^ m -er ■HIV. W-4M. ^aii s^cM rtsc“f o» w a rt' Wgc# gMBSBOS! iSESäS! ES»» SÜSS« m&k’fj&'i WMl SKrS* Sl*^ mmm. ji.yU.iAi., mm IzMè&Ê. warn 3235 l«*Sä mm mm mm mm mjsä mm snra mm mm mm EINE y ORIENTREISE. Von Fr. Graf Th.-H. Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 86 Textabbildungen von Ludwig Hans Fischer und Gust, Schmoranz, Prag. Wien. Leipzig. F. Tempsky. F. Tempsky, G. Freytag. Buchhändler der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. 1891. Bibliothek hlAXy KoL Druck von Adolf Holzhausen in Wien. "f ff c VORWORT. Als ich vor einigen Jahren in flüchtigen Tagebuchblättern meine Reiseerlebnisse aufzeichnete, dachte ich nicht daran, dieses Tagebuch dem Drucke zu übergeben. Von mehreren Seiten darum gebeten, habe ich mich nunmehr entschlossen, es doch zu thun. Wohl bin ich mir bewusst, mit meiner „Orientreise“ nichts Neues zu bieten; in keiner Richtung wird hiedurch die Wissenschaft bereichert oder eine tiefere Kenntniss des Orients eröffnet. Es sind meine Reiseeindrücke, die ich Tag für Tag aufgeschrieben habe. Was ich gesehen, was ich empfunden, wie ich mich erfreut habe an der Pracht des Morgenlandes, habe ich der Feder anvertraut. IV Dies Buch ist daher nur für einen kleinen nachsichtigen Freundeskreis bestimmt. Der Gelehrte lege es ungelesen bei Seite. * Wer aber Freude an leichteren Reisebeschreibungen hat, nehme es nachsichtig auf, und reist er selbst in den Orient, bereist er das Pharaonenland, so möge das Buch ihm kurzer Zeitvertreib sein, wenn er ausruht nach anstrengendem Ritte oder ruhig dahingleitet auf den Fluthen des Nils. Prag, April 1891. IN HALT. Seite I. Unterägypten.. . I II. Nilfahrt.2g III. Der Suezcanal. 84 IV. Jaffa und Jerusalem.95 V. Von Jerusalem nach Damaskus.125 VI. Damaskus, Baalbek, Libanon und Beyrut.15g VII. Griechenland und die Inseln.ig 3 VIII. Constantinopel. 23 1 IX. Die Heimfahrt.257 Farbendrucktafeln: Zwischen Seite 1. Strasse in Kairo.12 u. i 3 2. Tempel Medinet Habu.. 48 u.4g 3 . Jaffa .96 u. 97 4. Baalbek.174 u. 175 5. Parthenon (Athen).21411.215 6. Sultan Achmed-Moschee und der Hippodromplatz in Constantinopel.242 u. 243 fjpPBBB ;~^5 ^m: I. Unterägypten. Wird es ein Tagebuch? oder bleibt es Fragment? und wie weit folgen diese Blätter der Reise? — Fragen, die eben so schwer zu beantworten sind, wie es schwer hält, in die Zukunft zu blicken. Die Eindrücke der Reise bleiben in Sinn und Herz, seien sie aufgezeichnet oder nicht; im ersten Falle kann es ein vollendetes Bild werden, während sonst wohl nach längerer Zeit nur mehr eine Skizze verbleibt. Die feinen Details verblassen, nur die grossen Umrisse bleiben übrig. Und gerade jene sind es, die später besonders erfreuen: sie rufen die Erinnerung wach an so manchen Genuss, an manch’ heitere Zwischenfälle. Und ist auf der Reise auch einmal schlechter Wind, ist auch die Laune bisweilen getrübt durch dies und das, so verschwindet im Gedächtnisse das Unangenehme, und man freut sich schliesslich noch der Unannehmlichkeiten — wenn sie vorbei sind. Also wünschen wir auch diesen Blättern eine glückliche Reise, mögen sie glücklich heimkehren, so wie wir! Franz Graf Th., Eine Orientreise. I war = erreichten Mattuglie am 14. Früh. Es IH war sehr kalt, auf dem Karste Schnee- |1 gestöber. Von Mattuglie auf guter W Strasse nach Volosca. Je tiefer wir ~ kamen, desto milder ward die Luft; schlechter Eichenstock - Ausschlag macht der Olive, dem Lorbeer Platz; die Weinrebe erscheint auf sorgfältig m 13. Jänner verliessen wir Wien, Ankerboje. gepflegtem, terrassirten Lande. — Zwei Tage bei der lieben Mutter zugebracht; mit ihr nach Abbazia: schöner klimatischer Curort, grosse Hotels der Südbahn-Gesellschaft mit gehaltenen Anlagen, hart am Meere, erinnert im Kleinen an Monte Carlo. Ganz geschützt durch hohe Berge im Nordwest, Nord und Osten, öffnet sich ein herrlicher Ausblick auf den Quarnero, der wie ein grosser See vom Festlande einerseits, von den Inseln Veglia und Cherso anderseits eingefasst ist. Hoch über der Insel Veglia erscheinen die dalmatinischen Berge, ganz mit Schnee bedeckt. Am 15. Jänner Abends nach Triest; Hotel de la Ville sehr gut, am Hafen gelegen. — 3 Am 16. Jänner Heinrich CI. aus Venedig, Gottfried H. und Erwein N. aus Wien angelangt. — Die Reisegesellschaft ist complet, es kann losgehen. Fahrt nach Miramare, diesem Zauberschlosse des österreichischen Erzherzogs, der ferne von der Heimat sein Leben opferte für eine unglückliche Sache. Armer, armer Kaiser Max! Mit welcher Liebe schuf er sein Miramare und sorgte noch von Mexico aus für dasselbe. Die Erinnerung an diesen ideal angelegten, talentvollen, edlen Mann stimmt den Besucher von Miramare ganz wehmüthig. Armer, armer Herr! Bei der Heimfahrt war es bitter kalt, der Wind hatte sich zur scharfen Bora versteift. Wir Alle, die wir keinen Anspruch auf den Titel von Seehelden erheben können, sehen mit Besorgniss auf die nächsten Tage. Abends im Amphiteatro Fenice. Hässliches, grosses Haus, schlechte Truppe, nur Rossi als Luigi XI. ausgezeichnet. Am 17. Jänner klares Wetter, aber sehr starker Wind, die Stimmung daher nicht angenehm; um 10 Uhr eine Gattung Henkermahl, dann an Bord der „Euterpe“ — Capitän Nicolich. Da war reges Leben, noch wurden Waren geladen (wir hatten circa 3 o.ooo Metercentner an Bord), die Post aufgenommen, die Passagiere erschienen, das grosse Magazino nahm unsere Koffer auf, das Handgepäck wanderte in die Cabinen. Man richtet sich ein, so gut es geht. Einige Officiere des Lloyd kommen Abschied nehmen von ihren Kameraden, man hört verschiedene Adios, die Taue, welche unsere Schiffe hielten, werden mit grossem Geschrei gelöst, langsam dreht sich unsere „Euterpe“, und um V2 1 Uhr Mittags verlassen wir den Hafen. Die See, voll weisser Spitzen, ver- heisst böse Fahrt. 1 Mit Interesse wird die Abfahrt aus der Stadt beobachtet; Triest, der Karst, die Alpen, Miramare und Duino entschwinden langsam den Augen, um anderen Bildern Platz zu machen. Istrien zieht dahin mit seinen vielen Orten. Muggia, Capodistria, Pirano, San Salvore, Pola folgen einander, dazwischen zerstreut eine Menge kleiner Orte und einzelner Häuser. Die See wird ruhiger, die Passagiere daher lustig und beweglich. Die Table d’hote um 5 Uhr versammelt Alles bis auf eine Amerikanerin, die am wenigsten seefest zu sein scheint. Wir begegnen der „Thalia“ (von Alexandrien nach Triest fahrend). Abends wird noch im herrlichen Mondscheine geschwärmt. Wir bilden einen Kreis für uns. Der Rest gruppirt sich um Rittmeister Z. der das grosse Wort führt und — wie es scheint — Alles mit seinen Erzählungen erheitert. Im Quarnero einige unangenehme Bewegungen, dann wieder leidliche Ruhe. Am 18. Jänner 1 / 2 6 Uhr Früh war ich auf Deck, wir fuhren gerade an der Insel Pelagosa vorbei. Sie war längere Zeit im Streite zwischen Oesterreich und Italien, wurde uns von den Italienern überlassen, da sie ein ganz wüstes Eiland ist und die Erhaltung und Bedienung des Leuchtthurmes Kosten verursacht. Da rührt sich die Irredenta nicht. Gegenüber erscheint die Küste Italiens — Gargano. Die Gesellschaft wird immer einsilbiger, der Wind immer stärker, das Meer unangenehm. N. zieht sich zurück. Mit Anna verschwindet die letzte Dame. Wir halten uns möglichst ruhig. Gegen 5 Uhr Abends kommen die Leuchtthürme von Brindisi in Sicht, und um 6 Uhr fällt der Anker in dem spiegelglatten, schönen Hafen; der Mond beleuchtet feenhaft Wasser, Tand und Stadt. Ein Theil der Reisegesellschaft geht an Land, um auf trockenem Boden Bewegung zu machen, wir bleiben an Bord. — 5 — die Spieler mit kleinen Geldstücken. Corfu. ' Ein kleines Orchester unterhält uns mit italienischen Weisen, wir !! « 11 « zfSffea Einige Passagiere wachsen zu. Wir sind im Ganzen 22 in der I. Cajüte. Am ig. Jänner um 1 / 2 6Uhr Morgens waren wir auf Deck, um die Ausfahrt aus dem Hafen anzusehen. Prachtvolles Wetter, ruhige und ruhiger werdende See. Die italienische Küste bis Otranto zu sehen. Zur Linken ein Segelschiff in Sicht. Es wird betrachtet und entdeckt, dass es Signalflaggen gehisst hat. Cours auf dasselbe genommen, die Signale werden erkannt, sie lauten: „Keine Lebensmittel, wir haben Hunger.“ Unser braver Capitän rief ein „ah diavolo!“ aus, ertheilte dann von der Commandobrücke scharf seine Befehle, bis der Ruf „ferma!“ das Schiff in der Nähe des fremden zum Stehen brachte. Mit Stentorstimme frägt Nicolich, was los sei, erhält die Bitte um Brot als Antwort. — Es ist die italienische Brigg „Laura“ aus Trapani, die mit einer Ladung Holz seit 35 Tagen (!) Venedig verlassen und des schlechten Wetters halber keinen Hafen anlaufen konnte. m 6 Ein Boot kam an uns heran, wurde mit ioo Kilo Brot, ebensoviel Kartoffeln und mit einem Fässchen Oel beladen. Z. sorgte auch noch für Cigarren. Der Rheder heisst Antonio Malata, der Capitän Zizighi. Gestern hatten sie das italienische Dampfschiff „Maria Regina“ angerufen, nicht einmal eine Antwort bekommen! Wir hatten Alle das Gefühl, eine gute That verrichtet zu haben, das Frühstück schmeckte uns vortrefflich darauf. Unser liebenswürdiger Capitän richtete uns ein Zelt bei der Commandobrücke her. Wir schwelgen — geschützt vor dem scharfen Winde — im Anblick der albanesischen Küste. Die Inseln Phano, darauf Corfu, Paxos, Antipaxos ziehen an uns vorbei, dahinter die schneebedeckten, zerklüfteten Gebirge Albaniens; von Weitem sieht man die Insel Santa Maura (Leucadia), Sapphos heiligen Wohnsitz. Gegen Abend taucht die Küste von Cephalonia auf, dann Zante, vom herrlichsten Mondschein übergossen. An 20. Jänner, Sonntag, an Bord keine Messe, obwohl wir einen italienischen Canonicus in unserer Mitte haben. Prachtvolles Wetter. Ein frischer Nordost bringt uns Schneeluft von den griechischen Bergen und Nachmittags von Creta. Wir fahren an der Südküste Moreas vorbei; zuerst ist das Cap Navarin mit den Inseln Sapienza und Venetico, dann Cap Grosso und Cap Matapan in Sicht. Die Küste des Cap Malea weit in blauen Düften. Dann erscheinen die Inseln Cerigo und Cerigotto, eine Menge kleiner Riffe vor und um dieselben gelagert. Endlich Nachmittags Creta mit seinen bis 8000 Fuss hohen, ganz mit Schnee bedeckten Bergen. Mehrere Dampf- und viele Segelschiffe bezeichnen die befahrenen Strassen, die Einfahrt nach Griechenland und der Türkei. £ VF; -fr: ru^v-s^s#?. — 7 — Die Sonne geht prachtvoll unter, und um 8 Uhr erscheint der Mond über Candia. Vollkommene Windstille und warme Luft locken Abends alle Reisenden auf Deck. Die Inseln Antigozzo und Gozzo fesseln das Auge noch; es ist das letzte Stück Europa, das nächste Land, das wir sehen werden, ist der schwarze Welttheil. _ — & Wir waren den ganzen Tag theils in Bewegung, theils in unserem mit Segeln improvisirten Zelte, so dass wir uns um io Uhr ziemlich schläfrig in unsere Cabinen zurückzogen. Am 21. Jänner. Trüb, warmer Wind aus Afrika, Scirocco. Nur Himmel und Wasser den ganzen Tag, kein Schiff zu sehen. Die lustigen Möven, diese Schwalben des Meeres, die uns die letzten Tage begleiteten, um gierig die Küchenabfälle oder zugeworfene Brocken aufzufangen, waren nach Europa zurückgekehrt. — Die Reisegesellschaft lernt sich langsam kennen; man plaudert heiter mit den verschiedenen Menschen, die man zum ersten Male sieht und denen man vielleicht, ausser auf der Orientreise selbst, im Leben nicht mehr begegnet. Gegen Nachmittag wird die Bewegung der See etwas stärker, aber Alles bleibt heiter. Morgen Früh beginnt die eigentliche Reise, denn die Fahrt auf dem Schiffe kann man nicht als solche betrachten; entweder ist das Schiff ein Spital oder die schönste Villeggiatura. Gegen Abend wurde der Sturm immer heftiger, in der Nacht erreichte er sogar die Nummer io — denn die Stürme sind nummerirt, beginnend bei x steigern sie sich bis 12 — d. i. der Teifun. Da wir aber gerade gegen den Wind liefen, stand das Schiff so ruhig, dass ausser der Amerikanerin und einer deutschen Dame Alles seefest war: selbst N. spielt sich auf Nelson! Am 22. Jänner. Um V 2 6 Uhr Morgens ist Leben an Bord. Alles ist auf, um den ersten Blick auf Afrika zu erhaschen. Es ist jedoch um % 7 Uhr noch nicht einmal der Leuchtthurm zu sehen. Es regnet und ist neblig dabei, so dass der Capitän langsam zu fahren, mitunter sogar zum Stehen gezwungen ist. Endlich gegen 8 Uhr erscheint die Insel Nelson, dann das Festland in Sicht. Immer mehr und mehr taucht dasselbe aus dem Meere empor. Man sieht Alexandrien vor sich mit seinen vielen Schiffen im Hafen, die Pompejus- säule weit rückwärts, Minarets und Kirchthürme, grosse Häuser, zerschossene Forts, den Leuchttnurm, östlich das vicekönigliche Schloss von Kamleli, westlich jenes von Meks und zahllose Windmühlen und hinter denselben die Wüste. — Gegen 10 Uhr legen wir am Quai an. Der Schiffsarzt überreicht der Sanitätsbehörde das Attest, dass an Bord 9 Alles gesund ist. Und nun wird das Schiff überfallen von einer Schaar von Kerlen, die schon zu Lande sich um die Gepäcksstücke der einzelnen erst ankommenden Reisenden gestritten hatten. Es ist höchst unterhaltend! Alle Farben der Haut und der Costüme wirbeln durcheinander. Der europäische Rock mit einem Fez, Flanelljacken in verschiedenen Farben mit Aufschriften der Hotels auf der Brust und dann die langen hemdartigen Gewänder der Eingeborenen. Der Kawass des Consulates, um dessen Absendung ich schon früher gebeten hatte, in reich betresstem Anzuge und mit krummem Türkensäbel und ein Vertreter von Cook & Söhne erwarteten uns. Ihnen wurden unsere Gepäckstücke bezeichnet und in kurzer Zeit waren wir mit all’ unserem Hab und Gut im Wagen untergebracht. Die Ankunft war nicht freundlich. Es regnete und stürmte und war infolge dessen recht kalt; die Palmen, vom Winde gebogen, verloren all’ ihren Reiz. Das Hotel erscheint in solcher Beleuchtung auch nicht anziehend. Nachmittags hellte es sich auf, es wurde eine Rundfahrt angetreten. Nun galt es noch von unserem liebenswürdigen Capi- tän Abschied zu nehmen, der sein Möglichstes gethan hatte, um uns den Aufenthalt auf der „Euterpe“ angenehm zu machen. Und jetzt beginnt Afrika! Glücklich, ohne visitirt zu werden, kamen wir durch die Zollbehörden durch. Nur eine grosse Kiste, die unsere Sättel enthielt, erregte, wie es scheint, Verdacht, man glaubte, sie sei mit Patronen gefüllt. Als aber das Reitzeug declarirt wurde, konnte auch sie geschlossen bleiben, und so rollten wir denn in das Hotel Khedivial. - IO - Ueber den Platz Mehemet Ali, auf welchem das von dem Enkel Ismael Pascha gesetzte Monument dieses grossen, gevvaltthätigen Begründers der jetzigen Dynastie steht, ging es zum Schlosse Ras el-Tin und zur Festung, die auf der äussersten Spitze der seinerzeit Pharus genannten Insel malerisch gelegen ist. Das Schloss ist jetzt in Reparatur begriffen, wird vor dem Untergänge geschützt, während sonst wohl Alles, was arabischen Charakter trägt, ruhig seinem Schicksale überlassen wird. Die Besichtigung ist gegenwärtig nicht gestattet. In der Festung liegt englisches Militär. Stolz schreiten die Rothröcke herum. Die Mütze auf dem rechten Ohre, den kleinen Stab in der Hand, macht jeder Einzelne den Eindruck, als betrachte er sich als einzig berechtigtes Individuum auf der Welt. Durch die ganze Stadt, theils auf breiten, schlecht gepflasterten Strassen europäischen Charakters, theils durch enge arabische Gassen mit den offenen Verkaufshallen und bodenlosem Koth nach dem Regen der Nacht, fuhren wir zur Pompejussäule, der einzigen Sehenswürdigkeit der Stadt. Ich gestehe zu meiner Schande, dass mich das Leben und Treiben des Volkes weit mehr interessirt als dieses alte Denkmal, welches wie ein Ausrufungszeichen einer ver- jpriil ■ _ Pompejussäule. 1 gangenen Zeit vereinsamt dasteht und gelangweilt durch seine Umgebung niedriger, verfallener Häuser. Ein arabischer Friedhof mitten unter denselben, ein kleiner Hügel, auf dem einige Ziegen Futter suchen, verschiedene Wasserlachen, als Contrast Gasröhren, die auf das Verscharren warten. Diese mächtige Granitsäule mit ihrem imposanten Capitäl wäre in dieser Umgebung wohl nie gesetzt worden. Längs des Mahmüdije-Canales an Landhäusern und Gärten vorbei, hatten wir Gelegenheit, wieder etwas Volksleben zu betrachten. Da wurden beladene Esel getrieben, Büffel standen im Wasser, Schiffe theils mit geblähten Segeln, theils von drei Männern gezogen, beladen mit Frachten aller Art, viele mit Baumwolle, zogen dahin. Jenseits die niedrigen, kaum menschlichen Wohnungen gleichenden Fellahdörfer, die nach den vielen herumlungernden Kindern zu urtheilen, dicht bewohnt sein müssen. Hier betet knieend, von Zeit zu Zeit mit der Stirne den Boden berührend, ein Gläubiger unbekümmert um Alles, was um ihn herum vorgeht, dort wird man von schwarzen Domestiquen verhöhnt, die an den geöffneten Thoren verschiedener Pa- schavillas sitzen; auch wir lachten über sie und so war Alles heiter. Den Garten des reichen Antoniades, vortrefflich gehalten mit prachtvollen Bäumen und Pflanzen, bewundert. Rosen, Camelien, Daturen, Lantanen in Blüthe. Antoniades, ursprünglich Grieche, jedoch Sir John genannt und jetzt russischer Unterthan, ein grosser Verehrer unserer Kaiserin, die einmal seinen Garten besuchte, fuhr einmal nach Ischl, wie unser Consul Graf V. erzählte. Einen Korb voll Bananen wollte er der Kaiserin übergeben; da die hohe Frau jedoch nicht anwesend war, fuhr er nach Gastein, bot die Früchte dem Kaiser Wilhelm an, der sie jedoch nicht annahm, und nun erhielt sie Bismarck. 12 Wir kehrten gleich nach Sonnenuntergang bei eingebrochener Nacht heim; denn ein Abenddunkel gibt es nicht, es folgt die Nacht ohne Uebergang dem Tage. 23. Jänner. Fahrt nach Cairo mit der Bahn in 4 Stunden durch das Delta. Die Gegend selbstverständlich ohne irgend welche Abwechslung, emsig bebautes Land. Auf der ganzen weiten Strecke, die wir durchfuhren, aber so viel Leben, so viel Bewegung, dass die Fahrt äusserst anregend war. Auf vielen Feldern wurde gearbeitet, da geackert mit Büffel und Kameel, da Futter gemacht, dort wieder ein Baumwollfeld zu Ende geerntet, Dünger auf Eseln und Kameelen in langer Reihe mit bedächtigem Schritt hinausgebracht, die Früchte des Landes in die Städte zu Markte getragen; kurz Alles voll Leben. Bronzefarbig bis zum glänzenden Schwarz von Gesicht, weiss, gelb, blau, grün von Kleid. Es war ein schönes lachendes Bild. Die armen Teufel frieren heute bei dem allerdings sehr scharfen Westwinde und haben um Hals und Kopf alle möglichen Tücher gewunden. Die Ankunft in Cairo eröffnete neue Anregung. Wohl waren die Pyramiden in Nebel verhüllt, nicht zu sehen, aber die Fahrt in die Stadt, der Aufenthalt auf der Terrasse vor dem ausgezeichneten Shepheard’s Hotel war äusserst unterhaltend. Ein reiner Narrenthurm, ein farbenprächtiges Kaleidoskop, ein namenloses Geschrei, ein Anbieten, Ausrufen, Anpreisen und Anbetteln aller Art. Im höchsten Grade unterhaltend. Und was war dies Alles gegen die Fahrt zu Wagen am Nachmittag! Am Esbekijegarten vorbei, aus der europäischen Stadt hinaus und kopfüber in die orientalische: zuerst durch die Muski, dann durch alle möglichen kleinen Strassen, eine dicht wogende Menschenmenge überall. Der Wagen bewegt sich nur langsam von der Stelle. Der Kutscher ruft fortwährend sein „uah viglad“ und „assib“ mm 4 : ne? vssfcje f'J.S.'V,** ^^Ü3# w. xm i&iay ^f^i. • >.>T-'^. SBm asr6rt^**fc EAw;" &>«a Sfeggg 35^3 STRASSE IN KAIRO. rtf/*'?.' — i3 — in die Menge. Laden an Laden. Alles handelt oder betrachtet neugierig die Waren hiesiger Arbeit, des fernen Orients oder europäischen Ursprunges. Mehrere Maskenzüge auf Eseln und Kameelen begegnen uns. Betäubende Musik, dazwischen das Bakschisch. Man hat wahrhaftig nicht Augen genug, um zu sehen und zu erfassen. Zeit und Kraft fehlt, um das Alles zu beschreiben. Nur die eine Nase mit den zwei Nasenlöchern ist überall zu viel. Sie thäte besser, ihre Thätigkeit einzustellen, denn die Düfte des Orients sind meistens schlecht. Es ist nicht Alles Gold, was glänzt, und nicht Alles Weihrauch, was duftet. Unser Dragoman schien für das Volksleben nicht denselben Enthusiasmus zu haben wie wir, führte uns von einer Moschee in die andere. Zuerst in die zerstörte Gäma Hakim aus dem Jahre 1000, in welcher sich jetzt ein Museum arabischer Alterthümer, meist aus Moscheen herrührend, befindet; dann in die Gäma Sultan Kalaun vom Jahre 1287, wo das Grab dieses Heiligen, schöne Mosaiken. Die Gäma el-Bordeni sehr klein, aber mit wunderschönen alten Plafonds und farbigen Fenstern in feurigen Farben.' Die Gäma el-Muaijad (1412—• 1421) ist in Reparatur begriffen, eine Seltenheit im Oriente, wo sonst Alles dem Schicksale überlassen bleibt. Grosser Hof mit alten Bäumen, der Brunnen, Hanefize, in der Mitte für die Waschungen, reiche Säulen und Mosaiken. Gäma el- Ghuri (1501— 1516) mit ihrem schlanken, vom vierten Stockwerke an sich in zwei kleine, anfänglich viereckige, dann eirunde Thürmchen theilenden Minaret. Gäma Sultan Hassan (1356—1359), prachtvoller grosser Bau, dem Verfalle preisgegeben, aller seiner alten Lampen beraubt, wie die anderen alten Moscheen, weil einmal ein Diebstahl versucht wurde und sie der Vicekönig daher jetzt im arabischen Museum in der Moschee Hakim aufheben lässt. Zwei Brunnen — 14 — für die Waschungen der Aegypter und der Türken. Zuletzt die Moschee Mohamed Ali, die sogenannte Alabastermoschee auf der Citadelle, erst 1857 vollendet. Ganz bekleidet mit dem schönen Alabaster von Beni Sueff. Grosser Hof mit Brunnen, einem scheusslichen Uhrthurme, wie auf einer Eisenbahnstation — mit einer Uhr, die Louis Philipp geschenkt hat. Das Innere äusserst reich, mit ganz prachtvollen Smyrnaer Teppichen (gelber Grund), unzählige im Kreise aufgehängte Lampen. Zwei wundervolle schlanke Minarets, wie Nadeln. Damit schlossen wir für heute die Besichtigung der Moscheen; es waren deren schon übergenug, denn die Bilder vermischen sich, und man erinnert sich am Ende nur schwer der einzelnen Details. Aber unser Dragoman liess uns nicht aus: er war unser Kismet, vor dem kein Entrinnen möglich war; wir mussten daher in alle gehen. Ein Theil dieser Moscheen wird nicht mehr benützt, in den Anderen werden dem Fremden gelbe Pantoffel übergestülpt, da man sonst sich der Schuhe entledigen müsste. Man sieht Betende, theils auf den Hocken sitzend, den Blick feierlich nach oben gerichtet und Worte murmelnd, theils tief sich verneigend den Boden mit der Stirne berührend. Auch ein Schriftgelehrter, auf gekreuzten Füssen sitzend, trug einigen Jüngern den Koran vor, in lautem, monotonen Tonfall der Stimme. Die Jünger schienen schwer von Begriff denn sie stellten viele Fragen. Auf der Citadelle hatten wir uns gegen Sonnenuntergang eingefunden, um einen Ueberblick über die Stadt zu haben. Leider ging die Sonne in Nebel unter. Es war aber trotzdem ein bezaubernder Anblick. Weit im Westen die Pyramiden von Gizeh, die wir jetzt das erste Mal sahen, -1 tl — 15 — südlich davon die von Abusir und Sakara, dahinter der gelbe Sand der libyschen Wüste, im hügeligen Horizont das grüne, durch viele Baumreihen unterbrochene Nilthal, das Silberband des Flusses nur an einigen Stellen zu sehen. Und vor uns zu unseren Füssen die Masr el-Kähira, die Stadt, lärmend, pulsirend, geschmückt durch Kuppeln und Mina- rets. Es ist nicht ein todter Complex von Häusern, es sieht aus wie ein lebender Körper. Man hört aus dem vieltausendstimmigen Lärm ganz deutlich einzelne Stimmen heraus. Es ist unvergleichlich schön. Und an all’ dies rege Leben schliesst unvermittelt wieder das todte, starre Mokatam- gebirge, der Beginn der arabischen Wüste. Auf der LIeimkehr wurde noch beim Esbekijegarten gehalten. Leider war es schon nicht mehr hell genug. Die ägyptische Musik hatte uns angezogen, ein närrisches Tschindadera! Am 24. Jänner zeitig heraus. — Ohne Ermüdung kann man stundenlang auf unserer Strasse sitzen, denn an uns läuft scheinbar ganz Cairo vorbei. Schöne Wagen mit den schmucken Vorläufern, Sais, in weissen, weiten, bis an die Kniee reichenden Hosen, weissen Aermeln, reich gestickter Jacke, einen Stab in der Hand; einfache Lohnwagen, Pferde, Esel, Kameele, Ziegen, alle Farben von Menschen, Verkäufer aller Art, Schlangenbändiger etc. Und doch ist unsere Strasse eine Einöde gegen die Muski und die anderen, an dieselbe angrenzenden Gassen. Einige Besuche gemacht, unter Anderen bei unserem Generalconsul Herrn von R., einem alten Bekannten, den ich lange nicht gesehen. Bei ihm jener Achmed als Kavass, dem unser Kronprinz in Palästina auf der Schweinsjagd das Leben rettete. Dann bei Grafen Z., dem österreichischen Vertreter bei der ägyptischen Schuldverwaltung. r i6 arm i Nachmittag ging es zu Wagen zu den Pyramiden von Gizeh. Durch den Trubel von Menschen, Reitern und Wagen über die Brücke Kasr el-Nil und die Insel Bulak an verschiedenen Prinzenpalästen . vorüber, worunter der des Prinzen Hussein der schönste — dann durch Gärten mit schattigen Lebbach-Akazien-Alleen und dichte Mandarinpflanzungen, Gemüsegärten und wohl cultivirte Felder, auf denen sich auch die Der Sphinx von Gizeh. i7 heimische Zuckerrübe findet, hinaus auf die grosse, bis zu den Pyramiden führende Allee, welche der frühere Khedive für die Anwesenheit der Kaiserin Eugenie anlegen liess. Nach einstündiger Fahrt, die manchmal zu einer Art Wettfahrt zwischen den verschiedenen AVagen ausartete, erreichten wir den Fuss der Wüste. Nun führt die Strasse in einem Bogen zwischen hohen Mauern, welche das Verwehen mit Sand verhindern sollen, zu der Cheops-Pyramide. Dort wird manallsogleichvon dem Beduinenscheik, der, wie ich glaube, die ganze Trinkgeldwirthschaft als sehr einträgliches Geschäft gepachtet hat, verschiedenen Kerls zugewiesen und der Aufstieg beginnt. Zwei Araber ergreifen die Hände, und, wenn die Stufen zu hoch sind, so hilft ein dritter durch Nachschieben; hinauf geht es unaufhaltsam, wenn man nicht energisch Ruhemomente verlangt. Liesse man sich Zeit, so wäre es gar keine Mühe, so aber ist ,es ein Stück Arbeit. Anna hatte es vorgezogen, unten zu bleiben, und hatte Recht gethan. Interessant ist der Anblick einer grösseren aufsteigenden Gesellschaft, die, umgeben von einer Schaar weissgekleideter Araber, von Stufe zu Stufe hinaufrast. Auf der Höhe angelangt, genossen wir die prachtvolle Aussicht. Am Rande der lybischen Wüste hatten wir in unserem Rücken dieses endlose Sandmeer, während vor unseren Augen sich das gesegnete Nilthal ausbreitete. Alles grün, Alles fruchtbar, von AVasseradern durchfurcht. Ueber der Ebene Cairo im Dunste warmer Abendbeleuchtung, sich anlehnend an das kahle, öde Mokatamge- birge, den Beginn der arabischen Wüste. Von einem Denkmale nahezu sechstausendjährigen Alters schweift das Auge auf das blühende Land, welches seit Jahrtausenden seinen unbegrenzten Reichthum dem überfluthenden Nil verdankt. Franz Graf Th., Eine Orientreise. 2 — 18. . — Wo sein Wasser hinreicht, ist Leben, daneben der Tod und haarscharf ist die Grenze gezogen, ohne Uebergang zwischen dem saftigsten Grün und dem gelben Sande der Wüste. Jetzt begann der Abstieg, der in raschen Sprüngen von einem Stein zum andern vollzogen wird. Schwieriger gestaltete sich das Eindringen in das Innere. Theils steil hinab, theils steil hinan, ein Stück auf allen Vieren, immer gebückt, auf glatt abgetretenem Stein mit geringen Spuren von Stufen — das Unternehmen war sehr beschwerlich. Die Fledermäuse, aufgescheucht durch unsere Kerzen, pfiffen um unsere Köpfe; hiebei eine starke Hitze, und endlich am Ziele ein finsterer, viereckiger Raum, die Todten- kammer Cheops. Das Bewusstsein, in derselben gewesen zu sein, wird für alle Besucher, Forscher ausgenommen, wohl die einzige angenehme Erinnerung an diese Expedition sein. Nach einer kurzen Rast und Erfrischung mit Orangen ging es an Campbell’s Grab, so benannt von seinem Entdecker dem damaligen englischen Consul zu Ehren, dann an einem Familiengrabe aus dem 7. Jahrhunderte v. Chr., vorbei zur Sphinx, diesem Kolosse, der einem wie ein guter alter Bekannter entgegengrinste, so oft hat man ihn in Abbildungen gesehen. Die Vorderfüsse sind von dem verwehenden Sande blossgelegt, während der rückwärtige Theil noch vergraben sitzt. Zum Schlüsse wurde der Granittempel besichtigt: der mächtige Ueberrest eines alten Tempels. Die Granitsäulen und Platten, die Alabasterblöcke erregten unsere Bewunderung. Zurückgekehrt zum Fusse der grossen Pyramide, bezahlten wir reichlich jede Hilfeleistung. Natürlich war Alles unzufrieden, schrie und gesticulirte. Es war ein reiner Sturm auf uns, der aber alsbald sich legte, als türkische Soldaten an die Menge Peitschenhiebe aus- theilten. Den davonrollenden Wagen riefen dann allerdings auch die .Soldaten ihr „ Bak- schisch“ nach. Nach köstlicher Fahrt in schönster Luft und prachtvoller Beleuchtung kehrten wir bei Sonnenuntergang heim. Am Abende unternahmen wir Herren eine Promenade auf den Fischmarkt, doch darüber schweigt die Sage! 25. Jänner. Der Morgen war Besuchen und verschiedenen Einkäufen gewidmet. Nachmittags fuhren wir in die Moschee Kasr el-Ain zu den heulenden Derwischen. In klei- Bazar in Cairo. 20 ner, viereckiger, mit runder Kuppel überdachter Moschee standen im Halbkreise etwa zwanzig Derwische, in der Mitte von ihnen ein Schêch, der die Art des Gesanges intonirte und die Bewegungen andeutete. Um sie herum sassen in bedeutender Zahl die Fremden, die dieser merkwürdigen Ceremonie zusahen. Theils singend, theils bei den Tönen einer Flöte oder der immer schneller und schneller geschlagenen Tambourine unarticulirte Laute ausstossend, die das Wort „Allah“ vorstellen sollen, machen diese Exaltirten bald Bewegungen des Oberkörpers nach rechts und links, bald vor- und rückwärts. Letzteres zum Schlüsse so schnell, dass man die Beweglichkeit der Menschen anstaunen muss. Wird die Bewegung eingestellt, so machen einige dieselben wie mechanisch noch fort, während sich einer in Extase am Boden wälzt. Einige von ihnen haben g'anz langes Haar, welches dann bei den Biegungen über das Gesicht herunterfällt und den Boden berührt oder hinten weit herunterhängt. Im Ganzen ist der Eindruck ein widerlicher, man meint unter Tollhäuslern zu sein. Würde abgesammelt, so müsste man glauben, dass es keine religiöse Uebung sei, sondern dass den dummen Fremden nur etwas vorgemacht werde. So muss man es allerdings für religiösen Fanatismus halten. Die drehenden Derwische ruhen gegenwärtig, da ihr Schêch krank ist; hoffentlich ist der alte Herr wieder hergestellt, wenn wir von Oberägypten zurückkehren, denn diese sollen noch viel origineller sein. Verschiedene von Engländern arrangirte sportliche Vergnügungen führten uns nach Gezirêh. Ganz Albion war dort in eleganten Costümen; zuerst ein Citronendurch- schneiden in Carrière auf kleinen Ponies, dann eine Probe der Wendbarkeit derselben, ein Tandemreiten, Kraftzieh- proben von englischer Mannschaft, ein Rennen auf Ponnies mit folgender Proposition: Cigaretten anzünden, satteln, aufsitzen, 250 Schritte reiten zu einem Pfosten und wieder zurück, absitzen, 50 Schritte weit laufen mit dem Pony am Zügel, endlich absatteln. Während des Ganzen darf die Cigarette nicht ausgehen. Es war sehr komisch, denn die grosse Eile beim Satteln hatte verschiedene höchst ergötzliche Situationen und Stürze zur Folge. Nach einer Rundfahrt im Gezireh-Park, wo wir vergeblich einen Corso erwarteten, heim. Abends in ein Kaffeehaus, wo eine böhmische Capelle concertirte, Damen und Herren. Ich liess mich mit einer Künstlerin in ein Gespräch ein, sie ist aus Karlsbad, seit zwei Jahren hier. Schickt Geld nach Hause und macht Ersparungen. Der Sommer soll hart sein. Sie spielen alle Tage von 6 Uhr bis 1 Uhr, allerdings mit grossen Intervallen. Ein schweres Leben! 26. Jänner. Mit dem Polen Arthur Bey Zimmermann und Zaluski, ersterer ein ehemaliger türkischer Oberst, jetzt Pferdehändler, verschiedene arabische Pferde besichtigt. Dieselben, bei einzelnen Privaten stehend, waren nicht leicht zu finden. Der Orientale zeigt sein Pferd nicht gerne, er fürchtet den falschen Blick. Ein Schwager des Khedive, den ich für einen Reitknecht gehalten hatte, ritt uns selbst eines seiner Pferde vor. Dann zeigte er uns einen sehr schönen Fuchshengst, der vor Kurzem aus Mekka gekommen war. Ein edles Thier! Obligater schwarzer Kaffee, Cigaretten und schöne Phrasen. Dann sahen wir an anderen Orten noch verschiedene Beduinenpferde mehr oder weniger edler Abstammung. Ein starker, grosser .Schimmel gefiel mir ganz ausserordentlich. 22 Der Erzieher des Hauses, ein langer Mohr, zeigte ihn uns. Dieser Schwarze, noch Sclave, begann seine Carrière als ungefährlicher Gesellschafter der Damen, er zeigte aber so viele Talente, lernte so gut französisch, dass er jetzt Erzieher bei dem .Sohne, ich glaube, des Finanzministers ist. Ein grosser Diamant glänzte an seiner spinnenartigen Hand. Die Pferde werden schlecht vorgeführt, respective geritten. Auf äusserst beschränktem Raume, einem kleinen Hofe, einer engen, in Winkeln gehenden Strasse wird das Pferd in Carrière herumgetrieben, scharf parirt, gewendet, dann wieder gejagt, den Trab bekommt man kaum zu sehen. Nur der Schimmelreiter zeigte den wundervollen Gang des Thieres mit richtigem Verständnisse. Einige schöne schwersilberne Halfter, welche ich bei dieser Gelegenheit sah, würde ich mir gern verschaffen. Nachmittags Ritt zu dem kleinen versteinerten Walde. Durch das Labyrinth kleiner Gassen und Gässchen jagten unsere Esel, gefolgt von den sie stets schlagenden Eseljungen, durch das zierliche Thor Bab el-Futuh an Bab en- Nasr vorbei. Die Wüste beginnt unmittelbar an den Häusern, die Khalifengräber stehen schon in derselben. Eine Karawane, vom Berge Sinai kommend, zog an uns vorbei im langsam gemessenen Schritt der Kameele. Fünf Tage von Suez ohne Wasser! Durch leicht hügeliges Terrain, stellenweise einige ausgewaschene Felsen, zottelten unsere Esel lustig weiter. Nicht die geringste Vegetation, nur in den Vertiefungen hie und da eine kleine Fettpflanze. Da hielten wir plötzlich. Es ist der versteinerte Wald! Das hatten wir uns anders gedacht. Wir dachten an den heimischen Begriff von Wald, hier waren es blos versteinerte Holzstücke, zum Theil vom Sand leicht verdeckte, Versteinerter Wald. WWW > £ £=ay^~. deutlich erkennbare ganze Stämme. Lachend stiegen wir von unseren Grauthieren und nahmen im Schatten (?) dieses Waldes einige Erfrischungen ein. Nachdem sich die Enttäuschung des ersten Momentes verzogen hatte, begaben wir uns auf die Suche und jeder von uns nahm einige Stücke mit, die den vollen Charakter des Holzes trugen, ich ein grosses Stück für die Forstlehranstalt Weisswasser. Der Heimritt an einer Mosesquelle vorbei führte uns auf das Mokatamgebirge. Ganz begeistert von der wundervollen Aussicht, der schönsten, die wir noch gesehen hatten, warteten wir den Sonnenuntergang ab mit seinen Beleuchtungseffecten. Die Aussicht, dieselbe, nur viel grossartiger wie von der Citadelle, zeigt uns diese und die Mohammed Ali-Moschee im Vordergründe und diirüber hinaus die ganze Pracht Aegyptens. In toller Jagd ging es an der Moschee Sultan Hassan vorbei über den Boulevard Mohammed Ali zurück. Es war finster, als wir beim Hotel anlangten. Am 27. Jänner. Sonntag. In die Messe durch verschiedene kleine Strassen, durch Unrath aller Art, Geschrei und Handeln, denn hier ist es heute Wochentag, während Freitag der Gebettag ist, kamen wir zum Franciscanercon- vent. In der Kirche Männer mit Fez, Frauen in türkischer — 24 Kleidung, dem schwarzseidenen Ueberwurfe, Koptinnen. Diese Kirche gehört der Mission für Aegypten, eine zweite der Mission für Centralafrika und eine dritte steht unter österreichischem Schutze. Nach der Messe durch die Muski mit ihrem Ge wühle. Von einem Minaret rief der Muezzin zum Gebet. Nachmittag in das Museum von Bulagh unter der liebenswürdigen Führung von Emil Brugsch Bey, Custos im Museum, einem Bruder des berühmten Aegyptologen Brugsch Pascha. Wir wurden nur zu dem Sehenswerthesten geführt. Beginnend bei den ältesten Denkmälern, ganz wundervoll ausgeführten Statuen, prächtigen Malereien von der Zeit um 3500 v. Chr., die von der höchsten Kunstfertigkeit und Vollkommenheit der Technik Zeugniss geben, bis zu den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung, in welcher die primitivste Auffassung zum Ausdrucke kommt; welch’ merkwürdiger Rückschritt! Wie kann im selben Lande die Kunst und Technik so ganz verloren gehen? Es ist wohl nur zu erklären durch vielleicht Jahrhunderte lange kriegerische Umwälzungen, durch ein Ueberfluthen des Landes mit fremden Völkern, und durch den Umstand, dass die Kunstschätze der alten Zeit, verborgen in den Gräbern, verschüttet durch den Sand der Wüste, unzugänglich waren den Blicken der Nachwelt, bis sie der Forschersinn neuester Zeit erst wieder der Bewunderung zugänglich machte. Auch wundervollen Schmuck entnahm man den Mumiengräbern. Die Mumien der Könige wurden uns gezeigt, manche, wohlerhalten, Hessen die Züge deutlich erkennen, während andere den Charakter der Todtenköpfe tragen. Das Museum, unter der Direction eines Franzosen stehend, erhält jährlich von der Regierung 3 o.ooo Francs für Besoldungen und für Ankäufe. Ausserdem fliesst demselben die neu eingeführte Taxe von einem Pfund Sterling zu, welche jeder Reisende in Oberägypten für die Besichtigung der dortigen Alterthümer erlegen muss. Das letzte Jahr betrug diese Steuer 25.000 Pfund Sterling. Doubletten des Museums, sowie alte Gegenstände minderer Bedeutung werden den Fremden unter Garantie der Direction verkauft. Aus den Schätzen des Alterthums ging es wieder hinaus in das bewegte Leben. Heute galt der Besuch der Schubra- Allee. Dieser früher berühmte Corso der Cairenser ist aus der Mode gekommen; man begegnet nur wenigen, offenbar misanthropischen Wagen und vereinzelten Reitern. Das Palais Kasr en-Nuzha, seinerzeit von unserem Kronprinzen bewohnt, jetzt Schule. Am Ende der Allee das Dorf Schubra mit dem viceköniglichen Garten, verwahrlost wie Alles im Orient, dennoch poetisch entzückend durch die üppige Vegetation. Alles grünt, blüht und reift zugleich. Das grosse Bassin aus weissem Marmor inmitten eines von vier Kiosken flan- kirten Gebäudes sehenswerth. Hier schwelgten Mohammed Ali und Ismael Pascha; hier entwickelte sich das sinnberückende Leben des Orientalen mit seinem Harem: „Tausend und eine Nacht“. Nach einem recht gemüthlichen Afternoon-tea bei R. kehrten wir heim. 28. Jänner. Gang in die Muski und Einkäufe. Langes Handeln, Feilschen, Kaffee mit Cigaretten-Anbieten, Fordern etc. Der Betrag, der verlangt wird, sehr hoch — das Angebot, das man macht, ein solches, dass man fürchtet, — 26 hinausgeworfen zu werden, und doch bekommt man um dasselbe das Gewünschte, und hat dann natürlich noch das Gefühl, zu viel gezahlt zu haben. Hierauf Besuch bei Moekl Bey, dem Polizeigewaltigen Cairos; ehemaliger österreichischer Officier. Sehr liebenswürdig, führt er strenges Regiment; es herrscht überall Ordnung. Die Stallungen sauber, Sattelzeug brillant. Die Feuerspritzen in nicht i y 2 Minuten zur Ausfahrt bereit. Alles „Habt x\cht“. Es ist die Ordnung der Heimat im türkischen Kleide. Die Gefängnisse, stark besetzt, besichtigt: ein Winkelwerk von Zimmern, Höfen, Gängen. Eine Menge von verschlossenen Thüren werden passirt. Ueberall präsentirende Schildwachen. Die Gefangenen, immer viele beisammen, da der Platz für Einzelnhaft fehlt, dürfen ihre Teppiche mitbringen; erhalten ihre Nahrung theilweise durch ihre Angehörigen. Alle Freitage dürfen sje von denselben besucht werden. Körperstrafen nur im Falle von Renitenz. Nachmittag Ausflug nach Martarije. Straussenzucht einer französischen Gesellschaft; ein guter Strauss trägt jährlich einen Erlös bis 1200 Francs. Der Marienbaum, eine uralte Sykamore, unter deren Schatten die Mutter des Heilands bei der Flucht nach Aegypten gerastet haben soll. Man hat über 2000 Jahre alte Sykamoren gefunden, so dass diese Sage, die sich erhalten hat, wahr sein kann, und mit gläubigem Sinne steht man vor diesem ehrwürdigen Baume. Der Garten, der ihn umgibt, wurde der Kaiserin Plug'enie geschenkt; sie soll ihn wiederum einem Frauenkloster gegeben haben. Der Obelisk von Pleliopolis ragt als einziges Ueber- bleibsel dieser Stadt hervor. Sein Seitenstück — denn Obelisken wurden stets paarweise gesetzt — fehlt; er ist auf zwei Seiten wohlerhalten, auf den anderen von Bienen, welche die Hieroglyphen als Standquartier benützen, arg zerstört. Bei Prinz Achmed Pferde besichtigt, ein prachtvoller Schimmelhengst, edelster Araber, zu sehen. Ein Beduinen- scheik, der vor Kurzem mit Pferden für Achmed Pascha gekommen war, machte uns die Plonneurs, zeigte sein Pferd und Sattelzeug und trug uns dasselbe nach orientalischer Sitte zum Geschenke an. Ein schöner Typus eines Beduinen, wundervolles Costüm, der Burnus auf dem Kopfe mit einer doppelten schwarz-goldenen Schnur gehalten; Ringe an den Fingern, sein schwarzer Sclave in respectvoller Entfernung von ihm. Die Rückfracht dieses Beduinen soll aus Sclavinnen bestehen, die er in Cairo kauft, denn trotz aller Verbote soll dieser Handel noch immer floriren, wird auch wohl, so lange Religion und Sitten der Orientalen bestehen, nicht verschwinden. Prinz Achmed ist der Sohn des Prinzen Hassan, eines Bruders Ismail Paschas, der im Nil ertrunken ist. Er führt halb und halb das Leben eines Beduinen, sein Lieblingsaufenthalt eben hier in Martarije, hart am Rande der Wüste, umgeben von seinen Pferden, obwohl er zwei prachtvolle Paläste in der Stadt besitzt. Er liebt seine Mutter, die sich nach dem Tode Hassans von der ersten Frau desselben getrennt und ihres Sohnes Vermögen verwaltet und vermehrt hat, leidenschaftlich, und als er über Befehl des früheren Khedive eine Frau nehmen musste, erklärte er, sie augenblicklich zu verstossen, wde sie die schuldige Ehrfurcht der Mutter versagten würde, und er hielt Wort: nach sechs Wochen verjagte er seine Gattin! Arthur Bey Zimmermann, der seit vierzig- Jahren im Orient, seit dreissig vorwiegend in Cairo lebt, erzählte uns diese und viele andere Details. — Er kannte die berühmte Lady Stanhope, die als Araberin lebte, Lady D., für die seinerzeit F. S. schwärmte, eine Dame, welche — nachdem sie drei Männer gehabt hatte, mit 65 Jahren den Führer eines Araberstammes, den Scheik Amr heiratete, ihm ihr Vermögen zuführte und mit ihm in der Wüste herumzog, bald verfolgt von anderen Beduinenstämmen, meist siegreich Andere verdrängend. Ueberall war sie mit ihm. Voriges Jahr erst starb sie. — Was mag aus ihrer französischen Kammerjungfer geworden sein? Pyramiden von Gizeh. \j—JOTj II. Nilfahrt. .bends wurde gepackt und am 29. Jan >■ ■ 1 p.'iin c ner Früh für die Nilfahrt auf den „Rameses“ eingeschifft. Wir waren zeitig an Bord gegangen, so dass wir den ganzen Lärm der Einschiffung von Reisenden mit ihrem Gepäck, von Vorräthen etc. mitmachten. Ein Riesenbaumstamm wurde auch noch auf das Schiff gebracht. Zu was soll der wohl dienen? Etwa als Brennmaterial, wenn es zu kalt werden sollte? Nicht doch: er war für eine Dahabije „Herodotus“ bestimmt, die bei Siut ihren Mastbaum gebrochen hatte. Endlich war Alles an Bord, zum Theile auf Deck, zum Theile in den Cabinen untergebracht. Wir hatten eine g-rosse, eigentlich für kranke Personen bestimmte Cabine, in der wir Raum hatten für unsere Sachen. Solcher Cabinen gibt es auf jedem Cook’schen Dampfer nur zwei. Sie kosten entsprechend mehr, haben aber den Vortheil, kleine Zimmer zu sein. Die anderen Cabinen sind entsetzlich beschränkt für eine dreiwöchentliche Reise, denn drei Wochen sind wir jetzt 1 3o auf diesem Schiffe. Im Ganzen 67 Reisende und der Arzt Dr. Fraser, ein Schotte, der in Prag einen Winter studirt hat; er macht einen äusserst angenehmen Eindruck. Die ganze Reisegesellschaft bloslingländerund Amerikaner beiderlei Geschlechtes: da heisst es „how do you do“ zu „speaken 1 ' Zwei deutsche alte Jungfern sind auch da, scheinen rechte Blaustrümpfe zu sein; sie sind ganz angesaugt von Baedeker -Weisheit dSÜMlu-WJJ ■ MW» Das heutige Memphis. und werfen nur mit den ägyptischen K önigen aller Dynastien herum, als wären es ihre Vettern. Um io Uhr dampfte der „Rameses“, welcher grosse Flaggengalla angelegt hatte, von der Brücke Kasr en-Nil ab. Zuerst villenartige Gebäude und Gärten, der Blick auf Alt- Cairo, die Citadelle, die Mohammed Ali-Moschee mit ihren schlanken Minarets, das Mokatamgebirge. Immer mehr verschwindet all’ dies im blauen Dunste der Ferne. Wir erreichen Bedraschen. Der Dampfer legt an, man begibt sich ans Land in einen Menschen- und Eselknäuel. Obligates Geschrei. Jeder Eseltreiber will sich eines Reisenden bemächtigen. Alles sitzt auf: Alt und jung, Herren und Damen, und fort geht es im Galopp am Dorfe vorbei..Unzählige Kinder strecken ihre Hände aus und rufen lachend ihr „Bakschisch“. Sie glauben wohl selbst nicht, dass sie einen erhalten. Bei einer verstümmelten Kolossalstatue Ramses II., die am Boden liegt, wird der erste Halt gemacht; sie wurde im Jahre 1820 gefunden und stand ursprünglich vor dem dem Ptah-Osiris, dem Hauptgotte von Memphis geweihten Tempel, dessen verschüttete Trümmerhaufen wir passirten. AVeiter ging es nach Sakhara mit seiner Stufenpyramide, während die Pyramiden von Dahschur, unter diesen die Knickpyramide, so genannt, weil sie im gebrochenen Winkel gebaut ist, westlich bleiben. Nach einstündigem Ritte erreichen wir den Rand der Wüste; in tiefem Sande erklomm unsere Karavane, die langgezogen war, je nach der Schnelligkeit der Thiere und dem Bestreben der Reiter, vorwärts zu kommen oder gemächlich zu reiten, den kleinen Hügel, auf welchem die Alterthümer stehen. Die Stufenpyramide links lassend, hielten wir zuerst vor Mariette’s Haus, welches dieser Schweizer Gelehrte während seiner Forschungen bewohnte. 32 Stufenpyramide von Sakhara. Unser erster Besuch galt dem Serapeum, dem Begräbnissorte der Apisstiere. Im Felsen ausgehauen ist ein 350 Meter langer, 3 Meter breiter und 6 Meter hoher Gang, an dem rechts und links in grossen Nischen die jetzt leeren 4 grossen Granit- und Sandstein-Sarkophage dieser heiligen Stiere stehen. Mariette fand alle Sarkophage bis auf zwei der Mumien sowohl als des sonstigen Inhaltes beraubt. Ein Sarkophag wurde von uns näher besichtigt, er trägt Hieroglyphenzeichen auf allen Seiten. Die Mastaba des Ti, eine grossartig ausgestattete Grabhalle, wurde hierauf besucht; die Wände von oben bis unten wundervoll ausgeschmückt mit allerhand Darstellungen aus dem Leben der Menschen mit ihren verschiedenen Beschäftigungen; Thiere aller Art, theilweise in den feinen Kalkstein eingeschnitten, wie die zartesten Zeichnungen, theilweise auch mit aufgetragenen P'arben. Die Gestalt des Ti selbst durch die besondere Grösse erkennbar. Die Bauten von Sakhara rühren von der fünften Dynastie, circa 33oo Jahre v. Chr. her. Der Heimritt wieder sehr lustig. Auch die Esel Aegyptens lieben es, nach Haus zu laufen, denn es ging viel rascher, — 33 — dazwischen viel Gelächter. Einer oder der Andere fiel, ohne Schaden zu nehmen, in den weichen Sand, da drehte sich ein Sattel, dort riss ein Bügel. Alles in der besten Laune. „Yalla, yalla“, d. h. vorwärts, dazwischen wieder ein „slow- ly“ von ängstlichen Damen, so kamen wir wieder am Ufer, empfangen von den „Bakschisch“-Rufen, an. Die ganze jugendliche Bevölkerung" hatte sich eingefunden, sie standen im Wasser, sie standen am Ufer und erbaten eine Gabe; mit dem hochaufgehobenen einzigen Gewände wurde die zugeworfene Münze erhascht oder im Knäuel um dieselbe gekämpft. Endlich stiessen wir ab; es war Zeit, denn die englischen Misses hatten- genug gesehen. Wir fuhren noch bis zur einbrechenden Dunkelheit, dann rasselte der Anker nieder. Die Sonne war prachtvoll untergegangen; golden erglänzte der Abendhimmel, von dem sich scharf die Silhouetten der auf dem hohen Nilufer dahinziehenden Menschen und Thiere abhoben. Die vielen Palmen mit den schlanken Stämmen und den zarten Kronen brauchen einen solchen Elintergrund, um bezaubernd zu wirken. 30. Jänner. Die falsche Pyramide von Medün begrüsst uns am Morgen. Das Schiff fuhr den ganzen Tag ohne zu halten. In unendlicher Abwechslung und doch wieder eintönig ernst erscheinen uns die Ufer, grosse Sandbänke, auf denen allerhand Wasserwild steht, Pelikane, Reiher und Entenarten; dann wieder fruchtbares, bebautes Land; Schöpfwerke, entweder getrieben durch ein von einem Büffel gezogenes knarrendes Rad, oder solche, an denen in drei Absätzen das befruchtende Wasser des Nil in Körben hinaufgehoben wird; einzelne Dörfer und Städte, von Bäumen umgeben, überall reges Leben. Viele Schiffe am Flusse, mit gespannten doppelten Segeln, von Weitem aussehend wie die Flügel von sich herablassenden Möven; Dahabijen, diese Franz Graf Th., Eine Orientreise. 3 3 4 reisenden Villen, in der Bergfahrt begriffen oder hinabfahrend nach Cairo am Ende der Fahrt. Zuckerfabriken mit rauchendem Schlot; die Eisenbahn mit den Telegraphenstangen, ein hässlicher Contrast in diesem Lande, wo man das Gefühl hat, dass Alles, was man sieht, gerade so und nicht anders vor Jahrtausenden eingerichtet war. Bei Beni Suef Zelte und Fahnen; aufgestellte Polizeisoldaten zu Pferd und zu Fuss unserem Schiffe die militärischen Ehren erweisend. Doch nein, der Gruss galt nicht uns, sondern der Schwiegergrossmutter des Khedive, die auf dem Nile reiste. Etwas weiter auf einer Sandbank waren ihre Zelte, daneben schön geschmückte Regierungsdampfer. Alle Gläser richteten sich hin. Eine Dame, schwarz und verschleiert, ging mit einem Sonnenschirm spazieren. Ein langer schwarzer Tugendwächter neben ihr: er grüsste uns mit weissem Tuch, wir erwiderten es, und bum, bum! erdröhnten zwei Salutschüsse aus irgend welchen Mörsern des Schiffes. Abends improvisirter Ball an Bord; Alles drehte sich lustig im Kreis, während Anna und zwei andere Damen abwechselnd das Orchester besorgten. Ich unterhielt mich während dessen mit einem sehr angenehmen englischen Cavallerie - Obersten Sir J. C. R. und dem ehemaligen Schiffscapitän Sir Lambton L. Wir blieben die Nacht bei Maghara. 31. Jänner. Vor Sonnenaufgang ein Gewitter, ich hörte es nicht. Seit 1 / 2 6 Früh fuhren wir wieder; ganz flache Gegend, doch bald traten die Berge der arabischen Wüste bis knapp an den Fluss heran, und wieder machten sie fruchtbarem Lande Platz, um abermals unsere Begleiter zu w erden. Es ist der Berg Gebel el-Ten mit dem koptischen Kloster Der Sitte Mirjam el-Adra (d. h. Kloster der Herrin Maria, der Jungfrau); früher hatten die Mönche die Gewohnheit, an das - 3 S - Schiff heranzuschwimmen, um Gaben zu erbitten; leider hat ihr Patriarch aus Schicklichkeitsrücksichten dieses Vergnügen eingestellt. — Ein prachtvoller, mitten in Palmen liegender Ort auf der arabischen Seite. Jetzt sind wir auf einer Sandbank aufgefahren; wir sitzen fest, obwohl wir nur einen Tiefgang von 2 1 / 2 Fuss haben. Man fährt häufig an und auf, so dass sich Niemand darüber aufregt; es wird dann mit Stangen abgestossen, die Maschine arbeitet mit Kraft, und man gleitet wieder über den Sand dahin. An Minje vorbei, einer grösseren Stadt mit vicekönig- lichem Schloss. Nachmittag wurde in Beni Hassan gelandet. Eine Menge Esel erwartete uns am Ufer, umgeben von ihren Führern und einer grossen Zahl „Bakschisch“ erwartender, blauhemdiger, braunfarbener Burschen. Drei berittene Polizisten hielten Ordnung, d. h. von Zeit zu Zeit theilten sie an die Menschenmasse Hiebe aus, so dass diese, verfolgt von den Armen der Gerechtigkeit, weit auseinanderstob, um allsogleich zurückzukehren. Hierauf erneuert sich dasselbe Bild. Mittlerweile wurden Sättel für Damen und Herren ans Land gebracht und auf die Thiere gelegt, ohne Rücksicht auf die Grössen derselben. Daher viele heitere Episoden; hier drehte sich ein Sattel beim Aufsitzen vollkommen, dort wieder war das Thier so jung und schwach, dass es die Last von Reiter und Sattel nicht tragen konnte. Manche, die schnell sich aufgeschwungen hatten und fortzottelten, büssten die Eile durch einen späteren Sturz in den weichen warmen Sand. Anna hatte zuerst ein zu schwaches Thier, ein zweites entsprach leidlich, doch war es unter keiner Bedingung in eine schärfere Gangart zu bringen. N. und ich schleiften unsere Füsse am Boden, denn wir hatten reine Zwergesel erhascht, doch gingen sie gut. Endlich war die ganze Gesellschaft nach halbstündigem 3 * 36 Ritt bei dem ersten Felsengrabe, einem aus dem Kalksteine herausgehauenen geräumigen Zimmer mit einer Vorhalle. Spuren an der Decke zeigten, dass einst Pfeiler dagestanden waren. Dann ging es auf die halbe Höhe der hier das Nilthal begleitenden felsigen Hügel. Etwa fünfzehn Felsengräber liegen nebeneinander, manche einfach ohne Schmuck mit den Resten verschiedener Säulen, vier-, acht- und sechzehneckig, cannelirt und glatt mit dorischen, oder besser gesagt, protodorischen, gedrungenen Capitälen, eine mit den Lotosblattverzierungen. Hier der erste Uebergang des Pfeilers in die Säule. Auch die ersten Anläufe zu weiterer architektonischer Auffassung liegen vor. Es entwickelt sich die Gebälkbildung; der Architravbalken erscheint, ebenso wie ein stark ausladendes Gesims, von sparrenförmig vorspringenden Latten gestützt. Alles aus dem natürlichen Felsen gehauen; die Decke flach, die Zwischenwände zwischen den einzelnen Felsengräbern kaum mehr als fussstark. Die beiden nördlichsten sind zierlich, über und über mit Abbildungen bedeckt. Verschiedene Arbeiten und Beschäftigungen, Schmiede, Glasbläser, Töpfer etc., Ernte, Fischfang, Jagd; Thiergattungen, Ringkämpfe, Kähne auf dem Wasser. Wenn auch etwas verblasst, ist doch die prachtvolle Ausführung- noch immer deutlich zu erkennen. Die Gräber sind unter der XII. Dynastie, d. i. zwischen 2460—2260 v. Chr., und zwar unter Usertisen entstanden; das eine gehört einem gewissen Ameni, Verwalter unter diesem Herrscher, das zweite war das Grab des Chnumhotep, der dem Könige Amenemha II. diente. Die Anderen sind unbekannt. Von den Gräbern a us prachtvolle Aussicht über das flache jenseitige Ufer. Lustig ging es zum Schiffe zurück, wo die Katzenmumien verkaufende und „Bakschisch“ erbittende Be- völkerung Beni Hassans uns erwartete. Sie steht in üblem Ruf, besteht grösstentheils aus Dieben, und einmal schon wurde der Ort von Mohammed Ali wegen häufiger Räubereien zerstört. Mit grossem Geschrei standen sie am Ufer, bis über die Hüften im Wasser, um zugeworfene Geldstücke zu erhaschen. Abend am Nil. Das Schiff setzte seine Fahrt fort und erreichte Abends Rhoda. Prachtvoller Sonnenuntergang; der ganze Himmel ein Feuermeer, nachdem das Tagesgestirn zu Rüste gegangen war. Besichtigung einer der grossen Zuckerfabriken, deren es längs der ganzen Fahrt sehr viele gibt. Gegründet von Ismael Pascha, gehören sie jetzt alle der Regierung. Tägliche Erzeugung 1000 Metercentner Zucker aus i 3 .ooo Meter- centner Zuckerrohr. Dieses wird gebrochen und ausgequetscht. Der weitere Process wie in unseren Fabriken, nur sind die Säfte viel reiner, brauchen daher weniger Saturation. Die Campagne dauert ungefähr 2 x / 2 Monate. m B — 38 — Der Metercentner Zuckerrohr kostet -nach unserem Gelde beiläufig 60 Kreuzer; der Metercentner Zucker wird mit circa 16 Gulden verkauft. i. Februar. Sehr kalter Morgen. Das linke Ufer flach, während die Berge der arabischen Wüste auf dem rechten Ufer bis hart an das Wasser reichen. Der Bergrücken Djebel Abu Foda, mit seinem schroffen Kalkfelsen zum Theile überragend, erhebt sich aus den Fluthen. Dann verflacht sich auch das rechte Ufer wieder. Wüste und üppig grüne Felder reichen sich die Hände. Palmenbäume mit ihren zierlichen Wipfeln bezeichnen die Orte, an denen wir vorüberfahren. Von Weitem sieht man schon den Hügel, an dessen Fuss Siut liegt. In weiten Krümmungen fliesst der Nil zwischen flachen Ufern dahin, sodass man erst Nachmittag diesen stattlichen Ort, den Sitz eines Mudir und bedeutenden Handelsplatz, erreicht. Wir legen zugleich mit dem von oben kommenden Dampfer „Prince Abbas“, ebenfalls Cook gehörig, an. Schnell gingen wir ans Land, bestiegen grosse, vortreffliche Esel und galoppirten, gefolgt von den Eseltreibern, in die Stadt, die mitten im fruchtbarsten Lande, eine halbe Stunde vom Flusse entfernt ist. Zahlreiche Minarets schmücken die aus ungebrannten Ziegeln gebaute Stadt. Ueber eine Brücke durch das Stadtthor hinein in das Gewühl der Menschen, welches sich in dem engen, oben mit Matten geschlossenen Bazar zu dichtem Gedränge staute. In endloser Reihe Läden von Schuhmachern, welche die rothen, in die Spitze laufenden Pantoffeln zum Kaufe an- boten; daneben wieder Stoffe, meist europäischen Ursprunges, Schmuckgegenstände, Esswaren, Drechsler- und sehr nette Thonwaren. Der Weg kaum zwei Klafter breit und voll von einer hin und herwogenden Menschenmenge. Da- mm ■r - 3g - zwischen Reiter, beladene Esel und Kameele, kleine Wagen, ambulante Kaufläden, von den Verkäufern geschoben. Siut war früher der grösste Sclavenmarkt, als Ausgangspunkt der Handels- strassenachdemDar-Fur. Es hat viele Färbereien. Den ganzen Tag war unser Schiff die reine Schreibfabrik, alle Plätze von Briefschreibern besetzt; denn Abends mussten Briefe in die Heimat expedirt werden, wäh- renddiePostuns ersehnte Nachricht von zu Plause brachte. Ist doch ein Brief von den lieben Angehörigen, wenn man fern von der Heimat weilt, die grösste Freude! Es ist das trait d’union mit Allem, was man Liebes im Vaterlande hat. Uns war der Abend allerdings ein Trauerabend. Der Telegraph brachte uns die Botschaft von dem plötzlichen Tode unseres Kronprinzen! Was für ein tiefer Schmerz erfüllt unseren allgeliebten kaiserlichen Herrn und mit ihm ganz Oesterreich! Mit hervorragenden geistigen Eigenschaften ausgestattet, von edler Gesinnung, war der Thronerbe des Reiches Strasse in Siut. 40 geliebt von den Völkern, waren diese bereit, ihm, wenn er dereinst den habsburgischen Thron bestiegen hätte, die gleiche dynastische Treue, die gleiche loyale Liebe zu weihen, wie dem Vater. Jetzt hat ihn Gott'zu sich gerufen und thränenerfüllten Auges steht Oesterreich an der Bahre. Armer Kaiser! 2. Februar. In grossem Trujop ritten wir auf unseren guten Eseln durch die Stadt hinaus auf den Hügel nordwestlich von derselben, auf dessen halber Höhe mehrere Felsengräber aus derZeit der XIII. Dynastie, der dertlyksos (Könige der Wandervölker) um 2000 v. Chr. liegen. Grosse geräumige Felsenhallen mit Spuren alter Bemalung und verschiedenen, allerdings recht beschädigten Darstellungen geschmückt. Auf dem Hügel, der dann erklommen wurde, und bereits Wüste ist, eine unvergleichliche Aussicht. Zu unseren Füssen Siut mit seinen zahlreichen, schlanken Minarets, daran anstossend eine weissgetünchte mohammedanische Begräbnissstadt mit kleinen Kuppeln. Das grüne, fruchtbare Land, der breit dahinziehende Strom mit den weissen Segeln, in der Ferne der Bahr Jusuf (Josefs- Canal), der das befruchtende Wasser in das Fayum bringt. Eingerahmt ist das ganze lachende Bild durch die Berge der arabischen und der libyschen Wüste. Viel Landvolk zog von allen Seiten in die Stadt, denn dort war Markt. Auf dem grossen Platze standen dicht gedrängt Rinder, Büffel, Schafe, Esel, Pferde und Kameele zum Verkauf; auch Früchte des Bodens suchten den Käufer. Nur mühsam, fortwährend schreiend, drangen wir durch diese Thier- und Menschenmenagerie, besuchten noch einmal die Bazarstrasse und kehrten gegen Mittag an Bord zurück. — 41 — Wir lichteten die Anker und setzten unsere Fahrt in südlicher Richtung fort. Abu Tig, ein grosser Ort in Palmenumgebung, wurde passirt und bei Maragha die Nacht zugebracht. Am 3. Februar, Sonntag, und den halben 4. fuhren wir ohne Aufenthalt stromaufwärts. Abwechselnd fruchtbares und wieder wüstes Land, zeitweise schroffe Felsen auf dem arabischen Ufer. Beliahne. An Sohäg, el-Achmin, Girgeh, grösseren in Baumgruppen stehenden Städten, an Beliahne und anderen Orten zogen wir vorbei ■— ein reines Wandelpanorama. In der grössten Monotonie liegen die Ufer vor den Augen und doch ist fortwährende Abwechslung. Die verschiedenen Farben der Flächen und Berge, wechselnd nach der geologischen Beschaffenheit und nach dem Stande der Sonne, von grellstem Lichtgelb bis zum Röthlich-violett des Abends. An den Ufern unermüdlich Wasser schöpfende Fellachen, nur mit einem Gürtel bekleidet, der sengenden Sonne trotzend. Am Abend heimkehrende Heerden. * s — 42 — Bei Keneh landeten wir. Esel standen bereit, die rasch bestiegen, uns mit ihrem hurtigen Schritt nach einer halben Stunde zu dem Tempel von Dendera brachten. Dem Gotte Ilathor gewidmet, war hier eine der hervorragendsten Cultusstätten dieses Gottes, dieses Symbols des vergötterten Weltalls. Schon um 3ooo v. Chr. stand der Tempel; als er verfiel, erbaute ihn Tutmos III. um 1600 v. Chr. nach Plänen des Königs Cheops von Neuem. Doch auch dieser Bau fiel der Zeit zum Opfer, und so entstand denn genau nach den alten Formen dieses Ileiligthum unter den letzten Ptolemäern und den ersten römischen Kaisern und wurde erst von Trajan vollendet. Dank dieser späten Bauzeit ist der Tempel vortrefflich erhalten und bietet dem Reisenden ein äusserst lehrreiches Bild eines ägyptischen Heiligthums. Eine grosse Vorhalle (Pronaos) mit 24 mächtigen Säulen, die mit je vier Hathormasken geschmückt sind, auf denen sich kleine Tempelchen als Capitäle erheben: sehr merkwürdig und nett gearbeitet, bedeuten sie doch offenbar den Verfall der Kunst, die zur Künstelei wird. An den Pronaos stösst eine auf sechs Säulen ruhende, mit Seitengemächern flankirte Halle „Festsaal ihrer Heiligkeit“, hieran der kleine Saal des Opfertisches. Zwischen diesem und dem Allerheiligsten, dem Adytum, lag noch der Mittelsaal. Das Adytum ist ein Gebäude für sich im grossen Raume. Ein breiter Gang läuft um ihn herum, gegen welchen sich wieder eine Reihe von kleineren Gemächern öffnet, die verschiedenen gottesdienstlichen Verrichtungen zu dienen hatten. Zwei Stiegen führen auf die Plattform, in deren nordwestlicher Ecke abermals ein kleines, zwölfsäuliges Tempelchen steht, in welchem eine der Hauptceremonien, „das Anschauen der Sonnenscheibe“, gefeiert wurde. In unmittelbarer Nähe stehen noch 43 zwei kleine ; der Göttin Isis geweihte Tempel. xAlle Wand- flachen im Innern wie aussen sind über und über mit fein in den Stein gemeisselten Abbildungen überdeckt, die sich zum grossen Theile auf religiöse Verrichtungen beziehen. Die Könige wie die Götter werden immer weit über lebensgross dargestellt. Erstere reichen ihre Opfergaben dar, während die Götter ihnen das ewige Leben gewähren; versinnbildlicht ist dies durch einen an einen kurzen, kreuzförmigen Stab befestigten eiförmigen Ring, einen Reif, der, ohne Ende, die Ewigkeit bedeutet. Die Gottheit hält diesen sogenannten Nilschlüssel entweder gegen den Mund oder umgibt diesen mit einem ganzen Kranz derartiger Reife. An die Könige schliessen sich Priester an, mit Leopardenfellen bedeckt, Opferthiere und Früchte, dazwischen Hieroglyphen. Ueberall deutlich Farben zu sehen, darunter sehr lebhafte. Die Decken blau mit goldenen Sternen, auch wohl mit astronomischen Zeichen; über jedem Eingang die geflügelte Sonnenscheibe. Die Grossartigkeit der ganzen Anlage ruft eine bedeutende AVirkung hervor. Das Schiff setzte seine Fahrt fort und brachte uns gegen 5 Uhr Nachmittags nach Luksor. Alles stand begierig auf Deck. Von AA'Vitem schon hatten wir grosse, aus der Ebene sich erhebende Baureste erblickt, Pylonen, diese mächtigen Eingangspforten ägyptischer Tempel, und die Obelisken von Karnak. Dann erschienen die Gebäude von Luksor, die Consulate beflaggt, wie die Schiffe am Ufer, Salutschüsse, eine wogende Menschenmenge, dazwischen ernst und weihevoll die grossartigen Reste des Tempels von Luksor. In die alten, wie für die Ewigkeit errichteten Gebäude nistet sich der Mensch von heute mit seinen elenden Hütten ein. Schutt, Sand und Unrath von Jahrhunderten stapelt sich auf. Die Pracht der alten Zeit versänke mehr 44 und mehr, wenn nicht die Bestrebungen der letzten Zeit wieder auf die Blosslegung all’ dieser Schätze gerichtet wäre. Die Häuser in dem Tempelgebiete verschwinden nach und nach, die Schuttmassen werden langsam entfernt; der Tempel soll bis ans Ufer hin freigelegt werden. Wie sich an beiden Ufern des Flusses nur die eine Stadt, Theben, erhob, deren Trümmer und Ueberbleibsel wir in den Tagen von 5. bis 7. Februar sehen sollten, so soll auch diese Beschreibung möglichst einheitlich sein, sich nicht ängstlich an die Reihenfolge des Gesehenen und Erlebten anschliessen; es war eine Art langer Tag, den wir durchlebten; diesem Eindruck soll sich auch das Tagebuch anpassen. Die Beschreibung jeder Einzelnheit und das Versehen derselben mit Namen und Jahreszahl überlässt man ruhig bewährteren Federn. Während Theben in ältester Zeit nur der Sitz von Gaufürsten war und selbst die sich von diesen ableitende XII. Dynastie (2460 v. Chr.) ihren Aufenthalt in Mittel- ägypten bei Beni Hassan nahm, hat erst das sogenannte neue Reich, 1650 v. Chr. beginnend, Theben zur Hauptstadt gewählt, und die hervorragendsten und siegreichsten Herrscher hatten hier ihre Residenz. Unter ihnen entstand, nach und nach sich erweiternd, jene Stadt, die — wie griechische Dichter sagen — hundertthorig war und 3 Millionen Einwohner zählte, darunter 1 Million Krieger, denn aus jedem Thore marschirten gleichzeitig 10.000 Mann aus. AVeit von einander liegen daher die grossartigen Ruinen und doch zum Theil wieder miteinander verbunden. Und an diese Riesenstadt, an den Sitz herrschender, siegreicher Macht schliesst sich, in die Felsen gehauen, die grossartigste Todten- stadt an: Felsengrab an Felsengrab, bergend die Leichen der Könige und der Würdenträger des Reiches. stim — 45 — Der Riesentempel oder besser der Tempelcomplex von Karnak — denn es ist eine Reihe von zum Theile in einander gebauten Gotteshäusern — entbehrt in Folge dessen eines einheitlichen Charakters: haben doch zwei Jahrtausende an demselben gebaut. Eine grosse Widdersphynx-Allee, jetzt arg- verstümmelt, verband ihn seinerzeit mit dem Tempel von Luksor, während auf der Westseite eine solche bis an den Nil führte und jenseits ihre Fortsetzung bis zum Tempel von Ivurna fand. Riesige, über einander gefallene Granitblöcke von Kolossalfiguren Ramses’ II., von Obelisken, von dem Decken- gebälke, wie von den Mauern sind hoch aufgethürmt. Ein Erdbeben soll die Ursache des Einsturzes gewesen sein; doch neigt man jetzt mehr der Ansicht zu, dass das Grundwasser des Nil, durch Unterwaschung der Fundamente, dies Wunder der Baukunst in den jetzigen trümmerhaften Zustand versetzt hat. Doch mächtige Säulen mit Kelch- capitälen, zwei einzelne Obeliske und grossartige Mauern haben auch diesen zerstörenden Ursachen getrotzt. Sie weisen auf die Grösse der damaligen Zeit hin, sie führen uns siegreiche Schlachten Seti’s I. und Ramses’ II. vor. Der König bald streitend und auf dem Kriegswagen stehend, bald die Gefangenen alle bei einem Haarschopf haltend und sie den G öttern opfernd, Städte, die ihren Tribut entrichten, Heer- schaaren, die zu Wasser in fremde Länder ziehen, oder, siegreich zurückkehrend, von der Bevölkerung empfangen werden. Der Tempel von Luksor — begonnen von Ameno- thes III., von Ramses II. vollendet — mit seinen zarten Bündelsäulen und Ivnospencapitälen, dann wieder mit den mächtigen, von wuchtigen Kelchen gekrönten Säulen, den vielen Standbildern Ramses’ II., dem Obelisk, dessen Bruder den Place de la concorde in Paris schmückt. - 4 6 Auch hier wieder an den Wänden so manches Blatt der ägyptischen Geschichte: die Feldzüge Ramses’ II. gegen die Hethiter und am Orontes verherrlichend. Ein Theil des Tempels wurde in der ersten christlichen Zeit als Kirche benützt, und so sehen wir das Kreuz prangen auf den Bauten des grauen Iieidenthüms. Auf dem linken Ufer des Nil der obengenannte von Seti I. (1350 V. Chr.) gebaute Tempel von Kurna; arg zerstört, man sieht nur mehr das Allerheiligste, vor dem schlanke Bündelsäulen mitKnospencapitälen stehen. An den Wänden erscheint Seti den Göttern opfernd. Nicht weit davon der Tempel Der el-Bahari (Kloster des Nordens), ein von der Königin Hatschepsu, der Witwe Tutmos II., die mit mächtiger Hand für ihren Neffen, den grossen Tutmos III., die Zügel der Regierung führte, in Terrassen angelegter Tempel. An einer Wand sieht man die grosse Flottenexpedition, die von der Königin nach dem Weihrauchland, an der Küste des rothen Meeres, entsandt wurde; das Beladen der Schiffe und die glückliche Heimkehr mit reicher Beute. Südwestlich davon das sogenannte Rameseum, von Ramses II. zur Erinnerung an den siegreichen Hethiterkrieg errichtet, mit dem Koloss des Königs aus rothem Granit; jetzt verstümmelt am Boden liegend. Der Festsaal mit schönen Säulen; an der Wand die 23 Söhne und 3 Töchter des Königs; daran anstossend ein kleiner Raum zur Aufbewahrung der heiligen Bücher, von Diodor als Bibliothek bezeichnet. Die Decke mit astronomischen Zeichen geschmückt. Der el-Medine, ein von Ptolemäus IV. (221 v. Chr.) dem Hathorcultus geweihter kleiner Tempel, lehnt sich bereits an die schroffen Felswände an. — 47 — Weiter in die Ebene hinein liegt der grossartige Tempel MedinetHabu, an den wiederum dasMemnoniumRamsesIII. (XX. Dynastie, um 1200 v. Chr.) anschliesst, eine Tempelstadt in Ruinen. Medi- net Habu, in der Zeit der XVIII. Dynastie (1600 v. Chr.) begonnen, von den Ptolemäern vollendet: wuchtige Säulen schmücken die grosse Vorhalle, die Pylonen stehen zum Theil, ebenso die Wände, über und über bedeckt mit Darstellungen. Auch die alte Bemalung deutlich zu sehen: eine zierliche Polychromirung in den feinen, in den Stein eingezeichneten Vertiefungen. Die Decken, soweit sie bestehen, hier, wie überall, das Himmelszelt darstellend, zum Theil astronomische Figuren. Weithin sichtbar stehen die bekannten zwei Memnonskolosse. Die annähernd zwanzig Meter hohen sitzenden Figuren stellen Amenothes III., den Memnon der Griechen dar. Sie sind aus einem grobkörnigen Sandstein, der stark verwittert ist, so dass die Züge, je näher man kommt, desto Memnonskoloss, 48 undeutlicher erscheinen. Ernst sieht dieses Statuenpaar, wie betrachtend in die Gegend; könnte es reden, es würde sicher das elende Touristenvolk, welches zu seinen Füssen die stereotypen Phrasen: grossartig — how curious, is that not lovely — ausstösst, seiner vollsten Verachtung versichern! An die Ebene schliesst sich gegen Nordwest ein schroffes zerklüftetes Gebirge mit tief eindringenden Thä- lern an; theilweise in den gegen Luksor gerichteten Felswänden, theils in den öden Seitenthälern liegt die grosse Nekropolis, die Stadt der Leichen. Felsengrab an Felsengrab: die hervorragendsten sind die Gräber der XVIII., XIX. und XX. Dynastie. Jedes Grab am Ende eines langen, mit Seitennischen versehenen, stellenweise zur Halle sich erweiternden Ganges. Die Wände über und über bedeckt mit farbenprächtigen Darstellungen, sei es aus dem irdischen Leben der hier Bestatteten, sei es aus deren jenseitigem Leben. Hier wurden sämmtliche Königsmumien gefunden, die sich im Museum zu Bulak befinden. Fortwährend noch werden neue Funde gemacht, und die ganze Bevölkerung handelt mit Gegenständen, die in den Gräbern gefunden werden. Doch auch die Industrie des Landes zieht Vortheil aus der Gier der Fremden, alte Gegenstände zu erhandeln, und so wird lustig Altes neben Neuem verkauft, alles aber für Alt ausgegeben und vielfach für solches gekauft. Eine wahrhaft tropische Hitze, ein unendlicher Staub waren unangenehme Beigaben unserer gut ausgefüllten Tage. Doch man reist nicht zum Ausruhen, man will Verschiedenerlei sehen. Ein arabisches Diner, uns zu Ehren vom englischen Consul Sir A. gegeben, zeigte uns den Brauch mohammedanischer Häuser. Nachdem wir am gemeinsamen w ... : 'M&à® ■J,**^* - -V iL-:i:n::i AU^IeI •/Eyi ï» s?; %i ; "T" Efrim ‘ _« lw,W.. #K "V .Ä r '«l£r' TEMPEL MEDINET HABU. $?V:vS — 49 — Becken die Hände gereinigt hatten, setzten wir uns zur Tafel. Uns zu Ehren waren Sessel da, während man sonst mit untergeschlagenen Beinen sitzt. Auf grosser Kupferplatte lag am Rande vor jedem Gast das schmackhafte Brot; wir ergriffen unsere Löffel und tauchten lustig in den in der Mitte stehenden Suppentopf. Mit dem Suppenlöffel verschwand jedes europäische Geräth; die Mahlzeit wird mit den Fingern fortgesetzt. Alles greift in dieselbe Schüssel; Hammel, Huhn, Truthahn, vortrefflich zubereitet, wird mit den Fingern abgerissen und gegessen; Gemüse, Eingemachtes mit fetter Sauce mit Brotstücken herausgefischt. Immer wieder taucht man die Finger ein, nachdem man sie abgeleckt hat. Süsse Gänge machen mit einer Schüssel Reis den Schluss. Als Getränk laues, nicht filtrirtes Nilwasser. Nach der Mahlzeit bringen die Diener wieder das Waschbecken, Alles reinigt die Hände, trinkt hierauf Kaffee und raucht Cigaretten. Die Gesellschaft war äusserst polyglott. Es wurde deutsch, französisch, englisch, italienisch, arabisch gesprochen, je nach der Kenntniss des Redenden oder des Angeredeten. Ein Rennen, arrangirt vom „Luksor sporting club“(!), unterhielt uns einen Nachmittag: Eselreiten Einheimischer, Eselreiten von Herren, bei welchem CI. als Erster einlangte, Kameelrennen, Ringen von Eingebornen zu Fuss und auf Eseln, verschiedene Kraftproben. Die ganze Fremdencolonie in heiterster Stimmung, die Araber voll Interesse und Theil- nahme, die freilich, wenn sie sich in zu weitem Yordrängen äusserte, mit Schlägen belohnt wurde. Ein sudanesisches Regiment, von englischen Officieren geführt, traf in Suakim ein. Schöne schwarze Leute, sollen treffliche Soldaten sein; der Anführer der Musik kämpfte Franz Graf Th., Eine Orientreise. 4 SB«*: — 50 — voriges Jahr noch gegen die Engländer, heute stolzirt er herum mit dem kleinen Stab in der Hand, als wenn er der vollblütigste Sohn Albions wäre. Im Franziskanerkloster, einer unter Oesterreichs Schutz stehenden Mission, hatten wir einen Trauergottesdienst für unseren armen Kronprinzen. Alle officiellen Persönlichkeiten, der Koptenbischof, die Consuln etc. nahmen Theil an demselben. Luksor, der besuchteste Ort am Nil, hat einen regen Fremdenverkehr; täglich kommen und gehen Dampfschiffe und Dahabijen. Zwei gute Hotels bieten entsprechenden Raum. Wir bleiben natürlich in unserem schwimmenden Hause. Den letzten Abend sahen wir uns noch den Tanz der Ghavazi an. Beim Klange einer schlechten Musik schwebten diese Mädchen in kleinen Schritten im Zimmer herum, ihren ganzen Oberkörper fortwährend in zuckender Bewegung erhaltend. Die Castagnetten aus Metall in den Händen und die grossen Ketten von Geldmünzen, die bis über den Magen herabhängen, geben einen klingenden Lärm. Man muss Alles sehen, wenn auch nicht Alles schön ist! Am 8. Februar früh verliessen wir Luksor, von dessen Schönheit wohl jeder entzückt sein muss. A^or Tagesanbruch weckte uns bereits die arbeitende Maschine des Dampfers. Kurz nach dem Frühstücke erreichten wir Esneh. Der Tempel wurde besichtigt; nur seine Vorhalle ist blossgelegt, da über ihm sich die Stadt erhebt. Diese Vorhalle, tief unter dem Niveau des Bodens liegend, ist aber wohl sehenswerth genug. Vierundzwanzig mächtige Säulen mit den verschiedensten Blüthencapitälen tragen die Decke. Der Tempel wurde von Tutmos III. begonnen, von den Ptolemäern vollendet. Die Wandflächen bedeckt mit Opferscenen; die — 5i Säulen in ihren oberen Partien mit hieroglyphischen Inschriften. Am Ufer angelangt, kauften wir einige sehr nett geflochtene Körbchen um geringen Preis ein, und fort ging es, um gegen 4 Uhr in Edfu anzulegen. In einer halben Stunde waren wir vor dem am jenseitigen Rande der Stadt gelegenen Tempel angelangt. Dendera ist geschlagen! Prachtvoll, was wir sahen! Zwei hohe Pylonen vollkommen erhalten, in der Mauer sogar die Einkerbungen für die Flaggenstangen, die vor dem Tempel standen. Dieser selbst ist vollkommen freigelegt; man steigt in ihn ziemlich tief hinab und tritt in den grossen Yorhof, der gepflastert und auf drei Seiten von 32 mit verschiedenen Kelchcapitälen gekrönten Säulen umgeben ist. Die Seitenmauern dieses Vorhofes, ausgehend von Sn W asserträgerin. den Pylonen, bilden zugleich die Umfassungsmauern des ganzen Tempels; zwischen ihr und dem eigentlichen Gotteshause läuft ein offener Gang. Beide Wandflächen mit historischen Darstellungen versehen. An der Mauer des Tempels, vorspringend auf mächtigem Sockel, je drei Löwen, welche als — 52 — Wasserspeier dienen. Die innere Raumeintheilung ähnlich wie in Dendera, nur reicher, im Adytum noch der heilige, aus Granit gefertigte, mit Hieroglyphen versehene Schrein für den göttlichen Falken, der hier gehalten und verehrt wurde. Der Tempel bestand bereits unter Tutmos III., wurde in der jetzigen Gestalt aber von den Ptolomäern 181 v. Chr. bis 80 n. Chr. gebaut. Die Darstellungen beziehen sich daher auf jenen Herrscher, stellen denselben manchmal vor, wie er Gefangene am Schopfe haltend züchtigt. Die Auffassung ist äusserst merkwürdig. In mehreren Reihen knieen # die Gefangenen — eine beträchtliche Zahl — im Profil nach rechts oder links schauend, nur der mittelste en face, die nach aussen gerichteten Hände wie zum Schwure erhoben, mit den inneren sich umfangend. Von dem Kopfe jedes Gefangenen geht ein Schopf, den der Sieger in der Linken hält, während er mit der Rechten ein Beil oder eine Geisel schwingt. Auf enger Wendeltreppe erreichten wir die Decke der Pylonen, die, hoch über dem Tempelbezirk, einen prächtigen Einblick in denselben gewähren. Gegen Süden schliesst sich die Stadt an. Tief unter uns waren die braunen Hütten, nur die weissgetünchte Moschee hob sich durch Farbe und Grösse von der Umgebung ab. Die Häuser gedeckt mit Schilf, welches wieder verschiedenen Hausthieren als weiche Lagerstätte diente. Das Schilf wird aufgelegt gegen Kälte sowohl, als gegen den Sonnenbrand, es wird entfernt, wenn die Bewohner mehr Luft geniessen wollen. Man sieht in die Höfe hinein: die Familie kauert in einer Ecke, theilt den Raum mit dem Büffel, dem Esel oder der Ziege. Die Bevölkerung schon viel dunkler als zwischen Cairo und Luksor. Die Hitze war tropisch: wir hatten 3 g 0 Celsius im Schatten am 8. Februar! Zu Hause ist Schnee und Eis, welch’ ein Gegensatz! - 53 - In der Nacht war grosse Unruhe auf dem Schiffe; die Nachricht, dass es die einzige Nacht während unserer Fahrt ist, in der man das Sternbild des südlichen Kreuzes sieht, brachte eine Menge Passagiere, sehr leicht gekleidet, um 3 Uhr Morgens auf Deck. Gegen Süden zu, knapp über dem Horizonte strahlte uns das Gestirn annähernd in Kreuzform entgegen, jenes Gestirn, das in allen Reisebüchern der südlichen Erdhälfte mit solcher Begeisterung beschrieben wird. 9. Februar. Zeitig morgens fuhr das Schiff auf einer Sandbank fest, und erst nach langer Zeit gelang es, dasselbe wieder flott zu machen. Die Scenerie ändert ihren Charakter. Die Hügel kamen beiderseits bis an den Fluss, man sah die Ruinen von der Stadt Selseleh, mit dem kleinen Tempel- chen, weiter die Steinbrüche, aus denen die Sandsteinquadern für die grossen Tempelbauten von Dendera,Theben und Edfu gewonnen wurden. Wir fuhren durch die Wüste, nur hie und da ein ganz schmaler Streifen cultivirten Landes; die Festung Kum Ombu, mit den Resten eines aus der Ptolemäerzeit herrührenden Tempels, in der glühendsten Mittagshitze besichtigt. Einige schöne Säulen, der vordere Theil durch das Wasser des Nil zu Fall gebracht, der rückwärtige von dem Wüstensand, durch den wir mühsam wateten, verweht. Wie lange wird es dauern, und die letzten spärlichen Trümmer sind dem Kampfe des Wassers mit der Wüste zum Opfer gefallen, und jede Spur dieses dem Gotte Sbock (mit dem Krokodilkopfe) geweihten Tempels ist verwischt. In der Festung eine kleine ägyptische Besatzung von 24 Mann. Welch’ trostloser Aufenthalt mitten in der Wüste, alles gelb, glühender Sand, nur der Schatten der Gebäude! Die Gegend ist trostlos, 40 0 Celsius im Schatten, die ganze mtMt •wwnir' — 54 — Reisegesellschaft leidet stark unter dem ermattenden Einflüsse der Wärme; nur wenige Tapfere, darunter meine Anna hatten den Tempel besucht. Gegen 4 Uhr Nachmittags näherten wir uns dem Endpunkte unserer Dampfschiffahrt. Das Thal wird weit und fruchtbar auf dem rechtenUfer. Zahlreiche Palmen, zwischen denen die ersten Häuser Assuans, die Baracken des hier liegenden 10. sudanesischen Regiments, halb versteckt lagen, weiter die Stadt selbst. Ziemlich hohe Granitberge, von Forts, Schechgräbern und Mauerresten gekrönt, bilden den Horizont gegen Süden. Das linke Ufer bleibt Wüste, gelber Sand, hingeweht wie Schneewehen bei uns, in die Einsenkungen und Mulden des kahlen Gesteines. Wir legten des niedrigen Wasserstandes halber ziemlich weit von Assuan an einer breiten .Sandbank an. Verkäufer aller Art erwarteten uns am Ufer, gesattelte Esel harrten der Ankömmlinge, während die Treiber der Reitkameele ihre Thiere herumtummelten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wir wurden von einem schwarzen, wild aussehenden Kerl begrüsst, der uns als Jäger empfohlen war, und den CI. von Luksor aus bestellt hatte. Wir besprachen mit ihm, mit Hilfe eines Dolmetsch, der auch nicht viel wusste, die möglichen Jagdausflüge und schlossen uns dann der übrigen Gesellschaft an, die in kleinen Booten zur Abfahrt bereit war. Wir fuhren auf die gegenüber von Assuan liegende Insel Elephantine; der Nil ist hier sehr breit, macht den Eindruck eines Sees und bildet viele Inseln. Einzelne Granitblöcke, zum Theile aus dem Wasser hervorragend, zum Theile nur seicht vom Wasser überspült, erschweren die Fahrt. Nach mehrmaligem An- und Auffahren erreichten wir die Insel und erklommen die Höhen. Die wundervolle Aussicht auf den oberen Nillauf liess uns die geringen Alterthumsreste des Eilandes vergessen. In mehreren Armen sanft dahin fliessend oder über Steinblöcke rauschend, zwischen hohen kahlen Bergen, betritt der Nil Ober - Aegypten, welches frühere Herrscher durch Mauern, die auf den Höhen hinliefen, gegen feindliche Einfälle zu schützen suchten. Reste dieser Mauern, sowie kleine Forts, von denen einige noch benützt werden, auf allen Höhen zu sehen. Leider war es schon zu spät; die Sonne war längst untergegangen, der Mond allein beleuchtete die Gegend; hell und leuchtend, wie nur im Süden, goss er sein magisches Licht über die Landschaft, hier grell beleuchtend, hier aber in tiefe Schatten hüllend. Beim Scheine von Magnesiumlicht besichtigten wir noch den alten Nilmesser, der die 'Wasserhöhe angibt und im Jahre 1870 erst der mehr als tausendjährigen Vergessenheit In der Wüste. 56 entrissen wurde. Die Heimfahrt mit dem Strom bei dem monotonen, in langen Tönen gezogenen Gesänge der Schiffer, hie und da unterbrochen von der hell einsetzenden Stimme eines jungen Sängers oder von dem lauten Ruf Allah! war zauberhaft schön. Nachdem wir schnell einige Bissen zu uns genommen hatten, trabten wir, geführt von unserem mit langem Schrottgewehr bewaffneten, schwarzen Freund Amer Abd-el-Salam, über die Sanddünen, dann durch Assuan mit seinen hell erleuchteten Kaffeehäusern, vorbei an Kasernen, an Schildwachen, die uns anriefen, unter Palmen durch, in das wild zerklüftete Land hinaus. In einem kleinen Thale wurde Halt gemacht, das vorbereitete todte Thier als Lockspeise hinausgelegt. So gut es ging, versteckten wir uns in zwei in den Sand gegrabene Löcher und warteten gespannt auf das Wild. Wir hofften auf Hyänen, Wölfe oder zum Mindesten auf Schakale. Die Nacht war prachtvoll, der Mond beleuchtete grell die kleine Sandfläche vor uns. Es muss diesen Abend ein Llundefest in Assuan gewesen sein, denn das Gebell in allen Tonarten hörte nicht auf. Doch plötzlich hörten wir einen Schakal in unserer Nähe mit seiner kläglich heulenden Stimme. Leider vertrieb ihn ein Hund, der in der Nähe war. Einmal nur sehen wir von Weitem einen Schatten zwischen den Steinen dahinschleichen. Der erste Jagdversuch war misslungen. Das Aas wurde an einen Baum gehängt, um den nächsten Abend wieder verwendet zu w T erden. Es war 2 Uhr Nachts vorbei, als wir heimkehrten. Feierliche Stille herrschte überall, nur das kreischende Geräusch der sich drehenden Sakije (Schöpfwerke) war zu hören, hie und da ein anschlagender Hund oder ein in der Ferne heulender Schakal. io. Februar. Sonntag. Zeitig schon entwickelte sich reges Leben am Ufer. Niedliche Körbe, Gazellenhörner, Glas-, — 57 — Bernstein- und Muschelschnüre, die eigenthümlichen ; nur aus schmalen Lederriemen bestehenden, mit Muscheln geschmückten primitiven Kleidungsstücke nubischer Damen, Schilder aus Elephantenhaut, Schwerter, Lanzen und Messer, mit kleinen Riemen am Arme zu tragen, kleine Geldtaschen, mit Leder überzogene Fläschchen zur Aufbewahrung des Kohel, des schwarzen Färbemittels für die Augenlider, Amulette, silberne Ringe und Spangen u. s. w. wurden ausgeboten und vielfach erstanden. Doch all’ dies war ja auf dem Bazar noch besser zu haben, und so ritten wir denn in die Stadt. Wie in Siut, so ist auch hier der Bazar in einer engen gedeckten Gasse. Der Hauptverkehr spielt sich in derselben ab. Der Kaufmann sitzt mit gekreuzten Beinen vor seinem offenen Laden und langt einen Gegenstand nach dem andern hervor, um ihn anzupreisen. Die Vorübergehenden mischen sich in den Handel, bieten wohl selbst noch Gegenstände an. Immer dichter ist man umgeben von Händlern, Neugierigen und Bettlern, bis der eigene Stock oder die Peitsche irgend eines Soldaten die Umgebung wieder für kurze Zeit säubert. Nachmittags nahmen wir ein Boot und fuhren bei ausgespanntem Segel, getrieben von scharfem Wind, abermals auf die Insel Elephantine. Die Aussicht war leider schlecht, denn die Luft war erfüllt von aufgewirbelten Sandmassen. Die Sonne drang kaum durch. Nichtsdestoweniger genossen wir das dolce far niente auf diesem schönen Fleckchen Land. Bei der Heimfahrt gelang es mir, einen starken Pelikan zu ischiessen, dessen Flugweite mehr als ioFuss betrug. Unter dem Jubel der Matrosen und dem Ah! und Oh! der Mitreisenden wurde er auf den „Rameses“ gebracht. Nach Tisch zogen wir wieder hinaus; Anna ging mit uns. Diesmal versteckten wir uns in der Einfassung eines Schöpfwerkes, so gut es ging. Unser wilder Jäger über- tsgmssm 5 « blickte das Terrain; es währte nicht lange, so näherte sich ein Thier der Lockspeise; ein wohlgezielter Schuss von mir streckte dasselbe zu Boden: es war ein Wolf. Rasch wurde er hereingebracht in unser Versteck und wieder warteten wir. Abermals huschten, leider zu weit, schwarze Gestalten über die Fläche dahin, doch kamen sie nicht — wir hatten zu schlechten Wind! Nur einmal noch schoss H., doch ohne Erfolg, denn die Entfernung war zu gross. Ziemlich verschlafen kehrten wir nach 2 Uhr Morgens an Bord zurück. Nur der rastlos eifrige CI. zog gleich wieder auf Gazellen aus. Sein Fleiss ward belohnt; er erlegte einige englische Meilen vom Schiff zwei dieser netten Thiere. 11. Februar. Um 8 Uhr war Alles auf Eseln und Ka- meelen, und fort ging es durch die engen Gassen Assuans hinaus in die Wüste. In einem breiten Thale zwischen Granitbergen und Kuppen zieht der Karawanenweg dahin. Zu unserer Linken die grossen Steinbrüche, aus welchen die Alten die Granitblöcke für ihre Obelisken, Sphinxe und Kolosse nahmen. Ein Obelisk liegt noch halb vollendet da: wird je eine Generation kommen, die ihn hebt? Rasch ging es weiter an einem Friedhofe vorbei, in dem die englischen Soldaten ruhen, die vor sechs Jahren, ferne der Fleimat, hier ihren Heldentod fanden. Wild und ernst ist die Gegend; übereinander gethürmte Granitblöcke bedecken die Höhen, in den Mulden zusammengewehter Wüstensand; aber das Bild ändert sich rasch, man überschreitet einen Gebirgssattel und erblickt die grüne lachende Insel Philä, den südlichsten Punkt unserer Reise. Wie ein Märchen liegt das Eiland vor uns mit seinen Palmen und anderen Bäumen und seinem zierlichen Tempelpavillon, dem sogenannten Kiosk mit vorliegender Terrasse. 59 Die Tempel der Insel, arg zerstört, sind aus ziemlich später Zeit, sie stammen von den Ptolomäern und wurden erst unter Kaiser Tiberius vollendet. Es war die Verehrungsstätte der Isis, deren Cultus hier noch bis ins 6. Jahrhundert ---. _ -3i. ^ lE Der Kiosk des Tempels von Philä. unserer Zeitrechnung gefeiert wurde. Doch schon in ältester Zeit sollen hier Tempel gestanden haben, die von den Persern zerstört wurden. Schlanke Säulen mit Blattwerk-Capitälen, weit ausragende Architrave mit bunten Farben, Darstellungen und Hieroglyphen allüberall an den Wänden. 6o Eine französische Inschrift besagt, dass eine französische Armee unter Desaix’ Führung „i3 Ventôse an 7 de la République“ (i3. März 1799) die Katarakte «erreicht hat. Diese Inschrift wurde arg verstümmelt. Prinz Napoleon liess sie wieder herstellen und schrieb dazu in gerechtem Zorn: „une page d’histoire ne doit pas être salie“. Von den Pylonen aus, wie von jedem Punkte der Insel eine entzückende Aussicht auf den Nil hinauf und hinunter, mit seinen steilen Bergesufern, auf die verschiedenen kleinen und grösseren Inseln, unter diesen Bigä mit seinen Tempelresten. Die Zierde von Philä ist der oben genannte sogenannte Kiosk: vierzehn zierliche Säulen, durch Schranken verbunden, bilden einen Raum, der nie vollendet wurde. So waren wir denn am südlichsten Punkte unserer Reise (24 0 3 '45 " nördl. Breite) angelangt, und ganz traurig bestiegen wir die Boote, die uns zu dem Katarakt bringen sollten: es war die beginnende Heimreise! Der Nilkatarakt ist nicht etwa ein Wasserfall, sondern in viele Arme getheilt; sich Bahn brechend durch die riesigen Granitblöcke, eilt der Nil in Stromschnellen über die Riffe und Klippen dahin. Die Eingeborenen schwimmen auf Holzblöcken herunter; schöne braune Gestalten, die spärliche Kleidung vor dem Sprunge ins Wasser sich als Turban um den Kopf schlagend. Einige Piaster sind der Lohn dieser Schwimmproduction. Unsere Gesellschaft hatte sich getheilt; wir fuhren durch die Katarakte in Booten hinab, während ängstliche Naturen den Heimritt vorzogen. An manchen Stellen schossen wir pfeilschnell dahin durch das brausende, schäumende, sich überstürzende Wasser, dann wieder mussten wir wacker die Ruder gebrauchen, um den uns entgegenstehenden Sturm zu 6i Nilkatarakt. überwinden, und wieder kamen wir an eine Stromschnelle, die rasch passirt wurde. Die Schilfer schreien und singen abwechselnd, der Steuermann ruft mit lauter Stimme seine Befehle. Es war eine schöne Fahrt, ich glaube vollkommen ungefährlich, durch diese wilde, jeder Vegetation bare Gegend. Um 4 Uhr Nachmittags waren wir wieder an Bord, noch wurden rasch einige Einkäufe gemacht. Prachtvolle Araber mit primitiven Musikinstrumenten waren erschienen, um ebenfalls ein Bakschisch zu erhaschen. Sie sind vom Stamme der Bischarija, welcher in der arabischen Wüste zwischen dem Rothen Meere einerseits, der Linie Luksor—Assuan andererseits vollkommen unzugänglich wohnt. Sie leben nur von Kameelmilch und Mais, welch’ letzteren sie aber in Assuan einkaufen müssen, wohin sie ihre Kameele verkaufen. Angebotene Orangen schlugen sie aus. Ich habe bisher nur Sinn für die Schönheit von Frauen gehabt; einer von den Bischarijern lehrte mich eine Ausnahme zu machen. Ich habe nie etwas so classisch Schönes wie diesen Mann gesehen. Die ganze Reisegesellschaft war unter dem 62 gleichen Eindrücke. Die edelsten Züge, leicht gebogene Nase, leuchtendes Auge, hohe Stirne, umrahmt vom eigenthümlich hergerichteten, vorne hoch aufgekräuselten, rückwärts in Strähnen herabfallenden Haar, feine schlanke Gestalt, stand der Mann wie sinnend und schmachtend am Ufer und entlockte melancholische Laute seinem Instrumente: über eine Blechschale hingezogenen Saiten. Wie müssen die Frauen in dem Lande sein, wo es solche Männer gibt!! 12. Februar. Lange vor Sonnenaufgang war ich auf Deck, wollte die Abfahrt von Assuan und dieses hoch sehen. Leider war mein schöner Bischarijer nicht da. Kaum noch graute der Morgen. In schwarzen Con- touren lag die Gegend vor uns, doch bald erglühte der östliche Horizont in goldenen Farben. Tief blau erschienen die Berge, hinter denen sich die Sonne strahlend erhob, ein Lichtmeer ergiessend über das westliche Ufer. Man sollte den Sonnenaufgang nie, vornehmlich aber nicht im Süden versäumen. H., ein schweigsamer Engländer und ich waren aber heute die einzigen Bewunderer der Pracht der Schöpfung. Alle Anderen schliefen und erschienen erst, als die Sonne hoch stand. Diese Rückfahrt auf dem Nil war so recht dazu an- gethan, all’ das Herrliche, was wir gesehen hatten, noch einmal in voller Müsse zu betrachten, denn ausser für die Nacht hielten wir nur mehr sehr wenig. Die treibende Kraft des Stromes half der Maschine des Schiffes und rasch schwammen wir hinunter, am Abende erreichten wir Luksor. Briefe aus der lieben Heimat erhalten und den herrlichen Mondschein von der Terrasse des Hotels genossen. In tiefer Ruhe lag die Gegend und der Nil in bläulich zitterndem Duft; hie und da zog ein Schiff mit 63 geblähtem Segel ernst und feierlich vorbei. Am Vorderdeck die Schiffer kauernd um ein kleines, flackerndes, röth- lichgelbes Feuerchen. 13. F ebruar. Gegen Nach - mittag erreichten wir Keneh, einen ziemlich grossen Ort. Hier werden zu vielen Tausenden und aber Tausenden jene porösen Thonkrüge (Kulle) gemacht, die in den warmen Klimaten das einzige Mittel sind, das Wasser frisch und trinkbar zu erhalten. Hoch beladenen Schiffen, wohl auch flössen, die ganz aus zugekorkten Krügen hergestellt erscheinen, begegnet man auf dem Nil. Der Bazar Kenehs unbedeutender als der von Assuan. Namenloser Staub auf dem Heimritte. ' ‘— 14. Februar. In Belliahne, einem kleinen, aber sehr malerisch aussehenden Orte, angelegt. Grosser Kampf mit den Eseljungen. Endlich Alles flott. Durch fruchtbarstes Land an mehreren Dörfern vorbei, ritten wir gegen zwei Stunden. Das Getreide in Aehren, der Weizen in Blüthe. Die Pferdebohnen und die Futterpflanzen in üppigstem Grün. Viel Vieh auf der Weide. Schöpfwerke Bischarij-Araber. 6 4 führen in kleinen Rinnsalen das erfrischende Element zwischen die kleinen Feldbeete. Ein dunklerer Streifen in der Frucht lässt sie erkennen. Wo die Feuchtigkeit nicht genügend hinreicht, ist Alles bereits vertrocknet und zeigen sich klaffende Sprünge. Von Hunderten von Fliegen belästigt, erreichten wir den Tempel von Abydos, das Memnonium Seti I., das vollkommen freigelegt ist: staunend und bewundernd betrachteten wir dies Baudenkmal jenes prachtliebenden Königs. Verschieden von Allem, was wir bisher gesehen, bildet das Bauwerk ein Knie. Der Yorhof wird getragen von viereckigen Pfeilern, von denen allerdings nur mehr eine Reihe steht. Von diesem gelangt man durch sieben Thore in einen von 24 Säulen getragenen Raum, dann in einen zweiten, dessen Decke auf 36 Säulen in drei Reihen ruht; während die ersten zwei Reihen in einem Niveau stehen und in Knospencapitäle auslaufen, steht die dritte Reihe um einige Schuhe erhöht und entbehrt der Capitälskrönung. Bis hieher ist Alles aus Sandsteinquadern, während das Material der sich nun anreihenden sieben Capellen feinster Kalkstein bildet, nur die Decken, die hier in der Form regelrechten Gewölben ähneln und aus den Platten ausgehöhlt sind, sind wieder Sandstein. Alle Darstellungen an den Wänden sind erhaben gearbeitet, zum Theile prachtvoll bemalt. In den verschiedenen Capellen sieht man .Seti, die Götter verehrend; Ammon, Osiris, Isis, Horus, Har- machis und Ptah. In der siebenten Capelle, der äussersten links, ist Seti selbst als Gott dargestellt. Die Decken wieder mit dem Himmelszelte, gelbe Sterne auf blauem Grunde. Zwei Capellen haben polychromische Figuren, während die Figuren in den anderen in der Naturfarbe des Steines erscheinen. Die sieben Capellen liegen in der Axe der sieben vom Vorhofe ausgehenden Thore. An diesen Bau stösst im rechten 6 5 ^iwtKa, Denderah. Winkel noch eine Reihe von Tempelruinen an; ein schma- ler Gang führt zu denselben. Hier sieht man Seti mit seinem jungen, gelockten Sohne Ramses II., der zwei Papyrusrollen in Händen hält; daneben die berühmten Königslisten. In drei Reihen übereinander die Namenszüge (Cartou- chen) von 76 Königen, von Mena an bis Seti I. Die dritte Reihe enthält nur den Namen des Letzteren. Diese wichtige Geschichtsquelle erstreckt sich von der Zeit um 4400— 1400 v. Chr. Ein weiterer Gang führt zu der Stiege auf das Dach. Wir sehen hier Seti, wie er den jungen Ramses lehrt, den wilden Stier zu fangen. Wenn auch die Anlage des ganzen Tempelcomplexes nicht so erhalten ist wie die von Denderah oder Edfu, so ist doch die Ausschmückung eine unvergleichlich schönere, und wie gebannt von dem Zauber dieser Schönheit standen wir da. In nächster Nähe sind noch die Ueberreste eines Osiris- Tempels zu sehen, doch dermassen zerstört, dass man kaum die Anlage zu erkennen vermag. Franz Graf Th., Eine Orientreise. 5 66 An Bord zurückgekehrt, nahmen wir unsere Gewehre zur Hand und fuhren auf das gegenüber liegende Ufer, wo wir, theils auf der Sandbank vertheilt, theils in Booten stehend, Tauben schossen. In kaum zwei Stunden erlegten wir etwa 220 Stück; ich 49 und einen merkwürdigen kleinen Strandläufer. Die Tauben fallen in vielen Tausenden an diesem Ufer ein und fliegen, aufgeschreckt durch die Schüsse, immer wieder an den Schützen vorbei. Es sind Wildtauben und halb wilde, die in den vielen Taubenhäusern der Orte nisten und von denen nur der Dünger gewonnen wird. Kleine Sturm in der Wüste. braune Burschen sprangen lustig ins Wasser, um uns die herabfallenden Tauben zu bringen. Die Bewohner des Städtchens sowohl als die unseres Schiffes sahen mit regem Interesse unserem Sporte zu. 15. Februar. Orkanartiger Sturm erschwerte die Fahrt. Die Wüste war in Bewegung. Feiner Sand erfüllte die Luft und verfinsterte die Sonne, lagerte sich auf uns und alle Sachen ab, drang in die Cabinen, respectirte weder Schloss noch Riegel. Die Zeltdächer mussten von Bord entfernt werden; man war auf Speise- und Damensalon angewiesen. 67 Gegen Mittag fuhren wir auf eine Sandbank auf und beim Versuch, wieder flott zu werden, trieb uns der Wind mit solcher Gewalt an das sandige Ufer, dass wir erst nach etwa anderthalb Stunden Arbeit die Fahrt fortsetzen konnten. Mittelst eines gewaltigen, an das .Schiff befestigten Hebebaumes, der im Ufer festgerannt und an dessen oberstem Ende ein Flaschenzug angebracht wurde, trachtete man, das Schiff zu heben. Die Bemannung und ein Theil der Reisenden ergriffen das Tau und im gleichmässigen Rhythmus zog Alles an; da riss das Tau und alle Ziehenden rollten im Sande. Allgemeine Heiterkeit! Nun wurde noch einmal ein Anker weit im Strom ausgeworfen und langsam zog uns die Maschine an diesen heran: das Spiel war gewonnen! Wir trafen sehr verspätet in Siut ein. Briefe von zu Hause brachten uns alle traurigen Details über den Tod des Kronprinzen. Gott schütze und stärke unseren armen, armen Kaiser! gebe ihm die Kraft, dieses Unglück zu tragen! Unsere Herzen und Gedanken sind trauernd in dem geliebten Vaterlande. 16. und 17. Februar. Ruhig schwammen wir den Fluss hinunter, auf welchem reges Leben die Nähe der Grossstadt verrieth; die Dampfpfeife musste häufig ertönen, um die verschiedenen kleinen Fahrzeuge zum Ausweichen zu veranlassen. Die schöne Nilfahrt ging ihrem Ende zu. Die Koffer wurden gepackt; die Einkäufe, sowie die Bälge und Decken erlegter Thiere in grosse Körbe gethan. Von Zeit zu Zeit kurzer unfreiwilliger Aufenthalt auf einer Sandbank. Man erinnert sich an keinen so niedrigen Wasserstand wie heuer, und Alles klagt über den schlechten Stand der Früchte. Wie gesegnet muss das Land in guten Jahren sein! Die Pyramiden erschienen: zuerst die sogenannte falsche von Medün, dann die von Dahschur, Sakhara und 5 * 68 endlich die Riesen von Gizeh: das Mokatam, die Moschee Mehemet Ali’s ; rückten heran, ganz Cairo zeigte sich unseren Blicken. An der Insel Roda vorbei: noch eine Krümmung des Flusses und wir legten an der Kasr-el-Nil- brüclce an. Nun wurde Abschied genommen von der ganzen Reisegesellschaft, mit der man drei äusserst angenehme Wochen verlebt hatte. Vom Obersten R. mit seiner liebenswürdigen Frau und sehr netten Tochter schieden wir wie von Freunden, ebenso von Dr. F. Man schüttelt rechts und links die Hände und trennt sich, um sich bald darauf in den verschiedenen Hotels wieder zu sehen. Alles bleibt ja noch eine Zeit in Cairo. Viele haben das gleiche Reiseziel wie wir: Palästina. 18. Februar. Nachmittag schlenderten wir durch die Stadt, selbstredend wendeten wir uns gegen die Muski und die Bazare in ihrer Nähe. Wir hatten so viel vom „Hotel de Nil“ reden hören, dass wir auch diesem einen Besuch abstatteten. In einem kleinen unansehnlichen Seitengässchen gelegen, ist es der Anziehungspunkt für viele Reisende. Es soll sehr gut sein und hat einen hübschen Garten, der der Rendezvousplatz der Gäste ist. In mehreren Läden, in denen wir früher schon Einkäufe gemacht hatten, wurden wir freundlichst aufgehalten und zu abermaligen Ankäufen veranlasst. Neben der Muski liegt der Chan Chalil, der grösste Bazar Cairos; ein kleiner Stadttheil von Buden an Buden, durchkreuzt und durchzogen von lauter kleinen, schmalen Gässchen, überdeckt von Matten und Holzdächern. Die Sonne fällt streifenweise ein, Schatten wechselt mit den im Staube sich brechenden Lichtstrahlen; das Gewoge der Menschen, die vielen Farben geben ein prächtiges Bild. 6g Ueberall erschallt der Ruf der lockenden, anbietenden Kaufleute. Hier werden gold- und silbergestickte Stoffe, dort Kupfergegenstände, dann wieder Silber- und Gold- waaren in filigraner Arbeit, Waffen, türkische Pfeifenrohre aus Jasmin und Weichsel mit reichen Bernsteinmundstücken angeboten. Verschiedene Kaufherren fordern zur Besichtigung ihrer Teppiche auf, und so treten denn auch wir bei einem gewissen Kalil ein. Ein grosser schöner Hof, zum Theile überdeckt, nur in der Mitte dem tiefblauen Himmel Einlass gewährend, auf drei Seiten mit Arkaden im ersten Stock, während die vierte Wand, das Ueberbleibsel eines alten Gebäudes, wahrscheinlich einer Schule, die reizendsten Steinarbeiten, kleine, durch Bögen getheilte Fenster, zierliche Thürpfosten etc. zeigt. Man.lässt sich auf Sesseln nieder, erhält den obligaten Kaffee und nun werden die in grossen Stössen aufgehäuften Schätze gezeigt und angepriesen. Teppiche von Mekka für die Verrichtung der Gebete, Teppiche aus Persien, Bokhara, Schiras, Smyrna in endloser Zahl, von den verschiedensten Farben und Zeichnungen werden ausgebreitet. Der Besitzer, ein schöner, langbebarteter alter Türke, ertheilt die Winke; zwei Vermittler übersetzen die Preise, rathen dringend zum Ankäufe, schlagen wohl auch zu, selbst wenn man eine äusserst niedrige Summe geboten hat, Dann entsteht ein Streit zwischen dem Herrn und seinen Gehilfen mit lebhafter Gesticulation, doch endlich beruhigt sich der alte Herr. Es war ja doch nur ein theatralischer Streit zum Schein, um den Fremden glauben zu machen, dass er weit unter dem Werthe eingekauft habe. Verlässt man schliesslich den Laden, so wird man augenblicklich von anderen Händlern überfallen: zu ihnen soll man kommen, denn sie haben die schönsten Teppiche, ja sie seien eigentlich die Einzigen, die wahrhaft gute Waare haben; und so wird man heiter fortgeschoben im dichtesten Gewühle, bis man endlich wieder glücklich, aber mit geleerten Taschen auf der Terrasse des Hotels anlangt. Dr. F. speiste mit uns; es war ein fröhliches Abschiedsmahl, denn morgen Früh geht der „Rameses“ abermals nach Assuan. ig. Februar. Unser Verlobungstag: fünfzehn glückliche J ahre! Zeitig machten wir noch dem „Rameses“ vor seiner Abfahrt einen Besuch, sahen uns die bekannten Räume nochmals an. Diesmal eine kleine Gesellschaft: nur vierzig Personen, unter diesen eine Canadierin, die ohne das geringste Gepäckstück, nicht einmal mit einer Handtasche, sich ein- geschifift hat. Sie hat bereits drei Viertel der Welt umreist, denn sie fuhr über Californien, Japan und Indien. Niedrige schwarze Halbschuhe mit rother Einfassung bedeckten den unbestrumpften Fuss. Die Dame scheint wenig Bedürfnisse zu haben. Schade, dass sie nicht mit uns fuhr; es wäre sicherlich ein sonderbarer Reisegenosse gewesen. Besuch auf der Insel Roda, woselbst sich der Nilmesser befindet. Man steigt hinab in diesen grossen viereckigen Brunnenschacht, der mit dem Nil durch einen Gang in Verbindung steht und in dessen Mitte man an einer schlanken Säule den Höhenstand des Nil erkennt. Chalif Suleiman erbaute denselben 716 n. Chr. Bei der Insel Roda soll die Pharaonentochter Moses gefunden haben. Von hier aus besuchten wir die Koptenkirche Abu Serge. Durch enges Winkelwerk wurden wir zu dieser aus dem 9. Jahrhunderte stammenden Kirche geführt. Ein drei- schiffiger einfacher Bau mit hübscher, sehr einfacher Dach- Verspannung als Decke. Altes Schnitzwerk, Elfenbeinintarsia und einige Bilder, auf Holz gemalt, sind der geringe Schmuck des Gotteshauses; in der Krypta werden Nischen gezeigt, in welchen die Jungfrau Maria mit dem Heilande gewohnt haben soll. Die Gama Amr, eine der ältesten Moscheen des Landes, wurde hierauf besichtigt; sie stammt aus dem Jahre 643 n. Chr., ist wohl eine Ruine, aber doch sehr sehenswerth: ein grosser, mit einer Reihe Säulen umgebener Hof, der Brunnen für die Waschungen in der Mitte; dann die grosse Säulenhalle, in der die Kibla die Mitte der Ostwand einnimmt. Bei dieser eine Säule, die auf Befehl Amr’s von Mekka aus durch die Luft an diese Stelle gekommen ist. Eine weisse Ader im Steine ist der Eindruck des Peitschenhiebes, den der Zauberkünstler Amr der Säule gab, um sie zu der Reise zu veranlassen. Der Stein ist von der vielen Berührung durch Gläubige auf der einen Seite leicht ausgehöhlt. Nachmittags abermals in die Bazare, die trotz ihres grenzenlosen Schmutzes einen unwiderstehlichen Zauber auf uns ausüben; doch nicht auf uns allein, denn es wimmelt von Fremden wie von Eingeborenen beiderlei Geschlechtes, und die glühenden Augen der tief verschleierten Mohammedanerinnen vor den Gold- und Silberläden wie bei den gestickten Stoffen beweisen, dass auch sie gerne all’ diesen Reichthum ihr Eigen nennen möchten. 20. Februar. Herr von R., unser Generalconsul, holte uns ab, um uns in verschiedene Moscheen zu führen, zu deren Besichtigung es besonderer Erlaubniss bedarf. Gama el-Azhar, d. h. „Die Blühende“, wurde gleich nach der Einnahme Cairos (96g n. Chr.) durch Djohar, den Feldherrn des fatimidischen Chalifen Muiz, von jenem gebaut 72 und schon unter dem Chalifen Aziz Billah (975—996 n. Chr.) als Universität eingerichtet. Es ist die bedeutendste Universität des Orients und wird manches Jahr von bis 10.000 Studenten besucht. In einem engen Gässchen erblickt man das schöne, mit Stalaktiten und verschiedenen Inschriften geschmückte Thor; durch dasselbe eintretend, hat man rechts und links zwei kleine Moscheen: in der einen trug ein Gelehrter, auf dem Boden sitzend, aus dem Koran vor. Seine Schüler, alt und jung, sassen vor ihm, horchten seinenWorten, lasen und schrieben nach. Dieser Professor hat den Ruf eines grossenWeisen. Im sehr grossen Hofe sassen und ergingen sich die Jünger der Wissenschaft. Sie wiederholten das Gelernte oder assen zu Mehreren vereint aus einer Schüssel und unterhielten sich trefflich dabei. Um den Hof läuft eine Reihe von Säulen; manche von diesen fehlen, denn der Bau leidet stark an Altersschwäche, wird aber soeben restaurirt. Dem Hauptgange gegenüber ist die grosse Moschee. In acht Reihen stehen 38o Marmorsäulen, die neun Schiffe bilden; an der Ostwand vier Gebetsnischen für die vier anerkannten Secten des Islam: Schafeiten, Malekiten, Hanefiten und Hambaliten. Bei jeder Säule sitzt ein Professor, seine Hörer im Halbkreise um ihn herum. Er trägt monoton, halb singend, vor, mit den durch den Ritus vorgeschriebenen Beugungen und Wendungen des Oberkörpers. Die Zöglinge folgen seinem Beispiele. Zwischen all’ diesen Menschen schreitet der Wasser- und Esswaarenverkäufer umher, denn manche Vorträge sind beendet und die Herren Studiosi daher bei der Mahlzeit. Aber auch Fromme gibt es, die knieend mit der Stirne den Boden berühren oder an der Ostwand mit erhobenen Händen ihre Gebete verrichten. 73 Anstossend an die Moschee ist ein zweiter grosser Hof mit dem Brunnen für die Waschungen und weiters noch in eigenem Gebäude ein grosses Wasserbassin für denselben Zweck. Auch für die Waschungen gibt es genaue Vorschriften: zuerst werden die Hände gewaschen, dann die Füsse, hierauf das Gesicht; .etwas Wasser kommt über den Scheitel, dann werden die beiden Ohren zugleich mit den Daumen gereinigt, endlich der Unterarm. Alles geschieht mit feierlicher Miene. Gegenstand des Unterrichtes ist nur der Koran, der dem Orientalen die .Summe aller Wissenschaften ist und der neben den Glaubenslehren auch einige philosophische Kenntnisse und ein für einfache Verhältnisse genügendes bürgerliches Gesetzbuch enthält. Der Gama el-Hassan galt der nächste Besuch; sie steht kaum hundert Jahre, ein äusserst glänzender Bau; prachtvolle Marmorsäulen tragen die Bögen, auf denen die Decke ruht. Es ist die Moschee, in welcher die sunnitischen Feste abgehalten werden. Der jetzige Khedive pflegt hier seine Gebete zu verrichten. Feine Steinmosaik bedeckt die Wände und vornehmlich die Kibla. Ein Stein mit einem Fussabdrucke des Propheten wird gezeigt. Bei der Stadt hinaus, in tiefem Sand, durch einen Hohlweg zwischen hohen Schuttbergen fuhren wir zu den Chalifen- gräbern. In derWüste, am Fusse des Mokatamgebirges liegen diese malerischen, zum Theile prachtvollen Grabmoscheen früherer Flerrscher. Sie sind dem Verfalle preisgegeben; in manche von ihnen hat sich die arme Bevölkerung eingebaut. Ein eigener Zauber liegt über diesen zarten Minarets, über diesen zierlichen Kuppeln, die sich im Dufte der Sonne aus 74 fHnmn Chalifengräber. dem Wüstensande erheben und in ihrer gelblichen Farbe vom tiefblauen Himmel abstechen. Zwei von ihnen, die Gama Kait Bey und die Gama Sultan Barkuk, sind noch leidlich erhalten, lassen die Pracht noch erkennen, mit der sie ausgestattet waren. Schöne Mosaiken und wundervolle, mit buntem Glase ausgelegte zierliche Fensterrosetten entzücken das Auge. In der Nähe der Chalifengräber arabische Friedhöfe. Ohne Einfassungsmauer steht Steinsarg an Steinsarg, vorne und rückwärts mit aufrechtstehenden Platten versehen, von denen die an der Stirnseite meist in einen Knauf oder in eine Blattverzierung aus- laufen. Nachmittags zu einem Rennen in Gezireh, welches ein hier liegendes schottisches Regiment, die „Kings own borde- rers“, zur Feier des zweihundertjährigen Bestandes arrangirt hatte. Ganz England war in eleganten Toiletten erschienen. Bekanntschaft gemacht mit dem Generallieutenant Sir Francis Grenfell, dem Sirdar (Oberbefehlshaber) der ägyptischen 75 Truppen. Er ist seit Kurzem wieder von Suakim hi eher zurückgekehrt. Er befehligt im Ganzen 8 ägyptische und 5 sudanesische Bataillone ä 600 Mann, 1 Cavallerieregiment, 4 Ka- meelcorps zu 120 mit Gewehren bewaffneten Reitern und 4 Batterien. Sämmtliche Stabsofficiere sind Engländer, nur in 3 Bataillonen können auch Eingeborene höhere Chargen erlangen. Der Sudanese jedoch hat mit dem Lieutenant meistens abgeschlossen, da er selten schreiben kann. 21. Februar. Eine arabische grosse Trauerfeierlichkeit mitgemacht. Eine der illegitimen Frauen des früheren Khe- dive, ihren Namen konnte ich trotz alles Nachfragens nicht erfahren, war in ihrem Palais am Ende der Schubraallee verschieden; da dies ziemlich weit entfernt ist, so erwartete die Mehrzahl der Trauergäste, unter die wir uns, um unsere Neugierde voll zu befriedigen, gemischt hatten, am Anfänge der Allee, beim Directionsgebäude der Eisenbahn, den Trauerzug. Mehr als zwei Stunden vergingen dank der orientalischen Unpünktlichkeit, bevor der Zug an uns herankam. Eröffnet wurde derselbe von einem gehenden Spalier Infanterie, das Gewehr und den Säbel nach rückwärts unter dem Arm, als Zeichen der Trauer. Vier Büffel, die auf dem Grabe geschlachtet und unter die Menge vertheilt werden, folgten; hierauf achtKameele mit grossen Kisten beladen, aus welchen Datteln, Orangen, Brot und Kupfergeld unter das Volk geworfen wurden, dann eine Abtheilung berittener Polizei, an die sich wiederum die Trauergäste anschlossen: Prinz Hussein, der Bruder des Khedive, die Minister, Paschas, "Würdenträger, der Sirdar Sir Francis Grenfell mit mehreren englischen Officieren; einige reich gekleidete Muselmänner, der Mufti, der Kadi von Cairo Abdurrahman Nafis, ein sehr geachteter Rechtsgelehrter, verschiedene Schechs, unter diesen in grünem, pelzverbrämten Kaftan der Schech el-Bekhri, 76 ein Nachkomme des Propheten und äusserst einflussreicher Mann. Nach den Trauergästen die Diener und Beamten des » Hauses. Die Leichentruhe in ein prachtvolles Cachemirtuch eingewickelt, umgeben von zwei Reihen Knaben, die auf silbernen Schalen Wohlgerüche (Weihrauch, Bernstein und Sandelholz) verbrannten, während vor der Leiche arme, zumeist blinde Männer, deren Broterwerb .die Begleitung von Leichen ist, Gebete für die Verstorbene recitiren. Den Schluss bildete eine endlose Reihe geschlossener Wagen mit halb herabgelassenen Vorhängen, in denen die Damen der verschiedenen Harems sassen. Manch’ leuchtendes Auge blitzte hinter dem Schleier hervor, sich neugierig die Menge betrachtend. Neben den Pferden schreiten die Sais, diesmal im einfachen dunklen Trauergewande. Die Leiche wurde an den Fuss der Citadelle gebracht, wo die vicekönigliche Familie eine gemeinsame Begräbnisstätte hat. Ohne Sarg, nur in ein Tuch eingeschlagen, wird sie beerdigt. Wenn sie schon sterben musste, die arme Prinzessin, so wissen wir ihr Dank, dass sie es während unseres Plierseins that und uns die Gelegenheit bot, einen grossen Trauerzug zu sehen. 22. Februar. Einen Jagdausflug, der Tags vorher besprochen wurde, nachdem alles Nöthige im Voraus bestellt war, unternommen. Wir träumten von Wölfen, Luchsen, Pelikanen und Flamingos, die uns versprochen wurden. Um 5 Uhr Früh führte uns der Zug nach der Barrage de Nil, wo uns ein Boot erwartete und nach zwei Stunden auf die Insel Talia brachte. Ein grosser Strandläufer, weiss und schwarz, mit langem, in die Höhe gebogenem Schnabel, und ein kleiner wurden auf der Fahrt erlegt. Reiher, Gänse und Enten hielten nicht aus. Auf der Insel harrte unser die Enttäuschung, dass alle Zucker- felder abgeerntet und die Pferdebohnen noch sehr niedrig waren, dass somit keine Deckung für Wölfe und Luchse vorhanden war. Wasservögel. mm B -Sfcf S Beim Herumstreifen mordeten wir einige weisse Kuhreiher (Ibis), eine Art Kibitz mit scharfer Spornspitze an dem Elügelbuge, Wiedehopfe und Wachteln; bei der Heimfahrt, die fünf Stunden währte, noch eine Ente. Brachschnepfen und zwei Kraniche hielten sich so weit, dass die abgefeuerten Schrote ihnen nicht schaden konnten. Ein von mir versuchter Kugelschuss ging fehl. 78 Trotz dieser jagdlichen Misserfolge war die Fahrt anziehend genug. Der seichte, grösstentheils durch die Wüste fliessende Nil mit seinen grossen .Sandbänken, die fruchtbare Insel mit weidendem Vieh und den Fellachen, die mit der künstlichen Bewässerung beschäftigt waren, boten des Sehenswerthen genug. Die Barrage selbst ist ein grosser, von Mohammed Ali ausgeführter Bau: es sind zwei Brücken über die sich hier trennenden Nilarme von Damiette und Rosette. Die Brückenöffnungen haben zum Theile Verschlussvorrichtungen, zum Theile sollten sie noch mit solchen versehen werden; man wollte den Nil von hier aus zur entsprechenden Höhe stauen, um die Canäle des Landes zu füllen und die viele Schöpfarbeit zu ersparen. Der Versuch soll sich aber nicht bewährt haben. Die Brückenbögen sind mit Sand und Schlamm vertragen; die Millionen umsonst ausgegeben. Ein Schifffahrts- hinderniss ist entstanden; es wird gegenwärtig an einem neuen Canal gearbeitet. 23. Februar. Posttag, daher obligate Schreiberei; Briefe müssen abgesandt werden; damit verging der Vormittag. Audienz beim Khedive Tewfik Pascha. Von Herrn von R. begleitet, begaben wir uns in das vicekönigliche Schloss Abedin. Eine breite, mit Wachstuch überzogene Treppe führt in den ersten Stock; europäische Möbel, Teppiche, Düstres in den Salons: Paris wird nachgeahmt, mit Unrecht der Orient verleugnet. Der Ceremonienmeister Tonino Pascha erwartete uns, um uns zum Khedive zu geleiten. Der Vicekönig spricht trefflich französisch, so dass die allgemein geführte Conversation nicht ins Stocken gerieth. Es war ein interesseloses Gespräch. Diener in schwarzem Rocke, mit dem Fez auf dem Kopfe reichten uns Cigaretten und Kaffee in den netten, aus filigranem Golde gearbeiteten 79 .Bechern (zärf), in denen die Schale (fingan) steht. Der Zärf des Khedive war mit funkelnden Steinen besetzt. Der Vicekönig ist im Gegensätze zu seinem Vater Ismael äusserst wirthschaftlich und sparsam. Er hat nur eine Frau; seine Söhne werden in Wien im Theresianum erzogen. Nachmittags fuhren wir in den Badeort Heluan, den man mit der Bahn in drei Viertelstunden erreicht. Der Zug braust durch Theile der Stadt dahin und zwischen den Mamelukengräbern, mitten durch die Stätte, wo die auf der Citadelle im Jahre 1811 durch Mohammed Ali niedergemetzelten 480 Mameluken bestattet wurden. Weiter geht das Gleise durch die Wüste, an einigen unbedeutenderen Orten vorbei, bis man das Endziel erreicht. Ileluan selbst liegt in der Wüste; wenige Bäume, zu einer spärlichen Allee vereinigt, führen zum Hotel, bei welchem sich ein kleiner öffentlicher Garten befindet. Sonst ist jede Anpflanzung verboten. Man will keine Feuchtigkeit und keine Mosquitos, nach Schatten sehnt sich kein Orientale. Die Bäder, Schwefelquellen von 3o°C., sind nett eingerichtet und sollen stark benutzt werden. Herr Helzel, Besitzer des Hotels und zugleich Pächter des Bades, ist ein Landsmann. Er ist ein Leitmeritzer und hatte die grösste Freude, Nordböhmen in uns zu sehen. Der Khedive lebt grösstentheils hier, verschiedene reiche Cairenser haben Villen. Ein trostloser Aufenthalt nach unserem Begriffe. Nur die Aussicht über die Wüste in das Nilthal, auf die Pyramiden von Dahschur bis Gizeh und auf die libysche Wüste ist prachtvoll und die untergehende Sonne gab dem stimmungsvollen Bilde die entsprechenden warmen Töne. Man wird zum wahren Sonnenanbeter in diesem Lande der Beleuchtungseffecte. 8o CI. und H. yerliessen uns; sie machen einen mehrtägigen Jagdausflug in die Wüste auf Steinböcke und Gazellen. Auf Kameelen sitzend, von Beduinen bewacht und begleitet, zogen sie ab. Waidmannsheil wurde ihnen nachgerufen. 24. Februar. Eine Fahrt nach den Schlössern von Gizeh und Gezireh liess uns einen Blick auf die Prachtliebe des früheren Khedive werfen. Gizeh ist jetzt Staatseigenthum: zwei grosse Paläste, durch Terrassen und Gänge verbunden, waren einst der Lieblingsaufenthalt Ismaels. Der gegen den Nil zu liegende Theil, von aussen im Renaissancestil gehalten, ist unvollendet, die grosse Stiege noch nicht ausgebaut. Das schönste Marmormateriale wartet, in Kisten verpackt, auf seine Verwendung; der Theil wird wohl nie ausgebaut werden. In den grossen Sälen und Zimmern soll das Bulak-Museum, dem seine jetzige Behausung nicht mehr genügt, untergebracht werden. Die Räume alle gross und luftig. Kleine Gärten in' den Höfen und im ersten Stock. Die Terrassen und Fenster der von den Frauen bewohnten Theile gegen aussen verwahrt mit jenen hübschen arabischen Holzgittern. Die Einrichtung ist bereits an den Meistbietenden verkauft; jetzt werden die kostbaren gestickten Seidenstoffe von den Wänden herabgenommen, um ebenfalls veräussert zu werden. Wenige Francs werden gelöst werden für das, was um viele Tausende angeschafft wurde. Die jetzige Generation zerstört, was die frühere geschaffen hat; die Paläste werden geleert, wo eine Façade sich abbröckelt oder ein Gesimse abfällt, lässt man Allah schalten! Der Park sehr schön angelegt: die herrliche Vegetation wuchert überall ungezügelt. Die lauschigen Grotten mit rieselndem Wasser könnten wohl so manches Märchenhafte von 81 — früheren Zeiten erzählen. .Sie sahen den Herrscher im Kreise seiner schönen Frauen, sie sahen den Zauber orientalischen Lebens! Jetzt sind auch sie vernachlässigt und dem Untergänge geweiht. Gezireh hart am Nil prachtvoll gelegen. Das Schloss, in dem unser Kaiser während seines hiesigen Aufenthaltes gewohnt hat, ist noch Eigenthum Ismael’s. Es wird erhalten, dank der Fürsorge seines Sohnes Hussein. Stiegenhaus, Säle und Zimmer, Alles grosse schöne Räume, in denen der Aufenthalt selbst in der heissesten Jahreszeit erquickend sein muss. Die Ausstattung ist äusserst geschmacklos. Die wildeste Phantasie französischer Tapezierer liess eine Einrichtung entstehen, die orientalisch sein möchte, aber scheusslich ist. Alles strotzend bunt, ge- schnörkelt. Im schönen Garten ein grosser Kiosk mit Badesälen und Salons. Gusseiserne Säulen im Alhambrastyle — wahre Dutzendwaare — schmücken den Vorhof und die Terrassen. In dem Lande vieltausendjähriger Kunst, wo herrlicher Alabaster und Marmor die Bauten früherer Zeiten ziert, ist dieser nivellirende Bahnhofstil des 19. Jahrhundertes eine wahre Profanation. Eine amerikanische Gesellschaft wollte Schloss und Park kaufen, um ein grossartiges Vergnügungslocale mit Spielbank daraus zu machen; doch zerschlug sich das Geschäft. 25. Februar. Der Cairenser Aufenthalt geht leider zu Ende; in wenigen Tagen verlassen wir das Land der Pharaonen und Chalifen, das Land, in dem die Cultur nach Jahrtausenden rechnet. Man recapitulirt das Gesehene, ordnet Tagebuch und Einkäufe, übergibt letztere einem Spediteur zur Pleimsendung. Franz Graf Th., Eine Orientreise. 6 82 Doch Manches möchte man noch einmal sehen ; und so fuhren wir denn Nachmittags zu den Pyramiden. Durch das Gewoge der Stadt, das nie ermüdet, über die Brücke und die Insel Gezireh, hinaus in die fruchtbare Ebene. Wohl meterhoch steht das Futter, das geschnitten, auf Kameele geladen und auf den Markt nach Cairo gebracht wird. Zahlloses Vieh weidet sich satt an diesem Reichthum. Fellachenmädchen in ihren dunkelblauen langen Hemden laufen dem Wagen, Almosen heischend, nach; andere schöpfen Wasser; betende Männer, gegen Osten gewandt. Aneinander gebunden schreiten lange Reihen von Kameelen ruhig und bedächtig, den Kopf bald nach rechts, bald nach links wendend, dem heimatlichen Dorfe zu. Der Araber, der auf dem Kameele sitzt, die Füsse gekreuzt, den Oberkörper anpassend an die schwingende Bewegung des Thieres, kaut ein Stück Zuckerrohr oder singt still einen monotonen Gesang vor sich hin. Im tiefen Schatten der Lebbachakazien führt die Strasse schnurgerade durch die von der Sonne grell beleuchteten saftigen Felder zur Wüste hinaus. In scharfem Galopp der Pferde wird die Höhe erreicht. Ernst erheben sich die Pyramiden, grossartig wirkend durch die Masse, unbekümmert um den vandalischen Steinraub, der an ihnen begangen wurde, indem man sie als Steinbrüche benützte. Zu ihren Füssen geschäftiges Leben: die Beduinen bieten sich zum Aufstieg an; sie begrüssen uns als alte Bekannte. Der Scheik reicht uns würdig die Hand, um sie dann feierlich an Mund und Stirne zu führen. Dem Sphinx einen Besuch abgestattet: warm im Sande gebettet ruht der Riesenkörper, blickt unverwandt in das reiche Land, in welchem jetzt ein zwerghaftes Geschlecht nichts Dauerhaftes baut, sich plagt, die Steuern zu zahlen, s T — 83 — um den Gläubigern der ägyptischen Schuld gerecht zu werden. Auch wir weideten uns an dem herrlichen Ausblicke, doch dachten wir nicht an ägyptische Finanzen; wir freuten uns der herrlichen Natur, der köstlichen Luft, des-tief blauen Aethers. Tänzerin, 6 * mim III. Der Suezcanal. 28. Februar. zwei letzten Tage waren noch mit Besuchen, Spaziergängen, Theater und dem grässlichen Einpacken ausgefüllt. Dann wurde die Hotelrechnung gezahlt und der grosse Omnibus bestiegen, der uns zum Bahnhof brachte. Dort noch von den Cairenser Bekannten Abschied genommen und fort ging es dem Osten zu. Fruchtbares Land im Anfänge; dann Wüste, endlose Wüste. Einförmig wellenförmiges Land ohne Vegetation mit Ausnahme vereinzelt stehender, niedriger, verdorrter Sträucher. Nur hie und da ganz kleine Oasen. Grössere Binnenseen und der von Cairo nach Suez führende Süsswassercanal zu unserer Rechten. Dieser, aus der Pharaonenzeit stammend, bewässert das Land Gosen, durch welches wir, bevor wir die Wüste erreichten, fuhren; er war verfallen und wurde erst zur Zeit des Canalbaues wieder in Stand gesetzt, um den Ansiedlungen der Arbeiter Trinkwasser zuzuführen. Kurz vor Ismailia erster Blick auf den Canal, dieses grosse Werk Lesseps’, dann senkte sich die Nacht über die Gegend: nur die schroffen hohen «5 Gebirge der arabischen Wüste, der Djebel Ataka hoben sich scharf vom Firmamente ab. Leuchtthurm und Signallichter verkündeten die Ankunft in Suez. Am Bahnhofe scheinbar eine Bande Menschenfresser, die sich um uns und unser Gepäck stritten. Der siegende rheil erfasste die Koffer und Handtaschen und in langer Procession zogen wir durch finstere Gassen zum Hotel de Suez, wo ein elendes Essen, dagegen aber sehr reine, gute Betten uns erwarteten. i. März. Suez, der südlichste Ausgangspunkt des Canals, besteht aus zwei Theilen: der eigentlichen Stadt und dem Fort Ismael. Sie sind durch einen langen Damm, auf dem die Eisenbahn geht, verbunden. Zur Zeit der Ebbe ragt derselbe aus der Düne empor, während das Wasser bei Fluth bis an Suez selbst heranreicht. Fort Ismael mit dem daranstossenden kleinen Fort Tewfik ist der Sitz der Compagnie universelle du canal maritime de Suez. Hier ist der Ankerplatz der nach Indien und Australien verkehrenden grossen Schiffe. Soeben liegt die „Berenice“ des österreichisch-ungarischen Lloyd hier. Trockendocks und grössere Waarenhäuser dienen der Schifffahrt und dem Handel. Eine gut gepflegte Allee, die Avenue Helene, trennt die Häuser vom Canal. Auf dieser ein Monument, welches Lesseps dem englischen Lieutenant Waghorn errichten liess, welcher der Idee des Durchstiches sein Wirken und Leben opferte und im Jahre 1850, ohne dem Ziele näher gerückt zu sein, im Elende starb. Das Haus Lesseps’, eine kleine katholische Kirche, eine von Klosterfrauen gehaltene Schule und die Gebäude der Gesellschaft bilden diese Ansiedlung. Die eigentliche Stadt hat ihre arabischen engen Gassen mit einigen Moscheen; daneben ein sogenanntes europäisches Viertel mit senkrecht auf einander stossenden TOT 86 Strassen. Doch überall der gleiche Schmutz; viele Häuser eingestürzt. Ein schlechter Bazar, dagegen sehr viele Kneipen, wie in jeder Hafenstadt. Suez macht den Eindruck, zu gross Mosesquelle angelegt zu sein. Man erwartete offenbar einen bedeutenden Aufschwung in Folge der Eröffnung des Canals. Der Handel hält sich aber hier nicht auf, es ist nur ein Durchzugsposten; der Fremde bleibt nur so kurz als möglich. Die besten Gebäude sind von den Consulaten und den Agentien der «7 verschiedenen grossen Dampfschifffahrts-Gesellschaften benützt. Wir nahmen eine Dampfbarkasse und fuhren an das asiatische Ufer des rothen Meeres. Ein scharfer Südwind blies uns entgegen; unsere Nussschale wackelte erbärmlich; alle Augenblicke ging eine Welle über das Schiff. Wir sind zu wenig seetüchtig, um an solchen Scherzen Vergnügen zu finden, waren daher herzlich froh, als wir nach anderthalb Stunden den Strand erreichten und die vorausgesandten Esel bestiegen. Die Wüste reicht bis ans Meer und durch diese ritten wir der Ain Müsa, d. h. Mosesquelle zu, welche in einer kleinen Oase entspringt. Der Sage nach ist es die Quelle, die, ursprünglich salzig, von Moses in süsses Wasser verwandelt wurde, indem er einen Baum hineinlegte. In der Mitte eines viereckigen Beckens sprudelt das Wasser aus dem Boden. Einige Araber wohnen hier, die vom Gemüsebau und dem Trinkgelde der Fremden leben. Prachtvolle Palmen beschatten den Ort. Ein kleines Häuschen aus Lehm mit Schilfdecke wird mit der grössten Naivetät dem Fremden als Haus des Moses gezeigt. Auf dem Wege reitet man durch mehrere zu dieser Jahreszeit trockene Salzseen; eine dicke weisse Kruste überzieht den Boden, Salzkrystalle glitzern in der Sonne. Zurück wählten wir den directen Weg nach Suez; wir wollten uns nicht mehr der Gefahr der Seekrankheit aussetzen; hatten dann nur mehr quer über den Canal und den Hafen zu fahren. Das rothe Meer, berühmt durch sein klares, durchsichtiges Wasser, hat einen grossen Reichthum an Korallen und Muscheln, der Strand ist bedeckt mit letzteren in den mannigfaltigsten Farben und Formen; Muscheln sammelnd verbrachten wir den Nachmittag. Der starke Wind erfüllte 88 die Luft mit Sand, die Aussicht war daher eine schlechte, nur die hohen Felsen der afrikanischen Küste, die bis in die Nähe des Meeres herantreten, waren zu sehen, während das Sinaigebirge leider verhüllt war. 2. März. Die Fahrt nach Ismailia, die wir vorgestern schon bei Dunkelheit gemacht hatten, bietet auch bei Tageslicht nichts Anziehendes. Die nächste Umgebung ist Wüste, nur einmal öffnet sich ein Ausblick auf den grossen Bittersee, welcher vor dem Canalbau ganz trocken lag und durch den diese mächtige Wasserstrasse jetzt führt. Hier begegneten einander das mittelländische und das rothe Meer, als am 15. August 186g der südliche Damm durchstochen wurde. Man scheint Versuche mit Bewaldungen gemacht zu haben, um den immerwährend in und über den Canal wehenden Sand aufzuhalten; wenigstens ist in der Nähe der Station Nefische ein regelmässig gepflanzter Kiefernwald zu sehen. In Ismailia grosse Aufregung in den beiden bescheidenen Hotels. Es waren mehr Personen angesagt und gekommen, als unterzubringen. Jeder wollte ein Zimmer. Alles bestürmt den Wirth, der sich selbst kaum mehr auskennt. Er schreit nach den Zimmerschlüsseln: seine Frau behauptet, sie ihm schon gegeben zu haben; hierauf grosse häusliche Scene vor aller Welt; endlich finden sich die Schlüssel in den Taschen des Hausherrn oder in dem faltenreichen Schlafrocke der Wirthin. Der Padrone wird ruhiger, ebenso die Gäste, welche aus der immer abnehmenden, d. h. untergebrachten Anzahl der Reisegenossen die Hoffnung schöpfen, selbst auch unterzukommen. Endlich ist Alles in den Zimmern vertheilt, dicht gedrängt, zu Mehreren beisammen, im Esszimmer, in Salons, doch wenigstens unter Dach und Fach. Ismailia ist eine sehr hübsche, kleine Stadt, die während des Canalbaues angelegt wurde. Grosse schattige Alleen 1 durchziehen dieselbe. Die Häuser mit grossen Veranden liegen theils in, theils vor grossen Gärten. Die Strassen und Plätze haben französische Namen, ist doch die ganze Ansiedlung eine französische. Lesseps’ Villa, an der Place Poponet gelegen, auf welcher mehrere Sphinxe, Götter- und Königsfiguren aufgestellt sind, die in den Ruinen des nahen Pithon gefunden wurden. Ein Franziskanerkloster mit netter Kirche beherbergt soeben den Erzbischof von Alexandrien. Dem französischen Hafencapitän einen Besuch abgestattet; derselbe führt die Aufsicht über den hiesigen Anlandungsplatz und einen Theil des Canals. Von hier aus werden Dampfschiffe zum Remor- quiren und zur Unterstützung passirender Schiffe ausgesandt. Im Jahre 1887 passirten 3 i 37 Schiffe mit 8,430.043 Tonnen und 178.791 Reisende den Canal. Per Tonne wird eine Taxe von 10 Francs, bei Handelsschiffen eine Surtaxe von 3 Francs, für jeden Passagier eine Gebühr von 10 Francs eingehoben. Die Ausgaben der Gesellschaft für Erhaltung des Canals, für die Ausbaggerung, für den Betrieb der eigenen Schiffe und für die Verwaltung im gleichen Jahre wurden mir mit mehr als 23 Millionen Francs angegeben. Die Verinteressirung des Capitals ist, dank dem immer zunehmenden grossen Verkehr, eine vortreffliche, der Stand der Actien hoch. Hätte sich Ismael Pascha in einem Augenblicke der Geldklemme nicht um kleinen Gewinn aller seiner Obligationen entledigt, welche die englische Regierung ihm abkaufte, so wäre er vielleicht heute noch Herr in Aegypten und könnte seinen Hang nach Pracht noch befriedigen. 3. März. Um 5 Uhr Früh in die Messe gegangen, dann gefrühstückt und das Gepäck auf kleine Wagen verladen, um dasselbe an Bord der Postdampfer zu bringen. Da kommt » go die angenehme Nachricht, dass wir uns des starken Sturmes halber nicht in Ismailia selbst einschiffen können, sondern uns ungefähr anderthalb Stunden weit begeben müssen. In Ismailia benützt der Canal den Timsahsee, dessen ansehnliche Wasserfläche vom Winde zu mächtigen Wellen aufgepeitscht wurde. In langer Karavane marschirten wir daher dem Point 6 zu. Einige wenige Damen, darunter Anna, hatten in zwei Wagen Platz gefunden. Alle Anderen gingen den langen Weg zu Fuss, getrieben von dichten Staubwolken, die der Südwind uns heulend nachjagte. Endlich war Alles auf den zwei Dampfschiffen angelangt, das Gepäck verladen; nach langer Anstrengung gelang es der Mannschaft, uns von dem Ufer, an das uns der Wind anpresste, flott zu machen, und nun fuhren wir mit Selbstbewusstsein auf dem Suezcanal zwischen zwei Welttheilen dahin. Die Fahrt ist einförmig; rechts und links mehr oder weniger hohe Dämme, die jede Aussicht versperren. Heute war es geradezu entsetzlich, denn wir waren buchstäblich in Sandmassen eingehüllt, die sich in dichten Schichten auf uns ablagerten. Einige grosse Schiffe, an denen wir vorbeifuhren, waren durch den Sturm in ihrer Fahrt aufgehalten. Kolossale Baggermaschinen arbeiten ununterbrochen, um die Fahrstrasse vor Versandung zu bewahren. Die Tiefe des Canals ist im Allgemeinen 8 Meter, die Breite des Wasserspiegels 8o—ioo Meter, jene der Sohle 22 Meter. An gewissen Punkten, Gare genannt, können die grossen Schiffe einander ausweichen. Es ist ein grossartiges Werk, würdig des Pyramidenlandes; hoffentlich ein bleibendes Denkmal unseres Säculums. Die Idee ist nicht neu, denn schon Ramses II. verband beide Meere durch Canäle; Necho II. von der XXVI. Dynastie trug 9 1 sich mit gleichen Gedanken. Der Canal, den Hystaspes gebaut und Ptolemäus II. erweitert hatte, verfiel wieder, soll sogar durch den Chalifen al-Mansur verschüttet worden sein. Alle späteren Projecte kamen nicht zur Ausführung, erst Lesseps’ Genie führte die That durch. Mittags trafen wir in Port Said ein. Wir sollten Nachmittag nach Jaffa abreisen; der Wind war jedoch so stark) dass das Schiff die Abfahrt auf morgen verschob. Hoffentlich ist es morgen besser. ' Port Said ist ein Ort, dessen Bedeutung sich seit der Eröffnung des Suezcanales von Jahr zu Jahr hebt. Freundliche Häuser mit grossen Terrassen, breite, leidlich gehaltene Strassen; der Hafen voll von Schiffen. Die Consulate und die Agentien der grossen Schifffahrtsgesellschaften lassen ihre Flaggen lustig wehen. Eine deutsche Escadre, englische, französische, italienische Kriegsschiffe liegen vor Anker. Passagierboote laufen ein, um morgen die Fahrt fortzusetzen, sei es durch den Canal, sei es längs der syrischen Küste oder in europäische Häfen. Es ist Faschingssonntag, das Leben auf den Strassen lebhaft. Matrosen aller Zungen, jene von den Kriegsschiffen sauber gekleidet, in kleinen und grossen Trupps, Europäer in modernen Gewändern, Griechen und Albanesen in ihren malerischen Trachten, dem weissen, weit abstehenden Röck- chen, Türken und Araber im Kaftan mit Turban und Fez, Beduinen im Burnus, der durch eine dicke Schnur am Kopfe gehalten wird, schwarze Negergestalten, scheinbar noch schwärzer geworden durch ihre Beschäftigung, das Aufladen von Kohlen; der Tourist mit dem grossen indischen Korkhute oder dem herabfallenden weissen Tuche über dem Hute; Dragomane in ihren auffälligen Costümen, dazwischen johlende Maskenzüge, lachendes Volk. Hier eine Drehorgel, da 92 eine türkische Trommel mit Pfeife und Trompete, dort wieder ein einzelner Geiger: Ein prächtiges Durcheinander, ein heiterer Hexensabbath! 4. März. Schöner Tag, der Sturm hat nachgelassen; die See scheint sich zu beruhigen, wenn auch noch Welle auf Welle sich schäumend an dem Molo bricht. Die Stadt durchstreifend, gelangte ich zu dem westlich von der europäischen Ansiedlung gelegenen arabischen Viertel. Auch hier gerade Strassen, denn auch dieser Ort ist neu: aber was für Häuser! Aus Holz in allen Dimensionen gezimmert, mit Brettern verschalt — man glaubt eine aus Kisten geformte Stadt zu sehen; hier ist nichts Originelles, kein nett geschnitztes Haremsfenster, hier herrscht nur der Schmutz ohne jeden praktischen Anstrich. Da nützt kein Sonnenschein, da wirkt kein Mondlicht: hier wirkt Nichts bezaubernd. Die Menschen drängen und stossen sich, sie betteln und liegen faullenzend herum, je nachdem sie fleissig oder träge sind. Hier wohnen die arabischen Arbeiter. Der Streifen Land, auf dem Port Said liegt, ist kaum tausend Schritte breit, südlich ist der fischreiche Menzalehsee in seiner riesigen Ausdehnung, nördlich das Meer. Trovatore im arabischen Viertel in Port Sai'd. m. 9 3 Gegen 3 Uhr Nachmittags schifften wir uns auf dem Lloyddampfer „Venus“ ein. Ein Reisegenosse verliess uns leider. Prinz H. musste nach Hause. Viele Grüsse nahm er mit an alle Bekannten. Er wäre, glaube ich, gerne noch mitgefahren. Dank der Liebenswürdigkeit des Lloydagenten hatten wir vortreffliche Cabinen. Das Schiff war weitaus überfüllt. Ein grosser Theil der Reisenden musste die Nacht im Speisesalon und auf Deck zubringen. Das Zwischendeck war vollgepfercht von allerhand Orientalen, die sich aus den mitgebrachten Teppichen und Decken Lagerstätten machten. Es muss die Visitenstunde der Commandanten der Kriegsschiffe gewesen sein; denn da fuhr der Admiral der französischen Escadre an die Treppe des deutschen Flaggenschiffs, dann ein deutscher Officier zu der französischen Fregatte. Das Gleiche thaten englische und italienische See- officiejre: Alles in Galla im kleinen Boot das Steuer führend, während die gleichmässig einfallenden Ruder der Matrosen das Fahrzeug rasch dem Ziele näher brachten. Jetzt kommt eine russische Fregatte aus dem Canal an uns vorbei und legt an der letzten Ankerboye an. Sie hat den Kosakenführer Atschinov mit seinem Anhänge an Bord, der eine halb religiöse, halb politische Expedition nach Afrika auf eigene Faust gemacht hat. Da er sich aber anschickte, Sagallo einzunehmen, das unter französischem Schutze steht, sah sich der comman- dirende französische Admiral veranlasst, nach fruchtlos erfolgter Aufforderung, sich zurückzuziehen, einige .Schüsse unter die Russen abzufeuern und sie gefangen zu nehmen. Die russische Fregatte übernahm die Landsleute zur Heimbeförderung und fährt jetzt mit der Gesellschaft an dem französischen Schiffe vorbei, welches vor Kurzem erst gegen die Kosaken gefeuert hat. 1 — 94 — Gegen 4 Uhr verliessen wir den Hafen; wir hatten schlechte Fahrt: es war mare morto, scheinbar ruhig auf der Oberfläche, heftig bewegt von unten durch den Sturm der letzten Tage; so wurden wir tüchtig herumgeworfen. Sehr viele Kranke an Bord. VN' s&. ••• * Wz/') Ankunft in Jaffa IV. Jaffa und Jerusalem 5. März. Die stehende Maschine des Schiffes weckte uns auf. Wir eilten auf Deck. Der Tag begann zu grauen. Vor uns lag die Küste Palästinas! Der Leuchtthurm von Jaffa mit dem wechselnden weiss- rothen Lichte leuchtet uns entgegen. Wir mussten laviren, bis es lichter wurde, um uns dem Lande zu nähern. Langsam ward es heller und heller. Immer schärfer waren die Con- touren des Landes und der Stadt zu sehen, immer schwächer der Schein des Leuchtthurmes. Jetzt erschien die Morgen- röthe, den östlichen Himmel vergoldend. Die Maschine setzte sich in Bewegung und bald lagen wir auf der Rhede vor Anker. Zahllose grosse Barken mit Cook’scher Flagge, eine für uns mit dem Ivavassen des Consulates, legten sich an unseren Dampfer an. Und nun begann die Ausschiffung: zuerst das grosse und kleine Gepäck, dann die Reisenden. Mit grosser Geschicklichkeit wird man in die Boote gehoben, die sich wie kleine Nussschalen bald tief unten, bald wieder von den Wellen gehoben, in der Höhe der Schiffstreppen wiegen. Die Matrosen setzen die Ruder ein und pfeilschnell fahren wir dem Lande zu. g6 Die Rhede von Jaffa ist eine der schlechtesten im Orient. Grosse Klippen, durch die man durchfahren muss, liegen vor der Stadt. Bei ganz bösem Wetter ist eine Landung unmöglich; dann müssen die Reisenden bis Caifa oder Beirut weiter fahren. Immer aber gehen die Dampfschiffe ziemlich vor der Stadt vor Anker. Heute aber war es Gottlob leidlich ruhig. Amphitheatralisch erheben sich die weissen Gebäude Jaffas auf den Ilöhen der Bucht. Tiefblau war das Meer, nur weiss schäumend über den Klippen und Riffen und weiss aufspritzend an den Felsen des Ufers. Mit kräftigem Ruderschlage passirten wir die gefährliche Stelle, eine schmale Durchfahrt durch die Steinblöcke benutzend. Hinter denselben war ruhiges Wasser und bald legten wir an. Zuerst geht Alles in das Zollgebäude. Gleich Thieren einer Menagerie wird man mit seinem Hab und Gut in den umgitterten Raum gesperrt. Die türkischen Zollbehörden sind sehr streng. Heute aber waren noch wenige wach, es war ihnen zu zeitig. Der amtirende Beamte liess uns bald des Weges ziehen: das „Bakschisch“ that seine Schuldigkeit. Welche Gefühle beherrschen den Reisenden, wenn er das gelobte Land betritt, das Land, in welchem die Wiege unseres Glaubens stand, wo unser Heiland die sündhafte Menschheit mit seinem göttlichen Vater versöhnte. Was fanden hier für Kämpfe statt, um die Stätten des Glaubens dem Christenthume zu erobern! Wohl ist der Halbmond siegreich geblieben, aber zu Tausenden ziehen fromme Pilger an die geheiligten Orte. Unser erster Gang war in das katholische Kloster, wo wir der heil. Messe beiwohnten, dann zum Consul und endlich ins Gasthaus, um die Weiterreise anzutreten. Das Hotel steht in einer württembergischen Colonie und ist von einem Deutschen gehalten. Hier, wie in anderen Orten, so z. B. auch eine Stunde weiter, sind Ansiedlungen •A-' ■***•• » («t.'U .'j/, ■—i ist» ! * U ' ä - 8 ! I I * N * ffc wmm HWMNAäw .'rTttJW*£fcu MO v?&itä*5?j>.,•*••—'" •S*- • ^***vmr- *&r.' • hi »iii^ini JAFFA. I' 1 von den sogenannten Templern, Protestanten aus Württemberg. Mit deutschem Fleisse und nach unserer Art wird der Boden bestellt: der Mann bei der Arbeit und die deutsche Hausfrau mit helfend und schaffend im Wirthschaftsbetriebe des Mannes. Mit den Anstalten für die Reise, mit dem Versuchen der Pferde, mit dem Bepacken der Tragthiere verging der Vormittag. Haben wir doch eine mehr als vierzigtägige Reise zu Land im eigenen Lager vor uns. Ein wahres Nomadenleben, frei und selbstständig, nicht an Stunden und Fahrplan gebunden! Ich freue mich auf diese poetische Reise. Die vortrefflichen Einrichtungen des grossen Reiseunternehmers Thomas Cook & son begünstigten unser Unternehmen. Salim, ein schöner Maronite im schmucken Dragomananzug, ward uns zugewiesen. Fünf gute syrische Pferde standen bereit; für Anna ein ausgezeichnet schöner Fuchshengst, der ganz stolz unter seiner Last gegen 3 Uhr an der Spitze unseres Zuges aus Jaffa hinaustrabte. Bald hatten wir die Stadt hinter uns, dann kamen die Gärten. Goldgelb hingen die reifen Orangen im dunklen Laub der Bäume, heller daneben die Citronen. Die Obstbäume zum Theile noch in Blüthe; Feigen und Maulbeeren mit saftigen jungen Blättern. Darüber die majestätischen Kronen von Palmen. Jaffa treibt einen grossen Handel mit Orangen. In Seidenpapier eingehüllt, in Kisten verpackt, werden sie mit Kameelen an den Llafen gebracht, um von da zumeist nach England verschifft zu werden. Man durchreitet fruchtbares Land auf gut gehaltener »Strasse. Von halber Stunde zu halber Stunde ein türkisches Wachthaus, von Zeit zu Zeit ein Brunnen oder das Grab irgend eines Schöchs mit runder Kuppel. Einige Ortschaften aus Stein gebaut, die Dächer mit Gras bedeckt. Die Gärten Franz Graf Th., Eine Orientreise. 7 — 98 — mit dichten Cactushecken vor dem Eindringling geschützt. Dies die Landschaft, welche wir durchritten — w^eit vor uns die Berge von Judäa. Aus beträchtlicher Entfernung erblickt man schon das Städtchen Ramleh mit seinem schönen Thurme; dorthin wandten wir unsere Pferde. Der Thurm, viereckig mit zierlichen Bögen und Fenstern, ist der einzige Ueberrest einer durch den ägyptischen Sultan Mohammed en-Nasir im Jahre i3i8 gebauten Moschee. Die Aussicht von demselben äusserst lohnend, über die weisse Stadt, die fruchtbare Ebene bis zu den hohen Gebirgsrücken des Landes Juda. Jenseits der Stadt stand unser Lager auf einer grossen Wiese. Die Zelte waren aufgeschlagen und mit wahrem Enthusiasmus ergriffen wir Besitz von unserem wandelnden Gasthofe. Ein Zelt für Anna und mich, eines für N. und CI., ein Speise- und ein Küchenzelt war unser Reich. Nicht weit von uns lagerten andere Reisende. Im Ganzen waren 20 Zelte auf der Wiese und ungefähr 120 Pferde, Maulthiere und Esel standen in langen Reihen, anVorder- und LIinterfüssen gefesselt, muthig wiehernd vor den Zelten. Lange noch nach dem Essen sassen wir auf dem Hügel vor Der Thurm von Ramleh, 99 — unserem Zelte und schwelgten im Anblicke des Lagers. Grosse Laternen bezeichneten die verschiedenen Lagerplätze; die Kochfeuer brannten. Heiteres Lachen der Reisenden ver- rieth, dass Alles guter Laune war. Die Pferde waren getränkt, ein jedes hatte seinen Futtermeister umgebunden — von der Ferne Hundegebell. In der Nacht erhob sich ein orkanartiger Sturm, der auch am 6. März bei unserem Weiterritt anhielt. Die Con- versation musste unterbleiben, man hörte seinen Nachbar nicht. Jeder war vollauf mit dem Halten seines Hutes beschäftigt. Man hängt seinen Gedanken nach: die meinigen waren äusserst heiter. Mich kränkt kein Wetter auf Reisen, mir ist keine Mühe zu gross, mir ist Kost und Unterkunft überall gut: in einem Worte, ich geniesse das Reisen aus ganzem Herzen! Um wie viel mehr in ganz fremden Ländern, wo Alles fremdartig einwirkt. Nach einstündigem Ritte durch bebautes Land kamen wir in die Berge Juda. Einige Orte, worunter Latrun der grösste, auf den Höhen. Im engen Thale Bab el-Wadi führt die gute Strasse in den Bergen hinauf. Anfänglich ist noch eine kümmerliche Vegetation; Olivenbäume, Strauchwerk, wohl auch hie und da noch ein dem Felsengrunde abgerungenes Feld. Dann wird es beinahe kahl. Das Kalksteingebirge bildet scharfe Terrassenabsätze. Cyklamen und eine dunkelroth blühende Tulpenart schmiegen sich an den Felsen. Wir erreichen die Höhe, um wieder in das Thal hinabzusteigen. Es ist das Thal, in welches die Sage Davids Kampf mit Goliath verlegt. Ein Gewitter war heraufgezogen und in dicken warmen Tropfen strömte es auf uns herab. Wir hatten noch einen Berg zu überwinden. Auf steilen Serpentinen trugen uns die Pferde auf der alten .Strasse hinauf. Beseelt von dem Wunsche, Jerusalem zu erreichen, trieben wir unsere braven Thiere an. Dichter Nebel war über ■ 100 die Gegend gelagert, so dass wir in der Vorstadt Jerusalems waren, ohne viel von der Stadt zu sehen. Die Vorstadt, in welcher ausser den Consulaten fast ausschliesslich Juden wohnen, wird durchritten; vor dem Jaffathore ist unser Lager aufgeschlagen. Wir wollten aber heute noch die Stadt betreten, und so liessen wir unser Lager rechts liegen, wandten uns links, der Stadtmauer entlang, dem Damascusthore zu. Mit Zinnen und Thürmchen geschmückt, mit Schiessscharten versehen, ist es ein mächtiger Bau. Im Winkel führt die Strasse durch dasselbe in die Stadt. So waren wir denn angekommen in der heiligen Stadt, an der das gläubige Christenthum hängt, wo unser Heiland durch seinen Kreuzestod die Menschheit erlöste. Wir suchten das österreichische Hospiz auf. Pater Kosta, ein Tiroler, ist Rector; ein grosses Gebäude steht gastlich geöffnet den österreichischen Pilgern. Und wenn wir auch hier nicht einkehrten, so wollten wir im Hospiz doch wenigstens Meldung von unserer Ankunft machen, hiedurch uns in Jerusalem als gute Oesterreicher bekennend. Es war spät, als wir in unserem Lager eintrafen. Wir waren acht Stunden geritten und Reiter sowohl als Thiere waren froh, am Ziele angekommen zu sein. Das Mahl schmeckte vortrefflich und bald nahm uns der Schlaf auf. Das Wetter war schlecht, es stürmte noch immer; ein Regen mit Llagel ging nieder. Die uns bewachenden Soldaten stiessen von Zeit zu Zeit einen schrillen Pfiff aus; die Llunde schlugen an, suchten nach Brocken im Lager und brachen darüber in Streit aus; doch all’ dies störte uns nicht ernsthaft. Wir schliefen prächtig. 7. März. Der Tag musste ausgenützt werden, und so begannen wir denn zeitig das Touristenhandwerk. Mit früher Messe in der erzbischöflichen Kirche weihten wir unseren IOI Aufenthalt in Jerusalem ein, dann ging es zu unserem Consul, Herrn von St., den wir um die verschiedenen noth- wendigen Erlaubnissscheine ersuchten. Dem Drange unseres 1 Terzens folgend, eilten wir zur Grabeskirche. Was für Gefühle bemächtigen sich des gläubigen Reisenden beim Betreten dieses Gotteshauses, das all’ die heiligen Stätten birgt. Hier opferte Christus sein Leben für die sündhafte Menschheit, hier ward sein heiliger Leichnam (in der Vorhalle der Kirche wird der Stein gezeigt) gesalbt, hier ward er in das Grab Josefs von Arimathia gesenkt, aus welchem er sich nach drei Tagen erhob. Man vergisst das Betrachten der Kirche, man sieht nur die grosse, das Weltall versinnbildlichende Kuppel, die sich über der Grabcapelle wölbt; man ist erfüllt von tiefem Glauben! Pater Beck, ein österreichischer Franziskaner, zeigte uns all’ die Stätten, all’ die Reliquien. K atholiken, Griechen und Armenier benutzen die Kirche gemeinschaftlich und genau nach Stunden eingetheilt wird der Gottesdienst der verschiedenen Confessionen gehalten. Zahllose Pilger knieen vor den HeiligthÜrnern, welche Reihen von silbernen Lampen kennzeichnen. Lange blieben wir an diesem heiligen Orte, dann gingen wir in die grosse Franziskanerkirche, deren stattlicher Bau vornehmlich unserem frommen, jetzt so schwer gebeugten Kaiser zu danken ist. Ein „Gott erhalte“ erfüllte meinen Sinn, ist er doch König von Jerusalem. Nachmittags besuchte uns der Consul in unserem Lager; wir nehmen orientalischen Brauch an, tractiren unsere Gäste mit Kaffee und Cigaretten. Das ’Wetter hatte sich aufgehellt. Die Sonne glänzte, blendenden Widerschein von den Häusern werfend; tiefblauer Himmel wölbte sich über der Stadt: es ist die nothwendige Beleuchtung für den Haram esch-scherxf, 102 d. h. geheiligter Bezirk; den wir besuchten. Durch das Kettenthor, Bab es-Silsele, mit Spitzbogenwölbungen eintretend, befindet man sich auf einem grossen Hofe; der von Gebäuden und der zinnengekrönten Stadtmauer umschlossen ist. Hier stand der Tempel Salomos; jetzt ist es ein von den Mohammedanern hoch gehaltener Complex, während die Juden denselben nicht betreten dürfen. In der Mitte führen von allen Omar-Moschee in Jerusalem, 8,hLR: ■• Seiten Stufen ; die mit freistehenden Bögen abschliessen ; zu einer Terrasse hinan, auf der sich der Felsendom, Omar- Moschee genannt, erhebt. Im Centrum des achteckigen Baues wächst eine schöne Kuppel hervor, die Wände sind mit Marmor und mit Fayenceplatten belegt, die in ihrer Zusammenstellung den reichen Farbensinn und guten »Geschmack der Araber bekunden. Das Innere wird durch zwei concentrische Säulenreihen in drei Theile getheilt; auf der inneren Säulenreihe erhebt sich die Kuppel. Die Säulen von verschiedenem Marmor — io3 und mit vergoldeten Capitälen tragen ein reich vergoldetes Gebälke, auf dem die Bögen ruhen, welche die Decke einerseits, anderseits die Kuppel tragen. Der innerste Raum ist durch ein Gitter abgeschlossen. Hier ist die grosse Felsplatte, die nach Ansicht der Moslems freischwebend ist und in welcher Eindrücke des Kopfes, der Hände und Füsse des Propheten gezeigt werden. Die Felsplatte soll zur Zeit der Juden zu den Brandopfern gedient haben. Durch zierliche Fenster mit farbigen Gläsern dringt das Licht in die Moschee, deren Wände über und über mit prächtigen Mosaiks und Goldinschriften bekleidet sind. Als Raphael sein Bild „ Sposalizio “ malte, nahm er diese Moschee als Vorbild. Ein kleiner reizender Bau, der Kettendom, frei auf Säulen ruhend, ist östlich von der Moschee, während die grosse Aksa-Moschee mit sieben Schiffen, ursprünglich eine christliche Kirche, südlich gelegen ist. Auch sie ist reich geschmückt; besonders schön der Predigerstuhl neben der Kibla mit reicher Holzintarsia. Eine Menge kleiner Tempelchen, Predigerstühle und einzelner Bögen stehen auf dem grossen Hofraume. Durch das Thal Josaphat mit den vielen Gräbern, von denen eines das des Absalon, ein zweites das des Zacharias sein soll, erreichten wir auf steilem Pfade zu Pferde den Oelberg, am Garten Gethsemane —• 104 — vorbei; hier die kleine, von Mohammedanern gehütete Himmelfahrtscapelle, auf dem Orte, von welchem sich der Heiland in den Himmel erhob. Die. Aussicht vom Oelberge ist prachtvoll grössartig; vor uns Jerusalem, hinter welchem soeben die Sonne unterging; der Tempelbezirk der Omar-Moscheen; die Grabeskirche und die vielen anderen Kirchen und Minarets. Die Häuser aus weissem Steine gebaut, mit den runden kuppelartigen Abschlüssen der Wohnräume. Der Berg Zion mit der Burg Davids im Osten der Stadt. Weitaus der Ausblick in das bergige Land, vom Frankenberge bis in das Jordansthal, gegen Osten der tief eingeschnittene Spiegel des todten Meeres. Es war spät, als wir heimkehrten, und bitter kalt in unseren Zelten, als wir die Nachtruhe aufsuchten. 8. März. In der Calvariencapelle, dem Orte, wo unser Erlöser zum Heile unser Aller die Seele aushauchte, unsere Andacht verrichtet; den Segen erfleht für uns und alle lieben Angehörigen in der Heimat. Dem Patriarchen einen Besuch abgestattet und das Franziskanerkloster besichtigt, dessen Kirche wir gestern schon gesehen hatten. Ein interessantes Etablissement, enthaltend ein Waisenhaus, Buchdruckerei, die erste in Jerusalem, Tischlerei, Schlosserei, Mühle, Apotheke u. s. w. Der Rector, welcher Custos der Grabeskirche ist und von der Pforte als Repräsentant der Katholiken in Palästina angesehen wird, war unser liebenswürdiger Begleiter. Ueberall Franziskanermönche und Laienbrüder an der Arbeit, theils selbst Hand anlegend, theils nur diri- girend. Alle Freitag versammeln sich die Juden an dem alten Theile der Tempelmauer, und so gingen wir denn hin, um sie klagen zu sehen und zu hören. Es war ein furchtbares Wetter, es goss in Strömen ynd ein scharfer Wind fegte über die V öl, - -J, im n»n) Blii «BR j M mm fiinüi ws& SiSi -i mMi. ■M ®S&1 mm V*ä2*'. Der Teich von Bethesda. Höhe. Es waren daher nur wenige Juden da. Mit dem Gesichte gegen die Mauer gewendet, klagen sie mit lauter, weinerlicher Stimme über den Verlust des Tempels. Auf io6 unserer Wanderung hielten wir uns in der Kirche der heil. Anna auf. Eine sehr alte Kirche, nach Aussage des uns begleitenden Mönches aus dem 9. Jahrhunderte stammend, später von den Moslems als Schule benützt, vom Sultan der Kaiserin Eugenie geschenkt, wurde sie als Rohbau restaurirt. In ihrer Nähe fand man bei Grabungen das Wasser Bethesda, in dem die wunderbare Heilung des Gichtbrüchigen stattfand. Zahlreiche Säulenfragmente und Capitäle, die hier gefunden wurden, sind im Vorhofe der Kirche aufgestellt. Eine schreckliche Nacht; es stürmte und regnete bei empfindlicher Kälte. Das Aufstehen am 9. März war unschön, die Aussichten für den Tag schlechte; doch gegen y s 8 Uhr zerrissen sich die Wolken ein wenig, und so wurde denn das Lager abgebrochen und aufgeladen. Die Leute haben eine grosse Geschicklichkeit darin; es währt nicht lange und alle Zelte, das Gepäck und das nöthige Geräthe liegen auf dem Rücken der Tragthiere. Heute wollten wir Jericho erreichen, wir hoffen von den Niederungen des Jordans wärmeres Klima. Wir gingen durch die Stadt zu Fuss. Beim Thore Bäb Sitti Marjam, wo St. Stephanus gesteinigt wurde, stiegen wir in das Thal Josaphat herab und besuchten vorerst die Grotte, in welcher die Jungfrau Maria vor ihrer Himmelfahrt bestattet war. Griechen und Armenier haben in der Grotte eine Kirche. Nebenan liegt der Garten Gethsemane. Er ist im Besitze der Franziskaner, die ihn sorgfältig pflegen. Ein Kreuzgang an der Mauer; in der Mitte die ehrwürdigen Oelbäume, unter welchen unser Heiland zu seinem himmlischen Vater flehte, während seine Jünger dem Schlafe nicht widerstehen konnten. Nun bestiegen wir die Pferde. Ein Beduinenscheik vom Stamme el-Wadiijeh war als Bedeckung an der Spitze unseres Zuges; die Beduinen des nahen Ortes Abudis haben das Recht und die Pflicht, dem Fremden sicheres Geleit zu geben. Es sind wettergebräunte Gestalten, im langen, flatternden weissen Gewände, mit rother Schärpe um die Hüfte, krummem silberbeschlagenen Säbel und Pistolen, manche mit langem Gewehre. Ein weissbrauner Burnus hängt über die Schulter. Um den Kopf ein dunkles Tuch geschlagen, welches von einer doppelten Schnur gehalten wird. Das ganze Gebiet von hier bis zum Jordan bildet ihre Weideplätze, auf denen zahlreiche Rinder- und Schafheer- den Nahrung finden. In der Sohle des Thaies, durch welches wir kamen, vereinzelte Felder. Man überschreitet den Rücken des Oelberges und steigt in das Thal Wadi el-Hod hinab, an Bethanien vorbei. Der Saumpfad zum Theile sehr schlecht. Hügel an Plügel, Bergrücken an Bergrücken, dazwischen tiefe Mulden. Alles Weideland in saftigem Grün, mit rothen, gelben, weissen Blumen dicht überzogen. Auf demselben Wege der Chan Mädchen aus Bethanien. — io8 y V ">F5» »îipgjggpw ***¥/& rïXi ■&gZk&- Ruine von Jericho. Hadrun, wo das Frühstück eingenommen wurde. Nach ' . „ JE v. v'i kurzer Rast g'ing es weiter. Das Gebirge wird schroffer, die Weideplätze weniger zahlreich; doch jetzt in der Regenzeit überall Heerden mit ihren bewaffneten Hirten. Auch Esel- und Kameeltreiber, denen wir begegnen, haben das lange Gewehr über dem Rücken. Von Zeit zu Zeit ein weiterer Ausblick, ein Stück der Jordanebene, el-Glior genannt, und des todten Meeres zu sehen, welches wieder hinter einem Bergrücken verschwindet. Ins tiefe felsige Thal hinunter, in einen alten, aus den Felsen ausgewaschenen Wasserlauf; dann eben so steil wieder bergauf: da liegt das ganze Jordanthal vor uns, im Süden der Spiegel des todten Meeres. Jenseits über Thal und See das schroffe Moabiter Gebirge, grell von der Sonne beleuchtet, wenn nicht die rasch vorbeiziehenden Wolken vorübergehend auf einzelne Stellen tiefe Schatten werfen. Rosig angehaucht das weite Gebirgsland, darüber hinziehend die raschen blauschwarzen Schatten der Wolken. Links von uns der tiefe, schroffe Wadi el-Kelt (Bach Crith), eine Schlucht, in zerklüfteten Felsen sich Bahn brechend, um einen kleinen Bach dem Jordan zuzuführen. In der grünen Ebene Jericho mit seinen weissen Häusern, dahinter der Einschnitt, in dem log B«HB«BEaysr™B T&fWäBtHS* — log der Jordan fliesst. Nördlich vom jetzigen Jericho ist ein Hügel, an dessen Fusse zahlreiche Steintrümmer die Stelle des alten Jericho bezeichnen. Dort war unser Lager aufgeschlagen, bei der frischen Quelle Ain es-Sultän, am Rande des fruchtbaren, von Bäumen durchzogenen, mit kniehohen Futterpflanzen bedeckten Weidelandes, 700 Fuss unter dem Meere. Ein Beduinenlager mit schwarzen, niedrigen Zelten in unserer Nähe. Aus diesem wollen wir unsere Begleiter für die morgige Jagd nehmen. Der Abend war still, es war bedeutend wärmer als in Jerusalem. Schakale heulten in geringer Entfernung; leider war der Mond hinter Wolken, also nichts zu machen. 10. März. Starker Thau, aber warm: wir leben wieder auf. Vergnügt zogen wir zur Jagd hinaus. Mehrere Beduinen gingen als Treiber mit und eine Anzahl Hunde sprang schweifwedelnd um die Pferde. Bei uns hat man einen andern Begriff von Jagdhunden; hier sind sie von allen Farben und Gestalten: zwei Windhunde, einige Wolfshunde und einige, bei denen überhaupt keine Race anzugeben ist. Wäre man auf dem Anstand auf Wölfe und Schakale, so würde so mancher dieser Hunde als wildes Thier geschossen werden. Nach einstündigem Ritte kamen wir zu einem trockenen Wasserlauf, in welchem Sträucher, hohes Gras, Schilf und Bäume die Möglichkeit boten, Wild aufzufinden. Wir vertheilten uns an den Rändern und Hessen die Beduinen mit den 1 Tunden durchgehen. Im Jordanthale gibt es Schweine,Wölfe, auch Panther hie und da: wir hofften daher auf gute Jagd. Der Trieb begann mit ungeheurem Geschrei; wo das Gesträuch zu dicht ist, werden Steine hineingeworfen, denn die Araber fürchten sich vor Schlangen und weichen dem dichten Gestrüppe aus. Einige Steinhühner waren das Ergebnis des ersten Streifens. Eine sumpfige, dicht bewachsene ! I IO Mulde war ohne Wild. Nun ritten wir an den Jordan. Das Terrain, welches von Weitem als fruchtbare Ebene angesehen wird, ist hier kahl und zerrissen. An einem griechischen Kloster vorbei, in die Auen des Jordans; die Ufer sind dicht bewachsen, unsere Weiden vorherrschend. Der Fluss ist reissend und von lehmiger Farbe. Flier ist die Stelle, wo Jesus von Johannes getauft wjirde, und zu Zeiten kommen grosse Pilgerzüge an diesen Ort. Auf dem Heimwege hielten wir uns an dem Bache Crith, dessen spärliches W T asser in einem tSM Jordan. stellenweise sehr breiten, dicht bewachsenen Thale fliesst. Zahlreiche frische Fährten von Schwarzwild Hessen uns auf gute Beute hoffen, doch kam uns leider nichts Schwarzes zu Gesicht. Dafür erlegten wir Steinhühner und Wachteln; ich schoss ein kleines gelbes Huhn, Frankolina genannt, einen schöngefiederten blauen Vogel mit rothem Schnabel und Ständer, ähnlich unserem Eisvogel, doch viel grösser, und eine Elsterart. Wenn auch die grossen Erwartungen getäuscht und die Kugeln umsonst mitgenommen waren, so kehrten wir doch III sehr befriedigt gegen 5 Uhr zum Lager zurück. Es war warm, das Gehen bisweilen beschwerlich, die letzte Stunde zu Pferd daher recht angenehm. Bis spät in die Nacht lauerten wir bei einem angebundenen Zicklein auf Schakale, aber umsonst, Frau Diana ist uns nicht hold. 11. März. Ein schöner Morgen, frischer Thau. Hinter dem niedrigen Wolkenstreifen des Ostens erhob sich die Sonne, lange goldene Streifen voraussendend. UL«, Die Wüste von Judäa und das todte Meer. Auf meinem Regenmantel fand ich einen Scorpion; das hässliche gelbe Thier mit giftigem Stachel an der Schwanzspitze wurde gemordet. Um 7 Uhr Morgens waren wir im .Sattel; auf schmalem Fusssteige durch üppige Fluren, über Neu-Jericho hin, auf die Ebene gegen das todte Meer. Die prächtige Fläche reizte zu schärferer Gangart, und so flogen unsere Pferde im Galopp dahin. Der uns begleitende Scheik sprengte bald rechts, bald links, wandte sein Pferd, stürmte uns entgegen, um wieder in Carrière davon zu eilen; hiebei legte er das Gewehr an, schwang es über 112 dem Kopfe und stiess laute Rufe aus. Sie nennen dies Fantasia. Nach zwei Stunden waren wir am Ufer des todten Meeres, jenes merkwürdigen Sees, der 1280 Fuss unter dem mittelländischen Meere liegt. Ein blauer Spiegel, dessen Länge nicht zu übersehen ist, liegt gebettet zwischen den hohen, steilen Bergen Moabs und Judas. Am Ufer liegt das Holz angeschwemmt, welches der Jordan dem See zuführt. Die Ufer sind flach und ganz kahl, mit Ausnahme weniger Fettpflanzen. Nun wandten wir uns gegen die Berge. Der Steig ist steil und langsam nur schreiten die Pferde dahin. Die Sonne meint es gut. Die Nordlehnen der Berge sind dicht mit Gras bewachsen, in dem massenhafte Blumen das Auge erfreuen, die Südlehnen dagegen ohne jede Vegetation, der nackte Stein. Nachdem man mehr als eine Stunde mühsam in Schluchten hinaufgeklommen, kommt man in einen weiten, von schroffen Höhen eingeschlossenen Kessel, el-Bukeija. Manchmal hat man eine schöne Fernsicht auf Theile des Meeres und der Jordanebene, während die jenseitigen Berge in duftigem Blau der Ferne erscheinen. Auf einem kleinen Hügel wird die Mittagsrast gemacht. Wir sind im Gebiete eines andern Beduinenstammes, der Arab es-Sara- haret el-Wäd. Ihr Scheik Ali, eine mächtige Persönlichkeit, dem 400 bewaffnete Beduinen gehorchen, besuchte uns. Ein würdiger alter Mann in einfachem Gewände, über welchem er einen Pelz trägt. Die blossen Beine in hohen Stiefeln; die türkische Pfeife in der Hand. Er lud uns zu sich in sein Lager. In einem engen Seiten- thale waren die schwarzen Zelte, etwa dreissig an der Zahl, aufgeschlagen. In der Mitte das grösste, nach drei Seiten offen, das des Scheiks. Auf Polstern und Decken nahmen wir Platz und tranken den angebotenen Kaffee. Die Bewohner des Lagers, Männer, Frauen und Kinder, umstanden neugierig die Reisegesellschaft. Die Hunde bellten wüthend; die Anwesenheit der Fremden erbitterte sie; wenn sie zu nahe kamen, / / mWéM Beduine. WÊm 'ïsfy.'t'&J'itl'h mffi /• mm wurden sie mit einigen wohlgezielten Steinwürfen in respect- volle Entfernung zurückgejagt. Die Conversation führte unser Dragoman als Dolmetsch. Der Scheik liess uns seiner Freude versichern, uns bewirthen zu können; wir erwiderten in der höflichsten Weise. Der Franz Graf Th., Eine Orientreise. 8 — H4 — Stamm ist auf einem weiten Gebiete zerstreut und im Besitze zahlreicher Heerden, während nur der Scheik einige Pferde hat. Ungefähr drei Wochen noch bleibt der alte Führer auf diesem Lagerplatze, dann zieht er weiter, wo frisches Weideland und eine ergiebige Cisterne dem Vieh hinlänglich Futter und Wasser gibt. Mit herzlichem Handschlag trennten wir uns von unserem würdigen Gastwirthe und verfolgten unseren Weg, der immer steiler und an manchen Stellen ausserordentlich schlecht wurde. An scharfen Abhängen, an schwindelnden Abgründen zieht sich der Saumpfad dahin: theilweise spitzes Gerolle, theilweise grosse Steinplatten — lauter Kalkstein — sind der Boden, auf den die Pferde mit vorgestrecktem Halse vorsichtig den Fuss setzen, ohne fehlzutreten. Jetzt geht es in ein Thal hinab und auf der andern Seite auf einem von den Klostermönchen gemachten Wege sanft hinan. Wir sind in der Nähe des Klosters Mar Saba; die Schlucht wird immer enger. Das Gebirge, nur übereinander liegende Kalksteinschichten, war seit uralten Zeiten der Zufluchtsort zahlreicher Einsiedler, die sich in den Wänden der Schlucht ihre Wohnstätten einrichteten. Jetzt ist das Einsiedeln aus der Mode gekommen, die Mönche wohnen in dem griechischen Kloster. Es soll eine Strafcolonie sein. Das Kloster ist an den Felsen angebaut, zum Theile in denselben eingehauen. Treppauf, treppab wird man geführt. Wie Felsennester sehen manche Wohnstätten aus. Die Zelle, in der der heil. Saba fünf Jahre mit einem Löwen wohnte, die Grabcapelle des Heiligen und die grosse Kirche werden gezeigt. Die Mönche pflegen kleine, auf Terrassen gelegene Gärtchen, arbeiten Stöcke, Kreuze und Rosenkränze, welche sie den Fremden verkaufen, und füttern Schakale und Vögel. Im Kloster, welches wie eine Festung verwahrt und geschützt ist, kann man Unterkunft finden, doch Frauen müssen in einem einzeln aussen- stehenden Thurme die Nacht zubringen. 12. März. Immer höher führte uns unser Weg an steilen Lehnen hinan, über Kuppen und Thäler. Die Aussicht fortwährend prachtvoll auf die Gegend hinter uns; Theile des todten Meeres wieder zu sehen, während vor uns der Thurm der Oelbergkirche erscheint und uns ein Willkommen zuruft. Von Weitem schon ist Bethlehem zu sehen, wie es sich auf dem Berge, auf dem es liegt, amphitheatralisch auf baut; links die grosse Kirche, die solid gebauten Steinhäuser, mit den zuweilen in mehreren Stockwerken übereinander liegenden Bogenterrassen gegen das Gebirge gerichtet, über welches wir kämen. Viel Feldbau wird getrieben; Olivenhaine und Weingärten umgeben die Stadt. Auf allen Feldern und in den Gärten die Leute an der Arbeit. Es wird gepflügt, angebaut und Unkraut vertilgt, Rebe beschnitten; es werden die Terrassenmauern in Stand gesetzt. Nur auf die Wege wird keine Sorgfalt verwendet; ist ein Stück eingefallen, so treten die Thiere einen neuen Steig, aber gethan ward nichts. — n6 Vor der Stadt liegt die Grotte der Hirten. Der Sage nach ist es der Ort, wo der Engel den Hirten das „Gloria in excelsis deo“ zurief. Treppen führen in den Raum hinab, der gegenwärtig eine griechische, von den Armeniern mitbenützte Capelle ist. Einige schöne alte Bilder — besonders ein Christuskopf ist ausgezeichnet — schmücken die Wände. Der Weg von hier nach Bethlehem führt durch Gärten zwischen hohen Mauern, nur von Zeit zu Zeit sieht man in das Land. Vor der Kirche hielten wir. Im Franziskanerkloster, in dessen Refectorium ein Bild unseres Kaisers, des frommen Wohlthäters dieser Kirche, hängt, begannen wir unseren Rundgang. Um die Kirche liegen die Klöster der Franziskatier, der Griechen und der Armenier. Jede Confession hat ihre eigenen heiligen Orte, während die Nativitäts- (Geburts-) Capelle den drei Confessionen gemeinsam ist. An das Kloster stösst die grosse, Christlicher Araber nur d en K atholiken gehörige Katha- aus Bethlehem. rinenkirche. Ein schöner einfacher Bau mit kostbaren Marmoraltären, Geschenken von Neapel und Frankreich, und mit reich geschnitzter Kanzel. Eine Treppe führt in die Krypta hinab. Hier im Felsen ausgehauen und zum Theile in natürlichen Grotten die Capelle des heil. Hieronymus, in welcher dieser Kirchenvater wohnte und die Bibelübersetzung (Vulgata) schrieb; die Capelle des heil. Eu- • r/rr-» --- ; —I— — ii7 — sebius von Cremona, der Heiligen Paula und Eustochium, die Capelle der unschuldigen Kinder, in welcher man mehrere Opfer des Bethlehemitischen Kindermordes gefunden haben soll, und des heil. Josephus, wo der Sage nach der heil. Nährvater den Befehl zur Flucht nach Aegypten erhielt. Durch einen schmalen Gang gelangt man in die Geburtskirche, die von drei Reihen silberner Lampen erleuchtet ist. Hier erblickte unser Heiland das Licht der Welt, um das Licht des Glaubens allen Völkern der Welt zu bringen. Die Stelle der Geburt ist unter dem griechischen Altar; die Katholiken haben einen Altar an der Stelle, wo die Krippe stand, und einen zweiten da, wo die Könige des Morgenlandes dem göttlichen Kinde Gold, Weihrauch und Myrrhen opferten. Demüthig beugt man das Knie und betet ein „Gegrüsset seist Du Maria, Du bist voll der Gnaden“. Ueber der Grotte liegt die grosse Marienkirche. Von Kaiser Konstantin gebaut, von Kaiser Justinian vergrössert, ist die Basilika seit jenen Tagen zum grössten Theile erhalten geblieben. Fünf Schiffe, durch Marmormonolithsäulen mit reichen Kapitälen getrennt, bilden das Fangschiff. Mosaikreste über den Bögen an der Wand. Das Langschifif darf nicht benützt werden; eine Mauer trennt dasselbe von dem Querschiffe und dem Chor, welche den Griechen angehören. Nicht weit von der Marienkirche ist die katholische Capelle unserer lieben Frau, die sogenannte Milchgrotte. Der frommen Sage zufolge fielen hier einige Tropfen Milch aus der Brust der Jungfrau zu Boden. Wir hatten einen tüchtigen Kampf mit den Verkäufern von Rosenkränzen und Andenken an Bethlehem zu bestehen. Jeder wollte uns in seinen Laden ziehen. Hier werden massenhaft Rosenkränze aus Perlmutter, dem Holze und den Früchten verschiedener Bäume, Kreuze, Medaillen u. dgl. m. fabricirt und verkauft. Die Bevölkerung Bethlehems ist fast ausschliesslich christlich, vornehmlich katholisch. Die Männer sind von den Türken nicht zu unterscheiden. Die Frauen dagegen gehen nicht verschleiert; sie tragen eine hohe flache Mütze, an der Geldstücke befestigt sind, und über welche ein weisses Tuch beinahe bis auf den Boden herabhängt, und reich gestickte Jacken. Sie sind ob ihrer Schönheit berühmt und wirklich sieht man auffallend hübsche Gesichter. Ausserhalb der sehr unreinlichen Stadt nahmen wir auf dem Dache eines Flauses unser Frühstück ein. Vor uns die schönste Aussicht hinab in das gebirgige Land bis zu den Moabiter Bergen; ein Stück des todten Meeres über die Bukeija hin zu sehen. Bethlehem liegt 2500 Fuss über, das todte Meer 1280 Fuss unter dem mittelländischen Meere. Alle die Berge, alle die Thäler unbewaldet — das Land lag wie eine plastische Karte vor uns. Bis Bethlehem führt eine gute Strasse, welche weiter bis Hebron hergestellt werden soll; auf dieser trabten wir nach Jerusalem zurück. Man sagt, der jetzige Pascha von Jerusalem habe einen neuen schönen Wagen, und diesem Umstande allein sei es zuzuschreiben, dass für Strassen etwas geschieht. Alles möglich im türkischen Reiche! 13. und 14. März. Zwei Tage der Ruhe in Jerusalem, doch wie viel gibt es da zu thun. Schreiben und Lesen füllt die Abende aus, während man am Tage so viel als möglich in der Stadt ist. Es werden Rosenkränze, Kreuze und Medaillen gekauft und zum Weihen gebracht, möchte man doch Jedem zu Hause ein Andenken mitbringen. Auch Photographien alles Gesehenen müssen ausgesucht werden, die den Reisenden nach Jahren noch die Erinnerung an die Orte auffrischen, die man geschaut. Doch dies füllt nicht den Tag. Die Grabeskirche muss noch besucht werden. Aus enger Gasse schreitet man über Stufen hinab und gelangt auf den von drei .Seiten durch Kirchenräume (Capellen verschiedener Confessionen) eingefassten Platz vor dem Hauptportale. Auf den Stufen wie auf dem Platze wimmelt es zu jeder Tageszeit von Menschen. Verkäufer frommer Gegenstände kauern auf dem Boden, ihre Waaren anpreisend. Die Pilger stehen herum und drängen dem Eingänge zu. Sehr viele russische Bauern, in hohen Stiefeln und weiten Hosen, den kurzen Pelz um den Leib geschlagen und auf dem Haupte die Mütze, die auf dem im Nacken gerade abgeschnittenen dichten Haare sitzt. Russische Frauen mit dem unschön gebundenen Kopftuche. Die hiesigen christlichen Frauen in weissem, die ganze Gestalt umhüllenden Tuche, die Bethlehemitinnen in der malerischen, mit Münzen geschmückten Kleidung. Die Männer ernst und feierlich, mit dem Turban in der Hand, wenn sie die Kirche betreten. Schöne Gestalten mit grossen Bärten, ohne einen jüdischen Typus im Gesichte. Franziskaner, baarhaupt, in härenem Gewände, mit dem weissen Stricke um die Hüften, auf Sandalen gehend. Weltgeistliche mit dem breiten Hute, der Orden des Cardinais Lavigerie weiss, mit schwarzem Pilgerhute, den dunklen Rosenkranz im Gürtel. Russische Popen, mit dem steifen, schwarzen, abgestutzten Kegel auf dem Kopfe, von dem ein schwarzes Tuch herabfällt. Grosse Bärte — auf der Brust hängt ein Heiligenbild an färbigem Bande. Armenische Geistliche, mit der schwarzen spitzigen Kapuze auf dem Haupte. Klosterfrauen, die hier ihrem edlen Berufe folgen, mit gesenktem Blicke. Alles strebt dem einen Ziele, der Grabeskirche, zu. Zwei romanische Bögen, durch Säulen getrennt; der linke ist der Eingang zur Kirche; über demselben die gleichen Bögen als Fenster mit reicher Ornamentirung. Sonst keine Ausschmückung der Façade, über welcher die grosse, flache, 120 vom Kreuze überragte Kuppel erscheint. Wir betreten die Kirche von Süden. Moslemische Wächter kauern auf erhöhtem Platze am Eingänge; sie trinken Kaffee und rauchen dazu. Sie sind die Wächter der Kirche und der Ordnung; sie greifen mit der Peitsche ein, wenn die Pilger der verschiedenen Confessionen in Streit gerathen. Der Salbungsstein liegt vor uns, während rechts eine Stiege hinanführt zur Calvarienbergcapelle: zwei niedrige Wölbungen überdecken den Raum, wo das Kreuz stand und jenen, wo der Heiland an dasselbe geheftet wurde. Auf er- sterem steht der griechische, auf letzterem zwei katholische Altäre. Ein feierliches Dunkel lagert im Raume, welcher nur durch Lampen und Wachskerzen erleuchtet ist. Plier muss man zur Andacht gestimmt werden. Von dem Salbungssteine sich links wendend, gelangt man zu dem Steine, der die Stelle bezeichnet, wo die heiligen Frauen der Salbung beiwohnten, und an diesem vorbei in die grosse, auf mächtigen Pfeilern ruhende und durch eine Bogenreihe von Lampen beleuchtete Rotunde, unter der gewaltigen flachen Kuppel. In diesem Raume steht das Sanctissimum: die Kirche, welche die Grabesstelle bedeckt. Zahllose Kerzen und Lampen füllen die Wände. Ein niedriger Eingang führt vorerst in eine kleine Capelle, in der der Engel die Auferstehung des Heilands verkündete, und anstossend hieran ist das Grab des Erlösers, auf dem der Altar steht, welcher von Katholiken, Griechen und Armeniern als heiligster Ort betrachtet und abwechselnd benützt wird. Wenige Personen nur finden Platz für die Verrichtung eines kurzen Gebetes; sie verlassen den Ort wieder, um andere einzulassen, denn Alle wollen ja hier in ihrer Sprache, in ihrer Religion den Einen Gott verehren. Drei Jahrhunderte kämpften die Gläubigen früherer Zeiten um den Besitz dieser Stätten. Sie I 2 I opferten freudig das Leben dem Glauben! Und später zogen unter fortwährenden Gefahren und Entbehrungen die Pilger und Wallfahrer hieher, das Kreuz im Herzen und auf der Brust. Was ist dagegen jetzt eine Reise ins gelobte Land! Dem Eingänge in die Grabcapelle gegenüber ist das sogenannte Katholikon, eine den Griechen gehörige grosse Capelle mit dem Steine, der den Mittelpunkt der Erde bezeichnet. Es ist die alte Kreuzfahrerkirche, aus dem 12. Jahrhunderte stammend. Nördlich von der Rotunde befindet sich die im Gebrauche der Franziskaner stehende Auferstehungscapelle an dem Orte, wo nach der Auferstehung Jesus Christus der heiligen Jungfrau erschien. An diese Capelle schliesst sich das Kloster an. Eine Reihe von Nischen mit Altären liegt um die Rotunde und das Ivatho- likon, während sich westlich der selbstständige Bau der Capelle der heil. Helena befindet, mit der Krypta., in welcher das Kreuz von dieser frommen Kaiserin gefunden wurde. 1 Capelle der Kreuzauffindung. 122 Eine Wanderung durch die .Stadt ist höchst merkwürdig. Die Mehrzahl der Strassen ist treppenartig. Ein grässliches Pflaster, in dem sich allerhand Unrath absetzt, bedeckt den Boden; die Gassen theils überwölbt, mit kleinen Lichtlöchern, theils offen, enthalten auf beiden Seiten Laden an Laden; vorzüglich werden Gegenstände, die auf den heiligen Ort Bezug haben, verkauft, daneben allerhand Nahrungsmittel, roh und zubereitet, unter letzteren wenig verlockende Gerichte: fette, gelbrothe Brühen, gebackene Fische, weisse und rothe geknetete Massen; ein warmer Oelgeruch erfüllt die Luft. Die herrenlosen Hunde, des Orients Sanitätspolizei, lungern herum oder kämpfen um einen Brocken. Ein dichtes Menschengedränge geht der Arbeit, dem Geschäfte, der Neugierde oder der Trägheit nach. Die moslemischen Frauen tragen hier nicht mehr den Vorhang vor dem Gesichte wie in Aegypten; sie haben nach türkischer Sitte ein gesticktes, feines Tuch vor dem Antlitze, man sieht nicht einmal die Augen, wenn man sich auch noch so sehr bemüht. In der Mitte der Citadelle, die einen sehr verwahrlosten Eindruck macht, erhebt sich nahe dem Jaffathore der massige Davidsthurm, dessen unterer Theil mit seinen geränderten Quadern den Eindruck macht, als könnte er aus den Zeiten des königlichen Sängers stammen. Von der Zinne lohnende Aussicht über die Stadt mit den flachen Dächern und kleinen Kuppeln. Blick auf den Patriarchenteich, ein grosses Regenwasserreservoir, welches, von Häusern eingeschlossen, überhaupt nur von den Dächern zu sehen ist. Das armenische Kloster mit der alten Kirche sehenswerth. An Thüren, Kanzel und Wänden Meisterwerke von Perlmuttermosaiken in dunklem Holze, reiche Altäre, Fayenceplatten bis über Manneshöhe an Pfeilern und Wänden, schöne Kuppel. 123 In Guirlanden um die Lustre Strausseneier als Schmuck aufgehängt. BeimVer- lassen der Kirche wird dem Besucher Rosenwasser auf dieHände geschüttet. Dem Kloster gegenüber der Garten des armenischen Patriarchen mit uralten Riesenpinien. Weiter auf dem Berge Zion das Haus, in welchem das heilige Abendmahl stattgefunden haben soll; in frühester Zeit schon Kirche, ist es jetzt ein schmuckloser Saal, dessen Gewölbe auf zwei niedrigen Säulen ruht. Die „Gräber der Könige“, vor dem Damascusthore gelegen, haben nach dem bisherigen Stande der Forschungen wohl nie als solche gedient; man nimmt an, sie seien aus der Zeit kurz vor Christi Geburt. Auf einen grossen, offenen, aus dem Felsen gehauenen Vorhof folgt ein kleinerer, durch den man zu den einzelnen Grabstellen gelangt, von denen immer mehrere um einen gemeinschaftlichen Raum liegen. Der Davidsthurm. 124 Der letzte Nachmittag wird auf dem Oelberge zugebracht. Die klarste Beleuchtung kam uns zu Statten; die Aussicht ist wahrhaft grossartig von diesem Punkte. Den letzten Abschiedsblick auf das todte Meer, Bukeija el-Ghor und das ganze Bergesmeer von Judäa und Moab geworfen. Pater Ivosta und Beck Lebewohl gesagt, denn morgen geht es weiter. Bei unserer Heimkehr ins Lager fanden wir die Karte des Patriarchen, der uns einen Besuch gemacht hatte. Blick vom Oelberj auf Jerusalem. mm i.6T)>-o. .«^cra<. **—COiJi ££'-tu9‘—*^UST‘ ' v* käi V. Von Jerusalem nach Damaskus. 15. März. Zeitig wurde aufgestand^n; der Morgen war klar und versprach einen warmen Tag. Herr von St. kam noch trotz der frühen Stunde, von uns Abschied zu nehmen. Um 7 Uhr Früh war das Lager abgebrochen und wir sassen auf. In nördlicher Richtung zieht sich der Weg über Steinhügel hin. An den Königsgräbern vorbei, auf den Mons Scopus, auf welchem Titus’ Legionen vor der Einnahme Jerusalems lagerten. Hier hat man den letzten Blick auf Jerusalem, während weiter nur noch hie und da der hohe Glockenthurm der russischen Kirche auf dem Oelberge zu sehen ist. Zum letzten Male schweiften unsere Augen auf die heilige Stadt mit den vielen Thürmen, Kuppeln und Mi- narets. Die Grabeskirche der Mittelpunkt der Stadt und der Mittelpunkt christlicher Verehrung. Nicht weit davon die Omar-Moschee, das Heiligthum der Mohammedaner. Eine leuchtende Sonne warf Licht und Schatten auf das schöne Bild. Von hier aus trägt das Land den Charakter eines Hochplateaus. Die Höhen sind unbedeutend, die Thäler von geringer Tiefe. Ein wellenförmiges Steinmeer, spärlich be- 126 Die Judengräber im Josaphatthale. wachsen mit mageren Gräsern. Zwischen Felsen und Steinen zieht sich die Karavanenstrasse von Jerusalem nach Damascus dahin. Wenige kleine Ortschaften hie und da an den Bergabhängen zu sehen, nur die Moschee Nebi Samoil, nach der Sage auf dem Grabe Samuels gebaut, überragt auf hohem Gipfel das Land; in den Thälern geringer Landbau, einige Olivenbäume. Wir berühren das Dorf el-Bireh mit den spärlichen Ueberresten einer Kreuzfahrerkirche. Hier war es, wo die Jungfrau Maria und der heil. Josef bei der Rückkehr von Jerusalem nach Nazareth den zwölfjährigen Heiland vermissten, um ihn dann im Tempel, im Kreise der Schriftgelehrten wieder zu finden. Beim Dorfe Jebrud senkt sich der Weg in das Thal; der Pfad, welcher bisher schon schlecht genug war, wird geradezu fürchterlich; es ist kein Weg mehr, es ist ein ausgerissenes Bachbett, dessen Sohle aus Felsblöcken besteht. Wir ziehen es vor, abzusitzen und unsere braven Pferde am Zügel zu führen. Es ist unglaublich, mit welcher Ruhe und Sicherheit die Thiere dahinschreiten: vorsichtig heben sie die Füsse, den Kopf beinahe am Boden, suchen sie den besten Steig. Das Land ist offenbar von einer fleissigen Bevölkerung bewohnt, denn von hier an ist Alles, — 127 — was nicht nackter Fels ist, bebaut. Ueberall Oliven- und Feigenbäume, der ganze Boden in Terrassen gelegt. Das Wadi (Thal) Haramije wird immer enger, eine Quelle sprudelt aus dem Felsen; wir begegnen einer grossen Karavane, der Weg ist so schmal, dass wir auf einem Felde den Vorüberzug abwarten müssen. 140 Kameele und etwa 50—60 Esel tragen Getreide aus dem Hauran jenseits des Jordans nach Jerusalem. Beduinen aus diesem wilden, von Reisenden wenig besuchten Gebiete begleiten den Zug. Einige Pistolen und Dolche blitzen aus den Gürteln, sonst keine AVaffe. Jetzt ging es wieder bergan, der Blick wird freier; wir erreichen Sinjil, einen kleinen Ort, bei welchem unser Lager, das uns während des Frühstückes weit überholt hatte, auf saftiger Matte bereits aufgeschlagen war. Unter den Kreuzfahrern hiess der Ort Casale St. Giles, nach dem Grafen Raimund von St. Giles. Eine sehr schöne Aussicht von den Zelten, am Horizonte der Berg Garizim (Jebel el-Tor), hinter welchem Nabulus, unser morgiges Ziel, liegt. Wir sind 2600 Fuss hoch. Der Tag war sehr warm und anstrengend für Ross und Reiter, jetzt freut sich Alles der Ruhe. Die Pferde haben wiehernd ihr Wasser erhalten und stehen mit dem Futtermeister in langer Reihe nebeneinander; unser trefflicher Koch ist bei der Arbeit; es brodelt und kocht in mehreren Töpfen, und bald wird unter heiterem Lachen die Mahlzeit eingenommen. Gute Witze wechseln mit schlechten, die Reisegesellschaft ist bester Laune. 16. März. Bei herrlichstem Wetter ritten wir zu Thal und den nächsten Pass hinan. Der Blick auf Sinjil und das Thal, sowie vor uns auf die Ebene von Luban sehr freundlich, nur die äussersten Bergspitzen kahl, sonst ziemlich Alles bebaut und zwischen durch der Kalksteinfelsen. Im AA^esten ein Streifen blaues Meer, im Norden der Garizim und Ebal, i 4-h m - 128 zwischen denen Nabulus liegt; in fernem Dufte der schneebedeckte Hermon. Wir übersteigen noch einen zweiten Bergrücken und kommen in das weite Meknathal, zahlreiche Ortschaften an den Berglehnen; die Wege belebter, man begegnet vielem Landvolke und sieht solches mit dem Anbau beschäftigt. Niedriges unansehnliches Vieh ist an den primitiven Pflug gespannt. Man empfängt den Eindruck, dass sich in diesem Lande nichts geändert hat. Die gleiche Tracht, die gleichen Gebräuche, die gleiche Lebensweise dürften hier seit Jahrhunderten herrschen. Man sieht nicht die Spur von irgend einem Einfluss der Cultur. Bevor wir in das vom Meknathale abzweigende Thal von Nabulus einbogen, hielten wir uns beim Jakobsbrunnen auf. Hier erhielt Christus den erfrischenden Trunk von der Samaritanerin. Wir sind im Lande Samaria; der Garizin war und ist heute noch der heilige Berg der Samaritaner. Jetzt ist diese Secte nur mehr in Nabulus zu finden; sie zählt etwa 150 Angehörige, welche unter einem Hohenpriester stehen. Ihre Feste feiern sie nach altmohammedanischem Gebrauche auf der Höhe des Berges. An einer Kaserne vorbei, erreichten wir Nabulus, an dessen entgegengesetzter Seite unser Lager stand. Es ist eine ansehnliche Stadt mit gepflasterten Strassen. Sie treibt Handel mit Wolle und mit hier erzeugter Seife. Ueberall sprudeln frische Quellen, die das Thal befeuchten und befruchten; Feigen-, Pfirsich-, Mandel- und Citronenbäume, sowie üppiges Gemüse neben blühenden Rosen in den Gärten, die sich aus dem Thale bis hoch an den Garizim hinanziehen, während der Ebal nur mit Cactus bewachsen ist. Trotz der Hitze gönnten wir uns keine Ruhe und bestiegen noch den Garizim, von welchem uns eine prachtvolle Aussicht versprochen ward. Mühsam erklommen wir im Steingerölle in mehr als einer Stunde den Gipfel. Trümmerreste einer i2g Kreuzfahrerkirche, daneben die Kuppel eines Scheikgrabes. Leider hatte sich der Himmel im Westen umwölkt. Dichte Nebel versteckten das Meer und den Berg Karmel, auch der Hermon war mehr zu errathen als zu sehen. Klar und schön dagegen der weite Blick gegen Osten und Süden: über das fruchtbare Thal, die nächsten Höhenzüge bis hinüber in das ferne Hauran, die Berge Moabs und Judas. Der Mond, dessen Scheibe annähernd voll war, stand hoch am Himmel, beleuchtete Stadt, Thal und Berge, von denen Schakalgeheule herunterscholl, als wir heimkehrten. 17. März. Die Gegend gilt als unsicher und die Bewohner von Nabulus stehen nicht in bestem Leumund. Wir hatten daher bewaffnete Wachen um unser Lager. Als um 1 Uhr Nachts Polizei die Soldaten, die uns schützen sollten, ablöste, waren diese fest eingeschlafen; die Polizei nahm ihnen unbemerkt die Waffen weg, um dann vermuthlich ebenfalls zu schlafen. Eine nützliche Wache! Es war Sonntag, wir gingen in das lateinische Kloster, wo der Pfarrer, ein Eingeborener, der trefflich französisch spricht und gestern unser Gast war, früh am Morgen Messe las. Eine kleine bescheidene Capelle, und zu dieser ist die türkische Erlaubniss noch ausstehend. Als der Pfarrer vor zwei Jahren Glocken aufzog, widersetzte sich die moslemische Bevölkerung, doch heute rufen die Glocken ungestört die Andächtigen zur heiligen Handlung. Der Weg von Nabulus führt anfänglich auf einer Strasse, die bis Jaffa fortgesetzt werden soll, durch das fruchtbare Thal. Ueberall Wasser, reissend in Gräben dahinfliessend, um den vielen Mühlen treibende Kraft zu sein. Dann hinauf auf die Bergeshöhe. Samaria mit dem Dorfe Sebaste erhebt sich als Kegel aus der Ebene, die vor uns liegt. Schöne Wölbungen stammen noch von der Johanniterkirche, die zu Franz Graf Th., Eine Orientreise. 9 i3o Zeiten der Kreuzfahrer über dem Grabe Johannes des Täufers aufgerichtet wurde. Kaiser Augustus schenkte die Stadt He- rodes dem Grossen. Dieser benannte sie nach dem Kaiser (Sebaste heisst auf Griechisch Augustus) und liess sie prächtig ausstatten. Zwei Säulenreihen, von denen die eine um den Berg herumläuft, zeugen noch von der Pracht, mit welcher die Stadt ausgestattet war. Jetzt sind die Säulen ihrer Kapi- täle beraubt; wohl stehen noch die meisten, vergessen und rJüA 'I- vfPv^-v \ •wSm Säulen von Sebaste. zwecklos erheben sie sich in den angebauten Feldern, denn alle sonstige Pracht ist entschwunden. Von der nächsten Höhe schöner Blick auf ein weites Thal, das Städtchen Silet zu unseren Füssen. Die Orte sehen hier alle wie Festungen aus. Die Häuser, aus festem Stein gebaut, haben fast keine Fenster; die Mauer überragt das Dach. Sie liegen alle theils an den Berglehnen, theils auf steilen Kegeln, wie Sanur, an dem wir Nachmittags vorbeikamen. Die Tracht wesentlich anders, bunte Farben vorherrschend; die Frauen in langem grünrothen oder grün-roth-weissen Gewände, ein weissesTuch ■mmmmmsmmammsmmrnmim masm — i3i —- malerisch um Kopf und Hals geschlungen, das Gesicht unverhüllt. Viele Ringe an den Fingern, silberne Spangen zieren das Handgelenk, grüne und blaue Glasringe über dem Ellbogen. In vornehmer Haltung, mit hochgetragenem Kopfe schreiten sie elastischen Schrittes dahin. Lasten tragen sie durchwegs auf dem Kopfe. An den Männern sieht man zumeist einen gelben langen Kaftan, darüber eine weiss und braune oder weiss und schwarze Decke. Das seidene Tuch mit Quasten (Kuffize) wird durch eine doppelte dicke schwarze Schnur auf dem Kopfe festgehalten. In einem nahen Dorfe war Hochzeit; geschmückt und mit langen beschlagenen Gewehren bewaffnet, zog die männliche Bevölkerung zu Pferd und zu Fuss dahin, und bald hörten wir die Freudenschüsse knallen. Die Sonne brannte tüchtig, als wir durch das lange Thal Merzel Ghuruk ritten, zahllose Störche sassen bei einem kleinen See. Bei Kubatieh passirten wir ein kleines Lager. Ein prachtvoller Schimmelhengst stand gefesselt in der Nähe der Zelte; wiehernd hob er die Nüstern, als er uns kommen sah, und tanzte ungeduldig im Kreise. Nun hatten wir noch einen steilen Berg zu übersteigen, dann zogen wir im engen Thale bis Djenin, wo unser Lager aufgeschlagen war. Es war ein brennend heisser Tag; wir waren um Y 2 8 Uhr Früh von Nabulus aufgebrochen, und es war 5 Uhr Nachmittags vorbei, als wir bei den Zelten anlangten. Djenin, ein netter Ort mit grossen Minarets, dessen oberer Rand eingedeckt ist, liegt am Saume der fruchtbaren Ebene Jesrael, welche sich bis an das Meer zieht. Jenseits der Fläche liegt Nazareth und die Berge Galiläas, der Gilboa und Tabor, sind zu sehen. Schakalgeheule in nächster Nähe lockt uns Jäger hinaus; doch sehen wir keinen trotz der taghellen Nacht. 9 ' i32 18. März. Eine grosse Karavane aus Damascus langte ein und lagerte sich vor uns. Die Kameele und Esel wurden abgeladen, die Waaren in Reihen geschlichtet, die Zelte aufgestellt. Reges Leben und grosses Geschrei, während die Tragthiere sich bald auf der Weide vertheilten. Dem prachtvollen gestrigen Tage folgte ein Orkan. Der .Südwind fegte über die Berge ins Thal und trieb niedrige dicke Wolken vor sich her. Unsere Zelte wehrten sich gegen den Sturm. Als wir jedoch beim Frühstücke sassen — die anderen Zelte waren bereits eingerollt und das Speisezelt, unter dem wir sassen, war auch schon gelockert —, Anna die Theeschale zum Munde führte, während N. soeben eine Confiture möglichst dick auf das Brot strich, da hob der Wind unser Dach und warf Alles, Zelt und Lebensmittel, auf die Wiese. Lachend mussten wir das Mahl abbrechen, suchten Schutz gegen die Windstösse hinter einer dichten Cactusliecke, bis Alles verpackt war und wir uns auf die Pferde schwingen konnten. Der Weg nach Llaifa führt in der Ebene am Rande der Berge, deren letzter der Karmel ist, dahin. Der Blick auf das fruchtbare Land soll schön sein, doch sahen wir nicht viel, denn Alles war in Staub und Wolken gehüllt. Das Getreide und Futter wurde zu Boden gepeitscht. Weidende Rinder und Esel standen mit gesenktem Kopfe, den Rücken gegen den Wind gekehrt, da. Neben dem einförmigen Wege streiften wir durch die Felder. Einige Wachteln fielen uns zum Opfer; aber auch dieses Vergnügen wurde uns durch den Wind verleidet. Die ganze breite Ebene gehört einem Bei- ruther, der sie vom Sultan gekauft hat und sie an die Bewohner der Gegend verpachtet. Zahlreiche Bäche entspringen aus den Bergeslehnen, an denen wir hinritten. Bei einer Quelle, leidlich gegen den Sturm geschützt, standen 3§p Berg - Karmel. unsere Zelte. Unsere Begleitmannschaft glaubt offenbar, dass es morgen besser wird, sonst wären die Quartiere wohl nicht schon um x / 2 4 Uhr bezogen worden. Unsere Pferde weiden in den Feldern, wir treten eine Wiese nieder, doch Niemand lehnt sich dagegen auf. Sollte es Arabern einfallen, das Gleiche bei uns zu versuchen, dürften sie kaum Reciprocität finden. 19. März. Strömender Regen mit Donner und Blitz die ganze Nacht; gegen Morgen legte sich das Unwetter und nur von Zeit zu Zeit ging ein Streifregen über uns. Auch der AVind hatte bedeutend nachgelassen. Der Ritt daher angenehmer als gestern, nur der Weg, welcher fortwährend in der Ebene führt, war bodenlos. Man sieht die Berge Galiläas, die an einer Stelle nur durch den Makattafluss vom Karmelgebirge geschieden sind, um dann im weiten Halbkreise die Bucht von Accon zu begrenzen. An dem Ufer des Flusses Oleander und Perrückenbäume, Steineichen und mannigfaltiges Strauchwerk auf den Bergen. Von Weitem Accon, das St. Jean d’Acre, über dem Wasser zu sehen, dann liegt auch Haifa mit seinen Palmen und Gärten vor uns. Der — i34 — Karmelberg, an den sich die Stadt anlehnt, scliliesst mit dem Karmeliterkloster und dem Leuchtthurme und fällt dann steil ins Meer. Wir durchreiten die Stadt, in der deutschen Co- lonie — Templer wie in Jaffa — war unser Lager. Im Schulgarten! An Barren und Reck waren unsere Pferde angebunden. Die ganze blondlockige Jugend des Ortes umstand uns mit grosser Neugierde. Es heimelt Einen an, wenn man mit Kindern in der eigenen Sprache reden kann! Circa 60 nette, reinliche Pläuser stehen in wohlgepflegten Gärten. Wohlthuend sticht die Reinlichkeit von dem Schmutze türkischer Orte ab. Wir gingen an den nahen Meeresstrand. Schäumend liefen die Wellen das Ufer hinan, unablässig sich folgend und überstürzend; lange weisse Linien springen heran, sich höher und höher bäumend, bis sie das Gleichgewicht verlieren und zusammenstürzend dichten Gischt an das Ufer werfen. Langsam fliessen sie dann wieder zurück, Muscheln, Steine und Sand nach sich ziehend, bis die nächste Welle sie aufnimmt. Das Meer war sehr aufgeregt. Das fällige Lloydschiff kreuzte in der Ferne, ohne sich der Bucht zu nähern; als es bis Abends in der offenen Rhede nicht Anker werfen konnte, nahm es Cours gegen Beiruth. Haifa wird nur vom österreichischen Lloyd angelaufen, und da dieser nur vierzehntägigen Dienst hat, so wird die Ankunft der Schiffe mit Ungeduld erwartet. Uns sollte dieses Schiff Briefe bringen, und jetzt fährt es mit denselben von dannen. Man klagt in Palästina über den Lloyd; er hält seine Fahrzeiten nicht pünktlich ein, fährt langsam und ängstlich, landet oft nicht, wenn nach Ansicht der Bewohner eine Landung ganz gut möglich wäre. Schon beginnt die englische und französische Concurrenz den Lloyd, der früher im Oriente beinahe das Monopol des Verkehres hatte, zu i35 schädigen. Es soll in der Leitung ein grosser Schlendrian den kaufmännischen Sinn früherer Zeiten verdrängen. 20. März. Rasttag. Das Lager wird gereinigt, Alles gebürstet, geputzt und gewaschen. Haifa eignet sich trefflich für einen Tag der Ruhe, denn es sitzt sich herrlich am Strande. Die Sonne ist wieder warm, dazu eine leichte, kräftige Seebrise. Das Meer hat sich beruhigt; Akka leuchtet herüber mit dem festungsartigen Bau in der Mitte und dem hohen Minaret. Gärten wechseln mit dem weissen Strande. Die See in schönster Beleuchtung vom lichten Grün bis zum dunkelsten Blau. Eine englische Yacht lief ein, gab den Salutschuss ab und dampfte nach wenig Stunden wieder weiter. Nachmittags Ausflug auf den Berg Karmel zum Kloster. Seit frühester Zeit war der Berg, wo auch der Prophet Elias, dessen Grotte man in der Kirche zeigt, sich aufhielt, von frommen Einsiedlern bewohnt. Im 12. Jahrhunderte errichtete der heil. Berthold hier ein Kloster, welches aber schon im Jahre 1187 zerstört wurde. Um i63o unter Papst Urban VIII. erstand es von Neuem, um im Anfänge dieses Jahrhunderts abermals dem moslemischen Fanatismus zu verfallen. Dank den rastlosen Anstrengungen des Paters Giovanni Battista von Frascati erhob sich Kloster und Kirche in wenigen Jahren wieder. Ein grosser schöner Steinbau, in dessen Mitte die Kirche mit hoher Kuppel sich befindet. Ueber der Grotte des Propheten Elias erhebt sich der der Mutter Gottes geweihte Hauptaltar. Da die Mohammedaner für Elias eine grosse Verehrung haben, pilgern diese viel zur Kirche, wo ihnen ein kurzer Aufenthalt gestattet wird. Von der Terrasse des Klosters, wie vom nahen Leucht- thurme eine prachtvolle Aussicht. Der Weg zum Convente, von den Geistlichen sanft ansteigend angelegt, zieht sich i36 zwischen den aromatischen, in allen Farben blühenden Sträuchern dahin. Gut gepflegte Felder und Weingärten umgeben das württembergische Dorf, dessen Kinder uns beim Heimritte einen freundlichen „Guten Abend“ boten. 21 . März. Um von Haifa nach Nazareth zu gelangen, reitet man ungefähr eine Stunde den Djeniner Weg am Fusse des Karmelgebirges, dann quer über die Ebene, übersetzt man den Makuttafluss in einer Furt, da die Brücke eingefallen ist, und erreicht die Hügelkette, welche einen Ausläufer der Berge von Galiläa bildet. Der Ritt durch die Ebene war beschwerlich, denn die Regen der letzten Tage haben sie in einen Sumpf verwandelt. In jeder Vertiefung des schwarzen schweren Bodens, in jedem Huftritte stand Wasser und unsere Pferde sanken bis hoch über den F'essel ein. Es geht eine sogenannte Strasse nach Nazareth, d. h. wenn es trocken ist und man sich aus dem Umgeworfenwerden nichts macht, kann man fahren. Stellenweise bezeichnen zwei Gräben voll Wasser die Strasse, die eben so weich, eben so schwarz wie das nebenliegende Land ist; dann wieder gehen so und so viele Geleise nebeneinander. An manchen Stellen werden Schotterhaufen zusammengetragen. Ein Stück Strasse ist geschottert, hundert Schritte weiter wachsen Sumpfpflanzen auf ihr. Das Hügelland, durch welches wir kamen, ist ausserordentlich freundlich. Allerhand Bäume, unter ihnen viele immergrüne Eichen und hohes Strauchwerk, lassen von Weitem auf zusammenhängenden Wald schliessen. In den Thalsohlen die saftigsten Wiesen: man reitet wie in einem englischen Parke. Von dem Kamme noch ein Rückblick auf den Karmel mit Flaifa und auf das blaue Meer, vor uns die Ebene Jesrael mit den Bergen Samarias. Der Weg verlässt jedoch bald wieder die Ebene, um sich diesmal in ein kahles Gebirgsland zu wenden, das bis i37 Nazareth anhält. Man sieht en-Nasira, die Blume Galiläas, wie sie auf Hebräisch heisst, erst von der Höhe aus, an der es liegt. Im Osten erhebt sich der Tabor. In der Mulde des Berges eingebettet, liegt die reinliche .Stadt, in welcher unser 'Heiland seine Jugendjahre zubrachte. In frühchristlicher Zeit stand hier eine von der Kaiserin Helena gebaute Basilika; die Kreuzfahrer nahmen den Ort ein und bauten eine Kirche, doch auch diese wurde wieder von den Mohammedanern zerstört. Im 17. Jahrhunderte siedelten sich die Franziskaner an, und in ihrer eifrigen Obsorge sind auch heute noch die heiligen Orte. Das grosse Franziskanerkloster mit der schönen Kirche erhebt sich über der Grotte, welche die heilige Familie bewohnte. Als wir die Kirche betraten, war gerade der Segen. Zahlreiche Andächtige knieten am Boden. Ein alter Franziskanermönch mit langem weissen Barte, von anderen Mönchen geleitet, stieg hinab in die hell erleuchtete Grotte, um an der Stelle, an welcher der junge Heiland lebte, den Segen mit dem hochwürdigsten Gute zu spenden. Schöner Kirchengesang, vom Volke mitgesungen. Nach der kirchlichen Feier besichtigten wir die Kirche. Zum Hochaltäre, der dem heil. Erzengel Gabriel geweiht ist, führt eine Anzahl Stufen hinan; beiläufig eben so viele zur Grotte hinab. Vor dieser stand das Haus der heiligen Jungfrau, welches dem frommen Glauben zufolge von Engeln nach Loretto gebracht wurde. An der Stelle, wo die Mutter Gottes die Worte der Verkündigung hörte, wo der Engel die Worte sprach: „Ge- grüsset seist Du, Maria! Du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir, Du bist gebenedeit unter den Weibern!“ steht der Altar mit der Inschrift: „Hic verbum caro factum est.“ Weiter ein Altar des heil. Josef. Die reichen, in Marmor ausgelegten Altäre sind Geschenke der Stadt Neapel. Einer, sehr schön gearbeitet, trägt die Inschrift: „Franciscus Josefus, i38 imp. aust. hieros. rex.“ Eine Gabe unseres geliebten Kaisers. Durch enge Gassen an der griechisch-unirten Kirche, der alten Synagoge, in der Christus gelehrt hat, vorbei, zu einer kleinen Capelle, die im Jahre 1861 über der sogenannten „mensa Christi“ erbaut wurde. Ein grosser, ungefähr einen Meter hoher, flacher Felsblock soll der Sage zufolge dem Heilande nach der Auferstehung als Tisch gedient haben, als er mit seinen Jüngern speiste. Im mohammedanischen Stadttheile liegt die Werkstatt Josefs, jetzt eine kleine Capelle; verschiedene alte Mauern und Fundamente, die gefunden wurden, liefern den Beweis, dass hier einst eine grosse Kirche gestanden hat. Nun gingen wir noch zu dem Kloster der barmherzigen Brüder, die im Osten von Nazareth, an dem Wege gegen Tabor ihre Ansiedlung haben. Sie wollten ein Spital errichten, doch konnten sie bisher die türkische Erlaubniss nicht erhalten. Vorläufig steht nur ein Theil des Gebäudes. Frater Schilling, ein Wiener, empfing uns, und bald sprengt auch Frater Dr. Dolezal, der die Fahrt auf der „Venus“ mit uns gemacht hatte, von einem Krankenbesuche heimkehrend, im Galopp zum Kloster. Er ist ein Prager, der zuletzt in Teschen war und, seit wenigen Tagen hier, jetzt der einzige Arzt der Gegend. Flut ab vor dem frommen Berufe, dem hier Franziskaner und barmherzige Brüder ihr Leben weihen! Bei dem Marienbrunnen steht unser Lager. Flier schöpfte die heilige Jungfrau Wasser, denn es ist der einzige Brunnen Nazareths. Wo das F'hal sich erweitert, ist ein schöner Blick auf die Ebene Jesrael, das Schlachtfeld Palästinas zu allen Zeiten. Hier besiegte Gideon die Midianiter, David die Ama- lekiter; hier fiel Saul gegen die Philister, erhielt König Josua von Juda die Todeswunde; hier standen die Truppen der Makkabäer; zu Zeiten der Römer und Kreuzfahrer wurden hier Schlachten gekämpft, und Bonaparte und Kleber erfochten auf dieser Ebene im Jahre 1799 einen Sieg über ein türkisches Heer. Nazareth hat 6000 Einwohner, von denen zwei Dritt- theile Christen sind. Lateiner, Griechen, unirte Griechen, Maroniten und Protestanten haben ihre Kirchen; Juden existiren hier nicht, V/ v;=ggg=/irrnTn»ifli Der Marienbrunnen. isssEarar V. Auf dem Ritte erlegten CI. und ich einen stattlichen Seeadler. Seit uns vorgestern ein Ichneumon unbeschossen über den Weg lief, haben wir unsere Gewehre stets zur Hand. 22. März. Um 6 Uhr Morgens las uns Pater Godefroy, ein Badenser, eine heilige Messe in der Verkündigungscapelle, dann kehrten wir zum Lager zurück, wo mittlerweile Alles zur Abreise bereit gemacht war. Ein Eselein hatte in 140 & 2 *^ Berg Tabor. der Nacht das Lager verlassen, doch fand es sich nach einigen Stunden wieder. Hügel auf, Hügel ab zogen wir gegen den Berg Tabor, bald den Rückblick auf Nazareth, bald den auf die Ebene geniessend. Nach zwei Stunden waren wir am Fusse des Berges, den wir auf äusserst steilem, steinigem Pfade erklommen. Eine starke Wildkatze wurde durch uns rege gemacht; wir eilten ihr, so gut es ging, über die Eelsblöcke nach; wohl erblickten wir sie noch einige Male von Weitem, doch konnten wir nicht zum Schüsse kommen. Auf der Spitze des 615 Meter hohen Berges befindet sich ein Franziskaner- und ein griechisches Kloster; wir besuchten ersteres, welches mitten in den Trümmerresten alter Kirchen- und Festungsbauten steht. Die heil. Helena soll hier ein Gotteshaus gebaut haben. Es ist der Berg, auf dem die Verklärung des Heilandes stattfand; er erhebt sich als Kegel aus einem weiten Kessel. Die Aussicht ist unvergleichlich schön und umfassend. Vom Spiegel des mittelländischen Meeres bis weit in das Ost-Jordanland in das Hauran, über den blauen Genesareth- see hin. Im Norden der Jebel (Berg) Safed und darüber der schneebedeckte grosse Hermon. Im Süden über der fruchtbaren Ebene die Berge Samarias, Judäas und Moabs am Horizonte. Ein grossartiges Panorama! Trotz der Pracht der Aussicht war unseres Bleibens nicht lange, denn wir hatten noch ein fernes Ziel. So stiegen wir denn wieder hinab, die Pferde am Zügel, über die mit Sträuchern und Bäumen dicht bewachsene Lehne. Der Charakter der Landschaft, die wir durchzogen, ward einförmig, ein wellenförmiges Hügelland, oder besser gesagt, aneinander stossende, flache Kessel von grossem Umfange. Nur die Berge des Nordens hoben sich scharf ab und von Zeit zu Zeit war ein Stück des Tiberiassees mit den gegenüberliegenden steilen Wänden zu sehen. Bei den Ruinen eines alten, aus dem 15. Jahrhunderte stammenden Khans wurde Erühstücksrast gehalten. Beduinenzelte allerorten. Weidende Pferde, Rinder und Ziegen, ackernde Landleute bildeten die Staffage auf unserem Wege. Der Berg Tabor entfernt sich mehr und mehr, endlich erreichen wir die Höhen von Tiberias, und nun beginnt der steile Abstieg im kniehohen Blumenteppiche. Ruhig und spiegelglatt lag der See Genesareth unter uns, nur an Stellen, wo der Wind durch ein westliches Thal eindringen kann, kräuselt sich leicht die Wasserfläche, in der sich sonst das gegenüberliegende Ufer in langen Linien spiegelt. Am Strande liegt Tiberias, ein Städtchen von 3ooo Einwohnern. Einzelne Palmen überragen die weissgetünchten Häuser. Malerische, in Trümmer zerfallene Stadtmauern umgeben sie. Hier ein halbverfallener Thurm, dort ein Thor, das einen Durchblick auf den See gewährt, da wieder einige Zinnen, darunter grosse Oeffnun- gen in der Mauer. Wir umritten die Stadt, welche ob ihres Ungeziefers berüchtigt ist. Der Araber sagt, hier wohne der König der Flöhe. Unser Lager steht am .Strande des Sees, nicht weit von uns einige amerikanische Zelte. Auf dem Wasser schwimmen Taucher aller Art, Möven streichen dahin, in den Wiesen und Feldern schlagen Wachteln; schnell noch das Gewehr zur Hand und die kurze Spanne Tageslicht benützt. CI. schoss einige Wachteln, ich einen grossen Lappentaucher, den ein Araber um geringen „Bakschisch“ aus dem Wasser holte. Was war das für eine prächtige Abendbeleuchtung! Noch erstrahlt Alles in goldenem Lichte der Sonne; da fallen schwarze Schatten ins Thal, immer höher und höher steigend in dem Masse, als die Sonne sich senkt. Bald sind nur mehr die Spitzen der Berge in blaurothem, durchsichtigen Lichte; jetzt verfallen auch diese der Nacht. Die Schneeflächen des Hermon erglühen noch eine Weile und nun ist die Nacht dem Tage gefolgt. Ruhig liegt der See, schwach nur rauscht 143 es am Ufer. Die Sterne blinken und funkeln. Ein Schakal heult in den Bergen. Gute Nacht, lieber Leser, auch wir gehen schlafen. Stadtthor in Tiberias. % wmm . :-:S^ ItlsaÄ! 23. März. Nach dem anstrengenden gestrigen Tage machten wir heute einen halben Rasttag, schoben das Lager bis Ain et-Tineh, zwei Stunden von Tiberias entfernt, vor, 144 während wir eine Bootfahrt dahin unternahmen. Der Tag war prachtvoll, sehr heiss: wir sind ja noch immer 680 Fuss tiefer als die Meeresfläche. Wir bestiegen den Kahn und ruderten an Tiberias vorbei. Auch von der Wasserseite war die Stadt einst befestigt; Mauerreste und runde Thürme erheben sich aus den Fluthen. Vom Boote aus kann man so recht in den Schmutz dieser Judenstadt schauen. Die Häuser haben ihre Terrassen und Plattformen gegen diese Seite. Es war Schabbes, einige Juden wuschen sich äusserst primitiv am Rande des Sees; sie wurden nicht sehr nass bei dem Geschäfte; andere hörte man in der Synagoge beten. Das katholische und griechische Kloster stehen hart am Ufer. Nun wandten wir mehr in den See und fuhren gegen das nördliche Ende desselben. Da, wo spärliche Reste des alten Capernaums zu sehen sind, legten wir an. Die Landung ist schwierig, denn grosse Basaltblöcke liegen am Ufer und im Wasser. Durch mannshohe Disteln, Brennesseln und Hederich brachen wir uns mühsam Bahn. An dem Orte, wo der judenfreundliche Hauptmann wohnte, dessen Knecht Christus heilte, lagen einige Säulen und Kapitälreste in dem dichten Grün. Bei der Rückfahrt sahen wir von Weitem das Dorf Medschdel, das alte Magdala, die Heimat Maria Magdalenas. Unser Lager ist an der Feigenquelle, Ain et-Tineh, in nächster Nähe des Khan Minje, welcher an der Stelle des Fischerdorfes Beth-Saida stehen soll, von wo Petrus, Andreas und Philippus stammten. Hier treten die Berge des westlichen Ufers etwas zurück und lassen der fruchtbaren Ebene el-Ghuveyr Raum. Die Luft ist klar, kein Wölkchen bedeckt den Himmel, der .See fast ganz zu übersehen. Die schlagenden Wachteln verlockten uns, wir holten noch reichlichen Braten für morgen. H5 24. März. Wir hatten ursprünglich das Project, von hier über das Gebirge von Safed und Kedes in drei Tagen nach Banyas zu reiten. Unserem Dragoman kamen aber Nachrichten zu, dass die Gebirgswege durch die letzten Regengüsse dermassen ausgerissen wären, dass ein Fortkommen nahezu unmöglich sei. Wir beschlossen daher, uns im grossen Ganzen an das Jordanthal zu halten, und so brachen wir denn zeitig von Ain et-Tineh auf. Der Weg führt, um den grossen Umweg längs des Sees und des Jordans zu vermeiden, über einige Höhen mit scharfem Gerolle, aber trotzdem starker Vegetation dahin. Kalkstein, vorwiegend aber Basaltblöcke bedecken den Boden, dazwischen Blumen und Disteln in unglaublicher Grösse. Die Sonne brannte trotz der frühen Stunde des Aufbruches tüchtig auf uns herab. An einer sanften Lehne wurde eine Gazelle vor uns flüchtig, wir sprangen von den Pferden und hofften, sie von der Höhe aus vielleicht zu Schuss zu bekommen. Das Laufen in dem von Pflanzen bedeckten Gesteine war unmöglich, natürlich war die Gazelle nicht mehr zu sehen. Bei einem Khan der Brunnen Josefs, in welchen dieser von seinen Brüdern, der Sage nach, geworfen worden sein soll. Hier öffnen sich mehrere Wege. Wir wählen den mittleren; links geht es nach Safed, während rechts der Karavanenweg über den Jordan nach Damascus führt. Wir kommen durch angebautes Land; überall Araber bei der Arbeit. Ein jüdisches Dorf hoch auf der Lehne; wir passiren zuerst ein trockenes Flussbett, dann einen reissenden starken Bach, an dessen Ufer eine Beduinenfamilie ihr Mahl einnimmt. Letzter Blick auf den See Tiberias, den Tabor und Palästina; vor uns das Wasser Merom, der Hule- see und die nördlich gelegene grosse Ebene. Eine mächtige Quelle entspringt aus dem Felsen und treibt gleich eine Mühle. Hier wurde Rast gehalten. Vieh- Franz Graf Th., Eine Orientreise. 10 146 heerden standen im Wasser, sich kühlend und den Durst löschend. Es ist der Ain el-Melhabah. Anderthalb Stunden weiter stand das Lager an einer Quelle, Ain Balata, in unangenehmer Nähe des sumpfigen Sees. Tausende von Fröschen besorgen das Abendconcert. Beduinenfrau. Der See liegt 7 Fuss unter der Meeresfläche. Sein Wasserspiegel ist von geringem Umfange, doch bildet der Jordan oberhalb des Sees einen riesiggrossen Sumpf, in welchem es von allerhand Wassergeflügel wimmelt. Ein starker Nordwind bläst erfrischend über die Fläche, welche vielen Beduinenstämmen zum Aufenthalte dient. In Zelten von Schilf- — 147 — matten und aus Ziegenhaar gewobenen Stoffen wohnend, treiben sie Ackerbau und Viehzucht. Grosse Heerden von Pferden, Rindern und Büffeln weiden aller Orten. 25. März. Die Entfernung nach Banyas ist keine grosse, nftan braucht nicht ganz sechs Stunden, so liessen wir uns denn mit dem Aufbruche Zeit. Starker Thau überzog in silbernen Tropfen das frische Gras. Der Himmel war leicht bewölkt, erst gegen Nachmittag wirkte die Sonne mit voller Kraft. Der Weg führt anfangs längs der Berge dahin, zur Rechten zieht, sich lange noch der ausgedehnte Sumpf des Meromsees. Pelikane, Reiher, Enten und Möven tummeln sich auf den kleinen Wasserflächen, die man sieht; Schild- kröten sitzen auf den Steinen des Ufers, mit langem Halse aus dem festen Hause herausschauend und in das Wasser gleitend, wenn sie eine Gefahr erblicken. Viele kleine Quellen entspringen aus der Lehne, zum Theile mit klarem Wasser zu dem Sumpfe fliessend; theils vom Ursprünge an im fetten Boden Sümpfe bildend, die sich bis zum See hinziehen. Wo man auf solche Wasseradern stösst, muss man sie entweder umreiten oder vorsichtig eine Furt durch dieselben suchen. Das Ufef ist dicht bewohnt. In geringer Entfernung von einander stehen in langen Linien die schwarzen Zeltdörfer, aus welchen die Kinder herauseilen, um „Bakschisch“ zu erbetteln, die Erwachsenen, um die Reisenden zu betrachten, vielleicht auch zu verspotten. Die Hunde bellen wüthend den Reitern nach. Es sind verschiedene Araberstämme, die jeder unter einem eigenen Scheik hier wohnen. Endlich hat der eigentliche, schilfbewachsene Sumpf aufgehört. Ueppiges Weideland, von Heerden bevölkert, ist an seine Stelle getreten; der weite Kessel schliesst sich. Wir reiten in östlicher Richtung an und über die Hügelrücken hin. Wir sind im Quellengebiete des Jordans, der in mehreren 10* — 148 — Sx»-* r Heduinenzelt. starken Armen, welche verschiedene Namen führen, dem Sumpf und See Merom Nahrung zuführt, dann als ein einziger Strom in kurzem reissenden Laufe den Genesarethsee erreicht, um jenseits des el-Ghor, des Thaies von Jericho, im todten Meere sein Ende zu finden. Das Terrain ist steinig; grosse Basaltblöcke bedecken den Boden. Zwischen den Felsen üppige Futterpflanzen. Es wird viel Pferdezucht getrieben, überall weidende Stuten mit ihren Saugfohlen und zu Rudeln vereinigte Fohlen. Unsere Hengste wieherten unausgesetzt und mussten mit scharfem Zügel daran erinnert werden, dass die Zeit der Jugend und Freiheit für sie vorbei sei. Der Nähr Derdara wird durchritten, der zwischen dichten Oleanderbüschen dahinrauscht. Ueber den Nähr Hasbany führt eine hohe Brücke in drei Bögen. Von dem Einen sind alle Deckplattenverschwunden, man reitet auf dem schwachen Gewölbe. Wie lange wird es währen, und die Brücke ist zur unpassir- baren Ruine geworden. Uns diente sie noch. Was später i 4 9 geschieht, kümmert den Araber nicht; — auch wir wollen uns darüber keine Sorgen machen. Die Wasserläufe mehren sich, aus jeder Mulde, aus jedem kleinen Thale sprudelt ein frischer Bach. An der Quelle des Nähr Ledan, bei dem Hügel Teil el Kadi, wo das alte Dan, die Nordgrenze des Reiches Israel einst gestanden hat, hielten wir Rast unter einer prachtvollen immergrünen Eiche. Es ist keine Quelle, es ist kein Bach, ein Strom ist es, der rauschend und schäumend hervorbricht aus dem dichten Oleanderweiden- und Pappelgebüsche, das den Felsspalt bedeckt; der brausend dahineilt zwischen den Felsblöcken, die sein Bett ausfüllen. Eine amerikanische Gesellschaft, welche seit einigen Tagen in unserer Nähe lagert, trifft nach uns ein; wir haben die besten Plätze besetzt, wo das frische reissende Wasser uns Kühlung bringt, sie müssen etwas höher rasten; doch die Nachtigall, die im dichten Busche ihr melodisches Lied singt, singt es für beide Parteien. Von hier bis Banyas ist es ein Garten, den man durchreitet. In Feldern und Wiesen stehen mächtige Bäume, theils mit dunklem immergrünen Laub, theils mit dem zarten Grün der neuen Blätter; an allen Sträuchern Blüthen und Knospen. Bäche in Wasserfällen plätschernd und ruhig dahinfliessend überall. Noch einen kurzen steilen Berg hinan, und wir sind bei unseren Zelten im Angesichte von Banyas, einem kleinen Orte, wo der letzte Jordanzufluss entspringt. Ein bäum- und strauchbewachsenes Thal liegt zu unseren Füssen; unten fliesst der Nähr Banyas. Banyas, das alte Paneas, wurde von Herodes und seinem Sohne Philippus ausgebaut; von Ersterem dem Kaiser zu Ehren Caesarea genannt, erhielt es in der Folge den Beinamen Philippi, um es von anderen Caesareas zu unterscheiden. Hier stand ein Heiligthum des Pan, und in späteren Zeiten ein grosses Schloss, dessen Trümmerreste über den Wasserläufen ■und unter den üppigsten Schlingpflanzen noch zu sehen sind. Ein unglaublicher Wasserreichthum bricht aus dem Felsen hervor, einer steilen Kalksteinwand am Nordende des Ortes. In mehreren Adern sprudelt es hervor, sammelt sich zu einem mächtigen Strom, um sich dann wieder in verschiedene Arme zu theilen, über und unter altem Mauerwerk neben der Strasse Wasserfälle bildend. Alles ist belebt und erfrischt, gedeiht und blüht und grünt. Ein herrlich gelegener Ort. An der Felswand, in der sich eine natürliche Grotte befindet, sind einige Nischen, dem Gotte Pan zu Ehren, ausgemeisselt. Auf den Felsen der Yeli Schech Chidr (St. Georg) eine kleine Moschee, von der man einen schönen Ueberblick über Ort und Gegend geniesst. Auf den sich an die Ruinen anlehnenden flachen Häusern stellen die Bewohner Hütten von Laub auf, in welchen sie während der heissen Jahreszeit wohnen. Prachtvolle Bäume. Eichen und Oliven hauptsächlich entfalten ihre breiten Aeste, Pappeln streben hinauf. Darüber sind Felder und Wiesen; weiter die Hule-Ebene mit dem Hügel Teil el Kadi und dem Wasserspiegel des Meromsees. Hinter den hohen Bergen des Westens, diese als Silhouetten zeichnend, verschwindet die goldene Sonne. Hoch über Banyas auf schroffen Felsen die Ruine der alten Festung Kalat es Subebe und endlich gegen Norden der Gebirgsstock des grossen Hermon, dessen Schneeflächen uns die letzten Tage schon erfreuten. Nun verlassen wir Palästina und betreten Syrien. Unser Ziel ist Damaskus. Der nächste Weg geht östlich vom Hermon durch flache Gegenden, wir wählen den Gebirgsweg, westlich an den Bergen hin. 26. März. Sehr gestörte Nacht. Gegen 1 Uhr erhob sich ein wüthender Sturm. Die Mannschaft musste die Zeltpflöcke ■fest verrammen. Jeden Augenblick, dachte ich, müssten unsere Zelte davonfliegen; ich zog mich an, barg alle Gegenstände in den Koffern und befestigte Wäsche und Kleider an ihnen. Wenn das Zeltdach weicht, fliegt sonst Alles in den NahrBanyas. Doch, Gott Lob, es hielt; gegen 4 Uhr Morgens ward es ruhiger, eine glühende Luft erfüllte unseren Wohn- raum. Wir schliefen wieder ein, doch war es kein erfrischender Schlaf in der bleiernen Atmosphäre. Zudem peinigten uns Mosquitos. Ich war froh, als es 6 Uhr war, und wir aufstehen konnten. Alles war etwas übernächtig; das Aufpacken ging langsamer von Statten als sonst, doch endlich wurden wir flott. Wir lassen die fruchtbare Ebene hinter uns. Kümmerliches Gra.s bedeckt die Höhe, welche wir übersetzen: Die Aussicht nach rückwärts ist schön; noch einmal erscheint der Tabor in weiter Ferne. Der gezackte schroffe Höhenzug des Hermon mit seinen Schneeflächen, unser Begleiter für die nächsten Tage, liegt ernst da, während vor uns mehrere grell beschienene Berge in schönster Beleuchtung waren. Im nächsten Thale entspringt ein Seitenarm des Nähr Ledan. Wir passiren ein Drusendorf Emärie; die Häuser aus roh behauenen Steinen, welche ohne Kalkschichte auf einander ruhen, sind mit Holz und Erde flach eingedeckt. Die Gegend ist von Muslimen, Christen und Drusen bewohnt; letztere, ein schöner kräftiger Menschenschlag, sind ein kriegerischer Stamm; sie waren es, die im Jahre 1860 das Blutbad unter den Christen von Damaskus anrichteten. Beim Nähr Hasbany grosse Rast. Das Thal wieder schön frisch und grün. Eine Brücke führt über den Fluss. Von dem jenseitigen Berge kamen auf steilem Pfade Landleute zu Pferd und zu Fuss an den Fluss herab. Bei einem Khan in der Nähe war Markt für die Dörfer der Umgegend, jetzt zogen sie heim, mit Einkäufen versorgt, oder nachdem sie ihre Producte verkauft hatten. Wir bildeten den Anziehungspunkt 152 für sie; in dichten Reihen umstanden sie uns, heiter lachend und plaudernd, Männer, Frauen und Kinder. Schöne Leute; die Männer in roth gestreiften Jacken und Hosen, den Fez auf dem Kopfe, nur die Drusen tragen weissen Turban. Langes buschiges Haar. Die Frauen in den langen, über den K nöcheln gebundenen buntfärbigen Pumphosen, einer blauen Jacke mit offener Brust, das weisse durchsichtige Tuch auf dem Kopfe ünd um den Hals geschlagen. Breite silberne Armbänder, Ohrringe in Filigranarbeit oder mit aneinandergereihten Münzen. Prachtvolle schwarze Augen und weisse Zähne, edle Züge, doch auffallend viele mit Blatternarben. Hübsche Kinder mit Murillo-Gesichtern. Wir interessirten sie lebhaft, besonders Anna. Die Männer warfen lüsterne Blicke auf unsere Gewehre. Sie versuchten ein Gespräch mit uns anzuknüpfen, doch umsonst. Es müssen wenig Europäer hier durchreisen, wenn man einen solchen Eindruck macht. Im Thale hinauf setzten wir unseren Weg fort. Unterhalb Has- beya, eines ansehnlichen Orts auf der Höhe, lagern wir in der Nähe des Flusses. Das Thal ist enge, die Berge sind steil. Ein guter Lagerplatz, hoffentlich wird es die Nacht auch sein. 27. März. Der Weg von Hasbeya nach Bascheya ist recht beschwerlich, unendlich steinig und mit Mühe arbeitet man sich durch; man überschreitet Hügel auf Hügel, dazwischen tiefe Mulden und Einschnitte. Der Himmel war dicht umwölkt, keine Aussicht, nur der Hermon immer zu sehen, vor welchem noch ein scharfer Gebirgsrücken sich hinzieht. Das Land ist arm, dünn bevölkert, und doch überall bis hoch hinauf Felder zwischen .Steinen, auf denen mageres Getreide steht. Die Furchen werden in den Steinen gezogen. Hier muss man wahrhaft das Brod im Schweisse seines Angesichtes verdienen. Erst kurz vor Bascheya ist der Boden besser. Der Berg ist ganz in Terrassen gelegt, überall Weinbau: ein Zeichen, dass viele Christen hier wohnen. Bascheya ist wunderschön auf dem Berge gelegen; ein ziemlich grosser Ort mit Garnison; die Häuser ebenerdig mit flachen Dächern, gegen die Strasse hin mit offenen Verkaufshallen. Es scheint reger Handel zu herrschen. Nördlich vom Orte ist unser Lager. Die Bevölkerung strömt heraus, um uns anzuschauen. Drusen und Christen, durch kleine Unterschiede im Anzuge zu erkennen, umstehen unsere Zelte. Es war zeitig, als wir einrückten. CI. und ich gingen noch mit den Gewehren hinaus VT ''•''WT mm E&mm mm Vj 11p« Berg Hermon. i54 und streiften die nächsten Berge ab. Man macht sich keinen Begriff von den Massen von spitzen, scharfen Felsen und Steinen, über die man geht. Arme Stiefel! Wir hatten einen Eingeborenen mit uns, der sehr gerne Conversation gemacht hätte, doch war dies vergebliche Mühe. Wir sehen nur Steinhühner. Die Aussicht muss prachtvoll sein. Leider senkte sich dichter Nebel in die Thäler, man sah nur hie und da eine beschneite Spitze des Libanon. 28. März. In den Reisebüchern hatten wir gelesen, dass auf dem Hermon Bären Vorkommen. Unser gestriger Jagdeingeborener bestätigte dies, und erzählte noch von Hyänen, Wölfen und Schakalen. Das war denn zu verlockend für die Jünger Dianens. Wir opferten ihr einen Tag. Früh am Morgen zogen wir aus. Die erste Stunde ritten wir durch Bascheya, dessen Bewohner soeben erwachten, im steinigen engen Thale, welches sich zwischen den vorliegenden Bergen weit bis gegen den Hermon durchwindet. Da, wo sich das Thal zu einem Kessel erweitert, ging die letzte Spur des Weges verloren, nun ging es zu Fuss weiter. Kuppe folgt da auf Kuppe, tiefe Mulden liegen dazwischen; so streiften wir bergauf, bergab, immer höher gelangend. Zackig, scharf wie die Messer sind die Kalksteinfelsen über einander ge- thürmt. Sie gewähren den wilden Thieren Schlupfwinkel genug. Eine spärliche Vegetation fristet ein kümmerliches Dasein. Juniperus und Ilexarten, daneben niedriges, dorniges Strauchwerk. Wir kamen bis in die Schneehöhe, jeden Einschnitt, jedes Thal mit dem Fernglase durchsuchend. Doch Nichts zeigt sich unseren Blicken. Der LIimmel war leicht bewölkt, als wir auszogen. Die Wolken verschwanden mehr und mehr. Dg. kam der Nebel, der sich gestern in das Thal gelegt hatte, vom Winde getrieben, eisig kalt an uns vorbei. Jetzt war der Schleier gelüftet; vor unseren Augen lag ein i55 herrliches Bild. Ein weites Panorama über die gebirgige Landschaft. Je nach Höhe und Entfernung in verschiedenen Tönen, reihten sich die Gebirgsrücken aneinander. Der ernste, scharfe, mit Schnee überzogene Grat des Libanon, mit dem Djebel Sanin sich über Alles erhebend, als Abschluss. Wir stehen auf halber Höhe des Hermon, des höchsten Berges des Antilibanon. .Seine höchste Spitze, der Kasr Antar, 2860 Meter hoch. Der Gebirgsstock zifeht sich im Bogen von Banyas bis nordöstlich von Bascheya, besteht aus Kalkstein, in welchem Quarz in schönen Krystallen eingesprengt ist. Die Sonne stand hoch; wir mussten an den Heimweg denken, da weidende Ziegen uns die Erwartung benahmen, Wild zu finden. Der Abstieg gleich beschwerlich wie der Aufstieg. Oft mussten die Hände zu Hilfe genommen werden, um sich durch die hohen Felsklippen herabzulassen. Wohl sahen wir nichts vom Wilde, doch reichlich belohnt durch die prachtvolle Aussicht zogen wir thalwärts. Endlich erscheint die schlossartige Kaserne auf der Höhevon Bascheya von Weitem. Noch eine starke Stunde, und wir sind beim Lager angelangt. Die Sonne brannte entsetzlich im letzten engen Thale, blendend von dem weissen Gestein zurückstrahlend, das AVege und Felder überzieht. Ich erinnere mich nicht, je sieben Stunden so anstrengenden Alarsches gemacht zu haben. 29. März. Die Nähe des Schnees war zu spüren, es war bitter kalt in der Nacht. Ein kurzer Reisetag und wenig zu erzählen. Bald nach. Bascheya gelangt man in einen Kessel, von ziemlich hohen Bergen eing'eschlossen, welcher im AALnter ein See ohne Abfluss ist und im Sommer angebaut wird. Nur mehr in den tiefsten Stellen war noch etwas Wasser; die Aecker wurden' bestellt. Auch weiter ist noch ein solches Becken. In beiden war guter Reitboden, sonst, besonders beim Ueberschreiten der Wasserscheide, schauerlicher Weg. * 5 6 An Kefr Huk, einem malerisch auf einem Berge gelegenen Ort, vorbei. Einige Säulenüberreste eines alten Tempels zu sehen. Mit dem Abstiege in ein enges Thal, in welchem sich kleine Wiesfleckchen und blühende wilde Obstbäume vorfinden, verlassen wir das schroffe, zackige Gebirge. Die Gegend nimmt einen anderen Charakter an, die Berge haben flachere Kuppen, in Terrassen gelagerten Kalkstein. Die Färbung erinnert an die Töne des Mokatamgebirges. Wir erreichten bei Khan Methelun die ausgezeichnete Strasse von Beiruth nach Damaskus in dem Augenblicke, als der Postwagen anlangte und Pferde wechselte. Sechs Pferde waren vor den grossen Wagen gespannt, der stark besetzt war. Die Strasse wurde nach der französischen Expedition des Jahres 1860 gebaut und wird von der französischen Gesellschaft, welche auch die Postverbindung unterhält, vortrefflich gehalten. Blendend weiss liegt der Kalksteinstaub auf ihr. Der alte Karawanenweg führt daneben und wird noch immer stark benützt, weil man auf diesem die Saumthiere der Zahlung der Mauthgebühren entzieht. Wir verlassen Strasse und enges Thal, um beim Dorfe Dimas das Lager zu beziehen. Gesang, Tambourinenlaute und Freudenschüsse lockten uns noch spät Abends in das Dorf. Es war eine Hochzeit, zu der wir unter Voran tritt von Lampenträgern durch die finstere Nacht gingen. Im Hause des Bräutigams, eines reichen Bewohners des Ortes, ging es lebhaft zu. Ein grosser Hof, an welchen von zwei Seiten die mit Säulenbögen geschlossene Terrasse der ebenerdigen Häuser stösst. Hochzeitsgäste sassen auf der erleuchteten Terrasse, füllten mit Neugierigen den Hof, in welchem das gesattelte Reitpferd des Besitzers mit einem Fohlen heute wohl der Nachtruhe entbehren muss. Der schmuck gekleidete Bräutigam empfing uns, seine Freude über den Besuch aussprechend, und geleitete uns auf die i57 Terrasse; die Gäste mussten Platz machen und bald sassen wir ä la Turque mit untergeschlagenen Beinen auf den herbei- geschafften niedrigen Polstern. Eine arabische Hochzeit ist anders als bei uns. Drei Tage’ lang wird im Hause des Bräutigams gejubelt, die Braut aber fehlt; die Frauen sind bloss versteckte Zuschauerinnen, nur die Mutter des Besitzers war von Zeit zu Zeit geschäftig zu sehen; denn uns, den Ehrengästen, musste Kaffee geboten werden. Nach drei Tagen wird die Braut, welche zwei Tagereisen entfernt wohnt, abgeholt werden, dicht verschleiert wird sie in ihr zukünftiges Heim gebracht, und die Feste haben ihr Ende. Bei vornehmen Leuten hat weder der Bräutigam, noch einer der Gäste die Braut gesehen. Bei der Dorfhochzeit geht es wohl nicht so strenge zu, denn die Frauen sind hier nicht verschleiert und halten nur bisweilen das wallende weisse Tuch vor den Mund. In einer Ecke der Terrasse sassen im Kreise Sänger, welche abwechselnd beim Klange der Tambourine mit eigen- thümlich näselndem Tone, aus dem Stegreif dichtend, Loblieder auf das zukünftige Ehepaar und auf die Gäste sangen, während der Chor, in die Hände schlagend, mit einem Refrain einfiel. Ein Jüngling springt auf und beginnt den Tanz. In kleinen Schritten über den Teppich hinschwebend, wiegt und wendet er den Oberkörper, mit graciösen Bewegungen der Arme den Tanz begleitend. Ihm folgt ein Mann, der sich ebenfalls dreht und wendet und dessen Auftreten wild und ungestüm ist. Wieder fällt der Gesang ein, dann wird ein Scheingefecht aufgeführt. Zwei Fechter mit krummen scharfen Säbeln treten in den Kreis. Der Säbel wird um den Kopf geschwungen, zum Munde geführt, dann vor uns auf den Boden gelegt; es ist dies der Gruss. Jetzt beginnt das Fechten. Die Klingen werden nicht gekreuzt. Die Moulinets pfeifen durch die Luft, hoch über dem Kopfe nach vorne, und tief über den Rücken. Katzenartig springen die Fechter im Kreise herum, nähern und entfernen sich wieder von einander. Die Kunst besteht darin, sich den Schwingungen des Gegners zu nähern, ohne getroffen zu werden oder selbst mit der scharfen Klinge zu verletzen. Jetzt wird, uns wieder der Gruss geboten und unter grossem Beifall der Zuseher ist der Kampf beendet. So geht es fort die ganze Nacht und die folgenden Tage. Die Gäste kommen und gehen. Wir entfernen uns, dem jungen angehenden Ehemann dauerndes Glück fürs Leben wünschend, und suchen die Nachtruhe auf. Morgen geht es nach Damaskus, dem östlichsten Punkte unserer Reise. Wie wird es uns gefallen? Unsere Erwartungen sind hoch gespannt. mum Damaskus. Grab des Seladin und Festung - . ald hatten wir wieder die grosse Strasse er- reicht, auf welcher wir, bei dem herrschenden Sturme in dichte Staubwolken gehüllt, gegen Damaskus ritten. Das Hochplateau ist kahl und trocken. Niedrige dichte Wolken verhüllen zeitweise die Berge des Anti-Libanon. Da senkt sich bei el-Häme die Strasse ins Thal. Der Fluss Barada rauscht reissend neben dem Wege dahin. Alles ist grün und frisch, wo sein Einfluss hinreicht. Garten an Garten, durch Mauern und Rosenhecken eingefasst, erfüllen das Thal. Obstbäume in Blüthe, viele schon im dichten Blätterschmuck, üppiges Gemüse, dazwischen Pappeln und Weiden. Ueberall Wasser in Gräben geleitet längs den Thalwänden. Die Wassermassen werden von den Gräben nicht gefasst; sie sprudeln und rieseln durch und über die Mauern, bilden Wasserfälle, die zerstäubend herunterfallen. Die Strasse führt mitten durch diese Wasserfälle. Es ist ein erfrischendes prächtiges Thal. Die Nähe der Grossstadt gibt sich kund. Phantastisch bemalte Landhäuser stehen in den Gärten. Man begegnet Reitern und Fussgängern, man überholt schwer mit Gemüse beladene Thiere, die stadtwärts getrieben werden. Die Ebene I i É — i6o — ist erreicht. Im breiten Bette zwischen Mauern fliesst der Barada nunmehr besänftigt dahin; er hat die Sprünge der Jugend vergessen. Die Moschee Tekkije Sultan Selim’s mit dem grossen, mit Kuppeln bedeckten Gebäudecomplexe, dem Wohnorte der Armen, liegt vor uns. Aus der Landstrasse wird eine Strasse der Stadt; Verkäufer von Esswaaren und Erfrischungen, die heute aber überflüssig sind, schreien und klappern mit ihren Gefässen. — Wir sind beim Hotel Victoria, das einem Oesterreicher gehört, angelangt und erfreut, uns und unsere Kleider von dem dichten Staube reinigen zu können. Das Hotel liegt am Flusse, der in der Nähe überwölbt ist. Hier befindet sich ein grosser Platz mit öffentlichen Gebäuden. Die zahllosen Menschen, die nach und aus der Stadt über den Platz strömten, lockten auch uns hinaus. Damaskus ist die wahre Stadt des Orients, Alles trägt dessen Merkmal und wirkt in diesem Charakter auf den Fremden. In fruchtbarer Ebene gelegen, weit und breit von Gärten umgeben, erscheint es dem Orientalen als das ersehnte Ziel, und die arabischen Dichter preisen die .Stadt als „die Perle des Orients“, „das Gefieder der Paradiesespfauen“, als „das Auge des Ostens“ und „das Halsband der Schönheit“. Und in der That, auch der Europäer, dessen Auge an Grün gewöhnt ist, muss es paradiesisch finden, denn hier spriesst und blüht, grünt und reift es in tropischer Ueppigkeit; die Gärten greifen bis in die Stadt hinein, und selbst auf vielen Strassen und Plätzen breiten Bäume ihre schattenspendenden Aeste aus, während zierliche Zwergbäumchen in voller Blüthe auf den Gassen zum Verkaufe ausgeboten werden. Nach den Angaben zählt Damaskus 150.000 Einwohner, doch werden bei türkischen Zählungen die Frauen nicht mitgerechnet. Christen, Juden und Mohammedaner wohnen in verschiedenen Vierteln, der gesammte Handel und Wandel — i6x —• aller Confessionen aber spielt sich in denselben Strassen urid Bazaren ab. Wie soll man es unternehmen, das rege Leben zu schildern, welches stets wechselnd, lärmend und vielfarbig an dem Beobachter vorüberzieht? Ein Netz von Bazaren, breiten und schmalen überdeckten Strassen, dient dem Arbeiter als Werkstätte, dem Händler als Verkaufshalle; an die Bazare wiederum stossen die grossen Khane an, welche Waarenlager und Stallungen ■ enthalten. Manche Bazare stammen aus neuerer Zeit. Ein früherer Gouverneur, Midhat Pascha, gab den Kaufleuten den Auftrag, durch Umbau die Bazare zu erweitern, und liess, als dieser Aufforderung nicht Folge gegeben wurde, Feuer legen. Auf den Brandstätten wurden dann die jetzigen breiten, hoch überwölbten Bazare angelegt, während die übrigen ihren alten, engen, winkligen Zustand mit hohem spitzen Dach behielten. In langen Reihen nebeneinander, ohne jeden Brotneid sitzen Handwerker und Verkäufer gleicher Gegenstände. Der Nachbar mischt sich als Vermittler in die Verhandlungen des Nachbarn, und erst, wenn der Käufer das Gewünschte nicht findet, lockt er ihn zu seinerVerkaufsstätte. Ist ein Seidenstoff, eine Waffe oder sonst dergleichen nach langem Handeln erstanden, so wird dem Käufer in der ganzen Zeile der gleiche Gegenstand geboten, als wollte man ein En-gros-Geschäft anlegen. Manche Khane sind prachtvolle Bauten; ein breites Thor führt in den mit hoher Kuppel überdeckten Raum. Ein grosses Wasserbecken steht in der Mitte; auf Pfeilern und Säulen ruht der um den Hof laufende Balcon des ersten Stockwerkes, dessen zarte Säulchen wieder das Deckengebälke tragen. Das Mauerwerk und die Bögen abwechselnd aus schwarzem und weissem Stein; die hohe Kuppel, der zweite vom ersten durch Säulen getrennte kleinere Raum machen durch Schönheit des Baues und Reichthum des Materials den Franz Graf Th., Eine Orientreise. II I 62 Eindruck, als wäre das Ganze als Moschee angelegt worden, und doch dienen diese Bauten nur dem grossen Handel, welchen Damaskus seit allen Zeiten trieb. Die unteren Räume sind Waarenlager; in Kisten und Ballen verpackt stehen heimische und europäische Producte, der Kaufherr trägt sie in seine Bücher mit feierlichem Ernste ein und lässt sich durch den Fremden nicht stören. Im oberen Stockwerke, in den Zimmern, die auf den Balcon führen, ist das Detailgeschäft, da ertönen Sirenenklänge der Verkäufer, da thürmen sich Seidenstoffe, Gewebe aller Art, Teppiche u. s. w. auf, sobald der Fremde sich zeigt. Ein Kreis von Neugierigen drängt sich heran. Es wird gefordert, geboten, betheuert, dass der Preis nicht zu hoch sei, immer werden neue Waaren hervorgezogen, bis endlich ein Handel abgeschlossen ist oder man sich, ohne einen- Kauf gemacht zu haben, entfernt. In den Bazaren herrscht stets das regste Leben. Wagen, Reiter undTragthiere drängen sich zwischen denFussgängern durch; eine Legion verwilderter Hunde lungert umher, man ist gezwungen, ihnen auszuweichen. Gewöhnlich zu Mehreren gehen die Frauen einher im rothgelb oder blaugelb gestreiften seidenen Ueberwurf, das Gesicht hinter färbigem Schleier, die zierlichen Füsschen in netten Strümpfen und Schuhen, oder in weissem, den Körper umhüllendem Tuch, mit den hohen Stöckelsohlen über den Boden klappernd. Bei den Stoffverkäufern, den Gold- und Silberarbeitern halten sie sich mit Vorliebe auf, feilschen und handeln, neugierig betrachten sie den Fremdling, ohne dass dieser ihre Züge errathen kann. In allen Trachten eilen die Männer geschäftig durch die Strassen oder stehen und gaffen oder sitzen auf niedrigen Stühlen, die Nar- gileh rauchend, vor den Kaffeehäusern. Da sieht man den graubraunen Rock des Tscherkessen mit den Patronen auf 1 — i63 — der Brust, den geraden silbernen Dolch im Gürtel, die Pelzmütze auf dem Kopfe; den Beduinen mit hohen rothen Pantoffeln, weisser Plose, gestreiftem Kameelhaarburnus oder kurzem Pelzrock auf den Schultern, mit der schwarzen dicken Schnur, die das dunkle Tuch auf dem Kopfe hält. Der Bewohner der Stadt im langen seidenen, grellfarbigen Kaftan, darüber häufig der offene Pelz.' Landbewohner in der blauen Pluderhose und kurzer Jacke von gleicher Farbe, den Geldgürtel um die Hüfte geschlungen. Der bettelnde Derwisch im zerfetzten Gewände, mit einem Spiess in der Hand oder mit einem Gefässe mit Blumen, das Haar wirr in Strähnen, auf dem Haupt mitunter die hohe Mütze. Esswaarenverkäufer schreien ihre Waaren aus, und der Limonadeverkäufer klappert mit zwei Messingschalen, während das Stück Eis auf der wagrecht getragenen grossen Flasche langsam schmilzt. Soldaten, elend gekleidet, trachten hier wie bei uns mit den Mädchen zu plaudern. Es ist ein Durcheinander, ein sich Schieben und Drängen, eine farbenprächtige Bewegung, an der man sich nicht satt sehen kann. Man steht und schaut und wird von einer Schaar schmutziger, grossäugiger, schöner Kinder angegafft. Ueber die Strassen sind Stricke gespannt, da trocknet die Wäsche, vor den luxuriös ausgestatteten Bädern die Badetücher. Kinder spielen Ball über alle Fuss- gänger weg, von einer Seite der Strasse zur andern. Unrath aller Art liegt auf dem Boden, hier suchen die Hunde ihre Nahrung. Grosses wüthendes Gebell, wenn Einer zu bellen oder zu heulen beginnt oder ein Hund einer andern Gasse, eines andern Viertels sich hieher wagt. Manche Bazare sind mit Ketten geschlossen, so der sogenannte Griechenbazar, wo prachtvolle alte Waffen, neue Kleider, Porzellan, Schuhe und Stoffe verkauft werden. Die Kette bedeutet das Verbot des Durchreitens; deshalb sitzt i jr— ■■. ' der Einheimische vor der Kette ab, zieht das Pferd oder den Esel unter derselben durch, besteigt das Thier wieder und reitet dann ungehindert durch den Bazar. Im Silberbazar, einem kuppelbedeckten grossen Raume, sitzen die Gold- und Silberarbeiter knapp aneinander, verfertigen zierliche Schmuckgegenstände, verkaufen das Product ihrer Arbeit, sowie alte Gegenstände von edlem Metall, Ketten, Mützenschmuck, Ringe etc. Ein eigener Markt ist dem Pferdeverkaufe gewidmet; er ist alle Tage stark besetzt. Hier werden Pferde getummelt. Der Reiter jagt dahin und ruft den Preis aus. In langen Reihen gefesselt stehen die Thiere da, welche verkauft werden sollen, ein Büschel Grünzeug als Futter vor den Füssen. Edle Thiere von weither, mit feinem Kopfe, grossen klugen Augen, schlankem Halse: das Beste von Arabien. Daneben das gewöhnliche Gebrauchspferd aus der nächsten Umgebung und aus allen Theilen Kleinasiens bis von der russischen Grenze hergetrieben. Rudel junger Pferde, zu dichten Knäueln zusammengedrängt, niemals gebändigt, sollen an den Mann gebracht werden. Sie werden aus respect- voller Entfernung gemustert: der dunkle Schimmel in der Mitte gefällt; jetzt wird gehandelt und gefeilscht. Endlich ist der Handel abgeschlossen, nun gilt es, das Pferd herauszufangen, doch früher muss noch das Bakschisch hiefür gezahlt werden. Der Schimmel scheint zu ahnen, dass es um seine Haut geht, denn er drängt immer in die Mitte seiner Kameraden. Die Pferdeknechte trachten sich ihm zu nähern, lange will es nicht gelingen, endlich fasst ihn Einer bei der Mähne, klammert sich fest an und lässt sich von dem erschreckten Thiere mitten unter allen Pferden herumziehen. Ein zweiter Mann hängt sich an den Schweif, doch umsonst, das wilde Ross entledigt sich seiner Peiniger. Der Versuch muss wieder- — 165 — holt werden. Diesmal gelingt es: das Pferd, an dem drei Menschen hängen, war zu Boden gefallen, und rasch wurde ihm die Halfter angelegt, die erste Fessel, welche das Thier je getragen. Doch auch jetzt ergab es sich noch nicht. Es sprang auf, zog die drei kräftigen Männer mit sich, als wären es Fliegen, riss sich abermals los und jagte im Galopp durch alle Pferde davon. Alles eilt nach, der Halfterstrick wird erhascht, die Kraft, der Athem des Pferdes lässt nach, und nun ist es gebändigt, wird fortgeführt, um den Ernst des Lebens kennen zu lernen. Die Pferde werden hierzulande furchtbar beladen. Hoch aufgethürmt tragen sie Kisten, Holz, Erde, Unrath, mühsam Fuss. vor Fuss setzend, niemals strauchelnd, niemals versagend! Die grosse Moschee, die Omajaden-Moschee, Dahami el-Kebir, ist nach der von Mekka und Jerusalem die heiligste im ganzen türkischen Damaskus. Minaret de la Fiancée. — i66 — Reiche. Ein grosser Hof, auf drei Seiten von Arkaden umgeben; blendende Marmorfliesse bedecken den Boden, in der Mitte unter einer Kuppel der Brunnen für Waschungen. In einer Reihe mit dieser die auf Säulen ruhende Schatzkammerkuppel und die Stundenkuppel, in welcher sich die Uhr befindet. Die Arkaden werden von breiten Pfeilern, zwischen denen je eine schlanke Säule steht, gebildet. Die vierte Seite nimmt die Moschee selbst ein. Sie war ursprünglich eine christliche Kirche und barg das Haupt Johannes des Täufers. Zwei mächtige Säulenreihen mit feingearbeiteten korinthischen Kapitälen bilden drei .Schiffe. Von den Säulen laufen hufeisenförmige Bogen aus, auf denen die durch kleine Fenster unterbrochenen Trennungsmauern sich erheben. Ein einfaches, aber sehr schön bemaltes Deckengebälke überspannt jedes der Schiffe. In der Mitte fehlen einige Säulen, so dass sich hier eine Art Kreuzschiff bildet. Dieser Theil ist der einzige, welcher leidlich erhalten ist; prachtvolle Mosaiken, Bäume mit Früchten und Häuser vorstellend, bedecken die nördliche Wand, während auf der Südseite die reich in Stein ausgelegte Kibla (Gebetsnische) dem Andächtigen die Richtung von Mekka angibt. Fein durchbrochene Fenster mit färbigen Gläsern vermitteln das Licht in diesem Raume. Die anderen Theile entbehren jeden Wandschmuckes, sie sind weiss getüncht, die schönen Fenster sind verschwunden und durch einfache ersetzt. Die Marmorplatten des Fussbodens sind mit Teppichen belegt. Von allen Seiten führen Thore in die Bazare, und Alles geht, nachdem es sich des Schuhwerkes entledigt hat, geschäftig durch das Gotteshaus. Drei Minarets überragen die Moschee. Das niedrigste, das sogenannte Minaret der Braut, bestiegen wir, um einen Ueberblick über die Stadt zu gewinnen. Dieselbe macht einen eigenthümlichen Eindruck, man sieht in keine 167 Gasse hinein; denn Alles ist verdeckt. Flache Dächer mit Gras bewachsen, zahllose grosse und kleine Kuppeln von Moscheen, Khans, Bade- und Privathäusern. Dazwischen die hochgewölbten oder scharfkantigen Decken der Bazare. Kleine Gärten und mit Bäumen bepflanzte Höfe liegen zwischen den Häusern. Die Citadelle mit ihren viereckigen Thürmen und massivem Mauerwerk, aus dem i 3 . Jahrhunderte stammend, hebt sich von der niedrigen Umgebung ab. In weitem Kreise um die Stadt ein Meer von Bäumen. Es ist dies der Gartengürtel, welcher Damaskus umgibt. Die kahlen Berge des Antilibanon mit dem frisch beschneiten Hermon, die Berge des Hauran und die flache Wüste bilden den Abschluss des schönen Bildes. Sehenswürdig sind die Privathäuser, deren Damaskus einige prachtvolle besitzt. Auch wir besichtigten mehrere. Der Damascener liebt Bäume und Blumen, und so bildet denn ein grosser, mit Steinfliessen belegter Hof, in dem uralte Obst- und Wildbäume stehen, wo Rosen, Nelken und Lilien neben der Myrthe blühen, wo ein Springbrunnen aus marmorner Schale emporsteigt, den Mittelpunkt des Hauses. Ein gegen Norden offener, hoher Raum ist der Versammlungsort der Familie an heissen Sommertagen. In den Empfangsräumen ist die ganze Pracht orientalischen Marmors in manchmal überladener Weise angebracht. Nur im Hause des Abdallah Beck el-Adm ist der grosse Saal in feinstem maurischen Style; halbe Stalaktitenwölbungen tragen die harmonisch gemalte Decke. Mosaiken und Koransprüche bedecken die Wände. Im Marmorbecken sprudelt erfrischendes Wasser. Das Haus ist vor 200 Jahren von Assad Pascha el-Adm, dem Erbauer des oben beschriebenen Khans, gebaut worden. Jetzt streiten mehrere Söhne des letzten Eigenthümers um den Besitz, der dringend der Pflege eines Hausherrn bedürfte. i68 Der Palast hat einen riesigen Umfang und beherbergt die zwölf in Fehde lebenden Mitbesitzer sammt ihren Familien. Von der nahen Höhe, oberhalb des Dorfes es-Salihije, wo das Grab eines Schechs vielfach besucht wird, hat man einen prachtvollen Ausblick über die Stadt und das Land. Hier ist nach Ansicht der Mohammedaner der Ort, wo das ewige Paradies sein wird. Auch jetzt schon ist es wie ein Blick ins Paradies. Weit und breit in der Ebene ein dichter Baumwald, in welchem die Stadt wie verborgen liegt. Die leuchtenden Minarets erheben sich schlank wie die Nadeln, überragen die flachen Häuser und die alten Bäume. Dicht zusammengedrängt liegt die Stadt, nur die Vorstadt el-Meidan zieht sich wie eine Linie weit in die Gärten hinein. Gegen Süden erblickt man noch Felder, sonst ist Alles, was an die Gärten der Stadt stösst, Steinmeer und Wüste. Einige Schechs der Umgebung waren bei dem Grabe auf der Höhe zu heiterem Mahle versammelt, sie genossen die Aussicht durch unsere Ferngläser und wunderten sich über die Nähe, in der die Stadt erschien. Die Besichtigung der arg zerfallenen, geräumigen Cita- delle, die mitten in der Stadt liegt, liess uns den Fluss wieder sehen, welcher in der Stadt grösstentheils überbaut ist; mit besonderer Vorliebe werden Kaffeehäuser auf demselben errichtet, auf deren offenen Terrassen der Damaskener im Sommer die durch das Wasser erfrischte Luft einathmet. Ein Of- ficier zeigte uns die Festung. Unter Zelten und in Casematten ist die Mannschaft untergebracht. Eine geringe Anzahl von Pferden steht in den geräumigen Stallungen, während sich die meisten auf der Weide ausserhalb der Stadt befinden: in wessen Tasche fliesst die Ersparung? Schuster- und Schneiderwerkstatt, sowie eine Mühle wurde uns gezeigt. Zum Schlüsse stiegen wir mittelst einer Art LlijLnerstiege auf einen der i6g Thürme, um den schönen Ausblick zu gemessen. Das ganze Castell würde bei uns Ruine heissen. Hier aber, wo die Leute gerade so gut im Freien wohnen, ist es immer noch eine gute Kaserne. Die Schildwachen, welche sich, wenn sie auf ihrem Platze von der .Sonne stark beschienen werden, gegenüber in den Schatten der Häuser stellen, erwiesen uns militärische Ehrenbezeigungen, da der uns vorschreitende Consulats- kawass unser Ansehen wesentlich steigerte. Der Vali (Statthalter) von Damaskus, Nazif Pascha, ein wohlbeleibter alter Herr, tritt aus dem Regierungsgebäude; es ist Nachmittag, die Amtsstunden sind vorbei; er begibt sich nach seiner Wohnung in der Vorstadt Salihije. Seine Excellenz machen noch ein Stück Weges zu Fuss, es ist dies gewiss seiner Gesundheit sehr zuträglich. Eine Schaar von Beamten begleitet in respectvoller Haltung den Chef. Bei der Brücke über den Barada wird der Wagen vorgerufen. Der Gewaltige steigt ein. Zwei Tscherkessen seiner Garde, das gespannte Gewehr auf das Bein aufgestützt, traben vor den alten Schimmeln her, die den Vali ziehen. Ein Officier folgt dem Wagen. Hoffentlich ruht sich der Gouverneur gut aus für die morgige Arbeit. Der hiesige Posten soll sehr einträglich sein und verschiedene frühere Valis sollen ein stattliches Vermögen gesammelt haben, wird doch fast jede Anstellung in der Türkei erkauft. Der jetzige Statthalter hat einen guten Ruf; er soll seine Stellung nicht missbrauchen, und dies wird anerkannt. Da jagt ein Trupp Reiter mit lautem Geschrei auf den Platz und hält vor dem Postgebäude. Es ist die Post von Bagdad, welche zehn Tage unterwegs ist, soeben angelangt. Mehrere Maulthiere tragen die Briefe, eine Anzahl bewaffneter Reiter treibt und begleitet sie. Alles drängt zum Postgebäude, denn auch die europäischen Briefe sind heute angekommen; doch es vergehen drei bis vier Stunden, bevor 170 sie ausgegeben werden. Warum sollte sich auch ein türkischer Postbeamter beeilen? Wir werden noch von verschiedenen Händlern aufgesucht, die uns ihre Waaren anbieten; diesmal um den Preis, den wir so unvorsichtig waren zu nennen, sie wissen, dass wir morgen die Stadt verlassen, und wollen die Gelegenheit doch nicht versäumen, noch ein Geschäft zu machen. So sind wir denn zur Abreise bereit. Nun geht es nach Hause in verschiedenen Etappen. 4. April. Das Wetter hat sich wieder etwas gebessert. Es war die ganze Zeit schändlich kalt. Ein scharfer Wind kam von den Bergen und brachte häufige Streifregen. Im Gebirge war viel frischer Schnee gefallen und die verschiedenen anlangenden Reisenden wussten von der Kälte zu erzählen, die sie ausgestanden hatten. Heute ist es wieder schön und warm. Vorwärts denn! Bis Dummar, der Villenansiedlung am Barada, folgten wir der Strasse; dann bogen wir rechts in d;e Berge ab, das frische Thal hinter uns lassend. Kahl und öde ist die Gegend, nackte Kalksteinfelsen werfen blendend die Sonnenstrahlen zurück; ein Wüstenplateau wird durchritten, dann senkt sich der Weg und plötzlich liegt das Thal des Barada wieder vor uns: schroffe Felswände rahmen es ein. Wild und zerklüftet ist das Gebirge; Adler kreisen in den Lüften und horsten in den Felsen. Unten am Wasser ist Alles grün und üppig. An den Obstbäumen zieht sich die Rebe hinan. Granatbäume im rothbraunen jungen Blätterschmucke heben sich von dem Grün der anderen Bäume ab; dazwischen leuchtet der weisse Schaft der Platane und Pappel. Der Ritt längs dieses Thaies ist prachtvoll schön. Die Gebirge nehmen den Charakter des schroffen Hochgebirges an, unten rauscht im dichten Grün der blaue Fluss, bald in einem Bette vereinigt, bald zahllose Inseln bildend, über die Steinblöcke hin. Der Weg stellenweise sehr schlecht, ja gefährlich neben dem reissenden Bache. Bei el-Fidsche verengt sich das Thal; hier entspringt ein Zufluss des Barada. Als Strom bricht die Quelle aus dem Felsen hervor. Mauerreste eines alten der Flussgottheit geweihten Tempels erheben sich über dem Wasser. Alte Bäume umgeben den prächtigen Platz. Das Thal wird wieder breiter. Viele Ortschaften mitten in Obstbäumen. Bei Suk Barada standen unsere Zelte, am Fusse eines schroffen Felsens, auf welchem nach Ansicht der Bevölkerung Abel von seinem Bruder erschlagen wurde. Hier stand die alte Stadt Abila; zahlreiche Säulen und Capitälreste am Wege zeugen von der ehemaligen Pracht, von welcher heute nichts mehr zu sehen ist. 5. April. Im Thale, das immer enger wird, setzen wir unsere Reise fort. Die Felsen fallen steil ab, nur dem schäumenden Bache Raum lassend. Dieser wird auf hoher schadhafter Brücke übersetzt. Im Feisen ausgehauene Gräber und Nischen, Reste einer alten Wasserleitung und einer Römerstrasse zu sehen, welche laut Inschriften unter den Kaisern Lucius Verus und Marcus Aurelius angelegt wurde. Unser Weg wird zum schmalen Gebirgssaumpfad. Ueber Felsplatten und Gerolle geht er manchmal hart am Bache hin, ist wohl auch stellenweise von diesem überfluthet, um dann wieder an den Lehnen hinanzulaufen. Ein schöner Wasserfall, an welchem eine Mühle malerisch liegt. Oberhalb desselben der eigentliche Ursprung des Barada, welchem von weiter her der kleine Bach von Zebedani zueilt. Der Barada hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Jordan. In mächtigen Quellen entspringend, hat er, wie jener, einen kurzen Lauf und verliert sich in den Sümpfen Bachret Atebe. 172 "Z ■, Ansichtjvon Zebedani (Antilibanon). An seinen Ufern herrscht aber die grösste Cultur, und der Reichthum des Thaies, wie der der Ebene von Damaskus ist seinem Wasser zu danken. Oberhalb des Wasserfalles betritt man das fruchtbare, langgezogene Thal von Zebedani, das von dem scharfzackigen Djebel Zebedani, der unserem Tennengebirge ähnelt, und dem Hauptzuge des Antilibanon mit dem 2560 Meter hohen Dhahr Abul Hin begrenzt ist. Frisch gefallener Schnee bedeckt die Gipfel und zieht sich in die Mulden und Thäler hinab. Weit hinter uns erscheint nochmals der grosse Hermon, unser alter Freund, im vollsten winterlichen Gewände. Je mehr man sich Zebedani nähert, desto mehr verschwinden Felder und Wiesen, um dichten Obstgärten Platz zu machen. Zebedani, ein grosser Ort, zur Hälfte von Christen, zur Hälfte von Mohammedanern bewohnt, ist seiner Obstzucht halber berühmt; seine Aepfel und Trauben sollen die besten der Gegend sein. Man überschreitet nun einen Pass: die Wasserscheide gegen das mittelländische Meer, und steigt hinab in das Thal von Jafufe. Hochangeschwollen braust der Bach gleichen Namens dem Nähr Litani zu. Wir übersetzen ihn auf elender Brücke, gleich nach derselben eine schwierige Passage. Man hatte einen breiten, tiefen Bewässerungsgraben 173 über den Weg gezogen, und erst nach längerem Zureden Hessen sich unsere Pferde dazu bewegen, durch denselben zu gehen. Mit den Wegen wird hierzulande ganz merkwürdig umgesprungen. Bald werden sie aufgeackert und verschwinden dann, bald werden sie als Wasserzuleitungsgräben benützt oder durch solche durchschnitten, dann wieder werden alle Steine der Umgebung auf sie geworfen. Lieber Reiter, schau wie Du durchkommst! Wir folgen wieder dem Thale; nur in der schmalen Sohle ein Streifen vorzüglich berieselter Felder, der Bach von Weiden und Pappeln eingefasst, die steilen Lehnen kahl. In schräg abfallenden Lagen oder in gebogenen, den Mulden folgenden Linien liegt der Felsen. Unser Fusssteig hört auf; wir müssen ans jenseitige Ufer. Bis an den Bauch im Wasser arbeiten sich unsere Pferde durch den angeschwollen reissenden Bach. Ich war froh, als Anna glücklich drüben angelangt war. Der junge Araber, der stets neben den Pferden herläuft, wickelte sich Alles, was er als Kleidung trägt, um den Kopf und watet als beturbanter Adam durch. Nun geht es beiläufig eine Stunde an dem Ufer hin, dann kommt wieder eine kleine Brücke und man ist beim Dorfe Jafufe angelangt, wo wir die Nacht zubringen. Es war spät geworden, als wir einrückten; die letzten Strahlen der untergehenden Sonne überzogen mit Purpurfarben das schroffe Gebirge, während wir im Thale schon lange im Abenddunkel waren. 6. April. In einem Seitenthale steil bergan kamen wir auf ein hügeliges Hochplateau mit überraschend schöner Aussicht. Vor uns lag die fruchtbare Ebene el-Bekaa, durch die der Litani fliesst; jenseits die ganze Kette des Libanon vom Djebel Baruk bis zum Djebel Akkar. Dicht beschneit der ganze Kamm und die Gipfel des Djebel Knese, des Djebel Sanin (2608M.), desDjebelFum el-Mizab, und wie die anderen U + alle heissen. Hell leuchtet der frisch gefallene Schnee, hie und da unterbrochen von dem nackten Felsengrat; dunkel schliesst sich daran die kahle Lehne und im Thale das saftige Grün und die rothe Erde unbestellter Felder. Ueber Alles wölbt sich der tiefblaue Himmel. Gegen Osten erhebt sich der Antilibanon; die höchste Spitze des Hermon überragt selbst noch die Vorberge. Der Boden des hügeligen Landes war leidlich gut, so konnten wir denn einige lustige Galopps machen. Erst bei Ras el-Ain erreichten wir die Ebene selbst und nun liegt Baalbek mit seinen berühmten Tempelresten vor uns. Baalbek selbst ist ein ansehnlicher Ort mit reinlichen Häusern. Er ist vorwiegend von Christen, und zwar unirten Griechen, welche einen Bischof hier haben, und Maroniten bewohnt. Gärten erstrecken sich vom Orte bis weit in das Thal hinab. Der Maulbeerbaum wird stark cultivirt, da viel Seidenzucht getrieben wird. Baalbek war bereits im i. Jahrhunderte römische Colonie. Unter Septimius Severus und Antonius Pius entstanden die Tempel: der grössere sämmtlichen Göttern gewidmet, während der kleinere, dem Sonnengotte geweiht, der Stadt den Namen Heliopolis und Baalbek, d. i. Sonnenstadt, gegeben hat. Unter Constantin soll eine christliche Basilika hier gebaut worden sein; Kaiser Theodosius der Grosse liess gegen Ende des 4. Jahrhunderts den heidnischen Tempel zerstören und eine christliche Kirche in demselben aufführen. Die Araber nahmen den Ort ein; heidnischer Tempel und christliche Kirche wurden weiter zerstört und zu einem Ver- theidigungspunkt umgewandelt. Mit den alten Quadern wurden die Mauern erhöht, Thürme aufgesetzt und Schiessscharten angelegt. In mehreren Kriegen wurde Baalbek litmüt'-'E a-**,.*, *,» ars ./»t • Oi-Ü Tl'tjiW ‘ r * ‘tflSifcjSi >V>;" BAALBEK. i75 eingenommen und verwüstet, so auch von Timur. Soweit wechselnder Glaube und Kriege die Bauwerke nicht zerstört hatten, vollendeten dies einige Erdbeben — das letzte im vorigen Jahrhunderte — von denen Baalbek heimgesucht wurde. Und so steht denn von der Pracht des alten Tempels, von der Akropolis nur wenig mehr. Schwer ist die Disposition der Bauwerke zu erkennen, deren prachtvolle Ueberbleibsel heute noch Bewunderung hervorrufen. Es muss ein grossartiger Tempel gewesen sein. Auf mächtigen Quadermauern, in denen Gänge und Kammern ausgespitzt sind, erhebt er sich. Die hohen Stufen, welche hinaufführten, sind verschwunden. Man muss daher durch den unterirdischen breiten hochgewölbten Gang zu dem Tempelraum hinansteigen. An einen schmalen, von zwei Nebenräumen flankirten Porticus schliesst sich ein sechseckiger Vorhof. Hier, sowie in dem anstossenden i3o Meter langen und 115 Meter breiten zweiten Vorhofe sind an den Mauern einzelne Kammern gewesen, welche heute noch zu erkennen sind. In doppelten Reihen reich ausgestattete Nischen mit feinster Ornamentirung, durch Pilaster getrennt. Diese Kammern waren theils halbrund, theils rechteckig, je zwei gegenüberliegende ganz gleich. In der Mitte des zweiten Vorhofes eine erhöhte Plattform, aus welcher man in den eigentlichen Tempelraum gelangt. Von diesem stehen nur noch sechs schlanke Säulen, 19 Meter hoch, mit korinthischen Capitälen und hohem, reich gezierten Architravgebälke. Säulenstücke, Capitäle, fein ge- meisselte Deckenplatten bedecken chaotisch den Boden. Nur an den sechs Säulen und der Ausstattung einiger Kammern kann man die ehemalige Pracht des Tempels ermessen, an den herumliegenden Blöcken aber die Kunst damaliger Baumeister. In der Westmauer sind drei Quadern g Meter vom Boden eingemauert, welche ungefähr 3o Meter lang und 176 3 Meter hoch sind. Staunend steht man vor dieser Leistung damaliger Bauführung. An den grossen Tempel stösst der eigentliche Sonnentempel; auch dieser ist zerstört, aber doch noch besser erhalten als jener. Säulen umgeben ihn von allen vier Seiten. Eine überaus reiche Cassettendecke mit Götter- und Kaiserbüsten Eaalbek, römischer Tempel. zwischen rankendem Blattwerk verband die Säulen mit den Mauern des Tempels. Auf der einen Seite sind Säulen und Decken erhalten, während auf der andern die Decken eingefallen und der grösste Theil der Säulen umgestürzt ist. Durch ein reich gemeisseltes Portal betritt man das Innere, einen geräumigen Saal. Auch hier laufen Nischen längs der Wände; Bögen und Pilaster fein behauen. Wie die Kreuze 177 — beweisen, war dieser Tempel zur christlichen Kirche umgewandelt. Der ganze Complex beider Tempel ist Ruine, die Wirkung dieser gewaltigen Ueberbleibsel aber, die sich, von der Sonne beschienen, vom blauen Himmel des Südens abheben, grossartig. Ueberall der Ausblick ins fruchtbare Land, auf Gärten und Felder und auf die schneebedeckten Berge. Das Material der Tempel wurde vielfach zu Bauten verwendet. Eine grosse Moschee, ebenfalls in Ruinen, hat die Vorgefundenen Schätze, Säulen und Capitäle, von verschiedener Grösse, nicht zu einander passend, recht und schlecht benützt. Das Grab eines Schechs, in der Nähe der Stadt, ist von acht Granitsäulen gebildet, die Quadern tragen. Säulen und Quadern waren dem Dienste der Sonne gewidmet, der Granit aus Oberägypten herbeigeschafft; jetzt stehen sie wie verwaist in den Feldern an der staubigen nach Beirut führenden Landstrasse. Noch sei eines kleinen reizenden Tempels Erwähnung gethan, welcher nicht ferne der Akropolis steht, und, von Säulen umgeben, an den Vestatempel in Rom erinnert. Auf den gebogenen Architravbalken ziehen sich Fruchtguirlanden hin; Weinlaub und sonstiges Blattwerk ziert die Nischen. Wir lagern bei den Steinbrüchen, aus welchen das Material für diese Bauwunder gebrochen wurde. Noch liegen halbbearbeitete Blöcke herum, auch ein Riesenstein ist von drei Seiten bearbeitet, haftet aber mit der vierten noch am Felsen. Es ist ganz klar. Von den Zelten aus sehen wir die hohen Säulen sich in der durchsichtigen Luft über die Gärten erheben, dahinter das beschneite Gebirge. Es ist ein schöner Fleck Erde! Heute Nacht wird es wohl eben so kalt wie in der vergangenen werden, in der wir Eis in unseren Zelten fanden. Doch schlägt im Freien Alles gut an. Franz Graf Th., Eine Orientreise. 12 178 7- April. Am Fusse des Libanon angelangt beim kleinen Dorfe Ainata. Steil erhebt sich vor uns das kahle Gebirge, von grossen Schneeflächen bedeckt. Gegen Süden beschliesst der Gebirgsstock des Sanin den Ausblick. Es ist Sonntag, und so waren wir denn in der Frühe in der schmucklosen, ärmlichen Maronitenkirche Baalbeks. Eine neue Kirche ist im Bau. Aus dem Felsen gehauen sind die Stufen, auf denen sich der Altar befindet. Durch ein Gitter ist das Gotteshaus getheilt; hinter demselben die Frauen, vorne die Männer. Anna, diese Sitte nicht kennend, war im vorderen Theile. Die Messe wird syrisch gelesen, das Volk antwortet dem Priester. Nach der Messe ritten wir los: durch Gärten und dann durch die Felder der Bekaa. Der Boden scheint sehr gut zu sein, doch ist die Vegetation noch nicht sehr entwickelt. Die Winterungen wie bei uns zu dieser Jahreszeit. Erst wenn man sich dem jenseitigen Höhenzuge nähert, werden die Felder sehr steinig. Dehr el-Achmar liegt am Rande des Gebirges; wir ritten über Felsblöcke durch den grossen Ort: es ist die Dorfstrasse; nun geht es im steilen Thale die Berge hinan. Es muss hier in früheren Zeiten ein prächtigerWald gestanden haben, denn noch jetzt sind die Höhen von Stockausschlag von Eichen, von immergrünen Eichen und ausserdem von Juniperus-Arten überzogen. Zahllose Heerden finden hier im Winter ihre Nahrung, während sie im Sommer auf den Höhen des Libanon weiden. Wir sind nunmehr im Gebiete des kriegerischen Stammes der Maroniten, die sich insoferne eine gewisse Selbstständigkeit erhalten haben, als sie sich einen christlichen Statthalter erkämpften. Die Gegend wird immer wilder. Jede Einsattlung bietet einen Blick auf das beschneite Gebirge, doch noch ein ziemlich breites, bebautes Thal trennt uns von dem Libanon. Wir stiegen in dasselbe hinab und be- 179 zogen das Lager. Nur wenige Häuser, eine kleine Kirche in der Mitte, bilden das Hirtendorf. Die Bevölkerung staunt uns an wie die wilden Thiere. 8 . April. Unser Reiseplan ist gestört worden. Wir hatten ursprünglich die Absicht, von Ainata aus den Libanon beim Cedernpass zu übersetzen und dann vier Tage längs der westlichen Abdachung desselben nach Beirut zu reiten. In Damaskus schon hatten wir die Vermuthung, hier erlangten wir die Gewissheit, dass dies unthunlich sei. Es liegt so viel Schnee auf den Bergen, dass es unmöglich ist, mit der Karawane, mit Pferden, Maulthieren und Gepäck über dieselben zu gelangen. Wir beschlossen daher, die Reiseroute zu ändern und östlich des Libanon die Damaskus—Bei- ruter Strasse zu gewinnen. Von einer Besteigung des Libanon aber und einem Besuche bei den Cedern Hessen wir uns nicht abbringen und widmeten diesem Vorhaben den heutigen Tag. Um 6 Uhr brachen wir auf, um auf dem noch gefrorenen Schnee besser fortzukommen. Es war recht frisch, als wir die Pferde bestiegen, welche uns durch das Dorf und das kleine Thal am Bergabhange bis zur Schneegrenze bringen sollten. Die Sonne beschien die Gipfel, von den Höhen blies ein scharfer Wind. In dreiviertel Stunden war es mit dem Reiten zu Ende und zu Fuss ging es weiter. Es ist ein ziemlich starker Verkehr zwischen Ainata und dem nächsten jenseitigen Dorfe Beschirre. Ein schmaler Steig war durch den Schnee ausgetreten. Diesem folgten wir. Er war fest gefroren und wie auf Stufen stiegen wir in einer Schlucht steil hinan. Die Führer, welche uns begleiteten, glauben, dass der Schnee noch beiläufig xo Fuss hoch liegt. Langsam ging es vorwärts, Einer vor dem Andern. Nach zwei Stunden Steigens hatten wir den Pass erreicht, den Djebel el-Arz, 2348 Meter hoch. Von hier muss 12* I — i8o — eine grossartige Aussicht sein, doch uns war sie leider grössten- theils durch Höhenrauch und Dunst verdorben. Gegen Osten übersieht man die Vorberge des Libanon, die Ebene el-Bekaa und die Kette des Antilibanon; der Hermon war verhüllt und der Vordergrund nicht klar; der Gebirgssee von Jammune am Fusse des Sanin nicht zu sehen. Gegen Westen war es etwas heller, doch auch hier deckte eine Wolkenbank das Meer. Vor Allem ist es der schroffe Halbkreis, den der Dhahr el-Kandil, der Djebel Fum el-Mizab (2063 M.), der Djebel Tis- marum (3212 M.), der Djebel Mnkmal (3052 M.), und der Dhahr el-Khodib (3o63 M.) bilden, welcher das Auge auf sich zieht. Stolz, miteinander durch hohe Sättel verbunden, erheben sie die beschneiten Häupter. Tief unten erscheint der Hain der Cedern, geschützt durch diese Berge. Eine tiefe enge Schlucht zwischen Felswänden, in welcher der heilige Fluss, der Nahr-Kadischa eingebettet ist, zieht sich in Windungen gegen Westen. Einzelne Dörfer, Discherre, Ehden und mehrere andere erscheinen mit ihren weissen Häusern wie Schwalbennester an die Felsen geklebt. Berg an Berg, Hügel an Hügel, so weit das Auge heute reicht. In der Ferne die Stadt Tripolis zu sehen. An Stelle des blauen Meeres dichte niedrige Wolken in der Form von Bergen. Die äusserste Passhöhe ist schneelos, doch sogleich beim Abstieg kamen wir wieder hinein. Zuerst folgten wir dem Bischerrer Steig, doch bald mussten wir diesen verlassen, und nun ging es in eine tiefe Schlucht, welche bei den Cedern mündet. Der Schnee war noch fest, und mehr laufend als gehend, häufig ausgleitend erreichten wir in einer Stunde das Ziel. Wie Till Eulenspiegel erfreuten wir uns aber des Abstieges nicht, mussten wir doch nachher denselben Weg in mehr als doppelter Zeit wieder heraufmachen. ft — i8i — mm üS liSSsik % iS?. mm?. Cedern vom Libanon. Der letzte Statthalter des Libanon hat eine Mauer um die Cederngruppe auffiihren lassen und Wächter haben dafür zu sorgen, dass kein Weidevieh den Cedernwakl betritt. Beiläufig 350 Bäume bilden einen geschlossenen Bestand, in dem eine maronitische Kapelle verborgen liegt. Einige der Bäume müssen, nach den riesigen Stämmen und den starken knorrigen Aesten zu urtheilen, uralt sein. Die Cedern erreichen keine i82 bedeutende Höhe. Als letzte Ueberbleibsel der Wälder des Libanon haben sich diese Bäume in einer Seehöhe von 1925 M. erhalten. Der Palast Davids und der Tempel Salomos wurden mit Cedern vom Libanon gebaut und die Phönizier verwendeten das Holz zum Schiffbau. Wenn auch klein, so ist dieser Wald doch der erste, den wir, seit wir das Vaterland ver- liessen, gesehen, und wir freuten uns über denselben. Neidlos muss ich es zugeben, dass die hiesigen Bäume stärker sind als die Ceder im Tetschner Schlosshofe. Mit Zapfen beladen, begannen wir den Rückmarsch. Die Sonne brannte tüchtig in der engen Schlucht und mühsam arbeiteten wir uns in dem weichen Schnee hinauf. Auf der Passhöhe warfen wir noch einen Blick auf den grünen Wald und seine gigantische Umgebung und dann eilten wir bergab, bald einbrechend bis zum Knie, bald einige Schritte weit hingleitend; unsere Führer setzten sich einfach nieder und fuhren auf dem höchsteigenen Schlitten pfeilschnell hinab. Es war halb 3 Uhr, als wir bei unserer Behausung anlangten. Es war eine starke Tour; wir waren im Ganzen beiläufig sieben Stunden im Schnee gegangen: Anna hatte wacker mitgehalten. Das Mahl mundete vortrefflich. 9. April. Der geliebten Mutter Geburtstag, ferne von ihr; so lange ich denke ein Freudentag für uns. Meine innigsten Wünsche sende ich Dir in Gedanken nach Volosca, Herzensmutter! Gott segne und schütze Dich! Ein langer Ritt bis Bet-Schama an der Baalbek-Schtoraer Strasse, wo wir in einem engen Seitenthale unsere Zelte fanden. An dem Bergsee Jammune vorbei, der, von einer intermittiren- den Quelle genährt, nur durch zehn Monate des Jahres Wasser hat. Dann ging es bergauf, bergab durch einförmige Gegenden. Strauchwerk bedeckt die Höhen. Gegen Nachmittag erreichten wir das Thal der Bekaa, dessen fruchtbares Grün i83 uns freundlich entgegenlachte. Jenseits derThäler die Ruinen Bajilbeks in ihrer Gartenumrahmung zu sehen. io. April. Bald waren wir auf der Strasse, welcher wir am Rande der Ebene bis Schtora folgten; dort vereinigt sie sich tnit der grossen Chaussee. Grosse, reinlich aussehende Ortschaften liegen in den Thälern, man sieht, dass es eine reiche Gegend ist. An den Lehnen bis zur Fläche hinab Weinbau, dazwischen grosse Maulbeerpflanzungen über mehrere Bäche, die, weiter in Gräben abgeleitet, zur Bewässerung benützt werden. Muallaka, ein grosser Ort, liegt hart an der »Strasse. Das »stattliche Gebäude daselbst war ein Jesuitencollegium. Im Jahre 1860 wurden die Geistlichen niedergemacht, das Gebäude von der Regierung weggenommen; jetzt hat der Orden, wie uns mitgetheilt wurde, in dem nahen Städtchen Zahle ein grösseres Kloster. Die ganze Ebene gehört zum Vilajet Damaskus, erst am Busse des Gebirges selbst beginnt das christliche Paschalik Libanon. Von Schtora ab wendet sich die Strasse gleich in die Berge, die sie in vielen Windungen und Serpentinen überschreitet. Sie ist ausserordentlich geschickt geführt, benützt jede Mulde, um möglichst sanft anzusteigen. Es herrscht ein grosser Verkehr. Grosse Wagencolonnen der Compagnie, mit 3—4 Maulthieren vor jedem AVagen, vermitteln denselben. Daneben begegnet und überholt man Karawane auf Karawane. Die Producte des Ostens werden nach Beiruth gebracht, um auf den Weltmarkt zu kommen; europäische AVaaren werden vom Seehafen nach Damaskus geschafft. Viele Reiter und Reiterinnen benützen die Strasse, deren Wohlthat in dem schroffen Gebirge wohl auch von dem eingefleischtesten Orientalen geschätzt werden muss. Zahlreiche Khane sind bereit zur Aufnahme der Karawanen; sie bieten geräumige Stallungen für die Tragthiere und Unterkunft für 184 deren Begleiter. Die Beiruter und die Damascener Post rollte an uns vorbei, neugierig sahen die Reisenden aus den Wagen, um unsere Cavalcade zu mustern. Immer tiefer lag die Bekaa, immer weiter erschien der Antilibanon, der Plermon entschwand unseren Blicken. Jetzt haben wir die Passhöhe (1542 M.) erreicht, ein anderes Bild zeigt sich unseren Augen. Hinter uns der Djebel-Sanin und Kineisin, vor uns zur Linken ein schroffes Felsenthal, in dem ein kleiner Bach dahinfliesst. Rechtshin Berge und Thäler im blauen Duft. Auf den Höhen Pinienwaldungen, zwischen denen nette Ortschaften hervorleuchten. Mehrere Klöster zu sehen auf vorspringenden Punkten. Wir lagern bei Khan Sophar, unter uns ein dicht bevölkertes, weites Thal. Unsere gesammte Mannschaft stammt aus der hiesigen Gegend, sie sind Alle Maroniten aus dem Libanon. Salim, der Dragoman, zeigt mit Stolz das rothe Ziegeldach seines Hauses in der Ferne. Ibrahim, der Train- commandant, erbittet sich die Erlaubniss, für den Abend in sein nahes Heimatsdorf zu Frau und Kind gehen zu dürfen. Der Koch beschreibt in seinem gebrochenen Italienisch, dass hinter jenem Höhenzuge seine Penaten hausen; Tanus, der Kellner, Chalil, der Bursche, welcher stets die Pferde begleitet, und die verschiedenen Said, Hanne, Jusef, kurz Alles ist aus der Gegend und Alles erfreut und stolz, in der Heimat zu sein. Ich begreife es, denn es ist ein wunderschönes Land; und doch ist unter den Maroniten in neuester Zeit eine grosse Auswanderungswuth eingerissen und aus allen Orten sind zahlreiche Bewohner nach Amerika gezogen, um dort ihr Glück zu versuchen. 11. April. Vom Libanon laufen gegen die Küste zahlreiche Höhenzüge, zwischen denen tiefe Thäler liegen, die sich durch die Felsen durchwinden, dann sich wieder erweitern, und üppigen bewohnten Gärten gleichen. Die Strasse » / - i8 5 - führt fortwährend bergab an einem solchen Höhenzug hin, manchmal in grossen Windungen , wo es die Steigungsverhältnisse erheischen. Ein längerer Ritt auf einer harten Strasse, zumal bergab, gehört gewöhnlich nicht zu den unterhaltendsten Dingen, hier ist es aber anders, so schön sind immer die Ausblicke: die grauen Felsen, welche hervorschauen zwischen den mit Maulbeerbäumen und Wein bebauten Lehnen, dann wieder Felder in frischem Lenzesgrün, dunkle Pinienwälder, grosse und kleinere Ortschaften, zerstreute Häuser. In der Ferne auf bewaldetem Berge das Maro- nitenkloster Der el-Kalaa. Immer deutlicher erscheint Beirut, dahinter das blaue Meer, dessen Brandung an der Küste durch weisse Linien erkennbar ist. Es mehren sich die Landhäuser der Beiruter, welche im Sommer auf den luftigen Höhen Erholung suchen nach der Hitze der Stadt. In den Gärten wird gepflanzt und gearbeitet. Nun nähert sich die Strasse dem Thale des Nähr Beirut; man blickt hinab in die enge Felsschlucht, dann zurück in das gebirgige Land, welches ansteigend an die hohen Berge des Libanon anschliesst, dessen schneebedeckte Gipfel von dem Blau und Grün der Berge und Thäler abstechen. Wir erreichen die Ebene bei dem Grabe Franko Paschas, des zweiten christlichen Statthalters vom Libanon, und nun reitet man zwischen üppigen Gärten dahin. Alles blüht und duftet; Pelargonien in dunklem Roth leuchten hervor. Dicht stehen die Maulbeerbäume, unter denen Gemüse gezogen wird, während Palmen ihre schlanken AVipfel hoch über dieselben erheben. An einem Pinienwalde, dem Ausflugsorte der Beiruter vorbei, gelangt man zur Stadt. Breite Gassen mit Gasbeleuchtung; grosse Gebäude, Kasernen, Klöster, Kirchen, es ist kein recht orientalischer Charakter mehr, hier hat europäischer Einfluss die Poesie geraubt, ohne des orientalischen Schmutzes Herr werden zu können. i86 Das Hotel d’Orient, in dem wir abstiegen, liegt knapp am Meere, welches schäumend über einige Klippen hinrauscht, die sich in der Nähe des Ufers befinden. Mehrere Schiffe wiegen sich auf offener Rhede. Ein russischer Dampfer, der heute nach Constantinopel abgeht, ist umgeben von kleinen Booten, welche ihm Reisende, Gepäck und Ladung zuführen. Jetzt ist es aus mit dem Nomadenleben, von nun an ist es nicht mehr das Pferd, das uns weiterträgt. Es war ein schöner Theil der Reise, diese letzten 3g Tage, welche wir, stets wo anders, zu Pferd und unter Zelten zubrachten. Wenn auch Wind und Wetter uns vorübergehend Possen spielten, so war es doch eine prächtige Wanderung durch Palästina, Syrien und den Libanon, und ungerne nur nahmen wir Abschied von unserer Karawane. 12. bis 16. April. Beirut liegt mit seinen Lläusern und Gärten auf einer in das Meer hinausragenden Landspitze. Im Norden tritt die Bucht St. Georges tief ins Land hinein. Die Schiffe müssen auf offener Rhede, je nach der Stärke des Windes näher oder weiter von der Stadt ankern. Bei Sturm finden sie in der Bucht leidlichen Schutz. Obwohl Beirut einer der wichtigsten Handelsplätze des Orientes ist, so ist der Schifffahrtsverkehr der Unsicherheit halber doch ein sehr geringer. Die französische Strassengeseilschaft geht nunmehr daran,' einen Hafen zu bauen. Die nöthigen Fermane hiezu sind erlangt und nächstens sollen die Arbeiten beginnen. In Beirut selbst ist vorwiegend Seidenindustrie. Stoffe und Tücher in allen Grössen und Farben werden in den offenen Werkstätten und P'abriken erzeugt; auch sehr viel unverarbeitete Seide geht nach Frankreich. In einem Theile der Stadt herrscht ein ziemlich reges Bazarleben; hier sind die Gassen ganz orientalisch enge und winkelig. Seidenwaaren, Stoffe und Nahrungsmittel aller Art, Gemüse, Früchte und 187 Ji® Beirut. Süssigkeiten werden verkauft; daneben europäische Artikel, viel schlechte Dutzendwaare. An diesen Stadttheil schliessen breite Strassen und Plätze an, auf denen stattliche Gebäude und arabische Häuser nebeneinanderstehen. Nur der Kanonenplatz mit dem Serail, dem Gebäude der Strassencompagnie und einem grossen Garten macht einen guten Eindruck. Beirut bildet mit dem südlichen Küstenstriche ein eigenes Paschalik; unmittelbar vor der Stadt gegen Norden und Osten beginnt das Gebiet des Libanon. Wachhäuser mit türkischen und libanesischen Soldaten stehen an den Grenzen der Beiden. Der Gouverneur des Libanon wohnt wohl in Beirut, doch bringt er den Tag in seinem Regierungssitze Baabdat zu; nur im Sommer wohnt und amtirt er in dem einige Stunden entfernten Betedin, dem alten Emirschloss. Gegenwärtig weilt er in Constantinopel, während sein neuernannter Beiru- ter College erst kommenden Mittwoch hier eintrifft. Der commandirende General des Armeecorps von Damaskus, ein Feldmarschall, führt interimistisch die Zügel der i88 i hi Regierung. Fährt er durch die Stadt, so sprengen Soldaten vor ihm her und berittene Officiere begleiten den Wagen. Die Wachposten treten ins Gewehr; in mangelhafter und ganz verschiedener Uniform stehen die Soldaten in einem Glied und erweisen dem Commandirenden die Ehrenbezeigung. Einer in weissem Zwilchanzug, der nächste mit einem grünlichen, dann wieder Einer mit einem blauen Rock; Einige in Pantoffeln, Andere i:r Schuhen: es ist eine zusammengewürfelte Gesellschaft. Alles grüsst den Marschall. Vor den Kaffeehäusern erheben sich die Gäste, der Nargileh wird weggestellt, die Tric- Trac- oder die Dominopartie unterbrochen. Seine Excellenz findet all’ das ganz natürlich, theilnahmslos blickt er in die Menge, ohne die Grüsse zu erwidern. Alle Freitage und Sonntage versammelt sich die schöne Welt in dem Pinienwäldchen; innerhalb der türkischen Grenze spielt die türkische Musik, jenseits die libanesische. Zu Wagen und zu Pferd kommt die Elegance der Stadt und nimmt an den Tischen der Kaffeehäuser Platz. Nargilehs werden herbeigeschafft, Getränke verschiedener Art servirt, und zu diesen rohe Salatblätter. Im eigenen Kiosk sitzt auch der Commandirende, er empfängt Besuche, macht eifrige Con- versation und schlägt mit dem Nargilehschlauche nach den Fliegen, die ihn molestiren. Ausserhalb der Einzäunung, in offenen Wagen halten türkische Frauen, manchmal lüften sie verstohlen ihre Schleier, um besser ihre Neugierde zu befriedigen. Einen Nachmittag benützten wir zu einem Ausflug an die Mündung des Hundsflusses, Nähr es-Kalb. Längs der Georgsbucht führt die elende Strasse zwischen dichten Maul- beerculturen. Erst in der Nähe des Flusses reichen nackte Kalksteinfelsen bis ins Meer, noch weit hinaus Klippen bil- i dend, an denen die Wellen schäumend und tosend sich brechen. Der Hundsfluss (Wolfsfluss der Griechen), vom Sannin kommend, tritt aus engem Felsenthale hervor. Eine vom Sultan Selim I. zu Ende des 15. Jahrhunderts in einem gewaltigen Spitzbogen gebaute Brücke, ähnlich der Schafbrücke Bodenbachs, überspannt ihn, während die voriges Jahr im Strassenzuge gebaute steinerne Brücke vor wenigen Monaten durch die Gewalt des Wassers weggerissen wurde. Eine alte Strasse führt an dem Felsen hin. Neun mitSculpturen bedeckte Tafeln sind in den Felsen gehauen. Einige derselben beziehen sich auf den Kriegszug Ramses II. (14. Jahrhundert v. Chr.). Sie stellen den König den Göttern opfernd dar und sind mit der geflügelten Sonnenscheibe gekrönt. Andere sollen assyrisch sein und aus der Zeit von Sanheribs Einfall in Syrien (701 v. Chr.) stammen. Eine grosse Tafel an anderer Stelle verkündet, dass die Römerstrasse unter Marcus Antonius (161—180 n. Chr.) gebaut wurde, und endlich gedenkt eine der französischen Expedition vom J ahre 1860—1861. Auf hohen an den Feisen angebauten Bögen läuft eine Wasserleitung hin und Tausende von Tropfen rieseln und tröpfeln von den Mauern und Pflanzen herab. Auf Blätter auffallend, perlen sie an diesen hinab, um dann wieder weiter zu fallen. Seit einigen Jahren versorgt eine englische Gesellschaft die Stadt mit Trinkwasser aus diesem Flusse. Die Leitung geht zuerst durch einen Bergstollen und dann unter dem Meeresstrande dahin. Grosse, zum Theile durch Wohlthätigkeit erhaltene Erziehungsanstalten kommen der Stadt und dem Lande zu Gute. Die Jesuiten haben ein prachtvolles geräumiges Collegium, in welchem über 700 Zöglinge Aufnahme finden. Sie ersetzen Volksschule und Gymnasium; ja es sind sogar mehrjährige Course für Medicin und Theologie eingerichtet. Reichhaltige Sammlungen, Cabinete und eine grosse Bibliothek fördern Studium und Unterricht. Die Mehrzahl der Patres sind Franzosen, doch wirken auch einige deutsche Jesuiten als Professoren. Die Sœurs de charité haben neben ihrem Spitale eine Mädchenschule, ausserdem die Sœurs de Nazareth ein grosses Pensionat. Dieses, ein schönes Gebäude mitten in einem ausgedehnten Garten, liegt auf der Höhe der Stadt. Von der Terrasse des Daches geniesst man einen prächtigen Ueber- blick über Beirut mit seiner Umgebung. In Ras Beirut, dem südlichsten Stadttheile, befinden sich die Schulen der amerikanischen Missionsgesellschaft. Nicht weit von dieser stand der Leuchtthurm, welcher jedoch eines schönen Tages eingefallen ist; ein neuer wird sehr langsam gebaut. Mittlerweile steht der Leuchtapparat auf dem Dache eines Hauses. Die Erhebung über dem Meere ist eine so geringe, dass das Licht nur auf 12 Seemeilen zu sehen ist. Zahlreiche Säulentrümmer liegen am Meeresufer und auf den Strassen, sonst ist von alten Gebäuden nichts mehr zu sehen. Beirut wird von Schiffen verschiedener Linien angelaufen; österreichische, französische, russische und ägyptische Dampfer treffen in je vierzehn Tagen ein. Dann belebt sich der Hafen und bietet Augen- und Ohren-(!?)weide genug. Mit namenlosem Geschrei werden die Reisenden in die Boote gelockt oder bei der Landung von Trägern und Commissionären umringt. Mit lauten Rufen und lebhafter Gesticulation werden Kisten und Koffer bei der Abfahrt wie bei der Ankunft ins Zollgebäude zur Untersuchung gebracht, denn im türkischen Reiche wird ein Ausfuhrszoll von 2 Percent des Werthes aller Erzeugnisse erhoben. Stück für Stück wird ausgepackt, vom amtirenden Beamten und der umstehenden Menge geprüft und geschätzt. Meistens hilft ein Bakschisch über diesen Zeitverlust weg. Vom Bettler bis zum Sultan nimmt Alles Bakschisch, nur heisst es bei diesem und bei den höheren Staatsbeamten Geschenk. Wer etwas erreichen will, sei es eine Anstellung, die Erlaubniss für ein Geschäft, ein Unternehmen, einen Bau oder dergleichen mehr, kurz jeder, der etwas von den Behörden braucht, muss sich die Gunst erkaufen. Wann wird endlich dieser faule Staat zusammenbrechen, und wann werden geregelte Verhältnisse den Reichthum des Landes wieder zur Blüthe bringen?! Das Lloydschiff, welches uns aufnehmen sollte, kam mit solcher Verspätung an, dass es nicht mehr fahrplanmässig in See stechen konnte; wir hatten daher 24 Stunden längeren Aufenthalt in Beirut, den wir müssig am Strande und Hafen zubrachten: das Leben am Meere ist immer von Interesse. Mit dem Constantinopler Schiffe kam Ex-König Milan von Serbien auf seiner Orientreise hier an. Sein Land dem minderjährigen Sohne und einer Regentschaft überlassend, geht er demVergnügen nach: welch’ eine Auffassung von Regentenpflicht! Der König stieg ans Land, um dem Muschir, dem Armee- commandanten, einen Besuch zu machen; dann traf er im Hotel ein. Berittene escortirten ihn; zwei Schildwachen wurden vor dem Eingang zum Hotel aufgestellt, einige Offi- ciere, ebenfalls im Dienste, sassen plauschend vor der Thür. Um dem strammen militärischen Dienste der Türken auf den Zahn zu fühlen, bot ich Officieren und Schildwachen Cigaretten an, die sie dankbar annahmen und auf dem Posten rauchten. Als eine Schildwache Llunger verspürte, stellte sie ihr Gewehr neben den Kameraden und ging ins nächsteKaffee- ig2 haus. Mit dem alten Soldaten, welcher seinen Posten nicht ver- liess, aber auf einem Sessel Platz genommen hatte, führten wir eine Zeichenconversation mit Cigarettenbegleitung, die ihn sehr erheiterte. Um 6 Uhr fuhren wir anBordder „Minerva“ und nahmen Abschied von dem Lloydagenten Lorella, welcher uns mit seiner liebenswürdigen jungen Frau in freundlichster Weise die Honneurs von Beirut gemacht hatte. Gegen 8 Uhr dampften wir ab. Es war der Geburtstag des Sultans, die Stadt festlich beleuchtet, die Höhen in ein Lichtmeer getaucht. Von Zeit zu Zeit stiegen Raketen züngelnd empor, die verpuffend farbige Leuchtkugeln fallen liessen. Auch die türkischen Schiffe im Hafen hatten auf Masten und Raaen Lichter aufgezogen. Immer ferner erscheinen die Lichter, noch war der Leuchtthurm zu sehen, dann entschwand auch dieser. Der Mond beleuchtete das Meer, in dem unser Schiff eine silberne phosphorescirende Furche zog. Der Wellenschlag war unbedeutend, Alles an Bord daher heiter. Der Dampfer ist stark besetzt, die kleinen Cabinen vollgepfercht. Natürlich gibt es auch eine Menge Unzufriedener, jeder möchte eigentlich ein Schiff für sich allein haben. VII. Griechenland und die Inseln. 18. April. ei Tagesanbruch war die Küste von Cypern bereits in Sicht und um 1 / 2 6 Uhr Morgens ^ werfen wir vor Larnaka ^ Anker. Die Insel, welche einst durch ihren Reichthum berühmt war, ist jetzt in den Händen Englands, welches der Türkei, deren Souveränitätsrechte anerkennend, einenTribut von 92,000 Pfund Sterling zahlt. Die .Strassen der Stadt haben englische Aufschriften, sind aber eng und schmutzig. Die Bevölkerung, grösstentheils Griechen, bringen Gemüse, Tabak, Früchte und dergleichen auf den unbedeutenden Bazar. Wir machten einen Gang durch die Stadt, bis in die Cam- pagna hinaus. Die Ernte beginnt, die Gerste wird geschnitten. — Cypern war die vorzüglichste Verehrungsstätte Aphrodi- tens, die auf Paphos den schäumenden Wellen entstieg. Richard Löwenherz eroberte das Eiland und belehnte Guido Franz Graf Th., Eine Orientreise. l3 194 — von Lusignan, den König von Jerusalem, mit ihr. Katharina Cornaro, die Witwe und Erbin eines Nachkommen der Lusignan, trat die Insel an Venedig ab, das sich bis zum Ende des 16. Jahrhunderts im Besitze derselben erhielt. Seinerzeit dicht bewaldet, sind nunmehr alle Berge kahl, die Niederungen wohl fruchtbar, aber ungesund. Bald verliess die „Minerva“ die Rhede wieder; unsere Verspätung soll nach Thunlichkeit eingebracht werden. Der Cours geht längs der Küste, welche von hohen Bergen überragt ist. Wenig Ortschaften zu sehen: Limasol war im Nebel versteckt, Cap Gatti springt weit ins Meer vor, dann war noch Paphos zu sehen. 19. April. Die Küste Kleinasiens in Sicht. Hohe schroffe Berge mit beschneiten Gipfeln: es ist der Golf von Adalia mit dem Cap Chelidonia, dahinter die Tauruskette. Ein starker Wind kräuselt die blaue See, in weissen Spitzen brechen sich die Wellen, es ist wundervoll schön. Das Schiff fährt trotzdem ruhig. Gegen Nachmittag erreichten wir Rhodus, dessen zackige Formen wir schon mehrere Stunden vor uns hatten. Im Alterthum war es durch seine Seemacht berühmt, später war hier des Aeschines Rednerschule. Im Jahre i3og eroberten die Johanniter die Insel, welche ihnen im Jahre 1522 nach tapferster Gegenwehr durch Verrath genommen wurde. Crenelirte Festungsmauern umgeben die Stadt. Starke Thürme erheben sich über den Thoren und auf den Hafendämmen. Doch Alles ist Ruine, iUles Verfall; der Hafen versandet, kann kaum grössere Fahrzeuge aufnehmen, die Mauern und Thürme zum Theile eingefallen. Ein Erdbeben hat viel zerstört, eine grosse Pulverexplosion im Jahre 1856 hatte den Einsturz der Johanniterkirche und des Grossmeisterpalastes zur Folge. Ein Gang durch die Stadt ist dennoch von grossem Interesse. An vielen Häusern, an Mauern 195 — und Thoren feingemeisselte Wappen von Rittern, dazwischen Ueberbleibsel reicher gothischer Ornamentik. Das Mittel- alter erscheint vor unserem geistigen Auge. Wir sehen den Rhodiserritter in Waffen und Wehr, das rothe Kreuz auf dem weissen Mantel, diesen letzten Besitz vertheidigen. Nur der Verrath öffnete den Türken das Thor, den tapferen Rittern wurde freier Abzug gewährt. Jetzt ist Rhodus Ruine, der Hafen leer, die Stadt ohne Bedeutung, der Handel gering. rTU'T-Atprij il|l SMjWlM Rhodus. Stadtthor gegen den Hafen. Nach zwei Stunden Aufenthalt wurden die Anker gelichtet. Die Fahrt ist prachtvoll, fortwährend der Blick auf die anatolische Küste mit den hohen Bergen und auf eine Menge kleinerer und grösserer Inseln. Der Himmel war klar, die untergehende Sonne beleuchtete in den verschiedensten Tönen die vor- und nebeneinander gelagerten Felsen, dazwischen das blaue schimmernde Meer. Wir fuhren durch eine enge Wasserstrasse zwischen den Inseln Symi und Se- leki. Der grösste Theil der Reisenden war trotz des starken Windes beim Bugspriet versammelt, um die schöne Fahrt besser bewundern zu können. Jede Insel hat ihre mehrtausendjährige Geschichte. Von Joniern und Doriern bewohnt, i3* — ig6 — bildeten sie Theile Griechenlands, bildeten Cultusstätten der verschiedenen Götter des Olymps. In der Nacht passirten wir das CapKrio, die Inseln Kos undLeros, dann istPathmos zu sehen, wo Apostel Johannes in der Verbannung die Apokalypse schrieb. 20. April. Zeitig auf Deck. Wir hatten Samos zur Rechten, Nikaria zur Linken. Erstere, ein der Türkei tributäres Fürstenthum, hatte einst Polykrates zum Tyrannen. Hier sang und dichtete Anakreon. Perikies eroberte das Eiland für Athen, Lysander später für Sparta. Heute lagerten dichte Wolken auf den Bergen. Regenschauer zogen über das Meer hin. Ein eisiger Wind hielt die meisten Passagiere in den Cabinen zurück. Gegen Mittag steuerten wir auf Chios los und ankerten, nachdem wir die kahle Insel Paspargo mit dem Leuchtthurme passirt hatten, vor der Stadt Kastro. Händler mit Süssigkeiten überflutheten das Schiff. Verzuckerte Rosenblätter, Blüthen und Citronen, sowie das süsse Harz des Pistazienbaumes, Mastix, den türkische Frauen zur Kräftigung des Zahnfleisches kauen, werden uns angeboten. Im Jahre 1881 zerstörte ein Erdbeben die Stadt. Eingestürzte Mauern und Thürme stehen heute neben neuen Gebäuden mit rothen Dächern. Oliven und Cypressen schmücken die Niederungen, an welche kahle schroffe Gebirge an- schliessen. Chios streitet mit Smyrna und fünf anderen Städten um die Ehre, Homer’s Geburtsstätte gewesen zu sein. Hier versammelte der Dichter der Ilias und Odyssee seine Schüler um sich. In diesen Gewässern kämpften Phönicier, Griechen, Römer, Perser, Johanniter, Genueser undA^enetianer um den Besitz all dieser seinerzeit reichen Inseln und freches Seeräuberthum trieb hier sein Unwesen. Jetzt ist der Reichthum der Inseln grösstentheils zerstört; das türkische Reich krankt in allen seinen Theilen. Das Piratenthum hat aufgehört. !97 Das Wetter ward immer ärger. Der Wind pfiff durch die Raaen und Taue, Regen, mit Hagel vermischt, wechselte mit Sonnenschein, tiefziehende Wolken verhüllten zeitweise die Berge des Festlandes wie die Inseln. Die Insel Mytilene (Lesbos) und der Kara Burun des Festlandes rücken immer näher; nun wendet sich das Schiff um dieses schroffe Vorgebirge gegen Südosten in den Golf von Smyrna. Lachende Fluren ziehen sich an den Bergen hinan. Nackte Felsen mit frisch beschneiten Spitzen, Städte und Ortschaften ziehen an uns vorüber. Die Bucht verengt sich mehr und mehr, endlich Insel Lesbos. t v \ liegt Smyrna vor uns. Langsam biegen wir in den Hafen, dessen enge Einfahrt bei stürmischem Wetter die grösste Vorsicht gebietet. Die Commandoworte erschallen von der Brücke und werden vom Steuermann wiederholt, die Schraube zieht eine milchweisse Linie im blauen durchsichtigen Wasser und rasselnd fällt der Anker in die Tiefe. Zahllose Boote legen an der Schiffstreppe an, Bootsleute und Hotel-Commis- sionäre bemächtigen sich der Reisenden sammt ihres Gepäckes, und im schwankenden Fahrzeuge geht es zum Zollgebäude. Bald hatten wir auch diese Schranke überwunden; ein reinlicher Gasthof nahm uns auf. ig8 Der Telegraph bringt die Nachricht von der Geburt einer Nichte. Gott segne und schütze die Mutter und das Kind und lasse demselben noch ein halb Dutzend Geschwister folgen. Abends noch ein wenig längs der Hafenquais spazieren gegangen. Der neue Hafen wurde von einer französischen Gesellschaft gebaut; er ist klein, die Einfahrt beschränkt. Der alte Hafen ist versandet, dient nur kleinen Fahrzeugen als Zufluchtsstätte. Kaffeehäuser in unendlicher Zahl liegen in ununterbrochener Reihe 'am Quai, in einigen spielen böhmische Kapellen. 2 i. April. Ostersonntag. Die ganze Nacht wurde Ostern zu Ehren geschossen und stiegen Raketen auf. Alles im festtägigen Gewand, denn in den Stadttheilen, die an den TIafen anschliessen, prävalirt das christliche Element, vorzüglich Griechen. In der Franziskanerkirche dem Hochamte beigewohnt. Der Vorhof der Kirche mit Fahnen geschmückt; die grosse österreichische über dem Eingänge; wohl ein Dutzend Männer schossen während der Messe unausgesetzt aus langen Gewehren und Pistolen. Unser Consulatspersonale in grosser Uniform nahm die Ehrenplätze ein. Die Kirchenmusik nach italienischem Geschmack in heiteren Weisen. Selbst das Segenlied „Tantum ergo“ klang wie eine italienische Opernarie, wurde aber von einer wundervollen Tenorstimme gesungen. Nach dem Amte verliess der Consul mit seinem Gefolge unter Vorantritt des Kawassen die Kirche. Die Volkshymne erschallte, Freudenschüsse wurden abgefeuert und von der Menge „Eviva 1’Austria“ gerufen. Mit stolzem Gefühle schritten wir mit unseren Kawassen durch die dichten Reihen, im freudigen Bewusstsein, Oesterreicher zu sein, treue Unterthanen unseres geliebten Kaisers. igg Nachmittags machten wir eine Fahrt zu Wagen. Durch die engen Gassen, welche zum Theile ganz furchtbar gepflastert sind, rollten wir zu dem Bethause der drehenden Derwische, die in Smyrna an Feiertagen und Sonntagen ihre Uebungen halten. Es war noch etwas zeitig, als wir hinkamen, und da wurden wir denn vom Oberpriester der Derwische in deren Empfangssalon gebeten. Mehrere vornehme Türken warteten bereits. Die Lage des Klosters auf halber Höhe über der Stadt ist prächtig. Nach kurzer Zeit wurden wir in das Bethaus geführt. Auf drei Seiten laufen Tribünen um den geschmacklos gemalten Saal. Auf und unter demselben sassen dichtgedrängt andächtige Türken; eine Seite ist verschallt, für Frauen reservirt, und ein Theil für zusehende Fremde. Auf der Südseite die Kibla, in welcher der Oberpriester auf einem Teppich sass. Zehn Derwische, von allen Altern, vom Greise bis zum etwa vierzehnjährigen Knaben, kauerten an der einen Wand. Sie tragen einen langen, von den Hüften herabfallenden weissen Rock, eine westenartige Jacke, darüber einen langen wallenden Mantel von verschiedenen Farben. Auf dem Kopfe die spitze Derwischmütze aus Kameelhaar; die des Oberpriesters war mit einem grünen Tuch turbanartig umwunden. Nun spricht der Oberpriester gesenkten Blickes mit erhobenen Händen ein Gebet, dem viele der anwesenden Türken mit grosser Andacht folgen. Das Gebet geht zu Ende; die Derwische berühren den Boden mit der Stirne, dann fällt ein monotoner Gesang von einer Flöte begleitet ein. Feierlichen Schrittes gehen die Derwische um den Saal, ihr Oberpriester voran. Vor der Kibla wendet sich dieser um, verneigt sich gegen den folgenden Mönch; dieser erwidert den Gruss, um sich dann gegen seinen Hintermann zu verneigen u. s. w.; der Gruss wird gegen jede Weltgegend wiederholt. 200 Nach einmaligem Rundgang stellt sich der Oberpriester in der Kibla auf, und nun beginnen die Drehungen. Die Hände, welche bisher gekreuzt auf der Schulter gehalten wurden, werden erhoben, dann gestreckt, die eine Handfläche nach unten, die zweite bei leicht gebogenem Arm nach oben, der Kopf gegen diese etwas zur Seite geneigt. Zuerst langsam, dann immer schneller werden die Drehungen. Die weissen Röcke beschreiben einen fliegenden Kranz. Ein nicht unmelodischer Gesang begleitet das Drehen. Nach io Minuten etwa erholen sich die Derwische durch einen abermaligen Rundgang, um dann wieder ihren Zikr — so heisst ihr Tanz — zu beginnen. Die ernsten feierlichen Bewegungen, die gravitätische Haltung, das andächtige Benehmen der Anwesenden macht einen ganz guten Eindruck, hier scheint es wirkliche religiöse Ueberzeugung zu sein, während man in Kairo bei den heulenden Derwischen das Gefühl hatte, sich unter Tollhäuslern zu befinden. Nachdem die Feier beendet war, stiegen wir auf den Berg Pagus, an dessen Fusse die Stadt liegt. Zerfallene Mauern einer genuesischen Festung krönen denselben. Eine wahrhaft wundervolle Aussicht erschliesst sich den Blicken. Glänzend und glitzernd in der Abendsonne breitet sich der Golf von Smyrna, umgeben von hohen Bergen, aus. Er gleicht einem grossen Binnensee. In weiter Ferne der Kara Burun, das weit hinausragende Vorgebirge, dann eine Kette vulca- nischer Berge, steile spitzige Kegeln, unter ihnen „die beiden Brüder“ sich erhebend über flacheren Rücken. An den Berg selbst schliesst sich die Stadt an mit ihren Kuppeln, Thürmen, Minarets und dem Gewirre von Häusern und Gassen. Im Hafen ankern bewimpelte Schiffe, manche ziehen hinaus in die See, lichte Linien im Wasser zurücklassend, während andere soeben einfahren. Dichte Cypressenwaldungen in der 201 Stadt und um dieselbe bezeichnen die Begräbnissstätten der Bewohner. Jenseits des Golfes das breite, versandete Flussbett des Hermos, welcher jährlich sein Steingeschiebe in den Golf ablagert und mehr und mehr die Fahrbahn einengt. Dann das Städtchen Cordelio, der Wohnort vieler reicher Smyrnioten, und die weite Ebene von Burnabad, welche die Natur mit verschwenderischer Fruchtbarkeit ausgestattet hat. Hinter den hohen Bergen, die den Horizont gegen Norden abschliessen, liegt Magnesia und weiter Pergamon. Auch gegen Süden trennt eine üppige Ebene den Pagus von den nächsten Bergen. Eine Eisenbahn führt in gerader Richtung durch dieselbe nach Ephesus. Ein mächtiger Aquäduct spannt seine schlanken Bögen zweistöckig über das Flüsschen Meies, an dessen Ufer Homer seine unsterblichen Werke schuf. Doch vorwärts mussten wir, uns trennen von der Aussicht, denn noch war das Tagesprogramm nicht erschöpft. Wieder ging es im Wagen durch die Stadt. Vor jeder Hausthür sitzen die Frauen und Mädchen des Hauses in festlichen Kleidern, das Haar wie in Spanien mit einem Kamm gehalten und mit Blumen geschmückt. Alles wirft mit Knallerbsen herum; wir werden in den Wagen bombardirt und werfen wieder zurück. Alles lacht und ist heiter. Vor der Stadt ein grosses, klares Wasserbassin, das sogenannte Dianabad: hier stand einst ein Tempel dieser Göttin; doch jetzt sind alle Spuren desselben verwischt. In unmittelbarer Nähe der Garten eines Herrn Askebiades, eine wahre Blumenwildniss! Er ist nicht gepflanzt und gehalten, aber was für ein Reichthum an Blüthen und Blumen, welche die Luft mit ihren Düften erfüllen. Weisse, rothe, gelbe Rosen in dichten Büschen überziehen die verschiedenen Bäume, deren Stämme von Epheu umrankt sind. Cypressen, Magnolien, blühende Pau- lovnien, Katalpen, Orangen und japanische Mispeln haben 202 ' ...■ ■': ■■..• B 'MHiiiiii.il'. '■ iilMUtitl i»<<(v»,? PARTHENON (ATHEN). ..ffrj*. ^Bggf^P !•<..?■ v! 2I 5 der Akropolis, während die werthvollsten und besterhaltenen im Akropolismuseum aufgestellt sind. Einige prachtvolle Köpfe, Torsos und Gewandfiguren haben in demselben ihren Platz gefunden. Von den Gold- und Elfenbeinstatuen alter Zeit, besonders von der Statue der Athene von Phidias ist nichts mehr vorhanden. Eine Copie derselben aus römischer Zeit bildet einen Hauptschmuck des Centralmuseums. Die Aussicht von der Akropolis ist prachtvoll, man sieht so recht in das Innere der Stadt, sieht die Ruinen ältester Zeit inmitten der sie umgebenden neuen Gebäude. Gegen Westen liegt der Felsen Areopag, die Stätte des ersten Gerichtshofes, weiter zwischen dem Nymphenhügel und dem Museion eine aus dem Felsen gehauene Terrasse, der Pnyx, wo Athens Volksversammlungen abgehalten wurden, wo das zündende Wort eines Perikies, eines Demosthenes u. a. m. die Menge hinriss und zu patriotischen Thaten entflammte. Nun besichtigten wir noch das Theseion, den besterhaltenen aller griechischen Tempel. Er stammt beiläufig aus der Zeit der Akropolisbauten. Sechs Säulen dorischer Ordnung schmücken die Stirnseite, dreizehn die Längsseiten. Der Tempel erhebt sich auf einem Sockel, zu dem einige Stufen hinaufführen. An den beiden Stirnseiten sind kleine Vorhallen. Zum Theile gut erhaltene -Relieffriese, Kämpfe des Theseus darstellend, bedecken die Cellawand, während sich von dieser eine Cassettendecke zu den Säulen spannt, auf welcher noch Spuren von Uebermalung sichtbar sind. Das Innere ist ganz schmucklos. Der Tempel dankt seine Erhaltung in erster Reihe dem Umstande, dass in demselben eine christliche Kirche eingerichtet war. Auf der Terrasse vor dem Theseion steht eine überlebensgrosse Statue der Athene Nike, die im nahen Megara gefunden wurde. MMNHriMHNhü - 2l6 - 26. April. Der Ausflug nach Korinth nimmt einen ganzen Tag in Anspruch, und so sassen wir denn zeitig früh im Eisenbahnwaggon, seit zwei Monaten das erste Mal. Der Bahnhof liegt am Nordende der Stadt. Die peloponnesische Bahn ist, wie alle griechischen Bahnen, schmalspurig. Nur die Bahn, welche Griechenland mit der Türkei und mit dem übrigen Europa verbinden soll, wird mit normalem Geleise gebaut werden. Heute ist der Endpunkt der nach K orinth führenden Bahn Patras, sie ist aber längs der Küste noch weiter im Bau. Ein Flügel verbindet Nauplia mit Korinth. Anfangs geht die Strecke durch die attische Ebene am Hügel Kolonos vorbei, wo Sophokles’ Drama „Oedipus auf Kolonos“ sich abspielt. In der Nähe davon das nach seinem Besitzer Heros Akademos genannte, durch Mauern eingefasste Gartengrundstück Akademie, wo gymnastische Uebungen abgehalten wurden und Plato, sowie andere Philosophen ihre Schüler um sich versammelten. Nach mehreren unbedeutenden Stationen überschreitet die Bahn eine Einsenkung der parnesischen Berge. Griechischer Hirte. 217 Die Gegend wird zur nackten, einförmigen Gebirgslandschaft, vereinzelt stehen einige krüppelhafte Kiefern; doch bald ändert sich das Bild, der Blick öffnet sich auf die eleusische Ebene, auf das Meer und die Insel Salamis. In Eleusis, auf der Stätte der eleusinischen Feste, wo ein heiliger Mysteriendienst abgehalten wurde, standen Tempel des Pluto und der von ihm geraubten Persephone. Von hier aus bis Korinth gehört die Fahrt zu den schönsten, die ich je gemacht habe. Die Bahn läuft knapp an dem Meeresufer hin, sich den Formen der steil in das Wasser abfallenden Berge anschmiegend, meistens in beträchtlicher Höhe. Man sieht hinab in das klare Wasser und darüber hin auf Salamis, auf ein Heer kleinerer und grösserer Inseln und auf den Peloponnes; überall schroffe steile Berge; fortwährend wechselt die Aussicht, es schieben sich Inseln und Berge vor, andere verdeckend, dann selbst wieder durch andere den Augen entzogen, nur die höchsten Berge von Argolis überragen das Ganze. Bei Megara, dem Orte zahlreicher Funde, breitet sich eine kleine Ebene aus. Dann kommt Kalamaki, schon am Isthmus gelegen. Grosse Erdhalden verrathen die Arbeiten der Gesellschaft, welche sich den Durchstich desselben als Ziel gesetzt hat. Das Werk ist weit vorgeschritten. Die Bahn übersetzt den Kl U Griechin. WÄ'v- 2l8 tiefen Einschnitt, der mit ungeheurem Geldaufwande im festen Steine gesprengt wurde. Aber noch ist die Sohle nicht im Niveau des Meeres. Die Gesellschaft hat die 3 o Millionen Francs Actien- capital ausgegeben; ihre ganze Thätigkeit erstreckt sich jetzt darauf, neue Capitalien aufzutreiben. Man glaubt, es werden wohl noch 3 o Millionen gebraucht werden. Die grössten Kosten verursachten Sandschichten, die an manchen Stellen unter den weggesprengten Felsen zum Vorscheine kamen. Man musste hinter jedem Spatenstich eine Mauer aufführen, da der Sand immer wieder nachrutschte. Der Kanal soll eine Tiefe von 8 Meter, eine Breite von 22 Meter erhalten. Er würde für alle Schiffe, welche nach Athen, Constantinopel und ins schwarze Meer steuern, ein bedeutender Vortheil, eine wesentliche Zeitersparniss sein; aus dem adriatischen Meere ein über 24 Stunden kürzerer Weg. Die Gesellschaft hat dieVerpflichtung, bis zum Jahre i8gi das Werk zu vollenden. Wann wird es vollendet, ja wird es überhaupt beendet werden? An der Spitze des Unternehmens steht T. Compromittirt im Jahre 1848, verliess er Oesterreich, ward Garibaldianer, betheiligte sich im Jahre 1866 an dem Räuberzuge Klapka’s, dann ward er Generaladjutant Victor Emanuels. Nun lebt er hier, wird überall gesehen. Ich bin ein zu guter Oesterreicher, um einer Einladung von ihm, mir die Arbeiten am Isthmus unter seiner Führung anzusehen, Folge zu leisten. In der .Station Neukorinth verliessen wir den Zug und bestiegen einen Wagen, der uns in einer Stunde nach der Stelle des alten Korinth brachte. Ein Erdbeben hat im Jahre 1858 die ganze Stadt bis auf ein einziges Haus zerstört. Wohl sind wieder etwa ein Dutzend Häuser entstanden. Die Mehrzahl der Bevölkerung schuf jedoch Neukorinth und siedelte sich dort an. Sieben dorische Säulen, 2ig die durch einen Architrav verbunden sind, bilden den einzigen- Ueberrest eines Tempels aus althellenischer Zeit. Altkorinth liegt am Fusse des Akrokorinth, eines 575 Meter hohen steilen Felsenkegels, der sich aus der Ebene erhebt. Er war zu jeder Zeit befestigter Punkt und auf dem schmalen Verbindungslande zwischen Attika und dem Peloponnes von grosser Wichtigkeit. Der Aufstieg ist äusserst mühsam, der Weg elend. Die Türken hatten den Platz zu einer starken Festung gemacht. Crenelirte Mauern umziehen die Höhe, sperren jede Felsplatte, in welcher ein Erklimmen allenfalls möglich wäre. Innerhalb des eingefriedeten Raumes war eine kleine türkische Stadt mit zwei Moscheen. Im Befreiungskriege zwang Hunger und Verrath die Türken, die Festung zu verlassen, in welcher heute noch verschiedene Kanonen vergessen auf den Wällen liegen. Die türkische Stadt wurde geschleift. Mauern und Thore stehen noch, die Thorflügel weit geöffnet. Es sieht aus wie ein verwunschenes Schloss. Niemand sorgt für die Erhaltung der jetzt zwecklosen Festung. Einiges Vieh weidet in den Werken, und der Tourist durchschreitet die drei Thore, klimmt den Gipfel hinan, um oben angelangt 220 bezaubert zu sein von dem, was er sieht: der Golf von Korinth und der Saronische, welche getrennt durch den schmalen Isthmus ihrer Vereinigung entgegenstreben. Im Osten die vielen Inseln, im Westen der grosse Wasserspiegel, hier wie dort die schroffe Bergeseinfassung, nur bei Korinth ziehen sich Felder längs des Meeres hin. Im Norden wie im Süden Berg an Berg, dazwischen scharf eingeschnittene Thäler. Man soll bei klarer Beleuchtung die Akropolis sehen, heute aber war es nicht hell genug. Doch die Berge zeigten sich bis zur unendlichen Ferne; der Kitheron, der Helikon, die beschneiten Gipfel des Parnass, der Killene und Chelmos und all die Berge, Felsen und Thäler Attikas, Böotiens, Doris’, von Korinth und Argolis. Helles Licht wechselt mit tiefem Schatten, nackter Fels mit dünn bewaldetem Rücken. Den Abstieg machten wir ganz zu Fuss, denn die Pferde sind schlecht und die Sättel, wenn man diese Folterinstrumente so nennen will, ganz schauerlich. Es ist ein Packsattel; eine hölzerne Lehne vorne und rückwärts, dazwischen hölzerne Stäbe, auf welche eine dünne Decke geworfen wird. Ein Strick stellt den Steigbügel vor. Die Heimfahrt mit der Bahn in der Abendbeleuchtung war wundervoll. Leuchtend violett erglänzen die Gipfel unter dem goldenen Himmel, während alle Töne des Blau sich in die Thäler und Niederungen lagern. Wer kennt nicht Rottmanns herrlichen griechischen Bildercyklus in der Münchner Pinakothek ? Er tauchte den Pinsel in die griechischen Farben, in das griechische Lichtmeer. 27. April. Seit den Dreissigerjahren entwickelt sich in Griechenland, angefacht durch die Studien deutscher und französischer Gelehrter, eine rege Forscherthätigkeit; es bildete sich die griechische archäologische Gesellschaft, welche nicht nur an den durch die Geschichte gekennzeich- 221 neten Orten grosse Nachgrabungen vornahm, sondern auch für die Conservirung der Ruinen, für die zweckentsprechende Unterbringung der gefundenen Schätze Sorge trug. Patrioten spendeten namhafte Beträge und gründeten das Centralmuseum und das Polytechnikum, in deren Räumen nunmehr Alles Aufstellung findet, was an Kunstschätzen ältester und alter Zeit auf Hellas’ Boden gefunden wird. Im Centralmuseum sind die hervorragendsten Statuen von Göttern und Helden, Hautrelief-Friese, Grabplatten und Urnen. Hier steht die Athene Parthenos, die Copie von Phidias’ Meisterwerk, der Hermes von Andros, ein jugendlicher Apollo, das berühmte eleusinische Relief, auf welchem die Göttin Demeter und Persephone mit Dionysos dargestellt ist u. s. f. Hier sind die besten Grabreliefs, wo der Todte, sitzend dargestellt, Abschied von seinen Freunden nimmt. Im Polytechnikum ist es in erster Reihe der Saal mit den Schliemann’schen Ausgrabungen von Mykenä, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist der Inhalt der Gräber, die Schliemann auf der Agora von Mykenä aufgedeckt hat; pultweise geordnet, vergegenwärtigt er uns eine Zeit von etwa zweitausend Jahren vor Christo. Schliemann selbst hält die Gräber für diejenigen, die Agamemnon’s und der Seinigen Gebeine enthalten. Goldene Todtenmasken und gearbeitete Platten, Broncewaffen mit erhabenen Zeichnungen und Goldeinlagen, Vasen aus Alabaster und edlem Metall, Schmuckgegenstände von zierlichster Ausführung, Thierköpfe u. s. w., ein wahrer Schatz! Ein Grab wurde aufgestellt, wie es gefunden wurde: in einer Schotterschichte liegen zwei Skelettreste, an deren Seiten, zu Kopf und zu den Füssen Waffen, Schmuck, Knöpfe, Vasen. In einem zweiten Saale ist eine ausgezeichnet schöne Sammlung egyptischer Alter- 222 thümer, die ein reicher, in Alexandrien lebender Grieche seiner Vaterstadt widmete; man glaubt im Bulakmuseum zu sein. Im dritten Saale sind griechische Terracottafiguren aus den Funden von Tanagra, zierliche, künstlerisch ausgeführte kleine Statuetten mit edlen Gesichtszügen und faltenreichen Gewändern; weiters alte Bronzen, die aus allen Theilen Griechenlands stammen. Im Saale der Vasen endlich eine reichhaltige Sammlung von Gefässen mit schwarzen und rothen Figuren, Krüge, Becher, Teller in edler Form und mit den feinsten Zeichnungen. Am Nachmittag warfen wir einen Blick auf die einzig erhaltene Bazarstrasse Athens. Hier sind es die Bekleidungsstücke, welche uns interessiren: die gestickten Jacken, die Fustanella, die rothen Schnablschuhe, reich gestickte Frauenröcke und Schürzen. Flier war auch der Markt im alten Athen. Noch steht das alte säulengeschmückte Marktthor aus Julius Cäsar’s Zeiten und Reste Hadrian’scher Markthallen. Nicht weit davon ist der sogenannte Thurm der Winde, ein durch Wasser getriebenes Horologium (Uhrwerk), welches auf dem Boden des achteckigen Thurmes angebracht war. Unter dem Dache auf jeder Wandfläche ein den betreffenden Wind darstellendes Hautrelief vom Boreas bis zum Zephyrus. Das Gebäude soll im ersten Jahrhunderte vor Christo durch Andronikus von Kyrrhos in Syrien gebaut worden sein. Den Abend brachten wir im Schlossgarten, der von Königin Amalie angelegt wurde, zu. Eine wahre Oase in der staubbedeckten Stadt. Unter Palmen, Cypressen, Platanen, Kiefern und Akazien ein Blumenmeer, ein betäubender Duft von Rosen, Veilchen und Orangen. Die Nachtigall schlägt in den Büschen. Man schreitet dahin auf schattigen Wegen, geniesst die Durchblicke auf die alten Ruinen, auf Land und Meer. 223 28. April. Der Sonntag war dem Schreiben und der Geselligkeit gewidmet. Graf F. d’O., der italienische Gesandte, ein Jugendfreund meines Schwiegervaters, der seine Studien in Prag gemacht hatte, lud uns auf ein Risotto milanese ein. Mit der ganzen Lebhaftigkeit des Italieners würzte er das Mahl mit Erzählungen von seinen vielen Reisen. Er war in China und Japan und früher in Brasilien Gesandter. Nach dem Gabelfrühstück führte er uns in einen Garten in der Nähe der Stadt, welchen ebenfalls Königin Amalie angelegt hat. Herr Pachi, der Deputirte von Artha, ist der jetzige Besitzer. Eine grosse Gesellschaft hatte sich für den Nachmittag eingefunden. Wir wurden nach rechts und links vorgestellt. Wer die Menschen alle waren, ichweiss es nicht. Nur der Name der auffallend schönen Frau von S. ist mir im Gedächtnisse geblieben. Ihr Mann war längere Zeit Secretär bei der griechischen Gesandtschaft in Wien. Der Besitzer des Gartens hat Alles in dem Zustande erhalten, wie es die Königin Amalie verlassen hat. Das Gartenhaus mit dem grossen blauen Salon, in welchem eine scheussliche Gothik an den Wänden und Decken gemalt ist. Das bairische, oldenburgische und griechische Wappen ist noch vorhanden; noch steht der Maierhof und der Geflügelhof. Pietätvoll ist Alles gelassen worden, wie es war. Zu Tisch waren wir bei Baron K. und seiner liebenswürdigen Frau. 2g. April. Tatoi, der Sommersitz des Königs, war das Ziel des heutigen Ausfluges. Man fährt bis Kephisia mit der Bahn, welche an einer Strasse Athens ohne Stationsgebäude beginnt. Die erste Haltestelle ist das Dorf Patissia mit zahlreichen von Bäumen und Gärten umgebenen Villen der Athenienser. Dann zweigt der Flügel, welcher zu den Berg- — 224 — werken Laurions führt, ab. In einer halben Stunde ist man in Kephisia, in dessen Nähe der Kephisos entspringt. Das Wasser des Flusses kommt dem Orte mit seinem vielen Grün zu Gute. Schöne Bäume und viele Blumen zieren ihn. Wir besteigen einen Omnibus, ein entsetzliches Fahrzeug mit ausgefahrenen Axen; hin- und herschwankend und stossend rollte der Wagen auf der guten Strasse hin. Je weiter man kommt, desto dichter schliessen sich die Bäume, bis man sich vor Tatoi in einem Walde nach unseren Begriffen befindet. Auf halber Höhe des Berges etwa wird aus dem Walde ein schöner Garten, zahlreiche gut gehaltene Wege ziehen sich die Lehnen hinauf und in die Thäler. Bäume mit rankenden Rosen, blühende Sträucher mischen sich unter die Kiefern des Waldes. Rauschendes Wasser wird geschickt auf Beete und Pflanzungen geleitet. Auf einer Terrasse steht das neu gebaute kleine Schlösschen des Königs. Es ist noch nicht vollkommen eingerichtet. Das Gebäude hat keinen Styl, es soll eine Copie eines der vielen Schlösser bei Peterhof sein. Der Raum ist beschränkt, die Einrichtung einfach, aber die Lage prachtvoll: der Punkt mit grossem Geschick gewählt. Mitten aus dem Waldesgrün heraus geniesst man den Blick über die ganze Ebene, sieht in der Ferne die Akropolis, das Meer, die Inseln und die peloponnesische Küste. Hier muss es sich prächtig ausruhen von den Sorgen der Regierung, hier muss man frei aufathmen können nach dem Staube der Residenz. Hier kann sich der König, frei von den Fesseln der Etiquette, dem Genüsse der schönen Natur hingeben. Das Haus fasst nur die königliche Familie. Das Gefolge ist in eigenen Häusern untergebracht. Hier lebt Georgios nur für sich und seine Familie. 30. April. Der Wunsch, die Ausgrabungen von Mykenä noch einmal zu sehen, führte uns wieder in das Polytechnikum, 225 auch die Vasensammlung wurde besucht. Sie ist ausserordentlich gut aufgestellt ; nach Zeiten geordnet. Die Keramik war auf unendlich hoher Stufe, es sind künstlerische Leistungen. Das Akademiegebäude, von Hansen gebaut, ist eine Widmung Sina’s, dessen Marmorstatue im Versammlungssaale aufgestellt ist. Griepenkerl aus Wien schmückte die Wände mit schönen Fresken, welche die Prometheussage darstellen. Besonders schön die Einführung des Prometheus durch Herakles in die olympische Götterversammlung. Der Bau erinnert lebhaft an unser Reichsrathsgebäude, das ebenfalls Hansen baute. Die Giebelfiguren sind von einem geschickten Athener Bildhauer. Die Polychromirung auf den Marmorsäulen und Wänden ist wohl genau nach klassischem Vorbild, doch kann ich ihr keinen Geschmack abgewinnen. Auch Schliemann’s Haus wurde besucht. Im Erdgeschosse sind Funde aus Troja aufgestellt, interessant, weil sie eben aus Troja sind, sonst bieten sie aber nichts Anziehendes. Wir wurden durch das ganze Haus geführt. Ueberall Aufschriften aus der Ilias. Schön ist nur die Bibliothek, das eigentliche Arbeitszimmer der Gelehrten im zweiten Stocke mit der herrlichen Aussicht auf die Akropolis. Als Schliemann einst Prüfungen in einem Pensionate beiwohnte, ward er so begeistert von dem Vortrage der Ilias durch ein Mädchen, dass er die Sprecherin als Frau heimführte. Seine Kinder führen Namen, die damalige Helden und Frauen trugen, selbst die Dienerschaft wurde umgetauft. Schliemann ist gegenwärtig in Paris, so dass ich leider seine Bekanntschaft nicht machen konnte. In der Nähe des Stationsgebäudes der Piräusbahn ist man bei Ausgrabungen auf eines der alten Thore Athens, auf das Dipylon, Doppelthor gestossen; es wurde zum Theile Franz Graf Th., Eine Orientreise. 15 22Ö freigelegt und hierauf die an dasselbe stossende Gräberstrasse. Wie in Rom längs der Via sacra Begräbnissstätten waren, so ist es auch hier. Es ist die heilige Strasse, welche nach Eleusis führte. Rechts und links sind Grabdenkmale von ausgezeichneter Ausführung und trefflich erhalten. Das Grab des Deykleos (gefallen 394 v. Chr.), der zu Pferd, im IC ampfe den Gegner überreitend, dargestellt ist, — das Grab der Plegeso, eine sitzende Frauengestalt, welche einem von einer Dienerin gehaltenen Kästchen Schmuck entnimmt, — das Grabmal der Demetria und Pamphile u. s. w. Die Namen sind durch Aufschriften erhalten, wenn auch über manche sonst nichts bekannt ist. Kleinere Grabsteine von Werth wurden in das Centralmuseum übertragen, doch die hier stehenden sind so solid und gut erhalten, dass man sie auf dem Orte der Auffindung belässt. Nachmittag führte uns die Dampftramway nach der Bucht von Phaleron, wo die Seebäder Athens sind. Einige grosse Hotels und mehrere Villen stehen am Strande. Es ist noch zu früh in der Jahreszeit, später soll ein ungeheuer reges Leben hier herrschen. Der Hügel Munychia ist so nahe, dass wir hinaufsteigen müssen. Wir werden reichlich belohnt, denn die Aussicht auf die drei Häfen, welche der Berg bildet, den von Munychia, von Zea und Piräus, auf das Meer mit den Inseln, auf das Land mit der Akropolis ist wunderschön in der Abendbeleuchtung. Mit der Bahn zurück. 1. Mai. Meiner lieben Anna Geburtstag! Gottes reichster Segen über Dich, meine Herzensfrau! Vor der Abreise noch eine kleine Rundfahrt gemacht, Abschied genommen von den schönen Ruinen, die, aus gelblichem pentelischen Marmor geschnitten, sich poetisch von dem blauen Himmel Griechenlands abheben. Vom Museion 227 aus noch den Blick auf die Akropolis genossen; es ist die richtige Entfernung, man vergisst, dass es Ruinen sind, man beugt sich vor der grossartigen Anlage der Tempel. Auf dem Museion stehen die Reste eines Denkmales, des Philopappos (114 n. Chr.), eines Enkels von Antiochus Epiphanes, welcher Bürger Athens und römischer Consul war. Halbbogenförmig war das Monument; Statuen und Hautreliefs zierten dasselbe. Nun ist es stark zerstört. Einem Leichenzuge begegnet. Man trägt die Leiche in offenen Särgen durch die Stadt, und wie man die Todten den Mitbürgern zeigt, so zeigt man auch die Brautausstattungen, denn auch diese werden durch die Strassen getragen. Athen soll theilnehmen an der Trauer, wie an der Freude des Einzelnen. Die Stunde der Abfahrt schlägt, wir nehmen Abschied von K. und besteigen den Wagen, um nach Piräus zu fahren. Wir waren jedoch noch nicht ausser der Stadt, als ein Vorderrad brach, der Kutscher vom Bocke fiel und wir glücklich an dem Trottoir festrannten. In einem zweiten Wagen wurde die Fahrt fortgesetzt. Adio, du klassischer Boden, du Stadt, der Solon Gesetze gab, du schöne ehrwürdige Akropolis; mögest du unerschüttert von Erdbeben, Sturm oder Menschenhand stehen bleiben, um Zeugniss zu geben von dem grossen Volke, das dich gebaut. Es war bereits dunkel, als wir an Bord der „Venus“, einer guten Bekannten von der Fahrt von Port Sa'id nach Jaffa, den Plafen verliessen. Hell erleuchtet waren die Häuser und Strassen von Piräus. Die Schiffe trugen nur mehr die Wachlaternen, von Bord eines Kriegsschiffes erschallte Musik; unmerklich glitten wir hinaus zwischen den rothen und grünen Signallichtern, und erst als das Commando „tutta forza“ ertönte, zog die Schraube ihre schäumende Furche im Saronischen Golfe. 15* 228 2. Mai. Zeitig am Morgen sah man die Umrisse von Euböa (Negroponte), davor die Insel Skyro, während zur Rechten, hinter der kleinen Insel Psara, Chios sich aus dem Wasser erhob, und der Kara Burun den Horizont begrenzte. Es war ein prachtvoll schöner Tag. Hell leuchtete die Sonne, die See war spiegelglatt. Ein leichter Wind kühlte die Luft. Wir begegnen vielen Dampfschiffen, zumeist Engländern, die ohne viel Rauch dahin fahren, während wir eine dicke schwarze Rauchwolke zurücklassen. Es ist der Qualitätsunterschied zwischen englischer und österreichischer Kohle. Auf vieles Andrängen verwendet jetzt der „Lloyd“ Ostrauer Kohle, welche loco Triest theurer als englische Kohle, dagegen aber wesentlich schlechter ist. — Gegen Osten haben wir die Insel Mytilene mit dem Cap Sigri, weiter bis in die Wolken ragend den beschneiten Ida, wo Paris das schwere Amt zufiel, der schönsten von drei schönen Frauen den Apfel zu reichen. Links sehen wir Lemnos, dann fahren wir knapp an Tenedos vorbei; in einer Bucht das kleine Städtchen Tenedos mit unbedeutenden Hafen- und Festungswerken. Die Fahrstrasse ist eng zwischen der niedrigen Insel und dem kleinasiatischen Festlande. Die Besika Bai schneidet ins Land ein, hier ankerte die englische Flotte während des russisch-türkischen Feldzuges und dampfte, als sich die Russen Constantinopel näherten, zum Schutze der türkischen Hauptstadt in den Bosporus. Die Ebene Trojas erscheint, wo der greise Priamos den griechischen Helden erlag, wo Achill den Patroklos rächte, wo Andromache besorgt Hector in den Kampf ziehen sah. Die Küste wird immer flacher; Jenikoi, dann Janitschari, ganz stattliche Orte, liegen am Ufer. Die schroffen Berge Samothrakes und Imbros ziehen wieder den Blick nach links. Es gibt immer etwas zu sehen, das Fernglas kommt nicht von den Augen. 22g Gegen 3 Uhr fuhren wir in die Dardanellenstrasse ein, den Hellespont der Alten. Befestigungswerke verthei- digen die Einfahrt; Kum-Kaleh, ein Doppelfort auf asiatischer Seite, auf europäischer die Festung Sedd-ul-Bahr-Kalesi, mit kleinem angrenzenden Dorf. Grosse Geschütze stehen auf den Wällen. Wir halten uns knapp an dem kahlen, westlichen Fischerboote in den Dardanellen. Ufer, während die jenseitige Küste, vor der einst Agamem- nons und der Griechenfürsten Flotte ankerte, grün und fruchtbar ist. Wir kommen zu den sogenannten Dardanellenschlössern, dem schönsten Punkte der Wasserstrasse, die sich hier auf ungefähr i - 5 Kilometer verengt. Auf beiden Ufern alte feste Schlösser, von mächtigen Steinwällen umschlossene crennelirte Thürme. Während auf dem europäischen Ufer nur das Fort Ivilid-ul-Bahr (Schlüssel des Meeres) und ein — 23o — kleines Dorf angesiedelt ist, befindet sich auf der asiatischen Seite die grosse Stadt Tschanak-Kalesi, in deren Mitte sich das alte Schloss erhebt. Zahlreiche Wälle und Forts verstärken die Positionen, die mit Krupp’schen Kanonen armirt sind. Das Fort Negara, auf dem Cap gleichen Namens, ist auf der Stelle des alten Abydos erbaut. Von hier schwamm allabendlich Leander zu der geliebten Hero, der Priesterin Aphroditens im Tempel von Sestos. „Des Meeres und der Liebe Wellen,“ da verschlang die See den liebenden Jüngling und ward zum selbstgewählten Grabe der Jungfrau. Auch Lord Byron, der begeisterte Sänger des Orients, durchmass die Entfernung mit kräftig ruderndem Arm. Hier schlug Xerxes eine Brücke, um später mit seinen Heerschaaren Griechenlands Heldenmuth schwer zu empfinden. Hier vernichtete Lysander 405 vor Christo die atheniensische Flotte in jenem verhängnissvollen Kriege, in dem Athen und Sparta um die Hegemonie kämpften. Die Sonne verschwindet. Alles ist in violettes und blaues Licht gehüllt. Immer tiefer werden die Farben, wir sehen noch die Stadt Gallipoli, dann bricht die Nacht ein, Wasser und Land mit ihren Schatten bedeckend. Der Leanderthurm, I « 1 ■ VIII. Constantinopel. 3. Mai. Die Suleiman- Moschee. ls ich um 5 Uhr auf Deck ging, hing der Himmel voller Wolken, ein feiner Sprühregen ging nieder, es war kalt, die Aussicht verhängt. Wohl hoben sich die Wolken ein wenig, doch die wundervolle Einfahrt in Constantinopel war verdorben. Zuerst sah man den Leuchtthurm und den Ort St. Stephano, wo der Friede zwischen der Türkei und Russland geschlossen wurde, dann kommt Makrikoi mit der grossen Pulverfabrik; weiters das alte, malerisch zerfallene Schloss der sieben Thürme mit den Mauern der Stadt, und vom Meere bis hinauf auf die Hügel Stambul mit seinen Kuppeln und Minarets, die Agia Sofia, daneben die Moschee Sultan Achmed mit den sechs schlanken Minarets; der Leuchtthurm wird umfahren, und nun bietet sich uns der grossartige Anblick der Stadt, soweit Wetter und Beleuchtung es zu- 232 lassen, das goldene Horn mit dem Walde von Masten, auf beiden Seiten Paläste und Moscheen, Gärten und Häuser in dichtem Gedränge. Auf asiatischem Ufer Skutari mit den grossen Kasernen. Dampfschiffe fahren aus und ein. Die Dampfpfeife ertönt warnend von allen Richtungen. Boote umschwirren unsere „Venus“; eine Schaar von Hotelagenten überfluthet das Schiff; wir haben den Anker in die Tiefe fallen lassen. Es ist dasselbe rege Treiben wie bei der Landung in Alexandrien. Wir warten, bis die Mehrzahl der Reisenden, alle unsere lärmenden, singenden, schreienden Zwischendeckpassagiere das Schiff verlassen haben, um uns ebenfalls ans Land zu begeben. Pass- und Zollformalitäten waren bald abgethan, jetzt wünscht man noch Visitkarten von uns; sie werden gegeben und dann die Wagen bestiegen, die uns in das „Hotel Angleterre“ bringen. Der Regen vermehrte den Schmutz, der in den Strassen Constantinopels wohl ewig herrscht. Auf steiler Strasse geht es hinan. Heerden von Schafen drängen sich zwischen Wagen, Reitern und Lastthieren durch. Hunde in Rudeln von zehn bis zwölf liegen herum, suchen ihre Nahrung in dem Unrathe, der aus den Häusern auf die Gasse geworfen wird. Wir biegen in die Grand rue de Pera ein, die eleganteste Strasse der Stadt, und halten vor dem Llötel. Wie wird es hier mit dem Tagebuche gehen; wie wird man seine Eindrücke fassen können, wann Zeit finden, sie aufzuschreiben? Von Früh bis Abends ist man in Bewegung. Moscheen, Paläste, Bazare sollen beschrieben werden, man sollte das Leben, den Lärm schildern, welcher uns umgibt, man müsste es versuchen, eine Skizze zu entwerfen von der Hauptstadt des türkischen Reiches in ihrer prachtvollen Lage, wo Europa an Asien sich schmiegt, wo das Orientalische mit dem Europäischen sich berührt, wo Wasser 233 und Land, gleich belebt, stets Neues bietend, das Auge entzücken. Der gehetzte Tourist muss es offen gestehen, dass dies seine Kräfte übersteigt, dass er sich darauf beschränken muss, in flüchtigen Linien das Bild anzudeuten, welches mit den feurigen Farben des Orients, mit den warmen Tönen des Südens ausgeführt werden sollte. Lieber Freund, der Du diese Zeilen liesest, der Du mich schon so weit mit Geduld begleitet hast, beurtheile sie nachsichtig. Genügen sie Dir nicht, so verlästere mich nicht, komm selbst ans goldene Horn, geniesse das Schöne, das Du siehst, und versuche es, wenn Du Abends müde in Deiner Stube sitzest, wenn Lärm und Bewegung auf den Strassen erloschen sind, am Tagebuche zu schreiben. Gar bald wird sich der Schlaf auf Deine Lider senken, und im Traume werden phantastische Bilder an Dir vorüberziehen. Da siehst Du zuerst die griechischen Colonisten, einem delphischen Orakelspruche folgend, 658 v. Chr. die ersten Ansiedlungen gründen, welche nach Byzas, ihrem Anführer, Byzantion genannt wurden; dann erscheint Darius, der König der Perser, mit seinen zahllosen Fleeren jeden Widerstand niederwerfend, als Herr und Eroberer der Stadt (49g v. Chr.); doch wieder sind es griechische Helden, welche die asiatischen I Iorden aus Byzanz verdrängten. Nun siehst Du auch hier den Kampf um Griechenlands Oberhoheit; Sparta und Athen streiten um den Besitz; Du erinnerst Dich an Pausanias, Alcibiades, Lysander. Doch Griechenlands Macht wird gebrochen; Roma beherrscht die Welt, nimmt Besitz von Byzanz. Da blüht die Stadt wieder auf als Nebenbuhlerin Roms. In vierzigtägigen Festen wird die Gründung „Neu- Roms“, der Stadt Constantins, gefeiert: das alte Rom soll übertroffen werden; Paläste, Bäder, Säulenhallen, Statuen erheben sich; Schätze der Kunst werden aus allen Theilen der Welt in die neue Stadt gebracht; Du siehst im Traume all’ die prachtvollen Bauten, deren dürftige Ueberreste Du bei Tage geschaut, da erhebt sich das Forum, der kaiserliche Palast mit seinem Säulen- und Statuenschmuck, die eherne Schlangensäule aus dem Tempel von Delphi, die Porphyrsäule (jetzt „die verbrannte“) mit dem Standbilde des Kaisers als Apollo; die Basilika des Philoxenos mit den 1001 Säulen, der Aquäduct und die Thore und so weiter, römische Senatoren und Volk. — Doch das römische Reich zerfällt: Constantinopel wird Hauptstadt des oströmischen Reiches. Da taucht Justi- nian vor Dir auf. Die Sophienkirche erhebt sich in ihrer Pracht. Das Corpus juris, welches Du vielleicht noch schön gebunden in Deinem Bücherschreine stehen hast, als Erinnerung an Deine Studien, entsteht als neue Quelle des Rechtes. Daneben entwickelt sich sittenloses Leben. Wilde Völker überfluthen die Stadt und das Land — Du siehst die Fahnen Gottfrieds von Bouillon und der Kreuzfahrerheere im Winde flattern, Venedigs Schiffe unter des blinden Dogen Enrico Dandolo Führung — das byzantinische Reich kämpft vergebens gegen den siegreichen Ansturm des Halbmondes, der letzte paläologische Kaiser Constantin XI. Dragases wehrt sich mit dem Muthe eines Löwen; auf der Bresche der Stadt, wo das dichteste Kampfgewühl geherrscht hatte, wird seine Leiche von Wunden bedeckt gefunden. Der glückliche Sieger Mohammed II. zieht im Jahre 1453 ein, tausende und abertausende Einwohner werden niedergemetzelt, die Stadt geplündert und verwüstet, die türkische Fahne weht von den Wällen, der Halbmond leuchtet auf der Agia Sophia. Ganz Europa zittert vor dem Anstürme der mohammedanischen Macht: unser Oesterreich ist das Bollwerk, das vor türkischer Ueberfluthung schützt. Kaiser Leopold, Prinz — 235 — Eugen, Herzog von Lothringen, der tapfere Montecuccoli erscheinen Dir im Traume; schlafe ruhig, die Macht des Halbmondes ist gebrochen, das Reich steht auf thönernen Füssen; wenn nicht schlechte europäische Aerzte den kranken Mann im Siechthume erhielten, würde unser Welttheil wohl bald vom Türken befreit sein, — doch über diesen historischen Traum bist Du wohl fest eingeschlafen, lieber Leser. Nachdem wir einen Besuch auf der österreichischen Botschaft gemacht hatten, welche noch im alten, grösstentheils aus Holz gebauten venetianischen Palaste untergebracht ist, begann die Touristenfahrt. Es ist der Monat Ramasan, der Fastenmonat der Türken, eine schlechte Zeit zur Besichtigung. Es wird kaum möglich sein, die Paläste und den Schatz zu sehen, die Bazare werden weniger belebt, das Treiben auf den Strassen weniger bunt und anziehend sein, denn von Sonnenaufgang bis zum Untergange darf der Türke nicht essen, nicht rauchen, sogar der Kaffee ist ihm versagt. Alles ist schlecht aufgelegt, die Aemter sind grösstentheils geschlossen; der Tag wird möglichst verschlafen, die Nacht dagegen, nach dem Besuche der Moscheen, wie man erzählt, in unmässigem Genüsse hingebracht. Der Reformtürke der jetzigen Sorte hat den Wein schätzen gelernt und soll sich nach der Kasteiung des Tages spät am Abend eingehend mit dem Studium der Rebe beschäftigen. Der Galatathurm wurde von Anastasias Dikoros im Jahre 1348 gebaut und von den Genuesen, als sie Galata besassen, erhöht. Er dient jetzt als Feuerstation. Ueber dem dicken, runden, mit einer Galerie versehenen Thurme erhebt sich eine Laterne. Der Aussicht wegen ist er im Baedeker mit vollstem Rechte mit einem Sterne versehen. Der Blick auf die Stadt mit den von Cypressen beschatteten Friedhöfen, den Moscheen mit den schlanken Minarets, den Palästen und 236 Gärten, auf das Marmarameer mit seinen Inseln, auf einen Theil des Bosporus, auf das goldene Horn, diesen sich weit in die Stadt ziehenden, von der Natur geschaffenen und befestigten Hafen, auf Skutari und die kleinasiatische Küste mit seinem beschneiten Olymp ist wahrhaftig grossartig schön, aus jedem der vierzehn Fenster erblickt man ein anderes Panorama. Die Lage der Stadt ist feenhaft, von jedem erhöhten Punkte aus schwelgt man vom Neuen. Bald sieht man auf die jenseits des goldenen Hornes gelegenen Stadt- theile, bald auf die grosse Wasserstrasse, welche das Mar- mara- mit dem schwarzen Meere verbindet. Malerisch in Ecken und Winkeln sind die kleinen Häuser, zumeist aus Holz gebaut. Vorspringende Fenster stehen auf die Strasse heraus, hinter den Gittern schaut die Türkin dem Treiben zu: sie sieht, ohne gesehen zu werden. In Pera,wo eine grosse Feuersbrunst Raum geschaffen hat — hier die Grande rue de Pera — ist wohl mehr europäischer Anstrich. Es ist der Fremde, dem man da begegnet, der Perote, dessen Landsmannschaft nicht festzustellen, der — wohl hier geboren — je nach dem Vater Deutscher, Grieche, Franzose, Italiener ist. Alle anderen Strassen sind asiatisch. Ein Drängen und Schie- \m b gjjsg Alte Häuser in Pera (Constantinopel). ben, ein Schreien und Lärmen, lichter Sonnenschein und schmutzige finstere Winkel. Längs der Häuserreihen hocken die Türken auf niedrigem Schemel, vor den Kaffeehäusern, den Barbierstuben und den Läden: eifrig wird geplauscht, der Rosenkranz gleitet mechanisch durch die Finger. Gegen Abend vermehrt sich das Leben. Der Sonnenuntergang, der ersehnte Augenblick, wo wieder gegessen und geraucht werden darf, ist nicht mehr ferne; die Kaffeehäuser füllen sich. Esswaarenverkäufer in Menge bringen ihre Waaren an, die Nargilehs sind vorbereitet; wie der erlösende Schuss fällt, setzen sich hunderttausende „Münder“ in Bewegung, um den knurrenden Magen zu befriedigen. Heer- den von Hammeln werden getrieben, bereits geschlachtete werden stückweise von dem Rücken der Pferde — es sind ambulante Fleischerläden — verkauft; Gemüse, Eier, Früchte und saure Milch, Alles wartet auf den erlösenden Kanonenschuss. Dazwischen eilt und schafft eine geschäftige Menge. Armenische Lastträger tragen einzeln oder zu mehreren vereint riesige Lasten. Wagen und Reiter drängen sich durch. Liier wird gehandelt und gefeilscht, hier geplauscht und gelacht. Alles ist in Bewegung, Alles in Staub und Lärm gehüllt, die verschiedensten Trachten im buntesten Gewühle. Der riesige Turban neben Fez und verschiedenen Hutformen, Uniform, Kaftan und Rock; Seide und haarige rauhe Stoffe; gestickte Jacken und das zerfetzte Türkische Frau in Strassen- toilette. 238 Kleid des Bettlers: man schaue und schaue, doch lasse man das Beschreiben, man bringt es doch nicht zuwege. Abends fuhren wir in die Agia Sofia; es war eine prächtige Fahrt, alle Moscheen sind hell erleuchtet, die Minarets tragen an ihrer Spitze mehrfache Lichtreihen, während Koransprüche in Flammenschrift sich vom Nachthimmel aibheben. Tausende Rechtgläubige eilen in die Tempel, wo sie in langen Reihen stehend dem lauten singenden Gebete des Iman folgen, wie auf Commando in die Knie sinken, den Boden mit der Stirne berühren und sich wieder erheben. Man wird als Fremder nicht in den Tempel eingelassen; von der Galerie aus sieht man zu. Die Kirche schwimmt in Licht. Die Lampen der Kronleuchter bilden dichtgedrängt feurige Reifen im Dunkel des Raumes; Galerie und Gesimse sind in Flammen, in den Kuppeln ist Lampe an Lampe, die Kreise und Bögen bezeichnend, unter dem blendenden Scheine im Schatten der Nacht die betende Menge, das Auge dringt kaum durch das Licht, oben die goldenen Mosaiken, den Schein reflectirend. Vorn die recitirende Stimme des Priesters, wechselnd mit monotonem Gesang. Wenn der Ramasan auch für manche Besichtigung störend ist, diesen grossartigen Anblick hat man hinwiderum nur in diesem Monate des Fastens und Betens. 4. Mai. Ueber die neue Brücke bei hellem Tage nach Stambul, dem eigentlich türkischen Stadttheile. Hier, wo einst römische und byzantinische Herrschaft Wunder der Baukunst errichtete, hat auch der Türke seit drei Jahrhunderten gewirkt, geschaffen und zerstört, alte christliche Kirchen seinem Glauben angepasst. Hier ist die „hohe Pforte“, das Seras- kierat (Kriegsministerium) mit dem hohen Thurme; hier das alte Serai, die frühere Residenz der siegreichen Sultane, der Aufbewahrungsort der Schätze; die grosse Platane, unter — 23g — welcher die Janitscharen, diese fanatische, nie sich ergebende Truppe, sich versammelten, um die Ermordung missliebiger Sultane und Grossveziere zu beschliessen und zu verlangen, wo endlich im Jahre 1826 ein grauenhaftes Blutbad dieser todesmuthigen Schaar ein Ende machte. In dem Antiquitätenmuseum einige Schätze alter Kunst: Statuen, Grabplatten, Terracotten und Bronzen, die, theils in der Stadt, theils an verschiedenen Orten des Reiches gefunden, nunmehr zu einer Sammlung vereinigt sind. Das Gebäude steht innerhalb der von Thürmen gekrönten Mauer des Schlossgebietes. Eine in Kreta gefundene Kolossalstatue Kaiser Hadrians im vollen Waffenschmuck; der bronzene Kopf der Schlange, welcher die Schlangensäule auf dem Hippodrom krönte und einst in Delphis Tempel stand; und eine prachtvolle silberne Schale, in Lampsakos gefunden, in deren Mitte von getriebener und fein ciselirter Arbeit Göttin Artemis mit dem Bogen in der Hand thront, von Figuren, Thieren und Ornamenten umgeben, sind wohl die Hauptschätze dieser nicht sehr zahlreichen Sammlung. it "" ■ " 1 ■— 240 — Viele Funde, so z. B. Gräber aus Sidon warten auf die Vollendung des neuen Museumgebäudes; heute sind sie nicht zu sehen. Die Agia Sofia, diesen imposanten, von Kaiser Justi nian an .Stelle einer von Constan- tin errichteten, später wieder zerstörten Kirche gebauten Kuppeldom besichtigt; Goldmosaik bedeckt die Bögen, Wölbungen und Kuppelräume ; Marmorsäulen mit fein- gemeisselten Blattwerkcapi- tälen trennen den Mittelraum von den Seitenschiffen. Alabaster und kostbarer Marmor bekleidet die Wände. Es ist ein grossartiger Eindruck, den dieser Riesenbau ausübt, Kuppel reiht sich an Kuppel, immer höher erhebt sich der Blick, bis er in der . Hauptkuppel, dem Mittelpunkte der K irche, ruht. Noch sieht man Spuren von Kreuzen und Köpfen in Mosaik, die aber überstrichen wurden, in der Apsis die Contouren eines Christuskopfes, an der prachtvollen bronzenen Mittelthüre das Zeichen unseres Glaubens; ~-?mt Der Obelisk in Constantinopel, 241 der Kreuzbalken ist ausgebrochen, während die Nägel, die ihn hielten, heute noch sichtbar sind. Wann wird der Halbmond, der die Kuppel krönt, wieder durch das göttliche Kreuz ersetzt werden, wann werden es Glocken verkünden, dass der Islam dem christlichen Glauben die heiligen Stätten zurückerstatten musste, welche frommer Sinn alter Zeit errichtet hatte? Ein prachtvoller Brunnen Achmed III. zieht in der Nähe der Kirche die Aufmerksamkeit auf sich. Ein quadratischer Bau mit feinster Steinarbeit, wie sie nur der Orientale zu schaffen versteht; an den vier abgerundeten Ecken zierliche Bronzegitter; ein weit überragendes, in fünf kleinen Kuppeln auslaufendes Deck: Inschriften, die den Erbauer feiern, und Koransprüche wechseln mit feinen Blattwerk- und geometrischen Ornamenten. Er ist der schönste der zahlreichen Brunnen Constantinopels. Der Bau eines Brunnens im wasserarmen Oriente, wo das erfrischende Element, das einzig gestattete Getränk, dem dürstenden Volke zugänglich gemacht wird, ist eines der frommen Werke, die der Koran empfiehlt, und so entstanden denn durch die Wohlthätigkeit der Fürsten und Reichen in allen Thei- len der Stadt, freistehend oder an Moscheen, Schulen und Häuser angelehnt, die vielen Brunnen, an welchen die vorgeschriebene Waschung vorgenommen, der Durst gelöscht wird — und wo die wilden Hunde ihre lechzende Zunge befeuchten. Vom alten Hippodrom ist wenig erhalten; nur der grosse freie Platz besteht noch, auf dem sich ein von Theodosius dem Grossen hiehergebrachter egyptischer Obelisk, ein kurzes Stück der ehernen Säule, welche einst den Tempel Apollos in Delphi zierte, und der sogenannte gemauerte Obelisk, der früher mit Bronceplatten überzogen war, befinden. Das Janitscharenmuseum, in welches man von dem Platze des Hippodroms gelangt, enthält eine Anzahl Costumepuppen Franz Graf Th., Eine Orientreise. i i] I l! i[ ii :; — 242 — I l! || aus früherer Zeit. Es ist eine Spielerei. Die Stoffe sind neu imitirt, die Waffen ohne Werth. Weit interessanter ist das j Ueberbleibsel der unter Constantin gebauten Cisterne des I Philoxenos mit 1001 Säulen. Wohl ist von dem ursprüng- liehen Bau nur ein geringer Theil vorhanden, immerhin sind i! es aber noch über 200 Säulen, die mit ihren einfachen Capi- |i tälen die Gewölbdecken dieses unterirdischen Raumes tragen. 1 | Die Cisterne ist jetzt trocken und wird von Seilern benützt, I ' es ist ein feuchter, kalter Raum. Aber mit welchem Luxus ; ] wurde schon in früherer Zeit für das nöthige Wasser gesorgt, i! denn neben diesem Riesenbassin gab es eine ganze Reihe zum Theile noch bestehender grosser Cisternen. !i j Die Moschee Achmedije ward von Achmed I. in den ji! Jahren 160g bis 1614 gebaut. Aehnlich den inneren Anlagen : !■ der heil. Sofia ist es ein imposanter Bau mit seinen zahlreichen !;! Kuppeln, den sechs Minarets und dem schönen, von Arkaden j' begrenzten Vorhofe. Die Wände sind bis zur Pilasterhöhe ,!; mit alten Fayenceplatten belegt, an welche sich auf den ji Bögen und in der Kuppel geschmacklose, die Kacheln imi- i Ü tirende Malerei anschliesst. Von dieser Moschee zieht all- . ii || jährlich die grosse Mekkakarawane aus. !|‘ Nun besichtigen wir noch das Mausoleum Sultan 1 Ii Mahmuds, des Reformers, ein ganz aus weissem Marmor jj|| aufgeführtes Gebäude, in welchem Sultan Mahmud (7 183g) yj und Abd-ul Aziz (7 1876) begraben liegen. Hinter massiv |j silbernen Gittern stehen unter schwer gestickten Decken '! die beiden Katafalke. Kostbare Kaschemirshawls liegen I auf dem Kopfende, welches mit dem Fez gekrönt ist. 1:: Vor dem Katafalk liegen auf perimutter- und silbereinge- '•; legten Pulten alte Koranmanuscripte, aus welchen zu ge- .-;! wissen Tageszeiten für die Seelenruhe der Verstorbenen ge- betet wird. I t 1 SULTAN ACHMED-MOSCHEE UND DER HIPPODROMPLATZ IN CONSTANTIN OPEL. V i»V &&.-J fr : KE AL'!T- W . Sk#-**»' KS* g5Ä r*vr-• '*•*. ' “'•«sw " “mI*’ > "4 %’$?**(1 ■At.ià'Ù&jtfr i «!&. A.'À s_£*_ Den Nachmittag verwendeten wir zu einem Ausflug nach Skutari, der asiatischen Vorstadt Constantinopels. Das Wetter war zwar unfreundlich; wenn man aber nur kurze Zeit in einem Orte sich aufhält, darf man sich aus einigen Streifregen und kühlem Winde nichts machen; man muss die Zeit benützen. Von der neuen Brücke fahren die kleinen Dampfer ab, welche die Verbindung mit dem jenseitigen Ufer unterhalten. Ohne Rücksicht auf die vielen Kaiks, die von Stambul nach Galata fahren, durchschneidet das Dampfboot die Fluthen; die Dampfpfeife warnt, die Kaiks weichen aus, manchmal hält man, um ein Segelboot vorüber zu lassen, welches nicht rasch genug die Segel einziehen konnte, um seine Fahrt zu hemmen. In einer halben Stunde legen wir auf asiatischem Boden an. Skutari ist eine bedeutende Stadt, beinahe ausschliesslich von Türken bewohnt; längs des Ufers schliessen sich unmittelbar andere grosse Orte an, wie Haidarpascha, Kadikioi und so fort. — Wir nehmen Wagen, um nach Bugurlu zu fahren, wo ein berühmter Aussichtspunkt uns anzieht, denn in Skutari selbst ist nicht viel zu sehen. Die Moscheen sind in diesem Monate des Nachmittags nicht zu besuchen. Zwischen Gärten und Villen verschiedener Paschas und reicher Peroten zieht sich die Strasse ziemlich steil hinan. Beim Orte Bugurlu hat die Fahrt ein Ende. In einer Viertelstunde ist man auf dem Gipfel des kahlen Berges, an den sich das freundliche Dorf mit den vielen Gast- und Kaffeehäusern, der beliebte Ausflugsort Constantinopels, anlehnt. Die Aussicht ist grossartig. Die grosse Hauptstadt breitet sich am jenseitigen Ufer aus; die Cypressen unterbrechen ernst die grell beleuchteten Häusermassen; das Meer ist belebt von Schiffen jeder Grösse, der Bosporus öffnet sich gegen Norden, eingesäumt von Orten, Häusern und Gärten, das Marmara- 244 — meer funkelt und glänzt; die Prinzeninseln im saftigen Grün; die Berge Kleinasiens mit der weissen Spitze des Olymps von Brussa ergänzen das Bild. Durch den grossen Friedhof von Skutari kehrten wir zurück; es ist dies ein Wald alter Cypressen von grosser Ausdehnung, aus dessen Schatten viele Tausende Grabsteine hervorleuchten. Aufrecht stehende Steine mit Turban oder Fez bekrönt, wenn es ein Männergrab, oder spitz, meist in ein Blatt auslaufend, wenn eine Frau hier bestattet ist. Ernst und feierlich ist dieses Heim der Todten, und doch voll von Leben: denn nicht blos der trauernde Angehörige besucht den Wald, nein, die ganze frohe lebenslustige Bevölkerung ergeht sich in demselben ; Wege und Strassen führen durch. 5. Mai. Der Morgen liess sich schlecht an, es goss in Strömen, doch bald brach die Sonne aus den Wolken hervor, und der tiefblaue Himmel lud zu einem Ausflug ein. Wir bestiegen den österreichischen Avisodampfer „Taurus“, der unter dem Commando des Corvettencapitäns Mört im hiesigen Hafen stationirt ist, und stachen in See. Am Friedhof in skutari. Es war Sonntag, zugleich 245 das griechische Fest des heil. Georg; eine Menge Ausflügler in Dampfern und kleinen Barken steuerte demselben Ziele zu wie wir: Prinkipo, der grössten der Prinzeninseln. Vier grosse Inseln, Proti, Antigoni, Chalki mit grosser griechischer Handelsschule und türkischer Marineakademie und Prinkipo, sowie fünf kleine bilden eine Inselgruppe, welche dem Golfe von Ismid vorgelagert ist. Längs der Festlandsküste stösst ein grosser Ort an den andern, während sich auf Prinkipo eine freundliche Villenstadt erhebt. Viele reiche Peroten haben hier Sommerhäuser, in denen sie den Monat Mai zubringen, denn später wird es hier zu heiss. Das Klima ist viel milder als am Bosporus, die Vegetation eine üppigere, doch den Palmen haben wir bleibend Lebewohl gesagt, denn auf diesem wohlgepflegten fruchtbaren Eilande kommen keine mehr vor. Grosse Hotels stehen gastlich geöffnet, gut gehaltene Strassen führen auf die Höhe und um die Insel herum. Kleine Fischeransiedlungen liegen verborgen in malerischen Buchten. Eine festlich gekleidete Menge, vorwiegend Griechen der unteren Classen, lustwandelte auf den Strassen, lagerte in Wald und Gärten bei den vielen primitiven Schänken. Drehorgel, Geige und Tambourin erklang; im Kolo schritten tanzend Männer und Frauen: es war ein Volksfest. Auf dem Gipfel des einen der beiden Berge ist ein griechisches Georgskloster, neben demselben ist ein Wirth vollauf beschäftigt, die durstige und hungrige Menge zu befriedigen. Ueberall erschallt Musik, Gesang und heiteres Lachen. Es ist ein prachtvoller Platz mit herrlicher Aussicht auf das asiatische Festland, auf Inseln und Meer und auf die ferne Hauptstadt, deren Fenster, von der Sonne beschienen, wie Diamanten funkelten. Die Höhen der Insel sind mit Strauchwerk überzogen, zwischen welchem der nackte Stein hervorleuchtet; tiefer sind Kiefern- 246 wälder. In der Nähe des Ufers, welches steil abfällt, Häuser mit blühenden Gärten, in den kleinen Buchten einige Felder und Wiesen. Bei der Heimfahrt umfuhren wir die Inseln, deren Felsen, sich im Süden schroff aus dem Meere erhebend, Tausenden von Möven als Brutstätte dienen. Rasch glitten wir auf den Fluthen hin, immer grösser erschien die Hauptstadt, glänzend und blendend erheben sich die Moscheen und Minarets aus der dunklen Häusermasse; das saftige Grün von Buchen und Platanen ’sticht ab von der traurig dunklen Farbe der Cypressen; das alte Serai, die Spitze von Stambul, die Residenz früherer Sultane, mit seinen Gärten und den Erinnerungen an Pracht und tyrannische Grausamkeit; die neuen blendenden Schlösser Dolmabagdsche und Tschiragen, an deren Stufen die Wellen des Bosporus sich brechen. Weit oben im Grün der Gärten der Jildiz-Kiosk, wo der jetzige Sultan sein ängstliches Dasein führt. Wir legen bei Tophane, den Artilleriewerkstätten, an und wandern zu Fuss durch das Gewühle von Menschen nach Haus. 6. Mai. Die Bazare Constantinopels, eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt, nahmen uns in ihre engen Gassen auf. Es ist eine Stadt von Verkaufshallen; schon in den nächstgelegenen Strassen ist Laden an Laden. Die gleichen Gegenstände füllen ganze Zeilen aus; der Fremde verirrt sich in diesem Gewirre von überwölbten, spärlich erhellten Gassen und Gässchen; ein Führer ist unentbehrlich, ohne Vermittler gelingt kein Einkauf. Es ist der Bazar von Cairo und Damascus in hundertfacher Vergrösserung. Alles, was menschlicher Fleiss zweier Welttheile erzeugt, Altes und Neues wird vor dem Besucher ausgebreitet, werthlose Gegenstände neben kostbaren Stoffen und Waffen, Gold und Silber neben gewöhnlichem Trödel. Bücher und Esswaaren, Pelze, Schuhe, Mützen und Kleider, Teppiche und Wohl- — 247 — gerüche aller Art, Zelte und Glaswaaren, kupferne Schüsseln und Kannen: kurz Alles, was der Mensch braucht und nicht braucht, wird hier in langen Reihen gekauft und verkauft. Dazwischen klappert der Geldwechsler, ruft der ambulante Esswaarenverkäufer seine Waaren aus. Es ist ein eigenthüm- liches Leben, Feilschen und Handeln. Von Laden zu Laden wird man gelockt. Man braucht Zeit, denn man muss vorerst einen Ueberblick gewinnen und jeder Stillleben aus dem Bazar in Constantinopel. Handel fordert langes Reden und Ueberzeugen. Der liebenswürdigen Bemühung unserer Botschaft gelang es, selbst die Thore des alten Serai mit seinen Sammlungen und die kaiserlichen Schlösser zu öffnen, trotz Ra- masan und Fasten. Ein Adjutant des Sultans erwartete uns am Orta Kapu (das mittlere Thor); zwei spitze Thürme überragen diesen gefährlichen Eingang, wo so mancher Vezier und Pascha, der die Gunst des Grossherrn verwirkt hatte, gemordet wurde. Der Thorweg heisst daher auch heute — 248 — noch im Volksmunde die Henkerstube. Ein grosser, mit Arkaden eingefasster Hof, auf welchen Platanen und Cy- pressen Schatten werfen, muss durchschritten werden, um das innere Thor Bab-i-Seadet (Thor der Glückseligkeit) zu erreichen. Nun erst befindet man sich im eigentlichen inneren Schlossbezirke, der alten Sultansresidenz. Das Schloss selbst besteht nicht mehr; es ward ein Raub der Flammen. Plier eingesperrte Frauen sollen den Brand entfacht haben. Theile des Schlosses sind noch erhalten, und die Gärten, sowie die herrliche Lage an der äussersten Spitze zwischen Bosporus und dem goldenen Horn konnten nicht zerstört werden. Der Schatzmeister mit einer grossen Zahl von Bediensteten wartete vor dem Gebäude, welches den Schatz enthält. Er nimmt einem Diener die Schlüssel ab und mit feierlicher Würde, als gälte es, ein Heiligthum zu öffnen, wurden die beiden eisenbeschlagenen Thüren aufgeschlossen, das an- geheftete Siegel entfernt. In drei Sälen ist der Schatz aufgespeichert; ungefasste Edelsteine und Perlen in offenen Schalen, Dolche und Schwerter funkelnd von Steinen, ein Thronsessel, welchen Sultan Selim I. im Jahre 1514 in Persien erbeutete, besetzt mit Rubinen, Smaragden und Perlen, ein zweiter Thron, in dessen Kuppel ein mehr als faustgrosser Smaragd hängt. Gold-und Silbergefässe, Gläser und Krystall, kurz ein fabelhafter Schatz liegt hier aufgehäuft. Ohne Ordnung ist Werthloses neben dem Kostbarsten aufgestellt. Der Beschauer muss selbst mit dem Auge das Sehenswertheste aus der funkelnden Masse heraussuchen. Im ersten Stockwerke stehen in langer Reihe an Puppen aufgehängt die Anzüge der Sultane von Mohammed II. dem Eroberer an bis Mahmud II. (1433—i83g). Es sind dies alte reiche Brocat- stoffe, mit Gold und Silber durchwirkt; im Gürtel steckt der Dolch, dessen Griff mit Edelsteinen besetzt oder aus einem Stück Smaragd geschnitten ist. Auf dem hohen weissen Turban prangt eine blitzende, funkelnde Aigrette. In der Nähe des Schatzhauses befindet sich ein Pavillon, welcher eine kleine kostbare Bibliothek enthält, ausschliesslich Manuscripte in türkischer, arabischer und persischer Schrift. Auch einige lateinische und griechische Plandschriften, die noch aus der kaiserlich byzantinischen Sammlung herrühren, sollen hier aufbewahrt sein. Eines der reichsten kleinen türkischen Bauwerke ist der im Garten befindliche sogenannte Bagdad-Kiosk. Ein viereckiges Gebäude mit weit überragendem Dach, aus welchem sich mehrere Kuppeln erheben, mit seinen schlanken Säulen, mit den farbenprächtigen Fayenceplatten an den Wänden, mit der harmonisch gemalten Holzdecke und den Stalaktitennischen ist das Ganze ein wahres Juwel orientalischer Baukunst. An Thüren und Fenstern reich mit Perlmutter, Elfenbein und Schildkrot eingelegtes Plolzwerk. Schwere Seidenstoffe bedecken die Möbel. Auf der Terrasse des Gartens, wo die Aussicht am weitesten, wo der Blick sich trunken in Europas und Asiens Schönheit verliert, ward uns, den Gästen des Sultans, Kaffee und Rosenconfiture angeboten. Wir schlürften den Mokka aus goldenen Schalen, während der uns begleitende Adjutant hungrig zusah. Durch den in Absätzen angelegten Garten stiegen wir zum Ufer hinab, wo ein mit acht Ruderern bemanntes Kaik des Sultans uns erwartete. Die Kaiks sind zierlich gearbeitete lange Kähne, welche den Verkehr im goldenen Horn, von einem Stadttheile zum anderen und zu den nächsten Orten des Bosporus vermitteln. Je nach der Grösse von einem bis zu zehn Mann gerudert, — nur der Sultan hat zwölf Ruderer — gleiten sie 250 pfeilschnell über den Wasserspiegel hin, geschickt den Dampfern und anderen Fahrzeugen ausweichend, welche den Hafen beleben. An der grossen Treppe des kaiserlichen Schlosses Dolmabagdsche legen wir an. Sultan Abd-ul Medschid baute diesen Palast und verliess die Residenz seiner Vorfahren im alten Serai. Auf blendend weissem Marmorquai erhebt sich der Riesenbau, ein goldenes Gitter schliesst ihn ab gegen das Wasser. Grosse Thore mit künstlerisch feiner, wenn auch etwas barocker Steinornamentik überwölben die Einfahrten von der Landseite. Ein wohlgepflegter kleiner Garten mit Myrthenhecken, Blumen, Cedern und sprudelndem Wasser umgibt die Residenz, welche jetzt nur einmal des Jahres für den grossen Empfang während des Beiramfestes vom Sultan besucht wird. Dann nimmt der Grossherr in dem prachtvollen, säulengetragenen Riesensaale, der das ganze Schloss überragt, die Huldigung der Würdenträger des Reiches entgegen. Die Räume des Palastes sind hoch und luftig, kostbare Teppiche dämpfen die Schritte, schwere Seide bekleidet die Wände, an denen manches treffliche Bild hängt. Das Juwel des Schlosses ist das Badezimmer. Es ist ganz aus dem schönen Alabaster von Beni Suef, ein Geschenk des früheren Khedive. Das Licht fällt gedämpft durch die in die Kuppel eingefügten Gläser ein, es wird aufgefangen von den feinen Säulchen und Ornamenten des gelben, weichen, durchschimmernden Steines. Der Orientale liebt die Nähe des Wassers und mit vollem Luxus stattet er seine Baderäume aus. Von Dolmabagdsche übersetzen wir den Bosporus, um das von Abd-ul Aziz erbaute und zeitweise bewohnte Marmorpalais von Bejlerbej zu sehen. Blendend weiss spiegelt sich 251 der edle, stolze Bau in den blauen Fluthen des Meeres, leuchtet hervor aus dem üppigen Grün eines schönen, ihn umgebenden Gartens. Marmorsäulen zieren die Fronten, tragen im Inneren die Decken der Stiege und der Säle. Auch dieser Palast ist verwaist, das Marmorbassin im grossen Saale des Erdgeschosses leer. Ausser dem Touristen erfreut sich Niemand der prachtvollen Aussicht, welche man durch die hohen Spiegelfenster der Zimmer geniesst. Schon beginnt der Verfall sich zu zeigen. Der Garten, in dem einige wilde Thiere, Reste einer Menagerie, aufbewahrt werden, ist ungepflegt; eine grüne Decke überzieht die Wasserbecken der ansteigenden Terrassen. Abd-ul Hamid, der jetzige Grossherr, meidet den Umgang, vernachlässigt die prachtvollen Bauten von Vater und Onkel; umgeben von einer Stadt von Kasernen wird er bewacht und gehütet von seinen Garden. 7. Mai. Den ganzen Tag den Bazaren gewidmet. Von Sadulah zu David Lewy, zu Sadik und wie sie alle heissen, die Türken, Armenier und Juden. Gestern war es blos das vorbereitende Sehen, heute dagegen der ernste Kauf. Aus immer höher sich aufthürmenden Teppichen müssen einzelne ausgesucht, zwischen Stoffen, Waffen, Pfeifen und so fort die Wahl getroffen werden. Es ist ein Stück schwerer Arbeit! Nachmittag Rundfahrt in die Umgebung der Stadt, auf staubiger Strasse, durch Felder und Gärten; erst der Heimweg am Jildiz-Kiosk vorbei, wundervoll schön. In den Thälern Kioske in dichten Baumgruppen, fortwährender Ausblick auf den Bosporus, die Stadt und das asiatische Ufer. Die kleine Moschee Hamidije ist die Gebetsmoschee des Sultans, wo alle Freitag der Selamlik, der Gang des Grossherrn zum Gebete, unter militärischem Pomp stattfindet. Sämmtliche Fremde strömen dann heraus, um das Schauspiel zu geniessen und den Nachfolger der Khalifen zu sehen. 252 8. Mai. „Rosina“, die kleine Dampfbarcasse des Botschafters; erwartete uns bei Tophane; Herr von Sch. und Baron Br. standen bereits am Ufer. Die Sonne schien prachtvoll; und so versprach denn die Fahrt auf dem Bosporus viel Vergnügen. Wir stossen ab, die Maschine setzt sich in Bewegung, die österreichische Flagge weht über dem Steuer. Der scharfe Kiel durchschneidet die Fluth, die in starker Strömung aus dem schwarzen Meere dem Marmara zueilt. Wo vorragende Landspitzen die Fahrstrasse verengen, fliesst das Wasser reissend dahin, die Oberfläche kräuselt sich und bildet Wellen und Wirbel; kleine Boote müssen hinaufgezogen werden, um die .Strömung, welche sechs Meilen in der Stunde beträgt, zu überwinden. Bei starkem Südwinde staut sich das Wasser und steigt bei Bujukdere um beiläufig einen Meter. Die Fahrt ist herrlich. Auf beiden Ufern Ort an Ort. Paläste in grossen schattigen, die Lehnen hinansteigenden Gärten spiegeln sich im durchsichtigen Wasser, auf dessen Grund Algen einen beweglichen Teppich bilden. Man fährt an Dolmabagdsche’s langer Front vorbei, dann an dem Palaste von Tschiragan. Von hohen Mauern ist er umgeben, Schildwachen halten jeden Besucher fern. Hier soll Murad V., der Freiheit beraubt, sein trauriges Leben führen. Niemand weiss, ob er noch lebt, Niemand darf mit den Bewohnern des Plauses in Berührung treten, Niemand die Mauern des Schlosses verlassen. Mit Haus und Hof ist hier der ehemalige Herrscher lebendig begraben; blos der Blick auf das Meer darf Murad erfreuen. Neben dem Schlosse in einem Kiosk ward Abd-ul Aziz ermordet. Blut ist der Grundton der Geschichte der Sultane! Alle Grossen des Reiches haben längs der Ufer ihre Sommerfrischen. Von Aussen wohl unansehnlich, müssen sie mit ihren vergitterten Fenstern ein prächtiger Aufenthalt sein. — 253 — Fort Europa im Bosporus. Man liebte es in früherer Zeit, die Pracht hinter ärm- “.AÄii liehen Pafaden zu verbergen, sonst riskirte man leicht die Sequestration durch den tyrannischen Grossherrn. Schöne Sitze haben Hamil Pascha, der jüngste Bruder des früheren Khedive, in Bebek und dieser selbst in Emirgian. Ismail Pascha hat selbst in der Verbannung die Liebe zum Bauen und Herrichten sich erhalten. Der grosse Park ist sorgfältig gepflegt, fein besandete Wege führen die Lehnen hinan. Ismail hat Europa gekannt und umgibt sich mit europäischer Ordnung und Reinlichkeit. Hätte er nicht zugleich die verschwenderische Prachtliebe und Gastfreundschaft des Orientalen, so wäre er heute noch im Parke von Gezireh Aegyptens glücklicher Herrscher. An der engsten Stelle des Bosporus ziehen alte Befestigungswerke und starke Thürme mit gezackter Brustwehr und crennelirten Mauern das Auge an: Rumeli und Anatoli Hissar. Hier übersetzte Darius den Bosporus, auf einem aus dem Felsen gehauenen Thronsessel verfolgte der Perserkönig den Bau der Brücke. Mohammed II. baute die Schlösser und Thürme vor der Einnahme Constantinopels und zwang mit seinen Feuerschlünden den Schiffen hohen Zoll ab. In die — 254 alten Festungswerke haben sich die jetzigen Bewohner eingebaut. Mehrere Häuser lugen hervor aus dem .Schatten der epheuumrankten Mauern und Wälle. In Jenikioi stiegen wir ans Land. Mich interessirte der Palast, den der Sultan unserer Regierung als Sommersitz der Botschaft geschenkt hat. Oft genug habe ich von ihm in den Delegationsverhandlungen gehört. Er war niemals ausgebaut und heute steht er mit seinen Marmorsäulen und Altanen als vollständige Ruine da und jeder Vorüberfahrende sieht es, dass wir nicht Geld genug haben, das Geschenk seiner Bestimmung zuzuführen. Im Oriente ist nur die Macht angesehen und mächtig, deren äusseres Auftreten auch vornehm ist. Ich wollte, wir bauten das Palais schnell wieder auf! Die Lage ist ausgezeichnet, der Garten steigt in Terrassen den Hügel hinan; er ist eine Wildniss und könnte ein Paradies sein. Deutschland, England, Frankreich, Russland, ja selbst Italien haben ihre eigenen Paläste in wohlgepflegten Parks, nur wir sind in der Miethe, weil wir den eigenen Besitz nicht in Stand setzen können! Therapia und Bujukdere sind der Sitz sämmtlicher fremder Vertreter, und zahlreiche Bewohner der Hauptstadt bringen hier ihre Sommer zu. Der Bosporus öffnet sich gegen das schwarze Meer, ein erfrischender Nordwind kühlt die heisse Luft; zahlreiche Gärten, schattige Thäler schützen vor den Strahlen der Sonne. Von Bujukdere machten wir eine Fahrt nach Belgrad, einem kleinen griechischen Dorf, malerisch in einer Lichtung des gleichnamigen Waldes gelegen. Ein wirklicher, wahrhaftiger, schöner, grosser Wald. Eichen, Ahorne, Buchen, Ulmen und edle Kastanien, gegen Norden auch Nadelhölzer bilden einen geschlossenen Bestand von bedeutender Aus- 255 dehnung. Der Wald ist gesetzlich geschützt und wird sorg- fältigst gepflegt, denn er bildet das Wassergebiet Constan- tinopels. In grossen, durch Thalsperren gebildeten Teichen (Bend) sammelt sich Quellwasser, Regen und Schnee. Aquä- ducte führen das Wasser in die grossen Reservoire von Stambul und Pera, von denen sich ein weit verzweigtes Röhrennetz über die ganze Stadt ausdehnt. Neben den Aquäducten verschiedener Sultane ist heute noch der von Kaiser Justinian in Benützung. Gute Strassen führen aus der Stadt wie aus Bujukdere in den Wald hinaus. Er ist ein beliebter Ausflugsort. Spät am Nachmittage war es, als wir die „Rosina“ wieder bestiegen und abwärts fuhren nach Galata. Das Wrack eines österreichischen Lloydschiffes „Mars“ ragt aus dem Wasser empor. Es ward im vorigen Herbste von einem russischen Dampfer angerannt und sank, zu Tod getroffen, auf den Grund. Passagiere und Mannschaft wurden gerettet; 800 Hammeln aber, die an Bord waren, verfielen den Wellen. Diesmal fuhren wir dem asiatischen Ufer näher. Es ist reicher bewaldet wie das europäische. Auch hier Paläste und Gärten; blühende Rosen, Glycinien, Paulownien zwischen schwarzen Cypressen, schirmförmigen Pinien, Platanen, Akazien und anderen Laubbäumen. In der Nähe von Bej- lerbej befindet sich auf dem sogenannten Kanonenhügel die Alarmstation für den Fall eines Brandes in der Hauptstadt. Kanonenschüsse bezeichnen je nach der Zahl die verschiedenen Stadttheile. Constantinopel besitzt ausser einer wilden, undisciplinirten, türkischen, eine durch Odön Szechenyi Pascha nach europäischem Muster organisirte Feuerwehr. Auf demThurme des Seraskierats und von Galata sind Feuerwachen postirt. Bei Ausbruch eines Brandes muss ein Mann bis zu der am Ende der Stadt befindlichen Kaserne laufen, — 256 — um die Löschmannschaft zu verständigen. Eine telegraphische Verbindung wurde nicht gestattet, ebensowenig als die Erlaubniss zu Telephonanlagen in Constantinopel gegeben wird. Kurz vor 12 Uhr nach türkischer, 7 Uhr nach unserer Zeit landeten wir bei Tophane. Ein heiteres Diner auf der Botschaft beschloss den Tag. IX. Die Heimfahrt. 9. Mai. chlechte Nachrichten aus der Heimat zwingen uns zur schleunigen Rückkehr. Oh, könnte man doch fliegen, um daheim Kummer und Sorge mit den Seinen zu theilen, um zu Hause zu sein, bevor Gott die edle, geläuterte, junge Seele zu sich nimmt. Unsere Gedanken und Gebete sind mit Dir, lieber Karl, und in treuester geschwisterlicher Liebe nehmen wir Theil an Deinem Schmerz. Der Tag verging mit Abschiedsbesuchen und Packen; die Audienz, die mir der Sultan für morgen nach dem Selamlik gewährt hatte, musste abgesagt und eine Reihe Photographien ausgesucht werden. Leider dürfen die Schlösser nur von Weitem aufgenommen werden; die blendenden Paläste mit der reichen Ornamentik, welche wie geschaffen für den Photographen sind, muss man im Gedächtnisse behalten, man darf sich nicht auf die Abbildung verlassen. Wir besichtigten auch noch die grosse Sulimanije- Moschee, welche Suliman der Prächtige in den Jahren 1560 bis 1566 erbauen liess. Mächtige Porphyrsäulen trennen den Mittelraum von den Seitentheilen. Aus rothem, weissem und Franz Graf Th., Eine Orientreise. 17 Heimkehr. f schwarzem Stein sind die Bögen geformt ; welche Decken und Kuppeln tragen. Stein und Holz wurde benutzt; um in feinster Filigranarbeit die Thore, Kanzeln und Pulte zu bilden. Auf der einen Seite stösst ein Friedhof an die Moschee, auf der andern befindet sich der von Arkaden umgebene grosseVorhof. Der Weg zum Hotel führte am Bazar vorbei; rasch wurden noch zwei Teppiche erstanden, dann aber der Abschluss gemacht mit der Orientreise und all ihren Versuchungen. Für vierzig Stunden sind wir eingepfercht im Orientexpress. Vorbei ist die Poesie der Reise. Geschäftsmässig, ein nummerirtes Gepäckstück, durcheilen wir den Balkan. Noch einen Blick auf den Bosporus, das alte Serai, das asiatische Ufer. Dann erscheint im Dunkel der Nacht das Schloss der sieben Thürme mit den Mauern der Stadt; das Marmarameer beschienen vom Monde. Von St. Stephano an war es finster, und erst bei Trnowa-Semenly erwachten wir am io. Mai. Wir hatten Adrianopel verschlafen, hatten, ohne uns dessen bewusst zu sein, bulgarischen Boden betreten. Die Bahn folgt dem Laufe derMaritza, welche, von den Frühjahrsregen hoch angeschwollen, an manchen Stellen aus ihren Ufern tritt. Eine weite, fruchtbare Ebene, dem Reis- und Getreidebau gewidmet; die beschneiten Höhen des Balkan; Philippopel, die auf zwei Hügeln aufgebaute alte Bulgarenstadt, .Sitz der ostrumelischen Regierung, bis Fürst Alexander Ostrumelien mit Bulgarien vereinigte; ärmliche Dörfer, aus langen Reihen von Lehmhütten bestehend; weidende Rinder und Pferde; der Landmann, auf den Feldern beschäftigt — setzten das Bild zusammen, an dem wir vorüberzogen. Ein Separatzug mit den Ministern Bulgariens, die sich nach Trnowa zur Eröffnung einer Bahnstrecke begaben, hält auf einer Station; der Fürst wird Samstag ebenfalls zur Feierlichkeit eintreffen. 259 Immer dem Laufe der Maritza folgend, die hier aber ein bescheidener Bach ist, steigt die Bahn zwischen dem Rho- dopegebirge und der Gredna Gora steil hinan und erreicht beim Passe Vakarell die Wasserscheide zwischen dem ägäi- schen und schwarzen Meere. Die Höhen sind grösstentheils bewaldet und manch hübscher Blick öffnet sich in die Seiten- thäler. Erst die Passhöhe ist kahl. Bald hinter Ichtiman erreichen wir das eigentliche Bulgarien, diese Schöpfung des Berliner Vertrages, dessen selbstständige freie Entwicklung sämmtliche Mächte zu schützen trachten gegen übergreifenden Einfluss des nordischen Kolosses. Bei Novi Han betritt die Bahn den weiten Kessel, in welchem die neue Hauptstadt des kleinen Eürstenthums liegt. Des Coburgers Fahne weht von dem Schlosse. Die schroffen Höhen der Stara Planina begrenzen die Ebene im Norden, während im Süden dichter Schnee den Gipfel des Vitosch bedeckt. Bei Slivnitza treten die Berge näher heran, bis man vor Pirot durch eine enge, wilde Felsschlucht fährt, in deren Sohle die Nischawa d'ahinbraust. Es ist eine wilde, interessante Strecke. Zwischen Slivnitza und Pirot fanden die Gefechte und Schlachten zwischen Serbien und Bulgarien statt. Bis Pirot drängte der siegreiche Battenberger die serbische Armee zurück; noch sieht man Erdwälle und verfallene Häuser, welche an die hartnäckigen Kämpfe erinnern. n. Mai. Bei Nacht übersetzten wir die Donau zwischen Belgrad und Semlin. Wir sind im geliebten Oesterreich. Durch die unabsehbaren Ebenen Ungarns, an dessen blühender Plauptstadt vorbei, zwischen Wäldern und Feldern rast der Orientexpress dahin. Der gute alte Stephansthurm winkt uns freundlich entgegen. , Wir sind am Ende unserer Reise, das Tagebuch wird geschlossen, um in späteren Jahren vielleicht noch manchmal von mir durchblättert zu werden. Dann wachen die Erinne- 17 ' - 2Ö0 —• rungen wieder auf an alles Gesehene. Das Pharaonenland im glühenden Sonnenlichte, mit Fruchtbarkeit und Wüste, Pyramiden und Moscheen; — die geheiligten Stätten des gelobten Landes, die Wiege des Kreuzes, die Sehnsucht frommer Christenheit; — Damaskus, die Perle des Orientes, in ihrem Blumengürtel; — Perikies’ Bauten, der alten Götter Tempel und Säulen und der Bosporus mit dem goldenen Plorn. Das Alles wird wieder erscheinen in voller Lebhaftigkeit vor dem geistigen Auge. Es wird eine Reise in Gedanken sein; mög’ sie mich ebenso freuen wie die wirkliche Reise zu Wasser, zu Pferd und zu Land, die ich soeben glücklich beendet habe. » 4 - T i & S mm, Erasâ mm mm f&'W*rw wm mm tsSZMi WS® ft« mm m m m m m. % m m m TMW-Bibliothek 00810199 Technisches Museum Wien Bibliothek