spielen Frauen die Harfe und dort sind andere mit dem Kneten von Brodteig beschäftigt. Die zweite Grotte zeichnet sich durch den vollendeteren Styl aus, in dem ihre Figuren ausgeführt sind. Die Procession von Fremden auf dem obern Theile der Nordwand ist verschiedenartig gedeutet worden. Einige halten sie lür Gefangene und zw r ar glaubte Champol- lion in ihnen Griechen zu erkennen. Andere haben sie für Josephs Brüder angesehen, wozu nicht der mindeste Grund vorhanden ist. Die richtigste Deutung ist wohl die, welche sie für eine einwandernde | Familie erklärt, die von einem Schreiber hei dem vornehmen Herrn und Inhaber des Grabes (er heisst Nefothph) eingeführt wird. Es sind ; gelbe bärtige Semiten, die denselben Weg aus Asien kommen, auf ! welchem bald ein weniger friedlicher Einbruch (Hyksos) erfolgen j sollte. Die Zeit dieser Einführung und die Zeit des Baues dieser Grotte i wird durch den Namen Sesurtesen II., der sich auf der Rolle des j Schreibers befindet, bestimmt. Es ist das dreiundzwanzigste Jahrhundert. Von den südlichen Grotten sind ebenfalls zw’ei von besonderm Interesse. Die erste enthält zunächst eine Jagd, hei welcher der Name jedes einzelnen Thieres in Hieroglyphen über demselben steht, darunter sind Vögel, die in gleicher Weise bezeichnet sind. An einer smii Dis Grabsrott-on von Beni-hassan Die Nilreise bis nach Theben. 123 andern Stelle schlagen Frauen Ball, wieder an andern sieht man Barbiere, Glasbläser, Goldschmiede, Bildhauer, Maler, Leinweber und Töpfer ihr Geschäft ausüben. Ferner erblickt man Hirten, die durch ihre gebrechliche Statur zeigen, wie gering sie in Aegypten geachtet waren. Auf der Ostwand sind Ringer in verschiedenen Stellungen, auf der südlichen Bauern abgebildet, welche die Bastonade erleiden. In der übernächsten Grotte, deren Figuren übrigens nicht eben sorgfältig ausgeführt sind, sieht man Leute beim Bretspiel sitzen, einige seltsame Vogelfallen und 'auf der südlichen Wand) einen Platz mit Magazinen, welche Randbogendächer haben — einer der Gegenbeweise gegen die Annahme, dass die alten Aegypter den Gewölbebau nicht gekannt hätten. Das Dorf Benihassan wurde vor etwa vierzig Jahren vor. Ibrahim Pascha zerstört, da die Einwohner unverbesserliche Diebe waren. Ungefähr eine halbe Wegstunde südöstlich davon ist die Speos Ar- temidos, welcher die Araber den Namen Stabl Antar gegeben haben. Sie liegt in einer kleinen felsigen Schlucht, etwa 500 Schritt vor deren Eingang. Rechts im Thale befinden sich verschiedene Felsen- grüi'te. In derselben sind Wandgemälde, die indess sehr von Rauch geschwärzt sind, und von denen besonders die zweite interessant ist, auf deren Thürsims der Name Alexanders (des Sohnes Alexanders des Grossen) steht, in dessen Namen damals Ptolemäus Lagi das Land regierte. Die nächste grosse Grotte nach Osten ist die Speos Artemidos, d. h. die Höhle der Artemis, selbst. Sie wurde von Thothmes III. begonnen und von Osirei, dem Vater Ramses des Grossen mit Sculp- turen geschmückt, aber nie ganz vollendet. Sie besteht aus einem Porticus mit zwei Reihen viereckiger Pfeiler, von denen jedoch nur die äussere noch unversehrt ist. Dieselben tragen die Namen jener zwei Könige und den der Göttin Pascht, der Göttin der Nacht und des Schicksals, nicht, wie man früher wähnte, der ägyptischen Diana, welche die heilige Bildersprache unter der Figur einer Löwin oder wenigstens mit einem Löwenkopfe darstellt. Ein Gang führt von hier in den eigentlichen Tempel, an dessen Ende sich eine 6 Fuss tiefe Nische befindet, wo das Bild der Göttin oder des ihr heiligen Thieres gestanden zu haben scheint. Die einzigen vollständig ausgeführten Sculpturen sind auf der innern Wand des Porticus. Man sieht, dass sie aus einer guten Periode der ägyptischen Kunst stammen. Auf der einen Seite opfert Thothmes III. den Gottheiten Pascht und Thoth, auf der andern kniet Osirei vor Amun, neben dem sich Pascht befindet, und in einer Hieroglyphenlinie hinter ihm wird erwähnt, dass er die Sculpturen hinzugofügt habe, »zu Ehren seiner Mutter Pascht, der schönen Herrin der Höhle.“ Auch in den Bergen von Scheck Tima ;/, einem weiter stromaufwärts gleichfalls auf dem rechten Ufer liegenden Dorfe, befinden sich verschiedene Grotten, wie denn alle diese Bergketten nebst ihren Schluchten voll davon sind. Es ist jedoch in ihnen nichts entdeckt * 124 Die Nilreise bis nach Theben. worden, was eines Besuchs werth wäre. Ungefähr zwei deutsche Meilen weiter den Fluss hinauf ist die Stätte, wo einst Antime stand, eine Stadt, die von Hadrian zum Gedächtniss seines hier ertrunkenen Lieblings, des schönen Antinous gegründet wurde. Der moderne Name des Ortes ist Scheck Abadeh. Die Ruinen — Reste eines Theaters und eines Hippodroms — sind unbedeutend, ln der Gegend von Kodah wohnen viele koptische Christen und das Land ist auffallend besser bebaut, als anderwärts. Einige Meilen weiter bemerkt man auf dem Ostufer die ersten Dumpalmen, eine Baumgattung, die weiter südlich immer häufiger wird. Bei Monfalut, einer kleinen Stadt, deren grössere Hälfte von dem Nil weggerissen worden ist, ein Schicksal, welches den ganzen Ort bedroht, befinden sich Sandbänke, welche als die nördlichste Station der Krokodile bezeichnet werden; allein nur sehr selten geschieht es, dass eins dieser Ungeheuer hier angetroffen wird. Siut oder Assiut ist die heutige Hauptstadt von Oberägypten und die Residenz eines Pascha. Es liegt auf dem linken Ufer, etwa eine halbe Stunde landeinwärts, umgeben von schönen Bäumen und überragt von dem Bergrande der libyschen Wüste, und hat viele Moscheen, einen grossen Bazar, wo man die Provisionen der Barke ergänzen kann, und gegen 20,000 Einwohner. Hier münden die Karawanen, welche von den langen Oasenreihen des Westens her aus Darf'ur und dem innersten Afrika kommen und freuen sich des Schat- | tens der dichtbelaubten Sycomorenalleen und des kühlenden Luftzugs am Strome. Die Stadt hat 15 Minarets im Dorfgeschmack der Provinz, aber auch eines, das in edlem Linienfiuss sich durch vier achteckige Rundbaikone bis zu einem Kuppelknopf verjüngt. In dom gelbgrauen Gebirge hinter Assiut öffnen sich uralte, sehr verwüstete Felsengräber. Sie gehören noch in das Ende des alten Reichs, haben gewölbt geschnittene Decken, Mumienbrunnen, und zeigen auf einer ihrer Wände eine Parade von Schild- und Lanzenträgern. Unter dem Felsendach der Grotte hervor geniesst man eine sehr amnuthige Aussicht auf die Stadt und die frischgrüne Thalebene. Sonntags wird ein Markt hier gehalten, der sehr besucht und selbst mit manchen europäischen Waaren versehen ist. Der Palast des Gouverneurs ist ein ziemlich grosses Gebäude, zu dem der alte Tempel von Gau el Kebir das Material liefern musste. Im Alterthum stand auf der Stelle von Assiut Lykopolis, „die Stadt der Wölfe“, sogenannt von der Verehrung, welche hier dem Wolfe oder vielmehr dem Gotte, dem dieses Thier heilig war, dem Anubis, erwiesen wurde. Gau el Kebir. auf dem Ostufer stehend, ist das alte Antäopolis. von dem zu Anfang dieses Jahrhunderts noch Ruinen übrig waren und zwar die eines von den Ptolemäern errichteten Tempels, und wo die ägyptische Mythe die grosse Schlacht stattfinden lässt, in welcher Horns, der letzte Götterkönig des Landes seinen bösen Oheim Typhon überwand und mit Hülfe der Isis, seiner Mutter, tödtete. Zu Mischte, Schabeka und El Schech Schemendin auf dem westlichen Ufer zeigen Die Nilreise bis nach Theben. 125 ! grosse Schutthaufen die Stätten alter Ortschaften an. Dschebel Schech Haridi ist ein vortretender Theil der im Osten des Stromes sich hinziehenden Kette von steinigen Hügeln. Die Araber lassen in einer : von seinen Höhlen schon seit Jahrhunderten eine Schlange wohnen, ; welche die Macht hat, allerlei Krankheiten zu heilen. Akmim, auf der j Ostseite gelegen, ist eine von vielen koptischen Christen bewohnte j Stadt, welche die Stätte des alten Chemmi oder Panopolis einnimmt. \ Die in der Nähe befindlichen Spuren eines Tempels sind unbedeutend. ' Eine griechische Inschrift zeigt, dass er dem ägyptischen Priapus, Chem, geweiht und unter Trajan erbaut war. Akmim ist der Ort, wo : Nestorius nach sechzehnjährigem Exil seine Tage endigte. ; Girgeh, früher die Hauptstadt von Oberägypten, macht noch i immer .durch seine Grösse und die Zahl seiner Einwohner Anspruch j darauf, eine der grösseren Städte des Landes zu sein und ist in der That nicht viel kleiner als Assiut. Im Uebrigen ist es wie alle Orte : in Oherägypten fast durchgehends von ungebrannten Lehmziegeln erbaut und sehr verfallen. Früher lag es gegen tausend Schritt vom Flusse, jetzt erhebt es sich hart über demselben und ein Theil der ■ Häuser ist bereits vom Wasser weggespült worden. Zu Girgeh ist ein ! römisch-katholisches Kloster, dessen Superior ein Italiener ist. Es ist ! jetzt die älteste Ansiedelung dieser Art in Aegypten. Früher gab es i auch ein grosses und sehr reiches koptisches Kloster hier, welches dem heiligen Girgis (Georg) geweiht war (woher der Name der Stadt) ; und einst zweihundert Mönche zählte. 1 In der Nähe von Girgeh befinden sich die Binnen von Abydus, | welche man nicht unbesucht lassen darf, obwohl viele neuere Reisende i sie nicht erwähnen. Wer sie bei der Hinauffahrt betrachten will, thut I wohl, zu Girgeh Reitesel zu miethen, die ihn binnen drei Stunden an ' Ort und Stelle tragen werden. Um Zeit su sparen, kann er seine Barke bis Bellianeh oder bis Samata vorausgehen lassen, bis wohin es ein Ritt von zwei Stunden ist. Ebenso kann man, wenn man seinen Besuch während der Rückfahrt von Theben zu machen wünscht, von Samata oder Bellianeh aufbrechen und sein Schiff in Girgeh wieder besteigen. Will man Zeichnungen aufnehmen oder sich einiges von den Sculpturen notiren, so breche man bei Zeiten auf. In der Ebene zwischen Girgeh und Abydus ist die Ortschaft Bardies, wohl bekannt in der Zeit der Mameluken, indem einer der bekanntesten Beys derselben sich nach ihr nannte. Weiter südwestlich folgt ein Dorf, umgeben von Schutthügeln, welche in Verbindung mit dem Namen des Ortes El Berbeh (Perpe heisst auf Koptisch der Tempel) die Vermuthung rechtfertigen, dass hier ein altes Heiligthum gestanden. Abydus selbst heisst bei den Arabern Arabat el Matfun (d. i. die begrabene). Seine Ruinen sind sehr grossartig und von hohem Alterthum, indem sie aus der Zeit Osirei des Ersten und seines Sohnes, Ramses des Grossen, stammen. Sie bestehen aus zwei mächtigen Gebäuden, die in Gemeinschaft mit den Resten der Stadt zeigen, dass 126 Die Nilreise bis nach Theben. Abydus an Grösse und Pracht wenigen Städten Oberägyptens nachgab. Strabo sagt sogar, dass cs den nächsten Rang nach Theben eingenommen habe. Diese Bedeutung scheint die Stadt daher gewonnen zu haben, dass sie für den Ort galt, wo Osiris begraben s,ei. Aus diesem Grunde ordneten viele reiche und mächtige Aegypter an, dass man sie bei ihrem Ableben hier beerdigen solle, wo der Leib ihres Gottes die Erde heiligte. Dies wird durch neuere Entdeckungen bewiesen. Auf dem sehr ausgedehnten Begräbnissplatze von Abydus wurden viele Inschriften des Inhalts gefunden, dass die Verstorbenen ans sehr entfernten Orten des Landes hierhergeschafft worden, um ihre letzte Ruhestätte bei Osiris zu finden. Die Gräber sind aus sehr alter Zeit, einige aus der grauen Vorzeit, welche durch die sechzehnte und siebzehnte Dynastie bezeichnet wird Von den beiden grossen Gebäuden, welche oben erwähnt wurden, hiess das eine nach Strabo der Palast des Memnon, es wurde jedoch in Wirklichkeit von Osirei begonnen und von Ramses dem Grossen vollendet. Es ist durch seine eigenthiimliche Construction interessant und nach dem Style seines Daches einzig in Aegypten. Das Letztere besteht aus grossen Steinblöcken, die sich von einem Architrav zum andern erstrecken und zwar nicht wie sonst bei ägyptischen Bauwerken auf ihren Facen, sondern auf ihren Seiten, sodass i das Dach eine solche Stärke erhielt, dass man später ein Gewölbe ; aus demselben meissein konnte, ohne seine Haltbarkeit irgend zu ge- i fährden. Das Ganze war mit buntbemalten Hieroglyphen und andern Sculpturen bedeckt und auf der Decke befinden sich die Namen- und Titel-Ovale des Königs mit Sternen und hieroglyphengeschmückten Querbändern. Die Kapitale haben die Form des Lotus oder wie Andere wollen, der Papyrusknospe, und das Dach ist von Sandstein, wahrscheinlich aus den Brüchen von Silsilis. Dieses Gebäude ist jetzt grossentheils im Wüstensande begraben, aber der früher sichtbare Theil bestand aus zwei von Säulen getragenen Hallen, die durch eine Thür am Ende einer der Colonnaden mit einander in Verbindung standen. Das andere Gebäude, nördlich von diesem, ist der berühmte Tempel des Osiris, der zu Abydus hoher Verehrung genoss und von ihm einen seiner gebräuchlichsten Titel „Herr von Ebot“ (der alt- ägyptiselie Name der Stadt) erhielt. Er wurde von Ramses dem Grossen vollendet, der ihn mit einem prachtvollen Allerheiligsten bereicherte, dessen Wände durchaus mit orientalischem Alabaster bekleidet waren. Er gab auch den zahlreichen Kammern und Höfen viele kunstreiche und wohlausgeführte Skulpturen und liess auf der Wand eines der Seitengemächer die bekannte Namenliste der ägyptischen Könige anbringen. Diese wichtige Urkunde enthielt ursprünglich die Namen aller Vorgänger Ramses des Grossen. Unglücklicherweise aber wurde der Anfang weggebrochen, sodass die Reihe der ältesten Pharaonen für uns verloren ist. Indess hat man wenigstens die Genug- thuung, dass diese Liste vollkommen mit den Namen und Daten auf Die Nilreise bis nach Theben. 127 den andern noch existirenden Monumenten übereinstimmt und namentlich mit denen, die das Memnonium in Theben aufbewahrt. Sie wurde zuerst von dem Engländer Bankes entdeckt, später von dem französischen Generalconsul Mimaut nach Paris geschafft und befindet sich jetzt im Britischen Museum zu London. Der Begräbnissplatz des Ortes liegt im Norden. Man hat hier verschiedene Stellen aus der Zeit Sesurtesen’s und anderer Pharaonen der altern Zeit, und einige Steinhlöcke zeigen die Namenringe des grossen Ramscs und des äthiopischen Königs Sabako. Von Abydus führt auch eine Strasse nach der Grossen Oase. Sie steigt die Kette der libyschen Berge fast genau westlich von der Stadt hinauf. Indess ist sie ziemlich beschwerlich, und man zieht eine andere vor, welche von dem südlicher gelegenen Dorfe El Kalaat ausgeht. Von den weiter südlich in der Nähe des Stromes befindlichen Ortschaften ist zunächst das ziemlich verfallene Städtchen Farschut zu erwähnen, einst der Hauptsitz des Stammes der Howara-Araber, die wegen ihrer kriegerischen Eigenschaften berühmt waren, jetzt aber nur noch im Rufe tüchtiger Pferdezüchter stehen. Das nächste grössere Dorf, dem man bei der Hinauffahrt begegnet, ist Hau , das alte Diospolis Parva, von dessen Tempel hinter dem Orte noch einige schwache Spuren übrig sind, während die alte Stadt nur noch durch einige Schutt- und Scherbenhaufen angedeutet wird. Etwa eine Viertelstunde weiter südlich am Rande der Wüste stösst man auf andere Schutthaufen und die Ueberreste von Gebäuden, von denen die eines Grabes die merkwürdigsten sind. Es gehörte einem gewissen Dionysius, dem Sohne eines Schreibers des Königs Ptolemäus, an. Aus behauenen Steinen erbaut, besteht es aus einer Reihe über der Erde befindlicher und einer Reihe unterirdischer Gemächer, deren Wände mit Skulpturen bedeckt sind. Dieselben stellen hauptsächlich Gerichtsscenen und andere mit Begräbnissen verbundene Gegenstände dar. Im Centrum der innern Wand der obern Kammer ist eine Nische, in welcher Osiris mit einem Habichtkopfe und dem Titel Sokari steht. Ihm zur Seite befindet sich die Göttin Isi3, die ihn mit ausgebreiteton Schwingen beschützt und in jeder Hand die „Feder der Wahrhaftigkeit“ hält. Auf der einen Seite dieser Nische erblickt man ein Todtengericlit. Osiris, vor dem die vier Genien Amentis auf einer Lotosblume stehen, während der weibliche Cerberus an der Thür Wache hält, sitzt auf seinem Throne und hört dem Vortrage Thoths zu, welcher dem Richter Bericht über die Handlungen des Verstorbenen abstattet. Anubis und Horus sind gleichfalls zugegen; sie halten die Schalen der Gerechtigkeit in der Hand. Auf der andern Seite führen dieselben Götter den Todten vor Osiris, neben dem sich abermals Thoth befindet. Kasr ei Sejad, auf dem andern Ufer, steht auf der Stätte des alten Chenoboskion, einer Stadt, die im Alterthum ihrer Gänsezucht wegen berühmt war, eine Eigenschaft, deren sich jetzt keine Stadt 128 Die Nilreise bis nach Theben Oberägyptens rühmen kann, während die Dörfer und Städte von Hühnern und Tauben wimmeln. Auch hier soll das Krokodil bisweilen noch Vorkommen, indess- werden wenige Nilreisende sagen können, dieses Thier, das so häufig Gegenstand des Gesprächs auf den Barken ist, unterhalb Theben zu Gesicht bekommen zu haben. Wie man daher wohlthut, von vornherein auf die vielleicht daheim gehegte Hoffnung, ein „Timsach“ (der arabische Ausdruck für Krokodil) zu erlegen, zu verzichten und sie erst in der Gegend von Assuan wieder rege werden zu lassen, so mag man auch die Furcht vor ihnen, sofern sie vom Baden im Flusse abhält, bis Theben getrost aufgeben. Das Krokodil von heutzutage ist ein scheues Thier, welches sich bei der Annäherung von Menschen sofort flüchtet, es kann ferner nicht sehr rasch laufen, wohl aber ist es sehr gut im Stande, sich zur Seite zu drehen, ja es vermag den Körper so zu bringen, dass sein Schweif seinen Kopf berührt. In Aegypten müssen die Fälle, wo Menschen von Krokodilen angefallen worden sind, äusserst selten sein, da man nie etwas der Art erfährt. Ueber Assuan hinaus jedoch ist es weit gefährlicher, und es ist hier und selbst bis Ombos hinab Niemand zu rathen, von einer Sandbank aus ins Wasser zu gehen. Unter steilen Ufern dagegen, wo der Fluss tief und die Strömung stark ist, dürfte selbst hier wenig Gefahr sein. Man tödtet übrigens das Krokodil nur durch einen Schuss in das Auge oder in den Rachen; durch seine harte Panzerhaut dringt selbst eine Spitzkugel schwerlich. Kenneh, welches etwa eine halbe Wegstunde vom östlichen Ufer des Stromes entfernt liegt, ist dieHeimath der in Aegypten mit Recht sehr beliebten porösen Krüge und Flaschen zum Klären des Nilwassers. Sie werden aus einem nördlich von der Stadt, in einem Thale gefundenen Thon und der Asche von Halfihgras gefertigt, heissen arabisch Sjir (die Krüge) und Gulli (die Flaschen) und gehen alljährlich zu Hunderttausenden hinab nach Kairo und Alexandrien. Kenneh gehört ferner zu den kleinern Handelsmärkten mit Arabien und Persien durch Vermittelung von Kosseir am Rothen Meer, welches 26 deutsche Meilen entfernt ist. Die Stadt ist ziemlich gross, wimmelt zu gewissen Zeiten von Hadschis oder Mekkapilgern und besitzt sonst nichts von Interesse für den Reisenden. Doch mag bemerkt werden, dass derselbe auch hier Gelegenheit hat, ein türkisches Bad zu nehmen. Am Westufer des Nil, gegenüber von Kenneh, etwa eine Wegstunde vom Strome weg, lag einst die Stadt Tentyra, von der nichts als ein Tempel und der in Denderah verwandelte Name übrig ist. Der Tempel, umgeben von einem jetzt verlassenen arabischen Dorfe, ist einer der am Besten erhaltenen in ganz Aegypten. Man besuche ihn, womöglich schon während der Fahrt, stromaufwärts, da er für den, der bereits Theben gesehen hat, viel von seiner Wirkung verliert. Reitesel zur Tour sind in Kenneh zu bekommen. Der Weg führt durch einen malerischen Hain von Dattel- und Dumpalmen, Mimosen rsrzs vor. Denderah. Die Nilreise bis nach Theben. 129 und Cypressen und dann über Durrah- und Ricinusfelder nach dem Saume der Wüste. Schon aus der Ferne gewahrt man die mächtige Pforte des Heiligthums, die zum Theil in Sand und Schutt begraben ist und links nur noch eine Ecke ihres Gesimses oben hat. Durch sie hindurch gehend steht man vor dem Tempel selbst, der unter der Stimkante seines Daches und zwischen den leicht pyramidal geneigten Seitenwänden seine Vorhalle öffnet. Man steigt jetzt auf einer Treppe von zwanzig Stufen tief wie in einen Keller hinab und befindet sich im Dämmerlicht der imposantesten Halle, die sechs Säulen in Front und vier in die Tiefe, somit im Ganzen vier und zwanzig hat. Aus dem Kapital dieser Säulen, die 00 Fuss hoch sind, 8 Fuss im 'Durchmesser haben und auf einer Fläche von 100 Fuss Länge und 70 Fuss Breite zusammenstehen, blickt nach allen vier Seiten das Antlitz der Hathor. der Göttin der Unterwelt, welcher der Tempel geweiht war, inedusenhaft ruhig aus seinem Kopftuche herab. Sie hat Kuhohren, eine Erinnerung an das Thier, das ihr geheiligt war. Auf dem Haupte trägt sie als symbolischen Schmuck eine Tempelpforte, den Eingang zur Unterwelt. Die Rundung der Säule und alle Wände sind mit feinbemalter Sculptur wie mit Stickerei überkleidet. Von dieser Runde hebt sich das fast quadratische Kapital mit scharfen Schatten ab, da die Ecken, das überhängende Kopftuch der Göttin, nach unten scharf abgeschnitten sind. An den Basen der Säulen springen die Blätter des heiligen Lotos hervor, und die dunkelblaue Decke ist mit Sternen besät. Hinter diesen offenen Vorhallen folgt ein innerer Tempelraum mit noch dunkleren Seitenkammern und endlich das isolirte, ganz dunkle Allerheiligste. Die tiefen Gänge um das letztere, die man mit Kerzen und Fackeln durchkriecht, sind alle mit Sculpturen bedeckt. Auf dem in Stufen abnehmenden Dache, welches man auf einer Treppe in einem der Seitenräume zur Rechten erreicht, findet man zu hinterst auf der einen Ecke einen kleinen Säulentempel der Hathor. Man hat bisher geglaubt, dass die Vorhalle des Tempels von dem Kaiser Tiberius errichtet worden sei. Das ist ein Irrthum. Allerdings erscheint dieser Imperator sowie seine Nachfolger Caligula, Claudius und Nero vor der Gottheit dieses Heiligthums opfernd in verschiedenen Feldern der Wandsculpturen. Die Namensringe sind beigegeben. Dies will aber nichts weiter sagen, als dass unter der Regierung dieser Imperatoren die Vorhalle erbaut oder der Schmuck ihrer Mauern vollendet wurde. Es ist also nichts mehr und nichts weniger als eine Datumsangabe in altägyptischem Style, in dem der ganze Tempel, obwohl er einer sehr späten Zeit angehört, gehalten ist. Die Vorhalle gehört dem Style an, in welchem der Sarkophag des Myke- rinos aus der dritten Pyramide ausgeführt wurde. Es ist dasselbe Verhältnis der Breite zur Höhe, dieselbe pyramidale Neigung der Seitenwände, dasselbe nach Oben abschliessende Hohlrundgesims, derselbe Rundstab, der jenes Hohlgesims von dem Arcliitravoder dem 9 130 Die Nilreise bis nach Theben. untern von Säule zu Säule spannenden Steinbalken trennt, dann aber rechts und links auf der geneigten Kante der Seitenwände herabläuft und so den ganzen untern Tlieil der Front unter dem Holilgesiins einrahmt. Natürlich haben wir hier statt der triglyphenartigen Gliederung der Breitseiten des Sarkophags die durchbrochene Säulenfront; sie ist aber unten durch Zwischenschranken verbunden und öffnet sich nur in der Mitte zwischen den an die Mittelsäulen gelehnten Portalpfeilern bis auf den Boden. Gehört nun die Vorhalle der römischen Kaiserzeit an, so fällt die Erbauung des Tempels oder doch die erste Anlage desselben in eine frühere Periode. Umgehen wir die geneigten Seitenwände desselben, aus denen oben gewaltige Löwenfiguren als Wasserabzüge herausgreifen, so finden wir auf der Hinterwand die Gestalten der regierenden Häupter aus dem Jahrzehnt dargestellt, in dem der Bau des Heiligthums begann. Ks ist Ivleopatra und ihr Sohn, der junge Cäsar, wie die dabei befindlichen griechischen Charaktere zeigen. Das Gesicht der Fürstin ist sehr zerstört und dürfte auch früher die Schönheit nicht haben erkennen lassen, die sie berühmt machte. Vorn im rechten Winkel zur grossen Tempelhalle, auf ihrer Linken, d. h. im Norden, steht ein sogenanntes Typhonium. Es ist ein tiefer, mehrfach abgetheilter Kaum, in den jetzt der Schuttberg hinabführt. Aussen umgibt ihn in den Flanken und nach hinten ein verschütteter Säulengang, dessen Kapitale an ihrem überragenden und die Decke aufnehmenden Pfeiler nach allen vier Seiten die grinsende, missgeformte Figur zeigen, in welcher man bisher den bösen Gott Typhon zu erkennen glaubte. Auch das ist ein Irrthum. Die Gestalt j ist Phtha. der urvorvveltliche Zeugegott, und das Innere des Tempels ! bedeutet ein symbolisches Gebärhaus der Hathor, der Göttin der Un- j terwelt und der Nacht, die von ihrem Gemahl, dem Sonnengott Re. | den Ehn, den jungen Gott des Tages hat. Wir erblicken den Ehu — | der vielleicht mit der griechischen Eos verwandt ist — selbst im Tempel abgebildet, wie er auf einer Lotosblume sitzt und den Finger ; im Munde hat, ein Zeichen der Kindheit. Solche symbolische Gebiir- häuser — Mameisi genannt — trifft man häufig zur Seite eines grossen Tempels, in dem ein Götterpaar wohnt, und Phtha, als urschöpferische Gottheit, ist an solcher Stelle ganz an seinem Platze. ! Wir fügen noch hinzu, dass die Kugel mit den geflügelten Schlangen über dem Porticus das Sinnbild der Sonne, und der heilige Geier, der in jeder Kralle einen Federscepter hält, der Schutzgeist der : Helden und Könige ist. Der an der Decke jenes Porticus angebrachte ; Zodiacus soll eine mitternächtliche Consteliation zur Zeit der Sommersonnenwende bedeuten. Aus dem Chaos der verschiedenen Figuren ; springen erst bei genauerer Betrachtung die Zeichen des Löwen, des Widders, der Jungfrau, des Steinbocks. des Schützen, der Zwillinge j nnd des Scarabäus hervor, der hier den Krebs vertritt. Auf dem Dache 1 des Tempels geniesst man eine entzückende Aussicht auf das Nilthal. Die Nilreise bis nach Theben. 131 Von Kenneh legt eine gutgeführte Barke hei gutem Winde die Fahrt nach Theben (ungefähr 11 deutsche Meilen) in 10 bis 12 Stunden zurück. Von den dazwischen liegenden Ortschaften bieten auch die grösseren (Ballas auf dem Westufer, Koft, auf dem östlichen, Kus, Negadeh, Gamolah und Medamot) kein wesentliches Interesse. Theben dagegen ist der Glanz- und Brennpunkt alles dessen, was Aegypten dem Freunde des Alterthums und seiner Kunst Grosses und Erhabenes zu bieten hat Theben. 132 SECHSTES KAPITEL. Theben. Vorbemerkungen: Die Lage Thebens. — Das alte Theben, Abriss seiner Geschichte und seiner einstigen Gestalt. — Die schnellste Weise, die Ruinen zu sehen. — Die Westseite: Der Tempel von Kurna. — Das Jlemnonium. — Die beiden Kolosse. — Medinet Habu. — Die Königsgräber. — Die Priestergräber des Assasif. — Die Ostseite: Luxor. — Karnak. - Punkte von geringerem Interesse. Wir geben zunächst eine kurze Topographie von der Gegend, wo einst das hundertthorige Theben, die Stadt Amuns lag. Der Lauf des Nil ist hier fast nördlich und theilt die kesselbodenartige Ebene, auf der sich die Ruinen befinden, in zwei fast gleiche Hälften. Wenn man von Kenneh heraufkommt, so bezeichnet der Höhenzug von Kurna, der fast bis an das Ufer reicht, den Anfang der westlichen Hälfte. Dieser Höhenzug, aus nackten, bisweilen ziemlich schroffen Kalksteinklippen bestehend, tritt allmählig bis auf eine halbe deutsche Meile vom Strome zurück und nähert sich dann anderthalb Meilen von Kurna wieder dem Wasser. Diese ganze Curve, welche sich gegen die Mitte hin zu einer pyramidenförmigen Spitze erhebt, und die man die westliche Mauer der alten Stadt nennen kann, ist an sehr vielen Stellen von Gräbern durchbrochen, unter denen die der Königinnen und die Priestergrüfte der Assasif die bekanntesten sind. Das Thal der weit berühmteren und sehenswürdigeren Königsgrüfte windet sich dagegen tief in die Bergkette hinein und erstreckt sich bis anderthalb Meilen westlich vom Nil. Die am nördlichsten gelegene Ruine auf der Westhälfte der thebanischen Ebene ist die des Tempelpalastes von Kurna. Etwa eine halbe Stunde nach Westsüdwest von hier befindet sich das Memnonium oder der Tempel Ramses des Grossen, während ungefähr drei Viertelstunden südlicher der grosse Tempel von Medinet Habu liegt. So ziemlich in der Mitte zwischen den beiden zuletzt genannten Punkten, etwas nach Osten hin, ragen mitten in grünen Saatfeldern die beiden sitzenden Kolosse empor, von welchen der eine unter dem Namen des klingenden Memnon bekannt ist. Auf dem östlichen Ufer steht, Kurna gegenüber, der Riesentempel von Karnak, umgeben von Palmen, gegen tausend Schritte vom Flusse entfernt, und ungefähr eine halbe Stunde südlicher erhebt sich, fast unmittelbar am Wasser, Luxor mit seinem Tempel und seinem Obelisk. Hinter L-Éïte^ -?''.* 5 ^ i^is LHnhmw.de ! Die Westseil* Theben. 133 Luxor und Karnak, eine bis anderthalb Meilen entfernt zieht sich im Osten die Bergkette hin, welche als die östliche Umwallung Thebens bezeichnet werden kann, und deren drei Felshörner im Süden für den Reisenden auf dem Strome die Marksteine Thebens sind. Theben (ägyptisch Tapé) war die Hauptstadt Aegyptens, als es am grössten war, in der ersten Hälfte des neuen Reichs. Die Herr- : schaft der Fremden war gebrochen, ja die Aegypter herrschten ihrerseits nach Asien hinüber und nach Aetliiopien hinauf. Amasis, der i erste König des Reichs, dessen Mittelpunkt Theben war, warf das i Joch der Hyksos ab und nahm bereits Memphis ein. Aber erst seinem vierten Nachfolger Thothmes III. gelang es, die Feinde ganz aus dem Lande zu treiben und in Asien Eroberungen zu machen, ln der grossen historischen Inschrift auf einer Kammerwand beim Heiligthum in Karnak zählt er seine Kriegszüge und die gemachte Beute auf. Noch gibt es keine historisch bildlichen Darstellungen, nur symbolische Gruppen, und die baulichen Anlagen aus der Zeit dieses Fürsten sind alle noch massig und schüchtern. Höher geht der architektonische Schwung unter seinem zweiten Nachfolger, Amunoph oder Amenotep III., dem König der Memnonkolosse, der mehrere von den gewaltigen Hauptgruppen bei Theben gegründet hat. Aber auch von ihm gibt es kein historisches Bild. Alles, was er in den Seitenräumen des von ihm errichteten Heiligthums von Luxor hinterliess, ist symbolisch. Den grössten Aufschwung kriegerischer Macht und künstlerischer Grösse nahm das neue Reich in den ersten Regierungen der nächsten Dynastie, unter Setlios I. und seinem Sohne Ramsès II. Sethos hat den Riesenplan der grossen Halle von Karnak gefasst, an der die kühnsten Vorstellungen erlahmen, und er hatte auch Thaten genug, um sie auf der Aussenwand darzustellen. Namen, die im Verlauf der reichen Bildwerke Vorkommen, deuten auf die grosse asiatische Kriegsstrasse und die Südostecke des Mittelmeeres, wo schon so viele Heereszüge vorbeikamen. Noch grösser als Krieger wie als Tempelbauer war Ramsès II. Er drang bis an das Schwarze Meer vor, und das ganze Nilthal ist voll von kolossalen Denkmalen seines Namens. Er ist der Erbauer des Memnoniums. Unter seinem Sohne Menephtlies gewinnen wir den ersten chronologischen Halt. Unter ihm hat die ägyptische Hundssternperiode, die im Jahre 139 unserer Zeitrechnung zu Ende ging und 1461 Jahre umfasst, begonnen, so dass er im Jahre 1322 regiert haben muss. Unter ihm fand ein zweiter Hyksoseinfall statt, doch mussten die Feinde das Land bald wieder räumen. Als dritter grosser Feldherr und Beförderer der Kunst ist Ramse3 III, zu nennen, welcher den Tempel von Medinet Habu erbaute. Nach ihm schweigt die Geschichte und die Denkmäler gehen allmählig aus. König Schesclionk hat zwar Jerusalem erobert und die gefangenen Fürsten in alter Weise auf der Südwand des grossen Karnaktempels abbilden lassen, wie er sie an langer Schnur dem Gotte Amun vorführt; aber das Bedürfniss, ein Kunstwerk zu liefern, ist nicht mehr vorhanden. Theben. 134 Eine Dynastie von äthiopischen Königen herrschte in Theben, deren Namen wir ebenfalls auf hiesigen Monumenten finden. Noch einmal, unter seinen letzten Pharaonen, erhob sich Aegypten auf kurze Zeit zu schwunghaftem Schaffen. Das Labyrinth wurde erneuert, gewaltige Tempelhöfe angelegt in Memphis und Sais, und in den Verzierungen der Grüfte bei Theben, welche aus dieser Periode stammen, erkennen wir eine Feinheit und Eleganz der Sculpturen, welche der besten Vorbilder der früheren Zeit würdig ist. Die Könige sind Psammetich I.. der die ersten Griechen ins Land zog und Necho II., der im Thal M'egiddo die Juden besiegte, aber später in der Schlacht bei Karkemisch dem Nebukadnezar erlag. Der letzte König von Bedeutung, Amasis, eroberte Cypern. Da erschien Kambyses an den Grenzen Aegyptens, siegte in der Schlacht bei Pelusium. eroberte Aegypten und zerstörte seine Tempel, soweit dies möglich war. In der Zeit seiner Nachfolger wurde weder in Theben noch anderwärts ein neues Heiligthum gebaut oder mit dem Schmuck älterer Tempel fort- gefahren. Nach Alexander des Grossen Sieg über Persien kehrte das ägyptische Volk mit neuer Liebe zu dem alten Göttersitze zurück, und wir finden das Innere der Tempel von Luxor und Karnak unter des jungen Alexander und Philipp Aridäus Namen wieder aufgerichtet. Unter den Ptolemäern gab es gute Zeiten für die ägyptische Kunst. Doch war die alte Bedeutung Thebens längst an Memphis, wo die letzten Pharaonen, und an Alexandria, wo die Ptolemäer residirten, übergegangen, und als vollends die Stadt Theben sich einst der Laune des Volks von Alexandrien und einem von diesem begünstigten Ptolemäer Soter II. nicht fügen wollte, wurde sie von diesem belagert, nach dreijährigem Widerstande eingenommen und vollständig verwüstet. Schon zu Strabos Zeit war es nur noch in einzelnen Gruppen oder dorf- mässig bewohnt, und so ist es noch heute. Nur die Reste der Königsburgen und die der grossen Tempel sind noch vorhanden. Von der Stadt, die sie umgab, ist nichts mehr zu sehen, ihre Lehmmauern haben sich längst wieder in grünes Fruchtland aufgelöst. Die Stadt bestand nämlich ohne Zweifel aus geformtem Nilschlamm, wie die heutigen Orte des Nilthals. Wir haben sie uns in den Quartieren am Strome hoch und gedrängt vorzustellen. Die Häuser hatten vier und selbst fünf Stockwerke mit kleinen Fenstern, die durch bunte, durchbrochene Laden geschlossen waren. Zu oberst war statt eines schiefen Daches die zinnengesäumte Terrasse, die in der Mitte eine Oeffnung hatte, durch welche der Luftzug zur Kühlung in das Innere des Hauses geleitet wurde. Bisweilen war über dieser Terrasse noch ein flaches, von Säulen getragenes Dach. Die Strassen waren eng. wie es das Klima forderte, damit sie kühl blieben, vielleicht auch überspannt mit Matten, wie heutzutage, zum Schutze der unten befindlichen Bazars. In den letztem gab es die Kostbarkeiten, welche die Gräber, wenn nicht alle in Wirklichkeit, doch in Sculpturen und Gemälden aufbewahrt haben, jene Polsterstühle in brennenden Farben, jene Theben. 135 Betten in Gestalt von Löwen und Schakals, jene metallnen Handspiegel mit runder Scheibe, deren Griff eine Figur bildet. Ha gab es ferner elegante Meine Gefässe zur Aufbewahrung der schwarzen Schminke, womit die Aegypterinnen ganz wie heute noch, sich einen dunkeln Bing um das Auge zogen, um es grösser und schöner zu machen. Ha gab es sodann eine reiche Auswahl von Vasen in Alabaster, Bronze und Glas — Glas, w r orin verschiedene Farben in reicher Zeichnung sich durchdrangen. Ha sind selbst Perrücken, deren Schmuck der siegreiche Held sowenig als die junge Prinzessin entbehren kann, nicht als ob ein Mangel der Natur es verlangte; es ist nun einmal so Mode. Ha ist allerlei Goldgeschmeide mit dom Bilde des heiligen Scarabäus, mit echten und falschen Edelsteinen, goldene Körbchen, silberne Kästchen, mit Gold ausgelegt, Ebenholzschachteln mit Elfenbeinzierrathen, Götterfigürchen so klein und fein, dass sie nur mit dem Mikroskop zu würdigen sind. Alle Arbeit dieses tleissigen Volkes tritt natürlich offen in die Strasse hinaus, wie noch jetzt allenthalben im Süden. In den wenigen vornehmen Gassen (der mit Aegypten vertraute Leser wird bemerken, dass diese Schilderung nicht der Phantasie, sondern den steinernen Bildergallerien Thebens und namentlich den Barstellungen in seinen Gräbern entnommen ist) sitzt der Geflügelhändler in seiner Bude und hängt seine nackten Gänse reihenweise aus. Eine aufgehängte Haut bildet die Firma und das Handwerkszeichen des Schusters. Er hält den Lederriem, den er schneidet, geschickt zwischen den Zehen fest oder zieht im Nähen den Draht des Schuhes mit den Zähnen an. Haben die Leute eben nichts zu thun in ihrer Werkstatt oder ihrem Laden, so spielen sie auch wohl ein Bretspiel, oder Mora, das noch jetzt in Italien lebende Spiel, wo jeder der beiden Betheiligten eine Anzahl Finger der rechten Hand ausstreckt und eine Zahl dazu nennt. Wessen Zahl der Summe der beiderseits zugleich ausgestreckten Finger entspricht, der hat gewonnen. Vielleicht wäre eine solche Gewerbsgasse des alten Thebens uns nicht so fremdartig, wenn wir über das Gedräng dieses Volkes nicht plötzlich ein paar Kolossalliguren ragen sähen, die sitzend oder stehend eine gewaltige Hauptstras.se zwischen sich nehmen. Sie führt auf die Fähre oder Schiffsbrücke, welche die Westhälfte der Riesenstadt mit der Osthälfte verbindet. Es wimmelt dort von Lastschiffen, die vorzüglich mit Vieh und Thongefässen — denselben, die noch jetzt in Kenneh gemacht werden — beladen sind, von Lustbarken und allerlei andern Fahrzeugen, wenig verschieden von denen, die wir heutzutage den Nil beleben sehen. Plötzlich aber stieben die Frachtschiffe, die leichten Papyrusboote und die vornehmen Gondeln auseinander, und die goldene Prachtbarke eines Ramses Meiamun kommt mit blitzschnellem Ruderschlag, ein Purpursegel blähend dahergeschwommen. Her König sitzt auf seinem Polsterthron in der Mitte, und hinter ihm kniet sein Biener mit dem Fliegenwedel. Träumt der Fürst vielleicht von der Löwenjagd, die auf der Aussenwand seines Tempels dargestellt Theben 136 ist, wo der eine Löwe sich bereits unter dem Rade des darüber hinwegrollenden Wagens wälzt, während der zweite, im Rücken getroffen, noch einen Satz nach vorwärts thnt, der König selbst aber auf dem Wagen sich mit dem Speere nach hinten wendet, um einem dritten von hier heranspringenden zu begegnen? Wo die Vornehmen ihre Häuser hatten, denken wir uns die Stadt weniger hoch und mit zahlreichen Gärten untermischt. Bekannt ist der ägyptische Garten mit der Weinlaube in der Mitte oder mit leichten Säulengängen, welche das Rebengeflocht tragen, mit seinen Alleen, worin der hohe Federschwung der Dattelpalme mit der dickköpfigen fächerartig belaubten Dumpalme wechselt, mit dem lotosbewachsenen Fischteich, mit den grossartigen Eingangspforten ägyptischen Styls. Die Villa selbst öffnet die Gemächer ihres Innern in die Säulengänge eines Hofes, der gleichfalls mit Bäumen besetzt ist. Diese Gemächer leuchten natürlich nicht minder von den Farben, die in genialen Mustern von Ornamenten von den Wänden der Gräber zu sammeln sind. Vielleicht feiern sie eben ein Fest, wo man den Gästen Kränze und Kragen von Lotosblütlien um den Hals legt und noch die Lotosblume in die Hand reicht. Ein weibliches Musikchor lässt Guitarre und Doppelpfeife, Harfe und Tamburin erklingen, singt fröhliche Lieder und begleitet sie mit Händeklatschen — eine Race, die in den Almelis und Gliawazis von Oberägypten noch heute das alte Spiel fortspielt. Machen die vornehmen Gäste nach dem Schmause ein Spielchen, so ist es nicht die gemeine Mora, sondern ein Bretspiel mit weissen und schwarzen Figuren, wie es König Ramses nach den uns aufbewahrten Bildwerken mit seinen Töchtern zu spielen pflegte. Alles recht, aber wenn die Mundschenkin ihrem wunderbar einfachen Costüme uns selber eine Trinkschale mit Wein reichte, so würden wir betreten vom Kosten ablassen. Der Wein ist mit Harz versetzt. wie noch jetzt bei den Griechen, die dies aus Aegypten haben. Man findet noch den Harzniederschlag in den altägyptischen Weinkrügen, die man in den Ruinen der Stadt sammelte. Ehe wir nun zur Betrachtung der Denkmäler Thebens selbst gehen, bedarf es noch eines vorbereitenden Wortes über die Natur der altägyptischen Kunst, und hier lassen wir Braun in seiner Kunstgeschichte, der auch im Vorigen einzelne Sätze entlehnt wurden, reden. Der Laie wird dadurch von vornherein vor falschen Urtlieilen bewahrt. „Es braucht natürlich ein geübtes Auge, um innerhalb des ägyptischen Styls Zeiten des Aufschwungs (wie in Theben) und Zeiten des Verfalls zu unterscheiden. Es gibt Welche, die beides gleich hässlich finden. Um aber die ägyptische Kunst zu verstehen, müssen wir so lang mit ihren Gebilden umgehen, bis wir jeden Blick darüber hinaus aufzugeben im Stande sind. Einen fertigen Zollstab der Schönheit, an dem die ganze ägyptische Kunst zu messen wäre, dürfen wir am Wenigsten mitbringen. Wenn wir dann aber einmal gewohnt sind, innerhalb dieser Formen und Formeln zu denken, innerhalb des Oha- Theben. 137 rakters und Horizonts, über den der Aegypter nicht liinausgehen darf noch will, dann wird eine Fülle von Genuss auch darin aufgehen. Allerdings hiess os in Aegypten Jahrhunderte und Jahrtausende lang fast unverändert: „So macht man einen Mann und so macht man ein Pferd.“ Von einer Kunst aber dürfen wir verlangen, dass sie mit einer neuen Beobachtung der erwähltesten Formen einer schönen Natur nachfalire. Das thut die ägyptische nicht. Die einmal, vielleicht mit Unrecht, legitimirten Formen werden ewig wiederholt. Soll z. B. eine Kuh dargestellt werden, dann gibt man die Kuh im Profil, ihre Hörner aber, welche, gleichfalls im Profil gefasst, sich decken müssten, werden in der Vorderansicht darauf gesetzt, also auseinander strebend, das eine nach hinten, das andere nach vorne geschweift. Niemand hat je eine solche Kuh gesehen, aber das Beispiel ist ansteckend, und wenn wir das Bild einmal gewohnt sind, können wir leicht in Versuchung kommen, es ebenso gedankenlos zu wiederholen. Oder denke man an jene Scene des Ochsenschlachtens, die immer dieselbe bleibt. Der niedergeworfene an den Füssen gebundene Ochs ist abscheulich falsch gezeichnet. Aber Niemandem fallt es ein, hinzugehen, wo dieser Anblick in Natur zu haben und auf Papier zu übertragen ist, sondern der Ochs wird ewig nur aus der Idee construirt, oder die einmal gegebene Construction ewig geschwatzt und geglaubt. Aber bei alldem hätten wir Unrecht, wenn wir darum auf den Genuss verzichten wollten. Die ägyptische Kunst kann noch lange durch Geist ersetzen, was ihr an Mannichfaltigkeit und Dichtigkeit der Formen abgeht. Wir würden lieber Zusammenleben mit den ver- hältnissmässig unentwickelten Darstellungen aus der Zeit des ägyptischen Höhestands, als mit dem ganzen Pomp von inhaltsleeren Phrasen, der in manchen der gepriesensten Gebilde klassischer Kunst sich bietet. — — Diese Figuren sind regelmässig mit dem Profil des Kopfes nach rechts oder links gewandt, die Brust aber erscheint immer ganz von vorn. Die Füsse sind wieder im Profil und bleiben es, auch wenn das Gesicht, was sehr selten ist, ganz von vorn gesehen wird. Eine Dreiviertelstellung des Gesichts kommt niemals vor. Wir sprechen von diesen Wandsculpturen, die in flachem Belief aus ihrer Fläche hervortreten. Aber auch von den freien Statuen, die in Aegypten zwar nicht mehr häufig sind und aus den Museen Europas uns bekannt sein müssen, wird der anspruchsvolle Ungeübte sich an der Unrichtigkeit der Formen stossen, an diesen zu hoch sitzenden Ohren, an diesen langen platten Füssen, an dem Mangel einer jeden lebensfähig werdenden Muskelangabe und an dem Mangel jeder selbstständigen Bewegung. Die Figuren sitzen entweder, mit : den Händen auf den Knieen, oder stehen, einen Fuss vorgesetzt, mit an die Seite gelegten Armen. Sehe man aber zu, ob ausser der Bewunderung über die glänzende Bewältigung des Materials in den polirten Granitflächen einer solchen Brust, eines solchen Schienbeins, nicht auch ein ergreifender Charakterernst allmählig immer fesselnder wird. Es ist wahr, über eine Theben. 138 gewisse Greuze hat die ägyptische Kunst sich niemals erheben können. Aber dieselbe Grenze hat sie, bank ihrer Starrheit, auch gegen unten, und ist unter diese nie herabgesunken.“ Wir gehen jetzt zu einigen Andeutungen in Betreff der Art über, wie man Theben am Besten sieht. Es ist dabei vorausgesetzt, dass der Reisende den hiesigen Alterthümern nur drei Tage widmen kann, wie wohl es wünschen»werth ist, wenigstens vier Tage: einen für die Tempel und Paläste der Westseite, einen für die Gräber derselben, einen für Luxor und einen für Karnak zur Verfügung zu haben. Die von Kairo kommende Barke legt gewöhnlich vor Luxor an, wo Provisionen zu haben sind, wo die Consularagenten wohnen, wo die Post ist und wo man sich am leichtesten Führer verschafft, die man hier — wenigstens für die sehr zerstreut liegenden Sehenswürdigkeiten des westlichen Ufers — nicht entbehren kann. Ein Führer erhält für den Tag 5 Francs. Für ein Pferd wird auf dieselbe Zeit 3—4 Francs, für einen Reitesel 10 Piaster gezahlt. Unter den Führern für die Westseite ist der Araber Achmed Gurgar als am Besten unterrichtet zu empfehlen. Han hüte sich vor zu raschem Ankauf von Alterthümern, Bcarabäcn, Götterfiguren von blauem Glas, Glasperlenschnuren, altägyptischen Petschaften, Ringen mit Hieroglyphen, welche allenthalben in Menge angeboten werden. Manches davon ist unzweifelhaft echt, noch mehr davon aber ist modernes Fabrikat. Wer das Beste nicht vorweg nehmen will — ein Verfahren, wo man in den Fall kommen wird, bei der Erinnerung an jenes Beste das Geringere zu gering zu achten — beginne seine Betrachtung Thebens mit der Westseite, und zwar rathen wir in Bezug auf die einzelnen Punkte folgende Verthcilung auf jene drei Tage an. Erster Tay. Man lasse sich von Luxor (nachdem man sich auf der Barke mit kalter Küche, Wein und einigen Gullihs voll Wasser versehen) früh am Morgen nach der Westseite übersetzen und besuche zunächst den Tempel von Kurna, sodann das Memnonium und die Kolosse und schliesslich die Ruinen von Medinet Habu. Zweiter Tay. Man begebe sich zuerst nach den Grüften des Assasif, sehe dann die Tempel von I)ayr el Bahri und Bayr el Medi- nah (von denen beiläufig gesagt nur geringe Reste übrig sindl und begebe sich dann entweder zu Fuss über das Gebirge oder zu Pferd auf einem Umwege nach den Königsgräbern, zu deren Besichtigung, wenn man auch nur die wichtigsten (mit Nummern 6, 9, 11, 14 und 17 bezeichnet) in Augenschein nimmt, man mindestens 4 Stunden bedarf. Dritter Tay. Man besuche Luxor, welches nur kurze Zeit erfordern wird, und reite dann nach Karnak, dessen Ruinen die Krone der Herrlichkeiten von Theben sind. Glücklich ist, wer auf die Betrachtung dieses Punktes zwei Tage verwenden kann, einen, um einen vorläufigen Eindruck zu gewinnen, und einen zweiten zu genauerer Betrachtung der Einzelheiten, die es allein ermöglicht, ein bleibendes Bild von diesem Riesenbau, der zugleich das älteste Monument Thebens ist, mit nach Hause zu nehmen. Theben. 139 Wir gehen jetzt zu einer kurzen Beschreibung der hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Thebens in der angegebenen Reihenfolge über, und zwar zuerst zu dem Tcmpelpalast von Kurua. Derselbe liegt, wie bemerkt, auf der Westseite, und zwar im Korden, etwa tausend Schritte vom Stromufer. Von Osirei erbaut und von dessen Sohn Ramses II. vollendet, war er Amun, gewöhnlich als der ägyptische Jupiter bezeichnet, geweiht. Die Araber nennen ihn bisweilen auch Kasr el Rubayk. Sein Alter beträgt gegen 3200 Jahre. Er ist klein im Vergleich mit andern Ruinen, aber interessant durch seinen gewaltigen Styl und die Freiheit und Eleganz seiuer Hieroglyphen und Wandsculpturen. Der Eingang führt durch einen Pylon, welcher ausser dem Kamen des Gründers auch den des Königs Ramses III. zeigt. Kach diesem Pylon, der zum Theil eingestürzt ist, folgt ein Dromos von 128 Fuss Länge, dessen Sphinxe sehr zerstört und in Mitten der arabischen Lehmhütten, die hier herum liegen, kaum noch erkennbar sind. Dann gelangt man zu einem zweiten ebenfalls sehr verfallenen Pylon, von welchem ein zweiter Dromos nach der Vorhalle des Tempels leitet, deren Säulen der ältesten ägyptischen Ordnung angehören. Diese Säulen sind in ihrer Form sehr verschieden, und dasselbe gilt von den drei Eingängen, durch die inan in den eigentlichen Tempel tritt. Letzterer besteht aus einer Mittelhalle, die etwa 60 Fuss lang ist und von sechs Säulen getragen wird. Auf jeder Seite sind drei kleine Kammern, von denen eine nach einer Seitenhalle und die gegenüberliegende in einen Gang und einen offenen Hof auf der Ostseite führt. Kach dem obern Ende der Halle öffnen sich fünf andere Gemächer, von denen das mittelste nach einem grossen Zimmer führt, welches von viereckigen Pfeilern getragen wird und hinter dem sich das Allerheiligste befand. Alles ist mehr oder minder verfallen und mit Schutt und zerbrochenen Decksteinen angefüllt. Die Seitenhalle im Westen, die zum Palast des Königs gehörte, wird von zwei Säulen getragen und führt nach drei Zimmern, hinter welchen die Spuren anderer Gemächer erkennbar sind. Auf der Ostseite gab es ausser einem grossen Hofe ähnliche Räume, die sich gleichfalls nach Korden hin erstreckten. Auf dem Architrav über der Vorhalle begegnen wir der Widmung Ramses II., welchem in seiner Eigenschaft als Pharao Amunre das Emblem des Lebens überreicht. Auf der Kordwestseite der innern Wand dieser Vorhalle werden die heiligen Laden oder Altäre der Königin Ames Kofriare und des Osirei jeder von 12 Priestern, die ein Oberpriester und ein Fächerträger begleitet, vor den Gott des Tempels getragen und eine kleine Tafel, später eingefügt, stellt den König Ptha Se Ptha dar, wie er in Gegenwart von Amunre, Ames Kofriare, Theben. 140 Osirei und Bamses II. die Embleme der Königswürde aus den Händen der Gottheit empfängt. Der interessanteste Theil dieses Tempels ist die Seitenhalle, welche nebst den drei hinter ihr liegenden Gemächern von Osirei zu Ehren seines Vaters Bamses I. erbaut und von Bamses II. mit Sculp- turen versehen wurde. Die auf der Vorderwand, rechts, wenn man durch die Thür tritt, stellen auf der untern Abtheilung den König Bamses II. dar, wie er von Mandu bei Amunre eingeführt wird, hinter welchem sein Grossvater Bamses I. mit den Attributen von Osiris steht. Heber ihm lesen die Gelehrten: „Der gute Gott, Herr der Welt, Sohn der Sonne, Herr der Gewaltigen, Bamses der Verstorbene, geehrt von dem grossen Gott, dem Herrn von Ebot (d. i. Osiris).“ Thot_, der Gott der Buchstabenschrift, notirt die ruhmvollen Begierungsjahre des Königs auf einen Palmenzweig. Auf der obern Tafel wird er dem Gotte von Atmu und Mandu vorgestellt, welcher, indem er ihm das Emblem des Lebens reicht, zu ihm sagt: „Ich habe dich begleitet, damit du den Tempel deinem Vater Amunre weihest.“ Auf der Tafel über der Thüre empfangen zwei Figuren Bamses I. auf Altären sitzend die Opfer oder Gebete seines Enkels. Die eine trägt die Krone des obern, die andere die des untern Beiches. Auf der andern Seite opfert der König dem Amunre, dem Konso und dem verstorbenen Bamses I., und auf den andern Seitenwänden empfängt Osirei ähnliche Ehrenbezeugungen. In der Mittelhalle betet Osirei vor der Statue seines Vaters. Alle Seitenkammern sind von Bamses II., und auf den Simsen der Seitenthüren in der grossen Halle befindet sich auch der Name seines Sohnes Pthamen, der später hinzugefügt wurde. Die Königin Ames Nofriare kommt noch einmal in dem Hofe vor, und auf der Aussenseite der Nordostecke, sowie auf dem Bruchstücke einer Wand der anderen (südwestlichen) Seite ist ein äthiopischer Ochs und ein ziegenartiges Thier abgebildet, wie sie von Priestern herbeigeführt werden. Manche von den Sculpturen zeigen noch die Farben, mit denen sie einst bemalt waren. In der Nachbarschaft nach Westen zu befinden sich noch einige Granit- und Sandsteinblöcke, die zum Theil mit Sculpturen bedeckt sind, aber nur für Gelehrte von Interesse sind. Wir begeben uns, ohne sie weiter zu beachten, nach dem Slemnonium oder Rameseum welches wir schon von Weitem in der Ebene an seinen gelben Säulen erkennen. Das Memnonium ist seiner edlen und klaren Verhältnisse, der Eleganz seiner Sculpturen und seiner symmetrischen Architektur wegen eines der gefeiertsten Bauwerke der ägyptischen Kunst. Auch ist es am erquicklichsten dort zu verweilen, da in unmittelbarer Nahe niemals ein Fellahdorf gestanden hat, der Boden der Buine somit reiner Wüstensand, nicht der zerfallene Koth alter Nilschlammhütten Theben. 141 ist und die einzelnen Trümmergruppen nicht so tief wie anderwärts in aufstäubenden Schutt begraben, sondern offen und von dem Duft der nahen Felder und Gebüsche durchweht sind. Es ist zugleich der einzige noch stehende Tempel, von dem eine Beschreibung der Alten übrig ist; denn unter dem Namen „Grab des Osimandyas“ wird er nach älteren Quellen ausführlich geschildert von Diodor. Wir erkennen die Pylone, wie sie dort aufgeführt sind, d. h. die einstige Felsenstirne des Heiligthums, bestehend aus zwei pyramiden- artig nach oben zu spitzer werdenden Quaderthürmen, welche die senkrechte Pforte zwischen sich nehmen. Die Fläche der Vordervvände ist herabgebrochen und begräbt in ihren wüst durcheinander liegenden Massen die in ihre Blöcke eingehauenen historischen Sculpturen. Hinter diesem, auf der Bückseite noch glatten Steinwall des Thorsystems, das die Tiefe des ganzen Tempels deckt, befand sich der erste, vierseitige, mit Hallen besäumte Hof, von dem jetzt fast nichts als der Baum übrig ist. Am Eingang in den zweiten Hof sass einst die kolossale Figur des Königs Bamses II., die jetzt in ungeheuren Bruchstücken umherliegt. Es war die grösste Statue, welche die ägyptische Bildhauerei hervorbrachte; denn sie war gegen 60 Fuss hoch, und ihr Gewicht wird auf nahe an 900 Tonnen geschätzt. Eine ihrer Zehen misst nicht weniger als 3 Fuss. Der prosaische Sinn der Araber hat mehrere Mühlsteine aus ihrem Kopfe gehauen, ohne dass derselbe sehr wesentlich dadurch vermindert worden wäre. Das Material ist der schöne Granit der Nilkatarakte, und man weiss nicht, was man mehr bewundern soll, den prächtigen Stein ohne Bitz, ohne Spalte, die Kunst, die ihn so vollkommen bearbeitete und polirte, oder das Geschick, das ihn zu bewältigen und aus einer Entfernung von fast vierzig Meilen hieherzuschaffen im Stande war. Der Künstler, der die Statue schuf, war Mernnon von Syene. Auf ihr stand nach Diodor geschrieben: „Ich bin der König der Könige, Osmandias; so jemand wissen will, wie gross ich bin und wo ich liege, der übertreffe eines meiner Werke.“ Vom zweiten Hofe steht noch die Vorderecke rechts, Pfeiler, an welchen die angelehnten grossen Osirisfiguren, denen der Zerstörungsgeist der persischen Eroberer die Köpfe abgeschlagen hat, Andacht gebietend, Wache halten. Die Pfeiler sind durch Steingebälk unter sich und mit den Besten der Wand verbunden. Drei Eingänge aus diesem zweiten Hof führten in einen grossen Saal, der „nach der Art eines Odeons“ erbaut ist und 48 Säulen hat. Er ist zum grössten Theile sehr gut erhalten. Eine Doppelreihe von 12 riesenhaften Säulen, 45 Fuss hoch und 23 Fuss Umfang habend, mit einem weiten Kelchcapitäl gekrönt, führt mitten hindurch und stützte die höhere aus behauenen Steinblöcken bestehende Decke. Die beiden Nachbarreihen brauchen einen hohen Fensteraufsatz über ihrem Knospenknauf, um bis zur halben Höhe mit dem Mittelschiffe zu kommen und eben durch ihre hochgehobenen Fenster dieses und den ganzen Saal erleuchten. Der Säulenwald zu beiden Seiten, in Beihen geordnet, trug gleichfalls mit der gekappten Knospe das tiefere Stein- Theben. 142 dach der Flügel. Am Eingang sassen kolossale Statuen, worunter der sogenannte junge Memnon war, dessen Kopf sich im Britischen Museum befindet. Das Kelchkapitäl über den Schäften des Mittelganges hat bereits die ganze Ausbildung, die es in den Pharaonenzeiten je erreicht hat. Alle Uebergänge von der Zeit der Pyramiden, wo wir in den Felsgräbern schwanke Schäftclien mit fast zerflatterter Blume sehen, bis zu dieser grossen massiv geschlossenen Blumenschüssel fehlen. Diese übrigens elegant ausgeschweifte Schüssel- oder Kelchfonn ist lediglich nm ihren Fuss noch mit der Andeutung eines Kreises von Kelchblättern bezeichnet. Alle Gliederung des Kelches selbst, der doch aus verschiedenen Kelchen zusammengefügt ist, wie der Schaft der Säule aus verschiedenen Pflanzenschäften, scheint verloren. Erst in der Periode der Ptolemäer kommt die urälteste Gliederung des Kelches wieder vor. Der Schaft ist in der Mitte vollkommen rund und glatt bis auf den Halsgurt der fünf Reife unmittelbar unter dem Kelch. Die andern Reife haben sich in Hieroglyphenbänder verwandelt. Der Fuss der Säule, der sich in spitze Wurzelblätter kleidet, ist stark eingezogen, so dass er auf der runden Fussplatte, die ihm zur Basis dient, fast ganz abgerundet erscheint. Die Schäfte in den Seitenreihen gleichen denen von Kurna; statt in der Mitte, sind sie nach Oben fein gegliedert. und das Knospenhaupt ruht in einer Art Halspanzer. Die Knospe ist jedoch nicht mehr neunfach gegliedert, wie dort, sondern völlig glatt. Es folgt endlich ein kleinerer Säulenraum, der einst mit Seitengemächern, von denen jetzt keine Spur mehr übrig ist, umgeben war und ein astronomisches Deckengemälde hat. Hier war die Tempelbibliothek, über der die Worte: .„Labsal der Seele“ standen. Auf den Thürpfeilern, die in den nächsten, jetzt verschwundenen Raum führten, ist hier Seph, die Herrin des Büchersaals, und dort Thot, der Gott der Schreibekunst und Priesterweisheit, abgebildet, wie sie den Namen Ramses II. auf das Blatt eines heiligen Baumes schreiben und somit der Unsterblichkeit überliefern. Von den übrigen Bauwerken des Tempels schildern wir im Folgenden die wichtigsten. Auf der nördlichen Face des östlichen Pylons ist die Einnahme von Städten eines asiatischen Feindes dargestellt, dessen Fürsten von den siegreichen Aegyptern in Banden nach ihrem Lager geführt werden. Hieroglyphen, die dabei stehen, nennen die Namen dieser Städte und sagen, dass sie im vierten Jahre der Regierung des Königs Ramses II. eingenommen wurden. Das Steinbild zeigt, dass die Aegypter ein grausames Volk waren. Ein Soldat zerrt den einen Gefangenen am barte, während andere ihn schlagen. Weiterhin steht ein Trupp Fussvolk, einige Kriegswagen und ein Lager, angedeutet durch einen Wall von ägyptischen Schilden mit einer Thür, neben welcher vier Abtheilungen von Kriegern Wache halten- Hier wird die gewonnene Beute, Ochsen, Wagen. Esel u. s. w. aufgeschichtet, und dort scheint ein Esel unter der Last des Sacks mit Gold, den er trägt, fallen zu wollen. Ein Anführer empfängt den Gruss eines Fusssoldaten, ein anderer, in Mitten Theben. 143 der Beute sitzend, spannt seinen Bogen, ein dritter hängt einen VVasser- schlauch auf eine Stange, die er in den Boden gesteckt hat. Darunter marschirt ein Trupp Fussvolk nach Hause, und hinter ihnen streckt der von seinen Fächerträgern umgebene König seine Hand aus, um die Huldigung der Priester zu empfangen, -welche sich seinem Throne nahen, um ihm zu seiner Heimkehr (Huck zu wünschen. Sein Wagenleuker ist gleichfalls zugegen, und mit Mühe halten drei Diener die sich bäumenden Rosse zurück. Weiter unten schicken sich vier ägyptische Soldaten an, zwei Gefangenen Stockstreiche zu gehen, während diese mit ausgestreckten Händen um Erbarmen flehen. Auf dem westlichen Thurme ist wieder eine Schlachtscene dargestellt, wo der König seinen Bogen auf die gebrochenen Reihen und die fliehenden Kriegswagen des Feindes abschiesst. Oben ist er und sein Wagen noch einmal zu sehen, und auf zwei andern Tafeln begegnet er uns abermals, einmal, wie er die Häuptlinge der fremden Länder mit seiner Streitkeule niederschlägt, und dann, wie er, den Helm auf dem Haupt, begleitet von Fächerträgern nach dem Tempel schreitet. Auf der Nordface der südöstlichen Wand des nächsten umschlossenen Raumes befindet sich ein historisches Bild, bei dem man an die Schilderung der Ilias erinnert wird. Es ist abermals eine Scene aus dem Leben des Heldenkönigs Ramses II. Er verfolgt einen Feind, dessen zahlreiche Kriegswagen über die Ebene» nach einem Flusse flüchten und ihre Zuflucht hinter den Mauern einer Stadt suchen. Um den Marsch der Aegypter autzuhalten, hat der Feind mit vielen Wagen den Fluss überschritten, dessen Wasser, in zwei Arme vertheilt, die bethürmten Mauern der Stadt umgibt, während eine Abtheilung Fussvolk über die Brücken gezogen ist und sich auf dem andern Ufer aufgestellt hat, um den Angriff zu unterstützen oder den Rückzug zu decken. Allein, geschlagen von dem ägyptischen Eroberer, müssen sich dieselben zuriiekziehen, wobei viele von dem Flusse verschlungen werden, während Andere unter den Pfeilen der Sieger fallen. Die, welche sich auf das andere Ufer gerettet haben, werden von dem Fussvolke, welches in 3 Schlachthaufen (zu 8000 Mann, wie die dabeistehenden Hieroglyphen sagen) ihrer Niederlage zugesehen, aufgenommen. Einige tragen den leblosen Körper ihres Feldherrn, welcher im Flusse ertrunken zu sein scheint, nach dem Hintertreffen und versuchen, ihn wieder zu beleben, indem sie durch Niederhalten des Kopfes das Wasser aus ihm entfernen. Andere flehen die Gnade des Siegers an. und huldigen ihm als ihrem Herrn. Ueber dieser Schlachtscene befindet sich eine Procession von Priestern, welche die Bilder der tliebanischen Vorfahren des Königs Ramses tragen. Der erste derselben ist Menes, nach ihm folgt Man- mopli und nach diesem kommen die Könige der achtzehnten Dynastie. Die übrigen Gegenstände sind sehr zerstört, man erkennt nur noch mit Mühe, dass der König, Kornähren zur Opferspende schneidend, die Königin, der heilige Stier und die vor die Gottheit hingestellten Bilder der königlichen Vorfahren darunter sind. 144 Theben. Neben der westlichen Truppe des Xordcorridors kniet der König vor Amunre, Maut und Konso. Thot verzeichnet die Regierungsjahre desselben auf ein Palmenblatt, und Mandu und Atmu führen den Herrscher bei jenen Göttern ein. Auf der andern Seite, der südlichen Mauer der grossen Halle, befindet sich wieder ein Schlachtbild, klein, aber interessant. Man sieht hier die Sturmleiter und die Testudo (aus Schilden gebildetes Sturmdach) gebraucht. Eine auf Felsen gelegene Stadt wird tapfer vertheidigt und viele von den stürmenden Aegyptern werden, getroffen von den Speeren, Pfeilen und Steinen der Belagerten, heruntergestürzt. Die letztem müssen sich indess bei der Annäherung des Königs ergeben und es kommen Herolde mit Geschenken, um seinen Zorn zu besänftigen, während das Fussvolk des Herrschers die zersprengten Schaaren der Feinde, die es vor der Mauer eingeholt hat, über die Klinge springen lässt. Einige Gelehrte meinen, dass diese Schlacht- scenen einen Krieg darstellen, der von Ramses II. im Delta geführt wurde, andere nehmen, vielleicht richtiger, au, dass sie in Assyrien spielen. Am obern Ende der grossen Halle und zwar auf der nordwestlichen Wand empfängt der König eine Streitaxt und zwei Scepter von Amunre, den die Göttin Maut begleitet. Die dabei stehenden Hieroglyphen sagen, dass die Göttin die Wächterin dieses Palastes Ramses des Grossen sei, und dass der König mit der Streitaxt die Häupter seiner Feinde zerschmettern und mit den Sceptern sein Land Aegypten regieren soll. Auf der Wand, die dieser entspricht, empfängt er die Embleme des Lebens und der Herrschermacht von Amunre, der von Konso begleitet ist, in Gegenwart der löwenköpfigen Göttin. Unter diesen Tafeln befindet sich auf jeder der beiden Wände eine Procession von den dreiundzwanzig Söhnen des Königs, und in der Westecke sind drei seiner Töchter abgebildet. Auch in der Umgebung des Memnoniums gibt es verschiedene Ruinen von kleinern Tempeln und andern Bauten, sowie zahlreiche Bruchstücke von Kolossen und andern Statuen, auf deren Beschreibung wir indess nicht eingehen können. Wenn Diodor das Ganze als „Grab des Osimandyas“ bezeichnet, so ist das einer Erklärung bedürftig. Der Erbauer desselben war Ramses II., von den Griechen Sesostris genannt. Er ist der Koloss des ersten Hofes, er ist’s, dessen Thaten die Wände schmücken. Aber wir wissen, dass sein Grab nicht hier, sondern drüben im Thal der Königsgräber ist, welches wir später besuchen werden. Also begraben lag Osimandyas, Sesostris oder Ramses keineswegs hier, aber dieser Tempel war seiner Verehrung, seinem Andenken geweiht. Jede Pyramide hat gegen Osten einen kleinen Tempel, der dem in ihr Begrabenen geweiht war. Hier wäre also das ganze Gebirg im Westen mit seinen zahllosen Gräbern als Pyramidenkette zu fassen und hat die Tempel, die seinen Todten gewidmet sind, an seinem Fusse. Eine isolirte Kammer des Allerheiligsten, wo ein Götterbild oder göttlich verehrtes Thier Platz — ' i ! Il II in-ii t ~r 1 II T 1 II ! '1 —t| il T '1 1 11 II 1 1 üg „Xx-, j isa] io y î so mwWÆ lotira J l/l 11/1 3^.]) ' l/>=.e Jj 1/Il■* —. l|S i i i i r ' i i t i i tti i i i -i ü î i ! Ramses der Grosse in der Schlacht. Theben. 145 finden könnte, haben diese Todtentempel nicht. Bei den andern fehlt sie nie. Unter den zuletzt erwähnten Ruinen in der Nachbarschaft des Memnoniums sind die des Tempelpalasts Amunophs III., circa tausend Schritt südwestlich von jenem gelegen und aus den Resten von Säulen, Sphinxen und Statuen bestehend, die bedeutsamsten. Von ihnen führte ein 1100 Buss langer Dromos, der bis auf wenige Spuren verschwunden ist, zu den beiden Sitzenden Kolossen, von denen der östliche der bekannte klingende Memnon ist. Sie sitzen ganz einsam in der grünen Ebene, während der Ueberschwem- mungszeit mitten im Wasser. Von König Amunophs III. errichtet und beide diesen König darstellend, sind sie gegen 20 Schritt von einander entfernt. Ihre Gesichter, sehr zerstört, sind nach der Gegend von Luxor gekehrt, von wo die grosse Fähre nach der ,Königsstrasse* führte, der die Kolosse nebst einigen andern, deren Bruchstücke in der Nähe herumliegen, zur Zierde dienten. Auch andere Theile der Riesenstatuen sind von der Zeit arg mitgenommen worden. Dennoch sehen sie noch majestätisch genug aus. An Grösse sowohl wie an Form ähneln sie der umgestürzten Granitstatue im Memnonium, aber sie haben nicht dasselbe Gewicht und der Stein ist bei Weitem nicht so schön wie an jener. Sie haben mit ihren Piedestalen eine Höhe von ungefähr 53 Fuss, messen 18 Fuss 3 Zoll querüber die Schultern, 16 Fuss 6 Zoll von der Schulter bis zum Ellbogen. 10 % Fuss vom Scheitel bis zur Schulter. 13 Fuss vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen und 19 Fuss 8 Zoll vom Knie bis zur Fusssohle. Jeder Fuss ist 10% Fuss, der Mittelfinger der Hand 4 Fuss lang. Zwischen den Füssen bemerkt mail die Spuren einer kleinen Figur, welche die Gemahlin des Königs dargestellt haben soll, deren Bild. 18 Fuss hoch, sich noch einmal zur Seite des Thrones befindet, während ein anderes von gleicher Höhe, auf der andern Seite des Thrones, die Mutter Amunophs darstellt. Die Throne sind mit Figuren des Gottes Nil geschmückt, welcher die Halme von zwei dem Flusse eigenthiimlichen Pflanzen in der Hand haltend, eine Art Piedestal umwindet, welches von dem Namen des ägyptischen Monarchen überragt wird — eine symbolische Gruppe, welche seine Herrschaft über Ober- und Unterägypten andeuten soll. Eine Linie von Hieroglyphen erstreckt sich von der Schulter der Statuen bis hinab zum Piedestal; sie enthält die Namen des Herrschers, den die Kolosse vorstellen. Die Namen der letzteren sind hei den Arabern Kama und Thama. Der sogenannte klingende Memnon (Thama) ist am Aergsten verstümmelt — wie die an ilnu befindlichen Inschriften meinen, von Kam- byses. Eine Sage, die bis auf die neuere Zeit geglaubt wurde, liess ihn den Aufgang der Sonne mit einem eigentümlichen Tone begrüssen. Römische Präfecten und Kaiser lauschten andächtig dem wundersamen Theben. 146 Klange. Später wollte man ein seltsames Naturspiel darin sehen. Wenn der Stein sieh nach der Abkühlung während der Nacht am Morgen erwärmt, sagte man, so entweicht die kältere Luft aus den Kissen des Gesteins mit Geräusch. Die neueste Zeit hat auch diesen letzten Rest von Wunderbarkeit von der Statue genommen, und Memnon klingt jetzt nicht blos am Morgen, sondern zu allen Tagesstunden, und nicht blos einmal, oder drei Mal (wie er diess aus besonderem Respect vor Hadrian that) sondern so oft man es für 2 Piaster verlangt, ln Hem- nons Schooss nämlich befindet sich ein gewisser Stein, der, wenn er stark angeschlagen wird, einen hellen metallischen Ton von sich gibt. Dahinter ist eine kleine viereckige Oeffnung, die von unten unsichtbar ist, und wo im Alterthum einer der Priester sich verborgen haben mag, um das tägliche Wunder zu verrichten. Jetzt besorgt dies einer der in der Nähe wohnenden Fellahs für obiges Entgeld. Von hier begeben wir uns nach Südwesten zu den Ruinen des Tcmpelpalastes von Hedinet Habu, der zu den grössten Bauten Aegyptens gehört und auf seinen Wänden Bildwerke hat, die zu den interessantesten von Theben zählen. Der Name Medinet Habu stammt von dem koptischen Dorfe,, welches, aus ungebrannten Lehmziegeln bestehend, einst die Tempelreste bedeckte, jetzt aber verlassen und zu Trümmern und Schutt geworden ist. Aus dem Schutt ragt die Königsburg eines jüngern Pharao, des dritten Ramses Meiamun (des reichen Rhampsinit Herodots), der sie im 13. Jahrhundert v. Christus erbaute. Hier residirte er in drei breiten pyramidal geneigten, jetzt verfallenen Quaderthiirmen, die, zwei nach vorne, einer nach hinten stehend, einen kleinen Hof zwischen sich haben. In den Hof öffnen sich sculpturgeschmiickte Fenster und Baikone, die von Barbarenköpfen getragen werden. Das Portal des Hinterthurms ist verschüttet, und man muss von Aussen durch ein Fenster steigen, wenn man die Bildwerke sehen will, welche sich in den Fensterecken des obersten Gemachs dieses Thurms — des einstigen königlichen Harems finden. Der Thurm ist aus so kolossalen Steinen erbaut, dass er eben nicht sehr wohnlich erscheint, hat breite, pyramidal geneigte Fenster und ist oben mit schildförmigen Zinnen gekrönt. Die Gemächer scheinen gewölbt gewesen zu sein. Zur Rechten neben der Burg steht ein Tempel, dessen Pfortenfront noch wohl erhalten ist. Diese Tempelstirn mit den zwei freien hohen Säulen, welche, die sonst hier üblichen Obelisken vertretend, vor ihrem Eingang stehen, deckt eine mehre hundert Fuss lange Kette von schmäleren und breiteren Säulen- und Pfeilerhöfen, in die wir von den Schutthaufen am Fusse der Burg hinabschauen. Sie gehören sehr verschiedenen Zeiten an und es lassen sich in der Richtung von vorn nach hinten römische, ptolemäisehe, äthiopische und altpharaonische Namensovale verfolgen. Wir haben also hier keinen jener Gedächtnisstempel vor uns, welche ein einzelner König für sich selbst baut. Er riot'n 0 Die Rumen von Medmet-nabu È Theben. 147 hat in der Kette seiner Höfe auch die kleine Kammer des Allerheiligsten, die hei jenen Anlagen fehlt. Sie enthielt hier in Theben wahrscheinlich ein Bild Amuns oder einen lebendigen Widder, das diesem Gotte geweihte, ihn hieroglyphisch vertretende Thier. Hinter diesem Tempel erhebt sich ein zweiter, grösserer und schönerer Tempel, der, gleich dem Memnonium die Schöpfung des Ehrgeizes eines Einzelnen, d. h. eben einer jener Gedächtnissstempel ist, durch welche Könige ihre Thaten zu verewigen pflegten. Wir begegnen abermals einer Doppelstirn pyramidalgeneigter Massenflügel mit dem Thor dazwischen, mächtigen Pylonen, die unten mit Sculp- turen geschmückt sind. Man tritt durch ein erstes Thor in den jetzt tief verschütteten Vorhof. Links ragen aus den Schutthügeln die Kapitale der Flankenstellung, rechts die verstümmelten Osirisfiguren, welche an den Pfeilern der andern Flankenhalle lehnen. Dann folgen wieder mächtige Pylonen. Die dazwischen liegende Pforte leitet in den innern Hof, der Spuren grosser Farbenpracht zeigt. Gleich die Decke iles Pfeilerganges, welcher ihn nach der Eintrittseite säumt, ist noch lebhaft blau mit goldnen Sternen. Zur Rechten und Linken hat der vierseitige Hof eine gewaltige Säulenstellung; nach vorn und hinten sind es Osirispfeiler, von denen die jenseitige Ordnung in einer tiefem Halle noch eine Säulenreihe hinter sich nimmt, xlber die Kopten, die in der Folge eine christliche Kirche daraus machten, haben den Gottesgestalten, die mit gekreuzten Armen an ihren Pfeilern lehnen, die Köpfe abgeschlagen und die Triumphzüge des Königs Ramses III., der dieses Heiligthum gebaut, mit Koth überklebt. Aus den Trümmerstücken des zerstörten innern Tempels fertigten sie eine Art korinthischer Säulen an, die jetzt noch im Hofe stehen oder liegen, unverträglich in ihrer Geschmacklosigkeit mit dem ägyptischen Geiste dieser Hallen, gegen die sie fast so unangenehm abstechen, als die Kothhütten von Medinet Habu. Die grosso Hinterthür dieses Hofes unter ihrer Doppelhalle von Säulen und Pfeilern sollte weiterführen in den gedeckten Säulensaal, der in ägyptischen Tempeln zu folgen pflegt. Derselbe ist aber bis auf den Quadersockel verschwunden, und auch der letztere ist in Schutt und Staub begraben. Interessanter noch als die Ruinen der Gebäude sind die an ihnen befindlichen Sculpturen, von denen wir irn Folgenden die wichtigsten erklären. Im Innern des kleinen Hofes wird die Vorderseite der rechten Pylonwand fast ganz von der kolossalen Figur des Gründers dieses Teinpelpalasts, Ramses Meiamun, eingenommen, der seine Keulenaxt über einem Haufen bärtiger Gefangenen schwingt, während er sie mit der Linken bei den Haaren fasst. Amunre, von ebenso kolossaler Gestalt, bietet ihm das himmlische Sichel-Schwert mit den Worten: „Nimm diese Waffe, mein geliebter Sohn, und schlage die Fürsten der fremden Länder.“ Theben. 148 Die Tafel auf der Grundmauer zeigt wieder Häuptlinge der von Ramses Meiamun unterworfenen Völker. Ihre Arme sind ihnen mit Fesseln auf den Rücken gebunden, deren in eine Papyrusguaste oder Lotosblume auslaufendes Ende (nach Champullion) andeutet, ob die Person ein Asiate oder Afrikaner ist. Diese in Tracht und Gesichtszügen sehr verschiedenen Gestalten zeigen getreu die Züge und Kleidung, welche den Kationen eigen sind, die sie darstellen sollen, und die dabei stehenden Hieroglyphen geben nach einander die Namen jedes Volkes. Zwei davon sind verschwunden, die fünf, welche noch übrig sind, sagen, dass man Häuptlinge der Länder Kuschi, Terosis, Torao (sämmtlich Afrikaner), Robu und Maschausch (Asiaten) vor sich hat. Die vordere Seite der Mauer des linken Pylons ist mit einem ähnlichen Gemälde geziert, aber liier sind alle Gefangenen Asiaten. Auf der Beitenwand desselben Pylons führt Ramses, mit dem Helme bedeckt und den Pfeilköcher auf den Schultern. Haufen von Gefangnen vor Amunre, der zu ihm sagt: „Gehe hin! Bemächtige Dich der Länder, nimm ihre Festungen ein und schleppe ihre Häupter in die Knechtschaft.“ Ein wenig entfernter schildern die ganz mit kolossalen Basreliefs bedeckten Seiten der Mauern des ersten Palastpylons andere Grosstliaten des Herrschers. Auf der Mauer der linken Seite sieht man den Gott Ptha Bokaris, wie er dem Ramses dreizehn asiatische Reiche gibt, deren grösstentheils erhaltene Namen in den Vierecken verzeichnet sind, welche den gefesselten Völkern als Schilde dienen. Eine noch lesbare Inschrift lehrt, dass diese Eroberungen im zwölften Regierungsjahre dieses Pharao stattfanden. Auf dem rechten Mauerwerk gibt der Gott Amunre unter der Gestalt des sperberköpfigen Plire dem kriegerischen Ramses die Schlachtsichel, um neunundzwanzig Völker des Nordens und des Südens zu schlagen. Der Oberste der Götter richtet dabei eine lange Rede an den König, worin er Folgendes sagt: „Amunre hat gesprochen: Mein Bolm, mein geliebter Sprössling, Herr der Welt, Bonne, die über die Gerechtigkeit wacht, Freund des Amun, alle Gewalt auf der ganzen Erde gehört dir an. Die Völker des Nordens und des Südens sind unter deine Füsse gebeugt, ich übergebe dir die Herrscher der südlichen Länder, schleppe sie und im Gefolg ihre Kinder in die Gefangenschaft, verfüge über Alles in ihrem Lande. Die, welche sich unterworfen, lass am Leben, die aber, deren Herz gegen dich ist, strafe. Ich übergebe dir ebenso den Norden . . . das rothe Land (Arabien) liegt unter deinen Sandalen.“ Sehr verwischte Hieroglyphen sagen, dass diese Eroberungen in das elfte Regierungsjahr dieses Königs fallen. Der Pylon im Hintergründe des ersten Hofes verherrlicht, ebenfalls in kolossalen Basreliefs, die Triumphe des Ramses Meiamun in seinem neunten Regierungsjahre. Der König betritt, sein Haupt mit den Insignien des ältesten Sohnes Amuns geschmückt, den Tempel des Amunre und der Göttin Maut mit drei Reihen unbärtiger und Theben. U9 verschiedenartig gefesselter Gefangnen, die Schakalascha, Taonau und Purosato genannt werden und für Angehörige indischer Völkerschaften gelten. Die Seitenpfosten der Pforte ans rotliem Granit, welche die beiden Mauern des zweiten Pylons verbindet, sind mit Darstellungen der Anbetung des Arnunre und des Phtha geschmückt. Zwei Weihinschriften am Fuss bezeugen, dass Ramses Meiainnn diese Pforte seinem Vater Arnunre gewidmet, und dass die beiden Flügel so reich mit köstlichem Metall geschmückt gewesen, dass Amun selbst, als er sie gesehen, sich darüber gefreut habe. Im zweiten Hofe des Palastes entfaltet sich die pharaonische Grösse in ihrem vollen Glanze. Grosse ausgehauene und gefärbte Darstellungen lenken allenthalben die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich. Vier Steingemälde, welche die innere Seite des östlichen linken und einen Theil des südlichen Ganges bekleiden, stellen die Hanptscenen eines Kriegs gegen ein asiatisches Volk, welches Robu genannt wird, vor. Es sind Leute mit heller Gesichtsfarbe, Adlernase, langem Harte, einer grossen Tunika' und einem blau und weiss gestreiften Obergewamle - eine Tracht, welche ganz der der Assyrer und Meder entspricht, die auf den sogenannten babylonischen Cylindem abgobildet sind. Ersten Bild: Der auf einem dahinrollendeü Kriegswagen stehende ägyptische König ewie immer-ein Koloss gegen die andern Figuren) schiesst Pfeile ab gegen die in Unordnung fliehenden Feinde. Im Vordergründe sieht man ägyptische Unterfeldherren ebenfalls auf Wagen und ihre mit den Fekkaros, ihren Bundesgenossen vermengten Soldaten, wie sie die Robu niedermetzeln oder knebeln. Das Bild enthält ohne die Pferde über hundert ganze Figuren. Zweites Bihl: Die Anführer des ägyptischen Heeres führen vier Reihen Gefangene vor den König, der ein rothes Gesicht und rothe Hände hat und ein weisses rothgestreiftes Gewand und eine blaue Mütze trägt. Die den getödteten Robu abgeschnittenen rechten Hände und Zeugungsglieder werden von Schreiben gezählt und verzeichnet. Eine Inschrift sagt, dass man tausend Gefangne machte und dreitausend Hände, dreitausend Zeugungsglieder abschnitt. Der Pharao, zu dessen Füssen man diese 'Trophäen niederlogt, sitzt ruhig auf seinem Wagen, dessen Pferde von den Anführern gehalten werden, . und hält eine Rede an seine Krieger, in der er ihnen Glück zu ihrem Siege wünscht und sich selbst aufs Naivste mit Lobsprüchen überhäuft, i Drittes Bild: Der Sieger kehrt nach Aegypten zurück. Er : lenkt selbst mit der Peitsche in der Hand seine Pferde. Gefesselte Gefangene gehen vor seinem Wagen her. lieber seinem Haupte sind Sonnenschirme, von Anführern gehalten. Im Vordergründe marschirt in regelmässigen Abtheiiungen das ägyptische Heer. Viertes Bild: Ramses Meiamun zieht zu Fnss. mit drei Reihen Gefangenen hinter sich, in 'Theben ein und hält vor dem Tempel des ji Theben. 150 Amunre und der Maut eine Iiede an die Götter, die iluu höchst schmeichelhaft antworten. Neben diesen grossen Schlachtbildern findet mau andere von friedlicher Bedeutung. Gegenüber die rechte Seitenwand des Hofes hat in verschiedenen Reihen über einander vierundzwanzig grosse Basreliefs, welche den Krönungspomp darzustellen scheinen. Da erscheint König Ramses von seinen zwölf Söhnen auf einem reichgeschmückten Thron getragen unter Vorausmarsch einer Musik von Trompeten und Pauken, Doppelpfeilen und Klappern. Vor ihm gehen Priester her, die sich umwunden und Weihrauch verbrennen. Der Schreiber liest aus einer Rolle vor. Ein Gefolge von Officioren, welche die Stufen des Thrones tragen, und Leibwachen schliesseu den Zug. Weiterhin opfert und räuchert der abgestiegenc König vor der phal- lisclien Figur des Amun oder geht dieser Figur in einer Procession voraus. Es muss sich um die Krönung handeln, denn in der untersten Reihe trägt man auf einer langen Diele, die über die Schultern mehrerer Priester hinausreicht, die kleinen Figuren der Vorgänger des Königs im Reiche. Auf einer andern Tafel schneidet der König Weizenähren zum Opfer und Tauben fliegen auf, um den Göttern im Osten, Westen, Süden und Norden zu verkünden, dass König Ramses Mciamuu die Krone des obern und des untern Landes aufgesetzt hat Die nördliche Mauer endlich desselben Theils des Tempelpalastes ist mit Darstellungen bedeckt, welche schon allein ausreichen würden, uns die Hauptelemcnte der Kriegsverfassung Aegyptens und seiner Marine kennen zu lehren. Es sind zwei Feldzüge desselben Ramses, denen die Gegenstände entnommen sind. Der erste war wieder gegen die Robu und gegen die Maschausch gerichtet. Wir sehen auf der ersten Tafel das ägyptische Heer ausrücken, Trompeter und den Wagen voran, auf welchem die Sinnbilder des Gottes Amun liegen. Das zweite Bild zeigt ein blutiges Troffen. Die Maschausch ergreifen die Flucht und der König richtet mit seinen vier Prinzen ein furchtbares Blutbad unter ihnen au. Auf der folgenden Tafel bemerkt man Ramses Meiamun, wie er, auf einem Throne stehend, zu fünf Reihen Aegyptern spricht, die eine Menge Gefangene führen. Vor jode Heerosabtheilung stellte man das Verzeichniss der den Gefallenen abgeschnittenen Häncft und Zeugungsglieder auf, und die Inschrift gibt die Zahl der hei dieser Gelegenheit gewonnenen derartigen Trophäen auf 2536 an. Der zweite Feldzug ist ausführlicher geschildert. Er galt den ! Fekkaros und Schakalaschas und andern indischen Völkerschaften. Erstes Bild: Der König Ramses Meiamun redet in Friedenskleidung zu den vor ihm knieonden Hauptleuten der Kriegerkaste und den Trägern der Feldzeichen der verschiedenen Heeresabtheilungen. Die Soldaten stehen in der Ferne und hören die Rede ebenfalls an, j die sie zur Bestrafung der Feinde Aegyptens auffordert Die Führer | antworten darauf, indem sie der frühem Siege gedenken und ihre Ergebenheit gegen einen Fürsten ausspreclien, der den Befehlen Theben. 151 Amunre’s gehorcht. Trompeter blasen zu den Waffen, die Zeughäuser werden geöffnet und au die ohne Waffen herbeimarsehirenden Truppen Helme, Bogen, Köcher, Streitäxte und Lanzen vertheilt. Zweites Bild: Der König mit unbedecktem Haupte und geflochtenen Haaren rückt, die Zügel seines Gespanns haltend, gegen den Feind aus. Ein Theil des Heeres, aus Schwerbewaffneten bestehend, zieht in Schlachtordnung vor ihm her. Auf den Flügeln ziehen Botten von leichten Truppen hin, und Krieger auf den Streitwagen schliessen den Zug. Eine der Inschriften dieses Basreliefs vergleicht den König mit dem Sprössling des Mandu, wie er hingeht, um sich die ganze Erde zu unterwerfen, seine Fussgänger mit Stieren und seine Beiter und Wagen mit schnellen Sperbern. Drittes Bild: Die Niederlage der Fekkaros und ihrer Bundesgenossen. Die Aegypter schlagen sie allenthalben in die Flucht und Meiamun richtet mit seinen Wagen ein grosses Blutbad unter ihnen an. Einige feindliche Anführer, auf Wagen stehend, die von zwei Pferden oder vier Ochsen gezogen werden, leisten noch Widerstand. Ebenso werden mitten in dem Gedränge auf einem der Flügel mehrere von Ochsen gezogene und mit Frauen und Kindefn angefüllte Wagen von den Fekkaros noch vertlieidigt. Viertes Bild: Das ägyptische Heer zieht weiter durch ein von wilden Thiereil wimmelndes Land. Auf dem einen Flügel hat der von zwei Löwen angegriffene König den einen niedergestreckt und kämpft eben gegen den andern. Fünftes Bild: Der König trifft mit seinen Soldaten in dem Augenblicke am Meeresufer ein, in welchem seine Flotte mit den Schiffen der Fekkaros und ihrer an den mit zwei Hörnern geschmückten Helmen erkennbaren Bundesgenossen, den Scbairotanas handgemein geworden ist. Die ägyptischen Schiffe manövriren mit Segel und Buder zugleich. Der Vordertlieil ist mit einem Löwenkopf geziert, Bogenschützen stehen in den Mastkörben. Schon versinkt ein Schiff der Fekkaros, und die verbündete Flotte ist zwischen der ägyptischen und dem Ufer eingeschlossen, von dem herab König Bamses und sein Fussvolk einen Hagel von Pfeilen auf sie herabregnen lassen. Nicht weit von dem Pharao steht sein Kriegswagen. Dieses grosse Basrelief enthält mehrere hundert Figuren. Sechstes Büch Das Ufer ist mit ägyptischen Kriegern bedeckt, welche verschiedene Haufen von Gefangenen führen. Sie richten sich gegen den mit einem Thcile seines Heeres die Festung Mogadiro belagernden König. Hier werden die abgehauenen Hände gezählt, und der Pharao hält von einer Bühne, auf welcher er seinen linken Arm auf ein Polster stützt, eine Bede an seine Söhne und die Oberanführer der Truppen, die mit den Worten scliliesst: „Araunre war zu meiner Bechten und zu meiner Linken. Sein Geist hat meine Entschlüsse mir eingegeben. Amunre selbst hat den Untergang meiner Feinde bereitet und die ganze Welt unter meine Füsse gegeben “ Die Angeredeten antworten dem Pharao, dass er eine zur Unterwerfung aller Völker Theben. 152 berufene Sonne sei und dass Aegypten sich des durch seinen Arm errungenen Sieges höchlich freue. Siebentes Bild . Der siegreiche König Kamses Maiamun kehrt von seinem Doppelt'eldguge nach Theben zurück. Man sieht die vornehmsten Anführer der Besiegten durch ihn vor den Tempel der grossen Göttertrias von Theben, Amunre, Maut und Konso führen. Der Text der von den verschiedenen Personen dieser Darstellung gehaltenen Beden besteht nocli grossentheils und hier folgt davon eine Ucber- setzung: „Worte der Häuptlinge des Landes Fekkaro und des Landes Robu, die in der Gewalt des mächtigen Herrschers sind, und den wohl- thätigen Gott, den Herrn der Welt, die Sonne, welche über die Gerechtigkeit wacht, den Freund Amuns lobpreisen: Deine Wachsamkeit hat keine Grenzen. Du herrschest wie eine mächtige Sonne über Aegypten, gross ist deine Stärke. Dein Muth gleicht dem des Greifen. Unser Odem gehört Dir, sowie unser Leben, welches für immer in Deiner Macht ist.“ „Worte des Königs, Herrn der Welt u. s. w. an seinen Vater Amunre, den König der Götter: Du hast es mir befohlen, ich habe die Barbaren verfolgt und alle Theile der Erde bekämpft, die Welt hat still gestanden vor mir.... Mein Arm hat die Herren der Erde bezwungen, dem Befehle gemäss, der aus Deinem Munde kam.' 1 „Worte des Amunre, des Herrn des Himmels, des Lenkers der Götter: Heil Deiner Rückkehr! Du hast die neuu Bogen (die Barbaren) verfolgt, Du hast alle Führer vernichtet, Du hast die Fremdlinge in’s Herz getroffen und den Atliem aller derer freigemacht, die. Mein Mund billigt Deine Thatcn.“ Diese Steingemälde schildern die Hauptereignisse der beiden Feldzüge des ägyptischen Eroberers im elften Jahre seiner Regierung. Sie gehen bis zum zweiten Pylon des Palastes, von welchem aus bis zum ersten sich nicht weniger Sculpturen befinden, von denen aber mehrere unter Trümmern verschüttet liegen. Man kann die beiden einem dritten Feldzuge des Königs Ramses Meiamun gegen asiatische Völkerschaften angehörenden Basrelief noch unterscheiden; allein die Inschriften sind fast völlig zerstört. Das eine stellt den Eroberer dar, wie er zu Fuss kämpfend und von einem grossen Schilde gedeckt die Feinde gegen eine hoch gelegene Festung treibt. Auf dem andern zermalmt derselbe an der Spitze seiner Kriegswagen die Gegner vor einem andern festen Platze, den ein Tlieil seines Heeres bestürmt. Soldaten fällen Bäume zu Sturmleitern und nahen sich beschirmt den Gräben, andere, die sie überschritten, versuchen die Thore mit Aexten einzuschlagen, wieder andere endlich haben Leitern angelegt und erklimmen mit den Schilden auf dem Rücken die Mauern. . Auf der andern Seite des Pylons erblickt man endlich ein Steinbild, das sich auf einen Feldzug gegen das grosse auch anderwärts in Theben erwähnte Volk der Cheto (Skythen V) bezieht. Der König steht auf seinem Wagen, nimmt einen Pfeil aus seinem Köcher uml Theben. 153 versendet ihn gegen eine von den Barbaren besetzte Festung. Das ägyptische Heer und die um den König befindlichen Anführer stehen hinter ihm in vier Parallelreihen. Den zweiten Tag beginne man mit einem Besuch der Königsgrüfte im Biban el Moluk und lasse dann die Priestergräber folgen. Die Königsgrüfte befinden sich in einem hinter Kurna beginnenden Thale, welches von den Arabern Bah oder Biban el Moluk, d. i. das Thor der Könige genannt wird. Die Wahl dieses Ortes zu einer Begräbnissstadt muss eine sehr glückliche genannt werden; es ist ein dürres, bäum- und strauchloses Wüstenthal, von steilen Felsen oder in voller Verwitterung begriffenen Bergen oingeschlossen, die fast alle weite Spalten und Bisse haben. Ihre Spitzen sehen wie verbrannt aus, kein Thier, ausser dem Schakal, lässt seine Stimme in dein öden Grunde hören. Wir schildern von den Grüften, deren bis jetzt gegen 20 aufgefunden sind, und welche sämmtlich die Form von in die Bergwand getriebenen Stollen haben, im Folgenden nur die ausführlicher, welche die interessantesten sind und deshalb von allen Beisenden besucht zu werden verdienen, und bemerken nur noch, dass man sich zu diesem Ausfluge mit Kerzen oder Fackeln zu versehen hat. Material zur Anzündung eines Feuers in den beiden berühmtesten pflegt der Führer zu besorgen. Wir steigen zunächst in das von Belzoni zuerst geöffnete Grab, welches mit Nr. 17 bezeichnet ist und den Leichnam des Königs Sethos, des Vaters des Sesostris enthielt. Es ist sehr gut erhalten und reich an Sculpturen wie kein anderes. Durch einen geneigten Gang und eine steile Felsentreppe steigt man in eine von 4 Pfeilern gestützte, mit prächtigen Bildwerken geschmückte Kammer hinab, an deren linker Seitenwand eine zweite Treppe weiter in die Tiefe hinah- fiihrt. Man behalte dieselbe wohl im Gedächtniss, da man, indem sie kein Geländer hat, hier leicht Schaden nehmen kann. In gleicher Dichtung mit der Treppe, aber auf einem Boden mit jener Vierpfeilerkammer liegt ein Gemach mit zwei Pfeilern. Folgen wir der zweiten Treppe, so kommen wir durch weitere geneigte Gänge in eine von sechs Pfeilern getragene Kammer, an welche sich endlich der hohe gewölbt geschnittene Saal anschliesst, in dem früher der Alabastersarkophag des Königs stand. Treppen, die jetzt verfallen sind, führten im Boden unter dem Sarkophag noch ins Unbestimmte weiter. Die totale horizontale Länge dieser Katakomben beträgt 320 F uss und ihre perpendiculare Tiefe 90 Fnss. Sculpuren. Die im ersten Gange bestehen aus Hieroglyphenlinien, die sich auf den König Sethos (Osirei), „den Liebling des Pthah“ beziehen. Auf den Wänden der Treppe, welche auf den Gang folgt, sind auf der einen Seite 37 auf der andern 39 Genien von verschiedenen Formen dargesteilt, von denen einer Ströme von Thränen Theben 154 vorgiesst und das Wort „Bimi“ (Klage) in Hieroglyphen über sich hat. Im nächsten Gange bemerkt man unter Andern! die Boote Knephs und ■ am untern Ende die Göttin der Gerechtigkeit. In der kleinen Kammer über dem Schachte opfert der König verschiedenen Göttern, dem Osiris, ' der Hator, dem Horus, der Isis und dem Anubis. Auf den Pfeilern der ersten Halle wird der Monarch von mell- : reren Göttern empfangen. Interessanter ist eine Procession von vier verschiedenen Menschenklassen, vier und vier, die erste rotli, die zweite weiss, die dritte schwarz und die vierte wieder weiss, gefolgt von Be, der Sonne. Die vier rothen Figuren sind Aegypter, die nächsten Vier haben blaue Augen, lange buschige Bärte und kurze Böcke und scheinen eine nördliche Kation zu sein, die schwarzen sind Keger, und die vier letzten, welche ebenfalls von weisser Farbe sind, auch blaue Augen haben, Federn in den Haaren, Spitzbärte und lange fliegende Gewänder tragen, mögen östliche Völker darstellen, so dass man das Ganze j als eine Darstellung der verschiedenen Bacen der Menschheit auffassen ; kann. Auf der letzten Mauer dieser Halle ist eine Gruppe, die sowohl i durch die Eleganz ihrer Zeichnung als durch die wohlerhaltenen Farben | auffällt, und die Einführung des Königs bei Osiris und Hatlior schil- \ dert. Der Einführende ist Horus. Sehr interessant sind die Bilder - der nächsten Kammer. Dieselben sind unvollendet, die Gegenstände nur in rother Kreide skizzirt. Einige zeigen die leichten und unsichern Linien einer Schülerhand und darüber sieht man die kühnen und raschen Correcturen des Meisters. Viele der Figuren sind merk-würdig durch die Kraft und Feinheit ihrer Contour. Die Gegenstände in dem folgenden Gange beziehen sich meist auf Begräbnissceremonien. In dem viereckigen Gemache dahinter sieht j man den König in Gesellschaft der Götter Hatlior, Horus, Anubis, ' Isis, Osiris, Nofri, Atmu uud Ptliali. Das Grabgewölbe, wo Belzoni den Alabastersarg des Königs fand, ist eine 30 Fuss lange, fast 20 Fuss breite und ebenso hohe Halle mit massiven Pfeilern, die auf der einen Seite einen Corridor bilden. Bei dem Feuer, welches der Führer hier anzünden lässt, bemerkt man ' zahlreiche Figuren, welche sich auf die verschiedenen Daseinszustände, ; die der Verstorbene nach dem Tode zu durchlaufen hatte, auf die [ Tliaten desselben während seines Lebens und auf Misterieu der 1 ägyptischen Beligion beziehen, und von denen sich namentlich die weissen Gestalten auf der dunkelblau gefärbten Decke wirksam auszeichnen. Die Pfeiler sind sehr zerstört und zwar durch Lepsius, der mehrere ihrer Bilder nach Berlin entführte. ! Nach diesem Grabe das Interessanteste ist das von Bruce entdeckte am Eingänge mit Nr. 11 bezeichnet. Es erstreckt sich 405 Fuss j in das Gestein hinein und diente dem König Eamses III. zur Buhe- ’ statte Der gerade, allmählig abfallende Stollen, der hinabführt, bricht nach den ersten 130 Fuss plötzlich ab, wendet sich (um das benachbarte Grab zu vermeiden) nach rechts und setzt dann die alte Dichtung fort. Er hat zur Seite eine Anzahl kleiner Kammern und Nischen, Theben. 155 offenbar für Mumien. Der Sarkophagsaal sammt seiner in Bogeuform J geschnittenen Decke ist an der Seite von Pfeilern getragen. Sein j Granitsarg ist nach Paris, der Deckel nach England gewandert. Hinter < ihm folgen noch andere Gemächer, deren letztes, als Gemach der Be- | gräbnissfeier mit Bänken aus demselben Pels gesäumt ist. i Sculpturen und Wandgemälde. Treten wir zunächst in die j Nebenkammern des ersten Ganges, von denen auf jeder Seite sich vier j befinden, und betrachten wir mit der Kerze in der Hand die bemalten Wände. Sie Tverfen das hellste Licht auf das Leben des ägyptischen 1 Volkes und besonders auf den Hofhalt seiner Könige. In der ersten i Kammer links ist die Hofküche. Man sieht Ochsen schlachten und die I Stücke in Kessel stecken, welche auf einem Dreifuss über dem Feuer I stehen. Ein Diener stösst etwas in einem Mörser. Zwei andere kneten Brotteig mit den Füssen. Wieder andere kochen Fleisch, Pastete und Suppe von Linsen, die in Körben neben ihnen stehen. Noch andere endlich schieben einen mit schwarzen Körnchen bestreuten Kuchen in den Ofen. In der Kammer gegenüber sind die Barken des Fürsten abgebildet. Sie sind reich bemalt und mit Ornamenten beladen, und bei denen in der untern Beilie sind Mast und Eaa über die Kajüte gelegt. Das nächste Gemach rechts ist mit Abbildungen von Waffen geschmückt. Man erblickt Messer, Helme, Speere, krumme und gerade Dolche, Köcher, Bogen, Pfeile, Streitäxte, Panzerhemden und Standar- den. Hechts und links von der Thür ist eine schwarze Kuh mit dem Kopfputz der Hathor. Die blaue Farbe einiger von den Waffen scheint zu beweisen, dass die Aegypter den Gebrauch des Eisens gekannt haben. Dann folgt eine Kammer mit allerlei Fresken, welche Möbel vorstellen. Dieselben zeugen von hohem Geschmack, sind auf das Beichste mit Schnitzwerk verziert und haben die schönsten Muster. Man sieht Lehnstühle, Sofas, Vasen von Thon und Porzellan, Kessel, Leopardenfelldecken, Becken und Krüge und Körbe von höchst amnu- thiger Form. Das nächste Gemach enthält allerhand Sceneu des Landbaues, das folgende verschiedene Bilder des Gottes Osiris. Die zweite Kammer links zeigt nur Embleme uud Götterbilder, die nächste einige Erzeugnisse Aegyptens: Gänse, Wachteln, Eier, Apfelsinen, Trauben und andere Früchte. Die Hauptfiguren endlich in der letzten sind zwei greise Harfenspieler in rveiten Gewändern, die auf grossen, vielsaitigen Harfen von sehr eleganter Form vor dem Gotte Ao spielen. Jede dieser Kammern enthielt eine Mumiengrube, und man darf daraus schliesseu, dass hier die obersten Dienstleute des Königs, sein Mundkoch, sein Waffenträger, sein Hausmeister, sein Barkenführer und sein Kapellmeister beigesotzt waren. Die Gegenstände in dem Gange, der auf die Ausbeuguug nach rechts folgt, gleichen denen in Nr. 17 und beziehen sich auf die Hinabfahrt des Verstorbenen in die Unterwlt. Die Pfeiler der grossen Halle stellen den Monarchen dar, wie er nach seinem Tode unter die Götter aufgenommen wird. Die Geschmacklosigkeit des Colorits derselben stört die ernste Wirkung des Gemäldes nicht, und eine Isis mit blauem Theben. 156 Gesicht, deren schwarzer Augapfel aus einer glänzend weissen Höhle starrt, ist kaum weniger eindrucksvoll als dieselbe Figur in Sandstein oder Granit gehauen. Nr. 9 wurde von den Körnern das Grab Meinnons genannt, weshalb, weiss man nicht. Es ist vielmehr die Gruft Ramses des Fünften. Zu den schönsten dieser Grüfte gehörig und schon im Alterthume offen, war es vielfach besucht von griechischen und römischen Rei- senden, die ihre Bewunderung durch Inschriften an den Wänden ausdrückten. Nur einer, wahrscheinlich blasirt und dem Grundsätze des Nil adinirari zugethan, schrieb an die Wand: liraoavios icrropyjoa o-mvi os s8a-.ju.aaa rj irr) rov XiOov, d. i. Epiphanios fand nichts zu bewundern, als den Stein, d. h. den Sarkophag von Granit, der jetzt in der gewölbten, zur Seite mit Pfeilern gestützten Haupthalle zu hinterst in der 342 Fuss langen und 24 */„ Fuss tiefen, sehr regelmässigen Grabanlage in Trümmern liegt. Wände und Decken sind mit einem Seelengericht (siehe Seite 34) und zahllosen andern Figuren, meist Bildern aus den Gefilden der Seligen und dem Orte der Verdammten bedeckt. Man sieht die einen die Götter verehren, Früchte von himmlischen Bäumen brechen, in himmlischen Wassern baden und jubeln. Noch reicher ist die Sammlung von Höllenbildern. Die Verdammten schreiten ohne Kopf dahin, schleppen ihr Herz hinter sich her. sind an den Füssen aufgehängt, werden in grossen Kesseln gesotten, letzteres theils in menschlicher Gestalt, theils als Seelenbilder, d. h. als Vogelleib mit dem Menschenkopf, aber immer schwarz. Das Ganzeistangereiht an den Lauf des Sonnengottes, der mit seiner aufsteigenden Barke bei Tag in den obern Räumen die Wohnorte der Seligen durchzieht, bei Nacht auf seiner Rückkehr durch die Unterwelt die Schrecken der Verdammten schaut. Nr. 8 ist das Grab Pthamens des Sohnes von Ramses II. Im ersten Gange links ist eine Gruppe, welche sehr kunstvoll gearbeitet ist und den Monarchen neben dem Gotte Re vorstellt. Die übrigen Sculp- turen haben sehr durch Feuchtigkeit gelitten. In Nr. 6 lag Ramses VII. begraben. Die Länge des Grabes beträgt 24:3 Fuss. Von den Öeulpturen sind zu nennen: die im dritten Gange, welche ein eigenthümliches Bild des Zeugungsprincips darstellen. das Porträt des Königs, welches sich wesentlich von den gewöhnlichen ägyptischen Schablouengesichtern unterscheidet und (auf der innern Wand der letzten Kammer) die Gestalt des Kindes Harpo- krates auf einer beflügelten Kugel. Das letztere dürfte, da es sich über den Sarkophag, die Todtenwohnung, hinaus befand, sich auf die wohl- bekannte Idee beziehen, dass auf die Auflösung Wiedergeburt zum Leben folgt. Nr. 1 Cdas Grab von Ramses IX.), Nr. 3, Nr. 4 (wo Ramses VIII. lag), Nr. 7 und Nr. 13 verdienen keinen Besuch. Dagegen mag man in Nr. 2 hinabsteigen, welches einen noch wohl erhaltenen Steinsarkophag zeigt, der eine Länge von 11eine Breite von 7 und eine Höhe von 9 Fuss hat. Theben. 157 Von den Übrigen Gräbern kann man noch Nr. 14 in Augenschein nehmen. Es ist das Grab des Königs Phfah Se Phtah, welcher für seine Gemahlin Taosiri regiert zu haben scheint, die hier mehrmals bald allein, bald in Gesellschaft ihres Gemahls opfernd auftritt. Es wurde später von Osirei II. und dessen Nachfolger eingenommen, dessen Name wiederholt auf dem Stuck vorkommt, welcher die frühem Sculpturen bedeckt, und der auch auf dem Granitsarkophag der grossen Halle zu sehen ist. Der letztere ist zerbrochen. Der Deckel, auf dem sich die Figur des Königs in Belief befindet, hat die Form eines königlichen Namensovals Die Länge des Grabes beträgt 363 Fuss, und es gehört zu den unvollendeten. In den Gängen hinter der Treppe bezieht sich der Bilderschmuck auf Todtenfeierlichkeiten. und in der linken Seitenkammer bemerkt man neben einer Bahre die Gestalt des Anubis und darunter die Vasen der vier Genien. In der ersten grossen gewölbten Halle finden sieb unter dem Simse, der um den untern Tlieil läuft, verschiedene ägyptische Geräthschaften: Metallspiegel, Kasten, Stühle von sehr schmucker Form, Vasen, Fächer, Waffen und Halsbänder. Die Gegenstände in den folgenden Gängen sind denen in der unvollendeten Halle von Nr. 17 sehr ähnlich und meist in einem guten Styl gehalten. Von den vier Gräbern im westlichen Thale genüge es zu bemerken, dass sie für Könige aus der Familie Atinre Baklian errichtet wurden, und dass das grösste unter ihnen, 352 Fuss lang, wahrscheinlich den Leichnam Amunophs III., des Königs der Memnonskolosse, enthielt und somit eine der ältesten Grüfte dieser unterirdischen Todtenstadt war. Die i’riestergriiber «les Assasif und andere Fclseugrüfte. Die Hügel westlich vom Memuonium sind voll von Felsengräbern, ebenso die in der Umgebung von Kurna. Die interessantesten sind die des sogenannten Assasifthales, in welches man von dem Thale der Königsgräber auf einem Felsensteige gelangt, der ungefähr eine Stunde lang ist. Sie stammen aus der Zeit der 26. Dynastie (dem siebenten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) und zeichnen sich sowohl durch ihre Ausdehnung als durch die Fülle von Sculpturen und Materialien aus, mit denen sie geschmückt sind. Das grösste derselben und zugleich das grösste aller Gräber Thebens ist das im nördlichen Assasifthale gelegene, welches dem Priester Petamuuap gehörte. Seine Gänge und Kammern erstrecken sich nicht weniger-als 862 Fuss in den Berg hinein, und es ist liier eine Fläche von 23,809 Quadratfuss ausgehöhlt worden. Man versehe sich, wenn man dasselbe besucht, mit einer Laterne oder mit Feuerzeug, um die Kerzen wieder anzünden zu können, falls dieselben (was häufig geschieht) von den hier sehr zahlreichen Fledermäusen ausgelöscht werden sollten. Man steigt zuerst in einen 103 Fuss langen und 76 Fuss breiten, in den Fels geschnittenen Hof hinab. Eine Thür führt | 158 Theben. in den zweiten kleinem Hof, der auf jeder Seite Pfeiler hat, hinter denen zwei geschlossene Corridore sind. Weiterhin folgen ähnliche Pfeilersäle, bald gross bald klein, bis ein Gang nach rechts von Treppe zu Treppe in ein Gemach bringt, aus dem sich ein Schacht in die Tiefe senkt. Wenden wir uns in die Thür oberhalb der Treppe rechts, so gelangen wir in eine zweite Richtung und bald in eine dritte, gleichfalls im rechten Winkel ansetzende, die uns abermals in einen Schacht führt. Wer sich in diesen hinablassen will, der kommt in ein Gemach hinab, aus dessen Boden wieder ein Schacht in ein noch tieferes Gemach hinuntergeht, und am hinteren Ende dieses tiefsten öffnet sich hoch oben unter der Becke der Zugang zu einem allerletzten, den mit acht Nischen versehenen Sarkophagsaal. Schreiten wir aber an der Mündung des obern Schachtes vorbei, so gelangen wir in einen Raum, wo der vierseitige Gang eine Felsmasse losscheidet, die durch architektonische Decoration selbst wie ein Sarkophag behandelt ist. Genau darunter befindet sich jener wirkliche Sarkophagsaal. Alle diese verschiedenen Räume sind mit unendlicher Sculptur bedeckt. Indem wir nun zu den andern interessanteren Grüften übergehen, schildern wir zunächst eines der sehenswertheren, von denen von Kurnet Murrai. Es gehört dem König Amun Toonh an. Hier sieht man ihn auf seinem Thron unter einem reichdecorirten Baldachin sitzen. Hinter ihm steht ein Diener, der einen Fächer und den Scepter des Fürsten hält. Eine Procession naht sich in vier Reihen. In der ersten gehen Aegyptor aus. der Priester- und Kriegerkaste, mehrere Frauen und verschiedene junge Leute, welche Blumensträusse und Baumzweige tragen. Vor ihnen geht ein Schreiber her, welcher den Titel eines Königsohns und Fürsten von Kusch (Aethiopien) führt. In der zweiten Reihe bringen schwarze Häuptlinge von Kusch Geschenke: Goldene Ringe, Häute, Federschirme, einen Ochsen, der auf seinen Hörnern einen kleinen Garten und einen Fischteich trägt. Einige werfen sich dem ägyptischen Monarchen zu Füssen. Die dritte Linie ist eine Fortsetzung dieser Geschenke: Säcke voll Edelsteine und Goldstaub, Ka- meloparden, Pantherfelle und langhörnige Rinder, deren Köpfe seltsam mit Negerköpfen und Negerhänden geschmückt sind. In der obern Reihe erscheint in einer von Ochsen gezogenen Karosse die Königin mit andern Gaben: einem Wagen, Schilden mit Ochsenköpfen, Stühlen, Betten u. a. Hinter ihr kommen Neger in Felle gekleidet und Weiber, welche auf ihrem Rücken Körbe mit Kindern tragen. In einem andern, leider sehr zerstörten Grabe dieser Gegend ist eine Jagd dargestellt, die bewundernswürdig gut gezeichnete Thiere zeigt. Ein Fuchs, ein Hase, Gazellen, Antilopen, Strausse und wilde Ochsen fliehen vor den Hunden, und das Stachelschwein und die Hyäne ziehen sich nach dem Gebirge zurück. Eine weibliche Hyäne bleibt zurück und erhebt sich, um ihre Jungen zu vertheidigen. Der Jäger folgt den Hunden und schnellt seine befiederten Rohrpfeile auf die fliehenden Thiere ab. Theben. 159 Von den Grüften in dem Berge Schech Abd el Kurna unmittelbar hinter dem Memnonium sind namentlich Nr. 14, Nr. IG und Nr. 35 sehenswerth. Nr. 14 ist sehr zerstört, aber dadurch merkwürdig, dass es das einzige Grab ist, wo eine Herde Schweine dargestellt ist. Dieselben werden von einem Manne mit einer Knotenpeitsche getrieben, und man sieht durch das Unkraut vor ihnen die Mittheilung Herodots bestätigt, nach welcher diese Thiere benutzt wurden, nach der Ueberschwemmung das Saatkorn einzutreten. Man meint nämlich, die Aegypter haben sie zuvor über die Felder getrieben, um dieselben von den Wurzeln und Fasern des Unkrauts zu reinigen, welches nach der Ueberschwemmung aufgesprosst sei. Sie werden hier mit dem übrigen Vieh des Gutes herzugebracht, um von den Schreibern aufgezeichnet zu werden, welche wie üblich den Besitzstand des Verstorbenen aufnotiren. Nr. 16 ist interessant wegen seiner chronologischen Angaben und andererseits wegen seiner Wandgemälde. Hier nämlich bestätigen die Namen von vier Pharaonen, von Thothmes III. bis Arnunopl: III. hinreichend die Aufeinanderfolge derselben, wie sie die obenerwähnte i Tafel von Abydos enthält. In dem innern Gemach unterzieht sich der Bewohner der Gruft, ein Basilikogrammat oder königlicher Schreiber dem seiner Aufnahme bei Osiris gebräuchlicher Weise vorausgehenden Todtengericht. Dann folgt eine lange Procession in vier Reihen. Man sieht die klagenden Weiber und den von vier Ochsen auf einem Schlitten gezogenen Baris oder Sarg des Verstorbenen. In der zweiten Linie bemerkt man Männer mit verschiedenen dem König Amunoph gehörenden Insignien, in der dritten allerlei Opfergaben, Stühle, einen Wagen u. a., in der letzten endlich einen Priester, dem die hauptsächlichsten Leidtragenden und Boote folgen, in welchen der Basilikogrammat und seine Schwester sitzen. Auf der gegenüber befindlichen Wand befindet sich eine Vogeljagd und eine Scene aus dem Fischerleben. Die im Boote aufgehängten getrockneten Fische zeigen die Richtigkeit der Bemerkung Diodors, dass Fische ein Hauptnahrungsmittel der Aegypter gewesen. Sehenswerth sind ferner die Fresken der äussern Kammer. Man sieht eine Gesellschaft im Hause des königlichen Schreibers, welcher neben seiner Mutter sitzend, die jugendliche Tochter seines Fürsten auf dem Knie hat. Frauen tanzen nach dem Klange der ägyptischen Citlier oder stellen vor den Hausherrn Vasen mit köstlichen Salben. Die Gäste werden von Sclaven mit Wein bedient, nachdem ihnen zum Willkommen Salbe auf das Haupt gegossen worden ist- Auf dem untern Theile des Bildes sitzt mit gekreuzten Beinen ein Musikant, der eine siebensaitige Harfe spielt, und ein Chor von Sängern trägt ein Lied vor, welches in Hieroglyphen beigeschrieben ist und sich auf Aniun und den Verstorbenen bezieht. Es beginnt mit den Worten: .Weihrauch, Trankspenden und Opfer von Ochsen,“ und endigt mit einer Ansprache an den Basilikogrammat. Daneben wird ein Stier geschlachtet. Diener enthäuten ilm, zerlegen ihn kunstgerecht und schaffen die Theben. • • •• mm im •• •• sr f •• sS2 • •••• iü: ••••••• ••••••••• • Ml««««« Plan des Temoeloalastes von Karnak. 1. Reste der Umfassungsmauer. 2. Palast Thotliines des Dritten. .1. Der Tempel, i. Tempelvorhof. r>. Grosser Saulensaal. C. Vorderster Hof. 7. Kleiner Seitentempel. Th Theben. 165 liegt der Palast Thothmes III. querüber, wie ein halbversunkener Dreidecker mit der schwarzen offenen Beilie seiner Stückpforten.“ Dieser grosse Tempel also machte Front nach Westen oder vielmehr Nordwesten, wo der Strom fliesst, und wohin von einer Terrasse aus gleichfalls eine Allee von Widdersphinxen führte. Er stand wahrscheinlich in Verbindung mit einer andern Strasse von Sphinxen, die auf dem Westufer in das Assasiftlial und nach einem später zu erwähnenden Tempel des Königs Thothmcs III. führte, der auch hier in Karnak die ältesten Tempeltheile gegründet hat. Die Langseite des grossen Tempels lag nach Süden, d. h. nach Luxor hin. Von deren Mitte aus schiebt er vier freistehende Pylonsysleme, eines hinter dem andern gegen und in den südlichen, dort noch erhaltenen Aussemvall seines Gebietes vor. Sie stehen malerisch zwischen Palmen, bald zerfallen, bald mit scharfen Kanten. Dann führt eine Sphinxallee, fast parallel mit der, welche uns von Luxor nach dem grossen Portal brachte, weiter, wendet jedoch, nachdem sie den Eingang in ein südliches, unabhängig umschanztes Tempelgebiet berührt hat, in einem scharfen Winkel in die von Luxor kommende Hauptstrasse, von welcher die nach jenem grossen Portal und dem dahinter gelegenen Tempel nur ein Zweig ist. Durch letzteren Tempel, der in das wesentlich viereckige Tempelgebiet von Karnak hineinreicht und dem Mondgotte geweiht war, schreiten wir hindurch, um vor die grosse westliche Front des Haupttempels zu treten. Diese Front hatte den grössten Pharao zu ihrem Erbauer — Ramses II., Sesosiris. Eine 60 Fuss hohe Pforte öffnet sich zwischen den jetzt noch 134 Fuss hohen, aus gewaltigen Blöcken zusammengeschichteten Flügelmassen. Sie haben ihre Bekrönung verloren, sind noch rauh und ungeglättet, ohne allen Sculptur- und Hieroglyphenschmuck, oben aber sind ihre Mauern über ihre ganze Breite hin durchbohrt, um die Balken anbringen zu können, an denen die Flaggenstangen befestigt wurden, welche gewöhnlich vor solchen Pylonen standen. Durch das Portal treten wir in den Vorhof, der mit vielem Schutt angefüllt, aber rechts und links noch durch Säulengänge gesäumt ist. Er hat eine Tiefe von 275 und eine Breite von 329 Fuss. In die Reihe zur Rechten, gegen ihr jenseitiges Ende tritt die wohl- crhaltene Pylonfront eines später hinzu gekommenen Tempels. Lassen wir ihn, um an der einen Kolossalsäule emporzublicken, die allein noch steht von einer freien Doppelreihe, welche einst mitten durch die zweite Hälfte dieses Vorhofs ging. Die andern liegen, in die einzelnen Blöcke, aus denen sie zusammengesetzt waren, zerfallen, wie Schichten gewaltiger Mühlsteine um sie herum. Ihre Kapitaler hatten die Kelchform. Wir sehen von hier in die Tiefe eines mächtigen Säulensaals hinein, wo sie noch stolz in geschlossenen Gliedern stehen. Die Pylonflügel, welche auch diesen Säulensaal gegen den Vorhof hin decken, sind grossentheils zusammengestürzt, zwei ungeheure Quaderhügel zur Rechten und zur Linken. In der Mitte stehen die Reste des hohen Portals mit einem Vorgemach von sculpturgesehmückten Riesenpfeilern. 166 Theben. Gleichsam als Wächter sass einst davor ein kolossales Steinbild — jetzt nur noch ein Stumpf mit einem Paar gewaltiger Beine auf einem Piedestal. Es ist der Torso vom König Eamses. Im Saale selbst nimmt uns die Doppelreihe jener Säulen auf. welche — ohne Kapital und Fussgestell 66 Fuss hoch und 12 Puss Durchmesser habend — die grössten der Welt sind. Mit dem breiten Kelch ihres Kapitals erscheinen sie wie Riesenpilze, die sich lichtbraun vom blauen Himmel abheben. Die Tellerweiten ihrer Kapitaler berühren sich oben fast, eine jede von 22 Schuh Durchmesser. Steinbalken von mehr als 40 Fuss Länge gehörten dazu, um den ganzen Gang querüber von Würfel zu Würfel zu überspannen. Diese Würfel sitzen wie immer in Mitten der Tellerweite und tragen jenes Steingebälk; denn der Kelchrand der Säulen selbst wurde nie belastet. Demungeaclitet waren jene Steinbalken zu schwer, sind zum Tlieil herabgefallen und haben die Kelche verstümmelt. Wie im Rameseum drüben wird die kolossale Doppelreihe von Säulen in der Mitte zu beiden Seiten von einer regelrechten Pflanzung weniger riesenhafter Säulen begleitet. Die letzteren sind 122 an der Zahl, haben 41'/, Fuss Höhe und einen Umfang von 27‘/ 2 Fuss und sind in sieben Reihen auf jeder Seite der Mittelreihe vertheilt. Auch diese mit dem Knospenknauf sind leicht wie Pilze; denn wo eine umgesunken ist mit ihrem Steingebälk in der Allee, da lehnt sie ohne zerbrochen zu sein an der Nachbarreihe. Um dem hohem Mittelgang gleichzukommen, muss das nächste Glied rechts uud links über Architrav und Hohlgesims den hohen Pfeiler einer Fensterwand setzen. Von der Höhe dieser Fensterwand erst, die durch Steinstäbe gitterförmig geschlossen ist, spannten die Steinbalken der Decke auf die Mittelreihe herüber und über sie hinweg und bildeten das höhere Mittelschiff, das eben durch beide Fensterwände erleuchtet wurde. Die 122 Säulen der Seitenreihen trugen das tiefere Dach der beiden Flügel. Man kann ohne Mühe nach verschiedenen Punkten hinauf, um in diesen Wald gigantischer Säulenschäfte hinabzuschauen. Er war, wie zahlreiche Spuren zeigen, reich an Farben, aber nicht überladen, Roth und Blau auf weissem oder lichtblauem Grunde. Es ist die bemalte Sculptur auf der Rundung der Säulen, Opferscenen vor dem Gotte Amun, Kreise von Königsnameuscliildem, Hieroglyphen an den Steinen der Decke. Keine Handbreit in diesem mächtigen Saale ist leer, Alles ist mit Sculptur tättowirt. Wer war wohl der letzte Pharao, der hier zu Gericht sass ? Und wer der letzte, der über die Feinde des Reichs triumphirend hier seinen Einzug hielt? Wir wissen keine Antwort, wissen nur zu staunen über das Bild, das dieser ungeheure Bau einst geboten haben muss. Jetzt aber schaut der Schakal aus seinem Loch im Schutt und sitzt die Eule droben auf dem Hieroglyphenstein. Es scheint wünschenswert}!, hier etwas ausführlicher auf den Styl der Säulen einzugehen und so flechten wir die Bemerkungen Brauns über diesen Gegenstand wörtlich ein: Theben. Ui 7 ,Wir haben gesagt, die doppelte Mittelreilie der Säulen habe die weite Kelchfonn als Kapital. Jede Erinnerung an ein Pflanzengebilde ist indess verloren bis auf den alten Gurt der fünf Heftbänder unmittelbar unter dem Kelch und bis auf den äussern Schmuck dieses vollkommen runden Kelchkessels — einen Schmuck, der in der Andeutung breiter Kelchblätter und feiner sich daraus erhebender Blütenstiele an der emporgeschweiften Wand dieses Kessels besteht. Auch der Puss der mächtigen Rundsäulen, der hier in Schutt begraben ist, zeigt noch die alte Einziehung der Pflanzenform, auf der Rundplatte, worauf er lastet, und die Andeutung von Wurzelblättem, die ihn umgeben. Aber alles das verschwindet in der architektonischen Masse. Der Säulenschaft selber ist ungegliedert. Diese Riesensäulen brauchen nicht mehr, sondern weniger Gliederung. Der Sculpturschmuck, der sie bedeckt, ist natürlich ein Detail der Säule selbst. Aber welch’ ein Schritt von den zierlichen Lotosschäften, die in den Gräbern der Pyramidenfelder abgebildet sind, mit ihrem fast auseinanderflatternden Blätterkelch, zu dieser Riesenform! Auch die Knospensäule in den Nachbarreihen hat ihre Herkunft und fast noch vollständiger vergessen. Die rundgewordene Knospe bedeckt sich mit Hieroglyphenringen und Gurten von Königsschildern; nur der Puss der Säule ist gleichfalls eingezogen und in einen Blätterkelch gefasst.“ Dieser Säulensaal, welcher ein Viereck von 170 Puss Breite und 329 Fuss Länge bildete, und bis zur Decke des Mittelschiffs 70, bis zur Decke der Seitenräume 43 Puss hoch war, ist ganz an eine ältere Westfront des Tempels angelegt. Das wird durch die Reste eines thurmartigen, oben offenen Vorgemachs, das in den Saal hereintrat, und durch die Trümmer der Massenflügel, die hinter dem Säulensaal sich erheben, sowie durch jene Pylonsysteme bewiesen, welche, wie wir oben erwähnt, eines hinter dem andern von Mer nach Süden vorrücken und die von Süden kommende Strasse vor diese einstige Westfront leiten. Nicht vor, wohl aber hinter ihr steigt ein Obeliskenpaar auf, von welchem der linke mngeworfen und zertrümmert ist, während der rechte noch in seiner alten Schönheit aufrecht steht. Diese Obelisken standen am Eingänge in einen Hinterhof, der, fast ebenso breit als der Säulensaal, als zweite Hälfte der ganzen Anlage folgt. Er enthält das ursprüngliche Heiligthum, das jetzt eine wüste Masse durcheinander gefallener Steinblöcke ist. Es war gross, aber nicht zu gross, um ganz und gar in dem Säulensaal untergebracht werden zu können. Hier stand einst ein zweites, grösseres Obeliskenpaar, wie jenes vom schönsten Rosengranit. Auch von ihm ist nur der eine Zwilling übrig, ein mächtiger Zeuge alter Kunst und Kraft, 92 Puss hoch und unten 8 Quadratfuss dick. Wo jene Obelisken ragten, befindet sich der breite, aber nicht sehr tiefe Vorhof des eigentlichen Heiligthums innerhalb des grossen inneren Hofraums. Ein Portal, mit grossen Steinblöcken gedeckt, führt zu dem noch stehenden Obelisken, und andere Portalreste, die hinter einander folgen, leiten hinab in die Kammer des Allerheiligsten. Dieses ist von rothem Granit, während Theben. 168 die übrigen Theile des Tempels duvcligeliends von graugelbem Sandstein erbaut sind, und zerfällt in zwei Kammern, die von zahlreichen kleinen Gemächern umgeben sind. Hier wohnte Amun, der blaue Gott mit den zwei hohen steifen, in bunte Felder getheilten Federn auf dem Haupte. Er war der Verborgene, der Urgeist, der sich aber zur Sonne verkörpert hatte und als solcher Amunre hiess. Sein Name ging weit, und sein Beicli war alt. Mehr als drei Jahrtausende liegen in diesen Trümmern begraben, und die Zukunft wird hier noch manches Kunstwerk auferstehen heissen. Wenn wir weiter gehen, so stossen wir in der Mitte dieses Hinterhofs und genau in der Achse der ganzen Anlage auf zwei granitne Fussgestelle, eines neben dem andern, die auf verschwundene Kolosse oder Obelisken schliessen lassen. Auf Kolossalstatuen deutet der Umstand, dass sie nicht viereckig sind. Vielleicht stand aber auch hier der grösste von allen, den Aegyptens Kunst schuf, der 99 Fuss hohe Obelisk von Bom. Er gehört wie jene in die Zeit des Königs Thoth- mes III. und zeigt diesen Herrscher unter seiner Pyramidalspitze knieend und vor Amun von Theben ein Trankopfer spendend. Kaiser Konstantin hat ihn zu einer Zeit hier wegführen lassen, wo Theben schon wüste lag, und jetzt steht er auf dem menschenleeren Platz der lateranischen Basilika. Unmittelbar hierauf folgt der Säulenpalast des dritten Thoth- mes. Seine Aussenmauer ist, mit Ausnahme der Nordost-Seite, völlig zerstört. Parallel mit den vier Aussenwänden läuft eine Beilie viereckiger Pfeiler, 32 an der Zahl, und in der Mitte befinden sich 20 Säulen in zwei Reihen. Eine seltsame Laune, wie es scheint, hat an letztem die gewöhnlichen architektonischen Verhältnisse umgekehrt, indem die Säulen auf dem Kopfe, das heisst auf dem Kapital stehen, dessen Kelchform auf diese Weise in die Glockenform verwandelt ist. Das ersteigbare Dach, welches früher glatt war, jetzt aber etwas wellenförmig geworden ist, spannt sich mit langen Steinen darüber, d. h. von der Fensterwand auf den Pfeilern über die gleich hohen Säulen der Mitte. Kleinere, nicht mehr überdachte Gemächer schliessen sich diesem Hauptsaal an. und wir können — allerdings mit einiger Schwierigkeit — noch zwischen den Steinen hinabsteigen in ein zweites Allerheiligstes, die Hauskapelle des Königs, in deren Nachbarschaft man einen hieroglyphengeschraiickten Thron mit den unteren Theilen von zwei sitzenden Statuen, beide von w'eissem Marmor ausgegraben hat. In einer andern von den Seitenkammern (rechts) befand sich einst eine hohe historische Kostbarkeit, die jetzt auf der pariser Bibliothek ist. Wenn man eintrat, erblickte man in Stuck gebildet an jeder der Wände vier Reihen sitzender Figuren (jede enthielt 15 Personen) über einander, und über jeder war ein Königsname angegeben. Es waren die 60 Begierungsvorgänger Thothmes des Dritten, ob alle oder blos die ihm verwandten, wissen wir nicht. Gewiss ist nur, das3 die meisten Namen jenen theb aischen Dynastien angehörten. welche während der Fremdherrschaft des Hyksos hier zu Lande eine Scliein- 170 Theben. eine starke, viereckige Deckplatte trägt. Das obere Ende des liolilge- gestreiften Schaftes unter der Schwellung ist von dem breiten Gurt der fünf aneinander liegenden Heftbänder oder Reifen umschlossen, den wir an der Lotossäule bemerken, von welcher diese Form offenbar her- stammt. Diese fünf Reifen am Hals der dorischen Säule findet man auch in Griechenland angedeutet. Die Schwellung des Kapitals selbst, die sich hier unerwartet mit der Pfeiler- oder Kantensäule verbunden hat, mag ebenfalls eine Erinnerung an den Pflanzenkelch sein und herübergekommen aus jenem andern Styl, der neben dem dorischen im alten Aegypten hergeht und ihn zuletzt überwunden hat. Man braucht nur den Lotoskelch auf halber Höhe zu durchschneiden, um in der stehenbleibenden untern Hälfte die dorische Schwellung des sogenannten Echinus übrig zu haben, die nun mit der viereckigen Deckplatte belastet wird. Auch in Griechenland zeigt diese Schwellung bisweilen noch den Blätterschmuck des ägyptischen Kelchs. Wo wir die Kantensäule zuerst trafen, in den Grotten von Beni- hassan, da fehlte dieses runde Zwischenglied noch und war der sechszehneckige, hohlgestreifte Schaft unmittelbar von der viereckigen Platte, diesem Reste des ursprünglichen Pfeilers, gedeckt. Eben solche Säulen stehen hier in dem Hinterpalast des dritten Thothmes. Achtseitige Pfeiler, gleichfalls in den Kreis dieses Kanteustyls gehörig und zwar als Mutterform des Sechszehnecks, fanden sich, unter Sesurtesens, des ursprünglichen Gründers Namen, dort hinter dem Trümmersturz des Allerheiligsten von Karnak. Es war das dreiundzwanzigste Jahrhundert. Vielen Reisenden wird es von Interesse sein, zu wissen, in welcher Aufeinanderfolge die einzelnen Theile dieses grossen Reichstempels von Karnak, zu dem zwei Jahrtausende beigetragen haben, zu welcher Zeit und durch welche Könige sie entstanden sind. Für diese folge die nachstehende kurze Zusammenstellung: Vorderhof mit der ersten Pylonfront und der westlichen nach dem Nil führenden Sphinxallee davor, von Ramses II. erbaut. Seitentempel, der in die rechte Gallerie des Vorderhofs eintritt, von Ramses III. Doppelte Reihe von freistehenden Säulen, die mitten aus dem Hof auf das zweite Portal hinführt, von dem Aethiopier Tahraka und Psammetich I. Zweites Pylonsystem und grosser Säulensaal, von Sethos I. und Ramses II. Drittes zusammengestürztes Pylonsystem als Rückwand des Säulensaals, von Amunopli III. Erstes kleineres Obeliskenpaar, von der Königin Numt Amen, Thothmes III. älterer Schwester. Vorhof, in welchem diese zweiten Obelisken standen, die Pylonfront davor und die Kammern des Allerheiligsten dahinter, von Amu- noph I. und Thothmes I. Erneuerte Gestalt des Allerheiligsten, von Philipp Aridäus. Grosse historische Inschrift auf der linken und nördlichen Wand des grossem Gemachs, links vom Allerheiligsten, von Thothmes III. Aelteste Reste, die sich in Trümmerhaufen finden mit dem Namen des alten Reichs, aus der Zeit Osirtasens (richtiger Sesurtesens) I. Ferner der Schlusspalast nach hinten, von Thothmes III. Aeusserstes Thor nach Osten im Aussenwall selbst, von Nektanebo Theben. 171 und Andern. Die vier Pylonsysteme, die von der Mitte der südlichen Längenseite nach dem Aussenwall rücken, von dem ersten, zweiten und dritten Thothmes, Amunoph II., Horus u. a. Südliche, besondere Umwallung, zu der die Sphinxallee weiterführt, mit dem Teich und verschiedenen Schutt- und Trümmerhaufen, darunter die Namen Thothmes III. und Amunoph III. Das grosse südliche Portal, welches die von Luxor kommende Sphinxallee aufnimmt, von Ptolemäus Euergetes und Berenike. Der Tempel dahinter, dem Mondgotte Konso geweiht, von Bamses III., Bamses VIII und Andern. Die historischen Darstellungen auf der Südseite des grossen Tempels, von Bamses II. (Sesostris) nnd Scheschonk, dem Schisehak der Bibel. Darstellungen auf der nördlichen Aussenwand, von Sethos I. Besonderer Tempel auf der Nordseite des Aussenwalles, von Amunoph III. Diese Namen erschöpfen die Erbauer und Vervollständiger dieses Nationtdeigenthums nicht. Manche von den Ptolemäern haben noch beigetragen. Alexanders Name steht auf dem obenerwähnten zweiten Allerheiligsten und selbst Cäsar Augustus wird gefunden. Wir werfen nun schliesslich noch einen Blick auf die historischen Sculpturen , welche sich auf den einzelnen Mauern und Wällen Karnaks finden. Die wichtigsten trifft man auf der nördlichen Aussenwand der grossen Halle und gegen die Basis des südöstlichen Pylon- thurmes derselben. Auf ihrer innern Fläche (rechts, wenn man sich ihr von dem Allerheiligsten und den Obelisken nähert) ist eine grosse Barke dargestellt, welche an das mächtige, aussen mit Gold und innen mit Silber bekleidete Boot von Cedernholz erinnert, das nach Diodor von Sesostris dem obersten Gotte (Amun) in Theben geweiht wurde. Die Sculpturen dieser Halle wurden von Osirei begonnen und von seinem Sohne Bamses dem Grossen vollendet. Die auf der nordöstlichen Seite gehören der Zeit Osirei’s an nnd beziehen sich auf seine Feldzuge im Osten. Wir beginnen mit dem Nordende. Die obere Abtheilung stellt den erstgenannten Pharao dar, wie er eine befestigte Stadt, die auf einem mit Wald umgebenen Felsen liegt, mit Sturm zu nehmen sucht. Die Stadt befindet sich in der Nachbarschaft eines Gebirges, wohin die fliehenden Feinde hei der Annäherung des ägyptischen Heeres ihre Herden treiben. Die Fortsetzung des Steingeraäldes ist vollständig zerstört. ln der ersten Abtheilung der zweiten Linie greift der König das Fussvolk seiner Gegner im offenen Felde an und schlägt ihrem Anführer, nachdem er ihn mit der Lanze verwundet und mit seiner Bogensehne umschlungen hat, das Haupt ab. Die Zeichnung in diesen Figuren ist auffallend lebendig, und wenn man einige Mängel abrechnet, die der hergebrachte und vorgeschriebene Styl mit sich brachte, so wird man zugestehen, dass die Hauptgruppen bewundernswürdig gut entworfen sind und selbst weit späteren Künstlern Ehre machen würden, als denen des vierzehnten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Theben. 172 Die zweite Abtheilung derselben Linie zeigt uns den ägyptischen Heldenkönig, wie er abgestiegen von seinem Streitwagen, Kopf an Kopf mit den Führern des feindlichen Heeres kämpft. Einer ist bereits unter seiner Lanze gefallen, und indem der Sieger auf seinen hingestreckten Leichnam tritt, packt er seinen Gefährten, welcher ebenfalls bestimmt ist, unter seiner gewaltigen Hand zu sterben. Im Triumph zurückkehrend, führt der König vor seinem Wagen die gefesselten Gefangenen her, die er nebst der in den eroberten Städten gewonnenen Beute Amunre, dem Gotte von Theben opfert. Die Beute besteht aus Vasen, Silber, Gold u. s. w. Die unterste Linie beginnt mit einem Treffen zwischen den Aegyptem und den Rotno, die mit Fussvolk und Streitwagon im Felde erschienen sind. Der Feldherr der letztem ist durch die Pfeile des ägyptischen Herrschers verwundet, welcher ihm auf den Fersen folgt und eines seiner Pferde mit seinem Speere niedersticht. Er versucht sodann seinen Wagen zu verlassen, da sein Begleiter an seiner Seite mit Wunden bedeckt niedersinkt. Die Niederlage der Gegner ist vollständig entschieden und sie fliehen in der äussersten Verwirrung. Einer ist zu Pferde — auf ägyptischen Bildern ein seltener Anblick. Der nächste Gegenstand ist die siegreiche Rückkehr des Königs Osirei. Von seinem Wagen steigend, tritt er in den Tempel Amunre’s, um ihm seine Gefangenen und seine Beute vorzuführen. Dann erschlägt er, vor dem Antlitze des Gottes, mit einer Streitkeule die Gefangenen der beiden besiegten Nationen, von deren Städten und Bezirken die Namen andern Figuren auf der untern Fläche der Mauern beigegeben sind. Die Reihe der andern historischen Bilder beginnt an der südöstlichen Ecke. In der untern Linie von Bildertafeln stürmen die Aegypter im offenen Felde gegen das Fussvolk eines asiatischen Feindes an. Es sind abermals die Rotno (auch Rotenno gelesen). Ihre Farbe und Kleidung (wofern sie dieselben sind, welche die Bilder in den Gräbern darstellen) lassen keinen Zweifel, dass sie ein Volk waren, welches sehr weit nördlich von Aegypten wohnte. Die Aegypter schlagen sie in die Flucht und machen zahlreiche Gefangene. Sie kehren dann zurück nach der Heimath und ihr Marsch führt durch eine Reihe von Ländern, von denen einige ihnen Befreundet, andere ihnen tributpflichtig zu sein scheinen. Die Bewohner einer Festung kommen heraus, um sie zu begrüssen. Sie tragen allerlei Geschenke, Vasen, Säcke mit Gold u. s. w., die sie mit allen Zeichen der Ehrerbi tigkeit dem Monarchen Aegyptens zu Füssen legen. Späterhin stösst er wiederum auf Widerstand und sieht sich genöthigt, ein feindliches Heer anzugreifen und eine stark befestigte Stadt zu bestürmen, welche auf einem hohen Felsen liegt und von Wasser umflossen ist, mit Ausnahme des Tlieils, welcher durch die Steilheit der Klippe, an deren Rand sie gebaut ist. unzugänglich gemacht wird. Dieselbe scheint des Angriffs zu spotten, aber (dies ist an der Ecke der Mauer dargestellt) die Aegypter siegen wiederum und die Gegner bitten um Frieden. Theben. 173 Ihre Waffen sind ein Speer und eine Streitaxt und sie tragen einen kurzen enganliegenden Kock und ein Panzerhemd. Der Name der Stadt, Kanana, und das Datum des Regierungsjahres des Königs lassen kaum einen Zweifel übrig, dass hier ein Sieg über die Bewohner Kanaans oder Palästinas dargestellt ist. Auf den andern Tafeln sieht man wieder die Rückkehr des Pharao nach Theben. Er führt die Gefangenen im Triumph auf, und in seinem Gefolge sind sein Sohn und ein königlicher Schreiber, eine Anzahl Soldaten und andere Personen, die ihn auf seinem Feldzüge begleiten. Die Aufeinanderfolge von Ländern und Districten, durch die er bei seiner Rückkehr passirt, ist auf eigentümliche, aber geschickte Weise angegeben. Ein waldiges und wohlbewässertes Land wird durch Bäume und Teiche angedeutet, die Grösse und Bedeutung jeder Stadt durch die Grösse des Forts, welches sie vertritt u. s. w. Man denkt dabei an den einfachen Styl der Beschreibung in Xenophons Anabasis. Der Nil ist durch Krokodile und diesem Flusse eigentümlich ange- hörendc Fische bezeichnet, und eine Brücke dient als Verbindungsmittel zwischen beiden Ufern. Dies ist in hohem Grade merkwürdig, da es zeigt, dass man schon in diesen frühen Zeiten Brücken kannte, wenn es sich auch, da das Ganze als von oben dargestellt ist, nicht entscheiden lässt, ob die Brücke aus Bogen und Pfeilern, oder aus Balken bestand. Eine Anzahl von Priestern und angesehenen Leuten erscheint, um den König bei seiner Ankunft zu begrüssen, und er begibt sich dann zu Fuss vor den Sitz des Gottes, um ihm die Gefangenen und die gemachte Beute darzubringen. Obschon es wahrscheinlich, dass auch hier Theben dargestellt ist, so ist es doch keineswegs gewiss, da der Name dieser Stadt in den Hieroglyphen nicht genannt wird. Die Begrüssungsdeputation besteht „aus Priestern und Ortsvor- stehern im obern und untern Lande“, und mau kann desshalb den Ort der Handlung eher an der Grenze Aegyptens, etwa in Tunis suchen. Die Gebäude an der Strasse, welche den Namen des Königs tragen, scheinen ausserhalb Aegyptens zu liegen und mögen entweder die Orte, wo er Paläste hatte, oder solche, welche ihm tributpflichtig waren, bezeichnen. Auf den Bildern der obern Linie greifen die Aegypter abermals den Feind im offenen Felde an und werfen ihn in eine auf hohem Berge gelegene und von einem Teiche beschützte Stadt zurück. An den Ufern des Teichs und auf einer Anhöhe sieht man mehrere Bäume und Höhlen, wo sich einige von den Besiegten verborgen haben, während andere Staub auf ihre Häupter streuen und den Zorn des Siegers durch Bitten um Gnade zu beschwichtigen suchen. Ihre Streitwagen sind in die Flucht getrieben, und der König der Aegypter hat ihren Anführer beim Barte gefasst, um ihm das Haupt abzuschlagen. Um die Ecke der Mauer blickend, sehen wir sodann die Verfolgung des Feindes fortgesetzt, und die Geschlagenen suchen eine Zuflucht unter den hohen Bäumen des Gebirges. Die Aegypter folgen ihm in den Theben 174 Wald, und es werden vom König Herolde an sie abgeschickt, die ihnen unter der Bedingung, dass sie künftig gehorsam sein und einen jährlichen Tribut zahlen wollen, Schonung ihres Lebens versprechen. Hie hier dargestellten Bäume sind wahrscheinlich Cedern; denn der Ort wird in den h eigeschriebenen Hieroglyphen Lemanon genannt, und Lemanon soll ohne Zweifel den Libanon bedeuten. Von seinem Wagen steigend, erwartet der König ihre Antwort. Dieselbe wird von einem ägyptischen Officier überbracht, welcher mit ehrerbietigem Grusse vor dem Gebieter meldet, dass seine Sendung von Erfolg gewesen ist. Auf der dritten Abtheilung gibt der Held einen Beweis seiner physischen Kraft und seines Muthes, indem er, in der Hitze des Kampfes vom Wagen gestiegen, unter jeden Arm zwei gefangene Häuptlinge klemmt, während andere, mit Stricken gefesselt, ihm folgen, um seinen Triumphzug zu schmücken. Auf der andern Mauer, auf der Südwestseite der grossen Halle, sind die Siege seines Sohnes Ramses II. dargestellt. Es scheint daraus hervorzugeheu, dass der Kampf mit demselben Volke wälirend der Regierung dieses Pürsten fortgesetzt wurde. In den obern Bildertafeln am Kordwestende greift Ramses die Feinde an und schlägt sie in die Flucht. Sie ziehen sich in ihre befestigte Stadt zurück, die auf einem Berge liegt. Er stürmt dann eine andere Eestung, liefert in der nächsten Abtheilung eine Schlacht im offenen Felde, siegt auch hier und macht viele Gefangne. Her Rest der Gegner sucht Zuflucht in einer Stadt, welche die Aegypter stürmen und einnehmen. In allen diesen Darstellungen (eine ausgenommen) ist der König zu Fusse, trägt sein Schild und einen S : peer, wodurch angedeutet wird, dass diese Orte mit Sturm genommen wurden. In der untern Bilderreihe fährt er in seinem Wagen auf die Wälle einer Festung zu, weiterhin stürmt er eine zweite zu Fuss, dann erscheint er wieder in seinem Wagen vor einer dritten. Der Rest ist sehr zerstört, aber man sieht, dass diese Bilder ihn darstellten, wie er die Beute und die Gefangenen dem Gotte des Tempels darbrachte. Hinter der Seitenthür der Halle in der obern Reihe folgen abermals Schlacht- und Belagerungsscenen. Dann wirft Ramses dem feindlichen Anführer, den er in seinem Wagen eingeholt, seine Bogensehne als Schlinge um und haut ihn, indem er auf den Bogen gestützt, vorschreitet, mit dem Schwerte nieder. Die Niederlage des feindlichen Heeres ist damit entschieden, und dasselbe flieht in äus- serster Verwirrung. Die Gegenstände dieser Reihe endigen mit einem Opfer vor der Gottheit von Theben. Aehnliche Bilder wiederholen sich auf den Tafeln der untern Linie. Die übrigen Mauern dieses Saals und der anstossenden Höfe hatten gleichartige Sculpturen. Die von Scheschonk, dem Schischak der Bibel, in seinem Feldzug gegen Jerusalem (971 v. Chr) gemachten Gefangenen (worunter nach den Hieroglyphen der jüdische König ist) befinden sich auf der südwestlichen Mauer des Haupttempels: aber der grössere Theil der anderen Gegen- Theben. 5 » o 175 stände bezieht sich auf Opfer, die von den Königen den Göttern dieses Heiligthuins gebracht wurden. Wir haben hiermit die Hauptpunkte des alten Theben geschildert. Für die Reisenden, welche mehr als 3 oder 4 Tage auf die Besichtigung der Ruinen verwenden können, fügen wir noch eine kurze Schilderung einiger andern Punkte, die geringeres Interesse bieten, hinzu. Dieselben befinden sich sämmtlieh auf dem Westufer und bestehen in einem ungefähr 300 Schritt südwestlich von Medinet Habu gelegenen kleinen Ptolemäiseheu Tempel, neben dem sich die Stätte des einstigen Todtensees von Theben befindet, in einem zweiten kleinen Tempel aus der Römerzeit, der sich circa 1000 Schritt südwestlich von dem (jetzt ausgetrockneten) See erhebt, in deu sogenannten Gräbern der Königinnen, nordwestlich von Medinet Habu, in dem Tempel Dayr el Medineh und in den Tempel Dayr el Bahri. Der zuerst genannte l’tölemäisehe Tempel ist nur 48 Fuss lang, besteht aus einem äussern Hofe und drei kleinen Kammern und ist durch ein Bild Euergetes II., wie er seinen Vorfahren Soter, Phila- delphus, Philopator und Epiphaues opfert, sowie dadurch merkwürdig, dass er der einzige von den dem Thoth gewidmeten Tempeln Aegyptens ist, welchen die Zeit verschont hat. Der Todtensee scheint circa 4500 Fuss lang und 3000 Fuss breit gewesen zu sein. Auf ihm war es höchst wahrscheinlich, dass die in den Grabmälern so oft dargestellte Procession von Booten, welche den Verstorbenen zu seiner letzten Ruhestätte begleiteten, bevor er auf den Schlitten gelegt und in sein Grab geschafft wurde, stattfand. Der kleine römische Tempel stammt aus der Kaiserzeit; denn man fand an ihm die Namen der Imperatoren Hadrian und Antoninus Pius. Er ist 45 Fuss lang und 53 Fuss breit. Vor ihm stehen zwei Pylone, Die Gräber der Königinnen haben für die, welche nicht antiquarischen Studien obliegen, wenig Interesse. Die hervorragendsten Namen in denselben sind die der Königinnen Amuntari (Tochter Amunoplis I.), Taia (Gemahlin des dritten Amunoph), der Lieblingstochter Ramses’ 11. und der Gemahlin Ramses’ V. Sie haben alle sehr vom Feuer gelitten, und ihre Sculpturen sind kaum noch zu erkennen. Der kleine Tempel Dayr el Medineh (Kloster des Südens) genannt, steht in einem Wüstenthal, südlich vom Memnonium. Sein jetziger Name kommt daher, dass früher hier christliche Mönche wohnten. Er wurde von Ptolemäus Philopator erbaut und hat eine Länge von 60, eine Breite von 33 Fuss. Man besucht ihn vorzüglich wegen der Sculpturen auf seinen Wänden. Im Innern öffnet sich eine höhere Stufe durch zwei Säulen, die ihre Decke noch tragen und nach rechts und links durch Zwischenschranken mit den durch Hathors Haupt geschmückten Wandpfeilem verbunden sind. Diese höhere Stufe führt in das Heiligthum, welches aus drei parallellaufenden Gemächern besteht. Auf der linken Wand von dessen linker Zelle ist das Todten- Theben. 176 gericht der Götter dargestellt — eines der sehenswürdigsten Bildwerke von Theben. Osiris, der Vorsitzende, an einem Ende rechts, erwartet, Geissei und Krummstab in den auf die Brust gehaltenen Händen, auf seinem Throne die Ankunft der Seelen, welche in die Unterwelt (Amenti) gebracht werden. Vier Genien stehen vor ihm auf einer Lo- tosbliithe. Thoth, der himmlische Schreiber mit dem Ibiskopf, erscheint vor dem König der Unterwelt mit einer Tafel, auf welcher die Thaten des Verstorbenen verzeichnet sind, während der sperberköpfige Horus und Anubis mit dem Schakalskopf sich damit beschäftigen, dass sie die guten Thaten (nach Andern die Sünden) des Verstorbenen auf einer Wage gegen die Straussenfeder, das Symbol der Wahrheit und Gerechtigkeit, abwägen. Ein hundsköpfiger Affe, das Emblem des Thoth, sitzt oben auf der Wage. Endlich kommt der Verstorbene in männlicher Kleidung zwischen zwei Göttinnen einhergeschritten. Er trägt in der Hand das Symbol der Wahrheit, wodurch angedeutet wird, dass er verdienstlich gelebt und sich Zutritt zu Osiris erworben hat. Die zweiundvierzig Beisitzer, die man oben in zwei Reihen bemerkt, vervollständigen die Sculpturen dieser Wand, die wahrscheinlich in besonderem Bezug zu Osiris in seiner Eigenschaft als Todtenrichter standen. Der Tempel Dayr el Bahn (Kloster des Nordens) befindet sich am Nordende des Assasif und hart unter den Klippen der libyschen Bergkette. Von Amuneitgori, der Schwester Thothmes III. erbaut, gehört er zu den ältesten Tempeln Thebens. Eine zertrümmerte Sphinxallee von 1600 Fuss Länge, die im Südosten mit einem von Sculptur überdeckten Pylon endigte, von welchem jetzt nur noch die Grundmauern übrig sind, führte, aus der Richtung von Karnak kommend, nach dem Eingänge in den viereckigen Tempel, vor welchem zwei Fussgostelle die Stätte der Obelisken andeuten, die sie einst trugen. 200 Fuss nordwestlich von diesem Tliore führt eine schiefe Fläche von Mauerwerk nach einem Granitpylon vor dem innern Hofe, und ungefähr 150 Ifuss von der Basis dieser Terrasse erstreckt sich eine im rechten Winkel mit ihr laufende Mauer auf jeder Seite 100 Fuss weit. Vor sich haben die Mauern eine Reihe von acht Säulen, die einen bedeckten Gang bilden. Die innere Wand dieses Ganges ist mit schönen Sculpturen bedeckt. Auf der südwestlichen Seite marschiren mehrere Abtheilungen ägyptischen Fussvolks mit Baumzweigen in den Händen nach dem Klang einer Trompete und einer Trommel im Triumphzug auf. Ein Stier wird geopfert und Tische mit Opfern für den Gott Thebens werden vor den Truppen aufgestellt. Von den obern Sculpturen sind nur noch Spuren zweier Boote übrig. Auf der entsprechenden Wand der Nordo tseite werden Amunre zwei Obelisken geweiht und zwar, wie es heisst, von dem Herrscher, welcher dieses Gebäude errichtete und die beiden grossen Obelisken in Karnak aufstellte. Allein aus der dabei stehenden Hieroglyphen-Inschrift ergibt sich, dass sie von jenen im grossen Karnaktempel sehr verschieden waren. Die Inschrift sagt: „Sie (Amuneitgori) hat dieses ihr Werk geschaffen für ihren Vater Theben. 177 Amunre, Herrn der Länder (Ober- und Unterägypten) und errichtete ihm zwei schöne Obelisken von Granit_ sie that dies ihm, welchem Lehen verliehen ist gleich der Sonne in Ewigkeit.“ Auf derselben Wand, unter der Hand des Gottes, liest man eine andere Inschrift, welche besagt, dass Ramses II. verschiedene Theile des Tempels hinzugeschaffen. Weiterhin finden sich einige Bilder, welche Scenen des Vogelfangs darstellen und sehr hübsch ausgeführt sind, und auf der westlichen Mauer stösst man auf eine Reihe von Habichten, die in sehr hervorstehendem Relief aus dem Stein hervortreten. Die Innern Räume sind merkwürdiger Weise gewölbt, aber nicht nach den Grundsätzen, nach denen man jetzt Gewölbe errichtet, sondern so, dass der Bogenschnitt durch die wagerecht über einander vortretenden Quaderlagen geht und deren Ecken beseitigt. Wir haben also den altern Styl, der, um eine Rundbogendecke zu gewinnen, die Steine noch nicht im Keilgewölb schweben und durch ihr Zusammenklemmen sich gegenseitig tragen macht, sondern sie ruhen lässt auf den Seitenwänden und nur ihr allmähliges Zusammenrücken nach oben in Bogenform beschneidet. Ganz ähnliche Bauten findet man in den oben beschriebenen Ruinen von Abydos. Widerlegt sich schon dadurch die Ansicht, dass die Aegypter die Kunst des Wölbens nicht verstanden hätten, so zeigt ein Blick auf ihre Ziegelbauten noch mehr, wie wenig begründet jene Meinung ist. Hier nöthigte das Bedürfnis seit den ältesten Zeiten zur Wölbung, d. h. zu einem Ziegelgewölb, das allerdings nur durch den dazwischen tretenden Mörtel zu einem unserm Keilgewölbe gleichenden Bau wird. Wir können davon in dem nahen Assasifthale die verschiedenartigsten Proben finden, falls wir uns die Mühe gehen wollen, sie in den Schuttmassen dieser Gegend aufzusuchen. Man wird kleine Pyramidenstümpfe antreffen, mit Tonnengewölb unten, eirundem Gewölb oben. Man wird freistehenden Gräberhofthoren begegnen; sie sind unverkennbar vor ihren in den Fels versenkten Höfen mit dem schwarzen Ziegelbogcn, welcher ans mehrfach auf einander schliessenden concentrischen Halbkreisen sich wölbt. Wir können sodann heim Memnonium unten Reihen von Ziegelgewölben finden, deren Ziegel (das Ziegelstreichen war nämlich im alten Aegypten ein Monopol der Regierung) den Stempel Ram- ses des Grossen tragen. Aber noch viel weiter, selbst in das alte Reich geht diese unentbehrliche Kunst zurück. Die im vorigen Kapitel beschriebenen Grotten von Benihassan enthalten eine Abbildung gewölbter Räume, die als Getreidespeicher reihenweis aneinanderschliessen. Links führt eine Freitreppe, die gleichfalls von einem Gewölbbogen getragen wird, hinauf, wo man das Getreide durch eine obere Oeffnung in der Kuppel hinabschüttet. Sehr wahrscheinlich waren die Privathäuser auch zum Theil gewölbt, und zwar, wie man diess noch heute trifft, jedes Gemach mit einer eigenen Kuppel. Endlich finden sich aucli gewölbte Gräber aus der Zeit, wo die Pyramiden entstanden. Und jene Backsteinpyramiden, Theben. 178 von denen bisher noch keine geöffnet worden ist, werden in ihrem Innern aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls gewölbte Kammern enthalten. Mit diesem Ergebniss der Forschungen Braun’s scheiden wir von der Stätte Thebens, die längere Zeit der letzte von den gewöhnlichsten Touristen besuchte Ort nach Süden hin war, um im nächsten Kapitel die Nilreise bis zu dem Punkte zu schildern, welcher jetzt für die meisten Barken den Grenzpunkt bildet — Assuan und den ersten Katarakt nebst Philä. Von Tlieben bis Philä. 179 SIEBENTES KAPITEL. Die IVilreise von Theben bis Assuan und Dhilä. Herment. — Esneh. — Hl Kab. — Edfu. — Dseliebel Silsileh. — Ombos. — Assuan. — Die Insel Elepliantine. — Die Insel Philä und die Katarakten. Wenn man Theben verlässt, nm nach Süden zu steuern, so sind die ersten einer Besichtigung wertlien Ruinen die von Herment, einem Dorfe, welches, auf dem westlichen Nilufer, etwas landeinwärts gelegen, die Stätte des alten Hermenthis einnimmt. Der Hauptgegenstand ist ein kleiner Tempel, welcher das Mammeisi oder Gebärhaus eines jetzt verschwundenen grossem Tempels gewesen zu sein scheint, in dem der Gott Maudu, die Göttin Reto und das Kind beider, Harphre verehrt wurden. Man erblickt malerische Säulenreste, die nach vorn zu höher wachsen, und dahinter eine einfache, ziemlich gut erhaltene, in zwei Abtheilungen zerfallende Tempelzelle. Sie ist nur durch ihr Portal erleuchtet, und es bedarf der Kerzen oder eines Feuers, um das grosse Sculpturbild der Rückwand in dem kleinen Gemache erkennen zu können. Dasselbe ist ein Basrelief, welches die Göttin Reto darstellt, wie sie mit dem Gotte Harphre niederkommt. Die Gebärende wird unterstützt von verschiedenen Göttinnen ersten Ranges: die göttliche Hebamme holt das Kind aus der Mutter, die göttliche Säugamme streckt die Hände aus, um es entgegen zu nehmen. Gegenwärtig ist der Göttervater Amun, begleitet von Soven, der ägyptischen Ilitliya, Helferin bei den Geburten. Es wird zugleich angenommen, Kleopatra sei zugegen, auf deren Niederkunft mit dem jungen Cäsarion dieses Bild einer Gottesgeburt schmeichlerisch anspielt. Die andere Wand des Entbindungszimmers stellt dar, wie der neugeborne Gott gestillt und erzogen wird. Auf den Seitenwänden sind die zwölf Stunden des Tages .und die zwölf der Nacht unter der Gestalt von Frauen abgebildet, die auf dem Kopfe eine Sternscheibe tragen. Das astronomische Gemälde der Decke dürfte bestimmt gewesen sin, den Stand der Gestirne im Augenblick der Geburt des Cäsarion anzugebeu. Begibt man sich aus dem kleinen Zimmer in das grosse, so bemerkt man auf der Wand links ein anderes grosses Basrelief, die Wöchnerin darstellend, wie sie, von Soven unterstützt, das Kindbett verlässt, um sich in die Versammlung der Götter zu begeben. Amun 180 Von Theben bis Philä. reicht ihr die Hand, um ihr zur Entbindung Glück zu wünschen. Sonst ist das Gemach geschmückt mit Bildern, worin der junge Harphre nacheinander dem Amun, seinem Vater Mandu, den Göttern Phre, Phthali u. s. w. vorgestellt wird. Diese bewillkommnen ihn, indem sie ihm ihre charakteristischen Insignien geben, um damit auszudrücken, dass sie sich zu Gunsten des Kindes aller der ihnen zustehenden Vorrechte entäussern würden. Der Ptolemäus Cäsarion ist mit seinem Kindesgesicht bei allen diesen Darstellungen seines im Gotte Harphre enthaltenen Bildes, dessen Stellvertreter er auf Erden war, gegenwärtig — wie bemerkt, eine Schmeichelei der Priester, wiewohl die Vergleichung der Könige mit Göttern ganz im Geiste der alten Aegypter liegt. Der nächste Ort, wo der Freund des Alterthums wieder Gegenstände von Werth für sein Streben findet, ist die ebenfalls auf dem westlichen Efer gelegene Stadt Esneh, das alte Latopolis. Der hier befindliche Tempel liegt mitten in der Stadt und ist von drei Seiten fast bis an das Dach in Schutt begraben und mit Lehmhütten überbaut. Auch die Vorder- oder Hauptseite ist durch Araberwohnungen sehr versteckt. Das Innere aber ist unter Meliemed Ali von Schutt befreit w'orden und lohnt einen Besuch im hohen Grade. Das, was wir den Tempel genannt haben, besteht eigentlich nur aus der Vorhalle (Porticus oder Pronaos) eines Tempels, dessen Heiligthum und Allerheiligstes verschüttet ist, und man steigt dahin auf einer Treppe wie in einen Keller hinab. Hier erblickt man vor und neben sich vier Reihen kolossaler Säulen, jede Reihe zu sechs Stück, mit Scnlpturen bedeckte Wände und eine schwarze Decke voll Hieroglyphen, welche astronomische Gegenstände behandeln. Champollionsagt, die Basreliefs, die diese Säulenhalle enthält, und noch mehr die Hieroglyphen seien in einem so rohen und gezwungenen Stylo ausgeführt, dass man sogleich den stärksten Kunstverfall entdecke. Wir können diess nicht finden, während wir zugeben, dass der Tempel neuern Ursprungs ist. Es sind in Folge dessen andere Kunstformen, als die, welchen wir in Karnak und im Jlemnonium begegneten, aber unschön wird man sie nicht nennen dürfen. Diese Säulen, die fast 19 Fuss Umfang haben, stehen in dem engen halbdunkeln Raume so leicht und schlank, dass, wenn der im Anfänge drückende Eindruck des Staunenerregenden sich gemildert hat, der Anblick das lebhafteste Gefühl der Freude erregt. Die Knäufe derselben entfalten sich in Papyrus-, Dumpalmen-, Dattelpalmen- und Weinlaubformen, jeder beinahe anders in anmnthigster Laune, zu prächtigen Kelchen. Diese Kelch- oder Tulpengestalt, auf welcher der Würfel sitzt, der die Docke trägt, war in der ältesten Zeit einfach, glattrandig und kreisrund wie eine Schüssel und deutete höchstens durch die Zeichnung daran aufsprossender, den Grund des Kelchs umhüllender Blätter die Entstehung aus der Blume an. Jetzt aber gliedert sich jener kreisrunde obere Rand wieder, grösser oder kleiner in runde Blattformen und schmiegt alle möglichen Pflanzenmotive überaus geschmackvoll an die Tulpenform an. Das Kapital der geschlossenen verjüngten Knospe kommt nicht mehr vor. Von Theben bis Fhilä. 181 Wir haben, wie schon diese nianniclifachen Formen zeigen, Säulen vor uns, die in ptolemäischcr oder römischer Zeit entstanden sind. Die Säule ist in Bezug auf ihren Schaft rund, hat jede Spur an die alte Gliederung verloren bis auf den Gurt der vier Heftbänder unter dem Hals und einen Kreis von Zackenblättern um den Säulen- fuss, der auf besonderer kreisförmiger Platte ruht. Ihre Mitte ist ein langer Panzer von Hieroglyphenreihen, und abwärts auf derselben Rundung erscheinen in grossem Umriss die Opferbringer vor dem Gotte des Tempels. Die Wände sind in regelrechten viereckigen Feldern oder Tafeln mit Sculpturen tapezirt, welche hier sehr gut erhalten sind, aber den Eindruck der Monotonie machen, da sie fast nur Opferspenden von Fürsten darstellen. Die Hieroglyphen, die dabei stehen, erklären, wer diese Fürsten waren und widerlegen damit die Annahme früherer Alterthumsforscher, welche diesem Tempel ein sehr hohes Alterthum zuschreiben. Die Mauern dieses Pronaos sind unter dem Kaiser Claudius errichtet worden, das Gesims der Façade und die erste Reihe der Säulen unter Vespasian und Titus. Der hintere Theil des Pronaos trägt die Namen der Imperatoren Antonin, Marc Aurel und Commodus. Einige Säulen des Pronaos wurden unter Trajan, Hadrian und Antonin mit Sculpturen geziert, die Säulen der rechten und linken Wand dagegen tragen, mit Ausnahme einiger Basreliefs aus der Zeit Domitians, nur Bilder und Inschriften des Septimius Severus und des Geta. Letzterer wurde bekanntlich von seinem Bruder Caracalla ermordet und darauf sein Name im ganzen Reiche verboten. Dieses Verbot scheint bis in die ferne Thebais durchgeführt worden zu sein; denn die Namenszüge Geta’s sind hier weggemeisselt, wenn auch nicht hinlänglich, indem man noch ziemlich deutlich den Namen dieses unglücklichen Fürsten: „Imperator Cäsar Geta, der Führer“ lesen kann. Diese Kaiser Roms, welche in ägyptischer Tracht ägyptischen Göttern opfern, sind auch hier nichts als schmeichelhaft ausgedrückte Datumsangaben. Ueber den an der Decke befindlichen Thierkreis sind die Gelehrten verschiedener Ansicht gewesen. Einige haben diese Darstellung in das höchste Alterthum hinauf verwiesen, während Champollion sie wie den ganzen Tempel in die Zeit zwischen Claudius und Caracalla verlegt und dann fortfährt: „Wenn diese Thierkreise einen Zustand des Himmels darstellen, wie man ihn nach der scheinbaren Ordnung der Zeichen im Thierkreise hat wiedererkennen wollen, indem die Jungfrau das Hauptzeichen in dem einen und der Löwe dasselbe in dem andern ist und diese Substitution des Löwen für die Jungfrau in der Absicht geschah, in diesen Gemälden jene Phänomene anzudeuten, welche die heutige Astronomie das Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen nennt, und welche den Alten bekannt gewesen wären — wenn sie also einen solchen Himmelszustand darstellten, so müsste man annehmen, dass diese im ersten und zweiten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung ausgehauenen Bildwerke Copien von Denkmälern 182 Von Theben bis Philä. höheren Alters seien, die gleichzeitig mit den glänzenden Jahrhunderten von Theben und Memphis. Einigen wird vielleicht diese Annahme genügen. Aber mit dem Gesetze der Vorrückung kann man Thierkreise für ein Alterthum oder eine Zukunft ohne Grenzen zusammensetzen, und die Astronomen Thebens konnten, indem sie dieselben so geschickt, als es die angenommene Auslegung unserer Thierkreisc erfordert, einrichteten, auch solche Schemata für viel ältere Zeiten als ihr Jahrhundert machen. Noch viele andere Betrachtungen vermindern die wissenschaftliche Wichtigkeit dieser Denkmale, welche nichtsdestoweniger durch ihren Inhalt, ihr Vaterland und ihre wirkliche Ent- stehungszeit wichtig bleiben, und wenn auch den Aegyptern die Entdeckung der Astronomie und die erste Eintheilung des Jahres zugo- schrieben wird, so scheinen diese astronomischen Deckengemälde doch mehr Verzierungen der Architektur als Darstellungen wissenschaftlichen Inhalts gewesen zu sein. Geweiht war der Tempel zu Esneh einer der grössten ägyptischen Formen der Gottheit, dem Kneph oder Chnupliis, welcher Herr des Landes Esneh, Schöpfergeist des Weltalls, Lebenskraft der göttlichen Wesen, Stütze aller Welten u. s. w. genannt wird. Ihm sind beigegeben die Göttin Neith sowie der junge Hake, jene als Gattin, dieser als Kind, wodurch die hier verehrte Trias vollständig wird. Einige Stunden weiter stromaufwärts steht bei dem Dorfe Kum Mereh nicht weit vom Nil eine verfallene Pyramide, El Kula genannt. Sie ist aus grossen nachlässig behauenen Kalksteinblöcken von unregelmässiger Form erbaut und sehr verfallen. Ihre Gestalt ist gleich der aller andern Pyramiden stufenförmig, und zwar existiren jetzt noch einige zwanzig Stufen. Ihre Basis ist gegen 60 Quadratfuss gross, und sie mag eine Höhe von 50 Fuss gehabt haben. Jetzt ist sie nur noch 35 Fuss hoch. Gegenüber von El Kan machen die Kalkberge, die uns bisher rechts und links begleitet, dem Sandstein Platz. Bei El Kab finden sich Beste des alten Ilithya, bestehend in zwei Tempeln und verschiedenen Grüften. Der Weg nach denselben ist ziemlich weit und beschwerlich. Er führt zuerst über ein Stück Feld, dann durch die Wüste, die stellenweise mit Natron wie mit Reif bedeckt ist. Die Tempelruinen sind ohne sonderliche Bedeutung. Es ist eine von Bamses II. dem Gotte Re geweihte Kapelle, ein zum Theil in Sandstein gehauener und der Soven geweihter Tempel des ptole- mäisclien Königs Euergetes II. und eine Strecke davon ein anderer grossentheils zusammengefallener Tempel, der den Namen und die Sculptnren Amunophs III. trägt. Die kleine, nur ein Gemach enthaltende Kapelle gleicht von Ferne einem ägyptischen Taubenhaus. Der erste Tempel zeigt einen Säulenhof, Pylonen und eine Treppe mit einem steinernen Geländer. Der andere, fast eine Stunde Wegs vom Flusse entfernt, besteht aus einer von 4 Säulen getragenen Halle, einem Hofe mit Pfeilern und einem Pylon, der mit dem Tempel durch eine doppelte Säulenreihe verbunden ist. I I- i. \p*- i i ■i Von Theben bis Philä. 185 Jenes Silsilis, von dem jetzt jede deutlich nachweisbare Spur verschwunden ist, stand auf dem östlichen Ufer des Nil. Hier sind die grössten Steinbrüehe, aber sonst nichts von Bedeutung für den Freund des Alterthums. Dagegen befinden sich auf dem andern Ufer verschiedene interessante Grotten und Hieroglyphentafeln, die aus der frühesten Zeit des thebanischen Reichs, nämlich aus der Periode stammen, wo die Pharaone der achtzehnten Djmastie herrschten. Die erste Grotte im Norden besteht aus einem langen Gange, der von vier Pfeilern getragen wird und verschiedene Hieroglyphentafeln enthält. Sie wurde begonnen von Horus, dem neunten Pharao der achtzehnten Dynastie, welcher hier seine Siege über die Aet-liiopier verewigt hat. Er ist dargestellt, wie er in seinem Wagen mit gespanntem Bogen die fliehenden Feinde verfolgt und zersprengt. Dann wird er auf einem kostbaren Stuhle im Triumph dahergetragen, während seine Soldaten und die Gefangenen voranziehen oder ihm folgen. Endlich sieht man ihn, wie er von Amunre das Emblem des Lebens empfängt. Andere Tafeln sind aus der Zeit von Ramses II., seinem Bohne Pthamen und dem ersten Könige der neunzehnten Dynastie, Pthamen Septhali. Sie haben indess nur für den Alterthurasforscher Werth. Weiterhin finden sich noch andere Grotten, die als Grüfte gedient haben und die Namen des ersten und dritten Thothmes sowie der Königin, welche die grossen Obelisken in Karnak errichtete, aber nur wenige Sculpturen enthalten. Südlich von diesen Grotten erblickt man andere Hieroglyphentafeln und offene Kapellen von sehr anmutliiger Form. Sie sind mit Säulen geziert, deren Kapitaler der Lotosblüthe gleichen. Die erste Kapelle, welche sehr verfallen ist, wurde mit Osirei I-, die zweite von dessen Sohn Ramses II., die dritte und nördliche von dessen Sohne Pthamen erbaut. Die Gegenstände in den beiden letzten sind sich sehr ähnlich, und die Tafeln datiren aus den ersten Regierungsjahren beider Monarchen. In der Kapelle, die Ramses gegründet, opfert der König der thebanischen Göttertrias Amun, Maut und Konso und Re, Ptliah und Hapimu (dem Gotte des Nil). Die andern in dem Heiligthume dargestellten Gottheiten sind Savak, Mandu, Osiris, Ao, Tafne, Seb, Atmu, Chem, Hathor, Thoth, Anauke und einige andere, die sich nicht bestimmen lassen. Auf dem Hauptbilde opfert Ramses der thebanischen Trias Weihrauch und dem Re, Pthah und Hapimu zwei Vasen mit Wein. An einer andern Stelle' bringt Isinofri, die Gemahlin dieses Pharao, einer andern Göttertrias zwei Sistra dar. Dass der Nilgott hier so hohe Ehre genoss, mag daher rühren, dass hier gleichsam der zweite Eintrittspunkt des Stromes in das Land Aegypten ist, vielleicht aber auch daher, dass hier die Steine zu den Tempel- und Palastbauten zuerst dem Rücken des Stromes anvertraut wurden. Savak, der Hauptgott in dem vierthalb Meilen weiter südlich gelegenen Ombos, war auch hier der Gott, welcher den Vorrang vor allen andern hatte. 190 Von Theben bis.Pliilä. satz zu der Landschaft der Katarakten und zu den ringsumher aufge- tkürmten Steinmassen. Philä, von den Arabern Anas el Wogud genannt, im Altägyptischen mit den Worten Pilak, Ailak oder Manlak, .der Grenzort“ bezeichnet, liegt eine kleine .Strecke oberhalb der Katarakten und etwa 2 % Stunden von Assuan. Es ist gegenwärtig unbewohnt und überhaupt nur ein unbedeutendes Inselchen, von Nordwest nach Südost in seiner grössten Ausdehnung 1152 Fuss lang und 408 Fuss breit, so dass man es längs des Ufers in einer Viertelstunde bequem umschreiten kann. Die wichtigste seiner Ruinen ist der von Ptolemäus Philadelphus und Arsinoe erbaute und von den spätem Monarchen Aegyptens vollendete Tempel des Osiris. Er ist sehr unregelmässig in seinem Grundriss. Anstatt eine bestimmte Richtung einzuhalten, folgt er der Krümmung der Insel und seine verschiedenen Säulengänge und Portale sind mit so wenig Rücksicht auf Proportion aneinandergesetzt, dass das Gebäude einen viel angenehmeren Eindruck macht, wenn man es als eine Ge- sammtheit von einzelnen Theilen betrachtet, wie wenn man es als Ganzes anschaut In Folge seiner Lage fern vom Strome der Geschichte hat der Tempel verhältnissmässig wenig von den Verwüstungen durch Menschenhände gelitten, durch welche andere Reiligthümer Aegyptens in Trümmer sanken, und es wäre nicht schwer, ihn in seiner ursprünglichen Lage wiederherzustellon. Er gibt deshalb nächst dem Tempel von Denderali die beste Vorstellung von der Bauart dieser altägyptischen Götterwohnungen und verdient schon deshalb einen Besuch. Der Schmutz, mit welchem koptische Christen seine innern Wände beworfen haben, verunstaltet ihre reichgemalten Seulpturen, ohne sie ganz verbergen zu können, und die Palmblatt- und Lotoskapitäler seines Porticus haben noch den ersten Glanz ihrer grünen und blauen Farben. Von der Vorderspitze, d. h. der südlichen Spitze der Insel führen zwei lauge Säulengänge, von denen der linke seine Rückwand aus dem Strome selbst aufbaut, nach dem Tempel. Dieser Doppelkorridor, welcher 30 Säulen hat, ist nie ganz fertig geworden; denn einige der Kapi- täler, die zuletzt autgericlitet wurden, sind noch unbehauen und andere zeigen verschiedene Grade der Vollendung. Auf den Säulenhof folgt zunächst ein gewaltiges Zwillingspaar von Pyramidalthürmen, welche eine Pforte neben sich haben und mit ihren Treppen und Kammern im Innern wohlerhalten sind, so dass man das Dach besteigen und die Aussicht über die Ruinen und das ganze Thal gemessen kann. Ein zweiter Hof führt zu einer zweiten ähnlichen Pfortenfront von weniger hohen Flügelthürmen. Die Anlage ist indess nicht regelmässig; denn wenn auch rechts dieser innere Hof mit einer einfachen Säulen- gallerie sich säumt, so hat er links einen ganzen Tempel aufgenommen, dessen eigene Säulenflanke die Gallerie des Hofes vertritt. Dieser Tempel gehört seiner Bauart nach zu den sogenannten Typhonien. Er hat starke pyramidale Eckpfeiler und eine offne Säulenstellung dazwdschen unter dem gemeinsamen Arcliitrav und scharf ausgeladenen Hohlgesims. Die Säulen haben keine Zwischenschranken, weil sie sich nach Innen wenden Von Theben bis Philä. 191 und der gegenüber befindlichen offenen Gallerie entsprechen müssen. Durch die Pforte des zweiten Pylonsystems, der Front des eigentlichen und älteren Tempels, vor den jene unregelmässigen Vorbauten sich gelagert haben, treten wir in einen dritten höher getragenen Säulenhof, der heut noch blenden kann. Die Zeit seiner Entstehung ist die der Ptolemäer, die des Verfalls der ägyptischen Kunst. Aber wie strahlen diese Säulenkapitäler in ihren Lotos-, Papyrus- und Palmenblättern, wie sind diese Säulen so elegant mit Blätter- und Sternenkreisen, religiösen Symbolen und Figuren umgeben ! In den Kapitalem herrscht die grüne und rothe Farbe vor, über dem Eingänge schwebt die dem Beisenden in Aegypten wohlbekannte grosse blaubeschwingte Sonnenscheibe, die Hallendecke ist blau, mit goldnen Sternen, und die Figuren der Himmelsgöttin, verschiedene Himmelswölbungen darstellend, beugen sich mehrfach darin um- und übereinander. Durch die Hinterthür tritt man vor die dunkle, jetzt verödete Kammer des Allerheiligsten. Ausser den Gemächern gibt es in den dicken Mauern noch verschiedene geheime Gänge, in denen die Tempelschätze verborgen gewesen sein mögen, wahrend Andere glauben, sie haben den Priestern zu Gefängnissen für die, welche gegen sie gesündigt, oder zur Ausführung frommer Betrügereien gedient. Die Sculpturen des Tempels sind meist Hautrelief und mit hellen und glänzenden Farben gemalt. Sie stellen Scenen aus den Mythen von Isis und Osiris nebst ihrem Sprössling Horus dar, welche die Trias bildeten, die in Philä verehrt wurde. Die Götter sind hier mit weisser griechischer Haut dargestellt, nicht, wie in den altern Gräbern und Tempeln, mit lrellrothen Gesichtern und Händen. Ihr Profil ist symmetrisch und selbst schön, und die Embleme, mit denen sie umgeben sind, zeigen in ihrer Ausführung viel Geschmack und Geschick. Oestlicli von dem grossen Tempel steht ein viereckiges offnes der Isis geweihtes Gebäude von gelblichem Sandstein, dessen vier Seiten Säulenreihen sind, welche einen Arcliitrav tragen und etwa in ihrer halben Höhe durch Mauern aus grossen Blöcken verbunden sind. Die Kapitaler sind alle von verschiedenem Muster, doch zeigen sie dieselbe ausgesuchte Harmonie, welche an den Säulen in Herment und Esneh entzückt. Das Gebäude ist augenscheinlich unvollendet. Die Wände und Pfeiler sollten offenbar mit Bildwerken bedeckt werden, und ein Dach von Sandsteinblöcken sollte hinzukommen, was den Bau einzig in seiner Art gemacht haben würde. Von den Bildwerken ist nur ein kleiner Tlieil ausgeführt und das Dach mangelt ganz. Wahrscheinlich war das Ganze eines der schon mehrmals erwähnten Gebärliäuser, und seine Erbauung gehört in die Zeit, wo das Christenthum schon mit dem Heidenthume Aegyptens rang. Letzteres hielt sich hier und in der Nachbarschaft sehr lange. Die schwarzen Blemyer, äthiopische Beduinen, blieben der Isis und ihrem Gemahl auf Philä am längsten getreu. Bis in späte christliche Jahrhunderte durften sie auf ihren Barken die Bilder ihrer Göttin abholen und herumführen. Hier im Tempel selbst - . 192 Von Theben bis Philä. schlossen die Römer einst (im Jahre 451) einen Frieden mit ihnen, der ihren Einbrüchen in das römische Gebiet ein Ende zu machen bestimmt war. Sehr merkwürdig ist auch die Art, wie die Ufer der Insel durch Manerwerk gegen das allmählige Herabrutschen der Erde und das Abspülen durch den Fluss gesichert sind. Die Alauern, welche sich jedoch nicht über den Fuss der Insel erheben, bilden gleichsam Gewölbe, die gegen das Wasser concav, nach dem Innern convex sind. So widerstehen sie schon seit Jahrtausenden dem Drucke der Wassermassen und sind ein lehrreiches Beispiel für jeden Wasserbaumeister. Von Assuan bis Wadi Haifa. 193 ACHTES KAPITEL. .A-usfiug von Assuan bis Wadi Haifa. Vorbemerkungen. — Preise und Entfernungen. — Die Nubier. — Dabod. — Die beiden Tempel von Kalabschi. — Die Hölilentempel von Dsclierf Hossejn. — Der Tempel von "Wadi Sebna. — Korosko. — Amada. — Abu Simbel. — Wadi Haifa und der zweite Katarakt. — Blick von hier bis Kartum. Vor einem Jahrzehent noch bildete Philä so ziemlich für alle Nilreisende den südlichen Grenzpunkt ihrer Ausflüge Gegenwärtig ist diess anders geworden, und mehr als die Hälfte der Barken, welche mit Europäern den Strom befahren, geht noch tief nacli Nubien hinein bis zum zweiten Katarakt, der sich 219 englische Meilen oberhalb Assuan bei dem Dorfe Wadi Haifa befindet. Die Strecke hin und zurück kann hei günstigem Winde hinnen 14 Tagen zurückgelegt werden. und der Ausflug lohnt sich in hohem Grade, wenn man dabei auch nur an die Ruinen von Abu Simbel denkt. „Niemand, der nicht über Assuan hinausgewesen ist“, sagt Bayard Taylor, „kann sich rühmen, dass er einen gründlichen Begriff von der ägyptischen Kunst hat, und den Nil, den herrlichen Fluss kennen diejenigen, die ihn bei Philä verlassen, nur halb. Ist die Barke nicht zu gross, so kann sie die Katarakten von Assuan ohne Beschwerde und Gefahr passiren. Man nimmt in diesem Falle einen der Lootsen oder Reis der Katarakten an, welcher das Fahrzeug nicht nur mit Hülfe seiner Leute durch die Stromschnellen bringt, sondern auch bis Wadi Haifa und zurück den Befehl und die Führung des Schiffes übernimmt, wofür er Alles in Allem 400 bis 500 Piaster erhält. Dazu kommt ein Baksclüsch für den eigentlichen Reis und die Mannschaft der Barke, und so belaufen sich die Kosten für eine solche Fahrt (mit Ausnahme des Mehrbedarfs an Lebensmitteln) auf ungefähr 6 Pfund Sterling. Die Entfernungen der bedeutenderen Uferortschaften von einander sind folgende: Assuan nach Dabod (auf dem Westufer) 15% englische Meilen. Dabod „ Tafa (W.) 22 „ Kalabschi (W.) 0’. „ „ Dscherf Hossejn (W.) 22 „ „ Dakkeh (W.) 10% , „ 76 3 /, englische Meilen 13 194 Von Assuan bis Wadi Haifa. von vor. Seite 76% englische Meilen Kurti (W.) q V ö /g n ff Maharraka (W.) 3% Sebua (W.) 19V. Derr (0.) Auf dem gegenüber befindlichen Ufer liegt Amada. 29 Ibrim (W.) 13% Abu Simbel (W.) 38 V 3 n 7> Wadi Haifa (0.) 40 219 y a englische Meilen. Der Charakter des nubischen Nil ist sehr verschieden von dem des ägyptischen. Es herrscht in der Landschaft nicht mehr dieselbe schöne blasse Monotonie der Farbe vor, sondern das Bild des Thaies ist voll von schlagenden Contrasten und stark ausgeprägten Lichtern und Schatten. Der Fluss selbst ist reissender, schmäler und klarer. Die Berge zu beiden Seiten erheben sich fast unmittelbar vom Bande des Wasser aus: dunkle Granit-, Porphyr- oder Sandsteinfelsen, zuweilen gegen 800 Fuss hoch, ohne Strauch und Baum, selbst ohne Moos und Gras. Jeder Durchschnitt und jede Zacke auf ihren Kämmen, jeder Spalt und jede Kluft in ihren Wänden zeigt sich in einer so reinen und durchsichtigen Atmosphäre, dass kaum unser wolkenlosester Tag im Winter dem gleichkommt. Auf dem Westufer sind sie meist niedriger, und der Sand der ungeheuren libyschen Wüste, die sich von hier ununterbrochen bis an das Atlantische Meer erstreckt, hat sich über ihre Schultern aufgehäuft und sich sturzbachartig selbst bis an das Wasser ergossen. Seine Farbe gleicht beinahe der des Goldes und sein Glühen bei Sonnenaufgang und Untergang hat Aelinlichkeit mit dem der Schneefelder in den Alpen. Das tragbare Land unten ist ein blosser Saum von 20 bis 50 Schritten Breite. Es trägt ausser einigem Getreide und etwas Baumwolle vorzüglich Dattelpalmen, welche hier besonders schöne Früchte liefern und deren Datteln die Hauptnahrung der Nubier bilden. Die Bäume werden jährlich das Stück mit 1% Piaster versteuert und zu diesem Zwecke alle fünf Jahre von einem Begierungsbeamten gezählt. Sie haben schöner geformte Blätter als die am untern Nil, brauchen sieben Jahre, um reif zu werden, tragen dann acht bis neun Jahre Früchte und sterben zuletzt allmählig ab. Wo immer ein Stück fruchtbares Uferland sich findet, da drehen sich die kreischenden Sakia’s (Wasserschöpfmühlenj Tag und Nacht, um den Durrah- und Lupinenfeldern Leben zuzuführen, aber trotz ihres Fleisses erzeugen die Einwohner kaum soviel, dass sie das Nöthigste haben, und es ist ein grosses Unrecht, dass die Begierung jede von jenen Maschinen jährlich mit 200 Piastern besteuert. Die Einwohner werden mit dem Namen Bardbra (Berbern) bezeichnet, und sie zerfallen in zwei Stämme, die Kenus und die Nuba- Erstere wohnen im Norden, letztere im Süden. Sie gehen bis auf einen Von Assuan bis Wadi Haifa. 195 Schurz um die Lenden meist ganz nackt, tragen in den meisten Gegenden weder den Turban, noch die Pilzmütze der ägyptischen Fel- lahs und lassen sich nicht wie diese das Haar des Kopfs bis auf den Schopf, an dem der Engel Mohammeds die Gläubigen ins Paradies zieht, seheeren, sondern lassen es lang wachsen und ölen es stark mit Fett ein. Sie sind ungebildeter noch als ihre nördlichen Nachbarn, die Fellahs, aber ehrlicher und nicht so zudringliche Bettler. Viele von ihnen wandern seit einigen Jahren nach Kairo aus, wo sie als brauchbare Dienstboten geschätzt sind. Sie gelten für tapfer, und in manchen Gegenden erhalten fortwährende kleine Fehden zwischen einzelnen Dörfern einen kriegerischen Geist unter ihnen, der sich schon darin kundgibt, dass sie meist mit Schild und Spiess bewaffnet einhergehen. Weniger zu loben ist an ihnen, dass sie grossentheils sehr dem Trünke ergeben sind. Man kann es unter ihnen bedauern hören, dass Mohammed blos Ströme von Milch, nicht von Araki im Paradiese in Aussicht gestellt hat. Sie bereiten eine Art von Branntwein aus Datteln, und Rum oder Cognac ist ihnen ein angenehmeres Geschenk als jedes andere — lieber sogar, als Seife, Oel oder Schiesspulver, um das sie oft den Beisenden angehen. Ausser den Nubiern wohnen im Lande verschiedene arabische Stämme. Diese sind fast reinsemitischen Blutes und stammen von Familien, die vor sieben- bis achthundert Jahren aus dem Hedschas nach Afrika auswanderten. Im Lande Abbara finden sich Nachkömmlinge der Dschalin oder des Stammes Ben Koreisch von Yemen, und es gibt im Süden Familien, die Anspruch auf Verwandtschaft mit den Abba- siden und Ommijaden erheben können. Vermischung mit den Negerstämmen jenseits Sennaar hat im Ganzen nicht häufig stattgefunden, da diese nicht viel besser als wilde Thiere gelten. Die arabische Sprache wird in verschiedenen Mundarten vom Rothen Meere bis an die Grenzen von Bornu und Darfur gesprochen, und nach Burckhardt sind die vorherrschenden Dialekte die von Hedschas. Der Unterschied zwischen diesen Abkömmlingen des arabischen Stammes und den Einwohnern Nubiens, welche, gleich den Ababdehs und Bischaris, einge- bornen afrikanischen Völkerschaften angehören, springt auch dem oberflächlichen Beobachter in die Augen. Doch dürfen die beiden letztem sowenig wie die Kenus und Nuba der Negerrace beigezählt werden. Die Angabe des Herodot, dass Sesostris der einzige ägyptische König gewesen, der in Aethiopien geherrscht, wird durch die Denkmäler widerlegt; denn man findet die Namen von vielen andern Pharaonen der 18. Dynastie jenseits des zweiten Katarakts. Die spätem Könige scheinen ihre äthiopischen Besitzungen aber grossentheils aufgegeben, und nur wenige von ihnen Unternubien behauptet zu haben. Die Ptolemäer erst breiteten ihre Herrschaft wieder über einen Theil desselben aus. Zu Psammetichs Zeit war bei Elephantine die Grenze. Strabo bezeichnet Syene (Assuan) als Grenzort, und Philä gehörte damals gemeinschaftlich den Aegyptern und den Aethiopiern an. Und so verblieb es unter den römischen Kaisern, die sich indess dadurch nicht 196 Von Assuan bis Wadi Haifa. ablialten Hessen, Unteräthiojiien (d. h. Nubien bis zum zweiten Katarakt) als zu ihrem Beiche gehörig anzusehen und zu der Ausschmückung der dort bereits stehenden Tempel beizutragen. Während man im ganzen heutigen Unternubien, dem Lande zwischen den beiden ersten Nilkatarakten nicht mehr als drei Moscheen antrifft, die überdiess noch ziemlich unbedeutend sind, werden die Stationen stromaufwärts durch eine lange Beihe von Buinen alter Tempel bezeichnet. Sie befinden sich sämmtlich auf dem linken Ufer, rechts beim Hinauffahren, und gehören zum Theil in die älteste Zeit des Pharaonenreichs. Die ersten Euinen von einigem Interesse sind die von Dabod. Es ist ein wohlerhaltenes Tempelhaus, welches von dem äthiopischen König Aschar-Amun, einem Nachfolger Ergamuns, Zeitgenossen des Ptolemäus Philadelplius, gegründet und unter Ptolemäus Philometor, unter Augustus und Tiberius mit Sculpturen geschmückt worden ist und derselben Götterdreiheit, wie der Tempel von Philä, geweiht war. Das Hauptgebäude beginnt mit einem Porticus oder Hof, der in der Front vier unten durch Zwischenschranken verbundene Säulen hat. Im Innern stösst man auf ein Mittelgemach und zwei Seitenkammern nebst einer zu den obern Gemächern führenden Treppe. Dann folgt ein zweites Mittelzimmer unmittelbar vor dem Adytum, und zwei Seitenräume. Die drei Pylonen vor dem Tempel folgen nicht in gleicher Entfernung von einander, und das Ganze ist mit einer Mauer umgeben, von welcher der erste der Pylonen das Eingangsthor bildet. Das Adytum ist ohne Sculpturen, aber zwei Monolithen in demselben tragen die Namen von Physkon und Kleopatra, und in der Vorderkammer des Naos liest man den des Königs Aschar-Amun, des „Lieblings der Isis“. Im Porticus sind die Götter Thoth und Horhat beschäftigt, auf Tiberius Embleme des Lebens und der Eeinheit auszuschütten. Weiterhin folgt die luftige malerisch auf der Höhe gelegene Tempelruine von Gertasse, eine Gruppe von sechs Säulen mit Hathor- masken als Kapitalem, und zwei von den Säulen sind durcli den langen Steinbalken, den sie tragen, noch verbunden. Sculpturen hat der Tempel nur auf einer der Säulen westlich. Bald nachher trifft man die gebrochenen Quaderwände der zwei kleinen Tempel von Tafah, unmittelbar vor dem schwarzen Granit- gebirg, durch welches hier der Nil einem langen Felsenpass entströmt. Bedeutsamer ist der Name Kalabschi. Hier befinden sich die Trümmer des grössten der freistehenden Tempel Nubiens. Derselbe wurde unter Augustus gebaut, unter Caligula, Trajan und Severus mit Sculpturen versehen, aber niemals vollendet und später arg verwüstet. Treppen führen vom Flusse nach einer ersten und von dieser nach einer zweiten Terrasse. Ein Pylon von behauenem Sandstein erhebt sich mächtig über das weite Portal, und von Aussen hat das Gebäude ein höchst imposantes Aussehen. Wahrscheinlich schwächte sein Inneres einst den hierdurch hervorgebrachten Eindruck nicht, aber gegen- Von Assuan bis Wadi Haifa. 197 wärtig ist es fast nur eine Masse durcheinandergestürzter Trümmer, aus denen sich schwer auf die einstige Gestalt schliessen lässt. Das Portal führt zunächst in einen zusammengefallenen Säulenhof, der von den eignen Trümmerstücken hoch angefüllt ist, und vor das Tempelhaus selbst, das — ungefähr so wie in Edfu — zwischen pyramidal geneigten Seitenwänden durch vier unten verbundene Säulen sich öffnet. Die Säulen unter ihrem verstümmelten Steingebälk erinnern durch ihre zierlichen Kapitale von Weinlaub und Palmenzweigen, dass wir einen Bau sehr später Zeit vor uns haben und somit nicht erwarten dürfen, an den Wänden der Gemächer historische Bildwerke zu finden. In der That sind es nur die gewöhnlichen Opferspenden römischer Kaiser, die wir auf der Wand der hintern Kammern gewahr werden, und die, wie schon wiederholt bemerkt, nur den Werth von Datumsangaben besitzen. Diese Kammern, eine hinter der andern, von abnehmender Höhe, jede mit zwei Säulen, sind durch die niedergebrochene Decke grossentheils tief verschüttet. Wo die Decke sich erhalten hat, erscheint sie blau mit goldenen, jetzt sehr erbleichten Sternen. Nicht ohne beträchtliche Genugthuung wendet sich der Freund der altägyptischen Kunst von den poesielosen handwerksmässigen Sculp- turen der römischen Aera zu den reinen und anmuthigen Schöpfungen des Pharaonenzeitalters, welchen man in dem nahegelegenen, zur Zeit Ramses des Grossen entstandenen und dem Amunre nebst Kneph und Anauke geweihten Höhlentempel von Bet el Wally begegnet. Derselbe besteht aus einem kleinen Allerheiligsten, einer von zwei dorisch hochgestreiften Säulen sehr alten Styls getragenen Vorhalle und einem kleinen Hofe. Am obern Ende der Halle sind zwei Nischen, von denen jede drei sitzende Figuren in Hautrelief enthält, und auf den Mauern des Hofes aussen vor der Halle sind die Siege Ramses abgebildet. Die Seulpturen beziehen sich auf die Kriege dieses Pharao gegen die Kuschi oder Aethiopier und gegen die Scliori, eine Nation des steinigen Arabiens (nicht, wie Champollion meint, die heutigen Bi- schari), welche, früher von den Aegyptern unterworfen, sich gegen dieselben aufgelehnt hatten, und von Osirei und Ramses II. wieder tributpflichtig gemacht wurden. Auf der rechten Wand sieht man den König Osirei auf einem Throne unter einem Baldachin sitzen und die von den besiegten Aethio- piern dargebrachten Geschenke in Empfang nehmen. Den Gabenspendern geht der Fürst von Kusch Amunmatape voran, der von seinen beiden Kindern begleitet ist und von dem ältesten Sohne des ägyptischen Herrschers, Ramses, bei seinem Vater eingeführt wird. Die Geschenke bestehen in Tischen und Schränken, die mit goldenen Ketten bedeckt, sind, Pantherfellen, Beuteln mit Goldstaub, Ebenholzstämmen, Elephan- tenzähnen, Straussenfedern, Bündeln von Bogen und Pfeilen und kostbaren Möbeln. Nach diesen Reiclitliümern kommen andere äthiopische Gesandte mit einem Löwen, Ochsen und Gazellen. Die untere Reihe beginnt mit dem Fürsten Aethiopiens. dessen Gefolge die Pflanzen ihres Landes und verschiedene merkwürdige Thiere 198 Von Assuan bis Wadi Haifa. aus dem Innern Afrikas, Panther, Straussen, Affen und Giraffen bringen. Weiterhin ist der Kampf mit den Aethiopiern und ihre Niederlage dargestellt. Osirei erscheint auf seinem Kriegswagen, begleitet von seinen beiden Söhnen, ebenfalls zu Wagen. Es scheint ein Wald von Kokospalmen zu sein, und in seinen Wipfeln klettern Affen. Der königliche Held schiesst seine Pfeile auf den bereits wankenden Feind ah, dessen Krieger sich in den Wald flüchten. Am obern Ende des Bildes wird ein verwundeter Häuptling von seinen Gefährten fortgebracht. Eins seiner Kinder wirft Staub auf sein Haupt, und ein anderes läuft fort, um die Trauerbotschaft von des Vaters Verwundung der Mutter zu bringen, welche vor einem Feuer auf dem Erdboden mit Kochen beschäftigt ist. Auf der Wand gegenüber sind Scenen aus dem Kriege mit den Schori dargestellt. Am obern Ende, welches nicht der Anfang, sondern das Ende de-' Gemäldes ist, sitzt Ramses auf einem Throne, vor dem ein Löwe, sein Gefährte im Kriege, liegt. Sein ältester Sohn führt ihm einen Haufen Gefangene von jenem Volke vor. Auf der untern Tafel sieht man eine Deputation ägyptischer Anführer zur Beglückwünschung nahen. Weiterhin sieht man den siegreichen Pharao im Getümmel der Schlacht sich mit einem der feindlichen Häuptlinge messen und diesen im Beisein seines Sohnes und anderer Aegypter mit seinem Schwerte tödten. Die nächste Abtheilung zeigt ihn auf seinem Wagen, wo er einen andern arabischen Feldherrn ergreift und erschlägt. Der Feind flieht nach einer befestigten Stadt, gegen welche der König anrückt. Einige bitten um Gnade und Frieden. Der Sohn des Pharao schlägt mit der Axt das Stadtthor ein. Der König tritt die niedergeworfenen Araber mit Füssen und haut mehrere der Gefangenen nieder, von denen ihm sein Sohn eine lange Reihe in Fesseln vorgeführt hat. Dies sind die hauptsächlichsten Darstellungen in diesem Tempel, welcher nebst dem von Abu Simbel der sehenswürdigste in ganz Nubien ist. Weiter hinauf wechseln freistehende Tempel aus römischer Zeit mit Höhlentempeln ab, die auf Ramses den Zweiten zurückzuführen sind. Die ersteren befinden sich zu Dendur und Dakkeh sind aber kaum eines Besuches werth, und so genüge es zu bemerken, dass der von Dendur unter Augustus erbaut und den Göttern Isis, Osiris und Horus geweiht war, während der zu Dakkeh, von Ergamun gegründet und unter den Ptolemäern mit einigen Sculpturen geschmückt, als Wohnstätte des Hermes Trismegistus, d. h. des altägyptischen Thoth, galt. Die Höhlentempel sind so plump und roh, dass man zweifeln konnte, ob der Höhestand altägyptischer Kunst solche Anlagen geliefert haben möchte. Indess erklärt sich dieser Widerspruch leicht durch die Annahme, dass Ramses hier nicht selbst der Erbauer war, sondern nur seinen Namen hergeben musste, um die Zeit der Erbauung zu bezeichnen. Der erste dieser Höhlentempel ist der von Dscherf Hossejn. Er ist mit Ausnahme seines Vorhofs ganz in den Felsen gehauen. Am Von Assuan bis Wadi Haifa. 199 oberen Ende des Allerbeiligsten befinden sich vier sitzende Figuren in Hantrelief. Aehnliche Gestalten begegnen dem Beschauer in den acht Nischen der grossen, auf sechs Pfeilern gestützten Hallen und in den beiden andern des Vorhofs. Letzterer hatte eine Reihe von vier Osirisfiguren auf jeder Seite und vorn vier Säulen, allein es ist von der Wand, die ihn umgab, jetzt nur wenig noch vorhanden. Die Tiefe des in den Felsen gehauenen Theils dieses Heiligthums, welches vorzugsweise dem Pthah und daneben der Hathor, der Pascht und Anauke geweiht war, beträgt nicht mehr als 130 Fuss. Die inneren Wände sind voll Russ und Fledermäuse, welche in hässlichen Klumpen von der Decke herabhängen, dieselbe mit ihrem Schleim überziehen und den übelsten Geruch verbreiten. Der andere, südlicher, oberhalb Dakkeh gelegene Höhlentempel ist der von Wadi Sebua. Einst dem Amun und Re geweiht, verbirgt er sich in einem kleinen Hügel. Eine im Sande verschwundene Allee von Sphinxen führte ehemals auf den gewaltigen Pylonwall zu, der die Stirn des Heiligthums bildet. Dahinter befand sich eine Halle von Osirispfeilern, die jetzt ebenfalls im Wüstensande begraben ist. Dann folgt der Tempel selbst, in den man nur gelangen kann, wenn man sich durch die Nubier, welche sich unberufen sofort einstellen, sobald eine Barke Europäer landet, einen Weg durch den Sand graben lässt. In der christlichen Zeit in eine Kirche verwandelt, zeigt sein Inneres verschiedene Spuren dieser Metamorphose. In der hintersten Kammer befindet sich das Stuckbild des heiligen Petrus mit seinem grossen gelben Schlüssel, und von beiden Seiten überreicht ihm Pharao Ramses der Grosse seinen Opferstrauss. Der alte König meint eigentlich die ägyptischen Götter, die von dem Stuck bedeckt sind und unter der vergänglicheren Apollosfigur allmählig wieder hervordämmern und mit der Gelassenheit, welche Steinbildern eigen zu sein pflegt, abwarten zu wollen scheinen, wer am längsten das Feld behaupten wird. Die Bewohner des Dorfes Wadi Sebua sind Beduinen und sprechen arabisch. Dann beginnt die Nuba-Sprache, die bis nach Wadi-Halfa gesprochen wird. Alle bisher geschilderten Tempelruinen liegen auf dem linken, d. h. dem westlichen Ufer des Nil. Dagegen hefindet sich Korosko, die Einbruchsstation in die grosse nubische Wüste, auf dem rechten. Hier geht die Karawanenstrasse nach Kartum, dem südlichsten Punkte, wo noch einige Civilisation herrscht, südwärts hinein, um die ungeheuere Krümmung des Nils nach Westen, welche hier endigt, abzuschneiden. Diese Wüste gehört zu den schlimmsten in ganz Afrika; denn auf dem ganzen, einige achtzig Stunden langen Karawanenweg findet sich nur ein einziges Mal und zwar so ziemlich in der Mitte etwas Wasser. Gleichwohl ist die Strasse sehr besucht und allenthalben , besonders aber gegen ihre Endpunkte hin, mit zahllosen Gerippen von Kameelen und Menschen bezeichnet, die hier verschmachtet sind. Es sind sandige Thäler und Felscnpässe, unabsehbare, 200 Von Assuan bis Wadi Italfa. ^ fianzenlose Flächen, Bachr Bela Maje, See ohne Wasser, von den ingebornen genannt, oder dunkle Porphyrberge, zwischen denen, auf unterirdische Wasserzüge schliessen lassend, einige Palmengruppen stehen, dann wieder steinige Höhen und Sandebenen. Das Teufelsmeer „Bachr Scliaytan“ der Araber, die Luftspiegelung, die den schmachtenden Wanderer mit dem Zauberbild eines Sees äfft, erscheint unaufhörlich und um so peinlicher, wenn das Wasser in den Schläuchen, auf denen den ganzen Tag die tropische Sonne brütet, faul und untrinkbar zu werden Beginnt. Geier begleiten den Zug der Beisenden, um die etwa Erliegenden zu verzehren. Auch ist der Weg bisweilen unsicher wegen der wilden Wanderstämme der Bischaris, eines Beduinenvolkes, welches in den weiten Wüsten zwischen hier und dem rothen Meer haust und zwar wiederholt grausam gezüchtigt, aber nie ganz unterworfen und gezähmt worden ist. Die Kameele zu dieser Wüstenreise werden zu Korosko von den Ababdeli gestellt, die gleich jenen ein dunkles Beduinenvolk sind, aber für ehrlich und brav gelten. Sie gehen singend zu Fuss neben den Kameelen her, tragen Schilde von Nilpferdhaut, Lanzen mit einer vier Fuss langen Eisenspitze und gerade sehr breite Schwerter. Wie gross die Freude ist, wenn der wandernde Europäer endlich die weichen süssen Wasser des Nil wieder erreicht und die tropische Pracht der Vegetation seiner dortigen Ufer erblickt, kann der Leser sich vorstellen. Diesen geraden, kürzesten Weg schlägt der Kaufmann und der Beamte, der in die südlichen, dem Pascha von Aegypten unterworfenen Länder zieht, aber nur selten ein europäischer Beisender ein. Die alten Tempel folgen der ganzen grossen westlichen Ausbiegung, dem sogenannten Ellbogen des Nil aufwärts und sind gerade auf dieser Strecke, von Korosko bis zu dem zweiten Katarakt am bedeutsamsten. Es folgt zuerst der kleine Tempel von Amada, der von Sesur- tesen III. gegründet und von Thothmes III. mit Sculpturen geschmückt wurde und dem Gotte Be geweiht war. Derselbe steht auf einer kleinen Anhöhe im Flugsande, welcher das Gebäude umgibt und es beinahe ganz bedeckt. Man findet einen niedrigen von acht Säulen getragenen Portikus, einen schmalen Corridor und die gewöhnlichen drei Tempelräume, alle von sehr kleinen Verhältnissen. Oben darauf haben geschmacklose Christen, die das alte Heiligthum zu einer Kirche machten, eine Kuppel gesetzt, die einem deutschen Bauernbackofen gleicht. Mehr Dank verdient es, dass sie zugleich Löcher in das Dach brachen, wodurch genügendes Licht ins Innere fällt, um die Sculpturen seiner Wände in Augenschein zu nehmen. Diese Bildwerke stellen verschiedene Opfersccnen dar, aber die Figuren, welche opfern, haben nicht die gewöhnlichen Symbole des Königthums, und die Gegenstände, die von ihnen dargebracht werden, bestehen hauptsächlich in einem Tische, auf dem Erzeugnisse des Landes, Früchte u. s. w. aufgehäuft sind. Die Farbe der Früchte ist Von Assuan bis Wadi Haifa. 201 saftig und glühend, und ausserdem sieht man noch andere Gegenstände, welche Kuchen und anderes Backwerk vorstellen zu sollen scheinen. Die Säulen der Vorhalle erinnern abermals an den dorischen Styl, während der Plan des Tempels mehr dem sogenannten etruskischen entspricht, der beiläufig mit jenem verwandt ist. Eine kleine Strecke weiter stromaufwärts, auf dem palmenreichen rechten Ufer liegt Derr oder Dejr, in dessen Nähe sich ein Höhlentempel aus der Zeit Ramses II. befindet, der 110 Fuss tief in den Felsen gehauen ist und verschiedene Sculpturen zeigt, die indess grossentheils sehr beschädigt sind. Der Gott, der hier vorzüglich verehrt wurde, war Re, ausserdem stand der Tempel unter dem Schutze Amuns, Thoth’s und Pthah’s. Weiter fahrend gewahrt man Ibrim auf hoher Klippe, einst der letzte nach Süden vorgeschobene Grenzposten der römischen Weltherrscher. Ein Stück höher den Fluss hinauf, zu Tosko, schieben sich zwei Felsenriffe quer über den Nil, welche im Mai und Juni fast die Fahrt versperren und für eine Barke, die den Strom ohne Lootsen hinabführe, sehr gefährlich sein würden. Endlich legt das Boot vor Abu Simbel an, und wir betreten seinen Höhlentempel, das gewaltigste Werk des gewaltigen Ramses Sesostris, nach Thebens Ruinen das sehenswürdigste Ueberbleibsel der alten Bau- und Bildhauerkunst im ganzen Nilthale. Wir erblicken eine schiefe Felswand, vor welcher in senkrechten Nischen vier kolossale Statuen Ramses II. sitzen. Sie sitzen auf Thronen und sind mit ihren Piedestalen nahe an 70 Fuss hoch. Die Gesichtslänge beträgt 7 Fuss, die Breite über den Schultern ist 25 Fuss, vom Ellbogen bis zu den Fingerspitzen werden 15 Fuss gemessen. Aber von rechts her ist ein Strom feinen gelben Wüstensandes in den Thalraum herabgeflossen und hat den ersten Koloss ganz, den zweiten bis an die Schultern, den dritten und den vierten, der besonders gut erhalten ist, bis zu den Knieen verschüttet. Wiewohl die Wirkung dieser grossartigen Tompelfajade, welche eine Höhe von 100 und eine Breite von 120 Fuss haben mag, sehr geschwächt ist, so hat sie doch in der Welt kaum etwas Aehnliclies. Man sollte nicht glauben, dass bei Statuen von so ungeheuerer Grösse — man denke sich ein Antlitz, das von Ohr zu Ohr 13 Fuss misst — der Gesichtsausdruck ein so ausnehmend schöner sein könnte. Das Angesicht der Ramses, bei allen jetzt sichtbaren Kolossen dasselbe, ist offenbar Porträt, da es entschiedene Aehnlichkeit mit den Statuen des Königs an andern Orten hat. Ausserdem haben manche von den Gesichtszügen des Steinbildes eine Individualität, die zu scharf ausgeprägt ist, um blos den allgemeinen Typus des ägyptischen Kopfes darzustellen. Die Fülle des gesenkten Augenlides, welches dennoch das grosse längliche Auge nicht deckt, die Nase, welche sich zuerst ein wenig der Adlernase nähert, aber sich dann nach den runden breiten Nasenlöchern hin senkt, die edle Breite der ruhigen Lippen und der 202 Von Assuan bis Wadi Haifa. milde, heitere Ausdruck der Züge sind des Besiegers von Asien und Afrika und des Erbauers von Medinet Habu würdig. Zwischen den beiden mittleren Kolossen, von denen der eine bis auf seine untere Hälfte zertrümmert ist, öffnet sich der Eingang in den Berg. Das Portal ist so versandet, dass man gebückt hinein- f eben muss, um nicht an den ungeheueren Block zu stossen, der es eckt. In dem vorderen Baume, an den zwei Beihen viereckiger Pfeiler, die hindurchführen, lehnen, vier auf jeder Seite, die (ohne Mütze und Fussgestell) gegen 18 Fuss hohen Osiriskolosse mit hoher Königs- mütze, steifem Spitzbart und schön gefaltetem Hüftentuch. Sie haben alle die mächtigen Arme über der Brust gekreuzt und in den Händen halten sie verschiedene kaiserliche und königliche Symbole, worunter die dreschflegelartige Geissei nicht fehlt, die man so oft bei ägyptischen Herrscherbildern bemerkt. Sie sind im edelsten Styl der alten Kunst ausgeführt. Die Gesichter waren einst theilweise bemalt, und der schwarze, Augapfel, der noch immer auf dem Weissen des Auges zu sehen ist, gibt ihnen einen gespensterhaften Ausdruck, und so starren sie, bis an die Knie im Sande begraben, auf den Beschauer herab wie ein versteinertes Biesengeschlecht, das durch einen Bann gebunden harren muss, bis der Erlöser kommt. „Karnak ist grossartig,“ sagt Taylor, indem er von diesem Höhlentempel spricht, „aber seine Grösse ist eine menschliche. Der Tempel von Abu Simbel dagegen gehört den übermenschlichen Phantasien des Morgenlandes an, den Hallen der Geister oder den Beichen der entthronten Titanen der altgriechischen Mythologie.“ Die Empfindung wird nicht geschwächt, wenn man durch die zweite Halle und den Tempel selbst geht, um in das Allerheiligste, die hinterste dunkle Kammer zu treten, die 200 Fuss tief im Felsen liegt. Es bedarf dazu der Kerzen oder Fackeln, oder man lässt sich ein Feuer von trocknen Palmenzweigen anzünden. Dann erblickt man einen Granitaltar und um denselben vier grosse Götterbilder mit Thier- und Menschenköpfen, die Hände auf die Knie gelegt. Sie waren einst mit lebhaften Farben bemalt. Die dritte Figur nach rechts neben einem blauen Amun und einem braunen Sonnengott ist König Bamses selbst. Die Wände sind mit Bildwerken von ihnen nnd ihren Mitgöttern in dem grossartigen kühnen Style der Zeit, des Sesostris bedeckt. Zur Seite sind acht kleinere Kammern in das Gestein gehauen, ohne Streben nach Symmetrie der Form oder nach Begelmässigkeit der Ver- theilung. In einigen von denselben laufen drei Seiten Sitzbänke herum, genau wie die Divans in den Häusern des heutigen Aegypten. Es waren wahrlich Gemächer für die Priester oder Tempeldiener. Die interessantesten Sculpturen gewahrt man auf den Wänden der grossen Halle. Sie sind nach denen von Karnak und Medinet Habu die wichtigsten historischen Bildwerke dieser Art in Aegypten. Auf der Schlussmauer zu beiden Seiten des Eingangs befindet sich ein Basrelief, das den König Bamses darstellt, wie er mit dem Streitkolben eine Gruppe gefangener Könige oder Häuptlinge erschlägt, welche er Von Assuan bis Wadi Haifa. 203 bei dem Haupthaar erfasst hat. Amun spricht zu dem Könige, indem er ihm die Harpe (Schlachtsichel) reicht: „Ich gehe dir die Sichel, tödte mit ihr, ich gebe dir den Süden zu unterwerfen und den Norden zu besiegen und alle Stämme der verkehrten Geschlechter in die Flucht zu schlagen und das Gebäude deiner Herrschaft auszudehnen, soweit die Stützen des Himmels reichen.“ Es gehören zu jeder der beiden Gruppen zehn oder zwölf Mann, und die Gesichter zeigen denselben Unterschied der Race, den man bei ähnlichen Bildern in Theben bemerkt. Man erkennt die Gesichtsbildung des Negers, des Persers und des Semiten heraus. Sie alle bitten mit erhobenen Händen den Sieger um Gnade. Auf der südlichen Mauer wird der Unterschied zwischen den einzelnen Nationen noch deutlicher, indem hier zu der Zeichnung noch die Farbe kommt. Die Bildwerke auf den Seitenmauern des Tempels führen Scenen aus den Feldzügen des Ramses vor. Man erblickt den König wie zu Medinet Habu auf einem Wagen, den zwei Rosse im vollen Laufe in die Reihen der Feinde ziehen. Ramses schiesst seine Pfeile auf sie ab, und gerade vor ihm wird ein Wagenlenker, tödtlich verwundet, von seinem umstürzenden Wagen herabgeschleudert. Die Gruppen sind in kühnen Umrissen gemeisselt, die Figuren der Pferde voll Leben, das Gesicht des Königs aber zeigt keinerlei Aufregung, sondern die unbeugsame Ruhe des Schicksals. Der Tempel ist von seinem Erbauer dem Sonnengotte Amun Re und — seinem eigenen Ruhme geweiht. Ueber dem Eingänge zwischen den beiden neben ihm zunächst sitzenden Kolossen gewahrt man eine schmale Nische, in welcher, frei herausgearbeitet, die Gestalt des erwähnten Gottes sperberköpfig mit der Sonnenscheibe auf dem Haupte steht. Von beiden Seiten ausserhalb der Nische erscheint in eingeschnittenem Umriss die Figur des Königs, der eine kleine Götterstatue als Opfer darbringt. Am linken Beine des Kolosses links vom Eingänge findet sich eine uralte griechische Inschrift. Sie stammt aus dem siebenten Jahrhundert und es meldet in ihr einer der jonischen Söldlinge des Königs Psammetich, dass letzterer auf Elephantine zurückgeblieben sei und sie hieher vorausgeschickt habe — eine Nachricht, die sich auf die Notiz Herodots bezieht, nach welcher einst grosse ägyptische Heerhaufen aus Verdruss über die Bevorzugung der fremdländischen Söldlinge ihres Pharao ihren Garnisonsort Elephantine verliessen und nach Aethiopien übergingen. Die Ueberläufer wurden von den griechischen Kriegsknechten verfolgt, nicht erreicht und von dem Aethiopierkönig wohl empfangen, und die Aethiopier nahmen von ihnen mildere Sitte an. Dem grossen Tempel gegenüber, in der nach Süden gerichteten Felswand des kleinen sanderfüllten Thaies trifft man einen zweiten kleineren Höhlentempel. Hier lehnen sechs Kolosse, von denen die grössten 35 Fuss haben, jeder in einer Nische und von der Nachbarfigur durch eine schiefe, mit Hieroglyphen beschriebene Bergrippe getrennt, als Fafadenzier. Es sind nicht dieselben, wie die am grossen Tempel. Die eine Riesengestalt, welche ein Bein vorsetzt, während sie ein 204 Von Assuan bis Wadi Haifa. Schwert mit dem Griffe gegen die Brust drückt, ist mit weit mehr Geist ausgeführt, als man in der Regel bei Statuen dieser Periode antrifft. Bas Hauptgemach im Innern hat an seinen sechs vierkantigen Säulen Hathormasken, und seine Wände sind mit bemalten Sculpturen geschmückt. Letztere beziehen sich ebenfalls auf jene Göttin, die hier und in dem Adyturn in der Gestalt einer Kuh, ihres Emblems, erscheint, und welcher dieses Heiligthum von Nofreari, der Gemahlin Ramses des Grossen, geweiht war. Von hier ist es nicht mehr weit zu dem zweiten Katarakt, der bei Wadi Haifa beginnt oder vielmehr endigt, fast eine deutsche Meile lang ist und von den Arabern Batn el Hadschar, „der steinerne Bauch“ genannt wird. Auf dem Westufer befindet sich die Kalksteinklippe Abu Sir, welche, nahe an dreihundert Fuss hoch, nach der Ostseite in jähem Absturz nach dem Wasser abfällt und die beste Aussicht von den Ütromschnellen gewährt. Da sie überdies das Schlussglied einer Hügelkette bildet, so bietet sie auf ihrem Gipfel auch nach andern Seiten eine weite Aussicht, und so darf man nicht verfehlen, sie zu besteigen. Das Panorama ist wahrhaft einzig in seiner Art. Nach Süden hin erheben sich die Berge des Batn el Hadschar wie eine schwarze Mauer, aus der sich der Nil hervordrängt und zwar nicht in einer breiten glatten Fläche, sondern in zahllosen einzelnen Bächen, die mitten unter chaotischen Steinhaufen hervorrieseln, als kämen sie aus unterirdischen Quellen, und schäumend und rauschend ihren schwierigen Weg um Gruppen von Inseln und Riffen nehmen, hier Zusammenkommen und dort sich wieder trennen, allenthalben nach einem Ausweg suchend, ohne einen zu finden, bis zuletzt die Felsen, gleichsam müde des langen Widerstandes, zurücktreten und die ermüdeten Gewässer sich träge und erschöpft auf dem Sande unter dem Gebirge des Ufers ausbreiten. Es ist ein wunderbares Gemälde des Kampfes zwischen zwei materiellen Kräften, aber so verwickelt und labyrinthisch, dass das Auge sie kaum trennen, sie fast nur als ein Ganzes betrachten kann. Der Fuss der Klippe, die diese Aussicht gewährt, ist mit Namen von Touristen bedeckt, welche sie besucht haben. Sie ist die ultima Thule für die grosse Mehrzahl derer, welche die Nilfahrt unternehmen, und so endet mit ihr unsere Beschreibung. Für den, welcher weiter nach Süden Vordringen will, folge noch in einem Anszuge aus Brauns Kunstgeschichte ein kurzer Ueberblick über das, was seiner bis Kar- tum wartet. Anderthalb Tagereisen stromaufwärts von Wadi Halfu kommt man an die Katarakten von Semneh, wo rechts eine uralte pharaonische Festung den Nil überschaut. Auf der Platte steht ein Tempel Thothmes III., eine einfache gestreckte Zelle, die zur Seite einige Säulen und Pfeiler hat. Auf der Wand im Innern opfert der genannte Herrscher dem König vom Ende des alten Reiches Sesurtesen 111., dem Gründer dieser Burg, der vergöttert auf einer Barke sitzt. Gegenüber auf dem östlichen Ufer ist gleichfalls eine Burg und ein Tempel. Der Ort heisst Von Assuan bis Wadi Haifa. 205 Kummeh. Wer hinüber will, muss ein Floss haben, das von schwarzen Schwimmern geschoben wird. Felseninschriften, von Amenemlie 111. (Moeris) hier angebracht, bezeugen, dass vor viertausend Jahren der Nil um 24 Fuss höher stieg. Also haben die Katarakten sich soweit ausgewaschen, und kann der Nil die südlichen Länder um so viel weniger überfluthen, womit natürlich ihre Kulturfähigkeit abgenommen hat. Der Anblick des Landes bleibt sich im Wesentlichen gleich: ein schmaler grüner Flussrand zwischen endlosen Wüsten. Es wird bewohnt von derselben schwarzbraunen Race der Barabra, dem schöngebauten friedlichen Volke, das seine schwerbesteuerten Wasserschöpfmaschinen im Gange hält und in fortwährender Furcht vor den Beamten und Soldaten des Paschas lebt. Ihre Hütten bestehen aus eingerammten Palmenstämmeu mit Strohmatten statt der Wände. Nur die Schechs oder Häuptlinge haben grössere erdgebaute Höfe, oft burgartig mit Pyramidalthürmen in den Ecken auf einer Nilinsel. Erst seit den zwanziger Jahren sind diese Länder unter ägyptischer Botmässigkeit. Sie wurden von eingebornen Häuptern, Melcks, d. i. Könige genannt, beherrscht, bevor Ismael Pascha, Mehemed Alis Sohn, in raschem Eroberungszug ihre Unterwerfung empfing. Auch die alten Pharaonen herrschten schon bis hier hinauf, bevor andrerseits ein äthiopisches Reich bis an die Grenzen Aegyptens und auf kurze Zeit über Aegypten hinaus sich selbst ausdehnte. Wir treffen äthiopische und ägyptische Baudenkmale auf beiden Ufern. Erstere sind leicht zu erkennen an ihren runden, dicken, kraftlosen Formen. Aethiopiscli sind die Teinpelsäulen von Amara, die auf dem östlichen Ufer aus der Wüste ragen. Auf ihrem Umfang fand man eine wohlbeleibte Königin von Meroe, wie sie Opfer bringt, vielleicht die berühmte Kandake, die mit den Römern Krieg führte. Altägyptisch dagegen ist der auf dem linken Ufer am Rande der flachen gelben Wüste gelegene grosse Tempel von Soleb. von dem jetzt nur gewaltige Haufen von Steinblöcken und malerische Gruppen von Knospenkapitälsäulen übrig sind. Der Tempel gehört Amenophis III. Auf der Rundung einer Säule lässt er seine gefesselten Gefangenen, Sinnbilder asiatischer Städte, aus ihrem Namensschild ragen. Dass die ägyptischen Könige hier grosse Tempel bauen und dass sogar noch weiter oben in Granitbrüchen die Namen der ältesten Herrscher des neuen Reiches erscheinen, ist ein Beweis, dass dieser Landstrich schon in sehr früher Zeit festes Besitzthum der Pharaonen war. Weiter aufwärts, auf der Nilinsel Aryo, liegen zwei nur auf der Vorderseite vollendete Kolosse sammt ihrer Fussplatte, mit der sie eins sind — nach den plumpen Formen zu schliessen, abermals äthiopischer Styl. Von Neu-Dongola an, einer Stadt mit belebtem Bazar, lässt der Nil sich wieder befahren. Es ist noch immer jene grosse westliche Krümmung, die durch jene directe Wüstenfahrt abgeschnitten wird. Bevor wir zu dem Orte kommen, wo der Karawanen weg den Fluss wieder erreicht, gelangt man zu der Stätte der altätliiopischen Haupt- 206 Von Assuan bis Wadi Haifa. stadt Napata am Berge Barkal. Dieser Berg, auf dem rechten Ufer sich erhebend, ist eine breite steile Felsenmasse, tafelförmig abgeplattet, die einsam aus der Ebene aufsteigt. An ihrem Fusse liegen reiche Tempeltrümmer und links um die Ecke mehrere Pyramiden. Letztere haben keine bedeutende Höhe, indem keine 60 Fuss misst. Sie sind aber eigenthümlich schlank und haben meist ein Vorgemach, welches gewölbt auf einer Seite hinaustritt. Es wird durch die gewohnte Pylon - form eröffnet. Dieses Vorgemach, für die Leichenfeier bestimmt, welche dem Verstorbenen geweiht wurde, ist ohne Verbindung mit dem Innern der Pyramide. Einige dieser sehr zerstörten Gemächer haben noch Spuren von Sculptur an ihren Wänden: Opfer von Thieren oder Palmenzweigen, die dem König oder dem Inhaber des Grabes dargebracht werden. Er sitzt in der Wandsculptur in ganzer Grösse auf einem Throne, der die Gestalt eines Löwen hat, und zwischen den ausgebreiteten Schwingen einer Göttin. Die Zeichnung ist die runde äthiopische. Alle Gemächer dieser Art liegen nach Osten fganz so wie die kleinen Tempel der ägyptischen Pyramiden), weil der Verstorbene selber im Westen wohnt und man beim Eintritte sich nach ihm wenden muss. Die Grabkammern selbst werden nicht sichtbar. Die Kanten der Pyramiden sind architektonisch herausgezeichnet, eine glatte Bekleidung aber ist nicht mehr zu sehen. Es ist die Todtenstadt von Napata, dem Orte, wo jener Aethiopen- könig Tirhaka (im achten Jahrhundert vor Ohr.) residirte, derselbe, wie es scheint, der im alten Testamente als Verbündeter des Königs Hiskia gegen Sanherib von Assyrien erwähnt wird. Er hatte damals Aegypten inne, ging aber freiwillig wieder zurück und baute hier am Berge Barkal eine Stadt nach ägyptischem Muster. Von den andern Ruinen Napatas sind zwei sehr zerfallene Tempel die wichtigsten. Der eine, welcher im Westen liegt, hat seine Felsenkammern im Berge und den Rest seiner Pfeiler und Säulenreihen davor. An den Pfeilern lehnen die sclieusslichen Figuren mit dickem Kopfe, die man gewöhnlich als Typhon bezeichnet, welche aber (wie bereits früher bemerkt) den Pthah, den Gott des Urfeuers bedeuten, der im Anfänge der Dinge war und darum selbst in unförmlicher Kindergestalt erscheint. Die Säulen tragen das Haupt der Unterweltgöttin Hathor. Im Innern, wo die vordere Felsenkammer sich gleichfalls auf zwei solche Pthahpfeiler stützt, erkennt man auf der Wand den König Tirhaka, Opfer bringend vor Amunre, dem Sonnengott von Theben. Der grosse östliche Tempel, einer der umfassendsten von ägyptischem Styl, ist beinahe ganz zerfallen, begraben oder verschleppt. Nur eine einzige Säule mit einem Knospenknauf steht noch aufrecht und zeigt auf dem Würfel, der darauf sitzt, Tirhakas Namen. Es sind diess die ältesten äthiopischen Kunstbauten. Alles Aeltere gehört den Aegyptern an, z. B. die Reste eines Tempels, der bereits von Ramses dem Grossen hier errichtet wurde. Von Assuan bis Wadi Haifa. 207 Nach dem grossen westlichen Ausbug des Nil trifft man bei dem Hinaufgehen einen eben so grossen östlichen. Man vermeidet auch diesen durch einen Weg durch die Wüste. Sandige Flächen wechseln auch hier mit felsigem Gebirge. Es ist jedoch diese Wüste weniger dürr und öd, weil hier bereits eine Eegenzeit stattfindet und der Boden sich mit Stachelpflanzen und Mimosenbüschen bedeckt. Gazellen und Antilopen hausen darin. Es ist die Wüste Gilif. Alterthümer versäumen wir, wenn wir den Nil verlassend, sie durchschneiden, keine. Dagegen sehen wir dann nicht die Stelle, wo der Atbara, der einzige Nebenfluss des Nil, mündet. Derselbe kommt weit her aus den Gebirgen von Habesch und führt in der Eegenzeit hohe Wasser, versiegt aber in der trockenen Jahreszeit bis auf einige stehende Teiche, die dann von Krokodilen und Nilpferden wimmeln. Dieser Nebenfluss, der von Südosten herzuströmt, und der von Südwesten kommende Nil bilden zusammen die sogenannte Insel Meroe. Hier bezeichnen Pyramidengruppen, erst vor wenigen Jahrzehnten von Europäern entdeckt, dio Lage der alten berühmten Priesterstadt. Sie stehen auf einem schmalen, halbmondförmigen Hügel, welcher sich etwa 50 Fuss über die Ebene erhebt und seine convexe Seite dem Nil zuwendet, während gegen Osten seine concave Curvc ein kleines Thal um- schliesst, das zwischen ihm und dem Gebirgszuge liegt. Sein Plateau ist mit einer langen Beilie von Pyramiden gekrönt, die so dicht an einander stehen, dass ihre Basen fast Zusammentreffen. Keine derselben hat noch eine Spitze und sie liegen alle mehr oder weniger in Trümmern. Die röthlichen Sandsteinblöcke, aus denen sie errichtet sind, haben eine Höhe von durchschnittlich 1 % Fuss, und das Zurücktreten der einzelnen Lagen wechselt von 2 bis 4 Zoll, so dass die Höhe des Gebäudes viel grösser ist, als die Breite der Basis. Eigenthümlich ist ferner, dass die Seiten nicht gerade, sondern krumme Linien von verschiedenen Stufen der Convexität bilden. Im Uebrigen haben sie grosse Aehnlichkeit mit denen von Napata und wie diese den Ansatz einer nach Osten gewendeten Kammer, die durch eine Pylonfront eröffnet wird und reichlich mit Hieroglyphen und auch mit einigen Sculpturen geschmückt ist. Keine von den Pyramiden kann höher als 100 Fuss gewesen sein. Die Gesammtzahl derselben betrug in der Blüthezeit Meroös 196. Jetzt beläuft sich die Zahl der theilweise erhaltenen nach Taylors Zählung auf 42, und ausserdem bemerkt man noch Spuren von 40 bis 50 anderen. Von der Stadt selbst sind nur noch Haufen von Schutt vorhanden. Ueber Meroe hinaus sind weite Wüsten und Waldflächen, bewohnt von Elephanten, Bhinocerossen, wilden Eseln und Löwen. Noch weiter aufwärts bei Naga, tief in der Steppe liegen am Fuss. eines Hügels äthiopische Tempelruinen und sogar ein Bau im römischen Bogenstyl mit äthiopischen Motiven dazwischen. Oberhalb bei Kartum endlich, einer neuen, erst von Meliemed Ali gegründeten Stadt, vereinigen sich der weisse und blaue Strom, um den ganzen Nil zu bilden. Er ist hier, vierhundert deutsche Meilen 208 Von Assuan bis Wadi Haifa. von seiner Mündung ins Meer, noch so breit wie irgendwo. Derblaue Fluss ist noch weit hinauf der ägyptischen Herrschaft unterworfen, der weisse aber ist nicht ohne Gefahr viel weiter zu verfolgen. Feindliche Negervölker, welche durch die Sklavenjagden der heutigen Aegypter aufs Aeusserste verletzt worden sind, haben bis jetzt alles weitere Vordringen unmöglich gemacht, und wie es scheint, wird es allein dem friedlichen Schritt der Missionäre Vorbehalten sein, die Quellen des Nils zu erreichen und das dort liegende grosse Rätlisel der Geographie zu lösen. Dieser Lösung sind wir übrigens in neuester Zeit durch die Entdeckungen von Speeke und Grant auch schon bedeutend näher gerückt. Der Suez-Kanal. 209 NEUNTES KAPITEL. Der Suez-Kanal. Schon die Alten hatten mehrere Verbindungen des mittelländischen mit dem rothen Meere hergestellt, und zwar jedesmal mit Benützung des östlichen Nilarmes. Herodot erzählt, dass schon Necho II., ein Sohn des Psammetich gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Ohr. die Ausführung des Kanals vom Nil zum rothen Meere versucht und so energisch betrieben habe, dass dabei 120,000 Menschen um’s Leben gekommen seien. Ein Orakelspruch, dass der König für die Barbaren arbeite, habe ihn veranlasst, die Arbeit einzustellen, während Strabo behauptet, dass sein Tod (009 v. Chr.) das Werk unterbrochen habe. Abermals machte sich Darius Hystaspis (gest. 485 v. Chr.) an;die Ausführung dieses Kanales mit der deutlichen Absicht, die beiden Meere im Interesse des indischen Handels mit einander zu verbinden. Nach Diodor vollendete er den Kanal nicht, weil ihm Sachverständige versicherten, der Kanal werde Aegypten mit Wasser füllen, da das rothe Meer höher liege als der ägyptische Boden. Aristoteles, Strabo undPlinius versichern alle, dass der Bau nicht zu Ende geführt worden sei, dagegen erzählt Herodot, der um 462 v. Chr. in Aegypten reiste, dass er den Kanal, den er ausführlich beschrieb, in voller Eunction gesehen habe, und es ist kein Grund vorhanden, einem so wahrheitsliebenden Augenzeugen zu misstrauen. Doch muss die Wasserstrasse bald wieder versandet sein, denn Ptolemäus II Philadelphus, der 285 v. Chr. die Regierung Aegyptens antrat, eröffnete aufs neue den grossen Kanal, über den uns Strabo ziemlich genaue Auskunft gibt, der zugleich versichert, dass er die grössten Schiffe getragen habe. Zur Zeit der Einverleibung Aegyptens in das römische Reich war auch dieser Kanal zum grössten Theile verschlammt und versandet, und der Kaiser Trajan nahm nach Verlauf des ersten Jahrhunderts der christl. Zeitrechnung die Herstellung eines ganz neuen Kanals in Angriff, welcher nun von der Spitze des Deltas und nicht mehr von dem Pelusischen Nilarme ausging; der Geograph Ptolemäus bezeichnet ihn als Trajansfluss; bei seiner Anlage waren mehr die Vortheile des Localverkehs und der Landescultur als die Rücksicht auf den indischen Handel massgebend. Nachdem im Jahre 638 Aegypten in die Hände des Khalifen Omar gefallen, unternahm dessen Eeldherr und Statthalter Amru zum letzten Male die Restauration des grossen Kanales, die er auch mit Hülfe der Eingebor- nen in sechs Monaten zu Stande brachte. Der Trajansfluss erhielt 14 210 Der Suez-Kanal. hiermit den Namen Kanal des Prinzen der Gläubigen und blieb in Thätig- keit bis zum Jahre 767, wo Khalif Mohamed-al-Momsur ihn verschütten liess, um einem gewissen Hassan, der zu Medina einen Aufstand erhoben, den Proviant abzuschneiden. Seitdem wurde der Kanal zwar oft in Anregung gebracht, aber nie wieder hergestellt. Napoleon I. griff bei seiner Expedition nach Aegypten die Idee wieder ernstlich auf und liess auch sofort Messungen vornehmen, die indess das irrige Resultat gaben, dass der Spiegel des arabischen Golfes zu Suez 9 „ Meter höher liege als das mittelländische Meer bei Pelusium. Die Wendung der politischen Verhältnisse liess es übrigens nicht einmal zum Beginn des Unternehmens kommen, und erst der modernen Kunst und Wissenschaft war es Vorbehalten, seine Ausführung zu übernehmen. Im Jahre 1859 nahm Ferdinand Lesseps im Vereine mit dem damaligen Vice-Könige Said Pascha das Project wieder auf, und zwar sollte diesmal ein directer Seekanal beide Meere mit einander verbinden. Nach mancherlei Differenzen begab sich endlich eine aus den ausgezeichnetsten Ingenieuren der europäischen Staaten gebildete internationale Commission an Ort und Stelle, welche das Kanalproject in definitiver Weise regelte. Der Bau begann und wurde nach Besiegung grosser politischer, technischer und finanzieller Schwierigkeiten so weit fortgeführt, dass die Eröffnung — wenn auch nicht die Vollendung — des Kanales bevorsteht. Die ursprünglich projectirten Kosten waren mit Ende 1808, wo sie 404.3 Millionen Francs betrugen, um mehr als das Doppelte überschritten. Nach diesen kurzen historischen Bemerkungen wollen wir das Unternehmen selbst besichtigen. Der Durchstichdes Isthmus, der zwei Welttheile um zwei Drittel der Entfernung einander näher gebracht, hat nun gerade zehn Jahre gedauert; was sind jedoch zehn Jahre, was sind die Millionen, die er gekostet, im Vergleiche zu den Ergebnissen, welche er für den gesammten Verkehr haben wird. Wie viele Millionen und wie viele Menschenleben haben hingogen die erfolglosen blutigen Schlachten gekostet, während aus diesem friedlichen Werke der Menschheit in jeder Beziehung jetzt noch ungeahnte Vortheile erwachsen werden. Von diesem Bewusstsein sind auch alle bei dem grossartigen Unternehmen betheiligten Männer durchdrungen, indem sie mit Enthusiasmus und Eifer, gleichsam als Vorkämpfer einer Armee des Friedens und der Civilisation, der Vollbringung dieses Werkes sich gewidmet haben. Wer den Kanal befährt, wird allerdings während der Fahrt den Orient nicht kennen lernen, aber wer Kairo gesehen hat, wo der Orient der „Tausend und Einer Nacht“ verkörpert ist und dann in die nach einem Muster gebauten Städte und Ansiedlungen der Compagnie gelangt, wird von dem sich seinen Augen darbietenden Contrasto in hohem Grade überrascht sein, wenn er sich urplötzlich nach Europa versetzt sieht und hier ein völlig europäisches Leben und Treiben vor Augen hat. Die Kaufläden in Port-Said, Ismailia u. s. w. sind mit allen Waaren des Luxus reichlich versehen. Mit Ausnahme des Getreides, welches aus Aegypten oder Russland, und Fleisch, welches aus Kleinasien zugeführt wird, sind alle andern Der Suez-Kanal. 211 Lebensbedürfnisse Erzeugnisse des europäischen Gewerbefleisses. Dank dem Flusswasserkanal sind übrigens am Kanal auch Gärten entstanden, welche die herrlichsten Früchte tragen, und den anmuthigsten Blumenflor darbieten. — Unter den Anwohnern des Kanals, deren Zahl sich vom Jahre 1865 bis zum Jahre 1869 von 10.500 auf 34.251, worunter 16.110 Europäer, vermehrt hat, sind alle Länderstämme vertreten; am meisten treten die kräftigen Gestalten der Montenegriner und Dalmatiner, dann die der Griechen und endlich jene der der semitischen Race gehörenden Araber hervor. Man muss Aegypten vor neun Jahren gesehen haben, und jetzt das Auge auf das lebendige und bewegliche Bild werfen, welches der Anblick der üppigen Vegetation, der neuen Städte und ihrer Bewohner, der überhaupt in der Wüste aus nichts hervorgegangenen Schöpfungen gewährt, um in ihrer vollen Bedeutung die Wunder zu ermessen, welche sich hier verwirklicht haben. Damals zog sich meilenweit eine unfruchtbare, monoton von Sümpfen durchschnittene Ebene von Damiat bis zu den Ruinen von Pelusium hin; da war keine Spur von menschlicher Thätigkeit, kein Grashalm, kein Wassertropfen war zu sehen, und in dieser Einöde haben die ersten Arbeiter entschlossen und muthig ihre Zelte aufgeschlagen, um links und rechts Besitz von einem Boden zu nehmen, welcher der Cultur wiedergegeben werden sollte. Der grösste Feind, den sie hier zu bekämpfen hatten, war der Durst. Der Süsswasserkanal, der das alte Land Gosen bewässerte, wurde bis zum Timsahsee verlängert und dann rechts gegen das rothe Meer zu, auf einer Strecke von 89 Kilometer bis Suez hingeleitet. Links konnte wegen der Terrainschwierigkeiten von der Leitung eines Kanals vom Nil nach dem Mittelmeere nicht die Rede sein, aber man wusste durch Hebemaschinen vom Timsahsee aus, in einer Länge von 84 Kilometer, auch diesen Theil des Isthmus mit Wasser zu speisen. Als nun in dieser Weise für das Hauptbediirfniss, nämlich für Trinkwasser und dann für die Beförderung der Menschen, des Baumaterials und der Lebensmittel jeder Art gesorgt, und mithin das grösste Hinderniss überwunden war, konnte man sich mit Zuversicht der weiteren Fortführung eines der grössten Werke unserer Zeit widmen. Der Stadt Suez, welche nun statt des gelblichen Wassers, welches aus der zwei Meilen entfernten, an der asiatischen Seite liegenden Mosesquelle geholt, oder auf der Eisenbahn von Kairo gebracht werden musste, stand jetzt durch den Kanal das Nilwasser zur Verfügung und es dauerte nicht lange, so verdreifachte sich die Zahl ihrer Bevölkerung. Längs der Seelinie wurden mehr oder minder bedeutende neue Ansiedlungen gegründet; im Centrum entstand die bereits mehr als 4000 Einwohner zählende Stadt Ismailia und am Mittelmeer Port-Said, die äusserste Spitze des Kanals gegen den Occident zu, sowie Suez jene gegen den Orient bildet. Um von Kairo zum Isthmus zu gelangen, bedient man sich gegenwärtig der von dort nach Alexandria führenden Eisenbahn bis zur Station Bennali, welche durch eine Zweigbahn mit Ismailia verbunden ist, während man vor Vollendung dieser letzteren den Weg von 212 Der Suez-Kanal. Zagazig an auf dem Süsswasserkanal in einer von zwei Maultliieren, gleich den holländischen Treckschuiten, gezogenen „Postdahabye“ zurücklegen musste. Die neu entstandenen Hauptorte des Kanals sind Ismailia und Port-Said. Ismailia liegt in geringer Entfernung vom Timsahsee und besteht aus dem arabischen Dorf, der eigentlichen Stadt und dem griechischen Viertel. Die Stadt ist nach einem vollkommen regelmässigen Plane gebaut und weit hinaus im Halbkreise von einem Süsswasserkanal umgehen, der von üppigen Wiesen begrenzt wird. In Ismailia ist der Sitz der Suezkanalverwaltung und des ägyptischen Gouverneurs des ganzen Isthmus. Die Häuser haben, mit Ausnahme der einstöckigen Gebäude am Champollion-Platze, bloss ein Erdgeschoss, sind von Gärten umgehen, regelmässig gebaut, bequem und reinlich, aber sehr einförmig ; nur die Gebäude der Generaldirection am Mehemet- Ali-Quai sind weitläufig und prachtvoll. Namentlich der Hauptplatz gewährt durch Blumenbeete und Baumanlagen einen reizenden Anblick. Die besteUnterkunft findet man im Hôtel des voyageurs, ausser welchem es noch 5 bis 6 andere Gasthöfe gibt. Ein italienisches Gasthaus trägt die Ueberschrift: „Locanda di Giuseppina cletta Garibaldiana“. Weit mehr Bewegung und Leben als in der Stadt herrscht in dem griechischen Quartier. Die Bewohner bestehen aus Griechen, Italienern und Franzosen. Erstere sind grossentheils Bäcker. Der -tägliche Dienst zwischen Ismailia und Port-Said wird mittelst Dampfbarken bewerkstelligt, welche den Weg auf dem Kanal in zehn bis elf Stunden zurücklegen. Da die Franzosen der tonangebende Theil der Bevölkerung sind, so fehlt es nicht an Café chantants, Läden, Bazaren, Hotels mit wohlklingenden Namen, Quais und dgl., jedoch auch nicht an Spitälern, Aerzten und Apotheken, denn der Ort war schon im Alterthum als Haltepunkt der Karawanen von und nach Syrien wichtig. Von da ab konnte der eigentliche Kanal bis jetzt nur in nördlicher Richtung befahren werden, während man in der Fortsetzung den Süsswasserkanal benützen musste. Wer den Kanal jetzt in seiner ganzen Länge zu besichtigen wünscht , der fährt am zweckmässigsten von Ismailia mit der Eisenbahn nach Suez, dem Endpunkte des Kanals am rothen Meere, das übrigens nebenbei gesagt von tief blauer Farbe ist. Suez liegt in öder, wasser- und baumloser Gegend und war noch vor wenigen Jahren ein armes und schmutziges Städtchen, das nicht einmal unmittelbar am Meere lag. Die Schiffe konnten nicht bis an das Ufer gelangen, sondern lagen eine halbe Stunde weit entfernt, so dass man erst mit flachgehenden Booten zu ihnen fahren musste. Jetzt ist das Alles anders geworden. Am Gestade des Meeres ist eine neue Stadt von etwa 20.000 Einwohnern entstanden, mit Consulatsgebäuden, Gasthäusern, Läden, Werkstätten und Fabriken, deren dampfende Schornsteine hoch über die Häuser emporragen, und in denen es überall hämmert und pocht. Die Compagnie der französischen Messageries hat ein bewunderungswürdiges Bassin angelegt, in welches die grössten Seeschiffe ein- laufen, ein- und ausladen können, mit Schiffswerften zur Ausbesserung Der Suez-Kanal. 213 beschädigter Schüfe u s. w. Jetzt steigt man unmittelbar vom Hafendamme in das Dampfboot. Die Mündung des Kanales musste auf der Ebene von Suez weiter nach Osten angelegt werden, als man beabsichtigt hatte, um eine nach Süden auslaufende Sandbank zu umgehen. Vor seiner Mündung wurden zwei Dämme errichtet, welche als Wellenbrecher gegen südliches Unwetter dienen sollen. Sites hat nur die eine historische Merkwürdigkeit, dass man hierher die Stelle verlegt, wo nach der heiligen Schrift das Volk Israel unter Moses Führung durch das Rothe Meer ging und der sie verfolgende Fharao mit seinem Heere in den Fluthcn umkam. Man nimmt an, dass dieses biblische Wunder eine kleine Strecke östlich von der Stadt geschehen sei, wo jetzt eine Kameelfurt durch das Meer nach der Quelle von El Gukurdeh führt. Das Wasser scheint dort früher beträchtlich tiefer gewesen zu sein, wie man aus verschiedenen Spuren von Muscheln westlich von Suez scliliesst. Dass aber jene Furt die im Exodus bezeichnete Stätte gewesen, glaubt man damit beweisen zu können, dass sie der Theil des Meeres ist, auf welchen »ein starker Ostwind“ am Wahrscheinlichsten die erzählte Wirkung üben konnte. Dann macht man geltend, dass die Strasse von Migdol (das heutige Defile von El Muktala), wo die Israeliten sich rechts wendeten, gerade auf diesen Funkt zuläuft. Endlich nennen die Araber die Insel gerade unter der Furt „Dschesiret el Jahud“, die Insel der Juden. An derselben Stelle denkt man die grosse Lagunenbrücke zu bauen, auf welcher die ägyptische Pilgerstrasse nach Mekka den Golf überschreiten soll. Suez ist im Verlauf der letzten 8 Jahre von einem kleinen armseligen Neste zu einem blühenden Ort herangewachsen. Viele ansehnliche Häuser, Bazars, Hotels, verschiedene Consulate sind entstanden und errichtet; Bierhäuser. Kaffees, Cafe Chantants, und liederliches Weibervolk aller Nationen, findet man daselbst im Verhältniss viel mehr als in Kairo und Alexandrien. Das englische Hotel in Suez ist eines der grössten, schönsten und bequemsten im ganze» Orient. Die Küche ist halb englisch halb indisch, Bedienung durch Hindn’s. Preis Fr. 24 per Tag. Das Leben und Treiben daselbst so wie in Suez überhaupt an den Tagen der Ankunft den indischen Dampfer (von Bombay, Cal- cutta. St. Maurice, Australien, Gedda und Massaua, welche vier erstem zu gleicher Zeit eintreffen) ist unbeschreiblich, und wohl einer Fahrt nach Suez werth. Treten wir nun von der Einmündung des Kanals, welche 1% Meilen nordwärts von Suez liegt, unsere Reise gegen Norden an, so läuft die neue Wasserstrasse eine kurze Strecke im alten Kanal der Pharaonen, weiterhin gelangt sie nach Kaluf-el-Terraba, wo 700.000 Kübikfuss Stein erst durch Pulver gesprengt worden mussten, ehe die eigentliche Kanalarbeit beginnen konnte. Die Fahrt bis Melier durch die Sinai-Wüste bietet einen düstern Anblick dar. An der asiatischen Seite treten die arabischen Hügel 214 Der Suez-Kanal. als Vorberge der Sinaikette hervor, in deren Nähe man Spuren einer römischen Strasse und Reste der Stadt Arsinoë entdeckt hat. Auf dem ganzen Seestriche findet man sehr viele Muscheln und Fossilien, welche darauf hindeuten, dass das rothe Meer einst bis dorthin gedrungen war. Dann durchzieht der Kanal den Thalweg der bittern Seen, wo sich keine besonderen Schwierigkeiten darboten. Hierauf schneidet er die Schwelle von Serapetm, sogenannt von einem alten Tempel des Se- rapis, der sich dort befand. Im weiteren Laufe trifft er auf den kleinen Süsswassersee Behar el Timsah (Krokodilsee), an dessen südlichem Ende ein grosses Zeltlager aufgeschlagen ist, welches nach dem Sohne Said Paschas den Namen Tussum erhalten hat. Nördlich vom Timsahsee zweigt sich ein Kanal ab, welcher den Seekanal mit dem Süsswasserkanal, folglich mit dem Nil verbindet. An jenem Seitenkanale liegt das bereits erwähnte Ismailia. Ob das ursprüngliche Projekt, aus dem Timsahsee einen grossen Binnenhafen zu machen, ausgeführt werden wird, ist noch ungewiss. Von da ab hatte die Ausgrabung des Kanals die grössten Schwierigkeiten zu überwinden. Es mussten die Sandhügel von el Guisr, d. h. Berg, durchstochen werden, und dieser Durchstich ist unten 200, oben 300 Fuss breit und in der Mitte 90 Fuss tief. Zu Lebzeiten Said Paschas arbeiteten abwechselnd Tag und Nacht 20000 Mann mit Schaufeln und Hacken. Als aber Ismail Pascha im Februar 1863 zur Regierung kam, forderte er in Uebereinstimmung mit der Pforte die Aufhebung der Frohnden (corvées). Darauf kam es im August 1864 zu dem bekannten Schiedssprüche Napoleons, welcher zw r ar in wesentlichen Punkten dem Vicekönig und der Pforte Recht gab, aber die schliessliche Vollendung der Kanalbauten und das Interesse der Gesellschaft sicherstellte. Statt der Fellahs arbeiteten nun j Trockenbaggermaschinen, und das abgegebene Material ward nicht mehr in Körben, sondern mit Locomotiven fortgeschafft. 250 Millionen Kubikfuss Sand mussten hier ausgegraben werden, und wurden dazu benutzt, um zu beiden Seiten des Kanals Dämme von 180 Fuss Höhe aufzuführen. Hierauf führt der Kanal in den • See Baldh, einen Salzsee, an dessen östlichem Ufer ein Ort el Kantara liegt, wo man einen altägyptischen Begräbnissplatz entdeckt hat ; am südlichen Ufer des Sees liegt Ferdane, eine Häusergruppe, die aus den Arbeiter-Niederlassungen entstanden ist. Nachdem der Kanal dann noch eine schmale Landenge durchzogen hat, tritt er endlich in den See Menzaleh, ein stehendes Salzwasser von einigen Fuss Tiefe über einem weichen Schlammboden. Diese elf Stunden lange Strecke bot immense Schwierigkeiten dar. Jetzt laufen mitten durch den See in einer Entfernung von stellenweise 100 Metern zwei Dämme, die zwei Meter über das Wasser heraussehen und so fest sind, dass schwere Eisenbahnzüge über sie hingleiten, ohne dass die geringste Verschiebung stattfindet. Grosse Baggermaschinen haben den Kanal bis zu einer Tiefe von 7 Metern ausgegraben, wobei sich ergab, dass der Schlamm nur etwa 3 Fuss Dicke hatte und darunter ein sehr fester Lehmboden lag, Der Suez-Kanal. 215 der eine treffliche Grundlage für den Ban abgab. Endlich gelangen wir nach Port Said, wo der Kanal in das mittelländische Meer mündet. Diese Stadt ist mitsammt dem Boden, auf dem sie steht, neugeschaffen worden. Port Said, an einem niedern und sumpfigen Strande, liegt in geringer Entfernung von dem alten Pelusium. Der Grund zu dieser emporstrebenden Stadt wurde im Jahre 1859 gelegt, ein Jahr später standen dort nur erst etwa sieben oder acht Baraken auf Pfählen, und jetzt zählt Port Said 8 bis 9000 Einwohner, unter denen fast alle Staaten durch ihre Consulate vertreten sind. Das frühere österreichisch-ungarische Viceconsulat wurde erst neulich zum Range eines Consulats erhoben. Für Unterhaltungen sorgen ein Casino, verschiedene Kaffeehäuser und ein Theater, in welchem zeitweise französische Schauspiele usd Yaudevills aufgeführt werden. In der Nähe des Lessepsplatzcs wird täglich ein mit allen Lebensmitteln reichlich beschickter Markt abgehalten. Ganz besonders hat die griechische Bevölkerung sich so sehr vermehrt, dass die ursprüngliche Kapelle als ungenügend erachtet und bereits im Jahre 1867 der Grundstein zu einer grossen Kirche gelegt wurde. Ursprünglich trennte hier eine schmale Landzunge von beweglichem Sande, welche von den Fluthen überschwemmt wurde, so oft ein heftiger Wind von Norden blies, den See Menzaleh vom mittelländischen Meere; jetzt steht eine schöne Stadt dort, die bestimmt ist, den Haupthafen des grossen Kanals zu bilden und jedenfalls eine glänzende Zukunft liât. Mit dem durch die Ausbaggerung gewonnenen Materiale bildete man anfangs ein Plateau und auf diesem erhoben sich allmählig ganze Reihen von Häusern, Magazinen und Werkstätten, in denen überall das regste Leben herrscht. Um den Hafen genügend zu schützen, war es nötliig, zwei mächtige Molen zu errichten. Der westliche derselben wird 2000 Meter, der östliche 1800 Meter lang werden; man baut sie aus künstlichen Steinen, welche man aus Sand und hydraulischem Kalk in dem sehenswerthen Etablissement von Dussaud Frères bereitet. Jeder Block wiegt 25000 Kilogramm und wird, nachdem er Monate lang an der Sonne gelegen hat, versenkt. Im Ganzen sind 250000 Blöcke nöthig, von denen bis Ende 1868 etwa 200000 an Ort und Stelle niedergelegt waren. Diese Dämme haben zugleich die Aufgabe, den Hafen von Port-Said vor Versandung zu schützen. Die Strömung im Mittelraeere geht an dieser Stelle ostwärts und führt bedeutende Mengen von Sand mit sich. Dieser wird jetzt von dem östlichen Damm aufgefangen und es hat sich bereits an demselben ein Strand von 1 '.4 — 2 Kabeln Breite gebildet, so dass der neu erbaute Leuchtthurm schon 50 Meter landeinwärts steht. Am Lande sind die Molen 1400 Meter, an ihren Köpfen 400 Meter von einander entfernt. Im Jahre 1868 verkehrten mit Port Said im Ganzen 1067 Schiffe, mit 348908 Tonnen Ladung, darunter 266 Dampfschiffe mit 206018 Tonnen, deren Fracht zumeist in Kohlen bestand. Die Länge des Seekanals beträgt 160 Kilometer oder 86'4 Seemeilen, seine Breite am Wasserspiegel soll 100 Meter, seine Tiefe 216 Der Suez-Kanal. durchgängig 8 Meter betragen. Eine theilweise Benützung des Kanals findet seit Mai 1868 statt, nachdem das österreichische Schiff Primo von 80 Tonnengehalt zuerst auf dem Seekanal nach Ismailia und von da auf dem Siisswasserkanal am 18. Februar nach Suez gelangt war. Die Gesellschaft rechnet nach der Eröffnung des maritimen Kanals auf ein jährliches Erlrägniss von mindestens 100 Millionen Franken, indem sie annimmt, dass jährlich zehn Millionen Tonnen ä 10 Franken Kanalgebühren passiren werden, dazu rechnet sie noch für 150000 Passagiere ä 10 Franken weitere l'/ 2 Millionen, was nach Abschlag der 25 Millionen Interessen für die gemachten Anleihen, der 24 — 80 Millionen Piegie- und Unterhaltungskosten noch immer einen stattlichen Uebcrseliuss gäbe, ln wie weit diese sanguinischen Hoffnungen in Erfüllung gehen, kann nur die Zukunft lehren; denn immer bleiben wesentliche Bedenken übrig, ob der Kanal das leisten wird, was man sich von ihm verspricht. Die Möglichkeit stellenweiser Versandungen, die Besorgniss, dass die Kanalwände einer Verkleidung mit Stein erfordern dürften, und die Behauptung, dass die Böschungen derselben von vornherein zu steil angelegt seien, die Erweiterung und Vertiefung desselben, alles dies bietet keine unüberwindlichen technischen Schwierigkeiten ; aber es fragt sich, ob die Kosten dabei nicht so bedeutend anschwellen, dass der von einem Schiffe zu fordernde Zoll die Vortheile der Verkürzung des Weges wesentlich abschwächt. Allerdings sind die letzteren gross, denn im Allgemeinen wird der Weg nach Indien für die am Mittelmeere liegenden Häfen Europas um 4000, für die von Nordeuropa um 3000 und für die von Nordamerika um 2800 Seemeilen abgekürzt. Die Segelschiffe der atlantischen Küste werden es wohl immer vorziehen, das Kap der guten Hoffnung zu umschiffen, da das rothe Meer vermöge seiner vielen Klippen und conträren Winde der Segelschiflahrt sehr ungünstig ist. Auch wird die Durchfuhrstaxe k 10 Franken per Tonne die Meisten absclirecken; doch werden Leuchtthürme, Beobachtungen der Witterungsverhältnisse und Untersuchungen der Strömungen und Küsten mit der Zeit diese Schwierigkeiten und die Furcht vor denselben vermindern. Eine wahrhaft folgenreiche Ausbeutung des Kanals wird jedoch immer nur durch eine ausgedehnte Anwendung der Dampfschiffahrt zu erreichen sein. Touren von Kairo. 217 ZEHNTES KAPITEL. Weitere Touren von Kairo. lieber Wustunreisen im Allgemeinen. — Nach Suez. — Nach dem Sinai und Petra. — Nach der Oase des Jupiter Ammon. - Heber El Arisch nach Jerusalem. Wir kehren nach dieser Seitentour in die Hauptstadt Aegyptens zurück, um die von hier aus möglichen interessanteren Touren nach Osten und Westen mit raschen Schritten zu verfolgen. Dieselben sind sämmtlich ihrem grossem Theile nach Wüstenreisen, und ehe wir an sie gehen, wird es nöthig sein, etwas über die für Partien dieser Art in Aegypten zu Gebote stehenden Cominunicationsmittel zu sagen. Eine Wüstenreise erfordert einen sehr rüstigen Körper und weit mehr Vorbereitungen als eine Nilfahrt. Während man hier in seinem mit aller Bequemlichkeit eingerichteten Hause hinauf- und hinab fährt, ohne grossen Anstrengungen ansgesetzt zu sein, ist man dort genöthigt, das Kameel, das Schiff der Wüste, zu besteigen und ein bewegliches Linnenhaus, das heute hier, morgen dort aufgebaut werden kann, mit sich zu führen. Dort ziehen grüne Landschaften in einem ruhigen Panorama vor dem fast untliätigen Keisenden vorüber, während der Wanderer in der Wüste aus jener Passivität heraustreten und eineactive Rolle zu übernehmen gezwungen ist. Und die Genüsse, die man sich damit erkauft? Sie sind gross für einen starken Geist, klein für den schwachen. Jenen wird das Reiterleben, der stete Aufenthalt in der freien Natur, der schnelle Wechsel des AVohnplatzes, das Mitsicliführen einer eigenen selbständigen Wirtlischaft und die süsse Ruhe des Abends auf hartem Lager vor dem flackernden Wachtfeuer manche der Mühen und Beschwerden seiner Wanderung vergessen lassen. Dieser wird am Schlüsse der Reise mehr an die Monotonie der Landschaft, an die Sonnengluth, an den versengenden Wind, an die Gefahren, die von den Beduinen drohen und an die ausgestandene Angst vor Verirrung vom rechten Wege denken. Man prüfe sich daher, bevor man eine grössere Tour dieser Art unternimmt, und stelle sich dieselbe nicht zu leicht vor. Sodann ist die Reise durch die Wüste nicht eben wohlfeil. Man hat Kameele zu mietheu, man ist genöthigt, alle zu einer einiger- massen civilisirten Existenz nöthigen Dinge mit sich zu führen, man bedarf mehrerer Diener und man muss einen des Weges und Landes kundigen Steuermann, einen seinen Vortheil nie ausser Acht lassenden 218 Touren von Kairo. Dragoman haben. Glaubt man in den hier und da zerstreut liegenden Klöstern echter Gastfreundschaft zu begegnen, so irrt man sehr; allerdings findet man in ihnen Aufnahme, aber selten, ohne sie gut bezahlen zu müssen. l)a übrigens das Land durch Wegelagerer unsicher gemacht wird, so thut man wohl, sich einer grossem Gesellschaft anzuschliessen, wodurch ausserdem die Reisekosten auf die Hälfte dessen, was sie für den Alleingehenden betragen, reducirt werden und Gelegenheit zur Unterhaltung geschaffen wird. Ist man des Arabischen mächtig, so kann man selbst für Anschaffung der Kameele, Zelte und Lebensmittel sorgen. Ist man es nicht, so überlässt man einem erfahrenen Dragoman das Geschäft und zahlt diesem für die ganze Tour oder per Tag eine bestimmte Summe. Im erstem Palle ist man sein eigner Herr, im letzteren von dem guten oder üblen Willen des Dolmetschers abhängig. Dagegen ist die letztere Art zu reisen die bequemste und schon desshalb trotz der nichts weniger als unwandelbaren Ehrlichkeit der Dragomans die wohlfeilste, weil die letztem mit den Vorbereitungen zur Reise eher zu Stande kommen, als ein Europäer selbst bei guter Kenntniss der Bezugsquellen. Sie wird daher auch von den meisten Reisenden vorgezogen. Will man sich dem Kameel nicht anvertrauen, so kann man sich auch Pferde anschaffen, die man am Ende der Tour wieder verkaufen kann. Hierbei ist indess zu bedenken, dass Kameele immer vorzuziehen sind, und dass für die durch lange Wüstenreisen heruntergekommenen Pferde nur ein Spottpreis, oft kaum der vierte Theil der Ankaufssumme geboten wird. Es ist wahr, die schaukelnde Bewegung auf dem Rücken des gleichmässig dahinschreitenden Kameels ruft bei Manchem Symptome ähnlich denen der Seekrankheit hervor, und ein Pall aus dem Sattel kann gefährlich werden. Im Allgemeinen aber ist ein Ritt auf dem Kameel nicht so angreifend, als man ihn bisweilen schildert, und selbst ein nicht sehr Kräftiger ist bald im Stande, täglich acht bis zehn Stunden zu reiten, ohne grosse Müdigkeit zu empfinden. Ein guter Sattel und ein starker Gürtel um den Leib tragen bei, den Ritt bequemer zu machen. Doppelhökerige Kameele — sogenannte Trampelthiere — gibt es in Aegypten nicht, und man hört nur einen Unterschied zwischen Reit- und Lastkameelen machen. Von beiden gibt es verschiedene Arten. Die Eilkameele aus der Sahara und der arabischen Halbinsel gelten für die_ besten. Sie haben einen sanften Gang, laufen einen guten Trab, sind gutmüthig und folgsam, und manche von ihnen — die sogenannten Hadschi — besitzen eine solche Ausdauer, dass man mit ihnen täglich an 15 deutsche Meilen zurücklegen kann. _ Das schwerfällige und starkknochige Lastkameel Aegyptens zeichnet sich weniger durch seine Leichtigkeit, als durch die Fähigkeit, grosse Lasten zu transportiren, aus, vermag 10 Centner zu tragen, wird jedoch in der Regel nur mit 5 bis 6 Centnern beladen. Es kann sehr lange marschiren, ehe es abmagert. Durrah und Saubohnen geben Touren von Kairo. 219 ein besseres Kameelfutter, als Gerste und Datteln. In Nothfällen begnügen sieb die Thiere auch geraume Zeit mit dem rauhen stachlichten Gestrüpp und den Disteln der Wüste. Mau pflegt sie selten des Morgens, meist nur des Abends zu füttern. Sie sollen 2 bis 3 Tage ohne zu fressen und eine ganze Woche ohne zu trinken aushalten können. Das Schlachten der Kameele in der AVuste, und das Trinken des in seinem Magen frisch gebliebenen Wassers, ist dagegen ein Märchen. In Betreff der Strecke zwischen Kairo und Suez kommen die obenerwähnten Bedenklichkeiten nicht in Frage. Sie ist kurz - - ungefähr 18 deutsche Meilen lang — und seit dem Jahre 1858 verbindet eine jetzt nicht mehr in Betrieb stehende Eisenbahn beide Orte. In Aegypten besteht nur eine einzige Kunststrasse, welche Kairo mit Suez verbindet und von Mehemed Ali angelegt wurde. Es ist eine zum grössten Theile macadamisirte ziemlich breite Fahrstrasse, die in der Nachbarschaft der Hauptstadt, so weit die Ueberschwemmung des Nil reicht, mit Akazien, Sykomoren und Tamarisken bepflanzt ist. Sonst gibt es nur Saumschläge, die auf der Sohle des Nilthaies den zufälligen Erhöhungen des Terrains oder den labyrinthischen Kreuz- und Querrichtungen der Dämme folgen, während sie von der Grenze der durch die Ueberschwemmung berührten Flächein die Wüste ablenkend, irgend einem beliebigen bleibenden Punkte, einem Steinhügel, einem einsamen Strauche u. s. w. als Wegweiser regellos zusteuem. So gehen allein in der Richtung von der Hauptstadt auf Suez nicht weniger als drei solcher Pfade neben der Poststrasse durch die Wüste, und die Karawanen bedienen sich dieser lieber als des künstlichen Wegs oder der Eisenbahn. Die Poststrasse zwischen Kairo und Suez war vorzüglich für die indischen Passagiere angelegt worden. Sie durchschneidet die Wüste in gerader Linie. Mit Ausnahme der Stationen und des der 14. Station gegenüber befindlichen kleinen Forts Agerud kommt auf der ganzen Strecke auch nicht ein Gebäude vor, und ebenso begegnet man auf dem ganzen Wege vom Westrande der Wüste bis Suez nur etwa einem halben Dutzend kleiner verkümmerter Bäume, sonst aber keinem Strauch, keinem Grashalm, keiner Blume. In einer so gestalteten Einöde hatte der frühere Vicekönig Abbas Pascha mit ungeheuren Kosten eine prächtige Residenz hersteilen lassen. Sie stand mit ausgedehnten Nebengebäuden und Kasernen in der Nähe von Dar el Beida, der Station 8 gegenüber. Niemand konnte sich erklären, was dem Erbauer diese Laune eingegeben, da kein grüner Zweig, keine Quelle in der Nachbarschaft war, und die Tränkung eines einzigen Pferdes täglich auf sieben Piaster zu stehen kam, aber kaum hatte Abbas Pascha die Augen geschlossen, als der Weiterbau eingestellt wurde, und jetzt steht die grossartige Anlage öde und verlassen und wird in wenigen Jahren ein Schutthaufen sein, da die Beduinen der Umgebung aus den unbewachten Gebäuden alles Holz und Eisen entführen. Touren von Kairo. 220 Zwischen den Stationen 5 und 13 durchläuft die Strasse eine Art wüste Thalebne, die von den Gebirgszügen Dscliaffra und Dscliebel Auebel, dann Amat Anesan, Machube, Waban und den Ausläufern des Attaka eingeschlossen und furchtbar öde ist. Von Station 8 bis 11 ist die Strasse gut ungefähren und ihre Kiveauverhältnisse sind sehr massig, indem sie 3 zu 100 niemals übersteigen. Weiterhin steigt sie sehr empfindlich und ist auf Sandgrund ausgeebnet, was ihre Befahrung überaus schwierig macht. Bann wieder fällt sie ebenso empfindlich gegen die Station 13 und folgt bis zum Port Agerud dem trocknen Rinnsale eines Wildbachs, welcher bisweilen, wenn Gewitterregen fallen, mit grosser Gewalt aus den Schluchten des Attaka-Gebirgs stürzt und eine halbe Stunde westlich von Suez ins Kotlie Meer mündet. Durch Erbauung der Eisenbahn, im Jahre 1858, kam die Chaussee als Poststrasse natürlich ausser Betrieb, und wird heutzutage nur noch als Kameel- und Karawanenstrasse benutzt, und auch dieses nur in geringem Grade, da sowohl Frachten und Güter den billigeren Eisenbahn-Transport wählen, als auch die Mekka-Pilger grossemtlieils sich per Balm nach Suez, und von da per Dampfschiff nach Gedda begeben; doch auch die auf dieser Fahrstrasse seit 1858 erbaute Eisenbahn ist seit dem Januar des Jahres 1869 durch Erbauung einer neuen Balm ausser Betrieb gesetzt, welche jetzt den hauptsächlichen Verkehr zwischen Suez, Alexandrien und Kairo vermittelt. Die auf der Route Alexandrien. Kairo liegende Station Benba bildet den Verbindungspunkt; die Bahn führt von Benha in 2 Stunden nach Zasfazig, von da in l 1 /, Stunde nach Ismailia (dem Mittelpunkte und Hauptorte des Suez-Kanals), und von Ismailia in 3 Stunden längst dem Suez-Kanale nach Suez selbst. Um einen kurzen Ausflug nach dem Suez-Kanal zu machen, begibt man sich nach Ismailia; man findet daselbst mehrere vorzüg- ! liehe Hotels, Pferde, Esel etc., und reitet von da zu Pferde oder zu Esel eine Stunde nördlich nach El Guisr und eine Stunde südlich nach den Bitterseen ; hier sieht man die grössten Arbeiten und den höchsten Durchstich. Im Allgemeinen muss jedoch bemerkt werden, dass man am besten in Kairo selbst und beim Suez-Kanal-Bureau die nöthigen Informationen zu einer Besichtigung des Kanals sich verschafft. Da begreiflicherweise, je nach dem Stande der Arbeiten, je nach Eröffnung einer neuen Dampfschifflinie oder eines neuen Transportweges, Aende- rungen in der Reiseroute eintreten. Uebrigens kann es nicht genug hervorgehoben werden, das sowohl Hr. Lesseps selbst, als die Direktoren, bis zum geringsten Angestellten abwärts, Höflichkeit, Dienstfertigkeit und Gastfreundschaft, ! gegen jeden Fremden und Besucher beobachten, dass hei einiger Kennt- niss der französischen Sprache jeder Reisende, ohne weitere Anweisung, diese Tour machen kann. Von Suez aus wird in neuerer Zeit häufig den Europäern die Meise nach Jerusalem über den Sinai und Metra unternommen, und Touren von Kairo. 221 da sie zu den interessantesten gehört, widmen wir ihr eine ausführlichere Beschreibung, der wir einige Andeutungen über die nöthigen Vorbereitungen vorausschicken. Die Ausrüstung zu dieser Reise geschieht in Kairo; ebenso en- gagirt man Kameele und Treiber hierzu in Kairo; dieselben begeben sich einen Tag früher auf der directen alten Karawanenstrasse nach Suez, während der Reisende per Bahn über Ismailia dahin geht. Man nimmt zu Führern auf der Beise einige Tor-Araber, welche auch die Kameele liefern. Man schliesse mit diesen seinen Vertrag in Kairo ab und lasse sich nicht überreden, erst nach Suez und von dort zu Wasser nach Tor zu gehen, da sie den Beisenden dort in die Alternative bringen können, entweder auf ungebührliche Forderungen einzugehen oder umzukehren. Ein Kameel bis El Akaba zu miethen kostet durchschnittlich 400 bis 500 Pilaster. Für Fütterung desselben haben die Araber selbst zu sorgen, ebenso müssen sie sich selbst beköstigen. Mau gehe niemals auf Vorausbezahlung des bedungenen Preises ein. Man wende sich an einen Schech oder Führer, der in dem Rufe steht, Autorität unter seinem Stamme zu besitzen, denn es geschieht bisweilen, dass Glieder desselben Stammes, neidisch auf den Verdienst dessen, der dem Fremden seine Kameele vermiethet, nach einer kurzen Strecke Zank beginnen und unter allerlei Ausreden das Gepäck der Reisenden auf ihre Kameele umladen. Man lasse sich endlich nicht täuschen, wenn man (was indess jetzt nicht oft geschieht) im Innern Arabiens oder auf dem Wege nach Syrien hin plötzlich von einem Trupp feindlicher Araber angefallen und aufgefordert wird, Tribut zu zahlen, und wenn dann die arabischen Begleiter nicht kämpfen. Im letztem Falle sind die Angreifer unzweifelhaft gute Freunde der Eskorte, die, mit dieser im Einverständniss handelnd, den Baub später mit ihr tlieilt. Man lasse deshalb seine Waffen in Buhe, zahle die verlangte Summe und ziehe sie bei der Rückkehr in Suez oder Kairo den treulosen Führern von ihrem Lohne ab. Für die Strecke vom Sinai bis El-Akaba musste man sich früher mit einem Schech der Mezejneh-Araber, für die zwischen El Akaba und Hebron mit einem Schech der Hawat wegen sichern Durchzugs verständigen. Amerikaner, welche den von letztem geforderten Tribut von b Pfd. St. für 6 Personen verweigerten, wurden (am 4. Jan. 1857) angefallen und retteten ihr Leben nur mit einem Opfer von 100 Pf. St. Gegenwärtig ist diese Reiseroute als ziemlich ungefährlich zu betrachten; jedoch unternehme man es niemals mit einem Stamme durch eine Wüstenstrecke zu reisen, die von einem andern als sein Eigenthum angesehen wird, wofern die beiden Stämme nicht in gutem Einvernehmen mit einander stehen. Wasserschläuche kaufe inan in Kairo, und zwar suche man sich alte zu verschaffen, da neue dem Wasser einen üblen Geschmack geben. Auch sein Zelt kaufe man in Kairo. Die besten Zelte sind die mit einer Stange. Man nehme sich eine doppelte Anzahl von Pflöcken mit. Warme Decken und eine wasserdichte Unterlage, welche die aus dem Boden steigende Feuchtigkeit Touren von Kairo. 222 abhält, sind unerlässliche Bedürfnisse. Ferner versehe man sich mit Wachslichtern, Lampen, getrockneten Aprikosen, Maccaroni und Reis. Holzkohlen sind nur für 1 die erste Hälfte der Reise nöthig, später findet sich hinreichender Brennstoff in den Thälern. Gerathen ist es sodann, sich mit mehr Kaffee und Tabak zu versorgen, als man selbst braucht, damit man den Arabern der Eskorte gelegentlich die Tassen und Pfeifen füllen kann; endlich vergesse man nicht, dass die Wasserschläuche nie auf den Boden (der viel Salz enthält), sondern stets auf die Schebbekeh- Netze gelegt werden müssen, in welchen die Kameele das Gepäck tragen. Die Tour von Kairo nach dem Sinaikloster geht über Suez, Ain Musa, Wadi Sadr, Ain Howarah, Wadi Gurundel, Wadi Schabejkeli, Sarabut el Kadern, Wadi el Berk, Wadi e’ Schecli und Wadi Solaf, und ist 95 Kameelstunden lang. Die Tour über das Kloster nach El Akaba führt über AVadi El Ürfan, Wadi Murnah, Ain El Hudera, AA'adi El Sumghi, Ain e’ Suwejbia, Ain el AA’asit, Abu Suwejrah, Wadi El Mekubbeleh, AVadi Herak und die Nordwestecke des Golfs und ist 51 Kameelstunden lang. Von El Akabali nach Petra — jetzt AVadi Musa — muss man sich jedenfalls bewaffnete Begleitung mitnehmen. Von El Akaba bis Hebron ist es 72 Kameelstunden, bis Jerusalem 80. AVeniger Kosten, wenn auch nicht weniger Gefahren ist man ausgesetzt, wenn man von Syrien und zwar von Hebron aus die Ruinen von Petra besucht. In der AVüste finden sich noch immer die AVachteln, mit denen die Israeliten bei ihrem Zug durch dieselbe gespeist wurden, sie kommen aber fast nur einzeln vor. Auch das Manna ist seltner geworden. Man trifft es in glänzenden Tropfen auf den Zweigen und Aesten (nicht den Blättern)^ der Turfa, einer Tamariskenart, welches dasselbe in Folge des Stiches eines Insects von der Gattung Coccus ausschwitzt. Es ist weiss, süss, von der Grösse einer kleinen Erbse und zerschmilzt an der Sonne. In Kairo ist es übrigens bei allen Droguisten zu haben. Ain Howarah gilt für das Marah der Bibel, es hat Quellen mit bitterlich schmeckendem Brackwasser. Von hier geht die Strasse in einiger Entfernung vom Meere und fast parallel mit demselben an den „Bädern des Pharao“ (Hammam Faraun), einem Bergstock mit heissen Quellen, hin, welche eine AVärme von 157" Fahrenheit liahen und stark mit Schwefel und Salz geschwängert sind. Eine Strecke von hier wendet sich die Strasse mehr in das Innere und theilt sich dann in zwei Wege, einen über Sarabut El Kadern links, und einen über AVadi Faran rechts, die beide nach dem Sinai führen. Der AVeg zur Linken geht kurz vor Sarabut El Kadern an alten Kupferschmclzwerken vorbei, wo sich verschiedene sinaitische Inschriften befinden. Sarabut El Kadern ist ein Sandsteinfels mit flachem Gipfel, auf dem man zahlreiche Ruinen und viele Hieroglyphentafeln mit dem Namen Sesurtesens I., Ramses des Grossen, Thothmes’ III. und anderer Pharaonen gewahrt. Touren von Kairo. 223 Noch häufiger trifft man jene sogenannten sinaitischen Inschriften auf dem andern Wege rechts. Namentlich sind die Felsen der Südseite des Dschebel El Mokattab mit ihnen bedeckt. Sie sind aber auch auf andern Stellen der Halbinsel und zwar nicht blos an den alten Pilgerstrassen, sondern bis in die entferntesten Seitenschluchten hinein zu verfolgen. Fussgrosse rohe Zeichen mit ebenso rohen Abbildungen von Kameelen und Ziegen dazwischen erscheinen flach eingehauen und nur durch ihre hellere Farbe erkennbar auf dem dunklen Stein. Noch sind sie nicht gedeutet, aber wahrscheinlich gehören sie vorchristlich arabischen, d h. zunächst amalektischen Pilgern an, welche das schöne Faranthal und den heiligen Berg Serbal zu besuchen kamen. Das crstere ist das grösste Kulturthal der Halbinsel, wird von einem Bach durchströmt, der sich nach kurzem Lauf im Sande verliert, und hat mehrere Gärten mit Palmen und andern Bäumen. Am Serbal, einem majestätischen Bergriesen mit fünf Häuptern, gibt es gleichfalls viele von jenen Inschriften. Von hier ist es nicht fern mehr zum Sinai. Durch lange Tlial- schluchten kommt man auf eine von schroffen Wänden begrenzte kleine Ebeue, Er Baha genannt. Von hier gehen nach Süden zwei schmale tiefe Thäler hin, die nach einiger Zeit wieder zusaminenstossen und eine grössere Ebene bilden, welche Sebaieh heisst. Der Berg, den sie umschliessen und von dem zum Tlieil hohem Nachbargipfel trennen, ist der Horeb, seine südliche höhere Spitze über jener grossem Ebene der Sinai. Die Araber nennen das Ganze Dschebel Musa, d. i. der Berg Mosis. Das Gestein desselben ist, wie hier in der Umgebung, allenthalben Granit. Unten im Thale der Ostseite liegt das Kloster, ein kastellartiger Bau mit hohen Mauern, die von innen nur durch die Wipfel einiger Cypressen überragt werden. Es ist ohne Thor, so dass der, welcher hinein will, sich an Stricken in die offene Lucke eines in der Höhe von dreissig Fuss vorspringenden Verschlags hinaufwinden lassen muss. Im Innern sind verschiedene höhere und tiefere, zum Theil mit Weinlaub bedeckte Höfe und die sein - alte Kirche, in welcher sich eine Kapelle befindet, die nach der Ansicht der Gläubigen digAStelle bezeichnet, wo der Herr zu Mose aus dem brennenden Busche sprach. Die Kirche ist eine Basilika, hat eine doppelte lteihe korinthischer Säulen, ein prächtiges Altargeländer, ein Bild der Kreuzigung in Mosaik, ein Porträt Kaiser Justinians, der das Kloster gegründet, viele silberne Lampen und Leuchter, einen Sarg mit den Geheinen der heiligen Katharina, welche nach der Sage in der Nähe gefunden wurden, den silbernen Deckel eines Sarkophags mit dem Bildnisse der Kaiserin Anna von Russland, die sich hier begraben lassen wollte, u. a. m. An das Kloster j schliessen sich, gleichfalls in hohen Mauern, die Gärten, worin eine I Fülle von Birnen, Aepfeln, Aprikosen und Granaten gedeiht, und auch in den benachbarten Thälern haben die Mönche noch Olivenpflanzungeu. j Das Kloster steht unter einem Superior, hat in der Begel zwanzig i Mönche und gehört der griechischen Kirche an. Mohammed soll es in ! einer Urkunde, die sich jetzt in Konstantinopel befindet, unter der Be- j Touren von Kairo. 224 dingung, dass die Mönche die voriiberziehenden Pilger speisen, dem Wohlwollen seiner Anhänger empfohlen haben. Nicht weit von hier liegt der Stein, ans dem Moses Wasser schlug, und auf dem Gipfel des Sinai wird gläubigen Seelen die Spalte im Felsen gezeigt, in die sich derselbe verbarg, als die Herrlichkeit des Herrn an ihm vorüberging. Wichtiger als diese Mönchsreliquien ist uns die Aussicht von dem Berge. Vom Kloster führt ein steiler Pfad, der bisweilen Stufen hat und zuletzt unter zwei Thorbogen durchgeht, nach Süden hinauf zur Hochfläche des Bergrückens, wo man einen Brunnen, eine dem Elias geweihte Kapelle und eine einsame Cypresse trifft. Von diesem Plateau, welches gegen Norden von schroffen Klippen überragt wird und fast senkrecht nach der Ebene Er Kahab abfällt, erhebt sich im Süden eine Felsku'ppe noch über 600 Fuss. Es ist ein ungeheurer Granitblock mit den Trümmern einer christlichen Kirche und einer Moschee. Wir überschauen von dieser Höhe, fast siebentausend Fuss über dem Meere stehend, das furchtbar wilde Gebirg, braun und schwarz, mit den gelben Sandflächen der Wüste im Norden, mit dem Spiegel des Meeres gegen Akaba und Suez und den ägyptischen Bergketten, die jenseits auftauchen. Zunächst im Südwesten ragt der düstere zackige Katharinenberg. Gegen das Südende der Halbinsel erscheint wiederum das blaue Meer zu beiden Seiten. Unter uns aber, hart am Fusse des Berges, ist jene Ebene Sebaieh, welche fast in Theaterform zum Sinai aufschaut und einst am Tage der Gesetzgebung die Versammlung des Volkes Israel umfasste. Auf der Strecke vom Sinai bis Petra ist kein Punkt von Interesse, als Akaba, ein Kastell mit ägyptischer Besatzung, welches als Magazin für die Mekkakarawane dient und an dem in Morästen endigenden Elamitischen Golf steht. Jetzt kommt kein Schiff mehr in diesen gefährlichen Busen. Einst aber lag hier — vermuthlich hinter der sogenannten Pharaoinsel an der Westküste nahe beim Nordende des Golfs — der Hafen Ezeongeber, von wo Salomo Schiffe nach Ophir entsandte. Petra, eine der grossartigsten Buinenstädte des Orients, liegt unter dem Berge Hör in einem Kessel, nach welchem ein Bach hinabführt. Wir folgen demselben (von Braun in der Kunstgeschichte geleitet) durch hohe Oleandergebüsche, erblicken zuerst rechts Grabdenkmale in Gestalt von quadratischen, vom Felsberg abgetrennten Massen, dann links an der Wand eine einfache Façade, die mit vier obeliskenartigen Pyramiden in einer Keihe gekrönt ist, schreiten weiter in der immer enger werdenden Kluft, und sehen endlich den Bogen eines grossen Thores in wesentlich römischem Styl dieselbe überspannen. Es folgen nun Nischen, 'Tafeln mit verwitterten Inschriften und Gräber zu beiden Seiten. Die Wände der Schlucht werden so hoch, dass die Sonne kaum noch hinein kann. Epheu hängt von Oben herab und wilde Feigenbäume strecken ihre Aeste darüber. Da endlich wird es hell, die Schlucht erweitert sich, und es erscheint die rosenroth leuchtende Façade eines hohen, in den ge^en überstellenden Fels gehauenen Prachtbans, von Touren von Kairo. 225 i dem Volke El Kasuell Faraun, d. i. die Schatzkammer des Pharao, genannt. Derselbe ist im Wesentlichen ein Denkmal römischen Styls. Wir | erblicken eine zweistöckige Tempelfa?ade, die in einer gewaltigen über i 100 Fuss hohen Nische steht. Die Felswand ist grau, die Sculptur in der Nische rosent'arben. Im untern Theile stehen sechs korinthische Säulen, von denen die mittleren vier einen reichen Giebel tragen. Unter letzterem öffnet sich die Vorhalle in gleicher Breite, sodass nur die mittelsten beiden Säulen frei werden durch den Baum, den sie hinter sich haben. Eine davon ist leider ausgebrochen. Ueber dem Giebel dieses untern Stockwerks erhebt sich ein zweites, das gleichfalls von einem Giebel, aber in ganzer Breite überspannt wird; nur ist dieser nicht vollständig, sondern in der Mitte ausgeschnitten, sodass nur rechts und links eine Giebelecke, jede von zwei Säulen in der Front gestützt, stehen blieb. In der Mitte aber ist ein freier Raum, dessen Wände abermals mit Säulen geschmückt sind. In dieser freien Nische, über dem Giebel des untern Stockwerks, erhebt sich ein runder Säulenthurm mit einem runden Daehe, auf welchem eine Urne steht, in der nach dem Glauben des Volks grosse Schätze liegen. Das Ganze ist eine Gruft. Durch eine schöne Pforte treten wir ans der zweisäuligen Vorhalle in das Innere, welches sich nach hinten und nach beiden Seiten in drei kleinere Felsenkammern, alle sehr einfach und unscheinbar, vertieft — eine Einrichtung, die an die persischen Königsgräber mahnt. Die breiter gewordene Kluft des Baches setzt sich rechts fort zwischen zahlreichen Felsengemä-chern und Fajadcn bis zu dem grossen, gleichfalls in den Fels gehauenen Theater, von dessen obersten Halbkreisstufen man in einen weiteren Thalkessel hineinschaut. Hier lag die alte Stadt. Wir finden hier mächtige Haufen von Trümmern und Schutt, noch stehende Tempelreste, Ruinen von Triumphbogen und Palästen, Alles im römischen Styl. Ringsum aber ragen zackige Gebirgshöhen und im Osten und Westen Felswände, die von oben bis unten, mehrere hundert Fuss hoch, von Grabgängen durchbrochen und zu Gruftfafaden ansgemeisselt sind. Das grossartigste Denkmal der alten Stadt aber liegt ein Stück nördlich von Petra und heisst El Dejr. Wie El Kasneli Faraun bestellt es ans zwei mit Säulen bekleideten Stockwerken, ist aber beträchtlich höher und breiter. Im untern Theile gibt es keine offene Vorhalle und keinen Giebel wie dort, sondern nur ein zwischen und über den Säulen bald zurück- und bald vortretendes Gebälk, das in der Mitte halbrund und nach innen geschweift ist. Darüber erhebt sich wieder in der Mitte der runde mit der Urne gekrönte Säulenthurm, der den Giebel des obern Gestocks durchbrochen und nur dessen abgesclmittenc säulengestützte Ecken stehen gelassen hat. An allen drei Bruchtheilen herrscht oben ein dorischer Triglyplien-Sims — senkrechte Gliederungen, die mit Rundschildem wechseln — eine nralte asiatische Form. Das Ganze ist unvollendet, die Kapitale in beiden Stockwerken sind noch plumpe 15 226 Touren von Kairo. Klumpen. Im Innern erkennt man eine Altarnische uni auf der Rückwand derselben ein Kreuz. Es scheint demnach, dass aus dem Grabmale später eine Kirche geworden war. Gegenüber auf einem Kelsen gewahrt man Spuren eines sehr grossen Tempels, der gegen tausend Fuss über der Sohle des Thaies liegt. Das Volk, das einst diese Stadt bewohnte, waren wahrscheinlich die aus Südbabylonien eingewanderten Nabatäer, friedliche Handelsleute, die den Verkehr des rothen Jleeres beherrschten, und in deren Stadt sich die Karawanen, welche von Syrien und Palmyra dahingingen, mit denen begegneten, die von Gaza aus Aegypten ebendahinkamen. ln Folge veränderter Handelswege scheint Petra langsam abgestorben zu sein. Die Römer waren von Suez aus in directen Verkehr mit Indien getreten, und so musste der östliche Golf des Rothen Meeres, der auf Petra weist, mit der Karawanenstrasse an seiner Seite veröden. Nicht weniger beschwerlich als die Reisen durch die östliche Wüste sind die durch die westliche oder libysche, wo die sogenannte Grosse, die Kleine und die Oase des Jupiter Ammon liegen. In Betreff der beiden ersteren müssen wir kurz sein, auch werden sie nur selten von Europäern besucht. Es genüge daher zu bemerken, dass die Grosse Oase (Wal El Kai geh) am Besten über Assiut, die Kleine dagegen am geeignetsten von Benisuef aus besucht wird und dass man zu diesem wie zu jenem Ausfluge bei einem Aufenthalte von zwei Tagen an Ort und Stelle etwa drei Wochen bedarf. Um nach der Oase des Jupiter Ammon zu gelangen, begibt man sich von Kairo zu Wasser nach Teraneh, von wo man zu Kameel weitergeht. Die Stationen sind : Das Natron-Thal (mit ziemlich gutem Wasser) 1 Tagreisen. El Magrah oder Wadi El Sumar (mit Brackwasser) 2'/ ä „ El Abbah oder Libbali (salziges Wasser) 1 „ El Garah (gutes Wasser) 3 „ Die Stadt Siwali (gutes Wasser) 2 ■ 9'4 Tagreisen. Eine andere W r üstenstrasse führt von Alexandrien an der Meeresküste zuerst nach Baraton und von dort südwärts nach Siwah. Es war die, welche Alexander der Grosse einschlug, und man erreicht aut ihr das Ziel der Reise in 15 Tagen. Die Oase besteht aus zwei Theilen, einem östlichen und einem westlichen, von denen jener der fruchtbarere ist und viele Datteln erzeugt. Sie wird gebildet von einem etwa 1 7, Meilen langen und 1 Meile breiten Thale, in dessen östlichem Theile die ebenerwähnte Stadt Siwali liegt. Ungefähr eine Wegstunde östlich von letzterer trifft man in morastiger Gegend auf einem Hügel auch den berühmten Tempel des Gottes Amun, der von den Arabern Om Bejdah, d. h. Weisse Mutter genannt wird, und in dessen Niihe sich die Quelle der Touren von Kairo. 227 Sonne befindet, ein kleiner Teich von 80 Fuss Länge und 55 Fuss Breite, dessen Wasser bei Nacht wärmer als am Tage ist. Die Ruinen von Om Bejdah haben keine grosse Ausdehnung. Es ist jedoch genug übrig, um den Styl des Gebäudes errathcn zu lassen und viele von den Sculpturen sind erhalten. Man trifft darunter vor Allem Bilder des Aruun mit dem Widderkopfe, aber cs sind auch verschiedene andere Götter noch deutlich zu erkennen und eine grosse Anzahl von Hieroglyphen schmücken die Mauern. Näheres darüber haben Minutoli und Caillaud mitgetheilt Einst war der Tempel von so fern her besucht, dass sogar eine Säule darin aufgestellt sein konnte, auf welcher eine Hymne Pindars eingegraben war. Ungefähr eine halbe Stunde von Om Bejdali und eine halbe Meile von der Stadt Siwah ist ein Hügel, Dar Abu Berik genannt, in welchem sich mehrere Grotten , dem Anschein nach Gräber aus dem Alterthum befinden, und etwas höher hinauf liest man auf dem Felsen verschiedene griechische Inschriften. Kasr Gaschast, östlich von Siwah, auf dem Wege nach Zejtun ist ein in Trümmer gefallener Tempel von römischem Styl, und in Zejtun selbst, welches 2 Meilen von Siwah auf der Strasse nach Garali liegt, begegnet man den Resten von zwei andern Tempeln derselben Bauart. Zwischen Zejtun und Garah zu Maun ist ferner in einer morastigen Niederung ein vierter römischer Tempel und zu Garah selbst finden sich mehrere Gräber aus sehr alter Zeit. Andere, worunter eines höchst wahrscheinlich altägyptischen Ursprungs ist, trifft man in Dschebel el Mot, einige tausend Schritt von Siwah an. Andere Alterthümer, mehr oder minder selienswerth, gewahrt man zu Kasr Room, eine Meile westlich von Siwah und zuGarbAmun im Westen der Oase, auf dem Wege zu dem See Birket Araschieh. Der letztere hat zwar keine Ruinen an seinen Ufern, wird aber von den Bewohnern der Oase mit religiöser Scheu betrachtet, indem die Sage geht, dass auf der Insel in seiner Mitte die Krone, das Schwert und. das Siegel Salomons verborgen seien, weshalb auch jedem Fremden der Zutritt dahin verwehrt wird. Das Hauptproduct (1er Oase sind Datteln, die sehr geschätzt sind. Die Einwohner sind gastfrei, aber argwöhnisch und sehr bigotte Mohammedaner. Sie sprechen arabisch, haben aber zugleich eine eigene Sprache. Sie stehen ferner unter Ael- testen, haben einen gemeinsamen Schatz, der durch Strafgelder und durch das Vermögen solcher, die ohne Erben sterben, erhalten und zu wohlthätigen Zwecken, Ausbesserung von Moscheen, Bewirthung von Fremden u. s. w. verwendet wird, und leben in häufigen Fehden mit einander. Die Stadt Siwah ist in eine obere und untere Hälfte getheilt. In der erstem dürfen nur Verheirathete wohnen, und es wird daselbst kein Junggesell geduldet. Entschliesst sich derselbe eine Frau zu nehmen, so kehrt er mit dieser in das Haus seines Vaters zurück und baut über dessen Wohnung ein zweites Stockwerk. Ueber ihm wieder richtet sich der zweite verheirathete Sohn in einem dritten Geschoss 228 Touren von Kairo. ein, und so wachsen die Häuser in dem Maasse in die Höhe, in welchem eine Familie viele Söhne hat. Manche derselben bieten aus diesem Grunde einen sehr eigentliümlichen Anblick. Hie Strassen sind unregelmässig, sehr eng und ungewöhnlich dunkel. Einige sind sogar mit Bogen von Mauenverk überwölbt, auf welchen Zimmer angebracht sind. Die Oase war bis zum Jahre 1820 unabhängig. In diesem Jahre aber wurde sie von Hassan Bey Schamasehirgi für Mebemed Ali erobert und mit Aegypten vereinigt. Freiheitsliebend und unzufrieden mit dem Verlust seiner Unabhängigkeit empörte sich das Volk seitdem wiederholt gegen die Türkenherrschaft. Allein die Versuche, die es in dem Jahre 1829 und 1885 zur Widcrerlangung der Freiheit machte, wurden von den Acgyptern vermittelst einiger Arnauten, einiger arabischer Beiter und etlicher Kanonen mit leichter Mühe niedergeschlagen, und ebenso missglückte der Aufstand, der im Sommer 1845 begonnen wurde. Ausser den Datteln bringt, das Land nichts zur Ausfuhr hervor. Auch gibt es keinerlei Manufacturen, man müsste denn als solche die Verfertigung von Bastkörben nennen, in der die Bewohner der Oase sich auszeichnen. Reisende, die dahin gehen, dürfen nicht unterlassen, sich mit einem guten Firman, guten Empfehlungsschreiben und sichern Führern zu versehen. Auch ist es hier unerlässlich, dass man arabisch spricht. In Betreff der Tour über El Arisch nach Jerusalem mul Si/rien, die kürzeste von Kairo auf dem Landwege, ist Folgendes zu bemerken. Man scliliesst, w ; enn man es nicht vorzieht, sich selbst Ivameele und andere Reisebedüriuisse zu besorgen, mit einem Drago- man auf dem Consulat einen Vertrag ab, nach welchem sich dieser anheischig macht, dem oder den Reisenden gute Kameele, eiserne Bettstellen, wasserdichte Doppelzelte und täglich eine bestimmte Anzahl vou Gerichten mit oder ohne Wein, Bier u. s. w. zu liefern, alle sonstigen Auslagen mit Einschluss der Trinkgelder zu bestreiten und die Reisenden binnen einer bestimmten Frist an einen bestimmten Ort, Jerusalem, Damascus oder Beyrutli zu bringen. Man setze dabei die Tage fest, welche man auf die Besichtigung des einen oder des andern Zwischenortes verwenden will. Ferner ist es ratlisam. den Contract zuvörderst nur bis Jerusalem und dort, wenn man keine Ursache zur Unzufriedenheit gehabt hat, weiter abzuschliessen. Der gewöhnliche Preis für Alles in Allem betrug bei nicht zu hohen Ansprüchen im Jahre 1857 täglich 18 bis 20 Schilling, und die oben bezeichnete Reiseroute nimmt 15, mit Errechnung der im Ganzen bisweilen zu haltenden, auch wenn keine ansteckende Krankheit in Aegypten herrscht, oft aufgenöthigten dreitägigen Quarantäne 18 Tage in Anspruch, von denen 9 auf die eigentliche Wüste kommen. Auf der Tour zwischen El Arisch und Gaza muss jeder Europäer und Kopte nach einem alten Gebrauche an die daselbst wohnenden Araberstämme dreimal Tribut zahlen. Derselbe ist gering — für die Person nicht mehr als 3 Piaster — dafür aber sind die Empfän- Touren von Kairo. 229 ger für alle in ihrem Gebiet begangenen Diebstähle grösserer Art verantwortlich. Der Weg führt zuerst durch Gärten und Palmenhaine am Saume der Wüste nach dem drei deutscho Meilen entfernten Städtchen El CJtanlca, welches einst schöne Gebäude, Moscheen und Kollegien besass, jetzt aber sehr herabgekommen ist und keinerlei Merkwürdigkeiten bietet. Hier übernachtet man in der Regel zum ersten Male in seinem Zelte. Bald darauf gelangt man in einen Landstrich, in welchem die Altorthnmsforscher das Land Gosen der Bibel gefunden zu haben meinen. Dieses an dem pelnsischen Nilarme im Osten des Delta gelegene Land Gosen, einst Wohnsitz der Kinder Israel, die ihre hauptsächlichsten Niederlassungen unterhalb Heliopolis in der Nachbarschaft von Bubastis und dem heutigen ßelbais gehabt haben sollen, heisst jetzt Scharkijeh und gehört noch jetzt zu den fruchtbarsten Strichen Unterägyptens. Die Felder sind sorgfältig bebaut und das zur Berieselung nöthige Wasser ist bis an den Rand der Wüste geleitet, die den 'Wanderer zur rechten begleitet. Das zweite Nachtlager wird in der Regel in Tel Basta, dem Bubastis der Griechen, dem Pibeseth der Bibel genommen. Auch dieser Ort war früher nicht unbedeudend und ist jetzt ein armseliges Oertchen mit engen schmutzigen Strassen. In der Nähe findet man einige Ruinen und Fragmente von Bildhauereien, die vielleicht Reste des Tempels der Göttin Pascht sind, welche hier früher verehrt wurde. Hier verproviantirt man sich für die eigentliche Wüstenreise, die am nächsten Morgen beginnt und über drei verschiedene Formationen der Einöde führt. Die erste zeigt einen festen, harten, mit kleinen Sternchen untermengten Boden ohne Vegetation. Die zweite ist ein hügeliges, mit einer schwachen Pflanzendecke bekleidetes Terrain, und die dritte und letzte ist eine tiefe Öandfläclio mit Hügeln, die durch den vom Meere herwehenden Wind aufgeschüttet werden. Häufig erblickt man die Scheinwasser der Fata Morgana, die beim Näherkonnnen zu Nichts werden. Nirgends aber zeigt sich eine Quelle. Dagegen stösst man gewöhnlich am dritten Tag auf eine kleine Oase, in deren Mitte, belebt durch zahlreiche Enten- und Storchschaaren der kleine See Yasale liegt. Weiterhin fängt die Landschaft an hügelig zu werden und der Boden ist mit einigen Pflanzen und kleinen Sträuehern bewachsen. Dann wieder geht der Marsch durch tiefen Sand, d n jeder Wind in dichten Wolken umherjagt, und auf dessen Flächen, wie überhaupt in dieser ganzen Wüste, noch im März verhältnissmässig sehr kühle Morgen mit glühend heissen Tagen abweclmeln. Von einem eigentlichen Wege durch die Wüste ist natürlich keine Rede. Die einzigen Wegweiser sind die Gerippe gefallener Kameele, die auch zur Einfassung der einzelnen Quellen dienen und sie vor Versandung schützen. Wo solche Merkzeichen fehlen, richtet der Araber, welcher die Karawane führt, sich nach der Sonne als Kompass. Die siebente Tagereise bringt wieder in eine Gegend, die ein- niges Gras und selbst Blumen zeigt. Mac ‘ .. 1 "'~ Touren von Kairo. 230 Brunnen unweit der.Gräber zweier inoslemitischer Heiligen und gelangt sodann auf die Wüstonstrasso, die von Salaliieli kommt. Den nächsten Tag passirt man grosse Natronfläehen und bald nachher erscheint am Bande des Horizonts das Meer. Man ist in dem Lande, das einst den Amalekitern gehörte. Der folgende Abend sieht die Reisenden in dem arabischen Dorfe El Arisch. Vor demselben verändert sich der Charakter der monotonen Landschaft und zeigt mächtige Haufen zusammengewehten Sandes. Beim Dorfe selbst befindet sich ein aus Stein gebautes Grenzfort, an dessen Mauern man in der Regel sein Zelt aufschlägt und wo man seinen Pass visiren lässt. Nicht weit davon fliesst der Bach Aegypti, der, synonim mit Sihor, in der Genesis als die Grenze des den Nachkommen Abrahams verheissenen Landes bezeichnet wird. Am andern Tage verliert die Gegend den eigentlichen öden Wüstencharakter noch mehr, und an die Stelle der Sandebenen treten eine Art Grassteppen oder grosse Weideflächen, auf denen Herden von Karneolen und schwarzbraunen Schafen weiden. Man gewahrt Spuren von Cultur; denn an mehreren Stellen werden bebaute Felder sichtbar. Endlich, eine Stunde etwa von El Arisch, gelangen wir an die Grenze Syriens, die liieT durch eine Kette niedriger Hügel gebildet wird. An dem daselbst errichteten Wachthause gibt man seinen Passschein ab und reitet dann in das Land der Philister ein. Einige Stunden später passirt man die Gräber von Schech Abu Zunid, in deren Nähe zwei von Meheined Ali errichtete Säulen, gleichsam als Grenzsteine zwischen den beiden Welttheilen Afrika und Asien stehen. Von hier bis Gaza sind es zwei starke Tagereisen, und zwar führt der Weg immer längs der Küste des Meeres hin, welches letztere jedoch von einer Hügelkette dem Blicke entzogen wird. Das erste syrische Dorf ist Khan Yunas. Hier wurden bis 1856 die Reisenden von türkischen Soldaten in Empfang genommen und bis nach der vier Stunden entfernten Quarantäne eskortirt. Diess ist ein steinernes, von einer hohen Mauer eingeschlossenes, aussen mit Morästen umgebenes, innen überaus schmutziges und mit Ungeziefer aller Gattungen angefülltes Gebäude, in dem man dem Gesetze nach 5, da indess der An- kunfts- und Abgangstag eingerechnet wird, in Wirklichkeit nur 3 Tage abgesperrt bleibt, ehe man seine Reise fortsetzen darf. Von Gaza, welches sehr anmuthig in Palmenhainen, Olivengärten und Cactussträuchern liegt, einen gut versehenen Bazar und etwa 15,000 Einwohner hat, geht man — wofern die Strasse sicher ist — nach Hebron. Der Weg führt durch sehr aumuthige Landschaften, dann über einförmige Weidegründe, endlich über ein stellenweise sehr schroffes Gebirg. Man berührt dabei die Ortschaften Burejr, UmLachis, Ajlan, Es Sukarijeh und Bejt Ibrin, wo sich grosse Trümmerhaufen finden, die Robinson für Reste der Stadt Eleutheropolis hält. Von hier reitet man zwei Stunden bis Idhna, von wo man in etwa 10 Stunden bis Hebron gelangt, welches in einem tiefen, von malerischen Bergwänden umschlossenen Bergkessel liegt. Die Stadt gleicht, obwohl Touren von Kairo. 231 ihr die Mauern fehlen, von Weitem einer mittelalterlichen Festung, indem die terrassenförmig übereinandergebauten Häuser meist thurm- artig mit grossen Tliorbogen und massiven Mauern gebaut sind. Das Innere ist finster und schmutzig, der Handelsverkehr unbedeutend. Die vornehmste Beschäftigung der 10,000 Köpfe zählenden Bevölkerung bildet der Obst- und Traubenbau ; auch gibt es hier Manulacturen von Wasserschläuchen, Glas u. s. w. Hie Einwohner gelten für fanatische Feinde der Europäer, eine Ansicht, die neuere Reisende, z. B. A. Ziegler, nicht bestätigt fanden. An Hebron knüpfen sich mancherlei biblische Erinnerungen. Es war eine Zeit lang Abrahams, später Davids Wohnsitz. Die noch jetzt in Hebron au einem Bergabfall stellende Moschee El Haram, welche jedoch kein Christ betreten darf, soll den Begräb- nissplatz der drei Erzväter der Juden und zugleich den Josephs ein- schliessen. An einem der beiden hier befindlichen, aus gehauenen Steinen erbauten Wasserbehälter soll es ferner gewesen sein, wo David die Hände und Fusse der Mörder Isboseths aufhängen liess. Wir lassen die Wahrheit dieser Behauptungen dahingestellt. Noch weniger sicher ist es, dass das eine Stunde von Hebron auf dem "Wege nach Jerusalem gelegene „Haus Ahrahams“ mit seinen Ruinen wirklich die Stätte einnimmt, wo der Erzvater unter der Terebinthc von Mamre das Zelt aufgeschlagen, in dem er den Engel mit Kalbsbraten bewirtbete, und eben so wenig über Zweifel erhaben ist die Angabe, die im Nordwesten stellende prachtvolle in drei Stämme gespaltene Siiidianeiche sei dieselbe, unter welcher einst der „Freund Gottes“ El Kliulin geruht. Die rabbinischen Fabeln endlich, nach welchen hier Adams Erschaffung aus dem Erdenkloss stattgefunden habe, Abel von Kain erschlagen worden sei u. s. w. bedürfen blos der Erwähnung. Von Hebron bis Jerusalem sind es acht Kameelstunden, und es wird dabei Bethlehem berührt. Ueber diese sowie über andere Orte Palästina's geben wir an einer andern Stelle*) Auskunft. Hier war von den ausserägyptisclien Punkten nur in der Kürze zu sprechen. Schliesslich aber ist liinzuzufügen, dass der hier besprochene Weg von Aegypten nach dem heiligen Lande zwar ein sehr häufig betretener und von Europäern oft gewählter, aber weder der kürzeste, noch der wohlfeilste ist. Letztere Prädicate kommen allein dem Seewege zu, auf welchem man, mit den Dampfern der französischen Messageries Impériales und des österr. Lloyd von Alexandrien absegelnd, in 36 bis 40 Stunden nach Jaffa und von dort in anderthalb Tagen nach Jerusalem gelangt. Erstere gehen jeden 7., 17. und 27. des Monats, letztere jeden zweiten Donnerstag von Alexandrien ab. *) Reisehandbuch für die Türkei von Dr. M. Busch. 232 Touren von Alexandrien. ELFTES KAPITEL. "Weitere Touren von ALlexanitrien aus. Nach Rosette. — Nach den Natron-Seen. — Nach liehet el Hadschar. — Nach Daniiette. — Nach Ta ata. — Bemerkungen ühcr die Rückreise nach Europa. Der Weg von Alexandrien nach Rosette geht zum sogenannten Rosette-Thor hinaus nacli der römischen Station, welche als Cäsars Lager bezeichnet wird und eine starke Wegstunde von Alexandrien entfernt ist, dann nach dem Karawanserei oder Kaffeehaus an der Bai von Abukir, 3 deutsche Meilen von da, dann nach der alten kanopi- sclien Nilmündung, 3 /, Stunden, hierauf nach Etko, 3 Meilen, endlich nach Rosette, wieder 3 Meilen entfernt. Die Strasse geht, nachdem sie das genannte Thor verlassen, zunächst über die Schutthaufen des alten Alexandrien und über die alte Mauer, wo die Franzosen unter Bonaparte ihre Linien hatten, und steigt dann in eine jetzt theilweise angebaute Ebene hinab, in welcher man die Reste des römischen Lagers erblickt. Dasselbe bezeichnet die Stätte von Nikopolis oder Juliopolis, wo Augustus die Anhänger des Antonius besiegte und wo 1832 Jahre später die Engländer von den Franzosen geschlagen wurden. Das Lager ist ein Viereck von 291 Schritt Länge und 266 Schritt Breite, umgeben von 5 bis 6 Fuss dicken Wällen. Es hat 4 Eingänge, welche sich in der Mitte der vier Seiten befinden, 15 Schritt breit sind und von runden und halbrunden Thünnen vertheidigt werden. Letztere haben einen Durchmesser von 18 Fuss. Jede Seite hat 6 Thiirme, die 33 Schritt von einander sich erheben, und von denen die in den Ecken stehenden grösser als die übrigen sind. Das Ganze war von einem Graben umgeben, der durch die See gefüllt werden konnte welche hart neben der Nordwestseitc ist. Ein Stück von dem südwestlichen Thore stösst man auf Eeberreste eines Aquaeducts, welcher diese Festung mit Wasser versah. Die Mauern der letztem sind von Stein und flachen Ziegeln erbaut. Die merkwürdigste Stadt an dieser Strasse war in alten Zeiten Canopus. ungefähr 3 deutsche Meilen von Alexandrien, auf dem westlichen Ufer der canopischen Nilmündung gelegen, zwischen welcher und jener der Stadt das durch seinen Herkulestempel berühmte Dorf Hcra- kleum stand. Man glaubt, dass das Dorf Abukir seine Stätte bezeichnet. Die Griechen und Römer meinten, der Ort sei nach Kanopos, dem Touren von Alexandrien. 233 Steuermann des Menelaos, benannt, der dort in der Nähe begraben lag, aber sein ägyptischer Name Kaliinub, d. i. der goldene Boden und sein hohes Alterthum genügen, um das Irrtliiimliche in dieser Ansicht darznthun. Die Stadt Canopus besass einen Tempel der Serapis, der sehr berühmt war und hei dem sich ein vielbefragtes Orakel befand, Ausserdem hatte die Stadt mehrere andere Tempel. Einen grossem Ruf als durch diese Heiligthümer erwarb sich dieselbe durch die Ausschweifungen, die in der Zeit der Ptolemäer dort betrieben wurden. Hieher begab sich das liederliche Volk Alexandriens in Masse, um sich den abscheulichsten Orgien hinzugehen. Tag und Nacht wimmelte der Kanal von Booten mit Männern und Frauen, welche wollüstige Tänze aufführten und schmutzige Lieder dazu sangen, und auf den Ufern standen zahllose Buden, wo man dem Laster fröhnte. Diese Immoralität liess Seneca sagen: ,Niemand, der daran denkt, sich einen Ruheplatz zu wählen, wird Canopus dazu ersehen, obwohl auch Canopus einen Mann nicht abhalten sollte, tugendhaft zu sein.“ Etwa eine Meile von Abukir ist eine schmale Bucht, Madieh genannt, durch welche der See Etko mit dem Meere in Verbindung steht, und welche man für die alte canopische Nilmündung hält. Letztere auch die herakleotische, die naukratische oder ceramische genannt, war die westlichste, die pelusische die östlichste der Nilmündungen. Von Canopus sind keine, von dem Tempel des Herkules nur unbedeutende Reste mehr vorhanden. Die ganze Strasse von Alexandrien nach Rosette ist langweilig, umgeben von öden Landstrichen und im Sommer ohne Schutz gegen die Hitze. Ein Ruheplatz findet sich nur in dem Kaffeehause bei Abukir und dem Dorfe Etko, ein Stück südlich von dem Wege. Nachdem man von hier über eine weite Steppenfläche geritten, erreicht man endlich Rosette, dessen Palmengruppen und Gärten im Vergleich mit der wüsten Einöde, über der sie sich erheben, doppelt anmuthig erscheinen. Der Weg dahin zur See ist viel befahren^da indess die Fahrt über die Barre des Flusses beschwerlich und nicht selten gefährlich ist, so muss man davon abrathen, dass der Reisende sich zu Schiffe dahin begibt. Bosette, arabisch Raschid, koptisch Traschit genannt, hat zu allen Zeiten für die anmnthigste und freundlichste Stadt in Aegypten gegolten. Berühmt waren schon im Mittelalter seine Gärten und bis in dieses Jahrhundert liebten es die reichen Einwohner von Kairo oder Alexandrien, sich im Sommer hieher zurück zu ziehen. Jetzt ist dies anders geworden. Die Stadt ist noch immer auf drei Seiten von Gärten umgeben und zahlreiche Palmen überragen seine Dächer, aber die Bedeutung des Ortes als Erholungsort für Fremde ist verschwunden, die Bevölkerung hat sich sehr vermindert und die Strassen sind sehr still geworden. Vor dreissig Jahren hatte Rosette gegen 36,000 Häuser, und dass es damals eine sehr blühende Stadt war, zeigt die Bauart dieser Häuser, welche weit schöner und blühender aussehen, als die in andern ägyptischen Mittelstädten. Die Säulen an den Thorwegen, 234 Touren von Alexandrien. die niedlichen Fenstergitter und die sauber gehaltenen Wände fallen namentlich dem aus Oberägypten zurückkehrenden Fremden auf, und mit Betrübniss sieht er, dass ganze Stadtviertel ohne Bewohner sind und Reihen von Häusern den Einsturz drohen. Rosette hat verschiedene Moscheen, Khans und Bazars und ist mit einer Mauer umgeben, welche dazu dienen könnte, die Stadt gegen einen Angriff undisciplinirter Araberhanfcn zu schützen, unsern Kanonen aber nicht widerstehen würde. Vor dem nördlichen Thore, das neben sich zwei eigenthümliche Thürme hat, befinden sich die grössten Gärten. Der Fluss hat bei Rosette ganz süsses Wasser, ausgenommen bei lang anhaltendem .Nordwinde, wo das süsse Wasser vom Süden hergeholt und in Schläuchen verkauft wird. Das Meer ist von hier eine reichliche Stunde entfernt, wenn man den Fluss hinabfährt, anderthalb Meilen. Alterthiimer finden sich in Rosette keine. Doch sieht man auf den Steinblöcken, welche zu Thürschwellen der Moscheen und Privat- gebäude verwendet worden sind, nicht selten Hieroglyphen. Diese Steine sind meist von der Qualität, welche am Rothen Berge bei Kairo gefunden wird. Ebenso kommen häufig Fragmente von Granit und Basalt vor. Aber vergeblich hat man bis jetzt unter den Steinen der letztem Gattung nach dem fehlenden Stücke des berühmten Blockes gesucht, welcher die Inschrift von Rosette trägt, die bekanntlich den Gelehrten den Schlüssel zum Verständnis der Hieroglyphen gab. Sie wurde eine halbe Stunde weiter stromabwärts ausgegraben, als die Franzosen das Fort St. Julien anlegten. Um nach dem Thule der Natronseen zu gelangen, begibt man sich zunächst nach Teraneh, von wo man in circa zwölf Stunden nach Zakuk, dem nördlichsten Punkte des Natronthaies gelangt. Der letztere Theil der Reise wird zu Kameel gemacht. Die Strasse berührt eine Viertelstunde von Teraneh die Schutthügel einer alten Stadt, wahrscheinlich Terenutliis, unter denen sieh einige Säulen befinden. Das Dorf Zakuk wurde vor etwa 30 Jahren von Europäern gegründet, welche hier Werkstätten zum Trocknen des Natrons errichteten. Es hat jetzt circa 200 Einwohner. In demselben sind die Reste eines Glashauses, welches in der Römerzeit erbaut wurde, sichtbar. Das Natron wird sowohl in der Ebene als in dreien von den genannten Seen gefunden, welche sich in dem Thale befinden, und El Ganfedieh, El Hamra und El Chortai heissen. Die übrigen Seen, darunter der grösste von allen Mellahat om Risclieh liefern blos Küchensalz. Das Wasser in diesen Seen ist in den verschiedenen Zeiten des Jahres von verschiedener Höhe. Sie steigen von Ende December bis Mitte März und nehmen dann ah bis zum Mai, wo die kleineren völlig trocken sind, während der Boden der grösseren wenigstens zum Theil noch mit ■Wasser bedeckt ist. Das Natron, das dann gesammelt wird, besteht aus zwei Sorten: dem weissen und dem Snltani. Das erstere wird auf dem immer trocken liegenden Lande um die Seen, das letztere auf dem Boden der Seen gefunden, wenn das Wasser verdunstet. Das erstere Touren von Alexandrien. 235 ist das bessere. Es wird zunächst in dem Dorfe gewaschen uud in Wasser aufgelöst, dann in einem offenen Hofe der Sonne ausgesetzt, dann in einem Trog im Ofen getrocknet und hierauf zur Ausfuhr nach Europa auf den Nil geschickt. Interessanter noch als die Natronseen sind die Klöster , die sich hier befinden. Es sind deren vier, welche zusammen zwischen 70 und 80 Bewohner haben. Biese Gebäude führen nach Brugsch folgende Namen: Bas Kloster des Ambeschun (Makarioskloster), das des Ambabischoi (das Kloster des heiligen Bischoi oder Abisai), das der heiligen Jungfrau der Syrer (Suriani) und das des El Baramus. Bie hier angegebenen Bezeichnungen sind zu verstehen: Ambeschun, wahrscheinlich: Amba Be- schun, gleich Sanct Beschun (Amba griechisch Abba), Amba Bischoi, gleich Sanct Bischoi, Bl Baramus gleich El Ramus, das der Griechen, arabisch: Rumi, der Grieche. Ber arabische Artikel „el“ ist überflüssiger Weise vor den koptischen Artikel „be“ oder „ba“ gesetzt worden, etwa wie man noch heutzutage „der Alkoran" statt „der Koran“ mit wegzulassendem arabischen Artikel „al“ sagt. Bas Natronthal heisst übrigens auch auf arabisch „die Ebene von Scliiliat“ oder „von Askit“ oder noch häufiger „Missan el Kolub“. d. i. die Wage der Herzen. Bie Insassen aller dieser Klöster sind Kopten, obwohl das Suriani von Syrern und das Baramus von Griechen gegründet wurde. Sie sind weder so alt noch so stattlich als die Klöster St. Antonius und St Paul in der östlichen Wüste. Lndess bietet namentlich das Kloster St. Makarius in den Kirchen seines Thurmes manches Merkwürdige. Bie schlanken Marmorsäulen, welche die obere Kirche schmücken, sind sehr geschmackvoll, und viele von den Bogen im untern T heile des Klosters sind weit besser, als man sie in solchen entlegenen Gegenden ver- muthet. Sowohl die Bibliotheken der genannten vier Natronklöster als die der übrigen Klöster und Kirchen in Aegypten sind im Besitze einer mehr oder minder reichen Zahl von Handschriften, welche theils in den vergangenen Jahrhunderten, theils in dem letzten und dem unsrigcn abgefasst oder abgeschrieben sind. Hiezu kommen noch eine Anzahl von Handschriften, die sich in dem Besitze von Privatpersonen befinden , und die meistens als Familienerbstücke im Verlauf der Jahrhunderte ein hohes Alter erreicht haben. Es ist jetzt durchaus unmöglich, aus den Natronklöstern durch Ueberredung oder für Geld ein einziges Manuscript zu erlangen. Engländer haben nämlich neuerdings aus dem Kloster El Baramus mehrere hundert Handschriften um eine verliält- nissmässig geringe Summe erlangt und dieselben dann bedeutend theu- rer wieder verkauft. Biess kam zu den Ohren der Mönche, welche nun wissen, dass ihre Manuscripte von Werth für den Europäer sind. Sie würden vielleicht nicht anstehen, dieselben für einen übertriebenen Preis abzulassen, hätten sie nicht vom Patriarchen in Kairo einen tüchtigen Verweis erhalten, mit dem strengen Verbote, je wieder irgend eine Handschrift zu verkaufen. Einzelne unter den Mönchen copiren ältere Bücher. Ba sie aber nur arabisch und kein Wort koptisch verstehen, 230 Touren von Alexandrien. so schleichen sicli in ihre Abschriften zahllose Fehler ein. Auch Brnsrsch konnte ein dickes Manuscript für einige Pfund Sterling erhalten, wurde aber durch die groben Schreibfehler, die sich gleich auf den ersten Seiten des Buchs befanden, vom Kauf zurückgeschreckt. In Kairo besitzen einzelne Privatpersonen gute ältere Handschriften, sie kennen aber ihren Werth sehr wohl und fordern hohe Summen. Der englische Missionär Lieder in Kairo kann den Fremden die beste Auskunft über derartige Manuscripte im Privatbesitze gewähren. Die Bibliothek des Patriarchen im Koptenquartier in Kairo enthält eine ziemlich reiche Sammlung koptischer Handschriften; um hier Zutritt zu erhalten, wendet man sich an seinen Generalconsul. In Oberägytcn scheint, nie Brugsch meint, noch eine reiche Niederlage koptischer Manuscripte zu sein; fast in allen Städten und Dörfern, wo koptische Klöster und Kirchen bestehen, ist auch eine Bibliothek vorauszusetzen, und einzelne der koptischen Bewohner selbst bewahren solche Handschriften. Brugsch > empfiehlt in dieser Hinsicht den Keisenden namentlich die Klöster bei Akhmim, hei Arabet el Madtuneh (Abidos) und bei Esneh. Die koptischen Besitzer von Handschriften sind nur durch Hülfe eines guten Dragomans, vielleicht auch mittelst Empfehlungsschreiben an die österreichischen und preussischen Consularagcnten, welche Kopten sind, ausfindig zu machen. Brugsch selbst hat die grössere Zahl koptischer Manuscripte, welche sich gegenwärtig im Besitze der königl- Bibliothek zu Berlin befinden, aus Oberägypten nach Europa geführt. Der Inhalt dieser Bücher betrifft fast nur die biblische und kirchliche Literatur. Nur wenige darunter machen hiervon eine Ausnahme. Jedes Kloster wird von einem Superior regiert, einige von den Mönchen sind Priester und führen den Titel Abuna. die andern sind Laienbrüder. I Jedes Kloster besitzt ein Ketab Sillemi oder Lexikon, in welchem jedes koptische Wort dem ihm gleichgeltenden arabischen gegenübergestellt ist, und worin auch die koptischen Namen für die Städte Aegyptens und der Nachbarländer aufgeführt sind. Diese letzteren sind vielfach benützt worden, um die Lage der altiis'yptischen Ortschaften zu bestimmen; doch kann man sich nicht überall auf sie verlassen, da die Verfasser sich mancherlei Willkiirlichkeiten erlaubt haben. Ein Beispiel ist im Kloster St. Makarius, in dessen Wörterbuch es heisst, Babylon sei dasselbe wie das alte On (Heliopolis; und das jetzige Matarieh. Die Natronklöster sind alle mit einer hohen Mauer umgeben, die nur einen Eingang hat, welcher so niedrig ist, dass man sich niederbücken muss. Ausserdem liegen vor der Thür ein paar gewaltige Mühlsteine, gewöhnlich von Granit, die in Fällen, wo das Kloster von den benachbarten Arabern bedroht ist, in den Gang vor die Thüre gerollt werden, damit die Angreifer sie nicht aufstossen oder verbrennen können. Die, welche sie herzugerollt haben, werden dann durch Seile nach einer Fallthür oben an der Mauer gezogen. Der Mangel an Lebens- Touren von Alexandrien. 237 Mitteln nöthigt dann die Araber bald zur Aufhebung der Belagerung, die ihnen wenig Nutzen verspricht, und welche, da sie von den Mönchen nicht hervorgernlen worden, niemals Gefühle des Hasses und der Rache in den Gemüthern der Angreifer zurücklässt, so dass es nur höchst selten geschieht, dass sie die Klosterleute, denen sie auf dem Wege nach dem Nil begegnen, übel behandeln. Trotz der Niedrigkeit jener Thorwege muss auch das Vieh, das draussen die Bewässerungsmaschine der Gärten und die Getreidemühlen dreht, sie passiren, und zwar zwingt man es, auf den Knien hineinzurutschen. Sobald die Glocke die Ankunft eines Fremden meldet, werden im Kloster die nöthigen Fragen gethan und die erforderlichen Beobachtungen angestellt, um sich zu versichern, dass seine Aufnahme in die Mauern des Hauses keine Gefahr bringt. Araber werden nie eingelassen, es wäre denn, dass sie zum Gefolge von Franken gehörten. Nachdem man eingetreten, hat man ein Labyrinth kleiner, schmaler, bald rechts bald links sich wendender Gänge zu passiren. Dann kommt man zu der Wohnung des Superiors und. der vornehmsten Mönche. Dieser Theil des Klosters besteht aus einer Reihe kleiner Stübchen, von denen jedes seine besondere Thür hat, die zugleich als Fenster dient. Die Thür wird während seiner Abwesenheit mit einem hölzernen Schlosse verschlossen, dessen Schlüssel die Grösse eines tüchtigen Prügels hat. ln manchen Ländern würde der Träger eines solchen Instruments Gefahr laufen, eingesteckt zu werden, weil er eine gefährliche Waffe mit sich führe. Hier aber könnte auch ein Schreibzeug als eine solche gelten. Ein Garten mit einigen Palmen, einigen Olivenbäumen, einigen Nabk (Rkemeus Nabeca) und andern Obstbäumen nimmt die Mitte des Haupthofs ein, und hier ist häufig auch eine der Kirchen; denn diese Klöster umscliliessen stets mehr als eine, nnd der Thurm von St. Makarius hat sogar drei, eine über der andern, als ob ein doppelter und dreifacher Gottesdienst erforderlich wäre, wenn die Gefahr besonders gross. Der Thurm ist die letzte Zuflucht, wenn die Thür einmal erbrochen oder die Mauer erstiegen werden sollte. Indem sich die Mönche hiehcr zurückziehen, ziehen sie die hölzerne Zugbrücke, welche den Tlmrm mit den übrigen Gebäuden verbindet, auf. Ein Brunnen befindet sich diesseits und es wird darauf gehalten, dass die hier aufbewahrten Lebensmittel sich nie über ein gewisses Maass verringern. Ausserdem würde die Zeit, welche die Araber bedürften, um in das Kloster einzudringen, die Mönche in den Stand setzen, alles Essbare und jeden werthvollen Gegenstand von unten in den Thurm zu retten und auf diese Weise die Behauptung des Klosters für die Eindringlinge nutzlos zu machen. Im Uehrigen sind die Mönche sehr artig und gastfrei gegen Fremde. Das Gastzimmer in Dejr Suriani ist gross und licht. Doch darf man nicht unterlassen, sich mit Insectenpulver zu versehen, wenn man dort seinen Aufenthalt nehmen will, da die Matten von Wanzen 238 Touren von Alexandrien. wimmeln. Das Kloster 8t. Makarius ist frei von dieser Plage. Wie es in den beiden andern Klöstern steht, vermochten wir nicht in Erfahrung zu bringen. Das Dejr Suriani wurde von einem heiligen Manne Namens Honnes gegründet, dessen Baum einige Stunden südwärts von hier iu der Nahe von zwei in Trümmern liegenden Klöstern gezeigt wird. Dasselbe soll in seiner Bauart der Arche Xoah’s gleichen, von der er sich indess wesentlich dadurch unterscheidet, dass Frauen unter keiner Bedingung Zutritt haben. Der Titel dos Superiors oder Abts in diesen Klöstern ist Gommos. Derselbe kommt im Range gleich nach den Bischöfen der koptischen Kirche. Das Haupt der koptischen Kirche ist der Patriarch, welcher für dieselbe das gleiche Ansehen hat, wie der Papst für die römisch-katholische, und welcher zu diesem hohen Amte aus den Vätern des Klosters St. Antonius in der östlichen Wüste, oder aus einem andern Mönchskloster gewählt zu werden pflegt. Der Nächste nach ihm ist der Mutran oder Abudi, welcher dem in Abyssinien blühenden Zweige der Kirche vorsteht. Aegypten, das Land, wo das Klosterwesen seinen Ursprung nahm und wo einst fast ein Viertel aller Erwachsenen ein Münchsoder Nonnenlehen führte, hat — wenn wir nur die einheimische, d. i. j die koptische Kirche ins Auge fassen — gegenwärtig nur sieben j Mönchs- und gar keine Nonnenklöster. .Jene sieben sind die erwähn- I teu vier im Natronthale, die beiden in der östlichen Wüste und eines zu Dschebel Koskam in Uberägypten. Nur diese können im eigentlichen Sinne Klöster genannt werden. Den zahlreichen Dejrs am Nil kommt dieser Name nicht zu, da in ihnen sowohl Männer als Frauen j wohnen. j Das Kloster auf dem Dschebel e’ Tair, die von Bibbeh, Busch, i Negadeh, Abbu Honnes bei Antinoe, die drei in Kairo befindlichen, die beiden in Altkairo, die Klöster Amba Samuel und Dajr el Ham- : mam im Fejum, die in Alexandrien, Girgeh, Abydos, Aklunim, Mel- ! lani, Suk, Fischeh bei Menuf, das Rothe und das Weisse Kloster, j das von Amba 8chnudeh u. a. tragen durchaus keinen klösterlichen Charakter mehr. Man betrachtet sie indess immer noch mit einer I gewissen Achtung und die daselbst befindlichen Kirchen stehen im Gerüche besonderer Heiligkeit, ja eine derselben, welche Sitte Dscha- mian heisst und hei Damiette liegt, hat sogar die Ehre. Ziel einer jährlichen 'Wallfahrt zu sein, an welcher Fromme aus allen Theilen des Landes sich betheiligen. Es heisst, dass Aegypten und seine Wüsten früher 3Ö5 Klöster | besessen haben, eine Lieblingszahl iu den Traditionen des Landes, indem z. B. das Fejum so viele Dörfer, der Tempel zu Denderah so viele Fenster haben soll. Ausser den genannten gibt es noch mehrere in Ruinen liegende Klöster im Natronthale, aber schwerlich waren einst dort die fünfzig, die Gibbon angibt. Die jetzigen Mönche wissen wenigstens nichts Touren von Alexandrien. 239 davon. Sic sind indess so unwissend, dass sie überhaupt unbekannt mit der Geschichte ihrer Kirche sind, und kaum dürfte auch nur einer der Obern eine Ahnung davon haben, dass hier einst der ehrgeizige Cyrill einige Jahre unter dem Zwange des Mönchslebens verbrachte. Der Anblick des Natronthaies ist ein sehr trübseliger und öder. Man sieht wenig mehr als Sand und Wasser. Weder Wald noch Getreidefelder begegnen dem Auge. Die Palme, welche in ganz Aegypten anzutreffen ist, wofern der Boden etwas Feuchtigkeit hat, kommt hier nur als krüppelhafter Busch vor. Die wenigen Bäume dieser Art, die zwischen Zakuk und Dejr Bramus und östlich von Dejr Makarius sich finden, scheinen sich blos über den Erdboden zu erheben, um Zeugniss abzulegen von der Dürre und Unfruchtbarkeit desselben. Auch die Tamariske ist selten und es scheint hier überhaupt nichts zu gedeihen als Mesambriaiithemum und Binsen. Letztere wachsen in Fülle sowohl im Wasser als in einiger Entfernung von den Seen zwischen den Sandhügeln der Ebene. Im Wasser erreichen sie eine Höhe von 10 Fuss, und man verfertigt aus ihnen die in Kairo in allen Haushaltungen gebrauchten Matten, welche Menufi heissen. Die Thiere, welche in diesem Gebiete leben, sind die Gazelle, die Bakkar el Wasch (wilde Kuh. eine Antilopenart), und der Fuchs. Ausserdem gibt es auf der Oberfläche und auf den Ufern der Seen äusserst zahlreiche Wasserhühner, wilde Enten, Schnepfen und Regenpfeifer. Die Länge des Wady Natron beträgt etwa 5, seine Breite, von dem Fusse der niedrigen Hügel, die es einschliessen, gerechnet, an der breitesten Stelle etwa l 1 /, Meilen. Die Hügel bestehen aus Sandstein, an einigen Stellen stösst man auf versteinertes Holz. Nicht ohne Interesse sind Ausflüge nach den Städten am Damiette-Arm des Nil. Hier ist für Alterthumsfreunde besonders interessant das zwischen Semenud und .Mansura gelegene Bebet El Hadschar, das alte Iseum. Es befindet sich gegenüber dem Dorfe Wisch, etwa eine halbe Stunde vom Flusse entfernt, und man trifft hier noch zahlreiche Trümmer des berühmten Tempels der Isis, der hier von den Ptolemäern erbaut wurde. Die Aegyptcr nannten es Hebet, d. i. das Versammlungshaus. Der Tempel stand in einem viereckigen Hofe, der mit einer Mauer vou Back teinen umgeben war. Die Länge des Heiligthums betrug 400, seine Breite 200 Fuss. Das Material w r ar durchgehends Granit und zwar Granit der schönsten Art. Es ist vollständig zerstört und die mächtigen Blöcke seiner Mauern und seines Daches bilden jetzt eine wüste Masse, in der sich zahllose Schakals und Hasen aufhalten. Kein Stein scheint mehr seine ursprüngliche Stelle einzunehmen. Die Tlnirme sind noch zu sehen, ebenso sind noch Theile der Decke, des Simses und der Architrave zu erkennen, aber Alles in Verwirrung durcheinander, und man staunt über die Ausdauer und die Kraftanwendung, mit der dieses einst so prachtvolle Gebäude zerstört worden ist. 240 Touren von Alexandrien. Die Docken waren mit den gewöhnlichen fünfzackigen Sternen der ägyptischen Tempel hcdeckt. Die Simse haben die ägyptischen Triglyphen, zwischen denen sich die Namensovale des Königs Pto- lcmäjs Philadelplius befinden. Auf einer der Mauern, da, wo das Centruin des Tempels gewesen sein mag, ist das heilige Boot oder die Barke der Isis dargestellt, und auf dem Altarschrank, den sie trägt, sieht man die Göttin zwischen zwei Gestalten von Göttinnen sitzen, welche sie mit ihren Flügeln zu schützen scheinen. Die drei Figuren kommen auf zwei Tafeln vor, von denen sich eine über der andern befindet, und welche ohne Zweifel der Inhalt des Altarschreins waren, der keinem profanen Auge zu sehen erlaubt und desshalb gewöhnlich mit einem Schleier verhüllt war. Auf der obern Tafel sitzt Isis auf einer Lotosblume, und die beiden andern Figuren stehen; auf der andern sitzen alle drei und unten sind vier kniende Gestalten, welche sich die Brust schlagen, und von denen eine einen Menschenkopf, die andern Schakalsköpfe haben. An beiden Enden des Bootes ist das Haupt der Göttin, und der Hieroglyphenspruch oben darüber zeigt, dass es ihr gehörte. Der König Ptolemäus Philadelplius steht vor ihr und bringt, der Göttin ein Weihrauchopfer dar. Die Steintafel ist zerbrochen, aber auf einem Fragmente unter ihr, welches zu ihr gehört zu haben scheint, ist ein Schlitten dargestellt, auf dem die Barke in das Heiligthum gezogen wurde. Es war vermuthlich eines jener isolirten Allerheiligsten, welche in der Nähe des Centrums des Naos zu stehen pflegten. Die Bildhauerarbeiten auf dieser Wand wie auf mehrern andern sind in Belief ausgeführt, eine Weise, in welcher Granit selten bearbeitet wurde, und welche zeigt, mit welchem Aufwand von Mühe und Kosten dieser Tempel erbaut wurde. Sodann aber sind auch die hier uns begegnenden Hieroglyphen von ungewöhnlicher Grösse, indem sie nicht weniger als 14 Zoll lang sind. Die Simse waren in den verschiedenen Theilen des Gebäudes verschieden. Einer, der vielleicht die Wand des Sekos schmückte, hat Isisköpfe, die einen Altar oder einen kleinen Tempel tragen und mit den Ovalen des Königs abwecli- seln, in denen jedoch die Hieroglyphen seines Namens noch fehlen. Auf der untern Abtheilung der Wand in diesem Theile des Tempels war, nach den Trümmern zu urtheilen, eine Procession des Gottes Nil dai'gestellt. Die Figuren trugen Vasen und Embleme. Zwischen jeder einzelnen sind Wasserpflanzen angebracht und die eine hat solche Pflanzen aus dem Oberlande, die andere jedesmal solche aus dem Unterlande auf dem Kopfe. Nicht weit von' da liegen die Kapitaler grosser Säulen. Sie sind von Isisköpfen gebildet, welche einen kleinen Tempel tragen, ähnlich denen zu Denderah, welchen sie zwar nicht an Grösse gleichkommen, aber sie an Schönheit des Materials (Granit) übertreffen. Man sieht unter den Sculpturen, welche meist Opferscenen darstellen, viele recht sauber ausgeführte. Besonders interessant ist eine Tafel, wo der habichtköpfige Hor-Hat (Harpokrates oder Ilorus) den Tour von Alexandrien. 241 König vor die Göttin des Tempels, seine Mutter führt Aber die Schlachtscenen und grossen Processioneu der alten Zeit fehlen auch hier wie in allen Tempeln der Ptolemäerzeit. Das heutige Dorf steht nordwestlich von der Trümmerstätte des Heiligthums, daneben ist ein Teich, der zu allen Zeiten des Jahres, ausgenommen nach sehr niedrigen Ueberschwemmnngen, Wasser hat und vermuthlich einst ähnlichen Zwecken diente, wie der in Karnak. Mansura ist eines der grössten Städte des Delta und zugleich eine der blühendsten in Aegypten : man trifft daselbst Bazars, mehrere Moscheen und einen Regierungspalast. Es wurde 1221 von Melek el Kamel gegründet und bekam seinen Namen Mansura, d. i. die Siegreiche, daher, dass dieser Kalif um diese Zeit die Kreuzfahrer schlug, j Hier sass Ludwig der Neunte nach seiner Niederlage und Gefangen- I nehmung 1250 gefangen. Sonst ist die Stadt wegen ihrer Leinwand- | und Segeltuchfabriken bekannt, auch wird hier eine beliebte Sorte j Krepp, Choraischeh genannt, gefertigt. Ruinen finden sich hier nicht. Von hier sind es nur einige Stunden bis Damiette, arabisch Damiat, eine Stadt, die einst sehr wichtig war und das Hauptemporium auf dieser Seite des Deltas bildete, jetzt, aber durch Alexandriens Emporblühen sehr herabgekommen ist und nur nocli einigen Handel mit Syrien und Griechenland treibt. Sein Reis und seine Fischereien liefern indess Gelegenheit zum Handel mit dem Innern. Die Häuser sind meistens gut gebaut und die Stadt gehört mit ihren 26,000 Einwohnern zu den grössten in Aegypten. Der altägyptische Name derselben war Tamiathis. Mancherlei Reste der einstigen Stadt finden sich in den Moscheen verhaut, und auf einem Block in der Moschee von Abulata, eine kleine Strecke östlich von der Stadt, sieht man eine altgriechische Inschrift. Es gibt noch verschiedene Stätten alter Städte im Delta, welche wenig bekannt sind, und um deren nähere Beschreibung und Bestimmung der Altertlmmsforsc-hcr sich Verdienste erwerben könnte. Bedeutende Ruinen würde er wahrscheinlich nicht finden, aber die Entdeckung eines Namens oder einer Figur auf den Fragmenten eines Tempels könnte ihn in den Stand setzen, die Wissenschaft der alten Geographie nicht unwesentlich zu bereichern. Die Stätte von Buto, von der Insel Helbo und manche andere sind von ebenso grossem Interesse für den Geographen als für den Alterthumsforscher. Für den gewöhnlichen Reisenden dagegen hat von den Städten des Delta nur noch Tanta, wie bemerkt, an der Eisenbahn gelegen und von Alexandrien in etwa drei Stunden zu erreichen, ein bedeutendes Interesse. Es ist eine Stadt, von circa 15,000 Einwohnern und weithin berühmt wegen der Feste, die liier zu Ehren des moslemitischeu Heiligen Said Achmed El Bidauwi (der Beduine) gefeiert werden. Derselbe war zu Fez im nordwestlichen Afrika um das Jahr der Hedschra 590 (1200 n. Clir.) geboren, zog mit seiner ganzeu Familie nach Mekka und blieb hei seiner Rückkehr in Tanta, wo er später starb und über seinem Grabe eine grosse Moschee erbaut wurde 16 242 Tour von Alexandrien. Die Festlichkeiten ihm zu Ehren finden zweimal im Jahre statt, einmal um die Mitte des März und einmal während der Ueberschwem- mung, kurz vor der Durchstechung der Dämme, welche die Kanäle verschliessen. Höchst wahrscheinlich Nachklänge aus der fröhlichen Zeit des Heidenthums, welches hier allenthalben noch Erinnerungen im Volksleben zurückgelassen hat, versammeln sie ungeheure Massen von Menschen. Dieselben pilgern nach dem Grabe des Heiligen, um ihm ihre Verehrung zu bezeugen. Es sollen bisweilen gegen 150,000 Moslems hier versammelt gewesen sein. Doch treibt die Mehrzahl wohl nicht die Frömmigkeit, sondern die Vergnügungssucht hierher. Denn wie beim Feste der Pascht in Bubastis, welches das Urbild der in Tanta gefeierten gewesen sein mag, mehr Wein getrunken wurde, als in allen Wochen des Jahres zusammen, so werden von den heutigen Aegyptern in Tanta grössere geschlechtliche Excesse begangen, als sonst im Jahre. Leute von allen Klassen und allen dem Islam huldigenden Nationen, die sich in Aegypten befinden, stelleu sich zu dem Feste ein. Gaukler und Possenreisser, Schlangenbändiger, Fechter, Kaufleute aller Art, die bekannten Almehs oder Gawassis, Tänzerinnen, welche Tänze der unanständigsten Art aufführen und, von Mehemed Ali nach Ober- ägypten verbannt, gegenwärtig häufig wieder im Norden sichtbar geworden sind, erscheinen, und mancher Kairener, welcher verhiudeit ist, zu kommen, glaubt Ursache zu haben, sein Schicksal zu beklagen Es ist zugleich eine Art Jahrmarkt, doch kommen die Meisten lediglich des Vergnügens halber. Am Grabe des Schecks wevden ein paar Fattah (so heisst das erste Kapitel des Koran) gesprochen, dann geht mau nach den Zelten der Tänzerinnen, um der Musik der Tarabuka, der Schalmeien und Kastagnetten und den Gesängen der Mädchen zuzuhören und sich an den wollüstigen Pantomimen zu ergötzen, mit denen sie die Zuschauer unterhalten, bis der Abend schlimmere Scenen verbirgt. Der heilige Beduine Said Achmed soll nach Andern (etwa in der Weise wie der heilige Bibbaui zu Bibbeh den heiligen Georg oder wie bei nns der heilige Erzengel Michael den alten Wodan) Eigenschaften des altägyptischen Herkules (Gom), der zu Sebenytus verehrt wurde, in sich ausgenommen haben. Sehr häufig hört man ihn anru- fen, wo es Lasten zu bewegen, ein Schiff von einer Sandbank zu schieben gibt. Die Wirkungen eines Sturms odpr eines andern furchtbaren Naturereignisses werden mit dem Ausrufe: „YaSaid, ya Bidaui!“ beschworen, und der oft gehörte Gesang „Gab el Yusara“ (er brachte zurück die Gefangenen) bekundet die Macht und die Schlauheit dieses Heiligen, der nach der Legende zugleich ein gewaltiger Held war. Das Fest dauert eine volle Woche, und nach ihm folgt gleich ein ähnliches, fast ebenso zahlreich besuchtes im Dorfe Dassuk bei Rahmanieh zu Ehren des heiligen Ibrahim e’Dassuki. Ruinen ’einer alten Stadt gibt es zu und bei Tanta nicht. Doch soll sich in einer der dortigen Moscheen ebenso wie in Mennf eine Inschrift in drei Sprachen befinden. Von Wichtigkeit wäre es, Tour von Alexandrien. 243 wenn diess sich bestätigte; denn es ist Grund zu der Hoffnung vorhanden, dass sich noch andere so schätzbare Documente wie der Stein von Rosette in Aegypten entdecken lassen. Unzweifelhaft wurden in der Zeit der Römer wie in der Zeit der Ptolemäer Decrete in ägyptischer und griechischer Sprache zugleich ausgefertigt und Abschriften derselben in den Haupttempeln des Landes aufgestellt, und wenn wir auf dem Stein von Rosette lesen, dass Befehl ertheilt war, dasselbe Denkzeichen „in den Tempeln der ersten, zweiten und dritten Ordnung“ anzubriugen, so muss es Wunder nehmen, dass bis jetzt biosein Exemplar anfgefunclen worden ist Wir schliessen mit einigen Rathschlägen für die Reisenden, welche von Aegypten direct nach Europa zurückzukehren gedenken. Dieselben werden, wofern sie den Winter hindurch im Lande verweilten, wohlthun, sich vor Anfang April zu entfernen, da um diese Zeit oft schon der Chamsin zu wehen beginnt. Sie Anden die Abfahrtszeit der englischen, französischen und österreichischen Dampfer durch Avisos in den Gasthöfen Kairos und Alexandriens angezeigt, und die Bureaux der verschiedenen Gesellschaften sind sämmtlich am grossen europäischen Platze. Es gibt jetzt zwischen Alexandrien und Europa so viele Dampfschiffverbindungen, dass der Reisende in Verlegenheit kommt. Es bestehen directe Fahrten jede Woche nach Triest, Venedig, Brindisi, Neapel, Marseille, Konstantinopel und Odessa, welche von regelmässig abgehenden Postdampfern ausgeführt werden. Ausserdem gibt es noch viele Compagnien, welche Dampferverbindungen mit Europa unterhalten. Es gibt englische j Schraubendampfer, welche nach Malta, Gibraltar und Southampton I gehen, russische, und türkische Schiffe, die über Jaffa, Beiruth, Smyrna nach Konstantinopel dampfen; und französische der Suez-Kanal-Com- pagnie gehörende Dampfer, welche von Port-Said aus Fahrten nach Konstantinopel und Marseille unternehmen. Die österreichischen, englischen und französischen Postdampfer, welche die indischen Passagiere nach Europa bringen, gehen regelmässig jeden Sonnabend Nachmittag ab. Reisende, welche sich Andenken an Aegypten mitzunehmen gesonnen sind, mögen sich erinnern, dass bei der Duane in Alexandrien auch ein Ausfuhrzoll erhoben wird, der, wie es scheint, nach der Will- | kür der Beamten bald hoch, bald niedrig ist, und von dem sich unter j Umständen abhandeln lässt. So sollten im März 1852 Bekannte des Verfassers für acht- Stück Tschibucks. die sie in Kairo für 2O0 Piaster gekauft, nicht- weniger als 80 Piaster Aasgangszoll zahlen, und nur mit einem grossen Aufwand von Worten gelang es ihnen, die geforderte Summe auf die Hälfte zu reduciren. Andere wieder hatten nichts zu entrichten, weil sie zu rechter Zeit ein Bakschisch von einem Schilling angebracht hatten. Altcrthümer, Mumien, Götterbilder grösserer Art sollen gar nicht ausgeführt werden, wenn nicht eine specielle Erlaubniss von der Regierung eingeholt worden ist. Allein auch hier 244 Tour von Alexandrien. übt das Wort Bakscliisch bei den untern Beamten eine Wirkung, die alle Schwierigkeiten überwindet. Wer sich Tabak mitnehmen will (der Latakiab ist vortrefflich), nehme ihn nicht geschnitten, da er sonst leicht das Aroma verliert, sondern in Blättern mit. In Triest übergebe er ihn den an Bord kommenden Zollbeamten, die ihn nach der Dogana bringen, wo er zu verzollen ist, oder wenn er per Transit durch Oesterreich gehen soll, einem Spediteur gegen Becipisse zur Beförderung an den betreuenden Ort. Auf der Üeberfahrt von Aegypten nach Triest halten die Lloyd* dampfer in Korfu drei bis vier Stunden an, und die Passagiere haben Gelegenheit an’s Land zu gehen und die besten Punkte der anmuthig gelegenen Stadt in Augenschein zu nehmen. Triest. — Buchdrttckerei des Oester . Lloyd. iC -- f)I Kflilo 1 flte’■' 3% (V x | OiX/Äni v . n Awi^wC« ■ Jti-fii/u'/i 1 r Vfn / y w «h ■<;«...Ouirgiei«*';. ' ; -wbi ■ -‘ - 3 VwK’Æ . ><•«;«/« 4 pi»* iu # ■.*. - >v- C : f V< Al iür 1Î Wal» <•! HnTreî*!» I % w a y ® f'fuittjtfi (9"rtt A E G Y P TEN 1 uns dem norde N LIB IE N 1‘iniworJVu iuid öVzetrhiu’l HKXUY I.AXGK . ////. (iitfhnnnn frir.rf ^iülvo.. MïSf). ON* ! itp«v..*tggaajfem> —{—vy-' / kw&wBmK /'V\\ • *- -=ü=>à^r **$1/—v V v ^ 'sv ! SM.ÉMR •..^— ’ ‘° il n-gTjj-u ÏUI. !/•/( ^'VjaVTfÂMyJ Si 1 N %»v Je—M.S,. s- r ■cséIè IHh— tsrf/CyTlßZjL 'dFcr^'* a,ÿf^Æ^^^SPÏPêG9* 1 vV î=?sr*ô%fr>'>^r\«Â<57 ./ ■: v si ü it\fï v# ; - -f ,;;'-;VV^ ; T» Uj* ' T- : jLJ7r \ Lm Ê^MéÀfArfl ifo \wf^» fefepàlrîW / .ü ■' \* .. y*--■ W£Sj\ Ml » v -.- , _ _. 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