lrlrvis Richard volh Aus der alten tu die neue Zeit Lebenserinnerungen Berthold von Deimling General der2nsanteriea.D. Im Verlag Ullstein / Berlin SL-Lrr kox^rlskt 1930 d? VNstelv LS., Lerlill krioteä io Kermso^ Vorwort (^Xie nachstehenden Blätter enthalten die -^^Lebensermnerungen eines alten Soldaten, der sich im Kaiserreich aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen emporgerungen hat zum höchsten militärischen Rang eines Kommandierenden Generals, der heute noch der alten ruhmvollen Zeit eine dankbare Erinnerung bewahrt, aber doch den Weg in die neue Zeit, zum neuen Staat gefunden hat. Er will nicht verbittert beiseite stehen, sondern will mithelfen am Wiederaufbau des Vaterlandes. Wie er sein ganzes Leben lang dem Vaterland und dem deutschen Volk gedient hat, so soll es auch weiter sein bis anS Ende. In solchem Sinn ist sein Buch schlicht und einfach geschrieben. Vielleicht regt es manchen, der heute noch zaudert, an, gleich ihm den Weg zu finden aus der alten in die neue Zeit. Baden-Baden, im Frühherbst i9Zv. Berthold von Deimling Erstes Kapitel dills ich ein kleiner Kerl von zehn Jahren war, führte mich mein -^^Vater auf einer gemeinsamen Reise einmal in das Rathaus von Pforzheim vor eine alte Fahne auS dem Dreißigjährigen Krieg, die dort als Reliquie aufbewahrt wurde. Es war die Fahne der vierhundert Pforzheimer, die in der Schlacht von Wimpfen am Neckar (1622) mit ihrem Bürgermeister Berthold Deimling an der Spitze den Heldentod gefunden haben. Der Markgraf Friedrich von Baden-Durlach, der die Streitkräfte der protestantischen Union befehligte, stand damals in schwerem Kampf gegen ein überlegenes katholisches Heer unter Tilly. Am Nachmittag wurden die Pulverwagen des Markgrafen von feindlicher Artillerie getroffen und flogen in die Luft. „Sichtbar schwebte" — so erzählt ein Kriegsberichterstatter aus damaliger Zeit — „die Heilige Jungfrau, die Generalissima Kaiser Ferdinands, über seinen Scharen und leitete die Kugel, die den Pulvervorrat Georg Friedrichs, des Ketzers, in die Luft sprengte." Fußvolk und Reiterei des Markgrafen, Badener, Pfälzer, Sachsen, Schweizer und Franzosen, fluteten über den Bellinger Bach nach Süden zurück. Hart drängten die Regimenter Tillys, Spanier, Bayern, Wallonen und Italiener, nach, als sich an der Brücke die Leibgarde des Markgrafen, die vierhundert Pforzheimer unter ihrem Bürgermeister Berthold Deimling, den Siegern entgegenwarf. Die Pforzheimer wankten nicht und wurden bis auf wenige Überlebende aufgerieben. Ihr Opfertod aber rettete das Heer des Markgrafen vor der Vernichtung. Auch der Bürgermeister Deimling blieb auf dem Schlachtfeld. Mag auch die Sage im Lauf der Zeiten manche Ranke um die Tat der Vierhundert gewoben haben, so ist der Kern doch historisch. Ihre Fahne wird noch heute in Pforzheim aufbewahrt. Von diesem Bürgermeister Deimling stamme ich in gerader Linie ab und bin sieben Menschenalter nach seinem Heldentod am 21. März 9 i§5Z in Karlsruhe geboren. Der meiner Taufe erhielt ich seinen Vomamen Bertbold. Mein Vater war damals Großherzoglich Badischer Auditor, eine Amtsstellung, die man später Kriegsgerichtsrat nannte. Meine Mutter stammt aus dem oberbadischen Adelsgeschlecht von Stoek- lern zu Grünholzek. Ein Jahr vor meiner Geburt hatten die Eltern mit dem bescheidenen Gehalt eines Auditors ihren Hausstand begründet. Meine Vorfahren sind zumeist Beamte oder Geistliche gewesen. So war mein Großvater väterlicherseits siebenunddreißig Jahre lang Hofprediger in Karlsruhe. Er starb, als ich acht Jahre alt war, ehrlich betrauert von seiner Gemeinde und dem fürstlichen HauS. Noch deutlich steht meine Großmutter mit ihrem lieben Greisinnengesicht vor mir, in großer Krinoline und einer Spitzenhaube auf dem weißen Haar. Sie war die Tochter des in seiner Zeit sehr bekannten badischen Musikdirektors Brandl. Als Schüler durfte ich mehrmals die Ferien bei ihr verbringen. Untrennbar war sie von ihrem ebenso treuen wie ungemein häßlichen Hund „Kaliban", ein Tier von so seltener Rasse, daß ich in meinem ganzen Leben nie wieder einen Hund von auch nur annähernd gleicher Scheußlichkeit gesehen habe. Meine Erinnerungen an „Kaliban" sind zudem durch seine Gewohnheit getrübt, mir bei jedem Besuch die Hosen zu zerreißen. Meiner Liebe zu der Großmutter tat das aber keinen Abbruch. Sie war eine echte Pfarreröfrau mit dem Herz auf dem richtigen Fleck und hatte ihrem Gatten vierzehn Kinder geboren. Bei ihrem Tode wurde sie von einunddreißig Enkeln und sechs Urenkeln betrauert. Mein Großvater mütterlicherseits war der Oberpostrat a. D. Carl von Stoeklem in Freiburg, die Großmutter eine geborene Schwenk. Als ich elf Jahre alt war, zogen die beiden zu meinen Eltem. An den Großvater erinnere ich mich genau. In langem Schlafrock, der um den Leib durch eine bunte Schnur mit Quasten zusammengehalten war, ein gesticktes Käppchen auf dem Kopf und eine lange Pfeife mit Porzellankopf im Mund, die meine Großmutter stopfen und anbrennen mußte, so saß der alte Herr tagaus tagein im Lehnstuhl und laS ein Buch nach dem anderen. Meine Aufgabe war, ihm immer neue Bücher aus der Museumsbibliothek 10 zu holen. Der mürrische Bibliothekar hatte darum ähnliche Gefühle für mich, wie ich für „Kaliban", nur mit dem Unterschied, daß er aus seinem Herzen keine Mördergrube machte. Als adliger Herr war mein Großvater ein grimmiger Feind der Demokraten. Mit Vorliebe erzählte er eine Geschichte, bei der mir nie recht wohl war. Anno 1848 hatte er aus einem Hinterfenster des PostgebäudeS mit seinem Jagdgewehr in eine Freischärler- versammlung im Kaufhaus auf dem Münsterplatz hineingeschossen. Glücklicherweise ging der Schuß vorbei. Der Großvater mußte aber flüchten, als die Freischärler in die Post eindrangen, um ihn aus seiner Wohnung herauszuholen. Von ihm habe ich bestimmt kein badisches Demokratenblut mitbekommen, wohl aber von meinem Vater, der wie viele seiner Kollegen sehr freie politische Anschauungen hatte. Noch einer alten Großtante, Karoline Schwenk, muß ich gedenken. Ich war ihr ganzer Verzug, und sie stellte mir ein angenehmes Horoskop. „Berthold", sagte sie, „du wirst einmal Glück im Leben haben. Du bist nicht nur am Frühlingsanfang geboren, sondem du hast auch zwei Haarwirbel auf dem Kopf. Das bedeutet eine reiche Frau." Das hat sich — wie man noch sehen wird — erfüllt, wenn auch in anderem Sinn, als die gute Großtante es gemeint hat. Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Vater als Amtsrichter nach Hornberg im Schwarzwald versetzt. Die feierliche, vergilbte Bestallung habe ich aufbewahrt. „Wir, Friedrich, von GotteS Gnaden Großherzog von Baden, Herzog von Zähringen, haben uns allergnädigst bewogen gefunden, den Garnisonauditor Berthold Deimling, dahier, unter Bewilligung einer Besoldung von Eintausend Gulden..." Die ganze Seligkeit meiner Kindheit liegt in dem Wort Hornberg, heute Station der Schwarzwaldbahn und vielbesuchter Luftkurort, damals aber ein kleines, verschlafenes Amtsstädtchen, das nur mit der Postkutsche zu erreichen war. Eingebettet in dem engen Gutachtal zwischen Bergen mit prachtvollen Tannenwäldern ist das Städtchen -iner der malerischsten Punkte des südlichen Schwarzwalds. Wer wäre — sagt Goethe — imstande, von der Fülle der Kindheit würdig zu sprechen! 11 Wir zogen in das alte Amtshaus an der Hauptstraße, ein dreistöckiger, gelbangestrichener Giebelbau. Unter dem Dach war eine Luke mit einer Winde, um das Heu auf den geräumigen Speicher zu schaffen. Aus dieser Luke hat einst ein sehr verhaßter Amtmann seinem eigenen Leichenbegängnis zugeschaut, erzählt die Sage. Als sich der Leichenkondukt gerade unten vor dem Hause in Bewegung fetzte, guckte plötzlich der verstorbene Amtmann in weißem Totenhemd und weißer Zipfelmütze aus der Luke und rief kläglich: „Nehmt mich auch mit." Wir Kinder hatten höllischen Respekt vor dem „Weißkäppler" und glaubten in der Dämmerung oft, die geheimnisvolle Gestalt in einem Winkel des großen Hauses verschwinden zu sehen. Ein ganz klein wenig waren wir aber auch stolz, daß unser altes Amtshaus sein eigenes Gespenst hatte, so wie die Königsschlösser ihre „weiße Frau". Hinter dem Amt stieg ein großer, terrassenartiger Garten den Schloßberg hinan, für meine Erinnerung der schönste Garten der Welt, obwohl eö auch an nützlichen Gemüsebeeten nicht fehlte. Für mich, meinen um ein Jahr jüngeren Bruder Ferdinand und unsere Spielgefährten, „Sattlerkarle", den „Hörnlewalz" — so genannt, weil seine Stirnknochen knuppelartig vorstanden — und „Schuhmacher Baumanns Adolf" war es ein idealer Tummelplatz. Sie alle deckt schon der Rasen. Als ich vor ein paar Jahren auf Einladung der Demokratischen Partei in Hornberg sprach, holte mich der letzte noch lebende Spielgefährte von der Bahn ab. Jetzt ist auch er, der Hermann Aberle aus der mittleren Mühle, tot. Zweimal täglich kam der Thurn- und Taxiösche Postomnibus mit Vieren lang in aller Gemütlichkeit durch das Städtchen geraffelt. Auf dem Bock saß der „Poschtl" in gelbem Frack, hellen Lederhosen, mit schwarzen Stulpenstiefeln und blies bei der Einund Ausfahrt lustige Lieder aus seinem Horn. An ereignisreichen Tagen, wenn der Omnibus nicht alle Reisenden fassen konnte, kam noch eine „Beichais" mit. Für uns Hinterwäldlerbuben war das Eintreffen der Post eine große Sehenswürdigkeit, und mit offenem Mund staunten wir die Leute an, die aus der uns unbekannten Welt jenseits der Berge kamen. Das Schönste aber war für uns die „Meß", der Jahrmarkt mit Seiltänzem, Zauberern, Bären und Karussell. Vor allem be- 12 grüßten wir mit Jubel das Kasperletheater. Wie haben wir gelacht, wenn Kasperle den Polizeidiener, den Gendarm, den Amtmann, ja selbst den Teufel verprügelte, bis alle auf der Strecke blieben. Dann räumte er wenig pietätvoll die Leichen auf seine Pritsche und warf sie in den Orkus. Einmal ließ sich der Vater erweichen und nahm mich mit in die Schaubude eines „Zauberers". Dieser, selbst in seiner Phantasie ökonomische Mann, wollte aus Mehl und Eiern einen „Gugelhupf" vor den mißtrauischen Augen der Hornberger Hausfrauen erstehen- laffen. Dazu brauchte er — wie er sagte — Hilfeleistung. Sein Zauberauge fiel ausgerechnet auf mich, und er rief mich an seine Hexenküche. Mir war etwas beklommen zumute. „Nun, was willst du denn werden, Kleiner", fragte er. „Pfarrer", gab ich trotzig zur Antwort, weil ich mir dachte, daß dieser Beruf ihm Respekt bei seinem bedenklichen Handwerk einflößen würde. „Dann kann ich dich nicht brauchen", sagte der Zauberer. „Ich muß jemand haben, der Kuchenbäcker werden will." Unter allgemeinem Gelächter ging ich mit rotem Kopf auf meinen Platz zurück. Meine Antwort „Pfarrer" kam auch daher, daß die Eltem gelegentlich davon sprachen, ihr Ältester müsse den Beruf des Großvaters ergreifen. Dabei spielte wohl auch der Umstand eine Rolle, daß ein Familienstipendium das Studium der Theologie erleichterte. Bei den tausend Gulden, die mein Vater als Gehalt bezog, waren solche Erwägungen sehr verständlich. Nach dem Reinfall mit dem Zauberer hatte ich aber die Freude am geistlichen Stand verloren. Dagegen tauchten militärische Neigungen in mir auf. Als ich zu Weihnachten Helm und Säbel bekam, stand es bei mir fest, daß ich General werden wollte. Zunächst mußte ich mich mit meinen neun Jahren allerdings mit der Rolle eines Hauptmannö unserer aus ein Dutzend Buben bestehenden Jugendwehr begnügen, die mit Holzgewehren bewaffnet war und über einen weit hörbaren Trommler verfügte. Oft marschierten wir an den Sommerabenden stolz mit schlagendem Tambour durch das Städtchen nach einer Wiese, wo wir „Soldätles" spielten. Im Winter gab eS dann richtigen Felddienst mit großen Schneeballschlachten gegen die Buben aus den Nachbardörfern, die sich nicht immer taktvoll in ihre Rolle als besiegte Franzosen finden wollten. 13 Herrlich war es auch, wenn wir Jungens Vieh hüten durften. Damals hielten sich die Hornberger Bürger noch selbst ihre Kühe oder doch zum mindesten Ziegen. Besonders schön war daS Tierhüten im Herbst, wenn die Wälder in gelben und roten Farben leuchteten. Dann stahlen wir uns Kartoffeln vom Feld, machten ein Feuer an und rösteten die „Erdapfel". Das schmeckte uns besser als Gansbraten zu Hause. Nach solchen kulinarischen Genüssen wollten wir natürlich auch rauchen wie die Großen. Dazu höhlten wir Nüsse aus, bohrten ein Loch hinein, in das ein Röhrchen gesteckt wurde, und fertig war die Pfeife. Die wurde mit trockenem Nußlaub vollgestopft und dann lustig darauflosgeraucht, bis uns speiübel wurde; trotzdem war es unsagbar schön. Eine frohe Abwechslung gegen die Eintönigkeit der Bürgerschule, wo ich nicht immer glücklich mit dem Gänsekiel hantierte, war es, wenn der Vater mich zu auswärtigen Gerichtsfahrten mitnahm. Dann durfte ich neben dem Kutscher auf dem Bock sitzen, während der Gendarm mit seinem Karabiner als Repräsentant der vollziehenden Gewalt neben meinem Vater Platz nahm. Wurde die Steigung der Straße zu steil, so stieg der Kutscher vom Bock und ging neben der Chaise her, während ich die Zügel halten durfte. So stolz bin ich niemals wieder in meinem Leben gewesen. Der schönste Augenblick einer solchen Fahrt aber war, wenn wir endlich die Paßhöhe erreichten und der freie Blick weithin über die Hochebene schweifen konnte bis zu den blauen Bergen der Schwäbischen Alb. Und wenn mir dann der Missionar der Hermhutergemeinde in Königsfeld von seinen Fahrten zu den Eskimos erzählte, packte mich kleinen Burschen aus dem abgeschlossenen Waldtal eine unbezwing- liche Sehnsucht nach der großen Welt. Wie konnte ich damals ahnen, daß ich vierzig Jahre später auf einem ganz anderen Kontinent, nämlich in Südwestasrika, Krieg führen würde gegen die Schwarzen. Ein alljährlich wiederkehrender Festtag war für unS der 9. September, der Geburtstag des GroßherzogS Friedrich I., auf den wir uns mächtig freuten, nicht nur weil wir schulfrei hatten. Da hingen wir unS Schärpen in den Landeöfarben — rot und gelb — um und zogen unter Führung unserer Lehrer bei feierlichem Glockengeläut vor das Rathaus, wo dann mein Vater an ein Fenster trat und die 14 obligate Festrede hielt. War er auch politisch liberal, so verehrte er doch menschlich die Person des Großherzogs, und was er in seiner Rede sagte, kam ihm von Herzen. Bei dem Hoch, das er am Schluß ausbrachte, donnerten die Böller vom Schloßberg. Sie donnerten wirklich, nicht wie bei dem sprichwörtlich gewordenen „Hornberger Schießen". Darüber erzählt man sich folgendes: Im Anfang des 18. Jahrhunderts kam einmal der Herzog von Württemberg — Hornberg war damals württembergisch — auf den seltenen Gedanken, seine treue Stadt Hornberg trotz der großen Entfernung von den übrigen Landesteilen zu besuchen. Dem Entschluß folgte schon nach drei Tagen die Ausführung, so daß den Hornbergern nicht viel Zeit für festliche Vorbereitungen blieb. Aber die Väter der Stadt wollten es sich nicht nehmen lassen, den Landesherr» durch untertänige Böllerschüsse würdig zu begrüßen. So wurden die seit dem Dreißigjährigen Krieg vergessenen Geschütze aus einem Winkel hervorgeholt und bewährten sich bei einem Probeschießen über alles Erwarten. Das enge Tal gab bis hinauf nach Triberg die Salven in hundertfachem Echo wieder. Alles freute sich auf die Feier des kommenden Tages. Die Stücke wurden sorgsam geputzt und hergerichtet. Ein Übereifriger fand sogar Zeit, nach dem Pulver zu sehen. Aber — o Schreck! — der ganze Vorrat war bei dem gewissenhaften Probeschießen verbraucht worden. Nun war guter Rat teuer, denn woher sollte in dieser friedlichen Zeit bis zur Ankunft des hohen Besuchs noch Pulver beschafft werden. Der kluge Bürgermeister war blaß, aber gefaßt. Er ließ alle Amtspersonen auf das Rathaus kommen und befahl ihnen, bei Ankunft des Herzogs auf ein Zeichen gemeinsam aus Leibeskräften „Puff! — puff!" zu schreien. Dann werde der Herzog meinen, daß wirklich geschossen sei. Der Herzog kam, und die Hornberger schrien auch einwandfrei ihr „Puff!", wie der Bürgermeister sie geheißen hatte. Serenissimus war aber Heller, als man gehofft hatte. Er wollte durchaus nicht glauben, daß geschossen worden sei, sondern sperrte jeden, der „Puff!" geschrien hatte, einen Tag, den Bürgermeister aber gar drei Tage ins Loch. Für die historische Wahrheit dieser Erzählung kann ich mich allerdings nicht verbürgen. 15 Zweimal erhielten auch wir ganz „hohen" Besuch, nämlich vom Storch. Einmal brachte er eine Schwester, das andere Mal einen Bruder, der einige Wochen nach der Geburt starb und in Hornberg begraben wurde. Wir waren jetzt vier kleine Deimlinge: ich, Ferdinand, Jenny und Josephine. Später — in Freiburg — kamen noch Lina und Adolf hinzu. Als das Jahr 1864 herankam, drang der Kanonendonner von Düppel selbst in unser kleines Waldtal — wenn auch nur auf dem Ieitungspapier. WaS ich da las und, soweit ich es nicht verstand, mir vom Vater erklären ließ, begeisterte mich zu erbitterten Schlachten mit meinen Bleisoldaten. Ich baute die Düppeler Schanzen nach, besetzte sie in Ermangelung von Dänen mit französischen Zinnsoldaten und ließ sie dann durch Preußen und Österreicher unter meinem höchsteigenen Kommando erstürmen. Im Sommer 1864 wurde mein Vater als Untersuchungsrichter an das Kreisgericht nach Freiburg versetzt. Damit stieg sein Jahresgehalt auf 1400 Gulden. Wie bescheiden man dazumal war! Das waren knapp zooo Mark für eine sechsköpfige Familie. Allerdings war das Leben damals sehr viel billiger als heute, und die Ansprüche waren geringer. Meine gute Mutter mußte aber doch das Geld sehr sorgfältig zusammenhalten, um uns alle satt zu bekommen, und manchmal war Schmalhans bei uns Küchenmeister. Das hat keinem von uns Kindern geschadet, und vielleicht sind wir gerade durch die Einfachheit des elterlichen Haushalts so gesunde und kräftige Menschen geworden. Mit der Seligkeit der Hornberger Kinderzeit war eö nun zu Ende. Eines Tages schickte uns der Bärenwirt, ein besonderer Freund meines Vaters, seine Chaise zur Reise. Dieser alte Herr mit seinem roten Garibaldibart, hatte mir oft von seinen Heldentaten als badischer Freischärler und von Hecker, Struwe und Garibaldi erzählt. Mit Tränen in den Augen nahmen wir Abschied von dem alten hochgiebeligen AmtshauS. Ich guckte noch einmal hinauf nach der Luke unter dem Dach, aus der vielleicht der „Weißkäppler" uns nachwinken würde. Dann stieg ich auf den Bock neben den Kutscher, die Eltern setzten sich in den Fond, während die drei Geschwister auf dem Rücksitz verstaut wurden. Unter Tücherschwenken und 16 Händewinken aus allen Häusern traten wir die große Reise an, talabwärts nach Gutach und von da über Prechtal nach Elzach, wo übernachtet wurde. Am nächsten Tage erreichten wir über Denz- lingen mit der Eisenbahn unsere neue Heimat — Freiburg, von der Peter Hebel singt: A'Friburg in der Stadt, sufer ischS und glatt, riche Here, Geld und Guet, Jumpfere wie Milch und Bluet, z'Friburg in der Stadt. Für die lieblichen „Jumpfere" von Freiburg hatte ich damals noch nicht das richtige Verständnis, aber die anderen Schönheiten der alten Stadt erkannte ich gleich mit Staunen: die klaren Bäche, die durch die Straßen fließen, die blitzsaubere „Groß' Gaß", das herrliche Münster, im Hintergrund der Schloßberg mit dem Kanonenplatz, von dem aus sich ein prachtvoller Blick in das Dreisamtal, auf den Kaiserstuhl und die Vogesen öffnet. Alles das waren für mich so starke Eindrücke, daß sich das Heimweh nach Hornberg schnell legte. Da ich später einmal studieren sollte, kam ich auf das Lyzeum, während mein Bruder Ferdinand die „Höhere Bürgerschule" besuchte. Für zwei Söhne hätte es zum Studium doch nicht gelangt. Nach peinlichem Examen wurde ich meinem Alter entsprechend in die Quarta aufgenommen. Meine Lehrer habe ich in dankbarer Erinnerung. Sie haben sich redliche Mühe mit mir gegeben und mir zahllose Dummheiten nachgesehen. Wenn sie uns bei der Lektüre der römischen und griechischen Klassiker in völliger Verkennung unseres Bedarfs allzuviel mit Regeln und Formelkram plagten und darüber vergaßen, uns in den Geist und die Schönheit der Antike einzuführen, so lag das weniger an den Personen der Lehrer als an den altmodischen Unterrichtsmethoden. Etwas stiefmütterlich wurde der evangelische Religionsunterricht behandelt. Wegen der wenigen evangelischen Schüler wurde der Unterricht immer für drei Klassen gemeinsam erteilt, und zwar abends, wenn die anderen frei hatten. Im Winter, beim mystischen 2 Deimling, gelt 17 Schein der Unschlittlichter, haben wir unö für die entgangene Freizeit durch allen nur möglichen Unfug entschädigt. So haben wir einmal dem Stadtvikar, der den Unterricht erteilte, Pulver in seine Lichtputzschere getan. Als er den Docht beschneiden wollte — bautz! —, ging das Pulver los, glücklicherweise ohne den Vikar zu verletzen. Wir rechneten bestimmt damit, daß er jetzt vom Katheder herunterkommen und uns Lausbuben jedem ein paar hinter die Ohren hauen würde, wie wir es verdient hatten. Er sagte aber kein Wort, sondern nahm ruhig seinen Hut vom Nagel und verließ die Schule. Auch beim Klassenlehrer oder beim Direktor hat er uns nicht „verschuftet". In der nächsten Religionsstunde putzte er das Licht genau so weiter, als ob nichts vorgefallen wäre. Diese verzeihende Milde in der Praxis des Lebens hat auch auf den größten Rüpel unter uns Eindruck gemacht. In Zukunft brauchte sich der Vikar nicht mehr über uns zu beklagen. In meinen Träumen spielt heute noch gelegentlich ein kleiner Vorfall eine beklemmende Rolle, bei dem ich mich unsterblich blamiert habe. Als Obersekundaner sollte ich bei dem feierlichen Akt in der Aula, der jedes Schuljahr beschloß, das Gedicht von Uhland „Vor saornm" deklamieren. Der Saal war dicht besetzt mit den Angehörigen der Pennäler, mit Vertretern der Behörden und der ganzen Lehrerschaft. In der vordersten Reihe saßen meine Eltern, stolz auf das erste öffentliche Auftreten ihres Ältesten. Mir war sehr jämmerlich zumute, als ich nach einer linkischen Verbeugung auf dem Podium beginne. Alles geht gut, bis ich an den zehnten Vers komme, bei dem ich laut Regieanweisung meines Klassenlehrers den rechten Arm wie segnend auszustrecken hatte: „Schon lag die Menge schweigend auf den Knien." Da schwieg auch ich. Aus war's, wie weggelöscht aus dem Gedächtnis. Ich bekam einen puterroten Kopf, sah die angsterfüllten Augen meiner Mutter auf mich gerichtet und segnete verzweifelt die Menge noch einmal. Aber auch beim zweiten Anlauf ging es nicht weiter. Die peinliche Stille im Auhörerraum begann sich hier und dort in Kichern und Lachen aufzulösen, und ich wollte eben als geschlagener Held abtreten, als die Rettung nahte. Mein Lehrer hatte unter den aus- liegenden Schulpreisen einen Uhland ergriffen, blitzschnell und für mich doch unendlich langsam das „Vor savrnm" aufgeschlagen und 18 flüsterte mir die nächsten Stichworte zu. Da ging es plötzlich wieder wie geschmiert, und fließend trug ich das Gedicht mit verstärktem Schwung bis zu Ende vor, um zu retten, was noch zu retten war. Trostvoller Beifall dankte mir. Ich brauchte aber die Hälfte der dem mißglückten Festakt folgenden großen Ferien, um die Schlappe zu verwinden, die mein jugendlicher Ehrgeiz erlitten hatte. In der Prima wurden wir mächtig von der Schule herangenommen. Ost mußten wir beim trüben Schein des Unschlittlichts bis tief in die Nacht hinein „ochsen" und „büffeln". Petroleumlampen waren damals noch Luxusgegenstände und nur für reiche Leute erschwinglich. Trotz aller Arbeit fanden wir aber immer noch genügend Zeit für Turnen und Schwimmen im Sommer und Schlittschuhlaufen sowie Tanzstunde im Winter. Auch einer Jugendwehr gehörte ich an, die mit ihren Holzgewehren auf dem Exerzierplatz des in Freiburg garnisonierenden 5. Badischen Regiments, der späteren uzer, übte. Wie stolz waren wir, als einmal der Kommandeur dieses Regiments uns belobte. Als Primaner wurden wir von den Studenten zu späterem Eintritt in ihre Verbindungen „gekeilt" und zu diesem Zweck gelegentlich auf ihre Kneipen eingeladen. Riesig forsch kamen wir uns vor mit dem gestickten Tabaksbeutel um den Hals, der Schwanen- halSpfeife im Mund und einem großen Topf Bier in der Hand. Begeistert sangen wir die Lieder aus dem Lahrer Kommersbuch mit, tranken Schmollis und Bierjungen, rieben Salamander, bis es sich zeigte, daß uns die Studenten im Bierkonsum entschieden überlegen waren. Und wenn beim Rundgesang die Frage kam: „Bruder, deine Liebste heißt?", dann nannte jeder errötend den Namen seiner Flamme. Die meinige hieß Josephine. Ich glaube, sie ahnte es aber nicht. Denn sie erschien mir derart erhaben, daß ich ihr nur von weitem „nachzusteigen" und höchstens vor ihr zu „deckeln" wagte. Am Morgen nach der Kneipe, wenn sich ein physisch-moralischer Kater einstellte, schwor ich in meiner Not, nie wieder aus eine Kneipe zu gehen. Allzuoft brauchte ich allerdings solche Falscheide nicht zu leisten, denn ich mußte mir mein Taschengeld durch Nachhilfestunden selbst verdienen, und die Konkurrenz drückte die Preise. 2 » 19 Gute Kameraden habe ich viele im Freiburger Lyzeum gefunden. Meine besten Freunde waren Hermann Weber, der später gleich mir Offizier wurde, Daniel Mayer, ein Jude aus Nonnenweier, später Rechtsanwalt in Freiburg, und Constantin Fehrenbach, der spätere Reichskanzler. Da Fchrenbach Theologie studieren sollte, trat er in das katholische Knabenseminar ein, das wir „Kapaunium" nannten. Bald schwang er sich zum Primus der Klasse auf. Erst nach beendetem theologischen Studium hat er zur Jurisprudenz umgesattelt und ist Rechtsanwalt in Freiburg geworden. In meine Schulzeit fielen die Jahre 1866 und 1870/71. 1866 schwärmten wir, wie ganz Süddeutschland, für Österreich. Ein gebürtiger Preuße, der in unsere Klaffe ging, hatte die unangenehme Aufgabe, sich von der österreichischen Übermacht, die wir andern darstellten, häufig besiegen zu lassen. Am Abend der Schlacht von Königgrätz wurde zur Feier einer falschen Meldung, die von einem Sieg der Österreicher berichtete, die Münsterpyramide bengalisch beleuchtet. Am nächsten Tage stellte sich heraus, daß eine voreilige Siegesmeldung schon am Mittag des Schlachttages abgegangen war, als die Sache der Österreicher bei ihrer numerischen Überlegenheit noch günstig stand. Erst mit dem Eintreffen der Armee des preußischen Kronprinzen am Nachmittag, wurde die Schlacht mit der Erstürmung der Höhe von Chlum durch die preußische Garde zu einer entscheidenden Niederlage für Österreich. Durch diesen Sieg gewannen die Gestalten von Bismarck und Moltke immer breiteren Raum in unserer jugendlichen Phantasie. Nach ein paar Jahren donnerten abermals die Kanonen in das Einerlei unserer Schulzeit hinein. Am Abend des 15. Juli 1870 ging es wie ein Lauffeuer durch ganz Freiburg: die iizer haben Befehl erhalten, noch heute nacht nach Rastatt abzurücken und dort mobilzumachen. Es geht los, gegen die Franzosen. Eine unbeschreibliche vaterländische Begeisterung stammte unter der Jugend auf. Sofort meldete sich eine große Zahl von Studenten der Freiburger Universität als Kriegsfreiwillige. Auch von meiner Klasse gingen einige der Älteren freiwillig ins Feld, sehr beneidet von uns Zurückbleibenden, die wir noch nicht das vorgeschriebene Alter hatten. 20 Da das ganze südliche Baden von Truppen entblößt war, stand der Einbruch französischer Streifkorps zu befürchten. Darum wurden bis auf weiteres die Schulen geschloffen, eine übereifrige Maßnahme, die aber nicht verfehlte, unsere Begeisterung noch zu erhöhen. Auch eine Bürgerwehr wurde gebildet zur Sicherung gegen allerlei Gesinde!, das in der erregten Phantasie besorgter Stadt- väter spukte. Auch ich meldete mich mit meinen Schulfreunden zur Bürgerwehr. Wir bekamen als Abzeichen eine rotgelbe Armbinde und als Waffe einen Totschläger. So mußten wir das Gelände um die Stadt und die nach dem Rhein führenden Straßen abpatrouil- lieren. Trotz aller Aufmerksamkeit konnten wir weder französische Streifkorps, Spione oder gefährliches Gesinde! entdecken. Aus Mangel an Erfolgen entschlummerte die Bürgerwehr nach kurzer Zeit. Schlag auf Schlag kamen jetzt die Nachrichten vom Sieg bei Wörth, der die Arniee Mac Mahonö zertrümmerte, von den Schlachten bei Metz, durch die Bazaine in der Festung eingeschlossen wurde, und schließlich von Sedan, wo die letzte französische Feldarmee mit dem Kaiser Napoleon an der Spitze in Gefangenschaft geriet. Diese Siegesbotschaften lösten ungeheuren Jubel in Freiburg aus. Immer gewisser wurde die Zuversicht, daß die Auferstehung eines geeinten deutschen Kaiserreichs der Siegespreis sein werde. Als die Belagerung Straßburgs begann, sind wir oft auf den Kaiserstuhl gewandert und haben bei Nacht das Bombardement der Festung beobachtet. Deutlich sahen wir den feurigen Schweif der in hohem Bogen in die Stadt fliegenden Bomben, bei deren Einschlag mit Hellem Feuerschein Brände aufflammten. Wenige Tage nach der Kapitulation sind wir Oberprimaner unter Führung unseres Geschichtsprofessors nach Straßburg gefahren und haben uns die Stadt ansehen dürfen. Die Zitadelle, die Vorstadt am Steintor und die hinter der Hauptangriffsfront gelegenen Stadtteile waren in Trümmer geschossen. Museum, Rathaus, Theater, Bibliothek, Gymnasium und andere öffentliche Gebäude waren den Flammen zum Opfer gefallen, zum Teil stieg noch der Rauch aus den Ruinen. Der Eindruck auf uns war überwältigend. Noch einmal kamen für Freiburg Tage banger Sorge, als im Januar 1871 die Armee Bourbakis gegen das von uns belagerte 21 Belfort anrückte, um die Festung zu entsetzen und dann in Baden einzufallen. Das Korps Werder, zu dem die badische Division und mit ihr das Freiburger Regiment gehörte, hat in dreitägiger Schlacht an der Lisaine, bei furchtbarer Kälte, die feindliche Festung im Rücken, alle Angriffe Bourbakis abgeschlagen und schließlich seine Armee zum Rückzug gezwungen. „Wir lassen keinen durch", war die Losung der Badener, die an der Lisaine ihre Heimat schützten. Am 2z. März 1871 kehrte das Freiburger Regiment in seine Garnison zurück. Unter gewaltigem Jubel der Bevölkerung fand der Einzug durch das Martinstor statt, aus allen Fenstern wurden die Truppen mit Blumen überschüttet. Die Mannschaften wurden in Bürgerquartieren untergebracht, auch meine Eltern bekamen einen Soldaten, der mir in den nächsten Tagen alle seine Erlebnisse erzählen mußte, soweit die Festlichkeiten ihm Zeit ließen. Es wurde mir schwer, unter den machtvollen Eindrücken dieser Monate, die daS begeisterungsfähige Herz des angehenden Studenten auf das tiefste bewegten, mich mit dem nötigen Ernst auf die nüchternen Aufgaben der Schule zu konzentrieren. Und doch mußte es sein, denn im August drohte das Abiturientenexamen. Im Einverständnis mit meinen Eltern hatte ich mich für Jurisprudenz entschieden. Wenn ich aber jetzt die Studenten, die als Kriegsfreiwillige ausgerückt und als Leutnants heimgekehrt waren, in ihren Uniformen mit dem Schleppsäbel an der Seite auf der Kaiserstraße einherstolzieren sah, dann packten mich doch manchmal Zweifel, ob ich nicht auch Offizier werden sollte. Mein Vater wollte von solchen Gedanken nichts wissen, aber damit war er einverstanden, daß ich gleich nach dem Abitur mein Jahr als Freiwilliger beim Freiburger Regiment abdiente. Das brachte den Vorteil, daß ich mich gleichzeitig an der Universität immatrikulieren lassen konnte. Beim Abiturium hatte ich Glück. Das Zeugnis der Reife wurde mir mit dem Prädikat „sehr gut" erteilt. Ich wurde von 22 Schülern der zweite, Fehrenbach war der erste. Darum durfte auch er die Abschiedörede auf dem Kommers der „Maulesel" halten. Einige Tage darauf ging ich für die Ferien nach Hornberg. Zweites Kapitel diim i. Oktober 1871 trat ich als Einjahrig-Freiwilliger in das Badische Infanterie-Regiment Nr. uz ein. Wir Einjährigen wurden zusammen mit einigen Dreijährig-Freiwilligen während der ersten sechs Wochen gesondert ausgebildet durch einen Premierleutnant, der versprach, uns „die Flötentöne schon beizubringen" ! Ich kam zur Abteilung des Sergeanten Bär, eines Ostpreußen, der seinem Namen Ehre machte und erst vor kurzem zum Freiburger Regiment gekommen war. Er verstand seinen Dienst, war aber auch sehr scharf. Die ostpreußischen Kosenamen wie „Lorbas" und „Luntroß" bekamen unsere alemannischen Ohren zum erstenmal zu hören. Seinen besonderen Ärger hatte der Sergeant mit dem Füsilier Däschle, einem Bauernjungen aus dem Hotzenwald im südlichen Baden. Bär und Däschle mit ihren fremden Dialekten konnten sich nur schwer verständigen. Oft mußte ich den Dolmetscher militärischer Gefühle abgeben. „Däschle, du Lorbas, wozu hast du einen Kopf?" „Ich weiß nit, Herr Scherschant." „So, da will ich's dir sagen. Du hast einen Kopf, damit die Halsbinde nicht oben hinauörutscht. Verstanden?" „Zu Befehl, Herr Scherschant." Solche Zwiesprache zwischen Nord und Süd war für uns Einjährige immer ein Gaudium. Und wenn der Sergeant einmal besonders böse war auf sein Sorgenkind und drohte: „Däschle, wenn du deine krummen Knochen nicht besser durchdrückst, dann haue ich dir eine in die Frasse (statt Fresse), daß dir die Zähne sektionsweise hinten rausfliegen", so nahm ihm das nicht einmal der Däschle übel, denn der Sergeant war ein Mann von jener rauhbeinigen Gutmütigkeit, die man in Ostpreußen nicht nur vereinzelt findet. Mir selbst hat der militärische Dienst Freude gemacht. Das 23 Exerzieren wurde mir leicht, und meine Vorgesetzten verstanden es, meinen Ehrgeiz zu wecken. Bald benutzte mich der Sergeant als Gehilfe, und ich durfte mit Däschle Griffe kloppen. Dagegen erschienen mir die Vorlesungen über Pandekten, die ich nach dem Dienst in der Universität hörte, hoffnungslos ledern. Dazu kam, daß die Begeisterung für die eben durchlebte Zeit mit ihren großen militärischen Siegen mir den Offiziersberuf idealisierte. Als mich am Ende der Einjährigenausbildung unser Jnstruktions- offizier fragte, ob ich nicht Lust hätte, Berufssoldat zu werden — da war's um mich geschehen. Nach einigem Widerstreben erhielt ich die Einwilligung meines Vaters. Das Regiment nahm mich als Avantageur an, und bald konnte ich mir die Gefreitenknöpfe an den Kragen heften. Bei meiner ersten Wache stand ich als Posten vor der Dienstwohnung des Divisionskommandeurs. Vierzig Jahre später war ich selbst das Schreckgespenst dieses Postens. Im Sommer des nächsten Jahres wurde ich als Fähnrich auf die Kriegsschule nach Hannover kommandiert, wo zum Ausgleich der Kriegsverluste in abgekürzten Kursen neuer Offiziersersatz herangebildet wurde. Die Woche über kamen wir kaum aus der Anstalt heraus. Wir wurden tüchtig rangenommen in Taktik, Waffenlehre, Befestigungslehre, Planzeichnen, Turnen, Fechten und Reiten. Nur am Sonntag fand ich Zeit, mir die große Stadt anzusehen, deren breite Straßen und prächtige Bauten mir gewaltig imponierte,!. Als ich nach bestandenem Offiziersexamen wieder in die Heimat kam, wurde ich von Verwandten und Freunden als weitgereister Mann bewundert. Eine Fahrt über den Main ins Preußische hinein galt damals für die Badener immer noch als eine Art von Auslandsreise. Im April 187; wurde ich zum Second-Leutnant ernannt. Es war erreicht! Mit welchem Hochgefühl ich als Zwanzigjähriger zum erstenmal die Epauletten durch Freiburgs Straßen trug, den Säbel an der Seite, kann nur der ermessen, der es an sich selbst erlebt hat. Zweifellos war ich von der Bedeutung meiner neuen Stellung mehr durchdrungen, als es gerechtfertigt war. Aber wer führen will, muß auch stolz sein auf seine Verantwortung, sonst taugt er nicht zum Führer. 24 Bei der Zuteilung zur 4. Kompagnie hatte ich besonders Glück, denn ich kam zu einem Kompagniechef, der im Kriege die Wichtigkeit des Felddienstes erkannt hatte. Das war mir um so wertvoller, als trotz aller Erfahrungen im Felde immer noch übertriebener Wert auf das Exerzieren in geschlossenen Formationen gelegt wurde. Wieviel Zeit und Schweiß wurden auf das Einüben von Bewegungen nach friderizianischem Muster verwendet, deren Zwecklosigkeit bei der geänderten Waffenwirkung ganz offenbar war. Damals begann auf Grund der zwischen Baden und Preußen abgeschlossenen Militärkonvention ein reger Austausch von Offizieren. So bekam das Freiburger Regiment ein preußischer Oberst Dunin von Prczychowski, während sein badischer Vorgänger eine Brigade in Flenöburg erhielt. Nur Pädagogen von ungewöhnlichem Talent haben vermocht, den badischen Rekruten den polnischen Namen ihres preußischen Kommandeurs einzutrichtern. Die preußischen Kameraden waren durchweg tüchtige Offiziere und liebenswürdige Gesellschafter. Trotzdem konnten wir Badener — wenigstens in der ersten Zeit — nicht so recht warm mit ihnen werden — und sie nicht mit uns. Die Preußen sind nun einmal in ihrem Wesen versMeden von den Süd- und Westdeutschen. DaS erklärt sich ganz natürlich aus der geschichtlichen Vergangenheit: In den weiten Gebieten östlich der Elbe hat sich das Preußentum . jahrhundertelang gegen das vordringende Slawentum wehren müssen. Diese unablässigen Kämpfe haben ein hartes, kriegerisches ^ Volk heranwachsen lassen, dessen soldatische Tugenden in erster i Linie entwickelt wurden. Eine Jahrhunderte alte, unvergleichliche j Schule des Gehorsams, der Zucht und des Pflichtgefühls, aber ' auch des Machtgedankens und des Gewaltprinzips — kurz dessen, waS man als „Militarismus" bezeichnet hat. Ganz anders war die Entwicklung des südlichen und westlichen Deutschland. Diese Gebiete hatten schon ihre alte Geschichte und , hohe Kultur, die Dome von Köln, Straßburg und Freiburg waren schon im Entstehen, bevor von einem „Preußen" überhaupt die Rede war. Rege geistige und wirtschaftliche Beziehungen nach Westen und Süden weckten Verständnis für die anderen Völker und ihre Lebensbedingungen. Auch der demokratische Gedanke aus der Urzeit des germanischen Volksstaats ist in Süddeutschland 25 niemals ganz zugrunde gegangen. Er war wohl im Mittelalter wenig sichtbar, aber er lebte doch weiter wie ein Funke unter der Asche. So ist der Süd- und Westdeutsche von Natur freier, herzlicher und findet leichter die Brücke zum Mitmenschen, auch zu anderen Schichten, als der Preuße. In unserem Regiment bildeten sich zwei Cliquen, die Preußen und die Badener, die am liebsten unter sich blieben. Eines Tages - nahm sich der Kommandeur das Osfizierkorps zusammen und L- verbat sich energisch die getrennten Lager. Mehr als diese Rede hat allerdings die Zeit durch gegenseitige Gewöhnung ausgleichend gewirkt. Im übrigen ist durch die preußischen Offiziere ein frischer Zug in den Dienstbetrieb gekommen, über den sich jeder wahre Soldat nur freuen konnte. Leider wurde auch das gesellschaftliche Leben im Offizierkorps, das nach badischer Sitte in mancher Hinsicht sehr frei war und den Begriff der Exklusivität nicht kannte, nach preußischen Grundsätzen neu geregelt. So gab es einen furchtbaren Krach, als unser Oberst erfuhr, daß ein alter badischer Leutnant nach des Dienstes Mühsal zusammen mit Zivilisten in Hemdöärmeln zu kegeln pflegte. Im Laufe der nächsten Jahre wurden die meisten badischen Offiziere in preußische Regimenter versetzt. Im August 1875 ereilte auch mich das Schicksal, ich wurde in das Holsteinische Infanterie- Regiment Nr. 85 versetzt, das in Rendsburg, Neumünster und Kiel garnisonierte. Mir kam diese Veränderung sehr gelegen, denn ich war nachgerade dem Elternhaus, in dem ich immer noch wohnte, entwachsen und sehnte mich nach größerer Selbständigkeit. Mein guter Vater gab mir nach bewegtem Abschied noch das Geleit zum Bahnhof. Es sollte das letztenmal sein, daß ich ihn gesehen hatte. Mein neues Regiment traf ich im Lockstedter Lager bei Jtzehoe, wo es zum Exerzieren in größerem Verband zusammengezogen war. Der Regimentskommandeur, ein Hesse, nahm den jungen süddeutschen Landömann herzlich auf, und auch meine Kameraden begegneten mir mit großer Freundlichkeit. Alles war fremd und neu für mich. Vor allem mußten sich meine an Berge gewohnten Augen erst auf die endlose Flachheit der Landschaft umstellen, die nur durch die charakteristischen Koppeln und Knicks belebt wurde. Jetzt verstand ich erst jenen nord- 26 deutschen Kameraden, den wir in Freiburg gefragt hatten, wie ihm der Schwarzwald gefalle. „Ganz nett", hatte er geantwortet, „wenn nur die Berge einem nicht die ganze Aussicht wegnehmen würden." Über Holstein wehte auch eine andere Luft als in der Heimat, mit frischem Salzgeruch von der See. Die ganze Deftigkeit der Holsteiner Küche gehörte dazu, um meinen Wolfshunger zu befriedigen. Die heimatlichen „Spätzle", die meine Mutter besonders gut zu machen verstand, hätten hier in dem anderen Klima nicht lange vorgehalten. Vom Lockstedter Lager ging eö zum Manöver nach Mecklenburg in die Gegend von Wismar. Dabei bekam ich zum erstenmal die Ostsee zu Gesicht, die mir mächtig imponierte. Das größte Wasser, das ich bisher kennengelemt hatte, war der „Deicheleweier" in Freiburg, in dem wir als Jungens Molche gefangen hatten. Großartig waren die Quartiere auf den mecklenburgischen Gütern. So etwas von Futtern hatte ich bis dahin gar nicht für möglich gehalten. Schon frühmorgens gab es, anstelle des heimatlichen Kaffees mit einem Weck, ganze Platten mit Aufschnitt und Eiern, und waö man an Ort und Stelle nicht verzehrte, wurde einem von freundlichen Wirten als Frühstückspaket mitgegeben. Nach dem einfachen Leben in der Heimat kam ich mir vor wie im Schlaraffenland. Ich wurde dem I. Bataillon zugeteilt, das im neuen Teil von Rendsburg, Neuwerk, in Gamison stand. Ein paar stattliche Gebäude, Kommandantur und Dienstwohnung des Brigadekomman- deurö, umstanden den Paradeplatz, zwischen dessen Pflastersteinen das Gras friedlich hervorwucherte. Schmale Straßen und Gassen mit ein- oder zweistöckigen Häusern, den Wohnungen kleiner Geschäftsleute, bildeten die ganze Herrlichkeit. Über der Ortschaft lag immer ein leichter Duft von Krabben und Flundern. Bei „Mutter Göstrup", die sich von einem kleinen Kramladen kümmerlich genug ernährte, mietete ich die billigste Leutnantöbude von Rendsburg. Das Wohnzimmer war ursprünglich ein Laden gewesen und zeigte noch ein hohes und breites Schaufenster, das in Brusthöhe mit Brettern vemagelt worden war. Allgemein hieß dieses Quartier das „Aquarium", weil es für die Straßenpaffanten keine Heimlichkeiten hatte. Für die geringe monatliche Zulage, die 27 mir mein Vater geben konnte, und das Leutnantsgehalt von 75 Mark hatte ich aber das Richtige gefunden. Das gesellschaftliche Leben spielte sich in nichts weniger als luxuriösen Formen ab. Im Kasino tranken wir meist nur ein Glaö Bier. Wein gab es nur bei besonderen Gelegenheiten, bei „Liebeö- mahlen" zu Ehren scheidender Kameraden, und dann auch in der haushälterischen Form einer Bowle. Abends nach dem Dienst trafen wir uns in einer Bierwirtschaft, die wegen ihrer großen Butterbrote, so einmal um den Leib herum mit reichlichem Aufschnitt, sich großer Beliebtheit erfreute. Zu dieser Abendrunde gehörte auch der Armeesührer aus dem Weltkrieg, General der Artillerie von Gallwitz. Damals erregte er unsere Bewunderung dadurch, daß er es fertig brachte, zwischen zwei Schoppenlängen zwei sechsstellige Zahlen im Kopf zu multiplizieren. Im Winter gab es dann noch Abendeinladungen bei den verheirateten Offizieren, sogenannte „Kommißpekkos" und ab und zu Kasino- und Harmoniebälle, aus denen wir den hübschen Rendsburger BürgerS- töchtern nach Kräften den Hos machten. Die viel verbreitete Ansicht, daß in den Offizierkorps der alten Armee Luxus geherrscht habe, beruht auf Übertreibung. Es hat wohl einzelne reiche Kavallerieregimenter gegeben, die durch übertriebenen Auswand unangenehm auffielen, aber im allgemeinen hat der Offizier nicht anders gelebt als die entsprechenden bürgerlichen Schichten. Besonders bei der Infanterie waren vermögende Offiziere selten, und ein mittlerer Studentenwechsel gehörte schon zu den Ausnahmen. Nachdem ich ein Jahr Zeit gehabt hatte, mich in Rendsburg zu akklimatisieren, wurde ich auf die Zentralturnanstalt nach Berlin kommandiert, ein Glückösall, von dem jeder Leutnant in der Provinz träumte. Wir wollten doch alle die Wunder von Berlin aus eigener Anschauung kennenlernen. Der Dienst in der Turnanstalt dauerte nur den Vormittag über. Am Nachmittag hingen wir die Uniform an den Nagel und zogen „den" Zivilanzug an, um die Hauptstadt nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht gründlich zu studieren. Das „Theater amerikäng", ein bescheidener Vorläufer der heutigen Revuen, war damals die Hauptattraktion für uns Provinzonkels. 28 Nach meiner Rückkehr zum Regiment erhielt ich die Nachricht von dem Tod meines Vaters nach kurzer Krankheit. Ich konnte gerade noch zur Beisetzung zurechtkommen. Meine Mutter, die auf ihre bescheidene Witwenpension angewiesen war, sah sich außerstande, mir weiter eine Zulage zu gewähren. Da sprang großmütig ein Schwager meines Vaters, einer der bekanntesten Ärzte von Karlsruhe, ein. Als ich damals mit meinen ehemaligen Regimentskameraden in Freiburg zusammenkam, wurde mir wiederholt mit leichtem Vorwurf gesagt, ich sei ein reiner Preuß' geworden. Äußerlich mag etwas Wahres daran gewesen sein, innerlich aber bin ich immer Süddeutscher geblieben. Im folgenden Jahr (1878) hatte ich eine Glückssträhne. Erst wurde ich zum Bataillonsadjutanten ernannt und stieg damit auf zu den von allen Infanteristen beneideten berittenen Offizieren mit ritterlichen Sporen am Stiefelabsatz. Wenige Wochen später verlobte ich mich mit Elisabeth von Otto, die ich im Hause eines Regimentskameraden kennengelernt hatte. Der Vater meiner Braut war Gutsbesitzer auf Karlsberg bei Mansfeld gewesen. Nach seinem Tode hatte meine Schwiegermutter, eine geborene von Sperling, Schwester des bekannten Stabschefs aus dem Kriege 1870/71 und Tante der verstorbenen Frau des Reichspräsidenten von Hindenburg, das Gut verkauft und war mit ihren sechs Kindern nach Eisleben gezogen. Meine Braut besaß das sogenannte Kommißvermögen von 12 000 Talern, das damals für einen Leutnant zur Erlangung des Heiratskonsenses gefordert wurde. Also verlobt! Lang, lang ist's her. Ein halbes Jahrhundert ist seit jener seligen Zeit verstrichen. Der Bräutigam ist ein Greis, und aus der jungen Braut ist eine Siebzigerin geworden. Während ich dieses schreibe, gleitet mein Blick dankbar hinüber zu ihr. Sie sitzt mir gegenüber und strickt. Noch immer ist sie tätig von früh bis spät und sorgt ohne Unterlaß, wie sie eS ihr ganzes Leben lang in Liebe und Treue für mich und unsere Kinder getan hat. Tapfer ist sie mit mir durch all den Schmutz gewatet, den man dem alten Offizier wegen seines Eintretens für den heutigen Staat auf den Weg geworfen hat, und sie geht auch heute noch mit mir durch dick und dünn. Die Großtante hatte schon recht, als sie mir 29 eine „reiche Frau" prophezeite. Reich allerdings nicht durch Güter, die Rost und Motten verzehren, aber um so reicher an inneren Werten, durch die ich ein vielfacher Millionär geworden bin. Damals hatte ich wenig Zeit, mich verliebten Träumereien hinzugeben. Das alljährliche Wettrennen in der Armee um die Einberufung zur Kriegsakademie stand vor der Tür. Meist meldeten sich mehrere hundert Kandidaten, während nur einhundert einberufen wurden. So konnte sich jeder ausrechnen, wieviele durchfühlen mußten, bis einer Erfolg hatte. Mit ganz anderem Eifer als auf der Schule begann ich wieder zu studieren. Geschichte, Geographie, Mathematik, Französisch, Taktik und Befestigungslehre. So flog die Zeit bis zu dem Examen im Frühjahr 1879 nur so dahin. Nach bangen Monaten des Wartens kam im Juli ein Telegramm von einem zur Akademie kommandierten Regimentskameraden: „Gratuliere zur Einberufung." Hurra! Das erste war eine Depesche an die Braut, das zweite eine Flasche Sekt, die ich mit einem durch- gefallenen Freund zusammen trank. Das Leben war aber auch zu schön: im Herbst Hochzeit und dann drei Jahre zur Kriegsakademie nach Berlin, mit der Aussicht auf bevorzugte Verwendung und raschere Beförderung, vielleicht sogar auf den Generalstab, wenn man zu den Besten der Hundert gehörte. Nach dem Manöver fand die Trauung im Hause meiner Schwiegermutter in Eisleben statt, zu der auch meine Mutter aus Freiburg gekommen war. Von dem Festessen mit seinen obligaten Toasten weiß ich nur noch, daß ich sehnlichst wünschte, es möchte endlich vorbei sein. Mit dem Abendzug fuhren wir schon nach Berlin. Bald fanden wir eine nette Vierzimmerwohnung in der Frobenstraße, dazumal ganz am Ende von Berlin. Gleich neben unserem Hause begannen Ödländereien und wenig schöne Schuttabladeplätze. Durch solche Kleinigkeiten ließen wir uns aber in unserem jungen Glück nicht stören, das nach einem Jahr durch die Geburt einer Tochter noch erhöht wurde. Die drei Jahre auf der Akademie waren für mich nur getrübt durch den Tod meiner Mutter, die im November 1880 nach langem Leiden starb. Die intensive Beschäftigung mit den militärischen Wissenschaften gab mir eine ganz neue Befriedigung in meinem 30 Beruf. Dazu kam, daß wir ausgezeichnete Lehrer hatten. Besonders gern denke ich an den damaligen Major Colmar Frhr. von der Goltz, den späteren Goltzpascha und Reformator der türkischen Armee, zurück, der uns die Feldzüge Friedrichs des Großen und Napoleons unter Nutzanwendung auf moderne Verhältnisse vortrug. Zuletzt habe ich Goltz im Jahre 1914 vor Vpern gesehen. Er war damals Generalgouverneur von Belgien, hielt sich aber trotz seines Alters — er war damals schon über siebzig — mehr an der Front als in Brüssel aus. Eines Tages suchte er mich aus meinem Gefechtsstand auf. Sein Auto war von Schrapnellkugeln durchlöchert, und wenige Wochen später wurde er bei einem Besuch in der vordersten Linie verwundet. Nach seiner Genesung wurde er wieder in die Türkei geschickt, wo er unter schwierigsten Verhältnissen das Menschenmögliche geleistet hat. Im April 1916 starb er am Flecktyphus in Damaskus. Als ich zur Kriegsakademie kam, war ich der Ansicht, die jetzt noch viele Laien haben, daß Strategie eine Art von Geheimwissen- schast sei. Bald wurde mir das Verkehrte dieser Meinung klar. Strategie ist überhaupt keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Sie hat wohl militärische Kenntnisse zur Voraussetzung, aber sie ist vorwiegend eine Sache durchdringenden Verstandes, umfassenden Blickes und hoher Charaktereigenschaften. Man kann Strategie nicht erlernen, wenn man diese Voraussetzungen nicht in sich hat. Theoretische Studien können nur den Zweck haben, die Urteilskraft zu schärfen. Aus den geistvollen Vortrügen von Goltz lernten wir auch die Gedanken des Generals von Clausewitz kennen, des großen Lehrmeisters des preußischen Generalstabs, dessen Werk „Vorn Kriege" in allen Armeen als klassisch gilt. Eine der Hauptlehren von Clausewitz lautet, daß „der Krieg nichts ist als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel". Der Feldherr ist also das Exekutivorgan der politischen Leitung eines Staates. Wie war es aber im Welt- 1 krieg? Anstatt daß die politische Leitung die Kriegsführung an festen ! Zügeln hielt, so wie es Biömarck dem alten Moltke gegenüber getan 1 hat, ist im Weltkrieg der Staatsmann in eine verhängnisvolle t Abhängigkeit von dem rücksichtslosen Willen des Feldherrn geraten, s 31 so daß dieser auch in den politischen Entscheidungen das Wort hatte. Und zum Unglück Deutschlands fehlte die starke Hand deS Monarchen, um den Lehren von Clausewitz Geltung zu verschaffen. Nachdem ich zwischen den einzelnen Kursen der Akademie bei den Wandsbeker Husaren und dem i. Garde-Feldartilleric-Regi- ment Dienst getan hatte, um auch praktisch die anderen Waffen kennenzulernen, kehrte ich im Herbst 1882 zu meinem holsteinischen Regiment zurück, dieses Mal aber nach Kiel, wo das Füsilier- bataillon stand. Hier hatte ich Gelegenheit, die Marine kennenzulernen, die damals erst in der Entwicklung begriffen war. Das gegenseitige Verhältnis zwischen uns Infanteristen und den Marineleuten war sehr kameradschaftlich. Oft konnten wir als willkommene Gäste an Fahrten und Schießübungen auf See teilnehmen. Zu dieser Zeit ereignete sich ein kleiner Flaggenstreit in Kiel. Es handelte sich um die preußische Fahne unseres Bataillons. Da verlangte eines Tages ein neuer Kommandant, daß sie in der Kaiserlichen Kommandantur abgegeben werden sollte, vor der ein sozusagen neugebackenes schwarz-weiß-roteS Schilderhaus stand, während wir als preußische Truppen schwarz-weiße Schilderhäuser hatten. Es gab einen langwierigen Streit bis zu den höchsten Stellen, bei dem schließlich, soweit ich mich entsinne, der preußische Major siegte. So unwichtig der Vorfall an sich ist, so beleuchtet er doch die Tatsache, daß die schwarz-weiß-rote Reichöfahne im Heer niemals die Rolle gespielt hat, die man ihr nachträglich zuweisen möchte. Alle Abzeichen in der Armee, Fahnen, Feldbinden, Schärpen und Portepees waren in den Landesfarben gehalten. Also hat auch das Heer im Weltkriege nicht unter schwarz-weiß-roten Fahnen ge- kämpft, wie immer geredet wird. Das deutsche Volk sollte sich doch endlich bewußt werden, wie sehr sein Ansehen in der Welt geschädigt wird durch die gehässigen Angriffe auf sein staatliches Hoheitszeichen, und sollte endlich den unseligen Flaggenstreit begraben durch allgemeine Anerkennung der verfassungsmäßigen Farben. Eine neue Zeit braucht auch neue Symbole. Schwarz-rot-gold ist schon in den Freiheitskriegen als deutsche Flagge neben den einzelnen Landesfarben getragen worden. 1848 32 hat Friedrich Wilhelm IV., der selbst schwarz-rot-goldene Abzeichen anlegte, befohlen, daß seine Truppen neben der preußischen auch die schwarz-rot-goldene Kokarde zu tragen hatten. 1850 wurde dieser Befehl allerdings rückgängig gemacht. Auch die Vorläufer der Reichsmarine haben sich 1848 unter schwarz-rot-goldener Fahne siegreich gegen die dänische Seemacht behauptet. Und als am 2. September 1870 die Kunde vom Sieg bei Sedan kam, flaggten viele in Deutschland mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, um der Hoffnung auf baldige Reichseinheit Ausdruck zu geben. Als Bismarck 1871 die schwarz-weiß-rote Fahne des Norddeutschen Bundes für ganz Deutschland einführte, herrschte in weiten Kreisen des deutschen Volkes, namentlich in Süddeutschland, mehr Stimmung für die großdeutsche Fahne von 1848. Aber Schwarz-weiß-rot blieb daS Wahrzeichen des Kaiserreichs, das im Weltkriege zusammengebrochen ist und nie wiedererstehen wird. Damit ist auch sein Wahrzeichen nur eine ehrwürdige Reliquie, deren Andenken wir hochhalten wollen. Wir müssen heute aber unseren Blick vorwärts richten, und da weht uns die schwarz-rot- goldene Fahne Großdeutschlands voran als Symbol für die Zukunft. Auf Grund meines Abgangszeugnisses von der Kriegsakademie durfte ich, ohne unbescheiden zu sein, hoffen, bald aus der militärischen „Ochsentour" herauszukommen. Nachdem sich mein Hausstand in Kiel in jedem Jahr um eine Tochter vermehrt hatte — drei „Kieler Sprotten" —, wurde ich 1885 zum Brigade-Adjutanten in Neiße ernannt und schon ein Jahr später zur Dienstleistung bei dem Großen Generalstab in Berlin kommandiert. Der Generalstab teilte mich der topographischen Abteilung zu, und am 1. Mai mußte ich mich in Ostrowo beim Vermeffungö- dirigenten melden. Ich bekam zur Aufgabe, eine Meßtischplatte dicht an der russischen Grenze, gegenüber von Kalisch, aufzunehmen. Das Topographieren ist für den Anfänger keine leichte Arbeit, und ich mußte mich tüchtig ranhalten, um meine Platte bis zum Herbst fertigzubekommen. Meist bin ich morgens um vier Uhr mit meinem Burschen losgezogen, der die Meßlatte von Ort zu Ort zu schleppen hatte. Ende September war ich mit dem Aufnehmen fertig. 3 Deimling, geil 33 Dann ging es nach Berlin in die „Große Bude", wie das Generalstabsgebäude am Königsplatz in der Armee genannt wurde. Im November war „Plattenparade" vor dem alten Feldmarschall Moltke. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er als Achtziger am Tisch saß mit seinem feinen, scharf gemeißelten Profil. Der Augenblick, als ich dem großen Strategen und Sieger vieler Schlachten meine Arbeit vorlegte und ein paar freundliche Worte bekam, hat auf mich großen Eindruck gemacht. Bald darauf kam ich in die Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabes und wurde der Sektion zugewiesen, die Mobil- machungs- und Aufmarschtransporte bearbeitete. In jedem Winter mußte diese gewaltige Arbeit von neuem geleistet werden, denn an jedem l. April begann ein neues Mobilmachungöjahr, das andere Vorbereitungen erforderte. Weihnachtsfeiertage kannte die Eisenbahnabteilung nicht. Zunächst bekam ich die holsteinischen Bahnen als Spezialgebiet. Die rechte Hand meines Chefs war Hauptmann Budde, der spätere Eisenbahnminister. Er hatte die Fahrpläne unter sich und die Verteilung der Lokomotiven. Bei uns hieß er einfach „der Mann mit dem Koks". In dieser Zeit herrschte eine besonders lebhafte Tätigkeit in der Eisenbahnabteilung, die mit dem strategischen Ausbau des bisher vernachlässigten Bahnnetzes im Osten zusammenhing. So wirkten sich schon damals die zunehmende Spannung zwischen Deutschland und Rußland und die Befürchtung vor einer russisch-französischen Allianz aus. Für einige Zeit wurde ich zur Eisenbahndirektion Berlin abkommandiert, um Fährbetrieb und Verwaltung kennenzulernen. Einmal wurde ich auch beurlaubt zur Erkundung russischer Bahnen. Diese Reise führte mich bis nach Kiew. Zuletzt habe ich die streng geheimen „J-Transporte" bearbeitet, d. h. die Heranführung von fünf italienischen Armeekorps und zwei italienischen Kavallerie-Divisionen an den Oberrhein. Diese Transporte sollten nach dem Dreibundvertrag durch Österreich geleitet und von uns an den Grenzstationen übernommen werden. Ein eigenartiges Zusammentreffen wollte es, daß ich bei Auöbruch des Weltkrieges Kommandierender General in Straßburg war, wohin die italienischen Hilfötruppen transportiert werden sollten. Schon am z. August 1914 erhielt ich ein Telegramm aus Berlin: „Eintreffen der 34 Italiener zweifelhaft", und am 6. August die Nachricht: „Italiener kommen nicht." Nach vierjähriger Tätigkeit beim Generalstab bekam ich endlich die karmoisinroten Streifen an die Hosen. Der Traum aller jungen Offiziere von Ehrgeiz hatte sich mir erfüllt. Im Leben des Generalstäblers ist nur der Wechsel beständig. Im Februar 1891 wurde ich zum Generalstab der l. Division nach Königsberg versetzt und freute mich mächtig, einmal wieder in engere Fühlung mit der Truppe und ordentlich an die frische Luft nach den Jahren reiner Büroarbeit zu kommen. Mein neuer Herr war der Generalleutnant von Werder, der wegen seiner äußeren Ähnlichkeit mit dem großen Korsen allgemein „Napoleon" genannt wurde. Er war strategisch zwar kein Napoleon, wenn er sich auch im Manöver eines eittglasigen Fernrohrs zu bedienen pflegte. Bei diesem an sich tüchtigen und wohlwollenden Kommandeur bin ich zu keiner reinen Freude an meiner neuen Stellung gekommen. Er gehörte zu den Vorgesetzten von pedantischem Eifer, die alles selbst machen wollen. Schon ein halbes Jahr später kam ich als Kompagniechef in das Infanterie-Regiment von Borcke Nr. 21 in Thom. Diese Versetzung entsprach dem Grundsatz, daß die Generalstäbler immer mal wieder in die Front zurückkehren mußten, um dem Truppendienst nicht entfremdet zu werden. Ich bekam die 7. Kompagnie im Fort V, das über eine Stunde von der Stadt entfernt auf dem anderen Weichselufer lag. Um in der Nähe meiner Kompagnie zu sein, wollte ich nicht in Thorn wohnen, sondem zog in das DorfPodgorz, in ein kleines Fachwerkhaus, das ich noch mit dem Gendarmen des Ortes teilte. Das Fort hatte helle Kasemattenräume, in denen die Mannschaft gesund und gut untergebracht war. Schwer war es aber für die verheirateten Unteroffiziere, die mit ihren Bedürfnissen ganz auf die 4 km entfemte Stadt angewiesen waren. Daher mußte der Kompagniechef sehr darauf bedacht sein, sich trotz der üblen Lage tüchtige Unteroffiziere zu erhalten. Mein Vorgänger hatte eine glückliche Hand gehabt und konnte mir ein gutes Unteroffizierkorps übergeben. Gleich am ersten Sonntag machte ich die nähere Bekanntschaft 3 » 35 des Musketiers Adamczyk, der das Sorgenkind der Kompagnie war, obwohl er schon im dritten Jahr diente. Adamczyk hatte Urlaub über Zapfenstreich nachgesucht. Der Feldwebel war ganz aufgebracht. Mein Vorgänger habe dem Kerl überhaupt keinen Urlaub mehr gegeben, er betränke sich regelmäßig und käme dann zu spät nach Hause. Ich ließ mir den Adamczyk kommen und sagte ihm, was ich soeben vom Feldwebel gehört hatte. „Werr ich nicht wieder zu spät kommen, Herr Hauptmann." „Und wie wird es mit dem Trinken sein?" „Werr ich mich nicht wieder betrinken, Herr Hauptmann." „Gut, Adamczyk, ich will Ihnen glauben, Sie sollen Ihren Urlaub haben." Mit strahlendem Gesicht trat der Mann ab. Der Feldwebel aber schüttelte mißbilligend den Kopf: „Wenn das man gut geht, Herr Hauptmann." Es ging aber gut. Adamczyk kam eine Viertelstunde früher heim als notwendig und war total nüchtern. Dieser kleine Erfolg hat mir Mut gemacht, mich gerade bei schwierigen Leuten an das Ehrgefühl zu wenden. Ich habe mit Vertrauen mehr erreicht als mit Strafen. Im Frühjahr 1892 lernte ich dann auch die Schrecken der Besichtigungen kennen, die bei uneinsichtigen Vorgesetzten oft wegen kleiner Fehler die militärische Laufbahn des Besichtigten beendigten und oft die ganze Familie in ihrer Existenz bedrohten. Mit der kleinen Hauptmannspension konnte auch der sparsamste Hausvater nicht seinen Kindem eine ordentliche Erziehung zuteil werden lassen. Darum waren die rücksichtslosen „Abschlachtet" in der Armee auch mit Recht verhaßt. Der Divisionskommandeur bestellte meine Kompagnie und die eines anderen Hauptmannö, der „abgeschlachtet" werden sollte, auf den großen Liffomitzer Exerzierplatz. Der hohe Herr, ein richtiger Truppensoldat, war mehr gefürchtet als beliebt. Ich machte mich auf allerhand gefaßt. Zuerst kam der Moriturus an die Reihe und fiel mit Pauken und Trompeten durch. Dann mußte ich meine Kompagnie in allen möglichen Tricks vorexerzieren und bekam schließlich eine Gefechtsaufgabe, die auch den wildesten Draufgänger an den unvermeidbaren Heldentod denken ließ. Es ging aber alles ganz leidlich. Beim 36 Parademarsch erregten die krummen Beine meines Freundes Adamczyk sogar berechtigtes Aufsehen. Die strenge Exzellenz war im allgemeinen ganz zufrieden und murmelte nur etwas von Mangel an Routine und von Generalstäblern, die zu lange aus der Front seien. Aber das müsse er doch sagen: wie jeder einzelne Mann der Kompagnie sich heute für seinen Hauptmann ins Zeug gelegt und das Letzte hergegeben habe, das verdiene besondere Anerkennung. Eine solche Kompagnie werde auch im Krieg für ihren Führer durchs Feuer gehen. Am Abend feierte ich mit meinen Leuten, denn das Urteil, daß mich meine Soldaten herausgerissen hätten, freute mich viel mehr, als wenn meine Routine belobt worden wäre. Nach zwei Jahren Frontdienst kam ich wieder in den Generalstab der i. Division nach Königsberg zurück. Meine Stellung brachte mich bei Generalstabsreisen, Truppenbesichtigungen, Übungsritten und Manövern weit herum im Land, und als ich im Frühjahr 1895 meine Versetzung zum Generalstab des XVI. Armeekorps nach Metz erhielt, war ich dankbar, daß ich den deutschen Osten so gut kennengelernt hatte. Nicht nur dienstlich, sondem auch gesellschaftlich und menschlich habe ich mich sehr wohl in Königsberg gefühlt. Und doch freute ich mich, wieder in die Nähe meiner Heimat zu kommen. Also Metz! Der siebente Umzug seit unserer Verheiratung. Meine Frau hatte sich so an das Umziehen gewöhnt, daß meine Hilfe ganz unerwünscht war. Ich fuhr also mit leichtem Gepäck voraus. Meine neue Dienststellung war die des la beim Generalkommando. Dieser hatte die Mobilmachung des Armeekorps, den Grenzschutz, Truppenübungen und Manöver zu bearbeiten. Ich hatte erst dem Chef des Generalstabs Vertrag zu halten, dann dem Kommandierenden General im Beisein des Chefs. Weniger wichtige Entscheidungen konnte der Chef selber treffen. Kommandierender war der General der Kavallerie Graf von Haeseler, der „alte Gottlieb", wie er allgemein in der Armee hieß. Haeseler war zweifellos ein Original, aber ein Original, von dem man wünschte, daß wir recht viele in der Armee gehabt hätten. Eigenartig war schon seine äußere Erscheinung: eine hagere Gestalt 37 - »MM. mit überlangen Beinen und zu kurzem Oberkörper, so daß seine Füße beim Reiten fast bis auf den Erdboden Herunterhingen. Die linke Schulter war immer ein wenig hochgezogen. Über dem kurzen Oberkörper saß ein ungemein ausdrucksvoller Kopf: scharfgeschnittene gerade Nase, energisches Kinn und bartloser Mund mit vielen Falten und Fältchen drum herum und zwei langen Schneidezähnen, die unter der Oberlippe neugierig hervorsahen. Daö an den Schläfen ergraute Haar pflegte er unvorschriftömäßig lang zu tragen. Verschönt wurde dieses merkwürdige Gesicht durch ein Paar großer brauner Augen, auö denen Geist und Güte zugleich strahlten. Seiner Erscheinung entsprachen auch außergewöhnliche Gepflogenheiten. Er war Junggeselle und bewohnte ein einfaches HauS in einer Seitenstraße. In seinem Wohn- und Arbeitszimmer duldete er weder Teppiche noch Gardinen oder Sofas und Polstermöbel. Den einzigen Wandschmuck bildete ein Thermometer. Genau so einfach wie Haeseler wohnte, war er auch im Essen und Trinken. Er war völliger Abstinent und hatte in den Kantinen seines Armeekorps alle Spiritussen verboten. Selbst an der Hoftafel ließ ihm der Kaiser immer eine Flasche Milch vorsetzen. Haeselers Arbeitstag begann mit Sonnenaufgang. Im Sommer mußte ihn der Offizier des Stabes, der zu seiner Begleitung bestimmt war, um vier Uhr früh zu Pferd an seiner Wohnung abholen, um zu den Truppenübungen oder Besichtigungen hinauszu- reiten. Es verging kein Tag, an dem Haeseler nicht beim Dienst der Truppen erschien. Sein ganzes Streben war auf kriegsmäßige Ausbildung gerichtet. Auf Paradedrill legte er keinen Wert. Als ich ihn eines schönen Morgens nach FreScaty zu begleiten hatte, hörten wir von weit her die Klänge eines Parademarsches. „Ich glaube gar", sagte der Kommandierende General, „da übt jemand bei diesem herrlichen Gefechtswetter Parademarsch. Reiten Sie hin: daö Bataillon würde in der linken Flanke von feindlicher Kavallerie angegriffen." In gestrecktem Galopp überbrachte ich dem Bataillonskommandeur diese Meldung. Der Musik blieben vor Schreck die Töne im Halse stecken, dem Major gelang es aber noch, eine leidliche Gefechtsfront zu bilden, nur der Mann mit der großen Pauke und der mit dem Bombardon fielen dem Kommandierenden in die 38 Hände, als sie wie aufgescheuchte Hühner vor der Front hin und her liefen und vergeblich nach Deckung suchten. Ganz besonderen Nachdruck legte Haeseler auf den Mannschaftsunterricht. Wenn er auf ein eingepauktes Frage- und Antwortspiel stieß, konnte er sehr ungemütlich werden. Er verlangte, daß durch den Unterricht das selbständige Denken geweckt würde. Von Enttäuschungen blieb er allerdings auch selbst nicht verschont. So fragte er einmal bei einer Geländeübung einen Rekruten, dessen Gesichtsausdruck bedauernswert dämlich war: „Auf welchem Ufer derMosel stehen Sie hier?" „Auf dem rechten Ufer, Euer Exzellenz." „Sehr gut! Nun machen Sie mal kehrt. Auf welchem Ufer stehen Sie jetzt?" „Auf dem linken. Euer Exzellenz." Das war selbst dem geduldigen Haeseler zu viel. DaS erste Genesungsheim in der deutschen Armee ist von Haeseler geschaffen worden. Zahlreiche Soldaten haben in dem Heim in Alberschweiler, am Fuße des Donon, ihre Gesundheit wiedergefunden. Dieses Vorbild wurde nach und nach von den anderen KorpS aufgenommen. Die Soldaten liebten und verehrten den „alten Gottlieb", weil sie wußten, daß er durchaus sozial dachte und fühlte. Tatkräftiges Interesse widmete er dem Menage- und Kantinenbetrieb und war immer bestrebt, die Härten der Militärjustiz zu mildern. Obwohl er die höchsten Anforderungen an Offizier und Mann stellte, hingen doch alle an ihm, weil er noch höhere Anforderungen an sich selbst stellte. Die Jahre in Haeselers Stab gingen für mich bei angestrengtester Arbeit wie im Fluge dahin. Oft mußte ich für meine Büroarbeiten die Nächte zu Hilfe nehmen. Längeren Urlaub habe ich in den ganzen Jahren ebensowenig gehabt wie die anderen Offiziere des Stabes. Auch Haeseler ging nur ab und zu auf ein paar Tage nach Alberschweiler, wo er im Mannschaftsgenesungsheim wohnte und aß. Selten nur fuhr er einmal auf sein Gut Harnekop bei Wriezen a. O., um dort nach dem Rechten zu sehen. Im üblichen Turnus zwischen Generalstab und Front wurde ich am 27. Januar 1898 als Bataillonskommandeur in das 4. Badische Infanterie-Regiment Nr. 112 nach Mülhausen i. E. versetzt. Die Trennung von meinem Kommandierenden, dem ich 39 als Soldat und als Mensch gleich viel zu danken habe, wurde mir ehrlich schwer. Später ist mir bekannt geworden, daß Haeseler mich nach zwei weiteren Jahren beim Militärkabinett als Stabschef beantragt hatte. Statt dessen wurde ich, wie wir noch sehen werden, Abteilungschef in der „Großen Bude". Im Jahre 190z wurde Haeseler zum Feldmarschall emannt und trat in den Ruhestand. Damals ging folgendes Gedicht durch die deutsche Presse, das ein Offizier seines Armeekorps verfaßt hatte: „Wenn Graf Haeseler geht" (F. v. O.) Achtung! — Präsentiert das Gewehr Und lasset die Fahnen wallen: Es scheidet ein Mann aus dem deutschen Heer, Der war der Beste von allen! Er war kein Held nach dem Gardestil, Kein höfischer, höflicher Lunker; Er hielt auf prahlenden Glanz nicht viel, Auf Ehren und glitzernde Klunker. Er war kein Held beim Champagnerglas Wie andere Generale; Er redete nicht über dies und das, Am Wort sich berauschend beim Mahle. Ein Held der Gassen auch war er nicht, Umjubelt, umtanzt von der Menge. Er war ein Held der ehernen Pflicht, Ein Held der eisernen Strenge. Und wenn er befahl, so gehorchten sie stumm. Sie hätten, wenn er es befohlen, Versucht auch, ohne zu fragen warum, Den Mond vom Himmel zu holen. Er jagte sie oft in die Winternacht Vom Tanz und rauschenden Festen. Es war ihm heiliger Ernst um die Wacht, Die Grenzwacht im deutschen Westen! 40 Und war ihm auch blutiger SiegeSruhm Und Schlachtenglück nicht beschicken, Es war kein schlechteres Heldentum, Das er bewährt hat im Frieden! Drum Achtung! — Präsentiert das Gewehr Und lasset die Fahnen wallen! Es scheidet ein Mann aus dem deutschen Heer, Der war der Beste von allen! Bei Ausbruch des Weltkrieges ließ sich der greise Feldmarschall zu seinem alten Generalkommando kommandieren, ritt leichtsinnig wie ein Leutnant mit seinem Ordonnanzoffizier, dem bekannten Industriellen Arnold Rechberg, vor der Front herum, ging viel in die Schützengräben, wo der „alte Gottlieb" allgemein beliebt war. Nach der Marneschlacht hatte er schon erkannt, daß die große Chance des Weltkrieges von uns verpaßt war, weil wir aus Mangel an Nerven bei der Führung voreilig die Entscheidungsschlacht abgebrochen hatten. Im Jahre 1916 zog er sich ganz auf sein Gut zurück und ist dort Ende 1919 in aller Stille gestorben. Mein Divisionskommandeur in meiner neuen Dienststellung in Mülhausen war der Generalleutnant Frhr. von Biffing, der spätere Generalgouverneur von Belgien. Ein scharfer Wind wehte in dieser Division. Bissing stellte sehr hohe Anforderungen an die Truppenkommandeure und fegte mit eisernem Besen alle hinweg, die er den Aufgaben nicht für gewachsen hielt. Deshalb herrschte unter seinen Untergebenen mehr Angst als Liebe. Und doch war der sehr temperamentvolle und von eigenen Gedanken erfüllte General ein taktischer Lehrmeister von hoher Qualität. Hier wurde mehr aus der Tiefe gefochten als bei Haeseler und auch auf strammes Exerzieren großer Wert gelegt. Auch ich habe in allen meinen Dienststellungen auf parademäßige Schulung gehalten, nicht als Selbstzweck, sondern als Erziehungsmittel. Die Notwendigkeit, sich auch nach anstrengenden Gefechtsübungen zum Schluß noch einmal beim Parademarsch aufs äußerste zusammenreißen zu müssen, entwickelt die Willenskraft jedes einzelnen. Jeder Sportsmann wird die moralische Seite dieses Systems verstehen. 41 Heute hört man in der alten Generation oft bittere Klagen darüber, daß die deutsche Jugend nicht mehr durch die Schule der militärischen Zucht gehen kann. Gewiß, für viele, wohl für die meisten, war die Militärzeit ein Gewinn. Aber wie lange ist eS denn her, daß die allgemeine Wehrpflicht bei uns eingeführt wurde? Erst hundert Jahre. Hat es denn vorher nicht auch tüchtige Männer in Deutschland gegeben! Zeigt nicht ein Blick auf die Länder ohne Volksheer, wie Amerika, England und die nordischen Staaten, daß auch ohne die Kaserne mannhafte Geschlechter heranwachsen können. Wer glaubt, daß unsere Jugend Schaden an Leib und Seele erleiden müsse, weil ihr der militärische Drill fehlt, der stellt dem deutschen Volk doch ein trauriges Armutszeugnis aus. Was die andern können, daS können wir auch! Laßt die Jugend Sport treiben. Er stärkt Körper, Geist und Willen und erzieht zur Disziplin, weil er freiwillige Unterordnung unter das Ganze fordert. Ein durch Sport körperlich und seelisch gestärktes Geschlecht wird auch immer seinen Mann stehen, wenn daS Vaterland in Gefahr ist. WaS unserer heutigen Jugend fehlt, ist nicht der Kasernendrill, sondern die staatsbürgerliche Erziehung zu politischer und sozialer Verantwortung. Der einzelne Mensch lebt heute mehr in der Öffentlichkeit als in vergangenen Jahrhunderten. Früher haben die Fürsten nach Familien- oder Landesintereffen Politik gemacht, während Bürger und Bauer strammstehen mußten mit den Händen an der Hosennaht. Sie waren eben „Untertanen". Dieser Untertanengeist steckt heute noch vielen Deutschen der älteren Generation im Blut und nimmt ihnen den Mut, sich als freie Staatsbürger zu fühlen und zu betätigen. Anstatt stolz zu sein auf Rechte und Pflichten, anstatt freudig mitzuarbeiten am Staat, stehen sie gleichgültig beiseite oder lassen sich gar von unverantwortlichen Drahtziehern ins Schlepptau nehmen. In die Zeit meiner Bataillonsführung in Mülhausen fiel eine Episode, die ich nicht unerwähnt lassen möchte, weil sie die Veranlassung zu den ersten Presseangriffen gegen mich war. In dem sonst so kameradschaftlichen Offizierkorps des Regiments war es um Weihnachten 1899 zu einem Ehrenhandel zwischen zwei jungen Leutnants gekommen, der zu einem Pistolenduell 42 führte. Die beiden Offiziere hatten zusammen gezecht und schließlich die Karten zu einem Spielchen hervorgeholt. Plötzlich warf einer dem anderen Falschspiel vor. Der Beleidigte antwortete mit einer Ohrfeige. Es kam zum Duell, in dem beim ersten Kugelwechsel der Offizier fiel, der tätlich geworden war. Als Führer der Offiziersabordnung deö Regiments wohnte ich der Beerdigung in München bei, wo die unglückliche Mutter des Gefallenen lebte. Bei der Grabrede hielt der Geistliche die Gelegenheit für paffend, sich mißbilligend über die Ehrbegriffe der Offiziere zu äußern, die zu diesem Trauerfaü geführt hätten. Als ich den Kranz des Offizier- korps am Grabe niederlegte, konnte ich nicht umhin, einige Worte der Rechtfertigung für den toten Kameraden zu sagen, der ja den strengen Ehrenkodex seines Standes mit seinem jungen Leben bezahlt hatte. Am andern Tage fand ich in den Münchener Zeitungen heftige Angriffe gegen meine Grabrede. Rückblickend kann ich nicht sagen, daß sie unrecht hatten. Aber ich habe damals Zwiesprache gehalten mit einem jungen Kameraden, der mir sehr nahe gestanden hatte, und habe nicht als Vertreter eines Standes plädiert. Im allgemeinen sind Duelle zwischen Offizieren sehr selten gewesen, und auch die rührseligen Geschichten von dem armen kleinen Leutnant, der seine Spielschuld bis zwölf Uhr mittags nicht einlösen konnte und sich darum erschoß, gehören größtenteils in das Reich der Fabel. Das Glücksspiel war überhaupt in der Armee verboten, wenn auch, vor allem in den einsamen Grenzgarnisonen, nicht ausgerottet. Persönlich bin ich rücksichtslos gegen Offiziere vorgegangen, die spielten, besonders dann, wenn sie junge Kameraden zu diesem für finanziell beschränkte Menschen doppelt gefährlichen Laster verführten. Aber den Offizier, der seinem verlierenden Gegner nicht die Regelung seiner Schuld ausdrücklich anheimstellte, wenn er ihn nicht durch ein paar altruistische Spielchancen „herausließ", hat es meines Wissens nicht in der deutschen Armee gegeben. Ich kann mir jedenfalls kein Offizierkorps vorstellen, das einen solchen „glücklichen" Spieler in seinen Reihen geduldet hätte. Bei der Einschränkung von Iweikämpfen unter Offizieren gebührt unstreitig dem letzten Kaiser ein großes Verdienst. Besonders segensreich wirkte eine Order, in der es hieß: „Der Offizier muß es als Unrecht erkennen, die Ehre eines andern anzutasten. Hat 43 er hiergegen in Übereilung oder Erregung gefehlt, so handelt er ritterlich, wenn er an seinem Unrecht nicht festhält, sondern zu gütlichem AuSgleich die Hand bietet. Nicht minder muß derjenige, dem eine Beleidigung widerfahren ist, die zur Versöhnung gebotene Hand annehmen, soweit Standeöehre und gute Sitten es zulassen." Im Sommer 1900 wurde ich unter Beförderung zum Oberstleutnant als Abteilungschef in den Großen Generalstab versetzt. Ich hatte die Kriegsgliederung des deutschen HeereS und die Anweisungen für den Grenzschutz und den Aufmarsch für den Kriegsfall zu bearbeiten. Meine dienstliche Stellung brachte es mit sich, daß ich dem Generalstabschef, dem Grafen Schliessen, häufig Vortrag zu halten hatte. In seinem kleinen Arbeitszimmer saß der alte Herr, eine große, schlanke Reiterfigur, immer mit dem Rücken gegen das Fenster und beobachtete schweigend mit eingeklemmtem Monokel seinen Besucher, als ob ihm das Studium deS Menschen wichtiger sei als alle klugen Worte. Er ließ jeden ausreden, ohne durch eine Miene die eigene Ansicht zu verraten. Diese unerschütterliche Zurückhaltung brachte mich anfangs fast zur Verzweiflung. Bald aber wurde ich gewahr, daß in diesem ernsten, wortkargen Mann ein leidenschaftlicher Wille brannte; ein großer Soldat saß mir gegenüber, der nicht in Einzelerfolgen dachte, sondern dem die Vernichtung des Gegners das Endziel aller Operationen war. Dieser leidenschaftliche Wille zum Sieg ist es auch, der in Schliessens Operationsplan für den Zweifrontenkrieg zum Ausdruck kommt. Die Idee dieses sogenannten „Schlieffenplans", wie ich ihn bei Übernahme der 2. Abteilung vorfand und wie er auch unserem Heeresaufmarsch 1914 — allerdings in stark verwässerter Form — zugrunde gelegen hat, war folgende: Die Masse des deutschen Heeres sollte zunächst zum Angriff gegen Frankreich verwendet werden. Diesen gefährlichsten Feind galt es möglichst schnell zu schlagen, um dann die sreiwerdenden Kräfte mit der Eisenbahn nach Osten gegen die Russen zu werfen, die inzwischen durch schwache deutsche Kräfte im Verein mit den österreichischen Bundesgenossen in Schach zu halten waren. 44 Um den entscheidenden Schlag gegen Frankreich schnell führen zu können, durfte man nicht gegen die starke Festungsfront Belfort- Verdun anrennen, zumal dieser Frontalangriff durch ein Vorgehen der Franzosen durch Belgien umfaßt werden konnte. Sondern man mußte die Festungsfront umgehen. Durch die Schweiz zu gehen, verbot sich mit Rücksicht auf das schwierige Gelände, die Schweizer Armee und den Schutz des rheinischen Industriegebiets. — Also blieb nur die Umgehung durch Luxemburg und Belgien. Schliessen war sich des politischen Risikos der Neutralitätsverletzung bewußt. Aber sie war ein Gebot der Not. Es blieb nichts anderes übrig, wie wir nachher noch sehen werden. Übrigens wußte auch der Reichskanzler lange vor Kriegsausbruch, daß der Einmarsch in Belgien beabsichtigt war. — Die Umgehung war als eine große Linksschwenkung mit Anlehnung des inneren Flügels an Metz-Diedenhofen gedacht. Fast das gesamte Westheer sollte diese Schwenkung ausführen und im Vorwärtsschreiten durch Belgien und Nordfrankreich jede Stellung umfassen, in der sich die Franzosen dieser gewaltigen AngriffSwalze entgegenstellen würden. Besonders stark und tief gestaffelt sollte der rechte Flügel sein. Hier sollten zwei, ja drei Armeekorps hintereinander auf einer Straße marschieren. Mit diesem starken rechten Flügel sollten die Schlachten gewonnen, die Franzosen immer wieder zum Weichen gebracht und unausgesetzt verfolgt werden. Wie weit ausgreifend sich Graf Schliessen die Umfassungsoperation dachte, wird durch einen Ausspruch symbolisiert, an den ich mich entsinne und der lautete: „Der rechte Flügelmann des vormarschierenden deutschen Heeres muß mit dem Ärmel am Meere entlangstreifen." Den gleichen Gedanken brachte er in seiner letzten Denkschrift vom Jahre 1905 zum Ausdruck, indem er die Umgehung westlich und südlich um Paris herum fordert: „Es muß durchaus versucht werden, die Franzosen durch Angriff auf ihre linke Flanke in östlicher Richtung gegen ihre Moselfestungen, gegen den Jura und gegen die Schweiz zu drängen. Das französische Heer muß vernichtet werden." 45 Zum Schutz von Süddeutschland sollten nur schwache Truppen in Lothringen und einige Landwehrbrigaden am Oberrhein verbleiben. Graf Schliessen hielt den Vormarsch auf Paris für den besten Schutz Süddeutschlands. Sollten trotzdem französische Kräfte eine Diversion nach Süddeutschland hinein machen, so konnte das nur erwünscht sein; denn diese Kräfte fehlten dann bei der Hauptentscheidung. In mir und den Offizieren meiner Abteilung, zu denen auch der Oberstleutnant Stein, der nachmalige Kriegsminister im Weltkrieg, Hauptmann Dommes, später Flügeladjutant des Kaisers, gehörten, hat Graf Schliessen begeisterte Mitarbeiter und Gehilfen gefunden. Denn wir glaubten an einen KriegSplan, der, so wie dieser, unbeirrt durch Nebenrücksichten mit eiserner Konsequenz aufs Ganze ging. Und ich glaube noch heute daran. Leider hat aber der Schliesfenplan die Probe aufs Exempel nicht bestehen dürfen. Denn unter dem überbedenklichen General von Moltke, der im Januar 1906 Generalstabschef wurde, ist allzuviel Wasser in Schliessens Wein gegossen worden. Zwar hielt auch Moltke an dem Hauptgedanken fest, daß der Schwerpunkt der Operationen gegen Frankreich zu richten sei und daß hier mit allen verfügbaren Kräften die Entscheidung gegen den gefährlichsten Feind gesucht werden müsse. Auch den Gedanken der großen operativen Umgehung durch Belgien machte sich Moltke zu eigen. Aber er ließ eine starke Verschiebung der Kräfte nach dem linken Flügel eintreten. Während nach Schliessen im Elsaß keine, in Lothringen nur schwache Truppen mit defensiver Aufgabe aufmarschieren sollten, sind bei AuSbruch des Weltkrieges im Elsaß die 7. Armee mit drei Korps und in Lothringen die 6. Armee mit fünf Korps aufmarschiert, weil Moltke Elsaß-Lothringen nicht preisgeben wollte. Diese Kräfteverschiebung war aber nur möglich auf Kosten des rechten Flügels, der noch weiter dadurch geschwächt wurde, daß beim Vormarsch — abgesehen von Detachierung von Korps gegen Antwerpen, Maubeuge und daS Sperrfort Givet — zwei Korps und eine Kavallerie-Division nach dem Osten abtransportiert wurden, weil man die eigenen Erfolge überschätzte und der Meinung war, die große Entscheidung im Westen sei bereits gefallen. 46 Was war so aus Schliessens gewaltigem Stoßflügel geworden, für den er „die letzte Kanone und das letzte Gewehr" gefordert hatte und dem seine letzte eindringliche Mahnung galt, als er wenige Tage vor seinem im Januar 191z erfolgten Tode sagte: „Macht mir nur den rechten Flügel stark!" Jetzt hatte der rechte Flügel keine genügenden Reserven mehr und war zu schwach, um westlich um Paris herumgreifen zu können. Er mußte, Paris rechts liegen lastend, in südöstlicher Richtung abdrehen, und anstatt zu umfassen, wurde er selbst von Paris her am Ourcq mit einer Umfassung bedroht, die nur unter Aufbietung aller Kraft abgewehrt werden konnte. Der linke Heeresflügel in Lothringen aber lag vor der befestigten Moselfront Epinal—Toul fest und vermochte nicht, in die vom 5. bis 9. September an der Marne sich abspielende Entscheidungsschlacht einzugreifen. Der Schlieffenplan war gescheitert. Es hat sich hier wieder einmal die alte Wahrheit gezeigt, die ewig neu bleibt: wer überall stark sein will, ist nirgends stark; und wer alles decken will, deckt nichts. Wäre der Schlieffensche Grundgedanke der Operation mit starkem rechten Flügel nicht so abgeschwächt und verwässert worden, wie es leider geschehen ist, dann hätten wir wohl Aussicht gehabt, den schnellen Vernichtungsschlag gegen das französische Heer zu führen. — Ob damit freilich Frankreich — wie Schliessen allzu optimistisch annahm — zum Frieden gezwungen gewesen wäre, muß nach den Erfahrungen des Weltkrieges bezweifelt werden. Wohl aber hätte der entscheidende Sieg der deutschen Waffen einer einsichtsvollen politischen Leitung die Unterlage zu einem Ver- ständigungöfrieden zwischen Deutschland und Frankreich geben können. Natürlich fehlt es nicht an Kritikern, die den ganzen Plan des Durchmarschs durch Belgien verwerfen und sagen, die Offensive gegen Rußland wäre die einzig richtige Lösung des Zweifronten- problems gewesen. Dagegen ist folgendes zu sagen: Die Russen hätten, ähnlich wie sie es 1812 gegen Napoleon getan, der deutschen Offensive in ihr unbegrenztes Hinterland ausweichen und sich der Waffenentschei- dung beliebig lang entziehen können. Inzwischen konnten die Feinde 47 im Westen über die dort belassene deutsche Minderheit an Streit- kräften einen entscheidenden Erfolg erringen und bis an den Rhein gelangen. Damit aber war das rheinisch-westfälische Industriegebiet auf das äußerste gefährdet, das Saarkohlenrevier und das Erzbecken in Lothringen waren verloren. Ohne sicheren Besitz dieser Bezirke aber war eine Kriegführung für uns überhaupt unmöglich. Warum — so wenden die Kritiker ein — hat man denn nicht beizeiten die ganze Westfront von Aachen bis Mülhausen mit einer zusammenhängenden Befestigungslinie gepanzert? Hinter einem solchen Panzer hätten auch schwache Truppen die Feinde so lange aufhalten können, bis die vereinigten deutsch-österreichischen Heere die Russen entscheidend schlugen. Denn ewig konnten diese nicht ausweichen, sondern irgendwo — und wäre es selbst erst vor Moskau — mußten sie sich stellen. Jawohl — aber die Befestigung der Westgrenze hätte Milliarden gekostet; wie sollten diese riesigen Mittel neben dem Aufwand für die Flottenrüstung aufgebracht werden? Und selbst wenn daS möglich gewesen wäre, war es doch kein Arkanum des Sieges; denn die Grenzbefestigung blieb immer der Gefahr der Umgehung durch neutrales 'Gebiet ausgesetzt. Nein, es blieb nur die Schlieffenlösung; sie allein bot die Wahrscheinlichkeit, den Krieg erfolgreich und schnell zu beenden. Somit lag für den Durchmarsch durch Belgien ein Notstand vor. Trotzdem aber bleibt es ein Unrecht und eine Verletzung des Völkerrechts. Diesen Standpunkt nahm auch Bethmann Hollweg in seiner Reichstagsrede vom 4. August 1914 ein. Er gab trotz Berufung auf Notstand und Notwehr das Unrecht zu, das wieder gutgemacht werden müsse. Der Krieg ist ein roh gewaltsam Handwerk; wo es sich um die Existenz der Nationen handelt, geht er brutal über die papiernen Paragraphen und Satzungen hinweg. So hat auch England das Völkerrecht verletzt, als es im Weltkrieg die Hungerblockade über Deutschland verhängte und damit Krieg führte gegen Frauen, Kinder und Greise. So wird es auch in Zukunft sein: um das Giftgaöverbot wird 48 sich kein Feldherr kümmern, wenn er glaubt, damit einen raschen Sieg erkämpfen zu können. Hier gibt es nur ein wirksames Mittel: Krieg dem Kriege! Schafft den Appell der Politik an die Gewalt der Waffen ab, dann wird es ein heiliges Völkerrecht geben. Der Arbeit als Gehilfe von Schliessen danke ich militärisch sehr viel. Er war ein großer Lehrmeister. Und doch kann ich mich nicht rühmen, daß der hartnäckige Schweiger sich mir ganz erschlossen hätte, obwohl er zu seinen alljährlichen Erkundungsreisen an die Grenzen nur mich und einen Adjutanten mitnahm. Wir fuhren dann in Zivil in einem Zweispänner durch das Land. Schliessens Arbeitskraft war erstaunlich, ebenso seine körperliche Zähigkeit. Noch in hohem Alter saß er wie ein Jüngling zu Pferde und legte große Ritte ohne Ermüdung zurück. Auf den Generalstaböreisen konnte man oft die Lampe in seinem Zimmer bis drei Uhr früh brennen sehen. Wenige Stunden später stieg er dann vollkommen frisch zu Pferde. Auch von seinen Generalstabsoffizieren verlangte er die gleiche Ausdauer, um sie schon im Frieden auf die Anforderungen des Krieges vorzubereiten. Als Generalstabschef hatte er auch die Kaisermanöver zu leiten. Seine Schlußkritiken waren immer geistreich und belehrend, aber oft recht scharf und nicht immer frei von Sarkasmus und darum von den Führern gefürchtet. Bei den Kaisermanövem hat man ihm zum Vorwurf gemacht, daß er den Kaiser immer siegen ließ. Schliessen pflegte zu sagen: „Man kann im Zweifel sein, ob es richtig ist, daß der oberste Kriegsherr selbst führt. Aber darüber kann kein Zweifel bestehen, daß er siegen muß, wenn er führt." Sein Nachfolger Moltke hat wohl die richtige Lösung dieser Frage gefunden, indem er den Kaiser bestimmte, auf die persönliche Führung im Manöver zu verzichten. Ein persönliches Erlebnis möchte ich noch erzählen, das die ritterliche Gesinnung des Grafen Schliessen zeigt. Bei einem Vertrag unterbreitete ich ihm einen Vorschlag auf organisatorischem Gebiet, auf den er nicht eingehen wollte. Als ich trotzdem meine Ansicht wohl etwas reichlich impulsiv verfocht, schlug er schließlich mit der Faust auf den Tisch und wurde einfach sacksiedegrob, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Am nächsten Vormittag klopfte 4 Delmlmg, Zeit 49 es an die Tür meines Arbeitszimmers, und herein kam Graf Schliessen. „Ich bin gestern heftig geworden, verzeihen Sie mir", sagte er ebenso herzlich wie schlicht und streckte mir die Hand hin. Mit Freuden schlug ich ein. So war äußerlich alles wieder in Ordnung, aber eine gewisse Trübung unseres Verhältnisses blieb doch zurück, das für die Zusammenarbeit nicht förderlich sein konnte. Als einige Wochen darauf das Regiment 112 in Mülhausen frei wurde, in dem ich schon ein Bataillon kommandiert hatte, fand sich in beiderseitigem Interesse die Lösung, daß ich im Sommer 190z zum Kommandeur dieses Regiments ernannt wurde. Mein Nachfolger als Chef der 2. Abteilung des Großen Generalstabs wurde Oberstleutnant Stein, der spätere Kriegsminister, und dessen Nachfolger wieder Ludendorff, damals Major im Generalstab. Inhaltsverzeichnis Erstes Kapitel Seite Kindheit und Jugendzeit ..................... 9 Zweites Kapitel Vom Einjährig-Freiwilligen bis zum Oberst ........ 2z Drittes Kapitel Als Kommandeur des 2. Feldregiments der Schutztruppe für Südwestafrika gegen die HereroS, 1904......... 51 Viertes Kapitel Kämpfe mit dm Hottentotten.................. 70 Fünftes Kapitel Als Kommissar des Bundesrats vor dem Deutschen Reichstag. Mein Eintreten für den Bahnbau Lüderitz- bucht—Keetmanshoop....................... ioi Sechstes Kapitel Zum zweiten Male in Südwestafrika als Schutztruppen- kommandeur. Beendigung der Kämpfe mit den Hottentotten durch den Frieden von Heirachabis, 1906 ...... 112 Siebentes Kapitel Brigadekommandeur in Mülhausen i. E. — Divisionskommandeur in Freiburg. — Kommandierender General in Straßburg ............................ 129 Achtes Kapitel Der Fall Zabern ..... 14z Neuntes Kapitel Mit dem XV. Armeekorps im Weltkrieg. — Gefecht bei Mülhausen. — Schlacht in Lothringen. — Vor Nancy—Epinal........................... 164 Zehntes Kapitel Seite An der AiSne bei Corbeny, Craonne, Hurtebise. — Schlacht bei Vpern. — Im Stellungskrieg vor Vpern bis Ende 1915 .. 186 Elftes Kapitel VorVerdunFebruar bis Oktober 1916. — An der Somme vor Sailly-Saillisel. — Als Gruppenkommandeur in den mittleren Vogesen. — Zum Chef Infanterie- Regiments Nr. 1Z2 emannt und zu den Offizieren von der Armee versetzt, Mai 1917.... . 206 Zwölftes Kapitel Not der Heimat. — Waffenstillstand. — Revolution. — Mein Kämpfen für Republik und Völkerfrieden. — Schriftwechsel mit Ludendorff. — Eintritt ins Reichsbanner. — Mein 75. Geburtstag. — Schlußwort..... 227 Drittes Kapitel hatte mich in Mülhausen gerade wieder eingelebt, als Mitte Januar 1904 wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Nachricht kam, daß in Südwestafrika die HereroS im Aufstand waren und alle weißen Ansiedler in ihrem Gebiet erschlagen hatten. Verstärkungen für unsere Schutztruppe waren dringend notwendig. Mein Soldatenblut wurde unruhig. Seit dreißig Jahren hatte ich nun meine Pflicht auf Kasernenhöfen und Exerzierplätzen getan oder in der „Großen Bude" in Berlin alle Möglichkeiten deS Krieges auf dem Papier durchdacht. Die letzte Folgerung meines Berufs war aber doch, mich als Soldat vor dem Feinde zu bewähren. Es war mir schon schwer genug geworden, während der China-Expedition unter dem Grafen Waldersee im Jahre 1900 ruhig an meinem Schreibtisch im Großen Generalstab auszuhalten. Dieses Mal wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Als irn Frühjahr die Aufstellung eines neuen Feldregiments für die Schutztruppe befohlen wurde, das aus der Heimat auf den Kriegsschauplatz entsandt werden sollte, stand mein Entschluß fest, mich zum Kommando dieses Regiments zu melden. Ein Zufall war mir günstig. Anfang Mai kam der Kaiser zu kurzem Besuch des Eroßherzogs von Baden nach Karlsruhe. Ich setzte mich kurz entschlossen auf die Bahn, fuhr nach Karlsruhe und trug dem Chef des Militärkabinetts, General Grafen von Hülsen-Haeseler, dem die Stellenbesetzung in der Armee unterstand, meine Bitte vor. Der General gab mir zu verstehen, daß schon zahllose Bewerbungen vorlägen, aber er wolle meinen Wunsch im Auge behalten. Wenige Tage später besichtigte ich die Bataillone meines Regiments im Beisein des Kommandierenden Generals auf dem Habö- heimer Exerzierplatz. Nach der Schlußkritik verlas der Kommandierende ein Telegramm des Militärkabinetts, das er soeben erhalten hatte: ich war zum Kommandeur des neuen Feldregiments für die 4» 51 Schutztruppe in Südwestafrika ernannt. Ich fühlte mich sehr glücklich und auch etwas stolz. Mein Regiment bereitete mir einen herzlichen Abschied, an den ich dankbar zurückdenke. Ich fuhr sofort nach Berlin, meldete mich beim Kaiser in Potsdam und beim Generalleutnant von Trotha, der soeben zum Oberkommandierenden der südafrikanischen Schutztruppe emannt worden war und schon in den nächsten Tagen die Ausreise antrat. Konferenzen im Kolonialamt und im Kriegsministerium — beide Behörden teilten sich wenig glücklich und mit zahllosen hemmenden Reibungen in die Sorge um Südwestasrika — gaben mir rasch einen Begriff von dem Berg von Schwierigkeiten, der zu überwinden war, noch ehe wir den ersten Herero zu Gesicht bekommen würden. Aber Schwierigkeiten sind ja dazu da, um überwunden zu werden. Die Aufstellung des 2. Feldregiments aus Freiwilligen der Armee fand im Munsterlager statt. Neben organisatorischen Arbeiten und zeitraubenden Verhandlungen mit der Firma TippelS- kirch, die sich durch hohe Beziehungen eine Art von Monopol für die Ausrüstung der Schutztruppe zu verschaffen gewußt hatte — ein sehr häßlicher Skandal war später die unausbleibliche Folge —, ging der GesechtSdienst nach den Eigenarten des Kolonialkrieges und die Ausbildung der aus der Infanterie stammenden Freiwilligen im Reiten. Das ganze Regiment wurde als berittene Formation aufgestellt, und mancher brave Reitersmann wollte sich gar nicht an das wilde Tier zwischen seinen Schenkeln gewöhnen. Die Stimmung unter den Freiwilligen war aber ausgezeichnet. Manche fühlten sich schon im Munsterlager als „rauhe Krieger" und fingen an, „über den Zapfen zu streichen" und allerhand Unfug zu treiben. Vielleicht haben auch nicht alle Kompagniechefs nur solche Leute ziehen lassen, denen sie ehrliche Tränen nachweinten. Ich konnte aber keine Soldaten brauchen, die nicht die Selbstdisziplin als Grundlage jeder Kampftruppe anerkannten, und wollte auch nicht mit den Mitteln des Kasernenhofs frische Abenteuerlust in kommissige Unterordnung verwandeln. Darum schickte ich ungeeignete Leute auf der Stelle zu ihren Regimentern zurück. Das half und hatte durchschlagenden Erfolg für die Mannszucht der anderen. Um die Truppe auf die fremden Verhältnisse des Kolonial- 52 krieges vorzubereiten, machte ich hauptsächlich Übungen auf „afrikanische Art". So ließ ich einmal nach einem Gefecht gegen markierten Feind einen Ochsen auf dem Lagerplatz schlachten und dann gleich abkochen, während die Pferde in der Nähe mit Spannfesseln an den Vorderbeinen weideten. Während die Leute an dem zähen Fleisch kauten, hatte ich mir eine häßliche Überraschung aus- gedacht: Plötzlich überfielen die soeben zurückgeschlagenen Pseudo- hereros mit lautem Geschrei und wildem Geschieße mit Platzpatronen daö Lager. Der Erfolg war sehr lehrreich. Von den Pferden gingen allein achtzig Stück einfach durch trotz ihrer Spannfefseln. Im Laufe des Tages wurden sechzig Tiere in den umliegenden Ortschaften aufgegriffen, während die fehlenden zwanzig erst in den nächsten Tagen zum Teil weit entfernt eingefangen werden konnten. Glücklicherweise konnte ich so beweisen, daß die Spannfesseln, die uns eine hohe Behörde nach Afrika mitgeben wollte, genau so viel taugten, wie ich befürchtet hatte. Nach anstrengenden Wochen unermüdlicher Arbeit aller Beteiligten konnten wir am i. Juni mit der Einschiffung des 2. Feld- regimentS in Hamburg beginnen. Zum ersten Transport gehörten der Stab und die erste Kompagnie, im ganzen iz Offiziere, Ärzte und Beamte, 192 Mann und 289 Pferde. Die übrigen Teile des Regiments sollten am 7. und 17. Juni folgen. Der Norddeutsche Lloyd hatte den Transportdampfer „Aachen" gestellt, auf dem eine Wandelbahn für die Pferde eingerichtet war, damit sie täglich bewegt werden konnten. Der Abschied war für uns alle ein eindrucksvolles Erlebnis. Außer den Angehörigen der Mannschaften hatten sich Tausende von Neugierigen am Petersen-Kai eingefunden. Der Kommandierende General des IX. Armeekorps in Alton« hielt eine Abschiedsrede, auf die ich kurz erwiderte. Unter Hurrarufen und Tücher- schwenken der Menge machte die „Aachen" auf die Minute pünktlich los. Mein braver Bursche Ganter lief, so weit er nur konnte, neben dem Schiff her und schwenkte sein Taschentuch, solange er mich sah. Ich hatte ihm noch einen Vergißmeinnichtstrauß für meine Frau in Mülhausen übergeben. Ruhig glitt unser Schiff Lurch den Hamburger Hafen und an den schönen Elbeufern vorüber. Solange es hell war, klammerte 53 sich unser Blick an die langsam entschwindenden Konturen der Heimat. Neben mir blickte ein neuer Freund, mit den Vorderfüßen auf der Reling, ins Weite. Freunde hatten mir einen schönen deutschen Schäferhund „Moritz" mit auf die Reise gegeben. Er wurde mein treuester Begleiter draußen in Südafrika. Sein Bild hängt heute noch in meinem Arbeitszimmer. Für mich badischen Binnenländer war die Seereise eine große Sache. Während der Nacht passierten wir den Kanal und konnten nur die Blinkfeuer der englischen Küste sehen. Auch Cherbourg war nur durch den Feldstecher zu erkennen. Dann waren nur Himmel und Wasser um uns. Wir freuten uns über jeden Dampfer, der Abwechslung in die endlose Eintönigkeit brachte, die allein von dem Wettlauf der Tümmler, die unserem Schiff folgten, belebt wurde. Die „Aachen" hatte als Frachtdampfer durchaus nicht den Komfort, der heute die Passagierdampfer zu schwimmenden Hotels macht. Meine Kabine erinnerte peinlich an eine militärische Arrestzelle: ein schmales Bett, spartanische Waschvorrichtung, ein kleiner Tisch und eine Bank, die „Moritz" für sich mit Beschlag belegte. Eine verständliche Rache des Schicksals! Warum sollte ich als Kommandeur, der so manchen Untergebenen ins Kittchen verdonnert hatte, nicht auch einmal erfahren, wie einem in solchem Loch zumute ist. Aber über meiner Kabine war noch dazu die Kommandobrücke, wo die ganze Nacht Seemannsstiefel herumpolterten und Pfiffe mit Kommandos abwechselten. Nach rascher Gewöhnung habe ich doch unter dem Einfluß der herrlichen Seeluft geschlafen wie ein Bär und bin immer, ehe wir uns den Tropen näherten, hungrig wie ein Wolf aufgewacht. Glücklicherweise war die Verpflegung für Offizier und Mann ausgezeichnet, für meinen Bedarf sogar überreichlich. Je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr wich daS unfreundliche, kühle Wetter einer wohltuenden Wärme. Ein harter Brocken wurde uns noch in der Biökaya vorgesetzt. Das Schiff begann bedenklich zu schaukeln, die Pferde wurden unruhig, die Mannschaften grünlich und blaß. Mit wissendem Lächeln legten die Stewards Schlingerleisten auf die Tische des Eßraums, damit sich die Teller nicht selbständig machten. Manchen Tischgenossen sah ich plötzlich mit dem Taschentuch vor dem Mund in unfeiner Eile 54 aus der Messe verschwinden. Auch die Mannschaften blickten wieder krampfhaft über Bord, obwohl die graue, schäumende See so nahe Betrachtung gar nicht lohnte. Vor dem Meergott gibt es keine Unterschiede militärischer Chargen, das mußte ich an mir selber erleben. Wie gerne hätte ich die Zähne weniger energisch zusammengebissen und wäre auch einmal als Mensch unter Menschen an die Reling getreten. Aber alles ging gut, bis sich mein Adjutant beim Frühstück Spickaal geben ließ. Den Anblick so glatter Sachen vertrug meine Konstitution nicht mehr. Ganz rasch ging ich an Deck und machte einen Gewaltmarsch hin und her, bis ich sicher war, keinem Spickaal mehr zu begegnen. Bald aber wurde daS Meer wieder friedfertig. Seine wunderbare blaue Färbung mit dem glitzernden Weiß der Wogenkämme war ein so überwältigender Anblick, daß wir die Prüfungen der Biskaya rasch vergaßen. Als wir uns der Insel Madeira näherten, tauchten Schwärme fliegender Fische aus der Tiefe auf, Delphine schoflen in unübertrefflicher Eleganz hin und her, und ein Haifisch umkreiste stundenlang unser Schiff. Im Interesse unseres Munitionsbestandes mußte ich kriegerische Unternehmungen gegen dieses unsympathische Tier verbieten. Am nächsten Morgen, den 8. Juni, ging die „Aachen" im Hafen von Funchal, der Hauptstadt von Madeira, vor Anker. Ein wunderbarer Anblick, wie sich die grüne Insel aus dem tiefblauen Meer erhebt. Während das Schiff kohlte und die Verpflegung in viel versprechender Weise ergänzte, konnten wir an Land gehen und uns endlich die Beine ordentlich vertreten. Mit ein paar Kameraden fuhr ich mit der Zahnradbahn auf den Belmonte, der einen herrlichen Überblick über die ganze Insel gewährt, mit ihren farbenglühenden Gärten, den Palmen, Kamelienbäumen, der ganzen betörenden Pracht tropischen Pflanzenwuchses. Von der Höhe des Berges rutschten wir auf den landesüblichen Schlitten zu Tal. Alle Straßen in Funchal find nämlich mit kleinen, glatten Steinen gepflastert, die daS Meer an den Strand spült. Bergauf ziehen Ochsen diese Schlitten, während sie den Berg hinunter von selber gleiten, geschickt von ihren Führern gesteuert. Wagen sind daher ganz unnötig in Funchal. Heute aber wird wohl trotzdem der Ford den Ochsenschlitten verdrängt haben. 55 Das letzte Stück Land, das wir für die weiteren sechzehn Tage Seefahrt sahen, war der Pik von Teneriffa, der mit seinem Schneehaupt wie eine Pyramide aus der Wüste ganz unvermittelt aus dem Wasser aufragt. Dann war nur das Meer um unS. Nicht einem Schiff sind wir mehr aus dieser wenig befahrenen Route begegnet. Wenige Tage später sahen wir zum erstenmal das „Kreuz des Südens" am Himmel, vier schöne, hellstrahlende Sterne, die über dem Südpol stehen. Wie oft haben wir in Südwest während der Nacht nach diesem Sternbild gestarrt. Von der Heimat grüßte noch vertraut der „Große Bär" am Firmament. Der Polarstern war schon verschwunden. Mit der Annäherung an den Äquator wurde die Hitze fast unerträglich, und von Schlafen war während der Nächte keine Rede mehr. Müde gingen die Pferde an der Hand durch die Wandelbahn, und nie in meinem Leben habe ich so intensiven Stallgeruch gekostet, wie er die „Aachen" gleich einer Wolke in der brütenden Hitze einhüllte. Nicht einmal die obligate Äquatortaufe brachte rechtes Leben unter unsere Leute. Ich hatte dabei Glück. Mir wurde nur ein Kübel Wasser über den Kopf gegossen, um mich „vorn Schmutz der nördlichen Halbkugel zu reinigen". Bei der Taufe habe ich den verpflichtenden Namen „Ägir" erhalten, und in meinem Taufschein heißt es: „Reich an Erfahrung, reich an Ehr', gesund zur Heimat Wiederkehr'." Nicht alle der lustigen Taufpaten haben Deutschland wiedergesehen. Abends luden wir „Schutztruppler" die Schiffsoffiziere zu einer kühlenden Bowle ein. Überhaupt war es auffallend, wieviele Geburtstage meine wenigen Leutnants in so kurzer Zeit zu feiem hatten. Ich habe nicht nachgerechnet, weil ich ahnte, daß solche versäumten Gelegenheiten in der südafrikanischen Steppe nicht nachzuholen waren. Mit zunehmender Entfernung vom Äquator wurde es abends wieder kühl. Wir zogen uns Paletots an und kletterten nach einem Glas Grog in die schmalen Schiffsbetten. Endlich konnten wir wieder auf Vorrat schlafen. Am 21. Juni passierten wir die Höhe von St. Helena. Meine Erinnerungen an die Zeit auf der Kriegsakademie wurden so wach. 56 daß ich den Kameraden bis tief in die Nacht von dem genialen Soldaten erzählte, der unter der Last der Verantwortung zu einem großen Staatsmann wurde. Auch unsere Aufgabe war ja, wenn auch in winzigen und wilden Verhältnissen, nicht nur zu kämpfen um des Kampfes willen, sondem durch raschen Sieg der deutschen Kolonie neue friedliche Entwicklungsmöglichkeiten zu verschaffen. Bald machte sich die Nähe des afrikanischen Festlandes bemerkbar. Die See war mit Tausenden von Wasservögeln aller Art bedeckt, die erst aufflogen, wenn das Schiff ihre Linien durchfuhr. Hin und wieder erblickten wir auch fontänenartig aus dem Wasser aufsteigende Strahlen, die von Walfischen herrührten. Auch Seehunde und Scharen von Tümmlern zeigten die Nähe des Landes an. Da endlich! Am 2g. Juni heißt es: „Swakopmund in Sicht." Alles stürzte an Deck und starrte mit den Ferngläsern vor gespannten Augen in die Weite. Allgemeine Enttäuschung! Statt einer grünen tropischen Landschaft, wie sie begeisterte Kolonialfreunde in der Heimat farbenprächtig zu malen pflegten, sahen wir nur eine endlose, rötliche Sandwüste ohne jeden Baumwuchs. An die Küste geklemmt lagen die weißen niedrigen Häuser von Swakopmund wie ein Dorf an der Ostsee, daö sich ehrgeizig zum Badeort entwickeln möchte. Im Hintergrund ragten einige zackige Bergspitzen aus dem Sandmeer heraus, und über der ganzen Trostlosigkeit brannte die unbarmherzige afrikanische Sonne. Swakopmund ist kein Hafen, sondern nur eine offene Reede mit hohem, langgestrecktem Wellenschlag, der mit starker Brandung gegen die flache Küste anrennt. Um den Leichtern und Booten daö Landen bei der Dünung zu ermöglichen, hatten unsere Eisenbahner eine weit in das Meer hinausgehende Landungsbrücke gebaut. An diesen Pier mußten die Dampfer ihre Boote zum Löschen schicken. Diese Arbeit war aber auf die wenigen Stunden beschränkt, wenn die Flut daS Herankommen an den Pier ermöglichte. Ging die See höher, so war ein Löschen durch die schwere Dünung ausgeschlossen. Manche Schiffe mußten Tage und Wochen auf der Reede liegen, ehe sie ihre Ladung loswerden konnten. Traurige Verhältnisse waren das für den Nachschub einer Truppe, die in schwierigem Kampf gegen einen zähen und leichtfertig unterschätzten Gegner stand. 57 Wir konnten noch von Glück sagen. Die See war verhältnismäßig glatt, und die „Aachen" begann gleich mit dem Ausbooten. Von oben bis unten von Spritzern durchnäßt, erreichten wir den Pier und betraten afrikanischen Boden. Natürlich hatte ich zahllose Fragen an die alten Südwestmänner zu stellen, die uns Greenhorns mit freundlicher Überlegenheit begrüßten. Die Sandwüste, deren Anblick uns vom Schiff aus so enttäuscht hatte, ist die Namib, ein durchschnittlich 60 kni tiefer Wüstengürtel, der sich längs der ganzen Küste hinzieht. In seinem südlichen Teil, in der Gegend von Lüderitzbucht, birgt er einen kostbaren Schatz, die Diamantfelder. Von der Namib steigt das Land terrassenförmig nach dem Innern zu einem Hochland von 1000 bis 2000 m an, das die Mitte der Kolonie ausfüllt und mit seiner verhältnismäßig reichlichen Vegetation an Gräsern und Sträuchern für Farmen brauchbar ist. Nach Osten fällt dann das Höhengelände allmählich zur „Kalahari" ab, einer wasserarmen Steppe, die das östliche Drittel der Kolonie einnimmt. DaS ganze Gebiet ist einundeinhalbmal so groß wie Deutschland. Der Aufstieg von der Küste zum Hochland zeigt recht erhebliche Steigungen. So überwand die Schmalspurbahn Swakopmund— Windhuk auf einer Entfemung wie von Berlin bis Erfurt einen Höhenunterschied von über 1600 m. Die Hauptstadt Windhuk liegt auf 1700 in, also etwa so hoch wie Pontresina. Unsere militärischen Operationen spielten sich durchweg in einer Höhe von 1000 bis 1200 m ab. Unser schlimmster Feind war der Durst. Das ganze Land ist wasserarm. Flüsse in unserem Sinn sind nur die Grenzflüsse im Norden und Süden, während alle übrigen Flußbette sogenannte „Reviere" sind und nur während der Regenzeit sich für wenige Tage in reißende Ströme gelblichen Wassers verwandeln. Im allgemeinen mußten wir froh sein, wenn wir auf Tagesmarschentfernung Wasser fanden. Daher spielte der Besitz der Wasserstellen militärisch eine bedeutende Rolle, und oft ist um so ein Loch mit brackigem Wasser viel Blut geflossen. Selten nur konnten wir einmal im Überfluß von Naß schwelgen und sogar baden. Ost aber mußte ich das Waschen überhaupt verbieten, damit Menschen und 58 TsllmeL ^sss/onkei/r ösncifÄcl—s O/co/ron O^^7> Miiisc« nxi/copm^ tzLiscnu ^2ms rs Le/Ziänien / ' L/en/Fdu^/f ^ Aefmons/ioop _! t^ttO AM /ach zwölftägigem, anstrengendemRitt erreichte ich, der Truppe ^ ^voraus, mit meinem Stab die Hauptstadt unserer Kolonie, Windhuk. Nach dem langen Padleben sahen wir alle aus wie die Räuber. Wie freuten wir uns, endlich einmal wieder mit der Zivilisation in Berührung zu kommen. Die Stadt liegt malerisch zwischen hohen Bergen. Viele hübsche Villen mit Palmengärten beleben daS Bild. Auf einer beherrschenden Höhe stand die Villa des Gouverneurs, in der zur Zeit der Oberkommandierende, General von Trotha, wohnte, während der Gouverneur Leutwein sich in Rehoboth, weiter südlich aufhielt, wo er bis zu meinem Eintreffen das Kommando führte. In der Hauptstraße zeugten zahlreiche anständig gebaute Häuser für einen gewissen Wohlstand. Die Geschäftshäuser sind meist sogenannte „Stores", in denen der Afrikaner alle seine bescheidenen Bedürfnisse, von Schlackwurst bis zur Stiefelschmiere, decken kann. Im Hotel „Stadt Windhuk" kam ich sehr gut unter. Für mich war eS ein seit Monaten entbehrter Genuß, wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen zu können. Nach einem Bad in den heißen Schwefelquellen und einer längeren Sitzung beim Frisör sah mir aus dem Spiegel plötzlich ein richtiger Kulturmensch entgegen, dessen Existenz ich fast vergessen hatte. Sehr lange sollte der Glanz allerdings nicht dauern. Am ersten Abend lud mich Trotha in das Offizierkasino zu Gast und setzte mir richtigen deutschen Wein vor. Der schmeckte anders als das Wasser von Otjimanangombe, aber er bekam nicht so gut. Ich hatte mich so vom Alkohol entwöhnt, daß ich am nächsten Morgen mit einem heftigen Kater erwachte. Wer klug ist, meidet in Afrika den Alkohol ganz. In dem Klima geht er aufs Herz und macht unfähig zum Ertragen schwerer Strapazen. Lange hielt ich es in Windhuk nicht aus. Nachdem mein Stab 70 aufgefüllt und ergänzt war — über die Hälfte war durch Krankheit ausgefallen —, bat ich General von Trotha um die Erlaubnis, meinen Truppen voraus nach dem Süden abmarschieren zu dürfen. Ich wollte mich möglichst rasch mit dem Gouvemeur Leutwein in Verbindung setzen, der die Hottentotten aus langjähriger Erfahrung und zahllosen Verhandlungen genau kannte. Unter Bedeckung eines Zuges verließ ich schon nach acht Tagen Windhuk. Auf dem mehrtägigen Ritt nach Rehoboth machten sich die ersten Anzeichen der Regenperiode bemerkbar. An dem sonst immer strahlend blauen Himmel ballten sich plötzlich Wolken zusammen, und ab und zu grollte der Donner aus der Feme. An Stelle der gewohnten Abendkühle herrschte drückende Schwüle. Einzelne Blitze zucken aus der Wolkenwand. Aus einmal entladet sich die unerträgliche Spannung der Natur in einem Trommelfeuer von Blitz und Donner. Gewaltige Wassermassen prasseln auf die durstende Erde nieder. Das Tropengewitter ist ein Schauspiel von grandioser Pracht. Der erste Regen wirkt Wunder. Fast über Nacht kommen Gräser und Blumen hervor, und allerlei Getier kriecht aus der Erde: Tausendfüßer, Schildkröten, Skorpione, Eidechsen. Auch in einen Heuschreckenschwarm sind wir hineingeraten. Mein Hund Moritz stellte sich wie verrückt an. Er biß wild um sich und drehte sich schließlich wie ein Brummkreisel um sich selber, nach allen Seiten gegen die kleinen Flieger schnappend. So etwas war ihm in seiner mecklenburgischen Heimat noch nicht vorgekommen. Kurz vor Rehoboth schoß ich einen Adler. Ein Bastard hat ihn mir präpariert. Ansang November traf ich mit Leutwein in Rehoboth zusammen. Er erzählte mir sehr interessant von meinem neuen Gegner, dem Hottentottenkapitän Witboi, der die Seele des AufstandeS war. Hendrik Witboi war damals achtzig Jahre alt, ein kleiner, untersetzter Mann, von nichts weniger als imponierender Erscheinung. Trotzdem war er ein geborener Führer durch seine unbeugsame Willenskraft und eine eigentümliche Mischung von fanatischer Religiosität und weltlicher Herrschsucht. Mit diesem Mann hatte Leutwein im September 1894 einen Schutzvertrag abgeschlossen, in dem er sich zu unbedingter Heeresfolge verpflichtete. Diesen Vertrag hat der Kapitän zehn Jahre lang treu gehalten. Auch gegen die Hereros am Waterberg kämpften 71 hundert seiner Leute auf unserer Seite. Nach Ausbruch des Hottentottenaufstandes wurden sie entwaffnet und in Togo interniert. Für uns kam es ganz unerwartet, daß dieser rätselhafte Mann im Oktober 1904 die anderen Hottentottenstämme formell zur Erhebung gegen die deutsche Schutzherrschaft aufrief und die in seinem Lande lebenden Weißen ermorden ließ, als erstes Opfer den Bezirksamtmann von Burgsdorf in Gibeon. Anfang Oktober waren zwei Witbois bei Burgsdorf erschienen und hatten ihm berichtet, daß Kapitän Hendrik der deutschen Regierung nicht mehr folgen wolle. Der einzige Mensch, der ihn noch umstimmen könne, sei Burgsdorf. Sofort ritt Burgsdorf un- bewaffnet mit den beiden Hottentotten nach Rietmont, dem Wohnsitz Hendriks, um seinen Einfluß auf den Alten zur Geltung zu bringen. Als er in Mariental bei Rietmont ankam, fragten ihn die versammelten Eingeborenen, ob er wisse, daß jetzt Aufstand sei. Er hatte diese Frage kaum bejaht, als er hinterrücks von einem Hottentotten erschossen wurde. Burgsdorf fiel als Opfer seines Vertrauens zu einem Menschen, dem er immer nur Gutes erwiesen hatte. Übrigens sind nicht alle Hottentottenkapitäne Hendriks Aufforderung zur Erhebung gefolgt. Unbedingt schlössen sich dem Aufstand nur die Franzmann-Hottentotten unter Simon Copper an. Nach einigem Zögern folgten „die rote Nation" und die „Feldschuhträger", während die Kapitäne deS westlichen Nama- landes (Nordbethanier- und Berseba-Hottentotten) dem Bezirksamtmann von Keetmanshoop ihre Treue versicherten. Der Kapitän der Bastards, Hermanus van Wyk, übergab sogar die Aufforderung Witbois zum Abfall dem Gouverneur. Über die Gründe des HottentottenaufstandeS lassen sich nur Vermutungen anstellen. Es ist nicht anzunehmen, daß die Aktion von langer Hand vorbereitet war, denn sonst hätte Hendrik Witboi wohl gleichzeitig mit den Hereros losgeschlagen und nicht erst, nachdem uns ein entscheidender Schlag gegen diesen Gegner geglückt war. Die stärkste Triebfeder scheint ein Kaffer Stürmann aus der Kapkolonie gewesen zu sein, der sich in dieser Zeit bei Hendrik als Prophet der „Äthiopischen Kirche" eingeführt hatte. Diese religiöse Bewegung vertritt die politische Forderung bei allen Eingeborenenstämmen: „Afrika für die Farbigen." Der Prophet verkündete, daß 72 die Zeit erfüllet sei, um die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Er wolle fünfzig Witboiö salben und mit ihnen alle Weißen aus dem Lande jagen. Leutwein hielt es durchaus für möglich, daß Hendrik infolge seiner mystischen Veranlagung an diese Verheißung geglaubt hat. Für diese Annahme spricht auch ein Bries, den der Kapitän in jenen Tagen an Leutwein geschickt hat. In diesem Schreiben erklärte Hendrik unter vielen religiösen Phrasen, daß nicht er, sondern Gott aus dem Himmel den Vertrag mit der deutschen Regierung gebrochen habe. Leutwein, der felsenfest an die Treue Hendriks geglaubt hatte, war durch dessen Abfall auf das tiefste verbittert. Mitte November kehrte er nach Windhuk zurück und trat wenige Wochen später aus gesundheitlichen Gründen die Rückreise nach Deutschland an. Mit seiner Vertretung wurde Generalleutnant von Trotha beauftragt. Nun hatte ich das Kommando im Namaland übemommen und machte mir meinen Kriegsplan. Vor allem galt eS, den alten Witboi in seiner Residenz Rietmont, etwa 200 km südlich von Rehoboth, anzupacken. Dort hatte er etwa 800 gut bewaffnete Leute um sich versammelt. Was an Gewehren und Munition noch fehlte, lieferte der Schmuggel aus englischem Gebiet. Auf unsere Truppen im Süden der Kolonie konnte ich zur Zeit nicht rechnen. Dort operierte das III. Bataillon meines Regiments unter Führung deS Majors von Lengerke im Gebiet der Großen Karrasberge gegen die Bondelzwarts-Hottentotten. Dieses Bataillon war anfangs Juli in dem südlichen Küstenort Lüderitzbucht gelandet und hatte in schwerem Marsch den 125 km breiten Wüstengürtel bis Kubub auf dem sogenannten Baiweg durchquert. (Die Bahn Lüderitzbucht—Kubub wurde erst 1906 gebaut.) Ende Juli waren diese Truppen in Keetmanshoop eingetroffen und hatten von dort aus einen verlustreichen Kleinkrieg gegen die bewaffneten Banden Jacob Morengas begonnen, der von den Großen Karrasbergen aus die umliegenden Farmen brandschatzte. Morenga, ein Hererobastard, hatte früher in südafrikanischen Minen gearbeitet und sich eine für einen Neger außergewöhnliche Bildung angeeignet. Er sprach Englisch und Holländisch, verstand auch Deutsch und hat sich im Verlauf des Krieges als ein tatkräftiger und schlauer Führer erwiesen, der uns viel zu schaffen machte. 73 Weißen gegenüber, die in seine Hände fielen, hat er sich anständig, ja manchmal großmütig benommen. Dieser fähige Räuberhauptmann war der Kristallisationspunkt für alle unzufriedenen und beutelustigen Elemente des Südens. Von allen Seiten, auch aus der Kapkolonie, strömte ihm verwegenes Gesindel zu. Während wir am Waterberg gegen die Hereros kämpften, hatte die Abteilung Lengerke manchen harten Strauß mit Morenga aus- zufechten. So wurde im Oktober die 8. Kompagnie bei Wasserfall am Westrand der Großen KarraSberge bei Tagesanbruch in ihrem Lager überraschend von Morenga angegriffen. Der Überfall wurde zwar zurückgeschlagen, aber die Kompagnie verlor fast alle Pferde, die während des Kampfes entlaufen waren. Am nächsten Tage erhielt der Kompagnieführer einen Brief von Morenga, der ihn ersuchte, in Zukunft seine Pferde besser zu füttern, denn so abgemagerte Schinder könne er nicht gebrauchen. Das Heranziehen der Abteilung Lengerke zu dem von mir geplanten Vorstoß gegen Hendrik Witboi kam jedenfalls nicht in Frage. Die Lage im Süden war noch zu wenig geklärt. Auch waren diese Truppen durch eine Entfernung von 600 km von mir getrennt. Mir blieb nichts anderes übrig als zu warten, bis meine Truppen aus Windhuk nachkamen. Am 16. November traf endlich die 4. Kompagnie in Rehoboth ein. Achtzig Mann Ersatz hatten eingestellt werden müssen, und fast alle Pferde waren neu, die Hälfte davon Afrikaner, zum Teil erst zweijährig. Der Hererofeldzug hatte die Truppenbe- stände zusammenschmelzen lassen, weniger durch Gefechtsverluste als durch Krankheiten. Auf das Herankommen der anderen Truppen wollte ich nicht warten, sondern ich marschierte nach zwei Ruhetagen mit der 4. Kompagnie nach Kub ab, wo die 2. Kompagnie des 1. Feldregiments, die halbe 2. Ersatzkompagnie und eine halbe Gebirgsbatterie unter dem Kommando des Hauptmanns von Krüger zum Schutz des Magazins vereinigt waren. Nach dreitägigem Marsch bei einer Riesenhitze sind wir die letzte Nacht vor Kub mit wenigen Pausen durchgeritten. Gegen 5 Uhr morgens trennte ich mich mit meinem Stab von der Kompagnie, um vorauszureiten. Nach einer Stunde hörten wir plötzlich aus der Richtung von Kub heftiges Gewehrfeuer. Da kommt auch schon 74 ein Bur auf schweißbedecktem Pferde angesprengt und meldet mir in größter Aufregung, die Hottentotten seien da und hätten der halben Gebirgsbatterie ihre Pferde und Esel weggenommen. Gleich darauf sahen wir auch dichte Horden von Hottentotten auf das Lager deö Hauptmanns von Krüger zureiten. Ich ließ die 4. Kompagnie sofort im Galopp vorkommen und zum Angriff gegen die Hottentotten absitzen. Es war die höchste Zeit, denn als die 4. Kompagnie eingriff, war die Lagerbesatzung schon auf beiden Seiten umfaßt. Ohne unser Erscheinen hätte sich die Abteilung Krüger gegen den Zoo Gewehre starken Feind, der unter persönlicher Führung des alten Witboi stand, nicht halten können, und ganz Kub mit unseren Proviantbeständen und Munition, die ich für den weiteren Vormarsch brauchte, wären verloren gewesen. Nach heftigem Feuergesecht, in das auch die Gebirgsgeschütze eingriffen, wurden die Hottentotten zurückgeschlagen. Der Kampf hatte uns an Toten und Verwundeten zwei Offiziere und zehn Mann gekostet. Die Burenfamilien in Kub feierten mich als ihren Reiter und überreichten mir durch eine Deputation als Zeichen ihrer Wertschätzung ein halbes Dutzend — roter Rüben. Abends haben wir sie als feinen Salat verspeist. Auch bekam ich in den nächsten Tagen immer frische Milch von den Buren. Unsere Freundschaft erlitt erst eine Trübung, als ich die in ihren Diensten stehenden Hottentotten mit einer Proviantkolonne nach Rehoboth zurückschickte, denn gar zu bequem wollte ich Hendrik das Auskundschaften unserer Bewegungen auch nicht machen. Die Buren machten sehr bekümmerte Gesichter. Sie sind viel zu faul, um selbst zu arbeiten. Jeder hält sich seine Eingeborenen, die alles für den Herrn machen müssen. Meine größte Sorge war jetzt, daß sich der Feind unserem Angriff entziehen würde. Ich beschloß deshalb, schon am zo. abends mit den verfügbaren Truppen in Richtung Rietmont abzumarschieren, obwohl meine 5. Kompagnie noch nicht herangekommen war. Ohne auf Gegner zu stoßen, erreichten wir am 1. Dezember Narib und am 2. Dabib. Dort ließ ich zunächst halten, um das Eintreffen der in Eilmärschen nachrückenden 5. Kompagnie abzuwarten. Zur Erkundung der Verhältnisse bei Rietmont hatte ich eine stärkere Patrouille unter Leutnant von der Marwitz, dessen lebensvolle Feldzugsbriefe in der „Zukunft" veröffentlicht worden 75 sind, vorgesandt. Sie stieß vor Rietmont auf überlegenen Feind. In dem sich entspinnenden Gefecht fielen Marwitz und fünf Mann, während der zweite Offizier, Leutnant Auer von Herrenkirchen, trotz seiner Verwundung, den Rest der Patrouille nach Dabib zurückführen konnte. Auch die anderen Patrouillen konnten ihre Aufträge nicht durchführen. Die Hottentotten waren eben Meister des Kleinkriegs, sie kannten jeden Schlupfwinkel und schössen die Reiter ab, ehe sie überhaupt zur Gegenwehr kamen. Jede Aufklärung war so gewissermaßen ein Todesritt. Trotzdem drängten sich Offiziere und Reiter dazu. Nachdem die 5. Kompagnie am 4. Dezember vormittags eingetroffen war, nahm ich noch am selben Tage den Vormarsch wieder auf. Wir waren jetzt alles in allem zoo Gewehre und 7 Geschütze stark. Schon nach zwei Stunden erhielten wir bei Naris Feuer. Der Feind hatte sich sehr geschickt mit 2—zoo Mann in den Felsklippen an der Wasserstelle eingenistet, so daß er kaum zu erkennen war, obwohl die Geschosse nur so zu unS herüberpfiffen. Nach dreistündigem Gefecht, in das auch die Artillerie eingriff, wurde der Gegner geworfen und ging auf Rietmont zurück. Während der Nacht biwakierten wir an der Wasserstelle. Sehr früh am nächsten Morgen marschierten wir weiter auf Rietmont. Aber unsere Hoffnung, daß sich uns Hendrik Witboi an seinem Stammsitz zum Kampf stellen würde, erwies sich als trügerisch. Die Hottentotten waren panikartig geflüchtet. Nicht nur 15000 Stück Vieh, sondern auch Waffen, Munition, Wagen und allerlei Gerät fielen in unsere Hand. Ich suchte gleich das Lehmhauö mit den drei Eingängen auf, in dem Hendrik gehaust hatte. Der alte Kapitän mußte sehr plötzlich geflüchtet sein. Dicht am Eingang stand noch sein Lehnstuhl mit Decken und Fellen, wie er gerade benutzt worden war. Auf dem großen Tisch lagen seine Briefschaften, Patronen, Taschenuhr und seine Bibel. Auch mehrere Gewehre sowie erbeutete deutsche Offiziersdegen hatte er zurückgelassen. Selbst sein Sparkassenbuch war liegengeblieben. Wie ich daraus ersah, hatte er noch im September in die Sparkasse Gibeon 1600 Mark eingezahlt. Über seinem Bett hingen Bilder vom Kaiser und dem Gouverneur Leutwein. 76 Neben Hendriks Haus stand das Missionshaus, in dem der Missionar Holzapfel wohnte. Ihn hatte Hendrik vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder bei Ausbruch des Aufstandes erschießen lassen. Die Spuren des Feindes wiesen auf Kalkfontein, das wir ohne feindliche Gegenwehr am 6. Dezember erreichten. Wohl oder übel mußte ich jetzt eine Pause in den Operationen eintreten lassen, da Proviant und Munition knapp geworden waren. Ich ließ ein Detachement, bestehend aus drei Kompagnien und einer Batterie, unter Führung des Majors Meister in Kalkfontein, während ich eine Kompagnie mit der GebirgSbatterie nach Rietmont zurücksandte. Ich selbst begab mich mit dem Stab nach Gibeon, wo eine Heliographenstation Verbindung mit meinen weit getrennten Abteilungen hatte. Vor dem Abmarsch von Kalkfontein hatte ich einen kleinen Unfall, der mir in der Folge viele Schmerzen und manche schlaflose Nacht bereiten sollte. Mein Moritz hatte sich einen Fuß beschädigt und war darum mit einem Riemen um den Hals auf einer EselS- karre festgebunden worden. Mich sehen, ein Freudengeheul aus- stoßen und mit einem Satz vom Wagen herunterspringen war eins. Aber schon baumelte der arme Hund mit dem Riemen um den Hals in der Luft. Ich sprang gleich zu, blieb aber mit dem Fuß in einem Loch hängen und stürzte so unglücklich auf die rechte Schulter, daß ich mir einen Knochen ansplitterte. Es tat scheußlich weh, und ich mußte den Arm in der Binde tragen. Moritz wurde aus seiner verzweifelten Lage noch rechtzeitig durch meinen Burschen befreit. In Gibeon kam ich in der Wohnung des ermordeten Bezirkö- amtmannes von Burgsdorf unter. Die unglückliche Witwe war gerade Tags zuvor nach Windhuk abgereist, um in die Heimat zurückzukehren. Mit Behagen ließen wir uns die Gibconer Kulturluft um die Nase wehen. In einem Store gab es sogar Rotwein und Selterwasser zu kaufen. Beunruhigende Nachrichten kamen von unserer nur schwach besetzten Station Maltahöhe, die von bisher neutral gebliebenen Nordbethanier-Hottentotten unter Cornelius, einem Schwiegersohn von Hendrik Witboi, bedroht wurde. Die Aufständischen wurden auf 150—200 Gewehre geschätzt, und ich mußte rasch handeln, 77 damit sie nicht Zuzug von anderen unzuverlässigen Elementen erhielten. Mit der Operation gegen sie betraute ich den Oberleutnant Ritter. Um die Weihnachtszeit gelang es diesem mit seiner 2. Kompagnie und einer halben Batterie, den Gegner am Hudup zu stellen und in der Abenddämmerung mit aufgepflanztem Seitengewehr die Stellung zu stürmen. Im Süden der Kolonie war Morenga, dessen Anhang von Tag zu Tag wuchs, immer kühner geworden. Ende November hatte er sogar die Eroberung von Warmbad versucht. Dieser Platz war für uns nicht nur wegen seiner Depots, sondern auch als Stützpunkt für den Verkehr mit der Kapkolonie wichtig, auf die wir bei der unsagbar schlechten Verbindung von Lüderitzbucht inö Innere für die Verpflegung unserer Südtruppen mit angewiesen waren. Dazu kam, daß in Warmbad zahlreiche kriegsgefangene Hottentotten interniert waren. Nur der Umsicht des HauptmannS von Koppy war es zu danken, daß die Angriffe Morengas trotz großer Übermacht abgewiesen wurden und uns so Warmbad als Operationsbasis im Süden erhalten blieb. Major von Lengerke hatte kurz vor Weihnachten bei Koes einen vernichtenden Schlag gegen die aufständischen Feldschuhträger- Hottentotten geführt und stand zur Zeit mit etwa zoo Gewehren und 6 Geschützen von meinem Stabsquartier Gibeon 200 km entfernt. Wir waren durch Heliograph verbunden. Inzwischen verdichteten sich die Nachrichten, daß sich Hendrik Witboi im Flußtal des Auob bei Gochas mit Simon Copper, dem Kapitän der Franzmann-Hottentotten, vereinigt hatte. Zusammen mochten sie über 1000 Gewehre verfügen. Ich entschloß mich, diesen Feind mit allen verfügbaren Kräften anzugreifen. Drei Abteilungen standen mir zu einer konzentrischen Operation gegen Gochas, einer bedeutenden Wasserstelle und zugleich Hauptsitz der Franzmann-Hottentotten, zur Verfügung: die Abteilung Meister mit 2^/4 Kompagnien und einer Feldbatterie in Kalkfontein, die Abteilung Ritter mit einer Kompagnie und einer Halbbatterie in meinem Stabsquartier Gibeon und die Abteilung Lengerke mit lZ-2 Kompagnien, einer Feldbatterie und einem Zug Gebirgs- geschütze bei Koes. Ich konnte die Abteilung Lengerke heranziehen, weil Verstärkungen aus der Heimat in Lüderitzbucht eingetroffen 78 waren. Um GochaS zu erreichen, mußten die Truppen von Lengerke allerdings eine Durststrecke von no irrn zwischen Koes und Persip durchqueren. Ich ordnete an, daß alle drei Abteilungen am 4. Januar in GochaS zusammentreffen sollten. In die Zeit der Vorbereitungen für die geplante Operation fiel das Weihnachtsfest. Wer will es uns verdenken, daß an diesem Abend unser aller Gedanken bei unseren Lieben in der Heimat waren, von denen wir nur in wochenalten Briefen hörten. Am Heiligen Abend holte uns der Bezirköamtmann von Brandt, der Nachfolger des ermordeten Burgsdorf, zu einer kleinen stimmungsvollen Feier ab. Eine Wirtsstube war als AndachtSraum hergerichtet und ein afrikanischer Baum als deutscher Christbaum mit Lichtern und buntem Schmuck zurechtgemacht worden. Jungens und Mädels standen mit glänzenden Augen davor. Der Missionar hielt die Andacht. Wir saßen in den vorderen Reihen, dahinter die „Damen" der Kolonie, meist Burenfrauen, während die Männer, lauter sonnengebräunte, wetterharte Gesichter, sich im Hintergrund hielten. Zum Schluß der Andacht sangen die Kinder vierstimmig: „Es ist ein Ros' entsprungen". Für die kleinen Geschenke, die ich zu der schlichten Feier beisteuern konnte, wurde ich durch ein langes Gedicht von Kinderlippen geehrt. Ein gemeinsames Abendessen mit den Honoratioren und ein Tänzchen mit den Schönen von Gibeon bei Z2 Grad R gaben den Abschluß unserer Weihnachtsfreuden. Am i. Januar trat ich mit der Abteilung Ritter den Vormarsch auf Gochas bei glühender Hitze an. Am z. machte uns die Überwindung der dem Auobtal vorgelagerten Dünen von 10—20 m Höhe derartige Schwierigkeiten, daß wir schweren Herzens die mit Ochsen bespannte Halbbatterie zurücklassen mußten. Bald nach Mittag erreichten wir die Wasserstelle Haruchas, die mitten in dem hier 400 m breiten Auobtal liegt. Als wir gerade beim Tränken waren, wurde der Anmarsch zahlreicher Hottentotten von Süden her gemeldet. Mein Regimentsadjutant Oberleutnant Ahrens besetzte mit ein paar Leuten des Stabes eine mehrere 100 m vor dem Lager befindliche Sandkuppe, um den Feind aufzuhalten, bis die Kompagnie gefechtsbereit war. In dem sich entspinnenden Feuergefecht fiel Oberleutnant Ahrens 79 durch Kopfschuß. Ich hatte einen ausgezeichneten Gehilfen und prächtigen Menschen verloren. Die Lage wurde kritisch. Infolge von Detachierungen auf das andere Ufer des Auob zählte die Kompagnie nur 50 Gewehre, während uns etwa dreihundert Mann von Simon Copper aus Gochas gegenüberlagen. Die Hottentotten erkannten ihren Vorteil und suchten uns links zu umfassen. Gegen 4 Uhr nachmittags schickte ich Befehl an die zurückgelassene Halbbatterie, unter Aufbietung aller Kräfte auf das Gefechtsfeld zu kommen. Unteroffizier Brehm vom Feldsignaltrupp raste in Karriere mit dieser Order unter den Schüssen der Hottentotten zurück. Bange, endlose Stunden vergingen. Die Gefahr wuchs zusehends. Würden wir die Stellung bis zur Dunkelheit halten können? Um 7 Uhr abends sauste plötzlich die erste Granate über unsere Köpfe hinweg und schlug in die Linie der Hottentotten ein. In der Dämmerung wurden die Geschütze in die Feuerlinie vorgezogen und belegten den Feind mit Kartätschen. Die Wirkung war so groß, daß der Gegner um 8 Uhr abends auf der ganzen Linie abbaute und eiligst in nördlicher Richtung verschwand. Am nächsten Morgen traf die Abteilung Lengerke bei HaruchaS ein, so daß nunmehr jede ernstere Gefahr hier beseitigt war. Wo aber blieb die Abteilung Meister, die am 4. Januar Gochas, am Auob entlang marschierend, erreichen sollte? Am anderen Tage war immer noch keine Spur von Meister zu finden. Meine Sorge um ihr Geschick wuchs mit jeder Stunde. Ich brach daher um 2 Uhr nachmittags mit den beiden Abteilungen Ritter und Lengerke nach Gochas auf. Schon nach einer Stunde stießen wir von neuem auf die Hottentotten, die eine Stellung auf dem westlichen Ufer des Auob besetzt hatten. In mehrstündigem Kampf, der uns 4 Tote und 14 Verwundete gekostet hat, schlugen wir den Gegner zurück und erreichten am nächsten Morgen Gochas, ohne Widerstand zu finden. Von der Abteilung Meister lag immer noch keine Meldung vor. Alle Versuche, die Verbindung durch Patrouillen oder den Heliographen herzustellen, waren erfolglos geblieben. Was war vorgefallen? Hatte Hendrik Witboi uns bei HaruchaS und Gochas durch die Simon-Copper-Leute aufhalten lassen, um sich mit seiner 80 Hauptmacht auf die Abteilung Meister zu stürzen? In schwerer Sorge um das Schicksal der Kameraden entschloß ich mich, schon nach kurzer Rast trotz glühender Hitze das Auobtal aufwärts zu marschieren, auf dem gleichen Wege, den Meister benutzen sollte. Bevor wir diesem Vormarsch folgen, wollen wir die Ereignisse bei der Abteilung Meister betrachten. Major Meister war am zi. Dezember nachmittags von Kalkfontein abmarschiert und stieß schon nach wenigen Stunden aus starke feindliche Kräfte, die sich in den Klippen bei Stamprietfontein festgesetzt hatten. Während des Kampfes ging ein schweres Gewitter nieder, bei dem — wie wir später erfuhren — der Mörder des Bezirksamtmannes von Burgsdorf, der Witboi Salomon Sahl, vom Blitz erschlagen wurde. Völlige Finsternis machte schließlich dem Kampf ein Ende. Die Hottentotten gingen in der Dunkelheit zurück. Unsere Truppen verbrachten die Silvesternacht vollkommen durchnäßt und vor Kälte zitternd in der Schützenlinie. Am i. Januar wurde der Vormarsch ohne feindliche Gegenwirkung fortgesetzt. Erst am 2. Januar früh stieß die Abteilung auf Widerstand, zunächst auf eine Vorstellung, die der Gegner nach kurzem Kampf räumte, um in der festungsartig verschanzten Hauptstellung unseren Angriff abzuwarten. Diese Stellung befand sich auf einem klippenreichen, in der Front fast sturmfreien Höhenzug. Hier stand der „Prophet" Stürmann mit einem Teil der Orlogleute und seinen „Gottesstreitern", während Hendrik mit dem Hauptteil der Orlogleute auf dem Ostufer des Auob eine Sanddüne so besetzt hatte, daß er unsere linke Flanke fassen konnte, während wir im Angriff gegen die Klippen waren. Hinter der Front der Stürmann-Linie lag die Wasserstelle Groß- Nabas. Der Feind war etwa 1000 Mann stark und hatte reichlich Munition. Der dreitägige Kampf, der jetzt begann, war außerordentlich schwer und brachte das Detachement Meister in die Gefahr des Verdurstens. Die feindliche Linie hatte sich durch Umfassen unserer linken Flanke auf 4—5 km ausgedehnt, und in dem konzentrischen Feuer nahmen die Verluste bedenklich zu. Namentlich die Batterie hatte schwer zu leiden. Kurz hintereinander wurden vier Offiziere erschossen oder kampfunfähig. Ein fünfter Offizier, der Leutnant s DeimUng, gcir 81 d. Res. Semper, harrte trotz einer Verwundung bei der Batterie aus, bis er am Nachmittag durch einen Bauchschuß getötet wurde. Die Sonne brannte glühend heiß hernieder. Gegen 5 Uhr wurde der letzte Trunk Wasser ausgegeben. Nun stellte der schrecklichste Feind südafrikanischer Kriegführung, der Durst, die Widerstandskraft der braven Truppen auf eine fast übermenschliche Probe. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde das Feuer auf beiden Seiten schwächer, flackerte aber sofort wieder auf, sobald eine Bewegung beim Gegner erkannt wurde. Gegen zehn Uhr abends bezog sich der Himmel mit dunklen schweren Wolken. Manch heißes Gebet um Regen wurde von trockenen Lippen geflüstert. Alle Zeltbahnen waren ausgebreitet, um das ersehnte Naß aufzufangen. Da erhob sich ein sturmartiger Wind und zerstreute die Regenwolken. Mit dem Gewehr im Arm, die brennenden Augen in das Dunkel gebohrt, verbrachte die Truppe die Nacht. Mit dem Morgengrauen flackerte das Gefecht wieder auf. Ein heißer Tag hatte wieder begonnen. Unbarmherzig brütete die Sonne und vermehrte die Qualen des Durstes so, daß schon in den Vormittagsstunden einige der schutzlos am Boden liegenden Soldaten vor Erschöpfung bewußtlos wurden. Bald begann die Geschützmunition auszugehen. In immer längeren Abständen feuerten die Geschütze, nur noch mühsam von der stark gelichteten Begleitmannschaft bedient. Dagegen nahm das feindliche Feuer an Heftigkeit zu. Der Gegner schien über große Munitionsmengen zu verfügen. Der Zustand der in der prallen Sonne liegenden, halbverdursteten Schützen, die seit dreißig Stunden ununterbrochen gekämpft hatten, wurde kritisch. Mehrere Leute tranken in ihrer Verzweiflung das Blut erschossener Pferde oder aßen Ameisen. Die Hitzschläge häuften sich. Einzelne Soldaten wurden vor Durst wahnsinnig, sprangen plötzlich aus der Schützenlinie auf und stürzten sich laut delirierend auf den Feind, um allein die Wasserstelle zu erobern. Unter ihnen war Leutnant von Bockelberg. Am anderen Tage wurde seine Leiche von Kugeln durchsiebt aufgefunden. Der Feind höhnte obendrein noch die Verdurstenden. Einzelne Hottentotten hielten ihre wohlgefüllten Wassersäcke hoch und riefen herüber: „Dütsch- mann sehr durstig, gutes Wasser hier." 82 Furchtbar waren die Leiden der Verwundeten auf dem Verbandplatz. Hier lag auch der gleich zu Beginn des Gefechts durch Schuß in den Unterleib schwer verwundete Major von Nauendorf. In seinen entsetzlichen Qualen versprach er zehntausend Mark für einen einzigen Schluck Wasser. Er konnte ihn nicht erhalten. Da kroch ein schwerverwundeter Sergeant zu seinem Major heran und bot L7LLV/VS 05/r «VT'I'LNT'oT'T'SV Das Gefecht bei Groß-Nabas vom 2. bis 4. Januar 1905 ihm einen Rest Rotwein aus seiner Flasche an. Entschlossen wies der Major den Trunk zurück. „Behalten Sie den Wein für sich selbst", sagte er. „Sie müssen wieder zum Geschütz, und mit mir ist es ja doch vorbei." Die Lage wurde verzweifelt, als der Feind am frühen Nachmittag einen Vorstoß machte, um die Flügelgeschütze wegzunehmen. Die in der Nähe liegenden Leute warfen sich den einbrechenden Hottentotten mit dem Bajonett entgegen. Nach erbittertem Nah- kampf wurde der Feind zurückgeworfen, und das Feuer ließ auf s« 83 beiden Seiten nach. Ein Zustand fast bewußtloser Erschöpfung lag über unseren Reihen. Da, als die Not am größten war, kam die Rettung. Durch das Versprechen hoher Belohnungen hatte Major Meister eingeborene Ochsentreiber veranlaßt, weiter rückwärts in dem ausgetrockneten Flußtal nach Wasser zu suchen. Einem Eingeborenen war es gelungen, eine Rinne mit angestautem Regenwasser zu entdecken. Ein Wasserwagen wurde im feindlichen Feuer zur Truppe vorgeführt. Als die ersten Waffersäcke in die Schützenlinie gebracht und becherweise verteilt wurden, da kehrte die alte Entschlossenheit bei den ermatteten Leuten zurück. Ein Offizier erzählte mir später, daß dieses Wasser wie Kartoffelsuppe ausgesehen und doch köstlicher geschmeckt habe als das schönste Glas Pilsener in der Heimat. Am Abend des z. Januar war aus weiter Ferne der Kanonendonner des Gefechts der Abteilung Ritter gegen die Simon-Copper- Leute zu hören. Neue Hoffnung auf Rettung belebte alles. Trotz der hereinbrechenden Dunkelheit wurde das Feuer wieder lebhafter und verstummte erst nach Mittemacht. Gegen Morgen war lautes Schimpfen in den Schanzen des Gegners zu hören. Zu ihrer freudigen Überraschung bemerkten unsere Leute, daß der Feind in der linken Flanke verschwunden war. Die Ursache dieser unerwarteten Veränderung wurde erst allmählich klar. Der „Prophet" Stürmann hatte bestimmt damit gerechnet, daß die Abteilung Meister während der Nacht versuchen würde, abzuziehen und eine rückwärtige Wasserstelle zu erreichen. Darum veranlaßte der „Prophet" den alten Hendrik Witboi, mit seinen Leuten der deutschen Truppe auf der Pad bei Stampriet- fontein den Rückzug zu verlegen. Die erste Freude über die Räumung der Dünen wich bald der Erkenntnis der ungeheuren Gefahr, nun eingekeilt zwischen zwei feindlichen Linien zu verdursten. In dieser verzweifelten Lage faßte Major Meister den Entschluß, die feindliche Stellung zu erstürmen und die dahinter gelegene Wasserstelle Groß-Nabas in Besitz zu nehmen. Lieber ein schnelles Ende als unter den Todesqualen des Verdurstens langsam dahinzusterben. Meister versammelte die erreichbaren Offiziere um sich zur Befehlöauögabe. Sein Bericht sagt: „Oberleutnant Grüner war so 84 erschöpft, daß er von zwei Mann gestützt werden mußte, von denen einer schon delirierte. Leutnant Kleewitz, der mit den frischesten Leuten vom Flußtal her vorstoßen sollte, fiel während der Unterredung bewußtlos um. Leutnant Zwicke mußte von vier Mann festgehalten werden, weil er mich unter wirren Reden erschießen wollte." Nachdem der restliche Wasservorrat verteilt war, wurde ein kurzer Feuerüberfall auf die Stellung des Gegners gemacht, bei dem die Geschütze ihre letzten Granaten herausjagten. Um 11 Uhr vormittags erhob sich die gelichtete Schützenlinie mit aufgepflanztem Seitengewehr zu verzweifeltem Anlauf. Ein mörderisches Feuer schlug den Stürmenden entgegen, aber in wilder Entschlossenheit drängte die kleine Schar vorwärts. Als die blitzenden Bajonette unaufhaltsam näher kamen, brach der Mut der Hottentotten zusammen. Unter lautem Schreien flüchteten sie Hals über Kopf aus der Stellung, allen voran der „Prophet", der sich auf ein Pferd warf und Hendrik Witboi in seinem Hinterhalt die Niederlage meldete. Dem alten Hendrik fuhr diese Trauerbotschaft so in die Glieder, daß er den Gedanken an weiteren Kampf aufgab. Er ging mit seinen Leuten in südlicher Richtung auf Iwartfontein zurück. Die Abteilung Meister konnte sich an der Wasserstelle Gr.-Nabas erquicken. Auch die Pferde konnten endlich getränkt werden. Vom i. Januar abends bis zum 4. Januar nachmittags hatten sie keinen Tropfen Wasser bekommen. Als sie jetzt die Wasserstelle witterten, zitterten sie am ganzen Leibe. Das dreitägige Gefecht hatte der Abteilung schwere Verluste gekostet. Gefallen waren 4 Offiziere und 18 Mann, während 5 Offiziere und 42 Mann verwundet waren. Der Gegner ließ 70 Tote in der Stellung. Major Meister blieb zwei Tage in der eroberten Stellung und versuchte erfolglos, die Verbindung mit mir herzustellen. Darauf ging er am 6. Januar auf Stamprietfontein zurück, wo sich seine Truppen bei reichlichem Wasser erholen und auf Munitionsnachschub warten konnten. Kehren wir zu meinem Detachement zurück. Als ich in banger Sorge um Meister und seine Leute mit den Abteilungen Ritter und Lengerke am 6. Januar nach kurzer Rast von Gochaö auf Iwart- 85 fontein aufgebrochen war, tauchten aus der Ferne plötzlich Staubwolken auf. Das mußte die Kolonne Meister sein! Erleichtert atmeten wir auf. Patrouillen gingen im Galopp vor, um die Verbindung herzustellen. Wie groß aber war unsere Enttäuschung, als sie am Abend mit der Meldung zurückkehrten, die Staubwolken hätten von starken Hottentottenbanden hergerührt, die nördlich Zwartfontein lagerten. Das konnte nur Hendrik sein. Nach dem Gefecht bei Groß-Nabas war er in eiliger Flucht noch am selben Tag so weit nach Süden gerückt und hatte sich mit den vor unS zurückweichenden Simon-Copper-Leuten vereinigt, so daß uns nun über izoo gut bewaffnete und zum Entscheidungskampf entschlossene Orlogleute gegenüberstanden. Während der Nacht biwakierten wir südlich Zwartfontein in Gefechtsbereitschaft. Am nächsten Morgen ergab sich aus Patrouillenmeldungen, daß der gerissene Fuchs Hendrik uns in einen Hinterhalt zwischen den Auob und der westlich davon gelegenen Düne locken wollte. Auf diesen alten Hottentottentrick fielen wir aber nicht hinein. Ich ließ nach links abschwenken und die Düne gewinnen. Dadurch bekamen wir von vornherein die beherrschende Position in die Hand, von der aus unsere überlegene Waffenwirkung voll ausgenutzt werden konnte. Nach mehrstündigem Gefecht war der feindliche Widerstand gebrochen. Am Nachmittag wich der Feind auf der ganzen Linie zurück und flüchtete unter unserem Verfolgungsfeuer auf die wasserlose Kalahariwüste zu. Die Batterie Kirchner faßte auf 6 Irm Entfernung noch eine feindliche Wagenkolonne, deren Begleitmannschaft unter den Granateinschlägen nach allen Seiten aus- einanderstob. Wir erbeuteten zwanzig Ochsenwagen mit Lebensmitteln, Gewehren und Munition. Dieser Tag hat mir wegen der Schnelligkeit unserer Operationen bei den Eingeborenen den Namen „WitSlang" (weiße Schlange) eingetragen. Während der Nacht bezogen wir ein Lager nördlich von Iwart- fontein, und endlich konnten die übermüdeten Truppen sich durch einen lang entbehrten Schlaf erholen. Ich selber konnte kein Auge zutun. Die dumme kleine Verletzung an meiner Schulter, an der „Moritz" eigentlich die Schuld trug, brannte wie Feuer. Immer, wenn ich verärgert mich von der einen Seite auf die andere wälzte, fühlte ich die kalte Nase des treuen Hundes an meiner Hand. 86 Noch in der Nacht ließ ich eine Offizierspatrouille satteln und entsandte sie das Auobtal aufwärts, um nach dem Verbleib der Kolonne Meister zu suchen. Der Patrouillenführer, Leutnant Fürbringer, stieß bei seinem nächtlichen Ritt auf zahlreiche feindliche Nachzügler, erreichte aber doch am nächsten Morgen die Abteilung Meister in Stamprietfontein. Auf seine erlösende Meldung hin konnte ich endlich die drei Kolonnen am 10. Januar an diesem Ort vereinigen. Eine Verfolgung der Hottentotten in die wafferlose Kalahari- wüste hinein wäre auch mit frischen Truppen ein nicht zu verantwortendes Wagnis gewesen. Ich entschloß mich daher, den Aufständischen den Rückweg nach dem Auobtal zu sperren. Zu diesem Zweck übergab ich Major Meister das Kommando über den Auob- abschnitt und unterstellte ihm die Abteilung Lengerke. Die Abteilung Ritter ließ ich nach Gibeon abrücken, wo sich Cornelius mit seinen Bethaniern wieder unliebsam bemerkbar machte. Mit meinem Stab marschierte ich nach Süden auf Keetmanshoop, um von dort aus die Vorbereitungen zu einem Schlag gegen unseren anderen Hauptfeind, Morenga, zu treffen. Dieser gefährliche Ban- denführer war im Dezember ziemlich untätig geblieben, und zwar, wie sich später herausstellte, aus Mangel an Munition. Ihre Ergänzung jenseits der Grenze scheint ihm damals finanziell schwierig gewesen zu sein. Darum hatte er seine Werften in der waffer- und Weidereichen Narudasschlucht am Ostrand der Großen Karrasberge, dem alten Zufluchtsort der Aufständischen, versammelt. Nach langem und für mich, mit dem Arm in der Binde, pein- vollem Ritt traf ich am 2z. Januar mit dem Stab in Keetmanshoop ein und fand freundliche Aufnahme im Hause des deutschen Kaufmanns Hesselmann. Keetmanshoop ist rund um eine feste Kaserne gebaut, mit stattlichen Regierungsgebäuden und Stores, und gewährt einen freundlichen Anblick mit seinen hohen Baumgruppen. Eine Werft von Eingeborenen lehnt sich an den Ort an. Die hier ansässigen Hottentotten standen ganz unter dem Einfluß der Mission und haben sich nie am Aufstand beteiligt. Von Keetmanshoop aus konnte man in der Ferne die schroffen Grate und Zacken der Karrasberge sehen. Dieses Gebirge gleicht an Ausdehnung etwa dem Harz, ist aber höher. Die Gipfel übersteigen 2000 m. 87 Unser täglicher Sammelpunkt war das gastfreie Haus des Missionars Fenchel und seiner Familie. Ich wurde von den braven Menschen besonders verwöhnt und bekam ganz ungewohnte Genüsse, frische Milch und Eier, zu Gesicht. Da mein Magen sich nicht immer mit dem brackigen Wasser auf den langen Märschen befreundet hatte, wußte er die Haferschleimsuppen der Frau Fenchel ganz besonders zu schätzen. Als es mir dann besser ging, bekam ich auch die Leibspeise meiner Heimat, „Spätzle", vorgesetzt. Vor allem aber war ich dankbar, daß ich endlich einmal wieder deutscher Musik in einem friedlichen Familienkreis lauschen konnte. Eine Tochter des Ehepaares war eine seltene Meisterin des Klaviers, die auch am Sonntag die Andachten in der Kirche durch ihr Spiel am Harmonium zu einem besonderen Genuß machte. Seit der Zeit in Windhuk hatte ich zum erstenmal wieder ein gutes Bett, einen richtigen Schreibtisch und konnte mir sogar ein warmes Bad leisten. Ich kam mir vor wie auf dem Gipfel großstädtischen Komforts. Außerdem erreichte uns auch die Weihnachts- post in Keetmanöhoop. Mit dankbarer Freude ersahen wir aus Hunderten von Briefen, daß uns die Heimat trotz der weltbewegenden Ereignisse des Russisch-Japanischen KriegeS nicht vergessen hatte. Wenn nur mein Arm zur Vernunft gekommen wäre! Der Stabsarzt hatte ihn in Gips gelegt, sicher sehr verständig vom medizinischen Standpunkt, aber doch bei der furchtbaren Hitze kaum zu ertragen. In einer besonders heißen und schlaflosen Nacht weckte ich schließlich meinen Burschen und ließ mir von ihm mit dem Seitengewehr den ganzen Gipspanzer in Stücke schlagen. Schlafen konnte ich dann allerdings auch nicht vor Schmerzen, aber mir war doch um vieles leichter. Eine Zeitlang ließ ich mich von einem Hottentottenweib massieren, das im Geruch besonderer Heilkräfte stand. Der Geruch war zweifellos, die Heilkräfte aber leider nicht. Glücklicherweise lenkte mich die Arbeit von übertriebener Beschäftigung mit meinem schmerzenden Arm ab. Ich wollte Morenga so schnell wie möglich auf den Leib rücken, und dazu mußten sehr erhebliche Schwierigkeiten, vor allem in der Truppenverpflegung, überwunden werden. Im Süden der Kolonie waren wir entweder auf die endlose 88 Etappenstraße über Windhuk angewiesen oder auf Zufuhren aus der Kapkolonie über Ramansdrift-Warmbad. Diese Verbindung wurde zeitweise durch die Kapregierung gesperrt oder durch Aufständische bedroht. Der Zufahrtsweg aber von unserem südlichen Hafen Lüde- ritzbucht durch izolcm Wüste bis Kubub bot Schwierigkeiten, zu deren Behebung seit Beginn des Feldzuges kaum etwas getan war. Ich ließ mir den Generalstabsoffizier des EtappenkommandoS Süd in Lüderitzbucht nach Keetmanshoop kommen, um mit ihm die Verbesserungen auf dem gefürchteten Baiweg durch die Wüste zu besprechen. Das Ergebnis war, daß wir beim Oberkommando eine Kamelkarawane und das Material für eine durch Esel gezogene Förderbahn bis zum Ausgang der Dünen beantragten. Um die Verbindungen nach der Kapkolonie zu sichern, entsandte ich Kompagnien mit zwei Geschützen nach Warmbad zur Verfügung des Hauptmanns von Koppy, der mit dieser Verstärkung die Gegend von Räuberbanden säubern sollte. Durch eine neu errichtete Signalverbindung von Keetmanshoop bis Warmbad schaffte ich mir zudem eine Nachrichtenlinie mit der Südgrenze unserer Kolonie- Meine Absicht einer entscheidenden Operation gegen Morenga hatte ich schon Mitte Januar dem Hauptquartier in Windhuk gemeldet. Leider fand mein Plan keine Billigung. Anfang Februar erhielt ich den Befehl, Morenga nur zu „beobachten" und dafür mit den WitboiS endgültig aufzuräumen. Durch Blinkspruch meldete ich darauf dem Hauptquartier, daß Morenga schon seit acht Monaten „beobachtet" aber nie angegriffen worden sei. Dieser Zustand sei im höchsten Grade bedenklich, da Morenga dauernd an Ansehen gewinne und der moralische Rückhalt der Witbois sei, solange seine Übergriffe nicht geahndet würden. Ich bäte daher um die Erlaubnis, Morenga Anfang März angreifen zu dürfen. Wenn bis dahin Verpflegungszufuhr aus der Kapkolonie nicht möglich sei, so müßten und würden die eigenen Bestände genügen. Wörtlich fügte ich hinzu: „Die Operationen im Süden konnten bisher gelingen, weil mir freie Hand gelassen wurde, wofür ich in hohem Maße dankbar bin. Bitte auch weiterhin um freie Hand." Wenige Tage später lehnte das Hauptquartier meinen Plan endgültig ab. Weder genügende Verpflegung noch ausreichende Kräfte 89 seien vorhanden. Das Heliogramm schloß mit dem unmißverständlichen Ersuchen, nunmehr die Direktiven der Leitung zu befolgen. Ende Februar liefen aber Nachrichten bei mir ein, die ein ganz neues Bild der Lage ergaben. Der treu gebliebene Hottentottenkapitän Goliath aus Berseba meldete, daß die aufständischen Wit- bois nach den Karrasbergen ziehen wollten. Nachrichten der Abteilungen Lengerke und Meister, die am Auob den Witbois den Austritt aus der Kalahari sperrten, bestätigten die wichtige Information deS Kapitäns Goliath. Gelang aber den Witbois die Vereinigung mit den Morengaleuten, so hatten wir in den Karrasbergen mit einer überlegenen feindlichen Streitmacht von 1500—2000 Gewehren zu rechnen. Damit wäre die Wegnahme der Karrasberge zu einem überaus schwierigen und blutigen Unternehmen geworden. Denn dieses schluchtenreiche, schwer zugängliche Gebirge eignet sich in hervorragender Weise für die Kampfweise der Hottentotten und bietet in überragenden Klippenstellungen auch einer Minderheit die Möglichkeit zu erfolgreicher Verteidigung. Als Kommandeur an Ort und Stelle, der die Verhältnisse besser beurteilen konnte als das 700 km entfernte Hauptquartier, hielt ich einen raschen Angriff gegen Morenga, ehe Zuzug von Hottentotten aus dem Norden eintreffen konnte, für eine unabweisbare Notwendigkeit. In diesem Entschluß wurde ich durch Meldungen bestärkt, daß Morenga seine gesamten Kräfte in der Narudasschlucht vereinigt hatte. Was Verpflegungslage und Truppenstärke anbelangt, so konnte ich nicht darauf rechnen, ein paar Wochen später besser dazustehen, bestimmt aber, dann größere feindliche Kräfte vorzufinden. Da man aber zum Angriff nie stark genug sein kann, so formierte ich aus entbehrlichen Etappenleuten und Feldtelegraphen eine neue Kompagnie von 170 Gewehren, die sich in den Karrasbergen vorzüglich bewährt hat. Am 1. März gab ich den Angriffsbefehl aus. Der Gebirgsstock der Karrasberge hatte vier hauptsächliche Zugänge, die durch vier Flußläufe ungefähr nach den vier Himmelsrichtungen in Kreuzform eingeschnitten sind. Wasser führten diese „Reviere" zur Zeit nicht. Nach dem Gelände ergab sich der Operationsplan. Ich formierte vier Abteilungen, die getrennt von Norden, Süden, Osten und 90 K/Leekmcrns/roop '^6i"ürr6o/'/r klÄ-mLa/c/e (/5/ic7'^ V ^>>m»>>'>"l»,/^''' 7"/, Die Operationen gegen die Großen Karrasberge im März 1905 Westen in das Gebirge vorstoßen und durch ihr Zusammenwirken den Gegner im Narudastal zur Annahme des Kampfes zwingen sollten. Die Abteilung von Koppy (zwei Kompagnien mit vier Geschützen aus Kalkfontein) wurde von Süden, die Abteilung von Kamptz(zwei Kompagnien,vier Geschütze und vier Maschinengewehre auS Keetmanshoop) von Westen, die Abteilung Kirchner (eine Kompagnie, zwei Geschütze, zwei Maschinengewehre) von Norden und die Abteilung von Lengerke (eine Kompagnie mit zwei Geschützen) von Osten aus angesetzt. Alle vier Abteilungen sollten so vormarschieren, daß sie am 11. März früh Narudas erreichten. 91 Es handelte sich also wieder um eine der konzentrischen Operationen, die für unsere Kriegführung in Südwestafrika charakteristisch waren. Die Schwierigkeiten, die dem alten strategischen Grundsatz „getrennt marschieren, vereint schlagen" in den unwegsamen Karras- bergen entgegenstanden, waren allerdings ganz ungewöhnlich groß, zumal das Gebiet noch kaum vermessen war und zuverlässige Karten nicht zur Verfügung standen. Als ich am 6. März mit der Kolonne Kamptz auS Keetmanshoop aufbrach, herrschte eitel Freude unter der Bevölkerung, die schon lange ein Eingreifen gegen Morenga ersehnt hatte. Auch die Truppe war bester Stimmung. Am 7. früh erreichten wir das wasserreiche Uchanaris, wo die Trümmer von Farmgebäuden zwischen Palmen und Feigenbäumen von besseren Tagen zeugten. Erst von hier aus meldete ich helio- graphisch dem Hauptquartier, daß ich mich doch zum Angriff gegen Morenga entschlossen hätte und schon alle Kolonnen im Marsch seien. Bei der Entfernung war das Hauptquartier jetzt nicht mehr in der Lage, auf den Gang der Operationen einzuwirken. Den Fuß des Gebirges erreichten wir erst am 9. an der Wasserstelle Hurub. Noch an demselben Tage wurde der Vormarsch in die Berge fortgesetzt, bis Kraikluft, wo wir Wasser finden sollten. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Auch der fahrbare Weg hörte hier auf. Nur ein Saumpfad führte in steilen und engen Windungen auf das Hochplateau, daS einige hundert Meter über uns lag. Vor allem mußte Wasser herangeschafft werden. Es blieb nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen alle Gespanne den vier Stunden weiten Weg bis Hurub zurückzuschicken, um Wasser für den Weitermarsch heranzuholen. An ein Mitnehmen der gesamten Pferde war unter diesen Umständen gar nicht zu denken. Der Weitermarsch mußte zu Fuß erfolgen. Nur die notwendigen Patrouillenpferde verblieben bei der Truppe, alle anderen wurden nach Hurub zurückgeschickt. Geschütze, Maschinengewehre und Proviant mußten auf Tragetiere verpackt werden. Während wir in Kraikluft sehnsüchtig auf die Rückkehr der Wasserholer warteten, entspann sich gegen Mittag eine heftige Schießerei auf dem Plateau über uns, wo unsere Posten einen Angriff von Hottentotten abwehrten. Offenbar hatte diese feindliche Abtei- 92 lung den Auftrag, uns bei Kraikluft den Aufstieg zu sperren. Glücklicherweise kam der Gegner um einige Stunden zu spät und zog wieder ab, als er den Höhenrand schon in unserer Hand fand. Der Feind begnügte sich damit, in der Marschrichtung auf NarudaS das Gras anzuzünden, in der Hoffnung, uns dadurch aufzuhalten. Gegen Abend hatten wir unter großer Mühe Geschütze und Maschinengewehre auf das Plateau herausgebracht. Da auch das Wasser von Hurub eingetroffen war, marschierten wir noch am gleichen Abend etwa eine Stunde in Richtung NarudaS und gingen dann zur Ruhe über. Die ganze Nacht über leuchteten um uns gespenstisch die Grasbrände der Steppe. Mit Tagesgrauen wurde der Vormarsch über stark zerklüftetes Gelände und Steingeröll fortgesetzt. Eisenbeschlagene Bergschuhe wären hier am Platze gewesen. Statt dessen trugen Offiziere und Mannschaften stark verbrauchte, noch knapp zusammenhaltende Stiefel. Viele Leute hatten ihre Schuhe mit Lederstreifen aus frischen Kuhhäuten umwickelt, um ihre fragwürdige Haltbarkeit zu verlängern. Nachdem wir frühmorgens ganz unerwartet eine sehr ergiebige Wasserstelle gefunden hatten, wo wir unsere Bestände ergänzen konnten, erreichten wir gegen zehn Uhr vormittags den Nordausgang der NarudaSschlucht. Er war vom Feind besetzt. Ich ließ die Vorhut mit der Artillerie sich in der Front entwickeln und umfaßte mit dem Gros den Gegner von links. Nach kurzem Gefecht, bei dem wir nur einen Toten und zwei Verwundete zu beklagen hatten, wurde er geworfen. Das Detachement ging dann auf den Höhen beiderseits der NarudaSschlucht nach Süden vor. Es war ein Marsch, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Immer wieder kamen tiefe Quer- schluchten mit steilem Abstieg und anstrengendem Aufstieg. Die Lungen arbeiteten mit Hochdruck, und das Herz klopfte in der dünnen Luft wie verrückt. Die Tragtiere mit ihren schweren Lasten drohten zu versagen. Doch vorwärts! Die Truppe gab ihr Letztes her. Wenn ich auf die lange gelbe Schlange der sich mühselig durch daö Steingeröll windenden Marschkolonne zurückblickte, mußte ich an Suworows berühmten Übergang über den St. Gotthard denken. Größere Anstrengungen hatte er seinen Leuten auch nicht zumuten müssen. 93 Zn die Narudasschlucht selbst hatten wir von oben einen vorzüglichen Einblick. In vielen Krümmungen windet ste sich etwa 250 m tief eingeschnitten nach Süden dahin. Sie hat ganz den Charakter eines engen, wild zerklüfteten Hochgebirgstales. Von der Annäherung der anderen Detachements war nichts zu spüren, auch kein Kanonendonner war zu vernehmen. Gegen ein Uhr nachmittags tauchten plötzlich Hottentotten- schwärme aus südlicher Richtung auf, die Vieh auf der Höhe zu unserer Linken abtrieben. Die Artillerie fuhr auf und beschoß sie wirksam. Bei unserem weiteren Vordringen in südlicher Richtung mehrte sich die Zahl fluchtartig auf unS zukommender Hottentotten. Das schien uns ein Anzeichen für ein glückliches Gefecht zu sein, das die Abteilung von Koppy inzwischen am Südauögang der Schlucht gehabt haben mußte. Gegen Abend beobachteten wir daS Blinken eines Heliographenspiegels auS südlicher Richtung. Meine Station stellte die Verbindung her, und gleich darauf erhielt ich die Meldung des Hauptmanns von Koppy von einem siegreichen Gefecht. Diese Abteilung war bereits am Vortage zwei Stunden südlich von Narudas auf Feind gestoßen und hatte ihn auf NarudaS zurückgeworfen. Am nächsten Morgen aber traf sie am Südausgang der Schlucht auf die vereinigten Kräfte von Morenga und seinem Unterführer Morris. Hauptmann von Koppy hatte unverzüglich angegriffen. Es kam zu einem heißen Kampf um den Besitz des beherrschenden Felsen- tores. Gegen Mittag war die Wasserstelle erstürmt worden, und um 4 Uhr flüchtete der Feind in die Klippen der östlichen Berghänge. Dreißig Tote und 120 Gefangene hatte er in deutschen Händen lassen müssen. Dazu wurden 50 gesattelte Pferde, 700 Stück Großvieh und 7000 Stück Kleinvieh erbeutet. Der Abteilung Koppy kostete dieser Sieg nur neun Verwundete. Die Abteilung von Kamptz, die von Westen her anmarschierte, kam zwar nicht mehr zum direkten Eingreifen in das Gefecht, hat aber doch den feindlichen Rückzug schwer bedroht und den Gegner am Abtreiben seines Viehs verhindert. Unsere Freude über den Erfolg des Tages wurde leider dadurch 94 getrübt, daß von der Abteilung Kirchner, die von Norden her angesetzt war, immer noch jede Nachricht fehlte. Auf dem etwa 2000 m hohen Plateau war es während der Nacht außerordentlich kalt. Aus Steinplatten schichteten wir uns notdürftige Schutzwände gegen den Nordwind auf, der uns bis auf die Knochen durchpustete. Meine Schulter schmerzte zum Erbarmen. Die Verpflegung war karg. Wenn wir auch genügend Beutevieh hatten, so war doch die unerläßliche Zukost wie Kaffee, Salz und Mehl sehr knapp geworden. In dieser Lage halfen uns die sogenannten „Hottentottenbeefs", deren Zubereitung wir von unseren Gegnern gelernt hatten: man bedeckt handbreite Fleischstreifen von mäßiger Dicke mit brennend heißer Asche und staubt sie nach ein paar Minuten ab. So wird ein durchaus genießbares und saftiges Bratenstück ohne Gerätschaften und Zutaten hergestellt. Auch am nächsten Tage kam keine Nachricht von Kirchner, die von mir auSgesandten Verbindungspatrouillen kamen ohne Ergebnis zurück. Ich benutzte die Zeit des Wartens zu einem Besuch bei der Abteilung Koppy. Dazu mußte ich zu Fuß die Narudasschlucht durchqueren. Sie macht ihrem Namen „Narudas" (Ort zum Hinabrutschen) alle Ehre, wie ich am eigenen Leibe verspüren mußte. An den Felshängen war überall üppiger Graswuchs mit zahlreichen Wasserpfannen auf der Talsohle. Für afrikanische Verhältnisse war dieses Tal ein idealer Zufluchtsort für Mensch und Vieh. Die Abteilung Koppy traf ich in gehobener Stimmung über den Erfolg an und konnte ihr meinen Dank sagen für ihre glänzende Leistung. Hauptmann von Koppy schilderte mir dann an Ort und Stelle den Verlauf des Gefechts. Am Morgen des n. März war er mit Leutnant von Gersdorff und einem alten Schutztruppler, Unteroffizier Schütze, seiner anmarschierenden Abteilung um etwa einen Kilometer zur Erkundung vorausgeritten. Da sahen sie plötzlich große Staubwolken. „Das muß die Abteilung Kirchner sein", meinte Leutnant von Gersdorff. „Die Sache klappt wie im Manöver." Koppy beobachtete durch sein Fernglas und wurde mißtrauisch. Am Ende konnten eS doch Hottentotten sein. Gersdorff reitet im Galopp vor, um besser sehen zu können. In demselben Augenblick 95 löst sich auch von der anmarschierenden Kolonne ein einzelner Reiter ab und sprengt ebenfalls zur Erkundung vor. Er trägt einen Tropenhut, blauen Rock mit weißer Armbinde und reitet einen Falben. „DaS ist Morenga", ruft GerSdorff plötzlich und sprengt mit der Meldung vorn Anmarsch deS Feindes zur Truppe zurück. In dem Wettrennen um den Eingang zur Schlucht hatte Koppy dann durch die Schnelligkeit seiner Entschlüsse gewonnen. Nach mühsamem Rückmarsch langte ich abends wieder bei der Abteilung Kamptz an und erhielt bald darauf die erste Meldung von der Abteilung Kirchner. Sie lautete niederschmetternd. Die Abteilung hatte am 10. März an der Wasserstelle Aob am Nordosteingang der KarraSberge ein unglückliches Gefecht gegen Morenga gehabt. Hauptmann Kirchner, ein Leutnant und neun Mann waren gefallen, und 28 Mann wurden verwundet, darunter 15 schwer. Beim Vormarsch dieser Abteilung in die Karrasberge erhielten sowohl Spitze wie Gros überraschendes Feuer von einer stark besetzten Höhe nördlich der Wasserstelle Aob. Die Infanterie ging sprungweise vor und kam ohne erhebliche Verluste bis auf wenige hundert Meter an die Stellung heran. Da schlug ihnen auf einmal ein lebhaftes und wirkungsvolles Feuer aus beiden Flanken seitwärts der Pad entgegen. Die Abteilung war in einen regelrechten „Hottentottensack" geraten. Trotz des Eingreifens der Geschütze und Maschinengewehre mehrten sich die Verluste rasch in dem konzentrischen Feuer. Hauptmann Kirchner faßte den Entschluß, der allein Rettung aus dieser Lage verhieß, er befahl den Bajonettangriff. Dieses Wagnis schien auch gelingen zu wollen. Vor dem deutschen Hurra räumte der Gegner seine Stellung in der Front, aber nur, um kaum 100 m dahinter eine zweite, fast noch stärkere Stellung einzunehmen. Bei diesem Sturmangriff fiel Hauptmann Kirchner. Oberleutnant Frhr. v. Grote übernahm das Kommando. Bald stellte sich bei der Artillerie und gegen 6 Uhr abends auch bei der Infanterie Munitionsmangel ein. Morenga dagegen — er war es, der hier kommandierte — umfaßte die Truppe immer weiter, so daß bald das feindliche Feuer nicht nur aus den Flanken, sondern auch von halb rückwärts kam. Schließlich ging der linke feindliche Flügel zum Angriff gegen die weiter rückwärts stehenden Handpferde und Bespannungen 96 vor. Pferdehalter und Fahrer warfen sich dem Feind entgegen und wendeten so die Gefahr völliger Einschließung von der Abteilung ab. Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen, und gegen Nachtgefechte hatten die Eingeborenen eine unüberwindliche Abneigung. So flaute das Feuer langsam ab. Unter dem Schutze der Dunkelheit entschloß sich der Führer zurückzugehen. Gleichzeitig aber räumte auch Morenga die Stellung, um sich nach einem Nachtmarsch am nächsten Morgen der Abteilung Koppy entgegenzu- werfen. Wie es ihm hier ergangen ist, haben wir bereits gesehen. Die operative Geschicklichkeit Morengas war wieder einmal klar zutage getreten. Durch das unglückliche Gefecht der Abteilung Kirchner ist auf deutscher Seite nicht der durchschlagende Erfolg erzielt worden, den ich erhofft hatte. Aber immerhin waren die Banden MorengaS zersprengt und hatten auf der Flucht durch die Abteilung Lengerke noch weitere Verluste. Zudem hatte Morenga sein gesamtes Vieh verloren, und die KarraSberge waren in deutschem Besitz. Das Hauptquartier war mit unserem Erfolg wenig zufrieden. Es blieb bei seiner Meinung, daß man erst die Witbois hätte völlig niederwerfen müssen, bevor man gegen Morenga losschlug. Ob aber Morenga mit seinen Banden ruhig stillgesessen hätte, bis dem Hauptquartier der Zeitpunkt zum Angriff genehm war, das ist eine andere Frage. Dankbar aber erkenne ich an, daß Generalleutnant von Trotha sich mit der Lage abzufinden gewußt hat und sogar in weitherziger Selbstverleugnung Führer und Truppe seine Anerkennung nicht versagt hat. Ich beließ die Abteilungen von Koppy und Kirchner in Narudaö und ließ die freigewordenen Truppen mit dem Beutevieh auf Keetmanshoop marschieren, um sie später weiter im Norden verwenden zu können. Auf diesem Marsch wurden sie noch zweimal vergeblich von Hottentottenbanden angegriffen, die den Verlust ihres Viehs nicht verschmerzen konnten. Auch mit meinem Stab ging ich nach Keetmanshoop zurück. Gerade an meinem Geburtstag, am 21. März, trafen wir dort ein. Der Ort hatte geflaggt. Die Bevölkerung fühlte sich von der bangen Sorge langer Monate befreit. Leider hatte sich mein Arm durch die Karraöexpedition so ver- 7 Deimling, Zeit 97 schlimmert, daß Fieber eintrat und ich mich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Der Stabsarzt untersuchte mich lange und riet dringend zu einer gründlichen Kur in der Heimat, da ich in meinem derzeitigen Zustand nicht mehr felddienstfähig war. Schweren Herzens mußte ich mich entschließen, beim Hauptquartier um meine Rückkehr nach Deutschland einzukommen. Nach einigem Sträuben erhielt ich die Genehmigung zur Rückreise. Nachdem ich das Kommando übergeben hatte, trat ich am 2. April mit meinem Stab den Marsch nach dem Hafenplatz der Südgruppe Lüderitzbucht an. Wir mußten den gefürchteten Baiweg benutzen, der Lüderitzbucht über Kubub mit dem Inneren verbindet. Der erste Marschtag führte uns durch den „abgekommenen", d. h. gerade einmal nach Regenfällen Wasser führenden Fischfluß. Er war aber glücklicherweise schon wieder im Fallen begriffen, denn sonst wären wir gar nicht hinübergekommen. Auch so schon mußten die Pferde bis über die Brust ins Wasser. Die Hitze war unerträglich, eine so drückende Schwüle hatten wir noch nicht erlebt. Die Atmosphäre war offenbar mit Elektrizität überladen, denn bei Dunkelheit tanzten Tausende von kurz aufglühenden und wieder verlöschenden Flämmchen um uns durch die Luft. Ein wunderbares und doch fast unheimliches Naturschauspiel. Am vierten Tage erreichten wir die Station Kuibis, die mit einem Heliographen ausgerüstet war. Wir wurden mit der wenig angenehmen Nachricht empfangen, daß der Bethanierkapitän Cornelius mit 200 Orlogleuten gegen den Baiweg aufgebrochen war. Eine nette Bescherung! Cornelius war ein alter Bekannter von mir, der uns im Feldzug gegen die Hereros als Aufklärer nützlich gewesen war und dafür manche Flasche „Suppi" (Rum) erhalten hatte. Sollte er sich jetzt erkenntlich zeigen wollen durch einen Überfall auf den Regimentsstab? Mit unseren wenigen Gewehren mußten wir sehr auf der Hut sein. In Kubub langten wir am sechsten Tage an. Von dort aus beginnt der Wüstengürtel der Namib, der bis zur Küste eine Breite von izo km hat. „Und die Erde war wüst und leer", an diesen Satz aus der Bibel mußte ich denken, als mein Blick zum erstenmal diese endlose Sandwüste überflog. Die Namib ist nicht etwa eben, sondern sie sieht aus 98 wie ein zu Sand erstarrtes, wogendes Meer. Sandhügel reiht sich an Sandhügel und Düne an Düne. Der beinahe unaufhörlich wehende Südwind treibt den Sand von einer Düne zur anderen, die so zu wandern scheinen. Auch die Wagenspuren werden verweht, und die Gefahr des Verirrens in dieser trostlosen Einöde ist sehr groß. Durch dieses Sandmeer mußte der Nachschub für die Südtruppen auf Ochsenwagen herangeschafft werden. Auf der izo km langen Strecke gab es nur einen Brunnen, die Wasserstelle Ukama mit salzigem, brackigem Wasser. Jede Nacht wurden von hier Leuchtkugeln abgeschossen, um Verirrten den Weg zu weisen. Ist es da zu verwundern, daß wir in der Umgebung von Ukama eine große Zahl von Ochsenleichen sahen und — rochen. Etwa 500 dieser armen Kreaturen haben wir gezählt, die vor Durst und Erschöpfung liegen geblieben waren. Wo wir auf dem Weitermarsch Ochsen trafen, die vor Durst brüllend und schon halb verendet an der Pad lagen, haben wir ihnen den Gnadenschuß gegeben. Welche Unsummen kostete dem Reich dieser Marterweg für Mensch und Tier! Am 8. April abends, also nach siebentägigem Marsch, trafen wir in Lüderitzbucht ein. Mit Wonne atmeten wir die kühle Luft des Meeres in unsere Lungen, endlich befreit von dem Druck der Gluthitze. Am nächsten Morgen hielt mein treuer Kriegskamerad, der Pfarrer Schmidt, einen Feldgottesdienst für die Etappentruppen ab. Was für einen abgerissenen Eindruck ich gemacht haben muß, geht daraus hervor, daß mir der Etappenkommandant nachher sagte: „Wie der Herr Oberst aussahen, schon das hat meinen Leuten einen Begriff vom Feldleben gegeben." Ich hatte einige Tage auf meinen Dampfer zu warten und fand so Muße, mich in dem Ort umzusehen. Lüderitzbucht wurde von unseren Schiffskapitänen als der beste Hafen an der ganzen Westküste bezeichnet. Dicht davor liegt die felsige Haifischinsel, die durch eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Hier war in gesunder Luft das Truppenlazarett eingerichtet, in dem ich einige meiner Leute besuchen konnte. Auch das Gefangenenlager befand sich auf der kleinen Insel, wo ich die Frau des Bethanierkapitäns Cornelius 7 » 99 erkannte. Sie war mit ihrem LoS sehr zufrieden und erfreute sich als geschickte Waschfrau allgemeiner Beliebtheit. Am i;. April trat ich an Bord der „Alexandra Woermann" die Heimreise an. Lange blickte ich zurück auf das Land, in dem ich ein so ereignisreiches Jahr erlebt hatte. Meine Gedanken waren bei meiner Truppe, der ich baldige Niederwerfung des AufstandeS wünschte. Wenn nicht — so war ich fest entschlossen, nach Erlangung meiner Felddienstfähigkeit nach Südwest zurückzukehren. Langsam entschwand die Küste. „Was befehlen Herr Oberst zum Frühstück? Kaviar, Lachs, frischen Hummer?" fragte hinter mir ein höflicher Steward. Ich muß in Gedanken an die furchtbaren Entbehrungen auf der „Pad" ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn ganz verlegen zählte der gute Mann weiter auf: „Portwein, Madeira, Sherry?" Vor ein paar Tagen noch Hottentottenbeef mit Wüstensand und heute die übertrieben üppige Speisekarte eines modernen Passagierdampfers ! Wie gern hätte ich diesen überraschenden Wechsel meinen abgemagerten Reitern gegönnt. Aber der Mensch gewohnt sich an alles und besonders rasch, wenn er sich verbessert. Meinem „Moritz" wurde der Übergang vom afrikanischen Pad- leben zu raffinierter Kultur viel schwerer als mir. Seine gute Erziehung als deutscher Schäferhund vergaß er in gleicher Weise auf dem Promenadendeck wie im Salon oder in meiner Kabine. Er brauchte geraume Zeit, um sich in der Zivilisation wieder zurechtzufinden, aber er blieb mir treu. Wenn ich nicht bei ihm war, fraß er nicht einen Brocken. So wanderten wir jeden Mittag zusammen zur Küchentür. Fünftes Kapitel <^> Mir ein Ragoutgemisch. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auch Maximilian Harden griff in der „Zukunft" zu seiner glänzenden Feder. Er enthüllte seinen Lesern, ich hätte am Waterberg auf deutsche Soldaten schießen lassen und in offenem Zwist mit dem General von Trotha gelebt, alles Klatschgeschichten, denen Harden aufgesessen war. Als ich ihn daraufhin in seiner Villa im Grunewald aufsuchte und ihn über den Sachverhalt aufklärte, konnte ich feststellen, daß dieser viel umstrittene Mann im Grunde doch ein vornehmer Charakter war. Er hat die Selbstüberwindung besessen, mir in der nächsten Nummer der „Zukunft" volle Genugtuung zu geben. Nach der Frühjahrsparade am gi. Mai war ich in das Berliner Schloß befohlen, um mich vor meiner Ausreise beim Kaiser abzumelden. Außer mir waren noch etwa zo höhere Offiziere versammelt. Wir wurden im Schloßhof aufgestellt, wo wir den von der Parade zurückkehrenden Monarchen erwarten sollten. Es fiel mir gleich auf, daß die Herren, obwohl ich verschiedene gut kannte, sich recht reserviert gegen mich benahmen oder mich gar mehr oder weniger merkbar schnitten. Ich konnte mir auch denken, warum. Es war nämlich das Gerücht verbreitet, daß der Kaiser mir meine Reichs- 110 tagsrede höllisch krumm genommen hätte. Und da konnte man doch nicht wissen! Vorsicht war jedenfalls die Mutter der Weisheit. Ich selbst sah aber ruhig der weiteren Entwicklung der Dinge entgegen. Pferdegetrappel wurde im Torweg hörbar, der Kaiser ritt in den Schloßhof, von zwei Flügeladjutanten begleitet. „Deimling", rief er von weitem, als er mich in meiner Tropenuniform mit dem großen, blau umränderten Filzhut erkannte. „Aha, jetzt geht's los", hörte ich noch hinter mir einen lieben Kameraden flüstern, als ich vortrat, um meine Meldung zu machen. Der Kaiser reichte mir vom Pferde herab die Hand, sprach ein paar freundliche Worte und sagte zum Schluß: „Sie frühstücken nachher oben bei mir." Dann nahm der Kaiser die Meldungen der übrigen Herren entgegen. Kaum waren wir wieder allein, da umringten mich die Kameraden, drückten mir die Hand und gratulierten mir zu der allerhöchsten Gnadensonne. Sie hatten es ja gleich gewußt, natürlich! Ein Flügeladjutant holte mich ins Schloß. Beim Frühstück waren nur der Kaiser, die Kaiserin, die Tochter, Prinzessin Viktoria Luise, spätere Herzogin von Braunschweig, eine Hofdame und ein Adjutant zugegen. Der Kaiser kam so zu Tisch, wie er vom Pferde gestiegen war, nur hatte er den Paraderock mit einer Litewka vertauscht. Beim Essen ging es sehr einfach zu, nicht viel anders als bei mir zu Hause am Sonntagmittag. Ich mußte viel von Afrika erzählen, von unseren Kämpfen, von Durst und Strapazen. Die Herrschaften waren so liebenswürdige Wirte, daß es mir leid tat, als schon nach sehr kurzer Zeit die Tafel aufgehoben wurde. Dann nahm mich der Kaiser mit in sein Arbeitszimmer. Wir sprachen ausführlich über die Lage in Südwest, aber mit keinem Wort erwähnte der Kaiser meine Reichstagsrede. Zum Schluß legte er mir die baldige Beendigung des Aufstandes ans Herz, der uns schon so viel Blut und Geld gekostet hätte. Dann entließ er mich mit Segenswünschen für die Truppen. » Sechstes Kapitel 14. Juni 1906 fuhr ich mit dem Doppelschraubendampfer >V^„Herzog" von Antwerpen ab, einem alten Kasten, der phantastisch schaukelte. Für mich war in bester Absicht eine Kabine mit Wohn- und Schlafraum an Deck neu gebaut worden, die in den ersten Tagen penetrant nach frischem Dlanstrich roch. Mir hatte man keinen Gefallen mit dieser Aufmerksamkeit getan, denn ich habe eS nie leiden mögen, wenn für mich eine Extrawurst gebraten wurde. Auch die Verpflegung war, wie auf den meisten Dampfern, ganz unnötig luxuriös. Ich aß mir die ellenlangen Menüs schon in den ersten Tagen über und sehnte mich nach einfacher Kost. Ein Schiffsoffizier hatte endlich Erbarmen und lud mich zu Hammelfleisch mit Bohnen in die Messe. Ein Gutes hatte der „Herzog". Es gab Turngeräte an Bord, vor allem ein mechanisches Pferd, das einem die Eingeweide ordentlich durcheinanderschüttelte. Aber auch am Reck suchte ich durch Klimmzüge und Doppelbeinheben wieder in Form zu kommen für das Padleben in Südwest. Hauptmann Pfeffer, mein sehr tüchtiger und pflichteifriger Adjutant, leistete mir dabei Gesellschaft. Er hatte etwas merkwürdig Versonnenes, das mir zu denken gab. Wir hatten nämlich eine sehr nette Reisegesellschaft an Bord, ein paar Farmer mit ihren Angehörigen, drei Missionare und einen Professor mit einer bemerkenswert niedlichen Tochter, die es meinem Adjutanten angetan hatte. Kurz vor dem Äquator setzte sich Hauptmann Pfeffer den Tropenhut auf und meldete mir seine Verlobung. An dem Abend veranstaltete der Brautvater ein sehr vergnügtes Fest. Er hatte nämlich noch sechs weitere Töchter zu Hause und wird vielleicht bedauert haben, daß er sich für die Reise nicht reichlicher eingedeckt hatte. Am 5. Juli kam Swakopmund in Sicht. Wegen zu hoher See mußten wir noch zwei Tage auf der Reede schaukeln, bis mit dem 112 Ausbooten begonnen werden konnte. Aber auch dann war die Brandung noch unheimlich stark. Der Leichter tanzte an dem Schiff auf und ab, einmal war er tief unten in einem Wellental, bald erschien er auf einem Wellenberg fast in Höhe unseres Decks. Als prominentem Passagier wurde mir die zweifelhafte Ehre zuteil, als erster ausgebootet zu werden. In inniger Umarmung mit einem Kaffeesack mußte ich in dem Kahn warten, bis etwa zo Passagiere ausgeladen waren. Von diesem furchtbaren Schaukeln erfuhr ich erst, wie peinlich die Vorboten einer Seekrankheit sind. Dabei hatte auf dem Pier eine Kompagnie der Schutztruppe Aufstellung genommen, um den neuen Kommandeur zu begrüßen. Während mir der kalte Schweiß auf der Stirne stand, mußte ich die Zähne zusammenbeißen und schritt mit grimmig entschlossenem Gesicht die Front ab. Heilfroh war ich, als Neptun mich ohne ein un- militärisches Opfer aus seinen Klauen ließ. Am AuSgang des Piers stand ein elegantes Break mit sechs wohlgenährten Schecken bereit, um mich in mein Quartier zu fahren. Aha, Etappe! Mir fielen die abgetriebenen, mageren Pferde ein, mit denen ich vor fünfviertel Jahren gegen die Karrasberge marschiert war. In den nächsten Tagen verstärkte sich der Eindruck, daß in der Etappe sehr wenig feldmäßige Zustände eingerissen waren. In unliebenswürdiger Weise habe ich da Wandel geschaffen. In Windhuk traf ich mit dem Gouverneur von Lindequift zusammen, einem ausgezeichneten Kenner von Land und Leuten, der mich rückhaltlos unterstützt hat. Um Windhuk herum befanden sich mehrere Gefangenen-Krale, die zur Bewachung zahlreiche Truppen beanspruchten. Ich ließ daher die Gefangenen auf die Haifischinsel bei Lüderitzbucht abschieben, wo ein Maschinengewehr auf der Verbindungöbrücke vollkommen ausreichte. Nach einer Woche ging ich nach Keetmanshoop, wo mein Stellvertreter, Oberst Dame, sein Hauptquartier hatte. Über die Zeit in Windhuk wird am besten der Brief eines mir unbekannten Einwohners orientieren, der am 14. August 1906 in der „Täglichen Rundschau" veröffentlicht wurde: „Als die Kunde von Deimlings Auftreten im Reichstag nach Südwest kam, empfand man es allgemein als unnötige Herausforderung und war geneigt, ihm die ganze Schuld für das ö Deimling, Zeit 113 Scheitern des neuen Bahnprojekts aufzubürden. Und doch ist er nun der Mann deö allgemeinen Vertrauens, auch derer, die sich durch sein Auftreten am meisten geschädigt glaubten, die überhaupt sehr kritisch gestimmt sind gegen alles, waö Regierung und Militär heißt, nämlich der Farmer. Wie hier seine Persönlichkeit die Kritik entwaffnet, so wird überhaupt jeder das Gefühl haben, daß Oberst von Deimling einer Sache, die er vertritt, durch das Einsetzen seiner ganzen Person eine über die formelle Begründung Hinausreichende Bedeutung gibt. Das hat er auch hier in einer Sache getan, in der ein offenes Wort vonnöten war. In einer temperamentvollen Rede sprach er rücksichtslos und derb aus, daß die Ehre der Truppe gefährdet sei durch in die Heimat gedrungene Gerüchte über Raufhändel, Disziplinlosigkeit und Unzucht, und daß der „Suff", dieses Erblaßter Südwestafrikas, unsere Soldaten innerlich und äußerlich zugrunde zu richten drohe. Dann appellierte er an das Kameradschaftsgefühl, damit jeder, der felddienstfähig sei, sich auch melde und denen, die des Tages Last und Hitze an der Front getragen hätten, Ablösung verschaffe. Wo er hinkommt, verschwindet von selbst die Bequemlichkeit, in die man sich auch auf dem Kriegspfad allmählich eingelebt hat. Er hat den Offizieren ihre weißen Burschen, Militärbeamten ihre zweiten Reitpferde weggenommen und den Verbrauch von Soldaten im Büro- und Garnisondienst eingeschränkt. Andererseits hat er dem gefährlichen Experiment, kriegsgefangene Witboiö als Ko- lonnenführer zu verwenden und ihnen so die beste Gelegenheit zur Spionage zu geben, seine Zustimmung versagt. Wenn er es noch dazu fertigbringt, Soldaten in größerer Zahl an die Heimat abzugeben und dennoch Fortschritte in der Kriegsführung zu erzielen, so wird man seiner Tatkraft die Bewunderung nicht versagen können. Voll Vertrauen sah man ihn hier kommen, als er sich jeden Empfang verbat, Automobil und Wagen nach Hause sandte und zu Fuß vom Bahnhof in seine Wohnung ging. Das Vertrauen wuchs, als er während anstrengender militärischer Vorbereitungen doch Zeit fand, Zivilisten ihr Recht zu verschaffen, denen er für ihre Verdienste im Kriege die Ansiedlung versprochen hatte, ohne daß sie bisher etwas erreichen konnten. Und vertrauensvoll sah man ihn 114 nun nach dem Süden gehen, als er an einem kalten Wintermorgen aus einer Dräsine nach Swakopmund fuhr, obwohl ihm der Wagen des Gouverneurs zur Verfügung gestellt war. Nimmt man dazu, daß Deimling als ein Mann des mäßigsten Lebensgenusses dem „Suff" zu Leibe geht, wo er kann, so muß man sich freuen, daß dieser Mann trotz mannigfacher Enttäuschungen auf einen nicht viel Lorbeer verheißenden Posten zurückgekehrt ist." Mitte Juli fuhr ich mit dem Küstendampfer von Swakopmund nach Lüderitzbucht und von dort mit der neuen Eisenbahn weiter, die schon bis halbwegs Kubub fertiggestellt war. An der Endstation standen Pferde bereit zum Ritt nach Keetmanshoop, darunter auch mein alter „Naseweis", der mir während meines ersten Aufenthalts in Südwest so treu gedient hatte. Durch die überstandenen Strapazen war er aber nur noch als Packpserd zu gebrauchen, aber bald schaffte er auch diese Arbeit nicht mehr. Der Stabsveterinär wollte ihn erschießen lassen. Ich konnte aber mit einem Farmer eine Vereinbarung treffen, die dem alten Tier das Gnadenbrot sicherte. Mit ganz anderer Zuversicht ritt ich jetzt den Baiweg hinauf, als ich ihn vor fünfviertel Jahren mit meinem schmerzenden Arm hinuntergeritten war. Dem Kriegsende waren wir jetzt um ein gutes Stück nähergekommen. Unsere Hauptgegner, der alte Hendrik Witboi, Cornelius und Morenga waren erledigt, nur kleinere Banden unter Morris, Fielding und Simon Copper machten noch Orlog im Südbezirk. Vor einigen Wochen hatte noch ein schweres Gefecht südöstlich der Großen Karrasberge stattgefunden. Am 24. Mai war dann Leutnant Fürbringer, ein sehr verdienstvoller Signaloffizier, mit seiner Begleitung von zwölf Reitern umzingelt und niedergemacht worden. Am z. Juni verloren wir in einem siegreichen Gefecht gegen 200 Bondelö bei Sperlingspütz zwei Offiziere und acht Mann als Tote und sieben Verwundete. Vierzehn Tage später überfielen die Hottentotten die 8. Batterie bei Gabis, südlich der Großen Karrasberge, und erbeuteten fast die gesamte Bespannung. Kurzum, der Kleinkrieg war noch in vollem Gange. Am 2Z. Juni, nach sechs scharfen Marschtagen, tauchte der Kirchturm von Keetmanshoop aus der Feme auf. Von den Behörden, aber auch von den Eingeborenen wurde ich sehr freundlich 115 begrüßt. Dann ließ ich mir von Oberst Dame das Kommando übergeben, das er acht Monate lang mit großer Umsicht geführt hatte. Am nächsten Tage begab er sich über Windhuk in die Heimat. Ich übernahm von ihm einen Stab von tüchtigen, bewährten Offizieren und Beamten, die mich in der Folgezeit vortrefflich unterstützt haben. Es gab viel und schwere Arbeit. Galt eS doch, nicht nur die Feldoperationen zu leiten, sondern auch die Schutztruppe zu verringern, die Rücktransports zu regeln und die künftige Organisation vorzubereiten. Bei meinem Stäbe fand ich auch den englischen Major Wade vor, der mit Einverständnis des Auswärtigen Amtes dem Kommando für die Dauer des Kriegszustandes zugeteilt worden war. Er zeigte sich als taktvoller Kamerad, den wir alle gern hatten. Meine erste operative Maßnahme war eine grundlegende Änderung der bisherigen Kriegsführung. Jetzt handelte eS sich nicht mehr um den Kampf gegen stärkere feindliche Kräfte, sondern um einen von den Eingeborenen mit erbitterter Zähigkeit geführten Kleinkrieg, dem man seine Basis entziehen mußte. Die Hauptquelle des Widerstandes war das Beutevieh, das den Banden nicht nur zum Lebensunterhalt diente, sondern das sie jenseits der Grenze durch Helfershelfer gegen Waffen, Munition und ihre sonstigen Bedürfnisse eintauschen konnten. Um diese Quelle zu verstopfen, ließ ich alles entbehrliche Vieh nach Norden an militärisch gesicherte Punkte abtreiben. Gleichzeitig stellte ich an den Hauptpunkten des Südbezirks stets marschbereite Verfolgungskolonnen auf, die untereinander durch Signalstationen in Verbindung standen und sofort aufsaßen, wenn sich verdächtige Spuren zeigten, und sich in der Verfolgung des Gegners ablösen konnten. Daß dieser Weg richtig war, hat sich rasch erwiesen. Die Ausführung dieser neuen Maßnahme übertrug ich dem Kommandeur des 2 . Feld-Regiments, Oberstleutnant von Estorff, dem „alten Römer", wie er in der Schutztruppe allgemein hieß. Er war ein erprobter „Afrikaner", ein zäher, persönlich anspruchsloser, aber energischer Führer, an dem die Truppe mit vollem Vertrauen hing. Um mich von dem Erfolg meines Kriegsplanes zu überzeugen, brach ich am 8. August mit meinem Stab zu einem Ritt bis zur 116 Südgrenze der Kolonie auf. Am 2z. langten wir in Ramansdrift am Oranje an. Mit Genugtuung konnte ich feststellen, daß meine Anordnungen tatkräftig durchgeführt wurden. So ist eine feindliche Bande unter Johannes Christian am 6 . August bei Alurisfontein angegriffen und von immer neuen Detachements drei Wochen lang verfolgt worden, bis sie vollkommen auseinandergesprengt war und alle Pferde verloren hatte. Eine andere Gruppe von Aufständischen mußte auf englisches Gebiet flüchten. In dem kleinen Grenznest Ramansdrift hatte sich zu dieser Zeit eine abenteuerliche Gesellschaft zusammengefunden, die irgendwie vom Kriege leben wollte. Der Oranje führt im allgemeinen ziemlich viel Wasser, so daß eine Fähre unseren Proviant für teures deutsches Geld aus der Kapkolonie herüberbringen mußte. Bei niedrigem Wasserstand konnten aber auch Wagen das Flußbett durchqueren, so daß allerhand dunkle Geschäfte möglich wurden. Auf dem andern Ufer lag das englische Zollhaus, wo eine Wache unter einem Leutnant postiert war. Der englische Offizier machte mir gleich nach meinem Einrreffen einen Besuch, den ich am nächsten Tag erwiderte. Die Gegend ist sehr schön. Das enge, von hohen Felsbergen umgebene Tal macht besonders bei Mondschein einen romantischen Eindruck. Nachts und morgens war es bitter kalt. Man sehnte den Augenblick herbei, wenn die Sonne hoch kam. Nach vierzehntägigem Aufenthalt in Ramansdrift marschierten wir nach Keetmanshoop zurück, wo ich mit dem nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Dr. Semler aus Hamburg zusammentreffen wollte. Der Abgeordnete bereiste das Schutzgebiet, um nach persönlichem Augenschein im Reichstag berichten zu können. Ich hatte ihn in der Budgetkommission kennen und schätzen gelernt. Wie wenig gesichert damals noch die Verhältnisse waren, beweist der Umstand, daß ich Dr. Semler dauernd durch eine militärische Eskorte begleiten lassen mußte, weil er mehrfach in bedrohliche Lage geriet. Am z. Oktober kamen wir gleichzeitig in Keetmanshoop an. Der Abgeordnete hatte von Lüderitzbucht aus die Reise zu Pferde gemacht und kannte jetzt die Schwierigkeiten des Baiweges zur Genüge. Der Bahnbau war zwar schon bis Kilometer 122 vorgetrieben, und die seinerzeit von mir angeforderten Kamele waren auf 117 ;oo Stück, eingeteilt in sechs Karawanen zu je 80 Tieren, vermehrt worden, so daß sich das Elend der Ochsenwagen vermindert hatte. Aber das Bedürfnis nach einer Bahnverbindung von Lüderitzbucht bis KeetmanShoop wurde doch im Interesse der Kostenersparung immer dringender. Ich habe deshalb bei der Kolonialabteilung in Berlin die Heraussendung von Feldbahnmaterial beantragt, um mit meinen Eisenbahnern und Pionieren wenigstens eine behelfsmäßige Verbindung herstellen zu können. Sollte später die Bahn doch noch bewilligt werden, so war eine nützliche Vorarbeit schon geleistet. Auch mit Autos habe ich Versuche gemacht. Es gab draußen einen Personenwagen und ein Lastauto. Für das Personenauto fielen die Versuche günstiger aus als für den Lastwagen, dessen Verwendung auf dem Baiweg in seinem jetzigen Zustand ausgeschlossen war. Als der Personenwagen zum erstenmal nach KeetmanShoop kam, sammelten sich die Eingeborenen offenen Mundes um dieses Jauberwesen, das sich ohne sichtbare Ochsen vorwärts bewegen konnte. Auch der Kapitän Goliath von den Berseba-Hottentotten war unter den Zuschauern. Ich forderte ihn auf, mit mir im Auto Platz zu nehmen. Als der Schofför ankurbelte und der Wagen sich ratternd mit viel Gestank in Bewegung setzte, wollte Goliath ganz aschgrau vor Angst herausspringen, wurde aber unerbittlich von mir festgehalten. Unter lautem Geschrei stoben die Eingeborenen auseinander, und manche haben sich erst unter dem Schutz der Dunkelheit wieder in ihre Hütten getraut. Dr. Semler hatte während seines Aufenthalts in KeetmanShoop Gelegenheit, eine kleine Kriegsepisode aus nächster Nähe zu erleben. Er selbst berichtet darüber: „Als wir von der Hererowerft herunterstiegen, wurde in der Kaserne gerade Alarm geblasen. In unmittelbarer Nähe, nur 20 Minuten von KeetmanShoop entfernt, hatte eine Hottentottenbande die Farm Smitzpütz überfallen und den Farmer sowie zwei Buren erschossen. Außerdem hatte ein Stabsoffizier, der von Norden gekommen war, berichtet, daß er auf zahlreiche berittene Hottentotten mit Gewehren gestoßen sei. In der als Kaserne benutzten Festung saßen sofort 45 Reiter auf. Ihre Pferde sahen abgetrieben aus und die Reiter abgerissen, aber man sah ihnen an: 118 ,die beißen'. Zwei Tage darauf ging denn auch die Meldung ein, daß es mit den abziehenden Hottentotten zu einem Gefecht gekommen sei. Deimling hatte inzwischen von der Flanke her eine andere Kompagnie telegrafisch gegen die voraussichtliche Rückzugslinie der Bande angesetzt. So konnte der größte Teil des geraubten Viehs jetzt schon zurückgebracht werden." Allmählich fing meine Taktik an wirksam zu werden. Da die Eingeborenen bei der Verfolgung meist ihr Vieh einbüßten und nur noch selten Gelegenheit hatten, neues zu rauben, begannen sie unter Mangel an Nahrungsmitteln zu leiden. Es fanden nur noch zusammenhanglose Einzelkämpfe und Überfälle statt. Nach einem Gefecht in den Karrasbergen ergaben sich 27 Orlogleute des „Propheten" Stürmann. Die Bande Fielding konnte Mitte November an der Nuob- mündung überrascht werden und mußte unter Jurücklaffung ihres ganzen Viehs über den Oranje auf englisches Gebiet flüchten, bei einer Drift, die den schönen Namen Loreley führt. Je mehr sich die Hottentotten von der Aussichtslosigkeit neuer Viehräubereien überzeugten, desto stärker wurde ihre Kriegsmüdigkeit. Allmählich mehrten sich daher die Zeichen von Friedensbereitschast. Schon Anfang Oktober hatte ich einen Bries von Abraham Morris bekommen, in dem es hieß: „Ich habe von heute ab mein Gewehr umgedreht, und es soll mich nichts veranlassen, etwas anzugreifen. Mit dem festen Vertrauen, daß wir das Ziel des Friedens erreichen werden, schließe ich meine Zeilen mit herzlichem Gruß. Ihr Abraham Morris." Einige Zeit darauf war auch ein Bote mit weißer Flagge in Keetmanshoop eingetroffen, der angab, daß der Kapitän der Bondelzwarts Johannes Christian um Frieden bitte. Ich war fest entschlossen, den Krieg durch eine Verständigung mit den Eingeborenen so rasch wie möglich zu beenden. Darum ließ ich alle Operationen in den Gebieten, wo sich Friedensbereitschaft gezeigt hatte, einstellen. Am 20. Oktober ließ Johannes Christian den Pater Malinowski von der Missionsstation Heirachabiö um eine Unterredung bitten und traf zwei Tage später gegen Zusicherung freien Geleits dort ein. Mit der Führung der Verhandlungen beauftragte ich den Oberst- 119 leutnant von Estorff, der in hohem Ansehen bei den Eingeborenen stand. Für die Friedensbedingungen hatte mir der Gouverneur von Lindequist, der zu den Reichstagsverhandlungen nach Berlin berufen war, Richtlinien hinterlassen, in denen es hieß: „Jeder Hottentottenstamm muß längere Gefangenschaft durchmachen und aus seinem Lande verbannt werden. Dies halte ich auch für die Bondelzwarts für unbedingt notwendig, sonst sind wir vor der Wiederholung des Aufstandes nicht sicher. Wir dürfen den Bondelzwarts keine anderen Bedingungen stellen als den übrigen Hottentotten und Hereros. Höchstens könnte man ihnen vielleicht die Zusage machen, daß sie auf Wunsch zusammenbleiben dürfen." Jeder Kenner dieses freiheitsliebenden und kriegerischen Volkes wird über die gouvernementalen Richtlinien wohl ebenso denken, wie ich damals darüber dachte: sie verkennen den Volkscharakter des Gegners. Die Hottentotten würden lieber bis zum letzten Mann kämpfen, als daß sie sich in Gefangenschaft schleppen lassen. Ich habe deshalb in Abwesenheit des Gouverneurs auf eigene Verantwortung den Bondelzwarts Leben und Freiheit zugesagt und nur Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft sowie Abgabe von Waffen und Munition gefordert. Von den eingeleiteten Verhandlungen habe ich den maßgebenden Stellen in Berlin keine Kenntnis gegeben, da der Erfolg zweifelhaft war. Vor allem aber fürchtete ich, daß man mir vom grünen Tisch in Berlin mit ähnlichen „Richtlinien", wie sie mir vorlagen, in den Arm fallen könnte. Die Verhandlungen gestalteten sich sehr schwierig, denn die Bondelzwarts waren außerordentlich mißtrauisch. Zunächst erklärte ihr Kapitän, daß er über die Waffenabgabe ohne die Zustimmung seiner Großleute nicht entscheiden könne. Es wurden Boten aus- gesandt, aber die Großleute kamen nicht. Pater Malinowski ritt Mitte November in die Oranjeberge, um sie aufzusuchen, konnte sie aber nicht erreichen, da sie auf englischem Gebiet den Lauf der Dinge abwarteten. Mitte Dezember kehrte er unverrichteter Sache zurück. Nunmehr beauftragte ich Oberstleutnant von Estorff, ohne das 120 Eintreffen der fehlenden Großleute abzuwarten, mit den endgültigen Verhandlungen zu beginnen. Am 21. Dezember traf der Kapitän Johannes Christian mit einigen Unterkapitänen in Ukamas ein. Am 22. Dezember gestand Christian die Waffenabgabe endlich zu, weigerte sich aber in eine Ansiedlung bei Keetmanshoop zu willigen, die ich gefordert hatte, um die unsicheren Kantonisten von der Südgrenze fortzubekommen. Oberstleutnant von Estorff gab ihm Bedenkzeit bis zum 2z. Dezember, aber auch an diesem Tage blieben die Bondels bei ihrer Weigerung. Von ihrem angestammten Grund und Boden wollten sie sich auf keinen Fall verpflanzen lassen, sondern lieber bis zum letzten Atemzug kämpfen. Ich gab darauf die Weisung, die Verhandlungen an der Platzfrage nicht scheitern zu lassen. Daraufhin unterschrieben die Bondels den Friedensvertrag und gaben alle Gewehre ab, die nach unserer Schätzung in ihren Händen sein mußten. Sie waren also entschlossen, den Vertrag ehrlich zu halten. Unser Unterhändler, Hauptmann von Hagen, hat den Abend nach Friedensschluß in einem Bericht geschildert: ' „Am Abend hielt Pater Malinowski in der kleinen Missionskirche einen Gottesdienst ab. Da saßen alle die Bondels friedlich in der Kirche, nachdem sie drei Jahre lang Orlog gemacht hatten. Der Pater sprach sehr schön über das gelungene Friedenswerk. Mir persönlich war es ein merkwürdiges Gefühl, mit all diesen Leuten, die drei Jahre lang gegen uns gekämpft und manchen lieben Kameraden niedergeschossen hatten, zusammen in der Kirche zu sitzen." Am 24. Dezember meldete ich telegrafisch dem Kaiser und dem Geheimrat Dernburg, dem Nachfolger des Erbprinzen von Hohen- lohe in der Leitung der Kolonialabteilung, den Abschluß des Friedens von HeirachabiS. Diese Nachricht kam der Heimat überraschend. Noch kurz zuvor, am iz. Dezember, war der Reichstag aufgelöst worden, weil er die Mittel zur Fortführung des Krieges nicht bewilligt hatte. Zur Zeit des Friedensschlusses war mir dieser Vorfall noch nicht bekannt, sondern ich hörte erst nachträglich davon. Der Orlog war zu Ende. Die Überführung der Bondels in die ihnen angewiesenen Reservate in der Gegend von Kalkfontein ging 121 reibungslos vonstatten. Immer mehr Bondels kehrten aus englischem Gebiet zurück und unterwarfen sich dem Friedenövertrag unter Abgabe ihrer Waffen. Meine Aufgabe im Südbezirk war gelöst. Mitte Januar 1907 marschierte ich nach Windhuk. Zu meinem Stäbe war inzwischen der Prinz Joachim Albrecht von Preußen, ein Vetter des Kaisers, getreten, der am Hose in Ungnade gefallen war wegen seiner Liebe zu einer Dame bürgerlicher Herkunft. Er war ein liebenswürdiger Kamerad und erwies sich jetzt an ruhigen Abenden als ein begnadeter Cellist. Mir gefiel besonders an ihm, daß er trotz der Verbannung nach Afrika bedingungslos an seiner Neigung festhielt. Ich hatte den jungen Offizier vorher auf Patrouillen gegen die Hottentotten erprobt, wobei er voll seinen Mann gestanden hat. In Windhuk fand eine feierliche Begrüßung durch Behörden und Einwohnerschaft statt. Ich war aber nicht nach Windhuk gekommen, um zu feiern, sondern um energisch den Bestand der Schutztruppe auf Friedensstärke zu verringern. Meinem Versprechen im Reichstag gemäß hatte ich bis zum i. Dezember schon 5000 Mann heimgesandt. Nun galt es, die künftige Schutztruppe, für die zunächst eine Stärke von 4000 Mann vorgesehen war, zu organisieren und zweckmäßig auf das riesige Gebiet zu verteilen. Wie ich vorausgesehen hatte, brach nach dem Friedensschluß mit den Bondels der Widerstand der übrigen Aufständischen rasch zusammen. Die Bandenführer Fielding und Morris ergaben sich Anfang April. Im Feld stand nur noch Simon Copper, aber auch dieser hartnäckige Krieger hatte schon Friedensverhandlungen angebahnt. Dadurch war die Aufhebung des Kriegszustandes ermöglicht. Am zi. März wurde sie durch kaiserliche Order ausgesprochen, und die Verwaltung konnte endlich beginnen, sich der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie zu widmen. Mir selber brachte der Tag des Friedens in Südwest die Beförderung zum General, unter Enthebung meiner Stellung als Kommandeur der Schutztruppe. Mein Nachfolger wurde der verdiente Oberstleutnant von Estorff. So konnte ich leichten Herzens scheiden, weil ich wußte, daß ich meine Aufgabe energischen und geschickten Händen übergeben hatte, und einen besseren Dienst kann kein Soldat seinem Vaterland leisten, als einen raschen und ehrenvollen Frieden zu erkämpfen. 122 Selbstredend gab es in der Heimat Leute, die mit dem Frieden von Heirachabis durchaus nicht einverstanden waren. Die einen meinten, nach gewissenhafter Informierung auf dem Globus in der Zimmerecke, daß ich eine Verpflanzung aller Hottentotten nach dem Norden durchsetzen, vor allem aber die Verhandlungen früher hätte melden sollen, um „höhere Richtlinien" einzuholen. Mein Friedensschluß mag diplomatische Schönheitsfehler gehabt haben, aber ich habe durch Verständigung erreicht, daß nie wieder, solange Südwest in deutschen Händen war, ein Schuß von den Hottentotten gefallen ist. Andere Kritiker wieder fanden es „schlapp", daß ich überhaupt mit den Eingeborenen verhandelt hätte. So zog noch jahrelang nach dem Weltkrieg ein General und ehemaliger Schutztruppenoffizier durch die deutschen Städte und hielt „Kolonialvorträge", in denen er seinen ehemaligen Kommandeur, Deimling, wegen seines schlappen Verftändigungssriedenö beschimpfte. Und ein anderer Herr schrieb mir damals: „Was Sie getan haben, Herr General, war nicht preußisch. Man verständigt sich nicht mit den Feinden, sondem man vernichtet sie." Arme Leute! Und armes altes Preußentum, das nicht verdient hat, durch solche Menschen so mißverstanden zu werden. Das deutsche Volk aber dachte in seinem gesunden Instinkt gar nicht „preußisch", sondern war heilfroh, daß die dreijährigen Kämpfe zu Ende waren, die so große Opfer gefordert hatten. Als im Februar 1907 Neuwahlen zum Reichstag stattfanden, da fielen diese „Hottentottenwahlen", wie sie genannt wurden, unter dem Eindruck des Friedens in Südweft so kolonialfreundlich aus, daß der neue Reichstag das Regierungsprogramm glatt bewilligte: die Schutztruppe von 4000 Mann, die Verlängerung der Eisenbahn nach Keetmanshoop und ein selbständiges Kolonialamt mit dem Staatssekretär Dr. Dernburg, einem erfahrenen Kenner des Wirtschaftslebens, an der Spitze. Auch der Große Generalstab dachte in seinem amtlichen Werk nicht „preußisch" in mißverstandenem Sinn, sondern lobte die kluge Mäßigung des militärischen Führers. Am 2. Mai traf ich in Hamburg ein und durfte wieder am Petersen-Kai Frau und Tochter umarmen. Offizieller Empfang! 123 Der Kommandierende General aus Mona, Behörden, Hamburger Senat. Ich bat um die Erlaubnis, den hochherzigen Dank an die Stelle weitergeben zu dürfen, die ihn verdiente, an jeden einzelnen Reiter der braven Schutztruppe. Abends war ich mit meiner Familie bei dem Abgeordneten Dr. Semler zu Gast, den ich draußen als einen Mann von besonderem Format schätzen gelemt hatte. Unter den Gästen waren der Präsidierende Bürgermeister der Freien Hansestadt Dr. Mönkeberg, der Vizepräsident des Reichstags Geheimrat Paasche, Baron von Ohlendorf, der treue Freund BismarckS, und viele Kaufherren aus Hamburg, deren Blick durch Generationen für die internationale Politik geweitet war. Ihre Anerkennung war mir eine Bestätigung, daß ich die überseeischen Interessen Deutschlands richtig wahrgenommen hatte. Am nächsten Tag gingen in Berlin die dienstlichen Meldungen los. Zu diesem Zweck mußte ich mir den Generalshut der Schutztruppe aufsetzen, mit breitem, goldenem Rand um die Krempe. Das war eine ebenso prächtige wie auffallende Kopfbedeckung. Bei dem neuen Staatssekretär des Kolonialamtes, Exzellenz Dernburg, meldete ich mich in seiner Villa im Grunewald. Seine klugen Fragen nahmen mich sofort für den neuen Herrn ein. Als er mir im Laufe der Unterhaltung versicherte, daß er mich nicht wieder im Reichstag auftreten lassen wolle, fiel mir ein Zentnerstein von der Seele. Ich hatte für meinen kleinen Bedarf noch vom letztenmal genug. Beim Kaiser meldete ich mich bei der alljährlichen Frühjahrsparade des Lehrinfanteriebataillons im Neuen Palais bei Potsdam, wo nach der Parade ein historisches Frühstück für die Truppe stattfand, das sogenannte Schrippenfest. Der Kaiser drückte mir freudig die Hand und zeigte deutlich seine Zustimmung, daß ich die dreijährigen blutigen Kämpfe in Südwest durch Verständigung zu einem guten Ende gebracht hatte. Ein Erlebnis aus dieser Zeit möchte ich noch erzählen, meine Einladung zur „Kieler Woche" durch den Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, Albert Ballin. Diese „Kieler Woche" fand alljährlich im Juni in der Kieler Bucht statt, wo sich nach dem Vorbild der englischen Regattawoche von CoweS alle diejenigen zu 124 jeder Art von Wassersport trafen, die von der bedenklichen Parole begeistert waren: Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser. Voraussetzung für die Teilnahme war allerdings das nötige Kleingeld, denn bei der „Kieler Woche" ging es hoch her. Jedenfalls habe ich auf der „Oceana", dem Gaftschiff der Hamburg-Amerika- Linie, diesen Eindruck gewonnen. Auf diesem Dampfer waren weit über hundert Gäste, meist bekannte Namen des Flotten- und Kolonialvereins mit ihren Damen untergebracht. Staatssekretär Dernburg mit Gattin war da, Rathenau Vater und Sohn, die Frau des Kriegsministers von Einem mit Tochter, der Abgeordnete vr. Semler mit Töchtern, Graf und Gräfin Ieppelin-Aschhausen und noch viele andere. Ein buntes, aber auch anstrengendes Gesellschaftsleben entwickelte sich, feierliche Mahlzeiten mit endlosen Menüs, Segel- oder Motorbootpartien und Landausflüge in die Umgebung der reizvollen Kieler Bucht. Abends zum Diner war das Schiff in eine Flut von elektrischem Licht getaucht und in einen Blumengarten von auserlesener Pracht verwandelt, die Damen in großer Toilette, die Herren im Frack oder in Uniform. Nach dem Essen wurde an Bord zu den Klängen einer Matrosenkapelle getanzt. Als Tänzer erschienen die Marineleutnants von den Kriegsschiffen in ihren schmucken Uniformen. Kurz, es war eine Aufmachung, die den ganzen aufdringlichen Glanz der damaligen Zeit widerspiegelte. Einmal kam auch der Kaiser von seiner weißen Jacht „Hohen- zollern" auf die „Oceana" und mischte sich unter die Gäste. Ein andermal lud er eine Anzahl Herren von der „Oceana" auf die „Hohen;ollern" ein, darunter auch mich. Dann folgte ein Ball im Kieler Schloß beim Prinzen Heinrich, dem passionierten Förderer des Automobil- und Flugsports, und jeden Tag sorgten mehrere Bordfeste auf den Kriegsschiffen für die Tanzlust der Damen. Auf die Gefahr hin, undankbar gegen meinen verdienten und ungewöhnlich klugen Gastgeber Ballin zu erscheinen, muß ich der Wahrheit die Ehre geben und bekennen, daß ich herzlich froh war, als die Kieler Woche ein Ende hatte. Den ganzen Tag frühstücken und dinieren, Süßholz raspeln und flirten, das war mir auf die Dauer zu viel. Auf der afrikanischen „Pad" hatte ich mich wohler gefühlt. Dieser gesellschaftliche Glanz unter den blaugrauen 125 Kanonen der Flotte ließ mich trotz der strahlenden Junisonne über der freundlichen Bucht nicht froh werden. Elf Jahre weiter und die ganze Flotten- und Kolonialherrlich- keit des deutschen Volkes war in dem allgemeinen großen Zu- sammenbruch versunken. Besonders das Schicksal Südwestafrikas im Weltkrieg wurde ein Trauerspiel. Schon im September 1914 stieß ein 65000 Mann starkes Expeditionsheer der südafrikanischen Union, glänzend ausgerüstet mit allem modernen Kriegsgerät, unter Führung des Generals Botha bei Ramansdrift über den Oranje vor. Ihm trat das kleine Häuflein unserer Schutztruppe, deren Friedensstärke von 1800Mann durch Einziehung aller halbwegs dienstfähigen Leute auf 5oooMann gebracht war, unter Führung des Oberstleutnants von Heydebreck, entgegen. Bei Sandfontein nördlich vom Oranje kam eS am 26. September 1914 zum ersten Zusammenstoß, in dem die deutschen Truppen einen Sieg erfochten. Als aber bald darauf der Feind starke Truppen in Lüderitzbucht und um die Jahreswende auch in Walstschbai bei Swakopmund landete, bedrohten diese Kräfte den Rücken unserer kleinen Streitmacht und zwangen sie so, den Süden aufzugeben und in nördlicher Richtung zurückzugehen. In verschiedenen Stellungen suchten sie dem nachdrängenden Feind Widerstand zu leisten, so im Frühjahr 1915 am Swakop, später am Waterberg und im Juli bei Otawi. Jedesmal aber war es das Schicksal dieser Verteidigungsstellungen, daß sie von der Übermacht des Gegners, der über vorzügliches Pferdematerial und zahlreiche Automobilkolonnen verfügte, umgangen wurden und schleunigst geräumt werden mußten, wenn sie nicht umfaßt werden wollten. Unsere Truppen wurden einfach durch Bedrohung der rückwärtigen Verbindungen aus ihren Stellungen heraus marschiert. ^ ^ So wurde die Schutztruppe langsam bis zur Wasserstelle Khorab an der Nordgrenze der Kolonie zurückgedrängt. Hier verschanzten sich ihre Reste zum letzten Widerstand unter Major Franke, der das Kommando für den an den Folgen einer Verwundung gestorbenen Oberstleutnant von Heydebreck übemommen hatte. Bald begann der Feind auch gegen diese Stellung mit seinen 126 Umgehungsmanövern. Es gelang ihm, sie in weitem Umkreis, aber doch so, daß sie von seinen weittragenden Geschützen beherrscht wurde, einzuschließen. Da entschloß sich der Gouvemeur Dr. Seitz zur Vermeidung von weiterem, zwecklosem Blutvergießen zu Verhandlungen mit dem Gegner. Die Verpflegung ging zu Ende, Pferde und Maultiere hatten schon lange kein Kraftfutter mehr erhalten und waren nicht mehr verwendungsfähig. Ein Durchbruch durch die feindliche Umklammerung war aussichtslos. Am 9. Juli 1915 kam es zur ehrenvollen Kapitulation der noch etwa 2000 Mann starken Schutztruppe. Die aktive Truppe behielt Waffen und Reittiere und wurde in einem Konzentrationslager bei Aus untergebracht. Offiziere und Mannschaften der Reserve wurden auf freien Fuß gesetzt. Die Tragödie war aus, und über Südwest wehte der Union-Jack. Im Gegensatz zu den anderen deutschen Kolonien wurden aber die deutschen Ansiedler nicht ausgewiesen. Viele der alten Farmer sind zwar durch Kriegsverluste und die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre ruiniert worden, doch haben sich die gesunden Betriebe durch die Ungunst der Zeit durchgerungen. Allerdings mußten die Deutschen das britische Bürgerrecht annehmen. Dann wurde ihnen aber ein bescheidenes Recht zur Mitverwaltung des Landes eingeräumt. Auch heute steht die südafrikanische Burenregierung der Ansiedlung von Deutschen wohlwollend gegenüber. Mangel an Kapital verbietet uns aber, diese Möglichkeit in größerem Umfang auszunutzen. Mir als altem Afrikakämpfer ist der Verlust unserer Kolonien naturgemäß besonders nahegegangen. Trotzdem aber vermag ich, wie die Verhältnisse heute liegen, einer Propaganda für Wiedererlangung der Kolonien außerhalb des Rahmens der allgemeinen Außenpolitik nicht das Wort zu reden. Der wirtschaftliche Nutzen unserer Kolonien war vor dem Kriege verhältnismäßig gering. Wenn es hoch kam, lebten zusammen 25000 Deutsche in allen unseren Kolonien. Von unserer gesamten Ein- und Ausfuhr, die 191z etwa je 10 Milliarden Goldmark betrug, kamen auf die Kolonien nur 5z Millionen Einfuhr und 57 Millionen Ausfuhr. Unser Hauptbudget wies jedoch 100 Millionen Mark Ausgaben für die Kolonien auf. 127 Koloniale Tätigkeit erfordert ungeheure Kapitalien, wenn sie für die Auswanderung eine praktische, nicht nur propagandistische Rolle spielen soll. Noch auf geraume Zeit hinaus ist aber Deutschland auf die Einfuhr ausländischen Kapitals angewiesen, um die heimische Wirtschaft bis zur Kapitalbildung aus eigener Kraft über Wasser zu halten. Mit geborgtem Geld aber können wir nicht eine fruchtbare Kolonialpolitik treiben, und vor allem dürfen wir dem deutschen Volk keine neuen Lasten aufbürden in einer Zeit, wo rigoroser Abbau der bestehenden Lasten ein Akt der Selbsterhaltung ist. Auch in politischer Hinsicht habe ich gegen die Wiederaufnahme kolonialer Abenteuer die ernstesten Bedenken. Wir sehen, wie die farbigen Völker, ob es Chinesen, Ägypter, Inder oder Neger sind, sich der Führung und Ausbeutung durch die Weißen immer zielbewußter zu entziehen wissen. „Afrika den Afrikanern" ist auf dem Kongreß der farbigen Völker, der 1927 in Brüssel tagte, zu einer leidenschaftlich aufgenommenen Parole erhoben worden. Das Kolonialzeitalter hat sich überlebt. Wir haben das Recht der Selbstbestimmung der Völker auf unseren Schild erhoben und dürfen bei dieser Forderung keine Unterschiede nach der Hautfarbe machen. Das Erwachen der farbigen Völker zu politischen Staatsgebilden muß zwangsläufig in nicht allzu ferner Zeit zu Zusammenstößen mit den weißen Eindringlingen führen. Es kann aber unmöglich im Interesse Deutschlands liegen, sich in diese Auseinandersetzungen hineinzudrängen. Je freier wir uns von solchen außenpolitischen Bindungen halten, um so besser werden wir alle Kraft auf den inneren Wiederaufbau konzentrieren können. Der Verzicht auf Kolonien darf aber keine wirtschaftspolitische Resignation bedeuten. Mit aller Energie müssen wir auf volle wirtschaftliche Gleichberechtigung in fremden Kolonien für Rohstoffbezug und Absatz unserer industriellen Erzeugnisse, für Handel und Schiffahrt dringen. Freiheit der Auswanderung nach den Brachländern der Erde, Abbau der Zölle und aller politischen Hemmnisse eines gesunden Warenaustauschs sind Forderungen, die im Interesse unseres Landes liegen und deren Erfüllung zugleich die beste Garantie für Frieden und Wohlstand in allen Teilen der Erde gewährt. 128 Siebentes Kapitel m i. Dezember 1907 wurde ich zum Kommandeur der 58. Jn- ^ 4 -fanterie-Brigade in Mülhausen i. E. emannt. Den Tropenhut, unter dem ich in Südwest manchen Sturm erlebt hatte, hängte ich in den Schrank und setzte mir dafür den Generalshelm auf, unter dem ich noch ganz andere Stürme erleben sollte. Zum drittenmal in meinem militärischen Berufsleben kam ich nach Mülhausen und fand vertraute Verhältnisse vor. Gleich am Tage nach meiner Ankunft versammelte ich meine beiden Regimenter 112 und 142 auf dem Vaubanplatz und begrüßte sie mit einer kurzen Ansprache. Ich wies auf die Kriegserfahrungen in Südwest hin und betonte die Wichtigkeit gründlicher Schießausbildung und der Geländeausnutzung und sagte, was ein Offizier bei solchen Gelegenheiten eben zu sagen pflegt. Dann ging ich die Front ab, sprach mit diesem und jenem und fragte schließlich bei der letzten Kompagnie einen hoffnungsvollen Rekruten: „Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?" „Jawohl, Herr General." „Na, was hab' ich denn gesagt?" „Herr General wären auch mal in China gewesen." Alles lachte, selbst die Leute im Glied konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Am meisten aber mußte ich selbst lachen. Meine neue Dienststelle war ein besonders verantwortungsvoller Posten, denn meiner Brigade fiel im Anschluß an das XV. Armeekorps der Schutz der Burgundischen Pforte zu, dem alten Einfallstor vergangener Jahrhunderte. Zahlreiche Grenzschutzübungen im Sommer und Winter, bei Tag und b.i Nacht, brachten reges militärisches Leben. Mein Bestreben, jeden einzelnen Soldaten zu selbständigem Handeln im Gefecht zu erziehen und das friedenSmäßige Kommandieren im Felddienst einzuschränken, fand bei allen Chargen volles Verständnis. S Drimling, Zeit 129 Als Repräsentant der Garnison lag mir die gesellschaftliche Fühlung mit der elsässischen Bürgerschaft besonders am Herzen. Politisch wichtig waren vor allem die Fabrikanten, die sehr vermögenden Inhaber der industriellen Unternehmungen, unter denen die Textilbranche dominierte. Mein Adjutant riet mir zwar ab, denn mein Vorgänger hatte in diesen französisch gesinnten Kreisen keine ermutigenden Erfolge erzielt. Aber ich wollte die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen trotzdem versuchen. Vielleicht würde ich als Süddeutscher von der andern Seite deS Rheins mehr Erfolg haben. Doch überall hieß es bei meinen Besuchen: „D'r Herr isch uf'm Kontor, un d' Madame isch malad." Meine Bemühungen ergaben eigentlich nur einen korrekten Austausch der Besuchskarten. Wenn ich im Laufe der Zeit doch mit einzelnen dieser Herren auf vertrauteren Fuß kam, so waren das Ausnahmen. Im allgemeinen hielt sich die gehobene Bourgeoisie von den deutschen Beamten und Militärs betont fern. Ihre Sympathien waren nun einmal auf feiten Frankreichs. Kann man den Leuten wirklich einen Vorwurf aus ihrer Haltung machen? Wenn man bedenkt, daß die Stadt Mülhausen schon 1515 in die Schweizer Eidgenossenschaft aufgenommen wurde und sich 1798 wegen ihrer Handelsinteressen zum Anschluß an Frankreich entschließen mußte, so darf das Fehlen einer deutschen Tradition nicht wundernehmen. Durch seine Vergangenheit war Mülhausen in Bezug auf die Kultur der Oberklasse viel französischer als Straßburg. Der elsässische Mittelstand und die Arbeiterschaft, vor allem die Bauem, die den größten Teil der Bevölkerung ausmachten, hatten mit den französischen Sympathien der Fabrikherren wenig oder nichts zu tun. Das Verhältnis der breiten Masse der Bevölkerung zu den eingewanderten Deutschen war mit der Zeit durchaus loyal geworden, und besonders unter der jüngeren Generation hatten sich freundschaftliche Beziehungen angebahnt. Auch zwei meiner Offiziere hatten Elsässer Mädchen aus Mülhausen geheiratet. Aber trotz der friedlichen Eingewöhnung schlug das Herz der Bevölkerung nicht für Berlin, auch nicht für Paris, sondern ausschließlich für ihre elsässische Heimat, deren Symbol Straßburg, die „wunderschöne Stadt", geblieben war. 130 ZU meinen dienstlichen Obliegenheiten gehörte auch die jährliche Aushebung der Rekruten auf den Dörfern, die mich in enge Verbindung mit den Bauern brachte. Bei einer Musterung forderte ich einmal einen alten Bauern auf, mir ganz ungeniert und offen seine Meinung zu sagen. „Mir sin keine Welsche (Franzosen) und sin keine Schwowe (Deutsche), sondern mir sin Elsasser. Uns kommt's druf a', daß der Wi und der Hopse und d' Grumbiere (Kartoffeln) de richtige Preis hen. Un wenn Sie ebbes dafür tun könne, daß uns d' Schandarme nit immer usschriwe wege jedem Dreck, derno sin mer z'sriede. Elsasser sin mer, un unser Ruh wolle mer hawe." So, jetzt wußt' ich's. Und ist das nicht ganz natürlich. Ein Volk, das im Lause der Jahrhunderte die verschiedensten Armeen auf seinem Boden gesehen und so oft den Herrn gewechselt hat, muß das nicht gleichgültig gegen die Farben seiner Grenzpsähle werden! Mir als geborenem Badener waren die stammverwandten Elsasser von jeher sympathisch gewesen, sonst hätte ich mich nicht zum drittenmal nach Mülhausen gemeldet. Ich konnte auch ihre Lage und ihre Eigenart wohl begreifen. Nicht so manche meiner Offiziere, besonders diejenigen nicht, die aus Ostelbien stammten. Schon die Sprache war ihnen ein Buch mit sieben Siegeln, wie umgekehrt die Elsasser Bauern die Preußen nicht verstanden. Einmal fuhr ich mit meinem Adjutanten, einem Norddeutschen, zur Manövererkundung in die Nähe der französischen Grenze. Ein Bauer stand auf dem Felde und säte. Ich schickte meinen Adjutanten hin, um mit Rücksicht aus den beim Manöver vielleicht entstehenden Flurschaden, den der Militärfiskus zu ersetzen hatte, fragen zu lassen, was der Mann säte. „Was säen Sie da?" schnauzte der Adjutant den Bauern an. Keine Antwort, verständnisloses Anstarren. „Was Sie da säen?" „I sieh nix", sagte der Bauer. Jetzt fragte ich den Mann: „Was saien er do?" „Gerschte", war die freundliche Antwort. Viele der preußischen Offiziere brachten der Bevölkerung nicht das notwendige Verständnis entgegen. Sie wunderten sich, daß die „Pisangs" hier nicht wie in Ostelbien vor jedem Leutnant die Knochen zusammenrissen und regten sich über zahllose Kleinigkeiten auf, hinter denen sie deutschfeindliche Absichten der „verfluchten 1 s> 131 Franzosenköppe" argwöhnten. Manch junger Leutnant wollte immer gleich eine Staatsaktien daraus machen, wenn in einem Dorfwirtshaus eine französische Speisekarte auslag und irgendwo der Ruf „Vive la Kranes!" gehört sein sollte oder zwei Abbes auf der Straße französisch parliert hatten. Ich mußte viele Hitzköpfe beschwichtigen und aufklären. Mit der Stadtverwaltung von Mülhausen, an deren Spitze ein altdeutscher Bürgermeister stand, habe ich mich sehr gut gestanden. Soweit ich konnte, habe ich den Wünschen der Einwohnerschaft Entgegenkommen gezeigt. Es waren zumeist nur unwichtige Kleinigkeiten, die als störend empfunden wurden. So war den Langschläfern der Morgengruß der militärischen Reveille, die ein Trompeter auf dem Rathausplatz blies, eine häßliche Unterbrechung angenehmen Frühschlummers. Also gut, ich ließ nicht mehr Reveille blasen. Aber abends beim Zapfenstreich hatte ich die Frauen zu Bundesgenossen, weil der Trompeter die Männer zuverlässig an die Rückkehr vom Stammtisch erinnerte. Mein sehnlichster Wunsch war, in Mülhausen ein Soldatenheim zu gründen. Zu diesem Zweck wurde mir von der Regierung des Reichslandes und von Baden die Genehmigung für den Vertrieb einer Lotterie erteilt, die in ein paar Jahren 100000 Mark einbrachte. Durch Vermittlung des katholischen Divisionspfarrerö steuerten auch einige Mülhauser Fabrikanten Geld bei. Ein Grundstück war schon gekauft, als der Krieg die Verwirklichung des Planes vereitelte. Kapital und Grundstück wurden nach dem Kriege von den Franzosen beschlagnahmt, und die bisher gezahlten Entschädigungen von zusammen 15000 Mark werden als „Deim- lingfonds" beim Badischen Heimatdank verwaltet, um ehemalige Angehörige der Mülhauser Regimenter zu unterstützen. Ein Tropfen auf beißen Stein! Trotz meines guten Willens blieben mir politische Iwischensälle in Mülhausen nicht erspart. So hatte es eines Abends ein gewisser Herr Wägelin für taktvoll gehalten, im Zentralhotel, in dem hauptsächlich die Offiziere der Garnison verkehrten, die Musik durch ein hohes Trinkgeld zum Spielen der Marseillaise zu bewegen. Ich persönlich schätze dieses Marschlied voll Feuer und Flamme sehr, aber da es unter den obwaltenden Verhältnissen als eine Heraus- 132 forderung der Offiziere und als politische Demonstration gemeint war, verbot ich den Besuch des Zentralhotels für die Truppen der Gamison. In Zukunft hat sich kein Wirt in Mülhauscn mehr auf politische Musik eingelassen. Gegen Ende meiner Mülhauser Zeit hatten wir noch ein freundliches FamilienerlebniS. Meine Tochter Marie verlobte sich mit dem Leutnant von Kruse vom Jägerregiment zu Pferde Nr. 5, das in Mülhauscn in Garnison lag. Der junge Bräutigam nahm bald seinen Abschied, um seine Güter in Pommern selbst zu bewirtschaften. Der Hochzeit in Schloß Neetzow ging ein Polterabend voraus. Als wir uns zu Tisch setzten und eben die Speisen aufgetragen wurden, brach die lange Tafel mit großem Krach entzwei. Trümmer und Scherben! Wir nahmen es als gute Vorbedeutung. Bald darauf, am 22. März 1910, wurde ich unter Beförderung zum Generalleutnant zum Kommandeur der 29. Division in Freiburg ernannt. Jetzt bezog ich mit meiner Familie die Dienstwohnung des Divisionärs, vor der ich einst als Einjährig-Freiwilliger Posten gestanden und vor der gestrengen Exzellenz angstvoll präsentiert hatte. Für mich war es eine große Freude, in die schöne Stadt zurückzukommen, in der jede Straße voll von Erinnerungen an die Schulzeit war. Die Garnisonen meiner Division verteilten sich auf beide Ufer des Rheins. Der ganze Bezirk zwischen Schwarzwald und Vogesen war militärisch sehr interessant. Eine besondere Note erhielt er durch die Oberrheinbefestigungen, die mir gleichfalls unterstellt waren. Als altem Freiburger wurde es mir nicht schwer, mit der Einwohnerschaft gute Beziehungen zu unterhalten. Besser als ich selbst kann hierüber die „Freiburger Zeitung" berichten, die sich anläßlich meines 60. Geburtstags wie folgt geäußert hat: „Exzellenz von Deimling hat es verstanden, eine feste Brücke zu bauen zwischen Gamison und Bürgerschaft, die guten Beziehungen zwischen beiden neu zu beleben und enger zu gestalten. Welch großer Sympathien er sich hier zu erfreuen hat, zeigte sein Vortrag über Südwestafrika, der die Festhalle mit Tausenden aufmerksamer Zuhörer aus allen Schichten der Bevölkerung überfüllte und zu Huldigungen für den General führte, wie sie die Festhalle in so elementarer Kraft und aufrichtiger Begeisterung wohl überhaupt 133 noch nie durchbrausten. Wir wissen uns einig mit der Bürgerschaft Freiburgs, wenn wir Seiner Exzellenz zum Geburtstag den Wunsch übermitteln, es möge ihm vergönnt sein, noch viele Jahre in gleich jugendlicher Frische und Elastizität des Körpers und des Geistes wie heute dem Vaterland zu dienen, für das sein kampfbereites Soldatenherz in jugendlichem Feuer allezeit glühte." Die von mir gegründete Jugendwehr lag mir besonders am Herzen. Ich nahm die Jungens (Volks-, Handels-, Gewerbe-, Mittel- und Fortbildungsschüler) gelegentlich mit zu den Garnisonübungen und ließ sie dann beim Einrücken in die Stadt stolz vor der Truppe her mit Musik marschieren. Auch an den Paraden bei feierlichen Anlässen nahm sie teil. Einmal kam der Prinz Max von Baden, der sich lebhaft für die Jugendwehr interessierte, zu ihrer Besichtigung nach Freiburg, wo wir ihm eine gelungene Übung an der Jähringer Burg vorführten. Mit dem Schweizer Militär unterhielt ich gute nachbarliche Beziehungen. Wenn wir eine größere Truppenübung oder ein Manöver an der Schweizer Grenze machten, lud ich immer die Schweizer Offiziere auS Zürich als Zuschauer ein und hatte die Freude, daß sich die eidgenössischen Kameraden zahlreich zu diesen Übungen einfanden. Unter meinen Erinnerungen habe ich heute noch eine Glückwunschadresse der „Jnfanterie-Offiziersgesellschaft in Zürich", die mir anläßlich meiner Ernennung zum Kommandierenden General überreicht wurde. In dieser Zeit verdunkelte sich der politische Horizont immer mehr, und immer drohender trat das Gespenst eines europäischen Krieges hervor. Im Sommer 1911 wurde Fez von den Franzosen besetzt, unter Verstoß gegen den 1906 zwischen Deutschland und Frankreich abgeschlossenen Vertrag von Algeciras. Das Auswärtige Amt in Berlin entschloß sich zu energischen Gegenmaßnahmen. So wurde unter Zustimmung des Kaisers das Kanonenboot „Panther" nach dem kleinen Hafen Agadir an der marokkanischen Küste entsandt, wo einige wagemutige deutsche Firmen Konzessionen erworben hatten. Durch diese Demonstration hoffte man, von Frankreich eine Entschädigung für die Besitzergreifung Marokkos zu erhalten. Dieser „Panthersprung" hat mehr noch in England als in 134 AjWMWgM Frankreich große Erregung hervorgerufen. Am 21. Juli hielt der britische Schatzkanzler Lloyd George in London eine Rede, in der er von der Antastung der britischen Nationalehre sprach und unmißverständlich mit dem Krieg drohte, falls „England im Rate der Völker zur Seite geschoben werde". Die Wogen beruhigten sich langsam wieder, aber eö hatte sich gezeigt, daß Großbritannien sich bis zur letzten Konsequenz für Frankreich einzusetzen bereit war. Das Ende des kriegerischen Liedes war ein Abkommen zwischen Berlin und Paris, auf Grund dessen Deutschland ein Stück des französischen Kongo von recht zweifelhaftem Wert als Abrun- dung für seine Kolonie Kamerun erhielt, während es seinerseits jeder Einmischung in Marokko entsagte. Ganz wohl war man sich in der Wilhelmstraße nicht bei diesem teuer erkauften Scheinerfolg. Aber nicht nur politisch, sondern auch militärisch hatte sich die Lage mehr und mehr zugespitzt. In Frankreich berauschten sich die chauvinistischen Kreise an den Leistungen der Militärflieger, die unserer Fliegerei organisatorisch und technisch weit voraus waren. Im Herbst 1911 verbrachte ich einen zweiwöchigen Urlaub in Paris und konnte mich selbst von dem intensiven Flugbetrieb in der Umgebung der Hauptstadt überzeugen. Die französischen Militärs sahen in der „vierten Waffe" neben Infanterie, Artillerie und Kavallerie, der Fliegerei, das unfehlbare Mittel zum Sieg. In den Zeitungen erregten immer neue Aufsätze die öffentliche Meinung, in denen die Überlegenheit der französischen Armee über die deutsche nachgewiesen wurde. Auch Rußland hatte nach dem unglücklichen Feldzug gegen Japan seine Armee gründlich reorganisiert, sie mit einem modemen Feldgeschütz und schwerer Artillerie ausgerüstet und zudem mit französischem Geld sein strategisches Eisenbahnnetz so ausgebaut, daß sich der Aufmarsch seiner Armeen an der deutsch-österreichischen Grenze in der halben Zeit gegen früher vollziehen konnte. Zudem war unserem Nachrichtendienst nicht verborgen geblieben, daß der englische Generalstab mit dem französischen umfassende Vorbereitungen für das Zusammenwirken der beiden Landheere getroffen hatte. Mit schwerster Sorge sah die militärische Führung der politischen Einkreisung Deutschlands die strategische folgen. Im Herbst 1911 habe ich bei der Einweihung der neuen Freiburger 135 Universität zu den Studenten über den Ernst der Lage gesprochen und über den Krieg, dem wir bei dem Hin- und Herschwanken unserer Außenpolitik unvermeidbar entgegengingen. Ich wandte mich auch gegen den Pazifismus und die Hoffnung, in jetziger Zeit, wo Europa in Waffen starrte, den ewigen Frieden propagieren zu können. Ich sprach als General an gefährdeter Grenze zu der studentischen Jugend so, wie mir ums Herz war. Vielleicht wäre es richtiger gewesen, nicht über dieses Thema zu reden, um nicht in den Ruf eines Scharfmachers zu kommen. Mir ging es aber nicht um meinen Ruf, sondern um die Sache, die drohende Kriegsgefahr ehrlich zu zeigen, die nur noch durch überlegene Staatökunst gebannt werden konnte. Wenn ich heute die letzten Jahre meines Lebens verwende, um mit ganzer Seele für den Frieden zu kämpfen, so sollen mich ruhig die Leute inkonsequent schelten, die den unsäglichen Jammer des Weltkrieges schon vergessen haben und nicht sehen wollen, daß heute in allen Ländern die besten Männer entschlossen sind, dem Frieden zu dienen. Mit meiner Mobilmachungsbestimmung, in der ich als Generalstabschef eines Armeeoberkommandos vorgesehen war, hing es zusammen, daß ich im Sommer 1912 an einer Reise des Großen Generalstabs unter Leitung des Chefs, General von Moltke, teilnahm, die im Ober-Elsaß begann und bei Metz endete. Ich entsinne mich noch genau der prophetischen Worte, mit denen damals General von Moltke seine Besprechung der Übungsreise schloß: „Europa gleicht einem mit Zündstoffen angefüllten Gebäude. Bald schwelt es da oder dort. Dann kommen die erschreckten Diplomaten von allen Seiten mit Wassereimern herbeigerannt, um zu löschen. Aber einmal wird ein Brand ausbrechen, den niemand löschen kann." Noch eines Erlebnisses aus dieser Zeit muß ich gedenken. Als ich das Regiment 114 in Konstanz, die sogenannten „Seehasen", besichtigte, lud mich Graf Zeppelin zu einer Fahrt mit seinem damals noch recht primitiven Luftschiff ein. Wir fuhren von Friedrichshafen über den Bodensee und daS südliche Baden. Ich sehe noch den alten Herrn, wie er in der Führergondel stand und alle Manöver persönlich leitete. Er hatte damals schon die feste Zuversicht, daß in absehbarer Zeit Luftschiffe um die ganze Erde fliegen würden. 136 Bcrthvld von Dcimling als Kommandierender General des XV. Armeekorps in Straßburg ! I In meinem Berufsleben näherte sich die große Entscheidung. Nach meinem Dienstalter mußte ich entweder ein Armeekorps bekommen oder den nützlichen Regenschirm, der allen Offizieren, besonders vor hochpeinlichen Besichtigungen, als Symbol deS Pensionärs in häßlichen Träumen erschien. Die Konkurrenz bei den wenigen Generalkommandos war naturgemäß groß, und wer wie ich ohne Freunde und Fürsprecher am Hose war, durfte sich keinen Illusionen hingeben. Am Geburtstag des alten Kaisers — ich war gerade beim Rasieren in früher Morgenstunde — brachte mir mein Bursche ein Telegramm: „Ich ernenne Sie mit dem i. April 191z zum Kommandierenden General des XV. Armeekorps in Straßburg. Sie haben hierin einen Beweis meines vollen Vertrauens zu erblicken. Wilhelm R." Ich warfest so stolz und glücklich wie vor vielen Jahrzehnten bei meiner Beförderung zum Leutnant. Das gräßliche Gespenst mißvergnügter Untätigkeit als pensionierter Offizier war gebannt. — Und noch dazu das wichtige Grenzkorps in Straßburg! Mein Vorgänger, General von Fabeck, bekam das Armeekorps in Stuttgart. Ein etwas kompromittierender Zwischenfall in Straßburg hatte den Wechsel im Kommando veranlaßt. Eines Morgens war ein unbekannter Mann auf der Hauptwache in Straßburg erschienen und hatte ein Telegramm abgegeben, in dem zu lesen stand, daß der Kaiser mittags nach Straßburg kommen würde und die Garnison in Parade zu sehen wünsche. Große Aufregung, Alarmierung der Garnison, Paradeaufstellung am Polygon. Mit militärischer Beharrlichkeit wartet alles auf den kaiserlichen Besuch, der Kommandierende General an der Spitze, neben ihm der jüngste Kaisersohn, Prinz Joachim, der damals in Straßburg studierte. (Kurz nach Kriegsende hat er sich in tiefster Depression erschossen.) Aber der Kaiser kam und kam nicht. Nach langem Warten fiel einem Schlauberger ein, telefonisch in Berlin anzufragen. Und da stellte sich heraus, daß der Kaiser überhaupt nicht an einen Besuch in Straßburg gedacht hatte. Am Abend erhielt Prinz Joachim ein Telegramm von seinem Bruder, dem Kronprinzen (der leider nicht immer sehr glücklich telegrafiert hat): „Wartest Du noch immer?" Der Attentäter, eine zweite Auflage des HauptmannS von Köpenick, wurde gefaßt und kam zur Beobachtung seines Geisteszustandes in eine Anstalt. 137 Das Generalkommando in Straßburg, in das wir bald darauf einzogen, war ein altes Palais aus rotem Vogesensandstein, das um die Mitte des i8. Jahrhunderts erbaut war und in dem König Ludwig von Bayern das Licht der Welt erblickt hatte. Im Innern führte ein prächtiges Treppenhaus in Marmor zum Oberstock, wo ein riesiger Empfangssaal zu einer Flucht von schloßartigen Repräsentationsräumen überleitete. Hinter dem Speisezimmer lag das Napoleonzimmer, das seit der französischen Zeit unberührt geblieben war und ein Bild Napoleons III. in Lebensgröße zeigte. Dieses Gemälde wies auf der linken Brust das Loch einer Pistolen- kugel auf, die ein französischer Offizier bei der Kapitulation der Festung hineingeschossen haben soll. Wilhelm II. hat einmal das Straßburger Generalkommando als das vornehmste in ganz Deutschland bezeichnet. Dem Äußeren entsprach auch die innere Ausstattung mit Möbeln, Teppichen, Spiegeln, Wäsche und Silber. Meine liebe Frau, die als Gattin eines Offiziers ohne einen Pfennig Vermögen gewohnt war, sehr genau zu rechnen, atmete erleichtert auf, als sich zeigte, daß wir unseren bescheidenen Hausrat gar nicht für die offizielle Repräsentation brauchten und uns die Privatzimmer damit so gemütlich machen konnten, wie wir es gewohnt waren. In der Armee war es zwar üblich, daß jeder Regimentskommandeur seine Offiziere mit ihren Damen zu einfachem Abendessen in seinem Hause sah — bei steifen Gastgebern war auch diese Geselligkeit mehr gefürchtet als beliebt —, aber der Kommandierende General hatte nun einmal die Verpflichtung, ein gesellschaftliches Haus zu machen. Für diesen Zweck erhielt er außer seinem Gehalt besondere Repräsentationögelder, die aber im Vergleich zu dem Aufwand des vermögenden Bürgertums recht knapp bemessen waren. Schon mit Rücksicht auf das mir unterstellte Offizierkorps, das im allgemeinen mit Glücksgütern ebensowenig gesegnet war wie ich, war die Geselligkeit im Generalkommando von einfachstem Zuschnitt. Für prunkvolle Festlichkeiten sorgten der Statthalter von Wedel und seine liebenswürdige Gattin. Die Statthalterbälle im Kaiserpalast waren alljährlich der glänzende Mittelpunkt der gesellschaftlichen Veranstaltungen, von denen jeder Gast ein zierliches Kotillongeschenk als Andenken mit nach Hause nahm. 138 Selbst wenn ich, ohne Lotterie zu spielen, das große Los gewonnen hätte, wäre ich nicht versucht gewesen, mit diesem Grandseigneur alter Schule auf dem glatten Parkett höfischer Repräsentation zu konkurrieren. Nachdem ich das Korps ein paar Wochen hatte, kam der Kaiser wirklich nach Straßburg und wollte bei dieser Gelegenheit auch den Vorbeimarsch der Garnison sehen. Natürlich ließ ich die Parade vorüben, und ebenso natürlich bemächtigte sich der gallisch geschulte Straßburger Witz, der übrigens von der Freude der Berliner, Menschen und Dinge gemütlich durch den Kakao zu ziehen, gar nicht so wesentlich abweicht, meiner pflichteifrigen Vorparade. Ich will nicht selbst erzählen — man könnte mich doch für parteiisch halten —, sondern einem hoffnungsvollen Journalisten der „Straßburger Neuen Zeitung" das Wort geben: „Der Kaiser kommt! Eine Freudenbotschaft im Schulhof! Ein Schreckensruf in der Kaserne! Vom Divisionär bis zum Korporalschaftsführer wird alles nervös! Der Kammerunteroffizier ist in Verzweiflung! Über Nacht soll er wahre Gigerlmonturen aus der Erde stampfen! Keine Falte darf sich sehen lassen. Majestät könnte es bemerken! Die Kaserne wird zum Probieratelier, der Herr Hauptmann zum leibhaftigen Toilettenkünstler! Dann das Gepäck! Du lieber Gott! Wer einmal Soldat war! Ist das ein Rücken, Drücken, Stopfen, Zerren, Richten, Legen, Falten, Tatschen, Schieben, bis der ,Affe° endlich, endlich sitzt! Der Hauptmann schwitzt, der Feldwebel ist außer sich, dem armen Musko läuft Todesangst über den Rücken! Was hat der Laie eine Ahnung, was es heißt: die Tornister einer Kompagnie in Schuß bringen, wenn Majestät kommt! Und die Gewehre! Und erst der Parademarsch! Der Parademarsch, dieser letzte und höchste Inbegriff aller soldatischen Tüchtigkeit und Tauglichkeit. Und was mag erst in der Kaserne und auf dem Exerzierplatz Parade ,gebimst* worden sein? Da standen sie alle, zum zweiten Male gestern, um zehn Uhr vormittags vor dem Palais und übten Parademarsch, daß es nur so rauchte. Der neue Kommandierende sah sich die Probe selber an und wirkte teilweise als Oberregiffeur 139 mit. Den Obersten war es unbehaglich. Der neue Herr nimmt es verflucht genau. Endlich geht's los! Musik, Kommandos, zappelnde Beine, zählende Flügelleute, 21 — 22 — 2z — frei weg! Wagerecht fliegen die schwerbestiefclten Beine, schwupp, schwupp! Und da ist auch schon das Ereignis des Tages! Einem Leutnant fliegt das rechte Stiefelrohr (Gamasche) vom Bein, just am General vorbei. Famoser Schwung, mag der gedacht haben. .Verdammtes Luder!' fluchte der so gottlos Verlassene sicherlich. Da lag die gelbe Rolle! Schwupp! Der Kommißstiefel des Hintermanns in der Front nahm sie auf, schwupp, Tritt um Tritt, und als die Kompagnie vorbei war, meldete sich auch die treue Gamasche zur Stelle. Das Publikum wälzte sich! Dann kam das Unglück! Das Pech! Exzellenz waren ganz entsetzt. Die Paradegeometrie ging in die Binsen. Statt der minutiösen Geraden kam eine Kurve, ein Halbmond, ein ... Wir wissen nicht, wie krumm Exzellenz die Linie sahen. Wir hatten sie immer noch für leidlich gerade gehalten, aber was verstehen wir denn von dem (nach dem Kriegsminister nicht vorhandenen) Paradedrill? .Alles zurück!' Jetzt ist der Kommandierende außer sich, den Obersten graust's, die Hauptleute schäumen und schwitzen, nur den Musketieren ist'S egal. Nicht aus Bosheit grinsen sie, natürlich nur tief innerlich, sondern eine liebe, neidlose Schadenfreude ist's, die sie erfüllt! Warum der Paradedrill, wenn er angeblich nicht mehr existiert? Beim zweiten und dritten .Vorbei' nicht viel besser! Der Musikmeister bekommt einen Anschnauzer, der Oberst einen Wischer, die Exzellenz hat noch ein tüchtiges Organ, das muß man ihm lassen, und die Bange vor dem .morgen' tut ein übriges. Wir in Straßburg wissen ja, was das im Garnisonleben heißt: .morgen'. Diesmal kommt er selber, nicht irgendein Telegramm, das sich auf ihn beruft. So scheel wir die ewige Paraderei ansehen, so sehr wünschen wir im Interesse der braven Muskos, unseres Volkes paradegedrillter Söhne, daß es morgen glimpflich vorbeigeht, dann haben sie wenigstens einen frohen Abend und ersparen sich das Nachbimsen!" Der fromme Wunsch des Artikelschreibers ist trotz seines unverantwortlichen Verbrauchs an Auörusungszeichen in Er- 140 füllung gegangen. Die Parade verlief sehr gut, und der Kaiser war durchaus befriedigt. Mitte Juli mußte ich auf Einladung des KolonialkriegervereinS in Essen die Weihe seiner Fahne vornehmen, die ihm Herr Krupp von Bohlen und Halbach gestiftet hatte. Während meines Besuchs war ich Gast der Familie Krupp auf Villa Hügel. Am Tage nach der Fahnenweihe wurde ich unter sachkundiger Leitung durch die Riesenbetriebe der Kruppschen Werkstätten geführt, damals der größten Waffenschmiede Deutschlands. Für mich war es ein unauslöschlicher Eindruck, wie die Arbeiter im glühenden Sprühregen halb nackt und doch schweißgebadet vor den ungeheuerlichen Schmelzöfen hantierten und kaltblütig, mit ein paar geschickten Griffen die gewaltigen hydraulischen Hämmer bedienten, wo eine Ungeschicklichkeit den sicheren Tod brachte. Damals habe ich erkannt, was daS Durchhalten im Weltkriege bei ungenügender Ernährung für diese Männer bedeutet hat, von denen die Front ahnungslos per „Druckposten" sprach. Nach Passierung strenger Kontrolle durste ich auch zusehen, wie eine „Dicke Berta", das gefeierteste Schwergewicht weiblichen Geschlechts der ersten Kriegsjahre, montiert wurde. Ein Meisterwerk der Ballistik und eine Tat unserer Ingenieure, der wir den raschen Fall der belgischen Festungen in erster Linie zu danken hatten. Das Jahr 191z brachte für uns Soldaten schwerwiegende Ereignisse. Frankreich hatte im Februar die dreijährige Dienstzeit wieder eingeführt und stellte seine Rekruten schon mit dem 20. Lebensjahr ein. Gleichzeitig wurde ein neues Armeekorps an unserer Westgrenze, das XXI., formiert. Auch Deutschland, das 1912 zwei neue Armeekorps, das XX. in Allenstein und das XXI. in Saarbrücken, aufgestellt hatte, wurde im Juni 191z vor eine neue Wehrvorlage gestellt. Danach sollte künftighin die Friedensstärke 1,20 Prozent der Bevölkerung statt wie bisher 1,10 Prozent betragen. Praktisch bedeutete das nur eine Erhöhung der Friedensstärke um 117000 Mann, davon die Hälfte im Oktober 191z, die andere erst zum Herbst 1914 und später. In Frankreich hatte dagegen der Prozentsatz der Friedensstärke 1,50 Prozent der Bevölkerung betragen und wurdejetztauf2,ioPro- zent erhöht. 141 l Wenn sich der militärische Führer zusammenrechnete, welche Truppenzahl Frankreich, Rußland und England gegen Deutschland und Österreich aufstellen konnten, so ergab sich eine nahezu dreifache Überlegenheit der Ententemächte. Um so mehr kam es darauf an, unserer Truppe in qualitativer Hinsicht die Überlegenheit zu sichern. Daher betrieb ich mit Hochdruck die Gefechtsausbildung des unter meinem Vorgänger vortrefflich geschulten Korps. Schon während der Kompagnieauöbildung ließ ich die Kompagnien für einige Zeit im Gebirge üben. Diese Maßnahme hat sich gut belohnt, denn während im August 1914 die VII. Armee in der Schlacht von Mülhausen kämpfte, versuchten die Franzosen über die Vogesen durchzubrechen und unseren Truppen in den Rücken zu fallen. Meine schwachen Grenzschutzabteilungen haben die Angreifer mit blutigen Köpfen nach Hause geschickt. Während einer großen Gebirgsübung der Garnisonen Colmar, Neu-Breisach und Schlettstadt im Markircher Tal ereignete sich ein Vorfall, gegen dessen Humor ich nicht gewappnet war. Als die Übung gerade im besten Gang war, blies ein Arbeiter aus St. Kreuz, der sich seine musikalischen Fähigkeiten als Hornist der Infanterie angeeignet hatte, auf seinem Privathorn nacheinander die Signale: „Das Ganze halt", „Offizierruf" und als schönste Melodie deS Manöversoldaten: „Abrücken in die Quartiere". Der Truppe kam das Signal „Abrücken" schon mittags um 12 Uhr bei der peinlichen Ausdauer ihres Kommandierenden zu schön vor, als daß sie daran glauben wollten. So fielen sie auf den verlockenden Schwindel nicht herein. Der Übeltäter wurde rasch gefaßt. Von allen Seiten wurde ich gedrängt, ein Exempel zu statuieren. Mir lag aber mehr daran, zu zeigen, daß man zwischen einem dummen Scherz und einem Verbrechen gegen die militärische Ordnung unterscheiden muß. Darum lud ich den freiwilligen Hornisten gleich an Ort und Stelle sehr nachdrücklich zu einer besonderen Reserveübung ein, „damit er Gelegenheit erhalte, sich auf seinem liebgewonnenen Instrument nach Herzenslust auszublasen". I Achtes Kapitel (^Xie außenpolitische Spannung, die mit dumpfem Druck über >^xEuropa lastete, löste in der empfindlichen politischen Struktur des Elsaß eine nervöse Spannung aus, zu deren Entladung ein Funke genügte. Die Stimmung hatte sich im Vergleich zu der Zeit vor ein paar Jahren, als ich in Mülhausen Brigadekommandeur war, sichtbar gewandelt. Man hörte viel mehr als früher, in Läden, Cafes, beim Frisör und auf der Straße französisch sprechen. Vortrüge französischer Redner fanden starken Zulauf und wurden demonstrativ applaudiert. Wenn im Theater französische Trupps gastierten, zeigte der Beifall eine Begeisterung, die nicht immer in einem erklärlichen Verhältnis zu der Qualität der künstlerischen Darbietungen stand. Der Einfluß des ganz in französischen Anschauungen erzogenen Klerus auf dem flachen Land und der kulturell nach Frankreich tendierenden Elite der Bourgeoisie in den Städten tat seine Wirkung. Dazu kam die Verhetzung durch die chauvinistische Presse, namentlich durch die in französischer Sprache erscheinenden Zeitungen, die jedes Vorkommnis von örtlicher Bedeutung zu einem sensationellen Fall aufbauschten, besonders wenn es sich um militärische Vorgänge handelte. Die Presse jenseits der Vogesen sekundierte zielbewußt, denn im Fall eines Krieges war eine franzosenfreundliche Stimmung der elsaß-lothringischen Bevölkerung von größter Bedeutung. Seit 191Z stand Poincars, der Mann der Revanche, als Präsident an der Spitze der französischen Republik. Das politische Barometer in Paris stand auf Sturm, und die entfesselten Wellen schlugen über die Vogesen herüber. Trotz allem wäre es ein Fehlurteil, zu glauben, daß die Elsaß- Lothringer damals französisch werden wollten. Bald nachdem ich das Kommando in Straßburg übernommen hatte, brachte die Zeitschrift „Elsaß-Lothringische Kulturfragen" einen Aufsatz, der mir 143 die Stimmung richtig wiederzugeben schien. Unter anderem hieß es da: „Außer dem verhältnismäßig kleinen Kreise, dem um Wetterls und Konsorten, gibt es wohl wenig Elsaß-Lothringer, die für die Rückkehr zu Frankreich schwärmen. Es lassen sich aber die Vielen von den Wenigen terrorisieren. Das wäre aber nicht möglich, wenn nicht in der geistigen Wesenheit des elsaß-lothringischen Volkes die Neigung zum mindesten zu Stimmungen vorhanden wäre, die es jenen Aposteln deö französischen Gedankens ermöglichte, im Lande eine politische Rolle zu spielen... Es lastet auf der Seele Elsaß-Loth- ringenS so viel Ballast, den die Geschichte ihr aufgeladen hat, daß es nicht wundernehmen kann, wenn es ihr schwer fällt, sich von ihm zu befreien. Darunter leidet sie, sie möchte ganz gerne frei sein, sie sucht auch nach dem Wege, aber sie kann ihn nicht recht finden, weil sie in sich selber die Unklarheit trägt. Es ist ein Kampf um seine eigene Seele, den Elsaß-Lothringen heute aussieht. Dieses ist noch heute in sich gespalten, nicht nur so, daß grundsätzliche Schwierigkeiten dem Verständnis der einzelnen Menschen untereinander im Wege stehen, sondern, was weit tiefer greift, im einzelnen Menschen selber. Man fühlt sich vielem verwandt, was französisch ist." Druck erzeugt Gegendruck. Es war nur natürlich, daß die chauvinistische Hetze gegen das Deutschtum den Nationalismus der Altdeutschen auslöste und besonderen Widerhall im Offizierkorps fand, das zum großen Teil mit seinen preußischen Auffassungen den Dingen ohne Verständnis gegenüberstand. Aus diesem heißen Boden erwuchs der „Fall Zabern", aus der schnoddrigen Unbedachtsamkeit eines zwanzigjährigen Leutnants wurde ein politisches Ereignis von internationaler Bedeutung, das dem deutschen Ansehen schweren Schaden gebracht hat. Ein an sich unbedeutender und nur durch eine Summe verhängnisvoller Ungeschicklichkeiten bedeutsamer Vorgang genügte, um vor dem großen Hintergrund der deutsch-französischen Spannung die stille Rivalität zwischen Militär und zivilen Behörden zu einer wenig ruhmvollen Schaustellung herauszufordern, die von einem schadenfrohen ausländischen Parkett als Tragikomödie des preußischen Militarismus verspottet wurde. Über den „Fall Jabern" ist seinerzeit soviel Wahres und Falsches, 144 soviel Für und Wider, je nach Parteiengunst und -haß, geredet, geschrieben und gedruckt worden, daß ich meiner Darstellung der Ereignisse den offiziellen Bericht zugrunde legen will, den ich am 25. November 191z dem Kriegsminister von Falkenhayn erstattet habe. In Zabern war eö im letzten Jahre wiederholt zu Streitigkeiten zwischen Soldaten und einzelnen Einwohnern gekommen. Der Anlaß war meist sehr harmloser Natur. Durch Zurufe von jungen Leuten wie: „Kohldampfschieber" oder „Spinner" hatten sich Soldaten beleidigt gefühlt. Eine Schlägerei in der Silvesternacht zu vorgerückter Stunde war die Folge. Die beteiligten Militärpersonen wurden kriegsgerichtlich schwer bestraft, während die Gegenpartei straffrei ausging. Auch Strafanträge von Soldaten gegen einzelne Zivilpersonen fanden keine gerichtliche Erledigung. Dadurch kam es zu einer gewissen Überempfindlichkeit der Soldaten gegen an sich unbedeutende Anrempeleien, wie sie in keiner Garnison ganz zu vermeiden sind. Am 28. Oktober 191z übten die Rekruten der 5. Kompagnie des in Jabern liegenden Infanterie-Regiments Nr. 99 auf dem kleinen Exerzierplatz bei Monsweiler, unter Aufsicht des Leutnants von Forstner. Der Sergeant Höflich ermähnte gerade im Zusammenhang mit einer kleinen Disziplinwidrigkeit, die sich kurz vorher auf dem Schießstand ereignet hatte, den vorbestraften Rekruten Elbnik, sich anständig zu führen und allen Schlägereien aus dem Wege zu gehen, wozu er in Jabern leicht kommen könne. Da trat Leutnant von Forstner an die Abteilung des Sergeanten heran und sagte nach Aussage der Zeugen zu dem Rekruten: „Sie sind schon oft vorbestraft und gehen jetzt allein aus. Nehmen Sie sich vor Schlägereien in acht, zu denen Sie zu neigen scheinen. Hemmen Sie Ihren Tatendrang. Wenn Sie aber von ein paar solchen „Wackes" (ein Spitzname für die Elsässer mit dem Nebensinn: Raufbold, Bummler) angegriffen werden, so wehren Sie sich Ihrer Haut und gebrauchen Sie Ihr Seitengewehr ordentlich. Und wenn Sie dabei so einen „Wackes" über den Haufen stechen, so schadet es nichts. Wenn Sie sich richtig benehmen, dann bekommen Sie von mir noch zehn Mark." Wegen dieser naßforschen Rede ist Leutnant von Forstner dahin 12 Deimling, Zeit 145 belehrt worden, daß seine Worte unbedacht waren. Vor Wiederholungen solcher Unüberlegtheiten wurde er ernstlich verwarnt. Dieser Vorgang, der sich auf dem Exerzierplatz, also ohne fremde Zuhörer abgespielt hat, ist nun offenbar von den Soldaten weiter- getragen und in der Stadt breitgetreten worden, so daß sich schließlich die Presse der Sache annahm, und zwar in einer entstellten Form, die sich durch die Erzählung von Mund zu Mund ergeben hatte. Am 6. November brachten gleichzeitig der „Zaberner Anzeiger" und der in Straßburg erscheinende „Elsäffer" scharfe Angriffe gegen Leutnant von Forstner, die dann ihren Weg durch alle Blätter nahmen. Der Regimentskommandeur in Jabern, Oberst von Reuter, bekam den Artikel des „Zaberner Anzeigers" am späten Abend des 6. November zu Gesicht und forderte am nächsten Morgen den Leutnant zum Bericht auf. Ich erfuhr den Vorgang am 7. früh und veranlaßte die gerichtliche Vernehmung aller Zeugen, die den vorstehend geschilderten Tatbestand ergab. Darauf ließ das Generalkommando der Presse eine offizielle Berichtigung zugehen, die mit dem Hinweis schloß, daß der Leutnant mit dem Ausdruck „so ein WackeS" nicht die elsässische Bevölkerung im allgemeinen, sondern nur streitsüchtige Personen und Raufbolde gemeint habe. Diese Berichtigung wurde von den Blättern chauvinistischer Richtung als entstellt und verschleiert bezeichnet. Mittlerweile hatte die Agitation den offensichtlich beabsichtigten Erfolg bereits erreicht. Am 8. November, gegen io Uhr abends, erhielt der Regimentskommandeur, Oberst von Reuter, die Meldung von Ansammlungen vor der Wirtschaft „Zum Karpfen", in der sich Leutnant von Forstner befand. Der Kommandeur schickte einen Offizier zur Polizeiwache, mit dem Ersuchen, die Menge vor dem Lokal zu zerstreuen. Der Offizier kam nach kurzer Zeit mit der Nachricht zurück, daß auf der Polizeiwache nur ein Mann sei, der sich für unabkömmlich erklärte. Oberst von Reuter ließ darauf die Kasernenwache sich zum Eingreifen bereitmachen und wollte selbst zur Polizeiwache gehen. Auf dem Wege dorthin sah er die Menschenansammlung vor der Wirtschaft, die sich aus neugierigen Bürgern und angetrunkenen jungen Burschen zusammensetzte. Da sich die Leute ruhig verhielten, ging er heran und sagte: „Die Zaberner kennen mich ja. Ich sage Ihnen, daß die ganze Sache weit übertrieben, daß eigentlich nichts 146 an der Sache dran ist. Im übrigen liegt sie bereits dem Generalkommando vor." Die Leute nahmen die Anrede ruhig auf und traten zurück. Der Oberst ging in die Wirtschaft und fand dort den Leutnant von Forstner mit anderen Offizieren an einem Tisch, während an Neben- tischen Arbeiter und Bürger saßen. Aus ihren Reihen soll vor dem Eintreten des Kommandeurs „Vivs Is, Uranoo!" gerufen worden sein. Oberst von Reuter befahl dem Leutnant von Forstner, ihm in die Kaserne zu folgen, und durchschritt mit ihm und einem anderen Offizier die Menge, die ohne Belästigung der Offiziere Platz machte. Bald darauf verlief sich die Ansammlung. Am folgenden Tage, Sonntag, den 9. November, hatte Leutnant von Forstner unglücklicherweise als Offizier der Ronde die Wachen zu revidieren. Am frühen Nachmittag ging er in Ausübung seines Dienstes in Begleitung eines Sanitätsoffiziers durch die Stadt zur neuen Kaserne. Da sich schon wieder Ansammlungen zeigten, sandte er einen ihm begegnenden Musketier nach der Schloßwache zurück, mit dem Auftrag, ihm sofort Begleitmannschaften nachzusenden. In deren Begleitung ging er dann unbehelligt, aber gefolgt von einer großen Menschenmenge nach der Schloßkaserne. Die auf Grund der Vorgänge am Abend vorher von der Kreisdirektion (dem preußischen Landratsamt entsprechend) herangezogene Gendarmerie verhinderte Ausschreitungen. Der Regimentskommandeur sah die Ansammlung vor der Kaserne und erhielt die Mitteilung, daß eine große Demonstration geplant sei. Er ließ darauf die Wache verstärken und verbot den Mannschaften das Verlassen der Kaserne. Ferner ordnete er an, daß eine Kompagnie jedes Bataillons sich fertigzumachen habe und daß scharfe Patronen auszugeben seien. Dann teilte er der Kreis- direktion schriftlich mit, daß er das Eingreifen der Regierung erwarte und wenn dieö nicht helfen würde, die Erklärung des Belagerungszustandes werde beantragen müssen. Als die Demonstranten merkten, daß militärische Vorkehrungen für ein Eingreifen getroffen wurden, zerstreuten sie sich. Gegen fünf Uhr nachmittags kam es zu neuen Ansammlungen, in denen gejohlt und geschrien wurde. Auf seinem Rückweg von der Kaserne nach seiner Wohnung io» 147 wurden Leutnant von Forstner statt einer starken Patrouille nur zwei Begleitmannschaften mitgegeben. Er wurde zwar durchgelaffen, doch schrien die Leute hinter ihm her und sammelten sich dann vor dem Eingang der engen Großstadelgaffe, wo der Offizier wohnte. Von Polizisten oder Gendarmen war niemand zur Stelle. Die Begleitmannschaften sperrten den Eingang der Gasse gegen das nachdrängende Publikum ab, das sich nach etwa einer Stunde in die Hauptstraße verzog. Auf ihrem Rückweg wurden die beiden Soldaten mit Steinen beworfen, die aber nicht trafen. Die Polizei griff endlich ein und nahm einige Leute fest. Aus der Menge ertönte darauf die Marseillaise. Bald danach traf die Feuerwehr mit einigen Gendarmen ein, um die Demonstranten zu zerstreuen. Da aber die Schläuche durchschnitten wurden, blieb diese Aktion erfolglos. Ein paar Schreier wurden von der Polizei festgenommen. Gegen elf Uhr abends verlief sich die Menge. Am Montag, den io. November, wurden einige Offiziere in der Hauptstraße belästigt. Auf Ersuchen des Kommandeurs ließ die Kreisdirektion kleinere Zusammenrottungen durch Gendarmen zerstreuen. Am nächsten Tage kam es in den Abendstunden zu stärkeren Ansammlungen, ohne daß sich dabei Ausschreitungen ereigneten. Die Leute hatten offenbar Geschmack am Radaumachen gefunden, um so mehr, als es der Zivilbehörde nicht gelungen war, gegen die Demonstranten wirksam einzuschreiten. Mit der Zeit wird aber auch das Demonstrieren langweilig, und in der folgenden Zeit trat eine scheinbare Beruhigung ein. Inzwischen hatte ich die Beschuldigungen, die in der Presse gegen Leutnant von Forstner vorgebracht waren, durch eingehende Zeugenvernehmung nachprüfen lassen. Verschiedene Behauptungen erwiesen sich sofort als erfunden, z. B. daß der Leutnant in einem Lokal eine französische Speisekarte mit dem Degen durchbohrt habe, daß ihm die Fenster eingeworfen worden seien und daß ihn zwanzig elsässische Studenten des „vereis äes ötnälants" gefordert hätten. Ein Dorfall im letzten Manöver war noch Gegenstand einer ehrengerichtlichen Untersuchung, schien aber nach den bisherigen Feststellungen sich als harmlos aufzuklären. Eine brieflich dem Regimentskommandeur erstattete Anzeige gegen den Offizier wegen einer sittlichen Verfehlung wurde vom Kriegsgericht untersucht. Die 148 Behauptung, Leutnant von Forstner habe die elsaß-lothringischen Mannschaften immer mit der Bezeichnung „Wackes" angeredet, hat sich nicht bestätigt. Dagegen wurde festgestellt, daß der Leutnant neuerdings wieder drei Rekruten mit „WackeS" angeredet hatte. Ich habe ihn darauf mit sechs Tagen Stubenarrest bestraft. Der Sergeant Höflich erhielt gleichzeitig zehn Tage Mittelarrest, weil er einen Rekruten elsässischer Herkunft mit dem Befehl zu dem Rekrutenoffizier von Forstner geschickt hatte, sich bei diesem mit den Worten: „Ich bin ein Wackes" zu melden. Der Gebrauch des Ausdrucks „Wackes" war zudem schon im Jahre 1905 durch Regimentsbefehl verboten worden. Die schwerwiegendste Beschuldigung gegen Forstner aber war, daß er in einer Jnstruktionsstunde gesagt haben soll: „Auf die französische Fahne könnt ihr scheißen." Ich ordnete eine sofortige gerichtliche Untersuchung an. Am 17. November meldete das Regiment: Die gerichtlichen Untersuchungen haben einwandfrei ergeben, daß von Forstner gelegentlich einer Instruktion, in der er vor Eintritt in die Fremdenlegion warnte, gesagt hat: „Auf den Dienst in der Fremdenlegion könnt ihr scheißen", und daß er nicht gesagt hat: „Auf die französische Fahne könnt ihr scheißen." Diese Feststellung erfolgte durch Vernehmung von 22 Zeugen, von denen 16 Elsässer waren. Auch über diesen Punkt veranlaßte ich eine Berichtigung in der Presse. Die Zeitung „Der Elsässer" antwortete am folgenden Tage mit der Behauptung, ein von Mannschaften der 5. Kompagnie des Zaberner Regiments unterschriebenes Schriftstück in Händen zu haben, in welchem die Unterzeichneten auf Ehre und Gewissen erklärten, daß Forstner bei einer Unterweisung über die Fremdenlegion die Worte gebraucht habe: „Diese Leute (die Fahnenflüchtigen) haben keine andere Ehre, als unter der französischen Fahne zu dienen. Auf die französische Fahne könnt ihr meinetwegen scheißen." Diese unglaubhaft klingende Nachricht hatte ein kriegsgerichtliches Verfahren gegen Unbekannt zur Folge, da zutreffendenfalls ein Vergehen gegen das Militärstrafgesetzbuch in Frage kam. (Sammeln von Unterschriften zu einer Beschwerde und das Erregen von Mißvergnügen unter den Kameraden in Beziehung auf den Dienst.) Unter dem Verdacht der Beteiligung an Juträgerdiensten 149 -MU- für die Zeitung „Der Elsässer" wurden ein Feldwebel und neun Musketiere vorläufig festgenommen. Nachdem die Stimmung in Zabern sich gerade beruhigt hatte, erhielt die Agitation neue Nahrung, als Oberst von Reuter, den ich am 12. November beurlaubt hatte, am i6. das Kommando wieder übernahm. Damit hatte es folgende Bewandtnis: Am 9. November war der Oberst zu mir nach Straßburg gekommen und hatte mir gemeldet, daß er um seine Verabschiedung einkommen wolle. Die Gründe waren privater Natur und standen in keinem Zusammenhang mit den Vorgängen in Zabern. Bis zur Erledigung des Abschiedsgesuchs bat er um Urlaub. Diesen Urlaub genehmigte ich, da ich mir dadurch eine Entspannung der Lage in Zabem versprach. Leider dachte das Militärkabinett anders und rief den Oberst telegrafisch von seinem Urlaub zurück. Der Kaiser hielt die Gründe, die Reuter zu seinem Abschiedsgesuch veranlaßt hatten, nicht für dringend und wollte vor allem den Anschein vermieden haben, als ob der Fortgang des Obersten in einem Zusammenhang mit den Iwischenfällen in Zabern stände. Am Tage seiner Rückkehr schrieb der „Jaberner Anzeiger": „Ganz Zabern war erstaunt und nicht am wenigsten die höheren Kommandostellen. Statt einer neuen Genugtuung hat man eine neue Herausforderung dem beleidigten Volke gegeben." Für das Glätten der Wogen wäre es zweifellos besser gewesen, wenn man es in Berlin bei meiner Beurlaubung des Oberst von Reuter gelassen hätte. Am 26. November, zehn Tage nach Reuters Rückkehr, ereigneten sich wiederum Beschimpfungen von Offizieren auf der Straße. Dabei wurden ein Bäckergeselle und ein Bankbeamter von Wachmannschaften verhaftet und der Polizei übergeben, die sie nach Feststellung der Namen wieder entließ. Über diesen neuen Zwischenfall berichtete anderen Tages der „Jaberner Anzeiger": „Äh! Äh! Diesmal gleich schneidig gewesen. Vier Mann aufgepflanzt geholt. Ersten besten abgeführt. Hat sich nicht gewehrt. Kolossal Eindruck geschunden. Deimling wird Freude haben." Zwei Tage später war ich abends bei dem Unterstaatssekretär Mandel in Straßburg eingeladen. Unter den Gästen befand sich 150 auch der Kreisdirektor Mahl aus Zabern. Kaum hatten wir uns zu Tisch gesetzt und mit der Suppe begonnen, da wurde der Gastgeber dringend ans Telefon gerufen. Nach ein paar Minuten kam er sehr aufgeregt zurück und sagte mir über den Tisch hinüber: „Soeben wird mir aus Zabern telefoniert, daß einige zwanzig Zivilisten vom Militär verhaftet und in die Kaserne gebracht worden sind. Wollen Sie nicht telefonisch eingreifen und die Freilassung verfügen?" Ich mußte das ablehnen, denn ich konnte nicht ohne Kenntnis der Vorgänge in die Maßnahmen des verantwortlichen Kommandeurs eingreifen. Der Kreisdirektor Mahl fragte nun seinen Vorgesetzten Mandel, ob er nach Zabem fahren solle. Der Unterstaatssekretär erwiderte aber, es handle sich um keinen förmlichen Aufruhr, bis er hinkäme, wäre die ganze Sache vorbei, und er habe ja einen tüchtigen Vertreter, der, soweit notwendig, schon eingreifen werde. „Bleiben Sie ruhig hier." Und Herr Mahl blieb! In aller Frühe des nächsten Tages bekam ich den Bericht aus Zabern. Danach war folgendes passiert: Als nach Beendigung der Offizierturnstunde in der städtischen Turnhalle sich die Offiziere gestern gegen 7 Uhr abends nach Hause begeben wollten, wurden von Zivilisten hinter ihnen beleidigende Worte wie „Bettschiffer" hergerufen. Die Offiziere ließen die Schreier durch eine Patrouille festnehmen. Dabei sammelte sich eine größere Volksmenge an, die unter Johlen den Offizieren folgte. Da Sicherheitsbeamte nicht anwesend waren und die Menge eine recht bedrohliche Haltung annahm, trat die Wache ins Gewehr und rückte auf den Schloßplatz vor der Kaserne. Nach vorangegangenem Trommelwirbel wurde bekanntgegeben, daß die Straße sofort zu räumen sei, sonst würde von der Schußwaffe Gebrauch gemacht werden. Die Menge lief auseinander, bis auf vier Schreier, die vor einem Laden stehenblieben und weiterlärmten. Sie wurden festgenommen. Inzwischen sammelten sich in der Hauptstraße wieder Personen, die von der Wache zurückgedrängt wurden. Dabei wurde eine Anzahl von Leuten, die sich weigerten weiterzugehen, festgenommen. Hierauf rückte die Wache wieder in die Schloßkaserne ein. Im ganzen waren 27 Festgenommene in die Kaserne verbracht worden. 151 Was weiter geschah, darüber lautete der Bericht des Oberst von Reuter wie folgt: „Die Leute mußten, da in der Schloßkaserne kein anderer Raum frei war, in einem Kellerraum untergebracht werden. Es wurde sofort mit der Feststellung der Personalien und mit der Vernehmung begonnen. Obgleich diese von zwei Offizieren bis um i Uhr nachts fortgesetzt wurde, mußte sie doch am nächsten Morgen erneut aufgenommen werden, da zahlreiche Widersprüche in den Aussagen zu klären waren. Diese Vernehmungen waren deshalb vor Überweisung an das Amtsgerichtsgefängnis ganz unbedingt nötig, da sonst wieder, wie am Mittwoch, die Leute ohne Feststellung der Tatsachen entlassen und die ganze Angelegenheit als ein schlechter Witz angesehen worden wäre. Im Laufe des Vormittags wurden die Leute je nach dem Fortschreiten der Feststellungen entlassen. Am gleichen Tage mußte der Wachhabende, Leutnant Schad, als erneut ein junger Mensch an der Kaserne höhnte und schrie und, als er festgenommen werden sollte, in ein HauS flüchtete, in dieses eindringen, doch gelang es dem jungen Menschen, durch eine Hintertür zu entkommen. Eine Anzeige bei der Polizei und das Ersuchen, den Schreier ihrerseits festzunehmen, blieben ohne Erfolg. Nur durch ernstes Zugreifen konnte dem pöbelhaften Benehmen der Demonstranten ein Ende gemacht werden. Wenn sich unter den Festgenommenen auch friedliche Bürger (u. a. ein Landgerichtsrat und ein Staatsanwalt) befunden haben, so haben sie es sich selbst zuzuschreiben; warum begaben sie sich unter die Menge und blieben zwischen ihr stehen und widersetzten sich den Anordnungen des Offiziers. Nur dadurch, daß das Regiment eingriff und sich selbst vor den Beschimpfungen schützte, ist es gelungen, die Iivilbehörde zu energischem Eingreifen zu veranlassen und endlich die Ruhe herzustellen. Auch nur durch dieses energische Eingreifen ist es verhindert worden, daß es zum Blutvergießen kam. Hätte die Iivilbehörde rechtzeitig und energisch eingegriffen, so wären die ganzen Unruhen in ihrem Entstehen unterdrückt worden. Sie hat es aber jedesmal darauf ankommen lassen, daß sich die Volksmenge ansammelte und ich die Zivilbehörde aufforderte, Ordnung zu schaffen. Neben dem schwächlichen Verhalten der 152 Regierung trägt die Hauptschuld an den ganzen Unruhen die Schriftleitung des „Zaberner Anzeigers", die die Offiziere und Unteroffiziere des Regiments dauernd in der scheußlichsten Weise beschimpft und so dauernd die Menge in Erregung hält. Stras- anträge sind gegen sie gestellt, bis sie aber zur Aburteilung gelangen, vergehen Wochen. Die Behörden behaupten, machtlos gegen dieses Treiben zu sein. gez. von Reuter." Auf meinen telegrafischen Bericht an den Kaiser, der sich in jenen Tagen gerade beim Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen zur Jagd befand, erhielt ich noch am Abend des gleichen Tages folgende Depesche: „Ich danke Ihnen für Ihre Meldung von heute früh. Sie sind mir für die Ordnung in Ihrem Korpsbezirk verantwortlich und werden es dabei an der nötigen Energie nicht fehlen lassen. gez. Wilhelm." Auch vom Kronprinzen hatte ich einige Tage vorher ein Telegramm erhalten. Es lautete aber nicht, wie dazumal behauptet wurde: „Immer feste druff!", sondern wie folgt: „Hoffe, daß die Offiziere in jeder Beziehung gegen die Unverschämtheiten des Zaberner Plebs geschützt werden. Es müßte ein Exemplum statuiert werden, um den Herren Eingeborenen die Lust an derartigen Vorfällen zu versalzen. Besten Gruß! gez. Wilhelm, Kronprinz." Ein ähnliches Telegramm hat auch Oberst von Reuter vom Kronprinzen erhalten. Der Kaiser war höchst unzufrieden mit dem Hervortreten des Kronprinzen und versetzte ihn von Danzig, wo er die Brigade der Totenkopfhusaren kommandierte, nach Berlin in den Großen Generalstab. „Damit", wie der Kronprinz in seinen Erinnerungen sagt, „mir meine allzu groß gewordene Selbständigkeit beschnitten werden und mein Tun und Lassen besser überwacht werden könne." Sobald ich Kenntnis davon erhalten hatte, daß der Kreisdirektor Mahl, übrigens ein Elsässer aus der Gegend von Zabern, 153 die Polizei endlich angemessen verstärkt hatte, wies ich am i. Dezember das Garnisonkommando Zabern an, Verhaftungen aus eigener Machtvollkommenheit nur wenn unvermeidlich vorzunehmen. Dieser Befehl deckte sich mit einer in den nächsten Tagen eingegangenen Weisung des Kaisers, darüber zu wachen, daß die militärischen Stellen innerhalb der Gesetzesgrenzen blieben und daß Militär- und Zivilbehörden Hand in Hand arbeiteten. Die letztere Weisung hat auch der Statthalter vom Kaiser erhalten. Ferner hatte der Kaiser am i. Dezember befohlen, einen General, gewissermaßen als Kommissar, nach Zabern zu senden, der die Vorgänge zu untersuchen und den Kontakt mit den Zivilbehörden herzustellen hatte. Mit dieser Mission beauftragte ich den Generalmajor Kühne, Kommandeur der zo. Feldartilleriebrigade, auf dessen ruhige Sachlichkeit ich mich verlassen konnte. Am 2. Dezember berichtete dieser General dem Kaiser wie folgt: „Aus den vielfach auseinandergehenden Mitteilungen, die ich einerseits von dem Oberst von Reuter, andererseits vom Kreisdirektor Mahl erhielt, und aus meinen eigenen Beobachtungen habe ich folgendes Bild über die Vorgänge in Zabem gewonnen: Der anfangs geringfügige Anlaß hätte vielleicht durch sofortige beruhigende Erklärungen der Behörden unschädlich gemacht werden können. Als dies nicht geschah und besonders durch den Einfluß der Presse die Gereiztheit schlimmere Formen annahm, ist die Zivilbehörde sich der Tragweite der Bewegung nicht ganz bewußt gewesen oder hat ihren Einfluß nicht richtig eingeschätzt, so daß Entscheidendes nicht geschah. Trotz äußerlich korrekter Beziehungen hatte sich ferner zwischen Oberst von Reuter und Kreisdirektor Mahl ein Verhältnis entwickelt, das für die Behandlung der Sache nicht günstig war. Ersterer vermißte die nötige Initiative und Energie bei der Zivilbehörde, letzterer fand die Auffassung der Militärbehörde zu schroff. Auch über die Abgrenzung der Kompetenzen herrschten verschiedene Anschauungen. Ein direktes Einvernehmen zwischen beiden Persönlichkeiten hat dann nicht mehr stattgefunden. Inzwischen hatte sich durch die fortdauernde Tätigkeit der sehr bösartigen Hetzpresse, besonders des „Jaberner Anzeigers", die Stimmung so verschlimmert, daß es zu den Vorfällen vom 26. und 28. November kam. 154 Eurer Majestät ist über diese Vorfälle von dem Kommandierenden Herrn General Bericht unterbreitet worden. Oberst von Reuter ist der Ansicht, daß der durch den Leutnant von Forstner verursachte Iwischenfall nur den Anlaß geboten habe, um eine Hetze gegen seine Person ins Werk zu setzen. Reuter meint, daß er durch notwendiges scharfes Durchgreifen, namentlich im Unteroffizierkorps seines Regiments, und durch besondere Betonung altpreußischen Wesens sich hier mißliebig gemacht habe. Er hält es deshalb für möglich, daß hinter den hetzenden Zeitungen als treibende Elemente vielleicht entlassene Unteroffiziere oder Angehörige unzufriedener politischer Parteien, vielleicht auch mit Geldhilfe, stehen. Daß z. B. der Redakteur des „Jaberner Anzeigers", ein eingewanderter Sachse, einen bedeutenden Einfluß auf die Bevölkerung ausübt, glaube ich selbst bemerkt zu haben. Ob im übrigen die Vermutung des Oberst von Reuter richtig ist, kann ich nicht beurteilen. Notwendig erscheint sie zur Erklärung der Vorgänge nicht. Der Elsäffer, auch in der kerndeutschen Jaberner Gegend demokratisch angehaucht, ist ebenso eingebildet und empfindlich wie spottlustig, und diese Eigenschaften, im Verein mit der Tätigkeit einer Presse, die aus der Erregung materielle Vorteile zieht, machen die Vorgänge begreiflich. Nach den Ereignissen vom 28. November- hat der Kreisdirektor — unter Übergehung des erkrankten, wenig zuverlässigen Bürgermeisters — eine Reihe zweckmäßiger Anordnungen getroffen. Neben der Jusammenziehung einer größeren Zahl von Gendarmen hat er Aufrufe für Stadt und Land erlassen, die in ziemlich energischer Form auf die Vermeidung von Ausschreitungen hinweisen. Endlich hat er angeordnet, daß jede verhaftete Person sofort dem Bezirksgefängnis zuzuführen und dort bis zu ihrer Vernehmung zu belassen ist. Diese Anordnung entspricht einem besonderen Wunsch des Oberst von Reuter, der sich darüber beklagt hat, daß verhaftete Personen bisher von der Zivilbehörde nach Feststellung ihres Namens wieder entlassen wurden, und der gerade hieraus den Anlaß genommen hat, die am 28. November verhafteten Personen in Gewahrsam zu behalten. Nachdem ich mehrere Unterredungen mit dem Oberst von Reuter und dem Kreisdirektor Mahl gehabt habe, habe ich die 155 Herren zusammen zu mir gebeten, um sie wieder in persönliche Berührung zu bringen und Grundlagen für ein etwa nötig werdendes gemeinsames Handeln zu geben. In den letzten Tagen hat Oberst von Reuter keine Patrouillen mehr durch die Stadt gehen lasten, sondern nur eine starke Wache in der Kaserne bereitgehalten. An den Abenden hat vollständige Ruhe geherrscht. Es ist dies um so bemerkenswerter, als am Morgen des 2. Dezember der Leutnant von Forstner in Dettweiler einen Zusammenstoß mit Zivilisten hatte, bei dem er einen Mann durch einen Säbelhieb verwundete, ein Vorfall, der im „Zaberner Anzeiger" in der gehässigsten Weise entstellt wurde. Ob die Ansicht des Kreisdirektors, der diese Ruhe auf seine Anordnungen und auf das Fehlen der Patrouillen zurückführt, richtig ist, oder ob nicht vielmehr das energische Auftreten des Militärs die Ursache davon ist, läßt sich schwer sagen. Ich halte mich jedenfalls für verpflichtet anzuführen, daß die Zivilbehörde eine dauernde Beruhigung nur von einer Versetzung des Oberst von Reuter und der Leutnants von Forstner und Schad erwartet. (Letzterer kommandierte die Wache am 28. November.) Der Kreisdirektor führt besonders aus, daß nur so der immer weitergehenden Hetze die Spitze abzubrechen sei. Daß Oberst von Reuter mit seiner etwas schroffen Art bei einer so empfindlichen Bevölkerung Anstoß erregen kann, daß die letzten Vorfälle auch bei den altdeutschen Elementen geschadet haben und daß die Hetzprefse ihn dauernd angreifen wird, mag wohl richtig sein. Ob es angezeigt ist, hierauf eine so große Rücksicht zu nehmen, wie sie in der Versetzung eines Regimentskommandeurs zum Ausdruck käme, vermag ich nicht zu beurteilen. Anders liegt es mit dem Leutnant von Forstner. Ganz abgesehen von dem eigentlichen Anlaß der Mißstimmung ist seine Person durch verschiedene Umstände, so die Veröffentlichung von Forderungsschreiben französischer Offiziere in hiesigen Blättern, der Erzählung von Manövererlebnifsen und dergleichen mit einem gewissen Makel der Lächerlichkeit behaftet, so daß er immer wieder die Zielscheibe für Verspottung sein wird und sein Verbleiben im Regiment dem Ansehen des Offizierkorps abträglich sein muß. Da ferner Leutnant von Forstner, der sich dauernd schwierigen Lagen 156 gegenüber sieht, nervös überreizt ist, so kann in jedem Augenblick das Eintreten von Vorfällen erwartet werden, die wieder zu bösen Verwicklungen führen können und für den jungen Mann selbst vielleicht schweres Unheil im Gefolge haben. Sein baldiges Verschwinden von hier erscheint deshalb an sich erwünscht. Ich bleibe bis auf weiteres hier, um erforderlichenfalls auf das Zusammenwirken von Zivil- und Militärbehörden einzuwirken. gez. Kühne, Generalmajor." Der von General Kühne erwähnte Zusammenstoß zwischen Leutnant von Forstner und Einwohnern von Dettweiler hat sich nach dem Bericht des Generalkommandos an das Kriegsministerium wie folgt zugetragen: „Leutnant von Forstner wurde heute, am 2. Dezember vormittags, in Dettweiler gelegentlich einer Übung beschimpft. Beim Versuch der Festnahme drohte der Fabrikschuster Blank dem Gefreiten Wiß mit den Worten: „Warte, Junge, gleich wirst du gemetzt!" und griff in die Tasche, in der nachher ein Messer gefunden wurde. Als dieser Blank festgenommen werden sollte, schlug er dem Gefreiten mit der Faust ins Gesicht und stürzte sich auf Forstner. Dieser zog den Degen und schlug Blank über den Kopf. Nun ließ er sich festnehmen. Er hat eine 10 om lange Wunde am Kopf. Blank wurde dem Bürgermeister von Dettweiler übergeben." Dieser Dettweiler Zusammenstoß war der letzte in der Reihe der so bedauerlichen Zaberner Vorfälle. Daß er der letzte blieb, ist hauptsächlich der Einwirkung der Behörde auf die Bevölkerung zu danken, die leider zu spät einsetzte, sich dann aber erfolgreich zeigte. War nun daö Drama auch in Jabern selbst zu Ende, so spielte es doch auf der Bühne der großen Politik weiter. Dafür sorgten schon die Journalisten aus aller Herren Ländern, vor allem aus Frankreich, die in Jabem zusammengeströmt waren und alles phantasievoll ausschmückten, waS dem deutschen Ansehen abträglich war. Mit welcher Erregung die Franzosen die Vorgänge verfolgten, geht aus der Tatsache hervor, daß ich persönlich an die hundert Schmäh- und Drohbriefe aus Frankreich erhielt, zum Teil sogar aus französischen Offizierkasinos. 157 Auch der Deutsche Reichstag mußte sich eingehend mit dem Fall Jabern befassen. Eine kurze Anfrage der Linken gab den Anstoß. Die Verhandlungen fanden am z. und 4. Dezember statt. Die Debatte wurde überaus leidenschaftlich geführt. Zuerst sprach der fortschrittliche Abgeordnete für Jabern, Roser. Seine Beschreibung des Kasernenkellers als eines nassen Loches, in dem die Verhafteten erst Decken bekommen hätten, als sie schon halb erfroren waren, rief große Unruhe hervor. Als zweiter Redner kam der Elsässer PeiroteS zu Wort, der von einem „Regime der Soldateska" sprach und sich darüber aufhielt, daß man ausgerechnet den General von Deimling, den Sieger vom Hererolande, nach dem Elsaß geschickt habe. Dann erhob sich der Reichskanzler und teilte mit, daß der Leutnant von Forstner wegen der Anrede „Wackes" bestraft worden sei. Wenn die Elsässer sich durch diesen Ausdruck beleidigt fühlten, so bilde das doch in keiner Weise eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Lediglich das Bewußtsein der Pflicht, die Armee zu schützen, habe die Militärbehörde zum Einschreiten veranlaßt. Wurden schon diese Worte unter starker Unruhe angehört, so steigerte sich der Widerspruch, als der Kriegsminister von Falkenhayn ausführte, daß es sich längst nicht mehr um die Verfehlungen des Leutnants handle, sondern um den Versuch, durch Pressetreibereien, Straßenaufläufe und systematische Beschimpfung deS Militärs einen ungesetzlichen Einfluß auf die Entscheidungen der Behörde zu erringen. Weichen wir davor zurück, so nähern wir uns einem Chaos, das zwar leider viele Elemente wünschen, das aber nicht im Interesse der Ordnung und der gesetzliebenden Kreise wäre. Dann begann der Jentrumsabgeordnete Fehrenbach seine berühmt gewordene Rede: „Das Unzulängliche, hier wird es Ereignis, das Unbeschreibliche, hier ist es getan. Die Empörung im Elsaß ist gerechtfertigt. Es ist richtig — und das ist beklagenswert und soll auch zugegeben werden —, die Reizung hat von feiten der Bevölkerung stattgefunden. Aber was nun das Militär tat, das stand in keinem Verhältnis zu dem, was ihm an Kränkungen zuteil geworden ist, und verstieß unter allen Umständen gegen das Gesetz. Im übrigen habe ich Herm von Deimling als einen ebenso einsichtigen, hochintelligenten wie bürgerfreundlich gesinnten Mann 158 mein ganzes Leben hindurch kennengelernt. Das wollte ich doch im Falle Deimling sagen. Der Grundfehler liegt darin, daß der Oberst von Reuter nicht die Einsicht hatte, daß dem verletzten Ehrgefühl des ganzen Elsässer Stammes nur dadurch die nötige Sühne zuteil werden konnte, wenn der Leutnant von Forstner sofort aus Jabern verschwand. Der Oberst hätte die Möglichkeit des Urlaubs gehabt." Nach Fehrenbach kam der nationalliberale Abgeordnete von Calker, Strasrechtslehrer an der Straßburger Universität, zu Wort. „Alles wieder kaputt", rief er aus. Es sei ihm manchmal nahe am Heulen gewesen. Wenn die Militärverwaltung gleich zu Anfang eine beruhigende Erklärung dahin abgegeben hätte, daß der Leutnant für seine beleidigenden Ausdrücke bestraft werden würde, so wäre es nie zu dieser ganzen Geschichte gekommen. Aber das sei nicht geschehen, unter dem Gesichtspunkt einer falschen Prestigepolitik. Dann verlas der Präsident des Reichstages einen Antrag: „Der Reichstag wolle beschließen, daß die Behandlung der Angelegenheit durch den Herrn Reichskanzler der Anschauung des Reichstages nicht entspricht." Darauf ging man bis zum anderen Morgen auseinander. Am nächsten Tag ergriff zuerst der Reichskanzler das Wort. Er hatte wieder keinen glücklichen Tag. Ms er sagte, die erste Aufgabe wäre, Harmonie zwischen Militär- und Iivilverwaltung herbeizuführen, rief ihm der Abgeordnete Ledebour zu: „Sagen Sie daS dem Kriegsminister." Darauf der Reichskanzler: „Ich stehe in vollem Einvernehmen mit dem Kriegsminister." Stürmische Rufe: „Hört, hört!", und Ledebour rief Bethmann Hollweg zu: „Sie haben ja vollständig den Kopf verloren." Der Schluß der Kanzlerrede ging in der allgemeinen Unruhe fast unbeachtet unter. Dann sprach der konservative Abgeordnete Rogalla von Biederstem, der sowohl mich wie daö Militär in Jabern in Schutz nahm. Der Reichsparteiler von Gamp-Massaunen erklärte dagegen, daß die Schuld sich auf Militär- und Iivilbehörden verteile. Beide hätten ihre Pflicht nicht getan. Nach einer scharfen Attacke gegen die Regierung, die der Sozial- demokrat Dr. Weill aus Metz ritt, sprach der Fortschrittler vi. Haas aus Baden. Er sah die großen Prinzipien bürgerlicher Freiheit von 159 V revoltierenden Offizieren bedroht. Die Offiziere haben eine Revolte gegen das Gesetz begangen, sie haben sich die Polizeigewalt für mehrere Tage angemaßt. In den Instruktionen über den Waffen- gebrauch des Militärs darf stehen was will: unsere Strafprozeßordnung muß aber von der Armee einem deutschen Bürger gegenüber geachtet werden. „In einem allerdings", so schloß Or. Haas seine Rede, „bin ich anderer Meinung als Fehrenbach. Nicht in der persönlichen Beurteilung des Generals von Deimling trenne ich mich von ihm. Denn man sagt in Baden überall, daß Deimling nicht nur ein tüchtiger Soldat, nicht nur ein vornehmer und bescheidener, gut bürgerlicher Mensch ist, sondern man rühmt ihm auch nach, daß er ein Vater seiner Soldaten sei. Seine Truppen gehen für ihn durchs Feuer. Das ist das allgemeine Urteil in Baden. Man freut sich über den Mann, man ist stolz darauf, daß er ein Badner ist. Das soll nicht verschwiegen sein. Aber er hat einen Fehler, nämlich den, sich um politische Dinge zu kümmern. Das ist nicht gut beim Militär. Die können sehr gute Soldaten sein, und es ist keine Schande, wenn einer kein guter Politiker ist. Deimling hat zweifellos die Neigung, sich auch im Elsaß auf Gebiete zu begeben, auf die er sich von Rechts wegen nicht begeben sollte." Als letzter erhielt der Elsäffer Dr. Ricklin das Wort, der Fehrenbach für seine Rede dankte und an der Macht des Reichskanzlers zweifelte, seine Politik in den Reichslanden durchzuführen. Dann fand die Abstimmung über den Mißtrauensantrag statt. Er wurde mit 29z gegen 54 Stimmen angenommen. Die Nationalliberalen, das Zentrum, die Freisinnigen und Sozialdemokraten hatten geschlossen dafür gestimmt. An diesem „schwarzen Tag" der Reichsregierung erhielten der Statthalter Graf Wedel und ich die telegrafische Order, uns am nächsten Tag beim Kaiser in Donaueschingen zu melden, l Der Kaiser empfing mich im Schloßpark. Mit ernsten Worten wiederholte er seine Mahnung, daß Militär- und Iivilbehörden besser zusammenarbeiten müßten und warnte vor jeder Un- gesetzlichkeit. Dann ging er mit dem Statthalter und mir vor dem Schloß auf und ab und ließ sich Vortrag über die Lage halten. Im - Laufe der Besprechung machte ich den Vorschlag, die Garnison für 160 DeiMing. Zeit einige Zeit aus Zabern wegzunehmen und auf einen Truppenübungsplatz zu legen. Durch diese radikale Maßnahme ließen sich am sichersten weitere Konflikte vermeiden, und die Gemüter würden sich in der Zwischenzeit beruhigen, zumal die Garnison für die Stadt in wirtschaftlicher Beziehung wichtig war. Der Statthalter hatte keine Bedenken, und so trug mir der Kaiser auf, die Verlegung der 99er aus Zabern in die Wege zu leiten. Auch die Versetzung des Oberst von Reuter und des Leutnants von Forstner wurde besprochen, aber sie sollte erst nach Beendigung der kriegsgerichtlichen Prozesse erfolgen, die zur Zeit schwebten, und zwar gegen Reuter wegen widerrechtlicher Aneignung der Exekutionsgewalt und Freiheitsberaubung sowie gegen Forstner wegen rechtswidrigen Waffengebrauchs und Körperverletzung. Um die Mittagszeit traf auch der mit dem Mißtrauensvotum belastete Reichskanzler in Donaueschingen ein und hielt dem Kaiser Vortrag. Dann ging man zu Tisch. Zahlreiche Jagdgäste, zum Teil mit Damen, auch vom österreichischen Hochadel hatten sich zusammengefunden. Mich nahmen sie unter ein Kreuzfeuer von Blicken mit und ohne Monokel oder Lorgnons. Ein paar Kom- tesserl mir gegenüber musterten mich halb neugierig, halb ängstlich. Sie hielten mich offenbar für so eine Art von Landvogt Geßler. Gleich nach Tisch reiste der Kaiser ab, und bald darauf fuhren auch der Statthalter und ich nach Straßburg zurück. Wenige Tage später rückten die 99er mit klingendem Spiel aus Zabern ab und bezogen Unterkunft im Truppenübungslager Oberhofen. Noch im Dezember begannen die verschiedenen Prozesse vor dem Kriegsgericht in Straßburg. Die drei Musketiere, die ForstnerS Äußerung über die französische Fahne in mißverstandener Form dem Redakteur des „Elsäffer" und damit der Öffentlichkeit zugetragen hatten, wurden mit mehreren Wochen Mittelarrest bestraft, da sie gegen den Befehl verstoßen hatten, der jede Mitteilung über Dienstvorgänge untersagt. Forstner wurde zu 4z Tagen Gefängnis verurteilt und legte Berufung ein. Anfang Januar 1914 hatten sich Oberst von Reuter und Leutnant Schad vor dem Kriegsgericht zu verantworten. Das Gericht sprach beide Angeklagten frei. In der Begründung im Fall Reuter heißt es, daß die Polizei versagt habe und daher der Oberst auf Grund 11 Deimling, Zeit 161 der militärischen Dienstvorschriften zum Eingreifen befugt und verpflichtet war, ohne ihre staatsrechtliche Gültigkeit zu prüfen. Schließlich verlangten alle dem Oberst zur Last gelegten Vergehen das Bewußtsein der Rechts Widrigkeit. Er wäre aber von dem Bewußtsein durchdrungen gewesen, nur seine Pflicht zu tun. Auch die Berufungsverhandlung gegen Forstner vor dem Oberkriegsgericht endete mit einem Freispruch. Zugunsten des Leutnants wurde angenommen, daß er in Putativnotwehr gehandelt habe, als er den Schuster Blank mit dem Säbel schlug. Dieser dreifache Freispruch rief naturgemäß einen neuen Sturm im Blätterwald hervor. Während die Zeitungen der Rechten triumphierten und ein Verfahren gegen die am „Fall Jabern" beteiligten Zivilbehörden forderten, beklagten sich die Zeitungen der Linken bitter und ließen eS an Angriffen gegen die Militärjusiiz nicht fehlen. „Mars regiert die Stunde", überschrieb der Vorwärts den Freispruch. Unter dem Eindruck des Freispruchs gegen Oberst von Reuter nahm der elsaß-lothringische Landtag nach dreitägiger Debatte eine Resolution des Inhalts an: „daß die Zivilverwaltung in Jabern durchaus ihre Pflicht getan und für das Eingreifen des Militärs jeder tatsächliche Anlaß und jede rechtliche Grundlage gefehlt habe". Ferner wurde festgestellt: „daß die elsässische Regierung eine größere Energie zur Erlangung der Genugtuung für dem elsaß-lothringischen Volk zugefügte Beleidigungen hätte entfalten sowie zur Aufklärung und Beruhigung etwas hätte tun müssen". Die reichsländische Regierung zog die Konsequenzen, und am 28. Januar teilte der Staatssekretär Baron Zorn von Bulach in der Budgetkommissionssitzung mit, daß die Regierung um ihre Entlassung gebeten habe. Diese wurde bald darauf unter Ordensverleihungen gewährt. Graf Wedel blieb noch bis zum 18. April auf seinem Posten als Statthalter und wurde bei seinem Ausscheiden in den Fürstenstand erhoben. Als neue Männer kamen der Staatssekretär Graf von Rödem und der Unterstaatssekretär Freiherr von Stein nach Straßburg, während der bisherige preußische Staatsminister von Dallwitz zum Statthalter ernannt wurde. Nach Beendigung der kriegsgerichtlichen Verfahren wurden 162 Oberst von Reuter als Kommandeur in das Grenadier-Regiment Nr. 12 in Frankfurt a. O., an dessen Spitze sein Vater im Kriege 1870 gefallen war, und Leutnant von Forstner in das Infanterie- Regiment Nr. 14 nach Bromberg versetzt. Forstner ist im Weltkriege gefallen. Auch Kreisdirektor Mahl in Zaoern mußte seinen Platz mit dem Kreisdirektor in Thann tauschen. Am 1 z. April rückte das Infanterie- Regiment Nr. 99 mit einem neuen Kornmandeur an der Spitze wieder in seine alte Garnison Jabern ein. Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt und bereitete der Truppe einen freundlichen Empfang. Das Verhältnis zwischen Garnison und Einwohnerschaft ist auch nicht wieder getrübt worden. Neuntes Kapitel 28. Juni 1914 wurde in Serajewo, der Hauptstadt von Bosnien, der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin von serbischen Fanatikern ermordet. Die Völker in ihrem gesunden Instinkt fühlten viel deutlicher das Schicksalhafte dieser Schüsse als die Kabinette und zünftigen Diplomaten. Jeder einfache Mann fragte sich: War jetzt der Funke in das Pulverfaß geflogen, von dem man schon immer gesagt hatte, daß er den Weltbrand entzünden werde? Jeder sprach von Krieg und Kriegsgefahr, und doch wagte niemand an das Furchtbare zu glauben. „Wir werden alle im Bett sterben, der Kaiser will keinen Krieg", sagte mir in diesen Tagen ein hoher General. Bald nach dem Mord von Serajewo kam der Chef des Großen Generalstabes, General von Moltke, auf einer Übungsreise nach Straßburg. Wir aßen abends zusammen, und ich saß neben ihm. Natürlich sprachen wir über den Ernst der politischen Lage, aber aus keinem Wort konnte ich entnehmen, daß Moltke an den baldigen Ausbruch des Krieges glaubte. Er erzählte mir im Gegenteil, daß er nach Beendigung der Übungsreise seine unterbrochene Kur in Karlsbad fortsetzen wolle. Der Generalstabschef machte schon damals keinen frischen Eindruck. Auch den Teilnehmern an der Übungsreise war seine verminderte Leistungsfähigkeit aufgefallen. In der Ansicht, daß man in Berlin nicht mit einem nahe bevorstehenden Krieg rechnete, bestärkte mich eine Verfügung des Kriegsministeriums vom 11. Juli, in der einer Hinausschiebung des kürzesten Verproviantierungstermins bei der Mobilmachung für die Festungen Straßburg und Neubreisach zugestimmt wurde. Von der politischen Lage wußte ich nur daö, was in den Zeitungen stand, nicht mehr und nicht weniger als jeder Bürger am Stammtisch. So ging das militärische Leben seinen üblichen Weg weiter. Ich hielt die vorgesehenen Besichtigungen ab, darunter auch die der 164 Brigade des Generals Ludendorff, der damals in meinem Korps Brigadekommandeur war. Seine Regimenter schnitten hervorragend ab. Noch am 28. Juli hielt ich in Bitsch das Kaiserpreisschießen mit den acht besten Kompagnien meines Korps ab. Allerdings war mir dabei nicht mehr so recht geheuer. Allerlei unkontrollierbare Nachrichten von französischen Kriegsvorbereitungen kamen über die Grenze, deren Träger kleine Händler, Reisende und Agenten waren. So sollten die Urlauber zurückgerufen sein, Pferdeankäufe fänden durch das Militär statt, und die Grenze würde viel schärfer als bisher bewacht. Erst im Laufe des nächsten Tages trafen die ersten Weisungen von Berlin ein: Rückberufung der Urlauber, Bewachung der Eisenbahnbrücken und Tunnels und Ausbau von Armierungsstellungen in den Festungsbereichen. Am zo. Juli ließ ich Offizierspatrouillen der Kavallerie und Radfahrer in die Vogesen vorschieben, zur Beobachtung der wichtigsten Anmarschwege. Am zi. Juli nachmittags um 2 Uhr traf dann das Telegramm des Kriegsministeriums ein: „Drohende Kriegsgefahr". Das bedeutete den Kriegszustand für das Reichsgebiet und sofortige Aufstellung des Grenzschutzes. Ich hatte schon in der Nacht vorher die hierfür bestimmten Bataillone hinter ihre Sicherungsabschnitte transportieren lassen. Der Zeiger der Weltuhr stand auf eine Minute vor zwölf. Wo war der Mann, der das Schlagwerk noch anhalten konnte! Der Weltfriede hing an einem Spinnenfaden. In Straßburg herrschte an diesem Abend reges Leben. Eine große Menschenmenge drängte sich auf dem Broglie- und dem Kleberplatz. Die Stimmung war ernst. Umlagert waren die Hauptwache und die Litfaßsäulen, an denen ein Aufruf des Gouverneurs für den Festungsbereich angeschlagen war. Aus der Fülle der Verordnungen und Verbote berührte die Straßburger am schmerzlichsten, daß die Wirtshäuser schon um zehn Uhr abends schließen mußten. Am Nachmittag des nächsten Tages, des 1. August, saß ich an meinem Schreibtisch im Generalkommando über der Karte, in die der Aufmarsch unseres Grenzschutzes eingezeichnet war. Ein hartes Pochen an der Tür ließ mich auffahren. Ein Telegrafenbote hatte eine Depesche an mich persönlich abzugeben. Ein alter Mann trat 165 herein und stellte sich militärisch vor mir auf. Seine Hand zitterte, als er mir die Depesche mit den Worten übergab: „Gott schütze unser Vaterland!" Dabei traten ihm die Tränen in die Augen. Wortlos schüttelten wir uns die Hand. „Mobilmachung befohlen. Erster Mobilmachungstag 2. August", war der kurze, schicksalsschwere Inhalt des Telegramms. Ich war tief ergriffen. Als alter Soldat sah ich die furchtbare Überlegenheit der Feinde an Zahl klar, kannte auch die Schwächen und Mängel der eigenen Rüstung, und die bange Frage stieg in mir auf, ob wir gegen die Übermacht bestehen könnten. Da erklang vom Broglie her Marschmusik. Mit der Melodie „Haltet aus, haltet aus im Sturmgebraus" kam es näher und näher. Ein Bataillon war'S, das, von einer großen Menschenmenge begleitet, nach seiner Kaserne marschierte. Ich trat auf den Balkon. Der alte historische Broglie, auf dem schon die römischen Legionäre vor ihrem Prätor vorbeidefilierten, hallte wider von dem Gleichschritt der Kompagnien. Es war ein Bild voll Kraft und Zuversicht. Brave, unvergeßliche Truppen! Ich war mir klar darüber, daß die Gewehre von selbst losgehen mußten, wenn sich nach mehr als 4«jährigem Frieden die Gegner auf nächste Entfernung beiderseits der Grenze gegenüberstehen würden. Den Anfang machten die Franzosen. Obwohl bei ihnen angeordnet war, daß der Grenzschutz io km von der Grenze abbleiben sollte, stießen stärkere feindliche Patrouillen am Abend des i. August bei Chaume de Lüste und westlich Hochbruck auf deutsches Gebiet vor. In der Nacht griffen dann französische Patrouillen eine Feldwache des Regiments 171 auf dem Hohneck an und drangen bis Mühlbach und Metzeral vor. Stark übertriebene Meldungen kamen nach rückwärts. So sollte schon Münster i. E. vom Feinde erreicht sein. Um nicht die Mobilmachung durch Nervosität der Führung zu gefährden, wurde nur die Reserve der zy. Division (Colmar) bei Jngersheim zusammengezogen. Am 2. August zeigte sich, daß es sich nur um schwachen Feind gehandelt hatte. Trotzdem waren mancherlei Erschwerungen für die Einkleidung der Reservisten und den Pferdeankauf die Folge dieses kleinen Vorstoßes. Aber wir mußten ja mit der Möglichkeit rechnen, daß der Gegner durch raschen Handstreich unsere Mobilmachung stören würde. 166 Trotz meines strengen Verbots gingen am 2. August auch deutsche Patrouillen aus übertriebenem Tatendrang unterer Führer über die französische Grenze. Gegen Mittag des 2. August traf aus Berlin die Weisung ein, jede Grenzverletzung unbedingt zu vermeiden. Erst am Abend des z. August, nach erfolgter Kriegserklärung an Frankreich, wurde die Grenze für unsere Erkundung freigegeben. Nun setzte auf der ganzen Linie rege Aufklärungstätigkeit ein. Sie wurde unterstützt durch die Flieger des XIV. Korps, während ich meine Fliegerabteilung noch zurückhielt für die operativen Aufgaben nach Beginn des eigentlichen Kampfes. Unsere Unterlegenheit auf dem Gebiet der Luftrüstung zwang zu solcher Beschränkung. Um so schwerer und wichtiger war die Aufgabe unserer Patrouillen, besonders der Kavallerie, in dern schwierigen Gelände den Schleier der französischen Deckungstruppen zu zerreißen. Weg und Steg waren von Zollbeamten und Förstern besetzt, dahinter lagen die feindlichen Postierungen. Überall lauerten Soldaten mit dem Finger am Abzug. Unsere Patrouillen, die vielfach angeschossen und zersprengt wurden, verfolgten auch nach Verlust der Führer ihre Aufträge mit bewundernswerter Hartnäckigkeit. Wo sie zu Pferde nicht durchkamen, saßen sie ab und pirschten sich durch Wald und Feld zu Fuß weiter. Zahlreiche Meldungen aus dem Rücken der feindlichen Deckungstruppen ergaben für mich das richtige Bild, daß wir vorläufig nur schwache Kräfte vor uns hatten. Als ein Beispiel möchte ich die Patrouille des Leutnants Mayer, Jäger zu Pferd 5, erwähnen, der durch die Burgundische Pforte auf Delle, südöstlich von Belfort, aufklären sollte. Als er den Befehl erhielt, nahm er gleichmütig zwei Finger an den Helm und sagte: „Ich bin stolz, als erster nach Frankreich hineinreiten zu dürfen." Am hellichten Tage überschritt er die Grenze zwischen Courtelevant und Nieder-Sept. Das verbarrikadierte Dorf Faverois wurde umritten, feindlichem Feuer ausgewichen und ein Posten östlich Delle in der Attacke zersprengt. Dicht bei Delle stieß die Patrouille auf eine Straßensperre, die mit 20 Mann besetzt war. Ein Jäger rief dem Patrouillenführer zu: „Herr Leutnant, das sind zu viele!" Der junge Offizier aber sprengte mit dem Ruf: „Schadet nichts, wir müssen durch!" auf die feindliche Abteilung los. Die Franzosen warfen sich in den Straßengraben und schössen. 167 Die Patrouille brach aber durch und gelangte bis Delle. Wertvolle Meldungen für den Generalstab waren das Ergebnis dieses Opfermuts. Leider haben der junge Führer und drei Reiter ihr Leben dabei lassen müssen. In jenen ersten Kriegstagen herrschte auf beiden Seiten noch Ritterlichkeit, die seltsam absticht von den späteren Methoden des technischen Mordens, von Giftgasen, Flammenwerfern und unterirdischen Sprengungen, mit denen im Stellungskrieg verhetzte Massen in dumpfer Wut einander vernichteten. Hierfür ein Beispiel vom Gegner: Zwei Jäger zu Pferde vom Regiment z hörten am 5. August bei Saales, als sie soeben aus Posten abgelöst waren, Schüsse fallen und sahen bald darauf drei ledige Dragonerpferde in das Dorf galoppieren. Sie baten ihren Führer um die Erlaubnis, nach den vermutlich abgeschossenen Kameraden suchen zu dürfen. Ohne Waffen, mit einem weißen Tuch an einem Stock, machten sie sich auf den Weg feindwärts. Einige Kilometer jenseits der Grenze wurden sie von französischen Soldaten festgehalten und konnten ihre Absicht erst begreiflich machen, als ein deutschsprechender Offizier herbeigeholt war. Dieser übergab ihnen die Leiche eines Dragoners und erklärte ihnen, einen zweiten Dragoner könne er nicht herausgeben, der verwundet, aber in bester Pflege sei. Der dritte Reiter habe zu Fuß entkommen können. Der französische Offizier bedauerte, keine Tragbahre für den Gefallenen abgeben zu können, bot aber Geld an, um einen Wagen zu mieten. Auf das Drängen der Jäger wechselte er ihnen schließlich deutsches Geld in französisches. Dann stellte er seinen Leuten das kameradschaftliche Verhalten der deutschen Jäger als vorbildlich hin und veranlaßte sie, dem Gegner zum Abschied die Hand zu schütteln. Auch der französische Bauer, der den gefallenen Dragoner bis zur Grenze fuhr, weigerte sich, Bezahlung für den Liebesdienst anzunehmen. Ähnliche Fälle ritterlicher Kriegführung wurden auch aus andern Frontabschnitten gemeldet. Unseren Leuten gebührt das Verdienst, diesen Rest von Menschlichkeit im grausamen Kriegshandwerk besonders betätigt zu haben. In Straßburg machte die ernste Stimmung, von der die Bevölkerung in den ersten Tagen beherrscht war, bald ehrlicher patrio- 168 tischer Begeisterung Platz. Überall wurden die Einberufenen, die in langen Zügen durch die Straßen marschierten, mit lauten Hurrarufen begrüßt. Vielfach hörte man aus der Bevölkerung die „Wacht am Rhein" erklingen. In schwerster Schicksalsstunde hatte das von der Geschichte als Spielball der Politik hin und her geworfene Volk Elsaß-Lothringens zum deutschen Vaterland zurückgefunden. Am Abend des zweiten Mobilmachungstages sammelte sich eine unübersehbare Menge vor dem Generalkommando. Ich hielt eine kurze Ansprache. Unter dem Gesang „Deutschland, Deutschland über alles" zogen die Massen nach Hause. Beim Husaren-Regiment Nr. 9 in Straßburg forderte ein Eskadronschef Freiwillige zur Meldung für eine besonders schwierige Fernpatrouille auf. Der erste, der vortrat, war ein Reservist, dessen Vater sich 1870 als französischer Kürassiertrompeter ausgezeichnet hatte. Zum Abschied sagte er seinem Sohn: „Joseph, zeig, daß du en Elsässer bisch. Immer nur von de Vorderschte! Es pfiffe über dich nit mehr Kugle, als über mich gepfiffe han." Als die Patrouille eingeteilt wurde, zeigte sich, daß alle Freiwilligen Elsässer waren. Erst später ist durch die Fehler landesunkundiger Offiziere der gute Wille der elsässischen Bevölkerung übermäßigen Belastungsproben ausgesetzt worden. Man kann nicht auf der einen Seite nationale Hingabe verlangen und aus der anderen jedes Vertrauen versagen. Allerdings haben auch schwere Enttäuschungen, die bei einer so gemischten Bevölkerung unvermeidbar sind, zu Maßnahmen herausgefordert, unter denen die gutwilligen Elemente am meisten leiden mußten. Am 4. August konnte der kaiserliche Statthalter von Dallwitz mit meinem Einverständnis an den Reichskanzler telegrafieren: „Die Stimmung in der Bevölkerung des ganzen Elsaß ist vorzüglich. Die Truppen werden beim Durchmarsch überall mit Begeisterung begrüßt. Die Presse der verschiedensten Parteirichtungen erkennt an, daß wir einen gerechten Krieg zu führen haben, und fordert die elsässischen Soldaten auf, keinen Flecken auf den Ehrenschild elsässischen Soldatenruhms kommen zu lassen. Die Mobilmachung ist bisher im Lande glatt verlausen." 169 Wie überall, so war auch im Elsaß, und hier vielleicht noch mehr als im Inneren deö Reichs, die Mobilmachungsperiode die Zeit der abenteuerlichsten Gerüchte. Sie schwirrten umher wie Fledermäuse in der Dämmerung. Sie waren plötzlich da, niemand wußte, woher sie kamen. Die wilde Erregung der Gemüter war ein unerschöpflicher Nährboden. Eisenbahnbrücken und Tunnels sollten von Agenten gesprengt, Wasserleitungen vergiftet und ganze Regimenter an der Grenze vernichtet sein. So wurde das Regiment der Garde- dukorps totgesagt, noch ehe eö seine Kaserne in Potsdam verlassen hatte. Besonders aber die Automobile galten als schwer verdächtig. Ein in Zürich wohnender Reserveoffizier sollte nach seiner Mobilmachungsbestimmung mit seinem eigenen Auto zu meinem Stäbe treten und sich am Z. Mobilmachungstag in Straßburg melden. Der Unglückliche konnte sein Ziel nicht erreichen. Bei Jstein wurde er von badischen Landstürmern in seinem Auto erschossen, als er einen Anruf überhörte. Als ich selbst eines Tages von Straßburg zum Grenzschutz fuhr, wurde ich gleich hinter der Stadt von einem kriegerischen Doppelposten des Landsturms angehalten: „Halt! Wer da?" „Kommandierender General." „Das kann jeder sagen", schallte es zurück, und ein verdächtiges Geklapper an Gewehrschlössern ließ mich darum aufhorchen, weil die braven Herren mit dem Mechanismus noch nicht sehr vertraut sein konnten. Ich kletterte aus dem Wagen und ging auf die Posten zu, die mich jetzt endlich erkannten. Eifrig suchten sie ihre Gewehre zu sichern. Ich war mir der Gefahr des Augenblicks bewußt und richtig: „peng!" ging dabei ein Schuß los, der mir direkt am Ohr vorbeizischte. Noch ehe sich der Posten von seinem Schreck erholt hatte, war ich weitergefahren. Neben den Autos nahm sich die erregte Phantasie mit Vorliebe die Abbes aufs Korn. In einer der ersten Augustnächte wurde ich durch ein wahnsinniges Geschieße auf dem Broglie geweckt. Ich schickte eine Ordonnanz hinunter, um festzustellen, was diese Muni- tionöverschwendung bedeute. Der Mann meldete mir nach einiger Zeit mit ernstem Gesicht, Patrouillen hätten das Dach des Gouvernements unter Feuer genommen, weil ein Abbe versucht habe, dort in den Schornstein hineinzukriechen, um sich geheime Akten anzueignen. In Wahrheit handelte es sich um keinen Pater, sondern um 170 einen schwarzen Kater, der in der warmen Augustnacht zweifellos nicht an Aktenbündel gedacht hatte. Am 5. August traf der Oberbefehlshaber der 7. Armee, Generaloberst von Heeringen, der frühere Kriegsminister, mit seinem Generalstabschef, Generalleutnant von Hänisch, in Straßburg ein. Diesem Oberkommando war ich mit meinem XV. Korps, zusammen mit dem XIV. aktiven und dem XIV. Reservekorps, unterstellt. Die Aufgabe der Armee war zunächst: Schutz des Oberelsaß gegen eine frühzeitige französische Offensive. Ihre Hauptaufgabe aber war, zusammen mit der zwischen Metz und Saarburg aufmarschierenden 6. Armee die gegenüberstehenden französischen Kräfte festzuhalten und die linke Flanke des deutschen Heeres zu sichern. Am 7. August meldete der Grenzschutz im Sundgau, daß der Feind am Morgen die Grenze mit vier Kolonnen überschritten hatte: durch das Thurtal auf Thann, von St. Germain über Nieder-Sulzbach auf Exbrücke, von Alt-Münsterol über Dammerkirch auf Altkirch und aus Richtung Delle über Courtelevant auf Bisel. Diese letzte Kolonne bestand vorwiegend aus Kavallerie. Es handelte sich um den Einmarsch des VII. französischen Korps aus Belfort unter General Bonneau. Mit dieser Operation hatten wir in allen Einzelheiten gerechnet und den Grenzschutz entsprechend eingeteilt. Die ;8. Grenzschutzbrigade aus Mül- hausen wich sehr geschickt, ihrem Auftrag entsprechend, unter leichten Nachhutgefechten vor der feindlichen Übermacht auf Mülhausen auS und ging von dort bei Nacht ungestört hinter den Rhein in Gegend Neuenburg zurück. Der Feind folgte zögernd bis Mülhausen. Aus dem dortigen Proviantamt, das unsere Truppen befehlsgemäß angezündet hatten, um die Vorräte nicht in Feindeshand fallen zu lassen, schlugen die Flammen hoch zum Himmel empor und hüllten die ganze Gegend in ein abenteuerliches Licht. An die Armeeführung in Straßburg trat nun die Frage heran, wie sie den kritischen Ereignissen im Oberelsaß im Rahmen der strategischen Gesamtoperationen begegnen sollte. Am besten war unsere Aufgabe dadurch zu lösen, daß wir den Gegner so rasch wie möglich wieder hinauswarfen, ehe er Verstärkungen an sich ziehen 171 und das Gesetz des Handelns vorschreiben konnte. Auf das Standhalten unseres schwachen Grenzschutzes in den Vogesen durften wir bei der hervorragenden Tüchtigkeit unserer Truppen und der Stärke ihrer Gebirgsstellungen wohl vertrauen. Im Einvernehmen mit der Obersten Heeresleitung faßte der Oberbefehlshaber der 7. Armee noch am gleichen Tage den Entschluß, den in das Oberelsaß eingedrungenen Feind mit allen verfügbaren Kräften anzugreifen und ihn durch einen starken rechten Flügel nach Möglichkeit gegen die Schweizer Grenze zu werfen. Der Angriff wurde für den 9. August befohlen. Dafür wurden mittels Fußmarsch oder Bahntransport das XV. Korps in Gegend Colmar, das XIV. mit je einer Division bei Breisach und Neuenburg und das XIV. Reservekorps, das noch im Antransport war, mit den zuerst eintreffenden Teilen an den Rheinbrücken in Markols- heim und Schönau bereitgestellt. Mein Korps sollte auf Sennheim und Wittelsheim und das XIV. Korps mit seiner 28. Division über Ensisheim auf Mülhausen vorgehen, während sich die 29. Division auf dem linken Flügel dem Vorgehen nach Anordnungen des Kommandierenden Generals dieses Korps, General Frhrn. von Hoiningen gen. Huene, anzuschließen hatte. Nach neuesten Meldungen hielt der Feind mit einer Division die Gegend von Mül- hausen, mit der anderen die Linie Thann, Sennheim und Wittelsheim besetzt. Bei Altkirch stand die französische 8. Kavallerie-Division. Am Angriffstage marschierte ich mit meinem Korps um 4,zc> Uhr morgens aus unserer Unterkunft südlich Colmar in zwei Kolonnen vor: rechts Z9. Division längs des Gebirges auf Sennheim, links zo. Division über Bollweiler auf Wittelsheim. Mit meinem Stäbe schloß ich mich der rechten Kolonne am Anfang des Gros an. Der Tag war glühend heiß und forderte daher manche Ausfälle unter den Reservisten, die an solche Anstrengungen unter dem schweren Kriegsgepäck noch nicht gewöhnt waren. Etwa auf der Hälfte des Marsches ließ ich die Kolonne an mir vorbeiziehen. Obwohl der Schweiß auf die neuen Monturen rann und der Staub die Gesichter verklebte, machte die Truppe einen zuversichtlichen, ja begeisterten Eindruck. Manch übermütiges Witzwort, das allgemeine Heiterkeit auslöste, zeigte mir, daß die unverwüstlichen Schwaben des Infanterie-Regiments Nr. 126, die in der Vorhut 172 // /er- !/ » / Mwür-teüm » 's voer^ksc« vLk ssk-^rc»^ ^ S.14. siei-l-u^s oek sskr^rose^ s. s. 14. vokk^krsctt S.S.14. Blln^^osn? "ö^LLl Die Schlacht bei Mülhausen, 9. August 1914 marschierten, auch aus dem Weg zur Schlacht ihren Humor nicht vergessen hatten. Gegen Mittag hörte man Kanonendonner von vorne. Die Vorhut der Division war bei Uffholz und in den Rebbergen nordwestlich davon auf feindliche Postierungen gestoßen und hatte den Kampf eröffnet. Beim weiteren Vormarsch geriet ich mit meinem Stab südwestlich von Bertschweiler in feindliches Gewehrfeuer. Für die Aufgaben eines Generalkommandos waren wir also viel zu weit nach vorne 173 gegangen, ein Fehler, den in diesen ersten Gefechtstagen fast alle Führer bis hinab zu den Bataillonskommandeuren gemacht haben. Wir waren eben noch in Manövervorstellungen befangen und wollten den persönlichen Einfluß des Führers möglichst dicht am Feinde zur Geltung bringen. Der umgekehrte Fehler trat gegen Ende des Krieges oft in die Erscheinung, wo die Stäbe zu weit hinter der Front saßen, um in schwierigen Lagen rasch genug durch neue Entschlüsse eingreifen zu können. Nachdem Uffholz genommen war, folgte ich dem Stab der zy. Division, der den Angriff auf Sennheim persönlich leiten wollte, nach Uffholz hinein. Wir hatten kaum die ersten Häuser erreicht, als uns Gewehrfeuer aus dem Kirchturm und einzelnen Gebäuden ent- gegenschlug. Wir mußten in Schützenlinie ausschwärmen und zu Pistole und Karabiner greifen. Eine Infanterie-Kompagnie kam uns zu Hilfe und säuberte den Ort von feindlichen Nachzüglern, die den Rückzug ihrer Kameraden wohl nicht bemerkt hatten. Etwa ein Dutzend französischer Soldaten wurden vom Kirchturm und aus den Häusern geholt und als Kriegsgefangene nach hinten geschickt. Der Angriff gegen die französische Hauptstellung bei Sennheim kam nur langsam vorwärts. Die feindlichen Schützen verstanden ausgezeichnet, das Gelände auszunutzen, schössen aber glücklicherweise meist zu hoch. Diesem Umstand war es zu danken, daß unsere Verluste in den viel zu dichten Schützenlinien — auch ein Kardinalfehler der ersten Kriegömonate, erklärlich (aber nicht entschuldbar) durch die geringe Vertrautheit der unteren Führer, mit kriegsstarken Formationen zu operieren — nicht größer wurden, als sie eS so schon waren. Sehr unangenehm fühlbar machte sich die französische Artillerie, die flankierend aus der Gegend von Alt-Thann in unsere Linie feuerte. Leider war es unserer Artillerie nicht möglich, die Stellungen der feindlichen Batterien zu erkennen und durch ihre Niederkämpfung unsere Infanterie zu entlasten. Trotzdem gelang es gegen 6 Uhr nachmittags Teilen der Regimenter 126, iZ2 und 172, Steinbach zu stürmen und den hier kämpfenden Feind auf Alt-Thann zurückzuwerfen. Etwa zur selben Zeit drangen 126 er und iZ2er in das sehr hartnäckig verteidigte Sennheim von Norden ein, während zwei Bataillone iz6er sich von 174 Osten her an der Wegnahme der Stadt beteiligten. Diese beiden Bataillone hatte der Vorhutkommandeur der Nachbardivision, General von Altrock, aus Wittelsheim auf Sennheim angesetzt, um die schwer kämpfenden Kameraden der zy. Division zu unterstützen. In heißem Straßenkampf gelang es, den Feind aus Sennheim zu werfen. Bald darauf erfolgte ein starker französischer Gegenangriff. Das Gros unserer Truppen wurde wegen der unübersichtlichen Verhältnisse bei einbrechender Dunkelheit aus dem Ort zurückgezogen, in dem nur Sicherungen verblieben. Im Lauf der Nacht hat dann der Gegner Sennheim wieder ganz geräumt. Auf die Meldung von dem französischen Gegenstoß hatte General von Altrock ein Bataillon der 105er und eine aus Marschkranken gesammelte Kompagnie beiderseits der Chaussee gegen Sennheim vorgeführt. Die Vorhutabteilung des Feldartillerie- Regiments 51 begleitete die schwache Infanterie. Etwa ein Kilometer westlich Wittelsheim wurde diese Truppe plötzlich unter starkem Artilleriefeuer aus der Richtung Lützelhof angegriffen. Unter dem Schutz der Abenddämmerung gelang es dem Gegner, bis auf etwa 500 m an unsere Artillerielinie heranzukommen. Durch Einsatz von zwei Bataillonen der i4Zer aus dem Gros der zo. Division wurde die Gefahr noch rechtzeitig abgewendet. Der feindliche Angriff brach in unserem Feuer zusammen. Am späten Abend des ersten Schlachttages hatte mein Korps die Linie: Höhe südlich Steinbach—Sennheim—Wittelsheim in Besitz genommen. Weitere Operationen verboten sich durch die Abspannung der Truppen. Hatte doch die zo. Division wegen der enormen Hitze etwa ein Drittel ihres Bestandes als marschkrank zurücklassen müssen. Ich ließ also die Truppen in der erreichten Linie zur Ruhe übergehen und die Verbände ordnen, die während des Kampfes arg durcheinandergekommen waren. Aber zur Ruhe sollten wir noch nicht kommen. In Wittelsheim war der Kommandeur der zo. Division gegen 10 Uhr abends gerade bei der Befehlsausgabe für die Nacht, als vom Südausgang des Ortes, wohin ein Bataillon der 105 er als Sicherung vorgeschoben war, heftiges Infanterie- und Maschinengewehrfeuer ertönte, in das sich auch bald die Artillerie mischte. Der Divisionskommandeur vermutete einen feindlichen Überfall 175 von Reichweiler her, alarmierte das nördlich Wittelsheim lagernde Jaberner Regiment 99 und ließ es mit aufgepflanztem Seitengewehr im Sturmschritt an den Südausgang des Ortes vorgehen. Die vordersten Kompagnien der 99er stießen dabei auf rückwärtige Teile der 105 er, die sie in der Dunkelheit für Franzosen hielten. Trotz des Verbots zu schießen, eröffnete die vorderste Kompagnie der 99er das Feuer auf die sächsischen Kameraden vom Regiment 105, die sofort lebhaft zurückschössen. In dem nacht- dunklen Ort entstand ein fürchterliches Durcheinander, ein wildes Geschieße und Gebrüll, dem eine regelrechte Panik folgte. Die aus der Straße haltenden Kolonnen machten kehrt und jagten im Galopp nach Bollweiler zurück. Andere Kompagnien der 99er südlich Staffelselden eröffneten mit Maschinengewehren das Feuer gegen das furchtbare Durcheinander. Den Offizieren gelang es nicht, die Panik zu meistern, bis der Divisionskommandeur nach etwa zehn Minuten das vertraute Manöversignal: „Das Ganze halt!" blasen ließ. Endlich konnte das sinnlose Feuer abgestoppt werden. Tatsächlich war gar kein Feind dagewesen. Anscheinend ist eine zurückkommende Kavallerie-Patrouille in der Dunkelheit für eine feindliche Kolonne gehalten worden. Glücklicherweise war die Zahl der Verwundeten und Toten, im ganzen etwa fünfzig, verhältnismäßig gering. Dieser Umstand ist wohl darauf zurückzuführen, daß die Mehrzahl der Schützen nach alter Friedensgewohnheit Hochanschlag gemacht hat und die Kugeln so zum größten Teil keinen Schaden anrichten konnten. Leider fand bei dieser Panik der Kommandeur des sächsischen Regiments 105, Oberst Allmer, den Tod. Erst gegen Mitternacht waren die Truppen wieder so weit geordnet, daß zur Ruhe übergegangen werden konnte. Während des ganzen Nachmittags bis in die Nacht hinein hatten wir starken Kanonendonner von Mülhausen her gehört. Was hatte sich dort ereignet? Das links von meinem Korps vorgehende XIV. Armeekorps war nachmittags bei Mülhausen auf den Feind gestoßen, der eine starke Stellung in den nördlich vorliegenden Dörfern, hinter der Ringbahn und besonders auf dem Höhengelände östlich der Stadt besetzt hielt. Es kam zu schweren Kämpfen, die teilweise bis in die 176 Nacht hinein dauerten und damit endeten, daß unsere Linie Mül- hausen von Norden und Osten umklammert hatte. Dieser ungünstigen Lage entzog sich der französische Führer, General Bonneau, sehr geschickt, indem er während der Nacht von Mülhausen abbaute und den Rückzug nach Belfort antrat. Er handelte damit gegen den ausdrücklichen Befehl seines Oberkommandierenden Joffre, der ihn angewiesen hatte, die am Nachmittag verlorenen Stellungen im Nachtangriff wieder zu nehmen. So konnte in aller Frühe des 10. August die 55. Infanterie- Brigade des XlV. Korps geschlossen in Mülhausen einrücken. Ohne weitere Kämpfe erreichte dieses Korps gegen Mittag die Linie Brunstatt—Landser und stellte hier die weitere Verfolgung ein. Für General Bonneau kam jetzt alles darauf an, seinen Rückzug gegen mein XV. KorpS zu decken. Zu diesem Zweck ließ er die Hauptreserve der Festung Belfort und Teile einer bei Altkirch in Reserve stehenden Brigade eine Stellung auf den Höhen von Schweighausen—Niederaspach—Oberaspach einnehmen, um hinter dieser Schutzmauer mit der Hauptmasse den Rückzug fortzusetzen. Als wir am 10. August morgens nach der bewegten Nacht den Vormarsch in südlicher Richtung fortsetzten, stießen wir bald auf Bonneauö Flankendeckung. Die feindliche Stellung lag überhöhend hinter einem Wiesengrund, der ein vorzügliches Schußfeld für die französische Infanterie bot. Trotzdem entschloß ich mich zu unverzüglichem Angriff, um Bonneau am Abmarsch auf Belfort zu hindern. Von dem linken Flügel der zo. Division wurde eine Kolonne mit Artillerie auf Reiningen abgezweigt, die umfassend in den Kampf eingreifen sollte. Mit meinem Stab ging ich an den Südausgang von Sennheim, wo ich vom Speicher der Bahnhofswirtschaft aus den größten Teil des Kampffeldes durch das Scherenfernrohr übersehen konnte. Die Infanterie beider Divisionen entwickelte sich wie auf dem Exerzierplatz, während ein Höllenfeuer aus unserer langen Artillerielinie gegen die feindliche Stellung losprasselte, namentlich gegen den beherrschenden Lerchenberg. Die schweren Batterien waren dicht neben mir am Bahnhof Sennheim hinter dem Bahndamm in 12 Deimling, Zeit 177 Stellung gegangen und suchten die feindliche Artillerie mit gutem Erfolg niederzukämpfen. Unter dem Schutze unseres Artilleriefeuers arbeitete sich die Infanterie in langen, leider auch heute wieder viel zu dichten Schützenlinien gegen die französische Stellung vor. Es war ein Schlachtenbild von stärkstem Eindruck, ein Kampf, Auge in Auge mit dem Feind, bei dem die Tapferkeit deS einzelnen Mannes und die Geschicklichkeit der Führer ausschlaggebend waren. Noch war die Technik mit Minen, Giftgasen, Flammenwerfem und Tanks nicht die Geißel der Schlachten wie später im Grabenkrieg, wo arme kleine Menschen sich vor der Übermacht des Materials in die zerrissene Erde wühlen mußten und nur ganz selten einmal als Soldaten gegen Soldaten zu kämpfen hatten. Von phantastischer Eindringlichkeit wurde das Bild, wenn einzelne Artilleriezüge und Geschütze im Galopp durch das feindliche Feuer vorgingen, dicht hinter der Infanterie, mit Hurra begrüßt, abprotzten und in direktem Schuß die feindliche Stellung in eine Wolke von Rauch und Feuer hüllten. Die beiden Schwesterwaffen wetteiferten, dem Feind auf den Leib zu rücken. Gegen Abend wurde die französische Stellung frontal erstürmt, noch ehe die Umfassung von Osten her wirksam geworden war. Die z. und 4. Kompagnie der 126er nahmen bei Oberaspach eine feindliche Batterie. Bei der Verfolgung deS Feindes fuhr unsere Artillerie zum Teil noch vor der vordersten Jnfanterielinie auf und feuerte bis zum Einbruch der Dunkelheit in die zurückflutenden Massen der Franzosen hinein, die jeden Halt verloren hatten. Meine Absicht, bei Tagesanbruch am nächsten Morgen die Verfolgung in südlicher Richtung mit dem ganzen Korps fortzusetzen, wurde durch einen Armeebefehl unterbunden. Nur einzelne Detache- ments wurden zur Verfolgung angesetzt, stießen aber nirgends mehr auf ernsten Widerstand. Es war dem Feinde gelungen, nach Belfort zu entkommen. Bei uns wollte keine rechte Siegesstimmung aufkommen. Gewiß, wir hatten den Gegner zurückgeworfen, und der Kaiser j schickte auch ein anerkennendes Telegramm. Aber unser Sieg war j nur ein „ordinärer" Sieg, wie Schliessen sich auszudrücken pflegte, - denn wir hatten den Gegner wohl geschlagen, aber das Ziel einer Schlacht im Bewegungskrieg, ihn zu vernichten, nicht erreicht. Demgemäß war auch die Beute an Material und Gefangenen nur gering. An der Truppe hat das nicht gelegen, sie hat nach gewaltigen Marschanstrengungen ihre letzte Kraft hergegeben. Der Vorwurf trifft die Armeeleitung, weil sie die beiden Korps zu reinem Frontalangriff nebeneinander angesetzt hatte. Freilich war die Absicht gewesen, die Franzosen mit starkem rechten Flügel zu umfassen und gegen die Schweizer Grenze abzudrängen. Aber dieser Gedanke war ZS.U>. LNM1N tTrramr rttels/rewr « Q . 0 a 0. X/7.' .0L>e^ » r- s_s.L--.2i Lo//e^- ?? /.-»» » ,7/is >,,«v ^ Ire/ninaeK r'smrveüer' o» ssk^dtroLkdi —^ e^75^7u^Su.^. Division genommen. Nach Einbruch der Dunkelheit erfolgt ein Gegenangriff von LL/urs XV. Uirrse/n/ie/m LlMLV/L S7N-4SS.- M ^ro/s/rel/n Sc-!k//'meL/c «s LvttMes Ms-S/crs/e/r » lr. L-oe/7 Kamben oü/e^s ttos/ V S/O/^ L7St7//e VLL LL.^.K. knlZs August 1I1- Ditz Vogesenkämpfe vom 19. 8. bis 8.9.1914 zwei französischen Bataillonen, die auf einem Nebenweg unter dem Gesang der Marseillaise in den Ort eindringen. Sie werden im Handgemenge wieder hinausgeworfen, während das Deutschlandlied durch die Nacht klingt. Am 24. August fällt Raon l'Etape in nächtlichem Handstreich. Bei Annäherung der Vorhut rührt sich nichts in dem Städtchen. Das erste Haus rechts der Straße ist erleuchtet. Eine Patrouille meldet, daß die Stube voller Franzosen ist. Da tritt der Führer der vordersten Kompagnie kurz entschlossen mit ein paar Leuten durch die Tür und erklärt die fassungslos hochfahrenden Franzosen für 183 gefangen. Es waren 48 Mann, die es sich als Sicherungsabteilung in dem Hause gemütlich gemacht hatten. Kleinere Abteilungen leisteten noch kurzen Widerstand an der Brücke über die Meurthe, auch aus einzelnen Häusern wurde noch geschossen. Im übrigen fiel der Ort kampflos, und unsere ausgehungerten Leute konnten sich an die gedeckten Tische setzen, die von den überraschten Franzosen in wilder Eile verlassen waren. Ein Teil der feindlichen Soldaten hatte sich aber in Kellern und Scheunen verkrochen. Von diesen wurden noch am nächsten Tage einzelne deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt erschossen, darunter auch der Adjutant und der Ordonnanzoffizier des Feldartillerie- Regiments 51, als sie an einem Brunnen ihre Pferde tränkten. Am 27. August wird Etival genommen, und nach schweren Kämpfen konnte am 4. September die zy. Division mit Unterstützung von Teilen des XIV. Reservekorps La Salle besetzen. Es handelte sich in diesen Tagen schwersten Ringens darum, den Austritt aus dem Waldgelände gegenüber von Rambervillers zu erkämpfen. Bevor jedoch dieses Ziel erreicht werden konnte, traf am 5. September ein Befehl der Obersten Heeresleitung ein, daß mein XV. Korps und das Oberkommando der 7. Armee herausgezogen werden sollten zum Abtransport nach Norden. Nach Ablösung durch die Nachbarkorps wurden wir bei Avricourt und Heming verladen. Über das Ziel der Fahrt wußte ich genau so wenig wie jeder Musketier. Wir waren aber heilfroh, aus den ebenso ent- scheidungslosen wie verlustreichen Wald- und Gebirgökämpfen herauszukommen und auf dem Nordflügel verwendet zu werden. Man sprach schon so viel von dem baldigen Fall von Paris, daß wir fürchteten, zu spät zu kommen. Was war nun das strategische Ergebnis der vierzehntägigen Kämpfe in den Wäldern der Vogesen? Die 6. und 7. Armee hatten wohl feindliche Kräfte gefesselt, aber nun saßen wir selbst mit starken Kräften vor der befestigten Moselfront fest und fielen aus bei der soeben beginnenden großen Waffenentscheidung an der Marne. Unmittelbar nach der dreitägigen, siegreichen Schlacht in Lothringen vom 20.—22. August, durch die der Schutz der linken Heeresflanke strategisch gewährleistet war, hätten noch rechtzeitig 184 starke Kräfte als Staffel hinter den rechten Heeresflügel verschoben werden können. Statt dessen drängte die Oberste Heeresleitung auf eine Verfolgung in südlicher Richtung, die im Erfolg zweifelhaft sein mußte und bei den Schwierigkeiten des Geländes rasche Operationen ausschloß. In den ewig schwankenden Entschlüssen der obersten Leitung, die in der ersten Zeit Erfolge und Mißerfolge in gleicher Weise überschätzte, war während der Vogesenkämpfe zuletzt auch der Gedanke eines Durchbruchs der 6. und 7. Armee zwischen Nancy und Epinal erwogen worden. Mit beiden Flügeln des deutschen Westheeres sollten so die Franzosen völlig eingekreist werden. Das war ein Cannä-Gedanke, der noch über den Schlieffenplan hinausging. Schliessen hätte nie seine Einwilligung zu der Neutralitätsverletzung Belgiens gegeben, wenn er einen Durchbruch durch die französischen Sperrfestungen in raschem Vorwärtsstürmen für möglich gehalten hätte. Was der Obersten Heeresleitung in ihrer mangelnden Entschlußfähigkeit vorschwebte, das war der Wunsch pedantischer Ängstlichkeit, überallstark zu sein. Aber die großen Feldherren der Geschichte waren auch keine Hasardeure, sondern ernste, verantwortungsbewußte Männer, die nach reiflicher Überlegung einen kühnen Entschluß faßten, dann aber auch den letzten Mann heranholten, um bei der Entscheidungsschlacht stark zu sein. So blieben acht Armeekorps ausgezeichneter deutscher Truppen auf diesem Nebenkriegsschauplatz festgehalten, während an der Marne um die Entscheidung gerungen wurde. Das deutsche Heer, wohl an Schulung und Kampfkraft das beste, das die Kriegsgeschichte kennt, mußte sich in der Schicksalsstunde Deutschlands verbluten, ohne einen Feldherrn zu haben. Zehntes Kapitel d) 9. September wurde ich mit meinem Stab ziemlich am Anfang -V^der ganzen Transportbewegung meines Korps in St. Quentin ausgeladen. Dunkle, unkontrollierbare Gerüchte über einen Rückschlag der deutschen Offensive an der Marne schwirrten durch die Luft. In den Straßen der alten Provinzstadt standen die Einwohner in kleinen Gruppen aufgeregt tuschelnd zusammen. Wir fühlten alle, daß etwas Ernstes geschehen war, obwohl offizielle Nachrichten fehlten. Unsere Besorgnis wuchs, als am nächsten Tage der Antransport der Truppen ins Stocken geriet. Die Belgier hatten nämlich am 9. September von Antwerpen aus einen Vorstoß gegen unsere Hauptverbindungslinie Köln— Brüssel gemacht. Zur Unterstützung der Belagerungstruppen des Generals v. Beseler wurden fünf Bataillone, eine Eskadron und vier Batterien meines Korps bei Löwen und Tirlemont ausgeladen und in den Kampf geworfen. Erst am iz. September wurden sie nach Abwehr des belgischen Vorstoßes wieder frei und dem Korps nachgeführt. Abgesehen davon hatte ein schwerer Zugzusammenstoß bei Monö eine längere Sperrung der Transportstrecke verursacht. Am n. September früh riß uns ein Heeresbefehl aus allen Zweifeln und Hoffnungen: „Feindliche Kräfte sind in Lücke zwischen i. und 2. Armee eingedrungen. Beide Armeen müssen daher in Linie Soissons—Reims zurückgenommen werden." Das Armeeoberkommando 7, dem ich mit meinem Korps unterstand, wurde angewiesen, sich mit Generaloberst von Bülow, der die l. und 2. Armee befehligte, wegen des Eingreifens der 7. Armee in Verbindung zu setzen. Außer meinem Korps war der 7. Armee das VII. Reservekorps unterstellt worden, das durch die Übergabe der Festung Maubeuge frei geworden war. Jetzt wußten wir, daß für den zu schwachen rechten Heereöflügel 186 eine kritische Lage entstanden war. So schnell als möglich mußte die Lücke zwischen den beiden Armeen geschlossen werden. Das VII. Reservekorps ging in Eilmärschen vor und erreichte am iz. September das beherrschende Höhengelände des Chemin des Dames nördlich der Aisne, im Anschluß an den linken Flügel der i. Armee. Aber noch immer klaffte eine Lücke von 14 lcm bis zum rechten Flügel der 2. Armee. Gelang es dem Feind, hier durchzubrechen, so war eine Katastrophe unvermeidlich. Die Lage wurde noch bedrohlicher. S S.X^ ?oܧs.L.Z?^ » Kess/'^s c/s? ZQ Q üe, ^,2ls//sL2. S^l S7el.i.u^6 57Ll.l.lE VLK 5K^^055^ Kämpfe an der Aisne. Lage bei der 7. Armee 14.9.1914 abends als es dem Feind am 14. September glückte, den linken Flügel des VII. Reservekorpö trotz tapferster Gegenwehr von Craonne auf Böve CHLteau zurückzudrängen. Auch der rechte Flügel der 2.Armee stand in schwerem Kampf gegen überlegenen Gegner. Ich hatte inzwischen die bisher Angetroffenen Teile meines Korps in Gewaltmärschen — einzelne Bataillone mußten am iz. September bis zu 50 km zurücklegen — nach Laon vorgeführt. Im Morgengrauen des 14. brachen wir von Laon auf, um den in die Lücke eingedrungenen Feind anzugreifen und über die Aisne zurückzuwerfen. Auf der großen Nationalstraße nach Reims marschierte 187 vome die Z9. Division, die wegen der Abgaben gegen Antwerpen nur über fünf Bataillone Infanterie verfügte. Unmittelbar dahinter folgte die zo. Division, der drei Bataillone, also ein volles Regiment an Kampfstärke, fehlten. Gegen zehn Uhr vormittags stieß die Vorhut auf Feind bei Corbsny, der die Höhen südlich und östlich des Ortes besetzt hielt. Um io,zo Uhr vormittags gab ich den Befehl zum Angriff. Infolge flankierenden Artilleriefeuers kam die Infanterie nur langsam vorwärts. Ich entschloß mich daher, die zo. Division links neben der Z9. einzusetzen, und zwar ohne Rücksicht auf die Lücke an meinem rechten Flügel und gegen den Willen der Armeeleitung. So fand aber die zo. Division ein günstiges Angriffsgelände, und am Abend dieses Tages waren Corbsny und die Höhen südöstlich davon in unserer Hand. Der Sieg war die beste Schließung der Lücke. Auch das VII. Reservekorps hatte im Anschluß an unser Vorgehen seinen linken Flügel wieder vorschieben und alle feindlichen Angriffe abweisen können. Damit war es gelungen, die schwere Krise, die über unserem rechten Heeresflügel gelastet hatte, in letzter Stunde zu meistern. Am 15. September befahl Generaloberst von Bülow den allgemeinen Angriff für i., 7. und 2. Armee, in der Hoffnung, damit die Offensive des deutschen Westheeres überhaupt wieder in Schwung zu bringen. So kam es zu dem schweren siebentägigen Ringen, das in der Kriegsgeschichte als Schlacht an der Aisne und bei Reims bezeichnet wird. Für das XV. Korps galt es, zwei Schlüsselpunkte auf dem Höhenrücken des Chemin des Dames zu nehmen, die schon hundert Jahre früher in den Kämpfen zwischen Blücher und Napoleon eine Rolle gespielt hatten: die festungsartig ausgebaute Hurtebise Ferme und die Ortschaft Craonne. Schon am 16. September wurde Craonne von der Z9. Division erstürmt, und fünf Tage später fiel die Hurtebise Ferme, nachdem schwere Minenwerfer die kleine Festung für Truppen der zo. Division sturmreif gemacht hatten. Damit war der Höhenrücken des Chemin des Dames in unserer Hand. Zugleich aber fand der mit so weitgehenden Hoffnungen unternommene deutsche Gegenangriff sein Ende. 188 Die Kampfkraft unserer Truppen war bis auf das äußerste erschöpft, während die Franzosen, die vor dem deutschen Rückzug schon sichtbare Zeichen der Demoralisierung gezeigt hatten, durch das „Wunder der Marne" mit neuer Siegeszuversicht belebt waren. Die Gefechtsstärken der einzelnen Kompagnien waren furchtbar zusammengeschmolzen. Vor mir liegt die Regimentsgeschichte der 99er aus Zabern. Schon vor dem Einsatz an der Aisne hatte dieses Regiment 40 Offiziere und 992 Mann, also ein Drittel seines Bestandes, an Toten und Verwundeten verloren. Von meinen alten Regimentskommandeuren hatte ich nur noch zwei. Die anderen waren tot oder schwerverwundet. Das Schlimmste aber war, daß die Artilleriemunition zu mangeln begann. Von oben wurde den Truppen äußerste Sparsamkeit zur Pflicht gemacht. General von Falkenhayn, der am 14. September für den schwerkranken General von Moltke die oberste Leitung des Heeres übernommen hatte, befahl sogar: das feindliche Artilleriefeuer solle unterlaufen und die Stellungen sollten durch überraschenden, überfallartigen Angriff gestürmt werden. Mit grimmigem Hohn haben wir diesen Befehl vom grünen Tisch entgegengenommen. Wir wünschten nur, daß die Herren von der Obersten Heeresleitung uns einmal vorgemacht hätten, wie man feindliche Granaten „unterläuft". Wir hätten es dann schon nachgemacht. An die Truppe habe ich diesen wirklichkeitsfremden Befehl gar nicht weitergegeben, um ihr unnötige Verbitterung zu ersparen. Auf der Höhenlinie des Chemin des Dames gruben wir uns ein. Dicht gegenüber entstanden die französischen und englischen Schützengräben. Maulwurfartig ging es immer tiefer in die Erde. Vor den Gräben entstanden Hindernisse, Stacheldraht wurde bei Dunkelheit von Pfahl zu Pfahl gespannt und unentwirrbar verknotet. Es zeigten sich auf beiden Seiten die Anfänge jenes Zustandes, den man später als Stellungskrieg, als das „Erstarren der Fronten" bezeichnet hat. Dabei handelte es sich um nichts Geplantes oder Gewolltes. Zu weiterem Angriff auf breiter Front langte der Atem nicht mehr, und freiwillig zurück konnte und wollte keiner. So versanken die Truppen hinter einer Barriere von Stacheldraht in die Erde, die allein den Menschen dürftigen Schutz bot im Iweikampf der Kriegstechnik, der den folgenden Jahren das Gepräge gab. 189 Fast vier Wochen lag das XV. Korps in seinen Stellungen auf dem Chemin des Darnes, als am 19. Oktober Ablösung kam. Mein Korps wurde zu anderweitiger Verwendung aus der „ruhigen Front" herausgezogen. JoffreS Versuch, einen Keil zwischen die 1. und 2. Armee zu treiben und so unsere Front zu durchbrechen, war mißlungen. Er faßte jetzt den richtigen Entschluß, den gegen die Grunderfordernisse des Schlieffenplans gefährlich verkürzten rechten Flügel des deutschen Heeres von Norden zu umfassen und aufzurollen. Dadurch hoffte er, uns strategisch auf die Maaslinie zurückzuwerfen und so Nordfrankreich und Belgien vom Feinde zu befreien. Falkenhayn nahm den Kampf hiergegen energisch auf und plante darüber hinaus noch, sobald als möglich wieder offensiv zu werden, um die verlorengegangene Initiative wieder an sich zu reißen. Beide Gegner zogen alle im Süden und in der Mitte entbehrlichen Kräfte heraus und warfen sie nach Norden, in dem Bestreben, den Feind zu überflügeln. So entstand der „Wettlauf zum Meere", an dem auch das XV. Armeekorps teilnahm. In anstrengenden Märschen hinter der Front zogen wir über St. Quentin—Cambrai—Douai nach Norden und trafen am 28. Oktober in Lille ein. Auf dem Durchmarsch suchte ich in St. Quentin den Generaloberst von Bülow, den Führer der 2. Armee, auf. Ich fand ihn viel weniger frisch, als ich ihn einst gekannt hatte. Beim Frühstück trank er ganz gegen seine Gewohnheit in Friedenszeiten Selterwasser. Sein Stabschef, General Lauenstein, machte einen völlig übermüdeten, fast kranken Eindruck. Von Bülow erfuhr ich Näheres über die in Belgien neu zusammengestellte 4. Armee unter dem Herzog Albrecht von Württemberg. Sie bestand aus den bisherigen Belagerungstruppen der Festung Antwerpen, die am 9. Oktober gefallen war. Außerdem waren dieser Armee vier soeben in der Heimat verwendungsbereit gewordene neue Korps unterstellt worden, die hauptsächlich aus Schülern und Studenten bestanden. Bülow bezeichnete es als einen schweren Fehler, diese wohl kriegsbegcisterten, aber ungenügend ausgebildeten Truppen unter Führung noch nicht kriegserfahrener, zum großen Teil überalterter, reaktivierter Offiziere auf dem Ent- 190 scheidungsflügel einzusetzen, wo besonders schwere Kämpfe zu erwarten waren. Einer solchen Aufgabe waren seiner Ansicht nach nur kampferprobte Truppen gewachsen, die aus ruhigen Abschnitten herauszuziehen und dort durch die Jugendkorps zu ersetzen waren. Wie recht er mit diesem Urteil hatte, sollten die nächsten Wochen beweisen. In Cambrai ließ ich die Marschkolonne meines Korps an mir vorbeiziehen. Ich mußte an den Tag vor 2^ Monaten denken, als vor der Schlacht bei Mülhausen dieselben Regimenter und doch nicht dieselben an mir vorbeimarschiert waren. Ein Drittel deS Korps war in den Vogesen, ein weiteres Drittel an der Aisne geblieben. Die Kriegsstärke war zwar annähernd durch Ersatz wieder aufgefüllt, aber jetzt marschierten zwischen schmächtigen Jungens schon Männer mit ergrauten Bärten. Und doch machten die Truppen trotz der Marschanstrengungen einen vortrefflichen Eindruck. Am 27. Oktober fand in Douai beim Kronprinzen Rupprecht eine Führerbesprechung statt, zu der auch der temperamentvolle Oberstkommandierende, der General von Falkenhayn, erschienen war. Das Ergebnis war, daß aus meinem XV. Korps, dem II. Bayrischen Korps, der 26. Division und der 6. Bayrischen Reserve-Division eine besondere Stoßgruppe unter Führung deS Generals von Fabeck gebildet werden sollte, die in einheitlichem Angriff mit der 4. Armee deS Herzogs von Württemberg und der 6. des Kronprinzen von Bayern auf Vpern durchzubrechen und so die Schlacht auf dem neuen Nordflügel zu entscheiden hatte. „Opfer sollten nicht gescheut werden." Der Angriff hatte am zo. Oktober zu beginnen. Der Gefechtsstreifen meines Korps war rechts durch die Chaussee Gheluwe— Gheluvelt—Vpern, links durch die Straße Tenbrielen—Zand- voorde—Iillebeke begrenzt. Nördlich von uns kämpfte die 4. Armee, südlich das II. Bayrische Korps. Ich setzte meine zo. Division rechts und die Z9. links in dem Angriffsstreifen ein. In der Frühe deS zo. Oktober begann die blutige Schlacht. Gegen Mittag nahm die zy. Division Zandvoorde und brachte hundert Gefangene des englischen Eliteregiments der Royal Welsh Füsiliers ein. Auf dem rechten Flügel, auch beim Nachbarkorps nördlich der Chaussee Gheluvelt—Ppern kam der Angriff weniger gut vorwärts. 191 Am Nachmittag fahre ich deshalb zur zo. Division. Unterwegs lasse ich halten und klettere auf den Dachboden eines halb- zerschoffenen, noch rauchenden Gehöfts, wo ein Artillerieftab seine Beobachtungsstelle hatte. Aus der Dachluke bietet sich ein Rundblick über das schauerliche Drama der Schlacht. Ringsum lodert ein Feuerkreis der in Flammen stehenden Dörfer und Gehöfte. Ununterbrochen donnern unsere Kanonen, und dazwischen krachen die Einschläge der feindlichen Granaten. Das helle, durchdringende Knattern der Maschinengewehre wird nur in den kurzen Atempausen des tödlichen Konzerts laut. Dicht neben dem zerschossenen Gehöft liegt eine Kompagnie in Reserve. Jetzt erhebt sie sich, schwärmt aus wie auf dem Exerzierplatz und arbeitet sich sprungweise in Schützenlinie vorwärts. Ein Eisenhagel schlägt in die Reihen, der Qualm der Granateinschläge verschlingt die Menschen. Der schwere flandrische Boden spritzt in riesigen Fontänen gegen den Himmel, und die Sprengstücke surren mit heulendem Geräusch um uns. Manche klatschen hart gegen das Dach der Beobachtungsstelle. Wir sehen einzelne Leute fallen, manche rappeln sich wieder aus und stolpern in dem zerwühlten Dreck weiter vorwärts, andere bleiben liegen, still für immer. Die Überlebenden gehen unaufhaltsam vorwärts, durch Eisen, Feuer und Rauch. Es geht um die höchste Pflicht der Kameradschaft, die in vorderster Linie zusammengeschossenen Truppen mit den eigenen Leibern zu unterstützen. Tapfere Offiziere! Todesmutige Soldaten! Und doch kommt der Angriff vor Gheluvelt inS Stocken. Die Armeeleitung befiehlt Fortführung des Durchbruchversuchö. Am nächsten Morgen bin ich frühzeitig wieder bei der zo. Division, um mit ihrem ausgezeichneten Führer, dem General Wild von Hohenborn, die Einzelheiten des Angriffs auf Gheluvelt zu besprechen und die Mitwirkung des nördlichen Nachbarkorps sicherzustellen. In der Nähe von Hohenborns Gesechtsstand, an der Straßenkreuzung östlich Gheluvelt, später nach mir DeimlingS-Eck genannt, muß ich mein Auto verlassen, weil es durch zahlreiche Treffer betriebSunfähig wird. Ich erreiche zu Fuß den Gefechtsstand des Generals und beginne gerade, mit ihm über die Lage zu sprechen, als ein Feuerüberfall der feindlichen Artillerie auf das Straßenkreuz 192 niedergeht. Eines der ersten Schrapnells jagt mir eine Kugel in die linke Hüfte und wirft mich der Länge nach zu Boden. Ununterbrochen fegen dann die Granaten von Ppern her die Chaussee entlang, die in wenigen Sekunden menschenleer daliegt. Mühsam schleppe ich mich in einen flachen Graben neben der Straße, der sich rasch bevölkert. Einträchtig neben- und übereinander liegen wir eine gute Viertelstunde in dem feuchten Loch auf dem Bauch. Mit der Hand fühlte ich, wie mir das Blut durch den Uniformrock sickert. Endlich sucht sich die feindliche Artillerie ein anderes Ziel. Ein Sergeant bietet mir seine Hilfe an und stützt mich beim Gehen auf dem kurzen Weg zum Verbandsplatz, der in einem von Granaten zerfetzten Haus errichtet ist. Die Stube ist überfüllt von Verwundeten; Stöhnen und Schreien um mich. Heiseres Röcheln von Sterbenden! Immer neue blutige Klumpen von Menschen werden auf Bahren durch die niedere Tür hineingetragen. Mit unerschütterlicher Ruhe waltet ein bayrischer Stabsarzt seines Amtes. Alle paar Minuten schlägt eine neue Granate in daS Gehöft ein und läßt den Kalk von Wänden und Decke spritzen. In irrsinniger Angst schreien Verwundete auf. Mit einem kurzen, forschenden Blick erkennt mich der Arzt. „Ich warte, bis ich an der Reihe bin", sage ich leise. Nur mit den Augen dankt er mir und schneidet weiter, gibt Spritzen, verbindet, ist grob, spricht Mut zu. Er ist ganz erfüllt von seiner Mission, zu retten, was der Krieg noch zu retten läßt. Dann bekomme auch ich einen Notverband. Ein Auto bringt mich, zusammen mit dem ebenfalls verwundeten Kommandeur der Artillerie-Brigade, durch einen Hagel englischer Schrapnells nach Wervicq, wo mein Generalkommando in Quartier liegt. Der Korpsgeneralarzt nimmt sich zusammen mit dem berühmten Chirurgen Dr. Sauerbruch meiner liebevoll an. Die Schrapnellkugel steckt zwar noch in der Hüfte, aber das kann ihr vor Sauerbruchs Pinzetten nichts nützen. Man steckt mich in meinem Quartier ins Bett. Gegen Mittag erhalte ich die Nachricht, daß die zo. Division Gheluvelt genommen hat und die zy. Division in fortschreitendem Angriff gegen Iillebeke ist. Aus einmal ertönt auf der Straße das Autosignal: „Tati- tata!" Mein Bursche, keineswegs eine Krankenschwester von Natur, 13 Deimling, Zeit 193 poltert ins Zimmer und meldet mir den Besuch des Kaisers. In Begleitung seines alten Generaladjutanten von Messen trat er ins Zimmer, setzte sich zu mir ans Bett und ließ sich über meine Verwundung und die Kämpfe meines Korps berichten. Dann erzählte der Kaiser von den anderen Kriegsschauplätzen. Ich war damals überrascht, wie günstig er unsere Gesamtlage beurteilte. Während der Kaiser noch bei mir war, kreisten feindliche Flieger über Wervicq und warfen Bomben ab, die auf die in unmittelbarer Nähe des Ortes stehende Korpsreserve gemünzt waren. Zum Abschied genehmigte der Kaiser meine Bitte, die Führung des Korps trotz meiner Verwundung beibehalten zu dürfen. Nach zehn Tagen war ich wieder so weit, daß ich am Stock herumhumpeln und wieder nach unserem Gefechtsstand in Tenbrielen vorfahren konnte. Die Angriffe wurden Tag für Tag fortgesetzt, kamen bei der Ermüdung der Truppen aber nicht mehr recht vorwärts. Wir hatten uns zwar allmählich bis auf 6 lem an Ppern herangekämpft, aber der flache Rücken, der sich östlich und südlich der Stadt — von Hooge an der großen Straße über Höhe 60 auf Verbranden Molen — hinzieht, verwehrte uns wie ein natürlicher Schutzwall den Einblick in die weite Talsenke, in der die alte Stadt mit ihren weltberühmten Tuchhallen eingebettet liegt. Dieser Höhenzug war noch in den Händen des Feindes. Die Engländer des General French, meist alte erfahrene Kolonialsoldaten, hatten sich, verstärkt durch Inder, in dieser taktisch ausgezeichneten Position hinter Drahthindernissen verschanzt. Obwohl die Truppen bei miserablem Wetter im Schlamm und Dreck des flandrischen Bodens und durch schwere Verluste unverkennbar an Kampfkraft eingebüßt hatten, sollte noch einmal ein großangelegter Durchbruchsversuch auf Ppern unternommen werden. Dazu wurde am 8. November die Stoßgruppe Linsingen gebildet, der mein XV. Korps unterstellt wurde. An frischen Truppen kam das Korps Plettenberg (Generalkommando des GardekorpS) mit der gemischten Gardedivision Winkler und der 4. Division hinzu. Die neue Gruppe Linsingen sollte im bisherigen Gefechtsabschnitt des XV. Korps auf Ppern durchstoßen. Der Angriff begann am n. November. Die Garderegimenter, i., z., Franz und Augusta, waren an der Straße Gheluvelt—Vpern 194 bü 2Z. - 79/S nsc/> c/sm?.6-5 i poi.VLOK-VVAl.0 vptü^sosco» b ovm 6sssn§/'^sn6srsnIitte Januar 1916 erhielt ich von der Obersten Heeresleitung ^die Mitteilung, daß mein Korps Anfang Februar gegen die französische Festung Verdun eingesetzt werden sollte. DaS Jahr 1915 hatte unS wertvolle Erfolge gebracht. DaS russische Heer war während des Sommers wiederholt geschlagen und bei nachlassender Kampfkraft unter ungeheuren Verlusten an Gefangenen und Kriegsmaterial weit zurückgedrängt worden. Die serbische Armee war vernichtet und dadurch eine Landverbindung zu unseren türkischen Bundesgenossen geschaffen worden. Italien wurde durch Osterreich-Ungarn, dem es im Mai den Krieg erklärt hatte, in Schach gehalten. So hatte die Heeresleitung die Möglichkeit, wieder auf dem westlichen Hauptkriegsschauplatz aktiv zu werden. Wir durften nicht abwarten, bis es dem Gegner gefiel, uns an einer selbstgewählten, Erfolg versprechenden Stelle anzugreifen. Als Angriffsziel entschied sich Falkenhayn für Verdun. Dieser Eckpfeiler der französischen Front sprang in unsere Linien vor und bot so ein Moment der Schwäche für den Verteidiger. Zugleich war Verdun ein ständig drohendes Ausfallstor gegen unsere wichtigsten rückwärtigen Verbindungen. Auch hätte die Bezwingung dieser stärksten Festung Frankreichs einen gewaltigen moralischen Eindruck in der ganzen Welt gemacht. Auf der anderen Seite war uns bekannt, daß die Befestigungswerke von Verdun außerordentlich widerstandsfähig und nach modernsten Erfahrungen ausgebaut waren. Außerdem bot die Eigenart des Geländes dem Verteidiger natürliche Vorteile. Aber hatte unsere schwere Artillerie nicht schon viele feindliche Festungen über Erwarten rasch zerschlagen! Gewiß. — Aber Verdun war keine Festung im alten Sinn mit leicht erkennbaren, permanenten Werken, die der Artillerie sichere Ziele boten, sondem es handelte sich hier um eine befestigte Zone, die nach der Tiefe gegliedert war 206 und wo man in geschickter Weise Schluchten und Wälder in ein wohldurchdachtes Verteidigungssystem einbezogen hatte. Die Franzosen sprachen auch nicht von der Festung Verdun, sondern treffend von der „rsgion lortiliso äs Verdau". Der Angriff auf Verdun, den der deutsche Kronprinz zu leiten hatte, war so gedacht, daß auf dem Ostufer der Maas drei Korps den Hauptstoß über die Cötes Lorraines von Norden führen sollten, während mein Korps zusammen mit den schon in Stellung befindlichen Kräften des V. Reservekorps aus der Wosvre-Ebene die Maashöhen von Osten her anzugreifen hatte. Die Truppen links von mir, die Armeegruppe von Strantz, sollten sich unserem Vorgehen anschließen. In der ganzen Anlage hatte die geplante Operation von vornherein ein verhängnisvolles Moment strategischer Unzulänglichkeit, indem aus Mangel an Kräften ein gleichzeitiger Angriff auf dem westlichen Maasufer nicht durchgeführt werden konnte. Damit waren die Operationen auf dem Ostufer einer wirksamen artilleristischen Flankierung ausgesetzt. Ein Grundgesetz der Kriegskunst verlangt aber, daß bei Freiheit des Handelns das operative Ziel im richtigen Verhältnis zu den verfügbaren Kräften stehen muß. Vorbedingung des Gelingens war Überraschung des Gegners. Der Angriff sollte am 12. Februar beginnen, da aber machte uns der Wettergott einen Strich durch die Rechnung. Es setzte Schneetreiben ein, das jede Artilleriebeobachtung ausschloß. So warteten wir in ganz unzulänglicher Unterkunft vom 12. bis 20. Februar auf Wetterumschlag. Inzwischen aber war den Franzosen die Truppen- und Artilleriemassierung vor ihrer Front nicht entgangen, und Tag und Nacht rollten die Autokolonnen mit Verstärkungen nach Verdun. Der Moment der Überraschung war so verloren. Am 20. Februar trat endlich Frost mit besserer Sicht ein, und am 2i. früh gab der Kronprinz den Befehl zur Feuereröffnung. Auf der ganzen Front setzten mit dumpfem Grollen die schweren und schwersten Kaliber ein, 21-Lm-Mörser, die „dicken Bertas" mit ihren 42 om und die „langen Maxe", von der Marine entliehene Schiffsgeschütze von riesiger Reichweite. Dazwischen krachten die Haubitzen und Feldkanonen, deren Feuer sich planmäßig mehr und mehr steigerte. Es gab ein Höllenkonzert, wie wir es noch nicht 207 erlebt hatten. Am Nachmittag schwoll die Artillerievorbereitung zum Trommelfeuer an. Die Luft zitterte, und die einzelnen Abschüsse gingen unter in einem ununterbrochen rollenden Donner. Um fünf Uhr nachmittags traten die drei Korps von Norden her zum Sturm an. Wir selbst sollten den Angriffsbefehl des Oberkommandos abwarten. Der Hauptstoß auf den Cotes Lorraineö kam gut vorwärts. Am 25. Februar wurde das Fort Douaumont erstürmt, der nördliche Stützpunkt der Festungszone. An diesem Tage begann auch unser Angriff aus der Woövre- Ebene. Mit großem Schwung gingen die Regimenter vor, warfen den Gegner von Stellung zu Stellung und erreichten am 28. Februar den Fuß der Cotes. Jetzt aber ging es nicht weiter. Der steil aus der Ebene aufsteigende Osthang der Berge gebot dem Vorstürmen Halt. Er ist von bewaldeten Schluchten durchzogen, von Forts gekrönt, mit Zwischenwerken gespickt, und oben auf der Höhe stand in ausgezeichneter Deckung die französische Artillerie, die jede Geländefalte der Woövre-Ebene einsehen konnte. Auch der Hauptangriff von Norden auf den Cotes war am 28. Februar zum Stillstand gekommen. Der französische Oberbefehlshaber, General Pstain, hatte soviel Verstärkungen heranziehen können, daß er nunmehr zu erbitterten Gegenstößen überzugehen vermochte. Diesen neuen Widerstand zu brechen, ging über die Kraft der ausgepumpten Angriffötruppen. Und Reserven — waren nicht vorhanden. Für mein Korps begannen jetzt furchtbare, entsagungsvolle Wochen und Monate, die ein blutiges Ringen um jeden Fußbreit Bodens brachten. Wir mußten unsere ungünstigen Stellungen am Fuß der Berge halten, weil unsere Artillerie nur so wirkungsvoll in die entscheidenden Kämpfe auf den Cotes eingreifen konnte. Der Stellungsbau in dem nassen, aufgeweichten Boden der Woövre stieß auf ähnliche Schwierigkeiten wie vor Vpern. Auch die Materialanfuhr bei Nacht war in dem starken feindlichen Feuer schwer durchführbar. So mußten die Sturmtruppen in Regen und Nässe in Schützenlöchern ausharren, bis es langsam gelang, eine durchgehende Linie mit Unterständen gegen das französische Artilleriefeuer zu schaffen. Auch die Reserven hinter der Front in den Wald- 208 stücken hatten schwer unter der Feuchtigkeit zu leiden. Es verging kein Tag ohne empfindliche Verluste. Von Anfang März an schoß auch die französische Artillerie mit Gasgranaten, so daß die Leute ständig in starker Nervenanspannung mit der Gasmaske vor der Brust ihren schweren Dienst machen mußten. Aber die feindliche Artillerie hatte nicht nur die besseren, überhöhenden Stellungen, sondern sie war auch an Zahl unS weit überlegen. 72 französische Batterien standen in unserem Abschnitt 49 deutschen Batterien gegenüber. V 20.2. N 7 ^ -PP- ttauiewunk^ c cnEkL ^ >L ^ n - Louville k-rLkiLiLkek^" ^ixA loinvill vekroudl^-iuL^« üeiineo/7/ß 2/e//unI »>rv Ss§//w c/e/' 0//s^s/vs 20. 2.1S. L/e//llN§ ös/m /ivs- ^ O/c/obs/' ^6 E/on.?.'. --- ttkoxerNei'V Vor Verdun von Februar bis Oktober 1916 Dieses Ausharrenmüssen als Zielscheibe für die feindliche Artillerie zerrte furchtbar an den Nerven der Truppe. Schon im April glaubte kein Mensch mehr daran, daß wir Verdun noch nehmen könnten. „Aber wir werden Frankreichs Heer vor Verdun zum Ausbluten bringen, wir werden es zermürben", sagte mir mein Stabschef. Auch der Armeechef von Knobelsdorf und General von Falkenhayn seien der gleichen Ansicht. Jedesmal, wenn ich solches Gerede hörte, packte mich die Wut. Als ob wir selbst nicht auch „ausbluteten". Und schließlich hatten wir doch weniger Blut zu verlieren als unsere zahlenmäßig so überlegenen Feinde, denen die ganze Welt offen 14 DeimUng, Zeit 209 stand, während wir wie eine belagerte Festung unsere Reserven an Lebensmitteln und Rohstoffen mehr und mehr aufzehrten. Schon wurden die Kirchenglocken in den französischen Dörfern abmontiert und eingeschmolzen, die Messingklinken von den Türen abgeschraubt, und meine Frau hatte schon ihre kupfernen Kochkessel hergegeben. Brot und Fleisch waren daheim kläglich rationiert. Kohlrüben und Marmelade! Und wir wollten „zermürben"! Einmal ärgerte ich mich schlagrührend. War da ein frischgebackener Generalstabshauptmann zu meinem Stab gekommen. Eines Tages nehme ich ihn mit in die Stellung, und auf dem Rückweg erzählt er mir, die ganze Gegend mit der Festung Verdun müsse bei Friedensschluß deutsch werden. Auf meine Frage, wie er auf diesen famosen Einfall käme, sagte er mir, daß man in Berlin allgemein so denke. Ich habe ihm schön heimgeleuchtet. Zum Durchhalten waren unsere Truppen bereit, aber nicht für Annexionen, sondern für einen ehrenvollen Frieden von Bestand, damit die Söhne nicht noch einmal dasselbe durchmachen müßten wie ihre Väter. Ich lag in Amermont im Quartier, einem ärmlichen Arbeiterdorf, das von einer Erzgrube in der Nähe gelebt hatte. Ich konnte jeden Schuß hören. Unaufhörlich schlugen die Granaten in unsere Gräben, und nachts schmetterten die.Bomben der französischen Flieger in unsere Unterkunftsräume und Waldlager. Jeder „ruhige" Tag brachte einen Verlust von 50—ioc> Toten, Verwundeten und Gaskranken. Alles in mir lehnte sich innerlich auf gegen das wahnwitzige, unsagbar grausame und noch dazu falsche Rechenexempel unserer Heeresleitung: zehntausend Tote bei uns, vielleicht zwölf- oder fünfzehntausend Tote beim Gegner, hunderttausend Tote bei uns, vielleicht hundertfünfzigtausend beim Gegner. Ausbluten! Zermürben! Manche Nacht bin ich bis zum Hellwerden in meinem Zimmer auf und ab gerannt. Wenn ich als Kommandierender General, statt zu führen, statt durch taktische Überlegenheit und durch die Erfahrungen eines langen Soldatenlebens meinen Truppen zum Sieg unter kleinsten Opfern zu verhelfen, nur daö ausführende Organ einer schematisierten Knochenmühle war, wie konnte ich daS Opfern meiner Leute vor meinem Gewissen verantworten! Damals in dem kleinen schmutzigen Fabrikhaus in Amermont gab 210 ich mir selbst daS Versprechen, wenn ich lebend aus dem Krieg kommen sollte, weiterzukämpfen bis zur letzten Kraft — gegen den Krieg. Ich habe mein Versprechen bisher gehalten, und ich werde eS weiter halten. Mitte Mai stellte ich bei der Armeeleitung den Antrag, meine erschöpften Regimenter abzulösen und ihnen endlich Ruhe zu gönnen. Der Antrag wurde abgelehnt. Das XV. KorpS war wieder einmal unentbehrlich. Neue Operationen bereiteten sich vor. Die rechts von mir kämpfende 50. Division wurde mir unterstellt, und zugleich bekam ich ein bayrisches Reserve-Regiment zugeteilt, so daß ich den Ablösungsturnus aus vorderster Linie erträglicher gestalten konnte. Ich wurde dann der „Angriffsgruppe Ost" unter General von Lochow angegliedert, einer Zwischeninstanz innerhalb der Armee des Kronprinzen. Lochow plante für Anfang Juni einen Angriff gegen das Fort Vaux, den meine Regimenter nach üblicher Artillerievorbereitung durchführen sollten. Als aber unsere Nachbartruppen am i. Juni einen erfolgreichen Angriff gegen den Cailette-Wald unternommen hatten und über das Vauxtal vorgedrungen waren, entschloß ich mich, die Gelegenheit auszunutzen und einmal gegen die wenig bewährte Schablone der planmäßig vorbereiteten Verdunangriffe zu handeln. Am Abend des l. Juni meldete ich dem General von Lochow meine Absicht, durch überraschenden Überfall Fort Vaux ohne vorausgehende Artillerievorbereitung zu nehmen, die dem Gegner immer Zeit zu Gegenmaßnahmen ließ. Am 2. Juni, um 4 Uhr morgens, stürmten die tapferen westfälischen Regimenter der ;o. Division vor, nahmen Damloup und drangen mit Teilen, vorneweg die 1. Kompagnie des Paderborner Regiments unter Leutnant Rackow, in daS Fort ein und besetzten es über der Erde. Unter ihnen in den Kasematten verteidigte sich die französische Besatzung weiter. Leutnant Rackow erhielt den Orden xour Is mörits. In den nächsten Tagen setzten verzweifelte Gegenangriffe der Franzosen ein, die aber restlos abgewiesen wurden. Am 7. Juni kapitulierte die im Fort eingeschlossene Besatzung auS Mangel an Wasser und Lebensmitteln, im ganzen 550 Mann. Ihr tapferer Kommandant Raynard durfte seinen Degen behalten und wurde vom Kronprinzen zu Tisch geladen. Nach Abwehr heftiger Gegenstöße konnten meine Regimenter noch weitere Erfolge erringen. Am z. Juli nahm ein Bataillon des Zaberner Regiments die „Hohe Batterie" von Damloup und nahm loo Franzosen gefangen. Am n. Juli drangen mehrere meiner Regimenter bis zur Tavannes-Schlucht auf dem Lauffäe-Rücken vor und konnten 19 Offiziere und 800 Mann als Gefangene zurückschicken. Im großen gesehen aber blieb es bei Teilerfolgen. Auch planmäßige Artillerievorbereitung unter Verwendung von Gasmunition konnte die Angriffstruppen nicht mehr vorwärtsbringen. Der menschlichen Leistungsfähigkeit sind nun einmal Grenzen gesetzt, und dem Trommelfeuer können nicht alle Nerven standhalten. Solange irgendwo drüben noch ein Maschinengewehr ratterte und seine Geschoßgarben über das Schlachtfeld streute, blieb der Angriff eben liegen. Die „Hölle von Verdun" tat ihre Wirkung auch bei den besten Soldaten. Als ich am Tage nach dem Angriff gegen den Laufföe-Rücken zu den Sturmtruppen vorging, begegnete mir die lange Kolonne der Gefangenen in ihren blaugrauen Mänteln. „konr vous Ig, gnsire sst iirüs", rief ich ihnen zu. „laut misnx, taut mienx", antwortete es freudig aus der Kolonne. Also auch drüben hatten sie den Krieg satt. Angesichts der Mißerfolge und unter dem Druck der französischen Offensive an der Somme, die Anfang Juli einsetzte, befahl General von Falkenhayn „strikte Defensive" vor Verdun. Wir mußten Artillerie und Truppen zur Abwehr des feindlichen Durchbruchsversuchs abgeben. So trat Mitte Juli eine Entspannung in unserem Kampfabschnitt ein. Anfang Juni wurde mein Adjutant Major Reinicke, der letzte Offizier meines alten Stabes aus Straßburg, mit der Führung eines Artillerie-Regiments in meinem Korps beauftragt. Es wurde mir sehr schwer, mich von diesem Kameraden zu trennen, der mir auch in schwersten Zeiten immer ein ausgezeichneter Gehilfe gewesen war. Bald darauf wurde auch mein Stabschef auf meinen Antrag hin versetzt und erhielt ein Infanterie-Regiment. Die Stellung eines „Chef des Generalstabeö" bestand schon im 212 Frieden bei jedem Generalkommando und diente zur Entlastung des Kommandierenden Generals von weniger wichtigen Geschäften. Wenn hierin auch eine gewisse Gefahr für die Teilung der Kommandogewalt lag, so wurde dieser Nachteil doch überall vermieden, wo eine energische Persönlichkeit an der Spitze des Korps stand und der Chef sich taktvoll in seinen Grenzen hielt. Im Stellungskrieg aber verschob sich dieses Verhältnis. Neben dem ordnungsmäßigen Dienstweg über die Truppenführer entstand ein Nebenweg, der von der Obersten Heeresleitung über die Generalstabschefs der Heeresgruppen, der Korps bis zu den Generalstäblern der Divisionen lief. Die wichtigsten Entscheidungen wurden so oft hinter dem Rücken der Truppenführer am Fernsprecher oder bei sogenannten „Chefbesprechungen" gefällt. Vor Verdun hing mein Stabschef fortwährend an der Telefonstrippe und konferierte mit dem Gruppen- oder Armeechef, ohne daß ich erfuhr, was los war. Und dann kamen auf einmal die einschneidendsten Anweisungen von oben. So war auch ein Gruppen- befehl zum förmlichen Angriff auf Fort Vaux, daS ich im Handstreich nehmen wollte, die Frucht einer Chefbesprechung hinter meinem Rücken gewesen. Der mit der Kriegödauer sich immer mehr steigernde Einfluß des Generalstabs, der von der Truppe als „Generalstabswirtschaft" bezeichnet und verurteilt wurde, hat unserer Kriegsführung nicht zum Vorteil gereicht. Die Oberste Heeresleitung hätte besser daran getan, mehr auf das Urteil der älteren, erfahrenen Truppenkommandeure zu hören, als auf das der vielfach sehr jungen und ehrgeizigen Generalstäbler, deren Schneidigkeit am Telefon sehr oft im Widerspruch zu der materiellen und psychischen Verfassung der Front stand. Ich muß aber betonen, daß die harte FriedenSschule und die sorgsame Auslese der Menschen hervorragend tüchtige und pflichttreue Generalstabsoffiziere hervorgebracht hat. Bei dem Nachwuchs im Kriege waren angesichts der großen Ausfälle an jüngeren Offizieren die gleichen Anforderungen an Können und Persönlichkeit nicht aufrechtzuerhalten. Aber wenn ich hier kritisiert habe, so soll sich diese Kritik gegen das System, nicht gegen die Personen richten. Die Entspannung der Lage vor Verdun durch den Befehl von 213 Falkenhayn, der „strikte Defensive" forderte, währte nicht lange, denn schon nach 14 Tagen wurde der Befehl wieder aufgehoben. Falkenhayn wollte durch erneute Angriffe die Franzosen daran hindern, Kräfte nach der Somme zu verschieben. Auch spukte in seinem Kopf immer noch die unselige Vision, Verdun als ständig blutende Wunde am Körper deS französischen Heeres offenzuhalten. So fand am i. August eine neue Offensive der Ostgruppe statt, an der auch meine Divisionen beteiligt waren. Ein paar Gräben wurden genommen und ein paar hundert Gefangene gemacht. Im großen aber mißglückte auch dieses Untemehmen. Es kostete viel Blut und löste wütende Gegenangriffe der Franzosen aus, durch die unsere vordere Linie zum Teil wieder in die Ausgangsstellungen zurückgedrängt wurde. In diesen Tagen habe ich die Besatzung von Fort Vaux besucht, deren Versorgung mit Wasser, Verpflegung und Munition in dem schweren Feuer die größten Schwierigkeiten machte. Der ganze Nachschub mußte durch Träger und Tragtiere erfolgen. Das Heranschaffen von warmer Verpflegung für die Grabenbesatzung war überhaupt ausgeschlossen. Aus dem Marsch von Dieppe nach dem Fort konnte ich mich persönlich von diesen Schwierigkeiten überzeugen. Von Zeit zu Zeit mußte ich mich platt auf den Boden werfen, wenn ein Feuerüberfall der französischen Artillerie den geschoßdurchwühlten Abhang des Vaux-Berges entlangfegte. Ich atmete ordentlich aus, als ich endlich in die schützende Kasematte des Forts eintrat. Drinnen saß der Kommandant mit dem Telesonhörer am Ohr, nahm Meldungen entgegen und gab seine Befehle. In den engen, dunklen Gängen der Kasematten, in stickiger Luft, lagen und saßen die Mannschaften umher mit dem Gewehr im Arm und das Koppel mit Handgranaten behängt, denn es konnte jeden Augenblick ein französischer Angriff erfolgen. Häufig gab es Detonationen, die das Fort in seinen Grundfesten erzittern ließen: es wurde mit Granaten schwersten Kalibers beschossen. Kein gemütlicher Aufenthalt — und doch ein Idyll im Vergleich zu den Löchern und Gräben vorwärts des Forts und in der Damloup-Stellung. Inzwischen hatte sich die militärische Gesamtlage der Mittelmächte in kritischer Weise verschlechtert. Zu den Schwierigkeiten der 214 Brussilow-Offensive im Osten, der französisch-englischen Offensive an der Somme und dem Scheitern deö Angriffs auf Verdun kamen Ende August die Kriegserklärungen Italiens an Deutschland und Rumäniens an Österreich. Außerdem gestaltete sich die Versorgung mit Kriegsmaterial bei uns immer schwieriger, während sich die technische Ausrüstung der Entente durch amerikanische Lieferungen immer weiter vervollkommnete. An dieser Notlage entschloß sich der Kaiser zu einem Wechsel in der Person des Generalstabschefö. An die Stelle von Falkenhayn, dessen Operationen ein großer leitender Gedanke gefehlt hatte, wurde am 29. August Generalfeldmarschall von Hindenburg mit Ludendorff als Generalquartiermeifter berufen. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Leitung war die Einstellung der Offensive gegen Verdun. Am z. September überreichte mir der Kronprinz inr Namen des Kaisers den Orden xour Is mörito. Ich habe ihn als Auszeichnung meines tapferen Korps betrachtet und in diesem Sinn getragen. Noch eines kleinen Erlebnisses muß ich gedenken, das charakteristisch für die Wahnvorstellungen mancher Kreise in der Heimat war. Um Mitte September erschien der Stabschef des Gouvernements von Metz bei mir, um sich über die Lage an der Front zu unterrichten. Er erzählte mir, daß er gerade von einer Konferenz mit Industriellen käme. In diesen Kreisen bestände die Überzeugung, daß wir beim Friedensschluß das Erzbecken von Briey unter allen Umständen behalten müßten. Und das sei auch seine Meinung. Ich bat ihn, den Herren von der Industrie eine höfliche Einladung zu übermitteln. Ich wollte jedem ein Gewehr, eine Gasmaske und Handgranaten nach Belieben geben, damit die kühnen Eroberer auch selbst helfen könnten, ihr Erzbecken zu erstürmen. Mein wohlgemeinter Vorschlag hat keine Gegenliebe gefunden. Am 6. Oktober kam der Befehl, daß mein Korps abgelöst werden sollte, um an der Somme verwendet zu werden. Der Einsatz sollte Ende Oktober erfolgen. Also auS der Hölle von Verdun in das Fegefeuer der Somme! Am 8. Oktober begann der Abtransport mit der Bahn in die Gegend zwischen Valenciennes und Cambrai. An Stenay meldete 215 ich mich beim Kronprinzen ab. Auch er hatte seinen Generalstabschef gewechselt. Zwischen dem General Schmidt von Knobels- dorf und dem Kronprinzen hatten sich die Meinungsverschiedenheiten über die Offensive aus Verdun bis zur Unerträglichkeit verschärft. Der Kronprinz wollte schon lange den Angriff einstellen, aber Knobelsdorf stand ganz auf der Seite FalkenhaynS mit seiner Jermürbungsstrategie bis zum Weißbluten. Zwischen dem Abbau vor Verdun und dem Einsatz an der Somme lag für mein KorpS nur eine Pause von 14 Tagen. Die Zeit mußte zur taktischen Schulung der Truppen ausgenutzt werden. Die Erfahrungen hatten immer mehr zu der Erkenntnis geführt, daß in der modernen Materialschlacht nicht die Massen den Erfolg tragen, sondem kleine entschlossene Abteilungen von ausgesuchten Männern ohne Nerven. Solche Stoßtrupps erreichten unter geschickter Führung oft ihr Ziel, während zum Massenstoß eingesetzte Kräfte fast immer zusammengeschossen wurden. Seit dem 24. Juni tobte die Schlacht an der Somme. Unter Einsatz ungeheurer Munitionsmengen und zum erstenmal auch von Tanks, suchten Franzosen und Engländer immer wieder unsere Front zu durchbrechen. Es gelang ihnen aber nur, unsere Linie einzubeulen und 10—15 Km zurückzudrücken. Ich hatte den Abschnitt 6 der Somme-Stellung zu übernehmen, gegenüber von Sailly-Saillisel, unter Befehl der i. Armee des Generals Fritz von Below. Meine Truppen lagen dem beherrschenden, von Franzosen besetzten Dorf auf etwa zoc>—400 m in breitem Bogen gegenüber. Es war keine durchlaufende Stellung vorhanden, sondern die Schützen mußten in den schlammigen Granatlöchern des Trichterfeldes Deckung suchen. Dabei bot sich der feindlichen Artillerie von dem hochgelegenen Sailly aus glänzende Beobachtung, und die Granaten schlugen ohne Unterbrechung wohlgeziett in unsere vorderste Linie und die Bereitschaften ein. Die rückwärtigen Verbindungen führten über eine deckungSlose Hochfläche, deren Durchschreiten bei Tag selbst für einzelne Melder fast unmöglich war. Oft konnten nur Brieftauben Meldungen zurückbringen. Um für unsere Truppen erträgliche Verhältnisse zu schaffen, mußte dem Gegner das Dorf Sailly-Saillisel entrissen werden. 216 Okl/?sc/>e ffvn/ asc/i <^sm 7. tt.-S-S. />sn^öL/sc/ie />on^ -Ubei-t» s—s——-//L-Ä»>rs r. t/ars^, sn Lamme 2LW. b»-L«.7g>S. MPIk^kc > V ML7-wLw >, 211.1.0. Die Kämpfe um Sailly-Saillisel vom 26.10. bis 15.11.1916 Das Oberkommando billigte diesen Plan und stellte reichlich schwere Artillerie sowie ein ganzes Geschwader von Kampffliegern zur Verfügung, die während unseres Angriffs die feindlichen Batterien mit Bomben und Maschinengewehrfeuer niederhalten sollten. Am zi. Oktober begann das Wirkungsschießen unserer Artillerie, und in der Frühe des nächsten Morgens traten die Angriffstruppen zum Sturm an. Als erste Welle gingen die Stoßtrupps vor und konnten auf dem rechten Flügel in Sailly eindringen und Gefangene machen. Dann aber senkte sich der eiserne Vorhang des feindlichen Sperrfeuers hinter den Stürmenden und trennte sie ab von den nachfolgenden Kompagnien, die in dem zähen Lehm des 217 aufgeweichten Trichterfeldes nur Schritt um Schritt vorwärts kamen. Der Angriff wurde unweit deS Dorfrandes zu Boden gezwungen, und die in das Dorf eingedrungenen Stoßtrupps konnten sich ohne Unterstützung von rückwärts nicht halten. Der Führer der Angriffstruppen entschloß sich zu dem Versuch, Sailly nach Einbruch der Dunkelheit ohne Artillerievorbereitung im Handstreich zu nehmen. Um zehn Uhr abends brachen die Sturmabteilungen aus ihren wassergefüllten Granatlöchern von neuem vor. Da schlägt ihnen aus dem stark besetzten Dorfrand heftigstes Maschinengewehrfeuer entgegen, das Sperrfeuer der feindlichen Artillerie setzt wieder ein — und der heldenmütige Vorstoß bleibt buchstäblich im Schlamm stecken. Nach diesem neuen Mißerfolg befahl ich die Einstellung des Angriffs auf Sailly. Es war wieder einmal in erschreckender Deutlichkeit der Beweis geliefert von der Ohnmacht der Menschen gegenüber dem Material, selbst wenn es sich wie bei den Stoßtrupps um Menschen handelte, die als die Besten aus der Masse ausgesiebt waren. Es waren schwere Tage für das XV. Korps, die Tage von Sailly-Saillisel. Tag und Nacht trommelte die französische Artillerie auf unsere Truppen, die ohne warme Verpflegung bis zu den Knien im kalten Wasser der Trichter standen und in solcher Lage dreiund zwanzig schwere französische Angriffe, zum Teil im Gegenstoß, abgewiesen haben. Auch der Heeresbericht vom 6. November erwähnte ehrenvoll die Regimenter des Straßburger KorpS, und der Bürgermeister von Straßburg, Dr. Schwanker, sandte mir telegrafisch die herzlichen Grüße der Stadt an die tapferen Truppen. Ich freute mich besonders für die elsässischen Mannschaften und Offiziere meines Korps, die eine Anerkennung aus der unter dem Kriege besonders schwerleidenden Heimat wirklich verdient batten. Nach diesen Tagen übermenschlicher Anstrengung und blutigerVer- luste beschloß das Oberkommando die Ablösung meines KorpS. Wir waren „abgesommt", wie man damals mit bitteren Gefühlen sagte. Noch ehe die Ablösung durchgeführt war, glückte am frühen Morgen des 15. November ein Handgranatenangriff der Stoßtrupps von der zo. Division mit Unterstützung der Nachbartruppen i 218 und brachte Saillisel bis zur großen Chaussee in unsere Hand. Am Nachmittag des gleichen Tages wurde auch der Nordzipfel des Pierre-Vaast-WaldeS genommen. Am 17. November übergab ich nach Durchführung der Ablösung den Abschnitt an General von Matter, den Kommandierenden des XIII. Korps. Die abgekämpften Divisionen wurden mit der Bahn in die Gegend von Sedan abtransportiert und kamen bis Anfang Dezember in Ruhe. Ich selbst lag mit meinem Stab in Sedan. So stolz die Truppen auch auf ihre Leistungen in der Somme- Schlacht sein konnten, so war doch eine gewisse Kampfmüdigkeit und wachsende Friedenssehnsucht nicht zu verkennen. Dieser Ein« druck bestätigte sich mir immer wieder bei allen Truppenbesuchen. War es denn ein Wunder, daß die Stimmung nachdenklich geworden war! Verdun und die Somme-Schlacht hatten gezeigt, daß die Feinde uns nicht nur an Truppen, sondern vor allem an Kampfmitteln — Artillerie, Munition, Fliegern, Tanks — weit überlegen waren. Das mußte ein Gefühl der Unterlegenheit des Menschen gegen die Technik erzeugen. Dazu kam, daß sich das alte Soldatenwort: „Der Tod trifft seine Wahl gerade unter den Besten" nur allzu schmerzlich bestätigt hatte: die meisten Offiziere und der alte, kriegserprobte Kern der Mannschaften waren dahin. Der Ersatz an jungen Offizieren war gewiß tapfer und besten Willens, aber es fehlte den jungen Leuten an Erfahrung und Autorität. Es wäre das Richtige gewesen, alte kampfbewährte Unteroffiziere zu Offizieren zu befördern und nicht die Fiktion aufrechtzuerhalten, als ob ein bestimmtes Schulzeugnis Führerqualitäten auf dem Schlachtfeld gewährleisten könne. Für die alten Mannschaften und Unteroffiziere war eS eine schwere Zumutung, sich den Befehlen zwanzigjähriger Jünglinge zu fügen, die in flüchtigen Kursen zum Leutnant gepreßt waren. Auch der Mannschaftsersatz, der aus der Heimat kam, war mangelhaft ausgebildet und häufig rein körperlich den ungeheuren Ansprüchen der großen Abwehrschlachten nicht gewachsen. Trotzdem aber bestand der feste Wille zum Durchhalten, bis ein ehrenvoller Friede erkämpft war. Am zo. November kam der Befehl, daß mein Korps der 5. Armee deS deutschen Kronprinzen unterstellt würde und die Divisionen von jetzt ab getrennt außerhalb des KorpöverbandeS eingesetzt 219 werden sollten. Damit war mein Korps, wie früher schon die meisten anderen, der Auflösung als fester Truppenverband verfallen. Der Generalstab wollte kleinere Kampfeinheiten — eben die Divisionen — haben, um sie je nach Bedarf bald dahin bald dorthin werfen zu können. Die Kommandierenden Generale wurden so Abschnittskommandeure, deren Regimenter wie im Taubenschlag wechselten, ohne daß sich ein Band menschlichen Vertrauens zwischen Führer und Truppe knüpfen ließ. Die Trennung von meinen Regimentern, die ich 2*/- Jahre lang in den schweren Schlachten an der Westfront geführt hatte, ist für mich sehr hart gewesen. Wie gerne würde ich in meinen Erinnerungen der Ruhmestaten einzelner Verbände und einzelner Menschen ausführlicher gedenken, wie sie in meinem Tagebuch verzeichnet stehen und wie ich sie nie vergessen werde. Mein Stab wurde Anfang Dezember der Armeeabteilung L in den mittleren Vogesen als Gruppenkommando zugewiesen. Vor dem Einsatz besuchte ich meine Familie in Straßburg, wo ich als Großvater an der Taufe des Jungen unserer Tochter Anna teilnehmen konnte, die sich zu Kriegsbeginn mit Oberleutnant Schröer (F.-A./76) verheiratet hatte. Dem guten Beispiel der Schwester war ein Jahr danach unsere jüngste Tochter Charlotte gefolgt, die die Frau des HauptmannS Gense, eines Fliegeroffiziers meines Armeekorps, wurde. Auch sie bekamen einen Jungen, so daß es mit dem zwei Jahre vor dem Krieg in Neetzow geborenen Stammhalter drei Enkel von mir gibt. ^ Wenn ich in Straßburg mit Bekannten sprach, so war ich geradezu Entsetzt über die rosig gefärbte Selbsttäuschung, mit der ' ' die Menschen in der Heimat unsere militärische Lage betrachteten: x -r . Flandern und Antwerpen müßten wir natürlich behalten, auch das Erzbecken von Briey müsse deutsch werden, desgleichen Litauen und Kurland. Auch die nötigen Fürstlichkeiten hatten die guten Leute schon in Bereitschaft, einen mecklenburgischen Herzog für Kurland, und Prinz Heinrich, der Bruder des Kaisers, müsse König von Polen werden. Dieses Land war ja schon auf die bedenkliche Anregung des Generalgouverneurs, General von Beseler, von den Regierungen der Mittelmächte zum Königreich befördert worden. Natürlich hatten 220 die Österreicher auch schon einen Erzherzog zum König von Polen in Aussicht genommen. Am 12. Dezember 1916 kam zur Überraschung aller Welt ein Friedensangebot der Mittelmächte heraus. Nach dem Sieg über Rumänien hielt die deutsche Regierung den Zeitpunkt für günstig. Die Entente legte dieses Angebot als ein Bekenntnis der Schwäche aus, denn sie hat aus Gefangenenaussagen und anderen Quellen nur zu genau gewußt, daß wir die französisch-englischen Durchbruchsversuche der letzten Monate nur unter fast übermenschlichen Anstrengungen und nicht ohne Rückwirkung auf die Stimmung im Heer und in der Heimat abgewehrt hatten. Und unseren Erfolg auf dem Nebenkriegsschauplatz in Rumänien haben sie wohl nicht so hoch eingeschätzt wie wir selbst. Dazu kam. Laß unser Friedensangebot kein Wort über die Wiederherstellung Belgiens sagte. Damit fehlte der schönen Geste die moralische Kraft. Das Angebot war also nach Zeitpunkt und Form wenig glücklich und hat uns mehr geschadet als genutzt. Der politische Fehler der ganzen Aktion erscheint aber noch schwerwiegender, wenn man bedenkt, daß eine von uns selbst vorher nachgesuchte Friedensvermittlung Wilsons so durchkreuzt wurde. Damals waren die Zusammenhänge der Öffentlichkeit nicht bekannt, aber heute wissen wir, daß Wilson sich in jenen Monaten ernstlich um eine Friedensvermittlung bemüht hat und seine Bemühungen auch fortgesetzt hat trotz unseres diplomatischen Überfalls. Erst die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges am i.Februari9i7 hat die mühselig geknüpften Fäden endgültig zerschnitten. Am 19. Dezember übernahm ich das Kommando über meinen Abschnitt in den mittleren Vogesen. Mein Hauptquartier war in Heilig-Blasien, einem hochgelegenen kleinen Ort mit Sägewerken an der Breuschtalbahn. Die Truppen bestanden aus abgekämpften Reservedivisionen, Landwehr und Landsturm. Ein französischer Durchbruchsversuch in den mittleren Vogesen war während des harten Winters kaum anzunehmen, und da auch ich mit meinen weit auseinandergezogenen Landstürmern nichts Böses plante, herrschte im allgemeinen Ruhe im Abschnitt. Im Vergleich zu Verdun und der Somme war es einfach idyllisch. Meine Soldaten, meist ältere Leute, erfüllten ihren schweren Dienst 221 trotz sehr knapper Brotportionen pflichttreu und tapfer. Aber die Sehnsucht nach Frau und Kind blickte ihnen allen auS den Augen. Die ganze Westfront war zur Defensive übergegangen. Wir waren zu Beginn des Jahres 1917 der Entente an Kampfkraft so unterlegen, daß wir an gar keine Offensive denken konnten. Nur über eine letzte, im Erfolg sehr zweifelhafte und in ihren politischen Folgen außerordentlich gefährliche Angriffswaffe verfügten wir: die U-Boote. Sie sollten jetzt, nach dem Scheitern unseres Friedensangebotes, rücksichtslos eingesetzt werden. Die Oberste Heeresleitung hoffte, mit diesem KriegSmittel England binnen sechs Monaten zum Frieden zwingen zu können. Das war vom Chef des Admiralstabes in einer Denkschrift zahlenmäßig vorgerechnet worden. Auf dem Papier wirkte diese Rechnung mit vielen Unbekannten für den Laien sehr überzeugend. Daß Amerika durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg in das Lager unserer Feinde gedrängt würde, konnte sich zwar jeder verständige Mensch sagen. Die Heeresleitung hoffte aber,durch den U-Boot-Krieg mit den europäischen Mächten zu einem Frieden zu kommen, bevor Amerika mit wesentlichen Streitkräften in den Kampf eingreifen konnte. Der schwache Kanzler, der wegen der politischen Folgen ursprünglich gegen diesen Plan war, ließ sich schließlich durch die Argumente von Tirpitz und seinen Freunden und unter dem Druck der von diesen aufgepeitschten öffentlichen Meinung die Einwilligung abzwingen. Am l. Februar 1917 wurde der uneingeschränkte U-Boot-Krieg erklärt. Die Oberste Heeresleitung hat wohl damals die FriedenSaktion Wilsons gar nicht abwarten wollen. Sie wollte ihre Eroberungsziele nicht preisgeben,solange sie noch an den Sieg glaubte. Die Versuchung für den Feldherrn war sicher groß. Aber da hätte der verantwortliche Leiter der Politik, der Reichskanzler, zum Kaiser gehen und um seinen Abschied bitten müssen, wenn eine hoffnungsvolle Friedens- auösicht durch WilsonS Vermittlung so leichtfertig durchkreuzt werden sollte. BiSmarck hat es ihm vorgemacht, als Moltke nach der Schlacht von Königgrätz nach Wien marschieren wollte. Der alte Kaiser ist damals, wenn auch innerlich widerstrebend, seinem 222 politischen Ratgeber gefolgt. Vielleicht hätte auch sein Enkel auf einen starken Kanzler gehört. Aber Bethmann Hollweg war wohl ein vornehmer, ehrenwerter Mann, aber kein Kämpfer, der Luden- dorff und seinen alldeutschen Freunden gewachsen war. Wie unsicher die Grundlagen des U-Boot-Krieges waren, zeigten die Folgen. In sechs Monaten sollte England durch Hunger mürbe gemacht sein. In Wirklichkeit aber ist die ganze Getreideeinfuhr Englands aus Kanada, Nordamerika und Argentinien 1917 ohne Verluste nach England gekommen. Nicht die Engländer haben gehungert, wohl aber wir. Nur ein amerikanisches Truppentransportschiff konnte versenkt werden. Der Gegner verbesserte seine Abwehrmaßnahmen gegen die U-Boot-Gefahr sehr schnell. Die Schiffe fuhren nicht mehr einzeln, sondern in stark gesicherten Geleitzügen über den Ozean. Nach sechs Monaten zeigte sich klar, daß trotz der Aufopferung der U-Boot- Besatzungen und anfänglicher Erfolge eine kriegsentscheidende Wirkung durch diese Waffe nicht zu erzielen war. Bethmann Hollweg hat auch später vor dem Untersuchungsausschuß ganz offen bekannt: „Unzweifelhaft, wenn man jetzt die Sache rückschauend betrachtet, wären wir besser gefahren, wenn wir uns damals in die Hand des Präsidenten Wilson gegeben und seine Friedensvermittlung angenommen hätten." Und Lord Grey, der ehemalige englische Außenminister, urteilt in seinen Erinnerungen (25 Jahre Politik, 1892—1916): „Im Lichte der späteren Ereignisse erscheint es klar, daß Deutschland eine große Gelegenheit, zum Frieden zu kommen, versäumt hat. Wäre es der Politik WilsonS beigetreten und bereit gewesen, einer Konferenz zuzustimmen, so hätten sie die Alliierten nicht ablehnen können. Sie waren von amerikanischen Lieferanten abhängig; sie hätten nicht das Übelwollen der Regierung der Vereinigten Staaten riskieren können, noch weniger ein Rapprochement zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland." So wurde die Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-KriegeS am 1. Februar 1917 Deutschlands SchicksalStag. Schon am 4. Februar brach Amerika die diplomatischen Beziehungen ab, und bald darauf erfolgte die Kriegserklärung dieses Landes von über 100 Millionen Einwohnern, mit unerschöpflichen 223 Rohstoffen, einer hochentwickelten Industrie und einer zähen, unverbrauchten Volkskraft. Mit ernster Besorgnis nahmen wir an der Front die Nachricht vom Eintritt Amerikas in die Reihe unserer Feinde auf, obwohl von oben dieses Ereignis als eine platonische Geste ohne militärische Bedeutung hingestellt wurde. Groß aber war unsere Freude, als einige Wochen darauf, am i8. März, die Kunde vom Ausbruch der russischen Revolution kam. Der Zar aller Reußen war abgesetzt und verhaftet worden. Doch unsere Hoffnungen auf schnellen Zu- sammenbruch der russischen Front haben sich leider nicht erfüllt. Es gelang den Ententemächten, die neue russische Regierung unter Kerenski noch bei der Stange zu halten und den Gedanken an einen Sonderfrieden nicht zur Tat werden zu lassen. In meiner damaligen Stellung bekam ich auch näheren Einblick in die Handhabung der Militärdiktatur im Elsaß. Sie war vielfach unnötig rigoros. Gewiß waren Maßregeln zur Verhütung der Spionage nötig, und auf jedem Grenzland lastet der Krieg besonders hart. Aber was damals im Elsaß geschah, hat doch den Bogen überspannt. Die Gefängnisse waren überfüllt, und oft erfolgten Verhaftungen nur auf Denunziationen von persönlichen Gegnern hin. Hunderte von Elsässern wurden aus kleinlichen Gründen von Beruf und Familie getrennt und im Inneren des Reichs untergebracht. Besonders aber litten die Urlauber aus dem Felde unter diesen Verhältnissen, denen oft grundlos oder in ängstlichem Übereifer der Besuch ihrer Angehörigen verboten wurde. Das mußte Verbitterung schaffen, denn ein Soldat, der sein Leben für das Vaterland einsetzt, kann auch verlangen, daß ihm als Staatsbürger Vertrauen entgegengebracht wird. Ich habe wiederholt durch ernste Vorstellungen beim Oberkommando und beim Statthalter auf Abhilfe gedrungen. Viel Glück habe ich damit allerdings nicht gehabt. Mit dem Einzug des Frühlings kamen auch die Fürstlichkeiten, um ihre Landeskinder an der ruhigen Front zu besuchen, der König von Bayern, der deutsche Kronprinz, Herzog Albrecht von Württemberg und zuletzt der Großherzog von Baden. Ende Mai erhielt ich ein Telegramm vom Militärkabinett, daß mich der Kaiser zum Chef des Infanterie-Regiments iZ 2 emannt habe, eine Auszeichnung, die nur ganz selten Generälen zuteil 224 geworden ist. Am gleichen Tage aber kam ein Brief meines Armeeführers, der mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Er lautete: „Mein lieber Deimling! Nun hat Seine Majestät entschieden und Ihnen hohe Ehrungen erwiesen. Dazu beglückwünsche ich Sie von Herzen. Daß Sie trotzdem es schwer empfinden, nicht mehr an der Beendigung des großen Krieges selbst tätig teilnehmen zu können, wird Ihnen jeder Soldat nachempfinden. Ich bitte Sie, meinen aufrichtigen Dank anzunehmen für die kameradschaftliche selbstlose Art, in welcher Sie die letzten fünf Monate mit mir zusammengearbeitet haben; ich werde es nie vergessen und bitte Sie, auch mir ein gutes Andenken zu bewahren. In guter alter Kameradschaft' bleibe ich Ihr aufrichtig ergebener gez. Gündell." Diesem Brief lag die Abschrift eines Schreibens vom Chef des Militärkabinetts aus dem Großen Hauptquartier bei, das wie folgt beginnt: „Seine Majestät der Kaiser und König haben den General der Infanterie von Deimling, Kommandierenden General des XV. Armeekorps, als eine frische, echte Soldatennatur, beherrscht von zähem Siegeswillen, hochgeschätzt und dankbar seine zahlreichen Kriegs- und Friedensverdienste anerkannt. Au um so größerem Bedauern hat sich Seiner Majestät nunmehr die Erkenntnis aufgedrängt, daß die zermürbenden Einflüsse des Krieges doch auch auf den Gesundheitszustand dieses vortrefflich bewährten Generals nicht ohne Einfluß geblieben sind, so daß er nach übereinstimmenden Urteilen der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz und Kronprinz Rupprecht sowie des Generalfeldmarschalls von Hindenburg den Anstrengungen bevorstehender Kämpfe nicht mehr gewachsen und ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit ihm in Frage gestellt sei." Des weiteren wurde mir in höflichster Form mit vielen anerkennenden Worten aufgegeben, mein Abschiedsgesuch zum i. September vorzulegen. Der Schlag traf mich hart. Mitten aus dem Krieg herausgerissen. 15 Deimling. Zeit 225 sollte ich nun den Schlußakt der Tragödie tatenlos als Zuschauer erleben. „Gesundheitszustand?" Gewiß, wer 2V- Jahre lang ein Korps im Westen geführt hat, immer an den Brennpunkten des Kampfes, der mußte die Zeit an den Nerven spüren. Aber ich fühlte mich gesundheitlich den Anstrengungen bevorstehender Kämpfe durchaus gewachsen. Und „gedeihliches Zusammenarbeiten mit mir sei in Frage gestellt"? Während des ganzen Krieges habe ich nicht die geringsten Reibungen mit meinen Vorgesetzten gehabt. Jener Vorwurf kann sich also nur auf den Mangel an gedeihlicher Zusammenarbeit mit dem hohen Generalstab bezogen haben. Dem Generalstab, dessen Stellung als in sich geschlossener Clique innerhalb der Armee unter L udendvr ff immer selbstherrlicher wurde, war eben ein Truppen- führer unbequem, der seine Selbständigkeit wahren und sich vom grünen Tisch nicht innerhalb seines Korps bevormunden lassen wollte. Zu dieser Sorte von Generälen gehörte ich allerdings. Doch ich will nicht anklagen. Der Soldat hat zu gehorchen, nicht nach Gründen zu fragen, besonders, wenn es sich um die eigene Person handelt. Aber das Bewußtsein, mitten im Kriege ausgeschaltet zu werden, war für mich ein schwer verwindbarer Schmerz. Am nächsten Tage nahm ich Abschied von meinem Stäbe. Die Trennung von meinen Mitarbeitern war besonders hart. Der Chef, Major von Amsberg, der la Major Obkircher und die anderen Generalstabsoffiziere und Adjutanten, vor allem auch der Generalarzt Dr. Brandt, haben mich ausgezeichnet unterstützt, und ich konnte ihnen meinen Dank aus vollem Herzen auösprechen. Mein letzter Gang galt meinen Pferden. Was würde aus den braven Tieren im Kriege noch werden! Schon jetzt sahen sie bei halber Ration fast so mager aus wie meine Pferde in Südwest. Ich klopfte jedem noch einmal auf den Hals und blieb noch eine Minute im Dämmerlicht des Stalls stehen. Vor den Tieren brauchte ich nicht die Haltung zu zeigen, die man von einem Soldaten verlangen darf. Dann fuhr ich nach Straßburg. Dort war ja meine Frau, die mir bisher alles Schwere im Leben hatte tragen — und überwinden helfen. Zwölftes Kapitel (^>ach meiner Pensionierung packte mich eine starke innere Un- ^ Trutze, die mich nicht lange an einem Ort verweilen ließ. Zuerst ging ich mit meiner Familie nach Wiesbaden, um meinen Hals auszukurieren. Dann fuhren wir im Juli nach Königsfeld im Schwarzwald, dem bekannten Luftkurort mit der Herrnhuter- gemeinde. Die Bauernhöfe der Umgebung machten einen trostlosen, verlassenen Eindruck. Nur Greise, Frauen und Kinder waren zu sehen. Auf den meisten Höfen hatten sie Gefallene zu beklagen, den Vater, den Mann, den Bruder. Überall herrschte gedrückte Stimmung und große Friedenösehnsucht. An den Sieg glaubte niemand mehr. Des Abends hörten wir oft den russischen Gefangenen zu, wenn sie zur Ziehharmonika ihre Nationaltänze aufführten oder ihre schwermütigen Lieder sangen. Sie schienen sich als Landarbeiter sehr wohl zu fühlen, in dem Bewußtsein, dem Elend des Schützengrabens entronnen zu sein. Im Monat August fanden wir schließlich in Baden-Baden eine Wohnung. Die wundervolle Umgebung und die Gelegenheit zu weiten Spaziergängen in den herrlichen Waldungen hatten eS mir angetan. Dem alten Infanteristen steckt nun einmal das Marschieren in den Knochen, bis zu seinem Lebensende. Noch einmal sollte ich aus ein paar Tage an die Front kommen. Der Kommandeur des Jnfanterie-RegimentS IZ2, zu dessen Chef ich ernannt worden war, lud mich zu einem Besuch ein, als die Bataillone in Ruhe bei Provin südwestlich Lille zurückgezogen waren. Es sollte ein tragischer Abschied von der Truppe werden. DaS Regiment war in Marschkolonne ausgestellt. Als ich gerade im Galopp auf den Anfang der Kolonne zuritt, ertönte plötzlich der Ruf: „Flieger." Noch ehe die Leute auseinanderlaufen konnten, sausten die Bomben aus den Platz. Fünf Tote und über zwanzig is» 227 Verwundete waren die Folge des englischen Luftangriffs. Statt das Regiment bei einer militärischen Übung zu sehen, nahm ich am nächsten Tage an der Beisetzung der Opfer teil. So machte das Schicksal einen grausamen Strich durch meinen letzten Besuch an der Front. Anfangs Oktober reisten wir zu unserer Tochter Marie nach Schloß Neetzow in Pommern, wo auch ihr Gatte gerade einen kurzen Urlaub von der russischen Front verbrachte. Auf dem Gut spürte man nichts von der Hungerblockade. Trotzdem ließen auch hier die Jnstleute die Köpfe hängen. Auch aus ihren armseligen Katen unweit des Schlosses war ihr kleiner Teil am menschlichen Glück geschwunden. In einem Haus fehlte der Mann, er war irgendwo auf den Schlachtfeldern Flanderns begraben. In einem andern jammerte die Mutter um den Sohn, der in Rußland gefallen war. Auch hier wie oben im Schwarzwald nur die eine Sehnsucht: Friede, Friede! Es war unser letzter Besuch in Pommern, denn nach dem Krieg wurde die Ehe unserer Tochter Marie mit dem Schloßherrn von Neetzow geschieden. Dieses erste halbe Jahr, das ich nach Kriegsausbruch wieder in der Heimat zubrachte, und die Reisen, die ich in Nord und Süd machte, ließen mich die Stimmung mit erschreckender Klarheit erkennen. Ich versäumte keine Gelegenheit, um mit Leuten aller Stände und Berufe, in Stadt und Land, zu sprechen und ihre Meinung zu hören. Unser Volk litt schon 1917 viel schwerer unter der Hungerblockade, als ich es an der Front mir hatte träumen lassen. Wir wollen aber die Schrecken des Krieges hinter der Front nicht vergessen, wie uns das die Gemeinde derer, die im Stahlbad des Weltkrieges wirtschaftlich gesund geworden sind, mit allen Künsten verlogener Propaganda immer wieder nahelegt. Den Landwirten ging es ja verhältnismäßig gut, sie brauchten keinen „Ersatz", kein „Eiersparpulver", keine Kaffeewürfel „Marke Schützengraben", keinen „Kaiser-Wilhelm-Tee", kein „Kohlrübenmus mit Erdbeer- geschmack" und keine „Heldenmarmelade". Ihnen wuchsen ja trotz aller Verordnungen die wichtigsten Lebensmittel doch im Original zu. Aber die breiten Massen in den Städten und Jndustriegegenden, die Familien der Eingezogenen, die Beamten und der gewerbliche Mittelstand litten schwer an Unterernährung. Ganz besonders die 228 schwangeren Frauen, die Kinder, die mit Trockenmilch großgezogen werden mußten, und die alten Leute. Eine furchtbare Ernte hielt der Tod in der Heimat. Tuberkulose oder Grippe schrieben die Ärzte. „Hunger!" jammerten die Überlebenden. Das Verderblichste aber war, daß jeder, der Geld hatte, sich „hinten herum" alles verschaffen konnte, was sein Magen begehrte. Der Schleichhandel blühte, und in den Hinterzimmern der Luxusrestaurants gab es geheime Karten, die zu unheimlichen Preisen alles boten. Die unzähligen Lebensmittelverordnungen wurden nur von den Millionen befolgt, die sie aus Armut befolgen mußten. Die Reichen brauchten nicht hungrig vom Tisch aufzustehen. Zu der physischen und moralischen Verelendung durch den Hunger kamen noch die korrumpierenden Folgen des Gesetzes über den „Vaterländischen Hilfsdienst", das sogenannte Hindenburg- programm. Vier Millionen Frauen wurden in der Kriegsindustrie angestellt. Die Löhne steigerten sich bald zu ungekannter Höhe, ohne doch die Preise je einholen zu können. Die Frontkämpfer mußten zusehen, wie die „Drückeberger" daheim schweres Geld verdienten, während ihre eigenen Familien bei den kargen Unterstützungen hungerten und die Reichen sich nichts abgehen ließen. So wurde das Gemeinschaftsgefühl zwischen Heer und Heimat untergraben, und eine tiefe Kluft tat sich auf zwischen denen, für die der Krieg nur Opfer bedeutete, und den anderen, die am Kriege reich wurden. Die gewaltigen Kriegsaufträge für die Industrie ließen neue Unternehmungen wie die Pilze aus der Erde schießen, da bei den militärischen Stellen Geld keine Rolle spielte. Immer breiter machte sich das Schieberwesen der Kriegsgewinnler, und immer bitterer wurde die Verstimmung in der Heimat und an der Front. Kann man sich da wundern, wenn das deutsche Volk bei dem Versagen des U-Boot-Krieges und den blutigen Verlusten der Abwehrschlachten an der Westfront den Frieden herbeisehnte mit allen Fasern seines Herzens. Und ist es nicht zu erklärlich, daß ein Aufatmen durch die deutschen Lande ging, als am 19. Juli 1917 der Reichstag mit großer Mehrheit eine Friedensresolution annahm, in der endlich ausgesprochen wurde, daß wir einen Frieden der Verständigung und Versöhnung wollten! Gegen diese Resolution richtete aber alsbald die unter Führung 229 von Großadmiral von Tirpitz stehende „Vaterlandspartei" eine gehässige, mit leicht erworbenen Kriegsgewinnen genährte Propaganda. „Schmach- und Verzichtsfrieden" nannten diese Leute den in der Reichstagsresolution geforderten Frieden. Die Kriegöziele der Vaterlandsparteiler gingen noch über die der Obersten Heeresleitung hinaus. Zeebrügge und das französische Flandern müßten deutsch werden, nicht nur Belgien, das Erzbecken von Briey, Kurland, Litauen und Teile von Polen. Bethmann stürzte über die Reichstagsresolution, und Michaelis wurde Reichskanzler. Seiner politischen Unzulänglichkeit blieb es vorbehalten, die immerhin mögliche Wirkung der Friedensresolution verpuffen zu lassen. Angesichts der starken Opposition der Rechten traute das Ausland der Friedenssehnsucht der großen Masse des deutschen Volkes nicht. Und trotzdem blieb der Friedensgedanke lebendig, nicht nur bei uns, sondern auch in den Ländern der Entente. So versandte der Papst am i. August 1917 seine Friedenönote an alle Kriegführenden. Er ermähnte in allgemein menschlichem und christlichem Sinne zum Frieden, ging dann aber auch zu politischen Vorschlägen über. Von deutscher Seite müsse Belgien freigegeben und geräumt werden. Aber was geschah? Anstatt die von der ganzen Welt erwartete eindeutige Erklärung über den Verzicht auf Belgien abzugeben, antwortete der Reichskanzler Michaelis unter dem Druck der Heeresleitung so bedingt, daß der Papst sich sagen mußte und sich gesagt hat: „Ich höre aus allem nur daS Nein!" Damit war die päpstliche Friedensaktion gescheitert. Wie sehr damals die Reichsregierung von der Heeresleitung abhängig war, haben wir nachträglich aus den Verhandlungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses über den päpstlichen Friedensschritt erfahren. Dort sagte Staatssekretär a. D. von Kühlmann, einst Michaelis rechte Hand, bei seiner Vernehmung aus, die Oberste Heeresleitung „hätte einen ganz außerordentlich starken politischen Einfluß ausgeübt und die politische Leitung sei ohne Verständigung mit der Heeresleitung an Händen und Füßen gefesselt gewesen". Ob die Papstaktion im Falle einer deutschen Verzichterklärung auf Belgien wirklich zum Frieden geführt hätte, vermag heute niemand 230 zu sagen. Auf keinen Fall aber durfte die politische Führung vor der Heeresleitung kapitulieren und damit das deutsche Volk, dem das Wasser bis zum Hals stand, um die Möglichkeit eines Verständigungsfriedens bringen. Immer größer wurde jetzt die Kluft zwischen der hungernden Masse des Volkes und der Militärdiktatur Ludendorffs, der hinter sich Schwerindustrie und Großgrundbesitz als „Vaterlandspartei" hatte. Schon gab es allerlei Wetterzeichen am politischen Horizont. Im Frühjahr war der erste große Streik in der Munitionsindustrie und im Transportwesen ausgebrochen, und im Herbst kam eö auf einzelnen Schiffen der Kriegsmarine zur offenen Meuterei. Sie wurde rasch niedergeschlagen. Von der sozialdemokratischen Partei spaltete sich eine Minderheit ab, die als „Unabhängige Sozialisten" in schroffe Opposition zur gesamten Kriegspolitik trat und durch ihre Propaganda die Radikalisierung der Massen förderte. Dieser Kampf gegen den Krieg beschränkte sich aber nicht nur auf Deutschland, sondern trat auch in den Ententeländern sichtbar hervor. In England fanden 1917 große Arbeiterstreiks statt, und in Frankreich wurden zahlreiche Armeekorps von Meuterei ergriffen. Die Kriegsmüdigkeit hatte alle Menschen erfaßt, die unter dem Kriege zu leiden hatten. Der deutsche Kronprinz sandte im Sommer 1917 einen Bericht an die Oberste Heeresleitung, in dem er auf Grund der militärischen und politischen Lage für möglichst raschen Verständigungsfrieden eintrat. Daraufhin soll Ludendorff gesagt haben, Kronprinz Wilhelm hätte „schlapp gemacht", er müsse „aufgepumpt" werden. (Auch der bayrische Kronprinz hat sich 1917 in einem Bericht an den Reichskanzler für einen baldigen Verständigungöfrieden eingesetzt.) Ich selbst bekam nach meiner Verabschiedung auch noch von der Obersten Heeresleitung etwas auf den zivilen Schlapphut. Ich hatte nämlich auf Wunsch der „Straßburger Post" bei meinem Abgang einen kurzen Artikel über die Haltung der Elsässer an der Front geschrieben, in dem ich ihnen Lob und Anerkennung zollte. Die Oberste Heeresleitung schrieb mir darauf im Oktober 1917, daß mein günstiges Urteil über die Elsässer mit dem anderer Heeresstellen in Widerspruch stände, die sich über die Unzuverlässigkeit der Elsässer beklagten. Die Heeresleitung ersuchte mich, künftig zur 231 elsässischen Frage, insbesondere über die Haltung der elsässischen Soldaten, nicht mehr in der Presse Stellung zu nehmen. Darauf schrieb ich einen ausführlichen Brief an Feldmarschall von Hindenburg, dem ich folgendes entnehme: „Wenn ich den Elsässern im Verbände des XV. Korps ein gutes Zeugnis ausstellen konnte, während andere Stellen bittere Klagen über ihre Unzuverlässigkeit führen, so liegt die Erklärung für diesen Zwiespalt der Urteile einmal darin, daß ich in meinem Korps die jüngsten und besten Elsässer hatte und zahlreiche tüchtige elsässische Offiziere, die ihre Landsleute richtig zu nehmen und zu behandeln verstanden. Zum anderen aber darin, daß in meinem Korps streng darauf gehalten wurde, daß man den Elsässern nicht von vornherein mit Mißtrauen und Voreingenommenheit begegnete und daß man nicht die Verfehlungen einzelner der Gesamtheit aufs Konto setzte. Hierzu neigten zu leicht Vorgesetzte, die fremd in das Armeekorps hereingekommen, die Elsässer nicht anders als aus dem Zaberner Prozeß kannten. Gewiß sind auch vom XV. Korps Elsässer an die Ostfront abgeschoben worden. Diese Maßregel blieb aber auf die wirklich Unzuverlässigen beschränkt, das Ehrgefühl der Masse wurde geschont und hochgehalten. Deshalb hat sie auch ihre Pflicht und Schuldigkeit getan. Noch eines anderen Umstandes bitte ich Erwähnung tun zu dürfen, der gleichfalls die Stimmung der Elsässer ungünstig beeinflußt hat. Es ist dies die oft engherzige und bürokratische Handhabung der Bestimmungen über die JureiseerlaubniS bei Heimaturlaub. Wenn jetzt — wie Ew. Exzellenz schreiben — die elsässische Bevölkerung von einem deutschfeindlichen Geist erfüllt ist, so wird man sich dem Bekenntnis nicht verschließen können, daß neben der allgemeinen Lage auch die Fehler mit schuld sind, die wir in der Kriegszeit in der Behandlung der Elsässer gemacht haben. Gegen diese Fehler wird man den Hebel anzusetzen haben, wenn Wandel geschaffen werden muß, um die nach ihrer Abstammung so kerndeutsche Bevölkerung dem Deutschtum zurückzugewinnen. Ich habe geglaubt, im vorstehenden offen meine Ansicht aus- sprechen zu dürfen, weil es vielleicht für Ew. Exzellenz von einigem 232 Interesse ist, auch das Urteil eines Offiziers zu hören, der vom Bataillonskommandeur bis zum Kommandierenden General im Elsaß gelebt hat und dem wohl niemand nachsagen kann, daß er die Elsässer zu milde behandelt habe. ^z. Deimling." Vom Spätherbst 1917 ab lebten wir in Baden-Baden und mußten uns in dem Rübenwinter 1917/18 den Leibriemen eng schnallen. Einmal in der Woche gab es Fleisch auf Karten, und einmal jede Woche holte ich mir ein Liter Milch im Rucksack von einem zwei Stunden entfernten Bauemhof, dessen Besitzer ich bei der Nachforschung nach seinem vermißten Sohn geholfen hatte. Ab und zu kamen französische Flieger über die Stadt geflogen, und ängstliche Gemüter suchten dann im Keller Schutz. Bei westlichem Wind konnte man auch manchmal das Grollen der Kanonen von der Vogesenfront hören. Die Annexionslust der Obersten Heeresleitung und der Alldeutschen, die sich jetzt gerade wieder bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk durch den Faustschlag des Generals Hoffmann auf den Tisch manifestierte, gab der radikalen Agitation immer mehr Wind in die Segel. Im Januar 1918 legte eine Million deutscher Proletarier die Arbeit nieder, und große Demonstrationen fanden statt für einen schnellen Frieden der Verständigung und die Reform des preußischen Wahlrechts. Die Oberste Heeresleitung war aber weniger denn je für einen Verständigungsfrieden zu haben. Der Zusammenbrach des russischen Heeres ermöglichte der Heeresleitung, mit den im Osten freigewordenen Kräften die Westfront so zu verstärken. Laß der Entschluß zu einer großen Offensive für das Frühjahr 1918 gefaßt wurde. Die feindliche Front sollte durchbrochen und aufgerollt werden. Ludendorff glaubte fest an den Sieg. Ich mußte an unsere Offensive gegen Ppern im Herbst 1914 denken. Was wir damals mit jungen, kriegsbegeisterten Truppen und mit reichlichem Kampfgerät nicht fertig gebracht hatten, nämlich den Durchbruch durch die feindlichen Linien, das wollte jetzt Ludendorff mit den abgekämpften, schlecht ernährten Divisionen schaffen, mit KriegSgerät, das dem feindlichen nicht gewachsen war, und mit der hungernden, verelendeten Heimat hinter sich. Auch den Entente- 233 Heeren war ja trotz Überlegenheit an Zahl und Material bei ihren vielen Versuchen nirgends ein Durchbruch gelungen. Ich habe zu oft im Kriege erfahren, daß sich sehr schnell, wenn wirklich einmal ein Einbruch in die feindliche Linie gelungen war, wieder ein neuer feindlicher Materialwall hinter der Einbruchsstelle bildete, an dem das weitere Vorgehen dann scheiterte. Man saß wiederum im Stellungskampf fest, und die taktische Lage war nur schlechter als vorher, weil man sich als spitzes Dreieck vorgeschoben hatte und so von beiden Seiten umfaßt war. Sollte diesmal entgegen allen bisherigen Erfahrungen der Durchbruch doch gelingen? Wir alle hofften eS mit glühendem Herzen. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, um wieder im Heere verwendet zu werden. Ich wollte dem Entscheidungskampf nicht untätig zusehen. Ich wendete mich an das Militärkabinett um eine neue Verwendung, ohne Rücksicht auf mein Dienstalter, ich bat den Großherzog von Baden um seine Vermittlung und schrieb auch an Ludendorff. Dieser hat sich auch für meine Wiederverwendung eingesetzt, aber schließlich ist doch nichts daraus geworden. Wie ich befürchtet hatte, so kam es. Die am 21. März mit großem Schwung beiderseits der Somme einsetzende Offensive gelangte zwar bis vor die Tore von Amiens, dort aber lief sich der Angriff gegen die feindlichen Reserven fest. Der Stellungskrieg begann aufs neue in dem weit vorspringenden Bogen, dessen Flanken dauernd gefährdet waren. Kein besseres Schicksal war den späteren Durchbruchsversuchen in Flandern, an der Aisne und schließlich an der Marne, dem Schicksalsfluß, beschicken. Am 18. Juli ging Foch zur Gegenoffensive über. Eine ungeheure Anzahl von Tanks brach aus den Wäldern von Villers Cütterets gegen Flanke und Rücken der 7. deutschen Armee vor. In einer bisher nicht erlebten Weise wurden unsere abgekämpften Divisionen über den Haufen geworfen. Das war der Wendepunkt des Krieges, und unserer Obersten Heeresleitung drängte sich jetzt die Erkenntnis auf, daß die mit so großen Hoffnungen unternommene Offensive endgültig gescheitert war und man zur Verteidigung zurückkehren mußte, r Die Offensive ist nicht etwa deshalb gescheitert, weil sie — wie manche Leute behaupten — strategisch falsch angesetzt war, sondern 234 sie ist gescheitert, weil sie gegen die gewaltige Materialwirkung des Feindes überhaupt nicht durchdrungen konnte. Die Heeresleitung hat auch noch im vierten Kriegsjahr die Schwere der Materialschlacht unterschätzt. Auch an Menschenzahl war der Feind überlegen. Trotz des U-Boot-Krieges standen zu Beginn der Märzoffensive zooooo Mann frischer amerikanischer Soldaten auf französischem Boden, und jeden Tag stiegen neue amerikanische Regimenter aus den großen Transportdampfern an Land. Während wir den Feind für entmutigt hielten, befestigte sich bei ihm durch den dauernden Zustrom amerikanischer Truppen der Glaube an den Sieg. Im Oktober standen zwei Millionen amerikanischer Soldaten in Frankreich. Trotz allem hätte die Frühjahrsoffensive 1918 zu einem Verständigungsfrieden führen können, wenn man sie nicht einseitig militärisch geführt hätte, sondern eine politische Offensive Hand in Hand gegangen wäre. Schon unser Riesenaufmarsch im Frühjahr 1918 hätte zu einer Friedensaktion ausgenutzt werden müssen, spätestens aber mußte sie in Wechselwirkung treten mit den großen Anfangserfolgen des deutschen Angriffs. Wir wissen heute, daß Lloyd George und Wilson im Frühjahr 1918 bei einwandfreier Erklärung der deutschen Regierung über die Rückgabe von Belgien zu einem Verständigungöfrieden bereit gewesen wären — und zwar hätten sie damals nicht die Abtretung, sondern bloß die Autonomie Elsaß-LothringenS gefordert.Aber bei uns hat es während des ganzen Krieges an der Zusammenarbeit zwischen militärischer und politischer Leitung gefehlt. Das war unser Verhängnis. Die Verantwortung dafür trägt der Kaiser. Nachdem am 8. August bei dem feindlichen Angriff auf die 2. und 18. Armee ganze Divisionen vor den Tankgeschwadern versagt hatten, fand am 14. August in Spa unter Vorsitz des Kaisers die entscheidende Sitzung statt, in der zu spät der Beschluß gefaßt wurde, diplomatische Schritte zur Erreichung des Friedens einzuleiten. In dieser Zeit wurde ich aufgefordert, der Vaterlandspartei beizutreten. Ich lehnte sofort ab, denn diese Gesellschaft mit ihrem wirklichkeitsfremden Annexionismuö war mir den ganzen Krieg über schon in der Seele zuwider gewesen. Sie hat die künstliche Hurrastimmung großgezogen, aus der heraus jeder rechtzeitige 235 Versuch zu einem Verständigungsfrieden sabotiert wurde. Diese Leute hatten gut annektieren. Sie haben ja nichts von den feindlichen Granaten und nichts von der Hungerblockade zu spüren bekommen, ebensowenig wie die Schieber und Kriegsgewinnler, die jedem Soldaten und Arbeiter ein Greuel waren. Ein Faktor, der viel zur Unzufriedenheit der Massen beitrug, war die Ablehnung der Reform des preußischen Dreiklaffenwahlrechts durch die Konservativen — auch jetzt noch im vierten Kriegöjahr. Die Leute sagten sich, daß draußen an der Front auch nicht die Truppen in drei Klassen eingeteilt seien: die Reichsten im ersten Graben, die Wohlhabenden im zweiten und die Armen im hintersten Graben, sondern daß die Armen genau wie die Reichen im vordersten Graben kämpfen mußten. Ende August erlebte ich noch die freudige Genugtuung, daß die elsässische Reichstagsfraktion meine Berufung als Stellvertretenden Kommandierenden General für das Elsaß beim Militärkabinett beantragte, leider ohne Erfolg. Ich habe aber in dem Wunsche der Abgeordneten ein Zeichen für die Erkenntnis erblickt, daß ich es immer gut mit den Elsässern gemeint habe. Im September wurde unsere Lage verzweifelt. Osterreich- Ungarn sandte ein Friedensangebot an die Entente, die bulgarische und türkische Front wurden durchbrochen, an der italienischen Front gingen amerikanische Truppen zum Angriff vor, und Foch verstärkte den übermächtigen Druck auf unsere Westfront. Am 29. September erkannte die Heeresleitung endlich die Hoffnungslosigkeit der Lage und forderte die Reichöregierung zu sofortigen Waffenstillstandsverhandlungen auf. Prinz Max von Baden, der am z. Oktober als Nachfolger des Grafen Hertling das Reichskanzleramt übernommen hatte, wehrte sich gegen einen übereilten Verzweiflungsschritt. Da schrieb Hindenburg am z. Oktober: „Noch steht das deutsche Heer festgefügt und wehrt siegreich alle Angriffe ab. Die Lage verschärft sich aber täglich und kann die Oberste Heeresleitung zu schwerwiegenden Entschlüssen zwingen. Unter diesen Umständen ist es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volk und seinen Verbündeten nutzlose Opfer zu ersparen. Jeder versäumte Tag kostet Tausenden von tapferen Soldaten das Leben." 236 Unter diesem Drängen der Heeresleitung wurde noch in der gleichen Nacht eine Note an Wilson abgesandt, die den Präsidenten um Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes und die Einleitung von Friedensverhandlungen ersuchte. Während der Feind durch diese Bankrotterklärung in einen wahren Siegestaumel geriet, schlug die Nachricht in das deutsche Volk wie ein Blitz ein und zerstörte alles, was Hunger und Not noch an Spannkraft in seiner Seele gelassen hatte. Auch auf das kämpfende Heer übte das plötzliche Waffenstillstandsangebot eine vernichtende Wirkung aus. Der Glaube an einen glimpflichen Ausgang des Krieges war schon geschwunden, nun aber wurde auch noch das Vertrauen in die militärische Führung auf das tiefste erschüttert. Trotzdem haben diese übermüdeten, abgehetzten deutschen Frontsoldaten in ihren verlausten und zerlumpten Röcken in den Rückzugskämpfen der nächsten Wochen mit übermenschlicher Kraft standgehalten und noch manchen tapferen Gegenstoß ausgeführt. Es gelang der feindlichen Übermacht nirgends, die dünne deutsche Front zu durchbrechen. Diese letzten Wochen gehören zu den größten Heldentaten des ganzen Krieges. Wo sich Zerrüttungserscheinungen zeigten, war nicht politische Unterwühlung daran schuld, sondem die ungeheure Übermacht der Feinde, die körperliche und seelische Überanspannung der Truppen und das Bewußtsein, für eine verlorene Sache weiterkämpfen zu sollen. Nur einen Gedanken gab es jetzt: Frieden, nur Frieden und heim aus der Hölle des Krieges! Wer könnte das nicht verstehen! Soldaten sind eben keine Schachfiguren, die man nach Belieben hin und her schieben kann, sondern lebendige Menschen mit Blut und Nerven und Seelen. Jeder menschlichen Leistung ist eine Grenze gesetzt, und diese Grenze war sowohl beim deutschen Heer als beim deutschen Volk bereits überschritten. So brach am z. November unter den Matrosen und der Garnison von Kiel der offene Aufruhr aus. Die Besatzungen der Schlachtschiffe hatten Anlaß, zu glauben, daß sie jetzt noch, kurz vor dem Abschluß des Waffenstillstandes zu einem letzten Waffengang gegen die englische Flotte eingesetzt werden sollten. Sie empfanden das als eine sinnlose Geste, denn ihr Untergang konnte am Ausgang 237 des Krieges nichts mehr ändern. Sie verweigerten die Ausfahrt. Hunderte wurden gefangen gesetzt, aber von meuternden Kameraden befreit. Offiziere und Unteroffiziere schössen auf die Demonstranten. Die Meuterei wurde zur Revolution. Überall lag der Zündstoff ehrlicher Verzweiflung aufgeschichtet, und wie ein Lauffeuer sprang die Bewegung auf andere Städte über. Einzelne Matrosen oder Trupps auf Lastautos und in Eisenbahnzügcn schwärmten aus über ganz Deutschland. Wo sie erschienen, wurden rote Fahnen gehißt und Arbeiter- und Soldatenräte nach russischem Muster gebildet. Der Bolschewismus war im Anmarsch. Am 9. November griff die Revolution auf Berlin über. Die Ersatzbataillone der Garde-Regimenter traten kampflos auf die Seite der Revolutionäre. Der Kaiser dankte ab und ging nach Holland. Philipp Scheidemann rief die Republik aus. Prinz Max von Baden trat zurück und übergab das Reichskanzleramt an Fritz Ebert, den Führer der sozialdemokratischen Partei. Mit der bis in ihre Grundfesten aufgewühlten Heimat im Rücken vollzog sich im Walde von Compiegne der Schlußakt des großen DramaS. Am 6. November war die Waffenstillstandskommission unter Führung von Erzberger abgereist. FochS Bedingungen waren vernichtend: Auslieferung der Flotte, der Luftschiffe, fast der gesamten Artillerie, unzähliger Lokomotiven, Übergabe der Kolonien, Abtretung von Elsaß-Lotbringen, Besetzung der Rheinlande, Entschädigung für alle Kriegsschäden und Räumung der Provinz Posen. Ehe Erzberger unterzeichnete, übermittelte er Hindenburg diese Bedingungen. Der Feldmarschall bezeichnete eine Reihe von Punkten, in denen Erleichterungen erbeten werden sollten. Dann folgte der lapidare Satz: „Gelingt Durchsetzung dieser Punkte nicht, so ist trotzdem abzuschließen." Nach Erreichung einiger Milderungen unterzeichnete Erzberger am n. November den Waffenstillstand. Noch am Vormittag dieses Tages schlugen die feindlichen Granaten in unsere Reihen. Um 12 Uhr mittags erstarrte die Front in Schweigen« Auf dem Leopoldsplatz in Baden-Baden drängte sich an diesem Tage eine erregte Menschenmenge. Einzelne Autos mit Soldaten, 238 die sich durch rote Armbinden als Soldatenräte kennzeichneten, fuhren planlos durch die Stadt. Was sie wollten, wußten sie ebensowenig wie die stumme Menge. Da kam die Nachricht, daß auch in Karlsruhe die Militärrevolte ausgebrochen sei. Das Generalkommando tat das Gescheiteste, was im Interesse der Ordnung geschehen konnte, es einigte sich mit den Soldatenräten. Ging es doch um alles andere als um hochpolitische Ziele: Fortfall des Zapfenstreichs und der Grußpflicht außer Dienst und ähnliches. Zur Ehre der badischen Soldatenräte muß gesagt werden, daß sie sich sehr verständig benommen haben und gegen Ausschreitungen, gegen Belästigung von Offizieren und gegen das Abreißen von Achselstücken tatkräftig eingeschritten sind. Sehr schnell kristallisierte sich aus dem wirren Durcheinander der ersten Revolutionstage ein Ordnungskern heraus. Am iv. November trat eine provisorische Regierung in Karlsruhe zusammen, der tüchtige Männer wie Ludwig Haas, Joseph Wirth und Hermann Dietrich angehörten. Kriegsminister in diesem Kabinett wurde der Landsturmmann Johann Trümmer aus Mannheim, seines Zeichens Schmied. „Johann, daß du nicht stolz wirst", sagten seine Kameraden, „und meinst, daß du jetzt als Minister im Hotel essen kannst." „Nein", versprach Brümmer, „es bleibt beim alten." Und wenn nun abends Ministersitzungen waren, kam ein Soldat mit einem Eßnapf für Brümmer. Ein Diener meldete dann im Sitzungszimmer„Herr Kriegsminischter, Ihr Nachteffe isch da." Am ii. November abends ertönte plötzlich Gewehrfeuer vom Karlsruher Schloß her, und bald darauf heulten die Sirenen Alarm. Große Aufregung! Ein betrunkener Matrose hatte sich mit einer Handvoll Soldaten nach dem Schloß begeben, in dem die großherzogliche Familie, dabei auch die Königin von Schweden, beisammen war. Der Matrose ließ vor dem Schloß eine Salve abgeben und schlug dann mit dem Kolben gegen das Tor, bis ihm geöffnet wurde. Der Oberhofmeister redete dem Mann, der sich langsam ernüchterte, gut zu, bis er schließlich „kehrt marsch!" kommandierte und mit seinen Leuten abzog. Aus einiger Entfemung ließ er dann das Schloß wieder beschießen. Da kamen Sicherheitspatrouillen 239 auf den Schloßplatz gezogen, die eine Gegenrevolution befürchteten und nun aufs Geratewohl auf die vermeintlichen Reaktionäre schössen, bis der Sergeant der Schloßwache den Irrtum aufklärte. Unter dem Eindruck dieser Schießereien entschloß sich der Großherzog zur Abreise. Am Hinterausgang des Schlosses standen im Fasanengarten Autos bereit. Unter dem Geknatter der Gewehre und dem Heulen der Sirenen verließ der Großherzog mit seinen Angehörigen die Residenz und fuhr nach Schloß Iwingenberg am Neckar. Er hinterließ keine Feinde, auch nicht auf der äußersten Linken. Als Minister Dr. Haas mit der Wache des Ministeriums im Laufschritt zum Schutze des Großherzogs am Schloß eintraf, war er bereits abgefahren. Drei Tage später wurde Baden zur Republik erklärt. Großherzog Friedrich war der letzte der abdankenden deutschen Fürsten. Die 21 Kollegen hatten schon gleich am 9. November verzichtet, der König von Sachsen mit dem denkwürdigen AuS- spruch: „Macht euern Dreck alleene!" Die Fürsten waren weggeweht wie die Blätter im Herbst, wenn ein Windstoß kommt. Keine Hand hat sich für sie gerührt. Keine Generale, keine Hofmarschälle und Kammerherren haben sich mit dem Degen schützend vor ihre Fürsten gestellt. Warum? Weil jedermann, wohl auch die Fürsten selbst, sich bewußt war, daß im Weltkrieg das monarchische System unrettbar Bankrott gemacht hatte. Denn zum Schutz seiner Grenzen war das deutsche Volk in den Krieg gezogen. Dann aber hat man aus dem Verteidigungskrieg einen Eroberungskrieg machen wollen und so das vier Jahre lang blutende, hungernde und hoffende Volk trotz aller Siege um einen Frieden in Ehren gebracht. Solche Erfahrung kann kein Volk ruhig ertragen, und wenn es noch so geduldig ist. Mit den Fürsten verschwanden von der Bühne der Öffentlichkeit auch die Anhänger des alten Systems, bis es den Linksparteien gelungen war, das Vaterland aus dem Chaos zu befreien. Dann aber wagten sie sich wieder hervor und liefen um so tapferer Sturm gegen die junge, geduldige Republik. In dem friedlichen Kurort Baden-Baden gab es keine Revolution. Ein Arbeiter- und Soldatenrat ließ sich zwar im Rathaus 240 nieder und wollte ein bißchen mitregieren. Der Oberbürgermeister aber machte seine Sache lieber alleine. In den ersten Revolutionötagen lud der Soldatenrat die in Baden- Baden wohnenden ehemaligen Offiziere zu einer Besprechung auf das Rathaus. Da Hindenburg die Wahl von Soldatenräten befohlen hatte, so folgte ich mit einer Anzahl von Offizieren dieser Einladung. Ich erklärte mich im Gegensatz zu meinen Kameraden bereit, an der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung mitzuwirken. Am 12. November ordnete die badische Regierung die Bildung von Volkswehren an, denn im Waffenstillstand war für Baden eine neutrale Zone von zo Irm Tiefe vorgesehen, die innerhalb von zo Tagen militärisch geräumt sein mußte. Der Oberbürgermeister beauftragte mich, zusammen mit einem Stadtrat die Organisation der Volkswehr zu übernehmen. Gern unterzog ich mich im Einvernehmen mit dem Soldatenrat dieser Aufgabe. Über die Verfassung der zurückmarschierenden Fronttruppen waren die wildesten Gerüchte im Umlauf. Veranlassung dazu hatten undisziplinierte Etappenformationen gegeben, die ohne Befehl und ohne Führung abgerückt waren und marodierend durch das Land zogen. Als aber im letzten Drittel November der Durchmarsch der Fronttruppen begann, konnte man feststellen, daß er sich in voller Ordnung vollzog. Die Landstraßen waren bedeckt mit den langen grauen Kolonnen müder Menschen, die sich über den Rhein nach dem Schwarzwald wälzten, darunter ungarische Honved, deren Bagagen von den langhörnigen Ungarochsen gezogen wurden. Die Fahrzeuge waren mit grünen Zweigen geschmückt, und die Soldaten trugen Blumen in den Knopflöchern, die ihnen von allen Seiten aus der Bevölkerung geschenkt wurden. Es gibt heute noch Leute, die sagen, wir hätten damals hinter dem Rhein weiterkämpfen sollen und weiterkämpfen können. Ganz abgesehen von der strategischen Unmöglichkeit (feindliche Umgehung der Rheinfront durch Süddeutschland, Vordringen der Italiener nach Bayem, Einbruch der Orientarmee des Generals Franchet d'Esperey vom Osten her in Deutschland) konnte man mit diesen Truppen nicht mehr kämpfen. Sie hatten mehr als genug vom Kriege, und sie freuten sich, daß endlich Schluß war — und wir alle freuten uns mit ihnen. 1S Deimling, gelt 241 In Baden-Baden wurden die durchziehenden Truppen von den Behörden begrüßt, die Straßen waren festlich beflaggt. Meine Volkswehr brauchte Abzeichen, um die Posten und Patrouillen kenntlich zu machen. Rote Armbinden wollte ich ihr nicht geben, weil Rot zur Farbe der Bolschewisten und Spartakisten geworden war. Schwarz-weiß-rot kam auch nicht in Frage, weil diese Farben das Symbol der zusammengebrochenen Monarchie waren. Darum habe ich ihr schwarz-rot-goldene Armbinden beschafft, in Erinnerung an die 48er Jahre in meiner badischen Heimat. Ich glaube, daß so die Baden-Badener Volkswehr als erste Organisation die Farben der deutschen Republik getragen hat. Auch die Soldatenräte folgten diesem Beispiel. Während im Reich die Kämpfe zwischen der Sozialdemokratie, deren Ziel die Errichtung einer demokratischen Republik war, und den Spartakisten, die eine Räterepublik nach dem Muster Sowjet- Rußlands anstrebten, aufflammten, herrschte in Baden Ruhe. Auch die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung, bei der ich als Beisitzer des Wahlvorstandes der Demokratischen Partei fungierte, verlief ungestört. Vor den badischen Wahlen — kurz vor denen zur Nationalversammlung — hatten mich die Konservativen durch einen Standesherrn persönlich auffordern lassen, ihrer Partei beizutreten. Ich habe sofort abgelehnt und bin der neugebildeten demokratischen Partei beigetreten. Denn nachdem die alte monarchische Staatsform so kläglich zusammengebrochen war, konnte der Wiederaufbau des Reiches nur auf einer neuen, der demokratischen Grundlage erfolgen. Nach meiner Auffassung war es für jeden Deutschen, der sein Vaterland liebt, jetzt Pflicht, nicht verärgert und kleinmütig beiseite zu stehen, sondern mitzuhelfen am Neubau des Vaterlandes. Nicht aus theoretischen Erwägungen, noch weniger aus persönlichen Gründen bin ich zur Republik gekommen. Aus der Not des Vaterlandes heraus habe ich zu ihr gefunden. Im Laufe der Zeit erst bin ich aus einem „Vernunftrepublikaner" zu einem Demokraten mit Leib und Seele geworden. Während schwerer Zuckungen und Erschütterungen des ganzen Volkskörpers tagte die Nationalversammlung in Weimar. Die Umstellung der Wirtschaft auf Friedensbetrieb, die Auflösung des Heeres, der Verfall der Mark, die Vermehrung der Arbeitslosigkeit, alles trug dazu bei, die Lage der arbeitenden Massen zu erschweren und politischen Radikalismus zu begünstigen. In München wurde Kurt Eisner erschossen und Erhard Auer verwundet. Reichötruppen wurden um München zusammengezogen, aber noch ehe sie einrückten, hatte die Bevölkerung in ungeheurer Erregung über die Ermordung von Geiseln durch die rote Armee die Räteregierung gestürzt. Am 11. Februar wählte die Nationalversammlung Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten. Eine furchtbare Krisis für das junge Parlament und die junge Republik bildete dann die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des Friedensvertrages. Am 17. Juni kehrte unsere Delegation aus Versailles zurück. Sie hatte zwar nicht unbedeutende Zugeständnisse erreicht, aber den Charakter des GewaltdiktatS nicht ändern können. Ein Schrei des Schreckens und der Entrüstung ging durch ganz Deutschland. Würde die Nationalversammlung sich für Annahme oder Ablehnung aussprechen? In wenigen Tagen mußte die Entscheidung fallen. „Lieber tot, als Sklav'", sagten damals viele, die uns bis heute erhalten geblieben sind. Wie ich persönlich in dieser Zeit dachte, mag ein Artikel zeigen, den ich einige Tage vor Annahme des Friedensvertrages im „Badener Tageblatt" veröffentlicht habe: „Warum wir den Frieden unterzeichnen müssen. Wenn wir den Frieden nicht unterzeichnen, werden am nächsten Montag die Feinde von allen Seiten in Deutschland einrücken. Von Westen: Franzosen, Marokkaner, Siamesen, Annamiten, Kanadier, Australier, Amerikaner, Engländer, Belgier. Von Norden, über die Ostsee kommend: Engländer; von Osten die Polen; von Südosten die Tschechen und Slowaken; von Süden die Italiener. Noch einmal wird uns durch dieses Völkergemisch eindringlich vor Augen geführt, welch gewaltigen, aber auch welch aussichtslosen Kampf wir vier Jahre lang geführt haben, den Riesenkampf gegen die ganze Welt. Süddeutschland wird hermetisch von der Schweiz abgeschlossen werden durch Besetzung des Rheins von Basel bis Konstanz. — is» 243 Die feindlichen Kolonnen werden vorrücken bis zur Linie Ulm— Würzburg. Man wird die Mainlinie besetzen, um Süddeutschland von Norddeutschland zu trennen. Das Lied „Nicht mehr scheidet uns der Main" ist ausgeklungen. Unser Industrie- und Ruhrkohlengebiet wird der Feind in die Hand nehmen und wird Bremen, Hamburg, Berlin besetzen. — Unseren im Westen und Süden stehenden Truppen bleibt nichts anderes übrig, als nach der Mitte Deutschlands zu flüchten, wenn sie nicht in Kriegsgefangenschaft geraten wollen. Es wird Kriegszustand bei uns herrschen, d. h. auf gut deutsch: der Feind kann mit uns machen, was er will. Wir können nur mit den Zähnen knirschen und die Hand im Hosensack ballen. Es wird sein wie einst in den Niederlanden unter Herzog Alba. Wir müssen die Feinde verpflegen; daß die Schwarzen dabei eine gute Klinge schlagen und einer so viel futtert wie zwei Weiße, weiß ich aus Südwestasrika. — Die Milchkühe, die sie brauchen und noch einige dazu, werden sich die Franzosen aus den Ställen holen; sie werden die Maschinen aus den Fabriken fortführen und sich bei all dem darauf berufen, daß wir es in Nordfrankreich und Belgien ebenso gemacht hätten. Post, Telegrafen, Eisenbahnen werden gesperrt, alle Bankguthaben beschlagnahmt, und die durch Hunger und Drangsal heruntergekommene und nicht mehr voll arbeitsfähige Million deutscher Kriegsgefangener wird ausgetauscht werden gegen eine Million neuer Kriegsgefangener. Die Folgen dieser Zustände und der vollkommenen Unterbindung jeglicher LebenSmittelzufuhr werden Plünderungen und katastrophale Umwälzungen im Innern sein. Das Schlimmste vom Schlimmen aber ist, daß unter dem Einfluß der feindlichen Besetzung das Deutsche Reich unrettbar in seine Gliedstaaten auseinanderfallen wird. Unser heiliges Lied „Deutschland, Deutschland über alles" wird ausgeklungen sein, denn es wird kein Deutschland mehr geben. I'inis Ovimanis-s! Anders aber, wenn wir den Frieden unterzeichnen! Dann hört die Blockade auf, es kommen Lebensmittel herein, Handel und Verkehr spinnt sich wieder an. Die gegnerische Geschäftswelt hat schon 244 jetzt den dringenden Wunsch, mit uns wieder Geschäfte zu machen. Zuversicht und Hoffnung wird in die Gemüter zurückkehren, das fleißige deutsche Volk wird wieder arbeiten, weil es endlich wieder wissen wird, wozu, und weil das Leben wieder Sinn und Zweck gewinnen wird. Wir werden aus der jetzigen Weltuntergangsstimmung mit ihren Spielbanken und Foxtrott-Tänzen wieder herauskommen. — Freilich hart wird das Leben sein, ein Leben voll Arbeit und von größter Einfachheit und Bescheidenheit. Ein bescheidenes Leben sind wir aber all die KriegSjahre her gewöhnt, und besser als jetzt werden wir es allemal bekommen, sobald nur erst der Friede da ist. — Die KriegSgewinnler allerdings und die Schieber, die werden ihren Reichtum opfern müssen, soweit sie ihn nicht bereits ins Ausland gerettet haben. Mit ihnen wollen wir kein Mitleid haben. Es gibt zwei Sprichwörter, das eine heißt: „Kommt Zeit, kommt Rat." Das andere: „Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird." — Auch dieser Friede wird nicht so heiß gegessen werden, wie er gekocht ist. Er leidet zu stark an inneren Widersprüchen und Unmöglichkeiten, daß sich die Notwendigkeit einer Revision im Laufe der Zeit ganz gewiß ergeben wird, zumal wenn Deutschland ein gleichberechtigtes Mitglied des Völkerbundes sein wird. Nun wird vielfach eingewendet, daß es schmachvoll sei, diesen Frieden zu unterzeichnen. Ich bin der Meinung, daß die Wahrung unserer Ehre nicht dadurch erreicht wird, daß wir unS jetzt vollends von den ins Land einmarschierenden Feinden totmachen lassen, sondern dadurch, daß wir uns wieder mit aller Kraft emporzuarbeiten suchen, daß wir der Welt durch die Tat beweisen, daß wir immer noch das tüchtige deutsche Volk sind, das die andern dringend zum eigenen Gedeihen brauchen. In dieser Tat besteht die wahre nationale Ehre, nicht aber in heroischen Gesten und Phrasen. Deshalb laßt es endlich Frieden werden!" Am 2z. Juni 1919 wurde der Friedensvertrag in der Nationalversammlung mit 2Z7 Stimmen gegen iz8 Stimmen angenommen und am 28. Juni in Versailles unterzeichnet. Wegen meines Artikels entstand natürlich eine furchtbare Aufregung unter meinen Kollegen von der Generalität, denn auch von 245 ihnen wollten manche lieber tot sein, als diesen Schandfrieden annehmen. Heute aber freuen sie sich — und ich freue mich mit ihnen —, daß sie noch leben in einem Deutschland, dessen nationale Einheit, dessen politisches, wirtschaftliches und kulturelles Dasein nur durch Annahme des Friedens gerettet werden konnte. Daß ich und alle, die damals für die Unterzeichnung eingetreten sind, die Bedingungen des Versailler Vertrages genau so ungeheuerlich, demütigend und auf die Dauer unerträglich empfanden wie die anderen, brauche ich nicht zu versichern. Der Versailler Vertrag ist auf der Lüge aufgebaut, daß Deutschland der Kriegstreiber in Europa gewesen sei, während alle andern unschuldig wie die Lämmer waren. Heute aber weiß jeder, daß alle großen europäischen Nationen im Banne des Imperialismus ihr gerütteltes Maß zur Zusammenballung des Weltkrieges beigetragen haben und somit alle — mag ihre politische Leitung auf leisen Sohlen oder mit klirrenden Sporen operiert haben — gleich schuldig waren. Hatte schon mein Artikel über den Friedensvertrag einen Sturm von Entrüstung in den Rechtskreisen entfacht, so sollte das bald noch besser kommen, als mein Brief, den ich am 4. August 1919 an den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger geschrieben hatte, in der Presse veröffentlicht wurde. Ich hatte Erzberger bei meinem kolonialen Gastspiel im Reichstag 1905/06 persönlich kennengelernt. Er hatte damals das Verdienst, sehr peinliche Korruptionen im Lieferungswesen für den Kolonialkrieg aufzudecken. Als ich 1907 wegen meines Verständigungsfriedens mit den Hottentotten scharf angegriffen wurde, hatte sich Erzberger für mein Handeln im Reichstag mit seinem gewohnten Elan eingesetzt. Im Weltkrieg habe ich seinen Kampf für Abkürzung des Krieges mit wahrer Sympathie verfolgt, ebenso wie nun sein Wirken als Reichsfinanzminister der jungen Republik. Er hatte sich zu einem gerechten und darum kühnen Finanzprogramm entschlossen. Erzberger wollte die Vermögen der Besitzenden entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu den schweren Kriegstributen heranziehen und verhindern, daß alle Lasten auf die Schultern der arbeitenden Bevölkerung abgewälzt würden. 246 Wegen dieser Steuerpolitik wurde Erzberger auf das schändlichste angegriffen, und seine Gegner, an ihrer Spitze der als Rechtsfanatiker bekannte junge Helfferich, scheuten nicht vor persönlichen Verdächtigungen und Verleumdungen zurück. Den wütenden Haß der Deutschnationalen hatte er sich auch dadurch zugezogen, daß er in der Nationalversammlung Ende Juli die „Dolchstoßlegende" mannhaft entzaubert hatte. Da schrieb ich an diesen Mann, der neben ungewöhnlichen Gaben vielleicht auch gewöhnliche Fehler und Schwächen hatte, der aber immer nur das Beste für sein Vaterland gewollt hat, jenen Brief, der so großes Aufsehen erregen sollte: „Baden-Baden, 4. August 1919. Hochverehrter Herr Reichsminister! Können Sie sich meiner noch erinnern? Als ich im Jahre 1907 mit den Hottentotten einen Verständigungöfrieden geschlossen hatte, wurde ich im Reichstag und in der Presse von den Alldeutschen und Kriegsinteressenten angegriffen. Mas Sie gemacht haben, Herr General', so schrieb man mir u. a., ,ift nicht preußisch! Preußisch ist, daß man den Feind vernichtet, nicht, daß man sich mit ihm verständigt.' Damals waren Sie, Herr Reichsminister, der einzige, der im Reichstag für mich eintrat und darauf hinwies, daß ich dem deutschen Volk durch Schlußmachung mittels Verständigung Blut und viele Millionen Gut erspart habe. Dieses Sekundieren habe ich Ihnen nicht vergessen. Mit warmem und dankbarem Interesse habe ich im Weltkrieg Ihre Bestrebungen zur Erreichung eines Verständigungsfriedens verfolgt. Daß jeder Verständigungsfrieden gescheitert ist an der heillosen Verblendung der Obersten Heeresleitung, aber auch an der Schwachheit des Reichstags und an der Charakterlosigkeit des Reichskanzlers, das haben einsichtige Truppenführer an der Front, denen es klar war, daß man gegen die ganze Welt unmöglich auf die Dauer siegen kann, schon während des Kriegeö bitter beklagt und verflucht. Man atmet heute erleichtert auf, daß endlich die Wahrheit ans Licht kommen soll. Und auch daö ist Ihr Verdienst. Wir müssen die Wahrheit haben, aber nicht die halbe, sondern die ganze. Rücksichtslos muß mit dem Scheinwerfer in den 247 verborgensten Winkel hineingeleuchtet werden. Das deutsche Volk braucht die Wahrheit, und wenn es über Leichen ginge. Es braucht die Wahrheit zur Selbsterkenntnis, zur Läuterung und zur Wiedergewinnung des Vertrauens der Welt und der eigenen inneren Ruhe. Mögen Sie, Herr Reichsminister, aus dem jetzigen Trommelfeuer als Sieger hervorgehen und möge Ihnen die aufrichtige Zustimmung eines alten Soldaten eine kleine Freude in dem schweren Kampf bereiten. Mit vorzüglicher Hochachtung habe ich die Ehre zu sein Ihr sehr ergebener Deimling." Auf diesen Brief hin fragte Erzberger sofort telegrafisch bei mir an, ob ich die Veröffentlichung gestattete. Selbstverständlich habe ich diese Frage bejaht. Und tags darauf ist der Brief durch die ganze deutsche Presse gegangen und hat auf feiten der Reaktion einen Orkan der Entrüstung entfacht. Der erste, der protestierte, war Ludendorff. Er telegrafierte aus Berlin: „Euer Exzellenz sagen in Ihrem Brief vom 4. August, daß jede Verständigungspolitik gescheitert ist an der heillosen Verblendung der Obersten Heeresleitung. Euer Exzellenz bitte ich um Beweise für diese unerhört schwere Beschuldigung. Ludendorff." In Beantwortung dieser Anfrage entstand ein Schriftwechsel zwischen Ludendorff und mir, den ich mit seiner Genehmigung hier folgen lasse: „Baden-Baden, 14. August 1919. Hochgeehrter Herr General! Euer Exzellenz wünschen von mir Beweise für die Behauptung, daß jede Verständigungspolitik gescheitert sei an der heillosen Verblendung der Obersten Heeresleitung. Hierzu beehre ich mich nachstehendes zu erwidern: i. Präsident Wilson hat im Dezember 1916 und Anfang Januar 1917 den Frieden vermitteln wollen. Seine Absicht wurde zerstört durch die Erklärung des von der Obersten Heeresleitung 248 geforderten uneingeschränkten U-Boot-Krieges. (Zeugnis des Grafen Bernstorff.) 2. Im Sommer 1917 wollte der Papst den Frieden vermitteln. Er mußte seine Versuche aufgeben, als die Forderungen der Obersten Heeresleitung betreffs Belgien es der Regierung unmöglich machten, die von England verlangte unzweideutige Erklärung abzugeben. (Erklärung und Publikation der jetzigen Regierung.) z. Ob ich nicht auch berechtigt wäre, die im Herbst 1916 stattgehabten Verhandlungen über einen Separatfrieden mit Rußland anzuführen, die an der Selbständigkeitserklärung Polens scheiterten, auf die die Oberste Heeresleitung zur Gewinnung polnischer Soldaten drängte — das will ich zur Zeit noch unentschieden lassen. — Warum hat die Oberste Heeresleitung die Möglichkeiten, zu einem Verständigungsfrieden zu kommen, scheitern lassen? Weil sie die feindlichen Kräfte und die Wirkung der Weltkoalition, insbesondere die Wirkung des Eintritts von Amerika in den Krieg, unterschätzte und die eigenen Kräfte und Stimmungen in Heer und Volk überschätzte, und weil sie infolgedessen glaubte, an den überspannten Kriegszielen auch dann noch festhalten zu können, als es klar war, daß unser Krieg gegen die ganze Welt nicht mehr mit einem Diktatfrieden der Mittelmächte enden konnte. Euer Exzellenz nennen meine Behauptung eine „unerhört" schwere Beschuldigung. Das klingt so, als sei ich der erste und einzige, der sie aufstellt. Das ist nicht der Fall. Vielmehr wird die gleiche Behauptung seit Monaten schon von dem größten Teil der deutschen Presse ausgesprochen, wie man fast täglich in den Zeitungen lesen kann. Nicht um anzuklagen, habe ich meine Stimme erhoben, denn wir alle, vom Feldmarschall bis zum Mann im Graben, haben nur das getan, was uns nach bestem Wissen und Gewissen die Not des Vaterlandes zu gebieten schien. Sondern ich habe sie erhoben, weil ich es für meine Pflicht halte, die Wahrheit zu sagen. Denn die Wahrheit ist es, die unser Volk jetzt braucht, um aus den zügellosen Geisteskämpfen um die Frage, wer schuld an diesem elenden Frieden ist, endlich herauszukommen zu innerer 249 Ruhe und Einigkeit, die allein den Wiederaufbau unserer Zukunft verbürgen. Mit der Versicherung usw. Hochgebietender Herr General! Den Eingang Ew. Exz. Brief bestätige ich dankend. Ich hätte erwartet, daß Ew. Exz. in der Lage wären, mir aus eigener Anschauung etwas mitzuteilen; so wiederholen Sie nur, was andere wahr- heitöwidrig behaupten; selbstverständlich sprechen Ew. Exz. dies in gutem Glauben aus. Ich will aus das Allgemeine in Ew. Exz. Brief nicht eingehen, sondern nur den Fall 2, Sommer 1917, herausgreifen. Darf ich folgendes fragen: 1. Haben Ew. Exz. die Erklärung des Reichskanzlers Dr. Michaelis, des Generalfeldmarschalls, Dr. Helfferichs und meine gelesen? 2. Auch die Ergänzung, die Dr. Michaelis dem von dem Ministerpräsidenten vorgelesenen Brief gegeben hat? g. Kennen Ew. Exz. die Abschüttelungen der fremden Regierungen Herrn Erzberger gegenüber? Und endlich: 4. Wie präzisieren Ew. Exz. die Aufgabe deö Chefs des Generalstabs des Feldheeres gegenüber der Reichsleitung in allen Friedensfragen? Sollten mir Ew. Exz. hierauf antworten, so würde ich es mit Genugtuung begrüßen. Im übrigen darf ich aussprechen, daß auch die andem zwei Fälle nicht zutreffend sind. Sollten Ew. Exz. in mein alsbald erscheinendes Buch einen Blick werfen, so werden Sie vielleicht erkennen, daß doch vieles anders war und daß ich so handeln mußte, wie ich gehandelt habe. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, daß ein Verständigungsfrieden gegenüber dem Vernichtungswillen unserer Feinde nicht möglich war. Jedenfalls liegt für mich kein Anhaltspunkt für die Möglichkeit eines solchen vor. Ich kann mich darauf auf einen klassischen Zeugen, Grafen Czernin, beziehen. Deimling." „Berlin, 18. August 1919. 250 Wie Ew. Exz. bekannt, habe ich den Gedanken eines Staatsgerichtshofes vielleicht als erster vertreten; jetzt wird aus ihm nichts. Auch ich will Wahrheit! Mit der Versicherung usw. Ludendorff." „Ober-Greinau, 26. August 1919. Hochverehrter Herr General! Für Ew. Exz. Brief vom 18. 8. danke ich verbindlichst. Die Erklärungen, die von den leitenden Persönlichkeiten zur Friedensmöglichkeit im Sommer 1917 kürzlich in der Presse veröffentlicht wurden, habe ich wohl gelesen. Sie ändern aber nach meiner Ansicht nichts an der Tatsache, daß der Papst die Möglichkeit einer Anknüpfung geboten hat, die von deutscher Seite abgelehnt wurde. Auf die übrigen zwei Fälle, die Ew. Exz. als nicht zutreffend bezeichnen, möchte ich jetzt nicht weiter eingehen, da ja der Staats- gerichtShof hoffentlich bald Klärung bringen wird. Aber ganz abgesehen von diesen FriedenSmöglichkeiten lag nach meiner Überzeugung der Schlüssel zur Verständigung in der belgischen Frage. Wenn die Reichsleitung rechtzeitig zu dem Entschluß gekommen wäre, klipp und klar auszusprechen, daß wir Belgien räumen und wiederherstellen wollen, dann wäre das Tor zur Verhandlung offen gewesen. Besonders das Jahr 1917 war hierfür günstig, weil die Sorge um einen vierten Kriegswinter alle Kriegführenden schwer belastete. — Aber das erlösende Wort wurde nicht gesprochen, weil die Oberste Heeresleitung am Glauben an die Möglichkeit deS Endsiegs über die Weltkoalition festhielt. Diese Möglichkeit aber lag nach dem Eintritt Amerikas in den Krieg weit außerhalb der Grenzen des Erreichbaren. Denn auch die großartigste Führung und die glänzendsten Siege mußten sich schließlich an der feindlichen Übermacht totlaufen, und einmal — und zwar bald — mußte der Zeitpunkt kommen, wo das hermetisch von jeder Zufuhr abgeschnittene Deutschland wirtschaftlich zusammenbrach. Die Ansicht, daß wir trotz alledem den Endsieg errungen hätten. 251 wenn nur das deutsche Volk durchgehalten hätte, halte ich nicht für richtig. Ich habe vom Frühjahr 1917 ab in der Heimat unter dem Volk gelebt und habe mit Bewunderung gesehen, wie heroisch das Volk den Hunger, die Leiden, die Kriegsgewinnler und Schieber, den Ruin der Geschäfte und des Handwerks ertrug bis zur Grenze des Menschenmöglichen. Kein anderes Volk hätte das so lange ertragen wie das deutsche Volk. Der Vergleich mit Frankreich stimmt nicht. Frankreich hat nicht gehungert, wenigstens bei weitem nicht in dem Maße wie das deutsche Volk. Frankreich Hatte das offene Weltmeer und Amerika hinter sich, das ihm immer wieder neue Kraftquellen moralischer und materieller Art zuführte, während wir wie in einer dumpfen Festung eingeschlossen waren. Gewiß — es ist schwer für den Generalstabschef auf seiner glänzenden Siegeslaufbahn abzustoppen und das Schwert mit dem Palmenwedel des Friedens vertauschen zu sollen. Auch Moltke wollte nach der Schlacht von Königgrätz als Sieger in Wien einziehen. Da kam aber Bismarck und brach ihm den Siegeswillen mit Rücksicht auf das Staatswohl, das höher ist als alle Strategie. An einem Reichskanzler, der stärker war als die Oberste Heeresleitung und der ihrem nur zu natürlichen Kriegswillen ein Regulator hätte sein können, hat es zu unserm Unglück in diesem Kriege gefehlt. Und darin liegt für den Generalstabschef die Tragik, gleichzeitig aber auch die Entlastung. Deshalb habe ich in meinem Brief an Erzberger nicht nur die Oberste Heeresleitung, sondern auch den Reichskanzler und den Reichstag genannt. Mit vorzüglicher Hochachtung usw. Deimling. „Berlin, zi. August 1919. Hochgebietender Herr General! Euer Exzellenz danke ich gehorsamst für Ihr Schreiben vom 26. August. Ich darf um Erlaubnis bitten, nochmals Ew. Exz. Zeit in Anspruch zu nehmen. 252 Mir lag bei meiner ersten Anfrage daran, den sehr schweren Angriffen auf den Grund zu gehen, die Ew. Exz. in Ihrem Brief an Erzberger gegen die Oberste Heeresleitung aussprechen. Vor Regierung und Reichstag mich zu stellen, habe ich keinen Grund. Mir liegt es nur daran, nachzuweisen, daß die Möglichkeit einer Anknüpfung mit England im Herbst 1917 nicht an der Obersten Heeresleitung gescheitert ist, und ich glaube, daß dieser Nachweis auS dem veröffentlichten Material einwandfrei hervorgeht. Euer Exzellenz schreiben nun, daß der Schlüssel zur Verständigung in der belgischen Frage lag. Ich habe bisher geglaubt, daß die elsaß-lothringische Frage eine gleich wichtige Bedeutung hatte. Ich weiß nicht, ob Ew. Exz. die Rede des Grasen Czernin am 11. Dezember 1918 und die Ausführungen des früheren Wiener Botschafters Grasen Wedel in den Hamburger Nachrichten kennen? Beide Herren stehen in diesem Fall mit mir auf gleichem Boden. Ich kann nur immer wieder aussprechen, daß eine Ver- ständigungömöglichkeit nicht vorgelegen hat, eS sei denn, daß wir uns geschlagen gaben und Bedingungen auf uns nahmen, ähnlich denen in Versailles. Demgegenüber mußten wir kämpfen, ob wir wollten oder nicht. Und ich hatte die Aufgabe, alles zu tun, um den Sieg zu ermöglichen. Und an diesen Sieg habe ich geglaubt, aber ich habe deshalb nicht an Annexionen festgehalten, wenn früher ein Friede möglich gewesen wäre. Diesen Glauben an den Sieg kann man als einen Fehler bezeichnen, mag sein, aber der Beweis, daß es ein Fehler war, ist doch nicht ohne weiteres zu führen. England und Frankreich waren doch, wie jetzt immer klarer wird, im Sommer 1918 stark nachdenklich geworden. Wir wurden in Feindesland besiegt, dank der Verhältnisse daheim. Hätte in Frankreich nicht auch etwas Ähnliches sein können? Gewiß sind das Ansichtssachen, da es aber Ansichten sind, dürfen daraus keine schweren Anklagen gegen die Oberste Heeresleitung werden. Ew. Exz. sprechen von den Verhältnissen daheim nur mir aus der Seele. Nur mache ich für Kriegsgewinnler und Schieber unsere Regierung verantwortlich, wie für unendlich viele andere Mißstände bei uns. Diese brauchten nicht zu sein. Die Regierung konnte auch 253 das Volk geistig widerstandsfähiger gegen die so gewaltig starke feindliche Propaganda machen. Womit trafen wir denn die Psyche der feindlichen Völker? Wir haben nicht alles getan, um auch wirklich alles herzugeben. Mag Ansicht gegen Ansicht stehen, so bietet doch auch dies keinen Grund, der von so vielen angegriffenen Obersten Heeresleitung so Schweres anzutun, wie Ew. Exz. es taten. Ich möchte nur noch fragen, hat Biömarck sein Ziel mit Frankreich erreicht, als er dem Rat MoltkeS zuwiderhandelte und Frankreich Belsort beließ? Unser Krieg jetzt hätte eine ganz andere Gestalt genommen, wenn wir in Belsort gestanden hätten. Niemand wird das besser beurteilen können wie mein früherer Vorgänger in der 2. Abteilung und mein früherer Kommandierender General in Straßburg. Hätten wir im Kriege einen Reichskanzler gehabt, nicht als Regulator für die Oberste Heeresleitung, sondern als Führer des Volks, dann wäre alles gut gewesen. Es galt nicht, die Oberste Heeresleitung zu zügeln, sondern das Volk vorwärts zu führen auf einem unendlich schweren Weg — zum Siege. Verzeihen Ew. Exz. nochmals die langen Ausführungen. Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich Euer Exzellenz gehorsamer Ludendorff." „Baden-Baden, 15. September 1919. Hochverehrter Herr General! Euer Exzellenz Brief vom zi. August ist erst am n. September in meine Hände gelangt. Er hat, wie der beiliegende Umschlag zeigt, den Umweg über Luzern gemacht und ist unterwegs geöffnet worden; ich habe ihn offen hier bekommen. Ich bin Ew. Exz. für den Bries um so dankbarer, als er mir Gelegenheit zu einer weiteren Aussprache gibt. Ich bitte, daß diese ebenso frei und offen sein darf wie bisher. Ew. Exz. Ansicht, daß die elsaß-lothringische Frage eine gleich wichtige Bedeutung hätte wie die belgische Frage, stimme ich durchaus zu. Der Schlüssel zur Verständigung lag aber in der belgischen Frage. Mittelst dieser war einmal zunächst das Tor zu öffnen. War es erst geöffnet, dann wäre gewiß Frankreich mit der 254 elsaß-lothringischen Frage gekommen, und noch manches andere Problem hätte sich eingestellt. Ich glaube aber, daß wir in der elsaß-lothringischen Frage mit einer Autonomie-Erklärung oder Volksabstimmung davongekommen wären. Meine Überzeugung darf ich dahin zusammenfassen, daß, wenn die deutsche Regierung 1917 oder auch noch in der ersten Hälfte 1918 den rückhaltlosen Verzicht auf Belgien, seine Wiederherstellung, die Autonomie-Erklärung oder Volksabstimmung in Elsaß- Lothringen, die Herstellung der Grenzen von 1914 im Osten klipp und klar angeboten hätte, daß wir dann einen Frieden bekommen hätten, der uns im großen ganzen in unserem früheren Bestände ließ. Denn die feindlichen Völker mußten 1917 und in der ersten Hälfte 1918 durch verschiedene ernste Krisen hindurch. Hätten Clemenceau und Lloyd George eS erreicht, ihre Völker angesichts einer solchen politischen Mäßigung unsererseits durch die Krisen hindurchzudringen? Ew. Exz. sagen selbst, daß — wie sich mehr und mehr herausstellt — die Franzosen und Engländer im Sommer 1918 stark nachdenklich geworden seien. Auf alle Fälle hätte der Versuch auf solcher Grundlage zur Verständigung zu kommen, energisch und rückhaltlos gemacht werden müssen. Das allein entsprach unserer tatsächlichen Lage. Die bloße Friedensbereitschaft genügte nicht. Wir mußten die Initiative zum Frieden ergreifen. Wir haben sie schließlich ergriffen nach der Niederlage, als es zu spät war. Wir mußten sie mit der gleichen Inbrunst ergreifen, als wir auf der Höhe unserer Erfolge standen. Aber Ew. Exz. glaubten an den Sieg.— Ein miserabler Feldherr, der nicht an den Sieg glaubt. Auch ich bin durch die Schlieffensche Schule deS Siegeswillens gegangen. Ich kann die seelischen Kämpfe Ew. Exz. wohl verstehen, und ich bin der letzte, der der Kriegführung Ew. Exz. nicht volle Bewunderung zollte. Allein, muß der Siegeswille des Feldherrn nicht gepaart sein mit der Erkenntnis des militärisch und politisch Erreichbaren? Schliessen hat uns auch gelehrt, daß zum Sieg und zur Niederwerfung des Feindes das gehört, daß man ihn ins Herz trifft und 255 die Quelle seiner Kraft zerstört. Wie wäre das jemals bei England und Amerika möglich gewesen? Der U-Boot-Krieg, der den Engländern an Herz und Nieren gehen sollte, hat versagt. Durch noch so glänzende Siege auf dem europäischen Festland war das Ziel niemals zu erreichen. Auf der andern Seite war mit Sicherheit vorauszusehen, daß bald und unabwendbar wir und unsere Bundesgenossen wegen Hunger, Elend und Mangel an Rohstoffen seelisch und wirtschaftlich, und damit auch militärisch, zusammenbrechen mußten. Sind doch schon 1917 unsern Häusern die Türklinken und unsern Frauen die Kochtöpfe zum Verschießen weggenommen worden. Ew. Exz. sagen in Ihrem Brief jetzt selbst, daß man diesen Glauben an einen Sieg vielleicht als Fehler bezeichnen könne, daß aber der Beweis, daß es ein Fehler war, doch nicht ohne weiteres zu führen sei. Ich meine: unsere Niederlage ist der Beweis, daß der Glaube an den Sieg ein Fehler war. — Ew. Exz. klagen dann über die Regierung, daß sie das Volk nicht geführt habe. Gewiß, die Regierung war erbärmlich, das sieht man aus Ihren ,Kriegserinnerungen*, die ich eben studiere. Aber kann man ein Volk, das durch Hunger und Überspannung der Nationalkraft ausgepumpt ist bis auf das letzte, zum Sieg führen? Kann man aus einer ausgepreßten Zitrone einen Punsch brauen? Wäre ein Bismarck dagewesen, so hätte er dafür gesorgt, daß es gar nicht erst zu diesem Zustand völliger Erschöpfung kam. — Er hätte vorher den Frieden erstrebt und ganz gewiß durchgesetzt. Ew. Exz. sprechen dann davon, daß ich der Obersten Heeresleitung Schweres angetan hätte. Schweres mag sein, aber kein Unrecht. Ich habe Ew. Exz. in meinem ersten Brief auseinandergesetzt, warum ich meine Stimme erhoben habe. Ich habe sie erhoben, nicht um anzuklagen und zu beschuldigen, sondern um der Wahrheit willen. Jeder Deutsche, der sein Vaterland und sein Volk liebt, hat nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht, die Wahrheit zu sagen, wenn er glaubt, sie zu kennen. Sie zu sagen, mutig und furchtlos. Denn 256 ohne Wahrheit keine Einigkeit und ohne Einigkeit kein Wiederaufbau. Auch Ew. Exz. wollen die Wahrheit, denn Sie haben als einer der ersten den Gerichtshof gefordert. -Pflichttreu, redlich und wahrhaftig, mutig muß der Deutsche wieder werden, sittlicher Ernst ihn beherrschen', so lautet das dritte Gebot des Nachtrags zu Ihren Kriegserinnerungen. Zu Ew. Exz. habe ich das Vertrauen, daß Sie meine Gründe verstehen und den Mut der Überzeugung achten werden. Mit vorzüglicher Hochachtung usw. Deimling." „Berlin, 2z. September 1919. Hochgebietender Herr General! Euer Exzellenz ausführliches Schreiben darf ich noch in Kürze erwidern. In dem ersten Schreiben, das Ew. Exz. mir sandten, und namentlich in dem Brief an Erzberger machten Ew. Exz. die Oberste Heeresleitung in gleicher Weise verantwortlich wie Erzberger und der Reichskanzler Bauer, der mich nebenbei den größten Volks- verderber nannte. In diesem Zusammenhang erregte Ihr Schreiben an Erzberger, den wir für ein nationales Unglück ansehen, so tiefes Befremden. Aus den persönlichen Angriffen, die Ew. Exz. getroffen haben, mögen Sie ersehen, wie auch ruhig denkende Zeitungen, z. B. die-Tägliche Rundschau', erregt waren. Nicht der Wunsch nach Wahrheit hat dies verursacht, sondern allein die Tatsache, daß Ew. Exz. diesen Wunsch an einen Mann richteten, der es mit der Wahrheit nicht einwandfrei nimmt. Ich bitte hiervon keinen Gebrauch zu machen, darf aber damit nicht zurückhalten, damit Ew. Exz. klar sehen, wie es in Berlin bei den national denkenden Männern aussieht. Was nun Sieg oder Niederlage betrifft und die Gedanken hierüber, so ist naturgemäß schwer etwas zu sagen über Recht und Unrecht dieser Anschauung. Rumänien und Serbien waren noch nicht besiegt, als ein Teil, ja das ganze Land in Feindeshand waren; wir verloren den Krieg, als wir weit in Feindesland standen. Im April 1918 drohte Clemenceau mit dem Frieden, wenn Amerika nicht 17 Deimling. Zeit 257 schneller käme! Ich glaube, auch Frankreich hätte klein beigegeben, wenn wir am 15. Juli gewonnen hätten. Ich glaube, Frankreich war dann ins Herz getroffen. ES kam nicht mehr auf einen Sieg wie bei Cannä oder Tannenberg an, sondern auf einen neuen Sieg. Wir hatten noch Millionen unter den Waffen — waren besiegt, weil die innere Widerstandskraft verloren gegangen war, und das durfte nicht sein und brauchte nicht sein. Ich erinnere an Rumänien — Serbien. Und ich vermag Ew. Exz. nicht beizupflichten, daß wir zusammenbrechen mußten. Ich würde zustimmen, wenn ich das Gefühl hätte, wir hätten alles getan, um diesen Zusammenbruch zu verhindern und den Feind dafür zu treffen. Das haben wir nicht getan, und so glaube ich bei meiner Ansicht bleiben zu können. Ich weiß, daß hier auch fernerhin Ansicht gegen Ansicht steht. Vielleicht wird es aber mir oder meinen „Kriegserinnerungen" gelingen, bei Ew. Exz. gewisse Ansichten zu klären, denen auch Ew. Exz. sich hingeben mußten, solange allein die Oberste Heeresleitung verklatscht wurde, um die Revolution zu rechtfertigen. Diesen Versuch wird jetzt niemand mehr machen wollen, und so hoffe ich, daß mein Handeln nach und nach als gerechtfertigt dastehen wird und daß man mir auch da gerecht zu werden sich bemühen wird, wo die Ansichten andere bleiben. In alter Verehrung bin ich Euer Exzellenz gehorsamer Ludendorff." „Baden-Baden, 1. Oktober 1919. Hochverehrter Herr General! In Euer Exzellenz Brief vom 2z. 9., für den ich verbindlichst danke, steht u. a.: .Damit Ew. Exz. klar sehen, wie eS in Berlin bei den national denkenden Männern aussieht/ Ja, glauben denn Ew. Exz., daß ich nicht zu den national denkenden Männern gehöre? Ich bilde mir sogar ein, daß ich viel nationaler denke als die nationalen Männer in Berlin. Denn ich denke, fühle und handle so, wie es der Kaiser in seinem letzten Wort an die Offiziere verlangt hat: sie sollen die Regierung unterstützen, damit die Ordnung erhalten und das Chaos und der Untergang des Vaterlandes vermieden werde. — Tun das die nationalen Männer in 258 Berlin? — Sie tun das Gegenteil. Sie erschweren durch direkte und indirekte Opposition der Regierung die Sicherung der Ordnung. — ES handelt sich jetzt darum, unser Vaterland erst einmal durch die Krisis hindurch und wieder emporzubringen. Wer dabei mithilft, den nenne ich national. Meinen Bries an Erzberger habe ich geschrieben, weil er Rekchs- finanzminister ist und als solcher das Amt hat, uns vor dem StaatS- bankrott und damit vor dem Untergang zu bewahren. Einen solchen Mann — gleichgültig ob er Erzberger oder Müller oder Schulze heißt — sollte man seines verantwortungsvollen AmteS in Ruhe walten lassen. Anstatt dessen bekommt das deutsche Volk seit Monaten fast täglich den Stank zu lesen, den Herr Helfferich gegen Erzberger loszulassen für gut findet. Bis zum Ekel angewidert durch dieses vergiftende Treiben, habe ich meinen Brief an Erzberger geschrieben. Daß er nicht beliebt ist, weiß ich. Ich weiß aber auch, daß er der erste Finanzminister ist, der eS wagt, die Kriegsgewinnler rücksichtslos an ihrem wunden Punkt, dem Geldsack, zu packen. Daher denn auch die Wut gegen ihn. Ew. Exz. schreiben, daß man über mich erregt gewesen sei nicht wegen meines Wunsches nach Wahrheit, sondern weil ich diesen Wunsch ausgerechnet an Erzberger gerichtet hätte. Hierzu bitte ich bemerken zu dürfen, daß, wenn die Erregung auch noch so groß war, sie niemals in persönliche, ehrabschneidende Angriffe ausarten durfte. Wer angreift, wird wieder angegriffen. DaS ist ganz in der Ordnung. Aber sachlich, loyal und anständig muß der Kampf sein. Mit der Versicherung usw. Deimling." Im Gegensatz zu der loyalen Polemik LudendorffS hat mich die hinter ihm stehende Presse wegen des Erzbergerbriefes mit einem wahren Trommelfeuer von persönlichen Beschimpfungen und Verleumdungen überfallen. Ich habe ja später wegen meines Eintretens für die Republik noch allerhand Wunder an Gehässigkeit erleben müssen, aber so toll wie damals ist es nie wieder gekommen. Allerdings hat es mir auch nicht an Zustimmung und Anerkennung 17» 259 gefehlt, und ich erhielt tatkräftige Unterstützung von dem sachlich eingestellten Teil der deutschen Presse. > Mein stärkstes Erlebnis in dieser Zeit war ein Besuch in Weimar. Die Nationalversammlung hatte kurz vorher die neue Reichsverfassung in Kraft gesetzt. Mein Freund Fehrenbach, der Präsident der Nationalversammlung, verschaffte mir Zutritt, und so konnte ich von einer Loge aus einige der Männer sprechen hören, die sich um daS Zustandekommen der Verfassung verdient gemacht haben. Am 2i. August, bei der letzten Sitzung der Nationalversammlung, leistete Reichspräsident Ebert den Eid auf die Verfassung. Dann begab er sich mit den Ministem und Abgeordneten auf den Balkon deS Theaters, vor dem eine Ehrenkompagnie der Reichswehr Aufstellung genommen hatte. Eine dichtgedrängte Menge, darunter auch ich, begrüßte den Reichspräsidenten mit jubelnden Zurufen. Nach einer kurzen Ansprache EbertS brauste ein begeistertes dreifaches Hoch auf die deutsche Republik gen Himmel. Ich stand am Denkmal von Goethe und Schiller vor dem Theater, und ich war der festen Zuversicht, daß die beiden, wenn sie diesen Tag erlebt hätten, mit uns im Feuer ihrer Begeisterung für die Freiheit eingestimmt hätten in unser Hoch, das uns allen aus tiefster Seele kam. Wohl hatte die Weimarer Verfassung nach dem tiefen Sturz deS Reiches wieder einen festen Boden für den Wiederaufbau geschaffen, aber die Not des Volkes war zu schwer, als daß eine rasche Beruhigung der entflammten Leidenschaften Platz greifen konnte. Die Lebensmittelversorgung war immer noch trostlos, da die Feindmächte die Blockade nicht vollständig aufgehoben hatten. Dazu fehlte es an Kartoffeln und Kohlen. Millionen litten unter Hunger und Kälte. Die Linksradikalen nutzten die Unzufriedenheit der Massen zur Entfachung von Streiks und Unruhen aus. Aber auch die Nationalisten wagten sich jetzt, nachdem die Männer von Weimar das Reich aus schwerster Gefahr gerettet hatten, wieder hervor aus ihrer sorgsamen Zurückhaltung und suchten die rühmlos aufgegebene Machtposition im Staat zurückzugewinnen. Und wie daS immer so geht: die Kämpfe von links gegen die Demokratie kamen den Feinden 260 von rechts ebenso zugute wie die Bedrückungen, mit denen die Entente in Fortwirkung der Kriegspsychose das deutsche Volk peinigte. Aus dieser Atmosphäre heraus entstand der „Kapp-Putsch", den im März 1920 meuternde Offiziere in Verbindung mit allen möglichen reaktionären Elementen unternahmen. Die Putschisten stützten sich auf die Brigade Ehrhardt im Döberitzer Lager, die nach den Bestimmungen des Friedensvertrages mit baldiger Auflösung rechnen mußte. Ein Versuch Noskes, mit Reichswehrtruppen den Meuterern entgegenzutreten, scheiterte an der Haltung der Berliner Generale. Die Reichöregierung mußte die Hauptstadt verlassen. Aber schon nach vier Tagen brach der Spuk an dem Generalstreik der Arbeiterschaft zusammen. Die Führer, Kapp und Lüttwitz, verschwanden von der Bildfläche. In verschiedenen Gegenden hatte sich aber die Arbeiterschaft mit den Waffen in der Hand den Putschisten entgegengestellt. Zu besonders erbitterten Kämpfen kam es im Ruhrgebiet, wo sich Teile des Militärs für die Kappregierung erklärt hatten. Die radikale Arbeiterschaft organisierte sich dagegen zu einer roten Armee und begann mit wilden Beschlagnahmungen und Requisitionen. Die Regierung entschloß sich, Reichswehr dagegen in Marsch zu setzen. Ohne daß eS zu erheblichen Zusammenstößen kam, gelang es, die rote Armee aufzulösen. Leider war das Verhalten eines Teils der einmarschierenden Reichswehr nicht einwandfrei. Die Soldaten fühlten sich wie Sieger in Feindesland, Massenverhaftungen auf Grund von Denunziationen, willkürliche Erschießungen und Mißhandlungen von Gefangenen waren an der Tagesordnung. Daß die Unruhen im Industriegebiet nicht noch einen viel größeren Umfang angenommen haben, war das Verdienst von Karl Severing. Seinem zielbewußten Auftreten als ReichSkommissar und seinem Verständnis für die Psyche der Arbeiterschaft ist es zu danken, daß die verfassungstreuen Elemente sich von der roten Armee trennten. Severingö Leistung ist um so höher zu werten, als er bei dem Militärbefehlshaber, General von Matter, nicht immer rückhaltlose Unterstützung gefunden hat. Im badischen Ländle merkte man so gut wie nichts vom Kapp- 261 Putsch. Als Kapp den bübischen Staatspräsidenten telegrafisch zu einer Besprechung nach Berlin einlud, telegrafierte dieser postwendend zurück: „Die badische Regierung lehnt jede Beziehung zu Ihnen ab." Auf mich selbst hatten diese Anstürme von rechts und links gegen die junge Republik die Wirkung, daß ich immer dringender die Verpflichtung fühlte, mich mit aller Kraft für ihren Schutz einzusetzen. Am Wahlkamps für die am 6. Juni 1920 stattfindenden Reichs- tagöwahlen habe ich mich darum in der Presse und in Versammlungen besonders aktiv beteiligt. Dabei habe ich mich nicht nur für die Republik, sondern auch für Völkerverständigung und Deutschlands Eintritt in den Völkerbund ins Zeug gelegt. Natürlich erhob sich in der Rechtspresse ein großes Geschrei darüber, wie ein ehemaliger General und noch dazu einer wie der Deimling für den Völkerbund eintreten könne. Habe doch Deimling einmal — so vor etwa zwölf Jahren — in Mülhausen gesagt: DaS Gequassel vom ewigen Frieden sei Mumpitz. Also ein Gesinnungswechsel! An den Pranger mit ihm! Als ob ein General seine Gesinnung nicht ändern dürfte nach der furchtbaren Lehre des Weltkrieges! Das ist ja gerade der Vor- wurf, den ich den Männern auf der Rechten mache, daß sie in ihrem Denken vor 1914 wieder anknüpfen und ohne aus dem blutigen Erleben der vier Jahre Krieg zu lernen, das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen. Damals standen sich die europäischen Mächte bis aufs letzte gerüstet gegenüber, und der Krieg war nicht abwendbar für die kleine Schar überzeugter Pazifisten. Heute kennen Millionen das wahre Gesicht des Krieges, und in allen Ländern stehen die besten Männer auf, um für den Frieden zu kämpfen und zu verhindern, daß eine verlogene Verherrlichung des „Stahlbadeö" eine neue Generation zum Völkerhaß erzieht. Und gerade Deutschland, in der Mitte von Europa gelegen, gewissermaßen daS Herz des europäischen Körpers, ist vom Schicksal ganz besonders dazu bestimmt, eine Politik der Verständigung und Freundschaft mit den Nachbarvölkern zu treiben. Jede andere Politik, vor allem das Liebäugeln mit einem Revanchekrieg der Zukunft, muß zwangsläufig zu neuer Einkreisung und zum Untergang führen. Zudem hat der Weltkrieg gezeigt, daß bei der engen 262 Verstrickung der Weltwirtschaft der Krieg selbst dem Sieger nur Schaden bringt. Von der Verwirrung, die der Krieg in den Köpfen der Menschen angerichtet hat, bekam ich einen Beweis, als mir im Frühjahr 1920 vom Oberreichsanwalt in Leipzig mitgeteilt wurde, daß auf der französischen Liste der Kriegsverbrecher auch mein Name aufgeführt sei. Mir wurden Verbrechen in Raon l'Etape und Allarmont (Vogesen) vorgeworfen: Plünderungen, Brandstiftungen, Massenmorde, Verletzung der Genfer Konvention und in Allarmont sogar Erschießung des Bürgermeisters und des Pfarrers. Dabei bin weder ich, noch ist ein Truppenteil meines Korps jemals in Allarmont gewesen. Ich beantragte Untersuchung gegen mich beim Reichsgericht. Nach eingehenden Ermittlungen und Vemehmung zahlreicher Zeugen wurde das Verfahren eingestellt, mit der Begründung, daß sich keinerlei Anhalt für die Beschuldigungen ergeben habe. Sehr nahe gegangen ist mir die Ermordung Erzbergers, der am 26. August 1921 auf einem Spaziergang bei Bad Griesbach, wo er zur Erholung weilte, von zwei jungen Menschen, Schulz und Tillesen, erschossen wurde. Sie waren von München mit dem Auftrag einer Geheimorganisation entsandt worden, diesen durch die Hetze der Rechtsparteien einem fanatischen Haß verfallenen Mann zu ermorden. ES war eine hochherzige Tat von Erzberger gewesen, die Führung der Waffenstillstandskommission im November 1918 zu übernehmen. Wäre er der kalte, berechnende Mensch gewesen, als den ihn seine Feinde dargestellt haben, so hätte er den schweren Gang zu Foch in den Wald von Compiögne, bei dem kein Ruhm zu emten war, dem Militär überlassen. So aber fiel in den Augen unreifer Menschen das ganze Odium der furchtbaren Waffenstillstandsbedingungen auf Erzberger. Am 24. Juni 1922 ließ eine neue Mordtat die ganze Welt empört auffahren. Ein Mann von europäischer Bedeutung, Walter Rathenau, dessen Verständigungöversuche als Außenminister gerade begannen, Früchte zu tragen, wurde von zwei jungen Burschen erschossen, als er im Begriff war, in sein Ministerium zu fahren. Die Folgen waren verheerend. Das Vertrauen des Auslandes zur 263 politischen Konsolidierung Deutschlands erlitt einen schweren Stoß, der durch die Zerstörung unserer Währung allen fühlbar wurde. Der bittere Groll der Massen richtete sich gegen die Geheim- bünde. Ihren Geist machte man für die Mordatmosphäre verantwortlich. Auch gegen Philipp Scheidemann wurde ein Attentat unternommen, und nur durch einen Glücksfall entging er dem gleichen Schicksal wie Erzberger und Rathenau. Diese Geheimorganisationen, wie Orgesch, Oberland, Roßbach, Consul, Schwarze Reichswehr u. a., waren militärisch aufgezogene Verbände. Ihren Kem bildeten ehemalige Militärs, deren Existenz durch den Jusammenbruch entwurzelt war und die nicht die Energie hatten, sich auf einen bürgerlichen Beruf umzustellen. Sie wollten lieber so eine Art von Landsknechtleben führen und waren innerlich vielleicht davon überzeugt, einem edlen, patriotischen Zweck zu dienen. Sie warfen die Schuld an dem ganzen Elend nicht auf den verlorenen Krieg, sondern auf die Republik, auf die „Novemberverbrecher" und auf die Juden. Aus Kreisen der Industrie und des Großgrundbesitzes wurden sie finanziell unterstützt, um als Kampftruppe gegen die linksradikale Bewegung zu dienen. Mit der Festigung der staatlichen Gewalt gingen die Geheimverbände zum Teil ein oder zerfielen von selbst oder wurden von der Regierung aufgelöst. Zu jener Zeit ging wieder einmal eine starke antisemitische Welle durch die deutschen Lande, die mich als alten Soldaten verpflichtete, für die jüdischen Frontkameraden einzutreten. Vor allem bezichtigte man die jüdischen Kriegsteilnehmer der Drückebergerei. Überall seien sie zu sehen gewesen, nur nicht im Schützengraben. Nun habe ich als Kommandierender General die Erfahrung gemacht, daß die jüdischen Soldaten und Offiziere ihre Pflicht und Schuldigkeit genau so getan haben wie ihre Kameraden von anderen Konfessionen. Manchem Juden konnte ich daS Eiserne Kreuz übergeben, einigen sogar das der I. Klasse. Es war nicht schwer, die Vorwürfe zu entkräften, denn die Statistik redete eine zu deutliche Sprache. Danach haben 80000 jüdische Soldaten an der Front gestanden, von denen 12000 auf den Schlachtfeldern geblieben sind. Etwa Z5000 haben Kriegs- 264 auSzeichnungen erhalten, 2zooo sind befördert worden, darunter 2000 zu Offizieren. Im Flugdienst waren viele hundert jüdischer Soldaten. Auch der mit dem kam? Is mörit« ausgezeichnete und gefallene Jagdflieger Leutnant Frankl war ein Jude. Im ganzen haben die deutschen Juden das gleiche Blutopfer für das Vaterland dargebracht wie die anderen Konfessionen. Mir selbst ist der Fall bekannt, daß eine jüdische Witwe vier Söhne im Felde hatte, von denen drei fielen. Sie reklamierte darauf den vierten für eine Verwendung hinter der Front. Bevor ihr Antrag zur Ausführung kommen konnte, fiel auch dieser vierte und letzte Sohn. Die Judenhasser mögen sich einmal klarmachen, was in der Seele einer solchen Mutter vorgeht, wenn sie immer und immer wieder hören muß, die Juden seien Drückeberger gewesen. Als ich in dieser Zeit einmal in Nümberg in einer demokratischen Versammlung sprach, wurde mir zu Beginn ein Brief übergeben. Darin stand: „Herr General! Gegen Sie ist ein Attentat geplant wegen Ihrer judenfreundlichen Haltung. Man nimmt in nichtjüdischen Kreisen an, daß Sie von Juden gekauft und bestochen seien. Es würde mir leid tun, wenn Sie einer derartigen Verschwörung zum Opfer fielen. Ein aufrichtiger Kamerad und Warner — von Arnim." Natürlich habe ich meine Rede genau so gehalten, wie ich eS mir vorgenommen hatte, und bin erst recht warm für die jüdischen Kameraden eingetreten. Abgesehen von kleinen Störungsversuchen hat sich auch nichts ereignet. Der Brief wird wohl nur ein Bluff gewesen sein, mit dem man glaubte, mich einschüchtern zu können. Im Sommer 1922 hatte ich die Freude, den Reichspräsidenten Ebert persönlich kennenzulernen. Es war in Freudenstadt im Schwarzwald. Ebert weilte dort zur Sommerfrische wie auch ich mit meiner Familie. Eines Tages empfing mich Ebert. Schon lange war eS mein Wunsch gewesen, den Mann kennenzulernen, dessen staatsmännischer Klugheit und weiser Mäßigung es in erster Linie zu danken war, daß die deutsche Revolution nicht zu einer vollständigen Zerrüttung des wirtschaftlichen und politischen Lebens geführt hat. Ebert empfing mich in seinem einfachen Hotelzimmer. Er sprach 265 mit mir über die jüngsten Ereignisse und dankte mir dafür, daß ich es nicht mache wie die meisten meiner Kameraden und verbittert beiseite stände, sondern daß ich aktiv mithelfe am Wiederaufbau. Er lobte besonders den General von Seeckt. Nach allem, was ich über diesen Offizier, den ich persönlich nicht kannte, in Kameradenkreisen gehört und über seine Generalstabstätigkeit im Weltkriege gelesen hatte, konnte ich Ebert nur beistimmen. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um dem Reichspräsidenten zu danken für die verständnisvolle Fürsorge, die er den Offizieren der alten Armee erwiesen hat. Denn es gab in der Nationalversammlung in Weimar gewichtige Stimmen, wie z. B. die des Abgeordneten Gröber vom Jentrum, die der Ansicht waren, daß eine Nation, die im Kriege alles geopfert habe, im neuen Staat nicht gezwungen werden könne, die Offiziere deö alten Staates zu erhalten. Auch wurde geltend gemacht, daß in der preußischen Monarchie nach dem Niederbruch von 1806 Pensionen überhaupt nicht oder nur in beschränktem Maße gezahlt worden sind. Da aber trat Ebert in die Schranken und verteidigte die gesetzlichen Ansprüche auf Pensionen. Auch setzte er durch, daß den jungen, nicht pensionSberechtigten Offizieren Juschüsse bewilligt wurden, um ihnen die Einarbeitung in Iivilberufe zu erleichtern. Dank dafür hat weder er noch die Republik erfahren. Ich schied von Ebert nach einer langen Aussprache wie von einem Menschen, den man wegen seiner schlichten, vertrauenerweckenden Güte rasch liebgewinnt. Bald nach meinem Besuch beim Reichspräsidenten zwang mich ein gehässiger Angriff von rechts, an den ehemaligen Kaiser Wilhelm zu schreiben. In den „Monatsheften für Politik und Wehrmacht" behauptete ein Generalleutnant Rohne, ich hätte nach dem Zusammenbruch die Auslieferung des Kaisers an die Entente befürwortet. Ich habe den Herrn Kollegen nachdrücklichst veranlaßt, zu revozieren. Um aber solchen Gerüchten ein für allemal die Spitze abzubrechen, schrieb ich einen Brief an den ehemaligen Kaiser, in dem ich jene Behauptung entschieden zurückwies und die Gründe offen darlegte, die mich veranlaßt hatten, am Wiederaufbau deö Vaterlandes nach Kräften mitzuarbeiten. 266 Der Kaiser ließ mir durch einen seiner ehemaligen Adjutanten für meinen Brief danken und mitteilen, daß er den betreffenden Artikel nicht zu Gesicht bekommen habe, und selbst wenn er ihn gelesen hätte, würde er der Behauptung nicht geglaubt haben. Meinen politischen Gedankengängen könne er nicht zustimmen, wolle sich aber des Eingehens darauf enthalten. Das Jahr 192z stellte das deutsche Volk noch einmal auf eine harte Probe. Im Londoner Ultimatum vom Mai 1921 war die Reparationsschuld Deutschlands mit 1Z2 Milliarden Goldmark festgesetzt worden, unter Androhung der Ruhrbesetzung bei Nichtzahlung der fälligen Raten. Die Aufbringung der verlangten Summen war unmöglich, obwohl das Kabinett Wirth (Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten) sich bemühte, nach Kräften zu erfüllen. Die Entente konstatierte dann „Verfehlungen" gegen den Ver- sailler Vertrag und marschierte am n. Januar 192z in das Ruhrgebiet ein. Schon Ende 1922, als alle Verständigungsversuche mit den Siegern gescheitert waren, hatte das Erfüllungskabinett Wirth einem rein bürgerlichen Ministerium unter der Kanzlerschaft von Cuno, dem ehemaligen Generaldirektor der Hamburg-Amerika- Linie, Platz gemacht. Dieses Kabinett Cuno stellte die Reparationszahlungen ein und nahm den „passiven Widerstand" auf. Ein gewagtes Unternehmen. Wir hatten wieder Krieg, wenn auch mit anderen Waffen. Wieder mußte der siegen, der den längeren Atem hatte. Für die Ruhrbevölkerung, die von dem französisch-belgischen Militär hart mitgenommen wurde, begann eine schwere Leidenszeit. Die große Mäste des deutschen Volkes stand unter dem furchtbaren Druck der Inflation, in rapidem Tempo zerfiel die Mark, und die Löhne in immer wertloserem Papiergeld blieben weit hinter der notdürftigsten Kaufkraft zurück. Breite Schichten des Mittelstandes und der Kleinrentner verloren ihr sauer erspartes Vermögen. Auch das wenige, was ich mir als Notpfennig für unsere unverheiratete Tochter Elisabeth zurückgelegt hatte, ging den Weg aller Ersparnisse von Menschen, die mit Kurszettel und Börse nichts anzufangen wußten. Um wenigstens etwas für meine betagten Schwestern 267 sorgen zu können, mußte ich manch altes Familienstück veräußern. Aber was waren solche kleinen Kümmernisse gegen die unsagbare Not von Millionen. Anstatt die Mittel zum Ruhrkampf durch Steuern auf den Besitz, auf die riesigen Kriegs- und Jnflationsgewinne der Nutznießer des nationalen Unglücks aufzubringen, machte sich das Kabinett Cuno die Sache bequem. In den Druckereien wurde in Tag- und Nachtschicht Papiergeld hergestellt. Anfang Oktober 192z kostete der Dollar eine Milliarde, bis er schließlich im November auf 4,2 Billionen stieg. Und da ging es nicht weiter. Der Ruhrkampf war für uns verloren. Er war ja eigentlich schon längst verloren, aber anstatt auf dem Höhepunkt des Kampfes — etwa im Mai — eine Verständigung anzustreben, wurde genau wie im Kriege der Bogen überspannt, bis die letzte Widerstandskraft erschöpft war. Selbstsüchtige Einflüsse von Interessenten haben auch hier die Verlängerung des Kampfes bewirkt. Jetzt stand das Reich vor dem finanziellen Ruin. Der Reichskanzler Cuno wurde gestürzt, und dem nun folgenden Kabinett Stresemann (große Koalition) fiel die schwere Aufgabe zu, den Ruhrkampf zu liquidieren und eine wertbeständige Währung zu schaffen. Als im November die neue Rentenmark zur Ausgabe gelangte, ging ein erlöstes Aufatmen durch das deutsche Volk. Dem Ruhrabenteuer folgte im gleichen Jahr noch ein zweites Abenteuer, der Hitler-Putsch. In der Nacht vom 8. zum 9. November 192z erklärte Hitler in einer Versarnmlung im Münchener „Bürgerbräu" die bayrische und die Reichsregierung für abgesetzt. Er selbst wollte die provisorische Regierung übernehmen, und Ludendorff sollte an die Spitze der deutschen Armee treten. Der Vormarsch auf Berlin konnte beginnen. Aber schon am nächsten Morgen brach der Putsch vor der Feldherrnhalle zusammen, weil sich wider Erwarten der Hitlerleute die Reichswehr den Aufrührern entgegenstellte. Für mich war das schwere Jahr 192z eine politische Lehrzeit. Je mehr ich die neue Zeit verstehen lernte, desto fester wuchs ich in die demokratische Weltanschauung hinein. Im Kriege hatte ich ja gesehen, wie die Niedrigen und Armen ihre Pflicht für das Vaterland genau so taten wie die Reichen und 268 Vornehmen. War es da nicht billig, daß sie jetzt auch die gleichen politischen Rechte bekamen und der Staat vor allem dafür sorgte, auch den Ärmsten und Kleinsten ein menschenwürdiges Los zu schaffen. Diese Aufgabe konnte aber nur der demokratische Staat erfüllen. Im zusammengebrochenen monarchischen Staat galt der Proletarier, der „Sozi", den höheren Gesellschaftöschichten als der Feind, den man mit Mißtrauen betrachtete und auf den man hochmütig herabsah. Deshalb mußten die großen Massen LeS arbeitenden Volkes diesem alten Staat mit seinem Kasten- und Klassendünkel ablehnend gegenüberstehen. Jetzt aber erlebte ich in zahllosen Versammlungen, daß die Massen der neuen deutschen Republik zujubelten und den neuen Staat als ihren Freund und Schützer betrachteten, das war ein wahrhafter, nationaler Gewinn. Schon der Gedanke, daß so einmal der alte Traum von der deutschen Einheit unter dem Banner der Republik Wirklichkeit werden könnte, hat mich begeistert und mitgerissen. Es ist kein Zweifel, daß die Zeit der Monarchien vorüber ist. Die letzten europäischen Kaiserreiche sind im Weltkrieg unterlegen, und heute erachten die Völker es für würdiger, sich selbst zu regieren, als daß sie als Untertanen von Monarchen regiert werden. Darum bedeutet der demokratisch-republikanische StaatSgedanke gegenüber dem monarchischen einen Schritt aufwärts in der Entwicklung der Menschheit. Als im Februar 1924 der Oberpräsident in Magdeburg, Otto Hörsing, die Republikaner aufrief, sich zur Abwehr aller gegen die Verfassung gerichteten Anschläge zusammenzuschließen, da folgte auch ich dem Ruf und trat als Mitglied des ReichSauSschusses in die Reihen des „Reichsbanners" ein. Überraschend war der Erfolg: in kurzer Zeit standen zwei Millionen deutscher Männer in festgefügter Organisation bereit, von dem Willen beseelt, „bei allen gewaltsamen Angriffen auf die republikanische Verfassung die Behörde in der Abwehr zu unterstützen und die Gegner der Republik niederzukämpfen mit denselben Mitteln, mit denen sie die Republik angreifen". Darüber hinaus ist es das Ziel des Reichsbanners, für die Verwirklichung der sozialen 269 Verheißungen der Verfassung einzutreten und den Farben Schwarz- Rot-Gold in Stadt und Land zum Siege zu verhelfen. Mit Bestürzung hörten die reaktionären Verbände, die bisher mit ihren schwarz-weiß-roten Demonstrationen die Straßen beherrscht hatten, den Marschtritt der Reichsbanner-Bataillone. Fast über Nacht sahen sie sich einer schwarz-rot-goldcnen Front gegenüber, die sie schon durch ihr Dasein in Schranken hielt und noch heute hält. Da das Reichsbanner die Tradition von 1848 aufgenommen hat, ist es auch der Hauptträger aller Bestrebungen für ein Großdeutschland geworben, d. h. des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wir wissen wohl, daß dieses Ziel nicht von heute auf morgen verwirklicht werden kann. Aber die Zeit wird kommen, wo auch unsere westlichen Nachbarn im Zusammenschluß dessen, was zusammengehört, keine Bedrohung deS europäischen Friedens mehr erblicken werden. Auf Grund eines Vortrages, den ich in Berlin über Völkerverständigung und Völkerbund gehalten hatte, bekam ich eine Aufforderung der „Liga für Menschenrechte", die Junitagung 1924 des Völkerbundes in Genf zu besuchen, um Fühlung zu nehmen und persönliche Eindrücke zu gewinnen. Die Genfer Verhandlungen—in französischer Sprache—wurden von dem tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Benesch geleitet. Wohltuend war die vornehme Ruhe. Kein überlautes, heftiges Wort, kein krampfhaftes Glockenschwingen des Präsidenten, sondern würdige Selbstbeherrschung der Redner und verständnisvolles Eingehen aufeinander. Ich mußte unwillkürlich daran denken, wieviel der Menschheit wohl erspart worden wäre, wenn im Juli 1914 sich die Vertreter der Nationen in diesem Geist an den Verhandlungstisch gesetzt hätten. Ich lernte mehrere RatSmitglieder persönlich kennen, so den 76jährigen Lord Parmoor, den Schweden Branting und den Tschechen Benesch. Sie zeigten mir alle ihre Befriedigung, einen deutschen General im FriedenSpalast zu sehen. Gewiß, der Völkerbund war damals und ist auch heute noch nicht daS, waS die Welt von ihm erwartet. Aber eine so gewaltige, die Völker der Erde umfassende Organisation braucht Zeit, um sich 270 zu ihrer historischen Mission zu entwickeln. Nicht ablehnende Kritik, sondern nur verantwortungsvolle Mitarbeit kann hier helfen. Am lo. August 1924 fand in Weimar die erste große Kundgebung des Reichsbanners zur Feier der Verfassung statt. Als Redner waren auöersehen: Preuß, der Schöpfer der Verfassung, Fehrenbach, Lobe, HaaS, der österreichische General Körner und ich. Aus allen deutschen Gauen waren trotz der wirtschaftlichen Not die Abordnungen deS Reichsbanners erschienen. Der Festakt fand im Nationaltheater, dem Ursprungsort der Verfassung statt. Wenn ich den Wortlaut meiner damaligen Rede hier folgen lasse, obwohl ich weiß, daß ich nur einen kleinen Teil von dem, waS ich fühlte, zum Ausdruck bringen konnte, so werden meine Freunde auch zwischen den Zeilen zu lesen wissen. „Kameraden! Wir können den heutigen Tag nicht besser feiern, als indem wir das Reichspanier hoch und stolz erheben und dem deutschen Volk die Parole zurufen: ,Das Ganze sammeln unter dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold!' Denn unsere unselige Zerrissenheit, unser Hader und unsere Zwietracht sind schuld daran, daß wir noch so tief in Not und Schmach stecken. Einem so uneinigen Volke gegenüber hält sich die Welt mit ihrem Vertrauen und ihrem Kredit zurück. Im Schützengraben draußen waren wir einig. Da lag der Reiche neben dem Armen, der Hohe neben dem Niedrigen, der Arbeitgeber neben dem Arbeiter. Warum geht es jetzt nicht? Wir sind doch ein Volk in Not, ein Volk, das ein hartes Schicksal gemeinsam zu tragen hat. Warum wollen wir uns nicht die Hände reichen, um unser Los zu erleichtern? Nicht in tausend Rinnsalen muß die deutsche Kraft verfließen, sondern in einen breiten Strom soll sie geleitet werden. Dann werden wir wieder hochkommen und wieder frei werden! Wie aber soll die Einigung anders möglich sein, als unter dem Banner der Republik? Man mag theoretisch über das Problem, ob Monarchie oder Republik die bessere Staatsform ist, denken wie man will. Praktisch kommt für Deutschland jetzt nur die Republik in Frage. Stürzt sie, so würden — abgesehen von blutigem Bürgerkrieg — alsbald die 271 Alliierten eingreifen, die Rheinlande wären verloren, das Deutsche Reich würde sich in seine Bestandteile auslösen. Deshalb wollen wir an der Republik nicht rütteln lassen; sie ist eine Lebensnotwendigkeit für Deutschland. Sein oder Nichtsein des Reiches hängt von ihr ab. Man sollte darum meinen, daß jeder Deutsche, der seinen Verstand beieinander und das Herz für sein Vaterland auf dem rechten Fleck hat, es als sittliche Pflicht empfinden müßte, die Republik anzuerkennen und zu respektieren, sich ihr willig ein- und unterzuordnen zum Wohle des Ganzen. Allein was erleben wir statt dessen auch noch heute nach fünf Jahren? Weite Kreise — und darunter leider viele meiner Standesgenossen — lehnen den neuen Staat ab. Sie leben und weben mit ihren Gedanken in der Vergangenheit, weil es dort für sie schöner war, und entziehen sich so der Gegenwart. Aber das Alte ist und bleibt vergangen. Kein Mensch wird es je wieder herausführen. Die Erinnerung an all das Große und Schöne in der deutschen Vergangenheit müssen wir gewiß hochhalten und wollen uns daran ausrichten und stärken. Aber von Traditionen allein können wir nicht leben. Wir müssen uns mit dem, was in notwendiger Entwicklung heute Wirklichkeit und Gegenwart geworden ist, praktisch und tatkräftig abfinden. Einige Tage bevor ich hierher reiste, wurde mir in einer Baden- Badener Zeitung aus die Nachricht, daß ich in Weimar sprechen würde, der Vorwurf gemacht: „Wie kann der General Deimling, der doch durch die Gnade des Monarchen Orden und Adel erhalten hat, jetzt für die Republik eintreten? Da soll er doch die Orden und den Adel ablegen und sich -Genosse Deimling' nennen." Nichts charakterisiert besser die Auffassung, die in diesen Kreisen herrscht, als dieser Vorwurf. Soll man denn der Orden wegen jetzt seinem Vaterland den Rücken kehren? Soll man der Orden zuliebe darauf verzichten, am Wiederaufbau des Vaterlandes mitzuhelfen? Mir steht das Vaterland höher als die Orden! Es gibt ja viele, die wohl einsehen, daß uns nur die Republik helfen kann, die sich aber scheuen, offen Farbe zu bekennen, weil sie fürchten, dann nicht für „national", für „patriotisch" zu gelten. 272 Ein Patriot ist derjenige, der mithilft am Wiederaufbau des Vaterlandes auf Grund der bestehenden Staatsform. Wer hiergegen ankämpft, der ist kein Patriot, denn er hindert den Wiederaufbau; er ist weiter nichts als ein nationalistischer Phrasenheld. Leider lassen sich viele Deutsche von diesen Phrasenhelden terrorisieren. Macht euch frei von ihnen, kommt mit unter das Reichsbanner; dann seid ihr in Wahrheit „national" und „patriotisch"! Und dann gibt es noch eine weitere Art von Staatsbürgern: daS sind die Gleichgültigen, denen alles andere einerlei ist, wenn es nur ihnen möglichst gut geht. Diese machen aber die Rechnung ohne den Wirt. Sie bedenken nicht, daß es dem einzelnen nur dann aus die Dauer gut gehen kann, wenn es der Allgemeinheit gut geht. Mit besonderer Sorge aber muß uns die Haltung der deutschen Jugend, namentlich der studentischen Jugend, erfüllen. Aus der Marienburger Tagung des deutschen Hochschulrings hat ein Student als Redner gesagt: „Ja, wir sind Kriegshetzer! Planmäßig und zielbewußt hetzen wir das deutsche Volk dem Krieg entgegen, aber wir hetzen es damit in seine letzte Rettung." Welche Überhebung und welche Verblendung liegt in diesem Bekenntnis! Erstens einmal werden sich die Männer, die vier Jahre lang im Schützengraben gelegen haben, dafür bedanken, sich von jungen Leuten, die zur Zeit des Krieges noch die Hosen hinten zuknöpften, in einen neuen Krieg hetzen zu lassen. Und zum zweiten ist dieses Bekenntnis ein erschreckendes Zeichen dafür, auf welche Irrwege die deutsche Jugend von falschen Propheten geführt worden ist. Ein neuer Krieg soll unsere Rettung sein? Womit sollen wir ihn denn führen? Wir haben ja keine Waffen, weder jetzt noch in absehbarer Zeit. Die Jugend sollte sich über den Krieg nicht von Professoren belehren lassen, die daheim auf dem Katheder saßen, als es draußen blitzte und krachte, sondern sie sollte aus Männer hören, die das Trommelfeuer des Maschinen- und Gaskrieges am eigenen Leib und an der eigenen Seele verspürt haben — auf Männer wie der Dichter Fritz von Unruh und sein Bruder Franz, Major Endres und noch viele andere, die darüber berichtet haben. Der moderne Krieg ist nicht mehr ein „frisch-fröhlicher Krieg", 18 Deimling/ Zeit 273 wie man ihn unverantwortlicherweise der Jugend vorredet; er ist nicht mehr ein ritterliches Duell persönlicher Kräfte, sondem sein frisch-fröhliches Gesicht ist unter der Herrschaft der Maschine und der Chemie zu einer scheußlichen Fratze verzerrt. Der feindliche Soldat ist nicht mehr das Hauptziel des Krieges, der Krieg wird über die Front hinweg mit Flugzeugen und Giftbomben gegen das Hinterland geführt werden, vor allem gegen die feindlichen Großstädte. Die Zerstörungen des letzten Krieges werden ein harmloses Kinderspiel gewesen sein gegen das, was der nächste Krieg infolge der „Errungenschaften" der immer mehr fortschreitenden Zerstörungstechnik bringen wird. Ein Zukunftskrieg wird die europäische Kultur — ganz besonders diejenige Deutschlands, das der Kriegsschauplatz sein wird — rücksichtslos vernichten. Und die Menschheit wird darum gut tun, sich nach anderen Mitteln und Wegen zur Schlichtung ihrer Streitigkeiten umzuschauen, um die Kriege in Zukunft nach Möglichkeit zu vermeiden. Solche Mittel sind der Völkerbund und das Schiedsgericht. Es ist ein Verbrechen an der Nation, der Jugend das Gift des Haffes in das Herz zu träufeln und sie unter Ausnutzung ihrer Begeisterungsfähigkeit in eine Kriegspsychose hineinzuhetzen. Der Haß ist nicht deutsch und nicht christlich. Nicht ein Revanchekrieg muß das Ideal unserer Jugend sein, sondern der Wiederaufbau unseres Vaterlandes. Zu tüchtigen Staatsbürgern soll sie sich heranbilden; mit Kopf und Hand, jeder an seinem Platz. Das erfordert heute mehr Energie und mehr Mut, als durch die Gaffen zu ziehen und das Lied zu singen: „Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen!" DaS Schüren des Hasses und der Revanchestimmung hat aber auch bedenkliche außenpolitische Folgen: eö läßt das Mißtrauen Frankreichs nicht zur Ruhe kommen, es erschwert unserer Regierung die Verständigung und die Außenpolitik und erschwert die Lage unserer Brüder in den besetzten Gebieten. Ein wahrer Segen ist es deshalb für unser Vaterland, daß das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" in so machtvoller Organisation, wie wir sie heute hier sehen, erstanden ist. Das Reichsbanner wird an der Republik nicht rütteln lassen; es wird ein Gegengewicht sein gegen die unreifen und schädlichen 274 Kriegshetzereien der „Hakenkreuzler" und „Stahlhelmer" und „Wikinger" und wie sie alle heißen. Und es wird der Welt zeigen, daß nicht jene irregeleiteten nationalistischen Chauvinisten das deutsche Volk repräsentieren, sondern daß die große Mehrheit des deutschen Volkes die Republik, den Frieden und die Völkerverständigung will. Viele Tausende sind dem Ruf des Reichsbanners schon gefolgt, Hunderttausende müssen noch dem Beispiel folgen. Denn diese Organisation ist von größter Bedeutung für unser innerpolitisches Leben. Sie wird mithelfen, die Zwietracht und den Hader im deutschen Volke zu überwinden und wird den Gedanken stärken, daß nur auf dem Boden der Republik und im Bewußtsein der Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes die Wiedererstarkung Deutschlands erreicht werden kann. Ich rufe alle Kriegsteilnehmer zum Beitritt auf. Ganz besonders die Offiziere. Mit gleichgültigem Beiseitestehen und Ge- schehenlassen schaffen wir's nicht. Man muß Farbe bekennen und mitmachen, wenn wir wieder hochkommen wollen. Auch die Jugend rufe ich auf! Fort mit dem Totenkopf und dem Stahlhelm und dem Hakenkreuz und all dem Firlefanz, und hinein in das Reichsbanner! Helft mit, die Republik schützen, den Frieden wahren und das Vaterland wieder aufzurichten. Das Reichsbanner wollen wir hoch und stolz erheben! Es ist das Jahrhundert alte Symbol der Einheit aller Deutschen, auch unserer Brüder in Österreich. Die Zeit, wo die vom deutschen Volk erwählte Reichsfahne sich schüchtern verstecken muß, ist jetzt ein für allemal vorbei! Jetzt gilt das Lied von Freiligrath: In Kümmemis und Dunkelheit Da mußten wir sie bergen. Nun haben wir sie doch befreit, Befreit aus ihren Särgen. Ha, wie das blitzt und rauscht und rollt! Hurra, du Schwarz, du Rot, du Gold." An den Festakt im Theater schloß sich eine Volköfeier auf dem Theaterplatz an. Dann kam der Vorbeimarsch des Reichsbanners. 1S" 275 Wohl an die 15000 Mann, aus Thüringen, Hessen, Sachsen, Bayern, Baden, Württemberg, Berlin, von der Waterkant und aus Ostpreußen. Jede Gruppe führte eine schwarz-rot-goldene Fahne, darunter war auch das goldgestickte Bannertuch, das die Frauen des thüringischen Ortes Eisenberg 1848 ihrer Bürgergarde gewidmet hatten. MeS war in Windjacke, Wickelgamaschen und blauer Tuchkappe. Es war ergreifend zu sehen, wie den Vorbeimarschierenden, zumeist Frontkämpfer aber auch alte Wegbereiter der Demokratie, die Begeisterung für ihr Vaterland und die Republik aus den Augen leuchtete. Seitdem habe ich noch unzählige Vorbeimärsche des Reichsbanners erleben dürfen, und mein altes Soldatenherz schlug ganz jung vor stolzer Freude. Von Jahr zu Jahr gewann das Bild an Straffheit und Ordnung, kein Ergebnis des Drills, sondern freier selbstgewollter Disziplin. Und als bei der Verfassungsfeier 1928 in Frankfurt am Main 100000 Reichsbannerkameraden drei Stunden lang an Hörsing und mir vorbeizogen, jeder größere Verband mit eigener Musik und mit Spielleuten, mit einem Wald von schwarz-rot-goldenen Fahnen, da wußte ich, daß die deutsche Republik ihre Garde gefunden hat. Natürlich blieb es nicht aus, daß nach dem ersten öffentlichen Auftreten des Reichsbanners in Weimar die reaktionäre Presse vor Wut schäumte und besonders über den Reichsbannergeneral Deimling herfiel. Die drei Offizierverbände, der „Nationalverband deutscher Offiziere", der „Reichsoffizierbund" und der „Deutsche Offizierbund" haben mich prompt acht Tage nach der Weimarer Verfassungsfeier öffentlich in Acht und Bann getan. Die Erklärung der Bünde, der sich später auch die Afrikakriegervereine anschlössen, lautete: „General Deimling tritt neuerdings in der Öffentlichkeit für die schwarz-rot-goldene Fahne, für den Pazifismus, die Republik und den Eintritt in den Völkerbund in aufsehenerregender Weise ein. Über seine politische Überzeugung wollen wir nicht mit ihm rechten. Daß er aber als früherer Kommandierender General in dieser Weise seine antimonarchistische Gesinnung öffentlich zur Schau trägt und gegen die schwarz-weiß-rote Fahne, unter der er eine lange, ehren- 276 volle Dienstlaufbahn zurückgelegt hat, ankämpft, daß er es unternimmt, zum Eintritt in das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aufzufordern, welches er als in Wahrheit allein als national und patriotisch anerkennt, zwingt uns festzustellen, daß er selbst die Scheidung von seinen Kameraden und von der alten Fahne vollzogen hat." Daraufhin habe ich folgende Gegenerklärung veröffentlicht: „Der deutsche Offizierbund, der Nationalverband deutscher Offiziere und der Reichsoffizierbund haben mich durch gemeinsame öffentliche Erklärung in Acht und Bann getan, weil ich für die Republik, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und den Völkerbund eintrete, trotzdem ich früher Kommandierender General war. Für einen solchen ziemt es sich in ihren Augen also nur, verbittert oder gleichgültig und „vornehm" beiseite zu stehen. Das ist zwar bequemer, aber damit dient man seinem Vaterlande nicht. Nein, gerade weil ich General war, empfinde ich es als sittliche Pflicht, meinem Vaterlands, dem 50 Jahre lang meine Arbeit und mein Streben gegolten, auch weiter tatkräftig zu dienen, getreu meiner Überzeugung und solange ich noch die Kraft dazu habe. Und jene, die glauben, mich verurteilen zu sollen, werden mir die innere Freudigkeit hierzu niemals rauben können. Auch weiß ich, daß es genug Kameraden gibt, die innerlich ebenso denken wie ich, und daß alle einsichtsvollen Deutschen mir recht geben." Für einen alten Offizier, der so wie ich an seinem Beruf hing, war es natürlich im Anfang schwer, so plötzlich jeden Zusammenhang mit den Kameraden zu verlieren. Nur finsterer Kastengeist kann es fertigbringen, einen Menschen gesellschaftlich zu ächten, weil er eine andere politische Meinung hat und sie ehrlich vertritt. Aber nach Überwindung der ersten bitteren Gefühle habe ich mich bald in die Rolle des Verfemten gefunden. Denn ich habe in republikanischen Kreisen so viele prächtige, vaterlandsliebende Männer kennengelernt, daß es mir an persönlichen Freunden nie gefehlt hat. Ich hege auch keinen Groll gegen meine ehemaligen Kameraden, weil ich weiß, daß die an das Mittelalter erinnernde Methode, Andersdenkende zu verfemen, lediglich von den obersten Führern der Verbände ausgeht. Die Mitglieder dagegen, namentlich die 277 jüngeren, die nicht durch die Pensionen der Republik versorgt sind, haben zum größten Teil Verständnis für die neue Zeit und sind innerlich bereit, den Staat, wie er ist, zu bejahen. Aber der gesellschaftliche Terror, den jene alten Generale ausüben, hindert die Schwachen, Farbe zu bekennen. Vielleicht haben die Offizierverbände geglaubt, daß mich ihr Bannftrahl mundtot machen würde. Sie haben das Gegenteil erreicht und meiner Arbeit für die Republik eine Folie gegeben, die ich gar nicht verdiene. Nicht nur die inländische, sondern auch die ausländische Presse behandelte meinen Fall, und ich war eine Zeitlang ein berühmter oder doch berüchtigter Mann. Eine besondere Genugtuung war es für mich, daß selbst der „Urwaldbote" in Südbrasilien einen Schmähartikel brachte. Dankbar aber gedenke ich der Unterstützung, die ich in der gesamten republikanischen Presse Deutschlands in meinem damaligen Kampf gefunden habe. Auch der badische Staat hat seinen Schild vor mich gehalten: als ich in einer badischen Zeitung aufgefordert wurde, „gen Frankreich zu ziehen, wo ich sicher mit offenen Armen aufgenommen würde und eine Versorgungsstelle erhielte", da hat die Staatsanwaltschaft Offizialklage gegen den Artikelschreiber und die Zeitung erhoben. Beide wurden wegen Beleidigung bestraft und die von der Zeitung gegen das Urteil eingelegte Revision vom Reichsgericht verworfen. Im Badischen Landtag hat der Generalstaatsanwalt auf eine Anfrage von deutschnationaler Seite erwidert, die Beleidigungsklage sei von der Staatsanwaltschaft aufgenommen worden, da es im öffentlichen und staatlichen Interesse nicht geduldet werden könne, daß ein Mann, der sich um die verfassungsmäßige Staatsform und um die verfassungsmäßigen Farben große Verdienste erworben habe, wegen dieser Einstellung in verletzender Weise beleidigt würde. Eine besondere Freude hat mir der Reichspräsident Ebert bereitet, indem er mir mit einem Dankesschreiben den kunstvoll mit Federzeichnung auf Goldgrund ausgeführten Reichsadler übersenden ließ. Darunter steht: „Gabe des Reichspräsidenten am Verfassungstage 1924." Das Wappen hängt unter Glas und Rahmen in meinem Arbeitszimmer inmitten von Emblemen der alten Zeit. Vergangenheit und 278 Zukunft! Jener gilt meine Erinnerung, dieser mein Schaffen, solange mir Gott die Kraft dazu gibt. Im Winter 1924 habe ich im Wahlkampf für die Reichstagswahlen unter anderem auch im Berliner Sportpalast gesprochen. Die „B. Z. am Mittag" schrieb darüber: „Deimling spricht -Seine Exzellenz der Herr General der Infanterie von Deimling !' Auf diesen Aufruf ein kleiner Augenblick der Stille, dann dröhnt das riesige Haus des Sportpalastes von jubelndem Lärm. So werden nur die Lieblinge der Massen empfangen. Ein schlanker, grauhaariger Herr knöpft seinen schwarzen Rock zu, so daß er ganz eng anliegt wie ein Waffenrock, und zieht ihn mit der gewohnheitsmäßigen Handbewegung des alten Soldaten nach unten. Dann steigt er, elastisch wie ein Leutnant, auf die hohe Rednertribüne und sieht mit fröhlichen Augen in den tobenden Saal. Der beruhigt sich endlich, und es wird ganz still, sowie der General zu sprechen beginnt. Schon nach den ersten Worten merkt man's: dieser Mann hat das große Geheimnis heraus, wie man zu den Massen sprechen muß. Keine Umstände und Geschichten, keine langen Einleitungen, sondern gerade heraus, was einem auf dem Herzen liegt. Nicht anders wie eben ein General in ernster Stunde vor seinen Soldaten spricht oder sprechen soll. Einfach, in lebendigen Bildern, als Kamerad zum Kameraden. Nie verleugnet er den Soldaten, den Kämpfer. Er verleugnet auch nicht die alte deutsche Tradition, daß im Angriff die Bürgschaft des Sieges liegt. Er ist der kriegerische Soldat des Friedens, seine Erkenntnis, daß es zu keinen Schlachten des Krieges mehr kommen darf, begeistert ihn zu Schlachten für den Frieden. Er ist schwer bewaffnet mit einer kernigen, schneidigen Offiziersstimme, die über weite Fronten zu klingen gewohnt ist, mit ätzendem Witz, mit vernichtendem Hohn und mit einem Rednertemperament, das mit geballten Fäusten auf den Feind losgeht. Es ist nur natürlich, daß die kräftigen Bilder, die Deimling wählt, fast immer aus dem Soldatenleben genommen sind. Gegen die Stinkbomben, die seine Gegner gegen ihn platzen lassen, hat er die .Gasmaske der Überzeugung', daß er auf dem rechten Wege sei. 279 Und dann fragt er, ob die Deutschen noch immer politisch mit den Händen an der Hosennaht als Untertanen dastehen oder endlich freie Staatsbürger werden wollen. Er liebt es zu sagen: >Daö Ganze sammeln!', und dabei blitzen seine Augen, als ob er schon in Ausführung dieses Befehls die Bataillone der Republik und des Friedens, schön ausgerichtet, vor sich sehen würde, und natürlich die Truppen der Reaktion in voller Auflösung, wenn sie überhaupt den Mut haben sollten, gegen die Armee der Republikaner den Kampf aufzunehmen. Ein beneidenswerter alter Soldat. Er hat das unaussprechliche Glück, seine Leidenschaft als Soldat, als General, als Führer im Kampfe voll ausleben zu können und nicht tatenlos im Greifen- alter zu verdämmern oder mißmutig zur Seite zu stehen. Das macht ihn jung, und das schart auch die Jugend um ihn, die dem gleichen Ziel zustrebt." Bald darauf machten mir die Berliner Jungdemokraten das Angebot, mich als Reichötagskandidaten aufzustellen. Auch die Chemnitzer wollten mich als Kandidaten haben, und der Parteivorstand war bereit, mir diesen sicheren Wahlkreis zu geben. Wie sollte ich aber, der ich nur Soldat bin, allen Ansprüchen genügen, die von den Wählern mit Recht an ihre Abgeordneten gestellt werden. Meine Vorstellungen von den Pflichten eines Abgeordneten sind so hohe, daß ich nach ernstlicher Selbstprüfung mich wegen meiner geringen Vertrautheit mit den großen wirtschaftlichen Fragen zu einer Ablehnung entschloß. Auch gibt es schon genug alte Herren im Reichstag, und heute gehört die Generation in die Parlamente, die im Schützengraben gestanden hat. Das folgende Jahr brachte den Tod des Reichspräsidenten Ebert. Ein gehässiger Verleumdungsfeldzug der Reaktion hatte die Gesundheit dieses fein empfindenden Mannes untergraben, und am 28. Februar 1925 ist er an den Folgen einer Blinddarmentzündung gestorben. Tief und echt war die allgemeine Trauer um diesen Sohn unseres Volkes, unter dessen weiser Führung auf den Trümmern des Weltkrieges der Neubau deö Reiches errichtet werden konnte. Sechs Wochen darauf wurde Feldmarschall Hindenburg zum Nachfolger Eberts gewählt. Ich habe damals meine Stimme dem Gegenkandidaten Marx gegeben. Aber ich muß heute bekennen, daß 280 ich froh bin über Hindenburgs Wahl, denn der neue Präsident hat sich als starke Stütze der Republik und des europäischen Friedens erwiesen. Am 21. März 1928 kam mein 75. Geburtstag heran, und mit diesem Tage will ich das Buch meines Lebens schließen. Es war ein Leben voll Mühe und Arbeit, und darum ist eS köstlich gewesen, und dankerfüllt blicke ich zurück. Aber ich will jetzt nicht ausruhen, sondern an meinem kleinen Teil weiterarbeiten für die Zukunft meines Vaterlandes und den Frieden in der Welt. Dank vor allem muß ich meiner Lebensgefährtin sagen, die mir fünfzig Jahre lang treu zur Seite gestanden und nicht eine Minute bei allen Anfeindungen und Verleumdungen daran gezweifelt hat, daß ich immer in meinem Leben ohne Eigennutz das Beste für mein Vaterland gewollt habe. Und der verlorene Krieg! Soll ich seinetwegen mein Soldatenleben als „vergeblich" betrachten? Nimmermehr! Denn das deutsche Heer, dem durch vierzig Jahre mein Streben und meine Arbeit galt, hat die Übermacht der Feinde von den deutschen Grenzen ferngehalten und das Reich vor der Zertrümmerung bewahrt. Niemals hat ein Heer so Großes und Gewaltiges geleistet. Darum blicke ich trotz des verlorenen Krieges mit Stolz auf mein Soldatenleben zurück. Und mein Kämpfen nach dem Zusammenbruch! Ist es nicht reichlich belohnt worden? Deutschland ist im Völkerbund, die Verständigung der Nationen schreitet vorwärts, und die Republik steht festgefügt. Millionen von Reichsbannerkameraden sind bereit, sie gegen alle Angriffe zu schützen. Und ich selbst! Ich werde nie vergessen, was uns das Kaiserreich Großes und Gutes gebracht hat, aber mein Denken und Fühlen gehört der Gegenwart, gehört dem neuen Deutschland und der neuen Zeit. In ihr wird sich immer mehr die Erkenntnis Bahn brechen, daß nicht die Gewalt, sondern das Recht; nicht der Degen, sondern der Geist; nicht das Gegeneinander, sondern das Füreinander — von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk — der Weisheit letzter Schluß ist. Gin wichtiges Buch zur Kriegsschuld frage! Die Irritiselien 39^aKe von Dr. DnZen kisclier OZs sZZ?/' ^ sZZe«, üH L-^ZZZ^ZZ^S s/^ZL/rs^, -Z/s Z^r^Z M'ZZZoE Z» eZw» X-'Zs^ /Z«>^Zs, ^ ^woZZz ZsZZe-r, ^ZZZ^Z Zv^rZe-', ^ sZr ZZZAZZscZ ^ lZ«Z^EZs-N'Ä«^ZÄ^^ W-W LkZ^Zs^ AM Z^L/s« Z/Z, sZrr Os^sZ /E/r <7s^ZsZ/rZ^/e« Z/^ZZs-r. ZZ^ Z^Z rZ» Z^^Z«L««, /s^o-7/h -^eZ« ^Zs«z «Zs/'^^Zs« tZe-r ZeZs/rü^s« Z^Z^ ^ H>--s^Zs Ze-yMZ, EM E ^ZZs Mo^Zs« ^ X>/s^ nZZZZe^Z. 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'Ver wirkllcb über die letzte Vorgescbicbte der V^eltkatastropbe Lescbeid wissen will, greife 2 u diesem Lucbl Lrr/sr II 1.1^ 8 n: I / 8 L kLI Gedruckt tm UllfteinhauS Berlin LL IlVIW-Sibliowsk 00810224 Isckmsckes IVIursum Wien öibliottisk 42.336