TMW- Bibl WA 87/1 MUNG 双 WA 8 7 1 1 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. BERGBAU UND HÜTTENWESEN. ( Gruppe I.) MONTANPRODUCTE MIT AUSNAHME DER FOSSILEN BRENNSTOFFE. ( Gruppe I, Section 1.) BERICHT VON DR. FRANZ V. VIVENOT. BUCHERE YUSEL WIEN. Technologisches Gewerbe-* e* m WIEN DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. BE VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. MONTANPRODUCTE MIT AUSNAHME DER FOSSILEN BRENNSTOFFE. ( Gruppe 1, Section 1.) Bericht von DR. FRANZ V. VIVENOT. Wenngleich die Wiener Weltausstellung vom Jahre 1873, die Stätte friedlichen Wettftreites aller Culturvölker der Erde, auf Jedermann einen überrafchenden Eindruck ausüben musste, fo vermag doch wohl nur der Fachgenoffe jedes einzelnen Zweiges zu beurtheilen, welcher Aufwand von geiftigen und phyfifchen Anftrengungen erforderlich ift, um alle Kräfte und Beftrebungen der Induſtrie und der Cultur zu jener Entfaltung zu bringen, wie diefs eben auf der jetzigen Ausftellung der Fall war. In diefer Hinficht bot die Gruppe I, Berg- und Hüttenwefen, ein wahrhaft impofantes Bild dar und legte ein würdiges Zeugnifs davon ab, welche hohe Stufe der Entwicklung die Montaninduftrie in unferen Tagen erreicht hat. Obfchon eine vergleichende Betrachtung der verfchiedenen Länder und Staaten hinfichtlich ihrer ausgeftellten Objecte dadurch eine etwas fchwierigere war, als zur Grundlage die geographifche Reihenfolge der Länder auf der Erde diente, mithin die einer Gruppe angehörigen Gegenftände nicht concentrirt werden konnten, fo ift doch dadurch eine wefentliche Verbefferung gegen die Parifer Ausftellung erzielt worden, dafs man die fämmtlichen geologifchen Karten, Gefteinfammlungen und Steinbruch Producte naturgemäfs in der Gruppe I vereinigte. Der vorliegende Bericht behandelt nun alle Bergbau- Producte, ausfchliefslich der foffilen Brennftoffe: des Torfes, der Lignite, der Braun- und Steinkohlen, die einer gefonderten Berichterftattung vorbehalten blieben. Eine auffallende Thatfache ift entfchieden die, dafs Länder, welche reich an Mineralproducten der verfchiedenften Art find, nicht in jener Weife auf der Ausstellung vertreten waren, wie diefs in Anbetracht des erwähnten Umftandes hätte fein können und auch zu erwarten ftand. GJ 2 Dr. Franz v. Vivenot. In diefer Beziehung ift es zunächft das vereinigte Königreich Grofsbritannien fo weit es nicht die Colonien betrifft welches nur fpärlich feine Montanproducte zur Schau ftellte. Auch Belgien und Frankreich dann Brafilien - hätten weit beffer vertreten fein können. In wirklich grofsartiger Weife aber, was fowohl Quantität als Qualität der ausgeftellten Objecte betrifft, hat fich Oefterreich- Ungarn, Deutſchland und Schweden- Norwegen an der Ausftellung betheiligt, und find fchon die Specialkataloge diefer Länder, wobei der von Schweden in erfte Reihe geftellt werden mufs, von grofsem Werthe. Dem entſprechend foll auch bei der nachfolgenden Berichterstattung zuerft Oefterreich- Ungarn, dann Deutfchland und Schweden behandelt werden, woran fich weiter die übrigen europäifchen Länder, dann jene von Afien, Afrika und Amerika in alphabetifcher Reihenfolge anfchliefsen, während die Colonien bei ihren Mutterländern in Betracht kommen. Oefterreich- Ungarn. Ein wahrhaft unübertreffliches Bild bot der Pavillon des k. k. AckerbauMinifteriums, wofelbft nicht nur der Inhalt einen hohen Werth repräfentirte, fondern auch bezüglich der Anordnung der ausgeftellten Objecte Treffliches geleiftet wurde. Zunächft foll die, gleichfalls in dem Pavillon des Ackerbau- Minifteriums ausgeftellte Collectivausftellung der Staatsfalinen näher erörtert werden. In der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie ift das Salz( Chlornatrium) ein Gegenftand des Staatsmonopols, und find gegenwärtig in Cisleithanien für den eigenen Bedarf und für jenen einiger angrenzenden Theile ungarifcher Länder, wie endlich für den Export in das Ausland 18 Staatsfalinen und 5 Salinen von Privaten in Thätigkeit, von welch' letzeren das Salz um fixirte Preife per Centner von der k. k. Finanzverwaltung eingelöft wird. Das Salzmonopol hat in Cisleithanien in den letzten drei Monaten ein durchſchnittliches Reinerträgnifs von 16,000.000 fl. öfterr. Währung geliefert. Die gegenwärtig von der Finanzverwaltung in eigener Regie betriebenen Salinen find die folgenden: 1. Ebenfee, 2. Ifchl, 3. Hallftadt in Oberösterreich, 4. Auffee in Steiermark, 5. Hallein in Salzburg, 6. Hall in Tirol, 7. Wieliczka, 8. Bochnia, 9. Lacko, 10. Stebnik, II. Drohobycz, 12. Bolechow, 13. Dolina, 14. Delatyn, 15. Lanczyn. 16. Koffow in Galizien, 17. Kaczyka in der Bukowina und endlich 18. Stagno ( Seefaline) in Dalmatien. Die Producte fämmtlicher 18 Staatsfalinen waren in äufserft inftructiver Weife aneinander gereiht und wurden diefelben als Formatftücke 1), Naturalftücke 2). Bergkerne), Minutien 4) und Mahlfalze der öfterreichifchen Länder, Blank- 5) und Stöckelfalze 6) aus den Alpen, Seefalz aus dem Küftenlande, Fabriks- und Dungfalze, Soolen, Mutterlaugen und Abfälle zur Anfchauung gebracht. Hieran fchlofsen fich Handftücke der Salzformation, von Polyhalit( Gyps mit Kalifalzen), von Gyps, Breunerit, Anhydrit und endlich von jenen Gefteinen, welche die Salz- Lagerftätten begleiten. 1) Formatftücke find geformte Steinfalz- Bruchftücke. Naturalftücke find ungeformte Steinfalz- Bruchftücke. 3) Bergkerne find kleinere oder gröfsere Partien von reinem Salz aus dem Hafelgebirge ( Maffe des Salzlagers). 4) Kleine Steinfalz- Bruchftücke. 5) Lofes Sudfalz. 6) Geformtes Sudfalz. Montanproducte. 3 Befonders hervorgehoben zu werden verdienen ein Obelisk aus Wielickaer Steinfalz und ein folcher aus geformtem Sudfalz; ferner eine mächtige Gruppe von wafferhellen Steinfalz- Würfeln, welche fechs Zoll und darüber Kantenlänge befitzen, aus der Salzkammer ,, Erzherzogin Gifela" gleichfalls von Wielicka. Zahlreiche, bis in die kleinften Details ausgeführte Modelle der einzelnen Salzbergwerke und deren Werksanlagen, darunter insbefondere das Ebenfeer Sudwerk und die Soolenleitung über das Gofauthal zwifchen Ifchl und Hallftadt, ferner verfchiedene Apparate, Grubenpläne und Karten, darunter der Grundrifs des Auffeer Salzberg- Baues vom Jahre 1611 auf Pergament gezeichnet, endlich die bei dem Salzbergbaue in Verwendung kommenden Werkzeuge und Geräthfchaften gaben ein vollſtändiges Bild über die Entwicklung diefes Montanzweiges. Die Menge der Salzerzeugung betrug in Wiener Centnern: in den Jahren Steinfalz, I, 255.444 Sudfalz, 1,878.779 1841 1851 1,306.924 2,164.019 1861 1,607.297 2,336.234 1871 1,662.996 2,633.579 1872 1,740.920 2,610.744 fomit im Jahre Seefalz. 8.038 19.817 46.286 32.821 II. 144 1872 gegenüber 1841 mehr 39% 39% 39% Im Privatbetriebe befinden fich drei Salinen, und zwar der Kli- Bergbau und Saline zu Kalusz in Galizien, von welcher Sylvin mit blauem Steinfalz, Grubenkarten und Pläne ausgeftellt waren; dann die zu Pirano und Capo d'Iftria in Iftrien und zu Pago und Arbe in Dalmatien. im Jahre Die Production der eben genannten Seefalinen betrug: 1841 1851 1861 1871 1872 an Seefalz: 789.955 528.872 702.902 623.292 686.738 Wiener Centner. Der Werth der Production bei den Staatsfalinen betrug im Jahre 1871 19,880.544 fl. öfterreichifcher Währung und waren bei denfelben 9720 Arbeiter befchäftigt. Wenden wir uns nun der Montanausftellung des k. k. AckerbauMinifteriums zu, fo dürfte fich felbft der Laie des Urtheiles nicht haben entfchlagen können, dafs hier ein unübertreffliches Bild über die Bergbau- Thätigkeit Cisleithaniens gefchaffen wurde. Folgen wir dem vorgezeichnet gewefenen Wege, fo feffeln das Auge in erfter Reihe die Montan- Production, welche durch eine grofse Anzahl von Karten, darftellend die Mengen und den Werth der erzeugten Bergwerks- Producte in der Zeit von 1855 bis 1871, wofelbft eine ftete Zunahme ftattfand, fowie die Ver theilung der Bergwerks- Producte( Betriebsjahr 1871) und ihrer Werthe auf die einzelnen Länder verfinnlicht wurde. Hieran reihten fich äufserft inftructive Karten über die geographifche Vertheilung der Grubenmafsen- Flächen, die Freifchurf- Gebiete, endlich der beim Bergbau im Jahre 1871 verwendeten Menfchen-, thierifchen und Mafchinenkräfte. Von grofsem Intereffe waren befonders für den Fachmann die auf fchwarzem Carton mit Kreide gezeichneten Vortragszeichnungen der Bergakademien zu Přibram und Leoben, wie die vom k. k. Ackerbau- Minifterium herausgegebenen Druckfchriften, insbefondere die ,, berg- und hüttenmännifchen Jahrbücher". Hervorgehoben möge werden, dafs zu Beginn des Jahres 1872 von Seite der Bergbehörden 36.705 Freifchürfe( in Cisleithanien) beftätigt waren, welche eine Grundfläche von faft 362 Quadratmeilen bedecken. Auf einer Fläche von 22 35 Quadratmeilen( 1286 Myriameter) wird thatfächlich Bergbau betrieben und betrug die Zahl der verliehenen Grubenmafsen 28.508. I* 4 Dr. Franz v. Vivenot. Dem Kohlen- und Eifenftein- Bergbau fällt der gröfste Theil an Freifchürfen zu. Nachftehende Tabelle diene zur Veranfchaulichung der BergwerksProduction im Jahre 1871, wobei jedoch auf beide Reichshälften, Oefterreich und Ungarn Rückficht genommen ift. Art der Werke Zahl d. Werke in Oefterreich Zahl der Arbeiter in Oefterreich Menge der Production in Centnern Werth der Production in Gulden ö. W. Silber Oefterreich Ungarn Zufammen Oefterreich Ungarn Zufammen Eifenerze. Zinkerze Bleierze Kupfererze 241.107 241.107 160 10.285 15,427.952 5,441.815 20,869.767 3,031.308 712.684 3,743.992 159.296 159.296 773-551 201.131 974.682 332.983 734.217 1,067.200 2,642.020 1,785.309 4,427.329 16 712 57 3.299 I5 1.315 57 144.461 30.495 174.956 431.794 416.916 848.710 Andere Erze 105 7.838 1,156.022 2,671.636 3,827.658 Vitriolerze Alaunerze Andere Mine. I2 143 965.761 175.500 1,141.261 rale. 15 704 23.028 16.290 39.318 223.504 816.406 1,039.910 133.415 167.051 300.466 Zufammen. 380 24.296 18,590.601 9,552.768 28,143.369 7,095.001 3,616.682 10,712.283 Uebergehend auf die Ausftellungsgegenstände der ärarifchen Montanwerke, ift es zunächft das altberühmte Silber- und Bleibergwerk Přibram in Böhmen, welches Werk am reichften vertreten war. Hier fah man eine mächtige Silberplatte von 1015 Zollpfund. Die in diefem Silberblick fehr deutlichen. Eruptionskegel, welche beim Spratzen entſtehen und ein befonderes Intereffe haben mit Rückficht auf die in neuerer Zeit von Profeffor Dr. v. Hochftetter*) beim Erftarren von Schwefel beobachteten Eruptionskegel, waren aufser an diefem Silber noch an zwei Stücken auf der Ausftellung zu bemerken. Das eine war von der Bergwerks- Gefellſchaft Georg Giefche's Erben zu Breslau ausgeftellt, das andere von der Société anonyme du Bleyberg in Belgien. Dann war exponirt: ein hoher, aus lauter Gangftücken aufgebauter Obelisk, ferner das feltene Vorkommen von Haarfilber( gediegenes Silber), Bleiglanz( Galenit), Kampylit( Trauben- Bleierz), Cerusit( Weifs- Bleierz), Wulfenit ( Gelb- Bleierz), Calcit, Baryt( Schwerfpath), Rhodochrosit( Manganfpath), Quarz, Göthit( Sammtblende), Pyrit, Boulangerit, Uran- Pecherz etc. Eine Anzahl von Karten, Modellen und graphifchen Darftellungen diente zur weiteren Erläuterung. Unter letzteren war befonders jene, welche die ver fchiedenen Schachttiefen des Werkes illuftrirte, von hohem Intereffe. Danach ift der Adalbert- Schacht 3000 Fufs tief und 1200 Fufs unter dem Niveau des adriatifchen Meeres gelegen. In 121 Jahren hat die gefammte Silberproduction Přibrams 996.445 Münzpfund betragen. Die letzten zehn Jahre participirten daran mit einer Erzeugung von 285.941 Münzpfund, das find 28.7 Percent. Joachimsthal in Böhmen ift durch Glaserz vom Geiftergang, ein durch die Gröfse feiner Kryftalle ausgezeichnetes Rothgiltigerz, Sternbergit, Rittingerit des neuen Vorkommens mit Silberkies und Leberkies, Eliasit, Uranerz, Voglit und dergl. vertreten. Erwähnt mag noch werden, dafs Rittingerit, Silberkies und Eliasit nur von Joachimsthal bekannt find. *) Ueber den inneren Bau der Vulcane und über Miniaturvulcane aus Schwefel, ein Verfuch, vulcanifche Eruptionen und vulcanifche Kegelbildungen im Kleinen nachzuahmen, von Profeffor Dr. Ferd. v. Hochftetter, Sitzungsbericht der kaiferlichen Academie der Wiffenfchaften zu Wien. LXII. Band, II. Abtheilung, November 1870. Montanproducte. 5 Von Idria in Krain, der an Ergiebigkeit zweitgröfsten Quecksilber- Grube Europas, waren Stufen von Queckfilber-, Zinober-, Stahl- und Korallenerz Zinobervaritäten), ein gufseiferner Keffel mit 15.000 Pfund Queckfilber, ferner eine Sammlung von Gefteinen und foffilen Reften aus der Umgebung von Idria nebft einer dazu gehörigen geologifchen Karte von Bergrath Lipold, fowie mehrere andere auf die Werksanlagen, den Betrieb und dergl. Bezug habende Karten und graphifche Darftellungen ausgeftellt. Die Queckfilber Erzeugung erreichte im Jahre 1872 die Höhe von 6847 Wiener Centner und im Ganzen feit dem Jahre 1823 inclufive 1872 von 28,000.000 fl. öfterr. Währung. Das Kupferwerk zu Brixlegg in Tirol war illuftrirt durch fyftematiſche Sammlungen feiner Ganggefteine und Erze. Swoszowice in Galizien ftellte feine Schwefelftufen aus. Die in ärarifcher Verwaltung ftehenden Bergwerke des griechifch- orientalifchen Religionsfondes in der Bukowina ftellten Erze und Karten aus. Der Ausftellung des Ackerbau- Minifteriums reihten fich die befonders reichhaltige und intereffante der Banater Eifen- und Kohlenwerke der StaatsbahnGefellſchaft, jene der Eifeninduftrie Steiermarks und der Pavillon der Kärntner Eifen-, Blei- und Zinkinduftrie würdig an. Die fteierifchen und kärntnerifchen Eifenerze( Spath- Eifenftein und BraunEifenftein) Bleiglanz, Galmei und Zinkblüthe waren in fehr reicher Auswahl vorhanden. Von Mineralien find noch zu nennen: Eifenblüthen von Eifenerz in Steiermark und Hüttenberg in Kärnten, Wulfenite( Gelb- Bleierz) und Anglefite von Bleiberg und Schwarzenbach in Kärnten, dann Vanadinite von Petzen in Kärnten eine hübfche Sammlung von Vanadiniten hatte auch Graf Guftav Egger ausgeftellt dann opalifirende Mufchelmarmore von Bleiberg. Ausserdem waren zahlreiche geologifch- montaniftifche Karten über die Baue von Kärnten nebft Modellen vorhanden. - - Das kärntnerifche Landesmufeum betheiligte fich auch mit einer ausgewählten Sammlung kärntnerifcher Mineralien, worunter fich ein Prachtftück von Wölchit von St. Gertraude, Plumbo calcit von Bleiberg, Gold aus dem im 17. Jahrhunderte fo ergiebigen Bergbau von der Goldzeche etc., dann Prehnit, Apatit, Rutil, Karinthin von der Sau- Alpe und Ullmanit vom Hüttenberger Erzberg befanden. Zur Vervollſtändigung der vorerwähnten Sammlungen trug in hohem Mafse noch bei die in der Abtheilung des k. k. Unterrichtsminifteriums befindliche Ausftellung der k. k. geologifchen Reichsanftalt in Wien, welche durch eine Menge von Arbeiten und lehrreichen Sammlungen ein glänzendes Zeugnifs über ihre mehr als zwanzigjährige Thätigkeit lieferte. Was fpeciell die Sammlungen betrifft, fo waren diefelben fo fyftematiſch und zweckmäfsig angeordnet, dafs auch in diefer Hinficht das vollfte Lob gefpendet werden mufs. In erfter Reihe erwähnenswerth ift die grofse geologifche Ueberfichtskarte der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie in zwölf Blättern, vom Director diefer Anftalt, Herrn Hofrath Dr. Ritter v. Hauer. Auf der Parifer Ausstellung waren bereits zwei Blätter diefer fchönen Karte exponirt gewefen. Die gröfste aller ausgeftellt gewefenen Karten ift jene eines Theiles von Iftrien, bearbeitet vom Bergrath Dr. Stache im Mafsftabe von 1: 28.800, worauf die Art der Ausführung, wie durch die Anftalt die Originalaufnahme gefchehen, erfichtlich gemacht ift. Ferner möge noch befonders erwähnt fein die Karte über Production, Conumtion und Circulation des foffilen Brennftoffes für das Jahr 1872 von Bergrath Foetterle, endlich eine geologifche Karte von Wiens Umgebung von Theodor Fuchs und ein geologifches Prophil der Trace der neuen Wiener Wafferleitung. Die von der Anftalt ausgeftellte Sammlung von 1600 Nummern zerfiel in drei Abtheilungen. Den Anfang bildeten die Erze, beginnend mit den Golderzen, und war man bemüht, die verfchiedenen Erzlagerftätten in, durch die Art ihres Vorkommens 6 Dr. Franz v. Vivenot. charakteriftifche Gruppen zu bringen, wodurch eine rafche Orientirung ermöglicht war. Den Erzen fchloffen fich endlich die Vorkommen von Graphit, Petroleum, Erdwachs und bituminöfen Schiefern an. Die nächfte Abtheilung bildeten die foffilen Brennftoffe, die dritte Abtheilung hingegen eine Sammlung fämmtlicher Baumaterialien, beftehend aus Würfeln von fechs Zoll Kantenlänge. Diefe Sammlung, welche von allen Seiten unterſtützt, in dem kurzen Zeitraume von kaum einem Jahre, wenn auch nicht vollſtändig, fo doch die wichtigften Vorkommniffe repräfentirend, vom Bergrath Wolf zufammengeftellt wurde, war geographifch nach Ländern angeordnet. Hieran fchlofsen fich verfchiedene Vorkommniffe von Dachfchiefern, hydraulifchen Kalken, Porcelanerden u. dergl. Schliefslich mufs noch befonders zweier rein wiffenfchaftlicher Sammlungen gedacht werden, und zwar der paläontologifchen Sammlung der in Oefterreich vorkommenden Formationen, bearbeitet vom Bergrath Stur, und jene, im Laboratorium der k. k. geologifchen Reichsanftalt durch Bergrath Carl Ritter v. Hauer erzeugten Sammlung von künftlichen Kryftallen. Im Hofe der Abtheilung I der öfterreichifchen Ausftellung waren Erdöl und Ozokerite von Boryflaw in Galizien, Graphite von den fürftlich Schwarzenberg'fchen Gruben im Böhmerwalde und von der Mugrauer Gewerkschaft dafelbft, von Wolmersdorf bei Raabs, Lichtenau, Brunn und Taubitz in Niederöfterreich, von Iglau und Kunftadt in Mähren, von St. Lorenzen, von Wald und Hochtauern in Steiermark ausgeftellt. Gleichfalls aus Steiermark waren Talk von Mautern, Kapfenberg und von den Gruben des Herrn Wiffiak, vom bekannten Nickelund Arfenwerk zu Schladming waren Kupfernickel, Gersdorffit und Arfenik exponirt. Das reiche Antimonwerk zu Millefchau in Böhmen lenkte die Aufmerkfamkeit auf fich durch einen Antimonitblock von 2308 Zollpfund. Punnau in Böhmen ftellte ebenfalls Antimonit aus. Vom reichen böhmifchen Bleibergwerk zu Mies waren unter Anderem Drufen von grofsen Bleiglanz- Kryftallen, von Peggau in Steiermark Bleiglanz und dichter Baryt, von Okozelka in Krain Piauzit und Kohle vorhanden. Von Krain war noch Bauxit aus der Wochein, verfchiedene Eifenerze, Bleiglanz und Queckfilber von Knapous zu fehen. Kalusz hatte in diefer Abtheilung grofse Blöcke von Kainit. Die im Reichenberger Kammerbezirke vorkommenden Mineralien hatte Herr Pollak hübfch zufammengeftellt, von dem k. k. penfionirten Bergmeifter Florian Vogel in Platten erregte eine geologiſche Reliefkarte, welche vom Fabriksdirector Speck ausgeführt war, verdientes Auffehen. Die durch Barrande's claffifche Forfchungen zur Berühmtheit gelangten Verfteinerungen der Silurformation repräfentirte Med.-Dr. Schary aus Prag in fehr fchönen Exemplaren. Ebenfalls in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung hatte der k. k. Sectionsgeologe Julius Niedzwiedzki eine Sammlung von Mineralien, die in Oefterreich häufig oder in grofsen Maffen vorkommen, für den Unterricht an Mittelfchulen zufammengeftellt. Vom Realfchul- Director Eduard Döll in Wien war hier eine Sammlung feltener öfterreichifcher Mineralien in ausgezeichneten Exemplaren( Tellur von Fazebay, Tellur- Sibergold von Szekerembe, Kenngottit von Felföbanya, Wagnerit von Werfen, Cronstedtit von Příbram, kryftallifirter Muriacit von Auffee u. f. w.), einige Meteorite von Knyahinya( 1866) von fehr intereffanter Form und Oberflächen- Befchaffenheit, inftructive Pfeudomorphofen, das OriginalAreometer von Mohs, Kryftallmodelle aus Holz von Haidinger gefchnitten, welche zu den erften derartigen Modellen gehörten, die von Haidinger zu feinen optifchen Unterfuchungen benützten Doppelfpathe, deffen dichrofkopifche Loupe und optifche Präparate aufgeftellt. Was Ungarn und die Länder der ungarifchen Krone betrifft, fo war vom königlich ungarifchen Finanzminifterium eine Sammlung von Bergwerks- Producten Montanproducte. 7 und Mineralien, von der königlich ungarifchen Bergdirection zu Marmaros- Szigeth eine mächtige Salzpyramide ausgeftellt. Die königliche Bergakademie Chemnitz exponirte eine Lehrmittel- Sammlung, während das königlich ungarifche geologifche Inftitut zu Peft, unter Leitung des Herrn Directors Max Hantken durch Druckwerke, geologifche Aufnahmskarten, petrographifch- geologifche und paläontologifche Sammlungen vertreten war. Hier möge auch der vom Director Hantken ausgeftellten fyftematifchen Sammlung präparirter Nummuliten fammt einer geologifchen Tafel Erwähnung gefchehen, wie auch der von Profeffor Szabo in Peft zufammengeftellten Sammlung jüngerer Eruptivgefteine und einer von F. Herbich zufammengeftellten Sammlung fiebenbürgifcher Eruptivgefteine. Von den ausgeftellt gewefenen Mineralien find erwähnenswerth: kryftallifirtes Gold von Felföbanya und Abrudbanya, Blättertellur von Nagyay, Schrifttellur von Offenbanya; Silbererze, Eifen-, Kupfer-, Chrom- und Bleierze von verfchiedenen Fundorten, Kobalterze von Libethen und Kolbay, Opale von Czerwenitza, Alabafter von Leutfchau, Grahpit von Brood, Amethyfte von Schemnitz, Baryte von Felföbanya, dann Queckfilber- Fahlerz, ausgeftellt von der oberungarifchen Waldbürgerfchaft. Deutfches Reich. Ehe die befonders erwähnenswerthen Objecte diefer grofsartigen Ausftellung in Betracht kommen, möge zunächft darauf verwiefen werden, dafs feit der letzten Parifer Ausftellung auf dem Gebiete des deutfchen Bergbauwefens enorme Fortfchritte zu verzeichnen find, die fich in einer riefigen Steigerung der Productionshöhe kundgeben und dadurch erzielt wurden, dafs in umfangreicher Weife ftatt der Menfchenkräfte mechanifche Mittel in Anwendung kamen. Nach den amtlichen Tabellen, welche über die Ergebniffe des Bergbaues im Zollverein für die Jahre 1861 bis 1870 veröffentlicht worden find, betrug der Gefammtwerth aller geförderten Montanproducte, ausfchliefslich des Salzes, im Jahre 1861 63.454.430 fl. Silber, 122,571.922" وو " 1870 79 Stellt man diefe Productionswerthe einander gegenüber, fo ergibt fich für das letztere Jahr eine Zunahme um 93 Percent, an welcher hauptfächlich die Kohlen- und Eifenerz- Bergbau betheiligt war. Es möge nur erwähnt werden, dafs fich der Werth der geförderten Kohlen von 1867, wo er 581 Millionen Gulden betrug, auf 91% Millionen Gulden im Jahre 1871 gehoben hat, jener der Eifenerze von 7 Millionen Gulden auf 12 Millionen Gulden Silber fteigerte. Der Werth aller zur Zeit in Deutfchland geförderten Bergwerksproducte dürfte fich auf 150 Millionen Gulden jährlich beziffern, während die gefammte Bergwerks-, Hütten- und Salzwerksproduction von 3102 Millionen Gulden im Jahre 1867 auf mehr als 375 Millionen Gulden, mithin um 20.8 Percent im Jahre 1871 fich fteigerte. Die Salzproduction Deutfchlands hat im letzten Jahrzehnt durch die Aufdeckung mächtiger Steinfalzlager eine erhebliche Zunahme erfahren und ift in die Zeit von 1861 bis 1870 von 6.517.966 Centnern auf 14,187.085 Centner, alfo mehrals das doppelte angewachfen. Hiebei kommt lediglich die ftärkere Steinfalzförderung in Betracht, während die Kochfalz- Gewinnung faft unverändert blieb. In dem berühmten Stafsfurter Werke in Preufsen wurden im Jahre 1871 allein 4,169.000 Centner, darunter 3,203.000 Centner Kalifalze und Kieferit gewonnen. Ausserdem find neue Steinfalzlager bei Spremberg in der Mark Brandenburg, bei Inowraclaw( Pofen) und bei Segeberg( Holftein) erbohrt worden. Nachftehende Tabelle der Productions- Ueberficht der Bergwerke und Salinen Deutfchlands diene zur weiteren Erläuterung. K 8 Dr. Franz v. Vivenot. Vitriolerze Allaunerze. Andere Minerale. Art der Werke Baiern, Sachfen, Württemberg Preufsen mit Lauenburg Gefammtreich Deutſchland 1870 ohne Elfafs Lothringen. Zahl der Werke Zahl der Arbeiter Menge der Production in Centnern Werth d. Production in fl. ö.W.Silber Baiern, SachPreufsen mit Lauenburg fen, Württemberg Gefammtreich Preufsen Baiern, mit Lauenburg Sachfen, Württemberg Gefammtreich Preufsen Baiern, mit Sachfen, Lauen- Württemburg berg Gefammtreich I. Bergwerke. Eifenerze 1.065 130 Zinkerze 68 Bleierze 173 I 1.258 22.902 72 9.714 174 18.049 1.320 24.973 53,528.008 2,851.450 9'797 8 18.057 Kupfererze. 36 39 6.038 6.156 Andere Erze. 70 214 359 977 9.735 II.333 7,271.658 1,977.160 4,082.954 257.864 511.458 u. 1066Münz- u. 1066 Münz60 58,550.539 9,824.689| 7,335.603 3,455.892 2,111.810 7,656.768 4,147.627 2,383.988 839.190. 575.010 180 10,675.242 583.459 8.859 317.800 2,184.015 3,473.144 8,266.852 2,429.907 2,577.165 II. Salinen. Steinfalz. Koch- und Sudfalz • pfund pfund 16 5 24 640 45 3 381 3 3 80 Zufammen. 1.812 48 433 3.545 285 3.840 398 2.362 61.945 11.393 74.951 70,027.755 707 88 1,969.301 350.540 590.270 45.359 2,054.836 351.140 557.75I 18.317 33.692 609.133 18.636 49.558 652.052 924.939 19.659 946.767 3,457.885 76,042.797 25,140.144 3,404.8741 28,996.846 u. 1066 Münz- u. 1066 Münzpfund pfund 2 8 4 34 I I 547 61 1.766 344 1.454 4,063.056 542 3.156 3,380.013 901.666 1,336.656 Zufammen. 36 15 69 2.313 886 4.610 7,443.069 2,238.322 8,913.875 841.133 233.239 5,745.115 2,098.489 922.730 14,658.990 2,939.622 1,155.969 2,075.284 3,814.691 5,889.975 I. und II.. 1.848 413 2.431 64.258 12.279 79.561 77,470.824 u. 1066Münz- u. 1066 Münz5,696.207 90,701.787 28,079.766 4,560.843 34,886.821 pfund pfund Montanproducte. 9 Von den exponirten Gegenftänden beanspruchten zunächft die vollfte Aufmerkfamkeit die von Stafsfurt, dem anhaltifchen Leopoldshall und dem württembergifchen Friedrichshall vorhandenen Steinfalze und Kaliverbindungen. Von Stafsfurt machten die fchönen Sylvinkryftalle( Chlorkalium) Auffehen. Friedrichshall hatte einen riefigen Block von weifsem Kryftallfalz ausgeftellt, welcher Spaltungsstücke von der Gröfse der bekannten Wieliczkaer Stücke lieferte. Von Stafsfurt war aufserdem Kainit, Tachydrit und Borazit ausgeftellt. Derbes Sylvin, Carnallit und Kieferit, welches in Stafsfurt wie Leopoldshall vorkommt und Aftrakanit von Leopoldshall waren gleichfalls zu fehen. Zahlreich und fchön waren auch die in neuerer Zeit für die Landwirthfchaft fo wichtig gewordenen Phosphate( Staffelite) von der Lahn vertreten. Die Bergbaue zu Freiberg in Sachfen, Andreasberg und Clausthal am Harz, die königliche Friedrichshütte bei Tarnowitz in Schlefien und die Werke im Mannsfelder Kupferfchiefer waren prächtig repräfentirt; nicht minder hatten Heffen, Baiern, Elfafs- Lothringen ausgeftellt, von letzterem waren auch Foffilien da; von Müfen in Rheinpreufsen war Kobaltnickel( Müfenit) ausgeftellt. Freiberg, Andreasberg und Clausthal brachten Silber und Bleierze, Sachfen auch Nickel, Wismuth und Kobalterze, Altenberg bei Aachen Zinkerze, Commern in der Eifel die Knottenerze( Bleiglanz- Körner in buntem Sandftein) und Stollberg Blei- und Zinkerze. Befonders hervorgehoben müffen fchliefslich noch zwei ausgeftellt gewefene Manganite von Ilefeld im Harz werden. Die Bernfteingräbereien an der Oftfee hatten mehrfach ihre Bernfteinfuiten zur Anficht gebracht. An diefen Reichthum ausgeftellter Bergwerks- Producte fchloffen fich würdig die zahlreich ausgeftellten geologifchen Karten, die vom königlich preufsifchen Handelsminifterium herausgegebenen Verkehrskarten für Kohle, Eifen, Blei und Zink, die graphifchen Tabellen, Druckfchriften und dergl. an. Die geologifche Landesanftalt in Berlin ftellte im Mafsftab von 1: 25.000 Karten des füdöftlichen Theiles des Harzgebirges, des nordweftlichen Theiles von Jena, des füdlichen Theiles des Saarbrückener Kohlenreviers etc. aus. Aus Baiern find befonders hervorzuheben Bergrath Gümb els Karten über das baierifche Alpengebiet. Vom mittelrheinifchen geologifchen Verein( Darmftadt) waren Karten und Suiten der darauf zur Darstellung gebrachten Gefteinsarten ausgeftellt. zwar Aus der Menge der in gröfseren Gruppen und Collectivausftellungen vereinigten Expofitionen möge nur noch Einiges hervorgehoben werden, und die Profile der zahlreichen Bohrungen zur Erforfchung des Untergrundes der norddeutfchen Ebene, durch welche die unerfchöpflich reichen Salzlager in der Triasformation erfchloffen wurden,( das Bohrloch zu Spremberg reicht, ohne das Salzflötz durchfunken zu haben, mehr als 4000 Wiener Fufs unter die Oberfläche, in die gröfste bisher durch Menfchenhand aufgefchloffene Tiefe) und die Modelle und graphifchen Darftellungen verfchiedener Kohlenbecken, in welchen die Biegungen, Knickungen und Verwerfungen der einzelnen Flötze zur Darstellung gebracht find. Schweden- Norwegen. Wie fchon erwähnt wurde, reihte fich Schweden fowohl dem Umfang nach, als auch in Bezug auf Qualität der ausgeftellten Objecte würdig der öfterreichischungarifchen Monarchie und dem deutfchen Reiche an. In glänzender Weife konnte man fich von dem unermesslichen Reichthum Schwedens an Erzen und Mineralien aller Art, insbefondere an Eifen, Kupfer und Silber überzeugen. Was die Gewinnung des Letzteren betrifft, fo ift diefelbe in neuerer Zeit in einer erfreulichen Steigerung begriffen und ift es hauptfächlich das alte Bergwerk zu Sala, welches nach wie vor das weitaus wichtigfte unter den 10 Dr. Franz v. Vivenot. acht im Betriebe ftehenden Silber- Bergwerken Schwedens ift. Silberhältiger Bleiglanz wird an mehreren Stellen gebrochen. Die Production an Silber betrug im Jahre 1871: 2292 fchwedifche Pfund( 975 Kilogramme), während an Blei 2095 fchwedifche Centner( 89.850 Kilogramm) gewonnen wurden. Die Eifenproduction Schwedens ift in Anbetracht des Reichthumes an Eifenerzen gegenüber mehreren anderen Ländern nicht fo bedeutend, und ift die Urfache davon in der Schwierigkeit, das zur Niederfchmelzung erforderliche Brennmaterial zu erhalten, gelegen. Im Jahre 1871 wurden in Schweden 15,215.590 fchwediſche Centner ( 646,778.300 Kilogramm), Bergerz und 370.784 fchwedifche Centner See- und Rafenerze gewonnen, fo dafs die gefammte Eifenerz- Production 15,586.374 Centner ( 662,539.460 Kilogramm) betrug. Die Eifenerze Schwedens( das bedeutendfte Eifenerz- Vorkommen ift zu Dannemora in der Statthalterfchaft Upfala und der Taberg am füdlichen Ende des Wetterfees) find hauptfächlich Magnet- Eifenerze( Eifenoxyd- Oxydul) und Eifenglanz ( Eifenoxyd), welche unter dem Namen Bergerze zufammengefasst werden zum Unterfchiede von den, übrigens nur in der Provinz Småland zur Ausbeutung gelangenden See- und Rafenfteinerzen. Bei Gewinnung diefer Eifenerze waren 4939 Perfonen befchäftigt. Was das Kupfer betrifft, fo ift es nach dem Eifen unter den Metallen Schwedens das Wichtigfte und find die Hauptgruben die feit langer Zeit fchon bearbeiteten bei Falun und Åtvidaberg. Im Jahre 1871 wurden im ganzen Lande 33.426 Centner( 1,420.860 Kilogramm) Kupfer und 2272 Centner( 96.580 Kilogramm) Kupfervitriol producirt. Norwegen förderte im Jahre 1870: 1. Kupfererze in 27 Gruben mit 1270 Arbeitern: 2. Eifenerze 3. Nickelerze 944.000 Zollcentner 16 29 " 9 99 175 29 390.000 دو IO 99 29 77 134 27 " " 27 510 27 88.000 986.000 99 29 99 7 " 22 363 * 97 44.000 29 2 99 99 148 " " 64.000 Schwefelkies 14 Silbererze 4. Kobalt etc. Zufammen: in 70 Gruben mit 2.600 Arbeitern: 2,516.000 Zollcentner. Die Ausfuhr unverarbeiteter Mineralien Schweden- Norwegens betrug im Jahre 1871: 36,874.854 Rigsdaler oder 21,203.041 fl. öfterreichifche Währung Silber. Unter den exponirten Gegenftänden waren befonders hervorragend und in der Rotunde aufgeftellt die vom berühmten Silber- Bergwerk zu Kongsberg in Norwegen herftammenden Silberwürfel von ½ Zoll Kantenlänge, Silberzähne, Kryftalle von Stephanit und, alle übrigen Stücke an Seltenheit übertreffend, Magnetkies- Kryftalle in der bekannten Form von mehreren Linien Dicke und zolllangen Seitenkanten. Aufser den ausgeftellt gewefenen Eifen-, Kupfer-, Nickel- und Kobalterzen nebft den daraus dargestellten Producten find noch die Apatite( Phosphorite) von Bamble und die von der Univerfität Chriftiania ausgeftellten Mineralien und Gefteinsproben lobend zu erwähnen. Auffehen erregte ein Erzklumpen( inniges Gemenge von Schwefel- und Kupferkies) von circa 10.000 Pfund Gewicht aus dem Kupferwerk Vigsnaes. Die Collectivausftellung des Eifencomptoirs bot vieles Intereffante. Die gröfste Anerkennung ift auch der vom Herrn Ed. Erdmann, Geologen und Ammanuenfis der Landesuniverfität, geordneten Ausftellung der geologifchen Landesunterfuchung zu zollen. Es waren 49 Karten und 14 dazu gehörige Befchreibungen exponirt. Befonders hervorgehoben mufs werden. die in der Rotunde aufgeftellt gewefene Karte der Umgegend des Mälarfees im Mafsftabe von 1: 50.000. Diefelbe mafs 13 Fufs in der Länge und 10 Fufs in der Höhe und brachte ein Areal von 370 geographifchen Quadratmeilen des mittleren Schwedens zur Anfchauung. Montanproducte. Noch möge der Karte von Schenen Erwähnung gefchehen. 11 Die fämmtlichen geologifchen Karten begleiteten zahlreiche Belegítücke an Gefteinproben und foffilen Reften aus den verfchiedenen Formationen, insbefondere den glacialen Ablagerungen Schwedens. Sehr fchön war eine aus 176 Stück beftehende Sammlung gefchliffener kubifcher Probeftücke( 5 Kubikzoll), welche Marmor, Porphyr, Tropfftein, Kalkftein, Diorit, Granit, Gneifs, Conglomerate, Sandfteine etc. umfasste. Norwegen hatte gleichfalls geologiſche Karten fammt Gefteinsfammlungen exponirt und ist zunächft zu erwähnen: Profeffor Dr. Th. Kjerulf's Aufnahme des füdlichen Norwegens, geologifche Detailkarten der Umgebung von Chriftiania ( 1: 20.000) nebft Hauptprofil und Gefteingängen, Karte von Trondhjems Stift, Karte des füdlichen Norwegens von demfelben, dann C. Petterfen's Karte des Amtes Tromfö. Es folgen nun die übrigen Länder Europas in alphabetifcher Reihenfolge. Belgien. Von diefem Lande waren nur äufserft wenige Bergbauproducte ausgeftellt, die in keiner Weife. hervorragend waren. Eifen, Zink- und Bleierze, endlich kadmiumhaltige Blende fand fich vor.- Von geologifchen Publicationen wären zu nennen: Dr. Koninck's Karten der Production, des Verbrauches und des Transportes belgifcher Kohle und Erze. Ueber Fangvorrichtungen, Sicherheitsapparate im Allgemeinen und dergl. waren Modelle ausgeftellt. Dänemark. Die Aalborger Compagnie für Brunnenbohrung in Aalborg hatte Proben durchbohrter Steine exponirt. Aus Grönland war Kryolith und Doppelfpath vorhanden, darunter ein Doppelfpath von 274 Pfund; ferner war Bernftein durch ein grofses Stück vertreten. Frankreich. Hier ift befonders nennenswerth der Marbre onyx( wahrfcheinlich ein Aragonit) aus der Provinz Oran( Algier), welcher durchfcheinend wie Alabafter ift, und zu Sculpturarbeiten verwendet wird. In der Kunfthalle waren Statuen zu fehen, deren Bekleidung aus diefem durchfcheinenden Marmor verfertigt war. Die Collectivausftellung der Metallurgie der Loire enthielt Eifenerze und geologifche Querfchnitte mehrerer Bergwerke. Von den franzöfifchen Colonien hatte Algier goldhältigen Quarz, Goldkörner, Silber-, Eifen-, Kupfer-, Blei-, Zink- und Antimonerze, dann Salz, Arfenik, Schwefel und Porcellanerde ausgeftellt. Guadeloupe zeigte Magneteifen- Steine die 74-8 Percent reines Eifen enthielten, dann Seefalz, welches maffenhaft exportirt wird. Von St. Pierre und Miguel on war Seefalz, von Guyana Alluvialgold( 3 Stück von 288 Gramm) ausgeftellt. Im Jahre 1871 betrug in Guyana die Zahl der Goldgräber 1175, der Ertrag 661 Kilogramm 881 Gramm Gold, der Werth 1,985.643 Francs oder 794.257 fl. öfterreichifcher Währung Silber. Ferner war noch exponirt Eifen und Kaolin. Die Colonie am Senegal hatte Kupfer von Loango, Ile de Reunion Salz und Natron, Neu- Caledonien Gold, Chromeifen, Schwefel und Magnesia; endlich war von Indien( Pondichéry Coromandelküfte) und Cochinchina Einiges ausgeftellt. Von Letzterem befonders Seefalz, wovon jährlich circa 15.000 Tonnen exportirt werden. 12 Dr. Franz v. Vivenot. Griechenland. Das Wenige, was wir über den Bergbau Griechenlands nachftehend mitzutheilen vermögen, verdanken wir den gefchätzten Mittheilungen des Herrn v. Metaxa, Präfidenten der griechifchen Ausftellungscommiffion. Seit der Unabhängigkeit Griechenlands hat der Bergbau nicht jenen Auffchwung genommen, welchen man erwartete und welcher in anderen Ländern während derfelben Zeitepoche thatfächlich eintrat, weil es nicht nur an den nothwendigen Betriebs capitalien, fondern mehr noch an wiffenfchaftlichen und praktifchen Arbeitskräften mangelte; man befchränkte fich bis vor 15 Jahren lediglich darauf, die zu Tage tretenden Mineralien auszunützen. Und doch befitzt Griechenland keinen geringen Metallreichthum. Beweis deffen die Ueberrefte und Spuren von Bergwerken der alten Griechen, welche fich noch bei dem in den letzten Jahren fo berühmt gewordenen Laurion in Attika und an anderen Orten vorfinden, wo die Metalle zu Tage treten, ohne dafs es irgend welcher Schürfungen oder anderer koftfpieliger Arbeiten bedurft hätte. Kohlen und Eifenerze, diefe Hauptmotoren induftrieller Thätigkeit unferer Tage, treten mannigfaltig auf. Griechenland ift aber auch an folchen Bergproducten reich, welche entweder wegen ihrer befonderen Befchaffenheit oder ihres überreichen Vorkommens die Concurrenz anderer Länder ausfchliefsen. Hiezu gehören: der Schmirgel von Naxos, die vulcanifche Erde von Santorin, die Mühlfteine der Infel Mylos, die Magnefite von Euboea, die verfchiedenen Arten von Marmor, z. B. derjenige von Paros, jener von Pentēle( Pentelikon), das gefuchtefte und gefchätztefte Material der alten, claffifchen Bildhauer; dann der altbekannte grüne Porphyr( Verde antico von Sparta), endlich die fo fchönen, verfchieden gefleckten Marmorforten der Infel Skyros und vieler anderer. Seit nun das dem franzöfifchen Gefetze vom Jahre 1810 nachgebildete Berggefetz von 1861 in Wirkfamkeit fteht, hat fich die Luft am Bergbaue unendlich gehoben; es bildeten fich Affociationen und auch Private befaffen fich damit, feitdem in Folge der Berufung von Ingenieuren aus dem nördlichen Europa die Ausbeute gegen früher auf das Doppelte geftiegen ift. Seit diefer Zeit arbeiten auf filber- und fchwefelhältiges Blei fieben Gefellfchaften mit einem Capitale von 2 Millionen Gulden und einer verliehenen Fläche von 37,345.500 Quadratklafter hauptfächlich auf den Cykladen, auf Antiparos, Zea, Karyftie und im Lauriongebirge, an welch letzterem Orte man mit den Schächten bereits 80 Meter( 252 Fufs) tief gedrungen und auf mächtige Schichten von Bleierzen vorzüglichfter Qualität ftiefs. Kupfer wird auf einer verliehenenen Fläche von Chromeifen auf einer Fläche von 5,211.000 Quadratklafter, 29,529.000 Braunftein" 9 " 7 99 Steinkohlen 99 وو 79 وو " 5,211.000 8,665.000 " 99 " gefchürft und beträgt bei einer verliehenen Fläche von 10,422.000 die Production an Eifenftein 100.000 Centner. Die zu Laurion vorhandenen, auf 30 Millionen Centner gefchätzten Bleierzfchlacken werden dermal mit Hilfe von zwölf Oefen umgefchmolzen, und ergeben noch immer jährlich circa 170.000 Centner Metall. Im Durchfchnitte der letzten drei Jahre wurde producirt per Jahr: Schmirgel von Naxos 28.000 Centner im Werthe von 120.000 fl. ö. W. Silber. Gyps Mühlfteine von Milos Erde von Santorin 35.000 Stück 12.200 " 9 " 9 " " 9 " " 9 29 1.200 Centner 2.000 " وو 99 19 " 99 500.000 Kiften 12.200 77 " 99 97 3. " Magnefit. 50.000 Centner 20.000 " وو " 29 " " Schwefel gefchmolzen Schwefelerde 6.000 6.000 99 99 " 30.000 " 99 27 6.000 وو " 99 79 " " E 77 Montanproducte. 13 Von der Ausftellungscommiffion war eine Collection von 122 Nummern, darunter 35 Marmorarten exponirt. Aufserdem waren filberhaltige Bleierze, Eifen- und Kupfererze, Zinkblende, lithographifche Steine, Schmirgel( Naxos), Tuffe, endlich Stücke von den Bleihalden im Laurion vertreten. Grofsbritannien. Gleich 1867 auf der Parifer Ausftellung hatte England aufser Kohlen auch diefsmal keine anderen Bergwerks- Producte exponirt, dagegen waren deffen Colonien gut und fchön vertreten. Zunächft ift Oftindien bemerkenswerth und ftehen hier vornehmlich Kohlen und Eifenerze im Vordergrunde. Unter der Sammlung ausgeftellter Mineralproducte, welche durch das Inftitut für die geologifche Landesaufnahme( Geological Survey) in Calcutta veranlafst und durch den Director diefer Anftalt Herrn Dr. T. Oldham, fowie durch den Geologen genannter Anftalt Herrn B. Foote ausgeführt worden ist, waren es in erfter Reihe die Salze, welche die vollfte Aufmerkfamkeit auf fich lenkten. Zunächft erwähnenswerth find die verfchiedenen Steinfalz- Varietäten, Haarfalz, fleifchrothes und tropffteinartiges Steinfalz. An einem riefigen Parallelopiped von rothem Steinfalz war durch Zerfliefsen an der Oberfläche die Structur des Ganzen recht deutlich hervorgetreten. Inftructive Sammlungen von Meerund Seenfalz( der bekanntefte Salzfee ift der von Sambhar), dann von Stücken, die das Vorkommen des Steinfalzes mit Kalifalz in der Salzkette des Pendfchab, einem bisher nicht bekannten Fundorte, darftellten, waren gleichfalls exponirt. Die Salzkette( salt range), in welcher das Salzvorkommen fchon feit alter Zeit bekannt ift und gegenwärtig das weftliche Indien und Afghaniſtan mit diefem Producte verforgt, zieht fich im Norden des Pendfchab in nordweftlicher Richtung hin. Der Salzreichthum dafelbft ift ein fo bedeutender, dafs bei Kalabagh, wofelbft es frei zu Tage tritt, die Strafse mitten durch das Steinfalz gebrochen wurde. Eine weitere Eigenthümlichkeit diefes Salzlagers befteht auch darin, dafs es unter den bisher bekannten als das Aeltefte erfcheint, nachdem es der Silurformation angehörig ift. In der letzteren Zeit ward man in dem Salzwerke zu Mayo auf ein Salzvorkommen aufmerkfam, welches durch feine Härte auffiel und bei genauerer Unterfuchung durch den dort befchäftigten Chemiker Warth einen bedeutenden Gehalt an Magnefia und Kali erkennen liefs. Die Proben diefes Salzgemenges, welche ausgeftellt waren, enthalten nach der von Profeffor Dr. Guftav Tfchermak in Wien angeftellten Unterfuchung thatfächlich Sylvin( Chlorkalium) und Kieferit ( Magnefiafulfat) und dürfte nach Profeffor Tfchermak's Anficht auch Kainit darin enthalten fein, obgleich fich derfelbe bisher von deffen Gegenwart nicht überzeugen konnte. Anhydrit, Gyps, Glauberit und Bitterfalz waren ebenfalls vertreten. Die Production des Seefalzes beträgt jährlich circa 12 Millionen Centner und wirft die gefammte Salzproduction dem Staate einen jährlichen Gewinn von faft 50 Millionen Gulden öfterreichiſcher Währung ab. Von den ausgeftellt gewefenen Erzen mögen zunächft die Eifenerze erwähnt werden. Indien ift reich an Eifenerzen aller Art. So befitzt der 400 Fufs hohe Magneteifen- Berg von Kandfchamallay bei Salem weithin fichtbare Lager diefes Erzes von 100 Fufs Dicke. Ausserdem waren Kupfer- und Zinnerze, filberhältiger Bleiglanz, Chromit, Antimonit, dann Schwefel und Graphit exponirt. - Proben von Wafchgold aus verfchiedenen Gegenden faft alle Flüffe Indiens find goldführend konnte man auch fehen. An manchen Punkten beträgt - 14 Dr. Franz v. Vivenot. der Gehalt an Gold in 100 Centner Gerölle 4 Loth, meiftens aber weniger. Ferner waren kleine Diamanten aus Panna und Sumbulpur, Spinell aus der Provinz Mysore, Berylle aus dem Sand der Flüffe, Schauftücke von Apophyllit und Desmin von Bor Ghat in der Gegend von Poonah, ein fpangrüner Avanturin von Madras, Schmirgel von Rewa von Edelſtein- Schleifern vielfach verwendet- endlich Glimmer aus dem Godavery diftrict ausgeftellt. - Von nutzbaren Gefteinen find Alaun, Schiefer und Thon zu erwähnen. Von wiffenfchaftlichem Intereffe ift fchliefslich noch der biegfame Sandftein von Kalyana bei Dadri, welcher fehr an den bekannten Itakolumit( Gelenkquarz) Brafiliens erinnert und der Melaphyr( auch Bafalt genannt) Indiens, welcher von Bombay an in horizontalen Lagern über das ganze Dekan ausgebreitet ift und einen Flächenraum bedeckt, der jenem der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie gleichkommt. Das gröfste bisher bekannte Melaphyrvorkommen. Von Kartenwerken ift befonders namhaft zu machen die geologifche Ueberfichtskarte der oftindifchen Halbinfel und die Specialkarte der Salzkette von Pendfchab. - Vollständig neu und vom höchften Intereffe war die Ausftellung der CapColonie. Von den neu entdeckten Goldfeldern der Trans- Vaal'fchen Republik und Natals waren die reichen Goldquarze zu fehen, die aus 1000 Kilogramm 70 Unzen reines Gold geben, von welchem 14 Unzen exponirt gewefen find. Den Diamantenreichthum des Caps veranfchaulichte eine Sammlung von 31 Rohdiamanten, enthaltend alle Zwifchenftufen von ganz rundlichen Formen bis zum vollendetften weifsen Diamantkryftall, der durch einen Stein von 16 Karat repräfentirt war. Die weltberühmten grofsen Capdiamanten waren durch Gypsmodelle, der Stern von Afrika" durch ein Kryftallglas- Modell illuftrirt. Das Original diefes auf 200.000 Gulden gefchätzten Diamanten, im Befitze der durch ihren koftbaren Schmuck, den fie zur Ausftellung gebracht, wohl bekannnten Lady Dudley war in diefer Schmuckausftellung. Der 2883 Karat fchwere" Stewart"- Diamant, im Werthe von 375.000 Gulden, war in der Ausftellung der Wiener Juweliere Kobek& Aegydi zu fehen. " 9 Die am Ausfluffe des Orange gelegenen Kupfergruben waren durch Erze von 4 Minen repräfentirt. Der Gehalt diefer Erze an Kupfer beträgt zwifchen 36 und 50 Percent und werden jährlich viele Schiffsladungen davon aus dem Hafen Port Noloth nach England exportirt. Von Ceylon war Graphit ausgeftellt. " Auftraliens reiche Ausftellung bot vielfach Werthvolles. Zunächft fielen auf die dortfelbft( Viktoria) gefundenen riefigen Goldklumpen, welche durch Gypsmodelle veranfchaulicht waren. Da war der Goldklumpen: Willkommen" 2195 Unzen fchwer, gefunden im Jahre 1858 in einer Tiefe von 180 Fufs zu Bakery Hill, Ballarat und der ,, Viscount Canterbury" 1105 Unzen fchwer, im Jahre 1870 aus einer Tiefe von nur 15 Fufs in Joins Paddok, Berlin Diggings zu Tage gefördert. Statiftifche Daten gaben Auffchlufs über die Goldbewegung und möge nur erwähnt werden, dafs die Gefammtproduction an Gold feit deffen Entdeckung( die Goldgewinnung begann in Auftralien im Jahre 1852) circa 2000 Millionen Gulden beträgt. Bereits im Jahre 1858 übertraf die Goldproduction Victorias jene der Uralgebirge ungefähr um das Dreifache. Erwähnenswerth ift endlich von diefer Colonie noch Spiefsglanz in derben Maffen von feinkörniger Zufammenfetzung. Ein treffliches Bild bot auch Queensland dar, welches die gröfste der auftralifchen Colonien ift, und den ganzen nordöftlichen Theil des Continents ausmacht. Die Flächenausdehnung beträgt 678.600 englifche Quadratmeilen. Befonders fchön war eine grofse Malachitplatte von ähnlicher Zeichnung wie die fibirifchen, aber von dunklerer Farbe. Ein von der Regierung ausgeftellter Goldklumpen aus reinem Golde wog 104 Unzen und man fah daran noch die Spuren der Haue des Goldgräbers. Montanproducte. 15 Hervorzuheben find noch die fchönen Opale, die an Feuer in manchen Stücken die ungarifchen übertreffen und in Knollen von Braun- Eifen tein vorkommen, welche fich in einem grofsen Kalkzuge eingelagert finden, der die Grundlage jener grofsen öftlichen Ebene bildet, die von den Flüffen Rivers und Thompfon eingefchloffen wird. Die Vorkommniffe von Kupfer, Blei, Zinn, fowie auch Marmor und Bauftein- Sorten find noch namhaft zu machen. Eine prächtige Ergänzung zu diefer Ausftellung Queenslands bildeten die von Mr. Dantree, früheren Geologen der Colonialverwaltung, bearbeiteten Bilder über die Producte der Colonie und die Lebensweife ihrer Bewohner, wobei erfichtlich gemacht ift, wie diefe von der geologifchen Befchaffenheit des Bodens abhängig find. Von Neu- Seeland waren Proben von Alluvialgold aus Otago, Nelfon und Weftland, dann goldhältiger Quarz, Rubin und Rubinfand, Dunit( der von Hochftetter benannte Olivinfels), Nephrit, filberhältiger Bleiglanz, Eifen- und Kupfererze, Erden und Skelette der neufeeländifchen Riefenvögel( Moas) aus dem Canterbury Muſeum zu Chriftchurch, welch letzteres der Leitung des Dr. Julius Haaft unterfteht, exponirt. Um fich eine Vorftellung von den Verhältnifsen diefer Riefenvögel zu machen, mögen nachftehend die Dimenfionen der wichtigſten Species erwähnt werden. Der Riefenmoa( Dinornis giganteus) mifst 9 Fufs 10 Zoll; der elephantenfüfsige Moa( Palapteryx elephantopus), welche dem neuholländifchen Casuar verwandter ift, als dem Kiwi, dem heute noch lebenden flügellofen Vogel Neu- Seelands, mifst 5 Fufs 9 Zoll und der grofse Moa( Dinornis ingens) 5 Fufs 6 Zoll, endlich der dodoähnliche Moa( Dinornis didiformis) 4. Fufs 3 Zoll. Im obigen Muſeum befinden fich noch Dinornis crassus, robustus upd casuarinus. Die meiften Ueberrefte davon wurden bis jetzt in der Umgegend des Vorgebirges Egmont, an der Mündung des Fluffes Maingongoro in Glenmark, und in den Provinzen Nelfon und Canterbury entdeckt. Von den weft afrikanifchen Befitzungen war Goldftaub zu fehen. Italien. Hier find die fchönen Marmorforten, die Schwefel, Cöleftine und Aragonite von Girgenti, die Anglesite von Monteponi befonders hervorzuheben. Aus dem Venetianifchen war das Kupferwerk zu Agordo und das Queckfilber- Bergwerk von Val alta vertreten. Ferner war Schwefel aus Cefena, Borfäure aus Saffo und Kaolin aus dem Römifchen, Asbest, ausgeftellt von der Handelskammer in Civita vecchia von Val- Malenco, vorhanden. Pläne von diverfen Bergwerken, dann Karten von der geologifchen Commiffion für Italien, von Centralitalien, 8 Blätter im Mafsftabe 1: 50.000 von Ig. Cocchi der lombardifchen Alpen, des St. Gotthard mit. einem Profil des bereits im Bau begriffenen Tunnels von Giardano, endlich eine Karte des Mont Cenis von Cavaliere Gaftaldi in Turin vervollſtändigten diefe Ausftellung. Portugal hatte fchöne Marmore, dann filberhaltige Erze aus Beja und Porto, Antimonerze und Strahlenblende, letztere in grofsen nierenförmigen Geftalten exponirt. Rumänien ftellte verfchiedene Erze, Ozokerite und lithographifche Steine dann Mineralwäffer von 40 Quellen aus. 16 Dr. Franz v. Vivenot. Rufsland. Befonders hervorzuheben find die dichten Graphite aus den Aliberti'fchen Gruben am Jenifei und die mit denfelben vereint exponirt gewefenen Nephritplatten aus derfelben Gegend. Die von der kaiferlichen Steinfchleiferei zu Katharinenburg gelieferte riefige Rhodonitvafe mit einem Poftament aus grauem Jafpis von Kafjanfk, die Tifche, Vafen, Leuchter etc. aus fibirifchem Malachit waren ebenfo fchön als koftbar. Als ruffifches Product ift noch der in der deutfchen Abtheilung placirte, aus dem Chloritfchiefer der Takowaja ftammende 2000 Karat fchwere Smaragd zu erwähnen, welchen Alexander von Humboldt von Kaifer Nicolaus verehrt erhielt. Weiter zu erwähnen find die fchönen Malachite, Eifen- und RothkupferErze aus der Fürft Demidoff'fchen Sammlung, weiters die Phosphorite von den Ufern des Dniefter, ausgeftellt von Graf Wladimir Dzieduszycki.- Im Samojedenzelte von Sidoroff war dem Anthracit ungemein ähnlicher Graphit vom oberen Jenifei zu fehen. Aus dem Kaukafus waren aus der Gegend von Tiflis Kupfererze vorhanden. Das Bergcomité des kaiferlichen ruffifchen Finanzminifteriums brachte geologifche Karten und Durchfchnitte. Nachftehend folgt eine Tabelle über die Production der wichtigften Mineralproducte Rufslands:* 1868 Erze Production Centner Gold ausgewafchen Platina 2 Silber- u. bleiführ. Erze. Kupfer- führende Erze Eifen" " Zink" 3 د, Zinn" " Kobalt " "" Chrom" " Salze Die Menge des durchwafchenen Sandes betrug: 1 beim Gold " • 2 Platin 22 1869 1870 1870 gegen 1868( 1869) Zahl der Werke Production Centner Zahl der Werke 93 59 1.129 66.75 10 6 1,562.962 40 4,401.561'60 17 98 22,092.16740 1.165 78 5 P P I 4.923 I 2 17,579.626 4.220 36.555 14,756.022 IIO' 77 70 1,686.380* 40 4,386.566.70 23,235.562'40 1.283 1,342.946 116.505 36TH 1.208 60 6 Production Centner 117 92 64 55 Zu- Abnahme in Percenten 260 26 1,157.611'90 3'3 26.0 71 6 3,496.579 80 26,672.039 40 1,458.637 20'5 20'8 86 I I 2 328.196 9,215.680 35.713 683 799 69'3 86'1 .3 36 643,942.701 9,884.124 576,710.183 7,348.886 537,932.501 5,255.928 165 46.8 Schweiz. Dem Generalcommiffariat der fchweizerifchen Eidgenoffenfchaft verdanken wir einige gefchätzte Mittheilungen, die nachstehend folgen: Obgleich die Berge der Schweiz nicht arm an abbauwürdigen Mineralien find, fo ftehen doch der Gewinnung derfelben oft unüberwindliche Hinderniffe entgegen. Störungen durch Felsrutfchungen, die unwirthliche Höhe der Alpen, Mangel an foffilem Brennftoff und oft auch die äufserft verwickelten Eigenthumsrechte find die Hinderniffe, die fich dem fchweizerifchen Bergbau entgegenftellen. * Siehe Wilhelm v. Lindheim's als Manufcript gedrucktes Werk über ,, die wirthschaftlichen Verhältniffe des ruffifchen Reiches etc. Wien, Mechithariften- Buchhandlung 1873". Montanproducte. 17 Gewonnen werden circa 160.000 Centner Eifen, und zwar in den Cantonen Wallis, St. Gallen, befonders aber im Berner Jura, wo ein fehr fchöner Siderit auftritt. Leider genügt diefe Production fo wenig, dafs zur Ergänzung des heimifchen Verbrauches grofse Quantitäten von belgifchem und engliſchem Eifen eingeführt werden müffen. Auch die Bleiproduction, welche fich auf das Bleiglanz- Vorkommen zu Lötfch( Wallis), Lauterbrunnen( Bern) und an mehreren anderen Orten in Graubündten gründet, genügt nicht der Nachfrage. Noch unbedeutender ift die Gewinnung von Kupfer und anderen Metallen. Salz findet fich in der Alpenregion nur bei Bex im Waadt, dagegen im nördlichen Jura zu Schweizerhall bei Bâle, Kleinfelden, Rybourg im Aargau, doch mufs trotz deren grofser Production ein Theil des Landesbedarfes eingeführt werden. Asphalt findet fich im Berner Jura und in Neuenburg; der berühmtefte ift jener aus dem Thale von Travers. Einen aufserordentlichen Reichthum befitzt die Schweiz an Mineralquellen. Nicht weniger als 609 Quellen find bekannt, worunter fich falz-. falpeter-, fchwefel-, eifen-, jod-, gas- und bitumenhältige Quellen befinden. Bei einer grofsen Anzahl derfelben ift die chemifche Analyfe ihrer Beftandtheile bisher noch nicht vorgenommen worden. Unter den ausgeftellten Objecten befand fich eine Pyramide von Neuenburger Asphalt und einige Bergkryftalle, die namhaft zu machen wären. Vom Departement des Innern war eine geologifche Karte der Schweiz exponirt. Spanien. Steinfalze von Cordona, Zinnober von Almaden, Bleierze von Linares und Apatite( Spargelfteine) von Jumilla lenkten hier das Auge befonders auf fich. Aufserdem waren zahlreiche Suiten der wichtigften Erzvorkommniffe zur Schau geftellt. Nachftehende Tabelle, die wir der Generalcommiffion für Spanien verdanken, gibt ein Bild über die Production und den beiläufigen Werth der Montaninduftrie Spaniens im Jahre 1869 Mineralien: Eifenerz Blei Silberhältiges Blei Silber Kupfer Zinn Zink Queckfilber Antimon Schwefel Mangan Kalkphosphate • Production: 29.314 Kilogramm 3,066.195 metr. Ctr. Beiläufiger Werth: 846.860 fl. öft. W. Silb. 3,113.453 metr. Ctr. 2,783.736 77 10,578.196 99 334.402 99 3.644.981 99 244.478 21 22,813.948 99 35.700 97 22,696,920 99 58,133.466 59 30.200 59 9,250.592 49 II, 701.250 1,180.000 27 238 99 1,134.846 99 280.838 99 755 29 125.008 99 294.025 180.000 99 99 Brennftoffe circa 6,000,000 Ctr. Von Kartenwerken wäre zu erwähnen eine geologifche Bergbau- Skizze des Diftrictes Madrid, Darftellung des Bergbaues und ftatiftifche Tabellen des Bezirkes. Cartagena. Türkei. Erze, Marmor, Salze, Gyps, Erden u. f. w. bildeten hier die Ausftellungsobjecte. Aufserdem waren Gefteine und Foffilien aus der Devonformation des Bosporus durch Abdullah Bey( Dr. Hammerfchmid) zur Anficht gebracht worden. 18 Dr. Franz v. Vivenot. Afien. China. Durch den See- Zolldienft gelangten verfchiedene Erze und Gefteine zur Expofition, die jedoch nichts Bemerkenswerthes enthielten. Japan. Nebft einer hübfchen, von Seite der Regierung zur Ausftellung gebrachten Collection von Erzen waren auch Gefteinsproben ausgeftellt, welche zum Entwurfe einer geologifchen Karte diefes Landes dienen könnten. Grofse und fehr reine Bergkryftalle zeigten, dafs fich fchöne Exemplare derfelben in Japan häufig finden. Perfien. Die Regierung ftellte Marmorforten, Erze, Salze aus; endlich war ein transparenter Aragonit, ähnlich dem von Algier bekannten Vorkommen, von Dfchufchegan bei Kafchan ausgeftellt. Afrika. Egypten. In der Collectivausftellung Sr. Hoheit des Khedive fanden fich fchöner Türkis vom Sinai, Smaragd von der Grube Djebel Zabara, endlich Opal von verfchiedenen Fundorten, dann Schwefel, Salze und Natron vor. Eine Productionsftatiftik ift noch nennenswerth. worden. Von Marocco und Tunis ift nichts Bemerkenswerthes ausgeftellt Amerika. Brafilien. Wie fchón Eingangs erwähnt, ift diefes Land in Bezug auf deffen Bergbau- Production nicht in jener Weife vertreten gewefen, als hätte erwartet werden können. Hervorzuheben wären zunächft ein riefiger an beiden Enden ausgebildeter Quarzkryftall von Minas Geraes, Amethyfte und Topafe, ein Topas war mit Titaneifen verwachfen, ruffifches Glas, Beryll, Turmalin, ein Feueropal von Therefina( Provinz Piauhy), Palladiumgold von Gongo Socco und daraus dargeftelltes Palladium, ein Diamant und Itakolumit, endlich Gefteine aus den Diamantund Goldfeldern, Marmorforten und Verfteinerungen führende Gefteine aus der Provinz Amazones. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Von verfchiedenen Ausftellern waren Bergbau- Producte und Mineralienfammlungen exponirt, worunter zunächft die höchft intereffante Sammlung des Herrn Profeffors Küftel, welche auch dadurch einen erhöhten Werth erhielt, als fich dabei chemifche Analyfen der ausgeftellten Mineralien befanden, näher betrachtet werden foll. Diefelbe enthielt Mineralien aus Californien, Nevada, Arizona, Idaho und Utah. Die reichen Erze des Territoriums Utah waren vom Profeffor Küftel noch befonders in grofsen Schauftücken repräfentirt. Aus der erfteren Collection find zunächft hervorzuheben das fehr feltene ell ur gold mit dem noch felteneren Tellurnickel( Melonit) aus der Melones- Mine in Californien, ferner Tellurgold aus Jefferfon Canon( Nevada), Miargyrit von Flint( Idaho), Sternbergit von Goldfill( Nevada), Stephanit von der Humboldt Montanproducte. 19 Mine und von Austin( Nevada), dann von der Heinzelmann- Mine in Arizona, Metacinobaryt von der Redington- Mine( Californien), Chlor- und Bromfilber, Stettefeldit von Belmont( Nevada), Jod- und Chlorfilber, Chlor-, Jod- und SilberQuecksilber von der Heinzelmann- Mine( Arizona), Gold in Lava vom Bumkerhill ( Nevada), Gold- und Chlorfilber vom Comftock( Nevada), Hübnerit von Elsworth ( Nevada), Stolzit von Belmont( Nevada), endlich Wulfenit von der Tecoma- Mine ( Utah). In der Ausftellung des Territoriums Utah waren ein Würfel des Granites, aus welchem der Mormonentempel erbaut ift, feuerfefter Thon, Steinfalz, Silbererze, darunter ein fehr reiches Stück Chlorfilber von der Eureka- Mine, Bleiglanz, worunter ein folcher mit Linarit, der fehr an das Vorkommen von Rézbanya in Ungarn erinnert, endlich Kupfererze von der Mammoth- Mine enthalten. Aus Nord- Carolina war eine hübfche Sammlung von Mineralproducten ausgeftellt, darunter fchöner Diamantfpath, welcher bereits in Europa zu Zapfenlagern bei Uhren zur Anwendung kommt, Itakolumit von dem Ausfehen des brafilianifchen, ruffifches Glas und mit demfelben vorkommender Beryll, Marmor, Talk, Asbeft, Magneteifen, Gold, Graphit und Kohle. Graphit war auch von der Ticonderago- Mine in New- York vorhanden, und zwar in drei Varietäten. In einer blättrigen, welche wie die Glimmerfchuppen in einem grobkörnigen Granit erfcheint, in einer derben blättrigen und einer dichten Varietät. Die beiden letzteren Abänderungen haben beziehungsweife die gröfste Aehnlichkeit mit dem blättrigen Graphit von Ceylon und dem dichten von den Alibertifchen Gruben. Sehr fchöne Nickel und Kobalterze, worunter flach nierenförmiger fafriger Millerit, war von der Gapmine in Pennſylvanien zu fehen. Schliefslich wäre noch aus den Unionftaaten zu erwähnen eine Platte rothen Sandfteins mit den bekannten Vogelfährten, reiche Bleiglanz- Stufen, worunter fehr grofse Würfel von St. Louis in Miffouri, Magneteifen von der Clifton- Mine und lofe Magnetitkryftalle von Port Henry in New- York, reiche Eifenglanz- und Rotheifen- Stufen aus den Gruben des Mrs. Tuttle hervorzuheben. Von der Linie der Northern Pacific- Railway waren Erze und Gefteinsproben exponirt. Ueber Clevelands( Ohio) Eifenerz- Production lagen ftatiftifche Daten, über Ohio geologifche Berichte vor. Intereffant war auch das Modell des Comftockganges. San Salvador. Diefe Republik brachte Schwefel vom Vulcan San Miguel und Silbererze zur Ausftellung. Uruguay. Nennenswerth ift eine Marmorcollection aus der Provinz Maldonado. Venezuela. Reiche Goldquarze aus den Minen von Upata und Caratal in Guayana find zunächft anzuführen. Der Export hievon betrug: Im Jahre 1867 17. 118 Unzen 1868 59 99 79 وو وو 1869 1870 17.053 22.575 35.713 29 99 99 Ferner waren Kalkphosphate, die 418 bis 44.6 Percent phosphorfauren Kalk enthalten, zu fehen.- Diefelben werden von der Regierung und einer englifchen Cómpany ausgebeutet und maffenhaft zu landwirthschaftlichen Zwecken exportirt. Ausserdem find noch Schwefel und Urao( Lagunilla) zu erwähnen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, к. к. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. MINERALISCHE KOHLE. ( Gruppe I, Section 1.) BERICHT J. PECHAR, Eifenbahndirector in Teplitz. VON DR. A. PEEZ, Schriftfteller in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1874. INHALT. Mineralifche Kohle. Die Kohle auf der Weltausftellung. Fortfchritte und Veränderungen feit 1867 Die einzelnen Länder Grofsbritannien I. Der Norden. II. Mittleres England III. Weftliches England. Qualität der Kohle Revolution in den Kohlenpreifen feit 1871 Englands Kohlenhandel London als Kohlenmarkt Frankreich • Spanien und Portugal. Belgien Die Vereinigten Staaten Britifch- Nordamerika Auftralien Indien. China Rufsland. Das deutfche Reich. • Die einzelnen Kohlenbecken Deutfchlands Seite I 5 5 9 I I 13 13 • 15 25 29 30 . 35 225 39 39 48 53 53 54 55 58 67 I. Das niederrheinifch- weftphälifche oder Ruhr Kohlenbecken II. Das Saarbecken. 72 B 74 90 III. Das oberfchlefifche Kohlenbecken. IOI VI. Die Steinkohlen- Becken von Plauen und Zwickau- Lugau VII. Kohlenbecken der Inde und Worm. Deutfchlands Kohlenverkehr IV. Das niederfchlefifche Kohlenbecken( Waldenburg und Neurode) V. Die preufsifchen Braunkohlen- Reviere IOI II3 II7 II7 118 Deutfchlands auswärtiger Kohlenhandel I 22 I* II 1845 Oefterreich- Ungarn. Vertheilung der Kohlenreviere I. Das Steinkohlen- Becken von Kladno- Schlan- Rakonitz II. Das Pilfener Steinkohlen- Becken III. Das Steinkohlen Becken von Roffitz IV. Das Steinkohlen- Becken von Oftrau- Karwin V. Die kleinen Steinkohlen- Becken VI. Das erzgebirgifche Braunkohlen- Revier VII. Die Braunkohlen Reviere der Alpen. VIII. Die ungarifchen Braunkohlen- Reviere Productionsbedingungen der Kohlenreviere Oefterreich- Ungarns Kohlenhandel.. Seite . 123 • 131 " . 133 136 . 140 • 142 • 145 B 146 . 157 158 . 159 164 BERGBAU UND HUTTENWESEN. ( Gruppe I.) MINERALISCHE KOHLE. ( Gruppe I, Section 1.) Bericht von J. PECHAR, Eifenbahndirector in Teplitz. DR. A. PEEZ, Schriftfteller in Wien. Neben den zahllofen und oft fo köftlichen und prächtigen Gegenftänden, die bei Weltausftellungen aufgehäuft zu fein pflegen, findet fich ein unfcheinbares Product, befcheiden von Ausfehen, fpröd und eckig in der Form, dürftig in der Farbe, daher wenig beachtet von der fchauluftigen Menge, welche fich hier um die funkelnden Edelft eine drängt, dort die mächtigen Eifenbarren und Stahlkanonen anftaunt, hier vor den Seidenftoffen und Teppichen der europäiſchen Hauptftädte fich fammelt und dort die Maschinen der vorgefchrittenften Induftrievölker bewundert. Und doch ift es jenes einfache Product, welches zu dem Diamante fagen kann:„ Dir bin ich verwandt"; und zu den Eifenbarren und Stahlkanonen: ,, Ich habe euch gezeugt"; und zu den Seidenftoffen und Teppichen:„ Mein Licht hat euch zuerft geleuchtet"; und zu den Mafchinen:„ Ich nähre euch und hauche euch Leben ein!" In der That exiftirte in der ganzen Weltausstellung kaum ein Erzeugnifs der Induftrie, an deffen Herftellung nicht die Kohle in irgend einer Form betheiligt wäre. In welchen Gewerben fpielen nicht Wärme, Licht, Mafchinenkraft eine erfte Rolle? Die wichtigſten Induftriezweige, die Production von Salz, Zucker, Mehl, Spriten, Bier, Chemikalien, von Gefpinnften und Geweben, von Eifen, Stahl und Mafchinen, endlich unfere Dampffchiffe und Eifenbahnen was bedürfen fie dringender als jenen unfcheinbaren Artikel- die Kohle? - Die Bedeutung der Kohle ift für uns unermesslich. Sie hat das moderne Europa zu dem gemacht, was es heute ift: zu der induftriellen Werkstätte der Welt. Uns Nordländern verfagte die Natur das laue Klima, den üppigen Boden, die triebkräftige Sonnengluth, welche in den Tropenländern fpielend den Menfchen mit ihren Gaben überfchüttet. Aber zwei Dinge gab uns die Natur: die intelligente Arbeit und die Kohle, und diefe beiden machen uns zu Mitbefitzern der Reichthümer der Tropen, indem fie uns die Production von Induſtriewerthen ermöglichen, für welche wir die Erzeugniffe des Südens eintaufchen. Von diefem Gefichtspunkte aus betrachtet, bildet daher die Kohle die Bafis nicht blos der Induftrie, fondern auch des Welthandels und da die mit Mafchinen ausgerüftete Induftrie und der Welthandel die Urfache der Ueberfchüffe und Erfparniffe find, fo bildet auch die Kohle den wichtigften Quell des europäiſchen Capitals, welches uns in gewiffem Sinne die tropifche Productenfülle erfetzt. Die Kohle fteht uns Nordländern wie eine zweite Sonne hilfreich zur Seite, wie ein unterirdifcher Quell, aus welchem wir Wärme, Licht, gefteigerte Productionskraft und taufend Annehm lichkeiten und Erleichterungen des Lebens fchöpfen. 2 J. Pechar, Dr. A. Peez. Ohne die Kohle wäre die europäiſche Arbeit unendlich weniger wirkfam, fie wäre aber auch nicht frei. Jahrtaufende hindurch waren unfere nordifchen - - Länder vor die Alternative geftellt, entweder auf die feineren und edleren Schätze der Cultur zu verzichten, oder die zur Erringung derfelben erforderliche Arbeit auf die Schultern unterjochter Bevölkerungsfchichten zu werfen, welche als Sclaven oder Leibeigene ohne Möglichkeit des Emporfchwingens ein beklagenswerthes Dafein frifteten. Die Neuzeit hat uns von diefer betrübenden Alternative befreit. darüber kann Wie viel Schwierigkeiten auch noch zu überwinden fein mögen kein Zweifel mehr beftehen, dafs die Maffe der Bevölkerung, die arbeitenden Claffen, in einem grofsen Auffchwunge begriffen find und befferen Tagen entgegen. gehen. Wir verdanken diefs dem Mafchinenwefen. Die eifernen Sclaven, von denen fchon Ariftoteles fprach wir befitzen fie in unferen Maſchinen. Indem wir die mechanifche Kraft in unferen Dienft nehmen, damit fie die rauhefte und fchwerfte Arbeit thue, wirken wir zugleich im Sinne der Cultur, indem die menfchliche Arbeit immer veredelter, immer geiftiger wird und fich immer mehr zur Leitung und Führung mechaniſcher Arbeitskräfte auffchwingt. Die letzteren aber, die Mafchinen, entstanden unter Mitwirkung der Kohle, werden gefpeift mit Kohle, und diefe Genügfamkeit unferer eifernen Sclaven ift es, welche es ermöglichen mufs, dafs fich bei der Production immer gröfsere Ueberfchüffe ergeben und die europäiſche Arbeit ftets lohnender fich geftaltet. In folcher Weife wird die Kohle auch zum wirkfamften Helfer bei Löfung der focialen Fragen. Alfo Licht, Wärme, Kraft, Beförderung der Cultur, gefteigerte Wirkfamkeit der Arbeit, Erleichterung der focialen Uebel der Menfchheit,- das Alles knüpft fich an die Kohle. Die Kohle auf der Weltausftellung. Wenn im Hinblicke auf die in Vorftehendem angedeuteten Gefichtspunkte die Wichtigkeit der Kohle kaum hoch genug angefchlagen werden kann, fo fällt die Thatfache um fo mehr in die Augen, dafs die Vertretung des Artikels auf der Ausftellung nicht einmal ein annäherndes Bild von feiner induftriellen Bedeutung gegeben hat. Der Erfte Artikel in der wirklichen Induftrie erfchien auf der Ausftellung faft als letzter. Diefs Schickfal hatte übrigens die Kohle nicht allein in Wien, fondern auf allen Weltausftellungen, und der leicht erfichtliche Grund diefer Erfcheinung liegt im Charakter der Waare, welche theils zu bekannt, theils zu unfcheinbar, theils zu wenig individualifirt, namentlich aber nach ihrem inneren Gehalte zu fchwer zu erkennen und zu fchätzen ift, um als Ausftellungsobject für den blofsen Anblick zur richtigen Geltung zu gelangen. Die im Prater ausgeftellten Kohlen erfchienen daher nur als Proben und Mufter, durch deren Vorführung die Länder, bei welchen eine Kohleninduftrie entweder noch nicht befteht oder noch neu ift, die Aufmerkfamkeit von Capitaliften und Unternehmern auf ihre noch nicht genügend erfchloffenen unterirdifchen Schätze lenken wollten, während bei den alten Kohlenländern, welche einer folchen Erregung des Intereffes nicht mehr bedürfen, mehr die Abficht hervortrat, die Entwicklung und den Umfang ihrer Kohlenproduction anfchaulich zu machen. Hier fiel alfo der Schwerpunkt in die wiffenfchaftlich- ftatiftifche Darstellung, eine Richtung, welcher diefer Bericht fich anzufchliefsen hat, indem er aus den einzelnen Mittheilungen die allgemeinen Ergebniffe zu ziehen verfucht. Fortfchritte und Veränderungen feit 1867. Die techniſchen Fortfchritte im Kohlen- Bergbaue und insbefondere im Mafchinenwefen werden in einem fpeciellen Berichte dargestellt. In aller Kürze fei hier nur erwähnt, dafs die Weltausftellung eine beträchtliche Reihe von Ver Mineralifche Kohle. 3 befferungen zeigte, wenn auch abfolut durchfchlagende neue Erfindungen nicht nachgewiefen wurden. Die zahlreichen Pläne und Karten bewiefen, dafs die Geologie und die bergmännifche Wiffenfchaft mit immer gröfserem Scharfblicke die Erdfchichten durchdringen und mit wachfender Sicherheit das Vorkommen der mineralifchen. Brennftoffe zu erkennen vermögen. Die zur Beibringung einer unwiderfprechlichen Evidenz erforderlichen Bohrungen erfolgen mit Anwendung von Apparaten, die ftetig vollkommener werden. Das Schachtabteufen wird zu einer Art verticalen Tunnelbaues, wobei Dampfkraft und comprimirte Luft mitarbeiten. Zur Durchfenkung fchwimmender Gebirge beftimmt, wurden von einer belgifchen Firma auf der Weltausftellung Schächte, oder richtiger gefagt, Schachtverkleidungen vorgeführt, die ganz oder theilweife aus Eifen beftehen. In Bezug auf Fördervorrichtungen, Fangapparate und Wafferhebungsmafchinen zeigte die Ausftellung im Einzelnen manche Verbefferung. Viel Beachtung fand die von der Gefellſchaft du Hafard zu Micheroux in Belgien angewandte unterirdifche Streckenförderung vermittelft Kette ohne Ende; die Bergtaucherei, das ift die Kunft, mit Hilfe von Apparaten, die der Waffertaucherei nachgebildet find, in Gruben voll böfer. Wetter fich ungefährdet aufhalten zu können, wurde von einer franzöfifchen Firma( A. Galibert in Paris) und einer deutfchen Firma( von Bremen, Kiel) zur Ausftellung gebracht, und ift feitdem auch in Weftphalen praktiſch erprobt und deren Einführung auf gemeinfchaftliche Koften befchloffen worden. Sehr zu bedauern war das Fehlen der zum Erfatze der eigentlichen Häuerarbeit in den Gruben beftimmten Schrämm- Mafchine( Kohlenhaumafchine, eiferner Mann). Bei dem Umftande, dafs die Häuerlöhne in England im Laufe des Jahres 1872 um 50 bis 70 Percent geftiegen find, gewann diefe Mafchine wefentlich an Bedeutung. Wir haben daher aus anderen Quellen uns einige Mittheilungen über diefe Mafchine zu verfchaffen gefucht. Diefelbe ruht auf vier Rädern mit 18 bis 24 Zoll Spurweite, ift 4 Fufs lang, über 2 Fufs( 0.68 Meter) hoch und wiegt 15 Centner. Das Werkzeug, mit dem fie in den Kohlenkörper einfchneidet, ift eine doppelköpfige Keilhaue, welche in der Minute 60 bis 90 Hiebe macht. Sie wird getrieben durch comprimirte Luft, die, ober Tag comprimirt, in eifernen Röhren durch den Schacht in die Grube und nach Erfordernifs den einzelnen SchrämmMafchinen zugeleitet wird. Nach Mittheilungen des Hrn. W. Firth, welcher felbft acht diefer Mafchinen verwendet, kann eine folche unter günftigen Umftänden 20 Ellen( 15 551 Meter) in einer Stunde bis zu einer Tiefe von 3 Fufs( 0.948 Meter) durchfchneiden; jedoch find zehn Ellen fchon als eine gute Arbeit zu betrachten. Ueber die Koften und folglich die Rentabilität der Mafchine lauten die Berichte noch immer widerfprechend. Soviel ergibt fich aus der Natur der Verhältniffe, dafs nur bei regelmäfsig gelagerten und nicht zu fchwachen Flözen die Maſchine mit Vortheil angewendet werden kann. Die Erfparung an Häuern foll in vielen Fällen durch vermehrtes Hilfs perfonal ausgeglichen werden, wefshalb man noch vor zwei Jahren ziemlich allgemein nicht in verwohlfeilter Förderung, fondern nur in vermehrtem Stückfalle der Kohle einen Vortheil bei Anwendung diefer Maſchine erblicken wollte. Seit der grofsen Steigerung der Löhne und feitdem der Verkehr mit den Arbeitern fo fchwierig geworden ift, fcheint die Kohlen- Schneidemaschine mehr zur Geltung zu kommen. In dem Kohlenreviere von Yorkſhire waren zu Anfang des Jahres 1873 16 im Gange. Auch in den Vereinigten Staaten ward diefe Mafchine als ,, Brown's Monitorcoal- cutter" im Jahre 1873 in den Gruben der Herren Niblock, Zimmermann und Alexandre in der Nähe von Brazil( Indiana) praktifch erprobt. Sie fchneidet angeblich 100 Tonen in 25 Stunden und koftete dort 7 bis 800 Dollars( 14101611 fl.). In der Louifenglück- und Georg- Steinkohlengrube bei Rosdzin in Oberfchlefien kommen gleichfalls Schlitz- und Schrämm- Mafchinen zur Anwendung. Ganz allgemein hat man bei den verfchiedenen Arten der KohlenhauMafchinen die früher übliche Dampfkraft als Motor befeitigt und ift zur comprimirten Luft übergegangen. 4 J. Pechar, Dr. A. Peez. In jüngfter Zeit liefsen fich die Kohlengewerken Herren Simpfon und Ingenieur Hurd zu Walton in Yorkſhire eine Erfindung patentiren, wonach die Luft nicht mehr an der Oberfläche der Grube, fondern in der Grube felbft, fei es durch Menfchen- oder Pferde- Kraft, comprimirt wird. Es fetzt diefs eine gute Ventilation der Gruben voraus, aber es werden auch die Koften der Röhrenleitung durch den Schacht hinab erfpart. Von anderer Seite ift vorgefchlagen worden, durch fallendes Waffer die zur Luftpreffung erforderliche Kraft zu fchaffen. Eine von den Herren Huntrifs& Comp. in Yorkſhire erfundene verbefferte Art der Gasgewinnung und Beleuchtung der unterirdifchen Strecken brach fich rafch Bahn und ift bereits in vielen Werken von Yorkſhire, Staffordſhire, Lancafhire und des Nordens in Anwendung gebracht. Je mehr der Bergbau an Klarheit in Plan und Ausführung und dadurch an Sicherheit gewinnt, um fo deutlicher tritt das Beftreben hervor, die erforderlichen. Hilfseinrichtungen von der Oberfläche hinweg in das Innere der Grube zu verlegen, und da hiedurch ein verftärktes Perfonal und ein erhöhtes Capital in der Grube arbeitet, welches Pflege und Aufficht erheifcht, fo kann eine folche Verlegung auch auf die Sicherheit der unterirdifchen Belegfchaft nur vortheilhaft zurückwirken. Dafs man in England erft jetzt mit der Einrichtung von Verforgungscaffen für die Hinterbliebenen der in den Kohlengruben verunglückten Arbeiter beginnt, ift an anderer Stelle diefes Berichtes ausführlicher erwähnt. In Deutfchland und Oefterreich ift das Verforgungswefen feit alter Zeit gut entwickelt, obfchon auch hier noch manche Erweiterung und zeitgemäfse Verbefferung erforderlich wäre. Seit dem Jahre 1867 wurden in den meiften europäifchen Revieren zahlreiche Arbeiterwohnungen errichtet, wodurch die Arbeiterbevölkerung nicht nur billiger und reinlicher wohnt, fondern auch einen ftabilen Charakter annimmt. Erft in der Entstehung begriffen ift die Affociation der Gewerken eines Reviers, obfchon diefelben fo viele und wichtige gemeinfame Intereffen haben. Es ift gar kein Zweifel, dafs fich zahlreiche Anliegen, wir nennen nur beiſpielsweife die wichtige Frage der Entfernung der Grubenwäffer, unendlich viel wirkfamer und billiger löfen liefsen, wenn man fie nicht lediglich vom Standpunkte der einzelnen Gewerken, fondern eines ganzen Revieres betrachten würde. Die bekannten Gewerkenvereine in Deutfchland und Oefterreich, namentlich der Verein für die bergbaulichen Intereffen des Oberbergamtsbezirkes Dortmund" in Effen und der analoge Verein für die bergbaulichen Intereffen im nordweftlichen Böhmen" in Teplitz haben viel Gutes geftiftet, würden jedoch einer viel gröfseren Ausdehnung fähig fein. Nur nebenbei fei noch erwähnt, dafs in England in neuefter Zeit die Kohlengewerken eines Reviers Confumvereine bilden, welche Wälder in Norwegen oder Canada ankaufen zum gemeinſamen Bezuge der erforderlichen Grubenhölzer u. f. w. Wenn nun auch qualitativ feit 1867 die Kohlengewinnung nach vielen Seiten fich vervollkommnet hat, fo fteht diefs Alles doch nicht im Verhältniffe zur quantitativen Ausdehnung diefes Induftriezweiges. Sicher ift die Production keines anderen Artikels feit 1867 in gleichem Mafse geftiegen als die Förderung der Kohle. Hierüber mögen die Ziffern in der Tabelle Seite 5 fprechen. 99 Hienach ift die Kohlenproduction der Erde von 184,693.742 Tonnen im Jahre 1866 auf 256,275.824 Tonnen im Jahre 1872, das ift um 38.75 Percent geftiegen. Unter den einzelnen Ländern zeigt die ftärkfte Zunahme Rufsland mit 315 13 Percent, die fchwächfte England mit 21 73 Percent. In Oefterreich ift die Kohlenförderung von 4,893.931 Tonnen( 97,878.620 Zoll- Centner) im Jahre 1866 auf 10,443.998 Tonnen( 208,879.960 Zoll- Centner) im Jahre 1872 geftiegen, folglich eine Zunahme in fieben Jahren um 113 41 Percent. Ungeachtet diefer aufserordentlichen Entwicklung der Kohlenproduction in der ganzen Welt, ift das geförderte Product nicht billiger, fondern theuerer geworden, und die Urfache diefer Erfcheinung liegt nicht nur in dem riefig wachfenden Verbrauche, welcher mit der Förderung mindeſtens gleichen Schritt hält, Mineralifche Kohle. 5 fondern fie refultirt auch aus befonderen Uebelftänden, von denen das gröfste Productionsland, Grofsbritannien, betroffen wurde. Production von mineralifchen Kohlen in den Jahren 1866 und 1872 ( in metrifchen Tonnen zu 20 Zoll- Centner). Länder Im Jahre Förderung Im Jahre Förderung Zunahme in Percenten 103,069.8 04 1872 28, 162.805 1872 21,856.000 1872 I 2,260.085 1872 12,77 4.66 2 4,893.93 1 England 1866 Deutfchland 1866 • Vereinigte Staaten 1866 • Frankreich 1866 Belgien 1866 1872 Oefterreich- Ungarn 1866 1872 Rufsland 1866 264 455 1872 Auftralien. 1866 Uebrige Länder. 1866 Summe 774.000 1872 638.000 1872 184,693.742 125,473.2 73 42.324.469 4 1,491.1 35 I 5,900.000 I 5,658.948 10,44 3.998 1, 09 7.8 32 942.510 2,943.659 256,275.824 2173 50 27 89.83 29.68 22.57 II3 41 315 13 21 77 36138 38.75 Durch ein Zufammenwirken verfchiedener Umstände find in England vom Jahre 1867 bis 1873 die Kohlenpreife um 80 bis 100 Percent geftiegen. Eine folche Preiszunahme in einem Productionsgebiete, welches faft 50 Percent des gefammten Kohlenbedarfes erzeugt, konnte nur aus tief liegenden Urfachen entfpringen und mufste, da Kohle die Grundlage aller Induſtrie bildet, von den einfchneidendften Folgen für die Gefammtinduftrie der Welt, den Welthandel und die Concurrenzverhältniffe der verfchiedenen Länder begleitet ſein. Die Ermittlung der Urfachen und Folgen jenes Steigens der Kohlenpreife und die Beantwortung der Frage, ob hier nur eine vorübergehende Störung oder ein dauerndes Verhältnifs vorliegt, bildete, unfererUeberzeugung nach, das bedeutfam fte aller volkswirthfchaftlichen Probleme, deffen Klärung überhaupt von der Wiener Weltausstellung zu erwarten war. Die wichtigfte feit 1867 eingetretene Veränderung auf dem Gebiete der Kohleninduftrie ift daher nicht fowohl technifcher, als commercieller Natur, und ihre Erörterung war die erfte und bedeutendfte Aufgabe diefes Berichtes. Wir fchliefsen unfere einleitenden Bemerkungen mit einer Ueberficht, welche den Antheil der wichtigften Länder an der Gefammtförderung im Jahre 1872 in metrifchen Tonnen und nach Percenten, fowie die auf jeden Kopf der Bevölkerung entfallende Quote( in Pfunden) darftellt.( Siehe Seite 6.) Von der Gefammtförderung der Erde von 256,275.824 metrifchen Tonnen producirte alfo England 125,473.273 metrifche Tonnen oder 48 96 Percent. In weitem Abftande folgen dann das deutfche Reich mit 42,324.469 metrifchenTonnen oder 16:52 Percent, die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit 41,491.135 metrifchen Tonnen oder 16 19 Percent u. f. w. Die einzelnen Länder. Grofsbritannien. Die mächtigen Blöcke, die von zwei Ausftellern aus Newcaſtle und Cardiff als einzige Repräfentanten der englifchen Kohleninduftrie zur Weltausftellung nach Wien 6 J. Pechar, Dr. A. Peez. gefendet wurden, ftellen ein langes und inhaltfchweres Stück englifcher Gefchichte dar. Antheil der einzelnen Länder an der Gefammtförderung im Jahre 1872. Länder Kohlenförderung im Jahre 1872 in metrifchen Tonnen Percentantheil an der Gefammtförderung Kohlenförderung Bevölkerung per Kopf der Länder der Bevölkerung in Pfunden England Deutſchland Vereinigte Staaten Frankreich Belgien. Oefterreich 125.473.273 48.96 31,817.108 7.887.15 42.324.46 9 16.52 41,058.139 2.061 68 41,491.1 35 16.19 38,650.000 2.1 47.02 15.900.000 6.20 36,469.875 871-95 15, 6 58.948 6.11 5,087.105 6.1 56-33 IO, 443.998 4.07 35.904.435 581.76 Rufsland . 1,09 7.8 32 0.43 82,172. 022 26.72 Auftralien. Uebrige Länder. 942.510 2,943.659 0.37 1,958.650 962.40 115 260,810.980 22.57 Die Verwendung mineralifcher Kohle als Brennmaterial geht in England bis ins graue Alterthum zurück; aus Spuren, die man bei Newcaſtle gefunden hat, wird gefchloffen, dafs bereits die Römer die Kohlen zu fchätzen und zu gewinnen wufsten. In derfelben Gegend kannte man im XII. Jahrhunderte die Kohlenheizung. Um 1660 foll die Production Englands bereits 2.3 Millionen metrifcher Tonnen betragen haben. Zu allgemeiner gröfserer Verwendung kam jedoch der mineralifche Brennftoff erft mit den grofsen technifchen Erfindungen zu Ende des XVIII. Jahrhundertes. Durch Erfindung der Dampfmaschine und durch Verwendung der mineralifchen Brennftoffe bei dem Hochofenprocefse erlangte die Kohle ihre jetzige enorme Bedeutung. Seit jener Zeit bis in die Gegenwart hinein blieb die Nachfrage und Förderung des mineralifchen Brennftoffes in fortwährendem Steigen, worüber die folgende Tabelle die näheren Daten enthält: Steinkohlen- Förderung Englands im Jahre metrifche Tonnen Werth in Gulden öfterr. Währ. Silber Jahre im metrifche Tonnen Werth in Gulden öfterr. Währ. Silber 1839 31,502.193 1864 1855 65,297.794 161, 232.000 1865 94.394.50I 99,662.106 231,979.000 245.376.000 1856 67.533.050 166,638.000 1866 103,069.804 254,076.000 1857 66.279.267 163,486.000 1867 105.982.862 261,251.000 1858 65,887.173 1859 72,966.100 1860 80,706.391 1861 86,829.031 1862 84,796.905 1863 89, 523.2 13 162, 521.000 1868 179,949.000 1869 200,106.000 1870 209,088.000 1871 204,095.000 1872 215,730.000 104,600.626 109,2 31.4 48 II 0,784.57 2 II 9,247. 714 I 25,473.2 73 257,852.000 268.568.000 276,077.000 352,056.080 591,730.100 Seit dem Jahre 1839 hat fich demnach die englifche Kohlenproduction ungefähr vervierfacht und feit dem Jahre 1858 verdoppelt. Die jährliche Zunahme vom Jahre 1858 bis 1872 beträgt 6 4 Percent. Mineralifche Kohle. 7 Um fich von der Bedeutung der Förderziffer des Jahres 1872 im Belaufe von 123,497.316 Tonnen englifch( 125 4 Millionen Tonnen metrifch) eine Vorftellung zu machen, bedenke man, dafs diefe Kohlenmenge nebeneinander gefchichtet eine Mauer darftellen würde, welche in einer Breite von 12 Fufs und einer Höhe von 20 Fufs von Wien bis Berlin reicht. Die Zahl der Gruben betrug im Jahre 1872 2850 und die Ziffer der bei der Kohlenförderung unmittelbar befchäftigten Arbeiter war in demfelben Jahre 413.334. Es befchäftigte demnach die englifche Kohleninduftrie eine Arbeitermaffe, welche die Ziffer des ftehenden Heeres des deutfchen Reiches übertrifft. Auf je einen Arbeiter entfielen im Jahre 1864 309 englifche Tonnen, im Jahre 1871 317 und im Jahre 1872 299 Tonnen Förderung. Von der Förderung des Jahres 1872 im Belaufe von 125 4 Millionen metrifchen Tonnen wurden 13 2 Millionen metriſche Tonnen im Werthe von 10 443 Millionen Pfund Sterling in das Ausland ausgeführt und 112 2 Millionen metrifche Tonnen. in England felbft verbraucht. Von der gefammten englifchen Kohlenproduction von 125 4 Millionen metrifchen Tonnen wurden verwendet: in Eifeninduftrie 40 6 Millionen metriſche Tonnen = 32 40 Percent Fabriken.. وو 27.4 21 87 99 29 99 99 99 وو Haushaltungen 2015 29 " 9 " 16.36 وو Gas- und Wafferwerken 8.1 " 99 99 99 99 6.46 " 9 99 Bergwerken 8.0 " 29 99 99 6.38 99 ንን Dampffchiffen. 3.6 وو 77 .99 وو 2.87 97 Eifenbahnen " 9 2'2 99 وو 27 99 1-76 " " 9 Kupferwerken 0.9 " 9 " " 99 0.72 99 Verfchiedenen " Export. 0.9 13.2 27 99 99 " 9 0.64 22 99 " 9 99 99 IO 54 وو Zufammen 125 4 Millionen metriſche Tonnen - 100 Percent. Die riefenhafte englifche Eifeninduftrie mit ihren 900 Hochöfen und 250 Walzwerken verbrauchte demnach faft ein Drittel oder 32 4 Percent der gefammten englifchen Kohlenförderung, während für Hausbrand nur ein Sechftel oder 16:36 Percent verwendet wurden. Indem der englifche Steinkohlenbergbau folche enorme Mengen fördert und fie den wichtigften induftriellen Zwecken zuführt und dienftbar macht, ift die Kohlenproduction felbft zu einem der bedeutfamften Induſtriezweige Englands geworden. Auf eine kunftvolle und vielfeitige Technik geftützt, ein mächtiges Mafchinenwefen in Anfpruch nehmend, mit der hochwichtigen Eifeninduftrie innig verwandt, das ausgebildete Communicationsfyftem Englands theils zur See, theils per Bahn, theils auf Canälen ins Leben rufend und zu grofser Profperität führend, auch als wichtiger Exportartikel und Schiffsballaft die Schifffahrt wefentlich fördernd, endlich als Hebel der englifchen Mafchinenkraft, die mit der Stärke von etwa 800 Millionen Menfchen arbeitet, ift die Steinkohle in der That als die Grundlage des volkswirthfchaftlichen Auffchwunges, des Reichthumes und der Macht Grofsbritanniens anzufehen. Die Kohlenformation erftreckt fich in Grofsbritannien über eine Fläche von 6.800 englifchen Quadratmeilen( 1,760.000 Hektaren), von denen auf Schottland ein Viertel und auf England drei Viertel entfällt. Von den Kohlenformationen im eigentlichen England liegt etwas mehr als die Hälfte, das ift eine Fläche von 2.780 englifchen Quadratmeilen( 719.700 Hektaren), zu Tage, während 2.300 englifche Quadratmeilen( 595.400 Hektaren) von jüngeren Schichten überlagert find. Was Irland betrifft, fo kommen dort nur unbedeutende Spuren von Kohlen vor; wahrfcheinlich find die kohlenführenden Schichten von den Meeresfluthen hinweggefpült worden. 80 J. Pechar, Dr. A. Peez. In den meiften Kohlengebieten Grofsbritanniens find die Flöze zahlreich und theilweife fehr regelmässig gelagert, fo dafs ein leichter Abbau, der mit wenigen Schächten grofse unterirdifche Strecken auffchliefst, nicht zu den Seltenheiten gehört. Vergleicht man die englifchen Kohlenlager mit den belgifchen und franzöfifchen, fo find in erfteren weniger Verwerfungen und Störungen zu bekämpfen; auch ift der Stückfall beffer. Die Feftigkeit des Deckgebirges geftattet eine fparfamere Verwendung von Holz, fo zwar, dafs in vielen englifchen Gruben für Auszimmerung per I Tonne Förderung nur 2 bis 3 d. ( 9 bis 13 Kreuzer) erfordert werden, während man in Belgien und Frankreich oft bis I s.( 38 bis 50 Kreuzer) per Tonne benöthigt. Vergleicht man hingegen mit diefen Verhältniffen in den englifchen Kohlengebieten das Vorkommen der wichtigften amerikaniſchen und deutfchen Steinkohlen- Becken oder mehrerer öfterreichifchen Braunkohlen- Becken, fo dürfte fich die Wagfchale weniger günftig für England ftellen. Die englifchen Kohlen liegen zum Theile in grofser Tiefe; viele wichtige Kohlenfelder erfordern zu ihrer Auffchliefsung eine Schachtteufe von 300 bis 500 Metern, auch ift die Mächtigkeit der Flöze durchaus nicht fo grofs, wie man zuweilen auf dem Continente annimmt. In manchen Kohlenrevieren gelten Flöze von II Zoll( o 2794 Meter) für abbauwürdig. Freilich kommen auch ſtarke Flöze von 10, 20 und mehr Fufs( 32, 6 Meter) vor. Das grofse Flöz" von Midlothian öftlich von Edinburg hat eine Mächtigkeit von 8 bis 10 Fufs; in Fivefhire ift auf einer kurzen Strecke eine Flözmächtigkeit von 21 Fufs nachgewiefen, welche jedoch noch weit übertroffen wird von der„ Zehnellen- Kohle" von Wolverhampton in Süd- Staffordshire, die nicht weniger als 24 bis 36 Fufs( 71 bis 11 Meter) mächtig vorkommt. Aber gerade diefs letztgenannte berühmte Flöz geht rafch feiner Auskohlung entgegen. Was die Qualität betrifft, fo liefern die englifchen Kohlenfelder nicht nur treffliche, fondern auch für beftimmte Zwecke als Specialitäten befonders geeignete Kohlenforten, die vermöge des alten wohlorganifirten Kohlenhandels des Landes feit vielen Jahren ihre Marke haben und mindeſtens bis in die letzten Jahre für den Befteller zuverläffig zu bekommen waren. Solche Specialitäten bilden die bekannten Gaskohlen von Schottland, die Coke von Durham, fowie die Dampfkohlen von Süd- Wales, die unter dem Namen ,, Cardiff- fteam- coal" berühmt und für die zahlreichen und hochwichtigen Dampferlinien rund um die Welt gefucht find. Endlich muss noch die glückliche geographifche Vertheilung als ein wefentlicher Vorzug der englifchen Kohlenreviere bezeichnet werden. Der Often und Weften, Süden und Norden, fowie das Centrum der englifch- fchottifchen Infel find gleichmässig bedacht, und nur der Südoften Englands, die Gegend, wo London liegt, fowie Irland bilden eine Ausnahme. Der Umftand, dafs vier der wichtigften Productionsftätten von Kohle unmittelbar an die See anftofsen, geftattet eine leichte Verfendung per Schiff rund um die Küften und für den Export, während ein Eifenbahnfyftem in einer Länge von 24.740 Kilometern ( wovon mehr als die Hälfte, das ift 13.416 Kilometer, mit Doppelgeleifen), fowie 4.022 Kilometer Flufsläufe und 3.911 Kilometer Canäle die Verftreuung der Kohle über das gefammte Inland ermöglichen und allzugrofse Preisunterfchiede in den einzelnen Theilen des Landes nicht aufkommen laffen. Uebrigens gelangen die natürlichen Vorzüge Englands zu ihrer rechten Geltung durch den befonderen Grund, dafs England vermöge feiner älteren induftriellen Entwicklung in dem Verbrauche und der Förderung der Kohle gegenüber dem Continente einen Vorfprung von mehr wie 50 bis 70 Jahren voraus hat. Seine Kohleninduftrie ift daher fchon ein völlig ausgewachſener, mächtiger Baum, während der Continent, und befonders deffen mittlere und öftliche Theile, * Der Shilling( in diefer Schrift ftets mit ,, s." bezeichnet) hat 50 4 Kreuzer öfterr Währung Silber. Ein s. enthält 12 Pence( mit ,, d." bezeichnet), I Penny= 42 Kreuzer. Mineralifche Kohle. 6 jungen, wenn auch zukunftsreichen Stämmen und Schöfslingen gleichend, erft im Beginne ihres Wachsthumes ftehen. In Deutſchland und Oefterreich datirt die umfaffendere Ausbeutung der Kohlenfchätze erft feit 1850; in Rufsland fcheint erft jetzt das Capital auf Gewinnung mineralifcher Brennftoffe in gröfserem Mafsftabe fein Intereffe zu lenken. Die Ueberlegenheit Grofsbritanniens auf diefem Gebiete ift alfo nicht blos, wie oft fälfchlich angenommen wird, eine natürliche, gleichfam prädeftinirte, fondern vielleicht in noch höherem Grade eine gefchichtliche, und - was die Zeit gebracht hat, kann die Zeit auch wieder modificiren.- Die Kohlenfelder Grofsbritanniens laffen fich nach ihrer geographifchen Lage in drei grofse Gruppen zerlegen, nämlich in die Kohlen des Nordens ( Durham und Northumberland, Cumberland, Schottland), des Centrums( Yorkſhire, Derbyshire, Lancaſhire und Staffordſhire), endlich des Weftens( Süd- Wales und kleinere Becken). I. Der Norden. 1. Durham und Northumberland. Diefes Kohlenrevier, unfern der fchottifchen Grenze, an der Oftküfte gelegen, mit den Verfchiffungspunkten Newcaftle und Hartlepool, ift 80% Kilometer lang, auf einer namhaften Strecke 32 Kilometer breit und dehnt fich über 1134 Quadratkilometer. Es enthält durchfchnittlich 12 Flöze mit zufammen 16 Metern Mächtigkeit, die Flöze find gut gelagert und haben ein mäfsiges Einfallen. Das fefte Deckgebirge macht nur wenig Auszimmerung der Schächte nöthig. Die Flöze, von denen einzelne bis 2 Meter Mächtigkeit haben, enthalten eine fehr vielfach verwendbare und im Ganzen fehr gute Kohle. Hier liegen zwifchen Tyne und Wear die berühmten Wallfend kohlen, befonders gefucht für Hausbrand; weiter nördlich vom Tyne die dichtere Mafchinenkohle mit weifser Afche, während im Weften eine ausgezeichnete Cokekohle gewonnen wird. Die aus der letzteren gewonnenen Coke find von befonderer Feftigkeit und Tragfähigkeit, wodurch Hochöfen von 75 bis 85 Fufs Höhe möglich werden. Die Schattenfeiten diefes Kohlenfeldes beftehen in dem häufigen Vorkommen von fchwimmendem Gebirge und fchlagenden Wettern. Der berühmte Monkwearmouthfchacht der Herren Pemberton, die, lediglich auf wiffenfchaftliche Beweisführungen geftützt, bei Sunderland in einer Tiefe von 518 Metern das gefuchte Huttonflöz erreichten, mufste wafferreiche Schichten von 100 Metern Mächtigkeit durchteufen, auf deren Grunde nicht weniger als 136 Hektoliter Waffer per Minute ausgepumpt wurden. An diefem Schachte wurde 20 Jahre lang gearbeitet. Bei fo tiefen Schächten werden zur Kohlenförderung oft zwei Dampfmafchinen angewendet, von denen die eine zu Tage, die andere aber in der halben Höhe des Schachtes angebracht ift; die Pumpen ftehen in manchen Schächten unten auf der Baufohle. Bei dem Umftande, dafs fo tiefe Schächte oft 600.000 bis 1,000.000 Gulden koften, ift das Beftreben der Ingenieure felbftverſtändlich dahin gerichtet, möglichſt grofse Strecken durch einen Schacht aufzufchliefsen, und die Flöze find fo regelmäfsig gelagert, dafs man oft auf 1 bis 3% Kilometer Länge nach allen Seiten ftrahlenförmig die Strecken treiben kann. Für Wetterzuführung, Wafferhebung und Förderung dient meift ein und derfelbe Schacht. Weil daher das Fördern aus einem grofsen Streckengebiete fich nur eines einzigen Schachtes bedienen kann, fo richten die Bergingenieure ihre befondere Aufmerkfamkeit auf möglichft befchleunigte rafche Förderung. Im Seatonfchachte bei Newcaſtle legt die Förderfchale den Weg von 205 Metern( 672 Schuh) Schachtteufe in nur 3/4 Minuten zurück, eine weitere Minute fällt auf das Auswechfeln der Hunde, fo dafs bei zwei Schichten von zufammen 14 Stunden per Tag 1200 bis 1600 Tonnen gefördert werden. Bei 250 Arbeitstagen würde diefs einer Jahresförderung von annähernd 400.000 Tonnen entſprechen, die aus einem einzigen Schachte zu Tage gebracht werden. 10 J. Pechar, Dr. A Peez. Ein grofser Vorzug liegt darin, dafs ,, der Norden" im Verhältniffe noch die beften Arbeiterzuftände hat. Die Arbeit ift durch das Syftem von täglich zwei Schichten, das fonft in England nur fehr felten vorkommt, in eine fefte Ordnung gebracht, und etwa auftauchende Streitigkeiten zwifchen Arbeitgebern und Arbeitnehmern werden durch Schiedsgerichte ausgeglichen. Um diefe beiden Einrichtungen wird der Norden von den anderen Revieren beneidet. Das grofse Kohlenrevier von Durham und Northumberland fördert allein faft dreimal fo viel Kohlen wie alle öfterreichifchen Kohlenfelder zufammengenommen. An der Kohlenförderung Englands participirt es mit 25 Percent, und feine Lage, hart an der See, fetzt es in den Stand, zugleich der ftärkfte Exporteur englifcher Kohle zu fein. Aus den Häfen Newcaſtle, Sunderland, Hartlepool und anderen wurden im Jahre 1872 nicht weniger als 12,237.510 Tonnen nach dem Inlande und Auslande verfchifft. Zum Einladen der Kohle in die Schiffe find an der Küfte von Newcaftle ausgedehnte Anlagen und mechanifche Vorrichtungen gefchaffen. Am Tyne arbeiten 275 Hebevorrichtungen und Krahne, die meift hydraulifche Kraft anwenden. Der gröfste Schrauben dampfer ift in vier Stunden gefüllt. Oft liegen an den Quais 300 Schiffe, die auf einmal beladen und von einer und derfelben Fluth ins Meer geführt werden. London allein brennt in einem Monate die Ladung von 800 Schiffen. Nicht weniger als 75.000 Seeleute find in der Küftenfchifffahrt der nördlichen Kohlenplätze thätig. Die Güte und Billigkeit der Kohle hat die Gegend von Newcaftle bis Sunderland zu einem Hauptfitze der englifchen Induſtrie gemacht. Chemikalien, Glas, eiferne Schiffe, Locomotiven werden hier in gewaltiger Menge erzeugt. Ungefähr 20 Fabriken von gröfster Ausdehnung bringen von hier die Hauptmaffe der englifchen Soda in den Handel. Die Mündungen des Tyne, Wear und Blythe befitzen zugleich die( nächft dem Clyde in Schottland) gröfsten Werften für den Schiffsbau. Zu Ende des Jahres 1871 waren im Norden 143 Schraubendampfer mit einem Gehalte von 181.933 Tonnen im Baue. Von den in England im Jahre 1871 neu gebauten 421 eifernen Dampfern und 23 eifernen Segelfchiffen im Gehalte von zufammen 394.373 Tonnen find etwa 4/5 von den nordenglifchen und fchottischen Werften gekommen. In den Graffchaften Durham und Northumberland gab es im Jahre 1871 71 Hochöfen( wovon 50 im Betriebe), ferner 19 Walzwerke mit 991 Puddelöfen und 63 Walzenftrafsen. Doch ift diefs nur ein kleiner Theil der Eifenwerke, die aus den Kohlenfeldern von Newcaſtle und Sunderland gefpeift werden, denn die trefflichen Coke der Gegend bilden den hauptfächlichen Brennftoff auch für die Hochöfen der Graffchaften Cumberland und Yorkſhire, die an Bedeutung den Eifenwerken von Durham und Northumberland weit überlegen find. Zumal in Yorkshire, wo der Eifendiftrict Cleveland mit Middlesborough als Ausfuhrhafen, noch völlig auf den Coken von Durham beruht, gab es im Jahre 1871 160 Hochöfen, wovon 132 in Betrieb, die 1,437.557 metriſche Tonnen Roheifen producirten; ferner ftanden in Yorkſhire 35 Walzwerke mit 1189 Puddelöfen und 185 Walzenftrafsen im Gange. Ungefähr 20 bis 30 neue Hochöfen waren im Jahre 1873 im Baue begriffen. Die Kohlenförderung im Becken von Durham und Northumberland betrug im Jahre 1854 154 Millionen Tonnen, im Jahre 1864 dagegen 23 3 Millionen Tonnen und im Jahre 1870 27.7 Millionen Tonnen, folglich von 1854 bis 1870 Zunahme: 79 Percent. 2. Cumberland. Von den eben fkizzirten Kohlenfeldern an der Oftküfte quer durch das Land bis zur weftlichen Küfte vorfchreitend, begegnen wir einem kleineren Kohlengebiete mit Whitehaven als Verfchiffungspunkte. Das Revier von Cumberland ift 48 Kilometer lang und 92% Kilometer breit, fteht jedoch hinfichtlich der Zahl und Mächtigkeit der Flöze wefentlich hinter dem früheren zurück. Eine Merkwürdigkeit desfelben find die Werke von Lord Lonsdale, die Mineralifche Kohle. 11 fich in einer Ausdehnung von mehr wie 3 Kilometern unter den Meeresgrund erftrecken. Die Kohle von Cumberland eignet fich weniger gut zur Vercokung, wefshalb zur Verhüttung der vorzüglichen, in den letzten Jahren befonders für Stahlbereitung und Beffemer- Procefs verwendeten Hämatit- Erze von Cumberland ftarke Partien von Durham- Coken bezogen werden. In der Graffchaft Cumberland gab es im Jahre 1871 34 Hochöfen und 3 Walzwerke mit 64 Puddelöfen und 10 Walzenftrafsen. Im Jahre 1872 wurden ferner 12 neue Hochöfen errichtet und eine noch gröfsere Anzahl ift projectirt und im Baue begriffen. Die Kohlenförderung im Cumberland- Reviere betrug: 901.000 metrifche Tonnen 1870 1,430.000 1854 folglich Zunahme 58 Percent. " 3. Schottland. Das grofse fchottische Kohlenrevier mit Glasgow als induftriellem Mittelpunkte erftreckt fich von der Weftküfte bei Ayr bis zur Oftküfte rings um das Frith of Forth, alfo über die ganze Breite Schottlands hinüber. Jedoch enthält das Gebiet nicht überall abbauwürdige Flöze, fondern es kommen diefelben wegen ftarker Verwerfungen durch heraufgedrungene plutonifche Gefteine nur in verfchiedenen Abtheilungen vor. Eine der ergiebigften ift das Midlothian- Becken, öftlich von Edinburg, 14% Kilometer lang und 3.2 Kilometer bis 4-8 Kilometer breit, welches 12 Flöze enthält, die meift 2 bis 5 Fufs( o 6 bis 15 Meter) mächtig find; das fogenannte„ grofse Flöz" erreicht jedoch eine Mächtigkeit von 8 bis 10 Fufs( 25 bis 31 Meter). Im Weften, in Lanarkſhire und Ayrſhire, finden fich vorzügliche Gaskohlen, fowie die für den Hochofen- Procefs befonders geeignete Splintkohle. Da in unmittelbarer Nähe bedeutende Lager von Blackband( kohlenhaltigem Eifenftein) vorkommen, fo entftand hier die berühmte Roheifenproduction Schottlands, welche im Jahre 1871 mit 156 Hochöfen( wovon 126 im Gange) 1,178.560 metrifche Tonnen Roheifen und im Jahre 1872 mit 115 im Betriebe befindlichen Hochöfen 1,107.440 metrifche Tonnen Roheifen erzeugte. Es wird jedoch behauptet, dafs die Erzlager in rafcher Abnahme begriffen find. An Walzwerken waren in der Gegend 14 Etabliffements mit 338 Puddelöfen und 44 Walzenftrafsen thätig. Die Kohlenproduction Schottlands betrug: Im Jahre 1854 in 367 Werken 7,517.168 metriſche Tonnen 97 99 1870" 411 29 15,173.505 Zunahme 100 5 Percent. وو " 7 II. Mittleres England. Ungefähr in der halben Höhe Englands, jedoch der weftlichen Küfte zugeneigt, finden fich, rings um Derbyshire gelagert, mehrere wichtige Kohlen reviere, die möglicherweife untereinander in einem inneren Zufammenhange ſtehen. Ueber die bedeutenderen laffen wir einige Bemerkungen folgen. 1. York fhire und Derby fhire. Zwifchen Leeds und Nottingham erftreckt sich bei einer Länge von 104'6 Kilometern und einer Breite von 12'9 bis 32 2 Kilometern über eine Ausdehnung von etwa 1287.7 Quadratkilometern ein Revier, welches in 12 bis 16 Flözen zufammen 13.7 Meter Kohle enthält. Einzelne Flöze find 15 Meter, auch 2.7 Meter mächtig. Diefs Revier enthält die berühmte ,, Seiden- Steinkohle" von Süd- Yorkſhire, die ,, Schwarzfchale" von Derbyshire und die als reinfte Stubenkohle berühmte ,, Kilburnkohle". Die mächtigen Eifenfteinlager des Bezirkes gaben Veranlaffung zu der koloffalen Hochofen Production von Cleveland, die wir bereits früher erwähnt haben. 12 J. Pechar, Dr. A. Peez. 2. Lancashire. Unregelmäfsiger inForm undLagerung enthält diefes Revier eine Kohle von fehr guter Qualität. Die Mächtigkeit beträgt 1 bis 18 Meter. Bei Manchefter finden fich 16 bis 20 Flöze von zufammen 20 3 Metern Mächtigkeit. Die Tiefe der Schächte ift 314 8 bis 467.5 Meter. Der Flächeninhalt diefes Revieres, welches unter anderen die treffliche Cannelkohle von Wigan in fich fchliefst, beträgt 349 2 Quadratkilometer. Wenn auch lange nicht fo bedeutend wie Yorkſhire, befitzt auch Lancaſhire eine namhafte Eifeninduftrie. Im Jahre 1871 gab es dort 41 Hochöfen, wovon 34 im Gange, welche 528.684 metriſche Tonnen Roheifen producirten. Die 8 Walzwerke der Graffchaft arbeiteten mit 170 Puddelöfen und 36 Walzenftrafsen. Gewaltige Eifengiefsereien und Mafchinenfabriken fchliefsen fich an. Gleichwie Yorkshire der Sitz der englifchen Tuchinduftrie( Leeds), der Kammgarn- Spinnerei ( Bradford), der Teppich- und Decken- Fabrication( Halifax), der gemifchten Webwaaren( Huddersfield), fowie der Stahlwaaren- Fabrication( Sheffield) und der Strumpfwaaren- und Spitzen- Induftrie( Nottingham) ift, fo concentrirt fich die unermefsliche englifche Baumwoll- Induftrie mit ihren Hilfszweigen in Lancaſhire. Manchefter, Liverpool, Oldham, Bolton, Rochdale mit ihren Millionen von Spindeln und Hunderttaufenden von mechanifchen Webftühlen brauchen nur genannt zu werden, um zu ermeffen, welcher grofse Confum des einheimifchen Brennftoffes in diefen Orten ftattfindet. 3. Den beiden früher genannten Graffchaften Yorkſhire und Lancaſhire reihen fich hinfichtlich ihres Kohlenreichthums und ihrer induftriellen Entwicklung die beiden Stafford fhire ebenbürtig an. Nord- Staffordſhire, welches gewöhnlich mit Chefhire verbunden erfcheint, hat zahlreiche Kohlenflöze, die ftellenweife eine Gefammtmächtigkeit von 33 bis 42 Metern Kohle darftellen. Ueber diefen Kohlenflözen liegt oft Blackband- Eifenftein von wechfeln der Mächtigkeit, an einigen Punkten eine Stärke von 1 bis 12, ja 2 Metern erreichend. Darüber befinden fich jene bekannten Thonlager, auf welche die Steingut- und Thonwaaren- Induftrie Englands gegründet ift. Ein fehr reiches Kohlenvorkommen tritt uns in SüdStaffordſhire und Worceſterſhire entgegen. Das Revier ift 144 84 Quadratkilometer grofs. Die Durchfchnittszahl der Flöze beträgt 5 bis 7, ihre gefammte Mächtigkeit bis 15 2 Meter Kohle, die bei einigen Flözen bis zur ungewöhnlichen Stärke von 7.5 bis 11 Metern fteigt( Zehnellen- Flöz). Die Kohlen liegen für englifche Begriffe ziemlich flach und werden defshalb mit zahlreichen kleinen Schächten ausgebeutet, wefshalb zahllofe Schlote am Horizonte erfcheinen. Hier ift das fogenannte„, Schwarze Land", in Kohlenftaub gehüllt und nächtlich durch die Flammen der zahllofen Eifenwerke erleuchtet. Hochöfen, Eifengiefsereien, Schmieden, Hammerwerke, Kohlengruben, Mafchinen, Canäle und Bahnen. bedecken die Oberfläche. Wolverhampton, die Heimat der Schmiede", und Birmingham mit feinen Eifen- und Stahl- Arbeiten bezeichnen den Charakter der hier vorherrfchenden Induſtrie. " In Süd- Staffordſhire und Worceſterſhire gibt es 163 Hochöfen, wovon jedoch im Jahre 1871 nur 118 in Betrieb waren und 737.327 456 metrifche Tonnen Roheifen producirten; Walzwerke beftanden 110 mit 1700 Puddelöfen und 228 Walzenftrafsen. In Nord- Staffordſhire und Chefhire zählte man 35 Hochöfen ( wovon 30 in Betrieb) mit einer Jahresproduction von 272.592 metrifchen Tonnen, neben welchen 8 Walzwerke mit 414 Puddelöfen und 46 Walzenftrafsen arbeiteten. Hinsichtlich ihrer bergmännifchen Einrichtungen ſtehen die beiden letztgenannten Kohlenreviere auf einer wefentlich niedrigeren Stufe als die Werke im Norden. Die Folge davon find zahlreiche Unglücksfälle und mindeſtens bis in die neuefte Zeit eine enorme Verfchwendung an Kohle. - - Flintfhire, Warwickſhire und Leiceſterſhire enthalten Kohlenbecken von mehr localer Bedeutung. In Shropſhire wurden im Herbfte 1873 bedeutende Lager von Hämatit- Erzen entdeckt, die den bekannten Cumberland- Erzen nicht nachftehen follen. Hiedurch gewinnen die Kohlenlager diefer Gegend Mineralifche Kohle. 13 eine gröfsere Wichtigkeit, gerade in Shropſhire find jedoch die ausgiebigften Flözé bereits ftark abgebaut. In Cheſhire liegen die riefigen Salzwerke Englands, welche nur durch billige Kohle ihre Nebenbuhler in anderen Ländern aus dem Felde gefchlagen haben. Die Förderung in den genannten Revieren war: Yorkſhire Lancaſhire Revier Stafford- und Worceſterſhire Shropſhire Cheſhire Im Jahre 1854 Zunahme 1870 in Percenten metrifche Tonnen 7,603.315 15,164.545 99 4 9,220.340 14,023.283 52'1 7,615.500 13,433.742 76: 4 1,096.632 798.612 1,363.682 943.459 24 4 18.2 III. Weftliches England. 1. Briftol und Bath. Diefes Kohlenrevier von 40 2 Kilometern Länge nähert fich in mancher Hinficht dem belgifchen Typus. Es enthält ftarke Störungen, und Flöze von II Zoll( 0 289 Meter) Mächtigkeit gelten bereits als„ abbauwürdig". Ein fchönes kleines Becken ift dagegen das von„ Foreft of Dean"; es enthält II Flöze von zufammen 8.2 Metern Mächtigkeit. 2. Süd- Wales. Ueber eine Ausdehnung von 1448 Quadratkilometern erftreckt, enthält diefs prächtige Becken in feinen verfchiedenen Abtheilungen eine reiche Auswahl trefflicher Kohlenforten, die in Cardiff und Swanſea fehr ftark zur Verfchiffung gelangen. Im Nordoften ift die Kohle befonders vorzüglich( theilweife bituminös, theilweife anthracitifch). Bei Aberdare begegnet man faft rauchlofen Gattungen, die befonders als Mafchinenkohle gefucht find. Jedoch find auch hier fchon die am günftigften gelegenen Flöze( z. B. das 1 22 Meter mächtige Aberdeenflöz) nahezu erfchöpft. Das Revier, deffen Schätze theilweife bis zu 590 Metern in die Tiefe hinabgehen, enthält in feinen verfchiedenen Theilen bald 8, bald 15 und bald 18 Flöze mit zufammen 5.5, 8.5 und 25 3 Metern Kohlenmächtigkeit. Die auf das Kohlenrevier von Süd- Wales gegründete Eifeninduftrie umfafst 167 Hochöfen, wovon im Jahre 1871 112 im Betriebe, mit einer Production von 1,061.939 metrifchen Tonnen, ferner 44 Walzwerke mit 1441 Puddelöfen und 193 Walzenftrafsen. Auch die grofsen Kupfer- und Zinn- Schmelzen verbrauchen ungeheuere Kohlenmengen. Die Production in Süd- Wales( einfchliefslich Monmouthshire) betrug: im Jahre 1854 8,636.000 metrifche Tonnen, وو " " ንን 1864 1870 • Zunahme von 1854 bis 1870 II, I 52. I 24 15,88 2.7 38 " 99 29 99 60.7 Percent. Ueberblickt man nun diefe ganze Reihe der englifchen Kohlenlager und erwägt man genau die Wichtigkeit der Induftriezweige, die auf die Kohlenlager bafirt und untrennbar mit ihnen verbunden find, fo tritt die Bedeutung der Kohle für die englifche Volkswirthschaft recht klar zu Tage. Qualität der Kohle. Um über die Qualität der wichtigften englifchen Kohlenforten einige Anhaltspunkte zu geben, diene die folgende Zufammenftellung: 2 Englifche Kohlen Kohlenstoff Chemifche Analyſen In 100 Gewichtstheilen getrockneter Subftanz Wafferftoff Sauerftoff Stickftoff Schwefel Afche Kohlenstoff In 100 Gewichtstheilen afchenfreier Subftanz Wafferftoff Sauerstoff 1. Stückkohle von Wefthartley( Norden). 2. Befte Kohle von Newcastle 3. Cannelkohle دو 4. Seaton Dampfkeffel- Kohle " 5'70 " >> " 84.53 84.31 5.09 7.24 1'49 O'13 86.17 5.81 3'71 I'14 0.07 5'05 1'29 0.08 3'35 87'54 I'73 85'92 5.18 3'11 88.99 78.65 4.65 14'21 - 0* 55 " 5. Low- Main- Flözkohle 78.69 6.00 10'07 2'37 I'51 " 6. Nufskohle von Sunderland 74'94 5'12 5'15 I'33 0.77 2.49 80.54 136 81'or 12.66 86.59 5'90 5'23 I'33 7.38 I'5I 6.00 3.83 1.18 4.76 14'70 47 39 12'94 " 60'36 7.03 " - 6 17 10 38 2'44 " 7. Schmiedekohle 82'72 5'24 6.35 I'49 0.26 3.95 86.35 8. Nufskohle von Hartlepool 74.75 4'90 10'72 I'14 0* 75 " 9. Mafchinenkohle von Grimsby( Süd- Wales) 10. Ellveinkohle 82.26 5.73 7'41 I 34 0'17 " 82 56 5'36 8.22 1.65 0'75 7'74 81.69 3'08 85 02 1'46 84'42 5.93 5.98 5'95 I'54 5'47 6.61 I'57 5.36 11 74 7.66 1'39 5.48 8.40 I'70 I'21 36 17 22 84 56.41 19.75 58.27 10'77 51 56 11 83 45 77 19.82 56.40 13 14 49.98 14'93 Dick Taylor Grundmann " 27 Noad II. Kohle von Dowlais 12. Kohle von Wolverhampton( Staffordſhire) 13. Wigan Cannelkohle( Lancaſhire). 14. Kohle von Ayrſhire( Schottland). 89 33 4'43 78.57 5'29 12.88 84.07 5'7 I 7.82 76.08 5.31 3'25 I'24 0.55 1.84 0'39 15. Splintkohle aus den Elgingruben( Schottland) 80.63 6.16 10.61 I'33 13:33 2.09 I'23 0.84 16. Bogheadkohle. 61.04 9'22 4'4° 0'77 0'32 I'20 90'93 1'03 79.88 2.40 85.81 1'96 78.59 5'49 13'77 2'15 1'43 82'50 5'28 10.68 1* 36 24 23 80 90 12'48 5.60 I'O2 4'51 3.30 1.26 43.33 6.27 Riley 5:34 13.02 46.75 20 52 Vaux 5.85 8.34 - 52'91 15 26 44 53 25 32 45.58 18.12 Regnault Rowney 44 03 10 23 Matter Verhältnifs Stickstoff Wafferftoffes des disponible n des nicht disponiblen Analytiker zum Kohlenftoffe IOO 58.02 9.36 Grundmann J. Pechar, Dr. A. Peez. 14 Mineralifche Kohle. 15 Revolution in den Kohlenpreifen feit 1871. Grofsbritannien hatte früher die billigften Kohlenpreife und auf diefem Umftande beruhte bekanntlich ein grofser Theil feiner induftriellen Uebermacht. In den Jahren 1845 bis 1870 ftanden die Preife an der Grube im Durchschnitte zwifchen 3 und 5 s.( circa 11 bis 21%, fl.) per englifche Tonne, je nach der Qualität der Kohle. In der Gegend von Newcaftle und in Wales waren die Preife am niederften. In Wales koftete im Jahre 1850 die Tonne 2 s. 6 d. bis 3 s. 6 d.( 1 fl. 25 kr. bis 1 fl. 76 kr.). In Sunderland bei Newcaftle wurden gu te Steinkohlen für 4 s. 2 d. bis 5 s.( 2 fl. 10 kr. bis 2 fl. 52 kr.) per Tonne frei an Bord der Seefchiffe geliefert; Nufskohle( durch ein Sieb geworfen, deffen Oeffnungen 5 Zoll weit find) koftete I fl. 50 kr. öfterr. Währ. Silber, 58 und Staubgries( culm) I S. 10 d.( 921%, kr.) per Tonne, Alles frei an Bord des Seefchiffes. Erwägt man, dafs die Fracht von Sunderland nach Rotterdam, Bremen oder Hamburg nur circa 3 fl. bis 4% fl. per Tonne ftand, fo bezifferte fich Stückkohle nach jenen Häfen geftellt auf 5 bis 7 fl. per englifche Tonne( das ift 20 bis 23 Centner, letzteres mit Gutgewicht) und es ift demnach leicht zu ermeffen, mit welcher überlegenen Gewalt die englifche Kohle längs aller Küften vorherrfchte. An den wichtigften englifchen Fabriksplätzen wie Mancheſter, Sheffield oder Birmingham koftete gute gewöhnliche Stückkohle 4 bis 6 s.( 2 bis 3 fl.) per Tonne oder 16 bis 25 kr. öfterr. Währ. Silber per Zoll- Centner. Kleinkohle wurde am Werk mit 212 s.( 1 fl. 25 kr.) per Tonne englifch verkauft, fo dafs ein Centner auf 6.25 kr. öfterr. Währ. zu ftehen kam. Ueberdiefs konnten Mittelkohlen und Kleinkohlen umfo billiger an die Fabriken abgegeben werden, als oft aus dem Erlöfe der zur Verfendung in die Nähe und Ferne gelangenden Stückkohle bereits die Regiefpefen der Werke einfchliesslich Verzinfung des Capitals gedeckt waren. Etwas höher ftanden die Preife in London, doch wurde auch hier die Tonne befter Stückkohle vom Jahre 1845 bis 1870 im Durchschnitte nicht theuerer verkauft als zwifchen 15 bis 20 s.( 7 fl. 56 kr. bis 10 fl. 8 kr.). In diefe Verhältniffe brachten nun die neueften Ereigniffe eine förmliche Revolution. Die Wendung begann mit dem Jahre 1871 und ging zunächft von der verftärkten Nachfrage der Eifeninduftrie nach Kohle aus. Seit dem Jahre 1864 hatte ein Druck auf der englifchen Eifeninduftrie gelaftet; wohl breitete fich diefelbe mächtig aus, aber fie arbeitete ohne fonderlichen Vortheil. Die billigen Eifenpreife führten nun in den Jahren 1864 bis 1870 zu einer maffenhaften Verwendung von Eifen für die verfchiedenften Zwecke der Induftrie und des gewöhnlichen Lebens, und als mit Beendigung des deutfchfranzöfifchen Krieges im Jahre 1871 der Continent, und befonders Deutfchland und Oefterreich, eine längere Friedenszeit vorausfehend, fich mit einer bisher unerhörten Regfamkeit auf die Entwicklung von Handel und Induftrie warfen, während gleichzeitig Amerika in faft überftürzter Weife den Ausbau feines Communicationsnetzes befchleunigte, da machte fich in England, der gröfsten Eifen- Productionsftätte der Welt, eine ganz aufserordentliche Nachfrage nach diefem Artikel geltend. Die Preife der Erze und des Eifens gingen in der zweiten Hälfte des Jahres 1871 fprungweife in die Höhe. Schottifches Roheifen, welches in den Jahren 1864 bis 1870 einen Durchschnittspreis von 52 bis 55 s.**( 26 fl. 21 kr. bis 27 fl. 72 kr.) erzielte, hatte im Jahre 1872 einen Durchfchnittspreis von IOI S. 10 d.( 51 fl. 37 kr.) per englifche Tonne erreicht, war alfo um annähernd 100 Percent geftiegen. Stabeifen und Schienen ftiegen von 7 Pfund 15 s.( 78 fl. 12 kr.) in 1870 auf 12 Pfund 10 s.( 126 fl) in 1872, alfo gleichfalls um 80 Percent. Noch I Tonne englifch= 20'32 Zoll- Centner; 1 Tonne metrifch= 20 Zoll- Centner. Wo in diefer Schrift nicht ausdrücklich englifche Tonnen genannt werden, find unter ,, Tonnen" ftets metriſche Tonnen verftanden. ** Mit Ausnahme einer kurzen Periode im Jahre 1866, wo die Tonne 60 s. galt. * 2* 16 J. Pechar, Dr. A. Peez. ftärker war das Herauffchnellen der Eifenpreife im wichtigen Diftricte von Cleveland. Während hier in den Jahren 1857 bis 1871 die Tonne Roheifen im Durchfchnitte fich zwifchen 42 und 50 s.( 21 fl. 16 kr. und 25 fl. 20 kr.) bewegte, fchlofs bereits das Jahr 1871 mit einem Preife von 68 s.( 34 fl. 27 kr.) für Eifen Nr. 3; letzteres ftand Ende Juni 1872 bereits auf 100 s.( 50 fl. 40 kr.) und ging im September auf 110, 115, ja in einigen Fällen auf 120 s.( 55 fl. 40 kr., 57 fl. 96 kr. und 60 fl. 48 kr.). Eine folche riefige Conjunctur in Eifen mufste natürlich auf die Kohle in hohem Grade anregend wirken. Wenn man bede nkt, dafs zur Erzeugung von I Tonne verarbeiteten Eifens durch alle Stadien der Fabrication circa 5 bis 6 Tonnen Kohle benöthigt werden, fo wird man fich von der Nachhaltigkeit diefes Antriebes einen Begriff machen. Während im Jahre 1867 von der gefammten Kohlenförderung Englands von 104 Millionen Tonnen 281 Millionen Tonnen von der Eifen-. induftrie( für Roheifen, 2 für Stabeifen) verbraucht wurden, fielen im Jahre 1872 bei einer Production von 125 3 Millionen Tonnen nicht weniger als 4023 Millionen auf den Confum der Eifeninduftrie. Letztere verbrauchte demnach im Jahre 1867 25 Percent, in 1872 aber 32'4 Percent der gefammten englifchen Kohlenförderung. Gleichzeitig war es aber nicht allein die Eifeninduftrie, die mehr Kohle verbrauchte, fondern der allgemeine Auffchwung fämmtlicher englifcher Induſtriezweige in 1871 und 1872 brachte eine ungemein gefteigerte Nachfrage nach mineralifchem Brennftoffe mit fich. Die Induftriellen, denen von allen Seiten Aufträge zuflogen, waren nur beforgt, fich die erforderliche Kohle zu fichern. Wofern fie nicht fefte Lieferungsverträge mit den Kohlenproducenten bereits hatten, waren fie froh, bei den letzten nur überhaupt noch anzukommen und bewilligten daher jeden Preis. Indeffen würden diefe Verhältniffe, fo acut fie auch auftreten mochten, doch nicht genügt haben, um die Kohlenfrage in England bis in ihre tieffte Tiefe aufzuwühlen, wären nicht zwei weitere Ereigniffe hinzugetreten, denen man, wie vorauszufehen ift, einen dauernden Einflufs wird zuerkennen müffen, nämlich die Arbeiterftrikes und die Beforgnifs vor einer näher rückenden Erfchöpfung der englifchen Kohlenlager. - Auch bei Steigerung der Arbeitslöhne ging der erfte Anftofs von der Eifeninduftrie aus. Als die Arbeiter in den Eifenwerken die glänzende Conjunctur in diefem Gefchäftszweige wahrnahmen, fo glaubten fie ihre Zeit gekommen und verabredeten Arbeitseinstellungen zur Erzielung höherer Löhne und kürzerer Arbeitsdauer. Das Beiſpiel der Eifenarbeiter fand von Seiten der Kohlenarbeiter rafch Nachahmung. Noch vor wenig Jahren waren die Löhne mäfsig gewefen. In Durham und Northumberland erhielt im Jahre 1867 bei zehnftündiger Arbeitszeit ein Häuer durchſchnittlich 6 s.( 3 fl. 2 kr.) per Tag, wobei allerdings Haus, Schule und Kohle meiftens vom Gewerken beftritten wurden; gewöhnliche Grubenarbeiter ftanden fich bei zwölfftündiger Arbeitszeit auf 4 s.( 2 fl. 27 kr.) per Tag. Aehnlich waren die Löhne in den übrigen Kohlenrevieren Englands. In dem Jahre 1872 gingen jedoch die Löhne in der Art in die Höhe, dafs die Werkleute im weftlichen Yorkſhire bei nur vier Arbeitstagen 2 Pfund Sterling ( 20 fl. 16 kr.) per Woche, und in Wigan bei Manchefter fogar 2 Pfund Sterling IO S.( 25 fl. 20 kr.) per Woche erhielten. Im Norden wurden für fiebenftündige Grubenarbeit bei 245 Arbeitstagen im Jahre gleichfalls per Woche 2 Guineen( 24 fl.) gezahlt, was einer Löhnung von 70 Kreuzern Silber per Stunde entſprechen würde! Und dabei find Wohnung, Kohle und Unterricht frei. Man nimmt an, dafs im Allge meinen in England in den letzten beiden Jahren durch Erhöhung der Löhne ein Betrag von 1's. 6 d.( 75-6 kr. öfterr. Währ. Silber) zu den Geftehungskoften von I englifchen Tonne Kohle hinzugetreten ift. Vergleicht man nun diefe Löhne am Schluffe des Jahres 1872 mit denen von 1867, fo ift der Unterfchied beträchtlich genug. Man kann die Lohnfteigerung Mineralifche Kohle. 17 auf 70 bis 120 Percent anfchlagen, und doch liegt ihr nachtheiliger Einfluss immer noch weniger in der Erhöhung an fich, als in der zunehmenden Entfremdung zwifchen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und der daraus entſpringenden Unficherheit der Verhältniffe. Der Verkehr mit den Arbeitern ift ungemein fchwierig geworden. Ihre rafch zur Hand genommene Waffe ift die Einstellung der Arbeit; was aber eine folche Mafsregel in England bedeuten will, darüber gibt der grofse Strike von 1872 in Süd- Wales genügende Auffchlüffe. Zwifchen den Eifenwerks- und Kohlenwerks- Befitzern von Glamorganfhire und Monmouthfhire in Süd- Wales und ihren Arbeitern brach nämlich gegen Ende 1872 ein Zwift aus, indem die erfteren die Zeit für günftig hielten, um die Löhne um 10 Percent zu vermindern, nachdem fie vorher fucceffive zu Erhöhung derfelben um 40 Percent gezwungen worden waren. Die Arbeiter fafsten die Abficht der Gewerken als eine Kriegserklärung auf und ftellten am 1. December die Arbeit ein. Von 65.000 Arbeitern des Bezirkes feierten circa 60.000, und es kamen dadurch 118 Kohlenwerke, 129 Hochöfen, 1516 Puddelöfen und 78 Walzenftrafsen zum Stillftande. Der Strike dauerte eilf volle Wochen. Da die feiernden Etabliffements fonft per Woche ungefähr 107.000 Tonnen Kohle, 11.000 Tonnen raffinirtes Eifen und 1800 Tonnen Stahl producirten, fo läfst fich der durch Stillstand der Werke entstandene Verluft auf 162.500 Pfund Sterling( 1,638.000 fl.) per Woche anfchlagen. Diefs ift, wohl bemerkt, nur der directe Ausfall, der aber eine Reihe anderer Verlufte der Transportunternehmungen, Spediteure etc. im Gefolge hatte. Der Gefammtverluft für die eilf Wochen, welche der Strike dauerte, mufs daher auf gewifs 2,000.000 Pfund Sterling( 20,160.000 fl.) gefchätzt werden! Der in obiger Summe bereits inbegriffene Ausfall an Arbeitslöhnen betrug etwa 800.000 Pfund Sterling( 8,064.008 fl.) Als dürftigen Erfatz für diefen Entgang hatte die Arbeitervereinigung„ Union" den Feiernden eine Unterſtützung von 40.000 Pfund Sterling( 403.200 fl.) zugewendet und etwa 5000 Pfund Sterling ( 50.400 fl.) wurden im Wege der Subfcription zu deren Gunften aufgebracht. Solche Verlufte bringt die Arbeitseinstellung einer im Verhältnifs zur gefammten Arbeiterzahl recht kleinen Gruppe dem Nationalwohlftande! Und fchliesslich haben die Arbeiter ihren Zweck nicht erreicht. Sie mufsten in eine Herabfetzung der Löhne um 10 Percent willigen. Nicht minder gefährlich ift aber die ganze Tendenz der Arbeiter. Ihre Leiftung ift geringer geworden, und wo fie nur können, entzogen fie fich völlig der Arbeit. Geftützt auf ihre hohen Einkünfte, wollten fie an vielen Orten nur vier oder gar nur drei Tage der Woche wirklich arbeiten. Sie weigern fich der Accordarbeit und gehen direct auf fchwache Leiftung, fchwache Förderung und Einfchränkung der Production los. Was heifst diefs aber anders, als hohe Kohlenpreife? - Zu diefen Schwierigkeiten mit den Arbeitern kam nun noch die bereits feit längerer Zeit in Fachkreifen gehegte, aber erft in den letzten Jahren auch in das grofse Publicum gedrungene Beforgnifs vor einer allmäligen Erfchöpfung der englifchen Kohlenlager, eine Beforgnifs, die wie ein düfteres Gefpenft umhergeht und in ihrer fchwer zu umgrenzenden Geftalt und Bedeutung die Producenten wie Confumenten beunruhigt. Wir kommen auf diefe Frage zurück und werden zu prüfen verfuchen, wie viel Berechtigtes an jenen Beforgniffen fein mag. Aber fchon, dafs fie aufgeworfen wurde, das mufste auf den Kohlenmarkt zurückwirken, und die natürliche Folge aller diefer Verhältniffe war das Steigen der Preife von Kohle und Coken. In welchem Mafse diefs Steigen erfolgte, darüber ftellen wir einige Daten zufammen. Im Norden von England waren die Preife per englifche Tonne an die Grofsconfumenten zur Fabrik geftellt( an der Grube waren die Preife um circa 2 s.[ 1 fl.] niedriger) die folgenden: 18 J. Pechar, Dr. A. Peez. Im Jahre Per englifche Tonne 1860 1871 Januar 1872 Juli 1872 December 1872 S. fl. S. fl. S. fl. S. fl. S. fl. Mafchinenkohle 6 3 Coke. 8 4 9 41 18 9 20 101/2 ΙΟ 5 14 7 16 8 33 161/2 4° 21/2 In Süd- Wales ging Mafchinenkohle von 12 s. 6 d. im Januar 1872 bis auf 35 s. im September; im November fank zwar der Preis auf 19 s., ging aber im December 1872 wieder auf 21 s. und ftand Ende November 1873 auf 221 bis 25 s. per Tonne englifch. Coke kofteten im Januar 1872 14 S., im September 45 s., im November 30 s. und im December 1872 33 s. Alfo eine Preisfteigerung von 1871 bis Ende 1872 bei Kohle um 68 Percent, bei Coken um 136 Percent. Für Süd- Yorkſhire gibt eine Vergleichung der Preife vom Januar 1872 mit Januar 1873 folgendes Ergebniſs: Befte Kohle II. Qualität III. " Kleinkohle im Januar 1872 13 S. 4 d., Januar 1873 24 s. 2 d. II 8 99 27 " 99 99 " " 23 4 " 9 " 8 " " 4 29 20 IO " 29 29 29 " 2 6 II 29 " 97 99 " 79 " " Die geringen Qualitäten und namentlich Kleinkohlen find alfo in ftärkerem Mafse in die Höhe gegangen, als Stückkohle, was auf eine ökonomifchere Verwendung der Kohle deutet. Befte Kohle ift in Yorkſhire um 81 Percent, Kleinkohle aber um 406 Percent geftiegen. Um fchliefslich eine gröfsere Reihe von Jahren zufammenzufaffen, geben wir in Folgendem die Preife der beften Kohle auf dem Londoner Markte in verfchiedenen Jahren feit 1805( alles per Tonne englifch und bei Ablieferung an Bord oder Lager, wobei zu bemerken ift, dafs bis zum Verbrauchsplatze in der Stadt circa 5 bis 7 s.( 212 bis 32 fl.) für Steuer, Ueberladen und Zufuhr hinzukommen.) im Jahre S. d. 1805. 44 1810. 51 1820. $ 42 1862 9 II 1830. $ 36 4 1840 23 7. incl. Ausfuhrzoll* 4. 46 19 1850 17 I 29 1860. 20 I " 1865. 20 1866 17 1867. 18 1868. 1869. 1870. 17 17 577 15 II 293165 99 27 27 99 NDERER0088888 fl. kr. = 22 55 26 04 21 63 18 31 II 79 61 ΙΟ 12 IO 17 94 9 20 82 78 * Bis zum Jahre 1825 war der englifche Ausfuhrzoll von Steinkohlen, die zur See verfchifft wurden, 7 s. 2 d.( 3 fl. 61 kr.) per Tonne; von 1825 bis 1831 4 s.( 2 fl.) per Tonne; von 1831 bis 1842 nur 5 Percent vom Werthe. Im Jahre 1842 wieder 4 s. per Tonne in fremden und 2 S. in britifchen Schiffen. Im Jahre 1845 wurde diefer Zoll abgefchafft( unter Vorausfetzung der Gegenfeitigkeit). im Jahre Mineralifche Kohle. 1871. 1872. 1873. im Februar وو S. d. fl. kr. 19 3 " 9 70 24 II 12 99 56 32 45 6 16 38 99 22 68 99 19 Als die unmittelbaren Folgen diefer gewaltigen Steigerung der Kohlenpreife find zunächft die hohen, von den Eigenthümern der Kohlenwerke erzielten Gewinne zu verzeichnen. Da die Preisfteigerung der Kohle in viel gröfserem Verhältniffe erfolgte, als die Zunahme der Löhne und der Förderkoften, fo war die Conjunctur fowohl für die Eigenthümer des Grund und Bodens, wie auch für die den Bergbau betreibenden Pächter, eine ungemein günftige. Erftere erhöhten den Grundzins namhaft, während letzteren noch weit gröfsere Vortheile zufielen. Nach Mittheilungen der„ Times" vertheilte eine kleine Kohlen- Actiengefellſchaft, die im Jahre 1871 nur 28.000 Pfund Sterling( 282.240 fl.) Dividende gezahlt hatte, in 1872 nicht weniger als 220.000 Pfund Sterling ( 2,217.600 fl.) und einzelne Privatfirmen follen im Jahre 1872 200.000 bis 600.000 Pfund Sterling( 2,016.000 bis 6,048.000 fl.) reinen Nutzen aus ihren Kohlenwerken gezogen haben. Aber rafcher noch und fchärfer ausgefprochen trat die Kehrfeite diefer Verhältniffe hervor und äufserte fich in nachtheiligfter Weife bei jeder Art von Induftrie und zwar ganz befonders fchnell bei dem Transportgewerbe zur See wie zu Lande. Die Seefrachten, welche in den letzten Jahren in rafch fteigender Proportion den Dampfern zugefallen waren, gingen in Folge der Theuerung des Brennmateriales in die Höhe, und, da man in England fchnell rechnet und rafch ausführt, fo begannen die Rheder bereits wieder den Segelfchiffen eine gröfsere Aufmerkfamkeit zu fchenken. In Folge der höheren Frachten und der Theuerung des Artikels felbft hat im Jahre 1873 die Ausfuhr englifcher Kohle, befonders nach entfernten Punkten, abgenommen. Nach Aden, Calcutta, Japan ift die Kohlenzufuhr aus England kleiner geworden, und in Auftralien und den indifchen Infeln trat die Mitbewerbung der auftralifchen Kohle merklich hervor. Befonders empfindlich wird jedoch der theuere Brennftoff den englifchen Eifenbahnen. Es find über diefen Punkt in den Berichten der letzteren im Jahre 1872 merkwürdige Thatfachen veröffentlicht worden. Die Eifenbahn Great Northern z. B. verbraucht wöchentlich 5.000 Tonnen Kohlen, und zahlte fonft 7 s. 6 d.( 3 fl. 78 kr.) per Tonne. Zufolge der Preisfteigerung der Kohle befchaffte fie fich im Jahre 1872 ihr Brennmaterial für 18 s.( 9 fl. 7 kr.) per Tonne, alfo um 10 s. 6 d. per Tonne höher, was per Woche einer Mehrausgabe von 2650 Pfund Sterling entspricht. Diefs macht per 1/2 Jahr 70.000 Pfund Sterling( 705.600 fl.) und ift fo viel als 1% Percent Dividende vom Capitale der Bahn. Für die Gruppe der wichtigeren englifchen Bahnen beziffert fich im erften Halbjahre 1873 die Mehrausgabe für Locomotivheizung auf 507.000 Pfund Sterling( 5,110.560 fl.), indem diefelbe von 593.000 Pfund Sterling im erften Halbjahre 1872 auf 1 Million Pfund Sterling im erften Halbjahre 1873 geftiegen ift. Folglich eine Steigerung um 85% Percent. Da die durchlaufene Meilenzahl nur um etwa 3 Percent zunahm, fo ift kein Zweifel, dafs die Koften für Brennftoff fich für die Bahngefellfchaften um mehr als 80 Percent erhöhten. Dafs die Entwicklung des Verkehres in keiner Weife diefen Ausfall zu erfetzen vermöchte, ift felbftverſtändlich. Eine Gegenüberftellung der Verkehrszunahme und der Betriebsauslagen, wovon circa 1 auf Brennftoff fällt, gibt darüber intereffante Auffchlüffe. Es betrugen in den Halbjahren 1870 bis 1873: 20 J. Pechar, Dr. A. Peez. die Verkehrszunahme die Zunahme der Betrag Betriebsausgaben in Pfd. Sterl. fl. in Percenten Percenten im Jahre 1870 2. Halbjahr " " 1871 I. " " 22 1871 2. " 736.000 912.000 1,139.000. 7,418.880 5'3 4'7 9,192.960 6.8 5'9 11,481.120 9'2 7'7 "" " 3 1872 I. دو 1,170.000 11,793.600 8.3 II 4 23 33 " " 1872 1873 2. 22 1,256.000 I. " 1,456.000 12,660.480 14,676.450 7'5 14 I 9.1 19.1 Aus einer Vergleichung diefer Ziffern folgt, dafs die Betriebsauslagen in viel rafcheren Verhältniffen wuchfen, als der Verkehr; fie haben feit 1871 um 20 bis 30 Percent zugenommen und überfteigen jetzt fchon wefentlich die üblichen 50 Percent vom Brutto ertrage. Wie follen fich nun die Bahnen fchadlos halten? Eine Erhöhung der Tarife böte das einzige fichere Mittel, aber begreiflich entfchliefsen fich die Bahnen dazu fehr fchwer, und dem Handel würden dadurch grofse Opfer auferlegt. Die nächfte Folge diefer Verhältniffe war, dafs keine neuen Eifenbahnen mehr gebaut wurden, wodurch allerdings die Concurrenz unter den Verkehrsftrafsen fich verminderte, und bei wachfendem Verkehre und gleichzeitigem Stillftande oder Rückgange der Kohlenpreife im Jahre 1874 wieder eine Ausgleichung erfolgt ift. In ähnlicher Weife, wenn auch wohl nicht ganz fo rafch und unmittelbar wie das Transportgewerbe, empfanden auch die anderen Induftriezweige die Kohlentheuerung. Um nur ein einziges Beiſpiel anzuführen, fo befchaffte fich ein Etabliffement in Cornwales die Kohle in früherer Zeit zu 15 s. per Tonne. Der Jahresverbrauch war 200.000 Tonnen. Im Jahre 1872 ftiegen die Preife auf 25 s. per Tonne. Es entſtand daher für jenes Etabliffement eine Mehrauslage im Brennftoffe von 100.000 Pfund Sterling oder rund 1 Million Gulden Welche einfchneidende Wirkung folche Verhältniffe auf die Rentabilität von Induftrie Unternehmungen haben müffen, liegt auf der Hand. Bis zu Ende des Jahres 1872 hatten nun die meiften Grofsinduftriellen, die nicht felbft Kohlenwerke befitzen, noch Lieferungsverträge mit mäfsigen Preifen, wie aber, wenn diefe abgelaufen find? - - Entweder müffen dann die Producenten die Preife ihres Eifens, ihres Stahles, ihrer Chemicalien oder Sprite entſprechend erhöhen oder fie arbeiten mit verkürztem Gewinne, wodurch zum mindeften der bisherige Auffchwung der Induftrie eine Hemmung erfahren wird. Wenn Erz 7 s.( 3 fl. 53 kr.) und Coke 38 s. ( 19 fl. 15 kr.) koften fo fagt ein fehr einfichtsvolles Circular des Herrn Müller in Middlesborough kommt unfer Roheifen auf 85 s.( 42 fl. 84 kr.) zu ftehen. Wird dann der Verbrauch des Eifens keine Einfchränkung erfahren? Werden unfere Concurrenten auf dem Weltmarkte nicht etwa billiger arbeiten? Wird unfere Eifeninduſtrie ihre bisherige Ueberlegenheit behaupten?" Das find ernfte Fragen, die nicht blos von den Eifenwerken, fondern von vielen Induftriezweigen Englands geftellt wurden. Das zu Ende 1873 und befonders in den erften Monaten von 1874 eingetretene rafche Sinken der Kohlenpreife hat zwar diefe Beforgniffe theilweife wieder verfcheucht, aber gleichwohl liegen Anhaltspunkte vor, welche vermuthen laffen, dafs bei der erften fich darbietenden Gelegenheit die Kohlenpreife wieder eine fteigende Richtung einfchlagen werden. Der einfchneidendfte Punkt ift aber jedenfalls die befürchtete Erfchöpfung der Kohlenlager. Zuerft bezüglich des Reviers von Newcaftle ausgefprochen, wurde diefe Beforgnifs von W. Armſtrong im Jahre 1863 aufgegriffen und in neue Mineralifche Kohle. 21 fter Zeit von Jevons näher ausgeführt.„ Wir zehren von einem Capitale, fagt der Letztere, welches fich nicht reproducirt, fondern, einmal in Licht, Wärme und Kraft verwandelt, auf immer im Raume verfchwindet." Seit dem Jahre 1866 befchäftigt fich ein Ausfchufs des Parlamentes mit diefer Frage und hat verfchiedene Berichte darüber in die Oeffentlichkeit gelangen laffen. Greenwell, der als Infpector über die Bergwerke von Durham und Northumberland volle Fachkenntnifs befitzen mochte, äufserte fich fchon im Jahre 1846 über das bisher am beften erforfchte und am genaueften unterfuchte Kohlenrevier Englands, nämlich über dasjenige feines Bezirkes Newcaftle, dafs es bei Hinausgreifen des Bergbaues auf 2 englifche Meilen( 3218 Meter) unter See und unter gewiffen anderen günftigen Vorausfetzungen auf 331 Jahre ausreichen werde. Damals betrug die Förderung des Reviers nur 9.8 Millionen metrifche Tonnen. Im Jahre 1854, als neue Auffchlüffe erfolgt waren und auch Kleinkohle zu einiger Verwendung kam, ftellte der Ingenieur Hall eine Dauer von 365 Jahren in Ausficht bei einer Förderung von 13.8 Millionen metrifcher Tonnen und von 256 Jahren bei einer Förderung von 19.6 Millionen metrifcher Tonnen. Heutzutage, wo die Förderung bereits auf das Doppelte, das ift 27.6 Millionen metriſche Tonnen, geftiegen ift, müfste demnach der Zeitpunkt der Erfchöpfung bedeutend näher herangerückt fein. Nicht fehr verfchieden von diefem Refultate, welches für das wichtige Kohlenrevier von Newcaftle gefunden wurde, ift auch das Ergebnifs der Unterfuchungen, die der Ingenieur Eduard Hull im Jahre 1859 für die gefammten englifchen Kohlenreviere anftellte. Derfelbe berechnet die Ausdehnung der Becken, die durchfchnittliche Mächtigkeit, zieht die abgebaute Kohle und den künftigen Abbauverluft ab, und glaubt dann den Vorrath im Königreiche, foweit derfelbe innerhalb einer Teufe von 4000 Fufs( 1264 Meter) liegt, mit 80.000 Millionen Tonnen beziffern zu können. Die jährliche Förderung beträgt gegenwärtig rund 125 Millionen Tonnen, wozu aber ficher noch 30 Millionen für Pfeiler, fchlechte Stellen, Abfall etc. hinzuzurechnen find. Würde nun die englifche Kohlenproduction, wie in den letzten Jahrzehnten allerdings gefchehen ift, fich immer in zwanzig Jahren verdoppeln, fo wären die englifchen Kohlenlager in wenig mehr als hundert Jahren erfchöpft. Auf Grund ähnlicher Berechnungen nahm Jevons das Jahr 1965, Armftrong aber das Jahr 2072 als Endpunkt der englifchen Kohlenförderung in Ausficht, während der fchon erwähnte Ausfchufs des Parlamentes die Dauer derfelben bis zum Jahre 3100 erftreckte. Schon die Verfchiedenheit der Ergebniffe, zu welchen diefe Unterfuchungen gelangen, beweift genügend, dafs fie auf fchwankenden Grundlagen beruhen. In der That ift es noch eine offene Frage, bis zu welcher Tiefe die vorhandenen Kohlenlager abgebaut werden können, und ob nicht neue Felder zur Entdeckung und Auffchliefsung gelangen. Allerdings bewegt fich fchon ein beträchtlicher Theil des englifchen Kohlenbergbaues in grofser Tiefe; im Norden und in Lancaſhire geht er bis zu 2.000 Fufs( 632 Meter) hinab, und man nimmt mit Recht an, dafs bei folchen Verhältniffen nicht nur die Förderung und Ventilation fchwieriger, fondern auch die Arbeit vermöge der mit je 60 bis 70 Schuh( 18 bis 22 Meter) um I Grad Fahrenheit zunehmenden Wärme in den Gruben für die Arbeiter erfchöpfender werde. Was die Entdeckung neuer Lager betrifft, fo richtete fich die Aufmerkfamkeit der englifchen Geologen und Bergingenieure befonders lebhaft der Frage zu, ob nicht die um die Graffchaft Derby rings zu Tage tretenden mächtigen Kohlenlager in der Mitte zufammenhängen, in welchem Falle hier ein fehr bedeutendes neues Brennftoff- Magazin fich öffnen würde. Im fogenannten Midland- Kohlenfelde zwifchen Nottingham und Leeds wurden neue Auffchlüffe gemacht, und es waren dort zu Ende des Jahres 1873 etwa 30 grofse Schächte in der Errichtung begriffen. Auch in Süd- Staffordſhire, Derby und Durham wurde rüftig abgeteuft, fo zwar, dafs in etwa zwei bis drei Jahren die Förderung wefentlich zunehmen wird. Aber diefe Thatfachen verlieren bei näherer 22 J. Pechar, Dr. A. Peez. Betrachtung viel von dem Beruhigenden, das fie für den erften Anblick zu enthalten fcheinen. Man ift in England bereits auf dem Punkte, um in vermehrter Förderung zugleich einen weiteren Schritt zur Erfchöpfung der Kohlenvorräthe zu erblicken. Vermehrte Production follte die Preife drücken, die Beforgnifs einer rafcheren Erfchöpfung aber hält fie hoch! Dazu kommt noch ein zweiter Punkt. Die im Jahre 1873 neu angelegten Schächte erfordern eine Belegfchaft von circa 20.000 neuen Arbeitern. Woher diefe nehmen? Und unter welchen Bedingungen find fie zu bekommen? Bei diefer verwickelten Sachlage ift es noch nicht abzufehen, ob wirklich das Publicum einen Vortheil von jenen neuen Kohlenauffchlüffen haben, oder ob nicht der ganze Vortheil den Gewerken oder den Arbeitern anheimfallen wird. Ueberdiefs fchreitet die Erfchöpfung der alten Lager, aller Wahrfcheinlichkeit nach, rafcher voran, als die Erfchliefsung neuer. Es läfst fich nicht leugnen, dafs einige ältere Kohlenflöze bereits ftark im Abnehmen begriffen find. In Shropſhire find die weftlichen Baue fchon öde und von den Arbeitern verlaffen. In Staffordſhire ift das berühmte Dudley- Flöz, auch Zehn- Ellenflöz genannt, der Entkohlung nahe. Den Kohlenfeldern von Flintshire gab man fchon im Jahre 1865 nur mehr einen Vorrath von 20 Millionen Tonnen, und auch im Norden find grofse Strecken fchon völlig ausgekohlt. Diefs trifft natürlich gerade die qualitätsmäfsig beften und dabei feichteren und leichter abzubauenden Flöze. Die übrig bleibenden erfordern alfo jedenfalls gröfseren Capitalaufwand und vermehrte Arbeit mit einem Worte: die Förderung wird fchwieriger und das geförderte Product theuerer. - Auf dasfelbe Ergebnifs läuft die Arbeiterfrage hinaus. Die Arbeit in den englifchen Kohlengruben ift fchwierig und gefährlich, weit fchwieriger und gefährlicher als in den meiften deutfchen und öfterreichifchen Kohlenwerken. Nach officiellen Berichten fällt in England, je nach der Oertlichkeit und Leitung auf 60.000 bis 180.000 Tonnen Förderung Ein Menfchenleben zum Opfer. Die Zahl der tödtlichen Unfälle bei dem gefammten englifchen Kohlen- Bergbaue wird auf 900 bis 1100 jährlich berechnet, erreichte aber in unglücklichen Jahren die Ziffer von 1400! Das ift der Menfchenverluft einer kleinen Schlacht und die Ueberlebenden geniefsen, nach ihrer Anficht, für die ftete Gefahr nicht die genügende Entfchädigung. Die oft geringe Mächtigkeit der Flöze, die nicht felten eine Bearbeitung in liegender Stellung erheifcht, bringt für den Arbeiter Befchwerden mit fich, die durch die hohe Temperatur noch vermehrt werden. Die durchgängig beftehende grofse Tiefe der Gruben verlängert die Momente, in welchen der Bergmann zwifchen Himmel und Erde fchwebt, und legt dem Kohlenbefitzer die Verfuchung nahe, mit möglichst wenig Schachtanlagen, die fo koftbar find, auszukommen. Durch die Tiefe der Gruben und die Seltenheit der Schächte ift die Ventilation fchwierig und fchlagende Wetter werden fehr gefährlich. Bis in die neuere Zeit fehlte es dem englifchen Kohlen- Bergbaue an der wiffenfchaftlichen Leitung, welche den deutfchen und öfterreichifchen Bergbau im Allgemeinen auszeichnet, ohne jedoch auch in den genannten Ländern wir erinnern an Lugau- die erfchütterndften Cataftrophen ganz vermeiden zu können. In vielen englifchen Kohlenrevieren find über die älteren Baue nicht einmal Grubenkarten vorhanden, fo dafs neue Anlagen dadurch nicht nur in ihrer rationellen Dispofition gehindert find, fondern auch oft ganz plötzlich auf verlaffene Strecken mit böfen Wettern und angefammelten Wäffern ftofsen, wodurch in manchen Revieren die Gefahren des Bergbaues wefentlich vermehrt werden. Die Gewinnfucht der Eigenthümer und Ingenieure fpart zuweilen an den erforderlichen Stützanlagen, wefshalb Einbrüche der Decke nicht zu den Seltenheiten gehören, und der Leichtfinn der Arbeiter thut zu wenig, um folche Unfälle zu vermeiden. Wie viel gute Eigenfchaften auch den englifchen Arbeiter und Werkführer auszeichnen mögen- eine auf naturwiffenfchaftlichen Kenntniffen beruhende Einficht und Vorficht gehören nicht dazu. " Mineralifche Kohle. 23 Jetzt rächt fich fchwer die arge Vernachläffigung, in welcher Staat und Private die englifchen Bergwerks- Arbeiter gelaffen haben.„ Das Mifsverhältnifs zwifchen dem Arbeiter und Arbeitgeber wird fich nicht eher befeitigen laffen, als bis die ganze bergmännifche Bevölkerung durch die Einführung des zwangsweifen Schulunterrichts von dem halbwilden Standpunkte, auf dem fie noch heute fteht, zu einem höheren Grade von Denkfähigkeit und Urtheilskraft erhoben fein wird. Erft dann wird der englifche Bergmann im Stande fein, die Wohlthaten zu geniefsen, welche aus einem geordneten Knappfchaftswefen, aus Spar- und Confum- Vereinen, deren fich der deutfche Bergmann fchon feit Jahrhunderten erfreut. hervorgehen; erft eine höhere Bildung wird ihm die Thorheit feiner Arbeitseinftellungen mit Verwerfung jeder Art von Schiedsgericht einfehen laffen und ihm ein geachtetes und gefichertes Verhältnifs zu feinen Kameraden und Arbeitgebern ermöglichen. So lange diefs aber nicht gefchehen, ift der englifche Kohlen- Bergmann nicht viel beffer, als ein NeuSeeländer oder Hottentotte, und die Exiftenz eines fonft vielleicht blühenden Betriebes kann durch feine Unvernunft jeden Augenblick in Frage geftellt werden". Diefe kräftigen Worte, die Herr Dr. Ad. Gurlt in feiner trefflichen Schrift Die deutfche Steinkohle als überfeeifche Handelswaare" bereits im Jahre 1868 ausfprach, haben in den letzten Jahren ihre volle Beftätigung erfah ren. Uebrigens beginnen jetzt endlich die Kohlengewerken und insbefondere die englifche Regierung einzufehen, dafs fie gegen fich felbft unklug handelten, indem fie der Arbeiterbevölkerung gegenüber nicht die Pflichten übten, welche der höheren Bildung, dem Reichthume und Machtbefitze obliegen. In SüdStaffordſhire wurde im Jahre 1872 zur Errichtung eines Verforgungshaufes für verunglückte Bergleute und deren Hinterlaffene gefchritten, und im Jahre 1871 begann man in Newcaſtle mit Lehrcurfen für Bergleute. Auch die Gefetzgebung hat endlich eingegriffen. Die zu Ende des Jahres 1872 erlaffenen„ mines regulations act", welche gewiffe Vorkehrungen zum Schutze der Grubenarbeiter anbefiehlt und jungen Leuten, damit ihre Erziehung nicht Noth leide, blos per Woche eine 54ftündige Arbeit in den Gruben geftattet, führte zugleich Prüfungen für die Steiger ein. Aber der Erfolg diefer Mafsregeln reift felbftverftändlich nur langfam, ja es wurde im erften Augenblicke das erwähnte Gefetz zu einer Erhöhung der Kohlenpreife benützt: durch die auf Grund diefes Geſetzes nothwendig gewordenen Vorkehrungen in den Gruben wird angeblich den Werksbefitzern eine Mehrausgabe von 4 bis 6 d.( 16-8 bis 25'2 kr.) per Tonne zugemuthet, während bei diefer Gelegenheit die Preife ( I fl. 51 kr.) per Tonne in die Höhe fchnellten! um 3 s. Die Befchwerlichkeit und mehr noch die Gefahren der Arbeit in den eng. lifchen Kohlenwerken legen die Vermuthung nahe, dafs das Streben der Arbeiter nach Abkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne keine blos vorübergehende Erfcheinung fein werde. Die Verfuche der Werksbefitzer fremde und zwar belgifche und deutfche Arbeiter heranzuziehen, waren bisher vergeblich. Die Anwendung von Mafchinen bei der Strecken- und Kohlenförderung ift zwar im Zunehmen, wird jedoch vorausfichtlich, der Natur der Arbeit nach, ftets eine ziemlich begrenzte bleiben. Das Steigen der Löhne zog zwar aus anderen Berufszweigen eine Anzahl von Arbeitern( befonders Taglöhner und Matrofen) herbei, und man nimmt an, dafs fie in zwei Jahren zu guten Bergwerks- Arbeitern geworden feien; aber die Erfahrung fpricht dafür, dafs diefe neu gewonnenen Leute rafch die Anfichten und Beftrebungen ihrer älteren Collegen fich zu eigen machen. Ungeachtet ungünftigen Gefchäftsganges in der Gefammtinduftrie dauerten die Strikes bis in den Spätherbft 1873 fort, und da die Arbeiter, wie ihre Führer vor dem Ausfchuffe des Parlaments klar ausfprachen, geradezu auf Verminderung der Production losfteuern und ihre Ueberzeugung dahin formuliren, ,, dafs billige Kohle ftets von niederen Löhnen begleitet gewefen fei"- fo wird man auch in den englifchen Arbeiterverhältniffen fchwerlich ein Motiv entdecken 24 J. Pechar, Dr. A. Peez. können, welches dafür fpräche, dafs die Kohlenpreife dauernd wieder auf ihr früheres Richtmafs zurückgehen. Um der Kohlentheuerung entgegenzutreten, griff das auf feine Kohlenfchätze fo ftolze England zu allerlei Surrogaten. Selbft der fonft verachtete Torf wird nicht mehr verfchmäht. Neue Actienunternehmungen haben fich auf diefs Gebiet geworfen. Die Peat Coal& Charcoal- Company errichtete im Jahre 1873 längs der Great Eaftern- Bahn Werkstätten für Torfgewinnung zur Verforgung von Sheffield, Birmingham und Wolverhampton mit diefen für Hausbrand fehr wohl geeigneten Brennft off. Nach London hofft man ihn mit 12 s. per Tonne zu ſtellen. Weit wirkfamer wird es fein, wenn endlich der früher ganz allgemeinen Kohlenvergeudung Einhalt gethan wird. Von der Grube beginnend, wo zuweilen bis zu 60 Percent des Kohlenvorrathes verloren ging, bis zu der Fabrik und dem„ gemüthlichen", aber unpraktifchen offenen Kamine wird in England enorm viel Kohle ver fchwendet. Die hohen Kohlenpreife beginnen bereits dem Einhalt zu thun. Während es früher lohnte, mit den einfachften und billigften Maſchinen zu arbeiten und am Anlagecapital zu sparen, ift feit 1872 eine grofse Nachfrage nach befferen und ökonomisch zehrenden Mafchinen entftanden. Der Verkauf von Dampfmafchinen nach Woolf's Syftem war fehr bedeutend. Vorträge werden gehalten, Schriften verbreitet und Prämien ausgefchrieben, um auf Erfparniffe im Brennftoffe hinzuarbeiten. In Manchefter fand im Laufe des Jahres 1873 eine Ausftellung ftatt, welche nur die Oekonomie der Feuerungseinrichtungen zum Zwecke hatte. de " Das Einfichtsvollfte hat der berühmte Siemens über diefe Frage gefprochen. Zur Verbefferung der englifchen Herde und Kamine, die nur durch directe Ausftrömung erwärmen und wegen der beftändig zufliefsenden kalten Luft nur eine unvollkommene Verbrennung der Heizmittel geftatten, befürwortet Siemens die von Capitän Galton erfundenen Ventilating Fireplaces", welche, in der Form von den jetzigen Einrichtungen wenig verfchieden, durch den einfliefsenden warmen Luftftrom die völlige Verbrennung des nun nutzlos in den Kamin auffteigenden fchwarzen Rauches und damit gefteigerte Wärme und verminderten Kohlenverbrauch bewirken. Die Verfchwendung in Dampfmaschinen und Schmelzöfen kann durch Anwendung anderer Cylinder und die allmälige Nutzbarmachung der in denfelben erzeugten Hitze bekämpft werden. Endlich liegt das Wort der Löfung grofsentheils in dem Erfatze des rohen Brennftoffes durch das edlere Gas. Die Verwendung von Gas zum Schmelzen der Erze rückt näher am Gefichtskreife heran, Dank der ausgezeichneten Thätigkeit des oben genannten Erfinders. Die vielfeitige Einführung der Gasöfen bezeichnet bereits einen wefentlichen Fortfchritt. Bereits erfcheint auch wieder eine ältere Idee unferes Wiffens von C. Weinrich, einem der Begründer der öfterreichischen Zuckerinduftrie, im Jahre 1859 zum erften Male ausgefprochen auf der Tagesordnung, wonach der Sitz der Gasinduftrie in die Kohlenreviere felbft verlegt, das Gas unter der Erde, das ift, ohne dafs eine Förderung der Kohle nöthig wäre, bereitet und von dort aus mit Benützung der Eifenbahn- Dämme in Röhren nach den Confumtionsplätzen geführt werden foll. - Ueber diefe Ziele hinaus fafste man in England bereits die Heranziehung anderer Bewegungskräfte ins Auge. Man erinnert fich wieder an Ericfon's geniale Verfuche mit erhitzter Luft, und Elektricität, diefer geheimnifsvolle Proteus, erfcheint wieder auf der Bühne. Erfinderifche Köpfe regen fich; eine hohe Prämie ift ihnen durch die Kohlentheuerung ausgeworfen und der englifche Patriotismus wird ihnen im Falle des Gelingens feine fchönften Lorbeeren weihen. Aber ob es überhaupt möglich fein wird, eine gleich billige Bewegungskraft wie die mit Kohle genährte Dampfmafchine zu fchaffen? Die Gegenwart bezweifelt es. Vielleicht wird die Zukunft uns eines Befferen belehren. Inzwifchen find gegen Ende des Jahres 1873 und in den erften Monaten des Jahres 1874 allerdings fehr bedeutende Aenderungen auf dem Kohlenmarkte eingetreten. Die befte Kohle ftand im Januar 1873 an den Gruben auf 18 s. Mineralifche Kohle. 25 per Tonne, ging dann im Februar, wo fie den höchften Preis erreichte auf 21 bis 23 s. hinauf und fchlofs im December 1873 wiederum mit 18 s. Coke eröffnete im Januar 1873 mit 39 s. per Tonne, ging im März, April und Mai auf 45 s., fiel im Juni auf 40 und wurde bei Jahresfchlufs z. B. an den Hochöfen von Cleveland mit 30 bis 302 s. bezahlt. Auf dem Londoner Kohlenmarkte kofteten die als befte Hauskohle bekannten Wallfend- Kohlen im December 1872 35 s. per Tonne( alles im Grofsverkauf an Bord des Schiffes, während für den Kleinverkauf bis zum Verbrauche in der Stadt noch 7 s. hinzuzufchlagen find). Im Januar 1873 ftieg der Preis um 2 bis 3 s., ftand Anfangs Februar auf 40 s. und erreichte am 12. Februar 52 s., das ift 14 s. mehr, als am 12. Januar, und um 24 s. mehr, als im Februar 1872. Im März zahlte man 40 s. und zu Ende Juni 37 s. Im Spätherbft erfolgte ein neues Steigen bis zu 49 s., dem zu Ende des Jahres ein Herabgehen auf 38 s. folgte. Erft im Jahre 1874 trat ein fehr beträchtlicher Preisabfchlag ein. Ende Januar koftete befte Wallfend- Kohle in London nur mehr 24½ s., Ende Februar 24 s., im halben April 1874 wieder 262 s. Gegenüber dem gewöhnlichen Londoner Preife von 18 bis 20 s. war demnach im Frühjahr 1874 die Kohle immer noch als theuer zu bezeichnen. Die zukünftige Entwicklung der Preife ift befonders vom Gang der Induſtrie und namentlich der Eifeninduftrie abhängig. Erhebliche Herabfetzungen der Löhne waren bis Anfang 1874 in England noch nicht eingetreten und eine Zurückführung der Löhne auf den Stand von 1871 würde wohl nicht ohne bedeutenden Widerftand der Arbeiter durchzuführen fein. Erfahrungsmässig find aber Strikes dann am bösartigften, wenn es fich nicht um eine dem Arbeitgeber abgeforderte Lohnerhöhung, fondern um eine dem Arbeiter abverlangte Lohnverminderung handelt. Bevor aber nicht die Productionskoften der Kohle, deren wichtigſten Theil eben die Löhne bilden, in ein regelmässiges Geleife gelangt find, wird auch von einer definitiven Regelung der Kohlenpreife in England nicht die Rede fein können. Eine längere Periode voller Preisfchwankungen ift daher wahrscheinlich bevorstehend. Wenn demnach die englifchen Blätter darüber triumphiren, daſs die concurrirenden Kohlenländer die enorme Vertheuerung der englifchen Kohle in den Jahren 1872 und 1873 im Ganzen fo wenig energifch zur Befitznahme der neutralen Kohlenmärkte benutzten und wenn fie in diefer Thatfache einen Beweis für die aufserordentliche Ueberlegenheit der englifchen Kohleninduftrie erblicken, fo haben fie wohl Recht. Allein ebenfo unzweifelhaft erfcheint es uns, dafs die nächften Jahre, mit ihren auf dem englifchen Markte zu erwartenden Preisfluctuationen, die bei halbwegs günftigen Verhältniffen eine fteigende Richtung verfolgen werden, dem aufserenglifchen Kohlenproducenten viel Ausficht auf fortfchreitende, Entwicklung und zunehmende Emancipation vom englifchen Uebergewicht bringen werden. Die Preife der englifchen Kohle mögen fchwanken, mögen zeitweife wefentlich heruntergehen, aber fo billig wie fie waren, werden fie nie mehr. Englands Kohlenhandel. Neben den riefigen Mengen, welche die englifche Kohlenproduction dem inländifchen Verbrauche übergibt, realifirt fie auch noch eine fehr bedeutende Kohlenausfuhr. Wo ein Segel flattert und ein Dampfer feine Furchen in die blanke See zieht, da ift auch die englifche Kohle nicht ferne. Sie geht nach mehr als 800 Häfen, folglich fo ziemlich überall hin. Sie iſt der an allen Küften anklopfende und durch alle Flufsmündungen aufwärts dringende Pionnier des englifchen Handels, und indem fie bisher jede Concurrenz überwand, ftellte fie den klarften Beweis her für die Billigkeit des englifchen Brennftoffes und folglich 26 J. Pechar, Dr. A. Peez. auch für die Ueberlegenheit der englifchen Induftrie, deren producirte Werthe ja zum grofsen Theile aus umgefetzter Kohle beftehen. Wer einen Blick geworfen hat auf die zur Wiener Weltausftellung gebrachten Karten der Circulation der Kohle in Preufsen, Belgien und Frankreich, der erftaunte über die von England ausgehenden mächtigen Kohlenftröme, welche die Nordfee und den Canal breit durchfluthen, die Oftfee völlig als ihre Domäne betrachten, andererfeits die franzöfifchen und fpanifchen Küften beftreichen, in grofser Menge durch die Meerenge von Gibraltar in das Mittelmeer dringend, öftlich das fchwarze Meer verforgen und im Südoften durch den Canal von Suez nach Indien und China gelangen. Kohlendepots bilden hier überall die Signaltangen der englifchen Seeherrschaft. Schon im Canal hat fich von diefem europäiſch- indifchen Strom ein zweiter Arm getrennt, welcher einerfeits auf Segelfchiffen das Cap tournirt, andererfeits nach Weftindien, Südamerika und den ftillen Ocean reicht und felbft an der Küfte der Vereinigten Staaten dem einheimifchen Brennftoff Concurrenz bietet. Der englifche Kohlenhandel erhält überdiefs eine ganz befondere Wichtigkeit durch feinen engen Zufammenhang mit den Intereffen der englifchen SeeSchifffahrt. Kohle ift an fich fchon ein Frachtobject von grofser Bedeutung. Schon im Jahre 1864 berechnete man bei einer Kohlenausfuhr von circa 9 Millionen Tonnen den Nutzen der Producenten des Rohftoffes auf 4 Millionen, der Rheder aber auf 6 Millionen Pfund Sterling, denn der Werth der Kohle fteigt rapid mit der geographifchen Entfernung von den englifchen Productionsplätzen. Diefelbe Kohle, die in normalen Zeiten in Newcaftle per englifche Tonne 9 s. galt, koftete bis Frankreich geftellt bereits 27 s., alfo das Dreifache, in Genua und Livorno bereits 36 s., alfo das Vierfache, und war in entfernten Welttheilen nicht unter 3 Pfund Sterling bis 3 Pfund Sterling 10 s., alfo für den fechs- bis fiebenfachen Preis zu haben. Wie man fieht ift Kohle, an überfeeifche Plätze geftellt, eine ganz andere Waare geworden, als wofür man fie an den Productionsplätzen in der Regel anfieht, und ein fo werthvoller Artikel verträgt offenbar eine hohe Fracht. Hiezu kommt aber noch, dafs Kohle als Ballaft eine hervorragende Rolle fpielt. Die Fracht für englifche Fabricate ftellt fich regelmäfsig um einen nicht unbedeutenden Betrag wohlfeiler nach folchen Häfen, welche viel englifche Kohlen verbrauchen. Kohlenballaft erfetzt alfo gewiffermassen die Ausfuhrprämie für den englifchen Induftriellen. Seit dem Fallenlaffen der Kornzölle und Einführung des freien Verkehres für die meiften landwirthschaftlichen Erzeugniffe importirt England grofse Maffen von Rohproducten, die es durchweg mit Fabricaten bezahlt. Da erftere meift in fchweren, letztere aber meift in leichteren Objecten beftehen, fo hat die Einfuhr nach England viel gröfsere und gewichtigere Stoffmaffen zu bewältigen, als die Ausfuhr aus England. Die in folcher Weife beftehende Differenz wird nun in günftigfter Weife durch die Steinkohle ergänzt, die als Ballaft zur Vervollſtändigung zu den Ausfuhrverladungen hinzugefügt wird. Erft durch Hinzutritt des Ballaftes, deffen inneren eigenen Werth wir bereits im früheren hervorgehoben haben, wird gewiffermafsen die Gewichtsbilanz im englifchen Seehandel hergeftellt und es erlangt dadurch die englifche Schifffahrt eine namhafte Ueberlegenheit über ihre Concurrenten, welchen vielleicht die Rohproducte, nicht aber die Fabricate und die Kohle fo leicht zur Hand find, als dem englifchen Schiffer. Diefe Ueberlegenheit wird noch vermehrt durch den Umftand, dafs bis in die jüngfte Zeit hinein die Entwicklung der See Schifffahrt vorzugsweife in der Richtung der Dampferflotte und mit Zurückdrängung der Seglerflotte erfolgte. Es befafs nämlich England: Dampfer Segelfchiffe Zahl Tonnen im Jahre 1868: 99 99 1872: 36.864 32.461 6,259.624 5.573.190 Zahl 3.477 4.343 Tonnen 977.292 1,640.639 Mineralifche Kohle. 27 Während alfo die Zahl der Segler von 1868 bis 1872 nicht unbeträchtlich abnahm, hat fich die Dampferflotte binnen vier Jahren um faft 25 Percent nach der Zahl und um faft 100 Percent nach dem Tonnengehalte vergröfsert. Die Zahl der Dampffchiffe beläuft sich bereits auf 4343 und repräfentirt demnach ein geradezu riefiges Capital. Da nun gerade hinfichtlich des Capitalreichthums fich kein anderes Volk auch nur entfernt mit dem englifchen vergleichen kann, fo ift erfichtlich, dafs die Ueberlegenheit Englands um fo gröfser werden musste, je mehr der Seehandel von den billigeren Segelfchiffen auf die theueren, aus Eifen, Stahl und koftbaren Hölzern zufammengefetzten Dampfer überging. Jede Vermehrung der Dampfer fetzt aber wieder erhöhten Export von Kohle voraus, denn die Dampfer erfordern zahlreiche Segler, welche, als Laftenknechte mit Kohlenladungen den Dampfern vorausgefandt, das Brennmaterial in die verfchiedenen Kohlenftationen vertheilen. Es ift daher nicht zu viel gefagt mit der Behauptung, dafs Kohle die Bafis auch des englifchen Seehandels bilde. Dampfer verbrauchen die Kohle direct; Segler aber bedürfen derfelben als Ballaft oder Fracht, und ftets fanden fie in Newcaftle oder Cardiff Arbeit und Lohn. Kein anderes Frachtobject exiftirt, welches fo leicht zu befchaffen, fo ficher aufzubewahren und fo allgemein verkäuflich wäre, wie Kohle. Der Kohlenhandel über See galt daher mit Recht als die Nährquelle und Schule der englifchen Schifffahrt, und es ift begreiflich, dafs auch aus diefen Gründen die Theuerung der Kohle, welche geeignet wäre, in das mächtige Geflechte der englifchen Schifffahrts- Intereffen einen Rifs zu machen, nicht nur von den Rehdern, fondern auch von den englifchen Staatsmännern mit gröfster Sorgfalt verfolgt wird. Die Ausfuhr von Kohle und Coke aus England betrug im Jahre 1871 12.7 Millionen englifche Tonnen und fteigerte fich im Jahre 1872 auf 13.2 Millionen Tonnen. Im Jahre 1873 ging die Ausfuhr auf 12.63 Millionen Tonnen zurück. Demnach zeigt die Ausfuhr von 1873 gegenüber dem Jahre 1872 einen Rückgang von 2 Million englifche Tonnen oder circa 10 Millionen Centnern.* Ganz anders ftellt fich das Verhältnifs, wenn man ftatt der Mengen die Werthe ins Auge fafst. Dann ergibt fich das Refultat, dafs die Kohlenausfuhr im Jahre 1871 einen Werth von 6.24 Millionen Pfund Sterling, im Jahre 1872 von 10 44 Millionen Pfund Sterling und im Jahre 1873 nicht weniger als 13'2 Millionen Pfund Sterling repräfentirte. Bei diefen officiellen Angaben wurde für 1871 ein Preis von 10 s. per englifche Tonne, für 1872 ein Preis von 16 s. und für 1873 ein Preis von 22 s. zu Grunde gelegt. Thatfächlich waren jedoch die Preife in 1872 und 1873 viel höher. Bedenkt man nun ferner, dafs nur die Grubenpreife berücksichtigt wurden, während die aus England exportirten Kohlenmengen bei dem Verkaufe an den europäifchen Küften oder gar überfeeifchen Plätzen einen um das Mehrfache erhöhten Werth repräfentiren, fo ergibt fich, dafs der wirkliche Werth, welchen die Steinkohlen- Ausfuhr aus England in Form von Productionsgewinn und Handelsgewinn der Kaufleute, Rheder, Affecurateure, der Schiffsmannfchaft und Anderer für die Nation bietet, mit dem Betrage von II bis 13 Millionen Pfund Sterling per 1873 auch nicht entfernt erfchöpft ift, fondern vielleicht auf das Drei- bis Vierfache erhöht werden mufs. Diefe Verhältniffe find wichtig und wir verweilten bei denfelben ausführlicher aus dem Grunde, weil England das einzige Land ift, welches den Welthandel mit Kohle verforgt und folglich eine Ueberficht des englifchen Kohlenaber handels zugleich eine Darftellung des Welthandels in Kohle ift; auch defshalb, um darzuthun, dafs grofse Anftrengungen gerechtfertigt find, um * Zu der Menge der Ausfuhr von 1263 Millionen des Jahres 1873 kommt noch ein Betrag von 1.68 Millionen Tonnen Kohle, beſtimmt für Dampfer, die im auswärtigen Handel befchäftigt find. Ob der entsprechende Poften für 1872 nicht ausgewiefen ward oder in der Exportziffer von 13'2 Millionen Tonnen enthalten fei, darüber geben die officiellen Handels. ausweife keine beftimmte Notiz. 28 J. Pechar, Dr. A. Peez. für die anderen Länder einen kleinen Theil am Welthandel in Kohle zu erkämpfen. Für Deutfchland, welches, von Weftphalen aus, nach den Mündungen des Rheins und der Wefer nicht weit hat, wäre diefs leicht, für Oefterreich zwar fchwieriger, aber nicht unmöglich; eine Frage, die wir fpäter kurz befprechen werden. Ueber die Einzelheiten des englifchen Kohlenexportes gibt folgende Tabelle Auffchlufs: Englands Ausfuhr an Kohle und Coken. Menge Werth Nach 1872 1873 1872 1873 englifche Tonnen Pfund Sterling Rufsland. 796.178 613.831 625.170 652.489 Schweden und Norwegen 765.308 788.782 603.998 813.129 Dänemark 641.508 589.512 469.188 576.123 Deutſchland. 2,113.589 1,674-397 1,538.957 1,689.593 Holland 471.459 467.147 339.122 501.676 Frankreich 2,191.855 2,475.649 1,502.066 2,304.706 Spanien und die canarifchen Infeln. 637.046 613.023 571.069 741.474 Italien 928.870 796.930 706.772 811.540 Brafilien 329.584 395.249 328.104 464.210 Britifch- Indien. 549.486 540.118 498.236 585.610 Uebriges Ausland. 3,773.611 3,677.695 3,259.639 4,065.068 Summe 13,198.494 12,632.333 10,442.321 " 13,205.618 Unter der Rubrik Andere Länder" find die wichtigften: Egypten mit einem Empfang von 451.912 Tonnen im Jahre 1871, ferner Weftindien mit 457.212 Tonnen, die Türkei mit 277.004 Tonnen, Britifch- Nordamerika mit 189.274 Tonnen, die Vereinigten Staaten mit 151.848 Tonnen; Malta erhielt 186.957 Tonnen, Gibraltar 131.331 Tonnen, Peru 109.393 Tonnen, Chili 101.203 Tonnen, Uruguay 96.648 und China 90.575 Tonnen. Oefterreich bezog von England 85.016 Tonnen Kohle und 7.104 Tonnen Coke, die Donaufürftenthümer, welche ihren Kohlenbedarf früher oder fpäter von Oefterreich entnehmen werden, 38.704 Tonnen Kohle u. f. w. Wie aus obiger Tabelle folgt, macht fich die Theuerung der englifchen Kohle in den Abfatzverhältniffen derfelben bereits geltend. Zwar behalten jene Länder, welche vermöge ihrer natürlichen Befchaffenheit die einheimifche Production nicht bedeutend fteigern können, wie z. B. Frankreich und Scandinavien, ihre gewohnten Einfuhrmengen bei oder erhöhen diefelben noch, wie letzteres namentlich bei Schweden der Fall war, deffen blühende Eifeninduftrie auch in 1873 vergröfserte Mengen von Kohle und Coke bedurfte. Wo aber die einheimifche Kohlenproduction bereits entwicklungsfähig und leiftungskräftig ift, wie z. B. in Deutfchland, da ift eine nicht unwefentliche Abnahme des englifchen Imports zu bemerken, und dasfelbe gilt für folche neutrale Märkte, wo bisher die englifche Kohle mit der Kohle anderer Länder zu concurriren hatte, wie z. B. in Holland. Im Ganzen hat jedoch England, ungeachtet der enormen Preisfteigerung, feine Abfatzmärkte mit ftaunenswerther Kraft und Zähigkeit feftgehalten, worin der ficherfte Beweis für das Gewinnbringende des englifchen Kohlenhandels erblickt werden mufs. Im Anfang 1874 ift die Ausfuhr englifcher Kohle wieder geftiegen. Sie betrug bis Mineralifche Kohle. 29 31. März 2,896.580 englifche Tonnen, gegenüber von 2,566.377 Tonnen im Vorjahre. Insbefondere ift die Ausfuhr nach dem grofsen Verforgungshaufe für englifche Producte, nach Deutſchland, von 193.000 Tonnen auf 292.000 Tonnen geftiegen, eine Thatfache, die in erfter Reihe dem ftarren Fefthalten der deutfchen Gewerken an hohen Preifen beizumeffen fein dürfte. Es fei nur noch bemerkt, dafs fich unter dem Brennftoff- Exporte Englands circa 330.000 Tonnen( circa 2 Percent) Coke befanden, die hauptfächlich aus Durham kamen und im Jahre 1871 nach Spanien( 79.000 Tonnen), Deutſchland( 65.000 Tonnen), Rufsland( 41.000 Tonnen), Schweden( 27.800 Tonnen), Griechenland( 17.300 Tonnen), Indien( 16.000 Tonnen), Brafilien, Dänemark und Frankreich verfendet wurden. London als Kohlenmarkt. Dafs der inländifche Kohlenhandel Englands noch aufserordentlich viel gröfsere Mengen bewegt, als der Exporthandel, das geht fchon aus den Grundzügen hervor, die wir über die Production und den Verbrauch der englifchen Kohlen gegeben haben. In der That ift es nur ein Betrag von 10 Percent des gefammten Förderquantums, welcher über die Grenzen Grofsbritanniens austritt. Der inländifche Kohlenhandel vollzieht fich theils durch die Küftenschifffahrt, theils durch die Canalfahrt, in erfter Reihe jedoch durch die Eifenbahnen. Schon im Jahre 1867 berechnete man, dafs die auf den Bahnen verfrachteten Kohlen eine doppelt fo grofse Menge repräfentiren, als fämmtliche andere auf Eifenbahnen transportirten Güter. In Folgendem geben wir eine Darftellung der wichtigſten englifchen Kohlenbahnen mit Angabe der im Jahre 1872 von ihnen beförderten Kohlenmengen in metrifchen Tonnen: London and North- Weftern 11,204.174 North- Britiſh North- Eaftern. Midland. Great Weftern. Caledonian. Mancheſter, Sheffield and Lincolnshire. . 10,829.483 Great Northern 9.490.172 Glasgow and South- Weftern 6,398.861 North- Staffordshire 5,726.616 Furnefs Swanfea- Valley 4,888.296 Cambrian Lancaſhire and Yorkſhire 4,314.415 • 3,586.880 2,233.648 2,118.652 838.423 825.267 504.242 114.658 Demnach beförderten die hier genannten 14 Bahnen eine Kohlenmenge von 631 Millionen metrifchen Tonnen, ein Quantum, welches fechsmal gröfser ift, als die gefammte Förderung Oefterreichs und 12 gröfser als die Förderung Deutfchlands. Die englifchen Bahnen befafsen im Jahre 1872 10.933 Locomotiven und 337.899 Wagen, zu welchen letzteren noch die eigenen Wagen der Werke hinzukommen. Ungeachtet diefes achtungswerthen Fahrparks ift es für continentale Begriffe kaum zu verftehen, dafs in England nicht ftets Wagenmangel und Kohlennoth herrfcht. Die London- and North- Weftern- Bahn allein beförderte II 2 Millionen. Tonnen oder 224 Millionen Centner, alfo weit mehr, als die gefammte öfterreichifche Kohlenproduction beträgt. Es ift klar, dafs zur Bewältigung folcher Maffen durch eine einzige Bahn ganz befondere Vorrichtungen gefchaffen fein müffen, da fonft ein geradezu unermesslicher Wagenpark erforderlich wäre, und auch diefer nicht circuliren könnte. So würde z. B. bei einem Wagenturnus von neun Tagen, wie er im Winter 1873 für das böhmifche Braunkohlen- Becken beftand, der London- and North- Weftern Railway allein einen Fahrpark von 33.570 Wagen nöthig gehabt haben! Diefs bei einer gleichmäfsigen Verfrachtung das ganze Jahr hindurch; thatfächlich müfste das Wagenmaterial noch grösser fein, weil der Kohlenverkehr fich überwiegend im Herbfte und Winter zufammendrängt. Zu den Mitteln nun, durch welche die englifchen Bahnverwaltungen des koloffalen Kohlenverkehrs auf ihren Linien Herr werden, gehört die Anlegung 3 30 J. Pechar, Dr. A. Peez. befonderer Kohlenbahnhöfe, die namentlich zur Verforgung Londons mit mineralifchem Brennftoff energifch mitwirken. Sie liegen möglichft tief im Innern der Stadt. Die Anlagen find wegen der enormen Koftfpieligkeit der Baufläche möglichft zufammengedrängt und, da die Bahnen auf Viaducten liegen, gleichfam in die Höhe gefchichtet, ftatt in die Fläche ausgebaut. Die Viaducte find an den Halteftellen durchbrochen, die Kohlenwagen mit Bodenklappen verfehen. Werden letztere geöffnet, fo ftürzt die Kohle durch die Durchläffe an den Viaducten in grofse Kammern hinab, das heifst, fie fällt zuerft auf Siebvorrichtungen, von denen fie fortirt und fofort in untenftehende Wagen mit offenen ledernen Säcken gefüllt wird, welche dann fogleich behufs Kleinverkaufs in die Stadt abgehen. Die Kammern können 300.000 Centner Kohle faffen, find aber felbftverftändlich keine Magazine, fondern nur Abladeplätze, durch welche die Kohle ftets durchpaffirt. Die einzelnen Kammern mit ihren zu Comptoirs eingerichteten Nebenräumen find an Kohlenhändler vermiethet, deren Zins um fo niederer bemeffen wird, ein je gröfseres Quantum von Kohle fie jährlich bewältigen. Auch die Zufahrt und Abfahrt der Wagen ift fehr finnreich geordnet. Nur durch folche Mittel wird es möglich, ohne ftete Stockung folche Maffen zu überwinden. London und Umgebung ift der gröfste Kohlenconfument, den die Erde kennt. Die Zufuhr betrug im Jahre 1872 7 Millionen Tonnen, wovon circa 2/3 per Bahn ankamen. Der wirkliche Verbrauch in den letzten vier Jahren war: 5,212.725 metriſche Tonnen, das ift per Kopf 1303 metrifche Tonnen 1869 1870 1871 P 5,665.576 " 9 79 22 77 " 22 1.416 " " 1872 5,900.275 5,991.561 29 " 27 19 79 I 475 27 " " وو " 9 " " 1'498 " 9 29 In Folge der Kohlentheuerung war in 1873 der Verbrauch in den Haushaltungen etwas geringer, als im Vorjahre: er überragte aber jenen des Jahres 1869 noch immer um 16.9 Percent. Die Verwendung der Kohle betreffend, fo verbrauchten im Jahre 1869 im Jahre 1872 Millionen metrifche Tonnen Gaswerke, Ziegeleien, Wafferwerke und fonftige Induftrie Hausbrand. 2.965 2.168 3.365 21535 Frankreich. Die Steinkohlenreviere Frankreichs können fich zwar hinfichtlich ihrer Ausdehnung und Ergiebigkeit mit den englifchen, nordamerikanifchen und deutfchen Becken nicht meffen, doch ift Frankreich auch nicht fo arm an mineralifchem Brennftoffe, wie Manche glauben. Die Zahl der Kohlenreviere ift grofs, ihre geographifche Vertheilung glücklich, ihr Abbau fehr einfichtsvoll organifirt und die Verwerthung des Productes bei der hohen Entwicklung der Induftrie fehr günftig. Ein Bahnnetz, deffen Länge im Jahre 1873 18.340 Kilometer betrug und deffen einzelne Abtheilungen durchwegs in der Hand gröfserer, geldkräftiger Unternehmungen liegen, befördert fehr wefentlich die Circulation der Kohle. Man unterfcheidet drei hauptfächliche Reviere, die im Norden, in der Mitte und dem Süden des Landes liegen. 1. Von der belgifchen Grenze bis gegen Boulogne zieht fich durch die Departements des Nordens und des Pas de Calais das Revier von Valenciennes mit den wichtigen Werken von Aniche, Douchy u. Anzin. Die Kohle liegt unter einer für die Schachtanlage fchwer zu durchbrechenden Kalk- oder Kreidefchicht von 80 bis 150 Metern Stärke und lagert in zahlreichen, aber unregelmässigen und fchwachen Flözen; bei Aniche kommen deren 12 mit einer Mächtigkeit von zufammen 7.3 Metern vor, bei Anzin 18 Flöze mit einer Mächtigkeit von 10 Metern. Im Mittel überfteigt die Flözftärke nicht 0.65 Meter. Die Förderungsverhältniffe find ähnlich wie in Belgien, wovon unten noch die Rede fein wird. Die Kohle kommt vorzugsweife in den blühenden Induftrie- Etabliffements des franzöfifchen Mineralifche Kohle. 31 Nordens, in den zahlreichen Zuckerfabriken, Spinnereien, Webereien und Mafchinen Werkstätten zur Verwendung. Obwohl gerade das Becken des Nordens im fchärfften Concurrenzftriche der englifchen, belgifchen und deutfchen Kohle liegt, hat fich deffen Förderung dennoch in wenig Jahren von 1 Million auf 2 Millionen metr. Tonnen( 40 Millionen Centner) gehoben. 2. Einen ganz abweichenden Charakter von der nördlichen Ablagerung zeigen die Kohlenreviere in der Mitte von Frankreich. In die Zerklüftungen der granitnen Hochfläche gebettet, welche die Mitte Frankreichs bildet, tritt hier die Kohle in zahlreichen kleinen Mulden oder Neftern auf, in diefen aber oft mit einer grofsen Mächtigkeit Die Kohle eignet fich befonders für die Zwecke der Eifeninduftrie. Wichtig find hier die Kohlenreviere der Loire und der Rive de Gier, auf welche die Eifen und Stahlinduftrie von St. Etienne gegründet ift; ferner das Becken der Seine und Loire, wo die Kohle bis zu einer localen Flözmächtigkeit von 20 bis 39 Metern anfteigen foll. Diefer Gruppe gehören die Werke von Blanzy, Montchanin, Epignac und befonders des Creuzot an, deffen fchöne Kohlen auf der Weltausstellung zu fehen waren. Abgefehen von dem Verbrauche der benachbarten Fabriken geht die Kohle aus dem Becken der Mitte auf zahlreichen Canälen und Bahnen ftrahlenförmig nach Lyon, Paris, Burgund und der Freigraffchaft und ftöfst auf der Loire mit der englifchen, im Nordoften mit der belgifchen und weftlich der Vogefen mit der Saarbrücker Kohle concurrirend zufammen. Die jährliche Production diefes Beckens beträgt 6 bis 7 Millionen metr. Tonnen. Das bekanntefte induftrielle Werk diefer Gruppe ift die Actiengeſellſchaft ,, le Creuzot", die im Jahre 1873 715.000 metr. Tonnen Steinkohle producirte. Dieses Werk erzeugt ferner, wenn man die für 1873 und 1874 neu projectirten Erweiterungen berücksichtigt, mit 15.500 Arbeitern und 308 Dampfmafchinen von 19.000 Pferdekraft 180.000 Tonnen Gufseifen, 90.000 Tonnen Schmiedeeifen, 60.000 Tonnen Stahl und 100 Locomotiven im Werthe von 7 Millionen Francs und andere Mafchinen und Brücken im Werthe von 82 Millionen Francs. Die Gefellfchaft verdiente mit einem Actiencapitale von 18 Millionen Francs in 1872 bis 1873 4:46 Millionen Francs und vertheilte eine Dividende von 20 Percent. 3. Die im Süden Frankreichs gelegenen Kohlenreviere von Alais und vom Aveyron haben ziemlich günftige Lagerungsverhältniffe. Man nimmt an, dafs fie fich noch weit unter die benachbarten jüngeren Formationen ausdehnen und defs. halb gröfsere Kohlenvorräthe enthalten, als die Ablagerungen der Mitte. Sie verforgen die Induſtrie des Rhonegebietes und der Küfte und fenden nicht unbeträchtliche Mengen nach Algier und Italien. Als diejenigen Reviere, welche dem kohlenarmen Mittelmeere am nächften liegen, ift ihre geographifche Lage eine überaus günftige; auch im Innern find fie faft jeder Concurrenz entrückt. Auch diefes Kohlengebiet hat in den Departements des Gard und Aveyron eine Eifeninduftrie hervorgerufen, die wegen der Nähe der trefflichen Erze von Algier noch eine bedeutende Entwicklung verfpricht. Ganz Frankreich producirte im Jahre 1872 118 Millionen metr. Tonnen Roheifen und o1 Million metr. Tonnen Stahl.*) Selbft in normalen Zeiten hatte Frankreich keine billigen Kohlenpreife, weil die franzöfifchen Reviere eine eigentliche Maffenförderung nicht zulaffen, ein Nachtheil, der wenigftens die gute Seite hat, dafs die Feuerungsanlagen kaum irgendwo fonft fo gut eingerichtet find. Im Sommer 1873 ftand belgifche Stück kohle in Paris 50 Francs( 20 fl.) und war im December 1873 auf 45 Francs( 18 fl.) per Tonne zurückgegangen. Die gefammte Kohlenproduction Frankreichs wird für das Jahr 1873 von officieller Seite auf 16.5 Millionen metr. Tonnen angegeben, obwohl durch den Verluft von Elfafs und Lothringen eine Jahresförderung von circa o 3 Millionen metr. Tonnen Kohlen weggefallen ift *) Siehe den Bericht von Franz Kupelwiefer über Hüttenwefen S. 19. 3* 32 J. Pechar, Dr. A. Peez. Abgefehen von der eigenen Kohlenförderung bedarf die hochentwickelte Induftrie Frankreichs noch bedeutender Zufuhren aus den Nachbarländern. Diefe Einfuhr betrug im Jahre 1873 7.10 Millionen metr. Tonnen, hat fich übrigens feit 1866, wo fie bereits 6.67 Millionen war, nicht bedeutend entwickelt. Von der gefammten Einfuhr von 7.10 Millionen Tonnen kamen im Jahre 1873 3.9 Millionen Tonnen aus Belgien, 25 Millionen Tonnen aus England und o 7 Millionen Tonnen aus Deutfchland. In erfter Reihe bei den Einfuhren nach Frankreich ſteht die englifche und belgifche Kohle. Erftere beginnt im Norden zu dominiren und ftreitet in Paris, wo in letzterer Zeit die einheimifche franzöfifche und die belgifche Kohle mehr zurücktreten, mit der weftphälifchen Kohle um diefen wichtigen Markt. In Gaskohle fcheint Weftphalen in Paris die Oberhand zu gewinnen. Paris hat einen jährlichen Verbrauch von etwa 15 Millionen Tonnen oder 30 bis 32 Millionen Centnern, alfo nicht ganz den doppelten Verbrauch von Berlin und mehr als den doppelten Verbrauch von Wien, aber nur etwa 14 des Kohlenconfums von London. Dagegen verbrauchen die Fabriksftädte weftlich von Rouen ausfchliefslich englifche Kohle; letztere fteigt in allen Flüffen aufwärts und begegnet auf der Loire der franzöfifchen Kohle von St. Etienne in der Gegend von Orleans. Die Einfuhr deutfcher Kohle nach Frankreich, obwohl im Norden zunehmend, hat doch im Ganzen feit 1870 abgenommen, weil unter diefer Rubrik früher die aus dem Becken von Saarbrücken nach dem Elfafs und Lothringen verfendeten Mengen enthalten waren. Die Ausfuhr von mineralifchem Brennftoffe aus Frankreich ift nicht bedeutend; fie wird für 1873 auf o'90 Millionen Tonnen angegeben, das ift um 0.13 Millionen Tonnen mehr, als im Jahre 1872. Diefe Ausfuhr richtete fich hauptfächlich nach Italien und Algier. Vergleicht man die Gefammtförderung Frankreichs im Jahre 1873 mit derjenigen von 1867, fo ergibt fich eine Zunahme von circa 29.7 Percent, mit 1862 verglichen aber von 60 3 Percent. Die Einfuhr von Kohle nach Frankreich ftieg von 1862 bis 1873 um 38.6 Percent, von 1867 bis 1873 aber nur um 8.2 Percent. Die Kohlenausfuhr aus Frankreich ftieg von 1862 bis 1873 um 288.8 Percent, von 1867 bis 1873 aber um 2020 Percent. Was endlich den Confum, das ift die Förderung nach Abfchlag der Ausfuhr und mit Hinzurechnung der Einfuhr betrifft, fo betrug derfelbe im Jahre 1860 12 9 Millionen metr. Tonnen, im Jahre 1865 17.073 Millionen Tonnen, im Jahre 1872 aber 21 993 Millionen Tonnen, fo zwar, dafs der Verbrauch von 1862 bis 1872 um 44'8 Percent, von 1867 bis 1872 aber nur um 15.7 Percent zugenommen hat. Der Concurrenzkampf fowohl der einheimifchen Kohlenbecken, als der auswärtigen Productionsländer fpiegelt fich in einer Vergleichung der Percentziffern, nach welchen, mit dem Jahre 1869/70 verglichen, in den drei Jahren 1871, 1872 und 1873 die Vermehrung erfolgte: Productionsftätte Vermehrung in Percenten gegen 1869/70 England Belgien Saarbrücken. Nord und Pas de Calais Saone und Loire Aveyron. Loire Baffin. Plateau Central Gard und Herault. 1871 27.56 1872 1873 129.00 8.50 102 37 51.00 129 00 20.30 51 30 97.90 8 · 55 38.10 109.00 5.00 27.50 62.60 6.30 34.50 62.30 8.30 22'50 5250 4:57 2519 40 00 6.88 20'00 35.00 Ein Gefammtbild der Production, Ausfuhr, Einfuhr und des Verbrauches von Kohle in Frankreich ergibt fich aus folgender Zufammenftellung: Production, Ausfuhr, Einfuhr und Verbrauch von Kohle in Frankreich. In metrifchen Tonnen. Einfuhr GefammtIm Jahre förderung Kohlen Ausfuhr Kohlenconfum per an Confum an Kohlen Kopf der BevölkeCoke Kohlen rung in Pfunden Mineralifche Kohle. 1789 250.000 1830 1,800.000 1851 4,648.000 1856 1860 7,925.700 8,303.700 4,823.484 532.498 1861 9,423.300 5,030.734 568.132 1862 10,290.300 5,122.000 600.000 230.000 232.080 220.390 12,897.184 14,221.954 15,191.910 1863 10,709.700 5,001.000 600.000 83.080 15,427.620 1864 II, 242.600 5,258.564 650.002 508.230 16,192.934 1865 II, 600.404 5,779.146 677.062 306.150 17,073.400 1866 12,260.085 6,676.346 732.018 366.230 18,570.201 1867 12,738.636 6,562.576 676.354 298.094 19,003.118 1868 13,252.876 6,584.766 662.300 308.350 19,529.292 1869 13,100.000 6,663.654 794.506 338.926 19,424.728 1870 13,300.000 3,559.034 16,859.034 1871 13,600.000 5,462.122 304.554 549.876 18.512.246 IO15 2 1872 15,900.000 6,862.122 504.554 768.760 1873 16,500.000 7,100.000 900.000 21,993.362 22,700.000 1206.1 1244.8 33 34 J. Pechar, Dr. A. Peez. Nachftehend geben wir noch eine Zufammenftellung jener Kohlenquantitäten, welche in den Jahren 1865 bis 1869 im Seine- Departement( Paris mit Vororten) confumirt wurden. Auch die durchſchnittlichen Verkaufspreife in diefen fünf Jahren find beigefetzt. Kohlenconfum des Seine- Departements. i m Jahre Bezugsquelle 1865 1866 1867 1868 1869 Durchschnittlicher Verkaufspreis während diefer 5 Jahre per metrifche Tonne metri fche Tonnen fl. kr. Valenciennes. Loire- Departement 454.200 56.530 435 770 336.840 454 710 495-770 I5 34.870 56.950 74-430 64.490 18 Courmontry IO.220 17.210 10.760 16 680 13.650 18 Ahun 2.440 9.660 24.050 33.660 16.100 18 Creuzot 260 49° 640 140 320 18 Aubin 80 140 280 460 18 Alais St. Eloy Bruffac Baffe- Loire- Depart. Roquechamp. Belgien England Saarbrücken 30 330 17 80 260 680 35° 150 220 6.400 7.220 7.780 900 280 I IO 160 160 1,294.550 1,346.790 61.140 53.910 142.030 21.810 1,340.240 235.960 17.140 1,249.570 136.260 1,181.930 136.910 15 16 56 20 21.310 17.620 14 80 1,994-530 1,935.670 • Summa. 1,933.360 2,009.670 2,030.510 Nach dem oben mitgetheilten Confum entfällt im Jahre 1866 bei einer Bevölkerungszahl des Seine- Departements von 2,150.916 Seelen, von denen allein 1,825.274 auf Paris felbft kommen, nahezu eine metrifche Tonne( 934% Kilogramm) per Kopf. Was die Verkaufspreife der Kohle anbelangt, fo find diefelben nach der Belagerung von Paris ganz beträchtlich geftiegen; denn es wurden per metrifche Tonne gezahlt für Förderkohle zu induftriellen Zwecken für ausgefuchte Kohle zum Hausbrand im Jahre 1872 1873 Gulden öfterr. Währung. 18 20 24 26 Die officiellen Sätze für die Zufuhr der belgifchen und franzöfifchen Kohle nach Paris find ziemlich hoch, doch find die Werke durch Privatverträge mit den Eifenbahngefellſchaften in den Stand gefetzt, zu verhältnifsmäfsig billigen Preifen ihre Kohle nach Paris zu fpediren. Die ungefähren Transportkoften per metriſche Tonne ftellen fich wie folgt: Bezeichnung des Beckens per Bahn per Canal fl. kr. fl. kr. Belgifche Kohle. Mons Charleroi Centre. Lüttich. Namur. 33344 68 92 92 08 08 50 40 40 844. 233. Franzöfifche Kohle. Valenciennes. 2 96 2 40 Mineralifche Kohle. 35 Für ausländifche Kohle wird eine Zollgebühr von 56 Kreuzern per metrifche Tonne( 18 Kreuzer per Zoll- Centner) eingehoben, während für alle nach Paris gelangende Kohle eine Verzehrungsfteuer von 2 fl. 88 kr. per metrifche Tonne ( 14'4 Kr. per Zoll- Centner) zu entrichten ift. Für jene Induftriellen, welche mindeftens 100 metriſche Tonnen jährlich confumiren, ift die letztere Gebühr auf 40 Kr. per metrifche Tonne( 2 Kr. per Zoll- Centner) ermässigt. Spanien und Portugal. Spanien ift eines der an Mineralien und Erzen reichften Länder Europas, der Bergbau daher fchon feit alten Zeiten eine Hauptquelle des Nationalreichthums der Spanier. Da nun auch der unterirdifche Kohlenvorrath, welchen Spanien aufweift und den man keinesfalls zu hoch auf 3000 bis 3500 Millionen Tonnen veranfchlagt hat, ein ganz bedeutender zu nennen, fo ift nur in der verfpäteten Einführung der Eifenbahnen und den politifchen Zuftänden des Landes der Grund zu fuchen, dafs gerade der Kohlenbergbau hier noch wenig cultivirt und entwickelt ift. Die Flächenausdehnung des kohlenführenden Terrains beträgt über 900.000 Hektaren, wie die folgende Tabelle zeigt. Flächenausdehnung der Kohlenreviere Spaniens. Poft I Oviedo( Afturien) Burgos und Soria 234567890 Leon Palencia Teruel Santander Cordova Gerona Cuenca In der Provinz Uebriges Spanien Hektaren 272.250 121.000 90.750 90.750 60.500 60.500 13.600 12.850 3.020 181.500 Summe 906.720 Während man die mineralifchen Brennftoffe Englands und Belgiens bereits feit mehreren hundert Jahren verwerthet, fehen wir Spanien erft gegen. Mitte des 19. Jahrhunderts zur Gewinnung der Kohle fchreiten. Die erfte Bewilligung zur Ausbeutung der Kohlenlager im Becken von Villanueva del Rio bei Sevilla wurde im Jahre 1742 ertheilt, doch hat fich die Gewinnung bis in die neuere Zeit hinein nur auf ein ganz geringes Quantum befchränkt. Erft nach dem Inslebentreten des Berggefetzes vom 4. Juli 1825 dachte man ernftlich an die Ausbeutung des mineralifchen Brennftoffes, namentlich in Afturien, wo man fchon bald darauf, im Jahre 1828, 3708 Tonnen Kohle in Gijon für verfchiedene am atlantifchen und mittelländifchen Meere gelegene Hafenplätze der fpanifchen Halbinfel verfchiffte. Wenn nun auch feit diefer Zeit die Gefammtproduction Spaniens fich wefentlich erhöht hat, fo ift diefelbe doch immerhin eine relativ fehr kleine geblieben, da die namentlich aus England zu verhältnifsmäfsig billigen Preifen importirten Steinkohlenmengen jenen im eigenen Lande erzeugten ungefähr gleichkamen, fo dafs alfo die eigene Production nur die Hälfte des Bedarfes deckt. 36 J. Pechar, Dr. A. Peez. Die Angaben über die Production der Kohle find fehr fchwankend, was zur Genüge beweift, wie wenig Aufmerkſamkeit man dem fo fchätzenswerthen Minerale in Spanien bisher gefchenkt hat. Für die Jahre 1860 bis 1869 und dann für 1871 werden allgemein folgende Productions- Mengen angenommen: Kohlenförderung Spaniens. Steinkohle Im Jahre Braunkohle. Totale 1861 331.055 22.292 1862 388.94 1 metrifche. Tonnen 353-347 ? 1863 316.027 P P 1864 387.904 38.526 426.430 1865 461.396 1866 393.1 05 34.455 39.559 495 851 432.664 1867 511.550 37 640 549.190 1868 529.058 41.766 570.824 1869 550.388 78.400 628.788 1871 525.000 45.000 570.000 Die Zahl der in Betrieb befindlichen Steinkohlen- Zechen betrug im Jahre 1862 244 mit einer Ausdehnung von 9383 Hektaren und einer Arbeiterzahl von 6233 Köpfen. Man erfieht aus der obigen Tabelle, dafs die Totalproduction Spaniens innerhalb 10 Jahren nicht unbedeutend zugenommen hat. Die Angaben über die Jahre 1870 und 1872 liegen uns nicht vor, doch fteht mit Rückficht auf die bekannten politifchen Ereigniffe der letzten Jahre kaum zu erwarten, dafs die Kohlengewinnung feither überhaupt geftiegen ift. Die im Allgemeinen geringe Kohlenproduction Spaniens dürfte ihre Erklärung in dem Mangel an den erforderlichen Capitalien und dem bisherigen Fehlen eines gröfseren Abfatzes, ganz befonders aber in dem Mangel an geeigneten Communicationswegen finden, da die Kohlenbecken nur in vereinzelten Fällen von Eifenbahnen durchſchnitten werden oder durch Zweigbahnen mit den Hauptbahnen verbunden find. Wäre diefs Letztere der Fall, fo könnten faft alle Pro vinzen des Landes mit billiger Kohle verfehen, die Abfatzgebiete der einzelnen Becken entſprechend erweitert werden. Zu den Eifenbahnen übergehend, ift zu bemerken, dafs die Eröffnung der erften Linie von 28 Kilometern( Barcelona- Mataro) in das Jahr 1848 fällt und dafs fich namentlich in den letzten 15 Jahren ein ziemlich ausgedehntes Bahnnetz gebildet. In Betrieb ftanden mit Ende des Jahres 1848 1855 1860 28 Kilometer, 595 2.282 77 27 1865 5.226 Kilometer, 1870 5.678 1872 5.711 " 9 Im Baue begriffen waren Ende 1872 630 Kilometer. fchiffbaren Flüffe und Canäle des Landes beträgt nur gegen 700 Kilometer, da Die Länge der unter allen Flüffen Spaniens nur der Ebro, und felbft diefer blos bei günftigem Wafferftande, bis in die Provinz Navarra befahren werden kann. Nach diefen allgemeinen Bemerkungen fchreiten wir zu einer kurzen Befchreibung der wichtigeren Kohlenbecken und betonen, dafs faft fämmtliche Provinzen des Landes Vorkommen an Steinkohlen aufzuweifen haben. Die chemifchen Analyfen der in den bekannteften Orten der wichtigeren Kohlenbecken gewonnenen Steinkohlen erfcheinen in dem folgendem Tableau zufammengeftellt. Provinz Mineralifche Kohle. Chemifche Analyſen ſpaniſcher Kohlen. Ort der Gewinnung Kohlenftoff Flüchtige Beftandtheile Afche Coke Wärmeeinheiten Oviedo " Palencia Riofa. Siero Colunga Barruelo 54 0 38.2 82.0 43.0 57.2 13.6 4.2 6.5 86.4 3.6 61.8 6486 57.0 6095 348 625 7267 7512 17.3 - 82.0 Orbo. 77.8 27 18.5 80.8 Teruel Gerona Sevilla Gargallo 58.6 45.5 II O 4782 San Juan de las Abadefas Villanueva del Rio. 45.5 23.0 5.0 72.0 6796 67.0 28.0 5.0 7755 Diefes an der füdlichen Küfte des I. Das Becken von Afturien. Biscay'fchen Meerbufens gelegene Kohlenbecken fteht hinfichtlich feiner Ausdehnung und Productivität in erfter Reihe, bildet, wenn auch bis jetzt noch wenig aufgefchloffen, den wichtigsten Kohlendiftrict Spaniens und enthält mehr als 60 Flöze einer ausgezeichneten Steinkohle. Das kohlenführende Terrain zieht fich von Santander in der Richtung von Oft nach Weft bis zum Cap Ortegal. Die Kohle findet ihren Abfatz zum gröfsten Theile in Afturien felbft; für die inneren Provinzen des Landes hat diefelbe geringere Bedeutung, da das Cantabrifche Gebirge die Verbindung mit jenen Provinzen erfchwert; dagegen werden anfehnliche Partien afturifcher Kohle, namentlich im Hafen von Gijon, für die am atlantifchen Ocean und am Mittelmeere gelegenen Landestheile verfchifft. 2. Das Becken von Burgos und Soria kommt in Betreff der Ausdehnung dem afturifchen Becken am nächften, auch find die Abbauverhältniffe diefes Kohlendiftrictes befonders günftig, indem die Kohle nur in geringer Tiefe liegt und die Flöze höchftens 15 bis 20 Grad Neigung haben. Die Hauptgewinnung findet in San Adrian de Juarros ftatt. 3. Das Becken von Leon ift reich an Kohle, doch fehlt es bis jetzt an geeigneten Communicationswegen. 4. Das Becken von Palencia verdient nach dem afturifchen Kohlengebiete die meifte Beachtung wegen der günftigen Abbauverhältniffe und der vorzüglichen Qualität der Kohle. Die Steinkohle von Barruelo und Orbo enthält bis 77 Percent Kohlenftoff. 5. Das Becken von Teruel befitzt einen grofsen Kohlenreichthum, indeffen ift die Production bis jetzt nur eine unbedeutende gewefen. 6. Das Becken von Santander hängt vermuthlich mit dem afturifchen Kohlengebiete zufammen. 7. Das Becken von Cordova ift durch das in diefer Provinz vorhandene Eifenbahnnetz begünftigt und erfcheint dadurch von höherer WichtigDie Production der Werke zu Espiel und Belmez dürfte bald gröfsere Dimenfionen annehmen, zumal fich die Kohle mit Erfolg zur Locomotivfeuerung verwenden läfst. keit. 8. und 9 Die Ausbeutung der Kohlenbecken von Gerona und Cuenca ift bisher nur eine ganz unbedeutende gewefen, woran namentlich der Mangel an paffenden Communicationswegen und infolge deffen wiederum der Mangel an dem nöthigen Abfatze die Schuld trägt. Die übrigen Kohlenbecken des Königreiches Spanien erfcheinen durchgehends von nur untergeordneter Wichtigkeit. 37 38 J. Pechar, Dr. A. Peez. Das Königreich Portugal befitzt grofse mineralifche Reichthümer, welche fchon den Alten bekannt waren, doch ift die Montaninduftrie faft gänzlich vernachläffigt worden, fo dafs Portugal in diefer Richtung weit hinter den übrigen Staaten Europas zurückſteht und der Fortfchritt in diefem Zweige der Induftrie fich erft aus unferen Tagen datirt. Was fpeciell die Kohlendiftricte anbelangt, fo find diefelben hinfichtlich ihrer Ausdehnung befchränkt, die Ausbeutung ift felten gewinnbringend und daher oft unterbrochen gewefen. Die Gefammtproduction des Landes an Kohlen betrug im Jahre 1866 nur 14.000 Tonnen und ift im Jahre 1872 auf 21.000 Tonnen geftiegen. Hievon kommen 18.000 Tonnen auf den vorzüglichen Anthracit des Dourobeckens und 3000 Tonnen auf die Steinkohle vom Cap Mondego. Im Betriebe befanden fich im Jahre 1872 nur vier Steinkohlengruben. Für den Confum des portugiefifchen Feftlandes und der Azorifchen Infeln nebft Madeira wurden an Steinkohle aus England eingeführt: im Jahre 1869 Quantum in metrifchen Tonnen 142.747 187.023 1870 1871 166.381 Das wichtigfte Kohlengebiet Portugals ift das Anthracitbecken des Douro, welches fich zu beiden Seiten des gleichnamigen Stromes unweit von deffen Mündung bei Oporto ausbreitet und eine Oberfläche von ungefähr 1200 Hektaren einnimmt. Man zählt hier 8 Gruben, doch find nur 3 in Betrieb, von denen jene von San Pedro da Cova wegen der ausgezeichneten Qualität des dort gewonnenen Anthracits am wichtigften ift und bereits feit dem Jahre 1801 ausgebeutet wird. Die Totalproduction der Gruben des Dourobeckens betrug 1872 18.000 Tonnen und hatte in der Stadt Oporto, dem faft ausfchliefslichen Confumtionsplatze der Kohle, einen Werth von 630.000 Francs. Zahl der Arbeiter betrug 285. Die Kohle ift fehr hart und eignet fich ganz befonders für den Hausgebrauch. Die Nächft dem Dourobecken verdient noch das Steinkohlen- Gebiet am Vorgebirge Mondego, Provinz Beira, erwähnt zu werden, welches 5 Flöze ausweift, die fich theilweife auch unter dem Meere hinziehen. Nur eine Grube bei Buarcos ift im Betriebe und liefert jährlich ungefähr 3000 Tonnen etwas kiefiger Steinkohle, welche aber nach vorhergegangener mechanifcher Präparation fich zu einer grofsen Anzahl induftrieller Zwecke verwenden läfst, und einen leichten, doch genügend feften Coke gibt. Die übrigen Vorkommen an Kohle werden gegenwärtig nicht ausgebeutet und find zum gröfsten Theil auch noch nicht näher unterfucht worden. Mit dem Eifenbahnbau wurde in Portugal im Jahre 1854 begonnen. 1872 waren 863 Kilometer im Betrieb. Was den Kohlenfeldern der pyrenäifchen Halbinfel einen befonderen Werth verleiht, ift die ungemein günftige Lage von mehreren derfelben hart an der See ein Vorzug, deffen fich fonft nur die Kohlenreviere von Wales und Nordengland erfreuen. Durch diefe Lage wären die fpanifchen und portugiefifchen Kohlenfelder befähigt, nicht nur mit billiger Küftenfahrt die Häfen der Halbinfel zu verforgen, fondern auch das an Kohlen fo arme Mittelmeer, fowie vermittelft des Canals von Suez die oftafiatifchen Länder und ihre Kohlenftationen aufzufuchen und mit mineralifchem Brennftoffe zu verfehen. Näher liegend noch wäre die Aufgabe, die Verhüttung der eigenen trefflichen Erze vermittelft eigenen Brennftoffes in die Hand zu nehmen. Bekanntlich. ift feit neuerer Zeit ein grofser Theil der englifchen Eifeninduftrie auf ſpaniſche Erze gegründet. Eigene Dampferlinien wurden ins Leben gerufen, um die Erze von Bilbao nach England hinüberzubringen. Die Einfuhr ſpaniſcher Erze nach England betrug im Jahre 1872 nicht weniger als 600.000 Tonnen. Wie nahe Mineralifche Kohle. 39 läge es, entweder diefe Erze nach Gijon in das Afturifche Kohlengebiet oder die afturifchen Kohlen nach Bilbao zu führen und in folcher Weife eine Eifeninduftrie von gröfster Bedeutung ins Leben zu rufen.... Diefs Alles wäre möglich, wenn Kohle und Eifen nicht in Spanien lägen. Oder follten die Zufuhren von Waffen an die Carliften, follte überhaupt die ganze eigenthümliche Politik Englands gegenüber Spanien und Portugal mit der genauen Kenntnifs der Engländer von den fpanifchen Kohlen- und Erzlagern in Verbindung ftehen? - Belgien. Nächft England ift Belgien das ältefte Kohlenland. Die bedeutenden Lager diefes mineralifchen Brennftoffes, die dichte Bevölkerung des Landes, feine blühende Induftrie, die beträchtliche Anzahl natürlicher und künftlicher Wafferftrafsen und ein vorzüglich entwickeltes Eifenbahnnetz bewirken, dafs das kleine Belgien unter den kohlenproducirenden Ländern die fünfte Stelle einnimmt und an der Gefammtproduction mit 61 Percent Theil hat. Die Steinkohlenformation Belgiens, welche 22 der Oberfläche ausmacht, zieht fich in einem nicht breiten, aber langen Streifen von der deutfchen Gränze bei Aachen weftwärts über Lüttich und Namur nach Mons und tritt bei Valenciennes auf das franzöfifche Gebiet über. An zwei Mittelpunkten concentrirt fich die Production zu voller Kraftöftlich in der Provinz Lüttich und weftlich in der Provinz Hennegau; jene participirt mit 20 Percent und diefe mit 75 Percent an der Gefammtförderung Belgiens. Die in folcher Weife entstandenen zwei Abtheilungen find durch die fchmale, aber tiefe Rinne des Sanfonbaches gefchieden. Das weftliche Becken ftreicht durch die Provinz Namur und erhält feine gröfste Entwicklung bei Charleroi, wo es in der Richtung von Nord nach Süd eine Breite von 15.000 Metern hat, und verläuft dann über Mons gegen Valenciennes und Douai in die angränzenden Theile Frankreichs. Seine Ausdehnung beträgt 90.050 Hektaren. Das öftliche Becken bildet mit dem vorhergehenden einen Winkel von 32 Grad. Dem Thale der Maafs folgend, hat es feine gröfste Breite mit 15.000 Metern bei Lüttich und fetzt fich oftwärts in der Richtung auf Efchweiler und Aachen nach den Rheinlanden fort. Seine Flächenausdehnung beträgt 44.060. Hektaren. Was das Vorkommen der Kohle innerhalb diefer ausgedehnten Ablagerung betrifft, fo finden fich bei Mons nicht weniger als 157 Flöze, von denen 120 abbauwürdig find und eine Mächtigkeit von 26 3 Centimeter oder 10 Zoll bis 0.95 Meter oder 3 Fufs haben. Die oberen 47 Flöze enthalten eine gasreiche Flammkohle( flénu); hierauf folgen 21 Flöze backender Kohle, fodann 29 Flöze Schmiedekohle, und zu unterft 20 bis 25 Flöze magerer Kohle. Obwohl demnach die Zahl der Flöze eine grofse ift, fo ftehen doch dem Abbau, wegen zahlreicher Verwerfungen und wegen durchschnittlich geringer Flözmächtigkeit, namhafte Schwierigkeiten entgegen. Namentlich im öftlichen Reviere find die Flöze durch zahlreiche Störungen oft geradezu im Zickzack gefaltet, und es treten hier diefelben complicirten Verhältniffe zu Tage, welche auf dem benachbarten Kohlengebiete bei Aachen den Bergbau erfchweren. Zugleich find die belgifchen Kohlengruben im Ganzen die tiefften, die es gibt. Sie reichen in vielen Fällen bis über 750 Meter hinab, und der Schacht der ,, Viviers réunis" bei Gilly ift nicht weniger als 1040 Meter( 3290 Fufs) tief. Diefe tiefe Lage hat die belgifchen Bergingenieure veranlafst, ähnlich wie in Durham und Northumberland, viele und lange Strecken mit einem einzigen Schachte abzubauen, und die Förderung durch Anwendung fehr ftarker Maſchinen an wenig Punkten maffenhaft zu geftalten. Die Auszimmerung der Schächte erfordert fehr viel Holz, das meift nach vollzogenem Abbau nicht mehr herausgenommen werden kann. Man berechnet, 40 J. Pechar, Dr. A. Peez. dafs per geförderte Tonne 36 bis 50 Kreuzer für Holzftützen aufzuwenden find. Auch ift der Stückfall bei der belgifchen Kohle felten günftig; 45 Percent Grofskohle wird nur ausnahmsweife gewonnen. Von der Fördermenge des Jahres 1871 von 13 733 Millionen Tonnen entfallen auf Fettkohle 22 Percent, auf Halbfettkohle 37 Percent und auf magere Kohle 41 Percent. Von der Förderung des Hennegau eignen fich ungefähr 23 Percent zur Fabrication guter Coke, welche in grofsen Mengen in die Eifendiftricte Frankreichs, auch Deutſchlands geführt werden. In welchem Mafse die einzelnen belgifchen Provinzen und Kohlenbecken der Gefammtförderung des Landes betheiligt find, dafür gibt folgende Tabelle pro 1872 Auffchlufs: an Antheil der Kohlenbecken Belgiens an der Production des Jahres 1872. Poft Provinz Becken 12345 I Hennegau Mons Charleroi 99 Centre 99 Namur Namur Lüttich Lüttich inclufive Huy Summa.. Förderung in Percentmetr. Tonnen antheil 4,258.486 27.2 4.247.450 27 1 3,110.230 19.9 389.688 2.5 3,653.094 15,658.948 23.3 ΙΟΟ Ο Bis die belgifche Kohlenproduction die bedeutende Ziffer erreichte, mit welcher fie jetzt dafteht, dazu bedurfte es einer geraumen Entwicklungszeit. Im Jahre 1836 war die Förderung 3 Millionen Tonnen. 1846 war fie 5 Millionen Tonnen mit einem Werthe per Tonne von 3 fl. 76 kr. Silber. Im Jahre 1850 erreichte die Förderung bereits die Ziffer von 5.8 Millionen Tonnen. Nachftehend geben wir die Menge der geförderten Kohle in ganz Belgien und deren Werth in den Jahren 1851 bis 1872( Siehe Seite 41). Aus diefer Zufammenftellung ift zu entnehmen, dafs die Gefammtförderung Belgiens in der Zeit von 1836 bis 1872 um das Fünffache, in den letzten 10 Jahren 1862 bis 1872 um 57 Percent und vom Jahre 1871 auf 1872 um 14 Percent geftiegen ift. Der Durchfchnittswerth per I Tonne ftieg von 1862 bis 1872 von 4 fl. 20 kr. auf 5 fl. 32 kr. Silber. Während im Jahrzehent 1860 bis 1870 die Kohlenproduction mit jedem Jahre um durchschnittlich 378.000 Tonnen zugenommen hatte, betrug die Steigerung im Jahre 1870 nicht weniger als 754.000 Tonnen. Die Urfache diefes Sprunges lag in den kriegerifchen Verwicklungen der Nachbarländer. Deutſchland verbot die Ausfuhr von Kohle, rief feine Mannfchaft, darunter viele Kohlenbergleute, zu den Waffen, zog feine Waggons aus dem Verkehre, und fchränkte die Production ein. Aehnlich in Frankreich. In die entstandenen Lücken trat Belgien, welches nunmehr namentlich die holländifchen Confumenten verforgte. Mit der Rückkehr normaler Verhältniffe im Jahre 1871 konnte diefe Ausdehnung des Abfatzes nicht feftgehalten werden; es betrug daher die Zunahme der Förderung im genannten Jahre nur mehr 36.000 Tonnen.. Im Jahre 1873 dürfte diefelbe einen weiteren Rückgang erfahren haben. Die folgende Tabelle enthält die Anzahl der Gruben, der Flächen in Hektaren, der Schächte, der Mafchinen und der von ihnen repräfentirten Pferde kräfte in den Jahren 1851, 1861, 1870, 1871 und 1872( Siehe Seite 42). Menge und Werth der geförderten Kohle. Antheil der Provinzen Im Gefammtmenge Hennegau Lüttich Namur Jahre in Tonnen Hennegau Lüttich Namur Gefammtwerth in Gulden Silber öfterr. Währ. Durchfchnittswerth per Tonne öft. Währ. Silb. in Tonnen in Percenten fl. kr. 1851 6,233.517 4,753.186 I, 292.099 187.857 76.24 20.80 2.99 19,883.672 18 1852 6,795.2 54 5,234.646 I, 337.906 182.578 77 03 19.69 2.70 1853 7,172.6 87 5,482.771 I, 503.275 185.504 76 44 20 95 2.58 21, 26 3.8 35 24, 876.807 333 13 47 1854 7.947.7 42 6,154.860 I, 582.790 209.990 77 44 19 91 2.64 34,343 046 32 1855 8,409.330 6,458.416 1856 8,212.419 1857 8,3 83.902 1858 8,9 25.714 1859 9,160.702 1860 9,6 10.895 1861 10,0 57.16 2 1862 9,9 35.645 6,219.132 6,441.182 6,885.0 11 7,099.326 7,50 7.720 7,935.645 7,79 5.170 1863 10,345.330 1864 II, 158. 336 1865 11.840.603 1866 1867 12,774.662 12,755.822 1868 12,29 8.589 1869 12,942.894 1870 13,697.110 1871 I 3,733. 176 1872 1 5,6 58.948 8,101.102 8,670.372 9,206.058 9,851.4 24 9,595.280 9,398 55° 9,840.530 10, 196.530 10,0 37. 230 11,616.166 2,799.826 3,16 2.131 3,345.557 3,65 3.094 I, 720.0 53 1, 774.678 1,740.916 I, 8 52.929 1,840.526 1,89 8.647 I, 87 8.457 1, 893.975 1,988.561 2,2 2 1. 729 230.861 76.80 20 45 2.62 41, 54 I. 328 4 92 218.609 75.72 21 61 2.66 42,18 3.504 5 13 201.804 76.82 20 86 2 42 40, 188.2 33 4 79 217.774 77.13 20 75 2:44 41, 350.848 4 63 220.8 50 77 49 20 00 2.52 41,60 2.4 80 4 54 204.528 78.11 19 74 2.15 42,851.31 2 4 45 243.061 78.90 18.68 2'41 44,00 5.990 4 38 246.500 78.45 19.12 2.48 41, 794.088 4 20 255.667 78.30 19.22 2.47 41,9 14.62 3 4 05 266.235 77.70 19.91 2.38 44, 221.669 3 96 2,328.811 305.734 77.00 19.67 2:58 49,558.471 4 18 2,564.551 358.687 77 II 20.68 2.80 60, 412.6 29 4 73 2,770.956 389.586 75.22 21 72 3.52 63,301.157 4 96 2,589.070 310.969 76.42 21 05 2.52 53,54 8.650 4 35 303.638 76.63 20:55 2'42 54,446.430 4 20 3 38.407 350.3 89 74 43 23 09 2.47 59,453.929 4 34 73 08 23 21 2.55 61, 5 21. 336 4 389.688 74 18 23 00 2:48 83, 423.763 5 +3 47 32 72 41 Mineralifche Kohle. 1871 Anzahl und Ausdehnung der Werke; Anzahl der Schächte und Maſchinen. 1851 1861 1870 1872 Im Jahre Anzahl Fläche in Hektaren Anzahl Fläche in Hektaren Anzahl Fläche in Hektaren Anzahl Fläche in Hektaren Anzahl Fläche in Hektaren 42 Concedirte Werke Geduldete Werke Betriebene Werke. 254 55 210 Belegte Betriebspunkte 380 103.978 268 26.603 23 87.712 193 343 116.132 284 12.966 93.578 19 169 130.434 10.634 93.728 315 284 19 168 308 130.568 282 10.634 96.032 130.574 19 166 317 10.634 94.877 Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl J. Pechar, Dr. A. Peez. Förderfchächte Wafferhaltungsfchächte. 41 214 58 209 47 189 47 187 48 186 Anzahl Pferdekräfte Anzahl Pferdekräfte Anzahl Pferdekräfte Anzahl Pferde kräfte Anzahl Pferdekräfte Fördermafchinen 382 Wafferhaltungsmafchinen 142 Wettermafchinen. 93 II.529 410 16.644 159 9.93 232 22.046 43° 23.158 171 3.484 302 33.965 435 28.668 177 8.229 309 35.696 431 29.580 183 8.746 309 35.912 30.935 8.861 Mineralifche Kohle. 43 Hiernach hat fich die Zahl der Werke nur infoferne vermehrt, als fich eine gröfsere Anzahl derfelben den gefetzlichen Bedingungen unterwarf, unter welchen eine Conceffion erlangt wird. Die Anzahl der betriebenen Werke fowie der Betriebspunkte hat wefentlich abgenommen, und felbft die Fläche ift feit 1851 nur um circa 7000 Hektaren gröfser geworden. Alle diefe Ziffern deuten darauf hin, dafs der belgifche Kohlenbergbau in extenfiver Hinficht nicht mehr wächft und die Zunahme der Production nur durch erhöhte Intenfität des Betriebes erzielt wurde. Der letztere Umftand ſpricht fich am deutlichften in der Zahl und Kraft der verwendeten Mafchinen aus. Es ift die Anzahl der Pferdekräfte vom Jahre 1851 bis 1872 geftiegen: bei Fördermafchinen um 211 5 Percent, bei Wafferhaltungsmafchinen um 85 9 und bei Ventilationsmafchinen um 792 3 Percent. Die gefammte Zahl der im belgifchen Kohlenbergbau verwendeten Dampfmafchinen betrug im Jahre 1872 923 und ihrer Pferdekräfte 75.708. Die Kohlenpreife waren in Belgien in normalen Zeiten nicht billig, find aber bei der letzten Conjunctur der Jahre 1872 und 1873 auch nicht in ganz fo übertriebener Weife geftiegen, wie etwa in England. Der Durchschnittspreis per Tonne war im Jahre 1851 3 fl. 18 kr., ftieg dann im Jahre 1854 auf 4 fl. 32 kr. und hielt fich mit geringen Schwankungen auf diefem Richtmafs bis zum Jahre 1872, wo eine Steigerung bis zum Durchschnittspreife von 5 fl. 32 kr. ftattfand. Stückkohle koftete in gewöhnlichen Zeiten 8 bis 10 Gulden per Tonne, Förderkohle. 71%, Gulden. Im September 1873 ftand in Charleroi Stückkohle 16 bis 17 Gulden, Förderkohle II bis 13 Gulden, Coke 20 Gulden per Tonne. Am Jahresfchluffe waren die Preife im Weichen begriffen. Die durchfchnittlichen Verkaufspreife in der Hauptftadt Brüffel ftellten fich im März 1874 für die einzelnen Sorten per Zoll- Centner wie folgt: Kohlenpreife in Brüffel. Gewöhnliche Körnige Beim Verkaufe an FörderGrieskohle oder Ziegel- kohle MafchinenGanz grofse Stückkohle Stückkohle kohle Kreuzer öfterreichifcher Währung in Silber. Fette Kohle Induftrielle Private 36 bis 38 42 " 44 40 bis 42 48 " 50 44 bis 46 64 bis 68 54 " 56 74 80 78 bis 84 27 Halbfette Kohle Induftrielle Private .. 36 bis 38 42 " 44 40 bis 42 48 " 50 44 bis 46 54 56 78 68 bis 72 84 82 bis 88 " Magere Kohle Induftrielle 32 bis 34 36 bis 38 40 bis 42 60 bis 64 Private 38 " 40 42 وو 44 46 48 66 99 99 70 70 bis 72 In diefen Preifen find die Koften der Abfuhr von den Bahnhöfen in Brüffel, welche im Durfchnitte 3 kr. öfterreichifcher Währung per Zoll- Centner betragen, nicht enthalten. Preisveränderungen folgen in neuefter Zeit immer rafch aufeinander, doch hält die Kohle der verfchiedenen Becken bei gleicher Qualität immer 44 J. Pechar, Dr. A. Peez. den gleichen Preis. Von den oben mitgetheilten Verkaufspreifen in Brüffel entfallen auf die Bahnfracht bis dahin folgende mäfsige Ziffern: Durchfchnittliche Transportpreife der nach Brüffel beförderten Kohle per Zoll- Centner: EntferPer Bahn nach den Stationen Bezugsort nung in Brüffel Nordbahn Brüffel Südbahn Brüffel Weſtbahn Per Waffer Kilometern Meilen Kreuzer öfterreichifcher Währung in Silber Mons. 70 9.2 8.0 7.2 7.2 5.5 bis 5.6 Centre 70 9.2 8.0 7.2 7.2 - Charleroi 75 9'9 8.0 7.6 7.6 4'5 " 50 Namur 75 9.9 8.0 8.2 8.0 Lüttich 105 13 9 9: 2 9.3 9.2 Brüffel confumirte im Jahre 1872 circa 600.000 Tonnen inländifcher Kohle, fo dafs bei der jetzigen Bevölkerung der Hauptstadt von etwa 350.000 Einwohnern ungefähr 3424 Pfund per Kopf entfallen würden. Von dem angegebenen Confum kommen etwa 35 Percent auf das Becken von Charleroi, je 25 Percent auf Centre und Mons und 15 Percent auf Lüttich. Was den finanziellen Ertrag der Werke betrifft, fo berechnete man im Lütticher Revier von der geförderten Tonne einen Brutto- Ertrag von 146 Gulden; fchlägt man hievon eine Summe von o'51 fl. per Tonne für Vorauslagen ab, fo bleibt ein Reinertrag von 0.95 fl. per Tonne übrig. Seit 1871 bis Mitte 1873 haben fich in ganz Belgien die Kohlenpreife um 100 Percent, die allgemeinen Auslagen einfchliesslich der Löhne um 75 Percent, der Gefchäftsgewinn der Gewerken um 25 Percent gehoben. In der folgenden Zufammenftellung geben wir die Zahl der in den belgifchen Kohlenwerken befchäftigten Arbeiter, ihren durchfchnittlichen Taglohn und die jährliche Fördermenge eines Arbeiters in den Jahren 1840 bis 1872( Siehe 1. Tabelle Seite 45). Nach diefen Daten ift die Zahl der Arbeiter von 1840 bis 1872 von 39.130 auf 98.863, mithin um das 21/ 2fache geftiegen. Ungefähr 75 Percent der Arbeiter find bei dem Tiefbaue, die übrigen zu Tage befchäftigt. Die Löhne waren feit den 50er Jahren bis zum Jahre 1871 nicht erheblich geftiegen. Seit 1871 jedoch ift bis gegen Ende 1873 eine Lohnerhöhung um 40, 50 und mehr Percent eingetreten. Der jährliche Verdienft eines Arbeiters war im Becken von Lüttich im Jahre 1871 371 2 fl., im Jahre 1872 430 8 fl. und dürfte im Jahre 1873 noch eine weitere Erhöhung erfahren haben. Die jährlich von einem Arbeiter geförderte Kohlenmenge ift von 100 Tonnen im Jahre 1840 und 122 Tonnen im Jahre 1860 auf 145 Tonnen im Jahre 1871 geftiegen; im Jahre 1872 betrug fie im Reviere von Charleroi durchſchnittlich 157 und in Lüttich 162 Tonnen, woraus auf eine mittlere Ziffer von 158 Tonnen für das ganze Land zu fchliefsen iſt. Sowohl der einheimifche Verbrauch, wie auch die Ausfuhr belgifcher Kohle nach den benachbarten Ländern find fehr bedeutend( Siehe 2. Tabelle Seite 45). Mineralifche Kohle. Anzahl, Taglohn und Förderquantum der Arbeiter: Arbeiter Durchfchnittlicher Taglohn eines Arbeiters Anzahl der Im Jahre öfterr. Währ. Silber kr. fl. Durchschnittliche jährliche Förde rungsmenge eines Arbeiters Tonnen 1840 39.130 1845 41.435 59 65 IOO 70 II2 1850 47.949 1855 70.980 97 118 1860 78.232 98 122 1861 81.675 97 123 1862 80.302 92 123 1863 79.187 93 130 1864 79.779 95 139 1865 82.368 I 04 143 1866 86.721 I 21 147 1867 93.339 I 18 137 1868 89.382 I 07 136 1869 89.928 I IO 143 1870 91.993 I 17 148 1871 94.286 I 15 145 1872 98.863 I 43 158 Belgiens inländifcher Verbrauch und Ausfuhr an Kohle: Im Jahre Inländifcher Verbrauch Ausfuhr Tonnen Tonnen 1840 3,150.490 779.473 1845 3,375.684 I, 543.472 1850 3,833.404 1,987.184 1855 5,434.981 2,974.349 1860 6,160.589 3,450.306 1861 6,678.112 3,379.05 1 1862 7,043.665 2,891.980 1863 7,454.356 2,890.974 1864 7.834.742 1865 8,272.916 3.323.594 3.5 67.687 1866 8,802.890 3,971.772 1867 8,674.676 1868 8,003.979 1869 8,615.733 4.081.206 4,294.610 4,327.161 1870 1871 1872 9,944.78 1 9.546.972 10, 678.751 3,752.329 4.368.285 5,630.197 4 45 46 J. Pechar, Dr. A. Peez. Demnach hat der Verbrauch der im Inlande producirten Kohle feit 1840 um 238.9 Percent, die Ausfuhr aber um 622 7 Percent zugenommen. Von der Gefammtförderung wurden im Jahre 1872 631 Percent im Inland verbraucht und 35'9 Percent den Nachbarländern zugeführt. Fügt man zu der im Inland verbrauchten Menge belgifcher Kohle noch einen Betrag von circa 221.900 Tonnen, die nach Belgien eingeführt wurden, fo erhalten wir den Gefammtverbrauch von 10 901 Millionen Tonnen, fo zwar, dafs bei einer Bevölkerung von 5.087 Millionen auf den Kopf 4285.8 Pfund entfallen. Diefer fehr bedeutende Verbrauch, welcher nur dem englifchen nachfteht, ift der fchlagendfte Beweis für die mächtige Entwicklung der belgifchen Induſtrie. Neben der Menfchenhand und als deren wirkfamfte Verſtärkung arbeitet in Belgien ein fehr bedeutendes Mafchinenwefen, und die mit der Kohle im innigften Bunde ftehende Eifeninduftrie hat bekanntlich in jenem kleinen Lande einen ihrer wichtigften Production splätze aufgefchlagen. Charleroi, Lüttich, Mons vereinigen die Erzeugung von Kohle und Eifen. Bei Charleroi allein finden fich 40 Hochöfen. Um Lüttich waren im Jahre 1872 98 Eifenwerke angehäuft, nämlich 6 Hochöfen, 55 Giefsereien, 17 Puddel- und Walzwerke, 20 Fabriken von Eifenmaterial und Mafchinen, ferner 3 Stahlwerke; alle diefe Werke zufammen producirten mit 10.406 Arbeitern 178.375 Tonnen Roh- und Gufseifen und 103.205 Tonnen raffinirtes Eifen. Ganz Belgien wird im Jahre 1872 circa 2 Million Tonnen Roheifen erzeugt haben. Seine Stahlproduction, die im Jahre 1861 erft 2675 Tonnen betrug, ift im Jahre 1872 auf 15.284 Tonnen geftiegen, und zahlreiche neue Stahlwerke waren in der Errichtung begriffen. Die belgifche Gefammtinduftrie hatte im Jahre 1872 etwa 6000 Dampfmafchinen mit 150.000 Pferdekräften in Betrieb. Das Becken von Charleroi verbraucht etwa die Hälfte feiner Kohlenproduction an Ort und Stelle, Lüttich zwei Fünftel, Mons ein Drittel, le Centre zwei Fünftel und das kleine Namur mehr als die Hälfte. Aus dem Ueberfchuffe diefer Kohlenquelle verforgen fich dann die anderen Theile des Landes, wobei fie alle Begünftigungen geniessen, die ein weitverzweigtes Canal- und Eifenbahnnetz mit überaus billigen Tariffätzen der Induftrie bietet. Es genügt anzuführen, dafs Belgien im Jahre 1873 1032 Kilometer oder 136 Meilen fchiffbare Flüffe, 622 Kilometer oder 82 Meilen Canäle und 3500 Kilometer Eifenbahnen befafs. Ueber die Einzelheiten der Circulation der Kohle gibt die treffliche Karte von Max Göbel für das Jahr 1869 die nöthigen Nachweiſe. Den Aufsenhandel mit Kohle betreffend, fo war die Einfuhr von Kohle nach Belgien in früheren Jahren kaum nennenswerth. Im Jahre 1869 betrug fie 235,607 Tonnen und hörte während der Kriegsjahre 1870 und 1871 faft ganz auf. Im Jahre 1873 ift jedoch ein wefentlicher Umfchwung eingetreten. Die Gefammt- Kohleneinfuhr Belgiens ftieg im Jahre 1873 auf 659.000 Tonnen, während fie im Jahre 1872 nur 211.000 Tonnen betrug, fie hat fich daher innerhalb eines Jahres um nicht weniger als 212 3 Percent vergröfsert Von obigen 659.000 Tonnen kamen 324.000 Tonnen aus Deutſchland( Weftphalen), 217.000 Tonnen aus England und 107.000 Tonnen aus Frankreich. Weit beträchtlicher als die Einfuhr ift jedoch die Ausfuhr von Kohlen. Sie betrug im Jahre 1873 4171 Millionen Tonnen Kohle und 0.802 Millionen Coke gegenüber 4.608 Millionen Tonnen Kohle und o 749 Millionen Tonnen Coke im Jahre 1872. Hiernach hat fich im Jahre 1873 die Ausfuhr an belgifcher Kohle um 437.000 Tonnen vermindert, während der Coke- Export um 53.000 Tonnen geftiegen ift, allerdings nur ein geringer Erfatz für die beträchtliche Minderung des Exportes von Kohle, zumal gegen Ende des Jahres 1873 in Folge der Stockungen der Eifeninduftrie in allen Nachbarländern auch die Ausfuhr der belgifchen Coke wieder beträchtlich abgenommen hat, das Steigen der Coke Mineralifche Kohle. 47 ausfuhr im Jahre 1873 alfo nur als eine Folge der befferen Conjunctur in der erften Hälfte diefes Jahres erfcheint. Was die Verbrauchsländer angeht, nach welchen fich die belgifche Kohlenausfuhr richtet, fo vertheilten fie fich wie folgt: Belgiens Kohlenausfuhr. 1872 1873 Bezeichnung des Landes metrifche Tonnen Frankreich. Niederlande Deutſchland diverfe Länder. Summa 4,100.000 3,900.000 309.000 124.000 63.000 31.000 136.000 116.000 4,608.000 4,171.000 Wie fich aus diefer Tabelle ergibt, richtete fich das Gros der belgifchen Kohlenausfuhr nach Frankreich, deffen nördliche Theile bis gegen Rouen auf Canälen und Eifenbahnen fich mit belgifcher Kohle verforgen. Paris allein verbrauchte davon( neben feinem Confum von franzöfifcher, englifcher und deutfcher Kohle) die enorme Menge von 700.000 Tonnen oder 14 Millionen Zoll- Centnern, welche vornehmlich aus Mons und Charleroi kamen. In der neueften Zeit ift jedoch der belgifchen Kohle auf diefem bisher wenig beftrittenen Abfatzgebiete in der englifchen und deutfchen Kohle eine gefährliche Concurrenz erftanden, fo zwar, dafs im Jahre 1873, verglichen mit 1872, die Einfuhr an belgifcher Kohle nach Frankreich um 200.000 Tonnen zurückging, während die Einfuhr aus England um 150.000 Tonnen und aus Deutfchland um 160.000 Tonnen zunahm. Neben der Ausfuhr nach Frankreich war im Jahre 1872 die Ausfuhr nach Holland bedeutend, mufste jedoch wieder den englifchen und deutfchen Zufuhren weichen. Was die Ausfuhr Belgiens nach Deutſchland betrifft, fo befteht diefelbe vorzugs. weife aus Coken, die in einer Menge von 250.000 bis 300.000 Tonnen insbefondere der mächtig auftretenden Eifeninduftrie des Luxemburger Landes zugeführt werden. Uebrigens war das Jahr 1873 durch die ftarken Preisfchwankungen kein normales und bot die feltfamften Verwicklungen dar. Während belgifche Kohle nach England geführt ward, fchlofs ein aus Induftriellen von Lille beftehendes Comité, ohne fich an die benachbarten Kohlengruben des nördlichen Frankreichs zu wenden, mit englifchen Producenten grofse Lieferungen ab; gleichzeitig brannte Lüttich deutfche Kohle. Erft die nächfte Zukunft wird das Ergebnifs diefer intereffanten Wettkämpfe klarlegen. Dafs Belgien bei diefem Ringen kein leichtes Spiel haben wird, das ergibt fich aus den oben angedeuteten Verhältniffen. Neue Kohlengebiete, ja felbft neue Schächte find in Belgien feit Jahren nicht aufgefchloffen worden. Wenn auch die belgifchen Ingenieure mit grofser Gefchicklichkeit und von dem in langer Friedenszeit und durch forgfame Volkswirthfchaftspflege angefammelten Capitalreichthum des Landes wirkfam unterftützt, der fchwierigen Verhältniffe ihres Bergbaues Herr zu werden trachten, fo liegen doch in der fehr mässigen Mächtigkeit der Flöze, in der ungewöhnlichen Tiefe der Gruben, welche fchon hier und da Spuren der Erfchöpfung zeigen, fowie in dem aus allen diefen Umständen refultirenden ziemlich hohen Durchfchnittspreife der Kohle nicht unbedeutende Hinderniffe 4* 48 Pechar, Dr. A. Peez. einer rapiden Entwicklung, Hinderniffe, die erft bei einem Herabgehen der Kohlenpreife zur vollen Geltung kommen werden. Die Vereinigten Staaten. Ueber den Kohlenreichthum der Vereinigten Staaten find fo übertriebene Nachrichten im Schwunge und fie wandern fo kritiklos durch die Welt, dafs einige einfchränkende Bemerkungen am Platze fein möchten. Nach gewiffen amerikaniſchen Schriftftellern verhält fich der Kohlenfchatz der Vereinigten Staaten zu dem europäiſchen wie 21: 1. Der amerikanifche Ingenieur Sweet berechnet die Ausdehnung der Kohlenformation in den verfchiedenen Ländern der Erde, multiplicirt fie mit ihrer angeblichen Mächtigkeit und gelangt dann zu dem Ergebniffe, dafs die Vereinigten Staaten 4,000.000,000.000 Tonnen, England aber nur 142.500,000.000 Tonnen Kohlen befitzen! Solche Angaben erfcheinen bei genauerer Betrachtung als willkürlich und verwirrend. Weder die Ausdehnung, noch die Mächtigkeit der amerikanifchen Kohlenfelder ift genügend durchforfcht und feftgeftellt. Die ganze Frage befindet fich noch im Stadium, der Vorunterfuchung. Ift einerfeits das Vorhandenfein gewaltiger Kohlenbecken in den Vereinigten Staaten nachgewiefen und nicht nur wiffenfchaftlich, fondern auch durch einen koloffalen Abbau fichergeftellt, fo ift doch auch die Thatfache nicht zu bezweifeln, dafs an vielen Orten, ähnlich wie in Irland, die einft vorhandenen Kohlenablagerungen weggefchwemmt worden find. Immerhin bleiben die Kohlenfchätze Amerikas bedeutend genug, um keiner Uebertreibungen zu bedürfen. Gewöhnlich unterfcheidet man fünf Kohlenreviere und gibt ihnen folgende Ausdehnung: 1. Das Apalachifche Becken 2. das Becken von Illinois und Indiana 163.341 Quadrat- Kilometer, 133.903 " 3. 99 99 " Jova, Miffouri und Arkanſas 214.970 " 4. Texas 29 " 17 7-770 99 5. 22 27 Michigan 50.116 Von diefen fämmtlichen Kohlenfeldern hat bis heute, bei den unermefslichen Entfernungen, der dünnen Bevölkerung und dem theilweife noch vorhandenen Waldreichthume der Vereinigten Staaten nur das erfte Kohlenrevier eine gröfsere Bedeutung erlangt. Das Apalachifche Kohlenrevier zieht fich in der Richtung Nordoft zu Südweft durch die Staaten Pennſylvanien, Kentucky, Ohio, Tenneffee, Alabama, Maryland und Georgien; fein Schwerpunkt liegt jedoch in Pennfylvanien. Das Becken hat eine ununterbrochene Länge von 1408 Kilometern, eine Ausdehnung, die nur von den unteren kohlenführenden Schichten an der Weftfeite des Uralgebirges übertroffen wird. Durch das Alleghanygebirge wird das Becken in zwei hinfichtlich der Kohlenbefchaffenheit gänzlich verfchiedene Theile zerfchnitten, indem der weftliche Theil bituminöfe, der öftliche den atlantifchen Häfen zugekehrte Theil jedoch anthracitifche Kohle führt. Letztere enthält 87 bis 90 Percent reinen Kohlenftoff, erzeugt einen intenfiven Hitzegrad und eignet fich ohne vorhergegangene Vercokung zum Hochofenproceſs, ift jedoch als Mafchinenkohle weniger gut als die europäiſche Fettkohle. Die bituminöfe Kohle entſpricht unferer backenden Kohle. Der Diftrict, der die Anthracitkohle enthält, ift die Gegend am nordöftlichen Ende der Blauen Berge zwifchen dem Potomac und Delaware mit dem Thale des Susquehanna als Mittelpunkt. Die geographifche Lage des Beckens ift alfo infofern eine ungemein günftige, als dasfelbe zwifchen den wichtigen Hafen ftädten New- York, Philadelphia, Baltimore im Often und dem grofsen Syfteme Mineralifche Kohle. 49 der Binnenfeen im Nordweften mitten inne liegt. Nach beiden Seiten vermitteln zahlreiche Eifenbahnen, Flüffe und Canäle den Transport der Kohle. Das Anthracitrevier Pennſylvaniens zerfällt in drei Theile: das füdlichfte oder Schuylkill- Gebiet, welches die Lehigh- Kohle enthält, das mittlere mit der Shamokin- Kohle und das nördliche, welches die Wyoming- und Lakawanna- Kohle von Scranton, Pittston und Lackawanna auf den Markt bringt. In der Schuylkill- Ablagerung mit Mauch- Chunk und Pottsville als Mittelpunkten find 25, an anderen Orten nur 1o bis 12 Flöze nachgewiefen, die im erfteren Falle eine Gefammtmächtigkeit der Kohle von 63 Metern oder 207 englifchen Fufs darftellen, obfchon die durchfchnittliche Mächtigkeit fich nicht über 21 3 Meter oder 70 Fufs erheben mag. Stellenweife fchwinden oder verdünnen fich die Zwifchenmittel, in welchem Falle dann riefige Flöze entſtehen, die z. B. zu Lehigh- Summit eine Mächtigkeit von 15:25 Metern oder 50 Fufs mit 9:14 Metern oder 30 Fufs guter Kohle enthalten. Der Abbau gefchieht durch Stollen oder Schächte von durchſchnittlich weniger als 60 92 Metern oder 200 Fufs Teufe, fowie durch Streckentrieb mit Pfeilerbau. Bei der Häuerarbeit werden in neuerer Zeit Mafchinen angewendet, die bei der regelmässigen Lagerung der Flöze und den theueren Arbeitslöhnen ziemlich ftark in Aufnahme gekommen find. Die bei Mauch- Chunk am nordöftlichen Ende des Schuylkill- Reviers unfern des Delaware- Fluffes gewonnene Kohle( Lehigh- Kohle) ift der härtefte und reinfte Anthracit, den man kennt. Hier begann überhaupt der Kohlenbergbau der Vereinigten Staaten im Jahre 1808 und hier wurden bereits im Jahre 1827 auf fchiefen Ebenen Kohlenzüge befördert. Mauch- Chunk liegt äufserft romantifch zwifchen Bergen von 1000 Fufs Höhe, an welchen man jetzt auf fchiefen Ebenen zahlreiche Bahnzüge nach der unten vorbeiftreichenden Hauptbahn und dem Lehigh Canal herabgleiten fieht. Für Deutfche hat diefe Gegend noch ein befonderes Intereffe, nicht nur weil die Gegend überhaupt von ihren Landsleuten zuerft befiedelt wurde, fondern auch weil der grofse Nationalökonom Friedrich Lift, aus Württemberg vertrieben und zu Reading in Pennfylvanien niedergelaffen, auf einem Ausfluge in die Blauen Berge im Jahre 1828 die Kohlenminen von Tomaqua entdeckte. Sofort gründete Friedrich Lift eine Gefellſchaft, welche mit einem Capital von 700.000 Dollars die Werke ausrichtete und vermittelft einer 20 englifche Meilen langen Zweigbahn nach Port Clinton mit dem Schuylkill- Canale verband. Durch die Entdeckung eines bisher unbekannten Kohlenflözes und die rafche und energifche Ausbeutung desfelben trug Friedrich Lift nicht wenig zum Auffchwunge des Kohlenbergbaues in jenem wichtigen Reviere bei. Die wichtigften Becken der Anthracitregion find das Wyoming-, Schuylkillund Lehigh- Becken. Die Verfendung an Kohle theils per Bahn, theils per Canal betrug in Millionen englifchen Tonnen: Im Jahre 1860 1865 Wyoming Schuylkyll Lehigh ITTI 1867 1870 1871 1872 5 5 ΙΟ Die rafchefte Entwicklung zeigt demnach das Wyoming- Becken, welches die mächtige Stadt New- York vorzugsweife mit Kohle verforgt, während die Reviere von Schuylkill und Lehigh in Philadelphia ihren Hauptmarkt haben. Der Verbrauch an Ort und Stelle war bei den drei Becken in den Jahren 1871 und 1872 der folgende in Millionen Tonnen englifch: 50 Schuylkill Wyoming Lehigh J. Pechar, Dr. A. Peez. 1871 1872 I'7 1.7 I'2 I 5 0'4 0.5 Den ftärksten örtlichen Verbrauch oder, was dasfelbe fagen will, die bedeutendfte Induftrie hat demnach das Schuylkill- Becken, aber der Fortfchritt ift rafcher im Wyoming- Reviere. In den Anthracit- Kohlenfeldern öftlich der Alleghany's waren im Jahre 1870 30.500 Arbeiter befchäftigt, welche 14'5 Millionen Tonnen Kohle förderten. Was die Unfälle der Bergleute betrifft, fo kamen auf 36.550 Tonnen Kohle I Todter, auf 18.350 1 Verwundeter, auf 81.790 1 Witwe und auf 20.070 Tonnen. I Waife. Im Ganzen verunglückten von 30.500 Arbeitern 535, alfo 17 Percent, wovon 129 ftarben. Durch Explofion von fchlagenden Wettern oder Spreng mitteln wurden 30 Percent fämmtlicher Unfälle verfchuldet. Die Löhne waren in den letzten Jahren für Häuer 13 Dollars Banknoten oder rund 26 Gulden per Woche. Taglöhner in der Grube erhielten gegen II Dollars, aufser der Grube 10 Dollars. Im Jahre 1874 waren jedoch die Löhne wefentlich zurückgegangen und während vorher zahlreiche Bergarbeiter aus England nach Amerika gezogen waren, fanden zu Beginn des Jahres 1874 Rückwanderungen aus Amerika nach England ftatt. Was die zur Ausbeutung der mächtigen Anthracitlager der Vereinigten Staaten gefchaffenen Anlagen betrifft, fo ftehen hier in erfter Reihe die zahlreichen Transportlinien, die nach allen Richtungen auslaufen. Zuerft ftreichen die Bahnen durch die Reviere felbft, kreuzen diefelben quer, durchziehen fie oder folgen ihnen feitwärts. In zweiter Reihe vermitteln kurze Bahnen die Verbindung mit den nächften Flüffen und Canälen. In dritter Reihe folgen dann die eigentlichen Hauptlinien, welche zumeift nach den grofsen Fabriks- und Hafenplätzen an der atlantifchen Küfte zielen. So hatte fchon vor Jahren das Schuylkill- Becken neun Eiſenbahnverbindungen und aufser dem Susquehanna nicht weniger als vier Canäle zu feiner Verfügung; das Shamokin- Becken gleichfalls neun Eifenbahnen, drei Canäle und in noch gröfserer Nähe den Susquehanna. Das Woyming- Becken endlich ift vom Susquehanna- und North- Branch- Canal durchzogen, und aufserdem führen fechs Bahnen theils zu Ladeftationen an den benachbarten Canälen, theils direct nach den hauptfächlichften Confumtionsplätzen. Die Entfernung von Mauch- Chunk nach New- York beträgt je nach der gewählten Transportftrafse 209 2 bis 273 5 Kilometer oder 130 bis 170 englifche Meilen, nach Philadelphia 162 5 bis 212 Kilometer oder 101 bis 133 englifche Meilen, nach Baltimore 321 8 bis 402 3 Kilometer oder 200 bis 250 engliſche Meilen. Diefe Entfernung iſt immer noch zu grofs, um einen fchwunghaften Ausfuhrhandel der amerikaniſchen Kohle gegenüber der Concurrenz der englifchen Kohle zu ermöglichen. Während die englifchen Kohlen in Newcaftle oder Cardiff mit ganz unbedeutendem Landtransporte faft unmittelbar aus der Grube in das Schiff geladen werden, tritt bei der Kohle der Vereinigten Staaten durch den Landweg von 210 bis 215 Kilometern Länge, möge derfelbe nun per Bahn oder Canal zurückgelegt werden, immerhin eine Vertheuerung des Productes um circa 66 Percent des Grubenpreifes ein. Beziffert man den letzteren rund mit 3 Dollars oder 6 Gulden öfterreichifcher Währung, fo kommt gute Kohle mit Hinzurechnung von 2 Dollars Transportkoften und 3/4 Dollar für Abgang und Spefen, bis zu den atlantifchen Häfen New- York, Philadelphia oder Bofton geftellt, auf 6 bis 7 Dollars oder 12 bis 14 Gulden per Tonne. Die Concurrenz der fremden Kohle ift durch einen Zoll von 114 Dolla. per englifche Tonne erfchwert, und es fanden neben den billigeren Kohlengattungen aus der englifchen Colonie Neu- Schottland nur die beften englifchen Schiffs- und Gaskohlen in mäfsigen Poften Eingang. Englifche Gaskohlen wurden Mineralifche Kohle. 51 in New- York zu Ende des Jahres 1873 mit 12 bis 20 Dollars per Tonne bezahlt. Daneben erzielten aber auch einheimifche Gaskohlen, wie die Cannelkohle aus Weftvirginien, einen Preis von 15% Dollars per Tonne. Durch die fortfchreitende Entwicklung der einheimifchen Kohlenproduction und unter Begünftigung des Zolls von 114 Dollar ift der Import beträchtlich zurückgegangen. So hatte z. B. Bofton noch im Jahre 1871 neben 538.900 Tonnen einheimifcher Kohle eine Zufuhr von 209.200 Tonnen fremder Kohle aus NeuSchottland. Im Jahre 1872 dagegen war diefe Zufuhr auf 90.700 Tonnen gefunken, der Verbrauch von einheimifcher Kohle aber auf 1,069.000 Tonnen geftiegen. Bofton hatte im Jahre 1872 einen Gefammtverbrauch von 1,159.700 und Philadelphia von 2,082.000 englifchen Tonnen. Bofton verbraucht alfo bereits mehr Kohlen als Berlin, und Philadelphia beträchtlich mehr Kohlen, als Paris oder als Berlin und Wien zufammengenommen. Der Confum von New- York wird mit 3 Millionen Tonnen ficher nicht zu hoch angefchlagen. Es bedarf kaum weiterer Ziffern, um den induftriellen Auffchwung der Vereinigten Staaten in feinem rechten Lichte erfcheinen zu laffen. Die auf der Weftfeite des Alleghany- Gebirges gelegenen Kohlenreviere enthalten eine bituminöfe Kohle und gelangen bei Pittsburg zu ihrer fchönften Entwicklung. Ein ausgedehntes und in mässigen Wellenlinien fich verflachendes Gebiet, welches der Ohio, der Alleghany und der Monongahela durchftrömen, fchliefst hier ein ohne Zweifel riefiges Kohlenvermögen ein. Faft in horizontaler Richtung gelagert, läfst fich von Brownsville bis Pittsburg ein 3.05 Meter oder 10 Fufs mächtiges Flöz verfolgen. Südöftlich davon find fogar Flöze von 3.66 bis 4:26 Meter oder 12 bis 14 Fufs Mächtigkeit nachgewiefen. Auch die Gewinnungs. verhältniffe find ungemein günftig. An den Ufern der genannten Flüffe tritt wiederholt die Kohle zu Tage und kann mit horizontalen Galerien, die fich felbft entwäffern, herausgenommen werden, während die beladenen Hunde, abwärts zum Spiegel des Fluffes gleitend, die Kohle in die zur Aufnahme bereiten Barken fchütten. Unter fo ausnahmsweife günftigen Förderverhältniffen berechnete man fonft in normalen Zeiten die Geftehungskoften auf 150 Gulden oder o 75 Dollars per englifche Tonne, während die englifchen Kohlenwerke, nach Angabe amerikanifcher Sachverständiger, damals 2 40 Gulden oder 120 Dollars per Tonne Geftehungskoften haben follten. Doch find diefe Ziffern durch die in den letzten Jahren eingetretenen grofsen Veränderungen in den Lohnverhältniffen etc. völlig andere geworden. Die Entfernung der weftlichen Kohlenfelder von den öftlichen Häfen ift zu grofs( nach New- York z. B. 330, 400 bis 490 englifche Meilen oder 531, 644 bis 788 Kilometer je nach der Route), um auf den dortigen Märkten concur riren zu können. Sie finden dagegen ihren Abfatz an den grofsen Seen und ferner in den Städten und bei den Bahnen des Miffiffippi- Gebietes, befonders aber bei der mächtigen Eifeninduftrie, die fich mit Pittsburg als Mittelpunkt in unmittel barer Nähe der Kohle entwickelt hat. Die Eifeninduftrie, welche etwa 14 der ganzen Kohlenförderung oder rund 10 Millionen Tonnen verbraucht, ift in den Vereinigten Staaten in rafchem Auffchwunge begriffen. Mehrere hundert Hochöfen, die fich namentlich in Pennfylvanien häufen, erzeugten nach Bericht der American Iron- and Steel- Affociation vom 1. October 1872 bis 30. September 1873 an Eifen- und Stahl- Eifenbahnfchienen o'942 Million Tonnen, Walz- und Schmiedeeifen 1 Million, Frifchfeuer- Eifen o 058, Gufsftahl o 032, Beffemerftahl o'110 und Martinftahl o'003 Million Tonnen. Im letzten Jahre hat fich die Roheifen- Production gegen das Vorjahr um 10 Percent, die Stabeifen- und Stahlwaaren- Fabrication um 5 Percent gehoben. Während im Jahre 1854 die Roheifen- Production erft o 736 und im Jahre 1864 erft 1135 Millionen Tonnen betrug, erreichte fie im Jahre 1873 bereits 2.830 Millionen Tonnen. Beffemerhütten gab es im Jahre 1873 bereits 13. Ihre Productionsfähig. keit von Stahlfchienen wird auf o'220 Million Tonnen pro 1874 gefchätzt und 52 J. Pechar, Dr. A. Peez. ihre Ausdehnung wird einzig durch die Schwierigkeit der Befchaffung von Spiegeleifen gehemmt. Im Walzwerksbetrieb( nach dem Syfteme Lauth mit drei Cylindern), fowie in der Production feiner Eifenforten können die Amerikaner vollſtändig mit den Engländern wetteifern und übertreffen fie in der Anwendung von Mafchinen ftatt der Handarbeit. Gleichwohl hatten die Vereinigten Staaten im Jahre 1872 eine Einfuhr an Eifen- und Eifenwaaren im Werthe von 118 Milionen Gulden oder 59 Millionen Dollars. Alfo ein riefiger Markt, welcher der amerikanifchen Kohlenproduction eine glänzende Zukunft verheifst, wenn auch der Stillftand im Eifenbahnbaue zu Ende 1873 bedeutende Stockungen veranlafste. Die pennfylvanifchen Kohlen, welche an Bedeutung alle anderen weit übertreffen, waren auf der Wiener Weltausftellung nicht vertreten. Sehr fchöne Steinkohle war von Wilder aus Tenneffee ausgeftellt, und auch Alabama und Arkanfas hatten Proben ihrer mineralifchen Brennftoffe gebracht. Zu Ende 1873 wurden auch in Californien Kohlenfelder entdeckt. welche angeblich die Tonne für 12 Gulden( 1 Pfund Sterling) nach St. Francisco ftellen können, während dort engliſche Kohle 48 Gulden per Tonne koftete. Beftätigt fich diefe Nachricht, fo würde fie nicht allein für Californien, fondern auch für die Dampferlinien des Stillen Oceans von grofser Bedeutung fein. Die Kohlenproduction der Vereinigten Staaten begann im Jahre 1820 und hat fich feit diefer Zeit in folgender Weife entwickelt: im Jahre 1820. 1830. 1840 1850. Quantität 365 Tonnen, 232.870 1,027.2 5 1 3.736.186 9,388.758 " " 1860.. 1865. 1866.. 1867. 1871. 1872. " 17,38 5.021 21,856.000 " " 25,800.000 " 34,037.486 29 41,491.1 35 " Von der Gefammtförderung fiel die ftärkere Hälfte auf Anthracitkohle. Die Circulation der Kohle wird durch ein ausgebildetes Eifenbahnfyftem, fowie durch ein treffliches Netz von Flufsläufen und Canälen ungemein begünftigt. Am Schluffe des Jahres 1873 betrug die Länge der Eifenbahnen in den Vereinigten Staaten 71.564 und mit Hinzufchlag der Seiten- und Doppelgeleife 85.075 englifche Meilen oder 136.912 5 Kilometer. Auf diefen Bahnen liefen 14.223 Locomotiven, 13.725 Perfonen- und Gepäckswagen und 338.427 Laftwagen. Wie wichtig die Kohle bereits für die Bahnen geworden ist, ergibt fich daraus, dafs die Lehigh- Valley- Bahn im Jahre 1870 bereits 3.6 Millionen Tonnen, die Summit- Branch Bahn 4:49 und die Philadelphia- Bahn 4.69 Millionen Tonnen Kohle verfrachtete, alfo ein Transportquantum, welches in Europa, von den wichtigften englifchen Bahnen abgefehen, nur noch von der Köln- Mindener und der Bergifch- Märkifchen Bahn erreicht wird. In Folge Auffchwungs der einheimifchen Production hat die Einfuhr von Kohle nach den Vereinigten Staaten, wie fchon bemerkt wurde, in den letzten Jahren abgenommen. Diefelbe ift von o'685 Millionen Tonnen im Jahre 1865 und 0531 Millionen Tonnen im Jahre 1867 auf 0 312 Millionen Tonnen im Jahre 1871. zurückgegangen, betrug jedoch 1872 wieder 0'490 Millionen englifche Tonnen.. Diefe Einfuhr kommt zu etwa 2 aus den englifchen Colonien( befonders von der Infel Cape Breton bei Neu- Fundland) und zu 1½ aus England felbft und verforgt lediglich die atlantifchen Häfen Bofton, New- York und andere; Philadelphia ift dagegen der Ausfuhrhafen für die amerikaniſche Kohle, und es ging diefelbe in Beträgen von 200.000 bis 400.000 Tonnen nach Canada, Weftindien und China. Mineralifche Kohle. 53 Mit welch' grofsartigem Blicke übrigens die Amerikaner ihre Handeisbeziehungen und darunter namentlich auch den Kohlenhandel ihres Landes betrachten, das ergibt fich aus einer Skizze, worin der Commodore Maury die Zukunft des Golfes von Mexico fchildert. Was das Mittelländifche Meer, fo fagt diefer wiffenfchaftlich hochgebildete Seemann, für die alte Welt, das ift der Golf für die neue. Wenn es wahr ift, dafs der Handel eines folchen Meerestheiles in geradem Verhältniffe zu der Productionsfähigkeit der Küften und zu der Länge und Bedeutung der in das betreffende Meer fich ergiefsenden Ströme fich entwickeln wird, fo kann die Zukunft unferes Golfhandels, in welchen der Miffiffippi und der Amazonenftrom münden, kaum grofs genug angefchlagen werden. Beide Ströme mit ihren Nebenflüffen befitzen eine Länge des Wafferlaufes, welche, in Eine Linie zufammengefügt, einen Canal rund um die Welt bilden würde. Nun bedenke man die Productionsfähigkeit diefer Stromgebiete, fowie der fruchtbaren Küftenländer und der herrlichen Infelwelt im Golfe! Aufserdem kommt noch in Betracht, dafs es nur die Landenge von Darien ift, welche den Golf von Oftafien und Indien, das ift von einer Bevölkerung von 600 Millionen Menfchen, fcheidet. Fällt diefe Zwifchenwand, was früher oder fpäter gefchehen muſs, fo wird der Golf zur grofsen Heerftrafse zwifchen Europa und Afien. Zur Erfüllung aller diefer Erwartungen gehört als materielles Subftrat Kohle. Das Transportwefen und die später dort zweifellos aufblühende Induftrie bedürfen ausgiebiger Kohlenlager. Würde man die Kohle für den Golf aus England oder von der atlantifchen Küfte der Vereinigten Staaten beziehen wollen, fo käme fie fehr theuer; auch wäre der Bezug pennfylvanifcher Kohle unficher wegen der häufigen Störungen der Schifffahrt bei der vorfpringenden Landzunge von Florida. Glücklicherweife befitzen auch das Miffiffippi- Thal und die öftlich angrenzenden Staaten reiche Kohlenlager und befonders fcheint Alabama beftimmt, das Pennfylvanien des mexicanifchen Golfes zu werden. Der weite Blick und die kühne, zuverfichtliche Auffaffung, die fich in diefen handelspolitifchen Ideen der Nordamerikaner ausfpricht, läfst deren Verwirklichung als wahrfcheinlich erfcheinen. Britifch- Amerika. Die englifchen Colonien Neu- Braunfchweig und Neu- Schottland enthalten ausgedehnte Kohlenablagerungen, welche bei Pictou in Neu- Schottland einfchliefslich einiger Zwifchenmittel von Schiefer- und Eifenftein eine locale Mächtigkeit von II 27 Meter oder 36 Fufs erreichen. Das Becken von Cape Breton hat noch gröfsere Bedeutung. Dasfelbe zieht fich unter der See hinweg bis nach Neu- Fundland und hat feine befte Entwicklung bei der Stadt Sydney, in deren Nähe 34 Flöze, worunter einzelne bis vier oder fieben Fufs Mächtigkeit, aufgefchloffen find. Die günftige Lage an der See geftattet eine wohlfeile Verfendung diefer Steinkohle, welche, wie bereits früher bemerkt, in ziemlich bedeutender Menge nach Bofton, New- York und anderen nördlich gelegenen Seeftädten der Vereinigten Staaten gebracht wird. Die Förderung von Neu- Braunfchweig mag jetzt 20.000 Tonnen betragen. Neu- Schottland dagegen förderte in 1870 568.276 Tonnen, wovon ein Theil für die Umgegend, ein anderer für Zwecke der Dampffchifffahrt, die gröfsere Hälfte aber für die Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten verwendet wurde. Auftralien. Unter den Ländern, welche berufen find, in dem Kohlenhandel der Welt eine Rolle zu ſpielen, nimmt Auftralien eine wichtige Stelle ein. Die bis jetzt 54 J Pechar, Dr. A. Peez. bekannten Kohlenreviere Auftraliens liegen an der Oftküfte in der Nähe der Städte Sydney und Newcaftle, öftlich der Kette, die fich unter dem Namen der Blauen Berge längs der Küfte hinzieht. Die Flöze haben einfchliefslich der Bergemittel eine Mächtigkeit bis zu 10 Fufs. Die Kohlen ftellen fehr gute Qualitäten dar, bis zur trefflichen Cannelkohle, aus welcher fowohl Gas als auch ein fehr brauchbares Mineralöl gewonnen wird. Auch als Mafchinenkohle, was fehr wichtig ift für die Dampferlinien, läfst fich diefe Kohle gut verwenden. Nach Vergleichungen, welche Abel zwifchen Kohlen von Newcaftle in England und der auftralifchen Lambtonkohle anftellte, ergab letztere 45 Percent Afche und 0.55 Percent Schwefel, während die englifchen Sorten 5 bis 7 Percent Afche und 1 bis 2 Percent Schwefel zeigten. An Coken ergab die auftralifche Kohle 64 Percent von leichter und poröfer Qualität. Die Arbeiterzahl in den auftralifchen Kohlengruben war im Jahre 1869 2012. Die leichte Förderung ermöglicht billige Preife; fie betrugen 7 bis 71/2 s. per Tonne englifch zu einer Zeit, wo zu Newcaſtle in England die Kohle mit 13 bis 14 s. bezahlt wurde. Seitdem mag wohl auch in Auftralien die Kohle etwas höher gegangen, aber gerade dadurch auch ihre Förderung gefteigert worden fein. Die Kohlenproduction Auftraliens betrug in den erften zehn Jahren ihres Dafeins, das heifst von 1852 bis 1861, zufammen 2: 053 Millionen Tonnen englifch im Werthe von 1'401 Millionen Pfd. St., ftieg aber in dem folgenden Jahrzehnt 1862 bis 1871 auf 7.230 Millionen Tonnen, im Werthe von 3'149 Millionen Pfd. St. Was insbefondere das letzte Jahrzehnt betrifft, fo betrug die Production in den fünf Jahren von 1862 bis 1866 im Durchfchnitte jährlich 563.835 Tonnen im Werthe von 281.998 Pfd St., in den fünf Jahren von 1866 bis 1871 aber 882.272 Tonnen im Werthe von 347.957 Pfd. St. jährlich. In Folgendem ftellen wir die Zahl der Gruben, die Fördermenge, Werth derfelben und Ausfuhr längs der Küfte und nach dem Auslande und Gefammtausfuhr in den Jahren 1860, 1865 und 1869 zufammen: Im Jahre Zahl der Gruben Geförderte Menge Tonnen Werth in fl. öfterr. W. längs der Silber Ausfuhr in Tonnen Küfte nach dem Auslande Zufammen 1860 1865 24 1869 33 17 368.862 585.525 919.774 3.534.150 2,312.504 104.383 2,800.633 159.640 201.622 179.453 283.836 302.362 462.002 503.866 705.488 Demnach Zunahme der Förderung von 1860 bis 1869 149'4 Percent, Zunahme der Verfchiffung längs der Küfte 93 1 Percent, Zunahme der weitern Ausfuhr 1808 Percent und der Gefammtausfuhr 148.6 Percent. Am ſtärkſten iſt fomit die Förderung geftiegen; dann folgt der Export und endlich die Verfchiffung längs der Küfte. Die letztere richtet fich nach Süd- Auftralien undVictoria( im Jahre 1868 zufammen 230.300 Tonnen). Der Export geht aber auch fchon weit über Auftralien hinaus und verforgte in 1868 Shanghay( 92.958 Tonnen), Singapore( 26.027 Tonnen), Batavia( 17.806 Tonnen), Hong- Kong( 8000 Tonnen), fowie Mauritius und andere indifche, chinefifche und infularifche Plätze mit Kohle. Nach Neufeeland gingen 92.605 Tonnen und 33.205 Tonnen wurden fogar nach den Vereinigten Staaten verfendet. Indien. Das an Naturfchätzen reichfte Land entbehrt, foviel bis jetzt bekannt, eine vollkommen gute Kohle. Auch die Wiener Weltausftellung beftätigte die bereits Mineralifche Kohle. 55 bekannte Thatfache, dafs die Kohlenforten Indiens, befonders wegen ihres hohen Afchengehalts( bis zu 16 des Gefammtgewichts), nur geringwerthig find und für. die Zwecke einer fchwunghaften Induftrie nicht ausreichend fein dürften. An mächtigen Kohlenfeldern fehlt es in Indien nicht; das wichtigfte von ihnen ift das Ranigandfchlager( Raneegunge) im Nerbaddathale, ungefähr 209 Kilometer oder 130 englifche Meilen nordweftlich von Calcutta entfernt, welches bei einer Fläche von 500 englifchen Meilen mehrere abbauwürdige Flöze mit einer gefammten Mächtigkeit von 100 bis 120 Fufs enthält. Das Kohlenvermögen. des Reviers wird auf 14.000 Millionen Tonnen angefchlagen. Wie bei den meiften Kohlenfeldern Indiens ift die Kohle des Nerbaddathales nichtbackend, bituminös und aus verfchiedenen Schichten von Glanzkohle und erdiger Kohle zufammengefetzt. Der Afchengehalt ift durchfchnittlich 14 bis 15 Percent, wechfelt aber auch zwifchen 8 bis 25 Percent. Das Becken wird von zwei Bahnlinien berührt und ein altes Project will die Kohle auf einem Canale zu dem Huglifluffe und von dort nach Calcutta bringen. Allerdings gebrauchen die bengalifchen Bahnen jetzt die Kohle von Ranigandfch, allein fie nimmt viel Platz ein, bedarf eines ftärkeren Heizperfonales und erzielt mit dem gleichen Quantum nur die halbe Heizwirkung der englifchen Kohle, wefshalb auch die Madras- und Bombay- Bahnen ihre Mafchinen nur mit englifcher Kohle heizen. Die Provinz Bengalen verbrauchte in den acht Jahren 1859 bis 1866 2.737 Millionen Tonnen einheimifche und 0.332 Million Tonnen englifche Kohle, alfo ein Verhältnifs wie 8, zu 19. Bei einer Vergleichung von 72 indifchen Kohlengattungen mit fünf bekannten englifchen Marken ergaben fich folgende Durchfchnitte: Kohlenftoff Flüchtige Beftandtheile Afche Indifche .52.2 31 9 15.5 Englifche Kohle 68.16 29.20 2.70 Obwohl hier, wie uns fcheint, fehr gute englifche Dampfkohlen zur Vergleichung gewählt find, fo geht doch die Inferiorität der indifchen Kohle unzweifelhaft aus diefer Analyfe hervor, und es dürfte daher das Urtheil nicht ungerecht fein, dafs die bisher bekannte befte indifche Kohle ungefähr der englifchen oder deutfchen Mittelkohle nahe- oder gleichkommt. Dagegen ift aber auch der Preisunterfchied fehr grofs. In der Nähe von Calcutta koftete die Bahnen im Jahre 1871 die englifche Kohle 2 Pfd. St. per Tonne, die einheimifche Kohle aber nur 7 s., folglich war letztere faft fechsmal wohlfeiler. Je mehr man fich aber der Küfte nähert und je weiter man fich von der Nerbadda entfernt, um fo mehr gleichen fich die Preife aus. Im Jahre 1873 bezog Indien aus England 540.118 Tonnen Kohle im Werthe von 585.610 Pfd. St. Die gefammte einheimifche Förderung mag 4 bis 5 Millionen Tonnen betragen. Eifenbahnen find in Indien 8800 Kilometer oder 5518 englifche Meilen in Betrieb. China. Die Ausbeutung der chinefifchen Kohlenfelder führen die Chinefen bis in die grauefte Vorzeit zurück. Der Reifende Marco Polo berichtete fchon im XIII. Jahrhunderte von den bedeutenden Kohlenlagern in den weftlichen Gebirgen, doch ift die Art und Weife der Gewinnung heute noch ebenfo primitiv wie früher. Zum erften Male wurden die reichen chinefifchen Kohlenlager näher unterfucht von dem bekannten Geologen Baron von Richthofen, welcher von 1868 bis 1872 faft alle Provinzen Chinas durchzog und geologifch erforfchte Seine Mittheilungen über den unerfchöpflichen Reichthum Chinas an Eifen und 56 J. Pechar, Dr. A. Peez. Kohle reichen faft an das Unglaubliche, doch dürfte den Nachrichten des bewährten Reifenden voller Glaube zu fchenken fein. Die Kohlen und Eifendiftricte ziehen fich faft ununterbrochen durch alle Provinzen des Reiches von den füdweftlichen Alpenländern bis zur grofsen Mauer. In der Provinz Pe- tfchi- li finden fich im Thale von Tfchai- tang, 50 englifche Meilen( 80 Kilometer) weftlich von Pe- king, zahlreiche mächtige Lager eines Anthracites mittlerer Qualität innerhalb gefchichteter Gebirge von wenigftens 7000 engl. Fufs( 2133 Meter) Stärke reichlich vertheilt, und es bleibt fehr zu bedauern, dafs die hier fo verfchwenderifch aufgehäuften Schätze von der Natur felbft gröfstentheils zerftört und zerworfen wurden. Die in diefem Becken gewonnene Kohle, deren Grubenpreis 10 5 Taël per 100 Pikul oder 5 fl. 02 5 kr. per metriſche Tonne beträgt, gelangt in den gröfsten Quantitäten in die Hauptftadt des chinefifchen Reiches, fo dafs jedem fremden Befucher der Stadt die langen Züge der mit diefer Kohle beladenen Kameele und Efel auf den Strafsen in der Nähe von Pe- king auffallen. Aufser dem Becken von Tfchai- tang ift für die Intereffen der Fremden nur noch jenes von Kai- ping, 80 engl. Meilen( 128 Kilometer) öftlich von Tian- tfin, von Belang. Die Provinz Schan- tung enthält jene Kohlenfelder, welchen es vor Allem befchieden fein wird, zu einer Bedeutung für die Bedürfniffe der Seehäfen und der Seedampfer zu gelangen. Die Vortheile diefer Kohlenfelder beftehen in der befferen Qualität des Brennmateriales, der namhaften Zahl der Lager, in ihrer grofsen Nähe aneinander, fowie ganz befonders in deren regelmäfsiger Schichtung und ihrer bedeutenden horizontalen Ausdehnung. Auch find die Kohlenlager Schan- tungs verhältnifsmäfsig nur fehr wenig geftört. Die Provinzen am unteren Jang- tfe- kiang und füdlich von deffen Mündung find, was die Vorkommen von Kohle anbelangt, nur von untergeordneter Bedeutung. Hu nan ift die erfte Provinz Chinas, von deren grofsem Kohlenreichthume die Fremden Kenntnifs erhielten, und es nehmen ihre Kohlenfelder, welche im Süden vorzüglichen Anthracit und im Norden bituminöfe Kohle führen, wahrfcheinlich nicht weniger als ein Drittel der Provinz ein. Es kann daher diefer Kohlendiftrict bezüglich feiner Ausdehnung neben Pennſylvanien geftellt werden. Derfelbe verforgt die ganze Provinz Hu- pe, fowie auch bereits feit mehreren Jahren die Jang- tfe- Dampfer mit dem nöthigen Brennftoffe. Die Kohlenfelder Hunans werden zweifelsohne in Zukunft an Bedeutung gewinnen und dann einen grofsen Theil von Centralchina in weit ausgiebigerem Mafse mit Feuerungsmaterial verfehen, als diefs gegenwärtig der Fall ift. Eine befchränkte Eifeninduftrie, welche fich in Zukunft ficher auch erweitern wird, fteht mit den Kohlenwerken in Verbindung. Die Seehäfen aber dürften nur dann von dem Reichthume Hu nans Nutzen ziehen, wenn die Kohlenfelder durch eine Eifenbahn mit Canton verbunden werden, da die Kohle von Hu- nan an der Mündung des Jang- tfe nicht im Stande fein würde, mit jener von Schan- fi und Schan- tung gleichen Preis zu halten. Das kohlenführende Terrain von Sz'- tshwan hat eine Ausdehnung von 100.000 englifchen Quadratmeilen( 260.000 Quadratkilometer); doch liegt die Kohle zu tief, um einen vortheilhaften Abbau fichern zu können, auch ſteht der dort gewonnene Anthracit an Qualität jenem der übrigen Provinzen des Reiches beträchtlich nach. Deffenungeachtet ift diefes Kohlengebiet ein Segen für die Bewohner der Provinz, indem es diefelben mit billigem Brennftoffe in genügenden Mengen verfieht, wenn auch an einen Export diefer Kohle auf dem Jang- tfe- kiang ftromabwärts nicht gedacht werden kann, da diefelbe dort mit dem befferen Producte der Provinz Hu- nan niemals erfolgreich concurriren könnte. Auch in Yünnan, der füdweftlichften und an Mineralien vermuthlich reichften Provinz Chinas, finden fich mächtige Lager eines guten Anthracites, der hier unmittelbar in der Nachbarfchaft von Kupfer, Zinn, Zink, Blei und anderen Metallen vorkommt. Mineralifche Kohle. 57 Schan- fi ift die mit Kohle und Eifen gefegnetefte Provinz Chinas und bildet die Kohle in keiner anderen Provinz in fo hervorragendem Mafse einen Gegenftand des Verbrauches fowohl für das Haus, als für induftrielle Zwecke, insbefondere für das Schmelzen der Eifenerze. Die füdliche Hälfte diefer Provinz ift faft ein einziges mächtiges Kohlenfeld von unglaublichem Reichthume, welches zudem für die Gewinnung der Kohle Verhältniffe bietet, wie fie in gleich vortheilhafter Weife kein anderes Kohlenlager von ähnlicher Ausdehnung in irgend einem Theile der Welt aufweift. Ueberdiefs finden fich bei den Kohlenlagern ausgezeichnete Eifenerze im Ueberfluffe, fowie eine Reihe von Thonforten, die fich für die verfchiedenften technifchen Zwecke eignen. Die Bergkette des Ho- fchan theilt das Kohlengebiet des füdlichen Schan- fi in zwei Theile; der öftliche führt ausfchliefslich Anthracite, der weftliche nur bituminöfe Kohle. Das Anthracit Kohlenfeld ift das ausgedehntefte und reichfte der bekannten Kohlenlager und das dort gewonnene Mineral von der fchönften Art. Eines der vielen Anthracitlager kann auf eine Diftanz von 200 englifchen Meilen( 320 Kilometer) verfolgt werden und hat eine bleibende Mächtigkeit von 20 bis 30 englifchen Fufs ( 6 bis 9 Meter). Der vorzügliche, fefte und reine Anthracit wird in grofsen cubifchen Stücken gebrochen und zu 6 d.( 25 kr.) per metrifche Tonne verkauft Der Preis der bituminöfen Kohle in der weftlichen Hälfte des Kohlendiftrictes ift noch niedriger und beträgt zu Thai- jüan- fu nicht mehr als 3 bis 4 d.( 12.6 bis 16.8 kr.) per metrifche Tonne. Für die Fülle, in welcher die Kohle im füdlichen Schan- fi vorkommt, fowie für die Leichtigkeit, mit der diefelbe gewonnen wird, fprechen wohl am deutlichften diefe wahrhaften Spottpreife. Der Norden von Schan- fi kann hinfichtlich feines Kohlenreichthumes dem Süden an die Seite geftellt werden, ja es find, befonders in dem Kohlenbecken von Ta- thung- fu, die Abbauverhältniffe ebenfo günftig und die Qualität des Brennftoffes die gleiche wie dort. Das Kohlenbecken von Hoai- king- fu in der Provinz Ho- nan fteht mit den Anthracitlagern des füdlichen Schan- fi in Verbindung, wird ziemlich ftark ausgebeutet und dürfte in Zukunft eine äufserft wichtige Stellung einnehmen, weil es den Schlüffel zu dem Verkehre Oftchinas mit Centralafien beherrfcht. Auch die minder ausgebildeten Kohlenlager des weftlichen Ho- nan werden in Zukunft gröfsere Bedeutung erlangen. Die in der Provinz Schan- fi gewonnene Kohle hat nur eine locale Bedeutung, und es dürften fich auch die Verhältniffe hier in Zukunft nicht wefentlich ändern; dagegen erübrigt noch eine kurze Andeutung des Kohlengebietes von Kan- fu. Diefe nordweftliche Provinz des eigentlichen Chinas wurde von Baron von Richthofen nicht befucht, doch foll nach den von ihm eingezogenen Erkundigungen die dortige Kohle fich mit der beften von Schan- fi vortheilhaft meffen können und in Schichten von bedeutender Mächtigkeit vorkommen. Nach den Angaben chinefifcher Reifenden wird längs der Handelsftrafse von Kan- su über Khamil und Barkul nach Ili( Kuldfcha) überall Kohle verbraucht, die in allernächfter Nähe gefunden wird. Es erfahren fonach die Kohlengebiete von Kan- fu eine weite Verlängerung nach Nordweften bis in das ruffifche Centralafien. Im Allgemeinen find in China die Kohlenpreife an den Gruben, bei einem Taglohn der Arbeiter von 25 bis 30 Kreuzern öfterr. Währ. Silber, aufserordentlich niedrig, während die Koften des Transportes der Kohle zu Lande gegenwärtig in keinem Verhältniffe zum Preife der Kohle felbft ftehen. Die Kohle Chinas verträgt die Koften eines Waffertransportes von 1500 englifchen Meilen( 2400 Kilometer), aber nur die Koften eines Landtransportes von 60 Meilen( 96 Kilometer.) Bei weiterem Transporte wird die Kohle übertheuert. Da nun faft durchgehends die Kohlenlager in den wafferreichen Gegenden Chinas von geringerer Qualität find, als die Ablagerungen in den Gebirgsregionen, fo erfcheint, um die Kohle für den weiteren Handelsverkehr zu gewinnen, der Ausbau eines entſprechenden Eifenbahnnetzes in China als dringendes Bedürfnifs. Es wird fich in China 58 J. Pechar, Dr. A. Peez. dasfelbe ereignen, wie in allen anderen Ländern: erft mit den Eifenbahnen gelangt die Kohle zu ihrem wahren Werthe. Und bisher haben fich die Chinefen bekanntlich der Einführung der Eifenbahnen noch immer widerfetzt. Rufsland.* Ungeachtet fowohl das europäiſche, als das afiatifche Rufsland in feinem Schoofse aufserordentlich reichhaltige Lager von mineralifchen Brennftoffen, namentlich aber von Steinkohle birgt, fo befindet fich doch die Kohleninduftrie des ruffifchen Reiches trotz des in der letzteren Zeit rege gewordenen Intereffes an der Hebung der unterirdifchen Schätze noch in den erften Stadien ihrer Entwicklung. Wenn man bedenkt, dafs die erfte Gewinnung der Steinkohle in Rufsland zu Ende des vorigen Jahrhundertes und zwar im Jahre 1791 zu Liffitfchansk im nördlichen Theile des Donez- Diftrictes ftattfand, fo erfcheint die gegenwärtige fchwache Kohlenausbeute Rufslands nur durch die Menge des vorhandenen vegetabilifchen Brennftoffes und den erft in den letzten Jahren theilweife behobenen Mangel an Eifenbahnen, welche die gewonnene Kohle verführen, fowie endlich auch durch den bisherigen Mangel an den erforderlichen Capitalien erklärlich. Immerhin ift die Kohlenproduction Rufslands( ohne Berücksichtigung derjenigen des Königreiches Polen) in den Jahren 1861 bis 1871 nahezu auf das Vierfache geftiegen und geht unzweifelhaft einer bedeutenden Zukunft entgegen, obwohl der rafcheren Entwicklung des ruffifchen Handels und Verkehres im Allgemeinen die abfchliefsende Tendenz der ruffifchen Handelspolitik hemmend in den Weg tritt. Wie die Kohlenproduction des ruffifchen Reiches in den letzten Jahren allmälig geftiegen ift, und in welcher Weife die einzelnen Becken an der Gefammtproduction participiren, bringen die folgenden zwei Tabellen zur Anfchauung. Gefammtproduction Rufsland's. Im Jahre Rufsland Polen metrifche Tonnen 1840 8.200 1850 50.000 || 1858 II0.000 1860. 131.040 1861 134.382 1862 141.510 1863 159.062 122.837 1864 168.976 106.867 1865 199.461 1866. 264.455 1867 229.320 1868 200.681 249.310 1869 303.537 298.574 1870. 367.307 328.902 1871 528.161 301.561 1872. 1,097.832 * Bearbeitet von Otto Krebs in Teplitz. Production der einzelnen Becken Mineralifche Kohle. i m Ja hre Bezeichnung des Reviers 1864 1865 1866 1868 1869 1870 1871 metrifche Tonnen I Moskauer Becken. 30.180 22.462 26.613 2 Kijew- Jelifawetgrader Becken. 3 Donez- Becken 114.977 4 Uralifches Becken. 19.051 160.999 12.550 5 Polnifches Becken. 48.605 83.187 56.124 1.483 1.483 225.720 128.217 219.091 8.628 5.301 9.897 249.310 298.574 142.136 16.380 259.579 6.510 328.902 335.154 13.635 301.562 6 Kaukafifches Becken 7 Sibirifches Becken. 2.079 2.689 3.312 138 3.111 383 2.260 14.815 5.160 3.242 3.160 8.719 13.561 16.467 8 Infel Sachalin 860 9 Turkeftan. 2.203 I.228 1.228 Totale 168.976 199.461 264.455 hievon: Steinkohle 106.418 102.342 96.074 Braunkohle Anthracit 62.558 97.119 168.381 449.991 359.141 407.849 470.671 573.450 1.483 13.030 23.832 9.037 89.367 181.232 216.501 232.440 602.111 696.209 829.722 Poft 59 60 J. Pechar, Dr. A. Peez. Die Production Rufslands und Polens ift nach dem vorangegangenen Tableau im Jahre 1871 bis auf 829.722 Tonnen, mithin gegen das Vorjahr 1870 um 19.2 Percent geftiegen. Nach den neueften Mittheilungen wurden im Jahre 1872 im ganzen ruffifchen Reiche folgende Kohlenquantitäten gefördert: Steinkohle Anthracit Braunkohle Zufammen 738.350 metrifche Tonnen, " 9 99 331.896 99 27.586 1,097.832 metrifche Tonnen. 99 Die Gefammtproduction erfuhr hienach gegen das Jahr 1871 einen Zuwachs von 32'3 Percent. Hiebei verdient bemerkt zu werden, dafs im Allgemeinen alle officiellen Angaben über die Kohlenförderung Rufslands viel zu niedrig find, da eine Staatscontrole zwar exiftirt, aber fo lau gehandhabt wird, dafs der gröfste Theil der Privatwerke es gar nicht der Mühe werth findet, Förderberichte zur ftaatlichen Publiciftik vorzulegen. Die Anzahl der fämmtlichen im Betriebe befindlichen Steinkohlengruben Rufslands betrug im Jahre 1869 248 und im Jahre 1871 327. Nach diefen allgemeinen Betrachtungen über die Production des ruffifchen Reiches gehen wir zu einer gedrängten Befchreibung der einzelnen Kohlenbecken felbft über. I. Das Moskauer Becken. - Das Steinkohlenlager Central Rufslands bildet ein Baffin von elliptifcher Form, 600 Werft oder 640 07 Kilometer lang und 400 Werft oder 426 71 Kilometer breit, in den Gouvernements Rjäfan, Tula, Kaluga, Moskau, Twer und theilweife auch in den Gouvernements Wladimir, Jaroflaw und Nowgorod mit einer nordnordöftlichen Abzweigung durch die Gouvernements Olonez und Archangelsk bis zum öftlichen Ufer des weifsen Meeres; der Flächenraum diefes Beckens berechnet fich auf mindeſtens 20.000 Quadrat- Werft= 2,276.000 Hektaren. Die günftige Lage diefes mächtigen Kohlendiftrictes im Centrum Rufslands, die weite Ausdehnung der in diefem Rayon fchiffbaren Flüffe, die hier fchon ziemlich weit vorgefchrittene Entwicklung des Eifenbahnnetzes, fowie endlich die zahlreichen mit Dampfkraft arbeitenden induftriellen Etabliffements geben dem Moskauer Kohlenbecken eine aufserordentliche Wichtigkeit. Leider ift die Kohle nur in einem geringen Theile des Beckens abbaufähig, und zwar nach den bis jetzt ftattgefundenen Unterfuchungen mit wenigen Ausnahmen nur an den südlichen Begrenzungen des Beckens, wo die Kohlenlager reichhaltig genug und die Gewinnungsverhältniffe günftig find, während namentlich in der Mitte des Beckens die Kohle fo tief liegt und von fo geringer Mächtigkeit ift, dafs an eine Ausbeutung der Lager nicht zu denken ift. Uebrigens zählt man im centralruffifchen Steinkohlendiftricte mehr als 100 Lager, von denen II im Gouvernement Tula und 10 im Gouvernement Kaluga ausgebeutet werden. Aufserdem wird noch Kohle gewonnen in den Gouvernements Nowgorod( 2 Gruben), Twer( 1 Grube) und Rjäfan( 4 Gruben). Die ergiebigfte und zugleich auch am Weiteften zurückdatirende Ausbeute liefern die Werke von Malöwka und Towarkowo( Gouvernement Tula). Die Kohlenflöze bei Malöwka erreichen eine Mächtigkeit bis 21 Fufs( 6.39 Meter) und lieferten bereits im Jahre 1871 mit nur 150 Arbeitern 24.570 Tonnen gute Kohle im Werthe von 35-40.000 Rubel( 56.68734-64.696 fl. öfterr. Währ. Silber). Die Production von Malöwka, welche bis auf mehr als 82.000 Tonnen jährlich gefteigert werden kann, findet ebenfo wie jene von Towarkowo faft ausfchliefslich in der 15 Werft( 16.0 Kilometer) von Malöwka entfernten Zuckerfabrik Michailowskoje Verwendung. Mineralifche Kohle. 61 Die Geftehungskoften ftellen fich gegenwärtig auf der Halde zu Malöwka auf 2-214 Kopeken per Pud( 1 fl. 97 kr. 2 fl. 22 kr. österr. Währ. per Tonne), in Towarkowo auf 3-32 Kopeken per Pud( 2 fl. 96 kr.-3 fl. 45 kr. per Tonne); die Zufuhr zur Fabrik auf 14-214 Kopeken per Pud( 1 fl. 72 kr. 2 fl. 22 kr. per Tonne), eventuell 1-134 Kopeken per Pud( 98 kr. fl. 72 kr. per Tonne). - I Die Kohle des Moskauer Beckens ähnelt in vieler Hinficht der Braunkohle und wurde daher auch oft für folche gehalten, gehört jedoch der älteren Kohlenformation an. Sie ift meift von fchwarzbräunlichem Anfehen, faft glanzlos und brennt mit rother oft fehr langer Flamme. Die Kohle enthält beträchtliche Mengen erdiger Beftandtheile( fie hinterläfst daher einen bedeutenden Afchenrückftand) und enthält ferner 3-6 Percent Schwefelkies, wefshalb fie fich in freier Luft leicht entzündet. Endlich enthält die Kohle auch fehr viel Waffer und verliert, wenn fie einer Temperatur von 100 Grad Celfius ausgefetzt wird, 32.7 Percent von ihrem urfprünglichen Gewichte. Nur wenige Kohlenforten vertragen einen weiten Transport. Nichtsdeftoweniger läfst fich die Kohle zur Dampffeuerung, zum Puddeln des Eifens, zur Gaserzeugung und zur Locomotivfeuerung verwenden. Nachftehend theilen wir von den wichtigeren Kohlenforten die chemifchen Analysen mit: Chemifche Analyfen von Kohlen des Moskauer Beckens. Post Ort der Gewinnung Kohlenftoff flüchtige Beftand- Waffer theile Afche 1234507 Borowfk.. Skopin. Malöwka Ljudinowo Schisdra Buda. Obidimo. 42'1 37.1 IO 4 IO 4 38.7 28.3 15.9 17 I 32.8 32'1 12.7 224 33.0 42-6 7.0 17.4 50.8 24 I 16.1 9.0 31.3 47.8 7.8 13 I 24.5 49° 1 3 I 20˚I Von ganz befonderer Güte erfcheint die erft in den letzten Jahren aufgefundene Kohle zu Murajewna( Gouvernement Rjäfan) und Kurakinfkije- Wuffelki bei Tula. Diefelbe enthält aufserordentlich viel Wafferftoff, eignet fich ausgezeichnet zur Gaserzeugung, ja ift hinfichtlich der Qualität noch über die schottifche Bogheadkohle zu ftellen. Ein Mufter der Kohle von Murajewna war auf der Weltausftellung vertreten. Von einem gröfseren Abfatzgebiete der Steinkohle Central- Rufslands kann man jetzt noch nicht reden, da die bisher noch fo geringe Production nicht genügt, um jenen Fabriken, welche in den Kohlen producirenden Gouvernements GrofsRufslands fituirt find, die benöthigten Quantitäten zu liefern. Faft aller Orten im Becken findet noch das Holz als Brennmaterial Verwendung, ungeachtet der gegenwärtig enormen Holzpreife. Nichtsdeftoweniger aber find fchon gröfsere Partien guter Kohle von den Induftriellen in Moskau und felbft in Petersburg ( Kohle von Cherekowitfch, Gouvernement Nowgorod) unter günftigen Erfolgen confumirt worden. Mit der Zeit dürfte daher die Kohle des Moskauer Beckens felbft in der Newa- Refidenz der englifchen Kohle Concurrenz machen. Die Grubenpreife der befferen Sorten ftellten fich 1870 auf 3-4 Kopeken per Pud( 2 fl. 96 kr. 3 fl. 95 kr. per Tonne), die Verkaufspreife in Moskau auf ungefähr 11 Kopeken( 10 fl. 87 kr. per Tonne). - 5 62 J. Pechar, Dr. A. Peez. II. Das Kijew- Jelifawetgrader Becken. Die Braunkohlenfelder in den Gouvernements Kijew und Cherfon find fchon längere Zeit bekannt, jene von Kijew bereits feit dem Jahre 1840, bis jetzt aber nur in einer geringen Ausdehnung erforfcht. Die Kohle gehört der Tertiärformation an und foll von guter Befchaffenheit fein. Die Flöze find ftellenweife bis 221 Fufs( 7.112 Meter) mächtig und nur 133 Fufs( 42 38 Meter) tief. Der Gefammt Kohlenvorrath wird auf nahezu eine Million Tonnen gefchätzt. Das kohlenführende Terrain erftreckt fich über mindeftens 4500 Quadrat Werft( 5121 Quadrat Kilometer). Ausgebeutet wird die Kohle in Schurawka feit dem Jahre 1863 und in Jekaterinopolfk feit 1870. Die geringen Quantitäten der bis jetzt im Kijew- Jelifawetgrader Becken geförderten Kohle finden nur in den nächſtfituirten Zuckerfiedereien Verwendung. Da namentlich das Gouvernement Kijew verhältnifsmäfsig arm an Brennholz ift, fo dürfte das genannte Kohlenbecken für die Zukunft eine gröfsere Bedeutung erlangen. III. Das Donezbecken. Der Donezdiftrict umfafst jene im füdruffifchen Gouvernement Jekaterinoflaw und in der Provinz des donfchen Heeres gelegene 260 Werft( 277.37 Kilometer) lange und 150 Werft( 160 02 Kilometer) breite Bergkette, welche unter dem Namen der Donezkette bekannt ift und immerhin einen Flächenraum von mehreren hundert deutfchen Quadratmeilen( über eine Million Hektaren) einnimmt. Diefes Becken ift hinfichtlich der Qualität der Kohlen und der hier aufgefpeicherten Vorräthe das wichtigfte des ganzen ruffifchen Reiches, wefshalb ihm auch in den letzteren Jahren eine gröfsere Aufmerkfamkeit gefchenkt wurde. Die Kohlenflöze des Donez erreichen höchstens 7 Fufs( 2.21 Meter) Mächtigkeit, die meiſten find 22 bis 32 Fufs( 0.79 bis 110 Meter) mächtig und leider oft fehr geftört. Im Jahre 1842 producirte man fchon im ganzen Becken an 225 Orten, auf acht Gruppen vertheilt, zufammen 15.000 Tonnen; 1851 ftieg die Production des Donezbeckens auf 52.000 Tonnen und erreichte im Jahre 1871 die Höhe von 335.154 Tonnen. Die Gefammtförderung der Donezkette im Jahre 1872 kann nicht zu hoch gegriffen- auf wenigftens 400.000 Tonnen veranfchlagt werden. Man zählt gegen 60 verfchiedene Flöze, welche an ungefähr 700 Stellen aufgefchloffen find. - Im nordweftlichen Theile der Donezkette herrfcht die Steinkohle, im füdöftlichen Theile der Anthracit vor. Letzterer wird an der Grufchewka in mehr als 400 Kohlenfchächten, welche bis 280 Fufs( 88.48 Meter) tief find, gewonnen, und es betrug die Production im Jahre 1870 216.501 Tonnen. Aufserdem findet fich der Anthracit noch an zahllofen anderen Orten im füdöftlichen Theile der Donezkette und in immenfen Quantitäten. Der Anthracit eignet fich vorzüglich für den Hochofenbetrieb, da er bis 90 Percent reinen Kohlenftoff enthält und nur einen ganz unbedeutenden Afchenrückftand hinterläfst. Verwendung findet derfelbe ferner auf den ruffifchen Dampffchiffen des Schwarzen und Afow'fchen Meeres, fowie auf den Dampfern des Don und der Wolga und wird fogar bis Astrachan verführt, um den Confum auch der Dampffchiffe des Kaspifchen Meeres zu bilden. Der Grubenpreis ftellte fich im Jahre 1867 auf 6 Kopeken per Pud( 5 fl. 93 kr. per Tonne), ftieg aber bereits 1871 auf 8 bis 10 Kopeken( 12'93 bis 16 17 kr. ö. W.) per Pud( 7 fl 90 kr. bis 9 fl. 88 kr. per Tonne.) Der Verkaufspreis betrug im Jahre 1871 in Nowo- Tfcherkafk Roftow Taganrog Odeffa Mineralifche Kohle. 63 per fl. kr. Tonne fl. kr. öfterreichifcher Währung 88 bis 12 ΙΟ bis 13 Kopeken 9 84 per Pud auf II 5 ንን 15 I I " 9 99 36 14 82 15 2 I = 14 82 20 99 وو 99 75 23 24 - " وو 22 73 99 23 72 Die Preife find übrigens fehr variabel und richten fich ganz nach der Nachfrage, fo dafs bei gröfserem Bedarfe 10 Kopeken per Pud( 9 fl. 88 kr. per Tonne), bei geringerem Abfatze oft auch nur 4 Kopeken per Pud( 3 fl. 95 kr. per Tonne) ab Grube gezahlt werden. Der nordweftliche Theil der Donezkette kommt hinfichtlich des Reichthums an Brennftoff dem füdöftlichen Theil wohl gleich, da fich dort 44 abbaufähige Kohlenflöze mit einer Gefammtmächtigkeit von 112 Fufs( 35 40 Meter) vorfinden, welche nach einer forgfältig vorgenommenen Berechnung nahezu 7000 Millionen Tonnen gute Steinkohle liefern können. Die Gruben von Liffitfchanfk, von denen Kohlen- und Cokemufter in Wien ausgeftellt waren, find fchon feit 1791 im Betriebe, die Production ift aber noch gering, da bis jetzt ein gröfserer Abfatz fehlte. Die Gruben von Liffitfchanfk werden gegenwärtig vom Staate an Private verkauft. In neuefter Zeit ist auch zu Krasnopole( Kreis Slawjanoferbfk) ein 45 Fufs( 14'22 Meter) mächtiges Kohlen gebiet aufgefunden worden, welches durch 50 Jahre hindurch jährlich über 300.000 Tonnen gute Steinkohle produciren könnte. Nachftehend theilen wir die Refultate einiger chemifchen Unterfuchungen der Kohle der Donezkette mit. Chemifche Analyfen von Kohlen des Donezbeckens. Poft Ort der Gewinnung Kohlenftoff Flüchtige Beftand- Waffer theile Schwefel kies Afche Anthracit I. Grufchewsk 72-90 6-17 0-5'4 I. IO 3 Steinkohle 2. Orechowo* 3. Sofiewka 65.23 79 30.45 2.26 0.33 20 I I- 73 53 4. Goroditfche 5. Alexandrowka 60-76 19.37 0-3.5 2.8-3.6 7 I 29 I 3 I'O Die Geftehungskoften der Steinkohle betrugen 1870 in Liffitfchanfk 3 bis 4 Kopeken per Pud( 2 fl. 96 kr. bis 3 fl. 95 kr. per Tonne); der Verkaufspreis an der Grube war ungefähr 8 Kopeken per Pud( 7 fl. 90 kr. ö. W. Silber per Tonne). Eine gröfsere Beachtung wurde dem fo aufserordentlich reichen Donezbecken erft gezollt, als während des Krimkrieges der ruffifchen Flotte die Zufuhr englifcher Steinkohlen abgefchnitten wurde. * Auf der Ausftellung in fchönen Proben vertreten und feit dem Jahre 1872 in anfehnlichen Quantitäten gewonnen. 5* 64 J. Pechar, Dr. A. Peez. Sofort wurden mehrere Schächte eröffnet und die Kriegsflotte mit dem ausgezeichneten Anthracit von Grufchewfk verfehen Die Güte und Brauchbarkeit desfelben wurde fchnell bekannt, der Herftellung geeigneter Communicationen feit diefer Zeit die gröfste Aufmerkfamkeit gefchenkt. Es bildete fich eine Actiengefellſchaft zur Befahrung des Don mit Dampffchiffen und 1862 folgte die Eröffnung der fo aufserordentlich wichtigen Verbindungsbahn zwifchen Don und Wolga ( Kalatfch- Zarizyn). Im folgenden Jahre wurde Grufchewfk, der Productionsort des Anthracit, mit dem Don bei Akfaifk in Bahnverbindung gebracht. Die in den letzten zehn Jahren ftattgefundene weitere Entwicklung des Eifenbahnnetzes im füdlichen Rufsland dürfte der Kohle des Donezbeckens fchon in den nächſten Jahren einen gröfseren Abfatz verfchaffen, wie denn überhaupt die Induſtrie der Donezkette zufolge der gleichzeitig dort vorhandenen zahlreichen Minerallager eine recht glänzende Zukunft zu erwarten hat. IV. Das uralifche Becken. Sowohl auf dem weftlichen als auch auf dem öftlichen Abhange des Uralgebirges finden fich Steinkohlenablagerungen, von denen aber nur die auf der Weftfeite gelegenen eine befondere Berücksichtigung verdienen. Hier zieht fich die Kohlenformation in einem fchmalen, aber unendlich langen Streifen immer parallel mit dem Gebirge von deffen nördlichften Ausläufern in der Nähe des Eismeeres bis zur Kirgifenfteppe im Süden. Die Kohlengewinnung concentrirt fich im mittleren Theile, namentlich um die Umgebung der Eifenwerke Alexandrowsky, Kifelowfky und Kynowfky. II Steinkohlen- Gruben find im weftlichen Abhange des Ural im Betriebe; die Flöze oft von anfehnlicher Mächtigkeit( an der Lunia bis 21 Fufs[ 6.63 Meter] und an der Koswa bis 15 Fufs[ 4.74 Meter]). Die Gewinnungsverhältniffe find wegen der nicht bedeutenden Tiefe günftig. Die Steinkohle von Luniewfk an der Lunia wurde fchon feit einer längeren Reihe von Jahren gewonnen, doch ift die Steinkohlenproduction des Uralbeckens im Allgemeinen in den letzten Jahren zurückgegangen. Die bisher gewonnene Kohle ift nur von minderer Qualität, enthält beträchtliche Mengen erdiger Beftandtheile( Afchengehalt 5 bis 20 Percent) und 2 bis 5 Percent Schwefelkies. Ueberdiefs zerfällt die Kohle an der Luft, erweist fich wenig backend und kann daher als eine magere Sinterkohle bezeichnet werden. Der Bedarf an Brennftoff für die Eifenwerke des Urals, fowie für die mehr als 400 Dampffchiffe der Wolga ift ein aufserordentlich grofser und wenigftens auf 500.000 Tonnen jährlich zu veranfchlagen. Nach der Anficht des k. k. Minifterialraths Ritter von Tunner laffen fich aber fehr grofse Erwartungen hinfichtlich der Uralkohle nicht rechtfertigen und wird diefe Steinkohle in keinem Falle genügen, den grofsen Erzreichthum des Ural entſprechend auszubeuten. Bisher find diefe Steinkohlen, aufser zum häuslichen Bedarfe, zur Dampfſchifffeuerung auf der Kama und Wolga und auf verfchiedenen Eifenwerken zum Puddeln und Schweifsen verwendet worden. Dagegen werden nach den Anfchauungen Gr. v. Helmerfen's die am weftlichen Fufse des Ural bereits aufgefchloffenen und zum Theile in Angriff genommenen Kohlenlager den Eifenwerken vollkommen genügende Mengen zu deren Betriebe und namentlich zur Verarbeitung des Roheifens zu Eifen und Stahl liefern können. Nachdem nun conftatirt ift, dafs die bisher für unerfchöpflich erachteten Wälder des Ural durch die ungeheueren Abholzungen derart zerftört worden find, dafs fich ein Mangel an Brennftoffen beiſpielsweife im Eifenwerke von Newianfk aufserordentlich fühlbar macht, und da ferner die Steinkohle des Ural zur Herftellung eines guten Coke zum Verfchmelzen der Eifenerze fich nicht eignet, fo würde es fich als aufserordentlich praktiſch erweifen, für die Zukunft zur Erzeugung des Roheifens nur Holzkohle, dagegen zur Verfeinerung desfelben und zu den übrigen Induftriezweigen Steinkohle zu verwenden. Mineralifche Kohle. 65 Die fegensreichften Folgen für die Entwicklung der Eifen- und Kohleninduftrie des Ural wird der Bau der projectirten und die wichtigften Eifen- und Kohlenlager des Ural mit der der Wolga tributären fchiffbaren Kama verbindenden Eifenbahnlinie von Perm nach Tjumen am Oftabhange des Gebirges herbeiführen, da durch diefe Bahnlinie zugleich die Möglichkeit gefchaffen ift, die fich für den Hochofenbetrieb ganz vorzüglich eignende fchöne Anthracitkohle des Donezbeckens mit den Eifenerzen des Ural zu verbinden, das Eifen der Kohle und die Kohle dem Eifen entgegenzuführen. Die Grubenpreife der Uralkohle ftellten fich im Jahre 1870 auf ungefähr 5 bis 6 Kopeken per Pud( 4 fl. 94 kr. bis 5 fl. 93 kr. per Tonne). Die am Oftabhange des Ural, namentlich in der Nähe des Eifenwerkes von Kamenfk öftlich von Jekaterinburg gefundene Stein kohle ift nur von untergeordneter Qualität. Die Abbauverhältniffe find ziemlich ungünftig und daher diefe Steinkohlenlager von keiner befonderen Wichtigkeit. V. Das polnifche Becken. Das Steinkohlenbecken Polens in der Umgebung der Stadt Dombrowa ( Gouvernement Piotrkow) bildet eine Fortfetzung der oberfchlefifchen Steinkohlenfelder. Der Ausbeutung der polnifchen Steinkohle wurde von jeher eine gröfsere Aufmerksamkeit gefchenkt, da die Kohle, welche mit der oberfchlefifchen Steinkohle, namentlich der in„ Laurahütte" gewonnenen, hinfichtlich ihrer Befchaffenheit faft ganz übereinftimmt, bereits feit Langem zu den verfchiedenften Zwecken der Montaninduftrie, ganz befonders der Eifeninduftrie, unter den günftigften Refultaten verwendet wird, fo dafs die Production von Jahr zu Jahr geftiegen ift und ungefähr die Hälfte der gefammten ruffifchen Kohlenproduction repräfentirt. Der Kohlengehalt des Beckens ift derart, dafs er die polnifche Induftrie auf alle Zeiten mit dem erforderlichen Brennftoffe verfehen kann. Bis jetzt find allerdings erft fechs Kohlengruben im Betriebe. Der Grund diefer eigenthümlichen Erfcheinung ift in dem erft im Jahre 1871 aufgehobenen Berggefetze zu fuchen, wonach der Befitzer des Grund und Bodens auch alleiniger Befitzer der unterirdifchen Schätze war, indeffen find feit Aufhebung diefes Gefetzes bereits 50 bis 60 Muthungen eingelegt worden, fo dafs für die Zukunft ein gröfseres Aufblühen der polnifchen Kohleninduftrie mit Sicherheit erwartet werden kann. Die gegenwärtige jährliche Ausbeute wird auf mehr als 400.000 metrifche Tonnen veranfchlagt. 5 Sgr. - - Die Gruben- Verkaufspreife betrugen Ende Februar 1874 für Stückkohle € 25 kr., für Mittelkohle 42 Sgr.= 225 kr., für Kleinkohle 1 Sgr.= 5 kr. per Zoll- Centner( 5 fl., 4 fl. 50 kr. eventuell i fl. ö. W. per metrifche Tonne). Die Kohle des polnifchen Beckens war auf der Ausftellung durch eine gröfsere Anzahl von Blöcken aus verfchiedenen Gruben der Gouvernements Piotrkow und Kielce( Dombrowa, Zagorze, Sosnowicze, Michalow etc.) vertreten. VI. Das kaukafifche Becken. Im Kaukafus find bis jetzt erft zwei Steinkohlenablagerungen bekannt geworden. Das Lager von Tkwibul, 45 Werft( 48 0 Kilometer) von Kutaïs, am Rion, ift wegen des gleichzeitigen Vorkommens von anderen Mineralfchätzen und der im Jahre 1872 eröffneten Eifenbahnlinie Poti- Tiflis von einiger Wichtigkeit. Die in dem Becken von Tkwibul aufgefpeicherten Kohlenvorräthe find auf 11 Millionen metrifcher Tonnen berechnet worden; es wurde aber bis jetzt noch nicht ernftlich zu einer geregelten Ausbeutung derfelben gefchritten, fo dafs felbft die erwähnte Bahn ihre Mafchinen gegenwärtig noch immer mit Holz beheizt. 66 J Pechar, Dr. A. Peez. Die Steinkohle von den Quellen des Kuban bei Ghumara wird zur Zimmerheizung bis Pjatigorfk und Stawropol verführt. Aufserdem find noch im Betriebe befindliche Braunkohlengruben in der Nähe von Tiflis gelegen. VII. Das fibirifche Becken. Am nördlichen Abhange des Altai, im Gouvernement Tomfk und im Diftricte Semipalatinfk, findet fich nach den bis jetzt ftattgehabten Unterfuchungen vielleicht das gröfste Steinkohlengebiet der Welt. Das Hauptbecken, in deffen Centrum die Stadt Kusnetfk gelegen ift, nimmt einen Flächenraum von 800 deutfchen Quadratmeilen= 4,404.960 Hektaren ein. Die Kohle ift von guter Qualität und die Flöze find ziemlich mächtig. Die Ausbeute war bisher nur eine geringe und fand die producirte Kohle, welche fich übrigens fehr gut zur Vercokung eignet, bisher nur zu techniſchen Zwecken auf der Silberhütte Gawrilowfky und auf dem Eifenwerke Gurzewfky Verwendung. Aufserdem finden fich noch in der Ausbeutung begriffene Braunkohlenlager im Lande der Orenburg'fchen Kirgifen, in dem erft neuerlich gebildeten Turgaifchen Diftricte, befonders an den Quellen des Dfchilantfchik, fowie bis jetzt noch wenig bekannte Steinkohlenlager in verfchiedenen Gegenden Oftfibiriens. VIII. Die Infel Sachalin. Auf der früher zum Infelreiche Japan gehörigen, gegenwärtig aber ruffi fchen Infel Sachalin erftrecken fich die Steinkohlenlager bis an die Meeresküfte, fo dafs die Kohle zu Schiff mit geringen Koften nach dem gegenüberliegenden Amurlande verführt werden kann. IX. Turkeftan. Ueber die Steinkohlenablagerungen in Turkeftan, welche übrigens bis jetzt nur eine ganz geringe Production ausweifen, liegen noch keine Details vor. Nach diefer Darftellung der einzelnen Kohlenbecken des ruffifchen Reiches erlauben wir uns noch einige Schlufsbemerkungen. Von einem Exporte der ruffifchen Kohle kann bei der im Eingange mitgetheilten relativ geringen Production keine Rede fein, da letztere bei weitem nicht dem eigenen Bedarfe des Landes Genüge leiftet. Im Gegentheil überfteigt die Einfuhr der englifchen Kohle in den Hafenplätzen des baltifchen Meeres die gefammte Production des Inlandes um ein ganz bedeutendes Quantum. Ob unter folchen Verhältniffen die ruffifche Kohlenausbeute mit der Zeit einmal ftark genug werden wird, um diefen gewaltigen Import aufzuheben, läfst fich heute noch nicht vorausfehen; jedenfalls aber dürfte diefer Zeitpunkt noch in weiter Ferne ftehen. Notorifch ift jedenfalls, dafs die nun beinahe zwei Jahre andauernden hohen Preife der englifchen Steinkohle die erfreuliche Entwicklung des ruffifchen Kohlenbergbaues in den letzten Jahren ungemein begünftigt und überhaupt den eigentlichen Impuls zu einer gefteigerten Ausbeute gegeben haben. Da nun ein Zurückgehen der englifchen Kohlenpreife auf die Preife von 1870 nicht zu erwarten fteht, fo ift Hoffnung vorhanden, dafs die Production und Confumtion der Kohle Rufslands immer gröfsere Dimenfionen annehmen wird. Welchen Schwankungen die Einfuhr der englifchen Kohle in Rufsland übrigens unterliegt, mag die folgende Tabelle zeigen: Es wurden eingeführt: im Jahre 1861 773.568 metrifche Tonnen, 99 77 77 1862 1863 873.495 979.036 99 " 99 " Mineralifche Kohle. 67 im Jahre 1864 1,573.004 metrifche Tonnen, 29 " 1865 560.292 1866 " " י 66 13 27 1867 650.017 802.636 34 99 99 99 99 1868 وو 576.855 45 وو 99 99 F 1869 802.504 ንን 99 " 99 1870 844.930 " " 7 99 99 1871 1.237.521 وو 27 " 99 1872 1,059.863 99 99 Der Eifenbahnbau in Rufsland hat erft in den letzten zehn Jahren einen gröfseren Auffchwung erfahren, wenngleich die Eröffnung der erften Linie von St. Petersburg nach Zarskoje- Selo in der Länge von 25 Werft( 26.67 Kilometer) in das Jahr 1838 zurückdatirt. Die Länge fämmtlicher im Betriebe befindlichen Eifenbahnftrecken Rufslands betrug: im Jahre 1838 25 Werft 26.67 Kilometer, " " 1850 467 " " 19 1860 " 1.490 F 99 498.18 1.589.50 99 " 99 99 1865 3.681 وو 3.926.82 " 1868 " 6.565 99 7.003.42 " " " 1872 13.670 " " 1873 15.000 = 14.582.89 16.001 71 99 99 Mit diefer erfreulichen Entwicklung des Eifenbahnnetzes geht die oben gezeigte Entwicklung des Kohlenbergbaues Hand in Hand, umfomehr als eine grofse Anzahl der Eifenbahnen faft ausfchliefslich der Kohlenverführung als Stütze dienen. Die Länge der fchiffbaren Flüffe Rufslands, exclufive Finnland und Polen, betrug zu Ende des Jahres 1872 32.353 Werft( 34-513.56 Kilometer), jene der Canäle 592 Werft( 631 53 Kilometer). Sollte das gigantifche Project Leffeps', des Erbauers des Suezcanales, welcher eine Verbindung Europa's mit Indien mittelft einer die ruffifchen Befitzungen in Afien paffirenden Eifenbahn anftrebt, zur Verwirklichung kommen, fo würden die Kohlenfelder des füdöftlichen Rufslands und Turkeftans rafch zu einer grofsen Bedeutung gelangen. Endlich können wir uns nicht verfagen, noch mit wenigen Ziffern der ruffifchen Montaninduftrie zu gedenken. Nach den neueften Mittheilungen wurden im Jahre 1871: 832.492 metriſche Tonnen Eifenerze gewonnen und in den 214 Eifen- und Stahlfabriken des Landes 360.434 Tonnen Gufseifen, producirt. 30.963 245.022 " " 7.244 Eifengufs, Eifen und Stahl Das deutfche Reich.* Deutfchlands bedeutendfte Kohlenlager, deren Schätze bei einer Förderung von gleicher Intenſität, wie die heutige Englands, noch in vielen Jahrhunderten fich nicht erfchöpfen werden, find die Becken der Saar, von Aachen, der Ruhr, von Zwickau, von Ober- und Niederfchlefien. Am älteften dürfte der Kohlenbergbau in dem Becken von Aachen fein, indem hier die Reviere der Inde und Worm die Fortfetzung jener Kohlenlager von Lüttich bilden, wo wahrfcheinlich am früheften im ganzen continentalen Europa, nämlich fchon im XI. oder XII. Jahrhunderte, Kohlen gewonnen wurden. Nicht * Mit Benützung eines Manufcriptes von Dr. K. Bufch in Teplitz. 68 J. Pechar, Dr. A. Peez. viel jüngeren Datums als in der Aachener Gegend, ift die Kohlengewinnung in einigen Gegenden Weftphalens, fowie bei Zwickau in Sachfen, während der Kohlenbergbau an der Saar erwiefenermafsen im Jahre 1529 feinen Anfang nahm. Auch in Niederfchlefien und vielleicht fogar in Oberfchlefien hatte, wenngleich es an genaueren Angaben hierüber gebricht, der Abbau der Kohle noch vor dem dreifsigjährigen Kriege begonnen; er wurde aber hier wie in den erftgenannten Revieren unter den Schreckniffen diefes die deutfchen Lande politifch und wirthfchaftlich zerrüttenden Krieges wieder erftickt, ehe er fich zu gröfserer Blüthe entfalten konnte. Unferem vorherrfchend den Werken des Friedens gewidmeten Zeitalter war es vorbehalten, die zu Stein gewordenen Refte einer vorweltlichen Vegetation auch in Deutſchland von Neuem und in Maffen zu Tage zu heben, um diefelbe in Wärme und Licht und vor Allem in Kraft umzufetzen. Ein auf wiffenfchaftlicher Grundlage beruhender Kohlenbergbau in Deutſchland ift genau gleichalterig mit der epochemachenden Einführung der Dampfmaſchine in die Dienfte der Induftrie, datirt alfo aus den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts. Durch die napoleonifchen Kriege zurückgehalten, begann jedoch die regelmässige Ausbeutung der wichtigften Kohlenlager Deutfchlands erft im zweiten Decennium diefes Jahrhundertes nach Wiederherftellung des Weltfriedens. Seitdem folgten fich die Erfchliefsungen immer neuer Reviere, feitdem haben Stein- und Braunkohle das Holz als Brennmaterial nicht blos aus der Eifenhütte und Werkftätte, fondern auch aus dem Wohnhaufe mehr und mehr verdrängt, feitdem ift der Kohlenbergbau zum weitaus wichtigſten Zweige der Montaninduftrie in Deutſchland geworden. Deutfchland nimmt unter den Productionsländern der Kohle die zweite Stelle ein. Seine Gefammtförderung hat fich von 28.16 Millionen metr. Tonnen im Jahre 1866 auf 42 32 Millionen metr. Tonnen im Jahre 1872, alfo in fieben Jahren um 50 27 Percent gehoben. Bei einer Bevölkerung von rund 41 Millionen fallen auf den Kopf 2061 68 Pfund producirter Kohle, eine Zahl, die hinter England und Belgien zwar noch weit zurückbleibt, jedoch der Verbrauchsziffer der Vereinigten Staaten ungefähr gleichfteht und alle anderen Länder bedeutend übertrifft. Ueber die Entwicklung und den Werth der Production Deutſchlands an Steinkohlen und Braunkohlen gibt folgende Tabelle Auffchlufs( Siehe Seite 69, Tabelle I). Demnach hat in dem Jahrzehnt von 1861 bis 1872 die Production von Schwarzkohle um 135 6 Percent, von Braunkohle aber um 95 1 Percent zugenommen. Vergleicht man das Jahr 1853 mit dem Jahre 1872, fo beträgt die Zunahme bei Steinkohle 426 0 Percent, und bei Braunkohle 353 9 Percent. Vergleicht man endlich die Gefammtförderung an mineralifchen Brennftoffen der Jahre 1853 und 1872, fo beziffert fich die Zunahme auf 408.9 Percent. Hinfichtlich des Antheiles der einzelnen Länder des deutfchen Reiches an der Kohlenförderung geben wir folgende aus amtlichen Quellen gefchöpfte Zufammenftellung( Siehe Seite 69, Tabelle II). Aus diefer Tabelle wird vor Allem der überwiegende Antheil Preufsens an der Kohlenförderung des Reiches erfichtlich. Die Quote Preufsens ift bei Steinkohlen 88 64 Percent, bei Braunkohlen 82.61 Percent und bei der gefammten Kohlenproduction 87.36 Percent. Preufsen, welches im Jahre 1785 121.600 Tonnen Kohlen förderte, fah feine Production bis zum Jahre 1872 auf 36,973.412 metrifche Tonnen oder um 30305 42 Percent fteigen. Nach Preufsen folgt Sachfen, welches an der Steinkohlenförderung mit 8.85 Percent, an der Braunkohlenförderung mit 6.67 Percent, an der Gefammtförderung mit 8.38 Percent participirt. Süddeutſchland ift bekanntlich arm an Kohlenlagern; Bayern verdankt feine Quote von 100 der Gefammtförderung wefentlich den Ausläufern, welche das Saarbecken in die Rheinpfalz entfendet. In den kleinen norddeutfchen Ländern Mineralifche Kohle. 69 Braunfchweig und Anhalt findet eine ziemlich bedeutende Braunkohlengewinnung ftatt, fo zwar, dafs letztgenanntes Ländchen( unfern des bekannten preufsifchen Salz- und Kohlenrevieres Stafsfurt) mit III Percent an der gefammten Kohlengewinnung Deutſchlands participirte. Deutſchlands Kohlenproduction. Production Werth Im Jahre Steinkohlen Braunkohlen Steinkohlen Braunkohlen Metrifche Tonnen à 20 Centner fl. öfterr. Währ. Silber. 1853 6,331.417 1,986.715 1860 12,347.828 4.382.664 39.568.798 6,612.135 1861 14,133.048 4,622.312 40,390.701 6,652.449 1862 15.576.278 5,084.399 41,548.947 7.055.044 1863 16,906.708 5,459.495 42.734.337 7,291.860 1864 19,408.982 6,203.918 50,279.419 8,776.764 1865 21,794.705 6,758.052 61,014.546 9,891.856 1866 21,629.746 6.533.059 63,265.921 9.433.606 1867 23,738.327 6,994.818 68,359.426 10,025.520 1868 25.704.758 7,174.365 72,895.544 10,003.260 1869 26,774.368 7.569.545 77,892.604 10, 525.840 1870 26,397.769 7,605.234 81,768.543 1871 29.373.272 8,483.249 109,175.648 11,026.558 13,106.322 1872 33.306.418 9,018.053 145,580.000 Antheil der einzelnen Länder des deutfchen Reiches an der Kohlenförderung. Production in metr. Tonnen à 20 Ctr. Preussen. Sachfen • Anhalt Bayern Elfafs- Lothring. Thüringiſche Im Jahre Zufam men Steinkohlen Braunkohlen Menge Perc. Menge Perc. Menge Perc. 7.449.636 82.61 1872 29.523.776 88-64 2,946.261 8.85 17 " 16 " 412.412 I'24 290.205 0.87 601.448 6.67 467.454 5.18 12.067 0.13 2'233 0.02 36,973.412 87.36 3.547.709 8.38 467.454 424.479 292.438 0.69 I II I OO Staaten 99 Braunfchweig. " 14.779 O'04 498 249.279 2.76 185.295 2.06 264.058 0.62 185.793 044 SchaumburgLippe. 99 106.770 0.32 - Heffen - • • 27 46.576 0.52 Baden. 29 II.715 Mecklenburg Oldenburg 99 Summa. 27 ££ 0.04 - 4.065 005 106.770 0.25 46.576 0.11 II.715 4.065 0:03 Ο ΟΙ 2 33,306.418 2 IOO 9,018.053 IOO 42,324.471 IOO 70 J. Pechar, Dr. A. Peez. Die Zahl der Kohlenwerke des deutfchen Reiches betrug im Jahre 1870 1362, wovon 560 der Steinkohlenförderung, 802 der Braunkohlenförderung gewidmet. In diefen Werken waren 145.782 Arbeiter thätig. Die Förderung per Kopf betrug bei Steinkohlen 2115 Tonnen, bei Braunkohlen 365: 25 Tonnen. Etwas. abweichend hievon find die Angaben über Preufsens Förderquoten. Für diefen. Staat allein wird officiell die Zahl der Arbeiter für das Jahr 1872 mit 157.991 Köpfen( o 6 Percent der Gefammtbevölkerung) beziffert, während im Jahre 1862 nur 81.002 Arbeiter( o 4 Percent der Bevölkerung) in den Kohlenwerken thätig waren. Hienach hätte ein Arbeiter im Jahre 1862 208 metr. Tonnen, im Jahre 1872 aber 234 metr. Tonnen an mineralifchen Brennftoffen gefördert. Die Zahl der Werke und der befchäftigten Arbeiter hat jedoch von 1872 bis 1874 gewifs wieder um 10 bis 15 Percent zugenommen, worüber jedoch neuere authentifche Angaben fehlen. Mit der Zunahme der Förderung und des Bedarfes, fowie mit Entwicklung. des Communicationsfyftemes hat auch der Austaufch in mineralifchen Brennftoffen mit den Nachbarländern bedeutenden Umfang erreicht. Deutfchland empfängt grofse Mengen von englifcher Steinkohle, welche von der holländifchen Grenze oftwärts bis Tilfit die Küfte beherrfcht und auf Flüffen und Bahnen landwärts bis zu einer gewiffen Entfernung eindringt; neben der englifchen Steinkohle gelangt böhmifche Braunkohle über Bodenbach in wachfenden Beträgen. ( im Jahre 1873 1,378.000 metr. Tonnen) nach Norddeutfchland. Was die Ausfuhr aus Deutfchland betrifft, fo bezieht fich diefe auf Steinkohle, die aus dem weftphälifchen Becken nach Holland, Belgien und Frankreich, aus den fchlefifchen Revieren nach Oefterreich und Rufsland und aus Saarbrücken nach Frankreich und der Schweiz exportirt wird. Auf Einzelheiten kommen wir fpäter zurück. Deutſchlands Kohlenverkehr. Einfuhr Ausfuhr Im Jahre Steinkohlen Braunkohlen Steinkohlen Braunkohlen metri fche Tonnen 1860 755.086 1,810.472 1861 871.298 2,074.906 1862 894-893 2,107.384 1863 925.899 2,078.889 1864 733.592 2.438.777 1865 1,089.535 2,962.300 1866 1,152.758 3,309.273 1867 1,303.662 3,805.510 1868 1,643.360 608.627 3.770.601 7.872 1869.0 1,856.149 611.734 3,984.828 15.116 1870 1,681.573 760.711 4,007.401 1871 2,395.072 874.673 3,699.691 I.797 3.856 1872 2,533.884 1,016.734 3,743.752 19.729 metr. 1872 an Steinkohle 2,533.884 Tonnen, zufammen 3,550.618 Deutſchland importirte hienach im Jahre Tonnen, an Braunkohle 1,016.734 metr. metr. Tonnen; es exportirte dagegen 3,743.752 metr. Tonnen Steinkohle und 19.729 metr. Tonnen Braunkohle, zufammen 3,763.481 metr. Tonnen. Von Mineralifche Kohle. 71 1860 bis 1872 hat fich die Ausfuhr von Steinkohle um 106.7 Percent, von Braunkohle um 150 5 Percent, von mineralifchem Brennftoffe im Allgemeinen um 107.9 Percent vermehrt, während die Einfuhr in derfelben Zeit von Steinkohle um 235 6 Percent, von Braunkohle um 671 Percent, von mineralifchem Brennftoffe überhaupt um 370 2 Percent geftiegen ift. Die Einfuhr ift alfo wefentlich rafcher gewachfen, als die Ausfuhr. Aus einer Zufammenfaffung der inländifchen Production und der Einfuhr bei gleichzeitigem Abfchlag der Ausfuhr ergibt fich der Verbrauch des deutfchen Reiches an mineralifchem Brennftoffe. Deutfchlands Kohlenverbrauch. Production Hievon ab Mehrausfuhr Bleiben für inländifchen Verbrauch Im Jahre metrifche Tonnen Per Kopf der Bevölkerung Pfund 1860 16,730.492 1,055.386 15,675.106 1861 18,755.360 1,203.608 17.551.752 904 IOI2 1862 20,660.677 1,212.491 19.448.186 II2I 1863 22,366.203 1,152.990 21,213.213 1224 1864 25,612.900 1,705.185 23,907.715 1379 1865 28,552.757 1,872.765 26,679.992 1487 1866 28,162.805 2,156.515 26,006.290 1449 1867 30,733.145 2,501.848 28,231.297 1573 1868 32,879.123 1,526.486 31,352.637 1657 1869 34,343.913 1,532.061 32,811.852 1714 1870 34,003.003 1,566.914 32,436.089 1694 1871 37,856.521 433.802 37,422.719 1825 1872 42,324.471 212.863 42,111.608 2051 Aus diefer Tabelle ergibt fich die ftarke Entwicklung des Verbrauches an mineralifchem Brennftoffe in Deutſchland. Der Ueberfchufs der Ausfuhr über die Einfuhr, der noch im Jahre 1867 nicht weniger als 2.5 Millionen metrifcher Tonnen betrug, ift in Folge des inländifchen Confums 1872 auf 0 212 Million Tonnen zurückgegangen. Der Verbrauch per Kopf der Bevölkerung betrug im Jahre 1860 904 Pfund, im Jahre 1872 aber 2051 Pfund, hat alfo um 126 8 Percent zugenommen. Fafst man den Gefammteindruck diefer Ziffern zufammen, fo ift es zweifellos, dafs der Kohlenbergbau des deutfchen Reiches einen in kräftiger Entwicklung begriffenen Theil der Weltinduftrie bildet.saloni edgasdasid nad Die Urfachen diefes Auffchwunges liegen zunächft in günftigen natürlichen Bedingungen, dann aber auch in dem Charakter des Volkes, welches ftets dem Bergbaue mit Ernft und fyftematifcher Ausdauer zugethan war, fowie in der forgfamen Pflege, welche namentlich in den beiden hauptfächlichen Bergbauländern Deutfchlands, in Preufsen und Sachfen, die Regierungen von alter Zeit her dem Bergbaue widmeten. Den beiden letzteren Momenten ift als fchönfte Frucht die von keinem anderen Lande auch nur annähernd erreichte Organiſation der Knappfchaftscaffen entfprungen. Das Vermögen diefer Vereine betrug im Jahre 1872 nicht weniger als 7,108.773 Gulden, und es wird noch immer an der Erweite 72 - J. Pechar, Dr. A. Peez. -- rung und Verbefferung diefer Einrichtung z. B. im weftphälifchen Kohlenreviere gearbeitet. Genaueres über die von Seite der Staatsverwaltung zu Gunften der in den Staatswerken befchäftigten Arbeiter getroffenen Anstalten wird weiter unten bei Gelegenheit der Befprechung des Saarbeckens zur Dar ftellung gelangen. Der preufsifchen Verwaltung gebührt ferner das Verdienft, dafs fie die Verwendung von Frauen und Kindern in den Bergwerken bereits zu einer Zeit regelte und vor Allem einfchränkte, wo noch in diefer Hinficht in allen anderen Ländern, England und Frankreich nicht ausgenommen, die fchwerften Mifsbräuche beftanden. Die gefetzlichen Grundlagen des Bergbaues find in Preufsen durch das Gefetz vom 24. Juni 1865 in fachgemäfser Weife geordnet. Die Befteuerung der Bergwerke mit 2 Percent der Brutto Einnahme ift einfach und nicht unbillig. Die Bergverwaltung wird von den fünf Oberbergämtern Dortmund, Bonn, Clausthal, Halle und Breslau geführt. Ein entſprechendes Syftem von Unterrichtsanftalten von den Steigerfchulen bis zur Bergakademie forgt für die erforderliche fachliche und wiffenfchaftliche Bildung. Und in ähnlicher Weife, wie in Preufsen, find auch in Sachfen, Braunfchweig und den kleinen Ländern, wo Bergbau befteht, deffen Verhältniffe geordnet. - - Wie allenthalben, empfing auch in Deutſchland der Kohlenbergbau feine wefentlichfte Förderung mit der Entwicklung des Eifenbahn- Syftems, welches im Jahre 1870 eine Länge von 21.750 Kilometern hatte, wovon ein Drittel mit Doppelgeleifen( was für die leichte Verfendung der Kohlentransporte von grofser Wichtigkeit ift). Hinfichtlich des Transportes auf den Bahnen ist zu bemerken, dafs in richtiger Würdigung der Verhältniffe und Dank der einfichtsvollen Agitation von J. Weidtman, L. Garcke, Dr. H. Scheffler, F. Perrot, E. Reitzenftein, Hofmann, O. Michaelis, Dr. C. Braun, Dr. F. Hammacher, Schierer und Anderen die Tarife billig find, und in der Reichsverfaffung fogar der Pfennigfatz( o 416 kr. per Centner und Meile) für die Verfrachtung der Kohle als Norm aufgeftellt ist. Hiezu kommt noch in den letzten Jahren der bedeutende Auffchwung der Induftrie und befonders der Eifen- und Stahlproduction, der Zuckerfabrication und der chemifchen Induftrie. Deutfchland nimmt gegenwärtig den dritten Rang unter den eifenerzeugenden Ländern ein. Die Eifenproduction Grofsbritanniens übertrifft die Deutfchlands zwar um das Vierfache. aber den Vereinigten Staaten kommt Deutfchland fehr nahe und übertrifft Frankreich feit der Erwerbung von Elfafs- Lothringen. Deutfchland befafs bereits im Jahre 1871 383 Hochöfen, wovon 251 mit Coke, 50 mit Holzkohle und 9 mit gemifchtem Brande arbeiteten. Die Gefammtproduction an Gufseifen und Roheifen ift etwa auf 15 Million Tonnen anzufchlagen. In der Bleiproduction folgt Deutfchland hart nach den meiftproducirenden Ländern Spanien und England, und fteht in der Zinkpro. duction mit Belgien an der Spitze. Grofse Confumenten von Kohle find ferner die Zuckerfabriken, welche im Jahre 1871 bis 1872, in der Zahl von 311, gegen 4 Millionen Centner Zucker erzeugten; endlich die 120 bis 130 chemifchen Fabriken, die Stafsfurter und Leopoldshaller Kali- Induſtrie und Andere. Alle diefe Verhältniffe zufammengenommen machen es wahrfcheinlich, dafs dem deutfchen Kohlenbergbau eine glänzende Zukunft bevorsteht. Die einzelnen Kohlenbecken Deutfchlands. Der Werth und die Bedeutung der einzelnen Kohlenreviere ergibt fich am deutlichften aus der Höhe der Förderung und der gröfseren oder geringeren Schnelligkeit der Entwicklung diefer Förderziffern. In Folgendem geben wir daher zunächft eine Vergleichung der Förderziffern der preufsifchen Kohlenbecken in den Jahren 1860 und 1872, nebft Mineralifche Kohle. 73 den Antheilen, welche jedes einzelne Kohlenbecken an der Gefammtproduction in beiden Zeitperioden hatte, fowie nebft der Zunahme ihrer Förderung in der Zeit von 1860 bis 1872 in Percenten. Production der preufsifchen Kohlenbecken in den Jahren 1860 und 1872. Kohlenbecken A. Steinkohlen: Ruhr... Oberfchlefien Saar.. Waldenburg und Neurode Aachen. Kleinere Steinkohlenbecken B. Braunkohlen... 1860 1872 Somit im Jahre 1872 Zunahme um Tonnen Perc. Tonnen Perc. Percent 4,276.200 31 97 14,065.750 38.04 228.93 2,365.600 17.70 7,251.838 19 61 206.55 2,019.500 15'10 4,222.234 II 42 109 07 741.900 632.000 4.73 5:55 2,119.590 5.73 185.69 I, 041.3 14 2.82 64.76 143.850 1.06 823.050 2.23 472 15 3,194.640 23.89 7,449.636 20 15 133 19 Kohlen überhaupt. 13.373.690 100.00 36,973.412 100 00 176.64 Aus diefer Ueberficht folgt, dafs die kleineren preufsifchen SteinkohlenBecken( Hannover, Ibbenbüren, Osnabrück, Löbejün, Borgloh und Oefede, Wettin, Ilfeld und Minden) fich am rafcheften entwickelten, nämlich feit 1860 bis 1872 um 472 1 Percent; jedoch participirten fie an der Gefammtförderung Preufsens im Jahre 1860 nur mit 106 Percent und auch in 1872 nur mit 2'23 Percent. Sodann folgt hinfichtlich Schnelligkeit der Entwicklung das mächtige Kohlenrevier der Ruhr. Dasfelbe lieferte im Jahre 1872 namhaft mehr als ein Drittel, nämlich 38 04 Percent der ganzen preuſsifchen Kohlenproduction, und die Zunahme betrug von 1860 bis 1872 nicht weniger als 228.9 Percent. Nicht viel langfamer, wenn auch quantitativ die Förderung des Ruhrbeckens lange nicht erreichend, ftieg auch die Production Oberfchlefiens und Niederfchlefiens( Waldenburg), indem diefelbe um 206.5, beziehungsweife 185.6 Percent anwuchs. Die Förderung der preuſsifchen Braunkohlen- Reviere, welche im Jahre 1872 2015 Percent der gefammten Kohlenmenge lieferten, ftieg feit 1860 um 133 2 Percent, während die Steinkohlen- Reviere der Saar( mit 109'1 Percent) und Aachens( mit 64.7 Percent) einen ruhigeren Fortfchritt zeigen. Um eine ähnliche Vergleichung, wie bei den preufsifchen, auch für die deutfchen Reviere im Allgemeinen genau durchzuführen, dafür fehlen uns einige Ziffern, es können jedoch, da Preufsen etwa 88 Percent fämmtlicher deutſcher Kohlen fördert, die obigen Daten ein annäherndes Bild für die Entwicklung der deutfchen Kohlenproduction liefern. Für das Jahr 1872 ergibt eine Darftellung der Antheile der deutfchen Kohlenbecken an der Gefammtförderung folgendes Refultat: 74 J. Pechar, Dr. A. Peez. Antheil der einzelnen Kohlenbecken Deutſchlands an der Gefammtförderung. Kohlenbecken Im Jahre Metrifche Tonnen Percent A. Steinkohlen. Ruhr.. 1872 14,065.750 33.23 Oberfchlefien " 7,251.838 17 13 Saar.... " 4,222.234 9.98 Baiern.. Waldenburg und Neurode. Aachen. Kleinere Becken in Preussen Zwickau und Lugau. Alle Anderen " 2,119.590 5.01 " 1,04 1.3 14 2° 46 . " 823.050 195 99 2,946.261 6.96 1 25 دو 412.412 423.969 I OO 0.97 B. Braunkohlen. Preufsen 1872 Sachfen. Anhalt.. Thüringen. Braunfchweig und Andere. Kohlen überhaupt. " カカカカ " 7,449.636 601.448 467.454 17.60 I 42 I IO 249.279 " 250.236 0.59 0.60 42,324.471 100'00 I. Das niederrheinifch- weftphälifche Ruhr- Kohlenbecken. Weitaus das productivfte unter den Revieren des deutfchen Reiches ift das mächtige niederrheiniſch- weftphälifche Steinkohlen- Becken, welches fonft auch mit dem Namen„ Becken der Ruhr" bezeichnet wird, obwohl die Ruhr nur den füdlichen und heutzutage unergiebigften Theil der Flözablagerung durchfliefst. Diefs Revier lieferte im Jahre 1872 nicht weniger als 38.04 Percent der gefammten Kohlenförderung Preufsens und 33 23 Percent der Kohlenproduction des deutfchen Reiches. Es wird vorausgefchickt, dafs in der nachfolgenden Darftellung das Ruhrbecken im engeren Sinne und die Reviere von Ibbenbüren, Osnabrück- Borgloh und Minden gemeinfchaftlich behandelt find, da diefelben mit Ausnahme des ganz unbedeutenden Mindener Revieres höchft wahrfcheinlich in einer geologifchen Verbindung mit einander ftehen und fämmtlich dem Oberbergamtsbezirke Dortmund angehören. = In einer Länge von über 10 Meilen 75.85 Kilometer erftrecken fich die Steinkohlenablagerungen auf beiden Seiten der Ruhr aus der Gegend von Unna und Hamm bis an den Rhein bei Duisburg und Ruhrort, ja fetzen fich noch jenfeits des Rheines fort, wo fie bei Moers bereits wieder bergmännifch aufgefchloffen wurden. Auf ungefähr 8 Quadratmeilen= 46.025 Hektaren treten diefe Ablagerungen an die Oberfläche; auf mehr als 40 Quadratmeilen( 230.129 Hektaren) ift die Steinkohle, im Norden von Kreidemergel bedeckt, nachgewiefen. Mineralifche Kohle. 75 Englifche Geologen haben bemerkt, dafs möglicherweife ein Zufammenhang zwifchen dem weftphälifchen Reviere und den Kohlenformationen beftehe, welche das Becken von Wales bilden. Unter allen Umftänden hat die niederrheinifch- weftphälifche Formation viel mehr Verwandtes mit dem Becken von Wales, als die belgifche und nordfranzöfifche Kohlenformation. Von Dechen fagt über die Lagerung der Steinkohle im Ruhrbecken: ,, Die bogenförmigen Falten, in welche die fämmtlichen Schichten diefes Kohlenrevieres und alfo auch die Kohlenlager zerlegt find, die fogenannten Mulden und Sättel, geben Veranlaffung, dafs der Kohlenreichthum in den oberen und dem Bergbaue zugänglichften Teufen in einer überraschenden Weife zufammgedrängt wird, und dafs diefelben Kohlenlager in einem grofsenFlächeraume unmittelbar angegriffen und ausgebeutet werden können. Dabei find die Falten flach und abgerundet. Der Einfluss diefer Lagerungsformen auf die induftrielle Entwicklung des Ruhr- Kohlenrevieres ift fo grofs, dats, wenn diefelben in der Abficht erfonnen werden follten, um diefer Entwicklung am förderlichften zu fein, keine anderen gewählt werden könnten." Die Zahl der Flöze ift eine fehr beträchtliche; bauwürdig find etwa 65 mit einer Gefammtmächtigkeit von 2500 Zoll= 65 Meter reiner Kohle, einer Mächtigkeit alfo, die 4'6mal fo grofs ift, als die des Kohlenbeckens von Süd- Wales, und 5.8mal fo grofs, als die der Kohlenlager vom Durham und Northumberland. Die durchschnittliche Mächtigkeit der Flöze beträgt 39 Zoll( 102 Meter); Flöze bis zu 20 Zoll( 0.52 Meter) gelten für abbauwürdig. - Es liegen fonach die natürlichen Bedingungen des Steinkohlen- Bergbaues im Ruhrbecken im Allgemeinen aufserordentlich günftig. Im füdlichen Theile desfelben, an der Ruhr, wo der Stollenbetrieb noch fehr häufig, haben freilich die Gruben durch ftarke Wäffer zu leiden. Im Norden findet nur Tiefbau ftatt, und zwar gelten Schächte von I10 bis 120 Lachter= 230 12 bis 251 04 Meter Teufe fchon. als tief. Bei Effen liegt die Wetterfohle gewöhnlich in der 61. Lachter oder 127 Meter tief, die erfte Tiefbaufohle in der 91. Lachter oder 190 Meter tief, die letzte Tiefbaufohle in der 140. Lachter, das ift 292 Meter tief. Bei Gelfenkirchen kommt es vor, dafs die erfte Tiefbaufohle fich erft in der 160. Lachter oder 335 Meter tief befindet, und bei den Zechen, die in den letzten Jahren im nördlichen Theile des Revieres aufgefchloffen wurden, dürfte diefe Tiefe die Regel werden. Den Kohlenreichthum des Ruhrgebietes berechnete von Dechen auf 35.000 Millionen metr. Tonnen, und Oberbergrath Küper auf 39.200 Millionen metr. Tonnen, fo dafs die Lager bei einer Förderung, wie die jetzige, von circa 14 Millionen metr. Tonnen per Jahr erft in etwa 3000 Jahren ihres Inhaltes entleert fein würden. Die Küper'fche Berechnung bafirt auf den thatfächlichen Auffchlüffen, die im Jahre 1860 gemacht waren; heute würde in Folge der weiteren Auffchlüffe im Norden und Often( bis Hamm hin) die Berechnung zu noch ganz anderen Refultaten führen. Von diefer riefigen Kohlenmenge liegt etwa zwifchen der Oberfläche und einer Tiefe von 100 Lachtern( 209 Meter). Nach der Lage der Flöze und dem Charakter der in ihnen enthaltenen Kohle laffen fich vier Flözgruppen unterfcheiden. Die unterfte derfelben führt Sandkohlen, die nächfte Sinterkohlen, dann folgen Backkohlen und endlich Gaskohlen. Im Allgemeinen kann man fagen, dafs in dem füdlichen Theile des Beckens Magerkohle, in dem nördlichen ausgedehnteren, etwa von dem Auftreten des Kreidemergels an, Fettkohle gewonnen wird. Zur Cokebereitung eignen fich am beften die ftarkbackenden Kohlen von Herne, Langendreer, Bochum, auch die von Effen. Die beften Dampf- oder Mafchinenkohlen, die mit der berühmten Cardiff- Kohle von Süd- Wales zu wetteifern vermöchten, findet man im Hangenden des Leitflözes Sonnenfchein, nördlich einer Linie, welche von Oberhaufen über Effen, Steele, Laer, Witten nach Hoerde gezogen werden kann. Es mögen hier die chemifchen Analyfen von Kohlenproben aus den ver fchiedenften Partien des Ruhrbeckens ihre Stelle finden.( Nach Unterfuchungen von Heintz, Fleck, Sauerwein, Brix, Janfen, Karften.) Chemifche Analyfen verfchiedener Kohlen des Ruhrbeckens. Grube Flöz Ort In 100 Gewichtstheilen getrockneter Subftanz Afche 76 J. Pechar, Dr. A. Peez. Sälzer& Neuack Victoria& Mathias Nötgersbank Anna Effen Effen 85.62 4.65 7.64 86.43 5.32 5.67 2.09 7:47 21 4 78.5 O'I Backk. 2:58 7.41 Zollverein Pluto Präfident Engelsburg Boruffia Urbanus Dorftfeld Ver. Weftphalia Friedrich Wilhelm 11 Präfident Stensmannsbank N.7( ungefiebte Kohle) Langebank Nr. 7 Fettkohle vom Fl. K. Siebenhandbank Bochum Langendreer Langendreer Marten Dortmund Dortmund Alteneffen 79.78 4.92 9.80 5.5° Wannen 78.40 5.30 4.80 II 50 Bochum 79 72 4.62 12:40 3:26 7.51 85.90 4.56 4.77 1.56 7.66 HI 2.90 7.67 18.5 80.07 o'8 Backk. 80 989 4.491 9 657 4.863 87 437 4.861 6: 452 I 250 82.22 5.00 7.71 5.07 7.16 Luife Tiefbau Nr. 8 Ver. Hamburg Trappe Hafenwinkel General Nottekampsbank Portingsfiepen Hibernia Shamrock Nr. I Barop 78.05 5.05 12'92 Witten 83.790 4'444 6.235 3.98 7:37 25.5 73'3 I 2 5.531 10.9 88.2 0.9 Volmarftein 14.7 82.4 2.9 Nr. 6 Dahlhaufen 20 95 77 88 I'2 Nr. 6 Dahlhaufen 10.9 88.4 0.7 Backkohle Kupferdreh II 5 87.5 I'O Sinterk Hagenfcheidt( Stollenfohle) Werden 90 856 4.078 4.003 1063 - Gelfenkirchen Herne 6.95 7:43 Mineralifche Kohle. 77 Was die Sortenbildung anbelangt, fo mufs hervorgehoben werden, dafs der Stückkohlenfall bei den Back- und Gaskohlen ein verhältnifsmäfsig fehr geringer ift. Früher unterfchied man allgemein nur zwei Sorten: Melirte Kohlen und Gries; gegenwärtig werden auf den gröfseren Zechen mittelft zweckmäfsiger Separationsvorrichtungen drei, auch vier Sorten gebildet. Auf Stückkohlen entfallen hiebei 10 bis 50 Percent, auf Nufskohlen 20 bis 40 Percent, auf Grubenklein ( Gries) 70 bis 10 Percent. Obwohl mit dem Steinkohlengebirge der Ruhr im Zufammenhange ftehend, unterfcheiden fich die in nördlicher Richtung am Teutoburger Walde gelegenen kleinen Steinkohlenablagerungen: von Ibbenbüren, von Osnabrück und Borgloh in Bezug auf das Vorkommen von Kohle und deren Eigenfchaften doch wefentlich von dem Ruhr- Baffin. - Das Revier von Ibbenbüren, einen Flächenraum von I Quadratmeile 5.754 Hektaren einnehmend, befitzt 9 bekannte Flöze, welche jedoch durch viele grofse und unzählige kleinere, meift fteil einfallende Verwerfungen geftört find. Die Mächtigkeit der Flöze differirt zwifchen 3 und 158 Zoll= 7.9 Centimetern und 4 161 Meter; die des wichtigften beträgt 36 bis 40 Zoll= 949 bis 105 Centimeter. Letzteres enthält theils Fett-, theils Magerkohle. Bei Osnabrück erhebt fich die Kohlenablagerung in Geftalt eines fattelartigen Berges, des Piesberges, aus den jüngeren Schichten heraus. Die Kohle des Piesberges ift ein fchöner Anthracit, auch die der unweit gelegenen Gruben von Borgloh und Oefede von guter Qualität. Bei Minden tritt die Steinkohle in 3 Flözen auf, deren Länge- Erftreckung 31 Meilen= 26.55 Kilometer beträgt. Das unterfte Flöz von 10 bis 18 Zoll= 26 bis 47 Centimeter Mächtigkeit wird abgebaut und liefert theilweife Backkohle, theilweife anthracitifche und magere Kohle. Die Eigenfchaften der Steinkohlen diefer drei kleinen Reviere find aus folgenden Analyfen( von Heintz, Brix, Hilkenkamp und Kempner) zu entnehmen. Chemifche Analyfen von Kohlen aus den Revieren von Ibbenbüren, Osnabrück und Minden. Grube Flöz Ort Kohlenstoff In 100 Gewichtstheilen getrockneter Subftanz Wafferftoff Sauer- und Stickſtoff Afche Nutzbare Verdampfungskraft für 1 Pfund der rohen Kohle. Schafberg Alexander Ibbenbüren 82.2 416 4.53 9.29 6.34 99 Glücksberg Flottwell Piesberg( Hafeftollen) Osnabrück 90 396 1903 1726 6.042 77.25 4'02 8.14 10 59 7.18 6.95 27 ( Lechtingen) 91141 Laura Minden 2.076 0.000 6.807) 74.81 4.35 8.76 12.08 6.80 Wie bereits gefagt wurde, hat der Steinkohlenbergbau an der Ruhr, und zwar bei Dortmund und Effen, fchon im Anfange des Mittelalters begonnen, erhielt jedoch einen kräftigen Impuls erft durch die Schiffbarmachung der Ruhr, die um 6 78 J. Pechar, Dr. A. Peez. das Jahr 1770 in Angriff genommen wurde, und an welcher ſpäter der Freiherr von Stein, der grofse deutfche Staatsmann, als Leiter der weftphälifchen Bergämter( feit 1784) und als Vorfitzender der Domänenkammer( feit 1795) mit gewohnter Kraft und Umficht mitarbeitete. Bei Ibbenbüren werden feit dem XVI. Jahrhunderte Kohlen gewonnen; noch etwas später wahrfcheinlich wurden die Lager bei Osnabrück erfchloffen. Der Kohlenbergbau bei Ibbenbüren verdankt feine Blüthe der Pflege feitens des Staates, in deffen Befitz fich die dortigen Werke befinden, während alle übrigen Kohlenwerke in Weftphalen von Privaten betrieben werden. Seit dem Jahre 1737, bis wohin die Aufzeichnungen zurückreichen, wurden nun im Ruhrbecken( refpective dem heutigen Oberbergamtsbezirke Dortmund) folgende Quantitäten Steinkohlen producirt: Production des niederrheinifch- weftphälifchen Kohlenbeckens. im Jahre Metrifche Tonnen 1737 1739/40 • 20.724 Mark 29.682 1749/50 • 32.432 1759/60 43.109 1767/68 61.692 1769/70 73.329 1779/80 95.020 29 " 99 " 99 " 1790 • 137.617 1800 177.082 " 1805 345.194 Mark und Ibbenbüren Mark, Effen und Ibbenbüren 1810 360.000 18 17 410.359 1820 528.448 1830 564.862 99 " " " 1840 • 993.108( Mark, Effen), Ruhr, Ibbenbüren, Minden 1847 1,367.560 " 1850 • 1,694.208 94 1851 1,690.899 99 1852 1,853.140 " 1853 2,077.315 99 1854 2,582.740 99 1855 3,150.695 99 1856 3,396.529 99 1857 3,536.698 95 1858 3,605.643 " 1859 1860 3,499.634 4,366.000 " 99 1861. 5.555.067 1862. 6,242.348 1863 6,875.120 99 " 1864 8,146.434 وو 1865 9,276.674 1866. 9,329.503 99 " 1867 10,714.18 1 Ruhr, Ibbenbüren, Minden, Osnabrück 1868. II, 443.944 1869 12,034.169 1870 12,219.432 99 97 " 1871 12,715.248 99 1872 14,430.965 وو 1873 16,219.914 " Mineralifche Kohle. 79 In dem Zeitraume von 1737 bis 1873 hat fich die Production alfo um 78.166 Percent vermehrt; im Vergleiche zu dem Jahre 1800 beträgt die Zunahme 9.060 Percent, feit 1817 3.853 Percent, 1850 857 Percent, 1860 272 Percent, 1865 75 Percent, 1872 12'4 Percent. Die auffallende Steigerung vom Anfange der Sechziger- Jahre ab bezeichnet den Abſchnitt, wo die niederrheinifch- weftphälifchen Kohlenwerke, welche lange Jahrzehnte hindurch in der fchwierigften Lage waren, endlich zu profperiren begannen. Es gefchah diefs in Folge der Einwirkung des Grofscapitales, welches hauptfächlich in Geftalt von Actiengeſellſchaften dem Kohlenbergbaue, fowie der Eifeninduftrie der Ruhr feitdem immer mehr feine Gunft zuwandte. Im Jahre 1850 wurde der Kohleneifenftein, fpäter auch der körnige Spatheifenftein im Becken entdeckt. Ausserdem werden Erze aus anderen Ländern( Spanien) bezogen. Welche Bedeutung der dortigen Eifeninduftrie zukommt, und wie auch diefe in den letzten Jahren gerade einen mächtigen Auffchwung genommen, ergibt fich aus folgender Zufammenftellung: Die Förderung an Eifenerzen betrug: im Jahre 1867 gegen 500.000 metrifche Tonnen, " 9 Es wurden erzeugt im Jahre: metrifche Tonnen 1871 600.000 " " 2 27 1867 1871 an Roheifen.. " » Schmiedeeifen Stahleifen 99 325.000 420.000 220.000 102.000 335.500 165.500 In dem genannten Jahre 1871 beftanden in Weftphalen 20, in der Rheinprovinz 48 Hüttenwerke. In der günftigen Gefchäftsperiode 1871 bis 1873, die erſt im Sommer 1873 zu einem jähen Abfchluffe kam, entſtanden durch Neufchöpfung oder häufiger noch durch Erweiterung und Zufammenlegung fchon beftehender Etabliffements im niederrheinifch- weftphälifchen Kohlengebiete eine Anzahl von Werken, hinter welchen fogar die alten und berühmten belgifchen und englifchen Etabliffements in Seraing, Dowleis oder Sheffield zurückbleiben dürften. Die Dortmunder„ Union" hat mit einem Actiencapital von 13 Millionen Thalern in anderthalb Jahren vom 1. Januar 1872 bis 30. Juni 1873 an Kohlen 550.000 metriſche Tonnen, an Eifenftein 220.000 Tonnen, Roheifen und Walzfabricaten 355.000 Tonnen producirt. Sie befchäftigte in der zweiten Hälfte des Jahres 1873 12.102 Arbeiter und bezahlte an Arbeitslöhnen während der obgenannten Gefchäftsperiode nicht weniger als 6 Millionen Thaler. Die Verzinfung der alten Actien belief fich auf 12 Percent per Jahr. In ihrer Art noch koloffaler find die bekannten Krupp'fchen Werke in Effen. Krupp befitzt II Hochöfen, wozu noch 8 neue theils im Bau, theils projectirt find. Das Etabliffement zählt 286 Dampfmaschinen mit 10.000 Pferdekräften, und die Gufsftahlhütte producirt mit 12.000 Arbeitern 125.000 metriſche Tonnen Stahl. Krupp arbeitet mit 18 Beffemerbirnen, während das gröfste englifche Stahlwerk nur 16 befitzt. Diefen riefigen Werken, welche fchon Gemeinwefen bedeutenden Umfanges gleichen und ihre Arme über ganze Länder bis nach Schweden und Spanien erftrecken, fchliefsen fich zahlreiche andere Unternehmungen an, die alle auf die Kohlen diefes Revieres bafirt find. In dem berühmten Eifenbezirke des Siegner Landes waren allein 60 Hochöfen im Gang, die im Jahre 1871 über 225.000 Tonnen Roheifen( zum grofsen Theile Spiegeleifen) mit weftphälifchem Coke erbliefen. Von der Kohlenförderung Weftphalens im Jahre 1871 wurden 4,157.303 metrifche Tonnen= 32.6 Percent im Grubenbezirke felbft, das heifst vorzüglich in den Hüttenwerken, confumirt. Die nachftehenden Kohlenwerke hatten im Jahre 1871 die ftärkfte Production: 6* 80 J. Pechar, Dr. A. Peez. Schächte des Harpener Vereines bei Langendreer. Kölner Bergwerkvereines bei Alteneffen " 99 Zeche Confolidation bei Gelfenkirchen وو Glückauf- Tiefbau bei Barop Oberhaufen bei Oberhaufen. Profper bei Dellwig 27 " 9 Sälzer und Neuack bei Effen. ' Metrifche Tonnen 400.553 360.000 285.000 260.000 255.000 260.000 275.000 277.500 وو وو Victoria- Mathias bei Effen . Auf den bei den verfchiedenen Kohlengruben des Beckens befindlichen Cokeanftalten find im Jahre 1871 aus II, 243.824 Centnern( 562.191 metrifche Tonnen) Steinkohlen 7,459.304 Centner( 372.965 metriſche Tonnen) Coke dargestellt worden, was einem Ausbringen von 66 34 Percent entspricht. Den vorzüglichften Coke, der dem beften englifchen gleichkommt, erzeugten die Zechen: Centrum bei Bochum, Shamrock, von der Heydt und Pluto bei Wanne, Zollverein und Concordia bei Oberhaufen, Erin bei Caftrop und andere. Sämmtliche vorgenannte Gruben, fowie die, für deren Producte die chemifche Analyfe mitgetheilt worden, waren auf der Ausftellung im Prater vertreten. Bemerkenswerth und an fich noch bedeutender, als rückfichtlich der Quantität, ift die Steigerung in Bezug auf den Geldwerth der Förderung während der beiden jüngften Decennien. Der Werth der Förderung betrug: im Jahre 1852. in Gulden öfterr. Währ. Silber 5,213.547 1862. " وو 1868. 46 77 " " " 9 "" 1871. 1872. 15,015.276 29,147.990 45.547.671 61,770.561 fo dafs in Percenten ausgedrückt eine Zunahme refultirt feit 1852 um 1085 Percent, 1862 um 312 Percent, 1868 um 112 Percent, 1871 um 36 Percent. Die Kohlenpreife erlitten indeffen in diefer Periode bedeutende Schwankungen. Während die Grubenpreife zu Ende der Fünfziger Jahre eine fehr anfehnliche Höhe erreicht hatten, trat in Folge langfamer Entwicklung des Confums und des durch den italienifchen Krieg gefunkenen allgemeinen Vertrauens im Jahre 1859 eine Krife ein, welche die Preife bis zum Jahre 1864 faft zur Hälfte des früheren Betrages finken liefs. Seitdem erholten fie fich nur allmälig und erft der grofsartige Auffchwung von Induftrie und Handel nach Beendigung des Krieges von 1870/71 trieb die Kohlenpreife an der Ruhr auf eine Höhe, die fie nie zuvor erreicht hatten. Im Durchschnitte wurde der Centner( 50 Kilogramm) Kohle an der Grube verkauft in den Jahren 1852 bis 1871 mit 11 3 bis 22 Kreuzern. Im Jahre 1873 dagegen war der Durchfchnittspreis 34'5 bis 36 kr. und die Abfchlüffe pro 1874 lauteten auf 40 5 bis 43'5 kr. per Zollcentner. Dabei ftellte fich der Preisunterfchied zwifchen Fett- und Magerkohle im Jahre 1873 durchſchnittlich auf circa 75 kr., wogegen derfelbe früher und noch im Jahre 1869 ein faft verfchwindender war. Bei der Fettkohle differirten Grobkohle( Förderkohle) und Gries im Jahre 1872 um etwa 7.5 kr., bei der mageren Kohle um ungefähr 6.7 kr. Der flotte Abfatz der Werke und die hohen Kohlenpreife währten den ganzen Sommer 1873 hindurch fort, obfchon die Eifeninduftrie arg darniederlag. Erft zu Anfang 1874 ftockte der Abfatz und fanken die Preife fehr beträchtlich, fo zwar, dafs im März 1874 befte Fettkohle an der Grube zu 30 bis 35 kr. und Coke zu 55 bis 60 kr. per Centner zu haben war. Mineralifche Kohle. 81 Da die Selbftkoften der meiften Werke trotz der Erhöhung der Arbeitslöhne um 25 Percent und der Vertheuerung des zum Bergbau erforderlichen Holz und Eifenmateriales nicht über 15 bis 21 kr. betragen, fo bleibt für den Unternehmer felbft bei den heutigen Preifen noch ein angemeffener Nutzen, und ficherlich find es nicht überfpannte Preife, wodurch deutfche Kohle den Weltmarkt oder auch nur ein Stück desfelben erobern wird! Einzelne Zechen zahlten in den letzten Jahren glänzende Dividenden, z. B. Harpener Bergwerk 60 Percent. Für 1873 fchätzte man die Dividende beim Bochumer Bergwerk auf 60, Zeche Pluto 40, Kölner Bergwerk 30, Gelfenkirchner Bergwerk 20 Percent. Der im Jahre 1874 eingetretene Rückfchlag dürfte freilich für das laufende Jahr minder günftige Refultate bewirken. Im Jahre 1872 ftanden im Reviere 252 Zechen in Betrieb, 15 mehr als im vorhergehenden Jahre. Im Allgemeinen ift die Anzahl der Zechen in den letzten 10 Jahren ziemlich ftationär geblieben, zu Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechziger- Jahre war fie eine bedeutendere als heute. Sie betrug: 1852. 1858. 1862. 1868. 1871. . 178 Werke, 292 266 وو 99 232 99 237 99 252 وو 1872. Die Zahl der Werke hat alfo gegen 1858 abgenommen, allein die einzelnen Zechen fördern viel gröfsere Mengen als vorher. Der Betrieb ward energifcher, intenfiver, und feine vermehrte Kraft fpricht fich am deutlichften in der ungemein erhöhten Anwendung der Dampfmaschinen bei dem Bergwerksbetriebe aus. An Dampfmafchinen wurden in den Kohlenwerken der Ruhr verwendet: im Jahre 1852.. 157 mit zufammen 11.569 Pferdekräften, • " 9 99 1858 . 343 99 دو 1862 وو 43° 27 99 " 99 " 1870 1871 746 840 " 99 25.455 36.267 61.778 " 9 99 95 69.042 95 Seit 1862 ift demnach eine Verdoppelung eingetreten. Auch die Zahl der bei den Steinkohlen- Bergwerken befchäftigten Arbeiter hat eine ftetige Vermehrung erfahren, welcher Umftand jedoch nicht verhinderte, dafs fich zeitweife Arbeitermangel geltend machte. Es gab Zechenarbeiter: im Jahre 1852 15.263 99 99 1858 32.656 1862 وو 32.917 1868 " " 50.597 17 99 1871 64.186 59 1872 69.491 ( mit 109.139 Familiengliedern) und es entfielen auf einen Arbeiter von der Gefammtförderung des Beckens: im Jahre 1852 1862 99 " 1868 99 99 99 وو 1871 " 9 " 9 1872 121 metrifche Tonnen. 189 226 27 دو 99 29 198 99 " 9 208 " 82 J. Pechar, Dr. A. Peez. Pro Tag förderte ein Bergmann: im Jahre 1858. 1868. " " 7 " 1872 035 metrifche Tonnen, 0.75 6.90 99 " " Nach dem Werthe der Jahresproduction berechnet, ftellte fich die Leiftung eines Arbeiters: im Jahre 1852 auf 342 fl. öfterr. Währ. Silber, " " 9 1862 456 99 27 " " " " 1868 566 وو 97 1871 710 " " " 99 27 99 " " " 99 " 1872 890" " " دو Die Lage der Grubenarbeiter, unter welchen fich keine Frauen und nur eine verhältnifsmäfsig geringe Zahl von Kindern befinden, mufs als eine im Ganzen fehr günftige bezeichnet werden. Die Löhne an der Ruhr ftehen höher, als in jedem anderen deutfchen Kohlenreviere. Auf den Zechen bei Effen verdiente ein Arbeiter im Jahre 1873 durchfchnittlich bis zu 1 Thaler 13 Sgr.( 2 fl. 15 kr. öfterr. Währ. Silber) bei achtftündiger Schicht, während vor zwei Jahren noch der Taglohn nur I Thaler I Sgr. ( 1 fl. 55 kr. öfterr. Währ. Silber) betrug. Für Arbeiterwohnungen ift ebenfalls in umfaffendem Mafsftabe geforgt. Nichtsdeftoweniger find auch bei den Bergarbeitern an der Ruhr die focialen Beftrebungen in Bezug auf Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit zu Tage getreten. Diefelben nahmen fefte Geftalt an in der Arbeitseinstellung von circa 16.000 Bergleuten in der Gegend von Effen im Juni und Juli 1872; der Strike währte volle fechs Wochen, fchlug jedoch zu Ungunften der Strikenden aus. Zur Unterſtützung invalid gewordener Kohlenwerks- Arbeiter, deren Witwen und Waifen beftanden im Oberbergamtsbezirke Dortmund Ende 1871 7 Knappfchaftsvereine( Bruderladen) mit 27.277 ftändigen und 29.485 unftändigen Mitgliedern, welche zufammen ein fchuldenfreies Vermögen von 922.941 Thalern ( 1,384.411 fl. öfterr. Währ. Silber) befafsen. Nach Mittheilungen, die wir der Güte des Herrn Dr. Natorp in Effen verdanken, beftanden im engeren Bezirke des Reviers, alfo mit Ausfchlufs der kleineren Becken von Ibbenbüren u. f. w., im Jahre 1873 drei Knappfchaftsvereine: der Märkifche, der Effen- Werdenfche und der Mühlheimer Knappfchaftsverein. In der jüngsten Zeit wurden diefe Inſtitute einer durchgreifenden Neugeftaltung unterzogen, indem einestheils die Leiftungen derfelben ganz bedeutend erhöht und anderntheils ihre aus früheren Zeiten ftammenden und defshalb vielfach unter einander divergirenden Statuten in völlige Uebereinftimmung mit einander gebracht find. Die erheblich höheren Beneficien, welche nach dem neuen Statute den Invaliden, Witwen und Waifen gewährt werden, find nur dadurch möglich geworden, dafs die Beiträge fowohl der Werksbefitzer, wie auch der Bergarbeiter beträchtlich erhöht wurden. Beide Theile haben fich aber dazu gern verftanden, und es dürfte fich zur Zeit kaum ein zweiter Bergbaubezirk oder ein anderer Induftriezweig finden, der fo ausreichend für feine Invaliden und Pfleglinge Sorge trägt, wie der Kohlenbergbau im niederrheinifch- weftphälifchen Reviere. An Unfällen kamen in den Kohlengruben des Dortmunder Bezirkes im Jahre 1871 im Ganzen 195 vor, und zwar: bei der Schiefsarbeit durch Steinfall in Schächten bei der Streckenförderung in fchlagenden Wettern 68 88030 Mineralifche Kohle. in böfen Wettern durch Mafchinen bei Wafferdurchbrüchen über Tage • durch fonftige Unglücksfälle 4 7 I 8 6 195 83 Unverhältnifsmäfsig bedeutend gegenüber den anderen Kohlenrevieren ift die Zahl der in fchlagenden Wettern Verunglückten. Ueberhaupt verunglückten bei einem Arbeiterftande von 64.186 Köpfen 195 Mann. Im Durchfchnitte kam daher auf je 329 Arbeiter ein Unfall, das ift o'304 Percent. Befondere Aufmerkfamkeit wird im Ruhrbecken der Heranbildung tüchtiger Betriebsführer, Steiger und Markfcheider gefchenkt. Es beftehen zu diefem Zwecke zwei vorzüglich geleitete Bergfchulen zu Bochum und Effen, welche von der Weftphälifchen Berg- Gewerkschaftscaffe unterhalten werden. In jüngfter Zeit find noch eine Anzahl von Bergvorfchulen( bis jetzt 10) zur Ausbildung von eigentlichen Grubenarbeitern hinzugetreten. Worin das Kohlengebiet der Ruhr nun unbeftritten den Vorzug vor allen übrigen Kohlenbecken des continentalen Europas( vielleicht mit einziger Ausnahme der belgifchen) verdient, ift fein Communicationswefen. Von den für den kleinen Verkehr fo wichtigen Kunftftrafsen kamen dort fchon im Jahre 1862 circa zwei Meilen( 15 Kilometer) auf die Quadratmeile. Nicht minder begünftigt ift das weftphälifche Kohlenbecken in Bezug auf die Wafferwege. Die Ruhr, feit 1770 von Langfchede an fchiffbar und in neuerer Zeit durch die Wafferbauten Nobilings prakticabler gemacht, durchzieht den füdlichen Theil des Beckens der Länge nach, während der Rhein den weftlichen Rand desfelben befpült und in den Häfen von Ruhrort und Duisburg jährlich fehr beträchtliche Quantitäten von Steinkohlen zum Transporte übernimmt. Im Jahre 1872 wurden verfrachtet im Ruhrorter Hafen. 27 Duisburger Hafen Summa 1,144.349 metrifche Tonnen, 99 " 439.101 1.583.450 metrifche Tonnen oder 10 Percent der Jahresproduction, ein Quantum, von welchem etwa der fechfte Theil auf der Ruhr angefahren wurde. Im Allgemeinen zwar hat der Steinkohlenverkehr auf dem Rheine in Folge der Entwicklung des Eifenbahnnetzes und des Billigerwerdens der Bahnfracht an feiner Bedeutung eingebüfst, dennoch aber bildet der Rhein in dem Communicationswefen des Ruhrbaffins noch immer einen der Hauptfactoren, namentlich mit Rückficht auf den Kohlenexport nach den Niederlanden. Auch dürfte die kürzlich erfolgte Einführung der Tauerei auf dem Niederrheine den Kohlenverkehr auf dem mächtigen Strome neu beleben. " Wichtige Canalverbindungen kommen, abgefehen von dem kleinen RheinRuhrcanale der Kohleninduftrie an der Ruhr bis jetzt nicht zugute. In den letzten Jahren jedoch hat fich eine lebhafte Agitation für die Herftellung des fogenannten Emscher Canales, der den Rhein mit der Unterwefer und Unterelbe verbinden foll, geltend gemacht, ein an fich altes, aber höchft bedeutfames Project, welches wiederum dem hochverdienten Präfidenten des Vereines zur Wahrung der gemeinſamen wirthschaftlichen Intereffen im Rheinlande und Weftphalen", Herrn W. T. Mulvany in Düffeldorf, feine meifte Förderung verdankt. Für die allernächfte Zeit fchon wurde in Verfolgung diefes Projectes die Führung einer Wafferftrafse vom Rheine landeinwärts bis zur Höhe von Dortmund, alfo durch den nördlichen Theil des Kohlenbeckens, wo fich zur Zeit die bedeutendften Tiefbau- Anlagen befinden, ins Auge gefafst. Diefer Canalabfchnitt würde alfo 84 J. Pechar, Dr. A. Peez. auf eine grofsartige Erweiterung der Hafenbecken von Ruhrort und Duisburg in das Steinkohlen- Revier hinauslaufen. Die Koften für die Strecke RuhrortDortmund find auf 15 Millionen Thaler angefchlagen. - Der Löwenantheil bei der Verfrachtung der Ruhrkohle fällt felbftverftändlich den Eifenbahnen zu. Nach allen Richtungen hin durchfchneiden die Linien dreier Eifenbahn- Gefellfchaften das Revier. Die Linien der BergifchMärkifchen Bahn( Gefammtlänge 98 07 Meilen= 743'95 Kilometer), der KölnMindener( Gefammtlänge 73 02 Meilen 553'92 Kilometer) und der Rheinifchen Bahn( Gefammtlänge 110'94 Meilen= 845 8 Kilometer), welche felbft fchon die Kohle weit über die Grenzen ihres Productionsgebietes hinausführen und Hauptbeftandtheile des mitteleuropäiſchen Eifenbahn- Syftems bilden. Am früheften von diefen gewann für das Becken Bedeutung die theilweife fchon im Jahre 1845 in Betrieb gefetzte Köln- Mindener Bahn. Jetzt aber mufs die Bergifch- Märkifche Bahn als die wichtigfte angefehen werden, da deren Linien innerhalb des Beckens allein eine Länge von 40 Meilen ungefähr meter haben, während von der Köln- Mindener Bahn nur circa 19 Meilen im = 303 43 KiloBecken felbft liegen. Die jüngfte ift die Rheinifche Bahn mit etwa 10 Meilen Bahnlänge innerhalb des Kohlenreviers. Die Bergifch- Märkifche Bahn gravitirt zumeift gegen Often und Südoften, das heifst gegen Heffen, Thüringen, Sachfen; die Köln- Mindener Bahn ftrebt nach Nordoften und Norden und wird mit der Eröffnung ihrer grofsen Strecke Venlo Bremen- Hamburg noch befondere Bedeutung für das Ruhrbaffin erhalten; der Rheinifchen Bahn fällt hauptfächlich die Verforgung des Ober-, Mittel- und Niederrheines mit Ruhrkohle zu. An Steinkohlen und Coke wurden nun von den genannten drei Bahnen verfrachtet und zwar a) von der Köln- Mindener: 81,296.264 Centner= 4,064.813 metrifche Tonnen, 1865 1868 1871 83,489.750 77,705.109 = " " 1872 84,028.130 79 4,174.487 3,885.255 = 4,201.406 " "" 29 99 " 1873 93.725.400 - " 4,686.270 " " ( 1872: 49 8 Percent des gefammten Güterverkehres der Bahn.) b) von der Bergifch- Märkifchen: 1865 1868 1871 1872 1873 51,142.170 Centner 80,047.167 _ = 22 99,769.565 = " I 15,997.069 " 2,557.108 metrifche Tonnen, 4,002.358 4.988.478 5.799.853 " " " 137,712,571 - 99 6,885.629 " " 9 ( 1872 45 84 Percent des gefammten Güterverkehres der Bahn.) c) von der Rheinifchen Bahn: 1865 1868 1871 12,962.622 Centner= 22,967.655 42,873.670 = 99 " 648.131 metriſche Tonnen, 1,148.387 2,143.683 " 29 ንን 1872 48,731.100 = 2,436.555 99 " 1873 60,727.980 " 9 = 3,036.398 99 " 9 ( 1872: 38.99 Percent des gefammten Güterverkehres der Bahn.) Im Jahre 1872 betrug alfo der Kohlentransport auf den Eifenbahnen des Ruhrgebietes zufammen 12,437.814 metrifche Tonnen, fo dafs 86 Percent der Totalproduction auf die Bahnen übergingen. Zur Bewältigung diefer ungeheuren Mineralifche Kohle. 85 Maffen befafsen jene, nachdem innerhalb kurzer Zeit bedeutende Neuanfchaffungen ftattgefunden, im Jahre 1872 nicht weniger als 28.237 Wagen( mittelft welcher jeder Centner 9'35 Meilen durchlief). Die Zahl der Locomotiven der drei Bahnen betrug 1318 Stück. Transportcalamitäten, wie die durch die Wagennoth im Jahre 1871 veranlafsten, werden fich künftig nicht leicht mehr wiederholen. Die Bahnverwaltungen find darauf bedacht, durch Anlage mehrerer Entlaftungsbahnen den Kohlenverkehr von den Hauptftrecken abzuleiten und fo ihm eine gewiffe Regelmässigkeit zu geben. Denfelben Zweck verfolgt die bereits fchon früher eingeführte Einrichtung der Kohlen- Extrazüge. Die gröfseren Zechen ohne Ausnahme ftehen durch Zweigbahnen, Anfchlufsoder Ladegeleife, die im Ruhrbecken meiftens für Rechnung der Gewerken ausgeführt werden, mit den Hauptlinien in directer Verbindung. So zählt die BergifchMärkifche Bahn 226 Locomotiv- Zweigbahnen in einer Länge von 79'1 Kilometer, die Köln- Mindener 76 Locomotiv- Zweigbahnen, zufammen 789 Kilometer lang, und die Rheinifche Bahn 33 Zweigbahnen. Die Zechenfracht fchwankt je nach der Entfernung zwifchen 114 Sgr.= 614 kr.( bei der mit der Station Wattenfcheid der Rheinifchen Bahn verbundenen Grube Holland) und 1 Thaler 26 Sgr.= 2 fl. 80 kr. ( bei den Gruben Erin bei Caftrop und Providence bei Herne, rückfichtlich ihrer Verbindung mit der Station Bochum der Bergifch- Märkifchen Bahn). - - Gleich den übrigen Bahnen Deutfchlands haben auch die mehrgenannten drei Bahnen des Ruhrgebietes den Frachtfätzen für Kohlen- und Cokefendungen im directen Verkehre und in Wagenladungen à 200 Zollcentner= 10 metriſche Tonnen den Einpfennig- Tarif zu Grunde gelegt. Derfelbe kam zuerft im Jahre 1861 zur Anwendung. Nachftehender Tabelle ift die Kohlenfracht von den gröfseren Verfandtftationen des Ruhrbeckens nach den wichtigften Confumtionsplätzen zu entnehmen. ( Siehe Seite 86.) Zu jener Grundtaxe von I Pfennig= 0.416 kr. per Centner und Meile iftaber allmälig erft noch die Expeditionsgebühr von I Thaler per 100 Centner hinzugetreten, welche jedoch mitunter aus Concurrenzrückfichten, namentlich da, wo es gilt der Kohle Englands die Spitze zu bieten, nicht erhoben wird. So befteht z. B. von der Station Gelfenkirchen der Köln- Mindener- Bahn nach Rotterdam der reine Pfennigtarif ohne Expeditionsgebühr, ebenfo für die Kohlentransporte von fämmtlichen weftphälifchen Zechen nach Antwerpen. Bei Verladungen nach Bremerhafen hinwiederum ift die Expeditionsgebühr um die Hälfte ermäfsigt. Ueber die fpeciellen Modificationen des Verbandtarif- Syftemes der Bahnen des Ruhr- Kohlenrevieres unterrichten die folgenden, die Einheitsfätze per Centner und Meile( inclufive Expeditionsgebühr) im Durchschnitte bezeichnenden Ziffern. ( Siehe Seite 87.) Die Annahme des Einpfennig- Tarifes machte fich feinerzeit fofort bemerklich durch ftarke Vermehrung des Güterverkehres und durch wohlthätigen Einfluss auf die Einnahmen der Bahnen. Bei der Köln- Mindener Bahn z. B. erhob fich der Gütertransport von 2,291.589 metrifchen Tonnen im Jahre 1859 auf 3,266.357 metriſche Tonnen im Jahre 1861, und die auf die Stammactien entfallende Dividende ftieg in der gleichen Zeit von 7% Percent auf 1214 Percent. Seitdem ift die finanzielle Lage der drei Bahnen des Ruhrbeckens trotz der in den letzten Jahren allfeitig in Deutfchland zu Tage getretenen Vermehrung der Betriebsauslagen fortdauernd eine befriedigende gewefen. So zahlte an Dividenden: Die Köln- Mindener Bahn وو 99 1871 11.66 1872 Rheinifche " Bergifch- Märkifche Bahn( unter Staatsverwaltung) 6.00 9:35 Percent, 8.82 9.40 7.50 99 29 Tariffatz für Kohlen. 86 J. Pechar, Dr. A. Peez. Poftnummer nach Meilen Kilometer CentCent- ner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometer Centner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometer Dortmund Herne V 0 n Effen Oberhaufen Ruhrort Entfernung Tariffatz per Entfernung Tariffatz per Entfernung Tariffatz per Entfernung Tariffatz per Entfernung Tariffatz per CentCentCentCent- ner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometer Cent- ner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometer CentCent- ner ner und Meile Kreuzer I Amfterdam 30 72 233 14'35 0.467 27 89 212 13'20 0'473 26 32 200 12'35 0'469 24 71 187 11 65 O'471 25.86 196 12'20 0-472 2 Frankfurt... 39.66 301 20 55 0'518 43 35 329 20'55 0'474 41 19 312 20'20 0'490 39.66 301 19:55 0 493 40 90 310 20'05 0.490 Bremen.. 36.00 273 18.00 0.500 38.80 294 19'20 O'495 41 41 314 20'10 0485 42 50 322 20'75 0 488 43'75 332 21 25 0.486 4 Magdeburg. 47 40 360 22'75 0'479 50 20 381 23'925 0'476 52.80 401 25'00 0'473 53 90 409 25'475 O'473 55 20 419 26.00 0° 471 5 Hamburg. 49'75 377 22'90 0'460 52'55 399 24'05 O'457 55 16 418 24.95 0'452 56 25 427 25.60 0'455 57'50 436 26.10 0.454 6 Lübeck... 57.80 438 2560 0'443 60 60 460 26.75 0'441 62.80 476 27'70 0 441 64 30 488 28.30 0'440 65 55 497 28.85 0* 440 7 Leipzig.. 63 40 481 29 42 0 464 66'20 502 30'60 o'462 68.80 522 31 675 0.460 69'90 530 32'125 0'460 71'20 540 32 675 0'459 8 Berlin 67 40 511 27 25 0'404 70'20 533 28.427 0'404 72.80 552 29 50 0'405 73'90 561 29'975 0'405 75 20 570 30 475 0'405 9 Schleswig 68.65 521 31 875 0'464 71'45 542 33 025 0'462 74'06 562 33'925 0'458 75 15 57° 34'575 0460 76 40 580 35 075 0459 10 München. 93 84 712 48.27 0.514 11 Kufftein 107 34 814 55'52 0517| 95 05 721 47'925 0'504 108 55 823 55 175 0508 Mineralifche Kohle. Verbandtarife aus dem Ruhr- Kohlenbecken. Bei einer Entfernung von Meilen Köln- Mindener, Berg.- Märkifche, im BergifchHannoverfche Staatsb., LübeckBüchener, Berlin- Hamburger, Altona- Kieler Bahn Köln- Minden., Hannov. Staatsb., Hannoverfchen Verkehre im NorddeutBraunfchw. B., Magdeb.-Halberft., fchen EifenMagdeb.- Cöthen- Halle- Leipziger, bahn- VerBerlin- Potsdam- Magdebg. Bahn Bergifch- Märkifche Bahn, Köln- Mindener, Thüringiſche und Werra- Bahn Bebraer, K. Bayerische Staatsb., Bergifch- Märkifche, FrankfurtBayerifche Oftbahnen bande imRheinifchWeftphälifch- Thüringifchen Verkehre im BergifchMärkischVerkehre Bayerifchen Bei einer Entfernung von Meilen Köln- Mindener, Berg.- Märkifche, im BergifchHannoverfche Staatsb., LübeckBüchener, Berlin- Hamburger, Altona- Kieler Bahn. Hannoverfchen Verkehre Köln- Minden., Hannov. Staatsb., im NorddeutBraunfchw. B., Magdeb.- Halberft., fchen EifenMagdeb.- Cöthen- Halle- Leipziger, bahn- VerBerlin- Potsdam- Magdebg. Bahn Bergifch- Märkische Bahn, Köln- Mindener, Thüringiſche und Werra- Bahn Bebraer, K. Bayerifche Staatsb., Bergifch- Märkifche, Frankfurt Bayerische Oftbahnen bande im RheinifchWeftphälifch- Thüringifchen Verkehre im BergifchMärkifchVerkehre Bayerifchen e 11 Z N 23 O'5353 24 0'5292 25 26 27 28 0.5160 29 30 0.5073 ||| e r || 33 72 0'5039 33 0'5015 0.4993 34 0.4964 3333 35 36 0'4937 0.4931 37 04738 38 0'4615 39 0.4498 40 0.4565 0* 493 41 0'4483 0.489 42 0.487 43 0* 4805 16 об r 11 2 e - 0* 4588 0* 4936 0* 4494 0.405 0* 4583 0.4945 677777 0* 4953 o'4960 o'4478 0* 4568 0.4966 0'4967 O'4553 0* 4974 O'4552 O'5018 O'4541 0.4987 81 82 0* 4536 83 0'4993 84 85 86 88 89 O'5190 O'5017 O'5199 44 0.4853 92 45 0* 4780 93 46 555 72 678 0.4826 94 0.4439 0'4790 95 0.4691 0* 4596 0* 4562 O 4793 96 0'470 O 4779 97 o 477 0.4810 98 99 0* 4461 0* 475 0° 4757 IOO 0.4550 0.474 0* 4750 53 54 ○ 471 O'4733 ΙΟΙ ||||| |||||||| 0.5042 0.5046 0.5055 0° 470 O'4725 0.4807 102 655555 0'471 0.4845 103 678 0'469 0.4707 104 0.469 105 0.467 0.4683 0.4836 106 0.4386 - 107 0* 466 0.4675 0.4859 108 0.5063 0.5067 0.5067 0.5075 0* 5075 0.5078 0.5082 19 0.4374 62 -- 0.464 0.4664 0.4868 109 IIO 0.4653 63 o 4897 0.4889 64 0* 455 0* 5050 0.4890 0.5087 III 65 o 443 0* 5034 0.4900 II2 66 0'4523 0'4909 0* 4901 II3 0.5092 67 68 |||| 0.433 0* 4910 II4 0.5099 O'425 0° 4610 115 0* 4928 116 0.5098 0'415 0* 4600 0° 4929 87 88 J. Pechar, Dr. A. Peez. In demfelben Jahre 1872 bezifferte fich die Brutto- Einnahme aus dem Kohlen und Coketransporte bei der Köln- Mindener Bahn Rheinifchen 27 auf 3.285.503 Thaler= - 99 2,164.521 99 4,928.254 fl. 3,146.782 = 5,772.208, " 9 Bergifch Märkifchen Bahn 3,848.139 ንፃ وو Die eben angedeutete unverhältnifsmäfsige Steigerung der Betriebskoften hat in jüngfter Zeit nun aber allerdings eine von den Bahnen des Ruhrgebietes inaugurirte Agitation unter den deutfchen Bahnverwaltungen hervorgerufen, als deren Folge aller Vorausficht nach eine Erhöhung auch der Kohlentarife, das heifst die Annahme einer höheren Grundtaxe Platz greifen wird. Alle drei Bahnen des Ruhrbeckens haben in der letzten Zeit eine anfehnliche Vergröfserung ihres Netzes erfahren oder find damit befchäftigt, fich weiter auszudehnen. Zu der Bergifch- Märkifchen Bahn ift die fogenannte Ruhrthalbahn, fowie die käuflich erworbene Heffifche Nordbahn hinzugetreten; die Rheinifche Bahn breitet fich im Becken felbft weiter und weiter aus, und die Köln Mindener Bahn arbeitet an der Herftellung zweier überaus wichtigen Linien: der Emfcherthal- Bahn von Ruhrort nach Dortmund, dazu beftimmt, die nördlichen Partien des Beckens zu erfchliefsen, und der fchon oben genannten( Paris-) Venlo- Bremen- Hamburger Bahn, die das Ruhr- Kohlengebiet mit den grofsen deutfchen Nordfee- Häfen in die directefte Verbindung fetzen und namentlich Bremen und Hamburg um 8 Meilen= 60 687 Kilometer näher rücken wird. Bis Bremen ift die Bahn bereits dem Verkehre übergeben. Nachdem die deutfche Eifenbahn- Baugefellfchaft im Jahre 1872 die Conceffion zum Baue einer Eifenbahn von Hameln über Hamm und Bocholt nach der preufsifch- holländifchen Grenze zum Anfchlufse an die von Züpthen kommende Bahn, mit Abzweigungen nach Effen und Dortmund, erworben hat, wird das Kohlenrevier eine neue Verbindung mit Holland und zugleich ein viertes felbftftändiges Bahnnetz erhalten. Oben bereits wurde angegeben, dafs von der Gefammtproduction Weftphalens im Jahre 1871 32 6 Percent im Grubenbezirke felbft confumirt worden find. Was die Verfendung der Kohle betrifft, fo wird das eigentliche Abfatzgebiet der Ruhrkohle in Deutfchland gegen Norden, Often und Süden ungefähr durch die Städte Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M., Ludwigshafen markirt. Innerhalb diefer Grenzen wird es eine Hauptaufgabe der Ruhrkohle fein, der englifchen Kohle in Hamburg und Umgegend fo wirkfame Concurrenz zu machen, wie ihr diefs z. B. in Bremen gelungen ift. Der norddeutfche Lloyd brennt auf feinen Dampfern ausfchliefslich weftphälifche Kohle. Nach Vollendung der Venlo- Hamburger Bahn wird vorausfichtlich auch das wichtige Hamburg, welches circa 20 Millionen Centner Kohle aus England bezieht und deffen zahlreiche Dampfer mit englifchem Brennftoffe gefpeift werden, allmälig für die deutfche Kohle gewonnen werden. In Bremen wurden im Jahre 1871 eingeführt: Weftphälifche Steinkohle 92.324 metrifche Tonnen, Englifche In Hamburg dagegen: 77 Weftphälifche Steinkohle Englifche 99 50.359 99 99 6.195 metrifche Tonnen, 1,137.952 وو Weitaus den gröfsten ausländifchen Abfatz findet die Ruhrkohle in Holland. Holland, felbft arm an Brennftoffen mit Ausnahme von Torf, ift von kohlenproducirenden Ländern umgeben: von Deutfchland, Belgien, England. Die vortrefflichen Verbindungen, welche zwifchen dem Deltalande des Rheines und Deutfchland beftehen. Verbindungen durch Wafferwege fowohl, als durch eine Anzahl von Eifenbahnen, weifen Holland rückfichtlich der Deckung feines Kohlenbedarfes ganz entfchieden auf Deutſchland hin. Mineralifche Kohle. 89 So ift denn auch die Einfuhr aus Belgien, verglichen mit derjenigen aus Weftphalen, immer eine nur geringe gewefen. 1871 wurden in Holland importirt: Belgifche Weftphälifche Kohle 353.622 metrifche Tonnen, 1,058.490 " " 9 وو Anders verhielt es fich aber mit dem Import aus England. Lange machte die englifche Steinkohle der Kohle von der Ruhr den holländifchen Markt ftreitig, ja noch in den Jahren 1870 und 1871, als zuerft der Krieg und alsdann die Transportmittel- Noth, fowie der vermehrte Kohlenbedarf Deutfchlands den Export der Ruhrkohle einfchränkten, konnte man in der That den Concurrenzkampf als zu Gunften Englands entfchieden anfehen. Seitdem hat fich die Lage aber ganz verändert, und mit der enormen und lange anhaltenden Preisfteigerung der englifchen Steinkohle, welche erft vor Kurzem einer rückläufigen Bewegung Platz gemacht, haben fich die holländifchen Confumenten mehr und mehr dem weftphälifchen Brennmateriale zugewandt, fo dafs letzteres gegenwärtig in den Niederlanden entfchieden dominirt. Auf dem Rheine allein gingen in Holland ein im Jahre 1872 868.273 metrifche Tonnen, 27 1871 707.618 75 99 was einer Zunahme von 22 Percent im Jahre 1872 entſpricht. Belgien importirte im Jahre 1873 nach den Niederlanden nur 124.000 metrifche Tonnen Kohlen und Coke oder um 185.000 metrifche Tonnen weniger als im Vorjahre. An den Producenten im Ruhrgebiete, fowie den Transportanftalten wird es liegen, ob das neugewonnene wichtige Abfatzgebiet behauptet werden kann oder nicht. Neueften Datums ift die Einführung weftphälifcher Kohle in Belgien und Frankreich. In Belgien hat fich zwar fchon einmal und zwar fchon einmal und zwar in den Jahren 1866 und 1867, als die inländifche Production dem Bedarfe der Hüttenwerke nicht Genüge leiften konnte, vorübergehend eine Nachfrage nach Ruhrkohle geltend gemacht, allein mehr als 97.638 metrifche Tonnen( in 1867) hatte die Kohleneinfuhr aus Preufsen überhaupt nie betragen. Im Jahre 1871 war von einer Kohlenausfuhr nach Belgien im Ruhrbecken gar keine Rede mehr. Heute aber liegen die Verhältniffe fo, dafs es den Anfchein hat, als ob die Ruhrkohle in Belgien wirklich das Bürgerrecht erwerben wollte. Zunächft ift diefs freilich durch die hohen Preife der belgifchen Kohle und Arbeitermangel an den belgifchen Gruben veranlafst. Allein man hat in Belgien die Vorzüge der Kohle und der Coke von der Ruhr kennen gelernt und richtet fich immer mehr auf deren Gebrauch ein. Selbft Lüttich, der Mittelpunkt des gleichnamigen Kohlenreviers, und das der englifchen Steinkohle fo leicht zugängliche Antwerpen brannten im Jahre 1873 Ruhrkohle. Was Frankreich anbelangt, fo ift die Einfuhr dahin dem erneuten Auffchwunge der franzöfifchen Induftrie nach dem Kriege, der nicht genügenden Leiftungsfähigkeit der einheimifchen und belgifchen Kohlenwerke und dem verminderten Import an Saarkohle zu verdanken, welche letztere feit 1870 und 1871 ihre Hauptkundfchaft in Süddeutſchland und der Schweiz fucht und findet. Die Parifer Gasanftalten erhalten dermalen täglich 50 bis 80 Waggons ( à 200 Centner= 10 metrifche Tonnen) Ruhrkohlen und nach belgifchen Zeitungsnachrichten paffiren täglich circa 200 Waggons diefer Kohle gleichfalls mit der Beftimmung nach Frankreich die Plätze Lüttich und Charleroi. Das früher viel ventilirte Project des Exportes der weftphälifchen Kohle nach überfeeifchen Ländern( als Ballaft) mufste in den letzten Jahren wieder 90 J. Pechar, Dr. A. Peez. ganz zurücktreten, da die Production kaum dem inländifchen Bedarfe entſprechen konnte. Bei der in Ausficht ſtehenden beträchtlichen Erhöhung der Förde rung nach Vollendung zahlreicher im Baue begriffener Mafchinenfchächte dürfte auch jene Idee ihrer Realifirung näher gebracht werden. Zu Ende des Jahres 1873 wurden gerade im nördlichen Theile des Revieres, alfo in gröfserer Nähe der Seeplätze, einige 30 Tiefbaufchächte abgeteuft. Es dürften aber immerhin noch einige Jahre vergehen, bevor diefelben in volle Förderung eintreten. Unter allen Umständen hätte, nächft den Kohlenlagern der Vereinigten Staaten, kein anderes Revier gröfsere Möglichkeit, dem englifchen Kohlenhandel Concurrenz zu bieten, als Weftphalen. Die Befchaffenheit des niederrheinifch- weftphälifchen Kohlenrevieres und feines Productes, die günftige geographifche Lage, die hochentwickelte Induftrie, insbefondere die mächtige Stahl- und Eifeninduftrie, welche auf uralter und durchaus gefunder Grundlage beruht und bis zur Verfertigung der mannigfaltigften Finalproducte, wie Drahtftifte, Ketten, Klingen, Meffer, Scheeren u. f. w. entfaltet ift, verbürgen dem niederrheinifch weftphälifchen Kohlenreviere eine unberechenbare Zukunft, die durch Krifen verzögert, aber nicht dauernd zurückgehalten werden kann. Schliefslich fei noch der Abfatzverhältniffe der Ibbenbürener, OsnabrückBorgloher und Mindener Kohle gedacht. Die Kohle von Ibbenbüren wird zu 33.7 Percent im Grubenbezirke felbft confumirt und aufserdem hauptfächlich gebrannt in Münfter, Osnabrück, Hannover und der holländifchen Fabriksftadt Enfchede. Die Osnabrücker und Borgloher Kohle findet ihre Abnehmer zum weitaus gröfsten Theile in den Revieren felbft, die von der fie durchſchneidenden Venlo Hamburger- Bahn erhebliche Vortheile erwarten dürfen. Die Förderung des Mindener Beckens endlich verbleibt ganz und gar innerhalb der Grenzen des Grubenbezirkes. II. Das Saarbecken. Begrenzt von der Saar, Blies und Nahe, dehnt fich jenes berühmte Steinkohlenbaffin aus, welches man das Revier von Saarbrücken nennt. Bemerkenswerth ift dasfelbe vor Allem feiner Ausdehnung und Mächtigkeit wegen, ja es wird fogar von Manchen für die gröfste Kohlenanfammlung des europäiſchen Feftlandes gehalten. Auf etwa 172 671 Hektaren an die Oberfläche tretend, nimmt es, freilich vielfach von Quarzporphyren durchbrochen und vom Rothliegenden überdeckt, überhaupt einen Flächenraum von mehr als 287.786 Hektaren ein; die Erftreckung in die Länge( von Nordoften nach Südweften) beträgt beiläufig 98.6 Kilometer, die in die Breite 30 Kilometer. Wie Alexander von Humboldt im„ Kosmos"( Band I, Seite 419) berichtet, geht das unterfte Kohlenflöz nordöftlich von Saarlouis bis 6132 und 6527 Meter unter den Meeresfpiegel hinab, und von Dechen fchätzt das Gewicht der ganzen zwifchen Saar und Blies gelagerten Kohlenmaffe auf 45 4 Billionen Kilogramme mit 26 3 Billionen Kilogrammen Kohlenftoff. Die Gefammtmächtigkeit des productiven Steinkohlengebirges gibt man auf 3200 Meter an, die Zahl der übereinanderliegenden Flöze auf 170 mit 108 Metern Kohlenmächtigkeit, wovon bei 100 Flöze von o 63 bis 4'74 Meter Stärke und 79 03 Meter Totalmächtigkeit aufgefchloffen find, und ein Flöz von o 47 Meter Stärke bezeichnet man als bauwürdig. Bei weitem die gröfste Anzahl der Flöze findet fich in der unteren der beiden deutlich gefchiedenen Abtheilungen des Kohlengebirges, die zugleich auf den füdöftlichen Theil des Beckens befchränkt ift. Jene fo aufserordentlichen Begünftigungen der Natur werden nun aber grofsentheils wieder paralyfirt durch die im Saarbrücker Reviere als einer Binnenmulde befonders häufigen Verwerfungen und fonftigen Unregelmässig. keiten in der Lagerung, die den Abbau der Steinkohle ungemein erfchweren. Mineralifche Kohle. 91 Nicht minder, als diefe, tragen zur Beeinträchtigung der Productivität der dortigen Kohlenlager die Grubenbrände bei, eine Folge des Auftretens von Schwefelkiefs in den Zerklüftungen der Flöze; das Phänomen des feit zwei Jahrhunderten brennenden Berges" bei Dudweiler ift ja allgemein bekannt. Auch an fchlagenden Wettern fehlt es nicht, fo dafs in Bezug auf die Mühfeligkeiten und Gefahren des Bergbaues das Saarbecken mit Niederfchlefien obenan ſteht unter den Steinkohlenbecken Deutſchlands. Die Saarkohle ift im Allgemeinen von guter Qualität und je nach ihrem Vorkommen in dem liegenden oder hangenden Flözzuge fett und backend oder Sinter-, refpective magere Kohle. Die fetten Sorten verwendet man zur Keffelfeuerung, dann zur Cokedarftellung, mit befonderem Erfolge aber zur Leuchtgas- Erzeugung. Auch die Sinterkohle zeichnet fich durch ihre flammende Eigenfchaft aus. Ueble Eigenfchaften der Saarkohle find: grofse Veränderlichkeit an der Luft und ſtarke Rufsbildung. Die chemifchen Unterfuchungen von Heintz, fo wie die Heizverfuche von Dr. Brix, ergaben folgende Refultate: Chemifche Analyfen von Saarkohlen. Ort der Gewinnung In 100 Gewichtstheilen geKohlenstoff trockneter Subftanz Wafferſtoff Sauerstoff und Stickstoff Afche Nutzbare Verdampfungskraft für I Pfund roher Kohle Gerhardgrube Beuftflöz Heinrichflöz Heinitzgrube Blücherflöz Afterflöz Dudweilergrube Natzmerflöz Beierflöz . 72.38 4'46 15.05 8.11 7:03 70.20 4.70 13.27 II 83 6.82 80.53 5.06 II 91 2.50 7.74 78.97 5.10 13.22 2.71 7.73 83.63 5.19 9.66 152 7.95 87.29 5.30 8.54 4.87 7.46 Der Stückkohlenfall fchwankt bei der Fettkohle zwifchen 45 und 60 Percent, bei der mageren Kohle zwifchen 54 und 84 Percent. Der Steinkohlen- Bergbau an der Saar datirt erft von der Mitte des vorigen Jahrhundertes. Zwar wurden laut urkundlicher Mittheilung fchon im Jahre 1529 dort Kohlen gegraben, allein der eigentliche Bergbau, und zwar mit Stollenförderung( wie heute noch vielfach) begann erft, als unter dem Fürften Wilhelm Heinrich von Naffau- Saarbrücken in den Jahren 1750 bis 1754 fämmtliche Kohlenlager fiscalifch wurden. Seit 1815, das heifst, feitdem der überwiegende Theil der Gruben in das Eigenthum des preufsifchen Staates übergegangen, war die Entwicklung eine rafchere. 1830 wurde die erfte Dampfmafchine dem Steinkohlen- Bergbaue dienftbar gemacht, 1838 die erfte Tiefbau- Anlage mit Wafferhaltungs- und Förder- Dampfmafchine angelegt, 1861 die horizontale Seilförderung, 1867 die Gefteins- und Bohrmaſchine eingeführt. Noch beffer, als diefe Daten, läfst nachftehende Tabelle über die Production den Auffchwung erkennen, welcher fich in diefem Jahrhunderte, befonders aber in dem letzten Jahrzehnte vollzogen. 92 J. Pechar, Dr. A. Peez. Es wurden nämlich gefördert im Jahre metrifche Tonnen im Jahre metrifche Tonnen 1817 186.500 1862 2,137.741 1847 608.000 1863 2,252.557 1852 757-335 1864 2,660.748 1853 981.194 1865 2,946.652 1854 1,209.057 1866 3,065.450 1855 1,529.917 1867 3,238.800 1856 1,567.247 1868 3,338.400 1857 1,773.941 1869 3,444.895 1858 1,923.408 1870 2,734.319 1859 1,735.255 1871 3,263.058 1860 2,019.500 1872 4,222.234 1861 2,154.082 Es ift alfo die Förderung von 1817 bis 1872 um 2163 9 Percent, feit 1852 um 4575 Percent, feit 1862 um 97.5 Percent gewachfen. Der Geldwerth der Jahresförderung erhob fich von 1,700.701 Thaler im Jahre 1852 auf 5,498.147 Thaler im Jahre 1862, auf 10,038.031 Thaler im Jahre 1871 und auf 15,875.002 Thaler in 1872. Die Zahl der Arbeiter ftieg in den gleichen Perioden von 6.804 und 13.156 auf 20.418 während fich die der Gruben, wie faft überall, in den letzten Jahren etwas vermindert hat. Zur Zeit ftehen in dem zu Preufsen gehörigen Theile des Beckens 15 Werke im Betrieb wovon indeffen eigentlich nur die neun fiscalifchen Gruben in Betracht kommen. In dem kleineren zu Bayern und Elfafs- Lothringen gehörigen Rayon gibt es etwa ebenfo viele Gruben; ihre Förderung beträgt aber nur fünf Percent der Gefammtproduction des Beckens. Die Zufammenfaffung faft des ganzen Kohlenbergbaues in der Hand des Staates, begründet manche eigenthümlichen Erfcheinungen, manche unzweifelhaften Vorzüge für das Saarbaffin gegenüber anderen Bezirken. So find die Führung, die Mafsregeln des Abbaues geradezu muftergiltig, die Werke mit Allem ausgeftattet, was die Technik an Hilfsmitteln für die Montaninduftrie gefchaffen. In Folge deffen erreicht denn auch die Leiftungsfähigkeit der 9 fiscalifchen Gruben einen ungewöhnlich hohen Grad. Diefelbe betrug z. B. im Jahre 1873 durchſchnittlich 474.291 metr. Tonnen per Grube und ftieg bei der Grube Heinitz sogar auf 728.599 metr. Tonnen. Letzteres Werk befafs 1871 allein fchon 27 Dampfmafchinen mit 1324% Pferdekräften, während die Zahl der Dampfmafchinen bei den Staatswerken zufammen im Jahre 1873 fich auf 215 belief mit 91594 Pferdekräften. Ganz befonders aber bezüglich der Arbeiterverhältniffe ift der Umftand von Wichtigkeit, dafs der Staat die Gruben ausbeutet. Wie hier, ift wohl nirgends in Deutfchland für das geiftige und materielle Wohl der Bergleute geforgt durch gefunde Wohnungen, Schulen, Unterftützungscaffen, Confumvereine u. f. w. Und da auch die Löhne hoch ftehen, fo haben die focialiftifchen Beftrebungen des Arbeiterftandes an der Saar noch zu keinerlei Störungen oder Arbeitseinftellungen geführt. Bei der Wichtigkeit, welche in allen Ländern der alten und neuen Welt die Arbeiterfrage gewonnen hat, ift befonders intereffant, die Mafsregeln kennen zu lernen, welche die preuſsifche Staatsverwaltung zu Gunften ihrer Arbeiter in den Kohlenwerken getroffen hat. Bei dem Saarbrücker Revier konnten fich diefelben am reichften entfalten. Nach einer dem Haufe der Abgeordneten vorgelegten„ Ueberficht über die Verwaltung der fiscalifchen Bergwerke, Hütten und Salinen im preuſsifchen Staate im Jahre 1872") waren es hauptfächlich die folgenden: * ,, Berggeift" vom 26. December 1873. Mineralifche Kohle. 93 Bei dem für die fiscalichen Gruben zu Saarbrücken beftehenden Knappfchaftsvereine betrug der Zufchufs des Staates im Jahre 1872 bei einer durchfchnittlichen Anzahl von 19.904 auf den Werken befchäftigten Arbeitern 215.324 Thaler 20 Sgr.( 322.987 fl. ö. W. Silber). Im Jahre 1871 war der Beitrag des Staates nur 120.722 Thlr. 5 Sgr. Die Erhöhung desfelben durch eine erhöhte Beitragsquote für den Kopf der Arbeiter wurde bedingt durch die finanzielle Lage des Vereins, welche in Folge der während der Kriegszeit der Vorjahre erlittenen Einbufsen und manigfachen Schädigungen fich ungünftig zu geftalten drohte. Zugleich ift mit diefem vermehrten Zufchufse eine beträchtliche Erweiterung der Leiftungsfähigkeit des Vereins erreicht worden, welche zum Vortheile der Arbeiter die Erhöhung der Invaliden-, Witwen- und Waifen Unterftützungen, fowie der Krankenlöhne geftattet. Im Jahre 1872 wurden unterſtützt bei dem Saarbrücker Knappfchaftsvereine 1166 Invaliden, 1458 Witwen, 2622 Waifen mit einem Geldbetrage von zufammen 189.383 Thlrn.( 284.074 fl.); die Koften für Gefundheitspflege beliefen fich auf 100.571 Thlr. 10 Sgr. 6 Pf.( 150.857 fl.) Die Beförderung der Anfiedlung der Arbeiter ift ein auf den Staatswerken verfolgter Zweck, durch welchen die Sefshaftigkeit der Arbeiter, in der die Vorbedingung zur Erreichung eines dauernden Wohlftandes für den Arbeiterftand erkannt werden mufs, erftrebt werden foll. Zur Erlangung des angeftrebten Zweckes find auf den Staatswerken entweder Arbeiterhäufer auf eigene Rechnung erbaut und an Arbeiter vermiethet und käuflich überlaffen, oder es find Geldvorfchüffe und Prämien an geeignete Arbeiter zum Baue von Häufern auf deren eigene Rechnung gewährt worden. Diefs letztere Verfahren iſt das auf Staatswerken meift angewandte. In dem Saarbrücker Bezirke find feit dem Jahre 1842 bis 1871 mit Hilfe einer Prämienfumme von 611.585 Thlr. und Darlehensfummen von 676.277 Thlrn. I Sgr. I Pf. aus der Knappfchaftscaffe und 296.745 Thlr. aus der Staatscaffe 3081 Häufer erbaut worden. Im Jahre 1872 ift dafelbft der Bau von Arbeiterhäufern fehr erheblich vorwärts gegangen, indem 229 Wohnhäufer, für welche 54.500 Thlr. an Prämien verausgabt wurden, neu erbaut find. An unverzinslichen Hausbauvorfchüffen zahlte die Staatscaffe an 177 Bergleute je 400 Thlr., alfo zufammen 70.800 Thlr. Um auch den in gröfserer Entfernung der Werke angefeffenen verheiratheten Arbeitern und den unverheiratheten Arbeitern, welche in der Nähe des Werkes ein gutes Unterkommen nicht finden können, eine paffend gelegene und nicht koftfpielige Wohnung zu bieten, find auf den Staatswerken, wo irgend das Bedürfnifs fich ergab, Logirhäufer eingerichtet. In denfelben wird den Arbeitern gegen geringe Vergütung Obdach und Schlafftätte, fowie ein gemeinfchaftliches Verfammlungszimmer und Küchen- Einrichtung zur Bereitung ihrer Speifen gewährt. Diefe Einrichtungen, welche im Allgemeinen viel von den Arbeitern benutzt werden, haben namentlich Anklang gefunden, nachdem auf den mit den Werken in Verbindung ftehenden Eifenbahnen Arbeiter- Eifenbahnzüge mit ermässigten Fahrpreifen eingerichtet worden find. Wie auf das materielle Wohl, fo wird auch Seitens der Bergverwaltung auf die Hebung des fittlichen und intellectuellen Zuftandes der Arbeiter hingewirkt. Es sind demnach auf den Staatswerken Einrichtungen getroffen, durch welche Gelegenheit gegeben wird zum Lernen für die Kinder der Arbeiter, fowie zur Fortbildung und Uebung des Gelernten für die Arbeiter felbft. Die Entwicklung der bereits beftandenen und die Errichtung neuer Elementarfchulen, welche von der Bergverwaltung gefördert und unterſtützt wird, ift eine hieher gehörige Mafsnahme. Für die Verwerthung und Befeftigung der in den Elementarfchulen erwor benen Kenntniffe dienen die Fortbildungs- und Werksfchulen, für deren Anlage und Einrichtung bei den Staatswerken von der Verwaltung Sorge getragen wird. 7 94 J. Pechar, Dr. A. Peez. In dem Saarbrücker Bezirke beftehen gegenwärtig 10 folcher Schulen, welche im Jahre 1872 die durchſchnittliche Schülerzahl von 345 hatten. Der Befuch der Schulen und der Fleifs der Schüler iſt im Allgemeinen ein zufriedenftellender. An einzelnen Schulen find fogar recht gute Erfolge erzielt worden. Für die weitere Bildung der jüngeren, wie der älteren Arbeiter beftehen auf den Staatswerken Bibliotheken und Lefezimmer. Die Lefezimmer werden zugleich zu anregenden Vorträgen benutzt, denen fich die technifchen Bergbeamten unterziehen. Von gutem Erfolge für die Betheiligung der Arbeiter an dem Streben nach höherer Bildung hat fich die zu Saarbrücken ins Werk gefetzte Herausgabe einer billigen Wochenfchrift ,,, Der Bergmannsfreund", welche Auffätze belehrenden und unterhaltenden Inhalts für die Bergarbeiter bringt, erwiefen. Zur Belebung des genoffenfchaftlichen Sinnes unter den Bergarbeitern befördert der Staat die Bildung von Vereinen mit gefelligen und mufikalifchen Zwecken. Zugleich gewährt derfelbe den Arbeitern auch das Gefühl der Zufam mengehörigkeit erhaltende Vergnügungen in den Knappfchaftsfeften, für welche befondere Fonds bewilligt find. In dem Saarbrücker Bezirke belaufen fich die durch die Knappfchaftsfefte den Werkscaffen erwachfenden Koften auf jährlich circa 15 000 Thlr.( 22.500 fl. ö. W.). Durch die Einrichtung von Induſtrie- und Nähſchulen gewährt der Staat auch den weiblichen Mitgliedern der Arbeiterfamilien auf den Staatswerken Gelegenheit zur Erwerbung nützlicher Kenntniffe. In den 12 Induftriefchulen des Saarbrücker Bezirkes, welche im Jahre 1872 beftanden, wurden 282 Mädchen in der Anfertigung von Bekleidungsftücken, von Wäfche und in Näharbeiten für den häuslichen Bedarf unterrichtet. Die Koften derfelben betrugen 2968 Thlr. 20 Sgr. 8 Pf. In den Kleinkinderfchulen, deren Einrichtung, wo das Bedürfnifs vorliegt, ebenfalls von den Werksverwaltungen unternommen wird, werden Kinder, deren Eltern den Tag über zur Arbeit vom Haufe abwefend find, unterrichtet und beauffichtigt. In dem Saarbrücker Bezirke beftehen II folcher Schulen, welche im Jahre 1872 von nahezu 1300 Kindern befucht wurden. An Ausgaben erforderten diefelben 3913 Thlr. 29 Sgr. 6 Pf. Sämmtliche fiscalifche Gruben ftehen unter der königlichen Bergwerksdirection in Saarbrücken, welche auch den Verkauf der Kohle nach den von ihr feftgefetzten Monatspreifen beforgt. Der Mangel einer Concurrenz im Reviere felbft, dann die verhältnifsmäfsig fehr bedeutenden Geftehungskoften der Kohle und endlich auch der Vorzug des Abfatzes in einem anderen Kohlengattungen nur fchwer zugänglichen weiten Gebiete bedingen im Ganzen hohe Preife. Die Selbftkoften betrugen für 1 Ctr.( o'05 metrifche Tonne) im Jahre 1871 3.02 Sgr. 99 1872 3.095 151 kr. = 15'5 kr. Was die Grubenpreife betrifft, fo möge die folgende tabellarifche Ueberficht die nöthigen Auffchlüffe geben( Siehe Tabellen Seiten 96 und 97). Für Coke zahlte man im Spätherbfte 1873 20 Sgr. 1 fl. öfterr. Währ. Silber per Centner. - Die Erzeugung von Coke hat feit Kurzem grofse Dimenfionen angenommen, wenngleich die Saarkohle zur Vercokung fich nicht ganz gut eignet. Im Durchschnitte beträgt das Cokeausbringen jetzt 51 25 Percent Eingeführt ift die Cokeerzeugung im Saarbecken feit dem Jahre 1820; in gröfserem Mafsftabe wird fie aber erft feit 1842 betrieben. Die Cokeproduction der letzten Jahre war: 1869 1870 1871 1872 1873 • 377.454 metrifche Tonnen, . 269.657 39 290.612 423.402 29 6. 467.149 F Mineralifche Kohle. 95 Ungefähr die Hälfte diefes Quantums wird im Saarbezirke felbft verbraucht, deffen Eifenhüttenwefen, wie der Kohlenbergbau circa 150 Jahre alt, fich einer hohen Blüthe erfreut. Dreizehn theils auf preufsifchem, theils auf bayerifchem Gebiete gelegene Eifenwerke liefern gegen 100.000 metr. Tonnen Roheifen, zu deffen Darftellung thonige Sphärofiderite, in circa 100 Flözen in der Steinkohlenablagerung der Saar vorkommend, dann Minette aus Luxemburg und Lothringen und Rotheifenftein von der Lahn verwendet werden. Obwohl nun ausser der Eisen- und Stahlfabrication noch andere Induftrie zweige an der Saar einen Sitz haben, wie namentlich die Steingut- und Glasfabri cation und die auf das Vorkommen von vorzüglichem Thon begründete Erzeugung von feuerfeften Steinen, fo ift der Kohlenconfum im Saarreviere felbst doch verhältnifsmäfsig geringer, als in den übrigen Steinkohlenbecken Deutſchlands. Von der Production des Jahres 1871 wurden im Saarreviere nur 27.4% confumirt, wogegen das Ruhrbecken gleichzeitig 32.6%, Waldenburg 33 5%, Oberfchlefien 52.6%, Aachen 63.9% ihrer Förderungen felbft verbrauchten. In Tonnen ausgedrückt ftellte fich für die Saarkohle die Confumtion im Grubenbezirke felbft im Jahre 1860 auf. 501.900 metr. Tonnen, 1862 27 1865 " 22 29 1871 27 544.061 644.347 892.854 77 29 " " وو Die Saarkohle ift, Dank der glücklichen Lage ihrer Erzeugungsftätten, feit der Entstehung der jetzigen Communicationsmittel die Waare eines grofsen Marktes. Nun hat es hier freilich lange gedauert, bis eine Eifenbahn im Becken felbft gebaut wurde, da die Saarbrücker Bahn erft im Jahre 1850 theilweife eröffnet werden konnte, allein feitdem hat fich das dortige Communicationswefen gut entwickelt und nach allen Richtungen hin Anknüpfungen gewonnen. Zu der Saarbrücker Eifenbahn, welche, den productivften Theil der Kohlenlager durchziehend, für den Bezirk immer die wichtigfte Verkehrsader bleiben wird, find fodann noch die im Jahre 1858 in Betrieb gefetzte Rhein- Nahebahn und die Pfälzische( Lud. wigs-) Eifenbahn hinzugekommen. Letztere erschliefst die in Bayern gelegene Partie des Kohlenrevieres und fieht über ihre Linien den gröfsten Theil der nach Süddeutſchland und der öftlichen Schweiz beftimmten Kohlenmaffen abfliefsen. Sie verfrachtete im Jahre 1873 1,064.574 metr. Tonnen Kohlen, woraus für die Bahn eine Einnahme von 16 Millionen Gulden öfterr. W. refultirte.( Die Einnahme der Saarbrücker Eifenbahn aus dem Kohlentransporte betrug im Jahre 1872 1,043.767 Thaler.) Bedeutung für den Export kommt auch dem feit 1865 befahrbaren Saarcanale zu, der die Saar mit dem von Paris nach Strafsburg führenden Rhein- Marnecanale verbindet; jedoch find die übertriebenen Erwartungen, die man in Frankreich, die Befürchtungen, die man in Deutſchland an feine Eröffnung knüpfte, nicht in Erfüllung gegangen. Frankreich war immer einer der vornehmlichften Confumenten von Saarkohle. Bei der verhältnifsmäfsig geringen Leiftungsfähigkeit der eigenen Kohlenlager ift dasfelbe, um dem Bedarfe feiner namentlich im Often hochentwickelten, vielfeitigen Induftrie Genüge zu leiften, mit Nothwendigkeit auf den Bezug fremder Kohlen hingewiefen. In Erkenntnifs der Wichtigkeit gerade auch des Saarbeckens hatte man fich franzöfifcherfeits bei Abfchlufs des Staatsvertrages über die Anlage des Saarcanales einen namhaften Theil der Production für das eigene Land fogar vertragsmäfsig gefichert. Durch die Ereigniffe der Jahre 1870 und 1871 ift jedoch eine grofse Wandlung in dem Verhältniffe des Saargebietes zu Frankreich eingetreten und der Kohlenexport dahin erheblich gefunken, was feine natürliche Begründung in dem Umftande findet, dafs diejenigen Diftricte Frankreichs, von welchen die gröfste Nachfrage nach Saarkohle ausging, Elfafs und Lothringen, Deutfchland einverleibt worden find. Ueberdiefs hat die Saarkohle fich inzwifchen 7* 96 J. Pechar, Dr. A. Peez. Preife von Saarkohlen Flammkohlen per Zoll Centner Von der Gruben Louifenthal Reden Heydt Friedrichsthal Itzenplitz Ziehwald Griesborn Sorten I II III I II II III I II III II II Kreuzer öfterr. Währung Silber II II Februar 1864 20 25 20'0 November 20'0 25 0 17 5 IO O 17 5 17.5 17.5 18.75 . 1865 26 25 200 12 5 26 25 200 26 25 18.75 12 5 18 75 December 1868 300 21:25 9.5 26.5 18.5 II 2 27 5 200 10 0 190 18.5 18.5 17.5 Auguft 1872 420 35 0 18 0 400 340 180 42 0 35 0 200 350 330 340 32 5 September 1873 560 480 März 1874 550 460 240 550 450 240 550 450 250 450 42 5 45 42.5 230 53 5 430 230 535 43 5 240 43 5 410 43 5 410 in Süddeutſchland und der Schweiz ein fo reiches Abfatzgebiet errungen, dafs fie den franzöfifchen Markt nicht mehr unbedingt auffuchen mufs, zumal die Production der Saarbrücker Werke an der Schwierigkeit des Abbaues immer eine gewiffe Schranke findet. Belgifche und Ruhrkohle ift in Frankreich meiftens an die Stelle der Saarkohle getreten. Uebrigens bezifferte fich der Export nach Frankreich im Jahre 1857 auf 99 1860 1862 99 " 9 " 1865" 29 945.328 metrifche Tonnen 1,032.347 999.598 1,062.599 99 99 99 29 99 " 99 27 1871 pr. Bahn nur auf 397.288 während von dem 1871 auf dem Saarcanale abgeführten Kohlenquantum von 481.280 metrifchen Tonnen ein ftarkes Drittel für franzöfifche Häfen beftimmt war. Vor dem Kriege war die Saarkohle auf dem Canale über Châlons bis Paris und über Mühlhaufen bis Besançon gegangen, im Jahre 1871 vermochte fie dagegen nach Weften nur bis Vitry- le- Français, nach Süden nur bis Montbeliard zu dringen. Nachdem die Canalfrachten vorzüglich auf gröfsere Entfernungen hin in den beiden letzten Jahren nicht unbedeutende Ermäfsigungen erfahren, hat fich der Abſatz an den Canalplätzen wieder etwas verftärkt und ift insbefondere auch Paris wiedergewonnen worden, deffen Gasanftalten fich vordem faft auschliesslich der Saarkohle zur Herftellung des Leuchtgafes bedienten. Dermalen betheiligen fich an der Speifung diefer Anftalten auch andere Kohlen, feit neuerer Zeit befon ders auch die Kohle von der Ruhr. Die Gefammtausfuhr an Steinkohlen aus dem Saarbecken ift feit den letzten zwölf Jahren conftant geftiegen. Sie betrug im Jahre 1860 1862 " 1,566.700 metrifche Tonnen 1,643.016 29 Mineralifche Kohle. an der Grube. Fettkohlen per per Zoll Centner I Dudweiler Sulzbach Altenwald HeinitzDechen König 97 II III I II III II III I II III I II III I donna adalKreuzer öfterr. Währung Silber 27.5 18.75 27.5 18.75 17.5 250 16 25 10 0 27.5 18.75 27.5 18.75 18.75 26 25 18 75 12.5 18.75 26-8 190 13.75 26.8 19.0 12.5 26.5 18.5 12 5 27.5 20 0 II 25 . 15.0 41 0 41 0 41 O . 42 0 42 0 36.25 550450 350 53 5 440 35 0 550 450 53 5 44 0 350 550 450 35 0 535 44° 35 0 560 50 350 35° 55° 44'5 35 0 550 450 350 535 43 5 340 im Jahre 1865 " 7 1871 22 " 2,302.305 metrifche Tonnen 2,370.204 welches Die Ausfuhrverhältniffe des letztbezeichneten Jahres fpeciell, allerdings an mannigfachen, durch den Krieg hervorgerufenen Störungen litt, geftalten fich zu folgendem Bilde( Siehe Tabelle Seite 98). Nach diefer Ueberficht hatten alfo den gröfsten Confum an Saarkohlen, abgefehen von den in der Nähe gelegenen Theilen Preufsens, die Pfalz, Baden, Württemberg, Elfafs- Lothringen, die Schweiz und Frankreich. Namentlich ift es Elfafs- Lothringen, diefe Heimftätte aller Zweige der Grofsinduftrie, welches ftarke Quantitäten von Saarkohlen, im ungünftigen Jahre 1871 allein 484.622 metriſche Tonnen, aufnimmt. Auch die Schweiz nährt ihre Fabriken mit diefem Brennmateriale und fteigert von Jahr zu Jahr ihre Nachfrage nach demfelben, fo dafs z. B. im Jahre 1862 " 1871 fchon. dort Eingang finden konnten. 82.000 metrifche Tonnen . 110.644 Nach Norden bezeichnen die Mofel und der Main ziemlich genau die Grenze, bis wohin die Saarkohle geht. Weiter nördlich dominirt die Ruhrkohle, mit welcher jene Rheinaufwärts bis nach Ludwigshafen zu concurriren hat. Im öftlichen Deutfchland find Schweinfurt, Nürnberg- Fürth, München die äufserften Plätze mit Saarkohlen- Confume und Zwickauer, Pilfener, Miesbacher Stein- und neuerdings auch böhmifche Braunkohle die Kohlengattungen, die dem weiteren Vordringen der Saarkohle hier ein Ziel fetzen. Nach Süden aber erstreckt fich deren Abfatzrayon über ein ungeheueres Gebiet, da das übrige Süddeutſchland, die Alpenländer, die angrenzenden Theile Frankreichs keine Kohle befitzen. So bezog fchon im Jahre 1871 die Brennerbahn den gröfsten Theil ihrer Dienft 98 J. Pechar, Dr. A. Peez. kohlen von der Saar, die Fabriks orte in Vorarlberg, dann Chur und Glarus in der öftlichen, Locle, Laufanne und Genf in der weftlichen Schweiz brannten Saarkohle, und es ift nicht dem mindeften Zweifel unterworfen, dafs letztere nach Vollendung der St. Gotthardbahn auch in die oberitalienifche Ebene hinabfteigen wird. Kohlenausfuhr des Saarbeckens im Jahre 1871. Abfuhr: Per Waffer, auf der Saar in der Richtung Trier. auf dem Saarcanale " Einzeln Zufammen metrifche Tonnen 55.881 481.280 537.161 Auf den Eifenbahnen: Linie Saarbrücken- Trier. 129.500 von Neunkirchen auf der Pfälzifchen Bahn: Neunkirchen St. Wendel( Bingen) nach Stationen der Pfälzifchen Bahnen 212-483 354.706 99 " " Heff. Ludwigsbahn 20.248 Main- Neckar- Bahn " 99 29. 3.250 Badifchen Bahn 99 99 29 189.586 99 99 " Württemberg. Bahn 163.637 99 Bayerifchen Staatsund Oftbahn. 30.577 27 39 Oefterr. Südbahn ( Brenner) 12.177 via Waldshut nach der Schweiz 37.034 99 Weifsenburg nach elfäfsifch. Stationen 69.001 fchweizerifch. 29 99 " 9 " 9 27.528 907.744 Linie Saarbrücken- Saargemünd( Reichsbahn): nach Stationen der Reichsbahn. Schweiz " 7 29 " . 139.946 46.082 186.028 Linie Saarbrücken- Forbach( Metz) nach lothringifchen Stationen( inclufive Forbach) 275.675 ' nach Stationen der franzöfifch. Oftbahn via Pagny 116.700 " Fontoy. Summa 4.913 397.288 1,833.043 2,370.204 Bemerkenswerth für die Exportverhältniffe erfcheint fchliefslich noch der Umftand, dafs die Wafferverfrachtung im Vergleiche zu dem Transporte auf der Eifenbahn fortdauernd finkt. Es wurden z. B. verfrachtet im I. Semeſter 1873 Mineralifche Kohle. 1872 99 per Eifenbahn • Schiff. 1,244.059 metrifche Tonnen. 256.601 99 99 1,087.525 metrifche Tonnen, 330.349 99 " 9 ohne dafs die Schifffahrt im Frühjahre 1873 mit gröfseren Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hätte, als im Jahre 1872. Diefe Erfcheinung hat wohl zumeift ihren Grund in der Annahme eines ermäfsigten Kohlentarifes feitens der elfafs- lothringifchen Bahnen und in der bei faft fämmtlichen an der Verfrachtung der Saarkohle betheiligten Bahnen erfolgten anfehnlichen Vermehrung ihres Wagenparkes, welche einen rafchen Abflufs der Kohle ermöglicht und die Wiederkehr einer Wagencalamität wie die des Jahres 1871 nicht mehr befürchten läfst. Ueberhaupt verdient das Entgegenkommen jener Bahnen gegen Producenten und Confumenten, nicht in letzter Reihe auch rückfichtlich ihrer Tarifspolitik, hervorgehoben zu werden, was freilich bezüglich der im Saarbrücker Kohlenbecken felbft liegenden Bahnen nicht Wunder nehmen darf, da fie gleich wie die Mehrzahl der dortigen Kohlenwerke im Befitze oder doch in der Verwaltung des preufsifchen Staates fich befinden. Nicht ohne Intereffe dürfte die nachftehende Zufammenftellung über die Frachtbeträge( inclufive Expeditionsgebühr) von zwei der bedeutendften Kohlenftationen des Saarbeckens nach einer Reihe der gröfseren Abfatzplätze fein( Siehe Tabelle Seite 100). Das Jahr 1873 geftaltete fich trotz der Erfchütterung des Geldmarktes und der fchlechten Conjunctur in der Eifeninduftrie für die Kohlenwerke an der Saar zu einem der beften des letzten Jahrzehntes. Lebhafte Nachfrage, hohe Preife, wie folche oben angegeben, geregelte Abfuhrverhältniffe gaben dem verfloffenen Betriebsjahre feine Signatur. Einem Berichte über die Betriebsrefultate und den Kohlenabfatz der königlich preufsifchen Saarbrücker Steinkohlengruben im Jahre 1873 im ,, Glückauf" vom 29. März und 5. April find folgende Daten zu entnehmen. Die Gefammtproduction der fiscalifchen Werke betrug 4,268.619 metr. Tonnen, von welchen 467.149 metr. Tonnen vercokt wurden. An eigentlicher Kohle gelangten zum Abfatze 3,270.000 metr. Tonnen, und zwar: per Eifenbahn. Waffer. " Achfe 99 . 2.341.679 561.672 367.152 " 79 " 99 " 99 Gegenüber dem Vorjahre ift beim Eifenbahnabfatze eine Steigerung um 10 Percent, bei dem Abfatze auf dem Wafferwege und zu Lande dagegen eine beträchtliche Abnahme zu conftatiren; diefelbe dürfte beim Waffertransporte 17 Percent betragen. Die Gründe für diefe Abnahme find oben fchon berührt worden. Bezüglich der Vertheilung des Abfatzes von Kohle und Coke nach den verfchiedenen Abfatzrichtungen ergeben fich für 1873 im Entgegenhalte zu 1872 folgende Zahlen: Es wurden abgefetzt( abgefehen von dem Selbftverbrauche der 9 Gruben): 1873 1872 Nach dem preufsifchen Inlande 1,260.450 metr. Tonnen 1,229.900 metr. Tonnen, Süddeutſchland " I 030.850 " " Luxemburg " Elfafs- Lothringen 27.900 I, 148.200 1,022.500 21.650 99 99 29 " I, 154.050 33 79 • " " יי Frankreich " Schweiz 77 Oefterreich Italien.. 483.750 193.200" 9 7.900 99 50" " REF= " " 396.750 178.450 17 29 " 99 " 20.500" 59 29 99 100 nach J. Pechar, Dr. A. Peez. Tariffatz für Kohlen. Sulzbach on Dudweiler Entfernung in Tariffatz pro Entfernung in Tariffatz pro Kreuzer ö. W. Kreuzer ö. W. Forbach. Metz • Trier. 2.52 19 12 2.9 12:00 91 03 12'74 96 64 78 7.8 96 I151 2.09 15.85 0.652 27 I 292 1180 89:51 7.8 0.659 8.8 0.687 12 31 93 38 93.38 8.5 0.691 Ludwigshafen 16.66 126 38 10 3 0.620 17.09 129 64 II I 0-647 Luxemburg Mannheim Strafsburg Carlsruhe Mainz. Coblenz Darmſtadt Mühlhaufen Stuttgart Bafel Nürnberg via • Bingen Nürnberg via Mannheim Amberg via 17.80 135 03 18 01 136-62 19 40 147 17 21.66 164 31 22.20 168 41 10 3 0.581 17 70 134 27 10 3 0 582 118 0-655 18:44 139.88 12 1 0657 10 8 13.7 0.631 0.556 19 30 146 41 10 7 10 7 0557 22.90 173 72 14'0 0'6 10 12 3 0552 22 63 17 167 12.6 0.555 26 19 198.68 I 14 1 0538 26 53 201 25 14'0 0'526 27.69 210 05 14'9 0536 28 12 213 32 15 2 0539 33.60 254 89 17.0 0.491 33.76 256 10 37 70 286 00 23.7 0 701 34 19 259 36 24 0 0 701 18 3 0484 37 44 284 00 18.2 0.487 59 47 451 14 0 540 59 90 454 40 0548 56.17 426 10 325 0579 56 60 429 36 32.8 0.580 Bingen 9 . 68 47 519 41 0.568 68 90 522 67 0.569 Amberg via Mannheim München 65 17 494 38 389 0597 65-60 497 64 39.2 0.598 68 38 518-73 37 3 0.546 0.546 69.50 527 22 40 1 0.576 Genf • 72 11 547 00 40 3 0558 7184 545 00 40.2 0.560 Nancy 19 II 145 00 15.6 0.816 19 II 145 00 15.6 0.8 16 St. Dizier 36.65 278.00 20 9 0570 36.65 278.00 20 9 0'570 Châlons sur Marne 35 20 267.00 22.7 0645 0.645 35 06 266.00 22.6 0.645 Reims 37 44 284 00 22.7 0.606 37 31 283 00 22.6 0.606 Troyes 48.77 370 00 28-2 0578 48.77 370.00 28.2 0.578 Paris. 57 34 435 00 28.4 0.495 57 21 434 00 28.3 0 495 Mineralifche Kohle. 101 Während alfo der Abfatz nach Süddeutſchland, Luxemburg, der Schweiz und namentlich nach Frankreich ftark gewachfen ift, macht fich rückfichtlich des preufsifchen Inlandes, Oefterreichs und Elfafs- Lothringens ein Rückgang bemerklich. Der geringere Confum in Elfafs- Lothringen erklärt fich einfach durch den fchwächeren Betrieb der dortigen Eifenhütten und Etabliffements der Baumwollinduftrie im verfloffenen Jahre. Oefterreich bezog nur Dienftkohlen für die Brennerbahn und Italien eine erfte Probefendung Saarkohlen über Belfort und den Mont- Cenis. Von der gefammten Cokeproduction der fiscalifchen Werke wurde, wie früher, faft die Hälfte im preufsifchen Inlande, d. h. in der Rheinprovinz und Naffau, verbraucht. III. Das oberfchlefifche Kohlenbecken.* Das reiche oberfchlefifche Steinkohlengebiet nimmt eine ausgedehnte Fläche ein, umfaffend die Kreife Ratibor, Rybnik, Plefs, Beuthen und Toft. Auf der namhaften Strecke zwifchen Zabrze und Myslowitz und fodann noch auf einzelnen verftreuten Punkten tritt das Steinkohlengebirge zu Tage. Zu einem grofsen Theile wird die Steinkohlenablagerung durch jüngere Gebirgsformationen bedeckt; allein derjenige Theil, in welchem die Kohlen leichter zugäng. lich find, umfafst einen Flächenraum von 7 Quadratmeilen. Auf diefem Raume lagern in einer Tiefe von weniger als 300 Lachtern etwa eine Billion Centner Kohlen, nach oberflächlicher Abfchätzung aber in einer gröfseren, bisher noch für unerreichbar zu erachtenden Tiefe etwa noch weitere vier Billionen Centner. Ueber die fchlefifche Grenze fendet das oberfchlefifche Becken feine Ausläufer nach. Oefterreich( Mähren, Schlefien und Galizien) und Rufsland( Polen) hinüber. Das Revier hat ziemlich flache, nur wenig verworfene Flöze von 3 bis 4 Meter Mächtigkeit, die bei ihrer regelmässigen Lagerung in einem Betriebe herausgenommen werden, aber gerade wegen ihrer bedeutenden Mächtigkeit oft nur eine unvollständige Auskohlung zulaffen und manche Baufchwierigkeiten darbieten. Gegen Krakau hin finden fich zahlreiche Flöze von durchſchnittlich 25 Fufs Stärke, die eine gefammte Mächtigkeit der Kohle von 333 Fufs bilden. Tagbau findet nur an wenig Punkten ftatt; dagegen find die Koften der Förderanlagen( z. B. im Vergleich mit Mährifch- Oftrau) in der Regel mäfsig und werden behufs einer Jahresförderung von 3 Millionen Centnern nur auf 20.000 bis 30.000 Thaler angenommen. Die Kohlen find bei Zabrze Backkohlen, bei Königshütte Sinterkohlen, bei Laurahütte Sandkohlen. Südlich find Backkohlen feltener, überwiegen jedoch wieder bei Petrowitz. Gaskohlen kommen nur vereinzelt vor. In der Louifenglück und Georgigrube bei Rofdzin findet bei der Kohlengewinnung die Schrämm. und Schlitzmafchine Anwendung. Das Vorkommen von Brauneifenfteinen und Thoneifenfteinen, zwar nicht im Steinkohlengebiete, aber in der angrenzenden Tertiärformation gab in Verbindung mit dem Kohlenreichthume des Landes Anlafs zu einer Eifeninduftrie, welche im Jahre 1871 in 38 Coke Hochöfen 218.881 metrifche Tonnen und in 17 Hochöfen mit Holzbetrieb 13.038 metrifche Tonnen Roheifen erzeugte. Ferner wurden in Oberfchlefien in demfelben Jahre 162.621 metrifche Tonnen Stabeifen gröfstentheils durch Puddelprocefs hergeftellt. Aufser diefer Eifeninduftrie ift noch die Galmei- und Zinkproduction von grofser Bedeutung. Diefe Induftriezweige verbrauchen an Ort und Stelle etwas mehr als ein Drittel der gefammten Kohlenförderung Oberfchlefiens. Während aber vor drei Decennien noch der Schwerpunkt der Steinkohlenverwendung im Zinkhüttenbetriebe lag, nimmt jetzt die Eifeninduftrie ein faft um das Vierzehnfache gröfseres Quantum in Anspruch. * Bei diefer Darſtellung ward mehrfach die von Dr. Adolf Frantz in Beuthen trefflich redigirte ,, Zeitfchrift für Gewerbe, Handel und Volkswirthschaft" benützt. 102 J. Pechar, Dr. A. Peez. Hierüber gibt folgende Tabelle näheren Auffchlufs: Der Confum an Kohlen beträgt bei den Zinkhütten Eifenhütten 1842 1869 1872 metrifche Tonnen 229.964 686.127 503.831 132.228 I, 105.040 1,817.711 Von den Kohlenwerken find die Gruben„ König“ bei Königshütte und " Königin Louife" bei Zabrze in ftaatlichem Eigenthume und Betriebe. Sowohl die Steinkohlen und Coke, wie die Eifenfteine, Galmei- und Bleierze waren auf der Wiener Weltausftellung in zahlreichen Proben vertreten. Die Bedeutung von Oberfchlefien als Productionsland ift lange Zeit hindurch nicht genügend gewürdigt worden, fie ift aber grofs genug, um den weftdeutfchen Kohlenlagern ebenbürtig zur Seite geftellt zu werden. Die erfte verbürgte Erfchliefsung und der Verbrauch der oberfchlefifchen Steinkohle geht nur bis in das Jahr 1790 zurück. Die hiftorifche Entwicklung der oberfchlefifchen Kohlenproduction findet ihren Ausdruck in folgenden Ziffern: Kohlenproduction im oberfchlefifchen Becken. Steinkohle Braunkohle Im Jahre metrifche Tonnen 1790... 7.850 1805 84.500 1817. 146.850 1842 546.808 1847.. 931.000 1854 1,513.800 1855. I, 747.450 1856. 2,032.650 1857. 2,119.156 1858 2,463.700 1859.. 2,227.553 1860. 2,478.276 2.668 1861. 2.537.938 1.268 1862... 3,072.748 2.562 1863.. 3.458.920 2.465 1864. 3,859.485 1.306 1865.. 4.304.669 1.875 1866.. 4.241.376 2.676 1867. 4,631.938 2.498 1868 5.307.140 4.015 1869. 5.555 333 2.769 1870.. 5,854.403 2.763 1871 6,552.202 3.048 1872 7.251.838 3.026 1873... 7,839.315 Mineralifche Kohle. 103 Im Jahre 1872 participirte Oberfchlefien an der Gefammtförderung des deutfchen Reiches mit 17:13 Percent, und es hat die Production in den fünf Jahren von 1866 bis 1872 um 70.98 Percent, in den fünf Jahren von 1867 bis 1873 um 69 Percent zugenommen. Ein folcher Auffchwung war natürlich nur dadurch möglich, dafs fich die Erkenntnifs der vorzüglichen Eigenfchaften der Steinkohle Oberfchlefiens immer mehr Bahn brach. Der englifchen Kohle ähnlich findet diefelbe in ihren verfchiedenen Arten zu allen Zwecken, denen Steinkohle dienftbar gemacht werden. kann, mit gröfstem Vortheile Verwendung. Grundmann in feiner Schrift:„ Sind die englifchen Steinkohlen beffer als die fchlefifchen?" gibt von den Producten einiger der bedeutendften oberfchlefifchen Gruben die chemifche Analyfe( Siehe Tabelle Seite 105). Das Percentverhältnifs der verfchiedenen Kohlenforten ergibt fich aus folgender Tabelle: Percentverhältnifs der Kohlenforten. Percent Im Jahre Stückkohle Würfelkohle Nufsklein- Staub gemifchte Kohlen 1866 52.49 6.44 4107 1867 50.38 7.84 41-78 1868 52 19 6.98 40.23 1869 49.57 7 17 43.36 1870 46.37 6.01 40.29 7:33 1871 45.38 6.29 1872 41.58 6.81 39.60 43 19 8.73 8:42 Der Preis der Steinkohle an der Grube hat in den letzten 10 Jahren eine ftetige Erhöhung erfahren, ja derfelbe ift feit 1861 faft um das Dreifache geftiegen. Der Werth eines Centners Kohle betrug im Durchschnitte: 1861 1.82 Sgr. 1862 1.68 " 99 " 9 1865 186 Sgr. 1866 1.92 1867 1.89 1868 2.05" " 29 1869 2.27 Sgr. 1870 2:39 1871 2.90 1872 4'20 " 99 99 1863 174 1864 1.78 Näheres hierüber ift der folgenden Zufammenftellung zu entnehmen, welche auch die gegen das Vorjahr allerdings etwas reducirten Grubenpreife des Jahres 1874 enthält. Die Preife find in Kreuzern öfterr. Währ. Silber zu verftehen Preife oberfchlefifcher Kohlen an der Grube. Königin Louife- Grube. Kohlen FettFlammKleinKleinStück- WürfelStück Würfel I. II. 1872 1874 37.5 1874 März Auguft 1872 35 September 1872 40 September 1873 40 Februar März 32.5 22'5 37.5 25 37.5 32.5 37.5 30 - 32 5 21 75 16.25 17.5 ungefiebt gefiebt 15 20 35 20'0 17.5 22.5 40 22'5 18.75 20 40 18.75 37.5 20˚0 15 20˚0 17 00 37.5 37 5 25 17.5 17.5 13.75 104 J. Pechar, Dr. A. Peez. Königsgrube. Stück Würfel- NufsKleinStaubIm Jahre K 0 h l e ungefiebt gefiebt 1864 13.75 12.5 8.75 4'15 März 1868 16.25 15 IO 6.25 März 1872 30 30 25 13.75 1215 September 1873 37.5 31 25 18.75 Februar 1874 35 35 31 25 15 13.75 ΙΟ 5 6.25 5 Februar Januar September 1873. 1871. 1872. . Hohenlohe Hütte. Stück- Würfel NufsK ohle Klein35 32.5 30.0 35 0 35.83 33.75 30.0 15 0 150 31.67 22.08 12.5 Eine gröfsere Anzahl von Gruben in Oberfchlefien pflegt feit einigen Jahren ihre präliminirte Jahresförderung im Wege der Licitation zu verkaufen. Die Zahl der bei dem Kohlenbergbaue verwendeten Dampfmaschinen und deren Pferdekräfte zeigt folgende Zufammenstellung: Zahl und Stärke der beim Kohlen- Bergbaue verwendeten Dampfmaschinen. 1866 1867 Im Jahre 1869 1872 Anzahl Pferdekräfte Anzahl Pferdekräfte Anzahl Pferdekräfte PferdeAnzahl kräfte zur Förderung zur Wafferhal84 1661 126 2425 120 3496 138 4809 tung.. zu anderen 67 3220 76 5640 83 6069 106 9477 Zwecken 33 302 348 62 Zufammen: 184 5183 223| 8170 242 9913 306 19 105 39 606 14892 Oberfchlefiens Steinkohlengruben befchäftigten nach der Statiſtik des Oberfchlefifchen Berg- und Hüttenmännifchen Vereines an Arbeitern: Königin Louife: Namen der Steinkohlen- Gruben Specififches Gewicht Wafferverluft bei 100 Grad Celfius per Centner Aufnahme von Feuchtigkeit per Centner Kohlenstoff Wafferftoff Chemiſche Analyfen oberfchlefifcher Kohlen. Beftandtheile der bei 100 Grad Celfius getrockneten Steinkohlen Stickftoff Schwefel per Centner Sauerstoff Afche Schädlicher Schwefel Ober Pochhammer- bank flöz König: Unter1292 1916 2438 83.701 5.663 0.978 0.760 4.920 3.978 0.570 5048 7709 9 5139 9 8.031 73 982 bank 1261 2438 3080 86 020 6.003 IIOI O 274 4'410 2'192 0.228 5 452 7985 3 5323 5 8.318 75 740 Sattelflöz, Bahnfchacht Gerhardflöz, Hedwigfchacht Caroline: ( combin. Hohenlohe) Glücksflöz 1289 3524 3524 83 417 5 318 1056 0.553 7.221 1292 4834 4043 83 970 5 400 0.651 0.932 6'020 1293 5161 4146 83 0785 004 0527 0.165 9.676 2: 435 0 400 4.416 7539 8 5026.6 7.854 68.941 3.027 0.887 4648 7637 3 50916 7.954 71041 1550 0099 3.795 7368 1 49121 7.675 70 705 105 Verfügbarer Wafferftoff Wärme- Einheiten Praktifcher Brennwerth Dampf aus Waffer von 100 Grad Celfius für 1 Pfund Steinkohlen in Pfunden Ausbeute an Coke per Centner Mineralifche Kohle. 106 J. Pechar, Dr. A. Peez. Zahl der Arbeiter in den Kohlenwerken Oberfchlefiens. Arbeiter: Im Jahre Männer Frauen Kinder 1866 16.548 427 1867 18.302 589 1868 20.104 1196 1869 22.242 1097 1870 22.220 1226 1871 27.274 1417 149 1872 28.739 1837 146 Die Löhne ftehen keineswegs niedrig, find aber doch billiger, als z. B. in Oftrau. Neben freier Wohnung verdient ein tüchtiger Bergmann I Thlr. den Tag. Für Arbeiterwohnungen ift in Oberfchlefien an vielen Orten geforgt. Sehr günftig find die Abfuhrverhältniffe. Das Kohlenrevier wird von mehreren Bahnen durchkreuzt, und zwar den verfchiedenen Linien der Oberfchlefifchen Bahn, der Wilhelms- und der Rechte- Oder- Uferbahn. Von der erftgenannten wurde die Hauptlinie Breslau- Myslowitz ftückweife in den Jahren 1842 bis 1846 dem Betriebe übergeben, andere zahlreiche und wefentliche Vervollſtändigungen der Bahn bis auf die neuefte Zeit ausgeführt, während die Eröffnung der Wilhelmsbahn von Kofel bis Oderberg im September 1848, die der Rechte- Oder- Uferbahn in ihrer ganzen Ausdehnung im Juli 1871 ftattfand. An Zweigbahnen und Anfchlufsgeleifen für Kohlenwerke und induftrielle Etabliffements befafs mit Ende 1872 die Oberfchlefifche Bahn allein 148, in einer Gefammtausdehnung von 53.025 Meter. Hievon waren 82 Locomotiv- und 66 Pferdebahnen. Der Trans portmittelpark der drei genannten Bahnen umfafste 1872 325 Locomotiven und 7059 Kohlenwagen. Die Eifenbahnen Oberfchlefiens find fämmtlich Privatbahnen und gehen zum Theile durch Billigkeit der Tarife faft allen anderen Bahnen voran. Die dem Staate gehörige, in Breslau an die Oberfchlefifche und die Rechte- Oder- Uferbahn anfchliefsende Niederfchlefifch- Märkifche Bahn wird nach ihrer erfolgten Weiterführung bis in das Oberfchlefifche Steinkohlenrevier erforderlichenfalls mit ihrer, durch keine Privatrückfichten beftimmten Concurrenz dazwifchen treten können, aber auch der Verwaltung der Oberfchlefifchen Bahn gebührt die Anerkennung, dafs fie fchon fehr früh eine billige Tarifirung für Steinkohlenverfendungen nach anderen Bahnen zu ihrem Principe erhob, ein Princip, das bis jetzt finanziell zu den beften Erfolgen führte. Es möge hier eine Zufammenftellung der zwifchen den wichtigften Kohlenftationen der Oberfchlefifchen Bahn und den gröfsten Abfatzplätzen geltenden Tariffätze ihre Stelle finden( Siehe Tabelle Seiten 108 und 109). Bemerkenswerth ift die Art der Tarifbildung der Oberfchlefifchen Bahn. Diefelbe hat das von ihr durchfchnittene Kohlenrevier in zwei Gebiete und jedes diefer Gebiete wieder in drei Gruppen zerlegt. Das öftliche Kohlengrubengebiet zerfällt in die Gruppen: Zabrze Morgenroth, Schwientochlowitz Kattowitz und Myslowitz- Neuberun. Das weftliche Steinkohlengrubengebiet theilt fich in die drei Rayons: Czernitz, Rybnik und Orzefche- Nicolai nebft dazu gehörigen Gruben. Es wurde nun zum Grundfatze erhoben, dafs ein Zoll- Centner Kohle nach Breslau kofte: Mineralifche Kohle. Aus dem öftlichen Grubengebiete von den Stationen: Zabrze Morgenroth Schwientochlowitz Kattowitz Myslowitz- Neuberun. Meilen Kreuzer 22 4 16.93 23.9 17.27 28.6 17.61 Aus dem weftlichen Grubengebiete von den Stationen: per Centner und Meile 0.7558 0.7290 0.6157 per Centner und Meile Czernitz Rybnik Orzefche- Nicolai Meilen Kreuzer 21.8 16.93 0.7766 23 1 27.5 17.27 0.7476 17.61 0.6404 107 Die Gefammtfätze ab Zabrze find demnach gleich denen ab Czernitz 9" 27 19 99 99 29 Schwientochlowitz find demnach gleich denen ab Rybnik Myslowitz find demnach gleich denen ab Orzefche- Nicolai. Es zeigt fich alfo, dafs die Frachtdifferenz zwifchen dem 21 8 Meilen von Breslau entfernten Czernitz und dem 28.6 Meilen entfernten Neuberun im Ganzen nur o'6 kr. per Centner beträgt, obwohl die Entfernung eine um faft 7 Meilen gröfsere ift. Es beftehen dermalen fünf Verbände für den directen Kohlenverkehr von den Stationen der Oberfchlefifchen Eifenbahn nach anderen Bahnen. Die Principien nun, auf welchen die Tarife für diefe Verbände beruhen, finden in Folgendem ziffermäfsigen Ausdruck. In dem Verbande zwifchen der Oberfchlefifchen und der NiederfchlefifchMärkifchen Eifenbahn fällt der Frachtfatz der Oberfchlefifchen Bahn per Centner und Meile mit der Entfernung, und ganz dasfelbe findet auch bei dem Frachtfatze der Niederfchlefifch- Märkifchen Bahn ftatt. Es fchwankt der Einheitsfatz( inclufive Expeditionsgebühr): Für Stationen; bei der Oberfchlefifchen der 1. Gruppe von o'642 bis 0 465 kr. " 3. 29 99 0.53°" 0.423" bei der Niederfchlefifch- Märkifchen Bahn. von o 872 bis 0 428 kr. 0.778 0401" 99 In allen übrigen Verbänden beftehen fixe Sätze. Per Centner und Meile hebt ein: Die Oberfchlefifche Bahn von 0 4900 bis o 3973 kr. 0.4042" 99 " Die Niederfchl. Märk. Bahn( als Tranfitobahn) Die Empfangsbahn aber I Pf.= 04166 kr. per Centner und Meile nebft der fixen Expeditionsgebühr von 15 kr. Da, wo die Kohlenfendungen die Berliner Verbindungsbahn benützen müffen, tritt noch eine Ueberführungsgebühr von 125 kr. per Centner hinzu, von welcher o'65 kr. auf die Niederfchlefifch- Märkifche als Eigenthumsbahn und o'6 kr. als Präcipuum auf die Empfangsbahn entfallen. Die der Niederfchlefifch- Märkifchen Bahn zukommenden o'65 kr. Ueberführungsgebühr find jedoch in deren obigem Antheile von 0'4042 kr. fchon enthalten. Die Einheitsfätze der Empfangsbahnen betragen alfo: bei 5 Meilen Entfernung 0.8367 Kreuzer, IO 97 99 " 99 15 20 " وو 0.6267 0.5567 0.5216 99 27 Da für das oberfchlefifche Becken auch nach der Entftehung der RechteOder Uferbahn, welche ihre Verbandtarife auf gleicher Bafis wie die Oberfchlefifche Bahn aufgebaut hat, fich in der jüngsten Zeit noch weitere Concurrenzbeftrebungen geltend machen werden, und zwar durch den Bau einerfeits der kürzeren Strecke Breslau Raudten Croffen Frankfurt a/ O. Berlin, anderfeits der die Entfernung kürzenden Linie Creutzburg- Kempen- Zarozin Pofen, fo dürfte - 108 J. Pechar, Dr. A. Peez. Tariffatz für Zabrze V on Kattowitz Neuberun Mineralifche Kohle. Kohle n. Von Czernitz Rybnik Nicolai 109 Nach Meilen Kilometern Centner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometern CentCentner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometern Entfernung in Frachtfatzpr. Entfernung in Frachtfatzpr. Entfernung in Fracht Centfatzpr. Entfernung in Frachtfatzpr. Entfernung in Frachtfatz pr. Entfernung in Frachtfatz pr. CentCentner ner Kreuund Meile zer Meilen Kilometern CentCent- ner ner und Meile Kreuzer Meilen Kilometern CentCentner ner und | Meile Kreuzer Meilen Kilometern CentCentner ner und Breslau 22'5 170 7 16.90 0.751 25 0 189.6 17.25 0.690 28.7 217 7 17.60 Dresden( Neuft.) 58 2 441 5 Stargard 67 4 511 3 30 40 29.55 O'522 0439 60 7 460.5 30.80 0.507 64 4 488.5 31 15 0.614 0.484 21 8 165 4 57 5 4362 16.90 0.775 30° 45 0.530 23 2 176.0 17.25 O'744 26.9 204'1 Meile Kreuzer 17.60 0.654 58.9 446.8 30.80 0.523 62.6 474 9 31 15 0.498 69.9 530 3 30 10 0 430 73 6 558 3 30'45 O'414 66.7 Berlin. 70 4 534 0 30.65 0.435 Stettin 71 9 545 4 31 35 0436 72 9 74 4 553 0 31 00 0'425 76.6 506 0 29.55 0443 68 1 516.6 30.10 0'442 71-8 544 7 30 45 0'424 581 1 31 35 0'409 69.8 529 5 30.65 0.439 71 1 539 4 31 00 0'436 75'5 572 7 31 35 0415 564 4 31-80 0'427 78 2 593 2 32 05 O'410 Leipzig 73 7 559 I 37.75 O'512 76 2 578 0 38.10 0.500 79.9 606 1 38 40 0.480 73 0 553 8 37.75 0.517 74 4 564 4 38.10 O'512 78 1 592 5 38.40 0.492 Danzig 85.8 650 3 37 25 O'434 88.3 669 3 37.60 0.425 92 1 698.6 37.59 0* 408 85 1 645 6 37 25 0* 444 85.5 648.6 37.60 0.440 89.2 676.7 37.95 0'425 Magdeburg 90 4 685 8 39.60 0.438 92 9 704 7 40'00 0'430 96.6 732 8 40 35 0-418 89.9 682 0 39.65 0.441 91 1 691 1 40.00 0.439 95 5 724 5 40* 35 0.423 Königsberg 103 3 783.6 44.55 0431 105.8 802.6 44 90 0'424 109.6 831 4 45 25 0.413 102 6 778 3 44 55 Hamburg 108 6 823 8 47.80 0.440 III I 842 8 48 20 0'434 114 8 870 9 48.55 0434 104 0 788.9 44'90 0'432 107'7 817 0 45 25 0° 420 0.423 Warfchau 45 1 342 I 27.82 0.617 42.6 323 1 25'92 o 608 44 9 340 6 26.91 107.9 818.5 47 85 0'443 109 3 829 1 48.20 0'441 113 O 857 2 48.55 0.430 0'599 . Wien 49 9 378 5 45 70 C916 49 8 377 8 39 10 0785 46 1 349 7 37'30 0.809 Reichenberg 55.8 42313 Peft... 79 3 601 6 27 10 56.05 0.486 54 7 414 9 25.80 0.472 58.4 443 0 26.50 43 0 326 2 39 10 0 909 44 4 336.8 39 10 o'880 48.1 364.9 39 10 0.813 0* 454 o 707 78 7 597 8 53 70 0.682 77'4 587 1 56.40 55 1 418 0 27 15 0.493 56.5 428.6 27.90 0'493 60° 2 456.7 27.75 0.461 0.729 noch eine weitere Herabfetzung der jetzt fchon fo niedrigen Tarife zu erwarten fein. Man hatte fich in Oberfchlefien lange geweigert, an die radicale Löfung der Tariffrage zu fchreiten, nunmehr aber erkennt man, von welchen Vortheilen diefe hauptfächlich im Jahre 1863 und 1864 Dank der Ingerenz des kgl. Finanzminifters Freiherrn von der Heydt bewirkte Löfung begleitet ift. Im Jahre 1872 belief fich die Gefammteinnahme aus dem Kohlen und Coketransport für die Oberfchlefifche Bahn auf. 3,052.700 Thaler Rechte Oder- Uferbahn auf.. 891.058 27 Bei den( für den Transport nach auswärtigen Plätzen) niedrigen Tarifen war auch die Verzinfung der Actien der Oberfchlefifchen Bahn für die Inhaber bisher fehr vortheilhaft; fie betrug feit dem Jahre 1845 in den einzelnen Jahren: Was den durch die Bahnen vermittelten Kohlenvertrieb anbelangt, fo kommen aufser den nördlichen und öftlichen Provinzen Preufsens hauptfächlich Oefterreich und Ruffifch- Polen als Abfatzgebiete für die oberfchlefifche Steinkohle in Betracht. Im Jahre 1872 gingen bahnwärts nach Ruffifch- Polen. Oefterreich. 29 27 dem übrigen In und Auslande Zufammen . 204.215 metriſche Tonnen, 1,074.127 2,855.069 4, 133.411 29 99 27 99 22 Oefterreich fpeciell confumirte an oberfchlefifcher Kohle: Im Jahre Percent Im Jahre Percent im Jahre 1860 86.826 metrifche Tonnen, 1861 109.19 1 17 1845 1846 434. 5% 1859 6 1/12 1862 128.628 27 " 1860 77 7% 0 1863 152.779 99 " " 1847 6 1861 7 9/10 1864 127.516 " " 1848 6% 1862 1013/15 " " 1865 I 37.252 99 27 1849 1850 1851 548 5712 1863 10 ½ 1866 152.4 II 27 99 وو 99 7 1864 IO " 12 1867 291.532 29 1865 II 1868 361.336 no " " 1852 IO 1866 12 " 1869 528.254 " 77 1853 10 1867 13 3 27 1870 698.48 1 " وو 1854 10% 1868 15 " 1871 966.269 وو 1855 1116 1869 13% 13 ½ 1872 " 2 29 . 1,074.887 27 29 " 1856 II 6 1870 12 23 1857 13 1858 30 1871 13% 8% 1872 13% Vor Allem ift es Wien felbft, welches feine Verforgung mit Kohle von Oberfchlefien erhält. Die durch die Kaifer Ferdinands- Nordbahn beforgte Zufuhr ftieg in den letzten Jahren in überrafchender Weife und würde wohl noch grössere 8 110 J. Pechar, Dr. A. Peez. Dimenfionen annehmen, wenn die eben genannte Bahn ihre Frachtfätze für Kohle noch einigermafsen reduciren würde. Im Jahre 1871 langten auf dem Nordbahnhofe in Wien 440.953 metr. Tonnen oberfchlefifcher Kohle an, wovon in Wien blieben. 389.970. auf die Südbahn übergingen 31.710 27 16.773 29 99 " " 99 über die Neu- Szönyer Linie nach Ungarn abfloffen Die Fracht beträgt - von Oswieczim nach Wien( 42 0 Meilen 318.6 Kilometer) 34'0 kr. 29 Oderberg Dzieditz 97 " 9 29 27 29 36.5 39.0 = 29 ==" 276.9 295.8 " 29.1 99 32.5 Auch in der Hauptftadt des deutfchen Reiches dominirt gegenwärtig unter den verfchiedenen Kohlengattungen, welche dem Bedarfe derfelben an mineralifchen Brennftoffen zu genügen fuchen, die oberfchlefifche Steinkohle. Im Jahre 1849 kam der erfte Transport oberfchlefifcher Kohle auf der Niederfchlefifch- Märkifchen Bahn in Berlin an. Im Jahre 1852 betrug die Einfuhr nur 99 99 1862 dagegen bereits.. und 10 Jahre fpäter, 1872, fogar. 14.700 metrifche Tonnen 125.350 500.334 " 27 29 27 eine Ziffer, welche der Import englifcher Kohle in Berlin niemals auch nur annähernd erreicht hat. In Ungarn hat die oberfchlefifche Kohle feit Eröffnung der Kafchau- Oderberger Bahn, welche im Jahre 1872 fchon 40.000 metriſche Tonnen verfrachtete, ein gutes Abfatzgebiet gefunden. In Peft allein dürften 30 bis 40.000 metrifche Tonnen oberfchlefifcher Kohle zur Verwendung kommen und darüber hinaus gelangt fie nach Szegedin, Temesvár und Arad. Zur Heizung ihrer Locomobilen bedienen fich die Gutsbefitzer in den Theifsgegenden, nächft der Braunkohle von Salgó- Tarján, vorzugsweife der oberfchlefifchen Kohle. Auch die rumänifchen Eifenbahnen, welche von der Heizung ihrer Locomotiven mit Holz zur Kohlenfeuerung übergehen wollen, ftanden im Anfange des Jahres 1874 mit oberfchlefifchen Gruben wegen Lieferung von jährlich 35.000 Tonnen Kohle in Unterhandlung. Einzelne Verfuche, das Confumtionsgebiet Süd- Rufslands und die Ufer des Schwarzen Meeres mit oberfchlefifcher Kohle zu verforgen, konnten einftweilen noch nicht gelingen. Sie fcheiterten in erfter Reihe an den hohen Tarifen der galizifchen Bahnen, die jedoch unter ihrer neuen Leitung fich bereits einer richtigeren Tarifpolitik zugewendet haben; aber auch der Verfuch, auf dem Umwege über Floridsdorf- Wien und fodann die Donau hinab die erwähnten Länder zu erreichen, erwies fich noch als verfrüht, obwohl die Kaifer Ferdinands- Nordbahn einen Tariffatz von 05 Kreuzer per Centner und Meile bewilligt und auch die Donau- Dampffchifffahrts- Gefellſchaft fich entgegenkommend bewiefen hatte. Dagegen beziehen die angrenzenden Eifenbahnen Rufslands nicht unbedeutende Mengen oberfchlefifcher Kohle und namentlich verforgt fich damit feit neuefter Zeit die grofse Warfchau- Petersburger Bahn. Ein neues, wichtiges Abfatzgebiet hat ferner die oberfchlefifche Kohle in den letzten Monaten an der Oftfee gewonnen, wo fie die theurer gewordene englifche Kohle bedeutend zurückdrängt. Täglich gehen nach Stettin zwei KohlenSonderzüge, und es wird die Erwartung ausgefprochen, dafs in den dortigen Küftenplätzen, auf das Zufammenführen fchwedifcher Erze und fchlefifcher Kohlen und Coke bafirt, eine namhafte Eifeninduftrie fich entwickeln werde. Mineralifche Kohle. IV. Das niederfchlefifche Kohlenbecken. 111 ( Waldenburg und Neurode.) Das Kohlenvorkommen im Waldenburger Becken ift bei weitem nicht fo ficher und reichlich, als in Oberfchlefien. Viele Störungen, häufige Wäffer und fchwache Flöze erfchweren die Förderung und machen fie koftfpielig. Nichtsdeftoweniger hat auch hier die Production, wie die nachstehende Ueberficht zeigt, in den letzten Jahren erheblich zuge nommen. Steinkohlenproduction Niederfchlefiens. Jahr 1740 Metrifche Tonnen Jahr Metrifche Tonnen 1.900.0 1860 758.515 4 1790 62.190 9 1861 777.463 4 1805 166.250.0 1862 898.281 4 1817 175.000.0 1863 969.132.0 1847 353.400 0 1864 1,070.746.0 1852 431.693 1 1865 1,208.090.0 1853 426.313.8 1866 1,125.246.6 1854 472.119 9 1867 1,254.574 4 1855 563.727 4 1868 1,445.135.8 1856 629.914'4 1869 1,411.140 0 1857 705.963.0 1870 1,570.227.6 1858 790.562.0 1871 1,970.037 0 1859 731.918.6 1872 2,119.590 0 Die Zunahme beträgt fomit von 1852 bis 1862 108 Percent, von 1862 bis 1867 40 Percent, von 1867 bis 1872 68 Percent und von 1862 bis 1872 135 Percent. Die Anzahl der Steinkohlenflöze im niederfchlefifchen Steinkohlenreviere ift zwar eine fehr grofse, 18 bis 20 in den Hauptgruben, in andern fogar das Doppelte, jedoch zeigen diefelben eine merkwürdige Veränderlichkeit in Bezug auf Mächtigkeit, Qualität, Streichen etc., fo dafs fie in den verfchiedenen Gruben nur fchwer identificirt werden können. Leitflöze, welche, wie im Ruhr- Kohlenbecken durch die ganze Mulde zu verfolgen wären, fehlen in Niederfchlefien völlig. Eigenthümlich ift namentlich auch, dafs die Qualität der Kohlen in ganz den felben Flözen fehr variabel ift, und dafs mitunter von zwei dicht an einander angrenzenden Grubenfeldern das eine magere Kohle enthält, das andere Backkohle, wie z. B. die Fuchsgrube und die Glückhilf- Grube. Im Allgemeinen führen die liegenden fowie die hangenden Flöze magere, nichtbackende Kohle, während die Kohlen des Hauptflöz- Zuges zumeift von backender Befchaffenheit find. Hand in Hand mit der backenden Qualität der Kohlen geht das Auftreten fchlagender Wetter, welche den Bergbau fo fchwer beläftigen. Der hohe Grad von Backfähigkeit, welcher die Kohle der meisten Flöze des niederfchlefifchen Steinkohlengebirges auszeichnet, läfst jene zur Cokebereitung befonders geeignet erfcheinen. Die Coke- Ausbeute beträgt bei den Kohlen einzelner Gruben bis 78 Percent. Waldenburger Coke erreichten daher bei der grofsen Eifen conjunctur 1872 bis 1873 wahrhaft überfpannte Preife; nachdem fie im Jahre 1870 noch auf 8 bis 10 Silbergrofchen( 40 bis 60 Kreuzer Silber) per Centner geftanden, waren fie Anfangs 1873 auf 23 Silbergrofchen( I fl. 15 kr. Silber) geftiegen, hatten fich aber gegen Ende des Jahres wiederum gewaltig ermäfsigt. Im Uebrigen ergibt fich die Qualität der Kohle Niederfchlefiens aus den nachftehenden von Dr. Richter vorgenommenen chemifchen Unterfuchungen von Kohlenproben diverfer Gruben. 8* 112 J. Pechar, Dr. A. Peez. Chemifche Analyfen von Waldenburger Kohlen. Namen der Steinkohlengruben Zufammenfetzung der Steinkohlen % Kohlenftoff % Wafferſtoff und Stickftoff % SauerEin Pfund der] afchenhältigen Kohle gibt % Afche einheiten WärmeDampf Pfund afchenhältig. Kohle % Coke aus der Backfähigkeit Waffer bei 15° C. % Hygrofcop. Specififches Gewicht Fuchs .bei Weifsftein Glückhilf bei Hermsdorf Graf Hochberg bei 81 59 501 10 52 2.88 79'03 8.27 67.2 18 83.77 4'96 8.61 4.61 1277 2.66 80 40 8.41 674 14 3.10 1'291 Waldenburg 81 94 477 1076 2:53 77 38 8.10 694 07 5.60 1.309 Das Procentverhältnifs der verfchiedenen Kohlenforten geftaltete fich bei der Gefammtproduction des Jahres 1870 etwa fo, dafs 13'02 Percent auf Stück-, 2.88 Percent auf Mittel-, 52'90 Percent auf Klein- und 13:20 Percent auf gemifchte Kohlen entfielen. Auch hier in Niederfchlefien haben fich die Kohlenpreife in den letzten Jahren nicht unbeträchtlich erhöht. Das Bergwerk„ confolidirte Glückhilf" zu Hermsdorf bei Waldenburg verkaufte z. B. an der Grube den Centner: Im Monate Stück Kohlen Würfel Nufs Grus Klein mit Kreuzer öfterreichifcher Währung Januar 1872 Auguft 1873 März 1874 37.5 2215 32.5 2215 42.5 40 0 40.0 30.0 27.5 42.5 40.0 42'5 30.0 27.5 Der Gefammtwerth der Förderung betrug im Jahre 1872 9,601.207 fl. oder um 2,976.804 fl. mehr als im Jahre 1871. Ungünftiger, als in Oberfchlefien, liegen im Waldenburger Reviere auch die Arbeiterverhältniffe. Mannigfaltige Induftrien, welche dem Arbeiter eine leichtere und lohnendere Befchäftigung gewähren, als der Bergbau, abforbiren hier viel Menfchenkraft. Die Löhne der Bergarbeiter find defshalb hoch. Im Jahre 1871 waren 11.712 Individuen in den Steinkohlengruben befchäftigt, darunter nur 19 Frauen und 68 jugendliche Arbeiter. Der durch die noch höheren Arbeitslöhne in Weftphalen veranlafste Abzug vieler Bergarbeiter im letzten Jahre reducirte die Arbeitskräfte im Waldenburger Becken um circa 20 Percent, fo dafs die Förderung von 1873 gegen die des Vorjahres wahrfcheinlich zurückgeblieben fein wird. Das Abfatzgebiet der Waldenburger Kohle umfafst aufser Niederfchlefien hauptfächlich die Provinz Brandenburg, das öftliche Sachfen und das nördliche Mineralifche Kohle. 113 Böhmen. In geringen Quantitäten geht diefelbe bis an die Oftfeeküfte. Die Bahnen, welche zunächft die Abfuhr beforgen, find die fchlefifche Gebirgsbahn und die Breslau Schweidnitz- Freiberger Bahn, welche im Jahre 1869, beziehungsweife 1858 vollſtändig dem Betriebe übergeben wurden. Im Anfchluffe an die erftgenannte übernehmen dann vorzugsweife die Niederfchlefifch- Märkische und die Südnorddeutſche Verbindungsbahn den weiteren Transport. Die Frachtfätze nach den für den Abfatz wichtigften Plätzen find aus der folgenden Zufammenftellung erfichtlich. Es beträgt die Fracht:( Siehe Tabelle Seite 114). In Berlin wurden im Jahre 1872 94.305 metr. Tonnen Waldenburger Kohle eingeführt, dagegen hat diefelbe in Wien noch keinen Boden faffen können, obwohl die Oefterreichiſche Nordweftbahn das Porto für die in Liebau auf die Südnorddeutfche Verbindungsbahn übertretende, für Wien beftimmte Kohle auf nur o 508 Kreuzer per Meile fixirt hat. Vorausfichtlich wird auch in der Zukunft der Often Böhmens und der Norden Mährens mit ihrer reichentfalteten Zuckerinduftrie weitaus den gröfsten Theil der nach Oefterreich gelangenden niederfchlefifchen Kohle abforbiren. Einen ausgedehnteren Markt findet jedoch der Waldenburger Coke, der, an Qualität den beften englifchen Coken gleichkommend, für Oefterrreich und feine Eifenhütten unentbehrlich ift. Freilich fetzen auch deffen Ausfuhr der hohe Localconfum an Coke im niederfchlefifchen Becken felbft, der im Jahre 1870 faft 40 Percent der Gefammterzeugung betrug, und überhaupt die nur geringe Steigerungsfähigkeit der dortigen Steinkohlenproduction fefte Schranken. V. Die Steinkohlenbecken von Plauen und Zwickau- Lugau. Im Königreiche Sachfen unterfcheidet man zwei wichtigere Steinkohlenreviere, nämlich das Becken im Plauen'fchen Grunde bei Dresden und das erzgebirgifche Steinkohlenbecken, welches, von der Zwickauer Mulde öftlich bis über die Flöha reichend, nach den beiden hauptfächlichen Gewinnungs- und Verfandtpunkten in einen Zwickauer und einen Lugauer Theil getheilt wird. Neben diefen wichtigen Steinkohlenrevieren wird auch an mehreren Punkten, z. B. bei Meuselwitz, dann bei Zittau, eine im Ganzen geringwerthige Braunkohle gewonnen. Ueber die Zahl der Werke und der Arbeiter, die Production in Tonnen und den Geldwerth der Kohlenförderung( Steinkohlen und Braunkohlen) im Königreiche Sachfen geben wir folgende Daten: Kohlenproduction, Zahl der Werke und Arbeiter in Sachfen. KohlenIm Jahre Arbeiter werke Production in Tonnen Geldwerth in Gulden öfterr. Währung Silber 1850 108 1860 244 14.047 652.374 1,784.031 2,152.833 5,093.367 1865 249 19.001 2.923.059 8,807.895 1866 247 17.006 2,659.294 8,613.529 1867 262 17.654 2,871 551 8,916.725 1868 257 17.977 3.105.701 9,446.448 1869 247 17.014 3,096.330 9.505.153 1870 239 16.798 3,116.084 10,834.578 1871 24I 18.377 3.460.735 16,181.401 1872 318 18.980 3.547.709 17,416.849 Kohlenfracht. Von 114 Waldenburg Altwaffer Nach Entfernung Frachtfatz in per Entfernung in Frachtfatz per Gottesberg Entfernung Frachtfatz Entfernung Frachtfatz Dittersbach in per in per Mei- Kilolen metern Centner Centner& Meile CentMei- Kilolen metern ner Centner& MeiMeile len CentCentKilo Centner& MeiKilo Centner& ner metern Meile len ner metern Meile Kreuzer Kreuzer Kreuzer Kreuzer J. Pechar. Dr. A. Peez. Pardubitz 204 154 8 19.65 0.963 21'0 159 3 20 10 Kolin. 25.3 Reichenberg Prag. Wien. O'957 18.8 142.6 18.85 1000 19.8 1502 19:25 0972 192 0 24 25 0958 25 9 196 5 24 70 0954 23 7 179 8 23 45 0989 247 187.4 23.85 0.966 256 194 2 17:50 0.684 26.2 32 7 248 1 28.65 0.876 33 3 252 6 29 10 0874 31 1 229 1 27.85 0.896 32 1 242 5 28 25 0.880 198.8 17.50 0.668 240 182 1 16.65 0.694 25 0 189 6 17.05 0.682 62.5 474 1 42 70 0683 631 478.7 478 7 43 15 0684 609 426 0 41 90 0688 619 469 6 42 30 0.683 Görlitz 17 3 131 2 10 15 0587 17.9 135 8 Dresden Berlin. Leipzig 313 237 4 19:55 0625 319 2400 46.7 354 3 46.8 3550 15:55 0333 47'3 358.8 10 15 0567 157 119 1 10.00 0.637 16 7 126 7 10 10 0'599 20.00 0.627 29 7 225 1 18.75 0.631 307 232'9 19 15 0624 358 8 15 55 15 55 355 0 27.05 0578 47 4 359 6 27.50 0329 45 1 342 1 15:45 0 343 46 1 3500 15.50 0.336 0.580 45 2 342'9 26 25 0.581 46 2 350 5 26.65 0.577 Mineralifche Kohle. 115 Demnach ift die Zahl der Werke in den letzten Jahren eine kleinere geworden, hauptfächlich in Folge Confolidation der fchwächeren Gruben. Die Zahl der Arbeiter ift feit 1865 ziemlich die gleiche geblieben, während dagegen die Förderung von 1850 bis 1872 um 444 Percent und der Werth derfelben um 709 Percent zugenommen hat. Von 1860 bis 1872 betrug die Zunahme 99 Percent hinfichtlich der Menge und 242 Percent hinfichtlich des Werthes der Production. Unter der geförderten Gefammtmenge von 3,460.735 Tonnen im Jahre 1871 waren 2'9 Millionen Tonnen Steinkohlen und gegen o'6 Million Tonnen Braunkohle. Von den 2'9 Millionen Tonnen Steinkohlen wurden o'614 Million Tonnen oder 21 Percent im Plauen'fchen Grunde, 2'1 Millionen Tonnen oder 72 Percent im Zwickauer und 0'223 Million Tonnen oder 7 Percent im Lugauer Reviere gewonnen, wobei übrigens zu bemerken ift, dafs von manchen Fachmännern dem Lugauer Reviere eine gröfsere Zukunft vorausgefagt wird, als dem Zwickauer. Ueber die Verhältniffe des Zwickauer Beckens geben wir noch folgende genauere Zufammenftellung: Im Jahre Steinkohlen- Bergbau im Zwickauer Reviere. Production in metriſchen Tonnen Anzahl der Maschinenfchächte der Dampfmaschinen der Arbeiter Anzahl Pferdekräfte Anzahl Jährlicher Verdienft in Thalern Zum Bergbau verwendete Fläche in Hektaren 1772 1.885 1800 5.166 1820 5.416 1830 13.750 1840 65.000 1850 350.000 1853 1855 553.437 1860 863.853 1861 999.897 65* 1862 1,220.974 68 90 2.707 5.384 169 1863 1,154.062 66 97 3.220 5.386 170 1864 1,397.828 66 ΙΟΙ 3.600 5.687 69 I.272 1865 1,619.863 66 IOO 3.494 6.380 1866 1,425.356 61 IOI 3.678 6.540 1867 1,791.588 1868 1,795,812 72 102 4.170 7.448 216 2.078 1869 1,805.000 1870 1,866.900 82 1871 1,881.348 85 127 4.895 8.222 261 2.215 1872 2,085.000 85** 130 5.130 8.783 296 2.251 * Daneben 62 Haspelfchächte. ** » 7» 33 116 J. Pechar, Dr. A. Peez. Im Zwickauer Kohlenbecken gab es im Jahre 99 99 1863 10 Knappfchaftscaffen mit einem eingelegten Capital von 206.651 Thalern, 1868 10 1871 10 1872 10 27 79 وو " " 372.610 479.616 19 " 77 535.625 Die Zahl der Werke in den fächfifchen Steinkohlenrevieren war im Jahre 1872 75 mit 570 Beamten und 15.364 Arbeitern; im Jahre 1870 war der durchfchnittliche Gehalt der Beamten 67612 fl. und der durchfchnittliche Verdienft des Arbeiters 345 fl. Die Förderung des Arbeiters betrug im Jahre 1872 per Kopf 188 metrifche Tonnen. Wegen der tiefen Lage der Gruben und des häufigen Vorkommens von fchlagenden Wettern konnten fchwere Unglücksfälle( vergleiche Lugau) vom fächfifchen Bergbaue nicht ferngehalten werden, obfchon die Bergpolizei eine ftrenge ift. Im Jahre 1872 verunglückten in Sachfen bei dem Steinkohlen- Bergbaue 33 Mann tödtlich, d. i. einer von 465. Alt und gut eingerichtet find die Knappfchaftscaffen. Die fächfifchen Reviere nahmen im Jahre 1872 eine Fläche von 15.608 Hektaren in Anfpruch. Die Flöze des Zwickauer Beckens finden ihre befte Entwicklung auf dem linken Ufer der Mulde, und zwar kommen deren dort neun vor, mit einer gefammten Mächtigkeit von 30 40 Meter oder 96 Fufs. Die Kohle ift backend; es wurden im Jahre 1871 123.170 metr. Tonnen Coke gewonnen. Kohle und Coke ftehen jedoch im Ganzen hoch im Preife, und es haben daher die fächfifchen Kohlenbecken, da fich auch die Förderung keineswegs in grofsen Ziffern bewegt, mehr eine örtliche Bedeutung. Die zwifchen Dresden und Freiberg gelegenen Werke des Plauen'fchen Grundes verforgen zunächft die genannten zwei Städte in Concurrenz mit der bömifchen Braunkohle. Ein ausgedehnteres Abfatzgebiet befitzt die Zwickauer Kohle, von welcher über 30 Percent nach Bayern und Thüringen verfendet wird. Im Jahre 1872 wurden den bayerifchen Staatsbahnen übergeben 62.525 Wagenladungen à 200 Zoll- Centner, der Bayerifchen Oftbahn 17.010, der Thüringifchen Bahn 22.312 u. f. w. Wir fchliefsen unfere Darftellung mit einer Tafel der im Jahre 1874 giltigen Tariffätze für Kohle aus dem Zwickauer Becken nach den wichtigſten Abfatzplätzen: Kohlenfracht von Zwickau und Lugau. nach Von Zwickau Von Lugau Entfernung in Tariffatz per Entfernung in Tariffatz per Kilo- Centner Centn.Meilen Meile Meilen metern Kilo Centner metern Centn.Meile Kreuzer Kreuzer Leipzig Dresden. Magdeburg II 7 17.3 88-7 131 2 8.0 0.683 14'0 106.2 9.8 0.700 28.7 217 7 I I I 15 4 0.641 14'4 109.2 10.6 0.736 0.536 310 235 I 235 1 16.67 16.67 0.537 Berlin via Leipzig 34.7 263 2 22.1 0.636 37 0 280.6 22'9 0.618 Regensburg 38 1 289'0 23.85 0.625 44 2 335 3 27.77 0.628 Nürnberg via Hof 38.2 289 7 23.55 0.616 44 3 336 0 27.45 0.619 München 58.1 440 7 Stuttgart 67 2 509 7 34 55 34 8 0594 0.517 64 2 487 0 38.45 0.598 - Mineralifche Kohle. VI. Kohlenbecken der Inde und Worm. 117 Als eine Fortfetzung der belgifchen Ablagerung tritt am Nordrande des hohen Veens das Steinkohlengebirge in zwei Partie en auf, an der Inde bei Efchweiler und an der Worm bei Aachen. Das Vorkommen der Flöze ift hier fo unregelmäfsig und oft im Zickzack gebrochen wie etwa bei Namur in Belgien; die Schächte find tief, die Abbauverhältniffe durch fchwimmendes Gebirge und ftarke Wäffer fchwierig, die Kohlenpreife hoch, während die gute backende Qualität der Kohle, ein gefchickter Betrieb und die Nachbarfchaft hochentwickelter Induftrie, von welcher ohne. gröfsere Belaftung mit Transportfpefen die Kohle verbraucht wird, zu den Vorzügen des Revieres gehören. Nicht weniger als 63 9 Percent der Förderung des Jahres 1872 ward im Grubenbezirke confumirt. Die Production des Beckens betrug im Jahre 1872 1,041.314 Tonnen und hat gegen 1860 um 647 Percent zugenommen. Die Werke der Gegend in Eifen, Galmei, Blende und Blei- Erz verbrauchen bedeutende Mengen diefes Brennftoffes, der Reft geht nach Düren, Eupen und Gladbach. VII. Die preufsifchen Braunkohlenreviere. An verfchiedenen Punkten des mittleren und nördlichen Deutfchlands wird eine Braunkohle gewonnen, deren Bedeutung für die Induftrie nicht zu unterfchätzen ift. Kommt diefer Brennftoff auch an Güte den Steinkohlen und der böhmifchen Braunkohle durchaus nicht gleich, fo dient er doch in umfaffender Weife für Zwecke örtlichen Hausgebrauches und induftriellen Betriebes und behaup. tet fich durch feine Wohlfeilheit, die um fo gröfser fein kann, als die Gewinnung vielfach durch Tagbau( wie bei Steinbrüchen) oder durch tonnlägige Schächte erfolgen kann. Die wichtigeren Fundorte diefer Braunkohle find am Wefterwalde, in der Wetterau, am Meifsner nördlich von Kaffel, bei Braunfchweig, Merfeburg, Spremberg, Frankfurt a/ O u. f. w. Eine hervorragende Bedeutung hat jedoch die Braunkohle nur in Anhalt und insbefondere in der preufsifchen Provinz Sachfen gewonnen. In letzterer ift auf Braunkohle feit 1855 eine ausgedehnte Fabrication von Mineralölen und Paraffin( in der Umgegend von Merfeburg bei den Städten Halle, Weifsenfels und Zeitz) gegründet worden. Welchen Auffchwung diefer Induftriezweig genommen, ergibt fich daraus, dafs im Jahrzehnt 1861 bis 1871 die Production an Paraffin von 15.000 auf 100.000 Centner, an Mineralölen von 65.000 auf 300.000 Centner geftiegen ift. Eine grofse Zukunft wird insbefondere der Paraffinerzeugung zugefprochen, während die Mineralöle durch das amerikaniſche Petroleum gedrückt werden. Direct dienten im Jahre 1871 der chemifchen Braunkohleninduftrie der Provinz Sachfen über 2500 Arbeiter, abgefehen von den Bergleuten. Die Gefammtproduction von Braunkohle in Preufsen hat fich ftetig gehoben, wenn auch nicht in fo rafchem Verhältniffe wie die Steinkohlenförderung. Sie ftieg von 15 Million Centner im Jahre 1816 auf 8 Millionen im Jahre 1837, 22 Millionen im Jahre 1847, 55 Millionen im Jahre 1857, 110 Millionen im Jahre 1867 und auf 149 Millionen im Jahre 1872 Am älteften fcheint der Braunkohlenbau am Meifsner bei Kaffel zu fein( XVI. Jahrhundert). In der Provinz Sachfen begann die Braunkohlenförderung gegen Ende des vorigen Jahrhundertes. DerHauptauffchwung fällt in die Jahre 1845 bis 1855. Die Anwendung der Dampfmaschine gefchieht beim Braunkohlen- Bergbaue feit 1820 zur Wafferhaltung, feit 1848 zur Förderung. 1854 beginnt die Benützung der Braunkohle zur Paraffinfabrication, 1857 die Erzeugung von Prefsfteinen, welch' letztere in rafcher Zeit in Auffchwung gekommen ift und einer bedeutenden Zukunft entgegengeht.* * Siehe den trefflichen, amtlichen Katalog der Ausstellung des deutfchen Reiches. Berlin 1873. Seite 104. 118 J. Pechar, Dr. A. Peez. Auf der Wiener Weltausftellung waren die Braunkohlen Preussens, vom Oberbergamte zu Halle gefammelt, zur Darstellung gebracht. Aufser den hier genannten Kohlenablagerungen wird noch an vielen Punkten Deutſchlands Kohle, fowohl Steinkohle wie Braunkohle, gewonnen, ohne dafs jedoch diefs Vorkommen eine andere, als eine blos örtliche Bedeutung beanfpruchen dürfte. Dahin gehören die Lager von Stockheim in Oberfranken, von Miesbach und vom Peifsenberge in Oberbayern und andere. Deutfchlands Kohlenverkehr. Zur Wiener Weltausftellung von 1873 hatte das preuſsifche Handelsminifterium eine Karte über die Production, Confumtion und Circulation der mineralifchen Brennftoffe in Preufsen während des Jahres 1871" eingefendet. Vergleicht man diefe Karte mit der Karte von 1865, welche in Paris ausgeftellt war, fo wird man fofort bemerken, wie die inländifche Production erftarkt ift, wie fie der englifchen Kohle ein grofses Abfatzgebiet abgerungen hat, wie ferner die Lücken zwifchen den Abfatzkreifen der gröfseren Reviere mehr und mehr ausgefüllt wurden und der Concurrenzkampf fich feinem Abfchluffe nähert. Diefer Abfchlufs beruht einerfeits auf einer Abgrenzung der Abfatzgebiete, andererfeits auf einer Ergänzung der Reviere und ihrer Producte nach ihrer befonderen Qualität. Mit den Erleichterungen im Transporte und den höher gewordenen Kohlenpreifen wird die Qualität der Kohle fchärfer ins Auge gefafst und daraus eine richtigere Auswahl und Verwendung der einzelnen Kohlenforten abgeleitet. In den grofsen Städten vollzieht fich diefer Procefs naturgemäfs am rafcheften. In Berlin z. B. geht die allgemeine Strömung dahin, als Mafchinenkohle die oberfchlefifche Steinkohle, für Hausbrand die böhmifche Braunkohle und neben beiden für gewiffe Zwecke Waldenburger Coke zu verwenden. Was die Abgrenzung der verfchiedenen Abfatzkreife in Deutfchland betrifft, fo fallen die Rheinlande, Weftphalen, Heffen- Naffau, Hannover und die weftlichen Theile von Thüringen und der Provinz Sachfen dem Kohlenreviere der Ruhr anheim, während Saarkohle am Oberrhein, in Elfafs- Lothringen, in Württemberg, dem weftlichen Bayern und in der Nordfchweiz dominirt. Im nordöftlichen Bayern und in Sachfen wird vorzugsweife Zwickauer Kohle verbraucht. Der fchlefifchen Kohle fallen, aufser Schlefien felbft, die Provinzen Pofen, Preufsen, Pommern und Brandenburg zu, und die Markfcheide zwifchen der oberfchlefifchen und der Ruhrkohle, ungefähr mit der Linie der Elbe und Havel zufammenfallend, wird von einer breiten Strafse gebildet, längs welcher die böhmifche Braunkohle, befonders auf die billige Elbefracht geftützt, ihren Abfatz findet. An den Küften der Nordfee und Oftfee ſpielt noch immer englifche Kohle die erfte Rolle. Da bei Befprechung der Kohlenreviere auf ihre Abfatzverhältniffe im Einzelnen fchon genauer Rückficht genommen worden ift, fo fei es geftattet, dafs wir hier nur noch auf den gröfsten ftädtifchen Verbrauchsplatz für Kohle in Deutfchland, Berlin, fowie auf den füddeutfchen Kohlenmarkt, deffen Verhältniffe bisher feltener erörtert wurden, einen rafchen Blick werfen. Berlin war in früheren Jahrzehnten, wie faft alle norddeutfchen Städte, eine Domäne der englifchen Kohle, neben welcher noch Holz, Torf und kleinere Beträge heimischer Braunkohle verbraucht wurden. Noch im Jahre 1862 participirte englifche Kohle, zu Waffer nach Berlin gebracht, an dem Gefammtverbrauche diefer Stadt mit circa 60 Percent. Im Jahre 1871 war dagegen der Antheil der englifchen Kohle auf 23.8 Percent gefallen und bezifferte fich nur mehr auf 185.745 Tonnen. Im Jahre 1872 ging der Confum auf 99.944 Tonnen zurück, fiel alfo in diefem Einen Jahre um faft 100 Percent. Mineralifche Kohle. 119 Das von der englifchen Kohle aufgegebene Gebiet ift in erfter Reihe von der oberfchlefifchen Steinkohle ergriffen worden, welche ihren Antheil an der Kohlenverforgung Berlins von 26 Percent im Jahre 1860 auf 51 Percent im Jahre 1871 fteigen fah. Nicht weniger als 500.334 metrifche Tonnen oder 10,007.000 Centner oberfchlefifcher Kohle wurden im Jahre 1872 nach Berlin gebracht. Nach der oberfchlefifchen Steinkohle kommt böhmifche Braunkohle mit einer Menge von 110.255 Tonnen oder 2,205.100 Centnern, hierauf englifche Kohle mit 99.944 Tonnen oder 1,998.880 Centnern, fodann niederfchlefifche mit 82.045 Tonnen oder 1,641.000 Centnern und endlich in kleineren Beträgen die inländifche Braunkohle, fowie weftphälifche und fächfifche Steinkohle. Das Nähere über die Zufuhren nach Berlin( in metr. Tonnen) bietet die auf Seite 120 folgende Tabelle. Fafst man die Ergebniffe diefer Ziffern zufammen, fo ergeben fich folgende Refultate für die Zeit von 1865 bis 1872: Zunahme Abnahme Gefammtzufuhr an mineralifchen Brennftoffen. Zufuhr per Bahn 47 3 Percent 72.8 Percent " 99 zu Waffer 18 99 99 " an oberfchlefifcher Kohle 59 79 99 böhmifcher 287 77 " " " 7 59 " englifcher IO 99 " .. niederfchlefifcher Kohle 171 99 F F 99 inländifcher Braunkohle 6 99 " " " weftphälifcher Kohle fächfifcher Kohle 87 86 " " " Was die Preife betrifft, fo war englifche Kohle von 14 Sgr. 1½ Pf. ( 70 12 kr.) im Jahre 1868 auf 22 Sgr.( 1 fl. 10 kr.) per Hektoliter im Jahre 1872 geftiegen. In normalen Zeiten ftand in Berlin oberfchlefifche Stückkohle 11'03 bis 124 Sgr.( 55 15 bis 620 kr.) per Zoll- Centner, oöhmifche Braunkohle 6 bis 6.75 Sgr.( 30 bis 33 75 kr.) per Centner, inländifche Braunkohle 3.10 bis 3.79 Sgr. ( 15.5 bis 18.95 kr.) per Centner u. f. w. Die Gefammtzufuhr nach Berlin betrug im Jahre 1872 885.237 Tonnen oder 17,704.740 Centner, ein Betrag, der von keiner anderen Stadt auf dem Continente mit Ausnahme von Paris erreicht wird. In Folgendem geben wir( nach den amtlichen ,, Erläuterungen zu der Karte über Production etc. der Kohle in Preufsen", für 1871) die Verbrauchsziffern der deutfchen Städte( Siehe Seite 121). Der füddeutfche Kohlenmarkt* ift noch nicht fo entwickelt als der norddeutſche, da in Süddeutſchland die wichtigſten Kohlenconfumenten( Eifenwerke und Zuckerfabriken) nahezu fehlen, andere Induftriezweige noch vorherrschend mit der von den Alpen herabrinnenden Wafferkraft betrieben werden( Spinnereien und Webereien), für den Hausbrand aber noch vielfach Holz verwendet und felbft die Locomotive der Eifenbahnen noch hier und da mit Torf geheizt wird. Aus diefen Gründen find in Süddeutſchland die Eifenbahnen verhältnifsmäfsig die ftärksten Confumenten, und es verbrauchen z. B. die bayerifchen Staatsbahnen jährlich 2:25 Millionen Centner Kohle. Von Frankfurt nach Bamberg hinauf brennt die bayerifche Staatsbahn Ruhrkohle, von Bamberg nach Frankfurt hinab Zwickauer Kohle. Zwickauer Kohle überwiegt auch auf den füdlichen Linien der bayerifchen Staatsbahn und wird hier bis in die neuefte Zeit mit Traunthaler Kohle( aus Oefterreich) gemifcht. * Nach Mittheilungen des Herrn Friedrich Gräfser in München. Per Bahn zu Waffer Kohleneinfuhr Berlin's. I n In Berlin gingen ein 1872 1871 1870 d e n 1869 Jahre n 1868 1867 1866 1865 Steinkohlen Oberfchlefifche Niederfchlefifche Weftphälifche Sachfifche Englifche 499.325 82.045 3.301 793 IOO 1.836 138 Böhmifche Braun100.477 51.815 Bitterfelder kohlen 16.314 14.578 Muskau Fürftenwalder 20.462 7.400 4.309 77 53.657 21.216 4.521 4.008 430.823 430.823 355.026 314.548 320.465 301.976 234.624 313.929 82.617 75.659 87.162 50.656 33.386 25.600 30.272 8.327 II.326 25.044 5.592 2.242 12.204 10.664 8.148 5.032 4.329 3.744 39.027 35.115 24.238 34.527 25.320 18.451 38.167 22.472 30.024 28.248 2.285 3.164 162 Weftphälifche 15.769 13.384 II.577 11.519 9.086 3.583 4.944 6.220 Englifche Coke 474 197 II2 Schlefifche 5.964 5.178 7.397 5 167 Diverfe 1.088 1.004 2.287 224 4.727 816 3.039 1.209 Ueberhaupt Kohlen und Coke 746.112 611.272 548.102 498.842 471.736 418.289 329.922 431.777 SteinEnglifche 99.844 185.607 Sächfifche kohlen Schlefifche 181 3.102 96.029 467 110.334 367 II3.024 878 84.074 559 890 437 BraunBöhmifche kohlen Inländifche Coke 139 125 250.154 154.120 Englifche etc. Ueberhaupt Kohlen und Coke Zum Lager und Confum gingen in Berlin überhaupt ein 885.237 861.426 702.222 673.397 651.855 562.224 536.763 600.864 1.009 10.778 13.889 10.442 10.759 II.486 22.572 31.108 36.496 40.277 36.660 4.922 16.267 9.796 12.381 18.002 17.093 16.698 17.135 69 146.728 299 I.333 109.724 962 8.421 14. 134 6.281 33.788 27.649 34.985 174.555 180.119 143.935 206.841 169.087 120 J. Pechar, Dr. A. Peez. Mineralifche Kohle. Kohlenverbrauch der Städte Deutfchlands. Stadt Verbrauch in metrifchen Tonnen 121 Stadt Verbrauch in metrifchen Tonnen Berlin 905.955 Trier 101.703 Halle an der Saale 747-364 Sorau IOI.259 Aachen ( nebft Stolberg, Düren IO1.004 Efchweiler etc.) 707.007 Mühlheim am Rhein 96.999 Hamburg Ludwigshafen- Mannheim 571.047 Strafsburg 90.223 454 314 Görlitz 89.308 Magdeburg 451.020 Cöln und Deutz 434 319 Breslau 413.530 Duisburg Gladbach Halberstadt 86.085 84.586 80.917 Ruhrort 291.641 Deffau. 75.259 Stettin 203.450 Bremerhafen 75.069 Cöthen 259.188 Bremen. 73.613 Ofchersleben 219.272 Danzig 71.636 Hagen 199.965 Grüneberg in Schlefien. 71.894 Frankfurt an der Oder 196 418 Caffel 70.205 Düffeldorf 184.717 Königsberg 65.389 Mainz. 180.984 Pofen 62.593 Braunfchweig Iferlohn 160.732 Neiffe 146.187 Barmen 61.096 56.574 Mühlhaufen 143-770 Siegen 54.001 Hannover 130.365 Erfurt 53.392 Osnabrück 125.118 Carlsruhe 52.009 Frankfurt am Main 124.771 Kiel 51.574 Elberfeld 120.733 Coblenz. 51.123 Crefeld 120.316 Bielefeld 46.084 109.093 Stuttgart 39.572 105.371 Lübeck. 36.684 Hamm Neufs. Die Bayerifche Oftbahn deckt ihren Jahresbedarf von circa 21 Millionen Centnern gleichfalls noch überwiegend mit Zwickauer Kohle, während die kleinere Hälfte aus dem benachbarten Pilfener Reviere bezogen wird. Vorausfichtlich wird übrigens die böhmifche Braunkohle aus dem Falkenauer und Duxer Becken als überlegener Concurrent auftreten, fobald entweder die Pilfen- Priefener Bahn über Eifenftein verlängert wird, oder auch nur die Bufchtěhrader Bahn ihre Tarife über Eger ermäfsigt. München mit dem verhältnifsmäfsig noch fehr kleinen Kohlenbedarfe von jährlich 8- bis 900.000 Centnern brennt circa 650.000 Centner Miesbacher oder Peif fenberger, alfo oberbayerifche Kohle, und daneben noch circa 250.000 Centner aus Falkenau und Pilfen. Amberg und die benachbarten kleineren Orte beziehen ihren Bedarf von 600.000 Centnern halb aus Pilfen, halb aus Zwickau. Bei Regensburg und Straubing, welche einfchliesslich der Donau- Dampffchiffe 7- bis 800.000 Centner Steinkohle verbrauchen, ift das Verhältnifs für die böhmifche Kohle etwas günftiger, indem von der letzteren zwei Drittel, von der Zwickauer ein Drittel confumirt wird. Umgekehrt verbraucht Nürnberg circa 700.000 Centner Zwickauer und 300.000 Centner Pilfener Kohle; die grofse Waggonfabrik von Klett& Comp. * Diefe Ziffer ift um 25.000 Tonnen höher als die frühere Angabe, welch' letztere wir dem Berichte des Aelteften- Collegiums entlehnten. 122 J. Pechar, Dr. A. Peez. verwendet neben obigen Kohlenforten auch Stockheimer( oberfränkifche) Kohle. Auch die Maxhütte nimmt zwei Drittel ihres Kohlenbedarfes von 22 Millionen Centnern aus Zwickau und ein Drittel aus dem Pilfener Reviere. Augsburg dagegen, mit einem Jahresverbrauche von 14 Million Centner hält fich faft gänzlich an oberbayerifche Kohle, welche an der Grube 40 kr. öfterr. Währ. per Centner Stückkohle, bis Augsburg geftellt jedoch 75 bis 80 Kreuzer koftet. Der Verbrauch des gefammten Bayerns rechts des Rheins überfteigt jedoch fchwerlich einen Betrag von 12 bis 15 Millionen Zoll- Centnern. Weiter gegen Weften vorfchreitend, begegnet man nur mehr kleinen Partien von Zwickauer oder Pilfener Kohle; dagegen gelangt man mit Betreten der württembergifchen Städte in das umfaffende Gebiet der Saarkohle. Die Saarkohle ift es, welche faft den ganzen Jahresbedarf der Schweiz von circa 5 Millionen Centnern deckt und die Brennerlinie der Südbahn bis Verona mit mineralifchem Brennftoffe verfieht. Ohne Zweifel wird ihr nach Vollendung der St. Gotthardbahn auch der oberitalienifche Markt zufallen, der jetzt, von den Dampferlinien der Seehäfen abgefehen, ein Quantum von 4 bis 5 Millionen Centnern Kohle aufnimmt. Endlich dominirt die Saarkohle vollständig in der bayerifchen Pfalz, fowie in Elfafs Lothringen, und nur auf der Rheinlinie macht ihr die Ruhrkohle, welche Rheinaufwärts bis Mannheim und Ludwigshafen dringt, einige Concurrenz, während gleichzeitig zwifchen den Maffentransporten aus diefen beiden grofsen deutſchen Revieren fich englifche und böhmifche( Falkenauer und Pilfener) Gaskohlen in zunehmenden Beträgen in ganz Süddeutſchland hindurchfchlingen. Deutſchlands auswärtiger Kohlenhandel. Die Ausfuhr mineralifcher Brennftoffe aus Deutfchland belief fich im Jahre 1872 auf 3.763 Millionen metrifche Tonnen, während fie im Jahre 1860 erft 1.810 Millionen Tonnen betrug( f. oben S. 70). Sie hat fich alfo in 12 Jahren mehr als verdoppelt, ohne jedoch bereits jene Ausdehnung erlangt zu haben, zu welcher fie beſtimmt fcheint. Alle Nachbarländer Deutfchlands, mit einziger Ausnahme Dänemarks, empfangen deutfche Kohle. Die Hauptabnehmer find jedoch Oefterreich und Holland, die im Jahre 1871 1 244 Millionen, beziehungsweife 1067 Millionen Tonnen empfingen. Im Weften bilden Antwerpen, Paris, Befançon, Laufanne und Locle, im Süden Verona und Mailand, im Often Bukarest, Warfchau, Odeffa und St. Petersburg die Endpunkte, bis wohin deutfche Kohle mit den Eifenbahnen geführt wird. Auch die Einfuhr von mineralifchem Brennftoffe ift bedeutend und war bis in die jüngfte Zeit in ftetem Wachfen. Von o 755 Million Tonnen im Jahre 1860 hat fie fich auf 3 549 Millionen Tonnen im Jahre 1872 erhöht. Von gröfserer Bedeutung find jedoch nur die Zugänge von böhmifcher Braunkohle( über Bodenbach) im Belaufe von 1378 Millionen Tonnen, fowie insbefondere die Einfuhr englifcher Steinkohle nach den Häfen und Küftenländern der Oft- und Nordfee. Wie bei fo vielen Artikeln des englifchen Exportes, fo ift auch hinsichtlich der Kohle Deutſchland der ftärkfte Abnehmer Englands gewefen. Nicht weniger als 29 Oftfee- und 15 Nordfeehäfen empfingen im Jahre 1871 Sendungen englifcher Kohlen. Abgefehen von kleineren Zufuhren über Dänemark und Holland belief fich die nach Deutfchland importirte Menge englifcher Kohle im Jahre 1871 auf nicht weniger als 2.39 Millionen Tonnen oder 48.6 Millionen Centner. Im Jahre 1872 ging infolge der Theuerung der englifchen Kohle diefe Einfuhr auf 2 12 Millionen Tonnen zurück, die einen Werth von 1'538 Millionen Pf. St. oder 15:38 Millionen Gulden öfterr. Währ. Silber darftellten. * Worunter 3 142 Millionen Zoll- Centner Coke. Mineralifche Kohle. 123 Weit beträchtlicher war jedoch nach den englifchen Handelsausweifer. das Zurückweichen der englifchen Kohle im Jahre 1873. Es wurden nämlich in diefem Jahre nur 18 Millionen Tonnen oder 36.6 Millionen Centner nach Deutſchland gebracht, im Werthe von 168 Millionen Pf. St. oder 17.00 Millionen Gulden öfterr. Währ. Silber. Während alfo der Werth der Einfuhr im Vergleiche mit dem Vorjahre um ein Weniges ftieg, ift dagegen die Menge um 15.1 Percent gefallen. Die Angaben der officiellen deutfchen Statiftik, foweit fie zu Ende Januar 1874 veröffentlicht waren, verzeichneten für die drei erften Quartale 1873 blos eine Einfuhr von 6.66 Millionen Centnern an den bedeutendften Zollämtern, was einer Verminderung um 5.86 Millionen Centner gegen 1872 entſprechen würde. Allein diefe Daten erfcheinen noch nicht als vollſtändig und find durch die englifchen Angaben überholt. Immerhin ift das Zurückweichen der englifchen Kohle bedeutend genug, und es darf diefs Moment als eines der wichtigften feit 1867 im Welthandel mit Kohle eingetretenen Ereigniffe bezeichnet werden. Die deutfche Kohle, nämlich oberfchlefifche, niederfchlefifche und weftphälifch- niederrheinifche Kohle, hat in Verbindung mit den auf der Elbe herabkommenden kleineren Beträgen böhmifcher Braunkohle die mächtige englifche Kohle allmälig auf einen immer fchmäleren Küftenfaum eingefchränkt. Auf die Preisgeftaltung der beiderfeitigen Kohlen wird es ankommen, ob diefer Erfolg ein dauernder fein wird oder nicht. Ift es der deutfchen Kohle einmal gelungen, den Abfatz an der Küfte und befonders in dem wichtigften Nordfee- Hafen Hamburg feftzuhalten, fo wird auch die Zeit gekommen fein, wo deutfche Kohle als überfeeifcher Handelsartikel und Ballaft auf dem Weltmarkte erfcheint, worüber die fchon früher angeführte Monographie von Dr. A. Gurlt die trefflichften Winke gibt. O efterreich- Ungarn. Der Waldreichthum, den der Kaiferftaat zumal in den Gebirgen und Vorlanden der Alpen, Karpathen, des Erz- und Riefengebirges befitzt, fowie die hieraus refultirenden billigen Holzpreife haben lange Zeit die energifche. Gewinnung mineralifchen Brennftoffes zurückgehalten. Die gröfseren Städte verdankten ihrer Lage an Flüffen eine leichte und günftige Holzverforgung; die Eifeninduftrie ftützte fich auf ausgedehnte Bannwaldungen und die meiften induftriellen Etabliffements benutzten die aus den Wäldern und von den Gebirgen herabrinnenden Wafferläufe als wohlfeile, wenn auch unregelmäfsige Bewegungskraft. In diefer Periode erfetzte der oberirdifche vollkommen den unterirdifchen Wald. Erft mit der Entwicklung der Eifenbahnen und der Dampffchifffahrt, erft mit dem Uebergange der Induftrie zum vorherrfchenden Dampfbetriebe, fowie mit Zunahme der Cokefeuerung bei dem Hochofenprocefse, endlich mit der Vergröfserung der Städte und dem Theuerwerden des Holzes, welches immer ausfchliefslicher feine Verwendung als Bauholz findet, wurde auch in Oefterreich die Nachfrage nach Kohle allgemeiner und wendete fich das Capital mit Eifer und Erfolg dem Kohlenbergbaue zu. Wie allenthalben, waren es auch in Oefterreich in erfter Reihe die Eifenbahnen, deren Ausdehnung dem Kohlenbergbaue die ftärksten Impulfe gab. Hand in Hand mit der Vermehrung der Bahnen geht genau die Zunahme der Kohlenproduction und der Eifeninduftrie, eine Thatfache, worüber die Tabellen und graphifchen Darftellungen Roffiwall's, die auf der Wiener Weltausstellung zu fehen waren, das intereffantefte Bild darbieten. Die Entwicklung von drei der wichtigften Factoren des Volkswohlftandes in der Zeit von 1819 bis 1871 fpiegelt fich in folgenden für das gefammte Oefterreich- Ungarn geltenden Ziffern: 124 J. Pechar, Dr. A. Peez. Länge der Eifenbahnen, Kohlen- und Roheifenproduction in Oefterreich- Ungarn. Im Jahre Länge der Eifenbahnen in Meilen Mineralkohlen Roheifen in Millionen Centnern 1819 bis 1828. 1829 bis 1838 1839 bis 1847 2.8 I'45 4'7 2.06 • 150 57 12 18 3.22 1848. 155 40 18.778 3.865 1851. 216.89 23.928 4.045 1861 652.09 81-304 6.318 1871. 1.533 04 200 960 8.634 Zunahme von 1848 bis 1871. 886-50% 970 180 123.40% Es ergibt fich hieraus, dafs einer Zunahme der Kohlenproduction um 970 18 Percent eine Vermehrung der Eifenbahnlinien um 886.50 Percent gegenüberfteht, und dafs fich die Roheifenproduction in demfelben Zeitraume mehr als verdoppelte. Zu Ende des Jahres 1872 betrug die Schienenlänge der öfterreichifchungarifchen Bahnen 1812 03 Meilen( 13.735 Kilometer), im Anfange des Jahres 1874 2060 90 Meilen( 15.622 Kilometer). Die cisleithanifchen Bahnen befassen mit Schlufs des Jahres 1872 2.369 Locomotiven und 54.110 Laftwagen, darunter 20.358 Kohlenwagen. Die Eifenbahnen felbft verbrauchten in Oefterreich- Ungarn im Jahre 1869 14:35 Millionen Centner Kohle oder II Percent der ganzen Production. Seitdem mag diefe Quote auf 25 Millionen Centner geftiegen fein. Zehnfach gröfser jedoch, als der eigene Confum, war die indirecte Wirkung der Bahnen auf die Kohlenproduction, indem durch fie eine Verfrachtung der mineralifchen Brennstoffe im Grofsen erft ermöglicht, die Induſtrie von den Wafferläufen emancipirt, die Entftehung grofser Binnenftädte erft denkbar ward. Der Auffchwung der Induftrie aber wirkte wieder auf die Vermehrung des Verbrauches von Eifen und Mafchinen hin, welche ihrerfeits grofser Kohlenmaffen zu ihrer Entstehung und fortdauernden Ernährung bedürfen. In Folge fortfchreitender Vermehrung der Eifenbahnen und fehr wefentlich gefördert durch eine confequente und nachdrückliche Agitation, als deren Träger wir an erfter Stelle Julius Hirfch, dann den Induftriellen G. Sigl nennen, ift auch in Oefterreich allmälig eine beträchtliche Ermäfsigung der Tarife für die Kohlenverfrachtung eingetreten. Die Südbahn, Nordweftbahn, FranzJofefs- Bahn, die Elifabeth- Weftbahn und auf längere Strecken auch die Staatsbahn verfrachten jetzt die mineralifche Kohle zu Transportfätzen, die fich mindeſtens bei gröfseren Entfernungen dem Einpfennig- Tarife( 0.416 Kreuzer Silber) nähern. Aber auch der Gefetzgebung und Verwaltung der öfterreichifchen Monarchie gebührt die Anerkennung, dafs fie dem Bergbaue eine alljährlich wirkfamer werdende Förderung zu Theil werden liefs. Zwar hat das Berggefetz vom 23. Mai 1854 allerdings neben unzweifelhaften Vorzügen- manche Mängel und Lücken, allein man ift daran, diefelben auf legislatorifchem Wege zu befeitigen. Und auch Ungarn, wo immer noch die alten Berggefetze beſtehen, welche die unterirdifchen Schätze lediglich dem Eigenthümer der Oberfläche zuweifen, bereitet feit dem Jahre 1871 ein neues Berggefetz vor. - Mineralifche Kohle. 143 Ueber die allmälige Entwicklung des Revieres liegen folgende Daten vor. Es betrug die Förderung im Jahre Millionen Centner im Jahre Millionen Centner " 9 1782 0.024 99 1832 0.332 ” 1792 0.053 99 1842 I'227 1802 " 1812 95 1822 99 0.073 1852 3.334 0.093 1862 99 II 193 O'133 94 1872 23 010 folglich Zunahme von 1852 auf 1872 500 2 Percent, und von 1862 auf 1872 670 Percent. Der Stand der hauptfächlichen Werke, ihre Förderung im Jahre 1872, die Tiefe des Baues, die Zahl der verwendeten Dampfmafchinen und ihre Kraft, die Zahl der Cokeöfen und ihre Production, die Zahl der erzeugten Briquets und die Zahl der Arbeiter ergibt fich aus folgender Ueberficht( Siehe Tabelle Seite 144). Die Gruben des Oftrauer Revieres find theils mit der Nordbahn, theils mit der Kafchau- Oderberger Bahn verbunden, während die Michalkowitz- Dombrauer Montanbahn wiederum die Verbindung zwifchen Oftrau und den öftlich gelegenen Werken bei Dombrau und Orlau herftellt, welche fonft nach der Kafchau- Oderberger Bahn gravitiren und namentlich für den Bezug der oberungarifchen Eifenwerke von grofser Bedeutung find. Der Abfatz der Kohle aus dem Oftrauer Becken bildet, nebft der Verfrachtung oberfchlefifcher Kohle, eine wichtige Nährquelle der Nordbahn, welche im Jahre 1873 nicht weniger als 35,697.091 Centner Kohle auf ihren Linien verfrachtete. Trotz einer derartigen Maffenbeförderung ift der Kohlentarif der Nordbahn immer noch fehr hoch, wenngleich in dem letzten Jahrzehnte wiederholt Reductionen ftattgefunden haben. In nachftehender Tabelle finden fich die heutigen, wie die früheren Frachtfätze. Kohlentarif im Localverkehre der a. p. Kaifer Ferdinands- Nordbahn( inclufive Expeditionsgebühr und exclufive der Zweigbahn- Gebühren). Entfernung in Gemäfs des Tarifes vom November 1868 Meilen Kilometern Jahre 1859 Juli 1864 April 1866 per Centner per Centner und Meile K r e u Z e r ΙΟ 15 505 37.93 75.86 IO 2 8.3 8.3 7.10 I'42 18 0 15.5 154 13.07 1.307 113 79 24'2 22: 3 21.6 18.12 1.208 20 151 72 32.0 28.4 26.6 21.28 1.064 25 189.65 39.8 33.5 29.8 24 14 0.964 30 227.58 47.6 37.5 32.0 26.35 0.878 35 265.51 46.3 401 33.0 27.90 0.797 40 303.48 52.8 44.8 36.8 29.88 0.747 45 341 37 59.3 5555 50.3 413 32.00 0.711 5° 379.30 65.8 55.8 45.8 35.00 0.700 417 23 71 5 61.3 50.3 38.10 0.692 10% Mineralifche Kohle. 125 Die Befteuerung des Bergbaues ward gerechter und ein fehr feltener Fall in Oefterreich- fogar wohlfeiler. Durch die Unterftellung des Bergbaues unter das Minifterium für Bodencultur ward jenem edlen Induſtriezweige gröfsere Beachtung gefichert; die Bergbehörden( in Oefterreich diefsfeits der Leitha vier Berghauptmannfchaften und zahlreiche Revier- Bergämter) wurden reorganifirt und regelmässige und theilweife vorzügliche Veröffentlichungen, die fich den betreffenden Arbeiten der rühmlich bekannten geologifchen Reichsanftalten in Wien und Peft anfchloffen, verbreiteten gröfsere Klarheit über die Befchaffenheit der Kohlenreviere und ihre Entwicklung. Was den bergbaulichen Unterricht betrifft, fo hat auch hier die moderne Zeit wefentliche Verbefferungen gebracht. Die beftehenden Akademien in Leoben, Přibram und Schemnitz wirkten fehr viel Gutes, doch dürfte die Verlegung des Schwerpunktes im Unterrichte aus dem Baue auf Edelmetall in die unendlich wichtigere Production mineralifcher Brennftoffe noch entfchiedener zu fördern fein, und der wichtigſte Schritt in diefer Richtung wäre ohne Zweifel die Schaffung einer bergbaulichen Anftalt in Wien, worin die verfchiedenen geologifchen, technifchen und commerciellen Kenntniffe gelehrt würden, welche der Leiter eines zeitgemäfsen Bergbaues auf mineralifchen Brennftoff jetzt befitzen mufs. Zur Heranbildung tüchtiger Steiger und Werkführer find die inmitten der Bergreviere in kleineren Orten gelegenen Bergfchulen ganz geeignet, von denen in Oefterreich bereits mehrere beftehen( zu Karbitz im erzgebirgifchen Braunkohlenbecken, zu Mährifch- Oftrau im Oftrauer Reviere, in Klagenfurt und anderen Orten). Für die Pflege der Arbeiter ift in den letzten Jahren von Seiten der öfterreichifchen Kohlengewerken Bedeutendes geleiftet worden. Zahlreiche Arbeiterwohnungen, ja ganze Arbeitercolonien find entftanden, wobei das Oftrauer Becken, wie es fcheint, bis jetzt die Palme davon trägt. Auch die Errichtung von Confumvereinen nimmt erfreulichen Fortgang. Das Gefammtvermögen der Bruderladen für die bei dem Bergbaue und dem Schmelzwerksbetriebe befchäftigten Arbeiter betrug in Oefterreich diefsfeits der Leitha im Jahre 1871 nicht weniger als 5.65 Millionen Gulden. Im Jahre 1872 ift diefs Capital wieder um 453.919 fl. oder um 8.03 Percent gröfser geworden und. belief fich am Schluffe des Jahres 1872 auf 6 10 Millionen Gulden bei einer Arbeiterzahl von 61.877 Mann. Demnach entfallen im letzten Jahre 98.58 Gulden auf den Kopf, wobei jedoch zu bemerken ift, dafs die bei Kohlenbergwerken beftehenden Bruderladen, als meift neueren Urfprungs, nicht fo reich dotirt find, als die älteren Unternehmungen, die fich mit Gewinnung oder Verfchmelzung von Erzen befchäftigen. Der gefammte Arbeiterftand in den Kohlenwerken der öfterreichiſchungarifchen Monarchie betrug im Jahre 1871 67.664 Mann, gegen nur 53.994 Köpfe im Jahre 1869 und 59.517 im Jahre 1870. Es entfielen fomit von der Gefammtförderung auf einen Arbeiter: 1871.148.5 Tonnen Kohlen, 1870 1869 . 140 4 141 9 99 79 99 Was die Unfälle betrifft, fo verunglückten bei dem Bergbaubetriebe auf Kohlen im diefsfeitigen Oefterreich( ohne Ungarn) im Jahre 1871 144 Mann und 202 wurden fchwer verletzt, zufammen alfo ereigneten fich 346 Unglücksfälle. Von der Gefammtfumme diefer 346 Unfälle kamen 231 bei dem Steinkohlen- Bergbaue und 115 bei dem Braunkohlen- Bergbaue vor. Da nun im Jahre 1871 bei dem Steinkohlen- Bergbaue 31.981, bei dem Braunkohlen- Bergbaue 20.503 Arbeiter befchäftigt waren, fo wurden auf je 1000 Arbeiter verletzt bei dem Steinkohlen- Bergbaue 7.22 Arbeiter, " Braunkohlen- Bergbaue 5.61 9 126 J. Pechar, Dr. A. Peez. Vergleicht man die Unfälle mit der Menge der geförderten Kohle, fo kam im Jahre 1871 ein Unfall auf 21.515 Tonnen geförderter Steinkohle, Braunkohle. 44.157 " 99 Wie fich die fämmtlichen 346 Unglücksfälle des Jahres 1871 auf die verfchiedenen Oertlichkeiten des Kohlenbergbau- Betriebes vertheilen, ift der folgenden Tabelle zu entnehmen. Unglücksfälle beim Kohlenbergbau in Oefterreich. bei Steinkohlen " 9 Braunkohlen. 99 bei Steinkohlen Braunkohlen. in faigeren Schächten auf Bremsbergen und in tonnlägigen Schächten in Stollen und Strecken auf Abbauorten und in Verhauen über Tag Zufammen 33 34 IO 72 38 2 23 104 II 231 31 34 IO 115 72 12 103 138 21 346 oder von je 1000 befchäftigten Arbeitern verunglückten: 1.06 0.31 1-85 0.09 2.25 151 3.25 1.66 0.34 7.22 0.49 5.61 Hiernach find von fämmtlichen Verletzungen 40 5 Percent auf Abbauorten und in Verhauen, 29 8 Percent in Stollen und Strecken( vorzugsweise durch böfe Wetter), 208 Percent in faigeren Schächten, 6'1 Percent über Tag und 3'5 auf Bremsbergen und in tonnlägigen Schächten vorgekommen. Ueber die Zahl der Unternehmen für Kohlenbergbau in der diefsfeitigen Reichshälfte( ohne Ungarn), fowie die Zahl der verwendeten Dampfmaschinen gibt folgende Zufammenftellung Auffchlufs. Zahl der Kohlenwerke in Oefterreich und deren Dampfmaschinen. SteinkohlenIm Jahre Werke BraunkohlenWerke Zufammen Zahl der Dampfmafchinen 1869 284 842 1126 447 1870 284 815 1099 557 1871 297 762 1059 641 Die geringer gewordene Anzahl der Braunkohlenwerke in den Jahren 1870 und 1871 deutet nur auf eine gröfsere Confolidation der kleinen Werke zu gröfseren, geldkräftigeren Unternehmungen hin, wofür der Beweis auch in der rafchen Zunahme der verwendeten Dampfmaschinen erblickt werden kann. Von den im Jahre 1871 vorhandenen 641 Dampfmaschinen arbeiteten 357 in dem Steinkohlenbergbaue und 284 in der Braunkohlenproduction. In den Ländern der ungarifchen Krone waren im Jahre 1870 187 und im Jahre 1871 212 Dampfmaschinen thätig, fo dafs die Zahl der in der ganzen Mineralifche Kohle. 127 Monarchie im Kohlenbergbaue arbeitenden Dampfmaschinen fich demnach für die Jahre 1870 und 1871 auf 744, beziehungsweife 853 Mafchinen herausftellte. Für die Jahre 1872 und 1873 liegen zwar allgemeine Daten noch nicht vor, doch ift eine fehr beträchtliche Vermehrung um fo ficherer anzunehmen, als allein in Böhmen im Jahre 1872 55 neue Dampfmafchinen für den Bergbaubetrieb aufgestellt wurden, welche faft fämmtlich der Kohlenproduction zu Gute kommen. Alle diefe Verhältniffe zufammen gaben der Kohlenproduction in Oefterreich- Ungarn einen lebhaften Antrieb, fo zwar, dafs die Gefammtförderung im Jahre 1872 einen Betrag von 10 444 Millionen metrifchen Tonnen erreichte. Von diefer Gefammtfumme fallen 8.971 Millionen Tonnen oder 85.90 Percent auf die deutfch- flavifche und 1473 Millionen Tonnen oder 14'10 Percent auf die ungarifche Reichshälfte. Gulden. Der Werth der Kohlenproduction war im Jahre 1872 38.5 Millionen Ueber die Entwicklung der öfterreichiſch- ungarifchen Kohlenproduction und die Vertheilung derfelben nach Steinkohlen und Braunkohlen geben wir folgende Ueberficht: Mineralkohlen- Production in Oefterreich- Ungarn in metrifchen Tonnen à 20 Zoll Centner. Davon Im Jahre Mineralifche Kohle Steinkohle Braunkohle 1819 94.607 1825 154.944 1830 210.630 1835 250.782 1840 473.420 1845 721.707 1850 I, 125.934 1855 2,101.050 1,180.449 920.601 1856 2,338.195 1,287.620 1,050.575 1857 2,513.322 1,397.632 1,115.690 1858 2,910.642 1,610.150 1,300.492 1859 3,131.858 1,804.523 1,327.335 1860 3,503.895 1,948.189 1,555-706 1861 4,065.220 2,268.361 1,796.859 1862 4.536.238 2,523.305 2,012.933 1863 4.566.958 2,551.407 2,015.551 1864 4,650.535 2,537.397 2,113.138 1865 5,069.303 2,836.884 2.232.419 1866 4,893 931 2.706.796 2,187.135 1867 6,098.804 3,324.085 2,774.719 1868 7,021.756 3.795.358 3,226.398 1869 7,663.043 3.969.239 3,693.804 1870 8,355.945 4,295.776 4,060.169 1871 10,048.036 4,969.978 5,078.058 1872 10,443.998 4.764.786 5,679.212 Es hat demnach die Gefammtförderung von Kohle vom Jahre 1819 bis 1872 um 10.939 5 Percent und von 1855 bis 1872 um 397'1 Percent zugenommen. 9* 128 J. Pechar, Dr. A. Peez. der gleichen Zeit( 1855 bis 1872) ftieg die Steinkohlenförderung um 303 4 Percent, die Braunkohlenförderung aber um 516.9 Percent. Es zeigt fich hier ein ganz eigenthümliches und für Oefterreich wichtiges Ergebnifs, darin beftehend, dafs die Braunkohlenförderung in weit ftärkerem Verhältniffe wächft, als die Steinkohlenproduction. Es betrug nämlich der Antheil der Steinkohlen und Braunkohlen an der Gefammtförderung: im Jahre 1855 Steinkohle 561 Percent Braunkohle 43 9 Percent 1860 556 22 99 1870 514 29 1871 49.5 " 9 " " 1872 45.6 99 44 4 48.6 50.5 544 25 Im Jahre 1870 folgt, wie wir fehen, die Braunkohlenförderung mit 4.06 Millionen Tonnen oder 48.6 Percent der Gefammtförderung hart hinter der Steinkohlenförderung von 4'29 Millionen Tonnen oder 514 Percent der Gefammtförderung und hat diefelbe im Jahre 1871 bereits überholt, ein Umftand, der, wie wir fpäter fehen werden, wefentlich der rafchen Entwicklung des erzgebirgifchen Braunkohlenrevieres es zu danken ift. Im Jahre 1872 hat fich diefer Vorfprung noch vermehrt, indem in diefem Jahre im diefsfeitigen Oefterreich( ohne Ungarn) einer Steinkohlenförderung von 82.95 Millionen Zoll- Centnern eine Braunkohlenproduction von 96 47 Millionen Zoll- Centnern gegenüberfteht. Das Verhältnifs war alfo wie 45'6 Percent zu 54'4 Percent. Und in Ungarn war das Gleiche der Fall. Neben diefer fich in bedeutenden Dimenfionen entwickelnden eigenen Förderung hat auch der auswärtige Kohlenhandel Oefterreich- Ungarns, fowohl in Einfuhr wie Ausfuhr, beträchtlich zugenommen. Das Nähere in folgender Tabelle, der wir zugleich die Ziffern über Erzeugung und Verbrauch anfchliefsen: Production, Einfuhr, Ausfuhr und Verbrauch und Verbrauch von Kohle in Oefterreich- Ungarn. Production Im Jahre Einfuhr Zufammen Ausfuhr Verbrauch Somit Verbrauch per Kopf der Bevölkerung in metrifchen Pfunden 1835 1840 in metrifchen Tonnen à 20 Centner 2.737 264.173 26.443 470.301 49.207 709.843 62.630 1,137.853 129.397 2,034.602 279.675 3.464.349 385.662 5,050.129 481.068 4,699.737 16.128 266.910 23.324 496.744 37.343 759.050 74.549 1,200.483 62.949 2,163.999 240.129 3,744.024 366.488 5.435-79 I 286.874 5,180.805 339.779 5.438.583 587.441 7,609.197 261.8 730.779 4.707.804 262.2 809.298 6,799.899 378.8 686.855 8.349.898 820.735 7.529.163 419 4 925.198 8,357.867 465.6 250.782 473.420 1845 721.707 1850 1,125.934 1855 2,101.050 1860 3.503.895 1865 5,069.303 1866 4,893.931 1867 6,098.804 1868 7.021.756 1869 7.663.043 1870 8,355.945 927.120 9,283.065 1871 10,048.036 1,363.974 II.412.010 1,046.501 10,365.509 1872 10,443.998 1,589.053 12,033.051 1,171.476 10,861.575 577 4 605.0 Heizfläche sämmtlicher Kronländer in den Jahren Gesammte KronHeizfläche Heizfläche vertheilt auf die einzelnen Industrie- Zweige, 1 Heizfläche. 100,000,000 nat. Gröfse. 1868,1869, 1870,1871. in den Jahren Land. Spinnerei 1 1868,1869, 1870, 1871. Weberei Kohlen- Eisen Maschinen Eisenbahnen100,000,000 nat. Grösfe. Zucker 1 100,000,000 nat.Gröfse Färberei Bleicherei Tuchfabrikation etc. Förderg. Stahl & Mühlen Spiritus Papier& Bier Stationen Oel Glas Industrie- Einwohner Metallw. & Werk stätten Alle übrigen pr. pr. Meile Zweige zusammen 240 nat.Gr. 1 1,000,000 n.G. 1871: 273162 1870: 243884 1871 126940 1870112700 1869 93925 1863 213791 Böhmen 186874215 1868 185107 40150 30230 16244 13879 134: 5 0,0247 6352 5209 4652 3619 2594 1414 1544 677 334 1871: 3104 20100 1870743880 1869-440ZAY 1868.38377 10600 3906 5681 0.0253 126'4 2022 2493 4352 638 662 293 Mähren 134 38 125 -1871: 1870: Heizfläche Einwohner 1871: 0.0134 per 1871: 501 33224 33395 7970 95'1 4890 6372 0'0171 Meile Nieder Oesterreich 973 640 1853 2697 1631 672 1524 1770 155 77 1869: 30121 1868: 28500 0.0414 1871: 1870: 3933 5451 6376 2272 21254 18913 1520 1462 1287 213 396 366 155 240 nat. Grösfe 55 1 1,000.000 40 nat. Gr. Schlesien 1869: 1868: 17869 15844 1871: 1870: 5892 0.0116 Graphische Darstellung Ider Beirfläche der in den oesterr Provinzen vorhandenen Dampfkessel mit Ausschlafs der Locomotiv- und Schiffs kessel. O Die eingeschriebenen Zahlen bed. die Heizfläche in" Metern Für die Wiener Weltausstellung nach amtlichen Berichten zusammengestellt von FRANZ HLAWATSCHEK Professor an der technisch. Hochschule. in Küstenland 1871: 3384 Triest Istrien 1869: 2767 Tirol Voralberg 1869: 2761 Ober Oesterreich 1869: 2543 1871: 1656. 1869: 1166 617 1724 13226 12827 377 144 212 1093 1430 32'4 490 451 471 137 188 Steiermark □ 1869: 1868: 10604 9790 1871: 1870: 3890 2031 1912 904 331 1124 1230 124 11902 8965 27 173 141 00022 7.1 15 Galizien TOP 1869: 8273 1868: 7359 Graz 1871 4 18703012 312 18682579 2163 1871 3004 1870 2811 17 1868: 2558 337 1871: 2805 1870 2647 18682148 2041 13 119 1871 2670 1870 2218 Kärnthen 1869: 2057 1868: 1926 Krain 1870 1367 220 27 Bukowina 1871 1007 1869: 786 1871: 237 Salzburg 1869: 178 Dalmatien 1868: 1053 1870 952 1868: 652 1870 197 1868: 106 369 118 1144 53 17 140 1231 0.0038 6.2 la 265 ESS 7. 46 83 423 0.0033 5: 5 327 30 162 626 164 105 214 790 0'0037 12.7 0.0079 14.7 255 13 15 57 47 110 13 113 93 130 169 286 14 86 96 450 0: 0935 9: 1 314 526 42 24 6 99 137 0.002 17 39 148 18 00016 4 0.00009 0.017 kk Hof- u. Staatsdruckerei. Mineralifche Kohle. 129 Der auswärtige Kohlenhandel der Monarchie, der von einer Menge von 18.865 Tonnen im Jahre 1835 auf mehr als 212 Millionen Tonnen im Jahre 1872 angewachſen ift, bewegt fich faft ausfchliefslich zwifchen Oefterreich und dem deutfchen Reiche. Während Oefterreich aus dem nördlichen und weftlichen Böhmen erz gebirgifche Braunkohle und Pilfener Steinkohle abgibt, empfängt es aus PreufsifchSchlefien bedeutende Mengen von Steinkohle und Coken, welche hauptsächlich in Wien und Umgebung einen lohnenden Markt finden. Das Nähere über diefen Handel bringen wir gelegentlich der Befprechung der einzelnen Kohlenreviere. Im Ganzen genommen haben die Einfuhr nach Oefterreich und Ausfuhr aus Oefterreich lange Jahre hindurch gleichen Schritt gehalten; feit 1871 jedoch ift die Einfuhr in noch höherem Mafse geftiegen als die Ausfuhr, eine Thatfache, die befonders darin ihre Erklärung findet, dafs einerfeits nach Preufsifch- Schlefien hin in den letzten Jahren einige wichtige Eifenbahn- Anfchlüffe erfolgten( KafchauOderberg), anderfeits weil vermöge des Auffchwunges der öfterreichifchen Eifeninduftrie die einheimifchen Steinkohlenwerke einen gröfseren Theil ihrer Förderung zu Coke verarbeiteten und den Ausfall mit oberfchlefifcher Kohle deckten. Von letzterer gingen im Jahre 1872 nicht weniger als 1,074.127 Tonnen nach O efter reich, wovon 415.000 Tonnen allein in Wien verbraucht wurden. - Vergleicht man die Entwicklungsziffern der Einfuhr, Ausfuhr und Production in den Jahrzehnten feit 1841, fo ergeben fich folgende Daten. Es haben zugenommen: in den Jahren 1841 bis 1851. 1851 1861 " 1861 1871. " Production Einfuhr in Percenten Ausfuhr 147 74 209.06 III 90 253.38 79° 24 452.92 147 17 408.96 255-73 Aus einer Zufammenfaffung der einheimifchen Erzeugung und der Einfuhr ergibt fich nach Abfchlag der Ausfuhr der Verbrauch mineralifcher Kohle in Oefterreich. Der Gefammtverbrauch Oefterreich- Ungarns betrug demnach im Jahre 1871 10:36 Millionen und im Jahre 1872 10 86 Millionen Tonnen. Bei einer Bevölkerung von 35'90 Millionen Menfchen entfallen demnach per Kopf 6050 metrifche Pfund, während die Production per Kopf fich auf 581 76 metriſche Pfund bezifferte. Ueber den Verbrauch der mineralifchen Kohle zu den verfchiedenen Zwecken der Induſtrie, des Hausbrandes etc. liegen zwar keine Angaben vor, fo wenig als feit dem Jahre 1867 neuere officielle Daten über die Zahl der Dampfmafchinen und ihre Pferdekräfte publicirt worden find; allein einen werthvollen Anhalt in diefer Richtung bietet eine von F. Hlawatfchek, Profeffor an der technifchen Hochfchule in Graz, verfafste graphifche Darftellung der in den öfterreichifchen Kronlanden( ohne Ungarn) vorhandenen Dampfkeffel mit Ausfchlufs der Locomotiv- und Schiffskeffel, eine Darftellung, die wir im Einvernehmen mit dem Herrn Verfaffer hier anfchliefsen. Die überwiegende Bedeutung Böhmens in der Induſtrie, fowie der Antheil der einzelnen Induftriezweige( Zuckerfabrication, Spinnerei und Weberei, Kohlenbergbau etc.) an der Verwendung der Dampfkraft wird aus diefer intereffanten Darftellung erfichtlich. Im Jahre 1860 1861 Kohlenverfrachtung( nach Revieren und Bahnen). OftrauJaworzno Roffitz Voitsberg FünfKöflach kirchen SchatzlarSchwadowitz PilfenRadnitz KladnoSchianRakonitz Erzgebirgifches Revier Kaifer FerdinandsNordbahn Brünn- Graz. Roffitzer Köflacher MohácsFünfkirchner Süd- Norddeutfche Böhmifche Verbin- Weftbahn dungsbahn AuffigBufchtěhrader DuxBodenTeplitzer bacher Millionen Zoll- Centner 2'4 0.6 2.6 0.6 9.7 3.9 2'I 1.8 4.3 0.8 I'2 II 3 5.4 1865 7.9 0.5 2.2 2.4 44 14 44 96 9.0 1870 13.8 0.9 2.9 50 5.1 2.0 7: 3 153 23.8 1872 16.1 0.6 4'0 7: 0 6.2 24 8.8 17.8 2.8 30.2 2'4 1873 18.4 5.8 37.3 5.8 130 J. Pechar, Dr. A. Peez. Mineralifche Kohle. 131 Vertheilung der Kohlenreviere. Oefterreich befitzt keine Steinkohlenreviere, die fich an Ausdehnung und Mächtigkeit mit dem niederrheinifch- weftphälifchen Becken oder den grofsen englifchen und amerikaniſchen Kohlenlagern meffen könnten. Seine Steinkohlenreviere find, mit einziger Ausnahme des Kladno- Schlan- Rakonitzer Beckens, wenig ausgedehnt und theilweife fchwer abzubauen, erfreuen fich jedoch im Allgemeinen einer guten geographifchen Vertheilung und liefern einen Brennftoff, der namentlich durch feine backende Eigenfchaft im Hinblicke auf die vortreff. lichen Erzlager der Monarchie eine grofse volkswirthschaftliche Bedeutung erlangt hat. Ganz hervorragend ift dagegen Oefterreich mit guten und in riefigen Maffen zu fördernden Braunkohlen bedacht. Diefelben eignen fich nicht nur als Hausbrand, fondern auch für zahlreiche induftrielle Zwecke, als Mafchinenkohle, zum Schmelzen der Bleierze( in Bleiberg, Kärnthen), fowie zum Beffemerproceffe ( in Teplitz, Böhmen). Die Steinkohlenreviere Oefterreichs liegen theils in einem nördlichen, von Weft nach Oft zielenden Striche, der, bei Pilfen an der bayerifchen Grenze beginnend, bis Mährifch- Oftrau und Jaworzno an der ruffifchen Grenze reicht, theils auch im füdöftlichen Theile Ungarns. Die erfte nördliche Gruppe wird gebildet von den Revieren von Pilfen, Kladno- Bufchtěhrad, Schlan- Rakonitz, Schatzlar- Schwadowitz in Böhmen, fowie Oftrau- Jaworzno in OefterreichiſchSchlefien, Mähren und Galizien, während der zweiten füdlichen Gruppe die Becken von Fünfkirchen und Steyerdorf angehören. Eine Zwifchenftellung nimmt das Steinkohlenrevier von Roffitz in Mähren ein. Die Braunkohlenreviere finden fich theils im Herzen der Monarchie zwifchen den Ausläufern der Alpen und befonders am Oftabhange diefes Gebirges in Steiermark und Krain, wo bei Leoben, Sagor und in grofser Fülle bei Köflach fich eine bedeutende Kohlenförderung entwickelt hat, theils an der Peripherie des Kaiferftaates, nämlich im Schylthal in Siebenbürgen und am Fufse des Erzgebirges in Böhmen, von denen das erzgebirgifche Becken mit einer Jahresförderung von über 2.7 Millionen Tonnen fich rafch an die Spitze fämmtlicher Kohlenreviere der Monarchie gefchwungen hat. Endlich ift auch als zukunftsreich das in der Nähe von Peft( nördlich) gelegene Braunkohlengebiet der Matra zu nennen, welches bei Salgó- Tarján bereits mit gutem Erfolge abgebaut wird. Für die aus den verfchiedenen Becken ausgebrachten Kohlenmengen gibt eine Ueberficht der auf den zugehörigen Bahnen verfrachteten Kohlen einen annähernd richtigen Anhaltspunkt( Siehe Tabelle Seite 130). Die Vertheilung der Reviere nach Kronländern( ohne Ungarn), der Antheil der einzelnen Kronlande an der Gefammtförderung von Steinkohle und Braunkohle, die Anzahl der verwendeten Arbeiter und die per Jahr und per Schicht entfallende Leiftung eines Arbeiters ergibt fich aus folgender Tabelle, die wir dem Jahrbuche und den Mittheilungen der statistischen Central- Commission für 1872 entnehmen( Siehe Tabellen Seite 132). Demnach nimmt Böhmen unter den Kronländern der diefsfeitigen Reichshälfte den erften Rang ein, indem es an der Steinkohlenförderung mit 47.82 Millionen Centnern oder 57.65 Percent und an der Braunkohlenförderung mit 55.76 Millionen Centnern oder 57.80 Percent Theil nimmt. An Böhmen reiht fich hinfichtlich der Steinkohlenförderung Schlefien, welches den gröfseren, und Mähren, welches den kleineren Theil des Oftrauer Beckens einfchliefst, mit 23.08, beziehungsweife 11.50 Percent. Hinfichtlich der Braunkohlenproduction folgt Steiermark mit 26.01 Percent hinter Böhmen. 132 J. Pechar, Dr. A. Peez. Kohlenproduction und Anzahl der Arbeiter beim Kohlenbergbaue in den einzelnen Kronländern Oesterreichs. Steinkohlen. 1872. Production Länder in Zoll- Centnern das find Percente der gefammten Production Anzahl der verwendeten Arbeiter Es entfallen daher auf je Einen Arbeiter für das ganze für Eine Schicht Jahr Zoll- Centner Böhmen 47,824.199 Schlefien Mähren Galizien Niederöfterreich 19,142.504 9.531.966 1150 4.781 57.65 19.515 23.08 9.205 2.451 8.17 2.080 6.93 1.984 6.61 5.396.543 6.50 2.221 2.430 8.10 919.073 I.II 802 1.146 3.82 Steiermark Oberösterreich Krain IIO.353 O'13 547 202 0.67 25.048 0:03 133 192 0.64 2.240 0.00 28 80 0.27 Im Ganzen 2.228 7:43 82,951.986 100.00 37.232 Braunkohlen. 1872. Production Länder in Zoll- Centnern das find Percente der gefammten Production Anzahl der verwendeten Arbeiter Es entfallen daher auf je Einen Arbeiter für das ganze Jahr für Eine Schicht Zoll- Centner Böhmen Steiermark 55.763.591 25,094.853 57.80 10.026 26.01 8.972 5.562 18.54 2.797 9:32 Oberösterreich 5,751.950 5.97 1.184 4.858 16.19 Krain. 3,187.472 3.30 1.061 3.004 Mähren 2,355 808 2:44 727 3.240 ΙΟ ΟΙ 10.80 Kärnthen 1,543.389 1.60 1.199 1.287 4 29 Niederöfterreich 1,097.520 114 461 2.381 7.94 Küftenland Tirol Galizien Dalmatien 765.175 0.79 498.644 246.525 157.769 520 1.471 4.90 0.52 205 2.432 8.11 0.26 183 I.347 4.49 0.16 102 1.547 5.16 Bukowina. Schlefien Im Ganzen 5.690 96.468.386 100.00 24.645 Ο ΟΙ 5 1.138 3.79 3.914. 13 05 Mineralifche Kohle. 133 Von befonderem Intereffe find bei diefer Aufftellung die Ziffern über die Arbeitsleiftung eines Arbeiters in den verfchiedenen Kronländern per Jahr und per Schicht, wonach in den böhmifchen Steinkohlenwerken( alfo in Kladno, Rakonitz, Pilfen, Schatzlar- Schwadowitz) I Arbeiter per Jahr 2.451 Centner fördert, in Schlefien( Oftrau Karwin) 2.080 Centner, in Mähren( Oftrau und Roffitz) 1.984 Centner; während in den Braunkohlenwerken ein Arbeiter jährlich fördert: in Böhmen( erzgebirgifches Becken) 5.562 Centner, in Oberösterreich( WolfseggTraunthal) 4.858 Centner, in Mähren( Göding- Gaya) 3.240 Centner, in Krain( Sagor) 3.004 Centner, in Steiermark( Leoben, Fohnsdorf, Köflach, Wies, Eibiswald) 2.797 Centner, in Tyrol( Häring) 2.432 Centner, in Niederöfterreich 2.381 u. f. w. Die Productionsfähigkeit der Reviere ift in diefen Ziffern ziemlich genau angedeutet. Ueber die Förderung der einzelnen Becken( Steinkohlen- und Braunkohlenreviere getrennt) in den Jahren 1862, 1867, 1869 und 1872 in metrifchen Tonnen( zu 20 Centner), ferner über die Percentantheile der einzelnen Becken an der Gefammtförderung Oefterreich- Ungarns in den genannten Jahren bringen wir folgende gedrängte Darftellung( Siehe Tabelle Seite 134). Aus diefer Berechnung ergibt fich eine Reihe wichtiger Schlüffe. Vor Allem der, dafs die Steinkohlenförderung Oefterreich- Ungarns von 1862 bis 1872 zwar abfolut um faft 89 Percent geftiegen ift, dafs fie jedoch an der gefammten Kohlenförderung der Monarchie im Jahre 1862 mit 55'6 Percent, im Jahre 1867 mit 54'5 Percent, im Jahre 1869 mit 518 Percent und im Jahre 1872 nur mehr mit 45'6 Percent participirte, während die Braunkohlenförderung in denfelben Jahren von 44'4 Percent auf 45 5, 48.2 und 54 4 Percent geftiegen ift. Dasfelbe Verhältnifs gelangt in der Thatfache zum Ausdrucke, dafs von allen Kohlenrevieren Oefterreich- Ungarns fich das erzgebirgifche Braunkohlenbecken ( Falkenau und Dux- Karbitz) mit 26 0 Percent der Gefammtproduction im Jahre 1872 an die Spitze gefchwungen und feitdem feine Ueberlegenheit ficher noch um einige Percent gefteigert hat. Faft ein Viertheil fämmtlicher in Oefterreich. Ungarn geförderten Brennftoffe wird jetzt in dem lange Zeit hindurch wenig gewürdigten erzgebirgifchen Reviere gewonnen. Dann folgen im Jahre 1872 Kladno- Schlan- Rakonitz mit 13.6 Percent, Oftrau- Karwin mit IIO, Pilfen mit 7.3, Köflach- Voitsberg mit 4'9, Leoben- Fohnsdorf mit 4'4, Traunthal mit 27, Roffitz mit 27, Jaworzno mit 2-6, Schatzlar Schwadowitz mit 2.0, Sagor mit 16 Percent u. f. w., wobei zu bemerken ift, dafs bis zum Jahre 1874 insbefondere für KöflachVoitsberg, Leoben- Fohnsdorf, fowie auch Sagor bedeutend gröfsere Percentantheile zu verzeichnen find. 1. Das Steinkohlenbecken von Kladno- Schlan- Rakonitz. Das Becken von Kladno mit feinen Fortfetzungen nach Schlan und Rakonitz bildet das gröfste Steinkohlenrevier Oefterreichs. Der nachgewiefene Kohlenreichthum desfelben beträgt 90 Millionen Tonnen; für den Abbau vorgerichtet find 20 Millionen Tonnen. Die Förderung bezifferte fich im Jahre 1872 auf 1,415.113 Tonnen. Man unterfcheidet bei diefem Reviere zwei Theile, einen füdlichen oder Liegend- Flözzug, welcher der Steinkohlenformation, und einen nördlichen oder Hangend- Flözzug, welcher dem die Steinkohlenformation überlagernden Rothliegenden angehört. Der füdliche Theil, welcher den Kern des Beckens enthält, beginnt öftlich bei Kralup an der Moldau und zieht über Brandeisl, Bufchtěhrad, Rappitz, Kladno gegen Rakonitz, Petrowitz bis in die Gegend von Seiwedl in einer Länge von mehr als fieben öfterreichifchen Meilen. Das Liegend- oder Hauptflöz ift jetzt in einem Flächenraume von nahe drei Quadratmeilen nachgewiefen, wobei jedoch durch die Unebenheit des Grundgebirges zahlreiche Störungen und Unregelmäfsigkeiten vorkommen. Den productivften Theil diefer Kohlenablagerung bil 134 J. Pechar, Dr. A. Peez. Mineralkohlen- Production in Oefterreich- Ungarn( nach Kohlen 1862 becken). 1867 1869 1872 Becken metr. Tonnen A. d. f. Percente der Gefammtproduction metr. Tonnen d. f. Percente der Gefammtproduction metr. Tonnen d. f. Percente der Gefammtproduction metr. Tonnen Steinkohlen. Kladno- SchlanRakonitz. Oftrau- Karwin. Pilfen. Rossitz 839.950 18.5 596.315 334.856 167.952 13'2 7 4 3'7 Jaworzno. 109.557 24 983.363 817.435 566.412 192.956 135.488 16.1 1,178.869 15'4 13 4 1,021.714 13'3 9° 3 635.804 8.3 1,415.113 13.6 1,150.476 765.350 ΙΙΟ 7'3 2'2 3.2 236.890 167.207 3'1 283.180 2.7 2'2 269.827 216 Schatzlar- Schwadowitz. 100.887 2'2 157.404 2.6 170.744 2'2 210.273 2'0 Kleinere Steinkohlenbecken 49.488 I'I 68 289 I'I 64.366 0.9 53-381 0.5 Ungarn Summe 2,199.005 48.5 2,921.347 402.738 324.300 7'1 47'9 3,475.594 6.6 493.645 6.4 45 4 4,147.600 39'7 617.186 5'9 B. Braunkohlen. Erzgebirge.. 768.085 16.9 1,239.869 20° 3 1,650.674 21.6 2,711.262 26.0 Leoben- Fohnsd. 215.542 4.8 231.682 3.8 278.574 3.6 462 686 4'4 Köflach Voitsberg. Traunthal 131.248 129.256 2'9 167.289 217 2.8 Sagor etc. 47.502 I'O 180.031 98.163 3'0 1.6 340.362 178.276 144.518 4'5 513.061 4'9 2'3 287.592 2'7 1.9 159.373 1.6 Kleinere Braunkohlenbecken Summe Ungarn Im Ganzen 1,748 000 264.933 4,536.238 466.367 ΙΟΙ 38.5 523 283 8.6 539.063 7'0 689.445 6.6 2,440.317 40'0 5'9 334.402 5'5 IOO O 6,098.804 IOO O 3,131 467 562.337 7,663.043 40* 9 7'3 4,823.419 46.2 855-793 IOO'O 10,443.998 ΙΟΟΟ 8.2 d. f. Percente der Gefammtproduction Mineralifche Kohle. 135 det das Gebiet von Brandeisl, Rappitz, Kladno, welches in einer Ausdehnung von faft fieben Millionen Quadratklaftern im Befitze des Kaifers Ferdinand, der k. k. pr. öfterreichifchen Staats- Eifenbahn- Gefellfchaft und der Prager EifeninduftrieGefellſchaft ift. In diefem Theile des Reviers finden fich zwei Kohlenflöze im Abbaue, das ,, Hauptflöz" mit 3 bis 6 Klaftern( 5.7 bis 11 4 Meter) Mächtigkeit, durch fieben Zwifchenmittel in verfchiedenen Bänken bis zu 9 Fufs( 2.8 Meter) getrennt, und das ,, Grundflöz" mit einer Mächtigkeit von 1 bis 3 Fufs( 047 bis 0.94 Meter), welches letztere jedoch nicht abbauwürdig ift. Da die Kohle nach dem Einfallen des Flözes zu fich beffert, fo liefern die weftlichen Theile, fowie das Innere der Mulde, alfo insbefondere die Gegend von Kladno, bei der gröfseren Tiefe der dortigen Schächte eine reinere Kohle, als das öftliche, von Brandeisl gegen Koleč und Kralup fich hinziehende Flöz. Die Befchaffenheit der Kohle wird aus folgenden Analyfen erfichtlich: Chemiſche Analyfen von Kohlen des Kladno- Schlan- Rakonitzer Beckens. Theore. WafferKohle von gehaltPercent Afchen gehaltPercent tifche Heizkraft Nutzbare Verdampfungskraft( Pfund Dampf v. 150° in Calorien Celf. durch Brandeisl Kladno. Bufchtěhrad Rakonitz Rappitz I Pfd. Kohle) 4.8 2'1 4.0 8.3 2.9 81039 5: 3 5.517 5.85 9.4 5.694 6.04 9.0 5.668 6.01 8.9 4.839 5.13 9.1 5.720 6.06 Die Flöze liegen ziemlich tief. Der Kübekfchacht erreicht erft bei 184 Klaftern ( 348 9 Meter) und der Engerthfchacht bei 203 Klaftern( 384'9 Meter) das Hauptflöz; diefer letztere ift jetzt der tieffte Schacht im Kladnoer Becken. Der Auffchlufs gefchieht nur durch Schächte, der Abbau durch Pfeilerabbau, ftellenweife auch durch Etagenbau. Für Kohlenauffchlufs, Förderung, Waffer- und Wetterlöfung beftehen 21 Schächte mit 20 Fördermafchinen und 2 Ventilatoren. Das durch diefe Einbaue aufgefchloffene unterirdifche Gebiet ift mit Grubeneifenbahnen. von nicht weniger als 40.200 Currentklaftern( 76.235 Meter) Länge durchzogen, auf welchen die Förderung durch 32 Grubenpferde beforgt wird. Diefelben find in unterirdifchen Stallungen untergebracht. Zur Wafferhebung dienen meift direct wirkende Wafferhaltungsmafchinen von 120 bis 450 Pferdekraft; denn manche Schächte haben einen Wafferzuflufs von fogar 90 Cubikfufs per Minute aufzuweifen. Die Schachtförderung beforgen gewöhnlich Zwillingsmafchinen ohne Vorge. lege zu 30 bis 100 Pferdekraft. Für Ventilation ift fehr gut geforgt; diefelbe wird durch angebrachte Wetterthüren entſprechend regulirt. Die Abbaurefultate wechfeln nach den Verhältniffen des Flözes. Wo das Flöz zu feiner vollen Mächtigkeit entwickelt ift, da beträgt der Holzbedarf zur Auszimmerung per 100 Centner geförderter Kohle 4.5 Kubikfufs, die Häuerleiſtung. in zwölfftündiger Schicht 94 5 Centner und der Stückfall 55 bis 60 Percent Grofsund Würfelkohle; im gegentheiligen Falle finken die Refultate bis zu einer Häuerleiftung von 35 Centnern mit 20 Percent grofser Würfelkohle herab, während der Holzbedarf bis zu 10 Kubikfufs fteigt. Die Kohle ift befonders gut im„ Hauptflöz", und 10 Centner derfelben entfprechen dem Heizwerthe von I Klafter 30zölligen weichen Holzes. Der Afchen 136 J. Pechar, Dr. A. Peez. gehalt kann im Durchfchnitte mit 6.5 Percent beziffert werden. Der Geftehungspreis beträgt je nach den Betriebsverhältniffen 95 bis 18 Kreuzer; der Verkaufspreis betrug im Jahre 1871 loco Grube für Stückkohle 37.5, im Jahre 1872 für Grofskohle 40, für Würfelkohle 35, und für Kleinkohle 20 Kreuzer öfterr Währ. An backender Kohle, die befonders bei Rappitz vorkommt, werden jährlich circa 3 Millionen Centner gewonnen und vercokt, die jedoch für den Bedarf der bedeutenden Eifenwerke von Kladno nicht ausreichen. Letztere verwenden daher einen Zufchufs von Coke aus Waldenburg. Weit weniger aufgefchloffen als bei Kladno- Bufchtěhrad ift das Kohlenvorkommen in der Gegend von Rakonitz, wefshalb auch hier der bergmännifche Betrieb noch zu keiner fo grofsen Entwicklung gelangt ift. Indeffen nimmt feit 1867 auch hier der Bergbau einen erfreulichen Auffchwung, namentlich in den Werken der ,, Moravia" und bei Hoftokrej. Erft in neuefter Zeit, nämlich im December 1871, ift diefes Revier einer Eifenbahn( der Böhmifchen Nordweftbahn) theilhaftig geworden, während das Revier von Kladno( im engeren Sinne) bereits feit dem Jahre 1856 von der Bufchtěhrader Bahn durchzogen ift. Im Hangenden oder dem nördlichen Theile des Beckens bei Schlan und Hředl finden fich in einer Teufe von 6 bis 40 Klaftern( II 4 bis 75.8 Meter) mehrere gut gelagerte Flöze von 20 bis 36 Zoll( o 53 bis 0.79 Meter) Mächtigkeit, der per mifchen Formation angehörig, welche bei leichtem Abbaue eine nicht backende und nicht fehr compacte, doch angenehm brennende und daher für Zimmer heizung gut geeignete Kohle ergeben. Die Zahl der Arbeiter, fowie die Menge und der Werth der Förderung im Jahre 1872 ergibt fich für das gefammte Kohlenrevier von Kladno, Rakonitz und Schlan aus folgenden runden Ziffern: Kohlenförderung und Anzahl der Arbeiter im Becken von KladnoSchlan- Rakonitz. Becken Kladno nebft Wottwowitz Rakonitz Schlan Zufammen Anzahl der Arbeiter Förderung Menge Ctr. Werth fl. 6.800 2.000 1.000 25.000.000 4.000.000 2,800.000 5.500.000 800.000 560.000 9.800 31,800.000 6.860.000 Die Kohle hat ihren Abfatz in den Induftriewerken der Gegend, nährt die Bufchtěhrader Eifenbahn, nördliche Staatsbahn, foweit beide nicht in das Braunkohlengebiet fallen, dominirt in dem nur 5 Meilen entfernten Prag, welches einen Jahresconfum von 6 Millionen Centnern( 300.000 metriſche Tonnen) hat, verforgt überwiegend die zahlreichen Zuckerfabriken des mittleren Böhmens und erftreckt ihre Ausläufer bis Brünn und Reichenberg. II. Das Pilfener Steinkohlenbecken. Das Pilfener Becken erftreckt fich, den Ufern des Flüfschens Mies folgend, in einer Länge von über 4 Meilen( 30 3 Kilometer) von Tufchkau in nördlicher Richtung bis Plafs. Die Breite beträgt ftellenweife 15 bis 25 Meilen( 113 bis 18.9 Kilometer). Es ergibt fich demnach ein Flächeninhalt von 10 bis 11 Quadrat Mineralifche Kohle. 137 meilen( 5.75 bis 6.32 Quadrat Myriameter), deffen Kohleninhalt noch nicht conftatirt ift.* Die Kohle liegt in einer Teufe von 27 bis 100 Klaftern( 51 bis 189.6 Meter) und darüber, und ihr Einfallen ift im Allgemeinen ein fanftes. Die Zahl der Flöze beträgt 2 bis 5 und ihre Mächtigkeit wechfelt von 18 bis 100 Zoll( 0.47 bis 2.63 Meter). Wo fie vereinigt find, was z. B. am nördlichen und öftlichen Rande des Beckens ftattfindet, erhebt fich die Mächtigkeit bis zu 6, ja 10 Fufs( 1.89 bis 3.16 Meter). Störungen durch Klüfte und Verwerfungen, fowie durch Verftaubungen find häufig. Der Abbau gefchieht durch Schächte, felten durch Stollen; Pfeilerbau ift allgemein. Man zählt im Reviere 57 Hauptförder- und Wafferhaltungsfchächte, neben denen noch zahlreiche Hafpelfchächte vorkommen. Zur Schachtförderung dienten im Jahre 1871 28 Dampfmaschinen mit 423 Pferdekräften und zur Wafferhaltung 25 Mafchinen von zufammen 1393 Pferdekräften. Im Jahre 1872 wurde die Zahl der Hauptförder- und Wafferhaltungsfchächte um vier vermehrt. Defsgleichen find zugewachſen fechs Fördermaſchinen mit 180 und fünf Wafferhaltungs- Dampfmafchinen mit 395 Pferdekräften. Die Qualität der Kohle ift eine fehr verfchiedene. Am füdlichen und füdöftlichen Rande, bei Littitz, ift die Kohle befonders backend, und liefert vorzügliche Coke; an anderen Orten läfst fie fich durchgehends als eine gute Flammund Gaskohle bezeichnen. In der Umgebung von Nürfchau kommt im Flöze eine bis 40 Zoll( 105 Meter) mächtige Bank vor, welche die bekannte„ Plattelkohle" liefert. Diefelbe wird als Gaskohle bis nach der Schweiz und Italien abgefetzt und ergibt per Centner 700 Kubikfufs( per metrifche Tonne 4419 Kubikmeter) Gas von bedeutender Lichtftärke. Ihr Verkaufspreis betrug im Jahre 1871 60 kr. per Centner, 29 " 1872 60 bis 67 kr. per Centner, während die Preife für fonftige Stückkohle aus dem Pilfener Reviere loco Grube im Jahre 1871 zwifchen 30 und 40 kr. per Centner( 6 fl. bis 8 fl. per Tonne) und im Jahre 1872 zwifchen 30 und 50 kr.( 6 bis 8 fl. per Tonne) wechfelten. An das Pilsener Revier( im engeren Sinne) ſchliefsen fich als kleinere Theile noch die Becken von Radnitz, Wejwanow, Miröfchau, Wittuna und Manetin an. Diefelben enthalten in Mulden von fehr mäfsigem Umfange eine meift gute Kohle, die theils als Schmiedekohle, theils als Flammkohie, theils als Gaskohle oder backende Kohle gefucht ift. Die Entwicklung des Pilfener Beckens datirt feit Entſtehen der Böhmifchen Weftbahn, mit welcher die Kohlenwerke faft durchgängig mittelft Zweigbahnen verbunden find. Es betrug nämlich die Förderung des Beckens im Jahre 1862, alfo kurz nach Eröffnung der Böhmifchen Weftbahn, 6,697.000 Centner( 334.856 metr. Tonnen) und im Jahre 1872, alfo nach zehn Jahren, 15,307.000 Centner( 765.350 metr. Tonnen), d. i. mehr als das Doppelte der Production des Jahres 1862.Die Entwicklung der Jahre 1871 und 1872 ift in folgenden Zahlen ausgedrückt: * Nach einer handfchriftlichen Mittheilung des Herrn C. von Nowicki fetzt die Steinkohlenformation unweit Plass bei Nebřezin nach Norden über die Střela, zieht fich dann über Babina, dann zum Theil von permifcher Formation bedeckt, in einem fchmalen Bande über Remefchin, Podworow, Scheles bis Wilenz, wo die permifche Formation auf der Oberfläche das Auftreten der Steinkohlenformation wahrfcheinlich macht. Von Wilenz öftlich zieht fich die permifche Formation über Makarzow nach Seiwedl im Kladno- Schlan- Rakonitzer Becken, wefshalb Herr von Nowicki den Zufammenhang des Pilfener Beckens mit dem Kladno- Schlan- Rakonitzer als conftatirt anfieht. 138 J. Pechar, Dr. A. Peez. Kohlenproduction im Pilfener Becken( in metriſchen Tonnen). Becken Pilfen( im engeren Sinne) Radnitz. Miröfchau Wittuna. Manetin. Im gefammten Pilfener Becken. 1871 1872 450.350 200.650 120.200 29.100 800.300 439.300 175.100 128 400 18.750 3.800 765.350 Das Verhältnifs des Förderquantums zu der Anzahl der Dampfmafchinen und Arbeiter ergibt fich aus folgender Tabelle: Zahl der Dampfmaschinen, der Arbeiter und Production der Kohlenwerke des Pilfener Beckens. Dampfmaschinen 1871 Becken Anzahl Pferdekraft Anzahl Arbeiter Fördermenge 1872 1871 1872 1871 1872 1871 1872 1871 1872 Pferdekraft Männer Weiber Kinder metr. Tonnen Pilfen( im • eng. Sinne) 53 1816 64 2391 3336 4199 Radnitz 17 238 17 238 1689 1844 Miröfchau. 10 215 10 215 841 848 5 48 4 45 376 218 5 155 Wittuna Manetin -- 80 279 364 444 379 450.350 439.300 151 156 61 50 200.650 175.100 52 71 3 9 120.200 128.400 18.750 29.100 3.800 - Summa 85 2317 100 3044 6242 7189 482 591 508 438 800.300 765.350 Die Kohle aus dem Pilfener Becken findet ihre Verwendung theils bei der Induftrie, theils auf den Eifenbahnen der Gegend, theils durch Verfrachtung über die Grenze nach Deutfchland( Bayern). Pilfen felbft ift ein bedeutenderer Induftrie- Ort geworden, welcher neben feinen grofsartigen Brauereien mehrere Mafchinen- und Zuckerfabriken befitzt. Die Umgebung Pilfens hat fich feit Langem und insbefondere in jüngster Zeit der Eifeninduftrie zugewendet. Die Nürfchaner Werke der Prager Eifeninduftrie Gefellfchaft, die Radnitzer Werke derfelben Gefellſchaft und des Fürften Fürftenberg, die Hochofenanlagen der Gemeinden Pilfen und Rokycan zu Horomyslic und Klabawa, des Grafen Waldftein zu Sedlec, die Dr. Strousberg'fchen Werke in der Umgebung von Zbirow, fodann die fürftlich Fürftenberg'fchen Eifenwerke in der Umgebung von Beraun confumiren ein bedeutendes Quantum der Förderung des Pilfener Kohlenbeckens. Aus Miröfchauer, und befonders aus Littitzer Kohle wurden im Jahre 1871 130.000 Centner Coke gewonnen, die in den fürftlich Fürftenberg'fchen Hütten bei Beraun und in den Cupolöfen der Umgebung von Mineralifche Kohle. 139 Pilfen zur Verwendung gelangten. Im Jahre 1872 begann die Erzgebirg'fche Eifen. und Stahlwerks- Gefellfchaft( Komotau) bei Rokycan den Bau einer Hochofenanlage, welche die Cokeproduction weiterer 25 und fpäter weiterer 50 Oefen confumiren wird. Demgemäfs wurden auch im Jahre 1872 die Rokycaner Cokeanlagen auf eine jährliche Cokeproduction von 500.000 Centnern( 25.000 metriſche Tonnen) erweitert. Auch Dr. Strousberg hat im Jahre 1872 eine Erweiterung feiner Eifenwerke in Zbirow in Angriff genommen. Es wurde eine Waggonfabrik zu Holoubkau, hiezu viele Arbeiterwohnungen, fodann zahllofe Arbeiterwohnungen in nächfter Nähe von Zbirow, wohin eine Cokehochofen- Anlage und ein ausgedehntes Raffinirwerk kommen follen, erbaut, zugleich die Franzensthaler und Strafchitzer Hochofenanlagen erweitert. Bis jetzt ift jedoch Alles unvollendet und hat auf den Confum der Pilfener Kohle keinerlei Einflufs genommen. Der Pilfener Kohle bedienen fich die Böhmifche Weftbahn und die Kaifer Franz Jofef- Bahn, erftere ausfchliefslich, letztere neben Steinkohle aus dem Kladnoer und neben Braunkohle aus dem Egerer Becken. Das Pilfener Revier verforgt ferner den grofsartigen Erzbergbau zu Příbram und zahlreiche an der Böhmifchen Weftbahn und Kaifer Franz Jofef- Bahn gelegene induftrielle Etabliffements mit Kohle, welch' letztere auch in Prag theils zur Gaserzeugung, theils zur Zimmerheizung verwendet wird. Ein grofser Theil der Förderung geht fchliefslich nach dem kohlenarmen Bayern; ganz geringe Partien kehren hievon via Paffau nach Oberösterreich und in das Salzburg'fche und via Kufftein nach Tyrol, alfo wieder nach Oefterreich, zurück. Die Nachfrage nach Pilfener Kohle für Tyrol hat in letzter Zeit fich vermindert und mehr der Miesbacher( Bayern) Stein- und der Häringer( Tyrol) Braunkohle zugewendet. Es wurden via Furth am Walde verfendet: via Paffau zur Elifabethim Jahre via Kufftein nach Tirol nach Deutſchland Summa Weftbahn 1863 2.000 1864 10.310 1865 10.460 1866 12.300 metri fche Tonnen . 34.742 57.910 I 19.590 125.225 36.742 68.220 109.130 II2.925 1867 8.170 128.185 136.355 1868 17.005 17.560 129.535 164.100 1869 13.215 6.570 127.100 146.885 1870 8.800 820 119.620 129.240 1871 8.510 210 137.400 146.120 1872 II.450 630 130.940 143.020 Obwohl das Pilfener Revier feine Förderung in den letzten Jahren nicht unbedeutend gefteigert hat, fo wird fich fein Abfatz kaum über die obengenannten Grenzen erweitern laffen. Die im Allgemeinen geringe Mächtigkeit der Flöze, das Vorkommen gerade vieler befferer Sorten in kleinen Mulden, von denen bereits die eine oder andere( Radnitzer und Mofchtitzer Mulde) der Erfchöpfung entgegengeht und die aus zahlreichen Verwerfungen entſpringenden Betriebsfchwierigkeiten laffen eine 140 J. Pechar, Dr. A. Peez. eine Anficht, die von den Maffenförderung im Pilfener Reviere nicht zu, neueften Auffchlüffen mehr beftätigt, als widerlegt wird. Eines namhaften Auffchwunges fcheinen jedoch fähig: die Lager von Miröfchau und von Littitz, letztere ein integrirender Beftandtheil des engeren Pilfener Beckens. Das Miröfchauer Becken ift heute zum gröfseren Theile Eigenthum der„ SteinkohlenGewerkschaft" in Miröfchau und zum kleineren Theile des Fürften Fürftenberg, welch' letzterer die Kohle ausfchliefslich für den Betrieb feiner in der Umgebung von Beraun gelegenen Eifenwerke gewinnt. Die Miröfchauer Kohle ift eine der beften des Pilfener Beckens, indem fie bei geringem Afchengehalte( 10 Percent) einen grofsen Gasgehalt von bedeutender Lichtftärke und hervorragendes Backvermögen befitzt. Im Miröfchauer Becken find vorläufig zwei Flöze bekannt. Zum Abbaue beftehen vier Hauptförder- und Wafferhaltungsfchächte, von denen einer jedoch erft im Abteufen begriffen ift. Die Förderung wird in nächfter Zeit auf 35 bis 4 Millionen Centner ( 175.000 bis 200.000 metrifche Tonnen) Kohle jährlich gebracht werden können. Von Miröfchauer Kohle werden gegenwärtig circa 200.000 Centner( 10.000 metrifche Tonnen) jährlich vercokt. Das engere Littitzer Feld verfügt gleichfalls über zwei Kohlenflöze, welche eine befonders fcharfbackende und auch als Gaskohle gefuchte Steinkohle von aufserordentlich fchönem Ausfehen führen. Tiefe Schächte wurden in jüngfter Zeit niedergebracht und mit kräftigen Wafferhebe- und Förder- Dampfmafchinen erprobten Syftemes verfehen, wie überhaupt der Zuwachs an Dampfmaschinen im engeren Pilfener Becken( vergleiche Tabelle Seite 138) von 1871 auf 1872 grofsen Theils auf Rechnung der Littitzer Mulde zu fetzen kommt. Von der Littitzer Kohle werden jetzt circa 400.000 Centner( 20.000 metrifche Tonnen) jährlich vercokt, die reftlichen 300.000 Centner( 15.000 metrifche Tonnen) nach Bayern ausgeführt. Schliefslich fei noch erwähnt, dafs durch die im Jahre 1873 eröffnete Eifenbahn Pilfen- Priefen-( Komotau) nun auch der nördlichfte Theil des Pilfener Kohlenbeckens nämlich Wobora, Třemošna, Kazňau und Manetin zu einer Erhöhung feiner bisher geringen Leiftung angefpornt wird. Jedoch läfst fich heute noch nicht beurtheilen, inwiefern hiedurch die Gefammtleiftung des Pilfener Beckens beeinflusst werden wird. III. Das Steinkohlenbecken von Roffitz. In ähnlicher Nähe, wie Prag das Becken von Kladno zur Seite hat, ftützt fich Brünn mit feiner induftriereichen Umgebung auf das Kohlenrevier von Roffitz- Oslawan. Dasfelbe bildet den kleinen abbauwürdigen Kern einer von der Nordgrenze Mährens bis nach Mährifch- Krumau reichenden Steinkohlenformation. Das nachgewiefene Kohlenvermögen wird mit 1500 Millionen Centnern( 75 Millionen metrifche Tonnen) beziffert. Der gefammte Maffenbefitz, der fich gegenwärtig auf vier Unternehmungen vertheilt, beträgt 4,071.628 Quadratklafter( 14,644.249 Quadratmeter). In einer Tiefe von 74 bis 180 Klaftern( 140 3 bis 3413 Meter) liegen drei Flöze mit einer Gefammtmächtigkeit von 26 bis 30 Fufs( 8.2 bis 9.5 Meter) in der Mitte der Formation, von denen das zu unterft liegende mit einer Stärke von nur 20 Zoll( 0 527 Meter) nur ftellenweife abbauwürdig ift. Das zweite oder mittlere Flöz zeigt dagegen fchon eine Mächtigkeit von 3 bis 5 Fufs( o'95 bis 158 Meter), während das oberfte oder Hauptflöz die fehr bedeutende durchſchnittliche Mächtigkeit von 10 bis 15 Fufs( 3.16 bis 4'74 Meter) hat. Die Lagerung der Flöze ift eine regelmässige, die Wafferzuflüffe find mässig und fchlagende Wetter felten. Mineralifche Kohle. 141 Schwierigkeiten verurfacht nur die theuere Auszimmerung, welche theils in Folge der durch die Mächtigkeit des Hauptflözes( bis 22 Fufs= 6.95 Meter) bedingten Streckenhöhe, theils in Folge der Brüchigkeit des Deck gebirges fich als noth. wendig erweift. Zu diefer Auszimmerung werden durchſchnittlich 10 bis 12 Cubikfufs Holz per 100 Centner Kohle benöthigt. Der Abbau gefchieht auf zwei, ftellenweife auf drei Flözen. Die gröfste Abbautiefe ift 150 Klafter( 2844 Meter), die mittlere 85 bis 95 Klafter( 1612 bis 1801 Meter). Auf dem mächtigften Flöze ift der Abbau ein Pfeilerbruchbau. Am zweiten und dritten Flöze, die eine geringere Mächtigkeit haben, werden Pfeilerhöhen von 20 bis 24 Klaftern( 379 bis 45 5 Meter) auf einmal gewonnen. Auf den Gruben der Roffitzer Bergbau- Gefellſchaft wird feit längerer Zeit bei der Vorrichtung und dem Schachtabteufen comprimirte Luft angewendet, und zwar im erften Falle zur Förderung, im zweiten Falle zum Bohren. Die Refultate find fehr befriedigend, und es diene als Anhaltspunkt, dafs in einem Schachte von 180 Quadratfufs( 17.98 Quadratmeter) Querfchnitt bei einem Wafferzufluffe von 13 Cubikfufs( o'41 Cubikmeter) per Minute in eben diefer Zeit durchſchnittlich 6.75 Klafter( 12.8 Meter) in quarzreichem, feinkörnigem Sandfteine aufgefahren und vollkommen fertig gebracht wurden. Im Jahre 1872 befanden fich in Thätigkeit: Fördermafchinen Wafferhaltungsmaſchinen Beim Schachtabteufen Ventilationsmafchinen Anzahl Anzahl Stärke I I 296 49 9 511 85 2 I IIO 2 35 Das Revier ift durch 23 Schächte und 5 Stollen aufgefchloffen. Hievon dienen 12 Schächte zur Förderung und Wafferhaltung, II Schächte zur Wetterführung, von den Stollen 2 zur Wafferlöfung. Die Kohle ift eine weiche Fettkohle, zum Theile fehr fchön glänzend. Sie bäckt fcharf und eignet fich befonders als Schmiedekohle; in gut gebauten Oefen liefert fie 77 bis 78 Percent Coke. Die gemifchte Sorte gibt ein fehr gutes Material zur Keffelfeuerung. Im ganzen Reviere ftellt fich der Abfall von verfchiedenen Sorten wie folgt: Stückkohle 95 Percent, Würfelkohle 8.5 Percent, Schmiede- und Gaskohle 13 Percent und gemifchte Kohle 69 Percent. Die erften Steinkohlen im Roffitzer Becken wurden im Jahre 1760 auf der Herrfchaft Oslawan gewonnen, im Jahre 1820 acquirirte man am füdlichften Flügel bei Neudorf Grubenfelder, und gegen das Jahr 1829 wurden Schürfbaue in der Mitte der ftreichenden Erftreckung( bei Zbefchau) eröffnet. Die Förderung betrug im Jahre 1872 nahezu 6 Millionen Centner( 300.000 metrifche Tonnen). Die Geftehungskoften beliefen fich im Jahre 1872 per Centner auf 19 bis 21 kr., wovon 3 bis 4 kr. auf Grubenholz entfallen. Der Verkaufspreis war in diefem Jahre für Stückkohle 43 bis 45 kr., Würfelkohle 36 bis 39 kr., Schmiedekohle I, II: 33, 43 bis 45 kr., gemifchte Kohle 30 bis 33 kr., Gaskohle 36 kr. Die durchschnittliche Nettoverwerthung war 31 kr. per Zoll- Centner. IO 142 J. Pechar, Dr. A. Peez. Der Arbeiterftand betrug 1872 2627 Köpfe inclufive weiblicher Arbeiter. Es entfällt fonach per Arbeiter und per Jahr eine Erzeugung von 2.300 Centnern ( 115 metrifche Tonnen). Nur drei Meilen von Brünn entfernt, ift Roffitz feit 1852 durch die Brünn- Roffitzer Bahn und deren 34 Meilen lange Flügelbahnen mit der mährifchen Hauptftadt und der Nordbahn verbunden. Nach Brünn felbft wurden im Jahre 1872 2 13 Millionen Centner( 106.750 metrifche Tonnen) Kohle eingeführt, wovon der gröfsere Theil aus Roffitz ftammte. Die Coke finden theils bei einem Hochofen in Roffitz felbft, theils bei den Hochöfen der Innerberger Gefellſchaft( welche zu den fechs Gewerkfchaften des Roffitzer Kohlenreviers gehört) in Schwechat und theils bei an deren Eifenhütten und Mafchinenwerkstätten ihre Verwendung. Seit dem Jahre 1870 hat das Roffitzer Becken durch die neue Staatsbahnlinie eine zweite Verbindung mit Wien erhalten; die Förderung ist jedoch zu klein und findet in Roffitz felbft, fowie in Brünn und Umgebung eine fo lohnende Verwendung, dafs Roffitzer Kohle in Wien keine Rolle mehr fpielt und das Revier überhaupt, deffen Förderung fchwerlich über 20 Millionen Centner( 1 Million metriſche Tonnen) gefteigert werden wird, für den grofsen Kohlenmarkt wenig ins Gewicht fällt. So geht nach Wien und Umgebung nur ein Quantum von 400.000 Centnern( 20.000 metriſchen Tonnen); in nördlicher Richtung geht die Kohle bis Kolin, meift als Schmiedekohle in einer Menge von 170.000 Centnern( 8.500 metrifchen Tonnen), in weftlicher Richtung gegen Znaim hinaus, meift in Zuckerfabriken mit 580.000 bis 590.000 Centnern( 29.000 bis 29.500 metrifchen Tonnen) und fchliefslich nach Ungarn in der Richtung Peft- Szegedin mit 160.000 bis 170.000 Centnern( 8.000 bis 8.500 metrifchen Tonnen). Im Jahre 1872 wurden circa 350.000 Centner( 17.500 metrifche Tonnen) Kohle vercokt. IV. Das Steinkohlenbecken von Oftrau- Karwin. Von der grofsen oberfchlefifchen Kohlenablagerung reicht der füdliche Theil an zwei Punkten, bei Mährifch- Oftrau und Jaworzno, nach Oefterreich herein. Das Becken von Oftrau, mit einem Umfange von 6% Meilen in den Kronländern Mähren und Schlefien gelegen, zerfällt wiederum in zwei Theile, einen weftlichen, dem die Oftrau Hrufchauer Werke, und einen öftlichen, dem die Karwiner Werke angehören. Die Zahl der abbauwürdigen Flöze wechfelt von 7 bis 25, die Gefammt mächtigkeit von 15 bis 40 Fufs. Die Flöze liegen in einer Teufe von 50 bis 108 Klaftern oder 94.8 bis 204 8 Metern; die Durchfchnittsteufe wird mit 80 Klaftern oder 1517 Metern anzunehmen fein. Es beftehen in dem Reviere 61 Mafchinenfchächte, wovon 45 zur Förderung und Wafferhaltung, 19 ausfchliefslich zur Wetterführung dienen. Die Zahl der Dampfmaschinen ift 159 mit 6472 Pferdekräften. Die Zahl der Arbeiter beträgt 11.433, und die für die Arbeiter getroffen e Fürforge verdient bei diefen Kohlenrevieren befonders hervorgehoben zu werden. Die gewonnene Kohle ift eine gute Steinkohle mit einem Afchengehalte von 5 bis 15 Percent, theils magere Flammkohle, theils gute backende Kohle. Aus letzterer wurden im Jahre 1872 in 391 Cokeöfen 2.6 Millionen Centner Coke gewonnen. Die Leiftungsfähigkeit ift jedoch weit gröfser, indem eine einzige Cokeanftalt auf Erzeugung von 5 Millionen Centnern Coke eingerichtet ift. Diefelbe ift im Befitze des Freiherrn v. Rothfchild und der Gebrüder Guttmann, welche letzteren jetzt in Oefterreich- Ungarn und Preufsifch- Schlefien über 20.000 Arbeiter in ihren Kohlen- und Eifenwerken befchäftigen. Der Stückfall der Kohle ift günftiger im Often bei Karwin, als im Weften bei Oftrau, wo einzelne Gruben nur 10, ja 5 Percent oder weniger Stückkohle gewinnen. Oftrau- Karwin 1872. Förderung Gewerke Bauteufe in in Zoll- Centnern Klaftern Dampfmafchinen Coke Briquets Arbeiter Anzahl Pferde kräfte Oefen Production Centner Centner 4,532.743 80 bis 100 41 2612 62 III.IIO 201.625 3.030 144 7,955.181 30 " 46 109 56 1765 208 1,841.564 2,904.620 30 99 94 9 546 51 1,767.074 58 " 163 I I 362 20 312.756 108.576 3.826 925 730 1,160.094 65 دو 45 130 5 165 - 386 1,363.836 32 " 109 IO 300 15 136.994 556 Kaifer Ferdinands Nordbahn Baron Rothfchild( Pachtgefellſchaft Gebrüder Guttmann und J. J. Wondráček) Graf Wilczek in Polnifch- Oftrau Fürft Salm in Polnifch- Oftrau Zwierzina'fche Steinkohlen- Gewerkschaft in Mährifch- Oftrau Graf E. Larifch in Peterswald Landgraf Fürftenberg( Pachtgefellſchaft Gebrüder Guttmann und J. J. Wondráček) Graf Joh. Larifch in Karwin Erzherzog Albrecht in Karwin 1,535.543 47" 80 2 150 2,072.702 48 692.902 12 89 19 488 35 70 6 84 - 541 109.615 I.020 419 J. Pechar, Dr. A. Peez. Zufammen *) 23,984.695 30 bis 163 159 6.472 391 2,620.615 201.625 10.633 *) Mit Einfchlufs der von einzelnen der obgenannten Werksbefitzer in dem Becken von Roffitz geförderten Steinkohlenmengen. Mineralifche Kohle. 145 Von der Oftrauer Kohle blieben im Jahre 1872 ungefähr 7- bis 800.000 Tonnen oder 14 bis 16 Millionen Centner auf der Strecke Oftrau- Wien und Oftrau- Brünn, wo insbefondere die zahlreichen Zuckerfabriken bedeutende Confumenten der Kohle find. Etwa 100.000 Tonnen wurden an Wien abgegeben, deffen Gasfabriken vorzugsweife Oftrauer Kohle verwenden. In nördlicher und nordöftlicher Richtung wurden auf der Nordbahn über Krakau, fowie vermittelft der Kafchau- Oderberger Bahn etwa 180.000 Tonnen verfendet, während der Reft von 4 bis 5 Millionen Centnern im Reviere felbft verbraucht worden fein mag. Da von der gefammten Förderung von Oftrau im Jahre 1872 etwa 15 Percent zu Coke verarbeitet wurden, fo läfst fich die Wichtigkeit diefes Revieres für die öfterreichifche Eifeninduftrie ermeffen. Die Cokeerzeugung wurde fchon im Jahre 1836 auf den Eifenwerken des Freiherrn v. Rothfchild in Witkowitz begon. nen; heute gelangt Oftrauer Kleinkohle durch Vercokung zu einer befonders günftigen Verwendung. Oftrauer Coke werden nebft den Miröfchau- Littitzer Coken für die beften in Oefterreich gehalten. Sie finden bei den Eifenhütten und Mafchinenfabriken Mährens, Niederöfterreichs und der Alpenländer reichlichen Abfatz. Die grofse Tiefe der Schächte, die im Durchschnitte geringe Mächtigkeit der Flöze, das häufige Vorkommen von fchlagenden Wettern laffen eine Maffenförderung aus dem Oftrauer Becken nur in verhältnifsmäfsig geringem Grade zu und machen die Kohlenproduction zu einer verhältnifsmäfsig theueren. Dagegen haben eben diefe Schwierigkeiten viel beigetragen, die Bergtechnik in diefem Reviere auf eine hohe Stufe zu heben. Die Preife waren im Jahre 1872 für Coke 75 bis 90 Kreuzer, für Stückkohle 50 bis 54 Kreuzer, Würfelkohle 45 bis 48 Kreuzer, Gries 40 bis 44 Kreuzer, Schmiedekohle 35 bis 36 Kreuzer, Kleinkohle 30 bis 34 Kreuzer. Im Februar 1874 war Oftrauer Kleinkohle, für den Wiener Markt beftimmt, von 34 auf 28 Kreuzer gewichen. V. Die kleinen Steinkohlenbecken. Schatzlar Schwadowitz. Gleichwie Oftrau als ein Ausläufer Ober fchlefiens, fo find die am füdweftlichen Abhange des Riefengebirges gelegenen Schatzlar- Schwadowitzer Mulden als ein Theil der niederfchlefifchen( Waldenburger) Kohlenablagerung anzufehen. Die Förderung betrug im Jahre 1871 4 336 Millionen Zoll- Centner, wovon nicht ganz auf Schatzlar fallen. Im Jahre 1872 ift diefelbe auf 4.205 Millionen Zoll- Centner zurückgewichen. Die Zahl der befchäftigten Arbeiter war im erfteren Jahre in den Schatzlarer Werken 1169 und in den Schwadowitzer Werken 845 Mann. Die Tiefe der 34 vorhandenen Schächte wechfelt zwifchen 13, 15, 70, 95 bis 190 Metern. In dem nördlichen Theile des Revieres, bei Schatzlar, werden in einigen Flözen circa 30 Percent Stückkohle gewonnen, im Allgemeinen überwiegt jedoch weitaus, wie auch im Waldenburger Becken, die Mittel- und Kleinkohle und bildet im füdlichen Theile bei Schwadowitz nicht weniger als 95 Percent. Die Kohle ift übrigens fehr brauchbar, als Heizkohle gefucht und ergibt vorzügliche Coke. Der Abfatz geht nach den benachbarten Städten Trautenau, Arnau, Hohenelbe, Königgrätz und Jofefftadt. Die Südnorddeutſche Verbindungsbahn und die Oefterreichifche Nordweftbahn bedienen fich auf ihren dortigen Linien der Schatzlarer und Schwadowitzer Kohle, die jedoch der hohen Productionskoften wegen nicht billig ift. Jaworzno. Das Steinkohlenfeld von Jaworzno in Galizien ift als eine Fortfetzung des oberfchlefifchen Beckens anzufehen und nimmt eine Fläche von etwa 6 Geviertmeilen ein. Das Becken ift noch nicht in allen feinen Theilen genau unterfucht, feine ftärkere Bearbeitung datirt überhaupt erft aus den letzten 146 J. Pechar, Dr. A. Peez. Jahren. Bei Jaworzno finden fich 13 Flöze mit einer Mächtigkeit von 19 bis 7.6 Metern. Die Schächte, deren im Reviere 79 vorkommen, haben eine durchfchnittliche Tiefe von 20 bis 50 Metern; der tieffte, bei Pechnik, geht bis zu 110. Metern hinab. Die Arbeiterfchaft befteht aus 1925 Männern, 258 Weibern und 38 Kindern. Die gewonnene Kohle zeichnet fich durch günftigen Stückfall( bis zu 85 Percent) aus, ihre Qualität ift eine mittlere, die Förderung ftieg von 1868 bis 1872 von 136.227 Tonnen auf 269.827 Tonnen und dürfte einer beträchtlichen Ausdehnung fähig fein. Sie findet ihren Abfatz auf den benachbarten Glas- und Zinkhütten, in Krakau, Wieliczka, auf der Nordbahn und der Carl- Ludwig- Bahn, welche ihren Bedarf mit diefer Kohle deckt, während die Lemberg- Czernowitzer Bahn ihre Locomotiven noch grofsentheils mit Holz heizt. Fünfkirchen. In fehr günftiger Lage nächft der Donau und zugleich durch die Fünfkirchen- Barcfer Bahn mit dem öfterreichifchen Bahnnetze verbunden, enthält das kleine Becken von Fünfkirchen mehr als 70 Flöze, wovon 25 Die abbauwürdig, mit einer Gefammtmächtigkeit von 18.96 bis 28 44 Metern. Kohle, bezüglich ihrer Reinheit fehr verfchieden, ift backend und enthält im Mittel 13 Percent Waffer und 6.6 Percent Afche. Die Förderung betrug im Jahre 1872 6.11 Millionen Centner, wovon die Donau- Dampffchifffahrt- Gefellſchaft allein 5.4 Millionen producirte. Letztere Unternehmung erzeugte auch aus der leicht zerfallenden Kohle Briquets im Belaufe von 766.616 Centnern. Muftergiltig find die Einrichtungen, welche für die Arbeiter in den Fünfkirchner Bergwerken gefchaffen wurden.* Steyerdorf- Oravicza. Diefes kleine Steinkohlenlager, der Oefterreichifchen Staats- Eifenbahn- Gefellſchaft gehörig, hat feine befondere Wichtigkeit durch das gemeinfame Vorkommen der Kohle mit Lagern von Blackband, welche geröftet bis 43 Percent Eifen enthalten. Die Kohle ift backend und gibt, wenn gewafchen, bis zu 56 Percent Coke, die bei den Eifenwerken von Refchitza und Anina zur Verwendung gelangen. Aufser den genannten Revieren kommen in Oefterreich- Ungarn noch zahlreiche Steinkohlenablagerungen vor, die theilweife für ihre Umgebung grofse Wichtigkeit haben, im Kohlenhandel jedoch keine Rolle spielen. Dahin gehören Sirmid in der Militärgrenze, von den Gebrüdern Guttmann aufgefchloffen, mit der beften ungarifchen Steinkohle; ferner die Steinkohlenmulden von Grünbach, Lilienfeld und Hollenftein in Niederöfterreich, von Brandau in Böhmen und andere. VI. Das erzgebirgifche Braunkohlenrevier. Von allen öfterreichifchen Kohlenlagern hat fich das erzgebirgifche Braunkohlenrevier am rafcheften entwickelt und übergibt feine Erzeugniffe dem gröfsten Abfatzkreife. Diefes Revier ift das einzige in Oefterreich, welches auf dem europäifchen Kohlenmarkte ein Wort mitfpricht, und wir glauben daher demfelben eine ausführlichere Darftellung widmen zu follen. Während fich im Norden die Steinkohlenlager von Zwickau- Lugau und des Plauen'fchen Grundes zu Füfsen des Erzgebirges ausbreiten, umfäumt den Südfufs desfelben eine Braunkohlenablagerung, welche man längft als die gröfste in Europa erkannt hat. Man bezeichnet diefelbe als böhmifches, nordweftböhmifches, gewöhnlich als erzgebirgifches Braunkohlenbecken. An der Elbe beginnend, folgt die der Miocänformation angehörige Braun kohle, ohne ftarke Unterbrechungen zu erleiden, dem Zuge des Gebirges bis zu * Eine äufserft intereffante Schilderung davon hat Profeffor C. Th. Richter feiner. ze it im Concordiakalender geliefert. Mineralifche Kohle. 147 deffen weftlichem Ende bei Eger, alfo auf eine Länge von beiläufig 152 Kilometern. In diefem ungeheueren Fundgebiete find wieder drei kleinere Becken deutlich zu unterfcheiden, und zwar: I. Das Auffig- Dux- Saazer Becken mit einer Längenausdehnung von 61 Kilometern und einer gröfsten Breite von 13 Kilometern. 2. Das Karlsbad- Elbogen- Falkenauer Becken, 30 Kilometer lang und bis zu 9 Kilometern breit, und Breite. 3. Das Becken von Eger von 25 Kilometern Länge, 4 bis 15 Kilometer Weitaus das wichtigfte unter diefen ift das erftgenannte Becken, welches darum auch hier vorzugsweife berücksichtigt werden wird. Dasfelbe zerfällt, abgefehen von einigen kleineren ifolirten Vorkommniffen, felbft wieder in vier Hauptmulden: a) die Auffig- Teplitzer,* b) die Dux- Biliner, c) die Brüx- Oberleitensdorfer, d) die Komotau- Saazer Mulde. Obwohl in mannigfachen Beziehungen von einander verfchieden, zeichnen fich diefe vier im Süden von dem böhmifchen Mittelgebirge begrenzten Hauptmulden alle durch eine ftaunenswerthe Mächtigkeit des productiven Kohlengebirges aus, folchergeftalt zufammen einen enormen Reichthum an foffilem Brennftoffe in fich bergend. Die durchſchnittliche Mächtigkeit fchwankt nämlich zumeift zwifchen 7 und 19 Metern, fteigt aber an einzelnen Punkten der Dux- Biliner Mulde bis zu 30 34 Metern. In dem ganzen Auffig- Dux- Saazer Becken kommt nur ein einziges Flöz vor, und wo in diefem Gebiete von mehreren Flözen die Rede ift, wie bei Bilin und Komotau, hat man es in Wahrheit nur mit einer Zwifchenlagerung tauber Mittel zu thun, die im Streichen nicht auszuhalten pflegen. Im Karlsbad- Elbogen- Falkenauer und im Egerer Becken finden fich mehrere Flöze, in dem erfteren auch folche, welche Lignit führen. Die Tiefe des Flözes unter der Oberfläche im Becken von Auffig- Dux- Saaz ift wechfelnd und im öftlichen Theile desfelben durchwegs eine gröfsere, als im weftlichen; im Allgemeinen aber wird die Kohle nach Durchftofsung einer Decke von nur geringer Stärke angetroffen. Die gröfste Tieflage hat das Flöz wohl bei Mariafchein, wo der Britanniafchacht Nr. 3 die Kohle in einer Tiefe von 151 Metern antrifft, während der nahegelegene neue Dobblhoffchacht diefelbe in einer noch bedeutenderen abfoluten Tiefe, nämlich ungefähr im Niveau des Meeresfpiegels, erft erreicht. Anderfeits aber tritt das Flöz an vielen Punkten und namentlich bei Ullersdorf, Dux, Bilin, Brüx ganz zu Tage, fo dafs es geftattet ift, das Foffil vermittelft Tagebaues zu gewinnen. Auch bei Falkenau ift diefs der Fall. Aus diefer geringen Tieflage, fowie der Mächtigkeit, dann aus der feſten Structur der Kohle felbft ergibt fich als Confequenz, dafs der Bergbau im erz gebirgifchen Braunkohlenbecken im Vergleiche zur Steinkohlengewinnung nur wenig Schwierigkeiten darbietet, dafs die Ausrichtung der Schächte verhältnifsmässig rafch und ohne grofsen Capitalsaufwand zu bewirken ift, und dafs die Gewinnungskoften der Kohle gering fein müffen. Ganz frei von natürlichen Hinderniffen erfcheint der Bergbau indeffen auch hier nicht, da die Braunkohle fich leicht zerfetzt und bei Hinzutritt von Feuchtigkeit und frifcher Luft zuweilen entzündet( wefshalb auch ein längeres Deponiren der geförderten Kohlenmaffen bei den Schächten nicht ftattfinden * Vgl. ,, Die Umgebung von Teplitz und Bilin in Beziehung auf ihre geognoftifchen Verhältniffe" von Dr. A. E. Reufs. 1840 148 J. Pechar, Dr. A. Peez. kann), und da ferner mitunter, namentlich wo Sandftein die Decke bildet, die Gruben von Waffer zu leiden haben. Schlagende Wetter find dagegen höchft felten. Die Anlagekoften der Schächte betragen im Durchfchnitte 40.000 bis 50.000 Gulden, ftellen fich jedoch vielfach weit niedriger, zumal wenn, wie diefs bei Dux und Oberleitensdorf zuweilen der Fall, die Verwendung von Holz in den Schächten fich nur auf ein ganz geringes Mafs befchränkt. Was die Gewinnungskoften der Braunkohle anbelangt, fo fchwanken diefelben zwifchen 3 und 7 Kreuzern, betragen jedoch meiftens nur 4 bis 5 Kreuzer öfterr. Währ. per Centner. Hierin nun, fowie in der ganz vorzüglichen Qualität der böhmifchen Braunkohle ift deren Concurrenzfähigkeit mit der Steinkohle, deren Bedeutung als Exportartikel begründet. Der Name„ ,, Braunkohle", den diefelbe von ihrem Vorkommen in der Braunkohlenformation und ihrer zumeift braunen Farbe trägt, hat derfelben, in Deutſchland befonders, anfänglich bedeutend gefchadet. Man hielt fie für ein ähnliches Gebilde, wie die dort häufig vorkommende erdige Braunkohle jüngeren Alters. Während fich aber der Brennwerth der deutfchen Braunkohle befter Qualität zu dem der Steinkohle im günftigften Falle wie 9: 18, in der Regel wie 9: 22 verhält, ift das Verhältnifs zwifchen der Braunkohle aus der Dux- Biliner Mulde z. B. und der beften Steinkohle 3: 4. Auch die Textur der böhmifchen Braunkohle ift ganz fteinkohlenartig, mitunter felbft die Farbe. Nachdem man den Unterfchied in Deutfchland erkannt und die Ueberzeugung gewonnen hatte, dafs zu Zwecken der Zimmerheizung keine andere Kohle dem lufttrockenen Holze fo nahe kommt, als die vollſtändig geruchlos verbrennende und verfchwin dend wenig Afche zurücklaffende Braunkohle aus Böhmen, bezeichnete man diefe im Gegenfatze zu der einheimifchen Braunkohle als( Karbitzer oder Duxer) Salonkohle. Das nachftehende Refultat der von der Geologifchen Reichsanftalt zu Wien vorgenommenen chemifchen Analyfen verfchiedener Kohlenarten aus dem böhmifchen Braunkohlenbecken möge deren vorzügliche Eigenfchaften bekunden: Chemifche Analyfen von erzgebirgifchen Braunkohlen. Waffergehalt Afchengehalt Braunkohle von Wärmeeinheiten Percent Nutzbare Verdampfungskraft. ( 1 Pfund Dampf von 150 Grad C. durch I Pfund Kohle). Karbitz Dux 21 4 177 Brüx 17 2 Poftelberg. 20 3 5204 50 4.045 4.29 2.9 4.570 4.84 6.1 4.147 4'40 4 I 3.975 4'01 Davidsthal Grünlas - 3.9 5.107 5'41 I.5 I2 I 4.094 4'34 Hiezu fei noch bemerkt, dafs die böhmifche Braunkohle zu allen metallur gifchen Proceffen mit einziger Ausnahme der Roheifenproduction indem nämlich fefte, haltbare Coke nicht in genügend grofsen Stücken aus den erzgebirgifchen Braunkohlen erzielt werden konnten fo gut wie die Steinkohle verwendet werden kann, und dafs fpeciell die Kohle aus der Gegend von Falkenau fich zur Leuchtgas fabrication ganz vorzüglich eignet, da fie 474 Cubikmeter Gas per I metrifche Tonne Kohle entwickelt. Mineralifche Kohle. 149 Bei der erwähnten feften Structur der Kohle ift der Stückkohlenfall ein hoher; er beträgt im Durchfchnitte 65 Percent und fteigt bei den Oberleitensdorfer Gruben fogar auf 90 Percent. In der Regel werden jetzt drei, auf einigen Werken auch vier Kohlenforten gebildet. um die Der Bergbau im erzgebirgifchen Braunkohlengebiete begann Mitte des vorigen Jahrhundertes. Freilich wurden nach hiftorifchen Aufzeichnungen fchon im XVII. Jahrhunderte dafelbft Kohlen gegraben, allein es war diefs lediglich ein Raubbau in feiner primitivften Geftalt. Die erften unter Anwendung bergmännifcher Principien betriebenen Gruben waren die noch jetzt im Betriebe befindlichen des Grafen Weftphalen bei Arbefau und Hottowitz, welche um das Jahr 1740 erwähnt werden. Gegen Ende des Jahrhundertes wurden Kohlen von Schallan über das Mittelgebirge nach Prag verfrachtet. Es musste aber feit Anfang des Abbaues ein volles Jahrhundert verfliefsen, ehe auch nur von einer beginnenden Blüthe des Braunkohlen- Bergbaues am Südfuſse des Erzgebirges die Rede fein konnte. Tagbau und Haspelfchacht- Betrieb, Abfuhr der Kohle mit der Achfe charakterifiren diefe lange Zwifchenperiode. Die erfte Dampfmafchine zur Förderung wurde erft im Jahre 1856( auf einem Werke bei Türmitz) aufgeftellt, der erfte Schienenweg im Jahre 1858 eröffnet. Von diefen Momenten an datirt nun aber der Auffchwung der Braunkohleninduftrie im erzgebirgifchen Becken, ein Auffchwung, wie ihn rapider kaum ein zweites Kohlenrevier auf dem Continente zu verzeichnen hat und der am deutlichften aus den Thatfachen ſpricht, dafs heute, alfo nach Verlauf von nur 16, refpective 18 Jahren bereits über 130 Mafchinenfchächte im Betriebe ftehen. und acht Eifenbahnlinien das Becken durchkreuzen, während die Kohlenförderung feit 1858 etwa um das Zehnfache geftiegen ift. Den Eifenbahnen zumal fiel hier mehr als irgendwo anders die Aufgabe zu, die Montaninduftrie zum Leben zu erwecken; denn vordem konnte die Kohlenproduction des Beckens lediglich nur dem in Ermanglung gröfserer Induftriezweige unbeträchtlichen Localbedürfniffe dienen, und war nicht in der Lage, von der günftigen geographifchen Situation des Kohlenbeckens in der Nähe der fchiffbaren Elbe erwähnenswerthen Vortheil zu ziehen. Es war der diefem Fluffe zunächftgelegene Theil des Revieres, welcher zuerft( alfo 1858) eine Eifenbahn erhielt die 17.9 Kilometer lange Auffig- Teplitzer Bahn. Diefe Linie blieb nun wieder neun Jahre lang das einzige Communicationsmittel; dann endlich im Jahre 1867 wurde diefelbe um 10'1 Kilometer von Teplitz nach Dux verlängert. Allein erft vom Jahre 1871 an wendete man dem böhmifchen Braunkohlenbecken eine gröfsere Aufmerkfamkeit zu, und es entſtand plötzlich ein wahrer Wettkampf im Ausbaue der nothwendigen Bahnverbindungen. Die Auffig- Teplitzer Bahn dehnte fich noch weiter um 36.8 Kilometer bis Komotau aus; im October 1871 konnte die Eröffnung der fpäter bis Komotau verlängerten Dux- Bodenbacher Bahn ftattfinden, im November desfelben Jahres die Inbetriebfetzung der Theilftrecke Priefen- Karlsbad und im Mai 1872 diejenige der Strecke Komotau- Weipert( Annaberg) der Bufchtěhrader Bahn. Im Jahre 1873 traten dann zu den genannten Bahnen noch die Prag- Duxer und die Pilfen- Priefener hinzu, und es begann gleichzeitig der Bau der Bielathal- Bahn von Bilin nach Auffig, der Eifenbahn von Brüx nach Freiberg und der( nunmehr fchon vollendeten) Elbethal- Bahn, welche fämmtlich für den Kohlentransport aus dem Becken gleichfalls eine mehr oder minder grofse Bedeutung gewinnen dürften. Während fomit in den Jahren 1858 bis 1870 der Kohlenkörper nur in einer Länge von 179 Kilometern von Bahnen durchſchnitten war, beträgt die denfelben bedeckende Schienenlänge gegenwärtig 225 Kilometer. Dem entfprechend hat fich nun auch die Production entwickelt. Im ganzen erzgebirgifchen Becken belief fich diefelbe 150 J. Pechar, Dr. A. Peez. im Jahre metrifche Tonnen 1860 auf 500.000 1862 1865 29 " 770.000 850.000 im Jahre 1867 auf 1869 1872 . 27 99 metrifche Tonnen 1,240.000 1,650.000 2,711.000 Hienach ift die Förderung gewachfen feit 1860 um 422'2 Percent, feit 1862 um 252 Percent, feit 1867 um 118.62 Percent, feit 1869 um 64 29 Percent. Eine fo grofsartige, rafche Entwicklung findet unter den öfterreichifchen Kohlendiftricten kein Analogon; dagegen zeigt eine gewiffe Aehnlichkeit der Auffchwung, welchen die Steinkohleninduftrie in dem grofsen oberfchlefifchen Reviere nach Eröffnung der erften Eifenbahnlinie im Jahre 1842 genommen hat. Eine Vergleichung der Kohlenförderung beider Reviere fällt fogar noch zum Vortheile des erzgebirgifchen Braunkohlenbeckens aus. Während fich nämlich in Oberfchlefien in den 12 Jahren von 1842 bis 1854 die Förderung von 0.5 auf 1.5 Millionen Tonnen hob, ftieg fie in dem gleichen Intervalle von 1860 bis 1872 im böhmifchen Braunkohlenbecken von o'5 auf 2.7 Millionen Tonnen, welch' letztere Productionsziffer das oberfchlefifche Revier erft im Jahre 1861, d. h. nach 19 Jahren( mit 2:47 Millionen Tonnen) annähernd erreichte. Trotz der merkwürdig rafchen Steigerung der Productivität und obwohl im Jahre 1873 in dem ganzen Becken eine Förderung erzielt worden fein dürfte, welche die des Jahres 1872 um mehr als 20 Percent übertrifft, wird doch erft im Jahre 1874 klar hervortreten, was in den letzten Jahren zur Hebung der Leiftungsfähigkeit des erzgebirgifchen Revieres Alles gefchehen. Alsdann werden namentlich die meiften der feit dem fo wichtigen Jahre 1871 neuangelegten Schächte an den jüngeren Bahnen in ihre volle Förderung eingetreten fein. Der Flächengehalt des in dem ganzen Umfange des Beckens bergbehördlich verliehenen Kohlenkörpers betrug im Jahre 1872 130 Millionen Quadratklafter( 46.756 Hektaren), gegen 52 Millionen Quadratklafter( 18.702 Hektaren) im Jahre 1860*. In diefem Terrain find, wie bereits bemerkt wurde, bis jetzt 130 Mafchinenfchächte abgeteuft, von denen die meiften mit einer Eifenbahnlinie durch eine Zweigbahn verbunden find oder noch demnächft verbunden werden. Es befanden fich im Jahre 1873 Zweigbahnen im Baue beziehungsweife Projecte im Betriebe zu zu zu MafchinenSchächten anderen Etabliffements Länge in MafchinenKilometern Schächten zu anderen Etabliffements Länge in Kilometern an der Auffig- Teplitzer Bahn 59 4 52.426 5 I 4.981 an der Bufchtěhrader Bahn. 23 20.516 an der Dux- Bodenbacher Bahn. 19 4 16 355 14 2 19.261 an der Prag- Duxer Bahn 3 2.986 6 14.060 an der Pilfen- Prefener Bahn 2 I 2'000 Zuſammen 104 12 94.283 19 9 38.302 * Vgl. hier die fchöne ,, Ueberfichtskarte über die im vormaligen Saazer Kreife Böhmens befindlichen Bergwerksmasse", welche im Jahre 1870 von dem k. k. Berghauptmanne Lindner in Komotau unter Mitwirkung des fürftlich Schwarzenberg fchen Bergverwalters F. Balling in Poftelberg herausgegeben worden ift Mineralifche Kohle. 151 Enorm vermehrt hat fich in den letzten Jahren felbftverftändlich auch die Arbeiterzahl, und es dürften zur Zeit gegen 10.000 Bergarbeiter im ganzen Becken befchäftigt fein. Da die Arbeit in den Tagebauen und Gruben hier keine befon. dere Fertigkeit verlangt, mithin auch nicht gefchulte Bergleute vielfach Verwendung finden, find die Arbeitskräfte ziemlich unzuverläffig und ftark fluctuirend. Nur die gröfseren Werke haben fich durch Gründung von Arbeiterwohnungen einen guten Arbeiterftock herangezogen, zu deffen Vermehrung auch die Steigerfchule in Karbitz das Ihre beiträgt. Die Löhne find im Allgemeinen fehr hoch. Während zu Ende der FünfzigerJahre der Häuer einen täglichen Lohn von I fl. erhielt, betrug diefer im Jahre 1872 2 fl. bis 2 fl. 50 kr., ja einzelne fleifsige Arbeiter brachten es zu einem Verdienfte von 4 fl. im Tage. Die Förderleute erhalten einen um 40 bis 50 Percent, die über Tag arbeitenden 70 bis 100 Percent geringeren Lohn, als die Häuer. Bei derartigen Löhnen geftatten nur die im Uebrigen unbedeutenden Gewinnungskoften der Kohle die Aufftellung von Verkaufspreifen, welche die böhmifche Braunkohle zur Concurrenz mit der Steinkohle auf weite Entfernungen hinaus befähigen. Zu Anfang des Jahres 1874 variirten die Preife bei der Grube zwifchen 6 und 16 kr. per Zoll- Centner je nach der Korngröfse. Für Stückkohle per Waggon ( à 10 metrifche Tonnen) wurden circa 32 fl. an der Grube bezahlt, für Mittelkohle erfter Sorte 28 fl., Mittelkohle zweiter Sorte 18 fl., Kleinkohle 12 fl. Es verdient jedoch bemerkt zu werden, dafs die Preife der Kohle im erzgebirgifchen Braunkohlenbecken im Allgemeinen noch höchft beträchtlichen Schwankungen unterworfen find, was wohl darin feinen Grund hat, dafs bei der Neuheit und dem rafchen Wachsthume des Kohlenexport- Gefchäftes das Verhältnifs von Angebot und Nachfrage noch nicht diejenige fefte Bafis erlangt hat, deren fich andere Kohlenreviere. erfreuen. So betrug z. B. der Preis für einen Waggon Stückkohle im Winter 1871 über 50 fl., während er fich im Sommer 1873 nur auf 22½ fl. ftellte. Weitaus der überwiegende Theil der im nordweftböhmifchen Reviere gewonnenen Braunkohlenmaffen wird ausgeführt. Im Becken felbft verbleibt nur etwa ein Sechftel der ganzen Förderung. Nicht anders als in Oberfchlefien, an der Ruhr und Saar hat fich indeffen auch hier eine reiche induftrielle Thätig. keit entfaltet und umfo leichter entfalten können, als der gefegnete Landftrich zwifchen dem Erzgebirge und der Eger alle Bedingungen zur Profperität landwirthschaftlicher, induftrieller und mercantiler Unternehmungen in fich vereinigt. Namentlich die Induftriezweige, welche grofser Quantitäten mineralifchen Brennftoffes bedürfen, erhalten von Tag zu Tag dafelbft neue Pflegeftätten, wie die Eifeninduftrie, die Glas- und Thonwaaren- Fabrication, die Soda- Erzeugung, die Zuckerfabrication etc. Während es aber bis in die jüngfte Zeit meiftens ausländifches, und zwar zuerft englifches, dann insbefondere deutfches Capital war, welches, wie in den montaniftifchen, fo auch in den vorgenannten Unternehmungen arbeitete, hat fich feit dem Jahre 1871 auch das inländifche Grofscapital mit Macht in diefe Gegend geworfen. Ueber die Bedeutung der Circulation der böhmifchen Braunkohle möge nun die folgende, die Kohlenverfrachtung der das Becken durchfchneidenden Bahnen nach Verkehrsrichtungen darftellende Tabelle Auffchlufs geben. 152 J. Pechar, Dr. A. Peez. Kohlenverfrachtung der Bahnen des erzgebirgifchen Braunkohlenbeckens. Hievon wurden verfrachtet nach dem Es Im Im Jahre wurden verfrachtet im Ganzen Auslande Auslande LocalInlande verkehre per Bahn per Kahn m etri fch e T onnen 1866 448 550 1867 683.360 90.810 156.350 200.000 127.400 30.340 307.200 168.150 50.960 1868 776.120 260.000 265.000 190.000 61.120 1869 927.932 275.000 316.900 280.000 56.035 1870 1,190.970 392.380 340.460 367.280 90.850 1871 1,494.043 525.244 297.250 510.725 160.824 1872 1,787.928 704.021 368.787 511.812 203.308 1873 2,575.000 1,071.683 306.942 670 033 516.342 Aus diefer Zufammenftellung ift zu entnehmen, dafs, wie die Verfrachtung im Allgemeinen, fo insbefondere auch die Ausfuhr nach Deutſchland von Jahr zu Jahr zugenommen hat, und dafs die gröfsere Hälfte, im Jahre 1872 60 Percent, des gefammten Transportquantums in das Ausland ging. Anfänglich vermittelte vornehmlich die Wafferftrafse der Elbe die Ausfuhr nach Deutfchland, jetzt aber überfchreitet die Kohle zumeift per Bahn die Grenze und zwar auf vier Routen: via Eger, Weipert, Bodenbach und Warnsdorf. An und für fich möchte die Aufnahme der böhmifchen Braunkohle auf dem deutfchen Markte auffallend erfcheinen. Denn einerfeits liegen Steinkohlenlager von mitunter ausgezeichneter Befchaffenheit, wie das Zwickauer, das Waldenburger, das des Plauen'fchen Grundes bei Dresden ganz nahe den Punkten, an denen die Braunkohle deutfchen Boden betritt, weiter nördlich aber beherrfchen die mächtigften Steinkohlengebiete Europas mit ihren Producten naturgemäfs das Terrain: Oberfchlefien, das Ruhrgebiet und England. Anderfeits ift Oefterreich felbft, abgefehen von Böhmen, nicht eben reich an gutem mineralifchen Brennmateriale und grofsentheils, vor Allem die Reichshauptstadt Wien felbft, hinfichtlich des Kohlenbezuges noch immer von dem Auslande abhängig. Die Gründe zunächft für die Erfolge der böhmifchen Braunkohle in Deutfchland liegen einmal in deren geringem Grubenpreife, der es im Vereine mit den gleichfalls niedrigen Frachtfätzen der deutfchen Bahnen bewirkt, dafs die Braunkohle felbft an der Oft- und Nordfee- Küfte auch bei Berücksichtigung ihres Brennwerthverhältniffes fich noch billiger ftellt, als die Steinkohle, und ferner in ihrer vorzüglichen Verwendbarkeit für den Hausbrand, die Keffelheizung und zum Theile auch für die Leuchtgasbereitung. In dem Mafse, als fich die Erkenntnifs diefer beiden Vorzüge weiter Bahn bricht, in dem Mafse gewinnt die„ Salonkohle von Dux und Karbitz", die„ Falkenauer Gaskohle" Verbreitung in Deutfchland und ihr Debit dafelbft an Intensität. Für gewiffe Gegenden dafelbft ift fie bereits zu einem Factor geworden, mit welchem bei der Verforgung mit mineralifchem Brennftoffe in alle Zukunft gerechnet werden wird. Dahin gehören hauptfächlich Sachfen, das öftliche Thüringen, die Harzgegend und die Provinz Brandenburg, alfo derjenige Land Mineralifche Kohle. 153 ftrich, welcher zugleich die Grenzmark der Abfatzgebiete der Steinkohlen von der Ruhr, von England und Oberfchlefien bildet. Die Ausfuhr dahin wird noch befonders begünftigt durch den Umftand, dafs die Elbe, welche die zwei wichtigften Exportplätze der böhmifchen Braunkohle, Auffig und Bodenbach, befpült und von Auffig bis Hamburg für Kettenfchifffahrt benutzbar ift, diefen Landftrich mitten durchzieht. Und zufällig find auch diejenigen Fabricationszweige, für welche fich die Braunkohle insbefondere gut eignet, die Zuckerfabrication, Ziegelbereitung, Spirituserzeugung, gerade am Unterlaufe der Elbe überaus ftark vertreten. Im Jahre 1873 wurden allein von den Stationen der Sächfifchen Staatsbahnen 398.400 metrifche Tonnen Braunkohle aufgenommen oder 15 47 Percent des gefammten zur Verfrachtung gelangten Quantums. Nach den Stationen: der Leipzig- Dresdener und Cottbus- Grofsen" hainer Eifenbahn Berlin- Anhaltifchen Eifenbahn. Magdeburg- Halberftädter Eifenbahn Magdeburg Leipziger und und Halle- Kaffeler Eifenbahn gingen 150.330 metrifche Tonnen, وو وو " 99 141.030 66.630 99 56.730 37.960 99 99 " " 93 " " 99 " " Thüringifchen Eifenbahn Berlin- Potsdam- Magdeburger Eifenbahn. Nordhaufen- Erfurter Eifenbahn " 19.420 4.622 Indeffen auch anderwärts in Norddeutfchland hat die. böhmifche Braunkohle fich die Gunft des confumirenden Publicums zu verfchaffen gewufst. Die nachftehenden Städte bezeichnen nach der von der Auffig- Teplitzer Eifenbahn als Beilage zu der Statiftik des böhmifchen Braunkohlenverkehres" herausgegebenen Circulationskarte die Grenzen des Gebietes, in welchem in Nord- und Mitteldeutfchland die Braunkohle gebrannt wird: Coburg, Giefsen, Kaffel, Bremen, Hamburg, Roftock, Stralfund, Stettin, Frankfurt an der Oder, Bunzlau. Darüber hinaus geht noch die Falkenauer Kohle bis nach Lüttich, Brüffel, Oftende, Paris, um die dortigen Gasanftalten zu fpeifen. Den gröfsten Confum innerhalb der angegebenen Grenzen haben die Städte Dresden, Leipzig, Magdeburg und Berlin, und zwar erhielten diefelben an böhmifcher Braunkohle: Metri fche Tonnen im Jahre Dresden Leipzig Magdeburg Berlin Hamburg per Bahn per per Kahn Bahn per per per per Bahn Kahn Bahn Kahn per Kahn 1868 43.640 48.375 20.450 42.330 55.115 22.910 63.010 46.472 30.240 77.990 49.255 42.030 6.070 100.278 29.770 19.994 3.410 127.832 32.430 7.970 5.920 133.952 43.820 6.743 7.630 123.052 49.310 9.430 10.736 173.870 80.479 16.338 1.947 2.010 2.465 1869 1870 1871 1872 80.151 33.073 36.420 1873 116.610 23.250 44.280 17.820 183.885 97.820 12.720 19.455 2.146 Sonach ſteht Magdeburg( inclufive Buckau und Neuftadt- Magdeburg) an der Spitze der Confumenten von böhmifcher Braunkohle, und nicht blos der deutfchen, fondern der Confumenten überhaupt, da keine öfterreichifche Stadt 154 J. Pechar, Dr. A. Peez. einen gleich grofsen Empfang nachweifen kann. Es ift diefs vorzüglich der Verbin dung durch die Elbe zu danken, die fich noch bei Weitem fegensreicher erwiefen hätte, wenn die Schifffahrt nicht gerade bei den beiden Aufgabshäfen Auffig und befonders Bodenbach auf grofse Schwierigkeiten ftiefse. Die Verfandung der Landeplätze dafelbft nimmt immer mehr überhand, ohne dafs die Staatsregierung den Bitten der Intereffenten um Vornahme von Baggerungen zu willfahren fich bisher geneigt gezeigt hätte. Zu einer vollſtändigen Sicherheit und Wohlfeilheit diefes wichtigen Exportes böhmifcher Kohle nach Norddeutſchland ist jedoch die Canalifirung der Elbe nach Mufter der die amerikanifchen Kohlenreviere durchfchneidenden Flüffe erforderlich. Die Schiffsfracht von Bodenbach bis Magdeburg beträgt für I metrifche Tonne 3 bis 3.8 fl. Silber, je nach dem Wafferftande; nach Hamburg 4 bis 4.6 fl. Silber. Nach dem letztgenannten Platze hat der Kohlenverkehr gerade in dem Jahre 1873 trotz der im Allgemeinen ungünftigen Schifffahrtsverhältniffe fehr bedeutend zugenommen, was in erfter Reihe den ungünftigen Conjuncturen zuzufchreiben ift, unter welchen die englifche Kohleninduftrie fo lange fchon leidet. Sollten diefelben nicht bald ihre Endfchaft erreichen, fo wird es der böhmifchen Braunkohle im Vereine mit der Ruhrkohle ohne Zweifel gelingen, den Hamburger Markt ganz an fich zu reifsen. Berlin gewöhnt fich mehr und mehr an die„ Salonkohle" von Dux und Karbitz, und gerade dort vorzugsweife weifs man diefelbe als Material zur Zimmerheizung zu würdigen. Wie an anderer Stelle fchon bemerkt wurde, dürfte in nicht ferner Zukunft in den Berliner Wohnungen nur noch die böhmifche Braunkohle. in den Berliner Fabriken und Werkstätten nur die oberfchlefifche Steinkohle und der Waldenburger Coke gebrannt werden. Kommt, woran bei dem allgemeinen Intereffe wohl nicht zu zweifeln, das Project des Elbe- Spree- Canales zur Ausführung, fo wird Berlin auch zu Waffer für die böhmifche Braunkohle leichter erreichbar werden, indem der jetzt 474 1 Kilometer lange Wafferweg zwifchen Dresden und Berlin auf 208 6 Kilometer dadurch abgekürzt würde. Im Inlande verbreitet fich die böhmifche Braunkohle nach dem öftlichen, mittleren und füdlichen Böhmen und durch Mähren bis Wien und Prefsburg. Im Jahre 1873 empfingen die Stationen der Oefterreichifchen Staatsbahn Böhmifchen Nordbahn 99 Bufchtěhrader Bahn 99 99 Prag- Duxer Bahn Pilfen- Priefener Bahn 29 " 99 " Kaifer Franz- Jofef Bahn. Oefterreichifchen Nordweft- und Südnorddeutfchen Verbindungsbahn Turnau- Kralup- Prager Bahn. metrifche Tonnen 294.250 209.290 150.435 90.700 40.000 18.960 17.220 2.100 Die Urfache aber, wefshalb der Abfatz der böhmifchen Braunkohle in Oefterreich felbft grofse, der Leiftungsfähigkeit des Beckens entſprechende Dimenfionen noch nicht angenommen hat, wefshalb das Inland, trotz grofsen Bedarfes an foffilem Brennftoffe und obwohl die Schwankungen der Valuta hier nicht in Betracht kommen, als Abnehmer der Braunkohle hinter dem Auslande weit zurückfteht, liegt in den hohen Tarifen der öfterreichifchen Eifenbahnen. Eine Zufammenftellung der Frachtfätze( die Expeditionsgebühr eingerechnet) ab Station Dux nach den wichtigften Abfatzplätzen der böhmifchen Braunkohle möge die Höhe der inländifchen Kohlentarife, refpective das Mifsverhältnifs zwifchen diefen und den Tarifen der ausländifchen Bahnen zeigen. Mineralifche Kohle. Kohlenfracht. Entfernung in Tariffatz per 155 Von Du x Centner Centner und Meile Meilen Kilometern Kreuzer Nach Berlin. 41 2 312.54 23 25 0.564 99 Hamburg 79.3 601.56 40.37 0.509 Stettin 591 79 448.33 31 95 0.540 Roftock 82.3 99 624.32 41.62 0.505 Braunfchweig. 57 3 434 67 " 30.65 0.534 Hannover 62.9 477 15 29 33 82 0.537 Caffel 64.8 9 491 57 33 07 0.510 Magdeburg 47.2 358.05 " 25.75 0.545 29 Leipzig 31 2 236-68 19.07 0.611 Dresden 15.7 119 10 II 37 0.724 Görlitz via Ebersbach 21 2 160.82 17.95 0.846 Wien( via Auffig, Oefterr. Nordweftbahn) 61.0 462-74 34 0 0.55 Prag( via Auffig Oefterr. Staatseifenbahn) 17.7 134 27 18: 3 103 Reichenberg( via Warnsdorf) 20'4 154 75 18.2 0.89 Eger 19.8 150 20 20.5 103 99 29 München " Nürnberg 29 Würzburg. 57.8 438: 47 35.2 0.61 45.3 343 64 28.8 0.64 56.0 424.81 34 2 0.61 Vergleicht man alfo, den Kilometerzeiger in der Hand, z. B. den für Dresden beftehenden Frachtfatz mit dem via Auffig und die Oefterreichifche Staatsbahn giltigen Frachtfatze für Prag, fo ergibt es fich, dafs der letztere um mehr als 50 Percent höher ift, als die Fracht, welche man in dem nur um 15 Kilometer näheren Dresden für die Duxer Salonkohle bezahlt. Intereffant ift es auch, den Frachtfatz nach Reichenberg etwas näher ins Auge zu faffen. Derfelbe beträgt bei einer Entfernung von 154 75 Kilometer 1962 kr., bei Berücksichtigung der hier als in einem Ausnahmsfalle gewährten Refactie 18.2 kr., alfo faft ebenfoviel, wie nach Leipzig, welches um die Hälfte weiter entfernt ift. Daher kommt es denn auch, dafs der wichtige Fabriksplatz Reichenberg noch immer die aus viel weiterer Entfernung ftammende oberfchlefifche und Waldenburger Kohle brennt. Nur Wien hat feit der nunmehr erfolgten Eröffnung der Elbethal- Bahn einen verhältnifsmässig billigen Tarif, wie denn der Oefterreichifchen Nordweftbahn überhaupt die Anerkennung gebührt, in Bezug auf niedere Tarife den übrigen inländifchen Bahnen mit gutem Beiſpiele voranzugehen. Nach Wien koftet der Centner Kohle jetzt 34'0 Kreuzer. Gelingt es den theueren Zwifchenhandel dafelbft zu befeitigen und die Bevölkerung dafür zu gewinnen, die Feuerungsanlagen in der für den Brand der Braunkohle entſprechenden Weife einzurichten, fo wird diefe in der öfterreichifchen Reichshauptftadt ebenfo gewifs mit der Zeit feften Fufs faffen, wie fie es in der Hauptftadt des deutfchen Reiches gethan. 156 J. Pechar, Dr. A. Peez. Abgefehen von Wien wird jedoch den meiften Confumtionsplätzen des Inlandes der Bezug der erzgebirgifchen Braunkohle durch die hohe Fracht fehr erfchwert. Ob in den Verhältniffen des inländifchen Bezuges eine wefentliche Aenderung eintritt, wenn der Verkehr auf der Pilfen- Priefener und der PragDuxer Bahn fich mehr beleben wird, mufs abgewartet werden. Jetzt liegen die Dinge fo, dafs zahlreiche Schienenwege aus dem erzgebirgifchen Braunkohlenbecken ausftrahlen, fämmtliche böhmifche Bahnen Anfchlufs an eine der dortigen Kohlenbahnen fuchen und dennoch das Inland nur einen verhältnifsmäfsig kleinen Nutzen hat von den enormen Kohlenfchätzen, die dort am Erzgebirge zu Tage gehoben werden. Mit nicht geringen Hoffnungen blicken die Kohlenproducenten namentlich in den öftlichen Theilen des Beckens, feit Kurzem auch nach Bayern, überhaupt nach Süddeutſchland. Bei dem Mangel an Kohle, an welchem Letzteres leidet, erfcheint allerdings die Annahme nicht ungerechtfertigt, dafs fich dort ein reicher Markt für die böhmifche Braunkohle eröffnen werde. Freilich ift auch hier die Concurrenz eine ftarke und die Zwickauer, Pilfener, Saar- und Ruhrkohle fchon im Befitze der wichtigften Abfatzrayons. Vorausfichtlich dürfte jedoch die gefährlichfte Concurrentin, die Zwickauer Kohle, hier ebenfo, wie es in Sachfen und Thüringen der Fall war, der böhmifchen Braunkohle einen Theil des Feldes räumen. Die directe Eifenbahnverbindung zwifchen Komotau und Eger wurde im Jahre 1872 hergeftellt( die Linie Karlsbad- Eger war 1870 eröffnet worden) und fchon in dem gleichen Jahre gingen nach Stationen der bayerifchen Staatsbahnen " " Oftbahn. 33.700 metrifche Tonnen, 26.600 " 99 Braunkohlen, wovon die bayerifche Hauptftadt 2.900 metrifche Tonnen empfing. Das Abfatzgebiet in Süddeutſchland wird markirt durch die Städte: Darmftadt, Stuttgart, Lindau, München. Nach dem Ausbaue der Strecke Pilfen Eifenftein der Pilfen- Priefener Bahn dürfte der Export nach Bayern ohne Zweifel die erwartete Lebhaftigkeit gewinnen. Aus Dem, was vorftehend über die Circulation der böhmifchen Braunkohle gefagt ift, wird klar geworden fein, dafs diefelbe von den Kohlenarten des continentalen Europas das weitefte Abfatzgebiet bereits befitzt. Im Jahre 1872 ging fie auf nicht weniger als 38 Bahnen und nach 706 Empfangsftationen über. Nunmehr wird es darauf ankommen, das in feinen Grenzen feftgeftellte Marktgebiet zu einem intenfiveren zu machen, wozu alle Bedingungen im vollen Mafse geboten fein möchten. Die Productivität des Braunkohlenbeckens fteigt in ganz überrafchender Weife, das Eifenbahnnetz im Becken gewinnt zufehends an Schienenlänge, wie denn z. B. in Dux demnächft fchon fechs Bahnlinien convergiren werden, die Eifenbahnen fuchen durch Befchaffung der nöthigen Transportmittel fich in die Lage zu verfetzen, allen Anforderungen der Kohlenwerke Genüge leiften zu können, und immer mehr bricht fich in den in- und ausländifchen Confumentenkreifen die Erkenntnifs Bahn, dafs die billige böhmifche Braunkohle in vielen Beziehungen eine gute Steinkohle vollkommen erfetzt. Zum Schluffe fei es geftattet, die bedeutendften der im Betriebe ftehenden Kohlenwerke des erzgebirgifchen Braunkohlenbeckens, welche auch gröfstentheils ausgeftellt hatten, hier anzuführen. Es find diefs die Werke: وو des Grafen Noftitz bei Schönfeld, des Grafen Weftphalen und der Gewerkschaft Saxonia" bei Karbitz, der Deffauer Creditanftalt für Induſtrie und Handel bei Mariafchein und Koften, der Elbe- Colliery und der Gewerkfchaft ,, Britannia" bei Mariafchein, der Dux- Bodenbacher Eifenbahn bei Dux, des Duxer Kohlenvereins bei Dux und Oberleitensdorf, endlich diejenigen der auf der Weltausftellung durch ihre mannigfachen Erzeugniffe fo grofsartig vertretenen, bekannten Firma Joh. Dav. Stark in Falkenau und Chodau. Mineralifche Kohle. 157 VII. Die Braunkohlenreviere der Alpen. Wolfsegg Traunthal. Aus zwei in das oberöfterreichifche Hausruckgebirge eingelagerten Flözen von 2, beziehungsweife 1 1/4 Klafter( 3.79, beziehungsweife 2:37 Meter) Mächtigkeit wird vermittelft Stollenbetriebes eine Kohle gewonnen, welche durch ihre Lage in den kohlenarmen oberen Donaugegenden eine gewiffe Wichtigkeit erlangt. Die Förderung betrug im Jahre 1872 5,752.000 Centner. Die Kohle hat ihren Abfatz zunächft an die Kaiferin Elifabeth- Weftbahn, mit welcher die Gruben durch zwei Kohlenbahnen verbunden find. Die Weftbahn verbraucht davon etwa zwei Millionen Centner. 34 Million Centner geht an die Fabriken längs der Bahn, 2 Million Centner an die Bayerifche Oftbahn, der Reft an die Salinen nach Salzburg, dann nach Linz und Wien. - Leoben und Fohnsdorf. Reicher und beffer in der Qualität, als die am Nordrande der Alpen vorhandenen Ablagerungen, find die Kohlenmulden, die fich an der Oftfeite diefes Gebirges in Steiermark und Krain vorfinden. Als fchönfte Braunkohle in Oefterreich-nächft gewiffen Kohlen des Dux- Biliner und BrüxOberleitensdorfer Reviers dürfte die Leobener Kohle zu bezeichnen fein, welche unter fchwierigen bergmännifchen Verhältniffen in beträchtlicher Tiefe gewonnen wird. In dem Baue des Herrn H. Ritter von Drafche, welchem die Mitte der Mulde gehört, ward im Jahre 1871 die Kohle mit 612 Klaftern Mächtigkeit in der Tiefe von 107 Klaftern angefahren. Die Förderung aus der gefammten Mulde von Leoben- Fohnsdorf belief fich im Jahre 1872 auf 9 254 Millionen Centner und ihren Abfatz findet die Kohle bei den benachbarten Eifenwerken der Steiermark und auf der Südbahn; in Wien ift diefelbe als ein vorzüglich für den Hausbrand geeignetes Brennmaterial begehrt. Eine fehr rafche Zunahme der Förderung zeigt fich in der jüngften Zeit bei den Kohlenwerken von Fohnsdorf und Sillweg. Voitsberg Köflach. An Qualität hinter der früheren zurückſtehend, jedoch die ergiebigfte Mulde und wohl die einzige, welche eine gewiffe Maffenförderung( bis zu 20 bis 30 Millionen Centner jährlich) zuläfst, ift die Braunkohlenablagerung von Köflach. Sie nimmt eine Fläche von 4 Quadratmeilen ein, und ihr einziges Flöz hat eine Mächtigkeit von 6 bis 20 Klaftern( 11.38 bis 37 93 Meter). Die durchſchnittliche Mächtigkeit mit 8 Klaftern( 15 17 Meter) angenommen, ergäbe ein Kohlenvermögen von 8000 Millionen Centnern. Die Kohle ift jedoch von keiner befonderen Qualität, enthält viel Waffer und verträgt defshalb nur bei fehr billigen Frachtfätzen einen weiteren Transport. Seit dem Jahre 1858 ift diefs Revier mit der Südbahn durch die Graz- Köflacher Bahn verbunden, deren Tarife in jüngfter Zeit zwar namhaft herabgefetzt wurden, aber immer noch ungefähr doppelt fo hoch ftehen, als bei den erzgebirgifchen Kohlenbahnen Auffig- Teplitz und Dux- Bodenbach. Die Förderung beträgt über 10 Millionen Centner. Kleinere Braunkohlenbecken in Steiermark. Das bei Wies in Abbau ftehende Flöz hat eine Mächtigkeit von 22 bis 16 Fufs und lieferte ebenfo wie das circa 12 Fufs mächtige Flöz von Eibiswald eine fehr gute Braunkohle, die in der Umgegend verbraucht wird und feit Eröffnung der Wies- Liebocher Bahn, welche in die Graz- Köflacher Bahn einmündet, in bedeutend gröfseren Beträgen auf den nahen Märkten erfcheint. Das aufgefchloffene Kohlenvermögen beider Mulden wird auf 3 bis 400 Millionen Centner gefchätzt. Aehnliche Kohlenvorkommen finden fich bei Tüffer, Hraft nigg und Trifail; die Flöze find theilweife fehr mächtig, die Qualität eine gute, allein eine mehr als locale Bedeutung kommt diefen Kohlenlagern bis jetzt nicht zu. Ihre Gefammtförderung wird 5 bis 6 Millionen Centner betragen. Braunkohlen- Becken in Krain, Iftrien und Dalmatien. Ganz in der Nachbarfchaft der letztgenannten kleinen Becken liegt im Kronlande Krain das Sagor- Johannesthaler Flöz, welches bei einer wechfelnden Mächtigkeit von 5 bis 20 Klafter, gröfsere Kohlenmengen( circa 5 Millionen Centner) liefert, die auf der Südbahn eine ausgedehnte Verwendung finden. Aus den Werken von I I 158 J. Pechar, Dr. A. Peez. Carpano in Iftrien werden etwa 4 Million Centner und aus den Werken am Monte Promina in Dalmatien etwa 14 Million Centner guter Kohle gewonnen, von denen die letztere, nach Sebenico gebracht, von den Dampfern des Lloyd und der Kriegsmarine verwendet wird. Die Entwicklung des Abfatzes der Kohle aus den Braunkohlenbecken der Oftalpen findet ihren Ausdruck in den Ziffern, welche den Kohlenverkehr der Südbahn darftellen. Die Gefammtmenge diefer Transporte, immer ausfchliesslich der Regiekohle der Südbahn, ftieg von 2:28 Millionen Zoll- Centner im Jahre 1860 auf 14 46 Millionen Centner im Jahre 1873. Von letzterem Betrage kamen 2:48 Millionen über Wien und beftanden in Oftrauer und oberfchlefifcher Steinkohle oder in Coken aus Oftrau und Roffitz. Diefe Beträge von obigen 14 46 Millionen Centner in Abzug gebracht, bleiben für den Verkehr in Braunkohle rund 12 Millionen Centner, von denen 116 Million Centner nach Wien verfrachtet wurden. Die entsprechenden Ziffern find: Gefammtquantum Hiervon in Wien: Angekommen im Jahre Abgegangen 1860 Ce 2,285.215 n t n e r 1861 2,715.935 193.346 1862 3,697.283 163.567 1863 3,850.020 142.730 892.103 937.153 1,024.868 1864 4,158.106 136.511 960 434 1865 2,633.987 138.869 626.250 1866 2,984.465 320.590 747.256 1867 4.754.064 669.066 738.030 1868 6,464.935 1,073.220 899.233 1869 7,318.377 1,275.482 722.055 1870 9.134.907 1.433.572 800.541 1871 11,592.876 1,820.688 1872 14.236.008 2,359.498 1873 14.467.403 2,484.069 1,195 977 1,284.306 1,164.774 VIII. Die Ungarifchen Braunkohlenreviere. Salgó Tarján er oder Braunkohlenrevier der Matra. In einer Entfernung von 15 Meilen von der Hauptftadt Ungarns gelegen und von der ungarifchen Nordbahn, das ift der von Peft über Kafchau nach Oderberg ziehenden Hauptlinie, durchſchnitten, findet fich ein Kohlenrevier, welches einerfeits für die Verforgung von Peft- Ofen und des brennftoffarmen ungarifchen Tieflandes, anderfeits für die oberungarifchen Eifenraffinirwerke von grofser Bedeutung zu werden verfpricht. Am weiteften vorgefchritten ift der Abbau in den Werken der Gefellſchaft Salgó- Tarján, welche im Jahre 1872 mit einem Arbeiterftande von 2200 Mann 5,869.000 Centner Kohle lieferten. Nach neueren Unterfuchungen fcheint jedoch der Kern des Beckens öftlich von den in der Nähe der Ungarifchen Staatsbahn gelegenen und zuerft zur Ausbeutung gelangten Ablagerungen bei Homok- Terenne aufgefchloffen zu fein, indem hier drei Flöze mit einer Mächtigkeit von zufammen 18 bis 26 Fufs( 5.69 bis 8.22 Meter) nachgewiefen find, zu deren Ausbeutung vermittelft Stollen die Anglobank in Hamburg umfaffende Vorbereitungen trifft. Die Gefammtförderung des Revieres ift auf 8 Millionen Centner anzufchlagen. Gran und Brennberg. Im Süden der Donau bei Gran wurden im Jahre 1872 15 Million einer guten Kohle gewonnen, die bei Hinzutritt einer Eifenbahnverbindung von Wichtigkeit werden könnte für Verforgung der ungarifchen Hauptftadt und ihrer induftriereichen Umgebung.- Die Werke von Brennberg und Neufeld im Oedenburger Comitate haben eine Förderung von 23 Millionen Centnern. Mineralifche Kohle. 159 Schylthal. In dem engen Thale der Schyl in Siebenbürgen, die, von Weften nach Often fliefsend, vermittelft ihres Gebirgsdurchftiches am Vulkan- Pafse den Weg nach den Ebenen der Walachei erfchliefst, findet fich mit einer Länge von 6 Meilen und einer gröfsten Breite von 3/4 Meile eine Kohlenablagerung, die für die Zukunft der unteren Donauländer von gröfster Wichtigkeit werden dürfte. Auf den dem ungarifchen Staate gehörenden Werken bei Petrofeny find 15 abbauwürdige Flöze aufgefchloffen worden, unter welchen das im äusserften Liegenden auftretende Hauptflöz für fich allein bei 90 Fufs( 28.45 Meter) mächtig ift. Die Kohle, von fehr guter Befchaffenheit, nähert fich in ihrem Heizwerthe der Schwarzkohle, ohne jedoch zur Vercokung völlig geeignet zu fein. Seitdem im Jahre 1870 die Bahn von Petrofeny nach Piski eröffnet ift, hat fich in diefen entfernten Thälern ein reges Leben entfaltet. Arbeitercolonien wurden gegründet, und in kürzefter Zeit ward die Kohlenförderung auf eine jährliche Menge von 3 bis 4 Millionen Centner gehoben. Das ungarifche Aerar und der Kronftädter Berg- und Hüttenverein, der zugleich reiche Erzlager und Hochofenanlagen in der Nähe befitzt, find Haupteigenthümer der Kohlenfelder des Schylthales. Productionsbedingungen der Kohlenreviere. Ueberblickt man nun die Bedingungen, unter denen die mineralifchen Brennftoffe in den öfterreichiſch- ungarifchen Revieren vorkommen und gefördert werden, fo zeigen fich darin fehr wefentliche Verfchiedenheiten. Was zuerft die für die Entwicklung eines Revieres in vieler Hinficht wichtige Zahl der Befitzer und der Unternehmungen betrifft, fo waren im Jahre 1871 Steyerdorf- Oravicza, Wolfsegg- Traunthal und zahlreiche kleine Becken, wie Lilienfeld, Häring in Tyrol und andere in der Hand eines einzigen Befitzers; in Leoben und dem Schylthale zählte man 3, in Roffitz 5, in Fünfkirchen und Salgó- Tarján 6, in Jaworzno 10, in Oftrau- Karwin II, in Schatzlar- Schwadowitz 15, in Pilfen 58, in Kladno- Rakonitz 159 und im erzgebirgifchen Reviere 560 Werksbefitzer, wobei felbftverſtändlich ift, dafs eine gröfsere Zahl( ganz abgefehen von der daraus mit Wahrfcheinlichkeit zu entnehmenden gröfseren Ausdehnung des Beckens) eine erhöhte Regfamkeit durch gefteigerte Concurrenz hervorruft. Andererfeits kann es für die, wenn auch vielleicht etwas langfamere, aber dafür fefte und ruhige Entwicklung des Beckens zuträglich fein, wenn dasfelbe in der Hand weniger, aber geldkräftiger Unternehmer ift, wie wir diefs z. B. bei dem Oftrau- Karwiner Reviere wahrnehmen. Hinfichtlich der Tiefe, in welcher die Flöze abgelagert und zu welcher die Schächte hinabzutreiben find, mufs vorausgefchickt werden, dafs fehr grofse Teufe die Förderung unter allen Umftänden vertheuert. Eine fehr flache Lage der Flöze jedoch, wenn fie anders keinen Tagbau zuläfst, kann den Nachtheil haben, dafs bei Bruch des Deckengebirges in den leeren Strecken die Oberfläche einfinkt. Im Allgemeinen liegen in Oefterreich- Ungarn die Steinkohlen tiefer als die Braunkohlen. Die gröfste Durchfchnittstiefe dürfte bei den Schächten von SteyerdorfAnina mit 120 Klaftern( 227.58 Meter) und in Roffitz mit 105 Klaftern( 199* 13 Meter) zu finden fein; fodann folgt Pilfen mit Schächten von 100 bis 107, Oftrau mit 80 bis 108 Klafter( 15172 bis 20483 Meter) und Kladno mit Schächten von durchschnittlich 80 bis 90 Klafter( 15172 bis 170.68 Meter) und einer gröfsten Tiefe von 203 Klaftern( 3849 Meter), während die Schächte in Schatzlar mit 58 Klaftern( 110 0 Meter), in Rakonitz mit 48 Klaftern ( 9103 Meter), in Schwadowitz mit 25 bis 50 Klafter( 47 41 bis 94.82 Meter), in Jaworzno mit 12 bis 30 Klafter( 22.76 bis 56 90 Meter), in Radnitz mit 2 bis 60 Klafter( 3.79 bis 113 80 Meter), in Miröfchau mit 4 bis 27 Klafter ( 7:59 bis 51 21 Meter) zu beziffern find. Unter den Braunkohlenbecken reichen die Schächte in Leoben bis zur Tiefe von 35 bis 107 Klaftern( 66.38 bis 202 23 Meter) hinab, in Sagor bis 50 Klaftern( 94.82 Meter); in Falkenau beträgt die durchfchnittliche Tiefe 12 bis 20 Klaftern( 22.76 bis 37.93 Meter), im öftlichen I 1* 160 J. Pechar, Dr. A. Peez. Theile des erzgebirgifchen Beckens bei Mariafchein- Karbitz 60 bis 70 Klafter ( 113 80 bis 132.75 Meter), bei Dux- Brüx 20 bis 36 Klafter( 37.93 bis 68.27 Meter), während die tiefften Schächte im letztgenannten Reviere bis zu 78 Klafter( 151 Meter) reichen, anderfeits aber auch ein Theil der Flöze( bei Dux, Oberleitensdorf und Falkenau) durch Tagbau, wie in einem Steinbruche, abgebaut wird. Aufserdem ift Tagbau möglich bei Břas an dem Ausgehenden des Pilfener Steinkohlenbeckens, fowie auch bei verfchiedenen Mulden des reichen Voitsberg- Köflacher Revieres( Lankowitz, Rofenthal, Schaflos etc.). Die gröfste Flözmächtigkeit ift nachgewiefen in den Braunkohlenbecken des Schylthales und des Erzgebirges nämlich in dem erfteren bis 90 Fufs ( 28 45 Meter), in dem letzteren bis zu 96 Fufs( 30 34 Meter). Auch im Köflacher Reviere kommen fehr mächtige Flöze vor, nämlich bei Voitsberg bis 60 Fufs( 18.97 Meter), bei Rofenthal und Schaflos fogar bis 96 Fufs( 30 34 Meter). Für Hraftnigg ift eine Flözmächtigkeit von 54 Fufs( 17:07 Meter), für Leoben und Sagor eine folche von 30 Fufs( 9.48 Meter) nachgewiefen. Weit geringer ift die Mächtigkeit der Steinkohlenflöze. Eine Stärke von 7 Fufs( 2.21 Meter) gehört hier fchon zu den Seltenheiten. Die meiſten Flöze dürften zwifchen 2 und 6 Fufs( 0.63 bis 190 Meter) wechfeln, und es wird eine folche Mächtigkeit wegen des leichteren Abbaues, welcher dann in der Regel eine Auszimmerung der Strecken nicht erfordert, oft einer viel gröfseren Flözftärke vorgezogen, deren reines Entkohlen doch nur in den feltenften Fällen möglich ift. Gleichwie die meiften öfterreichifchen Steinkohlenreviere in Bezug auf Mächtigkeit der Flöze hinter den englifchen, amerikanifchen und deutfchen zurückftehen, fo ift dasfelbe hinfichtlich der Regelmässigkeit der Flözlagerung der Fall. Das Pilfener Revier beſteht aus einer Anzahl getrennter Mulden, die einen nur wenig nachhaltigen Betrieb geftatten. Verwerfungen find faft in allen Revieren häufig, und ftarke Wafferzuflüffe und fchlagende Wetter vertheuern den Abbau in den meiften Gegenden, befonders aber im Oftrauer Reviere. Böfe Wetter find übrigens dort am häufigften, wo die beftbackende Fettkohle gefunden wird. Von Belang für den Werth der Kohle erfcheint deren Korngröfse. Am günftigften bei Steinkohlen ift der Stückfall im Becken von Jaworzno, wo 70 bis 80 Percent Stückkohle gewonnen werden; dann folgen Kladno mit 20 bis 60 Percent, Karwin und Orlau mit 50 Percent, Rakonitz mit 40 Percent, Pilsen mit 25 bis 50 Percent, Radnitz mit 35 Percent, Schatzlar mit 30, Ostrau mit 6 bis 46 und Roffitz mit 3 bis 44 Percent Stückkohle. Unter den Braunkohlen fteht Köflach- Voitsberg mit 85 bis 92 Percent Stückfall und Oberleitensdorf im erzgebirgifchen Reviere mit 80 bis 90 Percent an der Spitze; auch Falkenau hat 80 Percent Stückkohle. und 20 Percent Kleinkohle; ferner Karbitz- Mariafchein 68 Percent Grofskohle, 22 Percent Mittelkohle und 10 Percent Kleinkohle; Dux- Bilin 50 bis 60 Percent Stückkohle, Brüx 55 Percent, Sagor in Krain 55 Percent und Leoben in Steiermark 50 Percent Stückfall. Was die Qualität betrifft, fo liegen zwar vielfache Analyfen der öfterreichifchen Kohlengattungen vor, doch beziehen fich diefelben wohl in noch höherem Grade, als bei alten Kohlenländern auf einzelne Fälle und können fchwerlich für den Durchfchnitt der Förderung eines Reviers gelten. Sehr zu beachten ift ferner, dafs der Werth einer Kohle durch den Zweck, dem fie dienen foll, beftimmt wird. Leichte Backfähigkeit, Gasgehalt oder geringer Afchengehalt können defshalb einer Kohle gröfseren Werth verleihen, auch wenn ihre Heizkraft eine mindere fein follte. Diefs vorausgefchickt, bemerken wir, dafs der gewöhnlichen Annahme zufolge einige ungarifche und mährifche Steinkohlengattungen( Steyerdorf- Anina, Fünfkirchen und Mährifch- Oftrau) hinfichtlich der Wärme- Entwicklung an der Spitze ftehen; dann folgen Karwin, Schatzlar und Nürfchan im Pilfener Reviere. In nachftehender Tabelle geben wir nach der ,, Claffification der foffilen Kohlen in Oefterreich" von Karl von Hauer einige Analyfen von Kohlen aus den wichtigften Revieren. Mineralifche Kohle. 161 Chemifche Analyfen von Kohlen aus den wichtigſten Revieren Oefterreich- Ungarns. a) Steinkohlen. Percente an Aequivalent von Fundort Formation Waffer Afche Brennbarer Subftanz Coke Calorien IKlafter wei-| chen Holzes! in Centnern I Cubikfufs weich. Holz. in Pfunden I Cubikfufs hart. Holzes in Pfunden Refchitza, Revier Oravicza Lias 0.8 17 97 5 79'4 7229 72 10 4 17.2 Fünfkirchen " 07 59 93 4 - 6898 7.5 10 9 18.0 Steyerdorf. " 21 17 96.2 65.1 6451 8.1 II 6 19 3 Zbefchau( Roffitz) Steink.- Format. 05 5'3 942 - 6403 8.2 II 7 19-4 Mährifch- Oftrau. وو " I5 72 91 3 67.6 6027 8.7 12.5 20.6 Karwin. 17 99 2.2 8.0 89.8 605 5934 8.8 12.7 21'O Schatzlar • " 9 99 34 9.0 87.6 62.3 5886 8.9 12.8 21 2 Nürfchan( Pilfen) Kladno. 99 47 44 56 900 535 5780 9.0 13.0 215 13 99 21 94 88.5 - 5694 9: 2 13.2 21.8 Roffitz. 99 99 IO 23.6 75 4 750 4865 10.7 15 3 25 5 Rakonitz • " 99 8.3 8.9 82.8 56.0 4839 10 8 15 6 25.7 Jaworzno 22 " 131 56 813 - 4809 10 9 15.7 25.8 Fundort Formation Ober Skallis( Unterfteier) Schylthal. Eibiswald Leoben Salgó- Tarján Dux( erzgebirgBecken) Karbitz( erzgebirgBecken) Sagor. Rofenthal( Köflach Voitsberg) Traunthal.. b) Braunkohlen. Percente an Waffer Afche Brennbarer Subftanz Calorien Aequivalent von IKlafter weichen Holzes in Centnern I Cubikfufs weichen Holzes in Pfunden I Cubikfufs harten Holz. in Pfunden ältere eocän 2.0 2.5 95'5 6339 8.2 II 7 19.4 miocän وو 46 2.5 12.5 85.0 5442 9.6 13.8 22.8 99 IO 79 10 7 49 84 4 4926 10.6 15.3 25.2 12 " 9 7.9 4.6 87.5 4825 10.8 15.6 25.7 77 27 II'I 74 815 4680 II 2 16.1 26.6 16 17.7 29 79 4 4576 II 4 16.5 27.2 99 21 4 50 73.6 97 " 9 17.8 52 77.0 4045 12 9 3952 13 2 18.4 30.6 18.9 31 3 jüng. miocän 14-8 29 99 19.9 4'5 80 7 80.7 8.1 72 01 3288 3946 13: 3 15.9 19'2 31 7 22.9 37.8 162 J. Pechar, Dr. A. Peez. Hinfichtlich der Befchaffenheit der Kohle ift noch zu bemerken, dafs als Gaskohle die Plattelkohle von Nürfchan aus dem Pilfener Becken die vorzüglichfte ift. Auch die Gaskohle von Falkenau wird fehr gefchätzt, obwohl der Umftand, dafs fie als Braunkohle nur geringe Coke zurückläfst, ihren Werth vermindert. Sehr gute Gaskohlen liefert das Oftrauer Revier. Zur Bereitung von Coken, deren Erzeugung bei dem Auffchwunge der öfterreichifchen Eifeninduftrie in den Jahren 1870 bis 1873 in ftarker Zunahme war, find am höchften gefchätzt die Kohlen von Fünfkirchen und Oravicza, die Kohlen von Oftrau, ferner die Kohlen von Littitz und Miröfchau im Pilfener Reviere, an welche fich fodann die Kohlen von Rappitz( Kladno), Karwin und Roffitz anreihen. Um einen Anhalt zu gewähren über die Preife der Kohlen in normalen Zeiten, geben wir hier die amtlich erhobenen Grubenpreife für Steinkohlen und Braunkohlen in den verfchiedenen Kronländern Oefterreichs wieder: Grubenpreife für Kohle in den verfchiedenen Kronländern Oefterreichs. Steinkohlen Braunkohlen 1870 1871 1872 1870 1871 1872 Kreuzer per Zoll- Centner Niederöfterreich Oberöfterreich Steiermark • • 29 33 35.9 18 17.5 10 4 44.5 28 33.7 14.5 16 13'9 23 34 32.9 15 Kärnthen • • Krain 20 22 67.0 15.5 15 Küstenland Dalmatien. Tyrol.. Böhmen. Mähren • • 28 • 31 • • 18 810 223 28 20 18 52588 155 18.3 23.2 16 4 39.3 29.4 32 36.8 2 I 22.9 8 IO 8.7 . 24 29 31.3 I I II5 10 7 Schlesien Galizien Bukowina 21 26 31 0 5 5 7 4 13 17 154 I I 17 15.4 2 Aus einer Zufammenfaffung diefer Angaben ergibt fich für das Jahr 1870 bei Steinkohle ein Durchfchnittspreis von 21 6 Kreuzern öfterr. Währ., bei Braunkohle von 16 4 Kreuzern öfterr. Währ. Im Jahre 1871 ift der Durchschnittspreis für Steinkohle von 216 Kreuzern auf 25 4 Kreuzer öfterr. Währ. per Zoll- Centner geftiegen. während bei Braunkohle ein unbedeutendes Sinken von 16 4 Kreuzern auf 161 Kreuzer ftattfand. Im Jahre 1872 hielten fich den amtlichen Angaben zufolge Steinkohlen auf dem Betrage von 25 5 Kreuzern per Zoll- Centner; bei Braunkohlen aber fand ein weiteres Herabgehen auf 13 Kreuzer ftatt. Ueber die Grubenpreife des Jahres 1873 liegen amtliche Mittheilungen noch nicht vor; es ift jedoch einem Zweifel nicht unterworfen, dafs fowohl Steinkohlen, als auch Braunkohlen befonders in der erften Hälfte des Jahres namhaft geftiegen waren, gegen die Jahreswende 1874 jedoch wieder auf einen Stand herabgingen, welcher insbefondere bei den früher werthvollften Kohlengattungen, die fonft zu Coken verarbeitet worden waren, dem von 1870 gleichkam. Ueber die Preife an den Confumtionsplätzen bringen wir Näheres bei Befprechung des Wiener Kohlenmarktes. Mineralifche Kohle. 163 Vergleicht man die oben verzeichneten Preife in den einzelnen Productionsländern, fo findet fich die billigfte Steinkohle in Galizien und Böhmen, die billigfte Braunkohle, abgefehen von der Bukowina, in Schlefien und Böhmen. Da die galizifchen Steinkohlen entfernter liegen und die fchlefifchen Braunkohlen eine fehr geringe Qualität darftellen, fo ift es einleuchtend, dafs Böhmen mit einem Steinkohlenpreife an der Grube von 21 Kreuzern und einem Braunkohlenpreife von 10 Kreuzern fich in der günftigften Lage befindet und dem induftriellen Betriebe die gröfsten Vortheile bietet. Eine Zufammenfaffung der fämmtlichen im Früheren fkizzirten Momente gibt die Anhaltspunkte zu einer Beurtheilung der productiven Kraft, die den verfchiedenen öfterreichifchen Kohlenbecken eigen ift. Ihren fchärfften Ausdruck findet jedoch diefe productive Kraft in der durchfchnittlichen Fördermenge, welche ein Arbeiter im Laufe eines Jahres erzielt hat. Hierüber die folgende Tabelle. Durchschnittliche Arbeitsleiftung eines Arbeiters beim Kohlenbergbaue per Jahr ( in den verfchiedenen Kronländern Oefterreichs). Steinkohlenbecken Förderung in Zoll- Centnern Braunkohlenbecken Förderung in Zoll- Centnern I. Böhmens Kladno, Rakonitz, Pilfen, Schatzlar, Schwadowitz. I. Böhmens Erzgebirgifches Becken 5562 2451 2. Oberösterreichs 2. Galiziens Wolfsegg- Traunthal 4858 Jaworzno. 2430 3. Mährens 3. Schlefiens Göding 3240 Oftrau. 2080 4. Krains 4. Mährens Sagor etc. 3004 Oftrau und Roffitz. 1984 Steiermarks 5. Leoben, Fohnsdorf, Köflach, Wies, Eibiswald. 2797 6. Tyrols Häring. 2432 Eine intereffante Vergleichung zu ermöglichen, ftellen wir hier auch die durchſchnittlichen Förderungen zufammen, welche bei dem Stein- und Braunkohlen- Bergbau in den wichtigften Revieren Preufsens im Jahre 1872 ein Arbeiter erzielt hat. Es förderte ein Arbeiter im Steinkohlenbecken von Oberfchlefien Weftphalen und Niederrhein 99 99 99 der Saar 99 " 99 von Aachen. Niederfchlefien 99 • . • • ° . " 4630 Centner 4212 4135 3525 99 99 " 2855 99 beim Braunkohlenbergbau 8539 99 44 164 J. Pechar, Dr. A. Peez. Zum Schluffe geben wir noch im Folgenden eine Vergleichung der Fördermengen der einzelnen Kohlenbecken Oefterreichs in den Jahren 1862 und 1871, fowie eine Darftellung des Antheiles, den die einzelnen Becken an der Gefammtförderung der Monarchie in den Jahren 1862 und 1872 genommen haben, fowie endlich eine Berechnung der percentuellen Zunahme der Förderung im genannten Zeitraume. Antheil der einzelnen Kohlenreviere Oefterreich- Ungarns an der Gefammtförderung der Jahre 1862 und 1872. 1862 1872 Zunahme Becken Metriſche Tonnen Antheil in Percenten Metrifche Tonnen Antheil in Percenten feit 1862 in Percenten A. Steinkohlen Kladno- Schlan- Rakonitz Oftrau- Karwin. Pilfen 839.950 18.5 1,415.113 • 596.315 13.2 1,150.476 334 856 7: 4 765.350 7: 3 Roffitz Jaworzno Kleinere Becken 167.952 3'7 283.180 2.7 13.6 I I O 68.5 92.9 128.6 68.6 109.557 2'4 269.827 2.6 146.3 Schatzlar- Schwadowitz. 100.887 2'2 210.273 2'0 108.4 SteinkohlenSumma Ungarn 49.488 2,199.005 324.300 I I 53.381 0.5 7.9 48.5 4,147.600 3917 88.6 7'1 617.186 5.9 90.3 B. Braunkohlen Erzgebirge. Köflach- Voitsberg 768.085 16.9 2,711.262 26.0 253'0 131.248 2.9 513.061 4'9 290.9 Leoben- Fohnsdorf 215.542 4.8 462.686 44 144 7 Traunthal 129.256 2.8 287.592 2.7 122'5 Sagor etc. 47.502 I O 159.373 1.6 235 5 Kleinere BraunkohlenBecken 466.367 IO I 689.445 6.6 47 8 Summa 1,748.000 38.5 4,823.419 46.2 175 9 Ungarn Im Ganzen 264.933 4,536.238 59 855-793 8.2 223.0 IOO O 10,443.998 IOO'O 130'2 Oefterreich- Ungarns Kohlenhandel. Der aus dem erzgebirgifchen und Pilfener Reviere ftattfindenden Ausfuhr von Kohle aus Oefterreich- Ungarn gefchah bereits bei Befprechung der einzelnen Kohlenbecken ausführliche Erwähnung. Die Einfuhr erfolgt faft ausfchliefslich aus Schlefien und befteht in oberfchlefifcher Kohle, welche mit der Nordbahn nach Oefterreich eintritt. Diefe Kohle, deren Einfuhrmenge von 5.7 Millionen Centnern im Jahre 1867 auf 21 5 Millionen Centner im Jahre 1872, demnach um 277 2 Percent geftiegen ift, verforgt in Gemeinfchaft mit Oftrau- Karwiner Kohle die zahlreichen an der Nordbahn gelegenen Induftriewerkftätten und tritt in der neueften Zeit in der Reichshauptftadt Wien als das beliebtefte Feuerungsmaterial auf. Mineralifche Kohle. Um ein Gefammtbild über den inneren öfterreichifchen Kohlenverkehr zu geben, find in folgender Tabelle die Kohlenmengen( in Millionen Centner) bezif fert, die in den Jahren 1861, 1867, 1869 und 1872 auf den öfterreichifch- ungarifchen Bahnen verfrachtet wurden. Es ift hiebei zugleich der Gefammt- Güterverkehr einer Bahn neben der darin enthaltenen Kohlenmenge angeführt und in der letzten Rubrik zugleich der Percentantheil berechnet, mit welchem Kohle an dem GefammtGüterverkehre der verfchiedenen Bahnen im Jahre 1872 participirte. Gefammtgüter- und Kohlenverkehr der öfterr.- ungarifchen Bahnen. 1861 1867 1869 1872 Eifenbahnen an GefammtGüterverkehr Kohle an GefammtGüterverkehr Kohle an GefammtGüterverkehr Kohle an GefammtGüterverkehr Kohle V.d.Gefammt- Güterverkehr des Jahres 1872 war Kohle in% Millionen Centner Mähr.- Schlef.Nordb. Fünfkirchen- Barcfer Kaifer Franz Jofef- B. Erfte Siebenbürgerb. Lemb. Czernowitzer Böhmifche Nordb. Turnau- Kralup- Prag. Auffig- Teplitzer B. 2'0 Ο Ο - - 3.9 2.7 || III 333+ 3548265 13 1.5 00 0.5 0.3 53 7: 0 I'2 17 I 2.9 0.9 31 0 I 4 03 II 9 13 10.9 3.8 0.2 4: 3 2.8 65.1 3.2 3.6 Ο Ο 2'0 Ο Ο 0.0 2'I 6.7 3.8 56-7 4.5 2.6 6.4 2.9 45.3 6.6 5.5 14 8 13 5 20.3 18.6 34'7 30 2 87.0 Bufchtěhrader B.. II 8 II 4 13 2 12.5 15.7 14'2 18.8 17.8 94 7 " ( ganz. Netz) - - - 21 5 70'5 Kaif. Ferdin. Nordb. 36.6 9.9 54.9 Oefterr. Staatsbahn. 47'3 14 7 72.2 23.3 81.6 36.6 44.8 8.9 69.5 14 4 92.3 21 3 100 6 34'I 33.9 Südbahn 25.7 2.7 41.9 47 60.6 73 73 4 20 4 20˚4 27.8 Böhmifche Weftbahn Graz- Köflacher B.. Mohács- Fünfkirchner Süd- Nordd. Verbindungsbahn. Kaiferin Elifabethb. Brünn Roffitzer B. - - 9.5 5.2 13.7 6.9 17 O 8.9 52.3 2'2 23 25 1.8 3.2 3.5 3.1 4'1 23 24 5.8 4.8 8.7 6.9 79'3 3.6 7: 2 5.6 7: 5 6.2 82.7 3.2 0.8 10.7 0.5 6.9 2.6 19 4 2.4 Theifs- Bahn 7: 3 2.I Ο Ο 3.0 10.9 50 2120 8.4 2.7 17.3 9.8 56.7 I5 24'I 2'I 28.2 2.5 3.3 2.7 10.9 3.4 3.9 35.8 12 O Ο Ο 14.6 0.2 16.5 1.6 9.7 Galizifche Carl Ludwig- Bahn 44 Ο Ο 7.8 ΟΙ Kronpr. Rudolf- B. 73 7.8 3.6 98 0.3 12.5 0.4 3.2 0.2 15 2 6.4 42° 1 Ungar. Staatsbahn 21.6 7.2 33 3 Alföld- Fiumaner B. Arad- Temesvarer- B. Dux- Bodenbacher B. Oftrau- Friedländ. B. Kafchau- Oderberger Oefter. Nordweftb.. I. Ung. Galiz. Bahn. Vorarlberger- Bahn. Mährifch- Schlefifche Centralbahn 1 6.2 0.5 8.0 15 0.3 20˚0 2.7 24 88 9 2.9 0.9 31 0 8.4 3.8 45 2 19.6 7: 5 38.2 I'I 0.3 Ο Ο Ο Ο - - - 0.4 O.I 25.0 Summa: 1617 46.7 2650 80 4 368.9| 116 2 548 8 222 2 40 5 165 166 J. Pechar, Dr. A. Peez. Summirt man die Ziffern diefer Tabelle, fo ergibt fich, dafs Kohle regelmäfsig rund 30 Percent des Gefammtgüterverkehres der Eifenbahnen ausmacht und mit zunehmenden Beträgen an dem Gefammtgüterverkehre participirt. Rapid wird diefe Zunahme feit dem Jahre 1869; denn es fallen auf Kohle von dem Gefammtgüterverkehre im Jahre 1862 28.91 Percent, 1867 " " 1869 30 35 31 99 99 " 7 " 99 1872 40-5 Was den Antheil der Kohlen an dem Gefammtgüterverkehre betrifft, fo entwickelt fich aus der oben erwähnten Tabelle folgende Reihe: Kohle:. Es participirte an dem Gefammtgüterverkehre der einzelnen Bahnen die Auf der Dux- Bodenbacher Bahn mit 88.9 Percent 99 29 Auffig- Teplitzer Bahn 29 99 Mohács- Fünfkirchner Bahn. = 87.0 82.7 " " Graz- Köflacher Bahn. 99 לי " 79 3 99 Bufchtěhrader Bahn. " 27 " 70.5 " 9 99 " I. Siebenbürger Bahn. 27 05.1 Böhmifchen Nordbahn 99 99 56.7 " 99 " Süd- norddeutfchen Verbindungsbahn 56.7 " f Böhmifchen Weftbahn 27 " " 52 3 " 99 29 Turnau- Kralup- Prager Eifenbahn " 45 3 " " Kafchau- Oderberger Bahn. " 4512 " Ferdinands- Nordbahn " " " 44.8 " " Kronprinz Rudolf- Bahn " 42 1 99 Oefterreichifchen Nordweftbahn 99 99 " 38.2 Brünn- Roffitzer Bahn. وو 3 27 99 35.8 29 Staatsbahn. 33.9 " " " Ungarifchen Staatsbahn . " 33.4 " Oftrau- Friedländer Bahn " " " 31.0 19 Fünfkirchen- Barcfer Bahn 99 79 99 310 " Südbahn. ** 99 " 27.8 29 " 99 Mährifch- Schlefifche Centralbahn Arad- Temesvárer Bahn no 25.0 77 20'0 7 " " " " 99 " 9 " 9 Mährifch- Schlefifchen Nordbahn Elifabeth- Weftbahn. " 17 I " 12 0 " 79 Eine eingehendere Erwägung diefer Ziffern wird mit Leichtigkeit darthun, in welchen Gegenden Oefterreichs der lebhaftefte Kohlenverkehr ftattfindet, aus welchen Kohlenbecken derfelbe ftammt und nach welchen Confumtionsplätzen er fich hinbewegt. Dafs hier wiederum die böhmifchen Kohlenbahnen und fodann die Bahnlinie, welche das Oftrauer und oberfchlefifche Revier mit Wien verbindet, die erfte Rolle fpielten, fällt fofort in die Augen. Denn von den öfterreichifchen Bahnen hatten im Jahre 1872 die ftärkfte Verfrachtung an Kohle die folgenden: Kaifer Ferdinands- Nordbahn Staatsbahn Auffig- Teplitzer Eifenbahn Südbahn Bufchtěhrader Bahn. Mineralifche Kohle. Kohlenfracht in Millionen Zoll- Centnern 167 Kohle beträgt von dem Gefammtgüterverkehre Percente 36.6 44.8 34 1 33.9 30.2 87.0 20'4 215 27.8 70 5 In dem inneren Kohlenhandel Oefterreichs nimmt die Reichshauptstadt Wien als Centrum und Kreuzungspunkt der gröfsten Eifenbahn- und Dampferlinien und als mächtigfter auch in feiner induftriellen Bedeutung rafch wachfender Verbrauchsplatz von mineralifchem Brennftoffe die erfte Stelle ein. Der Verbrauch von Kohle in Wien ift neuen Urfprunges. Seit ihrem Beftehen verforgte fich die Stadt mit billigem Holze aus dem Wiener Walde und den oberhalb an der Donau gelegenen Alpenforften. Nur Roffitzer Kohle wurde. fchon vor etwa drei Menfchenaltern zum Gebrauche der Schmiede in Hunderten von Wagen regelmäfsig nach Wien und deffen Umgebung gebracht. Mit Zunahme der Bevölkerung und den Anfängen einer Grofsinduftrie begann die Nachfrage nach Kohle, und da war es namentlich Heinrich von Drafche, der eigentliche Begründer und hochverdiente Förderer der öfterreichifchen Kohleninduftrie, welcher zuerft für die Ziegeleien in der Nähe der Stadt und fpäter auch für andere Zwecke Kohle zuführte. Diefelbe kam aus den kleineren niederöfterreichifchen Becken( Zillingdorf, Gloggnitz u. a.), welche der Stadt näher lagen als Roffitz. Mit der Eröffnung der Eifenbahnen kamen allmälich gröfsere Zuflüffe mineralifchen Brennftoffes nach Wien: die Nordbahn brachte Oftrauer, Roffitzer fpäter oberfchlefifche Kohle, die Südbahn führte fteierifche, die Weftbahn Traunthaler Braunkohle herbei. Mit der Franz Jofef- Bahn wurde das Pilfener Becken, mit der Nordweftbahn das Waldenburger und in letzter Zeit mit der Elbethal- Bahn und dem Prager Flügel der Franz Jofef- Bahn das erzgebirgifche Revier für Wien direct erfchloffen. Wien als Confumtionsplatz von Kohle zerfällt in zwei Theile, nämlich die durch die fogenannten„, Linien" umgürtete eigentliche Stadt und die Vororte. Ueber den Kohlenverbrauch des inneren Stadtgebietes befitzen wir amtliche Aufnach welchen fchreibungen zu Zwecken der Verzehrungsfteuer gemacht - - die Einfuhr von Brennholz und Kohlen in die innere Stadt betrug: Brennholz im Jahre 1850 832.775 Cubikmeter, Kohle 49.542 metrifche Tonnen 99 99 1857 " ... 770.158 1862 713.476 " 73.083 131.268 99 " 9 99 " 99 " 9 1864 701.061 I54.359 97 22 95 1872 770.294 99 255.900 99 99 Danach hat der Verbrauch von Brennholz in dieser Zeit beträchtlich abgenommen, der Verbrauch von mineralifcher Kohle von 1850 bis 1862 um 164 9 Percent und in dem Jahrzehnte von 1862 bis 1872 um 949 Percent zugenommen. Ueber die Bevölkerungszahl und den Kohlenverbrauch innerhalb der Linienwälle geben wir folgende Daten: 168 J. Pechar, Dr. A. Peez. Bevölkerungszahl und Kohlenverbrauch Wiens exclufive Vororte. Im Jahre Bevölkerungszahl Menge in Millionen Zoll- Centnern 1860 502.308 2.008 1861 2.246 1862 2.615 1863 2.659 1864 550.241 3.087 1865 2.384 1866 3.052 1867 2.781 1868 2.649 1869 607.514 3.644 1870 4.425 1871 5.145 1872 644.400 5.118 Wie aus diefer Tabelle folgt, ift auch in dem engeren Stadtbezirke, befonders vom Jahre 1869 beginnend, der Verbrauch an mineralifchem Brennftoffe bedeutend geftiegen. Es bildet aber die im Jahre 1872 confumirte Menge von 255.900 Tonnen oder 5,118.000 Centnern Kohle und Coke, wofür an Verzehrungsfteuer ein Betrag von 109.672 Gulden entrichtet wurde, nur den kleineren Theil des Gefammt. verbrauches von Wien und feiner Umgebung. In der letzteren, in den Vororten, liegen die Gasanftalten, ferner die Bahnhöfe, die grofsen Ziegeleien, Brauereien, Mafchinen- und Waggon- Bauanftalten und andere induftrielle Etabliffements. Diefe Anftalten in der Umgebung Wiens in Rechnung gezogen, ergibt fich für Wien ein Kohlenverbrauch von etwa 12 Millionen Zoll- Centner. Es betrugen nämlich die von den einzelnen Bahnen nach Wien gebrachten Mengen von Kohlen und Coken einfchliefslich Regie und ohne Rückficht auf Wiederausfuhr im Jahre 1873: Bei der Nordbahn I 1,945.000 Zoll- Centner . 1,615.000 1,385.000 " 9 " Südbahn. " 99 Staatsbahn " ས་ ས • " Kaifer Franz- Jofef- Bahn Elifabeth Weftbahn 400.000 26.000 99 " 29 29 Zufammen 15,371.000 Zoll- Centner. Von diefen nach Wien eingegangenen Kohlenmengen find im Tranfit weitergegangen: 2,100.000 Zoll- Centner zur Südbahn. Weftbahn " 650.000 " Wien- Raaber- Linie 1,100.000 " Schlagen wir nun den Tranfit im Belaufe von • ab, fo bleibt für Wien ein Verbrauch von - 3,850.000 11 11,52 1.000 Zoll- Centnern oder rund 12.000.000 Centnern. Diefe vertheilen fich ungefähr für folgende Verbrauchszwecke: Verbrauch innerhalb der Linien وو Vororte. Gasfabriken Mineralifche Kohle. 99 " Ziegeleien. Brauereien " Eifenin duftrie. وو " Waggon-, ChemikalienFabriken und Diverfen 169 • 51 Millionen Zoll- Centner I- " 9 99 22 2- " 9 99 2- · ንዓ 04 " 99 0.5 وو 99 0.5 99 ንን Zufammen 115 Millionen Zoll- Centner. Es hätte demnach Wien einen Kohlenverbrauch, der um mehr als ein Drittel kleiner ift als der Berlins( 18 Millionen Centner), der ferner etwas über ein Drittel des Verbrauches von Paris( 30 Millionen Centner) und ein Zehntel des Verbrauches von London( 120 Millionen Centner) darftellt. Was die in Wien zum Verbrauche gelangenden Kohlengattungen betrifft, fo mögen diefelben( nach Schätzungen) im Jahre 1873 beftanden haben aus: Oberfchlefifcher Kohle Oftrau- Karwiner " Steirifcher Braunkohle Roffitzer Kohle Pilfener " Waldenburger, Traunthaler, Gödinger Kohle دو zu 69 Percent= 8.28 Mill. Ctnr. 18 " 2.16 99 99 _ " I3 - I 09 0.16 0.16 " " 99 = وو O'15" 9 99 وو " 9 In dem Jahre 1874 dürfte der Antheil der Oftrauer Kohle an der Verforgung Wiens ein gröfserer geworden fein, da weniger Kohle zu Coken verarbeitet wird. Ueber die Kohlenpreife in Wien geben wir folgende Zufammenftellungen: Preife der preufsifchen Salonkohle in Wien bei der Oefterreichifchen Kohlen- Verkehrsbank( vormals Muhr& Comp.). Bei ganzen Loco Im Monat Nord Bahnhof Loco Wohnung Jahre Wagenladungen loco Wohnung Kreuzer per I Zoll- Centner 1866 Januar 85.5 94° 5 92.5 December 80.2 89.2 87.2 99 1867 Januar 80'2 89.2 87.2 1869 October 77 7 86.7 84.7 December 77 7 86.7 84.7 • 99 1870 Januar 80.2 89.2 87.2 October. 80.2 89.2 87.2 95 1873 Februar. 96.0 1050 103 0 März 96.0 1050 103'0 • وو October 94'0 1030 ΙΟΙΟ 99 " November. 95.0 106'0 104.0 Ueber die Entfernung der einzelnen Kohlenreviere von Wien, fowie die in der erften Hälfte des Jahres 1874 geltenden Transportkoften für mineralifchen Brennftoff gibt folgende Tabelle Auffchlufs, der wir zugleich die für die Kohlenverforgung Berlins mafsgebenden Frachtfätze beifügen: 170 J Pechar, Dr. A. Peez. Tariffätze für die Beförderung von Kohlen nach Wien und Berlin ( Für einen Zoll- Centner inclufive Expeditions- Gebühr.) Steinkohlen. Productionsort Entfernung in Meilen Kilometern I. Wien. Per Centner Per Centner u. Meile Braunkohlen Entfernung Productionsort in Meilen Kilometern Per Centner Per Centner u. Meile kr.öfterr.W IO'O 75.85 12'0 I'2 . 25 0 189 64 20'0 0.8 . • 34'5 261'71 27'1 0.785 . 35'5 269 30 28.4 o'800 . 38.8 294 33 33'9 0873 . . • 47 5 350 33 30'0 o'631 • 510 386-88 38.95 0763 • 52'0 394'46 32'0 0.615 • 53 0 402 05 330 0.622 Roffitz. Oftrau Pilfen( K. F.-J.-B.) Kladno- Bufchtěhrad via Kralup( Oeft. St.-E.-B.) 60'1 455'91 40'1 im Refactiewege 34 I دو دو Bubna( Oeft. St.-E.-B.) Všetar( Oeft. N.-W.-B.) im Refactiewege 59'4 450 60 40'9 527 399'77 43'6 دو Smichov( K. F.-J.-B.). Jaworzno. Fünfkirchen Schwadowitz Rakonitz via Smichov.. 517 392 19 39'4 510 386-88 36.8 52'5 398 26 37'0 52 6 399 02 36.8 56 5 428 60 41 2 kr.öfterr.W. 23'5 178 26 20: 5 35 1 266 26 28 33 46.0 348 95 29 1 33'9 • o'872 Gloggnitz. 0807 Leoben. o'633 Voitsberg. Köflach. o 667 Wies. o'567 Cilli o'688 Salgó- Tarján 0827 Hraft nigg. o'643 Sagor. 0762 Dux( Oeft. NordWeft- Bahn)- O'721 0704 0.699 Ausland. Steinkohlen. O'729 Bahn) Radnitz via Pilfen( K. F.- J.Anina( Steyerdorf). 49'0 371 71 37 6 98 0 743 42 68'0 Czernitz 0757|| Kattowitz.. 0'693 Waldenburg. II. Berlin. Productionsort 610 452 74 340 O'557 • 430 326 19 38.6 0.897 49 8 377 77 39'1 0785 62-6 62 6 474 87 37'5 0'591 Per Entfernung in Per Centner Centner und Meile Meilen Kilometern kr. öfterr. Währ. Ruhr Kohlenbecken Oberfchlefifches Becken 72'3 552125 7113 540-87 30.5 28.5 0.394 0'429 Waldenburger 23 46.5 352174 15155 0'334 Duxer 41'2 " 312'54 23 25 0.564 Zwickauer " 33° 253 37 22'1 0.661 Mineralifche Kohle. 171 Reichenberg, welches mit feiner Umgebung den wichtigften Induftriebezirk Böhmens bildet, bezog vor dem Jahre 1859 den gröfsten Theil feines Brennmaterials( abgefehen von Holz) aus dem benachbarten Zittauer Kohlenreviere, deffen geringwerthige Braunkohle vor Exiftenz einer Eifenbahn in vielen Hunderten von Wagen nach Reichenberg geführt wurde. Erft mit dem 1. April 1859 wurde die hauptfächlich auf die Initiative der Induftriellen Johann Liebieg, Adalbert Lanna und Gebrüder Klein ins Leben gerufene Süd- Norddeutſche Verbindungsbahn von Reichenberg bis Turnau eröffnet und damit der Bezug von Schwadowitzer und Schatzlarer Kohle ermöglicht. Um Weniges fpäter, nämlich am 1. December 1859, fand die Eröffnung der Zittau- Reichenberger Bahn ftatt, auf welcher nunmehr auch die Waldenburger und in der Folge( namentlich feit den im Jahre 1869 in Waldenburg ftattgehabten Arbeiterunruhen) auch die oberfchlefifche Steinkohle nach Reichenberg gelangte. Weitere für den Kohlenbezug wichtige Ereigniffe waren die Anlage der Turnau- Kraluper Bahn und später der Böhmifchen Nordbahn, von denen die erftere im October 1865, letztere gegen Ende des Jahres 1868 dem Verkehre übergeben wurde. Durch die Turnau- Kraluper Bahn wurde der Kohle von Kladno- Bufchtěhrad, durch die Böhmifche Nordbahn der böhmifchen Braunkohle der Weg nach Reichenberg eröffnet. - Was die letztere anbelangt, fo konnte jedoch erft die Weiterführung der Nordbahn von Warnsdorf bis Grofs Schönau, welche im Juli 1871 perfect wurde, auf einen lebhafteren Transport jener Kohle fördernd einwirken, da fie bis dahin immer noch den weiten Umweg über Dresden nehmen mufste. Der Verbrauch der wichtigften diefer verfchiedenen Kohlenarten entwickelte fich nun in folgender Weife: Kohlenconfum Reichenberg's nach Kohlengattungen. 1860 1865 1870 1871 1872 1873 Kohlengattungen Oberfchlefifche Waldenburger. Böhm. Braunk.. Bufchtěhrader e 122.000 - Zoll Centner 730.000 750.000 900.000 1,205.000 322.000 380.000 550.000 480.000 424.000 45.600 58.820 371.180 382.760 29.000 50.000 40.000 30.000 Was die Qualität und den Nutzeffect obiger in Reichenberg zur Verwen dung kommender Kohlengattungen betrifft, fo geben wir folgende in den Etabliffements von Johann Liebieg& Comp. in Reichenberg und F. Leitenberger in Kosmanos ermittelte intereffante Vergleichung. 172 Ergebniffe der Heizverfuche von Johann Liebieg& Comp. in Reichenberg. Bezeichnung der Kohlen gattug Lowry Waffertemperatur 50 Grad Réaumur Wafferverdampfung in Gallonen per I ZollHat gewogen Zoll- Centner von der ganzen Kohle von einem WienerCentner pfund in Zollpfunden Rückftand in Percenten J. Pechar, Dr. A. Peez. Auffig- Duxer Braunkohle Auffig- Karbitzer Braunkohle Kladnoer Stückkohle.. Schwadowitzer Stückkohle Schatzlarer von G. Manger Waldenburger von Petzold, Kleinkohle " 97 وو 97 Förderkohle Berger Friedenshoffnungsgrube. I 208.32 II.991 64.6 5.23 2.5 I 207.2 9.450 50 4.06 3.2 I 216.16 14.668 76 6.16 12.5 I 222.88 13.095 66 5:35 2215 I 204'5 14.060 76.6 6.2 13 I 221.76 14 652 74 5.99 13.7 I 229.6 17.179 83.8 6.78 IO I 226.24 15.150 78.7 6.3 21 " Kramfta'fche C. G. Victorgrube I 238.56 18.531 87 7.05 12'4 و" وو Guftavgrube I 229.6 14.911 72 5.84 15.5 Landshuter Waldenburger " Louifengrube. Nufskohle I 199.36 9.612 54 4:38 19'4 I " • 201.6 14.910 83 6.72 15 Oberfchlefifche von Siegheim Ehrlich Brandenburggrube 215 17.664 92 7.46 33333 Louifenglücksgrube I 206 13.850 86 6.92 Sufannagrube I 201.6 13.860 77 6.24 Jacobgrube I 208.32 13.020 70 5.68 v. Prenzel Carl Segengrube I 194.88 12 528 72 5.84 v. Wollheim Mathildengrube I 209.44 15.147 81 6.57 546550 5.15 4.7 6.4 5.9 6.5 I2 Ergebniffe der Heizverfuche von F. Leitenberger in Kosmanos. Bezeichnung der Kohlen gattung Anzahl der Keffel Quadratim Betriebe Feuerfläche Roftfläche Heizftunden Verbrannte Kohle in Zollpfunden Verbrauch per Stunde und per Quadratfufs Roftfläche Temperatur des Waffers Ausgedämpftes Waffer in Zollpfunden Mit I Pfund Kohle ausgedämpftes Waffer Mit 1 Pfund Kohle ausgedämpftes Waffer von Per Quadratfufs Feuerfläche ausgedämpftes Waffer Afche und Schlacke. Percent fufs Waldenburger Kohle( Förder)* 99 29 Mariafcheiner Braunkohle 99 99 Kladnoer Grofskohle* Halb Waldenburger Förderkohle, halb Braunkohle. 12222 44 136.64 10.9 46 95 240 6.970 6.48 3.53 12 29 35 225.68 II 3 40 155 840 6.904 6.48 3.91 10 74 35 468.16 23.4 32 186 020 3.978 3.78 443 5.08 50 656.88 23.9 35 265 640 4 044 3.82 4* 40 5.11 41 356.16 15.26 37 226.00 6.344 5.98 4.57 I 2'10 2 Halb Waldenburger Förderkohle, halb Kladnoer 2 Kramfta'fche Kleinkohle. I Halb Kladnoer, halb Petzold' fche Grieskohle. I Petzold'fche Grieskohle I I 66 574.84 15.29 41 308 420 5.364 5'02 3.80 9'93 per Keffel 28.5 per 2 Keffel 57 2 2 27 28 224 00 169.30 14.56 10.69 41 4 I 148 200 90 720 6.616 6.2 4.5° 5:36 5.00 3.20 II 12 20.0 33 173.00 34.5 92.460 5:34 5.064 3.24 2217 8 42.00 44 20 500 4.88 ΙΟ 9 I 7 I I2 I I I I 10.5 • I 105 Halb Kramfta'fche, halb Kladnoer. A. W. Berger& Comp., Grieskohle Halb Kladnoer, halb Berger.. Halb Kramfta'fche, halb Braunkohle Halb Berger'fche, halb Braunkohle Halb Petzold'fche, halb Braunkohle Halb Kladnoer, halb Braunkohle * 100 Centner Kladnoer Kleinkohle, welche 25 Percent Afche und Schlacken enthalten, äquivaliren 67 Centnern Waldenburger Kleinkohle, mit 14 Percent Afche und Schlacken. 4.55 3 100 54.50 26.5 29 020 5:32 5114 18.3 43.00 9.1 44 21 900 5.08 4.84 314 39.60 42.7 10 680 5.38 5.02 23.48 77.00 46.6 17 250 448 410 19.61 72.00 46.6 16.900 4.68 4.30 16.25 71.60 46.4 71.00 45.6 15.810 4.40 4'I 16.850 4.74 4.3 I 7 45 14.08 Mineralifche Kohle. 173 174 J. Pechar, Dr. A. Peez. Nach den von der Firma Schöller& Comp. in Čakowitz vorgenommenen Heizverfuchen verdampften: I Pfund Kladnoer Steinkohle. • 4.284 Pfund Waffer, I 27 Rakonitzer Moravia Steinkohle 3.496 " " 7 I Hoftokrej Lubnaer Dux- Brüxer Braunkohle 27 99 4.941 4.018 29 " Obwohl diefe Ergebniffe die Braunkohle als vollkommen concurrenzfähig erfcheinen laffen, ift doch in Reichenberg der Verbrauch noch immer ein verhältnifsmäfsig geringer, indem die fchlefifchen Steinkohlen noch immer den Reichenberger Markt beherrschen. Sind es nun keineswegs Gründe technifcher Natur, welche diefe Erfcheinung erklären, fo können diefelben nur in den hohen Tarifen der inländifchen Bahnen gefucht werden. Die nachfolgende Zufammenftellung möge diefs näher illuftriren: Kohlenfracht nach Reichenberg. Tariffatz Entfernung in per Productionsort Zoll- Ctr. Cent. Meile Meilen Kilometern Kreuzer Inland. Bufchtěhrad 18.6 141'09 25 0 I 34 Schwadowitz 18.7 141.85 18.5 0.98 Dux 20'4 154'75 * 19.625 0.96 Oftrau 545 413'43 590 1.08 Ausland. Waldenburg Zwickau. . Kattowitz( Oberfchlefien) * In Silber. 25.7 194.95 17.5 0.68 36.9 279'92 22 0 0.51 58.0 439.98 27.0 0.46 Hieraus ergibt fich, welche Anftrengungen die deutfchen Bahnen machen, um in jenen Orten, wo die Concurrenz mit anderen Kohlenbecken auftritt, den Markt zu behaupten, und es ift offenbar, dafs das Mifsverhältnifs der Tariffätze nach der Eröffnung der im Baue begriffenen Eifenbahn Reichenberg- FriedlandGörlitz und der projectirten Friedland- Greifenberg- Liegnitzer Bahn, welche den Weg der oberfchlefifchen und Waldenburger Kohle nach dem nördlichen Böhmen noch weiter um ein Beträchtliches reduciren, ein noch fchärferes werden wird. Die billigfte Mafchinenkraft in ganz Oefterreich befitzt vermöge feines Kohlenreichthumes die Gegend am Fufse des Erzgebirges; die dichtefte, gefchultefte und wohlfeilfte Arbeitskraft findet fich in den Bezirken von Reichenberg, Rumburg und Warnsdorf. Um fo wichtiger erfcheint es daher, dafs durch billige Transportmittel die Verbindung zwifchen beiden Gegenden und beiden Elementen der induftriellen Production zu einer recht innigen geftaltet werde. Prag. Es gibt nur wenige europäiſche Grofsftädte, welche rückfichtlich ihrer Verforgung mit Kohle eine glücklichere Lage haben als Prag. Man kann vielleicht nur Brüffel in diefer Beziehung mit der böhmifchen Landeshauptftadt vergleichen. Die Kohlenlager erftrecken fich hier fozufagen bis vor die Thore der Stadt, wefshalb auch Prag fchon feit Jahrzehnten einen grofsen Theil feines Brennmateriales durch mineralifche Kohle deckt. Diefs ermöglichte auch die Entfaltung einer bedeutenden Induftrie innerhalb der Stadt felbft, namentlich aber in den Vorftädten Smichov, Bubna und Karolinenthal früher, als felbft Wien zu einem Sitze der Grofsinduftrie geworden ift. Mineralifche Kohle. 175 Prag, deffen Bevölkerung fich im Jahre 1857 auf 142.588, im Jahre 1869 auf 157.713, mit Hinzurechnung der Vorftädte Smichov und Karolinenthal aber auf 186.479 Einwohner belief, wird mit Kohle verforgt durch folgende Becken: 1. Das Kladno- Bufchtěhrader Becken nebft der Rakonitzer Ablagerung; 2. das Pilfen Radnitzer Becken; 3. das erzgebirgifche Braunkohlen- Becken. Von diefen Revieren ift das Kladno Bufchtěhrader, als das nächft gelegene, für Prag zuerft von Bedeutung geworden, denn fchon vor der Entftehung der Bufchtěhrader Eifenbahn legte die Steinkohle den nur 5 Meilen( 37 9 Kilometer) langen Weg per Achfe zurück. Allein fchon verhältnifsmäfsig früh, das heifst, als eine der älteren unter den Eifenbahnen Oefterreichs, wurde im November 1855 die Bufchtěhrader Bahn dem Verkehre übergeben, deren eigentlicher Zweck es war, der Steinkohle des Kladno- Bufchtěhrader Revieres einen leichteren Abflufs zu verfchaffen. Seitdem vollzog fich in dem genannten Becken ein gröfserer Auffchwung, der von einem fortwährenden Steigen der Grubenpreife begleitet war. Die beiftehende Tabelle der Grubenpreife vom Jahre 1772 bis 1872 dürfte in diefer Beziehung von einigem Intereffe fein. Kohlenpreife an den Kohlengruben von Kladno- Bufchtěhrad.* Im Jahre Stein- Stück- Würfel Schmied- Klein- Wafch- StaubKohle per Zoll- Centner in Kreuzern öfterreichifcher Währung 1772 6.42 1780 6.42 1790 7.76 1800 5.98 1805 10.98 1810 9.01 8.75 562 4'43 4.19 1815 39.55 28.30 22.32 1820 19:37 13.75 9.37 1825 15.62 IO 62 7 14 1830 17:35 13.30 7.59 1835 18.12 14.37 13 39 1840 21.07 17:58 13.92 1845 21.87 17.50 12.50 1850 20.26 18.21 12 12 1855 28.12 23.39 25.00 12.50 1856 31.25 26.57 25.00 14.28 1860 34.82 28.57 18.75 26.78 3.57 1865 34.82 28.57 18.75 24 10 3.57 1870 37.50 31 25 21 42 33.92 7.14 1871 41 07 33.92 26.78 37.50 7.14 1872 41 07 35.71 26.78 40.10 7.14 Die Fracht für einen Zoll- Centner Steinkohle von Kladno bis Prag- SandthorBahnhof ftellte fich im Jahre 1859 auf vom 1. Juli 1867 ab auf. vom 15. Auguft 1868 ab auf gegenwärtig auf II kr., IO 99 8 وو 7.5" * Aus dem trefflichen Kataloge für die ,, Collectivausftellung von Beiträgen zur Gefchichte der Preife" von Dr. Edmund Schebek. I2* 176 J. Pechar. Dr. A. Peez. Nunmehr zahlt man per Zoll- Centner: Kladno. Bufchtěhrad Brandeisl Rakonitz von Meilen Bahnhof Smichov Kilometer Per ZollCentner in Kreuzern 555 50 5.6 5.9 9.9 6690 37.90 8.1 42.48 8.1 44.75 8.1 75.10 10'4 Die Fracht nach Prag- Sandthor beträgt gegenwärtig 75 Kreuzer, nach Bubna 8.1 Kreuzer per Zoll- Centner, demnach heute noch nach dem Sandthor- Bahnhofe Smichov. Bubna " per Centner und Meile . 1'92 Kreuzer 1.62 29 1.88 99 Sämmtliche Werke des Kladno- Bufchtěhrader Reviers find, wie früher fchon bemerkt wurde, in den Händen von drei Befitzern und den Verkauf beforgt ein eigener Verein. Wir geben nun eine Ueberficht über die Verkaufspreife vom Jahre 1859 bis 1874. Preife der Kohle aus dem Kladno- Bufchtehrader Becken in Prag. Stück- Würfel- KleinIm Jahre In der Zeitperiode K ohl 1 e per Zoll- Centner in Kreuzern 1859 bis 1862 50.9 44.6 35.7 29 1863 1865 1866 48.2 41'9 32'1 1868 29 42.8 40.2 30.3 1869 99 1870 יי Januar November Januar September" bis October 42-8 40 2 30'3 December 99 44.6 419 30.3 27 Auguft 44.6 419 30.3 December 47 3 42-8 33.0 1871 Januar Mai April 47 3 42.8 330 29 October " 49 1 42-8 33.9 " 1872 November Januar December 25 52.7 45.5 33.9 October 95 527 45'5 33.9 November 99 December " 9 52.7 47.3 33.9 1873 Januar October 99 550 510 350 99 1874 November Januar December " 56.0 510 350 und Februar 56.0 510 35.0 Die vorſtehenden Kohlenpreife verftehen fich loco Prag( Staatsbahnhof), in den Vorftädten Bubna und Smichov ermäfsigen fie fich um 2 Kreuzer, auf dem Bahnhofe der Bufchtěhrader Bahn( Sandthor) jedoch um 3 Kreuzer. Bezüglich der circa 10 Meilen( 75.8 Kilometer) von Prag entfernten Kohlenlager von Rakonitz fei noch erwähnt, dafs diefelben erft im December 1871 durch einen Schienenweg mit Prag verbunden worden find. Mineralifche Kohle. 177 Ein zweites Kohlenbecken wurde für Prag erfchloffen durch die im Juli 1862 erfolgte Eröffnung der Böhmifchen Weftbahn. Es ift diefs das circa 15 Meilen ( 113 8 Kilometer) von Prag entfernte Pilfener Revier mit feinen drei Seitenmu! den von Radnitz, Miröfchau und Nürfchan. Der Tarif für diefe Kohle beträgt: nach Smichov( Prag) Weftbahnhof Entfernung in Tariffatz per von Centner Centner und Meile Meilen Kilometern Kreuzer öfterr. Währ. Pilfen 14.5 109.99 16.0 I 103 Radnitz 14.5 109.99 19.5 I'344 Miröfchau. Nürfchan II5 16.5 87.23 13.5 I 173 125 16 18.0 1'091 Die Pilfener( Nürfchaner) Steinkohle findet in Prag insbefondere Verwendung zur Leuchtgas- Fabrication. Von weit gröfserer Wichtigkeit für den Prager Kohlenmarkt ift die erzgebirgifche Braunkohle. Sie kommt nach Prag feit Anfang der Sechziger Jahre, nachdem die Auffig- Teplitzer Bahn von Teplitz nach Auffig ins Leben getreten und damit ein Anfchlufs an die den weiteren Transport vermittelnde Staatsbahn hergeftellt war. Seit Kurzem find jedoch mehrere neue Verbindungen eröffnet worden, und es ftehen jetzt der erzgebirgifchen Kohle, um nach Prag zu gelangen, vier Linien zu Gebote: die Oefterreichifche Staatsbahn via Auffig, die Strecke Komotau- Prag der Bufchtěhrader Bahn, die Prag Duxer Bahn via Ladowitz oder Brüx und die Oefterreichifche Nordweftbahn via Auffig- Všetat. Unter dem Einfluffe diefer vermehrten Zufuhrftrafsen wird der Verbrauch der Braunkohle in Prag und Umgebung namhaft an Bedeutung gewinnen. Die Tarife aus dem erzgebirgifchen Becken nach Prag über Auffig( Auffig. Teplitzer und Staatsbahn) und über Ladowitz( Auffig- Teplitzer oder Dux- Bodenbacher, fodann Prag- Duxer Bahn) find, inclufive der Expeditionsgebühr, exclufive der Schleppbahn- Gebühr die folgenden: Kohlenfracht aus dem erzgebirgifchen Braunkohlenreviere nach Prag. Via Auffig Via Ladowitz Von Kilo- per ZollMeilen Centner Meilen meter Kilometer per ZollKreuzer Centner Kreuzer Brüx. 19.7 149'4 19.7 16.4 124 4 13.5 Bilin 18.2 138.0 18.7 17.0 128.9 140 Dux. 17.7 134 2 18.3 17 4 132 0 14 5 Teplitz. 16.4 124 4 17.5 18.7 141 8 17.8 Mariafchein 1517 119 1 17.0 194 147 I 18.4 Karbitz. 15.2 1153 16.5 19.9 150 9 18.7 Zur Beurtheilung des Kohlenconfums von Prag und deffen nächfter Umgebung geben wir nachftehend eine Zufammenftellung der aus den verfchiedenen Kohlenbecken in den letzten Jahren nach Prag gelangten Kohlenquantitäten. Zufammen PragBöhm. NordDuxer weft-( Bufchtěhrader) in Bahn Bahn SteinBraunSumma kohle kohle In der Station Prag find angekommen mittelft der erzgebirgifche Braunkohle Böhmifchen Böhm. Nordweft( Bufchtěim Weftbahn Oefterreichifchen Staatsbahn hrader) Bahn Jahre S t Pilfene i n k O h 1 e Radnitzer Rakonitzer Kladno- Bufchtěhrader Z 0 1 1 - C e nt n e r 178 J. Pechar, Dr. A. Peez. 1863 489.610 1,108.563 1864 1,097.932 2,004.781 1865 1,267.000 1,630.838 1866 1,037.349 1,720.225 332.200 1867 1,416.000 2,259.387 425.000 1868 1,690.600 2,455.810 466.000 1869 1,921.452 2,469.248 519.200 1870 1,810.500 2,903.235 681.800 1871 2,059.900 977.077 2,715.774 1,534.33I 833.400 1872 1,315.200 547.231 2,943.650 2,366 099 687.600 36.462 7,287.082 869.862 136.425 7,172.180 824.025 7,996.205 8,156.944 1873 986.600 1,109.270 2,731.232 2,428.858 521.000 221.000 112.191 7,255.960 855.191 8,111.151 Mineralifche Kohle. 179 Der Kohlenverbrauch in Prag und feinen Vororten kann daher für die letzten Jahre in runder Summa mit 8 Millionen Zoll- Centner pro Jahr angenommen werden. Da nun Prag mit feiner Umgebung, nämlich die Stadt felbft und die induftriereichen Bezirke Smichov und Karolinenthal im Jahre 1869 388.322 Einwohner zählten, entfällt per Kopf ein ungefähres jährliches KohlenverbrauchsQuantum von 20 bis 21 Zoll- Centner. Die Preife der Kladno- Bufchtěhrader Kohle in Prag wurden bereits oben mitgetheilt; nachftehend geben wir noch das Verbrauchsquantum und die Kohlenpréife der Prager Gemeinde- Gasanftalt, zufammengeftellt nach dem Präliminare der Stadt Prag. Verbrauchsquantum und Kohlenpreife der Prager der Prager GemeindeGasanftalt. Preis loco Gemeinde- Gasanftalt per Zoll- Centner Im Kohlenquantum in Zoll- CentPlattelkohle| Steinkohle v.Weftböhm. Kladnoer Bergbauder Jahre nern Steinkohle und Hütten- Pankrazrevier ( Nürfchan) Zeche Littitzer Steinkohle Mirö- Falkenfchauer auer Stein- Braunkohle kohle K r e u Z e r 1867 55.053 45.5 70.5 70.5 48.6 1868 181.688 43.7 70.0 70.5 48.6 1869 197.120 43.7 67.4 72.3 1870 2 13.983 43.7 67.4 74 3 50.0 1871 266.285 48.2 78.0 53.5 1872 330.105 50-8 bis 54.5 88.0 77.6 1874 1873 353.684 362.880 545" 54.5 58.1 85.0 77.0 55.9 88.0 77.0 Die erzeugten Coke wurden per Zoll- Centner loco Gemeinde- Gasanftalt zu folgenden Durchfchnittspreifen verkauft: Im Jahre Grofs coke K r Z Klein coke r 1867 401 1868 401 1869 31-2 bis 34.8 1870 35.7 99 39.2 26 8 bis 31.2 22° 3" 26.7 22.3 26.7 1871 37.5 97 401 26.7 bis 312 1872 77 1873 " 44.6 46.5 44.6 46.5 1874 401 44.6 " 31.2 312 25 0 99 35.7 99 35.7 " 9 312 Was die anderen Städte der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie betrifft, fo wird Brünn, welches innerhalb der Steuerlinien im Jahre 1872 einen Verbrauch von 2'1 Millionen Zoll- Centner hatte, theils aus dem Roffitzer Reviere, theils von Oftrau und Oberfchlefien verforgt. Die Roffitzer Kohle, welche während der Jahre 1870 bis 1873 vorzugsweife zu Coken verarbeitet wurde, fuchte im Jahre 1874 ihren alten Kundenkreis, insbefondere die mährifchen Zuckerfabriken, wieder auf, und es wurde im April 180 J. Pechar, Dr. A. Peez. 1874 Rofsitzer Schmiedekohle zweiter Sorte an der Grube im Grofsen mit 31 Kreuzern verkauft. Ueber die Brünner Platzpreife, loco Bahnhof, geben wir folgende Tafel: Kohlenpreife in Brünn. StückWürfelKleinStückWürfelKleinSchmiedeStückWürfelOftrau Kohle von Bufchtěhrad Rofsitz Kreuzer per I Zoll- Centner Im December 1869 in gröfseren Partien kleineren. " 9 " 65 62 5 464 58.8 67.8 - 46 4 517 35 7 312 - 69.6 - 55 3 55 8 540 49'5 Im März 1874 kleineren 29 in gröfseren Partien ohne Unterfchied des Quan81.6 88.1 - 56.2 - 58.0 tums 714 660 40 1 500 46.4 In den obigen Preifen ift die Verzehrungsfteuer, welche für die nach Brünn eingeführte Kohle zu entrichten ift, in der Höhe von 3 12 kr. per ZollCentner enthalten. Pest, deffen Einwohnerzahl sich mit Hinzurechnung von Ofen nach der Zählung vom 31. December 1869 auf 255.053 Seelen belief, gegenwärtig aber gegen 320.000 betragen mag, ftützt fich mit einem Jahresverbrauche von etwa 5.5 Millionen Zoll- Centnern ganz befonders auf die Braunkohle von SalgóTarján und Gran, bezieht aber in neuefter Zeit, feitdem die Kafchau- Oderberger Bahn eröffnet ift, auch bedeutende Mengen von oberfchlefifcher Kohle. Auch Braunkohle aus dem Schylthale verfuchte in neuefter Zeit auf dem Kohlenmarkte in Peft Boden zu gewinnen. In den Jahren 1872 und 1873 wurden folgende Kohlenquantitäten nach Peft eingeführt: 1873 auf der Oefterreichifchen Staatsbahn 11 11 Ungarifchen Staatsbahn. Donau " 3 1872 Zoll- Centner 580.850 3,466.248 171.244 4,217.495 981.266 1,071.145 Zufammen 5,028.364 5,459.884 Hiernach würde in Peft auf den Kopf ein Confum von ungefähr 17 ZollCentnern kommen. Was die Kohlenverkaufspreise anlangt, fo find diefelben dem nachfolgenden Tableau zu entnehmen. Mineralifche Kohle. Durchschnittliche Kohlenverkaufspreife in Peft. 181 Gross Förder Gross Klein Gross Klein Kohle von Salgó- Tarján Ostrau Oravicza Kreuzer per I Zoll- Centner I. Loco Bahnhof December 1869 en gros en détail December 1870 58 52 67 April 1874 en gros 68 en détail 70 Yo Guen 39 415 40.5 43 37 85 40 90 II. Franco in das Haus 73 73 95 86 70 IOO 88 zugestellt: April 1874 76 43 IOO So IIO 98 In den obigen Preisen ift der Eingangszoll( Pflaftermauth) von 2 krn. per Zoll- Centner, welchem alle nach Peft gelangende Kohle unterliegt, inbegriffen. Die Kohle von Gran und Fünfkirchen wird in Peft nicht im Kleinen verkauft, fondern von den Induftriellen der Stadt zu vereinbarten Abfchlufspreifen direct von den Gruben bezogen. Die Frachtfätze, zu welchen die Kohle der verfchiedenen Becken nach Peft geführt wird, ift aus folgender Zufammenftellung erfichtlich: Bezugsort der Kohle Kohlenfracht nach Peft. Entfernung in Tariffatz per Zoll- Zoll- Centn. Meilen Kilometern Centner und Meile Wafferfracht auf der Donau Kreuzer Gran ΙΟΟ 75.85 18.0 1.800 5 Kis- Terenne 14.8 II2 27 9.0 0.608 Salgó- Tarján. 16.3 123.65 ΙΟΟ 0.613 Oravicza 7515 436 19 36.0 0.626 Oftrau 641 486-25 52 9 0.825 Fünfkirchen 48.5 367.91 35.0 0.721 32 Oberfchlefifche Steinkohle gelangt auf der Kafchau- Oderberger und Ungarifchen Nordbahn in neuefter Zeit zu fehr ermäfsigten Transportpreifen nach der ungarifchen Hauptftadt. Die Spefen für die 16 Meilen( 1214 Kilometer) lange Strecke der Kafchau- Oderberger Bahn von Oderberg bis Ruttek betragen 12 3 Kreuzer öfterr. Währ. per Centner, wozu noch für die 41 Meilen( 311 Kilo. meter) lange Strecke der Ungarifchen Nordbahn von Ruttek bis Peft( zu o 6 kr. per Centner und Meile, nebft 8 Percent Refactie) 22.6 kr. ö. W. hinzutreten; 13 182 J. Pechar, Dr. A. Peez. hierzu noch 2 kr. für Manipulation, ergibt einen Transportpreis von 36.9 kr. öfterr. Währ. von Oderberg bis Peft. In anderer Richtung hat die oberfchlefifche und Oftrauer Kohle feit dem Jahre 1874 in Galizien, der Bukowina und Rumänien ein entwicklungsfähiges Abfatzgebiet gefunden. Diefs ward erft möglich, feitdem in der mafslos unrich tigen Tarifpolitik, welcher die Carl Ludwig- Bahn und Lemberg- Czernowitzer Bahn unter ihren früheren Leitungen huldigten, ein Umfchwung eingetreten. Ein Tarif von mehr als einem Kreuzer per Centner und Meile mufste die Entwicklung der öftlichen Kohlenmärkte erfticken und verurtheilte die Haushaltungen, die Induftrie und die Bahnen felbft zum ausfchliefslichen Holzconfum. Seitdem die Lemberg- Czernowitzer Bahn unter Sequefter geftellt und die Generaldirection der Carl Ludwig- Bahn in bewährte Hand gelegt wurde, hat fich diefs in erfreulicher Weife geändert. Beide genannten Bahnen fahren jetzt mit 05 Kreuzer Silber per Centner und Meile, und fo hat fich in kurzer Zeit nicht nur der Abfatz der Kohle in Galizien und der Bukowina felbft gehoben, fondern erftreckt fich auch bereits auf die Rumänifchen Bahnen, welche ihrerfeits. einen Tarif von o'6 Kreuzern Silber per Centner und Meile als Norm aufftellten. Die wohlthätigen Folgen für alle Betheiligten werden nicht ausbleiben. Uebrigens ftöfst die öfterreichifche Kohle in Rumänien, ebenfo wie in Trieft, Pola, Verona und Hamburg auf die Concurrenz der englifchen Kohle, welche in Bukareft im Jahre 1873 28 fl. Silber koftete, im April 1874 aber fchon wieder auf 16 fl. Silber gefallen war. Graz und die inneröfterreichifchen Eifendiftricte verwenden nach Möglichkeit das aus den fteierifchen und krainer Braunkohlenbecken ftammende Brennmaterial und beziehen für Specialzwecke Oftrauer Steinkohle und Coke aus Oftrau und Roffitz. Ungeachtet aller Anftrengungen ift es noch nicht gelungen, der inländifchen Kohle den wichtigen Markt von Trieft zu fichern, womit felbftverſtändlich ausgefprochen ift, dafs auch unfere Dampferlinien und die Werften und Arfenale in Iftrien und Dalmatien fich mit fremder Kohle verforgen. Die Fracht für Oftrauer Kohle wurde von der Nordbahn und der Südbahn aufo 5 Kreuzer herabgefetzt; hierzu noch 3.5 Kreuzer Manipulationsgebühr für die ganze Route, fowie 175 Kreuzer für die Wiener Verbindungsbahn, ftellte fich im April 1874 Oftrauer Stückkohle mit 110 Kreuzer öfterr. Währ. nach Trieft, ein Preis, der immer noch zu hoch ift, um mit dem Preife der englifchen Kohle in Trieft von 95 bis 100 Kreuzer erfolgreich in Concurrenz zu treten. Die Verwendung der einheimifchen Kohle für Marinezwecke ift aufserdem erfchwert durch den Umftand, dafs die Marine in Trieft kein Materialdepot befitzt. Das Umladen in Barken und der Transport bis Pola und Liffa vertheuert daher die einheimifche Kohle noch weiter um 10 bis 12 Kreuzer. Ob nicht auch Vorurtheile zu Gunften des ausländifchen Productes mitwirken, bleibe hier ebenfo unerörtert wie die andere Frage, ob nicht Gefellfchaf ten, die vom Staate fo bedeutend fubventionirt find. wie der Lloyd, die moralifche Verpflichtung haben, wenn irgend möglich, ihre Bezüge aus dem Inlande zu machen. Je mehr fich das Eifenbahnnetz der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie ausdehnt, je mehr fich die Tarife ausgleichen und je zahlreichere Kohlenreviere erfchloffen werden, umfomehr tritt die Möglichkeit hervor, dafs fich Specialitäten bilden und die verfchiedenen Kohlengattungen neben einander gebraucht werden, eine jede für den Zweck, wofür fie am meiften fich eignet. Da der Erzreichthum Oefterreichs ein ungewöhnlicher ift und die Eifenund Stahlinduftrie, ungeachtet des Dazwifchentretens von Schwankungen und Krifen, jedenfalls einer grofsen Zukunft entgegengeht, fo ift es wahrfcheinlich, dafs die Steinkohlenbecken, die ohnediefs, wie wir mehrfach bemerkten, keiner Mineralifche Kohle. 183 befonderen Ergiebigkeit fich erfreuen, in fteigendem Mafse, wo diefs möglich ift, fich auf die Erzeugung von Coken werfen und in folcher Weife ihrer Kleinkohle die befte und productivfte Verwerthung fichern. Die nicht backenden Kohlen werden bei Behauptung ihres localen Abfatzes auf weitere Entfernungen hinfichtlich ihrer Verwendung als Fabriks- und Hauskohle die Concurrenz der Braunkohle ertragen müffen, deren in den letzten Jahren rafch anfchwellende Fördermengen für die vielfeitige Brauchbarkeit diefes Brennftoffes den ficherften Beweis liefern. In feinen Braunkohlenbecken, namentlich dem erzgebirgifchen, dem Köflach Voitsberger und dem Schylthal- Reviere, befitzt Oefterreich coloffale Magazine eines guten, ja für manche Zwecke vorzüglichen Brennftoffes. Der leichte Abbau ermöglicht einen ungewöhnlich billigen Preis des Productes, fo zwar, dafs felbft in England die Mafchinenkraft, abgefehen von den Errichtungskoften des Motors, kaum wohlfeiler zu ftehen kommt, als in der unmittelbaren Nähe der öfterreichifchen Braunkohlenbecken. die Eine Frage von höchfter Wichtigkeit fei hier am Schluffe erwähnt, Frage der Verwendbarkeit der Braunkohle für den Hochofenprocefs. Wenn es gelingt, vermittelft der Siemens'fchen Apparate das Schmelzen der Erze durch Gasfeuerung zu bewirken, fo tritt die ganze Eifeninduftrie Oefterreichs aus ihrer Abhängigkeit von den Coken heraus, welche wegen der grofsen Entfernung der Steinkohlenbecken von den Erzlagern bei den Hochöfen hoch zu ftehen kommen, und es wird dann erft der aufserordentliche Reichthum Oefterreichs an trefflichen und namentlich für die Stahlbereitung befonders geeigneten Erzen zu einer Geltung gelangen, welche die öfterreichifchen Alpenländer ,, diefe uralten Sitze der Eifeninduftrie, zu einem unberechenbaren volkswirthschaftlichen Auffchwunge führen möchte. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DAS HÜTTENWESEN. ( Gruppe I, Section 2 und 3.) BERICHT VON PRANZ KUPEL WIESER, Profeffor der Probir- und Hüttenkunde an der Bergakademie in Leoben. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. CH HOLLEZI VORWORT. Der gefertigte Redacteur des officiellen Berichtes über die Wiener Weltausftellung wurde am 30. März 1873 für seine fchwierige Aufgabe nach Wien berufen, und nach kurzen vorhergehenden Berathungen ganz allein mit der Durchführung des grofsen Werkes betraut. Das Programm der officiellen Berichterstattung, Ende April von der Generaldirection genehmigt, wurde am 25. Juni 1873, Zahl 686 H. M., von Seiten des hohen k. k. Handelsminifteriums genehmigt. Erft von diefer Zeit an war der gefertigte Redacteur im Stande, officiell an die Einladungen zu gehen und Berichterftatter für den officiellen Bericht zu gewinnen. Es ist jetzt nach dem Schluffe der Weltausftellung an der Zeit, an diefe kurze Gefchichte der Redaction des officiellen Berichtes zu erinnern. In den erften Tagen des Auguft erfchien mit dem Berichte ,, Der Pavillon des kleinen Kindes" von Dr. Ferdinand Stamm das erfte Heft des officiellen Berichtes. In rafcher Aufeinanderfolge find bis zum Schluffe der Ausftellung 29 Hefte erfchienen und kann man darnach ficherlich weder den Herren Berichterftattern, die mit hingebender Liebe an das patriotifche Werk und an die Erfüllung der fchwierigen Aufgabe gingen, noch der Redaction den Vorwurf machen, dafs fie fich nicht bemühten, das officielle Programm der Berichterstattung, welches beftimmte, dafs der officielle Bericht ,, noch während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden" folle, zur Wahrheit zu machen. Was die Arbeitskraft des Einzelnen vermag, das haben die Herren Berichterstatter wirklich geleiftet, und Alle, ebenso wie die gefertigte Redaction müffen ihnen zu Dank ver pflichtet fein. Was ein Einzelner, dem die Redaction eines fo grofsen und vielfeitigen Werkes, welches der officielle Bericht ift, allein anvertraut worden ift, was ein Einzelner unter fo fchwierigen Umständen leiften kann, um den Befuchern der Ausftellung zu dienen, das hat der gefertigte Redacteur verfucht zu leiften. Mit der Neige des Jahres 1873 wird der officielle Bericht in feiner ganzen grofsen Ausdehnung und in feiner erften Ausgabe vollendet fein. Ich glaube, dafs die Herren Berichterstatter den Dank des Publicums verdienen, die gefertigte Redaction wenigftens keinen Tadel zu fürchten hat. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER. Chefredacteur des officiellen Berichtes. DAS HÜTTENWESEN. ( Gruppe I, Section 2 und 3.) Bericht von FRANZ KUPELWIESER, Profeffor der Probir- und Hüttenkunde an der k. k. Bergakademie in Leoben. Das Eifenhüttenwefen. Welch' grofse Rolle dem Eifenhüttenwefen auf der Erde zugewiefen ift, kann nur durch Zahlen gezeigt werden, indem die jährlichen Productionsmengen der einzelnen Länder neben einander geftellt erfcheinen. Leider ist es nicht möglich, vollkommen verlässliche Zahlen zu geben, da es in diefem Falle, fowie überhaupt bei allen ftatiftifchen Zufammenftellungen an richtigen Daten fehlt. Ebenfo. war es einerfeits unmöglich, die Productionsmengen der einzelnen Länder aus demfelben Jahrgange zufammenzuftellen, fowie anderfeits die Production einer Reihe von Ländern gar nicht aufgenommen werden konnte, weil fie eben nicht zu ermitteln war. Diefer letztere Umftand kann jedoch als nicht fchwerwiegend betrachtet werden, da die Eifenproduction folcher Länder gegenüber den in folgender Tabelle angeführten Ländern als verfchwindend angefehen werden kann. Die diefsbezüglichen Zahlen wurden daher annäherungsweife ermittelt und eingefetzt, um ein möglichft vollständiges Bild zu geben. Das Vorausfenden von ftatiftifchen Daten bei einem Berichte über eine Abtheilung einer internationalen Ausftellung hat allerdings zunächft nur den Werth, bei der Beurtheilung, inwieweit fich ein Land an der Ausftellung betheiligte, einen Anhaltspunkt zu geben, es gewährt uns aber eine derartige Zufammenftellung auch einen Ueberblick über den Werth der erzeugten Fabricate und läfst die Wichtigkeit diefes Induftriezweiges erft recht erkennen. Die Production an Roheifen und Schmiedeifen unmittelbar aus Erzen dürfte betragen: I 2 und zwar in England im Zollverein Franz Kupelwiefer. In Europa im Jahre Zollcentner 1871. 134,664.277 1871. 33,296.042 in Frankreich 1871. 23,620.000 Belgien 1871 II, 306.480 99 Oefterreich- Ungarn 1871 8,492.122 Rufsland 1871 7,208.141 72 Schweden und Norwegen 1871 6,138.349 99 Italien 1872. 1,474.180 99 99 Spanien 1866. 1,443.508 der Schweiz 1872. 150.000 27 Annäherungsweife erzeugte Roheifenmenge 227,793.099 In Amerika die Vereinigten Staaten von Nordamerika 1872. das übrige Amerika annäherungsweife 46,000.000 1,000.000 Zufammen annäherungsweife 47,000.000 In Afien Japan im Jahre 1871 die übrigen Länder Afiens beiläufig 187.000 800.000 Zufammen annäherungsweife 1,000.000 In Afrika fchätzungsweife In Auftralien 500.000 fchätzungsweife 200.000 Roheifen- Production auf der Erde annäherungsweife 276.500.000 Noch viel fchwieriger als die Menge des erzeugten Eifens läfst fich der Werth der erzeugten Eifenfabricate ermitteln; es foll diefs jedoch hier für Europa defshalb annäherungsweife gefchehen, um auf den ungeheueren Einflufs der Eifeninduftrie auf den Nationalreichthum hinzuweifen. Aus den 227.8 Millionen Centner Roheifen dürften erzeugt worden fein circa 30 Millionen Centner Gufswaare, etwa 24 Millionen Centner Stahl und 150 Millionen Centner diverfe Stabeifen- Sorten, Bleche etc. Bewerthet man diefe Producte im grofsen Durchfchnitte fehr gering, und zwar die Gufswaare mit 5 fl., den Stahl mit 10 fl., das Eifen mit 7 fl., fo beträgt der Werth der Jahresproduction an Eifen in Europa nahe 1500 Millionen Gulden öfterreichifcher Währung. Inwieweit die Eifeninduftrie, über deren Ausdehnung und Einfluss auf den Reichthum einzelner Länder im Vorftehenden einige Worte angeführt wurden, auf der internationalen Ausftellung in Wien vertreten war, kann aus nachfolgenden Zufammenftellungen entnommen werden. Es wurde bei der Betrachtung der Ausftellungsobjecte bezüglich der Reihenfolge der ausftellenden Länder die Anordnung beibehalten, welche im Ausftellungsgebäude felbft gefunden wurde, nur wurden felbftverständlich die in den einzelnen Pavillons zerftreuten Ausftellungen überall dort eingereiht, wo diefelben bei fyftematifcher Ordnung einzureihen find. Was die Ordnung bezüglich der ausgeftellten Objecte der einzelnen Länder anbe Das Hüttenwefen. 3 langt, war es weit zweckmäfsiger, die Reihenfolge, welche in den Specialkatalogen. der einzelnen Länder angetroffen wurde, beizubehalten, anftatt die Reihenfolge des Hauptkataloges zu adoptiren. Wenn der Bericht vielleicht nicht allen Anforderungen entspricht, in manchen Partien als unvollkommen bezeichnet werden kann, fo mögen diefe Mängel dem Berichterstatter nicht zur Laft gelegt werden, weil die Schwierig. keiten, mit welchen die Berichterstatter zu kämpfen hatten, in der That nicht unbedeutend waren. Abgefehen davon, dafs es bei diefer Ausftellung mehr als bei allen vorhergehenden an entſprechenden Auffchriften, an erläuternden Befchreibungen fehlte, fomit der Berichterstatter darauf angewiefen war, fich die nöthigen Daten von den Ausftellern felbft zu verfchaffen, wurden die Berichterstatter viel zu fpät von Seite der Generaldirection mit ihrer Miffion betraut, indem der Befchlufs, einen officiellen Bericht erftatten zu laffen, erft Ende Juli veröffentlicht wurde, zu einer Zeit, wo die Arbeiten der Beurtheilungscommiffion bereits abgefchloffen und viele von den Ausftellern und deren Vertreter nicht mehr in Wien waren. Auf diefe Weife wurde es den officiellen Berichterftattern ungemein fchwer, ja oft beinahe unmöglich, fich über einzelne Ausftellungsobjecte Daten zu verfchaffen. Es lag im Intereffe der Ausfteller, alle Daten der Beurtheilungscommiffion zur Verfügung zu ftellen, es liegt dem Ausfteller aber häufig fehr wenig daran, ob feiner Fabricate in dem officiellen Berichte gedacht wird oder nicht, ja es ift vielen Ausftellern erwünſcht, wenn in einem derartigen Berichte fo wenig als möglich über ihre Fabricate gefprochen wird, weil fie der Gefahr, dafs ihre Fabriksgeheimniffe verrathen werden, entgehen. Aber auch die Ausstellungscommiffionen mancher Länder waren auffallend zurückhaltend und fanden es häufig nicht der Mühe werth, fchriftliche Anfragen, die defshalb nothwendig wurden, weil die betreffenden Ausfteller beinahe nie aufzufinden waren, zu beantworten. Die von den Ausftellern ausgefüllten und der Generaldirection eingefandten Fragebögen zu benützen, war lange Zeit ganz unmöglich, da fie unzugänglich waren, während es fpäter viel zu umftändlich und zeitraubend war, fich diefelben zu verfchaffen, ja diefe oft gar nicht zu finden waren. Unter diefen Umständen mögen es jene P. T. Ausfteller, die eine eingehendere Befprechung ihrer Objecte gewünſcht hätten, vergeben, wenn diefs nicht in entſprechender Ausdehnung erfolgt. Wäre die Ernennung der officiellen Berichterstatter gleichzeitig mit der Ernennung der Mitglieder der Beurtheilungscommiffion erfolgt, wäre es denfelben ermöglicht worden, wie es in der Abficht der Redaction lag, fich der Beurtheilungscommiffion anzufchliefsen, fo wäre die Zeit der Ausfteller nur einmal in Anfpruch genommen, den Berichterstattern die Arbeit wefentlich erleichtert worden und der Bericht hätte die Vollständigkeit erhalten können, welche überall wünſchenswerth ift. So mögen die Daten, wie fie unter den eben angeführten Umftänden gefammelt werden konnten, hingenommen und beurtheilt werden. Nordamerika. Ungeachtet der enormen Reichthümer an Erzen und Kohlen, über welche Nordamerika verfügt, ungeachtet des grofsen Auffchwunges, welchen die Eifeninduftrie feit Beginn diefes Jahrhunderts dafelbft genommen hat, war diefelbe auf der Ausftellung in verhältnifsmäfsig fehr untergeordneter Weife vertreten. Häufig fehlte es an entſprechenden Notizen über die ausgeftellten Gegenftände, fowie an Repräfentanten, welche Auskunft über diefelben zu geben im Stande waren, wodurch das Wenige, was ausgeftellt war, noch werthlofer wurde. Dafs die Vereinigten Staaten von Nordamerika in den letzten Jahren ungemeine Fortfchritte in der Erzeugung von Eifen machten, kann aus folgender im 1* 4 Franz Kupelwiefer. Coal ftatiftical regifter für 1872, welches zu Pottsville erfcheint, enthaltenen Tabelle entnommen werden. Die Roheifen- Production betrug im Jahre 1810 1830 1840 · 1850 1860 1864 1866 • • 1867 1868. 1869 . 1870 1871 • . 1872 • • • • Zollcentner 600.000 3,300.000 6,900.000 • • 12,000.000 18.275.480 24,080.000 27,0 18.660 29,23 2.520 32,060.000 38,3 32.8 20 • • 37,000.000 • • 38,000.000 • • 46,000,000 Demzufolge hat fich die Production innerhalb 60 Jahren verfiebenzigfacht, innerhalb der letzten 10 Jahre verdoppelt. Kaum glaublich dürfte es erfcheinen, dafs bei diefem ungeheueren Auffchwunge Nordamerika noch immer bedeutende Mengen Eifen aus England, fogar auch etwas aus Schweden bezieht. Nordamerika mufs feine Erze theilweife fehr weit führen, um diefelben verarbeiten zu können; fo werden beiſpielsweife Hämatite von Marquette am Superior See nach New- York und Pittsburg in Pennſylvanien, fomit gegen 500 Meilen weit, bis zum Orte ihrer Verhüttung theils auf dem Waffer, theils auf Bahnen transportirt. Der grofsen Transportkoften halber werden felbſtverſtändlich nur Hämatite und Magneteifenfteine, welche mehr als 60 Percent Eifen halten, zugeführt. Da das Erzvorkommen ein fehr ausgedehntes und reiches ift, fo denkt man fogar fchon daran, Erze nach Europa auszuführen. Die Roheifen- Production ift überwiegend in Pennfylvanien bei Pittsburg concentrirt, wo viele grofse Coaks- Hochöfen, welche per 24 Stunden 30 bis 40 Tonnen= 600 bis 800 Centner Eifen erzeugen, in Betrieb ftehen, während am See Champlain grofse Anthrazit- Hochöfen Roheifen liefern. Nichts deffen ungeachtet beftehen gegenwärtig in Nordamerika von Trenton bis New- Jerfey viele catalonifche Feuer, welche directe aus Erzen Stabeifen erzeugen. - In der Anwendung der neueren Hüttenproceffe wurden in den letzten Jahren bedeutende Fortfchritte gemacht; fo ift beiſpielsweife die Steigerung der Stahlerzeugung aus den Aufzeichnungen des M. Mac Allifter, des Secretärs der Gefellſchaft der amerikaniſchen Hüttenbefitzer, welche hier folgen, zu entnehmen: Die Stahlproduction betrug im Jahre 1865 1866 1867 1868 1869 Zollcentner 305.240 379.460 380.000 600.000 700.000 4 . 1,500.000 1870 1871 . 2,000.000 Diefe Stahlproduction, welche fich überwiegend des Beffemerproceffes bedient, dürfte in nächfter Zeit bedeutend fteigen, da eine grofse Anzahl von Beffemerhütten in Bau ift. Der Beffemerftahl wird vorzüglich auf Schienen( im Jahre 1871: 1,200.000 Centner) und andere Eifenbahn- Materialien verarbeitet. Auch in der Durchführung des Puddlingsproceffes find in den letzten Jahren durch Danks Verfuche zur Verbefferung, fowie zur Erfparung von Arbeitskräften gemacht worden. Das Hüttenwefen. Von den Ausstellungen find befondes hervorzuheben: 5 Park Brothers& Comp. zu Pittsburg, welche Tiegelgufs- Stahl, daraus erzeugte Stangen und Bleche( Keffelbleche) von vorzüglicher Qualität ausftellten; verfchiedenartig aufgebördelte Böden, im kalten Zuftande doppelt zufammengelegte Keffelbleche waren beigegeben, um die Qualität des Materiales zu zeigen. Atlas Works in Pittsburg, Pennfylvanien, ftellte Roheifen, Hartgufs- und befonders feftes Gufseifen, welches nach den beigegebenen Atteften erft bei einer Belaftung von 24.270 Pfund per Quadratzoll geriffen ift, aus. Unter den ausgeftellten Hartgufs- Stücken find befonders Hammerkerne etc. zu erwähnen. Clifton Mining Comp. ftellte nicht blofs Roheifen, fondern auch Stabeifen, welches direct in catalonifchen Feuern erzeugt wurde und recht hübfche Qualität zeigte, aus. Ebenfo ftellte Alabama mit kaltem Winde erblafenes graues Roheifen und Conneblevile coal Coked tiefgraues Roheifen fammt den bei der Erzeugung abgefallenen Schlacken aus. Befonderes Intereffe würde eine erft fehr fpät zugefandte Ausftellung gewährt haben, wenn ein erklärender Text beigegeben gewefen wäre oder der angegebene Vertreter wenigftens auf eine fchriftliche Anfrage eine Antwort gegeben hätte. J. T. Wilder aus Teneffee ftellte Erze, Roth- Eifenfteine, Kohlen von fehr fchöner Qualität, eine Luppe von circa zehn Centnern, die offenbar in einem rotirenden Ofen erzeugt wurde, fowie einen aus einer folchen Luppe geprefsten oder gefchmiedeten Cylinder von 3 Fufs Höhe und circa 12 Zoll Durchmeffer, dann fertige Schienen aus. Wie jedoch bereits angeführt, war über die Methode der Fabrication leider nichts zu erfahren. Zu erwähnen ift noch das von Richman Henry ausgeftellte Modell eines rotirenden Puddlingsofens nach Danks und der in Naturgröfse von William Sellers& Comp. aus Philadelphia ausgeftellte rotirende Puddlingsofen, der fich von dem Danks'fchen nur durch folgende Modificationen unterfcheidet: Die Feuerung ift keine directe, fondern Gasfeuerung, ähnlich dem Siemens'fchen Principe eingerichtet, jedoch dem ausgeftellten Ofen nicht beigegeben. Der Arbeitsraum befteht aus einem rotirenden, birnförmigen Gefäfse, welches mit Dampf in Bewegung gefetzt und von dem Feuerraume auf einer kreisförmigen Bahn weggedreht werden kann. Die Durchführung der wenigen im Ofen nothwendigen mechanifchen Arbeiten erfolgt durch eine Arbeitsthüre, welche auf der Seite der Feuerung angebracht ift. Der aus Eifen hergeftellte birnförmige, rotirende Ofen wird mit einem Gemenge, beftehend aus hundert Volumtheilen Erzklein, zwanzig Theilen hydraulifchen Cement und achtzehn Theilen Wafferglas auf zwei Zoll Dicke ausgefüttert, bis zur Rothgluth erhitzt und mit flüffiger Schlacke übergoffen, welcher fortwährend Erze zugefetzt werden, um eine Erzkrufte von vier Zoll zu erhalten. Entfteht in diefer oberen Krufte während des Betriebes eine Vertiefung, fo wird diefelbe bis zum erften Futter ausgebrochen, mit Erzen und flüffiger Schlacke gefüllt und etwas gekühlt. Die Charge befteht aus einer Tonne Roheifen, welches flüffig( meift in Cupolofen eingefchmolzen) in den Ofen eingetragen wird. Der Ofen erhält eine Bewegung von acht Umdrehungen per Minute und foll das Eifen nach dreifsig Minuten gar werden. Es wird nun die fich in ziemlicher Menge bildende Schlacke abgelaffen, der Ofen macht dann innerhalb fünf Minuten noch etwa zehn Umdrehungen, um das Eifen zu einer Luppe zufammen zu ballen, worauf die Luppe behufs weiterer mechanicher Bearbeitung ausgenommen wird. Da das Futter des Ofens fehr ftark angegriffen wird, find per Tonne Eifen 350 bis 400 Pfunde Erze erforderlich, um die Reparaturen durchzuführen. Bei jedem Ofen ift nur ein Mann befchäftigt, während für je fünf Oefen zum Chargiren und Ausnehmen noch je fünf Arbeiter erforderlich find. Die Vereinigten Staaten von Venezuela und die Republik de San Salvador ftellten kein Eifen aus. 6 Franz Kupelwiefer. Brafilien. Die Ausftellung Brafiliens in Beziehung auf Eifeninduftrie ift fo unbedeu tend, als die Eifenproduction dafelbft zu fein fcheint. Ueberwiegend deckt Brafilien feinen Bedarf an Eifen aus England. Von Ausftellern find nur folgende zwei zu erwähnen: Souza Murfa Joaquim de, welcher die Producte des Eifen- Hüttenwerkes zu San Joâo de Ipanáma ausftellte. Es wird dafelbft aus Magnet- Eifenfteinen unter Zufchlag von Kalk mit Holzkohlen Roheifen erzeugt, welches in Frifchfeuern auf Stabeifen verarbeitet wird. Die Luppen werden in zwei Theile zerfchrotten und zu Stangen ausgefchmiedet, welche meift keine gleichbleibende Breite haben, und ein- oder zweimal zufammengebogen, in Handel gebracht werden. Dr. Ubatuba ftellte neben Steinkohlen aus der Grube von San Jeronimo aus der Provinz Rio Grande do Sul etwas Stabeifen aus. Das Stabeifen zeigte( es waren keine Bruchproben ausgeftellt) dem äusseren Ausfehen nach keine befondere Qualität, welche jedoch weniger durch die Zufammenfetzung der Erze als durch die Art der Erzeugung veranlafst fchienen. England. Unter allen eifenproducirenden Ländern nimmt England weitaus die erfte Stelle ein, indem dasfelbe nicht nur den immenfen eigenen Bedarf an diverfen Eifenfabricaten deckt, fondern noch beinahe auf der ganzen Erde feine Producte dort abfetzt, wo die Production der Confumtion nicht folgen kann, und auf diefe Weife den Eifenmarkt beherrscht. Um den Einflufs, den England auf den Eifenmarkt ausübt, richtig beurtheilen zu können, mögen folgende ftatiftifche Nachweifungen dienen: Im Jahre 1871 wurden erzeugt an: Steinkohlen 2384.593.209 Zollcentner. Roheifen 134,664.277 " Unter den Ausftellungsgegenständen Englands, ja vielleicht denen aller Länder, welche der erften Gruppe angehörten, erregte das meifte Auffehen die Ausftellung des Sir C. William Siemens, obwohl die Ausftellungsobjecte klein, gerade nicht in die Augen fallend, zu nennen find. Die Ausstellung war des Fortfchrittes halber, den diefelbe zu conftatiren hatte, intereffant und wichtig, weil der eingefchlagene Fabricationsweg vielleicht berufen fcheint, in der Entwicklung der Eifeninduftrie eine wichtige Rolle zu fpielen. Siemens ftellte in Modellen und Zeichnungen Regenerativöfen aus, in welchen unmittelbar aus Erzen, ohne diefelben zuerft in Hochöfen auf Roheifen zu verarbeiten, Eifen oder Stahl erzeugt werden foll. Ebenfo waren die mit Hilfe diefes Proceffes erzeugten Producte, wie ungegänzte Luppen, Rohfchienen, durch Umfchmelzen diefer Producte erzeugter Stahl mit ausgeftellt. Wenn der Procefs, wie er gegenwärtig in Anwendung fteht, auch bereits über das Stadium der erften Verfuche hinaus ift, fo foll damit nicht behauptet werden, dafs derfelbe fchon als vollkommen hingeftellt werden kann. In einigen Worten das Wichtigfte des neuen Proceffes, den Siemens theils auf den Landore Siemens- Steel- Works bei Swanfea, theils in einem kleineren Verfuchsofen in einem Werke bei Sheffield durchführt. Bei den feit dem Jahre 1868 begonnenen Verfuchen, wurden der Reihe nach folgende Ofeneinrichtungen in Anwendung gebracht. Einfache Siemensöfen, wie diefelben zur Durchführung des SiemensMartin- Proceffes verwendet werden, in welchen in einem Roheifen- Bade fehr reiche Erze von Mokta mit nahe 60 Percent Eifengehalt aufgelöft wurden, indem durch den Sauerstoff- Gehalt der Erze der Kohlenftoff und die übrigen Verunreinigungen des Roheifens oxydirt wurden. Um die Schlackenbildung zu erleichtern, wurde Kalkftein oder ein anderes Flufsmittel zugefetzt. Diefe Methode, welche übrigens fchon Das Hüttenwefen. 7 früher an mehreren Orten durchgeführt wurde, ergab keine gewünſchten Refultate, weil kein Ofenmaterial gefunden werden konnte, welches der Einwirkung der meift ziemlich eifenoxydulreichen Schlacke entſprechend widerftand. Die Entkohlung wurde foweit als möglich getrieben, und dann mittelft manganhältigen Spiegeleifens bis zum gewünſchten Härtegrade zurückgekohlt. Nachdem man diefen Ofen, der zur Durchführung des Siemens- MartinProceffes ganz vorzüglich ift, als nicht ganz entfprechend gefunden hatte, baute Siemens den fogenannten Cascadenofen, in welchem Erze mit Flufsmitteln auf der höheren, der Gaseinftrömung näher gelegenen Ofenfohle eingetragen, eingefchmolzen und in die zwei tiefer gelegenen Ofenabtheilungen abwechſelnd abgelaffen wurden, worauf Kohlenftoff haltende gepulverte Materialien, welche mit Erzklein gemifcht waren, eingetragen, und mittelft Krücken eingerührt wurden. Nach und nach erfolgte die Reaction, die Eifenoxydate wurden reducirt und das Eifen durch Handarbeit zu einer Luppe geformt, ausgenommen und auf die gewöhnliche Weife gezängt. Bei all diefen Verfuchen zeigte fich aber, dafs die Reaction erft dann vollkommen erfolgt, wenn das Erz früher vollkommen eingefchmolzen ward. Selbft die Anwendung von früher reducirten Erzen führte zu fchlechteren Refultaten, als die waren, welche durch Reduction des Eifens in bereits gefchmolzenen Erzen. erzielt wurden. Wenn die Refultate, welche mit Hilfe des Cascadenofens erreicht wurden, auch gerade nicht fchlecht waren, fo war doch mit diefer Arbeit noch der Uebelftand verbunden, dafs viele Handarbeit, ähnlich wie beim gewöhnlichen Puddlingsproceffe erforderlich war, wefshalb Siemens fchliefslich auf die Anwendung von rotirenden Oefen überging. Die Schwierigkeiten, welche fich bei Anwendung von rotirenden Oefen überhaupt herausftellten, wurden bei der directen Verarbeitung der Erze noch empfindlicher; es war beinahe nicht möglich ein Materiale zu finden, welches gleichzeitig die hohe Temperatur aushielt, und der Einwirkung der Schlacke, den Eifenfilicaten, widerftehen konnte. Endlich fand Siemens, durch Herrn Le Chatelier aufmerkfam gemacht, in den Bauxiten ein Materiale, welches den Anforderungen noch am beften entſprach. Die befferen Sorten von Bauxiten enthalten, nach einer grofsen Anzahl von Analyfen, welche Siemens gibt, im gebrannten Zuftande nahezu 60 bis 80 Percente Thonerde, 2 bis 8 Percente Kiefelerde und den Reft an Eifenoxyd. Diefe gebrannten Bauxite werden nur mit fo viel Percenten feuerfeften Thones angemacht, um eine bindende Maffe zu geben, mit welcher der rotirende Ofen ausgekleidet werden kann. Ein Zufatz von fünf bis fechs Percent Graphit dient dazu, bei der hohen Temperatur das Eifenoxyd des Bauxites zu reduciren, um auf diefe Weife einer Verfchlackung vorzubeugen. Diefe Auskleidung von Bauxit wird dann noch mit einer dünnen Schlackenkrufte überzogen, und wird diefe Ausfütterung während des Gebrauches fo feft, dafs fie auch der mechanifchen Abnützung gut zu widerftehen vermag. Der Verlauf des Proceffes ift etwa folgender: Ein rotirender Ofen von etwa neun Fufs Länge und fieben Fufs fechs Zoll Durchmeffer wird, nachdem er durch Regenerativfeuerung bis zur Weifsglüh- Hitze erwärmt wurde, mit zwanzig Centner von etwas über fechzig Percent Eifen haltenden Hämatiten chargirt, die nöthigen Flufsmittel zugefetzt, und bei voller Hitze in langfame Rotation verfetzt. Die eingetragenen Erze follen nur Erbfen- bis Bohnengröfse haben. Als Flufsmittel wird je nach der Zufammenfetzung der erdigen Beftandtheile der Erze, Kalk oder auch Thoneifenftein genommen. Ein Zufatz von manganhältigen Erzen ift immer erwünfcht. Nach etwa vierzig Minuten Zeit find die Erze nahe bis zum Schmelzpunkte erhitzt und nun werden 5 bis 6 Centner magerer Kohle, etwa in der Gröfse einer Nufs, eingetragen, und der Ofen nun in rafchere rotirende Bewegung verfetzt, um eine innige Mifchung des Erzes mit der Kohle zu bewerkstelligen. Es erfolgt nun eine rafche Reaction; das Eifenoxyd wird zu Eifenoxydul- Oxyd verwandelt, welches gefchmolzen mit den Kohlenftücken in 8 Franz Kupelwiefer. Berührung kommt und in Eifen verwandelt wird, während die erdigen Beftandtheile der Erze mit den Flufsmitteln verfchlackt werden. Dabei wird der Ofen wieder in fchnellere Bewegung verfetzt, fo dafs fich die Oberfläche fortwährend erneuert und das Eifen mit der Flamme und den heifsen Ofenwänden in Berührung kommt. Während diefer Zeit entweicht aus dem Erz und Kohlengemenge Kohlenoxydgas, welches, indem die Gaszuftrömung aus den Generatoren abgefperrt wird, durch heifse Luft verbrannt wird. Sobald die Gasentwicklung aufgehört, ift die Reduction des Erzes nahezu vollendet, und es wird der rotirende Ofen in der Weife gedreht, dafs die Schlacke mit Hilfe der am Ofen angebrachten Stichöffnung abgelaffen werden kann. Sollen Luppen gebildet werden, fo läfst man den Ofen fchneller rotiren, damit das Eifen fich beffer zufammenballt. Die Dauer einer Operation ift felten länger als zwei Stunden und man erhält etwa zehn Centner Eifen. Unter diefen Umftänden würde die Production per Ofen und Tag hundert Centner betragen. Werden zum Reduciren der Erze Anthracite oder harte Coaks verwendet, fo müffen diefelben fehr fein zerkleinert werden, während diefs bei Anwendung von Kohlen oder Braunkohlen nicht nothwendig ift. Das erzeugte Eifen wird felten, da es manchesmal noch unvollkommen verbrannte Kohlenftückchen enthält, directe auf Stabeifen verarbeitet, fondern meift entweder im Rotator felbft durch Zufatz von Spiegeleifen bei erhöhter Temperatur zu Stahl umgefchmolzen, welcher dann ebenfalls abgeftochen wird, oder es werden die Luppen, was noch beffere Refultate gibt, in einem flüffigen Roheifen- Bade eines Siemens- Martin- Ofens aufgelöft. Die Combination diefer beiden Proceffe fcheint gegenwärtig die beften Refultate zu geben, und überwiegend in Landore Siemens Works angewendet zu werden. Was den Brennftoff- Verbrauch bei der Durchführung diefes Proceffes anbelangt, fo ftellt fich derfelbe nach Siemens fchon aus theoretifchen Gründen niederer als beim Hochofen- Betrieb, weil die Ausnützung des Brennmateriales eine vollkommenere fein kann, da die Gafe nach ihrer Verbrennung aus dem Ofen entfernt werden, während beim Hochofen- Procefs, wo die Gafe fortwährend mit Kohlen in Berührung kommen, überwiegend Kohlenoxyd- Gas enthalten, und auch enthalten müffen, weil fonft die Reduction der Erze nicht vollkommen erfolgt. Anderfeits entweichen beim Hochofen die Gafe mit einer Temperatur von 350 Graden, während fie bei Siemens öfen höchftens mit 150 bis 175 Graden aus der Effe ftrömen. Theoretifch berechnet Siemens den Brennftoff- Verbrauch bei der Erzeugung von Stahl und Weicheifen aus Hämatiten bedeutend niederer, als er ihn gegenwärtig bei feinen Verfuchen gefunden und find diefe Angaben in folgender Tabelle enthalten: Bei Erzeugung von einer Tonne ftellt fich der theoretifch berechnete Verbrauch an Kohlenftoff auf 8.91 Centner bei Stahl, 6.4 Centner bei Weicheifen. Bei Erzeugung von einer Tonne ftellt fich der theoretifch berechnete Ver. brauch an guter Kohle auf II 00 Centner bei Stahl, 8.0 Centner bei Weicheifen. Der wirkliche Verbrauch zu Landore und Birmingham ftellt fich auf 12 Centner bei Stahl, 14 Centner bei Weicheifen per Tonne erzeugten Eifens. Nach der Angabe des Ausftellers gewährt diefer Procefs noch den Vortheil, dafs wenig Handarbeit erforderlich, und felbft aus Erzen, welche ziemlich viel Schwefel und Phosphor halten, Producte erzeugt werden können, welche nur wenig von diefen Verunreinigungen enthalten. Diefer Procefs wurde bis jetzt auf einer Verfuchshütte zu Birmingham, dann auf Landore Siemens Steel- Works bei Swanfea durchgeführt und wird bei VickersSons in Sheffield, bei Charles Cammel& Comp. in Sheffield fowie in Dowlais- Steel and iron Works eingeführt werden. Auch in Oefterreich ift bereits ein Schritt zur Einführung desfelben gefchehen, indem die Hüttenberger Eifenwerks- Gefellſchaft in Prävali einen Ofen erbaut, und denfelben in kürzester Zeit in Betrieb fetzen wird. Landore Siemens Works ftellte eine Luppe, Rohfchienen, Bandagen, Achfen, Schienen etc. aus, welche nach dem eben befchriebenen Verfahren erzeugt wurden. Das Huttenwefen. 9 Die Production des Werkes beträgt per Jahr nahezu vier Millionen Centner und befchäftigt dasfelbe bei 4000 Arbeiter. Ein zweiter Fortfchritt ift in Nr. 3 der Gruppe I der englifchen Ausstellung durch Th. Whitwell erfichtlich gemacht, indem er feine feit einer Reihe von Jahren gebauten Winderhitzungs- Apparate in Modellen und Zeichnungen verfinnlicht. Der Wichtigkeit des Gegenftandes halber, fei es geftattet, einige Worte darüber zu bemerken. Es beruhen diefelben auf dem Siemens'fchen Regenerativprincip, find jedoch von den älteren Winderhitzungs- Apparaten diefer Art der Hauptfache nach dadurch unterfchieden, dafs kein Ziegel- Gitterwerk, fondern eine Reihe von nebeneinanderliegenden Kammern aus feuerfeftem Mauerwerk dazu dient, Wärme aufzunehmen und an den durch die erhitzten Kammern geleiteten Wind wieder abzugeben. Diefe Modification erleichtert das Reinigen der Kammern, ohne gezwungen zu fein, die Apparate abzukühlen. Die zur Reinigung der Kammern erforderliche Zeit inclufive der Aus- und Wiederinbetriebfetzung des Apparates beträgt nur 6 Stunden. Man kann die Temperatur des Windes leicht auf 700 Grad Celfius fteigern, bei welcher Temperatur keiner der gufseifernen Apparate für längere Zeit dienfttauglich erhalten werden kann. Es findet keine Abnützung ftatt, keine Entwerthung durch Verbrennen von Gufseifen. Die Apparate in genieteten Blechmänteln find vollkommen luftdicht und erfetzen durch das grofse Volumen, welches fie einnehmen, gleichzeitig die Windregulatoren. Durch die hohe Temperatur, welche man dem Winde ertheilen kann, ift eine bedeutende Erfparung von Brennmateriale ebenfo ermöglicht, wie die Erzeugung eines Roheifens befferer Qualität, weil der Hochofen- Procefs bei höherer Temperatur, bei gröfserem Kalkzufchlag durchgeführt werden kann. Im Minimum müffen drei folche Apparate für je einen Hochofen vorhanden fein, beffer ift es, wenn deren vier find, eine Anzahl, die bei gröfseren Oefen auch immer getroffen wird. Für Hochöfen von einer folchen Gröfse, dafs die Production per Tag circa 1000 Centner erreicht, erhält jeder der vier Apparate bei 6.7 Meter Durchmeffer und 8.3 Meter Höhe. Wenn auch die meiften Fachleute von der vorzüglichen Verwendbarkeit diefer Apparate überzeugt find, fo hört man doch gegen die Anwendbarkeit derfelben vorzüglich das Bedenken ausfprechen, dafs diefelben in ihrer erften Anlage zu koftfpielig find. Winderhitzungs- Apparate für fo grofse Windmengen und hohe Temperaturen find auch bei Anwendung von gufseifernen Röhrenapparaten koftfpielig und unterliegen die letzteren eines fehr grofsenAbbrandes. Umjedoch ein Bild über die Koften eines folchen Apparates zu geben, mögen folgende Angaben dienen: In Frankreich waren zum Baue je eines Apparates erforderlich: Blechmantel mit 8 Millimeter Dicke fammt Armatur. Schmiedeifen- Stücke Zollcentner à 30 Frcs.: 30 Frcs.15.000 Frcs. 500 22 " 99 50 I.IOO " 94 Stahlfedern 2 IOO 200 99 " f 97 Roher Gufs 116 99 15 46 Bearbeiteter Gufs 105 29 29 25 1.740 2.625 27 90 Kautfchukröhren 0.30 . 29 99 5° 99 15 " Feuerfefte Ziegel I. Qualität Formatziegel 1329 Stück... - 218 Cubikfufs 1.720 99 = 1.330 " = 2.101 I.255 Koften eines Apparates Feuerfefte Ziegel I. Qualität gewöhnliche 28.320 Stück.. Feuerfefte Ziegel II. Qualität 44.700 Stück Ordinäre Ziegel 26.600 Stück Fundirung circa . oder etwa 12.900 fl. öfterreichifcher Währung in Silber. 53° 2.833 94 32.165 Fres 2.832 . 3.570 99 10 - Franz Kupelwieter. In England koftete je ein Apparat bei den zuletzt aufgeführten Bauten 1.309 Pfund Sterling= 13.000 fl. öfterreichifcher Währung in Silber. Die Firma Head Wrighton& Comp. in Teesdale Iron Works bei Stockton on Tees liefert fertige Apparate zu vier Oefen, jedoch ohne Ziegel- Mauerwerk um 40.000 Thaler, welcher Betrag die obenangeführten Preife ungebührlich überfteigt. Das Umfteuern der Ventille erfolgt etwa alle 3 Stunden. Erwähnt zu werden verdient, dafs die Anwendung der Apparate bereits eine nicht unbedeutende Ausdehnung erfahren hat, indem gegenwärtig bei 57 Hochöfen 58 Apparate in Thätigkeit und 161 im Bau find, fo dafs in kürzefter Zeit 219 Apparate beim Hochofen- Betrieb in Anwendung ftehen werden. Dafs die Anwendung des heifsen Windes um fo wichtiger ift, je erwünſchter die Erzeugung von grauem Roheifen, ift nur zu bekannt. Im Allgemeinen war die Eifeninduſtrie Englands fehr wenig vertreten, und waren es zunächft einige Tiegelgufs- Stahlfabrikanten Sheffields, welche unfere Aufmerkfamkeit auf fich zogen, wie Robert Smith& Comp., John Kenyon& Comp., Wilfon Hawksworth& Comp. Es haben diefelben theils rohe und überfchmiedete Gufsftahl- Könige, etwas Cement ftahl, theils Fabricate aus diefen Materialien, wie Federn, Feilen, Draht, Werkzeuge etc. recht fchön ausgeftellt. Ein zweites Fabricat, welches ebenfalls Beachtung verdient, find die von Brown& Comp. in Wednesbury Staffordſhire, fowie von James Ruffel and Sons in Wednesbury, von Budde& Comp. in Birmingham ausgeftellten SchmiedeifenRöhren von ausgezeichneter Qualität. Erfterer ftellte diefelben nach der Qualität des zur Erzeugung verwendeten Materials zufammen und ftellte Röhren von Wrought- Eifen, von Holzkohlen- Eifen und Homogeneousmetall aus, während der zweite Röhren mit den verfchiedenft geformten Querfchnitten zur Ausftellung brachte. Sehr fchöne Schwarz- und Weifsbleche, verzinkte Bleche und Drähte hatten Budde& Comp. in Birmingham und Baldwin& Comp. zu Stourport ausgeftellt. Befonders Letzterer hat Qualitätproben gebracht, die nur bei ausgezeichneter Befchaffenheit des Bleches herzuftellen find. Zu erwähnen ift noch die Ausftellung von Bowling Iron Comp. zu Bradford in Yorkſhire, in welcher recht hübfcher Façon- Stahlgufs, Achfen, Bandagen, letztere kalt gebogen, fehr fchönes Puddlingseifen und daraus hergestellte Rundböden mit verfchiedenen Aufbördelungsproben zur Anfchauung gebracht waren. Sehr fchöne Schmiedeftücke in Form von Ankern nach dem Patente von Wafteneys Smiths und jenem Martins find ebenfalls hervorzuheben. Thomas Firth and Sons in Sheffield ftellte Gufsftahl- Stücke für daraus zu verfertigende Projectile abgefchmiedete und gebohrte Röhren für Gefchütze aus Stahl und Homogeneousmetall im weichen und gehärteten Zuftand aus. Die Härtung erfolgt in Oel und bemühte fich der Ausfteller die Vortheile der Härtung durch die beigegebenen Refultate von Zerreifsproben zu erläutern. Die Feftigkeit ift aus folgenden Ziffern zu entnehmen: Weicher Stahl.. Kern einer Kanone weich 28.53 99 " 99 " 29 • 35 55 Tonnen 0.271 99 " gehärtet 46 37 49.03 Zerreifsgewicht per Quadratzoll. Zolle Längen. o. 27 Dehnung auf 0.175 0.188 2 Zoll Länge. Intereffant waren noch die von Cyclops Iron Works( Cammel), fowie die von Brown in Sheffield ausgeftellten Panzerplatten. Eine Armirungswand für das preufsifche Kriegsfchiff ,, Boruffia" von circa 6 Schuh Breite, 18 Schuh Länge und 6 Zoll Dicke, fomit von einem Gewichte von etwas über 320 Zollcentner im fertigen Zuftande ftellte die erftere Firma aus. Um die Feftigkeit ihrer Fabricate zu zeigen, hatten beide Ausfteller mit Spitz- und Rundkugeln befchoffene Panzerplatten ausgeftellt, die ebenfogut die Treffficherheit ihrer Gefchütze, wie die Qualität der Platten zeigten. Das Hüttenwefen. 11 Vier Schüffe mit Spitzkugeln, welche auf eine Fläche von nahe zwei Quadratfufs zufammenfielen und nahe 6 Zoll tief eindrangen, verurfachten in einer Brown'fchen Platte von 9 Zoll Dicke nur eine kleine Durchbiegung mit unbedeutenden Riffen an der Rückfeite. Bei einer 12 Zoll dicken Platte von Cammel verurfachten vier derartige Schüffe eine kaum merkliche Durchbiegung. Armstrong hatte Gefchütze mit Stahlkernen, welche mit Eifenringen und Eifenhülfen armirt waren, ausgeftellt, unter Anderem ein neunzölliges Hinterladungs- Gefchütz von 290 Centner, ein zehnzölliges Rohr von 360 Centner Gewicht. Lehrreich waren die Details, welche er über die Fabrication der Schmiedeifen- Hülfen ausftellte, und zwar einen aus Lamellen gefchweifsten und zu einer Hülfe zufammengerollten Stab von etwa 6 und 4 Zoll, fowie eine gefchweifste, abgedrehte und geätzte fertige Armirungshülfe, um die vorzügliche Schweifsung an derfelben zu zeigen. Richard Johnfon, Clapham& Morris ftellten unter einer ganzen Serie von Drähten und Drahtfabricaten auch einen Telegrafendraht von 1619 Meter Länge aus, der ein Gewicht von 638 Zollpfund hatte und aus einem Stück gemacht wurde. Zu erwähnen ift noch die Fabrik von Edward Clarke, welche gerade Wellen fowie aus Rundeifen gebogene Kurbelwellen in fehr hübfchen Exemplaren fowie Kirk ft all Forge bei Leeds, welche Bandagen, Achfen aus Stahl, fowie eine Reihe von vorzüglichen Qualitätsproben ausftellten. Die Fortfchritte, welche England feit 1867 in der Eifeninduftrie machte, beftehen vorzüglich in der zweckentfprechenden Vergröfserung feiner Hochöfen, der Anwendung von fehr ftark erhitztem Wind, um mit möglichst wenig Brennmateriale Roheifen guter Qualität zu erzeugen. Der Beffemerprocefs findet immer mehr und mehr Anwendung feit das Patent erlofchen ift. Am meisten hervorgehoben zu werden verdienen jedoch die Bemühungen Siemens, direct aus Erzen Stahl oder Stabeifen zu erzeugen. Wenn diefelben auch noch nicht als abgefchloffen anzufehen find, fo ift doch nicht zu leugnen, dafs die bis jetzt erzielten Refultate Hoffnung geben, dafs die Löfung diefer Frage nicht mehr fo ferne liege. Victoria ftellte eine zu Ilfracombe- iron Tasmania erzeugte Glocke aus Eifen ohne nähere Angabe auf einem äufserft primitiven fchmiedeifernen Geftelle aus. Britifch- Indien. Diefe Colonie Englands fcheint nach den ausgeftellten Objecten weder Mangel an mineralifchen Brennmaterialien noch an reichen und reinen Erzen zu haben, es würde diefelbe fomit die Grundbedingungen zum Aufblühen der Eifeninduftrie befitzen. Die Erzeugung an mineralifcher Kohle ift gegenwärtig nicht ganz unbedeutend, es beträgt diefelbe per Jahr fchon über 10 Millionen Centner, und ift die Qualität der Kohle meift eine recht gute. Die Kohlen von Chanda, Rannegange geben recht gute Coaks, während die von Pondfchab der Numuliten, die von Majo Sall der Tertiärformation angehören. An Eifenerzen ift kein Mangel und find grofsartige Ablagerungen in Madaras, im Diftricte Salem bei Godumulay, zu Karnul, Kadapeh, zu Kunjamullay bei Sooramunglam und an mehren anderen Orten bekannt, aber wenig oder gar nicht ausgebeutet. Es exiftirten bereits die Anfänge einer gröfseren Eifeninduftrie in Indien, aber alle Unternehmungen gingen nach und nach zu Grunde, weil fie vermuthlich von Seite Englands wenig Unterftützung fanden, fo dafs gegenwärtig nur die Ruinen der bereits beftandenen Hohöfen zu finden find. 12 Franz Kupelwiefer. Die Eifenerzeugung befchränkt fich auf die Gewinnung des Stabeifens und Stahls direct aus Erzen nach den primitivften älteften Methoden. Von den Localcomités zu Miffore und Madaras waren in kleinen Modellen die landesüblichen Stücköfen von etwa 4 Fufs Höhe ausgeftellt, welche von je drei durch Menfchenhände bewegten Gebläfen betrieben werden. Die erzeugten Luppen find etwa 50 Pfund fchwer, werden zerhauen und in Stäbe von 12 bis 15 Zoll Länge ausgefchmiedet. Die ausgeftellten Gufsftahl- Schmelztiegel waren fehr klein, 4 bis 5 Zoll hoch, 3 Zoll weit und waren die von Miffore beigegebenen Gufsftahl- Könige nur nahe ein Pfund fchwer. Der Stahl wird nicht ausgegofsen und zeigten die Gufsftahl- Könige an der Oberfläche ein eigenthümlich geftricktes Gefüge. Die Erzeugung des Wootzftahles ift befchränkt auf wenige Bezirke von Miffore und auf Salem in Madaras und foll derfelbe aus chromhältigen MagnetEifenfteinen erzeugt werden. Die Methode der Erzeugung wird von den Eingebornen als Geheimnifs ftreng bewahrt, ja es find die Punkte, an welchen derfelbe erzeugt wird, kaum mit Sicherheit anzugeben. Spanien. Ueber die Production der Montan-, fpeciell Eifeninduftrie Spaniens exiftiren nur aus früheren Jahren Auffchreibungen und die neueften, welche in den ausgeftellten Annalen zu finden waren, datiren vom Jahre 1866. Nach diefen erzeugte Spanien an Steinkohle 7,862.102 Zollcentner Braunkohle 791.172 zufammen 8,653.274 Zollcentner. An Eifen wurde erzeugt, und zwar: an Gufseifen.. Schmiedeifen Zollcentner . 785.196 • 646.768 " Stahl 99 Zufammen II.544 . 1,443.508 Zu erwähnen ist hierbei, dafs in Spanien nicht alles Schmiedeeifen aus Roheifen erzeugt wird, fondern dafs eine nicht unbeträchtliche Menge directe aus Erzen nach der alten Methode in catalonifchen Herden gewonnen wird. Ein Theil des Roheifens wird mit Holzkohlen, jedoch ein Theil fchon mit Coaks erblafen. Spanien ift nach den in der Ausftellung gebrachten Erzen fehr reich an den fchönften Eifenerzen, von welchen jedoch nur ein Theil im Lande verarbeitet, eine gröfsere Menge jedoch exportirt wird. Von den ausgeftellt gewefenen Objecten find hervorzuheben: Compañia de Minas y hierros del Pedrofo bei Sevilla. Diefes Werk erzeugt aus Magnet- Eifenfteinen und etwas Hämatiten Roheifen in Holzkohlen- Hochöfen, welches in Puddlingsöfen verarbeitet wird. Die Hauptproducte beftehen in Walzeifen, und zwar in Flach-, Rund- und etwas Bandeifen. Die Bruchproben zeigten eine fehnige Textur von ziemlich gleicher Befchaffenheit. Fabrica de mineros de Guilhou Muma in Mieres bei Oviedo. Die Ausftellung diefes Etabliffement zeichnete fich dadurch aus, dafs über den Coaks- Hochofen- Betrieb dafelbft doch einige Daten beigegeben waren, welchen wir folgende Zahlen entnehmen konnten. Das Gichtquantum befteht aus 1200 Pfund Erz, 552 Pfund Kalk und 920 Pfund Coaks, welche aus gewafchenen Kohlen erzeugt werden. Diefe Befchickung wird mit einer Windpreffung von 10 Centimeter Quecksilber und bei einer Windtemperatur von 215 Grad Celfius verfchmolzen. Die Zufammenfetzung der Erze kann aus folgender Gattirung entnommen werden: Das Hüttenwefen. 13 Percente Eifenoxyd Gehalt an: Kiefelerde Thonerde Kalkerde Summe Erze von Piquete. .45 48 4I 5 5.98 99.98 " 99 Fuente& Fueve. 25 49 40 5 5.96 99.96. " " Rogneron " Lallam. 27 29 25 5 44 43 6 6.96 99.96 42 32 14 12 00 IOO OO Aus diefer Befchichung wird Roheifen, welches meift halbirt bis grau ift, erblafen und zeigten die aus demfelben erzeugten und ausgeftellten Rohfchienen eine fchöne fehnige Textur. An Roheifen, einzelnen Eifenftangen etc. fanden wir noch von Balduin y Carnefe Manuel in Vera bei Navarra, von Lopez Pelegrin zu Cobeta in Quadalajara, von Richard Francisco zu Burgos Gufseifen und Schmiedeifen, ebenfo von Morencos Roman aus Checa in Quadalajara und von Dampilo Francisco aus Almeira Schmiedeifen ausgeftellt. Ausserdem waren gewalzte T- und Doppel- T- Eifen, fowie gefchmiedete Stangen aus Tiegel Gufsftahl ausgeftellt, welche auf einem Eifenwerke zu Alicante erzeugt worden fein follen. Diefes Werk dürfte den ausgeftellten Gegenftänden zufolge zu den bedeutenderen Etabliffements Spaniens gehören. Leider fehlte es hier ganz befonders an Ordnung, die ausgeftellten Mufter waren immer verftaubt; es fehlte zwar nicht an Etiquetten, diefelben waren jedoch entweder gar nicht oder unrichtig aufgeftellt, und das von Spanien beigegebene Auffichtsperfonale war nicht im Stande, die geringften Auskünfte zu ertheilen. Portugal ftellte an Eifenfabricaten nichts aus. Frankreich. Die Eifeninduftrie Frankreichs war, wenn auch nicht vollſtändig, fo doch würdig durch einen grofsen Theil der Grofsinduftriellen vertreten. Wenn auch die abfolute Productionsmenge feit der Abtrennung von Elfafs- Lothringen nicht unbedeutend abgenommen hat, da ein wichtiger Eifendiftrict dadurch verloren ging, fo nimmt Frankreich noch immer eine hervorragende Stelle in den Eifen producirenden Ländern ein.- Frankreich dürfte im Jahre 1872 producirt haben: • 300,000.000 Zollcentner. 23,6 20.000 an Kohlen nahe. an Roheifen • 99 Unter den Ausftellern find befonders hervorzuheben: Schneider& Comp. zu Creufot, welche die weitaus gröfste Hütte Frankreichs befitzen, deren Jahresproduction aus folgender Tabelle entnommen den kann: Kohlenproduction Roheifen Stabeifen Stahl.. • Locomotiven 100 im Werthe von . 14,300.000 Zollcentner. B 3,600.000 " 9 • 1,800.000 " 1,200.000 ° 7,000.000 Francs. 99 وو Diverfe Mafchinen und Brücken im Werthe von 8,500.000 An Arbeitern find befchäftigt 15.500, 308 Dampfmaſchinen arbeiten mit 19.000 Pferdekräften. Creufot bezieht, aufser den Erzen der Umgebung, Erze aus Algier und Sardinien und in neuefter Zeit auch Spath- Eifenfteine aus der Nähe des Mont Cenis, arbeitet daher meift mit reichen und guten Erzen. An Brennmaterialien waren Kohlen der eigenen Gruben aus dem Becken von St. Etienne, daraus erzeugte Coaks, fowie Anthracit- Briquettes, welche mit Brai sec gebunden find, ausgeftellt. war befonders zu Unter der ausgeftellten Suite von Roheifen- Sorten beachten: Ferromangan, welches bis gegen 70 Percent Mangan enthalten foll. Es wird dasfelbe nicht in Tiegeln, fondern in Siemensöfen dargestellt, indem 2 14 Franz Kupelwiefer. Manganerze mit Kohlen gemengt, in ein ftark erhitztes Roheifen- Bad eingetragen werden. Das Eintragen erfolgt partienweife bis der entſprechende Mangangehalt erreicht ift. Der Ofen unterfcheidet fich von einem gewöhnlichen Siemens- Martinofen nur dadurch, dafs die Sohle nicht aus Maffe, fondern aus Graphit und feuerfeftem Thon hergeftellt ift. Die bei diefer Arbeit erzeugte, oft bis 25 Percent Manganoxydul haltende Schlacke wird beim Hochofen- Procefs zugefetzt. Das auf diefe Weife erzeugte Ferromangan findet beim Beffemer- und Martinprocefs dann ftatt Spiegeleifen Anwendung, wenn ein Zufatz einer gröfseren Menge Mangans erwünſcht ift, ohne viel Kohlenftoff in das Metallbad zu bringen. Intereffant und lehrreich ift die Art der Claffification des erzeugten Eifens und Stahles, indem man nicht blofs nach der Qualität der zur Erzeugung ver. wendeten Rohmaterialien claffificirt, fondern auch nach der Feftigkeit, welche die Proben bei Zerreifsverfuchen zeigen, indem nicht wie an den meiften anderen Hütten die Härte nach dem Kohlenftoff- Gehalte, fondern die Feftigkeit nach bleibender Längenausdehnung im Momente des Reifsens als Anhalten genommen wird. Da diefer Eintheilungsgrund neu, meines Wiffens noch an keiner anderen Hütte Anwendung fand, fo fei es geftattet, darüber etwas mehr nach den Veröffentlichungen Schneider's zu bemerken. Bei Stahl werden der Qualität nach drei Sorten in Handel gefetzt: A) Maffenftahl für gewöhnliche Zwecke, B) Maffenftahl aus befferen Roheifen- Sorten für fpecielle Zwecke, C) Werkzeug- Stahl für ausnahmsweife Verwendung von vorzüglicher Qualität. Jede der drei Sorten wird regelmäfsig aus genau fortirten Materialien nach denfelben gleichbleibenden Proceffen erzeugt, fo dafs die Producte weder in den chemifchen noch phyſikaliſchen Eigenfchaften wefentliche Unterfchiede zeigen. Die Gröfse der Dehnung beim Zuge, bei einer gegebenen Probe ift die charakteriftifchefte Eigenfchaft, um den Grad der Feftigkeit des Metalles zu beftimmen, und diefe Eigenfchaft wurde als Grundlage zur Claffificirung benützt. Man hat beifpielsweife für Stahl als Nr. I nach den Erfahrungen bezüglich des Verbrauches jene Sorten bezeichnet, bei welchen die bleibende Ausdehnung im Momente des Riffes im Mittel 13 Percent beträgt, und läfst die Nummern mit je 2 Percent der Längenausdehnung fteigen, fo dafs beiſpielsweife Nr. 2 eine Dehnnng von 15 Percent, Nr. 3 eine von 17 Percent u. f. w. hat. Auf diefe Weife wurden II Nummern gefchaffen, von welchen Nr. I das härtefte und Nr. II das weichfte ift. Die weicheren Sorten Stahl von Nr. 8 bis II find der fchwierigeren Fabrication halber im Preife höher gehalten. Nach diefer Scala kann fich der Confument diejenigen Sorten, welche feinen Zwecken am beften entſprechen, wählen; fo wird für Schienenfabrication in der Regel die Qualität A und die Nr. 1 bis 5 gewählt, ebenfo wird für Bandagen, Maſchinenftücke, Achfenbleche Qualität A fowie B gewählt. Während Qualität C befonders in den weichften Sorten für Qualitätsbleche, Achfen, Kanonen etc. Verwendung findet. Zur Durchführung der Proben wurden Rundftäbe von 200 Quadrat- Millimeter Querfchnitt und 100 Millimeter Länge genommen. Für die Zerreifsproben bei Blechen werden die Probeftangen aus 1000 Millimeter breiten, 2500 Millimeter langen und 10 bis 12 Millimeter dicken Blechen nach der Walzrichtung herausgefchnitten. Durch einen empirifchen Procefs, welcher feit langer Zeit bei allen Eifen. forten in Anwendung gebracht wird, und fich als brauchbar erwies, wird der vergleichungsweife Werth bezüglich des Verhaltens im warmen Zuftande durch einen Coefficienten ausgedrückt, deffen Maximum für Eifen gleichfam bei den beften Holzkohlen Eifenforten erreicht wird. Für Stahl werden die Proben nicht nur im weichen, fondern auch in. gehärteten Zuftande durchgeführt. In nachfolgenden Tabellen find die Refultate diefer Erfahrungen auf eine fehr grofse Anzahl von Verfuchen begründet, aufgenommen. 2* Stahl. Tabelle über die phyfikalifchen Eigenfchaften und die Qualität des Stahles, fowie die Nummern der Feftigkeit. Nummern der Feftigkeit Qualitätsmarke härtet ungeI 2 3 härtet ungegehär. tet + 9 15 gehärtet ungehärtet gehärtet 8 7 ungehärtet gehärtet ungehärtet gehärtet unge6 härtet gehärIO I I tet härtet ungegehärtet ungehärtet gehärtet Bleibende Verlängerung im Momente des Reifsens B APC Belaftung per Q. Mm. des urfprünglichen Querfchnittes ABC Belaftung per Q. Mm. d. Reifsquerfchnittes B ABC Reifsquerfchnitt im A Verhältnifs zum urfprünglichen X: I Belaftung entfpre333 13 13 3.8 15 13 5'0 2'0 555 4.8 5'7 17 6.6 17 777 17 7'2 7.8 8.6 19 19 19 9'4 21 II'I IO 2 21 23 12.6 23 IO 8 21 13 3 23 13'2 25 14.8 25 16.0 25 14'6 27 17 0 27 18.2 27 18.0 29 19'5 29 20'6 29 21'O 22'0 23 4 32 333 32 24'2 27.6 35 33'0 76 2 1170 73'6 110'5 77'2 119 3 74'9 115'0 71'8 1080 79'0 1230 76 2 118 3 70'3 105 6 66.8 96.8 62.8 88.6 58.0 78.7 53'2 68.6 49'2 61 2 450 56'2 . 68.2 99'0 64'4 910 59'7 82'0 550 73.8 505 65 8 467 58.8 41 3 51 2 732 112'0 69.8 104 8 65'9 99'0 615, 89.8 56.8 812 52'2 72.6 48.2 63.8 43'5, 53'2 39'3 46 0 95 2 1190 98.5 120'0 101'0 122'0 103 2 123'5 105 6 125'0 106.8 126.5 108 0 128 1 110'0 129'7 1140 1313 980 125'2 101'0 128'0 104'2 130 8 1070 133'5 110'8 136'2 113'0 138.7 115-2 142.0 119'0 145 1 123 0 147'5 1270 152'0 100'2 132'2 104'0 136.5 1080 141'0 1130 146.3 115 5 151'2 119'6 1560 123'2 160 5 127 5 165 4 132 6 1700 1400 175'2 146 6 180 5 0800 0.980 0749 0.930 0.697 0.865 0.646 0.770 0'595 0'710 0'544 0625 0493 0 535 0441 0.473 0 395 0'428 B0792 0950 0.740 0.900 0.687 0.827 0.636 0.775 0582 0.670 0 529 0 590 0'477 0.520 0 425 0'453 0379 0 398 0 325 0337 C 0788 0930 0732 0.867 0.678 0794 0.617 0'720 0'5700655 0'514 0'575 0'460 0'508 0409 0'440 0 363 0375 0310 0 305 0.268 0.255 ABC chend der Elafticitäts- B grenze 50'3 28.8 43.8 26.6 37 8 22'5 33'6 39'0 720 37.8 68.3 36.4 65.8 349 60 6 33'2 56'2 310 411 78.5 400 75'5 38.8 71'0 373 65'4 35.8 62.1 35.8 55'0 31 8 49.8 29.6 44'7 27.5 40'0 23.6 33 0 512 30 7 45'3 27 8 37 2 24 4 32.8 43 2 850 42'2 82'0 41'0 78'0 39.8 72'5 38.3 68.8 36.5 62'2 34'8 56'9 32'7 Qualitäts coefficient in der Wärme ABC 120 120 120 120 120 120 I20 II5 IIO 125 125 125 125 125 125 125 120 115 IIO 130 130 130 130 130 130 130 125 120 II5 IIO Das Hüttenwefen. 15 Stab Blech Stab Blech Stab Blech 16 Franz Kupelwiefer. Eifen und Blech. Tabelle über die, die phyfikalifchen Eigenfchaften bezeich nenden, Qualitäts Nummern. I 2 Qualitätsnummern 3 5 9 7 Stab Bleibende Verlängerung im Momente des Reifsens IO'O 150 6.5 18.0 IO'O 21'5 14'6 25'0 18.2 29'0 22'0 34'0 26.5 Blech Belaftung per Q. Mm. des urfprünglichen 41'0 37 8 33'2 38.0 337 38.5 34.4 38.6 34 8 38.75 35'6 39'2 367 Querschnittes Belaftung per Q. Mm. des Reifs- Querfchnittes 513 55 5 35'6 60'3 37'6 67.0 40 5 736 430 835 480 112'0 55'0 Reifs- Querfchnitt im Ver-) hältnifs zum o'800 0.680 0.940 0.630 0.805 0.575 0.827 0.524 0.808 0462 0740 0350 0.665 urfprünglichen gleich x: 1 Qualitätscoefficient in der Wärme 40 50 60 70 80 90 IOO Bei diefer grofsen Anzahl von phyfikalifchen Unterfuchungen, auf welche fich diefe Tabellen bafiren, wurden die chemifchen Unterfuchungen nicht vernachläffigt, jedoch die Refultate derfelben leider nicht gleichzeitig mit veröffentlicht. Erwähnen kann ich jedoch, dafs man dabei die Erfahrung gemacht haben foll, dafs Phosphor das Eifen und den Stahl bedeutend härter mache( daher bei einer gewiffen Härte auch brüchiger), und dafs ein Gewichtstheil Phosphor nahe diefelbe Wirkung in diefer Beziehung ausübt, wie zwei Gewichtstheile Kohlenftoff. Zu bemerken ift noch, dafs Creufot gegenwärtig vier Converter für je 200 Zollcentner Einfatz in Betrieb und zwei in Bau hat, ebenfo find fechs Martinöfen ununterbrochen in Betrieb. Société anonyme des aciers et fontes de Firminy befitzt diejenigen Hütten, auf welchen der Siemens- Martin- Procefs zuerft in gröfserem Mafsftabe ausgeführt wurde. Es befitzt diefelbe auch gegenwärtig neun Martinöfen, verwendet jedoch zur Durchführung des Proceffes meift felbft erzeugtes Puddlingseifen und nur wenig Abfalleifen, weil letzteres einerfeits zu theuer und anderfeits die Qualität desfelben zu unverlässlich und ungleich ift, fo dafs ein gleichförmiges Product nicht erzeugt werden könnte. Die Productionsfähigkeit des Werkes kann aus folgenden Zahlen entnommen werden: Jahresproduction an Roheifen 432.000 Zollcentner, Rails 240.000, Federn 72.000, Achfen und Bandagen 237.000, an diverfen Eifen- und Stahlforten 120.000, zufammen 669.000 Zollcentner Verkaufswaare. Ausgeftellt waren Räderpaare, Achfen, Bandagen, Federn, Rails, Kanonen und Projectile für fchwere Gefchütze, theils maffiv, theils hohl aus Stahl, theils Stab Blech Stab Blech Stab Blech Das Hüttenwefen. 17 aus Gufseifen nach einem patentirten Verfahren erzeugt, von welch' letzteren Projectilen das Kilogramm mit einem Franc verkauft wird. Compagnie des fonderies forges et acieriers de St. Etienne ( Barrouin) befitzt aufser den Raffinirwerken( Beffemerhütte à 2 Converter und 4 Martinöfen) bei St. Etienne noch Hochöfen bei Givor und ftellte nebft anderen Producten gewalzte Reifen zum Armiren von Kanonen, fowie Schildzapfen- Reifen, ebenfo fchöne Bleche von grofsen Dimenfionen aus, wie z. B.: 99 وو von " 9 95 00 Zollcentnern 50.00 14.300 X 1.270 X 33 Millimeter im Gewichte 8.500 2.400 X 16 Rundboden 25.000 Millimeter Durchmeffer, 16 Millimeter dick 44.00 um die Gröfse ihrer Einrichtungen, ihre Leiftungsfähigkeit zu zeigen. 99 99 Societé des aciers d'Ermont ftellte nach einem geheim gehaltenen Verfahren( Procefs Lepet) erzeugten Façon- Stahlgufs aus, der fich fowohl durch feine fchöne Oberfläche, wie durch fein feines Korn und Freiheit von Blafen in feinen Brüchen auszeichnet. Compagnie des fonderies et forges de Pont- Eveque et Givors( Harel& Compagnie). Beide Hütten befchäftigen nahe 1000 Arbeiter. Während die Hütten in Eveque aus dem dafelbft in zwei Hochöfen erzeugten Roheifen überwiegend Façoneifen für Schiffbau und Brückenbau erzeugen, produciren die Hochöfen von Givors aus Erzen von Mokta, Elba, Spanien und aus dem Departement Ifère theils Spiegeleifen( nahezu 360.000 bis 400.000 Zollcentner) zum Verkauf an die Beffemerhütten an der Loire. Die Gefammtproduction beträgt per Jahr an Verkaufsproducten, und zwar an Spiegeleifen 360.000 bis 400.000 Zollcentner und an Stab- und Façoneifen bei 400.000 bis 420.000 Zollcentner. Die Firmen Brunon fréres maitres des forges à Rive de Gier und Arbel Lucien forge de Couzon à Rive de Gier und Déflaffieux fréres& Peillon à Rive de Gier ftellten ganze Suiten fehr fchön gefchmiedeter Radfterne fowie ganze Räderpaare aus. Befonders hervorgehoben zu werden verdient noch die Fabrication von gufseifernen Röhren und haben fich an diefer Ausftellung gleichfalls drei Werke betheiligt, und zwar Marquife Societé anonyme des hauts fourneaux, fondereies et ateliers de Conftruction, Haldy, Köchling& Comp. zu Ponte à Mouffon, und endlich Societé metallurgique de la Vienne, von welchen hier das erftere als das wichtigſte Werk befonders hervorgehoben werden foll. Aufser allen Gattungen von gewöhnlicher Gufswaare erzeugt die Hütte zu Marquife, gleichfam als Specialität, Röhren und gufseiferne Schachtverklei dungen. Es werden current Röhren bis zu einem Durchmeffer von 1100 Millimeter und 4 Meter nutzbarer Länge herab bis zu 40 Millimeter Durchmeffer und 25 Meter Länge erzeugt. Von Muffenröhren, welche die gröfste Menge der Fabricate bilden, werden drei Typen erzeugt. Alle Röhren werden ſtehend gegoffen, und die Formen mit Hilfe der A. Dewailly'fchen Formmafchine her geftellt. Alle Röhren, welche einen gröfseren Durchmeffer als o 350 Meter haben, werden mit den Muffen unten gegoffen und erhalten diefelben am dünnen Ende einen 100 bis 200 Millimeter hohen Aufgufs, welcher auf der Drehbank abgeftochen wird. Alle Röhren hingegen, welche einen kleineren Durchmeffer als 0 350 Meter haben, werden mit den Muffen oben gegoffen. Alle Röhren werden, bevor fie verkauft werden, auf 15 Atmoſphären geprüft. Die der Länge nach und fenkrecht auf die Achfe durchgefchnittenen Röhren zeigen an allen Punkten eine gleiche Wandftärke und einen blafenfreien, homogenen Gufs. Die Productionsfähigkeit diefer Giefserei ift eine fehr bedeutende, da diefelbe nach den veröffentlichten Daten per Arbeitstag zu erzeugen vermag an Röhren von: 18 Franz Kupelwiefer. Meter Länge Meter Durchmeffer Stück circa Centner I'I bis I 12 600 4 0.9 99 0.35 16 bis 48 960 0.325 72 0.03 36 240 0.275 " 0.225 48 240 3 0.200 0.162 108 " 300 0.150 m 0.108 260 520 99 Ο ΙΟΟ 0.070 260 420 2'5 0.070, 0.040 240 192 3472 fomit Tageserzeugung zufammen circa. IOOO Die Röhrenfabrik allein erzeugt per Jahr etwa 750.000 Zollcentner. In dem Gufse von Schachtverkleidungen machte Marquife in den letzten Jahren ebenfalls bedeutende Fortfchrittte, indem es fich auf viel gröfsere Schachtdimenfionen eingerichtet hat. Die gröfsten Dimenfionen, welche erzeugt wurden, waren: vor dem Jahre 1868.. 2'40 Meter äufserer und 21 6 Meter innerer Durchmeffer in den Jahren 1868 bis 71 3.45 in dem Jahre 1872/73 3.89 dabei ift die Wandftärke je nach den localen Verhältniffen des Druckes verfchieden und kann bis auf 45 Millimeter gefteigert werden. . " " 9 " 27 72 " 3.2 I 3.65 " " " " " Die Gefammt- Jahresproduction an diverfer Gufswaare erreicht nahezu 1,000.000 Zollcentner. Die beiden übrigen Giefsereien erzeugen nahezu gleiche Fabricate mit ähnlichen Einrichtungen, nur befitzen diefelben bis jetzt keine fo grofse Productionsfähigkeit. Hardy Capitaine& Comp. in Nouzon ftellte nebft gewöhnlicher Gufsrecht hübfchen hämmerbaren hämmerbaren Gufs, darunter befonders Waggonbefchläge aus. waare Forges et Ateliers de la Chaléassiere bei St. Etienne, im Befitze der Herren Revollier, Bietrix& Comp., erzeugt recht hübfchen Martinftahl. Obwohl Frankreich durch die Kriegsjahre unendlich gelitten, fo ift doch nicht zu leugnen, dafs dasfelbe, wenn auch nicht durch neue Erfindungen, fo doch durch theilweife Erweiterungen und Verbefferungen im Betriebe nicht unbedeutende Fortfchritte machte. Während im Jahre 1867 nur an wenigen Hütten der Beffemerprocefs Eingang gefunden hatte, finden wir denfelben gegenwärtig fchon an vielen Orten in ausgedehntem Mafse angewendet. Der Martinprocefs, damals eine Neuerung, hat fich ebenfalls eingebürgert und dürften diefe beiden Proceffe gegenwärtig auf folgenden Hütten zu finden fein: Verdie( Firminy) Einfatz Martinöfen Converter Terre noire Beffelle Petin Gaudet zu Affailly zu Givor 6 999220 6 4 6 4 120 100 bis 120 Centner IOO 19 2 140 Zollcentner Creufot Commentry Mont Lucont Four Chambot 4 " Imphy Ancin 2 im Bau Barouin 4 Revollier bei St. Etienne 3 - Zufammen. 42 3 I 44222322 140 200 29 99 2 im Bau Das Hüttenwefen. 19 Die Production diefer Oefen dürfte nahe 2,000.000 Zollcentner erreichen und werden diefe Producte meift auf Schienen, Achfen und Bandagen verarbeitet, von welchen ein Theil auch nach Amerika ausgeführt wird. Beim Beffemerprocefs wird theilweife Roheifen vom Hochofen weg verwendet, wie z. B. in Givor, Beffelle, Terre noire. Zum Rückkohlen wird theils Spiegeleifen, theils Ferromangan verwendet. Bei der Weiterverarbeitung der Beffemer Ingüffe fieht man meift mit möglichst wenig Arbeit durchzukommen, fo werden z. B. in Creufot Rails mit einer Hitze in 14 Kalibern fertig gewalzt. Colonien Frankreichs. Unter den franzöfifchen Befitzungen gebührt bezüglich der Eifeninduftrie unbedingt Algier der erfte Rang und find befonders deffen grofse Schätze an vorzüglichen Eifenerzen hervorzuheben, weil diefelben gegenwärtig fchon in ausgedehntem Mafse ausgebeutet werden, während in den anderen Colonien das Vorkommen von Eifenerzen wohl an vielen Orten nachgewiefen ift, jedoch meift weder eingehend unterfucht wurde, noch weniger aber ausgenützt wird. Algiers Erze werden nur in untergeordneter Menge in Algier verarbeitet, find jedoch für die Eifeninduftrie Frankreichs fchon fozufagen unentbehrlich geworden, da diefelben das Hauptmateriale für die Erzeugung des Qualitäteifens in Frankreich bilden. Der wichtigfte Punkt für die Erzausfuhr ift Mokta el Hadid, von wo gegenwärtig jährlich über 4 Millionen Centner ausgeführt werden. Die Gefammtausfuhr von Eifenerzen aus Algier betrug im Jahre 1872 7.823.790 Zollcentner. Die einzige nennenswerthe Eifenhütte Algiers, welche auch Eifen ausftellte, fteht zu Alélik bei Bône im Departement von Conftantine, wofelbft aus Spath- Eifenfteinen mit Coaks aus Kohlen von l'Edough& Ben Salah Roheifen erzeugt wird. Schweiz. Die Schweiz ift an Eifenerzen fehr arm, indem diefelbe nur einige BohnenerzAblagerungen in Wallis, St. Gallen, Bern, Solothurn, Neuenburg befitzt. Ebenfo leidet die Schweiz Mangel an Steinkohle und erzeugt eben diefes Mangels halber jährlich nur etwa 150.000 Centner Roheifen mit Anwendung von Holzkohlen. Von den Einzelnausftellungen find befonders hervorzuheben die Erzeugniffe der Gefellfchaft der Ludwig v. Roll'fchen Eifenwerke von Solothurn. Diefe Gefellfchaft befitzt vier Werke zu Gerlafingen, Choindez, Clus und Olten. Bohnenerze mit circa 43 Percent Eifenhalt werden mit Holzkohlen und Coaks( in Choindez) auf Roheifen verfchmolzen, und diefes meist unmittelbar zur Erzeugung von Gufswaaren verwendet. Von diefer Fabrication find befonders hervorzuheben Hartwalzen und adoucirte Hartwalzen als Kaliberwalzen für feine Kaliber verwendbar. Choindez ftellte vertical gegoffene Röhren aus, welche auf 20 bis 25 Atmoſphären geprüft worden, und deren Normalgewicht auf 5 Percente garantirt wird. Die Erzeugung an Gufswaare beträgt im Jahre bei 70.000 Centner. Die übrige Production von Roheifen wird in Herden verfrifcht und auf Walzeifen und Bleche, von welchen jährlich bei 80.000 Centner erzeugt werden, verarbeitet. Die Qualität des ausgeftellten Eifens ift eine recht gute, da die Proben eine fehnige Textur zeigen und offenbar fehr zähe find. Hämmerbaren Gufs hat Georg Fifcher aus Schaffhaufen recht hübfch in einzelnen Specialitäten ausgeftellt. Italien. Italiens Eifeninduftrie ift eine noch verhältnifsmäfsig geringe, obgleich das Land mit den fchönften Erzen gefegnet ift. Die Eifeninduftrie felbft macht 20 Franz Kupelwiefer. wenig Fortfchritte, hingegen wächft die Ausfuhr von Erzen von Jahr zu Jahr und erreichte im Jahre 1872 fchon 3,369.240 Zollcentner, während in Italien an Rohund Gufseifen nur 520.000 Centner, an Stabeifen, Stahl und diverfen Eifenfabricaten aber 954.180 Zollcentner erzeugt wurden, wobei bemerkt werden mufs, dafs Stabeifen in Italien überwiegend directe aus Erzen erzeugt wird, während man fich des Roheifens nur dann bedient, wenn Qualitätseifen oder Stahl producirt werden foll. In Anwendung kommt dabei noch die alte Methode in Herden, welche nach Mittheilungen der königlich italienifchen Ausftellungscommiffion auffallender Weife weniger Brennmaterial verbrauchen foll, als diefs der Fall ift, wenn zuerft Roheifen erzeugt und diefes raffinirt wird. Als Brennmaterial wird in der Eifeninduftrie beinahe ausfchliefslich Holzkohle verwendet und betrug die Production an mineralifchen Brennftoffen im Jahre 1872 in ganz Italien an Anthraziten nur 40.000 Centner, an Ligniten nur 1,909.580 Centner. Dafs bei einer fo geringen Production an mineralifehen Brennftoffen der Eifeninduftrie nur wenig zu Gute kommen kann, ift begreiflich, wefshalb es bis jetzt rentabler erfcheint, die Erze auszuführen, ftatt fie im Lande zu verarbeiten. Von den Ausftellern find vorzüglich hervorzuheben: Morandi Peter zu Valle Bondione bei Bergamo, welcher Erze und daraus erzeugtes Roheifen ausftellte. Graffi Benedetto& Scabrino Fiorino erzeugen zu Schilpafio und Derfo bei Bergamo jährlich bei 10.000 Centner Eifen und 1200 Centner Stahl, und ftellten diefe Producte recht hübfch aus. Gregorine Cav. Gio. Andrea von Lovere bei Bergamo ftellte rohe und geröftete Spath- Eifenfteine und daraus erzeugtes Roheifen von verfchiedenen Sorten aus. Das graue Roheifen, fowie theilweife Spiegeleifen wird zur Erzeugung von Puddlingsftahl verwendet, von welchem gehärtete und abgeriebene Stangen in Form von Brescianftahl ausgeftellt waren. Das weifse und halbirte Roheifen wird zur Erzeugung von Herd- Frifcheifen, aus welchem theils Walzeifen, theils diverfe Schmiedeartikel verfertigt werden, verwendet. Die vielen beigegebenen Proben zeigen eine meift recht gute Qualität. Damioli Gio. Maria von Pifogne bei Brescia, ftellte Spatheifenfteine und daraus erzeugtes Roheifen und unter diefem recht fchönes Spiegeleifen aus. Ragazzoni Calino& Comp. von Payzare in Val Trompia bei Brescia, ftellte Erze, Roheifen und in Coquillen gegoffene Rundkugeln von beiläufig zwei Zoll Durchmeffer, fowie Stabeifen, jedoch ohne Bruchproben aus. Giuſeppe Ferrari& Comp. in Vobarno bei Brescia ftellte Roheifen, Stabeifen und Bandeifen aus, und zeigte die gute Qualität des Eifens, welches meift fehnigen Bruch hatte, durch viele beigegebene Proben, welche theils kalt, theils warm gebogen und gelocht waren. Schwarzbleche, welche ausgeftellt waren, hatten ein recht fchönes Ausfehen und waren weich und biegfam. Redaelli Giuſeppe& fratello in Lecco bei Como war der einzige Ausfteller Italiens, welcher Draht blank wie verkupfert ausftellte. Ueberwiegend waren die ftärkeren Nummern vertreten. Zu den Specialitäten der Fabrication gehören noch Hauen, Schaufeln und diverfe Werkzeuge. Zu erwähnen ift noch Cambioggio Filippo& Comp. in Mailand, welcher aus Roheifen mittelft Holzkohle in Comté- Frifchfeuern Frifcheifen erzeugt, welches er auf 4 bis 5 Zoll breites Flacheifen, feines Bandeifen, Nageleifen und fchmiedeiferne Röhren verarbeitet, welche Fabricate in vielen Exemplaren ausgeftellt waren. Monaco erzeugt kein Eifen. Das Hüttenwefen. Schweden. 21 Ein Land, welches fo reich an reinen und guten Eifenerzen ift, als diefs bei Schweden der Fall ist, wird felten gefunden, ebenfo findet man aber auch felten ein Land, welches fozufagen aufchliefslich auf die Verwendung von Holzkohle zur Roheifen- Erzeugung angewiefen, daher bezüglich der Productions. mengen fehr befchränkt ift. Schweden befitzt gegenwärtig noch eine fehr grofse Anzahl von Frifchfeuern, weil es nur wenig mineralifchen Brennftoff in den füdweftlichen Statthalterfchaften zur Verfügung hat und diefer erft feit verhältnifsmäfsig kurzer Zeit ausgebeutet wird. Sobald jedoch die Braunkohlen- Gruben beffer ausgebeutet werden, wird es möglich fein, den Verbrauch an Holzkohle bei den Frifchfeuern zu vermindern, und dadurch die Production an Holzkohlen- Roheifen zu fteigern. Nichts deffen ungeachtet fteht die Eifeninduftrie Schwedens auf einer verhältnifsmäfsig hohen Stufe der Ausbildung und ergreift freudig jede Neuerung, um vorwärts zu fchreiten. Wefentlich trägt hierzu das fogenannte Eifencomptoir, eine Vereinigung von Gewerken, dazu bei, indem dasfelbe oft die Koften von Verfuchen ganz oder theilweife trägt, wiffenfchaftliche Arbeiten und Studien unterſtützt und felbft veranlafst. Wie fehr man in Schweden bemüht ift, fich über den eigenen Standpunkt klar zu werden und anderen das Studium der fchwedifchen Verhältniffe zu erleichtern, kann aus der Vollständigkeit des Specialkataloges, aus den von Dr. Elis Sidenbladh aus Anlafs der Weltausftellung veröffentlichten ftatiftifchen Mittheilun gen, und endlich bezüglich der Eifenfabrication aus dem auf Koften des Eifencomptoir's herausgegebenen von Herrn Richard Akerman zufammen geftellten Heftchen„ Ueber den Standpunkt der Eifenfabrication in Schweden zu Anfang des Jahres 1873" entnommen werden. Die hier im Nachfolgenden angeführten Zahlen find daher auch diefen werthvollen Schriftftücken entnommen. Schweden erzeugte im Jahre 1871: an Bergerzen See und Rafen- Eifenftein " Zufammen . Zollcentner. 12,942.380. 315.389. 13,257.769. Bei der Erzeugung verwendete Arbeiter beim Bergbau 4979. Anzahl der Hochöfen 292. Davon in Betrieb 207. Zollcentner. In 37.471 Blafetagen wurde Roheifen erzeugt 5.978.349. In 827 Frifchfeuern wurden erzeugt an Stabeifen 3.755.833. In 7 Beffemerhütten an Stabl 160.765. An Stahl( überwiegend Cementftahl) 83.745. An Blech. 131.277. 99 Nägeln Eifenbahn- Schienen " diverfen Eifenforten 29 122.760 64.426. 201.149. Beim Eifenhütten- Betrieb befchäftigte Arbeiter 15.480. Schweden führt beträchtliche Quantitäten Eifen aus, und zwar Roheifen nach England, Deutfchland, Stabeifen nach England, Nordamerika, Rufsland etc., und zwar die beften Sorten Herd- Frifcheifen, welches cementirt und zur Erzeugung der beften Werkzeug- Gufsftahl- Sorten verwendet wird; hingegen führt Schweden etwas Giefserei- Roheifen und nahe 200.000 Zollcentner Eifenbahn- Schienen ein. Die Ausftellung befand fich in der nördlichen Quergallerie 7 b, und war auf einen ziemlich engen Raum zufammengedrängt. Befonders hervorzuheben 22 Franz Kupelwiefer. find die Collectivaus ftellung des Eifen comptoirs. An diefer Ausftellung haben fich 23 Mitglieder betheiligt. Alle Mitglieder des Eifencomptoirs, welche fich an diefer Collectivausftellung betheiligten, haben Roheifen eigener Erzeugung, fowie Luppeneifen und Stabeifenforten fammt Bruchftücken ausgeftellt, da jedes der Mitglieder Hochöfen, die meiſten aber auch Frifchfeuer befitzen. Die ausgeftellten Roheifen- Sorten waren überwiegend grau. Nur an wenigen Orten, wie z. B. in Hamarby, wird current eine Partie Weiſseifen erzeugt. Hingegen fand man von Forsbacka und Mölnbacka Roheifen- Gänze ausgeftellt, welche an der unteren Seite ftrahlig weifs und davon fcharf abgegrenzt, oben grau waren. In Forsbacka ift diefes Roheifen als Beffemer- Roheifen ausgeftellt. Graf Hermanfon hat von Ferna& Bernshammar Spiegeleifen mit 9 bis II Percent Mangan ausgeftellt. Unter den Frifchmethoden wird überwiegend die Lancashire- Schmiede betrieben, und waren viele Qualitätsproben, die meift ein fehr fchönes gleichförmiges Korn zeigen, ausgeftellt. Die Lancaſhire- Schmiede fcheint die früher allgemeiner in Anwendung gebrachte fchwedifche Wallonfchmiede immer mehr zu verdrängen, und erfcheint diefs fchon dadurch gerechtfertigt, dafs die letztere ungeachtet des gröfseren Brennftoff- Aufwandes ein fchlackiges, ungleichförmigeres, daher weniger werthvolles Product gibt. Bei genauer Befichtigung der ausgeftellten Qualitäts- und Bruchproben war diefer Unterfchied fehr deutlich zu erkennen. Beim Ausfchweifsen bedient man fich theils der Ekman'fchen Holzkohlen- Gasfchweifsöfen, theils der Siemensöfen mit oder ohne Lundin'fchen Condenfatoren. An fertiger, gefchlagener und gewalzter Waare enthielt beinahe jede der kleinen Ausstellungen etwas von den currenten Sorten. Die auffallendften hierhergehörigen Producte find Walzendraht von Kohlfva, von welchem ein Stück von 36 2 Kilogramm Gewicht, 155 Meter lang war, ein zweites Stück 41 2 Kilogramm fchwer ift und 194'4 Meter Länge hatte. Um die Qualität desfelben zu zeigen, war auch Draht von Nro. 40 der englifchen Lehre beigegeben. Schönes, feines Bandeifen in Scheibenform gerollt hat vorzüglich die Actiengeſellſchaft Degerfors ausgeftellt. Mit der Schienenfabrication befchäftigen fich vorzüglich Nyham mar und Degerfors. An Beffemerftahl haben ausgeftellt Freiherr von Effen von der Hütte Lenna, die Gefellfchaft Forsbacka, die Gefellſchaft Stora Kopparberg vom Stahlwerk Svartnäs, die Gefellfchaft Nyhammar. Alle diefe Beffemerhütten verarbeiten das Roheifen unmittelbar vom Hochofen und fetzen am Ende des Proceffes wenig oder gar kein Spiegeleifen zu. Die Production diefer Werke ift. noch nicht fehr bedeutend. Mit der Erzeugung von Martinftahl befchäftigt fich vorzüglich die Gefellſchaft Udeholm, welche nicht nur Stahl, fondern auch ganz weiches Eifen mit nur 0.15 Percent Kohlenftoff ausftellte, welches für Draht und Nageleifen verwendet wird. Unter den ausgeftellten Stahlforten ift noch befonders hervorzuheben der in Wikmannhyttan erzeugte Uchatiusftahl. Es ift diefs vermuthlich die einzige Hütte, welche gegenwärtig derartigen Stahl erzeugt. In Betrieb ftehen 4 Tiegelöfen mit je 4 Tiegel und wird Coaks als Brennmaterial verwendet. Die Qualität des Stahles ift nach den beiliegenden Atteften eine fo vorzügliche, dafs er für Werkzeuge, Münzftempel etc. Anwendung findet. Es zeigt derfelbe felbft bei bedeutender Härte noch eine grofse Feftigkeit. Nicht zu leugnen ift, dafs die Qualität der beften Sorten der fchwediſchen Erze für diefe StahlfabricationsMethode fich befonders eignet. Die reinften Erze werden fehr forgfältig geröftet, mit Roheifen und Holzkohlen- Pulver in entſprechenden Verhältniffen gemengt, in Gufsftahl- Tiegel in Zugöfen mit Coaks eingefchmolzen. Stockenftröm ftellte adducirtes Eifen aus. Aufser diefer Collectivausftellung finden wir noch eine Reihe von anderen Separatausftellungen, von welchen die wichtigeren hervorgehoben werden follen. Das Hüttenwefen. 23 Oefter by ftellte nur Tiegel- Gufsftahl aus. Wichtiger war die Ausstellung des Eifenwerkes Fagerfta in der Rotunde. Aufser Erzen, Roheifen und Luppen ift es vorzüglich Beffemerftahl und Producte aus demfelben, welche eine befondere Beachtung verdienen. Das Beffemermaterial fcheint nach den ausgeftellten Qualitätsproben von vorzüglicher Qualität zu fein, obwohl die gebrochenen Stahlblöcke nichts weniger als blafenfrei waren. Sehr inftructiv ift die Zufammenftellung, durch welche die Fabrication der Gewehrläufe erfichtlich gemacht wird. Es differirt diefe Methode wefentlich von den gewöhnlich angewandten, indem ein Stück Stahl abgefchmiedet mit einer hydraulifchen Preffe gelocht, über einen Dorn aus. gefchmiedet, gewalzt und endlich konifch zu einem Laufe fertig gewalzt wird. Der Kohlenftoff- Gehalt des verwendeten Stahles beträgt o 35 bis o 4 Percent. Die Qualität der fo gefertigten Läufe ift nach den beigegebenen Certificaten eine vorzügliche. Als Qualitätsprobe ift endlich noch ein Stück Dampfkeffel, welcher in Folge Waffermangels überhitzt, ohne zu fpringen, fich einbauchte, ausgeftellt gewefen. Aufser gröfseren Schmiedeftücken wie Achfen, Kurbeln etc. waren es feine Stahlwaaren, wie Federn, Sägen etc., welche das Auge des Beobachters feffelten. Fagerfta hat zur Beleuchtung der Qualität des erzeugten und ausgeftellten Stahles fehr vollſtändige Verfuche über die Feftigkeit von David Kirkaldy in London durchführen laffen, welche hier defshalb detaillirt folgen follen, weil fie auch über den Einflufs der mechanifchen Bearbeitung Auffchlufs geben, und weil fie zu den vollſtändigften Verfuchen diefer Art zu zählen find. Leider fehlt es bei diefen Tabellen an einem erklärenden Texte, fo dafs manche Angaben ergänzt werden mufsten. So fcheint z. B. die Bezeichnung der Probe. ftangen den Kohlenftoffgehalt in Percenten anzugeben. Belaftung bei der Dehnung. Gefchmiedeter Beffemerstahl von verfchiedener Härte, Länge der Stäbe= 9 Durchmeffern. - Ausdehnung Stäbe von 2 QuadratBelaftung an der Elafticitätsgrenze zoll bezeichnet A Gröfste Belaftung per Quadratzoll in Pfunden B Verhältnifs zwifchen A: B Percente Verminderung des Querfchnittes beim Bruche in Percenten bei 60.000 bei 80.000 fchliefslich Pfund pr. Quadratzoll in Percenten Ausfehen des Bruches I'2 62.033 85.200 73.1 2.65 0.00 132 1.8 100% körnig 0.6 0.9 63.066 58.100 106.613 59.4 102.632 56.6 6.11 0.00 14 43 0.49 184 I'42 5'1 6.6 100% 77 100% " 0.3 43.100 61.312 70.3 61.52 16.5 100% fehnig Durchfchnittszahlen aus je 3 Verfuchen. 24 Franz Kupelwiefer. Belaftung beim Verwinden. Länge des Hebels= 12 Zoll.- - Länge des Stabes= 12 Durchmeffern. Stäbe von 2 Quadratzoll bezeichnet mit per Quadratzoll in Pfunden Belaftung bei der Elafticitätsgrenze A Gröfste Belaftung B Verhältnifs zwifchen A: B in Percenten Schliefsliche VerwinO.I= Sunp I Drehung Anmerkung I'2 1.135 2.120 09 I.125 2.336 53.9 0.291 48.2 0.793 0.6 1.083 2.261 48.3 I'O2I Beide Enden gebrochen Ein Ende gebrochen Das andere Ende einmal ungebrochen Ein Ende gebrochen Das andere Ende einmal ungebrochen. Ein Ende gebrochen 0.3 763 1.520 50.2 3.219 Das andere Ende einmal nicht, einmal nur theilweife gebrochen. Stäbe von 2 Quadr. zoll bezeichnet mit Belaftung bei der Elafticitätsgrenze Durchfchnittszahlen aus je drei Verfuchen. Belaftung beim Druck. ftung Gröfste BelaSchliesslich bleibende Zufammendrückung in Anmerkung Belaftung bei der Elafticitätsgrenze Gröfste Belaftung Schliesslich bleibende Zufammendrückung in pr. Q.Zoll in Pfd. Zollen% Länge gleich 1 Durchmeffer. 64.000 200.000 0.236 20 9 pr. Q.Zoll in Pfd. Zollen% Länge gleich 2 Durchmeffern. 63.333 169.907 Anmerkung I 2 66% zerdrückt 0.9 62.666 200.000 0.252 22° 4 58.666 173.287 33% zerdrückt 0.6 60.000 200.000 0.294 26.0 Ausgebaucht 57-333 156.000 0.517 23 0 3 ་ ༠/) fchief 0* 3 39.000 200.000 0.543 48.1 42.000 Länge gleich 4 Durchmeffern. 121.333 0.829 36.8 gedrückt Länge gleich 8 Durchmeffern. I* 2 62.333 133.333 0 400 8.9 61.666 102.173 Ausgebaucht u. theilweife abgefchnappt 0* 9 58.666 117.560 0.304 6.8 fchief gedrückt 58.000 95.207 0* 324 3.6 0.6 53.333 105.333 0.248 5* 5 52.666 84.827 0.355 4'0 Ausgebaucht 0* 3 41.000 81.760 0.844 18-8 40.666 47.513 0 435 4.8 Durchfchnittszahlen aus je 3 Verfuchen. Stäbe von 2 Quadratzoll bezeichnet mit Das Hüttenwefen. Belaftung beim Abfcheren. An jedem der beiden Enden des Probeftückes. Druck beim Deformirung Gröfster Verhältnifs Abfcheren A vor dem Druck B von A: B Bruche in in Percenten per Quadratzoll in Pfunden Zollen Anmerkung I'2 61.412 85.200 73.3 0.193 Gebrochen 0.9 79.737 106.613 7512 0.249 وو 0.6 71.648 102.632 69.5 0.281 وو 0.3 45.410 61.312 74 0 0.323 99 Belaftung bei der Biegung. Entfernung der beiden Auflagspunkte. 20 Zolle. Querfchnitt 19 X 19 Zoll. BD2= 6.859. Stäbe von 2 Quadratzoll bezeichnet mit per Quadratzoll in Pfunden Belaftung an der Elafticitätsgrenze A Gröfste Belaftung B Verhältnifs von A: B in Percenten Schliefsliche Durchbiegung in Zollen für die Einheit von BD2 Elafticitätsgrenze Gröfste Belaftung Anmerkung I'2 21.133 32.589 66.0 0.78 0.9 21.700 43.833 49.6 149 3 164 3.081 4.800 3.164 6.390 Gebrochen 99 c.6 18.333 38.145 48.0 3.31 03 15.767 25.283 62.3 5.II 2: 299 3.686 Ungebrochen und verbogen. 2.673 5.568 25 26 Franz Kupelwiefer. Das Hüttenwefen. 27 Um den Einfluss der, längere oder kürzere Zeit, fortgefetzten Schmiedung fowie durchdes Ausglühens nach der Schmiedung zu ftudiren, wurden folgende Verfuche geführt. 10 Zoll lange Stäbe Die Probe Querfchnitt war abgedreht Art der Bearbeitung der Stäbe un ausgeglüht Ausdehnung Gröfste Belaftung B Ausfehen des Bruches Pf p.Q.Z. Zolle in Pfunden per Quadratzoll in Percenten Stahl bezeichnet mit o'8. 10 Zoll lange Belaftung Stäbe Ausdehnung bei ausgeglüht an der Elafticitätsgrenze A Gröfste Belaftung B von A: B Ver- Querhältnifs fchnittsAbnahme 50.000 60.000 der SchlufsBelaftung Ausfehen des Bruches Pfd. per Q. Zoll in Pfunden per Quadratzoll i n Percenten Stahl bezeichnet mit o'8. Gehämmert 22 39 3X3 4X4 33 5X5 Gegoffen 6X6 1335 1400 66.500 98.624 674 32 0.00 0.03 I'335 84.27 68.9 23 002 035 1.400 58.100 I'597 2'000 55.300 76.410 72'4 2'2 0'04 0'42 ( 1514 1800 49.500 69.100 71'6 18 014 052 1514 1800 49.50 68.980 71.8 18 0 14 0'50 11694 2.250 48.200 67.835 71'0 1'6 0'22 0'58 1694 2.250 47.100 19 1'7 37 297 2'2 100 Perc. körnig 47.500 86.073 55° 2 E.I 0.67 1° 42 5° 5 100 Percent körnig. 45.200 77-480 58.3 512 0* 90 1* 59 3.8 33 " 39 33 " 42.400 74-935 56.6 3.5 0* 99 1* 79 3.0 39 دو دو 33 33 "" I 4 38.900 66.560 58.6 3.1 c.98 I'73 2° 5 دو 3 دو 29 دو 11 33 14 39.800 62.120 64° 1 1.8 0160 * 1* 27 I O دو 33 23 23 " 29 I'2 38.100 63.960 59'6 2'7 I'I2 1.89 2'1 " دو دو 11 23 66.440 709 1'4 0'25 0'69 10 39.600 63.125| 62.7 1.6 0* 70 1.29 I 4 12 "" " 33 " 39 Stahl bezeichnet mit o'6. Stahl bezeichnet mit o 6. و" " Gehämmert 2 × 2 3X3 4X4 " 5X5 Gegoffen 6X6 1335 1400 47-700 I'335 1400 45 800 1.597 2.000 43.300 1514 1800 39.200 1514 1-800 39.100 1694 2.250138.300 1597 2.000 38.800 97.887 48.7 28.4 0.21 0.82 10'2 5% fehn.95%/ krn. 89.480 51'2 8.8 0.38 0.97 5'2 100 Perc. körnig 78.115 55'4 4'6 0'40 091 2.8 65.493 59'9 1.8 0.60 125 1'4 62.040 630 18 0.62 128 1'4 69.910 548 27 081 1'521 2'3 66.550 58.3 2.3 0.64 1'22 17 46.300 91.807) 50° 4 46.0 0* 30 I- 73 12' 42.100 86.213 48.8 28.4 0.67 2.00 40.200 75.990 52.9 5.7 0* 74 1'44 11.8 4° 2 100 Percent fehnig. 5 Perc. fehnig 95 Perc. körnig. 100 Percent körnig. دو 13 33 * * 38.200 60.520 63.1 3'I I'17 2° 02 2° 1 19 " وو " " 3 * * 38.100 60.147 63.3 3'I I'22 2'14 2.2 دو " "" 12 33 33 36.500 84.032 43'6 27.6 1'30 2.26 12'3 10 Perc. fehn. 90 Perc. körn. دو " 3 33 37.800 64.055 59'0 2'3 1.09 I'97 2.2 100 Percent körnig. دو 33 دو Stahl bezeichnet mit o 4. Stahl bezeichnet mit o 4. Gehämmert 2 × 2 I'335 1* 400 39.200 32 " 3X3 4X4 " 5X5 Gegoffen 66 I'335 I'597 ( 1.514 1.800 29.900 1514 1.800 29.800 J1 694 2.250 28.400 1.694 2.250 28.200 1400 35.800 2'000 32.300 75.013 52'3 52 5 2 12 4'08 17'9 100 Perc. körnig 73.580 48.7 417, 2'24 4 16 16.7 30% f. 70% k. 72.260 44'7 18.6 2.32 4'32 36.500 70.787 51.6 57'6 3'13 6.02 19.1 100 Percent fehnig. 32.100 68.653 46.8 55.6 3'37 6.39 19'0 دو دو 13.8 100 Perc. körnig 30.200 69.480 43'5 35'7 2'72 5'13 2017 61 960 48.3 5.8 2.72 4'90 61.707 48.3 5.8 2.82 5'32 56.310 50'4 44 270 54.135 52 1 40 269| 5'4* 28.300 61.407 46.1 915 3.30 6.55 7: 0 15 Perc. fehn. 85 Perc. körn. * 100 Percent körnig. 33 "" " . * 5'7" 28.300 60.010 47° 2 7'1 3'17 5.79 5.8 * " د, وو " 19 * 26.200 " 3'7 " 23 33 3.2., * 26.100 55.920 50.085 52'1 46.9 6.1 3'52 4.8 * دو 22 44 3.60 * 3.7 دو "" 37 " 33 Stahl bezeichnet mit o'2. Stahl bezeichnet mit o 2. Gehämmert 2X2 I 335 1400 35.200 دو 3X3 I 335 دو 4X4 I 597 دو 5X5 Gegoffen 6X6 I 400 34.100 2'000 30.300 1514 1800 25.400 1514 1.800 25.200 ( 1.694 2.250 22.300 ( 1.694 2.250 22.100 59.940 58.7 61 3| 170| 5.00 22.5| 100 Perc. fehnig 59.387 57 4, 60˚4, 2.67 6.10 25'9 58.055 52 2 52 5 295 6.73 27 1 56.107 45 3 22 3.23 7.87 19 2 55 520 45.6 28.5 3.47 8 37 19.8 55-740 400 142 3.68 7.89 14.9 50.056 44 2 9.0 3.93,8.38 8.41 33.100 56.347 58.7 64'1 3.40 8.32 22'2 100 Percent fehnig, 31.100 55.207 56.3 62° 3 3'92 9.50 29'9 دو " دو دو 332 د" 28.400 56.86c 49° 9 50.8 3'57 8.35 20'7 دو "" دو 33 دو " * * دو 32 körng 22.900 54.447 42'1 41 3 4.16 9.60 24 I körnig. " د" 22.800 51.640 44'2 245 4.18 9'98 * 12'3 " " 32 دو 33 31 33 20.200 53.755 37.6 28.6 4'39 10.82 19 3 وو 31 35 * * 33 20.100 51.845 38.8 25'7 4.5° II 14 17 I دو د, دو د, دو " دو 33 * Diefe Proben etwas blafig. * Diefe Proben etwas blafig 28 Franz Kupelwiefer. Um den Unterfchied, der durch die Art der mechanifchen Bearbeitung, ob das folgende Verfuche 10 Zoll lange Stäbe unausgeglüht Die Probe war Querfchnitt abgedreht Art der Bearbeitung der Stäbe Gröfste Belaftung B Ausdehnung Das Hüttenwefen. 29 Stück gefchmiedet oder gewalzt wird, hervorgebracht wird, zu ftudiren, wurden durchgeführt. Io Zoll lange Stäbe ausgeglüht Belaftung Gröfste BeAusdehnung bei Ausfehen des Bruches Pf.p.Q.Z. grenze A an der Elafticitäts- laftung B von A: B Ver- Querhältnifs fchnittsAbnahme 50.000 60.000 der SchlufsBelaftung Ausfehen des Bruches Pfd. per Q. Zoll Zolle in Ptunden per Quadratzoll in Percenten in Pfunden per Quadratzoll in Percenten Stahl bezeichnet mit ro. Stahl bezeichnet mit 1'o. Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt 12 × 12 IXI 12X12 2X2 21/ 2X21/ 2 3X3 jo 357 O'100 94.200 0357 O'100 78.600 jo 619 0300 80 500 0619 0300 72.200 ( 1009 0800 70.300 1009 0800 66.800 1335 1400 68.200 1335 1400 65.100 1597 2.000 65.600 1597 2.000 64.500 1785 2.500 61.500 1785 2.500 60.200 135.720 694 20'0 139.980 56 2 20'0 123.060 65'4 10'2 129.280 55'8 12'0 103.950 67.6 3.8 111.560 59.9 83.727 81'2 94.187 69 1 78.620 83 4 0.8 84.090 767 09 70.262 87'5 04 75.605 79.6 0'51 . 0'00 5'7 90 Perc. körnig. 69.700 122.760 . 0'00 7'3 95 " 64.800 127.980 56.8 50.6 25'0 0˚00 O'12 8.3 30'0 0.00 O'20 8.5 95 Percent körnig 80" " . 0° 00 5'3 100 31 27 66.500 117.810 56.4 12'0 0° 00 0.26 74 IOO 33 12 4.6 086 . 0° 00 6.1 33 33 61.200 118.740 51-5 18.0 0'00 0.40 6.0 90 ," 12 33 1'9 2'0 . . . . O'IO 2'0 0'52 2'5 0'37 I'3 33 0'72 0'50 07 25 33 58.600 102.160 57'4 7.6 0'07 0.68 4.8 IOO د" 3 " دو 33 33 53.700 108.740 49° 4 7.9 O'13 0.61 4'7 دو وو " 12 33 50.800 82.271 61.7 5.2 0.66 I'35 4'4 " " 22 1.6" 33 33 46.500 91.310 50° 9 5* 5 0.89 I'40 4.6 225 " دو دو 33 " 43.800 79.840 54'9 416 I'33 2° 30 3'3 دو د, . 0* 32 0.8 23 33 27 41.900 82.810 5016 5'7 1 37 2'32 3.8 " " 29 . 0.34 04 دو 17 93 46.700 70.925 65.8 1.6 I'OI I'47 1'7 33 " 222 " 2 0'30 0.6 "" 12 44.300 72.912 60° 7 2.8 1'09 I'50 2'0 32 دو دو Stahl bezeichnet mit o 5. Stahl bezeichnet mit o 5. Gehämmert) Gewalzt Gehämmert) Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert) Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt 1/ 2 × 12 IXI 1/2 X 11/2 2X2 21/ 2X21/ 2 3X3 jo 357 0100 78.300 0357 0100 46.800 fo 619 0300 49.800 0619 0300 43.100 ( 1009 0.800 46.700 1009 0800 40.500 1382 1500 44.800 1382 1'500 38.300 ( 1.694 2 250 34'700 1694 2.250 36.600 ( 1994 3'000 38.800 1994 3'000 30.400| 95.960 816 47'0 0'000'00' 6'9| 100 Perc. fehn. 90.730 51 6 43'0 110 1'95 16.0 83.720 59'5 44'7 0'21 2'30 16'0 87.760 49 1 29'3 1'02 1.84 16.2 40 77.720 60 1 38.8 0.72 2'17 12'6 100 79.280 51'1 15'8 1'10 2'12 10'2 80.920 55'4 35'5 121 2'55 19'2 65 84 073 45'6 20 8 1'38 2'57 15'9 70 78.840 440 26 2 181 3'40 21'4 80 72.585 50'4 10'3 1'55 2.80 70.080 55'4 4'4 0'66 1'24 62.393 48.7 4'4 1'20 1'98 2'5 47.800 82.120 33 " " 1 58.2 41.200 80.210 514 55'0 0.18 1.56 7'7 100 Percent fehnig. 51'0 1.62 3'15 9.8 33 دو د, 33 37 دو 40.800 51.6 78.650 54'0 1.98 3'38 15'2 دو دو دو 25 33 40.100 83.720 47* 9 39'7 I'22 2.28 II 3 70 د, 23 "" " 42.300 77.810 54'4 47 7 0.82 2.62 13'7 IOO دو د, körn. " 32 37.800 82.780 45'7 38.7 1-49 2.66 15'2 70 د" körnig. 16 16 41.300 78.893 52'4 41'2 I'39 2'71 17'7 50 3) 32 33 - 97 36.100 80.330 5416 38.9 1.80 3'21 16.8 29 37 55 31.300 66.140 47'3 45'4 3.02 5'90 14'7 60" دو 8.2 100 25 32.700 71.630 45.6 35'5 2'52 4'56 13.8 80 دو 2'3 33 37 33 23 33 29.800 69.640 42.8 27.600 8.4 2'10 3.84 7'7 IOO دو 60.193 45.8 5'4 2.16 2.60 3.8 " " Stahl bezeichnet mit o 15. Stahl bezeichnet mit o 15. Gehämmert) Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert Gewalzt Gehämmert) Gewalzt Gehämmert) Gewalzt Gehämmert Gewalzt 12X12 IXI 12X12 2X2 21/ 2X212 jo 357 0.357 o 357 O'100 33.800 Jo619 0.300 48.600 0619 0 300 31.200 ( 1009 0.800 39.500 1'009 0800 29 300 1382 1500 36.200 1382 1'500 27.500 ( 1 694 2.250 33.600 1694 2 250 25.200 0100 57.500 72.140 797 59'0 0'000'00 10'1 100 Perc. fehn. 60.780 55'6 72'0 3'41 9'48 22 2 65.220 77'9 64'3 000 0'42 15'4" 54.560 57'2 69 7 4'59 9'98 27.8 58.110 680 58.6 0'29 2'87 130 57.960 50.6 560 310 7'40 27'3 56.093 64 5 585 044 670 29.8 57.453 478 518 3'00 7'19 28.6 95 56.820 59 1 48.8 2'02 5'90 26.4 100 57.345 43'9 31 4 3'26 7'48 20'2 31.900 56.870 56.1 75'0 2.12 "" " " 27.900 52.640 53'0 78.0 4'41 33 37 دو 17 " 33 12 " 39 33 29.900 54-790 54.6 26.800 53.210 50° 4 28.400 52.970 69.7 2'30 6.25 12.6 13.80 32'1 9'21 100 Percent fehnig. وو 33 وو 15'0 " 33 73° 3 2.84 12'79 30.8 " دو د, 53.6 69'2 1'94 8.62 19.1 د, " 2 دو دو 23 35 26.200 54.480 48.1 68.1 3.08 9* 50 22'7 "" 39 22 33 27 33 28.400 53.973 52.6 67.3 1'92 7'51 28.7 " دو " 33 29 25.800 55.779 46.3 62'2 3.28 7.88 2512 " " " دو 37 28.500 52.220 54.6 67* 9 3'20 9.30 24.8 دو körn. 29 33 23.800 53.090 44.8 60* 1 4* 48 10'45 27.7 دو 32 12 12 12 " 3X3 1994 1994 3.000 28.400 56.623 50'2 41'9 254 7'82 25 2 60 33 35 24.600 51.587 47'7 52'3 3.88 13 20 26.0 95 " " 3 3.000 22 900 52.962 43'2 57'8 4'41 1210 311 100 fehn. 20.900 50'227 41.6 64.2 5'32 18.40 32'7 IOO 27 22 3 Dicke der Probeftange in Zollen 10.000 12.000 14.000 16.000 18.000 20.000 22.000 24.000 26.000 28.000 Zugbelaftung in P unden per Quadratzoll 30.000 Längenzunahme bei allmälig erhöhter Zugbelaftung. Gewalzte Stahlbleche von verfchiedener Dicke bezeichnet mit o 15. Länge der genau parallel gearbeiteten Probeftange 100 Zolle. 32.000 Längen zunahme in Zollen Unausgeglüht 0.125 0.022 0.020 0036 0.043 0.050 0.057 0.064 0.071 0.078 0.086 0'094 0102 0111 0'121 0131 0160 0321 0'522, 0.985 0245 0027 0034 0'041 0'048 0056 0'064 0'072 0079 0'086 0'094 0102 0-110 0118 0133 0'15: 0'428 184 3'07 3.83 463 5'40 6.56 2'45 3'08 3.61 4.59 5'55 2.60 3'12 3'79 4'78 5'90 0.380 0.030 0.038 0'046 0.054 0'062 0070 0.078 0.086 0' 104 0'204 0175 2.49 0'500 0'020034 0040 0046 0.052 0058 0.064 0070 0'077 0130 0.64 1'92 0.625 0.029 0.035 0.041 0047 0.053 0'059 0.065 0.071 0'078 0'310 929| 0: 035 0.041 0.065 I'35, 2'10 I 53 4 15 Pf. pr.Quain Perc. dratzoll 2.18 38.900 55.135 70'6 5.34 35.600 54.140 65'7 25.400 48.925 51'9 2'70 3.26 8:05 10 45 14 55 7:00 8:55 11'00 14 15 27.500 50.16 54.8 7.05 8.85 11.95 26.100 49.280 52'9 049.280 Ausgeglüht O'124 0032 0039 0046 0053 0'060 0.067, 0'074 0081 0'091, 0'256 0'591 0908 138 3'19 O'255 0027 0034 00 41 0048 0'055 0'063 0'070 0077 0084 0.092 0'102 0'211 0819 1.80 0.380 0.032 0.040 0048 0056 0.064 0072 0.080 0088 0104 0'220 0'551 0'500 0.032 0.039 0.046 0053 0060 0'066 0072 0'078 0084 0112 0'330 4'92 6.25 7.85 9.98 26.700 45 460 58.7 1'08 2.56 3.60 4'24 5'20 0.625 0.625 0034 0.041 0048 0055 0.062 0069 0'076 0'084 0.124 0'346 0170 0170 2:53 3'19 3.80 4'72 5.88 7'35 3'13 4'31 5.82 6.90 8.20 10'58 1'64 2'93 4.33 5'11 6.12 7'20 9.87 13'25) 6.32 7'45 9'57 11'51 8.80 1186 29.800 49.605 60'1 25.900 46.740 55'4 27 300 49.490 55'2 4 25 200 47.455 53 I 34.000 36.000 38.000 Franz Kupelwiefer. 40.000 42.000 44.000 46.000 48.000 50.000 A Elafticitätsgrenze Belaftung an der Gröfste Belaftung B Verhältnifs von A: B 30 Schliefsliche Um die Vertheilung der Längenzunahme auf die einzelnen Theile der Länge zu ftudiren, wurde jeder Stab in 20, je 5zöllige Zwifchenräume getheilt und die Längenzunahme der einzelnen Theile gemeffen. Urfprüngliche Dimenfionen in Zollen Querschnitt in Quadratzoll Schliesslich bleibende Ausdehnung in Zollen in jedem von den 20 5zölligen Zwifchenräumen I 2 3 4 5 9 7 8 9 IO I I 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Dimenfionen in Zollen Querfchnitt in Quadratzoll Querfchnitt- Abnahme in Percenten Schliefslich bleibende Ausdehnung in Zollen Ausfehen des Bruches 100 Percent fehnig Unausgeglüht 5'21 0172 37'9 0224 59 7 10'17 2'22 X 0125, 0.277 0.12 0.12 0.20 0.26 0.21 0.17 0.16 0.16 0.21 0.22 0.20 0.20 0 32 027 028 036 037, 037 045 055 215X008 2.27 X 0245 0556 130 101 0.64 0.52 0.54 0.36 0.20 040 048 042 0.42 042 042 040 032 038 038 049 051 056 172 X 013 2.28 X 0380 0.866 0.90 1'09 1'12 138 129 131 1'00 o'90 078 0.85 0.70 0.72 0.95 1'01 1'12 1'73 1'00 0.97 0.96 0.86 1.62 X 015 2:27 X 0'500 1135 0.88 1'04 0.99 0.86 0.78 0.66 0.66 0.66 0.65 0.60 0.62 0.63 0.64 0.60 0.65 0.75 0.76 0.80 2'05 1'08 1.57 X 0'28 0'440 61 2 16 30 2.26 X 0.62 1412 097 2 29 1'01 097 0.83 072 055 070 079 081 0.90 0.99 0.80 0.72 0.55 0.80 0.86 0.87 0.80 0.80 1.50 X 0.37 0'555 60'7 17.95 097 083 072 055 070 10.80 0.86 O'251 71.0 20.64 Ausgeglüht Das Hüttenwefen. 100 Percent fehnig 0187 67.5 16.88 0.262 69.6 18.19 0403 64.3 19.15 0.521 631 17 45 2.24 X 0124 0277 045 045 040 0'27 030 040 040 045 0.80 o'98 o'98 1'28 0'54 0'48 0.53 0.65 0.56 041 0 33 0.32 1'97 X 005 0098 64.6 10.98 2.26 X0255 0576 060 0.54 0.42 0.48 0.68 0.98 0.89 0.72 0.89 0.96 0.78 0.68 0.70 0.98 105 0.83 1'08 1'93 097 0.72 170X0'11 2:27 X 0.380 0.862 0.82 0.94 2.07 0.93 0.80 0.78 104 0.90 0.7 0.73 0.81 0.96 0.93 0.93 1'12 1'00 0.78 0.64 0.62 0.61 164 X 0.16 2.26 X0500 1130 0.96 0.92 0.73 0.89 0.81 0.81 0.71 0.70 0.80 0.80 0.82 0.85 0.99 2'08 109 106 106 103 102 1'00 155 X 0'26 2.26 X 0.625 1412 0.75 0.75 0.82 0.82 0.89 1'05 1'19 1 21 2'13 092 0 88 0.82 0.79 0.68 0.65 0.61 061 066 062 0.60 1 49 X 0.35 bezeichneten Zahlen erfolgte der Bruch. Bei den mit - 3* 31 Dicke der Probeftange in Zollen 10.000 12.000 14.000 0'500 0'022 0'030 0'038 0.046 0'053 0'061 0'069 0'077 0'085 0'092 O'102 0113 0'140 0.313 0.640 1'01 0.625 0'026 0'034 0'042 0.050 0'058 0'066 0'074 0'082 0'092 O'102 0125 0'450 0.896 1.46 1* 50 Ausgeglüht O'I22 0'020 0'025 0'029 0'034 0'040 0'048 0.057 0'075 O'112 0'221 0'385 0'514 0653 0.768 0.891 1'02 O'255 0'023 0'030 0037 0044 0051 0058 0066 0.074 0.082 0092 0.108 O'152 0'297 0540 0.811 1'21 0'380 0'026 0.033 0.039 0'045 0'052 0'060 0.069 0.078 0.090 O'III o'176 0.688 0.964 1'36 171 0'500 0'026 o'032 0'038 0044 0051 0'060 0'070 0'084 0'115 0381 0.980 1'42 o'628 0'029 0035 0'042 0050 0'058 0066 0084 0'105 0136 0'497 1* 18 16.000 18.000 20.000 22.000 24.000 26.000 Längenabnahme bei allmälig zunehmender Druckbelaftung. Gewalzte Stahlbleche von verfchiedener Dicke bezeichnet mit o 15. Länge der genau bearbeiteten Probeftange 100 Zoll. Die Enden find genau rechtwinkelig abgearbeitet. Druckbelaftung in Pfunden per Quadratzoll 28.000 30.000 0.125 0'017 O'021 0'025 0'029 0'033 0.039 0.045 Längen abnahme in Zollen Unausgeglüht 39.900 0'051 0'057 0064 0'071 0078 0.085 0'092 0'099 0.108 0.120 0'135 149 0170 0'200 0.248 0'020 0'026 0'033 0'040 0'048 0056 0.063 0'070 0077 0'084 0'091 0'078 0'106 0114 0124 0136 0153 018 291 0'555 0807 36.300 0.380 0'025 0'032 0'039 0'046 0'053 0'060 0'069 0'078 0.087 0'098 0113 0 160 0'491 0.802 1'06 1'28 0165 I'13 1'25 1'39 I'55 I 74 23.300 I'74 27.500 25.200 22.700 20.100 26.500 29.800 25.500 32.000 34.000 36.000 38.000 40.000 42.000 44.000 46.000 48.000 50.000 Belaftung an der Elafticitätsgrenze Pfund pr. Quadratzoll Franz Kupelwiefer. 32 Um die Vertheilung der Längenabnahme auf die einzelnen Theile der ganzen Länge zu ftudiren, wurden die Stäbe in 20 je 5zöllige Zwifchenräume getheilt und die Längenabnahme der einzelnen Theile gemeffen. Ursprüngliche Dimenfionen in Zollen Querschnitt in Quadratzollen Bleibende Zufammendrückung in Zollen in jedem der 20 5zölligen Zwifchenräume I 2 3 4 5 227 X 0125 0'283 2'27 X 0248 0'563 2'26 X 0380 0858 2'26 X 0'500 1'130 227 X 0625 1.418 9 7 8 6 ΙΟ II Unausgeglüht 0'07 0'06 0'05 007 60.0 O'II ΟΙΟ 80.0 60.0 60.0 60.0 O'IO OI.O 60.0 OI.O ΙΟ OI.O OI.O OI.O 80.0 80.0 OI.O II.O ΟΙΟ 0.07 II.O II.O 60.0 80.0 II.O O'14 O'14 OI.O 0.08 60.0 60.0 80.0 80.0 80.0 II.O II.O ΟΙΟ O.IO I2 13 14 15 16 17 18 19 20 Ο ΙΟ Ο ΙΟ Ο ΙΟ Lo.o OI.O 0:09 0'07 O'II II.O II.O II.O O'II 0'09 0'05 90.0 Bleibende Zufammendrückung auf 100 Zoll in Zollen Ο ΙΟ 1.83 1'95 1'93 06.1 16.1 60.0 ΟΙ, Ο Ο ΙΟ II.O 60.0 OI.O 60.0 OI.O 80.0 0.08 O'12 O'12 OI.O II.O O'12 O'12 OI.O 80.0 80.0 OI.O OI.O OI.O OI.O II.O O'12 ΟΙΟ 90.0 OI.O 80.0 OI.O O'12 O'12 OI.O OI.O II.O 0'07 0.07 O'I2 0'07 0.09 OI.O 80.0 Ausgeglüht Das Hüttenwefen. 2'26 X 0122 0'275 2'26 X 0'255 0.576 227 0380 0.862 2:27 X 0'500 1'135 2.26 X 0628 1'419 II.O 80.0 0'05 I I O OI.O O'I2 O'13 0'14 O'14 O'13 O'13 OI.O OI.O II.O OI.O II.O 0.07 OI.O II.O OI.O O'12 II.O 60.0 60.0 80.0 O'13 II.O 60.0 OI.O ΟΙΟ 80.0 0.05 O'15 So.o 60.0 60.0 II.O OI.O 01.0 90.0 60.0 0.0 60.0 0'02 0.07 OI.O ΟΙΟ O. II II.O 80.0 II.O II.O 60.0 60.0 80.0 80.0 OI.O 80.0 60.0 60.0 OI.O OI.O II.O II.O O.IO 60.0 OI.O OI.O II.O OI.O 80.0 II.O OI.O OI.O 60.0 0'07 0'13 O'12 ΟΙ Ο II.O 90.0 II.O OI.O 80.0 O'12 80.0 ΟΙ.Ο II.O O'12 O'12 O'II O.IO 96.1 06.1 2'00 1'92 1'97 80.0 80.0 OI.O OI.O 60.0 60.0 60.0 O'12 33 Ausgeglüht Unausgeglüht Ausgeglüht Unausgeglüht Befchaffenheit der Probe Dimenfion in Zollen 34 Franz Kupelwiefer. Verfuche über den Einflufs, welchen eine verfchiedene Form hervorbringt. Stahlplatten von verfchiedener Dicke bezeichnet mit o 15. Ursprüngliche Ausdehnung bei Querfchnitt in Quadratzollen in Pfd. pr. Q. Zoll Belaftung an der Elafticitäts grenze A ftung B Gröfste BelaStahlplatten 10 Zoll breit; Länge gleich der Breite. in Percenten in Percenten Verhältnis zwifchen A und B Verminderung des Querfchnittes beim Bruche 40.000 Pfd. per Q. Zoll der gröfsten Belaftung Ausfehen derBruchfläche 9'95 X0'129 9'95 X 0'250 1* 283 53.300 74.915 2* 487 37.900 60.480 71'1 43'1 0'00 10* 8 62'7 48.5 O'22 28.2 9.95 X 0.380 3'781 29.500 51.456 57'3 59° 3 7'33 36.1 9'95 X 0'495 4.925 31.100 55.803 55'7 50° 0 5.82 36.4 9.95 X 0.625 6.218 28.000 52.924 52'9 55'1 6.66 37'2 9'95 X 0.124 9'95 X 0.255 9.95 X 0.380 9'95 X 0.490 1'233 35.500 57.485 61.8 57'I I'II 22'9 2'537 33.800 54.543 62° 0 60° 9 3'90 33.8 3.781 28.900 4.875 27.800 51.076 56.6 63 4 7* 39 35.8 51.338 54'2 61.0 8.70 38.5 9.95 X 0.628 6.248 25.500 50.432 50.6 62'0 9'98 34'4 Stahlplatten 15 Zoll breit; Länge gleich der dreifachen Breite. 1* 5 X 0'129 15X0'250 0'193 50.500 71.940 0'375 35.400 56.740 62'4 70° 2 47'1 0'00 135 54'2 1'03 35'5 1* 5 X 0.380 0* 570 29.300 50.345 58.2 62'5 7.81 415 15X0495 0* 742 30.800 54.425 56.6 58.6 6.04 40˚0 1.5 X 0625 01937 28.300 52'475 53'9 61.7 6.85 44'7 1'5 X 0124 I'5 X 0'255 0* 186 33.200 55.459 59* 9 60.8 1.16 28.4 0 382 30.500 52.715 57'9 63.5 4.69 40° 1 15 X 0.380 0* 570 28.100 50.350 55.8 63.6 8.23 42'0 15 X 0'490 O'735 27.900 50.842 54'9 65'1 8.79 42'5 15 X 0.628 0'942 25'700 50'025 514 64° 3 9'37 43'5 100 Percent fehnig. 100 Percent fehnig. Verfuch mit gelochten Platten von verfchiedener Dicke bezeichnet mit 0.15. In jeder Pr beplatte waren mehrere Reihen von je 5 Löchern von o 77 Zoll Durchmeffer angebracht, fomit 30 8 Percente der Breite weggenommen. Dimenfionen der Probe Breite, Dicke Querschnitt in Quadratzollen Gebohrte Löcher Unterfchied Schliefsliche Belaftung Geper per fammt Quadrat Quadrat zoll zoll Pfunde in Per% centen Schliefsliche Ausdehnung Bruches Ausfehen des Geftanzte Löcher Schliefsliche Belaftung Unterfchied Gefammt per per Quadrat Quadrat zoll zoll Pfunde Ausfehen des Bruches Unterfchied zu Gunften der gebohrten Löcher in Beziehung auf Belaftung Ausdehnung % in Percenten centen in PerSchliefsliche Ausdehnung Schliefsliche Belaftung einer vollen Platte in Pfund per Quadratzoll Unausgeglühte Platten. 12'50'129| 1.612 12'50'250 3'125 125 X 0380 4.750 90.420 144.780 188.270 56.091 18.824 25'13 5'7 46 330 39.636 14.150 23'39 14'I 11.820 22'97 17'2 12'50'495 6.187 270.290 43.680 12.123 21'72 18.7 12'5 X 0.625 7'912 319.110 40.849 12.075 22'82 19'0 100 Percent fehnig 80.850 50.155 24.760 33'05 3'2 100%/ fehn.| 7'92 2'5 129.490 41.435 169.890 35.766 19.045 15.690 31'49 9.6 8.10 4.5 74.915 60.480 30'50 13'5 7'53 3'7 51.456 189.320 30.600 25.203 45.17 3'2 95% körn. 23.45 15'5 55.803 210.71026.973 25.951 19 100% fehn. 26.22 49.04 17'I 52.924 Platten. 59.760 38.555 18.930 117.890 36.991 17.552 32.93 10 3 32.20 14.6 165.960 34.939 16.137 31.60 18.1 219.730 35.874 15.464 30 12 19 3 271.870 34.633 17.599 31 32 20 7 100 Percent fehnig 7.08 7.18 5.85 I 2 57-485 6.70 1* 5 6.74 I'3 54.543 51.076 I˚7 51.338 I 2 50.432 Ausgeglühte 12 5 X 0124 1.550 12.5 X 0.255 3.187 129.490 12.5 0.380 12.5 X 0.490 12.5 X 0.628 4* 750 182.310 6.125 7.850 241* 970 39.505 64.970 41.916 40.631 13.912 38.381 12.695 11.833 15.569 27.08 115 25.50 16.3 24.86 19 4 23.04 21° O 300.320 38.257 12.175 24 14 21'9 100 Percent fehnig Das Hüttenwefen. 35 O'125 2'33 Dicke der Scheibe in Zollen 250.00 50.000 36 Franz Kupelwiefer. Gewalzte Stahlplatten bezeichnet mit 0'15 verfucht auf Widerftand gegen Ausbauchung. Durchmeffer der Scheiben 12 Zoll, Durchmeffer des Unterlagsringes 10 Zoll. Bei einer Belaftung in Pfunden Schliefsliche 75.000 100.000 125.000 war die Ausbauchung in Zollen 0.625 0° 44 0.97 I 33 1.61 0* 500 0.68 I 20 1.58 1.93 2° 28 2.73 150.000 175.000 200.000 Ausbauchung in Zollen Belaftung in Pfunden Unausgeglüht. 1* 92 2* 15 2'42 2177 3'44 219.310 nicht angeriffen 3.33 160.890 " 0.380 0.89 1* 51 2* 01 2.68 O'255 1.09 1.86 3* 22 105.070" دو 3.11 71.540 0* 124 1* 36 3.00 32.485 verbogen 0.625 0* 45 0.98 1* 36 1.67 1* 96 2'19 2.48 2.88 3* 44 212 060 nicht angeriffen 0* 500 0.65 1.16 I- 53 1.86 2* 21 2.62 3.33 164.580 " 0* 380 0* 92 I* 55 2° 06 0* 245 1.03 1.68 2.81 3'22 104 620 3.11 72.060 " 3 " " " 0* 125 1.58 3.00 28.310 37 verbogen Ausgeglüht. 0.625 0* 52 1.03 I- 41 I'72 2° 03 2* 27 2.62 3* 14 3'45 201 770[ nicht angeriffen 0* 500 e.73 1* 28 1* 70 2.06 0* 380 0* 94 1.58 2* 14 2.46 2.99 3.34 150 740 دو 3.23 97.830 د" " 0* 255 1* 32 2.18 3.12 59* 970 31 29 دو 0* 124 2.25 3.04 25.820 verbogen 0.625 0° 54 1.06 1° 45 1* 79 2'12 2.38 2'75 3° 45 194 240 nicht angeriffen 0* 500 0* 72 1* 26 1.67 0* 380 1* 04 1.69 2* 28 2° 02 2.43 2.94 3* 34 157* 720" 33 3.23 93.380 32 27 0* 245 1* 34. 2.25 3.12 58.880 9 , "" 3.04 25'050 دو " verbogen Anmerkung Das Hüttenwefen. 37 Lesjöfors bewährte feinen alten Ruf und erzeugt aus LancaſhireEifen, Drähte, Drahtfeile, letztere auch aus verzinkten Drähten, fo wie Martinſtahl für denfelben Zweck und zur Fabrication von Werkzeugen. Die Qualität desfelben fowohl in den härteren wie weicheren Nummern ift eine vorzügliche. Bofors hat in der Gröfse der Production wefentliche Fortfchritte gemacht, indem es feit 10 Jahren diefelbe verdreifsigfachte. Es erzeugt dasfelbe vorzüglich Stabeifen, Nageleifen, Drahteifen, fowie Spaten, Schaufeln etc. Hervorzuheben ift die Ausftellung des Eifenwerkes Schifshyttan, Eigenthum des Herrn Alexander Keiller jun., welches aus Svartberger Erzen Spiegeleifen erzeugt, welches fich feines hohen Mangangehaltes wegen vorzüglich zum Rückkohlen bei Durchführung des Beffemer- und Martinproceffes eignen würde. Die zur Erläuterung beigegebene Analyfe zeigt folgende Zufammenfetzung: Eifen. Mangan Kohlenftoff Kiefel Schwefel 75.100 20.350 3.800 0.254 0.010 0.029 Phosphor Kupfer Spur Die bei der Erzeugung diefer Roheifen- Sorte abfallende ausgeftellte Schlacke ift dunkelgrün und nahe undurchfichtig. Sundström ftellte von feinem Werk Charlottenberg in Wermland aufser Erzen, Roheifen, Torf, Stabeifen, alle Gattungen von Schnitt- und Schienennägeln von vorzüglicher Qualität aus. Finspong, eines der wichtigften und bekannteften Eifenwerke Schwedens, ftellte Erze, Roheifen, Gufswaaren, Kanonen, Hartgufs, Schalen- Gufsräder, Projectile, getemperten Gufs, fo wie Stabeifen, Mafchinen etc. aus. Der wichtigfte Betriebszweig, die Kanonengiefserei, erlitt in Folge der gröfseren an die Gefchütze geftellten Anforderungen wefentliche Veränderungen. Die Gefchütze, welche früher ohne Ausnahme unmittelbar aus dem Hochofen gegoffen wurden, werden jetzt, um eine gröfsere Feftigkeit zu erzielen, aus im Flammofen umgefchmolzenem Roheifen erzeugt. Die fchweren Gefchütze werden aufserdem mit Stahlringen armirt, um ihre Feftigkeit zu vermehren.. Bezüglich der Erzeugung von Panzer durchbrechenden Hartgufs- Projectilen haben fich Finspong und Ankarsrum vereinigt, um eingehende gröfsere Beftellungen rafch effectuiren zu können. Beide Werke wenden die gleiche Fabricationsmethode an, und decken nicht blofs den inländifchen Bedarf, fondern übernehmen auch Lieferungen ins Ausland. Ferna erzeugt auf feinem Hochofen zu Finnbo Spiegeleifen, welches 6 und 10 Percent Mangan hält und feiner übrigen Zufammenfetzung nach als vollkommen verwendbar anzufehen ift. Die beiden Hochöfen von Björnhyttan und Trummelsberg hingegen erzeugen Roheifen für die Frifchereien in Ferna, welche ausfchliefslich die Lancaſhire- Frifchmethode verwenden. G.& A. Lurmann& Comp. von Gunebo erzeugen vorzüglich Draht und ftellten unter Anderem Walzendraht 800 Fufs lang mit einem Gewichte von 156 Pfund aus. Bezüglich des Hochofen- Proceffes haben wir in Schweden wenig Fortfchritte hervorzuheben. Die vielen meift ziemlich kleinen Hochöfen konnten nicht vergröfsert werden, da es nicht möglich war, an einzelnen Orten entfprechende Mengen von Holzkohle zu concentriren, wefshalb fich auch die Betriebsrefultate wenig änderten. Hingegen werden die Gafe ziemlich vollſtändig ausgenützt. Als der einzige Fortfchritt kann vielleicht die regelmäfsige Erzeugung von manganreichem Spiegeleifen auf den Hochöfen von Schifshyttan und Finnbo bezeichnet werden. 38 Franz Kupelwiefer. Bei der Erzeugung von Stabeifen geht man ziemlich allgemein von der alten, Kohle verfchwendenden fchwedifchen Wallonfchmiede zur LancaſhireSchmiede über, was um fo gerechtfertigter erfcheint, als die Qualität des mit letzterer Methode erzeugten Eifens eine weitaus gleichförmigere und beffere ift. Bei der Bearbeitung des Eifens findet man allmälig mehr und mehr Walzwerke angewendet, und verdient unter diefen als Neuerung das zu Forsbacka gebaute Reverfir- Walzwerk mit zwei Turbinen von entgegengefetzter Schaufelung erwähnt zu werden. Wefentliche Fortfchritte machte Schweden in den letzten Jahren bezüglich der Anwendung des Beffemerproceffes. Während in Schweden diefer Procefs bei feiner Einführung zuerft brauchbare Refultate gab, ging es verhältnifsmäfsig langfam vorwärts. Erft als man von dem ftehenden Ofen zu den beweglichen englifchen Oefen überging, wurden wefentliche Fortfchritte erzielt. Beffemerhütten waren im Jahre 1871: 7 mit je 2 Oefen in Betrieb, und zwar in Sandviken, Weftanfors, Svartnäs, Bäcka mit beweglichem Ofen, und 3 andere Werke mit alten ftehenden Oefen, die jedoch ebenfalls umgebaut werden follen. Im Jahre 1872 wurden 4 gröfsere Werke gebaut, und zwar zu Forsbacka, Abäckshyttan, Längshyttan und Iggefund; im Jahre 1873 wurden in Bau genommen Längbanshyttan und Ulfshyttan etc., fo dafs Schweden in kurzer Zeit 13 bis 14 Beffemerhütten mit je 2 Converten in Betrieb haben wird. Der Einfatz per Charge beträgt 50 bis 80 Zollcentner. Die neuen Anlagen zeichnen fich vorzüglich durch fehr kräftige Gebläfemafchinen aus. Als Fortfchritt ift noch die Einführung des Martin- Siemensproceffes anzufehen, welcher in den Hütten von Munkfors, Lesjöfors, Udeholm etc. Eingang fand und vorzügliche Refultate liefert. An Tiegel- Gufsftahl wird nur wenig erzeugt, ebenfo an Puddlings- und Herdfrifch- Stahl, und find diefsbezüglich wenig Fortfchritte zu verzeichnen. Norwegen. Norwegen erzeugt in 18 kleinen Eifenhütten mit etwa 1300 Arbeitern jährlich 125.000 Centner Roheifen, 35.000 Centner Gufswaare und etwa 80.000 Centner Stabeifen, und bedient fich bei der Eifenfabrication beinahe ausfchliefslich des Holzes und der Holzkohle. Die Fabrication von Eifen entſpricht dem Verbrauche nicht und werden jährlich an 124.000 Centner Eifenwaaren eingeführt. Ausgeftellt hatte Jacob A all& Sohn, Eifenwerk- Befitzer zu Naes und Egeland per Tvefteftrand, Roheifen und daraus in Frifchfeuern erzeugtes und gewalztes Stangeneifen, Stahl in Stangen und in grofser Auswahl von vorzüglicher Arbeit aus Stahl erzeugte Werkzeuge, wie Feilen, Beile, Mafchinenmeffer und Hobeleifen etc. Nach den ausgeftellten Qualitätsproben ift fowohl Eifen wie Stahl gut zu nennen, fowie auch die daraus erzeugten Producte fchön ausgeführt find. Von den 9 Giefsereien, welche in Norwegen beftehen, hat nur Wingaard aus Bergen ausgeftellt. Dänemark erzeugt kein Eifen. Belgien. Belgiens Metall- und vorzüglich Eifeninduftrie ift als grofsartig bekannt, es vermag dasfelbe, ungeachtet des eigenen grofsen Verbrauches, nicht unbedeutende Mengen an Eifen und Eifenfabricaten zu exportiren. Das Hüttenwefen. 39 Wenn man die Ausfteller nach dem belgifchen Specialkatalog der Reihe nach durchgeht, fo find befonders hervorzuheben: Chaudoir Charles& Hyacinthe zu Grivegnée mit einem grofsen Affortiment von meift fehr dünnwandigen Röhren aus Schmiedeeifen von dem kleinften Durchmeffer bis über 6 Zoll und einer Wandftärke von 3 bis 4 Linien. Die Röhren find nach den ausgeftellten Proben gezogen, und wenn fie auch theilweife gewalzt find, doch dann nochmals überzogen. Viele Qualitätsproben zeigen die Vorzüglichkeit diefer Producte. Eifenröhren von Extraqualität mit oder ohne Kupferftutzen für Locomotive, Röhren aus Homogenmetall, auf einer Seite verfchloffen, find befonders hervorzuheben. Victor Gillieaux& Comp. zu Charleroi erzeugen aus belgifchem, englifchem und fchwedifchem Roheifen, von welchem 14 verfchiedene Sorten ausgeftellt find, Luppeneifen verfchiedener Qualität( meift 5 Sorten) und daraus Bleche für Schiffe, Refervoirs, Brücken, Keffel, Locomotive etc. Flacheifen, befonders breites, von welchem Mufter von 150 bis 600 Millimeter Breite ausgeftellt find. Diefes Etabliffement befafs in Belgien das erfte Univerfal- Walzwerk. Brückeneifen wird geliefert mit einer folchen Feftigkeit, dafs dasfelbe erft bei einer Belaftung von 39 bis 40 Kilogramm per Quadratmillimeter reifst. Bleche von 6 Millimeter Dicke reifsen nach Verfuchen, welche von der franzöfifchen Marine durchgeführt wurden, erft bei einer Belaftung von 36 Kilogramm per Quadratmillimeter. Als Specialität der Erzeugung ift noch geripptes Blech fürTreppen, Fufsböden etc. zu erwähnen. Société anonyme des lamin oirs de Chatelet bei Charleroi ftellte alle Gattungen Weicheifen in Form von Stabeifen, vorzüglich aber von Bandeifen aus. Die Bandeifen- Fabrication ift eine Specialität diefes Werkes und ftellte dasfelbe unter Anderem auch Bandeifen- Sorten von 20 Millimeter Breite, 1'25 Millimeter Dicke und 85 Meter Länge aus. Lackirte und mit Theer eingebrannte Bandeifen zum Einbinden von Ballen werden ebenfalls erzeugt. Goffin Jofef in Clabecq bei Hall ftellte aus feinen Giefsereien fehr hübfche Gufsröhren von verfchiedenen Dimenfionen, aus den Walzhütten und Schmieden viele Sorten von Façoneifen- Blechen, Platten bis zu 8000 X 1000 X 30 Millimeter, fowie feine Bleche, gefchmiedete Achfen für Locomotive, Tender und Waggons aus. Jova Delhid& Comp. in Lüttich erzeugen aus Feinkorn- Eifen Bandagen ohne Schweifsung; das paquetirte und gefchweifste Feinkorn Eifen zeigt einen fehr fchönen, gleichen Bruch. Feines Rundeifen, daraus erzeugter Draht, feine Bleche verzinkt und gewellt für Dächer, Brückenbleche etc. find in fchöner Weife vertreten. Ufines de Colonfter von Raikem- Verdbois& Comp. erzeugt der Hauptfache nach vier Sorten von Blechen und zwar: I. aus Holzkohlen- Roheifen, polirte Bleche 2. " 3. Coaks- Roheifen 99 4. 79 ordinäre polirte ordinäre 11 Von jeder diefer 4 Sorten werden 14 Nummern von Blechen erzeugt, welche je 2 Meter lang, I Meter breit find und nach den Nummern folgende Dicken und Gewichte zeigen: Nr. 15 02 Mm. dick, 3.05 Kil. fchwer Nr. 7 0 102 Mm. dick, 1680 Kil. fchwer " I4 0.2 3.01 27 وو 99 99 6 0.093 11 99 ,, 13 0.158 د, 11 2'45 19 21 5 0.093 31 99 1* 35°" 1.35°" وو ") 12 17 0.145 11 ,, 2.25 17 27 II 97 Ο 13Ο " 1 2.05 ,, 27 IO و, Ο 13Ο 2.02 19 ,, ,, د, دو وو 4 0.083 17 3 0.078 I 300 I'220 و, 2 0.072 I'I20 وو 27 د, وو. وو و, وو 11 9 0130 2.00 I 0.066 I'O20 97 "" 22 8 O'122 39 19 12 1.90 د, و, ,, 17 دو >) 40 Franz Kupelwiefer. Wenn gleich bei diefer Numerirung weder in der Dicke noch in der Gewichtsabnahme bei den auf einander folgenden Nummern ein Syftem beobachtet werden kann, fo ift doch die Qualität der ausgeftellten Bleche eine fehr gute, und die polirten Bleche find recht fchön und verlieren beim Liegen wenig von ihrer Politur. Gebrüder Schuhmacher in Châtelineau erzeugen Stabeifen, Walzendraht rund und viereckig in vier verfchiedenen Qualitäten, darunter vorzüglich Ketteneifen, fehr kleine Façoneifen- Sorten von felbft fehr verfchiedenen Querſchnitten. Es wird befonders auf Qualität hingearbeitet und fowohl Feinkorn Eifen, fowie weiches Eifen erzeugt. Franz Sillyé Pauwels erzeugt in feiner Hütte zu Regiffa bei Huy drei Sorten von Blechen, und zwar: 1. Bleche polirt aus Holzkohlen, Coaks- Roheifen und Stahl( Beffemerftahl) nach folgenden Nummern und Dimenfionen: Polirte Bleche aus Holzkohlen Roheifen: Nr. I I 3.000 - 1.250 0.1 Millimeter und o 8 Kilogramm per Quadratmeter " 2 2.500 - 1.250 ΟΙ 0.8 " 9 " " 99 " 9 " 3 2.500 - 1.250 - " 9 4 3,000 - 1.250 0 15 0.15 0.2 I'2 " 99 " " " F 1.6 " " " 79 5 3.000 - 1.250 - 0.2 1.6 1 " " " " 6 79 3.500 - 1.250 0 45 " 29 3.6 " 29 " 9 " 7 2.500 - 1.250 - 0.5 29 40 " " 8 99 2.500 1.250 - 0.5 י " 40 " 9 94 " 9 9 3.500 1.250 0.6 17 4.8 16 99 " IO " 3.000 - I I " 29 29 13 29 " 12345 3.000 2.500 2.500 - 1.250 0.65 1.250 " 512 " " " 0.65 22 512 16 77 " - 1.250-0.75 6.0 99 " 99 99 - 1.250 0.8 " " 6.4 " " 14 2.500 2.500 - - 1.250 I.250 - 0.8 77 F " 6-4 99 0.9 6.8 " " " 46 99 Nr. 16 2.500 - Polirte Bleche aus gemifchtem Eifen: 1.25004 Millimeter und 3.2 Kilogramm per Quadratmeter 17 2.500 - " 18 2.500 - 1.250 0.5 1.250-0.55 " 9 40 י 29 " 99 44 " " " 19 3.000 - 1.250 - - 0.7 27 " 5.6 " " " 20 27 3.000 1.250-0.7 " 5.6 " 99 2 I " 2.500 1.250 - 0.8 29 6.4 " " Nr. 22 2.500 29 23 2.500-1.250 0.55 Polirte Beffemerbleche: -1.25005 Millimeter und 4'0 Kilogramm per Quadratmeter - 99 99 44 " " " " 24 2.500-1.250 0.55 " 9 44 " 97 99 99 25 2.500 - 29 26 2.500 99 27 3.000 - " 28 3.000 99 29 3.000 99 30 2.000 " 1.250 0.6 " " 4.8 " 99 99 - 1.250 0.6 " 4.8 " I.250 0.6 16 4.8 99 " 9 " 1.250 0.65 29 5.2 " " 9 29 1.250 - - - 0.7 0.75 97 99 " 5.6 6.0 29 27 " " " " 1.250 2. Bleche für getiefte Waare: Polirte Bleche von 1.500-7500.65 bis 0.80 Millimeter. وو 27 Extraqualität 1.500 - 75° 0.65 bis o 80 Millimeter. Das Hüttenwefen. 41 3. Dachbieche von 1.422- 711 Millimeter und 45 Kilogramm per Tafel. 948-632 99 2.8 99 وو Das äufsere Ausfehen, fowie die beigelegten Qualitätsproben zeigen eine fehr empfehlenswerthe Qualität. Societé anonyme de la fabrique de fer d'Ougrée erzeugt überwiegend weiches Eifen und hat in grofser Anzahl Bruchproben mit fehnigem Gefüge und tadellofer Qualität ausgeftellt. Proben von kaltgebogenen Blechen von 6 bis 9 Linien Dicke zeigen, obwohl fcharf zufammengebogen, keine Spur eines Riffes etc. Von Fabricaten find vorzüglich ausgeftellt: Achfen und Bandagen aus Eifen und angekauftem Stahl, breites Univerfaleifen, Bleche von grofsen Dimenfionen, wie z. B. von II.500 X 800 X 4 Millimeter. Societé anonyme de Marcinelle et Couillet erzeugt aus belgifchen und Luxemburg'fchen Erzen zu Couillet und Châtelineau Roheifen, welches verpuddelt und auf Feinkorn und Weicheifen verarbeitet wird. Die Hauptfabricate beftehen in Schienen mit harten Köpfen, T und doppel T- Eifen, Rinneneifen, Façoneifen für eifernen Unterbau bei Bahnen, Rund- und Quadrateifen. Als Specialität ift die Erzeugung von aus einem Stück gefchmiedeten Rädern für Grubenbahnen zu erwähnen. Diefe Anlage befchäftigt bei 6500. Arbeiter. Societé anonyme des charbonnages, hauts fourneaux et lamminoirs de l'Espérance. Diefe Gefellſchaft befitzt eigene Kohlen- und Eifenftein- Gruben und erzeugt per Jahr 5 bis 600.000 Centner Roheifen in vier Hochöfen, welches gröfstentheils auf Bleche, theilweife auf Stabeifen- Sorten verarbeitet wird. Unter den Blechen find Glanzbleche, dreffirte und verzinnte Bleche recht hübfch ausgeftellt. Beffemerbleche werden aus angekauftem Materiale erzeugt. Die Gefellſchaft befchäftigt bei 3000 Arbeiter. Societé anonyme des forges de Zone zu Marchienne erzeugt fowohl Roh- und Feineifen, Bleche, Façoneifen und Eifenbahn- Materiale von bekannter Qualität. Societé anonyme de hauts fourneaux, ufines et charbonnages de Scleffin ftellte ein Sortiment von Roheifen vom grauen bis zum grobftrahligen und daraus erzeugtes Luppeneifen, fowie daraus erzeugte fchwere Façoneifen- Sorten, wie Winkeleifen, I- und Eifen bis zu einer Länge von 20 Meter aus. Nebenbei find aber auch die kleinften Façoneifen- Sorten recht fchön vertreten. Scleffin hat auch einen Martinofen und hat die Producte desfelben recht fchön in Form von Rundftahl und Schienen ausgeftellt. Societé anonyme John Cockerill in Seraing. Diefes Etabliffement, welches in der Entwicklung des Eifenhütten- Wefens am Continente eine fo hervorragende Stellung einnimmt, ftellte alle Rohmaterialien und die daraus erzeugten Fabricate, vom Erze und den Kohlen angefangen, bis zum fertigen Locomotiv und anderen Mafchinen aus. Das Etabliffement, welches gegenwärtig in feinen Kohlengruben mit 2400 Arbeitern bei 7 Millionen Centner Kohlen erzeugt und einen Theil auf 2.8 Millionen Centner Coaks verarbeitet, producirt in 5 Hochöfen 1'1 Millionen Centner Roheifen. Die Hochofen- Anlage wird durch den Bau von 4 neuen Hochöfen bedeutend erweitert. Diefes Werk ift das einzige Belgiens, welches eine Beffemerhütte in Betrieb hat und mit 4 Convertern 340.000 Centner Ingots per Jahr erzeugt; 6 Converters find in Aufftellung, um diefe Anlage zu erweitern. Die Walzhütte erzeugt bei 800.000 Centner Schienen und verfchiedene Sorten Walzeifen. Die Giefsereien, Schmieden, Keffelfchmieden, Mafchinen- Werkstätten verarbeiten einen grofsen Theil des erzeugten Eifens. Das Werk befchäftigt bei 900 Arbeiter und verfügt über Maſchinen von 7800 Pferdekräften. Die Ausftellung an Eifenfabricaten, mit Ausnahme der fertigen Mafchinen, war für ein fo grofses Etabliffement verhältnifsmäfsig wenig anfprechend und zeigt in der Fabrication nichts Neues. Recht hübfch find übrigens die Schmiedeftücke und die Fabricate der Stahlhütten. 42 Franz Kupelwiefer. Societé des laminoirs, forges et fonderies de Jemmapes bei Mons ftellte Roheifen in allen Dimenfionen, façonirtes Eifen für Eifenconftructionen etc. aus. Als Specialität, Qualitätseifen zur Fabrication von Kabelketten, garantirt für eine Belaftung von 45 Kilogramm per Quadratmillimeter. An Façon eifen find befonders hervorzuheben: Winkeleifen von 13 bis 127 Millimeter Schenkelbreite, ungleichfchenklige Winkel bis zu 150 und 90 Millimeter, Schienen, U- und T- Eifen etc. Hervorzuheben find noch Gufsftücke, welche current bis zu einem Gewichte von 300 Centnern roh oder bearbeitet geliefert werden. Was die Fortfchritte, welche Belgiens Eifeninduftrie in der letzten Zeit machte, anbelangt, fo ift nur verhältnifsmäfsig wenig zu verzeichnen. Man bemühte fich überwiegend, die bereits vorhandenen Einrichtungen entſprechend auszunützen und zu erweitern. Wenig gefchah in der Vergröfserung der Hohöfen, indem erft jetzt mehrere gröfsere Bauten in Angriff genommen wurden. Auffallen mufs es, dafs ungeachtet der guten Refultate, welche in Seraing beim Betriebe der Beffemerhütten erreicht wurden, diefe Hütte die einzige blieb und bei diefer auch erft in der neueften Zeit ein Neubau, eine Vergröfserung in Angriff genommen wurde. In neuefter Zeit foll auch in der Nähe von Seraing von einer anderen Gefellfchaft der Bau einer neuen Hütte begonnen worden fein. Auch die Einführung des Martinproceffes fchreitet nur fehr langfam vorwärts und wir fanden nur die Producte eines Martinofens( Scleffin) ausgeftellt. Es ift daher Belgien in der Erzeugung von Stahl, foweit aus den ausgeftellten Gegenständen gefchloffen werden kann und weitere erklärende Notizen meift nicht beigegeben und felbft mit aller Mühe nicht zu erfragen waren, im Verhältnifs zu anderen Ländern mehr als zu erwarten war, zurückgeblieben. Bezüglich der Fabrication von Schwarzblechen hat Belgien feinen alten Ruf bewährt. Deutſchland. Nicht zu leugnen ift, dafs die Ausftellung der deutfchen Montaninduftrie nicht blofs fchöne Ausftellungsftücke enthielt, fondern vorzüglich fchon defshalb befonders erwähnenswerth ift, weil diefelbe fyftematiſch zufammengeftellt und wenn gleich viele grofse Werke gar nicht ausgeftellt haben, dennoch ein richtiges Bild über die Gröfse der deutfchen Montaninduftrie gegeben war, weil alle Objecte fo viel als möglich an einem Punkte vereint ausgeftellt waren. Gerade dadurch, dafs diefe Einigung bezüglich der Aufftellung von Seite der deutfchen Regierung ange ftrebt wurde, war es möglich, ein impofantes Bild zu geben; es ift der Eindruck, den diefe Ausftellung hervorbrachte, ein mächtiger. Was die Productionsverhältniffe anbelangt, fo mögen diefelben aus folgenden Tabellen entnommen werden, welche fo vollständig als möglich zufammengeftellt wurden: An Roheifen wurde erzeugt in den Zollvereins- Staaten: im Jahre Zollcentner in Preufsen 1871 24,144.263 Baiern 1870 99 959.151 Sachfen 1070 255.060 " " 9 Württemberg 1871 201.42 1 " Thüringen 1870 23.933 Anhalt 1870 8.296 29 im Grofsherzogthum Heffen. 1870 244.886 in Oldenburg 1870 7.484 Braunfchweig 1870 421.333 وو " 9 Luxemburg. 1870 2,588.814 Elfafs- Lothringen 1872 4.441.401 Zufammen 33,296.042 Das Hüttenwefen. 43 Vollkommen richtig ift es allerdings nicht, die Productionsmengen der einzelnen Länder von verfchiedenen Jahrgängen zu addiren, es gefchah jedoch nur, um ein annäherndes Bild über die Gröfse der Fabrication zu geben. Intereffant und detaillirt find die über Preufsen, den Hauptproducenten Deutſchlands, veröffentlichten Daten, welche hier fpeciell für das Jahr 1871 folgen follen: Erzeugte Steinkohlen Braunkohlen Zollcentner 531,340.875 Anzahl der Hochöfen. davon in Betrieb Erzeugtes Roheifen Gufswaare aus Erzen Davon wurden erblafen: mit Coaks Holzkohlen 99 Coaks und Holzkohlen " 137,524.902 Summe 668,865.777 336 263 23,506.924 637.339 Summe 24,144.203 22,362.911 1,328.481 452.871 Gufswaaren Erzeugung: Zufammen an Roheifen 24,144.263 von Hochöfen. durch zweite Schmelzung 637.339 5.052.605 Zufammen an Gufswaare 5,689.944 An Weicheifen wurde erzeugt: Stabeifen und Schienen Schwarzblech Weifsblech Draht.. An Stahl wurden producirt: Herdfrifchftahl Cementftahl Puddlingsftahl Gufs- und Flufsftahl 13,382.850 1,840.159 157.443 1,091.042 Summe 16,47 1.494 20.430 20.000 653.44 I 2,963.3 13 Zufammen 3,657.184 Raffinirter Stahl. 178.973 Der Roheifen- Verbrauch war in diefem Jahre 32,474.926 Zollcentner, fomit wurden eingeführt 8,331.000 Zollcentner. Bezüglich der Reihenfolge der Betrachtungen über die einzelnen Ausfteller und deren Ausftellungsobjecte wollen wir uns an den amtlichen Katalog der Ausftellung des deutfchen Reiches halten. Oberfchlefien. Vereinigte Königs- und Laurahütte erzeugt in 13 Hochöfen 1,850.000 Centner Roheifen, welches in 3 Feinfeuern, 8 Umfchmelzöfen, 120 Puddlingsöfen, 42 Schweifsöfen mit 16 Walzenftrafsen auf 120.000 Centner 44 Franz Kupelwiefer. Gufswaare und 1,400.000 Centner Stabeifen, Blech und Schienen verarbeitet wird. All' die erwähnten Producte find in würdiger Weife durch Proben, felbft von fehr guter Qualität, was fehniges Eifen anbelangt, vertreten. Die Producte finden theils auf dem deutfchen, theils auf dem ruffifchen Markte Abfatz. Befchäftigt find dafelbft 4558 Arbeiter. Die in der Königshütte ftehende Beffemeranlage mit zwei Convertern ift fchon längere Zeit aufser Betrieb. A. Borfig's Berg- und Hüttenverwaltung zu Borfigwerk bei Biskupitz. Die Hüttenanlage ift verhältnifsmäfsig neu und fehr fchön. Diefelbe befitzt 4 Hochöfen, 40 Puddlings und 21 Schweifsöfen, 3 Martinöfen etc. und producirte 1872 mit 1542 Arbeitern 400.000 Centner Roheifen, 26.000 Centner Gufswaare, 300.000 Centner Walzeifen und 26.000 Centner Martinftahl, welch' letzteres Product als Specialität diefer Hütte anzufehen ift. Um möglichst gute Qualität zu erzeugen, wird aus manganhältigen Erzen von Neu- Beuthen Roheifen erzeugt, diefes verpuddelt und die auf diefe Weife erzeugten Rohfchienen zur Erzeugung des Martinftahls verwendet. Die Qualität des erzeugten Productes fcheint nach den ausgeftellten Proben in der That ganz vorzüglich zu fein und find Stahlbleche von 5.300X1700X13 Millimeter im Gewichte von 19 Zollcentnern, aufgebördelte Feuerboxbleche ausgeftellt, welche fehr gute Qualität zeigen. Eine zweite Specialität befteht in der Erzeugung von grofsen Puddlingsluppen von 20 und mehr Centnern, welche vornehmlich zur Fabrication von grofsen Blechen verwendet werden. Bruchftücke zeigen ein fchönes, gleichförmiges Korn. Eine dritte Specialität diefer Hütte ift endlich die Erzeugung von Stahl-, Schmiede- und Prefsftücken für den Locomotiv- und Waggonbau. Die ausgeftellten Stücke zeigen eine grofse Fertigkeit in der Erzeugung von Façon- Schmiedeftücken und die mit diefen Stücken durchgeführten Proben eine vorzügliche Qualität. Königliche Eifengiefserei in Gleiwitz. Diefe Hütte führte am Continente zuerft den Hochofen- Betrieb mit Coaks ein. Das in zwei Hochöfen erzeugte Roheifen wird überwiegend zur Darstellung von Gufswaare verwendet, zu welchem Zwecke dasfelbe meift umgefchmolzen wird. Unter den ausgeftellten Gegenständen find befonders hervorzuheben emaillirte Röhren für Pumpenfätze in Gruben, bei fauren Wäffern anwendbar, um diefelben dauerhafter zu machen. Sehr intereffant ift auch die Sammlung von Zeichnungen, welche dazu beftimmt ift, die Fortfchritte beim Betrieb der Coaks- Hochöfen, welche in Gleiwitz gemacht wurden, darzuftellen, indem man die Dimenfionen der Hochöfen- Zuftellungen, fowie die damit erzielte Production von den Jahren 1799, 1829, 1854, 1872 bildlich nebeneinander ftellte. Die wichtigften Daten, die aus diefer Zufammenftellung entnommen werden können, find folgende: Dimenfionen der Hochofen- Zuftellung in den Betriebsjahren: Höhe des Ofens in Metern Durchmeffer an der Gicht " im Kohlenfack " am Geftelle Faffungsraum in Cubikmetern Wochenproduction in Zollcentnern 1799 1829 1854 1872 II 18 13 14 0.96 15.04 13.40 1.38 194 3.82 3:45 314 470 5.34 0.94 0.63 40 31 48 14 274 500 2:56 220.70 0.94 117.58 1125 5000 Man kann aus diefen wenigen Zahlen entnehmen, dafs man lange bemüht war, in Oberfchlefien die Betriebsverhältniffe der Hochöfen nur dadurch zu verbeffern, dafs man die Hochöfen höher machte, während eine entſprechende Erweiterung der Oefen, fowie die dadurch erzielte Volumsvermehrung erft dazu beitrug, die Production wefentlich zu fteigern. Gleiwitz befchäftigt bei 700 Arbeiter und erzeugte im Jahre 1872 bei 188.000 Centner Roheifen und 119.000 Centner Gufswaare. Als Fortfchritt wird Das Hüttenwefen. 45 fowohl in Gleiwitz wie an den übrigen Hütten Schlefiens die allgemeine Verwendung von eifenreichen Schlacken zur Roheifen- Production bezeichnet. Wilhelm Hegenfcheit's Baildonhütte zu Kattowitz und Drahtwerk zu Gleiwitz zeichnen fich durch verhältnifsmäfsig gute Qualität der ausgeftellten Producte aus und ift die garantirte Tragfähigkeit der ausgeftellten Ketten eine ziem lich hohe. Nicht zu überfehen ift die Ausftellung der Redenhütte bei Zabrze, welche fich vorzüglich durch die Gröfse ihrer Coaksproduction, welche 1,000.000 Centner erreicht, auszeichnet. Die Roheifen- Production beträgt bei zwei Hochöfen 450.000 Centner und find als Beleg für die Schwierigkeiten, mit welchen der Hochofen- Betrieb zu kämpfen hat, Analyfen der dafelbft verwendeten Erze beigegeben, aus welchen zu entnehmen ift, dafs die Erze nur 21 bis 32 Percent Eifen, hingegen aber auch 40 bis 49 Percent Kiefelerde enthalten. So arme Erze find aber eben nur unter fonft fehr günftigen Verhältniffen, wie fie dafelbft beſtehen, zu verarbeiten. Zu erwähnen find noch die Ausftellungen von Ruffer zu Piela und die der Hohenlohehütten. Niederfchlefien. Das Eifenhüttenwerk von B.& O. Glöckner zu Tfchirndorf bei Halbau fabricirt nach dem Katalog als Specialartikel aus Flufsftahl, Stahlgufs genannt, Artikel und darunter vorzüglich fchöne Bremsblöcke für Bahnen. Nach dem Bruchausfehen der ausgeftellten Gegenftände find diefe Fabricate aber nicht aus dem Materiale, welches in Deutſchland in neuefter Zeit Flufsftahl genannt wird, fondern aus feinkörnigem Roheifen offenbar dargestellt durch Umfchmelzen von Roheifen unter Zufatz von Stahlabfällen und dergleichen. Oberbergamts- Bezirk Clausthal. Actiengefellfchaft Ilfederhütte zu Grofsilfede bei Peine erzeugt mit Coaks aus gröfstentheils gewafchenen Bohnenerzen Roheifen und hatte von 1860 bis 1872 zwei Hochöfen und fetzte den dritten im Juli 1872 in Betrieb. Diefer letztere Ofen gehört zu denjenigen Oefen Deutfchlands, welche die gröfste Production haben. Bei einem Cubikinhalt desfelben von 216 Cubikmetern, einer Windtemperatur von 300 Graden und einer Preffung von o 265 Kilogramm per Quadratcentimeter werden in 24 Stunden bei 4690 Centner Erze mit 1885 Centner Coaks verfchmolzen und daraus 1706 Centner Roheifen erzeugt. Es ftellt fich fomit der Brennftoff- Aufwand für 100 Pfund Roheifen auf 110 5 Pfund bei einem Eifenhalte der Erze von 36 Percent. Die Roheifen- Production betrug 1872 an 1,100.000 Centner. Die deutfche Actiengefellfchaft für Bergbau, Eifen- und Stahlinduftrie zu Neuftädterhütte erzeugt aus felbft erblafenem Roheifen recht fchöne Bleche, darunter vorzüglich Keffelbleche von ziemlich grofsen Dimenfionen und nach den ausgeftellten Proben auch von guter Qualität. Zu erwähnen ift noch die Ausftellung von Draht etc. des Halle'fchen Puddling Hammer- und Walzwerkes bei Halle a. d. Saale und die Mafchinenbau- Anftalt von Dittmann& Brix bezüglich einer ausgeftellten recht hübfchen Hartwalze. Mittelrhein. Neuhoffnungshütte bei Herborn von W. Ernft Hans& Sohn erzeugt aus fehr fchönen Roth- Eifenfteinen mit Buchenholz- Kohlen graue Gufsroheifen- Sorten, welche behufs Erzeugung von Gufswaare durch Füttern von reichen Roth- Eifenfteinen bis auf den entſprechenden Grad entkohlt werden. Lichtgraue Roheifen- Sorten werden verfrifcht. 4 46 Franz Kupelwiefer. Unter den Ausstellungen der Eifenwerke des Mittelrheins ift ferner die von L. Fr. Buderus hervorzuheben. Derfelbe erzeugt auf der Hütte zu Germania bei Neuwied Puddlings- und Herd- Frifcheifen, welches auf Schwarzblech, verzinntes und verzinktes Blech verarbeitet wird. Die verzinkten Bleche werden als Specialität für Dachbedeckungen erzeugt. Die Production beträgt im Jahre bei 55.000 Centner Schwarzblech, 11.300 Centner Weifsblech und 5500 Centner verzinktes Blech. Zu erwähnen ift noch die hiftorifch- intereffante Thatfache, dafs in diefem Bezirke in der Hütte Reffelftein Deutſchlands erfter Puddlingsofen 1824, die erfte Walzenftrafse mit kalibrirten Walzen 1825 betrieben und 1835 die erfte EifenbahnSchiene gewalzt wurde. Oberpfalz und Oberfranken in Baiern. Gewerkschaft von Achthal, Hammerau und Hohenafchau ftellten vorzügliche Gufswaaren und unter diefen Walzen, weich in Maffe gegoffen, fowie Hartwalzen, aufserdem auch noch Stabeifen aus. Das gröfste Etabliffement diefes Bezirkes ift die Maximilianhütte bei Regensburg. Es befitzt diefe Eifenwerks- Gefellfchaft einen Holzkohlen- Hochofen zu Rittenau in der Oberpfalz, welcher jährlich bei 40.000 Centner Roheifen erzeugt, dann 3 Coaksöfen zu Rofenau, welche bei 700.000 Centner erzeugen und 2 Hochöfen zu Unterwellenborn in Thüringen, welche bei 260.000 Centner Roheifen und darunter auch Spiegeleifen erzeugen. Die Erze, welche verarbeitet werden, find theils Spath- und Braun- Eifenfteine, theils Roth- und Magnet- Eifenfteine, theils Eifenglanze etc. von im grofsen Durchfchnitte meift nahe 40 Percent Eifengehalt. Die Beffemerhütte mit zwei Convertern erzeugt per Jahr etwa 100.000 Centner Stahlingüffe, jedoch meift aus angekauftem Roheifen und wird diefes Product zur Erzeugung von Stahl- Kopffchienen verwendet. Die Jahresproduction der Raffinirwerke erreicht 850.000 Centner, wovon bei 500.000 Schienen find. Zu erwähnen ift noch das königlich baierifche Hüttenamt zu Bingen und das königlich württembergifche Hüttenwerk zu Wafferalfingen, welches nebft Erzen Roheifen und Gufswaare ausftellte. Königsbronn ift wegen Ausftellung feiner vorzüglichen Hartwalzen ganz befonders hervorzuheben. Saarbrückener Bezirk. Gebrüder Gebrüder Baron Gienanth bei Kaiferslautern. Das Werk derfelben befteht aus einer Beffemerhütte mit zwei nicht fehr grofsen Convertern, in welchen per Jahr bei 30.000 Centner Stahl erzeugt werden. Ein Theil( circa 5000 Centner) wird an der Hütte für StahlFaçongufs, der ziemlich hübfch ausfieht, verwendet, ein Theil,( circa 7000 Centner,) wird unter Hämmern ausgefchmiedet, um in Handel gefetzt zu werden. während der Reft in Form von rohen Stahlblöcken verkauft wird. Erwähnt mufs werden, dafs Gienanth anführt, im Jahre 1868 bereits weifses Roheifen zum Beffemern angewendet zu haben. Ob diefs current oder nur verfuchsweife der Fall war, wie die Refultate waren, ift leider nicht angegeben. Gienanth ftellte Bruchproben, Qualitätsproben, Façon- Stahlgufs etc. recht hübfch aus. - Gebrüder Kraemer zu St. Ingberth. Ein altes, jedoch grofses und den Anforderungen der Neuzeit entſprechend erweitertes Hüttenwerk, welches 1350 Arbeiter befchäftigt, und aus dem in fünf Hochöfen erzeugten Roheifen im Jahre 1872: 535.000 Centner Stabeifen, 36.000 Centner Walzendraht und 37.000 Centner Schrauben, Nägel etc. producirte. Das Weicheifen zeigt eine fehr ſchöne Sehne und find unter den Ausftellungsgegenständen befonders lange Winkeleifen hervorzuheben. Erwähnt mufs noch werden, dafs diefes Werk auch Gienanth'fchen Beffemerftahl verarbeitet und diefsbezügliche Producte ausftellte. Das Hüttenwefen. 47 Unter ähnlichen Verhältniffen arbeitet auch das Herrn Adolf Kraemer gehörige Eifenwerk zu Quint bei Trier. Es befitzt ebenfalls fünf Hochöfen, ausgedehnte Puddlings- und Walzwerke und producirt mit 1200 Arbeitern bei 450.000 Centner diverfe Stabeifen- Sorten, welche auf dem deutfchen Markte Abfatz finden. Gebrüder Stumm zu Neunkirchen producirten mit 2000 Arbeitern im Jahre 1872 bei 800.000 Centner Schienen und Walzeifen, 53.000 Centner Gufswaare und 18.000 Centner Hammereifen. Die Qualität des erzeugten Eifens ift. nach den ausgeftellten Proben eine gute, und zeigen die Brüche ein weiches, fehniges Eifen. Luxemburger Bergwerks- und Saarbrücker EifenhüttenActiengefellfchaft zu Burbach. Auf den Hochöfen diefer Hütte wurde im Jahre 1857 mit dem Verfchmelzen der Luxemburger'fchen Minette begonnen, und werden gegenwärtig in vier Hochöfen jährlich über eine Million Centner Roheifen und daraus 418.000 Centner Schienen und 422.000 Centner Façoneifen erzeugt. Als Specialität diefes Hüttenwerkes kann die Erzeugung von diverfen Sorten Conftructionseifen, welche in befonders grofsen und fehr langen Dimenfionen erzeugt werden, gezählt werden, fo find z. B. ausgeftellt Mm. Höhe Mm. Breite Mm. Dicke Mm. Länge I- Eifen von folgenden Dimenfionen: 18.000 355 142 13 18.000 300 125 13 99 " 18.000 266 96 9 97 18.000 235 96 IO 29 27 18.000 200 IOO 99 99 18.000 175 915 27 " 9 18.000 150 80 " 99 18.000 125 75 " " 9 16.500 400 140 IO " 29 J- Eifen 16.500 29 158 58 26.000 157 96 12 2896072 " י 99 99 -Träger mit fehr hohem Stege -Eifen mit folgenden Dimenfionen Dillinger Hüttenwerke. Als Specialität diefer Hüttenwerke ift die Erzeugung von Blechen aller Art, die aus felbft erzeugtem Roheifen producirt werden, zu erwähnen. Das Roheifen wird aus Erzen erblafen, welche bei Saarbrücken, in Naffau, Lothringen, Luxemburg etc. erzeugt werden. Im Jahre 1872 wurden mit 2000 Arbeitern 480.000 Centner Blech erzeugt, und zwar von den fchwerften Keffelblechen bis zu den feinften Druck- und Knopfblechen, wozu Herd- Frifcheifen verwendet wird. 16.500 230 I 42 13 20.000 I 9.200 163.5 280 70 86 18 338 13 Ausgeftellt waren: Locomotivbleche von Refervoirbleche 4100 X1900 X19 6500 X1900 XII Mm. im Gewichte von 2300 Pfund 29 99 Brückenbleche 15000 X1000 X 9 2130 2 100 99 99 99 99 99 Druckbleche I 200 X 650 X I " 99 Schwarzbleche " Knopfbleche 77 1500 X 100 X 0.85 456x 305 x 0.026 99 Weifsbleche 650X 528X 0.4 etc. 99 Eine weitere Specialität bilden fehr fchön verbleite Platten, Wellenbleche 3000 X1000 XI Mm., Druckproben, um die vorzügliche Qualität der Druckbleche zu zeigen, und endlich noch Buckled Platten. ** 48 Franz Kupelwiefer. Elfafs Lothringen. In Elfafs- Lothringen beftanden im Jahre 1872 14 Eifen- und 12 meift kleinere Stahlhütten, in welchen von den vorhandenen 42 Hochöfen 30 in Betrieb waren. In den Eifen- Raffinirwerken waren von den 189 Puddlingsöfen 145 in Betrieb. An Tiegelgufs- Stahlöfen find 3, an Beffemerretorten 2 vorhanden und betrieben. Die Montanproduction betrug im Jahre 1872: an Steinkohle 5,804.1 10 Zollcentner 44.654 13,692.000 4,44 1.40 1 835-540 " 29 " 29 Braunkohle 29 Eifenerzen 99 Roheifen 17 Gufswaare " 77 rohen Eifenfabricaten 2,767.725 rohen Stahlfabricaten 99 Salz " 70.419 560.734 " " wobei an Arbeitern befchäftigt waren: beim Bergbau 3.563 Mann 99 Hüttenbetrieb 11.173 " 14.922 Mann. Salinenbetrieb 186 " " Das Roheifen, welches erzeugt wird, ift überwiegend Coaks- Roheifen, da in Elfafs- Lothringen gegenwärtig nur 2 kleine Holzkohlen- Hochöfen beftehen. Der zur Roheifen- Erzeugung erforderliche Coaks wird aus dem Saarbecken bezogen, während an Erzen überwiegend oolitifche Braun- Eifenfteine( Minette) und nur in untergeordneter Menge naffauifche Roth- Eifenfteine verwendet werden. Von den grofsen Etabliffements haben fich an der Weltausftellung betheiligt: Die Lothringer Eifenwerke in Ars fur Mofelle bei Metz, früher Dupont& Dreifufs. Aufser Roheifen und den currenten Stabeifen- Sorten zeichnet fich diefe Ausstellung vorzüglich durch eine fehr reichhaltige Mufterkarte der verfchiedenften, oft fehr fchwierig zu erzeugenden Sorten von Façoneifen für Hochbauten, Mafchinenfabriken, Waggonbau- Anftalten etc. aus. Baron Dietrich in Niederbronn und Mutterhaufen. Aufser Hochofen, Puddlings- und Walzwerken, fowie Stahlfeuern, befitzt diefes Etabliffement die einzige Beffemerhütte Elfafs- Lothringens mit zwei Convertern. Da das aus eigenen Erzen erzeugte Roheifen wenig zur Erzeugung von Beffemerftahl taugt, mufs Roheifen für diefen Proceſs angekauft werden. Aufser Roheifen, Stabeifen, Façoneifen etc. ift auch noch Schmelzftahl in Herden erzeugt mit recht fchönem Korne im Bruche ausgeftellt. Gebrüder Gouvie& Comp. zu Homburg an der Droffel ftellten aus ihrem Stahlwerke recht hübfchen Stahl in Stangen gefchmiedet aus, während Jahiet, Gorand, Lamotte& Comp. aus Oettingen Roheifen und daraus erzeugtes Stabeifen von fehnigem Bruche ausftellten. Aachen Eifel Bezirk. Diefer Bezirk verbraucht weitaus mehr Roheifen als dafelbft erzeugt wird, und felbft das im Bezirke erzeugte Roheifen wird überwiegend aus Erzen, welche aus dem Naffauifchen eingeführt werden, erzeugt, weil die in Neftern vorkommenden Braun- Eifenfteine nur eine geringe Ausbeute geben. Ausgeftellt haben: Concordiahütte zu Ichenberg bei Efchweiler, welche aus meift von Naffau und dem Siegnerlande zugeführten Erzen, in drei Hochöfen jährlich etwa 500.000 Centner weifses, ftrahliges Roheifen von fehr guter Qualität erzeugt. Aachener Hütten- Actienverein zu Rothe- Erde bei Aachen erzeugt aus angekauftem Roheifen nahe 20.000 Centner Drahtfabricate und 790.000 Centner verfchiedene Sorten Walzeifen. Eine Beffemerhütte, welche gebaut wurde Das Hüttenwefen. 49 kommt erft 1873 in Betrieb. Ausgeftellt find fehr viele Sorten Façoneifen, fchönes, fehniges Weicheifen, Schienen mit Stahlköpfen und ganz aus Stahl, fowie recht hübfcher Draht. Englerth& Cünzer zu Efchweiler- Pümpchen erzeugen ebenfalls aus angekauftem Roheifen alle Gattungen von Façoneifen, wie Brücken- und Baueifen, Univerfaleifen und gewöhnliches Handels- Walzeifen. Als Specialität der dortigen Fabrication kann die Erzeugung von fchmiedeifernen Scheibenrädern und Bandeifen angefehen werden. Die Jahresproduction befteht aus 170.000 Centner Walzwerks- und 9000 Centner Giefsereifabricaten, wobei 500 Arbeiter Befchäftigung finden. Zu erwähnen find noch die Carlshütte, Hammer- und Walzwerk zu Herzogenrath bei Aachen; Eberhard Höfch& Söhne zu Düren, welche Puddlings- und Martinftahl und daraus verfertigte Bandagen, fowie fchmiedeiferne Scheibenräder und Speichenräder mit gefchmiedeten Sternen ausftellten und A. Emil Leguis, Servais& Comp. Eifenwalzwerk zu Efchweilerau. Niederrheinifch- weftphälifcher Diftrict und Osnabrück. Die Eifenin duftrie diefes Bezirkes war urfprünglich auf das Vorkommen der Kohlen- Eifenfteine im Ruhrbecken bafirt und wurde durch Vorkommen anderer Erze im Teutoburger Walde, im Wefergebirge u. f. w. unterſtützt. Jedoch alle diefe Erz- Lagerftätten reichen nicht aus, um den Anforderungen zu entſprechen, wefshalb Erze von der Lahn, vom Siegner Land, aus Luxemburg, Spanien und Schweden eingeführt werden müffen, ja es wurde fogar die Frage ventilirt, ob nicht Erze zweckmäfsig aus Nordamerika bezogen werden könnten.- Nur bei Osnabrück und Ibbenbüren finden fich im Zechftein Braun- Eifenfteine, welche der Georg- Marienhütte in Osnabrück genügend Materiale liefern. Unter den Ausftellern find hervorzuheben: Actiengefellfchaft: Hörder Bergwerks- und Hüttenverein zu Hörde in Weftphalen. Die Hüttenanlage befitzt acht Hochöfen fammt den dazugehörenden Vercoakungsöfen und erzeugt aus Erzen eigener Gruben, welche die Gefellſchaft am Harz, im Siegenfchen und an der Lahn befitzt, nicht blofs Roheifen für den Puddlingsofen- Betrieb, fondern auch für den Bedarf der eigenen Beffemerhütte, welche acht Converter befitzt. Es war ein wefentlicher Fortfchritt beim Hochofen- Betrieb, Qualitäts- Roheifen, für den Beffemerprocefs tauglich, zu erzeugen, weil dadurch der Bezug von englifchem Roheifen entbehrlich wurde. Die Jahresproduction des ganzen Complexes erreicht bei 1,000.000 Centner Verkaufswaare, welche theils in Commerzwaare, in Eifenbahn- Schienen, theils aber auch in fertigen Räderpaaren( Erzeugung per Jahr 6 bis 7000 Paare) beſtehen. Die Räder find meift geprefste Scheibenräder, auf welche die Bandagen aufgezogen werden. Ausserdem ift ein Luppen- Walzwerk in Zeichnung ausgeftellt, mit drei Walzen übereinander, mit welchen zwei Mann beim Walzen und Ueberheben 600 Centner Rohfchienen in zwölf Stunden erzeugen können. Gufsftahl- und Waffenfabrik Witten, früher Berger& Comp., erzeugt überwiegend weichere Sorten Tiegel- Gufsftahls für Gefchütz- und GewehrlaufFabrication, die Gefchützfabrication ift nicht fehr bedeutend, und werden meiſt kleinere Gefchütze erzeugt. Als Specialität ift die Gewehrlauf- Fabrication anzufehen. Aufserdem werden Schmiedeftücke für Mafchinenfabriken, wie Zugftangen, Kolben fammt Stangen etc. verfertigt. Als Beweis, dafs Façon- Stahlgufs erzeugt wird, ift ein derartiges Zahnrad ausgeftellt. Etwas Stahl wird in Form von Stangenftahl verkauft und in der Umgebung für Werkzeuge verarbeitet. Diefe Gufsftahl Hütte befchäftigt 550 Arbeiter. Vulcanhütte von Duisburg erzeugt überwiegend Roheifen, aus einer grofsen Anzahl der verfchiedenften Erze, und ift die Ausstellung durch Zugabe von fehr inftructiven Analyfen von hohem Werthe. 50 Franz Kupelwiefer. Die Annener Gufsftahl- Hütte erzeugte 1872 mit 230 Arbeitern 54.000 Centner Tiegel- Gufsftahl. Das Schmelzen des Stahles erfolgt in Gasöfen ( Regenarativöfen). Ausgeftellt ist vorzüglich fchöner Façongufs und unter diefem Scheibenräder aus Stahl gegoffen, mit ganz makellofer Lauffläche. Actiengefellfchaft Steinhaufer- Hütte zu Witten an der Ruhr erzeugte 1872 mit 670 Arbeitern 451.000 Centner Schienen und diverfes Walzeifen, unter welchen befonders Winkeleifen als Specialität diefer Hütte hervorzuheben ift. Die Beffemerhütte arbeitet überwiegend für die Schienenfabrication und ift in den ausgeftellten Objecten folgende Eigenthümlichkeit zu beobachten. Es find Stahlblöcke für die Erzeugung je einer Schiene gegoffen, ausgeftellt, in deren Achfe ein Schienenftück eingegoffen ift. In den ausgeftellten Bruchftücken von Schienen, welche aus folchen Blöcken gewalzt wurden, fieht man, da die eingegoffenen Schienenftücke aus Weicheifen hergeftellt waren, deutlich eine weiche Seele, welche von härterem Stahl umhüllt ift. Der Grund, warum diefe Fabricationsweife eingefchlagen wurde, kann entweder darin zu fuchen fein, durch die weiche Einlage die Gefahr des Brechens der Schienen zu vermindern oder ein Stück Altfchiene ohne viele Koften auf einen höheren Werth zu bringen. Sehr fraglich mufs es aber erfcheinen, ob der gefuchte Vortheil in der That erreicht wird, da ein vollkommenes Zufammenfchweifsen der Altfchiene mit dem Stahl während des Gufses, während des Erhitzens vor dem Walzen etc. mehr als zweifelhaft erfcheinen mufs. Handelt es fich aber blos um ein Unterbringen von Altfchienen, fo ftehen doch andere Wege zur Verfügung, welche verlässlichere Refultate geben. Der Durchfchnitt eines Puddlingsofen- Modelles fammt ftehendem Keffel zeigt die Eigenthümlichkeit in der Conftruction, dafs der Keffel nach oben allmälig erweitert ift, während er unten ganz fchmal gehalten erfcheint. Actienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb, Gute Hoffnungshütte bei Sterkrade bezieht die zum Betrieb ihrer eilf Hochöfen von meift fehr grofsen Dimenfionen erforderlichen Erze aus den bedeutendften Eifenerz- Diftricten Naffau's, aus Wetzlar, Siegen, Effen, von der Eifel etc. und erzeugt daraus Roheifen für den Puddlings-, Giefserei- und Beffemerbetrieb. In den Raffinir- Werkstätten find in Betrieb 2 Converter, 2 im Bau, ferner 100 Puddlingsöfen, 63 Schweifsöfen etc. Die gefammte Maſchinen- Betriebskraft, welche dem Vereine zur Verfügung steht, beziffert fich auf 8000 Pferdekräfte und finden 8500 Arbeiter Befchäftigung. Die Fabricate beftehen aus Eifenbahn- Schienen, Commerzeifen, Eifenblech, Dampfkeffeln, Gufswaare, fertigen Mafchinen und werden auf der Schiffswerfte zu Ruhrort Dampffchiffe gebaut. Um die Qualität der ausgeftellten Eifenforten zu zeigen, find vierzehn Meter lange U- Eifen kalt gerollt und auf Univerfal- Walzwerken erzeugtes Flacheifen von 17.000 X530 X 9 Millimeter kalt mehrfach zufammengebogen worden. Neu- Oeger Bergwerks- und Hütten Actienverein zu NeuOege bei Limburg an der Lenne erzeugt in zwei Hochöfen Roheifen, darunter viel Spiegeleifen( 277.000 Centner), Gufswaare, darunter Hartwalzen( 12.000 Centner), bei welchen der graue Kern von der weifsen harten Rinde ziemlich fcharf getrennt ift, endlich Walzeifen( 178.000 Centner) verfchiedener Dimenfionen. Befchäftigt find bei 570 Arbeiter. Grillo, Funke& Comp. zu Gelfenkirchen mit einer Jahresproduction von circa 190.000 Centner, worunter etwa 120.000 Centner Bleche find. Phönix, Actiengefellſchaft für Bergbau und Hüttenbetrieb zu Laar bei Ruhrort. Auf den Hütten zu Efchweiler- Aue, Borbeck, Laar bei Ruhrort und Kupferdreh erzeugten aus Erzen eigener Gruben im Jahre 1872 an Roheifen 1,126.000 Centner, an Walzwerks- Fabricaten 827.000 Centner, an Rädern und Achfen 156.000 Centner, wozu vorzüglich die Materialien von den Beffemerhütten mit vier Convertern und acht Martinöfen zu Laar geliefert werden. Ausgeftellt find die oben angeführten Materialien, Mittel- und Endproducte, darunter hervorzuheben die Roth- Eifenfteine von Rottenberg nebft Analyfen derfelben, fowie fehr Das Hüttenwefen. 51 fchöne Schmiedeftücke. Diefe Actiengeſellſchaft befchäftigt bei 1700 Berg- und bei 3000 Hüttenarbeiter. Neues Stahlwerk Commanditgefellfchaft Daelen, Schreiber& Comp. zu Bochum. Diefes Etabliffement, welches erft 1869 gegründet wurde, erzeugt mit zwei Convertern etwa 180.000 Centner Stahl und verarbeitet denfelben meift zu Achfen und Bandagen. Bei der Bandagenfabrication ift ein eigenthümliches Verfahren in Anwendung, indem nach den ausgeftellten Zwifchenproducten die Radreifen viel länger als gewöhnlich gehämmert und auf weitere Durchmeffer gefchmiedet und dann nur fertig gewalzt werden. Dafs das lange Schmieden die Qualität verbeffert, ift wohl zweifellos. Actiengefellfchaft Bergwerksverein Friedrich- Wilhelmshütte zu Mühlheim an der Ruhr erzeugt aus einem Hochofen und mehreren Cupolöfen ziemlich viel Gufswaare und Mafchinenbeftandtheile, und ftellte unter Anderem. auch liegend gegoffene Röhren aus. Gufswaaren- Erzeugung etwa 163.000 Centner. Franz Bicheroux Söhne& Comp. zu Duisburg erzeugen überwiegend Feineifen auf einem mit Riemen angetriebenen Walzwerke. Stahl, Puddlings- und Walzwerk von Asbeck, Ofthaus, Eiken& Comp. zu Hagen ftellte eine reiche Collection von Federn, der verfchiedenften Formen für Eifenbahn Betriebsmittel aus, welche aus Cementftahl, Gufsftahl etc, erzeugt werden. Raffinirter Stahl ift in fehr fchönen Proben ausgeftellt. Jahresproduction 177.000 Centner. Söding& Halbach erzeugen aus gekauftem Stahl, raffinirten Stangenftahl, Façonftücke und Amboffe in Summe circa 18.000 Centner. Schulz, Knaudt& Comp. erzeugten jährlich bei 150.000 Centner Eifenbleche. Als Specialität der Fabrication ift die fabriksmässige Erzeugung von gebördelten Keffelböden zu bezeichnen, welche Arbeiten durch Mafchinen ausgeführt werden. Ausgeftellt find folche umgebördelte Keffelböden in allen Dimenfionen bis zu einem Durchmeffer von 2510 Millimeter. Puddlings-, Walz- und Hammerwerk von Gebrüder Reufch zu Hoffnungsthal bei Rösroth. Von den ausgeftellten Fabricaten find vorzüglich Bleche aus Holzkohlen- Roheifen, von welchen per Jahr bei 35.000 Centner erzeugt werden, fowie die daraus fabricirten Waaren, wie verzinnte, emaillirte, polirte und lackirte Waaren fehr fchön ausgeftellt. Actiengefellfchaft für Eifeninduft rie zu Styrum in Oberhaufen erzeugt per Jahr mit 650 Arbeitern bei 300.000 Centner fertige Walzwaare und unter diefen find vorzüglich hervorzuheben Keffelbleche, von welchen Rundböden mit 2550 Millimeter Durchmeffer, 15 Millimeter Dicke und einem Gewichte von 1250 Pfund, Keffelbleche von 3770 X2305 X 13 Millimeter und 2050 Pfund Gewicht, fo wie fogenanntes Univerfaleifen, welches felbft bis zu einem Meter Breite erzeugt werden foll. Ausgeftellt ist ein Stück von 830 Millimeter Breite, welches das breitefte in der Ausstellung fein dürfte. Die Drahtfabrication Weftphalens ift vorzüglich durch folgende zwei Hüttenwerke repräfentirt: Weftphälifche Union in Hamm erzeugt per Jahr mit 2800 Arbeitern 840.000 Centner Eifen und Draht fammt Stiften, Nieten etc., von welchen ein Theil, meift für den überfeeifchen Markt verzinkt wird. Die Fabricationsverlufte find nach den ausgeftellten Tabellen folgende: Aus 100 Gewichtstheilen Roheifen erhält man 88 Gewichtstheile Luppen, 75.68 Walzendrath, 73 41 grob. gezogenen und72.30 feingezogenen Drath. Die Querfchnittsabnahme in den Kalibern bei der Fabrication gibt folgende Tabelle, in welcher die Gewichte per Meter Länge, in Kilogrammen nach jedem Durchgang durch ein Kaliber und beim Drath durch ein Zieheifen angegeben find. Vorftrecke 103, 73, 55, 41, 30, 22, 18, 16, 15. Feinftrecke, wobei das erfte Kaliber Quadrat, das zweite oval u. f. w. das letzte der Vollend- Rundkaliber ift. Die Gewichte per Meter find folgende: 52 Franz Kupelwiefer. 13, 12, 8: 270, 6 · 065, 4'428, 3'181, 2'254, 1'575, 1100, 0.782, 0.585, 0'440, 0.342, 0.277, 0.231, 0.198, 0.174. Die Gewichte des Drahtes find per Meter in Grammen: 391, 341, 282, 220, 198, 178, 135, 105, 90, 68, 55, 43, 34, 23, 19, 15, II, 8.8, 7.4, 5.8, 4'9, 40, 3.6, 3.2, 3.0. An Ausstellungsobjecten waren aufser Walzeifen und Drähten von fehr guter Qualität, befonders cylindrifch und conifch gewalzte, mit Sand und Thon ausgefüllte Telegraphenftangen, die geringes Gewicht mit grofser Steifigkeit verbinden, bemerkenswerth. Weftphälifcher Drahtinduftrie- Verein, Actiengeſellſchaft zu Hamm erzeugt mit 950 Arbeitern 300.000 Centner Walzendraht, von welchem etwa 135.000 Centner zu Feindraht, 75.000 Centner zu Drahtftiften verarbeitet werden, während der Reft als Telegraphendraht verkauft wird. Als Specialitäten find zu erwähnen Telegraphendrähte und feine Drähte für den Export. Nebft den eben angeführten Fabricaten find noch zu erwähnen Vierkantdraht, fowie verzinkter Draht. Die beiden Etabliffements verarbeiten gekauftes Roheifen auf Puddlingseifen, welches zur Drahtfabrication verwendet wird. Gebrüder Conrad und Franz Büttgenbach, Hütteningenieurs zu Neufs, ftellten ein Modell und verfchiedene Zeichnungen ihres patentirten und bei Gelegenheit der Ausftellung in Paris 1867 prämiirten Hochofen- Syſtems aus. An dem Modell und an den Zeichnungen find alle. jene Verbefferungen, welche in den letzten Jahren durch gemachte Erfahrungen veranlafst wurden, angebracht, wie z. B. Verfchwächung des unteren Ofenftockes, Verminderung der Armirung des oberen Kernfchachtes etc., um den Bau der Hochöfen billiger zu machen. Neufser Bergbau und Hütten- Commanditgefellfchaft ftellte Erze und Roheifen aus. Die weftphälifche Gufsftahl- Fabrication ift durch die Ausstellungen der beiden gröfsten Fabriken, der zu Bochum und Effen, würdig, vertreten. Es gehören beide Etabliffements zu den gröfsten, nicht blofs des Continentes, fondern der Erde. Beide Hütten unterfcheiden fich wefentlich hinfichtlich der Richtung, welche fie bezüglich ihrer Fabrication eingefchlagen haben. Während die Hütte in Effen die weitaus gröfsere Hütte, etwa zwei ein halb Mal fo viel als Bochum erzeugt, Walzen, Kanonen, Gefchoffe, Schienen und diverfes Eifenbahn- Materiale erzeugt, in feinen gegenwärtigen Einrichtungen Bochum bedeutend überragt, fo ift doch nicht zu leugnen, dafs in Bochum die erften Gufsftahl- Kanonen erzeugt wurden, und dafs Bochum es in Gufsftahl- Façongufs ungleich weiter gebracht hat als Effen. Erwähnt mufs noch werden, dafs fich in neuerer Zeit in Deutfchland eine neue Nomenclatur herausgebildet hat, um Tiegel- Gufsftahl von Beffemer und Martinmetall zu unterfcheiden, indem man dem erfteren den Namen Gufsftahl, den beiden letzteren den Namen Flufsftahl beilegte, während lange Zeit alle drei Sorten ohne Unterfchied Gufsftahl genannt wurden, woher es kam, dafs mancher Beffemerftahl als Tiegel- Gufsftahl unter dem Namen Gufsftahl verkauft wurde. Warum eine neue und doch nicht vollkommen correcte Bezeichnungsweife gewählt wurde, da doch der Flufsftahl gegoffen und der Gufsftahl gefloffen war, ift um fo weniger begreiflich, als es doch fo nahe liegt, den Stahl nach der Erzeugungsmethode als Tiegel- Gufsftahl als Beffemerftahl und als Martin- oder Flammofen- Gufsftahl zu bezeichnen. Bochumer Verein für Bergbau- und Gufsftahl- Fabrication zu Bochum. Derfelbe befitzt gegenwärtig nur zwei Coaks- Hochöfen mittlerer Gröfse zu Mühlheim am Rhein, um die Erze der eigenen Eifenftein- Gruben in Siegenfchen, in Naffau und bei Bochum zu verarbeiten. Da jedoch diefe zwei Oefen für den Bedarf der Stahlhütte nicht ausreichen, beabfichtigt man fechs grofse Coaks- Hochöfen in Bochum zu bauen, von welchen fchon zwei in Angriff genommen find. Die Stahlhütte felbft befitzt 16 Puddlings-, 8 Schweifsöfen-, 92 Wärm- und Das Hüttenwefen. 53 Glühöfen, 121 Tiegel- Gufsftahl- Oefen, 27 Umfchmelzöfen, 7 Beffemerconverter, 135 diverfe Feuer etc. etc. An maſchinellen Einrichtungen zur Bearbeitung des Stahles find vorzüglich hervorzuheben 36 Dampfhämmer, von welchen der fchwerfte( inclufive Oberdampf) 600 Centner Fallgewicht hat. Ein Hammer mit 1200 Centner Gewicht ift in Aufftellung begriffen. Bochum befchäftigt 5600 Arbeiter. Als Specialitäten der Fabrication Bochums find ausgeftellt und befonders hervorzuheben: Façongufs. Derfelbe ift repräfentirt durch eine grofse Schiffsfchraube aus einem Stück 180 Centner fchwer, durch einen Dampfcylinder für einen Hammer von 300 Centnern Fallgewicht, mit eingegoffenen Dampfcanälen und im Gewichte von 140 Centnern, durch Prefscylinder, deren gröfster 60 Centner wiegt, durch Gufsftahl- Glocken, von welchen bis jetzt fchon etwa 2000 Stück gröfserer Gattung geliefert wurden, durch Herzftücke, und endlich durch Scheibenräder, welche aus Stahl gegoffen find. Nicht zu leugnen ift, dafs in Beziehung auf Façongufs die Leiftungen befonders hervorgehoben werden müffen, indem derfelbe äufserlich fchön, wo er bearbeitet fchön und rein, wo Brüche ausgeftellt diefelben blafenfrei und von fchönem feinem Korne find. Für den Gefchützgufs und für die Herftellung grofser Façongüffe bedient man fich der Methode der Stahl überhitzung, welche der Hauptfache nach darin beftehen foll, dafs man den flüffigen Stahl, er mag in Tiegeln oder Convertern erzeugt fein, in einen fehr fcharf geheizten Siemensofen einträgt und längere Zeit flüffig erhält, bevor zum Gufs gefchritten wird. So fehr der Werth diefer Methode, die überdiefs, wenn auch nicht current, fchon früher an mehreren Orten, wie z. B. in Neuberg in Steiermark, angewendet wurde, befonders bei Beffemerftahl anzuerkennen ift, fo dürfte doch kaum von einer eigentlichen Ueberhitzung des Stahles gefprochen werden, da die Temperatur in einem Siemensofen kaum höher fein dürfte, als die Temperatur ift, welche der Stahl bei einer heifsen Charge im Converter hat. Die Fabrication von gepanzerten Gefchützen, fammt den dazu gehörigen Gefchoffen, von welchen das gröfste Gefchütz 21 Centimeter Durchmeffer und 200 Centner Gewicht hat, ift fehr hervorzuheben. Ebenfo ift die Fabrication von Schienen und Bandagen durch die Zwifchenproducte der Fabrication fehr fchön repräfentirt. Die Jahresproduction beträgt 960.000 Centner. Friedrich Krupp, Gufsftahl- Fabrik in Effen. Um die 13 Hochöfen der Hütte von Sayn, Mühhof am Rhein, der Hermannshütte, der Bendorfer Hütte und der Johannishütte zu Duisburg mit Erzen genügend zu verfehen, wurden nach und nach 414 Eifenftein- Gruben im Siegen'fchen, bei Koblenz an der der Lahn und Nordfpanien erworben; die Roheifen- Production beträgt gegenwärtig monatlich gegen 60.000 Centner und foll noch bedeutend gefteigert werden, indem in der Hermannshütte noch zwei, in Duisburg fechs neue Hochöfen gröfserer Conftruction gebaut werden. Die Oefen der Saynerhütte und zu Mühlhof erzeugen überwiegend Spiegeleifen, die letzteren auch theilweife Beffemer und Qualitäts- Roheifen. Die Gufsftahl- Hütte von Effen enthält nach den veröffentlichten Angaben 250 Tiegelgufsftahl- Oefen, 390 Glühöfen, 161 Wärmöfen, 115 Puddlings- und Schweifsöfen, 14 Cupol- und Flammöfen, 160 diverfe Oefen, 275 Vercoakungsöfen etc. etc. Die Anzahl der Beffemerconverter ift gar nicht angegeben, als ob diefelben gar nicht exiftiren würden, und doch follen in Effen deren 18 Stück in Betrieb ftehen. Ebenfo wenig find die Siemens- Martinöfen angeführt. Unter den 71 Dampfhämmern ift bekanntlich einer mit 1000 Centner Gewicht und find im grofsen Durchfchnitt zur Bedienung je eines Hammers vier Oefen erforderlich. Die 286 in Betrieb ftehenden Dampfmafchinen repräfentiren nahezu 10.000 Pferdekräfte und ift eine Walzwerks- Mafchine von 1000 Pferdekräften darunter. Die Gufsftahl- Hütte befchäftigt bei 12.000 Arbeiter und producirt zwei 54 Franz Kupelwiefer. ein halb Millionen Centner fertige Waaren, welche durch die ausgeftellten Gegenftände repräfentirt erfcheinen. Unter den Ausftellungsgegenständen find befonders zu erwähnen: Ein Gufsftahl- Block von 1050 Centner Gewicht aus 1800 Tiegeln à 60 Pfund Füllung gegoffen. Es ift derfelbe für ein Kanonenrohr von 37 Centimeter Bohrung beftimmt. Die Qualität desfelben ift die für Gefchützgufs. Die bei Gelegenheit der verfchiedenen internationalen Ausftellungen von Krupp gelieferten Gufsblöcke hatten folgende Gewichte: 1851 in London 1855" Paris 1862 " London • 45 Centner. 200 22 400 " 800 " 1050 " 1867 Paris " 9 1873 Wien 99 Es kennzeichnet die Steigerung in dem Gewicht der ausgeftellten Blöcke, fo recht die Steigerung in der Leiftungsfähigkeit der Gufsftahl- Hütte. Schade, dafs an diefem, allerdings fchon abgefchmiedeten Blocke keine Bruchftelle zur Beurtheitheilung des Kornes hergeftellt ist. Nach Angabe Krupp's werden die Bandagen aus maffiven Blöcken durch Auffchlitzen und Austreiben unter dem Hammer und nachfolgendem Walzen auf Kopfwalzwerken ohne Schweifsung hergeftellt, während fonft, ich möchte fagen, allgemein die abgefchmiedeten Blöcke rundgelocht werden. Die Jahres production an diefem Fabricat erreicht 45.000 Stück. An Achfen, welche meift von fehr grofsen Blöcken herabgefchmiedet werden, wurden im Jahre 1872 an 16.000 Stück erzeugt. Locomotiv Kurbelachfen, Kuppelachfen, Tenderachfen etc. geben den Beweis fehr fchöner Schmiedung und vorzüglicher Qualität des Materials. Fertige Räderfätze mit gefchmiedeten Radnaben, mit gegoffenen Scheibenrädern aus Stahl, fowie viele Gattungen von Federn bilden ebenfalls einen bedeutenden Fabricationszweig. Umwendbare, auf beiden Seiten brauchbare Herzftücke in Façon gegoffen, von welchen jährlich bei 3000 Stück erzeugt werden, find neu, bereits gebraucht und gebrochen ausgeftellt. Die Schienenfabrication aus Beffemerftahl wird wefentlich anders als an vielen Orten betrieben. Nach den ausgeftellten Zwifchenproducten ift die Fabrication folgende: Gegoffen werden runde Ingots von nahe 18 Zoll Durchmeffer und 32 bis 4 Fufs Länge. Diefe fchweren Blöcke werden unter Hämmer zu achtkantigen Stangen ausgefchmiedet, vorgewalzt, auf Gewicht abgefetzt und dann fertig gewalzt. Wenn diefe Fabricationsmethode auch im erften Augenblicke als viel koftfpieliger erfcheinen mag, fo ift doch nicht zu leugnen, dafs die Qualität durch das Herabfchmieden von einem grofsen Querfchnitt unbedingt verbeffert wird, fo wie anderfeits durch das Arbeiten von grofsen Blöcken, durch das Abfchneiden auf Gewicht bei einem beftimmten Querfchnitt, die Gröfsen der Enden bedeutend vermindert, der Ausfchufs fo zu fagen verfchwinden mufs. Hingegen wird die Fabrication der grofsen Anzahl von nothwendigen Hämmern, des gröfseren Anlags capitals, des höheren Arbeitslohnes halber bedeutend theurer. An Schienen für Eifenbahnen werden per Jahr nahe 1,000.000 Centner, und für Bergbau- Bahnen circa 40.000 Centner von kleineren Profilen erzeugt. Schiffskurbel- Achfen der gröfsten Dimenfionen( eine derartige von 180 Centner Gewicht ift ausgeftellt) find ebenfalls Gegenftand der Fabrication. Sehr hübich find die geprefsten Wände für Feldlaffetten aus Gufsftahl, welche in der Weife nur bei vorzüglicher Qualität des Gufsftahls zu erzeugen find. Zu erwähnen find noch die Gefchütze, welche aus Gufsftahl mit GufsftahlRingen armirt erzeugt werden. Das gröfste ausgeftellte Gefchütz mit 30.5 Centimeter Bohrung hat ein Gewicht von 732 Zollcentnern. Das Gewicht der geladenen Stahlgranate ift 592 Pfund, das der Ladung an prismatifchem Pulver 120 Pfund. Sehr intereffant find die Stahlgefchoffe, welche fowohl in Ganzen, fo wie in durchſchnittenen Stücken ausgeftellt find, ohne dafs leider über deren Fabrica tion etwas augeführt erfcheint. Das Hüttenwefen. Von den im Osnabrücker Bezirk gelegenen Hütten haben geftellt: 55 ausActien gefellfchaft Georgs- Marien- Bergwerks- und Hüttenverein zu Georgs- Marien- Hütte bei Osnabrück. Die Anlage bezieht ihren ganzen Erzbedarf von den nahe bei der Hütte gelegenen Erzbergbauen am Hüggel, welche vorzügliche Spath- und Braun- Eifenfteine liefern, die aus der dort auftretenden Zechftein- Formation gewonnen werden. Die Jahresproduction an Erzen beträgt gegenwärtig 4'5 Millionen Centner. Die Hochofen- Anlage befteht aus fechs fertigen Hochöfen, von denen gewöhnlich fünf in Betrieb find. Jeder derfelben hat drei Windwärm- Apparate von je 140 Quadratmetern( 4400 Quadratfufs) Heizfläche mit hängenden Röhren. Der Wind wird von fünf liegenden Gebläfemafchinen von fehr grofsen Dimenfionen geliefert, und betrug die Production an Roheifen im Jahre 1872 1,062.362 Zollcentner, wovon etwa 70 Percente vorzügliches Beffemer- Roheifen und 30 Percent gutes Puddlings- Roheifen war. Es ift das diejenige Hütte, welche weitaus am meiften Beffemer- Roheifen vorzüglicher Qualität für den Verkauf liefert. Die Gefellſchaft befchäftigt bei 1600 Arbeiter. Erwähnt zu werden verdient, dafs die Einführung der Schlackenform durch den Hüttendirector Lürmann die Veran laffung zum Aufgeben der offenen Bruft bei Coaks- Hochöfen in Deutſchland war, während in Oefterreich Coaks- Hochöfen fchon vor vielen Jahren mit gefchloffener Bruft getrieben wurden, und die Anwendung derfelben in den Alpenländern ganz allgemein ift. Als Umhüllungsmateriale für Dampfröhren ift Schlackenwolle ausgeftellt, welche fich ganz vorzüglich bewähren foll. Im unmittelbaren Zufammenhang mit diefer Hütte fteht die Osnabrücker Stein und Trafsfabrik, welche fich die Aufarbeitung der granulirten Hochofen- Schlacken der Georg- Marien- Hütte zur Aufgabe ftellte. Die Fabrik, welche im Jahre 1866 erft 350.000 Stück erzeugte, lieferte im Jahre 1872 fchon mit 40 Arbeitern, zwei Millionen, und dürfte im Jahre 1873 bis fünf Millionen erzeugen. Die aus Schlackenfand und Kalk zufammengefetzte Maffe wird nach inniger Mengung geprefst und getrocknet. Gegenwärtig liefern vier von den vorhandenen fünf Preffen täglich bei 30.000 Stück und arbeiten 2000 Centner Schlacke auf, und verwandeln das in früheren Zeiten oft fehr läftige Nebenproduct in ein werthvolles Product. Actiengefellfchaft Eifen und Stahlwerk zu Osnabrück. Diefe ganz neue Anlage befteht gegenwärtig aus einer Beffemerhütte mit zwei Convertern und den zur Erzeugung von Schienen, Achfen, Bandagen etc. erforderlichen Einrichtungen. Die Erweiterung der Anlage ift im Bau. Die Production betrug im Jahre 1872 an 258.000 Centner Schienen, und 45.000 Centner Bandagen und Achfen, wobei 850 Mann befchäftigt waren. Verwendet wird Roheifen von Osnabrück und England. Eifenbahn- Schienen werden bei Anwendung eines Reverfir- Walzwerkes mit 60 Fufs Länge, der doppelten Länge ihrer Verwendung erzeugt, um an Enden und Abfällen zu fparen. Es können aber auch Schienen von 100 Fufs Länge und darüben erzeugt werden. Ausgeftellt find kalt gebogene Achfen, Bandagen von 2420 Millimeter Durchmeffer, fpiralförmig gerollte Schienen, diverfe Schmiedeftücke, fo wie viele Bruchproben, um auf die Qualität des Stahles aufmerkfam zu machen. Aus Sachfen hat ausgeftellt: Die fächfifche Gufsftahl- Fabrik zu Döhlen und das EifenHüttenwerk zu Berggies hübel, Actiengefellſchaft. Das letztere Werk erzeugt aus Magnet- Eifenfteinen mittelft Holzkohlen Roheifen von vorzüglicher Qualität, und verarbeitet dasfelbe theils auf Gufswaare, theils auf Frifch- und Raffinirftahl, während die Gufsftahl- Hütte zu Döhlen Tiegel- Gufsftahl erzeugt, und denfelben meift felbft auf Federn, Mafchinbeftandtheile, Werkzeuge etc. verarbeitet. 56 Franz Kupelwiefer. Befchäftigt find im Ganzen bei 390 Mann und beträgt die Erzeugung bei 30.000 Centner Stahl in Stangen, Federn etc. 3600 Centner Raffinirftahl und 7000 Centner Gufswaare zweiter Schmelzung. Die ausgeftellten Producte find fehr fchön und die Stahlbrüche tadellos. Siegener Land. In diefem Bezirke find die reichen, ihrer Qualität nach fo fehr berühmten Spath- und Braun- Eifenfteine des fich weit erftreckenden unterdevonifchen Gangnetzes, dem auch der Stahlberg angehört, und die in den oberdevonifchen Schichten auftretenden Roth- Eifenfteine, die Quellen des Reichthums, auf welche nicht blofs die Eifenproduction diefes Bezirkes gegründet ift, fondern noch zum Aufblühen der Eifeninduftrie anderer Bezirke beiträgt, indem Erze an die Hütten der Nachbarbezirke abgegeben werden können. Unter den Ausftellern find hervorzuheben: J. H. Dresler sen. in Siegen erzeugt in Heinrichshütte a. d. S. in zwei Hochöfen jährlich etwas über 400.000 Centner Spiegel- und Rohftahl- Eifen zweiter Qualität, und zwar eifteres mit 10 bis II Percent Mangangehalt. Das Roheifen wird zu Geisweid theilweife auf Puddlingseifen und diefes zu Blechen verarbeitet, während ein Theil als Luppeneifen nach Kreuzthal geliefert wird, wofelbft dasfelbe zu Draht verwalzt wird. Die Gefammtproduction betrug 1872 mit 250 Arbeitern 160.000 Centner. Ausgeftellt find Bleche von 1255 X 3140 x 2.9 Millimeter und 1255 x 3140 X 0.5 Millimeter, Roheifen, Spiegeleifen etc., welch' letzteres einen bedeutenden Handelsartikel bildet. Gabriel Bergenthal& Comp. zu Germaniahütte bei Grevenbruck erzeugen 170.000 Centner Puddlings- Roheifen. Actiengefellfchaft Charlottenhütte zu Niederfchelden erzeugte in zwei Hochöfen mit 183 Arbeitern 510.000 Centner Roheifen, und zwar überwiegend Spiegeleifen, und bezieht die Erze theilweife von Jacobkreuz, der ebenfalls in einen Hochofen zu Niederfchelden Roheifen erzeugt. Rollandshütte zu Haardt a. d. S. producirt in einem Coaks- Hochofen jährlich nahe 300.000 Centner. Bergbau und Hütten Actiengefellfchaft Lenne Ruhr, welche mit einem Hochofen und dem Meggener Walzwerk mit 280 Arbeitern 130.000 Centner Roheifen, 57'000 Centner Walzdraht, gegen 9000 Centner Feineifen, 6000 Centner Draht und 28.000 Centner Blech erzeugte. Von all' diefen Fabricaten waren Proben ausgeftellt. Wiffener Bergwerks- und und Hütten Actiengefellfchaft, welche mit 170 Arbeitern 296.000 Centner Spiegeleifen und 184.000 Centner Puddlings- Roheifen erzeugte. Cöln- Müfener Bergwerks- Actienverein zu Lohe erzeugt in zwei Coaks- und zwei alten Holzkohlen Hochöfen 600 000 Centner Roheifen meift Spiegeleifen, und verarbeitet eine geringe Menge diefes Roheifens zu Paddlingsftahl( Jahresproduction 20.000 Centner). Zu erwähnen find noch H. D. F Schneider zu Neunkirchen a. d. S. Eberhard Schleifenbaum zum Rukhammer bei Siegen, Kaifer& Comp. zu Haardt bei Siegen, Hefse& Schulte zu Haardt bei Siegen, und endlich Franz Göbel zu Meinhardt a. d. S., welche Werke mit geringerer Production von Stabeifen, Blechen u. f. w. betreiben. Eduard Dörrenberg& Söhne zu Ründeroth ftellten etwas Gufsftahl und fogenannten Edelſtahl aus. Friedrich- Wilhelmshütte bei Troisdorf erzeugt aus Erzen des Siegener Landes und aus Naffau mit 1100 Arbeitern in zwei Hochöfen 380.000 Centner Roheifen, theils Puddlings-, theils Spiegeleifen und verarbeitet einen Theil des erfteren auf 200.000 Centner diverfes Walzeifen. Die Giefserei erzeugt bei 41.000 Centner Gufswaare. Das Hüttenwefen. 57 Ebenfo verfchmilzt der Berger'fche Gruben- und Hütten- Actienverein zu Hochdahl meift Siegerländ'fche Erze. Die Fortfchritte, welche in Deutſchland feit der Ausftellung in Paris gemacht wurden, find in einigen Worten zufammengefafst folgende: Bei der Roheifen- Erzeugung, welche überwiegend mit Coaks betrieben wird, ift man bemüht, die kleineren Hochöfen durch gröfsere zu erfetzen, den Wind möglift ftark zu erhitzen und die Production zu fteigern, da die Production an Roheifen, wie fchon früher erwähnt, der Confumtion nicht Schritt halten kann. Wir finden die höchfte Tagesproduction mit 1700 Centner per Ofen bei der Ilfeder Hütte, eine Production, die kaum von den gröfsten englifchen Hochöfen übertroffen wird. In Weftphalen, vorzüglich aber in Schlefien fucht man die Geftehungskoften dadurch herabzudrücken, dafs man die Schlacken der Raffinirwerke thunlichft aufarbeitet, wodurch in Schlefien gleichzeitig der Metallgehalt der Möllerung erhöht wird, was bei den armen Erzen Schlefiens fehr erwünſcht ift. Im Siegener Lande hat die Erzeugung von manganhältigem Spiegeleifen fehr zugenommen, da dasfelbe zum beim Rückkohlen des Beffemermetalls gefucht und gut bezahlt wird, und bildet dasfelbe einen lohnenden Ausfuhrartikel. Ebenfo war man bemüht dort, wo der Beffemerbetrieb eingeführt wurde, die Qualität des erzeugten Roheifens fo weit zu verbeffern, um nach und nach vom Bezuge des englifchen Roheifens möglichft unabhängig zu werden. Grofs find die Fortfchritte in der Einführung des Beffemerproceffes, welcher gegenwärtig an vielen Orten fchon Eingang gefunden hat, und theils fchon in Anwendung fteht, theils in Einführung begriffen ift. Die Production an Beffemerftahl dürfte fich in Deutfchland im Jahre 1871 in folgender Weife geftellt haben, und zwar: in Preufsen ohne Krupp circa 1,783.803 • Krupp circa 600.000 2,383.803 Baiern 27 " Sachfen " " Zufammen. 130.000 200.000 2,713.000 Zollcentner. Im Jahre 1872 hingegen wird die Production abermals bedeutend gefteigert erfcheinen, da nahe 60 Converter in Betrieb waren, und wird die Production fortwährend zunehmen, da eine grofse Anzahl von Hütten fich im Baue befindet. Es hat fich ein Procefs nicht leicht fo rafch entwickelt, wie diefer, und es ift die Production feit 1866 wenigftens um das 42fache geftiegen. Die Gefammtproduction an Stahl dürfte im Jahre 1871 bereits 4 Millionen Zollcentner überftiegen haben. Wenn auch die Bezeichnung des Guffes mit überhitztem Stahl nicht vollkommen correct erfcheint, fo ift doch die Methode überall dort empfehlenswerth, wo es fich darum handelt, möglichft blafenfreien Gufs zu erhalten, fomit zunächft bei, Herftellung von Façongufs. Bezüglich der Ausftellung folcher Stücke hat Bochum wie in Paris, fo auch diefsmal wieder das Schönfte geliefert. Als Fortfchritt kann ferner auch noch die Einführung des SiemensMartinproceffes begrüfst werden, obwohl derfelbe vielleicht noch nicht in der Ausdehnung betrieben wird, die als zweckmäfsig erfcheinen dürfte. Im Jahre 1871 waren II Siemens- Martinöfen in Betrieb. In Beziehung auf Fabrication find durch Einführung von kräftigen Walzwerken, grofsen Hämmern etc. bedeutende Fortfchritte gemacht worden, die fich eben nur in den Dimenfionen und theilweife in der Qualität der erzeugten Producte zeigen. Die Einführung der Siemensöfen behufs des Schweifsens macht in Deutfchland fehr langfame Fortfchritte. 58 Franz Kupelwiefer. Oefterreich- Ungarn. Die Eifeninduftrie Oefterreich- Ungarns war auf der Ausftellung nichts weniger als vollständig vertreten und litt diefelbe vorzüglich dadurch, dafs die Montaninduftrie nicht fo, wie in den Ausftellungen anderer Länder an einem Orte vereint, fondern auf vielen Punkten zerftreut aufgeftellt war. Es würden die einzelnen, oft recht fchönen Ausftellungsobjecte weit mehr gewonnen haben, wenn man fie nicht zwifchen ganz heterogene Ausftellungsobjecte eingereiht hätte. An ein überfichtliches Bild über die gefammte Montaninduftrie war bei einer derartigen Zerftücklung der einzelnen Ausftellungsobjecte nicht zu denken, und es mufste fich uns zunächft die Frage aufdrängen, auf welche Weife es denn möglich werden konnte, dafs gerade die Ausftellung der Montaninduſtrie OefterreichUngarns das Bild einer folchen Zerftücklung bot, während die Ausftellungen der übrigen Gruppen weitaus geregelter und geordneter erfcheinen. Der Grund ift wohl ein mannigfaltiger, und follen hier die wichtigften Momente hervorgehoben werden. Bei dem Mangel an Platz, der fich bei der Vertheilung desfelben fühlbar machte, konnte am leichteften dadurch abgeholfen werden, dafs man den Sondergelüften einzelner Corporationen entgegenkam und diefelben zum Baue von feparaten Pavillons aufforderte. Auf diefe Weife entſtand allerdings eine Reihe von recht fchönen Pavillons, eine Anzahl von recht intereffanten Localausftellungen, aber die Ueberficht über die Gefammt- Leiftungsfähigkeit der Montaninduftrie Oefterreichs ging verloren. Damit war aber dem Mangel an Rauni noch nicht vollkommen abgeholfen und man mufste fich entfchliefsen, noch ein Gebäude unter dem Namen ,, Oefterreichifcher Eifenhof" zu erbauen, der aber nichts weniger als das war, was man fich in einer internationalen Ausftellung unter einem Eifenhof vorftellen würde. Die Producte der Eifen- Raffinirwerke, ja felbft Erze und Roheifen, waren neben Klempnerwaaren, Vogelbauern, Kaffen und dergl. zu treffen, während in der Quergallerie 10 a Montanproducte ganz friedlich zwifchen Seife und Toiletteartikel u. f. w. eingetheilt waren. Es liegt ein anderer Grund wohl noch in der urfprünglich unrichtig getroffenen Eintheilung, welcher zufolge die Producte der Eifen- Raffinirwerke von der Urproduction, der Roheifen- Erzeugung getrennt ausgeftellt werden follten. Beinahe keines der ausftellenden Länder hielt fich an diefe vorgefchriebene Zerftücklung, nur die Ausfteller Oefterreichs, welche nicht in einem feparaten Pavillon einen Platz fanden, waren gezwungen, mit einem ihnen angewiefenen Platze zwifchen den oft heterogenften Objecten vorlieb zu nehmen. Auf diefe Weife kam es, dafs die öfterreichifche Montaninduftrie an nicht weniger als zwölf Orten vertheilt erfchien. Was die ftatiftifchen officiellen Daten über die Eifeninduftrie anbelangt, fo find diefelben nichts weniger als vollſtändig, weil nur die Urproduction unter dem Ackerbau- Minifterium fteht, und nur diefes ziemlich verläfsliche Daten mit Hilfe der Berghauptmannfchaften zufammenftellte. Aehnlich wie in Oefterreich fcheint es fich auch in Ungarn zu verhalten. Nach diefen Daten ftellt fich die Production wie folgt: Im Jahre 1871 wurden erzeugt in Oefterreich Ungarn Summe Zollcentner an Braunkohlen. Steinkohlen Zufammen. 84, 457.1 47 87, 053.8 35( 171,51 0.982 29,998.65 2 201,509.634 29,998.65 2 201,509.634 Die Erzeugung betrug an Roheifen 29 Gufswaaren aus erfter Schmelzung Gefammterzeugung von Roheifen. 5,005.471) 2,658.028 8,492.1 22 828.623 5,834.094 2,658.028 8,492.1 22 Das Hüttenwefen. Bei der Erzeugung des Roheifens waren befchäftigt beim Bergbau Perfonen . bei den Hochöfen Zufammen. 10.309 12.183 22.49 2 P ? P 59 Bezüglich der Raffinirwerke exiftiren keine verlässlichen Angaben, und müffen diefelben daher hier auch vollkommen wegfallen. Um in das Studium der einzelnen Ausftellungsobjecte nur eine halbwegs überfichtliche Ordnung, die auch im Kataloge fehlt, zu bringen, follen die Objecte nach Ländergruppen geordnet hier angeführt werden, und gleichzeitig die Plätze angegeben erfcheinen, wo fie in der Ausftellung zu finden find. Die Alpenländer. In denfelben werden nahezu vier Millionen Centner Roheifen fomit die Hälfte der Gefammtproduction der Monarchie erzeugt. Die Qualität desfelben ift mit fehr wenigen Ausnahmen eine ganz vorzügliche zu nennen, da das Roheifen aus Spath- und Braun- Eifenfteinen meist mittelft Holzkohlen erzeugt wird. Aber auch darin, dafs eben meift vegetabilifche Brennmaterialien wegen Mangel an backenden Kohlen zur Roheifen Erzeugung verwendet werden müffen, ift der Uebelftand begründet, dafs die Roheifen- Production nicht beliebig gefteigert werden kann, weil, wenigftens vorläufig, der noch verhältnifsmäfsig hohen Frachtpreife auf den Bahnen halber eine Zufuhr von Coaks nur in fehr befchränktem Mafse möglich ift. Sollte es jedoch gelingen, wozu gegenwärtig viel Wahrfcheinlichkeit vorhanden ift, Erze mit Braunkohlen zu verhütten, fo dürften fich die Verhältniffe allerdings wefentlich ändern, da die Alpenländer ziemlich viele mächtige Lager von Braunkohlen, neben ihren unerfchöpflichen Erzablagerungen befitzen. Vorläufig führen die Alpenländer nicht unbedeutend Roheifen ein, und unter diefem vorzüglich Roheifen, welches für die Durchführung des Beffemerproceffes tauglich ift, da die Alpenländer des theuren Brennmateriales halber gerade an diefer Sorte Roheifen befonders Mangel leiden. Ungeachtet der bekannten Reinheit der Erze wird fehr wenig Spiegeleifen erzeugt, weil die Erze verhältnifsmäfsig arm an Mangan find, und eine Sortirung der Erze, der eingerichteten Fördermethoden halber, meift nicht ftattfindet. Der Reihe nach follen nun die wichtigften Ausftellungsobjecte angeführt werden. Actien gefellfchaft der Innerberger Hauptgewerkschaft ftellte in dem eigenen Pavillon aus. - Die Gefellſchaft befitzt bei 200.000 Joch Grund und Boden, meift Waldfläche, die Eifenftein- Bergbauea m Erzberg, Glanzberg, Gröfsenberg, Gfoll, Tullberg, Donnersalpe, Radmer, Johnsbach mit zufammen 199 Feldmafsen und erzeugte im Jahre 1872 bei 5 Millionen Centner Erze. Der gröfste Theil diefer Erzeugung entfällt auf den Erzberg, von welchem ein recht fchönes Modell ausgeftellt ift. Dasfelbe macht den Befitz der Innerberger Hauptgewerkfchaft und den der Vordernberger Communität recht gut erfichtlich, fowie in den Durchfchnitten desfelben das Erzvorkommen und die Lagerungsverhältniffe erfichtlich gemacht find. Der Braunkohlen- Bergbau in Seegraben bei Leoben, mit einer Jahresproduction von 12 Millionen Centner, der Steinkohlen- Bergbau in Oflavan mit einer vorläufigen Jahresproduction von 12 Millionen Centner backender Kohlen bilden werthvolle Objecte, und ift letzterer vorwiegend beftimmt, die nothwendigen Coaks für die Hochöfen in Schwechat zu liefern. Von diefen Bergbauen find Karten, geognoftifche Handftufen und die Producte, fowie Coaks, aus den Oflawaner Kohlen erzeugt, ausgeftellt. An Hochöfen befitzt die Gefellſchaft drei zu Eifenerz, drei zu Hieflau, welche ausfchliefslich mit Holzkohlen betrieben werden und nahe 700.000 Centner meift weifses Roheifen vorzüglicher Qualität erzeugen; aufserdem hat die Gefellſchaft zwei Coaks- Hochöfen in Schwechat nach 60 Franz Kupelwiefer. dem Syfteme Büttgenbach erbaut und in Betrieb gefetzt. Es find diefs die gröfsten Hochöfen, welche Oefterreich dermalen befitzt. Sie erzeugen per Ofen und Tag über 1000 Centner, fo dafs diefe Anlage auch eine Productionsfähigkeit von etwa 700.000 Centner per Jahr hat. Es ift daher diefe Gefellfchaft fchon gegenwärtig die gröfste Roheifen- Producentin Oefterreichs. Als Specialität erzeugen die Hochöfen in Schwechat graues Beffemer- Roheifen von vorzüglicher Qualität, welches meift von von der Beffemerhütte in Ternitz verarbeitet wird. Qualitätsproben von dem aus diefem Roheifen erzeugten Stahl find beigegeben und zeugen die vorzügliche Befchaffenheit desfelben. Die Raffinirwerke beſtehen theils in älteren Hammerwerken, welche noch Herd- Frifchftahl erzeugen und denfelben in allen currenten Sorten von der bekannten vorzüglichen Qualität ausftellten, theils in Puddlings und Walzwerken wie Reichraming, welches fich überwiegend mit der Erzeugung von Puddlingsftahl befchäftigt, der im rohen und raffinirten Zuftande in vielen Fällen den Herd- Frifchftahl im Handel fubftituirt. Das wichtigfte Raffinirwerk ist jedoch Donawitz nächft Leoben, welches fich überwiegend mit der Fabrication der currenten Stabeifen- Sorten, des Façoneifens, der Keffelbleche etc. befchäftigt, und fchöne Proben diefer Fabrication ausgeftellt hat; z. B. Bleche von 6000 X 1264 X 9 Millimeter, ferner zwei Bleche mit 6954 2001 X 6.6 Millimeter, ein Blech von 2000 X 1000 X 20 Millimeter, endlich einen Rundboden von 1817 Millimeter Durchmeffer und 13 Millimeter Dicke u. f. w., fowie Qualitätsproben der verfchiedenften Art. Einen HauptFabricationszweig bildet auch die Erzeugung von Cementftahl und die Verwendung desfelben zu Federn; fchliefslich noch die Darftellung von Glühftahl, als Materiale für die Gufsftahl- Erzeugung. Zu bemerken ift, dafs diefer Fabricationszweig nur hier fabriksmäfsig betrieben wird. Die Schwarzblech- Hütte von Gemeingrube bei Leoben ftellte ein reiches Affortiment von fchönen Schwarzblechen aus. Endlich gehören noch hierher die Tiegel- Gufsftahlhütten von Reichraming und Kapfenberg, von welchen die letztere zu gleicher Zeit die gröfste der Monarchie ift. Eine ganze Reihe von Bruch-, Härte- und Schweifsproben zeigt die Qualität des Stahles, fowie auch eine achtpfündige VorderladerKanone, welche fich nach 1200 Schüffen noch in vollkommen feldtüchtigem Zuftande befindet, Zeugnifs für die vorzügliche Qualität gibt. - Die Leiftungsfähigkeit diefes Complexes läfst fich aus folgender Zufammenftellung entnehmen. Die Jahresproduction beträgt: An Roheifen. " gefchmiedetem Eifen diverfen Walzeifen- und Keffelblechen 27 Feinblechen 27 " Zeugfchmied- Waare. Streckftahl, Herdfrifch- und Puddlingsftahl. " Tiegel- Gufsftahl Feilen 29 1,400.000 7.000 450.000 35.000 10.000 60.500 46.000 1.400 In demfelben Pavillon befand fich auch noch die Ausftellung der Reichenauer Gewerkfchaft, welche bei ihrem Hochofen in Edlach Giefserei- Roheifen, und aus diefem vorzüglich Hartgufs- Räder, Hartwalzen, Hartgefchoffe, die fich beim Befchiefsen von Panzerplatten als vorzüglich bewährten, fowie Mafchinengufs erzeugt, während die Gufsftahl- Hütte und das Walzwerk in Hirfchwang etwas Façongufs, Stangenftahl, Stabeifen etc. ausftellte. In dem weiter weftlich liegenden Pavillon der fteierifchen EifenInduftrie haben ausgeftellt: Die Vordernberger Communität, welche fich bemühte ihr Erzvorkommen, fowie die bei den verfchiedenen Befitzern gehörigen Hochöfen in Vordernberg erzeugten Roheifen- Sorten auszuftellen. Das Hüttenwefen. 61 Alle diefe Roheifen- Sorten gehören zu den beften Sorten von Puddlings Roheifen, und werden aus Erzen des oberften Theiles des Erzberges erzeugt. Die 13 Hochöfen Vordernbergs arbeiten fozufagen ausfchliefslich mit Holzkohlen und erzeugten im Jahre 1872 an Roheifen 1,116.056 Zollcentner. Die Gröfse der Production fteigt bei den kleineren älteren Oefen nicht viel über 200 Centner per Tag, während die grofsen 400 ja felbft 600 Centner und darüber per Tag erzeugen. Vordernberg- Köflacher Montan- Induftrie- Gefellfchaft in Graz. Diefe Gefellſchaft befitzt 28 Antheilsrecht am Vordernberger Erzberge und verfchmilzt diefe Erze in zwei ziemlich grofsen Hochöfen in Vordernberg. Sie befitzt aufserdem theils directe, theils indirecte 22.000 Joch Grund und Boden und fehr bedeutende Kohlengruben in Köflach weftlich von Graz. Das Roheifen wird theils in II Frifchherden, theils in 14 Puddlingsöfen, welche in den Hütten von Krieglach und Pichling ftehen, verarbeitet, und werden Bleche, Stabeifen, Zeugfchmied-Waaren etc. erzeugt. Ebenfo wird in Pichling Puddlingsftahl, in Krems in drei Siemensöfen Tiegel- Gufsftahl von vorzüglicher Qualität erzeugt, und theils auf Federn, theils auf Werkzeug- Gufsftahl verarbeitet. Die Ausstellung war eine fehr reichhaltige und fchöne zu nennen, indem nicht nur Roheifen, Stabeifen, Bleche etc. fammt den dazu gehörigen Qualitätsproben ausgeftellt waren, fondern die Qualität vorzüglich der Bleche durch beigegebene Refultate von Zerreifsproben erläutert war. Die Refultate find folgende: Geftalt des Querfchnittes Eurfprünglich in Quadratlinien in Linien Querfchnittes nach dem Reifsen anfänglich nach dem Reifsen urfprünglichen fchliefslichen zoll des Querschnittt Länge des Stabes Reifsgewicht in Zollcentnern per QuadratDehnung in Percenten der ursprünglichen Länge Probeftange von einem 12" ftarken Bleche rund flach 38 03 29.87 21 24.75 501 637 17.8 38.94 29.87 21 24.50 524 683 16.7 Probeftange von einem 61/2'' ftarken Bleche Quadrat 41.04 21 flach 25.51 35.60 23:46. 21 27.75 507 757 27.50 461 742 25 0 26.1 Die Proben wurden mit einem Blech, in Krieglach aus Puddlingseifen hergeftellt, durchgeführt. Puddlings fowie Gufsftahl von befonders feinem Korne und fchönem Bruche find befonders erwähnenswerth. Ebenfo find die fertigen Zeugfchmied waaren von tadellofer Ausführung. Die Production betrug im Jahre 1872 an Roheifen 218.750 Centner, an Walzeifen und Blechen 185.422, an Zeugfchmied- Waaren, Stahl und Federn 34.317 Centner. Bedeutende Vergröfserungen der Anlagen find nahezu fertig. Joh. E. Bleckmann in Mürzzufchlag erzeugt in einer verhältnifsmäfsig kleinen Hütte mit 200 Arbeitern zwifchen 20.000 und 30.000 Centner Tiegel5 62 Franz Kupelwiefer. Gufsftahl aus den beften fteierifchen Materialien und verarbeitet denfelben meift felbft. Es ift diefs der Gröfse der Production nach die drittgröfste TiegelGufsftahl- Hütte Oefterreichs. In einer Beziehung fteht fie jedoch allen übrigen weitaus voraus, und zwar in Beziehung auf Stahl- Façongufs, der fehr gut betrieben wird und durch viele ausgeftellte Gegenstände fehr fchön repräfentirt war. Hornamboffe, Gefenke etc., fowie Zahnräder gebrochen, mit tadellofem Bruch u. f. w. geben Beweis für die Fertigkeit, welche bei Herftellung von Façongufs bereits erreicht wurde. Ebenfo zeigen die Feilen eine vorzügliche Qualität. Steierifche Eifeninduftrie- Gefellfchaft. Diefelbe befitzt in Eifenerz und in der Radmer feit dem Jahre 1871 Eifenftein- Bergbaue, welche erft neu aufgefchürft und in der Ausrichtung begriffen find. Diefelben find ihrer Zufammenfetzung nach den Erzberger Erzen ganz ähnlich und ift das Vorkommen der Erze als aequiform mit dem des Erzberges anzufehen. Auf diefe Erze bafirend wird in Zeltweg, dem Hauptetabliffement der Gefellſchaft, vorläufig ein CoaksHochofen gebaut, der noch im Laufe diefes Jahres in Betrieb gefetzt werden wird. Die Hütten von Zeltweg, welche das erforderliche Brennmateriale von den eigenen Braunkohlen- Bergbauen in Fohnsdorf( Jahresproduction von 1872 mit 1217 Arbeitern 4,512.261 Centner) beziehen, beftehen der Hauptfache nach aus dem älteren Werke, an der Pöls gelegen, jedoch mit Dampf betrieben, und der neueren, unmittelbar an der Bahn gelegenen Anlage. Die ältere Hütte enthält die Puddlings- und Schweifsöfen, die Hämmer und Walzwerke für Schienen, Façoneifen und Blechfabrication, die Giefserei für Erzeugung von Gufswaare für den eigenen Bedarf und den Bedarf der fehr bedeutenden Mafchinenfabrik. Die neue Anlage befteht vorläufig aus einer Beffemerhütte mit zwei Convertern, einer Dampffchmiede und einem Kopfwalzwerke zur Erzeugung von Achfen und Bandagen und dem der Vollendung nahen Coaks- Hochofen. Die Beffemerhütte, obwohl erft im Jahre 1871 in Betrieb gefetzt, erzeugte im Jahre 1872 fchon 142.000 Centner. Die Leiftungsfähigkeit des Werkes ift folgende Schienen 200.000 Centner, Façoneifen 15.000 Centner, Bleche 15.000, von welchen ein Theil verkauft und etwa 10.000 Centner auf Keffelfchmied- Waaren verarbeitet werden, 2500 Stück Räderpaare oder 43.000 Centner, Wechfel 12.000 Centner, Gufs und grobe Mafchinenwaare 36.000 Centner, fertige Mafchinen 14.000 Centner, Schmiedewaaren 5000 Centner. aus Eifen Unter den ausgeftellten Gegenftänden find befonders hervorzuheben: An Schmiedeftücken eine Welle 33 Fufs lang, 14 Zoll dick und 180 Centner fchwer. An Blechen von folgenden Dimenfionen( 8.693 x 948 x 26 Millim., 32 Ctr. fchwer 16.875 1.580 × 6.6 Beffemerftahl 8.219 x 922 × 5 Eifenbahn- Schienen aus Beffemerftahl, Weicheifen, Puddlingsftahl und Tyres aus Beffemerftahl in den Zwifchenftadien der Fabrication, fowie fertige, zufammengebogen, um die Qualität zu zeigen etc. 99 I2 " " " 515 " " 99 Als ein Fortfchritt, der an diefer Hütte gemacht wurde, ift die Anwendung von heifsem Wind bei Durchführung des Beffemerproceffes zu bezeichnen. Der Wind wird in einem Regenerativ- Erhitzungsapparat auf etwa 700 Grade Celfius erhitzt und bei diefer Temperatur verwendet, ermöglicht derfelbe die Verwendung von ganz lichten Roheifen- Sorten, die Aufarbeitung einer grofsen Menge von Railsenden etc. Zu erwähnen ift noch, dafs in diefer Hütte zuerft Siemensöfen zum Umfchmelzen von Roheifen für den Beffemerbetrieb verwendet wurden. Actiengefellfchaft der Judenburger Eifenwerke. Diefe Gefellſchaft befitzt den Eifenftein- Bergbau und Hochofen in Olfa, welcher jährlich mit Holzkohlen nahezu 80.000 Centner erzeugt. Den Kohlen- Bergbau Sillweg, der jedoch erft in einigen Jahren den Verbrauch des Werkes an Kohle decken dürfte, und endlich die Puddlings- und Blechwalz- Hütte von Judenburg und das in Bau begriffene Walzwerk in Hetzendorf. Die Production befteht der Hauptfache nach nur aus Blechen für Locomotiv- und Tenderrahmen, Keffelblech etc. Das Hüttenwefen. 63 Um die Leiftungsfähigkeit des Walzwerkes zu zeigen, waren beiſpielsweife Bleche von folgenden Dimenfionen ausgeftellt: 12.008 4.346 وو 1.290 x 9'35 Millimeter im Gewicht von 21 42 Centner 1.948 8.8 وو " 9 IO.92 وو 3.26 51.580 × 0.616 99 99 " " 9 0.48 2.249 1.602 X 0.244 99 59 29 99 O 13 وو 2.344 1.35 60183 " 9 " " 19 0.09 وو Die Blecherzeugung wurde in den letzten Jahren enorm gefteigert und ift diefe Steigerung aus folgender Tabelle zu entnehmen. In dem Jahre 1864 wurden erzeugt 22.23 2 Zollcentner Bleche " " 9 " 1865 99 " 9 25.075 " " 1866 “ ን 99 " ን 48.275 " 9 99 99 " " 1867 70.9 22 99 " 9 وو " 1868 " 9 " 9 29 " 16 90-603 99 77 99 " 29 1869 " وو 90.45 2 99 77 " I " 79 1870 29 99 103.057 " " F 13 ** " وو " 99 1871 1872 116.46 5 " وو وو " 27 I 25.322 99 " 9 Eifen und Blechfabriks- Gefellfchaft Union betreibt die Hütten zu Wöllersdorf, die Johann Adolfshütte, und eine Hütte zu Altfohl in Ungarn. Diefe Werke erzeugen theils aus Puddlings, theils aus Herd- Frifcheifen alle Gattungen Feinbleche, und zwar Schlofsbleche, Dachbleche, Rohr- und Rinnenbleche, Prefsbleche und Mufterbleche, Chablonenbleche, endlich gebeizte und dreffirte Bleche in Kiften, fowie verzinnte, verzinkte und verbleite Bleche in allen currenten und theilweife nicht currenten Sorten. Die Qualität der erzeugten Bleche, befonders der feineren Sorten ift, da meift Herdfrifcheifen dafür verwendet wird, eine vorzügliche, ebenfo ift die Verzinnung nach den neueften Erfahrungen mit Verwendung von Mafchinen eingerichtet. Ausgeftellt find die currenten Fabricate, fowie gröfsere Tafeln und Qualitätsproben. Die Blech und Eifenwerks Gefellfchaft Styria zu Wafendorf bei Judenburg, welche erft im Juni 1872 in Betrieb gefetzt wurde, erzeugt in vier Frifchfeuern das erforderliche Material für die Fein- und Weifsblech- Fabrication. Die Einrichtung der Hütte ift recht hübfch mit Benützung der Wafferkraft der Pöls zufammengeftellt, und erfolgt das Ausfchweifsen der Frifchluppen in SiemensRegenerativ- Gasöfen. Die Qualität der erzeugten Bleche ift fehr gut und find unbefchnittene Bleche ausgeftellt, welche bei felbft bedeutenden Dimenfionen keine Spur von Kantenriffen zeigen. Solche Bleche haben z. B. 185 x 25.600 X 4 Millimeter und 4.690 x 685 XI 25 Millimeter. Die ausgeftellten Fabricate find fehlerfrei. Stift Admont'fche Blechfabrik in Trieben, welche auch erft vor etwa einem Jahre in Betrieb gefetzt wurde, arbeitet unter ähnlichen Verhältniffen wie Styria und hat auch ähnlich ausgeftellt Von den kleineren Ausftellern find zu erwähnen: Das Eifenwerk des Benedictiner Stiftes St. Lambrecht, welches Herd- Frifchftahl, Max Hillebrand in Pöls, welcher Feineifen und Nieten ausftellte. Liebl Jofef in Mühlau ftellte etwas Fein- Streckeifen im Eifenhofe aus. Im Pavillon haben. noch ausgeftellt Franz& Johanna Neuper in Zeiring, welche Roheifen, Stabeifen und Nieten erzeugen und ausftellten. Baron Franz von Mayer in Leoben, welcher Roheifen von Vordernberg und St. Stephan, fowie Gufswaare vom letzteren Werke exponirte. Dr. Franz Steyrer in St. Michael ftellte nur etwas Gufswaare, darunter kalt gewundene und gebogene Gufseifenftäbe aus, um die Qualität des Gufseifens zu zeigen. Die Walzhütte hat nichts ausgeftellt, weil fie noch nicht in Betrieb fteht. 5* 64 Franz Kupelwiefer. Mefsner Jacob in Rottenmann ftellte Stabeifen, Blech und Draht aus, welches meift aus Frifch-, theilweife aus Puddlingseifen in Torfgas- Schweifsöfen ausgeheizt, erzeugt wird. Jofef Pöfendorfer's Erben in Rottenmann erzeugen theils aus Erzen, theils aus eifenreichen Schlacken Roheifen und verarbeiten dasfelbe auf Frifcheifen, Blech, Achfen, welche letztere Producte unter Anwendung von Torf erzeugt werden. Ebenfo haben fie ausgefertigte Wagenachfen und auch fchmiedeiferne Wafferformen ausgeftellt. Lohninger in Miefsling ftellte Roheifen, aus Schlacken erzeugt, aus. Friedrich Bruno Andrien erzeugt in Bruck an der Mur Herdfrifcheifen, welches er dann in Siemensöfen ausfchweifst, auf Walzendraht verwalzt und in Graz zu Draht etc. verarbeitet. Ausgeftellt waren Walzendraht von neun bis zwei Linien Durchmeffer, Zaineifen von zwei Linien im Quadrat, feine Stabeifen- Sorten, alle Sorten Draht, Splintendraht, halbrund und flach, Stahldrähte und endlich verzinkte und verzinnte Drähte. Befonders hervorgehoben zu werden verdient noch die Ausftellung der Eifen und Stahlinduftrie- Gefellfchaft St. Egidy- Kindberg, welche fehr fchönes Puddlings- Feinkorneifen von Kindberg ausftellte, fowie Stabeifen, Walzendraht und gezogene Drähte, unter diefen auch Splintendrähte. In Furthof wird Comtéfrifcherei betrieben und das Materiale für feine Drähte verwendet; die Gufsftahl- Hütte zu Furthof ftellte geprefste, fehr gute Tiegel für Gufsftahl- Fabrication aus, und erzeugt per Jahr bei 8000 Centner Tiegel- Gufsftahl, welcher meift als Werkzeug- Gufsftahl, zu Feilen( die bekannten Fifcher'fchen Feilen) und zu Draht verarbeitet wird. Eifen- und Stahl- Drahtfeile, fowie verarbeitete Seile, z. B. zu Strängen etc., find in grofser Auswahl ausgeftellt. Die Qualität all' diefer Producte ift nach den ausgeftellten Proben eine vorzügliche. Als Beiſpiele für die Qualität follen die Dimenfionen und Gewichte von einzelnen ausgeftellten Drähten folgen. Nummer Dicke in Millimetern Länge in Metern Zollpfund 40 37 18.15 154 55 213 59 68 34 I 34 95 31 II 2 I 02 I 94.88 186-8 27 8.8 I 70 165 23 6.8 352 183.7 2 I 5.8 438 166.9 18 44 640 149 I 5 3.3 890 I 24'32 I 2 2.5 I 029 I 09.76 I I 2.0 I O 1.8 1.65 150 I 390 877 986 1.908 55 29.54 096 654321 29 8 38 5.5 I I O 5.200 70 28 I OO 4255 44 75 0.90 4.050 37:38 0.75 4313 28.00 0.70 4.618 23.94 I 0.65 6.867 28.98 0.55 6.738 26.56 0.46 13.370 29.00 0.36 I 4.670 21 75 88 6/0 12/0 0.275 0.182 0.30 I 5.030 I 3435 10 070 5 18.00 2 deutfche Meilen 12.75 - Das Hüttenwefen. 65 Aus der Gröfse der Walzadern läfst fich auf die guten Einrichtungen aus der Länge der Drähte auf die Qualität derfelben fchliefsen. Diefe Gefellſchaft erzeugt gegenwärtig in Oefterreich die gröfste Menge Draht. Im öfterreichifchen Eifenhof haben ausgeftellt Johann Pengg in Thörl aus Lancashire Frifcheifen, erzeugtes feines Stabeifen, Bandeifen bis einfach drei Null herab, zwei Linien ftarkes Zaineifen, Walzendraht, und zwar von Nr. 27 Schraubendraht 100 Pfund fchwere, Telegraphendraht 50 Pfund fchwere, Glockenfignal- Draht 50 Pfund fchwere, Stiftendraht Nr. 16, 50 Pfund fchwere Adern; von gezogenen Drähten waren beiſpielsweife ausgeftellt: 24.000 Fufs lang I 29.848 Nummer 8 5.400 Fufs lang Nummer 2 7 6 1.1 6.450 8.650 11 11 19 19 5 11.150 11 4 1 5.200 11 3 19.1 00 11 39 53 99 0 23.940 1 28.434 27 19 17 ,, 20 26.254 645.300 95 27 29 وو J. M. Fürft in Thörl arbeitet unter nahezu den gleichen Verhältniffen wie Pengg, erzeugt jedoch mehr feine Drähte, wie diefs auch aus feiner Ausstellung zu entnehmen ift, und folgende Beifpiele zeigen: Nummer 7 12.960 Fufs lang, 45 Pfund fchwer; Nummer 4 26.400 Fufs lang, 40 Pfund fchwer; Nummer 1 32.600 Fufs lang, 20 Pfund fchwer; Nummer 13 39.380 Fufs lang, 4 Pfund fchwer; Nummer 14 24.160 Fufs lang, 2 Pfund fchwer. Ebenfo ftellten noch Carl Schmidt in Guttenftein Draht, und Burghardt in Wiener Neuftadt Stabeifen, Walzendraht, Stiften und feuerfefte Ziegel aus. Winkler's Söhne in Waidhofen an der Ybbs ftellten HerdFrifcheifen, Stabeifen, Rundeifen, Walzendraht und Bandeifen recht hübfch aus. Vogel& Noot zu Wartberg in Steiermark ftellen Frifcheifen, Tiegel- Gufsftahl und Beffemerftahl aus, von welchen Producten fie wohl nur das erftere felbft erzeugen, fowie daraus hergeftellte Schwarzbleche mit recht fchönen Qualitätproben. Klinzer in Klagenfurt brachte felbft erzeugten Tiegel- Gufsftahl in Königen, abgefchmiedet in fieben Sorten, von welchen Brüche ausgeftellt waren, fchön gefchmiedete Stangen in verfchiedenen Dimenfionen, Brescianftahl, Feilen, Senfen. Eifen& Stahlgewerkfchaft zu Eibiswald und Krumbach erzeugt nicht blofs alle Gattungen von Walzeifen, Keffelbleche bis 600 Pfund Gewicht, gefchmiedete Grobeifen Sorten, fondern vorzüglich noch Stahl, und zwar Puddlingsftahl in Form von Brescian und Azalonftahl, Cementftahl gewalzt, gefchmiedet und gegerbt, und endlich Tiegel- Gufsftahl in allen Härtegraden. Eibiswald ift, was Productionsmenge anbelangt, die zweite GufsftahlHütte Oefterreichs, und bedient fich beim Umfchmelzen der Siemensöfen, in welche je 9 bis 18 Tiegel eingefetzt werden. Siemens- Tiegelöfen find fechs vorhanden und werden mit fchlechten Braunkohlen recht gut betrieben. Verarbeitet wird der Stahl meift zu Federn der verfchiedenften Formen, fowie zu Sägen. Von all' diefen Producten find reichliche und fehr fchöne Proben ausgeftellt. Südbahn- Gefellfchaft in Graz. Diefe Anlage befteht aus einer Beffemerhütte mit zwei Convertern, einer Martinhütte mit einem Ofen und dem Schienen- Walzwerke. Ausgeftellt waren Schienen aus Eifen, Beffemerftahl, Martinftahl, Stahl- Kopffchienen und Schienen aus Eifen, welches im Danks'fchen Puddlingsofen erzeugt wurde; ferner Bandagen, fertige Räder neuer Conftruction mit Gufsnabe und Blechfcheiben- Wänden, oder Gufsnaben und Gufsfcheihen, beide mit Stahlbandagen. An Façongufs waren ausgeftellt in Coquillen gegoffene Kurbeln und Herzftücke für Weichen aus Beffemerftahl gegoffen. Diefer Hütte 66 Franz Kupelwiefer. gebührt das Verdienft, in Oefterreich zuerft Bandagen ohne Schweifsung hergeftellt zu haben. Ueberhaupt geht diefe Hütte, wenn es fich darum handelt, etwas Neues zu verfuchen und einzuführen mit lobenswerthem Eifer vor; ebenfo ftand z. B. auf diefer Hütte auch der erfte Danks'fche Puddlingsofen etc. Walzwerk- und Beffemerftahl- Fabrications- Gefellfchaft in Ternitz ift gegenwärtig die gröfste Beffemerftahl- Hütte Oefterreichs. Im Jahre 1868 wurde die erfte Hütte mit zwei Convertern, im Jahre 1870 die zweite und Ende 1872 die dritte Hütte in Betrieb gefetzt, fo dafs jetzt fechs Converter arbeiten. Die erzeugten Ingots werden theils in Ternitz auf Schienen, Bandagen und Achfen, fowie auch auf der Hütte von Zwifchenbrücken ebenfalls auf Schienen verarbeitet. Ausserdem befitzt die Gefellſchaft eine ältere Puddlingsund Walzhütte, welche Stabeifen und Schwarzbleche, und zwar zufammen jährlich etwa 140.000 Centner erzeugt. Ausgeftellt find fehr fchöne Bruchftücke roher Ingots. Schienen in fechzehn verfchiedenen Profilen, welche im Laufe der Jahre dafelbft erzeugt wurden. Als Qualitätsproben find ausgeftellt Schienen von 24 Fufs Länge, kalt, fchraubenförmig verdreht, welche auf die angegebene Länge neun Windungen haben. Bandagen bis zu den gröfsten Dimenfionen, Achfen, kalt gebogen, geknüpft, verdreht. Fertige Räderpaare, in der eigenen Räderfchmiede hergeftellt, in fechs verfchiedenen Façonen, fehr fchöne Schmiedeftücke, naturharte Beffemerftahl- Walzen etc. feuerfefte Materialien. Nicht zu leugnen ift, dafs diefe Ausftellung zu den fchönften und zu gleicher Zeit zu den inftructivften gehört, indem man bemüht war, die Qualität der Producte nicht nur durch Bruchproben, fondern auch durch vollſtändige, von Profeffor Baufchinger in München durchgeführte Feftigkeitsproben darzuthun, deren Refultate hier der Hauptfache nach angeführt werden follen.* Wie rafch fich diefes Etabliffement entwickelt hat, kann aus folgender Tabelle entnommen werden, welche die Betriebsrefultate feit dem Beftande desfelben enthält. Die Betriebsjahre enden mit Juni. Erzeugung an Stahl Verkauft an fertigen Producten, und zwar: an Stahlblöcken Schienen Lafchen und Platten E Bandagen Achfen Schmiede- und Façonftücken Mercantilſtahl Summe in Zollcentnern. 1868/69 1869/70 1870/71 1871/72 1872/73 64.917 14 2.868 260.815 494.712 800.000 3.675 1.8.75 360 20.934 2.000 II.212 61.993 167.707 306.158 540.000 10.218 8.683 7.545 10.000 6. 515 21.60 2 23.879 33.968 48.000 757 8.509. 10.242 16.423 24.000 2.66 3 2.834 4.588 6.837 7.000 3.92 4 2.966 3.426 28.746 109.997 218.885 3.1 17 394.981 3.000 634.000 Ternitz hat die Schienenfabrication aus Beffemerftahl zuerft im grofsartigen Mafsftabe betrieben und der Verwendung von Beffemerftahl- Schienen Eingang verfchafft, da die Qualität das Vertrauen der Bahnen zu diefem Materiale erweckte. Berthold Fifcher's Weicheifen- und Stahlgiefserei in Traifen ftellte fehr fchönen getemperten Gufs( Weichgufs) in feiner mannigfaltigften Anwendung für Mafchinenbeftandtheile. Schiffseinrichtungen, Wagen- und Waagbeftandtheile aus. Die Qualität des Weichguffes wird fowohl durch viele Biegeproben, fowie auch durch ausgeführte Feftigkeitsproben, deren Refultate beigegeben find, gezeigt. Nach Profeffor Jenni's Angaben foll derfelbe erft bei einer Belaftung von 348 Centner per Quadratzoll reifsen. Ebenfo haben die Erfte Neu- Oettinger Weichgufs- Waarenfabrik, fowie Brevillier& Comp. in Neunkirchen( Quergallerie 10 a) fehr fchönen Weichgufs ausgeftellt* Siehe die folgenden Tabellen. Chargen- Nummer Mittlerer ElafticitätsModul innerhalb der Elafticitätsgrenze Das Hüttenwefen. I. Zugfeftigkeit. Zugfeftigkeit. ElafticitätsAbgeriffen bei einer grenze Belaftung in Kilogrammen per Quadratcentimeter Gefammtftreckung in Procenten der urfprünglichen Länge Bruch Querfchnitt in Percenten des urfprünglichen Kohlenstoff- Gehalt in Percenten 2,270.000 2.950 4.430 24'5 IO 546) ΟΙ 4 2,240.000 2.950 4.430 19.1 47.0 2,210.000 3.350 4.790 18.1 4 58.2 2,130.000 3.270 4.780 22'I 58.5( 0.19 ( 2,240.000 3.510 5.360 18.7 2 67.6 0.46 2,270.000 3.390 5.300 17.5 71 4 ( 2,300.000 3.310 5.5 20 16.4 3 71 0 2,120.000 3.500 5.680 0.51 12'2 78.9 6 ( 2,200.000 3.490 5.530 18.0 67.4 2, 11 0.000 3.490 5.590 17.6 67.0 0.54 2,250.000 3.300 5.620 16.9 5 71.7 / 2,1,90.000 3.300 5.680 18.3 0.55 72.6 2,140.000 3.450 I 5.660 17.4 724 2,180.000 3.170 5.55° 1915 66.3 0.57 2,220.000 3.780 6.310 II 3 84 1 9 0.66 2,340.000 3.710 6.280 16.1 76.5 2,300.000 3.870 7 6.540 II 8 73.0 2,420.000 3.630 6.400 0.78 II'I 88.8 2,1 40.000 4.000 7.260 7.6 II 90.8 0.80 2,160.000 4.010 7.200 IO 4 81 2 2,220.000 4.400 12 7.390 9.7 75.71 2, 150.000 4.180 0.87 7.320 6.5 914 2,250.000 4.880 13 8.690 9.8 86.9 2,100.000 4.860 0.96 7.920 3: 5 93.2 29 67 ChargenNummer 68 Franz Kupelwiefer. II. Druckfeftigkeit. Dimenfionen des Prismas 3X 3X9 Centimeter. Das eingefeilte Prisma hatte in der Mitte 2 X 2 X 2 Centimeter. Mittlerer ElafticitätsDruckfeftig. Druckfeftig. KohlenstoffElafticitätsModul innerhalb der Elafticitätsgrenze keit der unveränderten Prismen der eingefeilgehalt ten Prismen in Percenten grenze Kilogramme per Quadrat- Centimeter. 2,645.000 2.775 9.250 IO 2,740.000 2.775 4.780 0.14 2,520.000 3.050 4 0.19 2,690.000 3.000 5: 390 ( 2,250.000 3.440 II.IOO 2 2,360.000 0.46 3.440 6.330 - ( 2,300.000 3.280 12.500 3 0.51 2,270.000 3.220 7.000 - ( 2,570.000 3.440 II.400 6 0.54 2, 510.000 3.440 6.110 2,480.000 3.550 12.750 5 2,260.000 3-440 6.170 0.55 ( 2, 170.000 3.440 I 2,330.000 3.440 6.550 12.200 0.57 - 2,590.000 3.775 12.400. 9 0.66 2,430.000 3-775 6.550 4.000 cir. 7.780 7 0.78 2, 280.000 3.550 6.830 ( 2,230.000 4.440 17.200 II 0.80 2,320.000 4.440 9.670 - ( 2, 230.000 3.885 15.100 12 0.87 2, 210.000 4.000 8.940 2,320.000 5.000 17.800 13 2,290.000 5.000 9.890 0.96 - Das Hüttenwefen. III. Schubfeftigkeit( Abfcherungsfeftigkeit). 69 Dimenfionen des Prismas 15 X 7 XI Centimeter; abgefcherter Querfchnitt 7 × 1 Centimeter; Durchfchnittszahlen aus je zwei Verfuchen. Chargen- Nummer Schubfeftigkeit. Abgefchert bei: Kilogrammen per Quadratcentimeter Kohlenftoff- Gehalt in Percenten IO 042365T9 3.410 O 14 3.710 3.585 0.19 0.46 4.0 20 0.51 3.9 30 0.54 4.000 0.55 I 3.645 0.57 4.280 0.66 7 4.140 0.78 II 4.82 0 0.80 12 5.000 0.87 13 5.820 0.96 IV. Biegungsfeftigkeit. Dimenfionen der Prismen 120 X 14 X 5.5 Centimeter. Auf 100 Centimeter Entfernung hochkantig aufgelegt und durchgebogen. Chargen- Nummer Mittlerer ElafticitätsModul innerhalb der Elafticitätsgrenze Elafticitätsgrenze Biegungsfeftigkeit( abgebrochen bei) Gefammte Ausbiegung der urfprünglich geraden Stücke in Centimetern Kilogramme pro Quadratcentimeter Sehne Pfeil KohlenftoffGehalt 2415 01 4 nicht gebrochen hatte fich verwunden und konnte defshalb nicht gebrochen werden. IO 2,000.000 3.750 7.920 88.20 4 2,050.000 4.170 8.600 94 15 17.20 O'I 9 2 2,060.000 4.030 8.340 94.80 16.60 0.46 3 2,090.000 4.170 9.300 97.00 12.60 0.51 6 2,03 0.000 4.030 8.5 50 98.80 7.75 0.5 4 5 2. 130.000 4.240 8.825 98.25 9.30 05 5 I 2,060.000 4.450 9.600 94.55 16.30 0.5 7 9 2,260.000 4.380 8.600 99.30 5.75 0.66 7 2,1 20.000 4.650 8.750 99.50 5.00 0.78 II 2,3 20.000 4.725 7.645 99.95 1.60 0.80 I2 2, 140.000 4.700 7.650 99.95 1.30 0.87 13 2,060.000 6.925 8.480 nicht mefsbar 0.96 ChargenNummer 70 Franz Kupelwiefer V. Torfionsfeftigkeit. Durchmeffer der Welle 10 Centimeter. Länge derfelben, foweit fie dem Verwinden ausgefetzt ift, 80 Centimeter. Länge zwifchen den Einfpannungspunkten 100 Centimeter. ChargenNummer Mittlerer Elaftititätsmodul innerhalb der Elafticitätsgrenze Elafticitätsgrenze Kilogramme pro Quadrat- Centimeter Kohlenftoff- Gehalt I 420197 878.000 1.525 0.19 853.000 1.470 0.46 6 856.000 I 500 0.54 837.000 1.585 0.57 869.000 1.650 0.66 85 1.000 1.750. 0.78 I I 893.000 1.970 0.80 12 13 23 850.000 2.030 0.87 870.000 2.665 0.96 VI. Probeftücke für unmittelbare praktiſche Verwendung. Elafticitätsmodul innerGefammthalb der ElafticitätsElafticitäts- Zugfeftigkeit. ftreckung in grenze grenze Abgeriffen bei Percenten der urfprünglichen Länge KohlenstoffGehalt Kilogramme pro Quadratcentimeter a) Zugbänder. 400 X 74 X 12 Centim., eingefpannt auf 350 Centim. Länge. 2,190.000 2.800 5.180 12'4 4 0.19 2.340.000 2.700 4.950 13'4 6 2,390.000 3.040 5.515 12.6 0.54 2,450.000 3.040 5.400 II.5 2, 180.000 2.700 4.900 12'5 I 2,320.000 2.800 0.57 5.1 20 13. I 2,400.000 9 2,210.000 3.265 3.265 5.970 12.0 0.66 5.9 70 8.9 b) Rundftangen. 4 Meter lang, 3:42 Centim. Durchmeffer, eingespannt auf 3 Meter Länge. 2, 160.000 2.720 4.800 4 5. I 1,890.000 2.720 4.800 0.19 5'5 2,2 10.000 6 2.830 4.800. 40 1,900.000 2.935 5.040 4.6 0.54 1,970.000 2.6 10 I 4.430 3.6 2, 100.000 2.665 4.800 0.57 4.6 2,000.000 3.045 4.200 9 I O 0.66 2,430.000 3.045 5.040 3.2 Das Hüttenwefen. 71 An Gufsftahl hatte noch Georg Fifcher in Hainfeld( Quergallerie 10 a) Tiegel- Gufsftahl, etwas Façongufs und eine naturharte Gufsftahl- Walze ausgeftellt; ebenfo hatte Martin Millers Sohn( Eifenhof und Quergallerie 10 a) feine Fabricate, Gufsftahl, Draht- Ziehplatten, naturharte Gufsftahl- Walzen, Clavierfaiten, recht fchön ausgeftellt. Die Lungauer Eifenwerks Gefellfchaft in Mauterndorf hatte Erze, Roheifen, grau bis Spiegel, Puddlings- und Herd- Frifcheifen, und meift feine Stabeifen Sorten ausgeftellt. Töpper in Scheibbs hatte Herd- Frifcheifen, feine Bleche und getiefte Raketenhülfen recht fchön ausgeftellt. Eifen und Stahlwerke der Krainer'fchen Induftre Gefellfchaft hatten im Hofe 10 a recht hübfch ausgeftellt. Unter den ausgeftellten Producten ift vornehmlich hervorzuheben Spiegeleifen mit 8 bis 14 Percent Mangan, Ferromangan mit 33 Percent Mangan, zu deren Production die Manganerze des Vigunfzaer Bergbaues verwendet werden. Die dabei abfallenden Schlacken haben bis 16 Percent Mangan. Zu bemerken ift dafs gegenwärtig diefe Hütte die einzige in den Alpenländern ift, welche verlässlich Spiegeleifen mit einem hinreichend hohen, nahe gleichbleibenden Mangangehalte erzeugt. Das in Holzgas-, Puddlings- und Schweifsöfen hergeftellte Eifen fowie der Stahl war von guter Qualität und recht gut vertreten. Zu erwähnen ist noch die Ausstellung von Bauxiten. K. k. priv. Salzburg- Tiroler Montan Gefellfchaft( Hof 10 a) ftellte ebenfalls Erze, Roheifen, Gufswaaren, Rohftahl, Raffinirftahl und Schmiedeeifen recht hübfch aus. Die Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg ftellten im eigenen Pavillon die Producte der Hochöfen von Vordernberg und Trofaiach, welche nur Erze vom Vordernberger Erzberge verarbeiten, und daraus current weifses Puddlings- Roheifen erzeugen, fo wie die des Hochofens von Turrach, welcher überwiegend Graueifen für den Giefserei- und Beffemerbetrieb erzeugt, aus. Die Beffemerhütte in Turrach, die erfte in Oefterreich, lieferte Stahl von allen Härtegraden, Granalien für Gufsftahl- Fabrication und Façon- Stahlgufs, wie z. B. Glocken, Hammerköpfe und Amböffe. Die Hammerwerke liefern überwiegend gefchmiedeten Stangenftahl und Zeugfchmied- Waaren aus Stahl. Die Production an Eifenfabricaten beträgt per Jahr an Roheifen " " " Beffemerftahl Frifch- Stabeifen Zeugfchmied- Waare Centner 360.000 40.000 2.800 780 Erwähnt zu werden verdient noch, dafs Fürft Schwarzenberg in Turrach fchon im November 1863 die erfte Beffemerhütte in Betrieb fetzte. Die Ausfteller Kärntens hatten fich vereint und in einem gemeinfchaftlichen Pavillon ihre gefammten Montanproducte zur Anfchauung gebracht. Es ift nicht zu leugnen, dafs dadurch fo wefentlich an Ueberfichtlichkeit gewonnen wurde, dass man nur bedauern mufs, dafs nicht die Gefammt- Montaninduftrie Oefterreichs in ähnlicher Weife zufammengeftellt war. Allerdings ift diefs in einem verhältnifsmässig kleinem Lande um fo leichter möglich gewefen, als der wichtigſte Theil der Montaninduftrie Kärntens in der Hand einer tüchtig geleiteten Gefellfchaft ift, welche fich mit Hilfe des kärntnerifchen Landesmufeums an die Spitze ftellte und nicht durch kleinliche Eiferfüchteleien an der Durchführung des Werkes gehindert wurde. In diefem Pavillon find durch Tabellen, Karten etc. die allgemeinen Verhältniffe des Landes vollkommener als in irgend einer anderen Ausftellung erfichtlich gemacht worden. 72 Franz Kupelwiefer. An Ausftellungen bezüglich der Eifeninduftrie find befonders hervorzuheben Die der Hüttenberger Eifenwerks- Gefellfchaft in Klagenfurt, welche als folche erft feit 1. October 1869 befteht. Diefelbe verfchmilzt die vorzüglichen Erze des Hüttenberger Erzberges, theils Spath- und Braun- Eifenfteine, theils Glasköpfe in geröftetem Zuftande, dann in geringer Menge Magnet- Eifenfteine vom Sonntagsberge, und endlich noch Hämatite und Magnetite aus der Umgebung von Prävali, welch' letztere jedoch erft näher unterfucht werden, in 12 Holzkohlen- Hochöfen, von welchen jedoch drei fchon fehr alt und von fehr kleinen Dimenfionen find, und in einem Coaks- Hochofen zu Prävali, welcher als erfter Coaks- Hochofen der Alpenländer befonders Erwähnung verdient. Ein fehr intereffanter und wichtiger Beitrag zur Entwicklungsgefchichte der Roheifen- Production in Kärnten ift in den Tabellen und ausgeftellten Zeichnungen bezüglich der Dimenfionen und der Leiftungsfähigkeit der Hochöfen vom Jahre 1808 und 1872 enthalten. Daraus können wir entnehmen, dafs die Roheifen- Production im Jahre 1822 nur 239.948 Centner, im Jahre 1872 aber 1,192.406 Centner betrug, fomit in 50 Jahren fich beinahe verfünffachte, während doch noch alle Hochöfen, mit Ausnahme eines einzigen, mit Holzkohle betrieben werden. Ein in diefem Jahre in Prävali gebauter jedoch noch nicht in Betrieb gefetzter rotirender Ofen mit Regenerativfeuerung behufs directer Stahl- und Eifenerzeugung nach dem von W. Siemen patentirten Verfahren iſt beſtimmt, den Weg zur Vermehrung der Eifenerzeugung Kärntens und der Alpenländer überhaupt anzubahnen. Die Beffemerhütte in Heft, die zweitältefte Oefterreichs, verarbeitet das Rohreifen meift unmittelbar vom Hochofen weg und liefert vorzügliches Material, welches in den Raffinirwerken zu Schienen, Blechen etc. verarbeitet wird. Die Raffinirwerke in Prävali verarbeiten mit Braunkohlen das Roheifen auf Puddlingseifen und erzeugen daraus alle Sorten Stabeifen, Eaçoneifen, Keffel und Refervoirbleche, fowie Schienen und Mafchineneifen. Das Raffinirwerk Buchfcheiden erzeugt überwiegend nur Schienen aus Beffemerftahl von Heft und bedient fich dabei des Torfes als Brennmaterial. Alle einzelnen Hütten hatten ihre Producte fchön und reichlich mit den entfprechenden Qualitätsproben und Analyfen verfehen ausgeftellt. Ebenfo waren Zeichnungen von den verfchiedenen Anlagen, fowie von den Oefen zur Vervollftändigung beigegeben. Die Production des Jahres 1872 betrug an Holzkohlen- Roheifen Coaks- Roheifen Zollcentner 971.219 218.731 1, 189.950 " Beffemerftahl " 9 " Eifen- und Stahlraffinaten 99 Eifengufs- Waaren und Mafchinen IO 3.794 305.998 27.470 Es ift diefs die zweitgröfste Gefellſchaft in den Alpenländern, welche fich mit der Eifeninduftrie befchäftigt, und durch die That bis jetzt bewiefen hat, dafs ihr die Förderung der Eifeninduftrie als Hauptaufgabe erfcheine. Ferdinand Graf v. Egger's Eifenwerke in Freudenberg, Lippitzbach. und Feiftritz. Das in Freudenberg mit Torf gepuddelte Eifen wird in Lippitzbach auf Stabeifen, Bandeifen und Schwarzblech verarbeitet. Zu erwähnen ift noch, dafs in Lippitzbach bereits im Jahre 1794 ein Blech- Walzwerk( das erfte des Continents) betrieben wurde. In Feiftritz im Rofenthale wird in fieben Lancaſhirefeuern Materialeifen für die Drahtfabrication erzeugt, dafelbft auf Walzendraht verarbeitet, und überwiegend zu fehr feinen Drähten gezogen. Ebenfo werden Drahtftiften erzeugt. Das Hüttenwefen. Die Fabrication diefes Complexes befteht jährlich aus 37.000 Centner Stabeifen und Bandeifen, 5.000 19.200 " " 9 Schwarzblech, Drähte, 73 von welchen 8500 Centner auf Stiften verarbeitet werden. Die Qualität diefer Drähte ift zu bekannt, um darüber hier etwas zu bemerken. Als Beiſpiele von feinen Drähten waren Adern von 20.250 Fufs Länge und 35 Pfund Gewicht; eine zweite Ader mit 33% Pfund und 17.270 Fufs Länge ausgeftellt. Die beiden Enden derfelben Drahtader differiren nur um o'or Millimeter. Gräflich Henkel v. Donnersmark'fche Eifenwerke in Wolfsberg erzeugen aus Spath- und Braun- Eifenfteinen in St. Leonhardt, St. Gertraud, und theilweife aus Eifenglanzen in Waldenftein, aus nicht immer ganz reinen Eifenerzen im Jahre 1871 an Roheifen 18.885 Zollcentner, welches theils verkauft, theils in Frantfchach, dem älteften Puddlingswerke Kärntens( Rofthorn's erzeugten hier 1838 die erften Eifenbahn- Schienen Oefterreichs), in zwei Puddlingsöfen verarbeitet wird. Das Puddlingseifen bildet das Materiale für die Cementftahl- und Federfabrication. Ausgeftellt waren Erze, Roheifen in allen Nuancen, fammt gleichzeitig erzeugten Schlacken, Cementeifen und daraus erzeugter Cementftahl. Conftantin Graf v. Lodron, Eifengewerkfchaft Gmünd in Oberkärnten, ftellte Erze, daraus erzeugtes Roheifen, Stabeifen, Bleche u. f. w. aus. Zu bemerken ift, dafs hier Siemens Regenerativöfen mit Holzbetrieb nicht blofs zum Schweifsen, fondern auch zum Puddeln verwendet werden und dafelbft recht gute Refultate geben follen, während die Einführung derfelben zum Puddeln an anderen Orten mit vielen Schwierigkeiten verbunden zu fein fcheint. Die Gefammtproduction befteht in 40.000 Centner Roheifen, welche auch in den Raffinirwerken aufgearbeitet werden. - Julius Baron v. Silbernagel in Ferlach erzeugt aus einem aus Herdfrifch- Puddlings- und Schweifsofen- Schlacken fo wie aus Walzenfintern und Kalk zufammengefetzten Präparate mittelft Holzkohlen alle Sorten Roheifen, welche in Frifchfeuern auf Rohmateriale verarbeitet werden und zur Erzeugung von Drähten, Ketten, Gewehrläufen etc. dienen. Befonders aufmerkfam zu machen ift auf die Erzeugung von Roheifen nur aus Schlackenpräparaten, welche kaum an einem anderen Orte fo gut durchgeführt wird und wobei zu gleicher Zeit ein recht gutes Roheifen erzeugt wird. Georg Graf v. Thurn, Gewerkfchaften zu Klagenfurt. Das StahlPuddlingswerk Streiteben, unweit Prävali gelegen, erzeugt fehr fchönen Puddlingsftahl und hatte denfelben theils als Rohftahl, theils als Brescianftahl und Federftahl ausgeftellt. Derfelbe findet grofsentheils im Auslande, und zwar im Oriente Abfatz. Die Eifen- und Stahlhütten zu Schwarzenbach und Miefs erzeugen recht hübfchen Tiegel- Gufsftahl, etwas Streck- und Feineifen aus Herd- Frifcheifent und etwas Brescianftahl, wobei die Ueberhitze der Feuer fo viel als möglich ausgenützt wird. Wodley's Werksgefellfchaft in Klagenfurt ftellte nebft etwas Brescian- Stahl überwiegend recht fchöne Drahtfeile, aus meift verzinkten Drähten aus, welche fich an vielen Orten eines guten Rufes erfreuen. Ebenfo ftellte das Domcapitel Gurk von feiner Gewerkfchaft in Pölling mehrere Sorten Herdfrifch- Stahl, fo wie daraus erzeugte Feilen aus. Klinzer Andreas wurde fchon früher, da er auch im Eifenhofe ausftellte, erwähnt. Jofef v. Ehrenwerth ftellte ein Modell eines rotirenden Puddlingsofen, bei welchem der horizontale Herd rotirt, aus. Nicht zu unterfchätzen find die vom öfterreichifch- ungarifchen Lloyd ausgeftellten Schmiedeftücke, welche aus gebaufchtem Eifen hergeftellt find. Es beftehen diefelben aus Kurbelwellen und Verbindungsstücken für grofse Schraubendampfer, und haben fehr bedeutende Dimenfion. Die Kurbelwelle hat 74 Franz Kupelwiefer. beifpielsweife 15 Zoll Durchmeffer, 24 Fufs Länge und zwei Kurbeln für 40 Zoll Hubhöhe und ein Gewicht von 282 Centnern. Um die Qualität diefer Schmiedeftücke zu zeigen, ift eine Kurbel nach zweijährigem Gebrauche, nachdem fie 60.000 See meilen zurückgelegt hatte, auseinander getrieben worden, ohne an dem Zapfen zu leiden. Böhmen, Mähren, Schlefien und die Bukowina. Wenn gleich diefe Gruppe von Ländern Kohlen älterer Formationen, welche ziemlich gut backen, hat, auch gerade an Erzen nicht Mangel leidet, fo ift doch der Charakter der Erze ein wefentlich verfchiedener, und daher auch die Qualität des daraus erzeugten Roheifens, fowie der Fabricate eine andere und zwar meift geringere. Nichts deffenungeachtet finden wir mitunter recht gute Erze und daraus erzeugte ganz vorzügliche Producte. Das Verhältnifs von Frifcherei und Giefserei- Roheifen ift ein wefentlich anderes, als in den Alpenländern, und in diefer Ländergruppe dürften 30 Percent der Roheifen- Production GiefsereiRoheifen fein. In diefer Ländergruppe wird nahezu die Hälfte des erzeugten Roheifens mit Coaks erblafen. Selbſtverſtändlich wird aus Roheifen diefer nördlichen Gruppe fo zu fagen kein Stahl erzeugt. An Ausftellern find befonders hervorzuheben, und zwar im Eifenhofe: Prager Eifeninduftrie- Gefellfchaft, welche einen fehr ausgedehnten Befitz hat, und zwar an Kohlengruben 479 Feldmafsen mit einer Erzeugung von 8,691.068 Zollcentnern im Jahre 1871/72, an Eifenftein- Gruben 15 Feldmafsen mit einer Erzeugung von 777.801 im Jahre 1871/72, an Grubenbahnen nahe 9, an Locomotivbahnen über 6 Meilen, an Hochöfen mit Coaks betrieb 6, Roheifen und Gufswaaren- Erzeugung 435.261 Zollcentner, an Hochöfen mit Holzkohlen- Betrieb 2, Roheifen- und Gufswaaren- Erzeugung 150.101 Zollcentner, an Walzhütten 4 mit einer Erzeugung von 729.283 Zollcentner. In Verwendung ftehen 24 Keffel und 4063 durch Dampfmaschinen effectuirte Pferdekräfte. An Arbeitern werden 8500 befchäftigt. Unter den ausgeftellten Gegenständen nahmen unfere Aufmerkfamkeit befonders in Anfpruch einige unfcheinbar ausfehende Glasflafchen, welche entphosphorte Erze( Chamoifite) von Nučié enthalten. Es wird nämlich in Kladno feit Jahren an der Entphosphorung der Erze gearbeitet, weil, wenn diefs vollkommen gelingen follte, ein wefentlicher Schritt vorwärts nicht blofs für diefe Gefellſchaft, fondern für alle jene Eifendiftricte, welche phosphorhaltende Erze verarbeiten, gemacht wäre. Der Hauptfache nach beruht der dafelbft angewendete vom Director Jacobi patentirte Procefs darauf, dafs phosphorfaure Thonerde in einer wäfferigen Löfung von fchwefliger Säure löslich ist und dann mit Waffer ausgewaschen werden kann. Aus der abfliefsenden Lauge wird einerfeits wieder fchweflige Lauge gewonnen, um abermals verwendet zu werden, fowie anderfeits Phosphate erhalten werden, welche behufs ihrer Ausnützung an chemifche Fabriken abgegeben werden follen. Wenn diefer Procefs auch noch nicht als vollkommen abgefchloffen anzufehen ift, fo kann doch hier vorläufig erwähnt werden, dafs die Einrichtungen gegenwärtig derartige find, dafs ein Hochofen mit entphosphorten Erzen verfehen werden kann. Die Entphosphorung foll bei den dortigen Erzen ziemlich vollſtändig gelingen. Ausgeftellt find Coaks- und HolzkohlenRoheifen- Sorten, Feinkorn- Puddlingseifen, Herd- Frifcheifen, fehr fchöne Qualitätsproben, befonders von weichem Eifen, Schienen mit Brüchen fowie kaltgewunden, Keffelblech von ziemlich grofsen Dimenfionen, z. B. 2527 X 1528 x 12 Millimeter. Um die Qualität derfelben zu zeigen, waren aufgebördelte Rundböden ausgeftellt. Ebenfo recht hübfche Feinbleche aus Herd- Frifcheifen, Schwarzbleche, dreffirt und gebeizt, fowie verzinnt und verbleit. Befonders hervorzuheben find noch die Producte der Giefserei, und unter diefen Röhren zwölf Fufs lang und drei Fufs Durchmeffer, fowie kleinere emaillirte Röhren. Endlich find noch feuerfefte Steine für Hochofen- Zuftellungen etc. zu erwähnen. Das Hüttenwefen. 75 Prager Eifenhütten Verein verarbeitet überwiegend in Libšic ausländifche Roheifen- Sorten, und zwar aus Baiern, Luxemburg, England etc. Ausgeftellt find viele Sorten Walzeifen, darunter viel Façoneifen, wie Winkel- und U- Eifen, Schienen und viele aus Eifenblech geprefste Wagenbefchläge und Nieten, Schrauben etc. fammt vielen Qualitätsproben. Gräflich Waldftein- Wartemberg'fche Stiahlauer Eifenwerke zu Sedlec erzeugen in einem Hochofen Roheifen und theils unmittelbar vom Hochofen weg oder vom Cupolofen recht hübfche Gufswaare, unter Anderm auch Schalengufs- Räder mit ziemlich harter Bahn. Das Gufseifen ift feinkörnig und läfst fich, wie die ausgeftellten Gegenftände zeigen, recht fchön emailliren. und Stahlwerks Gefellfchaft Erzgebirg'fche EifenKomotau( Hof 10 a) ftellte etwas Erze, Roheifen, Bruchproben von Stabeifen, von Achfen und einige Projectile für Feldgefchütze aus. zu Erwein Graf Noftitz zu Rothau in Böhmen ftellte( Eifenhof) Stabeifen, Schwarz- und Weifsblech in fehr fchönen Proben aus, befonders fehr feine Bleche, unter Anderem 300 Tafeln zu neun Zoll und zwölf Zoll in einem Gefammtgewichte von 75 Pfund. Teplitzer Walzwerks- Actiengefellfchaft hat die erfte und bis jetzt einzige Beffemerhütte Böhmens, welche jedoch auf ausländifches, befonders englifches Roheifen bafirt ift. Die ausgeftellten Producte des Werkes find Eifenfchienen, Schienen mit Stahlköpfen, Beffemer- Stahlfchienen von der erften und zweiten Charge. Zu erwähnen ift nämlich, dafs mit dem Baue des Werkes erft am 19. Auguft 1872 begonnen wurde und am 15. Mai 1873 die erften Schienen aus Beffemerftahl gewalzt wurden. Roffitzer Bergbau- Gefellfchaft. Aufser den Kohlengruben in Roffitz, welche per Jahr etwas über drei Millionen Centner liefern, befitzt die Gefellſchaft noch Eifenftein- Gruben und darauf bafirt eine Hüttenanlage, beftehend aus einem Coaks- Hochofen, welcher im Jahre 1871 an Roheifen 74.388 Centner erzeugte, einePuddlings- und Walzhütte, welche 20.000 Centner Eifenbahn- Schienen und 78.000 Centner Commerzeifen producirte. Die Qualität der ausgeftellten Waaren ift eine verhältnifsmäfsig gute. Die Giefserei erzeugt bei 10.000 Centner Gufswaare, welche ebenfalls recht hübfch vertreten war. Der Schwerpunkt der Gefellfchaft liegt jedoch in der Kohlen- und Coakserzeugung. Fürft Salm'fche Eifengiefs erei in Blanfko ftellte im Induftriepalafte überwiegend Kunftgufs von der bekannten vorzüglichen Qualität aus. Neudek in Böhmen erzeugt überwiegend aus Abfällen und Alteifen in Frifchfeuern Luppeneifen, welches gefchweifst auf Bleche verarbeitet wird. Die ausgeftellten Bleche find fehr fchön ausgeftellt, und fowohl Schwarz als Dachbleche von gewöhnlichen Dimenfionen, fowie von 30 und 60 Zoll, Senglerbleche, von welchen eine Tafel von 24 und 72 Zoll 32 Loth fchwer ift, Glanzbleche, welche beim Biegen nahe ebenfogut den Glanz behalten, als die berühmten ruffifchen Bleche, endlich fehr hübfche, verzinnte Bleche zeigen eine gute Qualität. Die Production diefes Werkes beträgt bei 80.000 Centner per Jahr. In der Collectivausftellung der Eifeninduftriellen Mährens ift vorzüglich hervorzuheben die Ausftellung des Gräflich Harrach'fchen Eifenwerkes zu Janovitz. Die dafelbft erzeugten Frifchluppen werden zweimal gefchweifst zu Blechfchienen ausgewalzt. Unter den Ausftellungsobjecten, welche aus Blechen aller Sorten bis zu fogenannten durchfichtigen Blechen beftanden, waren vorzüglich einfeitig verzinnte Bleche bemerkenswerth. Freiherr v. Rothfchild'fche Eifenwerke in Witkovitz( oder die Pachtgefellſchaft derfelben) hatte in einem feparaten Pavillon die Zeichnungen und ein Modell eines neuerbauten, 58 Fufs hohen Coaks- Hochofens, fowie viele Proben von Schmiedeftücken, Achfen, Bandagen etc. aus Stahl der Beffemerhütte in Witkowitz, und Eifen, Schienen, Brückeneifen etc. als Producte der Puddlings 76 Franz Kupelwiefer. und Walzhütte von Witkowitz ausgeftellt. Die Beffemerhütte erzeugt mit drei Convertern Stahl für etwa 50.000 Centner fertiger Waaren. Die Raffinirhütten erzeugen an Schienen, Blechen, Schmiedeftücken und Commerzeifen nahe 400.000 Centner per Jahr. Seine kaiferliche Hoheit Erzherzog Albrecht hat einen grofsen Befitz in Schlefien, der fich bezüglich der Eifenftein- Gruben weit bis nach Ungarn hineinzieht. Gerade der letztere Befitz ift für die Entwicklung der Eifeninduftrie Schlefiens um fo wichtiger, als Schlefien an guten Eifenerzen fehr arm ift, während die oberwähnten Gruben an der Kafchau- Oderberger Bahn gelegen, meift recht gute Erze liefern und daher die Production von Qualitätseifen ermöglichen. Auf Grund diefes Erzvorkommens wurde in Trzienitz der Bau zweier grofser Coaks- Hochöfen in Angriff genommen und follen diefelben in kürzefter Zeit in Betrieb kommen. Der Gefammtbefitz umfafst die Hüttenwerke Bafchka, Carlshütte, Trzienitz, Uftrom, Hradek, Obfchar, Weng Gorka. Im Jahre 1872 wurden erzeugt in 6 Holzkohlen- Hochöfen an Roheifen. 29 Gufswaare in 8 Cupolöfen und 2 Flammöfen an Gufswaare in 27 Feuern mit 14 Hämmern in den Raffinir- und Walzhütten Schienen aus Eifen Commerzftahl " 21 . Centner 88.909 Zufammen 53.578 142.487Ctr. Roheifen . 96.6 13 150. 19 1Ctr. Gufswaare 34.833 9.759 Stahl 100.083 Eifenbahn- Nägel und Diverfe Blech Verzinnte Bleche Mafchinenbeftandtheile Brückenconftruction Zeugwaaren Emaillirte Poterie und noch viele andere diverfe Artikel. . 10.007 3.94 4 39. 16 3 I. 47 5 43.364 48.000 13. 139 18.6 54 Aus der Mannigfaltigkeit der ausgeftellten Fabricate und der Productionsmenge derfelben kann auf die Ausdehnung des Betriebes gefchloffen werden. Von den Ausftellungsobjecten find befonders hervorzuheben die vielen und fchönen Gufswaaren, fowohl Mafchinen- und Röhrengufs, letzterer repräfentirt durch Flanfchenröhren von 12 Fufs Länge, 18 Zoll Durchmeffer, 6 Linien Wandftärke und 1150 Pfund Wiener Gewicht; Muffenröhren von 12 Fufs Länge, 12 Zoll Durchmeffer, 45 Linien Wandftärke und 625 Pfund Gewicht, erftere auf 9, letztere auf 6 Atmoſphären geprüft; Kunftgufs, Oefen, Stiegen etc. Poterie, roh und recht fchön emaillirt. Befonders hervorzuheben ift die Fabrication von Puddlingsftahl, wodurch fich die Carlshütte bedeutendes Renommé erwarb. Die Puddlingsftahl- Schienen diefer Hütte waren allgemein gefucht und wurden in neuerer Zeit nur durch Beffemerftahl verdrängt, wefshalb der Bau einer Beffemerhütte in Angriff genommen wurde. Puddlingsftahl wird aber noch in bedeutender Menge gegerbt als Commerzftahl verkauft. Schwere Bleche, Façoneifen befonders für Brückenbau werden in entſprechenden Dimenfionen fehr fchön erzeugt. Puddlings- Stahlbandagen und fertige Räderpaare mit gefchweifsten Naben zeigen die prompte Ausführung der Arbeiten in den Mafchinenfabriken. Das erzeugte Weifsblech, die Feilen etc. find von anerkannt guter Qualität. Graf Alexander Branicki zu Sucha in Galizien befitzt einen Hochofen, Giefserei und ein Walzwerk und ftellte Roheifen, Gufswaare, emaillirte Kochgefchirre, Schmiede- und Walzeifen aus. Das Hüttenwefen. 77 In dem Pavillon des Ackerbau- Minifteriums fanden wir noch die Ausftellung des griechifch- orientalifchen Religionsfondes der Bukowina zu Jakobeny. Diefer früher der Familie Manz v. Marienfee gehörige Befitz beſteht gegenwärtig aus dem Eifenwerke Jakobeny, wofelbft 24.690 Centner Roheifen im Jahre 1872 erzeugt wurden, fammt den Hammerwerken zu Cfotina, Eifenau und Freudenthal. An fertiger Waare wurden im Jahre 1872 erzeugt an Gufswaare. " " Stabeifen Zeugwaare Centner 5.55I 18.146 I.592 Aufser den ausgeftellten Gufsgegenständen, die für den ländlichen Gebrauch der dortigen Bewohner dienen, und den Stabeifen- Sorten fällt das verfuchsweife aus lauter Manganerzen im Hochofen erblafene Ferromangan auf. Zu bedauern ift. nur, dafs keine Analyfe die Qualität desfelben erläutert. Ungarn fammt Nebenländern. Ungarns Eifeninduftrie war, wenn man von kleineren Complexen abfieht, ziemlich vollſtändig vertreten, indem die wichtigften Hüttenwerke meift recht hübfche Ausftellungen hatten. Ungarn ift reich an guten und hochhältigen Eifenerzen, von welchen im nördlichen Erzzuge, am füdlichen Abhange der Karpathen befonders das Erzvorkommen am Zeleznik, im Banate das Erzvorkommen von Moravitza- Dognasca und in Siebenbürgen das mächtige Erzlager, welches fich von Telek über den Gyalar hinzieht und auf Meilen zu verfolgen ift. Aufser diefen drei Hauptablagerungen find in neuerer Zeit noch in Kroatien grofse Eifenerz- Vorkommen aufgefchürft worden, welche aber noch nicht genügend aufgefchloffen find, viel weniger noch ausgebeutet werden. Aber auch Ungarn hat wenigftens bis jetzt Mangel an älteren Kohlen und nur das Vorkommen von Steinkohlen im Banate ift dem dortigen Erzvorkommen ziemlich nahe, fo dafs dafelbft Coaks- Roheifen, allerdings auch nur in geringer Menge, erzeugt wird. Das nördliche Eifenerz- Vorkommen wird gegenwärtig nur in Holzkohlen- Hochöfen ausgenützt, wird jedoch in kurzer Zeit nach dem Ausbau der Bahnen mit dem Oftrau- Karwinerbecken in Verbindung gebracht werden, wefshalb eine vollkommenere Ausnützung diefer Ablagerungen zu erwarten fteht. Die Siebenbürger Erzgruppe wird ebenfalls noch wenig ausgenützt, es fteht jedoch deren Ausbeutung in gröfserem Mafsftabe ebenfalls bevor. Obwohl Ungarn noch verhältnifsmäfsig wenig Eifen confumirt, fo reicht die Erzeugung doch nicht aus, den Bedarf zu decken, was in den letzten Jahren beim Baue fo vieler Bahnen fehr empfindlich war. Von den Ausftellern find befonders hervorzuheben die k. k. privilegirte Staats- Eifenbahn Gefellfchaft, welche einen Befitz von 22 6 Quadratmeilen im Banate hat, in welchem Kohlen, fchöne Eifenfteine und andere Erze vorkommen und von derfelben auch ausgebeutet werden. Der Befitz hat dadurch um fo viel mehr Werth erlangt, als die wichtigften Punkte desfelben fchon gegenwärtig durch Bahnen mit der Hauptlinie verbunden find. Der Sitz der HauptEifenwerke ift in Refchitza und Annina und follen diefe beiden Werke näher betrachtet werden. In Refchitza und dem dazu gehörigen Bogfan werden überwiegend Erze von Moravitza, welches dem zweitangeführten Eifenftein- Zuge angehört, mit Holzkohlen verfchmolzen. Die Erze find theils Magnet- und Roth- Eifenfteine, theils Braun- Eifenfteine von fonft vorzüglicher Qualität, wie aus den ausgeftellten Stufen und den beigegebenen Analyfen zu erfehen ift. Es werden diefelben in drei Hochöfen zu Refchitza und in einem Hochofen zu Deutfch- Bogfan verfchmolzen 6 78 Franz Kupelwiefer. und wurden im letzten Jahre 314.893 Centner Roheifen erzeugt. Die Production an Gufswaare betrug 48.369 Centner. Ein Theil des Roheifens wird in der Beffemerhütte, der einzigen in Ungarn, in zwei Convertern verarbeitet, welche im Jahre 1872 an Beffemer Ingols 141.951 Centner lieferte. Die Raffinirhütte verarbeitet nicht nur das Roheifen der früher angeführten vier Hochöfen, fondern auch das der zwei Hochöfen von Dognasca, deren Production allerdings im letzten Jahre nur 36.944 Centner betrug. Diefe beiden Oefen verfchmelzen Erze desfelben Eifenftein- Zuges, welche jedoch im Bergreviere von Dognasca liegen. Die Raffinirhütte enthält 39 Puddlings- und Schweifsöfen und erzeugte im Jahre 1872 folgende Producte: Aus Eifen: Walzeifen Centner .85.444. Façoneifen, Lafchen und Unterlagsplatten 24.723 Schienen Blech. . Aus Beffemerftahl: Bandagen • 14.385 32.932 157-475 28.675 Schienen Achfen Diverfe . • $ 58.002 • 6.132 • 526 93.335 Mit dem Werke ift eine bedeutende Mafchinenfabrik verbunden, welche nicht nur alle Bedürfniffe des Werkes befriedigt, fondern auch Dampfmaschinen, Locomobilmafchinen, Locomotive etc. baut und verkauft. Ebenfo ift eine grofse Zeugfchmiede und Keffelfchmiede vorhanden. Das Werk befchäftigt gegenwärtig 4500 Arbeiter und verfügt über Betriebsmafchinen von 2600 Pferdekräften. Ausgeftellt find von Refchitza( incl. Bogfan und Dognasca) alle RoheifenSorten, Producte der Giefserei, worunter Röhren von 9 Schuh Länge und 36 Zoll bis herab zu 1 Zoll Durchmeffer auf 30 Atmoſphären geprüft, SchalengufsKreuzungen, Walzen und eine Glocke aus einem Gemenge von grauem Roheifen und Beffemerftahl, welches fich fehr fchön giefsen und bearbeiten läfst, fowie endlich Oefen und Feingufs. Die Beffemerhütte verarbeitet Roheifen unmittelbar vom Hochofen, befitzt in Oefterreich die gröfsten Converter und hat einen Block von 178 50 Centner Gewicht ausgeftellt Die Walzhütte hat aufser Halbproducten alle Sorten Mercantileifen und Stahl, Commerzbleche etc., fowie fchwere Blechforten ausgeftellt, fo zum Beiſpiel Rundböden aus Eifen Keffelbleche 123 - 60" rund, 14" dick 960 Zollpfund X66" X 4" I. 195 95 Schiffsbleche 24 Fraimsbleche • X 50" X 3 37 5' X 32" X 8 Ι.Ο ΙΟ 99 !!! = 2.600 وو Brückenbleche 55 X 12" X 4. = 75° 99 aus Stahl Rundböden Keffelbleche Schiffsbleche 71" rund, 13" dick 1.260 Zollpfund • 96" 63" X 7 = 1.040 20' X 50.5" X 3.5 35' X 26" X 42 !!! 995 = I. 160 99 99 99 Fraims bleche aufserdem Schienen, Schienenftöfse, von vielen Bahnen und verfchiedenen Materialien Bandagen und Achfen von allen Dimenfionen und Qualitätsproben von allen Sorten. Erläutert ift die Qualität der ausgeftellten Gegenstände durch Analyſen fowie durch beigegebene Feftigkeitsproben, deren Refultatate hier folgen. Das Hüttenwefen. 79 Tabelle über die Elafticität und Feftigkeit von Refchitza'er Flammofen- Gufseifen, gewalzten, fehnigen Eifen, Feinkorn Eifen, Puddlftahl, Beffemer- Gufsftahl, Beffemerblechen und Eifenblechen, ausgeführt im k. k. polytechnifchen Inftitute zu Wien im Jahre 1873. Abmeffungd.Probeftab. Gröfste Gtöfste Poftnummer Material, Gattung Dicke a Breiteb Länge der Mark.- Entf. 1 Adjuftirter primitiver Querschnitt = ab Elafticitäts- Modul für die Längendehnung E. Zugfeftigkeit an der Elafticitätsgrenze Sz Zugfeftigkeit an d. Bruchgrenze B z vor der Declination in Millimet. in Q. Millim. in Kilogramm per Quadrat- Millimeter elaftitotale fche Läng.Längen- dehn. dehnung nach d. ΔΙ Sz max E Bruche max. per Längeneinheit I 2 Flammofen- Eiſen grau 3 Flammofen- Eifengufs halbirt 72 12'0 26'0 410 12'0 26'0 410 26.0 11'9 410 12'0 26'0 410 12'0 26 1 410 12'0 26'0 410 II 3 26 2 390 312'00 9.158 6.41 312'00 12.297 6.41 309'40 7.980 6.46 312'00 10.939 6.41 313'20 10.778 16.83 15 23 0.00069 0'00052 0'002 0002 15 35 0.00081 0.001 15 22 0'00059 0.002 6.38 15'16 0'00059 0'002 312.00 9.374 6.41 12'82 0'00068 0'002 296 06 19.959 15 20 36.31 0.00182| 0'202 85 Eifen, fehniges, gewalzt 116 26'1 390 302 76 18.006 14.86 47'07 0'00083 o'056 93 IOS Korneifen, gewalzt II 12) Puddlftahl, gewalzt 13 14 15 16 17 18 3456 78 Eifen Eifen II 2 26 1 390 II 3 26 2 390| II 7 26 1 390 II 3 26 1 39° III 26'0 39° 292° 32 19.539 17'10 41 90 0'00088 O'169 296.06 305'37 294'93 20.723 13 51 16.810 13'10 16.400 16.11 40 53 0'00065 O'130 41 75 37 30 0.00078 0'00098 O'192 O'053 288.60 16.049 14'73 29 45 0'00092 o'066 II'I 26 1 390 289'71 19.578 16:39 Feinkorn- Eifen II'I 26 3 390 291'93 17.972 17 13 Feinkorn- Eifen 11'0 26'0 390 286.00 17.318 14 86 39 70 0.000837 37.68 0.00095 30.60 0.000858 O'154 O'141 O'172 Puddlftahl II'O 26.9 39° 284'90 16.986 21'94 19 20 21 22 23 56 7868 123456 12 2 2 2 2 2 2 2 2 233 mm m 3 3 333 Puddlftahl Beffemer- Gufsftahl 11'0 26 1 390 287 10 II'I 26 1 390 289.71 18.157 19.006 18.29 17 27 II 2 26 3 39° 294 56 15.764 18.68 H. 3 11'0 26'0 39° 286.00 18.536 17 48 O'00100 57.92 0'00129 O'041 46.15 O'018 65.58 0.00090 0.067 60'25 0.00180 0.046 62'94 0'00094 II 2 26 1 39° 292'32 18.379 15 39 Beffemer- Gufsftahl H. 4 391 23 24 25 26 27) 28 29 30 31) 32 33 Beffemer- Gufsftahl H. 5 Beffemer- Gufsftahl H. 6 Beffemer- Gufsftahl H. 7 341 Beffemer- Stahlblech 355 361 37 381 h. und quer dto. 7 h. nach der Walzricht. beansprucht? Eifenblech quer der Walzrichtung II'O 26'0 39° II 2 26 2 II 2 26 1 39° 292 32 16.277 17 10 56.45 56.44 0.00084 o'052 0.164 0.00105 II 2 26'2 390 293 44 17.647 17.89 57 09 Ο ΟΟΙΟΙ O 143 O'120 286.00 19.979 390 293 44 40 dto. nach der Walz-III 26 1 39° II 2 26'0 390 11 2 26'2 39° III 261 39° II'I 26'0 390 II'O 26'0 II'O 26 1 390 11'7 26'1 390 II 2 26 1 390 III 26'2 390 11'1 26'0 380 II.2 261 390 III 26 1 390 11'2 26'0 390 289.71 18.660 19 797 21.85 21 30 21'58 50'70 49 41 50 05 0'00109 O'179 0'00107 O'161 O'00115 O'136 291 20 293 44 14.795 18.00 48.08 O'00122 O'147 17.426 17.89 47 71 0'00103 O'159 390 289.71 288.60 286.00 20'355 20 71 48.32 O'O0I02 O'154 45 04 17.890 21 661 O'00121 287 10 305 37 292'32 290.82 18.089 22'73 19.136 21 77 22.914 21'29 44 58 45 28 O'00125 O 143 O* 126 O'00114 O'177 20: 635 22 24 41'75 45 32 0'00093 O'152 0'00108 O'142 18.327 22'35 288.60 16.949 21.66 292'32 41) richtung beansprucht II 2 26'0 39° 289.71 291 20 291'20 20.856 13'73 16.68 1 12'02 16.183 12.83 18.056 12'95 43.84 43 31 31.65 31'93 34 34 30'05 O'00122 0.185 0'00128 0.171 0.00079 O'106 0'00072 0'082 o'00066 O'103 0'00072 o'061 NB. Nr. 13 bis 33 gefchmiedet. 6* 80 Franz Kupelwiefer. In Annina werden aufser Sphärofideriten, die dafelbft in den Hangendfchiefern der Kohlengruben erzeugt werden, überwiegend Erze von Dognasca, jedoch mit Coaks verfchmolzen. Die Production an Roheifen betrug im Jahre 1872 262.582 Zollcentner und 20.070 Zollcentner Gufswaare. Die Coaks- Hochöfen, welche im Jahre 1862 in Betrieb gefetzt wurden, find bis jetzt die einzigen CoaksHochöfen Ungarns. Das Raffinirwerk befchäftigt fich überwiegend mit der Erzeugung von Schienen, von welchen 231.883 Centner im Jahre 1872 erzeugt wurden. Von allen Producten waren Proben ausgeftellt. Nicht zu leugnen ift, dafs die Ausftellung der Staatsbahn in dem Pavillon als Collectivausftellung des Gefammtbefitzes des Banates eine der fchönften und vollſtändigften zu nennen war, in welcher jedoch nicht blofs das Eifen- Hüttenwefen, fondern Forft-, Induftrie-, Bergbau- und Metallhütten- und Mafchinenwefen in fehr inftructiver Weife zufammengeftellt enthalten waren. Erwähnt zu werden verdient noch, dafs die Staatsbahn im Banate etwa 25 Percent der gefammten Eifenproduction Ungarns erzeugt. Königlich ungarifche Eifenwerks- Verwaltung Rhonitz, welche den Betrieb folgender Werke involvirt: Rhonitz, Brezova, Teiszholz, Libethen, Poinik, Moftenicz, Waiszkova, Jaffena, Polhora, Zeleznik, Dobfchau, Göllnicz. Die Erze, welche dafelbft verfchmolzen werden, gehören dem nördlichen Eifenftein- Zuge Ungarns an, und wenn auch eine genügende Menge von Erzen in den Bergbauen zur Verfügung ftand, fo litt der grofsen Entfernung, der fchlechten Communicationen halber die Hauptanlage in Rhonitz doch immer an Erzmangel und mufsten daher immer alle Schweifsöfen- Schlacken etc. verfchmolzen werden. Die Erzeugung im Jahre 1871 beftand aus 173.893 Centnern Roheifen, 24.304 Centnern Gufswaare, 143.706 Centnern Eifenbahn- Schienen, 52.684 Centnern Walzeifen. Die Ausftellung war dadurch inftructiv, dafs alle Werksanlagen in Zeichnungen, fowie ein Hochofen mit einem von Herrn Guftav Julius v. Navay patentirten Gasfang, welcher jedoch dem bekannten Langen'fchen fehr nahe verwandt ift, im Modell beigegeben war. An Erzen waren alle, leider ohne Analyfen beizugeben, ausgeftellt, darunter auch ein Kiefel- Eifenftein von Libethen, welcher fich vorzüglich zur Herftellung eines Roheifens für Hartgufs eignen foll. An Roheifen- Sorten waren tiefgraue, graue und halbirte ausgeftellt, wobei zu erwähnen' ift, dafs in Rhonitz in den Hochöfen häufig mit Zufatz von rohem Holz, ja verfuchsweife blofs mit rohem Holze gefchmolzen wurde. An Gufswaare waren Schalengufs- Räder, Hartwalzen, Mafchinen und Kunftgufs ausgeftellt. An Walzeifen waren Schienen verfchiedener Façon, fowie Univerfaleifen, Keffelbleche und Schwarzbleche recht hübfch ausgeftellt. Puddlingsftahl war ebenfalls mit fchönem, feinkörnigem Bruche zu fehen. Rima Murány er Eifenwerks- Verein verfchmilzt ausfchliesslich nur die vorzüglichften Erze von Zeleznik und Rakos mit Holzkohlen in fünf Hochöfen des Rimaer und Murányer Thales und erzeugt bei einem äufserft geringen Holzkohlen- Verbrauche ein fehr gutes, für Giefsereien brauchbares, graues und für den Puddlingsprocefs taugliches, halbirtes bis weifses Roheifen. Die Erze, von welchen Analyfen beigegeben, waren reichhaltige Glaskopf-, Spath- und Braun- Eifenfteine, fowie Eifenglanze und können fozufagen mit keinem oder nur einem Minimum von Zufchlag verfchmolzen werden. Die Raffinirhütten von Ozd und Nadafd liegen gegenwärtig fchon an der Bahn und find inmitten eines grofsen Tertiärbeckens erbaut, welches Braunkohlen jüngerer Bildung enthält, die beim Verbrennen nach den beigegebenen Beftim mungen nahe 4900 Wärme- Einheiten entwickeln. Mit diefen Kohlen wird das Roheifen in Ozd und Nadafd gepuddelt, gefchweifst und dasfelbe auf alle Sorten Walzeifen, Stabeifen, Bleche etc. verarbeitet. Das Hüttenwefen. 81 An Gufswaare waren es vorzüglich Hartgufs- Stücke, Schalengufs- Räder, Herzftücke, eine Hartwalze von 18 Zoll Durchmeffer etc., welche unfere Aufmerkfamkeit auf fich zogen. Unter den Stabeifen- Sorten fanden wir, ich möchte fagen als Curiofität, ein konifch- gewalztes Stabeifen, welches mit Hilfe von zwei ebenfalls ausgeftellten Walzen, welche ein im Querfchnitte abnehmendes Kaliber in einer Spirale eingefchnitten zeigten, erzeugt wurde. Die Bruchproben fowohl vom fehnigen wie körnigen Eifen waren fehr fchön. Königlich ungarifches Eifenwerk Diosgyör bei Miskolz, eine erft vor einigen Jahren erbaute Hochofen- und Raffinirhütte, welche auf das Erzvorkommen der Umgebung, fowie auf das ziemlich bedeutende Vorkommen von jungen Braunkohlen bafirt ift. Ausgeftellt waren Erze, Eifenbahn- Schienen bis 32 Fufs lang, Lafchen, Nageleifen, Flacheifen, erzeugt in Univerfal- Walzwerken. Die Fabricate waren verhältnifsmäfsig hübfch, wenn man die Schwierigkeiten, welche in der Qualität der dortigen Braunkohlen zu fuchen find, kennt. Um diefem Uebelftande abzuhelfen, denkt man auf Regenerativöfen überzugehen. Eifenwerk Salgó- Tárján bezieht das Roheifen von den Hochöfen des Gömörer Eifendiftrictes, als Brennmateriale die Braunkohlen der Umgebung. In letzter Zeit foll jedoch eine Fufion mit der öfterreichifch- ungarifchen Hochofen Gefellfchaft beabfichtigt oder fchon durchgeführt fein. Ausgeftellt waren von letzterer Erze, und zwar Glasköpfe und Eifenglanze, fowie Roheifen, von erfterer Puddlingsmuffeln, Rohfchienen, Eifenbahn- Schienen, Doppel T- Eifen, Fenfterrahmen- Eifen etc. - Eifen- und Blechwaaren- Fabriks Gefellfchaft Union in Altfohl. Derfelben wurde fchon im Pavillon der fteiermärkifchen Eifeninduftriellen gedacht und waren die Producte der hiefigen Ausftellung nahe die gleichen, wie verzinnte, verzinkte und verbleite Bleche grofser Dimenfionen, von recht fchöner Qualität. Krompach- Hernáder Eifenwerke erzeugten jährlich bei 34.000 Centner Roheifen, wovon die Hälfte in Form von Gufswaare verkauft wird, während ein Theil in Frifchfeuern gefrifcht und auf Zeugfchmied- Waare verarbeitet wird. Ausgeftellt waren Roheifen, Gufswaare und Schaufeln. Eifenwerke der Daniel Pryhradni'fchen Erben bei Bujakova ftellten Erze, Roheifen, vorzüglich aber Walzeifen, Bleche, Bandeifen und currente Schmiedeartikel recht hübfch aus. Die Jahresproduction des Werkes beträgt bei 48.000 Centner Stabeifen, 4000 Centner Blech und 3000 Centner Zeugwaare. Dolhu Rokamezö erzeugt aus Sphärofideriten Roheifen, welches verfrifcht und auf Zeugwaare verarbeitet wird. Die Producte waren ebenfalls exponirt. Ebenfo ftellte Nehrer Matyas Erze, Roheifen und etwas Gufswaare aus. Jakobs Ottokar aus Göllnitz ftellte ebenfalls graues Roheifen, Gufswaare und Drähte aus, welche aus Frifcheifen erzeugt waren. Die gräflich Nadásdy'fchen Eifenhütten von Betlér beftehen aus zwei Holzkohlen- Hochöfen, welche per Jahr etwa 50- bis 60.000 Centner graues Roheifen erzeugen; dasfelbe hat einen Mangangehalt von 4 bis 5 Percent und wurde als zur Durchführung des Beffemerproceffes von mehreren Beffemerhütten tauglich erklärt. Gräflich Emanuel Andraffy'fches Schmelzwerk zu Alfó- Sajó befteht aus zwei getrennten Hochofen- Anlagen, von welchen jede wöchentlich bei 900 bis 950 Centner Roheifen liefert. Ausgeftellt waren Erze, Spath- und BraunEifenfteine, Roheifen, felbft Spiegeleifen und viele Pläne über Förderanlagen etc. Eifenwerk Prackendorf, weftlich von Göllnitz gelegen, ftellte aufser Roheifen, Gufswaare, Schmiedewaare, Schwarzblech etc. Tiegel- Gufsftahl, und zwar in Stangen gefchmiedet, mit recht feinem Korne, aus. Es war diefs der einzige Tiegel- Gufsftahl, den Ungarn exponirte. Graf Waldftein- Wartenberg zu Boros- Sebes in Siebenbürgen ftellte fehr ſchöne Braunfteine, Weich- und Hart Manganerze mit 65 bis 70 Percent Mangan, fehr fchönes Spiegeleifen mit 7.5 Percent Mangan, endlich 82 Franz Kupelwiefer. Herd- Frifcheifen, fchöne Brüche von Rohzaggel, Bandeifen bis 000 herab, von recht hübfcher Qualität aus. Intereffant war die Ausftellung der Plotzkoer Eifengewerkfchaft bei Vayda- Hunyad in Siebenbürgen. Diefelbe ftellte Stabeifen aus, welches mittelft des Stückofen- Betriebes aus Erzen des grofsen Siebenbüger Erzzuges erzeugt wird. Plotzko erzeugt jährlich 9- bis 10.000 Centner Stabeifen und hat beim StückofenBetrieb wefentliche Verbefferungen eingeführt, z. B. warmen Wind, Röften der Erze mit Gafen etc. Die königlich ungarifchen Eifenwerke von Sebeshely, Govasdia und Kudricz hatten fchöne, reiche, manganhältige Erze von Gyalar, daraus erzeugtes Roheifen, Rohftahl, Stabeifen und bosnifches Eifen recht hübfch ausgeftellt. Kronftädter Berg- und Hüttenactien- Verein hat einen ausgedehnten Befitz in Rufkberg, Ferdinandsberg, Stefansberg, dann fehr ausgedehnte Eifenerz- Baue von Telek bis gegen Gyalar und endlich einen grofsen Befitz von Kohlengruben im Szilthale. Ausgeftellt waren Erze, Roheifen von Rufkberg, von Kallán, Gufswaare, Walzeifen und fehr viele Qualitätsproben des Ferdinandsberger Stabeifens. Befonders hervorzuheben find die Beftrebungen der Gefellſchaft, die koloffalen Erzablagerungen von Telek durch Erbauung eines grofsen Hochofens auszunützen. Man beabsichtigte diefe Erze mit Kohlen aus dem Szilthale im rohen oder abgeflammten Zuftande zu betreiben. Obwohl die Verfuche keine ungünftigen Refultate gaben, mufsten diefelben aus localen Verhältniffen, weil es nicht möglich war, die neben der erzeugten Stückkohle abfallende Kleinkohle auszunützen, vorläufig fiftirt und zum Betriebe mit Holzkohlen übergegangen werden. Ausstellung der Auguft v. Sachfen Coburg Gotha'fchen Güter in dem eigenen Pavillon. Graner und Kapsdorfer Eifenwerke. Zur erften Gruppe gehören die Eifenwerke von Rothenftein, Pohorella, Svábolka, Ferdinandshütte. Diefer Hüttencomplex erzeugt per Jahr 80.000 Centner Roheifen, 8000 Centner Gufswaare, 36- bis 38.000 Centner Stabeifen und 26.000 Centner Schwarzbleche. Man bedient fich beinahe ausfchliefslich der Comtéfrifcherei und verwendet die Ueberhitze zur weiteren Verarbeitung. Die zweite Gruppe von Hütten liegt im Zipfer Comitate und befteht aus den Werken von Sztraczenna und Kapsdorf und werden auf erfterem Werke 90- bis 95.000 Centner Roheifen und in Kapsdorf etwa 14.000 Centner Frifcheifen als Materiale für die Metzenfeifner Gefchmeidewaaren- Induftrie erzeugt. Die Qualität der erzeugten Producte ift als eine gute anerkannt und find die ausgeftellt gewefenen Proben als vorzüglich zu bezeichnen. Wenn auch in Kroatien und Slavonien eine grofse Menge von Eifenerzen erfchürft und deren Ausrichtung in Angriff genommen wurde, fo ift doch die Erzeugung von Eifen eine verhältnifsmässig geringe und haben von den wenigen beftehenden Werken nur Petrovagora, welches jährlich etwa 60.000 Centner Roheifen erzeugt, fowie Tergove, welches nahe 10.000 Centner Roheifen producirt, verfchiedene Sorten Roheifen, fowie Pläne der Hüttenanlagen ausgeftellt. Das Emporblühen diefer Werke wird erft dann erfolgen, wenn entſprechende Communicationen hergeftellt fein werden. Was die Entwicklung des Eifenhüttenwefens, fowie die Fortfchritte anbelangt, welche in den letzten Jahren in Oefterreich- Ungarn gemacht wurden, fo können wir diefelben in Folgendem zufammenfaffen: In der Vorbereitung der Erze wurden weitgehende Verfuche betreffs der Entphosphorung derfelben von Director Jacobi in Kladno ausgeführt, welche, wenn fie auch noch nicht als abgefchloffen zu betrachten find, von allen bisher durchgeführten Verfuchen die beften Refultate gegeben haben. Das Hüttenwefen. 83 Als weiterer Fortfchritt ift der theilweife Uebergang vom HolzkohlenBetriebe bei der Roheifen- Erzeugung zum Coaksbetriebe in den Alpenländern zu bezeichnen. Der Bau des erften Coaks- Hochofens wurde von Herrn Baron Dickmann in Prävali begonnen und von der Hüttenberger Eifenwerks- Gefellfchaft vollendet und der Ofen in Betrieb gefetzt. Diefem folgten erft mit Beginn des Jahres 1873 die zwei Coaks- Hochöfen der Innerberger Hauptgewerkschaft in Schwechat. Noch in diefem Jahre wird ein Coaks- Hochofen der fteierifchen Eifeninduftrie- Gefellſchaft. in Zeltweg in Betrieb kommen und diefem ein Hochofen in Niclasdorf, der Radmeiſter- Communität von Vordernberg gehörend, bald folgen. Nicht unerwähnt dürfen die Anftrengungen bleiben, welche von der öfterreichiſch- ungarifchen Hochofen- Gefellſchaft in Oftrau und von mehreren anderen gemacht werden. Wenn es durch diefe Anftrengungen auch noch nicht möglich wird, die Roheifen- Production mit der Confumtion in Einklang zu bringen, fo wird dadurch die RoheifenProduction Oefterreichs fchon in den nächften Jahren doch wenigftens um einige Millionen gefteigert werden. Befonders hervorzuheben find noch die Beftrebungen, die jüngeren Braunkohlen zur Erzeugung von Eifen heranzuziehen, fei es durch Verwendung derfelben zur Roheifen- Erzeugung oder zur directen Eifenerzeugung aus Erzen. Die letztere Arbeit wurde nach von Siemens durchgeführten Verfuchen von der Hüttenberger Eifenwerks- Gefellſchaft bereits in Angriff genommen. In der Fabrication von Eifen, Blechen etc. wurden wefentliche Fortfchritte gemacht, die mafchinellen Einrichtungen wurden wefentlich vergröfsert, und durch ziemlich allgemeine Einführung von Siemens- Oefen für den Schweifsprocefs kann derfelbe nicht nur vollkommener mit geringerem Brennmaterial- Aufwand, fondern auch mit Brennmaterialien, welche bisher keine Verwendung finden konnten, durchgeführt werden. Wefentliche Fortfchritte wurden bezüglich der Durchführung des Beffemerproceffes gemacht. Wenn derfelbe auch bereits im Jahre 1863 eingeführt wurde und die öfterreichifchen Hütten die Mufter- und Lehrhütten für ganz Deutſchland waren, fo find doch die Fortfchritte, welche von dem Standpunkte der Maffenfabrication gemacht wurden, erft in den letzten Jahren durchgeführt worden. Die Fabrication würde noch weitaus gröfsere Fortfchritte gemacht haben, wenn Oefterreich nicht wegen Mangel an paffenden Roheifen- Sorten gezwungen wäre, den Roheifen- Bedarf aus dem Auslande, und zwar überwiegend aus England zu decken. Diefem Uebelftande wird theilweife durch den früher erwähnten Bau von CoaksHochöfen abgeholfen werden. Ebenfo ift man beftrebt, den Bedarf von Spiegeleifen durch inländifche Producte befonders aus Krain zu decken. Um ein Bild über die Entwicklung des Proceffes mit der Einführung des felben in Oefterreich zu geben, follen hier die Productionsmengen der einzelnen Hütten, nach Betriebsjahren geordnet, in der nebenftehenden Tabelle angeführt erfcheinen. Wenn diefe Productionsfteigerung auch als eine fehr erfreuliche anzufehen ift, fo kann diefelbe doch nicht mit der Deutfchlands, welches den Procefs erft fpäter einführte, Schritt halten, weil Oefterreich bis jetzt Mangel an brauchbarem Roheifen hat. An Fortfchritten find befonders hervorzuheben die Verfuche bei Anwendung von heifsem Wind, welche in Zeltweg von der fteierifchen EifeninduftrieGefellfchaft durchgeführt wurden und zu den fchönften Hoffnungen berechtigen. Durch die Vervollkommnung des Beffemerproceffes war es möglich, fich fo zu fagen hinfichtlich des Bezuges von Bandagen ohne Schweifsung vom Auslande vollkommen unabhängig zu ftellen, indem diefer Fabricationszweig fich in den letzten Jahren ungemein vervollkommnet hat und die öfterreichifchen Hüttenwerke den Bedarf der Bahnen leicht zu decken im Stande find. Was die Erzeugung des Martinftahles anbelangt, fo hat Oefterreich 3 Hütten mit zufammen eilf Oefen, von welchen jedoch nur zwei Hütten mit je einem Ofen in Betrieb ftehen und circa 60.000 Centner Stahl per Jahr von vorzüglicher Qualität 84 Franz Kupelwiefer. Jahr Turrach Heft Graz Südbahn Neuberg Wittkowitz Ternitz WaggonRefchitza vom Zeltweg Teplitz 1/ 7-30/ 6 bauFabrik Graz Summe Zo11 centner 1863 2.187 1864 4.206 4.127 1865 6.149 1866 14.478 14.439 37.913 2. 187 8.333 58.80 1 47.579 58.122 34.373 10.482 165.034 1867 10.946 24.732 47.907 48.660 31.716 163.961 1868 9.267 26.068 65.879 61.820 54.556 5.7 37 1869 9.270 24.351 63.325 62.245 64.688 47.784 1870 I 2.1 53 15.267 77.563 79.598 64.336 72.57 1 1871 22.800 62.028 91.537 105.230 65.843 125.149 64,917 142.868 260.815 494.712 288.244 414.53 1 582.303 26.525 963.824 circa 1872 25.000 103.794 IO 1.263 113.950 76.362 14 1.952 800.000 142.852 der Bau in Angriff 1,505.176 genommen und 1873 in Betrieb gefetzt Anzahl der Con3 2 2 2 3 2 6 2 2 26 verter Das Hüttenwefen. 85 liefern, während die gröfste Hütte wegen Mangel an paffendem Materiale momentan aufser Betrieb fteht. Was die Erzeugung von Tiegel- Gufsftahl anbelangt, fo finden wir auch hierin eine nicht unbeträchtliche Steigerung, und dürfte die Production gegenwärtig 120.000 Centner bereits überftiegen haben. An wefentlichen Fortfchritten finden wir vorzüglich bei Bleckmann in Mürzzufchlag fchön ausgeführten FaçonTiegel- Gufsftahl. Die Gefammt- Stahlerzeugung Oefterreichs dürfte 2 Millionen Centner jähr lich etwas überfteigen. Rufsland. Die Eifeninduftrie Rufslands ift nur durch verhältnifsmäfsig wenige Ausfteller, aber durch diefe recht würdig vertreten. Die Ausftellung befindet fich in der füdlichen Quergallerie 14 a, in dem unmittelbar anfchliefsenden Theile der Hauptgallerie, fowie in dem füdlichen Seitenhof 14. Nach den officiellen ftatiftifchen Ausweifen betrug im Jahre 1871 die Production an mineralifchen Kohlen 16,595.261 Zollcentner. An Frifcherei- Roheifen Zollcentner 6,176.191 Giefserei- Roheifen. 29 Zufammen... 1,031.950 • 7,208.141 Gufswaare von zweiter Schmelzung wurde erzeugt: Durch Umfchmelzen in Cupolöfen. Flammöfen. 27 Zufammen An Stab- und Façoneifen, an Schienen wurden erzeugt Blechen. • " Stahl. " 9 Anzahl der Eifen- und Stahlhütten " 9 وو وو Hochöfen.. Puddlingsöfen Frifchfeuer. 2 99 Stahlöfen " 7 99 417.903 148.159 566.062 3,918.176 982.521 144.883 214 222 431 667 372 Aus dem bis jetzt wichtigften Eifeninduftrie- Bezirke Rufslands, aus dem Ural, haben ausgeftellt: Das Staatswerk Kamfk, welches vorzüglich Panzerplatten und grofse Conftructionseifen- Sorten, von welchen beiſpielsweife 10 Zoll hohes U- Eifen, fowie 12 Zoll hohe, Vignolfchienen ähnliche Trüge für den Schiffbau etc. ausgeftellt find. Jahreserzeugung circa 52.000 Centner. Hervorzuheben ift noch die zu Kamfk gehörige Hütte von Wotkynfk, egenwärtig die einzige Martinftahl- Hütte Rufslands. Paul Demidoff zu Nifchnij Tagilfk. Derfelbe verarbeitet die reinften Magnet- Eifenfteine von 65 bis 68 Percent Eifenhalt mit Holzkohle und erzeugt daraus überwiegend graues Roheifen. Dasfelbe wird theils auf Feinkorn- Eifen und Eifenbahn- Schienen mit gehärtetem Kopfe, theils auf Stab- und anderes Façoneifen verarbeitet. Eine eigenthümliche Erzeugung bildet die Blechfabrication, zu welchem Ende grofse Herdfrifch- Luppen bis zum Gewichte von 30 bis 40 Centner 86 Franz Kupelwiefer. erzeugt werden, welche nach dem erften Abfchmieden ins Waffer geworfen werden, damit die Umgänzen fichtbar werden und ausgehauen werden können, hierauf werden diefelben nochmals gefchweifst und ausgewalzt. Ebenfo werden auch die bekannten polirten Eifenbleche erzeugt. Die Jahresproduction des Werkes befteht in 116.000 Centner Stab- und Façoneifen, 150.000 Centner diverfer Bleche, 108.000 Centner Rails und circa 8000 Centner diverfer Stahlforten. Die Hüttenwerke von Kataw- Iwanowfk des Fürften Bielofelsky- Bielofersky erzeugen aus Braun- Eifenfteinen mit 50 Percent Eifenhalt mittelft Holzkohlen. graues bis weifsftrahliches Roheifen, welches theils in Herden theils in Puddlingsöfen auf Stabeifen verarbeitet wird. Der Schweifsprocefs wird mit Holz in Siemensöfen durchgeführt. An Stahl wird etwas Puddlingsftahl und Cementftahl erzeugt. Die Gefammtproduction beträgt circa 130.000 Centner. Die Hütten des Bezirkes Goroblagodat erzeugen aus vorzüglichen Erzen des Berges Blagodat etwa 340.000 Centner Roheifen, welches theils auf Stabeifen verarbeitet, theils zum Gufs von Projectilen verwendet wird. Die Eifenhütten von Kifchtim der Raftorgujefffchen Erben erzeugen etwa 285.000 Centner Roheifen; daraus 30.000 Centner Gufs, 150.000 Centner Schmiede- und Walzeifen, fowie 1500 Centner Nägel und mattes fowie polirtes Blech. Glanzblech erzeugten weitaus am fchönften die der Gräfin Nadine Stenbock- Fermor gehörigen Hütten. Aus den beften Magnet- und Braun- Eifenfteinen mittelft Holzkohlen erzeugtes graues Roheifen wird theils in Holzpuddlings- Oefen theils in Herden gefrifcht, in Siemensofen gefchweifst und auf Stabeifen und Bleche verarbeitet. Die Glanzbleche verlieren auch felbft beim Biegen ihre fchöne glänzende Oberfläche nicht. Die Erzeugung des Werkes befteht aus 360.000 Centnern Roheifen, 200.000 Centnern Stabeifen und Bleche. Eine hervorragende Stellung nehmen die beiden grofsen Gufsftahl- Fabriken. von Permund von Oboukh off bei St. Petersburg ein. Jede diefer Fabriken erzeugt Tiegel- Gufsftahl und befchäftigt fich überwiegend nur mit der Erzeugung von Gufsftahl- Gefchützen, Projectilen, Bandagen und Achfen. Jede der beiden Fabriken befitzt einen Dampfhammer von 1000 Centner Gewicht, von welchen die erftere ein Modell desfelben, fowie das Modell der 12.426 Centner fchweren Chabotte in natürlicher Gröfse ausgeftellt hat. Das zwölfzöllige Gufsftahl- Gefchütz, welches die zweite Hütte neben anderen kleineren ausftellte, hat ein Gewicht von 40.491 Kilogramm( 80.982 Zollpfund), ift fomit um 3891 Kilogramm fchwerer als das von Krupp exponirte Gefchütz; das Projectil hat ein Gewicht von 294-8 Kilogramm( 589.6 Pfund) und die Pulverladung beträgt 516 Kilogramm( 103 2 Pfunde). Bei der Fabrication diefer Gefchütze wird befonderes Gewicht auf die Vornahme von Feftigkeitsproben bei allen einzelnen Theilen des Gefchützes gelegt. Cylinder, die beim Ausbohren des gefchmiedeten Hauptrohres abfallen, werden durchbohrt und mit hydraulifchen Preffen auf ihre Widerftandsfähigkeit verfucht. Von jedem Ringe der aufgezogen wird, müffen Feftigkeitsproben durchgeführt werden. Das Materiale der Ringe mufs etwas härter und fefter fein als das des Hauptrohres, damit das Gefchütz die gröfste Widerftandsfähigkeit erhalte. Aufserdem ftellte diefelbe Hütte Gufsftahl- Achfen und Radreifen aus, welche, ohne dafs ein Nachdrehen erforderlich gewefen wäre, 15.432 deutfche Meilen zurückgelegt haben. Die Qualität der dafelbft erzeugten Radkränze fcheint eine ganz vorzügliche zu fein, da diefelbe Hütte auf der Ausftellung in Petersburg 1870 ein Stück ausftellte, welches 21.523 deutfche Meilen durchlaufen hatte, ohne nachgedreht worden zu fein. Die dritte Gufsftahl- Hütte Rufslands, ein Staatswerk in Zlato o uft, hat aufser Hochöfen eine Tiegelgufsftahl- Hütte und Waffenfabrik. * Ueber die Fabrication fiehe Tunner ,, Reife in Rufsland" Seite 142. Das Hüttenwefen. 87 Von den Producten des Bezirkes Ickaterinenburg find befonders die Hartgufs- Projectile hervorzuheben, von welchem Stücke ausgeftellt waren, die eilfzöllige Panzerplatten, ohne Schaden zu leiden, durchdrungen haben. Von den finnländifchen Hütten find befonders die Hütten des Fürften Poutiloff hervorzuheben. Die vier Holzkohlen- Hochöfen erzeugen aus überwiegend Seeerzen, welche meift phosphor-, häufig aber auch fehr manganreich find, graues Roheifen, welches mit fchwediſchem und englifchem Roheifen gemengt, auf einer Hütte bei St. Petersburg verarbeitet wird. Die Hauptproduction der Hütte befteht in Schienen mit Puddlingsftahl- Köpfen, von welchen jährlich bei 720.000 Centner erzeugt werden, Eifenbahn- Materiale, etwas Stabeifen und Stahl. Die Eifenbahn- Nägel haben einen getheilten Schaft und find derartig zugefpitzt, dafs die beiden Theile beim Eintreiben in das Holz auseinander gehen und auf diefe Weife das muthwillige Ausziehen der Nägel beinahe unmöglich machen. Diefe Hüttenanlage ift auch die einzige, welche zwei Beffe merretorten in Betrieb hat, jedoch diefelben nur dazu benützt, Roheifen für den Puddlingsprocefs oder die Erzeugung von Hartgufs zu raffiniren. Von untergeordneter Bedeutung find die Hütten des Baron Linder zu Kuffomi, in welchen aus gekauftem Roheifen Stabeifen und Nägel erzeugt werden, fowie die Hütte von Donner in Kumming, welche aus See- und Sumpferzen erzeugtes Eifen ausftellte, und endlich die Hütten der Gefellfchaft von Marienfors. Die Eifeninduftrie Polens war vorzüglich durch die Producte der dem Grafen Marcel Soltyk gehörigen Hütte Chlewiska, welche Gufs-, gewalztes fowie gefchlagenes Stabeifen zur Ausftellung brachte, vertreten. Ebenfo brachten Warfchawsky, Horwitz& Kallet aus Raïvolo alle Sorten Roheifen, Eifenbleche, Winkeleifen und fchöne Qualitätsproben. Von den in Südrufsland gelegenen Hüttenwerken fanden wir vorzüglich nur Producte von Liffitfchanfk und Longanfk und unter diefen vorzüglich Hartgefchoffe von der letzteren Hütte, fowie endlich noch Braun- Eifenfteine von Orokhowo, welche im rohen Zuftande bei 35 Percent Eifen halten, ausgeftellt von Goubonine, welche defshalb für die Eifeninduftrie Rufslands von Bedeutung werden können, weil fie in der Nähe von gut backenden Kohlen gefunden werden. geftellt. Turkeftan hatte nur fehr roh gegoffene Radbüchfen und Lampen ausNicht zu verkennen find die Fortfchritte, welche Rufsland in dem letzten Decennium in der Erzeugung von Tiegel Gufsftahl machte, es befitzt zwei Hütten, welche, wenn fie auch nicht fo grofsartig wie die Krupp'fche Gufsftahl- Hütte find, doch eine nahezu ähnliche Einrichtung haben, gleich gewaltige, ja noch fchwerere Gefchütze zu erzeugen, jede derfelben befitzt einen Dampfhammer von 1000 Centner Fallgewicht. Diefe Fortfchritte verdankt es vorzüglich dem Beftreben der Regierung, fich in Hinficht des Bezuges von Gefchützen von anderen Ländern unabhängig zu ftellen. Umfomehr mufs das Zurückbleiben in anderer Beziehung auffallen. Rufsland befitzt gegenwärtig nur eine Beffemerhütte, die aber gewöhnlich nicht zur Stahl- oder Eifenerzeugung dient, fondern nur zum Feinen des Roheifens verwendet wird. Man erzeugt ein Halbproduct, welches dann im Puddlingsofen in Herden weiter verarbeitet wird, während einige Minuten Blafezeit mehr hinreichen würden, den ganzen Procefs zu vollenden, ein werthvolleres Product zu erzeugen. Allerdings follen jetzt mehrere Beffemerhütten gebaut werden. Bei der Erzeugung von Roheifen fcheinen ebenfalls keine wefentlichen Fortfchritte zu verzeichnen zu fein. Auffallen mufs es, dafs für den Herd- und Flammofen- Frifchprocefs überwiegend graue Roheifen- Sorten erzeugt werden, ungeachtet meift vorzügliche Erze und Holzkohlen zur Verfügung stehen, fomit bei der Erzeugung von weifsem Roheifen die Qualität des erzeugten Stabeifens kaum 88 Franz Kupelwiefer. leiden dürfte, hingegen die Frifchproceffe wefentlich erleichtert, der BrennftoffAufwand vermindert würde. Der Kaukafus hat bezüglich der Erzeugung von Eifen nichts ausgeftellt und fcheint die Eifenfabrication eine fehr unbedeutende zu fein Griechenland erzeugt kein Eifen, ebenfo wie Rumänien. Türkei. Die Türkei fcheint nicht arm an Eifenerzen zu fein und war in der That eine ziemliche Anzahl von Ausftellern zu finden, welche Eifenerze brachten, jedoch nur wenige, welche einzelne Stücke Stangeneifen ausftellten, wie z. B. Mudirkil Trevéfe, Villajet Aleppo aus Muteffarif Marafch; Achmet Agha aus Muteffarif Varchoch, Villajet Bosna, Ispaho Mudirlik Konitfcha etc. Leider war über die Fabricationsmethode( wahrfcheinlich directe Stabeifen- Erzeugung aus Erzen in Herden) ebenfowenig wie über die Gröfse der Fabrication etwas zu erfahren. Egypten erzeugt felbft kein Eifen, fondern verarbeitet nur eingeführtes Eifen und find die Quantitäten, welche dafelbft verarbeitet werden, verfchwindend klein. So erzeugten z. B. 83 Giefsereien in Kairo und 6 Giefsereien in Alexandrien zufammen nur 7200 Centner und die Waffenfabrik in Alexandrien verarbeitet nur 1050 Centner Eifen. Ausgeftellt war von diefen Fabricaten nichts. Tunis, Marokko und Perfien ftellten an Eifen nichts aus, obwohl das letztere in Mafanderan auf eine allerdings fehr primitive Art Eifen erzeugt. Perfien führt für etwa 150.000 fl. Roheifen und für 500.000 fl. Stabeifen und Bleche ein. Siam ftellte nichts aus. China. Die Eifeninduftrie Chinas fcheint nahezu auf demfelben Grade der Ausbildung zu ftehen, wie in Japan der Fall ist und im Nachfolgenden detaillirt angeführt wird, nur bildet die Hüttenanlage im Arfenal von Fou Tchéon in der Provinz Fokien, welche theilweife nach europäiſchem Mufter angelegt ift, eine Ausnahme. Aber auch diefes Etabliffement bezieht nur einen Theil des nothwendigen Materiales aus China, während Roh- und Gufseifen, Bleche etc. aus England bezogen und altes Eifen in den Häfen angekauft wird. Ueber die Gröfse der Eifenproduction in China exiftiren keine Daten, ja es fehlen fogar Annäherungszahlen. Eifenerze werden als folche bis jetzt bergmännifch nicht gewonnen, fondern man benützt Sand, welcher Magnet- Eifenftein enthält, und deffen Eifenhalt oft nur zwei Percente erreicht und bis auf 50 Percente durch Wafchen angereichert wird. Diefer Sand wird in kleinen, 5 bis 6 Fufs hohen Oefen, welche den erforderlichen Wind aus hölzernen, mit Menfchen betriebenen Gebläfen erhalten, mit gleichen Gewichtstheilen Holzkohle auf Roheifen verfchmolzen, wobei etwa 30 Percente Eifen aus den Erzen ausgebracht werden. Das Eifen wird in denfelben Oefen raffinirt, und man erhält aus 100 Gewichtstheilen Roheifen mit 50 Gewichtstheilen Holzkohle etwa 83 Gewichtstheile fchmiedbares Eifen, welches, unter Handhämmern zu kleinen Schienen abgefchmiedet, in Handel kommt. Das Hüttenwefen. 89 Diefes Materiale wird vom Arfenal in Fou Tchéon, welches im Jahre 1867 in Betrieb gefetzt wurde, um den Preis von 27.5 Francs für 100 Kilo gekauft, paquetirt und gefchweifst, wobei ein Calo von 20 bis 25 Percent refultirt. Das Arfenal enthält eine Giefserei, Schmiede, Walzwerk und Keffelfchmiede und befchäftigt im Ganzen bei 800 Eifenarbeiter. Es dürfte diefs gegenwärtig das einzige gröfsere Etabliffement des öftlichen Theiles von Afien fein. Japan. Japan, welches durch Jahrhunderte für Europäer völlig unnahbar daftand, macht in der Civilifation entfchieden Fortfchritte und betheiligte fich nicht unbedeutend an der Ausftellung. Wenn in Japan auch fehr viel gefchrieben wird, fo exiftiren doch nur unvollständige officielle ftatiftifche Zufammenftellungen über Productionsmengen, und können daher folgende hier angeführte Daten, obwohl diefelben aus der verlässlichften Quelle direct gefchöpft find, nur mit einer gewiffen Referve als richtig angefehen werden. Im Jahre 1871 wurden erzeugt an Kohlen an Stabeifen 2,211.414 Zollcentner 187.500 99 eine, für ein Land, welches 32 Millionen Einwohner zählt, wahrlich auffallend geringe Menge. Die Eifeninduftrie Japans befindet fich auf einem noch fehr niederen Standpunkte einerfeits, während man anderfeits erftaunt fein mufs, mit welch' geringen Mitteln verhältnifsmäfsig viel geleiftet wird. Eifenerze kommen offenbar nach den ausgeftellten Stufen in grofser Menge vor, es find aber bis jetzt nicht die anftehenden Erze Gegenftand der Gewinnung, fondern nur der im aufgefchwemmten Lande gefundene, und dann durch Wafchen gereinigte Magneteifenftein- Sand. Der Aggregatzuftand desfelben ift fehr fein, und ift derfelbe fo gut gewafchen, dafs der Eifenhalt 60 Percent erreichen oder etwas überfteigen dürfte. Man glaubt, dafs derfelbe etwas titanhältig fei, obwohl diefs durch Analyfen kaum nachgewiefen fein dürfte. Diefer Eifenfand wird mittelft Holzkohlen in kleinen Stucköfen, von welchen ein Modell aus Papier ausgeftellt war, verfchmolzen. Die Gebläfe, deren man fich dabei bedient, find kleine, liegende, doppelwirkende Kaftengebläfe, welche von vier Mann, abwechfelnd von je zweien, betrieben werden. Bei gröfseren Stucköfen bedient man fich eines etwas anders eingerichteten Gebläfes, welches einfach wirkend ift und einen oscillirenden Kolben hat. Diefe Gebläfe fcheinen, fo weit aus einer Zeichnung zu entnehmen war, manchmal auch durch Wafferkraft betrieben zu werden. Die Qualität der Producte, welche bei diefer Arbeit erhalten werden, ift offenbar fehr verfchieden, und von dem Willen der Arbeiter häufig nicht abhängig. Die Ausftellung zeigte Roheifen, vom grauen bis zum kleinluckigen, welche Sorten behufs Erzeugung von Gufswaaren im Cupolofen umgefchmolzen werden, ftahlähnliche Producte, welche für Waffen, Werkzeuge etc. verarbeitet werden, und endlich Stabeifen für ordinäre Gezähe etc. Ein Stuckofen verarbeitet in drei Tagen etwa 100 Centner Erz und erzeugt 36 Centner Eifen. Zur Erzeugung von Gufswaaren wird auch englifches Roheifen eingeführt, welches, wenngleich bedeutend billiger als das felbft erzeugte, weniger gefchätzte Gufswaare gibt. Entweder ift das eingeführte englifche Roheifen in der That fehr fchlecht oder der Patriotismus der Japaneſen fehr grofs. Die Cupolöfen zum Umfchmelzen des Roheifens find der Höhe nach aus drei Theilen zufammengefezt. Der untere befteht aus einem Gufseifen- Keffel, der mit einer etwa fünf Zoll dicken Maffefchicht ausgekleidet ift und eine Höhe von etwa 2 Fufs hat. Der eigentliche Schacht wird aus zwei gufseifernen Cylindern von 4 und 2 Fufs Höhe gebildet und find diefelben ebenfalls ausgefüttert. 90 Franz Kupelwiefer. Die Thonform von etwa einem Zoll Durchmeffer ift fehr geneigt. Das Gebläfe ift dasfelbe wie bei den Stücköfen. Der Durchmeffer des Ofens fchwankt zwifchen einem und zwei Fufs. Die Holzkohle ift von vorzüglicher Qualität, meift Eichenkohle. Bei Beginn des Betriebes wird der Ofen nahe gefüllt, und dann bei gleichbleibender Holzkohlen- Gicht von circa 34 Cubikfufs mit 8 Pfund Eifenfatz begonnen und gegen Ende der Campagne bis 36 Pfunde geftiegen. Je nach der Gröfse des Ofens befteht eine Campagne aus etwa 36 bis 70 Centnern, welches Quantum in etwa acht Stunden niedergefchmolzen wird. Der Ofen wird nach drei Schmelzungen neu ausgefüttert. Eigenthümlich ift, dafs noch der Gufseifen- Keffel, welcher den Boden bildet, etwa zwanzig Abftichöffnungen hat, da ein Einfrieren des Abftiches fehr häufig ftattfinden foll. Die von dem auf diefe Weife eingefchmolzenen Roheifen erzeugten Gufs. waaren beftehen der Hauptfache nach aus Hausgeräthfchaften, wie Keffeln, Pfannen, Schaufeln etc., welche recht hübfch und nett gearbeitet find. Bei Erzeugung der Kochgefchirre, welche fehr dünn find, wird der Oberkaften aus feuerfefter Maffe hergeſtellt, fehr gut gebrannt und etwa hundert Mal hintereinander benützt, und nur jedesmal reparirt und gefchwärzt, während der Unterkaften mit dem Kern aus Sand für jeden Gufs neu gemacht wird. Für Kunftgufs, der fehr fchön ausgeführt wird, verwendet man Wachsmodelle, welche dann aus der Lehmform ausgefchmolzen werden. Behufs der Erzeugung von Stahl oder Stabeifen, werden die aus dem Stückofen erhaltenen Luppen in verhältnifsmäfsig kleine Stücke verfchrotten, in kleinen am Boden angebrachten Feuern forgfältig ausgeheizt und mit Handhämmern zu Schienen von etwa 18 bis 20 Zoll Länge und etwa 5 Zoll Breite und 12 Zoll Dicke ausgefchmiedet. Um fchmälere Stangen zu erhalten, werden diefe Flachfchienen der Länge nach mittelft Setzeifen auseinander gehauen. Aufser Handhämmern fcheinen keine mafchinellen Vorrichtungen zur Bearbeitung des Eifens bekannt zu fein. Die Qualität des Eifens ift eine vorzügliche, fowie die aus dem Eifen und Stahl erzeugten Werkzeuge meift fehr hübfch und nett ausgeführt find. Die Production hält nicht gleichen Schritt mit der Confumtion, und wird ziemlich viel Eifen von England eingeführt. An wefentlichen Fortfchritten dürfte kaum etwas zu verzeichnen fein, da die Methoden zu den älteften gehören, und anderfeits über die früheren Arbeiten. und die Production nichts bekannt ift. Schlufsbemerkung. Wenn auch fchon bei Betrachtung der Ausftellungsobjecte der einzelnen Länder die Fortfchritte befprochen wurden, welche in jedem diefer Länder durch die Ausftellung erfichtlich gemacht wurden, fo drängt fich uns zunächft die Frage heran, welches find die Fortfchritte, die wir im Eifen- Hüttenwefen zu verzeichnen haben, find diefelben bedeutend oder find die letzten fünf Jahre verfloffen, ohne dafs wefentliche Fortfchritte zur Anfchauung gebracht wurden und verzeichnet werden können? Diefe Frage verdient um fo mehr eine Beantwortung, als die Anficht fo häufig ausgefprochen wurde, dafs die Ausftellung in Beziehung auf Eifen- Hüttenwefen wenig Neues biete, und der Ausftellung vom Jahre 1867 fo fehr zurückſtehe, und foll diefe Beantwortung durch eine kurze Aufzählung der auf der Ausftellung erfichtlich gemachten Fortfchritte erfolgen. Das Hüttenwefen. 91 Bezüglich der Vorbereitung der Eifenerze finden wir in Kladno in Böhmen Verfuche behufs Entphosphorung derfelben im grofsartigen Mafsftabe durchgeführt, welche für die dortigen Veshältniffe ziemlich zufriedenftellende Refultate gegeben haben follen. Wenn die Refultate auch noch nicht als vollkommen entfprechend angefehen werden können, fo kann man doch immerhin fagen, dafs in der für viele Eifendiftricte äufserft wichtigen Frage ein Schritt vorwärts gemacht worden ift. Nicht ganz zu unterfchätzen find auch die Verfuche, junge nicht backende Braunkohlen zu vercoaken oder richtiger zu verkohlen. Wenn wir auch an mehreren Orten weitgehenden Verfuchen in diefer Richtung begegnen, von mehreren Ausftellern fogar Producte gebracht wurden, fo ift doch die Qualität derfelben noch nicht entſprechend und die Rentabilität der bis jetzt meift eingefchlagenen Wege noch fehr fraglich. Bezüglich der Durchführung des Hochofen- Proceffes finden wir wenig ganz Neues, wohl aber wefentliche Verbefferungen und Erweiterungen des Betriebes; diefelben beftehen der Hauptfache nach in einer Vergröfserung der Production, welche durch eine bedeutende Volumsvermehrung der Hochöfen angeftrebt wird. Um diefe zu erreichen, hat man in letzterer Zeit die Dimenfionen in der Weite der Oefen mehr vergröfsert als die Höhe, und dabei oft wefentlich beffere Refultate erzielt. Die früher nur in England an einzelnen Orten forcirte Production von 1600 bis 1700 Centern per Ofen und 24 Stunden finden wir nun fchon an mehreren Orten Deutfchlands, wie z. B. an der Ilfederhütte etc. erreicht. Ein wefentlicher Fortfchritt ift durch die Anwendung von fehr ftark erhitztem Wind erzielt worden. Die Einführung der Wittwell'fchen WinderhitzungsApparate ermöglicht, den Wind, auf 600 bis 700 Grade Celfius erwärmt, in den Ofen zu bringen, wodurch wefentlich an Brennmateriale erfpart, in vielen Fällen eine für manche Raffinirproceffe entſprechendere Qualität von Roheifen zu erzeugen ermöglicht wird. Die Qualität der erzeugten Roheifen Sorten hat fich im allgemeinen Grofsen gehoben. Das Beftreben, graues Qualitäts- Roheifen tauglich für die Durchführung des Beffemerproceffes zu erzeugen, führte an vielen Orten zu entsprechenden Refultaten. Ebenfo begegnen wir nun nicht mehr allein im Siegen'fchen der regelmässigen Erzeugung von Spiegeleifen; Schweden, Oefterreich, Frankreich erzeugen, wenn auch noch nicht fo viel, fo doch wenigftens fchon current, Spiegeleifen mit einem nahe gleichbleibenden ziemlich hohen Mangangehalt. Ferromangan wird nicht mehr als Rarität, möchte ich fagen, fondern hüttenmännifch in Hochöfen oder Siemensöfen erzeugt und vorzüglich bei der Erzeugung von Qualitätseifen oder Stahl zugefetzt. In allen Ländern, welche bis jetzt überwiegend Holzkohlen- Roheifen erzeugten und defshalb ihre Production nur wenig mehr fteigern konnten, finden wir das Beftreben, mineralifche Brennftoffe heranzuziehen, um auf diefe Weife die Production mit der Confumtion mehr in Einklang zu bringen. Der wefentlichfte Fortfchritt, den wir auf der Ausftellung begegneten, ift von Siemens in der englifchen Abtheilung gebracht worden, indem Siemens die Oefen und Producte der directen Eifenerzeugung aus Erzen in Flammöfen ausftellte. Wenn diefer Procefs auch bis jetzt aus Erzen noch nicht fertiges, brauchbares Materiale liefert, fo erhält man nach den Angaben Siemens doch ein Product ähnlich den Puddlingsluppen, welches ein werthvolles Materiale für die Durchführung des Siemens- Martinproceffes, der erft jetzt diefen Namen recht verdienen wird, ift. Der Hochofen- Procefs wird, wenn die gegebenen Reſultate richtig find, in vielen Fällen umgangen werden können, jedoch nach den bisherigen Erfolgen zu urtheilen, wenigftens vorläufig, wahrfcheinlich aber nie unentbehrlich werden. Es wird diefer Procefs vielleicht allen jenen Ländern, welche keine backenden Kohlen, wohl aber reiche Erze und jüngere Kohlen zur Verfügung haben, die Möglichkeit bieten, ihre Eifenproduction zu fteigern. Ebenfo wird diefer Procefs für jene Eifendiftricte wichtig werden, welche 92 Franz Kupelwiefer. phosphorhaltende Erze zu verarbeiten haben, weil nach Siemen's Angabe die Abfcheidung des Phosphors ziemlich vollſtändig erfolgen foll. Es wird diefer Procefs jedoch nicht an allen Orten anwendbar werden( ich will hier nicht von den vielen Schwierigkeiten fprechen, die fich bei Einführung jedes neuen Proceffes oft fehr empfindlich bemerkbar machen), weil man wenigftens bis jetzt nur reiche Erze verarbeiten kann. Nicht zu leugnen ift, dafs diefer Procefs, wenn er ziemlich allgemein Eingang finden kann, ein epochemachender genannt werden kann. empfehlen ift es Herrn Siemens, dafs er keine zu hohen Patenttaxen verlangt, damit es ihm nicht wie mit der Einführung feines gewifs vorzüglichen Feuerungsprincipes ergehe. Für Oefterreich ſpeciell kann die Einführung diefes Proceffes von aufserordentlichem Vortheile fein. Zu Bezüglich der Durchführung des Puddlingsproceffes finden wir in den Modellen des Danks'fchen und Seller'fchen Ofens Hilfsmittel, um einen Theil der Handarbeit durch Mafchinenkräfte erfetzen zu können. Alle diefe Oefen bieten nur in ihrer Anordnung etwas Neues, während das Princip fchon früher mehrfache verfuchsweife Anwendung fand. In England und Oefterreich, weniger in den anderen Ländern, hat fich die Anwendung der Siemensöfen Bahn gebrochen, und find in der Einrichtung derfelben, vorzüglich aber in der Art der Gaserzeugung wefentliche Fortfchritte gemacht worden. Ebenfo find die Fortfchritte in der Stahlfabrication nicht unbedeutend zu nennen, und find es vorzüglich die Fortfchritte, welche bei Durchführung des Beffemer und Martinproceffes gemacht wurden, welche hervorgehoben zu werden verdienen. Erft in diefem letzten fünfjährigen Zeitabſchnitte haben fich die Beffemerproducte das volle Vertrauen der Eifenconfumenten zu erwerben gewufst. Auch Deutſchland, welches mit der allgemeineren Einführung diefes Proceffes lange Zeit zögerte, machte in der letzten Zeit grofse Anftrengungen, um das Verfäumte nachzuholen. Als Neuerung bei diefem Proceffe kann die Anwendung von hoch erhitztem Wind erwähnt werden, welche in Zeltweg eingeführt wurde. Der Martinprocefs, welcher im Jahre 1867 fozufagen zum erften Male vor der Oeffentlichkeit erfchien, hat fich gegenwärtig eingebürgert und liefert, richtig angewendet, vorzügliche Refultate. Nicht unerwähnt darf die Anwendung des fogenannten Ueberhitzens des Stahles, worüber fchon früher detaillirt gefprochen wurde, bei Ausführung von Façongüffen, bleiben. Befonders hervorgehoben zu werden verdient das Beftreben fo vieler Hüttenwerke, durch rationell durchgeführte Feftigkeitsproben auf eine zweckentſprechende Verwendung ihrer Producte hinzuweifen, die Anforderungen, welche unter verfchiedenen Umftänden an Eifen und Stahl gemacht werden können, auf das richtige Mafs zurückzuführen. Die Producenten gaben dadurch den Confumenten gleichfam das Mittel an die Hand, das für den jeweiligen Bedarf entſprechendfte Materiale zu wählen. Diefs war der Grund. der mich beftimmte, diefe oft umfangreichen Tabel len fo vollſtändig als möglich aufzunehmen, um auf den rationelleren Weg zur Beftimmung von Uebernahmsbedingungen etc. aufmerkfam zu machen, und hielt diefs für um fo nothwendiger, weil fo wichtige Arbeiten in Ausftellungen, da fie eben nicht fo fehr in die Augen fallen, fo leicht überfehen werden. Nach diefer kurzen Aufzählung von Fortfchritten, brauche ich nur, um die zuerft aufgeworfene Frage zu beantworten, hier anzuführen, dafs der einzige wefentliche Fortfchrittt der im Jahre 1867 verzeichnet werden konnte, in der Einführung des Martinproceffes beftand. Das Hüttenwefen. 93 Die Gewinnung und Bearbeitung der Metalle mit Ausnahme des Eifens. Wenn auch die Production der übrigen Metalle fortwährend fteigt, fo ift diefe Steigerung doch nicht in der Weife überrafchend, als diefs beim Eifen der Fall ift. Im Allgemeinen finden wir den Schwerpunkt bezüglich der Erzeugung des Goldes nicht mehr in der alten Welt, fondern vorwiegend in Amerika, in Auftralien, während in Afrika erft Unterfuchungen begonnen, haben Europa und Afien ihre Production nicht wefentlich gefteigert. Bezüglich der Production der übrigen Metalle haben fich in den letzten Jahren wefentlich andere Verhältniffe herausgebildet. Dem Beiſpiele Englands folgend, begnügt man fich in Europa nicht mehr, die dafelbft gewonnenen Erze auf ihren Metallinhalt zu verarbeiten; die Menge der nach Europa gebrachten überfeeifchen Erze wächft von Jahr zu Jahr und damit auch die Production an Silber, Blei, Kupfer etc. Dafs diefe Steigerung der Production vorwiegend jenen Ländern zu Gute kommen muſs, welche in Folge ihrer Situation, ihrer Handelsverbindungen überfeeifche Erze am leichteften beziehen, ift felbftverſtändlich. Dadurch aber, dafs es einzelnen Hütten möglich wird, reiche und meift reine Erze in ziemlich grofsen Mengen zu beziehen, wird es möglich, die Production an einzelnen Punkten zu concentriren, die Hüttenproceffe zu vereinfachen, und manche arme Erze der eigenen Erzeugung aufzuarbeiten, deren Metallinhalt eine Aufarbeitung früher unmög. lich machte. Ungleich fchwieriger als beim Eifen ift es aber auch hier, ein nur annäherungsweife richtiges Bild über die Erzeugung einzelner Länder an diefen Metallen zu geben, da es meift an verlässlichen Daten gänzlich fehlt; noch viel weniger ift es möglich eine Productionsüberficht der Erde zu bringen, da eben die Productionsmengen eines grofsen Theiles der Länder gar nicht erhoben werden können. Umjedoch einiges Anhalten über die Production der übrigen Metalle zu gewinnen, follen hier jene Zahlen zufammengeftellt folgen, welche mit einiger Verlässlichkeit gegeben werden können. Es können diefe angeführten Zahlen eben keinen Anfpruch auf Vollständigkeit machen und daher auch keinen vollſtändigen Ueberblick über die Gefammtproduction der Erde geben. Ebenfo follen auch nur die wichtigften Metalle hervorgehoben werden, während auf die weniger wichtigen keine Rückficht genommen werden foll.( Siehe Tabelle Pagina 94.) Die Angaben bezüglich Amerikas find den Statiſtics of Mines and Minning in the ftates and territories weft of the Rocky Mountains von Roffiter W. Raimond entnommen, während die Angaben für Queensland, Neu- Seeland und Victoria den officiellen Veröffentlichungen entnommen find. Gold und Platin. Was die Erzeugung an Gold anbelangt, fo fanden wir diefelbe überwiegend in den Ausftellungen von Queensland, Neu- Seeland und Victoria durch Gypsabgüffe von dafelbft gefundenen Goldklumpen, von Goldbarren und Gold haltendem Quarz vertreten; die Arbeit felbft, die Art der Ausbeutung ift durch Photographien der Goldfelder und der dafelbft befindlichen Wafchanftalten verfinnlicht. Intereffant find die Angaben über den Metallhalt des in einzelnen Diſtricten verarbeiteten Goldquarzes; fo war der Goldhalt beispielsweife in Queensland in den einzelnen Feldern folgender: 7 94 Franz Kupelwiefer. Blei Gold Silber Land Jahr fammt Kupfer Zink Glätte Queckfilber Zollpfd. à o 5 Kilo Zollcentner Oefterreich) 1871 2.802 72.936 145.722 33.428 45.552 7.875 Ungarn Preussen. 1871 327 Sachfen 1870 400 133.394 1,058.952 89.300 82.464 9.000 93.464 1,163.561 1.207 Anhalt. • 1870 914 Braunschweig. 1870 6 1.158 3.763 2.669 3 England 1871 473-705 1,403.218 127.609 100.909 Rufsland. 1871 78.621 27.150 37-368 42.589 Schweden 1871 14 Norwegen 1871 Spanien 1866 Italien. 1872 2.292 7.400 45.066 1,218.696 70.860 7.020 2.095 33.426 10.400 33.112 19.100 10.000 796 Nordamerika. 1871 97.456 Im übrigen Amerika 1,255.440 1871 50.050 Queensland 1871 9.208 P 31.881 Flafks New- Zeland • Victoria . Japan • 1872 20jähr. Dchfch. 1871 32.297 49.800 109.701 P 548 11.982 10.934 30.204 In Gympie im Durchfchnitte von Centner. 405.000. Percente. 0.00816. Ravenswood 32.000. وو " 99 " 0.00917. " 9 Charters Towers und Brougthon 200.000. " 9 " 0.0178. Gilbert. " 99 " و" 7.200. 0.0073. 29 Etheridge " 99 30.780. 0.0076. In Victoria ftellte fich der Goldhalt bei Verarbeitung von 18,500.000 Centner Quarz auf o 0037 Percent. Die Goldgänge werden oft in einer Tiefe, die hundert Klafter beträchtlich überfteigt, abgebaut, wefshalb bedeutende Wafferhaltungs- und Fördermafchinen erforderlich find, und überall dort gefunden werden, wo die Gewinnung nicht mehr in den oberen Schichten des Alluviums erfolgt. Gold, wie es von Neu- Seeland exportirt wird, hat meift folgende Zufammenfetzung: Gold Silber Kupfer von 96 27 bis 65.65 Percente. " 7 3.63" 33.90 ΟΙ " 0.45 " 29 Das Silber geht bei der dafelbft angewandten Reinigung mittelft Chlor meift grofsentheils verloren. In den Ausftellungen der franzöfifchen überfeeifchen Colonien finden wir ebenfalls Gold in ziemlich grofsen Klumpen, und zwar von Guyanne, welches gegenwärtig fchon jährlich Gold im Betrage von 2 Millionen Francs erzeugt, und goldhaltenden Quarz von Neu- Caledonien ausgeftellt hat. Das Hüttenwefen. 95 In Spanien ftellte La fraternité, Société fpecial pour l'exploitation des mines in Jadena in der Provinz Toledo goldhaltenden Quarz aus, von welchem die Tonne 13 bis 54 Unzen Gold, oder o 045 bis 019 Percent, enthält. Erft in der deutfchen Abtheilung begegneten wir abermals Gold, und zwar in der Ausftellung Freibergs, welches offenbar durch das Verfchmelzen überfeeifcher Erze feine Goldproduction gefteigert hat. Bemerkt mufs noch werden, dafs Freiberg etwas Platin, welches aus dem Golde gewonnen wurde, ausftellte, und als Rarität Indium zur Ausftellung brachte. Ungarn ftellte ebenfalls etwas Gold fowohl im kryftallifirten Zuftande fowie in Barren aus. In der öfterreichifchen Abtheilung fanden wir das Gold nur vertreten durch die Ausftellung der Gaftein- Rothhausberger Gewerkfchaft, welche Mühl- und Feingold ausftellte. Diefe Gewerkschaft verdient defshalb eine befondere Beachtung, als diefelbe am Rande des Gletfchers mit grofsen Schwierigkeiten kämpfend, fehr arme Erze verarbeitet. Zu erwähnen ift noch das am Gongo Socco neben gewöhnlichem Wafchgold gewonnene Goldpalladium, welches Brafilien ausftellte. Von dem Haupt- Platinproducenten, Rufsland, welches im Jahre 1871 nur 4100 Pfund erzeugte, wurde von Platin nichts ausgeftellt, hingegen von folgenden Verarbeitern: Demoutis Gueneffer& Comp. in Paris; Johnfon Mathei& Comp. in London und Heraeus in Hannau, welche alle drei Apparate und Gefäfse für chemifche Fabriken und Laboratorien etc. ausftellten, unter welchen befonders von der Ausftellung des Johnfon Mathei ein Keffel zur Schwefelfäure- Erzeugung, der per Tag 200 Centner zu liefern im Stande ift und 43.000 fl. koftet, zu erwähnen ift. Ebenfo mufs ein Stück gediegenen Platins von 4728 Gramm Gewicht, Palladium und Iridoplatin, welch' letztere Metalllegirung befonders für Herftellung von Normal- Mafsftäben etc. empfohlen wird, erwähnt werden. Demoutis ftellte ähnliche Apparate, fowie metallifches Ruthenium und Palladium aus, während fich die Fabricate Herams durch Billigkeit und folide Arbeit vortheilhaft auszeichnen. Im Allgemeinen find in diefer Gruppe von Metallen nach den ausgeftellten Objecten wenig auffallende Fortfchritte zu verzeichnen. Blei, Silber, Kupfer etc. etc. Blei und bleiifche Producte fanden wir, fowie das aus filberhältigen Bleien erzeugte Silber ziemlich häufig auf der Ausftellung vertreten, und find die in diefer Beziehung intereffanteften Ausstellungen unbedingt die der deutſchen Metallhütten, da England in diefer Richtung fozufagen gar nichts, Frankreich nur eine wichtigere Expofition und Oefterreich- Ungarn nur einige Neuerungen aufzuweifen hat. Die Ausftellungen der übrigen Länder brachten in den meiften Fällen neben ihren Erzen meift nur Bleiblocken, ohne über ihre Fabricationsweifen nähere Auskünfte zu ertheilen; nichts deffenungeachtet follen die wichtigften Ausfteller hier aufgeführt werden. An Blei und filberhältigem Blei fanden wir von Spanien eine ziemlich grofse Anzahl von Ausftellern, welche aber blofs Blei Erze, metallifches Blei und Silber brachten; alle diefe Ausftellungen boten. fehr wenig Intereffe, da fie eben aufser rohen Bleiblocken nichts enthielten. Weitaus intereffanter war in der Beziehung die Ausftellung Frankreichs, welche allerdings nur einen Ausfteller in diefer Richtung enthielt: Emil Thomas Payen zu Marſeille hatte fich die Aufgabe geftellt, unreine, Arfen und Antimon haltende Bleie durch Behandeln mit kohlenfaurem oder kauftifchem Natron im heifsflüffigen Zuftande fo weit zu reinigen, dafs die Gewinnung des Silbers aus diefen Bleien ohne gröfsere Silberverlufte erfolgen und das Blei als Weichblei in Handel gebracht werden könne. Payen bezeichnet diefen Procefs mit dem Namen Natrométallurgie und bietet derfelbe der Hauptfache nach folgende Vortheile: Die in den Bleien enthaltenen fremden Metalle werden durch Behandeln mit( Alkalien) 7* 96 Franz Kupelwiefer. Soda oder kauftifchem Natron im heifsflüffigen Zuftande befonders, wenn Wafferdampf eingeleitet wird, oxydirt und verfchlackt, während diefs bei Blei nur in fehr geringem Mafsftabe, bei Silber und Gold gar nicht ftattfindet. Der Procefs wird in Eifenkeffeln durchgeführt, und die erforderliche Menge an Soda richtet fich nach der Menge und der Schmelzbarkeit der von der Schlacke aufzulöfenden Metalloxyde. Man braucht umfoweniger, je leichtflüffiger die entstandenen Verbindungen find. Eine eigenthümliche Erfcheinung hat fich dabei gezeigt, es wird gefchmolzenes kohlenfaures Natron durch Einleiten von Wafferdampf in kurzer Zeit vollständig in kauftifches Natron verwandelt. Payen wandte diefen Procefs vorzüglich zur Reinigung griechifcher Bleie, welche aus alten Schlacken erzeugt find und 6.5 Percent Antimon, 3 Percent Arfen, o 5 Percent Kupfer und 1 bis 2 Percent Eifen und Schwefel enthalten, an, und hatte zur Zeit der Ausftellung fchon bei 3000 Centner folchen Bleies gereinigt, und nebenbei mit vielen anderen Bleien Verfuche im Grofsen durchgeführt und zufriedenftellende Refultate erhalten. Die Arbeit wird zu Prado mit griechifchem Blei von der obenangegebenen Zufammenfetzung in folgender Weife durchgeführt: Eine Charge von 12.000 Pfund Blei wird in einem gufseifernen Reactionskeffel bis zur dunkeln Rothglüh- Hitze( 400 bis 500 Grad Celfius) erwärmt und viermal nach einander durch Zufatz von je 1000 Pfund Soda behandelt, wobei das Blei durch einen ftarken Strom von warmem Wind in Bewegung erhalten wird. Die erfte Schlacke enthält beinahe den ganzen Gehalt an Arfen, Eifen und Schwefel. Die zweite und dritte Partie beinahe den ganzen Gehalt von Antimon und den Reft von Arfen. Der vierte Abzug an Schlacke den Reft von Antimon und etwas Kupfer. Mit Hilfe diefer letzten Schlackenpartie würde man den ganzen Gehalt an Kupfer mit Spuren von Blei entfernen können, man zieht es jedoch vor das Kupfer im Blei zu laffen und später mittelft Zink zu entfernen. Diefe Arbeit dauert zwanzig Stunden, das Blei ift unter der vierten Schlacke flüffig, und wird diefe letzte Schlacke bei der nächften Operation zur Entfernung von Arfen benützt, wobei jedoch die Spuren von Antimon und das Kupfer in das Blei übergeführt würden, während die erfte Schlacke nur den Gehalt an Arfen aufnimmt. Die arfenikalifche Schlacke wird verkleinert in kochendem Waffer aufgelöft, filtrirt, und aus dem Filtrate kryftallifirt dreibafifch arfenfaures Natron aus, welches Salz im kalten Zuftande in der concentrirten kauftifchen Lauge nur wenig löslich ift. Auf diefe Weife kann man beinahe den ganzen Gehalt von Arfen gewinnen. Die Mutterlauge wird unter Zufatz von Soda eingedampft. Die antimonhaltende Schlacke wird zerkleinert und mit 6 Percent Kohlen ihres Gewichtes in einem Keffel eingefchmolzen, wobei man 20 bis 30 Percent beinahe reines metallifches Antimon erhält. Die von Antimon befreite Schlacke wird im Verhältnifs von 0.6 zu 0.4 mit neuer Soda gemengt wieder zur Durchführung des Proceffes verwendet. Nach viermaligem Gebrauche enthält diefelbe jedoch fchon zu viel Schwefel und Eifen, und mufs in Waffer gelöft, filtrirt und unter Zufatz von neuer Soda eingedampft werden. Das erhaltene Antimon wird behufs der Reinigung mit 10 Percent Soda und etwas Sand umgefchmolzen. Das Blei, welches noch Kupfer und Silber enthält, wird auf die bekannte Weife mit Zink entfilbert. Das Zink nimmt alles Kupfer und Silber und der erhaltene Schaum etwa 10 des in Arbeit genommenen Bleiquantums auf. Das Blei enthält noch o'002 bis 0.003 Zink, welches durch Schmelzen mit I bis 2 Percent Soda entfernt wird, fo dafs man beinahe chemifch reines Blei erhält. Das Hüttenwefen. 97 Der bleibende Rückftand wird bei möglichft niederer Temperatur mit 150 Percent Soda behandelt, wobei man beinahe alles Blei und zwar, mit einem etwas höheren als dem urfprünglichen Silberhalt im metallifchen Zuftande erhält. Diefes Blei wird der Entfilberung mittelft Zink zugetheilt. Die Schlacke enthält etwas Bleioxyd, Zink und Kupfer in Form von fchwarzem Kupferoxyd, Silber zur Hälfte in Form eines feinen metallifchen Pulvers, zum Theil als Oxyd. Die Schlacke wird zerkleinert, mit Waffer aufgelöft und filtrirt. Das Filtrat wird mit Soda eingedampft, während die Rückstände aus etwa 10 Theilen Zink, 5 Theilen Kupfer, I Theil Silber und etwas Bleioxyd beftehen, und mit Schwefelfäure, welcher etwas Salpeter zugefetzt wird, behandelt werden. Der unlösliche Rückftand enthält das Gold und Schwefelblei. Aus der Löfung wird Silber als Chlorfilber ausgefüllt, dann Kupfer mit Schwefelcalcium und fchliefslich Zink durch Kalk als reducirbares Oxydhydrat. Der Bleiverluft foll nach Payen's Angaben( welchen diefe Befchreibung entnommen ift) verfchwindend klein fein. Anwendung foll die Natrometallurgie nach Payen bei folgenden Hüttenproceffen finden können: Beim Reinigen des Bleies, beim Entzinken des Bleies und des filberhältigen Schaumes, bei der Reinigung filberhältiger Kupfer und alter zufammengefetzter Legirungen, bei der Behandlung von Platin, Gold und Silbererzen, bei der Behandlung von Chromerzen. Bezüglich der Verarbeitung von Blei hatte Laveiffiere& Sohn in Paris eine fehr hübfche und reichhaltige Ausftellung, wie z. B. gewalzte Bleiplatten von 3400 x 12.000 Millimeter, ja Bleche bis 30 Meter lang und 1 Meter breit, Bleiröhren von verfchiedenen Durchmeffern und Querfchnitten, darunter ein Bleirohr von 2800 Meter Länge, aus einem Stücke geprefst etc. Sehr lehrreich und intereffant waren die Ausftellungen der deutfchen Metallhütten, und fanden wir in der Ausftellung des königlich preufsifchen Oberbergamtes zu Clausthal die Producte des dortigen Hüttenproceffes fehr lehrreich und inftructiv zufammengeftellt. Befonders hervorgehoben zu werden verdienen die Verfuche bezüglich der Anwendung von gröfseren mehrförmigen Oefen, wobei man fchliefslich von der durch General Rafchette empfohlenen Form wieder abgegangen ift und die runde Form adoptirte, indem die mit runden Oefen erzielten Refultate beffer, und die Durchführung der Arbeit für die Arbeiter wefentlich erleichtert wurde. Ein fünfförmiger, runder Ofen, von etwa drei Fufs Durchmeffer in der Höhe der Formen und einem Durchmeffer von 434 Fufs an der Gicht( den nach den bisherigen Erfahrungen als beft anerkannten Dimenfionen) erzeugt per 24 Stunden 60 bis 65 Zentner Blei, während ein zwölf förmiger Rafchette'fcher Ofen nur 110 Centner zu erzeugen vermochte. Gegenwärtig fteht in Clausthal auch nur mehr ein Rafchette'fcher achtförmiger Ofen, und felbft diefer ift nicht mehr im Betrieb. Aehnliche Erfahrungen wurden auch in Freiberg bezüglich der Conftruction der Oefen gemacht und können die Fortfchritte, welche gemacht wurden, am beften aus folgender Zufammenftellung entnommen werden: In 24 Stunden wurden in Freiberg verfchmolzen: In einem Doppelofen( beide Formen an der Rückwand) mit 2750 Pfund Coaks 70 Centner Erze oder 200 Centner Erze mehr Zufchläge. In einem vierförmigen Ofen( alle vier Formen an der Rückwand) mit 6500 bis 6600 Pfund Coaks 200 Centner Erze oder 600 bis 700 Centner Erze mehr Zufchläge. In einem achtförmigen runden Ofen mit 10.000 Pfund Coaks 700 Centner Erze oder 1300 Centner Erze und Zufchläge. Es wurden fomit mit je einem Pfund Coaks verfchmolzen: 98 Franz Kupelwiefer. Im 2förmigen Oefen.. 25 ” 4 8 " " " Pfund Erze Pfund Erze und Zufchläge • 73 .3.03 .. 7.00 IO 04 13.00 Diefe angeführten Zahlen fprechen nur allzufehr zu Gunften der neuen Ofenconftruction. Beim Verfchmelzen der Steine und Schlacken werden die gleichen Oefen verwendet. Die Rohftein- Arbeit ift in Freiberg ganz gefallen. Freiberg ftellte auch eine reichliche Sammlung von Bleiröhren und Blechen aus, von welchen die erfteren auch theilweife verzinnt waren. Die Bleientfilberung durch Zink verdrängte im Jahre 1868 zu Clausthal den Kryftallifationsprocefs, und wurde im Jahre 1869 durch Benützung von Wafferdampf wefentlich verbeffert. Diefer Procefs, der auch in der königlich preufsifchen Friedrichshütte bei Tarnovitz eingeführt wurde, war in beiden Ausftellungen durch beigegebene Probeftücke fehr fchön repräfentirt. Ich glaube hier nur auf den Procefs aufmerkfam machen zu müffen, ohne denfelben detaillirt zu befchreiben, da derfelbe ohnehin fchon durch die Literatur ( Preufsifche Zeitfchrift) genügend bekannt ift. In Tarnovitz begegnen wir einer neuen Combination des Bleiproceffes. Die bei der naffen Aufbereitung gewonnenen Schiege werden in 12 Meter langen, 15 Meter breiten Schiegfinter Flammöfen, welche fieben Arbeitsthüren an einer Seite haben, geröftet, in Flamm- Schmelzöfen mit je vier Thüren auf jeder Seite eingefchmolzen, während die Rückstände in dreiförmigen Schachtöfen aufgearbeitet werden, wobei gegenüber der früheren Arbeit wefentlich geringere Metallverlufte refultiren. Die Gasfänge der Schachtöfen find aus Kupfer hergestellt. Tarnovitz ftellte auch die Zeichnung eines Steinkohlen- Silbertreibherdes von 2.75 Meter Durchmeffer aus, welcher vier Flammlöcher und fechs Fuchsöffnungen hat, um die Temperatur auf den Herd möglichft gleichförmig zu vertheilen. Zur Entfilberung der Werkbleie wird auch zu Mechernich in der Eifel Zink unter Benützung von Wafferdampf verwendet. Die Stollberger Actiengefellfchaft verwendet behufs der Concentration des Silberhaltes theils das Kryftallifationsverfahren, theils die Entfilterung mittelft Zink. Die Rheinifch Naffauifche Bergwerks- und Hütten Actiengefellfchaft verarbeitet aufser eigenen Bleiglänzen Bleierze aus Sardinien( Monte vecchio), aus Algier( Gar Ruban) und aus Nordamerika ( Utah und Nevada). Auf den Hütten diefer Gefellſchaft ift der Pattinſon'ſche Procefs zuerft auf dem Continente eingeführt worden. Herbft& Comp. zu Call in der Eifel verarbeitet zu Schliefsenmoor eigene und fpaniſche Erze, entfilbert mittelft Zink und raffinirt das Blei durch Chlorblei bildende Materialien. Die Gefellſchaft des Emfer Blei- und Silberwerkes zu Ems erzeugte im Jahre 1872 an Blei 21.600 Centner, an Glätte 34.200 Centner, an Silber 6100 Pfunde, und verwendet zur Entfilberung der Bleie die Zinkentfilberung und zur Reinigung der Bleie die Dampfraffination. Erwähnt mufs noch werden, dafs hier der erfte Rafchette'fche Ofen mit 12 Formen in Deutfchland in Betrieb gefetzt wurde. Unter den Metallhütten O efterreich- Ungarns, welche Silber und Bleerzeugen, ift befonders hervorzuheben Přibram in Böhmen, welches im Jahre 1871 aus 87.313 Centner Erzen mit einem durchfchnittlichen Silberhalt von 0 385 ZollMünzpfunden und einem Bleihalte von 57:37 Pfunden: 32.548 Pfunde Silber 29.071 Centner Glätte 5.929 3.018 Blei 99 وو Hartblei erzeugte. Das Hüttenwefen. 99 Zur Verarbeitung der Bleierze, welche wenigftens theilweife in Stadeln oder Kilns geröftet werden, dienen theils ältere dreiförmige, theils neuere fiebenförmige Hochöfen, von welchen die letzteren 8.2 Meter Höhe und in der Formhöhe einen Querfchnitt von 4'9 Quadratmeter haben. Unter den neueren Einrichtungen ift ein auch im Modell ausgeftellter Treibherd für 500 Zollcentner Einfatz zu erwähnen. Derfelbe hat vier Feuerungen, die fowohl für Holz, fowie für Steinkohle eingerichtet find, und ift derartig gut verfchloffen, dafs die Bleidämpfe nur in die Flugftaub- Kammern und die Haupteffe abgeleitet werden. Gleichzeitig werden die Gafe zum Erhitzen des Windes verwendet, fo dafs mit warmem Wind abgetrieben wird. Berg und Hüttenverwaltung Raibl ftellte hauptfächlich die Producte des kärntnerifchen Flammofen- Proceffes, welcher dafelbft in vier Oefen betrieben wird, aus, worunter vorzüglich das Blei als nahezu filberleer hervorgehoben werden kann. Die Qualität des nicht raffinirten Bleies ift durch beigegebene Analyfen beleuchtet, und zwar ift die Zufammenfetzung folgende: Antimon. Kupfer Schwefel Eifen. Blei Rührblei Spur geringe Spur 0118 Spur 99.882 Prefsblei O'I 02 Spur 0.382 Spur 99.516 Während das Rührblei als Weichblei Handelsartikel ift, wird das Prefsblei zur Schrotfabrication gefucht. Im kärntnerifchen Pavillon ift noch bezüglich der Bleiproduction hervorzuheben die Ausftellung der Bleiberger Bergwerks- Union, welche in ihren Bleihütten Kärntens bei 34.000 Centner Blei per Jahr erzeugen und theilweife als Blei, theils in Form von Bleifabricaten verkaufen. In der bei Villach gelegenen Fabrik werden jährlich circa 11.000 Centner Blei auf Glätte und Mennige verarbeitet, während die Schrotfabrik bei 7200 Centner, die Bleiröhrenund Plattenfabrik bei 6300 Centner per Jahr erzeugt. Um die Leiftungsfähigkeit zu zeigen war aufser Muſterſtücken von Bleiröhren von verfchiedenen Dimenfionen ein Bleirohr von fünf Linien inneren Durchmeffers und 1176 Fufs Länge ausgeftellt. Bleiplatten waren von 6 Fufs Breite, 7.8 Fufs Länge, I Linie Dicke und 2724 Zollpfund, fowie von 3 Fufs Breite, 9 Fufs Länge und o 25 Linie Dicke ausgeftellt. Zu erwähnen ift noch der von dem Director der Gefellfchaft Herrn Hinterhuber ausgeflellte continuirliche Röftofen. Von Bleiproducenten Kärntens hatten noch ausgeftellt: Guftav Graf Egger, J. Rainer in Klagenfurt, Johann Rohrer in Lind und Struggl's Erben in Raibl. V. Die Bleiproduction Krains war nur durch die Ausftellung des Werkes Knappoufche, welches im Jahre mit zwei Flammöfen nahe 3000 Centner Blei producirt, vertreten. Von den Ausftellern Böhmens find noch zu erwähnen die Actiengefellfchaft für Bergbau und Hüttenbetrieb, welche Bleierze, die in der Kfcheutzer Zeche erzeugt werden, in Fortfchauflungs- Herden röftet und verfchmilzt und die Producte, und zwar Blei, Bleiglätte und Silber ausftellte, ferner die BleierzZeche Frifchglück und Reichenfegen zu Mies, welche neben VerkaufsBleiglanz Bleiblöcke ausftellten. Von den Bleiwaaren- Fabriken ift noch die G. Winiwarter's in Gumpoldskirchen zu erwähnen, welcher Bleiröhren, Bleche, Folien, Bleidrähte neben Zink und Kupferfabricaten ausftellte. In der ungarifchen Abtheilung waren die Hüttenproceffe, welche in den königlichen Hütten angewendet werden, fehr inftructiv fowohl durch 100 Franz Kupelwiefer. Stammbäume, als durch beigegebene Belegftücke ausgeftellt. Befonders hervor gehoben zu werden verdient die Einführung der Bleientfilberung mittelft Zink im Nagybanya, fowie einer im Kremnitzer Münzamte im Jahre 1872 durchgeführten Trennung von Silber und Kupfer, welche darauf beruht, dafs an Silber reiche Kupfer( Münzlegirungen) mit Lechen und später noch mit Beigabe von Schwefel umgefchmolzen werden, um eine an Silber reichere Legirung zu erhalten, indem Kupfer vom Lech aufgenommen wird. Diefe Scheidung geht fehr langfam und find oft mehr als 15 Schmelzungen erforderlich, und man erhält dabei noch nicht einmal reines Silber. Unbegreiflich ift es, warum die Scheidung nicht auf die in Münzämtern gewöhnliche Weife auf naffem Wege erfolgte, fondern ein umftändlicherer und unvollkommener Weg gefucht wurde. In Belgien ftellte die Anonyme Gefellfchaft von Bleiberg- Esmontzen Blei aus, welches doppelt raffinirt in Handel gebracht wird, wobei garantirt wird, dafs weniger als o 00488 Percent Verunreinigungen enthalten find.- Antimonhältiges Blei für artilleriftifche Zwecke, fowie aus Werkblei erzeugtes Silber waren ebenfalls ausgeftellt. In der norwegifchen Ausftellung waren befonders auffallend die ausgezeichnet fchönen Silberftufen und darunter das natürlich vorkommende kryftallifirte Silber Kongsbergs, fowie die aus demfelben erzeugten Silbergranalien und Silberblöcke. In Italien ftellten nur die Compagnia del Potino, fowie Monte Santo, jedoch ohne weitere Angabe, fehr fchöne Bleiglanze und Bleie in Blöcken aus. Von Nordamerika ftellte Mineral City and Smelting Bleiglänze fowie Blei aus, welches fich durch feine befondere Reinheit und Weichheit auszeichnen foll. Kupfer und kupferhaltende Metalllegirungen. Weder Nordamerika noch England haben, ungeachtet beide Länder grofse Quantitäten Kupfers erzeugen, etwas Nennenswerthes in diefer Richtung ausgeftellt oder Fortfchritte in der Erzeugung von Kupfer erfichtlich gemacht. Spanien ſtellte ebenfalls nur überwiegend Kupfererze von Huelva von 52 Procenten Kupferhalt bis zu 1188, 9:28, 6.05, 0.43 Percent herab aus, während die Direction general de propriedades auch metallifches Kupfer und Kupfervitriol, fowie die Gompagnia Anglo- efpagnole zu Nevada ebenfalls Kupfer ausftellte. In Italien fanden wir die Kupferproduction nur durch die Ausftellung Agordo's vertreten, welches aus meift fehr armen Erzen, mit Hilfe der Kernröftung durch ein Roh- und Schwarz- Kupferfchmelzen Kupfer von bekannt guter Qualität erzeugt. Aufser dem Kupfer waren die Nebenproducte wie Schwefel, Kupfer- und Eifenvitriol ausgeftellt. " In Schweden und Norwegen fanden wir die Kupferproduction vertreten durch die Bergwerks- Gefellſchaft Stora Kapparberg" bei Falun. Die Production an Kupfer überfteigt jährlich 15.000 Centner, die von Kupfervitriol 2300 Centner. Nebenbei wird etwas Silber und Gold gewonnen. Als eine Eigenthümlichheit des Proceffes kann angeführt werden, dafs das Raffiniren des Kupfers in Siemensöfen mit Lundin'fcher Condenfation bei Anwendung von Holz- Sägefpänen als Brennmateriale erfolgt. Die norwegifchen Kupferwerke hatten überwiegend nur Erze ausgeftellt. Frankreich hat bezüglich der Erzeugung von Kupfer aus Erzen nicht ausgeftellt, defto reichhaltiger war die Ausstellung von J. J. Laveiffieres & fils aus Paris bezüglich des verarbeiteten Kupfers und verfchiedener Kupferlegirungen. An Kupfer find gegofsene Kupferplatten vorbereitet zur Erzeugung von Blechen bis zum Gewichte von 5334 Zollpfund, fowie Bruchftücke, um das Korn des Bruches zu zeigen, ausgeftellt; aus folchen Platten gewalzte Bleche bis Das Hüttenwefen. 101 zu einer Breite von 3 Meter, fehr dünne, fowie plattgewalzte Kupferbleche für Schiffsbekleidungen. Kupferröhren ohne Naht mit 440 Millimeter Durchmeffer und 6.5 Meter Länge bis zu einem Durchmeffer von nur II Millimeter, find gebogen am Rande und innen ausgeweitet, um die Qualität zu zeigen. Ebenfo waren Kupferdrähte in verfchiedenen Nummern bis zu den feinften. herab ausgeftellt. An gefchmiedeter Waare find getiefte Schaalen von 3 Meter innerem und 3.2 Meter äufserem Durchmeffer, den Bord mitgemeffen, ausgeftellt. Umgebördelte Rohr- Wandböden für Locomotiven zeigten eine vorzügliche Qualität des Kupfers. Von Meffing fanden wir Producte von nahezu gleichen Dimenfionen ausgeftellt, wie gewalzte Bleche, Röhren ohne Naht, Drähte und gefchmiedete, wie geprefste Stücke. Von Bronce fand man roh gegoffene Platten, fowie gewalzte Streifen für die Münzfabrication, vorzüglich aber Broncekannnen in allen Stadien der Fabrication, fowie durchſchnittene Kanonen und Probeftücke, um das Korn und die Qualität des Metalles zu zeigen. Bekannt ift, dafs bei derartigen Broncegüffen eine vollkommen gleichförmige Zufammenfetzung der Legirung an allen Theilen fehr fchwer zu erreichen ift, und find Analyfen von Proben, die an verfchiedenen Stellen eines und desfelben Gefchützes genommen find, beigegeben, um die Gleichförmigkeit zu zeigen. Zufammenfetzung Am Kopf An den Zapfen Am Boden im Pro ob Mittel e I. 2. I. I. 2. Bohrpäne. Zinn 8.64 8.90 9.43 9.25 9.30 9.108 Kupfer. 91 33 91175 90.55 90 74 90.685 90-876 Eifen und Blei Spur Spur Spur Spur Spur Spur Zink 0.03 0.025 0.02 Ο ΟΙ 0.015 0.02 Drehfpäne. Zinn Kupfer. 9.512 9.60 9.30 8.948.90 9.25 90.41 Eifen und Blei Zink 90.38 90.68 Spur Spur Spur 91 04 9108 90.73 Spur Spur Spur 0.02 0.02 0.02 0.02 0.02. 0.02 Nach diefen Angaben ift die Zufammenfetzung allerdings nicht wefentlich verfchieden, und mufs die Qualität daher eine vorzügliche fein. Aufser diefen Producten ftellte Laveiffiere noch Zinn in chemifch reinem Zuftande, in Form von dünnen Blättchen für Spiegelbelegung etc. fowie Schlagloth von verfchiedener Zufammenfetzung und Stärke etc. aus. In Deutfchland war die Kupfergewinnung vorzüglich durch die Mansfelder Kupferfchiefer bauende Gewerkfchaft zu Eisleben glänzend vertreten. Die Fabricate beftanden im Jahre 1872 aus II0.000 Centner Gar- und Raffinatkupfer, 45.800 Pfund Silber und 91.000 Centner Schwefelfäure. Die Fortfchritte, welche hier gemacht wurden, beftehen der Hauptfache nach darin, dafs die beim Röften der Erze und Steine erzeugte fchweflige Säure 102 Franz Kupelwiefer. zur Erzeugung von Schwefelfäure verwendet wird, dafs das Verfchmelzen ohne Ausnahme in fechsförmigen Oefen, von welchen nicht blofs Zeichnung, fondern auch ein Modell ausgeftellt war, durchgeführt wird. Die Oefen haben 9 42 Meter Höhe, am Boden 183, an der Gicht 2.2 Meter Durchmeffer. Die Gafe werden aufgefangen, theils um den Gichtftaub zu gewinnen, theils um diefelben unfchädlicher zu machen. Da fich während des Betriebes öfters Anfätze bilden, fo gedenkt man in den Rauhfchacht an mehren Orten Oeffnungen zu laffen, um zum Kernfchacht leichter Zutritt zu haben, und diefelben befeitigen zu können. Auch der Betrieb wird eigenthümlich geführt: Gewöhnlich wird der Ofen als Sumpfofen betrieben, haben fich aber im Geftelle Anfätze gebildet, fo werden diefelben dadurch herausgefchmolzen, dafs man den Ofen während 24 Stunden als Spurofen in Betrieb erhält. Die Dauer der Campagnen ift nahezu 6 Monate. Aufser den End- und Zwifchenproducten des Proceffes waren noch Kupferftangen, Platten etc. ausgeftellt, um die Qualität des Kupfers, fowie die erzeugten Fabricate zu zeigen. In der Okerhütte am Harz wurde im Jahre 1872 eine Kochfalz- Röftund Extractionsanftalt zur Gewinnung des Silbers aus den filberhältigen Lechen. erbaut und in Betrieb gefetzt. Als Rarität wurde auch Tellurfchlamm, welcher in den Schwefelfäure- Kammern gewonnen wird, ausgeftellt. Selbſtverſtändlich ift es, dafs Freiberg auch die Producte der Kupferproceffe und der Silbergewinnung mittelft Schwefelfäure ausftellte; ferner verdient noch die Ausstellung des Kupfer- Hammerwerkes zu Grünthal in Sachfen, welches ganz vorzügliche Producte und Fabricate zur Anfchauung brachte, Erwähnung. An Kupfer- und Broncefabricaten war die Ausftellung nicht ganz arm, und find als Specialitäten hervorzuheben die von Hochofen- Wafferformen, von welchen Theodor Martin zu Koslow bei Gleiwitz aus Kupfer getriebene Dango& Dienenthal zu Sieghütte bei Siegen, fowie Herlituhka& Gobiet zu Düffeldorf BronceWafferformen ausftellten. Das Meffingwerk des Aaron Hirfch und Sohn zu Halberstadt ftellte Kupferröhren ohne Naht recht fchön, die Crufauer Kupfer- und Meffingfabrik bei Flensburg Gegenftände, welche beim Schiffbau nothwendig find, aus. Auf ein Product, welches in den früheren Ausstellungen noch nicht vorhanden war, auf Phosphorbronce, mufs hier befonders aufmerksam gemacht werden. Es iſt dasfelbe fowohl von Georg Höper& Comp. zu Iferlohn in der deutfchen Abtheilung, fowie von Montefiori Levi und Dr. Künzel in der belgifchen Abtheilung ausgeftellt. Von Erfterem find überwiegend Lager, Walzenkraufeln neu, fowie nach zweijährigem Gebrauche, von Letzterem hingegen vorwiegend Waffenbeftandtheile und Waffen( auch Kanonen) ausgeftellt. Um die Qualität des Materials hervorzuheben, ift eine Reihe von mit demfelben durchgeführten Verfuchen beigegeben, von welchen das wichtigfte hier angeführt werden foll. Eine Stange mit 200 Centner per Zoll belaftet hielt bis zum Zerreifsen 408.230 Dehnungen aus, " 9 250 27 29 99 " 99 150 " " 97 200 99 29 99 99 " 147.850 480.000 862.980 Biegungen aus, 99 " 27 " " 99 während gewöhnliche Bronce fchon bei 102.650 Biegungen gebrochen ift. Zu bedauern ift, dafs die Art und Weife, wie die Verfuche durchgeführt wurden, nicht angegeben ift. Profeffor Jenni in Wien beftimmte den Elafticitätsmodul E= 98.85 die Zugfeftigkeit Sz= 13'94 die Bruchgrenze Bz= 40 40 _ Kilo per Quadrat- Millimeter. Das Hüttenwefen. 103 Uchatius vergleicht die Feftigkeit mit der anderer zur Gefchützfabrication verwendeten Materialien, und gibt darüber folgende Zahlen. Abfolute Feftigkeit Elafticitätsgrenze Drehung in Percenten in Kilogrammen Phosphorbronce Nr. 4. " 99 5. 3600 bis 5340 600 bis 400 20.66 bis14.66 5660 bis 5540 3800 bis 2800 16 bis 2:26 5000 IOOO II 2200 385 15 Krupp's Gefchützftahl Normale Gefchützbronce Auch gegen die Einwirkung des Seewaffers ift Phosphorbronce weniger empfindlich und betrug der Gewichtsverluft bei fechsmonatlichem Liegen im Seewaffer nur 1158 Percent, während die beften englifchen Kupferbleche 3 058 Per. cent verloren hatten. In Oefterreich- Ungarn ift es vorzüglich die Berg- und Hüttenverwaltung zu Brixlegg, welche recht hübfch ausftellte; diefelbe ift beſtimmt, die Kupfererze der ärarifchen Metall- Bergbaue von Tirol und Salzburg aufzuarbeiten. Gegenwärtig erzeugt diefelbe bei 5000 Centner Kupfer, 1800 Centner gewalzte und getiefte Waare, 1500 Pfund Silber und 20 Pfund Gold. Die geröfteten Erze werden in einem fechsförmigen Schachtofen von 6.3 Meter Höhe, I'2 Meter Durchmeffer im Schmelzraume und 15 Meter Gichtweite verfchmolzen. Ein Modell diefes Ofens war ausgeftellt. Die Gafe werden, da die Gicht gefchloffen ift, in ein Flugftaub- Kammerfyftem abgeleitet. Die fpäteren Röft- und Schmelzarbeiten werden jedoch in Flammöfen durchgeführt. Nicht zu überfehen ift die Ausftellung der Kupfergewerkfchaft Mitterberg bei Mühlbach, welche jährlich nahe 4000 Centner Kupfer erzeugt. Die meift in Stadeln geröfteten Erze werden in einem fünfförmigen Schachtofen von rundem Querfchnitt, welcher der ältefte derartige Ofen Oefterreichs war und 14 Fufs Höhe hat, verfchmolzen. Die abfallenden Rohbleche halten 23 bis 37 Percent Kupfer, werden granulirt, geröftete und in Krummöfen auf Kupferftein von 50 bis 60 Percent Kupferhalt verfchmolzen, diefer wird gequetfcht in Flammofen geröftet und in Krummöfen auf Schwarzkupfer verfchmolzen, und diefes in Holzgas- Flammöfen raffinirt. Beim Aufarbeiten der Gekrätze fallen nickelhältige Gekrätze ab, welche verfchmolzen ein Kupfer mit 20 bis 22 Percent Nickelgehalt geben. Unter den Verarbeitern von Kupfer und Metalllegirungen desfelben find befonders hervorzuheben: Actiengefellfchaft der Metallfabrik in Oed( vormals Gebrüder Rofthorn), zeichnete fich durch eine reiche und mannigfaltige Ausftellung ihrer Fabricate von Kupfer, Meffing, Pakfong und Tomback aus, unter welchen vorzüglich Weberdraht von den feinften Nummern bis 5000 Meter lang, ftarke fowohl wie feine, rauhe wie gefchabte Bleche hervorzuheben find. Ch.& H. Chaudoir in Simmering bei Wien ftellte Kupfer, Raffinirproben von vorzüglicher Qualität, fehr fchöne Röhren aus Kupfer und Meffing, Kupferkeffel und Schalen, Gufsblöcke, fchwere Bleche umgebördelt und mit Röhren verfehen etc., endlich auch noch Tomback aus. Habtmann's Eidam zu Frauenthal in Steiermark ftellte Meffing und Tombackbleche, fowie Kupferdrähte aus, Klein Carl, Meffingfabrik in Reichraming, ftellte recht fchöne Meffingund Tombackbleche, erftere bei 36 Zoll breit und 12 5 Fufs lang mit einem Gewichte von 238 Pfund aus. Befonders hervorzuheben find recht fchöne Rohgüffe aus 104 Franz Kupelwiefer. Meffing, von welchen unter andern auch eine Propellerfchraube von etwa 4 Fufs Durchmeffer ausgeftellt war. Das Meffingwerk von Achenrain ftellte recht hübfche Bleche, aber von kleinen Dimenfionen, fowie Druckwaaren aus denfelben, aus. Liebig Johann& Comp., Kupferhammer und Walzwerk zu Gutenft ein, lieferte befonders fchöne und grofse Kupferbleche und getiefte Waare. Zugmayer Georg und Söhne zu Waldegg brachte aber die gröfsten Bleche und getieften Stücke von Kupfer, um die Leiftungsfähigkeit feines Etabliffements zu zeigen: Blech von 8' 7" Breite, 17' 7" Länge und einem Gewichte von 5229 Pfund. 8' 10' " " 31' 9" 27 " " " 1320 Aufgebördelte Rundboden von II Fufs Durchmeffer und 1473 Pfund fchwer; Schaalen von 9 Pufs 3 Zoll lichten Durchmeffer, 4 Zoll Randbreite und 46 Zoll Tiefe; Keffel für Stearinfabriken etc. von 49% Zoll Durchmeffer, 31% Zoll Tiefe und 34 Zoll Dicke, fowie leichte Keffel von 40 Zoll Durchmeffer, 311 Zoll Tiefe nur 40 Loth Schwere u. f. w. Brüder Sternberger in Windifch- Feiftritz ftellten überwiegend Kupfernägel, Munzmetall- Nägel und Scheiben für den Schiffsbefchlag etc. aus. In Ungarn ift der Hauptfache nach die Kupferproduction und Verarbeitung an vier Punkten concentrirt, und war diefelbe vertreten durch die Ausftellungen der oberungarifchen Waldbürgerfchaft, welche Queckfilber haltende Fahlerze und etwas Gelferze verarbeitet. Das Silber wird theils aus abfallenden Speifen, überwiegend aber aus Schwarzkupfern durch Amalgamation gewonnen. Die Jahresproduction ift bedeutend herabgegangen und beträgt gegenwärtig nur 9000 Centner Kupfer, 2050 Pfund Silber und 315 Centner Queckfilber. Verarbeitet wird diefes Kupfer theilweife durch die in der Umgebung von Iglo betriebenen Kupferhämmer, welche getiefte Waaren, Bleche, Zaine etc. recht hübfch ausftellten. Die auf den königlich ungarifchen Hüttenwerken zu Schemnitz, Kremnitz und Schmölnitz etc. erzeugten Kupfer werden auf den königlich ungarifchen Kupferhämmern zu Neufohl und Felföbánya verarbeitet, und waren deren Fabricate ebenfalls reichlich auf der Ausstellung vertreten. Die der Staatsbahn- Gefellfchaft gehörenden Metallwerke des Banats erzeugten im Jahre 1872 an Kupfer 1327 Centner, an Kupfervitriol 1839 Centner, an Silber 625 Pfund und 968 Centner Verkaufsglätte, während die Kupferhämmer 1809 Centner getiefte Waare lieferten. Zu erwähnen ist jedoch, dafs nebenbei, und zwar in Moldawa 38.114 Centner Schwefelfäure erzeugt wurden. Es dürfte diefs der einzige Punkt Ungarns fein, wo eine SchwefelfäureFabrik mit den Hüttenwerken in Verbindung fteht. Die Siebenbürger Kupfer- Gewerkschaft zu Cfik- Bálánbánya ( Cfik- Szent- Domokos) ftellte Blockkupfer, fowie Rofetten fehr fchön und von guter Qualität aus, während Fabritius Michael in Hermannſtadt die Fabricate aus, diefem Kupfer ausftellte. Rufslands Ausftellung ift nicht fehr reich an Kupfer und Kupferfabricaten, und find hervorzuheben: die Ausftellung des Fürften Paul Demidoff, welcher Kupferkiefe und Malachite im entſprechenden Verhältniffe gemengt zu MednoRoudianfk in Skinder'fchen Oefen( abgeänderten Rafchette'fchen Oefen) mit heifsem Wind auf Leche von 35 bis 40 Percent Kupferhalt verfchmilzt. Sind die Erze etwas arfenikalifch, fo wird in der Weife befchickt, dafs bei diefer Schmelzung bereits etwas Schwarzkupfer abfällt, welches feparat auf eine mindere Sorte verarbeitet wird; die geröfteten Leche werden auf Schwarzkupfer verfchmolzen und theils in Garherden theils in Raffiniröfen hammergar gemacht. Ausgeftellt find aufser den Erzen und Zwifchenproducten Kupferblöcke mit fehr fchönem Bruch, um die bekannte Qualität diefer Kupfer zu zeigen. Das Hüttenwefen. 105 Pafchkoff Bafil erzeugt zu Bogoiavlenfk und zu Verkhotourié jährlich 4200 Centner Kupfer aus oxydirten Erzen, welche unmittelbar mit Holzkohlen im Schachtofen auf Schwarzkupfer verfchmolzen werden, welches in Garherden verblafen wird. Die ärmeren Erze werden mit den ärmeren Schlacken auf Kupfer und Kupferfauen verfchmolzen, während die reicheren Schlacken mit den reicheren Erzen verhüttet werden. Ausgeftellt waren Drähte und feine Bleche, um die Qualität des Kupfers zu zeigen. Die Hütten zu Jougow erzeugen per Jahr etwa 3000 Centner Kupfer und aus demfelben überwiegend Bleche zur Fabrication von Patronen. Die Gebrüder Siemens erzeugen in Kedabek( Transkaukafien) bei Tiflis aus fehr fchönen Kupferkiefen Kupfer, und haben Erze fowie Kupfer ausgeftellt. In den Ausftellungen aller orientalifchen Länder fanden wir ziemlich reichliche Sammlungen von Kupfergefäfsen, welche fowohl, was die mechanifche Durchführung der Bearbeitung als auch felbft die äufsere Form anbelangt, wenig zu wünfchen übrig laffen, defto weniger ift aber über die Gewinnung des Kupfers felbft angegeben oder zu erfragen. Nur in Japan waren Kupferbarren mit auffallend fchöner rother Oberfläche ausgeftellt, welche dadurch erzielt werden foll, dafs das Kupfer in kleine Formen aus Holz, die mit Tuch überzogen find und fich im warmen Waffer befinden, gegoffen wird. Es foll eine befondere Gefchicklichkeit dazu gehören, diefe Arbeit durchzuführen. Erzeugt wird das Kupfer dafelbft mit ganz ähnlichen Proceffen wie die bei Verarbeitung von kiefigen Erzen in Europa noch theilweife in Anwendung ftehen, nur dafs die Oefen etc. in fehr kleinen Dimenfionen ausgeführt find. Nickel und Kobalt. In Beziehung auf diefe beiden Metalle finden wir eine fehr intereffante Ausftellung von Wharton Jofef in Philadelphia, welcher nicht blofs metallifches Nickel und Kobalt in Würfeln, fondern in Platten gegoffen ausftellte. Es find diefelben nach der Angabe des Ausftellers chemifch rein, frei von Arfen und bedient fich derfelbe eines eigens von ihm conftruirten Ofens, um Kobalt einfchmelzen zu können. Diefe Platten finden ihre Verwendung als Elektroden. Aufser diefen Metallen ftellte Wharton noch Nickel und Kobaltfalze, Rohfteine, Kupfer und Eifenvitriol aus. Hervorzuheben find noch die von Keith Nickel- Plating& Comp. in New- York ausgeftellten Proben von Nickelüberzügen auf anderen Metallen, welche fehr dicht ausfahen und fehr gut halten follen. Einer ähnlichen Ausftellung begegneten wir auch in Deutſchland, indem das fächfifche Blaufarbenwerks- Confortium zu Oberfchlema neben Farben Kobaltoxyd, metallifchen Nickel- und Kobalt- Würfeln, noch Platten aus metallifchem Nickel ausftellte, ebenfo war auch eine Platte angeblich aus reinem gefchmolzenen Kobalt ausgeftellt. Erwähnt zu werden verdient noch in der ungarifchen Abtheilung die Ausftellung des Kolbaer gewerkfchaftlichen Metall- Bergbaues, welcher überwiegend Nickel und Kobalt, fowie etwas Kupfererze erzeugt. Der Gehalt an Nickel fchwankt zwifchen 16 und 20 Percent, der an Kobalt zwifchen 4 und 8 Percent. Die reichen Erze von dem oben angegebenen Metallhalte werden nach Birmingham verkauft( jährlich durchfchnittlich 6000 Centner) und nach dem Metallhalte bezahlt, während die ärmeren Erze auf Speife verfchmolzen werden und diefe erft in Handel gefetzt wird. Zink. Bezüglich der Erzeugung von Zink find vorzüglich mafsgebend Preufsen und Belgien, da die Production aller übrigen Länder neben der diefer beiden Länder fozufagen verfchwindend ift. Dabei mufs jedoch bemerkt werden, dafs mehr als die Hälfte der Zinkproduction Preufsens auf Schlefien entfällt und die dafelbft befindlichen Hütten nur eigene Erze verarbeiten, während die Hütten Belgiens fehr viele fremde Erze aus Spanien, Norwegen etc. zuführen und verarbeiten. 106 Franz Kupelwiefer. In der Theorie der bei der Erzeugung von Zink angewendeten Hüttenproceffe ift keine Aenderung und Verbefferung zu verzeichnen und die Fortfchritte, welche gemacht wurden, betreffen nur die Einrichtung der Oefen, überwiegend die Vergröfserung derfelben, fo wie Verbefferung bezüglich der Einrichtung der Feuerung, wodurch der Verbrauch an Brennmateriale wefentlich herabgemindert wurde. Die fchlefifchen Oefen, welche fehr lange Zeit nicht mehr als 20 Muffeln hatten, erhielten 30 ja in neuefter Zeit felbft 40 Muffeln und verarbeiten täglich ftatt 600 bis 800 jetzt 3000 bis 4000 Pfund Erze. Die belgifchen Oefen, welche anfänglich mit 30 Röhren in 24 Stunden 400 Pfund Erz aufarbeiteten, können jetzt mit 70 Röhren täglich 2400 Pfund Erz verarbeiten. Die Zinkverlufte, welche früher oft 40 Percent betrugen, erreichen gegenwärtig bei Verarbeitung der gleichen Erze kaum 25 Percent. Der Brennmaterial- Verbrauch, welcher ursprünglich das vierfache Gewicht der verarbeiteten Erze überftieg, wurde bereits auf weniger als das dreifache Quantum reducirt, und ift dort, wo Feuerungen nach dem Regenerativfyfteme eingeführt find, fchon auf die Hälfte des urfprünglichen Verbrauches herabgedrückt. Um bei der, befonders bei der Verhüttung der Zinkblenden fo unentbehrlichen Röftung an Handarbeit möglichft zu fparen, hat man verfuchsweife Gerftenhöfer'fche Oefen eingeführt. Die Erfahrungen, die mit denfelben gemacht wurden, haben jedoch gezeigt, dafs die Röftung nicht fo gleichförmig, befonders aber nicht fo vollſtändig wie in Flammöfen erfolge und die Handarbeit doch nicht ganz umgangen werden könne. Man hofft durch einige Abänderungen diefen Uebelftänden in kurzer Zeit abhelfen zu können. Was die Gröfse der Production an Zink anbelangt, fo dürfte diefelbe gegenwärtig in Europa nahezu aus folgenden Zahlen zu entnehmen fein. Im Jahre 1871 betrug die Production in Preufsen.. 1,163.561 Zollcentner Sachfen circa. 29 21 Oefterreich und Ungarn " England. • Rufsland 29 • 99 Spanien 29 Belgien circa. Frankreich circa 29 2.000 " 9 . 45.552 " • • 100.909 29 65.000 " 33.112 79 . 800.000 29 60.000 Zufammen. 2,270.134 Zollcentner. • Obwohl Nordamerika gegenwärtig nicht unbedeutend Zink producirt, fo ift die Confumtion doch bedeutend gröfser als die Production. In allen übrigen Ländern ift die Zinkgewinnung verfchwindend klein oder Null. In der deutfchen Abtheilung find von den Ausstellungen hervorzuheben zunächft die Oberfchlefiens. Im Jahre 1872 erzeugte dasfelbe in 24 Hütten mit 509 Oefen in 12.948 Muffeln und 173.109 Ofen- Betriebstagen aus 5,798.849 Centnern Erze mit 10,011.622 Centnern Kohlen 650.535 Centner Zink. An Cadmium wurden 2839 Pfund erzeugt. Sehr inftructiv dargestellt und hiftorifch intereffant ift die vom Bergrevifor Guftav Schneider ausgeftellte Sammlung von Ofenmodellen, weil aus derfelben die Entwicklung der Technik in der ZinkhüttenInduftrie erfehen werden kann. Vertreten war die oberfchlefifche Zinkinduftrie vorzüglich durch folgende Ausfteller: Fürft Hugo zu Hohenlohe- Oehringen, Herzog von Ujeft, welcher in 32 Oefen zu 20 bis 24 Muffeln im Jahre 1872 bei 24.000 Centner Zink erzeugte. Actiengeſellſchaft Vereinigte Königs- und Laurahütte ftellte ebenfalls von der geringen Production Rohzink aus, während von Ruffer von dem Zink- Walzwerke zu Piela, welches jährlich bei 3.000 Centner Bleche erzeugt, recht hübfche Fabricate ausftellte. Von den weftphälifchen und rheinifchen Hütten hat ausgeftellt die Stollberger Actiengefellfchaft. Diefelbe verarbeitet nicht nur Das Hüttenwefen. 107 Erze, welche in der Nähe erzeugt werden, fondern auch Erze vom Harz und aus Spanien. Neben Galmeien wird ziemlich viel Blende verarbeitet und wurden in 78 Muffel- Reductionsöfen, von welchen fchon ein Theil für Regenerativfeuerung eingerichtet ift 158.000 Centner Zink im Jahre 1872 erzeugt, von welchem Quantum 37.000 Centner zu Blechen verwalzt wurden. Die rheinifch- naffauifche Bergwerks und HüttenactienGefellfchaft zu Stolberg bei Aachen erzeugte auf der Wilhelms- Zinkhütte bei Efchweiler in doppelreihigen Muffelöfen mit rückfchlagender Flamme, welche fchon feit 1862 für Regenerativfeuerung eingerichtet find, 78.000 Centner Zink. Wilhelm Grillo zu Oberhaufen ftellte aus feinem Etabliffement fehr fchöne Zinkbleche und Zinkweifs aus. Die Jahresproduction beträgt bei 55.000 Centner Zinkbleche und 24.000 Centner Zinkoxyd. Die Actiengefellfchaft für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb vom Altenberge( Société anonyme des mines et fonderies de Zinc de la Vieille Montagne) ftellte ihre Producte fowohl für deutfche wie für die belgifche Abtheilung in einem Pavillon aus. Diefe Gefellſchaft producirt gegen. wärtig nahe 800.000 Centner per Jahr, fomit mehr als ganz Schlefien. Die Gefellfchaft hat von den Erben des Herrn Mofelmann im Jahre 1837 den Altenberg übernommen und feit diefer Zeit die Production bedeutend gefteigert. Die Zinkproduction betrug im Jahre 1837 Zollcentner 36.665 1840 72.621 • 1850 183.603 1860 578.500 1870 842.250 822.581 1871 1872 793.269 Diefe Gefellſchaft befitzt in Belgien die Gruben von Moresnet, Welkenraedt, Flône- fur- Meufe, in Deutfchland die von Bensberg, Uckerath und Mayen, zu Wiesloch, in Schweden zu Ammeberg, fowie gepachtete Gruben in Spanien und Sardinien. Die Hütten ftehen zu St. Léonard, Angleur und Valentin- Cocq in Belgien, Mühlheim an der Ruhr und Rohrbek in Deutſchland. Die Walzwerke, Drahtzüge etc. find erbaut in Oberhaufen, zu Tilff bei Lüttich, zu Bray und St. Marie in Frankreich. Zinkweis und Zinkfilicat wird in den Etabliffements von Valentin- Cocq in Mühlheim und zu Asnières bei Paris erzeugt. Die Gefellfchaft befchäftigt 6700 Arbeiter und hat Betriebsmafchinen, welche 2400 Pferdekräfte repräfentiren. Die Ausftellung brachte verhältnifsmäfsig wenig bezüglich der Erzeugung von Zink, defto mehr aber von den Zinkfabricaten, Zinkdrähten, Zinkblechen, rautenförmige Tafeln zum Dachdecken, und zeigte die Anwendung derfelben am Pavillon. Zinkweis- und Silicatanftrich mit Zinkweis etc. find reichlich vertreten. Eine Neuerung, die beim Beiriebe eingeführt wurde, befteht darin, dafs bei den Umfchmelzöfen archimedifche Schrauben zum Entfernen des Bleies aus dem Sumpfe eingeführt wurden. In der öfterreichiſchen Ausstellung fanden wir das Berg- und Hüttenwerk Johannisthal recht hübfch vertreten. Es verarbeitet dasfelbe nicht blofs Galmeie, welche in linfen- und putzenförmigen Lagerftätten, die im Hallftädter Kalk in der Umgebung Johannisthals auffetzen, vorkommen, fondern bezieht Blenden aus Feiftritz und Peggau in Steiermark und kärntnerifche Erze. Das ausgeftellte und in belgifchen Oefen erzeugte Rohzink hat folgende Zufammenfetzung: 2 108 Franz Kupelwiefer. Zink 99.92 Percent Blei Eifen 0.02 0.06 " gehört fomit zu den reinften Rohzinken. Die Jahresproduction befteht gegenwärtig in etwas mehr als 10.000 Centnern. Hier find zum Abröften der Blende die Kufchel- Hinterhuber'fchen continuirlichen Röft- Flammöfen in Betrieb. Da nebenbei etwas Blei erzeugt wird, wurde dasfelbe ebenfalls ausgeftellt, und hat das Rohblei folgende Zufammenfetzung: Blei Eifen Silber 99.80 0.20 Spur Eine zweite Ausftellung, die Aufmerkfamkeit verdiente, war die des Grafen Adam Potocki zu Chrzanow, welcher aus Galmeien jährlich nahe 25 000 Centner Zink und 300 Pfund Cadmium erzeugt. Der durchfchnittliche Metallhalt der Galmeie fchwankt zwifchen 39 und 44 Percent. Ausgeftellt war aufser den Producten das Modell eines mit Gafen geheizten Zinkofens, welcher auf jeder Seite 14 Muffeln hat. Bezüglich der Verarbeitung von Zink ift auf die Ausftellung des ZinkWalzwerkes Donnersmarkhütte des Grafen Guido Henkel v. Donnersmark zu Přiwos bei Mährifch- Oftrau befonders aufmerkfam zu machen, welche grofse Bleche felbft bis 1360 X 5370 X 21 Millimeter im Gewichte von 2200 Pfund, fowie auch ganz dünne Bleche, Stangen etc. fehr hübfch ausftellte. Die Zinkproduction Rufslands war vertreten durch die Ausftellungen des Georg v. Kram fta von Piotrkow. Derfelbe befitzt zwei Zinkhütten Romani und Paulina, in welchen je 20 Deftillationsöfen ftehen, um die gewafchene Zinkerze zu verarbeiten; die beim Wafchen abfallenden Bleierze werden nach Preufsen verkauft. Die Production betrug im Jahre 1871 an Zink 27.572 Centner. Die Adminiftration des weftlichen Theiles des Königreiches Polen ftellte ebenfalls Zink, von welchem zu Piotrkow bei 33.000 Centner erzeugt werden, aus. Beide Hütten arbeiten unter ganz ähnlichen Verhältniffen wie die fchlefifchen Hütten. Aus Amerika ftellte Wharton Jofef aus Philadelphia angeblich chemifch reines Zink aus, welches aus fehr reinen Erzen in gewöhnlichen Oefen erzeugt wird. Queckfilber. Die Queckfilber- Erzeugung der Erde war auf der Ausftellung verhältnifsmäfsig wenig vertreten und fanden wir bei den ausgeftellten Objecten fehr wenig Neues. Die vollſtändigfte Ausstellung war unbedingt die Idrias, welche im Pavillon des öfterreichifchen Ackerbau- Minifteriums zu finden war. Es enthielt diefelbe nicht blofs eine reiche Sammlung von Erzen, Queckfilber, davon einen Keffel mit 15.000 Pfund gefüllt, die Zwifchenproducte, vorzüglich aber eine Reihe von fehr inftructiven Zeichnungen, aus welchen die Verbefferungen, welche im Betriebe gemacht wurden, entnommen werden können. Die wefentlichften Verbefferungen beftehen der Hauptfache nach in der Einführung einer befferen Condenfation, der Concentration der abziehenden Dämpfe in lange Condenfationscanäle, welche mit einer Centraleffe verbunden find, der Einführung von Schachtöfen für fehr arme Erze( o'4 bis 0.5 Percent) und von Muffelöfen für reiche Erze( 10 bis 12 Percent). Befonders ift noch anzuführen die Einführung der Stupp- Preffen zur Abfcheidung des Queckfilbers aus der Stupp auf mechanifchem Wege. geftellt Die Production betrug im Jahre 1872 an Queckfilber 7666 Zollcentner, Die Producte der Zinnoberfabrication waren ebenfalls recht hübfch ausIn der italienifchen Abtheilung ift die Ausftellung von Vallalta zu erwähnen. Die ziemlich armen Erze werden mit einem Durchfchnitthalte von 0:55 Percent in Schachtöfen, welche nur wenig geneigte, aus Holz hergestellte Das Hüttenwefen. 109 Condenſationsröhren von ziemlich grofsen Durchmeffern haben, bei Luftzutritt abgeröftet. Die Jahresproduction beträgt nahe 350 Zoll Centner, und find beim Werke befchäftigt 85 Berg-, 15 Hüttenarbeiter und 36 diverfe Arbeiter. In der fpanifchen Abtheilung fanden wir Queckfilbererze und daraus erzeugtes Queckfilber aus dem Mineraldiftricte von Ciudad Real, von Madrid Dàvilla, Francisco in Almaden, fowie von dem Letzteren Pläne von Oefen und ein Holzmodell von einem alten Aludelofen, jedoch ohne alle weiteren Angaben. Zinn, Wismuth, Antimon, Arfen. Die Ausftellung war, was die Erzeugung diefer Metalle anbelangt, fehr arm, und follen daher auch nur die wichtigften Ausfteller der Reihe nach hervorgehoben werden. In Portugal begegnen wir einer ziemlich reichen Sammlung von Zinnerzen und daraus erzeugten Zinnes von der Compagnie de Mineration de San Pedro do Sul ausgeftellt. In Spanien brachte Dr. Jofé Secalle von der Affociatione mineraria in Salamanca Zinnerze fowohl, fowie recht fchöne und weiche Sorten Stangenzinn, während Antimon von dem Diftrito minero de Ciudad Real, von Gil- Santiago und Figeroa Ignacio in Cartagena in Form von Antimonium crudum, fowie Regulus Antimonii fammt den dazu verwendeten Erzen ausgeftellt war. In Deutfchland hat das fächfifche Blaufarbenwerks- Confortium metallifches Wismuth fehr hübfch kryftalifirt ausgeftellt, und wird dasfelbe theils directe aus Erzen, welche gediegen Wismuth enthalten, gewonnen, theils als Abfallsproduct bei der Smaltefabrication erhalten. Die Zwitterftocks Factorei zu Altenberg producirt jährlich bei 2000 Centner Zinn und etwa 10 Centner Wismuth und ftellte diefe Producte fammt den Erzen, aus welchen diefelben erzeugt werden, fehr fchön aus. Diefelbe befchäftigt bei 400 Mann. In der öfterreichifch- ungarifchen Abtheilung fcheint nach den ausgeftellten Objecten die Antimonproduction eine nicht unbedeutende Rolle übernehmen zu wollen. Das Antimon-, Berg- und Hüttenwerk zu Millefchau in Böhmen ftellte fehr fchöne und reiche Graufpiefsglanz- Erze, daraus ausgefaigertes Antimonium crudum, fowie rohen und befonders fchön ausfehenden gereinigten Regulus Antimonii, Antimonoxyd und Antimonglas aus. Das Zinnwerk Graupen in Böhmen ftellte Erze und Producte wie Zinn, Wismuth und zinnhältige Legirungen für Lager recht hübsch aus. Die Zinnzwitter, welche verarbeitet werden, halten in der Regel, wenn fie reich find, 6.6 Percent Zinnftein oder 4 Percent Zinn, und wenn fie arm find, nur 16 Percent Zinnftein oder 13 Percent Zinn, ja felbft oft noch weniger. Diefe Erze werden in freien Haufen zugebrannt, zerkleinert, geröftet, mit Salzfäure behandelt und ausgewafchen. Aus der Lauge wird Wismuth in Form von bafifchen Wismuthchlorid ausgefällt, und das in der Lauge enthaltene Kupfer als Cementkupfer gewonnen. Die concentrirten Schiege werden in Schachtöfen mit Holzkohlen verfchmolzen. Das gewonnene Zinn( im Jahre 1871: 550 Centner) enthält 99.88 Percent reines Zinn und nur Spuren von Eifen und Blei, während von Kupfer, Wismuth, Arfen, Antimon und Schwefel, bei qualitativer chemifcher Unterfuchung keine Spur nachgewiefen werden kann. Für die Erweiterung des Betriebes ift fehr viel gefchehen und die Neuanlage fo weit vollendet, dafs in je zwölf Stunden 200 bis 280 Centner Erze aufgearbeitet werden können. Bei der Verhüttung foll der Schachtofen- Betrieb verlaffen und zum englifchen Flammofen Betrieb über gegangen werden. Das ausgeftellte weifse Lagermetall foll fich beim EifenbahnBetrieb vorzüglich bewähren. Madersbach Livius zu Berzete bei Rofenau gewinnt feit 1841 im Gebirge Ramzás Graufpiefsglanz- Erze und verarbeitet diefelben auf Antimonium crudum, von welchem, fowie von den Erzen mehrere Stücke ausgeftellt waren. 8 110 Franz Kupelwiefer. Diener Samuel& Sohn ftellte erzeugtes metallifches Antimon aus, ebenfo Fritfche Ignaz zu Obermetzenfeifen von feiner im Thale Goldfeifen gelegenen Hütte. Das metallifche Antimon wird in Flammöfen erzeugt und durch Umfchmelzen gereinigt. Von Arfenikalen haben ausgeftellt Freiberg, welches theils als Nebenproduct, theils aus Erzen jährlich bei 16.600 Centner erzeugt. Ueberwiegend beftehen die Producte aus arfeniger Säure, während von farbigen Arfengläfern verhältnifsmäfsig nur wenig producirt wird. In Oefterreich ftellte nur die Gewerkfchaft Roth gülden bei St. Michael im Salzburgifchen Arfenkiefe und Arfengläfer recht hübfch aus. Leoben, am 25. September 1873. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE FELDWIRTH SCHAFT. ( Gruppe II, Section 1.) BERICHT VON A. A. SCHMIED UND DR. J. WIESNER. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. LAND- UND FORSTWIRTHSCHAFT, WEIN-, OBST- UND GARTENBAU. ( Gruppe II.) FELD WIRTHSCHAFT. ( Gruppe II, Section 1.) Bericht von ANT. ADAM SCHMIED, Profeffor an der königlich böhmifchen höheren landwirthschaftlichen Landeslehranstalt Tetfchen- Liebwerd. EINLEITUNG. Charakter der Culturftaaten und ihrer landwirthschaftlichen Expofitionen. Bei der Unterfuchung der Vorbedingungen, welche zur Erhaltung und Entwicklung eines Volkes auf einem beftimmten Erdflecke erforderlich find, kommt man neben gewiffen von der Natur gegebenen Vorausfetzungen hauptfächlich zu einer einzigen, alle übrigen erhaltenden und theilweife bedingenden menfchlichen Thätigkeit: es ift diefs die Bodencultur, als diejenige Entwick lung, auf der jeder menfchliche Fortfchritt vorzüglich beruht. Die Bebauung des Landes allein vermag dauernd Nahrung, Kleidung und die übrigen Lebensbedürfniffe in der Fülle und Befchaffenheit zu liefern, welche dem menfchlichen Gefchlechte erft ein menfchenwürdiges Dafein ermöglichen. Die Erde ift, wie der amerikaniſche Denker Carey fehr bezeichnend gefagt hat, eine grofse Maſchine, welche unbrauchbar gewordenen Stoff bei richtiger Behandlung ftets wieder in brauchbaren verwandelt, fo oft man es von ihr verlangt. Darum ift der Landbau überall der Anfang der Cultur und ihr Erhalter, und fein Entwicklungsgrad ein ficherer Mafsftab für die geiftige Entwicklung und induftrielle Emfigkeit des betreffenden Volkes. Die mannigfachen Producte der Bodencultur waren aus den einzelnen Reichen und Ländern, entſprechend ihren Eigenthümlichkeiten und Befonderheiten, auf der Wiener Weltausftellung würdig vertreten und gaben ein klares Zeugnifs von dem agricolen Fortfchritt, der Intenfität der Wirthfchaftsweife und der Erfpriefslichkeit des Landwirthfchaftsbetriebes in den einzelnen Ackerbaudiftricten ab, fo dafs das Auge des fachkundigen Befuchers mit Befriedigung auf den ausgeftellten Erzeugniffen und Hilfsmitteln der landwirthfchaftlichen I* 2 Ant. Adam Schmied. Production ruhte und mit prüfendem Blicke nach einem richtigen Mafsftabe für die gegenfeitige Vergleichung des in fo grofser, faft überwältigender Menge gebotenen ausgezeichneten Materiales fuchte. Die Portale der Weltausftellung find nun gefchloffen, das wahrhafte Culturereignifs des Jahres 1873 beendet; aber in der Erinnerung ziehen an uns vorüber all' die überraschenden Erzeugniffe menfchlichen Schaffens und Ringens auf allen Gebieten productiver Thätigkeit und wir vergegenwärtigen uns nochmals die glänzenden Refultate des edlen Wettkampfes aller Völker beider Hemifphären, welche ftets und überall den ungeahnten Fortfchritt des XIX. Jahrhundertes triumphirend predigten. Und unter den ausgeftellten Herrlichkeiten des menfchlichen Wirkens nahmen die Producte des Landbaues eine gewifs hervorragende Stelle ein; denn waren diefelben auch nicht in prächtigen Paläften und in den Vorderreihen der Induſtriehalle ausgeftellt, wie die Kunft- und die gewerblichen Erzeugniffe, fo erregten fie doch durch die Maffe des Gebotenen und die durchweg vorzügliche Qualität des Ausgeftellten ein hohes Intereffe und allgemeine Aufmerkſamkeit. In Wien gelangte die gefammte Landwirthschaft und die mit ihr zufammenhängende Induftrie viel wirkfamer und intenfiver zur Veranfchaulichung, als diefs in Paris und London der Fall gewefen: die agrarifche Expofition hat der Wiener Weltausstellung das Hauptgepräge aufgedrückt. Nicht nur, dafs all' die hervorragenden Erzeugniffe aus allen Gebieten der landwirthschaftlichen Production, von dem einfachen Getreidebau bis zu der intenfivften Gartencultur, von den verdienftvollften Producenten aller Länder vorgeführt und in den Agriculturhallen, eigenen Pavillons oder auch einzelnen Quergallerien des Induftriepalaftes zur eingehenden Befichtigung ausgeftellt worden: es wurde diefsmal auch den einzelnen Zweigen der landwirthfchaftlichen Thierproduction die gebührende Aufmerkfamkeit gewidmet. So haben die zahlreich und glänzend befchickten temporären Pferde- und Rindvieh- Ausftellungen, die mit der letzteren vereinigte Schafvieh- Ausftellung und felbft auch die, wenn auch aufserhalb des Ausftellungsrayons veranstaltete Bienenzucht- Ausftellung die Aufmerkfamkeit des grofsen Publicums in hohem Grade auf fich gelenkt. In refpectablen Werken, Brochuren und fonftigen Publicationen* wurden die wirthschaftlichen Verhältniffe der einzelnen Länder und die Betriebsweifen der einzelnen beftbewirthschafteten Güter in ihrer Intenfität, Production, Ertragsfähigkeit und Rentabilität fkizzirt und die einzelnen dominirenden Syfteme graphifch und tabellarifch dargestellt. Und was Hervorragendes und wahrhaft Ausftellungswürdiges aus dem Landwirthfchaftsbetriebe Oefterreichs, der Natur der Sache gemäfs, in den Ausftellungsräumen nicht exponirt werden konnte, das wurde durch die Veranſtaltung grofser Excurfionen in der zweckmäfsigften und zuvorkommendften Weife erzielt. Aus der bedeutenden Zahl der wohlorganifirten und rationell bewirthschafteten Domänen wurden einige als Excurfionsobjecte ausgewählt, um den zahlreichen, insbefondere fremden Landwirthen den immenfen Fortfchritt des öfterreichifchen Agrarbetriebes in den einzelnen Ländern an Ort un d'Stelle, mitten in den mannigfachen Werkftätten der vielgeftalteten Urproduction darzulegen. Es waren diefs: die Franz Horfky von Horfky fel d'fche Herrfchaft Kolin und die Joh. Adoif Fürft zu Schwarzenberg'fche Herrfchaft Wittingau( beide in Böhmen gelegen), die Schöller'fche Fabriksökonomie Seelowitz in Mähren( Eisgrub) und die Seiner kaiferlichen Hoheit dem Erzherzog Albrecht gehörende Domäne Ungarifch- Altenburg( in Ungarn). Die Stunden, welche hier die Befucher verlebt haben, werden ihnen gewifs in unvergesslicher Erinnerung bleiben. Unter den Ländern Europas nimmt bekanntlich England betreffs feiner Agricultur feit jeher eine hervorragende Stelle ein, einestheils durch die Vertheilung * Welche freilich leider nicht Jedermann, mitunter felbft den Berichterstattern, nicht recht zugänglich waren, indem beispielsweife dem Verfaffer diefer Einleitung fo manche fchätzenswerthe Befchreibung landwirthschaftlicher Objecte vorenthalten wurde. Feldwirthfchaft. 3 des Grund und Bodens, anderen Theils durch die hohe Entwicklungsftufe feines in jeder Hinsicht rationellen und intenfiven Wirthschaftsbetriebes. England ift das Land des Grofsgrundbefitzes par excellence. Auch im alten England befafs der Adel ausgedehnte Ländereien, aber er monopolifirte nicht, wie jetzt, den ganzen Boden zu feinem Vortheile. Neben den grofsen Herrfchaften gab es, wie Syme berichtet, zahlreiche kleine, durch eine Claffe unabhängiger Landwirthe bebaute Güter und aufserdem waren ausgedehnte Ländereien vom Staate zum Nutzen des Volkes refervirt. Um die Mitte des XV. Jahrhundertes begann die Auf faugung des kleinen Grundbefitzes und die verderblichen Folgen des übermässigen Grofsbefitzes wurden immer klarer. Die Maffenarmuth nahm in demfelben Mafse zu als der Grofsbefitz und ebenfo wurde die Lage der ackerbautreibenden Claffen. immer beklagenswerther. Heute befindet fich die Hälfte des englifchen Bodens in den Händen von 150 Eigenthümern und in Schottland gehören 1912 Millionen Hektaren zwölf Befitzern an. Im gleichen Grade aber, als die Latifundien fich ausdehnten, entwickelte fich auch der Pauperismus und fchon unter Elifabeth wurde diefer als eine Inftitution angefehen, die ihre beftimmten Gefetze hatte. England, nämlich das Königreich allein, befitzt unter 393.569 Wirthfchaften 54 Percent folcher, welche 20 Acres nicht überfteigen; doch beträgt die Gefammtfläche diefer Wirthfchaften nicht mehr als 2,658.000 Acres oder nicht ganz 9 Percent der ermittelten Anbaufläche, während die Gefammtfläche der Wirthfchaften zwifchen 20 bis 100 Acres 28 Percent aller Güter etwa 7,810.000 Acres oder etwa 20 Percent der Anbaufläche beträgt; auf die Güter von über 100 Acres Gröfse 18 Percent aller Wirthfchaften, kommen nicht weniger als 20 Millionen Acres oder 65 Percent der ganzen Anbaufläche. Bei diefem umfangreichen Grofsgrundbefitze gehört doch der Grofswirthfchaftsbetrieb in England zu den Seltenheiten, indem die Landgüter in Farmen von einer beftimmten Gröfse dismembrirt und an intelligente und wohlhabende Pächter verpachtet find. Der Beginn des Pächterwefens ift dafelbft fehr alt; aber allgemein vollzogen hat es fich erft, feitdem Grofsbritannien der Ind uftrieftaat par excellence wurde, die fteigende Steuerbelaftung eine höhere Rente der Güter forderte, die Landbevölkerung nach den Städten drängte. Die Befitzer fanden die Selbftverwaltung der grofsen Güter nicht mehr lucrativ, fie erkannten, dafs tüchtige Pächter in Folge gröfserer Energie und Sparfamkeit die Landwirthschaft zur gröfseren Entwicklung bringen, daraus den bedeutendften Unternehm ergewinn ermöglichen und die nöthige ländliche Arbeiterbevölkerung weit leichter fefthalten können, als die meiſten Eigenthümer, die hiezu die rechten Mittel nicht immer bereit haben. Das englifche Pachtfyftem hat demnach auch die Aufmerkfamkeit der Landwirthe auf dem Continente wiederholt auf fich gelenkt. Vermöge feiner allgemeinen Ausbreitung, da in England die Verpachtung Regel, die eigene Bewirthfchaftung aber Ausnahme ift, ift es nach gewiffen Richtungen hin weiter ausgebildet worden, als anderwärts; befonders find die englifchen Pächter trotz der gewöhnlich kurzen Pachtdauer bei der Sicherung des Betriebes und feiner Factoren ganz wohl daran und haben in ihren Beziehungen zu den Pachtherren manches Intereffe wahrgenommen, welches man bei uns zumeift unberücksichtigt läfst. Das Wirthfchaftsfyftem ift durchaus auf die untrügliche Bafis aller örtlichen Verhältniffe organifirt und allfeitig wird eine hochintenfive, aber in allen ihren Factoren berechtigte Cultur betrieben. Die Wirthfchaftsweife ift bekanntlich von vielen Einflüffen und Bedingungen abhängig, und fociale wie politifche Verhältniffe, dann die tellurifchen Umstände, wie Boden und Klima, zeichnen dem Betriebsfyfteme die Grenze. Die Engländer haben es frühzeitig erkannt, dafs man nicht allein mit hohem Geldaufwande, mit grofsem Betriebscapitale, wie allgemein angenommen wird, intenfiv wirthschaftet, fondern dafs alle Productionsfactoren: Boden, Capital und Arbeitskraft, zufammen zur höchften Leiftung angefpannt werden müffen, um die angeftrebten hohen Refultate aus der 4 Ant. Adam Schmied. Wirthschaft dauernd zu erzielen. Die landwirthfchaftliche Intelligenz, auf dem Wege der richtigen Schulbildung und rationellen Praxis gewonnen, fteht aber obenan: das Verſtändnifs der Naturwirkfamkeit im Ackerboden, im Pflanzenbau und der Viehzucht, fowie der Gefetze der Volkswirthschaft, das ift, obzwar häufig darauf vergeffen wird, gerade der ftärkfte Productionsfactor; mit ihm allein läfst fich verftändig intenfiv wirthfchaften. Durch die fachgemäfse Anwendung aller vorgenannten Factoren haben die Engländer ihren Betrieb zu einer wahrhaft intenfiven Wirthfchaft geftaltet. In dem feuchten, nebeligen Klima wird mit Recht der Anbau der Körnerfrüchte befchränkt, dagegen die Cultur der Futterpflanzen nach Möglichkeit ausgedehnt. Im Durchschnitt hat man in England in der Grasregion( weftlicher Theil) 245 Percent Körnerbau( fammt Bohnen und Erbfen, 225 Percent Getreide), in der Getreideregion( öftlicher Theil) dagegen 42 I Percent Körnerbau ( 36 Percent Getreidebau); Brache wird in erfter Region 25, in zweiter 3 Percent gehalten. Trotz des in hoher Blüthe ftehenden Ackerbaues ift doch der Ertrag der 26 Millionen Acres des beftellten Landes für die Bevölkerung nicht genügend, fo dafs alljährlich grofse Mengen an Nahrungsmitteln, Getreide, Tabak und anderen Rohftoffen importirt werden. Von dem Confum des Landes, welcher jährlich 64 Millionen Hektoliter beträgt, werden kaum zwei Dritttheile, ja in einzelnen Jahren kaum die Hälfte producirt, der Reft aus Nordamerika und Rufsland eingeführt. So betrug die Einfuhr im Jahre 1871 39,407.646 Centner Weizen, 36,428.664 Centner anderer Cerealien und 3,984.638 Centner Weizenmehl. Das oceanifche Klima und die bindig- feuchte Bodenbefchaffenheit haben auf die Entwicklung der Culturgewächfe einen entfcheidenden Einflufs, wie es am beften aus dem Stickftoffgehalte des Getreides erhellt. Derfelbe wächft nämlich in Europa mit der vom Weften nach Often vorrückenden Lage. In Schottland hat der Weizen in 100 trockenen Theilen im Mittel 2'01 Percent Stickftoff, in Mittelfrankreich 208, in Baiern 2.20, in Mähren 2.36, Polen 2.68, im europäifchen Rufsland 3.58 Percent Stickftoff. So erklärt fich der Satz, dafs continen-. tales Klima( hohe Sommerwärme und geringer Regenfall) hohen Stickftoffgehalt in den producirten Weizenforten und den übrigen Getreidearten bedinge. Dagegen gedeihen in den feuchtwarmen, nebeligen Klimaten ausgezeichnet alle Futtergewächfe und faftige, üppig grüne Wiefen ziehen fich in den Niederungen hin, die hauptfächlichfte Grundlage einer ausgezeichneten Viehzucht bildend. Mit Recht kann der engliſche Farmer behaupten:„ Unfer ausgedehnter Futterbau liefert uns das vorzügliche Vieh für den Weltmarkt und ift für unfere Wirthschaften der befte Handelsgewächsbau." Die Viehzucht ift auch die Hauptftärke der englifchen Landwirthschaft; man findet dafelbft edle Pferde, 2 Racen, ausgezeichnete Woll- und Fleifchfchafe, 14 Racen, vorzügliches Rindvieh, 9 Racen, und treffliche Fettfchweine, befonders in Irland. Der Werth des Viehftandes in Grofsbritannien beträgt circa 140 Millionen Pfund Sterling. Das Vieh, reducirt auf Grofsvieh, entfällt per Joch in England 24 bis 3 Stück.- meift hochgezüchtete Kunftproducte einer intelligent geleiteten Thierzucht. Obwohl das Züchtungsziel der natürlichen Zuchtwahl die möglichfte Anpaffung des Thieres an die Exiftenzbedingungen ift, kann doch die Thatfache nicht geläugnet werden, dafs die Thier- und Pflanzenarten den künftlichen Züchtungsbeftrebungen des Menfchen nachgeben, d. h. ihre Eigenfchaften auf deffen zielbewufste Anordnung in der gewünſchten Richtung wirklich und dauernd verändern. Die hochedle Thierzucht Englands ift hiefür der befte Beweis; durch confequente planmäfsige Züchtung hat man, namentlich in der Rindvieh- und Schweinezucht, Refultate erzielt, welche dazu beftimmt zu fein fcheinen, als Weltracen, durch äufserft vortheilhaften Körperbau und rafche Entwicklung, befonders aber durch rafche und hohe Verwerthung des Futters, im hohen Grade auszeichnet, auf die Rindvieh- und Schweinezucht der Erde ihren veredelnden Einfluss auszuüben. Feldwirthfchaft. 5 Ein alter Satz ift es, den die klar überzeugende und mächtig anregende Darwin'fche Theorie in das hellfte Licht geftellt hat: natura non facit faltus, die Natur macht keine Sprünge, d. h. in der Natur ift alles Entwicklung, langfames, gefetzmäfsiges Wachfen, Hervorgehen des Vollkommenen aus dem Unvollkommenen. Befonders liegt in der Kreuzung ein nach verfchiedenen Richtungen hin civilifatorifches Element, welches in einem Zeitpunkte, wo die fich täglich mehrenden Verkehrsmittel ftets gefteigerte Berührungen verfchaffen, von unberechenbarer Tragweite zu werden verfpricht. Nach dem Darwin'fchen Geſetze werden fich aber auf anderem Wege, als dem der Inzucht, nur die vollkommenen Wefen behaupten, namentlich bis die weiteren Forfchungen zur Kenntnifs derjenigen Bedingungen führen werden, unter denen die Eigenfchaften des Vaters und jene, unter denen die der Mutter auf die Descendenz übergehen. In England ift man bereits dahin gelangt, aus einer Kreuzung verfchiedener Rinderracen Thiere zu erzielen, die fich vorzüglich zur Arbeit, und wieder andere, die fich nur zur Mäftung eignen, durch entsprechende Vermifchung des Blutes Pferde für den fchweren Zug und folche für die Rennbahn zu züchten. - Die Feldcultur wird in jeder Hinsicht rationell und zweckmässig betrieben. England ift das Land der intenfiv organifirten Mafchinenarbeit; hier wurde das für lange Zeit als unmöglich gehaltene Problem, die Aecker mit Dampf zu bearbeiten, vollkommen gelöft, fo dafs gegenwärtig die Dampfcultur dafelbft allgemein verbreitet ift. Aber auch in Deutfchland erringen fich die Dampfpflüge immer mehr Boden und gelangen zu ftets gröfserer Verwendung, namentlich in der Gegend um Magdeburg. Denn diefelben befreien den Grofsbefitzer in einem gewiffen Sinne von zwei die Bodencultur beengenden Momenten, der Zeit und einer fortwährenden Steigerung der Arbeiterzahl, und bewirken durch die ausgezeichnete Bodenbeftellung eine ftetige Vermehrung der im Inlande erzeugten Nahrungsftoffe. So ift die Dampfbodencultur eine hochwichtige Tagesfrage der Land- und Volkswirthfchaft geworden, eine Angelegenheit, welche auf die materiellen Enderfolge des Ackerbaues einen ungeahnten Einfluss auszuüben vermag. Lord Dunmore, Vorfitzender der fchottifchen Dampfcultur Gefellſchaft, fchreibt, dafs die Vermehrung der Bodenerträge durch die Dampfcultur, wie die in England gemachte Erfahrung lehrt, 25 bis 30 Percent beträgt, ohne Einrechnung der Futtererfparung bei den durch die Dampfcultur in bedeutender Anzahl verdrängten Pferden. Neben einer forgfältigen Bearbeitung des Ackers forgt der Engländer gewiffenhaft für eine vollſtändige Rückgabe aller dem Boden in den erzielten Ernten entnommenen Beftandtheile. Es foll nicht darauf hingewiefen werden, dafs Liebigs Lehre zuerft in England feften Fufs gefafst hat, auch nicht, dafs dort am früheften eine rationelle Düngerwirthschaft und eine ausgedehntere Anwendung des verfchiedenen Kunft düngers üblich wurde, fondern blos darauf, dafs in England der Anfang mit der Ausnutzung der Cloakenftoffe im Grofsen gemacht wurde; denn die allfeitig befriedigende Löfung der Latrinenfrage und die Einführung der Dampfcultur find die beiden wichtigften landwirthschaftlichen Tagesfragen, die allen anderen voranftehen. Befonders ift es die Sewage Farming, d. h. der Betrieb der Landwirthfchaft durch Beriefelung der Felder mit Cloakenwaffer, welche in England bereits häufig angetroffen wird. Ich erinnere blos an Rugby, wo der rühmlichft bekannte Agriculturchemiker Lawes feine diefsbezüglichen Experimente auf natürlichen Wiefen durch drei Jahre mit einer anerkennenswerthen Genauigkeit angeftellt und dabei unter Anderem gefunden hat, dafs die Anwendung von 20.000 Kubikmeter Sewage per Hektare einen Futterertrag von 1500 Francs fichert. Auch wurde in England unendlich viel für die Verbefferung aller meliorationsbedürftigen Grundftücke gethan. Man erfand dafelbft das überaus belangreiche Bodenverbefferungsmittel, die vollkommenfte Art der Bodenentwäfferung, nämlich die Drainage, welche in ganz England allgemein angewendet wird 6 Ant. Adam Schmied. und fich von hier aus fehr ſchnell nach Deutſchland verpflanzte. Niemals machte eine landwirthschaftliche Verbefferung fo allgemeines Auffehen, wurde mit fo grofsem Eifer in Ausführung gebracht und nach dem Beiſpiele Englands von den einzelnen Regierungen auf dem Feftlande fo unterſtützt, als die Röhrenentwäfferung naffer Ländereien. Die Bewäfferung wird in England ebenfalls viel angewendet; es gibt dort einige Graffchaften, wo die Bewäfferung mit viel Sorgfalt und Erfolg ausgeführt wird, befonders Wiltſhire, Hampſhire und Glouceſterſhire. * Die in England allgemein verbreitete, hochintenfive Wirthschaftsweife, die durch die Hochcultur des Bodens und die Edelzucht des Nutzviehes fich auszeichnet, und der mehr induftrielle, fabriksmäfsige Betrieb, der durch verftändige Einführung bewährter Mafchinen in der Landwirthschaft platzgreift, mufs nothwendig zur Anlage gröfserer Capitalien führen. Und dadurch zeichnet fich eben die englifche Landwirthschaft vortheilhaft vor der Agricultur in anderen Ländern aus, dafs fie zu der Inveftirung des Betriebes durchwegs ein hohes Betriebscapital anwendet, während fie auf der anderen Seite mit dem unproductiven Gebäudecapital möglichft fpart, und diefes bis zu der überhaupt räthlichen Minimalgrenze einfchränkt. Nach einer der erften landwirthfchaftlichen Autoritäten, Mr. Mecchi, ift beiſpielsweife die Gröfse der Pachtung im Verhältniffe zum Betriebs capital des Pächters in England dann am vortheilhafteften für die Bewirthfchaftung bei einjähriger Pacht, wenn der Pächter wenigftens 150 Gulden per Acre zum Betriebe hat. Es werden dabei gerechnet 60 Gulden auf Rindvieh, 10 Gulden für Pferde, 25 Gulden für Taglohn, 25 Gulden für Ackerwerkzeuge und Maſchinen, 30 Gulden für Wirthfchaftsvorräthe, unverkauftes Heu, Korn u. f. w. Durch die zweckentfprechende Verwendung eines fo grofsen Betriebs capitals wird hauptfächlich die hohe Bodenrente bewirkt, welche der englifche Farmer aus feinem Pachtgute erzielt, und die überrafchende Erfcheinung vollſtändig erklärt, dafs der Grundbefitz( das auf den Ankauf von Liegenfchaften verwendete Capital) im Durchfchnitt blos 3 bis 4 Percent, die Landwirthfchaft( das auf die Bewirthfchaftung verwendete Capital), eine rationelle Thätigkeit vorausgefetzt, dagegen wenigftens 10 Percent Ertrag einbringt. Wo folch bedeutende Capitalien im harmonifchen Vereine mit klar berechnender Intelligenz auf entſprechend grofsen Gütern wirken, dort mufs die Landwirthschaft im Allgemeinen auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit gebracht werden, und in allen Schichten der landwirthschaftlichen Bevölkerung Wohlftand und Zufriedenheit verbreiten Die Gefchichte Englands im letzten Säculum bietet hiefür unzählige Beweife. Der nationalökonomifch gefchulte Sinn der engliſchen Bevölkerung bewahrte diefs Land in dem denkwürdigen Jahre 1848 vor allen Wirren und Drangfalen einer übereilten und überftürzten Fortfchrittsbewegung und die realiftifche Bildung leitet all' ihr Denken und Trachten nach einer prakti fchen, materiellen Thätigkeit hin. So war auch die englifche, agricole Ausftellung überall von ftreng gefchäftlichem Geifte durchdrungen, und bafirt durchweg auf die vielerlei Erforderniffe und Bedingungen einer bewährten Praxis und verftändig gewählten Intenſität des Betriebes. Die Expofition der landwirthschaftlichen Mafchinen und Geräthe, von dem trefflich conftruirten und gefällig gebauten Pfluge an bis zu den tadellos verfertigten Locomobilen und Dampf- Drefchmafchinen; die Düngerexpofition der drei berühmteften Dungfabriks- Firmen, das Rohmaterial des Fabricates bis zu den mannigfaltigen Kunftdüngern der Hochcultur vorführend; die Samenausftellungen, verbunden mit den Riefenrüben-, Kraut- und Möhrenimitationen, von fpeculativen Samenhändlern behufs Erwerbung von neuen Abfatzquellen veranſtaltet: Alles athmete wohlüberlegte Berechnung und praktifchen Gefchäftsfinn. Belgien reiht fich in der Intenſität des Wirthfchaftsbetriebes an England, bildet zu demfelben aber durch die Art der Grundvertheilung und die herrfchenden Feldwirthschaft. 7 Befitzverhältniffe ein wahres Gegenftück. Während in England das Syftem des Grofsbefitzes üblich ift, findet man in Belgien allgemein einen fehr zerftückelten Grundbefitz und die Kleincultur ift dafelbft überwiegend; doch ift auch in Belgien das Pachtfyftem allgemein, und die Pachten werden allgemein auf drei Jahre abgefchloffen. Der Reichthum des Bodens in Folge feiner rationellen Bewirthschaftung eines Theils, und die Zuverläffigkeit des Marktes bei einer dichten Bevölkerung anderen Theils, haben hier fchon frühzeitig zu einer höchft intenfiven Ausnutzung des Bodens geführt, welche wieder eine ftarke Bevölkerungszunahme ermöglichte. Alle diefe Umftände im Verein haben eine grofse Menge kleiner Befitzungen gefchaffen, welche ihre Befitzer anftändig ernähren. Denn nach allen angeftellten Unterfuchungen bringt der getheilte Grundbefitz in Belgien bedeutend reichlichere Ernten als felbft die beftbewirthschafteten Latifundien Englands, fo dafs hier das Wort Arthur Young's in höchftem Mafse verwirklicht wird:„ Es ift die magifche Gewalt des Eigenthums, die Sand in Gold verwandelt." Aus diefer Urfache nun zeichnet fich der belgifche Ackerbau durch die meiften Eigenthümlichkeiten und charakteriftifchen Kennzeichen der Klein- und Mittel cultur aus. Zur Beftellung des Bodens, welche äufserft forgfältig ausgeführt wird, genügt in den meiften Fällen, neben den am beften bewährten agricolen Mafchinen, der weitbekannte Brabanter Pflug; in Flandern ftand die Wiege des Fruchtwechfel- Syftems, von wo es in England, fpäter in Frankreich eingeführt wurde, um dann die Runde durch alle Länder der Welt zu machen; die Fortfchritte des Ackerbaues find überrafchend, und kennzeichnen fich befonders durch die Einführung des Hackfruchtbaues, die Ausdehnung des Futterbaues, Zunahme des Tabakbaues und höchft rationelle Cultur des Leins. Neben dem Stalldünger wendet man Guano an, welcher faft überall verbreitet ift, Superphosphate und kalihaltige Kunftdünger. Die Meliorationen des Bodens nehmen immer gröfseren Umfang an, und hat namentlich die Bewäfferung in Belgien, vorzügliche Refultate geliefert; man verdankt der Regierung die Schöpfung eines grofsartigen Netzes von Canälen, welche beftimmt find, das Waffer der Maas nach allen Punkten der Campine zu leiten. Dennoch importirt auch Belgien Cerealien, und ift die jähr liche Einfuhr im Steigen begriffen. Im Jahre 1865 importirte es 412, im Jahre 1870 hingegen 62 Millionen Centner Getreide im Werthe von 89% Millionen Francs. Die landwirthschaftliche Abtheilung der belgifchen Ausftellung entſprach nicht ganz der hohen Entwicklung der Landwirthfchaft in diefem ftrebfamen Lande. Die landwirthfchaftliche Direction im Minifterium des Innern ftellte, neben einigen Ackerbau- Werkzeugen belgifchen Urfprungs und einigen Proben des belgifchen Bodens nach verfchiedenen Lagen, in vier hübfch arrangirten Getreideforten- Trophäen, fehr fchöne Bodenproducte, in den verfchiedenen landwirthschaftlichen Zonen des Landes geerntet, aus; darunter namentlich vorzüglichen Lein aus der Campine und prachtvollen Roggen aus Condroz, fowie eine landwirthfchaftliche Karte Belgiens, einen hydrographifchen Plan und endlich einen detaillirten Plan einer Wiefenbewäfferung. Auch die von anderen Seiten ausgeftellten Culturpläne, Typen landwirthschaftlicher Anlagen für einen grofsen, mittleren und kleinen Betrieb und dergl. mehr zeugten deutlich von dem Streben der belgifchen Landwirthschaft nach einem hochintenfiven Syſtem. Auch das Königreich der Niederlande zeichnet fich durch eine blühende Landwirthfchaft aus, indem es einen im Ganzen fruchtbaren und wohl angebauten Boden zeigt. Die Verhältniffe des Grundeigenthums wechfeln mit den Provinzen: in Limburg, Nordbrabant, Gröningen und Friesland ift der Grundbefitz zerftückelt, in Mittel- und Nordholland, in Seeland, Utrecht und befonders in Geldern ift der Grundbefitz wenig getheilt. Wenige grofse Eigenthümer bewirthschaften ihren Befitz in eigener Regie, fondern verpachten denfelben nach dem ,, Code Hollandais", 8 4 Ant. Adam Schmied. welcher dem„ Code Napoléon" nachgebildet ift. Eine intenfive Wirthschaft ift hier dadurch ermöglicht, dafs die Capitalien zur Bewirthschaftung und Melioration der Güter allgemein ausreichend find; im Falle der Noth findet man zu Percent Geld auf der Staats Hypothekenbank in Amfterdam, während der Land wirth in Belgien, wo das Capital nicht immer ausreichend ift, je nach dem augenblicklichen Zinsfufse das Geld mit 5 bis 6 Percent verzinfen mufs; einen gleichen Preis hat das Geld auch in England, wo der Zinsfufs im Mittel 5 Percent beträgt. Der Ackerbau wird forgfältig betrieben und liefert hauptfächlich Lein, Oelfrüchte, Krapp, Tabak, Blumenzwiebeln. Die Drainage macht befonders im nördlichen Holland, in Seeland und Friesland, Fortfchritte, während die künft. liche Bewäfferung in Folge der feuchten Natur des Bodens faft überall entbehrt werden kann; die Trockenlegung des Haarlemer Meeres mufs für alle Zeiten als eine hochwichtige Urbarmachung angefehen werden. Künftliche Düngemittel werden nur in geringerem Mafse, befonders in der Umgebung von Amfterdam, angewendet, wo man hauptfächlich Guano und amoniakalifche Düngmittel für fandigen, Kalk dagegen für torfigen Boden verwendet. Der wichtigfte Zweig der Landwirthschaft in den Niederlanden ift die Viehzucht, fo dafs für Holland kein agricoler Fortfchritt eine gröfsere Wichtigkeit hat, als die quantitative und qualitative Hebung der Viehzucht. Das Holländer Rindvieh erfreut fich in allen feinen Schlägen unter den Landwirthen des Continents eines fehr guten Rufes, ja man kann fagen, dafs dasfelbe gegenwärtig eben in der Mode ift. Der ökonomifche Werth der Holländerrace wird im Verhältniffe zu den anderen edlen Rindviehracen faft durchweg ungemein hoch geftellt, indem fie in ihrer Leiftung als Milchvieh, unter angemeffenen Bedingungen gehalten, von keiner anderen Race übertroffen wird, wefshalb fie auch, fobald es fich in Mitteleuropa um die Befchaffung fremden Rindviehs für die Molkerei handelt, zur Zeit am meiften in Betracht gezogen wird. Diefen agricolen Verhältniffen des Königreiches entſprechend, war auch die niederländifche landwirthschaftliche Expofition geftaltet. Neben einzelnen Torfarten aus holländifchen Torfftichen fah man dafelbft fchönes Getreide und Hülfenfrüchte, vorzüglichen Seeländer Leinfamen und prächtigen Flachs, friefifchen Hanfabfall, Mufter- Krappwurzel und Tabak. Wenn man auch zugeben muss, dafs Holland Vorzügliches an Cigarren ausgeftellt hat, fo fteht doch zu bezweifeln, dafs dasfelbe, ähnlich wie Belgien, bei aller Trefflichkeit des Fabricats feinen Cigarrenmarkt durch die Weltausftellung erweitern dürfte, weil die Preife zum Theil fogar jene der havannefer Fabriken überfteigen. Daran reihten fich die Producte der Molkerei, welche einen anfehnlichen Exportartikel bilden. Friefifcher Nagel- und Kanterkäfe, nordholländifche Käfe, vor Allem der Edammerkäfe, echte friefifche Butterfarbe und Annato zum Färben von Käfe fah man in bunter Abwechslung. Die Producte der aufsereuropäiſchen Colonien Hollands, Thee, Cacao, Reis und faft alle übrigen, unter dem Namen Colonialwaaren bekannten Producte zeigen klar, dafs die Ertragsfähigkeit diefer Befitzungen dem Mutterlande fehr nützlich fein kann. Der holländifche Handel, welcher einft mit dem englifchen rivalifirte, ift auch gegenwärtig noch von grofser Bedeutung. So betrug 1869 die Einfuhr 46116 Millionen, die Ausfuhr 391 21 Millionen und die Durchfuhr 116.08 Millionen Gulden. Im Jahre 1870 haben die Niederlande zum Verbrauche eingeführt: 1,085.188 Hektaren Weizen, 2,285.233 Hektaren Korn, 1,011.942 Hektaren Gerfte; 547.800 Centner Weizenmehl und 28.520 Centner Kornmehl. Schweden und Norwegen zeigen in Folge der tellurifchen Verhältniffe nur einen unbedeutenden, das heifst räumlich fehr befchränkten, aber doch wichtigen Ackerbau; denn im erften Land beträgt das wirkliche Culturland 10 6 Percent, im letzten fogar nur I Percent des Flächenmafses. Nebftdem wird der Betrieb der Landwirthfchaft in beiden Ländern dadurch fehr erfchwert, dafs Feldwirthschaft. 9 die gröfsere Zahl der Landwirthe im Allgemeinen die zu einer rationellen Bewirthfchaftung und nothwendigen Melioration der Güter bedürftigen Mittel nicht befitzt. Die fchwedifchen Banken leihen beiſpielsweife den Befitzern Geld zu einem Zinsfufse von 7, 8 bis 9 Percent, welcher fich natürlich mit dem möglichen Gewinne der fchwedifchen Landwirthschaft durchaus nicht verträgt. Aus diefer Urfache ift auch die Verwendung der Mafchinen in der Landwirthfchaft fehr gering. Neben ausgedehnten Drainirungen wird nur die natürliche Bewäfferung angewendet. Auch die Viehzucht wird bisher vernachläffigt. Dagegen ift die Waldwirthschaft fehr grofsartig und wird mit bedeutender Sorgfalt betrieben. Dennoch ift die fchwedifche Regierung eifrig beftrebt, die heimifche Landwirthschaft nach Möglichkeit zu heben und zu fördern. Es beftehen dafelbft eine landwirth fchaftliche Akademie zu Stockholm und circa 30 Ackerbaufchulen; die Ausgaben für Culturverbefferungen feit 1819 bis 1858 betragen über 350 Millionen Rigsdaler, in Folge deffen fich trotz der Ungunft der natürlichen Verhältniffe eine bedeutende Zunahme der Production. zeigt. Nach officiellen Angaben betrug diefelbe( in Schweden): Weizen Roggen Gerfte. Hafer Kartoffeln Gerfte u. Weizen Erbfen 1820 165.000 1,692.000 1,684.000 1,288 000 2,289.000 693.000 311.000 1865 540.000 Tonnen 5,600.000 " 9 3.500.000 99 4,100.000 6,970.000 99 " 9 1,550.000 545.000 99 وو Der landwirthschaftliche Theil der Ausftellung diefer beiden Länder, fo reich befchickt und forgfältig geordnet er auch war, enthielt doch nur inftructive Proben von ſchönem Getreide in Körnern und Stroh, von Hülfenfrüchten, Futtergewächfen, Raps, Mais, Flachs und etwas Hopfen, fchöne Waldproducte, Torfproben und einige künftliche Düngemittel. Dänemark, welches im Weften grofse Thon-, Sand- und Moorhaidenflächen hat, nimmt im Allgemeinen in der Landwirthschaft keine hervorragende Stellung ein, wenn auch zugegeben werden mufs, dafs es einen fchätzbaren Pferdefchlag befitzt und zu den Getreide exportirenden Ländern gehört; 1866 bis 1867. betrug die Ausfuhr 5,807.792, 1870 bis 1871 aber 7,004.458 Zollcentner Getreide und Mahlproducte. Zumeift fehlt es den Landwirthen, trotz der gut organifirten Creditinftitute, an den für eine intenfive Wirthschaftsführung nothwendigen Capitalien; defshalb bauen diefelben in der Regel nur die gangbarften Feldfrüchte, daneben etwas Tabak, Krapp und Hopfen. Dem entſprechend war auch die landwirthfchaftliche Ausftellung Dänemarks im Grofsen und Ganzen unanfehnlich. Einige Sorten künftlichen Düngers, Getreide und Hülfenfrüchte in Stroh und Körnern, Grasfämereien, etwas Hopfen, einige Flachsproben, verfchiedene hölzerne Geräthfchaften zum Gebrauch in Meiereien und dergl., war Alles, was diefes Königreich exponirt hatte. Frankreichs Landwirthschaft nimmt in einer jeden Richtung eine achtunggebietende Stelle ein. Der fruchtbare Boden, das milde Klima und der emfige Geift der Bevölkerung bedingen eine hohe Production aller Arten Getreide, Obft und Südfrüchte, Tabak, Hanf und Krapp, Zuckerrüben, köftliche Weine und die feinfte Seide, fowie herrliche Wälder, welche jedoch in den letzten Decennien fehr gelichtet worden find. Vor Jahren war Frankreich ein Getreide einführendes Land; aber feit einem Vierteljahrhundert ift dafelbft die Getreideproduction um mehr denn 50 Percent geftiegen, fo dafs in gefegneten Jahren der Boden hinreichend Lebensbedürfniffe für die dichte Bevölkerung producirt; ja im Jahre 1865 hat dasfelbe fogar über 6 Millionen Centner Getreide exportirt. Durch den letzten 10 Ant. Adam Schmied. unglücklichen Krieg ift Frankreich wieder weit zurückgeworfen worden, fo dafs fein Getreidebedarf abermals ein fehr bedeutender ift: 1870 wurden 3,761.000 Centner Weizen, 2 Millionen Centner Hafer und 328.000 Centner Mehl eingeführt; aber die unerfchöpflichen natürlichen Quellen laffen diefs fruchtbare Land wieder zur vollen Production gelangen. Die grofsen und mittleren Güter find in Frankreich in bedeutender Minderheit; der kleine Grundbefitz nimmt alljährlich an Umfang zu und rundet fich ftetig ab; daneben ift der ländliche Arbeiterftand durch die Erhöhung der Löhne wohlhabender geworden und erhebt fich feinerfeits allmälig zum Befitzer; in den meiſten Departements find mindeſtens 75 Percent der ländlichen Arbeiter Eigenthümer geworden. Ueberdiefs ift der Grundbefitz in Frankreich fehr zerftückelt: in vielen Departements geht die mittlere Gröfse der Parcellen hinab bis auf 20, 15 und 10 Aren und oft felbft noch darunter; in den meiften Fällen, befonders im Often, find die Parcellen einer Wirthfchaft noch von einander getrennt durch eine Entfernung von mehreren Kilometern. Und diefes Uebermafs der Zerftückelung iſt eine unmittelbare Folge des durch den Artikel 826 des Code Napoléon angeordneten Theilens bei jedem Wechfel der Erbfchaft unter die Erbberechtigten. Aehnlich wie in Belgien und in der preufsifchen Rheinprovinz, wo ein Theil von 800 Morgen zu den gröfsten gehört, hat die kleine Cultur zu der höchften Ausnützung des Bodens geführt, und man kann behaupten, dafs die Cultur und die Production feit 25 Jahren in Frankreich erhebliche Fortfchritte gemacht haben, feit diefer Zeit find ausgedehnte Weiden aufgeriffen worden; grofse Drainage- und Bewäfferungsanlagen wurden ausgeführt, es wurden Maffen von Kunftdünger verbraucht( beifpielsweife im Jahre 1862 um 500 Millionen Francs) und die Cultur von Futterpflanzen und Handelsgewächfen entſprechend erweitert. Die grofsen und mittleren Befitzungen werden durch Eigenthümer oder durch Pächter bewirthschaftet. Letztere find Zeitpächter, welche fich allgemein über die kurze Dauer der Pachtverträge beklagen, oder eben Halbfcheidpächter; ihnen fehlt zumeift genügendes Betriebs capital, fo dafs diefelben felten zu einer befferen Stellung fich emporarbeiten. Um die Beihilfe von Arbeitern oder von Dienftleuten zu entbehren, übernehmen ganze Familienftämme, welche manchmal aus zehn bis zwölf einzelnen Familien beftehen, die Wirthfchaft eines Landgutes und führen diefelbe auf gemeinfchaftliche Koften und Gefahren durch. Diefe Antheils- oder Halbfcheidwirthfchaft( Metayage), welche wir auch in anderen Staaten unter verfchiedenen Namen wiederfinden, zum Beiſpiel als Mezzeria in Italien, haben am klarften und hervorragendften L. Bignon, père et fils, durch die Vorführung der Wirthfchaftsverhältniffe in Theneuille dargestellt. Nicht nur den pachtweifen Betrieb in allen feinen Productionszweigen, den Plan der Grundftücke, die verfchiedenen Culturarten haben diefelben exponirt, fondern auch den Gefellſchaftsvertrag behufs Regelung der Beziehungen und der Intereffen zwifchen den Grundeigenthümern und den Pächtern, die vergleichende Darftellung des Ertrages und die finanziellen Refultate des Metayagebetriebes. Wir entnehmen daraus, dafs das Metayerwefen in Theneuille, einem Landgute in der Gegend des Centrums von Frankreich, durch zeitgemäise, vernünftige Contracte, durch rechtzeitige Befchaffung von genügendem Betriebscapital, im patriarchalifchen Zufammenwirken der Pächter und des Eigenthümers, fowie durch energifche Leitung, auf den Höhepunkt der Ausbildung gelangt ist und das betreffende Gut in einen mufterhaften Stand, dem die neueften Errungenfchaften nicht fehlen, gebracht hat. Doch noch höher im nationalökonomifchen Sinne, als blos im landwirthfchaftlichen, ift diefe Einrichtung zu fchätzen, weil diefelbe einen Fingerzeig auf den gefuchten Weg weift, auf welchem die in Frankreich fo wichtige und für die ganze civilifirte Welt fo bedeutungsvolle fociale Frage zur möglichften Befriedigung beider Theile, des landwirthschaftlichen Arbeitgebers und des ländlichen Arbeitnehmers, gelöft werden kann. Feldwirthfchaft. 11 Auch im materiellen Sinne hat diefes energifche Syftem einer gleichfam genoffenfchaftlichen Bewirthfchaftung aufserordentliche Erfolge. Theneuille hat im Jahre 1849 per Hektare blos 6 Francs, 1872 aber bereits 75 Francs Reinertrag geliefert, der Reinertrag hat fich folglich binnen einem Vierteljahrhundert verzwölffacht. Diefe immenfe Ertragsfteigerung ift durch die zweckentfprechende Vermehrung des Betriebscapitals um 150.000 Francs, durch rationelle Abänderung des Wirthfchaftsbetriebes, durch zeitgemäfse' Aenderung der Verträge mit den Metayers, durch redliches Zufammenwirken aller Betheiligten, namentlich aber auch durch die tüchtige intelligente Leitung des Befitzers felbft erzielt worden. Und dergleichen gemeinfam geführte Wirthschaften gibt es in Frankreich noch eine grofse Menge und gewöhnlich find fie, wie Hamm richtig bemerkt, die Mufter für den Einzelbefitz oder Pacht im ganzen Umkreise. Bei all' dem werden aus Frankreich von Zeit zu Zeit Klagen laut über unzureichende und ungenügende Capitalien, welche fowohl die erfte Inangriffnahme landwirthschaftlicher Unternehmungen erfchweren, als auch die Inveftirung des hochintenfiven Betriebes mit dem nothwendigen Betriebscapital hindern. Der Crédit foncier befchränkt feine Wirkfamkeit hauptfächlich auf ftädtifche Liegenfchaften und der Crédit agricole hat bei dem Mangel an Filialen, den übertrieben hohen Zinfen der Darlehen, fowie durch die unbequemen Förmlichkeiten und läftigen Bedingungen mancher Art feine Thätigkeit auf dem Lande faft ganz verfehlt, fo dafs die Organiſation eines Specialcredites, beftimmt, dem einfachen Landmanne zu Hilfe zu kommen, in Frankreich noch gefchaffen werden mufs. Dazu kommt noch, dafs der Mangel an ländlichen Arbeitern ftets fühlbarer wird. Die Entwicklung einer immer intelligenter und intenfiver werdenden Bewirthschaftung, die fortfchreitende Theilung des Grundbefitzes, die durch die letzten Volkszählungen nachgewiefene ftetige Abnahme der Kinderzahl in den Familien; die Ausdehnung der grofsen öffentlichen Arbeiten und die Anforderungen an den Militärdienft, fowie die Auswanderung der Bevölkerung in die Städte, wo der Verdienft leichter und bequemer, das Leben forgenfreier und üppiger ift, haben diefe Calamität der Landwirthschaft herbeigeführt. Durch verbefferte Ackergeräthfchaften, neue Pflüge, Säemafchinen, Ernteund Mähmafchinen trachtet man dem immer gefährlicher und drohender fich geftaltenden Arbeitermangel erfolgreich vorzubeugen. Vor Allem ift die Drefchmafchine mit Begeifterung aufgenommen worden und ihre Verbreitung ift gegenwärtig allgemein. Aus einer Enquête fpéciale, welche in den erften Monaten des Jahres 1856 vorgenommen wurde, geht hervor, dafs damals in ganz Frankreich fchon über 51.000 folcher Mafchinen vorhanden waren. Seitdem hat der Gebrauch der Drefchmafchinen in merklicher Weife noch zugenommen und das Gerätheinventar hat fich allenthalben in einer erfreulichen Weife vermehrt und vervollftändigt. Die Meliorirung des Bodens nimmt ftetig an Umfang und Bedeutung zu. Während Ende 1856 in Frankreich 32.000 Hektaren, drainirt waren( in England freilich zur felben Zeit bereits 1,300.000 Hektaren), waren 1868 bereits etwa 200.000 Hektaren mit einem Koftenaufwande von je 262 Francs und einer Ertragsfteigerung von etwa 57 Francs auf dem Hektare drainirt. Nebftdem wird der Trockenlegung von Sümpfen grofse Aufmerkfamkeit gewidmet; die Bodenfläche, auf welcher Entwäfferung und Entfäuerung vorgenommen worden find, betrug 1866 fchon 140.000 Hektaren; die Arbeit hatte etwa 8 Millionen Francs gekoftet. Die Unzulänglichkeit des natürlich erzeugten Düngers in den Ackerwirthfchaften hat zu einer ausgedehnten Anwendung des Kunft düngers, fowie zur allmäligen Verwendung des Latrinendüngers geführt; namentlich hat man in den mufterhaft bewirthfchafteten Diftricten des nördlichen Frankreichs den hohen Werth einer vollſtändigen Düngung gebührend erkannt. So hat man zum Beifpiel im Jahre 1857 nach Frankreich 51,854.698 Kilogramm Guano eingeführt, im 12 Ant. Adam Schmied. Jahre 1866 fchon 56,896.800 Kilogramm und in der ganzen 10jährigen Periode 486,647.000 Kilogramme. Nebftdem werden grofse Mengen Superphosphate angewendet. Neben der Hebung des Ackerbaues, verbunden mit einer ftetigen Wiederbewaldung der in früheren Decennien entblöfsten Waldflächen ift eine in die Augen fallende Verbefferung der Viehhaltung in Quantität und Qualität wahrzunehmen. Sowohl die Pferdezucht, als auch die Rindvieh- und Schafzucht hat in dem letzten Vierteljahrhundert bedeutende Fortfchritte gemacht; es mufs hier auf den ausgezeichneten Einfluss hingewiefen werden, welchen die wohlarrangirten Ausstellungen und verfchiedenen Preisvertheilungen auf die Viehzucht Frankreichs ausgeübt haben. Im gleichen Grade hat die Production der animalifchen Erzeugniffe zugenommen, wie es am beften aus der Entwicklung erfichtlich ift, welche der Handel mit Producten der Viehhaltung, als da find: Butter, Käfe, Geflügel, Eier, erfahren hat. So betrug der Werth der aus Frankreich ausgeführten Gegenftände diefer Art im Jahre 1856 27,146.531 Francs und ftieg 1866 bereits auf 124,916.882 Francs. Die Hebung feiner Landwirthfchaft in allen ihren Zweigen verdankt Frankreich in erfter Reihe den energifchen Mafsregeln und bedeutenden materiellen Unterſtützungen von Seiten der Regierung. Faft für einen jeden Productionszweig und für die meiften landwirthschaftlichen Unternehmungen befteht dafelbft ein agrarifches Gefetz; felbft ein Drainagegefetz befteht in Frankreich, welches die Landwirthe in den meiften Ländern Mitteleuropas noch entbehren müffen. Jede Neuerung hat die Regierung thunlichft unterſtützt und für den landwirthschaftlichen Fortfchritt nach Möglichkeit geforgt. Bekanntlich hat diefelbe die grofsartige Mafsregel zum Beften der Hebung der Cultur eingeführt, dafs alljährlich dem vorzüglichften Landwirthe eines Departements ein fehr hoher Ehrenpreis 5000 Francs und ein Pocal im Werthe von 3000 Francs zuerkannt wird; bei der Beurtheilung der concurrirenden Wirthschaft wird mit aller möglichen Unparteilichkeit und Publicität zu Werke gegangen. - Die Organiſation der Agricultur- Angelegenheiten und die Gliederung der landwirthschaftlichen Intereffenvertretung fcheint jedoch zu complicirt zu fein, wefshalb wir hier eine gedrängte Skizze derfelben folgen laffen. In Frankreich beſteht ein Minifterium des Ackerbaues, welches fich in die Ackerbau- Direction und in den Service hydraulique gliedert. Die letztere Abtheilung befafst fich mit den diverfen Bodenmeliorationen- doch nicht ganz allein, denn die Wafferbaubehörde bildet eine eigene Abtheilung; die Eindeichung am Meere und an Flüffen gehört zu der Abtheilung der Schifffahrt; die Drainage und kleinen Bewäfferungen zur Abtheilung des Ackerbaues. Die Ackerbau- Behörde bearbeitet die Räumung und Verbefferung der Privatflüffe, Mühlenanlagen, Genoffenfchaften, die Entwäfferung, Bepflanzung der Dünen u. dgl. m. Dafür find von 1848 bis 1866 ausgegeben worden im Ganzen 28,014.000 Francs. Ganz Frankreich ift in fieben landwirthschaftliche Diftricte eingetheilt, von denen jeder einen Generalinfpector hat, welche alle der Ackerbau- Direction des Minifteriums unterftehen. Der Generalinſpector mufs ohne Unterlafs von allen Verhältniffen detaillirt unterrichtet fein. Sein Wirkungskreis erftreckt fich nicht nur auf den ganzen landwirthschaftlichen Betrieb feiner Region, fondern auch auf die Meliorationen, Arbeiter- und Preisverhältniffe, das Vereinswefen, die Reviſion der Lehranstalten, Ausftellungen und dergleichen mehr. Aufserdem fungiren als landwirthfchaftliche Organe in den einzelnen Arrondiffements die Präfecten, die Souspräfecten, die Präfecturräthe, und dann die denfelben als confultative Körper beigefetzten Generalräthe und Landwirthfchafts- Kammern. Landwirthfchafts- Kammern gibt es in jedem Arrondiffement. Sie beftehen aus fo viel Mitgliedern, als das betreffende Departement Cantone befitzt; diefelben werden vom Präfecten aus der Zahl der im Canton Einheimifchen oder dafelbft Grundbefitz Habenden ernannt. Die Ackerbau- Kammern find als eine Feldwirthfchaft. 13 öffentliche Inftitution zu betrachten, welche die Aufgabe hat, der Regierung ihre Wünſche vorzutragen. Der Generalrath für die Landwirthfchaft( Confeil général d'agriculture) befteht aus 100 Mitgliedern, darunter eines für jedes Departement, ausgewählt aus der Zahl der Mitglieder der Landwirthfchafts- Kammern; die übrigen werden von aufserhalb derfelben ernannt. Der Ackerbau- Minifter ernennt jedes Jahr die Mitglieder des Generalrathes, führt den Vorfitz desfelben und ernennt den Vicepräfidenten. Weiter exiftirt ein militärifch organifirtes Civilingenieur- Corps, welches aus 18 Generalinfpectoren, 167 Chefingenieurs, 271 Ingenieurs und 2355 Conducteuren befteht, welche, aufser der Inftandhaltung der Brücken und Chauffeen, die Bewäfferungen und Entwäfferungen, die Trockenlegung der Sümpfe, Drainage u. dgl. zu beforgen haben. Dann befteht ein Drainage comité, welches über Geldunterſtützungen zur Ausführung von Drainage- Anlagen entfcheidet. Ein Heerdbuch- Comité führt ein Stammregifter über das importirte und in Frankreich geborene Vieh( Durham- Vieh). Das landwirthschaftliche Unterrichtswefen ruht ganz in den Händen der Regierung. Es beftehen in Frankreich 3 Akademien oder Regionalfchulen( écoles nationales d'agriculture), 3Veterinärfchulen und 49 niedere Ackerbaufchulen( fermes) écoles). Aufserdem gibt es 10 Lehrftühle für Landwirthschaft und 3 für AgriculturChemie. Die landwirthschaftlichen Anftalten werden insgefammt vom Staate erhalten, und ift in allen Ackerbau- Schulen Unterricht und Verpflegung gratis. Sämmtliche Staatsdomänen find als Mufterwirthschaften eingerichtet. In allen Theilen des Reiches beftehen landwirthfchaftliche Vereine als freie Verfügungen. In erfter Reihe hat man die Société centrale d'agriculture zu nennen, welche unter den landwirthfchaftlichen Vereinen den erften Platz einnimmt. Dann folgen die Ackerbau- Gefellfchaften( fociétés d'agriculture), welche oft ein ganzes Departement umfaffen und in der Hauptftadt desfelben ihren Sitz haben. Aufserdem beftehen die landwirthfchaftlichen Dorfvereine( comités agricoles), welche in den verfchiedenen Departements in gröfserer oder geringerer Zahl vorhanden find. Es beftehen an 880 folcher Vereine, von denen die weitaus überwiegende Mehrzahl( 775 im Jahre 1866) Subventionen erhalten. In dem angezogenen Jahre wurden etwa 400.000 Francs und Medaillen im Werthe von 40.000 Francs bewilligt. Ihre Gefammteinnahme belief fich auf 2,021.000 Francs, worunter die von den Generalräthen bewilligten Subventionen 593.897 Francs betragen; der Reft wurde von mehr als 100.000 Mitgliedern aufgebracht. Die Einnahmen werden in der Regel für Ausftellungen verwendet, fowie zur Vertheilung von Prämien. Aufser diefen von den Vereinen veranstalteten kleinen Ausftellungen, welche im Jahre 1870 von 705 landwirthfchaftlichen Vereinen mit einer Staatsfubvention von 576.600 Francs arrangirt worden find, finden alljährlich 12 Regional- Ausftellungen( concours régionaux) ftatt. Zu diefem Ende find die Departements Frankreichs in 12 Kreife getheilt und die Concurfe werden abwechfelnd in jedem der Departements, die zu einem Kreife gehören, abgehalten. Hiebei wird vornämlich auf die ganze Leitung der Wirthschaft( wobei der oben angeführte Ehrenpreis zur Vertheilung kommt), auf gute landwirthfchaftliche Maſchinen, Verbefferungen der Viehracen u. dgl. gefehen. Der Staat zahlt alljährlich auf diefe Ausftellungen bedeutende Summen; fo wurden 1867 aus Staatsmitteln allein 825.000 Francs auf diefe Concurfe verwendet, während die Aufwendungen der betreffenden Departements und Städte für 1866 auf mehr als 450.000 Francs gefchätzt werden können. Aufser einigen Schlachtvieh- Ausftellungen, veranſtaltet von Privaten und vom Staate fubventionirt, werden acht Regionalfchauen von Maft- und Schlachtvieh abgehalten, unter welchen die bekannte Maftvieh- Ausftellung von Poiffy die wichtigfte ift. Bei diefen Schauen kommen Kunftfachen, 14 Ant. Adam Schmied. Medaillen und Staatspreife zur Vertheilung, deren Werth fich 1867 auf 231.000 Francs belief. Die agricole Expofition Frankreichs blieb, obgleich diefelbe in mancher Beziehung meiſterhaft war, doch hinter den allgemeinen Erwartungen zurück. Das Arrangement war vortrefflich und die Ausftellung des franzöfifchen AckerbauMinifteriums fuchte in ausgefuchter Eleganz und feinem Gefchmacke feinesgleichen. Albaret( Paris) ftellte fehr hervorragende Ackerbaumafchinen, befonders DampfDrefchmaſchinen aus. Unter den landwirthfchaftlichen Producten fahen wir vorzügliches Saatgetreide, fchöne Hülfenfrüchte, ausgezeichneten Rübenfamen, Safran, Opiummohn, Tafelnüffe, eine hübfche Collection Karden, prachtvolle Sammlungen von Kartoffeln, Tabak, Mufter von Bohnen, Mais u. dgl. m. All die ausgeftellten Producte gaben Zeugnifs, in welch' hohem Grade die franzöfifche Landwirthschaft durch den im Ganzen fehr gefegneten Boden und das milde Klima begünftigt wird. Aber auch der Landwirth ift im Grofsen und Ganzen beftrebt, diefe Naturfchätze nach Möglichkeit zu heben; wenigftens begegnet man in Frankreich einem Raffinement in der mittleren und kleinen Cultur, wie es anderwärts nicht aufgewendet wird; in der franzöfifchen Ausstellung fah man die einzige Expofition für Pflanzenheilmittel, von Privaten zufammengeftellt, darunter Pulver Balouchard zur Confervirung des früher eigens zubereiteten Getreides. Zahlreiche landwirthschaftliche Betriebspläne zu verfchiedenen Epochen liefsen einen Einblick in die Organifation der Wirthfchaftsobjecte thun. Die franzöfifchen Colonien haben in inftructiven Collectionen ihre edlen Naturerzeugniffe vorgeführt. Der Kaffee von Martinique geniefst einen univerfellen Ruf; 1872 wurden hievon 6001 Kilogramm exportirt. Die Production an Cacao( Thesbroma cacao) ift grofsartig; 1872 wurden aus Martinique allein 342.691 Kilogramm exportirt. Baumwolle und andere Gefpinnftpflanzen, Medicinalpflanzen( aus Guiana), Thee( aus St. Pierre et Miquelon), Farb- und Gerbftoffe, Gewürze, Heilmittel( Infel Réunion) verfchiedene Sämereien, namentlich Reis ( Oriza), Sorghum, Hirfe, Getreide u. f. w., Sefam- und Leinfamen, Tabak( Algier) u. dgl. m. erregten in hohem Grade die Aufmerkfamkeit eines jeden Befuchers. Selbft Neu- Caledonien, welches erft feit dem 24. September 1853 einen Theil der oceanifchen Colonien Frankreichs bildet, ftellte Kaffee aus, welcher dafelbft überall gedeiht, getrocknete Schwämme, Tabak und narkotifche Pflanzen, auch Baumwolle, obzwar diefes Land der Baumwollcultur weniger günftig ift; denn die Verfuche mit der Südfee- Baumwolle von den Fidfchi Infeln lieferten bisher keine praktifchen Refultate und nur zu Bulupari gedeiht die Tahiti: Baumwolle mit einigem Erfolge. Deutfchlands Landwirthschaft war auf der Wiener Weltausstellung in jeder Hinsicht würdig, ja in mancher Beziehung fogar glänzend und grofsartig vertreten. Unter allen Nahrungszweigen ift in den deutfchen Ländern die Landwirthschaft am wichtigsten und auch am allgemeinften verbreitet; im Ganzen leben dafelbft von der Landwirthschaft 18.8 Millionen Menfchen( in Baiern 65.8, Baden 64, Preufsen 48, Sachfen 33 Percent der Bevölkerung). Der Boden Deutfchlands ift im Allgemeinen fehr fruchtbar und ergiebig, überall durch die anftrengende Thätigkeit der Landwirthe wohlbeftellt, ja felbft in den fandigen und moraftigen Gegenden vielfach urbar gemacht und mit bedeutenden Koften meliorirt worden. Die bewunderungswürdige Emfigkeit der Bevölkerung hat es dahin gebracht, dafs kein Fleckchen des culturfähigen Bodens unbeftellt zu finden ift und dafs jedes Grundftück durch die zweckentfprechendfte Bewirthschaftungsart ausgenützt wird. Das verhältnifsmäfsig meifte Culturland hat Schleswig- Holftein, Pofen, die Provinz Sachfen, Rheinheffen. Je nach den einzelnen Ländern find die Verhältniffe des Grundbefitzes und die Art der Bewirthschaftung höchft verfchieden, und können wir darauf, fo intereffant die Erörterung derfelben auch wäre, nicht umftändlich eingehen. Während in dem Königreiche Preufsen im Grofsen und Ganzen alle die Arten des Befitzes Feldwirth fchaft. 15 mehr oder weniger im Gleichgewichte find und die gröfste Zerftückelung des Bodens in der Rheinprovinz ftattgefunden hat, die auch noch eines Zufammenlegungs- Gefetzes entbehrt, hat Baiern fehr wenig grofse Befitzungen, noch weniger Württemberg, wo der Boden ziemlich zerftückelt ift. Höchft fegensreiche Folgen für die Cultur hat in Preufsen die fogenannte„ Separations- Gefetzgebung" gehabt; alljährlich findet eine gröfsere Zufammenlegung des parcellirten, eine Austheilung des gemeinfchaftlichen und Befreiung von allen Laften des dienftbaren Bodens ftatt, fo dafs gegenwärtig faft aller Boden Deutſchlands in jeder Beziehung vollkommen frei und gänzlich entlaftet ift. Faft fämmtliche Güter werden von den Befitzern felbft bewirthfchaftet; das Pachtfyftem ift noch weniger entwickelt und hauptfächlich find es Kirchen und Stiftungsgüter und Staatsdomänen, welche pachtweife bewirthfchaftet werden. Was namentlich Preufsen vortheilhaft vor Oefterreich auszeichnet, ift die ftetige Concentrirung des Grund und Bodens als Eigenthum des Staates. Die Gefammtfumme der Staatsdomänen und Domänenvorwerke des preufsifchen Staates mit Hinzurechnung derartiger Territorien in den neuen Provinzen belief fich im Jahre 1869 auf 851 Pachtungen mit 1148 Vorwerken, welche einen Flächeninhalt von 1,419.238 Morgen enthielten, hievon 55.606 Morgen Wege, Unland, Hofftellen u. f. w., überhaupt unnützbar, und haben diefe Domänen insgesammt nach dem Etat für 1870 einen Ueberfchufs von 7,590.340 Thaler, die Verwaltung der Staatsforfte hingegen einen Ueberfchufs von 7,010.052 Thaler eingebracht. In ganz Deutfchland find die Wirthschaften mit dem nothwendigen Betriebscapital hinreichend inveftirt. Die Befitzer und Pächter verfügen im Allgemeinen über genügende Capitalien und hinlänglichen Credit für die Bedürfniffe der Bewirthfchaftung; doch in den ärmeren Provinzen des Oftens beklagt man fich fehr oft über fühlbaren Mangel daran. Die Rittergutsbefitzer bekommen auf emittirte Pfandbriefe fehr leicht Geld, welches, die Amortifation eingerechnet, auf 4 bis 5 Percent kommt; die Kleinbefitzer müffen dagegen, mit Einfchlufs der Amor tifationsgebühren, im Durchfchnitt 6 Percent Zinfen zahlen. Die Bodencultur wird überall auf eine rationelle Weife betrieben, entfprechend dem ortsberechtigten intenfiven Wirthschaftsbetriebe, welcher in manchen Diftricten eine wahre Hochcultur darftellt. Die grofsen Fortfchritte in dem Ackerbau und die in ftetem Wachsthume begriffene Zunahme landwirthfchaftlich- technifcher Gewerbe verurfachen einen fühlbaren Mangel an Arbeitskraft, welcher in bedeutendem Grade erhöht wird durch die unfelige Auswanderung aus einzelnen Provinzen Deutfchlands, befonders aus Mecklenburg nach Amerika. Die Anwendung der Mafchinen in der Landwirthfchaft ift in fortwährendem Steigen begriffen und ift man allerorts beftrebt, diefelbe zu verallgemeinern. Der Pflug wurde auf eine höchft finnreiche und den fpeciellen Verhältniffen des Bodens und der Cultur vollkommen Rechnung tragende Weife verbeffert; die Dampfcultur erweitert fich von Jahr zu Jahr, namentlich in der Provinz Sachfen, und hat die franzöfifche Dampf- Bodencultur weit, weit überflügelt; die Reihen. cultur ift bei den hiezu geeigneten Feldfrüchten allgemein und wird mit grofser Accurateffe nach den bewährten Grundfätzen und Erfahrungen ausgeführt; die Mähemafchine gewinnt ohne Unterbrechung an Terrain und der Flegel ift durch die Drefchmafchine, befonders durch die Hand- und Göpel- Drefchmafchine, faft vollſtändig verdrängt, fo dafs wahrlich die Zeit nicht zu fern ift, wo derfelbe, ähnlich wie in England, zu den hiftorifchen Erinnerungen gehören wird. Mit Staunen und Bewunderung mufs man wahrnehmen, wie der ftetig berechnende und nüchterne Sinn des deutfchen Landwirthes fich ohne Unterbrechung auf grofse und ausgedehnte Meliorationen verlegt. Seit mehr als hundert Jahren find grofsartige Entwäfferungen, Trockenlegungen, Regulirungen und Eindeichungen in den verfchiedenen Provinzen Preufsens zur Ausführung gelangt; die Drainirung hat feit zwanzig Jahren etwa eine überrafchende Ausdehnung gewonnen; die Brandcultur in den deutfchen Moorcolonien zieht die Aufmerksamkeit 2 16 Ant. Adam Schmied. immer gröfserer Kreife auf fich, fei es auch nur darum, dafs ftatt derfelben für den kleineren Betrieb die berühmten Cunrau'fchen Moorculturen des Herrn Rinopau, für ausgedehnte Moore dagegen der Canalbau oder die„ Reene", d. h. die Fehncolonien im nordöftlichen Holland empfohlen würden; die Bewäfferung der Wiefen ift eine Hauptbedingung deren Cultur und ift fomit allgemein im Gebrauch; die Behauptung ist keinesfalls gewagt, dafs in Deutfchland die Bewäfferung der Grasfelder ihre höchfte Ausbildung erreicht hat. Von der einfachen und doch bewunderungswerthen Weife der Bewäfferung im Siegthal in Weftphalen bis zu dem Vincent'fchen Kunftbau einerfeits und der Peterfen'fchen Drainbewäfferung anderfeits, werden die meiſten Bewäfferungsfyfteme in Deutfchland in einer höchft rationellen Weife verwendet. Der Grundgedanke der Peter fe n'fchen Drainirmethode, bei welcher der Landwirth mit Hilfe einer mechanifchen Einrichtung feine Grundftücke ganz nach Gefallen ent- und bewäffern kann, entspricht der höchften Aufgabe einer zweckmässigen Wafferwirthfchaft, welche fich damit befchäftigt, ein vortheilhaftes Syftem der Drainage und Bewäfferung zu fchaffen. Diefe Drain- Bewäfferungsmethode läfst fich allen einflussreichen Verhältniffen des Bodens vortheilhaft anpaffen und ift geeignet, alle diejenigen verfumpften Aecker- und Wiefenflächen zu den vorzüglichften und fruchtbarften Fluren umzuwandeln, welche unter dem Drucke des Grundwaffers ftehen. Die Düngerwirthschaft wird in Deutfchland mit grofser Sorgfalt betrieben, und ift man überall beforgt, dafs keine Jauche verloren gehe. Allein die Gewinnung des Stalldüngers und die Bereitung des Compoftes reicht zum vollen Erfatze der in den erzielten Erträgen den Ländereien entzogenen Bodenkraft nicht hin, fo dafs alljährlich grofse Quantitäten von Kunftdünger zu deffen Ergänzung verbraucht werden. Es wäre wohl eine überflüffige Arbeit, hier auf den hochintenfiven Betrieb einer in der Cultur vorgefchrittenen Provinz Deutſchlands, voran Sachfen und Schlefien, hinzuweifen, auf die grofsartigen Futterquantitäten und enormen Dungmaffen, die dort zur Verwendung gelangen und eine natürliche Folge einer intenfiven, gleichzeitig mit Zuckerfabrication und Brennereibetrieb Hand in Hand gehenden Wirthfchaft find; aber es wird doch intereffant. fein, wenn wir des grofsartigen Verbrauchs käuflicher Dungmittel in den verfchiedenen Diftricten Deutſchlands ausdrücklich erwähnen, wo die unumftöfsliche Lehre Liebigs von dem vollen Erfatze der Bodenkraft feit langen Jahren bereits überzeugungstreu in Fleiſch und Blut übergegangen ift. Die Provinz Sachfen z. B. hat nachftehende Quantitäten, foweit fie unter Controle der Verfuchsftation Halle a. d. S. ftehen, verbraucht: 1868 1869 Peru- Guano 1866 66.620 1867 40.814 Aufgefchloffenen Guano. 81.294 100.833 100.833 33.267 34.277 Centner 172.318 245.843 99 Chili- Salpeter 2.016 15.103 15.083 9.079 99 Superphosphat 37.029 30.478 33.919 37.397 99 Ammoniak- Superphosphat. 1.081 25.629 40.783 51.795" 3.155 2.742 27 21.840 27.497 29 Knochenmehl Kalifalze.. 5.131 4.181 14.850 16.015 Im Ganzen 214.035 232.888 315.566 408.630 Centner. Nebftdem wurden noch beträchtliche Mengen nicht controlirter käuflicher Düngmittel verwendet; denn von den zahlreichen Stafsfurter Fabriken von Kalidünger ftand damals nur eine einzige unter der Controle genannter Verfuchs ftation. Auch der Cloakendünger aus grofsen Städten zieht die allgemeine Auf merkfamkeit an fich und gelangt zu einer immer ausgedehnteren Verwendung. Es fei hier blos des in jüngfter Zeit ausgeführten und cultivirten Ueberriefelungsterrains der Canalifation der Stadt Danzig erwähnt, durch welche in dem reinen Dünen Feldwirthfchaft. 17 1ande eine üppige Vegetation hervorgebracht wird. Diefe gegenwärtig 100 Morgen grofse, durch die mühevollfte Arbeit hergeftellte Sandebene, welche durch die reichlich mit Waffer verdünnten Excremente befruchtet wird, trägt die kräftigften Rüben und üppigften Gemüſe- Arten. Das ganze Ueberriefelungsterrain ift der Firma Aird auf 30 Jahre übertragen worden. Nach diefer Zeit, wenn die Dünenwüfte in ein üppiges Gartenland umgewandelt fein wird, fällt das 2000 Morgen grofse Stück Land wieder an die Stadt und bereichert diefelbe um ein enormes Capital. Unter diefen Einflüffen hat die Landwirthfchaft in Deutfchland in den letzten Decennien grofse Fortfchritte gemacht. Die Dreifelderwirthschaft wird. immer mehr und mehr verlaffen und an ihre Stelle tritt die Fruchtwechfel- Wirthfchaft mit ausgedehntem Rüben- und Kartoffelbau, ja felbft die freie, ihrer Ziele fich klar bewufste Wirthfchaft. Die Culturmethoden find auf merkliche Weife verbeffert worden; ein immer gröfser werdender Theil der Brache wird mit geeigneten Früchten beftellt. Urbarmachungen öder Ländereien werden ausgeführt, die nothwendigen und räthlichen Meliorationen energifch und fachgemäfs vorgenom men. Die Entwicklung des Futterbaues ift fehr bedeutend; dadurch hat fich die Viehhaltung in bedeutender Anzahl vermehrt und auch die Qualität desfelben hat fich in erfreulicher Weife verbeffert. Das einheimifche Milchvieh ift in manchen Diftricten faft verfchwunden und hat den befferen Gebirgs- und Niederungsracen Platz gemacht. Indeffen ift man in Preufsen vielfeitig der richtigen Anficht, dafs eine rationelle Züchtung und eine reichliche, zweckentfprechende Ernährung, verbunden mit forgfältiger Wartung und Pflege, mehr zum Gedeihen der Nutzthiere überhaupt beitragen, als die Einfuhr fremder oft nicht richtig gewählter Racen, wefshalb mit allen Mitteln auf eine entsprechende Veredlung der einheimifchen Racen hingearbeitet wird. Zwei Beiſpiele werden uns die überrafchenden Erfolge der künftlichen Züchtungsbeftrebungen der Landwirthe illuftriren. Im preufsifchen Staate wog zu Anfang diefes Jahrhunderts eine Kuh mittlerer Gröfse 4 Centner, jetzt wiegt fie 7 Centner. In Frankreich haben feit 1810 bis 1862 zugenommen die Ochfen um 43, die Kühe um 84, die Kälber um 17, die Schafe um 8, die Schweine um 27 Kilogramm; von 1862 bis 1873 hat eine weitere Zunahme ftattgefunden bei Ochfen um 13, bei Kühen um 14, bei Schafen um I Kilogramm. Leider gebricht es uns an Zeit und Raum, um die Specialitäten der deutfchen Landwirthfchaft in den einzelnen Ländern des deutfchen Reiches gebührend würdigen und die Höhe ihrer Entwicklung und Intensität des Betriebes nur halbwegs umfaffend und eingehend kennzeichnen zu können; einzelne Federftriche müffen fomit zur ungefähren Darftellung des Charakters der agrarifchen Production in Deutfchland genügen. Seit dem Verlaffen der Dreifelderwirthfchaft ift die dem Getreidebau gewidmete Fläche bedeutend verringert worden, aber die Production hat fich trotzdem erhöht in Folge der vervollkommneten Culturmethoden und der reichlicheren Düngung. Deutfchland, welches früher zu den auf die Zufuhren aus den Nachbarftaaten angewiefenen Ländern gehörte, präfentirte fich in den letzten Jahren bereits als Exportland, was der durch den landwirthfchaftlichen Fortfchritt erzielten Productionsfteigerung zuzufchreiben ift. Trotz der Vermehrung der Bevölkerung ift die Ausfuhr an Bodenproducten in der jüngften Zeit thatfächlich nicht vermindert worden. Die Gefammtproduction in ganz Deutfchland( ohne Elfafs) beträgt 260 Millionen Hektoliter. Die Handelsbewegung im Jahre 1869 erweift fich wie folgt: Weizen. Korn. Gefammteinfuhr Gefammtausfuhr 8,248.918 Hektoliter 2,838.899 وو 5,226.672 4.572.295 Gerfte 2,110.576 2,299.661 Anderes Getreide 2,236.903 2,508.660 Mehl und Mahlproducte 2,384.857 3,032.888 Centner 2* 18 Ant. Adam Schmied. Nebft den Cerealien baut man in Deutſchland faft alle in Europa gangbaren Handelsgewächfe mit dem beften Erfolge. Dafelbft macht immer mehr und mehr der Wein dem Hopfen Platz; befonders ragt Baiern durch feine vorzügliche Hopfencultur hervor, wo hauptfächlich in der Umgebung von Nürnberg der Hopfenbau einen hohen Grad der Vollendung erreicht hat. Der Anbau der Gefpinnftpflanzen ift ebenfalls bemerkenswerth, wenn auch die Cultur des Flachfes und Hanfes in letzter Zeit etwas eingefchränkt wird; desgleichen verlieren die Hülfenfrüchte, Erbfen und Wicken, wegen ihrer grofsen Unficherheit immer mehr an Verbreitung, während die den örtlichen tellurifchen Verhältniffen zufagenden Futterpflanzen ftetig an Ausdehnung gewinnen. Ebenfo werden die Oelfrüchte in gröfserem Mafsftabe gebaut. Ausgedehnte Rüben- und Kartoffelfelder liefern das für die zahlreichen Zuckerfabriken und Brennereien nothwendige Rohmaterial in zumeift vorzüglicher Qualität und bedingen hierdurch die Rentabilität der in Deutſchland in folch hohem Grade blühenden Zuckerfabrication und Spiritusinduftrie. Der Tabakbau wird in grofsem Mafse und rationell betrieben; namentlich hat derfelbe in der Pfalz eine fehr grofse Ausdehnung gewonnen. In den Staaten des deutfchen Zollvereines wurden nach der officiellen Ueberficht im Jahre 1869 mit Tabak bebaut 67-739 Morgen, wovon auf den Norddeutfchen Bund 26.239 Morgen, fpeciell auf Preufsen 23.701 Morgen( gegen 28.151 Morgen im Jahre 1864) kommen. An getrockneten Tabaksblättern wurden geerntet 449.937.24 Centner, davon im Norddeutfchen Bunde 172.852 Centner, in Preufsen 157.496 Centner. Der Durchfchnittsertrag war pro Morgen 6.64 Centner; der höchfte Ertrag( Baden) war 20 Centner, der niedrigfte( Anhalt) o 5 Centner; in Preufsen 6.65 Centner. Der per Centner erzielte höchfte Preis betrug( Baiern) 17 Thaler, der niedrigfte( Oftpreufsen) 2 Thaler. Deutſchland hatte das Hauptgewicht der landwirthschaftlichen Ausftellung auf feine landwirthfchaftlichen Lehranstalten, Fortbildungsfchulen und landwirthfchaftlichen Vereine gelegt. In einer eminenten Weife wurde hier vor die Augen des Befuchers geführt, dafs alle Fortfchritte der Landwirthschaft auf den Errungenfchaften der Naturwiffenfchaft und der vermehrten Einficht in die umwandelbaren Gefetze der Volkswirthfchaft beruhen, und dafs der rationelle Landwirth diefen Namen ganz erft dann verdienen wird, wenn er keinen anderen Drang kennt, als zweckentfprechende, die aufgeftellten Zwecke confequent verfolgende Arbeit, keine andere Waffe, denn Intelligenz, welche ihn die unerfchöpflichen Naturfchätze richtig und vortheilhaft anzuwenden lehrt, kein anderes Banner, als Civilifation, welche ihm den richtigen Weg zeigt, auf welchem er das angeftrebte Ziel am ficherften und glücklichften erreichen kann. Die königlich preufsifche Staats- und landwirthfchaftliche Akademie Eldena ftellte neben einer von der akademifchen Gutswirthfchaft exponirten Sammlung von Sämereien landwirthfchaftlicher Culturgewächfe nebft Halmen und Aehren eine Collection von den im Jahre 1872 von dem akademifchen Verfuchsfelde geernteten und getrockneten Pflanzen, darunter 80 Erbfenforten mit Blüthe, Frucht und Samen, dann eine inftructive Sammlung von 332 Sorten Kartoffeln, Möhren und Runkeln in Gypsmodellen. Darunter nahm die Kartoffel 300 Nummern ein und wurde nach fechs Merkmalen fyftematiſch geordnet und claffificirt: nach der Färbung des getriebenen Auges, Höhe des Krautes, Form und Farbe der Blüthe, Gröfse der Knolle, Befchaffenheit des Nabels, Stärkemehlgehalt der Kartoffeln. Je nach der Reifezeit waren die Kartoffeln eingetheilt in Früh, Mittel- und Spätkartoffeln und jede diefer Gruppen nach der Form der Knollen wieder in drei Abtheilungen, nämlich die lange, ovale und runde Kartoffel. Die königlich landwirthfchaftliche Akademie Poppelsdorf( bei Bonn am Rhein) ftellte eine ausgezeichnete Analyfe der Dampf- Drefchmafchine, plaftifche Analyfen der gebräuchlichften landwirthschaftlichen Culturgewächfe und eine vortreffliche Collection von Getreideforten und anderen landwirthfchaftlichen Feldwirthschaft. 19 Samen( Mais, Bohnen, Erbfen), die im landwirthfchaftlich- botanifchen Garten der Akademie angezogen und fyftematiſch beftimmt wurden; hochintereffant waren auch die 86 Arten, Variationen von Pifum fativum. L. var belgicum chl.( grüne belgifche Erbfen), in den Jahren 1869 bis 1872 erzeugt und in den verfchiedenften Schattirungen der grünen u. f. w. Farbe ſpielend. Die königlich landwirtſchaftliche Academie Proskau( Schlefien) ftellte neben einer fyftemgemässen Claffification des Ackerbodens, repräfentirt durch Bodenarten der Domäne Proskau, nebft chemifchen und mechanifchen Analyfen desfelben, reichhaltige Modelle aus, darftellend die Entwicklung der Drefchmafchine von der Flegel- Drefchmafchine( von Gröger in Glatz), dem Drefchwagen mit Flegeln und der Walzen Drefchmafchine von Frêche bis zur fchottifchen Drefchmafchine von Meikle und den neueften Mafchinen englifcher Couftruction, dann eine inftructive und vollſtändige hiftorifche Entwicklung der Säemafchine. Die königliche Central Landwirthschafts- Schule Weihenstephan( in Baiern) exponirte neben fchönen Lehrmitteln und Tableaux von landwirthfchaftlichen Anlagen, namentlich von Hopfengärten, eine fchöne Collection, die Varietäten der vier Hauptgetreide- Arten von Profeffor Braungart zufammengeftellt. Die land- und forftwirthschaftliche Akademie Hohenheim( Württemberg) und noch mehrere andere landwirthfchaftliche Lehranstalten ftellten reichhaltige Sammlungen von Lehrmitteln, Modelle landwirthschaftlicher Mafchinen, Gypsabgüffe von Ackerproducten u. f. w. aus. Die verfchiedenartigen Verfuchsftationen( pflanzenphyfiologifche und önologifch- chemifche, landwirthschaftliche und agricultur- chemifche) präfentirten die Refultate ihrer forgfältigen Unterfuchungen in fchematifchen und graphifchen Darftellungen u. f. w. Und überall fah man Druckfchriften, Pläne, graphifche Tableaux, colorirte Tafeln, Karten, Photographien und ähnliche Zeichen der wiffenfchaftlichen Thätigkeit ausgeftellt. Diefe Zeilen, fo flüchtig und fragmentarifch fie auch hingeworfen find, bezeichnen zur Genüge den herrfchenden Geift der deutfchen agricolen Expofition. Sie verfinnlichte vor Allem die wiffenfchaftlichen Grundlagen der Landwirth fchaftsLehre und zeigte uns die bewundernswerthe Gründlichkeit der deutfchen For fchung und die grofsen Erfolge des confequenten Wirkens und fyftematifchen Schaffens, welche, fo bedeutungsvoll fie bereits fein mögen, doch dringend darauf hinweifen, dafs, wenn die Wiffenfchaft in letzter Zeit auch fehr grofse Fortfchritte gemacht hat, fie noch unendlich viele dunkle Partien aufzuhellen hat, fo dafs Jedermann nach Möglichkeit und mit Aufbietung aller Kräfte zur Erforschung der Wahrheit beitragen foll. Gleich an die Ausftellungen der Lehranstalten reihten fich die zahlreichen Collectivausftellungen der verfchiedenen Vereine und General comités der Landvogtei und Regierungsbezirke, der landwirthfchaftlichen Centralftellen und ganzer Provinzen. Werden die landwirthfchaftlichen Lehranftalten mehr im Norden. Deutfchlands gepflegt, fo ift das Vereinswefen wieder mehr in Süddeutſchland entwickelt. Baiern kann uns als Beiſpiel dienen, mit welcher Sorgfalt die landwirthfchaftlichen Intereffen dafelbft gepflegt werden. Das Vereinswefen iſt in Baiern im höchften Grade entwickelt; faft ein jeder Zweig der Production, der Ackerbau, Garten- und Weinbau, jeder Zweig der Thierzucht, die Bienen- und Seidenzucht u. f. w. hat feine Vereinigungen, im Ganzen beftehen dort 856 Vereine und Gefellſchaften zur Hebung der Bodenproduction unter den verfchiedenften Bezeichnungen und mit allgemeinen und befonderen Zwecken, von dem Landesverein an bis zum Orts-, Lefe- und Verfchönerungsverein. Daneben blüht in SüdDeutfchland auch der Fortbildungsunterricht in erfreulichem Maſse. Denn es exiftiren in Baiern allein 853 landwirthfchaftliche Fortbildungsfchulen und 383 Ortsbibliotheken, nebftdem noch zahlreiche Winterfchulen und Ackerbaufchulen, aber nur I Centra'fchule für höhere landwirthschaftliche und 1 Centralfchule für höhere forftwiffenfchaftliche Ausbildung. 20 Ant. Adam Schmied. Unter den landwirthfchaftlichen Betriebsmitteln erregten die zahlreichen, mehr oder weniger vollſtändigen Collectionen von Düngemitteln verfchiedener Art die gerechte Aufmerkſamkeit der Befucher, als Wahrzeichen, dafs die auf den Liebig'fchen Lehren fachgemäfs aufgebaute„ Stofferfatz- Wirthfchaft" im Begriffe fteht, die ftrenge Frucht- Wechfelwirthschaft allmälig zu verdrängen und die Anficht derjenigen zu verwirklichen, die da meinen, dafs das Endziel des vollkommenen Betriebes der Landwirthfchaft immer die feffellofe, aber ihrer Ziele fich klar bewufste, freie Wirth fchaft fein mufs. Die einzelnen Expofitionen der landwirthfchaftlichen Maſchinen und Geräthe, welche der moderne Betrieb der Landwirthschaft unbedingt vorausfetzt, zeigten zur Genüge, dafs die deutfche Mafchineninduftrie auf allen fpeciellen Gebieten unbeftritten heute einen hervorragenden Rang einnimmt; denn einzelne induftrielle Erzeugniffe, namentlich die Pflüge und Säemaſchinen vereinigen in fich die Solidität der englifchen und die Handlichkeit und Gefälligkeit der franzöfifchen Fabricate gleicher Gattung. Ueberall haben wir die Wahrnehmung gemacht, dafs das Lebenselement jedes modernen Staates, die Induftrie, in Deutſchland mit rafchen Schlägen pulfirt und glänzende Ergebniffe an den Tag bringt. Die exponirten Bodenproducte umfafsten alle Arten landwirthschaftlicher Nutzpflanzen, zumeift in fehr ſchönen, tadellos ausgebildeten Exemplaren. Die Getreidefrüchte Norddeutfchlands, der Hopfen Baierns, die Hülfenfrüchte, Bohnen, Mais und Sämereien der Futterpflanzen aus allen Gauen Deutfchlands, vorzügliche Proben der Gefpinnftpflanzen, Hanf und Lein, ausgezeichnete Collectionen von Kartoffeln und anderen Hackfrüchten, Raps und die übrigen Handelspflanzen, vor Allem die grofsartigen Expofitionen der edelften Weine der Welt, fie alle gaben Zeugnifs von der grofsen Sorgfalt und dem unermüdlichen Fleifse, mit welchem der nicht immer fruchtbare Boden Deutfchlands von feinen ftrebfamen und intelligenten Befitzern bewirthschaftet wird. Auch die deutfche Tabakfabrication hat auf der Weltausftellung eine beachtenswerthe Leiftungsfähigkeit an den Tag gelegt und höchft überraschende Fortfchritte bekundet. Von einer grofsen Anzahl deutfcher Tabakfabrikanten würdig vertreten, hat fie klar gezeigt, dafs diefelbe hinfichtlich der Schönheit des Fabricats nicht hinter den Havannefen zurückfteht, während fie rücksichtlich der Wohlfeilheit der Herftellung alle übrigen Staaten überflügelt. Diefs fällt namentlich auf, wenn man die Preife der deutfchen Tarife vergleicht beifpielsweife mit den Originaltarifen der Havannefen. Aus echtem Havannatabak fabricirte und mit vorzüglicher Einlage verfehene Cigarren haben in der deutfchen Ausftellung mitunter das Taufend genau fo viel gekoftet, als das Hundert einer halbwegs empfehlbaren echten Havannacigarre; deutfche Fabricate dagegen waren bis zum Preife von 6 Thaler per Taufend ausgeftellt. In der Wohlfeilheit der Fabrication bei trotzdem guter Qualität fcheint auch die Force der deutfchen Cigarrenfabriken zu liegen. Oefterreich ift in den gefammten Ländern und in faft allen Diftricten ein Reich, in welchem die Landwirthfchaft der wichtigfte und am meiften verbreitete Nahrungszweig ift; diefelbe befchäftigt rund drei Viertheile der gefammten Bevölkerung. Während von der Gefammtbevölkerung Weft- Oefterreichs im Jahre 1869 auf die Urproduction( Land- und Forstwirthschaft, Jagd und Fifcherei) 37 13 Percent und auf die gewerbliche Induftrie 13.73 Percent( und zwar auf diefe II 24 Percent, auf den Bergbau und das Hüttenwefen o 52, auf Handel, Transport, Creditinftitute 197 Percent) entfallen, waren nach den Ergebniffen der Zählung im Jahre 1857 30 55 Percent bei der Urproduction und 7.63 Percent bei der gewerblichen Induftrie befchäftigt. Läfst fich daraus der Fortfchritt der gewerblichen Induftrie nicht verkennen, fo müffen die im Reichsrathe vertretenen Länder dennoch vorwiegend als ein Agriculturftaat angefehen werden. Feldwirthfchaft. 21 Auch die Befitzverhältniffe des Bodens beftätigen diefe Anficht. Denn Oefterreich ift ein Land des Grofsgrundbefitzes par excellence, welches in manchen feiner Diftricte uns fehr an die in Mecklenburg herrfchenden Befitzverhältniffe und Latifundien erinnert. In Böhmen, welches in diefer Hinficht unter allen öfterreichifchen Ländern am beften fituirt ift, umfafste der Grofsgrundbefitzt ( land- und lehentäflicher Befitz) mit Ende Juni 1873 insgefammt 1279 Befitzftände mit feparater Einlage, welche jedoch mit Rückficht auf ihre Bewirthschaftung nur 1099 felbftftändige Gutskörper bilden, deren Befitz fich auf 699 Befitzer vertheilt. Der Flächeninhalt diefer Güter beziffert fich auf 3,062.230 Joch( à 1600 Quadratklafter) oder 33'92 Percent der gefammten Area des Königreiches Böhmen. Ihnen gegenüber fteht der rufticale Befitz mit einer Area von 5,966.270 Joch, welcher 742.254 Kleingrundbefitzern angehört. Im Durchfchnitte entfallen daher in Böhmen auf einen Grofsgrundbefitzer 4380 Joch 1396 Quadratklafter, auf einen Kleingrundbefitzer aber nur 8 Joch 61 Quadratklafter Grund und Boden. Welch' ein immenfer Grundbefitz fich oft in einer Hand vereinigt findet, erfieht man, wenn man fich der zumeift übermäfsig grofsen Befitzungen einzelner ungarifcher Cavaliere, z. B. des Fürften Efterhâzy, deffen Grundbefitz an 100 Quadratmeilen umfaffen foll, erinnert und bedenkt, dafs die fämmtlichen, dem Fürften Johann Adolf zu Schwarzenberg( in Böhmen und Steiermark) gehörigen Domänen eine Grundfläche von 355.172 Joch( gleich 204.388 Hektaren) alfo mehr als 35% Quadratmeilen einnehmen, wovon nicht weniger als 309.124 Joch oder nahezu 31 Quadratmeilen auf Böhmen entfallen; dafs die Prinz Auguft von SachfenCoburg- Gotha'fchen Güter in Oefterreich und Ungarn 208.900 Joch, das ift über 20 Quadratmeilen betragen u. f. w. Dafs der Grofsbefitz einen der mächtigften Factoren im wirthschaftlichen Leben der einzelnen Länder und Königreiche Oefterreichs bildet, ift allbekannt; und dennoch ift man heutigen Tages noch nicht einig über die befte Vertheilung des Grund und Bodens und über das vortheilhaftefte Verhältnifs der Grofs- und Kleincultur zu einander. Der Landwirth von Fach rühmt dem Grofsbefitz die mächtige Förderung des Fortfchrittes in allen Zweigen und Gebieten der Landwirthschaft, die Hebung der Viehzucht, die Erhaltung der Wälder, die Ausführung koftfpieliger Meliorationen und die Einführung der landwirthschaftlichen Induftrie und aller Unternehmungen, die grofse Capitalien vorausfetzen, nach und vertritt nur zu oft die Anficht, dafs der Kleinbefitz und die Parcellenwirthschaft ein mächtiges Hindernifs des agricolen Fortfchrittes find. Der Vaterlandsfreund, der wo möglich jedem Menfchen fein eigenes Heim und Stückchen Scholle gönnen würde, rechnet nach, dafs der Grofsgrundbefitz zumeift mit gröfserem Capital und höherer Intelligenz producirt, während der Kleingrundbefitz ihm mit der perfönlichen Arbeitskraft und Emfigkeit feiner Eigenthümer Concurrenz macht; durch die eifrigen Bemühungen feiner Bewirthfchafter vermehrt der Kleinbefitz in der Regel die Menge der Erzeugniffe, den Rohertrag des Ackerbodens und gewährt gewöhnlich auch einen gröfseren Reinertrag. Und der Nationalöconom fieht in dem Grofsgüter- Syftem der Ariftokratie eine Verleugnung des Princips der Freiheit auf dem Gebiete des Verkehrs, wie die verfchiedenen Vorrechte, Immunitäten, eine folche des Princips der Gleichheit auf dem Gebiete des Rechtes waren und verlangt, dafs fich gegen diefe Intereffen der höheren Stände die Angriffe der Capitaliften, das ift der intellectuellen und induftriellen Mittel claffe richten und diefe vollſtändige Gleichberechtigung und felbftftändig freie Lebensentwicklung verlangen follen. Mag nun mit feinem Urtheile über den verfchiedenen Befitz Recht haben, wer immer, fo mufs man doch, wenn man die Frage von einem höheren Standpunkte aus betrachtet, fagen, dafs der Erfahrung gemäfs Landbefitz gleichbedeutend ift mit Einfluss auf Gefetzgebung Die demokratifche Gefetzgebung der Vereinig ten Staaten in Amerika beftätigt diefs vollkommen. Neunundneunzig Hundertftel 22 Ant. Adam Schmied. der Bevölkerung find Landbefitzer und darin gerade liegt dort die Garantie für die Fortdauer des demokratifchen Einfluffes. * Eine traurige Erfcheinung in den agricolen Befitzverhältniffen Oefterreichs ift die ftete Abnahme des Staatsbefitzes. Mit Beginn des laufenden Jahrhunderts zählte der ftaatliche Grundbefitz Oefterreichs nach Hunderten von Quadratmeilen; vom Jahre 1818 bis 1851 wurden nach amtlichen Angaben in den deutſch- flavifchen Ländern Staatsgüter um den Kauffchilling von 14,189.296 fl. veräussert; die Nationalbank hatte von den ihr im Jahre 1855 verpfändeten Staatsgütern im Ausmafse von 115 Quadratmeilen nicht ein Atom von der Veräufserung gerettet; und fo ift der Staatsbefitz gegenwärtig fehr gefchmälert. In Böhmen ist der gefammte Kron, Staats- und Landesbefitz nunmehr bis auf 10.640 Joch gefunken, und hat derfelbe im Jahre 1869 bei einer Brutto- Einnahme von 97.462 fl. und dem Aufwande von 48.140 fl. einen Reinertrag von 49.322 fl. getragen. Als die Haupturfache der Veräufserung der fo werthvollen Staatsgüter wird allgemein deren geringe Rentabilität angegeben. Und in der That war und ift der Reinertrag der Staatsgüter immer noch ein aufserordentlich geringer. Er betrug im Jahre 1862 auf den Staatsdomänen insgefammt blos 78 kr. per Joch; davon ergaben die in eigener Verwaltung ftehenden Staatsgüter fogar nur 40 kr. per Joch, während die der Nationalbank verpfändeten und von ihr bewirth. fchafteten Güter einen Reinertrag von 2fl. 26 kr. per Joch abwarfen. Speciell bei den böhmifchen Staatsgütern ftellte fich im felben Jahre die Ertragsziffer auf 4 fl. 34 kr. per Joch. Dagegen ergaben die preufsifchen Staatsdomänen, deren Wirthfchaftsverhältniffe durchaus nicht günftiger find, als jene Böhmens, zur felben Zeit einen Betrag von 20 fl. 46 kr. oder mit Berücksichtigung des Agios 22 fl. 50 kr. öfterreichiſcher Währung. Die Bewirthschaftung der Güter gefchieht in Oefterreich faft allgemein in eigener Regie. Früher war das Pachtfyftem dafelbft ganz unbekannt; erft ganz neuerdings haben einzelne Grofsgrundbefitzer ihre Höfe verpachtet; nur die fogenannte Emphyteufe und der Parcellenpacht find auch früher üblich gewefen. Im Ganzen hat man früher nur die Staatsgüter und hie und da auch den Befitz der todten Hand verpachtet. Geldpacht ift Regel, Naturalpacht aber und Halbpacht eine blofe Ausnahme. Um einen ungefähren Einblick in die betreffenden Verhältniffe zu gewähren, fei hier nur angeführt, dafs auf den in Böhmen gelegenen fürftlich Schwarzenbergfchen Befitzungen von den 104.362 Joch 190 Kl. landwirthschaftlich benutzbarer Grundftücke, welche 33 76 Percent der Gefammtfläche ausmachen, 44.917 Joch 386-Kl., oder 14:53 Percent der Gefammtfläche in Selbstverwaltung ftehen, 11.616 Joch 851-Kl.( 3-76 Percent des Gefammtbefitzes) in Meiereipacht und 47.828 Joch 571 Kl.( 15 47 Percent des Gefammtbefitzes) in Parcellenpacht, als fogenannte„ Zins- Gereuter- Gründe", vergeben find. Die Betriebsweife der Wirthschaft ift in Weftöfterreich höchft verfchieden entwickelt; im Grofsen und Ganzen kann man fagen, dafs im Weften ein intenfiver, im Often dagegen ein extenfiver Betrieb beobachtet wird. Dazwifchen gibt es unendlich viele, je nach den tellurifchen und mercantilifchen Verhältniffen bedingte Abftufungen. Während beiſpielsweife in den Gebirgen Böhmens eine höchft einfache Koppelwirthfchaft herrfcht, ja hie und da felbft ein extenfiver Wald- Feldbau betrieben wird, finden wir in den der Landwirthschaft günftigeren Lagen Böhmens durchwegs eine rationelle, intenfive, mit ausgedehnten Induftrialien verbundene Betriebsweife, und es könnte eine grofse Reihe von Wirthfchaftsobjecten angeführt werden, welche überall, auch in den aufseröfterreichifchen Ländern mit einem hochentwickelten intenfiven Wirthschaftsbetriebe, als Mufterwirthschaften gelten würden. Die Bearbeitung des Bodens wird allmälig überall rationell und auch den erhöhten Anforderungen der Hochcultur im hohen Grade Rechnung tragend; Feldwirthfchaft. 23 die Tiefcultur verbreitet fich immer mehr; ja in den einzelnen Ländern Oefterreichs, z. B. in Böhmen und Mähren, hat fogar bereits die Dampfcultur des Bodens Eingang gefunden. Die Düngung des Ackerlandes wird ftets rationeller; neben dem Stalldünger wendet man die Aufmerkfamkeit immer mehr auf den Latrinendünger und verwendet bereits feit geraumer Zeit eine anfehnliche Menge von Kunftdünger verfchiedener Art. Es wird genügen, wenn wir hier anführen, dafs Herr Horfsy Ritter von Horfsysfeld auf der Herrfchaft Kolin vom Jahre 1864/65 bis 1872/73, alfo in neun Jahren, im Ganzen 55.798 4 Centner Kunftdünger, im Koftenbetrage per 268.607 fl. 49 kr. angewendet hat, neben 21.366 Metzen Holzafche, 47.790 Centner Kompoftdünger, 4000 Centner Fledermaus- Guano aus den Höhlen zu Altogradena und 71.024 Fuhren kalkhaltigem Letten. Mit Stolz können die böhmifchen Landwirthe behaupten, dafs auf Böhmens gefegneten Gefilden Liebig's goldene Lehre, fo zu fagen, zuerft im grofsen Betriebe Anwendung gefunden hat und fich, indem fie von einer bedeutenden Zahl ausgezeichneter Landwirthe fachgemäfs in die Praxis eingeführt wurde, hier auch zuerft bewährte. Den Culturart- Umwandlungen und Meliorationen des Bodens wird immer eine gröfsere Wichtigkeit beigemeffen, und werden die Drainage und die Wiefenbewäfferung in ftets weiterer Ausdehnung und mit dem höchften Erfolge ausgeführt. Zu bedauern ift leider, dafs die wichtigfte Bodenmelioration, die Grundarrondirung, in Oefterreich einen fo fchwierigen Eingang findet, hauptfächlich defshalb, weil dafelbft noch kein Arrondirungsgefetz befteht, und fehen fomit die öfterreichifchen Landwirthe einem allfeitig befriedigenden Commaffationsgefetze mit Sehnfucht entgegen. Die Früchte deffelben wären, nach den in anderen Ländern erzielten fegensreichen Erfolgen zu urtheilen, auch für die öfterreichifchen Länder, wo namentlich der kleine und mittlere Befitz einen in der Regel fehr ftark parcellirten Boden befitzen, wahrhaft unermesslich! Um fich von der immer theurer werdenden Arbeitskraft möglichft zu emancipiren und die Nachtheile des ftetig wachfenden Arbeitermangels thunlichft zu paralyfiren, werden die bewährten landwirthfchaftlichen Mafchinen und verbefferten Geräthe in einer fortwährend fich fteigernden Anzahl angekauft und fachgemäfs angewendet. Namentlich gilt diefs von den Säe- und Drefchmaschinen, zu denen fich in jüngfter Zeit auch die Mähmafchine beigefellt hat. Es ift uns fchwer, ftichhaltige Zahlen in diefer Richtung, ganz Oefterreich betreffend, anzugeben. Es wird genügen, wenn wir aus der reichen Fülle des betreffenden Materiales nur einzelne Thatfachen zur Illuftration obiger Angaben anführen. Auf den fürftlich Schwarzenberg'fchen Gefammtbefitzungen, weiche 44.917 Joch 386 Kl. urbares Land( Aecker, Wiefen, Gärten, Weiden) in Eigenregie bewirthschaften, verfügt die Landwirthschaft über 8 Locomobilen und 2 ftationäre Dampfmafchinen mit 60, über 2 Wafferwerke mit 24 und über 14 Göpel mit 50, zufammen 134 Pferdekraft, welch letztere in Bewegung fetzt: 27 Drefchmaschinen mit completen Putzwerken, 8 Strohelevatoren, 7 Getreide Schrotmühlen, 105 Futter- Schneidemaschinen, 4 Maſchinen zur Knochenmehlbereitung, drei Centrifugalpumpen mit mehreren Stationsplätzen für Wiefenbewäfferung, 2 Waffer Hebemaſchinen und endlich 2 Circularfägen. Ausserdem ftehen bei der Landwirthfchaft noch 206 Saatmafchinen, 30. Pferdehauen, 45 Mähmafchinen, 75 Heuwender und Pferderechen, weiters 3 Heupreffen, 70 Hand- Drefchmafchinen, 14 Cylinder zum Getreidefortiren und 41 Futterdämpfer mit befonderen Keffeln von einer bis zwei Atmofphären in Verwendung, ganz abgefehen von allem anderen in der Wirthfchaft nothwendigen Inventarbeftande. Alljährlich wird um etwa 40.000 fl. Kunftdünger angefchafft, fowie 120.000 fl. zum Ankaufe von Kraftfutter verausgabt, um den Viehftand ( beftehend aus 1035 Pferden, 7720 Rindern, 26.900 Schafen und 74.000 Stück 24 Ant. Adam Schmied. Borftenvieh) naturgemäfs ernähren zu können. Die in fteter Fortfetzung begriffene Drainage ift bereits durchgeführt auf einem Areale von 3600 Joch, mit einer Stranglänge von 448.600 Currentklaftern, das ift fchon über 100 Meilen. Für Entwäfferung mittelft offener Gräben ift auf Oekonomiegründen mit etwa 120.000 Gräben und in den Forften durch etwa 601.500 Hauptgräben vorgeforgt. Kunftwiefen nach verfchiedenen Syftemen gibt es bisher 2700 Joch; die Erdbewegung aber zum Zwecke der Bodenverbefferung durch Teichfchlamm und Compofthaufen beträgt jährlich bei 13.500 Cubikklafter. Seit dem Jahre 1850 endlich ift das nutzbare Areale der Regie- Landwirthschaft durch Hutweiden- Rodungen, Entfumpfungen und Einziehung von wenig lohnend gewefenen Pachtgründen um etwa 6000 Joch vermehrt worden. Möge diefes Beiſpiel gelten für viele andere, die wir beliebig anführen und erweitern könnten und zwar für jeden Zweig der landwirth fchaftlichen Production. Dafs ein folch hochintenfiver, landwirthfchaftlich- induftrieller Betrieb zu feiner Inveftirung fehr bedeutender Betriebs capitalien bedarf, ift felbſtverſtändlich. Um die Organiſation des fürftlich Fürftenberg'fchen Fideicommifs- Complexes Pürglitz, welcher auf 10 Quadratmeilen vertheilt ift, durchführen zu können, hat Domänenrath A. E. Ritter von Komers präliminirt. auf Drainagen " Bewäfferungen Gebäudemeliorationen Vermehrung des Viehftandes Vermehrung der Geräthe . im Ganzen. . · 49-372 fl. 88 kr. 24.071" 29 21.612 12 " - 99 " " 85.815" 36.160 30 " 217.031 fl. 30 kr. Es laffen fich aber auch mit genügenden Mitteln erftaunliche Erfolge erzielen. Horfsy, welcher auf Meliorations- und Voluptuarauslagen auf feiner Herrfchaft Kolin von 1865 bis 1872 den Betrag von 685.988 fl. 75 kr. aufgewendet, hat beiſpielsweife durch die im vollften Mafse gleichzeitig und rationell angewendeten drei Haupthebel: Arbeit, Fruchtwechfel und Düngung, dafelbft die im Hauptdurchfchnitte per einen Metzen der gefammten Ackerfläche in den erſten vier Jahren 1865 bis 1869 erzielte Production von 6 Metzen 8 Mafsl, wobei fich ein Schaden von 42 kr. per Metzen ergab, in den nachfolgenden vier Jahren 1869 bis 1873 auf 11 Metzen 2'90 Mafsl gefteigert und einen Reinertrag von 12 fl. 23 kr. erzielt. Diefs weift in den letzten vier Jahren per einen Metzen der gefammten Ackerfläche eine Steigerung des Rohertrages um 4 Metzen 10 9 Mafsl Kornwerth und des Reinertrages um 12 fl. 275 kr. und eine im letzten Jahre erzielte Verzinfung des Wirthschafts capitals mit 6:35 Percent nach, Erfolge, welche trotz ihrer ungewöhnlichen Höhe noch immer im Steigen begriffen find und noch grössere Refultate mit Gewifsheit erwarten laffen. - Leider fehlt es der Landwirth fchaft in der Regel an dem zur intenfiven Bodenbewirthschaftung nothwendigen Betriebs capitale aller Art; auch hat der Landwirth wenig Credit, namentlich mangelt ihm der Perfonalcredit, da der jetzige Stand der Gefetzgebung von ihm die meiſten Capitalien abwendet; Niemand leiht ihm auf feine Befitzungen etwas zu wohlfeilen Zinfen. Noch fchlechter ergeht es in der Regel dem Pächter; fein Perfonal credit ift noch mehr befchränkt, hauptfächlich wegen Mangels an wirklich brauchbaren Hypothekarbanken, PfandbriefInftituten, Darlehens- Vorfchufscaffen und fonftigen Creditan ftalten. Von den 13 Boden- Creditanſtalten, die in Oefterreich beftehen, entfällt nur eine auf Böhmen, nämlich die böhmifche Hypothekenbank, bei welcher die Rückzahlung des Pfandbrief- Capitals durch Verlofung innerhalb 36 1/2 Jahren erfolgt; in Galizien gibt es vier Bodenvereine. Zahlreiche Vorfchufs caffen, deren es in Feldwirthfchaft. 25 Böhmen an 1100 geben foll, find beftrebt, dem Realcredite aufzuhelfen, und die. 233 Sparcaffen, deren Einlagen im Jahre 1872 in Weftöfterreich 400 5 Millionen Gulden, bei den Sparcaffen in Böhmen aber 126 4 Millionen Gulden betrugen, leihen auch zu annehmbaren Zinfen; aber alle diefe Inftitute find nicht im Stande, der Landwirthschaft in gebührendem Mafse aufzuhelfen. Um auf die Verwendungsart der Capitalien einen Fingerzeig zu machen, fei blos erwähnt, dafs die Hypothekenbank des Königreiches Böhmen im Jahre 1873 an Hypothekardarlehen auf Häufer 208, auf Grundwirthschaften 221 und auf landtäfliche Güter 37, zufammen 466 Darlehen mit 4,992.900 fl ausgegeben hat. Ende December 1873 waren 7844 Darlehen mit 33,230.001 fl. 71 kr. aushaftend; davon find 6,033.400 fl. auf 1170 Häufer, 12,650 400 fl. auf 6.444 Grundwirthschaften und 16,728.080 fl. auf 230 landtäfliche Güter dargeliehen. Sonft finden die landwirthfchaftlichen Intereffen vom Staate, den Landesregierungen, Corporationen und Privaten, durch Subventionen, Prämien, Ausftellungen und Thierfchauen eine vielfeitige Unterſtützung und mannigfache Förderung, und wenn auch noch nicht Alles derart entwickelt ift, als es die Landwirthe wünfchen, und namentlich die agricole Gefetzgebung noch manche empfindliche Lücken aufzuweifen hat, fo mufs doch mit Anerkennung zugeftanden werden, dafs fich in den letzten Jahren Vieles, fehr Vieles zum Befferen gewendet hat und uns viel Hoffnung auf eine beffere Zukunft erfüllt. Vielleicht wird es lehrreich und intereffant fein, wenn wir hier die vergleichende Ueberficht über die Verwendung von Staatsmitteln für landwirthfchaftliche Zwecke in verfchiedenen Ländern mittheilen, die freilich wohl nur einen relativen Werth hat, da fie mit Ausfchlufs der Verwendungen für die höheren landwirthfchaftlichen Lehranftaiten, die Thierarznei- Schulen, die landwirthfchaftliche Statiſtik und die Pferdezucht gemacht ift, und da z. B. in Oefterreich unter verfchiedenen anderen Titeln aus Staats- wie insbefondere auch Landesmitteln der Landwirthfchaft Beiträge zufliefsen, die hier nicht beachtet find. Die Verwendung von Staatsmitteln für landwirthfchaftliche Zwecke ift in den einzelnen Ländern folgende: Sachfen. Baden Württemberg • Preussen Deutfch Oefterreich. Baiern . • Für eine-Meile Gulden: 500 bis 550 59 350 . 150 200 Auf je 1000 Bewohner Gulden: 60 bis 65 60 65 " " 40 75° . 300 . 150 200 " 35 " 45 IOO 29 150 20 " 25 50 IOO " I5 20 " " 5° 1ΟΟ 15 20 وو Grofsherzogthum Heffen.. Neben dem k. k. Ackerbau- Minifterium, welches von den beften Intentionen befeelt und durchdrungen ift, wirken die in den einzelnen Kronländern beſtehenden k. k. Landwirthschafts- Gefellfchaften, in die entſprechenden Fach comités oder Sectionen gegliedert, dann mehrere Regional- und Kreisvereine, fowie zahlreiche Vereine faft für jeden Zweig der agrarifchen Production wefentlich zur Hebung des Landwirthschaftsbetriebes in allen feinen Productionsrichtungen. Ein eigentlicher Landesculturrath befteht vorerft nur für das Königreich Böhmen, welcher mit a. h. Entfchliefsung vom 27. März 1873 ins Leben gerufen wurde. So wurde in Böhmen, welches wegen der Intenſität des Wirthfchaftsbetriebes unter allen Kronländern Oefterreichs die erfte Stelle, den hervorragendften Rang einnimmt, ein Organ creirt, welches in feiner Organifation und Wirkfamkeit fehr viele Aehnlichkeit mit den in anderen Ländern bereits feit geraumer Zeit fehr erfpriefslich wirkenden Inftitutionen befitzt, aus welchen wir nur derjenigen gedenken wollen, welche in den wegen der directen Förderung und Pflege des Auffchwunges der Bodencultur und wegen des erreichten Standpunktes der letzte ON 26 Ant. Adam Schmied. ren allgemein bekannten und hochgeachteten Staaten beſtehen, nämlich: des Landes- Oekonomie collegium im Königreiche Preussen, Königreiche Preufsen, des LandesCulturrathes im Königreiche Sachfen und des Confeil fupérieur d'agriculture in Belgien. Wie in Deutfchland, fo wird auch in Oefterreich ein grofses Gewicht auf die wiffenfchaftliche Begründung des Landwirthschaftsbetriebes gelegt. Zu diefem Zwecke find dafelbft in den letzten Decennien zahlreiche landwirthschaftliche Lehranstalten theils von den einzelnen Landesvertretungen, theils von landwirthfchaftlichen Vereinen und Privaten gegründet und eröffnet worden, welche fich mitunter fehr anfehnlicher Unterſtützungen aus Staatsmitteln und bedeutender Dotationen und Subventionen von Seiten der einzelnen Länder, landwirthschaftlichen Gefellſchaften und Vereine erfreuen. Neben der im Jahre 1872. gegründeten k. k. Hochfchule für Bodencultur in Wien, welche die höchfte wiffenfchaftliche Ausbildung in der Land- und Forftwirthschaft zu ertheilen hat, dann der im Jahre 1818 errichteten k. ung. höheren landwirthschaftlichen Lehranftalt zu Ung. Altenburg, der im Jahre 1805 gegründeten k. k. Forftakademie zu Mariabrunn, der 1770 errichteten k. k. Berg- und Forftakademie zu Schemnitz und dem im Jahre 1777 gegründeten k. k. ThierarzneiInftitute in Wien beftehen in Weft öfterreich insgefammt fechs Lehrkanzeln für Land- und Forstwirthschaft an Hochſchulen und technifchen Anftalten, die Land- und Forstwirthschaftsfchule der technifchen Hochfchule am landfchaftlichen Joanneum in Graz, vier höhere landwirthschaftliche Landes- Lehranstalten, eine Landes- Mittelfchule, zwei Landes- Ackerbaufchulen, fieben landwirthschaftliche Lehranstalten und Curfe an Realfchulen, fünfzehn Ackerbau- Schulen verfchiedener Einrichtung und Kategorie, fünf landwirthfchaftliche Fortbildungsfchulen ( vier in Vorarlberg), acht Obft-, Weinbau und Gartenfchulen, eine Flachsbereitungsfchule, ein Lehrcurs für Seidenbau( in Görz), zwei höhere Forft Lehranftalten, zwei Waldbau- Schulen, vier landwirthfchaftliche Hufbefchlags- Schulen und Thier- Heilanftalten und Braufchulen. Im Ganzen folglich 67 Inftitute zur Hebung der landwirthschaftlichen Production. In den Ländern der ungarifchen Krone ift die land- und forftwirthschaftliche Abtheilung des k. ung. JofephsPolytechnikums in Ofen, eine land- und forftwirthfchaftliche Lehranftalt( in Kreuz), eine k. ung. höhere landwirthschaftliche Lehranftalt( in Debreczin), drei landwirthfchaftliche Lehranstalten, vier Ackerbau Schulen und eine Wein- und Obftbau Schule, zufammen zwölf Inftitute. Entfprechend den gefchilderten Productionsverhältniffen geftaltete fich auch die Ausstellung Weftöfterreichs in jeder Hinsicht reichbefchickt, glänzend in ihrer Anordnung, grofsartig in ihrer Wirkung und höchft anerkennenswerth in den erzielten Erfolgen. Ueberall, wo das Auge hinfah, gewahrte es, trotz des oft beklagten Mangels an Ueberfichtlichkeit, im grofsen Ganzen die prachtvollen Erzeugniffe des fruchtbaren Ackerlandes, blendende Schätze und grofsartige Reichthümer der fprichwörtlich gewordenen„ Unerfchöpflichkeit" Oefterreichs; die nie verfiegbaren Quellen der Wohlhabenheit diefes Reiches, die Landwirthschaft und Induftrie, waren glanzvoll repräfentirt. Auf der Wiener Weltausftellung feierte die öfterreichifche Landwirthschaft einen erhebenden Sieg und zeigte fich Oefterreich als ein eminenter Agriculturftaat, in welchem aber die Induftrie eine hervorragende Rolle spielt und fehr ftaunenswerthe Erzeugniffe zu Tage fördert, fo dafs fie es mit den Induftrien der meiften Culturftaaten Europas kühn und erfolgreich aufnehmen kann. Die landwirthfchaftlichen Lehranstalten Oefterreichs waren würdig vertreten, vor Allem die königl. böhmifche höhere landwirthfchaftliche Landes- Lehranftalt in Liebwerda( Böhmen), welche durch ihre Expofition den in der Anftalt herrfchenden Geift zu verfinnlichen, die Methode des befolgten Unterrichtes und die erzielten Erfolge desfelben darftellen wollte und fich demnach möglichft fern hielt von dem beftechenden Prunke von Lehrmitteln u. dgl. m. ' Feldwirthfchaft. 27 Den Geift, welcher bei der Organifation und Bewirthfchaftung des mitunter unermesslichen Grundbefitzes die Wirthfchafts- Dirigenten befeelt und leitet, haben einzelne in praktifcher und wiffenfchaftlicher Hinficht gleich ausgezeichnete Landwirthe, die man mit Recht als die Koryphäen der modernen Landwirthschaft betrachtet, verfucht, in gediegenen Monographien, graphifchen Tafeln und überfichtlichen Karten und Tabellen zu verdeutlichen. Im Zufammenhange gewürdigt, veranfchaulichen diefe hochfchätzbaren Beiträge nicht nur die Verhältniffe vorkommender Gütercomplexe und einzelner landwirthschaftlicher Güter, fondern auch die formale Einrichtung, ihre Verwaltung, Grundfätze der Organiſation, Mafsregeln der Bewirthschaftung, vorhandene Betriebsmittel, angeftrebte und wirklich erreichte Productionserfolge u. dgl. m. Bei der aufmerkſamen Betrachtung derfelben dürften ganze Reihen von hochwichtigen Fragen aufseröfterreichischer Fachgenoffen ihre beſtimmte Beantwortung gefunden haben. Aus einer ganzen Reihe folcher werthvollen Beiträge will ich hier nur der ,, Skizzen über die Verwaltungsorganifation von Grofsgrundbefitz- Complexen in Böhmen" von A. E. Ritter von Kommers und der bildlich graphifchen Darftellung des inneren Betriebes derfelben gedenken, welche das Studium der ftatiftifchen, Befitz, Adminiftrativ- und technifchen Verhältniffe des Grofsgrundbefitzes wefentlich erleichtern. Dann der„ ftatiftifchen Beiträge über die Prinz Auguft von Sachfen- Coburg- Gotha'fchen Güter in Oefterreich und Ungarn", welche den Zweck hatten, Aufklärungen über mancherlei Umftände und Verhältniffe des Befitzftandes zu geben, welche fich nicht unmittelbar durch Ausftellungsgegenstände repräfentiren liefsen, fowie einen kleinen Beitrag zur Landesftatiftik zu geben. Endlich der zahlreichen Wirthfchaftspläne, Karten und Tabellen, Wirthfchaftsbücher und Revifionsprotokolle, Culturpläne, Heerdbücher, Befitzftandskarten und Begrenzungselaborate im Pavillon der Fürften zu Schwarzenberg, welche einen Gütercomplex betreffen, der in Bezug auf koloffalen Flächenumfang und die felten grofsartige Organifation in allen Ländern Unica darftellen würde. Eine charakteriftifche Eigenthümlichkeit der agricolen Expofition Weftöfterreichs bildeten die Collectionen und Productionsbilder, die man nirgends fonft in einer solchen Reichhaltigkeit und Vollständigkeit angetroffen hatte. Den erften Rang unter allen Kronländern nahm unftreitig Böhmen ein. Die Collectivausftellung land- und forftwirthfchaftlicher Producte des Königreiches Böhmens, geordnet mit Rückficht auf den Kreislauf der Stoffe, gab nach dem übereinftimmenden Urtheile aller competenten Fachgenoffen ein klares Gefammtbild der Betriebsverhältniffe, der Bodenproduction und Productionsmittel des Landes, fowie der induftriellen Entwicklung in fo concentrirt gelungener, Weife, dafs daraus ohne Aufbietung von Maffen exponirter Gegenftände der Standpunkt der Land- und Forstwirthschaft fehr bequem erkannt werden konnte. Die k. k. Landwirthfchafts- Gefellfchaften in Graz, Klagenfurt, Linz, Wien u. f. w. repräfentirten durch reichhaltige Collectivausftellungen die Bodenerzeugniffe der betreffenden Länder, zumeift nach den einzelnen Productionsgebieten und Höhen lagen fyftematiſch und inftructiv geordnet, während zahlreiche Filial- und Bezirksvereine, fowie land- und forftwirthschaftliche Vereine u. dgl. die Producte befchränkterer Diftricte meift in einer fehr gefälligen und anfprechenden Weife zur Anfchauung brachten. Wer diefe reichhaltigen Collectiv- Ausftellungen aufmerkfam und im Zufammenhange fleifsig betrachtet hat, konnte fich gewifs eine klare und zutreffende Vorftellung über die Productionsverhältniffe der einzelnen öfterreichifchen Kronländer, Kreife, Bezirke und Diftricte bilden. Einen Glanzpunkt der landwirthschaftlichen Expofition Oefterreichs bildeten die von einzelnen Grofsgrundbefitzern veranstalteten Collectivausftellungen ihres oft grofsartigften Magnatenbefitzes. Die Prachtausftellung des Erzherzogs Albrecht, der die Erzeugniffe feines immenfen Befitzes mit circa einem Viertel in Oefterreich und drei Viertel in Ungarn, entſprechend dem Befitzverhältniffe in den beiden Reichshälften, ausftellte; der Pavillon der Fürften Johann Adolf und 28 Ant. Adam Schmied. Adolf Jofef zu Schwarzenberg, welcher einen ungefähren Begriff von der Organifation, den Zielen und Erfolgen eines modernen Grofsgrundbefitzes der Gegen wart machte und fich als ein Unicum darftellte, welches durch die Kräfte eines Einzelnen nicht fplendider, reichhaltiger und grofsartiger hervorgebracht werden kann; die Collectivausftellung des Herzogs von Coburg, mit gleicher Sorgfalt, erfchöpfender Fülle und Ueberfichtlichkeit arrangirt, fie alle haben die Verwaltungsorganiſation des öfterreichifchen Grofsgrundbefitzes in ihren zweckbewussten Zielen veranfchaulicht und den unumftöfslichen Beweis geliefert, mit welcher Sachkenntnifs, Auffaffung und Verſtändnifs der jeweiligen Factoren die Bewirth. fchaftung desfelben geleitet wird. Hoch über diefen Collectivausftellungen ftand die Ausftellung des k. k. Ackerbau- Minifteriums, welche für einen jeden Befucher eine grofse Anziehungskraft, für den Fachmann aber ein grofses Intereffe befafs. Sie beftand in literarifchen Arbeiten, Schriften und Werken, welche die Thätigkeit und die Beftrebungen des Minifteriums klar darlegten; in Karten und graphifchen Darftellungen welche die Bodencultur Oefterreichs und die gefammten Verhältniffe derfelben kennzeichneten, in den höchft lehrreichen Expofitionen der durch das k. k. Minifterium gegründeten k. k. landwirthfchaftlichen Verfuchsftationen und der Seidenbau- Station in Görz; der hiftorifchen Pflugfammlung, zahlreichen Abhandlungen und Publicationen und der hydrotechnifchen Mufteranlage Guttenhof. Es wäre überflüffig, wollten wir über diefe in jeder Hinficht höchft gelungene Expofition nur ein Wort weiter verlieren. Zu den Einzelheiten und ſpeciellen Objecten der öfterreichifchen Ausftellung felbft übergehend, müffen wir geftehen, dafs uns die verfchiedenen Acker erzeugniffe, die Cerealien, Hülfenfrüchte, die Rüben und Knollengewächfe, die Hopfen und die Karden, der Mais, der Lein und Hanf und wie all' die zahlreichen Erzeugniffe einer rationell betriebenen Landwirthschaft heifsen mögen, vollſtändig befriedigt, mitunter überrascht haben. Vortrefflich ausgefallen ift namentlich die Tabakausftellung OefterreichUngarns. Die öfterreichifch- ungarifchen Regien find hors de concours geblieben und find es wohl auch in Wirklichkeit, denn die Vergleichung mit ähnlichen Fabricaten aus anderen Ländern zeigte, dafs nirgends eine folidere, aus echtem Havannatabak gearbeitete Cigarre fchöner und billiger hergeftellt wird, als von Seite der öfterreichifchen Regie. - - Minder erfreulich dagegen fchien uns die Ausstellung der landwirthfchaftlichen Betriebsmittel, befonders der Düngarten und landwirthfchaftlichen Mafchi nen, zu fein, und ift allgemein conftatirt worden, dafs namentlich in Betreff der landwirthfchaftlichen Mafchineninduftrie Oefterreich zur Zeit mit einigen wenigen Ausnahmen weit hinter England und Amerika fteht. Und doch ift ohne geeignete landwirthfchaftliche Mafchinen und Geräthe keine Intensität des Wirthschaftsbetriebes, keine nennenswerthe Vermehrung der Bodenproducte möglich; überall, wo wir auf der Wiener Weltausstellung hinblickten, fanden wir die Thatfache illuftrirt, dafs für den Feldbau das Zeitalter des Dampfes und der Arbeitsmafchine herangebrochen ift. Mit dem Uebergange zur gröfseren Intenfität und zur localen Gruppirung der Production wird die Theilung der Arbeit immer allgemeiner, die Anwendung der landwirthschaftlichen Maſchinen immer dringender, die Frage nach Erfparnifs von Arbeitszeit und Arbeitskraft immer brennender, eine Erfcheinung, welche uns den feit zwei Jahrzehnten auf diefem Gebiete vollzogenen überwältigenden Fortfchritt genügend erklärt. Während die Londoner Exhibition vom Jahre 1851 die hauptfächlichfte Aufmerkſamkeit ,, auf die Intenfität der Bodenwirthfchaft durch Meliorationen und durch den Uebergang zum Ackerbau in Verbindung mit rationeller Zuchtwahl der Hausthiere" lenkte, aber nur wenige Proben von Agriculturmafchinen brachte, trat bereits zehn Jahre später der mechanifche Theil als die Hauptfache hervor; denn nach dem einftimmigen Urtheile aller Fachmänner ift die 1862er Weltausftellung als Feldwirthfchaft. 29 der eigentliche Ausgangspunkt für den mafchinellen Betrieb der Landwirthschaft anzufehen, welcher in der Wiener Weltausftellung feinen hervorragendften Ausdruck fand. Die landwirthfchaftliche Mafchine, vom einfachen Spaten bis zum vollendeten Dampfpfluge bildete eine der mächtigften Signaturen der 1873er Expofition. Diefs foll uns ein Fingerzeig fein, unfere Aufmerkfamkeit der landwirthfchaftlichen Mafchinen- Induftrie, von welcher die Zukunft der Landwirthschaft in hohem Grade abhängt, mehr zu widmen, als es bisher gefchehen ift, Auch wir in Oefterreich müffen allmälig die Senfe durch die Mähmaschine und den Flegel durch die Drefchmaſchine verdrängen laffen und uns über die ganze culturgefchichtliche Bedeutung des Dampfpfluges klar werden, wenn wir den hohen Aufgaben des landwirthfchaftlichen Betriebes der Gegenwart und Zukunft mit dem beften Erfolge für den Einzelnen fowohl als für die Gefammtheit der Bevölkerung vollkommen gerecht werden wollen; und diefe Anfchauung mufs uns leiten, wenn wir die Wichtigkeit des agricolen Mafchinenwefens richtig beurtheilen follen. Ungarn ift beinahe ausfchliefslich Agriculturftaat, arm an Induftrie und Communicationsmitteln, und als folcher von den Zufälligkeiten und Launen der Witterung abhängig. Den gefegneten Jahren von 1867 und 1868 folgten Jahre, wo Ungarn, durch die Ungunft der Jahreswitterung gefchädigt, nur mittelmäfsige, oder fogar fchlechte Ernte hatte; in gewöhnlichen Jahrgängen verforgt aber Ungarn die reichbevölkerten Diftricte Nordeuropas mit Nahrungsfrüchten aller Art. Die an vielen Orten noch gehegte Vorftellung, dafs das fruchtbare Land Ungarns zum grofsen Theile nicht angebaut fei, iſt feit vielen Jahrzehnten ein grofser Irrthum. Nur im Süden, und auch da noch fpärlich, finden wir weit ausgedehnte Weideplätze, während diefelben in den anderen Gegenden des Landes dem Pfluge weichen mufsten; üppige Maisfelder wogen jetzt, wo vormals der Cfikós( Geftüthüter) fich tummelte. Allerdings leidet Ungarn in nationalökonomifcher Beziehung an dem Gebrechen, dafs der gröfsere Theil des Bodens Grofsgrundbefitzern gehört; nach einer Angabe befafsen die zehn reichften Familien vor dem Jahre 1848 ein Sechftel alles Landes im Königreiche, und heute noch find die grofsartigen Magnatenbefitzer wahre Unica in Betreff der Flächenausdehnung. Die grofsen Grundherren haben alle neuen Verbefferungen in der Landwirth fchaft eingeführt; diefe üben jedoch geringen Einfluss auf das von den Kleinwirthen allzu fehr parcellirte Land, indem letztere ob ihrer verhältnifsmäfsig kleinen An theile theuere Mafchinen nicht anfchaffen können. Im Ganzen genommen wird der Landbau zu ausgedehnt betrieben und der ungarifche Bauer ftrebt viel lieber nach Erweiterung feines Betriebes durch Ankauf neuer Ländereien, als nach forglicher Bewirthschaftung deffen, was er fchon befitzt. Das aufserordentlich fruchtbare Land, welches an vielen Stellen Dammerde von 50 bis 60 Fufs Tiefe aufweifet, wird dadurch ausgefogen, dafs man ihm viele Ernten abzwingt, ohne den Verluft durch Düngung zu erfetzen. Auch ift die Arbeit in Ungarn meiftentheils theuer. Mafchinen werden defshalb in grofsem Mafse angewendet und haben dafelbft einen guten Einfluss ausgeübt. Die Landwirthfchaft bekommt dafelbft nur fehr fchwer Geld und mufs es gewöhnlich zu 6 bis 8, ja felbft zu 10 Percent verzinfen. Defshalb werden auch im Grofsen und Ganzen nur wenige Meliorationen ausgeführt, welcher Umftand befonders in Betreff der Bewäfferung fehr nachtheilig ift, da das gröfste Leiden des Landes in der Trockenheit befteht, welche nur zu oft dafelbft herrfcht. Die jähen Witterungswechfel find die ärgften Feinde des ungarifchen Landbaues, wefshalb auch das Ergebniss der Ernten fehr ungleich ift von 3/4 bis 7, 15. ja 20 Metzen per ungarifches Joch. Demzufolge wechfelt auch die jährliche Getreide- Ausfuhr ganz aufserordentlich, das heifst von 5 bis 10 und 15 Millionen Metzen, der Metzen zu 5 Gulden Mittelwerth. Diefen Ertrag von klimatifchen Umständen durch rationelle Bodencultur unabhängiger zu machen, ift jetzt die Aufgabe des ungarifchen Landbaues. 30 Ant. Adam Schmied. Ungarn ift ein von der Natur mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit ausgeftattetes Land, von dem man mit vollftem Rechte fagen könnte, dafs ,, darinnen Milch und Honig fleufst", aber es fehlt ihm an Arbeit und an Capital. Die intenfive, zielbewufste Arbeit ift vor Allem die Wünfchelruthe mit welcher die Schätze gehoben werden können, welche der gefegnete Boden des Ungarlandes beherbergt. Wird diefer Boden aufgefchloffen, fo wird Ungarn ein Paradies auf Erden; aber nur die Arbeit kann das allgemeine Vertrauen in die vielverheifsende Zukunft diefes Landes erhalten, rechtfertigen und verwirklichen. Die agricole Expofition kennzeichnete Ungarn als einen reinen Agriculturftaat: prachtvolle Cerealien, insbefondere die fchweren Weizenforten, feine Tabake, fchöne Oelfrüchte, Mais und Bohnen, Flachs und Hanf, edle Weine und maffenhafte Wollen zogen die Aufmerkfamkeit des Befuchers an Doch trachtet man auch in Ungarn zu dem Getreidehandel, zu der Mühleninduftrie und dem Mehlhandel überzugehen, wie es die reich vertretene ungarifche Mühleninduftrie illuftrirte. Die königlich ungarifche höhere landwirthschaftliche Lehranftalt zu Ungarifch Altenburg ftellte eine reiche Collection von Landesproducten aus, von Mais und Bohnen bis zu dem Paprika, finnig das ungarifche Landeswappen darftellend. Die ungarifche ftatiftifche Centralcommiffion hatte orohydrographifche Karten, fpeciell die Gebirge und Gewäffer behandelnd, Ueberfichts- Bodenkarten, die Vertheilung der einzelnen Bodenarten darftellend, die Karten der AckerbauSyfteme, die Anbauflächen der Cerealien, des Hopfens, des Weinftockes, des Flachfes und Hanfes und intereffante ftatiftifche Nachweife über Unterricht, Vereinswefen, Ernte- Ergebniffe über Ein- und Ausfuhr und dergl. m. exponirt. Die Schweiz, das höchftgelegene Land Europas, zeichnet fich durch manche Eigenthümlichkeit des Wirthfchaftsbetriebes aus. Charakteriftifch ift befonders die Alpenwirthschaft in Verbindung mit einer ausgedehnten rationellen Viehzucht. Im Jahre 1864 war der Werth fämmtlicher Almen 72 Millionen Francs mit 153.320 Kühen, die meiften in Graubünden; der Reinertrag betrug 11 Millionen Francs. In den für den Landbau geeigneten Lagen wird Getreide, auch Mais, dann Hülfenfrüchte und Kartoffeln u. f. w. gebaut, in den gefchützten Diftricten Wein cultivirt, Tabak gepflanzt, befonders aber eine forgfältige Obftcultur betrieben. Der Hauptwerth der fchweizerifchen Landwirthschaft befteht aber in der ausgedehnten und trefflichen Viehzucht, hauptfächlich Rindviehzucht; man hält dort annähernd 1 Million Stück Rindvieh, während Schweine und Schafe dem Bedarf nicht genügend find. Der Grundbefitz ift in der Schweiz fehr vertheilt, und find dafelbft gröfsere Güter fehr felten. Die Befitzer bewirthschaften ihr Land felbft, Pacht bildet eine Ausnahme. Die Grundbefitzer bekommen leicht Capitalien aufnehmen, für welche ihre Befitzungen als Bürgfchaft dienen. Sie können Geld bei den Städtern und den Hypothekenbanken haben; der Zinsfufs fchwankt zwifchen 4 und 5 Percent. Im Canton Wallis ift das Syftem des Bodencredits dem Landbefitzer fehr günftig. Er findet zu 4% Percent Hypothekengläubiger, denen er einen Rentenbrief unterfchreibt, welcher durch Endoffement übertragbar ift. Der Ackerbau wird forgfältig betrieben. Während die Drainage in der Bodenzerftückelung viele Hinderniffe findet, wird für die Bewäfferung unendlich viel gethan; befonders gelten die Walliffer als Meifter in Bewäfferungsarbeiten; Landwirthschaftliche Maſchinen finden wegen der Terrainverhältniffe weniger Anwendung; aber von dem Kunftdünger werden trotz der fehr rationellen Stallmift- Wirthfchaft alljährlich immer bedeutende Mengen verbraucht. Die landwirthfchaftlichen Vereine tragen viel zur Verbreitung der landwirthfchaftlichen Kenntniffe bei. Die beffere Cultur hat feit 30 Jahren eine bedeutende Vermehrung der Getreideproduction zur Folge gehabt. Dennoch liefert der Landbau kaum die Hälfte der zur Ernährung der Bevölkerung nothwendigen Bodenproducte. Feldwirthfchaft. 31 Von den beiden auch in gewöhnlichen Erntejahren der relativ bedeutendften fremden Zufuhr bedürfenden Ländern, England und der Schweiz, führt das letztere jährlich 3,169.543 Centner( Durchfchnittseinfuhr von 1859 bis 1862) bis 3.911.572 Centner( im Jahre 1871) Getreide und Mehl ein, meiftens aus Deutfchland und Oefterreich, während England die enormen Quantitäten von 62,278.170 Centner( im Jahre 1868) bis 79,820.948 Centner( im Jahre 1871) Weizen, andere Cerealien und Weizenmehl, zum gröfsten Theile aus Nordamerika und Russland jährlich importirt. Die agricole Ausftellung der Schweiz war in befcheidenen Dimenfionen angelegt. Einige Nahrungspflanzen, Getreide verfchiedener Art, Alpenheu, Rohtabak, Flachs und Hanffamen, gedörrtes Obft, eine Riefenpyramide der Dofen mit condenfirter Milch, einige Schriften über Bienenzucht und dergl. bildeten die Expofition, die keinesfalls geeignet war, über die landwirthfchaftlichen Verhältniffe der Schweiz einen klaren Auffchlufs zu bieten. Italien, das Land der Kunft und uralter Gewerbthätigkeit, das ältefte Culturland Europas, weil es das Land einer feit Jahrtaufenden niemals dauernd unterbrochenen hochgradigen Civilifation ift, nimmt in der Landwirthschaft keine befonders hervorragende Stelle ein. Und doch ift der Boden gröfstentheils culturfähig, theilweife durch höchfte Fruchtbarkeit ausgezeichnet, das Klima mild und rein, alle Einflüffe einer üppigen Vegetation fehr günftig. Im Norden des Königreiches Italien ift der Grundbefitz fehr zerftückelt, im Süden herrfcht dagegen der Grofsgrundbefitz vor, defsgleichen in den Marken und in der Romagna; in der römifchen Campagna ift der Grundbefitz in Händen weniger Befitzer und zum gröfseren Theile in todter Hand, wefshalb dort auch die Zerftückelung nur ausnahmsweife vorkommt. Obzwar der Ackerbau über ein Drittel der Bevölkerung ( einfchliefslich circa 300.000 Hirten) ernährt, ift doch die Zahl der Grundeigenthümer im Allgemeinen gering( 604.437). Defshalb herrfcht in Italien, ähnlich wie in Frankreich und Spanien, die Halbfcheid Wirthschaft( Mezzaria), eine Naturalpacht, bei welcher der Eigenthümer den angebauten Grund, die Colonenfamilie aber das Betriebscapital und die Arbeit zu einem gemeinfchaftlichen Zwecke beitragen. Da diefer Vertrag die Bodencultur den Kenntniffen, Fähigkeiten und Mitteln des Bauers überlaffen, fo ift die Folge hievon ein Zurückbleiben des Ackerbaues hinter der Zeit, da der kleine Mann unverrückt am Hergebrachten haftet. Aus diefem Grunde ift die Agricultur in Italien bisher fehr vernachläffigt, nur im Norden und um Neapel ausgezeichnet. Hier fpielen die Bewäfferungen eine bedeutende Rolle; in der Lombardei befonders gibt es ein vollſtändig organifirtes Bewäfferungsfyftem, welches in eine fehr alte Zeit hinaufreicht. Das höchft vollkommen ausgebildete Canalifations- und Bewäfferungsfyftem ermöglicht es, dafs z. B. im Dreieck zwifchen Mailand, Pavia und Lodi auf 146.000 Hektaren Wiefen über 100.000 Stück Hornvieh ernährt werden können. Im Allgemeinen wird der Ackerbau in althergebrachter Weife betrieben; die Viehzucht ift in der Regel vernachläffigt; neben in nicht hinreichender Menge erzeugtem Stalldünger verwendet man den Kunftdünger nur in geringerer Menge und die Mafchinen werden bisher nicht allgemein gebraucht. Diefs Alles hat einen Rückgang in der Ackerproduction zur Folge. Das neapolitanifche und piemontefifche Getreide ift ftets von vortrefflicher Güte, aber fein Anbau, der fich nur in Neapel um etwa 25 Percent vermehrt hat, ift überall der gleiche geblieben und deckt den eigenen Bedarf kaum. Im Jahre 1870 find 5'02 Millionen Centner Getreide und Mehl, zum grofsen Theil aus Ungarn und Rufsland eingeführt, und nur 3.33 Millionen Centner ausgeführt worden. Als Handelspflanzen könnten der Tabak und die Baumwolle vorzügliche Erfolge erzielen; letztere würde fehr günftige Bedingungen in Süditalien finden. Zucht des Maulbeerbaumes ift befonders in Norditalien blühend, der Reisbau vermehrt fich immer mehr und die Production des Weinftockes erweitert fich in erfreulichem Mafse. 3 32 Ant. Adam Schmied. Auf der Wiener Weltausstellung nahm die agricole Ausftellung Italiens keinen befonders hervorragenden Platz ein. Seine Tabak- und Cigarrenausftellung, die Expofitionen in Cerealien, in Hanf und Lein, in Mais und Karden, in Reis, in Südfrüchten, Farb- und Medicinalpflanzen, fpeciell Sumach, in Baumwolle u. f. w. find Zeugen der gefeg eten Fluren diefes fo freigebig, ja verfchwenderifch von der Natur ausgeftatteten Landes. Die Abnahme der Bodenproductivität in Italien ift eine ernfte Mahnung, die Errungenfchaften der Wiffenfchaft in den landwirthschaftlichen Betrieb vernünftig einzuführen. Noch am Ende des vorigen Jahrhundertes hatte Italien, die ,, alma parens frugum", den erften Rang unter den Ländern Europas; feine Ländereien gaben, nach Profeffor Buccardo's ftatiftifchen Nachweiſungen, durchfchnittlich an Cerealien 10 Hektoliter vom Hektar, während Frankreich 8 und das übrige Europa 7 erzeugten. Seitdem aber das übrige Europa angefangen hat, mit Benutzung der Refultate der Wiffenfchaft die Landwirthschaft rationell zu betreiben, haben fich die Verhältniffe in einer für das gefegnete Italien geradezu befchämenden Weife geändert. In dem letzten Decennium ergibt der Durchschnittsertrag für England 32 Hektoliter, für Frankreich 18, für Belgien und Holland 22 bis 25, für Norwegen 24, für Nordamerika 20 bis 22, für Sachfen 26, für die übrigen deutſchen Länder zwifchen 19 und 20; Italien ift bei 10 Hektoliter ftehen geblieben, und fteht auf der nämlichen Stufe wie Spanien, Griechenland und Portugal, welch' letzteres ebenfalls nur 10 bis II Hektoliter liefert. Frankreich hat nur eine beftimmte Zone für den Weinbau, und doch bringt es dreimal mehr Wein auf den Markt als Italien, welches von den Alpen bis an die äufserften Spitzen des Südens zum Weinbau geeignet ift. Das eigentliche England erzeugt auf einem Raum, der viermal kleiner ift als Frankreich, faft diefelbe Quantität an Cerealien, und um wie viel nachtheiliger ergibt fich noch das Refultat für das gefegnete Italien. Bedenkt man aber, dafs in England, Sachfen und Belgien die Fortfchritte der modernen Naturwiffenfchaften für die Agricultur am meiften verſtändige Anwendung gefunden haben, fo mufs man das Zurückbleiben Italiens in der Production aus deffen„ Zurückbleiben in der Geiftesbildung" erklären. Spanien zeigt ähnliche traurige Verhältniffe wie Italien. Vermöge feines unter einem glühenden Himmel fich ausbreitenden, urfprünglich fehr fruchtbaren Bodens, feines Bodenreichthumes und feiner Producte, vermöge aller ihm von der Natur verliehenen Vorzüge fcheint Spanien zum erften Range unter allen Ländern beftimmt gewefen zu fein, umfomehr, als auch die Bewohner nicht minder freigebig ausgeftattet worden find: ftatt alle dem bietet es ein trauriges Bild und trifte Zuftände auf allen Zweigen der menfchlichen Thätigkeit. Der hauptfächlichfte Nahrungszweig ift die Landwirthschaft und Viehzucht, welche fieben Achtel der Bevölkerung befchäftigen, aber läffig betrieben werden. Der Ackerbau wird extenfiv. betrieben: 27 Percent des Areals find Ackerland, 55 Percent aufser Cultur. Mit Ausnahme einiger Provinzen, z. B. der Infel Majorca, ift das Grundeigenthum aufserordentlich zerftückelt. Nirgends in der Welt ift die Parcellirung des Bodens foweit getrieben, wie in Spanien, diefem Lande der ehemals claffifchen Bewäfferung. Die Fluren find gewöhnlich in kleine zerftreute Aecker, die oft die wunderlichfte Geftalt haben, zerftückelt; es kommt fogar häufig vor, dafs ein Olivenbaum zwei bis drei Befitzer hat. Die kleinen Befitzer cultiviren in der Regel ihren Befitz felbft, die grofsen verpachten denfelben gewöhnlich. Die Betriebs capitalien ftehen im Allgemeinen in keinem Verhältniffe zu den Bedürfniffen der Landwirthschaft. Der ländliche Credit ift beinahe unbekannt; der Landmann, welcher fich Geld verfchaffen will, borgt auf Hypothek zu 5 bis 12 Percent. Die Drainage des Bodens wird wenig angewendet; dagegen haben die Bewäfferungen in einigen Theilen Spaniens, befonders in der Provinz Valencia, eine fchon alte und fehr beträchtliche landwirthschaftliche Bedeutung. Neben dem Stalldünger und etwas Compoft wird nur wenig Hilfs Feldwirthfchaft. 33 und Kaufdünger angewendet; überhaupt ift die Beftellung des Bodens nicht immer rationell und läfst in vielfacher Beziehung manches zu wünſchen übrig. Spanien war früher ein wichtiges Getreideland, aber man kann nicht fagen, dafs es diefs noch fei, obgleich einzelne Provinzen, z. B. Caftilien, bedeutende Mengen erzeugen, und die Getreideproduction feit circa 1800 von 65 auf 160 Millionen Fanegas geftiegen ift. Hauptfächlich werden Weizen und Gerfte, im Norden auch Roggen, dann Hirfe, Mais und dergl. angebaut. Nächft Frankreich erzeugt Spanien den meiften Wein, aber die Weincultur ift im Grofsen und Ganzen auf einer niedrigen Stufe der Entwicklung geblieben; durchſchnittlich werden 162 Millionen Cantaras à 16 Liter producirt, und hievon zwei Dritttheile exportirt. Der Handelsgewächsbau ift wenig entwickelt, nur das Olivenöl fpielt eine wichtige Rolle in der Production des Landes; jährlich werden über 50 Millionen Arrobas Olivenöl erzeugt. Die Cultur der Korkeiche ift fehr verbreitet in Andalufien, Catalonien und Girona. Die ehemals berühmten Safranpflanzungen find heute zum Theile aufgegeben; von Gefpinnftpflanzen wird allein Hanf gebaut, der einen bedeutenden Exportartikel bildet; die Farbpflanzen könnten eine bedeutendere Rolle spielen; die Obftausfuhr bildet einen wichtigen Zweig des fpanifchen Handels. Tabak, Südfrüchte, Zuckerrohr und Baumwolle gedeihen vortrefflich. Die Viehzucht wird verhältnifsmäfsig beffer betrieben als der Ackerbau, am wichtigften auf der Hochebene zu Eftremadura und den Alpenweiden der Pyrenäen und der Sierra Nevada. Am bedeutendften ift die Schafzucht, und ift Spanien bekanntlich das Heimathland der edlen Merinos, obfchon die Zucht derfelben neuerdings fehr zurückgegangen ift und von der Schafzucht Deutfchlands weit überholt wurde; Böhmen und Schlefien bilden zur Zeit den Kernpunkt des goldenen Vliefses. Nebftdem blüht die Pferdezucht, und nennen wir blos die andalufifche Race, welche neuerlich durch grofse Befchälereien, z. B. Cordova, gefördert ward; die Seidenzucht( in Catalonien, Murcia, Valencia u. f. w.), welche jährlich im Mittel 2 Millionen Percent Rohfeide liefert; die Schweinezucht( befonders in Eftremadura), dann die Cochenillenzucht. Spanien( und feine Colonien) nahmen, was die Expofition von Naturproducten anbelangt, eine der erften Stellungen auf der Ausftellung ein. Wein und Cigarren bildeten die Glanzpunkte der fpanifchen Expofition. Für den Handel mit fpanifchen Weinen kann die Weltausftellung vorausfichtlich von enormem Nutzen fein; denn nie hatte man bisher noch folche Gelegenheit, die Weinproduction der pyrenäifchen Halbinsel in fo inftructiver Weife kennen zu lernen und die Concurrenzfähigkeit der fpanifchen Weine bezüglich der Qualität und Preife derfelben fo richtig beurtheilen zu können, als es diefsmal der Fall war. Die Cigarrenausftellung, welcher in der fpanifchen Expofition ein befonderer Raum angewiefen war, war von den erften Firmen der Infel Cuba mit ihren auserlefenften Kräutern reichlich befchickt; von der feinen Havannacigarre bis zu dem feltenften Product der Tabakfabrication zu Cigarren bis zum Preife von 1000 Thalern das Taufend waren alle gewöhnlichen und vorzüglichen Fabricate vertreten. Schöne Collectionen brachten die übrigen Landesproducte Spaniens zur Anfchauung, befonders fehr fchöne Cerealien, prachtvolle Südfrüchte, ausgezeichneten Mais, Exportgras und Hanf, diverfe Sämereien und dergl. m. Die Türkei deutete durch die an jeder der zahlreichen Wandfäulen ihrer Ausftellung angebrachten Getreidegarben und Büfchel bereits an, dafs diefelbe ein reiner Ackerbau- Staat fei und die hauptfächlichfte Leiftungsfähigkeit der Türkei eben in den mannigfaltigen Producten des Bodens liege. Allerdings ffehen die Leiftungen der wirthfchaftlichen Thätigkeit bei weitem nicht auf der Höhe der dafür vorhandenen äufserft günftigen tellurifchen und klimatifchen Bedingungen. Die Landwirthschaft fteht in der Türkei eben noch auf einer tiefen Stufe und wird allgemein fehr extenfiv betrieben, ja die Aecker bleiben in der Regel nach uralter Gewohnheit zwei Jahre in der Brache, werden mit höchft ein 3 34 Ant. Adam Schmied. fachen Pflugwerkzeugen in fehr dürftiger Weife bearbeitet und die Düngung der felben vollzieht fich lediglich durch die Excremente des darauf getriebenen Weideviehes. Eine um fo höhere Meinung flöfst uns daher die natürliche Fruchtbarkeitsanlage des Bodens und die der Vegetation fo günftige Befchaffenheit des Klimas ein, wenn wir hier die ausgeftellten prächtigen Proben von den verfchiedenen Bodenproducten fehen. Die trefflichen Collectionen von weifsem und gelbem Weizen, Gerfte, Roggen und Hafer, darunter fchöne weizengelbe Sorten von Mais und Erbfen, Bohnen und Fifolen, gewährten uns den Einblick in die unerfchöpfliche Productionsfähigkeit des Landes. Neben den diverfen Getreide- Arten fah man viele Sorten von Reis, Hirfe, Leinfamen vorzüglicher Güte und Kleefamen. Vorzüglich war der ausgeftellte Tabak. Dafs die Weine, die Oele, der Hanf, die Baumwolle, die Farbhölzer, die Südfrüchte, befonders Tafelnüffe und Mandeln, auf der Ausftellung nicht fehlten, läfst fich denken. Die fchöne grofse Holzfammlung in vielen ausgezeichneten Exemplaren fiel recht wirkungsvoll den Befuchern auf. Der in reichhaltiger Weife ausgeftellte Safran, ausgezeichnet. durch fchöne Farbe und feinen Geruch, die Farbftoffe( der Krapp) und gedörrtes Obft( befonders Pflaumen) vervollſtändigten die umfangreiche Ausftellung. Auch das würdige Giftpendant zum Tabak, das Opium, diefes furchtbare Betäubungsmittel der Afiaten, fand neben diverfen, zur Opiumbereitung dienenden Mohnforten in der türkifchen Ausftellung feine reiche Vertretung. Seinen hauptfächlichften Pflanzboden hat das Opium, diefer verderblichfte aller Stoffe, in BritiſchIndien, und es ift wahrhaft ein ewiger Schandfleck für die moderne Civilifation, dafs England dasfelbe dem chinefifchen Volke durch Waffengewalt aufzudrängen fuchte. Vor diefem Kriege wurden jährlich für 4, feit demfelben für 10 1/2 Millionen Pfund Sterling Opium nach China eingeführt. Zudem baut gegenwärtig letzteres in feinen füdlichen Provinzen felbft Opium und confumirt jährlich für 15 Millionen Pfund Sterling. Zu medicinifchen Zwecken wird auch in Frankreich und Deutfchland Opium mit Erfolg angepflanzt. Rufsland, nächft dem britifchen Weltreiche der gröfste, aber einer der am fchwächften bevölkerten Staaten der Erde, ift der reinfte, ausgeprägtefte Agriculturftaat, in welchem jedoch die Landwirthschaft zur Zeit noch fehr extenfiv betrieben wird. Von dem ganzen unermesslichen Areale werden rund 16 Percent als Ackerland benutzt, dazu kommen 14 Percent Gartenland und 2. Percent Wiefen, während 20 Percent als Weiden, 31 Percent Wald und 29 Percent Steppen und Unland liegen. Je nach dem Breitegrade zeigt natürlich fowohl das europäiſche Rufsland, welches im Allgemeinen die fehr fruchtbare farmatifche Tiefebene bildet, als auch das afiatifche Rufsland, wo namentlich im mittleren Rufsland die Agricultur durch die unerfchöpfliche fchwarze Erde( cerná zem) im hohen Grade begünftigt wird, in dem ortsüblichen Wirthfchaftsbetriebe fehr verfchiedene Eigenthümlichkeiten, fo dafs es uns nicht möglich ift, auf deren, wenn auch nur fehr flüchtige Schilderung einzugehen. Es genügt, wenn wir bemerken, dafs der Ackerbau und die Viehzucht im Allgemeinen noch ziemlich primitiv betrieben werden, und dafs man nur ausnahmsweife hie und da einen intenfiven Grofsgrundbefitz antrifft. Rufsland baut in erfter Reihe Cerealien: Roggen, Weizen, Mais, im Süden Hirfe und Reis, dann etwas Hülfenfrüchte. Der Handels- Gewächsbau ift im Grofsen und Ganzen unbedeutend; Flachs und Hanf werden zwar in koloffalen Mengen angebaut, daneben Zuckerrüben und auch Farbpflanzen, fonft cultivirt man nur in den füdlichen Gegenden Wein bis 48 Grad nördlicher Breite( jährliche Production circa 17 Millionen Eimer), Tabak( in der Krim, Ukrain, an der Wolga), Anis, etwas Baumwolle, Südfrüchte u. f. w. Uebrigens darf man nicht überfehen, dafs Rufsland in den gegenwärtigen, noch nicht ganz geklärten und vollſtändig entwickelten Verhältniffen mit Handelsgewächfen keine Ausficht auf Erfolg hat. Es ift dünn bevölkert, in Folge der eigenthümlichen Verhältniffe der ländlichen Bevölkerung ift ein fühlbarer Mangel Feldwirthschaft. 35 an landwirthschaftlichen Arbeitern, fo dafs die Arbeitslöhne fehr hoch find, was bei den viel Arbeit und Cultur verlangenden Handelsgewächfen um fo empfindlicher wird. Doch darf und kann nicht überfehen werden, dafs fich die Production in Rufsland in Folge der immerwährenden Ausbreitung der fortfchrittlichen Tendenzen, hauptfächlich der Aufhebung der Leibeigenfchaft, bedeutend gehoben hat. Trotz der extenfiven Wirthschaft überfteigt der Ertrag an Cerealien weit den Bedarf; felbftverſtändlich bemüht man fich, die Erzeugniffe diefer dünnbevölkerten fruchtbaren Gebiete jenen der bereits ausgefaugten oder durch Induftrie und Städteleben dichtbevölkerten Länder zuzuführen. Rufsland producirt jetzt im Ganzen circa 560 Millionen Hektoliter Getreide, wovon als Ueberfchufs zum Die Ausfuhr Export 70 bis 75 Millionen Hektoliter gerechnet werden können. ift im rapiden Steigen begriffen. Während Rufsland in dem zehnjährigen Durchfchnitte von 1837 bis 1847 nur 4'8 Millionen Hektoliter und in der Zeit von 1858 bis 1864 je 17.5 Millionen Hektoliter exportirte, hat es in der Periode von 1865 bis 1870 je 28.3 Millionen Hektoliter Cerealien und Mehl ausgeführt. Im Jahre 1865 bezifferte fich der Export auf 20,780.000 Hektoliter und ftieg im Jahre 1870 auf 44,242.298 Hektoliter. Den gröfsten Antheil am Export haben die Häfen des fchwarzen Meeres( Odeffa, Roftoff, Taganrog, Mariapol), woher England, Frankreich und Italien ihren Bedarf beziehen. Die agricole Ausftellung Rufsland's gab auch ein Zeugnifs von dem Reichthume der Naturproducte und der Ueppigkeit des Bodens. Diefelbe feffelte durch die Proben des fchönen Getreides, hauptfächlich des Roggens und der Hülfenfrüchte, durch Flachs und Hanf, befonders durch den vorzüglichen Rigaer Leinfamen, durch Raps, Rübenfamen und diverfe Gemüfe- Arten, durch Mais, Mohn, Karden und ähnliche Bodenerzeugniffe. Neben Südrufsland und Ungarn verforgt Nordamerika die dichtbevölkerten Staaten Europa's mit Nahrungsmitteln. Diefe drei Staaten find als das Prototyp des reinen„ ,, Ackerbauftaates" zu betrachten, find im Grofsen und Ganzen auf einer ziemlich tiefen Entwickelungsftufe der Landwirthfchaft und exportiren zumeift Rohproducte, wefshalb fie auch im Vereine den Getreidepreis des Jahres für die ganze Welt beftimmen. - Amerika baut im Norden Cerealien, Mais und Kartoffeln, im Süden Tabak, Zuckerrohr und Maniok. Die Bedeutung Amerika's, als eine der Kornkammern der menfchlichen Gefellſchaft, nimmt immer mehr zu, wenn auch Carey die Thatfache conftatirt, dafs einzelne Länderftriche des cultivirten Amerika's in Folge anhaltenden Raubbaues mit ihren Durchfchnittsziffern bereits fehr zurückgehen; denn neue Millionen von Acres mit jungfräulicher Kraft werden in die Cultur einbezogen und beginnen die Production, wodurch fich der Gefammtertrag immer erhöht. Die gemäfsigten Zonen Amerika's find den europäiſchen GetreideArten am günftigften, namentlich dem Weizen und dem Hafer; fo trägt auf dem fruchtbarften Theile des Thales von Lerma( in Salta) ein Weizenkorn 30 bis 40fach und in den mittelmäfsigen erhält man von einem Weizenkorn 12 bis 15 Körner. Eine Vergleichung des mittleren Ertrages der Getreide- Arten in beiden Continenten gibt folgendes Ergebniſs: Es liefert ein Korn im Mittel in Deutfchland 5 Körner, in Frankreich 6 bis 8 Körner, in Ungarn, Kroatien, Slavonien 8 bis 10 Körner, am La Plata 12 Körner, in der Provinz Salta 21 Körner. Gleich dem Boden des ruffifchen Humusgebietes mufs auch der jungfräuliche Boden im Nordweften Amerika's als der bedeutendfte Ernährer der gewerbetreibenden Bevölkerung in Europa angefehen werden. Dort gedeihen hunderte vortrefflicher Weizenarten, deren reiche zur Wiener Weltausftellung gefendete Aehren jeden Landwirth und Getreidehändler in Erftaunen verfetzten. Wiegt doch die leichtefte diefer Weizenforten, auf deren Confum die alte Welt immer 36 Ant. Adam Schmied. mehr angewiefen wird, über fechzig, die fchwerfte über neunundfechzig Pfund per Bufhel, während das Stroh in der Länge von fechs Fufs eher einem Rohrhalme gleicht. Mit Hilfe der in Amerika immer allgemeiner zur Anwendung gelangenden Agriculturmafchinen wird die üppige Natur vielleicht noch ungeheuere Quantitäten von Brodfrüchten erzeugen als bisher. Erregte es im Jahre 1867 noch Erftaunen, dafs die nach Paris gefendete Mähmafchine Mac Cormicks fich als das 78.351fte Exemplar documentirte, fo ift gegenwärtig die verlässliche Nachricht des Commiffioner of agriculture nicht minder überrafchend, dafs in einzelnen Staaten Amerika's die Mähmafchine das gewöhnliche Werkzeug ift für Gras und Getreide, wie bei uns Senfe und Sichel; jede der gröfseren Mähmaschinen- Fabriken in New- York, Illinois und Ohio hat fchon weit über 100.000 Stück derfelben geliefert. Ift der Ackerbau in Amerika auch keineswegs fo vollkommen, als die natürlichen Verhältniffe es glauben machen follten, fo liefert derfelbe doch grofsartige Ergebniffe, wie wir diefs aus dem vom ftatiftifchen Bureau in Washington veröffentlichten Cenfusberichte erfehen. Danach betrug die Gefammtproduction an Getreide im Jahre 1870: Mais... 385 6 Millionen Hektoliter im Werthe von 3159.6 Millionen Francs. Weizen. 83.1 Gerfte. Hafer Korn.. " 9 19 " " " 1290.7 87.1 " 99 " 99 29 9.3 " " 99 " 5.4 " 5617 116.5 66.1 " 9 " 29 " " " " " Bei feiner Entdeckung hatte Amerika keine einzige Getreideart der alten Welt gehabt; es hatte den Mais, welcher allen übrigen Erdtheilen unbekannt war; es hatte in Californien den wilden Hafer und in der Seenregion des Nordens den wilden Sumpfreis, Zizania aquatica. Der Mais, fowohl Zea virginica wie Zea versicolor, gibt enorme Erträge, welche im Vergleiche mit der Ergiebigkeit unferer Pflanzen alle Begriffe überfteigt. Derfelbe gibt in Neu- Granada 500 bis 600 Körner auf einem Boden, der niemals gedüngt worden ist und liefert im Jahre zwei Ernten. In der Provinz Salta( in Südamerika) ift 300- bis 400facher Ertrag auf gutem Boden nichts Seltenes, und man hält die Ernte für mangelhaft, wenn fie nur 120- bis 140faches Korn gibt; felbft unfruchtbarer Boden gibt 60- bis Sofaches Product. Auch die Getreidefrüchte zeichnen fich durch hohe Erträge aus, denn die Jahresernten überfteigen weit den eigenen Bedarf des Landes, wie es die im ftetigen Steigen begriffenen Ziffern des Exportes nachweifen. Die Ausfuhr war nämlich im Jahre 1870 bis 1871: Weizen. Mais. 12,079.048 Hektoliter im Werthe von 243 8 Millionen Francs. 3.462.791 99 " " 9 " 29 93 " 40.3 130 1 " " " " Weizenmehl... 3,653.841 Barrels Es exportirte in diefem Jahre Amerika fomit für 431 Millionen Francs Werth Bodenproducte. Aber die Landwirthschaft leidet in den Vereinigten Staaten unter fortwährender Lohnerhöhung und ungenügender Handarbeit, was eine immenfe Anwendung der landwirthschaftlichen Maſchinen zur Folge hatte. Doch auf den anderen Gebieten der Wirthfchaftsthätigkeit fpielt Amerika nach verlässlichen Berichten keine fo erfreuliche Rolle. So wird von der transatlantifchen Republik der Vereinigten Staaten, deren Leiftungen befonders auf dem Gebiete der Induftrie und Volkswirthschaft fich im Allgemeinen einer hohen Ueberfchätzung in Europa erfreuen, in jüngfter Zeit vielfach behauptet, dafs die Induftrie derfelben auf allen Punkten im Rückfchreiten begriffen fei. Namentlich ift es der frühere„ Commiffioner of Revenue" der Vereinigten Staaten, Herr Malls, welcher in feiner lehrreichen Schrift überzeugend nachgewiefen hat, wie die Amerikaner jetzt, wo fie 37 Millionen Individuen find, nicht nur weni Feldwirthschaft. 37 ger confumiren, als zur Zeit, wo fie nur 30 Millionen waren, fondern auch weniger exportiren, als früher, und überdiefs im Seehandel hauptfächlich fremde Schiffe benützen. Ob die induftrielle Ausftellung der Unionsftaaten diefes Rückfchreiten der Induftrie gerechtfertigt hat, kann hier felbftverſtändlich nicht erörtert werden; fo viel ift aber ficher, dafs die agricole Expofition die wirthschaftlichen Verhältniffe in dem Wunderlande der Vereinigten Staaten keinesfalls in dem Lichte erfcheinen liefs, in welchem wir diefelben zu fehen und zu betrachten gewöhnt find. Amerika war charakterifirt durch fein Haupterzeugnifs: die Baumwolle, welche in der gefchmackvoll angeordneten amerikanifchen Ausftellung den erften Rang einnahm. Die Baumwollen- Trophäe, in der Form einer Fontaine nicht unähnlich, war eine wahre Zierde der erften weftlichen Nordgallerie des Induftriepal aftes. Die koloffalen, acht liegenden und vier ftehenden Baumwollen- Ballen, welche mit eifernen Reifen umzogen waren, waren ganz geeignet, dem Befchauer von der ungeheueren Menge der in Amerika producirten Baumwolle einen ungefähren Begriff zu geben, wenn er fich erinnerte, dafs jährlich an fechs Millionen folcher Ballen verpackt werden, von denen nach Europa allein nahezu eine Million verfendet wird. An der Trophäe waren auch mächtige Guirlanden, aus Baumwolle, dann die Baumwollcocons( Samenhülfen) und Zweige des Baumwollftrauchs mit der Wolle darauf zu fehen. Während des 1873er Gefchäftsjahres hat die Baumwoll- Ernte in Nordamerika 3,930.508 Ballen geliefert. Diefer Ertrag fteht in der Mitte zwifchen den Erträgen der beiden Vorjahre. Neben der Baumwolle, welche im Vereine mit den Baumwoll- Fabricaten dem Werthe nach den zweitgröfsten Welthandels Artikel bildet, hatte Nordamerika. Getreide, rohen und gefchälten Reis, Blättertabak und Tabakfabricate, Zuckerrohr, Raminpflanzen und Raminfafern in verfchiedenen Stadien der Bearbeitung, Hanf und Hanffaat, Erdnüffe und andere landwirthschaftliche Producte ausgeftellt, welche durch ihre Qualität einen hohen Beweis von der Ueppigkeit der Natur und Fruchtbarkeit des Bodens in Nordamerika lieferten. Eine Specialität des mafchinellen Theiles der Agriculturausftellung Amerikas bildete die Mähmaschine, auf welche in den ,, Landwirthschaftlichen Mafchinen und Geräthen" Rückficht genommen wird. Wenn wir zum Schluffe noch einen Rückblick auf die landwirthfchaftliche Expofition der Wiener Weltausftellung werfen, fo müffen wir vor Allem hervorheben, dafs diefelbe im Allgemeinen klar gezeigt hat, wie alle Bodenproducte in erfter Reihe von natürlichen Verhältniffen bedingt werden. So fteigt die Vorzüglichkeit des Tabaks in gleicher Progreffion mit der Höhe der Sonne, wefshalb man fich auch mit der Verpflanzung des Tabakfamens vergebliche Mühe gibt, eine gleiche Qualität mit jener der Stammländer der Tabakpflanzung zu erzielen, wenn man nicht von gleichem Sonnenftande begünftigt ift. Die füdlichen Staaten erzeugen, wenn auch in denfelben die Tabakfabrication überhaupt noch in der Kindheit liegt, dennoch würzigere Cigarren als die hochcultivirten, der Cigarrenfabrication die gröfste Sorgfalt zuwendenden Länder, wie z. B. Belgien und Schweden. Sie bewies weiter, dafs es nur dadurch möglich wurde, die enormen Maffen von Bodenproducten felbft unter Mithilfe einer üppigen Natur zu erzeugen, wenn man ftatt des einfachen Werkzeuges die zweckentfprechend conftruirte Mafchine verftändig anwendet und die Theilung und Intenfität der Arbeit zum Hauptprincipe des Betriebes aufftellt; dadurch wurden die ftaunen erregenden Fortfchritte in dem landwirthschaftlichen Betriebe in dem letzten Jahrzehent zum grofsen Theile erzielt. Endlich lehrte fie beredt und eindringlich, dafs man in der Production nur dann das Höchfte erreicht hat, wenn mit diefen Factoren noch ein anderer vereint ward: die intelligente Organiſation. Gerade in Betreff des letzteren Momentes gewährte die Weltausftellung manche intereffante Einblicke. Das landwirthfchaftliche Unterrichts- und Bildungsmittel, die Statiſtik und Oekonomie des Ackerbaues, waren wenigftens in einzelnen Ländern 38 Ant. Adam Schmied. fo gut vertreten, wie nie vorher. Insbefondere die grofse Zahl der Mittelfchulen und fpecififchen Fachſchulen für einzelne Zweige der Bodencultur erklärt viele Fortfchritte der letzten Zeit. Eine Menge fehr gelungener Darftellungen des wirthschaftlichen Betriebes einzelner Domänen und die tabellarifchen Nachweifungen des Wirthfchaftserfolges kennzeichneten die Ziele, auf deren Erreichung die Agricultur unabläffig hinarbeitet. Die Idee der Vereinigung feierte in den zum gröfsten Theile fehr gelungenen Collectivausftellungen einen nicht zu unterfchätzenden Erfolg. Und die land- und fortwirthschaftliche Statiſtik wird ficher von der Wiener Weltausftellung eine Periode der Regeneration datiren, fo vielfach und kräftig waren hier die Anregungen zu ihrer Pflege. Eine Fülle graphifcher Tableaux über die wiffenswürdigften Elemente der Production, Circulation und Confumtion von Bodenerzeugniffen und umfaffenden Vergleiche aus der Statiftik des Welthandels mufsten auch den Laien intereffiren. Die nachfolgenden Specialberichte werden die Gedanken, welche im Vorftehenden flüchtig angedeutet worden find, zur eingehenden und klaren Auseinanderfetzung bringen und den Beweis führen, dafs wirklich der agricole Theil der Wiener Weltausstellung diefer das erfte hervorragendfte Merkmal verliehen hat. DIE LANDWIRTHSCHAFTLICHEN GERÄTHE UND MASCHINEN. ( Gruppe XIII, Section 3.) Bericht von ANT. ADAM SCHMIED, Profeffor an der höheren landwirthschaftlichen Landeslehranstalt in Liebwerd bei Tetfchen. Einleitung. Die landwirthfchaftlichen Mafchinen find durch die vielen wefentlichen Vortheile, welche fie dem landwirthfchaftlichen Betriebe gewähren, ein hochwichtiges Hilfsmittel einer intenfiven Wirthfchaft; ihre Bedeutung für die Hochcultur ift gegenwärtig allgemein anerkannt, wefshalb auch die Anwendung derfelben von Jahr zu Jahr in einer überraschenden Weife zunimmt. Noch Thaer, der Altvater der rationellen Landwirthschaft, hatte daran gezweifelt, ob jemals die Säemafchine für den Landbau verwendbar fein würde, und heutigen Tages fchon findet man in einer etwas vorgefchrittenen Wirthfchaft die eine oder die andere landwirthschaftliche Mafchine im Gebrauch. Wohl find auch vor dem Jahre 1848 einzelne Verfuche gemacht worden, um das agricole Mafchinenwefen zeitgemäfs zu heben und Oefterreich kann fich rühmen, dafs hier in Erfindungen mancherlei Art der Anfang gemacht und der Vorrang behauptet wurde, wie wir es an dem im Jahre 1819 vom Zugmayer conftruirten verbefferten Pfluge fehen können; aber diefe vereinzelten Beftrebungen um die Einführung vervollkommneter Geräthe und Mafchinen blieben trotz der Fortfchritte, welche allmälig in der Verbefferung und Neuconftruction derfelben gemacht wurden, zumeift ohne gewünſchten Erfolg. Erft den Weltausftellungen blieb es vorbehalten, die Conftructionen der einzelnen landwirthfchaftlichen Maſchinen gegenfeitig zu vergleichen und zu Die landwirthschaftlichen Geräthe und Maſchinen. 39 erproben, die erwiefenen Vortheile derfelben ins rechte Licht zu ftellen und for die bewährten Geräthe zur fchnellen Verbreitung zu bringen. Die erfte Weltausftellung zu London 1851 durch die Initiative des hochherzigen Prinzen Albert ins Leben gerufen, war verhältnifsmäfsig dürftig an landwirthschaftlichen Mafchinen. Sie brachte nicht viel Bewährtes und Erprobtes; meiftens waren es mehr oder weniger gelungene Anfänge, mitunter auch fonderbare Mechanismen, welche den verwunderten Blicken der zahlreichen Befucher vorgeführt worden find. Seit diefer Zeit hat fich der landwirthfchaftliche Mafchinenbau als ein fehr fruchtbarer erwiefen. Jede der nachfolgenden Weltausstellungen, welche gleichfam , Etappen in der Fortfchrittsentwicklung desfelben bilden", hat etwas Neues gebracht, oder wenigftens einen durchgebildeten und zu einer conftanten Ausführung gelangten Zweig des agricolen Landwirthfchaftswefen in feiner Gefammtheit vorgeführt, bis die letzte der bisherigen Weltausstellungen, 1873 in Wien, durch eine folche Fülle, Mannigfaltigkeit und gediegene Conftruction faft aller landwirthfchaftlichen Mafchinen und Geräthe fich auszeichnete, wie keine Ausftellung zuvor, fo dafs die aus allen Ländern zahlreich herbeigeftrömten Landwirthe mit Verwunderung diefe impofante, in jeder Hinsicht hervorragende landwirthschaftliche Expofition betrachteten und ftudirten. Es war fchwer und zeitraubend, diefe arbeitsfördernden Mechanismen einzeln oder bis ins kleinfte Detail der Conftruction zu unterfuchen und mühfelig, das Wahrgenommene kurz, bündig und doch fo vollständig zu befchreiben, dafs nichts Wichtiges überfehen, oder etwas, was von Bedeutung ift, vergeffen wurde. Die in dem letzten Vierteljahrhundert abgehaltenen Ausftellungen haben aber klar gezeigt, wie diefer Zweig des Maſchinenwefens eine eigenthümlich rafche Entwicklung erfahren hat; zweckmäfsige Verbefferungen des bewährten Alten und wichtige Erfindungen von Neuem haben fich in eiliger Folge gehäuft. Nahezu den meiften mechanifchen Bedürfniffen des landwirthfchaftlichen Betriebes fuchte der wohlgepflegte Erfindungsgeift unferes Jahrhundertes entgegenzukommen und nach Umftänden gerecht zu werden, fo dafs es faft fchwierig ift, aus der Maffe des Gebotenen das Brauchbare und Nothwendige von dem Unbrauchbaren und Entbehrlichen zu fichten und das abfolut Befte mit Beftimmtheit hervorzuheben. Seit der vierten Weltausftellung in Paris im Jahre 1867 fcheint aber in der bis dahin ruhelofen Entwicklung des landwirthschaftlichen Mafchinenwefens ein bemerkbarer Stillftand eingetreten zu fein; denn die Erfindungstalente haben fich mehr den Verbefferungen fchon bekannter Maſchinen zugewendet, und befonders beachtenswerthen, weittragenden Erfindungen, neuen, noch nicht dagewefenen landwirthschaftlichen Mafchinen begegnet man fehr felten nicht. Wohl aber tritt das Streben der Fabrikanten hervor, die am meiften gebrauchten Mafchinen in zweckmäfsigeren, möglichft einfachen und höchft foliden Conftructionen zu liefern. - faft gar Befonders fcheint das laufende Jahrzehnt mehr dazu beftimmt, die epochemachenden Ideen früherer Zeiten und die bisher gewonnenen Refultate diefes Zweiges praktiſch zu verwerthen. Diefs läfst fich vom Pfluge, den Drill- und Mähemaſchinen, den Dampf- Drefchapparaten und Futterzubereitungs- Mafchinen gleichmässig fagen, obgleich in allen diefen Kategorien auch in der letzten Zeit viel verfucht und angeblich noch viel mehr verbeffert worden ift. Trotz der verfchiedenen Namen diefer Erfindungen und Verbefferungen, find es vielleicht kaum ein Dutzend originaler Grundideen, um welche fich die Conftructionen jener wichtigen landwirthfchaftlichen Geräthe gruppiren, und auf welchen fie in ihrer praktifchen Ausführung fo bafiren, dafs von zeitgemäfsen, zweckmäfsigen Verbefferungen eben ein gröfserer Nutzen und folglich auch vermehrter Gebrauch zu erwarten ift. Bei der Betrachtung der ausgeftellten landwirthfchaftlichen Mafchinen und Geräthe follen diefelben je nach ihrer Verwendung und Anordnung gruppirt O 40 Ant. Adam Schmied. und dann die einzelnen Länder je nach der Stufe, welche die Entwicklung der landwirthfchaftlichen Mafchineninduftrie derfelben einnimmt, möglichft umfaffend betrachtet werden, wobei jedoch behufs Vermeidung möglicher Mifsverftändniffe ausdrücklich bemerkt wird, dafs die Transportmittel und Motoren, fowie alle Geräthe und Mafchinen, welche bei der Thierzucht und Viehhaltung verwendet werden, hier ausgefchieden und ſpeciellen Berichterstattern zugetheilt worden find, und dafs es wegen des knapp bemeffenen Raumes angefichts der umfangreichen Expofition nicht möglich war, einzelne Abbildungen zu liefern, was ohnediefs auch nicht im Sinne der officiellen Berichterftattung gelegen ift. Die Bodenbearbeitungs- Geräthe. Der Pflug bleibt das wichtigfte, in manchen Gegenden für die Bodenbearbeitung faft ausfchliefslich in Anwendung ftehende Ackergeräth und findet fich in den verfchiedenartigften Conftructionen ausgeftellt. Die Abänderungen in feiner Conftruction werden einestheils durch den angeftrebten Zweck und die auszuführende Arbeitsleiftung, anderentheils aber durch die Mannigfaltigkeit der Bodenbefchaffenheit und durch die verfchiedene zur Verfügung stehende Zugkraft bedingt. Da man in der letzteren Hinficht hauptfächlich zwifchen fchwerem und leichtem, zwifchen cultivirtem und rohem Boden, fowie zwifchen kräftiger und fchwacher Zugkraft zu unterfcheiden hat, fo kann man nie die Erfindung eines Univerfalpfluges erwarten, während andererfeits felbft bei der Verfchiedenartigkeit der mit dem Pfluge vorzunehmenden Vorrichtungen die Anwendung fo zahlreicher und verfchiedener Conftructionen, wie man fie in Wirklichkeit findet, nicht gerechtfertigt werden kann; es wäre fomit vielleicht geboten, auf eine Vereinfachung der Pflugconftruction hinzuwirken. Eine Fülle von anregenden Ideen vermochte der aufmerkfame Beobachter bei der eingehenden Befichtigung und Prüfung der im Pavillon des Ackerbau- Minifteriums zugänglich gemachten hiftorifchen Pflugfammlung zu fchöpfen. Diefelbe ift an und für fich aufsergewöhnlich intereffant, ift ein wahres Unicum der Weltausftellung und befonders für den fpeciellen Fachmann eine faft unerfchöpfliche Fundgrube der Studien der Gefchichte diefes wichtigen Geräthes. Die Sammlung ift von dem k. k. Minifterialrathe W. Hamm in einer folchen Vollständigkeit zufammengeftellt, wie diefelbe bisher nie und nirgends verfucht worden ift. Für die Wiffenfchaft und Praxis hat diefe aus 167 Original- Exemplaren aller Völker und Welttheile gebildete Pflugfammlung einen gleich hohen Werth, denn fie repräfentirt nicht etwa eine Zahl, fondern die Mannigfaltigkeit der Conftruction. Sie ift hiftorisch und ethnographifch zugleich. In ihrer Vollständigkeit und ftreng fyftematifchen Ordnung gewährt fie eine wiffenfchaftliche Eintheilung und illuftrirt, fo weit möglich, eine überfichtliche Gefchichte des Pfluges von feinen Uranfängen bis zu feiner heutigen höchften Stufe der Entwicklung, wodurch fie Anlafs zur Bewunderung des Fleiſses und des ausgeprägten Geiftes in den einzelnen Zeitepochen bietet. Durch eine fachgemäfse Vergleichung erlaubt fie einen verläſslichen Schlufs über die Wirthschaftsweife, hauptfächlich über die Entwicklung der Bodencultur, das heifst, auf welcher Stufe die Bodenbearbeitung in den verfchiedenen Ländern fteht, und bildet endlich ein unfchätzbares Hilfsmittel des vergleichenden Studiums, welchem bei allen exacten Wiffenfchaften mit Recht in erfter Reihe die hervorragendften Stellen eingeräumt werden follen. Dafs eine befondere Rückficht auf die in dem Kaiferftaate Oefterreich- Ungarn in der Vorzeit und gegenwärtig üblichen Pflugwerkzeuge heimifcher Art genommen worden ift, iſt felbftverſtändlich; die Sammlung derfelben kann in jeder Rückficht eine vollſtändige genannt werden. In der additionellen Ausftellung begegneten wir den Modellen einiger für die öfterreichifche Culturgefchichte fehr wichtigen Pflugformen; namentlich waren Die landwirth fchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 41 da zu fehen der nach mathematiſchen Principien conftruirte Kleyle' fche Pflug, aus dem Jahre 1851; Ugazy's öfterreichiſcher Pflug mit Einftreifer, aus dem Jahre 1824; Jordau's Vöfendorfer Pflug, Trautenauer einfterzige Schwing. haken aus dem Jahre 1814, Ruchadlo der Gebrüder Wewerka, aus dem Jahre 1838; ein Ruchadlo mit Geftell, nach Diebel verbeffert( 1839), und ein RuchadloWechfelpflug( 1846). Das Ruchadlo, ein Krümelpflug mit Vordergeftell, wurde von den Vettern Wewerka zu Rybytew bei Bohdanei( refpective Pardubitz) wahrfcheinlich im Jahre 1828 erfunden und zuerft durch den böhmischen Dichter Jaroflaw Langer in der Zeitfchrift ,, Cechoflaw" vom Jahre 1831 bekannt gemacht. In feiner urfprünglichen Form allen mathematifchen Principien Hohn fprechend, wurde das böhmifche Ruchadlo von vielen hervorragenden Landwirthen mannigfaltig verbeffert und erlangte rafch eine ſchnelle Verbreitung. Die eigenthümlichfte Conftruction desfelben ift wohl Horfky's Ruchadlo mit Wühlfcharen, vom Gutsbefitzer Horfky Ritter von Horfkysfeld im Jahre 1853 erfunden, hauptfächlich zur Durchführung feines gleichzeitig aufgeftellten neuen Ackerungsfyftemes. Das Ruchadlo hat fich fchnell über ganz Europa, ja felbft nach Amerika verbreitet und ift in feinen zahllofen Nachbildungen und unter verfchiedenen Bezeichnungen jedenfalls das gegenwärtig am meiften verwendete Pflugwerkzeug der ganzen Welt. Unter den ausgeftellten Pflügen nehmen unftreitig die englifchen Pflüge den erften Rang ein. Namentlich ift es die Firma Ranfomes, Sims and Head, welche eine reichhaltige Collection von prächtig gearbeiteten und zweckmäfsig ausgeführten Pflügen ausftellte, die mehrere intereffante Objecte enthielt. Die Fabrik von Ranfomes, Sims& Head( in Jpswich) wurde im Jahre 1785 gegründet, nimmt gegenwärtig einen Raum von 7 Kataftraljoch ein und befchäftigt 1100 Männer und Burfchen. Seit mehr als 80 Jahren befchäftigt fich diefelbe mit Pflugfabrication und hat die Conftruction der Pflüge zur höchften Vollkommenheit gebracht. Die wichtigfte Erfindung für Pflüge, nämlich die patentirten gehärteten Pflugfcharen aus Gufseifen, jetzt überall in Verwendung, wurde im Jahre 1803, durch Robert Ranfome, den Gründer der Fabrik, patentirt. Seit jener Zeit hat fich die Fabrik derart vervollkommnet, dafs fie bereit ift, jede Art Pflug, für die verfchiedenen Methoden der Landwirthfchaft in allen Theilen der Welt geeignet, zu fabriciren. In Oefterreich und auch in Böhmen werden namentlich die Pflüge mit den Marken H C und der„ Kosmos- Pflug" gekauft. Erftere find mittelfchwere Pflüge mit hölzernem Grindel und Vordergeftell, für leichten und gemifchten Boden und fchneiden eine Furche 4 bis 9 Zoll tief und 9 bis 12 Zoll breit. Der New- Caftler Preispflug macht auf den Mann der Praxis einen entfchie den günftigen Eindruck: der lange, leicht gefchwungene, feine Keil des eigentlichen Pflugkörpers verfpricht einen ficheren Gang und fcheint nicht viel Zugkraft zu fordern. Der grofse Pflug mit der Marke YFR W ift hauptfächlich aus Schmiedeifen und Stahl conftruirt und hat patentfchmiedeiferne Griesfäule, mit fchmiedeiferner Seitenkappe verfehen. Er fchneidet eine Furche 18 Zoll breit und 6 bis 8 Zoll tief und verrichtet daher die doppelte Arbeit eines Pfluges. Da er aber 250 Wiener Pfund wiegt, fo benöthigt er fehr viel Zugkraft und ift befonders dort nützlich, wo viel Land in kurzer Zeit gepflügt werden mufs und menfchliche Arbeitskräfte dürftig find. Bei uns dürfte fomit diefer Pflug kaum Verwendung finden, während er im füdlichen und mittleren Rufsland unter den dort üblichen Verhältniffen der Feldbeftellung eine ausgedehnte Verbreitung findet. Der Wendepflug SPT( Skelton's Patent) ift durchaus von Eifen, fehr leicht gebaut und doch fehr ftark, hat nur das Streichbret doppelt, indem Schar und Sech durch Drehung für die rechte oder linke Seite verwendbar find. Diefer fchöne Pflug ift zum Hügelpflügen beftimmt, fowie in ebenen Gegenden, um das Land für Mähmafchinen vorzubereiten, weil er alle Furchen nach einer Seite legt und fomit keine Beete bildet. Die einfachfte Form des Wendepfluges ift aber der Pflug mit der Marke D T, welcher ganz befonders für feichtes Pflügen 42 Ant. Adam Schmied. auf leicht beweglichem Boden pafst. Ein Flügel auf der Schar wirkt als Kolter, und am Ende der Furchen werden Schar und Streichbret unter den Grindl gefchoben, um die nächfte Furche eben pflügen zu können. Derfelbe ift namentlich für Indien und andere Länder, deren Bewohner noch nicht an complicirtere Pflüge gewöhnt find, conftruirt. Die von der Firma Ranfomes, Sims& Head ausgeftellten Doppelpflüge find fehr fchön conftruirt, fcheinen aber bereits etwas complicirt zu fein. Meiftens, find die Doppelpflüge Flachwender mit zwei Pflugkörpern nebeneinander, ftählernen Streichbretern, Frictionsrad und einem Hebelapparate, um den Pflug am Ende des Feldes aus dem Boden zu heben und umzuwenden. Statt des vorderen Pflugkörpers kann man an dem Doppelpfluge RND D eine Untergrundfchar anbringen, namentlich wenn es fich um die Vertiefung des Bodens für Rüben handelt. Der patentirte vielfache Pflug MEM ift mit drei Pflugkörpern verfehen, wovon jeder eine 10 Zoll breite Furche fchneidet, fo dafs fich derfelbe für leichten Boden und dünnbevölkerte Gegenden, wo die Arbeitskraft gering ift, vortrefflich eignet. Die Tiefe der Arbeit läfst fich vermittelft eines mit den Rädern in Verbindung ftehenden Hebels von 2 bis 7 Zoll verändern. Wegen feiner Complicirtheit ift der Dreifurchenpflug nicht viel zu empfehlen. J.& F. Howard( Bedford) ftellten eine Sammlung vorzüglicher Pflüge aus. Die Howard'fchen Pflüge find nach vieljähriger Erfahrung auf ihre jetzige Höhe der Vollkommenheit gelangt. Das Ziel der vielfachen Verfuche war, die günftigfte Form mit dem geringften Gewichte, der gröfsten Feftigkeit und äufserften Einfachheit der Theile zu vereinigen. Durch die grofsen anerkannten Leiftungen auf diefem Gebiete ift der Ruhm der Firma begründet worden und hat diefelbe auch bis heute hierin wenige ebenbürtige Concurrenten. Der Howard'fche„ Championpflug" mit dem langen, fchön gewundenen Streichbret ift zu allgemein bekannt, als dafs auf denfelben noch hingewiefen werden follte. Der fehr vereinfachte FB- Doppelpflug hat eine zweckmäfsige Vorrichtung zum Ausheben aus der Erde und zum Transport. Der Pflüger hat lediglich einen Handhebel zu löfen und es werden durch die Vorwärtsbewegung der Pferde die Pflugfcharen aus dem Grunde gehoben, was das Umkehren bedeutend erleichtert. Der beffarabifche Pflug ift von einfachfter Zeichnung und Conftruction, ganz aus Schmiedeifen und Stahl angefertigt und hat fchmiedeiferne Räder. Das Schar ift 15 Zoll breit und der Pflug hauptfächlich zum Tiefpflügen gebaut. Howard's Pflüge zeichnen fich durch gehärtete Scharen, welche mittelft eines eigenen patentirten Proceffes gehärtet werden und fich viel fchärfer und dauerhafter erweifen, als alle anderen, wie immer fabricirten Scharen. Sie werden in verfchiedenen Gröfsen und Formen, für alle Bodenarten und Ackerungsweifen paffend, verfertigt. Während die Howard Pflüge und anverwandte langgeftreckte engliſche Pflüge eine befonders vorzügliche Pflugarbeit liefern, find einzelne Formen der Ranfomes Pflüge kürzer gebaut und dürften fich ganz vorzüglich zur frifchen Saatbeftellung eignen. R. Hornsby& Sons( Grantham) führten neben dem verbefferten PatentContinentalpflug, welcher fpeciell für Rufsland und den Continent im Allgemeinen conftruirt ist und dem fchmiedeifernen Royal- Champion- Pfluge, deffen Schar von patentirter Conftruction, felbftfchärfend und von dem vorzüglichften Hartgufs ift, hauptfächlich den neuen Patent- Doppelpflug mit patentirten Radial- Streichbretern vor. An diefem Pfluge find alle gleitenden Flächen( z. B. die Sohle) und andere reibende Theile vollkommen vermieden und anftatt derfelben Frictionsräder in Anwendung gebracht, wodurch das Geräth fehr leicht wird; das Schar- und Streichbret find fehr fchön geformt und geftatten eine richtige Stellung des Streichbretes zu der Furchenbreite; alle Räder find mit patentirten herausnehmbaren Achsbüchfen und Achfen aus Hartgufs conftruirt. Ueberhaupt zeichnet fich diefer Pflug durch manche Verbefferungen aus und weicht das Princip, nach welchem er conftruirt ift, erheblich von allen bisher bekannten ab. Die landwirth fchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 43 Clayton& Schuttleworth( Lincoln) ftellten ihren im Jahre 1867 conftruirten Pflug aus, welcher fich gegenwärtig fchon einer ziemlichen Verbreitung erfreut. Grindel und Sterzen find aus Holz, das Schar ift von Stahl, 9½ Zoll breit, das Streichbret mittellang und fehr zweckmäfsig gewunden und das pflugeiferne Pflughaupt an dem Grindel mittelft eines horizontal durchgehenden Bolzens befeftigt; durch eine rückwärts angebrachte Stellfchraube kann eine Spitz- oder Flachftellung der Scharfpitze bewirkt werden. Im mittleren Boden lockert er den Boden fehr gut bis auf 10 Zoll Tiefe. Die anderen englifchen Firmen können wir nur kurz berühren. E. Page and Comp.( Bedford) ftellte ihre patentirten ,, Eklipfe"-Pflüge, für fchweren Boden und zum Tiefpflügen eingerichtet, ihren fchmiedeifernen Colonialpflug, welcher auch in Oefterreich Eingang gefunden hat, den fchmiedeifernen deutfchen, an die Ruchadloform ftark erinnernden Pflug, den römifchen Wendepflug mit einer Sterze, welcher fich als Bergpflug gut bewährt hat, und den doppelfurchigen Colonialpflug aus. G. W. Murray& Co.( Banff, Schottland), der erfte Erfinder des Doppelpfluges in feiner gegenwärtigen Form, ſtellte den fchönen Champion- Doppelpflug von grofser Leiftungsfähigkeit aus; derfelbe ift auch verftellbar in einen combinirten Pflug mit Sechmeffer. Lewi's Pflüge waren nach dem bekannten englifchen Syfteme gebaut u. f. w. Aus den ausgeftellten Pflügen war erfichtlich, dafs England, wie überhaupt im landwirthschaftlichen Maſchinenwefen, auch in der Conftruction der Pflüge am höchften ſteht und durch viele Firmen Vorzügliches leiftet; gewifs hat wohl keine Nation dem Howard- Pfluge etwas Ebenbürtiges entgegenzufetzen. Aufser England hat auch Amerika Pflüge gebracht, die durch eine zweckmässige Conftruction, guten Bau und Schönheit der Arbeit fich auszeichnen. Freilich haben fich nur fehr wenige Firmen und blos mit einigen Exemplaren an der Ausftellung betheiligt, aber was fie exponirten, kann als gelungen betrachtet werden; fo die bekannten Ramington- Pflüge der Firmen Wood, dann Warder, Mitchel& Comp., die verfchiedenen Pflüge von Deere& Comp. mit mittellangem bis langem Streichbret und langem breiten Schar, Schwingpflüge, einer darunter mit dem befonders in Amerika beliebten Radfech; hauptfächlich aber die Pflüge von Collins& Co., welche die amerikaniſche Pflugform in anerkennenswerther Präcifität vorführen; der ausgeftellte zweirädrige Pflug mit zwei Scharen und erhöhtem Kutfcherfitz fcheint jedoch zu complicirt, als dafs er zur allgemeinen Anwendung empfohlen werden könnte. Der Pflüger geht hier nicht hinter dem Pfluge, fondern fitzt ziemlich hoch über demfelben; durch einen an diefem angebrachten Hebel rückt er den Pflug aus der Furche aus und läfst ihn wieder in den Boden eingreifen. Wie unermüdlich die Amerikaner in der Erfindung von immer neuen Geräthen find, zeigt am beften der im Pavillon des Ackerbau- Minifteriums ausgeftellte amerikanifche Pflug mit rotirendem Streichbret, bei welchem in zweckmäfsiger Nachahmung die erdaufwühlende Thätigkeit des Maulwurfes zum Vorbild genommen worden ift. Derfelbe ift ein Glattpflug mit ftellbarem Streichbret, das während des Ganges rotirt und den abgefchnittenen Boden gartenmäfsig lockert und zerkleinert. Die englifchen und amerikanifchen Pflüge find faft durchwegs ftark gebaut, ganz von Eifen und fehr fchwer, in der Regel Schwingpflüge, die aus diefer Urfache Gewandtheit, Gefchick und Kraft in höherem Mafse bedürfen, als fie unfere gewöhnliche Pflugbedienung und Befpannung gewähren; auch find die meiſten zu einer Ackerung von 10 bis 12 Zoll gebaut, die noch lange bei uns keine gewöhnliche ift: neben dem grofsen Preife diefer Pflüge dürfte es wohl mit ein Hindernifs der fo wünſchenswerthen Verbreitung diefer vorzüglichen Geräthe bei uns fein. Aber unter einander find diefe Pflüge wieder fehr verfchieden. Die englifchen Pflüge find meiftens Flachwender mit langem, mittelhohem Streichbret und langen, liegenden Sterzen, während die amerikanifchen Pflüge meiftens Steilwender find 44 • Ant. Adam Schmied. mit einem mittellangen, fteilen Streichbrete, einer in eine Meifselfpitze aus laufenden Schar, kurzem gebogenen Grindel und hohen Sterzen. An die englifchen Pflüge reihen fich die aus Deutfchland ausgeftellten Acker- Werkzeuge in jeder Hinsicht würdig an. Von den deutfchen Ausftellern liefert befonders fchöne Pflüge H. F. Eckert( aus Berlin), welcher den englifchen Fabrikanten mit feinen netten Pflügen bereits ftarke Concurrenz bereitet. Eckert baut feine Pflüge hauptfächlich nach zwei Syftemen. Die Pflüge des amerikanifchen Syftemes haben fchraubenförmig gewundene, mittellange Streichbreter; diefelben fchneiden den Boden ftreifenförmig ab, heben den Erdftreifen langfam und legen ihn allmälig um. Dann Pflüge des Ruchadlo. Syftemes mit kurzem, erft allmälig, zuletzt fteil anfteigendem Streichbrete, das gar nicht gewunden ift; der gehobene Erdftreifen ftürzt leicht um und wird ausgezeichnet gelockert. Eckert's Pflugfortiment ift fehr reichhaltig und intereffant. Sein RuchadloMeifselpflug mit neuer Patentkarre; Ruchadlo- Schwingpflug mit eifernem Balken und Stahlmeifsel, für milden und mittelfchweren Boden mit harter Oberfläche gebaut, bei welchem das Abnutzen der Scharfpitze, die durch einen Stahlmeifsel gebildet wird, durch diefen befeitigt ift; der zweifcharige Ruchadlo- Pflug mit Vorderkarre, mit welchem man in nicht zu fchwerem Boden mit drei Pferden leicht 22 Zoll breit und 6 Zoll tief pflügen kann; deffen vorzüglicher amerikaniſcher Schwingpflug, welcher fich durch Stahlftreichbret und eine fehr breite, mit langer Stahlfpitze verfehéne Schar vortheilhaft auszeichnet; deffen fchwerer TiefculturPflug( Rajolpflug) mit Schälfchar, dann der Schälpflug, der Wendepflug und neuer Wafferfahren- Pflug, bei welchem die aufgeworfene Erde durch die beiden verftellbaren Eggenarme wieder vertheilt wird und die übrigen Ackerwerkzeuge haben die Aufmerkfamkeit des landwirthschaftlichen Publicums ftets in hohem Grade erregt. Eckert's Pflüge find entweder Schwingpflüge oder befitzen deffen neue patentirte drehbare Pflugkarre, haben Streichbreter aus Stahl oder Gufseifen, und die letzteren find über eine Coquille gegoffen, um ihnen gröfsere Feftigkeit zu geben; fie find auf der reibenden Fläche fo hart und glatt, dafs die Abnutzung verfchwindend ift. Bei fämmtlichen Scharen ift endlich das Stahlmeifsel- Syftem eingehalten; die Scharen bedürfen in Folge deffen keiner fo häufigen Schärfung und ihre Arbeitstüchtigkeit wird durch diefe Vorkehrung erhöht. Das Ruchadlo von Eckert, im Jahre 1849 conftruirt, ift von dem böhmifchen Ruchadlo, welchem es nachgebildet ift, wefentlich verſchieden durch fanfter anfteigende StreichbretForm und fpitzere und horizontalere Stellung der Schar; deffen Arten find befonders in Preufsen und Rufsland verbreitet und werden davon jährlich mehrere Taufende abgefetzt. R. Sack's( Plagwitz) gut conftruirte und fchön gearbeitete Pflüge, befonders deffen bekannter Tiefpflug, fowie der Univerfalpflug, müffen ebenfalls rühmend hervorgehoben werden. Wenn auch zugegeben werden mufs, dafs das landwirthfchaftliche Publicum im Allgemeinen eine nicht unberechtigte Averfion gegen alle fogenannten Univerfalgeräthe an den Tag legt, indem ihre Univerfalität in der Regel auf Koften der in erfter Linie wünſchenswerthen einfachen und praktiſchen Verwendbarkeit erreicht wird und deren Complication gewöhnlich Unannehm lichkeiten in der Handhabung zur Folge hat, wodurch die Verwendbarkeit derfelben zumeift in die engen Grenzen gewiffer günftiger Verhältniffe eingefchränkt wird: fo kann doch betont werden, dafs das Sack'fche Univerfalgeräth an den befürchteten Gebrechen nur in geringem Mafse leidet, da eben möglichste Einfachheit den Grundzug der ganzen Conftruction bildet; denn es find daran nur diejenigen Beftandtheile beibehalten, welche allen Ackergeräthen gemeinfchaftlich find, alfo Pflugbaum, Sterzen und Vordergeftell und letzteres in den beiden verfchiedenen Formen als eigentliches Vordergeftell oder als einfache Radftelze. Alle übrigen Beftandtheile jedoch, mithin diejenigen des eigentlichen Pflugkörpers, find jeder für fich befonders fehr einfach und vollkommen ausgeführt und an dem . Die landwirth fchaftlichen Geräthe und Maſchinen. 45 Grindel in möglichft einfacher Weife zu befeftigen. So kann das Geräth als der gewöhnliche oder ruchadlo artige Pflug, als Häufelpflug, Kartoffelrodepflug u. dgl. zufammengefetzt werden, wodurch in mancher Beziehung das Inventar vereinfacht und vermindert werden könnte. Die Firma Gebrüder Eberhard( in Ulm a. D.) ftellte eine grofse Anzahl von fehr zweckmäfsig conftruirten, zum Theile nach dem Howard'fchen und amerikanifchen Syfteme gebauten Pflügen aus, welche fich alle im praktiſchen Leben gut bewährt haben. Die Fabrik fertigt die Pflüge als ihre Specialität in vier Sorten an; immer ift aber der Pflugkörper überaus forgfältig fchraubenförmig gewunden, gefchliffen und polirt, fo dafs mit einem leichten und ruhigen Gange eine fehr fchöne Arbeit verbunden ift. Eberhard's fchmiedeiferner Beetpflug mit Regulator und einem nach Horfky's Art auf beliebige Tiefe ftellbaren Untergrundspfluge, welcher den Untergrund auflockert, ohne ihn mit der Ackerkrume zu vermengen und leicht abgenommen werden kann, wodurch der Pflug zu einem gewöhnlichen hergeftellt wird; deffen Ulmer Wendepflug, bei welchem der Pflugkörper nicht um eine Achfe gedreht, fondern durch einen einfachen Hebel am Grindel nach rechts oder links gebracht wird; der dreikörperige patentirte Beetpflug, mit welchem auf einmal 3 Furchen zu je I Fufs Breite geackert werden, der aber im Mittel 6 Centner wiegt und 150 Gulden koftet, alfo ziemlich fchwer zugänglich ift, erregten die meifte Aufmerksamkeit des Publicums. Die Erzeugniffe der anderen Firmen können wir nur flüchtig berühren: W. Siederleben& Comp.( Bernburg- Anhalt) Mansfelder Pflug, nach den Ruchadlo- Syftem conftruirt, ausgezeichnet durch äufserft feften Bau, leichten, ficheren Gang und günftige Furchenftellung, ift in den Rüben bau treibenden Wirthfchaften fehr beliebt; Paul Grofs'( Hohenheim) Pflüge nach dem bewährten hohenheimifchen Syfteme; Ed. Schwartz's( Berlinchen) fchön gebaute und zweckmäfsig conftruirte Pflüge; Rom. Werner's( Kamenz, Schlefien) bekannter Kamenzer Vereinspflug, ganz, von Schmiedeifen, den jeder Schmied anfertigen kann, fowie deffen zweifchariger Wendepflug, namentlich aber deffen achtfchariger Sturz oder Stoppelpflug, ebenfalls zu wenden, fo dafs immer vier Scharen rechts oder links arbeiten; Friedr. Behrendt's( Wanzleben) Pflüge, fchwer und ſtark gebaut, mit breiter, liegender Schar und hohem, mittellangem Streichbret, darunter ein dreifpänniger Pflug mit fehr hohem Streichbret, zum Tiefgang auf 60 Centimeter gebaut; Heinr. Fromme's( Holzminden) Doppelfchwing- Pflug; G. A. Markwart's( Zechin) brandenburgifche Pflüge; befonders aber Clayton und Shuttleworth's Pflug verdienen namentlich hervorgehoben zu werden. Der Umftand, dafs die englifchen Pflüge in ihrer reinen Form in Oefterreich verhältnifsmäfsig wenig Anklang fanden, beftimmte Clayton im Jahre 1867, einen Pflug zu conftruiren, welcher die Vorzüge des englifchen mit den für die öfterreichifchen Verhältniffe nöthigen oder gewohnten Einrichtungen vereinigte. Der ganze Pflug hat einige Aehnlichkeit mit dem Hohenheimer und wurde bei den englifchen Pflügen bereits angeführt. Unter den öfterreichifchen Pflügen ftehen die von Ant. Burg& Sohn ( in Wien) ausgeftellten Pflüge in Beziehung auf die Vorzüge der Ausführung den englifchen Fabricaten am nächften. Sie find fehr zweckmäfsig nach dem bewährten Zugmaier'fchen Princip conftruirt, fehr gut gebaut und für die öfterreichifchen Bodenverhältniffe in jeder Hinficht vollkommen anpaffend. Fr. Kugler( Wien) ftellte fchöne Pflüge, nach dem Syftem Vidals conftruirt, aus. Aug. Scholz ( Jauernigg in Schlefien) ftellte eine Sammlung gut conftruirter Kamenzer Vereinspflüge, die oben fchon befchrieben worden find, aus; Carl Fürft Paar( Wien) einen Pflug, eigentlich Horfky's Ruchadlo mit Wühlfcharen, mit einer einfachen Vorrichtung zum gleichzeitigen Eggen, beftehend in einer rechts vom Grindel gehenden leichten Egge mit kurzen Zinken; Comizio Agrario di Parenzo einen primitiv gebauten Schwingpflug aus Iftrien, genannt Mangolino, mit einer bereits eifernen Schar, langem, kaum mittelhohem Streichbret und einem Sech, 46 Ant. Adam Schmied. an dem eigentlichen kurzen Grindel kann ein zweiter hölzerner Grindel von etwa acht Fufs Länge angebracht werden, fo dafs fich der Pflug zum directen Anfpannen und auch zum Vordergeftell eignet. Bernhard Eichmann( Prag) hat eine überaus reiche Collection von landwirthschaftlichen Mafchinen und allerhand Geräthen fo maffenhaft ausgeftellt, dafs in deffen wirklich grofsartiger Ausftellung kaum ein Artikel, der in Böhmen überhaupt erzeugt wird, mangelte. Es ift gewifs überflüffig, über die Leiftungen diefer beftrenommirten k. k priv. Agricultur- und Induftrial- Mafchinen- Bauanſtalt, die feit dem Jahre 1852 befteht und gegenwärtig eine grofse Ausdehnung erreicht hat, näher zu berichten; um die Hebung der landwirthfchaftlichen Mafchineninduftrie Böhmens hat fich diefelbe grofse Verdienfte erworben. Die ausgeftellten Objecte waren durchwegs fehr fchön und zweckmässig gearbeitet: bei forgfältiger Conftruction, vorzüglichem Material und gewiffenhafter Arbeit wird überall das Princip der Solidität ftreng gewahrt. Wir fanden dafelbft Vertreter der hauptfächlichften Pflugformen, die fich bisher in Oefterreich bewährt haben, den Kleyle'fchen Pflug neben dem Hohenheimer Schraubenpflug neuefter Conftruction; den Grignonpflug fchwerfter Bauart neben dem amerikaniſchen Schwingpflug und dem fchottifchen Pflug mit gufseifernem Streichbrete; Zugmayer'fche und Howard'fchen Pflug neben dem Sack'fchen Ragolpflug und Sommerville'fchen Doppelpflug: Horfky'fches und Henikſtein'fches Ruchadlo mit Vordergeftell, Auswechslungsfchar und zwei Wühlern neben Weiffe'fchen Spatenpflügen verfchiedener Art, vom einfachen Spatenpfluge bis zum Spatenfchwingpfluge mit Untergrundwühlfcharen, Transporträdern und Vordergeftell lauter alte Bekannte, richtig conftruirt und gefällig ausgeführt. Nur Weiffe's Ruchadlo( genannt Pokrok) und deffen Schwingpflug( genannt Bohumil) find neu. Der Bohumilpflug, im Jahre 1864 conftruirt, ift ein Steilwender und wird als Beetpflug mit Vordergeftell oder als Schwingpflug angewendet. Derfelbe hat fich als ein in jeder Hinsicht gelungener Pflug bewährt, doch kann er nur bei Klein- Grundbefitzern, die über geringere Zugkraft verfügen, mit Vortheil Anwendung finden, weil man eben da, wo man über ausreichende Zugkraft verfügt, fich immer für einen zur gröfseren Tiefe gehenden Pflug entfchliefsen wird. An die öfterreichifche Pflugausftellung reihte fich würdig die ungarifche Pflugcollection an. Obenan ftanden die Erzeugniffe des Stephan Vidals( aus Budapeft), ausgezeichnet durch fefte, dauerhafte Conftruction und vorzügliche Arbeit. Neben dem fehr fchön gebauten Hohenheimer Pfluge und dem GarvinsPfluge, auf 14 bis 16 Zoll verwendbar, erregten die Original- Vidals- Pflüge ohne Karren, mit kurzen Wendebretern, Refervefchar und Schlüffel das meifte Intereffe. Der Vidals'fche Pflug, ein Steilwender, wird in vierfacher Gröfse gebaut und hat ein eigens conftruirtes Vordergeftell zum Stellen desfelben auf eine tiefere und breitere Furche und umgekehrt. Zuerft conftruirt durch Stephan Vidals zu Peft im Jahre 1838, wurde diefer Pflug in den folgenden Jahren wefentlich verbeffert und erfreut fich gegenwärtig einer grofsen Verbreitung. Es find mehr als 150.000 Stück diefes Pfluges aus der Fabrik des Erfinders hervorgegangen und find in Oefterreich, Ungarn, in der Türkei und den übrigen füdlichen Ländern verbreitet; in den Donaufürftenthümern ift der Name, Vidals" gleichbedeutend mit„ Pflug" geworden. Eduard Kühne( Wiefelburg) ftellte einen verbefferten Hohenheimer Pflug, bei welchem auf vorzügliche Stahlfcharen und genaueft geprefste Streichbreter die gröfste Aufmerkſamkeit verwandt wird, dann den ungarifchen Pflug vollkommenfter Art mit eifernem ftellbaren Vordergeftelle aus. Die meiften ungarifchen Pflüge lehnen fich an die Hohenheimer Conftruction an, doch find bei denfelben Kopf, Sohle und Landfeite ein Gufsftück, der Körper mittelft einer Schraube feitlich am Grindel befeftigt und um diefe drehbar, wodurch die Stellbarkeit des Vordergeftellpolfters( Sattels) entfällt, der Pflug aber an genauer Einftellbarkeit wefentlich gewinnt. Die landwirthfchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 47 Strobl und Baris ftellten ebenfalls fchöne Pflüge aus. Stadel Carl ( Raab) ftellte einen Sack'fchen Tiefgangpflug, Polgár Peter( Makó) einige fchwere Pflüge, Gubicz Andreas Nachfolger zehn gut conftruirte Pflüge für fchweren Boden mit Sech und fchöngewundenen langen Streichbretern und einige kleine Firmen noch diverfe Pflüge, darunter Ant. Seibert( Werfchetz) einen paffenden Hackpflug für Weingärten, aus. Die übrigen Länder Europas haben, was landwirthschaftliches Maſchinenwefen anbelangt, fehr dürftig ausgeftellt. Selbft Belgien, welches in der Landwirthschaft von jeher eine fehr hervorragende Stellung einnimmt, ift in diefer Hinficht fehr fchwach vertreten, indem es nur den charakteriftifchen Brabanter Pflug, von Lefèvre verbeffert, vorgeführt hat. Diefer Pflug ift wohlbekannt; ein Steilwender mit ftarkem Sech und abnehmbarer Schälfchar, Beetpflug mit eiferner Schuhftelze, einfterzig. In der Gefchichte der Entwicklung des Pfluges hat der Brabanter Pflug eine wichtige Rolle gefpielt. Derfelbe wurde 1807 von Schwarz aus der Gegend ( ,, Belgifche Landwirthfchaft") befchrieben und von demfelben von Antwerpen im Jahre 1819 in Württemberg eingeführt; von hier aus verbreitete er fich über die meiſten Länder Mitteleuropas. Er ift einer der älteften verbefferten Pflüge, wahrfcheinlich Vorbild des Rotherham- Pfluges, des Vorbildes aller neueren englifchen Pflüge. Nebftdem ftellte Belgien einen dem Brabanter Pflug ziemlich ähnlichen Charrue Odeurs, welcher nur eine längere, fchmälere, gezogenere Schar befitzt, und den Brabanter Doppelpflug, auf Räder- Vordergeftell, der Pflugkörper um 180 Grad drehbar und dem Lefèvre'fchen Pflugkörper täufchend ähnlich, aus. -- - In der fchweizerifchen Abtheilung haben einzelne Wagner und Schmiede einige Pflüge ausgeftellt, doppelt intereffant defshalb, weil die Pflüge von fchlichten Handwerkern verfertigt waren und fich im praktifchen Betriebe bereits erprobt haben; denn die meiſten derfelben find bereits gebraucht worden. J. Heer ftellte einen fchön, aber einfach gebauten Dombasle- Pflug aus Holz aus Diefer Pflug, urfprünglich von dem berühmten franzöfifchen Landwirth Mathieu de Dombasle im Jahre 1825 conftruirt, ift ein Steilwender, Beetpflug mit Vordergeftell und ift fehr verbreitet im ganzen öftlichen Frankreich und in der Schweiz. Gebrüder Thomer ftellten einen amerikanifchen Wendepflug aus mit herzförmiger Schar und einfach gewundenem Streichbret aus Eifenblech; Sam. Staufinger einen ziemlich fchweren Pflug mit Vorpflug einfacher Conftruction; Gottl. Siegrift einen Fahrpflug, einen Doppelpflug, bei welchem die Pflugkörper an dem Grindel derart angebracht find, dafs der erfte nach vorne, der zweite aber verkehrt nach rückwärts geftellt ift; Gottl. Vogt einen Pflug, der den Pflughalter entbehrlich macht, und Andere mehrere. Die fchwedifchen Pflüge waren faft ohne Ausnahme Schwingpflüge und Stelzpflüge; Karrenpflüge waren nicht ausgeftellt. Sie waren meift nach fchottifchem Modell gearbeitet: Ruchadlos find in Schweden faft unbekannt und die Arbeit derfelben ift wenig beliebt; denn der Schwede will glatte Furchen auf feinem Thon- und Lehmboden ziehen. Die Pflüge waren gröfstentheils ganz aus Eifen, Streichbret und Schar aus Stahl conftruirt. So ftellte die Forsviker Actiengefellfchaft fehr fchön conftruirte, nach englifchem Principe gebaute Pflüge mitgetheiltem Grindel, in deffen Mitte das Sech angebracht ift, aus; auch die Pflüge, von L. P. Eklundh ausgeftellt, waren für mittelfchweren bis fchweren Boden verfertigt und ganz aus Eifen gebaut. Hölzerne Pflüge fah man nirgends, höchftens hölzerne Grindel und Sterzen, wie an einzelnen Pflügen, vom Eifenwerk in Oefverum ausgeftellt. A. von Stockenftröm exponirte 10 ftark gebaute Pflüge für fchweren Mittelboden; diefelben hatten ein mittellanges, fchön gefchwungenes Streichbret und eine zungenförmig verlängerte Schar mit Nafenkoller u. f. w. Ueber Rufsland kann nicht viel gefagt werden; bezieht dasfelbe doch feine meiſten landwirthschaftlichen Maſchinen aus England und Deutſchland. 4 48 Ant. Adam Schmied. Lilpop, Rau& Comp.( Warfchau) ftellten zwei ganz eiferne Pflüge für fchweren Mittelboden aus. Roman Cichowski exponirte II patentirte Pflüge verfchiedener Conftruction und Gröfse, für verfchiedene Boden und mannigfachen Gebrauch, kleinere Pflüge zum flachen, gröfsere Pflüge zum mitteltiefen Pflügen, einen Doppelpflug und einen Tiefpflug; die Scharen find breit und fpitz, das Streichbret mittellang, abftehend, ftark gewunden, das Vordergeftell mit ungleichen, für fich ftellbaren Rädern. Warak fin ftellte„ feinen" nach dem englifchen Mufter gebauten, fehr ſchönen Radftelzen- Pflug mit Zugftange, Molterbret und einem langen, zweckmäfsig gebogenen Streichbret aus, und Lad. Mentzel einen fehr fchwer, faft plump gebauten Pflug für Rübencultur, auf die Tiefe von neun Werfchock ftellbar, mit maffivem, viereckigem Grundel, langer, meifselförmig verlängerter Schar und langem, hohem, fchön gewundenem, etwa 11 Zoll dickem Streichbret, wahrfcheinlich von hartem Holz verfertigt. Aus Griechenland hat blos G. Bafiliades in Piräus einige AckerWerkzeuge exponirt, welche in der Mafchinenhalle verfteckt und unbeachtet lagen, namentlich 6 Pflüge verfchiedener Gattung, einen ruchadloartig mit etwas verlängertem Streichbret und meifselförmig gedehnter, etwa 1 Zoll breiter und drei Zoll langer Spitze, die übrigen an das englifche Syftem erinnernd, mit fehr fchön gewundenem Streichbret, jedoch kurzem, aber ftets in eine meifselförmige Spitze auslaufenden Schar, deffen Schneidefeite etwas ausgebogen war, durchweg Schwingpflüge; nur einer hatte ein Vordergeftell nach englifchem Mufter; dann einen Pflug für Tracirung von Bewäfferungsanlagen, einen Pflug für Weinberge nach Seutre und ähnliche. Italien endlich hatte ziemlich viele Pflüge ausgeftellt, welche im Freien lagen, ohne jede Bezeichnung und durch die Einwirkung der fchlechten Witterung fchon ftark gelitten hatten. Die meiften waren nach dem fchottifchen Mufter conftruirt, hatten einen viereckigen Grindel, kurze, fteile Sterzen, mittellanges, hohes Streichbret und eine breite, in einem zungenförmigen Fortfatze auslaufende Schar; die meiſten waren Schwingpflüge oder hatten ein Radftelz. Die fchönfte Pflugfammlung( von 19 Exemplaren) hat Tomafelli Giacomo( Cremona) ausgeftellt, darunter den eigenthümlich gebauten Rincalzatore. Je weiter nach Süden, defto fruchtbarer ift der Boden, da die höhere Temperatur die Verwitterung der Bodenbeftandtheile im hohen Grade unterſtützt und durch die befchleunigte Zerfetzung derfelben dem gefteigerten Bedürfniffe an Pflanzennahrung genügt wird: defshalb haben auch in den warmen Klimaten die mannigfachen, die Befchleunigung der Verwitterung bewirkenden Mittel, welche in den gemäfsigten Gegenden eine fo hohe Bedeutung haben, wie z. B. die Bearbeitung des Bodens, nur eine untergeordnete Wichtigkeit. Diefe Thatfache erklärt es zum Theil, warum die füdlichen Länder fo wenige und mitunter auch noch fo primitive landwirthschaftliche Geräthe vorgeführt haben. Die übrigen Arten der Ackerwerkzeuge waren nur wenig vertreten und die ausgeftellten Exemplare derfelben zeigten in der Regel keine wefentlichen Verbefferungen. Einige Untergrund Pflüge bekannter Conftruction in der englifchen und franzöfifchen Ausftellung( befonders zeichnete fich der von Delahaye exponirte Untergrund- Pflug mit einer herzförmigen Schar durch ein eigenthümlich gebautes Geftell aus). C. Ljunggren( Schweden) conftruirte einen Untergrund Pflug mit langer Schar, deffen Flügelfeiten nach oben gehoben find und welche in der Mitte eine fcharfe Rippe trägt, die als Sech wirkt; diefer Pflug könnte durch eine kleine Modification in einem Behäufelpflug verwandelt werden. In der belgifchen Abtheilung fah man den einfachen Lefèvre'fchen Untergrund- Pflug, welcher eine fpitzige, fchmale, gleichfchenklige Schar an einer fenkrechten Griesfäule, die mit ihrer fcharfen Vorderkante als Sech wirkt, hat; feitwärts befinden fich an der Schar zwei 4 Zoll hohe Auffätze zum vollkommeneren Lockern des feften Untergrundes. In der deutfchen Abtheilung ftellte Rud. Sack feine vortrefflichen Gufsftahl- Rajolpflüge und Eckert feinen Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 49 bewährten Mineurpflug mit Stahlmeifsel und Stelzrad aus. In der öfterreichifchen Ausftellung fah man den einfachen Untergrunds- Pflug des Hyacinth Prufki ( Nieder- Oefterreich), bei welchem an einer fchief vom Grindel herabgehenden hölzernen Säule ein als Streichbret wirkendes, herzförmig nach unten fich verjüngendes Bret angebracht ift, welches in der Mitte das Untergrund- Schar trägt, das viereckig und bei einer Breite von 6 Zoll etwa 8 Zoll lang ift. Burg in Wien und Eichmann in Prag conftruirten zweckmäfsige, fefte und einfache, Untergrund- Pflüge, Kühne( Wiefelburg in Ungarn) ftellte einen fchön gebauten amerikanifchen und Read'fchen Untergrunds Pflug aus u. f. w. Noch dürftiger waren die Eggen vertreten. Die allbekannte belgifche Egge aus Holz und die hölzerne Dreiecksegge mit fchiefen, durch die Eggebalken hindurchgehenden Zinken, fo dafs diefelbe umgekehrt als Schleife verwendet werden kann, in der belgifchen Abtheilung; einige englifche gegliederte Eggen, befonders Howard's allbekannte eiferne Patent- Zickzack- Eggen und deffen Schlepp- und Ketteneggen, fowie die von Ranfomes, Sims& Head verbefferte fchmiedeiferne Egge, bei welcher die Zinken in einem gegliederten Rahmen angebracht find, welcher es möglich macht, allen Unebenheiten des Terrains zu folgen; einige Ketteneggen, um Wiefen zu jäten, den Boden zu reinigen und Saaten einzuftreifen; E. Page's& Comp.( England) neu patentirte dreieckige Schleppegge mit ftellbaren Zinken, fo dafs fie leicht zu irgend einer beliebigen Breite geändert werden kann; L. P. Eklundh's( Schweden) Dreiecksegge; Ed. Ahlborn's( Hildesheim) Röhren- Zickzack- Eggen mit meifselförmigen Zähnen; die ausgezeichnet conftruirte Sack'fche Egge, die Althann'fche WiefenmoosEgge mit 144 beweglichen Zinken, aufserordentlich geeignet, die WiefengrasNarbe vom Moofe zu befreien und Erdhügel zu zertheilen( ausgeftellt von Eichmann), Strobl und Baris'( Peft) eiferne Egge mit gebogenen Längsbalken war faft Alles, was in diefer Branche der Ackergeräthe hervorgehoben werden kann. Und ähnlich verhält es fich mit den Walzen. Barford& Perkins ( England) ftellten eine fchöne doppelte Gartenwalze aus; Ant. Burg& Sohn ( Wien) eine zweckmäfsige Doppel- Stachelwalze, auch als Schollenbrecher zu gebrauchen, mit Transporträdern und zweckmäfsiger Hebelausrückung: mittelft eines Hebels wird nämlich der Radachfenftutzen ausgehoben, wodurch die Transporträder hoch zu ftehen kommen und folglich bei der Arbeit nicht abgenommen werden müffen; Hrufchka Fr.( Wrutitz in Böhmen) eine gute Stachelwalze für Rübencultur, leicht; mit vier Reihen Stacheln, die 3 Zoll lang waren; Stephan Vidals eine doppelreihige Ringelwalze zum Schollenbrechen und bei Drillcultur verwendbar; Lilpop, Rau& Comp., deren Ausftellung eine hervorragende Stelle in der ruffifchen Abtheilung einnimmt, einen fehr ſchönen Schollenbrecher, beftehend aus 12 felbftftändig und für fich beweglichen Scheiben, welche gezähnt find und abwechfelnd einen gröfseren und etwas geringeren Durchmeffer haben, fo dafs fich die Zähne faft berühren; da nebftdem jede Scheibe rechts und links mit etwa 1 Zoll langen, hervorragenden Fortfätzen verfehen ift, fo ift es kaum denkbar, dafs bei der Arbeit eine Scholle unberührt bleiben könnte. Die übrigen glatten Walzen, Schollenbrecher, Stachel- und Ringelwalzen hatten kaum eine wefentliche neue Verbefferung aufzuweifen, wenn wir von den der Quere nach anzubringenden leichten Fahrrädern abfehen wollen, mittelft welcher Eckert's fahrbare eiferne Ringelwalze felbft auf fchmalen Landwegen bequem transportirt werden kann. Der Dampfpflug war offenbar das Intereffantefte der in der Ausftellung vorgeführten Pflugwerkzeuge. Es wäre überflüffig, über die Bedeutung und den grofsen Nutzen der Dampf- Bodencultur etwas zu fagen; durch eine mehr als 15jährige Erfahrung iſt 4* 50 Ant. Adam Schmied. vollkommen erwiefen, dafs nächft dem Drainiren die nur durch Dampfkraft ermöglichte Tiefcultur als das erfolgreichfte Mittel zur Hebung des Ackerbaues zu betrachten fei. Die fortwährend zunehmende Anwendung der Dampfkraft in der Landwirthschaft ift der befte Beweis, wie deren hohe Wichtigkeit bereits ungetheilt und allgemein anerkannt wird. J. Fowler aus Leeds berichtet, dafs er jährlich etwa 100 Dampfcultur- Apparate allein für England anfertige, wovon zwei Drittel zu Vermiethungen benützt würden; 50 dergleichen habe er für den Zuckerrübenbau im Magdeburgifchen angefertigt. In Oefterreich Ungarn arbeiten gegenwärtig neun nach feinem Syfteme conftruirte Dampfpflüge( inclufive des von Seiner kaiferlichen Hoheit Erzherzog Albrecht in der Ausstellung angekauften Fowler'fchen Apparates), hievon zwei in Böhmen, nämlich einer auf der Kaifer Ferdinand'fchen Domäne Swoleñowes und einer auf der Horfky'fchen Domäne Kolin, welcher mit dem Horfky'fchen Ruchadlo mit zwei Unterackerungsfcharen arbeitet; der nach dem alten Syfteme conftruirte Dampfpflug in Cakowic ift gegenwärtig aufser Betrieb gefetzt. In Mähren arbeitet ein Dampfpflug in Grofs- Selowitz; zwei Apparate hat die Actiengeſellſchaft für Bodencultur in Wien angefchafft, welche diefelben in Mähren zu Vermiethungen benützt. Die Entwicklungsgefchichte des Dampfpfluges ift höchft intereffant. Zuerft trat Pratt 1810 mit Vorfchlägen zur Dampfcultur des Bodens hervor. Darauf folgten fchnell nacheinander die patentirten Dampfcultivatoren von Chapman, Saxton, Heathcoat; 1847 patentirte fich Osborne fein Syftem mit zwei Dampfmaschinen, welche 1850 Willoughby dahin modificirte, dafs er eine ftehende Locomobile den Pflug nach fich ziehen liefs. Um diefe Zeit( 1845 bis 1848) tauchte das von Bauer in Deutſchland erfundene Dampfcultur- Verfahren des Bodens auf; die Mafchinerie war nach dem Principe rotirender Spaten conftruirt. Aber alle diefe Syfteme bewährten fich nicht; erft feit der Weltausftellung in London datirt die Vervollkommnung des Dampfpfluges. Auch im Glaspalafte des Jahres 1851 erfchien derfelbe noch in den Anfängen feiner Conftruction, gleichfam als Embryo, höchft phantaftifch und unprakticabel, fo dafs alle Sachverständigen über die ausgeftellten Modelle desfelben lebhaft den Kopf fchüttelten. Aber John Fowler verzagte nicht, fondern verbefferte feinen Dampfpflug unabläffig, fo dafs er fchon 1856 in Paris eine goldene Medaille für fein Ankerwagen- Syftem erhielt, welches fpäter durch die Erfindung des Clipdrums wefentlich verbeffert wurde und bereits im Jahre 1862 feine vollständigfte Ausbildung erfahren hat. Diefes Fowler'fche AnkerwagenSyftem, bei welchem der Balancepflug zwifchen der felbftbeweglichen Feldlocomotive und dem Ankerwagen hin- und hergezogen wurde, bearbeitete den Boden fehr gründlich, verurfachte aber höhere Anlagekoften. Neben demfelben entwickelte fich das Smith- Howard'fche Umkreifungsfyftem, deffen Hauptvorzug in der Verwendung gewöhnlicher Locomobilen beftand, wodurch fich das Anlagecapital wefentlich verringerte. Und noch eine bunte Menge anderer, mitunter ziemlich origineller Dampfpflug- Apparate erblickte in diefer Zeit das Licht der Welt, ohne jedoch fich irgendwie bewährt zu haben; wir nennen hier blos die Namen Smith, Savory, Robey, Romaine, Coleman u. f. w. Im Jahre 1862, der Blüthezeit der Klappentrommel, conftruirte J. Fowler, angeregt durch Savory's eigenthümliche Idee, feinen erften Zweimaſchinen- Apparat, welcher fchon auf der Parifer Ausftellung 1867 trotz der hohen Anfchaffungskoften, wegen feiner praktifchen Ueberlegenheit allgemein gefiel, fo dafs man ihm prophezeite, derfelbe werde fich unter den verfchiedenen Conftructionen bewähren und fich unter den. mannigfaltigften Wirthschaftsverhältniffen als das verwendbarfte und in feinen fchliefslichen Erfolgen zugleich als das billigfte und wirkungsvollfte Syftem erweifen. Diefe Vorausfage ging in Erfüllung, indem von den vielen früheren Syftemen jetzt nur noch das Doppel- und Zweimafchinen- Syftem in Anwendung befteht. Diefem gehört die Gegenwart und vorausfichtlich auch die Zukunft, denn auch Howard conftruirt gegenwärtig feine Dampfpflüge nach diefem Syfteme. Das Die landwirthschaftlichen Geräthe und Maſchinen. 51 Fowler'fche Clipdrum- oder Klappentrommel- Syftem und das Howard'fche Umkreifungs, das fogenannte Round- about- Syftem können als überwundene Standpunkte betrachtet werden. Die Doppelapparate, in welchen zwei einfache mit horizontalen Windetrommeln verfehene automobile Dampfmafchinen( Strafsenlocomobilen) die in ein ftarkes Drahtfeil eingefchalteten Ackerinftrumente zwifchen den Anwänden hin- und herziehen, fanden in England einen ungeahnten Anklang, fie ermöglichten das Miethpflügen dafelbft und brachen namentlich in den tropifchen Gegenden dem Dampfpfluge die Bahn. Jedoch hat das Fowler'fche Doppelfyftem vor dem Howard'fchen den grofsen Vorzug, dafs feine- 20- bis 25pferdigen-Locomobilen zu allen anderen Arbeiten( Drefchen, Mahlen u. dgl.) verwendet werden können, während die Howard'fchen nur zur Bodencultur dienen. Gegenwärtig wird der Dampfpflug als ein wichtiger Hebel der Hochcultur betrachtet, und feine Bedeutung wird fich noch bedeutend fteigern, wenn durch die Vereinfachung des Apparates feine Verbreitung erleichtert wird; denn der unge heuere Anfchaffungspreis und die befonders intelligente Aufficht bei feiner Arbeit ftehen feiner allgemeinen Einführung hindernd entgegen. In der Wiener Weltausftellung fanden wir neben einem von Barford and Perkins( Peterborough) ausgeftellten Modell eines Dampfpflug- Apparates blos zwei Dampfapparate, nämlich einen vollſtändigen Fowler'fchen DoppelmaſchinenApparat und einige der wohlbekannten Theile des Howard'fchen Umkreifungstorkels, jedoch ohne Mafchine, ausgeftellt. Die Firma John Fowler& Comp. hat einen vollſtändigen Satz ihrer 20pferdigen Dampfpflüge, zwei Strafsenlocomotiven zu 8 und 6 Pferdekraft und einige Wagen zum Transporte bei Verwendung diefer Locomotiven ausgeftellt. Wegen feiner praktiſchen Brauchbarkeit gewinnt der Fowler'fche Dampfpflug von Tag zu Tag an Terrain, fo dafs es feine Rivalen fogar vorgezogen haben, an der Wiener Weltausstellung nicht zu erfcheinen. Defshalb müffen wir bei Einführung der Dampf- Bodencultur unfer Hauptaugenmerk hauptfächlich auf die Fowler'fchen Apparate wenden. In feinen Grundzügen ift das Fowler'fche Syftem allgemein bekannt. Man benützt bei demfelben zwei felbftfahrende Dampfinafchinen mit je einer Seiltrommel, 2300 Fufs Zugfeil und 10 Seilträgern. Diefe Feldlocomotiven mit horizontalen Seilwinde Trommeln werden auf entgegengefetzten Kopfenden des Ackers aufgeftellt und ziehen, mittelft Stahldraht- Seilen abwechfelnd arbeitend, das Ackerinftrument hin und her, indem die nicht ziehende Mafchine das Seil ablaufen läfst und zugleich um ein der Breite des angewandten Ackerinftrumentes, d. h. des gepflügten Erdftreifens entſprechendes Stück, fich vorwärts bewegt. Die Hauptvortheile diefes Syſtems beftehen in der Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit welcher der ganze durchaus dampfbewegliche Apparat in Thätigkeit gefetzt und auf ein neues Feld weiter transportirt werden kann, fowie in der geringen Anzahl der nothwendigen Arbeiter und der Einfachheit ihrer Verrichtungen zur directen Bedienung genügen 3 bis 4 Mann, nämlich I Mann für jede Mafchine und je nach Umftänden I oder 2 Mann für das Ackergeräthe. Die horizontale Windetrommel geftattet, dafs das Seil jede beliebige Richtung annehmen kann, was bei unregelmässigen Grundftücken und kleinen Feldern wefentliche Vortheile darbietet; dennoch arbeitet der Apparat am billigften in grofsen quadratifchen Flächen, und müffen die Landwirthe, foweit möglich, die Form der zu bearbeitenden Felder darnach einrichten. Die geringftmögliche Seillänge, der geradlinige directe Zug und das Minimum der Abbeugungen, welche das Seil bei der Arbeit zu machen hat, fowie die patentirte felbftthätige Vorrichtung zur Regulirung des Seilwickelns, bedingen die thunlichfte Ausnützung der vorhandenen Kraft und bei fchonender Behandlung des aus Stahldraht fabricirten Zugfeiles, in welchem die hauptfächlichfte Abnützung des Apparates ftattfindet, auch eine wefentliche Reduction der durch die ftattgefundene verminderte Abnützung des Apparates bewirkten Amortifation des Anlage capitals. Seiner Compactheit und 52 Ant. Adam Schmied. Einfachheit wegen eignet fich endlich der Fowler'fche Dampfpflug befonders für grofse Wirthschaften und für Vereine oder Privatperfonen, die auf Lohn pflügen. Die Dampfmaschinen für diefes Syftem werden von 12, 14, 20 oder 25 Pferdekraft conftruirt; doch haben fich die ein cylindrigen Mafchinen, bis zu 20 Pferdekraft wirkend, für den Kohlenverbrauch fo entfchieden vortheilhaft erwiefen, dafs fie faft ausfchliefslich angewendet werden. Ohne auf eine Befchreibung diefer Mafchinen einzugehen, wollen wir nur bemerken, dafs die Keffel ftets den Locomotivtypus haben und die Dampfcylinder mit einem Dampfmantel umgeben find. Die Räderübertragung zum Fahren ift auf zwei verfchiedene Gefchwindigkeiten eingerichtet. Das richtige Aufwickeln des Seiles auf der horizontalen Windetrommel gefchieht durch einen automatifchen Winkelheber, welcher durch ein eigenthümliches Zahngetriebe langfam auf- und abwärts bewegt wird; dagegen wird beim Abwinden des Seiles dasfelbe durch eine ebenfalls automatiſche Bremsvorrichtung etwas gefpannt, wodurch die abfolute Regelmäfsigkeit des Wickelns wefentlich befördert wird. Alle diefe Mafchinen find mit einem Schwungrade verfehen, welches als Riemfcheibe benutzt werden kann, und eignen fich zu allen Arbeiten, wozu fonft Locomobilen angewendet werden. Die Frage über die Schwere der zu wählenden Apparate ift nach den bisherigen Erfahrungen dahin zu beantworten, dafs, mafchinell betrachtet, diefchweren Apparate keinen wefentlichen Vorzug vor den leichteren haben, infoweit es fich nämlich um zweigliedrige Mafchinen handelt. Für unfere Verhältniffe ift die 14pferdige Fowler'fche Mafchine die vortheilhaftefte. Diefelbe wiegt circa 220 Centner und überwindet Steigungen von I: 10 auf gewöhnlichem, d. h. nicht zu weichem Boden mit Leichtigkeit. Ift der Grund nafs und weich, dann werden an die ohnediefs 20 Zoll breiten Räder eigene Verbreiterungsringe angefetzt, während auf glattem, fchlüpfrigem Acker fchaufelförmige Radfporne zur Hervorbringung der zur Fortbewegung nöthigen Reibung gebraucht werden. Auf allzu durchweichtem Boden ift jedoch die Anwendung leichterer Maſchinen, die ganz aus Stahl dargestellt find und extraweite Radfelgen haben, unumgänglich nöthig. Um die abnorm breiten Räder- fie wurden fchon über 24 Zoll breit gemacht durch fchmale erfetzen zu können, hat Thomfon über die letzteren bis zu 6 Zoll dicke Gummireife gelegt; doch haben fich diefe mit vielem Eclat angepriefenen Gummi- Radbandagen nicht bewährt. Die zur Verwendung kommenden Zugfeile find beftens gehärtetes StahldrahtSeil mit Oefen, 800 Yards( 2328 Fufs) lang und je nach der Stärke der Dampf pflug- Mafchine 1/2 bis 78 Zoll im Durchmeffer ſtark. Auf hügeligem Lande und befonders in fandigen Gründen und bei fteinigem Erdreich mufs das Zugfeil möglichft frei vom Boden gehalten werden, um es vor jeder Befchädigung möglichft zu bewahren. Defshalb werden dem über's Feld gefpannten Seile eigene Seilträger, kleine Wagen mit Rollen von möglichft grofsem Durchmeffer, in Zwifchenräumen von circa 120 Fufs untergefchoben. Reifst dennoch das Drahtfeil, fo wird der entstandene Schaden durch Zufammenflechten( fplicing) der 6 Litzen, aus denen das Seil befteht, in kurzer Zeit befeitigt. Bei aufmerkfamer Behandlung des Seiles hält dasfelbe jedoch zwei bis drei Jahre aus, fo dafs fich nach bewährten englifchen Erfahrungen die Koften für Zugfeile auf 30 bis 40 kr. per Joch( 4 bis 6 Pence per Acre) belaufen. Je nach dem Zwecke der Ackerarbeit werden verfchiedene DampfpflugAckergeräthe angewendet. Wir fahen auf der Ausftellung vorerft den Fowlerfchen Balance- oder Patent- Kipppflug, welcher fchon feit 15 Jahren in feiner Conftruction bekannt ift und fich mit wenigen unwefentlichen Abänderungen bisher als der befte, weil einfachfte und zweckmäfsigfte, eigentliche Dampfpflug bewährt hat. Der Rahmen ift aus Schmiedeifen conftruirt. Die Pflugkörper, nämlich Scharen und Streichbleche, find aus Stahl und je nach der Natur des Bodens und der vorzunehmenden Ackerarbeit in der mannigfaltigften Weife modificirt. Auf der Ausftellung finden wir den normalen Sechsfurchenpflug mit Ruchadlo- Streichbretern Die landwirthfchaftlichen Geräthe und Maſchinen. 53 und einen Vierfurchenpflug zur Tiefcultur mit englifchen Kentrüftern. Erfterer dient zur Flachcultur und kommt befonders in den Rübendiftricten Preufsens und Sachfens in Anwendung. Für Zuckerrüben- Bau und Kartoffelcultur empfiehlt fich, namentlich bei mildem Boden, das Wanzlebener Streichblech. Für die fchraubenförmigen englifchen Streichbleche können fogenannte Grabeifen fubftituirt werden; diefelben brechen den Boden wie ein Handfpaten um und bringen das Erdreich in einen für die Einwirkung der Witterung fehr günftigen Zuftand. Zu bedauern ift, dafs Fowler's Pflug mit Untergrund Grubbern nicht ausgeftellt war. Es ift diefs der nach beften landwirthschaftlichen Principien conftruirte Untergrund- Pflug, bei welchem hinter jedem Pfluge, welcher die obere Ackerkrume nur feicht wendet, ein Grubberzinken folgt, der den Untergrund bis zu einer Tiefe von 20 Zoll auflockert, ohne ihn jedoch emporzuheben, worauf der nächftfolgende Pflug den gelockerten rohen Boden wieder bedeckt. Befonders eignet fich diefer Pflug zum Pflügen von Haideland u. dgl. vorzüglich. Auf jeder Hälfte des normalen Untergrundpfluges befinden fich zwei Pflüge; bei grofsen Tiefen wird aber nur eine Furche geackert. Wir fahen ein ähnliches Inftrument, an welchem jede Hälfte drei Ruchadlo- Pflüge von je zwei Wühlfcharen genau nach dem Horfkyfchen Untergrund- Pfluge- gefolgt werden, in Kolin und waren über deffen ausgezeichnete Arbeitsleiftung erftaunt: auf einen Zug wurde der Acker bis 20 Zoll tief gelockert und das geackerte Feld durch eine direct an den Dampfpflug angehängte Egge für die unmittelbare Aufnahme der Saat„ gartenmäfsig" zubereitet. Der ausgeftellte Wendecultivator befteht aus einem nur aus Flach- und Winkeleifen verfertigten horizontalen Rahmen, in welchem die in der bekannten Form conftruirten Grubberzinken in verftellbarer Tiefe feftgekeilt find. Nach langjährigen Experimenten wurde der Wende cultivator erft vor einigen Jahren in feiner gegenwärtigen praktifchen Form dargestellt und hat fich derart bewährt, dafs er nunmehr bei einem jeden Dampfpfluge als Tiefgrubber und Exftirpator ein unentbehrliches Geräth bildet. Je nach der Befchaffenheit des Bodens und der disponiblen Kraft werden die Cultivatoren in einer Breite von 5 bis 10 Fufs mit 5 bis II Zinken gebaut und gehen in verftellbarer Tiefe von 3 bis 14 Zoll. Bei einem fehr leichten Gange find diefelben von ganz aufserordentlicher Wirkfamkeit, indem fie den Boden ausgezeichnet durchwühlen und fich nebftdem durch eine fehr grofse und folglich möglichst billige quantitative Leiftung auszeichnen. Die Fowler'fche Grubber- oder Zinkenegge ift nach demfelben Principe wie der Umwender cultivator conftruirt, jedoch mit dem Unterfchiede, dafs die Zinken nicht an dem eigentlichen Hauptrahmen, fondern in getrennten, mittelft Ketten aufgehängten Rahmen befeftigt find, welch' letztere unter einander derart beweglich verbunden find, dafs fie fich in ihrer Höherftellung den Unebenheiten des Bodens thunlichft anfchmiegen können. Wegen ihrer aufserordentlichen Breite von 16 Fufs liefert die Scarificatoreggeneben einer ausgezeichneten Arbeit eine fehr fchnelle und defshalb auch wohlfeile Leiftung; fie eignet fich befonders zur Frühjahrsbeftellung der Rübenfelder und Getreide- Aecker. Ganz neu ift der exponirte Rübenheber mit einer Wendevorrichtung nach Art des grofsen Cultivators und mit drei Grubberzinken, welche in ihrer Breite beliebig verftellbar find und deren breiter, fchaufelförmiger Fufs bis auf eine Tiefe von 16 Zoll geftellt werden kann. Jeder Zinken gräbt die ihm zunächft liegenden Awei Rübenreihen aus, ohne die Wurzeln im Geringften zu verletzen; der Rüben heber hebt fomit auf einmal fechs Rübenreihen und fertigt circa 1½ Joch in einer Stunde ab. Der vollständige 14pferdekräftige Fowler'fche Dampfpflug Apparat nach dem Zweimaſchinen- Syftem koftet beiläufig ab Leeds 2125 Pfund Sterling; die Unkoften der Steuer, Fracht u. dgl. betragen bis Magdeburg circa 116 Thaler per Pfund Sterling der englifchen Factura. Die Firma J.& F. Howard( Bedford) ftellte einige Theile des Umkreifungstorkels aus, jedoch keinen completen Dampfpflug- Apparat. Seit vielen Jahren 54 Ant. Adam Schmied. befchäftigt fich diefelbe mit der Fabrication von Dampf- Ackerbau- Apparaten und hat während diefer Zeit mehrere Hundert Dampfcultivatoren und Dampfpflüge verfertigt. Während J& F. Howard das Syftem mit zwei Dampfmafchinen für Gefellſchaften, fehr grofse Landwirthe oder Grofsgrundbefitzer, fowie für Perfonen, welche folche Apparate behufs Vermiethung an Andere verkaufen, empfehlen, find fie der Anficht, dafs fich für Landwirthe, welche Dampfapparate einfach für die Bearbeitung mäfsig grofser Ländereien erwerben, das Syftem mit Einer Dampfmafchine beffer eignet, indem dasfelbe weit billiger und ökonomifcher ift und überdiefs den grofsen Vorzug hat, dafs mit demfelben jahrelang ohne koftfpielige Reparaturen gearbeitet werden kann. Von diefem ftationären Syfteme fahen wir auf der Ausstellung eine Seilwinde mit felbftthätiger Aufwicklung; die Windetrommel ift nämlich mit doppeltem Lippblock verbunden und durch eine einfache Vorrichtung wird die Seilaufwicklung auf die Trommel felbftthätig regulirt. Dann einen vierfurchigen Dampfcultivator mit etwas ruchadloartigen Streichbretern, welcher nicht näher befchrieben zu werden braucht. Die zu diefem Syfteme gehörigen Locomobilen wurden nicht ausgeftellt. Die Fabrication der Dampf- Ackerbau- Apparate wird bisher ausfchliefslich von englifchen Firmen betrieben und ift J. A. Howard jetzt fozufagen der einzige Concurrent von John Fowler& Comp. Sein Syftem mit Einer Dampfmaschine, das fogenannte Umkreifungsfyftem, hat fich aber trotz der bedeutend niedrigeren Anfchaffungskoften und obzwar jeder Theil auf das Solidefte ausgeführt ift, gegenüber dem Fowler'fchen Doppelfyftem, welches befonders für gröfsere Ansprüche und ausgedehntere Complexe geeignet ift, nicht mit durchgreifendem Erfolge behaupten können. Der Umftand darf aber nicht überfehen werden, dafs fich die Howard'fche Locomobile und Seiltrommel inclufive Zugfeil ihrer Conftruction nach ganz gut zu einer Fördermafchine eignet beziehungsweife zum Betriebe irgend einer beliebigen Transportvorrichtung, alfo eine gleiche Verwendung wie die Fowler'fche Dampfpflug- Locomotive zuläfst. Auf der kaiferlichen Domäne Hoftiwic bei Prag hat man zu gewiffen Zeiten Gelegenheit, eine folche lohnende Verwendung der Howard'fchen Dampfpflug- Locomobile zu fehen. Profeffor J. M. Fuchs ift der Anficht, dafs fich in der Combination mit den Bahnausführungen nach dem Syfteme Corbin dabei ein Mittel zu bieten fcheint, Maffentransporte auf kürzeren Strecken mit veränderlichem Auf- und Ablade- Orte in vortheilhafter Weife bewältigen zu können". 99 - Das Dampfpflüge- Syftem Fowler's mit doppelten Dampfmaschinen kann man als die Löfung der fo wichtigen Frage der Dampfcultur betrachten, indem nach feiner gegenwärtigen Conftruction und Anordnung anzunehmen ift, dafs es nur noch in einzelnen Theilen weitere Verbefferungen zu erwarten haben wird. Die Säemaſchinen. Die gegenwärtig in der Verwendung ftehenden Syfteme der Säemaſchinen waren fämmtlich ausgeftellt; doch find diefelben im Allgemeinen zu bekannt, als dafs es nothwendig wäre, fie hier ausführlicher zu befprechen. Die maffenhafte Verbreitung der Säemafchinen liefert den erfreulichen Beweis, dafs die eminenten Vortheile der Reihencultur von den Landwirthen immer mehr gewürdigt und ausgenutzt werden. Die Drillcultur, in Oftafien feit dem Alterthume üblich und bei den Römern und Galliern bereits angewendet, hatte erft mit Beginn des gegenwärtigen Jahrhundertes in Grofsbritannien Fufs gefafst. Die erfte Säemafchine wurde von dem Spanier Jofef Locatelli in Kärnten gebaut und 1636 auf den Feldern bei Laxenburg verfucht, wobei fie fich bewährt haben foll. Wahrfcheinlich gelangte ein Modell diefes Sembradors über Spanien nach England, wo es zu Weiterverfuchen auf diefem Felde des landwirthschaftlichen Mafchinenwefens Anregung gab; aber erft James Coke conftruirte die Drillmafchine, welche als Die landwirthfchaftlichen Geräthe und Maſchinen. 55 die Grundlage der neueren, fo fehr vervollkommneten englifchen Drillmafchinen angefehen werden mufs. Auf der vierten Weltausftellung zu Paris 1867 waren die Säemafchinen in folcher Zahl und Vollständigkeit ausgeftellt, dafs man mit Recht behaupten kann, dafs fich von hier aus die Drillcultur auf dem europäiſchen Continent verbreitet hat. Und diefs gefchah mit folcher Gefchwindigkeit, dafs wir diefe wichtigen. Apparate felbft auf kleineren Befitzungen bereits antreffen An erfter Stelle müffen wir hier der englifchen Firma R. Garret& Sons ( Suffolk) gedenken. Diefelbe hat fich durch die Einführung und Verbreitung der Säemafchinen einen bleibend ehrenvollen Namen in der Gefchichte der Landwirthfchaft erworben. Die ganze Collection der vielen Säemaſchinen, welche neben der Drefchmafchine eine Specialität der Firma Garret bilden, zeigt, dafs ein durch bewährte praktiſche Erfahrung gefchulter und dem ernften Fortfchritte huldigender Geift alle Arbeiten diefer Firma leitet. Die Garret'fche Reihenfäemafchine, ruhend auf zwei eifernen Laufrädern, ift ausgeftattet mit Vorderſteuer, drei Säetrommeln für Frucht, Kukuruz, Rüben und Raps, 14 Stück Ueberfetzungsrädern und Lagern, 2 Rillmeffern u. f. w. Seit vielen Jahren bereits fo vorzüglich, dafs an derfelben keine wefentliche Verbefferung mehr denkbar ift, erwarb fich Garret's verbefferte Reihenfäemafchine einen Weltruhm und fand in allen Theilen der Welt allgemeine Verbreitung, fo dafs es nicht nothwendig erfcheint, auf diefelbe die Aufmerkſamkeit der Landwirthe zu lenken. J. Smyth& Sons( Peafenhall) ftellten eine 13reihige Drillfaat Mafchine mit telefkopifchen Röhren, eine 16reihige Drillfaat- Mafchine mit Trichtern, Smyth's allbekannte und wegen ihrer Einfachheit fo beliebte Breitfäemafchine und Smyth's combinirte Rüben- und Dünger- Drillmafchine aus. Seit 1800 etablirt, ift die Smyth'fche Fabrik durch ihre Säemafchinen ſehr berühmt geworden. In ihrer allgemeinen Dispofition ftimmt die patentirte Drillmafchine„ Eklipfe" von James Smyth mit den gewöhnlichen Garret'fchen Drills überein, zeigt jedoch in der Detailconftruction eine Anzahl erheblicher Verbefferungen. Sie wird für fchweren und leichten Boden gebaut. Der Saatkaflen kann durch eine einfache Stellvorrichtung für jede Neigung des Bodens eingeftellt, ja behufs vollſtändiger Entleerung des Samens ganz umgelegt werden; das Einftellen der zur Regulirung der Saatöffnungen dienenden Schieber erfolgt durch eine, linker Hand des Saatkaftens befindliche Stellfchraube, mittelft welcher die fämmtlichen fechs Schieber auf einmal und gleichmäfsig eingeftellt werden können. Als Ausftreuvorrichtung dienen die bekannten Smyth'fchen doppelt ausgehöhlten Doppellöffel, fo dafs man durch eine blofse Umdrehung der Welle, die Mafchine für gröbere oder feinere Sämereien ftellen kann. Als Saatleitungsröhren werden die„ telefkopifchen Röhren" angewendet, welche allgemein als die vorzüglichfte, bis jetzt exiftirende Vorrichtung zur Saatleitung bei den Drills bezeichnet werden, und denfelben eine aufserordentlich zuverläffige Arbeit fichern. Wegen ihrer vorzüglichen Leiftung ift die Smyth'fche Drillmafchine, befonders in Oefterreich, hoch gefchätzt. Doch minder gilt diefs von der Univerfal- Drillmafchine, welche gleichzeitig mit dem Samen den Kunftdünger reihenweife ausftreut, indem man ihr nachfagt, dafs der Kern im Beginne der Vegetation zu üppig treibt, und dann, wenn der Dünger confumirt ift, Stillftand, ja felbft Rückgang in der Entwicklung der Früchte eintritt. Die von Hornsby& Sons ausgeftellten zwei Säemaſchinen find ebenfalls nach dem Garret'fchen Syfteme conftruirt, haben jedoch continuirliche Saatleiter aus patentirten Gummifchläuchen, dann doppelte Scharhebel, wodurch fämmtliche Scharen die Saat in gleicher Tiefe unterbringen. Alle Hebel und Scharen find aus Schmiedeifen gefertigt, hiedurch leicht, feft und gegen Brüche mehr gefchützt. Jeder Hebel arbeitet unabhängig von dem anderen. Die Scharfpitzen find aus Schalengufs, fehr dauerhaft und billig und können leicht entfernt und erneuert werden. Endlich geftattet Hornsby's Patent- Vorderfteuer mit Getriebe und Zahnftange die leichtefte Lenkbarkeit des Drills, unabhängig von den Pferden, felbft 56. Ant. Adam Schmied. bei der Führung durch einen fchwachen Arbeiter. Schliefslich ift bei diefen Mafchinen die ausgezeichnete Arbeit und das vorzügliche Material( Holz) hervorzuheben. B. Reid& Comp.( Aberdeen, Schottland) ftellten eine intereffante I Ireihige Säemafchine aus, die bei uns noch fehr wenig bekannt ift. Diefelbe hat einen originellen Säe- Apparat, beftehend aus fchraubenförmig gewundenen Säefcheiben, die einfacher, ftärker und beffer find, als fo mancher andere Säe- Apparat, beſitzt eine höchft einfache Einrichtung für das Reguliren des Saatquantums ohne Wechfelräder oder ähnliche Methoden, und braucht keine Vorrichtung zum Wagrechtftellen des Saatkaftens, um gebirgige Länder zu bearbeiten. Sie hat eiferne Hebel und ftählerne Scharen; überhaupt ift Stahl und Eifen an allen Theilen, wo nur irgend möglich, verwendet. Diefe Drillmafchine ift höchft einfach und bedeutend billiger, als alle bisherigen Syfteme; und wenn diefelbe auch nicht die Univerfalität der Garret'fchen Säemafchine hat, oder wenigftens in befonderen Fällen. nicht fo vollkommen arbeitet, fo ift fie doch für einfache Getreidefaat, für Hülfenfrüchte und Mais fehr geeignet und empfiehlt fich defshalb, fowie auch wegen ihrer Leichtigkeit im Gange und befonderen Billigkeit, zur entſprechenden Verwendung. Weiter ftellte diefe Firma eine fehr einfache und billige„ Patent- Säemafchine", um Rüben zu fäen und gleichzeitig Dünger zu ftreuen, aus, fowie eine breitwürfige Drillmafchine mit den patentirten Säefcheiben, deren Welle durch Räderwerk von den Laufrädern in Bewegung gefetzt wird und durch einen Hebel im Augenblicke in oder aufser Betrieb gefetzt werden kann. Diefer Drill kann an einer Querachfe zum Transporte montirt werden, fo dafs er die fchmalften Wege und engften Eingänge bequem paffiren kann. Wenn wir fchliefslich der von G. B. Edwards( Bredfield) exponirten, fchön conftruirten Runkelrüben- Drillmafchine, einreihig für Handbetrieb und dreireihig für Gefpann, und der von J. Coultas( Spittlegate) ausgeftellten breit würfigen und Reihen- Getreide- Säemafchine mit telefkopifchen Röhren, beide nach Smyth'fchem Syfteme vorzüglich gebaut, fowie deffen Runkelrüben- Tüpfelmafchine mit einem Apparate zur Ausftreuung des Kunftdüngers, die aber etwas fchwer und complicirt ift, gedenken, fo haben wir alle in der englifchen Abtheilung befindlichen Säemafchinen vorgeführt und können nun zu den übrigen Ländern übergehen. Amerika exponirte eine einzige Säemafchine, nämlich die von Thomas Ludlow& Rogers( Springfield) ausgeftellte Drillmafchine für zwei Pferde, ,, Superior" genannt, welche auch telefkopifche Röhren zur Saatleitung befitzt, durch einfaches Schliefsen der fchmalen Samenzuführer und durch Oeffnen der grofsen Läufe alle Sorten des groben Getreides, als auch feine Samenarten fäet und mit einer Vorrichtung zum augenblicklichen Einhalten der Mafchine verfehen ift. Die Mafchine ift dauerhaft conftruirt, die allgemeine Ausstattung derfelben ift fchön, das Material von der beften Qualität und die Arbeit erfter Claffe. In der franzöfifchen Abtheilung ftellte E. Palante( Arras) eine gefällig und zweckmäfsig gebaute Reihen- Säemafchine mit einem höchft einfachen Säekaften aus; in der fchwedifchen Abtheilung das Eifenwerk Oefverum eine Breitund Reihen- Säemafchine mit telefkopifchen Röhren. In der italienifchen Abtheilung bemerkte man einige gut gebaute Säemaſchinen, nach dem Garret'fchen Syfteme conftruirt, und eine Hand- Säemafchine eigener Conftruction. In der ruffifchen Abtheilung ftellte Lad. Mentzel( Kijew) zwei gut conftruirte Säemafchinen aus, eine mit telefkopifchen Röhren, die andere mit Trichtern; Graf Bobrinsky( Kijew) eine vierreihige Rüben- Drillmafchine nebft fchönen Modellen für Rübencultur; Lilpop, Rau& Comp. eine Breit- Säemafchine mit viereckigen Blechfcheiben, die fo gefchoben werden können, dafs die SamenausfallOeffnungen gröfser oder kleiner werden. Doch find alle diefe Mafchinen keiner näheren Befchreibung werth. Mit regem Intereffe ftudirte man die in der deutfchen Abtheilung ausgeftellten Säemafchinen. F. Zimmermann& Comp.( Halle a. d. S.) exponirten Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 57 Säemafchinen, ausgezeichnet durch ihre vortreffliche Ausftattung und zweckmässige Conftruction. Zimmermann baut die Drillmafchinen als Specialität und hat es darin zu grofser Vollkommenheit gebracht. Seine Drillmafchine ift in mehreren taufend Exemplaren verbreitet und wird namentlich in der Provinz Sachfen fehr angewendet. Die allgemeine Dispofition diefer Säemafchine ift derjenigen der englifchen entfprechend. Das Geftell ift foweit als möglich ganz aus façonnirtem Eifen, daher äufserft ftabil und dauerhaft. Für das Vorderfteuer ift ftatt der allgemein angewendeten Zahnkränze ein Kettenvorgelege benutzt, welches eine fehr fichere Steuerung bei ganz geringem Kraftaufwande ermöglicht. Statt der von dienen fogenannte James Smyth zuerft angewendeten telefkopifchen Röhren Kugelgelenk- Röhren zur Saatleitung; im Scharhebel fitzt ein weiter Trichter, worin das Kugelgelenk- Rohr, ein aus ftarkem Weifsblech gefertigtes, durch fchmiedeiferne Kugelgelenke biegfam gemachtes Rohr mündet, während es oben an den Boden des Saatkaftens durch Ketten befeftigt und fomit nach allen Richtungen beweglich ift. Zur Beftimmung der Samenmenge dienen Wechfelräder, jedoch ohne Anwendung verfchiedener Einfatzplatten zur Stellung des Saatkaftens, da letztere durch eine fenkrechte Schraube einfacher bewerkstelligt wird. Statt der an der grofsen Drillmafchine vorkommenden Löffelfcheiben find an der kleineren Drillmafchine Schöpfräder angebracht. Die Rillenmeffer- Sohlen beftehen aus Gufsftahl, find glashart und unterliegen defshalb der Abnutzung weniger; fie find abnehmbar und können fomit nach der Abnutzung gegen Refervefohlen ausgewechfelt werden. Zum horftweifen Säen oder häufelweifen Legen der Rübenkerne hat Zimmermann einen ebenfo einfachen als zweckentfprechenden Apparat conftruirt, welcher mit geringen Koften an jeder Drillmafchine anzubringen und in vielen Hunderten von Exemplaren bewährt ift. - 79 99 W. Siedersleben& Comp. ftellten eine Anzahl ihrer vortrefflichen Drill und Dibbelmafchinen aus, welche durch ihre zweckmäfsige Conftruction und gefällige Bauart, durch ihre Feftigkeit, Leichtigkeit und Beweglichkeit auf jeden Landwirth einen fehr guten Eindruck machten. Ohne auf die vielen Vortheile diefer im praktifchen Leben bewährten Drillmafchinen einzugehen, fei nur erwähnt, dafs diefelben zur Leitung der Saat Trichter haben, freilich zehn fehr gut gearbeitete und fein anfchliefsende Trichter, weil diefs nach der Anficht des Erfinders noch immer die befte, dauerhaftefte, praktifchfte und den Betrieb am wenigften ftörende Einrichtung ift". Die Germania Drillmafchine", welche bisher nur von diefer Firma gebaut wird, hat eine Spurweite von 12 Fufs( gleich 3.77 Meter) und zeichnet fich durch ihre enorme Leiftungsfähigkeit aus, indem fie das Doppelte aller bis jetzt angewandten Drills in derfelben Zeit verrichtet. Mit derfelben kann man nämlich per Tag circa 45 Morgen beftellen, wobei eine Spannkraft von 2 bis 3 Zugthieren und eine Bedienung von 3 Mann nothwendig ift. Befonders erwähnenswerth ift auch Siederlebens Rüben Dibbelmafchine gewefen, bei welcher die Entfernung der Horfte in den Reihen durch Anftecken von Wechfelrädern auf die einfachfte und ergiebigfte Weife erreicht wird. Der Mechanismus ift äufserft präcis und abforbirt das gröfstmögliche Minimum von Kraft; auch läfst fich die Dibbelvorrichtung an jeder vorhandenen Drillmafchine anbringen. - Rudolf Sack hat feine Drillmafchine vorgeführt, welche fich fchon feit einer Reihe von Jahren eines ausgezeichneten Rufes erfreut. Sie iſt ausfchliefslich aus Schmiedeifen gefertigt, hat eigenthümliche Säeräder, Gummiröhren zur Saatleitung und ein Vorderfteuer, deffen Handhabe fich nach rückwärts fortfetzt und von dem hinter der Mafchine gehenden Arbeiter geftellt wird. Sie zeichnet fich durch beftes Material, tadellofe Ausführung und grofse Leichtigkeit im Zuge bei fehr präcifer Saat aus. Auch die Sack'fche Dibbelmafchine erwirbt fich eine immer gröfsere Anerkennung von Seiten der Landwirthe. Die allgemeine Dispofition der aufserordentlich folid hergeftellten und vortrefflich conftruirten Mafchine ift derjenigen bei den gewöhnlichen Drills fehr ähnlich; zur Ausftreuung dienen 58 Ant. Adam Schmied. die bekannten Sack'fchen Säeräder, deren Aushöhlungen jedoch derartig vertieft und an den Seiten durch hervorftehende Ränder gefchützt find, fo dafs ein Abfallen des Samens zur Seite nicht leicht gefchehen kann. H. F. Eckert ftellte eine neue Univerfal- Breitfäemafchine mit ThornerSäerädern, befonderer Transportachfe und fo conftruirt, dafs der Wind und naffes Wetter auf die Vertheilung der Saat nicht wirken können, aus. Dann die neueſte Univerfal- Drillmafchine mit telefkopifchen Fallröhren und Sack'fchen Schöpf- oder Säerädern, welche 12 Reihen hat, jede Samenart im beliebigen Quantum fäet und fich durch fchöne Conftruction, Dauerhaftigkeit und Leiftung befonders auszeichnet. Clayton& Schuttleworth ftellten die bekannte Smyth'fche breitwürfige Säemafchine und eine Reihen- Säemafchine aus, welche nach dem Garret'fchen Syfteme gebaut ift, und deren wefentlicher Vorzug in der Verwendung von fchmiedeifernen Rädern ftatt gufseiferner liegt, überhaupt des Schmiedeifens ftatt des Gufseifens wo immer möglich, und der dadurch erzielten Leichtigkeit und Solidität. Noch ftellten Rapp& Speifer( Göppingen) eine vorzüglich gebaute Patent- Getreide Drillmafchine; Herm. Maultz fch& Comp.( Zfchöllau, Sachfen) eine ſchöne 16reihige Drillmafchine; Ed. Ahlborn fchöne Smyth'fche ReihenSäemafchine mit telefkopifchen Röhren, an welche leicht Ahlborn's Dibbelvorrichtung zur Saat der Zuckerrüben angebracht werden kann; J. G. Garret ( Bukau) drei Drillmafchinen; Chr. Schubart& Heffe( Dresden) eine gut gebaute Breit- Säemafchine; Friedrich Dehne( Halberstadt) zwei fehr fchön gearbeitete Drillmafchinen nach dem Garret'fchen Syfteme, eine 13-, die andere 15reihig; Främbs& Freudenberg( Schweidnitz, Schlefien) eine Drillmafchine mit telefkopifchen Röhren auf 17 Reihen und eine Rüben- Dibbelmafchine mit Furchenzieher zum Legen der Rübenkörner auf Dämmen; A. Bleffing( Hemmingen, Württemberg) eine fchöne Reihen- Säemafchine aus u. f. w. An die Fabricate der deutfchen Fabriken reihen fich in jeder Beziehung vollkommen würdig die Erzeugniffe der landwirthschaftlichen Fabriken Weftöfterreichs an. M. Hofherr( Wien) führte eine Reihen- Säemafchine vor, die fich durch eine ungewöhnliche Sorgfältigkeit der Ausführung und durchaus folide Conftruction auszeichnete. Diefelbe war ganz aus Eifen gebaut, und zwar waren diejenigen Beftandtheile, die am leichteften einem Bruche ausgefetzt find, aus Schmiedeifen. Dadurch hat die Mafchine an Exterieur gegenüber den hölzernen gewonnen, hat auch ein annehmbares Gewicht, da eine 13reihige Mafchine nicht ganz 9 Centner fchwer ift. Die Conftruction ift einfach und compendiös. Zur Samenvertheilung hat die Mafchine Säeräder; die Steuerung gefchieht von rückwärts, wodurch bei forgfältig vorbereitetem Acker eine wefentliche Erfparnifs in der nothwendigen Bedienungsmannfchaft möglich ift; endlich ift dafelbft eine zweckmässig ausgeführte, patentirte Vorrichtung zum gleichzeitigen Aufheben der Scharen und zur Ausrückung der Säewelle. Die von G. Sigl( Wien) ausgeftellte 13reihige Garret'fche Säemafchine nebft drei Säewalzen und fchmiedeifernem Hebel ift in jeder Hinsicht tadellos ausgeführt und kann als befter Beweis dienen, dafs unfere Fabrikanten, fobald fie über genügende finanzielle, fowie techniſche Mittel verfügen, leicht mit dem Auslande in Concurrenz treten und diefelbe fiegreich beftehen könnten. Franz Kugler( Währing, Wien) exponirte neben einer Reihenmafchine auch eine Rüben- Dibbelmafchine nach dem Kutzer'fchen Syfteme, von welchem gefagt werden mufs, dafs es bei einigen aus der Erfahrung fich ergebenden Verbefferungen den Anforderungen des praktifchen Lebens ficherlich genügen würde. Bernhard Eichmann ftellte neben einigen tadellos gearbeiteten Breit-, Reihen und Univerfal Drillfaatmafchinen die von ihm befonders gearbeitete Kutzer'fche Rüben- Dibbelmafchine aus. Die der Conftruction zu Grunde liegende Idee ift correct; auch hat fich die Mafchine im praktifchen Leben bereits gut Die landwirthschaftlichen Geräthe und Maſchinen. 59 bewährt. Nach der Abnahme des Säewerkes kann man diefelbe auch als Jäteund Behäufelmafchine verwenden, womit die Landwirthe jedoch nicht ganz einverftanden zu fein fcheinen. Julius Carrow& Comp.( Prag) führte neben einem Garret'fchen Drill und einer 12 Fufs breiten Smyth'fchen Säemafchine eine 15reihige Victoria- Drillmafchine, von Schneitter und Anderen urfprünglich conftruirt, vor, welche fehr zweckmäfsig ift, indem die Schare und das Vordergeftell in der Form der Garret'fchen Drills und das ganze Hintergeftelle anftatt von Holz, von Schmiedeifen angefertigt find, wodurch die Einfachheit und Feftigkeit der Mafchine wefentlich erhöht wird. Hyacinth Prufki( Potfchach) ftellte feine neue 4reihige Rüben- Säemafchine für Reihen- und Dibbelfaat, für Kamm und Flachbau aus. Diefelbe zeichnet fich durch die eigens gebauten Säefcheiben aus, welche nach eigenem Syfteme entweder nach rechts oder links oder nach beiden Richtungen gekantet find, und an ihren polirten und fchrägen Umfangsflächen eine Anzahl gleich weit von einander abftehender, ovaler Vertiefungen haben, die das Ausfallen des unverfehrten Samens rafch bewerkstelligen. In der ungarifchen Abtheilung ftand Ed. Kühne's( Wiefelburg) Ausftellung obenan und zeichnete fich hauptfächlich durch fehr fchöne Arbeit aus. Die Kühne'fche Drill- Saatmafchine ift nach dem bekannten Garret'fchen Syfteme conftruirt; zur Saatleitung werden jedoch Kautfchukfchläuche mit beftem Erfolge angewendet, und die Stellung der Samentrichter ift derart, dafs beim Aufziehen der Hebel keine Biegung der Schläuche eintritt. Diefe Mafchine zeichnet fich folglich nicht etwa wegen irgend einer befonderen Eigenthümlichkeit aus, fondern vornehmlich durch ihre als Refultat vieljähriger Erfahrung erfcheinende praktifche Einrichtung und gröfste Einfachheit der Conftruction, verbunden mit möglichfter Vollkommenheit und Solidität, fowie leichter Handlichkeit und auffallend billigem Preis. Durch die Einführung und raftlofe Perfectionirung diefer Drillmafchine hat fich die betreffende Firma um die ungarifche Landwirthschaft fehr grofse Verdienfte erworben; bis zum April 1873 hat diefelbe über 1300 Drillmafchinen gebaut und in Ungarn abgefetzt. Ferdinand Bokor( in Grofs- Zinkendorf) ftellte eine vortrefflich gearbeitete Reihen- Säemafchine mit Trichterfyftem aus, welche zwar wefentlich nichts Neues enthält, aber durch eine folide Bauart fich auszeichnet; Györi& Unger ( Wiefelburg) eine gut conftruirte Säemafchine mit Gummifchläuchen; Rudolf Andrée( Kisbér) eine kleine ungarifche Säemafchine mit neun Zeilen, welche befonders für die Bedürfniffe des Kleinwirthes mit fchwächerer Zugkraft und für bergiges Terrain berechnet ift und fich durch Einfachheit, Leichtigkeit, Wohlfeilheit und billige Arbeitsleiftung auszeichnet, während eine bedeutende Ungleichförmigkeit der Ausfaat und fchlechte Führung wegen fehlenden Vordergeftells ihr als Nachtheile anhaften, welche, namentlich bei ungünftigen Bodenverhältniffen, die angeführten Vortheile derfelben im Allgemeinen überwiegen. Noch ftellten Manojlovits& Comp.( Szt. Tamás), Johann Závár( Oedenburg) und Polgár Peter( Makó) Säemafchinen aus, die fich jedoch in keiner Weife, weder durch Conftruction noch durch Leiftungsfähigkeit, auszeichneten. Aus den ausgeftellten Säemafchinen konnte man die Ueberzeugung gewinnen, dafs die Breit Säemafchinen immer feltener werden, und dafs die Dibbelmafchinen bis heute die berechtigten Erwartungen noch nicht vollſtändig erfüllt haben, während über die Univerfal- Drillmafchinen die Praxis faft den Stab gebrochen hat. Bei den Drillmafchinen zeigt fich immer mehr die Tendenz, die bis jetzt gewöhnliche Conftruction zu vereinfachen und das Gewicht zu verringern. In diefer Hinficht hat fich die Erfindungsgabe der Mafchinenbauer weidlich verfucht und verfchiedene Modificationen fowohl in der Conftruction und Anwendung der eigentlich fäenden, fowie den Samen leitenden und die Saat unterbringenden zur Anwendung gebracht, um die Arbeit des Drills allen gerechten Anforderun 60 Ant. Adam Schmied. gen möglichft entſprechend zu machen; jedoch wurde der längft entbrannte Streit noch nicht vollſtändig abgefchloffen, ob Garrett, ob Schneitter oder Sack der Vorzug einzuräumen fei, und noch ift nicht endgiltig entfchieden, ob der Zimmermann'fche Drill den Sieg über alle anderen verwandten Säemafchinen davon getragen hat, da es für ein jedes der ftreitigen Syfteme, die feit den letzten Jahren fich einer grofsen Vollkommenheit zu erfreuen haben, ficherlich gewiffe Bodenverhältniffe gibt, für welchen das eine oder das andere am beften und vortheilhafteften pafst. Kartoffel Legemafchinen fehlten faft gänzlich in der Ausftellung. Nur J. Coultas( Spittlegate, Grantham) ftellte einen Kartoffelpflanzer aus, von dem nichts mehr gefagt zu werden braucht, als dafs derfelbe fehr complicirt und defshalb auch weniger praktiſch war. Dünger- Streumafchinen. Diefe Gattung der landwirthschaftlichen Mafchinen hat fich bisher eine geringe Ausbreitung erworben, indem fie nur in den intenfiven, künftliche Düngemittel verwendenden Wirthfchaften ausnahmsweife vorkommt. Aus diefer Urfache wird fie feltener verfertigt und ihre Conftruction ift auch bei verfchiedenen Arten derfelben eine ziemlich ähnliche. In der englifchen Abtheilung fanden wir Smyth's patentirten breitwürfigen Düngerftreuer mit einem Düngerbehälter von neuer Conftruction, welcher den Dünger in kleinen und gröfseren Mengen in den Streukaften bringt und einen fehr wirkfamen Umrührer, um dem Düngerbehälter beſtändig hinreichend Dünger zuzuführen( ausgeftellt von der Firma J. Smyth& Sohn.) In der deutfchen Abtheilung ftellte die Firma F. Zimmermann & Comp. einen fehr fchön gebauten verbefferten Guanoftreuer aus, welcher, ftatt der bei den älteren Conftructionen vorhandenen Walze, Schaufelräder befitzt, welche unabhängig von einander jedes für fich arbeiten und mit ftählernen Abfchabemeffern verfehen find. Die Schöpfräder find von Glockenmetall her geftellt, fo dafs diefelben von den Säuren nicht angegriffen werden. Durch Wechfelräder wird die Quantität des auszuftreuenden Düngers mit Leichtigkeit regulirt und ein ausgezeichneter Rührapparat, durch konifche Räder getrieben, bewirkt die regelmässige Zuführung des Düngers vom Kaften zu den Schaufelrädern und fomit eine gleichmäfsige Ausftreuung. In der öfterreichifchen Abtheilung exponirte Bernhard Eichmann die bekannte Chamber'fche Dünger- Streumafchine, in jeder Hinsicht tadellos conftruirt. Ebenfo die Firma Umrath& Comp.( Prag), welche diefen Düngerftreuer mit verbeffertem Steuer verfertigt; durch einen Schieber wird die Quantität des auszuftreuenden Düngers mit Leichtigkeit regulirt. Dafs diefe Mafchinen bisher noch nicht den Eingang und die allgemeine Anwendung gefunden haben, welche fie bei der intenfiven Wirthschaft unftreitig verdienen und die ihnen bei einigermafsen zweckentfprechender Conftruction auch gefichert erfcheint, liegt nach Zimmermann's Meinung hauptfächlich darin, dafs fie mehr als jeder andere landwirthschaftliche Hilfsapparat eine forgfältige Behandlung, namentlich häufige Reinigung erheifchen, wenn fie dauernd für den Befitzer von Vortheil fein follen. Defshalb verfieht diefer Mafchinenfabrikant die untere Hälfte der Hinterwand des Ausftreukaftens feines Düngervertheilers mit Charnieren und richtet fie zum Aufklappen ein, fo dafs bei dem Oeffnen der Klappe aller noch im Kaften vorhandener Dünger von felbft hindurch fällt und die an der Saatwelle, fowie den Seitenwänden anklebenden kleineren Ueberrefte durch Abfpülen leicht entfernt werden. Die landwirthfchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 61 Pferdehacken, Exftirpatoren u. dgl. In diefer Branche der Ackergeräthe war nicht viel Neues und Hervorragendes ausgeftellt und foll hier auf die diverfen Cultivateure nur der Vollständig. keit wegen hingewiefen werden. Gewifs ift die R. Garett'fche und Taylor'fche Pferdehacke Jedermann bekannt und wäre an dem von Joh. Weetman( Ipswich) ausgeftellten Exftirpator befonders die fchöne Arbeit zu rühmen. Deere& Comp. ( Moline, Illinois) ftellten einen Cultivator für Rüben aus, der jedoch ziemlich complicirt war., In der belgifchen Abtheilung bemerkte man neben dem allbekannten Molderbret einen gut gebauten brabantifchen Exftirpateur. F. Zimmermann& Comp. ftellten eine vortrefflich verfertigte Pferde. hacke verbefferter Smyth'fcher( Salzmünder) Conftruction aus, welche fich durch Leichtigkeit, zweckmäfsige Anordnung der Häufelfcharen und Hackmeffer auszeichnet und jedenfalls viel einfacher, billiger und leiftungsfähiger ift, als die fehr theuere, fchwer zu handhabende Taylorshacke. Sie ift mit acht Schutzrollen zum Schutze der jungen Pflanzen, zehn Hackenmeffer und fünf Häufelfcharen verfehen; Scharen und Meffer find fehr leicht und auf beliebige Reihenentfernung ftellbar, fo dafs die Hacke neben jeder Drillmafchine und für alle Fruchtgattungen anwendbar ift. Ebenfo vorzüglich waren die von W. Siedersleben& Comp. exponirten Hackmaschinen, welche nach der Taylor'fchen Conftruction, jedoch ganz von Schmied- und Façoneifen ausgeführt und demnach fehr einfach und vor Allem leicht gebaut waren. Je nachdem die Vegetation der Rübe vorgefchritten ift, verwendet man die Rübenhackmafchine in dreifacher Armatur, während eine vierte Armatur für das Behacken des Getreides verfertigt wird. Noch ftellten Clayton& Schuttleworth eine dreizehnreihige Smythfche Pferdekacke aus, bei welcher zu den Hackmeffern auch kleine Häufelfchare gegeben werden; P. Brelta( Ofchersleben, Sachfen) fehr einfach und zweckmäfsig conftruirte und tadellos gebaute Behackmafchinen, nach Smyth'fchem Syftem verfertigt; Sack feine bewährten, vortrefflich verfertigten Pferdehacken, Eckert einen von ihm verbefferten Tennant'fchen Grubber, ganz aus Schmiedeifen, die Füfse durchweg von Stahl verfertigt; Friedrich Dehne( Halberftadt) eine verbefferte Pferdehacke, Syftem Prieft& Morlnough, verfehen mit 12 Hebel, 12 Meffern zu 3 Zoll, 8 Meffern zu 6 und 2 Meffern zu 8 Zoll und 4 Häufelfcharen, namentlich zum Behacken des gedrillten Getreides vorzüglich bewährt; endlich Rapp& Speifer( Göppingen, Württemberg) eine fünffcharige Pferdehacke, richtig conftruirt und gut gebaut. In der öfterreichifchen Abtheilung fand man zweckmäfsig conftruirte Rübenjäter und richtig verfertigte Anhäufelpflüge eigener Conftruction von Anton Burg& Sohn( Wien); die complete Smyth'fche Pferdehau, Salzmünder Conftruction, den Coleman'fchen Scarificator, ganz von Eifen mit abnehmbaren Scharen, mehrere Arten von Anhäufler, verftellbar von 12 bis 24 Zoll Reihenweite und fomit für Kartoffel-, Rüben- und Rapsbau gleich zweckmäfsig verwendbar, von Bernhard Eichmann, deffen Erzeugniffe fich allgemein durch zweckmäfsige Conftruction, folide Bauart und gutes Material vortheilhaft auszeichnen. Beachtenswerth waren die vom Fürften Carl Paar( Wien) ausgeftellten Hochweffelyer Rübencultivatoren und die von Fr. Hrufcka( Wrutitz, Böhmen) conftruirten Jäter und Anhäufler für die Rübencultur. Fr. Kugler ftellte einige Anhäufel- und Behackpflüge, Auguft Scholz( Jauernigg) einen eifernen Jäter und Häufler mit fünf Jäteeifen, zu jeder Furche ftellbar, aus; beide Expofitionen boten jedoch nichts Neues und Werthvolles, ja, es liefsen felbft Material und Ausführung fo Manches zu wünſchen übrig. 62 Ant. Adam Schmied. In der ungarifchen Abtheilung ftellte Ed. Kühne die dreifcharige Pferdehacke nach Page aus, fehr einfach und ganz aus Schmiedeifen mit Ausnahme der Gufsräder gebaut, die genügend hoch find, um das Geftell an der Befchädigung junger Pflanzen zu verhindern, und aufserdem nach Höhe und Breite fich verftellen laffen; durch Beigabe von vier Grubbern, refpective Exftirpatorfüfsen wird das Geräth namentlich zur Lockerung des fchweren Bodens, geeignet. Die Häufelpflüge von Strobl und Baris( Peft) find zweckmäfsig und gefällig gebaut, während der Exftirpator des Johann Závárgar keine Vorzüge aufzuweifen hat. Zum Schluffe fei noch des von Lad. Mentzel in der ruffifchen Abtheilung ausgeftellten Exftirpators, fowie des von Lilpop, Rau& Comp. exponirten Jäters und Exftirpators und des von Roman Cichowsky vorgeführten Pfluges zum Kartoffelftecken und Bedecken, dann einiger Behäufelpflüge mit verftellbaren Streichbretern in der fchwedifchen Abtheilung( Forsvik Actiengeſellſchaft) einfach gedacht, da fich diefelben durch gar nichts Befonderes auszeichneten. Die Mähmaschinen und Erntegeräthe. Unter den Erntemaschinen nehmen die Mähmafchinen unbedingt den erften Rang ein. Langfam zwar, aber ficher vervollkommnen fich diefelben in ihrer Conftruction, fo dafs fie nach und nach den meiften berechtigten Anforderungen des Landwirthes zu entſprechen vermögen. Zwar hatte man fchon im XVIII. Jahrhunderte in Amerika verfucht, Erntemaschinen zu bauen, aber die erften Anfänge waren fo roh, dafs die Mafchinen keine Aufmerkfamkeit erregen konnten. Im Jahre 1801 traten Boyce und Plunket, 1806 Gladstone, 1810 Sal mon, 1812 Smith, 1815 Scott, 1820 Mann, 1826 Bell, in den 1840er Jahren Hochftetter, Jalykoff, Wilfon, Raugert mit Mähmaschinen hervor; doch verfielen alle die Mafchinen bald der Vergeffenheit, da fich ihre Syfteme im praktifchen Leben nicht bewährt haben. Bis zum Jahre 1850 wurden die Mähmaſchinen nur verfuchsweife angewendet; die erfte gangbare Mafchine war die von Croskill wefentlich verbefferte Bell'fche Mähmafchine, die fich bereits fo ziemlich bewährte. Seit diefer Zeit folgten rafch neue Erfindungen oder richtiger Abänderungen der früheren Syfteme, fo dafs die Zahl der verfchiedenen Modificationen fich in kurzer Zeit bedeutend fteigerte. Wir können getroft behaupten, dafs auf wenigen Gebieten der Mafchineninduftrie in dem letzten Jahrzehnte fo überrafchende Fortfchritte zu verzeichnen find, wie gerade bei der Fabrication der Mähmafchinen; kein anderes landwirthfchaftliches Geräth kann fich rühmen, in folch' kurzer Zeit trotz der vielen Schwierigkeiten fo weit ausgebildet und vervollkommnet zu fein, dafs es den verfchiedenartigen, wenn gerechten Anforderungen der Praxis im gleichen Mafse Rechnung trägt, wie die Mähmafchine; und ficherlich werden wir in kurzer Zeit eine Conftruction derfelben befitzen, welche den vielen Bedingungen, die entſprechend den mannigfachen localen Verhältniffen, an die Mafchine geftellt werden müffen, in befriedigender Weife entſprechen wird. Intereffant ift Ham m's Mittheilung, dafs die erften Mähmaschinen- Verfuche auf dem Continent in Oefterreich ftattgefunden haben; fo mit der Erntemafchine des Schotten James Smith im Juli des Jahres 1816 zu Vöfendorf bei Wien unter Jordan's Leitung und mit der erften Mafchine des Neuerfinders der Mähmaschine des greifen Cyrus Mac Cormick aus Chicago im Jahre 1849 in Mähren. Während auf der erften Weltausftellung( London 1851) die Amerikaner Mac Cormick und Huffey die erften wirklich nutzbaren Mähmaschinen ausftellten, verliehen die Mähmafchinen der Wiener Weltausftellung durch ihre Reichhaltigkeit und Vollkommenheit der Conftruction derfelben das Hauptgepräge. Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 63 Obenan ftehen die amerikanifchen Mähmafchinen und unter diefen behaupten den erften Rang die Gras- und Getreide Mähemafchinen der Firma Walter Abbott Wood( Hoofick Falls, New- York). Durch ihre Vorzüglichkeit haben fich die Wood'fchen Mähmafchinen ſchnell die Gunft der Landwirthe erworben; denn während im Jahre 1852 nur 200, 1853 blos 300 Mähmaschinen gefertigt wurden, erreichte die Zahl der 1872 auf den Markt gebrachten Mafchinen die Summe von 17.079 und find in diefem ganzen Zeitraume nicht weniger als 166.468 Mähmafchinen von diefer Firma gebaut und verkauft worden. Der ,, neue Champion" von Wood ift wefentlich verbeffert. Der gröfste Mangel des alten Champions war fein grofses Gewicht. Der Continent erfordert eine leichte und zugleich ftarke und dauerhafte Mafchine. Um diefem Verlangen nachzukommen, wurde die neue„ Champion- Erntemaschine" für 1873 durch wefentliche Verbefferung des alten Champions verfertigt Da es unmöglich war, mit Beibehaltung des offenen Rades, ohne Speichen das Gewicht zu verringern, ohne der Stärke zu fchaden, fo ift an der Mafchine ein neues Rad angebracht worden. Jedoch ift das Triebwerk fo eingerichtet, dafs der Schneidebalken fich immer noch in derfelben Linie mit der Achfe des Rades befindet. Der ,, New Champion" ift eine einrädrige Mafchine; das Hauptrad hat drei Fufs Durchmeffer und acht Zoll Oberfläche. Ueber den Schneideapparat der Mähmafchine überhaupt läfst fich nicht viel fagen; derfelbe ift bereits fo weit ausgebildet, dafs er den Anforderungen der Praxis durchaus entfpricht. Die Finger am Champion find aus Schmiedeeifen mit Stahloberfläche und offen an der Rückfeite, um dem Meffer die Reinigung zu geftatten. Die Höhe des Schnittes kann leicht regiert und durch einen einfachen Stellapparat beftimmt werden; die Spitzen der Finger können von dem Kutfcher auf dem Sitze gehoben und gefenkt werden, fo dafs fie das liegende Getreide auffammeln und über ein fich vorfindendes Hindernifs paffiren. Das Triebwerk ift ftark und dauerhaft, leicht zu erreichen und mit einem Kaften bedeckt, der es gegen Stroh und Schmutz fchützt. Mit jeder Mafchine werden vier Rechen verfandt, von denen zwei als Schläger verwendet werden können, wenn fie nicht als Rechen gebraucht werden. Der Umfchwung der Rechen ift erweitert und die Plattform, fteif und wohl gefichert vergröfsert worden, wodurch eine grofse und reine Spur für die Pferde erzielt wird. Bei allen Trägern werden Patentöler auf Springfedern benützt. Der neue Champion wiegt nur 9 Centner 12 Pfund und die ganze Mafchine ift mit der gröfsten Sorgfalt gearbeitet. Die Balance derfelben ift vollkommen ohne ein Ueberwiegen nach der Seite oder Schwanken. Ueberhaupt wird man den„ neuen Champion" hinfichtlich der Stärke, Vollkommenheit des Schnittes, Ablage der Garben, Leichtigkeit des Zuges und allgemeiner Einfachheit unvergleichbar finden. Wood's neue eiferne Mähmafchine", mit dem Zuge unterhalb, indem der Zug von der Fronte des Geftelles, anftatt von der Achfe aus, bewirkt wird und das Ortfcheit unter der Deichfel fich befindet, wodurch den Pferden alle Laft abgenommen und der Schneidebalken befähigt wird, jedes Hindernifs zu überwinden, ift eine der folideften und nützlichften Mähmaſchinen, die je gebaut worden find. Ihr nettes und niedliches Ausfehen, die Leichtigkeit des Zuges und die bequeme und fichere Verrichtung erwarben ihr rafch viele Freunde; zum erften Male im Jahre 1871 eingeführt, wurden 1872 über 6000 gefertigt und verkauft. Die Wood'fche Gras- Mähmafchine ift bereits fo fehr ausgebildet, dafs fie allen Anforderungen der Praxis entspricht. Ihre Conftruction ift derart entwickelt, dafs zwifchen der gegenwärtigen Gras- Mahmafchine und derjenigen, welche 1867 in Paris ausgeftellt war, nur wenige und geringe Unterfchiede beftehen. Endlich ftellt die Firma Wood eine Mähmafchine mit Selbftbinder, das Die heifst mit einer Vorrichtung zum gleichzeitigen Binden der Garben aus. Mafchine führt das Schild: L. D. Lockes Harvefter and Binder und erregte 5 64 Ant. Adam Schmied. befonderes Intereffe. Sie war fehr fchwer und ihre Conftruction fcheint bisher eine blofse Idee zu fein; gewifs wird es noch lange währen, bevor die Aufgabe gelöft fein wird, das Binden der Garben ebenfalls durch mechanifche Vorrichtungen zu beforgen. In Amerika arbeitet man fchon feit einigen Jahren an diefem Problem und hat bereits verfchiedene, mit der Mähmafchine verbundene Apparate vorgeführt, bei deren ein auf der Mafchine fitzender Arbeiter mittelft eines eigen thümlichen Mechanismus die von dem Ableger gebildeten Garben mit Draht, welcher unterhalb der Bindemulde auf einer Rolle angebracht ift, bindet und dann von dem Bindetifche herunterftöfst; alle diefe Beftrebungen haben jedoch bisher keine praktifchen Erfolge gehabt. Auch Walter A. Wood's Selbftbinde. Mafchine, bei welcher an der Seite des Ablegetifches über Rollen Strippen mit Stiften gespannt find, welche durch ihre Bewegung das abgemähte Getreide in die Höhe ziehen und in eine Art Mulde legen, wo ein Draht mit Hilfe eines Hebels die Gelege umfafst und fie gleich einem Seile zufammenbindet, bedarf nach der Ausfage des Vertreters der Fabrik, noch wefentlicher Verbefferungen, bevor fie allen Anforderungen genügen wird. Lewis Steward& Comp.( Illinois) haben ebenfalls eine Mafchine mit Selbftbinder ausgestellt. An die Wood'fchen Mähmaschinen reiht fich ebenbürtig der ,, Champion" der Schnitter und Mäher, der Firma Warder, Mitchell& Comp.( Springfield, Ohio). Das Geftell der Mafchine ift ganz aus Schmiedeifen angefertigt, wodurch diefelbe eine aufserordentliche Stärke und Feftigkeit bei geringem Gewichte erhält und folglich den Anforderungen der Praxis entſpricht. Der Schneideapparat liegt hinter den Haupträdern, ift mit der Tifchplatte beweglich und fchmiegt fich daher allen Unebenheiten des Bodens leicht an. Die Selbftrechen- Vorrichtung an diefer Mafchine ift einfach, fehr leicht und ftark; fie wird leicht mit zwei Schrauben angemacht und von einer ftarken Kette getrieben, wodurch alle Verwicklungen und Zahnräder befeitigt werden. Mittelft des neuen Apparates zum Senken und Heben der Meffer regulirt der Kutfcher von feinem Sitze aus den Mäh- Apparat beim Schneiden von verwor renem und umgewehten Getreide. Die Guardfinger find aus foliden Stücken Eifen oder Stahl rein und glatt gefchmiedet; beim Härten wird die ganze äufsere Seite derfelben hart, während die Mitte weich und zähe bleibt. Warder's combinirte Getreide und Gras- Mähmafchine ,, Champion" ift ,, Champion" ift zum Unterfchiede der Wood'fchen eine zweirädrige Mafchine. Ueber die Vorzüge der einrädrigen und zweirädrigen Mafchine find die Anfichten bisher noch nicht ganz geklärt. Die einrädrige Mafchine accommodirt fich den Terrainverfchiedenheiten ohne Veränderung der Zugrichtung des Meffers und eignet fich fomit, wenn fie auch einen ziemlichen Seitenzug auszuhalten hat, befonders für ein unebenes Terrain. Da. gegen hat die zweirädrige Mafchine einen ficheren ftetigen Gang, die Widerstände vertheilen fich gleichmässig und die Mafchine hat nur wenig Beftreben, in das Getreide fich hineinzudrehen. Sie eignet fich namentlich für einen ebenen Boden Viele Landwirthe entfcheiden fich demnach zu Gunften der zweirädrigen Maſchinen, wie es auch fchon daraus erhellt, dafs im Jahre 1872 über 12.000 Championmafchinen verkauft worden find. Gleich vortrefflich ausgeführt ift der Champion- Grasmäher aus derfelben Firma. Mit einem Geftell aus Schmiedeeifen, feftftehender, fchmiedeeifener Achfe für die Triebräder und fchmiedeeiferner Schneideftange- Verbindung mit dem Hauptgeftelle verbindet derfelbe gröfstmöglichfte Dauerhaftigkeit mit dem wenig. ften Gewichte. Beim Schneiden können die Spitzen der Guardfinger fo geftellt werden, dafs fie das Gras ganz nahe am Boden fchneiden, oder fo hoch geftellt werden, dafs fie holprige und fteinige Stellen paffiren können. Beide Mafchinen find tadellos gearbeitet. Die landwirthfchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 65 Die von Buckeye combinirte Mäh und Schneidemaschine nimmt ebenfalls eine hervorragende Stellung in der Landwirthschaft ein. Zuerft im Juli 1857 vorgeführt, im welchem Jahre 25 Buckeyes gebaut wurden, fabricirt gegenwärtig die Firma Aultman, Miller& Comp.( Akron, Ohio), ihre Erfinderin, jährlich 20.000 derfelben, und verkauft fie in den Vereinigten Staaten. Die Buckeye ift die erfte Mafchine mit zwei Haupt- Treibrädern, hat ein gufseifernes Geftell und fchmiedeiferne Stützen; der Schneide- Apparat kann während des Transportes vollftändig umgelegt werden, fo dafs er ficher und feft in einer horizontalen Lage auf dem Geftelle der Mafchine ruht; die Mefferftange ift ftellbar, die Zinken oder Finger find aus dem beften Schmiedeeifen gemacht, und die Scheide, welche mit Stahl ausgelegt ift, hat eine etwas vertiefte Oberfläche, wodurch die Reibung des Meffers, deffen Schneide ftark gehärtet ift, bedeutend vermindert und der Zug der Mafchine fehr erleichtert wird. Die ausgeftellte combinirte Mafchine zeigt befte Qualität des Materiales und ift fehr gut conftruirt. " Auch Adrience, Platt& Comp.( New York) ftellten tadellos gebaute Buckeyes aus, und bezeichnen diefe amerikaniſche Gras- und Getreide Mähmafchine als die befte und beliebtefte Mafchine der Welt". Der Selbftrechen Apparat der Buckey, durch Vereinfachung und Verbefferung des beliebten John. fon- Selbftrechens entftanden, ift einfach, dauerhaft und ausgezeichnet wirkend, ob das Getreide kurz oder lang, nafs oder trocken ift. Er befteht nur aus drei fehr, ftarken Gufsftücken; einige kleinere Theile find aus dem beften fchmiedbaren Guffe und alles Uebrige aus Schmiedeeifen verfertigt. Bei diefer und allen bisherigen Getreide- Mähmaschinen ift die Anordnung der Ablegevorrichtung derart, dafs die fich drehenden Haken ftets, nachdem fie die Plattform paffirt haben, fich beinahe fenkrecht aufrichten, und fo nicht über die Ebene des Fahrrades hinüberragen, hauptfächlich, um den auf dem Kutfcherfitze fitzenden Treiber nicht zu beläftigen. Cyrus H. Mac Cormick( Chigago, Illinois) ftellt feine Mäh- und Erntemaschinen aus, die in allen ihren Theilen vortrefflich ausgebildet find. Mac. Cormick mufs als der eigentliche Erfinder der Mähmafchine betrachtet werden; er war der Erfte, welcher eine in der Praxis brauchbare Mafchine ausführte. Er debutirte mit derfelben zuerft auf der Londoner Ausftellung 1851, nachdem er zwanzig Jahre dazu gebraucht hatte, um die Mafchine fo herzuftellen, dafs fie überhaupt ihre Arbeit erfolgreich verrichtete; fpäter wurde die urfprüngliche Mac. Cormick'fche Mafchine durch zahllofe Erfinder verbeffert und modificirt, ohne dafs es jedoch möglich gewefen wäre, diefelbe, von ihrem Erfinder fortwährend verbeffert, zu verdrängen; über 100.000 diefer Mafchinen find in den Vereinigten Staaten verkauft worden. Das Princip der Mac Cormick fchen Mafchine ift allgemein bekannt, fo dafs darauf nicht eingegangen zu werden braucht. Nur davon fei Erwähnung gethan, dafs in jüngfter Zeit das Gewicht der Mafchine durch ausgedehnte Anwen dung des Schmiedeeifens, namentlich zu dem Haspelgeftell, fowie durch einen geringeren Durchmeffer des Hauptrades, um nahezu drei Centner reducirt worden ift; diefelbe wiegt in ihrer neuen Ausführung wenig über zehn Centner. Die Bewegung der Haken ift eine ruhige. Die Schmiervorrichtungen beftehen aus Glasflafchen, mit gefchliffenen Eifenkappen überdeckt, welche auf den Schmierftellen aufgefetzt werden und das Oel mittelft eines Dochtes ftetig den reibenden Theilen zuführen. Diefelben find neuerdings durch eine Schraube gefchloffen, wodurch fie vollständig gegen das Eindringen von Schmutz gefchützt find. D. M. Osborne& Comp.( Auburn, New- York) führt zwei fchöne einräderige Mähmafchinen vor, eine für Getreide und eine combinirte für Getreide und Gras, dann eine zweiräderige Gras- Mähmafchine,„ Kirby", welche in Amerika als eine der vorzüglichften Gras- Mähmaschinen gilt. Das Geftell diefer letzteren ift vom beften amerikanifchen Material, leicht und doch fehr folid conftruirt. Die Finger haben aufgenietete Stahlplatten, fo dafs das Gras wie mit der Scheere gefchnitten, und nicht wie bei anderen Mafchinen abgequetfcht wird. Die Getreide5* 66 Ant. Adam Schmied. Mähmafchine hat fich unter dem Namen" Burdick" bei manchem Probemähen ausgezeichnet bewährt. Die combinirte Mähmafchine verfchmilzt endlich beide Syfteme in zwekentfprechendfter Harmonie. Die von J. F. Seiberling& Comp.( Akron, Ohio) exponirte Erntemaschine " Excelfior" unterfcheidet fich von den übrigen amerikaniſchen Mafchinen diefer Art durch die Ablegevorrichtung, den fogenannten„ Rückableger". Bei dem Excelfior mit Rückableger wird das Getreide durch einen vorliegenden Haspel den Meffern zugeführt und auf einer kurzen, fchräg ftehenden, aber beweglichen Skelet- Plattform aufgefammelt. Sobald nun der Führer die Plattform mittelft feines Fufses fenkt, fo fallen die Stoppeln zwifchen den Latten durch und ziehen die angefammelte Garbe ab, wobei zugleich ein Stock, fogenannter Garbentheiler, fich vor das in der Zwifchenzeit gefchnittene Getreide legt, und fo das Verzetteln der Aehren verhütet; bei fehr langem Getreide läfst man jedoch den Garbentheiler beffer weg. Es iſt fomit die einzige amerikanifche Mähmafchine, bei welcher die Ablegung des Getreides durch Treten mit dem Fufse bewerkstelligt wird. Da aber der Ablegarm die Garbe nur nach rückwärts fchiebt und diefelbe durch Handarbeit bei Seite gefchafft werden mufs, um die Bahn für die nächfte Fahrt der Mafchine frei zumachen, fo können hiedurch in manchen Fällen die Vorzüge der fonft vortrefflichen Mafchine bedeutend abgefchwächt werden. Bei dem Excelfior" ift noch hervorzuheben, dafs der Haspel verftellbar ift, und zwar derart, dafs der Führer mit Leichtigkeit denfelben hoch oder niedrig ftellen kann, je rach der Länge des Getreides. Diefs ift namentlich bei windigem Wetter und Lagergetreide von grofsem Vortheil, da hiedurch die Halme aufgerichtet werden und das Abfchneiden der Aehren verhütet wird. " Die von derfelben Firma ausgeftellte Gras- Mähmafchine hat, wie die vorige Getreide- Mähmafchine, zwei von einander unabhängige Fahrräder von grofsem Durchmeffer( 85 Centimeter), die den Rahmen tragen, lofe auf der Achfe fitzen, und erft durch je zwei Sperrkegel und ein auf der Achfe feft fitzendes Sperrrad die Achfe in Bewegung fetzen; dadurch wird es möglich, dafs man bei Wendungen nach beiden Seiten hin, und follten fie noch fo kurz fein, fchneiden kann, da ein Rad hinreichend ift, um die Mafchine zu treiben, eines der beiden Räder aber bei jeder Wendung laufen mufs. Sonft ift die Mafchine zweckmäfsig conftruirt und fehr gut gearbeitet, fo dafs fie fich bereits eine ziemliche Verbreitung erworben hat. Johnfton Harvefter& Comp( Brockport, New York) ftellt Johnfton's fchmiedeeiferne zweiräderige Gras- Mähmafchine aus, welche in ihrer neueften Conftruction eine folche Anordnung und Ausführung der Theile enthält, dafs fie unter den verfchiedenften Umftänden verwendbar ift, und durch die Leichtigkeit des Zuges und Beweglichkeit des gelenkartig mittelft Hinterftabes mit dem Rahmen verbundenen Schneideapparates, welche fie zum Mähen felbft auf unebenen Wiefen befähigen, muftergiltig geworden. Johnfton's Harvefter- Getreide- Mähmafchine ift erft feit vier Jahren in Europa eingeführt, hat fich aber bei mancher Concurrenz bereits vortrefflich ausgezeichnet. Sie iſt einrädrig, paralifirt den Seitenzug durch richtige Deichfeleinfügung und zeichnet fich namentlich durch die Möglichkeit aus, durch Einſatz der betreffenden Zahnrädchen und Gebrauch des Fufstrittes am Kutfcherfitze vier verfchieden grofse Garben je nach dem Stande der Frucht ablegen zu können. Die combinirte Getreide- und Gras- Mähmafchine endlich ist auf hohen Rädern mit breiten Radkränzen montirt, fo dafs fie fich durch einen leichten und ruhigen Gang auszeichnet. Endlich führt uns die Mähmaschinen- Fabrik in Wherling( WeftVirginien) ihren" Superior" vor, die neue amerikaniſche Gras Mähmafchine, welche fich durch eine einfache Conftruction, leichten Zug und bequeme Handhabung auszeichnet, indem fie weder Zwifchenwelle noch Zahnräder befitzt, fondern directe Uebertragung der Kraft von der Hauptwelle auf die Kurbelwelle mit kleinfter Reibung und geringer Gefahr des Zerbrechens hat. Auch ihre Leiftungs Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 67 fähigkeit ift hoch, da fie bei den freilich mifslungenen Verfuchen in Leopoldsdorf in 1 Stunde 7 Minuten I Joch Mifchfutter ſchnitt. Die S pragne Moving Comp. ( in Providence, Rhode Island) zeigte zwei Gras- Mähmaschinen, welche fehr einfach und leicht conftruirt, tadellos gearbeitet und vollkommen balancirt find. Diefe Gras Mähmafchine gehört zum Typ der zweirädrigen, mit rechts vor der Fahrradachfe angebrachtem Schneide- Apparat verfehenen Mafchinen; das Geftell ift aus Gufseifen und find fämmtliche Theile des Triebwerkes gut abgefchloffen und vor Verunreinigungen bewahrt. Die Fingerfchlitze find mit Stahlplatten belegt, was von manchen Landwirthen als minder vortheilhaft bezeichnet wird. Nicht nur, dafs das richtige Einpaffen und die folide Befeftigung diefer Platten eine nicht geringe Arbeit verurfacht, es kann auch ein Lofewerden desfelben eintreten, was dann mancherlei Unannehmlichkeiten bedingt. Die Handhabung des Schneide- Apparates gefchieht mittelft eines von der rechten Hand des Treibers bewegten Hebels, wodurch fich der erftere leicht den vorkommenden Terrainverfchiedenheiten anfchliefsen kann. Uebergehend zu den englifchen Mähmafchinen, müffen wir an erfter Stelle der Firma Samuelfon& Comp.( Banbury) gedenken, deren ſchöne Mähmafchinen- Collection Jedermann in die Augen fiel. Samuelfon's" Roydl". Mafchine nimmt unftreitig den erften Rang unter den englifchen Mähmaschinen ein. Die Conftruction der Mafchine ift allgemein bekannt, die Mafchine ift hinläng lich erprobt, und hat fich nach den bisherigen Erfahrungen für die meiſten Verhältniffe als gut bewährt. Unabläffig hat Samuelfon feine automatifche GetreideMähmafchine verbeffert und diefelbe mit Rückficht auf die wirthfchaftlichen Ver hältniffe des Continents vervollkommnet; neuerdings hat er diefelbe im Gewichte reducirt, fo dafs fie leichter ift als alle ähnlichen englifchen Mafchinen, ohne jedoch etwas an ihrer Solidität, Dauerhaftigkeit und Leiftungsfähigkeit verloren zu haben. Samuelfon ift demnach auch faft der einzige englifche MähmaschinenFabrikant, welcher erfolgreich mit den amerikanifchen concurrirt. Seine einfpännige Getreide- Mähmafchine„ Eklipfe", eingeführt im Jahre 1863, ift der einfachfte und praktifchefte einfpännige Getreidemäher für kleine Wirthschaften, und ift, was Stärke, geringe Zugkraft, Einfachheit und Zuverläffigkeit anbelangt, noch von keiner derartigen Mafchine übertroffen worden, wefshalb auch der Begehr nach diefer Mafchine ftets ein grofser ift. Ebenfo ift die Samuelfon'fche Gras- Mähmafchine„ Gleichgewichtszug" ziemlich beliebt, da fie fich durch aufserordentlich niedrigen Schnitt, Einfachheit in der Conftruction und bequeme Führung auszeichnet. Die Schneideplättchen find an der oberen Fläche des Mefferbalkens und nicht an der unteren befeftigt, fodafs fie leicht auf einem Schleiffteine gefchärft werden können; das Meffer bewegt fich auf gehärteten Stahlplättchen, wodurch ein keilförmiger Raum zwifchen demfelben und dem Fingerbalken gelaffen wird, wodurch jede Verftopfung des Meffers verhindert und die Zugkraft aufserordentlich verringert wird. Die Stahlplättchen find abnehmbar und verhindern vollſtändig die Aus nutzung des Fingerbalkens durch das Meffer. R. Hornsby& Söhne führen ebenfalls eine reiche Collection Mähmafchinen vor, drei Getreide- und zwei Gras- Mähmaschinen, welche den verfchiedenen Bodenverhältniffen angepafst find. Vielfach bereits befchrieben und ziemlich verbreitet, find die Hornsby'fchen Mafchinen in ihrer Conftruction den meiften Landwirthen bekannt. Da an denfelben alle Theile zweckmässig conftruirt, gut ausgeführt und montirt find, zeichnen fich die Mafchinen namentlich durch Sicherheit der Arbeit aus. Neuerdings werden an denfelben die patentirten verbefferten Finger aus fchmiedbarem Gufseifen oder Gufsftahl von befter Qualität mit doppelten fchneidenden Stahlplatten, von derfelben Güte wie die Meffer, an der unteren und oberen Fläche eingefetzt, wodurch ein reiner und vollkommen gleichmäfsiger Schnitt bewirkt wird, was namentlich bei lagerndem und ſtark verunkrautetem Getreide von befonderer Wichtigkeit ift. Hornsby's" Governor" befitzt eine neue patentirte Anordnung, durch welche nach Belieben in fechs verfchiedenen Garben 68 Ant. Adam Schmied. gröfsen abgelgt werden kann; auch einen patentirten doppelten Hebe- Apparat, um Lagergetreide zu heben, und dadurch zu verhüten, dafs an der inneren Seite der Mafchine die Aehren abgefchnitten werden. Ganz befonders foll aber die neuefte Hornsby'fche einräderige Mafchine„ Advance", zuerft eingeführt für die Ernte von 1873, hervorgehoben werden. Sie ift fpeciell für die Ernten des Continentes berechnet und befitzt wenigftens theoretifch alle Vorzüge der beften Getreidemäher. Wenn fie auch in ihrer Gefammtdispofition mit der gewöhnlichen Anordnung der übrigen Mähmafchinen wohl übereinftimmt, fo zeichnet fie fich doch durch Originalität in der Conftruction aus, hauptfächlich durch die eigenthümliche und jedenfalls beachtenswerthe Ablegevorrichtung. Die Garbenablegung gefchieht( wie bei den Mafchinen„ Progrefs" und" Governor") mittelft drei Fufs langer hölzerner Raffarme, welche fich um eine geneigte Fläche drehen und derart conftruirt find, dafs die am Ende desfelben befindlichen Raffbreter durch ein vom Kutfcherfitze aus lenkbares Hebelgelenk umgelegt werden können; fie harken folglich das Getreide nicht von der Plattform herunter, fondern verrichten nur die Function der Raffarme. Es erinnert diefe Vorrichtung an den Selbftablege Apparat von Johnfton Harvefter; freilich erfcheint fie einfacher und zugänglicher. Durch einen Anfatz unter einander verbundener, in der Mafchine ausgefparter Mefferfegmente unterhalb der Schiene wird eine niedrigere Stoppelhöhe erzielt. Die„ Advance" geftattet eine veränderliche Neigung der Plattform vom Kutfcherfitze aus durch einen leicht zu handhabenden Stellungshebel; die Anordnung der Ueberfetzungsräder ift fehr gefchickt und vor dem Eindringen fremder Körper gefichert, die Zugkraft ift reducirt, der Seitenzug entfernt, die Mafchine aus beftem Material tadellos gearbeitet. Wenn fich die ,, theoretifche" Vorzüglichkeit der Advance auch in der ,, Praxis" vollſtändig erweifen wird, fo wird man derfelben ohne Bedenken den erften Rang unter den englifchen Getreide- Mähmafchinen einräumen müffen. Die Hornsby'fchen zweiräderigen Mähmaschinen ,, Paragon" und" Manchefter", welche auch als combinirte Mähmaschinen verwendet werden können, befitzen ein verbeffertes Geftell, find verhältnifsmäfsig leicht, aber trotzdem folid, feft und dauerhaft; fie haben fich immer als fehr wirkfame Gras- Mähmafchinen erwiefen. J.& F. Howard hat zwei Getreide Mähmaschinen exponirt: die internationale und europäiſche Beide find zweiräderig, einfach conftruirt und gut balancirt. Die„ International Getreide Mähmafchine" verbindet gröfsere Stärke, refpective kräftigen Bau mit gröfstmöglicher Einfachheit, indem fie für Gegenden bestimmt ift, die dichten Getreideftand und einen kräftigen Pferdefchlag haben. Das Geftell ift aus Schmiedeeifen und aus einem Stücke gearbeitet; der Treiberfitz befindet fich an der Mafchine auf der Deichfel; die Führung der Harken und Raffbreter wird durch je eine befondere Führungscurve bewirkt, wodurch die Bewegung der Harken unabhängig wird von den Raffarmen; Howard's Doppelhebel geftattet, dafs die Sammelarme gerade in das Korn heruntergehen und fich wieder heben, bevor fie an die Schneidemeffer kommen. Die European" Getreide- Mähmaschine ift in der Hauptfache nach dem Principe der internationalen Mafchine gebaut, jedoch von geringerem Gewichte und mehr dem Bedarfe des Continents angepasst, wo die Pferde gewöhnlich kleiner und das Getreide weniger dicht ift, als in England. Das ganze Geftell befteht aus Schmiedeeisen und Stahl, wodurch die Bruchficherheit der einzelnen Theile wefentlich erhöht wird; das vollständigfte Gleichgewicht und die vollkommenfte Bieg famkeit charakterifiren das auf zwei hohen Rädern montirte Geftell. Die Deichfel ift an der beften Stelle angebracht, und zwar nicht feft, fondern in einem ftarken Doppelgelenk gelagert, wodurch fich die Mafchine den Terrainverhältniffen möglichft accommodirt, da die Räder jede beliebige Stellung, entfprechend der Lage des Bodens, annehmen können. Defshalb ift der European" auf ftarken Hängen und bei unebenem Grund, für Wafferfurche und Rain anwendbar. Der Sitz für den Führer befindet fich auf der Seite der Mafchine Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 69 anftatt über der Deichfel, und ift fo arrangirt, dafs das Gewicht des Führers einigermafsen durch dasjenige der Plattform balancirt wird. Noch haben A. C. Bamlett( Thirsk, Yorkſhire,) einige Getreide- Mähmafchinen, Williams& Comp.( London) archimedifche Gras- Mähmafchine, um das Gras dicht an den Bäumen, auf fteilen Hügeln u. f. w. zu fchneiden, Birgham & Comp.( Berwickupo Tweed) Mäh- und Erntemaschinen, Burgefs& Key ( London) eine Erntemaschine, gleichzeitig das Korn in Garben theilend, ausgeftellt; doch zeigen diefe Maſchinen nichts Neues, wefshalb wir diefelben unbeachtet laffen. Nur bei der letzten Mafchine fei angeführt, dafs diefelbe im Wefentlichen nach dem Mac. Cormick'fchen Syftem angeordnet ift. In den letzten Jahren hat fie Burgefs mannigfach verbeffert und leichter gemacht, fo dafs fie im Ganzen zufrieden ftellende Arbeit liefert. Wenn wir zum Schluffe eine Betrachtung über die amerikanifchen und englifchen Mähmaschinen anftellen, fo müffen wir geftehen, das England in diefer Branche des landwirthfchaftlichen Mafchinenwefens bedeutend hinter Amerika fteht. Die Ausstellung der amerikaniſchen Mähmaschinen war fehr zahlreich und wahrhaft glänzend ausgeftattet; wenn darüber manche Befucher den Kopf fchütteln und die fchmucke Ausftattung der Ausftellungsobjecte als übertrieben rügen, fo mögen fie vielleicht Recht haben; doch gibt es wieder Andere, denen diefs lieber ift, als das Gegentheil, welches an einigen anderen, namentlich deutfchen Mafchinen wahrgenommen werden kann. Die amerikanifchen Mafchinen find leicht, haben hohe Räder, befitzen zumeift eine günftige Anordnung der Deichfel zu den Fahrrädern und zeichnen fich durch eine mäfsige Zugkraft aus; dagegen find die englifchen Erntemaschinen fämmtlich maffiv, faft fchwerfällig gebaut und beobachten auch nicht genug„ jene bewunderungswürdige Vertheilung des Gleichgewichtes, in welcher die Amerikaner, namentlich mittelft der Anbringung des Kutfcherfitzes, Meifter find". Treffend äufsert fich Hamm: Die Engländer bauen für die Ewigkeit, Amerikaner für die Zeit. Dafs der letztere Standpunkt der praktiſchere und für die Lanwirthfchaft förderlicher ift, ift klar. Die Amerikaner find beftrebt, dafs eine Mafchine fich durch ihre Leiftung bald bezahle; dann legen fie diefelbe bei Seite, um eine neue, verbefferte Conftruction einzuführen. Damit ist aber dem Fortfchritte weit mehr gedient, als mit dem zähen Feftkleben an einer veralteten Mafchinen, aus keinem anderen Grunde, als weil diefelbe in Folge ihrer maffiven Conftruction noch brauchbar ift, und man neue Auslagen fcheut. Während diefe beiden Länder die Mähmafchine zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gebracht haben und allein Originelles leiften und wahrhaft Sehenswerthes ausftellen, bleiben die übrigen Länder in diefer Branche weit hinter ihnen zurück. Die franzöfifchen, deutfchen und öfterreichifchen Mähmaschinen find faft nur blofse Nachahmungen amerikaniſcher und englifcher Syfteme und, was zu rügen ift, werden mitunter ältere, dem Bedürfniffe minder entſprechende Conftructionen copirt, während der Erfinder feine Mafchine durch ftetig fortfchreitende Verbefferungen bereits erheblich vervollkommnet hat. So haben wir hie und da einige Nachbildungen älterer Samuelfon'fchen Mähmafchinen gefehen, während die Originalmafchine felbft bedeutend vereinfacht und wefentlich verbeffert erfcheint. Einzelne Details find zwar auch hier, und zwar meiftens den localen Bedürfniffen entſprechend, modificirt und weiter ausgebildet worden; aber eine neue, bahnbrechende Idee ift nirgends zu finden".( Perels.) Doch müffen wir mit Freuden zugeftehen, dafs alle Fabrikanten, welche Mähmafchinen ausftellten, eine mufterhafte Ausführung der Erzeugniffe bekundet haben; namentlich haben auch die Leiftungen der öfterreichifchen Ausfteller auf diefem Gebiete vielen Beifall gefunden. Es genügt demnach, wenn über die übrigen ausgeftellten Mähmaschinen nur flüchtig berichtet wird. In der franzöfifchen Abtheilung ftellten Albaret& Comp.( Liancourt) eine fehr fchön gebaute Getreide Mähmaſchine mit felbftthätiger Ablegungsvor 70 Ant. Adam Schmied. richtung nach engliſchem Princip dar; der Apparat zur Ablegung ist das fich drehende Harkenkreuz. In der deutfchen Agriculturhalle ift zuerft die von Gebrüder Hanko ( Neukofchütz bei Dresden) ausgeftellte Mähmafchine zu nennen. Sie iſt eine der praktifcheften Gras- Mähmafchinen. Ihr Schneide- Apparat, nach der Einrichtung des Scheerenprincipes mit rechts zur Seite herausliegendem Meffer, liegt zwar auch feitwärts vom Fahrgeftell, jedoch nicht vor, fondern hinter demfelben, was die Mafchine zur Verwendung auf unebenen Terrain geeigneter macht. Das Triebwerk befindet fich unter dem Sitze des Führers, entgegengefetzt den Word'fchen. Mafchinen. Als fogenannte combinirte Mafchine ift fie durch Anbringen des Ablegetifches und Harkenfyftems zur Getreide- Mähmafchine einzurichten. Die von W. Siedersleben& Comp. vorgeführte Mähmafchine, nach Samuelfon'fchem Syfteme tadellos conftruirt, hat das Geftell aus fchmiedbarem Gufs-, die Räder und übrigen Beftandtheile aus englifchem Gufsftahl, wiegt zehn Centner und zeichnet fich durch Einfachheit der ganzen Conftruction, gröfste Solidität und gröfstmögliche Leichtzügigkeit aus. Auf Wunfch wird die Mähmafchine mit einer Selbftfchmiervorrichtung, fowie mit einer Schutzkapfel verfehen, wodurch alle Getriebe verdeckt und vor dem Eindringen fremder Körper gefchützt werden. Die Fabrik baut ihre Maſchinen in zwei Sorten, eine mit Führerfitz und eine ohne denfelben, bei welcher alfo der Führer reitet. Endlich ftellten Gebrüder Klemm( Eckernförde, Schleswig- Holftein) eine amerikaniſche Mähmafchine, die„ Little Champion", Selbftrechen-, Kornund Gras- Mähmaschine, aus, welche ihre Fabrik fehr zweckmässig und gut verfertigt, und die Mafchinenagentur von Chr. Schubart& Heffe( Dresden) eine amerikaniſche Originalmafchine, welch' letzteres Verfahren jedoch von vielen Seiten mit Recht getadelt wurde. In der öfterreichifchen Abtheilung erfreute den Befucher die von M. Hofherr exponirte Collection von vortrefflich gebauten Gras- und GetreideMähmafchinen. Letztere, nach Samuelfon's älterem Syfteme conftruirt, bieten. zwar nichts Neues dar, find aber bis ins Kleine tadellos ausgeführt und zeichnen fich durch eine grofse Betriebsficherheit aus, welche fie den Landwirthen befonders empfiehlt. Und in der ungarifchen Abtheilung fand man in der fchönen und reichhaltigen Collection von Strobl und Baris eine trefflich verfertigte Mähmafchine mit Ablegevorrichtung, unter der Zugrundelegung der bewährteften Syfteme conftruirt. Auf Grund der bei der Befichtigung der ausgeftellten Mähmaschinen gemachten Wahrnehmungen mufs conftatirt werden, dafs ein Stillftand in der Ausbildung der Mähemafchinen bisher nicht eingetreten ift, dafs vielmehr die einzelnen Fabrikanten raftlos bemüht find, nach dem gründlichften Studium aller ein fchlagenden Fragen die bisherigen Mängel der Mähmaschinen zu befeitigen und eine allgemein fich bewährende Conftruction herzuftellen. Von Jahr zu Jahr werden die Anfichten über die vortheilhaftefte Conftruction und zweckmäfsigfte Anordnung und über die geeignetfte Anwendung der Mähmafchinen klarer, und man kommt immer mehr zur Ueberzeugung, dafs das Erntewerkzeug der Zukunft allgemein die entſprechend verfertigte Mähmafchine fein wird. Ueber die anderen Arten der ausgeftellten Erntemaschinen läfst fich nicht viel fagen. Howard führte feinen allbekannten Kartoffel- Aushebepflug vor. welcher durch Anbringung von geeigneten Streichbretern jeden Augenblick in einen Häufelpflug umgewandelt werden kann; Coleman& Morton( Chelmsford, Effex) ihren zweckmäfsig und folid conftruirten patentirten Kartoffelausheber, Hornsby einen Kartoffelheber, welcher an jedem Hornsby'fchen Pfluge anzufezten ift. Die Actiengefellfchaft Forsvik( Carlsborg, Schweden) ftellte einen Kartoffelausgraber mit einen langen, fechs Zoll breiten Schar aus, von welchem fechs fehr fchön gearbeitete und zweckmäfsig vertheilte Scharleiften Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 71 hinaufgehen. Während die Kartoffelpflüge lediglich den Zweck haben, die Kartoffel aus der Erde zu heben und an die Oberfläche hinzulegen, foll Chr. Schubart's & Heffe's( Dresden) Kartoffel- Ausgrabemafchine die Ernte- Arbeit ganz ausführen; diefe durchaus einfache und dabei höchft folid, ganz in Eifen ausgeführte Mafchine fördert täglich vier öfterreichifche Joch. Ant. Burg& Sohn( Wien) ftellte einen Univerfal Kartoffelcultivator mit Anhäufel, Jäte- und Aushebevorrichtung, fchön und zweckentfprechend verfertigt, aus. Nach den Erfahrungen, die bisher mit den bekannten Kartoffel- Erdepflügen im praktifchen Leben gemacht worden find, fcheint das Urtheil wohl gerechtfertigt zu fein, dafs die Aufgabe, einen brauchbaren Kartoffelpflug zu conftruiren, bisher noch ungelöft ift. Und ähnlich verhielt es fich mit den Rüben- Erntepflügen. Votriek ( Grofs- Beffan, Ungarn) ftellte einen Rübenheber aus, welcher im Grofsen und Ganzen die Form eines Untergrundpfluges hat. Der eigentliche wirkende Theil befteht aus einem Scharftiel, einer Stütze und der Sohle, welche aus einem Stücke gegoffen find; an dem Scharftiel ift die flache, länglich herzförmige Halbfchar mittelft einer Schraube befeftigt, und zwar in der Verlängerung der Sohle. Die vordere Spitze der Schar ift ein wenig nach abwärts gebogen, die äufseren Kanten derfelben find nach ein- und abwärts abgerundet, der Stiel hat eine nach vorn ftumpfe Schneide, fo dafs er ähnlich einem Sech wirkt, und ift ein wenig fchief geftellt; die Mitte der Schar liegt gerade unter ihrem Befeftigungspunkte im Grindel. Das Geräth kann bei einer Befpannung mit zwei ftarken Ochfen, täglich 12 Joch Rüben ausheben. L. Zeithammer's( Krumau, Böhmen) patentirter Rüben- Aushebepflug befteht aus einem einfachen, mit Flacheifen verftärkten Holzgeftelle, ähnlich jenem des Pabft'fchen Exftirpators, nur mit dem Unterfchiede, dafs der arbeitende Theil zwei nach vorn und eine gebogene fechartige, an ihrem unteren Ende mit je einem pflugfcharartigen Flügel verfehene Aushebefchar trägt. Das Geräth ift einfach in feiner Conftruction und leiftet dennoch vorzügliche Dienfte: in zehn Arbeitsftunden kann mit demfelben in leichtem Rübenboden eine Fläche von 2 bis 21 Joch, in fchwerem Boden von I bis 12 Joch gehoben werden; dabei wird der Acker noch in einer Tiefe von 8 bis 12 Zoll vollkommen gelockert. Die Heurechen und Heu- Wendemafchinen, welche hier auch betrachtet werden, da fie nicht nur auf Wiefen, fondern auch auf den Feldern bei der Heubereitung verwendet werden, blieben in der letzten Zeit faft unverändert. Die Verbefferungen befchränken fich vorzüglich darauf, dafs die Zinken von Federftahl und die Geftelltheile aus Schmiedeifen angefertigt werden, wie an dem verbefferten Heurechen von Clayton& Shuttleworth, welcher auch zum rafchen Zufammenrechen der zerftreuten Halme nach der Ernte unübertrefflich fich eignet. Der Rahmen und die Seitentheile find aus Eifen, die Harken vom beften Federftahl, das Hebelwerk zum Heben fämmtlicher Harken vollkommen ausgeglichen; die Spurweite diefes Heurechens beträgt 7 Fufs 6 Zoll; derfelbe wiegt 460 Pfund und hat 28 Zinken, während der„, Star", Pferdrechen, Ranfome's 6 Fufs 9 Zoll breit ift und 24 Harken hat. Die ftählernen Zähne find bei diefem zweckmäfsig ausgeführten Heuwender an einem beweglichen Rahmen angebracht, welcher während der Arbeit vermittelft einer einfachen Einrichtung feftgefetzt wird, fo dafs fich das Geräth durch die leicht handbare Ablage auszeichnet. Howard's neuefter Pferdere chen zeigt bedeutende Verbefferungen im Heben der Zinken und in der Ablage der Schwaden; bei E Pagé's& Comp. Pferdere chen ift der Kutfcherfitz vortheilhaft hinter dem Rechen angebracht, von wo aus die Ladung fehr einfach und leicht zu entfernen ift; John Weetman( Ipswich) macht jeden Zinken beweglich; Phil. W. Nicholfon verfertigt fehr einfache Pferdere chen, bei welchen die Zähne aus Stahl, die Räder aus Schmiedeeifen find. Alle diefe Heurechen find aber nach einem Principe conftruirt, fowie auch derjenige, welcher in der fchwedifchen Abtheilung von dem Eifenwerke Oeferum ausgeftellt war. 72 Ant. Adam Schmied. In der deutfchen Abtheilung ftellen W. Siederleben& Comp., in der öfterreichifchen Abtheilung Ant. Burg& Sohn, fowie Bernh. Eichmann, in der ungarifchen Abtheilung Györi és Unger, Péter Polgár und Strobl& Baris fchön gearbeitete, jedoch nach dem englifchen Syfteme conftruirte Pferderechen aus. Unter den Heuwendern ift die von R. Boby( Bury St. Edmunds) nach feinem alten Syfteme conftruirte, patentirte doppeltwirkende Heu- Wendemafchine, wo auf jedem der beiden Theile fünf Arme mit je fechs Zinken vorhanden find, zunächft zu nennen. Sie iſt die ursprüngliche Conftruction aller neueren Mafchinen diefer Art, Howard's patentirte Heu- Wendemafchine hat eine praktiſche Einrichtung der Zinkenrollen, welche jegliche Stopfung verhindert, da die Zinken, zu je dreien im Zickzack geftellt, einander bei der Arbeit das Gleichgewicht halten und die Heumaffen regelmäfsig auseinander werfen. Nicholfon's Heuwender zeichnet fich durch eine tadellofe Arbeit aus. Die in den anderen Abtheilungen exponirten Heuwender find blofse Nachahmungen der englifchen Conftruction. Heinrich Lanz( Mannheim, Baden), Bernh. Eichmann( Prag), Friedrich Dehne( Halberstadt) und Andere ftellten derartige Geräthe aus, die fich durch gefällige Conftruction, gutes Material und bedeutende Leiftung auszeichnen. Drefchmafchinen. Die Drefchmafchinen find als die am meiften verbreiteten und am längften im Gebrauche ftehenden landwirthfchaftlichen Mafchinen auch in den verbefferten Conftructionen wohl bekannt; fie find in ihrer gegenwärtigen Ausbildung mit geringen Ausnahmen in der Einrichtung fehr zweckmäfsig und in der Leiftungsfähigkeit zufriedenftellend, fo dafs ihre Conftruction, ähnlich wie bei den Säemafchinen, als ziemlich conftant fich darftellt. In dem getreidebauenden Süden erfunden, wurden fie in England, feit die gewaltige Finiſhing- Drefchmafchine auf der erften Weltausftellung erfchien, auf die höchfte Stufe der Vollkommenheit gebracht. Die füdlichen Länder Oefterreichs dürfen die Priorität der Drefchmafchine beanfpruchen: die durch Wafferkraft getriebenen Drefchftampfen find dafelbft feit undenklicher Zeit in Anwendung. Doch wurden die älteften Verfuche zur Conftruction einer wirklichen Drefchmafchine in England gemacht und mit mehr oder weniger Erfolg gekrönt; aber erft die im Jahre 1786 von dem Schotten Andrew Meikle bei feiner Mafchine angewendeten Schlagtrommeln konnten ihr den Eingang und die allgemeine Verbreitung verfchaffen. Alle die gegenwärtig angewendeten Mafchinen find nach Meikle's Trommelfyftem gebaut; das Flegel- und das Walzenfyftem gehören der Vergangenheit an, indem fie fich nicht bewährt haben. Anfänglich fehr angefeindet und noch im Jahre 1829 durch die Secte der Ludditen verfehmt und in vielen Graffchaften zerftört haben fich die Drefchmafchinen gegenwärtig in allen vorgefchrittenen Gegenden allgemein eingebürgert und eine folche Einfachheit und Höhe der Entwicklung erreicht, dafs felbft die Conftruction der englifchen combinirten Dampf- Drefchmafchinen in letzterer Zeit keine wefentliche Veränderung erfahren haben; höchftens ift an denfelben das anerkennenswerthe Streben nach Vereinfachung und zweckmäfsiger Anordnung der Wege, welche das Getreide während der Reinigung und Sortirung zurückzulegen hat, bemerkbar. - - Eine der gefuchteften Dampf Drefchmaschinen ift jetzt wohl die R. Garrett& Son'fche transportable Drefchmafchine. Die richtig durchdachte Conftruction, das harmonifche Zufammenwirken der einzelnen Beftandtheile, fowie deren richtige Gröfsenverhältniffe haben ihr viele Freunde erworben. Seit dem Jahre 1867 wurde fie derart verbeffert, dafs Garrett für diefelbe den Eifenrahmen acquirirte und fo den Vortheil der Unverwüftlichkeit benutzte; an den Drefchmafchinen mit Holzrahmen wird das Geftell neuerer Zeit nach dem Principe des Die landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. 73 Sprengwerkes analog den Eifenrahmen gebaut. Die Breite der Trommelfchienen ift abfichtlich vergröfsert, um der Abnützung möglichft lange widerftehen zu können, und die Trommel kann umgedreht werden, fo dafs fie, einfeitig abgenützt, durch Umdrehen wieder benutzbar wird, ohne die Schienen wieder loszufchrauben. Der Korb ift zweitheilig, und find beide Theile gleich und derart identifch, dafs der Korb ohne jedwede Abänderung, wenn er einfeitig abgenützt ift, umge kehrt werden kann, um dann wieder diefelben Dienfte zu leiften. Der Strohfchüttler ift dadurch verbeffert worden, dafs deffen Wellen nunmehr unter 90 Grad gekripft werden und dadurch die todten Punkte des Ganges ohne jeden weiteren Mechanismus fich ausgleichen Der Ventilator hat bezüglich feiner Flügel eine richtigere Form nach Rittinger erhalten, wodurch feine Leiftungsfähigkeit bedeutend erhöht wurde. Die Riemen anordnung ift vereinfacht, fo dafs die Mafchine ohne Sortircylinder blos zwei, jene mit Cylinder drei Riemen benöthigen. Neben anderen kleinen Details ift noch eine Verbefferung in der Anordnung des Lagers beim Ventilator, der Paternofter- Aufzug hat Becher neuerer Form erhalten, die Lagerungen find ausgezeichnet lang, die wichtigeren Schraubenmutter werden durch aufgebogene Unterlags- Blechftreifen feftgehalten, und dergleichen mehr. Im Ganzen zeichnet fich die Mafchine durch ihre einfache, folide und leicht zugängliche Conftruction aus; fie liefert das Getreide vollkommen marktfähig, indem fie es durch Siebtrommel und Ventilator in drei verfchiedene Arten fortirt, das Unkraut ausfcheidet, endlich Ueberkehr, Spreu und Stroh an drei verfchiedenen Stellen ausgibt, und zwar das Stroh als vollkommen glattes Schüttelftroh. Die Firma Clayton& Shuttleworth, durch ihre Drefch- und Dampf. mafchinen weltberühmt, indem bereits über 12.800 Locomobilen und II.300 Dampf Drefchmafchinen aus ihren Lincolner Werkstätten hervorgegangen find, ftellt vier Drefchmafchinen aus, welche fich durch Einfachheit der Conftruction und forgfältigfte Ausführung bis in das kleinfte Detail, durch vorzügliche Qualität des verwendeten Materials und die hiedurch bedingte gröfstmögliche Solidität und Dauerhaftigkeit auszeichnen. Sie find mit dem neuen patentirten SprengwerkRahmen gebaut, die Trommeln mit gerippten Schlagleiften aus gewalztem Stahl verfehen, Stroh und Spreu werden nach einer Seite abgeliefert, der fünfkaftelige Strohfchüttler hat eine ftärkere Achfe, welche in Lignum- sanctum- Lager läuft. Die intereffantefte Neuerung an der Drefchmafchine ift jedoch der Selbftfütterer, welcher fo conftruirt ift, dafs er nachträglich faft bei einer jeden anderen Mafchine angebracht werden kann. In feiner Conftruction ähnelt der Apparat einem Strohfchüttler. Das Getreide wird auf den Apparat aufgelegt, welcher es felbft mit Hinzufügung einer dem Strohfchüttler der Drefchmafchine von Ranfomes eigenen Zertheilungsvorrichtung der Drefchtrommel zuführt. Das einzuführende Getreide wird möglichft gut und gleichmässig vertheilt und kommt in den Drefchkorb vollkommen verdeckt und gefchützt. Neben der Regelmäfsigkeit der Fütterung und darum erhöhten Leiftung der Mafchine ergibt fich hieraus der hochwichtige Vortheil einer thunlichften Vermeidung von Unglücksfällen beim Füttern, und fomit die Möglichkeit, das Speifen der Mafchine auch von minder geübten Perfonen beforgen zu laffen. Ranfomes, Sims& Head'fche Dampfmafchinen zeichnen fich überhaupt durch vorzügliche Arbeit, Stärke der Conftruction, Einfachheit der Zusammenfetzung, leichte Ueberfichtlichkeit der einzelnen Apparate und bequeme Zugänglichkeit derfelben, mithin auch grofse Leichtigkeit der Reparaturen aus. Die vorzügliche Stellvorrichtung für den Drefchtrommel Mantel und die zweckmäfsige Ausführung der Lager' find befonders beachtenswerth. Da die Manier, das Ge treide aus dem Stroh zu bringen, in den einzelnen Ländern eine höchft verfchie dene ift, bauen Ranfomes, Sims& Head ihre Mafchinen in fünf Claffen, je nachdem fie das Getreide nur halb reinigen oder aber alle Vorkehrungen befitzen, um das vollkommenfte und das gleichförmigfte Getreide für den Markt zu liefern. Die für die heifsen Länder, wo man das Getreide bisher durch Hausthiere austreten 74 Ant. Adam Schmied. liefs, beftimmte Dampf- Drefchmafchine ift mit einem Apparate verfehen, um das Stroh zum Viehfutter zu zerfchneiden und zu zerquetfchen. Die Strohfchneide. Quetfche zeigt, im Verhältniffe zu der vor zwei Jahren conftruirten, einige Verbefferungen in den Details, namentlich des Gerüftes und der Lager; auch ift eine wichtige Aenderung im Antriebe des Quetfch- und Schneideapparats, welcher nun mittelft zweier, und nicht wie früher mit einem Riemen erfolgt, da fich bei der letzteren Art des Antriebes vielfach unangenehme Störungen zeigten. Von R. Hornsby& Sons find zwei Dampf- Drefchmafchinen ausgeftellt, ausgezeichnet durch die grofse Leiftung, Vollkommenheit der verfchiedenen Operationen, Einfachheit der Details und Dauerhaftigkeit ihrer Theile. Die Drefchtrommel ift umdrehbar und nach dem Goucher'fchen Syfteme gefertigt; das Sieb ift verftellbar, die Krummzapfen der Strohfchüttler und Schüttelbreter find aus einzelnen Theilen gefertigt und gehärtet, die Mafchine mit verbefferten Patent- Differential- Strohfchüttlern verfehen. Uebrigens läfst fich die Drefchmafchine als einfache, doppelte oder Fertigmachmafchine benutzen. - Die Drefchmafchinen der Firma Marfhall, Sons& Comp.( Gainsborough, Lincolnſhire) erfreuen fich wegen ihrer ausgezeichneten Arbeits leiftungen, wegen ihrer gedrängten Anordnung und aufserordentlich foliden Conftruction welche fie für den Export befonders geeignet machen- eines grofsen Renommées, fo dafs fie felbft den Ruf alter angeftammter" Firmen erzittern machen. Die verbefferten fchmiedeeifernen Laufräder find hauptfächlich für heifse Striche empfehlenswerth, da fie von der Hitze nicht leiden. Sie haben einen Apparat zum Reinigen und Heben des Kafts; Nalder's patentirte Sortirsiebe, mit extra grofser Siebfläche, werden jedoch auch mit Rainforth's oder Penney's verftellbaren Sortirfieben geliefert. Der ausgeftellte Strohelevator, 22 Fufs lang, ift bemerkenswerth durch die verbefferte Methode, während der Arbeit der Mafchine die Höhe der Aufftapelung zu reguliren. Rufton, Proctor& Comp.( Lincoln) führten Drefchmafchinen vor, die aufserordentlich folid gebaut find. Die Dampfdrefch- und Reinigungsmafchine, mit Rufton's patentirtem Kornreiniger verfehen, verrichtet acht vollständige Abfonderungen, macht das Korn in einer Operation marktfertig, und es findet die finnreiche Art und Weife, wie diefs gefchieht, allgemeine Anerkennung. Die Rahmen beftehen aus beftem, gut getrocknetem englifchen Eichenholze und find zur Erhöhung ihrer Dauerhaftigkeit mit Eifenftäben verftärkt; dadurch werden die Vortheile der Holz- und Eifen conftruction vereinigt, ohne deren Nachtheile zu zeigen. Durch diefe Conftruction des Geftelles wird der unverrückte Abftand der hauptfächlichften Bewegungstheile gewahrt und die nothwendige Feftigkeit erreicht, ohne das für die Aufnahme von Stöffen vortheilhaftere Holz ans dem Gerüfte der Mafchine gänzlich zu entfernen. Die Trommelachfen find von Stahl, die Lager von beftem harten Kanonenmetall, Sieb und Trommelmantel durchaus von Schmiedeeifen. Der verftellbare Sortircylinder, nach Nalder's Patent verfertigt, ift in feinen Leiftungen vorzüglich. Obzwar alle arbeitenden Theile innerhalb des Rahmens angebracht find, wird doch durch mehrere Ausfparrungen in den Wandungen des Geftelles eine fchnelle Ueberfichtlichkeit der Mafchine erreicht; alle arbeitenden Theile find leicht zugänglich und fichtbar, was auf die Wartung der Mafchine gewifs nur von vortheilhaftem Einfluffe fein kann. Robey& Comp.( Limited, Lincoln) ftellte feine Patent- Drefchmafchine mit eifernen Rahmen, ausgezeichnet gearbeitet, aus. Da das Holz durch Wind und Wetter fehr ftark verändert wird, kann der neue Eifenrahmen als eine Verbefferung der Mafchine angefehen werden. Aus Winkeleifen conftruirt, ift der neue Rahmen viel folider und nicht fchwerer als der befte hölzerne, und da er weniger zittert, fich gar nicht verzieht und die Lager ftets in ihrer gleichen Stellung erhält, fo kann angenommen werden, dafs die Mafchine unter allen Umftänden leicht zu treiben und für lange Zeit in gutem Zuftande zu erhalten fein wird. Nebftdem befitzt die Mafchine einen befonderen Apparat zum fchnellen Die landwirthfchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 75 und erfolgreichen Kleedrufch. Da die Mafchine überhaupt in ihrer ganzen Anordnung eine anerkennenswerthe Einfachheit und leichte Ueberfichtlichkeit befitzt, fo gewährt fie auch eine fchnelle Orientirung und leichte Revifion beim Betriebe und die wünſchenswerthe Zugänglichkeit behufs Reinigung einzelner Beftandtheile. Die Drefchmafchinen aus den Reading Iron Works( früher Barrett, Exall Andrewes) zeigen alle modernen Verbefferungen. Die 51zöllige mit doppeltem Gebläfe ift entweder mit der Dampf Drefchmafchine gerippten oder der patentirten durchlöcherten Trommel verfehen, mit ftählerner Spindel und kanonenmetallenen Lagern, ftarkem fchmiedeifernen Rahmen, verbeffertem Strohfchüttler mit doppelter Kurbel, die in hölzernen Lagern läuft, Reuter von erprobter Conftruction mit Mahagrinfieben, patentirten Federhaken und Kreuzfedern verfehen, fowie mit patentirtem Gebläfe- Kornelevator. Diefe vortrefflich conftruirte Mafchine macht das Getreide faft marktfertig. Die transportable Drefchmafchine mit patentirtem Sicherheitsgöpel für drei Pferde ift ganz aus Eifen gebaut. Die Trommel ift von Schmiedeeifen, auf einer ftählernen Spindel mit patentirten fchmiedeeifernen, gerippten Schlägen verfehen. Das Bruftwerk befteht in einem foliden fchmiedeeifernen Geftell mit Drahtgitter und genügender Drefchfläche. Wegen ihrer äufserft einfachen Einrichtung und grofser Leiftungsfähigkeit ift diefe Mafchine fehr gefucht.- Die leichte Pony- Drefchmafchine mit offenem Göpel, eignet fich befonders für kleine Farmen und leichte Arbeit; das Triebwerk eignet fich auch zum Betriebe von Buttermaſchinen, Häckfelmafchinen u. dgl. m. Wallis& Steevens( Bafingftoke) exponirte Drehmafchinen, welche zweckmäfsig conftruirt und durchaus ftark gebaut find. Das Geftell ift aus gefundem, gut getrocknetem Zimmerholz gemacht, die Trommeln und Concaven aus Schmiedeeifen, die Trommelfpindeln aus Stahl mit fehr langen Zapfenlagern, die Abfallreuter aus Mahagoni und die ganze Arbeit ift von tadellofer Art. Die Mafchine ift fämmtlich mit Wallis& Steeven's patentirten fphärifchen, felbftjuftirenden Zapfenlagern verfehen, welche weniger Oel, als irgend welche andere confumiren und dabei beim Arbeiten nicht heifs werden. Ein Modell verfinnlicht den patentirten automatifchen, zufammenlegbaren Elevator, welchen Wallis& Steevens zuerft für die Heuernte von 1869 eingeführt haben. Da diefer Apparat nach dem Principe der langfamen Bewegung conftruirt ift, fo kann er fich nie bei der Arbeit verftopfen und verletzt auch die Garben oder das Stroh nicht. Indem wir noch der combinirten Drefchmafchinen von Willfher& Comp. ( Braintree) gedenken, von welchen feit den letzten 14 Jahren alle Einzelheiten der übrigen Mafchinen, welche fich bewährt haben, angebracht, dagegen alle complicirten Vorrichtungen und Theile, welche bei anderen Mafchinen fich nachtheilig und koftfpielig erwiefen, entfernt worden find, fo dafs die Mafchinen gegenwärtig zu den einfachften und wirkfamften gehören; dann S. Lewin's ( Poole) verbefferter Finir Drefchmafchine, welche in ihrer Conftruction fehr einfach und zweckmäfsig eingerichtet und ftark gebaut ift; G. W. Muray's& Comp. einfacher Tiny Drefchmafchine, welche zweckmäfsig conftruirt, niedlich, folid und compact gebaut und äufserft leiftungsfähig ift; endlich E. R. und F. Turner's ( Ipswich) zweckmäfsig conftruirter combinirter Drefchmafchine weiter Trommel, um das lange Stroh gerade und ungebrochen zu liefern; John Weetman's tadellos verfertigter Drefchmafchine, W. Fofter& Comp. ( Lincoln) fchöner Drefchmafchine, Clark Brother's& Odling's( Nottingham) zweckmäfsiger, quercylindrifcher Schläger für Drefchmafchinen und Barford& Perkin's Modell eines Strohelevators, haben wir die impofante englifche Expofition der Drefchmaschinen vollſtändig betrachtet. mit extra In der franzöfifchen Agriculturhalle waren zwei Dampf Drefchmaſchinen ausgeftellt, welche durch ihre fchöne Conftruction und tadellofes, gefchmackvolles Aeufsere allfogleich die fchmucke franzöfifche Arbeit verriethen: Albaret's 76 Ant. Adam Schmied. grofse transportable Drefchmafchine mit Locomobil, nach den neueften bewährten Erfahrungen vortrefflich conftruirt, und Ferdinand Del's( Vierzon- Forges, Cher) Dampf- Drefchmafchine, auf vier Wagenrädern montirt, erregten durch ihre zweckmäfsige Conftruction und ihren gefälligen, aber fehr foliden Bau allgemeine Aufmerkfamkeit. Bei der letzteren Mafchine ift die Windfege fo eingerichtet, dafs die Spreu nach rückwärts vor die Mafchine und nicht unter diefelbe fällt, fomit der untere Theil derfelben nie verlegt werden kann; man erfpart auf diefe Weife die Koften für einen Arbeiter, der diefelbe fonft wegzufchaffen hätte. Während wir bisher faft nur lauter Dampf- Drefchmafchinen wahrgenommen haben, trafen wir in der deutfchen Abtheilung meiftens Göpel- und HandDrefchmafchinen an, mit Ausnahme der aus England ftammenden Firmen: Clayton& Shuttleworth und J. D. Garrett( Bukau bei Magdeburg), welche Dampf- Drefchmafchinen exponirt haben. Die ausgeftellten Göpel- und Hand- Drefchmafchinen, zumeift nach dem englifchen und amerikanifchen Syfteme verfertigt, zeichnen fich durchwegs durch eine bewährte, zweckmäfsige Conftruction und foliden, dauerhaften Bau aus, zeigen fonft aber keine wefentlichen. Abänderungen oder Verbefferungen. Da diefe Maſchinen in ihrer Einrichtung allgemein bekannt find, werden wir auf die Vor- und Nachtheile derfelben nicht näher eingehen und uns nur auf die Bezeichnung der hervorragenderen Fabrikanten derfelben befchränken. Heinrich Lanz( Mannheim) ftellte feine verbefferten Hand- und GöpelDrefchmafchinen nach dem amerikaniſchen( alten Moffit' fchen) Stiftenfyfteme, mit verbeffertem Strohfchüttler aus; gleich fchön gebaute Drefchmafchinen, nach demfelben Syfteme verfertigt, ftellte Paul Grofs aus. Eckert's fchöne Drefchmafchine hat fchmiedeeiferne Röhren als Schlagleiften. Ed. Ahlborn's Breit- Drefchmaschine mit Patenttrommel und Schüttelfieb für Riemenbetrieb eingerichtet; A Bleffing's vorzüglich ausgeführte fahrbare Putz Drefchmafchine; Honold& Wagner's ( Eislingen, Württemberg) fchöne Göpel- Drefchmafchine; die Drefchmafchine von Rapp& Speifer, die neue Hand- und Göpel- Drefchmafchine von Moriz Weil ( Frankfurt am Main), die Hand- Drefchmafchine von Chr. Schubart& Heffe, befonders aber die fehr fchön gebaute, vierfpännige Göpel Breitdrefchmafchine mit Patentcylinder und Stahl- Schlagleiften von Theodor Flöther( Gaffen, Brandenburg), dann Dehe's complete vierpferdige Göpel- Drefchmafchine mit Strohfchüttler und Reesfieb, fowie Gebrüder Eberhardt transportable Drefchmafchine nach dem bewährteften Syfteme mit Strohfchüttler, Abraiter und Elevator verfertigt; Carl Reinfch( Dresden) Göpel- Drefchmafchine nach dem Stiftenfyfteme, welche durch einen zweipferdigen Säulengöpel betrieben, in einer Stunde 500 bis 600 Pfund Körnergewicht drifcht; Engelbert Buxbaum's( Augsburg) Hand und complete Drefchmafchinen nach gleichem Syfteme, follen hier der Vollständigkeit wegen namentlich angeführt werden. In der öfterreichifchen Agriculturhalle verdienen die von G. Sigl exponirten transportable Dampf und Göpel- Drefchmafchine die von M. Hofherr conftruirten Drefchmafchinen, fowie die von Ant. Burg& Sohn ausgeftellten Göpel- und verbefferte Hensmann'fche Hand- Drefchmafchine, mit Geftell aus hartem Holz, ehrenvolle Erwähnung. Die fehr thätige und rührige Firma Umrath& Comp.( Prag) führt mehrere fchöne Göpel- und Hand- Drefchmaschinen vor, welche fich durch Solidität, leichten Gang, befriedigende Leiftungsfähigkeit und vollkommenen Reindrufch auszeichnen. Diefe amerikanifchen Drefchmaschinen haben die Abänderung erfahren, dafs die Stifte rund conftruirt find. Es ift fraglich ob fich das Rundftiften- Syftem bewähren wird, und mufs diefs erft von der praktifchen Erfahrung beftätigt werden; theoretifch fcheinen die runden Stifte den flachen nachzuftehen. Die Art des Drefchens beim Stiftenfyftem beſteht mehr in einem Ausftreichen als Ausfchlagen der Körner, was mehr für die flachen Stifte zu fprechen fcheint. Julius Carow& Com.( Prag), welche den Bau der Hand und Göpel- Drefchmafchinen als die Hauptfpecialität ihrer Fabrik betreiben Die landwirth fchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 77 und ihre Erzeugiffe zu einem weitverbreiteten wohlverdienten Rufe gebracht haben, ftellten neben einer combinirten Dampf- Drefchmafchine mit einer 42 Zoll breiten Trommel mehrere breite Göpel- Drefchmafchinen aus, welche mit Ausnahme des Holzgeftelles ganz aus Schmiedeeifen und Stahl find und vortreffliche Original Drefchftäbe von Clayton& Shuttleworth befitzen. Die von Bernhard Eichmann exponirte Hensman'fche Hand- Drefchmafchine, die Göpel- Drefchmafchine nach Garrett'fchen Principe, die Regulirungs- Drefchmafchine ganz von Eifen, die locomobile Dampf- Drefchmafchine mit Strohfchüttler und allen Apparaten zum Reinigen, Sortiren und Einfüllen des Getreides in Säcke, waren in jeder Hinficht tadellos und folid gebaut und lieferten einen neuen Beweis, dafs der alte Ruhm der betreffenden Firma ein wohlverdienter ift. Die von Fr. Kugler verfertigte Drefchmafchine ift in keiner Hinficht beachtenswerth. In der ungarifchen Abtheilung ftellte St. Vidats eine englifche Drefchmafchine mit offenem Garret- Göpel und eine transportable englifche Drefchmafchine mit Einfackungsvorrichtung aus, welche durch die folide, dauerhafte und gefällige Conftruction fich vortheilhaft auszeichnete. Auch in den übrigen Abtheilungen waren einzelne Drefchmaſchinen, welche fich jedoch als blofse Nachahmungen bereits beftehender Conftruction en durch nichts Befonderes bemerkbar machten. In der ruffifchen Abtheilung ftellten Lilpop, Rau& Comp. eine complete Dampf- Drefchmafchine, Nikolai Wefsberg( Charkow) eine Breit- Drefchmafchine, bei welcher fich die Schlagleiften gegen fcharf gezahnte Drefchftäbe bewegen; Lad. Mentzel eine gut gebaute Drefchmafchine, Alex. Michel( Gouv. Tula, Oferki) eine fchön gearbeitete breite Hand- Drefchmafchine nach dem Stiftenfyfteme, ebenfo Joh. Metfcherin( Orel), welcher zugleich einen fehr leicht und einfach conftruirten Strohfchüttler ausftellt, während Eliftrat Ewfejew( Gouvernement Tambow, Morfchanfk) eine Drefchtrommel, nach dem Stiftenfyfteme folid gebaut, exponirte. In der landwirthschaftlichen Ausftellung der Schweiz waren ebenfalls einige Drefchmafchinen, und zwar für Hand- und Göpelbetrieb ausgeftellt. Alle waren nach dem Stiftenfyftem verfertigt. Verfell& Comp.( Chur, Graubünden) ftellte eine eiferne Göpel- Drefchmaſchine, Schnider& Nüsperli( Neuenftadt Bern) eine Hand- Drefchmafchine aus; ebenfo J. Raufchenbach( Schaffhaufen). Alle Maſchinen waren tadellos gebaut, doch fcheint es ein Fehler zu fein, dafs der Leiften, worauf die Stifte auf dem Cylinder ftehen, aufserhalb desfelben ift, da hie durch die Körner leichter zerfchlagen werden können. In der fchwedifchen Abtheilung haben die mechanifche Werkstatt Göteborgs und C. J. F. Ljunggren( Chriftianftadt) Hand- Drefchmafchinen der gewöhnlichen Art exponirt. Auch in der italienifchen Abtheilung war eine nach dem englifchen Syfteme gut gebaute Mafchine ausgeftellt. Eine eigene Gattung von Drefchmafchinen bilden die Klee Drefchmafchinen. Obgleich für einen intenfiven Wirthschaftsbetrieb fehr wichtig, werden diefelben doch wenig fabricirt und man ift über die befte Conftruction derfelben noch nicht einig. Bei dem bekannten Mangel an guten Klee- Drefchmafchinen ift es intereffant, auf die Klee- Drefchmafchine von Hunt& Tawell ( England) hinweifen zu können, welche nicht blos die einfachfte und wirkfamfte ihrer Art ift, fondern auch nur die halbe Kraft jeder anderen Klee Drefchmafchine gewöhnlicher Conftruction verlangt. Der Cylinder ift kegelförmig und die Hülfen paffiren vom breiten zum engen Ende desfelben; fie werden dann mittelft des Paternofters auf ein auf der Mafchine befindliches Sieb deponirt, welches fie gänzlich von Stücken befreit, ehe fie dem Winde des Fächers unterworfen werden; dadurch wird das Drefchen bedeutend erleichtert. Jul Carow& Comp exponirten ihre k. k. privilegirte Klee- Enthülfungsmafchine, welche die vorher auf einer Drefchmafchine gedrofchenen und mittelft Putzmühle von den Stengeln befreiten Samenkapfeln enthülft und durch einen Ventilator von Staub und allen Nebentheilen gänzlich reinigt. Auch Mich. Dornwald( Njkowice, Galizien) 78 Ant. Adam Schmied. und Bernh. Eichmann ftellten eine Klee- En thülfungsmafchine, nach dem bekannten und bewährten Syfteme von Celfing gebaut, aus. Die Celfing'fche Kleedrefch- und Putzmafchine hat eine konifche Trommel, deren Oberfläche mit 1 Zoll im Quadrate ſtarken, gefchmiedeten Stiften befetzt ift, welche I Linie herausragen und 3 Zoll von einander entfernt find; der genau concentrifch um die Trommel gelagerte Mantel ift mit denfelben Stiften, jedoch ganz gleichmässig befetzt, fo dafs die zwifchen beide fallenden Klee- Samenköpfe gehörig zerrieben werden. Noch dürftiger waren die Maisrebler vertreten, obwohl diefelben für alle maisbauenden Länder von grofser Wichtigkeit find. Als der letzte Maisrebler ift der von Clayton& Schuttleworth verbefferte und mit einem Putzwerke verbundene amerikanifche Maisrebler, deffen Rebelvorrichtung in ihrem Baue den gewöhnlichen Handreblern entſpricht, nur dafs fie im Verhältniffe der Gröfse abgeändert ift. Das Putzwerk befteht aus über einander liegenden, in fchüttelnder Bewegung befindlichen Sieben und einem grofsen Windflügel und vollbringt die Reinigung fo vollständig, dafs der Mais fofort zur Mühle gebracht werden kann. Reinigungsmafchinen. Neue Getreide- Reinigungsmafchinen find feit der Parifer Weltausftellung nicht bekannt geworden und auch die bereits bekannten haben keine wefentlichen Modificationen erfahren, indem fie in ihrer urfprünglichen Conftruction eine befriedigende Arbeit liefern. Obenan ftehen die franzöfifchen Reinigungsmafchinen, welche in reicher Anzahl ausgeftellt waren. Als eine in jeder Hinficht vollkommene GetreideReinigungsmafchine wird die Sotirmafchine( Trieur à grains noirs) von L'huillier ( Dijon, Côte d'or) genannt, welche eine vollständige Abfcheidung von runden Unkrautfamen namentlich der Raden, Vogelwicken, der verkümmerten und zerbrochenen Körner, fowie der Steine von dem Getreide ermöglicht und fomit ganz befonders empfohlen werden kann. Dann J. Pernollet's( Paris) Siebmafchine( Crible- trieur), ein ebenfo einfach als zweckmäfsig conftruirter und erftaunlich leiftungsfähiger Reuterer, der für den Hand- und Motorbetrieb eingerichtet, dazu dient, das durch die Windfege bereits rauh gereinigte Getreide von allen Unkrautfämereien u. dgl. rafch und vollkommen zu putzen. Derfelbe kann mit einem Ventilator verbunden werden und dient in feiner gröfseren Conftruction, mit beweglichen Abtheilungen verfehen, befonders zur Reinigung und Sortirung der Gerfte für Bierbrauer. In der Weltausftellung find 170 Stück folcher Sortirmafchinen( à 120 Francs) verkauft worden. Neben Joffé's Sortirwerk ( ,, Cribleur"), welches das Getreide von allen fremden Körpern in überraschender Weife abfcheidet, ift endlich die von Jul. Hignete( Paris) ausgeftellte Reinigungs- und Schälmafchine nach dem Syfteme Filli zu nennen, welches im Principe auf einer Anwendung der Centrifugalkraft beruht. Ihr Mechanismus beſteht zum Haupttheil aus zwei Reihen ftählerner Conufe, deren eine Seite feft fitzt, während die andere beweglich ift. Durch die Centrifugalkraft werden die Körner zwifchen den zwei Reihen Conufen herüber und hinüber gefchleudert und auf diefe Weife aus der Faferhülle herausgetrieben, ohne dafs ein Kern verletzt oder zerbrochen würde. Als eine der beften und einfachften Schälmafchinen wird diefelbe fehr gefucht( in der Weltausstellung wurden 70 Stück verkauft), da man mit ihr alle Arten Getreide und Sämereien reinigen, das Getreide fpitzen, Gerfte, Reis, Hafer u. f. w. fchälen kann. An die franzöfifchen, durch ihre ausgezeichnete Arbeit hervorragenden Sortirmafchinen reihen fich die englifchen Getreide Reinigungsmaschinen an. R. Hornsby's bekanntes und allfeitig erprobtes rotirendes Getreidefieb, mit Die landwirth fchaftlichen Geräthe und Mafchinen. 79 Steinfchneider und Windfege, die einfachfte und leiftungsfähigfte Mafchine diefer Art, fowie deffen rotirendes Cylinderfieb, ftellbar für alle Getreide- Arten, einer Hornsby'schen Getreide Reinigungsmafchine, welche jetzt faft in allen Theilen der Welt in Anwendung ift, müffen an erfter Stelle genannt werden. W. Hougthon & Comp.( Great Grimsby) ftellten gröfsere und kleinere Getreidekörner- Reinigungs- und Sortirmaſchinen aus, welche wegen der gediegenen Ausführung und befonderen Einfachheit der Conftruction fich auszeichneten. R. Boby's einfache verbefferte Kornfiebe, patentirter Gerfte- und Malzentgraner und deffen etwas complicirte patentirte Korn-, Sieb- und Reinigungsmafchine", fowie Coleman & Morlon's verftellbare Sortircylinder und Getreide- Sortirfiebe und Penney's & Comp.( Lincoln) vorzüglich verfertigte felbftregulirende Kornfiebe, Reinigungsmafchinen und Sortirtrommel mit ftellbarem Cylinder, entweder mit Federn auswendig oder inwendig, deren jetzt mehr als 7000 im Gebrauch find, find den Landwirthen in ihrer einfachen Conftruction und ausgezeichneten Leiftung als bewährte Mafchinen lange bekannt, wefshalb fie nicht näher berührt werden müffen. Hunt& Tawell's( Earls Colne, Effex) verbefferte Getreide- Putz- und Wannenmafchine wird wegen ihrer Einfachheit und Leiftungsfähigkeit fehr gefucht; Ben Reid's& Comp. patentirte„ ftille" Korn- Reinigungsmaschine befitzt keine Zahnräder und auch keinen leicht zerbrechlichen Mechanismus, wefshalb fie nicht leicht in Unordnung gerathen kann; J. Baker's( Wisbeach) Mafchinen zum Sieben und Zurichten des Getreides zeichnen fich durch zweckmässige Conftruction und vorzügliche Ausführung befonders aus; ebenfo T. Baker's( Compton, Berkſhire) doppelte Korn- Putz- und Schwung. Siebmafchine für fechs Korngröfsen und Clarke& Dunham's( London) kleine Getreide- Putzmafchine für Mittelbetrieb. In der deutfchen Agriculturhalle fanden wir die von H. F. Eckert ausgeftellte, zweckmäfsig conftruirte Getreide Reinigungsmafchine mit fieben Sieben, die von Chr. Schubart& Heffe vorgeführte Dresdener Samen- Reinigungs- und Sortirmafchine, welche bereits über zwanzig Jahre in den verfchiedenen Ländern als einfache und dabei höchft praktifche Mafchine wohl bekannt ift, und Alb. Kuhn's( Halle an der Saale) Getreide Reinigungsmafchine für Müller, welche nur mit glatten Eifenflächen unter Beihilfe ftarker Luftftrömung arbeitet, wefshalb fich ihr Effect nie verändert. In der öfterreichifchen Abtheilung waren einige Reinigungs- und Sortirmafchinen ausgeftellt, blofse Nachahmungen der Pernollet'fchen Sortirmafchine und Hornsby'fchen Getreide- Reinigungsmaschine, aber ausgezeichnet durch die folide Ausführung; fo die von G. Sigl, Bernh. Eichmann und Jul. Carow exponirten Putz- und Sortirmafchinen. Umrath's& Comp. Univerfal- Getreide- Putz- und Sortirmafchine ift ganz vorzüglich conftruirt, um alle Sorten Getreide und Sämereien zu reinigen und zu fortiren, und reiht fich an die beften aller exiftirenden Putzmühlen an. Dagegen find Ig. Alle's( Iglau, Mähren) Putzmühle und Fr. Kugler's Putzmafchine nach Hornsby's Syſteme durch nichts ausgezeichnet. In der ungarifchen Expofition ift zuerft Kühne's Wiefelburger Reuterzu nennen, welcher fich bei den praktifchen Landwirthen immer mehr Anerkennung erwirbt, da er fich durch Zweckmäfsigkeit, Einfachheit, Billigkeit und genügende Solidität vor anderen Geräthen ähnlicher Art vortheilhaft auszeichnet. Seine Leiftungsfähigkeit ift fehr befriedigend, indem mit diefem Reuter täglich bis 350 Metzen Getreide geputzt werden können. Paul Kollerich's FruchtPutzmafchine mit Cylindervorrichtung vorzüglicher Conftruction, Vidals' einfache Wind- und Putzreuter, fowie Patent- Sortirreuter, Eichinger& Söhne( Szegedin) zweckmäfsige Windreuter, Györy és Unger Original- Wiefelburger Putzmühle mit acht Sieben, die Reuter von Andr. Gubicz' Nachfolger( Peft), Manojlovits& Comp., Joh. Závár& G. Stoye, fowie Carl Stadel's. Nicholfon'fche Reuter follen hier nur wegen der Vollständigkeit angeführt werden. 6 80 Ant. Adam Schmied. Auch Rufsland exponirte einige Reinigungsmafchinen; namentlich Alex. Michel eine fehr fchön gearbeitete Putzmühle, Nik. Weftburg( Charkow), Joh. Wilfon( Moskau) und Lad. Mentzel Getreide- Handmähmaschinen und Sortirmafchinen gewöhnlicher Conftruction. Aus Schweden hat blos die Actiengefellſchaft Forsvik Korn Reinigungsmafchinen Hornby'schen Syftemes vorgeführt, an denen die reine und folide Ausführung zu loben wäre. Diverſe. Zum Schluffe foll noch auf einige, in der Ausftellung blos fchwach vertretene Objecte hingewiefen werden. Es find diefs vor Allem die Vorrichtungen zum Trocknen des Getreides. Neben dem einfachen Getreidetrockner, welchen Jofef Grimen( New- York) ausftellte, fand man in der Ausftellung nur noch den bekannten Trockenapparat von Davey, Paxman& Comp.( Colchefter), in welchem das Getreide durch mittelft Dampfheizung erwärmte Luft vollkommen getrocknet und durch eine einfache Vorrichtung allmälig vorwärts gefchoben wird. Nach den Refultaten der von der königlichen Ackerbau- Gefellfchaft von England veranſtalteten Verfuche ift die Leiftungsfähigkeit diefes Trocknungsapparates zufriedenftellend, indem per Stunde 30 Bufhel Getreide gut getrocknet wurden. Dann einzelne Apparate zum Wägen des Getreides. Darunter ift am fchönften L. Paupier's( Paris) Einfackwage zum Beftimmen des abfoluten Gewichtes des Getreides. Der Sack, in welchen das Getreide gefüllt werden foll, wird unter einem Trichter angeklammert, welcher an einem getheilten Hebel, der einer Decimalwage vollkommen entſpricht, befeftigt ift. Das Gewicht ift an diefem Hebel verfchiebbar, wodurch ein fehr fchnelles Wägen ermöglicht ift. Corcoran, Boyan, Witt& Co.( London) flellten einen fehr praktifchen Apparat zur Vergleichung gegebener Gewichtsmengen von Getreide gegen andere Gewichtsarten aus, und in der ungarifchen Agriculturhalle befand fich ein Apparat zur Beftimmung des Scheffelgewichtes( holländifche Wage), welcher bereits auf den Getreidebörfen in Peft und Raab angewendet wird. Das Princip diefer Wage ift zwar nicht neu, aber in der Detailausführung wefentlich verbeffert. Da der Faffungsraum ziemlich grofs( ein halber Metzen) ift, werden die beim Abwägen möglichen Täufchungen am beften vermieden; durch die genaue Beftimmung des wirklichen Gewichtes eines räumlichen Maſses des Getreides empfiehlt fich diefe Wage für alle Getreidehändler und Fruchtbörfen. Endlich die Vorrichtungen zur Bereitung des, Flachfes. In der belgifchen Abtheilung ftellte das Minifterium des Innern die zur Verarbeitung des Flachfes dienenden Inftrumente aus, welche in ihrer einfachen und zweckmässigen Conftruction den Landwirthen bereits wohl bekannt find. In der ungarifchen Agriculturhalle führten Carl Luft und Leobesdorfer( Effegg) eine mobile Hanf( und Flachs-) Brechmafchine vor, welche mit Hilfe von neun Perfonen( zwei Männern, fieben Kindern) in einer Stunde 15 bis 20 Centner Stengel bricht. Durch die Anwendung von Hohlwalzen und die Art der vibrirenden Bewegung, welche nicht allein das Syftem der Vor- und Rückwärtsbewegung erfetzt, fondern auch das fchädliche Reiben der Fafer bei dem Vor- und Rückwärtsbewegen ganz befeitigt, ift die Befchädigung der Fafer auf das Minimum reducirt, folglich die gröfste Menge an Langfafer, welche überhaupt erzielbar ift, gewonnen wird. F. Wagner( Effegg) exponirte eine Flachs- und Hanfbreche, welche geröfteten und ungeröfteten Hanf und Flachs vollkommen holzfrei bricht, ohne die Fafern im Geringften zu befchädigen. In zehn Stunden liefert fie bei einem Betriebe von vier Pferdekraft und einer Bedienung von vier Mädchen 700 bis 800 Pfund Hanf und 600 bis 700 Pfund Flachs( reine Fafern). Die landwirthschaftlichen Geräthe und Maſchinen. 81 Schlufsbemerkungen. Wenn wir einen Rückblick auf die landwirthschaftliche Expofition der Wiener Weltausftellung machen, müffen wir erftaunen über die Fülle und Vortrefflichkeit der dem Befucher vorgeführten Maſchinen und Geräthe, und eingeftehen, dafs diefe in jeder Hinficht gelungene landwirthschaftliche Ausftellung der ganzen Weltausftellung gleichfam ihren Hauptcharakter aufdrückte, ihr das wefentlichfte Merkmal verlieh. In diefer Hinficht unterfcheidet fich die Wiener Weltausftellung in hohem Grade von allen ihren Vorgängerinen. Während die erfte Weltausftellung in London hauptfächlich Hensmann'fche Hand Drefchmafchinen nach dem fogenannten Van- Dyl- Syfteme dann Häckfelmafchinen und Schrotmühlen vorführte, kamen bei der zweiten Weltausftellung in Paris ( 1855) die Drefchmafchinen, und zwar befonders die mit Dampf betriebenen, dann die zu ihnen gehörigen Getreide- Reinigungsmafchinen zur Geltung. Die dritte Weltausftellung, zu London 1862, brachte den Dampfpflug; bei den grofsen Verfuchen der Batterfea erprobte fich die Idee der beiden Schulmeiſter Fesken und des Dorffchmiedes Rodgers als praktiſch und man machte in der Conftruction des Dampfpfluges einen wefentlichen Schritt nach vorwärts. In der vierten Weltausftellung zu Paris 1867 waren hauptfächlich die Drillmafchinen zur Reihenfaat des Getreides und anderer Culturgewächfe in fo grofser Zahl und überraschender Vollendung der Conftruction ausgeftellt, dafs man wohl annehmen kann, diefelbe fei der Ausgangspunkt der gegenwärtig fo ausgedehnten Reihencultur der Nutzpflanzen gewefen. In der fünften, letzten Weltausftellung in Wien ift das landwirthfchaftliche Maſchinenwefen in grofsartiger Mannigfaltigkeit und ftaunenswerther Vollkommenheit vertreten gewefen. Auf keinen Zweig desfelben, auf kein irgend wie nützliches Geräth ift vergeffen worden; alle Völker der Welt haben ihre bewährten Mafchinen in möglichfter Vollzähligkeit hieher gefendet, und fo ift eine impofante Sammlung entstanden, wie fie keine der früheren Ausftellungen hatte, weil nicht haben konnte. Diefe Reichhaltigkeit und Gediegenheit des landwirthfchaftlichen Mafchinenwefens ift ein charakteriftifches Merkmal der Wiener Weltausftellung; es ift fchwer, eine Specialität desfelben herauszugreifen, welche den Agriculturhallen ein entfchieden befonderes Gepräge verleihen würde. Dennoch irren wir nicht, wenn wir die Behauptung aufftellen, dafs es hauptfächlich der Pflug und die Mähmafchine find, welche diefsmal in ihrer gröfsten Vollendung vorgeführt worden find. Die Mähmafchine wurde in praktisch bewährten Conftructionen ausgeftellt, fo dafs die Hoffnung gegründet ift, es werde nicht mehr lange währen, bis wir eine in jeder Hinsicht vollendete, allen gerechten Anforderungen Rechnung tragende Mähmafchine befitzen werden. Und der Pflug, fo grundverfchieden und vielfältig in feiner Geftaltung vom Anfang der Sefshaftwerdung der Wandervölker an bis zum idealen, mathematiſch berechneten Pflug eines Howard, welcher in feiner gegenwärtigen zweckmäfsigften Form ein Viertheil- Schraubengewinde darftellt, wird nun mit Verftand, den verfchiedenen tellurifchen und wirthschaftlichen Verhältniffen entſprechend, verfertigt. Die freien Phantafien einzelner Hand werker und die unzweckmäfsigen Formen verfchwinden nach und nach und durch dachte Conftructionen und gefällige Ausführungen treten allmälig an ihre Stelle, als ein Beweis, dafs die Landwirthfchaft fich immer mehr, auch in ihrer Technik, auf wiffenfchaftlichen Grundlagen aufbaut. Wenn wir jedoch die Expofitionen der einzelnen Länder betrachten, können wir grofsartige Unterfchiede wahrnehmen. Obenan fteht England, deffen landwirthfchaftliche Induftrie fich den ganzen europäifchen Markt erobert hat und denfelben mit gewohnter Energie fefthält. Durch feine bekannten Firmen hat England landwirthfchaftliche Mafchinen aller Art von bewährter Güte und anerkannter Solidität ausgeftellt, gefällig, fauber, ja elegant conftruirt. Neue 6* 82 Ant. Adam Schmied. Erfindungen von befonderer Bedeutung waren nicht zu fehen; dagegen zeigten fich einzelne Mafchinen wefentlich vereinfacht, andere durch complicirtere Anordnung verbeffert, wie zum Beiſpiele der Pflug. Nordamerika hat von agricolen Mafchinen überwiegend Mähmaschinen exponirt. In diefer Branche des landwirthfchaftlichen Mafchinenwefens hat dasfelbe England weit überholt. Aber auch die amerikanifchen Mähmaschinen zeigen wieder unter fich mannigfache und mitunter fo bedeutende mafchinelle Verfchiedenheiten, dafs man wirklich in Verlegenheit geräth, wenn man die befte, das heifst für die meiften Verhältniffe brauchbarfte Mähmafchine anführen foll. Frankreichs landwirthfchaftliche Mafchinen und Geräthe ftanden, wenn auch bezüglich der Sauberkeit der Arbeit weniger, fo doch mit Rückficht auf die Originalität der Conftruction, denen Englands und Amerikas wefentlich nach. Hier verdienten hauptfächlich die ausgeftellten Getreide- Reinigungsmafchinen durch detaillirte Conftruction befondere Beachtung in den Sortirmaſchinen hat. Frankreich allen übrigen Ländern die Richtung in der Conftruction gezeigt. Deutfchland hatte landwirthschaftliche Mafchinen jeder Art fehr reichhaltig. ausgeftellt; der intenfive Wirthschaftsbetrieb dafelbft verlangt fie in vermehrtem Grade und ift auch Urfache, dafs der Gebrauch derfelben in den deutfchen Wirthfchaften bereits ein allgemeiner geworden ift. In der deutfchen Agriculturhalle waren alle landwirthfchaftlichen Mafchinen vorhanden, aber hauptfächlich waren es die Säemafchinen und Hand- Drefchmafchinen, welche in hervorragender Weife vertreten waren. Bei den fchön gearbeiteten Drillmafchinen fcheint das Syftem der Säelöffel das Syftem der Schöpfräder allmälig zu verdrängen. Die Drefchmaschinen befitzen faft allgemein den Strohfchüttler; dadurch wird ein Theil der immer theurer werdenden Arbeitskraft erfpart, ohne dafs der Strohfchüttler einen wefentlichen Kraftaufwand der Betriebskraft beanfpruchen würde. Die in Norddeutſchland gebauten Mafchinen find nach dem englifchen und amerikaniſchen Syfteme conftruirt, haben fomit das Syftem der Drefchtrommeln mit Schlägern, während die füddeutſchen Mafchinen faft allgemein nach dem Moffit'fchen Principe verfertigt find, alfo das Syftem der Drefchtrommeln mit Stiften angenommen haben. Den deutfchen Mähmafchinen wirft man vor, dafs fie mitunter zu fchwer gebaut find; doch darf man nicht vergeffen, dafs diefelben zumeift zur Mahd des mannshohen Roggens des Rübenbodens in der gefegneten Provinz Sachfen dienen, was den gerügten Fehler jedenfalls entfchuldigen dürfte. Weftöfterreichs agricoles Mafchinenwefen war nach allen Richtungen. hin in fehr umfangreicher und anerkennenswerther Weife vertreten. Auch bei der aufmerkſamften Prüfung der ausgeftellten Maſchinen konnte man keinen wefentlichen Unterfchied bezüglich der Zweckmäfsigkeit der Conftruction, der praktiſchen Ausführung und der Güte der Arbeit zu denen aus dem deutſchen Reiche wahrnehmen. Wenn Oefterreichs Mähmafchinen fich auch mit den amerikaniſchen nicht meffen können, fo find fie doch tadellos ausgeführt und haben manchen Beifall gefunden; aber die ausgeftellten Säemafchinen zeichnen fich durch foliden Bau und höchft befriedigende Leiftungsfähigkeit aus, und manche wefentlichen Verbefferungen, die den eigentlichen Verhältniffen des landwirthfchaftlichen Betriebes in Oefterreich angemeffen find, zeigen, dafs die hiefigen Fabrikanten fich auf diefem Gebiete des Mafchinenwefens von dem Auslande immer mehr emancipiren wollen. Ungarn ftellte manche beachtenswerthe agricole Mafchine aus; dennoch mufs man nach gewiffenhafter Prüfung geftehen, dafs dasfelbe in allen Productionen erft junges Leben" zeigt. Neben einzelnen netten Pflügen waren hauptfächlich die für den ausgedehnten Getreidebau Ungarns hochwichtigen Mafchinen vertreten, nämlich einige Säe- und Reinigungsmafchinen nebft diverfen. Getreidewagen. Die landwirth fchaftlichen Geräthe und Maſchinen. 83 Auch die übrigen Länder haben die vorzüglichften Erzeugniffe ihres landwirthschaftlichen Maſchinenwefens vorgeführt. Belgien ftellte den weltbekannten Flandern'fchen Pflug aus. Die Schweiz zeichnete fich durch die äufserft bequem verftellbaren Wendepflüge aus dem Canton Bern aus. Schweden exponirte aufser vortrefflich verfertigten, billigen, eifernen Pflügen fehr gute Senfen und Sicheln. Rufslands landwirthfchaftliche Mafchinen machten fich durch die maffive Arbeit bemerkbar; alle Geräthe waren dauerhaft, ftark und feft, mitunter etwas fchwerfällig gebaut. Steht auch das englifche Mafchinenwefen auf einer aufserordentlich hohen Stufe, fo ift man doch nach gewiffenbafter Prüfung der ganzen agricolen Expofition zu dem Schluffe berechtigt, das landwirthfchaftliche Mafchinenwefen des Continents habe fich in der letzten Zeit überrafchend entwickelt und fei noch niemals fo felbftftändig und würdig vertreten gewefen, wie in Wien. Deutſchland und Oefterreich ftehen felbftverſtändlich in diefer Beziehung in erfter Reihe; viele ihrer Erzeugniffe, fo die Säemafchinen, können mit voller Berechtigung an die Seite der englifchen Originalmafchinen, denen fie zumeift nachgebildet find, geftellt werden. Um aber das Höchftmögliche zu erreichen, ift es unbedingt nothwendig, dafs unfere Fabrikanten, ähnlich wie die englifchen und amerikanifchen, die Richtung auf Specialitäten einfchlagen und die ausgewählten Befonderheiten mit anerkennenswerther Sorgfalt und bisheriger Solidität in guten Formen verfertigen. Alles und Jedes zu bauen, was irgend wie verlangt werden kann, Pflüge, Säemafchinen, Drefchmafchinen und eine lange Reihe der verfchiedenften Sachen bunt durcheinander, bewirkt blos eine bedauernswerthe Zerfplitterung an Kraft, Zeit und Capital und läfst nie das Höchfte erreichen, auch nicht mit grofsem Aufwand an Mitteln: es ift jedenfalls unendlich beffer, fich mit aller geiftiger und materieller Kraft auf die Hervorbringung weniger Apparate zu verlegen und diefe in jeder Hinsicht makellos zu bauen. Unter diefer Vorausfetzung wird fich die öfterreichifche agricole Mafchinenin duftrie gewifs von dem Uebergewichte des englifchen Maſchinenwefens emancipiren und zum Wohle unferes Nationalvermögens felbftftändig entwickeln und in allen einzelnen Zweigen möglichft vortheilhaft bewähren. DIE HILFSDÜNGEMITTEL. ( Gruppe II, Section 1.) Bericht von ANT. ADAM SCHMIED, Profeffor an der höheren landwirthschaftlichen Landeslehranstalt in Liebwerd bei Tetfchen. Seitdem J. von Liebig durch feine epochemachenden Errungenfchaften auf dem Gebiete der Naturwiffenfchaften Klarheit in die Erforschung des bis dahin dunklen Wefens der eigentlichen Pflanzenernährung gebracht und durch die hierbei gewonnenen Ergebniffe auf die Hebung der gefammten Landwirthschaft mächtig eingewirkt, befonders aber der Düngerlehre und Bodenftatik eine wiffenfchaftliche Grundlage verfchafft hat, ift die auf feinen Lehren fachgemäss aufgebaute Stofferfatz- Wirthfchaft, das Lofungswort des rationellen landwirthschaftlichen Betriebes geworden. Viele hervorragende Landwirthe huldigen gegenwärtig der gewifs berechtigten Anficht, dafs diefe, allen einflussreichen Verhältniffen Rechnung tragende Stofferfatz- Wirthfchaft, den landwirthfchaftlichen Betrieb 84 Ant. Adam Schmied. möglichft frei geftalten und denfelben namentlich von den ftrengen Fruchtfolgen allmälig emancipiren wird, fo dafs gegründete Hoffnung vorhanden ift, es werde diefes Syftem in allen Culturländern bald zum herrfchenden werden; denn die intenfive Wirthschaft, deren Einführung in allen vorgefchrittenen Ländern angeftrebt wird, das Syftem der Hochcultur, ift nur durch die Vollkraft der Felder möglich. Die mufterhaft betriebenen Wirthschaften der Gegenwart halten auch wirklich den Grundfatz feft, dafs vollfte Kräftigung des Bodens durch eine in Quantität und Qualität gleich vollkommene Düngung der Felder ftattfinden. müffe, wenn diefelben auf die Dauer auch in der Zukunft fruchtbar erhalten und mit Vortheil bewirthfchaftet werden follen. Sie bieten defshalb Alles auf, um. durch eine zweckentfprechende, den tellurifchen Verhältniffen der Wirthfchaft und dem aufgeftellten Wirthfchaftsfyfteme angemeffene Düngung in dem Grade der durch die erzielten Ernten bewirkten Bodenfchwächung, ja womöglich darüber hinaus, für die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit zu forgen, und find beftrebt, dafs durch die Ausführung geeigneter Mittel dem Boden alle jene Subftanzen vollständig zugeführt werden, von denen die Höhe der jährlichen Bodenerträge, die rentabelfte Maffenproduction unbedingt abhängt. Diefe hohe Wichtigkeit der Düngemittel für die Erhaltung der Ertragsfähigkeit der Aecker und die materiellen Erfolge des Wirthfchaftsbetriebes erklärt es, dafs alle Landwirthe, welche die Wiener Weltausftellung befucht haben, fich dafelbft nach den exponirten Düngeforten jeglicher Art umfahen. Doch wurden die Meiften in ihren Erwartungen mehr oder weniger enttäufcht. Nicht nur, dafs die Ausstellung der Düngemittel in ihrer Gefammtheit eine ziemlich lückenhafte war und kein erfchöpfendes Urtheil über die Art, Menge und Verwendungsweife der einzelnen Düngerarten in den betreffenden Ländern zuliefs, war diefelbe auch fehr zerftreut untergebracht, indem viele Rohmaterialien der Düngerfabri cation in die Gruppe I( Berg- und Hüttenwefen), viele als werthvolle Düngemittel gebrauchte Abfälle" und" Fabricate" in die Gruppe III( Chemifche Induſtrie) eingereiht worden find, fo dafs man nicht nur die Agriculturhallen, fondern auch die meiften Quergallerien, Höfe, ja felbft einzelne Pavillons, aufmerkfam durchmuftern musste, um fchliefslich einige, zu der aufgewendeten Mühe jedoch in keinem Verhältniffe ftehende Wahrnehmungen gemacht zu haben. Denn die meiften Ausfteller haben den gewifs rügenswerthen Fehler begangen, dafs fie ihre Ausftellungsobjecte ohne jede weitere Erläuterung dem Publicum vorgeführt haben. Sehr felten fand man Angaben über die Zufammenfetzung, Anwendungsart und Wirkungsweife des ausgeftellten Düngers, wefshalb auch der Beobachter meiftens ohne jeden Auffchlufs über die Wirkung desfelben weiter gehen musste. So wurde die Düngerfrage, ungeachtet der vielen zeitraubenden und koftfpieligen Düngungsverfuche, ihrer Löfung nicht näher gebracht, indem man nirgends erfahren konnte, welcher Dünger die höchften Erträge bewirkt und wie die jeweilige Bodenbefchaffenheit die mannigfachen Culturverhältniffe und die beobachtete Bewirthfchaftungsweife den erzielten Erfolg beeinflusst haben. Der Stall dünger, welcher in den meiften, faft in allen Wirthfchaften, fie mögen extenfiv oder intenfiv in den verfchiedenen Abftufungen betrieben werden, für alle Zeiten das Hauptdüngemittel bleiben wird, war auf der Ausftellung bedeutend vernachläffigt worden. Nur in der chinefifchen Abtheilung ftellte E. Faber Dünger aus Kwantung aus. Eigentlich waren es thierifche Excremente ohne alle Beimifchung eines Streumaterials, trocken, braun, von faferiger Befchaffenheit, welche in China allgemein als Düngemittel verwendet werden. Auch die Hilfsmittel für die Pflege des Stalldüngers waren fehr dürftig vorhanden. G. v. Keffel- Zeutfch( auf Raake in Schlefien) ftellte ein Modell feiner im Jahre 1868 erdachten Mufter- Dungftätte aus. Keffel geht von der richtigen Idee aus, dafs nicht allein durch eine möglichft fefte Verfetzung des Hilfsdüngemittel. 85 Düngers, fondern auch durch eine tägliche Filtration der Jauche durch den angefammelten Dünger derfelbe am ficherften zu conferviren fei. Defshalb hat die halbkreisförmige Dungftätte zwei in Cement ausgemauerte Jauchenbehälter zur Anfammlung der direct aus den Ställen zugeführten Jauche, deren Ueberflufs durch eine unterirdifche Drainleitung in ein gröfseres, im Centrum des Halbkreifes liegendes Baffin läuft, in welches der Schlauch einer Kettenpumpe zu hängen kommt, vermittelft welcher je nach Bedarf das Baffin geleert werden kann. Von der Peripherie gegen die Kettenpumpe hat die Bafis ein Gefälle von nur 9 Zoll, ift abgepflastert und mit Asphalt belegt. Um den Dünger mit Jauche begiefsen zu können, ift an der inneren Seite der äufseren etwa 5 Fufs hohen Umfriedungsmauer ein 6 Zoll breiter Abfatz angebracht, auf welchem eine 112 Zoll hohe Eifenfchiene im Halbkreife herumgeht. Auf der Schiene läuft ein paffendes eifernes Rad, zu welchem eine aus Eifenblech conftruirte Rinne direct zu der Kettenpumpe geht und fomit in wagrechter Stellung im ganzen Halbkreife bewegt werden kann. Der Boden der Rinne ift durchlöchert, und zwar derart, dafs mit der Entfernung von der Kettenpumpe fowohl die Zahl der Löcher fich entſprechend vermehrt, als auch diefelben fich erweitern. Dadurch ift es möglich, jede Stelle der Dungftätte mit Jauche zu verforgen, ohne dafs ein Tropfen derfelben verloren geht. An den Stalldünger reiht fich in feiner Wichtigkeit der Cloakendünger an. In feinem berühmten Gutachten( unterm 19. Januar 1865) an den Lordmayor Londons, R. Montague, hat Freiherr von Liebig auf die Anwendung der menfchlichen Excremente zur Düngung hingewiefen, und feit diefer Zeit hat fich in England die Irrigation oder Bewäfferung mit Cloakenwaffer bereits fehr verbreitet und die Sewage Farming, das heifst, der Betrieb der Landwirthschaft durch Beriefelung der Felder mit Cloakenwaffer ift dafelbft fchon ziemlich häufig: ich erinnere hier blos an die diefsbezüglichen Anlagen in Rugby und Croydon, deren Einrichtungen durch deutfche Gelehrte vielfach bereits befchrieben worden find. Auf der Wiener Weltausftellung hatte England jedoch nichts ausgeftellt, was das Canalifationsfyftem und die Organiſation der Riefelwirthschaften finnlicht hätte. verIn Frankreieh ift es befonders Senator Dumas, der Berichterstatter der franzöfifchen Dünger Enquête 1866, gewefen, welcher die Unzulänglichkeit des Stallmiftes und die Unentbehrlichkeit weiterer Dungmaterialien für die Landwirthschaft nachwies und unter den Mitteln, die Maffe der vorhandenen Dungftoffe zu vermehren, keines von fo allgemeiner und ficherer Wirkung fah, als das Auffammeln des Unraths der Städte, fo, dafs nichts davon verloren gehe und deffen Ausnutzung regelmäfsig ftattfinde. Dort war die Verarbeitung der Fäcalftoffe in Poudrette üblich, welche fich jedoch nicht bewährt hat. Moreau et Le Bel ( Doulon) haben ein fchwarzes Desinfectionsmittel und den daraus bereiteten pulverförmigen Dünger ausgeftellt. Auch in Deutfchland fah man die hohe Wichtigkeit der zweckmäfsigen Verwendung des Abtrittdüngers rechtzeitig ein. In zahlreichen Verfammlungen wurde über die Auffammlung der menfchlichen Auswurfftoffe und ihre Nutzbarmachung für die Landwirthschaft eingehend verhandelt und von einzelnen hervorragenden Landwirthen die entsprechende Verwendung derfelben warm empfohlen; aber man ift bis jetzt über die befte Verwendungsart diefes werthvollen Düngers noch nicht einig geworden. F. Thon( Wilhelmshöhe bei Caffel) ftellte eine nach feinem Verfahren bereitete Poudrette aus. Er will die Fäcalftoffe nach vorheriger Desinfection durch Anwendung von Wärme concentriren; feine entwäfferte Poudrette, durch Phosphatmehl vermehrt, enthält etwa 4 bis 6 Percent Stickftoff, bis II Percent lösliche Phosphorfäure und 2 bis 3 Percent Kali. In Oefterreich wird der verftändigen Benutzung der menfchlichen Excremente ebenfalls nach und nach die gebührende Aufmerksamkeit zugewendet. Um die Vermittlung zwifchen Stadt und Land anzubahnen, ftellt Carl Ritter Stummer 86 Ant. Adam Schmied. von Traunfels( Wien) feit dem Jahre 1869 aus menfchlichen Ausfcheidungen, welche er in eigens conftruirten, wegen ihrer hauptfächlich wirkenden Kräfte " Adhäfionsfilter" genannten Tonnenapparaten täglich frifch verfrachtet, und diverfen Chemikalien einen„ künftlichen Guano" dar, welcher entsprechend der Zufammenfetzung der Hauptgruppen der Culturgewächfe in vier verfchiedenen Sorten bereitet wird, und zwar: für Grünfutter, Körner- und Hülfenfrüchte, Hackfrüchte, Blumen und Gemüſe. Der ausgeftellt gewefene Stummer'fche Guano war ein trockenes, lockeres Pulver, welches nach Analyfen von Profeffor Dr. J. Mofer und Sierfch( in vorher angeführter Ordnung) enthielt: Stickftoff. Phosphorfäure Percente . I'OO I'OO I 13 6.30 10.69 7.26 3.52 15.06 Im erften Jahre ihres Beftehens erzeugte die Stummer'fche Fabrik 3000, im zweiten Jahre 4500, im dritten Jahre 6000 und im vierten Jahre 10.000 Centner künftlichen Guano, und zwar nach den angeführten Sorten 4000 Centner der I., 2000 Centner der II., 2500 Centner der III. und 1500 Centner der IV. Sorte. Der Verbrauch an Rohftoffen bezifferte fich im letzten Jahre auf rund 4000 Centner menfchliche Ausfcheidungen( von 3500 Mann), zu denen 6000 Centner chemifche Beftandtheile zugefetzt wurden. Wenn wir die aufserordentliche Billigkeit des Preifes der Stummer'fchen Guanoforten ins Auge faffen( und zwar koftet der Centner Guano in obiger Reihenfolge 2 fl. 50 kr., 3 fl., 3 fl. 50 kr. und 5 fl. öfterr. Währ. loco Wiener Bahnhof pr. comptant), fo treten die aufserordentlichen Vortheile diefer Induſtrie für die Landwirthschaft noch augenfälliger hervor. Nebftdem hatten Jof. Sloma( Podgorce, Galizien) Poudrette und die Kupfergewerkfchaft Mittersberg( Salzburg) eine Darftellung der Alpenverbefferung mittelft flüffiger Düngung ausgeftellt. Die Actiengefellfchaft für Bodencultur( Wien) exponirte die Apparate für das Städtereinigungs- und Canalifations- Syftem nach Liernur mit Verwerthung der Abortftoffe in der Landwirthschaft. Bekanntlich wird bei diefem genial erdachten Syfteme zur Bewegung der Kothmaffe Luftdruck ftatt des Waffers verwendet, damit diefelbe durch Verdünnung nicht untransportabel werde. Diefes pneumatifche Abort- Reinigungsfyftem fammelt die Auswurfsftoffe binnen dreifsig Stunden, alfo bevor ihre Gährungsperiode eintritt, in Keffelrefervoirs beftimmter kleinerer Strafsenfyfteme, damit man diefelben unter Bewahrung ihres ganzen Inhaltes an organifchen und unorganifchen Stoffen als Dünger verwenden könne. Dafs Liernur's Methode, welche von vielen Seiten als zu gekünftelt betrachtet wird, dennoch lebensfähig fei, beweift die Anwendung derfelben in Prag( in der Carolinenthaler Ferdinandskaferne), wo diefelbe die befriedigendften Refultate ergab, dann in Brünn und anderen Städten. Die in Prag gewonnene Latrine kommt auf dem durch feine intenfive Wirthschaft berühmten Gute Cakowic in Form eines Compoftdüngers zur Verwendung. Die Adminiftration des Gutes hat mit dem Liernur'fchen Confortium einen Contract auf jährlich 20.000 Centner Fäcalien, mit Vorkaufsrecht bis zu 30.000 Centner zum Preife von 66 Neukreuzer per Centner abgefchloffen. In der italienifchen Abtheilung hatten die Camera di commercio Proben einer Poudrette aus der Stadt Ferrara und die Società anonima dell commercio delle materie fertilizanti Proben eines präparirten Grubendüngers aus Rom exponirt. Endlich haben auch D. Löffler( Göteborg, Schweden) Poudrette und Gebrüder Schdanoff, fowie J. Kittari( beide St. Petersburg, Rufsland) Desinfections- Pulver und Flüffigkeit, ohne nähere Angabe der Zufammenfetzung, ausgeftellt. Die in der ruffifchen Abtheilung von Taubworzel ausgeftellte Hilfsdüngemittel. 87 Poudrette war dreifacher Art: Bei vier Percent Stickftoff, enthielt diefelbe nämlich 2 Percent Phosphorfäure und 2 Percent, oder aber 10 Percent Kali, oder endlich bei 10 Percent Phosphorfäure 2 Percent Kali. Die künftlichen Düngemittel waren in der Weltausftellung fchon zahlreicher ausgeftellt, als die übrigen Düngerpräparate, wenn auch nicht in einer folchen Art und Weife, wie es deren hohe Wichtigkeit für den intenfiven Wirthfchaftsbetrieb vorausfetzen liefs. Seit einem Vierteljahrhundert verwenden die intelligenten Landwirthe von Jahr zu Jahr immer fteigende Mengen von Kunft dünger, um ohne alle Störungen und Rückfchläge die Wirthfchaftsweife zu ändern und in den rentabelften Betrieb umzuwandeln, in der kürzeften Zeit zu einer gröfseren Production von natürlichem Dünger zu gelangen und bereits fruchtbare Aecker zum Maximum der überhaupt möglichen Ertragsfähigkeit zu bringen, oder um herabgekommene Felder fchnell wieder in die Höhe zu bringen, armes Neuland bald fruchtbar zu machen, dürftige, zurückgebliebene oder ausgewinterte Saaten zu kräftigen und ihre Vegetation zu befchleunigen; oder endlich, um felbft ohne natürlichen Dünger reiche Bodenerträge zu erzielen, überhaupt um den Wirthfchaftsbetrieb auf der freieften Bafis und möglichft intenfiv zu geftalten. Bei der Anwendung des Handelsdüngers haben die Landwirthe natürlich das Intereffe, von der gekauften Waare nur das Minimum verwenden zu müffen, und von derfelben doch das Maximum der Wirkfamkeit zu verlangen. Durch gewiffenhaftes Handeln müffen die Fabrikanten diefen Anforderungen zu entſprechen fuchen und ihre Aufgabe vollkommen erfüllen, welche hauptfächlich darin besteht, die Düngerfabricate bei höchftem Inhalte und bequemfter Form möglichft transportabel zu geftalten, alfo unnöthige und oft wirkungslofe Beimengungen zu vermeiden, jede Verfälfchung gewiffenhaft hintanzuhalten, durch genauefte Verfuche die zweckmäfsigfte Zufammenfetzung und die befte Art der Anwendung für die verfchiedenen Bodenarten und Wirthschaftsverhältniffe zu ermitteln, für einen ge wiffen Gehalt der verlangten Pflanzennährstoffe zu garantiren und überdiefs die Abnehmer über die Art und Weife des Gebrauches des betreffenden Düngers unter den gegebenen ſpeciellen Verhältniffen, wenn nöthig, gebührend aufzuklären. Erft wenn diefelben den vorftehenden Anforderungen gewiffenhaft Rechnung tragen werden, wird der von allen fortfchrittliebenden Landwirthen gehegte Wunfch, die künftlichen Düngemittel follten in der möglichften Ausdehnung zur Anwendung gelangen, allmälig feiner Erfüllung entgegen gehen. Anfänglich waren es von den Pflanzennährstoffen nur Stickftoff und Phosphorfäure, welche der Landwirth auf dem Wege des Düngerhandels beziehen konnte; in neuerer Zeit trat zu diefem noch das Kali hinzu. Alle diefe Sorten des Hilfsdüngers waren in der Wiener Weltausftellung vertreten. Unter den ftickftoffreichen Hilfsdüngemitteln ftanden die Guanoforten obenan. Die meiften Düngerfabrikanten und Düngerhändler haben diefelben exponirt. Der Peru- Guano, der befte unter allen, wurde mit Anfang des gegen. wärtigen Jahrhunderts in Europa bekannt. Im Jahre 1804 brachte Humboldt von den Chincha Infeln, die an der peruanifchen Küfte liegen, die erften Proben des natürlichen Guano nach Europa, und nahm an, dafs die Production trotz der grofsen Schaaren der Seevögel eine derart geringe fei, dafs ein Zeitraum von 300 Jahren erforderlich wäre, um eine Schichte von fünf Linien zu bilden. In Peru hat man den Werth diefes Düngemittels lange gekannt und Garcilafo de la Vega fchreibt darüber im Jahre 1604, dafs man auf einer 200 Meilen weiten Strecke mit nichts Anderem düngt, als mit den Excrementen der Seevögel, die an der Küfte von Peru leben. Die erfte Ladung des Peru- Guanos der Chincha- Infeln wurde nach Deutfchland im Jahre 1842 gebracht; feit diefem Jahre ftieg die Verwendung des felben in rapider Weife. Hunderte von Schiffen führen alljährlich den Feldern Europas diefen Dünger zu und die peruanifche Regierung und ihre Agenten wiffen die Schätze, welche ihre Vorfahren mit ängftlicher Sorgfalt behütet, mit 88 Ant. Adam Schmied. folcher Schnelligkeit in Geld zu verwandeln, dafs die Lager, die im Jahre 1853 nach genauer Ermittelung einen Vorrath von 230 Millionen Centner umfafsten, fehr bald erfchöpft fein werden, da J. Watfon in der ,, Times" vom 15. März 1869 nach eigenen Wahrnehmungen mittheilte, dafs nur noch wenige Schiffsladungen Guano auf den Chincha- Infeln vorhanden feien. Doch erwies fich diefe Nachricht durch die Guano- Ausfuhr Perus in den folgenden Jahren als unbegründet, hatte aber die nachtheilige Folge, dafs die bisherigen Importeure alfogleich den Preis des Guanos erhöhten; während das Pfund Stickftoff im Guano bis zu diefer Zeit fich nicht höher ftellte als 8 Silbergrofchen, koftet es nunmehr 1034 Silbergrofchen. ja erreicht im Phosphorguano den Preis von 17% Silbergrofchen. Zugleich verfchlechterte fich der Peru- Guano durch die ftetige Abnahme feines Stickftoff Gehaltes, der von feinen urfprünglichen 14 Percent auf 12 bis 10 Percent, ja zuweilen fogar auf 9 bis 8 Percent herunterging. Einige neuentdeckte Guanoforten, jener der Lobos- Infeln, wo an sieben Millionen Tonnen Guano aufgefpeichert fein follen, der aber nur wenig Stickftoff enthält, daher nur circa 2 Pfd. St. per Ton gegen 8 Pfd. St. Chinchas werth ift und fich mehr zur Bereitung von Superphosphat eignet; dann der Guano der GuanapeInseln, welcher nach den Angaben von Charris eine Mächtigkeit von 7 Fuss zeigt, und fich durch eine fehr wechſelnde chemifche Zuſammenfetzung auszeichnet, indem die oberen, durch Regenwaffer ausgelaugten Schichten 3 bis 6 Percent, die unterften aber bis zu 15 Percent Stickftoff enthalten; der Mejillones- Guano von den Felfen an der boliviaifchen Küfte, welcher 2 bis 4 Millonen Tonnen betragen foll, aber als die ftickftoffärmfte Form des Guanos betrachtet werden mufs, da er nur o'73 Percent Stickftoff enthält; der ebenfo ftickftoffarme Malden- Guano von den im ftillen Ocean belegenen Malden- Infeln, welcher bei 43'5 Percent. Kalk 376 Percent Phosphorfäure enthält, und endlich der Saldanha- BayGuano, in welchem an 8.8 Percent Stickftoff neben 8 Percent Phosphorfäure nachgewiefen wurde, follen den ftickftoffreichen Peru- Guano erfetzen. Diefe ver. fchiedenen Guanoforten wurden von einzelnen Düngerhändlern vorgeführt. In der deutfchen Agriculturhalle hatten namentlich H. J. Merck& Comp.( Hamburg) ein Sortiment echten Peru- Guanos, nebft Curacao- Guano, Eftremadura- Superphosphat und einer hübfchen Phosphoriten- Sammlung, dann der bekannte Guano- Importeur Ohlendorf& Comp.( Hamburg) Guanoproben und diverfe Zeichnungen ausgeftellt. - Bis jetzt mufs man jedoch als beftes Guanofurrogat den Fifchguano betrachten. Emil Meinert in Leipzig hat mit dem bekannten Walfifchfänger, Capitän Svend Foye, einen Contract zur Gründung einer grofsartigen Fabrik jenfeits des Nordcaps abgefchloffen, in welcher die Stickftoffquellen der arktifchen, eisftarren Region, nämlich die beim Ausfchlachten der gefangenen Walfifche bis jetzt faft nutzlos übrig bleibenden Refte der Thiere für die deutfche Landwirthfchaft nutzbar gemacht werden follen. Meinert garantirt in dem Walfifchguano für 7 Percent Stickftoff und 16 Percent Phosphorfäure, in dem Fifchguano aber für 8.6 bis 9.4 Percent Stickftoff und 12.8 bis 13.8 Percent Phosphorfäure. Einen aus den Ueberbleibfeln bei der nordifchen Fifchinduftrie bereiteten Dünger fanden wir in der fchwedifchen und norwegifchen Abtheilung exponirt. Schweden war durch dreierlei Fifchguano( Warberg's Salzereigefellſchaft, Morrups Salzereigefellfchaft in Falkenberg, H. R. Klingftedt in Asmideröd), Norwegen durch viererlei Fifchguano vertreten, hauptfächlich durch den Fifchguano der norwegifchen Fifchguano- Gefellſchaft( Chriftiania) und durch die Lyngvaersfabrik von Bordewich& Comp.( auf den Lofodden). Dem von der letzteren Gefellſchaft in der norwegifchen Fifchereiausftellung ausgeftellten Fifchguano, dargeftellt aus den Abgängen der dortigen Dorfchfifchereien, wird nachgerühmt, dafs er fich vermöge feines hohen Gehaltes an Stickftoff und löslicher Phosphorfäure als ein energifches Düngemittel bewährt hat. Eine befonders präparirte Art desfelben, für Warm- und Kalthauspflanzen zubereitet, kommt in dem Handel unter der Hilfsdüngemittel. 89 Bezeichnung ,, til Orangerivaxter" vor. Auch E. Meinert( Leipzig) ftellte in der deutfchen Abtheilung feine ,, künftlichen" Düngemittel aus. Eine neue Sorte Guanos, welche gegenwärtig im Handel vorkommt, ift der fogenannte Fledermausguano, welcher fich in Gegenden, die reich find an Fledermäufen( z. B. in Egypten, Ungarn), in vielen unterirdifchen Höhlungen und Gewölben maffenhaft abgelagert vorfindet. Intereffant war der in der italienifchen Expofition von Lud. Fino( Turin) ausgeftellt gewefene fardinifche Fledermausguano, welcher nach der beigelegten Analyfe einen Gehalt von 6:33 Percent Stickftoff, 7.36 Percent Phosphorfäure und 5 22 Percent Kali zeigte. Einen vielleicht ähnlichen Hilfsdünger, nämlich Pelikandünger oder Guano mit gebundenem Ammoniak( Pak), ftellte New- Orleans, Sanitary and Fertilizing Company ( Louiſiana) aus. Die Fleifchabfälle bei der Gewinnung des Extractum carnis, ganze Thiercadaver, das Blut der Schlächtereien liefern ebenfalls gute Materialien zur Bereitung eines kräftigen Düngers. So verwendet man die thierifchen Refte zur Fabrication des Fleifchmehls, welches in Frankreich, Hannover( zu Linden) und in Rheinpreufsen( in der Nähe von Rheydt) bereits im Grofsen fabricirt wird und fich durch bedeutenden Stickftoff- und Phosphorfäuregehalt vortheilhaft auszeichnet. Das preufsifche Fleifchmehl enthält beifpielsweife 6-68 Percent Stickft off und 7:53 Percent Phosphorfäure. Blutdünger haben ausgeftellt: Aug. Lamek ( Marienthal- Wandsbeck bei Hamburg), F. Schrader( Adlerhütte, Baiern), A. Panoff& Comp., St. Petersburg( Rufsland); Blut- und Fleifchdünger die königlich baierifch privilegirte Kunftdünger- und chemifche Productenfabrik( Landshut); Horn- und Ledermehl: Dohrmann und Comp.( Otterndorf, Hannover), Gleiwitzer chemifche Fabrik( Schlefien), L. Michaelis( Gr. Glogau, Schlefien), württembergifche Actiengefellfchaft für Fabrication von Leim und Düngemitteln ( Reutlingen). Der in der belgifchen Abtheilung ausgeftellte Blutdünger koftete 22 Francs per 100 Kilo, das Fleifchdünger- Mehl und die gedämpften Knochen in Pulverform ebenfoviel, das Hornmehl jedoch 50 Francs per 100 Kilo. Der aus dem Lande Chili in Südamerika kommende Chili- oder Würfelfalpeter( mit einem Stickftoffgehalt von 15 bis 16 Percent) und die übrigen zur Verfügung ftehenden Salpeterarten bilden auch ein rationelles Stickftoff- Düngemittel; und dem erfteren follten die Landwirthe eine um fo gröfsere Aufmerkſamkeit fchenken, als der darin enthaltene Stickftoff verhältnifsmäfsig wohlfeiler zu ftehen kommt, als in den anderen Hilfs- Düngemitteln Das Pfund Stickftoff koftet nämlich in demfelben( à Centner 434 Thaler) 84 Silbergrofchen, während es im Guano mit 12 Percent Stickftoff auf 8 8 Silbergrofchen, in dem mit Schwefelsäure aufgefchloffenen Peru- Guano bis 10 Percent Stickftoff fogar auf 9.5 Silbergrofchen zu ftehen kommt, wenn das Pfund löslicher Phosphorfäure zu 4 Silbergrofchen bewerthet wird. Auch fteht der Natronfalpeter in grofser Menge zur Dispofition; er wird in Chili auf einer viele Quadratmeilen grofsen Fläche des Hochplateaus der Cordilleren im Tagbau gefchürft. Anfänglich wurde derfelbe in England beim Grasbau verwendet; gegenwärtig hat er fich auch beim Rübenbau bewährt, und find es namentlich die mährifchen Zuckerfabriks Wirthfchaften, welche alljährlich grofse Quantitäten desfelben verbrauchen. In der Wiener Weltausftellung waren mehrere Arten von Salpeter aus verfchiedenen Ländern von diverfen Ausftellern exponirt. Endlich wird das fchwefelfaure Ammoniak, welches aus den Nebenproducten der Fabrication des Leuchtgafes, fowie bei der Darftellung des Solaröls und Paraffins aus Steinkohlen, Braunkohlen und Torf gewonnen wird, und 19 bis 20 Percent Stickftoff enthält, mit grofsem Vortheile als Erfatz des Peru- Guanos verwendet. Freilich ift nicht zu überfehen, dafs das fchwefelfaure Ammoniak nur in einer fehr geringen Menge vorkommt, indem aus 1000 Centner Kohlen, die in einer Gasfabrik deftillirt werden, bei forgfältig geleiteter Ammoniakgewinnung Loch nicht I Centner Ammoniak gewonnen wird; doch ift dasfelbe keinesfalls zu 90 Ant. Adam Schmied. unterfchätzen; da es dem Bedürfniffe der Landwirthschaft gegenüber immerhin eine beachtenswerthe Rolle spielt. Schwefelfaures Ammoniak haben unter Anderem ausgeftellt, Compagnie parifienne d'éclairage et de chauffage par le Gaz( Paris), Michaux( Bonnières, Seine et Oife), v. d. Elft& Matthes( Amfterdam); Krakauer Gasanft alt( Galizien), Hirfchmann & Comp.( Warfchau), Th. Gullberg( Göteborg, Schweden), die Gasgefellfchaft in Lüttich( Belgien) u. a. m. Um einen Dünger von höchfter Wirkung und Energie zu erlangen, mifcht man Ammoniakfalze und Superphosphate in einem entſprechenden Mifchungsver hältniffe zufammen. Die erhaltene Düngercompofition, welche jedoch fchon im Jahre 1863 von J. von Liebig als ganz vorzüglich empfohlen ward und von den hervorragendften Agriculturchemikern Deutſchlands als reellftes Erfatzmittel des in feiner Qualität mehr und mehr finkenden Peru- Guanos bezeichnet wurde, enthält bei 3.7 Percent Stickftoff( als Ammoniakfalz) 17 bis 18 Percent, ja fogar bis 20 Percent lösliche Phosphorfäure und o 8 Percent unlöslicher Phosphorfäure. Die Landwirthschaft befitzt in diefer Mifchung- dem fogenannten Phosphorguano- ein Düngemittel, welches fich überall empfiehlt, wo Culturverhältniffe den Gebrauch von Superphosphat mit geringen Beimengungen von löslichen Stickftoffverbindungen räthlich erfcheinen laffen. James Gibbs& Comp.( London) ftellte feinen patentirten Ammoniakguano, Lud. Fino( Turin), das phosphorfaure Ammoniak und das fürftlich Auerfperg'fche Bergamt Lukawitz( bei Chrudim in Böhmen) Ammoniakfuperphosphat aus. Ueber den Nutzen der phosphorfäurehaltigen Düngemittel ift etwas Allgemeines kaum nothwendig zu bemerken; derfelbe wird von der Praxis immer mehr anerkannt, wie diefs der von Jahr zu Jahr fich fteigernde Verbrauch klar beweift. Auch waren diefelben in der Wiener Weltausftellung am zahlreichften und vollständigften vertreten. Die in der Landwirthschaft gebrauchten Phosphate ftammen entweder aus dem Mineralreiche, die verfchiedenen Phosphoritgefteine, welche zumeift als Rohmaterial für die Fabrication der Superphosphate dienen, oder aus dem Thierreiche, die Knochen in ihrer verfchiedenen Zubereitung. Die Anwendung des Phosphorits in fein gemahlenem Zuftande, als fogenanntes Phosphoritmehl, wird in jüngfter Zeit von manchen Seiten mit befonderer Wärme als Düngungsmittel empfohlen und hat auch, in verftändiger Weife ausgeführt, die Landwirthschaft in einem nicht geringem Mafse gefördert. Deshalb durchfucht man gegenwärtig auch die ganze Welt nach phosphorhaltigem Material, und die bergmännifche Induſtrie ift überall bedacht, Phosphorite aufzufinden, und da derfelbe in verfchiedenen Gebirgsformationen, befonders in den jüngern heimifch ift, fo find fchon viele glückliche Funde diefer Art gemacht worden. In den einzelnen Mineralienfammlungen der I. Gruppe haben wir auch zahlreiche Mineralphosphate, welche als werthvolle Rohftoffe zur Bereitung der künftlichen Düngmittel vortheilhafte Verwendung finden, gefehen. Von den Proben der löslichen Phosphate von Green Mountain( Vereinigte Staaten von Nordamerika) mit angeblich 18 18 Percent Phosphorfäure, welche Gev. W. Beckwith( Burlington) ausftellte, bis zu den Phosphoriten aus den Gouvernements Podolien und Lublin( Rufsland), welche Wlad. Graf Dziedus zycki vorführte und den Kalkphosphaten, phosphorfäurehaltigen Erden und Phosphatfelfen aus Venezuela, konnte man die meiften hierher gehörigen Mineralien aus den einzelnen Ländern exponirt, wahrnehmen. Spanien, welches fonft kein anderes Düngemittel ausgeftellt hatte, führte in feiner reich befchickten Mineralienfammlung viele Exemplare des natürlichen phosphorfauren Kalkes, welcher zum überwiegend grofsen Theile zur Erzeugung der Superphosphate Verwendung findet, vor. So z. B. die bis 90 Percent phosphorfauren Kalk enthaltenden Phosphorite aus Fregeneda( Provinz Salamanca), Phosphorite aus Badajoz, Alcantara, Malaga, Madrid, Cordova und anderen Orten; befonders aber die fchöne, vollſtändige Sammlung der Phosphorite der Provinz Hilfsdüngemittel. 91 Caceres, welche dafelbft im Tag- und Schachtbau bergmänniſch gewonnen werden, eingefendet als eine Collectivausftellung von der höheren Montanlehranſtalt in Madrid; überdiefs hat Francisco Munoz eine in franzöfifcher, englifcher und fpanifcher Sprache verfafste Abhandlung über den Phosphorit und einen überfichtlichen Plan des Bergbezirkes Caceres exponirt. Alle die in Spanien gewonnenen Mineralphosphate kommen unter der Bezeichnung„ Eftremaduraphosphorit" in den Handel, und gewinnen von Jahr zu Jahr ein weiteres Abfatzgebiet. In der franzöfifchen Expofition fanden wir die Phosphatverfteinerungen aus Grandpré, Ardennes und die Kalkphosphate aus Villefranche de Roncique, Areyron; in der fchwedifchen Phosphorite und phosphorführende Bergarten aus Falun( ausgeftellt von F. L. Schmidt); in der deutfchen Agriculturhalle waren die bekannten. Lahnphosphorite und Präparate davon durch H.& E. Albert( Bieberich am Rhein), J. Garland( Limburg an der Lahn, Naffau) und V. Meyer& Comp. ( Limburg) vertreten; letztere führten befonders Schauftücke und charakteriftifche Stücke Phosphorit, verfchiedene Körnungen der Mafchinenaufbereitung, Phosphoritmehl u. dgl. vor. In der Ausftellung des k. k. Ackerbauminifteriums waren einige Phosphorite aus Nordweft- Böhmen, dann aus Podolien und dem öfterreichifchen Dnieftergebiete, welch' letztere im Mittel 23.82 Percent Phosphorfäure enthalten, jedoch in folch' geringen Schichten vorkommen, dafs an eine grofse Nutzbarkeit derfelben wohl kaum zu denken fein wird. Dagegen haben die Proben der Phosphoritgefteine aus dem grofsen Lager zwifchen Kursk und Orel, ausgeftellt in der öftlichen Agriculturhalle, allgemeine Aufmerkfamkeit erregt. Diefes grofse ruffifche Phosphoritlager zieht fich in einer breiten Bank von Orel bis nach Volhynien, liefert phosphatifche Gefteine mit 74'23 Percent phosphorfauren Kalk und fichert bei richtiger Benützung auf lange Zeiten hinaus den hoch intenfiven Betrieb der dortigen Landwirthfchaft. Dr. Wilh. Ritter von Hamm hat fchon im Jahre 1859( Agronomifche Zeitung) auf die Wichtigkeit diefes damals faft unbekannten Schatzes aufmerkfam gemacht;„ ,, er fah felber die Phosphoritnieren zum Strafsenbau verwendet und prophezeite, dafs man dereinft diefe Strafsen wieder aufbrechen und ihr Material als koftbaren Dünger verwenden werde"; heute fchon ift diefe Vorausfage zur Thatfache geworden. Die gegenwärtige Praxis ftrebt die Verwendung der Phosphorite in unaufgefchloffenem, aber fehr fein gemahlenem Zuftande an, um auch die geringhaltigen phosphatifchen Gefteine dem Ackerbau nutzbar zu machen. In der Bretagne, namentlich aber in der Sologne werden die mineralifchen Phosphate, die Kopro lithen des Grünfandftein in unaufgefchloffenem Zuftande verwendet und in Eng land, wo Superphosphate bisher die beliebteften Düngemittel waren, fängt man auch mit diefer Verwendungsweife allmälig an, indem man die Umwandlung des Phosphats mit Schwefelsäure in Superphosphat als eine mitunter unnöthige Vertheuerung desfelben anfieht. Trotz diefer Thatfachen empfiehlt es fich überall, wo man eine fchnelle Ausnutzung der Phosphorfäure in den Mineralphosphaten bewirken will, aus diefem Materiale gute Phosphate zu bereiten. In der Wiener Weltausftellung fah man neben rohem Phosphoritmehl mehrere aus den phosphatifchen Gefteinen dargestellte Superphosphate exponirt. Die Knochen und die aus denfelben fabricirten Präparate zählen zu den gegenwärtig am meiften angewendeten Hilfs- Düngemitteln; noch im Jahre 1850, und felbft fpäter konnte man die Nothwendigkeit der Beidüngung mit Phosphat beftreiten; jetzt ift jeder intelligente Landwirth von den vorzüglichen Wirkungen der verfchiedenen Phosphatdünger vollkommen überzeugt. Das Knochenmehl, das am längften bekannte, Phosphorfäure haltige Düngemittel, wird in zahlreichen Fabriken in vortrefflicher Weife bereitet und ift in manchen Gegenden noch immer der beliebtefte, mitunter fogar der einzige Kunftdünger. Oefterreich hat mehrere vorzügliche Knochenmehl- Fabriken, welche durchwegs ein tadellofes Product liefern. Obenan fteht diejenige von J. Fichtner( in 92 Ant. Adam Schmied. Atzgersdorf), eine der älteften und am rationellften betriebenen Knochenmehl Fabriken. 101 Die chemifche Productenfabrik von B. Margulies& Comp.( Rannersdorf, Niederöfterreich); Jul. Puzyna( Cfarudlofie, Galizien); Leo Graf LarifchMönnich& Comp.( Peterswald, Schlefien) und Andere haben fchönes Knochenmehl ausgeftellt. Leider wird in Oefterreich das Rohmaterial für die KnochenmehlFabrication immer feltener und theuerer, zumal es noch in fehr bedeutenden Mengen ins Ausland ausgeführt wird; fo ift es bekannt, dafs die baierifchen Düngerfabriken ihre Knochen zum grofsen Theile aus Tirol beziehen. In der deutfchen Abtheilung haben Knochenmehl und Knochenfchrot ausgeftellt: F. Creuz( Michelftadt, Heffen), V. Weil( Oberndorf, Württemberg), W. Stalling ( Piefchen bei Dresden), F. Schmalbein( Köln am Rhein), die Hannover'fche Kunft dünger Fabrik( Linden), Schörnig& Comp.( Ziegenhals, Schlefien) u. f. w. In der ungarifchen Abtheilung exponirte die erfte Pefter Spodiumund Knochenmehl Fabriks Actiengefellfchaft fchöne Knochenmehle, in der italienifchen Expofition die Gefellſchaft für die Erzeugung der künftlichen Düngemittel( Vigheffio, Parma) Knochenpulver. In früheren Zeiten hat man die Knochen gebrannt, um die in ihnen enthaltene Phosphorfäure in leichter löslichem Zuftande zu überführen. Da jedoch diefer Vorgang minder rationell ift, fo trifft man denfelben nur in den zurückgebliebenen Gegenden, fowie auch dort an, wo man die Spodiumabfälle als Düngemittel verwendet. So führte Uruguay calcinirte Knochen vor, welche dort als Nebenproduct der Gewinnung des Fleifchextractes erhalten werden. Stern's Fertilizer and Chemical Manufacturing Company( New- Orleans, Louiſiana) ftellte neben feinem Knochenmehle und einigen Superphosphaten aus rohen Knochen mehrere Sorten Knochenkohle aus, Dunod et Bougleux( Paris) Beinfchwärze, Michaux ( Bonnières, Seine et Oife) Knochenfchwärze, nebft dem Phosphate und Superphos phate, dann Michael N. Kobifeff( St. Petersburg) rohe und gebrannte Knochen, das fürftlich Auersperg'fche Bergamt Lukawitz( bei Chrudim) Knochenkohle, ebenfo die chemifche Düngerfabrik Moriz Milch& Comp.( Jerzyce bei Pofen), dann Stuhr& Lorenzen( Friedrichsftadt in Schleswig- Holftein), welche nebft dem Knochenmehle auch Superphosphate ausftellten. Beffer und vortheilhafter ift es, wenn die zur Düngung beftimmten Knochen gedämpft werden. In nicht gedämpftem Knochenmehle ift nämlich die Phosphorfäure weniger löslich und die Leimfubftanz weniger leicht zerfetzbar, und zwar wegen des in den rohen Knochen vorkommenden Fettes, welches die Einwirkung der löfenden Agentien abfchwächt. Das Dämpfen hat nun den Zweck, das Fett aus den Knochen zu entfernen, wobei aber immer mehr oder weniger Leimfubftanz mit verloren geht; denn während das Knochenmehl bis 5 Percent Stickftoff enthält, befitzt gutes entfettetes Knochenmehl gegen 4 Percent, fchlechtes fogar nur 2 Percent Stickftoff. Wir fanden gedämpftes Knochenmehl in der öfterreichifchen Agriculturhalle, wo J. Sloma( Podgorce in Galizien) dasfelbe neben Superphosphaten und Düngergyps ausftellte. Die meifte Aufmerkfamkeit fchenkt man gegenwärtig den Superphos phaten, das heifst, Phosphorfäure haltigen Düngemitteln mit löslicher Phosphor fäure, deren Verwendung bereits eine mächtige Ausdehnung gewonnen hat, theils allein, beffer in Verbindung mit Peru- Guano, fchwefelfaurem Ammoniak und Anderem, in den verfchiedenften Mifchungsverhältniffen gemengt als„ PhosphorGuano", beziehungsweife ,,, ammoniakalifches Superphosphat". Man bereitet die Superphosphate hauptfächlich aus Knochenkohle, dann dem Jarvis-, Sombreround Bakerguano, neuefter Zeit auch aus foffilen und mineralifchen Phosphaten, aus Naffauer Phosphoriten, dem Eftremadura- Apatit und Anderem. In Deutſchland hat der Verbrauch des aufgefchloffenen Knochenmehles immens zugenommen, indem dafelbft jährlich gewifs 1 Millionen Centner dar Hilfsdüngemittel. 93 geftellt und verwendet werden, obfchon kaum zwanzig Jahre verfloffen find, feit man hier auf Anregung Liebig's diefe Fabrication begonnen hat. In England dagegen fcheint das Auffchliefsen des Knochenmehles mit Schwefelfäure fehr nachgelaffen zu haben, indem man dort endlich anfängt, auch dem gedämpften und gepulverten Knochenmehle, gegen das man Jahrzehnte lang ein unbegründetes Vorurtheil hegte, gröfsere Aufmerkfamkeit zuzuwenden. Obgleich die Superphosphatfabriken in allen Ländern fowohl der Zahl als Bedeutung nach den erften Rang unter allen Anftalten zur Erzeugung des Kunftdüngers" einnehmen und die Superphosphate gegenwärtig zu den verbreitetften Producten in der Düngerfabrication zählen, befteht doch in ganz Oefterreich bis jetzt keine einzige gröfsere Fabrik diefer Art und der gröfsere Theil des aufgefchloffenen Knochenmehles wird hieher durch Handel gebracht. Die englifche Kunftdünger Induſtrie ift die ältefte, entwickeltfte und grofsartigfte in der Welt. Sie wurde in der Wiener Weltausftellung nur durch drei englifche Ausfteller repräfentirt, aber fo bedeutend und vollſtändig, fo gut arrangirt und wiffenfchaftlich geordnet, wie es bisher auf keiner Weltausftellung noch zu fehen war. Obenan ftand die fchöne und fyftematifche Collection von Phosphaten aller Länder und Sorten, von Ed. Parkart& Comp.( in Ipswich, Suffolk) in fo vollftändiger Sammlung und wahrhaft glänzender Anordnung veranſtaltet, wie es ein Fachmann nur wünſchen konnte. Vorerft waren dafelbft fämmtliche Subftanzen, aus welchen die Phosphate bereitet werden, alle Phosphorit- Bruchfteine in rohem und gemahlenem Zuſtande, Mufcheln, verfteinerte Knochen und Koprolithen, überhaupt Petrefacten, dann eine grofse Menge Saurier, und Haififchzähne vorhanden, an welche Rohmaterialien fich Proben von daraus bereitetem phosphorfauren Kalke in allen Formen anreihten, während verfchiedene Guanoforten, Superphosphate, Phosphorguano, Ammoniakfuperphosphat und andere künftliche Dünger den Schlufs bildeten. In ihrer überfichtlichen und fyftematifchen Anordnung gewährte diefe Expofition ein ebenfo intereffantes als lehrreiches Bild. Zeichnungen und Photographien der verfchiedenen Düngerfabriken, Modelle von Mafchinerien, welche zur Fabrication der künftlichen Dünger gebraucht werden, befonders das vollſtändige Modell einer bis ins kleinfte Detail entworfenen Düngerfabrik mit zehn Mahlgängen, Elevatoren, Sortirmafchinen, Carr'fchem Desintegrator u. f. w., ausgeführt von E. R. und F. Turner( Ingenieure in Ipswich), vervollſtändigten die inftructive Ausftellung. An diefelbe reihte fich faft ebenbürtig die Expofition von James Gibbs & Comp.( London). Bekanntlich hat diefes Haus das Monopol des Guanohandels von dem peruanifchen Staate erworben; feine Düngerausftellung in Wien umfafste auch alle Sorten des Guano und einzelne daraus bereitete künftliche Dünger, wie z. B. einen patentirten Ammoniakguano, dann Blutdünger nebft anderen chemifchen Düngern und deren Beftandtheile, befonders Superphosphate fammt der zu ihrer Bereitung nothwendigen Schwefelfäure mit ihren Rohmaterialien, Schwefel, Eifenkies, Pyrit u. f. w. Merkwürdigerweife waren hier auch Düngercompofitionen für beftimmte Feldfrüchte vertreten; der Weizendünger enthielt angeblich 15 bis 20 Percent lösliches und 5 bis 10 Percent unlösliches Kalkphosphat, 4 bis 10 Percent Ammoniak, 20 Percent fchwefelfaures Ammoniak und 5 Percent falpeterfaures Natron. Die„ London Manure Company" ftellte ebenfalls chemifche Düngerforten und die zu ihrer Fabrication gebrauchten Materialien, zerftofsene Knochen und aufgefchloffene Phosphate, fchwefelfaures Ammoniak und falpeterfaures Natron, diverfe Guanoforten und verfchiedene Specialdünger, fo für Flachs, weifse Rüben und Anderes aus. Gegen die letzteren Düngermifchungen für beftimmte Zwecke oder Nutzpflanzen müffen wir uns entfchieden wenden, da diefelben nach den Ergebniffen 94 Ant. Adam Schmied. vieler comparativen Verfuche nicht ftatthaft find; auch verbergen fich unter folchen Bezeichnungen viel zu leicht und oft ,, werthlofe Mifchungen nach dem Gutdünken empirifcher Alchimiften"( Dr. Wilh. Ritter von Hamm). In der deutfchen Agriculturhalle waren ebenfalls fehr viele Phosphate und Knochenpräparate exponirt; faft jeder Ausfteller von Düngemitteln hatte Proben von Knochenmehl, Superphosphaten nebft Rohmaterialien vorgeführt, fo dafs es zu weit führen würde, wollten wir hier die Adreffen derjenigen Ausfteller mittheilen, welche Guano, Superphosphate, Guano- Superphosphate und dergleichen ausgeftellt haben. Wir wollen hier blos der Firma Emil Güffefeld& Comp.( Hamburg) gedenken, deren intereffante Sammlung von künftlichem Dünger und hierzu nothwendigen Rohmaterialien fich würdig an die vorgenannten englifchen Collectionen anreihte. Diefelbe enthielt den Baker-, Malden-, Howland- EnderberryGuano, Guanokruften von verfchiedenen Infeln, aus Weftindien, St. Martin, Navaffa, Carolina, von Starbruck Island, Canada- Apatit( mit bedeutendem Gehalte an Phosphorfäure), Sombrerophosphat, fowie fpanifche, franzöfifche, portugiefifche, fchwedifche, norwegifche, mexicanifche Phosphate, kurz eine faft vollſtändige Sammlung der phosphorfäurehaltigen Maffen und ausgelaugten Halbguano- Lager, deren Ausbeutung gegenwärtig bereits fo grofse Dimenfionen angenommen hat. Auch die württembergifche Actiengeſellſchaft für Fabrication von Leim und Düngemitteln( Reutlingen) ftellte eine vollſtändige Sammlung von Präparaten aus Knochen in 42 Muftern, dann diverfe Superphosphate und verfchiedene Guanoforten, Leder- und Hornmehl, Kali- und andere Dungfalze u. f. w. aus. Endlich hatten Vorfter& Grüneberg( Kalk bei Köln am Rhein) Salpeter, Potafche, Ammoniak- Superphosphate und Aehnliches nebft den hiezu nothwendigen Rohmaterialien exponirt. In der belgifchen Abtheilung hatten Guft. Devit& Comp.( in Vilvorde) eine hübfche Sammlung von Knochenproducten nebft Phosphaten zur Anfchauung gebracht. Die Fabrik liefert jährlich 8 bis 9 Millionen Kilogramme phosphorfauren Kalk und wird neueftens die Fabrication um 25 Percent vermehren. Nebftdem waren in der belgifchen Abtheilung noch Düngercompofitionen unter der Bezeichnung:„ Phosphate azoté" und zwar für Körnerfrüchte und Wurzelgewächfe und Aehnliches. " Aus Oefterreich hatten befonders ,, die Kunftdüngerfabrik" von Heinrich Schmidt( Prag) und Umrath& Comp.( Prag) Superphosphate und Ammoniakpräparate ausgeftellt. Unter den Kunftdünger- Präparaten des H. Schmidt waren hauptfächlich verfchiedene Specialdünger enthalten; fo z. B.: verftärkter Rübendünger, Dünger für Kukurutz, Hülfenfrucht, Kartoffel, Weizen und Korn; ein Volldünger" oder„ Dünger der Zukunft", welcher nach den Angaben des Ausftellers auf einem Verfuchsfelde fünf Jahre lang ohne jeden Zufatz von Stalldünger Rüben producirt und durchſchnittlich von I öfterreichifchen Metzen 250 Centner Rüben hervorgebracht hat; er enthielt 15 Percent Stickftoff, 20 Percent Phosphorfäure, 20 Percent Kali, 10 Percent Natron, 35 Percent Kalk. Nebft einem Fleifchdünger( Fleifchguano) hatte Schmidt noch Knochen- Superphosphat mit 35 Percent löslicher Phosphorfäure, Humus- Superphosphat mit 23 Percent löslicher Humusfäure und Humusammoniak( Kali- Superphosphat) mit 10 Percent Stickftoff, 14 Percent löslicher Phosphorfäure und 14 Percent Kali ausgeftellt. Fr. K. Grillo ( Prag) ftellte diverfe Düngerftoffe, darunter Ammoniak, Knochenkohle und der gleichen aus; A. Popper& Comp.( Zborowitzer und Kojeteiner Zuckerfabrik) Knochenmehl, Ammoniak, Superphosphate, gewöhnliche Poudrette und Blutpoudrette, fowie auch concentrirtes Kali; W. Homolacz( Tarnow, Galizien) einen Univerfaldünger", welchem eine günftig lautende chemifche Analyfe, von Prof. Krocker in Proskau ausgeführt, beigegeben war. " In der land- und forftwirthschaftlichen Collectivausftellung des Königreiches Böhmen, überfichtlich und fyftematifch geordnet, mit Rückficht auf den Hilfsdüngemittel 95 Kreislauf der Stoffe, waren endlich diverfe Düngemittel vertreten, hauptfächlich Superphosphate und Kali- Superphosphate, Wiefendünger, Baum, Hopfen-, Weinberg- Dünger, Abfatz aus den Schlammfängen( aus der Actien- Düngerfabrik Peček), dann rohes Knochenmehl und Superphosphat- Knochenmehl( ausgeftellt von der Zuckerfabriks- Oekonomie Dux) und endlich verfchiedene zur Düngung geeignete Abfälle aus den einzelnen Gewerbs- und Induftriezweigen. In der ungarifchen Abtheilung hat blos J. C. Tauffer( Klaufenburg, Siebenbürgen) Knochenpräparate ausgeftellt. Rufsland ftellte in feinen meiften Düngercollectionen auch Superphosphate aus; namentlich war es die Dampf Knochenmehl- und Superphosphat- Fabrik von R. Thomfon in Riga, welche eine hübfche Sammlung von Knochen, Knochenmehl und Superphosphaten vorführte. In der dänifchen Abtheilung find ebenfalls Phosphate ausgeftellt gewefen; Fredens- Mölle's Fabriken( Kopenhagen) haben fauren, phosphorfauren Kalk aus Koprolithen, Superphosphate, befonders Eftremadura und BakerguanoSuperphosphat exponirt. Auch in der italienifchen Abtheilung hat Jemand ,, auf chemifchem Wege präparirte Knochen zur Düngung der Felder" ausgeftellt. Da das Kali zu den allerwichtigften Pflanzen- Nährstoffen gehört, indem es gerade die bedeutendften, für den Steuerfiscus wie für den Nationalwohlftand lohnendften Culturen: Zuckerrüben, Kartoffeln, Wein, Tabak, Flachs, Hanf, Oelfaaten, am nothwendigften brauchen, fo erlangen die Kalidünger von Jahr zu Jahr immer eine fteigende Verwendung; man foll aber nach den bisherigen Erfahrungen diefelben nie allein anwenden, fondern blos als eine Zugabe zu den ftickftoff- und phosphorfäurereichen Düngemitteln( zu Guano und Superphosphaten) benutzen, in welchem Falle zahlreiche in England, Deutfchland und Frankreich angeftellte Düngungsverfuche einen zumeift 20 bis 50 Percent betragenden Mehrertrag nachweifen. Da jedoch nach mannigfachen Zufammenftellungen der Kaliverluft in einer Wirthschaft, gegenüber der Menge, welche der Ackerboden hievon befitzt, in den gewöhnlichen Verhältniffen kaum der Rede werth ift, fo fcheint das Kali nur für die intenfiven Wirthfchaftsweifen, für die forcirte Cultur der Kraftfteigerung, nicht aber der blofsen Erhaltung wegen, von Bedeutung zu fein. Sehr zahlreich waren die verfchiedenen Sorten des Kalidüngers in der deutfchen Ausftellung( Gruppe II und III) vertreten. Die Patent- Kalifabrik des Dr. A. Frank( Stafsfurt, Sachfen), die vereinigten chemifchen Fabriken zu Leopoldshall( bei Stafsfurt), die Stafsfurter chemifche Fabrik( vormals Vorfter& Grüneberg) und Wünfche& Göring( Leopoldshall) haben Stafsfurter Abraumfalze und Fabricate aus denfelben, Kali-, Natron- und Magnefiafalze, diverfe Kalidünger, fchwefelfaure Kalimagneſia u. f. w. in grofser Reichhaltigkeit und erfchöpfender Ueberfichtlichkeit vorgeführt. Auch die öfterreichiſchen Kalifalze waren in der Weltausftellung würdig vertreten; unfere Landwirthe follten den heimifchen Naturfchätzen eine gröfsere Aufmerkfamkeit widmen, ja dem Kalufzer concentrirten Kali- Magnefia- Dünger, feiner grösseren Billigkeit wegen, fogar den Vorzug vor dem Stafsfurter gleichartigen Salze geben. Die Kali- Bergbau- und Salinen- Betriebsgefellfchaft in Kalufz( Galizien) hat Rohftoffe der Kalufzer Gruben, diverfe Kalifalze, darunter einen befonders fchönen, hochgradigen Kainit mit 23 bis 25 Percent fchwefelfaurem Kali, Chilifalpeter mit 16 Percent Stickftoff, rohen Kalifalpeter mit 13 Percent Stickftoff und 44 Percent Kali, raffinirten Chilifalpeter mit 99 4 Percent falpeterfaures Natron und Kalimagnefia ausgeftellt. Nach Hauer's Mittheilungen ift die Kalufzer Maffe kalireicher, als das Stafsfurter Vorkommen, indem die erftere 29 46 Percent Chlorkalium neben 30'04 Percent fchwefelfaurer Magnefia und 20.67 Percent Chlornatrium enthält, mithin faft fo kalireich ift, wie der reine Kainit felbft, in Die Kalufzer concentriten welchem 30'03 Theile Chlorkalium vorkommen. 7 96 Ant. Adam Schmied. Kalidünger enthalten 22 Percent fchwefelfaures Kali, 22 Percent Chlorkalium( mit 25 Percent Kali insgefammt) und 15-20 Percent fchwefelfaure Magnefia; das dreifach concentrirte Kalifalz enthält 30 bis 34 Percent Kali( neben 10 bis 12 Percent fchwefelfaure Magnefia), das fünffach concentrirte 50 bis 52 Percent Kali. Die rohe fchwefelfaure Kalimagnefia aus Kalufz hat 54 bis 57 Percent fchwefelfaures Kali und 37 bis 40 Percent fchwefelfaure Magnefia. Nebftdem haben die Koliner Spiritus- und Potafchenfabriks. Actiengefellfchaft( Böhmen) Potafche und fchwefelfaures Kali, C. A. Brofche( Liebfchic a. d. Moldau) Kali- und Natronfalpeter ausgeftellt. Endlich haben auch einzelne Handlungshäufer Kunftdünger vorgeführt. Die vollſtändigfte und intereffantefte Collection des Kunftdüngers war die Expofition der bekannten Firma Brüder Frankl in Prag, welche fich um Verbreitung von künftlichen Düngemitteln, fowie Kraftfutter und guten Sämereien in Böhmen fehr verdient gemacht hat. In der inftructiv geordneten Sammlung, welche freilich ziemlich viele ausländifche Producte und Materialien umfafste, waren die fämmtlichen Kalidüngemittel vertreten rohes, fowie gereinigtes fchwefelfaures Kali, fchwefelfaures Kalimagnefia, concentrirter Kalidünger mit 22 Percent fchwefelfaurem Kali, 22 Percent Chlorkalium und 10 bis 20 Percent fchwefelfaurer Magnefia, in welcher 25 Percent Kali garantirt find; dreifach concentrirtes Kalifalz mit 30 bis 40, fünffach concentrirtes mit 50 bis 53 Percent Kali; ferner Kalifalpeter und Chilifalpeter; Knochenmehl und Phosphoritmehl, Superphosphate aus Bakerguano und Kno chenkohle, Peruguano, roh und aufgefchloffen, ſchwefelfaure Ammoniak, reines Kali- Superphosphat, Ammoniak- Superphosphat, Kali- Ammoniak- Superphosphat u. f. w. Auch ein Dungfalz war in derfelben ausgeftellt, welches nach feiner Zufammenfetzung aus einem Gemifche verfchiedener einfacher düngenden Subftanzen, und zwar aus 3 bis 4 Percent Salpeter, 8 bis 10 Percent Kali, 20 Percent Magnefia beftand. Endlich haben Egidy Kriner& Söhne( Prag), neben land- und forftwirthschaftlichen Sämereien, diverfe Kalifalze, Maldenguano und Knochenmehl- Präparate ausgeftellt. Die übrigen zur Düngung geeigneten Naturfchätze der einzelnen Länder waren auch meiftentheils, jedoch in der Gruppe I und ziemlich ſporadifch ausgeftellt. So fahen wir in der Ausftellung Gyps aus dem Villajet Conftantinopel ( Türkei), aus Rumänien, Portugal( Soure), dann aus Steiermark, Galizien, Ungarn; weiter Salpeter aus der Türkei( Villajet Koniah), Natron aus Egypten. Feldfpath aus Norwegen, Kalksteine aus Kärnten, Schlesien, Ungarn und der Türkei; falzhaltigen Meerfand( Tangue) aus Belgien( Pierre Bortier); endlich Mergelarten aus Agram und Lüneburg( in Hannover) und die fogenannte Kuhlerde( Wühlerde) aus Aurich( ebendaher), reich an Kali, phosphorfaurem Kalk und ſtickſtoffhaltigen Subftanzen u. a. m. Die verfchiedenen Induftrien liefern endlich mannigfaltige, zur Düngung geeignete Abfälle, auf welche die Landwirthfchaft von jeher ihr Augenmerk gerichtet hat und welche zum Theil auch in der Ausftellung vertreten waren. So hat Fr. Cataneo( Codogno, Italien) Abfälle der Gärberei für Düngung der Reisfelder ausgeftellt; in der belgifchen Abtheilung fah man rohes Ammoniakwaffer( aus der Gasanftaft in Lüttich) und eigenthümlich geformte Oelkuchen J. Buysmann( Arnheim, Niederlande) exponirte Dünger aus Steinkohlen- Afche Veit Weil( Oberndorf, Württemberg) Gallertrückstände und Dr. A. Frank ( Stafsfurt) Ammoniakfalze aus Torf- und Moorboden gewonnen. Die London Manure Company hat Wollftaub( shoddy), der befonders für feinere Culturen und Obftbäume fehr wirkfam fein foll, ausgeftellt; folcher Dünger wird von den Südländern als das vorzüglichfte Hilfsmittel zur Erhaltung der Tragfähigkeit ihrer Weinftöcke und Oelbäume gefchätzt. Es wäre im Intereffe der Landwirthschaft und des Nationalwohlftandes zu wünſchen, dafs alle die in den einzelnen Gewerben und Induftrialien fich ergebenden, wie immer genannten Abfälle, fobald fie zur Düngung geeignet find und keine lohnendere Verwendung geftatten, auch Hilfsdüngemittel. 97 wirklich in der geeigneten Form zur Düngung verwendet werden, weil es nur auf diefe Weife möglich ift, die Bodenproduction unter thunlichfter Schonung der Ertragsfähigkeit der Aecker zu wünſchenswerther Höhe zu bringen und diefelbe gleichzeitig möglichft wohlfeil zu geftalten. Zum Schluffe wollen wir noch eine überfichtliche Darstellung über den Umfang der ausgeftellten Hilfsdüngemittel der einzelnen Reiche und Länder geben, weil wir überzeugt sind, dafs für den jeweiligen Stand der Bodencultur und die Ertragsfähigkeit des Ackerbaues in den normalen Verhältniffen der gemäfsigten Klimate die Verwendung von Kunft- und Hilfsdünger einen ficheren Gradmeffer und folglich auch ein zutreffendes Beurtheilungsmoment gewähren. Während der extenfive Betrieb in den zurückgebliebenen Ländern, fowie der althergebrachte, ortsübliche Betrieb in den von der Natur reichgefegneten warmen Himmelsftrichen ohne Bezug aller Hilfsdünger vortheilhaft betrieben werden kann, kann der hochintenfive Induftrialbetrieb der Landwirthschaft, die eine Maffenproduction anftrebende Hochcultur der Neuzeit, in unferen Gegenden ohne diefelbe nicht gedacht werden, und ift nur möglich durch ihre ftete, fachgemäfse Anwendung. Der intenfiven Betriebsweife genügt nicht mehr der in der eigenen Wirthschaft producirte Stalldünger und auch die zweckentfprechende Verwendung der Abfallftoffe ift nicht immer im Stande, die„ Bodenkraft" im Gleichgewicht zu erhalten; fie mufs nebftdem die werthvollen Hilfsdüngemittel, in ihrer Qualität und Quantität verfchieden nach der Specialität des Wirthfchaftsbetriebes verwenden, um einen vollständigen Erfatz für die aus der Wirthfchaft exportirten Bodenbeftandtheile, welche das Fundament der Pflanzenernährung bilden, zu verfchaffen. _ Schon oben ift erwähnt worden, dafs die englifche Kunftdünger Induftrie wenn auch blos durch drei Ausfteller repräfentirt die hervorragendfte Stelle in der Weltausftellung einnahm. Die Engländer haben hauptfächlich Stickftoff dünger und Phosphate ausgeftellt. Ihr ftand faft ebenbürtig zur Seite die Dünger fabrication des deutfchen Reiches. Diefelbe nahm auf alle drei hauptfächlichften Pflanzennährftoffe aus dem Mineralreiche eine faft gleiche Rückficht, indem fie neben den vorgenannten zwei Kunftdüngern noch die Kalidünger exponirte. Das norddeutfche Steinfalzwerk Stafsfurt ift eine reiche, faft unverfiegbare Quelle der Kalifalze; die fogenennten„ Abraumfalze" dafelbft enthalten alle mineralifchen Beftandtheile des Meerwaffers, mit Ausnahme des Chlorkaliums. Während die chemifchen Verfuchsftationen beftrebt waren, den Werth des Kalis als Pflanzennährstoff ins klare Licht zu bringen und die entsprechendften Kalifalze in der beften verwendbarften Form als Hilfsdüngemittel in die praktifche Landwirthfchaft, namentlich beim Zuckerrübenbau einzuführen, machten fich die zahlreichen Kalifabriken zur Aufgabe, das der Vegetation in mancher Hinficht nachtheilige Rohproduct zu raffiniren und in eine concentrirte Form zu bringen, fo dafs die fabricirten Stafsfurter Vorkommniffe fowohl den verfchiedenen Zwecken des intenfiven Betriebes genügen, als auch zu einer Verfrachtung auf weitere Entfernungen hin geeignet find. Die deutfche Ausftellung der Düngemittel war die zahlreichfte: an die 50 Ausfteller waren bemüht, diefelbe entſprechend zu vertreten, darunter fehr bedeutende Firmen, welche in den Welthandel eingreifen. Oefterreich dagegen war nicht befonders reich vertreten, wenn auch zugegeben werden mufs, dafs die Collectionen einzelner Ausfteller fo manches von Bedeutung aufzuweifen hatten. Weftöfterreich war durch 18, Ungarn gar nur durch zwei Ausfteller repräfentirt. Es wäre jedoch unrichtig, wollte man aus diefer Thatfache den Schlufs ziehen, dafs die Bodencultur in der öfterreichifchen Monarchie noch auf einer niedrigen Stufe fteht; denn in den einzelnen, durch hochintenfiven Ackerbau weltberühmten Induftrialbezirken werden dafelbft fo viele Hilfsdüngemittel verwendet, wie nur in irgend einem hochcultivirten Diſtricte Europas; freilich tritt dabei die national- ökonomifch traurige Erfcheinung Tage, dafs Oefterreich die Kunstdünger leider zum grofsen Theile aus dem zu 7* 98 Ant. Adam Schmied. Hilfsdüngemittel. Auslande bezieht und in dasfelbe eine bedeutende Maffe der hiefür unentbehrlichen Rohmaterialien exportirt. Einen klaren Beweis für die ausgedehnte Anwendung des Kunftdüngers in dem Landwirthfchafts- Betriebe Böhmens, refpective Oefterreichs, lieferten die in der böhmifchen Collectivausftellung untergebrachten Düngerforten, fowie die Specialausftellungen der einzelnen Grofsgrundbefitzer. In diefer Hinficht ift befonders die in der Collectivausftellung der Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg vorgeführte fehr reichhaltige Sammlung von Düngemitteln hervorzuheben: Knochenmehl, roh und gedämpft in verfchiedenen Stadien, Superphosphat aus Spodiumabfall, Wollenlumpen- Compoft und andere Compoftarten, namentlich compoftirte Hopfenabfälle, Hornfpäne mit Pferdedünger gemifcht, gemahlener Feldfpath, Modererde, Düngekalk und viele Proben des bei der Wittingauer und Frauenberger Teichwirthfchaft gewonnenen Teichfchlammes waren in dem Pavillon zu fehen, als ein untrügliches Zeichen, dafs der Grofsgrundbefitz bei einer intenfiven Wirthfchaft immer mehr beftrebt ift, auch die geringfügigften Abfallftoffe richtig zu benutzen, um hiedurch den Ertrag des Gefammtbetriebes ohne eine beträchtliche Vermehrung des Productionsaufwandes möglichft zu erhöhen. Aehnlich war auch der intenfive Betrieb der erzherzoglich Albrecht'fchen Domäne Saybufch fehr vortheilhaft charakterifirt durch die ftattliche Sammlung des Kunftdüngers, hauptfächlich das Knochenmehl, die Knochenafche, das Spodium, die Kalkphosphate und Superphosphate aus Kali, fowie das gedämpfte Hornmehl. Das durch feinen rationellen Wirthfchaftsbetrieb altberühmte und vielgelobte Belgien ift bei der dort üblichen Kleincultur der ausgedehnten Anwendung des concentrirten Kaufdüngers nicht günftig; dennoch haben fechs Ausfteller die hauptfächlichften Düngemittel in achtbarer Weife vorgeführt. Frankreich war leider nur durch neun, die Niederlande durch zwei Ausfteller vertreten. Dagegen ift das Königreich Italien in jüngfter Zeit aufserordentlich beftrebt, um durch die verftändige Einführung der bewährten Errungenfchaften der Neuzeit feine Bodencultur zu jener Höhe und Intenfität zu bringen, welche die äufserft günftigen Verhältniffe des Bodens und Klimas wefentlich begünftigen. Diefs beweifen am beften die verhältnifsmäfsig reiche Befchickung der Weltausstellung mit Handelsdüngern von Seite 12 Ausfteller, fowie die von der Stazione fperimentale agraria di Roma ausgeführten Analyfen der Dünger des Stabilimento dei concimi in Teftaccio. Aus Schweden haben acht Ausfteller, aus Norwegen vier, aus Dänemark blos zwei Ausfteller die Expofition mit Düngemitteln befchickt. Auch Rufsland war durch acht Ausfteller vertreten, was bei dem dort üblichen extenfiven Betriebe umfomehr überrafchen mufste, da die vorgeführten Analyfen der ruffifchen Schwarzerde( cerná zem) zur Genüge bewiefen haben, dafs diefelbe bei ihrer durch den grofsen Gehalt an Phosphorfäure, weniger aber an Kali, bedingten übermäfsigen Fruchtbarkeit vollſtändig fähig ift, befriedigende Ernten ohne jede Düngung zu produciren. Spanien hat endlich durch fieben Ausfteller werthvolle Rohmaterialien für die Düngerfabrication, und Portugal durch einen einzigen Ausfteller( aus Braga) etwas Knochenmehl und Hornfpäne ausgeftellt. In diefen Ziffern ſpiegelt fich ganz gewifs ein treues Bild von der Intenſität des Wirthschaftsbetriebes und deffen Ertragsfähigkeit in den betreffenden Ländern getreu ab! DIE EUROPÄISCHEN NAHRUNGS PFLANZEN. ( Gruppe II, Section 1.) Bericht von ANT. ADAM SCHMIED, Profeffor an der höheren landwirthschaftlichen Landes- Lehranstalt in Liebwerd bei Tetfchen. Die Bodencultur hat während des letzten Vierteljahrhundertes faft überall einen wefentlichen Fortfchritt gemacht, ja in einzelnen Staaten und Ländern in Folge rationeller Bewirthfchaftung einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht. Die ausgeftellten Bodenerzeugniffe haben durch ihre Quantität und Qualität diefen agricolen Fortfchritt in jeder Hinsicht documentirt und zugleich den Beweis geliefert, dafs durch eine intelligente Cultur in der Landwirthschaft im Grofsen und Ganzen noch unendlich Vieles erreicht werden kann und durch zweckmäfsige Anwendung geeigneter Productionsmittel auch wirklich erzielt werden wird. Je nach derBefchaffenheit des Klimas und derFruchtbarkeit des Bodens, fowie nach der Art der Bewirthschaftung und der bereits ausgeführten Verbefferungsarbeiten waren die aus den verfchiedenen Gegenden Europas ausgeftellte Ackererzeugniffe oft in aufserordentlicher Menge ihrer Arten und Unterarten repräfen tirt, welche, obgleich fie in botanifcher Hinficht nichts wirklich Neues darboten, doch die Folgerung erlaubten, dafs, wenn auch durch die Cultur viele neue für die Pflanzenproduction oft vielbedeutfame Pflanzenvarietäten hervorgerufen werden, diefe künftliche Bildung doch der Entftehung der verfchiedenen Sorten durch äufsere, natürliche Einflüffe, hauptfächlich durch Boden und Klima, nicht gleichkommt, fo dafs durch diefe den Beftrebungen der Pflanzenproducenten, neue einträgliche Abarten zu bilden, eine gewiffe Grenze gezogen wird. Es haben fich zwar an der Ausstellung der Bodenproducte alle ackerbautreibenden Länder Europas, ja der ganzen Erde, betheiligt, aber durch die in Folge der Beobachtung des geographifchen Syftems bedingte Unterbringung ihrer Expofitionen in beiden Agriculturhallen, mehreren Quergallerien und zahlreichen Pavillons ging zumeift jeder gerechte Mafsftab für eine gewiffenhafte Beurtheilung und ftrenge Vergleichung der Ausftellungsobjecte verloren, um fo mehr, als felbft innerhalb einzelner Landesausftellungen das vorgeführte Material durch eine Unzahl von Collectivausftellungen, wie zum Beiſpiel in der Expofition des deutfchen Reiches und Oefterreich Ungarns, zerfplittert wurde, wodurch natürlich gerade diejenigen Eigenthümlichkeiten und Befonderheiten, welche eine fyftematiſch geordnete Einzelausftellung fo intereffant geftalten, im hohen Mafse verwiſcht worden find. Durch diefe beklagenswerthen Umstände, welche jede Ueberficht erfchwerten und eine eingehende erfchöpfende Würdigung der ausgeftellten Objecte faft unmöglich machten, ift auch die den einzelnen Berichterstattern zu Theil gewordene fchwierige Aufgabe noch mühfeliger geworden; aber diefelben werden, wenigftens zum grofsen Theile, entfchuldigen, wenn wir uns im Nachfolgenden, trotz des reichhaltigen und zumeift vortrefflichen ausgeftellten Materials, mehr auf die Skizzirung des allgemeinen Verhältniffe, als auf die Hervorhebung der einzelnen Details einlaffen werden. 100 Ant. Adam Schmied. Halmgetreide. Unter den Nährpflanzen, welche überall den Hauptgegenstand des Ackerbaues bilden, nehmen die Getreide Arten die erfte Stelle ein; fie find in dem Klima, wie es in der mittleren und nördlichen Region herrfcht, die ficherften und billigften. Von der gefammten Getreideproduction, welche in Europa auf 1688 und in der Vereinigten Staaten von Amerika auf 570 Millionen Hektaren gefchätzt wird, entfallen im Durchfchnitt auf die einzelnen Länder nachftehende Jahresproductionen: 560 Millionen Hektaren Rufsland.. Deutſchland 260 " Oefterreich- Ungarn . 199 " " Frankreich... 197 " " Grofsbritannien 133 " " Italien 69 " " Spanien 52 " Europäiſche Türkei 47 29 " Rumänien 48 99 " Schweden und Norwegen 30 " " Dänemark 30 " Belgien 27 27 " Portugal II " " Niederlande ΙΟ • 46 99 " Schweiz. • 753 7 " " 5 " " 9 " 99 Serbien Griechenland Unter den Getreide- Arten fteht der Weizen( Triticum L.), welcher im Allgemeinen die fchwereren und kräftigeren Bodenarten liebt, als das edelfte Getreide, oben an. Wenn auch die jährliche Quantität der erbauten Weizenkörner die Gefammternte an Reis und Mais, welche jährlich auf der Erde erzielt wird, nicht erreicht, fo ift doch der Anbau des Weizens aufserordentlich verbreitet, faft fo fehr, wie die Cultur der Gerfte. Der gemeine Weizen( T. vulgare L.) ift die herrfchende Frucht in faft ganz Europa, wo derfelbe bis 64, ficher nur bis 62 Grad nördlicher Breite gebaut wird. Alle Länder und Erdtheile haben Weizenproben vorgeführt, oft in überrafchend vollſtändigen Collectionen, wefshalb auch die Mannigfaltigkeit der ausgeftellten Spielarten eine fehr grofse war. Es waren gewifs alle die 16 Arten des Weizengefchlechtes, ficherlich in mehreren Hundert Abarten- in grösserer oder geringerer Menge vertreten: Vorherrfchend war weitaus der gemeine Weizen, meiftentheils als Winterfrucht, weniger als Sommerfrucht angebaut. Die Cultur desfelben wird in Mitteleuropa fehr eifrig betrieben und bildet diefe Frucht einen wichtigen Gegenftand der Ausfuhr. Der englifche Weizen( T. turgidum) war meiftens in Aehrenfammlungen und in Körnern, von vorzüglicher Condition, hauptfächlich von Samenhändlern, ausgeftellt. Unter den fehr fchönen englifchen Weizenforten intereffirten am meiſten T. campeftre, Hallet's Pedigree- Weizen, Talavera- Weizen u. f. w.( ausgeftellt von Sukon& Sons, Reading bei London). Wir müffen dem englifchen Weizen, welcher zur Zeit auch fchon mehr oder weniger auf dem Continente angebaut wird, nachrühmen, dafs derfelbe nach der bisherigen Erfahrung, neben dem polnifchen Weizen und dem Spelt am wenigften vom Rofte befallen wird. Der Glasweizen( T. aurum) nahm nebft dem gemeinen Weizen auf der Weltausftellung den gröfsten Raum ein; der dem harten" Weizen naheftehende polnifche Weizen( T. polonicum) wurde von manchen Ausftellern irrthümlich als 27 Die europäifchen Nahrungspflanzen. 101. ,, ruffifcher Riefenroggen" bezeichnet. In der ruffifchen Abtheilung fahen wir fehr fchöne Mufter des kurländifchen Weizens, gedörrt zu 135 Pfund holländifch ( der Tfchetwert), des podolifchen Winterweizens, 10 Pud 16 Pfd. der Tfchetwert des beffarabifchen Weizens, 10 Pud 8 Pfund, harten Weizens, 10 Pud 24 Pfund, Odeffa Weizens 10 Pud 22 Pfund, Sandomirka- Weizens 9 Pud 36 Pfund und fo weiter. Weftöfterreich hatte in feinen verfchiedenen Collectionen fehr ſchöne Weizenproben diverfer Varietäten ausgeftellt, darunter gegrannten Winterweizen, 88 Wiener Pfund per Metzen fchwer, fehr fchönen Duxer Winterweizen, bis 6 Fufs hoch( ausgeftellt von der Duxer Zuckerfabrik in Böhmen), fchönen Winterbartweizen und Winter- Kolbenweizen, Frankenfteiner Weizen, fo wie auch manche fremde Sorte, als: auftralifchen Kolbenweizen, holländer Winterweizen, Mumienweizen( der Metzen 831, Pfund fchwer), fchönen Sandomirweizen, banater Winterweizen, Hallet genealogifchen Weizen( ausgeftellt aus Barzdorf in Schlefien), welcher per Joch einen Ertrag von 29 niederöfterreichifchen Metzen à 86 Pfund fchwer und 54 Centner Stroh gewährte. Ungarn, deffen landwirthschaftliche Ausftellung uns keinesfalls befriedigt hat, fteht infolge feiner tellurifchen Verhältniffe an der Spitze der öfterreichifchen Weizenproduction; ihm folgt Böhmen. Es genügt, wenn wir blos auf den ausgezeichneten Weizen aus dem Banat und auf den Theifsweizen, durch Form und Farbe von jenem unterfchieden, hinweifen, welche beide einen bedeutenden Ausfuhrartikel bilden. In den letzten Jahren hat aber die Weizenernte Ungarns fehr ftark durch den Roft Schaden gelitten, fo dafs man fich gezwungen fah, zur Abhilfe diefer Calamität Anbauverfuche mit dem algerifchen Glasweizen zu machen, welcher in feiner Heimat in den Monaten November und December angebaut wird, Mitte Mai bis Ende Juni zur Reife gelangt, vom Roft weniger leidet, der Gefahr einer Lagerung nicht unterworfen, überhaupt gegenüber der Trockenheit widerftandsfähiger ift als jede andere Weizenart. Der in Deutfchland cultivirte Weizen war durch Probfteier und Oberfranken Proben, Langweizen, englifchen Weizen von 52 Fufs Höhe und mit langen Aehren, Bartweizen, weifsen und rothen Weizen vertreten. Am fpärlichften waren die Enner-( T. amyleum) und Dinkelarten( T. fpelta), fowie das plattgedrückte, fchmächtige Einkorn( T. monococcum) vertreten; nur in der Ausftellung Belgiens und Württembergs trat der Spelt etwas mehr hervor. Die Spelze, deren Anbau in Süddeutſchland vorherrfchend ift, ftehen dem Weizen in jeder Hinficht bedeutend nach und können namentlich den Anforderungen des Welthandels nicht genügen. Endlich hatten Spanien in überwiegender Menge den weichen Weizen von zartefter Weifse, fowie fchönen weifsen und gelben fpanifchen Weizen( T. cienfuegos) aus der Provinz Sevilla, Portugal und Italien vortrefflichen Glasweizen, dann Tr. turgidum und Tr. hibernum, Griechenland und die Türkei fchönen harten Weizen ausgeftellt. Der egyptifche gelbe, glasfarbige Weizen, welcher fporadifch fchon in den Pfahlbauten auftritt, wird gegenwärtig nur in Egypten, in einigen Ländern am Mittelmeer und in einigen Gegenden Englands im Grofsen angebaut. Die vorgenannten Länder bauen vorzugsweife den Triticum durum mit weifsen Aehren und gelben bis fchwarzen 3 bis 5 Zoll langen Grannen an. Der Vollständigkeit wegen wollen wir hier noch des amerikanifchen Weizens gedenken, des weichen, weifsen Weizens von lichtgelber Farbe, wie folcher am fchönften aus Nordamerika, Queensland und Neufeeland ausgeftellt worden ift; denn Amerika droht uns im Weizenhandel mit einer fehr gefährlichen Concurrenz. Selbft Neufeeland, wo der Ackerbau bisher in noch geringer Ausdehnung betrieben worden ift, ftellte fchöne, Producte der Meierei aus. Weizen, wovon der Hektare 100 bis 120 Hektoliter liefert, fowie Gerfte und Hafer, auch Mais, waren in mehreren Sorten vorhanden, erfterer als Winter- und Sommer 102 Ant. Adam Schmied. weizen; befonders toscanifcher Weizen, Sammet-, Spreu und Perlweizen, Imperial, weifser Suffolk und weisser Sunter. Die grofse Verfchiedenheit der ausgeftellten Weizenforten des Nordens und Südens, überhaupt der weit von einander entfernten Länder, läfst fich aus der verfchiedenen Bodenbefchaffenheit, der vorherrschenden klimatifchen Einwirkung und den übrigen befonderen Wachsthumsbedingungen fehr leicht erklären. Ift es doch allbekannt, dafs die Weizen der Schwarzerden Ungarns und Rufslands einen höheren Stickftoffgehalt haben, als jene des Thonbodens Englands, dafs die harten Weizen Italiens und die Glasweizen Afrikas gleichfalls einen höheren Kleber- und folglich auch gröfseren Stickftoffgehalt befitzen, als die gemeinen Weizenarten des nördlichen Europas, dafs überhaupt continentales Klima( hohe Sommerwärme und geringer Regenfall) hohen Stickftoffgehalt in den producirten Weizenforten bedingt. Diefs bewahrheiteten auch die ausgeftellten Weizenproben. Eine Vergleichung derfelben liefs erkennen, dafs die Weizenarten Ungarns und Rufslands in ihrem wefentlichen Charakter fehr ähnlich find, welchen die amerikaniſchen Weizenarten als Gegentheil entgegengeftellt werden können; und zwifchen denfelben, gleichfam in der Mitte, ftehen die Weizenforten Mitteleuropas, namentlich Deutfchlands, fowie auch Englands, fich je nach den Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältniffen des Klimas bald mehr dem einen, bald dem anderen Typus nähernd. Die Gerfte( Hordeum L.), die meift einen ficheren und hohen Ertrag gewährt, wird ebenfalls ziemlich allgemein angebaut. Sie iſt Hauptnahrungsmittel in Sibirien, Schottland, Norwegen, Irland; bei uns ift fie auch eine bevorzugte Frucht, dient jedoch mehr zur Malzbereitung als zur menfchlichen Speife; im Süden dient fie zur Fütterung der Nutzthiere, befonders der Pferde, und hat dafelbft den Hafer zu erfetzen. Als eine fchnell reifende Sommerfrucht kann die Gerfte wegen der Kürze ihrer Vegetationszeit noch im höchften Norden angebaut werden, wo keine edlere Halmfrucht mehr zu reifen vermag; dort baut man, fowohl auch in Norddeutſchland, überwiegend die gemeine vierzeilige Gerfte( H. vulgare L.) an, während die fechszeilige Gerfte ( H. hexastichon L.), auch Stock- oder Rothgerfte genannt, im Süden gefäet wird; feit 300 Jahren bei uns in Cultur, konnte die fechszeilige Gerfte doch niemals zur allgemeinen Verbreitung gelangen. In Mitteleuropa( Deutfchland, Oefterreich, England u. f. w.) wird die zweizeilige, grofse Gerfte( H. distichon L.) in ihren verfchiedenen Varietäten als Sommerfrucht allgemein angebaut, und hat dafelbft, namentlich die Frühgerfte( nutans) in Mittel- und Süddeutſchland, ihr Gebiet in den letzten Jahren fehr bedeutend vergröfsert, da mit ihrer zunehmenden Verwendung zur Bierbereitung deren Anbau ftetig an Ausdehnung gewinnt, befonders in einzelnen preufsifchen Provinzen, in Baiern, Heffen, Thüringen u. f. w., fowie in einzelnen öfterreichifchen Kronländern, vor Allem in Böhmen und Mähren. Die kleine Gerfte ift in Norddeutſchland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Holland, Belgien in grofsen Quantitäten den Zwecken der Bierbrauerei dienftbar. Die zweizeiligen Gerftenarten liefern unftreitig die fchönften Gerftenkörner; weit geringer find die fechszeiligen, deren anfehnliche Aehren in der Weltausftellung meift nur zur Decoration Verwendung fanden. Schöne Gerftenforten ftellte Baiern aus, namentlich Voigtländer, Oberfranken- und Frankengerfte, fodann nackte Gerfte( H. distichon nudum). Wegen ihrer Ertragsfähigkeit und des bedeutenden Gewichtes follten die nackten Gerften mehr gefchätzt und verbreitet ſein, als diefs auf der Ausftellung zu fehen war; allein diefelben verlangen einen fruchtbaren Boden und eine gefchützte Lage, find auch fehr ftark dem Ausfalle bei der Ernte unterworfen, wodurch ihr Anbau bedeutend gefchmälert wird. Böhmen war durch fchätzenswerthe Chevalier-, algerifche, Jerufalem- und Himalayagerfte( H. vulgare nudum), Mähren durch feine vorzügliche Hannagerfte, dann durch englifche Frühgerfte, fchwarze zweizeilige Gerfte und Reis- oder Pfauengerfte( L. zescriton), welche früher in 1 à Die europäifchen Nahrungspflanzen. 103 Deutfchland und Oefterreich- Ungarn häufiger angebaut wurde, Schlefien durch fchöne fchlefifche Gerfte, Hermannftädter Gebirgsgerfte, welche per Joch 13 niederösterreichifche Metzen Körner à 70 Pfund und 24 Centner Strohertrag gibt, fowie durch fchottifche Annatgerfte mit einer Fechfung von 36 Metzen 74 Pfund und 40 Centner Stroh per Joch, und durch Probfteier Gerfte( Herrfchaft Tefchen), Steiermark durch fchöne vierzeilige Gerfte und fechszeilige Wintergerfte( Rettema) vertreten. Auch die Wintergerfte wird, mit Ausnahme von Belgien, Holland und Niederrhein, fehr wenig angebaut, obgleich fie fich ftark beftockt, frühzeitig reift und fehr ertragreich ift; doch ift fie dem Vogelfrafs ftark ausgefetzt. Galizien ftellte prächtige Imperialgerfte und fchöne Braugerfte aus u. f. w. In der ungarifchen Ausftellung gewahrte man ausgezeichnete Braugerfte ( Alex. Ferenczy), Chevaliergerfte, welche per Joch einen Ertrag von 26 Metzen à 79 Pfund gewährt, nackte Gerfte, fowie andere diverfe Gerftenarten. Ueberhaupt hatten die füdeuropäiſchen und nordafrikaniſchen Länder, Rumänien, Spanien, Algerien, Nordamerika die nackte gemeine Gerfte, und zwar fowohl die dunkle, die fogenannte Kaffeegerfte, wie auch die hellfarbige ausgeftellt. Frankreich und Spanien exponirten prachtvolle Gerften, ebenfo Italien und die Türkei, und zwar nicht nur befchalte, fondern auch unbefchalte, nackte Gerften und unter den erften hauptfächlich die kleineren, dickfpelzigeren, kleberreicheren und ftärkemehlärmeren Varietäten von H. hexastichon und vulgare, welche fich befonders für Küchenbedarf, alfo zu Brod und Graupen, weniger für Biererzeugung eignen. Rufsland ftellte kurländifche Gerfte, welche lufttrocken 105, gedörrt 107 Pfund holländifch( per Tfchetwert?) wog, prächtige, glafige Chevaliergerfte und ähnliche Gerftenforten aus, England Hallets Pedigree- Gerfte, Belgien egyptifche Gerſte und einige Proben Wintergerfte, die Niederlande englifche Gerfte, Schweden fchwarze Gerfte( H. vulgare nigrum) u. f. w. Dunkelfarbige, bläuliche oder fchwarze Gerften fand man auch häufig unter jenen Norwegens. 95 Die fchönfte„ Braugerfte" haben natürlich die Malzfabriken Oefterreichs und Deutſchlands ausgeftellt. Diefe braumäfsigen" Malzgerften zeichneten fich durch alle gewünſchten Eigenfchaften im hohen Mafse aus: ,, die kurze gedrungene, in der Mitte ftark bauchige ausgefüllte Form, von feinftem gemäfteten Ausfehen, die feinen querrunzligen Spelzen, die nur einen fehr geringen Bruchtheil vom Gewichte des ganzen Kornes bilden, die lichte gleichförmige Farbe, der weifse mehlige Bruch, der eine leichte und rafche Umwandlung des Stärke- Inhaltes in Dextrin und Zucker verfpricht"( Profeffor Haberlandt), verriethen im hohen Grade die Eignung diefer Gerftenforten für die Malzfabrication. Aber nicht nur die fruchtbaren Diftricte Mitteldeutſchlands, die gefegneten Hügelgegenden Böhmens und Mährens, der ergiebige Boden Galiziens und Oberungarns produciren folch ausgezeichnete Gerfte man konnte diefelbe auch unter den aus den füdlichen Regionen ftammenden Gerftenproben wahrnehmen; diefe Thatfache erklärt die Erfcheinung, dafs die Gerfte aus Algier in England und im Norden Frankreichs für die Bierbrauerei fo gefucht ift. - Roggen( Secale L.) hat in Deutfchland und Oefterreich einen ziemlich ausgedehnten Anbau erlangt, begünftigt durch Nahrungsverhältniffe und Gewohnheit des Volkes, Gröfse des Bedarfes, Befchaffenheit des Bodens und Charakter des Klimas. Derfelbe ift aber kein Ausfuhrartikel, weil England und Frankreich nur Weizen zum Brodbacken verwenden, fo dafs fich der Handel mit in Mitteleuropa erzeugtem Roggen faft nur auf Deutfchland und Oefterreich befchränkt, wefshalb auch die Roggenpreife in der Regel verhältnifsmäfsig weit niedriger find als die Weizenpreife. Nimmt nun auch der Roggen mit ärmerem, fand. reicherem Boden fürlieb und begnügt fich mit bedeutend geringerer Wärme, als der Hafer, fo dafs er in Europa von 50 bis 67 Grad, im öftlichen Nordamerika von 40 bis 50 Grad nördlicher Breite cultivirt wird und als Sommerkorn bis an die Grenze des Getreidebaues, in Deutfchland bis 3000 Fufs Höhe geht, und ift der 104 Ant. Adam Schmied. felbe auch etwas ertragreicher, als der Weizen, wodurch aber der geringere Preis des erfteren keinesfalls ausgeglichen wird: fo erfcheint es im Allgemeinen doch rathfam, den Roggenbau einzufchränken und dafür den Weizenbau ausgedehnter zu betreiben. Im ganzen preufsifchen Staate, in Thüringen, Sachfen, Braunfchweig und Mecklenburg hat der Roggenbau ein entfchiedenes Uebergewicht; nur in Württemberg und Baden, wo der Spelz die Brodfrucht ausmacht, wird der Roggen weniger häufig gezogen. In der öfterreichifchen Monarchie, wo Ungarn( mit dem Banat) und Böhmen an der Spitze der Weizenproduction ftehen, geht Böhmen bei der Roggenerzeugung felbft dem gefegneten Ungarn voran. Galizien folgt in beiden Beziehungen; daran reihen fich erft Mähren und Oefterreich unter der Enns. Die letzten fünf Jahre gaben für Gefammt Oefterreich folgende Durchfchnittsernten: Weizen Korn Gerfte Hafer Mais " 28 28 Millionen Hektoliter 49 19 30.74 61.49 99 99 99 23.36 6.15 27 " 27 Hirfe, Heidekorn Zuſammen 199 21 Millionen Hektoliter. Die meiſten und fchönften Roggenproben haben Rufsland, in deffen Nordhälfte fehr viel Roggen gefäet wird, Deutfchland und Oefterreich ausgeftellt; aber auch die füdlichen Länder Europas haben manch fchönes Roggenmufter exponirt. " Darunter zeichneten fich insbefondere Spanien und Italien aus durch grofskörnige, eigenthümlich hellfarbige Roggenfrüchte, welche mit ihrer lichtockergelben Färbung und vollen fchönen Körnern ein faft weizenartiges, ganz ungewohntes Ausfehen zeigten."( Braungart.) Deutſchland ftellte den Probfteier, Pirnaer, Kutzenberger Roggen, Eldenauer Baftardroggen, eigenartig langfpelzigen, fehr ftrohreichen Schilfroggen aus; Oefterreich den kleinkörnigen oder böhmifchen, den klein- und dickkörnigen Stauden- oder Johannisroggen, ein Culturproduct der Hackwirthfchaft des Böhmerwaldes, dann Correnzer, egyptifchen, amerikaniſchen und Champagner Roggen, Sommer- Staudenroggen, ruffifches Sommerkorn, dünnen kurzen Moraft- Winterroggen, fchönes Sommerkorn( aus dem Hermannftädter Gebirgsland in Schlefien), welches per Joch einen Ertrag von 15 Metzen à 80 Pfund und 33 Centner Stroh gewährt; Ungarn fchönes Winterkorn, Johanniskorn, welches angeblich per Joch eine Ernte von 36 Metzen Körner à 82 Pfund liefert; Rufsland den befonders für Gebirgsgegenden empfehlenswerthen ruffifchen Roggen, lufttrocken 120 Pfund holländifch fchwer, kurländifchen Roggen, gedörrt 124 Pfund holländifch fchwer, und das ruffifche Schneekorn mit fadenförmig dünnen, ungemein langgeftreckten Aehren; die Niederlande fehr fchönen Seeländer Roggen( und Weizen); Bèlgien ausgezeichneten Campiner Roggen und fehr hohes ruffifches Korn( aus Condroz). Selbft Italien ftellte fchönen römifchen Roggen, Cereale secale hybernum, Spanien den ſchweren ,, Doppelroggen" u. f. w. aus. Wenn auch die ausgeftellten Roggenarten fich fehr ähnelten und nur hinfichtlich der Gröfse und Länge der Körner und ihrer Färbung, fowie in der Dicke und Länge der Aehren etwas von einander unterfchieden waren, indem z. B. einzelne Roggenproben aus Sachfen recht dunkle, blaufchimmernde, mitunter faft braune Körner des Pirnaer Gebirgsroggens eingemifcht enthielten, fo konnte man doch in der Gröfse des Halmes, der Blätter und Aehren gröfsere Verfchiedenheiten wahrnehmen, wie wir diefs an dem langen, ftarken und zähen Halme des Probfteier, den fchwer herabhängenden Aehren des Champagners, der ungewöhnlichen Länge des Strohes des Campiners, den breiten Blättern des ruffifchen und den langen Aehren des fchwedifchen Roggens wahrnehmen konnten. Aber die gröfste Die europäifchen Nahrungspflanzen. 105 Mannigfaltigkeit zeigte der Roggen rückfichtlich feiner Beftockungsfähigkeit, wie wir es namentlich an den verfchiedenen Varietäten des Staudenkornes und des Johannisroggens fehen. Diefe Variabilität erftreckt fich fogar bis auf den Blüthenftand des Roggens. Während nämlich die normale Blüthe des Roggens zwei fruchtbare Blüthchen hat, welche je eine Frucht ausbilden, und zwifchen beiden ein geftieltes, unfruchtbares Blüthchen befitzt, hatte Martiny( aus Scharfenort bei Danzig) mehrblüthigen Roggen in Roggenähren exponirt, die, unter befonders günftigen Umftänden erzogen, felbft drei und vier Körner in einem Aehrchen entwickelten: dadurch erhielten die Aehren ein fehr verbreitetes Ausfehen. Aehnlich anfehnliche Breite der Aehren zeigte der belgifche Campinerroggen. Noch müffen wir des höchft intereffanten Naturfpieles gedenken, welches in der Poppelsdorfer Lehrfammlung aufgelegt war, nämlich des prächtigen Exemplares eines äftigen Roggens mit verzweigten Aehren. Der Hafer( Avena L.) hat im Allgemeinen nebft dem Roggen wohl die geringfte Verbreitung in der Cultur unter den Cerealien erfahren; gegenwärtig wird er am meiften in den rauheren Gebirgsgegenden und in den kälteren Diftricten Nordeuropas angebaut. So hat z. B. Schweden im Jahre 1870 allein 20,234.417 Cubikfufs Hafer ausgeführt. Seit 2000 Jahren in Deutſchland cultivirt, reicht deffen Anbau bis Island und Lappland. In einigen Provinzen des preuſsifchen Staates, befonders in Brandenburg, Pommern, Hannover, Schleswig- Holftein, fowie in Baiern, Sachfen, Thüringen und Oldenburg gehört der Hafer zu den am meiſten cultivirten Pflanzengattungen. In Oefterreich liefern vier Fünftheile der Gerfte und des Hafers Ungarn, Galizien, Böhmen und Mähren. Auch in Amerika wird ziemlich viel Hafer gebaut. So betrug die Gefammtproduction Amerikas an Getreide im Jahre 1870: Mais.. Weizen. Korn Gerfte Hafer 385.6 Millionen Hektaren im Werthe von 3159.6 Millionen Francs 83.1 " 27 97 " 5.4 9.3 1290 7 66.1 " 99 " " 9 " 99 " 79 F 99 87.1 22 " " 116.5 561-7 وو 99 2 99 99 Als Nahrungsmittel( zu Brod) wird der Hafer gegenwärtig noch in Schottland und Skandinavien benutzt; in Deutfchland dient er als Grütze, in Belgien zu Bier, am meiften aber als die wichtigfte Frucht zu Viehfutter. Selbft in Algier findet der Hafer als Futterpflanze Verwendung, in welchem Falle er nach beendetem Körneranfatze gemäht wird. In der Weltausstellung fand man Haferproben faft aus allen Ländern der Welt:„ von Norwegen bis Algier, von Rufslands neu eroberten Gebieten Centralafiens über Europa bis an die weftlichen Geftade Nordamerikas", hauptfächlich in der intereffanten Getreide- Pflanzenfammlung der Pacificbahn, wo befonders der kleine fchwarze Mohrhafer mit ftarken Halmen fehr auffallend war. Die fchönften Proben von fchwerem Hafer ftellte England( Hallet's genealogifcher, Hopetowe, Berwick, Winterhafer, fchwarzer Hafer, Chevalier), Belgien( aus dem fandigen, condrufifchen und Ardennenboden) und das deutfche Reich( podolifchen, Probfteier, weifsen Grannen- und Grannengoldhafer, Früh oder Augufthafer Spät oder Kartoffelhafer) aus. Rufsland exponirte vortrefflichen ruffifchen Hafer, welcher luftrocken 84 Pfund holländifch fchwer war, Kamtfchatkahafer, fibirifchen Frühhafer, nackten oder tatarifchen Hafer( A. nuda L.), fchwarzen Hafer. Auch Oefterreich bewies durch die ausgeftellten Haferproben, dafs es eine hervorragende Stelle unter den Haferproducenten, einnimmt; ähnlich wie in Deutfchland fteht hier der gemeine Rispenhafer, A. fativa L., in vorwiegender Cultur. Der fchöne mährifche Gebirgshafer, fchwarzer Gebirgshafer aus Krain, böhmifcher Gebirgshafer, welcher per Joch 24 Metzen Körner à 50 Pfund und 106 Ant. Adam Schmied. 27 Centner Stroh, fchlefifcher langer Hafer, welcher per Joch 35 Metzen à 56 Pfund und 30 Centner Stroh producirt, der von der Domäne Tetfchen( Böhmen) ausgeftellte prachtvolle Canada und fchwere Gebirgshafer, dann der fchottländer und Kamtfchatka Späthafer, Jütländer Marfchhafer, 4 bis 5 Fufs hoch, mit langen Rispen( von der Duxer Zuckerfabriks- Gefellfchaft in Böhmen ausgeftellt), norwegifcher Hafer, böhmifcher Hafer( Domäne Duppau), 60 Pfund per Metzen fchwer, polnifcher Hafer, Canarienhafer, Früh und Grünhafer, ungarifcher weifser Hafer fchwarzer fibirifcher und fchwarzer polnifcher Hafer, Kawczak genannt, zogen befonders die Aufmerkfamkeit auf fich. Dunkle, bläulich bis rothbraun und fchwarzbefpeltzte Haferforten fah man fowohl unter den Hafermuftern der nordifchen Länder, als auch der füdlichen Klimate; Ungarn, Spanien, Niederlande ftellten fogenannten fchwarzen, Rumänien bläulichen Hafer aus. Haferproben mit unbefchalten Früchten, fogenannte nackte Haferarten( A. nuda L.) kamen hie und da vereinzelt und der chinefifche Hafer( A. chinenfis) im Ganzen fehr felten vor, vielleicht nur in den Lehrfammlungen von Weihenftephan und Poppelsdorf. Schweden hatte einen fchönen Wickenhafer ausgeftellt. Da die Spelzen an der Schwere des Kornes durch ihr geringes Gewicht nur einen geringen Antheil haben, wird allgemein die Güte des Hafers durch das Gewicht des Kornes beftimmt. Erwägt man, dafs bei den ausgeftellten Haferforten, je nach Art und Varietät, die Spelzen bei den geringen Haferforten bis 40 Percent vom Gewichte des Kornes, bei den vorzüglichen Qualitäten aber blofs bis 12 Percent betrugen, fo wird man leicht einfehen, dafs bei keiner anderen Getreide- Art fo grofse Verfchiedenheiten in der Güte vorkommen können als eben bei dem Hafer. Der Reis( Oryza L.) aus Oftindien ſtammend, wird hauptfächlich in China, Japan, Hinter- und Vorderafien, Afrika, Südeuropa und Amerika bis 46 Grad nördlicher Breite angebaut. Es ift die wichtigfte Getreide- Art der Erde, indem er den meiften Erdbewohnern, welche keine unferer Brodfrüchte kennen, zur ausfchliefslichen Nahrung dient,*) wozu er in viel höherem Grade geeignet ift, als die bei uns allgemein verbreiteten Kartoffeln einmal defshalb, weil überhaupt fein Nährstoffverhältnifs ein günftigeres ift, indem er auf 80 Percent Stärkemehl 5 Percent eiweifsartige Stoffe enthält, dann auch defshalb, weil der Südländer in dem milden Klima durchſchnittlich weniger Nahrung benöthigt, als der Bewoh ner des Nordens, und auch weniger angeftrengt arbeitet. Auch für die übrigen Erdbewohner ift Reis ein höchft bedeutfames Hilfsnahrungsmittel, da die meiften übrigen nicht Reisbau treibenden Länder ebenfalls grofse Mengen desfelben verzehren. Die Einfuhr Englands aus Indien beträgt befpielsweife 4 Millionen Centner Reis jährlich, während Deutſchland jährlich circa 1,200.000 Centner Reis importirt. Aus Oefterreich war nur eine kleine Probe von Reiskörnern und Rispen in der Collectivausftellung der k. k. Ackerbau Gefellfchaft in Görz vorhanden; auf dem fehr fruchtbaren Schwemmlande der friaulifchen Tiefebene in den Bezirken Cervignano und Monfalcone in der gefürfteten Graffchaft Görz und Gradiska, wo die dem Reis nothwendige Wärmefumme von 3600 Grad bis 3700 Grad Réaumur und die den Reisfeldern zur dauernden Bewäfferung unentbehrliche Waffermenge geboten wird, wird alljährlich die anfehnliche Production von rund 42.000 Metzen Reis erreicht. Von den übrigen Ländern Europas, welche Reis bauen, haben namentlich Italien, die Türkei, Spanien und Portugal vortreffliche Proben der gewonnenen Producte ausgeftellt. Italiens jährliche Mittelproduction an Körnerfrüchten ftellt fich nachfolgend heraus: * Von feiner Confumtion kann man fich einen Begriff machen, wenn man erwägt, dafs von den angeblich 1.350 Millionen Bewohnern der Erde über 750 Millionen ausfchliefslich von Reis leben, und zwar die Chinefen, Japanefen, Malayen des oftindifchen Archipelagus, Indiens, ferner Perfien, Arabien, Türkei, Nord- Afrika, Portugal.( Elsner von Gronow.) Reis. Die europäifchen Nahrungspflanzen. 107 1,584.798 Hektoliter Weizen Mais • 34.749.168 " 16.352.141 " Gerfte und Hafer. 7.467.239 29 Korn Anderes Getreide 2,799.951 6.543.05 97 وو Zufammen 69,497.202 Hektoliter. Neben zahlreichen Proben des gemeinen Reifes, gefchält und ungefchält haben namentlich die ausgezeichnete Collection des Mario Ritter Trevifanato ( Mufeftre, Trevifo), enthaltend die Sorten: Novarefe, Cinefe und Giapponefe, diejenigen des Richard Ferrarini( Foncigine, Modena), enthaltend die Sorten: Glaié chinefe, Gl. Noftrano, Gl. gitgandefio, Gl. Indo- Chinefe Rangon, und diejenige des Marq. Franz Dionifi( Angiari, Verona), aus Reis verfchiedener Qualitäten beftehend, die allgemeine Aufmerkſamkeit erregt. Die reichften Reisproben exponirten aber Oftindien, China, fowie die fämmtlichen überfeeifchen Colonien der europäiſchen Staaten: Hollands, Englands, Frankreichs, Spaniens und Portugals. Sie alle waren mit mehr oder weniger fchönen Collectionen erfchienen. Neben der befonders fchönen Expofition der chinefifchen Regierung war Overbeck's Zufammenftellung von 50 Sorten Reis der Philippinifchen Infeln in der chinefifchen Abtheilung fehr intereffant. Auch gewahrte man dafelbft Proben eines klebrigen Reifes, welcher hauptfächlich zur Bereitung eines füfsen Weines dient, dann eines wohlriechenden Reifes, durch fein Aroma ausgezeichnet, welches er beim Kochen entwickelt, endlich eines aufquellenden Reifes, aus Cochinchina ftammend, eine Mittelforte, die angeblich im„ Nichtwafferfelde" gebaut wird, und fich beim Kochen gröfstentheils in Schleim auflöft. Von den afrikanifchen Ausftellern ift befonders Egypten hervorzuheben. Der Reis Japans ift der befte in Afien. Als die befte Sorte wird der Carolina- Reis aus Nordamerika betrachtet. Neben den Proben des entkörnten, zum Theil enthülften, felbft gebrochenen Reifes fah man bei vielen Collectionen die zierlichen und fchlanken Rispen des Reifes, meiftentheils zur Decoration der Expofitionen verwendet; die anfehnlichften Reis- Strohgarben waren an den Seitenwänden der überaus intereffanten Handelstrophäe der„ niederländifchen Handelsgefellfchaft". Obzwar die Reisproben in der ganzen Weltausftellung fehr zerftreut untergebracht waren und man fomit nur oberflächliche Vergleichungen anftellen konnte, mufste man doch die zahlreichen Abänderungen gewahren, welche die befpelzten Reiskörner darboten; denn der Reis zeigte einen bunten Farbenwechfel der die Körner umfchliefsenden Spelze in allen Schattirungen. Darnach unterfcheidet man viele Abarten des Reifes, deren Farbenverfchiedenheiten recht überrafchend find: vom fchneeigen Weifs und vom bleichften Gelb bis zum Braunfchwarz, ja zum fatten Schwarz, konnte man durch Braun und Rothbraun, felbft durch Blau und Purpurroth alle Schattirungen auffinden. Ueberdiefs trifft man kahlbefpelzte und fammtartig behaarte, grofse, mittlere und kleine, nach ihrer Zufammenfetzung ſtickſtoffreiche und ſtickſtoffarme Körner an. Für Mitteleuropa könnte mit der Zeit vielleicht der Wafferreis, Wildrice oder Indianer Reis( Zizania aquatica) einige Bedeutung erlangen. Derfelbe ift ein Product des kühleren Nordamerika und wurde bereits 1870 von dem königlich preufsifchen Acclimatifationsvereine in Berlin eingeführt. Es wurden mit demfelben fchon mehrjährige Proben angeftellt, welche vom fchönften Erfolge gekrönt wurden; fo z. B. in der Gärtnerei des Landes Oekonomierathes Kriepenkerl in Braunfchweig; dagegen find die in Oefterreich gemachten Verfuche mit dem Anbau der Zizania leider alle gefcheitert. Diefs ift wegen der enormen 108 Ant. Adam Schmied. Auszüge des Wildrice zu bedauern, und mahnen diefelben zu erneuerten, forgfältigen Anbauverfuchen. Denn der Indianerreis ift ziemlich ergiebig und hat einen fo vorzüglichen guten Gefchmack, dafs derfelbe leicht mit dem Oftiglianer concurriren kann. Was ihn für unfere Breitengrade noch günftiger auszeichnet, ift der Umftand, dafs fich zu fein em Anbau vorzüglich Sumpfboden eignet, der fonft ohnehin nicht verwendet würde, und welchen er in zwei bis drei Jahren entfumpft. Darin fcheint der Hauptvortheil des Wafferreifes zu liegen, da diefe einfache Pflanze in kurzer Zeit und ohne grofse Capitalanlage den Boden trocken legt, und fomit die enormen Auslagen, die fonft für Drainagen und andere complicirte Entfumpfungsmethoden nothwendig wurden, erfpart. Der Mais( Zea L.), auch Kukurutz( Z. Mais L.) genannt, ftammt aus Amerika, wo derfelbe, fowie in einem grofsen Theile Afiens und Afrikas die herrfchende Brodfrucht bildet; auch in Süd- und Mitteleuropa wird derfelbe viel gebaut. In Deutfchland, wo er früher mehr als Zierpflanze in den Gärten gepflegt wurde, gewinnt der Mais in neuerer Zeit als Viehfutter und als menfchliches Nahrungsmittel immer mehr Bedeutung, die er um fo mehr verdient, als er an Maffenhaftigkeit der Erträge alle anderen Futterpflanzen übertrifft. Als Nährpflanze reiht fich der Mais unmittelbar nach dem Reis, da er nach diefem die meiften Menfchen ernährt; übertrifft ihn jedoch in feiner Nährkraft bedeutend, indem er 67.7 Percent Stärkemehl, 79 Kleber, 23 Dextrin, 19 Zucker, 48 Fett und 1'3 Percent Salze enthält. Die zahlreichen, aus dem Mais herrührenden Mahlproducte, Gries und Mehl, in den Agriculturhallen fcheinen anzudeuten, dafs die Maisnahrung nicht mehr ausfchliefslich bei der ackerbautreibenden Bevölkerung üblich ift, fondern allmälig auch im weiteren Kreife zur Beachtung und Geltung gelangt, obzwar keinesfalls geleugnet werden kann, dafs das Maismehl ein fchnell trocknendes Brod liefert. Auch in anderer Beziehung ift der Mais eine koftbare Pflanze. Das Korn wird auf Spiritus verarbeitet; auch hat man es verfucht, daraus Oel zu gewinnen; aus den Stengeln wird in Egypten und Mexico Zucker erzeugt; die unreifen Kolben werden als Gemüfe benützt; bei uns dient Mais meift als Grünfutter, die den Kolben umgebenden Hüllblätter dienen als Polftermaterial und zur Papierfabrication; doch fcheint die letztere Verwendung gegenwärtig bereits aufgegeben zu fein. Auf der Ausftellung war der Mais in zahlreichen Varietäten, in feinen Hunderten von Form und Farbenfpielen, maffenhaft vertreten, theils als Pflanze, theils in Kolbenfammlungen und reichlichen Körnerproben. Dennoch konnte man bei aufmerkfamer Beobachtung diefer Ausftellungsproben wahrnehmen, dafs man diefer vortrefflichen Nutzpflanze in Europa immer noch nicht die Sorgfalt widmet, welche ihr vor vielen anderen Culturgewächfen gebührt. Die verhältnifsmäfsig geringe Betheiligung Mährens( darunter die fchönfte Probe, der weifse Mais der Hompefch'fchen Gutsverwaltung Hoslowitz), Böhmens( wo derfelbe nach der Vegetation des klafterhohen Riefenmaifes im Pavillon Schwarzenberg fehr gut gedeihen würde) und Galiziens( in deffen Bereiche die„ ,, Brody- Ausftellungscommiffion" hübfchen Mais ausftellte) bewies, dafs dem Mais dafelbft keinesfalls diejenige Bedeutung beigemeffen wird, die ihm mit Recht eingeräumt werden follte. Die füdlicher gelegenen Länder Weftöfterreichs betheiligten fich in höhe rem Mafse an den Maisausftellungen. Die k. k. Landwirthschafts- Gefellſchaft für. Kärnten( Klagenfurt), für Oberösterreich( Linz), Steiermark( Graz) und für Krain ( Laibach) ftellten fehr fchöne Maiscollectionen aus, letztere beiſpielsweife baftardirten Cinquantino, 6 bis 8 Fufs und gelben Riefenmais, über 8 Fufs hoch. Doch wurden die fchönften Collectionen von Kolben und Samen aus Ungarn, Kroatien, Bukowina, Rumänien, überhaupt aus den füdeuropäiſchen Ländern ausgeftellt. In Oefterreich find es Ungarn, Kroatien, Slavonien, Siebenbürgen, die Militärgrenze und Bukowina, welche das Meifte vom Mais produciren. In der ungarifchen Abtheilung ftellte Ungarifch- Altenburg Pignoletto- Mais aus, welcher durch feine Die europäifchen Nahrungspflanzen. 109 glasartigen Körner von goldgelber und fuchsrother Farbe hervorftach, und alle anderen an Schönheit der Körner und ihrem Gehalte und Gewichte wefentlich. übertraf, da derfelbe 102 Zollpfund per Metzen wog und per Joch einen Ertrag von 26.2 Metzen abwarf. Deutſchland, welches hauptfächlich den grofsen und kleinen euro. päifchen Mais anbaut, hat nur fpärlich Maisproben ausgeftellt; fehr intereffant war aber die von Profeffor Körnicke( in der Ausftellung der landwirthschaftlichen Akademie in Poppelsdorf) in Kolben und Samen vorgeführte, fehr inftructive Lehrfammlung der Maisvarietäten mit ihrer vielfach wechfelnden Gröfse und Geftalt der Kolben und der höchft mannigfaltigen Form, Gröfse und Farbe der Körner. Bei Betrachtung diefer reichhaltigen Maiskolben- Sammlung konnte man eine klare Vorftellung von der aufserordentlichen Variabilität der Maispflanze unter den verfchiedenen Vegetationsbedingungen gewinnen. und Es mag uns erlaffen fein, alle übrigen Länder des füdlichen Europa: Italien mit feinem fchönen Pignoletto- Mais, dem 14 Meter hohen Cinquantino, dem prachtvollen dunkelbraunen Purpurmais( Zea mays purpureus), Spanien u. f. w., fowie jene Afrikas, wo der aus Egypten ausgeftellte weifse( Granone bianco) und gelbliche Mais( Granone giallo) fich befonders auszeichnete, Afiens, namentlich anzuführen, welche unter ihren Landesproducten grofse Mengen von Mais in Kolben und Samen brachten; ift ja ,, der Mais ein ausgefprochenes Kind des ungetrübten Sonnenlichtes; je heifser und heller die Sonne fcheint, um fo üppiger fchiefst er in Kraut und Kolben, wefshalb er insbefondere für regenarme Gegenden ein Segen ift".( Profeffor R. Braungart.) Doch wollen wir zum Schluffe noch bemerken, dafs die Heimat des Maifes, Amerika, verhältnifsmässig fehr fpärlich an der Expofition des Maifes betheiligt war: einige weifse, gelbe, rothe bis fchwarzrothe Spielarten, breitkörnige und fpitzkörnige Varietäten, Zahnkorn, Hühner- und Perlmais, fowie der Cuzumais, die gröfste aller Sorten mit 14 Meter langen Kolben, konnte man dafelbft in einigen Proben fehen. Die Hirfe( Panicum) war in allen ihren Arten ziemlich reich vertreten. Die gemeine Hirfe( P. miliaceum), welche bis zur Nordgrenze des Weinbaues gedeiht, fcheint mehr den nördlichen Theilen, die Kolbenhirfe( P. italicum) mehr den füdlicheren Theilen diefes Productionsgebietes eigenthümlich zu fein. Für Deutſchland kommt der Anbau von Hirfe wenig in Betracht; auch in Oefterreich wird die Rispenhirfe im Allgemeinen weniger gebaut, wenn es auch einzelne Kronländer gibt, wo ihre Cultur eine nicht unbeträchtliche Verbreitung erlangt hat, beiſpielsweife in den Alpenländern, namentlich in Steiermark und Krain, befonders in dem letzteren Lande gibt es einzelne Thäler, wo bis 30 Percent der Sommer- Halmfrucht aus Rispenhirfe befteht; in Niederöfterreich, Galizien, Mähren und Böhmen, wo jährlich an 20.000 Metzen Hirfe erfechft werden, verfchwindet fie allmählig von den Feldern und wird auch in Salzburg, Oberösterreich und Nordtirol faft gar nicht gebaut. Schöne weifse, gelbe und rothe Hirfe, Spät- und Frühhirfe ftellte der Znaimer Landwirthfchaftsverein aus; Ungarn, welches viele Hirfe ausftellte, führte treffliche Bellye- Hirfe vor. Spanien, Italien, Rufsland und die Türkei ftellten fehr viele Sorten der Rispenhirfe aus, mit kleinen und grofsen Körnern und in allen Farben, weifs, grau, roth, braun bis fchwarz, der zahlreichen Schattirungen gar nicht zu gedenken. Die Kolbenhirfe wurde aus den füdlichen Ländern ebenfalls in einer grofsen Anzahl von Proben, zumeift in Samen, theilweife auch in ganzen Pflanzen mit den grofsen klumpigen Rispenähren ausgeftellt; die italienifche, grofse und kleine, gegrannte und ungegrannte, gelbe und violete Kolbenhirfe war am zahlreichften vertreten. Eine Abart derfelben, die kleine, orangengelbe Kolbenhirfe, allgemein Mohar( Setaria germanica) bezeichnet, welche ein treffliches Viehfutter liefert, wurde befonders aus Ungarn und Rufsland häufig ausgeftellt. Der ungarische Mohar hatte gelbe oder fchwarze, der ruffifche dagegen gelbe Körner mit einem Anfluge ins Röthliche. 110 Ant. Adam Schmied. Die Mohrhirfen( Sorghum), aus Oftindien ftammend, werden in Afrika, Südafien und Südeuropa angebaut, wo deren Samen als Brodfrucht und Viehfutter benutzt werden. Wenn man die in Mitteleuropa heimifch gewordene Mohrhirfe( S. vulgare) mit ihren mageren, in den lederigen Spelzen ganz eingehüllten Körnern vergleicht mit den üppigen Mohrhirfen aus einzelnen Gegenden Afrikas, aus Nubien, Abyffinien u. f. w., wo deren Körner eine anfehnliche Gröfse und hohen Stärkegehalt erreichen und überdiefs aus den häufig bleibenden Spelzen weit hervortreten, fieht man augenblicklich ein, dafs die Mohrhirfe bei uns nie eine gewiffe Bedeutung erreichen wird, während fie in den Binnenländern Afrikas als Haupt- Brotfrucht eine hervorragende Stelle einnimmt. Auf der Ausftellung war die Mohrhirfe ebenfalls in zahlreichen Varietäten, die fich nach der Farbe der Spelzen, fowie nach der Gröfse und Färbung der Körner vielfach unterfchieden, vertreten: man fah die braune und fchwarze Mohrhirfe, fowie die zweifarbige Mohrhirfe mit weifsem und braunem Samen; die nickende Mohrhirfe ( S. cernuum) fiel Jedermann durch ihren oberfeits hornförmig überbogenen Stengel, der fchwarze Sirk durch die ausgebreitete Rifpe u. f. w. auf; die Zuckermohrhirfe( S. saccharatum), in Oftindien einheimifch, nnd vor etwa zwanzig Jahren als eine fiegreiche Rivalin des Zuckerrohres angefehen, unterfcheidet fich von den übrigen Abarten durch das hohe Gewicht ihres Stengels, bedingt durch den reichlichen Zuckerfaft, während alle anderen Sorten einen leichten, trockenmarkigen Stengel befitzen. Die Mohrhirfe( Dhurra) war in reichlicher Menge in der egyptifchen Ausftellung vertreten, und zog hier durch ihre merkwürdig grofsen und vollen( faft Erbfengröfse erreichenden), vorherrfchend dunkel befpelzten, weniger andersfarbigen Früchte, allgemeine Aufmerkfamkeit auf fich. Werden die vorftehenden Hirfegattungen, ähnlich wie der Mais und Reis, namentlich in den Südländern Europas, in Afrika, Afien und Amerika, in fo weit diefe Erdtheile der wärmeren, gemäfsigten und der fubtropifchen Zone angehören, in enormer Ausdehnung cultivirt, wie diefs das Ausftellungsmaterial der genannten Brodfrüchte ,, in wahrhaft erdrückenden Proportionen" dargethan hat, fo fand man doch hie und da auch aus anderen Ländern fchöne Proben von diverfen Hirfearten, welche den Beweis lieferten, dafs in denfelben die Hirfe ebenfalls mit Vortheil angebaut werden kann. Ich erwähne nur der von der Kanitzer Gutsverwaltung ( Porlitz, Mähren) ausgeftellten Collection der gelben Rispenhirfe, fchwarzer, hängender Mohrhirfe, gelber Kolbenhirfe und indifchen Sorghums und das in der Collectivausftellung der k. k. fteiermärkifchen Landwirthschafts- Gefellſchaft vorhanden gewefenen gemeinen Sirks, des Klumpenfirks und der Kolben-, Klump und Rifpenhirfe. Vielleicht wäre es räthlich, mit den geeigneten Hirfearten, fowie auch mit dem Mais, in den nördlichen Ländern Oefterreichs Acclimatifationsverfuche anzuftellen und die Einführung der bewährteften Sorte vorzunehmen. Freilich müfste man zu folchen Verfuchen nur frühreifende Sorten verwenden, welche im Süden Oefterreichs bereits in vorzüglicher Ergiebigkeit gedeihen und dafelbft mit Vortheil angebaut werden. Doch gewähren die Hirfearten in den warmen Zonen die höchfte Ernte. Dr. Williamfon, der 1873 die chinefifche Provinz Schantung bereifte, fchreibt, dafs Hirfe und Sorgho dort einen geradezu koloffalen Ertrag liefern. Ku- tfe ( Stellaria italica) gibt aus einem Samenkorn 8000 bis 11.000 hochwachfende rothe Hirfe, Rau- long, eine Art Sorgho von 4000 bis 5000 Körnern; Schu- the ( Panicum miliaceum) 1800 bis 2200. Ku- tfe gibt wahrfcheinlich unter allen Getreidearten den höchften Ertrag und bildet das Haupt- Nahrungsmittel der kräftigen Leute in Schantung, überhaupt im Norden Chinas. Hie und da fand man in der Ausftellung noch andere nützliche Grasarten exponirt. Die fteiermärkifche Landwirthfchafts- Gefellſchaft ftellte die kleinkörnige Hirfe, Himmelsthau oder Bluthirfe( P. sanguinale) aus, welche meiftentheils in Polen angebaut wird. Doch wollen wir auf diefe Früchte, welche eine höchft untergeordnete Rolle spielen, nicht näher eingehen. Die europäifchen Nahrungspflanzen. 111 Hülfenfrüchte und Blattgetreide. Die Hülfenfrüchte( Leguminofen), welche zu den höchft entwickelten Gewächfen und nährstoffreichften Nutzpflanzen gehören, zählen zu den älteren Culturpflanzen, und fchon feit lange wird ihr die Halmfrüchte zunächft unterſtützender Anbau in Mitteleuropa betrieben. Dennoch wird ihrer Cultur auch von rationellen Landwirthen nicht diejenige Aufmerkfamkeit zugewendet, die ihnen ihres grofsen Nahrungsgehaltes wegen, welcher fie zu einem der intenfivften Nahrungsmittel, befonders der arbeitenden Claffe, geftaltet, und der durch die Hervorbringung der Befchattungsgahre bewirkten Verbefferung der phyfikalifchen Befchaffenheit des Bodens gebührt. Die grofse Unficherheit und geringe Ertragsfähigkeit der Hülfenfrüchte mag in erfter Reihe an diefer Erfcheinung Schuld fein. Allgemein wird die Erbfe( Pisum sativum L.) als Brachfrucht und Zwifchenpflanze angebaut, nebft derfelben Linfen( Ervum L.), in manchen Gegenden Ackerbohnen( Vicia faba), in neuerer Zeit auch vielfach Wicken( Vicia sativa L.) und Lupinen( Lupinus L.); weniger verbreitet ift das Blattgetreide: Buchweizen oder Heidekorn ( Polygonum fagopyrum L.), obzwar es als Stoppelfutter viel und gutes Milchfutter liefert. Im Allgemeinen ift aber dennoch der Anbau von Hülfenfrüchten in Mitteleuropa ftärker als der eigene Bedarf, und da der Deutfche die Erbfen, die Lieblingsfpeife der Slaven, nicht gern geniefst, ja diefelbe felbft dem dienenden Volke eine ungewohnte und unliebfame Speife ift, fo wird alljährlich ein Theil des Ueberfchuffes hauptfächlich feewärts nach Grofsbritannien, Schweden, Norwegen und Dänemark abgefetzt. Die Einfuhr von Hülfenfrüchten- hauptfächlich aus Oefterreich in den freien Verkehr des Zollvereins und die Ausfuhr aus demfelben war in den Jahren 1867 bis 1871 folgende: - Ausfuhr 1867 1868 Einfuhr 570.196 2,328.773 639.347 Scheffel 1,508.618 " 1869 894.509 1,743.138 99 1870 1,938.448 2,653.816 29 1871 1,085.758 " 5jähriger Durchschnitt: 1,363.537 1,922.462 1,693.476 Scheffel. Auf der Weltausftellung war diefe vielgeftaltige und fo überaus nützliche Familie der Schmetterlingsblüthler( Leguminofen) in unzähligen und reichhaltigen Proben ausgeftellt. Obenan ftand die Speifebohne( Phafeolus). Von der Phafeole" waren viele Proben und Collectionen in faft unüberfichtlicher Mannigfaltigkeit der Gröfse, Form und Farben der Samen vorhanden, die meiſten und vorzüglichften aus den Ländern der Region des Mais- und Reisbaues. Deutfchland und Oefterreich- Ungarn ftellten manche Proben der gemeinen Stangenbohne ( Ph. vulgaris L.), wo fie in zahlreichen Varietäten cultivirt wird, fowie auch der Feuerbohne( Ph. vulgaris coccineus L.) aus; wir nennen blos die von Aurelia Mikuliez ( Bukovina) vorgeführte Zufammenftellung der Fifolen, die von der Kanitzer Gutsverwaltung( Mähren) ausgeftellte fchwarze Spargelbohne, der Metzen 89 Pfund fchwer, die in der Ausftellung der Bodenerzeugniffe Steiermarks vorhandenen Granat- und Salatfifolen, weifse, länglichovale Reisfifolen, die aus Krain exponirten grofsen weifsen ruffifchen Stangenfifolen und längliche kroatifche Stangenfifolen, rothbraun mit fchwarzen Zeichnungen. Namentlich haben Ungarn und feine Nebenländer fchöne Collectionen von Phafeolen vorgeführt. Spanien und Portugal excelliren in Bohnenfammlungen, von der fehr kleinen weifsen Speifebohne an bis zu der grofsen fchwarzen Stangenbohne, darunter fchöne Proben der oftindifchen Bohne ( Dolichos), auch Frankreich und Italien, wo namentlich die fchöne Bohnenfamm8 112 Ant. Adam Schmied. lung aus der Provinz Belluno( Gaetano Ritter de Bertoldi), von der kleinen läng. lichen Indiana neri- viola und Indiana bianchi an bis zu der trefflichen Rifetti und der grofsen Turchi, befonders auffiel. Die aufsereuropäiſchen Länder exponirten die kleine Eierbohne oder Zwergbohne( Ph. nanus L.), welche als Bufch-, Erbsund Frühbohne auch in Europa ftark cultivirt wird, die fehr ertragreiche egyptifche Bohne, die fchwarze weftindifche Zwergbohne, die grofse ruffifche Tafelbohne, fchwarze japanefifche Bohnen( Soya hispida), arabifche und Speckbohnen ( Ph. multiflorus Willd.), aus dem wärmeren Amerika u. f. w. Auch die Erbfe war in einer grofsen Anzahl von Proben vertreten, wenn auch in geringerem Grade, als die Speifebohne; ihre durch Form, Gröfse und Färbung der Samen bewirkte Mannigfaltigkeit und Variabilität liefs die ausgeftellt gewefenen Sammlungen ebenfalls fchwer überblicken. Deutfchland, wo, ähnlich wie in Oefterreich, die gemeine Erbfe( Pifum fativum L.) in mehreren Unterarten und vielen Varietäten allgemein gefäet wird, ftellte unter Anderem fchöne, gleichmäfsige, vollkommen runde blaue Felderbfen, hübfche Golderbfen, oftpreufsifche graue Erbfen mit kantigen Körnern, Erfurter frühe Erbfen, grofse weifse VictoriaErbfen aus; Oefterreich brachte fchöne weifse und grüne, dann grofse Felderbfen ( 911 Pfund fchwer), braune grofse Gartenerbfen, ausgezeichnete englifche Markerbfen in vier Abarten( May Jacob aus Namiefcht in Mähren, grofse gemeine und Madeira Erbfen( aus Steiermark), flache, etwas bohnenähnliche, braune Morafterbfen( aus Krain), prächtige Ekererbfen( Domäne Lobofitz in Böhmen). Ungarn exponirte namentlich hübfche grüne Speife- Erbfen, Rufsland fchöne neue FeldRiefenerbfen( Rofenwerth), England eine prachtvolle Zufammenftellung von 24 Erbfenforten( Sutton& Sons), darunter die fchöne Victoria, die langfchotige Waſhington, die frühefte Ringleader; die Niederlande exporirten befonders fchöne blaue Erbfen aus Oeftgeeft( D. M. van der Hoef), Schweden fchwarze Erbfen und fchwediſche verbefferte Mammuth, ausgezeichnet durch vorzügliche Ausgeglichenheit der Samen und hohen Widerftand gegen Befallen; Dänemark blaue Kocherbfen, Italien fehr fchöne kleine runde Erbfen aus Sicilien, Frankreich die fchönfte Erbfenfammlung auf der Ausftellung( exponirt vom Penfionat des frères de la doctrin chrétienne im Reims, Marne), darunter fchöne franzöfifche graue Wintererbfen u. f. w. Die Zuckererbfe( P. fat. faccharatum Hort.) war nur fpärlich vertreten; wir fanden fie in vorzüglichen Exemplaren in dem Schwarzenberg' fchen Pavillon ausgeftellt, und zwar von der Herrfchaft Protivia( in Böhmen), dann in der Krainer und Bukowinaer Collectivausftellung. Die Kichererbfe( Cicer arientinum L.) ift den mehr füdlich gelegenen Länderftrecken eigen und ift namentlich in Südfrankreich, dann insbefondere auch in Italien, Griechenland, Spanien und in der Türkei in grofsen Quantitäten der Cultur unterworfen; die genannten Länder haben auch in ihren Expofitionen davon fchöne Proben mit vorwiegend weifsen, dann rothen Samen gebracht. Im Orient wird diefelbe ebenfalls in vielen Varietäten cultivirt und war diefelbe in ihren Ausftellungen erftaunlich reichlich vertreten; befonders imponirten die gelbe Kaffee- Erbfe, die rothe Kichererbfe und die Venuskichern. In Mitteleuropa kennen nur die Gärtner die Kichererbfe mit den gefchnäbelten und gerunzelten, weifs, braun, fchwarz und roth variirenden Samen. Die Kanitzer Gutsdirection( Mähren) ftellte Kichererbfen aus, den Metzen zu 93 Pfund fchwer. Die Platterb fe( Lathyrus fativus L.) mit geniefsbaren, erbfenähnlichen Samen, wird in Südeuropa, Weftafien u. f. w., hauptfächlich als Viehfutter viel cultivirt. Wir fanden diefelbe hie und da vereinzelt ausgeftellt. Die Spargelerbfe( Lathyrus tetragonolobus) war noch feltener zu fehen; ich bemerkte diefelbe blos in der italienifchen Ausftellung( Raphael Ritter Nanarone, Foggia). Die Linfe( Ervum Lens L.), eine uralte Culturpflanze Mitteleuropas, war in ihren einzelnen Varietäten als grüne Sommerlinfe, Pfennig- oder Hellerlinfe, fchwarze und langfchotige, grofse franzöfifche und Provencerlinfe vertreten, wenn Die europäifchen Nahrungspflanzen. 113 auch nur in untergeordneter Weife. Gewöhnliche Linfen prachtvoller Qualität ftellte die Herrschaft Lobofitz( im Pavillon Schwarzenberg) aus; die mährifehe Linfe ( Gutsdirection Kanitz) wog 90% Pfund per Metzen; die Bukowina ftellte hübfche türkifche und fchwarze Linfen, Schlefien die fchwarze kleinfamige Chmietow Linfen, welche per Joch angeblich einen Ertrag von II Metzen Körner à 93 Pfund und 28 Centner Stroh gewähren. Freiherr von Sina( Mähren) ftellte die ruffifche Linfe aus. Ungarn, Rufsland, Spanien und Italien haben fehr fchöne Linfen diverfer Art ausgeftellt; in der egyptifchen Ausftellung fah man neben rothbraunen Angel. erbfen( von Bir Abu Ballach ausgeftellt) fchöne kleine Linfen von Saidi( ausgeftellt von Kindineco), dann chinefifche Linfen u. f. w. Die Wicke( Vicia fativa L.) wird in vielen Varietäten, hauptfächlich als Grünfutter cultivirt. In der Ausftellung war diefelbe nicht häufig anzutreffen; hauptfächlich fah man in den einzelnen Specialexpofitionen die gewöhnliche Wicke, durch die Gröfse und Farbe des Samens unterfchieden, die weifse kleine rundliche Futterwicke und fchwarze Wicke( Dänemark), die Narbonne- und Hopetown, auch die polnifche und fibirifche, fowie die norwegifche Wicke, die letzteren jedoch ziemlich felten. Die Buffbohne( Vicia Faba L.), eine Culturpflanze vom kaspifchen Meer, wird gegenwärtig als Pferde-, Sau- und Windforbohne angebaut und meift als Viehfutter zur Maft verwendet. In der Weltausftellung war die„ grofse Bohne" in zahlreichen und fehr reichhaltigen Collectionen und faft in gleicher Mannigfaltigkeit wie die Speifebohne vertreten. Von der fchwarzen Pferdebohne( aus Baiern ausgeftellt) und fehr fchönen Ackerbohnen( Provinz Sachfen) fah man vor zügliche Exemplare; Steiermark brachte viele Varietäten Buffbohnen, Windfor-, Wachtel-, grofse Marzipaner- Bohne; Ungarn und Rumänien ftellten vorzügliche Sammlungen der Buffbohne aus, namentlich aber England, wo das Handlungshaus Sutton& Sons eine Collection von 24 Bohnenarten exponirte. Portugal und Spanien, Italien und Frankreich, ja felbft China und Japan brachten fehr fchöne, reichhaltige Bohnen Collectionen. Der Wolfs- oder Feigbohne, allgemein Lupine( Lupinus L.), wollen wir hier nur der nothwendigen Vollständigkeit wegen Erwähnung thun. Die gelbe Lupine( L. luteus L.), feit etwa zwanzig Jahren bei uns cultivirt, liefert dem Klee gleichftehendes Grünfutter, dient aber am häufigften nur als Culturmittel auf ödem Sande, welcher eigentlich ihr Mutterland ift; die blaue Lupine( L. anguftifolius L.) baut man zur Körnergewinnung; die gewöhnliche weifse Lupine( L. albus) ift jedoch in Mitteleuropa die verbreitetfte. Vereinzelt konnte man hie und da einzelne Proben der Lupine wahrnehmen; tadellos war die weifse Lupine im Pavillon Schwarzenberg( von der Herrfchaft Wittingau), fowie die in der Collectivausftellung der k. k. fteiermärkischen Landwirthschafts- Gefellfchaft ausgeftellte. 99 Endlich wäre noch der Bockshornklee( Trigone la foenum graecum L.), auch Siebenzeilen genannt, zu nennen, welcher in Südeuropa, Kleinafien und Nordafrika heimifch ift, untergeordnet auch in Thüringen und um Erfurt als Arzneipflanze gebaut wird, da er den officinellen Semen Foeni graeci liefert. In der türkifchen und insbefondere der egyptifchen Abtheilung waren die kleinen, eckigkantigen, rinnigen, gelblichen Samen von Trigonella maffenhaft vorhanden und man rühmt ihnen( nach Leunis) nach, dafs die Samen im Orient, vorzüglich in Egypten, mit Milch zubereitet ein beliebtes Gericht geben, welches den hagerften Damen in kurzer Zeit die befonders an Weibern des Orientes und namentlich des Harems fo hochgefchätzte Wohlbeleibtheit oder Corpulenz verfchafft!" Für die Gegenden Mitteleuropas hat diefe Pflanze, auch„ griechifches Heu" genannt, wegen des rafchen, ficheren Wachsthumes als Futtergewächs in Gemengfaaten eine nicht genug zu fchätzende Bedeutung, welche leider bisher nur zu wenig gewürdigt ift. In der Collectivausftellung des Königreiches Böhmen war hübfcher Bockshornklee ausgeftellt. 8* 114 Ant. Adam Schmied. Der Buchweizen( Polygonum fagopyrum L.), auch Heidekorn genannt, ift das einzige europäiſche Blattgetreide. Der Buchweizen ftammt aus China und wird gegenwärtig in ganz Europa bis 66 Grad nördlicher Breite, vornämlich auf leichtem Boden cultivirt. Die Samen liefern Grütze und gutes Mehl; grün dient die Pflanze als Viehfutter. Für Deutſchland befitzt derfelbe wohl defshalb eine grofse Wichtigkeit, weil er noch ganz gut auf Aeckern, die zu Roggen keine Kraft mehr haben, wächft und auf ungedüngtem Heideboden beffer vorkommt, als irgend eine andere Culturpflanze. In der Weltausftellung waren der gewöhnliche und der filbergraue fchottifche Buchweizen, beide in frühen und späten Sorten, am meiften vertreten; den Silberbuchweizen traf man faft in einem jeden Lande an. Dann fah man dort den fibirifchen oder tatarifchen( P. tartaricum), fchweren, rundkörnigen Buchweizen( aus den Niederlanden), galizifchen und toskanifchen, chinefifchen( P. emarginatum) und japanefifchen Buchweizen, felbſtverſtändlich in verfchiedenen Spielarten( z. B. den Moorbuchweizen aus Norddeutſchland), auf welche nicht näher eingegangen werden foll. Ohne die zahlreichen Collectiv- und Specialausftellungen, welche zumeift in höchft gelungener Weife und inftructiver Syftematik angeordnet waren, nur zu berühren, foll hier doch ausnahmsweife der erfchöpfenden Expofition der Wiener Frucht- und Mehlbörfe gedacht werden, welche die gangbaren Cerealien, Hülfenfrüchte und Saatgattungen aus allen hervorragenden Productionsgebieten der öfterreichifchen Gefammtmonarchie und in allen Arten und wichtigeren Spielarten in gröfseren, das Vergleichen fehr erleichternden Quantitäten ausgeftellt und zugleich die Bewegung der Preife des Roggens und des Weizens in den Jahren 1823 bis 1872 durch eine gelungene graphifche Darftellung verfinnlicht hat, fowie der prachtvoll aber mühfam zufammengeftellten Samenfammlung des K. Ritfchel( aus Jaifpitz in Mähren), welche aus 606 Arten, je aus Körnern, Samen und Früchten( Aehren, Rispen oder Kolben) gebildet, beftand und als ein fehr werthvolles Lehrmittel von der k. k. Hochfchule für Bodencultur in Wien erworben wurde. - Knollen und Rüben. Die Kartoffeln( Solanum tuberofum) nehmen unter den Wurzelfrüchten die erfte Stelle ein; ihr Anbau hat den durchgreifendften Einfluss auf die gefammten land- und forftwirthschaftlichen Zuftände in Nord- und Mitteleuropa ausgeübt. Aus den Gebirgen Chiles ftammend, wird die Kartoffel in mehr als 430 Varietäten und Sorten bis 70 Grad nördlicher Breite cultivirt. In keinem Lande des Continents fpielt fie aber eine fo bedeutende Rolle, wie in Oefterreich, befonders in deffen nördlichen Gebieten. Die Kartoffeln find nicht nur die hauptfächlichfte, ja oft die ausfchliefsliche Nahrung des kleinen Mannes, fondern überhaupt ein fehr beliebtes Nahrungsmittel, wenn auch ihr Nahrungswerth ein fehr geringer ift, weil ihnen die eiweifsartigen Stoffe fehlen; fie enthalten im Mittel 75'9 Percent Waffer, 2012 Stärkemehl, 2.3 Albumin, 10 Salze, o 4 Zellftoff und 0.2 Percent Fett. Nicht minder dienen fie für Zwecke der Fütterung( befonders für Schweine) und werden techniſch auf Stärkemehl, Dextrin, Stärkefyrup, Stärkezucker und Spiritus verarbeitet. In den zum vormaligen norddeutſchen Bunde gehörenden Staaten und in Südheffen find im Jahre 1871 nach amtlichen Aufftellungen 35,056.553 Scheffel Kartoffeln zur Branntweinbrennerei verbraucht worden. In der agricolen Ausftellung des deutfchen Reiches find fehr fchöne Zufammenftellungen von Kartoffeln, fchönen Saat-, Speife- und Hauskartoffeln, Spiritus- und Futterkartoffeln vorhanden gewefen. Unter Anderem ftellte der landwirthfchaftliche Verein Wafferknoden in Baiern hübfche Kartoffeln aus, darunter Paterfon's Seedling Bock, mit einer Ernte von 21.000 Kilogramm per Hektare und einem Stärkegehalt von 20'5 Percent, Paterfon's blaue mit einem Ertrage von 24.000 Kilogramm per Hektare und 19.5 Percent Stärkegehalt, dann mittelfrühe Die europäifchen Nahrungspflanzen. 115 Dalmakoy mit gleichem Ertrage, aber einem Stärkegehalte von 22 5 Percent. Sonft konnte man in den einzelnen Specialexpofitionen frühe Rofenkartoffeln, Breefe's Unvergleichliche, blafsrothe und blaue Nieren-, Bisquit-, Pesca, neue Wachskartoffeln, blaue fchottifche, weifse runde peruanifche, fächfifche, weifsfleifchige Zwiebel, amerikaniſche lange Callao-, Riefen- Sandkartoffeln und ähnliche fehen, welche alle als feinere Speifekartoffeln und vorzügliche Hauskartoffeln gerühmt wurden. Als Futterkartoffeln wurden empfohlen: runde weifse peruanifche, gelbe Müllerkartoffeln, grüne Heiligenftädter und weifse Siebenhäufer, dagegen als Brennereikartoffeln die rothe Heidelberger, jülichfche Calico und fächfifche weissfleifchige Zwiebel. Auch Oefterreich brachte fchöne Proben der dafelbft cultivirten Kartoffelforten vortreffliche Riefen- oder Marmontkartoffeln( aus Mähren), La- CirkaffienneErdäpfel, amerikaniſche Späterdäpfel, The Queens Patatol- Erdäpfel, Lercheneier- Erdäpfel, Güllich'fche fpäte Kartoffel, grofs, länglich, mit wenig Augen( aus Krain), fehr fchöne Staniek-, dann Magdalenski- Kartoffeln( aus Schlefien) u. dgl. m. Trotz einzelner hübfcher Collectivausftellungen der Kartoffeln( z. B. in der landund forstwirthschaftlichen Ausftellung des Königreiches Böhmen, der Expofition des Tefsthaler landwirthschaftlichen Fortbildungsvereines in Mähren, der Collectivausftellung des Vereins für Landescultur in Czernowitz u. f. w.) war Cisleithanien in diefem Zweig der Ackerproduction nicht derart vertreten, als der Anbau diefer Frucht dafelbft es verdient hätte. Im Jahre 1870 erntete man in Weftöfterreich 134,307.510 niederöfterreichifche Metzen Kartoffeln( im Werthe von 145.669.751 fl.), wovon 70,023.312 auf Böhmen entfielen, in welchem Lande 12'11 Percent des gefammten Ackerlandes( 524.556 Joch) mit Kartoffeln beftellt worden find. 1873 beftanden in Böhmen 344 Brennereien, wovon 9 hauptfächlich Getreide, 127 Kartoffeln, 152 Getreide und Kartoffeln und 54 Melaffe verarbeitet haben. In der ungarifchen Abtheilung hat uns die Kartoffelfammlung des Oskar Luckhardt( Kronftadt) befonders befriedigt. In der englifchen Expofition haben die Samenhändler Sutton& Sons, dann Carter, Dunnett& Beale Kartoffeln( in Modellen) ausgeftellt, erftere namentlich eine prachtvolle Zufammenftellung der englifchen Kartoffel in 40 Varietäten und Sorten. Im Jahre 1872 waren in Grofsbritannien 544.000 Acres, etwa 3 Percent des Ackerlandes, und in Irland 991.000 Acres, nämlich 18 Percent des Ackerlandes, mit Kartoffeln beftellt; dennoch genügt die eigene Production dem Bedarfe nicht und Englands Import an Kartoffeln ift in ftarker Zunahme begriffen; denn der declarirte Werth der importirten Kartoffeln betrug in den erften 7 Monaten des Jahres 1873 1,617.792 Pfund Sterling, im Jahre zuvor 1,172.486 Pfund Sterling. Frankreich zeichnete fich durch die prachtvolle Sammlung von Kartoffeln aus, veranſtaltet von dem Pensionat des frères de la doctrine chrétienne( in Reims, Marne), welche vielleicht die fchönfte in der Weltausftellung war. Auch Dänemark hat Proben von Kartoffeln ausgeftellt, darunter fchöne King of the Fluckes, London blues, Janfée u. f. w. Die Rünkelrübe( Varietät von Beta vulgaris) zählt nächft der Kartoffel zu den wichtigften Hackfrüchten, befonders feitdem es den Fortfchritten der Technik gelungen ift, aus derfelben einen den Colonialzucker immer mehr verdrängen-. den Zucker zu gewinnen. Sonft wird fie zu Viehfutter angebaut. Wenn fie auch nur ausnahmsweife als directe menfchliche Nahrung verwendet wird, fo foll diefe Nutzpflanze hier doch der Vollständigkeit wegen betrachtet werden. Die Zuckerrübe( B. v. rapacea saccharifera) ward am fchönften in der franzöfifchen Abtheilung ausgeftellt. Wird doch in Frankreich die Zuckerfabrication aus Rüben am intenfivften betrieben; von den 308 Zuckerfabriken, welche Frankreich im Jahre 1848 hatte, ift die Zahl derfelben auf 456 im Jahre 1869 geftiegen. Das nördliche Frankreich producirt beinahe zwei Drittel des ganzen Confumtionsbedarfes des Landes. Die Cultur der Zuckerrübe hat fich bei der 115 Ant. Adam Schmied. zunehmenden Errichtung von Fabriken namentlich im nördlichen und mittleren Frankreich anfehnlich vermehrt. Die von Simon Legrand( Bersé par Pont à Marcy, Nord) ausgeftellte Zuckerrübe( Betterave blanche), ausgezeichnet durch ihre vollkommene Schönheit und hohen Zuckerreichthum( 17.82 Percent Zucker), die prachtvolle Runkelrüben- Samenpflanze und der fchöne volle ZuckerrübenSamen, befonders aber die von Desprez père& fils( Capelle, Nord) exportirten 30 Sorten Runkelrüben in prächtigen Wurzeln und dem dazu gehörigen. vorzüglichen Runkelrüben Samen werden ficherlich jedem Befucher lange in Erinnerung bleiben. In der deutfchen Abtheilung fah man vereinzelt in den verfchiedenen Collectivausftellungen einige Zuckerrüben( Rheinpreufsen), Runkeln( Eugen Graf von Bethufy) und Futterrüben( Droftei Lüneburg); doch liefsen diefe Proben keinesfalls auf den ausgedehnten Umfang des Rübenbaues in den deutfchen Landen uur einigermafsen fchliefsen. Im Jahre 1840 bis 1841 verarbeiteten die im Zollverein vorhandenen 145 Zuckerfabriken 4,829.734 Centner Rüben; 1867 waren in Deutfchland bereits 296 Zuckerfabriken, welche 50,712.709 Centner Rüben verarbeitet haben. Preufsen hat in den Provinzen Sachfen, Schlefien, Brandenburg, Pommern den verhältnifsmäfsig ftärksten Rübenbau, in geringerem Umfange auch in Hannover und der Rheinprovinz. Von den übrigen Staaten wird der Anbau der Zuckerrübe in gröfserem Umfange namentlich in Anhalt, Braunfchweig, Baden, Württemberg und Baiern betrieben. Die öfterreichifch- ungarifche Monarchie verwendete im Jahre 1872 in 251 Fabriken 26,574.599 Centner Zuckerrüben. Daran participirte in erfter Reihe Böhmen mit 157 Fabriken, worin 16,203.241 Centner Rüben, alfo 61 Percent des ganzen verwendeten Rübenquantums verarbeitet wurden; dann kamen: Mähren mit 47 Fabriken und 5,335.261 Centner Rüben( 2011 Percent), Schlefien 10 Fabriken mit 1,274.086 Centner Rüben( 4'9 Percent), Nieder- Oefterreich 6 Fabriken mit 600.892 Centner Rüben( 4.26 Percent), Galizien mit 5 Fabriken und 313.039 Centner Rüben( 0.96 Percent) und endlich Ungarn mit 26 Fabriken, in welchen 2,848.040 Centner Rüben, fomit 10 72 Percent des ganzen verwendeten Rübenquantums, verarbeitet worden find. Da nun in Böhmen im Jahre 1872 im Ganzen 28,542.200 Centner Rüben geerntet und hievon blos 16,203.241( das heifst 56.8 Percent) auf Zucker verarbeitet worden find, fo mufs der Reft von 12,338.959 Centner oder 43 2 Percent der Gefammtrübenernte in der Cichorienfabrication, die einen namhaften Theil der Rübe verarbeitet, fodann als Viehfutter und endlich zum Anbau von Samenrüben feine Verwendung finden. In der Weltausftellung waren aus der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie ebenfalls wenig Rüben und Rübenfamen ausgeftellt. Die landwirthschaftliche Lehranftalt Dublany brachte hübfche Futterrüben, die k. k. LandwirthschaftsGefellſchaft in Graz Runkelrüben, die Landwirth fchafts- Gefellfchaft für Krain runde Maft- Runkelrüben, A. Popper& Comp.( Zborowitz in Mähren) und die k. k. Landwirthfchafts- Gefellſchaft in Wien, fowie die Kanitzer Gutsdirection und Alb. Widmann( Mähren) und die Güterdirection der k. k. Therefianifchen Akademie( in Wien) ftellten fchönen Zuckerrüben- Samen( 28 Pfund fchwer) aus;. vorzügliche Zucker- und Futterrüben- Samen waren aber in der land- und forftwirthschaftlichen Ausftellung des Königreiches Böhmen und im Pavillon Schwarzenberg vorhanden. In der ungarifchen Abtheilung ftellten Fr. Tarányi( Szt.László); Th. Offermann( Oedenburg), Guft. Carftanjen( Csepreg), Simon Baron Sina( Ercsi), Lad. Borbély( Jánosi) und mehrere Andere fchöne Proben von Zuckerrüben, Runkeln und Burgunderfamen aus; befonders intereffant war die von Antal Wels( Kowárcz) exponirte Probe eines candirten und präparirten Rübenfamens. In Rufsland nimmt der Anbau der Zuckerrüben feit 30 Jahren fortwährend zu und es find namentlich die Gouvernements Rjäfan, Tula, Kiew, Poltawa, Die europäifchen Nahrungspflanzen. 117 welche grofse Mengen Zuckerrüben erzeugen. In der Ausftellung haben Zapewloff und Zablofsky fchönen Rübenfamen vorgeführt. In der Ausstellung der Niederlande hatte E. van den Bofch( Goes) veredelte Zuckerrüben mit 12 bis 17 Percent Zucker, in derjenigen von Schweden, welches 5 Zuckerfabriken zählt, C. Ekman( Finfpang) einige Wurzelfrüchte vorgeführt. Auch in der italienifchen Abtheilung hatte Jemand fchönen Rübenfamen exponirt. Die Futterübe wird hauptfächlich in England angebaut. Dort ift die Rübenzucker- Fabrication unbedeutend, weil man ein Aufkommen derfelben, wegen des bedeutenden Colonialhandels, ftets verhinderte. Erft 1868 wurde in England die erfte Zuckerfabrik von Mr. Duncam in Lavenham errichtet und In welcher Ausdehnung in gegenwärtig beftehen dafelbft 3 Zuckerfabriken. England die Futterrüben angebaut werden, kann man am beften aus der amtlichen Mittheilung entnehmen, dafs im Jahre 1872 in Grofsbritannien auf 2,083.000 Acres Turnips und fchwediſche Rüben und auf 329.000 Acres Runkeln, in Irland 346.000 Acres mit Turnips und fchwedifchen Rüben beftellt waren. Sowohl Sutton& Sons, als auch Carter, Dunnett& Beale haben fchöne Modelle von Rübenarten und Wurzeln, erftere auch eine hübfche Samenfammlung ausgeftellt. Die Topinambur( Helianthus tuberosus), welche befonders für Schafe und Pferde ein gutes Winterfutter liefert, in Knollen und Kraut aber Gemüfe gewährt, ftammt aus Brafilien und wird in Europa nur ausnahmsweife cultivirt. Wir haben in der Ausftellung nur wenige Proben der Erdbirne bemerkt, fo z. B. Topinamburftengel und Knollen von Elsner von Gronow( Preuſsifch- Schlefien), auch in der englifchen Ausftellung von Carter& Comp. DIE GEWERBLICHEN PFLANZEN. ( Gruppe II, Section 1.) Bericht von ANT. ADAM SCHMIED, Profeffor an der höheren landwirthschaftlichen Lehranstalt in Liebaerd bei Tetfchen. Nach der Ausfcheidung der wichtigften Gruppen der europäifchen Fabriksund Induftriegewächfe, welche bei den betreffenden Berichten ihre Darftellung finden, verbleiben hier unter dem angeführten Titel blos folgende Nutzpflanzen zu betrachten: Der Hopfen( Humulus L.). Der gemeine Hopfen( H. Lupulus L.) wird bekanntlich in Europa und Nordamerika der tannenzapfenähnlichen Fruchtähren halber cultivirt. Durch den aufserordentlichen Auffchwung der Bierconfumtion hat fich die Gefammtproduction des Hopfens feit einem Vierteljahrhundert rund von 300.000 Centner auf 1,413.000 Centner gehoben. Der Hopfen fchwingt fich allmälig immer mehr zum Welthandelsartikel auf und ift dabei durchſchnittlich der Preis auch wefentlich geftiegen. Die durchſchnittliche Jahresproduction wird bei einer normalen Ernte gefchätzt: Baiern 200.000, Böhmen und das übrige Oefterreich 180.000, Baden 25.000, Württemberg 60.000, Elfafs, Lothringen, Burgund 80.000, 118 Ant. Adam Schmied. Belgien 75.000, Preufsen( Pofen, Polen) 60.000, Altmark, Braunfchweig 25.000, Rufsland 15.000, England 620.000 Centner, Nordamerika 250.000 Centner. In manchen Jahrgängen wirkt der amerikanifche Hopfen drückend auf den europäifchen Hopfenmarkt, da derfelbe, geprefst und gefchwefelt, in grofser Menge befonders nach England eingeführt wird, wo man ihn zur Erzeugung der billigeren Bierforten verwendet. Auf der Wiener Weltausftellung war der Hopfen in grofser Menge vertreten; freilich waren es zumeift Hopfenhändler, welche die vorwiegende Zahl der Ausfteller bildeten, da es eben in ihrem Vortheil liegt, wenn ihre Firmen ziemlich bekannt werden; für den Landwirth waren aber die Expofitionen von Hopfenproducenten werthvoller und belehrender, da fie das Erzeugnifs einzelner Länder und Gegenden ohne jeden Aufputz und unverfälfcht zur Anfchauung brachten. Obenan ftand die Hopfenausftellung Weftöfterreichs. Hier bildet der Hopfenbau in manchen Gegenden die Grundlage des Wohlftandes der ackerbautreibenden Bevölkerung, indem gerade der reiche Boden Oefterreichs, insbefondere der von Böhmen, Oberöfterreich, Steiermark und Galizien, nicht allein enorme Quantitäten Hopfen liefert, fondern auch das befte Product der Welt erzeugt. Namentlich ift es der böhmifche Hopfen, welcher unter den in Europa producirten Hopfenforten von jeher eine hervorragende Stelle einnimmt. Im Jahre 1870. erntete man in Weftöfterreich insgefammt 74.580 Centner Hopfen im Werthe von 2,022.867 fl., wovon auf Böhmen allein der Ertrag von 50.887 Centner kam; ausgeführt wurden in diefem Jahre allein 43.552 Centner Hopfen. In dem für den Hopfenbau nicht eben fehr günftigen Jahre 1872 betrug die Hopfenernte WeftOefterreichs circa 69.000 Centner, wovon auf Böhmen 44.800 Centner Hopfen entfielen. Die Collectivausftellung des Königreiches Böhmen zeigte ausgezeichnete Hopfenforten aus den verfchiedenen Productionsgebieten Böhmens; in erfter Reihe den Rothhopfen mit drei Unterabtheilungen als Saazer Stadtgut, Saazer Bezirksgut und Saazer Kreisgut; dann den Grünhopfen aus der Gegend von Aufcha, Dauba, Böhmifch- Leipa u. f w. Im Pavillon der Fürften Schwarzenberg war vorzüglicher Hopfen aus dem Rayon des weltbekannten Saazer Hopfens( Domänen Neufchlofs, Zittolik und Poftelberg), dann geprefster Hopfen aus dem füdlichen Böhmen( Domäne Wittingau), und endlich von der chemifchen Verfuchsftation in Lobofitz das Refultat eines Hopfenconfervirungs- Verfuches: zwei Jahre alter Hopfen, gefchwefelt, geprefst und in Eis gelegt, ein Hopfen, welcher ausnehmend gut erhalten war. Von fonftigen böhmifchen Hopfenproben find zu erwähnen: der fchöne Hopfen, ausgeftellt von dem Hopfenbau- Vereine im Goldbachthale bei Saaz( Poderfam), gewachſen in verfchiedenen Ortſchaften diefer gefegneten Hopfengegend, dann des Saazer Hopfenbau- Vereines, der Ackerbaufchule Kaaden, des M. Güttermann aus Saaz, welcher nebft Spalter Hopfen auch geprefsten Hopfen aus Middle- Kent ausftellte, der Infaffen aus Wteln( Bezirk Brüx) u. f. w. Von Händlern ftellten aus: J. Lederer& Söhne( Saaz) fchöner Saazer Stadt-, Bezirks- und Kreishopfen, A. J. Morawetz( Sohn) hübfchen Aufchaer Hopfen, ebenfalls Schwarz( in Aufcha), dann Gebrüder Tanzer( Prag) Saazer und Aufchaer Hopfen, namentlich hübfch geprefsten Exporthopfen, vor Allen aber M. H. Rufs & Comp.( Prag), welcher in einer fehr anfprechenden und lehrreichen Sammlung den Hopfen aus den wichtigften Hopfengärten aller Länder, theils unter Glas, theils in kleinen offenen Säckchen, vorführte. Man konnte dafelbft Hopfen aus den verfchiedenen Kronländern Oefterreichs, ferner aus Deutſchland, Frankreich ( Dijon), Belgien( Aloft, Poperinghe) und Rufsland( Gusletfch), dann geprefsten englifchen Hopfen( Eaft- Kent, Farnham, Suffex), fowie den amerikaniſchen Hopfen ( Californien, New- York, Wisconfin) fehen und vergleichen. Aus Oberöfterreich, wo nach der aufgelegten Ernteftatiftik 2095 Joch Hopfenland beftehen und eine Ernte von 10.366 Centner liefern, hatten Stifter Saazer Frühhopfen und Felbermayer fchönen Rothhopfen in der Ausftellung Die gewerblichen Pflanzen. 119 der Linzer k. k. Landwirthschafts- Gefellſchaft ausgeftellt; die Collectivausftellung der landwirth fchaftlichen Vereine des oberen Mühlkreifes zeigte öfterreichifchen Hopfen mit hübfchen, rundlichen, nicht zu langen Dolden, darunter auch gepressten und gefchwefelten Hopfen aus der Hopfen Schwefeldarre; L. Braun ( Pucheim, Attnang) hatte aus dem geprefsten Hopfen eine ganze Säule geformt. Steiermark, welches nach amtlichen Daten von 1942 Joch Hopfengärten 7833 Centner Hopfen erntet, hat durch die k. k. Landwirthschafts- Gefellſchaft in Graz die fchönfte, gelungenfte Hopfenausftellung veranstaltet. Bei jeder Probe war der Name des Producenten und des Ortes, wo der Hopfen gezogen wurde, mit der Angabe der Erhebung desfelben über dem Meere verzeichnet: neben den feineren Hopfen der tieferen, wärmeren Lagen fahen wir die grofsdoldigen, gröberen Proben der hohen, rauhen Gegenden; in dem Orte Uebelbach wird der Hopfen noch 1800 Fufs über dem Meere cultivirt. Nebftdem hat noch J. P. Reininghaus( Steinfeld) fteiermärkifchen Hopfen ausgeftellt. Kärnten, welches auf 39 Joch 515 Centner Hopfen producirt, hat in feiner Collectivausftellung ebenfalls etwas Hopfen dargebracht, welcher aber nicht in den Handel kommt, überdiefs ziemlich viele Körner zeigt. Oftgalizien baut in 1525 Joch Hopfengärten 7650 Centner Hopfen. Die agronomifche Gefellſchaft für Galizien hat galizifchen Hopfen in Glaskäftchen, Seine k. k. Hoheit Erzherzog Albrecht fchönen Hopfen der Herrfchaft Saybufch, Graf L. Pininfki gewöhnlichen Hopfen mit wenig Lupulin und etwas Körnern ausgeftellt. Aus Mähren, welches doch auf 222 Joch 1500 Centner Hopfen erntet, habe ich in der Ausftellung keine Hopfenproben gefunden. Ungarn war in Betreff des ausgeftellten Hopfens nur dürftig vertreten. Alexander Bartha( H. M. Váfárhely) ftellte etwas grofsblumigen, ziemlich körnigen Hopfen aus, ebenfo Jankowic; dagegen war der von den gräflich Kalnokyfchen Herrfchaften in Siebenbürgen von Saazer Fechfnern gezogene Hopfen von überraschend guter Qualität. Der aus Kroatien ausgeftellte Hopfen war grofsrebig, doch ziemlich gut. In Deutſchland, wo vor einigen Jahrhunderten der Hopfenbau ganz allgemein war und nachweislich von hier aus erft nach den Niederlanden, Flandern, Frankreich und England verbreitet wurde, hat fich derfelbe gegenwärtig nur an einigen Orten erhalten, ift dagegen aus anderen Ländern faft verfchwunden oder wird in einigen Gegenden derfelben nur noch kümmerlich betrieben. Am bedeutendften ift die Hopfencultur nicht allein in Hinficht auf Quantität, fondern auch auf Qualität in Baiern und namentlich in Mittelfranken, wo das Spalter Land, Kinding, die Gegend von Hersbruck, Altdorf und Lauf, dann der Aifch- und Kenngrund die Hauptbezirke bilden; dann folgen die Oberpfalz und Regensburg, Oberfranken, Oberbaiern und Schwaben. Das Generalcomité des landwirthschaftlichen. Vereines in Baiern ftellte eine fehr inftructive Sammlung fchöner Hopfenproben von vielen Orten Baierns aus, in fehr vielen Muftern, in Säcken und unter Glas geprefst und ungeprefst neben einander gereiht, um diefelben bequem vergleichen zu können. Nebftdem brachte das felbe eine Anzahl mit diverfen Sorten baierifchen Hopfens gefüllte Gläfer zur Anfchauung, und zwar in Glaskaften gut verwahrt, durch welche man die ausgeftellten Mufter gut befehen konnte. Nebft dem haben der Spalter Stadtmagiftrat, der Krumbacher Hopfenbau- Verein, die Nürnberger Hopfenhalle und mehrere andere Händler baierifchen Hopfen ausgeftellt. Zeller ( Windsheim) brachte Mufter von Originalhopfen und Mufter derfelben Sorte, gefchwefelt. In Preufsen kommt Hopfenbau fchon früh in der Mark Brandenburg, fowie in Pommern und Sachfen vor, ohne dafs er fich indefs zu befonderer Blüthe hätte erheben können; auch in Schlefien und der Rheinprovinz( in der Gegend von Trier) fand ein folcher feit Ende vorigen Jahrhunderts, jedoch nur in geringem Umfange ftatt. Erft in den letzten Decennien ift die Hopfencultur und zwar in der 120 Ant. Adam Schmied. Provinz Pofen( Neutomifchl, Grätz, Neuftadt, Buck u. f. w.) in einer Weife verbeffert worden, dafs gegenwärtig das dort gewonnene Product in Qualität dem baierifchen Hopfen nahe kommt. Während im Jahre 1837 die Gefammtproduction der Provinz Pofen höchftens 500 Centner betrug, werden dort jährlich fchon 25.000 bis 30.000 Centner auf circa 6000 Morgen gewonnen. Flatau( Berlin), welcher fich um die Hebung des Hopfenbaues bei Neutomifchl fehr verdient gemacht hat, ftellte als Vertreter der Hopfenbauer zu Neutomifchl Hopfenproben in mehreren Beuteln aus. Der landwirthschaftliche Verein für Rheinpreufsen ftellte Hopfen aus der Gegend bei Bitburg aus, die Collectivausftellung für Oftpreufsen enthielt Hopfenproben aus den Kreifen Königsberg und Allenftein. Von den übrigen deutfchen Ländern haben nur Württemberg, Baden und Elfafs- Lothringen Hopfenbau von einiger Bedeutung. In Württemberg hat diefe Cultur in den letzten Jahren eine ziemliche Ausdehnung erlangt; 1867 bis 1871 find durchſchnittlich 15.691 Morgen( 0.57 Percent der gefammten Ackerfläche) mit Hopfen beftellt gewefen und lieferten einen jährlichen Ertrag von über 60.000 Centner. Die aus Württemberg zahlreich ausgeftellten Hopfenmufter, fo die von der landwirthfchaftlichen Centralftelle in Stuttgart und F. Wirth( Kaltenberg) ausgeftellten Collectionen württembergifcher Hopfen, waren wohl geeignet, eine genaue Veranfchaulichung der Hopfenproduction des württemberg'fchen Landes zu bieten. Die Centralftelle des landwirthfchaftlichen Vereines in Baden brachte 16 Sorten von Pfälzer Hopfen, fehr überfichtlich und lehrreich geordnet. Im Elfafs wird der Hopfenbau in rationellfter Weife betrieben und hat die Ausdehnung und Erweiterung diefer Cultur dafelbft einen hohen Grad erreicht: im Jahre 1866 belief fich die Ernte auf 24.760 Centner, von welchen 22.800 Centner in den Diftricten des Niederrheins auf 1200 Hektaren gewonnen wurden; Hagenau, Bifchweiler und Sand erzeugen fehr feine Qualitäten. Nordamerika, deffen Hopfen von vorzüglicher Qualität fein foll, England und Frankreich, wo in manchen Gegenden Hopfen aus Saazer Fechfern erbaut wird, der dem böhmifchen wenig nachfteht, hatten zu unferem gröfsten Leidwefen keinen Hopfen ausgeftellt. Belgien, welches 3960 Hektaren Hopfengärten befitzt, brachte fchönen inländifchen Hopfen( von C. Valcke in Poperinghe, Gebrüder Veys in Vlamertinghe exportirt), zum Theil geprefst. Selbft Dänemark war mit einer Probe Hopfen, ausgeftellt von den Kaufleuten Puggaardt und Hage in Nakskov, vertreten, welche jedoch in der Qualität Manches zu wünſchen übrig liefs. Die Oelpflanzen. Indem wir nur die wichtigften derfelben herausheben und uns blos auf die Hauptverhältniffe der Cultur der Oelfaaten befchränken, können wir uns bei diefer Gruppe der Handelsfrüchte überhaupt bedeutend kürzer faffen, als es bisher gefchehen ift. Der Raps( Braffica napus oleifera) und Rübfen( Braffica rapa oleifera), welche beide als Winter- und Sommerfrüchte cultivirt werden, indem fie Rüböl und als Viehfutter dienende Prefsrückstände( Oelkuchen) liefern, mit den Varietäten Biewitz und Awehl, bilden einen wichtigen Zweig der Ackerproduction, namentlich für Böhmen, wo im Jahre 1872 im Ganzen auf 21.075 Joch 321.165 Metzen Raps geerntet worden find; und für die ungarifchen Länder ift der Anbau von Raps von der gröfsten Bedeutung; derfelbe hat aber auch in Mähren, Galizien und Oefterreich ungemein zugenommen. Im Jahre 1870 find in Weftöfterreich 776.162 niederöfterreichifche Metzen Raps- und Rübfamen im Werthe von 4.622.128 fl. gefechset. In Deutfchland hat fich der Anbau von Oelgewächfen zwar ftark vermehrt und ift namentlich die Rapscultur faft überall verbreitet, bei der zunehmenden Verwendung des Oels für technifche Zwecke ift aber der Anbau für den eigenen Bedarf nicht ausreichend und find in den letzten Jahren mehr Die gewerblichen Pflanzen. 121 Oelfämereien vom Auslande bezogen worden, als Deutſchland dorthin abzugeben vermochte. Es war nämlich in dem fünfjährigen Durchfchnitte von 1867 bis 1871 die Einfuhr 2,263.942 Centner, die Ausfuhr dagegen 1,627.978 Centner. Die Oelgewächfe bilden übrigens einen wichtigen Ausfuhrartikel der Oft- und Nordfee häfen nach Frankreich, den Niederlanden und Grofsbritannien. Wir fahen in der Weltausftellung fchönen gleichmässigen Winterraps( Pavillon Schwarzenberg), hübfchen Landraps und Rübfen( Steiermark, Ober- Oefterreich, Schlefien), prächtigen Raps in der böhmifchen Collectivausftellung( Domäne Perču), hübfchen Sommerraps in der Ausstellung des landwirthschaftlichen Vereines in Znaim( Mähren), ergiebigen kleinkörnigen Winterraps( Barzdorf in Schlefien) mit einem Ertrage von 28 Metzen Körner à 76 Pfund und 40 Centner Stroh per Joch, und ausnehmend fchönen Rübfen( von Reininghaus aus Steinfeld bei Graz). Ungarn ftellte hie und da ebenfalls fchönen Raps aus, befonders Seine kaiferliche Hoheit Erzherzog Albrecht( Pavillon), der landwirthfchaftliche Verein des Prefsburger Comitates, Graf Alajos Károlyi u. f. w. Deutfchland brachte in den einzelnen Collectiv und Specialausftellungen Proben von allen Arten und Varietäten der Oelgewächfe; Rufsland zeigte die wilde Rapsfaat( 9 Pud 8 Pfund) und cultivirte Rapsfaat( 9 Pud), fowie fchönen ruffifchen Raps( Zapevaloff); die Niederlande fchönen früh- und spätreifenden Raps( aus dem Harlemermeer), darunter den grofskörnigen holländifchen Raps; felhft Schweden, Spanien, Italien und Rumänien haben hübfche Rapsproben ausgeftellt. Der Mohn( Papaver somniferum L.), aus Kleinafien ftammend, wird in Mitteleuropa als Speiſematerial, in Vorderafien, Oftindien, Egypten und Algerien jedoch zur Gewinnung des Opiums, der officinellen Samenkapfeln( Capita papaveris) und des ölreichen Mohnfamens wegen cultivirt. In der Ausftellung waren die weifs- und fchwarzfamigen Varietäten in mehreren Sorten zahlreich vertreten. Schönen efsbaren Mohn ftellten namentlich die öfterreichifchen Länder, vor Allem Mähren, aus; die landwirthschaftliche Lehranftalt in Znaim, dann A. Popper ( Zborowitz) brachte beispielsweife grauen mährifchen Mohn zu 74 Pfund und blauen mährifchen Mohn zu 76 Pfund, der Metzen, fchwer. Aus Böhmen, wo 1872 von 1892 Joch 17.043 Metzen Mohn geerntet worden find, war in der Ausstellung des Königreiches Böhmen, dann von Wilhelm Lahn( Jitfchin) tadellofer Mohn, aus Steiermark weifser und fchwarzer Mohn u. f. w. ausgeftellt. Ungarn hat den Riefenmohn, den blaublühenden grofsen und kleinen Mohn, dann den weifsgrauen Mohn exponirt. Auch aus den Niederlanden und aus Belgien war Mohn ausgeftellt. In der franzöfifchen Ausftellung konnte man Opiummohn in breiten, hohen Kapfeln und blauweifsen Samen, fowie den fchwarzen und den perfifchen weissen Mohn bemerken; man zieht dort zum Anbau die blaufamige Varietät des Mohns vor, weil diefe ein wirkfameres Opium liefert. Doch hat die Türkei die prachtvollften und verfchiedenften Mohnforten zur Opiumgewinnung ausgeftellt; in der amerikaniſchen Abtheilung war Mohn aus New- Orleans. In der türkischen Abtheilung waren mehrere Sorten vorzüglichen Opiums, dann 7 Sorten des Opiummohns in Mohnkapfeln und Samen von länglich- eiförmigen Kapfeln mit grauweifsen, fehr feinen Körnern bis zu den grofsen Kapfeln mit fchwarzblauem vorhanden. Samen Auch Egypten ftellte Mohnköpfe aus. Die Mohnpflarze, welche dafelbft zur Opiumgewinnung angebaut wird, ift diefelbe, wie die bei uns in Europa gezogene; fie entwickelt jedoch bei anderen klimatifchen Verhältniffen in Afrika und Afien jene Eigenfchaften, welche in der Heilkunde fo fegensreich wirken, aber bei übermäfsigem Gebrauche als Betäubungsmittel ganze Völker vernichten können. Um das Opium zu erzielen, wird die Mohnpflanze von den Eingebornen Afrikas nur in Egypten, und zwar heute nach Schweinfurth nur in Oberegypten angebaut. Dem Anbaue des Zuckerrohrs und der Baumwolle wird der Mohn in Egypten wohl ganz weichen müffen. 122 Ant. Adam Schmied. Sodann wird aber auch in Marocco, namentlich in der Oafe Tuat, Mohn des Opiums wegen angebaut, aber, wie Rohlfs mittheilt, immer nur der Art, dafs der Gewinn des Mohnfamens behufs Oelbereitung die Hauptfache bleibt, indem die Köpfe nur oberflächlich geritzt werden, damit der Samen feiner Hülfung unberaubt zur Reife kommen kann. Doch darf das in Marocco verbrauchte Opium in den grofsen Städten nur durch von der Regierung beftellte Leute, die meiftens auch den Tabakverkauf haben, verkauft werden. Seit dem Opiumkriege der Briten und dem Frieden von Nanking( 1842) hat fich der Verbrauch des Opiums im Orient fehr gefteigert; Indien exportirte Opium 1864-65 nach China für 9,911.804 Pfd. St. Sefam( Sefamum L.) kommt in dem Welthandel in zwei Arten vor, als weifser Sefam, S. orientale L., welcher in Algier, Malta, Griechenland cultivirt wird, weifslichen, gelblichen bis röthlichen Samen hat und das helle, wohlfchmeckende Sefamöl liefert, und als fchwarzer Sefam, S. indicum L., welcher aus Oftindien kommt. Der gelbliche und fchwarze Sefam gibt mehr Oel, als der röthliche; befter Sefam kann bis 60 Percent Oel geben; der griechifche Samen ift gelb, der Sefam von Chalcis beinahe weifs. In der Ausftellung Griechenlands habe ich mich umfonft nach Sefam umgefehen; dagegen habe ich in der Specialausftellung Portugals fchönen Sefamum indicum, in der Ausftellung hübfchen dunklen Sefam und in der türkifchen Ausftellung mehrere Proben tadellofen Sefams in faft allen vorkommenden Schattirungen gefunden. Ricinus wird in Indien, Südeuropa und Nordamerika cultivirt. Die fchönften Ricinus und Curcasfamen hat Portugal ausgeftellt. Auch Italien brachte hübfche Proben von Ricinus communis L., dann fchöne Pflanzen und Samen von Ricino d'africa( Stefan Ritter Deftefani). Der Senf( Sinapis L.) war in den beiden Abarten, als weifser Senf S. alba L.), welcher aus Südeuropa ftammt und bei uns als Speifefenf und behufs Gewinnung des officinellen weifsen Senffamens( Sem. Erucae) cultivirt wird, fowie als fchwarzer Senf( S. nigra L.), welcher zur Bereitung von Senföl und Senfpflaftern dient, ausgeftellt. Vereinzelt konnte man den Senf in einigen Expofitionen der mitteleuropäiſchen Länder, namentlich der öfterreichifchen Monarchie, dann aus den Niederlanden und Italien fehen, fo den weifsen und fchwarzen, den braunen Senf( aus Dänemark), den grofsen gelben englifchen Senf, den neuen chinefifchen Senf( S. pekinensis) mit kleinen Körnern, den weifsgelben und dann den grofskörnigen fchwarzen Senf. Von Leindotter( Camelina fativa), welcher in Europa und Nordafien cultivirt wird, waren wohl nur fehr wenige Proben ausgeftellt; ich habe ſchöne Proben davon in der Collectivausftellung aus der Bukowina und in der Expofition des Freiherrn von Sina( Roffitz in Mähren), dann in der Mecklenburg- Schwerinifchen Collectivausftellung gefehen. Die Sonnenblume( Helianthus annuns L.), aus Mexico ftammend, wird befonders in Rufsland, namentlich in fumpfigen Gegenden zur Verbefferung des Klimas, gezogen. Im Pavillon der Fürften Schwarzenberg waren weifse, fchwarze und geftreifte Sonnenblumen ausgeftellt. Die Pflanze ift einer warmen Empfehlung zum gröfseren Anbau werth, fchon defshalb, weil fie die merkwürdige Eigenfchaft befitzt, die mit Miasmen gefüllte Luft zu reinigen. Die Samen der Sonnenblume enthalten 40 Percent eines angenehmen Oeles, welches nur dem Olivenöl nachfteht; auch liefern fie ein gutes Kaffeefurrogat; in den Stengeln follen Salpeter und Potafche in gröfserer Menge fich vorfinden und die Blätter liefern nebftdem ein gutes Viehfutter. Nach englifchen Berichten find im Jahre 1866 mehr als 100.000 Centner Sonnenblumenöl mit einem Werthe von 112 Millionen Rubel in Rufsland gewonnen und zum Theil auch ausgeführt worden. Die Erdnufs oder Erdeichel( Arachis hypogaea L.) diefe wichtige Culturpflanze in Mittelafrika und Oftindien, welche in der Erde reifende Die gewerblichen Pflanzen. 123 43 bis 50 Percent fetten, nicht trocknenden Oeles enthaltenden Samen trägt, habe ich in vorzüglichen Proben in den Ausftellungen Chinas, Italiens, fowie auch Portugals angetroffen. Die Wichtigkeit diefer Frucht ift aus der Mittheilung erfichtlich, dafs die jährliche Ausfuhr der Küftenländer von Senegambien bis 80 Millionen Kilo Samen beträgt; aus Madras wurden 425.000 Kilo Oel, welches zur Verfälschung des Olivenöls dient, in einem Jahre verfchifft. Die Weberkarde( Dipsacus Fullonum L.), deren Wurzel und Kraut officinell find, und welche in den mit elaftifchen Häkchen befetzten Fruchtböden die Karden zum Rauhen des Tuchs liefert, wird namentlich in Südeuropa, Italien, Frankreich, England, Belgien, Deutfchland und Oefterreich cultivirt. Deutfchland, welches Karden in Schlefien, Sachfen, Baiern und Württemberg anbaut, hat einige treffliche Proben desfelben aus der Rheinprovinz und aus Baiern vorgeführt. Weftöfterreich, welches hauptfächlich in Oberösterreich, und zwar im Mühlkreis, Karden in gröfserer Ausdehnung cultivirt, indem hier im Jahre 1869 von 452 Joch 1225 Klafter 44.690 Mille Karden geerntet worden find, ftellte befonders in der Expofition der k. k. Landwirthfchaftsgefellſchaft in Linz vortreffliche Karden aus, beiſpielweife je von Franz Langauer in Langenftein; Jacob Ritter von Godigna( Capodiftria im Küftenland) ftellte 8 bis 9 Fufs hohe Kardenpflanzen aus; auch in der böhmifchen Collectivausftellung waren einige Proben von Karden vorhanden. Die prächtigfte Kardenfammlung haben aber J. F. Miftral frères( St. Rémy de Provence, Frankreich) ausgeftellt; es waren darunter feine Karden von 1 bis 3 Zoll Gröfse vertreten. In der italienifchen Abtheilung waren ebenfalls fehr fchöne Karden; ebenfo in der ruffifchen Ausftellung( exponirt von Skirmund aus Minsk) und hie und da auch in der ungarifchen, wie zum Beiſpiel die von C. A. Kraetfchmar( Rimafsombat) und der Herrfchaft Léva( Ritter von Schoeller) vorgeführten. In den Ausftellungen der anderen Länder haben wir keine Karden gefunden. FREMDLÄNDISCHE PFLANZENSTOFFE ZU INDUSTRIELLEM GEBRAUCHE. ( Gruppe II, Section 1.) Bericht von DR. JULIUS WIESNER. Die grofsen Erfolge der modernen Induftrie beruhen nicht nur auf der Art, wie aus dem Rohmateriale das Fabricat erzeugt wird, fondern auch darauf, was verarbeitet wird, auf der zweckmäfsigen Auswahl der Rohftoffe. Vor etwa hundert Jahren war es für den englifchen Gewerbsmann nicht fchwer, und für den öfterreichifchen leicht, fich fein Rohmateriale auszufuchen. Die eigene Heimat erzeugte nämlich faft Alles, was man gewerbsmäfsig verarbeitete. Heute ift es anders. Aus den fernften Ländern ftrömen die Naturerzeugniffe nach den Centralpunkten des Handels, und gelangen von hier aus in unfere Fabriken. 124 Dr. Julius Wiesner. Die Induftrie eines Landes fteht im grofsen Ganzen defto höher, je weiter fie zur Erlangung des Rohmateriales ausgreift. Die englifche Textilinduftrie bezieht ihre Gefpinnfte und Webeftoffe gegenwärtig aus allen Welttheilen, und unfere heimifchen Spinnereien, Webereien und Seilerwaaren- Fabriken begnügen fich nicht mehr, wie vor hundert Jahren mit den eigenen Naturerzeugniffen mit Wolle, Hanf und Flachs: fie beziehen beiſpielsweife ihre Baumwolle aus Egypten. Kleinafien, Perfien, Indien, Nord- und Südamerika etc.; fie verarbeiten die oftindifche Jute, den Manillahanf der Philippinen, die amerikaniſche Pitefafer u. f. w. Warum die Induftrie oft fo weit ausholen mufs, um das zweckmäfsigfte Rohmateriale zu erlangen, die Beantwortuug diefer Frage ift wohl nicht fo einfach, als dafs fie fich mit wenig Worten erfchöpfen liefse. Es dürfte indefs für unfere Betrachtung genügen, auf die Verfchiedenartigkeit der Naturerzeugniffe nach klimatifchen Verhältniffen hinzuweifen, um wenigftens einigermafsen den Zug der modernen Induftrie zu erklären auf die Rohftoffe des Welthandels, und nicht allein auf die des eigenen Landes zu reflectiren. Die Weltausftellungen haben aufserordentlich viel dazu beigetragen, den Gewerbetreibenden zu zeigen, welchen immenfen Vorrath an den verfchiedenften Naturerzeugniffen der Welthandel für die Induſtrie bereithält. Der Auffchwung der europäiſchen Jutewaaren- Fabrication, die Einführung des Chinagrafes, des Esparto, der Piaffave, mehrerer ausländifcher Holzarten, Gummi- Arten, Harze, Gerb- und Farbftoffe etc. in die europäiſche Induftrie ift ihnen zum grofsen Theile zu danken. Die abgelaufene Weltausftellung in Wien hat die techniſch verwendbaren Rohftoffe des Erdballs uns allerdings nicht mit Vollständigkeit vorgeführt, es fanden fich viele Lücken vor; es waren auch, wenn man vom Orient abfieht, die rohen Pflanzenftoffe der fremden Länder minder reichlich, als auf der letzten Parifer Ausftellung vertreten. Die franzöfifchen und englifchen Colonien, Brafilien und viele andere Länder hatten damals ein weitaus reicheres Contingent an vegetabilifchen Rohftoffen geftellt. Allein es will uns fcheinen, dafs die aufserordentlich reichen RohftoffCollectionen, welche wir damals zu fehen bekamen, fo lehrreich fie für den Naturforfcher waren, fo anregend fie auf denjenigen wirken mufsten, welcher fich mit dem Studium der technifchen Waarenkunde befchäftigt, doch an Nützlichkeit für den Induftriellen gegen die Vorführung der fremdländifchen rohen Pflanzenftoffe auf der Wiener Ausftellung zurückftanden; es wurde damals offenbar zu viel geboten, unter zahlreichen, ziemlich belanglofen Materialien fanden fich allerdings einzelne, wahrhaft empfehlenswerthe Objecte vor. Vielen Induſtriellen mochte beispielsweife bei Befichtigung der franzöfifchen Colonien die Geduld ausgegangen fein, ehe fie damit zu Stande kamen, die zahlreichen fremdländifchen Stärkeforten, oder Arten von vegetabilifcher Seide, denen zumeift durch mündliche und gedruckte Angaben über Verwendbarkeit ein gröfseres Lob gefpendet wurde, als fie in der That verdienten, durchzunehmen. Die bei der Wiener Weltausftellung vertreten gewefenen Collectionen von rohen Pflanzenftoffen waren meift concentrirte, enthielten im Allgemeinen weniger Nebenfächliches, und waren defshalb, nach unferem Dafürhalten, für den Mann der Praxis lehrreicher, als die der letzten Parifer Expofition. Von ganz hervorragendem Werthe war in der genannten Beziehung die Weltausftellung für unfere öfterreichifchen Gewerbetreibenden. Wenn man nämlich unferen Rohftoff Handel mit jenem von England, Frankreich oder Holland vergleicht, fo kann nicht entgehen, dafs wir in der Verarbeitung fremdländifcher Rohftoffe noch vielfach zurück find, wenn auch ein erfreulicher Auffchwung in den letzten zehn Jahren nicht zu verkennen ift. Freilich wird man uns einwenden, dafs Länder mit Colonialbefitz rafcher in die Lage kommen, fremde Rohftoffe kennen zu lernen und zu erwerben. Das ift allerdings nicht zu leugnen; allein Oefterreich ift auch gegen andere Länder zurückgeblieben, welche in Bezug auf Fremdländifche Palanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 125 Erwerbung fremdländifcher Rohftoffe fich in gleicher Lage wie wir befanden, z. B. gegen Deutfchland. Es fpricht fich diefs namentlich im Materialhandel aus, wie ein Vergleich der Preisliften unferer Materialwaaren Händler mit jenen Deutfchlands zeigt. Neuere, werthvolle Materialwaaren, wie Quillajarinde( Seifenrinde, Panamarinde), Gurjunbalfam, Port Natal Arrow- root, Balata etc., im deutfchen Handel bereits vorhanden, fehlen entweder bei uns noch ganz, oder gelangten fpäter als dort auf den Markt. Oefterreich, das in fo vielen Beziehungen in kürzefter Frift einen ungeahnten Auffchwung genommen hat, wird auch wohl rafch das eingeholt haben, was es bis jetzt in der Nutzbarmachung fremdländifcher Rohftoffe für die Induftrie verfäumte. Die nachfolgenden Zeilen follen auf einige beherzigungswerthe Anregungen hinweifen, welche in der genannten Richtung die Weltausftellung gegeben hat. Die Rohftoffe des Pflanzenreiches, welche die europäifche Induſtrie aus den anderen Welttheilen bezieht, kommen faft durchgängig aus den warmen und heifsen Ländern. Klima und Boden begünftigen dort die Vegetation in erftaunlicher Weife. Die Menge von Stärkemehl, welche dort eine beftimmte Bodenfläche hervorbringt, ift eine weit gröfsere als bei uns. Und nicht nur Tropenpflanzen, wie Bataten, Brodfruchtbäume, felbft unfere Getreidepflanzen, z. B. der Weizen, produciren dort relativ mehr Stärke, als unfere Kartoffeln und unfere Cerealien. Aehnlich verhält es fich mit der Erzeugung von Zucker, Fafern Pflanzenfetten u. f. w. Die ergiebigften Quellen der vegetabilifchen Rohftoffe find die tropifchen und fubtropifchen Länder. Die Nutzbarmachung der organifchen Naturerzeugniffe jener gefegneten Gegenden der Erde in der europäiſchen und nordamerikanifchen Induftrie gehört zu den hervorragendften Erfcheinungen der modernen Cultur.* Unter den nach Hunderten zählenden Arten von Rohftoffen, welche in den Induftrie- und Agriculturhallen des Praters zu fehen waren, hat fich von den Producten Chinas und Japans abgefehen kein einziger gefunden, der nicht auch fchon auf früheren Ausstellungen vertreten gewefen wäre, oder deffen Exiftenz nicht fchon durch die wiffenfchaftliche Literatur bekannt geworden wäre. Alle die mannigfaltigen Holzforten, die zur Oelpreffung empfohlenen Samen, die als Gerbmaterialien vorgefchlagenen Rinden und die verfchiedenen Arten von vegetabilifchem Wachs u. f. w. find für den Fachmann auf dem Gebiete der Waarenkunde nicht neu; zumeift find es Stoffe, die von irgend einem, der Civilifation noch nicht unterworfenen Volksftamme fchon feit Urzeiten verwendet werden. Wir heben diefs hervor, weil, abgefehen von den Fachmännern, die übrige Welt die kürzlich in die Induftrie eingeführten Rohftoffe für moderne Entdeckungen hält, was fie durchaus nicht find. Der Kautfchuk wird feit Urzeiten von den füdamerikaniſchen Indianern benützt, wie die Gutapercha von den Malayen, die Jute und der Indigo von den Hindus, das Palmfett von den Negern Guineas u. f. w. Diefe Erfindungen und Entdeckungen uncivilifirter Völkerfchaften, durch deren angeborenen Spürfinn zuwege gebracht, find eine nicht zu unterfchätzende Leiftung, die der modernen Cultur zugute kommt und zur Hebung der Induftrie noch fehr viel beitragen wird. Denn Taufende von derartigen Rohftoffen harren noch der Prüfung durch das Auge des Praktikers und Hunderte von Objecten wären auch der Prüfung werth. Langfam aber unaufhörlich vergröfsert fich die Zahl der in die europäiſche Induftrie eingeführten, feit alter Zeit fchon in Verwendung ftehenden Rohftoffe des Pflanzenreiches. Es wäre keine leichte und gewifs eine höchft umfangreiche Arbeit, Alles zufammenzuftellen, was an fremdländifchen Pflanzenftoffen Intereffantes auf der Ausftellung zu fehen war; wollte man gründlich zu Werke gehen und die Abftammung, Kennzeichen, Eigenfchaften und die Verwendbarkeit aller jener in der * Siehe Ausland 1869. Nr. 35. Die Jute. 126 Dr. Julius Wiefner. europäiſchen Induftrie noch fremden Körper darlegen, fo müfste man wohl ein ganzes Buch fchreiben. Ich werde mich in den nachfolgenden Zeilen blos damit begnügen, auf jene in unferem Handel noch ganz oder faft ganz unbekannte Pflanzenftoffe aufmerksam zu machen, deren Einführung leicht und empfehlenswerth wäre, und verweife im Uebrigen auf ein gröfseres, kürzlich erfchienenes Werk, in welchem ich den Verfuch machte, alle in der Induftrie verwendbaren Rohftoffe des Pflanzenreiches ausführlich und von wiffenfchaftlichen Gefichtspunkten aus zu bearbeiten.* Auf die in ihrem Werthe für uns noch fehr problematifchen Materialien von China und Japan wollen wir hier nicht eingehen. Es muss einem späteren Zeitpunkte vorbehalten bleiben, über diefe Körper zu referiren, bis wir uns durch eigene Unterfuchungen ein Urtheil über die gewerblichen Eignungen diefer Rohftoffe werden gebildet haben. Aus den eben angedeuteten Gründen nehmen wir hier nur auf die Pflanzenftoffe der warmen und heifsen Länder Rückficht. Es fei erlaubt, an diefer Stelle darauf aufmerksam zu machen, dafs die Sammlungen der franzöfifchen Colonien auf der Ausftellung unter allen ähnlichen Collectionen den erften Rang einnahmen, weil deren Producte überfichtlich angeordnet, genau und wiffenfchaftlich beftimmt waren und ein trefflich redigirter Katalog uns über die einzelnen Objecte die nöthigen Auskünfte gab. Im Nachfolgenden befpreche ich blos die für die Einführung zu empfehlenden Pflanzenfafern, Stärkeforten, Oelmaterialien, Gummi und Harze. Andere Rohftoffe, zum Beiſpiel vegetabilifches Wachs, Rohkautfchuk, Catechu, Farbflechten etc. laffe ich in diefer kleinen Skizze unbefprochen, weil mir über diefe Körper auf der Ausftellung nichts Neues bekannt wurde, was von allgemeinerem technifchen Intereffe wäre. Die Gruppe Holz und einige andere übergehe ich hier, weil das mannigfaltige, fehr heterogene Intereffe, das fich an diefe Rohftoffe knüpft, zur Veranlaffung wurde, hierüber in anderen Abtheilungen des Berichtes abzuhandeln. Pflanzenfafern. Wer von den Befuchern der Ausftellung die mannigfaltigen Producte der warmen Länder, namentlich die von den englifchen, franzöfifchen, holländifchen und portugiefifchen Colonien zur Schau gebrachten Rohftoffe aufmerkſam betrachtet hat, dem werden gewifs die zahlreichen, im europäiſchen Verkehre zumeift. unbekannten Faferftoffe zum Spinnen, Weben, für die Papierfabrication und andere Zwecke aufgefallen fein. Die vegetabilifchen Faferftoffe, welche fich da vorfanden, zählten nach beiläufiger Schätzung- nach Hunderten. - Den Laien, der nur die gewöhnlichften vegetabilifchen Spinnmaterialien: Hanf, Flachs und Baumwolle kennt, fetzt der grofse Reichthum an Fafern, den die Natur darbietet, in Erftaunen; der mit Textilen befchäftigte Induftrielle betrachtet fie leider nur meift als intereffante Curiofa, denen eine praktiſche Bedeutung nicht zukommt. Dem Botaniker, welcher den feinen Bau der Pflanze kennt, imponirt das Heer von Pflanzenfafern weniger als dem Laien und dem Induftriellen; er weifs, wie viele Pflanzen eine reichliche Menge von feinen, ſpinnbaren Fafern führen, und dafs man aus Taufenden von Gewächfen Faferftoffe darzuftellen im Stande ift. Schon ein Blick auf unfere drei bekannteften vegetabilifchen Spinnmaterialien lehrt uns ihre grofse Verfchiedenartigkeit kennen und legt den Gedanken nahe, dafs die aus den heterogenften Pflanzen dargestellten Fafern fehr ungleichwerthig fein müssen. Diefs beftätigt nun auch eine eingehende Prüfung, und fie lehrt auch, dafs viele diefer Fafermaterialien durchaus nicht fo gering find, dafs fie nicht in Bezug auf Qualität mit Baumwolle, Hanf oder gar Flachs concurriren * Die Rohftoffe des Pflanzenreiches. Leipzig. Wilh. Engelmann 1873. Fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 127 könnten, umfomehr, als nicht wenige darunter exiftiren, die von den Urbewohnern der warmen Länder feit undenklichen Zeiten zur Herftellung von Bekleidungsgegenständen, Seilen u. f. w. fo angewendet werden, wie feit alter Zeit bei uns in Europa der Flachs. - Die Weltausftellungen bieten dem Induftriellen die befte Gelegenheit, die Faferftoffe der Welt kennen zu lernen, und die früheren Expofitionen zu Paris und London haben zur Einführung einiger Faferftoffe der Jute und des Chinagrafes in die europäiſche Induftrie nicht wenig beigetragen. Doch will es uns fcheinen, als würde die Gelegenheit zur Auffindung nützlicher Fafern auch diefs mal in Wien noch nicht gehörig ausgenützt worden fein. In den nachfolgenden Zeilen wollen wir auf jene Fafern hinweifen, welche der Einführung bei uns werth wären. -- Als wir den Bericht über die letzte Parifer Ausftellung fchrieben, war die Jute die Baftfafer von Corchorus capsularis bei uns noch fehr wenig gekannt. Wir betonten damals die Wichtigkeit der Jute Induftrie und haben den rafchen und in feinen Erfolgen ungeahnten Auffchwung der Juteverarbeitung in England hervorgehoben. - - Heute ift es wohl nicht mehr nothwendig, für diefen Faferftoff Propaganda zu machen; er ift bei uns bereits hinlänglich bekannt und feinem wahren Werthe nach meift gebührend gefchätzt. Vielleicht ist es nicht überflüffig hier zu erwähnen, dafs fich was früher beftritten wurde verfponnene und gewebte Jute ganz gut bleichen läfst und nebft weifser Farbe einen fchönen Glanz annimmt, fo dafs fie fich in diefer Beziehung fehr vortheilhaft vom Hanf unterfcheidet.- Die Hauptmaffe der Jute kommt bekanntlich aus ihrer Heimat, nämlich aus Indien und den umliegenden Infeln. In neuefter Zeit ift man beftrebt, die Cultur der Jutepflanze in vielen anderen warmen Ländern einzuführen; die Ausftellung führte uns z. B. Jute von Algier, Franzöfifch- Guyana, Mauritius u. f. w. vor. Mit der Einführung des Chinagrafes( tfchu- ma) der Baftfafer von Böhmeria nivea( Urtica nivea) in die europäifche Textilinduftrie geht es viel langfamer als mit der Jute vorwärts. Es liegt diefs theils darin, dafs die aus diefem Spinnftoffe verfertigten Gewebe gegen Seidengewebe fowohl in Glanz als Dauerhaftigkeit nachftehen und im Preife doch viel höher als gleich feine Baumwollgewebe ftehen; theils in dem Umftande, dafs wir in Europa aus dem rohen Baft der Böhmeria noch nicht jene feine, glänzende und langftapelige Fafer darzuftellen vermögen, die aus China als folche und in Form von Grass- cloth ausgeführt wird und bei uns als cotonifirtes Chinagras bezeichnet wird. Die Zukunft des Chinagrafes für Europa fcheint von feinem Preife abzuhängen. Gelingt es, durch maffenhaften Anbau der Pflanze die Rohfafer um Billiges in den Handel zu fetzen und ohne grofse Koften daraus eine cotonifirte Fafer zu gewinnen, fo mufs fie ihrer- im Vergleich mit der Baumwolle vorzüglichen Eigenfchaften halber fich ein grofses Terrain erobern. Der Anbau der Böhmeria nivea gewinnt immer mehr Ausdehnung. - Aufser China und Japan brachten Oftindien, Nordamerika, Martinique, Jamaika, Trinidad, Queensland, Mauritius, Réunion und Algier diefe Fafer zur Ausftellung. Die Nachrichten über die Acclimatisation der Pflanze in den genannten Territorien lauten allenthalben günftig. Ein dem Chinagras fehr nahe verwandter, oft mit ihr verwechfelter Spinnftoff ift die Ramiéfafer, die Baftfafer von Böhmeria tenacissima( Urtica tenacissima) welche im Süden und Often Afiens zu Haufe ift und dort feit alter Zeit gebaut wird. Die Fafer ift gröber und im cotonifirten Zuftande kürzer und weniger glänzend als das Chinagras. In England werden aus diefer Fafer fchöne, glänzende, weifse und gefärbte Gewebe dargeftellt, die aber gegen Chinagras- Gewebe zurückſtehen. Die Bedeutung der Ramié liegt nach unferem Dafürhalten nicht in der feinen, baumwollartigen Fafer, die fich aus der Rohfafer abfcheiden läfst, fondern vielmehr in letzterer 9 128 Dr. Julius Wiesner. felbft. Wer die ungemein feften und fchönen indifchen, aus diefem Materiale gefertigten Seile und Bindfaden gefehen hat, und ferner weifs, dafs die rohe Ramiéfafer an Feftigkeit und Dauerhaftigkeit die Hanffafer weit überfteigt, mufs die Einführung derfelben in unfer Seilergewerbe als einen Fortfchritt bezeichnen. Mit Ramié find bekanntlich- felbft in Mitteleuropa in neuerer Zeit vielfache Acclimatifationsverfuche gemacht worden. Es haben wohl nicht alle diefer Experimente ein pofitives Refultat gehabt. Die aus den warmen Ländern zur Ausstellung gebrachten Ramiéproben ftanden gegen die Faferftoffe aus den Heimatländern der genannten Pflanze nicht zurück. Aehnlich wie mit der Ramiéfafer, verhält es fich mit dem in Europa nämlich in England-- fchon länger bekannten neufeeländifchen Flachs. Es ift diefs eine aus dem Blatte von Phormium tenax( neufeeländifche Flachslilie) bereitete fehr fefte, zähe, auch im naffen Zuftande fehr dauerhafte Fafer. Wie manche der zahlreichen Proben, welche Neufeefand zur Schau ftellte, lehrte, laffen fich aus dem neufeeländifchen Flachfe Gewebe und Gefpinnfte erzeugen, die gebleicht und ungebleicht in Verwendung kommen können. Ungleich wichtiger, als diefe, find jedoch die aufserordentlich widerftandsfähigen und feften Bindfaden, Seile und Taue, die fich aus diefer Fafer herftellen laffen. Phormium tenax wird nicht nur in Neufeeland und Neuholland, Oftindien, Weftindien, Mauritius, Réunion und Natal gebaut; auch im Süden Europas kommt die Pflanze fort, keineswegs gedeiht fie aber da fo üppig, als dafs Hoffnung vorhanden wäre, von dort her die Fafer einmal für den Handel zu erhalten. Die bedeutendften Productionsländer des neufeeländifchen Flachfes find Neufeeland und Neufüdwales. - Im europäiſchen Handel noch ganz unbekannt find zwei oftindifche Fafern, welche unter den englifchen Colonialproducten zu fehen waren, die an Feftigkeit alle anderen bis jetzt bekannten vegetabilifchen Textilftoffe überragen, nämlich die Yer cum fibre und die Jetee fibre. Beide ftammen von Pflanzen aus der Familie der Asclepiadeen her; erftere ift die Baftfafer von Calotropis gigantea, letztere die Baftfafer von Marsdenia tenacissima. Während ein Jutefeil fchon bei einer Belaftung von 140 Gewichtseinheiten zerreifst, verträgt ein Seil aus der Jeteefafer bei gleichem Querfchnitt eine Belaftung von 248 Gewichtseinheiten. Zur Herftellung von Seilerwaaren, welche hohe Feftigkeit befitzen follen, wären die beiden genannten Fafern zu empfehlen. Der Fafer Sunn möge endlich auch von unferen Hanf und groben Flachs verarbeitenden Induftriellen einige Aufmerkfamkeit zugewendet werden. Es ift diefs ein fehr fefter Faferftoff, den man in Indien fchon feit Langem aus der zu den fchmetterlingsblüthigen Gewächfen gehörigen Crotalaria juncea, welche im Süden Afiens namentlich in Indien, auf Java nnd Borneo cultivirt wird, abfcheidet. Die letzte Parifer Ausftellung hat ihn zur Anfchauung gebracht, wir machten im Berichte über jene Weltausftellung darauf aufmerkſam, doch wie es fcheint ohne Erfolg. In England hat er jedoch in den letzten Jahren Eingang gefunden. Der Sunn fieht allerdings nicht fehr empfehlenswerth aus, da die im Handel erfcheinende Waare ftets einen wergartigen Charakter hat. Es liegt diefs aber in dem bis jetzt üblichen fehr primitiven Röftverfahren. Durch eine vervollkommnetere Abfcheidungsmethode wird der Faferftoff an Feinheit und Gleichmässigkeit gewinnen. Feftigkeit und Widerftandskraft gegen den Wechfel von feucht und trocken zeichnen auch diefe Fafer aus. In einer Eigenfchaft übertrifft der Sunn- fo weit die bis jetzt angeftellten Verfuche reichen alle anderen bekannten Faferftoffe, nämlich in feiner geringen Hygrofkopicität. Während diefe Rohftoffe gewöhnlich bis 16 und 22 Percent Waffer aus der Luft aufzunehmen vermögen, ja felbft einige exiftiren, die 40 und 50 Gewichtspercente Waffer in feuchter Luft fich aneignen können, nimmt der Sunn, welcher bei gewöhnlicher Luftfeuchtigkeit blos 5 bis 6 Percent Waffer enthält, blos 10 bis II Percent Waffer im feuchten Raume auf. Für den Käufer ift diefe Eigenfchaft aber umfo- Fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 129 weniger gleichgiltig, als bei dem Verkaufe vegetabilifcher Fafern auf die in denfelben enthaltenen Waffermengen keine Rückficht genommen wird. Der in den Colonialausftellungen reich vertretene Manilla hanf( Mufaoder Bananenfafer) und die Cocosnufsfafer( Coïr) find unferen Induftriellen wohl fchon fo bekannt, dafs es nicht nothwendig erfcheint, auf diefelben nochmals aufmerksam zu machen. Auch die Pite, die Fafer mehrerer Agaven, fälfchlich Aloefafer genannt, ift in den letzten Jahren als„ Fibris" in Wien bekannt und zur Herftellung von Bürften u. dgl. fchon vielfach benützt, fo dafs es genügen dürfte, die Länder namhaft zu machen, welche diefe Rohftoffe bei uns ausftellten, nämlich: Martinique( Agave mexicana), Guadeloupe( Agave americana und A. foetida), Guyana, Brafilien, Venezuela,* Indien, Mauritius, Réunion, Algier etc. Central- und Südamerika find die bedeutendften Producenten diefes Faferftoffes. - Die bei uns fchon bekannte Piaffave aus Brafilien war auch bei diefer Ausftellung gut vertreten. Ehe wir zur Betrachtung der zur Ausftellung gebrachten vegetabilifchen Seide, der Wolle der Wollbäume und des vegetabilifchen Rofshaares übergehen, wollen wir noch jene, gegenwärtig für den europäifchen Handel noch gänzlich belanglofen, vegetabilifchen Fafern hervorheben, die, in den Heimatländern mehr oder minder ftark benützt, vielleicht fpäter auch unferer Induſtrie zugute kommen dürfte. Hieher find zu rechnen die Baftfafern von zahlreichen Hibiscusarten ( H. cannabinus, tiliaceus, Sabdariffa etc.; hauptfächlich in Indien gewonnen und benützt); die echte Aloefafer, die echte Ananasfafer, die Vacoa oder Vacoua, beftehend aus den Blattfafern von Panadneen, hauptfächlich auf Réunion, Mauritius und in Franzöfifch- Indien erzeugt und zur Herftellung grober Stücke verwendet etc. Die vegetabilifche Seide, die Samenhaare zahlreicher Asclepiadeen und mehrere Apocyneen, war diefsmal zum gröfsten Glücke nicht fo stark vertreten, als auf der letzten Parifer Ausftellung. Die franzöfifchen Colonien brachten damals eine fo grofse Zahl von Sorten zur Ausftellung, dafs man leicht auf den Gedanken hätte kommen können, man habe es hier mit irgend einer wichtigen Waare zu thun. So fchön und glänzend aber auch diefe Seidenarten der Pflanzenwelt ausfehen, fo wenig find fie werth. Die Fafer ift fchwach und dabei fpröde, zu Gefpinnften wenig geeignet.** Gerade diejenigen Sorten, welche maffenhaft in den Handel geftellt werden könnten, wie die Samenhaare von Asclepias gigantea und curaffavica fcheinen am wenigften werth zu fein, in die Textilinduftrie eingeführt zu werden. Die ziemlich unbeachteten Samenhaare von Baumontia( aus Oftindien) dürften ihrer verhältnissmäfsig grofsen Feftigkeit halber hiefür fich als zweckmäfsiger erweifen. Zur Erzeugung von Kunftblumen und verwandten Kunftgegenständen ift die vegetabilifche Seide ungleich tauglicher, als für textile Zwecke und wird hiefür auch fchon verwendet. Man hat fie auch als Polftermateriale, nämlich als Erfatzmittel für Eiderdunen empfohlen; allein die Brüchigkeit der Fafer läfst eine derartige Verwendung wohl nicht recht zu. Die vegetabilifche Seide war faft nur durch Proben der franzöfifchen Colonien vertreten. Der Katalog der franzöfifchen Colonien gab fich fichtlich Mühe, den Werth der vegetabilifchen Seide ins günftigfte Licht zu ftellen und diefen in der genannten Ausftellungsgruppe reichlich vertretenen Rohftoff der europäifchen Induftrie wärmftens zu empfehlen. Befcheidener als die vegetabilifche Seide trat die Wolle der Wollbäume auf; fie wollte nirgend mehr fcheinen als fie in der That ift, nämlich ein * Die von Venezuela ausgeftellte Fafer ,, Cocuifa" gehört unter Pite; fie ftammt von Fourcroya gigantea. ** Nach dem Kataloge der franzöfifchen Colonien foll die Firma Delebart Mallet in Lille aus ,, Fafetone"( Samenhaare von Afclepias gigantea) vom Senegal fchöne Gewebe erzeugen. 130 Dr. Julius Wiesner. erprobtes Erfatzmittel für Bettfedern. Diefes feine Materiale befteht aus den Samenhaaren mehrerer Bäume aus der Familie der Bombaceen. Wir bemerkten von diefem Rohftoffe folgende Sorten:„ Paina limpa" von Brafilien( Samenhaare von Bombax heptaphyllum und B. ceiba), den„ Kapok" aus den holländifchen Colonien( von Eriodendron anfractuosum), den„ Edrédon végétale" aus den weft indifch- franzöfifchen Colonien, auch ,, Patte de lièvre" genannt( von Ochroma Lagopus); Venezuela ftellte unter dem Namen ,, Lana vejetale" theils die Wolle von Ochroma Lagopus, theils jene von Bombax cumanenfis aus. Die Wolle von Ochroma Lagopus ift braun, jene der Bombaxarten theils weifs, theils nur wenig gefärbt. Alle Arten diefer vegetabilifchen Wollen beftehen aus einer zarten, nicht fpröden Fafer und bilden ein weiches, elaftifches Polftermateriale. In Holland fteht der„ Kapok" fchon in ftarker Verwendung; auch in Deutſchland hat man die Samenhaare von Eriodendron anfractuosum bereits eingeführt und der Waare den Namen Pflanzendunen gegeben. Die in Büchern nicht felten anzutreffende. Angabe, dafs die Wolle der Wollbäume als folche und mit Baumwolle gemengt zu Geweben tauglich fei, worüber wir gelegentlich wegen der Schwäche des Fadens unferen Zweifel ausfprachen ,. fcheint doch auf einem Irrthume zu beruhen; wenigftens hörten wir von keinem Ausfteller irgend etwas von einer derartigen Verwendung und auch die Ausftellungskataloge führten die vegetabilifche Wolle ftets nur als ein Polfterungsmaterial auf. Unter den groben Pflanzenfafern der warmen Länder verdienen alle jene Beachtung, welche als vegetabilifches Rofshaar( crin végétal) bezeichnet werden. Das Beftreben, dem fo theueren Rofshaare ein Material zu fubftituiren, welches dem erfteren in den Eigenfchaften möglichft nahe kommt und wenigftens bei flüchtiger Betrachtung gleicht, ift lange vorhanden. Sehr stark verwendet man bei uns und in Deutfchland als Rofshaarfurrogat die Blätter einer Segge, der Carex brizoïdes, welche von Oberöfterreich und aus einzelnen Gegenden des Grofsherzogthums Baden in grofser Menge in den Handel gefetzt werden. Das Material ift wenig elaftifch und auch nicht fehr dauerhaft, jedenfalls ein geringwerthiges Erfatzmittel für Rofshaar. Die Franzofen befitzen in ihrem Crin d'Afrique ( auch als Crin Averfing bekannt), den zerfpaltenen Blättern der Zwergpalme ( Chamaerops humilis), welches feit einigen Jahren in grofsen Mafsen aus Algier nach Europa gebracht wird, ein ungleich befferes Surrogat. Es iſt nicht lange her, fo wurde diefe Sorte von vegetabilifchem Rofshaare auch in den Wiener Handel gebracht und von unferen Tapezirern als Polfterungsmaterial benützt. Gegenwärtig wird es bei uns namentlich im fchwarz gefärbten Zuftande-- die natürliche Farbe diefes Faferftoffes ift grünlich fehr ftark verwendet und ift unter dem Namen„ Afrik" faft allgemein bekannt. Zweifellos ift die Einführung des Crin d'Afrique bei uns als ein Fortfchritt anzufehen, da diefes Material dem Seegras in jeder Beziehung vorzuziehen ift. Dennoch ift das zerfpaltene Blatt der Zwergpalme noch lange nicht das befte Surrogat für Rofshaar. Ungleich werthvoller, weil den natürlichen Eigenfchaften des Rofshaares näher kommend, find die drei Fafern: Ejoo, Kitool und Caragate.- Die Fafer Ejoo, auch Gomuti fibre genannt, ftammt von der in Indien häufig anzutreffenden Zuckerpalme( Arenga faccharifera) und findet fich in Form einer fchwarzen, rofshaarähnlichen Maffe an den Stämmen, und zwar an jenen Stellen vor, an welchen die Blätter auffassen. Diefe Fafer bleibt nach dem Abfall der Blätter als Reft der Blattgefäfsbündel zurück. Aehnlichen Urfprungs ift die ebenfalls fchwarze Fafer Kitool. Sie ftammt von den Palmen Caryota mitis( Réunion) und C. urens( Indien, Ceylon).- Das befte vegetabilifche Rofshaar ift zweifellos die Fafer Caragate, auch Baumhaar genannt. Es iſt diefs das Gefäfsbündel der Luftwurzeln, einer im tropifchen Amerika auf Bäumen fchmarotzenden, dafelbft häufig vorkommenden Bromelincea. Die Fafer erlangt eine Länge von 22 Centimeter. Im Ausfehen, ja felbft in der Elafticität und Feftigkeit kommt fie dem echten Rofshaar fo nahe, dafs der Laie fie von letzterem kaum zu unterfcheiden im Stande fein wird. Beim Verbrennen gibt fie fich jedoch Fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 131 fofort als Pflanzenfafer zu erkennen, da fie jenen eigenthümlichen Geruch nach verbrennendem Horn, durch welchen das Rofshaar und jedes thierifche Haar ausgezeichnet ift, nicht wahrnehmen läfst. Aber felbft bei genauer Betrachtung jeder einzelnen Fafer ergibt fich ein grofser Unterfchied zwifchen echtem Rofs. haar und der Caragate; erfteres beſteht bekanntlich aus einfachen, letztere aus, in Abftänden von einigen Centimetern, verzweigten Fafern. Guyana ift wohl der bedeutendfte Producent diefer werthvollen Fafer.- Die Einführung diefer Sorte von vegetabilifchem Rofshaare bei uns wäre gewiſs ein Gewinn unter der Vorausfetzung, dafs es von dem Verkäufer gepolfterter Möbel als das ausgegeben werden würde, was es ift, als ein Surrogat für Rofshaar und nicht betrügerifcher Weife als diefes felbft. Von groben, auf der Ausftellung erfchienenen Pflanzenfafern wären noch Esparto und die aus fpanifchem Rohre auf mechanifche Weife, nämlich durch Zerreifsen erzeugte Fafer zu nennen. Letztere, zu Seilerarbeiten verwendet, erfchien unferes Wiffens auf den früheren Ausstellungen noch nicht; erftere ift hingegen von der letzten Parifer Ausftellung her genügend bekannt. König Baumwolle war felbftverftändlich auf der Ausftellung in reichlichfter Weife vertreten. Kaum irgend ein Baumwolle producirendes Land war in diefem Artikel unvertreten. Neues, von irgend welcher Bedeutung iſt uns in Betreff diefer Waare des Welthandels nicht aufgefallen Die hervortretendften Momente aus der neueften Gefchichte der Baumwolle: das Erfcheinen der ausgezeichneten neuholländifchen Baumwolle auf dem Weltmarkte, die gröfsere Werthfchätzung der neueren oftindifchen Waare und die gröfsere Beachtung der brafilianifchen, feidigen, langftapeligen Sorten von Seiten der franzöfifchen Confumenten traten auch in der Ausftellung deutlich hervor. Specialiften auf dem Gebiete der Baumwollenkunde werden indefs gewifs auch neue Wahrnehmungen an den ausgeftellten Producten gemacht haben, welche der Veröffentlichung werth wären. Stärkemehl. Die Ausftellung hat ein fehr vollſtändiges Bild von den Verfuchen gegeben, die bis jetzt zu dem Zwecke angeftellt wurden, das Stärkemehl, diefen fo aufserordentlich verbreiteten Pflanzenftoff für die Induftrie nutzbar zu machen. Freilich liefs ein genaues Studium der Gruppe IV( Section 1: Mehl, Stärke etc.) nicht verkennen, dafs von der grofsen Zahl von Rohmaterialien, die bis jetzt für die Stärkemehlbereitung empfohlen wurden, nur fehr wenige zur gewerbsmässigen Darftellung diefer Subftanz verwendet werden. Fabriksftärke für gewerbliche Zwecke wird gegenwärtig nur aus folgenden vier Rohftoffen bereitet: aus Weizen und Kartoffeln( auf dem Continente), aus Reis( in England) und aus Mais( in Nordamerika). Die aus diefen Materialien bereiteten Stärkeforten find in erfter Reihe für den Weltmarkt von Bedeutung. In zweiter Reihe ftehen die verfchiedenen Arten von Arrowroot, das zur Sagobereitung dienliche Sagomehl und das zur Darstellung von Tapioca dienende Caffavemehl, nämlich die Stärke aus den Knollen von Jatropha Manihot. Diefe fieben Stärkeforten find ziemlich allgemein bekannt. Es dürften über diefen Pflanzenftoff die nachfolgenden Mittheilungen genügen. Die feinfte und wohl in jeder Beziehung vollkommenfte Fabriksftärke ift das aus Reis hergeftellte Product, wie namentlich die Ausftellung der Londoner Firma Colman & Comp. lehrte. Da die Reisftärke auch aufserhalb Englands hochgefchätzt wird und Benützung findet, feit wenigen Jahren auch in Oefterreich, fo mufs man fich wohl wundern, dafs diefe Art von Stärke bis nun nur in England dargestellt wird. Würde es, bei der Nachfrage nach Reisftärke zu feinen Appreturen in Wien und wahrfcheinlich auch anderwärts in Oefterreich, fich nicht verlohnen, das Product aus rohem ungefchälten Reis( Paddy) hier zu Lande im Grofsen zu bereiten? Als 132 - Dr. Julius Wiesner. Ausfteller von Mais ftärke trat, wenn man von den auftralifchen Proben abfieht, nur Amerika auf. Sowohl die zur Bereitung feiner Backwerke dienliche befte Sorte von Maisftärke als Maizena bezeichnet und feit Jahren auch in Europa bekannt als auch die aus Mais bereitete Fabriksftärke fanden bei den Sachverständigen allgemeinen Beifall. Hoffentlich wird der grofse Auffchwung der nordamerikanifchen Maisftärke Induftrie einen neuen Impuls zur fabriksmäfsigen Ausnützung des Maiskornes auf Stärke bei uns geben. An billigem Rohftoffe ift beispielsweife in Ungarn kein Mangel. Es ift uns wohl bekannt, dafs man vor einigen Jahren in Peft die Erzeugung von Maisftärke in nicht geringem Mafsftabe ins Leben zu rufen trachtete. Dafs das Pefter Actienunternehmen nicht profperirte, fcheint noch nicht zu beweifen, dafs die Maisftärke- Fabrication bei uns in Oefterreich nicht lebensfähig ift. Von Arrowroot, einem bekanntlich auch bei uns nicht unerheblichen Handelsartikel, waren aufser den bekannten oft- und weftindifchen Sorten noch folgende Producte vertreten: Blendendweiſses Arrowroot aus Java, aus den Knollen von Maranta indica bereitet, gute Sorten aus Franzöfifch- Guyana und Brafilien, aus den Knollen von Maranta arundinacea dargeftellt, das Arrowroot von Tahiti, eine ebenfalls annehmbare, aus den Knollen von Tacca pinnatifida herrührende Sorte, endlich das ausgezeichnete, von uns fchon im Berichte über die letzte Parifer Ausftellung befprochene Arrowroot von Port Natal unbekannter Abftammung, welches feiner Güte halber bereits in dem deutfchen Handel Eingang fand. In Bezug auf Sago hat die Ausftellung nichts Neues oder fonft Intereffantes gebracht. Bemerkenswerth ift vielleicht, dafs in den holländifchen Colonien noch immer brauner Sago bereitet wird, der feit Jahren aus unferem Verkehre gänzlich verfchwunden ift. Bei dem Umftande, dafs die feinen weifsen Sorten von oftindifchem Sago der Verfälfchung durch den geringeren, im Ausfehen dem erften oftindifchen Sago vollkommen gleichenden Kartoffelfago unterworfen find, dürfte fich vielleicht die Einführung des billigen braunen holländifchen Sago wieder empfehlen. Die Cultur der Tapioca pflanze, Jatropha Manihot( Manihot utiliffima) hat erfreuliche Fortfchritte gemacht. Diefes Gewächs wird wohl jetzt überall in den Tropen gebaut. Wir fahen Caffavemehl und die daraus bereitete Tapioca nicht nur in der Ausftellung Brafiliens, dem Heimatlande der Jatropha Manihot, wofelbft nach wie vor die bedeutendften Quantitäten von Tapioca dargestellt werden, fondern auch unter den Producten von Martinique, Guadeloupe, Guyana, Venezuela, Réunion, Algier, Oftindien und Ceylon. Ein auffälliger Fortfchritt zeigt fich in der Fabrication der Tapioca. Die in Brafilien bereitete Tapioca war im Vergleich zu der von franzöfifchen Fabrikanten aus tropifchem Rohmateriale erzeugten Producte gering. Die beften Sorten von Tapioca, welche diefsmal aus Brafilien zur Ausftellung gebracht wurden, gleichen im Ausfehen und inneren Werthe dem beften franzöfifchen Erzeugniffe. Es wäre ungerecht, auf die zahlreichen anderen Stärkeforten aus den Tropenländern, welche uns die Ausftellung vorführte, geringfchätzend herabzufehen, wenngleich felbe für den Weltverkehr auch noch belanglos find. Die Maffenhaftigkeit, in welcher diefe Stärkeforten um billiges Geld in den Handel gebracht werden können, läfst fie für den Induftriellen als fehr beachtenswerth erfcheinen. Obgleich die von unferer und anderer Seite gethanen Anempfehlungen bis nun kein praktifches Refultat lieferten, fo wollen wir an diefer Stelle dennoch wieder diejenigen Arten namhaft machen, welche fich zur Einführung nach Europa eignen. Vor Allem die auf dem Continente noch unbekannte Cannaftärke( Toloman- Stärke), ein fehr weifses, glänzendes, aus den unterirdifchen Theilen von Canna edulis bereitetes Amylum, welches aus vielen warmen und heifsen Ländern, beiſpielsweife aus Martinique, Guadeloupe, Queensland, Indien, Algier bezogen Fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 133 werden könnte. Ein weifses, glanzlofes Stärkemehl, das im europäifchen Handel noch faft gänzlich unbekannt ift, wird aus dem in den Tropenländern als Nahrungspflanze eine fo wichtige Rolle spielenden Brotfruchtbaum( Artocarpus incifa) bereitet. Als fehr billig und brauchbar werden ferner die fchon von den früheren Weltausstellungen her bekannten Stärkemehlarten, welche aus Bataten( Convolvultus batatas, zum Beiſpiel auf Martinique und in Franzöfifch- Guyana bereitet), Ignamen( Dioscorea- Arten, zum Beiſpiel von Réunion und Venezuela zur Ausftellung gefchickt), aus Phrynium dichotomum( Martinique), Sicyos angulata ( Réunion), Arum italicum( Algier), Colocafia esculenta( Algier, Venezuela), aus Bananen( Guyana, Venezuela, Antillen) dargestellt werden, bezeichnet. Von neuen oder bisher faft gänzlich unbekannten Stärkeforten bemerkten wir die Stärke von Amorphophallus fativus( ,, Karani mavon", das Kilo Erzeugungsorte zu 2 Francs), von Hypoxis curculigoïdes, von Typhonium minutum ( ,, Karani kotti", das Kilo zu I Francs) und von Pfophocarpus tetragonolobus ( ,, Kijangon mavon", das Kilo zu o 90 Francs); alle aus Franzöfifch- Indien. Oelfrüchte und Oelfamen. Die Ausftellung hat uns den Beweis geliefert, dafs eine grofse Zahl von bei uns noch ganz unbekannten vegetabilifchen Rohftoffen für die Gewinnung von flüffigen und feften Fetten exiftirt, und die enorme Wichtigkeit der Fettftoffe für viele Induftriezweige fordert wohl dringend genug dazu auf, diefe Rohftoffe und die daraus darftellbaren Producte eingehend zu prüfen. England, Frankreich und Holland haben fich bereits zahlreiche Oelfrüchte und Oelfamen der Tropenwelt zu Nutze gemacht, während wir in Oefterreich noch auf einem veralteten Standpunkte ftehen, und nur jene Rohmaterialien, welche unfer eigenes Land hervorbringt, wie Raps, Colza, Lein- Hanffamen, Mandeln u. f. w., von Früchten aber nur die Olive auf Oel verarbeiteten. Von fremdländifchen Pflanzenftoffen wird in Oefterreich unferes Wiffens blos Baumwollenfamen in gröfseren Mengen auf Oel ausgebeutet. Vor Allem fcheint es uns nothwendig, unfere öfterreichifchen Oelfabrikanten darauf aufmerkfam zu machen, dafs die englifchen und franzöfifchen Oelpreffereien ganz enorme Quantitäten von Ricinus-, Sefam- und Erdnufskernen verarbeiten. Das Ricinusöl, bei uns nur als medicamentöfe Subftanz bekannt, ift aber für viele induftrielle Zwecke höchft geeignet, z. B. zur Darstellung von Schmierölen für Leder, zur Seifenfabrication. Das Sefamöl dient in der Seifenfabrication und kann für viele Verwendungsarten das Olivenöl erfetzen, was auch für das Oel der Erdnufskerne gilt. Ricinusfamen( von Ricinus communis, viridis, americanus etc.) waren auf der Ausftellung fehr reich vertreten; fie wurden von Martinique, Guyana, Senegal, Réunion, Gabon, Algier, Indien etc. ausgeftellt. Auch Italien brachte es vielfach zur Schau. Noch reichlicher als Ricinus war Sefam( die Samen von Sefamum orientale und indicum) vertreten. Was der Orient als„ Gingeli", Venezuela unter dem Namen„ Ajonjoli" ausftellte, ift Sefam. Die Menge des Oeles, die fich fowohl aus dem weifsen als fchwarzen Sefamfamen abfcheiden läfst, wird häufig überfchätzt; die fchon bei früheren Ausftellungen gemachte Angabe, dafs Sefam 80 bis 90 Percent Oel liefere, wurde auch diefsmal wieder mehrfach reproducirt. Die Oelmenge beträgt etwa 60 Percent, von welchen fich 45 bis 50 Percent ohne befondere Schwierigkeiten abfcheiden laffen, und das ist wohl in Anbetracht des Preifes der Sefamforten des Handels genügend. Der Sefam empfiehlt fich weniger durch Ausbeute, als durch die Qualität des Oeles Das Sefamöl ift ein nicht trocknendes Oel, welches eine fchöne hellgelbe Farbe, einen milden Gefchmack befitzt 5 Grad Celfius erftarrt. und bei - 134 Dr. Julius Wiesner. Arachisfrüchte( Erdnüffe, piftaches de terre) waren wohl in den Ausftellungen aller warmen Länder vertreten und bewiefen, welche Ausdehnung die Cultur diefes in den Tropen als Nahrungspflanze gebauten Gewächfes erlangt hat. In ausgedehnteftem Mafsftabe wird Arachis hypogaea in den weftafrikaniſch- franzöfifchen Colonien gezogen. Aus Congo und Senegal kommen jährlich an 80 Millio nen Kilogramm Erdnüffe nach Frankreich, deren Oel hauptfächlich in den Marſeiller Seifenfabriken verarbeitet wird. Auch aus Madras und Calcutta kommen fchon beträchtliche Quantitäten diefes Rohftoffes nach Europa, vorzugsweife nach Eng. land. Die Menge des fetten Oeles der Samen fteigt höchftens auf 53 Percent, von welchen fich bis 45 bei der Darftellung im Grofsen gewinnen laffen. Kalt geprefst, ift das Oel farblos, von angenehmem Geruch, dünnflüffiger als Olivenöl und erftarrt bei 3 Grad Celfius. Auch das Arachisöl gehört zu den nicht trocknenden Oelen. Von den zahlreichen übrigen bei der Ausftellung vertreten gewefenen Rohftoffen zur Oel- und Fettgewinnung wollen wir nur die wichtigften hervorheben. Ein bis jetzt von der europäiſchen Induftrie unbeachtet gebliebener Rohftoff ift die Bankulnufs von Aleurites triloba, welche von Martinique, Guadeloupe, Neucaledonien, Tahiti, Guyana, Réunion in fehr grofsen Maffen in den Handel geftellt werden könnte. Es ift nicht nur die Billigkeit diefes ölreichen Rohftoffes, fondern die Qualität des aus diefer Nufs gewinnbaren Oeles, welche diefelbe zur Einführung in unfere Oelfabriken empfiehlt. Das Oel, wovon die Samen 50 bis 60 Percent enthalten, kommt ab und zu als huile de bancoul oder Kekune oil in den europäiſchen Handel; eine ftändige Waare bildet es jedoch nicht. Es gehört in die Kategorie der trocknenden Oele, an welchen wir keinen Ueberflufs befitzen. Nach Angaben des Katalogs der franzöfifchen Colonien wäre das Bancoulöl zur Bereitung von Oelfarben in ausgezeichneter Weife geeignet. Aber auch, wenn diefs nicht zutreffen follte, wenn es nur zur Erzeugung von Druckerfchwärze tauglich wäre, zu deffen Fabrication man gegenwärtig faft ganz auf das Leinöl angewiefen ift, fo würde die Einführung diefes Fettftoffes unter der gewifs zutreffenden Vorausfetzung eines niederen Preifes als ein Vortheil anzufehen fein. Auch die Nutzbarmachung des Oeles der Galbanufs, von dem in den Tropen fo häufigen Calophyllum calaba, der Owala- Körner( von Pentaclethra macrophylla, an den Oftküften Afrika's gemein), welche 50 Percent eines dem Olivenöl ähnlichen Fettes geben, der Beraffamen( von einer Citrullusart, welche an den Weftküften Afrikas maffenhaft auftritt) müfste als ein Fortfchritt angefehen werden. Ueberhaupt exiftiren in den warmen und heifsen Ländern eine Menge Gewächfe, welche eine enorme Menge von fettreichen Samen oder Früchten hervorbringen, die nutzlos zu Grunde gehen und die ihrer Verwendung in der europäiſchen Induftrie harren. Wir verweifen in Betreff diefer Rohftoffe auf die fehr lehrreiche Zufammenftellung in dem von Herrn Aubry- Lecomte redigirten Katalog der franzöfifchen Colonien. Noch wollen wir darauf aufmerkfam machen, dafs mehrere Fette fchon als folche aus den Tropenländern nach Europa gebracht werden. Einige derfelben nehmen unter den bei uns verarbeiteten Fettftoffen einen erften Platz ein, wie das Palmfett, das Palmkernöl und das Cocusnufsfett. Die englifche Induſtrie hat fich derfelben zuerft bemächtigt; der Continent folgte dem Beiſpiele der grofsen Meifterin. Aehnlich wird es wohl mit anderen Fetten gehen, die jetzt fchon in England gewerblich benutzt werden, z. B. mit der Sheababutter( aus dem Samen der in Indien vorkommenden Baffia butyracea bereitet), dem Craboil( aus dem Samen des füdamerikanifchen Baumes Carapa guyanenfis dargestellt), dem Borneo. talg, dem Pinney tallow etc. Auch in Frankreich erfcheinen bereits einige Fett ftoffe im Handel, wie das Noungonöl, das Djavefett, das Ilipeöl, das Ben- ailé- Oel ( von Moringa pterygosperma), das der Cacaobutter ähnliche Dicafett, das Aouaraöl etc., die später vielleicht auch der übrigen europäiſchen Induftrie zugute kommen. Fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 135 Gummi und Harze. Der Pavillon des Welthandels führte uns eine fehr inftructive Zufammenftellung faft aller jener Gummi- Arten vor, die als fogenanntes arabifches Gummi im Handel vorkommen. Anregender als diefe Collection dürfte auf denjenigen, welchen käufliches Gummi intereffirt, jene vollſtändige Collection von Senegalgummi gewirkt haben, welche die Ausftellung der franzöfifchen Colonien zur Schau brachte. Das arabifche Gummi ift feit Langem ein anerkannter, im Handel allgemein verbreiteter Rohftoff. Nicht fo das Senegalgummi. Das Vorurtheil gegen diefes Gummi, welches, abgefehen von Frankreich, fonft nur- im Vergleiche zum fogenannten arabifchen Gummi- eine unerhebliche Bedeutung als Waare befitzt, hat der bekannte deutſche Reifende Schweinfurth gebrochen, welcher den Nachweis lieferte, dafs die beften Sorten von arabifchem Gummi von demfelben Baume abftammen, von welchem, wie lange bekannt, das Senegalgummi kömmt, nämlich von Acacia Verek. Es war hiedurch fchon wahrfcheinlich geworden, dafs zwifchen dem arabifchen und dem Senegalgummi nicht ein fo grofser Unterfchied obwalten könne, als bis dahin zum Nachtheile für die allgemeinere Einführung des letzteren angenommen wurde. Spätere, hauptfächlich durch Schweinfurth's wichtige Auffindung hervorgerufene phyfikalifche und chemifche Unterfuchungen des Senegalgummi haben dargethan, dafs diefes von dem arabifchen Gummi nur ganz unerheblich differirt. - - Vom Senegalgummi unterfcheidet man drei Hauptforten, nämlich das Gummi vom Oberlauf des Senegals( gomme du haut du fleuve); es ift diefs die befte Sorte, welche fich durch Weifse und leichte Löslichkeit im Waffer, ferner durch eine gewiffe Sprödigkeit, die auch den beften Sorten des arabifchen Gummi eigen ift, auszeichnet; das Gummi vom Unterlauf des Senegal( gomme du bas du fleuve), ein fchon unreineres, dunkleres Product; endlich das fehr gebrechliche SalabredaGummi( gomme friable). Aus diefen drei, im Werthe fehr ungleichen Rohftoffen wird durch Sortirung eine grofse Zahl von Handelswaaren gewonnen, welche als gomme blanche, gomme blonde, gomme petite blonde, Fabriksgummi, Gummibruch und Gummiftaub in den Handel eintreten. Das ganze Gefchäft der Ausbeutung des Senegalgummi ift in den Händen der Société des Importateurs- Trieurs zu Senegal und Bordeaux. Im Jahre 1871 betrug die gefammte Ausfuhr des Rohftoffes 3,169.981 Kilogramm. Die jährliche Ausfuhr fchwankt zwifchen 11 bis 5 Millionen Kilogramm. Die feinfte Sorte( gomme blanche) kann gleich dem beften arabifchen Gummi in der Medicin, in der Liqueurfabrication und zum Appretiren feiner Spitzen verwendet werden. Die geringften, äufserft billigen Sorten laffen fich immerhin noch zur Appretur von Baumwollen- Geweben, zu chemifchem Gebrauche, in der Fabrication von Zündhölzchen und zur Tintenbereitung verwenden. - Das vom Cap ausgeftellte Gummi eine Art arabifchen Gummis fcheint nach den vorhanden gewefenen Proben doch nicht fo gering zu fein, als gewöhnlich angenommen wird. Auch das mehrfach ausgeftellt gewefene auftralifche Gummi( Wattle gum), hauptfächlich wohl von Acacia pycnantha herrührend, verdient eine gröfsere Beachtung, als diefem Producte bis jetzt gefchenkt wurde. Trotz der dunklen Farbe ift es doch, feiner leichten und vollſtändigen Löslichkeit im Waffer halber, den gleichfarbigen, meift unreinen und fchwerlöslichen Sorten des arabifchen Gummis vorzuziehen. Einer befonderen Beachtung fcheint uns das echte oftindifche Gummi werth. Als oftindifches Gummi gehen im Handel mehrere geringe Sorten von IO 136 Dr. Julius Wiesner. Acaciengummi. Das echte oftindifche Gummi, von dem Baume Feronia elephantum herrührend, überbietet an Klarheit felbft die beften Sorten von arabifchem Gummi und fteht als Material zur Erzeugung von Malerfarben unübertroffen da. Traganth war auf der Ausftellung reichlich vertreten; doch war von diefem Artikel nichts Neues zu fehen. Von den zahlreichen anderen Gummi- Arten, die uns die Ausftellung brachte und die alle fchon von früher her bekannt find, fcheint keines eine befondere Aufmerkſamkeit zu verdienen. Das Cocosgummi von Tahiti, in der Ausftellung der franzöfifchen Colonien vorgeführt, verdient vielleicht wegen feines hohen Gehaltes an Bafforin( 70 bis 90 Percent; der Traganth enthält im günftigften Falle 50 Percent) nicht überfehen zu werden. Das herrliche Chagualgummi aus Chili, im Handel noch spärlich vorhanden, haben wir in der Ausftellung nicht bemerkt. Was die zahlreichen fremdländifchen Harze und die ihnen naheverwandten Balfame anbelangt, fo wollen wir blos die Aufmerkfamkeit auf drei Objecte lenken, nämlich auf die Copale, auf die Xantorrhoeaharze und den Copaivabalfam. Welche Wichtigkeit die Copale für die europäiſche Firnifsfabrication befitzen, davon konnte man fich überzeugen durch den Anblick der Schaukaften, welche die Erzeuger von Lacken und Firniffen ausftellten. Neben den Fabricaten waren faft durchgängig in ganz inftructiver Weife die zugehörigen Rohftoffe vertreten. Die Beftimmung der exponirten Harze war freilich nicht immer eine correcte; zu deren Studium waren die Collectionen von Rohftoffen, welche die Colonien und Länder ausftellten, ungleich geeigneter. Die Güte der oftafrikaniſchen Copale ift hinlänglich bekannt. Weniger kennt man die Qualitäten der weftafrikaniſchen Copale, die wegen der Maffenhaftigkeit ihres Vorkommens mit jedem Tage für den europäifchen Handel wichtiger werden. Die Ausftellung der portugiefifchen Colonien führte uns die verfchiedenften Sorten diefer Copale vor; fie und die Expofition der franzöfifchen Colonien gewährten uns ein anfchauliches Bild von der grofsen Verfchiedenartigkeit diefer, gewöhnlich für geringwerthig gehaltenen Harze. Die Copale von Loango find gleich denen von Congo, Angola und Benguela ungleich im Werthe. Die weifslichen Sorten find weich und von niederem, die gelben und rothen hart und von hohem Schmelzpunkte, wodurch fie allerdings hinter den beften oftafrikanifchen Copalen zurückbleiben, die mit grofser Härte und hohem Schmelzpunkte eine lichte Farbe verbinden. Die beften weftafrikanifchen Copale werden an Güte blos von den beften oftafrikanifchen Sorten übertroffen und werthen mit Recht höher, als die oftindifchen,* füdamerikaniſchen und als der Kaurie- Copal von Neufeeland und Neucaledonien. Kaurie- Copal, in unferem Handel feit einigen Jahren wohl bekannt, war in der Ausftellung von von Neufeeland reichlich vertreten. Die aus Auftralien feit einigen Jahren maffenhaft nach Europa gebrachten Xantorrhoeaharze find wohl wegen ihrer Billigkeit und ihrer fehr vielfeitigen Verwendung zur Herftellung gefärbter Firniffe, zur Leimung feiner Papiere, zur Darftellung von Pikrinfäure etc. einer gröfseren Aufmerkfamkeit werth, als ihnen bei uns in Oefterreich bis jetzt gefchenkt wurde. Man unterfcheidet ein gelbes ( Botanybay- Harz, Blackboygum) und ein rothes Xantorrhoeaharz( Nuttharz). Beide werden im Handel auch mit dem Namen Grafs- tree gum und Akaroïdharz belegt. Im Wiener Handel ſpricht man das rothe Akaroïdharz als Erdfchellack an. * Nämlich die echten oftindifchen Copale. Fälfchlich wird oft der auf oftindifchen Schiffen nach Europa gelangende ausgezeichnete Zanzibarcopal mit diefem Namen belegt. Fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. 137 Copaivabalfam war vielfach vertreten. Auch Venezuela ftellte Proben hievon aus, die infoferne intereffant waren, als man fich durch diefelben überzeugen konnte, dafs jene wichtige Waare, die als Copaivabalfam von Maracaibo erfcheint, eigentlich von Venezuela kommt.* Ein dem Copaivabalfam untergeordnetes Product ift der Balfam mehrerer oftindifcher Dipterocaopus- Arten, welcher in den Ausstellungen der franzöfifchen ( Cochinchina) und englifchen Colonien erfchien, und der bereits im englifchen und franzöfifchen, in neuefter Zeit auch im deutfchen Handel als Gurjunbalfam vorkommt. Es ift diefs eine fehr billige Sorte von Copaivabalfam, welche auch in unfere Induftrie eingeführt zu werden verdient. * Nach Dr. Ernft in Caráccas, dem Redacteur des fehr lehrreichen Katalogs der Ausftellungsproducte von Venezuela, ftammt diefer Balfam von Copaifera Jacquinii. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. к. o. Ö. PROFESSOR IN PRAG. THIERZUCHT. ( Gruppe II, Section 2.) BERICHT VON JOHANN POHL, Profeffor an der landwirthschaftlichen Lehranstalt ,, Francisco- Jofephinum" in Mödling. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. THIE RZUCHT. ( Gruppe II, Section 2.) Bericht von JOHANN POHL, Profeffor an der landwirthschaftlichen Lehranstalt ,, Francisco- Jofephinum" in Mödling. Allgemeines. Dem fortfchrittlichen Drange der Neuzeit hat auch die Thierzucht ihre neue Stellung zu verdanken; fie, die frühere Magd des Ackerbaues, ift aus ihrem Abhängigkeitsverhältniffe herausgetreten und zum ebenfo felbftftändig daftehenden Wirthfchaftszweige geworden, wie der Ackerbau felbft. Es ift das als eines der hervorragendften Beiſpiele des im modernen Landwirthschaftsbetriebe immer mehr zum Durchbruche gelangenden Principes der Individualifirung anzufehen. Die Thierzucht erweift fich diefer Anerkennung gegenüber aber nicht undankbar und geftattet dem Landwirthe, gleichwie der Ackerbau, dort zur Zeit zu ernten, wo er gefäet hat. Von diefer Erkenntnifs werden die Landwirthe immer mehr durchdrungen und fchenken gleichzeitig mit der Vervollkommnung des Betriebes im Uebrigen auch der Thierzucht täglich gröfsere Aufmerkfamkeit, fo dafs auch fie von der allgemeinen Bewegung nach vorwärts nicht ausgefchloffen erfcheint. Oeffentliches Vorführen von Thieren oder Producten derfelben, oder von Hilfsmitteln zur Haltung und Benützung der Thiere findet defshalb von Seite der Fachleute heute erhöhte Beachtung. Aber auch der Laie wird eines anderen Blickes Solches würdigen, feitdem er weifs, welch' hohe Bedeutung die Leiftungen der Thierzucht für das menfchliche Wohlbefinden befitzen und wie wichtige Grundlagen fie für die Entwickelung der Nationalkraft find. Diefer Sachlage entſpricht auch der Verlauf diefes Theiles der Wiener Weltausstellung. Wem es daran liegt, fich aus eigener Anfchauung über alle in diefe Section gehörenden Objecte ein Urtheil zu erwerben, der kann diefs nur mit grofser Mühe und viel Zeitaufwand erreichen. Zeitlich wie räumlich liegen diefelben ausein ander. So fand die temporäre Rinder-, Schafe- und Schweine- Ausstellung vom 31. Mai bis 9. Juni und die Pferde- Ausftellung vom 18. bis 27. September im Prater hinter dem Heuftadelwaffer, das internationale Wettrennen und Trabwettfahren vom 21. bis 24. September aufserhalb des Ausftellungsraumes, und die internationale Bienen- Ausftellung vom 1. Juli bis 15. September fogar in Simmering ftatt, während Hilfsmittel für Haltung und Pflege der Thiere, fowie Producte derfelben in den verfchiedenften Räumlichkeiten der Ausftellung aufgefucht werden mufsten. Wenn auch nicht geläugnet werden kann, dafs Erfteres überhaupt anders nicht gut möglich war und letzteres durch die Annahme des Princips der länderweifen Anordnung theilweife Rechtfertigung findet, fo darf man doch fagen, dats I* 2 Johann Pohl. in Folge verfchiedenartiger Anfchauungen von Seite der Landescommiffionen über Inhalt und Grenzen der einzelnen Gruppen und Sectionen dem Befucher das Auffinden mancher Objecte fehr erfchwert wurde, ja dafs von ihm unfchwer manches überfehen werden konnte. Behufs Ueberfichtlichkeit wollen wir das gefammelte Materiale in folgende Abfchnitte eintheilen: Pferde, Rinder, Schafe, Schweine, Fifche, Seidenfpinner, Bienen, Ställe, Milchwirthfchaftsgeräthe und Nos Schafwolle. Im Einklange mit dem ganzen Arrangement der Ausftellung folgt die Befprechung derfelben gleichfalls länderweife, und was die Reihenfolge derfelben betrifft, fo ift in der Regel die der Katalogifirung beibehalten und nur ausnahmsweife anderweitigen Gründen nachgegeben worden. Pferde. Schon hatte es geheifsen, die Pferde- Ausftellung würde nicht zu Stande kommen können, und fchon waren genügende Gründe für die gerechte Befürchtung diefer Eventualität vorhanden, bis wie mit einem Male alle Hinderniffe befeitigt erfchienen und diefelbe als fichergeftellt bezeichnet wurde. Dafür follte aber auch, wie zur Entfchädigung für das lange und bange Erwarten, in den Tagen vom 18. bis 27. September in der Krieau ein Bild geboten werden, das hinfichtlich der Betheiligung von Seite der Pferdezucht treibenden Länder, fowohl was Zahl wie was Qualität betrifft, jeden Befucher befriedigen musste. Von den Pferde befitzenden Ländern mit( nach Dr. L. Wittmack) folgendem Stande, wie wir in der deutfchen Abtheilung der öftlichen Agriculturhalle erfahren, und nachfolgendem Pferdehandel betheiligten fich Frankreich, Italien, deutfches Reich, Oefterreich, Ungarn und Egypten. Pferdeftand. Pferdeft and Länder im Jahre pro 1000 pr. geogr. im Ganzen Ein- Quadratwohner meile Rufsland 1860 15,217.634 248 168 1864 Oefterreich 3,460.400 1869 3.525.872 1864 Deutſchland 3,276,022 1867 3,454.670 1862 Preussen 1,679.655 1867 2.313.817 Baiern 1863 380.108 Sachfen 1868 112 800 Württemberg 1867 104.297 Spanien 1865 2,875.242 ི འཚ །།། ༤ 99 312 95 358 95 362 276 413 295 176 313 1865 1,998.147 1869 England. 2.134 576 1870 2,581.306 1871 2,648.223 84 459 Thierzucht. 3 Länder im Jahre Pferdeft and pro 1000 pr. geogr. im Ganzen Einwohner Quadratmeile 1852 Frankreich 2,866.054 1866 2,313.332 Italien 1867 1,391.262 57 63 599 57 259 1867 433.959 Schweden 1868 401.019 1869 420.859 IOO 52 Dänemark 1866 352.603 137 507 1856 283.163 Belgien 1866 277.311 57 519 1860 243.454 1867 Holland 255.130 1868 252.630 1869 253.791 Norwegen 1865 149.167 Griechenland 1867 98.398 68 Portugal 1862 69.749 Schweiz 1866 105.792 40 + 1884 71 426 86 26 108 43 141 1860 Vereinigte Staaten 7,400.322 1869 8,248.800 214 48 Pferdehandel. Einfuhr Ausfuhr Länder: im Jahre Stücke Stücke 43.232 1869 2.1897 Deutfches Reich 66.631 1870 28.482 64.317 1871 40.557 13.090 1869 16.964 Oefterreich 15.137 1870 8.292 2.387 1870 II.211 Grofsbritannien Frankreich Rufsland Belgien. Holland Italien Spanien Schweiz 3.448 1871 15.879 1869 12.923 29.512 15.060 4.728 1866 1872 27.246 12.464 4.881 1867 14.241 4.323 1870 5.432 11.828 1868 1.324 8 841 1868 P 4.221 1869 1.993 1.969 1869 8.850 Dänemark Schweden. 1.209 1870 22 840 374 1868 1.385 721 1869 I.395 Vereinigte Staaten 1871 3.119 • 4 Johann Pohl. Von England, dem Lande, wo die Thierzucht überhaupt eine Werthfchätzung erfährt wie nirgends und wo man diefer Thatfache Fortfchritte verdankt, die reichen Segen über das Infelreich ausbreiten, hat man es nicht für angezeigt erachtet, in den Wettkampf einzutreten. Bei dem Umftande aber, dafs fich auf dem Continente ohne diefs fo zahlreiche nähere und entferntere Abkömmlinge engliſcher Zuchten befinden und wir durch jährlich fich immer wieder erneuernden Import diefer herausgezüchteten Specialitäten in Kenntnifs ihres Werthes bleiben, darf das umfoweniger als eine beftehende Lücke angefehen werden, da anderweitig in der Ausftellung hochedles englifches Blut fehr entſprechende Vertretung fand, und gleichzeitig der Sachkenntnifs der augenblicklichen Befitzer fowie den Zuchten, denen es entftammt, alle Ehre macht. Auch in Frankreich wird in letzter Zeit die Pferdezucht mehr Gegenftand allgemeiner Würdigung und mancher Erfolg in derfelben fteht damit im Zuſammenhange, der auch den englifchen Züchtern als beachtenswerther Wink gelten mufs An der Ausftellung betheiligte fich aus Frankreich nur ein Ausfteller und zwar der Eleveur Mr. de la Ville aus Bretteville fur Odon mit 35 Nummern würdiger Repräfentanten der Normandie, die bei entſprechender Conformität, Maffe, Adel und Gang in einer Weife verbinden, wie es nur wünſchenswerth bezeichnet werden kann, und wie wir es an Vaterthieren zur Veredlung des heimifchen Materiales unter vielen Verhältniffen bedürfen. Hervorgehobene Eigenthümlichkeiten verdienen defshalb noch befondere Erwähnung, da wir in Oefterreich bereits Beweife befitzen, dafs diefelben auch von diefen Thieren vollgiltig auf die Nachkommenfchaft übertragen werden. Bei diefem Anlaffe fei auch der von Mr. de la Ville im Grofsen durchgeführten Betriebsweife der Pferdezucht gedacht. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs die einftmalige Leiftungsfähigkeit des Thieres ebenfo fehr, wie durch die Tüchtigkeit der Eltern, auch durch die Erziehung, das heifst durch Fütterung, Haltung und Pflege in der Jugendzeit bedingt ift. Wenn man ferner bedenkt, wie fchwer, ja in der Regel geradezu unmöglich für den Befitzer eines oder weniger Fohlen es ift, folchen einzelnen die entſprechende Erziehung angedeihen zu laffen, fo wird man in Anbetracht der Natur der die Erziehung des Pferdes ausmachenden Factoren in einer Arbeitstheilung etwas überaus Zweckförderndes nicht verkennen können. Auf diefem Gedanken ruht nun die von Mr. de la Ville gewählte Betriebsweife der Pferdezucht. Er kauft junge Fohlen von entsprechender Abkunft, das heifst, die in ihren Eltern berechtigte Hoffnungen zu bieten geeignet find, und pflegt fie bis zu ihrer vollendeten Gebrauchstüchtigkeit, während welcher Zeit fie im Hinblicke auf ihren einftigen Zweck gefüttert, gehalten und gepflegt werden. Durch den damit auch einerfeits bei geringerer Capitalskraft möglichen Betrieb der Pferdezucht im Grofsen, der fich allein nur die unumgänglich nothwendige höhere Intelligenz zugefellen kann, ift anderfeits auch der Kleinwirth herbeigezogen zur Theilnahme an ihren Vortheilen. Insbefondere dort, wo die Verhältniffe es empfehlen, letzteren für die Pflege diefes Wirth fchaftszweiges zu gewinnen, kann der Richtung nur Zukunft zuerkannt und Verbreitung gewünſcht werden. Wenn es mit ihr auch nicht möglich fein wird, den Zenith züchterifcher Leiftungen zu erklimmen, zumal die Einflufsnahme des Unternehmers erft nach der Geburt des Fohlens beginnt, fo wird die Pferdezucht doch dadurch in Kreife getragen, die ihr bisher und oft fehr begründeter Weife verfchloffen blieben. Italien zeigt, was man dort in neuefter Zeit anftrebt. Von den fechs vom Minifterium für Ackerbau, Induftrie und Handel ausgeftellten Thieren waren drei Halbblutthiere zur Reproduction von Caroffiers und die anderen drei orientalifcher Abstammung, deren Abkömmlinge in ganz leichten Wagen Verwendung finden, und hinreichende Widerftandskraft gegen das heifse und trockene Klima Italiens und feine harten Wege befitzen follen. Thierzucht. 5 Aus dem deutfchen Reiche ift in erfter Linie zu nennen, die Ausftellung des Minifteriums für landwirthschaftliche Angelegenheiten, die Repräfentanten des Hauptgeftütes Trakehnen, des Friedrich- Wilhelms- Geftütes und des Hauptgeftütes Graditz enthält. Die fechs Producte Trakehnens zeichnen fich durch Eleganz in der Erfcheinung, tadellofen und harmonifchen Bau, fowie guten Gang aus; das Friedrich- Wilhelms- Geftüt thut fich noch darüber vortheilhaft hervor, dafs feine drei Thiere etwas kurzbeiniger find, und Graditz vereinigt, wie die zwei Hengfte und eine Stute von dort fagen, bei entſprechendem Adel und Bau mit eminentem Gang, feltene Gröfse. Ueberhaupt bewähren diefe Geftüte ihren Ruf, und zeigen von einer ficheren und zielbewufsten Führung der Pferdezucht- Angelegenheiten. Neben der Ausftellung des bekannten königlich württembergifchen Hofgeftütes Weil mit fünf reinen Arabern und einem Anglo- Araber Halbblut find die fünf Hengfte der Pferdehändler Gebrüder Schmidt aus Hannover befonders zu erwähnen, die ob ihres fchönen Baues und ihrer Maffe Aner- aus Berlin dunkelbrauner Walach kennung fanden, und dann Seelig's Veturino, der bei tadellofen Formen eine Sprungfähigkeit befitzt, die geradezu aus dem deutfchen Reiche 32 jedes Hindernifs befiegt. Im Ganzen waren Pferde da. - - 251 O efterreichs Ausstellung war begreiflicher Weife der Zahl nach Stück- die gröfste, und zeichnete fich gleichzeitig durch eine befondere Vielfeitigkeit der Zuchtrichtungen aus, wie es allein nur der Mannigfaltigkeit der heimifchen Verhältniffe als ganz entſprechend bezeichnet werden kann. Zunächft fteht die Ausftellung des k. k. Ackerbauminifteriums, an der fich Radautz mit acht und Piber mit zwei Pferden betheiligten, und unter welche erftere die ausgezeichneten Anglo- Araber Halbblut- Staats- Befchälhengfte Juftice to Kisbér, Wild- Wine und Goldfinder gehören, und letztere die vortrefflichen Lippizaner Hengfte Majeftofo und Siglavy find. Ueber die k. k. Hofgeftüte Kladrub und Lippiza fteht das Urtheil längst feft, und in der Ausftellung erfährt es nur neuerdings Beftätigung. Insbefondere fei aber unter den Kladruber Carroffiers die dreijährige Vollblutftute Hora und aus Lippiza der vierjährige Araber- Vollbluthengft Ben Azet hervorgehoben. Mit befonderer Befriedigung müffen jeden Freund der Pferdezucht die reichhaltigen Collectivausftellungen der kärntnerifchen und Wiener Landwirthfchafts- Gefellfchaft, dann des VereineszurHebung der Pferdezucht in Steiermark und der Landescommiffion für PferdezuchtAngelegenheiten des Kronlandes Salzburg erfüllen. In ihnen manifeftirt fich ein fortfchrittlicher Zug, der bei confequenter Weiterentwicklung Segen für die betreffenden Länder verheifst. Ganz anfehnliche Refultate werden aber auch bereits in der Ausftellung geliefert; insbefondere gehört dahin die Ehrenrettung der norifchen Race, die in Exemplaren vertreten ift, welche Art zu Vergleichen es nicht zu fcheuen haben, mit dem Beften diefer herauszufordern. Die fechs norifchen Hengfte, an der Spitze mit Jupiter, welche die k. k. Landes- Befchälftation in Oberöfterreich ausgeftellt hat, feien hier auch nicht unerwähnt. Keineswegs fehlen aber daneben die leichten Wagenfchläge, und was in diefer Hinficht unter der Firma der k. k. Landwirthschafts- Gefellſchaft in Wien und des Vereines zur Hebung der Pferdezucht in Steiermark beigebracht ift, verdient wohl nicht übergangen zu werden. Befonders in letzterem Lande find nach diefer Seite die Pferdezucht- Angelegenheiten forgfältig organifirt, und zu dem Zwecke dasfelbe je nach feinen verfchiedenen Eigenthümlichkeiten in mehrere fcharf abgegrenzte und in ihren Zielen genau beftimmte Zuchtgebiete eingetheilt. Diefe Vereine bebauen ein eminent praktifches Feld, und zwar das der Heranzucht von tüchtigen Gebrauchspferden, und in der Ausstellung hat fich das erftemal in hervorragender Weife Gelegenheit gefunden, ihnen fowohl ob des angenommenen Principes wie auch für die Infcenefetzung der Idee Anerkennung zu zollen. Dafs 6 Johann Pohl. fie einen fehr weiten Raum noch zur Durchfchreitung vor fich haben, dafür hat die Vergangenheit der öfterreichifchen Pferdezucht hinlänglich geforgt. Nur auf diefem Wege kann die Pferdezucht Gemeingut auch der kleineren Landwirthe werden und von der fchmalen Bafis der Paffion, auf die breite Grundlage der allgemeinen Theilnahme gelangen; insbefondere aber, wenn das Beiſpiel von Mr. de la Ville recht zahlreiche Nachahmung fände. Wie fehr man von der Anfchauung zurückgekommen ift, dafs in den Percherons das Material zur Veredlung der heimifchen, fchweren Pferdefchläge zu fuchen fei, zeigt die Thatfache, dafs diefelben auf der Ausftellung ganz fehlen. Norifches Blut, Clydesdaler, Norfolker, Normänner etc. haben fich aus mannigfachen Urfachen beffer bewährt. Als ein weiterer bedeutender Ausfteller ift Graf Julius Dziedufzycki zu nennen; feine 24 arabifchen Mutterftuten können aber trotz ihrer Conformität und ausgefprochenem Adel nicht vollkommen befriedigen, zumal man heute mehr Maffe und Gröfse von einem tüchtigen Gebrauchsthiere verlangt. Zu der diefsmaligen fchweren Verurtheilung des orientalifchen Blutes hat Graf Dziedufzycki mit feiner Ausftellung nicht wenig beigetragen. -- Die neue Wiener Omnibusgefellfchaft zeigt als bedeutende Pferdeabnehmerin in ihren zehn ausgeftellten Arbeitspferden verfchiedener Heimat, weffen fie für ihre Zwecke bedarf: nicht zu hoch geftellte maffige Figuren mit gutem Temperament. In Baron Loudon's zwei jungen Pferden fehen wir Producte feiner von Mr. de la Ville adoptirten Betriebsweife der Pferdezucht, und diefelben müffen darob als ganz befonders beachtenswerth genannt werden. Baron Romaczkan aus Horodenka fucht, fowie auf anderen Gebieten der Thierzucht, auch hier feine Aufgabe in der Veredlung von heimifchem Materiale und in der Benützung von orientalifchem Blute zur Veredlung einheimifcher Mutterthiere, mit welchen dann englifche Halbblutzucht getrieben wird, ift ein origineller Gedanke bethätigt. An hervorragenden Ausftellern find ferner befonders zu erwähnen: Afcht Johann, deffen Falbftute Elbedavy mit ihrem Hengftfohlen nach dem Normänner Hengfte Fameux viel Beifall fand; von Bäuerle in Erlaa mit zwei Producten eigener Zucht; die gräflich Berchtold'fche Geftütsverwaltung Buchlowitz in Mähren; Graf Nikolaus Efzterhazy; Prinz Emil Fürftenberg mit acht Proben aus feiner ausgezeichneten Jagdpferde- Zucht in Lana; Leopold Göttner aus Grieskirchen, der feinen maffigen Rothfchimmel- Hengft an die deutfche Regię. rung verkaufte; Herington John& Francis Cavaliero mit zwei gelungenen Norfolker Zuchtpferden; Franz Johann Kwizda aus Korneuburg mit zwei Originalarabern; Graf Johann Larifch- Mönich, der aus feinem bekannten Geftüte in Deutfchleiten fechs prächtige Jagdpferde eingefandt hatte; der regierende Fürft Liechtenftein mit vier englifchen Vollblut- Hengften aus Hohenau; Jacques Schawel fenior, mit vierzehn angekauften Jagdpferden und Jean Schawel mit zwei Norfolker Stuten und vier Reitpferden die insgesammt von der eingehenden Fachkenntnifs der Befitzer Zeugnifs geben; Robert van Son; Graf Jaroslav Sternberg und Graf Oswald Thun Hohenftein, der Erftere mit Producten des Geftütes in Zafmuk und derLetztere mit folchen aus Sehufchitz; Graf Ernft Thun mit vier trefflichen Hengften fchweren Schlages; Graf Leopold Thun mit Erzeugniffen feines Geftütes in Benátek u. f. w. Eigenthümlich vertheilt fich der Pferdeftand auf die einzelnen Länder der Monarchie und ebenfo verfchieden ift die Veränderung desfelben im Laufe der Zeit. Um eine Ueberficht in diefer Angelegenheit gewinnen zu können, fei in Nachfolgendem der Pferdeftand mit 31. December 1869 und die Wandlung desfelben zwifchen diefem Zeitpunkte und der mit 31. October 1857 voraus. gegangenen Zählung angegeben. Pferdeft a n d Entfallen Stücke mit 31. December 1869 auf Länder Der Pferdeftand hat fich vom 31. October 1857 bis 31. December 1869 vermehrt u m vermindert u m Summe Thierzucht. Niederösterreich Oberösterreich. 66.432 23.029 3.897 Salzburg. Steiermark 33.982 1.733 19.626 12.842 7.446 32.528 Kärnten. 7.372 12.735 Krain. 10.986 6.926 93.358 271 4.482 51.306 246 70 2.485 1.955 89 II.134 73 59.709 153 7.555 52 2.872 68 127 22.979 19.365 I.453 III 41 48 7.805 754 8.559 803 803 184 2.669 IO2 102 67 I.172 457 1.696 - 937 352 I.292 2.581 793 793 367 1.184 I.551 - 731 496 161 1.388 Görz, Trieft, Gradiska, Iftrien. 4.304 3.662 826 8.792 63 15 из IIZ 394 475 869 Tirol und Vorarlberg. 5.454 9.072 1.217 Böhmen 67.606 97.814 23.917 Mähren 42.893 61.373 14.203 Schlefien 13.629 10.566 2.955 Galizien Bukowina Dalmatien 9.135 59 738 1.027 53 319.368 280.270 90.602 690.240 506 127 46.989 44.502 15.074 18.973 8.602 42.649 235 83 3,064 4.314 1.356 16.792 6.254 1.403 15.743 31 189.337 209 118.469 306 17 I.277 287 559 2.123 37 6.939 I.453 8.392 7.623 7.623 2.219 27.150 305 1.765 91.491 8 734 4.437 5.361 12.017 874 874 13.473 13.473 - 74 37 3.120 1.342 752 5.214 Summa 617.594 583.490 165.939 1,367.023 68.613 52.050 1.653 122.516 7.755 10.020 32.539 50.314 7 8 Johann Pohl. Manches zum Nachdenken Anregende dürfte diefes, fowie die Zufammenftellung von Dr. J. L. Lorenz enthalten, die uns die Ein- und Ausfuhr an Pferden vom Jahre 1831 bis inclufive 1871 angibt; öftere Wehklagen über den Stand der Pferdezucht dürften damit illuftrirt werden. Da Oefterreich und Ungarn aber in ein Zollgebiet gehören, fo gelten diefe Zahlen natürlich auch für beide Länder gemeinfchaftlich. Einfuhr Jahr Stück Ausfuhr Einfuhr Jahr Stück Ausfuhr 1831 10.562 1.604 1852 14.125 10.396 1832 9.127 15.258 1853 12.834 IO.553 1833 9.900 13.363 1854 14.070 5.703 1834 9.807 9.327 1855 8.490 8.233 1835 10.786 9.761 1856 8.709 5.955 1836 9.756 7.879 1857 9.492 13.170 1837 10.132 8.488 1858 8.989 12.466 1838 10.820 9.403 1859 8.247 7.787 1839 10.520 9.431 1860 6.944 II.848 1840 II.434 10.356 1861 7.621 13.033 1841 13.566 7.021 1862 8.493 13.213 1842 13.198 13.027 1863 6.843 14.683 1843 12.402 13.886 1864 6.589 20.463 1844 12.392 13.298 1865 7.605 21.417 1845 12.928 13.304 1866 6.313 13.841 1846 14.597 12.409 1867 7.032 25.254 1847 II.643 13.304 1868 12.742 13.627 1848 6.486 4.893 1869 12.705 16.030 1849 13.187 2.599 1870 14.651 8.124 1850 13.797 6.911 1871 10.422 10.052 1851 13.719 9.220 Ungarn ift ein an Pferdematerial fehr reiches Land; der Sinn feiner Bewohner und die Vorliebe derfelben für Pferdezucht, finden in den weiten Ländereien die befte Gelegenheit, fich zu entfalten. Dem entſpricht auch der hohe Pferdeftand, der im Jahre 1872, wie wir der Schrift*, Ungarn auf der Wiener Weltausftellung 1873" entnehmen, betrug: Auf eine Quadratmeile Auf 1000 Einwohner In Ungarn 437 " Siebenbürgen 197 Kroatien und Slavonien 22 389 " der Militärgrenze 357 146 89 133 183 Durch die drei überaus reichhaltigen Staatsgeftüte in Kisbér, Bábolna und Mezőhegyes, von denen letzteres fogar einen Pferdeftand von mehr an 2000 Stück befitzt, wird es der Regierung möglich, dem Lande felbft die nothwendige Menge edler Vaterthiere zur Verfügung zu ftellen, ohne fich auf Hilfe der zwar auch zahlreichen Gestüte Privater verlaffen zu brauchen. Trotz alledem beabfichtigt man in * Pefter Buchdruckerei- Actiengeſellſchaft. Thierzucht. 9 neuefter Zeit aber noch ein Geftüt behufs Veredlung der ausgezeichneten Race der Gebirgspferde in Siebenbürgen zu errichten. Auf der Ausftellung war die Pferdezucht Ungarns in wahrhaft brillanter Weife vertreten. In erfter Linie find die Staatsgeftüte zu nennen und von diefen wieder Mezőhegyes, dem geradezu für feine neun Hengfte verfchiedenen Bluts und feine 18 Stuten eben folcher Abftammung die Palme zuerkannt werden musste. In ihnen erfcheint Maffe mit Adel in einer Weife vereinigt, wie fie nur felten gefunden werden, und die Form bei den meiften Thieren läfst ebenfowenig zu wünfchen übrig. Das Staatsgeftüt Kisbér debutirt in anzuerkennender Weife nicht mit feinen importirten Vollblutthieren, fondern blofs mit Eigenzucht, und zwar hat es einen prächtigen Norfolk Hengft und zwei folche Stuten mit zwei englifchen Halbblutftuten ausgeftellt, die insgefammt Anerkennung fanden. Bábolnas Expofitionsobjecte, beftehend in zwei Hengften und vier Stuten, theils arabifches Vollblut, theils Halbblut konnten fich indeffen trotz mannigfacher Vorzüge nicht die gleiche Anerkennung erwerben. Der Grund mag wohl mit in der heute allgemein adoptirten. Ueberzeugung begründet fein, dafs diefen Thieren die für unfere Verhältniffe nothwendige Gröfse und Maffe fehle; damit gilt aber noch nicht Gleiches auch für Ungarn. Im Uebrigen find an hervorragenden Ausftellern noch zu nennen: Graf Julius Andráffy mit gelungenen fünf englifchen Vollblutthieren; Guftav Appel mit zwei Hengften arabifcher Abkunft, die jedoch fchon mehr unferen Verhältniffen entſprechend herausgezüchtet erfcheinen; die königliche Freiftadt Debreczin mit ihren vier urwüchfigen Stuten; Baron Anton Riefe- Stallburg; die Grafen Moriz Sándor, Jofef Stubenberg und Camillo, Georg und Aladár Zichy. Als eine ausnehmende Seltenheit mufs es bezeichnet werden, was uns das Geftüt Cficfó, gehörig dem Grafen Johann Waldftein, bietet; die 25jährige englifche Rapp- Stute Gambia XI. trat mit fechs eigenen Fohlen im Alter von fechs bis zu einem Jahre auf und bildete ganz begreiflicher Weife den Gegenftand allgemeiner Bewunderung. Im Ganzen enthielt die ungarifche Ausstellung 73 Pferde. Auch Rufsland mufs ein an Pferden fehr reiches Land genannt werden, und brachte uns die Pferde- Ausftellung in ihren 31 Stücken davon gewiffermafsen die Elite zur Anfchauung. Als eine Specialität ruffifcher Zucht find die Orloff- Traber zu nennen, die zu obiger Zahl das gröfsere Contingent ftellen. Wiewohl diefelben für ihre Heimath, wo es gilt, weite Strecken zurückzulegen, einen grofsen Werth befitzen, fo kann ihnen doch für unfere Verhältniffe keine weitere Bedeutung zuerkannt werden, als fördernd für den Trabwettfahrtfport einzugreifen, indem fie die Leiftungsfähigkeit des Pferdes nach diefer Seite hinaus bethätigen. Die fechzehn Hengfte des Grofsfürften Nikolai Nikolaje witfch aus dem Geftüte Tfchesmenka find zum Theil Orloff- Traber, zum Theil orientalifcher und englifch- arabifcher Abftammung und fämmtlich vortreffliche Thiere. In ihrer Art als Orloff- Traber find auch die Objecte von Bardin, Goujon, Mazourine, Fürft Obolensky und Ochotnikoff mehr oder weniger gelungen zu bezeichnen. Das mit der Gefchichte der edeln Pferdezucht Polens fo eng verknüpfte Geftüt des Fürften Sanguszko in Slawuta exponirt acht arabifche Vollblutftuten, die fich ebenfo wie die Araber des Grofsfürften Nikolai Nikolajewitfch durch Gröfse auszeichnen und in allem Uebrigen dem längft erworbenen Rufe neuerdings Beftätigung verfchaffen. Aus Egypten haben wir von zwei Ausftellern und zwar Sefer Pafcha und Oberft Arthur Bey je vier Araberhengfte zu verzeichnen, denen zwar, was Eleganz in der Erfcheinung anbelangt, nur Rühmenswerthes nachgefagt werden kann und die darob der Sachkenntnifs ihrer Befitzer alle Ehre machen, aber trotzdem nicht im Stande find, das zu Gunften des englifchen Blutes über die Orientalen gefallene Verdict umzuftofsen. Diefe Entfcheidung in dem bisher gewährten Kampfe zwifchen 10 Johann Pohl. beiden Racen um den Einfluss auf die öfterreichiſche Pferdezucht ift als einer der wichtigften Erfolge der internationalen Pferde- Ausftellung hervorzuheben. Gleichzeitig und im Zufammenhange mit der internationalen Pferde- Ausftellung follte auch der Renn- und Trabfport feinen Platz finden. Wettrennen und Trabwettfahren. Die Tüchtigkeit eines Pferdes wird fich felbft bei gründlichfter Kenntnifs der Natur desfelben im Allgemeinen und bei tiefftem Scharffinn kurzweg nur annähernd beftimmen laffen und einer blofsen äufseren Betrachtung werden in der Regel Vorzüge und Mängel unentdeckt bleiben, die, nach längerem Gebrauche erkannt, wefentlich den Werth des Thieres modificiren können. Das ift eine Thatfache, die jedem bekannt ift; ebenfo gut weifs aber auch Jedermann, dafs eine entfprechende Probe- Arbeit fchon einen viel tieferen Einblick in die Leiftungsfähigkeit des Organismus geftattet, dafs mittelft einer Tour im Wagen oder mittelft eines Rittes ganz neue Seiten des Thieres enthüllt werden. Die einzelnen Organe und Körpertheile, verfchieden in Form und Befchaffenheit, fowie ihre gegenfeitige Harmonie zeigen fich hier in ihrer Brauchbarkeit für den vorliegenden Zweck, und werden um fo mehr zielgerechte Verhältniffe befitzen müffen, je grösser die geſtellte Aufgabe war und je beffer diefelbe gelöft wurde. Der Pferdezüchter wird fo in eine feine Sache fehr fördernde Lage gefetzt; während ihm damit einestheils ein Mafsftab für die richtige Beurtheilung der Tüchtigkeit des Zuchtmateriales geboten wird, findet er andererfeits fo auch wieder Gelegenheit, die Pointe feiner züchterifchen Leiftungen herauszukehren und daraus Nutzen ziehen zu können. Aber auch bei keinem Zweige landwirthfchaftlicher Thierproduction würde diefer Vortheil gleich fchwerwiegend fein wie für die Pferdezucht. Hier gilt es in der Regel nicht fo fehr, blofs Thiere für die eigene Benützung und Abnützung zu gewinnen, als zum Verkaufe, und dafür kann die Möglichkeit, diefelben in ihrem wahren Werthe dem Käufer ad oculos zu zeigen, nicht hoch genug angefchlagen werden. Nicht, als ob damit gefagt fein follte, dafs es zum Beiſpiel für den Rindviehzüchter bedeutungslos wäre, wenn er die Ausnützungsfähigkeit des Futters der feine Heerde ausmachenden einzelnen Individuen auf fo einfache Weife demonftriren könnte; auch er würde ohne Zweifel daraus Vortheile fchöpfen, aber wo er feine Züchtungsproducte mehr felbft verwendet, kann er eher davon abfehen und findet felbft auf andere Weife Gelegenheit, fich von ihrem inneren Werthe Ueberzeugung zu verfchaffen. Wenn man von diefem Standpunkte aus die Probe- Arbeiten auffafst, die den Pferden gelegentlich abverlangt werden, fo wird man fich der Ueberzeugung nicht verfchliefsen können, dafs ihnen eine grofse Bedeutung zukommt; insbefondere dort, wo es gilt, die Tüchtigkeit von Zuchtthieren zu erkennen, die fich in Form und Eigenfchaft vervielfältigen follen. Wird von den leichteren und einfacheren Arten, als dem Probefahren und Reiten oder Vorführen, abgefehen, fo find es zunächst das Wettrennen und Wettfahren, die hier in's Auge gefafst werden follen. Diefen, namentlich aber dem erfteren von beiden, werden zwar fehr häufig andere Motive zu Grunde gelegt, fo dafs es nicht fo fehr als Mittel zum Zweck, wie als Selbftzweck fich verhält; das darf uns aber nicht verleiten, feinen wahren Werth zu verkennen. Als einziges Mittel, womit dem Vollblut Gelegenheit gegeben werden kann, dafs es feine Vorzüge entfalte, mufs es, infolange edles Vollblut in der Pferdezucht gebraucht wird, als ein mächtiges Bindeglied in der Kette jener Mafsregeln angefehen werden, die für ihr Emporblühen nicht unbeachtet bleiben dürfen. Die Aufmerkfamkeit aller jener werden folche Anläffe auf fich ziehen, die in der Pferdezucht den bedeutenden Productionszweig erkennen. In England, das in thierzüchterifcher Hinficht die höchften Leiftungen aufzuweifen hat, find folche Tage Nationalfefte; das Parlament hält keine Sitzungen, läfst Gefchäfte und anderweitige Verhandlungen ruhen, und aus allen Enden des ver Thierzucht. 11 einigten Königreiches führen die zahlreichen Eifenbahnen das den verfchiedenften Gefellſchaftsclaffen angehörige Publicum nach dem Orte, wo das grofse Schaufpiel fich abwickeln foll, auf das im Augenblicke fich die Augen von ganz England richten. Was das Wettrennen für Bethätigung der Leiftungsfähigkeit des Vollblutes ift, das ift das Trabwettfahren für jene des Halbblutes. Diefe Thatfachen fanden in der Errichtung und Benützung von Hippodroms, insbefondere aber durch die Wettrennen am 21. und 23. September und das Trabwettfahren am 22. September volle Anerkennung. In Nachftehendem folgen die bezüglichen officiellen Mittheilungen, wie fie uns Herr Major von Mayr zur Verfügung ftellt. Rennberichte. Erfter Tag. ( Sonntag den 21. September.) 1. Kaiferpreis 3000 fl. Handicap für Pferde aller Länder. Einlage 200 fl., Reugeld 100 fl. jedoch nur 50 fl. wenn erklärt. Diftanz 14 Meilen. Das zweite Pferd erhält die Hälfte der Einlagen. Gewinner eines Rennens von 4000 fl. nach Bekanntmachung der Gewichte( II. September) 7 Pfund mehr( 27 Unterfchriften). Prinz L. Esterházy's 4j. F. H. Bar le Duc v. Orphelin a. d. Cérès 113 Pfd. Altgraf F. Salm's 4j. F.-H. Afpirant 119 Pfd. Gf. Henckel fen. 3j. br. St. Flora 97 Pfd. Mr. Töwen's 3j. br. St. Lady Befs 104 Pfd. ( Cuftance) I ( Webber) 2 ( Jenkins) 3 ( Little) 4 Aufserdem rannten noch 8 Pferde und wurde ferner Reugeld gezahlt mit 50 fl. für 12 und mit 100 fl. für 3 Pferde. 2. Preis der Erzherzoge 2000 fl. für 2j. Pferde aller Länder. Einlage 100 fl., Reugeld 50 fl., Gewicht 112 Pfund, Stuten 2 Pfund weniger. Gewichtsbeftimmungen. Diftanz 1 Meile., Das zweite Pferd erhält 200 fl. aus den Einlagen.( 22 Unterfchriften.) Arift. v. Baltazzi nt. Gf. Ugarte's br. St. Mifs Peel v. General Peel a. d. Grillade 110 Pfd.( incl. 8 Pfd. extra) Gf. Henckel fen. br. St. Novelle 102 Pfd. Arift. v. Baltazzi nt. Gf. Ugarte's br. St. Donna Anna 102 Pfd. ( Hunt) I ( Sherrington) 2 ( Webber) 3 Aufserdem rannten noch 9 Pferde. Reugeld wurde ferner gezahlt mit 50 fl. für 10 Pferde. 3. Ausstellungspreis von 15.000 fl. nebft einer Ehrengabe im Werthe von 1000 fl. für 3j. und ältere Pferde aller Länder. Einlage 300 fl., Reugeld 150 fl., Diftanz 134 Meilen, Altersgew. Stuten und Wallachen 3 Pfund erlaubt. Gewichtsbeftimmungen. Sieger extra. Das zweite Pferd erhält ein Drittel der Einlagen und Reugelder.( 36 Unterschriften.) Gf. Johann Renard's 3j. br. H. Hochftapler v. Savernake a. d. La Traviata 102 Pfd. Desfelben 3j. br. St. Amalie v. Edelreich 99 Pfd. Gf. Henckel fen. 4.j. br. St. Libelle 99 Pfd.( tr. 101 Pfd.) Gf. Paul Feftetics's 5j. br. St. Andorka 109 Pfd. Gf. Iván Szápáry's 4j. br. H. The Jew 106 Pfd. ( Madden) I ( Sopp) 2 ( Sherrington) 3 ( Metcalf) 4 ( Chapman) 5 Aufserdem rannten noch 5 Pferde. Reugeld mit 150 fl. wurde gezahlt für 26 Pferde. 4. Damenpreis. Ehrenpreis im Werthe von beiläufig 2000 fl. Herrenreiten. Einlage 100 fl., Reugeld 50 fl., Diftanz I Meile. Für 4j. und ältere Pferde 12 Johann Pohl. aller Länder. Altersgew. Der Sieger um 4000 fl. zu fordern etc.( 7 Unterfchriften.) Altgraf F. Salm's 4j. br. H. Dualift v. v. Buccaneer a. d. Simple Sufan ( 4000 fl. feil) 135 Pfd. ( H. Baltazzi) I Gf. Henckel fen. a. br. H. Allbrook( 3000 fl. feil) 135 Pfd.( tr. 137 Pfd.) ( Gf. N. Esterházy) 2 Prinz L. Efterházy's 4j. br. St. Privateer( 1000 fl. feil) 120 Pfd. Reugeld mit 50 fl. wurde gezahlt für 4 Pferde. ( A. Baltazzi) 3 5. Preis für Pferde rein orientalifcher Abkunft 2500 fl. Einlage 100 fl., Reugeld 50 fl., Diftanz 2 Meilen. Altersgew. Pferde im Orient geboren 8 Pfund mehr. Das zweite Pferd erhält die Hälfte der Einlagen. ( 1 Unterfchrift.)( Fand wegen Mangel an Concurrenz nicht ftatt.) 6. Preis der Wiener Bürger 3500 fl. mit einem Ehrenpreis im Werthe von 500 fl. Steeple- chafe Handicap für Pferde aller Länder. Einlage 200 fl., Reugeld 100 fl., jedoch nur 50 fl. wenn erklärt. Diftanz circa 4 Meilen. Sieger extra. Das zweite Pferde erhält die Hälfte der Einlagen.( 19 Unterfchriften.) Gf. Georg Stockau's 4j. br. St. Brigantine v. Buccaneer a. d. Strutaway 149 Pfd. Jacques Schawel's 4j. br. W. Charlatan 133 Pfd. Gf. Nik. Eizterházy's 4j. br. H. Krenreiber 134 Pfd. Jacques Schawel's 4j. br. W. Toady 125 Pfd. ( H. Baltazzi) I ( Hanfi) 2 ( Hanreich) 3 ( Earl) 4 Reugeld mit 50 fl. wurde gezahlt für 8 und mit 100 fl. für 7 Pferde. Zweiter Tag. Dienstag den 23. September. 1. Preis der Induftriellen 4500 fl. mit einem Ehrenpreife im Werthe von 500 fl. Handicap für 3j. und ältere Pferde aller Länder. Einlage 100 fl. Reugeld 50 fl., jedoch nur 25 fl. wenn erklärt. Diftanz 2 Meilen. Sieger extra. Dem zweiten Pferde bis zu 400 fl. aus den Einfätzen und Reugeldern. Das dritte Pferd rettet feinen Einfatz.( 30 Unterfchriften.) Altgf. Franz Salm's 4j. F.-H. Afpirant v. Buccaneer a. d. Dahlia 118 Pfd. Gf. Henckel fen. 3j. br. H. Profeffor 108 Pfd. R. v. Seelig's 4j. br. H. Strafsburg 129 Pfd. Gf. Oct. Kinsky's 3j. br. H. Krifchna 93 Pfd. Bar. G. Springers's 4j. br. H. Seraphin 118 Pfd. ( Webber) I ( Sherrington) 2 ( Sopp) 3 ( Prior) 4 ( Madden) 5 ( Viney) 6 Ariftide v. Baltazzi nt. Gf. Ugarte's 4j. F.-St. Galathée 99 Pfd. Aufserdem rannten noch 5 Pferde und Reugeld wurde erlegt mit 25 fl. für II und mit 50 fl. für 8 Pferde. 2. Trial Stakes 2000 fl., für 2- und 3j. Pferde aller Länder. Altersgew. Stuten 2 Pfund weniger. Auf dem Continente, mit Ausnahme von Frankreich, geborenen Pferden 8 Pfund erlaubt. Diftanz circa 3/4 Meilen( 520 Klafter.) Einlage 100 fl., Reugeld 50 fl. Das zweite Pferd erhält 200 fl.( 15 Unterfchriften.) ( Sopp) 1 ( Madden) 2 Gf. Henckel fen. 2j. F. H. Mofes v. Giles I. a. d. Lawina 98 Pfd. Gf. Joh. Renard's 3j. br. H. Hochftapler 125 Pfd. Fürft J. Liechtenſtein's 3j. br. H. v. Peon a. d. Lay Sifter 125 Pfd. Reugeld mit 50 fl. wurde erlegt für 12 Pferde. ( Prior) 3 3. Freudenauer Preis von 3700 fl. mit einem Ehrenpreife im Werthe von 300 fl., für 3j. und ältere Pferde aller Länder. Einlage 200 fl., Reugeld 100 fl. Altersgew. Stuten und Wallachen 2 Pfund erlaubt. Auf dem Continente, Thierzucht. 13 mit Ausnahme von Frankreich, geborenen Pferden 8 Pfund erlaubt. Sieger Diftanz 14 Meile. Das zweite Pferd erhält ein Drittel der Einlagen und Reugelder.( 31 Unterfchriften.) extra. Gf. Joh. Renard's 3j. br. St. Amalie von Edelreich v. Buccaneer a. d. Sweet Katie 106 Pfd.( incl. 8 Pfd. extra) Gf. Iván Szápáry's 4j. br. H. The Jew 114 Pfd. Gf. Joh. Renard's 5j. br. H. Bauernfänger 120 Pfd. ( Madden) I ( Chapmann) 2 ( Cuftance) 3 Aufserdem rannte noch ein Pferd und Reugeld wurde bezahlt mit fl. 100 für 28 Pferde. 4. Verkaufsrennen. Preis 1500 fl., für Pferde aller Länder. Diftanz I Meile. Einlage 100 fl., Reugeld 50 fl. Altersgew. Der Gewinner um 2400 fl. zu fordern, für je 400 fl. weniger, 5 Pfund erlaubt.( 8 Unterfchriften.) Bar. A. v. Bethmann's 3j. br. St. Johanna( 400 fl. feil) 90 Pfd. Ritter St. George's 3j. br. H. Paulinus( 800 fl. feil) 95 Pid. Gf. Oct. Kinsky's 4j. br. W. Ziska( 400 fl. feil) 105 Pfd. ( Wicks) I ( Viney) 2 ( Prior) 3 Aufserdem rannten noch 3 Pferde und Reugeld mit fl. 50 wurde erlegt für 2 Pferde. 5. Lufthaus Steeple- chafe. Preis 1800 fl. mit einem Ehrenpreife im Werthe von 200 fl. Verkaufsrennen für 4j. und ältere Pferde aller Länder. Einlage 150 fl. Reugeld 50 fl. Altersgew. Der Sieger um 3500 fl. verkäuflich, wenn um 2500 fl. 5 Pfund u. f. w. Herrenreiter 5 Pfund weniger. Diftanz circa 3 Meilen.( 13 Unterfchriften.) J. Schawel's 4j. br. W. D. B( früher Collier) v. Plum Pudding, Mutter nach Ivan. 128 Pfd. ( H. Baltazzi) I Desfelben 4j. br. St. Camomile( 1000 fl. feil) 128 Pfd. ( Hanfi) 2. Gf. Nik. Efzterházy's 4j. br. H. Krenreiber( 1000 fl. feil) 128 Pfd.( Hanreich) 3 Aufserdem rannten 2 Pferde und Reugeld mit 50 fl. wurde für 8 gezahlt. Internationales Trab- Wettfahren. Montag den 22. September, 9 Uhr Vormittags. I. Einfpännig. Mit Ausfchlufs eines Nebenpferdes. Für Pferde aller Länder und jeden Alters. Mit zwei- und vierräderigen Wägen. Die Fahrt gefchieht nach Zeit. 234 engDiftanz hin und zurück circa 2345 Wiener Klafter= 4422 Meter= lifche Meilen. Bei der Anmeldung hat der Eigenthümer zu erklären, ob er rechts oder links zu fahren und zu wenden wünſcht. Bahngeld 25 fl. - I. Preis 4000 fl., nebft einer Ehrengabe. II. 1600 99 III. 800 " 99 IV. "" V. 400 200 99 " " 1. Mazourine's 7j. F.-St. Craffa, ruffifcher Abkunft, 6 Min., 56 Sec. 2. Gf. Gommi's und Bonetti's a. R. Sch. W. Vandalo v. Huntsman a. d. Caf fandra, 7 Min. 3. Mazourine's 5j. R.-H. Seriosnoi, rufficher Abkunft, 7 Min., 7 Sec. 4. M. P. Jouben's 7j. F. St. Tentative v. Conquerant a. d. Sultane, franzöfifcher Abkunft, 7 Min., 8 Sec. 5. Hrn. Le Joliff's 6j. br. St. Ouvrière v. Ouvrier a. d. Normandier St. franz. Abkunft, 7 Min., 13 Sec. Aufserdem fuhren noch 13 und zurückgezogen wurden 4. 14 Johann Pohl. II. Zweifpännig. Für Pferde aller Länder und jeden Alters. Mit vierräderigen, mit vier Sitzplätzen verfehenen Wägen. Zum Fahren ift Jedermann qualificirt, mit Ausnahme von Dienern. Pferde, welche beim einfpännigen Fahren( Nr. 1) geftartet haben, find ausgefchloffen. Diftanz hin und zurück circa 4690 Wiener Klafter= 8844 Meter= 5% englifche Meilen. Vom Comité wird entfchieden werden, ob die Theilnehmer alle auf einmal oder in Abtheilungen zu ftarten haben. Erfolgt die Abfahrt aller Theilnehmer gleichzeitig, fo ift die Reihenfolge, in welcher die Concurrenten das Ziel paffiren, im anderen Falle aber das Zeitmafs, binnen welchem die Fahrbahn zurückgelegt wird, für die Preiszuerkennung mafsgebend. Bahngeld 50 fl. I. Preis II. " III. IV. " " . 2000 fl. IOOO 600 400" " " 9 1. Riccardo Bonetti's 8j. br. W. Trovatore, 9j. F.-W. Rigoletto, ital. Abkunft, 17 Min., 18 Sec. 2. Joh. Valentin's und Stephan Tuban's 7j. fchwbr. St. Krachawhichin, 8j. fchwbr. St. Lebedonez, Orloff- Geftüt, 17 Min., 34 Sec. 3. Louis Annovi's 7j. br. W. Ich weifs nicht, ital. Abkunft, 9j. br. W. Bismarck, ital. Abkunft, 17 Min., 53 Sec. 4. Ferd. Kaulla's 6j. br. St., 6j. fchw. W. 18 Min., 16 Sec. Aufserdem fuhren noch 7 und zurückgezogen wurden 3. III. Trab Wettfahrt für Fiaker der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie mit licenzirten nummerirten Wägen. Zweifpännig. Diftanz hin und zurück circa 4690 Wiener Klafter= 8844 Meter= circa 5% englifche Meilen. Bahngeld 10 fl. I. Preis. II. • 500 fl. 200 99 150" " III. IV. " " 5°" 1. Joh. Schulz, Nr. 1005, zwei Braun, 19 Min., 25 Sec. 2. Carl Leydolt, Nr. 696, a. Sch. St. a. F.-W., 20 Min., 52 Sec. 3. Leopold Wallner, Nr. 225, br. W., br. H., pol. Abkunft, 21 Min., 7 Sec. 4. Jofef Winkler, Nr. 301, 8j. br. W., 10j. br. W., 22 Min., 6 Sec. 5. Johann Sauer, Nr. 613, Fuchs und Braun, ungar. Abkunft, 21 Min., 41 Sec. Aufserdem fuhren noch 6. Rinder. Wie bereits gefagt, waren die Rinder mit Gegenftand der temporären Thierausftellung vom 31. Mai bis 9. Juni. Nebft dem hatte fich aber die k. k. Landwirths Gefellfchaft in Wien die fpecielle Aufgabe gefetzt, den Befuchern der Weltausftellung in der fogenannten„ O efterreichifchen Meierei" die in Oefterreich heimifchen Melkviehracen vorzuführen. Wie berechtigt diefes Beftreben war, braucht nicht erft bewiefen zu werden und ergibt fich am beften aus dem bereitwilligen Entgegenkommen, auf das diefe Idee allerorts traf. Auch das k. k. Ackerbau- Minifterium anerkannte diefelbe, indem es dafür eine Subvention bis zum Maximalbetrag von fi. 20.000 ö. W. bewilligte. In der Hand eines Comités, beftehend aus O. v. Altvatter, Thierzucht. 15 G. Belleville, Baron Doblhoff, Dr. Fuchs und F. von Orlando unter dem Vorfitze des Vicepräfidenten der Gefellſchaft, Dr. Bruckmüller, gelangte die Sache zur Durchführung, indem dasfelbe fich mit den LandwirthsGefelifchaften der übrigen Königreiche und Länder behufs Beiftellung von je drei frifchmelkenden Kühen der ihnen eigenthümlichen Melkviehracen ins Einvernehmen fetzte und die Herftellung eines Stalles fammt Beifchaffung alles nöthigen fonftigen Zugehörs veranlafste. Diefe Special- Ausftellung follte, unabhängig und abgefehen von der temporären Thierausftellung, während der ganzen Ausftellungszeit tagen. Ueber die Bedeutung des hier in Rede ftehenden Zweiges des Landwirthfchaftsbetriebes bilden wir uns am beften ein Urtheil, wenn wir die von Dr. L.Wittmack in Berlin zufammengetragenen und in der deutfchen Agriculturhalle ausgeftellten ftatiftifchen Daten betrachten. Zu dem Zwecke feien fie hier reproducirt. ( Siehe Tabelle Seite 17 und 18.) Wenden wir uns nun erft an der Hand des Kataloges zur Betrachtung der temporären Thierausftellung. England hatte blofs 8 Rinder eingefendet; deren Ausfteller find: Dudding William& Henry( Panton Houfe), Fowler John Kersley( Willowbank) und Smith Henry Frederick( Hamwath Houfe). Gewifs eine fehr geringe Zahl, was bei dem Umftande als um fo bedauerlicher bezeichnet werden mufs, als den Vorzügen des englifchen hochgezüchteten Rindes nach vielfeitigen Anfchauungen auch die continentale Rinderzucht fich nicht wird verfchliefsen können. Dazu befitzen diefe Thiere noch durchaus nicht die hohe Vollkommenheit der Formen, die man ihnen im Allgemeinen zufchreibt, und es läfst fich behaupten, dafs felbft auf kleinen Thierfchauen in ihrer Heimath ungleich Vollkommneres zu fehen ift. Uebrigens darf auch nicht überfehen werden, dafs diefelben nicht, wie wir es zu finden gewöhnt find, für die Ausstellung befonders hergerichtet waren, fondern direct von der Weide zu kommen fchienen. Der continentale Züchter läfst fich nur zu häufig und zu leicht verleiten, aus einer fcheinbar vernachläffigten Stallpflege auf Mangel an Sorgfalt im Allgemeinen zu fchliefsen, wovon zu einem abfälligen Urtheile nur ein Schritt ift, den er bald macht. Unfere Haltungsweife des Rindes verlangt eine bei Weitem ganz andere Stallpflege als die Englands, und defshalb kann und mufs dasjenige, was bei uns in diefer Hinficht ein Mifsgriff wäre, dort als gerechtfertigt bezeichnet werden. Deffenungeachtet darf der hohe Zuchtwerth der hinter diefen acht Stück ftehenden Type nicht unterfchätzt werden. In Frühreife der Entwicklung und Maftfähigkeit fteht fie unerreicht da, und wo diefe gebraucht werden, wird der Züchter feinen Blick darauf richten, darf aber nie vergeffen, dafs grofse Erfolge nur bei reichlicher Ernährung möglich find und dafs ihre Eignung zur Milchnutzung nur auf einzelne Stämme befchränkt und zur Zugleiftung überhaupt gering ift. Italien kam mit 18 Stück Rindern und zwar die landwirthfchaftlichen Comités von Arezzo, Foggio und Turin- in denen auf den erften Blick ein gewiffer Zufammenhang mit den ungarifchen Racen nicht zu verkennen ift. Bei ihrem grobknochigen Charakter, bei ihrer Hochbeinigkeit, ihrem fchmalen und kurzen Kreuze und der groben und harten Haut dürfen wohl keine befonderen Erwartungen auf fie gefetzt werden. Befcheidenheit in den Anforderungen, insbefondere auf Ernährung, dann in Haltung und Pflege, was ihre ſtarke Seite ift, wird in der heutigen Zeit, in der der Menfch täglich mit mehr Erfolg die natürlichen, ihm fich gegenüberftellenden Schwierigkeiten befiegt, für die Culturftaaten ein immer geringerer Vorzug, wenn fie nicht mit anderen ausgezeichneten Eigenfchaften gepaart ift. 2 16 Johann Pohl. Rinder ftand. Anzahl der Stücke Länder im Stücke Jahre per 1000 Einwohner per I geographifche Quadratmeile Europäiſches Rufsland 1860 22,816.000 358 Afiatifches Rufsland 1861 2,628.000 209 1864 14,994.084 Deutfches Reich 1867 15,128.791 380 1.571 1864 6.111.994 Preussen 1867 7.996.818 324 1.250 Baiern 1863 3,162.387 651 2.297 1866 974.917 Württemberg 1868 911.013 501 2.573 Sachfen 1867 625.260 245 2.290 Baden. 1869 609.380 425 2.192 1862 14.197.360 Frankreich 1866 12,733.188 346 1.327 1864 13,660.322 Oefterreich 1869 12.504.408 351 1.106 1867 8,731.473 1868 9,083.416 Grofsbritannien 1870 9,235.052 1871 9,346.216 294 1.611 Italien Spanien 1867 3,708.635 177 687 1865 2,904.598 173 316 1866 1,985.000 1867 1,942.137 Schweden 1868 1,741.992 1869 1,874.369 449 234 1866 1,271.563 1867 1,361.278 Holland. 1868 1,368.175 1869 1,401.910 393 2.354 1856 1,257.649 Belgien Dänemark 1866 1,242.445 250 2.326 1866 1,993.861 651 2.771 Schweiz 1866 992.895 372 1.055 Norwegen 1865 953.036 551 166 Portugal. 1862 523.248 131 322 Griechenland 1867 109.904 75 121 1860 25,616.540 Vereinigte Staaten 1869 25,484.100 1870 26,235.200 659 Auftralien 1870 4,712.918 2.623 75 75 39 Thierzucht. Rinderhandel. 17 Einfuhr Ausfuhr Länder im Jahre Stücke Stücke 231.364 1869 288.386 Deutfches Reich. 186.623 1870 237.016 230.526 1871 290.184 202.172 1870 I.443 Grofsbritannien. 248.611 1871 1.631 222.676 1869 57.152 Frankreich 182.965 1872 29.564 162.947 1869 140.420 Oefterreich 157.014 1870 III.349 25.965 1866 13.000 Belgien 28.963 1867 12.088 Holland 42.021 1870 152.546 Schweiz 209.742 1869 130.583 Italien. 45.589 1868 83.940 Spanien 41.147 1868 104.746 II.877 1869/1870 47.295 Dänemark IO.557 1870/1871 45.139 I I 1868 16.416 Schweden 631 1869 14 583 1871 20 530 Vereinigte Staaten Viel zahlreicher betheiligte fich Deutfchland, und zwar mit 102 Stücken, die in der Hauptfaché den Niederungen Norddeutfchlands und Süddeutſchlands entftammen, während Mitteldeutſchland beinahe unvertreten blieb. Was die Niederungsthiere betrifft, fo find fie verfchiedenen Landftrichen entnommen, wie: Oldenburg, Weftfriesland, Oftfriesland, Holland und dergleichen, und ihren Befitzern, die gröfstentheils Viehhändler find, ift es damit gelungen, ihrem Handels- Artikel eine fehr vortheilhafte Vignette zu geben. Wie aus einer Form erfcheinen die Thiere gruppenweife gegoffen, und alle zufammen umfchliefst das Band der Zufammengehörigkeit. Wenn wir aus dem Guten das Befte herausgreifen wollten, dann müssten wir auf die Betrachtung der einzelnen Individuen übergehen; das würde aber über die vorliegende Aufgabe hinausgehen. Erwähnt feien defshalb nur die Namen jener Ausfteller, deren Collectionen das Befte enthielt: Otto Böckhoff, Achgelis und Detmers, der Oftfrie fifche landwirth fchaftliche Provinzverein Bingum, K. C. Rüft, Gebrüder Böckhoff und fo weiter. In Deutſchland hat fich in der Rindviehzucht fchon feit längerer Zeit eine Theilung der Arbeit entwickelt; der Landwirth der Niederungen im Norden zieht Vieh auf und gibt es nach Mitteldeutfchland ab, wo es benützt und abgenützt wird, und diefen Verkehr vermitteln die Viehlieferanten. Die hohe Milchergiebigkeit des Niederungsviehes, mit der fich in einzelnen Gegenden eine ganz befriedigende Maftungsfähigkeit vereinigt, bahnt ihm diefen Weg und die Anfprüche an das Futter, die es dem entgegen macht, werden ihm gerne befriedigt während man Widerftandsfähigkeit und Ausdauer weniger häufig fucht. Aus Deutfchland haben ferner Baiern und Baden Thiere zur Ausftellung gefchickt. Diefelben gehören vorwiegend der Simmenthaler Type an; nur konnte Niemandem entgehen, dafs ihre Formen, gegenüber der originären, mehr oder 2* 18 Johann Pohl. weniger bereits verfeinert waren. Insbefondere zeichnet fich nach diefer Richtung hin der Mefskirchner Schlag aus, deffen Ausftellung im Uebrigen fehr gut gebaute Thiere enthielt Daneben war auch noch eine andere Zuchtrichtung Deutfchlands vertreten; zwar nicht in jenem Mafse, wie es zu wünfchen gewefen wäre, doch können die Shorthornftücke des Barons Magnus in Drehfa( Königreich Sachfen) und der weifse Shorthornftier von H. Sprengel in Schillerslage( Hannover) immerhin als Anknüpfungspunkte für diefem Fall angefehen werden. Schon feit Jahren findet Import von Shorthorns nach Deutfchland ftatt, wo diefelben entweder rein fortgezüchtet werden, oder zur Erzeugung von Gebrauchsthieren, das find Kreuzungsproducte zur Mäftung, Verwendung finden. Unter die erfteren Heerden gehört namentlich von den auf der Ausftellung vertretenen, die des Barons Magnus. Einftweilen befchränkt fich diele Zuchtrichtung zwar noch mehr auf den Norden, wo die klimatifchen Verhältniffe mehr Aehnlichkeit mit jener Englands haben, indeffen fehlen doch in Mitteldeutſchland Beiſpiele dafür nicht. Obzwar fo von Deutſchland die hauptfächlichften Zuchtrichtungen, die in der Hauptfache auf Milch- und Fleifchproductionen hinauszielen, vertreten waren, betheiligte fich doch Mitteldeutfchland beinahe gar nicht und manch bedeutende Zucht wird dadurch vermifst. Diefe Thatfache kann gleich hier conftatirt und erklärt werden, weil ihr diefelbe Urfache zu Grunde liegt, wie dem Nichterfcheinen zum Beiſpiel des Schweizer Viehes und anderen. Unfere Geifsel, die Rinderpeft, der die ruffifchen Steppen unaufhörlich neuen Zündftoff nachfenden und die bei uns mit ihren unfeligen Folgen bereits ftationär geworden ift, hatte zur Zeit der Ausftellung ebenfalls mehrere Länder inne. Man hatte zwar der Gefahr der Anfteckung vorgebeugt, indem aus diefen Theilen jedwede Theilnahme an der Ausftellung unterfagt wurde; das hinderte aber nicht, dafs auf vielen Seiten der Befchlufs gefafst wurde, diefelbe unbefchickt zu laffen. Die buntefte Rinderausftellung hatte O efterreich. Wie wäre das aber auch anders möglich? Die Wirkung der mannigfaltigften heimifchen Verhältniffe, gepaart mit den Folgen der aus verfchiedenen Gründen ftattgehabten Blutmifchung, mufsten ein Vielerlei von Thiertypen erzeugen. Entfprechend der Thatfache, dafs im Allgemeinen die einheimifchen Typen mehr Gegenftand der Pflege der kleineren Heerdenbefitzer find, während der Grofsgrundbefitz vorwiegend in der Zucht importirter Thiere fein Heil fucht, war auch die Ausftellung befchaffen und nahmen in diefem Sinne beide Richtungen an den zufammen beigebrachten 434 Stück Theil. Die meiſten der erfteren traten in Collectivausftellungen auf und nur wenige felbftftändig. In der Collectivausftellung von Salzburg fanden wir Pinzgauer; in jener von Leoben dahin gehören auch die Mariahofer des Benedictinerftiftes Lambrecht und die Mürzthaler des Grafen F. Vetter in Grafehnitz, von A. Bernauer in Bruck an der Mur und Rachög in Leoben, die insgefammt befonders ausgezeichnet wurden Mariahofer, Mürzthaler, Murbodenthaler und Pinzgauer; in der von Voralberg Montafuner und Algäuer; in der von Bregenz ebenfalls Montafuner und Algäuer; in der Neutitfchein- Fulneker blofs Kuhländer und die der k. k. Landwirthfchafts Gefellfchaft in Wien, zu welcher zwar auch Grofs- Grundbefitzer wie C. Adametz in Möltern, Graf Ernft Harrach in Bruck an der Leitha, Baron Ludwig Villa Secca in - Grofsau beitrugen, enthielt Mürzthaler, Algäuer, Montafuner, Schwytzer, Mariahofer und Pinzgauer. Die kleineren Landwirthe Kärntens und Tirols treten felbftftändig hervor mit Mürzthalern, Pinzgauern, Lavanthalern, Zillerthalern, Möllthalern, Kitzbichlern, Oberinnthalern, u. f. w. Nennen wir dazu nur noch die von hervorragenden Domänenbefitzern, refpec. tive Heerdenbefitzern ausgeftellten Typen, als: von Baron Jakob Romaczken in Horodenka die Podolifche; von Graf Auguft Fries in Czerachora die Schwytzer; von Baron Kuno Honrichs in Kunstadt die Berner; von der Domäne Feldberg des Fürften Johann Liechtenſtein die Berner; von der Rinder- und Schweine Thierzucht. 19 - zucht Anftalt der k. k. Ob der Enfifchen landwirthschaftlichen Gefellſchaft die Montafuner; von Altgraf Franz zu Salm- Reifferfcheid in Svietla die Schwytzer; von Graf Carl Althan die Berner, Holländer und Kreuzungen beider; von Jofef Maria und Emma Arefin in Partfcherdorf die Kuhländer; von A. E. R. von Komers in Moftau die Egerländer; von Ratiboritz auf der dem Prinzen Wilhelm zu Schaumburg- Lippe gehörigen Domäne Nachod die Berner; Holländer und Kreuzungen beider; von Libiejitz, Krummau, Netolic, Poftelberg, Wittingau, Neufchlofs Lobofitz, Lenefchitzfämmtlich Domänen der Fürften Adolph und Adolph Jofef Schwarzenberg die Mariahofer, Pinzgauer, Montafuner, Algäuer, Schwytzer Berner, Schwarzenberg- Scheinfelder, Holländer und Kreuzungen; von den k. k. Therefianifchen Fondsgütern Dürnholz und Ziftersdorf die Schwytzer, Berner, Holländer und Kreuzungen diefer; von der Zuckerfabriks- Actien gefellfchaft Keltfchau die Shorthorn- Kreuzungen; von Emanuel R. von Proskowetz in Kwafsitz den deutfchen Landfchlag; von der Baron Simon Sina'fchen Domäne Rofsitz die Berner- Holländer Kreuzungen; von den herzoglich Coburg Gotha'fchen Domänen Dürnkrut, Ebenthal und Walterskirchen die Algäuer und Berner; von Graf Johann LarifchMönnich in Freyſtadt die Berner und Kreuzungen von Holländern und Oldenburgern; von Theophil R. von Oftaszewski in Wzdów die Holländer und Berner; von Graf Adam Potocki in Krzeffowice die Holländer und von den erzherzoglich Albrecht'fchen Domänen Tefchen und Saybufch die Holländer und Oftfriesländer: fo dürfte unter weiterem Hinblick auf die Maftthiere der Kuffer'fchen Zuckerfabrik in Lundenburg, von Anton Wachsmuth in Göding, Jacob Neumeyr in Münchendorf und Anderer in der Hauptfache der Inhalt der Ausftellung Oefterreichs gekennzeichnet und gleichzeitig gefagt fein, dafs fie ein fehr entsprechendes Bild von der thatfächlichen Sachlage entwarf. Es lag in der Ausftellung ein Stück Gefchichte der Rindviehzucht Oefterreichs vor unferem geiftigen Auge ausgebreitet. Wenn wir fie von der richtigen Seite auffaffen, können wir daraus fchätzenswerthe Lehren für die Zukunft fchöpfen. Die Wandelung in der Anfchauung, welches die zweckförderlichfte Thiertype ift, beftätigt uns allein die gewichtige Wahrheit: dafs Laune und Mode unbeftändig find und das wirthfchaftliche Intereffe die einzige Richtung ift, die Beftand hat, die zwar ab und zu behindert oder in einzelnen Fällen irre geleitet werden kann, jedoch fchliesslich immer wieder in die richtige Bahn zurückgelangen mufs. Oder was follten wir anders in dem beinahe durchgängigen Beftreben fuchen, die einftmals fo gefchätzten Berner zu verfeinern? In ihrer Urfprünglichkeit fie zu erhalten, fcheint bei uns, wie fich von der Ausftellung abftrahiren läfst, nicht der richtige Boden zu fein. Ein gegebenes Quantum Futter in die möglichft gröfste Menge Milch, Butter, Käfe oder Fleifch umzufetzen oder dafür möglichft viele Arbeit zu leiften, das ift heute das unbeftreitbare Ziel der Rinderzucht und das erreicht man in den verfeinerten Formen der Berner und in anderen Typen in der Regel beffer. Demfelben Drange verdanken wir nebft der Einführung des leichteren Bergviehes auch die Kreuzungen der Berner mit Holländern und dergleichen, fowie den Import der Holländer felbft. Nicht zu verkennen ift aber auch dem entgegen, dafs durch Beiziehung von Berner Blut mancher unferer heimifchen Landfchläge bedeutende Vervollkommnung erfahren hat, z. B. im Kuhlande, in der Gegend von MährifchTrübau u. f. w. Neben diefer Richtung, die hauptfächlich auf den grofsen Gütern Pflege findet, befteht dann die Züchtung der in Oefterreich heimifchen Racen und Schläge. Es fteht aufser Zweifel, dafs manche von ihnen ganz vorzüglich leiftungsfähige Thiere enthalten, es fei für Milchnutzung, zum Zuge oder auch zur Maft, oder die alle diefe Eigenfchaften- dann im natürlich mässigen Mafse vereinigt befitzen. In der Regel ift ihnen aber auch noch gleichzeitig als Kindern des Landes eine gröfsere Befcheidenheit in ihren Anfprüchen auf Fütterung, Haltung und Pflege eigenthümlich, was fie für den kleinen Viehzüchter fehr brauchbar erfcheinen läfst. 20 Johann Pohl. Diefem Umftande verdanken wir die Verbreitung des heimifchen Viehes, dem in der Ausftellung auch vollkommen Rechnung getragen war. Würde fich feiner die züchterifche Intelligenz mehr annehmen, könnten ficherlich auch damit grofse Erfolge erreicht werden, aber das ift leider bisher noch wenig der Fall; um fo freudiger müffen defshalb die nebft den in der Leobener Collectivausftellung bereits hervorgehobenen weiter vorhandenen Beifpiele begrüfst werden, die R. v. Komers mit feinen Egerländern, Baron Romaczkan mit dem Podolifchen Rinde, R. v. Proskowetz mit deutfchem Landfchlage und Andere geben. Die Berückfichtigung der individuellen Eigenthümlichkeiten, die in der deutfchen und öfterreichifchen Schafzucht und in der englifchen Viehzucht überhaupt ihre Triumphe feiert, ift hier noch zu wenig zur Anerkennung gelangt und damit wahrhaft Brauchbares meift nur Folge des Zufalles. Sich aber davon unabhängig zu machen, ift würdige Sache des denkenden Menfchen. Der mangelhaften Beachtung der Indivi. dualität ift es auch fernerhin zuzufchreiben, dafs fo wenig Conformität überhaupt zu finden ift. Diefs erftreckt fich aber nicht blofs auf die Heerden des kleinen, fondern auch auf die des grofsen Grundbefitzers. Farbenzeichnung wird oft viel mehr berücksichtigt, als tief im ganzen Bau begründete Formen, die natürlich höchft bedeutungsvoll für die Gebrauchstüchtigkeit find. Daneben exiftirt dann noch eine dritte Richtung, die jedoch erft jüngeren Entſtehens ift, und zwar jene, die in der öfterreichifchen Abtheilung durch die Keltfchaner Zuckerfabriks- Domäne und in der ungarifchen durch die erzherzog lich Albrecht'fchen Güter Ungarifch- Altenburg und Bellye Vertretung fand. Die Frühreife der englifchen Kunftracen fowie ihre Brauchbarkeit zur Maftung find gleich allgemein anerkannt und Frankreich, Belgien, Deutfchland und andere Länder haben fich fchon längft die Erfolge énglifcher Intelligenz und Confequenz auf thierzüchterifchem Gebiete zugewendet. Dasfelbe ftrebt in jüngfter Zeit, wie diefe Beiſpiele lehren und hinter denen noch andere ftehen, die aber auf der Ausftellung nicht vertreten find, auch Oefterreich an. Ehemals glaubte man zwar allgemein, dafs in den klimatifchen Verhältniffen Oefterreichs und Englands ein zu grofser Unterfchied beftände, um einen von Erfolg begleiteten Austausch von Nutzthieren möglich zu machen; die Erfahrung hat aber diefe Anfchauung als Vorurtheil conftatirt und uns eines Befferen belehrt. Schon feit mehr als einem Jahrzehnt werden auf der Domäne Ungarifch- Altenburg Shorthorns gezüchtet, trotzdem diefelbe unter gegen England ganz heterogenen Verhältniffen liegt, wie wir es in Cisleithanien kaum wiederfinden. Von Keltfchan aus wird dasfelbe beftätigt und gefagt, dafs fowohl die importirten Thiere wie auch die Nachzucht, gleichviel, ob Reinblut, ob Kreuzungsproducte, fich bei zweckmäfsiger Behandlung des beften Gedeihens erfreuen. Damit gelangt diefe Frage in ein Stadium, wo der Calcul Urtheil fpricht und dabei ftellt fich die heutige Entwicklung der wirthschaftlichen Verhältniffe immer mehr auf die Seite des englifchen Rindes. Shorthorn- Reinzucht zu treiben, das dürfte allerdings nur an wenigen Orten angezeigt erfcheinen, denn dazu gehört, um möglichen Erfolg zu erreichen, nicht allein bedeutende Capitalskraft, fondern auch höhere züchterifche Begabung und Ausbildung die fernerhin noch mit Liebe zur Sache vereinigt fein müffen. Die Züchtung von Vollblutthieren ift am beften den mit diefen Vorzügen ausgeftatteten Landwirthen zu überlaffen und in meiften Fällen, wo es gilt, Fleifch zu produciren, der von Keltfchan und Altenburg eingefchlagene Weg zu betreten. Derfelbe befteht in der Züchtung und Benützung von Halbblutthieren. Nach gefälligen Mittheilungen von erfterem Orte follen die weiblichen Kreuzungsproducte nach Kuhländern, Mürzthalern und der Landrace ihren reinblütigen Müttern in Milchleiftung nicht nachftehen, vielmehr fie in vielen Fällen noch übertreffen und ungleich beffer in Bezug auf Fleiſch und leichte billige Ernährung fein. Die männlichen Halbblutthiere nähren fich leicht, entwickeln fich rafch und mäften fich gut aus, fo dafs fie im Alter von 22 Jahren feift ausgefüttert zum Verkaufe gelangen können. Von Unga rifch- Altenburg finden wir einen diefe Ausfage controlirenden und gleichzeitig Thierzucht. 21 beftätigenden Beleg ausgeftellt; der Shorthorn- Kreuzungsochfe Nr. 774 ift bei einem Alter von 2 Jahren 4 Monaten beftens entwickelt und ausgefüttert und wiegt. 1634 Pfund Zollgewicht. Bei fämmtlichen hieher gehörigen exponirten Thieren begegnete uns eine Energie im Durchfchlagen des englifchen Blutes, die auf eine ausgezeichnete Confolidirung der edlen Vaterthiere fchliefsen läfst. Nach alldem drängt fich die Frage auf, welche von diefen Richtungen nach der heutigen Sachlage als die zweckförderlichfte anzufehen ift. Die Antwort ift kurz und lautet einfach: Alles auffeinen Platz. Die natürlichen und wirthfchaftlichen Verhältniffe bilden in einem gegebenen Falle den Boden, zu dem der Thierzüchter, um ihn auszunützen, mit feiner Capitalskraft und feiner Befähigung herantritt. Sie fowohl einzeln wie in ihrer Gefammtwirkung richtig zu erkennen und zu erfaffen, ift feine erfte Aufgabe. Davon hängt in erfter Linie der Erfolg feiner Mühen ab. So verfchiedenartig combinirt fie vorkommen können, ebenfo verfchiedenartig wird auch fein Streben fein müffen. In der Vielgeftaltigkeit der Formen und Eigenfchaften des Rindes überhaupt, deren jede einzeln gewiffermafsen als Gegenftück zu einem Punkte in der Situation anzufehen ift, findet er reichliche Auswahl. Beide ineinander zu paffen, das ift der grofse Wurf, der das Refultat bedingt. Wir fehen daraus, dafs in der Thierzüchtung für verfchiedene Fälle auch verfchiedene Ziele feftgeftellt werden müffen und darob keine Zuchtrichtung für abfolut gut gelten kann. Die heutige Zeit duldet keine ftarren Zuftände und drängt unwiderftehlich auf oder ab, vorwärts oder rückwärts. Sowie der Züchter in der Modification feines Zieles dem freiwillig oder gezwungen durch die Macht der einwirkenden Umstände Rechnung trägt, fo folgt auch im Grofsen die Ausdehnung der Zucht überhaupt diefem Dictate. Aus der Differenz des Rindviehftandes zwifchen 31. October 1857 und 31. December 1869, wie nachfolgende Tabelle gleichzeitig mit dem Stande nach an letzterem Datum ftattgehabter ftatiftifcher Erhebung angibt, dürfte fich demnach manche fchätzenswerthe Reflexion ziehen laffen( fiehe Tabelle Seite 22). Diefe Zahlen würden noch fehr bedeutend an Deutlichkeit gewinnen und geradezu in der Plaftik des Bildes nichts zu wünſchen übrig laffen, wenn wir die über den Verkehr an Schlachtvieh( Ochfen und Stieren) Oefterreich und Ungarn gemeinfam betreffende von Dr. J. R. Lorenz im Pavillon des h. k. Ackerbauminifteriums ausgeftellten Daten( wie die auf Seite 23 folgende Tabelle zeigt) ohne Referve hinnehmen könnten. Wir werden dabei aber nur zu deutlich an die Verhandlungen der vom k. k. Handelsminifterium im Jahre 1868 einberufenen Approvifionirungsenquête erinnert, wobei der Reichsraths- Abgeordnete und Landwirth Ritter von Agopfowicz den Ausfpruch that, dafs an der ganzen Grenze von Galizien und der Bukowina ein fyftemifirter Schleichhandel beftehe, der fogar durch geheime Verficherungsconfortien in Rufsland gegen das Rifico der Contrebande Schutz findet. Da nun aber gerade weitaus der gröfste Verkehr in Schlachtvieh an diefer Grenze ftattfindet, fo läfst fich annehmen, dafs obige Zahlen, die die Einfuhr betreffen, gegenüber der Wirklichkeit noch zurückbleiben. Nur nebenbei fei gefagt, dafs auf diefe Weife unaufhörlich neuer Zündftoff für Rinderpeft herübergetragen werde. In der ungarifchen Abtheilung ftanden 249 Stück Rinder und einige Büffel. Abgerechnet die wenigen Zuchten der erzherzoglich Albrecht'fchen Domäne Ungarifch- Altenburg, beftehend in Algäuern und Shorthorn- Kreuzungen, und Bellye enthaltend reine Shorthorns und Kreuzungen beider mit Bernern und Holländern; des Grafen Sigmund Berchthold in Preffing, beftehend aus Holländern; die des Pachtgutes Saffin, enthaltend Simmenthaler, jene von Alexander und Paul R. v. Schöller in Léva, beftehend in Bernern, und einiger Anderen, find beinahe nur Rinder ungarifcher Race da. Die erfteren fallen in ihrem Charakter im grofsen Ganzen mit den Heerden des öfterreichifchen Grofsgrund- Befitzes zufammen. 22 Johann Pohl. Rinder ft and Entfallen Oefterreichs Rinder ftand. Der Rinderftand hat fich vom 31. October 1857 bis 31. December 1869 am 31. December 1869 Stücke auf vermehrt um vermindert um Länder Ochfen und Stiere Kühe Kälber bis zu 3 Jahren Eine Taufend Ochfen Summe Quadr.- Einwoh- und Meile Stiere Kälber Ochfen Kälber ner 3 Jahren Kühe bis zu Summe und Stiere Kühe bis zu 3 Jahren Summe Niederösterreich 98.709 276.315 128.968 503.992 1.465 258 Oberösterreich Salzburg Steiermark Kärnten. Krain. 89.756 243-443 142.320 475.519 86.106 65.668 167.369 15.595 2 286 650 1. 1 12.458 4 491 8.258 25.207 7.424 2.742 2.309 12.475 1.339 1.108 1 2.311 10.160 7.530 20.001 118.236 265.581 212.130 595-947 43,988 87.104 101.699 232.791 55.258 189.540 55.211 79.071 1.528 527 1.326 831 17.685 19.842 1 1.293 693 10.716 10.716 5.433 2.606 1.089 409 ΙΟΙ 1 895 1.996 1.519 8.039 1.519 Trieft, Görz, Gradiska und Iftrien Tirol und Vorarlberg Böhmen. Mähren 36.875 50.459 20.692 108.026 244-722 177.636 461.439 39.081 234-724 882.972 484.319 1,602.015 63.718 321.277 152.310 537-305 777 185 1.944 1.944 3.118 1.248 4.366 905 525 40.976 40.976 I.179 11.050 12.229 1.774 313 1 48.880 82.016 102.891 233 787 1,392 269 925 22.775 25 262 48.962 Schlefien 9.685 112.398 51.058 173.141 1.945 339 1 I 288 4.012 14 282 19.582 Galizien Bukowina Dalmatien. 365 429 1,083.203 73-734 621.940 2,070.572 1.528 382 57.120 57.120 117.488 194.710 312.198 68 247 46.060 24.751 82.443 224.424 12.321 83.132 1.233 438 374 188 1 413 10.086 8.153 692 13.615 7.942 9.258 31.643 Summa 1,285.314 3,831.136 2,308.762 7,425.212 1.326 58.052 73.216 73.216 132.594 212.522 155.407 371.337 739 266 Thierzucht. Oefterreichs Rinderhandel. Einfuhr Jahr Ausfuhr Einfuhr Jahr Stück Ausfuhr Stück 1831 65.089 31.040 1852 80.851 32.348 1832 79.905 34.411 1853 64.932 38.125 1833 78.636 32.114 1854 50.537 24.450 1834 53.938 29.177 1855 49.239 29.429 1835 76.774 27.948 1856 61.809 26.899 1836 101.887 27.733 1857 48.801 35.144 1837 92.641 30.180 1858 73.600 30.707 1838 89.878 28.751 1859 73.233 38.285 1839 92.061 27.244 1860 60.148 47.010 1840 100.253 30.135 1861 86.196 47-538 1841 88.925 30.304 1862 83.511 39.431 1842 95.133| 32.361 1863 62.181 35.472 1843 IIO.175 55.659 1864 57.947 43.635 1844 114.333 45.180 1865 38.757 66.663 1845 61.574 35.853 1866 46.189 73.431 1846 89.815 35.161 1867 71.169 78.316 1847 86.548 31.843 1868 108.923 46.274 1848 31.029 13.543 1869 115.024 70.955 1849 56.937 12 383 1870 IIO.421 54.781 1850 74.130 32.434 1871 94.227 63.505 1851 71.522 30.673 23 Einen eigenthümlichen Eindruck machen dagegen die Kinder der ungarifchen Steppen, die in ihren äufseren Formen, fowie in ihren Eigenfchaften, fich nicht fo recht eigentlich mit den uns für die Beurtheilung des Rindes geläufigen Kriterien meffen laffen. Von beachtenswerther Seite wurde darob ihr Werth angezweifelt und andererfeits wieder dem entgegen von fehr in die Verhältniffe eingeweihter Seite ihnen derfelbe zuerkannt. Wir wiffen, dafs Ungarn uns ein Rind liefert, das ausgezeichnet zum Zuge ift, das einen ausgiebigen und rafchen Schritt hat, das Ausdauer befitzt und das damit gleichzeitig, Dank feiner harten und ftarken Haut fowie feiner fonftigen Organiſation, gegen Witterungseinflüffe grofse Widerftandsfähigkeit vereinigt. Daneben gibt es ein fehr brauchbares Maftungsmateriale, von dem wir ein feinfaferiges und fchmackhaftes Fleiſch erhalten. In Milchergiebigkeit und Frühreife fteht es allerdings hinter den weftlichen Racen zurück, aber es läfst fich ficherlich behaupten, doch nicht in höherem Grade, als es fich durch feine befonderen Vorzüge auf der anderen Seite wieder auszeichnet. Kurz, das ungarifche Rind wird dadurch eine eigenthümliche und prononcirte Schöpfung, die eigens beurtheilt fein will. Im Haushalte feines Organismus haben fich in Folge deffen, dafs es unausgefetzt mit den den Steppen Ungarns eigenthümlichen Witterungsverhältniffen und ihrer häufig wiederkehrenden Futternoth ohne viel Unterſtützung von Seite des Menfchen zu kämpfen hat, Eigenheiten entwickelt, die es einzig und allein zum Widerftande gegen diefe Schädlichkeiten befähigen. Solange letztere aber wirkfam bleiben und man ihnen durch andere Haltungsweife nicht aus dem Wege gehen kann, dürfte das ungarifche Rind für feine Heimat nichts von feinem Charakter entbehren können. Dem entgegen lehrt uns aber die Erfahrung, dafs die zunehmende Cultur, die ein Wachfen des menfchlichen Einfluffes auf die Natur einfchliefst, diefe Widerwärtigkeiten mit immer 24 Johann Pohl. gröfserem Erfolge bekämpft und daher das Terrain für die Berechtigung feiner Haltung immer mehr verringert werden mufs. In der Thatfache, dafs man vielerorts auch ausländifche Rinder importirt, findet diefe Anfchauung Bekräftigung. Auch innerhalb der ungarifchen Race gibt es Unterfchiede, das heifst Schläge, die fich zwar in den Hauptzügen unter einander gleichen, aber in untergeordneten Merkmalen von einander abweichen. Von den hervorragenden Ausftellern find zu nennen: die Grafen Bethlen, Herzog von Coburg- Gotha( Vacs). Graf J. Csekonits( Szombolya), königlich ungarifche Geft üts wirthschaft in Mezőhegyes, Abraham Schwarz( Okány), Baron Ludwig Sennyey,( Páczin), Fürft Primas Johann Simor( Gran), Graf Friedrich Wenckheim( O- Kigyós), Graf Johann Nep. Zichy( Vraszló), dann ,, Agricola", die Actiengeſellſchaft für landwirthfchaftliche Unternehmungen in Kapuvár, welche noch in anerkennenswerther Weife befonders fich bemüht hatte, dem Befucher einen Einblick in das romantifche Hirtenleben auf den Pufzten Ungarns zu verfchaffen, u. f. w. Die Genannten haben Zuchtvieh ausgeftellt. Dazu könnte nun noch eine Reihe von Namen genannt werden, die das ungarifche Rind im gemäfteten Zuftande zeigen, als: die Zuckerfabriks Wirth fchaften Diószegh und Edelény, Graf A. Eszterházy( Cseklesz), Graf Moriz Sándor ( Bajna), Baron Moriz Wodianer( Komjáth), u. f. w. Was die ausgeftellten Büffel anbelangt, fo können fie wohl nur als Beitrag zur Vollständigkeit des Culturbildes angefehen werden, das die Ausftellung von den Verhältniffen der Viehzucht in Ungarn entwirft. Beachtensweith erfcheint es, dafs Ungarn einen Büffelftand von 72.243 Stück befitzt. Sein Hornviehftand beträgt dem entgegen nach den Erhebungen vom Jahre 1870 5,206.757 Stück, die fich, wie wir der Schrift ,, Ungarn auf der Weltausftellung" entnehmen, vertheilen: in Ungarn auf eine Quadratmeile 3197 Stück " Siebenbürgen 1928 " Kroatien und Slavonien. 27 der gewefenen Militärgränze 1016 1673 27 auf 1000 Einwohner 1072 Stück 875 247 17 812 " Vergleicht man die Ergebniffe der eben angeführten Zählung mit der ihr letzt vorausgegangenen, das ift jener vom Jahre 1857, fo erfährt man, dafs innerhalb diefer Periode eine Abnahme von 6 Percent ftattgefunden hat. Der ausgedehnten Umwandlung von Wiefen und Weiden im Ackerland namentlich in Folge der Theifsregulirung und der Furcht vor der Rinderpeft wird diefe Erfcheinung zugefchrieben. - - Jenfeits des Heuftadelwaffers war in einem eigens für den Zweck aufgeführ ten Maiereigebäude von der k. k. Wiener Landwirthschafts- Gefellſchaft die bereits oben erwähnte permanente Ausftellung öfterreichifcher MelkviehRacen in Scene gefetzt. Theils durch andere Landwirthschafts- Gefellſchaften, theils durch einzelne Privaten waren von den betreffenden Racen je drei Stück Kühe aufgeftellt, und zwar: Mariahofer von Baron R. Walterskirchen, Lavanthaler von der k. k. landwirthfchaftlichen Gefellſchaft in Klagenfurt, Stockerauer von H. Schwarz in Leopoldsdorf, Oberinnthaler von der k. k. Tiroler Landwirthfchafts Gefellſchaft, Podolifche von Baron J. Romaczkan in Horodenka, Mürzthaler von Ritter G. v. Wachtler, * Ift zwar nicht als eigentliche Melkvieh- Race anzufehen und wurde hier nur wegen ihrer grofsen Verbreitung und weil fie anderen Racen die Entftehung gegeben hat, auf geſtellt. Thierzucht. Opocner von der k. k. Domäne Tachlowitz, Montafuner von J. A. Ritter von Tfchavoll in Feldkirch, Kuhländer vom landwirthfchaftlichen Verein Neutitfchein, Pinzgauer von der k. k. Landwirthschafts- Gefellſchaft in Salzburg, Möllthaler von der k. k. Landwirthfchafts- Gefellfchaft in Klagenfurt, Pusterthaler von der Tiroler k. k. Landwirthschafts- Gefellſchaft, Zillerthaler " دو 99 99 99 " 25 Lichten oder Welferfchecken von der k. k. Landwirthfchafts- Gefellſchaft in Linz, Egerländer von A. E. Ritter von Komers in Moftau und Gföhler von Baron H. Pereira Arnftein in Schwarzenau. Die Befucher der Weltausftellung follten dadurch mit den öfterreichifchen Melkvieh- Racen bekannt werden. Es liefs fich zwar nicht erwarten, dafs der Einzelne ein ficheres Urtheil mitzunehmen im Stande fein würde, das ift durch blofses Betrachten von nur drei Stück wohl nicht möglich; aber er konnte von den verfchiedenen Typen fich in den Hauptzügen ein Bild erwerben, das manchen Fingerzeig für weitere Nachforfchungen enthält. Ebenfo wenig ftand zu hoffen, dafs trotz Wägungen und Probemelkungen hier der Werth der einzelnen Racen und Schläge werde fichergeftellt werden; dafür ift erftens die Beobachtung nur dreier Stück nicht hinlänglich und zweitens diefe Gelegenheit, wo die Thiere fo viel beunruhigt werden, nicht paffend. Schafe. Von welchem Belang die Schafzucht überhaupt ift und welcher Verkehr in Thieren diefer Art ftattfindet, wird am beften durch Mittheilung von Dr. L. Wittmack's ftatiftifchen Erhebungen erfichtlich( fiehe Tabellen Seite 26 und 27). Ihre Vertretung auf der Ausftellung war eine ungleich beffere gegenüber der der Rindviehzucht zu nennen und gleichzeitig eine für die Lage der europäifchen Schafzucht fehr bezeichnende. England vertrat feine Fleiſch- Schafzucht vorzüglich. Klangvolle Namen, die bereits am Continente beftens bekannt find, betheiligten fich, indem fie ihre Züchtungsproducte herbeibrachten und zwar: Swanwick Ruffel in Cirenceſter, Cotswoldkreuzungen; Lord Sondes in Elmham Hall, Thetford, Southdowns; Lord Walfingham in Merton Houfe, Thetford, Southdowns; Ruffel Robert & John in Horton Kirby, Dartford, Hampſhire downs und Kentfchafe; Treadwell John in Upper Winchendon, Aylesbury, Oxfordshire downs; Lord Chesham in Latimer Bucks, Skropfhire fheeps; Dudding William& Henry in Panton Houfe bei Wragby, Linkolnfhire fheeps; und Andere. Zufammen find 113 Stück da. Der Einfluss der englifchen Fleifchthiere auf die continentale Schafzucht ift, wie fich heute bereits feftftellen läfst, ein fehr bedeutender und damit am beften ihr Werth anerkannt. Gleich dem englifchen Rinde ift auch das englifche Schaf durch die Intelligenz des Menfchen auf einen Höhepunkt gebracht, der in feiner Art nirgends auch nur annähernd erreicht ift und in Fällen, wo feine Vor züge begehrenswerth erfcheinen, nicht aufser Auge gelaffen werden darf. Seine Aufgabe ift zwar eine ganz andere, als die des continentalen Schafes, aber fie wird von der Zeit dictirt, und was in England fchon durch ein Jahrhundert der Fall, dahin werden auch wir jetzt immer mehr gedrängt. Der Unterfchied im Klima und in allem davon Abhängigen zwifchen der infularen Lage Englands und den Binnenländern Europas wird heute als kein Hindernifs mehr für feine Uebertragung angefehen und nur die Vorficht empfohlen, fich in der Regel an die leichteren Typen zu halten, die den weniger günftig gelegenen Gegenden entftammen, damit diefelben fo keinen zu ftarken Uebergang zu überftehen haben, 26 Johann Pohl. Schafe inclufive Ziegen beftand in den einzelnen Ländern. Anzahl der Stücke Länder im Stück Jahre per 1000 Einwohner per geographifche Quadratmeile Europäifches Rufsland 1867 43.770.000 714 105 Afiatifches Rufsland 1867 10,000.000 797 1868 35.607.812 1869 34.250.272 Grofsbritannien 1870 32,786.783 1871 33,483.500 1.041 718 1862 33,281.592 Frankreich 1866 30.386.233 795 614 1866 31,794.950 Deutfches Reich 1867 31,170.962 732 3.028 1864 19,329.030 Preufsen 1867 22,262.087 927 3.465 Baiern 1863 2,039.983 422 1.494 1866 703.656 Württemberg 1867 655.856 369 1,853 Sachfen • 1867 304.087 126 I.II4 Baden 1869 355.639 127 656 Spanien 1865 22,054.967 1,353 2.397 1864 16,573.459 Oefterreich 1869 Italien 1867 II, 040.339 Griechenland 1867 20,103.395 575 1.785 453 2.054 2,539.538 1.884 2.790 Portugal 1862 Dänemark 1866 2,427.123 608 I.495 1,875.052 1.166 2.094 Norwegen 1865 1,705.394 1.003 296 1866 1,650.000 1867 1,621.931 Schweden 1868 1.409.195 1869 1,539.079 369 192 Schweiz 1866 445.400 177 592 1867 1,027.215 Holland 1868 950.054 1869 926.907 248 I.555 1865 583.485 Belgien 1866 856.097 173 1.603 1867 32,795.797 Vereinigte Staaten 1869 40,851.000 1870 31,851.000 1.313 243 Südafrika Auftralien 1867 10,169.007 1,060 996 1871 51,294.241 28.497 447 Thierzucht. Schafhandel. 27 Einfuhr Ausfuhr Länder Im Jahre Stück Stück I, 452.087 1869 84.437 Frankreich 1,654-590 1872 61.627 669.905 1870 7.452 Grofsbritannien 917.076 1871 7.533 104.656 1869 1,188.929 Deutfches Reich 119.857 1870 1,629.807 324.088 1871 1,790.757 III.094 1869 397.208 Oefterreich 92.702 1870 226.336 115.637 1866 55.015 Belgien 108.066 1867 34.287 Holland 69.282 1870 388.332 Italien. 32.328 1868 128.396 Spanien Dänemark. Schweden. 36.527 1868 43.486 10.032 1868/69 8.651 10.803 1869/70 7.862 6 1868 7.401 291 1869 8.476 1870 45.465 Vereinigte Staaten. Rafche Entwicklungsfähigkeit im Körper und hohe Ausnützungsfähigkeit des Futters ift ihnen allen eigen. Aus Italien kamen 22 Stücke Bergamasker Schafe von den landwirth fchaftlichen Comités Bergamo und Turin. Zur Vollständigkeit des Bildes ift ihre Gegenwart zwar fehr werthvoll, doch dürfte fich in ihren Formen fowie in ihrer Wolle nicht viel finden, das für die Züchter der übrigen Culturftaaten von Bedeutung wäre. - Frankreichs Ausftellung war zwar auch nicht fehr zahlreich 69 Stück dafür aber um fo gehaltvoller befchickt. Die bekannten Heerden von Gilbert M. Victor in Wideville, Lefebvre Ch. in St. Escobille, die Nationalfchäferei von Rambouillet, Varin d' Espenfival in Espenfival und Baille au in Illiers nehmen daran Theil. Während die englifchen Thiere theilweife gefchoren waren, hatten die Franzofen ihre bis an die Nafenlöcher bewachfenen Schafe in der Wolle gefchickt und das wohl aus gut begreiflichen Gründen. - - Mit Ausnahme der wenigen Mouchamp- Schafe gehören fie insgesammt der Race der franzöfifchen Merinos oder den Rambouillets an, deren Charakter in der Hauptfache in einem dem deutfchen Merinofchafe gegenüber kräftigeren Das hindert und maftfähigeren Körper mit feiner und edler Kammwolle befteht. aber das Obwalten von Unterfchieden zwifchen den einzelnen Heerden nicht; fo bleibt die Nationalfchäferei Rambouillet hinfichtlich der Körperftärke und der Bewachfenheit gegenüber den übrigen zwar etwas zurück, zeichnet fich dafür aber durch Dichtheit und Wollbefchaffenheit aus. Zu den intereffanteften Objecten der Thierausftellung im Mai gehörten ohne Zweifel mit die in der Schäferei der Farme Pomeraye gezüchteten und von Rambouillet ausgeftellten Mouchamp- Schafe, die aber, weil fie im Kataloge nicht befonders bezeichnet waren, von Vielen über 28 Johann Pohl. gangen wurden. Ihr hauptfächlichftes Merkmal bildet der feidenartige Glanz, der der fonft flatterigen und langen Wolle mit mangelhaftem Befatze eigen und der bei keiner anderen Schafrace auch nur annähernd wieder zu finden ift. Ihn fucht man feit dem Jahre 1828, wo das erfte Lamm damit fiel, zu erhalten und die Ausftellung zeigt, dafs es bisher gelungen, die ehemalige Mangelhaftigkeit im Körperbau zu verbeffern. Ob indefs die Züchtung diefes Schafes als bereits auf einem Ruhepunkte ftehend angefehen werden kann, das möge dahingeftellt fein; einftweilen wird es hauptfächlich zur Kreuzung benützt, um damit dem Rambouillet- Schafe den hochedlen Seidenglanz mitzutheilen. Producte diefer Art zeigte die Ausftellung auch. Zur Förderung der Schafzucht Frankreichs hat die Staatsregierung nicht Unwefentliches beigetragen, und die Mittheilungen von Guftave Henzé, dafs von Seite der Nationalfchäferei Rambouillet Mutterfchafe Böcke vom Jahre 1797 bis 1834 1835 1853 1854 " 2.505 Stück 715 2.805 Stück 761 " 1872 1 089 21 735 4.309 4.301 " verkauft wurden, dabei Mittelpreife erzielt wurden gleichzeitiger Mittelfür ein Mutterfchaf preis eines Kilo Wolle für einen Bock Frcs. Cent. 462 16 392 54 . 859 84. Frcs. Cent. Frcs. Cent. 183 83 4 39 62 39 2 90 398 36 vom Jahre 1797 bis 1834 1835- 1853 " 27 9: 1854 1872. 2 38 und dabei der pecuniäre Effect für die Schäferei felbft folgender war: vom Jahre 1835 bis 1853 jährliche mittlere Ausgaben Einnahmen Verluft. 53.303 Frcs. 37 Cent. 36.955 16 99 13.348 Frcs. 21 Cent. vom Jahre 1854 bis 1872 jährliche mittlere Ausgaben ** Einnahmen Gewinn " 115.231 Frcs. 50 Cent. 90.057 48 99 25.174 02 " find als bedeutfame Thatfachen anzufehen und ebenfofehr jene, dafs mit der Bezeichnung Rambouillet- Schaf die franzöfifche Merinotype überhaupt benannt wird. Deutfchland und Oefterreich find Frankreich gegenüber einzig und allein in Rambouillets und Mauchamps tributär geworden; was Fleiſchfchafe anbelangt, ift letzteres gleich uns von England abhängig. Auch in diefer Beziehung fucht die Staatsregierung durch die vormals vom Jahre 1849 bis 1858 in Montcavrel( Pas de Calais) beftandene und jetzt feit diefer Zeit in HautTigry untergebrachte, auf Dishley- und Dishley- Merinozucht gegründete NationalStammfchäferei dem Fortfchritte Unterſtützung angedeihen zu laffen. Aus derfelben Quelle, wie das über Rambouillet Angeführte, erfahren wir, dass auf diefe Weife an Zuchtthieren im Lande Vertheilung fanden refpective verkauft wurden: Thierzucht. Böcke Mutterfchafe 29 Aus der Schäferei Montcavrel vom Jahre 1849 bis 1858 Aus der Schäferei Haut Tigry vom Jahre 1859 bis 1869 438 Stück à 274 Frcs. 30 Cent. 20 Stück à 175 Frcs $ 473 77 à 341„ 16 56 Die Ausftellung des deutfchen Reiches, die aus 337 Stück beftand, machte fo ganz einen andern Eindruck. Neben den hochgezüchteten Heerden des deutfchen Merinofchafes von Silberkopf( Baron Friedrich Eikftädt); Ofchatz ( Robert Gadega ft); Saatel( R. Holtz); Koppelow( C. von Levetzow); Carlsdorf( Rudolf Mens); Grofs- Böla( Heinrich Müller); Grofs Hochfchütz ( Graf Arthur Sprinzenftein); Medow( H. Steffen); Leutewitz( Heinrich Adolf Steiger); Prieborn( G. von Schoenemark); Deutfch Krawarn( W. von Fontaine); Ober Glogau( Graf Ed. Oppersdorf); Liptin( Alfred von Rudzinski- Rudno); Culm( G. von Wiedebach); Oporowo( Graf M. K wilecki); Nitfche( Robert Lehmann); Lenfchow( Baron Maltzahn) u. f w. ftanden andere, die ihren Stempel vom Auslande her erhalten haben; es fei entweder von Frankreich wie Buchholz( Ludwig Schröder); Gerbin( Hermann Kannenberg); Wufterwitz( A. Schimmelpfennig); Narkau( R. Heine); Haubitz( C. H. Kayfer); Ramsdorf( Alexis Peltz); Lappenhagen( Ferdinand Schwartz); Grüben( Graf Colonna Walewski); Hungerstorf( F. W Zickermann) und Andere, oder von England, als: Drehfa( Baron Magnus); Sefchwitz( F. Neide); Prieborn( Georg von Schoenemark); Canena( G. Stahlfchmidt); Grofs Lafferde( Ernft Böttcher); Breftau( A. M. Schön) u. f. w. Ausserdem feien noch erwähnt: die Haidefchnucken, die H. Sprengel aus Schillingslage und die Kreuzungen zwifchen fchwäbifchem Landfchlage und Rambouillets die G. Deuringer aus Langweid ausftellte. Obzwar im Ganzen genommen die Ausftellung recht zahlreich befchickt erfchien und bis dahin unerreicht noch in Oefterreich dafteht, fehlte doch manche Heerde von grofsem züchterifchen Werthe. Namentlich läfst fich diefs von PreufsifchSchlefien fagen, das fonft bei folchen Anläffen in der Regel hervorragend in die Bahn zu treten pflegt. Nicht wenig hat dazu das Mifstrauen in die Exactheit der heutigen Taxationsmethode der Thiere verknüpft mit dem Prämiirungsfyfteme beigetragen. Deutſchland brachte nach jeder Seite hin Vorzügliches und zeigte damit, wie weit man es durch forgfältige Berücksichtigung der Individualität bringen kann. Es war damit nicht allein im Stande, die von anderen Nationen übernommenen Vorzüge zu conferviren, fondern auch, wo es die natürlichen und wirthschaftlichen. Verhältniffe wünfchenswerth erfcheinen liefsen, diefelben entſprechend zu modificiren und zu vervollkommnen, und fo den Thieren einen neuen felbftftändigen Charakter aufzuprägen In neuefter Zeit zeigt fich diefs wieder an den importirten Rambouillet- Schafen, die unter günftigeren Verhältniffen Norddeutſchlands meiftentheils durch zielgerechte Kreuzungen mit Negrettiblut zu Wollträgern umgefchaffen wurden, welche erftens einen dichteren Wollftand und zweitens eine feinere Wolle befitzen. In diefen Producten glaubt man dort gleich brauchbare Woll- und Fleifchfchafe gewonnen zu haben. Auch für die Schafzucht hat fich die Situation wefentlich geändert; die Fortfchritte fremdländifcher Züchter, ihr Bekanntwerden und ihre leichter gewor dene Zugänglichkeit, die Entwickelung der mechanifchen und Schafwoll- Induftrie, die gröfsere Fleifchconfumtion, die Concurrenz transmariner Länder in der Wollproduction, der Wechfel im Gefchmacke des Publicums, die Gewinnung befonderer Futtermittel durch die landwirthfchaftliche Induftrie u. f. w. haben fich jähr 30 Johann Pohl. lich mehr Beachtungswürdigkeit und thatfächlich auch mehr Beachtung erworben, und in ihrem Zufammenwirken die heutige gegen ehemals ganz veränderte Lage gefchaffen. Der Züchter von heute weifs, dafs er nicht mehr blos die Befchaffenheit der Wolle ins Auge zu faffen hat, fondern auch darüber den Körperbau nicht vernachläffigen darf; ja dafs letzterer oft fogar in den Vordergrund der Berückfichtigung treten mufs. Nicht mehr hochfeine und hochedle Wolle mit all ihren Vorzügen allein zu erzeugen gilt heute als unbeftrittenes Ziel dem Züchter, fondern der Calcul fetzt das jeweilig anzuftrebende goldene Vliefs" feft. Das Verhältnifs zwifchen Körpermaffe, Wollmenge, Wollfeinheit etc. wird beliebig verfchoben und nur dahin im Principe feftgeftellt, wie es die befte Verwerthung eines gegebenen Quantums Futter ermöglicht. In vielen Fällen liefs fich auch auf der Ausftellung das Fortfchreiten der Schwenkung von Wolle zur Fleifchproduction wahr nehmen. Es bildet diefe Richtung geradezu einen fehr wefentlichen Theil der Signatur für die heutige Schafzucht, und wie überhaupt in jedem Uebergangsftadium zu einer neuen Epoche die abfterbende Macht nochmals alle Kräfte zufammenrafft, um fich zu behaupten und die alte Herrfchaft wieder herzustellen, fo hat es auch hier an Kämpfen nicht gefehlt, ja die vollſtändige Waffenruhe ift fogar heute noch nicht hergeftellt; aber die Gewalt der Dinge hat fich gleichfalls mächtiger gezeigt als die der Menfchen. Der deutſche Ausftellungskatalog gibt in einer Notiz den ziffermäfsigen Beleg hiefür, in der es heifst; dafs nach ungefähren Schätzungen und ftatiftifchen Erhebungen von den 29 Millionen Schafen, die das deutfche Reich befitzt, circa 14 Millionen der Merinorace und deren Unterabtheilungen, circa 7 Millionen den englifchen Racen und deren Kreuzungen und circa 8 Millionen den fogenannten Landfchafen angehören. Deutfchland erkannte früher die Bedeutung der Schatten, die die Ereig. niffe vorauswarfen und trug ihnen durch die That Rechnung. Dadurch ift es uns um einen weiten Schritt voraus und befitzt eine Anzahl Stammheerden, die die verfchiedenen, durch die eingetretenen Verhältniffe neu gefchaffenen Ziele in ganz eminenter Weife repräfentiren. Diefe haben für uns gegenüber den engliſchen und franzöfifchen auch felbft abgefehen von den letztere betreffend bereits oben erwähnten Vorzügen manches voraus, als durch ihre Lage gebotene leichtere Erreichbarkeit und die Vortheile der Acclimatilation. Der formenden Schöpfungskraft der deutfchen Züchter ift damit Gelegenheit geboten, fich noch weiter und neuerdings zu bewähren. Ebenfo gut als es immer längerer Zeit bedarf, bevor eine neue grofse Idee in Fleiſch und Blut übergegangen ift und die ihr entsprechende Bewegung erzielt hat, ebenfo überfchreitet diefelbe nur zu leicht in einzelnen Fällen, wie auch im Ganzen ihre Grenzen; dasfelbe können wir hier wieder in den Anfchauungen jener Züchter wahrnehmen, welche heute behaupten, dafs die Zukunft dem englifchen Fleifchfchafe einzig und allein gehöre. Local mag diefs ganz richtig fein, aber über ein ganzes grofses Land mit verfchiedenartig befchaffenen Verhältniffen dasfelbe auszufprechen, dürfte als etwas gewagt erfcheinen. Das Fleiſchſchaf fetzt die Erfüllung derartig günftiger Bedingungen voraus, wie fie nicht überall geboten werden können, und entweder fich nur mit unverhältnifsmässigem Aufwande oder überhaupt gar nicht befriedigen laffen; während dem entgegen die Anfprüche des Merinofchafes viel befcheidene find und dasfelbe unter feiner Natur entfprechenden Verhältniffen noch lange fteht, wo fein Concurrent fchon darben müfste und dabei, ftatt feine hohen Vorzüge zu entwickeln, verkümmern würde. Solcher Verhältniffe gibt es aber fehr viele. Hochzucht mit Merinofchafen zu treiben, ift auch nicht Jedermanns Sache und die bisherigen Siege des Wiffens und des Könnens über den Widerftand der Natur waren und können noch immer, wie beiderfeits Beiſpiele lehren, fo erfolgreich fein, um auch den heutigen geänderten Verhältniffen gegenüber noch Stand zu halten. Der Berichterstatter der 1867er Parifer Ausftellung, Regierungsrath Profeffor W. Hecke fprach in feinem diefsbezüglichen Berichte fchon diefen Gedanken aus und motivirte ihn damit, Thierzucht. 31 dafs die Heerden in den überfeeifchen Ländern bei ihrer extenfiven Betriebsweife, um in der Wollqualität nicht zu fehr zurückzugehen, des edlen continentalen Blutes nicht entbehren können. Wenn darob nebft vielen anderen auch Heerden von Weltruf auf Koften der Wollfeinheit eine Schwankung auf Wollmaffe machen, fo kann diefs unter Umftänden auch nur ein Fortfchritt von fehr problematiſchem Werthe fein. Um fo ficherer mufs darum verzeichnet werden, dafs entgegen diefer Strömung in den letzten Jahren wieder hochfeine Merinoheerden entstanden find, die, wie die Ausstellung zeigte', auf dem beften Wege ftehen, die Miffion jener altehrwürdigen zu übernehmen, die heute überhaupt aufgehört haben zu fein, oder wenigftens das zu fein, was fie waren. Eine wie hohe Bedeutung die Haidefchnucke auch für die Lüneburger Haide und ähnliche Lagen hat, können die fieben allerdings gut geformten anwefenden Thiere diefer Type doch keine höhere Rückficht beanfpruchen, als die Anerkennung, zur Vollständigkeit der Sachlage das Ihrige beigetragen zu haben. Aehnlich verhält es fich auch mit den anwefenden Rhön- und Frankenfchafen, die zwar als Subftrat zur Aufzüchtung von Fleifchfchafen fehr geeignet bezeichnet werden. Oefterreich machte mit feinen Schafen einen ähnlichen Eindruck wie Deutfchland, nur hat es noch nicht im gleichen Mafse dem Drange der anders gewordenen Verhältniffe nachgegeben. In der grofsen Mehrzahl waren es Merinoheerden, die in ihren Repräfentanten die 433 ausgeftellten Stücke ausmachten und von denen die hervorragenderen folgende: Grofs- Herrlitz( Graf Franz Bellegarde), Hujece( Anton Jablonowski), Feldsberg( Fürft Johann Liechtenftein), Ratibořitz( Prinz Wilhelm von Schaumburg- Lippe), Perutz( Graf Thun Hohenftein), Weitersfeld( Fürft Khevenhüller- Metfch), Hennersdorf( Baron Albert Klein), Poftelberg, Frauenberg und Liebiejitz( Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef Schwarzenberg), Partfchendorf( Jofef Maria und Emma Arefin), Tierlitzko- Freiftadt( Graf Johann Larifch Mönnich), Drnowitz( Baron Mundy), Kollefchowitz( Graf Carl Wallis), Kirchschlag ( Theodor Freyler), Czernahora( Graf A. Fries), Zdannek und Kwafitz( Gräfin Leopoldine Thun- Hohenftein), Rofsitz( Baron Simon Sina).. Neben der Zucht vorwiegend auf Wollproduction hatte auch die Richtung auf Fleifchproduction ihre Vertreter und find in diefer Hinficht zu nennen: Czernahora( Graf Auguft Fries), Keltfchan( Zuckerfabriks- Actiengeſellſchaft), Tefchen( Erzherzog Albrecht), Perutz( Graf Thun- Hohenftein), Kunſtadt( Baron Cuno Honrichs) und Waleczow( Franz Altgraf zu Salm- Reifferfcheid), denen fich Horodenka( Baron Jakob Romaczkan) und Andere mit Zackelfchafen anreihen. Sowie unter den Merinoheerden Deutfchlands hat auch hier jede ihren eigenthümlichen Charakter; Tuchwolle zu erzeugen, ift aber Aller Ziel bis auf Ratibořitz. deffen Zucht Boldebucker Abftammung ift und dem entfprechend auf einem hinfichtlich feiner Stärke in der Mitte zwifchen Rambouillet und Merino ftehenden Körper hochedle Kammwolle trägt. Unter den Uebrigen befand fich noch eine gröfsere Menge von hochedlen Feinheerden, die ihre Traditionen mit Treue bewahren. Merkwürdiger Weife knüpfen fich die bedeutenderen Leiftungen zumeift an die bekannten Züchternamen des Hofrathes von Dedowič und Ernst Heyne in Dresden und gedeihen unter den Aufpicien des Erfteren Perutz und Drnowitz und des Letzteren Grofs- Herrlitz, Hennersdorf, Kirchfchlag, Zdaunek und Kwafitz beftens. Wie fehr züchterifche Thatkraft ein unumgängliches Bedürfnifs ift, fobald eine Zucht profperiren foll, davon konnte fich der Unbefangene in der Ausstellung hinlänglich Ueberzeugung verfchaffen; denn Mängel im Bau der Wolle, in Dichte, Bewachfenheit u. f. w. waren ab und zu zu gewahren. Dafs darin wohl am allerwenigften für die Zuchtrichtung auf Wollproduction das Rüstzeug liegt, den Kampf mit den heutigen veränderten Wirthschaftsverhältniffen 3 32 Johann Pohl. erfolgreich zu beftehen, ift naheliegend, und wenn man in diefem Umftande mit eine Urfache des Rückganges im Schaf- Viehftande innerhalb der letzten Jahre, wie ihn nachfolgende Tabelle gleichzeitig mit dem Stande vom 31. December 1869 nachweift, fucht, dürfte das Niemanden befremden. Länder Schafviehftand mit 31. December 1869 Der Schafviehftand hat fich vom 31. October 1857 bis 31. December 1869 Es entfallen auf Stück eine IOOO Quadr. EinMeile wohner um vermehrt vermindert um Oefterreich unter der Enns. 313.618 911 160 38.608 Oefterreich ob der Enns. 125.594 603 171 25.046 Salzburg. 92.052 736 609 30.255 Steiermark 203.820 522 180 10.085 Kärnten 176.832 982 526 23.839 Krain 85.161 489 184 3.093 Trieft, Görz, Gradiska, Iftrien 341.298 2.455 586 8.948 Tirol und Vorarlberg 327.412 642 372 62.939 Böhmen 1,106.290 1.225 216 163.652 Mähren Schlefien Galizien 323.503 73.037 966.763 838 161 145-741 820 142 32.043 713 178 155.931 Bukowina. Dalmatien. Summa 217.913 1.197 425 72.677 673.105 3.032 1519 5,026.398 142.527 328.564 586.820 In der Fleiſchproduction hat Oefterreich auch bereits den von Deutſchland eingefchlagenen Weg betreten, nur fehlt ihm noch in diefer Beziehung die nothwendige Theilung der Arbeit, wobei mit befonderer Intelligenz und reichlichen Mitteln ausgeftattete Züchter das Schwergewicht auf Reinzucht mit Bockverkauf legen, denen gegenüber diejenigen Landwirthe ſtehen, welche fich blofs mit Kreuzung befchäftigen und deren Producte einfach für den Markt ausfüttern. Anfänge nach beiden Seiten find bereits gemacht und haben namentlich von oben genannten Ausftellern Reinblut- Southdowns ausgeftellt: Czernahora, Perutz, Kunftadt und Waleczow, während die übrigen verfchiedenartige Kreuzungen mehrerer englifchen Fleifchracen mit Merinos und verfchiedenen Landfchafen zur Schau fenden. Neben folchen von Merinos mit Cotswolds und Southdowns ift insbefondere der Keltfchaner Stamm" beachtenswerth. Derfelbe wurde durchKreuzung von Cotswold- Böcken mit ftarken Merinos und grofsen Landfchafen aus den Karpathen und nachherige Inzucht erhalten und foll fich für reichliche Futterverhältniffe beftens eignen. Das mittlere Gewicht eines 12 bis 14 Monate alten Mafthammels wird mit 140 Pfund Wiener Gewicht angegeben. Zuckerrübenbau und Schafhaltung gelten gemeinhin als fich gegenfeitig ausfchliefsend; hier haben wir es mit einem Fall zu thun, wo beide mit einander ausgeföhnt werden und der darob insbefondere für Zuckerfabriks- Wirthfchaften fehr beachtenswerth erfcheint. Man ift fo nicht blofs im Stande, grofse Mengen von Rübenprefslingen zu bewältigen -die Lämmer nach dem Abfpännen erhalten folche fchon- fondern auch fehr vortheilhaft zu verwerthen; ja das von der Keltfchaner Direction gelegentlich Thierzucht. 33 der temporären Thierausftellung veröffentlichte Schriftchen fagt fogar in folch hohem Grade, wie bei keiner anderen Sorte von Vieh" und glaubt fich diefes Urtheil gegenüber den bei ihren ausgedehnten Rindviehmaftungen gefammelten Erfahrungen erlauben zu dürfen. Das Fleiſch des Schafes erfreut fich bei uns in Oefterreich von Seite eines grofsen Theiles des Publicums noch keines befonderen Anwerthes und wird gering gefchätzt. Wie wäre das aber auch bei dem heute meiftentheils noch üblichen Maftverfahren anders möglich? Alte abgetragene Mutterfchafe oder Hammel gelangen in der Regel blofs zur Maftung, und dafs man von folchen keine Fleifchqualität erhalten kann, wie fie dem Gefchmacke zufagt, ift nur zu begreiflich. Der Engländer trägt dem fchon lange Rechnung, indem er feine Thiere fo hält, dafs fie mit einem Jahre feift ausgefüttert zu Markte gelangen können, und bietet fo ein Fleiſch, das jedermann befriedigt. Auch in Deutfchland und Oefterreich folgen viele denkende Züchter dem nach, indem fie die gewöhnlich vorhandenen Merinos oder Landfchafe als Unterlage benützen und fie mit englifchem Blute kreuzen, deren Producte. dann fo gehalten werden können, dafs fie mit 12 bis 14 Monaten fett find. Je nach der Ueppigkeit des verfügbaren Futters werden leichtere oder fchwerere englifche Racen zur Kreuzung verwendet - bei uns mehr die leichteren und mehr befcheidenen Southdowns und feltener Cotwolds oder Lincolnſhire ſheeps und andere um Frühreife, einen gröfseren Körper, für die Schlachtung vortheilhaftere Formen und die Fähigkeit, mehr Futter in Fleiſch umzufetzen, zu erreichen. - Ein bemerkenswerthes Beiſpiel dafür, was aus den gewöhnlichen Landracen oft in der Hand eines fachverständigen Züchters werden kann, bilden die von Horodenka( Baron Jacob Romaczkan) ausgeftellten Zackelfchafe, bei denen neben Fleifch- und Wolleproduction auch die Milchnutzung eine Hauptfache iſt. Ein wie wichtiger Wirthfchaftszweig für Ungarn die Schafzucht ift, zeigte die Ausstellung fehr eclatant. Ein Viertheil von fämmtlichen aufgeftellten Stücken gehörte diefem Lande 294 Stück allein und wenn wir die Zahlen überblicken, die uns der ungarifche Ausftellungska talog angibt, wornach Siebenbürgen - in Ungarn " Kroatien und Slavonien " 29 der gewefenen Militärgrenze - auf eine Quadratmeile 3197 Stücke 1928 1016 29 1673 29 auf 1000 Einwohner 1072 Stücke 875 247 " 9 وو 812 99 kommen, fo erfahren wir die Thatfache, dafs Ungarn relativ das an Schafen reichfte Land Europas ift. Zugleich wird uns dort mitgetheilt, dafs fein Schaf- Viehftand nach den ftatiftifchen Erhebungen vom 31. December 1869 15,077.000 Stück beträgt und dafs der Stand bei Schafen und Ziegen gegen die Zählung vom 31. October 1857 um 33 Percent fich vermehrt hat. Auf der Ausstellung traten mit fehr beachtenswerthen Thieren ein die Merinoheerden von Kapuvár( ,, Agricola", Actiengeſellſchaft für landwirthschaftliche Unternehmungen), Martonvásár( Graf Geyza Brunswick), Tisza Szajol ( Lajos Fejés), Gödöllö( königlich ungarische Kronherrfchaft), Stampfen( Graf Alois Károlyi), Gútor( Adalbert Czilchert), Csákó( Kafpar Geift's Witwe), Carlsburg( Grifin Laura Henkel), Surány Paty( Graf Wilhelm Pálffy- Daun), Uermény( Graf Emerich Hunyady), Léva( Alexander und Paul Ritter von Schoeller), Zala Szent Mihály( Gabriel Skublics), Gyoma( Albert Wodianer) und Andere, unter denen aber befonders hervorragen und ihrem längft verdienten Ruhme neuerdings Beftätigung verfchaffen: Stampfen( Züchter Hondlick) Gutor, Calksburg und Uermény. Wiewohl auch in diefer Abtheilung Conceffionen an die neue Richtung nicht zu verkennen waren, fo hat doch Ungarn noch nicht im gleichen Mafse wie Oefterreich oder gar Deutfchland nachgegeben und fich den ehemaligen Charakter 3* 34 Johann Pohl. mehr bewahrt. Ihm ift gegenüber anderen Culturftaaten noch eine grofse Menge Ländereien eigenthümlich, wo das„ goldene Vliefs" in feiner früheren Bedeutung zu erhalten noch lange am Platze fein wird. Nachdem ferner noch die intereffante Gegenwart verfchiedener LandfchafTypen beftätigt, feien noch befonders hervorgehoben die Kreuzungsproducte vcn Zackeln mit Lincoln- Schafen. Johann Paget aus Gyéres, Baron Daniel Bánffy aus Klaufenburg, Graf Emerich Mikó ebendafelbft und Andere ftellten in ihnen zur Maftung vortheilhaft geeignete Formen aus und zeigten, dafs der Gedanke ein guter war. Schweine. Um einen Einblick in die Ausdehnung der Schweinehaltung und den Verkehr in Schweinen in den einzelnen Ländern des Erdballes zu gewähren, fei gleichfalls in Nachfolgendem der hieher gehörige Inhalt der von Dr. L. Wittmack aus Berlin ausgeftellten ftatiftifchen Tabellen mitgetheilt.( Siehe Tabelle Seite 35 und 36.) Dafs England nur feinen Kunftracen angehörige Thiere herbeibringen werde, konnte wohl vorausgefehen werden. Fowler, John Kersley, Swanwick Ruffel in Cirenceſter und Duckering& Sons R. E. in Northorpe betheiligten fich die Einzigen mit ihren Zuchten, und das zufammen in 23 Stücken, die theils den fchweren, theils den mittleren, theils den leichten Racen angehören. Die alte Bezeichnungsweife der englifchen Schweineracen nach Graffchaften kann heute in der Regel nicht mehr als vollkommen zutreffend bezeichnet werden; durch den übergrofsen Zuchtvieh- Verkehr in diefem Lande haben fo mannigfaltige Blutmifchungen ftattgefunden. und die gegenfeitigen Grenzen fich derart verwiſcht, dafs, um ficher zu gehen, man am beften den Namen der Zucht nennt oder den Charakter derfelben kurz bezeichnet. Nebft dem landwirthschaftlichen Vereine in Foggia in Italien mit 2 Stück fchlofs fich Deutfchland an mit 66 Stück, welche ausfchliesslich englifcher Abftammung waren, und zu Eigenthümern hatten: die Vieh- Importeure Schütt und Ahrens in Stettin, den Baron Magnus in Drehfa( die WindforSchweine), die landwirthfchaftliche Akademie Eldena und A. M. Schön in Breftau( die fcheckigen Berkfhire- Schweine) und Jofef Diethelm in Brandenburg( die Kreuzungen grofser englifcher Racen). Auch die O efterreich gewidmete Abtheilung enthielt in ihren 58 Stück nur englifches Blut. Obenan ift da die Collectivausftellung der k. k. Landwirthfchafts- Gefellfchaft in Wien zu nennen, an der neben Anderen mit Thieren der grofsen weifsen englifchen Racen in hervorragender Weife theilnahmen: Adolf Ponz, Reichsritter v. Engelshofen in Stockern, Felix Hierath in Wien und Hermann Graf Schaaffgotfche in Purgftall. Mit Thieren ähnlicher Typen traten dann ferner noch ein: die Domäne Smiřitz, Domäne Radibořitz gehörig dem Prinzen W. Schaumburg- Lippe, Domäne Waleczow gehörig dem Altgrafen Franz zu Salm- Reifferfcheid, Pachtgut Münchendorf Jacob Neumeyer- und Andere. - - Mit dem Schweine ift es eine ganz eigene Sache; trotz aller feiner natürlichen Vorzüge, die wahrhaftig nicht unbedeutend find und die gleichzeitig die Eignung in fich fchliefsen, auch dem modernen Landwirthfchaftsbetriebe in feiner Verbindung mit den verfchiedenen Induſtriezweigen zu folgen, kann es fich doch nicht auch nur annähernd zur Bedeutung des Rindes oder des Schafes emporarbeiten. Auch felbft die befriedigenden Ergebniffe vieler im Kleinen betrie Thierzucht. Schweineftand. Anzahl der Stücke Länder im Stück Jahre pro 1000 Einwohner per I geographifche Quadratmeile Europäiſches Rufsland 1864 9.517.500 Afatifches Rufsland 1864 586.000 151 105 1865 6,993.721 Deutfches Reich 1867 8,043.360 209 835 1866 4.357.531 Preufsen 1867 4,875.114 203 762 Baiern 1863 926.522 191 673 Baden 1869 355.639 248 1207 Sachfen 1867 325.564 135 1192 1865 263.504 Württemberg 1868 254.888 143 720 1864 7.914.855 Oefterreich 1869 6,994.752 199. 620 1862 5,246.403 Frankreich 1866 5,889.624 154 614 Spanien 1865 4,264.817 261 464 1868 3,189.167 1869 3,028.394 Grofsbritannien 1870 3,650.730 1871 4.136.616 137 718 Italien Portugal Belgien 1867 3,886.731 159 723 1862 858.334 215 529 1856 458.418 1866 632.301 128 118.4 1866 390.000 1867 362.371 Schweden 1868 300.021 1869 339.248 82 42 1866 321.534 1867 302.514 Holland 438 1868 290.173 1869 299.894 85 503 Dänemark 1866 381.512 237 548 Schweiz 1866 304.191 I2I 404 Norwegen 1865 96.166 57 17 Griechenland 1867 55.776 42 61 1867 13.616.876 Vereinigte Staaten 1869 26,751.400 1870 29,457.500 860 159 Auftralien 1871 694.848 392 6 35 36 Johann Pohl. Schweinehandel. Einfuhr im Ausfuhr Länder Stück Jahre Stück 695.938 1869 313.362 Deutfches Reich. Grofsbritannien 718.977 1870 291.688 728.448 1871 327.003 536.844 1870 453 1,017.907 1871 1.138 636.585 1869 Oefterreich 354.272 607.489 1870 311.212 176.827 1869 Frankreich 83.379 255-752 1872 73.651 32.250 1866 Belgien. 21.525 34.859 1867 83.260 Holland 28.109 1870 69.604 Dänemark 17.343 1868,69 22.686 17.331 1869/70 24.783 Italien 4.981 1868 85.894 Spanien. 3.917 1868 23.294 Schweden 35° 1868 3.076 420 1869 10.749 Vereinigte Staaten 1870 8.770 benen Zuchten find nicht im Stande, dem Schweine eine andere, als eine ganz untergeordnete Stellung zu verfchaffen. Jene Mobilität im Betriebe, die der Ent-. wicklung des kaufmännifchen Sinnes entſpringt und die wir z. B. beim englifchen und belgifchen Landwirthe fo gefchult finden, dürfte jedoch, fobald fie auch bei uns mehr Gemeingut geworden, wie überhaupt mit der Zeit, fo auch hier manchen Umfchwung nach fich ziehen. In Oefterreich kann bisher eigentlich von der Zucht des Schweines nur wenig die Rede fein; meiftens ift es eine einfache Haltung, die man ihm blofs angedeihen läfst. Die eine grofse Schweine zucht treibenden Länder im Often überlaffen uns Jungvieh und ausgewachfene Thiere diefer Art, die hier gewöhnlich nur auf- und ausgefüttert werden. Das aber ift mehr als Gegenstand der Hauswirthschaften als des grofsen landwirthschaftlichen Betriebes anzufehen, von deffen Standpunkte aus man es nur felten für zweckmäfsig hält, das Augenmerk auf diefen Pariah der Nutzthiere zu richten. Ift es aber der Fall, dann greift man meiftens nach den englifchen Kunftracen, die entweder rein gezüchtet oder mit dem einheimifchen Landfchweine gekreuzt werden. Im Hinblicke auf die Hände, denen das Schwein gewöhnlich überantwortet, und auf die verfchiedenen Verhältniffe, denen es zugeführt wird, läfst fich eine Zuthat heimifchen Blutes zum englifchen behufs Mittheilung gröfserer Widerftandsfähigkeit principiell nur als förderlich erkennen. Zur weiteren Kennzeichnung der Sachlage folgt in Nachfolgendem die Angabe des Schweineftandes mit 31. December 1869 und deffen Veränderung gegenüber dem 31. October 1857 in den einzelnen Ländern Oefterreichs, und dann das Verhältnifs zwifchen Ein- und Ausfuhr in diefer Thierart, betreffend Oefterreich und Ungarn gemeinfam vom Jahre 1831 bis 1871.( Siehe Tabellen Seite 37.) Sowie die Rinderausstellung Ungarns fich fehr durch ihre Befonderheit von jenen der übrigen Länder abhob, fo auch die Schweine- Ausftellung. Die 43 Stück derfelben waren beinahe fämmtlich originäre Kinder Ungarns und Thierzucht. O efterreichifcher Schweineftand und Handel. 37 Schweineviehftand mit 31. December 1869 Der Schweineviehftand hat fich vom 31. October 1857 bis 31. December 1869 Länder. Es entfallen auf Stück eine Quadr.- Einmeile wohner IOOO vermehrt verminum dert um Oefterreich unter der Enns 261.243 759 133 183.199 Oefterreich ober der Enns 182.5r2 877 249 60.045 Salzburg 15.397 123 IO2 3.870 Steiermark 485.030 1243 429 60.871 Kärnten 99.243 557 295 29.884 Krain 63.358 364 136 Trieft, Görz, Gradiska, Iftrien 47.416 341 82 31.331 20.077 Tirol und Vorarlberg. 58.932 115 67 Böhmen 228.180 252 44 Mähren 161.419 418 81 Schlefien 54.464 612 106 8.651 349.094 165 182 26.774 Galizien 734.572 542 135 51.005 Bukowina 133.385 733 261 45.392 Dalmatien 26.322 118 59 15 896 Summa 2.551.473 96.397 954.874 Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Jahr Jahr S tück Stück 1831 191.534 136.973 1852 548.190 79.612 1832 257.998 154.356 1853 525.762 115.150 1833 217.441 146.896 1854 636.853 90.700 1834 180.980 126.615 1855 735.303 75.526 1835 344.488 73.317 1856 611.804 92.048 1836 346.405 67.248 1857 400.159 106.937 1837 329.434 116.490 1858 460.280 97.030 1838 301.909 125.183 1859 443-713 95.054 1839 296.403 139.834 1860 326.575 128.598 1840 301.950 92.595 1861 540.066 241.626 1841 409.334 67.135 1862 464.103 187.770 1842 333.089 85.882 1863 522.245 137.073 1843 406.357 104.558 1864 350.107 73.067 1844 331.631 178.807 1865 486.198 108.019 1845 232.802 131.514 1866 350.251 218.425 1846 388.297 118.247 1867 414.294 233.211 1847 372.622 100.643 1868 651.995 190.588 1848 5.033 118.938 1869 595.535 331.010 1849 6.501 104.552 1870 575.063 291.488 1850 584.124 65.503 1871 606.037 220.371 1851 408.285 46.723 38 Johann Pohl. gehören gröfstentheils der Mangolica und verwandten Racen an, die nebftdem, dafs fie fich zur Maft beftens eignen, gleichzeitig hinreichend abgehärtet find, um der Mifsgunft der heimifchen Verhältniffe zu widerftehen. Als Ausfteller, hervorragender Thiere wären zu nennen: Graf Friedrich Wenckheim in Ó- Kigyós, Bernhard Deutfch in Arad, Carl Leopold und Felix Pfeiffer in Oedenburg, Abraham Schwarz in Okány, Ladislaus Tisza in Csán und Andere. Das Schwein wird in Ungarn beinahe nirgends kunftgemäfs gezüchtet, feine Zucht und Haltung ift aber eine fehr verbreitete. Nach den ftatiftifchen Erhebungen vom 31 December 1869 entfallen auf I Quadratmeile im gefammten Ungarn im engeren Ungarn in Siebenbürgen 2 in Slavonien in Kroation 739 Stück 824 1000 Einwohner 288 Stück " 277 " 525 ... 239 12261 877 1050 358 ungarifch- banater 877) 4191 432 432 29 in der Militärgrenze kroatifch. 935 889 In Ungarn ift die Schweinehaltung in ftetiger Zunahme begriffen; fo weift die Zählung von 1857 gegen jene von 1850 eine Erhöhung des Standes von 29 2 Percent nach und die 1869 gegen 1857 conftatirte Abnahme von 138 Percent fpricht gleichfalls in Rückficht auf den beidesmaligen Zeitpunkt zu dem die Erhebungen ftattfanden das erfte Mal am 31. December und das, letztere Mal am 31. Octobernur eine Vermehrung aus, was durch den Zuwachs der jährlich in den Verkehr kommenden Thiere beftätigt wird. Eine wie bedeutende Einnahmsquelle Ungarn, namentlich aber der füdliche Theil in der Schweinezucht befitzt, ift am beften aus den Zahlen zu erfehen, die über den Verkehr in diefer Thierart am Steinbrucher Markte bekannt find. In den Jahren 1869, 1870 und 1871 wurden dafelbft nicht weniger als je eine halbe Million Schweine aufgetrieben, die zur Hälfte zur Approvifionirung Wiens Verwendung fanden, zur Hälfte theils in andere Comitate wanderten, theils ins Ausland, namentlich über Bodenbach exportirt wurden.* In allerneuefter Zeit ist aber im Abfluffe nach dem Auslande eine fehr beachtenswerthe Stockung eingetreten; Amerika und Rufsland, die uns mit ihren weiten Ländereien durch die Entwicklung der Verkehrsmittel immer näher rücken, beginnen in gefährlicher Weife Concurrenz zu machen. Das Fleifch des ungarifchen Borftenviehes ift nämlich bereits im halbgemäfteten Zuftande zu fettreich, um für den Seegebrauch, es fei im geräucherten oder geprefsten Zuftande, mit dem des ruffifchen oder amerikanifchen Schweines gleich geeignet zu fein. Diefer Umftand droht nun der ungari fchen Schweinezucht ein lange inne gehabtes Abfatzgebiet abzufchneiden, was nicht ohne empfindlichen Rückfchlag für das Land bleiben könnte. Kein Wunder defshalb, dafs, fobald man im Anblicke der Gefahr ift, an Mittel gedacht wird, um fich gegen diefelbe zu rüften. Wie Carl Keleti in dem bereits oben angezogenen Buche mittheilt, fafsten zu dem Zwecke bereits mehrere Züchter den Entfchlufs, neben der Mangolica- Race die Mecklenburger Fleifchrace zu halten und auch die Regierung foll bereits in diefer Hinficht die Initiative ergriffen haben, um für die heimifchen Verhältniffe geeignete Borftenviehracen auf den Oekonomien der landwirthfchaftlichen Lehranstalten und eventuell auch auf einer der Geftütsdomänen behufs Gewinnung von Veredlungsmateriale zu züchten. Keines der landwirthfchaftlichen Nutzthiere befitzt im gleichen Mafse wie das Schwein die ausfchliefsliche Beftimmung zur Fleiſch- und Fettproduction. In * Studien über das Schwein von Dr. Eugen v. Rodzicky. in Wien, 1873. - Verlag von Faefy& Frick Thierzucht. 39 Folge deffen müffen die Beftrebungen der Züchter diefer Thierart in den verfchiedenen Ländern mehr gleichmässige fein und können höchftens nur in untergeordneten Dingen von einander abweichen. Diefe Uebereinstimmung zeigte fich auch in der englifchen, deutfchen und öfterreichifchen Abtheilung, wo wir durchwegs Angehörige der fich durch frühe Entwicklungs- Maftfähigkeit auszeichnenden englifchen Racen finden, die damit die Züchter diefer Länder für das Befte bezeichnen. Man könnte darnach auch leicht zu dem Glauben verleitet werden, dafs in Deutfchland und Oefterreich nur die englifchen Kunftracen Pflege finden. Damit würde man fich aber fehr irren; trotz aller ihrer Vorzüge konnten fie fich bisher vielerorts noch nicht die gebührende Anerkennung erwerben. Nicht wenig trägt dazu zwar der Umftand bei, dafs das Wirkfamwerden ihrer ausgezeichneten Eigenfchaften an die Erfüllung gewiffer Bedingungen geknüpft ift, was häufig nicht berücksichtigt wird und darum zu einem unrichtigen Urtheile führt. Sorgfalt in der Haltung und reichliche Fütterung dürfen dem englifchen Schweine nicht verfagt werden, fobald feine Zucht vortheilhaft fich geftalten foll und wo das Eine oder das Andere die Verhältniffe nicht erlauben, dort wird man nur gut thun, von ihm abzufehen oder höchftens in einer Blutmifchung das Mögliche zu erreichen fuchen. Unter den englifchen Racen gilt heute in Deutſchland im Allgemeinen die fchwarze oder fcheckige Berkſhire- Race, wovon auch die Ausftellung zahlreich befchickt war, dank ihrer Abhärtung für die geeignetfte, gepflegt zu werden, während in Oefterreich den jedenfalls empfindlicheren weifsen Racen der Vorzug gegeben wird. Wenn es auch ſchon als Fortfchritt anzufehen ift, dafs man fich um die Zueignung fremdländifcher Vorzüge beftrebt, fo läfst fich doch fagen, dafs bisher die Summe des Aufwandes züchterifcher Intelligenz und Thatkraft für Förderung der Schweinezucht am Continente, abgefehen von einigen wenigen Anläufen, noch eine geringe ift. Fifche. Die Zucht oder der Fang derfelben bildet fehr häufig einen Erwerbszweig von grofser Ausdehnung und hoher Bedeutung. Seine Betriebsweife ift aber in den einzelnen Ländern eine fehr verfchiedenartige, je nachdem der Menfch fich feine einftmalige Ernte felbft vorzubereiten gezwungen ift, oder die Natur in ihrer Freigebigkeit dafür forgt. Die künftliche Fifchzucht, die planmäfsige Teichwirthfchaft oder geordnete Flufsfifcherei ftehen fo der See- oder Meerfifcherei gegenüber und theilen fich abwechfelnd mit letzterer in die gegenfeitige Ueberlegenheit. Wenn zwar auch in der Ausftellung kein getreues Abbild von der eigentlichen Sachlage in diefer Beziehung in den verfchiedenen Ländern geboten wurde, fo konnten wir doch dafelbft fehr viel Werthvolles fehen und erfahren. Ein Land, in dem die Fifcherei die höchfte Bedeutung hat und wo in einzelnen Gegenden, wie an und um den nördlichen Polarkreis, diefelbe fogar die einzige Nahrungsquelle bildet, ift Norwegen. Neben grofser Landfee- und beachtenswerther Flufsfifcherei hat es fehr ausgedehnte See- oder Meerfifcherei und trug diefer Thatfache in der Errichtung eines eigenen Fifchereipavillons Rech nung, in welchem es Modelle, Geräthfchaften, Fifche in Spiritus, dann in ander weitig confervirtem Zuftande etc. ausftellte. Wen die Sache näher intereffirt, der laffe fich an eine ad hoc veröffentlichte Schrift verweifen, wo er fich hierüber genauer unterrichten kann; dafelbft finden die einzelnen Fifchereien, von denen die Dorfch- und Winterhäring- Fifcherei die bedeutendften find, eingehende Befprechung und die Vertriebsweife der Producte wird gründlich erörtert. Hier möge es nur geftattet fein, die Zahlen, mitzutheilen, welche die Ausfuhr der wichtigften Fifchproducte Norwegens im Jahre 1872 angeben: * * Die Fifcherei- Induftrie Norwegens von H. B.-- Bergen 1873. J. D. Beyers Bogdrykkeri. 40 Fifchguano. Frifche Fifche. Stockfifche Johann Pohl. 1,134.600 Kilo 4,169.350 17,540.050 Klippfifche. In Fäffern oder im Schiffsraum gefalzene Fifche Nordhäringe Waarhäringe Andere Häringe und Brifslinge Hummer Fifchroggen 30,396.100 " 9 65.488 Tonnen 637.013 174.284 435.094 899.708 Stück 45.719 Tonnen 106.486 Thran Diefelben werden zu einem Werthe von veranfchlagt; rechnet man nun noch dazu den Werth der im Lande felbft verbrauchten Fifche und Fifchproducte mit 20,930.000 fl. 7,000.000 27,930.000 fl. fo giebt das die ftattliche Summe von die um fo imponirender erfcheint, wenn man bedenkt, dafs fie die Frucht der Arbeit eines Volkes ift, deffen Seelenanzahl 1,800.000 nicht überfteigt. Diefe Zahlen gelten hauptfächlich der See- oder Meerfifcherei; daneben findet aber auch noch die künftliche Fifchzucht, verbunden mit Binnenfee- Bewirthfchaftung, Beachtung. Eine grofse Anzahl der in reichlicher Menge vorhandenen Binnenfeen ift heute fifchleer, fei es, dafs diefelben durch planlofes Fangen ausgefifcht worden find, oder dafs fie feit jeher unbevölkert waren, trotzdem es fichergeftellt ist, dafs viele derfelben ergiebige Fifchernten abwerfen könnten. Diefe auf künftlichem Wege zu beleben, hat fich daher die Staatsregierung zur Aufgabe gefetzt und fucht ihr Ziel dadurch zu erreichen, dafs fie die ihr eigenthümlichen fifchleeren Süfswäffer, deren fie felbft viele befitzt, gegen einen fehr geringen Betrag auf die Dauer von zwanzig Jahren und unter der Bedingung verpachtet, dafs fie innerhalb der erften zwei Jahre mit Fifchen befetzt fein müffen. Seitens anderer Befitzer unbelebter Süfswäffer ahmt man diefe Regierungsmafsregel nach und ift gleichfalls beftrebt, die letzteren nutzbringend zu machen. So findet die künftliche Fifchzucht grofsen Anwerth und zum Zeichen deffen waren Modelle der dafür üblichen Geräthe ausgeftellt, und zwar Brutapparate für Quellenfpeifung mit reichlichem und geringem Wafferzuflufs, dann Brutapparate zum Einfenken in einen Flufs oder Bach und fchliefslich die für das an Wafferfällen fo reiche Norwegen höchft wichtige Lachsleiter. Die Befchreibung und Zeichnung diefer Gegenftände ift in einer hiefür veröffentlichten Schrift* zu erfehen. Einer befondern Einrichtung fei hier noch gedacht, die in ihrer Art einzig ift. An der zerriffenen Küfte Norwegens findet man nämlich, dafs die gröfseren Fjorde, welche tief in das Land eindringen, fich in kleinere Fjorde verzweigen und am innerften Ende derfelben ift nicht felten ein Baffin zu fehen, welches nur durch einen fchmalen feichten Sund mit dem äufseren Fjord in Verbindung fteht. Da in der Regel ein Bach oder ein kleiner Flufs fich in diefe Baffins ergiefst, diefelben fomit immer frifches Waffer zugeführt erhalten, kam Hetting auf die Idee, die Verbindung mit den Fjords durch Gitter abzufperren und fo Salzwafferparke zu erzeugen, welche mit Zuhilfenahme der artificiellen Aufzüchtung belebt werden. Wenn auch nicht gleich, wie für Norwegen, ift das Fifchereiwefen doch auch fehr wichtig für das Nachbarland Schweden. Seine grofse Küftenentwicklung fowie der Wafferreichthum des Landes felbft- Seen und fliefsende Waffer breiten fich auf 8 4 Percent des ganzen Landesgebietes ausdictiren ihm diefs. Auch 8.4 Schweden vertrat diefe Thatfache durch Errichtung eines eigenen Fifchereipavillons, der gleichfalls eine reiche Collection von Fifchereigeräthen und Modellen dafür, ferner Süfswaffer und Seefifche nebft anderen Ergebniffen der * Die Fifchcultur Norwegens von M. G. Hetting-- gedruckt bei H. J. Jenfen in Chriftiania. Thierzucht. 41 Fifcherei im confervirten Zuftande wie als Illuftration zu den Mittheilungen des Fifcherei- Intendanten Dr. Hj. Widegren enthält. Darnach find die wichtigften Fifchereien, die in Schweden betrieben werden, folgende: die Landfee- und Uferfifcherei in den Skären des Reiches; dann die Lachsfifcherei mit einer durchfchnittlichen Ernte im Werthe von 440.000 fl. öfterr. Währung; ferner die Häringfifcherei in der Oftfee und an den Küften des Reiches, wobei im Durchfchnitte der Jahre gegen 150.000 Tonnen zu einem Geldwerthe von 1,800.000 fl. öfterr. Währung eingefalzen werden, und dann die Bankfifcherei im Kattegat und in der Nordfee mit einem Ertrage im Jahre 1871 von 213.000 fl. öfterr. Währung. Im Gegenfatze zu Norwegen confumirt Schweden den gröfsten Theil feiner FifchereiErgebniffe nicht nur felbft, fondern führt deren von erfterem noch in wefentlichen Mengen ein. Behufs Beauffichtigung und Verbefferung des Fifchereiwefens beſteht dafelbft das Inftitut der Fifcherei- Intendantur. Frankreich, das im Jahre 1867, ohne jedwedes Opfer zu fcheuen, ausgeftellt hatte und dem damals, wie Baron M. E. Waſhington in feinem diefsbezüg lichen Berichte fagt, es lediglich darauf anzukommen fchien, der Welt zu beweifen, welchen Werth es der künftlichen Fifchzucht ob ihrer national- ökonomifchen Bedeutung beigelegt, gab diefsmal weder in Schrift noch durch Ausftellung eine Andeutung, aus der der dort erreichte Standpunkt in der Entwicklung diefes Zweiges erkennbar wäre. Trotzdem möge hier das fich inzwifchen vollzogene Ereignifs, dafs Deutfchland auch Hüningen in feinen Siegeskranz einflocht, conftatirt werden. In diefem mit aller unter dem Kaiferreiche in folchen Dingen üblichen Munificenz ausgeftatteten und mit gröfster Sorgfalt geleiteten Inftitute hat die künftliche Fifchzucht Frankreichs ohne Zweifel einen fehr herben Verluft erlitten. Obwohl ein anfehnlicher Theil der Bevölkerung Englands in deffen bedeutendem Härings-, Stockfifch- und Wallfifchfang Befchäftigung findet, vermifsten wir in der Ausftellung doch jedwede Erinnerung daran. Aus Deutfchlands Betheiligung liefs fich wieder nur die Eigenartigkeit des deutfchen Elementes erkennen, das auf ein tieferes Erfaffen der Erfcheinungen und auf genauere Erkenntnifs ihres Zufammenhanges loszielt, fich im Uebrigen aber wie ein rother Faden durch einen grofsen Theil der landwirthfchaftlichen- Ausstellung durchzieht. Die königliche Commiffion zur Anftellung von Unterfuchungen in der Nord- und Oft fee legt die Refultate ihrer Arbeiten in graphifchen Darftellungen, botanifchen und fauniftifchen Sammlungen und in einem gedruckten Berichte vor, während Dr. L. Wittmack aus Berlin die geo graphifche Verbreitung der wichtigſten Fifche in den Gewäffern Deutfchlands und Oefterreichs darftellt, welche Arbeit durch ein Verzeichnifs der Anftalten undStationen für künftliche Fifchzucht in beiden Ländern begleitet wird. Darnach befitzt Deutſchland 101 folcher Etabliffements und für Oefterreich werden 33 verzeichnet. Letztere Ziffer bleibt aber hinter der Wirklichkeit zurück. Das auch an fonftigen Naturfchätzen fo reiche Oefterreich befitzt gleichfalls für die verfchiedenen Richtungen der Piscicultur herrlich geeignete Lagen; weder an zur Fifchzucht verwendbaren Teichen noch an fifchreichen Flüffen und Seen, gleichwie an Küften für Meerfifcherei fehlt es ihm. Für die Teichwirthschaft traten die Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg, Graf Jaromir Černin und Moriz Graf Saint- Genois in Paskau ein. Froh und heiter belebten die lebenden Fifche der Erfteren der. * Veröffentlicht in den für die Weltausstellung bearbeiteten und herausgegebenen ftatiftifchen Mittheilungen über Schweden von Dr. Elis Sidenblagh Dr. Elis Sidenblagh- Stockholm 1873. P. A. Norftedt& Söner. 42 Johann Pohl. - Fürften Schwarzenberg- ihr Element in den vor dem mit wahrhaft fürftlicher Grofsmuth errichteten Pavillon befindlichen Baffins und repräfentirten mit den fyftematiſch geordneten und höchft lehrreichen Präparatenfammlungen den gröfsten Teichbefitz Oefterreichs. Die Teiche diefer Befitzer 300 an der Zahl belegen eine Fläche von 15 Quadratmeilen und haben eine durchschnittliche Jahresproduction* von 6.310 Ctr. 192" - Karpfen Schillen Hechten verfchiedenen Speifefifchen. Erfatzfifchen durch Verkauf von 1134 Schock à 45 Pfd. Zufammen 145" IO 29 510” 7.167 Ctr. Die Teichwirthschaft wird hier ftreng methodifch betrieben; von der ganzen Teichfläche entfällt ein beftimmter Theil auf Laich- oder Streichteiche, circa 30 Percent auf Streckteiche und 70 Percent auf Hauptteiche, die in einem fixen Turnus bewirthschaftet werden. Nach jedesmaligem Abfifchen eines Teiches erfolgt eine ein- oder zweijährige Benützung desfelben für landwirthschaftliche Zwecke. So und ferner durch zweckentfprechende Führung des Betriebes ift es dem als Fifchzüchter bekannten Wirthfchaftsdirector W. Horák auch gelungen, die Wiederbenützung eines Maierhofes als Teich, der vordem auch fchon als Teich bewirthschaftet worden war, durch den Erfolg zu rechtfertigen und damit ein bestehendes und dem entgegenlaufendes Vorurtheil zu widerlegen. Die gräflich St. Genois'fche Teichwirthschaft Paskau's zeichnet fich durch die befondere der Nachzucht gewidmete Sorgfalt aus, indem dafelbft jedes zum Fortpflanzungs. gefchäft ausgewählte Pärchen Mutterfifche in einem feparirten Brutteichchen folange, als es für den Zweck nöthig, behufs genauer Ueberwachung gehalten wird; ferner wird auch dort jeder Teich. er führe Fifche welchen Jahrganges immer, im Herbfte abgefifcht, fein Inhalt in eigenen Behältern verwahrt und der Teich über Winter trocken gelegt. Für Förderung der künftlichen Fifchzucht befitzt Oefterreich eine Anzahl auch vom Staate fubventionirter Fifchzucht Vereine; diefelben fcheinen aber in der Ausstellung nicht, ähnlich wie z. B. die Bienenzüchter Vereine und andere, ein ihrer Sache dienliches Mittel erkannt zu haben. Um fo mehr mufsten daher die Objecte der Privaten anziehen, welche hierher gehören, als von J. Baron Bru nicki in Ruda( Forellen) und von Auguft Céfar in Paskau und Ernsdorf( Rheinlachs). An letzterem Orte fucht man aber, um den Nachtheilen der künftlichen Auslaichung zu entgehen, mit den gehaltenen Fifchen als: Salar Anfonii, Trutta lacuftris und Salmo falar zur natürlichen Fortpflanzung überzugehen. Dafs trotz der vielen fifchreichen Seen und Flüffe fich auch kein einziger Aussteller mit Producten daraus eingefunden hat, beweift nur, dafs bisher in die Ausnützung diefer Gewäffer noch kein Syftem gebracht ift und die rentable Benütz barkeit derfelben für piscicole Zwecke noch zu fehr der Anerkennung entbehrt. Auch der bereits auf der Parifer Ausftellung im Jahre 1867 vom Apotheker Jacob Nachtmann in Sedletz exponirte und dafelbft prämiirte ,, Blutegelfumpf" zur Aufbewahrung von Blutegeln war hier zu fehen. Aus Ungarn fahen wir nur vier prächtige Schiele von M. Rofenberg aus Fanyud, Kinder des Plattenfees, von wo diefelben befonders gerühmt werden. Von Rufsland aus werden wir durch zwei vom Domänenminifterium herausgegebene Schriften über das Fifchereiwefen dafelbft unterrichtet. Die * Katalog zur Collectivausftellung der Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg. Wien 1873. Im Selbſtverlage der fürftlich Schwarzenberg'fchen Centralkanzlei. - eine Thierzucht. 43 derfelben befpricht die Fifcherei und die Seehundjagd am weifsen, am Eisund am kafpifchen Meere und die andere** die Verhältniffe der künftlichen Fifchzucht, namentlich aber jener der Staatsanftalt von Nikolsky, der bedeutendften diefer Art in Rufsland. Seidenfpinner. Zu Trugfchlüffen würde derjenige geführt werden, der aus der Ausstellung auf die Bedeutung des Seidenfpinners für die einzelnen Länder fchliefsen wollte. Um ein wahrhaftes Bild darüber zu gewinnen, mögen die Zahlen reproducirt fein, welche M. André Jean im Jahre 1857 der Akademie der Wiffenfchaften zu Paris in diefer Frage vorlegte, und welche fich auf die Seidenproduction vor Eintritt der Flecken oder Körperchenkrankheit beziehen. Darnach erzeugten im Durchfchnitte in den jenem vorausgehenden Jahren Seide: in Europa Italien im Werthe von Millionen Francs 281.5 Frankreich Spanien und Portugal Türkei Griechenland mit den jonifchen Infeln Oefterreich- Ungarn und Süddeutſchland in Afien China. Indien Japan Perfien Verfchiedene andere Länder von Afien 108.6 16.0 5.8 3: 2 0.9. " 416.0 425 0 120 0 80.0 23.0 54.8. 702.8 Afrika Amerika Auftralien I'I 0.5 10.6 II21 O Diefe Zahlen find zwar nicht neu, aber nichtsdeftoweniger heute noch brauchbar, da mit dem nach ihrer Erhebung erfolgten Ausbruche und Verbreitung der Körperchenkrankheit das im Laufe langer Zeit fich entwickelte Productionsverhältnifs durch einige Jahrzehnte hindurch verfchoben wurde und fich erft gegenwärtig wiederherzuftellen fucht. Dem entſprechend find in Europa Italien und Frankreich die den gröfsten Seidenbau treibenden Länder, an die fich die übrigen nur fehr befcheiden anreihen. Darum darf aber doch feine Wichtigkeit als Erwerbszweig auch für die letzteren nicht unterfchätzt werden; was er dort für grofse Landftriche ift, gilt er hier einzelnen Gegenden und ift in beiden Fällen gleich eine Lebensfrage. In Oefterreich treiben nennenswerth Seidenbau eigentlich nur das füdliche Tirol und das Küftenland; was die anderen Königreiche und Länder betrifft, fo läfst fich fagen, dafs man hier zwar fchon lange Zeit und noch immer unermüdlich beftrebt ift, fich die Vortheile der Seidencultur zuzuwenden, dafs alle bisherigen Erfolge aber nur die Thatfache zu conftatiren vermögen, dafs nördlich der Alpen kein entſprechender Boden dafür vorhanden ift. Es ift doch eigenthümlich; der Maulbeerbaum, die Futterpflanze des Seidenfpinners, gedeiht in den meiften Lagen felbft bis in den hohen Norden der fkandinavifchen Halbinfel hinauf, dem Infecte können im Weiteren durch Zuhilfenahme * Notice fur les pêcheries et la chaffe aux phoques dans la Mer Blanche,' Océan Glacial et la Mer Caspienne par Alexandre Schultz. St. Pétersbourg 1873. ** Notice fur les progrès de la pisciculture en Ruffie par Thedore Soudakéwicz. St. Pétersbourg 1873., 44 Johann Pohl. künftlicher Mittel die nöthigen Lebensbedingungen geboten werden, und doch macht die Zucht desfelben keine weiteren Fortfchritte. Der Verbreitung der Seidenraupen- Zucht müffen eben diefsfeits der Alpen andere Schwierigkeiten im Wege ftehen, die nicht fo fehr in den natürlichen Grundlagen als vielmehr in den anderweitigen Verhältniffen begründet find. Das die meifte Seide producirende Land Europas, Italien, hat fich recht anfehnlich an der Ausstellung betheiligt. In erfter Linie möge hier genannt fein die reichhaltige, die Natur des Seidenfpinners und feiner Rivalen, gleichwie alle Benützungsweifen zur Darstellung bringende Sammlung von Mæftri Angelo Cav. Dott in Pavia, woran fich dann anreihen die vom landwirthfchaftlichen Vereine in Como ausgeftellten Geräthe für Grainirung, die anatomifchen Präparate des Eichenfpinners Saturnia Yama- maï von Profeffor B rizzolari Aleffandro in Arezzo u.f.w. Hinter den von Abate Luziardi in Padua angefertigten intereffanten Modellen gefunder und kranker Seidenraupen fteht die ftazione bacolopico di Padua unter Leitung des Dr. Verfon, der längere Zeit in Görz neben Haberlandt wirkte. Von Frankreich wäre mehr zu erwarten gewefen. Abgefehen von einigen befcheidenen Coconsproben, war es blofs die fonft im Allgemeinen fo inhaltsvolle Ausstellung der Minifteriums für Ackerbau und Handel, bei der man für diefen Zweck einen Augenblick zu verweilen veranlafst wurde. In einer kleinen Tabelle deutet fie die Hauptmomente des heutigen Standpunktes in der Seidenzucht an, und die fchon mehrmals angezogene, von Henzé abgefafste Schrift theilt uns mit, dafs die Seidenproduction Frankreichs in Folge der Körperchenkrank heit vom Jahre 1854 mit 25,000.000 Kilogramm bis zum Jahre 1869 auf 8,000.000 Kilogramm gefunken war. O efterreichs bezügliche Ausstellung kann nur für die Sachlage fehr bezeichnend und gleichzeitig fehr anfehnlich genannt werden. Die Vielfeitigkeit der Betheiligung zeigt einerfeits, wie grofs die Anftrengungen allerorts find, der Seidenzucht gröfsere Ausdehnung, zu verfchaffen, und die Befchaffenheit der ausgeftellten Objecte anderfeits, dafs man fich nicht begnügt, blofs die Entdeckungen und Erfahrungen anderer Länder einfach zu benützen, fondern auch fucht, felbftthätig in die Entwicklung diefes Wirthschaftszweiges mit einzugreifen. Aus den meiften Kronländern hat man oft fehr gefchmackvoll angeordnete Collectionen eingefendet. Das kann jedoch nicht viel fagen; hinter ihnen ſteht keine erwähnenswerthe Production und die Frage der Rentabilität ift noch nicht gelöft. Befonders reichhaltig und intereffant waren die ausgeftellten Objecte des dritten internationalen Congreffes der Seidenzüchter in Roveredo und der k. k. Seidenbau- Verfuchsftation in Görz. In diefen fahen wir den heutigen Standpunkt der Seidenzucht vollkommen entrollt vorgeführt, fo dafs fich wohl die Behauptung aufftellen läfst, dafs in der landwirthschaftlichen Ausftellung kein anderer Zweig fo bezeichnend für die augenblickliche Situation vertreten war, wie diefer. Nicht genug daran, hier war auch gleichzeitig am vollſtändigften der Erfolg ernften wiffen fchaftlichen Strebens und damit gleichzeitig die hohe Bedeutung der Wiffenfchaft für die Praxis überhaupt dargethan. Im Jahre 1867 zur Zeit der Ausftellung in Paris fetzte die Flecken oder Körperchenkrankheit noch unaufhörlich ihre verheerenden Wirkungen fort, nebft der europäiſchen fchien auch bereits die orientalifche Seidenzucht in Frage geftellt, und eine für grofse Ländereien fehr ergiebige Einnahmsquelle drohte gänzlich zu verfiegen. Derweilen fich die Seidenzüchter in einem ganz rathlofen Zuftande befanden, fchon von verfchiedenen Seiten vergeblich Hilfe erwartet hatten und fich mit dem traurigen Schickfale langfam zu verföhnen begannen, indem fie ihre Hoffnung auf die Benützung anderer Seidenfpinner richteten, arbeitete der franzöfifche Gelehrte M. Louis Pafteur bei Alais unermüdlich daran, die Mittel zur Befiegung des böfen Feindes zu entdecken. Nach fünfjähriger harter - Thierzucht. 45 Arbeit ift es ihm endlich gelungen, fein Ziel zu erreichen und den Seidenzüchtern gegen die Seuche ficher wirkfame Mafsregeln an die Hand zu geben. Die Wiener Weltausftellung ift die erfte diefer Art, die diefen grofsen Fortfchritt documentirte und diefem Triumphe des Geiftes einen Altar errichtete. In feiner Wefenheit befteht er in dem Vorfchlage eines Selectionsverfahrens, bei dem nur die Eier ganz gefunder Eltern zur Zucht Verwendung finden und Alles, was nur die geringfte Spur von Krankheit, refpective Körperchen zeigt, entfernt wird. Für diefen Zweck mufs jedes zur Samengewinnung dienende Schmetterlingspaar feparirt werden- Zellengrainirung und die Eier werden erft dann als vollkommen brauchbar erkannt, wenn die Eltern nach mehrfacher mikrofkopifcher Unterfuchung körperchenfrei gefunden find. Auf diefelben Gedanken geftützt, gibt es mehrerlei Methoden, die eine gegen die andere auf einfachere Weife dasfelbe erreichen laffen wollen. Damit ift allerdings die Nothwendigkeit eines gröfseren Aufwandes von Mühe und Koften in den Betrieb der Seidenzucht herübergetragen; das fteht aber lange in keinem Verhältniffe zur Sicherheit des Erfolges, und der Nutzen der Zellengrainirung läfst fich am allerbeften aus der Rafchheit erkennen, mit welcher fie fich verbreitet. Zur Verallgemeinerung diefer wichtigen Entdeckung exiftiren heute fpecielle Schulen oder Lehrcurfe, in welchen die Candidaten theoretifch und praktifch unterrichtet werden. Grofse Anerkennung hat fich die unter Profeffor Haberlandt in Görz zu dem Zwecke ins Leben gerufene erworben, und in der italienifchen Abtheilung konnten wir eine Photographie, dem agrario conuzio in Bergamo gehörig, gewahren, die eine Schaar Mädchen darftellte, welche in der nothwendigen mikrofkopifchen Unterfuchung der todten Schmetterlinge unterrichtet wird. Dadurch, dafs fich in den letzten Jahren die Wiffenfchaft überhaupt mehr mit dem Studium des Lebens der Seidenraupe befafst hat, ift man auch zu Fortfchritten in anderen Beziehungen gelangt. Diefelben laffen fich zwar nicht in eine Linie mit Pafteur's Entdeckung ftellen, müffen aber gewifs als geeignet bezeichnet werden, dem Betriebe der Seidenzucht mehr eine naturgemäfse Methode und damit gröfsere Sicherheit zu geben. Die internationale Ausftellung von Roveredo und die der k. k. Seidenbau Verfuchsftation in Görz bringen in diefer Beziehung Lehrreiches. Transport- und Aufbewahrungsmittel des Samens bafiren auf der Anerkennung der Nothwendigkeit des unausgefetzten Luftzutrittes. Haberlandt conftruirt einen Apparat zur Abtödtung der Cocons mittelft Schwefelkohlenftoffs, dann einen Serimeter und gemeinsam mit Bolle einen Brutofen mit Petroleumheizung. Aufserdem war in beiden Ausftellungen ein einfaches Geräthe zur Entfernung der Floretfeide zu fehen, und ebenfo beachtenswerth müffen die Hürden und Hürdengeftelle genannt werden, die meiſtens im Modell da waren. Als Beitrag zur Bekämpfung der augenblicklich noch wirkfamen Schlaffucht ift der Chlorentwickler anzufehen, und die mühfamen anatomifchen Präparate von Profeffor H aberlandt und Bolle, dann die mikrofkopifchen Präparate der k. k. Seidenbau Verfuchsftation, ferner die Arbeiten von Themiftocle Azolini und Dr. Ruggero Cobelli gewährten einen lehrreichen Einblick in die Natur der Seidenraupe. Auch diefsmal find die Rivalen der Seidenraupe nicht vergeffen; der internationale Congrefs von Roveredo und die k. k. Seidenbau- Verfuchs ftation in Görz theilen fich mit einigen Privaten in das Verdienft, fie beigebracht zu haben. Seinerzeit hatte man bedeutende Erwartungen in fie gefetzt, und abwechselnd war bald dem einen, bald dem anderen eine grofse Zukunft in Ausficht geftellt; feitdem fich jedoch die urfprünglichen Anfchauungen der Seidenzüchter durch die gemachten Erfahrungen ernüchtert haben, und nunmehr auch in der Zellengrai nirung ein wirkfames Mittel gefunden ift, der Körperchenkrankheit, diefer verheerenden Geifsel, mit Erfolg entgegenzutreten, kommen fie mehr aufser Beachtung. Nur der bivoltine erft 1871 aus China nach Europa gelangte Bombyx Pernyi ein Eichenfpinner fcheint nach den bisherigen Beobachtungen noch eine -- - Ausnahme zu machen. Wenn auch fein Product, gleich dem aller anderen Rivalen 46 Johann Pohl. des Seidenfpinners, gleichfalls nicht den edlen Seidenglanz befitzt, fo ift es doch ganz beachtenswerth; die Cocons enthalten im Gegenfatze zu denen des Bombyx Yama- maï mehr Seide, die Seide läfst fich leichter abhaspeln und ift fehr dehnbar und feft. Als eine Sache weiterer Beobachtung mufs es angefehen werden, feinen Werth für die europäiſchen Verhältniffe noch genauer zu ermitteln, was allein feine Bedeutfamkeit beftimmen kann. Zum Schluffe fei noch der einzelnen Coconsproben in der deutfchen, fpanifchen, portugiefifchen, ruffifchen und türkifchen Abtheilung gedacht. Bienen. Die Generaldirection glaubte, wie uns der Chef der agriculturellen Aus ftellung Profeffor Dr. Arenftein mittheilte, fowohl in Rückficht auf das Publicum, wie auch getragen von dem Gedanken, dafs ein belebter Bienenftand nur fehr wenigen Befuchern zugänglich fein kann, die des Weiteren auch noch bei einem kurzen Befchauen unmöglich eine Bereicherung ihres Wiffens erwarten können, lebende Bienenvölker von der Ausftellung ausfchliefsen und die letztere nur auf Hilfsmittel zur Bienenzucht und Producte derfelben befchränken zu follen. Das veranlafste den Wiener Bienenzüchter- Verein, der darin einen Mangel erblicken wollte, felbftftändig vorzugehen und unabhängig von der grofsen Ausftellung im Prater und neben ihr gleichzeitig eine internationale Aus.. ftellung von lebenden Bienenvölkern, Bienenwohnungen, Geräthen, Producten, Schriften etc. zu veranstalten. Auf diefe Weife gefchah es, dafs die mit I. Auguft in Simmering eröffnete internationale Ausstellung ins Leben gefetzt wurde. Seitdem Pfarrer Dzierzon in Carlsmarkt die Idee des Mobilbaues unter die Imker geworfen, ift ein raftlofes Streben nach Vervollkommnung diefes Wirth. fchaftzweiges eingetreten, das bis zur Stunde noch immer fortwährt und fich täglich mehr verallgemeinert. Es ift eine Thatfache, dafs die Pflege der Bienenzucht vorwiegend in der Hand des kleinen Mannes liegt, der fich feine Hilfsmittel entweder felbft erzeugt oder über eigene Angabe anfertigen läfst. Bei dem Reize ferner, den es gewährt, in die Erörterung von Fragen einzugreifen, die noch flüffig find und deren es in der Bienenzucht eine grofse Zahl gibt, wird es begreiflich, dafs die einem und demfelben Zwecke dienenden Gegenftände von fo verfchiedenartiger Conftruction angefertigt werden. Damit fei aber keineswegs gefagt, dafs jede Aenderung gleichzeitig eine begründete ift; neben ganz vortrefflichen Gedanken machen fich nur zu oft blofse Spielereien einer müfsigen Phantafie ungebührlich breit. Sehr reichhaltig ftellte Deutfchland aus. An einem fehr guten Platze und in Einem fanden wir Hilfsmittel zur Bienenzucht und Producte derfelben aller Art. Die land und bienenwirth fchaftlichen Vereine von SchleswigHolftein, Baiern, Königreich Sachfen und Heffen haben gleichwie die naffauifchen Imker reiche Collectionen znfammengeftellt und thun vereint mit den übrigen Ausftellern dar, dafs in Deutfchland vielfeitig mit beweglichem Wabenbau gearbeitet wird. Das beinahe ausfchliefsliche Vorhandenfein von Bienenwohnungen nach Dzierzon's Princip und von fonftigen nur dafür geeigneten Geräthen, wie auch die aus allen Theilen Deutſchlands beigebrachten und ebenfalls nur auf diefem Wege gewinnbaren Honigfortimente beweifen das. Die diefsbezügliche Ausftellung Oefterreichs war durch das Arrangement der Collectivausftellungen der einzelnen Königreiche und Länder auch demgemäfs zerfplittert und entbehrte dadurch des imponirenden Eindruckes jener Deutfchlands. Von den vorfindlichen Geräthen und Producten, insbefondere aber des Wiener Bienenzüchter- Vereines läfst fich nur Aehnliches wie dort fagen. Thierzucht. 47 Auch Italien betheiligte fich recht anfehnlich mit Bienenwohnungen, Honigentleerungsmaschinen und Producten. Neben den zwar fehr lehrreichen, aber bis in's Kleinliche ausartenden Tableaux von Prof. L. Sartori in Mailand und dem fonft vorwiegenden Mobilbau war es ganz intereffant, auch die primitiven und aus einfachem Ruthengeflecht beftehenden Bienenkörbe zu fehen. An Bienenwohnungen und Producten war auch Ungarn recht anfehnlich vertreten und hinter mehreren Objecten fteht eine bedeutende Jahresproduction. Aus der Schweiz hatten fich mehrere Ausfteller theils mit Geräthen, theils mit Producten eingefunden; was die erfteren betrifft, find fie insgefammt nach dem Principe des beweglichen Wabenbaues conftruirt und die letzteren können nur von einer forgfältigen Pflege herrühren. Auch Frankreich fehlte nicht und war durch zwei Ausfteller mit Geräthen und Producten vertreten. Unter erfteren erregte ein Bienenkorb- ausgeftellt von E. Drozy in Bordeaux- wie er im Südweften Frankreichs von den Bauern gebraucht wird, die Aufmerkfamkeit ein blofses Ruthengeflecht, das mit Kuhmift überftrichen wird, dürfte wohl mit zu den einfachften Formen von Bienenwohnungen gehören. - Aufser Englands eigenartigen und mit Scrupulofität conftruirten vier Bienenwohnungen hatte Dänemark gleichfalls eine, und zwar einen Pavillon für vier Völker und daneben fehr fchöne Producte ausgeftellt und in der ruffifchen Abtheilung für landwirthschaftliche Maſchinen fand man einen originellen Lagerftock für Wanderbienenzucht neben einem finnigen Schwarmfänger. In der belgifchen Collectivausftellung war gleichfalls der Bienenzucht durch Aufnahme einiger einfacher Geräthe gedacht und Spanien, Portugal etc. fuchten in Pro ducten die Pflege diefes Zweiges in den betreffenden Ländern zu verfinnlichen Unter den Hilfsmitteln zur Bienenzucht fteht obenan die Bienenwohnung, deren eine ftattliche Zahl beigebracht worden ift. So viel ihrer auch da sein mochten, find doch wenige ganz gleichmässig conftruirt und unterfcheiden fich bald nach der einen, bald nach der anderen Seite von einander. Kein darin angelegter neuer Gedanke kann indefs für fo bedeutend bezeichnet werden, um dem Betriebe der Bienenzucht eine neue Richtung zu geben; durchwegs befchränken fie fich auf die weitere Verarbeitung der Dzierzon'fchen Idee und fuchen blofs in der Conftruction der Natur der Biene und den jeweiligen Verhältniffen Rechnung zu tragen. Im Allgemeinen läfst fich fagen, dafs Ständer an Zahl die Lagerftöcke überwiegen und erftere bald in zwei, bald in drei oder auch in vier Etagen angefertigt werden, indeffen die mit drei die häufiger, zu findenden find, wobei dann die beiden unteren als Brut- und die obere als Honigraum dienen. Warmbau herrscht gegen Kaltbau weitaus vor; ebenfo ift die Anwendung von Rähmchen gebräuchlicher als die von Trämchen, nur haben erftere oft die vierte und zwar untere Seite offen. Was die Stockbreite anbelangt, fo ift fie keine conftante, meiftentheils aber in Oefterreich 92 Wiener Zoll und in Deutſchland 10 Zoll daneben kommen aber Abweichungen auf und ab nicht felten vor. In Stärke der Wände der Bienenwohnung wie auch im Materiale, aus dem diefelben bereitet werden, exiftiren felbftverſtändlich Unterfchiede je nach der Gegend, in der fie zum Ge brauche zu dienen beftimmt find. Deutſchland, Oefterreich, die Schweiz und Dänemark ziehen Strohwände und hölzerne Doppelwände vor, während das unter einen wärmeren Himmelsftrich liegende Italien fich lieber mit einfachen Holzwänden behilft. In Deutſchland fucht man in diefer Frage auch noch nach anderen Auskunftsmitteln. Dr. Käftner aus Bordesholm wählt zur Anfertigung der Wände Torf, Protze aus Lockwitz Kork und M. Tittel in Hartenftein Holzftoff. Eine verlässliche Antwort auf die präcis und richtig geftellte Rentabilitätsfrage wird - 4 48 Johann Pohl. wohl am beften im Stande fein, die Berechtigung des einen oder anderen auszu fprechen. Von dem zur Anfertigung mancher Bienenwohnungen aufgewendeten befonderen Fleifse oder felbft Kunftfertigkeit kann hier keine Rede fein, wo es fich blofs um die wirthschaftliche Bedeutung der einzelnen Ausftellungsobjecte handelt. Der Berichterstatter der 1867er Parifer Ausftellung, Minifterialrath Doctor J. R. Lorenz, nahm Doctor Melicher's Eintheilung der franzöfifchen Bienenzüchter in ,, producteurs" et, amateurs" an und fagte fehr treffend darüber: ,, Den altconfervativen producteurs ftehen die amateurs entgegen, welchen es minder auf den alljährlich ganz fichern und möglichft gleichmässigen Gewinn, als vielmehr auf den vielfach noch problematifchen Fortfchritt ankommt." Diefe Unterfcheidung dürfte aber nicht blofs auf die franzöfifchen, fondern auch auf die Bienenzüchter Mitteleuropas überhaupt anwendbar fein. In der Imkerliteratur ift fchon längft gegenüber von Empirikern von Rationellen die Rede, welche beiden Begriffe obige einander entgegengefetzte Richtungen in der Hauptfache decken. Allerdings hat die Zeit mit ihrer Alles vermittelnden Macht auch hier bereits das Ihrige gethan und die Verföhnung angebahnt; die Anhänger beider Parteien fangen an, fich Gerechtigkeit widerfahren zu laffen und ihre Vortheile gegenfeitig auszutauschen. Die Ausftellung entwarf zwar von diefer ganzen Sachlage nicht das richtige Bild, zumal die Anhänger des Stabilbaues fich wenig oder gar nicht betheiligten, während jene des Mobilbaues und der Vermittlungsftufe es an nichts fehlen liefsen. Wenn • es jedoch genügt, dafs in der Ausftellung blofs der Fortfchritt documentirt werde, dann kann man als damit genug gefchehen annehmen. Der Bienenzuchtbetrieb mit Mobilbau ift zwar nur möglich bei Vorhandenfein von mehr Kenntniffen und bei Aufwand von gröfserer Sorgfalt, gewährt jedoch dafür am rechten Platze und bei richtiger Handhabung grofse Vortheile, indem es mit ihm möglich wird, die Natur der Biene zielgerecht zu leiten. - Seiner Verbreitung ftehen aber die hohen Preife der allein dafür geeigneten Bienenwohnungen im Wege. In der Ausftellung fehen wir, wie fehr man allerorts beftrebt ift, diefem Uebelftande entgegenzuarbeiten; die verfchiedenen Preffen zur billigen Erzeugung von Bienenwohnungen aus Stroh, von denen wir befonders die von Jofef Schmeidlaus Ingolftadt nennen, der gleichzeitig damit fchön gearbeitete Stöcke eingefendet hat, feien hier hervorgehoben; ebenfo nimmt Maler von Lacher aus Wien in feinem, Wirthfchaftsbienenftock" einen trefflichen Anlauf nach derfelben Seite und in dem, wie Drozy aus Bordeaux und Andere vorgehen, läfst fich dasfelbe Motiv erkennen. Erft dadurch, dafs es heute in der Hand des Imkers liegt, der Biene das zeitraubende und materiellen Nachtheil bringende Gefchäft der Wachserzeugung gröfstentheils zu erfparen und ihr damit die Möglichkeit zu bieten, die günftige Zeit der Honigtracht ungefchmälert zum Eintragen des Honigs zu verwenden, gelangt die Idee des beweglichen Wabenbaues zu ihrer vollen praktiſchen Bedeutung. Major Hrufchka gebührt das Verdienft, uns in feiner Honigentle erungsMafchine das für diefen Zweck geeignete Mittel erdacht zu haben. Im Jahre 1865 gelegentlich der Verfammlung der deutfchen Bienenwirthe in Brünn gab er das erftemal feinen Gedanken bekannt und demonftrirte denfelben mit einem ganz einfachen Geräthe, wie wir es in der Simmeringer Ausftellung zu fehen bekommen, und heute zeigt uns die Wiener Weltausftellung, wie trefflich er war und auf einen wie fruchtbaren Boden er fiel. Die Mechanik hat fich desfelben bemächtigt und eine Mafchine conftruirt, deren wir eine grofse Anzahl in der deutfchen, öfterreichifchen und italienifchen Abtheilung fanden. Allerdings entbehrt diefelbe noch jener Vollkommenheit, die wir an den Maſchinen heutigen Tages zu finden gewöhnt find; aber für den vorliegenden Zweck kann fie gewifs als hinreichend bezeichnet werden. Zu den wichtigſten Geräthen der Bienenzucht gehört ferner die Wachspreffe. In diefer Beziehung hatte in der fchweizerifchen Abtheilung Carl Pfifter Thierzucht. 49 in feiner„ Dampfwachs- Preffe" ein beachtenswerthes Object ausgeftellt. Die Verbefferung befteht darin, dafs unterhalb der eigentlichen Wachspreffe ein Refervoir für warmes Waffer angebracht ift. Bei der Arbeit wird erfteres gefüllt und die fich entwickelnden Dämpfe follen das Auspreffen des Wachfes erleichtern. Einen ähnlichen Apparat finden wir auch in Simmering. Auch an anderen Bienen- Wirthfchaftsgeräthen gab es eine überreiche Fülle von mitunter recht brauchbaren, oft aber zwar recht fchön ausgedachten, für den praktiſchen Belang aber ganz überflüffigen Dingen. Intereffant ift der in der ruffifchen Agricultur- Mafchinenhalle aufgeftellte Schwarmfänger von P. Borif fowfky aus Moskau zu nennen, mittelft deffen es möglich fein foll, an befchwerlich zu erreichenden Orten angelegte Schwärme mit Leichtigkeit einzufangen und gleichzeitig neben der Erreichung anderer Vortheile auch die Drohnen auszufcheiden. E. H. Wolter aus Neu- Brandenburg bringt eine Preffe zur Erzeugung von Wabenleeren und in Simmering finden wir folche felbft von diefem und von H. Kunz in Jägerndorf ausgeftellt. An Bienenhauben und Rauchinftrumenten hat Gatter einige Modificationen angebracht. Für den Hochbetrieb der Bienenzucht lieferten Deutfchland und Oefterreich Einiges, beftehend in Beobachtungsftöcken, Königinnen- Züchtungshäuschen, ferner Transportmitteln und dergl. Hiebei wäre auch der vom Handelsbienenftande des Barons Rothfchütz ausgeftellten Geräthfchaften zu gedenken. Zum Gegenfatze vom Wachfe kann man vom Honig eher fagen, dafs aus feiner Befchaffenheit fich Einiges über die Betriebsweife der Bienenzucht, der er entftammt, ablefen läfst; die in der öfterreichifchen Abtheilung, dann in Simmering ausgeftellten mit fchönem Bau gefüllten Glasglocken, ferner die nach den verfchiedenen Pflanzen gefonderten Honigfortimente Deutſchlands, Oefterreichs, Italiens, Ungarns, der Schweiz etc. beweifen gegenfeitig, wie fehr die Natur der Biene dem Einfluffe des Menfchen unterworfen werden kann. Ob Gatter's zwölf Jahre alt fein follender Visniak oder der fünfundvierzig Jahre zählen follende Molinak, oder feine in Honig eingefottenen Früchte einen dankbaren Verfuch bilden, möge der Zukunft und der weiteren Erfahrung zur Entfcheidung überlaffen fein. Da, wie bereits gefagt, die Ausftellung lebender Bienen im Prater nicht geftattet war, fo mufste derjenige, der hoffte, am fliegenden und arbeitenden Infecte aus eigener Beobachtung und Betrachtung fich ein Urtheil nach der einen oder anderen Seite zu erwerben, fich nach Simmering verfügen. Hier fand er in mannigfaltigen Bienenwohnungen 59 Völker in fo lebendiger Thätigkeit, wie fie eben die Umgebung Wiens geftattet. Die deutfche Biene, die italienifche und die krainer haben fich zu gegenfeitigem Wetteifer zufammengefunden und beleben den fchönen Schulgarten. Zur Erreichung der Vollständigkeit hat Lehrer Vogel aus Lehmannshöfel auch ein egyptifches Volk in einem Beobachtungsftocke eingefendet. Wir finden alle diefe Völker verfchiedener Heimat da und doch werden wir davon nicht die Löfung der Frage erwarten, ob die deutfche, die italienifche, die krainer oder die egyptifche die würdigere ift, die Zukunft zu befitzen. Die feiner Zeit übertriebenen Urtheile haben fich heute ernüchtert und der Bienenzüchter weifs eben fo gut wie der Landwirth, dafs das Klima zwar im Stande ift, dem Thiere gewiffe Eigenthümlichkeiten aufzuprägen, dafs diefelben aber nicht fo bedeutend find, wie man früher angenommen hat. Ställe. Auch in diefer Hinficht enthielt die Ausftellung Einiges. R. Ph. Waagner in Wien hatte einen ganzen Stall für Luxuspferde nach englifcher Manier hergestellt. Von Intereffe war auch das Stallgebäude der Meierei der k. k. Landwirth. fchafts- Gefellſchaft in Wien, deffen Einrichtungsftücke fämmtlich Ausstellungs4* 50 Johann Pohl. objecte waren und wovon die Krippen der verfchiedenen Art die Aufmerksamkeit erregten. Neben marmornen und fteinernen fahen wir auch verfchiedene aus Beton, an denen noch während der Ausftellung fich recht gut erkennen liefs, wie fehr in Dauerhaftigkeit für diefen Zweck eckige und kantige Formen den runden nachftehen. Zwar nicht auf dem Ausftellungsplatze felbft vertreten gewefen, find doch die Rinderftallungen des Franz Ritter von Horsky auf der Domäne Kolin, welche übrigens von den Jurymitgliedern der II. Gruppe in einer fpeciellen Excurfion befucht wurde, ob ihrer Originalität hier befonders erwähnenswerth. In der Ueberzeugung, dafs ein grofses Gebäudecapital den Grundbefitz fehr empfindlich belafte, hat der verdiente Mann in feinen Stallungen, die er in einer fpeciell für die Excurfionsmitglieder abgefafsten Schrift befchreibt, ein Mittel gefchaffen, dasfelbe auf einen geringen Bruchtheil zu verringern. Milch- Wirthschaftsgeräthe. In Anbetracht deffen, dafs erft vom 13. bis 17. Dezember 1872 in Wien eine theilweife internationale Molkerei- Ausstellung ftattgefunden hat, die nach jeder Seite hin, fowohl was Hilfsmittel zur Milchwirthschaft, wie auch was Producte derfelben betrifft, fehr zahlreich befchickt war, konnte wohl nicht erwartet werden, dafs in diefer Hinficht im Prater befonderes Neues gebracht werden würde. Es konnte das um fo weniger gehofft werden, nachdem gerade diejenigen Länder, welche im December gefehlt hatten, auch hier gröfstentheils abwefend blieben und die urfprünglich für den 4. bis 6. October in Ausficht genommene temporäre Ausftellung von Molkereiproducten, Hilfsftoffen und Betriebsmitteln nicht zu Stande kam. Betheiligt hatten fich blofs die Schweiz, Schweden, Dänemark, Belgien, Deutfchland, Oefterreich und Rufsland und zwar mit Milch- Prüfungsapparaten, Milchkühlern, Milchfatten, Butterfäffern, Käfereigeräthen und dergl. - An Milch- Prüfungsapparaten war im Induftriepalafte von Dr. Ch. Müller aus Bern die bekannte fchweizerifche Milchprobe und im Pavillon des k. k. öfterreichifchen Ackerbau- Minifteriums in dem der k. k. chemifchen Verfuchsftation in Wien( unter Leitung des Profeffors Dr. J. Mofer gewidmeten Abtheilung der nach Fuchs conftruirte Centrifugalapparat ausgeftellt, womit in genannter Verfuchsftation bei 20 Minuten langer Drehung die Milch etwa ebenfo viel Rahm abgefetzt hatte, als nach 24 Stunden in dem gewöhnlichen Rahmmeffer. Letztere Idee ift zwar auch nicht neu Fuchs fchlug fein Verfahren fchon 1859 vor aber nichtsdeftoweniger allgemein wenig gekannt und ob der Möglichkeit ihrer Benutzung auch für andere Zwecke höchft beachtenswerth. Als nichts Anderes ift die, centrifugale Butterprobe" der fchweizerifchen Milch- Verfuchsftation in Thun- ausgeftellt in der öftlichen Agriculturhalle anzufehen, die fich zur Unterfuchung von Butter und Schmalz auf Waffer, Cafeïn etc. eignet. Das Gefetz der Centrifugalkraft auch zur Entrahmung der Milch im Grofsen in Anwendung zu bringen, fchlug A. Prandtl fchon im Jahre 1864 vor und aus dem Berichte des Dr. Benno Martiny in der Milchzeitung, über die Molkerei- Ausstellung im December, erfahren wir, dafs eine mechanifche Werkstatt fich bereits mit der Anfertigung eines folchen Apparates befaffe; trotzdem ar auf der Ausftellung leider keine Spur davon zu entdecken. Diefe Sache ift von Seite der Milchwirthfchafts- Befitzer der höchften Beachtung würdig, denn im Falle fich der Gedanke bewährt, wofür gegründete Hoffnung vorhanden ift, erhält der Molkereibetrieb eine ganz neue Richtung; Milchkeller, Milchfatten und dergleichen würden über- * Mein Streben, Wirken, meine Refultate nebft praktifchen Rathfchlägen zur Organifirung und Syftemifirung landwirthschaftlicher Befitzungen ohne Geldvorauslagen von Franz Ritter von Horsky. Kolin. Franz Sudek. 1872. Thi rzucht. 51 flüffig und bei der Milch würde Zeit gewonnen, was nur zur Erhöhung des Werthes der Producte daraus beitragen würde. Die Centrifugalkraft dürfte aber auch noch für andere Zwecke in der Landwirthschaft Verwendung finden. Bedenken wir, wie differirend im Werthe eine und diefelbe Getreideart bei verfchiedenen Gewichtsqualitäten ift und dafs die Körner von dem verfchiedenften fpecififchen Gewichte neben einander erfechft werden und als unegale Waare in den Handel kommen, was fie ebenfo unvortheilhaft für ihre Verwendung als Saatgut, wie für ihre Verarbeitung auf Mehl macht, dann nöthigt fich uns die Frage auf: wäre die Technik nicht im Stande, auf Grund des Gefetzes der Centrifugalkraft uns eine praktiſche Mafchine zu conftruiren, mittelft welcher der Landwirth fich fein Getreide nach dem Gewichte fortiren könnte? Ein fehr wichtiges Geräthe für viele Milchwirthfchaften ift bereits der Milchkühler, namentlich dort, wo die Milch transportirt oder confervirt werden foll; er gelangt aber, feitdem wir wiffen, wie fehr es dem Erfolge abträglich ift, wenn die Milch für den Zweck des Abrahmens einer mit der eigenen fehr differirenden Temperatur im Milchkeller ausgefetzt wird, zu noch höherer Bedeutung. Romanowsky J. in Wien hat neuerdings feinen bekannten Milchkühler ausgeftellt und nebftdem einen„ Milchkaften", der den Milchverfchleifsern zur befferen Ausnützung des Eifes dienen foll. In feiner Wefenheit befteht letzterer in einem nach fechs Seiten fich ftrahlenförmig erweiternden blechernen Gefäfse zur Aufnahme der Milch, das in einem gröfseren Kaften für die Aufnahme des Kühlwaffers fitzt und welch' letzterer von einer die äufsere Wärme abhaltenden Wand und oben mit einem folchen Deckel verfehen ift. Lefeldt's( W. Lefeldt& Lentfch in Schöningen, Provinz Brandenburg) neuer Milchkühler, den die Befucher der Molkereiausftellung im December im Modell gefehen, ift hier ausgeführt. Er befteht aus vier concentrifchen Ringen, von denen zwei zur Aufnahme von Milch und zwei zur Aufnahme von Waffer dienen und die je mit einander communiciren. Das Waffer tritt aus einem höher gelegenen Refervoir unten in den Apparat ein, vertheilt fich durch die in den Zuleitungsröhren angebrachten kleinen Löcher perlend in die Kühlringe und wird wieder abgeleitet, während die Milch mittelft eines eigens conftruirten Trichterfiebes, das bis an den Boden reicht, zu unterft dem am meiften kühlen Waffer zugeführt wird und fchliefslich unten in der Richtung der communicirenden Röhren abläuft. Es läfst fich aus der ganzen Conftruction im Voraus fagen, dafs einerfeits durch das Kräufeln des eintretenden Waffers und anderfeits durch Zuhilfenahme des fpeciellen Rührapparates der Milch damit die befte Ausnützung des Kühlwaffers erfolgen mufs. In Folge der finnreichen Anordnung ift auch die fo nothwendige Reinhaltung ermöglicht. Authentifche Verfuche liegen einftweilen noch nicht vor. Bei dem von Schultz J. H. Th. aus Dänemark im Modell ausgeftellten Milchkühler läuft die Milch in einer dünnen Schichte auf einer feicht geneigten fchiefen Ebene über unter derfelben hingeleitetes kaltes Waffer und in der englifchen Abtheilung der Maſchinenhalle fteht Lawrence's Patent Kühlapparat für Brauwürze, Maifche und Spülicht in Brennereien, der auch zum Abkühlen von Milch empfohlen wird. Seine Einrichtung ift derart befchaffen, dafs die Milch in eine Rinne geführt wird, welche die erftere durch kleine Oeffnungen auf und über zwei gewellte fenkrechte Flächen paffiren läfst, während das Kühlwaffer zwifchen beiden von unten nach oben gedrückt wird. Was das Ausrahmen der Milch betrifft, war die Ausftellung an dafür dienenden Geräthen nicht fehr reichhaltig. Neben bereits allgemein bekannten Milchfatten aus Holz und Blech, wie fie in der fchweizerifchen, öfterreichifchen und ruffifchen Abtheilung ausgeftellt waren, wäre hier blos das Deftinon'fche Verfahren zu erwähnen, das in der Agricultur- Mafchinenhalle des deutfchen Reiches durch die Acti engefellfchaft Carlshütte und im Induftriepalafte durchAnker Heegaard in Frederikfaerk, Klöbenhavn in Dänemark, repräfentirt wird. Dagegen 52 Johann Pohl. fehlte das Schwartz'fche Verfahren der Rahmgewinnung dort, wo man es fuchen würde, gänzlich, gerade dasjenige, das erft neueren Entstehens ift und das Ritter von Tfchavoll J.A. in Feldkirch bei der Molkerei- Ausftellung im December auch in feiner Anwendung fo inftructiv zurDarftellung gebracht hat. Im fchwediſchen Bauernhaufe, wo die hieher gehörige Ausftellung J. W. Gundberg's aus Stockholm ftand, werden fie wohl die wenigften Landwirthe gefunden haben. Diefes Verfahren unterfcheidet fich von den bisherigen Methoden dadurch, dafs dabei die Milch in Blechgefäfsen von 16 Zoll= 420 Millimeter Tiefe und 18 Zoll 270 Millimeter Durchmeffer in Waffer eingefenkt wird, das man bei einer Temperatur von 3 bis 7 Grad Celfius erhält. Ganz begreiflicher Weife ift die Ausführbarkeit desfelben an den Vorrath entſprechender Eismengen geknüpft; dafür gewährt es aber auch fehr fchätzbare Vortheile, die ihm alle übrigen Methoden in Schweden, Norwegen, Dänemark etc. verdrängen helfen. Auch in Oefterreich ift es bereits an einzelnen Orten in Anwendung. - - Unter den Butterfäffern begegneten wir mit nur wenigen Ausnahmen meiftentheils blofs alten Bekannten, die fchon anderwärts genügend gewürdigt worden find. Nur in der dänifchen Abtheilung der Agriculturhalle konnte uns Brunn's N. P. Patent- Butterfafs und in der deutfchen Agricultur- Mafchinenhalle Lefeldt's Butterfafs einige Zeit aufhalten. Das erftere befteht in einem conifchen Faffe, in dem eine verticale hohle Achfe, die nach feitwärts ebenfalls hohle und an ihrem Ende offene Ruthen fächerartig abzweigt, mittelft einer ZahnräderUeberfetzung bewegt werden kann ähnlich wie beim englifchen Butterfaffe. Indem die hohle Achfe über dem Deckel noch feitwärts goffenartig fich erweiternd ausmündet, fteht das Innere derfelben und der hohlen Ruthen mit der äufseren Luft in directer Communication. Bei der der Richtung der Goffe entgegengefetzten Drehung der Achfe fängt die erftere Luft, diefe drückt auf die unter ihr fich befindliche und treibt fie durch die mit der Achfe communicirenden Ruthen in die Milch, refpective Rahm. Bei der Arbeit ift demnach nebft dem Schlagen der Ruthen auch die eingeftrömte Luft, gleichwie bei dem bekannten Clifton'fchen Butterfaffe, wirkfam. Lefeldt hat an feinem viel gebrauchten Butterfaffe geftellt in der Agricultur- Mafchinenhalle des deutfchen Reiches wieder einige beachtenswerthe Verbefferungen angebracht; und zwar hat er die Kautschukdichtung des Deckels, den er jetzt aus Eifen macht, aufgegeben und erfetzt fie durch ein leinenes Tuch; ferner bringt er das Loch zum Auslaffen der freigewordenen Luft in dem gufseifernen Deckel an. Gelegentlich der Molkerei- Ausftellung wurden damit von Seite des Generalcomités Verfuche angeftellt, die feinen Werth gegenüber dem Mühlfteinbutterfaffe der Alpenländer prüfen follten. Je eines der beiden Butterfäffer wurde zu dem Zwecke mit 12 250 Kilo Rahm bei einer Temperatur von 14 Grad Réaumur befchickt und darnach ergab fich folgende Leiftung*( fiehe Seite 53, Tabelle 1). - - ausAls eines der beachtenswertheften Objecte diefes Theiles der Ausstellung dürfte auch der Lefeldt'fche Butterkneter bezeichnet werden. Die Arbeit des Butterknetens, welche bisher gröfstentheils durch die Hand oder durch fimple und unvollkommene Geräthe verrichtet wurde, foll damit auf mafchinellem Wege gefchehen. Die Wirkfamkeit diefer Mafchine befteht darin, dafs die Butter zwei gleich lange und ftarke und mit ungleicher Gefchwindigkeit bewegte Walzenpaare paffirt und dabei gedrückt und geftrichen wird. In 10 Minuten follen fich damit 80 bis 90 Pfund Butter einmal durchkneten, beziehungsweife durch die Mafchine treiben laffen. Ein ebenfalls vom Generalcomité der Molkereiausftellung vorgenommener Verfuch mit dem Holländ'fchen und dem Lefeldt'fchen Butterkneter ergab nahfolgende Refultate**( fiehe Seite 53, Tabelle 2). * Bericht über die erfte öfterreichifche Molkereiaus ftellung zu Wien vom 13. bis 17. December 1872. Zufammengeftellt und im Auftrage des k. k. Ackerbau- Minifteriums herausgegeben vom General comité. ** Derfelben Quelle entnommen. Dauer des Butterns in Minuten Umdrehungen per Minute Menge Mühlfteinbutterfafs Lefeldt'fches Butterfafs 55 90* 55 50 60 50 1.605 86.16 Thierzucht. Fettgehalt Waffergehalt Der gewonnenen Butter Der gewonnenen Buttermilch Käfeftoff etc. Abfoluter Fettgehalt Merge Kilo Perc. Perc. Perc. Kilo Kilo Perc. Kilo 1'580 85 27 13'39 I'34 12'07 1347 9 170** I'77 1'383 6.820 075 0.068 0.95 0.064 Holländifcher Butterkneter 7 1.540 I- 540 14.09 Lefeldt'fcher Butterkneter bei zweimaligem Paffiren. 2 1.480 1'430 13.49 Gewicht der Butter WafferDauer der Arbeit gehalt vor dem nach dem nach dem Durch- DurchKneten kneten kneten Minuten Kilo Kilo Percent Die Qualität der Butter vor der Behandlung war beiderfeits eine ganz gleichmässige. Für Käfe- Erzeugung waren aus der Schweiz fchön gearbeitete kupferne Käfekeffel( Iten Carl Oberägeri, Zug) da, und dann ein Modell eines folchen mit einer Feuerung, die, trotzdem der Keffel bei feinem verfchiedenen Gebrauche nicht gehoben zu werden braucht, doch gefchloffen ift. Die emaillirten gufseifernen Käfekeffel von Anker Heegaard auf Dampfheizung, die in der dänifchen Induftrieabtheilung ftanden, dürften den meiften Ausftellungsbefuchern unbekannt geblieben fein, da fie eben an einem Platze ftanden, wo man MilchwirthschaftsGeräthe nicht fuchen zu brauchen glaubte. Dafür konnten dem Landwirthe die anderen dänifchen Käfereigeräthe nicht entgehen, namentlich die Käfepreffen und englifchen Käfemühlen von Chriftenfer Julius in Kopenhagen. Schafwolle. Die nachfolgenden von Dr. Wittmack gefa mmelten ftatiftifchen Daten geben die Wolle production in den einzelnen Ländern( fiehe Seite 55) die weiteren den Wollhandel derfelben( fiehe Seite 54) und fchliefslich nachftehende die Wolle verarbeitung in den einzelnen Ländern( fiehe Seite 55) * Darunter fiebenmaliger Aufenthalt mit 7/2 Minuten. ** Die gröfsere Menge Buttermilch ftammt daher, dafs, da bei obiger Temperatur ein vollständiges Ausbuttern mit dem Mühlftein- Butterfaffe nicht möglich war, nach 41 Minuten dauernder Arbeit mittelft Beigabe von Eis und kaltem Waffer die Temperatur auf 112 Réaumur herabgefetzt wurde, was beim Lefeldt'fchen nicht nothwendig war. Fettgehalt Abfoluter Fettgehalt 53 54 Länder Johann Pohl. Tabelle des Wollhandels. Einfuhr Kilo Ausfuhr Jahr Kilo 66,240.000 1861 24,480.000 77.355.000 1862 21,645.000 79,830.000 1863 28,755.000 92,925.000 1864 25,155.000 95,490.000 1865 37,080.000 Grofsbritannien 107,585.000 1866 29,970.000 96,165.000 1867 40,860.000 113,715.000 1868 47,295.000 116,325.000 1869 52,470.000 118,440.000 1870 41,625.000 143.775.000 1871 60,795.000 93,204.850 1867 8,469.000 101,657.850 1868 Frankreich. 5.923.600 108,585.600 1869 9,313.150 83,711.100 1870 12,855.700 27,951.000 1865 1,329.200 29,934.000 1866 256.700 35,113.000 1867 693.100 Belgien 47.418.000 1868 648.000 46,999.000 1869 1,292.000 73,546.000 1870 33,271.000 3,014.550 1822 bis 1833 5,307.450 6,730.050 1834 1843 " 7.345-550 8,298.100 1844" 1853 5,943.400 17,199.700 1854" 1864 5,950.900 35.620.950 1865 8,005.650 Deutfches Reich 33.675.750 1866 13,825.800 44.401.750 1867 12,043.700 46,205.950 1868 17.714.200 52,418.100 1869 21,038.050 40,771.900 1870 18,744 050 62,932.650 1871 30,502.500 Oefterreich 14,701.650 1868 14,887.900 10,840.450 1870 8,196.350 Niederlande 8,496.000 1870 6,953.150 Rufsland 1,274.350 1871 14,279.300 Italien 4,500.803 1868 833.341 Spanien. Portugal. Dänemark La Plata 289.900 1,000.000 1868 2,952.100 1871 2,000.000 544.250 1870 bis 1871 1,809.100 1871 80,000.000 1871 20,000.000 Cap 1872 15,200.000 1871 90,000.000 Auftralien 1872 86,439.600 Oftindien 1871 20,000.000 Vereinigte Staaten 31,101.200 1871 6,033.850 Schweden( in Pfunden) 3.335.000 1872 86.000 Thierzucht. Tabelle der Wollproduction. England. Rufsland. Frankreich. Deutfches Reich Spanien 66,000.000 Kilo 59,000.000 99 Türkei und Moldau Oefterreich. Italien. Schweden und Norwegen Portugal. 45,000.000 99 40,000.000 99 33,000.000 27 30,000.000 97 27,500.000 99 16,500.000 99 Dänemark Griechenland Niederlande Belgien 6.500.000 " 4.500.000" 3,750.000" 3.750.000 99. 2,250.000 99 2,000.000 99 Schweiz. 500.000 و, Vereinigte Staaten 65,000.000 99 Uebriges Nordamerika 10,000.000 Nordafrika 30,000.000 Cap 20,000.000" Auftralien 90.000.000 99 Oftindien 20,000.000" Uebriges Afien 40,000.000 99 Gefammte Wollproduction der Erde 710,000.000 Kilo oder 14'2 Millionen Zollcentner. Tabellle der Wollverarbeitung. Länder. England Frankreich Deutfches Reich Rufsland Belgien Oefterreich Spanien Italien. Niederlande Portugal Dänemark. Im Ganzen Kilo pro Kopf 149,000.000 4 94 116,000.000 3.15 72,500.000 1.86 46,000.000 0.75 42,300.000 8.28 30,000.000 0.84 30,000.000 1.80 20.000.000 0.83 4,000.000 I 05 3.500.000 0.87 2,750 000 I 71 55 Die Schafwolle spielt demnach bald als Product der Landwirthfchaft, bald als Gegenftand des Handels, bald wieder als Rohmaterial für die Induftrie eine ganz bedeutende Rolle. England, das die meifte Schafwolle producirende und verarbeitende Land Europas, blieb gleich 1867 in Paris mit diefem Artikel ganz ferne. Seine zu Haufe erzeugte Wolle verarbeitet es felbft, und was es fonft an Erzeugniffen 5 56 Johann Pohl. der Schafzucht abgibt, find blofs lebendige Thiere, bei denen die Eignung zur Fleifchproduction als die Hauptfache angefehen wird und Wollnutzung blos mehr nebenfächliche Berücksichtigung erfährt. Damit entbehrt das felbftbewufste Albion in diefer Hinficht jenes Momentes, das dort überhaupt für Befchickung von Ausftellungen das einzig mafsgebende ift. Dafs auch von Frankreich blofs Vliefse zweier Schäfereien vorlagen, die den Charakter der franzöfifchen Merinofchafe befitzen und denen fich nichts Bemerkenswerthes entnehmen liefs, darf wohl denfelben Urfachen zugefchrieben werden. Von Spanien, dem Stammlande unferer hochgezüchteten Merinos, war eine gröfsere Anzahl ftarker Proben eingefendet. Wenn es auch vielleicht etwas übereilt wäre, fchon aus der Art der Aufftellung gegenüber jener des deutfchen Reiches, Oefterreich- Ungarns und anderer Länder auf geringen Aufwand an Sorgfalt für die Pflege der Schafzucht in Spanien zu fchliefsen, fo kann man fich doch bei der genauen Betrachtung der Objecte diefes Gedankens nicht entfchlagen. In einer grofsen Anzahl der ausgeftellt gewesenen Wollmufter liefs fich zwar eine Uebereinftimmung im Grundcharakter mit den franzöfifchen, deutfchen und öfterreichiſchungarifchen Merinoheerden nicht verkennen, aber um wie viel von einander abweichend find fie doch? Während man in Spanien ftehen blieb, hat fich in diefen Ländern die Fähigkeit des Menfchen in der Beherrfchung der thierifchen Form und ihrer mannigfachen Eigenfchaften erprobt und glänzend bewährt. Portugal fteht Spanien gegenüber noch weit nach; in der grofsen Mehrzahl find feine Wollmufter grob, odinär und von fchwarzer Farbe und nur ein kleiner Theil ftammt von Thieren mit Merino charakter. Was von letzteren ausgeftellt war, kann aber auch nicht als geeignet angefehen werden, ein günftiges Licht auf die Schafzucht Portugals zu werfen. Auch Italien war nicht im Stande, fich in der Qualität diefes Artikels bemerkbar zu machen; die wenigen Mufter von vorwiegend unedler Wolle können, trotzdem in einzelnen Spuren von ehemals eingeführtem Merinoblut erkennbar find, ebenfo wenig geeignet erfcheinen, die Aufmerkfamkeit der Züchter zu feffeln, wie das Intereffe der Fabrikanten anzuregen. Aus dem auch in anderen Beziehungen auf dem Gebiete der Landwirthfchaft fo rührigen Schweden hat Hofmann- Dang L. Smedftad, Carlftad- Wollproben aus verfchiedenen Schäfereien ausgeftellt. Sie zeigen nicht fo fehr den Standpunkt der fchwedifchen Schafzucht überhaupt an, als fie vielmehr Beweis find, wie fehr man fich dort bemüht, die einheimifche Production durch Benützung fremdländifcher Fortfchritte zu heben. Einen nicht unbeträchtlichen Theil nahm in der Rufsland zugewiefenen Abtheilung der Agriculturhalle die Wollausftellung ein. Es kann das aber auch nur als ganz begreiflich betrachtet werden; feine weiten Länder dürften noch für lange Zeit die befte Ausnützung in der Wollproduction erfahren, insbefondere wenn der Schafzucht die ihr gebührende Aufmerkſamkeit gefchenkt und der Import von Veredlungsmaterial recht lebhaft fortgefetzt wird. Neben Profeffor Tfchernipiat off's Tableaux, welche Wollmufter von verfchiedenen ruffifchen und kaukafifchen Landfchafracen, dann eine Darftellung der verfchiedenen normalen und abnormen Verhältniffe des Wollhaares etc. enthalten, ftehen mehr als ein Dutzend Ausfteller, die gleichzeitig fehr bedeutende Producenten find. Zu nennen find: Adminiftration de la propriété de Karlovka de feu S. A. I. Madame la Grande Ducheffe Hélène Pavlovna, Linke L., Mazaïeff, E. Falz- Fein, Thierzucht, 57 L. Philibert Amédée, Glinka Nicolas und Andere. Vorwiegend ift es Merinowolle, die ausgeftellt war und darunter mehr diejenigen Qualitätsgrade, die auf einem ftärkeren Körper wachfen. Theilweife hat fie zwar viel durch Staub und Wind gelitten, aber im fonftigen Bau ift fie meift tadellos zu nennen und zeigte, vorausgefetzt dafs ihre Befchaffenheit fchon ein Product ruffifcher Züchter ift, dafs man dafelbft mit Erfolg fich bemüht, die Natur des Schafes den Zwecken entfprechend zu leiten. - Beredt fprachen die Wollproben Deutfchlands den Befucher der Ausftellung an. Dadurch, dafs die hervorragenden Züchtergruppen corporativ und je einheitlich auftraten, machten fie entfchieden einen günftigen Eindruck. Zuerft feien die fehr inftructiven Sammlungen Settegaft's genannt, die neben Anderem den Entwickelungsgang der Schafzucht Deutſchlands darftellen follen. So lehrreich darin die Gefchichte der älteren Zeit von dem um die Thierzucht hochverdienten Ausfteller behandelt ift, für ebenfo fraglich mufs die Richtigkeit der Bezeichnung des heutigen Standpunktes genannt werden. Darnach follte man annehmen, dafs die Schafzüchter heute allgemein in der Verfolgung der Fleifchfchafzucht ihr Ziel möglich höchfte Verwerthung eines gegebenen Quantums Futteram beften zu erreichen glauben und zu dem Zwecke blofs der Reinzucht englifcher Racen zuftreben. Solange aber von 29 Millionen Schafen erft die Zucht von 7 Millionen eine ähnliche Richtung erhalten hat, die Mehrzahl der hervorragenden Schafzüchter Deutfchlands noch dem Merinofchafe die Berechtigung feiner Exiftenz für Deutfchland zuerkennt und, wie die Ausftellung zeigte, die Zucht desfelben felbft pflegt, dürften damit die Thatfachen anticipirt erfcheinen. In fehr gefälliger Weife traten an fünfzehn Heerden Meklenburgs theils mit hochedler Kammwolle, theils mit Tuchwolle ein und darunter altehrwürdige Namen wie Boldebuk( Prinz Schaumburg- Lippe), dann Lenfchow( Baron Maltzahn) und Andere. Ihre im ungewafchenen Zuſtande ausgeftellt gewesenen Mufter fcheinen nicht fo fehr dem Fabrikanten, als dem Schafzüchter imponiren zu follen. Nach der andern Seite zu wirken fcheint dagegen wieder in der Abficht der fchlefifchen Züchter zu liegen, indem fie ebenfalls in gröfseren. Proben und im marktgängigen Zuftande, das heifst am Rücken oder im Vliefs gewafchene, ausftellten. Dahin zählen: Elfn er von Gronow in Kalinowitz, Lehmann in Nitfche, Mens in Carsdorf, von Mitfchke in Collande, Graf von Rothkirch und Trach in Panthenau, von Rudzinski in Liptin, Wechowsky in Graafe, Baron Ziegler in Dambrau und Andere. Nicht zu überfehen find ferner die ſchönen Kammwollproben von Homeyer auf Ranzin dann die fehr inftructiv zufammengeftellten Proben und Vliefse von Chlapowski in Kopaszewo, dann die Kammwolle derAkademie Eldena des dortigen Centralvereines und des landwirthschaftlichen Vereines Schleswig- Holftein. Für das Königreich Baiern trat Profeffor Dr. G. May aus Weihenftephan mit einer neun Schäfereien entnommenen Collection ein und auch das Königreich Sachfen war theilweife vertreten. Aus der Provinz Hannover und aus Württemberg war Landwolle da. Schliefslich fei noch der Berliner Wollbank und Wollwäfcherei und der Lohnwäfcherei und Wollkämmerei in Döhren ( Hannover) gedacht, die fich den Schafzüchtern bemerkbar zu machen fuchten. In den Hauptzügen wurde durch diefen Theil der Ausftellung nur wieder die bereits bei der Befprechung der temporären Thierausftellung gekennzeichnete Sachlage der Schafzucht charakterifirt, woran nur noch anzufügen wäre, dafs die Binnenländer relativ wenig mit der Wolle der Fleifchfchafe hervortraten. Anders befchaffen war die Wolle- Ausftellung Oefterreich s. Durch das Arrangement der zahlreichen Collectivausftellungen von Seite der einzelnen Grofs Grundbefitzer entbehrte fie der Einheitlichkeit, die im Weiteren noch dadurch beeinträchtigt wurde, dafs man bald ganze 58 Johann Pohl. Thierzucht. Vliefse, bald gröfsere bald kleinere Proben, die oft ungewafchen, oft aber auch gewaschen waren, für geeignet hielt, die Sachlage zu charakterifiren. Nur die fonft auch fo inhaltsvolle Collectivausftellung des Königreiches Böhmen machte davon eine nennenswerthe Ausftellung. Was den Charakter der Wolle betrifft, fo liefse fich darüber nur dasfelbe wiederholen, was bei der Befprechung der temporären Thierausftellung gefagt wurde. Die Heerden von Arefin Jofeph Maria in Partfchendorf, Carl Ritter von Barrata in Budifchau, Herzog Auguft von Coburg Gotha, Fatton Fanni in Schönhof, Anton Ritter von Jablonowsky in Stujcfa, Baron Albert Klein in Hennersdorf, Graf Larifch- Mönnich in Karwin und Freiftadt, Baron Mundi in Drnowitz, Baron Romaczkan in Horodenka, Prinz Schaumburg- Lippe, Fürft Schwarzenberg, Graf Thun und Andere traten dafür ein. Ueber die Ein- und Ausfuhr Oefterreich- Ungarns in Wolle in den letzten dreifsiger Jahren geben Lorenz'„ Bodencultur Oefterreichs, ftatiftifche Daten" Auffchlufs. Man beachte auch den Bericht über Gruppe 5, Section 1. Den Glanzpunkt der landwirthschaftlichen Ausftellung Ungarns bildete entfchieden feine Wollausftellung, die fich fowohl durch ftrenge Einheitlichkeit im Arrangement auszeichnete, wie auch im Weiteren dem Schafzüchter und dem Fabrikanten gleichzeitig geftattete, an der Hand eines Mafsftabes den Werth einiger zwanzig Heerden Transleithaniens zu meffen. Dem bekannten Schaf züchter Béla Czilchert in Gútor gebührt das Verdienft diefer Zufammenftellung, welche Wolle der hervorragendften Heerden im Schweifse und im gewaschenen Zuftande enthielt. Die Ausfteller find gleichzeitig bedeutende Wollproducenten und unter ihnen befonders zu nennen: Béla Czilchert in Gútor, Dom capitel von Gran, die Grafen Auguft, Georg und Taffilo Feftetics, Graf Hunyady, Erzherzog Jofef, Graf Alois Károlyi, Lévaer Gutspachtung, Graf W. Pállfy. Daun, A. von Rummerskirch, Gabriel Skublics, Graf J. Stubenburg. die Grafen Dionys und Emerich Széchenyi, Baron Moriz Wodianer, die Grafen Camillo und Alfred Zichy und Andere. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, к. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE FORSTWIRTHSCHAFT. ( Gruppe II, Section 3.) BERICHT VON JOHANN NEWALD, Director der k. k. Forftakademie in Mariabrunn. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. 18 BEKICHI DI VORWORT. Mehreren Anfragen von Seiten des Publicums und der deutfchen Buchhändler zu genügen, glaubt der unterzeichnete Redacteur verpflichtet zu fein, noch kurz vor der Vollendung des officiellen Berichtes über den Verlauf des Druck- und Verlagsgefchäftes einige Aufklärungen geben zu müffen. Wie nach der ganzen Anlage des Werkes, dem Erfcheinen desfelben in einzelnen Heften nach den Sectionen der Weltausftellungs- Gruppen von vornherein wohl jedem Denkenden klar war, musste die Zahl der Hefte eine bedeutende und der Umfang derfelben ein verfchiedener fein. Diefe Verſchiedenheit rechtfertigt der verfchiedenartige Stoff, die gröfsere Ausdehnung aber die bisher immer anerkannte und geübte Pflicht, dafs der Staat, welcher eine Weltausftellung hervorruft, auch die umfaffendfte wiffenfchaftliche Darftellung derfelben dem Publicum zu bieten habe. Es find heute 67 Hefte erfchienen und damit der weitaus gröfste Theil des ganzen Werkes. Vier Hefte werden noch grössere oder kleinere Nachträge zu den einzelnen Gruppen bringen. Nur Gruppe XIII und XVIII find noch merklich unvollendet. Die grofsen Schwierigkeiten in der Befchaffung des Materiales, die Herftellung der Zeichnungen und Holzfchnitte das Eifenbahnwefen allein erheifcht nach der Gründlichkeit des Verfaffers mehr als 200 Holzfchnitte und II lithographifche Tafeln geftatten eine befondere Schnelligkeit des Erfcheinens der beiden Gruppen nicht. II Drei Hefte werden übrigens das damit gegebene Material erfchöpfen und erftens Motoren, zweitens Arbeitsmafchinen und drittens Eifenbahnbau enthalten. Damit wird der erfte, grössere Theil des Werkes vollendet fein. Der zweite, handelspolitifche Theil, nach dem Programme beftimmt, die Völker des Orients und Oftafiens der allgemeinen Erkenntnifs näher zu bringen, ift gleichfalls der Vollendung nahe, indem die bedeutende Arbeit über das europäiſche und afiatifche Rufsland von W. von Lindheim bereits vollendet und demnächft erfcheinen, der Bericht über China, Japan und Siam von Arthur von Scala demnächft abgefchloffen fein wird. Unmittelbar nach dem Erfcheinen diefer geringen Zahl von Heften wird die Einleitung zu dem ganzen Werke folgen ,,, die Fortfchritte der Cultur" von dem unterzeichneten Redacteur und das genaue Inhaltsverzeichniss nach vier Bänden für den erften und einen Band für den zweiten Theil. Eine Schwierigkeit übrigens, das ganze Werk zu ordnen, ift auch heute nicht vorhanden, da von jeher für die Ausftellungsberichte die Gruppeneintheilung zu Grunde lag. So wird, wie die Redaction fchon früher mittheilen konnte, das Werk in Jahresfrift vollendet fein, nachdem im Auguft 1873 das erfte Heft erfchienen, im Auguft 1874 das letzte Heft erfcheinen wird. Wem auch diefs nicht genügt, der möge bedenken, dafs bei der ganzen fchweren Arbeit weder die Herren Berichterftatter noch die Redaction von irgend einer Seite unterſtützt worden find und der Wunſch diefelben der Jury als Experte beizuziehen, ebenfo wie die Einficht in die Jury- Protocolle abgelehnt wurde, Alles fomit dem Sammlerfleifse des Einzelnen und feiner eigenen Thätigkeit überlaffen war. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE FORSTWIRTHSCHAFT. ( Gruppe II, Section 3.) Bericht von JOHANN NEWALD, Director der k. k. Forftakademie in Mariabrunn. Der Waldwirthfchafts- Betrieb kann nicht an allen Orten ein gleicher fein. Er ift verfchieden nach den abweichenden Bodengeftaltungen, nach den wechfelnden orographifchen und klimatifchen Zuftänden der Länder und Gebiete, nach geographifchen und internationalen Verhältniffen, nach dem Culturftande, ja nach der Culturfähigkeit der einzelnen Völker und Volksftämme. Sowie der Waldwirthfchafts- Betrieb fich nicht überall in gleicher Weife geftaltete, erreichte er ebenfowenig an allen Orten gleichzeitig diefelbe Höhe feiner Entwicklung. Es treten deutlich bemerkbare wirthschaftliche Mittelpunkte in den Vordergrund, von denen ausgehend fich eine beffere Behandlung des Waldes, eine fchonendere Benützung desfelben in immer gröfseren Kreifen ausbreitete; fegensreich bewährt fich in folchen, durch günftige wirthschaftliche Momente bevorzugten Gebieten eine dem Walde und feiner Pflege wohlwollende Gefinnung. Wohlgeordnete allgemeine wirthschaftliche Verhältniffe und Einrichtungen find nur zu oft eben fo gut die Bedingung, wie die Folge gedeihlicher forftlicher Zuftände. Mit Wald bedeckt laffen fich jene Bodenflächen, welche bis nun für die Benützung als Acker- und Culturland entbehrlich find, am. ficherften in ungefchwächter Kraft und Ertragsfähigkeit auf die Nachwelt übertragen. In dem Mafse, als der bisher der Holzbeftockung überlaffene, jedoch eine beffere Benützung geftattende Boden als Acker- und Culturland benöthigt wird, erleidet der Wald fort und fort eine räumliche Einfchränkung. Mag man immerhin den zurückgebliebenen Reften einft ausgedehnter Waldbeftände eine erhöhte Sorgfalt und Pflege zu Theil werden laffen, in dem Grade, als das Bedürfnifs nach Acker- und Culturgründen fteigt, mufs die Holzbeftockung den Platz räumen, der Wald hat an diefem Orte feine Miffion in der Gefchichte der Volks- und Culturentwicklung erfüllt. So wenig fich von der Landwirthschaft, von der Viehzucht, vom Bergbau agen läfst, dafs fie Wirthschaftszweige jüngeren Datums find, eben fo wenig erfcheint eine folche Annahme von der Waldbewirthschaftung als zuläffig. Wir wollen bei unferen Erwägungen vorherrfchend Mitteleuropa, im Laufe der Zeiten die Heimat und der Wohnfitz zahlreicher Völker- und Volksftämme, in das Auge faffen. Kann wohl ein Zweifel darüber beftehen, dafs alle diefe Völker eine Waldwirthschaft betrieben haben? Die älteften Mafsregeln I 21 Johann Newald. für die Bewirthschaftung der ausgedehnten Wälder, welche, fowie allerorts, wo der Boden feinen urfprünglichen Pflanzenwuchs trägt, auch den gröfsten Theil Mitteleuropas eingenommen haben dürften, waren wohl nur Mafsregeln der Waldzerftörung; fo einft hier, wie jetzt noch überall dort, wo Anfiedler in Urwälder eindringen und dort Raum für ihre Wohnungen und für ihre Culturgründe brauchen, wo fie Weideflächen für ihren Viehftand fuchen. Es kann nicht in Abrede geftellt werden, dafs an vielen Orten die Waldwirthschaft mit einer Waldzerstörung ihren Anfang nahm; allein diefe war damals ein Fortfchritt in der Bodenbenützung, eine Mafsregel zur Hebung der wirthfchaftlichen Intereffen der Bevölkerung. Für die ältere Culturperiode bildet in den Ländern Mitteleuropas die Donau auch in Bezug auf Bewirthschaftung und Benützung der Wälder eine beachtenswerthe Trennungslinie. In den Alpenländern beftand frühzeitig ein fehr wichtiger Bergbau und ein hochentwickelter Salinenbetrieb. Als die Römer vor neunzehn Jahrhunderten, fomit um den Beginn unferer Zeitrechnung, ihre Herrfchaft in diefe Länder trugen und befeftigten, fanden fie dort bereits wohlbeftellte Felder, zahlreichen Viehftand, gepflegte Hausinduftrie, gut gebahnte Strafsen und Wege und einen lebhaften Handelsverkehr. Von dem hervorragenden Culturftande der Keltenvölker geben zahlreiche Funde, namentlich jene aus dem Grabfelde von Hallftadt, Zeugnifs. Für das Riefenreich der Römer war die Donau der wichtigfte Grenzftrom nach Norden. Um die Vertheidigung desfelben zu vervollſtändigen, bauten fie nach verfchiedenen Richtungen Strafsen, in einer techniſchen Vollendung, welche in unferer Zeit lediglich durch die Eifenbahnbauten erreicht wird. Hatte diefes Strafsenfyftem zunächft den Zweck, die Sicherheit des Reiches und die Centraliſation der Vertheidigungsanftalten zu erhöhen und zu vermitteln, fo war dasfelbe zugleich für die Entwicklung von Handel und Verkehr in den Alpen- und Donauländern von der höchften Bedeutung. Um die Staatseinnahmen zu erhöhen, zugleich auch aus Urfachen, welche aus einem Mifstrauen gegen die Treue und Verlässlichkeit der Stammbevölkerung des Landes entfprungen waren, wurden von den Römern diefer letzteren die äufserft ergiebigen Goldbergwerke der alten norifchen Gebirgslande, die berühmten Eifengruben, die Marmorbrüche, das Salinenwefen etc. allmälig abgenommen und in Staatsmonopole umgewandelt. Bergbau und Hüttenbetrieb, fowie das Salinenwefen find, follen fie beftehen und gedeihen, auf den nachhaltigen Bezug grofser Holzmaffen angewiefen. Bei der Unvollständigkeit fo mancher Einrichtungen und Anftalten, war der Holzbedarf derfelben in jener Zeit unzweifelhaft ein verhältnifsmäfsig gröfserer als in unferen Tagen. Bei dem hochentwickelten Sinne der Römer für Ordnung überhaupt, und aus der daraus hervorgehenden Sorgfalt für den Beftand und die Ertragsnachhaltigkeit wichtiger Nutzungsobjecte und Einnahmsquellen, kann für die Zeit ihrer Herrfchaft das Beſtehen eines wohlorganifirten Waldwirthschafts- und Holzlieferungs- Wefens gar nicht in Zweifel gezogen werden. Viele Momente weifen darauf hin, dafs in Bezug auf Mitteleuropa die Wiege einer pfleglichen Waldbehandlung und eines geordneten Waldwirthschafts- Betriebes in den Alpenländern geftanden ift. Die Deckung grofser Holzbedürfnifle für den Bergbau- und Hüttenbetrieb, namentlich aber für das ausgedehnte Salinenwefen jener Zeit, machte den Bezug des Holzes aus ftets entfernteren Thalgebieten und Waldorten nothwendig. Die Herftellung und Erhaltung mannigfaltiger Bringungs- und Transportanftalten, die Uebertragung der im Gebirge ftets eine befondere Fertigkeit und Umficht verlangenden Holzfällungs- und Lieferungsarbeiten an eine ftändige Arbeiterfchaft, die Organiſation einer wohlgegliederten Ueberwachung aller Arbeiter und ihrer Forstwirthfchaft. 3 vielverzweigten Manipulation, die Vereinbarung und Feftftellung gewiffer Mafseinheiten, um den Umfang der Arbeitsleiftung, die Menge der zu den Verbrauchsorten zugelieferten Hölzer und Kohlen ermitteln und fohin die Höhe des Arbeitsverdienftes berechnen zu können u. f. w., waren damals, fo wie heute, ganz unentbehrliche Einrichtungen, ohne deren Beftand die Fortführung und die Dauer des Betriebes gar nicht gedacht werden kann. Die Herrfchaft der Römer über die Alpenländer umfafste eine Zeitperiode von mehr als fünfthalb Jahrhunderten, und wenn auch diefelbe fchliefslich durch die Kataftrophe der Völkerwanderung gebrochen und vernichtet wurde, das wirthschaftliche Leben diefer Gebiete, ihr Bergbau und Hüttenwefen, ihr Salinenbetrieb wurde jedoch, obgleich fie manchen tiefgreifenden Störungen nicht entgehen konnten, niemals für längere Perioden ganz unterbrochen. Dem Gefchichtskenner braucht nur angedeutet zu werden, wie rafch fich in den Alpenländern die Herrfchaft geiftlicher und weltlicher Machthaber, obenan jene des Erzftiftes Salzburg und feiner thatkräftigen Bifchöfe befeftigte, und neue ftaatliche Einrichtungen bald fördernd, bald ftörend für das wirthschaftliche Leben und die induftrielle Entwicklung diefer Gebiete auftraten. Konnten wir in Bezug auf die wirthschaftlichen und Culturzuftände in den füdlich der Donau gelegenen Ländern Mitteleuropas an weit entlegene Anfangspunkte anknüpfen, in Hinficht auf die nördlichen mitteleuropäiſchen Gebiete befinden wir uns in einer weniger günftigen Lage. Für die Kenntnifs diefer Länder haben wir für die ältere Zeit an den. römifchen Schriftftellern, unter ihnen obenan Julius Cäfar und Tacitus, die faft ausfchliefslichen Quellen. Es wurde an einer anderen Seite bereits hervorgehoben, wie fehr die Darftellungen derfelben, namentlich der letztgenannten Autoren, mit Vorficht zu benützen find, indem deren Publicationen als Staatsfchriften von entfchieden politifcher Färbung und Tendenz, unter beftimmten Einflüffen und in Verfolgung eines gegebenen Zweckes verfafst, und überdiefs darüber in Zweifel laffen, wie weit die Autoren ihre Mittheilungen aus eigenen Anfchauungen oder nur auf Grundlage von Hörenfagen niedergefchrieben haben. Weder Julius Cäfar noch Tacitus wollten eine erfchöpfende topographifche Darftellung von dem wirthschaftlichen Zuftande Deutſchlands und den Culturverhältniffen feiner Bevölkerung geben; dazu erfchienen fie aus eigenen Unterfuchungen viel zu wenig unterrichtet. Somit find weder die Schilderungen diefer, noch die Darftellungen der übrigen Autoren jener Periode im Stande, mehr als ein höchft karges Licht zu verbreiten; fie geftatten kaum allgemeine Schlufsfolgerungen. Unter beftimmteren Formen entwickeln fich die wirthfchaftlichen Verhältniffe erft dann, als fich die fränkifche Herrfchaft über die in Rede ftehenden Länder ausbreitete und dort befeftigte, und das Chriftenthum in denfelben Eingang fand. Es kann nicht unfere Aufgabe fein, eine Culturgefchichte Mitteleuropas zu fchreiben; es möge nur geftattet fein, auf den Unterfchied aufmerksam zu machen, welcher zwifchen der wirthfchaftlichen Entwicklung der Alpenländer und überhaupt der füdlich der Donau gelegenen Gebiete Mitteleuropas und den nördlichen Ländern befteht. Während in den erftern die Culturentwicklung an jene Zuftände und Grundlagen anknüpfte, welche in Bezug auf Landbau, Waldbenutzung und Bewirthschaftung, Viehzucht, Bergbau, Hüttenbetrieb, Salinenwefen u. f. w. aus der Kelten- und Römerzeit, und zwar unverkennbar auf einer fehr beachtenswerthen Stufe ftehend, vorhanden und gegeben waren, mussten in den letzteren für alle diefe wirthschaftlichen Momente erft die Grundlagen gefchaffen werden. Hier baute fich nahezu eine ganz neue Cultur, ein neues wirthfchaftliches Leben auf, denn das Beftehende konnte kaum die Elemente für die neuen Formen und Geftaltungen abgeben. Bei der Erwägung des Ganges und Verlaufes, welchen die in Rede ftehenden Culturentwicklungen genommen, laffen fich die Grenzen der heutigen 4 Johann Newald.. Geographie nur fehr wenig beachten. Die modernen Staatenbildungen gehen von ganz anderen Gefichtspunkten aus und ftreben ganz andere Ziele an, als jene waren, welche fich bei der Abgrenzung der einftigen Verkehrs- und Abfatzgebiete, fowie der nach den Boden- und klimatifchen Eigenthümlichkeiten, nach der Lage, nach alt beftandenen Handels- und Verkehrszuftänden, bald ausgedehnteren, bald enger abgefchloffenen Colonifationsbezirken geltend machten. Bei allen Geftaltungen und Phafen, welche das Waldwefen, die Behandlung und Benutzung der Wälder im Laufe der Zeiten durchmachten, waren die Eigenthumsverhältniffe des Waldes von entfcheidendem Einfluffe. Wollen wir den Weg beurtheilen, welchen die Waldbewirthschaftung und Pflege von ihrem Ausgangspunkte bis zu ihrem dermaligen Stande zurücklegte, dann müffen wir denfelben unfere volle Aufmerkfamkeit zuwenden. Entfcheidend in Bezug auf die Entwicklung der Eigenthumsverhältniffe an Grund und Boden im Allgemeinen und des Waldes im Befonderen war die Ausbildung des fränkifchen Lehenwefens, ferner die Entftehung und das Aufblühen der Städte und endlich die Colonifationsthätigkeit der geiftlichen Körperfchaften, Stifte u. f. w. Das unter Carl dem Grofsen feinen Urfprung nehmende oder doch fich wefentlich entwickelnde fränkifche Lehenwefen war zunächft Urfache, dafs Befitz und Eigenthumsrechte der Gemeinden, Stämme und Genoffenfchaften in vielen Beziehungen eingefchränkt, dagegen jene der Lehenvafallen erweitert wurden. Statt eines ftehenden Heeres dienten bekanntlich während der erften Regierungsperiode Carl des Grofsen alljährlich wiederkehrende Aufgebote der Freien, deren Stand als von der Waffenehre unzertrennlich galt. Der Staat, eigentlich der König, lieferte aufser Maſchinen, Brückenmaterial u, f. w. für die Bedürfniffe des Heeres und der Mannfchaft nichts, als Holz und Pferdefutter, drang jedoch ftreng auf eine genügende Bewaffnung und Ausftattung. Bei der Ausdehnung, welche die Kriege genommen hatten, mufsten die Koften eines Feldzuges für den Einzelnen um fo unerfchwinglicher werden, als fich grofse Kriege faft alljährlich wiederholten. Diefen Mifsftand zu befeitigen, griff Carl der Grofse zu Mitteln, welche für die weitere ftaatliche Entwicklung geradezu entfcheidend geworden find. Der Kriegsdienft, oder eigentlich die Verpflichtung hiezu, wurde derart geändert, dafs gröfsere Güter einen oder mehr Mann, kleinere Güter jedoch mehrere zufammen einen Mann auszurüften hatten- das heifst, er wurde von den Perfonen auf den Befitz übertragen. - Da es im Intereffe der Könige lag, ihre Lehenvafallen wohlhabend und unter fich unabhängig und felbftftändig zu wiffen, indem fich von denfelben dann am ficherften eine rafche und genügende Heeresfolge erwarten liefs, fand nur zu bald eine Begünftigung der Einzelnen, nämlich der Lehenvafalen und dem entfprechend das Zurückdrängen der Gemeinden und ihrer Genoffen ftatt. Als später auch die grofsen Reichswürden erblich wurden, entſtand jener zahlreiche Lehenadel, welcher in vielen Fällen fchliesslich eine ganz felbftftändige Landeshoheit. errungen hat. Auf die Entwicklung der Waldbewirthschaftung und Waldbenutzung hat diefe Begünftigung Einzelner einen unverkennbar grofsen Einfluss genommen. Es mögen noch fo viele Gründe für eine entsprechende, felbft ziemlich weitgehende Parcellirung und Vertheilung des Acker- und Culturlandes geltend gemacht werden, in Bezug auf den Wald hat die Erfahrung vieler Jahrhunderte gezeigt, dafs das Zerfplittern desfelben in kleine Befitz- und Wirthschaftsobjecte, oder die gemeinfchaftliche Benützung gröfserer Waldflächen durch eine grössere Zahl hiezu Berechtigter, nur felten eine pflegliche Behandlung aufkommen und fich jener geordnete Wirthfchaftsgang, welcher eine Erhaltung der Wälder und die Nachhaltigkeit ihrer Erträge zur Folge hat, nur bei Waldbefitzungen von gröfserer Ausdehnung erwarten läfst. Diefes Zufammenfallen ausgedehnterer Forftwirthschaft. 5 Grund- und Waldgebiete in der Hand einzelner mächtiger Lehenvafallen war auch dem Entstehen von Bergbau- und Hüttenbetrieb fehr förderlich, deren Aufblühen die nachhaltige Deckung grofser Holz- und Kohlenbedürfniffe bedingt. Es wurde bereits darauf hingewiefen, dafs auf die Entwicklung der Eigenthumsverhältniffe, defsgleichen auf die Bewirthschaftung und Benützung des Waldes, die Begründung und der rafche Auffchwung zahlreicher Städte einen hervorragenden Einflufs nahm. Die königlichen Pfalzen, die Bifchoffitze, die einflufsreichen Klöfter, Abteien und Stifte waren, da fich bei denfelben mehrmals im Jahre gröfsere Volksmengen zufammenfanden, wichtige Knotenpunkte für Verkehr und Handel der damaligen Zeit. Sie wurden der Kern von Anfiedlungen, welche fich rafch erweiterten und aufblühten und fchliefslich, je nach ihrer geographifchen Lage, mächtige Gemeinwefen bildeten. In den Umgebungen der Städte mufste der Wald auf allen hiezu geeigneten Bodenflächen dem Feldbaue weichen. Aus den grofsen Bedürfniffen der fich ftetig erweiternden Städte an Bau- und Brennholz ergaben fich ftets fteigende Anforderungen an den in feiner räumlichen Ausdehnung befchränkteren Wald, in welchem die Holzfällungen fort und fort in entfernteren Beftänden und Orten eröffnet werden mussten. Holzfchwemmen, Weganlagen u. f. w. wurden eingerichtet, ein lebhafter Holzhandel fowohl nach den benachbarten Städten, als auch nach entfernteren Abfatzorten entftand. Ganz neue Gefichtspunkte über den Werth und die Bedeutung des Waldes eröffneten fich und führten fchliefslich zu einer fchonenderen und pfleglicheren Behandlung desfelben. In Bezug auf die Einflufsnahme und Thätigkeit der geiftlichen Körperfchaften, der Stifte, Abteien und Klöfter, auf die Entwicklung des Waldwefens, müfste oft Gefagtes wiederholt werden. Man nennt fie mit Recht die Pionniere der Colonifation und der Bodencultur.„ Wüfter Verlaffenheit haben die Mönche mit ihren eigenen Händen den Boden entzogen, während die Eroberung felbft oft kaum gefichert war." An die Bedeutung und das Wefen des Waldwirthfchafts- Betriebes jener Zeit werden wir allerdings nicht einen Mafsftab anlegen können, welcher aus den Verhältniffen der Gegenwart abgeleitet worden ift. Die nach ihren verfchiedenen Zweigen mannigfaltig gegliederten Culturzuftände einzelner Landgebiete müffen für beftimmte Zeitperioden als ein Ganzes aufgefafst und der wirthschaftliche Zufammenhang der einzelnen Glieder diefer vielgeftaltigen Verkehrs- und Induftrie Organismen forgfältig geprüft und erwogen werden. Suchen wir nach einem Anhaltspunkt, um das Wefen des forftlichen Wirthschaftsbetriebes jener längft vergangenen Zeitperiode beurtheilen zu können, fo finden wir diefen zunächft in dem Inhalte der zahlreichen Wirthfchaftsordnungen, welche von geiftlichen und weltlichen Waldeigenthümern, es mögen diefe nun fchon einzelne Perfonen oder Körperfchaften, Gemeinden u. f. w. gewefen fein, für die Behandlung ihres Befitzthumes aufgeftellt worden find, denen fich eben fo zahlreiche Bann- und Forfttaidingbücher, Weifsthümer, Märkergedinge u. f. w. anfchliefsen. Die Verfaffer der in Rede ftehenden Wirthschaftsordnungen, waren zu einer eingehenden Unterfuchung aller jener Umstände und Einrichtungen gedrängt, welche durch das beabfichtigte Normale geordnet werden follten, um Vortheile in Bezug auf die Benützung der Wälder, deren Anzucht und Pflege zu erreichen, oder drohenden Uebelftänden rechtzeitig zu begegnen. Unzweifelhaft zeigen uns diefe Wirthschaftsordnungen den Forftwirthfchafts- Betrieb in feiner Kindheit; die Weifsthümer, Forfttaidingbücher, Märkergedinge jedoch enthalten eine Aufzählung beftandener Gebräuche und Vollzugsvorschriften für die Durchführung der mannigfaltigften, an verfchiedenen Orten üblichen Forftnutzungen, dafs fie im Zufammenhange mit den alten Wirthschafts 6 Johann Newald. ordnungen für das Studium des gefammten Forftwefens und des Ganges und Ver laufes feiner Entwicklung von der höchften Bedeutung find. Wir erkennen in ihnen die erften Verfuche, den Wald, feine Erhaltung und Pflege unter den Schutz des Wiffens und Verftändniffes Aller zu ftellen. Walderziehung, Waldpflege. In dem Mafse, als der Wald und feine Nutzungen an Bedeutung zunahmen, wurde der Nachzucht desfelben und feiner Pflege eine erhöhte Aufmerfamkeit zugewendet. Es iſt eine eigenthümliche Erfcheinung, dafs die fehr zeitlich auftretende Sorge der Gefahr eines Holzmangels, an vielen Orten Rufe nach Mafsregeln für die Wiedernachzucht der durch Waldrodungen, ausgedehnte Holzbezüge, namentlich aber durch einen rückfichtslofen Weidebetrieb, einerfeits räumlich reducirten und anderfeits in ihrem Holzertrage fehr zurückgegangenen Waldungen hervorrief, während die Nothwendigkeit einer fparfameren und haushälterifchen Verwendung des Holzes fo wenig in Betracht gezogen wurde. Die Gefahr des Eintretens eines localen Holzmangels lag bei der geringen Entwicklung der verfchiedenen Transportanftalten in jenen Zeiten viel näher, als in unfern Tagen. Den Zweck, welchen man mit den Mafsregeln der Waldnachzucht in den meiften Fällen einft erreichen wollte, ging lediglich dahin, den Wald in einem Zuftande zu erhalten, der ihn geeignet machte, gewiffe Holzbedürfniffe zu befriedigen. Als eigentliche Ertragsquelle blieb er lange von untergeordneter Bedeutung. Darum auch die einfeitigen Mafsregeln einer verbefferten Nachzucht und das Zurückbleiben in der intenfiven, zugleich aber haushälterifchen Verwendung der Waldproducte, namentlich des Holzes. Es ift das Ergebnifs des Forstwirthschaftsbetriebes des letzten Jahrhunderts, oder fagen wir es bezeichnend, es ift das Refultat der Forstwiffenfchaft, welche Waldzucht und Waldpflege einerfeits und die intenfivfte Ausnutzung und Verwerthung aller Waldproducte andererfeits in harmonifcher Wechfelwirkung zur Erzielung des höchften nachhaltigen Ertrages zu vereinigen fuchte. Es ift in der Natur des Gegenftandes begründet, dafs fich bei forftlichen Ausftellungen das Wefen und der Umfang, fowie die Erfolge von zur Ausführung gebrachten Mafsregeln der Walderziehung und Waldpflege, nur in fehr unvollftändiger Weife zur Anfchauung bringen laffen. Einzelne Pflanzengruppen verfchiedener Art und verfchiedenen Alters, aus Saatbeeten, Pflanzfchulen, oder aus ausgeführten Verjüngungen und Nachwüchfen entnommen, werden immer nur einen Schlufs vom Kleinen auf das Grofse geftatten; fie könnten daher nur fehr vorfichtig aufzunehmende Anhaltspunkte fein, falls man, von ihnen ausgehend, die Leiftungen auf diefem hochbedeutungsvollen Gebiete des Forftwirthschaftsbetriebes beurtheilen wollte. Einem Umftande werden wir jedoch bei der Erwägung diefes Gegenftandes Rechnung zu tragen haben. Einen Zweifel in den hervorragenden Stand der Walderziehung fetzen, es möge diefe nun fchon auf natürlichem Wege oder durch Anwendung künftlicher Mittel der Anfaat oder Pflanzung ftattfinden, hiefse die aufserordentlichen Erfolge in Abrede ftellen, welche namentlich der Forftwirthschaftsbetrieb Mittel- Europas auf dem Gebiete der Walderziehung und Waldpflege aufzuweifen hat. Namentlich können die deutfche Forstwirthschaft und Forftwiffenfchaft mit hoher Befriedigung auf diefes Feld ihrer Thätigkeit hinweifen. Es möge geftattet fein, wenigftens in allgemeinen Zügen den Weg anzudeuten, welcher zurückzulegen war, um von den Anfängen und erften Mafsregeln für Waldnachzucht, Waldfchonung und Waldpflege zu dem dermaligen Stande des Walderziehungswefens zu gelangen. Forftwirthschaft. 7 Bis in die Periode des frühen Mittelalters hinauf, ja bis in die Zeiten des Entftehens und der Entwicklung der Eigenthumsrechte am Walde, zurückreichend, finden wir gefetzliche Normen über die Schonung der Wälder, fowie über die Erhaltung und Nachzucht derfelben. - Als Ausgangspunkt erfcheint das Verbot des Fällens fruchttragender Bäume und wenn man dabei unverkennbar aus Rückficht auf die Maft vorherrfchend Eichen und Rothbuchen im Auge hatte, fo war aber auch auf das Entstehen eines Nachwuchfes Bedacht genommen; denn unter die fruchttragenden Bäume zählte man auch Nadelhölzer. Ueberdiefs beftand an vielen Orten die Uebung, dafs des Wiederwuchfes wegen das Fällen alter Bäume nur zu beftimmten Zeiten geftatten wurde. Bezeichend ift ferner das Verbot des Ruthenfchneidens in Gehegen; denn aus dem Zuſammenhange diefer Anordnung mit anderen Beftimmungen geht hervor, dafs man damit den Schutz des jungen Nachwuchfes beabsichtigte, welcher, des Weide- Ertrages wegen, bald von gröfseren Flächen, bald in einzelnen Horften abfichtlich entfernt wurde. Was die Durchführung künftlicher Mittel zur Nachzucht von Holz anbelangt, kann für jene älteren Zeiten mit grofser Wahrfcheinlichkeit angenommen werden, dafs die Pflanzung mehr als die Saat in Anwendung war. Letztere erfchien als entbehrlich, da die Natur diefes Verjüngungsgefchäft in ausreichender Weife vollzog. Gröfsere künftliche Holzanfaaten unter Verwendung der Kiefer, über ,, viele Hundert Morgen ausgedehnt", wurden im Jahre 1368 im Nürnberger Reichswalde ausgeführt. Der dortige Patricier Peter Stromer hatte fie angeordnet. Da in deffen Familie das Forftmeifteramt erblich wurde, nannte man fie fpäter einfach die Waldftromer. Durch den guten Erfolg diefer Waldanlagen angeregt, führte auch die Stadt Frankfurt am Main in den Jahren 1424 und 1425 in ihrem Walde ähnliche Mafsregeln aus. Sie verfchrieb den Samen und die Arbeitsleiter aus Nürnberg. Am 20. März 1457 beauftragte Kaifer Friedrich III. den Hauptmann Wolfenreuter in Wr. Neuftadt mit dem Waldanbau auf dem Steinfelde; er wies ausdrücklich auf Nürnberg hin. Der grofse Neuftädter Schwarzföhrenwald verdankt diefer Mafsregel feine Entstehung. Es find diefes die älteften Nachrichten, welche über grofse Waldbauten auf uns gekommen find; wir fehen, wie weit fich der Ruf der Stromer'fchen Waldanlagen verbreitet hatte. Die landesherrlichen Waldordnungen wendeten ziemlich spät ihre Aufmerkfamkeit der Waldnachzucht zu. Von grofsem Einfluffe zeigte fich diefsfalls die Forftordnung des bekannten Salzburger Erzbifchofs Mathäus Lang von Wellenburg, vom 21. Mai 1524, an welche fich zwei weitere, als„ Landgebothe" bezeichneten, die erzftiftlichen Wälder betreffenden Normalien vom 24. Auguft 1527 und 12. Auguft 1529 anfchloffen. Die erftere verordnet das Stehenlaffen einer genügenden Anzahl von Samenbäumen auf den Schlägen und trägt Sorge für die Erhaltung des Nachwuchfes durch Befchränkung der Viehweide im jungen Holze. Da die erftgenannte Forftordnung darauf aufmerkſam machte, wie unvermeidlich es fei, bei der Waldbehandlung die Rückfichten auf allgemeine Landesintereffen zur Geltung zu bringen, fand fie bald in vielen deutfchen Ländern Nachahmung. Die markgräflich brandenburg'fche Waldordnung vom Jahre 1531 hält gleichfalls das Verbot des Beweidens der Schläge aufrecht und fucht die Anordnung bezüglich Stehenbleibens von Samenbäumen dahin zu vervollſtändigen, dafs fie zu diefem Zwecke zehn Stämme für den Morgen beftimmt. Einen erheblichen Fortfchritt in der Waldnachzucht conftatirt die Forftund Holzordnung des Kurfürften Auguft von Sachfen aus der albertinifchen Linie eines vortrefflichen Adminiftrators feiner Kammergüter, vom 8. September 1560 An die Weifung zum Stehenlaffen von Samenbäumen fchliefst fich die Verfügung 8 Johann Newald. bezüglich Wegnahme derfelben, nachdem fie ihren Zweck erfüllt haben. Sie verordnet die Anpflanzung von Weiden, Pappeln, wilden Obftbäumen und Eichen, fo wie die Ausfaat von Eichen, Buchen-, Birken-, Tannen- und Fichtenfamen. Auch die Schriftfteller, welche über Bodencultur und Benützung fchrieben, wendeten ihre Aufmerksamkeit der Anzucht von Holzgewächfen zu. Die Reihe diefer Autoren eröffnet der Senator Petrus de Crescentiis zu Bologna, der fein Buch: ,, Ruralium commodorum libr. XII." am Eingange des 14. Jahrhunderts fchrieb; denn König Karl II. von Neapel, dem er es widmete, ftarb im Jahre 1309. Es iſt diefes Werk in der Zeit von 1470 bis zum Schluffe des 16. Jahrhunderts in zahlreichen Ausgaben verbreitet worden.. Eine Reihe dickleibiger Folianten, die Hausväter Literatur genannt, handelte neben vielem Andern auch von der Holzzucht. Unter denfelben verdient die von Wolf Helmhard Freiherrn von Hohberg im Jahre 1687 herausgegebene ,, Georgica curiosa oder adeliges Landleben," eine hervorragende Stelle. Hohberg war am 20. October 1612 zu Ober- Thumritz bei Geras in Niederöfterreich geboren und ftarb 1688 zu Regensburg. Er hatte fein Werk den Ständen Oberund Niederösterreichs gewidmet. Obwohl in demfelben nur 33 Capitel von waldwirthschaftlichen Gegenftänden, dagegen 130 Capitel von der Jagd handeln, fo enthält es dennoch eine ziemlich vollſtändige Zufammenftellung der Kenntniffe und Regeln, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in Deutfchland über Waldwirthschaft verbreitet und aufgeftellt waren. Als eine Eigenthümlichkeit darf es bezeichnet werden, dafs das erfte von einem Deutſchen ftammende Originalwerk über Holzzucht einen Rechtsgelehrten zum Verfaffer hat. Conrad von Heresbach veröffentlichte fein Buch:" Rei rusticae libri quatuor" im Jahre 1594. Es bleibt zweifelhaft, ob feine Lehren damals in Deutſchland eine befondere Anwendung fanden. Es gehören hieher die Vorfchriften zur Anlage von Pflanzfchulen zur Erziehung junger Eichen und die Verpflanzung derfelben, die Fortpflanzung der Ulme durch abgefchnittene Zweige( Stecklinge u. f. w.). Erweitert hat diefe Lehren über Holzanzucht Colerus in der im Jahre 1592 herausgegebenen„ Oeconomia" durch feine Anleitung zur Pflanzung und Anfaat der wichtigften Holzarten. Er handelt von der Verbindung einer Getreidefaat mit der Eichelfaat, er lehrt das Ausbringen des Kiefernfamens aus den Zapfen durch Auffchütten desfelben auf Horden, die der Ofenwärme ausgefetzt werden. Den angedeuteten Anfängen und Anweifungen zur Holzzucht fehlte unverkennbar aller Zufammenhang, fie finden fich gleichfam als Beigaben, ja oft als Nebenfachen in den verfchiedenen, dem Landbau und Haushaltungswefen gewidmeten Büchern. Das Ungenügende diefer für die Waldnachzucht vorgefchlagenen Mafsregeln und noch mehr die Vernachläffigung felbft diefer Mittel, hatte an vielen Orten einen bedrohlichen Rückgang im Waldftande und Sorgen über eintretenden Holzmangel im Gefolge. Ein wefentlicher Fortfchritt im Waldculturwefen wurde angebahnt und eingeleitet durch die im Jahre 1713 von Hanns Carl von Carlowitz veröffentlichte: ,, Sylvicultura economica" oder:„ Anweifung zur wilden Baumzucht." Es war diefes das erfte, ausfchliefslich waldwirthschaftlichen Gegenftänden gewidmete deutfche Werk. Carlowitz weift auf die Nothwendigkeit hin, die Naturgefchichte der einzelnen Waldbäume zu kennen, und geht, nachdem er die Holzzucht durch künftliche Saat und Pflanzung im Allgemeinen behandelt hat, in ihrer Anwendung auf die einzelnen Waldbäume über. So erheblich die Fortfchritte waren, welche die Holzzucht feit ihren erften Anfängen gemacht hatte, vermochte man noch immer nicht den Einflufs der Oertlichkeit, fo wie der Natur und der Anforderungen der einzelnen Holzarten zu würdigen. Es fehlten die hiezu erforderlichen naturwiffenfchaftlichen Grundlagen Es fehlte nahezu gänzlich eine genauere Kenntnifs der Waldbäume, ihrer Natur Forftwirthfchaft. 9. gefchichte, ihres Verhältniffes zu Boden und Klima, ihres Zuwachsganges am einzelnen Stamme und in ganzen Beftänden. Demnach fehen wir, dafs alle die von verfchiedenen Seiten gemachten Vorfchläge und Anleitungen zur natürlichen und künftlichen Holz und Walderziehung erft dann eine Vervollſtändigung und Begründung erhielten, als die Naturwiffenfchaften auf fie angewendet wurden, und fie fomit nicht mehr blos auf Grund örtlicher Beobachtungen und individueller Erfahrungen aufgeftellt, fondern aus unzweifelhaften Naturgefetzen abgeleitet wurden. Als du Hamel die Fortfchritte, welche um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Naturgefchichte und Naturlehre der Pflanzen machten, und die daraus abgeleiteten Lehrfätze in ihrer unmittelbaren Anwendung auf die Holzgewächfe, auf ihre Erziehung, Behandlung und Pflege entwickelte, war für eine wiffenfchaftliche Ausbildung des Forftculturwefens in allen feinen mannigfaltigen Beziehungen eine beftimmte Bafis gewonnen. Wichtige Erfolge mufsten fich aus diefem Umfchwunge um fo mehr ergeben, als feit dem Jahre 1770 durch Friedrich II. ein öffentlicher Unterricht über forftwirthschaftliche Fächer eingeführt worden war und diefes Beiſpiel in allen deutfchen Ländern eine lebhafte Nachahmung fand. Er würde viel zu weit führen, wenn man, von J. G. Gleditfch und F. A. Burgsdorf beginnend, alle jene Männer erwähnen wollte, welche fich entweder durch ihre befruchtende Thätigkeit als forftliche Lehrer oder durch ihr verdienftliches Wirken als ausübende Forstwirthe um die Nachzucht und Pflege der Wälder verdient gemacht haben. Es ift oben befonders betont worden, dafs die Ausbildung des Lehenwefens die Befeftigung der Landeshoheit zahlreicher ehemaliger Lehenvafallen, endlich der Abfchlufs der einftigen patrimonialen Herrfchaftsgebiete das Zuſammenfallen grofser Forftflächen in einzelnen Händen zur Folge hatte. Diefer Umftand hat auf die Behandlung, Pflege, Benützung, ja auf die Erhaltung des Waldes, den entfcheidendften Einfluss genommen. Ueberall, wo der Wald in kleine Eigenthums- objecte und Parcellen aufgelöft erfcheint, oder eine grofse Zahl von Nutzungsberechtigten denfelben im Gemeingenuffe befitzen und benützen, ergeben fich nur zu bald Zuftände, welche feiner Pflege und Erhaltung wenig zuträglich find. Durch die Thatfache nur allzu fehr begründet, fagt der fteiermärkifche forftliche Ausstellungs- Katalog auf Seite I:„ Der bäuerliche Befitzer, in deffen Händen fich die gröfste Waldarea befindet, ift ein Feind jeder Waldcultur, da ihm die Viehweide einen anfcheinend höheren Ertrag abwirft." Die öfterreichifchen Alpenländer find es, deren Bewaldungsftand auf die klimatifchen Zuftände und auf die wirthschaftliche Entwicklung von ganz Centraleuropa von dem höchften Einfluffe ift. Derfelbe reicht weit über die politifchen Grenzen diefer Länder hinaus. Die Klagen, zu denen fich die fteiermärkifchen Waldbefitzer gedrängt fehen, find für ausgedehnte Landgebiete nur allzu begründet und hoch beachtenswerth, denn es hat fich das Bedenkliche der angedeuteten Zuftände in neuerer Zeit noch wefentlich gefteigert. In Folge der zahlreichen Grundabtretungen, welche, durch Servitutablöfungen veranlafst, bereits ftattgefunden haben und noch ftattfinden, ergeben fich weitgehende Aenderungen im Waldftande diefer Länder. Wenige Ausnahmen abgerechnet, wurden an die Berechtigten Waldtheile von folchen Forftcomplexen abgetreten, welche mit Rückficht auf eine Nachhaltigkeit der Holzerträge bewirthschaftet werden. Von der Aufrechthaltung diefes beim Forstwirthschafts- Betriebe hochwichtigen Grundfatzes kann bei den neuen Eigenthümern der abgetrennten Waldtheile Ausnahmen werden nur wenige vorkommen keine Rede fein. Es vollzieht fich fomit in Bezug auf fehr erhebliche Forftflächen eine wirthfchaftliche Umgeftaltung, deren Folgen auf den Ertrag und auf den gefammten Culturftand diefer Waldtheile fehr weitgehend, ja in ihrem Umfange dermalen noch gar nicht zu überfehen find. Diefelben find namentlich in den Gebirgsländern, wo der Wald die hervorragendfte Bedeutung befitzt, von tiefgreifender Wirkung. - 10 Johann Newald. Möge man fich keiner Täufchung hingeben. Die Waldbehandlung der neuen Eigenthümer ift keine pflegliche, der Erhaltung des Waldftandes zuträgliche. Jeder der kleinen Waldbefitzer führt feine Wirthschaftsmafsregeln, feine Holzfällungen, feine Bringungs- und Transportarbeiten ohne Rückficht auf feine Nachbarn, ja ohne Bedachtnahme auf die Schonung des eigenen Befitzthumes aus. Eine unendliche Zerfplitterung des ganzen Wirthfchaftsbetriebes, eine Vernachläfsigung aller Mafsregeln der Waldanzucht oder der Schonung eines etwa vorhandenen Nachwuchfes können wir allerorts bedauern; felten finden wir Mafsregeln einer planmäfsigen, geordneten Wirthschaft. So hat das öfterreichiſche Servituten Ablöfungsgefetz, unzweifelhaft in der Abficht erlaffen, dafs dadurch der Wald und feine Bewirthschaftung, von läftigen Feffeln befreit, fich im Intereffe des allgemeinen Wohlftandes entwickeln könne, durch die Art feiner Durchführung nur zu oft höchft bedauerliche Zuftände hervorgerufen und an vielen Orten einen wirthschaftlichen Umgeftaltungsprocefs eingeleitet, deffen Abfchlufs dermalen noch gar nicht abzufehen ift. In Uebereinftimmung mit der oben angedeuteten Bemerkung des fteiermärkifchen Forftausftellungs- Kataloges, dafs der bäuerliche Befitzer, in deffen Händen fich die gröfste Wald- Area befindet, Feind jeder Waldcultur ift, kann es nur um fo lebhafter bedauert werden, dafs in den Gebirgsländern jene Forftflächen, welche für eine pflegliche Behandlung und geordnete Wiederbewaldung nahezu verloren erfcheinen, fo erheblich erweitert worden find. Dem entgegen verdient das Forftculturwefen der grofsen Waldbefitzer die volle Beachtung. Mit Recht machen die fteiermärkifchen Ausfteller auf die grofsen Schwierigkeiten aufmerkſam, welche fich im Hochgebirge den Aufforftungen entgegenftellen, da wegen Mangels an tauglichen Arbeitskräften, der kurzen Vegetationsperiode und der ungünftigen klimatifchen und atmoſphärifchen Einflüffe, endlich der fchwer zu umgehenden Rückfichten auf den Wald- Weidebetrieb wegen, Refultate in diefer Hinficht nur mit Anwendung pecuniärer Opfer, grofsem Fleifse und Geduldaufwand zu Wege gebracht werden. Obwohl Schlufsfolgerungen von der Befchaffenheit einzelner ausgeftellter Pflanzengruppen auf den Stand der eigentlichen Forftculturen nur mit grofser Vorficht gemacht werden können, müffen die nächft der fteiermärkifchen ForftAusftellungshalle zum Theile aus Samenfchulen, theilweife auch aus vollführten Culturen ftammenden Pflanzen von verfchiedenem Alter und verfchiedenen Holzarten, welche aus den Forften der Vordernberger Radmeifter Communität, des Barons von Sefsler- Herzinger, der Stadt Leoben, der Innerberger Hauptgewerkfchaft, der Hohenwanger Hauptgewerkfchaft, früher Ritter von Wachtler, entnommen waren, mit lebhafter Befriedigung erwähnt werden. Aufser den Forftculturen, welche im Wege der Holzpflanzung ausgeführt werden, befitzt namentlich in den Gebirgsländern auch die fogenannte Holzfaat eine höchft erhebliche Bedeutung. Bei dem grofsen Umfange, welchen dort die Mafsregeln der künftlichen Wiederbewaldung und Aufforftung befitzen, bei dem Umftande, dafs im Frühjahre Holzpflanzungen nur während einer kurzen Periode ausgeführt werden können, bei dem weiteren Umftande, dafs die Localbevölkerung während diefer Zeit durch anderweitige wichtige Verrichtungen in Anspruch genommen ift und für die oft fehr entfernten Wald- Culturarbeiten die erforderlichen Arbeitskräfte rechtzeitig gar nicht aufzubringen find, bei dem Umftande endlich, dafs die Mafsregeln der Holzfaat während der Dauer des ganzen Vorfommers ohne jede Gefährdung des Erfolges ausgeführt werden können, bleibt derfelben beim Forftculturwefen des Hochgebirges noch für lange Zeit eine hervorragende Bedeutung gefichert. Eine Bestätigung ergibt fich diefsfalls aus der Zahl von Waldfamen- Klenganftalten, welche im Bereiche der Alpen in neuerer Zeit errichtet worden find und aus den höchft erheblichen Mengen von Nadelholz- Samengattungen, die im Wege des Ankaufes für die Forftculturen in den Alpenländern beigefchafft werden, Forstwirthschaft. 11 welche Samenmengen niemals blos für die Anlage und Beftellung von Pflanzfchulen und Saatkämpen, man möge für diefelben auch den gröfsten Umfang vorausfetzen, verwendet werden könnten. Würden in den Alpenländern die kleinen Waldbefitzer in Bezug auf das Waldaufforftungswefen den von den Grofsbefitzern ausgehenden guten Beiſpielen folgen, dann würde der Blick in die Zukunft kein fò troftlofer fein. Darin liegt eben das Schwergewicht von Uebelftänden der durch die Servitutablöfungen herbeigeführten Waldzerfplitterungen, dafs dadurch nicht blos ausgedehnte Forftflächen einer rafchen Abftockung überliefert, fondern auch ihre Wiederaufforftung in der gröfsten Zahl von Fällen, in eine ferne Zukunft hinausgerückt worden ift. Das Forftculturwefen der übrigen öfterreichifchen Königreiche und Länder war in bedeutender, ja geradezu in hervorragender Weife vertreten. Es kommt dabei allerdings der Umftand zu erwägen, dafs die öfterreichifche Forftwirthfchaft gleichfam zu Haufe war und die Witterungsverhältniffe des Frühjahres, namentlich der feuchte und kalte Mai das Uebertragen und den Transport von Holzpflanzen verfchiedener Gröfse und verfchiedener Art fehr erleichterte, und das Anfchlagen derfelben auf dem ganz ungewohnten neuen Standorte begünftigte. Um die Bedeutung diefes hochwichtigen forftlichen Wirthschaftszweiges vollſtändiger beurtheilen zu können, als diefes durch eine Reihe felbft der fchönften Holzpflanzen möglich ift, waren von mehreren Seiten umfaffende Nachweife über den Umfang des Forftculturwefens und die Mafsregeln der Beftandesbegründung gegeben worden. Es möge die Aufzählung einiger die Waldnachzucht betreffenden Ausftellungen geftattet fein. Obenan haben wir die der Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg zu nennen, welcher fich jene des Prinzen Auguft von SachfenCoburg- Gotha, der k. k. privilegirten Staatsbahngefellſchaft bezüglich ihrer Banater Domäne Oravicza, des Erzherzogs Albrecht, des Freiherrn Simon von Sina, des Grafen Ernft von Hoyos- Sprinzenftein, einer Reihe von Forftverwaltungen, welche in der böhmifchen Collectivausftellung vertreten waren, aus Galizien die fchönen Pflanzenausftellungen des Fürften Georg Czartoryski und des Grafen Wladimir Dziedufzycki anreihten. Von hervorragendem Intereffe waren die Nachweife, welche die Stadt Lemberg über die Erfolge ausgedehnter Flugfand- Culturen brachte, die von ihr im Bereiche der Gemeinden Holosko und Brzuchowica ausgeführt wurden, wobei Weifsföhren, Birken und ortweife Fichten in Verwendung kamen. Mit der Bewaldung und Bindung des Flugfandes hat das Forftculturwefen eine im gleichen Grade ebenso würdige als fchwierige Aufgabe übernommen. Aus den Ländern der ungarifchen Krone war es namentlich das königliche Forftamt zu Deliblat in der Banater Militärgrenze, welches eine höchft lehrreiche Reihe mannigfaltiger, den Flugfand und feine Bewaldung betreffende Gegenftände ausftellte. Ihrem Wurzelfyftem nach in überraschender Weife entwickelte Pflanzen der canadifchen Pappel( Populus canadenfis L.) und der Akazie( Robinia Pfeudoacazia L.), ferner kräftige Schwarz- und Weifsföhren- Pflanzen boten ein hohes Intereffe. Das ausgezeichnete Gedeihen der Schwarzföhre auf dem Sande der füdungarifchen Landgebiete verdient überhaupt eine forgfältige Beachtung Zuwachs, welchen fie dort in den bisher vorkommenden Junghölzern liefert, überragt weitaus jenen von gleich alten Beftänden in den niederöfterreichifchen Kalkalpen. Der Profeffor Lachner an der königlich landwirthfchaftlichen Lehranftalt in Debreczin, hatte graphifche und tabellarifche Darftellungen über den Wachsthumsgang der Akazie ausgeftellt, wozu die Daten aus Sandcultur- Probeflächen nächft Debreczin, Vacs, Téglas und Mezőhegyes erhoben und gefammelt waren, an welche fich ähnliche Darftellungen bezüglich der Aspe( Populus tremula. L.), canadifchen Pappel, Schwarzföhre und Ulme anreihten. 12 Johann Newald. Als eine fehr willkommene Ergänzung der die Flugfandbehandlung und Bewaldung betreffenden Ausftellungsobjecte, kommt das treffliche Buch des Domänen- Infpectors Jofef Weffely:„ Der europäiſche Flugfand und feine Cultur mit befonderer Rückficht auf Ungarn und die Banater Wüfte", zu erwähnen. Wir haben nunmehr jenem forftlichen Culturunternehmen unfere Aufmerkfamkeit zuzuwenden, welches durch die Grofsartigkeit des Gedankens und die Schwierigkeit der Durchführung, unter ähnlichen Aufgaben, dermalen unbeftreitbar den erften Rang einnimmt. Es find diefes die durch das k. k. Ackerbau- Minifterium geleiteten Aufforftungen und neuen Waldanlagen am Karfte. Forftinfpector Simon Scharnaggl hat diefem Gegenftande unter dem Titel:„ Die Forftwirthschaft im öfterreichifchen Küftenlande mit vorzüglicher Rückficht auf die Karftbewaldung", eine eingehende Abhandlung gewidmet. An diefe Darftellung reiheten fich im Pavillon des k. k. Ackerbau- Minifteriums folgende Ausftellungsobjecte an, und zwar eine Aufforftungskarte des illyrifch- küftenländifchen Karftes, zur Ueberficht des Verhältniffes zwifchen Cultur land, Wald und Weide. Ferner Pläne der küftenländifchen Centralfaat- und Baumfchulen in Monte Sermin, Görz und Rodik, auf deren Bedeutung gefchloffen werden kann, wenn hervorgehoben wird, dafs fie zufammen ein Flächenmafs von 10.757 Quadratklafter Bodenfläche( 6.72 Joch= 3.90 Hektaren) einnehmen und ihr Pflanzenftand dermalen nach den aufgelegten Abzählungsnachweifen in circa II Millionen Stücken befteht. Von Intereffe war eine im Mafsftabe von I Zoll 40 Klafter ausgeführte Reliefkarte eines Theiles des ödeften Karftlandes in der Gemeinde Gorianska( Bezirk Komen, Kronland Görz); die volle Aufmerkfamkeit nahm jedoch ein mit grofser Sorgfalt ausgeführtes Wurzelherbarium in Anfpruch. Dasfelbe bringt in 34 Pflanzenexemplaren, welche aus den in den küftenländifchen Central- Saatfchulen vorkommenden Vorräthen entnommen find, das aufsergewöhnlich entwickelte Wurzelfyftem einer Reihe von bei den Aufforftungen zur Verwendung kommenden Holzarten zur Anfchauung. = Ergänzt wurden alle diefe die Karftbewaldung betreffenden Ausftellungsgegenftände durch mehrere in der Umgebung des Pavillons vorkommende Pflanzengruppen, denen man durch aus Karftkalk gebildete Reliefpartien, einen paffenden Standplatz gebildet hatte. Der Rückgang in der Bewaldung des Karftes oder, fagen wir. es geradezu, die Devaftirung derfelben, fällt dem bei weitem gröfsten Umfange nach in das letzte Drittel des vorigen und in die erften Jahrzehnte des laufenden Jahrhunderts. Die Frage, wer diefe Zuftände verfchuldet, möge hier ohne Erörterung bleiben. Das Zufammenwirken einer Zahl eigenthümlicher Verhältniffe und Veranlaffungsurfachen erfcheint dabei allerdings betheiligt, allein aufser Zweifel fteht auch, dafs ein eben fo grofser Theil der Schuld auf die Verfäumniffe der Regierungen fällt. Die Bewaldung ausgedehnter Gebirgszüge, deren Beftand nicht nur für die fraglichen Küftenländer, fondern weit über die Grenzen derfelben hinaus von der höchften klimatifchen Bedeutung waren, hat man einer durch Kurzfichtigkeit und Habfucht geleiteten Mifswirthschaft anheimgegeben. Diefe Rücksichtslosigkeit in der Waldbehandlung, diefe Verletzung eines der Elementargefetze der Bodencultur büfst nunmehr die Bevölkerung ausgedehnter Gebiete an Hab und Gut, an Gefundheit und Wohlftand. Abgefehen von dem koloffalen Mühe- Aufwand, wird die Wiederbewaldung der Karftöden nunmehr unzweifelhaft erheblich höhere Opfer und Koften verurfachen, als einft der Erlös aus den planlos abgeftockten Waldungen und ihren Holzbeftänden betrug. Es ift von Intereffe, ein Streiflicht fallen zu laffen, auf den Unterfchied, welcher zwifchen der Sorgfalt befteht, mit welcher einft die Karftwälder überwacht und gefchützt wurden und der kurzfichtigen Sorglofigkeit, der fie fpäter als Opfer fielen. Forstwirthschaft. 13 Bald nachdem Kaifer Maximilian I. durch die Erwerbung der Graffchaften Görz und Gradiska wichtige Küftengebiete an fein Haus gebracht hatte, wendete er feine volle Aufmerkſamkeit der Erhaltung der für den Schiffbau werthvollen Eichenwälder des Karftes zu. Schon im Jahre 1507 verordnete er, dafs den Bewohnern von Trieft der Bezug von Schiffbauholz nur nach der zuvor erhaltenen landesfürftlichen Erlaubnifs zu geftatten fei. Die Angabe, welche fich in der oben genannten Abhandlung über die Forftwirthschaft im öfterreichifchen Küftenlande vorfindet, dafs Kaifer Karl V. am 28. September 1522 der Stadt Trieft ein Privilegium zum Bezuge von Eichen am Triefter und Görzer Karfte ertheilte, dürfte auf einem Irrthume beruhen. Bekanntlich hatte Kaifer Carl V. durch die Ländertheilungs- Verträge ddto. Worms 28. April 1521, und Brüffel 30. Jänner, I. und 18. März 1522, die gefammten öfterreichifchen Länder feinem Bruder Ferdinand abgetreten. Es erfcheint fomit als höchft zweifelhaft, dafs der Kaifer noch im September 1522 Verfügungen erlaffen hat, und zwar Verfügungen, welche mit den beftehenden Rechtsübungen in Widerfpruch waren, über Befitzungen, deren Herr er damals gar nicht mehr war. Die fernere Angabe, dafs Kaifer Ferdinand I. diefes Privilegium im Jahre 1571 beftätigte, ift unverkennbar ein Irrthum, indem diefer Kaifer fchon im Jahre 1564 geftorben war. Um eine beffere Forftbehandlung zu erzielen, beftellte Ferdinand I. im Jahre 1533 den Girolamo di Zara als Oberwaldmeifter für Görz, den Karft und Iftrien. Die Venetianer fuchten damals, ihre eigenen Wälder fchonend, den Schiffbau- Holzbedarf aus den Forften am Karft und der Umgebung von Gradiska zu decken, daher der neuernannte Waldmeifter namentlich dahin feine Aufmerkfamkeit und energifche Einflussnahme richtete. Unterm 31. Auguft 1555 ertheilte der Kaifer feinem damaligen Waldmeifter in Friaul, Ifterreich( Iftrien) und Karft, Wolfgang Patron, eine höchft eingehende Inftruction, welche von der grofsen Bedeutung Zeugnifs gibt, die er diefem Theile feines Befitzes beilegte. Waldmeifter Paradeifer, Nachfolger Patron's, trachtete namentlich, die fchädliche Waldweide der Gemeinden einzuftellen und die Holzfällungen für den Bedarf der Unterthanen zu reguliren. Von allen Seiten, felbft von den Görzer Ständen, wurden laute Klagen gegen derartige Neuerungen, welche doch nur die Herftellung von Ordnung und die Schonung und Erhaltung der Wälder bezweckten, erhoben. Erzherzog Carl von Steiermark, dem nach dem Tode feines Vaters, des Kaifers Ferdinand I., die Küftenländer zufielen, der fich als ein befonders forgfältiger Adminiftrator der Kammergüter hervorthat, ordnete eine Commiffion in die Karftwälder ab und rügte die wahrgenommenen Mifsbräuche in der Verwaltung ernftlich. Die Aufmerkfamkeit der nachfolgenden Landesfürften und ihrer Regierungen wurden durch Angelegenheiten von dem höchften Belange nach anderen Richtungen in Anspruch genommen. Ausgedehnte Gebiete der Karftwälder erlagen endlich einer Mifswirthschaft, welcher fie fchutzlos anheimgegeben waren. Die Wiederbewaldung umfangreicher Oeden ift nunmehr eine Aufgabe von der hervorragendften Bedeutung, und zwar nicht blos in forfttechnifcher Richtung, fondern ebenfo gut in wichtigen Beziehungen der öffentlichen Verwaltung und Rechtspflege. Kleinere Experimente zur Aufforftung von Karftöden wurden fchon in den Vierziger- Jahren gemacht, jedoch gebührt dem Stadtmagiftrat von Trieft das Verdienft, im Jahre 1857 den Verfuch einer gröfseren Waldcultur unter Anwendung von Schwarzföhrenfamen, und zwar bei Baffovizza oberhalb Trieft gemacht zu haben. Die Regierung, beziehungsweife die Statthalterei von Trieft, liefs im Jahre 1864 die erften gröfseren Aufforftungen, vorherrfchend durch Schwarzföhrenanfaaten ausführen. Namentlich war es der damalige Statthalter, Baron Ernft von 14 Johann Newald. Kellersperg, welcher in den Jahren 1865, 1866 und 1867 diefer Angelegenheit feine volle Aufmerkfamkeit zuwendete. Erhebliche Mengen von Schwarzföhrenfamen wurden hiezu von der niederöfterreichifchen Domäne Gutenftein bezogen. Im Herbfte des Jahres 1865 conftatirte der öftrreichiſche Reichs- Forftverein gelegentlich einer Wanderverfammlung am Karfte folgende drei Momente: 1. Selbft die ödeften Strecken des Karftes find culturfähig, indem fich zwifchen dem nackten Fels fehr productives Erdreich befindet und die gewöhnliche Bora kein unbedingtes Hindernifs des Baumwuchfes ift. 2. Ein grofser Theil des Karftes befteht aus blos devaftirtem Walde, der nur der Schonung vor dem Zahne des Weideviehes und vor der Hacke der Infaffen bedarf, um von felbft wieder zu gutem Walde heranzuwachfen. 3. Das, was bisher für die Wiederbewaldung des Karftes, fei es von der Stadt Trieft, fei es von der Statthalterei, fei es von einzelnen Privaten, gefchah, ift höchft beachtenswerth und lehrreich. Entfcheidend war die vom Reichs- Forftvereine ausgegangene Anregung zur Beftellung eines Forfttechnikers für die Leitung und Ueberwachung der Aufforftungsgefchäfte und die Durchführung aller Arbeiten, auf Grundlage eines feftgeftellten Planes, für eine mehrere Jahre umfaffende Aufforftungsperiode. Die für die Unterſtützung der Karftbewaldung erforderlichen Mittel wurden von der Regierung beantragt und vom Reichsrathe genehmiget, und fohin die nothwendigen Ueberwachungsorgane beftellt, welche im Jahre 1868 dem Forftinſpector Simon Scharnaggl untergeordnet wurden. Es darf nicht befremden, dafs ein Unternehmen von dem Umfange der Karftbewaldung viele Hinderniffe zu überwinden hat, bis ihm von allen Seiten ein das Gelingen wefentlich förderndes Vertrauen entgegengebracht werden wird. Sind fchon die Schwierigkeiten, welche fich aus den geognoftifchen und geologifchen Verhältniffen, aus dem Einfluffe der Lage und aus klimatifchen Beziehungen ergeben, ausreichend, um den Muth bewundern zu laffen, mit dem man an die Bekämpfung aller diefer Schwierigkeiten fchreitet, fo find die aus den wirthschaftlichen Verhältniffen der betreffenden 201 Karftgemeinden aus rechtlichen und politifch- adminiftrativen Zuftänden refultirenden Eigenthümlichkeiten nicht weniger geeignet, um dem ganzen Unternehmen den Charakter wahrer Grofsartigkeit aufzudrücken. - In dem Mafse, als es gelingen wird, durch gute Refultate das Mifstrauen der Gemeinden zu befiegen, in dem Mafse diefe felbft dem Aufforftungsunternehmen thatkräftig und fördernd an die Seite treten werden, in dem Mafse fohin die verfchiedenen Arbeiten aus dem Stadium blofser Verfuche heraustreten werden, in dem Mafse endlich, als fich alle Fragen in Bezug auf die Wahl der Holzart, der Culturmethode, des Alters der zu verwendenden Pflanzen etc., auf Erfahrungen geftützt, für gegebene Oertlichkeiten mit Sicherheit werden beantworten und löfen laffen, werden die Erfolge rafch an Umfang gewinnen und in fich felbft den wirkfamften Sporn zur erweiterten Thätigkeit befitzen. - - Dort, wo man es mit Gemeindegebiet oder mit Grundftücken kleiner Wirthfchaftsbefitzer zu thun hat, wird man in der Ueberzahl von Fällen auf die Anzucht einer hochftämmigen Holzbeftockung oder fogenannter Hochwälder von vornherein verzichten müffen. Eine derart lange Zeit, als zur Erziehung einer Hochwaldbeftockung nothwendig ift, könnten die Gemeinden und kleinen Wirthfchaftsbefitzer des Karftes mit der Deckung der Holzbedürfniffe nicht zuwarten. Bei diefen Befitzkategorien bleibt nur die Anzucht von, ein baldiges Erträgnifs gewährenden, Laubhölzern ausführbar,- Hochwälder, es mögen für ihre Begründung Laubhölzer oder Nadelhölzer zur Verwendung kommen, kann nur der Staat nachziehen. Möge das grofsartige Unternehmen der Karftbewaldung gedeihen zur Wohlthat und zum Heile der verarmten Bevölkerung ausgedehnter Küftengebiete, Forftwirthschaft. 15 auf dafs es Zeugnifs gebe von der Vorforge der öfterreichifchen Regierung, insbefondere des k. k. Ackerbau- Minifteriums, und von der Thatkraft und der Ausdauer der bezüglichen Durchführungsorgane. Dem mehrgenannten k. k. Forftinfpector Simon Scharnaggl in Trieft wurde in Anerkennung feiner hervorragenden Verdienfte um die Karftcultur die Medaille für Mitarbeiter zuerkannt. Es möge jedoch noch geftattet fein, der befonderen Verdienfte und Leiftungen zu gedenken, welche die Stadt Trieft um das Karft- Bewaldungswefen befitzt. Oben wurde bereits darauf hingewiefen, dafs die erften Anregungen zu diefem Unternehmen von ihr ausgegangen find. Die Erfolge der auf dem Stadtgebiete ausgeführten Waldanlagen wurden durch eine Ueberfichtskarte und eine derfelben beigegebene Relation nachgewiefen. Für im Aufforftungswefen erfahrene Forftwirthe dürften auch ausgeftellte Holzarten aus älteren Karftculturen, und zwar: Weifsföhre vom Jahre 1842, Schwarzföhre mit Feldulme von den Jahren 1859 und 1863, endlich Schwarzföhren, mit Sorbus aria gemifcht, vom Jahre 1865 fehr lehrreich gewefen fein. Die Anzucht der Weifsföhre dürfte aufzugeben fein. Die ausgeftellten Exemplare erinnerten ganz an jene Form, welche diefe Holzart an exponirten und für fie ungeeigneten Standorts- Verhältniffen, in den Kalkalpen, annimmt. Die Beftrebungen der Stadt Trieft zur Wiederbewaldung des Karftes wurden mit der Fortfchritts- Medaille ausgezeichnet. Wenden wir uns nunmehr zu der die Beftandesbegründung behandelnden Gruppe II der forftlichen Collectivausftellung des deutfchen Reiches, fo haben wir zunächft der Schwierigkeiten zu gedenken, welche fich einer erfchöpfenden Darftellung des Forft- Erziehungswefens grofser Gebiete entgegenftellen. Wie wäre es auch durchführbar gewefen, auf der Wiener Weltausstellung das altberühmte und hochentwickelte Wald- Erziehungswefen.der deutfchen Länder, vom badifchen Schwarzwalde beginnend, bis zur Memel nach feinen mannigfaltigen Verfahren und Methoden einerfeits und nach feinen bewährten Erfolgen andererfeits zur Anfchauung zu bringen. Darum hat fich auch die deutfche Ausftellungscommiffion darauf befchränkt, in der die Holzerziehung und den Waldfchutz behandelnden Gruppe II der deutfchen forftlichen Collectivausftellung den Holzanbau durch Cultur- Werkzeuge und diefelben erläuternden Denkfchriften darzuftellen. Die Nachweife, welche der vom Ober- Forftmeifter Bernhard Dankelmann verfafste Specialkatalog zu der in Rede ftehenden Gruppe II bringt, laffen eine volle Einficht über den Werth und die Bedeutung der behandelten Cultur- Werkzeuge und der durch ihre Anwendung erzielten Erfolge gewinnen. Wir haben zunächft das zur Klemmpflanzung ohne Bodenlockerung in den Forften der Provinz Preufsen im Jahre 1860 von den Ober- Forftmeiftern Wartenberg und Krumhaar eingeführte Stieleifen zu erwähnen, mit welchem unter günftigen Verhältniffen ein Arbeiterpaar in einem Tage 2400 Pflanzen ausfetzen kann. Von Intereffe war die vom Oberförfter Wohlframm gebrachte Darftellung des Anbaues grofser Nonnenfrafs- Blöfsen im Regierungsbezirk Gumbinnen, unter Anwendung der oftpreufs ifchen fogenannten Ochfenzogge als Waldpflug. Von dem äufserften Often deutfcher Länder nach Weften gewendet, nahm der Dünenbau in der Oberförfterei Grünhaus an der Oftfee, Provinz Pommern, dargeftellt durch Dünen- Culturgeräthe( Aushebefpaten für Ballenkiefern, Löchermacher für Ballenkiefern, Ausheber für Heidekraut- Ballen, Löchermacher für Heidekraut- Ballen, Pflanzentrage, Pflanzenfpaten) und ergänzt durch eine Karte der den Charakter von Schutzwaldungen befitzenden Dünengehölze fammt Befchreibung des Culturvorganges, unfere Aufmerksamkeit in Anspruch. 2 16 Johann Newald. Dem Regierungsbezirke Stettin gehörte auch der vom Oberförfter Gené zu Mühlenbach im Jahre 1869 conftruirte doppelfcharige Pflug, zur Bodenbearbeitung in Buchenfchlägen beftimmt, an. Eine fehr intereffante Ausstellungsgruppe bildeten die Culturgeräthe für Kiefernanbau in der Mark Brandenburg. Sie beftand aus einer Reihe von Pflügen, Hand- Säemafchinen, Spaten und Pflanzhölzern; an diefelben reihten fich Modelle für Schattenfchirme, Keimkäften, eine Saatrillen- Walze und endlich eine Darſtellung und Befchreibung der Erziehung von Kiefernpflanzen an. Die in fo mancher Beziehung eigenthümlichen Culturverfahren und Methoden zur Beftandesbegründung in Hannover waren durch eine reiche Sammlung von forftlichen Cultur- Werkzeugen veranfchaulicht. In gleicher Weife überfichtlich war die von Johann Buck aus Sigmaringen gebrachte Sammlung von Pflanzenerziehungs- Geräthen für Pflanzbeete angeordnet. Die fchöne Ausftellung, welche die Elfafs- Lothringer Forftverwaltung an lebenden Pflanzen der vorzüglichften Holzarten diefer Länder und an mannigfaltigen Culturgeräthen und Werkzeugen vorgeführt hatte, wurde leider durch den in der Nacht vom 2. auf den 3. Auguft ftattgefundenen Brand des ElfafsLothringer Bauernhauſes, in deffen Nebengebäuden und Räumen diefelbe untergebracht war, zerstört. Eine Wirthfchaftsform, welcher für viele Oertlichkeiten eine wefentliche Berechtigung nicht abgefprochen werden kann, ift der fogenannte WaldfeldbauBetrieb. Die grofsherzoglich heffifche Domänen- und Forftdirection hatte denfelben durch ein fehr gelungenes Tableau, ferner durch Werkzeuge und Geräthe, endlich durch Pflanzen, Stammfcheiben, Ernteproben von Korn, Stroh, Kartoffeln u. f. w. zur Darstellung gebracht. Die grofsherzoglich heffifche Oberförfterei Virnheim wird als eines jener Gebiete bezeichnet, wo der Wald- Feldbau feit einer längeren Reihe von Jahren im Betriebe fteht.- fchon feit dem Jahre 1810 wird dort die Wiederaufforftung der abgetriebenen Waldflächen mit Hilfe des landwirthschaftlichen Zwifchenfruchtbaues bewirkt. Aus den diefsfälligen Mittheilungen ift zu entnehmen, dafs zum Holzanbaue Eichen oder Kiefern in Verwendung kommen. Die Bodenbearbeitung erfolgt durch Umhacken auf o 35 Meter Tiefe. Der Eichen- oder Kiefernanbau erfolgt in Reihen von 1.25 Meter Abftand durch Saat oder Pflanzung. Beim Eichenanbau werden zwifchen den Reihen im erften Jahrgang Kartoffeln( je eine Reihe) im zweiten Jahrgang Winterroggen, im dritten Jahrgang Kartoffeln und im vierten Jahrgang abermals Winterroggen gebaut. Auf minder kräftigem Boden folgt bei dem dort ftattfindenden Kiefernanbau, dem zweimaligen Kartoffelbau zwifchen den Kiefernreihen eine einmalige Ernte von Winterroggen. Die Reinigung der Holzreihen vom Unkraut erfolgt gleichzeitig mit dem Behacken der Kartoffeln. Als Betriebsrefultat wurde mitgetheilt, dafs von 1810 bis 1871 in der Oberförfterei Virnheim 1420 Hektaren mittelft Wald- Feldbau in Cultur gebracht worden find, woraus fich nahe 23 Hektaren für das Einzeljahr ergeben. Diefe Fläche hat durch den Zwifchenfruchtbau, nach Abzug der landwirthschaftlichen und forftlichen Culturkoften, einen durchfchnittlichen Reinertrag von 37 fl. 3 kr. pro Hektare geliefert. Das Holzwachsthum auf den Waldfeldbau- Flächen war durch ausgeftellte Eichen und Kiefern- Stammfcheiben und Muſterſtücke veranfchaulicht. Im Anfchluffe an die eben gefchilderte Ausftellungsgruppe der grofsherzoglich heffifchen Domänen- und Forftdirection haben wir noch der vom Oberförfter Rückert zu Schkeuditz, Regierungsbezirk Merfeburg, dargestellten Erziehung von Eichenhorften durch Saat mit Fruchtbau zur Nachzucht des Oberholzes im Mittelwalde unfere Aufmerkfamkeit zuzuwenden. Wie aus den diefsfälligen Mittheilungen hervorgeht, hat Oberförfter Rückert zur Ergänzung gröfserer Oberholzblöfsen die Nachzucht von Oberftändern durch Forstwirthfchaft. 17 Eichenfaat in Verbindung mit Fruchtbau realifirt. Allerdings mufs hervorgehoben werden, dafs der Standort, auf welchem diefer Vorgang ftattfindet, als ein äufserft fruchtbarer Auboden bezeichnet wurde. Von den ausgeftellten Eichenheiftern hatte eine vierjährige Pflanze eine Länge von 22, eine neunjährige die Länge von 5.8, endlich eine dreizehnjährige, die Länge von 6.5 Meter. Der Wuchs wird als derart lebhaft gefchildert, dafs bereits im 6. bis 7. Jahre die erfte, im 12. Jahre die zweite Durchforftung nothwendig wird. Wenn oben befonders betont wurde, dafs in der Oberförfterei Virnheim der Wald- Feldbau fchon feit dem Jahre 1810 im regelmäfsigen Betriebe ſteht, fo kommt diefer Angabe die Bemerkung beizufügen, dafs die Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau an vielen Orten- allerdings mit durch die Verhältniffe gebotenen Abweichungen- feit langer Zeit in Uebung ift. Ein befonderes Intereffe nehmen diefsfalls die fogenannten Hauberge im ehemaligen Fürftenthume Siegen in Anfpruch. Die genoffenfchaftliche Benützung von Waldgrund ift dort fehr alt. Schon vor nahe 400 Jahren begann man mit dem Zufammenlegen der den einzelnen Ortsinfaffen gehörigen kleinen Waldparcellen in gröfsere Wirthschaftskörper, derart, dafs jedem Theilnehmer von der jährlich abgetriebenen Schlagfläche eine feinem früheren abgefonderten Befitze entſprechende Theilfläche zum Zwifchenfruchtbau übergeben wurde. Die Wald, eigentlich Genoffenfchaftsordnungen von den Jahren 1553, 1562 und 1564 beftimmten für die damals in die Haubergs- Gemarkungen einbezogenen, vorherrfchend mit Eichen und Birken beftockten Niederwaldungen einen 16jährigen Umtrieb. Im Jahre 1586 wurde derfelbe nach den Standortsverhältniffen mit 16, 18 oder 20 Jahren feftgeftellt. Die Schläge wurden mit Roggen und Buchweizen bebaut; ein Vieheintrieb wurde geftattet, fobald dadurch der emporwachfenden Holzbeftockung kein Schaden zugefügt wurde. Die für die Haubergs- Genoffenschaften beftehenden Wirthfchaftseinrichtungen, überhaupt alle diefelben regelnden Normalien führten den Titel:" goldene Jahnordnung"( von Jahne, Johne, Schlag etc.) und es ift die Art und Weife ganz eigenthümlich, in welcher die Anfprüche der einzelnen Intereffenten an einer Stamm- Jähne" ausgemittelt und feftgeftellt werden 29 Mit grofsem Recht wird ftets wieder auf die hohe Bedeutung einer Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbaue hingewiefen, und in diefer Beziehung verdient auch die Ausftellungsgruppe der grofsherzoglich- heffifchen Domänenund Forft- Direction die volle Anerkennung. Als in den Jahren 1819 bis 1822 Heinrich Cotta feine Abhandlung über die Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau oder die Baum- Feldwirthschaft herausgab, ftellte er zunächft bezüglich Realifirung feiner Vorfchläge fehr mässige Anfprüche. Er ging von der Anficht aus, dafs an fehr vielen Orten die abgeftockten Schlagflächen einer landwirthschaftlichen Benützung und Behandlung fo lange geöffnet werden könnten, bis der emporkommende Nachwuchs diefen Zwifchenfruchtbau wieder abfchlofs. Die allerdings gleich am Anfange von vielen Seiten angegriffenen Cotta'fchen Gedanken und Anträge wurden jedoch in ihrer unverkennbaren Bedeutung am meiften untergraben, als fpäter Chriftoph Liebich in Prag zunächft durch feine im Jahr 1834 erfchienene Schrift:„ Der Waldbau nach neuen Grundfätzen, als die Mutter des Ackerbaues", ferner durch fein fpäteres Werk:„ Die Reformation. des Waldbaues" und durch feine diefe Reformation vertretende Zeitfchrift, den Verhandlungen über diefen Gegenftand eine heftige Polemik beimifchte, fo dafs fchliefslich die Gegner gelegentlich der zu Prag im Jahre 1856 ftattgefundenen Verfammlung der deutfchen Land- und Forstwirthe über die unverkennbar bedeutungsvolle Frage einer Verbindung des Feldbaues mit dem Waldbau ungünftige Befchlufsfaffungen herbeiführten. 2% 18 Johann Newald. Zum Schluffe der Erörterungen über den Wald- Feldbau möge es noch geftattet fein, jener Betriebsform zu gedenken, welche fich in den ausgedehnten Forften der Stadt Pifek im füdlichen Böhmen feit ungefähr 40 Jahren ausgebildet hat. Die Stadt und ihre Umgebung entbehrt beinahe gänzlich einer Fabriksinduftrie, und wendet fich demnach die zahlreiche, arbeitfuchende Bevölkerung dem Wald- Feldbau zu und findet dabei eine lohnende Verwendung. Die Waldfläche, beziehungsweife Schlagfläche, welche jährlich der in Rede ftehenden Benützung zugeführt wird, befteht in 80 bis 90 Joch( 46 bis 52 Hektaren). Diefelbe wird in Parcellen von der Gröfse eines Joches( 0.5755 Hektaren) im Verfteigerungswege für die Dauer von drei Jahren verpachtet, und es findet im erften Jahre der Anbau von Kartoffeln, im zweiten Jahre von Sommerkorn, im dritten Jahre von Staudenkorn ftatt. Die Begründung der neuen Waldbeftockung wird vertragsmässig durch den Pächter beforgt, und zwar im Wege der Auspflanzung geeigneter Nadelund Laubholz- Arten. Die erforderliche Pflanzenmenge wird seitens der Forftverwaltung abgegeben. Auf das Einzeljoch kommen 3200 Pflanzen zu flehen, welche im regelmässigen Verbande, und zwar in Reihen von einer Klafter Abftand und der Entfernung der Setzlinge von drei Fufs in den Reihen felbft ausgepflanzt werden. Der Pächter haftet mit einem Cautionsbetrage von 3 Gulden per Joch für die forgfältige Ausführung des Pflanzgefchäftes, welcher Betrag ihm nach erfolgter Uebergabe der Pachtfläche und Nachweis der erfüllten Vertragsbedingungen rückerstattet wird. Nach dem Abfchluffe des Fruchtbaues wird die Culturfläche noch für mehrere Jahre zur Grasnützung verpachtet. Die Pachtzinfe find nach der Bodenbefchaffenheit und Lage verfchieden; fie fchwanken für den dreijährigen Benützungsturnus zwifchen 70 und 8 Gulden, und betragen im grofsen Durchfchnitte mehrerer Jahre circa 30 bis 40 Gulden, für das Einzeljoch. Die Nachwüchfe werden nach Bedarf regelmäfsig durchforftet, eine Streunutzung wird forgfältig hintangehalten. An dem vorftehenden Beiſpiele follte gezeigt werden, welche Aufmerkfamkeit dem Wald- Feldbau zuzuwenden kommt jedoch mufs ausdrücklich darauf hingewiefen werden, dafs feine Anwendung nur dort zu empfehlen ift, wo die Verhältniffe in entfcheidender Weife dafür fprechen. Den bis jetzt befprochenen, die Waldnachzucht und Beftandesbegründung darftellenden Ausftellungsgruppen haben wir, namentlich was die zu überwindenden Schwierigkeiten anbelangt, dem Dünenbaue und der Karftaufforftung fich anreih end, jener Anftrengungen zu gedenken, welche in der Schweiz mit der Ausführung von Verbauungen der Wildbäche gemacht werden. Durch diefe, ihrer Beftimmung, Anlage und Ausführung nach, wahrhaft hervorragenden Bauten foll den durch Wildbäche veranlafsten, fich ftets erweiternden Verwüftungen ein Einhalt gemacht werden, um die Wiederaufforftung der Quellengebiete und jene der gegen Abrutfchungen geficherten Bergfeiten zu ermöglichen. In Hochgebirgslagen, namentlich an exponirten Oertlichkeiten und befonders dort, wo das Geftein zerklüftet ift, bildet die Waldbeftockung zugleich die Bedingung für die Walderhaltung und für das Fortkommen einer Holzvegetation. Es kann nicht oft und nicht laut genug zur fchonendften, nur durch die umfichtigfte Plenterung durchzuführende Behandlung und Benützung jener Waldpartien aufgefordert werden, welche an folchen Oertlichkeiten vorkommen. Ihre rückfichtslofe Abftockung ift eine verhängnifsvolle Verfündigung gegen die Fundamentalfätze der Bodencultur. Es werden dadurch zunächft locale, in ihrer Ausbreitung jedoch weitgreifende Uebelftände eingeleitet, deren Entftehen gar nicht vermuthet, deren Verlauf nicht beurtheilt, deren Abfchluss und Grenze nicht abgefehen werden kann. Forftwirthschaft. 19 An Stellen, wo von Terrain- und Waldbeftandskarten, welche vor 30 oder 40 Jahren angefertigt wurden, nur leichte Bodeneinfenkungen, kaum beachtete Wafferläufe und Einfchnitte angegeben werden, finden wir leider und nur zu oft dermalen keinen Wald mehr, dafür aber das Terrain gänzlich geändert die einft leichten Bodeneinfenkungen find tiefe Einſchnitte geworden, die Wafferläufe haben fich zu fchroffen Abftürzen erweitert, fie find nach oben erheblich verlängert, ausgedehnte Abhänge, auf denen einft eine, wenn auch nur kurzfchäftige Waldbeftockung ftand, findet man derart verwüftet, dafs zwifchen den Gräben, Einriffen und Abftürzen nur dort und da eine Oertlichkeit gefunden werden kann, wo die Nachzucht einer neuen Holzbeftockung möglich erfcheint. Der alte Jäger oder Holzknecht, der uns begleitet, erzählt, wie diefe Gegend, als fie noch der alte Wald beschätzte; der Lieblings einftand für Gemfen und Hochwild war. Heute ift das ganze Gebiet verlaffen, verödet, géflohen von Menfchen und Wild. Doch fehen wir weiter: die Verwüftung von oben trug den Ruin nach unten. Die oben ausgeriffenen Gerölle und Gefchiebemaffen bedecken als troftlofe Schuttkegel und Muränenmaffen weite Flächen der einft blühenden Thalfohlen. Jeder Regengufs, jede Thaufluth erweitert die beklagenswerthe Calamität, und nun foll der Wald, den man einft rückfichtslos abftockte und vernichtete, wieder helfen. Doch der Weg zu feiner Begründung ift ein unendlich mühevoller und Koften verurfachender. Es mufs die Möglichkeit feiner Anzucht erft gefchaffen werden. Wildbäche find im Hochgebirge fchon feit langer Zeit verbaut worden, allein ein Syftem brachte in diefe Arbeiten doch erft die Gegenwart. Der um das Forftwesen in allen feinen Zweigen hochverdiente fchweizerifche Forftverein, hat für die Kenntnifs folcher Bauherſtellungen in feiner Ausftellung viel Belehrendes gebracht. Zunächft haben wir der Bauverwaltung des Cantons Graubünden zu gedenken. Sie hatte Situationsplan, Profil, Grundriss und Photographien der Verbauungen am Albertibache bei Davos und Situationsplan fammt Längenprofil der Verbauungen im Rüfitobel Archa granda bei Valcava in Graubünden ausgeftellt. Von der Forftverwaltung des Cantons Bern war eine Befchreibung der Verbauungen an der Gürbe( Wildbach im Canton Bern) mit Detailzeichnungen, Grundrifs und Profil nebft 15 Photographien ausgeftellt. Mit Recht hat man in der Schweiz bei der Durchführung von Regulirungsbauten an Wildbächen die Herftellung fogenannter Parallelwerke von vornherein aufgegeben. Stöfst die Anwendung derartiger Sicherungsbauten fchon bei tiefer gelegenen Gebirgsbächen von wechfelndem Wafferftande und ftärkerem Gefälle auf Schwierigkeiten, fo find fie zur Regulirung eigentlicher Wildbäche noch viel weniger verwendbar. Kaum beachtete Mängel bei ihrer Herſtellung, durch Zufall entstandene, unerhebliche Gebrechen find gelegentlich der nächften Hochwäffer Veranlaffung zum Einfturze ganzer Strecken folcher Anlagen. Die kaum in etwas ruhig gewordene Bodenoberfläche der beiden Bergfeiten verliert fomit ihre Stütze und rutfcht oft auf grofse Flächen nach, ein reiches Material für neue Verwüftungen und Ueberfchüttungen in den Thalfohlen liefernd. Die über den Wildbach hergeftellten Querbauten, ganz bezeichnend Thalfperren genannt, entſprechen den gehegten Erwartungen bei Weitem beffer, namentlich dann, wenn man es vermeidet, gleich mit einem Male allzu hohe Abdämmungen anzubringen, fondern fich begnügt, felbe in dem Mafse, als die abgelagerten Schutt- und Gefchiebemaffen ruhiger geworden find, allmälig zu höhen. erDie Aufgabe des Forftmannes, die letzte Bindung, die letzten Schutzmafsregeln durch die Nachzucht einer geeigneten Holzbeftockung herzuftellen, ift eine überaus fchwierige. 20 Johann Newald. Diefe die ganze Erfindungsgabe und Energie der Forstwirthe und Techniker herausfordenden Thalverbauungen follen eigentlich eine warnende Mahnung, ein Studienobject fein, welches dem Forftmanne zeigt, was er mit aller Sorgfalt zu vermeiden habe. Und er kann in diefer Richtung fehr viel wirken. Er fchone die oberen Waldgürtel der Gehänge er fchone die auf den exponirten Punkten, fowie auf fteilen Lagen vorkommende Beftockung und Holzvegetation von welch' immer einer Befchaffenheit. Die Forftrente büfst dadurch fehr wenig ein, denn der Werth jener Hölzer, für deren Erhaltung wir fprechen, ift fehr gering gering in Folge ihrer Befchaffenheit und gering in Folge der grofsen Auslagen, welche die Fällung und Bringung verurfacht. Diefe kleinen Opfer werden viel fach aufgewogen durch die mittelbaren Vortheile, welche fich aus dem Verhüten verheerender Calamitäten ergeben. Die Sage, welche Schiller feinen Tell erzählen läfst: ,, Dafs auf dem Berge dort Die Bäume bluten, wenn man einen Streich Drauf führte mit der Axt, Und dafs fie gebannt, und, wer fie fchädige, Dem wachfe feine Hand heraus zum Grabe" - die Mahnung, die in diefer Sage liegt fie wird im Hochgebirge nur zu fehr vernachläffigt. Mit lebhafter Befriedigung mufs hervorgehoben werden, dafs der Bedeutung folcher Thalverbauungen und Thalfperren und der dieselben ergänzenden Forftculturen und Waldanlagen auch in weiter n Kreifen eine wohlwollende Beurtheilung zu Theil wird. Derk. k. Hofrath und Oberbauleiter der Donauregulirung bei Wien Guftav Wex hatte eine hochintereffante Abhandlung über die Wafferabnahme in den Quellen, Flüffen und Strömen, bei gleichzeitiger Steigerung der Hochwäffer in den Culturländern, ausgeftellt. Um jene Calamitäten zu beheben, welche theils Urfache, theils Folge der conftatirten Uebelſtände und Erfcheinungen find, wendet der Verfaffer einer fchonenden Waldbehandlung feine Aufmerkfamkeit zu, und bringt die Anlage von Thalfperren in Antrag, deren Wefen jedoch in mancher Beziehung verfchieden ift von jenen Thalverbauungen, auf welche fich die intereffante Ausstellungsgruppe des schweizerifchen Forftvereins bezieht. Demfelben wurde das wohlverdiente Ehren- Diplom, dem Ingenieur Rohr in Bern, feiner Leiftungen bei Verbauung der Wildbäche wegen, die MitarbeiterMedaille zuerkannt. Zu den Mafsregeln der Beftandespflege, beziehungsweife Stammpflege übergehend, nahm zunächft eine von der grofsherzoglich ba difchen Domänendirection zur Carlsruhe gebrachte, die Baumäftung im Schwarzwalde darftellende Ausstellungsgruppe unfere Aufmerkſamkeit in Anfpruch. Von den beiden Aeftungsfägen repräfentirte eine die im Murgthale übliche Form mit Holzgriff und Stellfchraube; die zweite war die im Kinzigthale gebräuchliche Säge mit Eifengriff ohne Stellfchraube. Letztere foll von den Arbeitern aus dem Grunde vorgezogen werden, weil fie ficherer und fefter gehalten werden kann. Längen- und Querfchnitte von Fichten und Weifstannen follten die Folgen von Ausäftungen, welche theils mit dem Beile, theils mit der Säge ftattgefunden hatten, zur Anfchauung bringen. Es darf als bekannt vorausgefetzt werden, dafs beim Mittelwaldbetriebe in Frankreich und Belgien die Aufäftung feit längerer Zeit in Uebung ift. Namentlich zu dem Zwecke, um die Nachtheile einer allzu grofsen Befchattung und Ueberfchirmung des Unterholzes durch die Oberftänder zu vermindern, werden letztere fo wie Alleebäume ausgeäftet. Forstwirthschaft. 21 Das Ausäftungsgefchäft wird dort an vielen Orten durch ein eigenes Ausäftungscorps gleichfam gewerbemäfsig ausgeführt. Dafs eine derart eigenthümliche Einrichtung bei der in Rede ftehenden wichtigen Mafsregel der Baumpflege Mifsbräuche und Uebergriffe herbeiführen mufs, kann nicht zweifelhaft fein. Diefen Uebelftänden traten, und zwar im Jahre 1861, Vicomte de Courval und 1864 Graf de Cars mit ihren Schriften entgegen, welche auch in Deutſchland grofse Verbreitung und Beachtung fanden. Wenn der forftliche Ausftellungskatalog des deutfchen Reiches hervorhebt, dafs im Schwarzwalde die Ausäftung bei Fichten und Tannen feit mehr als 50 Jahre üblich fei und durch ausgeftellte Scheiben die Erfolge von vor 29 bis 10 Jahren mit dem Beil und vor 13 bis 10 Jahren mit der Säge ausgeführten Ausäftungen dargethan werden, fo kommt mit Rückficht auf die öfterreichifchen Länder darauf hinzuweifen, dafs der Baron Aehrenthal'fche Förfter Vitus Ratzka, auf der Herrfchaft Trpift in Böhmen, in der Zeit vom Jahre 1820 bis 1856 ausgedehnte Ausäftungen vorgenommen hatte, deren Erfolge durch eine Zahl von ausgeftellten Probeftücken nachgewiefen waren. Dafs auch Ratzka an feinem Verfahren allmälig Verbefferungen vornahm, wie folche durch die Erfahrung als entſprechend dargethan wurden, verfteht fich von felbft. Vicomte de Courval tadelt mit Recht das Stummeln der Aefte und empfiehlt einen glatten Afthieb oder Schnitt. Mit der Angabe, dafs felbft 15 bis 20 Centimeter ftarke Aefte ohne Nachtheil für die Brauchbarkeit der Stämme entfernt werden können, geht fowohl er, als Graf de Cars unverkennbar zu weit. Gegen die Angabe, dafs bei einer glatten Schnittfläche und Pflege derfelben mit Theer eine baldige Vernarbung der Wunde ftattfinde, wird wohlberechtigt hervorgehoben, dafs durch die Ablagerung von Holzfchichten über die Schnittfläche eine Verwachfung mit der Unterlage niemals erfolgt, fondern die Ueberwallung lediglich als ein Einhüllungs-, nicht aber als ein Heilungsprocefs zu betrachten ift. Was in Bezug auf die Ausäftungsfrage befonders hervorzuheben kommt, ift der Umstand, dafs von Seite der grofsherzoglich badifchen Domänendirection zu Carlsruhe lediglich Längs- und Querfchnitte von Fichten nnd Weifstannen ausgeftellt waren, fo wie auch der Förfter Ratzka nur Probeftücke von Nadelhölzern eingebracht hatte. Während bei den Nadelhölzern der grofse Harzgehalt die Aftftummeln durch eine fehr lange Reihe von Jahren gegen Fäulnifs fichert, fo dafs im Falle einer Ausäftung das Uebertheeren der Schnittfläche als entbehrlich erfcheinen dürfte, zeigt fich bei den Laubhölzern das Verhältnifs gänzlich geändert. Je ftärker der abgenommene Aft war, je gröfser demnach die Schnitt- oder Hiebwunde ift, um defto längere Zeit wird erforderlich fein, bis diefelbe gänzlich überwallt fein wird. Mittlerweile ftellt fich an der Schnittwunde Vermoderung, Pilzfucht und Zerftörung der Holzfubftanz ein, welche fich in ihrem Vorfchreiten der Umgebung und endlich dem Schaftholze des Baumes mittheilt. Vorläufig läfst fich in Bezug auf das Ausäftungswefen eine Schlufsfolgerung nur dahin ausfprechen, dafs die bisherigen Erfahrungen, namentlich in Bezug auf Laubhölzer, zur grofsen Vorficht auffordern und die gewonnenen Refultate nur für gleiche Standorts- Verhältniffe und diefelben Holzarten verwendbar find. Im Allgemeinen wäre zu bemerken, dafs fchwächere Stämme das Ausäften leichter vertragen als ftärkeres Holz, dafs mit Sorgfalt das Maximum in der Stärke der abzunehmenden Aefte zu erwägen ift, indem es bei ftärkeren Aeften mindeftens zweifelhaft bleibt, ob ihre Entnahme mehr Vortheile oder Nachtheile für die Entwicklung des Stammes bringt und dafs fchliefslich das Ausäften alter Bäume und das Hinwegnehmen ftarker Aefte, bei denen das Ueberwallen der Schnittwunde entweder gar nicht mehr oder nur nach langer Zeit erfolgt, unzweifelhaft nachtheilig auf die Befchaffenheit und Verwendbarkeit der Stämme hinwirkt. 22 Johann Newald. Zu bemerken kommt noch, dafs dem obengenannten Förfter Veit Ratzka das Anerkennungs- Diplom für Darftellung der Folgen der Aufäftung zuerkannt worden war. Im Anfchluffe an die vorftehenden, der Walderziehung, der Beftandes- und Baumpflege zugewendeten Erörterungen und Darftellungen haben wir nunmehr der Waldfamen- Gewinnung zu gedenken. Bei dem Umfange, welchen die künftliche Nachzucht der Wälder mehr und mehr annimmt, ift die Deckung der erforderlichen, höchft erheblichen Samenmengen eine Frage von hochwichtiger Bedeutung. Unter den Ausftellern von Waldfamen haben wir der Firmen J. Jennewein in Innsbruck, Stainer& Hofmann in Wiener- Neuftadt, Heinrich Keller und Conrad Appel, beide in Darmftadt, zu gedenken. Jennewein, fowie Keller und Appel, find bekannte und bewährte Namen; in der Firma Stainer& Hofmann begrüfsen wir jedoch eine ftrebfame neue Kraft, welche namentlich in Bezug auf Schwarzföhrenfamen unfere befondere Beachtung verdient. - Befremdlich erfchien, dafs Heinrich Keller aus Darmſtadt von der Schwarzföhre zwei Samenproben eine als Pinus austriaca Trattinik, die zweite als Pinus Laricio Poiret- Conrad Appel ebenfalls zwei Samenproben diefer Holzart als Pinus austriaca und Pinus corsica, ohne Autorenangabe, ausgeftellt hatten. Die aufmerkfamfte Unterfuchung liefs zwifchen diefen vier Samengattungen und den von der Firma Stainer& Hofmann aus Wiener Neuftadt ausgeftellten mit Pinus austriaca Höss bezeichneten Proben nicht den geringften Unterſchied erkennen. Diefer Umftand conftatirt zunächft eine grofse Ungleichheit und Unklarheit in der Bezeichnung diefer Holzart feitens der verfchiedenen Samenhandlungen, und läfst fomit eine eingehende Erörterung derfelben als unvermeidlich erfcheinen. Sie möge auch dazu dienen, um einen Irrthum zu berichtigen, welcher fich in eine vom Profeffor Dr. S. C. Schübeler in Chriftiania als Ergänzung zu der von ihm ausgeftellten pflanzengeographifchen Karte Norwegens beigegebene Tabelle über die bisher bekannt gewordenen Verbreitungsgrenzen einer Reihe von Pflanzen eingefchlichen hat. - Unter den Pinusarten wird für Pinus austriaca Höfs, 64 Grad I Min. als nördliche, und 29 Grad 10 Min. als öftliche, ferner für Pinus Laricio Poiret, fo wie für Pinus nigricans Höfs, 59 Grad 54 Min. als nördliche und 28 Grad 23 Min. als öftliche Verbreitungsgrenze angegeben. - - Pinus Laricio Pinus austriaca Stellen wir die hier aufgezählten Namen der in Rede ftehenden Pinusarten oder Art zufammen, fo haben wir: Pinus austriaca Trattinik Pinus austriaca und Pinus corsica ohne Autorenangabe Pinus nigricans Höss. Poiret Höss - - Ein kurzer Excurs in die botanifche Gefchichte unferes Baumes dürfte genügen, um über den Gegenftand einiges Licht zu verbreiten. Der erfte Botaniker, welcher die Schwarzföhre von der gemeinen Föhre oder Weifskiefer unterfchied, war Clufius( Charles de l'Eclufe, geboren 1526 zu Arras, in der damals flandrifchen Graffchaft Artois). Er wurde vom Kaifer Maximilian II. im Jahre 1573 nach Wien berufen, wo er bis 1587 verweilte. Clufius entwickelte hier in botanifcher Beziehung eine raftlofe Thätigkeit, von ihm rührt die erfte Flora von Niederöfterreich her. Es ift diefes die ,, Historia rariorum stirpium per Pannoniam, Auftriam et vicinas quasdam provincias obfervatorum", welche 1583 bei Plantin in Antwerpen erfchien. Die Schwarzföhre befchreibt er auf pag. 16 diefes Werkes, und defsgleichen auf pag. 31 und 32 feines letzten, im Jahre 1601 erfchienenen Hauptwerkes:„ Rariorum plantarum historia"; er bezeichnet fie mit dem Volksnamen Schwarzföhre," fchwarze Ferrent". Mit diefem letzteren Umftande Forstwirthschaft. 23 ftehen die Angaben von uns vorliegenden Grenzbefchreibungen aus den Jahren 1689 und 1724 in Uebereinstimmung, wo als Grenzbäume wiederholt fchwarze Föhren, Schwarzgräffen und Weifsföhren aufgeführt werden. Es darf fomit auffallen, dafs diefe Unterfcheidung namentlich von den öfterreichifchen Botanikern, wozu felbft Kramer und der ältere Jaquin gehören, durch zweihundert Jahre unberückfichtigt geblieben ift. Bekanntlich hat im Jahre 1804 Poiret die Schwarzföhre unter dem Namen Pinus Laricio als eigene Art aufgeftellt. Erft im Jahre 1826 nannte fie Hoft: Pinus nigricans.( In Sauter's" Verfuch einer geographifch botanifchen Schilderung der Umgebung Wiens", Seite 23 und 25 und ,, Flora austriaca" II. pag. 628). Höfs gab ihr im Jahre 1830 in feiner bekannten Monographie den Namen Pinus austriaca. Beide diefe Benennungen find jedoch entfchieden jünger als der von Poiret gewählte Name; es wird daher die Schwarzföhre dermalen ziemlich allgemein, und zwar nach dem Rechte der botanifchen Priorität, Pinus Laricio Poiret genannt. Wir fehen, dafs fich die oben aufgezählten Namen fämmtlich auf eine und diefelbe Baumart auf unfere Schwarzföhre- beziehen, wozu nur bemerkt wird, dafs uns die Bezeichnung Pinus austriaca durch Tratinik und Pinus nigricans durch Höss unbekannt ift. - Zum Schluffe foll noch bemerkt werden, dafs der Firma Stainer & Hofmann in Wiener- Neuftadt für Waldfämereien and das Modell einer Klenganftalt das Anerkennungsdiplom zuerkannt worden ift. Noch auf eine andere deutfche Coniferenart möchten wir die Aufmerkſamkeit hinleiten und fie einer forgfältigen Beobachtung empfehlen. Es ift diefes die fogenannte Moorkiefer, von der fich in der fürftlich Schwarzenberg'fchen Ausftellung mehrere Stammfcheiben vorfanden. Neumann beobachtete diefe Föhre zuerft auf Hochmooren der Heufcheuer im böhmifch- fchlefifchen Grenzgebirge, in einer Seehöhe von 2000 bis 2400 Fufs. Er nannte fie Pinus uliginofa und befchrieb diefelbe in den Arbeiten der fchlefifchen Gefellſchaft 1837, Seite 95. In der Flora von Schlefien, Seite 339, nennt fie Wimmer nach Sauter: Pinus obliqua. Die Moorkiefer bildet auf der Domäne Wittingau ausgedehnte Beftände von fehr erheblichem Alter. Die Schaftlänge der Stämme ift verfchieden; fie erreicht 30 bis 40 Fufs, an einzelnen Exemplaren auch darüber. Der Standort ift ein Torflager von circa 1400 Fufs Seehöhe. Als Unterfcheidungsmerkmale der Moorkiefer von der Krummholzkiefer oder Legföhre wird der hohe Schaft und das Vorkommen einer herabgekrümmten Spitze auf dem Nabel der Zapfenfchuppen hervorgehoben. Nun gibt Wimmer( Flora von Schlefien, Seite 339) felbft zu, dafs die Moorkiefer auch ftrauchartig mit langen Aeften vorkomme und dann Knieholz genannt werde, während andererfeits die in den Hochlagen der Alpen am Boden hinkriechende Krummholzkiefer in tieferen Lagen einen aufrechten Schaft entwickelt; ja, in nicht allzu grofser Entfernung von den Wittingauer Moorkiefer- Beftänden und unter ziemlich ähnlichen klimatifchen und Bodenverhältniffen finden fich auf einem ausgedehnten Moore nächft Unterwuldau zahlreiche Exemplare diefer Kiefer, welche ihrem Baue nach völlig mit der Legföhre der Alpen übereinftimmen. Aus dem Dargeftellten dürfte zu entnehmen fein, dafs der bald mehr, bald weniger ausgeprägte Schaft bezüglich der in Rede ftehenden Kiefernarten kaum als ein ficheres Unterfcheidungsmerkmal betrachtet werden kann. Was den auf den Zapfenfchuppen vorkommenden abwärtsgekrümmten Haken anbelangt, findet fich derfelbe nicht nur bei der Moorkiefer, fondern ebenfo gut bei der Schwarzföhre, gemeinen Kiefer und Krummholzkiefer. Es ift diefes lediglich eine durch klimatifche Einflüffe hervorgerufene Mifsbildung, welche in einzelnen Jahren vorkommt, in anderen Jahren auf den Zapfen desfelben Stammes wieder ganz fehlt. 24 Johann Newald. Auch diefes Unterfcheidungsmerkmal ift, fo wie die Schaftlänge, gänzlich unzuverläffig. Selbft Sendtner:„ Die Vegetations- Verhältniffe Südbaierns", Seite 525, fagt, dafs Pinus Mughus Scopoli die Kalkpflanze ift, und zu ihr als Form mit aufrechtem Schaft die Pinus obliqua Sauter gehöre, während er Pinus Pumilio Hänke als die Hochmoorpflanze bezeichnet und ihr als Form mit aufrechtem Schaft die Pinus uliginofa Neumann zuzählt. Sendtner gibt felbft zu, dafs fowohl die beiden Hauptformen, fowie die Nebenformen, mit niedergeftrecktem und aufrechtem Stamme abändern- er anerkennt, dafs diefe Formen weder durch den Wuchs, noch durch bisher aufgefundene Formenmerkmale von einander verfchieden find, glaubt jedoch, Pinus Mughus Scopoli, und Pinus Pumilio Hänke als zwei Arten trennen zu follen, welche fich durch wefentlich geänderte Lebensbedingungen unterfcheiden. Diefe Anficht fteht jedoch ganz vereinzelt da, und da es Thatfache ift, dafs fich die Krummholzkiefer oder Legföhre von der Moorkiefer durch kein bleibendes Formen- oder Unterfcheidungsmerkmal trennt, fo können fie auch nur als zufammengehörig und als eine und diefelbe Art bezeichnet werden. Von den Anfängen im Forftculturwefen und den erften Maſsregeln zur Wiederaufforftung abgeholzter Waldflächen es mögen diefe lediglich in einer Unterftützung der natürlichen Waldverjüngung durch das Ueberhalten von Samenbäumen und in der Schonung famentragender Stämme, oder in einem directen Eingreifen durch Anwendung künftlicher Aufforftungsmittel, wie Saat und Pflanzung, beftanden haben ausgehend, fuchten wir den Weg anzudeuten, auf welchem man zu dem dermaligen Standpunkte des Wald culturwefens gelangte. Befchränkten fich die erften Mafsnahmen vorherrfchend auf aus localen Erfahrungen abgeleitete empirifche Manipulationen, und bewegte fich das Forftculturwefen lediglich in dem engen Kreife fortgefetzter Verfuche, fo verbreiten dermalen die hoch entwickelten Naturwiffenfchaften über das ganze Gebiet der Walderziehung ein klares Licht. Sie zeigen den Umfang der zu überwältigenden Aufgabe, fie bezeichnen die Mittel zur Löfung derfelben, und deuten den Weg an, welcher zu betreten wäre, um an das Ziel zu gelangen. Wer will es in Abrede ftellen, dafs die forftlichen Abtheilungen der Weltausftellung in diefer Richtung reiches Materiale für Erwägungen und Studien boten? Unfere Abficht konnte lediglich dahin gerichtet fein, auf einzelne Partien und Gruppen für kurze Momente ein Streiflicht fallen zu laffen. Kurzfichtige Mafsnahmen mehrerer Generationen haben an vielen Orten dem Walde tiefe Wunden gefchlagen, welche dermalen mehrfach die Exiftenz desfelben in Frage ftellen. Grofse Aufgaben treten an das moderne Forft- und Wald erziehungswefen heran. Die Bindung des Flugfandes, der Dünenbau an den Seeküften, die Thalverbauungen im Hochgebirge, fowie die dortigen Waldaufforftungen überhaupt, die Karftbewaldung find Probleme, welche die Entfchloffenheit und Willensfeftigkeit einerfeits, und Klarheit über die Zielpunkte und die zur Verfügung stehenden Mittel andererfeits herausfordern. Möge die Löfung diefer Probleme gelingen zur Ehre unferer Zeit und zum Ruhme des modernen Forft- und Waldculturwefens. - Ueberall, wo man die Bedeutung des Waldes, den Werth feiner Nutzungen, die hohe Wichtigkeit ihrer Nachhaltigkeit würdiget WO man von der Ueberzeugung durchdrungen ift, dafs jede Verfäumnifs in den Mafsregeln der Waldnachzucht einen Zuwachsverluft zur Folge hat, der fich unvermeidlich früher oder fpäter beim Ertrage des Forftes fühlbar machen mufs- WO man das Walderziehungswefen im Gleichgewichte zu erhalten fucht, mit den Mafsnahmen der Waldbenutzung und Abftockung, dort fucht man aus dem hochentwickelten Stande aller Disciplinen der Walderziehung, Beftandes und Baumpflege thunlichft Vortheile zu ziehen. Wer könnte auch die hohe Ausbildung von diefem - Forftwirthschaft. - 25 Zweige unferes Faches in Zweifel ziehen wollen? Ob aber die Mafsregeln der Waldnachzucht in räumlicher Beziehung, mit den fich fort und fort vollziehenden Waldnutzungen und Abftockungen im Verhältniffe ftehen, ift eine Frage, welche man der forgfältigften Würdigung empfehlen möchte. Waldbenutzung, Wirthschaftseinrichtung und ForftertragsBerechnung. Das durch die Entwicklung der allgemeinen ftaatlichen Verhältniffe in Mitteleuropa begünftigte Zuſammenfallen gröfserer Waldmaffen in einer Hand, die Bildung grofser wirthfchaftlicher Einheiten oder Verwaltungskörper nahm' - wie folches bereits nachgewiefen wurde auf die Behandlung und Pflege des Waldes einerfeits, und auf die Nachzucht desfelben, beziehungsweife auf die Anwendung geeigneter, fei es natürlicher oder künftlicher Culturmafsregeln andererfeits, einen höchft wefentlichen Einfluss. - Zahlreiche Belege ftellen aufser Zweifel, dafs nur gröfsere Waldbefitzungen einen geeigneten Boden für die Entwicklung des forftlichen Wirthschaftsund Betriebswefens abgeben. Kleine Waldwirthschaften find ftets nach den Bedürfniffen des Augenblickes, felten nur mit Bedachtnahme auf die Anforderungen der Zukunft behandelt worden. Dazu fällt noch fchwerwiegend der Umftand ins Gewicht, dafs kleinere Waldbefitzungen viel leichter und demnach auch viel häufiger den Herrn wechfelten, als diefes bei grofsen Forftdomänen der Fall war. Selbft die häufige Befitzänderung kleinerer Wald complexe ift ihrer wirthfchaftlichen Entwicklung abträgig, weil mit dem Herrn in der Ueberzahl der Fälle auch die Anforderungen, die an den Wald geftellt, die Anfichten, nach denen er behandelt wurde, wechfelten. Nun fteht es wohl aufser Zweifel, dafs eine zu oft wiederholte Abänderung der leitenden Gedanken und wirthschaftlichen Zielpunkte dem Walde nur Nachtheile bringt. Auch diefe Momente geftalten fich bei den grofsen Forftbefitzungen in völlig geänderter Weife. Der rafche Wechfel der bei kleinen Waldparcellen bezüglich ihrer Bewirthschaftung leicht realifirbar erfcheint, ift bei grofsen Waldgebieten viel fchwerer durchführbar. Eine Vorliebe zum Walde hat fich namentlich dort im hohen Grade entwickelt, wo derfelbe als ein Zugehör zu Majoraten oder Familien- Fideicommiffen vorkommt. Eine grofse Reihe von Domänenherren liefse fich aufzählen, welche die forgfältige Bewirthfchaftung und Pflege ihrer Wälder ftets als eine patriotifche Pflicht und nationalökonomifche Aufgabe, ja als einen Gegenftand ihres Ehrgeizes auffafsten. Den fchönen Waldbefitz, den die Väter erworben, gegründet und geflegt, nicht blos zu erhalten, fondern zu verbeffern, zu erweitern, zu vervollständigen- diefen Befitz und feine Ertragskraft zu heben und zu entwickeln, fomit denfelben. für das eigene Haus eben fo fehr wie für das Allgemeine fruchtbringend und fegensreich zu machen, wurde von ihnen fort und fort als ein feftes Ziel im Auge gehalten. Sowie in Bezug auf Nachzucht und pflegliche Behandlung des Waldes die Gröfse der einzelnen Waldparcellen und Complexe einen wefentlichen, ja entfcheidenden Einflufs genommen hat, ebenfo fehr war diefes in Bezug auf die Benutzung derfelben der Fall. Ein Waldbefitz von mäfsiger Ausdehnung fchliefst eine grofse Zahl wirthfchaftlicher Mafsregeln, welche eine entſprechende Ausnutzung und Verwerthung feiner Erträge vermitteln follen, oft ganz aus, während grofse Waldkörper ein weites Feld für wichtige und folgenreiche Anlagen bieten, wodurch eine intenfive Ausnutzung aller Walderträge in einer Weife ermöglicht wird, die fich beim kleinen Waldeigenthume niemals erreichen läfst. 26 Johann Newald. Es liegt in der Natur der Sache, dafs ältere Nachrichten über befondere, die Benutzung der Wälder erweiternde Einrichtungen und Transportanftalten nur aus grofsen Forften auf uns gekommen find. Die Waldparcellen der kleinen Befitzer wurden entweder gemeinfchaftlich( genoffenfchaftsweife) oder ganz felbftftändig benutzt. Im erften Falle ergaben fich aus der Eigenthümlichkeit einer gemeinfchaftlichen Waldbenutzung hervorgehende Schwierigkeiten, welche jedem Auffchwunge des Forftbenutzungswefens lähmend entgegentraten. Im Falle einer felbftftändigen Benutzung kleiner Forftbefitzungen konnte an fich fchon von hervorragenden, diefem Zwecke gewidmeten Anftalten und Einrichtungen keine Rede fein. Es möge weiters geftattet fein, auf den wefentlichen Unterfchied im Forftbenutzungswefen hinzudeuten, welcher fich ergab, je nachdem die Walderträge, namentlich das Holz, gleichfam in der Regie der Eigenthümer zur Deckung des Bedürfniffes verfchiedener holzverzehrenden Anftalten und Betriebszweige, als da waren Bergbau, Hüttenbetrieb, Salinenwefen u. f. w.ferner in den fich rafch entwickelnden und erweiternden Städten zu Befeftigungsanlagen, zur Herftellung von. Wohn- und öffentlichen Gebäuden fammt ihrem Zugehör etc. verwendet wurden oder die Erzielung des gröfsten Geldeinkommens, beziehungsweife des gröfsten Ertrages aus einem Waldcomplexe angeftrebt wurde. Es dürfte auffallend erfcheinen, dafs die vorliegenden Darftellungen das Gebiet der Forftbenutzung mit der Wirthfchaftseinrichtung und ForftertragsBerechnung in eine und diefelbe Gruppe zufammenfaffen. Wir glauben diefsfalls auf die Erwägung hindeuten zu follen, dafs fich die Mafsregeln der Wirthfchaftseinrichtung, Betriebsregulirung, oder wie diefe Disciplin nun fchon genannt werden will, von ihren erften Anfängen bis zu ihrem dermaligen Stande, aus dem Gange und jeweiligen Stande der Fortftbenutzung ableitete und entwickelte. Von dem Zeitpunkte an, als fich das Bedürfnifs einer Nachhaltigkeit in den forftlichen Nutzungen fühlbar machte, mufste man auf Mittel bedacht fein, um, diefer neuen Aufgabe, deren volle Wichtigkeit und Bedeutung man freilich nicht überall fogleich anerkennen wollte, zu entſprechen. Alle Mafsregeln, welche zu diefem Ende in Vorfchlag gebracht oder angewendet wurden, liefsen fich nur aus dem Wirthfchafts- und Benutzungsgange in den betreffenden Forften ableiten beide, nämlich Benutzungsgang und Wirthfchaftsregulirung waren; aus der Natur ihrer Aufgabe hervorgehend, vollſtändig zufammengehörig, und nachdem die Forftertrags- Berechnung doch nur als eine weitere Entwicklung der Wirthschaftseinrichtung aufgefafst werden kann, dürfte auch die Einreihung diefer Disciplin in unferer Gruppe wenigftens für die uns vorliegende Aufgabe als fachgemäfs erfcheinen. Die forftlichen Abtheilungen der Weltausftellung brachten im Bereiche des Forftbenutzungswefens ein reiches Materiale, wodurch in wahrhaft überzeugender Sprache der hohe Stand diefes wichtigen Wirthschaftszweiges dargethan wurde. Für die Beurtheilung des Weges, welcher zurückzulegen war, um diefen hervorragenden Stand zu gewinnen, dürfte ein in wenige Hauptmomente zufammengefafster Rückblick auf die Entwicklung des Waldbenutzungswefens nicht ganz ohne Intereffe fein. - Wo der Wald den Charakter eines Gemeindebefitzthums befafs, ferner wo derfelbe in eine Zahl kleiner Eigenthumsparcellen aufgelöft war, endlich wo Nutzungsberechtigungen fogenante Servitute in folchen Forften beftanden, die bereits in den Befitz eines gröfseren Grundherrn übergegangen waren, fand die Fällung des Holzes, welches, wenn auch nicht immer das vorzüglichfte, doch ficher eines der wichtigften Nutzungsobjecte des Waldes war, fowie deffen Bearbeitung und Vorrichtung, foweit folche im Walde felbft ftattfand, endlich der Transport auf die Beftimmungsorte durch die Waldeigenthümer oder Bezugsberechtigten felbft ftatt. Forstwirthfchaft. 27 Eine Art von Ueberwachung und Controle bildete fich erft dann aus, als mit den fteigenden Bedürfniffen an Holz und anderen Waldproducten die Noth wendigkeit hervortrat, Uebergriffe hintanzuhalten, welche von Seite der Miteigenthümer in Gemeindewäldern oder von Nutzungsberechtigten in den Forften der gröfseren Grundherren ausgeübt wurden. In diefe Ueberwachungs- und Controlmafsregeln mufste, follten fie von Wirkung fein, ein gewiffes Syftem gebracht werden( Vorzeigung der zur Fällung beftimmten Stämme und Bezeichnung mit dem Waldzeichen oder Waldhammer, Befichtigung des gefällten Holzes vor der Abfuhr, Verbot der Waldarbeiten an Sonn- und Feiertagen und während der Nacht etc.). Gegen Uebertretung wurden Straffanctionen verhängt, wobei hervorzuheben kommt, dafs namentlich Frevel, welche von Miteigenthümern in Gemeindewäldern verübt wurden, nach den von der Gemeinde felbft aufgeftellten Normen in der Regel viel ftrenger geahndet wurden, als gleiche Frevel in den Forfter der grofsen Gutsherren. An derartigen kleinen Materialnutzungen fand das Holztransportwefen keine Gelegenheit zur Entwickelung; diefe ergab fich erft dort, wo die Aufgabe geftellt war, gröfsere Holzmaffen auf erhebliche Entfernungen zu verfrachten. Bergbau, Hüttenbetrieb, das Salinenwefen, die rafch aufblühenden Städte waren jene Confumenten, welche zunächft aus den Forften ihrer Nachbarfchaft und in dem Mafse, als die Holzvorräthe derfelben fich verminderten, aus entfernteren Gebieten grofse Materialmaffen bezogen. Man dürfte kaum einen Fehlfchlufs machen, wenn angenommen wird, dafs der Transport derfelben vorherrfchend auf den Wafferftrafsen ftattfand der ſchlechte Zuftand der Landwege, die Unmöglichkeit ihrer Anlage im Gebirge führte zur umfaffenden Anwendung der Flöfserei und Trift. Dort, wo alljährlich grofse Holzmaffen zu den Verbrauchsorten gefchafft werden mussten, erfchien die Bearbeitung und Zulieferung durch die Eigenthümer oder durch die Bezugsberechtigten überhaupt ausgefchloffen. Das in den Gebirgsländern ftets mühevolle und nur zu oft gefährliche Gefchäft der Holzfällung und der Transportarbeiten, die Trift und Flöfserei, die Verkohlung u. f. w. mussten an entſprechend entlohnte Arbeiterfchaften übertragen werden. Es kamen zur Ermittlung der zugelieferten Holz- oder Kohlenmengen gewiffe Mafseinheiten in Gebrauch, bei Handelshölzern fand eine Bezeichnung der verfchiedenen Eigenthümern gehörenden Stücke in der Regel mit der alten Hausmarke ftatt. So bildeten fich, aus der Natur der obwaltenden Verhältniffe hervorgehend ,. jene Gefchäftsformen aus, welche wir ihrer Hauptfache nach heute noch in Uebung fehen. Die älteften gefchriebenen Nachrichten, welche über ftattgefundenen Flöfsereibetrieb auf uns gekommen find, finden fich in der Bibel, und zwar im I. Buche der Könige, V. Capitel, Salomons Bund mit Hiram bei der Vorbereitung zum Tempelbaue, 9. Vers. Diefer lautet: Meine Knechte follen Cedern und Tannen vom Libanon hinabbringen ans Meer, und will fie in Flöfse legen laffen auf dem Meere bis an den Ort, den du mir wirft anfagen laffen, und will fie dafelbft anbinden, und du follft fie holen laffen. Aber du follft auch mein Begehr thun und Speife geben meinem Gefinde. Für das Studium des Holztransportwefens, namentlich in Bezug auf Holzbringungs- Anftalten aller Art, auf Schwemm- und Flöfserei- Anlagen und Betriebseinrichtungen, find die Alpenländer eine wahre Hochfchule. Wir haben es hier mit einer Entwicklungsperiode zu thun, welche an mehreren Orten an zwei Jahrtaufende hinaufreichen dürfte. Allerdings find auch Nachrichten über Flöfsereibetrieb von Bauhölzern am Rhein und Po durch die Römer auf uns gekommen. Unverkennbar handelte. es fich bei diefen Transportunternehmungen lediglich um die Deckung befonderer 28 Johann Newald. Bauholzbedürfniffe bei der Herftellung von Befeftigungsanlagen etc. am Rhein oder für das aufblühende Ravenna; ein regelmäfsiger Flöfserei- und Schwemmbetrieb, wie er fich in den Alpenländern zur Deckung der Bau-, Kohl- und Brennholzbedürfniffe für den Bergbau, Hüttenbetrieb und für das Salinenwefen, nothwendigerweife entwickeln und gliedern mufste, kam dabei wohl nicht in Ausführung. Mit einem Scharffinne, welchem der Fachmann und Techniker niemals feine Aufmerkſamkeit wird entziehen. können, ja dem er nur zu oft feine Bewunderung wird zollen müffen, finden wir die für den Schwemm- und Flöfsereibetrieb erforderlichen mannigfaltigen Bauwerke und Einrichtungen entworfen, ihre verfchiedenen Beftandtheile combinirt und hergeftellt, welche fie den durch die Oertlichkeit gebotenen Rückfichten und der von ihnen zu erfüllenden Aufgabe mit voller Sicherheit entfprechen läfst. Die in Rede ftehenden Bau- Objecte, Herftellungen und Einrichtungen laffen fich im Allgemeinen, je nach ihrer Beftimmung, in drei Gruppen abtheilen, und zwar: Erftens jene Bauwerke, durch welche wir in die Lage gebracht werden, auf dem Schwemmbache den zum Trift- und Flöfsereibetriebe erforderlichen höheheren Wafferftand herzuftellen: Klaufen, Wafferftuben, Schwemmteiche etc. Zweitens: jene Vorkehrungen, welche dazu beftimmt find, das Schwemmmateriale an feinem Beftimmungsorte aufzuhalten, um das Ausländen desfelben bewerkftelligen zu können, Fang- und Abweisrechen. Drittens: jene Einrichtungen und Vorkehrungen, durch welche wir das Materiale im eigentlichen Schwemmwaffer zufammenhalten, deffen Eindringen in Seitenarme und Werkcanäle verhindern und das Befchädigen von am Triftbache vorkommenden Werks- und anderen Einrichtungen, Brücken, Stegen, Uferbauten etc. durch das Anftofsen von Schwemm- und Flöfsereimateriale zu verhindern trachten. Die Darftellung des Schwemmbetriebes durch die dabei in Verwendung kommenden, eben erwähnten mannigfachen Baugegenftände und Einrichtungen anbelangend, bot die Ausftellung des k. k. Ackerbau- Minifteriums in feiner Modellfammlung ein überreiches Studienmaterial dar. Diefe Modelle, zum Theile aus der Lehrmittel- Sammlung der k. k. Forftakademie in Mariabrunn entnommen, zum Theile von den k. k. Forft- und Domänendirectionen und Verwaltungen eingebracht, bezogen fich durchgehends auf Objecte, welche thatfächlich beftehen und benützt werden. Um Wiederholungen zu vermeiden, wollen wir zunächft dem Schwemmbetriebe in den k. k. Wienerwald- Forften unfere Aufmerkfamkeit zuwenden. Derfelbe findet auf dem Schwechatfluffe und auf einer Anzahl feiner oberen Verzweigungen und Zuflüffe ftatt; der Rechen kommt in dem Orte St. Helena nächft Baden vor. وو Die Schwechat- Schwemme wurde um das Jahr 1670, fomit während der Regierungszeit des Kaifers Leopold I. begründet. In Bezug auf diefelbe erwähnt Paragraph 36 der von Leopold I. erlaffenen Waldamts- Inftruction vom 26. April 1681 dafs der verftorbene Waldmeifter von Theuersberg hinder Alland ein fehr nützlich und bequemes Claus und Rechen gebaut, vermittelt das Holz gegen Baaden und gar nach Laxenburg erfpriefslich getrifft wird" Zum Schutze der neuen Schwemmunternehmung erliefs der Kaifer am 1. Mai 1696 ein dasfelbe betreffendes Privilegium. Die Klaufe wurde damals, in der fogenannten Lämmerau, aus Holz erbaut. Der Rechen befand fich, mit Rückficht auf die Verfrachtung des Schwemm holzes nach Wien und Laxenburg, in Möllersdorf. Die Trift war lediglich auf Scheit, beziehungsweife Brennholz berechnet. Die erwähnte fogenannte Hauptklaufe wurde im Jahre 1756 aus Steinen neu erbaut; bezüglich des Rechens Forstwirthschaft. 29 fand im Jahre 1805 eine Abänderung dahin ftatt, dafs er von Möllersdorf nach. St. Helena bei Baden verlegt wurde. Aufser der Hauptklaufe ftehen noch zwölf fogenannte Seitenklaufen im Betriebe, deren Wäffer dazu beftimmt find, um einerfeits auf dem Hauptbache den zur Trift erforderlichen höheren Wafferftand das Vorwaffer- herzuftellen, - andererfeits, um durch das allmälige Aneinanderreihen der einzelnen Klauswäffer eine thunlichft lange anhaltende Einzelfchwemme zu erzielen. Dem Triftbetrieb auf der Schwechat dürfte, was die Organifation und Gliederung desfelben anbelangt, unter allen ähnlichen Unternehmungen Mitteleuropas die erfte Stelle einzuräumen fein. Bei der jährlichen Schwemmdurchführung handelt es fich um die Abtrift von 20.000 bis 25.000 Scheiterklaftern innerhalb der Zeit von wenigen Wochen, das heifst während der Periode des Schnee- Abganges im Frühjahre, weil nur die Thauwäffer die Möglichkeit des entſprechend wiederholten Füllens fowohl der Hauptklaufe, fo wie der Nebenklaufen bieten. Erftere befitzt zwei neben einander geftellte Ausflufsöffnungen, welche mit fogenannten Schlagthoren und vor denfelben befindlichen Hebthoren gefperrt werden. Die Nebenklaufen find gröfstentheils mit Schleufenfperren verfehen. Von jeder Klaufe ift, bekannt: a) die Waffermaffe, welche fie bei gröfster Füllung fafst, b) welche Zeit das Ablaufen des Waffers bei verfchiedenem Stande der Ausflufsöffnung erfordert und c) welche Zeit bis zum Eintreffen der Klauswäffer am Hauptbache verfliefst. Auf Grundlage diefer Daten werden für jede Einzelfchwemme fehr forg. fältig erwogene Dispofitionen getroffen, welche felbftverftändlich allerfeits auf das Strengfte eingehalten werden müffen. Der Fangrechen in St. Helena kann mit Bezug auf feine Oertlichkeit, fowoh! hinfichtlich feiner Anlage, als auch der Baudurchführung nach, als fehr entsprechend, ja muftergiltig bezeichnet werden. Wenn das Ausländen des angefchwemmten Holzes mit der entsprechenden Lebhaftigkeit betrieben wird, fo dafs die fogenannten Fallbäche vom Holze thunlichft frei gehalten werden, dann find wefentliche Störungen im geordneten Verlaufe des Triftbetriebes nicht zu beforgen, wie denn überhaupt gröfsere Unglücksfälle, durch welche jede Schwemme fort und fort bedroht wird, hier fehr felten vorkommen. Die Schwechatfchwemme anbelangend, brachte die Ausftellung des k. k. Ackerbau Minifteriums, und zwar a) einen Situationsplan über das Schwemmgebiet mit feinen Haupt- und Seitenbächen und den darauf vorkommenden verfchiedenen Triftbauten; b) Modelle, und zwar der Hauptklaufe, der Grofskrottenbach- Klaufe mit Schleufenfperre, der Hainbach- Klaufe mit Zapfenfperre, des Hauptrechens bei St. Helena und zweier Abweisrechen; c) die wichtigften Uferverficherungen; d) einen Holzabziehfchlitten endlich fämmtliche bei der Holzfällung, Bringung, bei den verfchiedenen Schwemmarbeiten u. f. w. in Verwendung ftehenden Werkzeuge. - Als Gegenfatz zu dem in feiner Art einzig daftehenden Schwemmbetriebe im Wiener- Walde, wobei die Aufgabe vorliegt, in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit die Abtrift erheblicher Holzmaffen durchgeführt zu haben, kommt die Schwemme auf gröfseren Bächen und Flüffen vor, welche durch den ganzen Sommer, ja durch das ganze Jahr den zum Triftbetriebe erforderlichen höheren Wafferftand beſitzen. Die Ausftellung des k. k. Ackerbau- Minifteriums brachte eine grofse Anzahl Modelle von im k. k. Salzkammergute, in den Neuberg- Mariazeller Staatsforften in Steiermark, namentlich aber in Tirol in Benützung ftehenden Schwemmwerken und mit denfelben verbundenen mannigfaltigen Betriebsanlagen, an welche fich eine aus dem Salzkammergute, eingebrachte, fehr vollſtändige und ebenfo inftructive Modellsammlung von Schwemmbach- Verbauungen anfchlofs. 30 Johann Newald. Es würde viel zu weit führen, wollte hier in eine Befchreibung oder Darftellung diefer mannigfaltigen Triftbauten und Anlagen eingegangen werden. Wenn auch die Objecte gleicher Beftimmung( Klaufen, Rechen etc. etc.) eine Uebereinftimmung in ihrer Grundform und Einrichtung zeigen, im Detail ihrer Anordnung und in ihrer Ausführung find fie auf das Mannigfaltigfte verfchieden. Mit dem Entwurfe und der Herftellung eines jeden derartigen Schwemmgebäudes mufs immer ein ganz neues Problem gelöft werden. Die Anforderungen und Bedingungen, welche von der Oertlichkeit ausgehen, auf welcher das Object hergeftellt werden foll, das Material, welches zur Baudurchführung zur Verfügung steht, die Befchaffenheit des Untergrundes, namentlich im Bach- oder Flufsbette, die Gefällsverhältniffe des Thalgebietes im Allgemeinen und der Umgebung des projectirten Baues im Befonderen, die muth. mafsliche Benutzungsdauer, die Befchaffenheit des zur Trift kommenden Materiales, ob Blockholz, Drehlinge oder Scheiterholz, die Arbeitskräfte, durch welche der Bau zu realifiren fein wird, die Rückfichtnahme auf beftehende Rechtsverhältniffe, auf die Anforderungen und Bedingungen, welche Grundnachbarn und WafferwerksBefitzer ftellen, und noch eine Zahl bald mehr, bald weniger Einflufs nehmender, aus localen und wirthschaftlichen Verhältniffen hervorgehender Momente find Urfache, dafs jeder Neubau oder felbft nur der Umbau einer Klaufe, eines Rechens etc. etc. eine Aufgabe von hochwichtiger Bedeutung wird. Der Entwurf folcher Gebäude fällt überall den Local- Forftbeamten zu, da nur ihnen jene localen Erfahrungen zu Gebote ftehen, welche in Bezug auf den Zweck, der erreicht werden foll, und die Mittel, welche zu diefem Ende zur Verfügung stehen, von der höchften Wichtigkeit, ja ganz unentbehrlich find. Dafs dabei die Anfichten und Vorfchläge der bei der Trift befchäftigten fogenannten Meifterknechte u. dgl. gehört und wohl erwogen werden, ift felbſtverſtändlich. Zahlreiche Schwemmbauten geben Zeugnifs von dem klaren Verſtändniffe und der oft geradezu genialen Auffaffung, welche diefe Praktiker über Sinn und Wefen derartiger Anlagen und Gebäude haben. Eine befondere Aufmerkfamkeit nahm das aus dem Forftamts Bezirke Neuberg ausgeftellte Modell einer hölzernen Klaufe mit pilotirtem Grundbaue in Anfpruch. Ein zweites, fehr forgfältig ausgeführtes älteres Modell desfelben Bauobjectes, und zwar aus dem technifchen Muſeum der k. k. Forftakademie in Mariabrunn entnommen, befand fich in der additionellen Ausstellung für die Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen. Diefe Klaufe kommt an der kalten Mürz, unmittelbar unter dem Einmündungspunkte des die Grenze zwifchen Oefterreich und Steiermark bildenden Grasgrabens vor und heifst die Steinalpel- Klaufe. Sie wurde vor zehn Jahren ganz neu hergeftellt und bringt ein Syftem zur Anwendung, durch welches eine neue Richtung zur Geltung gebracht wird, in welcher der Klausbau, infofern eine Holzconftruction beabfichtiget ift, einer weiteren Ausbildung entgegenzuführen ift. Bei den älteren hölzernen Klaufen finden wir den Klauskörper aus einem drei- oder mehrfelderigen Kaftenbau gebildet. Um die Widerftandskraft zu erhöhen, find die einzelnen Fächer mit Steinen ausgefüllt. Abgefehen von den grofsen Holzmaffen, welche derartige Einrichtungen in Anspruch nehmen, bleibt man, fobald der Klauskörper älter geworden ift, ftets über den Zuftand im Innern desfelben in Zweifel. Einfenkungen an einer oder der anderen Stelle deuten allerdings an, dafs Holzbeftandtheile ausgefault find; allein es ift ohne koftfpielige Unterfuchungen kaum möglich, eine Einficht über den Gefammt- Bauftand der Klaufe zu gewinnen; wir haben es mit einem Objecte zu thun, von dem wir fort und fort eine Störung des geordneten Verlaufes der Trift beforgen müffen. Als es fich um den Neubau der Steinalpel Klaufe handelte, führten Erwägungen der bezeichneten Art den damaligen k. k. Oberförfter Wilhelm Stöger, Forstwirthschaft. 31 in Mürzfteg, dermalen Forftmeifter Seiner kaiferlichen Hoheit des Erzherzogs Leopold in Hörnftein, zu dem Gedanken des gänzlichen Abgehens von der Herftellung eines Kaftenbaues und Anwendung eines Syftemes von Streben, um der lediglich aus Werkhölzern von gleichen Dimenfionen gebildeten Klauswand die erforderliche Widerftandskraft zu geben. Werksdirector Hummel zu Neuberg und der dortige amtliche Zimmermeifter Alois Gröbl traten diefem Gedanken bei, fuchten ihn nach allen Beziehungen auszubilden, und führten gemeinfchaftlich mit Oberförfter Stöger den Bau der Steinalpel- Klaufe zum guten Abfchlufs. Durch eine zehnjährige Benutzung darf fie nun als erprobt bezeichnet werden. Die Klaufe hat eine Länge von 24 Klafter( 45.6 Meter). Die Spannhöhe des Waffers beträgt an der Klauswand 4 Klafter( 7.6 Meter). Sie ift derart conftruirt, dafs jedes im Laufe der Zeit fchadhaft werdende Werkstück leicht ausgewechfelt und durch ein neues Stück erfetzt werden kann. Dem in der additionellen Ausftellung vorhandenen Modelle der SteinalpelKlaufe wurde vom Preisgericht die Verdienft- Medaille zuerkannt. Wenden wir uns noch den übrigen Holzbringungs- und Transportanft alten zu, fo waren diefe im Pavillon des k. k. Ackerbau- Minifteriums durch Modelle von Eis- und Wafferriefen, des Holzaufzuges im Aurachthale bei Gmunden, von Wagen und Schlitten u. dgl. vertreten. Von befonderem Intereffe und ſehr inftructiv waren jene Ausftellungsgruppen, welche aus den in den einzelnen Län dern bei den verfchiedenen Holzfällungs- und Bringungsarbeiten etc. in Verwendung ftehenden Werkzeugen und Behelfen gebildet waren. Die Studien über das Holztransportwefen im Allgemeinen und über den Triftbetrieb im Befonderen, wie diefelben durch die diefsbezüglichen überaus reichen Ausftellungsgegenstände des k. k. Ackerbau- Minifteriums ermöglicht wurden, fanden ein neues Feld der Erweiterung durch die im Pavillon der Waidhofener Forftinduftrie- Gefellfchaft ausgeftellten Pläne, Modelle, Betriebsnachweiſe u. f. w. Diefe Gefellfchaft hat die zwei aus den öfterreichifchen Alpen der Donau zuftrömenden Flüffe Ybbs und Erlaf, und zwar erftere zum Flöfsereibetriebe, letztere zum Schwemmbetriebe adaptirt. Es kann hier nicht die Abficht vorliegen, eine Gefchichte der Begründung und Entwicklung diefer Unternehmung zu bringen; jene Zweige derfelben, welche fich auf das Holzbringungs- und Transportwefen, fowie auf die Verarbeitung und den Vertrieb des Materiales beziehen, dürften bei jedem Fachmanne die vollfte Anerkennung finden. Das erfte Ybbsflofs ging am 1. März 1866 von der Einbindftätte bei Hollenftein ab und langte am Abend des darauf folgenden Tages bei der Dampffäge nächft Amftetten an. Diefe erfte Fahrt ftiefs, wie folches wohl nicht anders erwartet werden konnte, auf einzelne Hinderniffe; fie nahm auch verhältnifsmässig mehr Zeit in Anfpruch als die fpäteren Fahrten, allein der Betrieb felbft war damit eingeleitet, der nun bald eine umfaffende Erweiterung erhielt. Die Langholzflöfserei auf der Ybbs ift jene, in Baden und Württemberg auf der Murg, Kinzig u. f. w. übliche Methode der ,, Geftörflöfserei in der verbohrten Wiede". Zum Zwecke der Flofsconftruction wird das Langholz nicht in einzelne fteife Geftöre zufammengefügt, fondern es werden 800 bis 1000 Stämme in ein einziges, 14 bis 22 Fufs( 4'4 bis 6.9 Meter) breites und 1200 bis 1500 Fufs ( 379 bis 474 Meter) langes durch Wieden gebundenes Flofs zufammengelegt und abgeführt. Während der Fahrt wird ein derartiges Flofs durch etwa 14 Mann geleitet und regiert. Die Geftörflöfserei kann auf allen Gewäffern angewendet werden, welche die gehörige Breite und eine zur Schwere des Holzes im Verhältniffe ftehende Waffertiefe von 15 bis 2 Fufs( 0474 bis o 632 Meter) befitzen und fo weit geregelt find, dafs die vorhandenen Krümmungen im Flufslaufe die Durchfahrt des Geftörflofses geftatten. 3 32 Johann Newald. Der Holztransport auf der Erlaf unterfcheidet fich von jenem auf der Ybbs dadurch, dafs auf derfelben die Trift von Scheitholz und Blöcken in nicht gebundenem Zuftande bis zu dem nächft Pöchlarn an der Donau befindlichen Hauptrechen ftattfindet. In der Nähe des Rechenplatzes kömmt die zweite grofse Dampffäge der Gefellſchaft vor, deren Lage für den ganzen Gefchäftsbetrieb als befonders günftig bezeichnet werden mufs, da durch die mässige Entfernung von der Donau die weitere Verfrachtung der Sägematerialien befonders erleichtert und begünftigt wird. - Die Ausstellungshalle der Waidhofener Forftinduftrie- Gefellſchaft enthielt eine Zahl Modelle von wichtigen Holzlieferungsanftalten, Transportmitteln und Einrichtungen, und zwar von Brennholz und Langholzriefen, das Detail ihrer einzelnen Beftandtheile, eines Holzfanges oder fogenannten Moifche, Modelle der für den Langholztransport fehr zweckentfprechend eingerichteten StammholzWagen und Stammholz- Schlitten, beide mit Drehfcheibe und Starz das Modell der neu erbauten Ois- Klaufe, zu dem wir uns nur die Bemerkung erlauben, dafs wir für die oberen zwei Dritttheile des Klausgebäudes jene Einrichtung in Vorfchlag gebracht hätten, welche an der oben erwähnten Neuberger SteinalpelKlaufe angewendet erfcheint. Ferner trafen wir dort Modelle verfchiedener Rechenanlagen, darunter den fehr entſprechend conftruirten Steinbachrechen das Modell einer fogenannten Flofsrutfche, das ift jener Einrichtung, durch welche das Abgehen des Flofses über auf dem Fluffe vorhandene Wafferwehren vermittelt wird, endlich das Modell eines vollſtändig adjuftirten Geftörflofses und jenes der fogenannten Langauer Schwelle. Es kann nicht in Abrede geftellt werden, dafs durch die Unternehmungen der Actiengefellfchaft für Forftinduftrie in Waidhofen an der Ybbs eine beachtenswerthe Verbefferung der Holz- Transportmittel und eine beffere Ausnützung der Forftproducte vermittelt worden ift. Es wurde ihr durch das Preisgericht die Fortfchritts- Medaille zuerkannt. Es ift oben der Umftand hervorgehoben worden, dafs in den Alpenländern die grofsen Schwierigkeiten, welche fich der Anlage und Erhaltung von Strafsen und Wegen, namentlich wenn durch diefelben entferntere und fchwerer zugängliche Thalgebiete erfchloffen werden follten, entgegenftellten, zur Anwendung und Entwicklung des Trift- oder Schwemmbetriebes, und zwar ebenfo fehr zum Transporte von Blockhölzern, wie von Kohl- und Brennhölzern führten. In gleicher Weife drängten die Uebelſtände, welche bezüglich Beifchaffung der erforderlichen Zugkräfte jedesmal entftanden, fobald es fich um den Transport gröfserer Holzmaffen auf erhebliche Entfernungen handelte, zur erweiterten Verwendung der Wafferftrafsen, welche Transportmethode überdiefs noch den grofsen Vortheil eines mäfsigen Koftenaufwandes für fich hat. Auch in den Ländern der ungarifchen Krone, oder doch in erheblichen Gebieten derfelben, fehen wir aus den gleichen Veranlaffungsurfachen ähnliche Folgen hervorgehen. Wir finden in einer grofsen Zahl der Gebirgscomitate den Schwemm- und Flöfsereibetrieb feit einer langen Reihe von Jahren in Uebung, an eben fo vielen Orten fich fort und fort in gedeihlicher Weife entwickeln, vielfach auch als ganz neue wirthschaftliche Einrichtung dem Benutzungsgange grofser Waldgebiete eine neue Richtung geben. Wir glauben keine wefentliche Einfprache beforgen zu dürfen, wenn wir die Entwicklung des Flöfserei- und Triftwefens in den Ländern der ungarischen Krone, in einem wefentlichen Theile derfelben, auf deutfche Einflüffe zurückführen. Bleibt auch die Beftimmung der verfchiedenen diefsäflligen Bau- Anlagen überall diefelbe, wird die Errichtung von Klaufen und Wafferftuben allerorts die Herftellung des zum Schwemmbetriebe erforderlichen höheren Wafferftandes beabfichtigen, wird man zum Auffangen des Triftmateriales die fogenannten Holz Forftwirthfchaft. 33 rechen kaum entbehren können, wird auch auf die Anlage und Einrichtung aller diefer Bau- Objecte die Oertlichkeit, das zur Verfügung stehende Baumaterial, die Rückficht auf die Herftellungskoften u. f. w. einen entfcheidenden Einfluss nehmen; fo bietet doch fo manches Baudetail ausreichende Anhaltspunkte, um den Zufammenhang zwifchen den Objecten in ungarifchen Schwemmbezirken und ihren Originalien in den weftlichen Ländern conftatiren zu können. In der ungarifchen Ausftellungshalle erfchien das Trift- und Flöfsereiwefen in hervorragender Weife, und zwar durch Modelle verfchiedener Schwemmwerke und Bau- Anlagen, Werkzeuge und Geräthe etc. vertreten. Von befonderem Intereffe war der umlegbare fogenannte Bockrechen aus dem königlichen Forftamte zu Mühlbach in Siebenbürgen. So fehr und gerne wir die Anlage und Einrichtung des ganzen Werkes als wohl durchdacht anerkennen, können wir in Bezug auf die Widerftandskraft im Falle eines Hochwaffers und Anfchwemmung grofser Holzmaffen an dem Rechen die Sorge eines Durchbruches nicht überwinden. In Bezug auf den Trift- und Flöfsereibetrieb enthielt die Forftausftellung der ungarifchen Länder zahlreiche Studienobjecte, und zwar theils in Modellen. von Schwemmbauten der mannigfaltigften Art und Beftimmung und den damit im Zufammenhange ftehenden Einrichtungen, theils in Gruppen von Werkzeugen und Behelfen, welche in den verfchiedenen Gebieten beim Schwemm- und Flöfsereiwefen zur Verwendung kommen. Von befonderem Intereffe waren die von der königlichen Berg- und Güterdirection zu Mármaros- Szigeth und von dem königlichen Forftamte zu Neufohl in den Weftkarpathen ausgeftellten Modelle. Es kann hier nicht unfere Aufgabe fein, eine eingehende Befchreibung der einzelnen Objecte zu geben. Eines jedoch glauben wir hervorheben zu follen, dafs fich auch bei den Triftbauten und Anlagen in den Ländern der ungarifchen Krone jener Verlauf und Entwicklungsgang beobachten läfst, wie wir ihn bei dem altbeſtehenden Schwemmwefen der Alpenländer klar hervortreten fehen. Zunächft fehen wir grofse Anlagen entſtehen, bei deren Herftellung und Einrichtung das Holz bezüglich Menge und Stärke in geradezu verfchwenderifcher Weife in Verwendung kam. Später fehen wir die Anlagen und Werke fich vereinfachen, eine beffere Conftruction läfst Erfparungen an Material und Herftellungskoften erzielen, endlich tritt, wo diefes nur immer durchführbar erfcheint, feftes Baumaterial, nämlich Steine und Eifen an die Stelle des Holzes. Beachtenswerth war die von der Firma Popper ausgeftellte Gruppe aus dem Gebiete des forftlichen Transportwefens; endlich haben wir noch der diefe Gegenftände behandelnden Partie aus der foiftlichen Abtheilung der Collectivausftellung der k. k. privilegirten öfterreichifchen StaatseifenbahnGefellfchaft zu gedenken, welche auf ihrer grofsen Banater Domäne Oravicza namentlich der Entwicklung des forftlichen Transportwefens grofse Aufmerkſamkeit zuwendet. Erft in der neueſten Zeit wurde eine ftändige Trift auf der Berzava zur jährlichen Bringung von 40.000 Klaftern aus den Urwäldern des Reficzaer Amtsbezirkes eingerichtet und wurden die Ländplätze mittelft einer fchmalfpurigen Locomotivbahn mit den Hochöfen in Verbindung gebracht. Zu gleicher Zeit wurde die zweite ftändige Trift auf der Nera hergeſtellt, um die Hinterwälder der Szaszkaer Verwaltung aufzufchliefsen. Der Specialkatalog über die Forftausstellung der ungarifchen Länder enthielt, namentlich in Bezug auf die königlichen Staatsforfte, auf die Fondsforfte und auf die Staatsforfte Kroato- Slavoniens, bezüglich ihres Flächenausmasses, ihres nachhaltigen Ertrages und der allfälligen Materialüberfchüffe oder Abgänge fehr fchätzenswerthe Daten. Die Entwicklung des Eifenbahnnetzes und damit im Zufammenhange der, namentlich auf die Trift und Flöfserei bafirte Holztransport- Betrieb wird dort in Bezug auf das Waldwirthfchaftswefen fehr erhebliche Refultate erzielen laffen. 3* 34 Johann Newalc Die Bedeutung der ausgedehnten, über das ganze Königreich verbreiteten und vertheilten Aerarial- und Fondsforfte und ihrer Behandlung und Bewirthfchaftung, in Bezug auf ihre geographifche Lage und topographifchen Verhältniffe, auf Bodenbefchaffenheit und Klima, auf Bevölkerung und Nationalität, auf die verfchiedenartigen Beziehungen der Güterverwaltung und Bewirthschaftung, auf die Erträgnifsquellen und deren Ausnützung, auf die mit der Land- und Forftwirthschaft im Zufammenhange bereits beftehenden oder fich neu entwickelnden Gewerbe und Induftrien, auf die hieraus hervorgehenden oder fie bedingenden Handels- und Verkehrsverhältniffe, überhaupt auf alle nationalökonomifchen und volkswirthschaftlichen Intereffen, auf Volkserziehung und Bildung u. f. w. ift derart hervorragend, dafs fie ein umfaffendes Studium rechtfertigt. Der Waldwirthschaftsbetrieb und feine Jünger ftehen in erfter Linie jener Pionniere. deren Miffion darin liegt, Cultur und Wirthfchaft nach dem Often zu tragen. Für Ungarn und feine Länder wird das Forftwirthschaftswefen und feine Pflege und Förderung für alle Zeiten die höchfte Bedeutung bewahren. Sowie in Bezug auf Walderziehung und Waldpflege nahm auch die forftliche Abtheilung von der Collectivausftellung der Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg hinfichtlich des Holzbringungs- und Transportwefens eine hervorragende Stelle ein. Es kamen dabei namentlich die im füdlichen Böhmen gelegenen fürftlichen Befitzungen in Betracht, auf denen der Schwemmund Flöfsereibetrieb auf einer hohen Stufe der Entwicklung fteht. Schon in den Jahren 1787 bis 1789 wurde durch den Fürften Johann Nepomuk die Anlage jenes grofsartigen Schwemmcanales begonnen, durch welchen die Möglichkeit gefchaffen wurde, Brennhölzer aus den Krumauer Urwäldern nach Wien und Linz zu liefern. Jofef Rofenauer, zuerft Forftamtsadjunct zu Salnau, fpäter fürftlicher Schwemmdirector, war der Schöpfer diefer hervorragenden Unternehmung. Die erfte Scheiterfchwemme wurde im Jahre 1790 ausgeführt. Die Länge des Canales fammt einem Theile der canalifirten kleinen Mühl beträgt nahe 27.000 Wiener Klafter( 512 Kilometern). Wird die Hirſchbachriefe, der See und Rofsbach canal und die Canalifirung einiger Nebenbäche eingerechnet, fo ift die ganze Canallänge 29.423 Klafter( 55.8 Kilometer). Der höchfte Punkt desfelben hat am fogenannten Lichtwaffer, hart an der bairifchen Grenze, eine Seehöhe von 2904 Wiener Fufs( 917.7 Meter). Der Canal fenkt fich bis in die Nähe des Abfturzes auf dem fogenannten Rofenhügel auf 2444 Fufs( 772 3 Meter herab und befitzt ein durchſchnittliches Gefälle von 18 Zoll per Klafter, von welchem Durchschnitte nur an einzelnen Stellen Abweichungen vorkommen. Der Schwemmcanal hat an der Sohle eine Breite von einer Klafter, er ift oben zwei Klafter breit und befitzt eine Tiefe von durchſchnittlich drei Fufs. An einer Stelle( oberhalb des Hirfchenberger Forfthaufes) ift derfelbe in der Länge von 221 Klafter in der Form eines Tunnels durch einen Bergrücken getrieben, welche Arbeit unter der Leitung es fürftlichen Ingenieurs Jofef Falta im Jahre 1824 vollendet wurde. Um im Canale den zum guten Fortgange der Schwemme erforderlichen Wafferftand herzuftellen, wurde eine Wafferfchwelle angelegt und durch Erhöhung des Dammes auch der aus Adalbert Stifter's Novelle Hochwald" bekannte Blöckenfteiner See zu demfelben Zwecke eingerichtet. " Die Gefammtkoften des Werkes beliefen fich mit Einfchlufs der erforderlichen Hochbauten und Platzadaptirungen auf circa 250.000 Gulden Conventionsmünze, in welcher Ziffer jedoch fpätere Bauten und Erwerbungen nicht eingerechnet find. Am Mühlfluffe reicht die Holztrift bis zum grofsen Partenfteiner Rechen unfern Neuhaus an der Donau, wo das Material ausgeländet und auf der Donau nach Linz und Wien verfchifft wird. Forstwirthschaft. 35 In neuerer Zeit wurde der Verfuch gemacht, den Schwemmcanal ftreckenweife zur Blocktrift zu benützen, ein Unternehmen, welches kaum auf befondere Schwierigkeiten ftofsen dürfte. Im Jahre 1795 entwarf der damalige Schwemmdirector Jofef Rofenauer auch den Plan, die Forfte der Domäne Stubenbach durch einen 7600 Wiener Klafter( 14'4 Kilometer) langen Schwemmcanal mit der Wotawa, dem ftärksten Nebenfluffe der Moldau, zu verbinden. Der grofsen Schwierigkeiten wegen, waren die Koften fehr erheblich. Die erfte Schwemme fand im Jahre 1801 ftatt. Rofenauer ftarb, 66 Jahre alt, im Jahre 1805 zu Krumau. Dem Schwemm- und Flöfsereibetriebe auf der Moldau wird durch die oberhalb des Stiftes Hohenfurth vorkommende fogenannte Teufelsmauer ein fehr wefentliches Hindernifs bereitet. Es ift diefes eine Wegftunden lange Felsverftürzung, unverkennbar Gefchiebeftücke einer einftigen Gletfchermuräne enthaltend. Um für die Scheiterfchwemme ein befferes Rinnfal zu gewinnen, liefs in der Zeit von 1760 bis 1770 der damalige fürftlich Schwarzenberg'fche Jägermeifter Wenzel Ritter von Feldegg Sprengungen durchführen, wodurch allerdings die Scheitholztrift in etwas gefördert, allein für den Flöfsereibetrieb keine Erleichterung gefchaffen wurde. Dermalen müffen alle auf dem oberhalb der Teufelsmauer gelegenen Flufstheile ankommenden Flöfse bei der fogenannten Lippener Schwebe auseinandergenommen, ausgeländet und das Material mittelft Wagen zu der mehr als eine Wegftunde entfernten Einbindftätte nächft Hohenfurth gefchafft werden, wo dasfelbe abermals eingewäffert und zu neuen Prahmen- Flöfsen gebunden wird. Diefe Unterbrechung führt nicht nur eine Verzögerung im Verlaufe der Flöfserei herbei, fondern fie fteigert auch die Koften derfelben in fehr erheblicher Weife. Die Behebung des durch die Teufelsmauer gebildeten Hinderniffes ift daher auch feit einer langen Reihe von Jahren Gegenftand reiflicher Unterfuchunund Studien. In der fürftlich Schwarzenberg'fchen Ausftellungshalle war ein zu diefem Ende vom Wafferbau- Ingenieur Deutfch entworfenes und nach allen feinen Details ausgearbeitetes Project ausgelegt. Dasfelbe beantragt die Anlage eines Flöfsereicanales am linken Ufer der Moldau, für die ganze Länge der durch die Teufelsmauer gebildeten Stromfchnellen und Felsverftürzungen. gen Unzweifelhaft erfcheint die Anlage eines Canales als das am beften geeignete Mittel; um das in Rede ftehende Flöfsereihindernifs zu beheben. Nachdem die Flofsprahmen eine Breite von 14 Fufs( 4'42 Meter) befitzen, fo beantragt das Project, um bei dem Vorkommen von Krümmungen nicht Stockungen und Störungen im Abgange der Flöfse zu veranlaffen, eine Canalbreite von 20 Fufs( 6.32 Meter). Der Ueberwindung der fehr erheblichen Gefällsunterfchiede wendet das Project die gröfste Sorgfalt zu, und erfcheint diefer Theil desfelben als eine hervorragende Leiftung. Die Bau- Auslagen waren auf rund 600.000 fl. öfterreichischer Währung veranfchlagt. Wenn dem projectirten Canale dadurch die wefentlichfte Aufgabe zufällt, dafs er die Ueberwindung der an jener Stelle beftehenden Flöfsereihinderniffe ermöglichen und vermitteln foll, dann ist wohl die Erwägung geftattet, ob er diefer Beftimmung nicht auch durch eine einfachere, minder koftfpielige Einrichtung zu entfprechen vermag. Wir erachten, dafs in Bezug auf die Ueberwindung der fraglichen Hinderniffe auch feitens der Flöfserei einige Zugeftändniffe zu machen wären. Für den Canal wird die Breite von 20 Fufs beantragt, weil auf der oberen Flufsftrecke die Flofsprahmen eine Breite von 14 Fufs befitzen. Durch die erhebliche Breite von 20 Fufs werden die Anlage und der Ausbau des Canales fehr erfchwert und der Koftenaufwand wefentlich gefteigert. Dabei entſteht noch das wichtige Bedenken, dafs im Falle eines tieferen Wafferftandes der Canal nicht hinlänglich gefpeift werden dürfte, um das Abgehen der Flöfse zu ermöglichen. 36 Johann Newald. Es tritt dadurch die Frage in den Vordergrund, ob bei einer nicht allzu fchwer durchzuführenden Aenderung im Flöfsereibetriebe auf der oberen Flufsftrecke, für die Anlage und Benützung des projectirten Canales, nicht wefentliche Erleichterungen zu erzielen wären. ab Würden die 14 Fufs breiten Prahmen derart abgebunden und eingerichtet, dafs fie an der Lippener Schwebe der Länge nach getrennt werden könnten, wodurch zwei Prahmen von der halben Breite, nämlich von 7 Fufs entſtänden, und würde man diefe einzelnen Theile zu einem neuen Flofs derart aneinander reihen, dafs das früher, etwa aus 16 Einzelprahmen von je 14 Fufs Breite gebildete Flofs nunmehr aus 32 7 Fufs breiten Prahmen, jedoch von der doppelten Länge, beftehen würde, fo könnte der Canal eine auf die Hälfte verminderte Breite erhalten; er würde jederzeit den zur Abflöfsung erforderlichen Wafferftand befitzen, und das fchmale, jedoch erheblich lange Flofs würde felbft fehr wefentlich zur Regulirung feiner Ganggefchwindigkeit beitragen. In der zunächft dem unteren Ende der Teufelsmauer gelegenen Einbindeftätte angelangt, könnte das Flofs nun in jener Art eingerichtet und abgebunden werden, wie folches die für die Moldau und Elbe geltenden Strompolizei- Vorfchriften erheifchen. Wäre es möglich, die Flöfserei auf der oberen Flufsftrecke in jener Art zu betreiben, wie folche im Schwarzwalde und in Niederösterreich auf der Ybbs üblich ift, welche wir oben als„ Geftörflöfserei in der verbohrten. Wiede" bezeichneten, dann dürfte, nachdem bei diefer Verbindungsart die einzelnen Geftöre viel beweglicher find, als bei der auf der Moldau üblichen ſteifen Prahmenverbindung, der Abgang des Flofses durch den Canal noch mehr gefichert werden. In der fürftlich Schwarzenberg'fchen Ausftellungshalle befand fich unter den forftwirthfchaftlichen Modellen auch das einer Holzriefe im Böhmerwalde. Wir glauben auf diefen Umftand befonders darum aufmerkfam machen zu follen, weil diefe Holzbringungsanftalt im Böhmerwalde in Folge des 1870er Windbruches das erfte Mal in Anwendung gekommen ist. Angeregt durch die diefsfälligen zahlreichen Ausftellungsobjecte, haben wir dem Schwemm- und Flöfsereibetriebe in den Ländern der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie und den damit in Verbindung ftehenden anderweitigen Holzbringungsanftalten eine befondere Aufmerksamkeit zugewendet. Es ift eine hohe Stufe der Entwicklung, auf welcher wir in diefen Ländern diefen Zweig des forftlichen Betriebswefens finden, und beachtenswerth find die Fortfchritte, welche bei demfelben fort und fort gemacht werden. In räumlicher Beziehung treten mit jedem Jahre neue Schwemm- und Flöfserei Einrichtungen und Unternehmungen ins Leben, während wir an den beftehenden diefsfälligen Anftalten ftets wefentliche Verbefferungen und Erweiterungen durchführen fehen, deren Streben namentlich auf einen thunlichft intenfiven Betrieb gerichtet erfcheint. Die mässigen Koften, mit denen fich durch den Waffertransport namentlich gröfsere Holzmaffen auf oft fehr entfernte Verbrauchs- oder Abfatzorte fchaffen. laffen, werden dem Trift- und Flöfsereiwefen noch für lange Zeit feine volle Bedeutung fichern. Wenn auch die das Holzgewinnungs- und Transportwefen darftellenden Gruppen aus der grofsen forftlichen Ausftellung des deutfchen Reiches nicht jene Mannigfaltigkeit und jenen Umfang in Anfpruch nehmen konnten, wie die gleichen Ausftellungsabtheilungen und Objecte aus den öfterreichiſch- ungarifchen Königreichen und Ländern, fo boten fie dennoch ein Studienmaterial von hervorragendem Intereffe. Wir haben hier zunächft die von der grofsherzoglich badifchen Domänen direction zu Carlsruhe, namentlich das Holzfällungs-, Bearbeitungs- und Bringungswefen im badifchen Schwarzwalde darftellenden Gruppen zu erwähnen Forstwirthschaft. 37 Eine Reihe von Werkzeugen und Geräthen, wie fie zur Fällung, zum fogenannten Rauh- und Feinbefchlagen der Stämme, zum Abfeilen von Langhölzern auf Bergabhängen u. f. w. in Verwendung ftehen, waren ausgelegt. Die eigentlichen Holzhauer- Werkzeuge und Geräthe hatte der Schmiedemeifter Kaltenbach angefertigt und zeichneten fich diefelben durch ein gutes Material und folide Arbeit aus. Im badifchen Schwarzwalde betrachtet man die Periode von Mitte März bis Mitte Mai als die befte Fällungszeit. Unzweifelhaft trocknet das in diefem Termine gefällte Material rafch aus, ein Umftand, der auch den eigentlichen Winterfällungen zugute kommt und jedenfalls in Folge Gewichtsverminderung des Holzes von wefentlicher Bedeutung ift, es möge der Transport nun fchon zu Lande oder im Wege der Flöfserei ftattfinden. Auf dafs eine möglichft vollständige Austrocknung ftattfinden kann, bleibt im badifchen Schwarzwalde das zugerichtete Stammholz bis Ende September im Walde, beziehungsweife in den Schlägen liegen. Erft dann beginnt die Zulieferung an die Leitwege und Riefen, das fogenannte Räumen. Leitwege find fchmale, in zwei Meter Entfernung mit gefchälten tannenen oder buchenen Halbkloben oder Spältern belegte Wege, auf denen Langhölzer gefchleift, Brennhölzer jedoch mittelft Schlitten abgeliefert werden. Die durch Modelle dargestellte Conftruction von Holzriefen zeigt von der in den Alpenländern üblichen Einrichtung diefer wichtigen Transportanftalten nur geringe Abweichung. Was die zum Flöfsereibetriebe gehörigen Geräthe und Bauherftellungen anbelangt, nahmen zwei Modelle von kleinen Klaufen, im Schwarzwalde Flofsweiher genannt, unfere Aufmerksamkeit in Anfpruch. Das eine Modell repräfentirte eine Holzconftruction des Klaufen- oder Weiherdammes, das zweite einen Steinbau. Für die erftere Form dürfte fich das oben erwähnte Stöger'fche Strebefyftem, wie es an der k. k. Neuberger Steinalpel- Klaufe in Anwendung gebracht wurde, befonders eignen, und zwar umfomehr, da diefe fogenannten Flofsweiher ihrem Umfange und der Schwierigkeit ihrer Herftellung nach den in den Alpenländern vorkommenden Klausbauten wefentlich nachftehen. Der Flöfsereibetrieb im badifchen Schwarzwalde, auf der Wolfach und Kinzig, von Rippoldsau bis Kehl, ift ganz jener Vorgang, wie wir ihn oben bei der von der öfterreichifchen Actien- Gefellfchaft für Forftinduftrie zu Waidhofen, auf der Ybbs eingeführten„ Geftörflöfserei in der verbohrten Wiede" erwähnt haben. Die einzelnen Schwarzwald- Flöfse werden ganz in derfelben Form zufammengeftellt und abgebunden, wie auf der Ybbs; ebenfo ift der Flöfsereibetrieb felbft an beiden Orten völlig übereinftimmend. In der Collectiv- Ausftellung von Elfafs Lothringen, welche durch den Brand des Elfäfser Bauernhaufes zu Grunde ging, befand fich eine Reihe von Holzhauer- Werkzeugen und eine Anzahl von Modellen für verfchieden conftruirte Laftwagen und Schlitten, das Modell eines Canalfchiffes für Brennholz- Transport, eines Langholz- Flofses für Canal- und Rheinflöfserei, eines Canalflofses für Eichenftammholz, eines Bretterflofses für Gebirgsflöfserei und endlich das Modell eines Rhein- Nachens. Bei der Anlage von Holz- Transportanftalten und Einrichtungen fällt unverkennbar dem Koftenpunkte eine hervorragende Rolle zu. Die mit dem Waffertransport verbundenen mäfsigen Auslagen dürften dem Trift- und Flöfsereibetriebe noch für eine lange Zeit eine befondere Bedeutung fichern. Um den Landtransport des Holzes auf eine thunlichft billige Weife zu vermitteln, wendet man der Anlage und dem Ausbaue eines entſprechenden Wegenetzes die gröfste Aufmerkfamkeit zu, oder man entfchliefst fich zur Herftellung von Holzbahnen, wie eine folche auf dem Befitze der Waidhofener Forftinduftrie- Gefellfchaft im Betriebe fteht; und in der Forftausftellung der ungarifchen Länder durch das königliche 38 Johann Newald. Forftamt zu Karánsebes in der Banater Militärgrenze das Modell der Ferdinandsberger Holzbahn fammt Zugehör, und von Seite der königlichen Güterdirection zu Lippa im Banate, Darſtellungen der im Forfte Leukufeft im Betriebe ftehenden Holzbahn, nach dem Syfteme Loprefti, ausgeftellt waren. Befondere Verhältniffe werden fchliefslich auch zur Anwendung ganz eigenthümlicher Transportanſtalten und Einrichtungen führen, unter welche die im kleinen Schlierenthale bei Alpnacht, Canton Unterwalden, vorkommende Drahtfeilriefe einzureihen kommt Diefelbe wurde durch König aus Beitenwyl im Canton Bern eingerichtet, und befitzt eine Länge von nahe 7000 Fufs. Sie vermittelt die Ablieferung jener Hölzer, welche fich aus der nunmehr eingeleiteten Benützung eines aus früheren Fällungen im oberen Schlierenthale zurückgebliebenen Waldreftes ergeben. In der Ausftellung des fchweizerifchen Forftvereines war ein durch Schöll in St.- Gallen nach der topographifchen Karte im Maſse von 1: 1500 angefertigtes Terrainrelief fammt der Drahtfeilriefe und ein von Robert Landolt in Zürich im Mafse von I: 15 hergeftelltes Detailmodell ausgeftellt. Wir geben gern zu, dafs die Anlage und Einrichtung diefer Drathfeilriefe als eine geiftreiche Erfindung zu bezeichnen kommt; allein die grofsen Koften ihrer erften Herftellung und der mit der Benützung verbundenen erheblichen Auslagen wegen, werden fich derartige Einrichtungen doch nur für Verhältniffe eignen, wo der Werth des zu bringenden Materiales ein aufsergewöhnlich hoher ift, und die Ablieferung desfelben auf eine andere Weife entweder gar nicht, oder noch koftfpieliger, durchführbar erfcheint. Die fragliche Drahtfeilriefe läuft in ziemlich gerader Richtung, mitunter wefentliche Terrainfchwierigkeiten überwindend, an der Bergfeite herab. Der volle, abwärts gehende Wagen zieht den leeren hinauf. Am Kreuzungspunkte wird der letztere abgehoben und oberhalb dem erfteren auf das Drahtfeil wieder eingehängt. Der Gang des beladenen Wagens kann durch eine fehr finnreiche Bremsvorrichtung regulirt werden. In der fteiermärkifchen forftlichen Collectivausftellung befand fich das vom Forftmeifter Henfchl aus Wildalpe angefertigte Modell einer Drahtfeilriefe, zur Bringung und Lieferung des Holzes über unwegfame Gebirgsgegenden. Während die Drahtfeilriefe im Schlierenthale durch ihre ganze Länge eine nahezu gerade Richtung befitzt, find bei diefem Project ziemlich fcharfe Krümmungen beantragt, woraus fich für die allfällige Realifirung deffelben, ebenfo wie für die Benützung, erhebliche Schwierigkeiten ergeben dürften. Im Anfchluffe an jene Ausftellungsgruppen, welche namentlich die Gewinnung und den Transport des Holzes zur Darstellung brachten, erfchien dem Köhlereiwefen eine feiner Bedeutung entsprechende Aufmerkfamkeit zugewendet. Es dürfte kaum eine Einfprache zu beforgen fein, wenn in diefem hochwichtigen Wirthschaftszweige den Alpenländern der erfte Platz zugewiefen wird. Der umfangreiche Hüttenbetrieb etc. derfelben benöthigt alljährlich koloffale Mengen von Holzkohlen, und wurde dadurch das Kohlungsverfahren auf eine hohe Stufe der Vollkommenheit gebracht. Trotzdem kann es unferer Aufmerksamkeit nicht entgehen, dafs fich im Köhlereiwefen der Alpen ein wefentlicher Umgeftaltungsprocefs vollzieht. Die Entwicklung des Eifenbahnbetriebes, welche ihren Einflufs bis in die entlegenften Alpenthäler geltend macht,-die dadurch herbeigeführte Werthfteigerung des Holzes im Allgemeinen und der Bau- und Nutzholz- Sortimente im Befondern, das fühlbare Abnehmen der alten Waldbeftände, die Verwendung der Mineralkohle bei vielen Feueranftalten u. f. w. nehmen auf das Holz. verkohlungswefen in den Alpenländern einen entfcheidenden Einfluss. Welch' ein Unterfchied befteht zwifchen der Befchaffenheit und den Dimenfionen jener Hölzer, welche noch vor kaum zwei Decennien in die Kohlenmeiler Forstwirthfchaft. 39 eingelegt wurden, und jenem Materiale, welches gegenwärtig der Verkohlung zugewiefen wird! Dafs an vielen Orten dermalen noch die fogenannte Drehlingsverkoh lung in Uebung ift, liegt einerfeits nur noch in der billigeren Aufarbeitung und Bringung des zur Verkohlung beftimmten Materiales, anderfeits auch in der Gewohnheit. Seitdem in Folge der gefteigerten Holzpreife eine forgfältige Auswahl der Bau- und Nutzholz- Sortimente ftattfindet, bleibt als Brenn- und Kohlholz nur jenes Material zurück, welches häufig gar nicht mehr jene Drehlingslänge von fechs bis neun Fufs befitzt, wie fie früher beim Kohlholz in Uebung war. Schon durch diefen Umftand wird man an vielen Orten zum Abgehen von der altbeftandenen Drehlingsverkohlung genöthigt und zum Einlegen von Spaltholz oder fchwächeren und kürzeren Rundhölzern in die Meiler veranlasst. - Der Umftand, dafs bei der Waldbenützung dermalen eine forgfältige Auswahl und Sichtung der Holzfortimente ftattfindet, war allerdings Veranlaffung, dafs nunmehr auch folches Material zur Verkohlung gelangt, welches früher unbenützt und unberücksichtigt auf den Fällungsorten zurückgeblieben ift. Wir meinen das ftärkere Aftholz, ziemlich weit in der Zerfetzung vorgefchrittenes Moderholz, Späne und Abfälle, welche nach der Bearbeitung und Vorrichtung der ftärkeren Sortimente zurückgeblieben find,- Stockrodeholz u. f. w. Die Verwendung eines derartigen Materiales, deffen Verkohlung nur an Ort und Stelle gut durchführbar ift, hat eine Erweiterung der Schlag- oder Waldköhlerei gegenüber der ftändigen Verkohlung auf den Rechen oder Ländplätzen zur Folge. - Nachdem erfahrungsgemäfs Wald- oder Schlagverkohlungen, fowohl der Quantität als auch der Qualität nach, in der Regel geringere Refultate erzielen laffen, da der Wechfel der Meilerftätte, die oft ungünftige Lage derfelben, der Einflufs abträgiger klimatifcher Zuftände u. f. w. auf das Verkohlungsgefchäft nachtheilig rückwirken, fo ergibt fich ein neues Moment, welches wir bei Beurtheilung des dermaligen Köhlereiwefens in den Alpenländern, ja allerorts zu erwägen haben werden. Das Dargeftellte dürfte zu dem Schluffe berechtigen, dafs die Holzverkohlung ihrem Umfange und ihrer Bedeutung nach im Rückgange begriffen ift und dafs auch das gewonnene Product im grofsen Durchfchnitt bezüglich feiner Qualität eine Einbufse erlitten hat. Für die Beurtheilung des Köhlereiwefens in den betreffenden Staatsforften ergaben die bezüglichen Ausftellungsgruppen im Pavillon des k. k. Ackerbau Minifteriums beachtenswerthe Anhaltspunkte. Eine Zahl von Modellen. von verfchieden eingerichteten Köhlerei- Anlagen, von liegenden und ftehenden Meilern, ergänzt durch die beim Köhlereigefchäfte im Gebrauche ftehenden Werkzeuge und Geräthe, endlich Proben von, aus verfchiedenen Holzarten gewonnenen Kohlen, zeigten die hohe Bedeutung diefes Betriebszweiges. Von befonderem Belange im Köhlereiwefen find die Leiftungen des k. k. Forftamtes zu Neuberg in Steiermark, welches feit einer Reihe von Jahren der Gewinnung von Kohlen aus Stockrodeholz eine grofse Aufmerkfamkeit zuwendet, indem das letztgenannte Material, wie Scheit- und Drehlingsholz, auf den Ländplatz getriftet wird, um dort zur Verkohlung zu gelangen. Einen ganz eigenthümlichen Vorgang macht derWaffermangel beim Köhlereibetriebe in den Ternovaner Staatsforften des Küftenlandes nothwendig. Es handelt fich dort namentlich um die Verkohlung von Buchenaftholz und werden ohne Beihilfe von Waffer jährlich aus diefem Materiale, welches fonft kaum eine Verwendung finden würde, erhebliche Kohlenmengen gewonnen. Wie folches zu erwarten war, enthielt die fteiermärkifche Collectiv- Ausftellung, in Bezug auf das Köhlereiwefen fehr werthvolle Objecte. Die Frage anbelangend, ob die Verkohlung in ftehenden Meilern oder in fogenannten liegenden Werken den Vorzug verdiene, ift man in Uebereinftimmung mit den an anderen Orten gewonnenen Erfahrungen auch bei den überaus ausgedehnten Köhlereien in Oberfteiermark durch wiederholte Verfuche 40 Johann Newald. zu dem Refultate gekommen, dafs das Ausbringen aus ftehenden Meilern ein gröfseres ift und man bei guter Kohlung im Allgemeinen ein befferes Product erhält, dafs jedoch bei ftehenden Meilern die Gefahr des Feuers eine gröfsere ift, und die Verfrachtung der mit einem Male zur Verfügung ftehenden Kohlenmaffe wefentliche Schwierigkeiten hervorrufen kann, während bei liegenden Meilern oder Werken das allmälige Ausbringen der Kohle in diefer Hinficht kaum eine Verlegenheit bereiten dürfte. Dem Dargeftellten wird mit Recht noch beigefügt, dafs, wenn auch Zahlen gegen die Verkohlung in liegenden Meilern fprechen, fich im Hochgebirge diefer Verkohlungsmethode häufig gar nicht ausweichen läfst, weil im Falle von Waldköhlereien, in engen Thälern kein Raum für einen ftehenden Meiler aufgefunden werden kann, während fich die Kohlftätte für ein liegendes Werk entweder ganz anftandslos oder mit mässigen Koften vorrichten läfst. Es ift hier der Ort, noch eines Umftandes zu gedenken, welcher in Bezug auf Qualität und Quantität der ausgebrachten Kohle, es möge die Wald- oder Schlagköhlerei nun fchon in ftehenden Meilern oder in liegenden Werken durchgeführt werden, ebenfalls einen abträgigen Einflufs nimmt. Bei den ftändigen Ländverkohlungen find fort und fort diefelben Köhler befchäftigt, welche durch lange Erfahrung endlich die Eigenthümlichkeit der Kohlftätte, den Einfluss der verfchiedenen Witterungszuftände, das Eintreten derfelben und überhaupt alle Momente, welche auf den Verlauf des Verkohlungsgefchäftes Einfluss nehmen, kennen lernen und diefelben rechtzeitig berückfichtigen, welche Sorgfalt nothwendiger Weife in Bezug auf Güte und Menge des erzielten Kohlenrefultates von Bedeutung fein mufs. Waldkohlungen werden in der Regel den Schlagarbeitern ins Gedinge übergeben, und es mufs nothwendiger Weife der Wechfel in der Kohlftätte einerfeits. und in der Perfon des Köhlers anderfeits, der Mangel einer ausreichenden Kenntnifs über das Auftreten und über den Einflufs der verfchiedenen örtlichen Witterungserfcheinungen und anderer localer Umftände auf den Verlauf des Verkohlungsgefchäftes nachtheilig zurückwirken. Zur fteiermärkifchen Forftausftellung zurückkehrend, haben wir zunächft einer durch die Radmeiftercommunität Vordernberg eingebrachten Sammlung von Proben über Holzverkohlung und die Refultate des Ausbringens zu erwähnen. Zu den Verfuchen wurden von 17 Holzarten aus den Schlägerungen der Jahre 1870, 1871 und 1872 ausgewählte Probeftücke von cylindrifcher Form verwendet, kubifch berechnet und in eigenen Meilern verkohlt. Die Refultate wurden bezüglich Kubikinhalt und Gewicht der ausgebrachten Kohle, im Vergleiche zum Kubikinhalt und Gewicht der eingelegten Holzftücke ermittelt, in Procenten ausgedrückt und in einer dem Ausftellungskatalog beigegebenen Tabelle zufammengeftellt. Aehnliche Verfuche zur Ermittlung der bei der Verkohlung fich ergebenden Raum- und Gewichtsverlufte, und zwar a) vom lufttrockenen Holze und b) vom gekochten und mit Wafferdampf ausgelaugtem Holze hatte die Actiengeſellſchaft der Innerberger Hauptgewerkschaft mit 33 Holzarten abgeführt und die Refultate derfelben ausgeftellt. Der durch das fteiermärkifche Holz- Verkohlungswefen gebildeten Ausftellungsgruppe haben wir die von der Waidhofner Forftinduftrie- Gefellfchaft exponirtenKohlenproben und diefsfallsvorgenommenen Verfuche anzureihen. Die Verfuche wurden bei ftändigen Ländverkohlungen und mit Waldverkohlungen in ftehenden Meilern und in liegenden Werken abgeführt. Auf dem grofsen Betriebsplatze nächft der Concordiafäge bei Amftetten hat man Kohlungen von Sägemühl- Abfällen mit Tannen- und Fichtendrehlingen gemengt vorgenommen und auf verfchiedenen Kohlplätzen Verfuche über Buchenholz- Verkohlungen ausgeführt. Die erzielten Refultate überwiegen fehr wefentlich die an anderen Orten gemachten Erfahrungen, und wenn wir auch der grofsen Sorgfalt, Forftwirthschaft 41 welche in Waidhofen dem Verkohlungswefen im Allgemeinen und den diefsfälligen Probeverkohlungen im Befondern zugewendet wird, alle Anerkennung zollen, dürften die genannten Refultate in Bezug auf die Ausführung umfangreicher Calculationen dennoch mit einiger Vorficht in Verwendung zu nehmen fein. Wir haben nunmehrjener Anftrengungen zu gedenken, welche die k. k. privilegirte öfterreichifche Staatseifenbahn- Gefellfchaft auf ihrer grofsen Banater: Domäne Oravicza zur Hebung des Köhlereiwefens macht. Diefelbe hatte in der forftlichen Abtheilung ihres Ausstellungspavillons eine Holzkohlen- Sammlung ausgeftellt, welche alle ähnlichen durch die Weltausftellung zur Anfchauung gebrachten Collectionen an Vollständigkeit und Ueberfichtlichkeit überragte. Von 39 Holzarten aus den Forftbezirken Bogfán, Reficza, Dognácska und Steierdorf entnommen, waren 107 Kohlenproben zum Theile in grofsen Stücken, zum Theile in kleinen Würfeln, endlich in Brettform zufammengeftellt. Die Kohlung wird von den Forftverwaltungen in eigener Regie betrieben; fie ift in den Hauptbezirken eine ftändige, auf kleineren Gebieten eine gewöhnliche Waldkohlung unter Anwendung ftehender Meiler. Die Wanderkohlung wird im Sommer in die entfernten, im Winter in die näheren, gefchützteren Waldorte ver. legt. Die Gröfse, der Meiler ift nach den obwaltenden Verhältniffen verfchieden. Das Kohlholz befteht meift aus gefpaltenen Scheiten, in den oberen Meilerlagen aus runden Prügeln und Aeften. In Bezug auf die Holzart ift die Rothbuche vorherrfchend, dann folgen Eichen und andere Harthölzer, Linden und Afpen und etwas Tannen. Im grofsen Durchfchnitte gelangten bisher jährlich circa 72.000 dreifchuhige Scheiterklafter zur Verkohlung. Das erzielte Ergebnifs fteht nun im Vergleiche mit den in den Alpenländern gewonnenen Reſultaten, namentlich aber im Entgegenhalte mit den Waidhofener Verfuchen nicht unwefentlich zurück, daher fich auch die Gefellſchaft beftimmt findet, durch bedeutende Prämien, welche Köhlern und Kohlenauffehern zuerkannt werden, auf eine Mehrausbringung und Verbefferung des Kohlenverfahrens hinzuwirken. Sehr beachtenswerthe Nachweise über das Köhlereiwefen im Allgemeinen und über den Kohlungsbetrieb im Beſondern lieferten durch ausgeftellte Modelle, Köhlereiwerkzeuge und Behelfe, durch aus verfchiedenen Holzarten gewonnene Kohlengruppen und Proben: die Collectivausftellung des Prinzen Auguft von Sachfen- Coburg Gotha, die Ausstellung des deutfchen Reiches, die forftliche Collectivausftellung Krains und endlich die grofse Forftausftellung der ungarifchen Länder und mehrere Andere. Unter den forftlichen Nebennutzungs- Zweigen ift es nunmehr die Harz- oder Dafs wir Pechnutzung, der wir unfere Aufmerkſamkeit zuzuwenden haben. zunächft die Schwarzföhre, Pinus Laricio Poiret, und die in Niederösterreich in ausgedehnter Weife betriebene Harz- oder Pechnutzung in das Auge faffen, dürfte durch die Bedeutung diefes Induftriezweiges gerechtfertigt erfcheinen. Eine fehr vollſtändige Darftellung des Harzungsverfahrens, der dabei verwendeten Werkzeuge und Geräthe und die gewonnenen mannigfaltigen Producte hatte Carl Singer von Pernitz im Piftingthale nächft Wiener- Neuftadt ausgeftellt. In Niederöfterreich hat die in Rede flehende forftliche Nebennutzung erft feit dem zweiten Decennium des laufenden Jahrhundertes eine erhöhte Bedeutung gewonnen, und hat fich diefsfalls der Vater des genannten Ausftellers, Werner Singer von Grillenberg bei Hörnftein, ein wefentliches Verdienft erworben. Die Harznutzung eignet fich nur beim kleinen Waldbefitz zum Betriebe in eigener Regie; beim eigentlichen Domänenbefitze findet eine Verpachtung derfelben ftatt, deren Dauer in der Regel zunächft 10 Jahre umfafst, durch Wiederholungen der Pachtgabe, durch die fogenannten Nachpechungen jedoch auf die Zeit von 25 bis 30 Jahre ausgedehnt wird. 42 Johann Newald. Die Beftimmung des Pachtzinfes erfolgt nach der Stammzahl. Die Höhe desfelben ift felbftverständlich im innigften Zufammenhange mit den Preifen, welche die verfchiedenen Harzproducte befitzen, und da diefe letzteren, wie namentlich die Erfahrungen des letzten Jahrzehntes gezeigt haben, fehr wechſeln, mufs nothwendiger Weife auch der Pachtzins für den einzelnen Harzbaum fich ändern, auf dafs zwifchen dem Ertrage diefer Nebennutzung für den Pächter, und dem an den Verpächter entfallenden Pachtzins, ein richtiges Verhältnifs beftehe. Um die Schwierigkeit, bezüglich Vereinbarung der für eine längere Pachtperiode etwa für zehn Jahre geltenden Pachtzinfe beurtheilen zu können, möge die Bemerkung dienen, dafs in den Jahren 1862 und 1863 der Centner rohes Schwarzföhrenharz einen Preis von 8 bis 9 Gulden hatte, während der Dauer des amerikanifchen Krieges auf die Höhe von 20 Gulden und darüber ftieg und dermalen wieder auf 7 bis 8 Gulden zurückgegangen ift. - - Wenn auch die Schwankungen in den Harzpreifen im Allgemeinen und jene des Schwarzföhrenharzes im Befonderen nicht ftets jenen Umfang befitzen, wie er eben angedeutet wurde, dürfte es dennoch am entfprechendften erfcheinen, wenn von der Feftftellung eines für die ganze Dauer der Harzzeit in gleicher Höhe geltenden Pachtzinfes per Stamm abgegangen wird, und die Höhe diefes Zinfes für jedes Einzeljahr der Pachtdauer, nach den beftehenden Harz- Durchfchnittspreifen ermittelt wird. Diefe letzteren müffen felbftverſtändlich an eincm von den beiden Vertrags paciscenten völlig unabhängigen Orte erhoben werden. Im Vertrage wird lediglich der Mafsftab feftgeftellt, nach welchem auf Grundlage der ermittelten Harz Durchschnittspreife der für den Einzelftamm entfallende Pachtzins berechnen ift. zu Das angedeutete Verfahren- Pachtzinsberechnung nach der gleitenden Scala genannt hat fich an vielen Orten durch eine lange Reihe von Jahren als fehr praktisch und brauchbar bewährt. - Im grofsen Durchfchnitt ergibt fich bei der Schwarzföhre, für den Einzel ftamm ein jährlicher Harzertrag von 5 bis 6 Wiener Pfund; unter günftigen Standortsverhältniffen wird diefer Durchfchnitt jedoch erheblich überfchritten. Der Gefammtwerth der durch die Harzung erzielten Vornutzungen überfteigt fehr häufig den Holzwerth des betreffenden Stammes. Die hervorragenden Leiftungen der Firma Carl Singer in Pernitz wurden vom Preisgericht durch die Zuerkennung der Verdienft- Medaille anerkannt. Die reichhaltig ausgeftattete Ausstellungsgruppe wurde von ihr an die königlich preufsifche Forftakademie zu Neustadt Eberswalde abgetreten. Eine Partie von rohem Schwarzföhrenharz war auch durch das königlich ungarifche Forftamt zu Karanfebes in der Banater Militärgrenze zur Ausstellung gebracht worden. In der forftlichen Ausftellung des deutfchen Reiches hatte Oberforftmeifter Werneburg zu Erfurt das in den preufsifchen Staatsforften des Thüringerwaldes bei der Fichtenharz- Nutzung übliche Verfahren und zwar I. auf die Harzgewinnung im Walde, 2. auf die Pechgewinnung und 3. auf die Kienrufsgewinnung bezugnehmend, fehr überfichtlich geordnet, zur Anfchauung gebracht wozu jedoch ausdrücklich bemerkt wurde, dafs in den erwähnten Staatsforften die Harznutzung nur noch in ganz untergeordnetem Mafse ftattfindet. Die Ablöfung der Harzberechtigungen ift zum gröfsten Theile durchgeführt. Es befteht dort kein Zweifel darüber dafs diefe Nutzung ebenfo fchädlich für den Wald, als wenig einträglich für die Harzer und Pechfieder ift. Verfchiedene Harzproducte hatten noch ausgeftellt das königlich fächfifche Finanzminifterium und J. G. Müller aus Löcherberg in Baden. Die königlich- portugiefifche Forftverwaltung hatte das Verfahren dargeftellt, welches bei der Harznutzung der Seeftrands- Kiefer, Pinus maritima Lamb. üblich ift, und durch die Anreihung verfchiedener Harzproducte ein Seitenftück Forftwirthschaft. 43 zur Singer'fchen Ausftellungsgruppe, die Schwarzföhre betreffend, vorgeführt Leider befanden fich beide Gruppen nicht neben einander, um den zwifchen beiden Harzmethoden obwaltenden Unterfchied fofort beurtheilen zu können. Ein forftlicher Nutzungszweig von hervorragender Bedeutung ift die Baumrinden Gewinnung zur Gärberlohe- Bereitung. Es kommt dabei namentlich die Rinde der Eiche und Fichte in Betracht. Eine Reihe höchft beachtenswerther Ausftellungsgruppen zeigte die Wichtigkeit diefes Induftriezweiges, deffen Darftellung wir jedoch füglich dem die Gärbemittel in ihrer Gefammtheit behandelnden Specialberichte überlaffen können. Eine forftliche Nebennutzung, welche an mehreren Orten eine grofse Bedeutung gewonnen hat und reiche Gelderträge erzielen läfst, ift die Gewinnung des fogenannten Seegrafes, an manchen Orten Waldhaar, auch Rafch oder Rafchgras genannt. Gegenstand diefer Nebennutzung ift die zittergrasartige Segge, Carex brizoides L. Der Bezeichnung„ Seegras" glauben wir zunächft die Bemerkung beifügen zu follen, dafs unfere Segge nur als ein Surrogat, oder richtiger gefagt, als Concurrent für das eigentliche Seegras in Verwendung kommt. Die am Meeresboden wachfende Zostera marina L., Seegras genannt, wird feit langer Zeit als Surrogat für Rofshaar zum Ausftopfen von Matratzen, Möbelpolftern etc. verwendet. Da es mehrfach als der Gefundheit abträgig erkannt wurde, kam die zittergrasartige Segge Carex brizoides L., in Verwendung und macht dem eigentlichen Seegras mehr und mehr eine glückliche Concurrenz. Carex brizoides L. ift ein in den Wäldern des füdlichen und füdweftlichen Deutfchland ftellenweife fehr häufig vorkommendes Riedgras; feine vorzüglichfte verticale Verbreitungszone dürfte zwifchen 1000 bis 4000 Fufs Seehöhe zu fuchen fein. Obwohl es gebietweife maffenhaft auftritt, ift zu bemerken, dafs es an vielen Orten, befonders auf Kalk, entweder gänzlich fehlt oder doch fehr felten gefunden wird. Die zittergrasartige Segge zeichnet fich unter ihren übrigen Gattungsverwandten durch einen dünnen, äftig- kriechenden, einzelne Halme und Rafen treibenden Wurzelftock aus, durch welchen Umftand die ftellenweife maffenhafte Vermehrung ihre Erklärung findet. Die grofsherzoglich badifche Domänendirection zu Carlsruhe hatte in der forftlichen Ausftellung des deutfchen Reiches, rohes und gefponnenes Seegras exponirt und diefer Gruppe eine Mittheilung über Gewinnung und Ertrag diefes Nutzungsobjectes beigegeben, welcher wir die nachfolgenden Daten entnehmen. In den Waldungen des Rheinthales ift das Seegras dort auch Waldhaar genannt insbefondere in der Gegend von Kehl, Offenburg, Emendingen und Freiburg ziemlich stark verbreitet. Es wurde früher wenig beachtet und hatte nur als Streu einen ganz untergeordneten Werth. In Folge feiner Verwendung als Erfatz für das von Jahr zu Jahr im Preife fteigende Rofshaar ift auch der Preis des Seegrafes derart in die Höhe gegangen, dafs das Einkommen aus diefer Nebennutzung in einzelnen Waldungen den Ertrag aus der Holzproduction weit überfteigt.. In den im badifchen Rheinthale gelegenen Waldungen, erftreckten fich die Seegrasnutzungen im Jahre 1872 nach zuverläffigen Erhebungen über eine Waldfläche von beiläufig 5000 Hektaren und lieferten einen Reinertrag von rund 60.000 Gulden oder 12 Gulden vom Hektar. In jenen Wäldern, in denen das Seegras befonders häufig vorkommt, ftellen fich die erzielten Erträge noch weit vortheilhafter. So lieferte beiſpielsweife der 144 Hektaren grofse Gemeindewald von Rheinbifchofsheim im Jahre 1872 allein einen Ertrag von 6571 Gulden oder 45 Gulden 54 Kreuzer vom Hektar, und eine Schlagfläche von 54 Hektaren, im Gemeindewald von Riegel fogar 524 Gulden, fomit 97 Gulden vom Hektar. 44 Johann Newald. Nachhaltig die ftärkfte Einnahme aus Seegras bezog die Stadt Freiburg aus einem 814 Hektaren grofsen Mittelwald, genannt der Mooswald, wofelbft die Nutzung am längften und rationellften betrieben wird. Sie wurde im Jahre 1835 mit einer Einnahme von 433 Gulden begonnen, und hat fich mit geringen Unterbrechungen bis zu dem im letzten Jahre erfolgten Erlös von 13.853 Gulden fortwährend gefteigert. Seit dem Jahre 1835 ergab der Mooswald aus der fraglichen Nebennutzung eine Gefammt- Reineinnahme von 83.665 Gulden. In den Forften des Rheinthales findet fich Carex brizoides L., am häufigften in den mit Efchen, Erlen, Aspen und anderen Weichhölzern beftockten Mittelund Niederwaldungen. Sie liebt einen feuchten, humofen, kräftigen Boden; trockene, bündige Bodenarten, fowie ftark verfumpfte Orte fagen derfelben nicht zu. Sie tritt auf etwas eingefenkten muldigen Stellen in der Regel nefterweife auf, und fagt ihr fowohl die Bodenbefchaffenheit, als auch der Lichtgrad der vorhandenen Holzbeftockung zu, dann ift das Vorkommen gewöhnlich maffenhaft. Das Gedeihen des Seegrafes, fomit auch die Hebung des Erträgniffes aus demfelben, ift von einer feuchten, warmen Frühjahrswitterung wefentlich abhängig. Spätfröfte und rauhe Winde wirken fehr nachtheilig; fie beeinträchtigen den Längenwuchs und dadurch die Güte und Menge, da die Qualität vorzugsweife nach der Zartheit und Länge der Waare bemeffen wird. Die Befchattung darf nur eine mäfsige fein. Die geeignetften Orte find in diefer Beziehung ein- bis zehnjährige Schläge. Mit zunehmendem Alter der Holzbeftände nimmt der Ertrag ab, und verfchwindet Carex brizoides L. mit Eintritt des volleren Waldfchluffes beinahe ganz. Das Seegras ift gewöhnlich gegen Ende des Monates Juni ausgewachſen, um welche Zeit auch feine Gewinnung beginnt und je nach der Witterung und den verfügbaren Arbeitskräften bis Ende October fortgefetzt wird. Der Verkauf findet am Halme ftatt. Die gefammte Arbeitsleiftung bleibt dem Käufer überlaffen. Die Einfammlung erfolgt durch Ausrupfen. Diefer Vorgang ift durch die Rückficht auf die Schonung der jungen Holzpflanzen geboten, er liegt aber auch im Intereffe der Käufer, indem beim Rupfen mehr und längere Waare gewonnen wird. Auch wurde beobachtet, dafs das Rupfen den nachhaltigen Ertrag eher fördert als fchmälert, da bei fonft gleichen Verhältniffen gerupfte Schläge in den darauf folgenden Jahren ungleich reichere Ernten liefern, als gefchonte Orte. Es fcheint, dafs durch das Ausrupfen der Halme der Wurzelftock zum Austreiben neuer Ausläufer angeregt wird. Das Einfammeln des Seegrafes findet in der Regel durch Weibsperfonen ftatt. Zum Zwecke des Trocknens wird das eingefammelte Material an fonnigen Orten, an Wegen und Waldrändern ausgebreitet. Bei guter Witterung iſt es in etwa zwei Tagen vollſtändig gedörrt", worauf es gereinigt und mittelft einfacher Mafchinen in Seile gedreht und in diefer Form in den Handel gebracht wird. Tritt während der Einfammlung Regen ein, fo wird das Rupfen unterbrochen, die zum Trocknen ausgebreitete Waare wird auf Haufen zufammengebracht, weil durch die Näffe das Seegras gelblich und brüchig wird und an Werth erheblich verliert. Im Ganzen werden in Baden jährlich durchfchnittlich mindeftens 2,500.000 Kilogramm Seegras mit einem Bruttowerthe von über 200.000 Gulden gewonnen, wovon die Zurichtungskoften 50- bis 60.000 Gulden betragen, ein Arbeitsverdienft, welcher gröfstentheils der ärmeren Bevölkerung zugute kommt. Im Allgemeinen wird angenommen, dafs bei guter Beftockung auf dem Hektare beiläufig 500 Kilogramm Seegras ftehen. Das Erträgnifs kann aber unter ganz günftigen Umständen auf 1000 bis 1250 Kilogramm vom Hektare anfteigen. 150 Kilogramm trockenes Seegras liefern beiläufig 125 Kilogramm gefponnene Waare, wie folche in den Handel kommt. Forstwirthschaft. 45 ohol Den Einflufs diefer Nebennutzung auf den Holzwuchs anbelangend, bemerken die in Rede ftehenden Mittheilungen ausdrücklich, dafs nach beinahe vierzigjährigen Beobachtungen in den Waldungen bei Freiburg, Emmendingen und Rheinbifchofsheim aus dem Betriebe der Seegrasnutzung ein Rückgang im Holzwuchs nicht bemerkbar ift. Der gröfste Nachtheil erfolgt durch Befchädigung der jungen Pflanzen, wenn beim Rupfen nicht mit genügender Sorgfalt vorgegangen wird, daher eine ftrenge Ueberwachung ftattfinden mufs. Bei unvollkommener Holzbeftockung iſt zu empfehlen, die jüngften ein- bis dreijährigen Schläge der Nutzung nicht zu öffnen, fowie die Culturen des laufenden Jahres unter allen Fällen ausgefchloffen bleiben. Auch ift es in den Beftänden, welche der Seegrasnutzung gewidmet find, Uebung, dafs andere Nebennutzungen, insbefondere die Streunutzung, nicht geftattet. werden. Auch aus Oberösterreich war Seegras, oder wie es dort genannt wird, Rafch oder Rafchgras ausgeftellt. Im Lande ob der Enns fteht diefe Waldnebennutzung in den Forften der k. k. Familienfonds Herrfchaft Mattighofens( Kobernaufer Wald), in den Forften der Stifte Kremsmünfter und Willhering, im Steieregger Walde, zu Haag, Einberg, Boingerwald u. f. w. feit längerer Zeit im Betriebe; nur kommt zu bemerken, dafs dort das Einbringen durch das Abmähen erfolgt; auch findet die Abfechfung zweimal im Jahre ftatt, und zwar zuerft im Monat Juli oder Auguft, das zweitemal Ende September oder im October. og Im Falle dort das Rafchgras abgemäht wird, hat die zweimalige Jahresfechfung auf die Güte und Menge desfelben keinen abträglichen Einfluss für die Folge und ftehen auch thatfächlich im Kobernaufer Walde manche fogenannte Rafchplätze feit vielen Jahren in Benützung. Wo jedoch das Rafchgras gerupft wird, verfchwindet dasfelbe nach einem Zeitraume von längftens drei bis vier Jahren gänzlich, oder es wird wenigftens durch Einniftung anderer Gräfer derart unrein, dafs es fich zur Gewinnung für den in Rede ftehenden Zweck nicht mehr eignet. Aus dem Lande ob der Enns ift bisher kein Fall bekannt geworden, dafs man Carex brizoides L., einer befonderen Pflege gewürdigt hätte; man benützt fie dort, wo fie unter dem Einfluffe zufagender Verhältniffe in reicherer Menge auftritt. Die Hauptniederlage für Oberösterreich ift Linz, von wo im Jahresdurchfchnitt 40- bis 50.000 Centner Seegras in den Handel gebracht werden. Beim Landtransport dürfte das Rafchgras per Centner und Meile, und zwar für Verfrachtung mittelft gewöhnlicher Laftwagen aus dem Walde zur Bahn 15 bis 20 Kreuzer, auf der Eifenbahn mit Einrechnung aller Nebenfpefen 4'4 Kreuzer und per Dampffchiff 2 Kreuzer koften. Der Waffertransport hat nicht nur einen geringeren Frachtfatz, fondern auch die Vermeidung eines Gewichtsverluftes zur Folge. In Linz find namentlich die Firmen Dietrich und Gans mit dem Rafchgras- Gefchäfte in Verkehr. In Wien befaffen fich damit die Firmen J. Kalliwoda, Frenzl, Haufer und Schulhof etc. Obwohl das Seegras in gefponnenem Zuftande feine meifte Verwendung findet, fo werden doch auch in geringen Mengen Flechtarbeiten aus demfelben erzeugt, z. B. Tragbänder, Schuhe, Matten u. f. w. Wir glauben dem Vorhergehenden noch die Bemerkung beifügen zu follen, dafs, während am Rheine das Abfchneiden des Seegrafes als dem Ertrage höchft nachtheilig dargestellt wird, in den oberöfterreichischen Forften gerade die gegentheilige Auffaffung platzgegriffen hat. Eine forftliche Nebennutzung höchft eigenthümlicher Art ift der Billichfang in einem Theile der Wälder Krains. In der forftlichen Collectivausftellung diefes Landes befanden fich Billich- Fangapparate, ferner Billichfelle und Billichmützen exponirt. 46 Johann Newald. In den Rothbuchen- Forften Krains kommen zwei Arten des der Familie der Eichhörnchen eingereihten Siebenfchläfers vor, und zwar Myoxus Drijas, Schreb., und Myoxus Glis, L. Letztere Art, unter dem fpeciellen Namen Billich bekannt, ift Gegenstand der in Rede ftehenden forftlichen Nebennutzung. Der vom k. k. Landes- Forftinfpector Ludwig Dimitz verfafste, mufterhafte Katalog der forftlichen Collectivausftellung Krains bemerkt, dafs der Krainer das Billich fleifch entweder frifch und gebraten, oder auch geräuchert, als Zugabe der Gerftengrütze oder des Sauerkrautes als ein fehr beliebtes Nahrungsmittel verfpeift. Der Billichfang fteht in den küftenländifchen Rothbuchen- Wäldern feit undenklichen Zeiten im Betriebe, und man fcheint denfelben früher in einer in Bezug auf die Waldbeftockung fehr rückfichtslofen Weife durchgeführt zu haben. In der für die Kenntnifs der älteren wirthfchaftlichen Verhältniffe der küftenländifchen Forfte hochintereffanten, oben bereits erwähnten Waldordnung Kaifers Ferdinand I. vom 31. Auguft 1555 für das„ Waldmaifterambt in Friaul, Ifterreich( Iftrien) und am Carrft" ift dem Billichfange eine eigene Abtheilung gewidmet. Es möge geftattet fein, den Inhalt derfelben nach ihrem Wortlaute mitzutheilen. " 29 - ,, Abftellung der Pilichfahung dardurch die wäld verfchwenndt werden." " Zum fünfften diewail wir auch zum dickhernmale bericht vnnd abermals. durch vnnfern yezigen Waldmaifter verftänndigt feien, wie durch die vnndter,, thonen in vnnferer fürftlichen Graffchafft Görz auch Ihre leut mit dem pillich,, fachen der Zeit, wann daz puechen Afs geradt, grofser fchaden in Unnferm Puech,, wald befchiecht. Alfo das Sy von der pilich wegen- ain groffe anzal Purchen Pam vmbhackhen vnnd die Pilich aus den lechern fachen, vnnd diefelben Paumb ,, alsdann im Wald erfaulen laffen, welches vnns zu groffem nachthail am felben ,, Holz, So Wir zum Galern vnnd Gundl Ruedern verprauchen mugen laffen raicht Derwegen folte yeziger vnnfer Waldmaifter nochmals mit allem ernft darob ,, fein vnnd bey Unnfern Waldarbeitern der Galern Gundl Rueder vnnd des zimer,, holz verordnung thuen, auch bei ftraf gepietten das Sy die betretten fenglich , annehmen, vnnd vnnfern obrigkhaitten, Wo Sy die am nechften erraichen mugen ,, überantwortten, die haben alfsdann bevelch, diefelben, Innhalt vnnferer Aufs" ganngen vnnd publicierten General mit Vorwiffen vnnfers Waldmaifters vnnd in abwefen Seines zugeordneten Gegenfchreibers zu ftraffen." " " وو Wenn auch durch diefes Verbot der Billichfang in den küftenländifchen Rothbuchenforften nicht ganz abgeftellt wurde, fo kamen doch allmälig andere, für die Waldbeftände weniger nachtheilige Fangmethoden in Anwendung. In der Krainer Collectivausftellung hatte Bürgermeiſter Schweiger aus Altenmarkt Billichfelle in Tafeln von je 16 Stück und Billichmützen ausgeftellt. Der Preis war mit 60 bis 70 Kreuzer per Tafel angefetzt. In reichen Maftjahren, wenn die Bucheckern voll gedeihen, vermögen Inner- und Unterkrain etwa 50.000 folcher Tafeln zu liefern, welche einer Billichausbeute von 800.000 Stück gleich kommen. Der Abfatz wird jedoch noch als gering bezeichnet. Mit den im Vorhergehenden eingehender behandelten forftlichen Nebennutzungen, beziehungsweife ihrer Producte, fchliefst fich die Zahl diefer Nutzungszweige allerdings nicht ab; es kommen noch anzureihen: die Gewinnung von Knoppern, Galläpfeln, Kork, Lindenbaft, Feuerfchwamm u. f. w., die Torfftecherei, der Steinbruchbetrieb und endlich die Jagd. Bei der im hohen Grade wechfelvollen Bedeutung diefer Nebennutzungen, glauben wir von ihrer eingehenderen Behandlung Abftand nehmen zu follen. Wir find nunmehr bei dem Referate über eine forftliche Disciplin angelangt, welche in gleicher Weife für die Wiffenfchaft, wie für die praktifche Wirthschaft von Bedeutung ift, und feit einer langen Zeitperiode Gegenftand und Veranlaffung Forstwirthfchaft. 47 vielfacher, mitunter heftiger Controverfen war und es auch dermalen noch ift; wir meinen die forftliche Betriebseinrichtung und Wald- Ertragsberechnung. Es liegt wohl nicht die Aufgabe vor, hier eine kritifche Beleuchtung der' zum Zwecke der Wald- Ertragsberechnung vorgefchlagenen mannigfaltigen Methoden und Verfahren zu bringen; wir müffen uns darauf befchränken, diefen Gegenftand innerhalb jenes Rahmens zu erörtern, welcher durch die ausgeftellten forftlichen Wirthschaftseinrichtungs- und Abfchätzungs- Elaborate gebildet war. Keine wie immer geartete vorgefafste Meinung foll uns bei unferen Erwägungen leiten; Referent will nach keiner Richtung Parteimann fein, er will lediglich als Fachmann feiner Auffaffung und Anficht über die zur Verhandlung vorliegenden Fragen Ausdruck geben. Wenn die Aufgabe vorliegt, eine Wirthfchaftseinrichtung oder Ertragsberechnung für irgend einen Forftcomplex zu entwerfen und zu begründen, fo werden es wohl zunächft drei Fragen fein, welche wir an uns ftellen werden. So einfach diefe Fragen an fich find, fo fchwierig kann unter Umftänden ihre Beantwortung werden. Unferm Ermeffen nach hat man fich zunächst volle Klarheit zu verfchaffen: Ueber das Ziel, welches wir anzuftreben haben. Ueber jene Zwecke, welche wirklich erreichbar erfcheinen, und fomit über alles dasjenige, was vorläufig unerreichbar ift. Ueber die Mittel, welche uns zur Durchführung der gefafsten Befchlüffe zur Verfügung stehen. Wir brauchen nur dasjenige hervorzuheben, was wiederholt als die Aufgabe einer jeden Wirthfchaftseinrichtung, und damit im Zufammenhange, der Ertragsberechnung bezeichnet worden ift. Wie bei jedem Ertragsobject, deffen Wirthschaftsbetrieb organifirt und gegliedert werden foll, die Anbahnung der höchften nachhaltigen Erträge im Vordergrunde fteht, ift auch bei der forftlichen Wirthschaftseinrichtung das Streben dahin gerichtet, in dem betreffenden Wald complex einen Zuſtand anzubahnen und herzuftellen, welcher dem Eigenthümer den nachhaltig gröfsten und werthvollften Ertrag.liefert. Diefer letztere wird fich in der Ueberzahl der Fälle aus dem zum Einfchlage kommenden Holze ergeben; es können dabei jedoch auch die Nebennutzungen einen wefentlichen Einfluss nehmen. Als bekannt können jene einzelnen Momente betrachtet werden, welche bei der Löfung diefer Hauptaufgabe in Erwägung kommen. Sie find: 1) Anzucht der den Verhältniffen am meiften entfprechenden Holzart. 2) Beftimmung des vortheilhafteften Benutzungsalters. 3) Anordnungen bezüglich der zweckentfprechendften Behandlung der Beftände. 4) Anbahnung eines Altersclaffen- Verhältniffes, welches die Möglichkeit bietet, die jährlichen Materialerträge nachhaltig in folchen Hölzern, beziehungsweife Beftänden zu fchlagen, welche jenes vortheilhaftefte Benutzungsalter erreicht haben. 5) Vertheilung und Aneinanderreihung der Fällungsorte in einer Art und Begrenzung, dafs dadurch die vortheilhaftefte Verwendung und Verwerthung des Materiales ermöglicht, der Transport thunlichft erleichtert wird und Befchädigungen in Folge Abbringung der Hölzer, fowie durch Naturereigniffe, Servitutberechtigte u. f. w. möglichft vorgebaut werde. 6) Anordnung der Hiebeszüge in einer Art, wodurch die bereits bestehenden Waldbeftände, ebenso wie die künftig nachzuziehenden Forfte nach ihrem Alter derart für die ſpätere Benutzung vertheilt erfcheinen, dafs fie: a) den Gefahren von Naturereigniffen am wenigften ausgefetzt find, b) die Vertheilung der jährlichen Materialerträge auf die einzelnen Fällungsorte derart erfolgt, dafs dadurch den Anforderungen der Waldanwohner, 4 48 Johann Newald. der holzverzehrenden Werke und Unternehmungen, der Servitutberechtigten u f. w jederzeit entfprochen und gleichzeitig auch einer erleichterten Waldverjüngung und der Rückficht auf eine gute Vertheilung der Manipulationsgefchäfte fachgemäfse Rechnung getragen werde. Es ist wohl an fich klar, dafs es nicht bei jeder Wirthschaftseinrichtung oder Waldertragsberechnung durchführbar ift, alle im vorhergehenden bezeichneten Momente, gleichzeitig in einer ihrer Bedeutung oder ihrer örtlichen Wichtigkeit entsprechenden Art und Weife berücksichtigen zu können. Es ergibt fich dadurch eine, nur zu oft fehr fchwer zu löfende Aufgabe unter den fich oft widerfprechenden wirthschaftlichen Anforderungen und Bedingungen jene zu erkennen und feftzuftellen, welche eine befondere Würdigung beanfpruchen. Jene Disciplinen der Forftwiffenfchaft, welche wir dermalen Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung nennen, finden die erften Keime ihrer Entwickelung in jenen forftlichen Abfchätzungen, welche man feit den älteften Zeiten zum Zwecke des Verkaufes, des Taufches, der Theilung, der Verpfändung des Waldes u. f. w. vornahm; denn es läfst fich wohl nicht denken, dafs man ein Eigenthum von der Bedeutung des Waldes verkauft, vertaufcht, verpfändet, vertheilt u. f w. hat, ohne fich vorher klar zu machen, welches fein wahrfcheinlicher Ertrag gegenwärtig ift und künftig fein wird; kurz, welches der Werth desfelben ift, der fich nur aus der Veranfchlagung feines Ertrages beurtheilen liefs.. Dafs dabei die Frage, ob die Bedürfniffe gleichmäfsig den ganzen Ertrag des Waldes( namentlich des Holzes) in Anfpruch nehmen, oder der Wald mehr Holz erzeugte, als die Confumtion aufzunehmen vermochte, von grofser Wichtig. keit war, verfteht fich wohl von felbft. Wenn der Salzburger Erzbifchof Mathäus Lang von Wellenburg in der oben erwähnten Waldordnung vom 21. Mai 1524 Anordnungen trifft, welche dahin gerichtet find, dafs für den Salzbergbau zu Hallein, für die Gold- und Silberbergwerke zu Gaftein und Raurifs etc. der Bedarf an Bau-, Gruben-, Kohl- und Brennholz u. f. w. auch für die Zukunft gefichert werde, fo kann es uns nicht entgehen, dafs damit die Grundzüge einer Wirthfchaftseinrichtung gegeben wurden. Nachdem der Ertrag eines Waldes mit der Flächenausdehnung desfelben im innigen Zufammenhange fteht, erkannte man bald die Nothwendigkeit einer Vermeffung der Forfte. Im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts begann man an mehreren Orten mit der Aufnahme und Flächenberechnung der Wälder, und wurde diefes Gefchäft namentlich dort mit grofser Lebhaftigkeit durchgeführt, wo der Wald bereits eine hervorragende Bedeutung erlangt hatte. Ein grofses Verdienft erwarb fich in diefer Richtung der hannöverfche Oberbaurath und Profeffor zu Göttingen J. F. Penther, welcher durch fein Lehrbuch der praktifchen Geometrie die Heranbildung von Feldmeffern vermittelte. Er felbft hatte von den ausgedehnten Forften der Graffchaft Stolberg- Stolberg eine für feine Zeit ausgezeichnete Karte angefertigt. Obwohl fchon Colerus eine Art Schlageintheilung befpricht, wurde die Abtheilung gröfserer Wälder in regelmässige Schläge doch erft durch die Vermeffung der Forfte erleichtert und auch im gröfseren Umfange ermöglicht. Diefes Verfahren wurde auch bald an vielen Orten in Anwendung gebracht, denn es lag wohl der Gedanke fehr nahe, die Nachhaltigkeit der Holznutzungen durch die Abtheilung des Waldes in eine gewiffe Anzahl regelmäfsiger Schläge zu fichern und für Jedermann aufser Zweifel zu ftellen. In vielen grofsen und zufammenhängenden Forften der Ebenen kam diefer Schlagabtheilung die zum Zwecke der Jagd vorhandene fogenannte Beflügelung der Wälder oder Jagen- Eintheilung gut zu ftatten. Um das Aufftellen der Netze und Tücher zu erleichtern, anderfeits auch. um regelmässige Flächen von einer Gröfse zu erhalten, für deren Umftellung das Jagdzeug ausreichte, wurden die grofsen Forfte, namentlich der Ebene, wo natürliche Trennungslinien fehlten, mit fich rechtwinkelig durchkreuzenden Durchhauen * Forstwirthschaft. 49 oder Schneifsen, von einer Breite, dafs darauf gefahren und das Jagdzeug auf geftellt werden konnte, durchſchnitten. Nachdem man eine ausgezogene Wand von Netzen einen Flügel, Stellflügel, nannte, fo bekamen auch diefe Durchhaue, Schneifsen oder Geftelle den Namen Flügel. Wenn auch nicht in der Anwendung auf eine vollſtändige Schlageintheilung, fo doch bezüglich Abtheilung der Waldbeftände in Schlaggruppen oder Wirthschaftsfiguren fand fich die Beflügelung der Forfte und die Herftellung von Schneifsennetzen bei einer Zahl von ausgeftellten forftlichen Einrichtungselaboraten durchgeführt, und hatte die königlich preufsifche Forftakademie Münden Wegenetz- und Diftrictseintheilung des Lehrforft Revieres Gahrenberg durch ein Gipsmodell im Längenmafsftabe von I: 5000 und im Höhenmafsftabe von 1: 1000 und eine dazu gehörige eingehende Denkfchrift dargestellt und erläutert. Es möge geftattet fein, der in neuerer Zeit mit erhöhter Lebhaftigkeit befprochenen Herſtellung fogenannter Schneifsennetze einige Bemerkungen beizufügen. Für Forfte der Ebene und des Hügellandes erfcheint eine fachgemäfs durchgeführte Beflügelung als eine bewährte und höchft vortheilhafte Mafsregel, gegen welche fich kaum ein begründetes Bedenken erheben läfst. Anders jedoch geftaltet fich diefe Frage in eigentlichen Gebirgs- oder gar in Hochgebirgsforften. In Wäldern der Ebene oder des Hügellandes, wo durch die Terrainverhältniffe gegebene, natürliche Trennungslinien nur felten, und in Bezug auf den forftlichen Wirthfchaftsbetrieb in ganz unzureichender Zahl vorkommen, beſteht die Nothwendigkeit, den Abgang an natürlichen Trennungen durch künftlich gefchaffene derartige Abtheilungslinien oder Grenzen zu ergänzen. Die Anlage von Schneifsen und die Bildung eines regelmäfsig gegliederten Schneifsennetzes ift dort ganz unentbehrlich; die grofsen Vortheile desfelben ftehen aufser Zweifel. Faffen wir dem entgegen die im Gebirge, namentlich aber im Hochgebirge obwaltenden Verhältniffe in das Auge, fo finden wir überall eine reiche Anzahl der mannigfaltigften Vorkommniffe, durch welche das Terrain in eine grofse Zahl natürlich abgegrenzter, und mit der Oertlichkeit im vollſtändigften Einklange ftehender Flächen- Gruppen zerlegt wird. Die in den Hauptthalzügen vorkommenden Strafsen, Flufsbette u. f. w. die Wafferläufe der Nebenthäler, die in diefelben einmündenden zahlreichen Seitengräben, die auf fteilen Abhängen vorkommenden Lavinenriffe, die Schneiden der Bergrüken-Felfenkämme an den Bergwänden herablaufende Bergriegel u. f. w. bilden eine derart überreiche Anzahl von natürlichen Terrainabtrennungen, dafs wohl die Ueberzahl derfelben, nicht aber ein Abgang in Bezug auf den Forftbetrieb Schwierigkeiten und Uebelftände bereitet. - Jede forftliche Wirthfchaftsmafsregel-von der Einlage eines Holz-. fchlages, oder der Anbringung einer Holzriefe oder eines Abzugweges beginnend, bis zum Auftrieb des Weideviehes mufs fich diefen natürlich gegebenen Terraineigenthümlichkeiten anpaffen, diefelben beherrfchen den ganzen Wirthfchaftsbetrieb. Mit einem Worte, im Gebirge, namentlich aber im Hochgebirge, macht die grofse Anzahl von natürlichen Terrainabfonderungen oder Trennungen die Anbringung künftlicher Trennungslinien durch den Aushieb von Schneifsen ganz entbehrlich. In den Forften der Ebene und des Hügellandes läfst fich die Anlage der verfchiedenen Strafsenzüge, Abfuhrswege u. f w. mit dem etwa beftehenden oder neu einzuführenden Schneifsennetze in Einklang bringen, denn auch ein forgfältig gegliedertes Wegefyftem mufs als ein Förderungsmittel der Rentabilität, fowie als eine der Grundlagen und Vorarbeiten für die Eintheilung undEinrichtung der Forfte anerkannt werden. Das ausgeftellte Mündener Gipsmodell zeigte die praktifche Durchführung der in Bezug auf den Lehrforft Gahrenberg, für den Entwurf des Wegenetzes 4* 50 Johann Newald. und der Diftrictseintheilung aufgeftellten Grundfätze in plaftifcher Weife. Dasfelbe veranfchaulichte die Niveauverhältniffe in Horizontal curven von zehn Meter Verticalabftand, das darnach entworfene Wegenetz mit feiner Aufgabe, fämmtliche Reviertheile für die Holzabfuhr aufzufchliefsen und mit den Confumtionsoder Marktorten in eine angemeffene Verbindung zu bringen endlich die an das Wegenetz angefchloffene Eintheilung in Wirthschaftsfiguren. - So weit die mafsgebenden Verhältniffe aus dem Modelle und der beigegebenen Denkfchrift beurtheilt werden konnten, erfcheint die dargestellte Wegenetz- und Diſtrictseintheilung als fehr fachgemäfs. Das Modell felbft ift an die Lehrmittel- Sammlungen der k. k. Forftakademie in Mariabrunn übergegangen. Zur Darstellung des Ganges der Entwicklung, welchen das Forfteinrichtungs- und Abfchätzungswefen verfolgte, zurückkehrend, haben wir zunächft zu erwähnen, dafs die Flächentheilung, fo lange man fie in ihrer Anwendung auf Niederwälder und Mittelwälder befchränkte, durch eine geraume Zeit als Grundlage für die Bewirthschaftung diefer Betriebsarten benützt worden ift. Ihre Anwendung auf Hochwälder zeigte jedoch nur zu bald, dafs eine Flächentheilung fehr abweichende Jahreserträge zur Folge habe, indem die Fällungsergebniffe je nach dem Materialgehalte der zur Abftockung kommenden Beftände, fehr verfchieden ausfielen, und in Folge der mannigfaltig geänderten Einflüffe von Boden, Klima und Lage gegen die Weltgegend und den Horizont auf den Holzwuchs felbft, für die Zukunft nicht gleiche oder annähernd gleiche Jahreserträge zu erwarten ſtehen, abgefehen davon, dafs überall dort, wo man fich für die Beibehaltung des Plenterbetriebes entfcheiden mufste, eine Flächenabtheilung ganz ausgefchloffen war. Der Gedanke, die Ertragsverfchiedenheiten durch eine derart angeordnete und durchgeführte Flächentheilung zu beheben, bei welcher die Gröfse der verfchiedenen Jahresfchläge im Verhältniffe mit dem Umfange des von demfelben zu gewärtigenden Ertrages bemeffen wurde, lag nahe. Man brauchte ja nur das Ausmafs der Jahresfchläge in das umgekehrte Verhältnifs mit dem Ergebniffe zu ftellen, welches von den zum Einfchlage gelangenden Beftänden zu erwarten ftand das heifst eine um fo gröfsere Fläche dem Schlage zu geben, in dem Mafse der Materialertrag des Beftandes geringer war und umgekehrt. - - Zwei Richtpunkte waren es, welche man bei einer derartigen Flächentheilung, die man Abtheilung in Proportionalfchläge nannte, im Auge behielt. Bei dem einen war der dermalige Zuftand und Ertrag der Holzbeftände mafsgebend, die Proportionaltheilung war fomit eine vorübergehende, denn die Gröfse der Schläge mufste fich ändern, fobald durch die Anzucht vollbeftockter Beftände an Stelle der dermalen lückigen Waldorte auch das Ergebnifs der Abftockung verfchieden wurde. Bei dem zweiten Richtpunkte diente die Bodengüte der Forftflächen, welche man als unveränderlich betrachtete, als Bafis. Man ging dabei von der Anficht aus, dafs bei einem guten Wirthfchaftsbetriebe nach der Abftockung der einzelnen Schlagflächen, durch eine entsprechende Waldnachzucht und Beftandespflege normale Beftände nachgezogen werden, und demnach bereits beim zweiten Umtriebe eine auf die eigenthümliche, als unveränderlich beurtheilte Bodenkraft geftützte Flächentheilung, gleichbleibende Jahreserträge zur Folge haben müffe. Fafst man den Unterfchied, welcher zwifchen der Abtheilung in gleiche und jener in proportionale Jahresfchläge befteht, in das Auge, fo bemerken wir fofort, dafs die erftere, nämlich die gleiche Flächentheilung vorherrschend ein durch den Geometer zu löfendes Problem war, während bei der letzteren dem Forft manne die Aufgabe zufiel, den Ertrag der einzelnen Waldorte als die eigentliche Grundlage der Flächentheilung zu ermitteln und anzugeben. Forftwirth fchaft. 51 Eine proportionale Flächentheilung wurde im Jahre 1741 durch den Förfter Jakobi im Göttinger Stadtwalde, foviel bekannt, die erfte derartige gröfsere Eintheilung, durchgeführt. Nachdem bei der Anwendung des zweiten Verfahrens eigentlich die im Laufe der Zeit zu gewärtigenden Holzerträge zur Vertheilung gebracht wurden und eine Flächenabtheilung nur in der Richtung ftattfand, dafs man jedem einzelnen Jahre eine Schlagfläche von einer folchen Ausdehnung zuwies, dafs darauf der berechnete Durchfchnittsertrag vorgefunden wurde, trat die Nothwendigkeit in den Vordergrund, das Gefammt- Holzerträgnifs eines jeden Waldortes zu ermitteln, welches unzweifelhaft aus zwei Theilen beftand und zwar: a) aus dem gegenwärtig bereits vorhandenen Vorrathe und b) aus dem Zuwachs, welcher an demfelben bis zur Abftockung noch zu gewärtigen ift. Dafs die Gröfse des Zuwachfes, welcher in den einzelnen Waldbeftänden zu erwarten war, von der Zeitdauer abhängig erfchien, welche bis zum Abtriebe derfelben verflofs, war felbftverſtändlich; allein diefe Erwägung führte in die Waldertrags- Berechnung ein neues Moment ein, es erfchien nothwendig jene wirthfchaftlichen Dispofitionen zu gliedern und feftzuftellen, durch welche es möglich wurde, für jeden einzelnen Beftand, beziehungsweife Beftandestheil die Zeit feiner Abholzung beurtheilen zu können. Eine weitere Erwägung liefs ferner erkennen, dafs die Gröfse des in Rede ftehenden Zuwachfes nicht blofs von diefer Zeitdauer abhängig fei, fondern dafs auf denfelben auch die wirthschaftliche Behandlung des betreffenden Beftandes von entfcheidendem Einfluffe fein müffe. Dadurch gelangte man zu der Ueberzeugung, dafs jeder Waldertrags- Berechnung oder Schätzung, die Ordnung und Einrichtung der Wirthfchaft überhaupt vorauszugehen habe. Oettelt war es, welcher in der„, Abfchilderung eines redlichen und gefchickten Förfters, Eifenach 1768, Seite 27" zuerft diefen Gedanken als Grundfatz aufftellte. Wenn unläugbar der Ertrag eines Forftes davon abhängt, wie er bewirthfchaftet wird, fo kann man diefen Ertrag auch nicht eher vorausbeftimmen, als bis man die Art der Wirthfchaftsführung feftgefetzt hat. Ueber das Verfahren, durch welches man die Holzvorräthe ganzer Beftände ermitteln und den an ihnen erfolgenden Zuwachs berechnen könne, wurden damals verfchiedene Vorfchläge gemacht. Sie find zum Theile vergeffen, zum Theile lebt der Grundgedanke, durch die fortfchreitende Wiffenfchaft, jedoch erheblich erweitert und entwickelt, auch dermalen noch fort. Durch Oettelt und Hennert wurde das Forftvermeffungswefen zum Zwecke der Forfttaxation wefentlich erweitert und ausgebildet. Erfterer gab auch Vorfchriften zur Anfertigung von Erfahrungstafeln, während Letzterer die Anwendung derfelben zeigte. Verfuche über den foliden Holzgehalt von aufgeklaftertem Brennholze wurden abgeführt, das Verhältnifs zwifchen Aftholz und Derbholz wurde bei verfchiedenem Alter der Beftände und für verfchiedene Holzarten aufgefucht u. f. w. Alle diefe das Forft- Taxationswefen betreffenden Baufteine ordnete G. L. Hartig durch feine im Jahre 1795 erfchienene Anweifung zur Taxation der Forfte, zu jener Methode der Wirthfchaftseinrichtung und Waldertrags- Berechnung, welche fpäter unter dem Namen Hartig'fches oder Holzmaffen- Fachwerk fo berühmt geworden ift. Die vorzüglichfte Ausbildung gab er demfelben durch feine im Jahre 1819( 13. Juli) veröffentlichte Taxationsinftruction für die preufsifchen Staatsforfte. Hartig ging von dem Gedanken aus, die Art und Weife der Wirthfchaftsführung in einem Walde für die ganze Umtriebszeit voraus zu beftimmen, darnach den Zuftand, in welchen er bei Befolgung diefer Vorfchriften gebracht werden foll, zu ermitteln und den gefammten Materialertrag, den er demgemäfs geben wird, zu berechnen, um ihn auf die einzelnen Zeitabfchnitte, Perioden oder Zeitfächer des Umtriebes gleichmäfsig zu vertheilen. 52 Johann Newald. Hartig und feine Fachwerkmethode find vielfach und in heftiger Weife getadelt, letztere als werthlos verurtheilt worden, und dennoch dürfte die Annahme viele Berechtigung für fich haben, dafs keine Methode in folch ausgedehnter Weife bei der Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung der Forfte in Anwendung gekommen ist, wie fie. Es kann uns nicht die Aufgabe geftellt fein, alle jene Einwendungen und Bedenken zu wiederholen, welche dem Hartig'fchen Fachwerke, zum Theile mit vielem Rechte gemacht worden find; eines jedoch fteht aufser Zweifel: es ergab fich aus ihm die Bafis für eine fehr beachtenswerthe Erweiterung und Entwicklung des gefammten Waldabfchätzungswefens. Schon Klippftein ging von dem Detail einer Erhebung der den fpäteren Perioden zufallenden Holzerträge ab und befchränkte die fpeciellen Wirthschaftsvorfchriften auf die erfte zwanzigjährige Periode, es der fpäteren Zeit überlaffend, nach Ablauf derfelben die zur neuerlichen Regelung der Ertragsziffer eines Forftes erforderlichen Anordnungen zu treffen. Eine befondere Ausbildung wurde dem Fachwerke durch Heinrich Cotta gegeben. Auch diefer leitet den Ertrag eines Forftes oder einer forftlichen Verwaltungseinheit in ganz naturgemäfser Weife aus dem Bewirthschaftungsgange desfelben ab und ftützt feine Material- Ertragsberechnung, auf eine derfelben als Bafis dienende, alle im Laufe der Umtriebszeit zur Nutzung gelangenden Beſtände eines Forftes umfaffende Schlag- oder Hiebesordnung, auch als genereller Nutzungsplan bezeichnet. Dadurch, dafs Cotta die fpecielle Ertragsermittlung nur für die erfte Periode durchführte und zum Beweife der Nachhaltigkeit der Nutzungen alle fpäteren Perioden der Umtriebszeit lediglich mit, ihrem Ertrage nach gleichwerthigen Beftandesflächen deckte, fielen die bei dem Hartig'fchen Fachwerke beanftändeten Detailfchätzungen der Erträge aller fpäteren Perioden hinweg. Die ganze Ertragsberechnung wurde dadurch, ohne im geringften an ihrem Werthe zu verlieren, aufserordentlich vereinfacht. Jede nach Ablauf einer Periode durchgeführte Revifion prüfte nicht nur die für den allgemeinen Wirthschaftsgang aufgeftellten Dispofitionen, erwägend, ob durch das Einhalten derfelben jene Zielpunkte erreicht werden, jener Zuftand des Forftes oder der ganzen Wirthschaftseinheit hergestellt wird, welcher als das Endrefultat aller wirthschaftlichen Dispofitionen aufgeftellt erfcheint, fondern aus den Eintragungen des Controlbuches ergaben fich auch jene Daten, auf deren Grundlage fich die bei den früheren Beftande sanfchätzungen etwa unterlaufenen Irrungen beheben liefsen, und fomit die Aufftellung des fpeciellen Nutzungsplanes für die nächfte Periode, beziehungsweife die Ermittlung der für die Dauer derfelben geltenden neuen Ertragsziffer, wefentlich an ihrer Verlässlichkeit gewann. Aus den periodifchen Revifionen, fie mochten nun fchon am Schluffe der einzelnen Zeitfächer, oder als Zwifchenrevifionen in der Mitte der Periode zur Durchführung gelangen, ergab fich unverkennbar eine in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug anzufchlagende Ausbildung des ganzen Wirthschaftseinrichtungswefens der Forfte und der damit im Zuſammenhange ftehenden Ertragsberechnung derfelben. Das Cotta'fche Fachwerk erhielt namentlich bei feiner Anwendung in den königlich fächfifchen Staatsforften und einer höchft erheblichen Anzahl von Privatwäldern, namentlich in den Forften der grofsen böhmifchen Majorate und Fideicommiffe, eine hohe rationelle Durchbildung. An den im Vorhergehenden, lediglich nach feinen Hauptzügen dargeftellten Entwicklungsgange jener wichtigen forftlichen Disciplinen, welche wir Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung nennen, haben wir nur noch einige Ergänzungen anzureihen. Sie betreffen jene Verfahren der Forftertrags- Ermittlung, welche unter dem Namen, Formelmethoden" zufammengefasst werden. Forstwirthfchaft. 53 Als Ausgangspunkt derfelben haben wir zunächft die fogenannte öfterreichifche Cameral- Taxationsmethode zu erwähnen. Es ift dem Schreiber diefer Zeilen nach langem Forfchen gelungen, im Archive des k. k. Finanzminifteriums in Wien jene umfangreichen Originalacten aufzufinden, welche fich auf die Entftehung diefes Abfchätzungsverfahrens beziehen. Wie folches aus den fehr intereffanten diefsfälligen Verhandlungen, Gutachten und Vorfchlägen hervorgeht und fich auch aus dem Hofkammernormale vom 12. Juli 1788 ergibt, war die fragliche Schätzungsmethode vorerft nur zur Berechnung des Werthes von, zum Verkaufe gelangenden Wälder vorgefchrieben worden, allein fie wurde auch bald zum Zwecke eigentlicher Ertragserhebungen in Verwendung genommen Als aus der öfterreichiſchen Cameraltaxations- Methode hervorgegangene forftliche Schätzungsverfahren laffen fich bezeichnen: das fogenannte Hundeshagen'fche Nutzungsprocent, die Methode des fürftlich fiegmaringen'fchen Forftmeifters Heinrich Carl und jene von Carl Heyer. Schliefslich möge es geftattet fein auf jene Controverfen hinzudeuten, die fich über jenes Verfahren der Waldertrags- Ermittlung, welches Reinertrags- Methode, finanzielles Abfchätzungsverfahren oder auch Verfahren der Beftandeswirthschaft genannt wird, erhoben haben und noch lange nicht abgefchloffen fein dürften. Im Eingange jener Erörterungen, welche wir der forftlichen Wirthschaftseinrichtung und Ertragsberechnung widmeten, wurden jene Momente angedeutet, welche mit der gröfsten Sorgfalt zu erwägen find, fobald es fich um die Durchführung einer Waldwirthschafts- Regelung handelt; wir mufsten jedoch fofort zugeben, dafs es nur in den feltenften Fällen thunlich fein dürfte, allen jenen Bedingungen gleichzeitig und in genügender Weife zu entfprechen, welche von den obwaltenden Verhältniffen, nur zu oft in ganz entgegengefetzten Richtungen geftellt werden. Jene forftlichen Wirthfchaftseinrichtungs- und Abfchätzungsoperate, welche fich in den verfchiedenen forftlichen Ausstellungen vorfanden, zeigten ohne aller Ausnahme, dafs die Verfaffer derfelben fich der ihnen zugefallenen Aufgabe vollftändig klar waren. Jedes Operat liefs erkennen, dafs es die Frucht reiflicher Studien und einer eingehenden Prüfung der obwaltenden Verhältniffe war. Den gleichen Zweck anftrebend, erfchien jedoch der Weg, welchen man einfchlug, um ihn zu erreichen, als ein fehr verfchiedener, je nachdem eben die Umftände den Gang nach dem Ziele zu befchleunigen oder zu hemmen vermögen. Darin liegt ja eben der Werth einer jeden Wirthfchafseinrichtung und Ertragsberechnung, dafs man es aufgegeben hat, damit ein blofes Rechnungsexempel aufzulöfen, fondern durch dasfelbe die Ergebniffe reiflicher Studien zum Ausdruck zu bringen ftrebt. Faffen wir zunächft die in der Collectivausftellung der Fürften Johann Adolf und Adolf Jofef zu Schwarzenberg ausgelegten Wirthfchaftspläne und Karten in das Auge, fo fanden wir dort: 1. Den Wirthschaftsplan vom Revier Boretz der Domäne Lobofitz. Eichenfchälwaldbetrieb, für das Jahrzehnt 1872 bis 1881 mit der Beftandeskarte vom Jahre 1872. 2. Den Wirthschaftsplan vom Herrfchaft Winterberger- Reviere Kellne im Böhmerwalde mit dem Höhenpunkte Kubani. Nadelholz- Hochwald mit 120jährigem Umtrieb, für das Jahrzehnt 1870 bis 1879 mit der Beftandeskarte vom Jahre 1870. Es ift diefes eines jener Böhmerwald- Reviere, welches durch die Sturmbefchädigungen in den Jahren 1869 und 1870 fehr ftark angegriffen wurde und nunmehr durch die Borkenkäfer- Verheerungen befonders zu leiden hat. 3. Den Wirthfchaftsplan vom Herrfchaft Frauenberger- Reviere Poniefchitz, mit dem Hochwild- Thiergarten. Laub- und Nadelholz- Hochwaldbetrieb. Kahlhieb. mit künftlicher Aufforftung und Vorverjüngung. Für das Jahrzehnt 1865 bis 1874, 54 Johann Newald. dazugehörig die Beftandeskarten von den Jahren 1855 und 1865 fammt Revifionsprotokoll für das Jahrzehnt 1855 bis 1864. 4. Wirthfchaftsplan vom Herrfchaft Frauenberger- Reviere Welechwin. Nadelholz, Hochwaldbetrieb im 80- bis 120jährigen Turnus, ebenes Terrain, mit Kahlhieb und künftlicher Aufforftung, für das Jahrzehnt 1864 bis 1873. Dazugehörig zwei Beftandeskarten von den Jahren 1854 und 1864 und das Revifionsprotokoll für das Jahrzehnt 1854 bis 1863; endlich das feit dem Jahre 1854 geführte Wirthfchaftsbuch diefes Revieres. Wir hatten fomit in den vorbezeichneten vier Operaten Wirthschaftseinrichtungen und Ertragsberechnungen von vier Revieren vor uns, in denen die wirthschaftlichen Bedingungen fehr abweichend geftaltet find. Das Lobofitzer Revier Boretz enthält den Eichenfchälwaldbetrieb; das Winterberger- Reviere Kellne wird mit Rückficht auf den Schwemm- und Flöfsereibetrieb behandelt. Das Frauenberger- Revier Poniefchitz befitzt innerhalb feiner Grenzen einen fehr ausgedehnten Hochwild- Thiergarten und das Revier Welechwin hat Nadelholz- Beftände unter gewöhnlichen Wirthschaftsverhältniffen. Der fürftlich Schwarzenberg'fche Ausftellungskatalog fagte in Bezug auf den Forstwirthschafts- Betrieb: Die Forfte find nach der( älteren) fächfifchen FlächenFachwerkmethode fyftemifirt, das induftriöfe Streben der Forftverwaltung zielt nach einem möglichst hohen Nutzholzpercent. Diefe zwei Sätze enthalten das forftwirthschaftliche Programm für den ebenfo ausgedehnten wie wichtigen Schwarzen berg'fchen Waldbefitzftand. Er fagt mit anderen Worten: Das wirthschaftliche Streben ist nach der Erziehung der gröfsten und werthvollften Materialmaffen gerichtet, die induftrielle Gebarung ftrebt die befte Verwerthung derfelben an, woraus fich von felbft eine Steigerung des nachhaltigen Geldertrages und fomit des Capitalwerthes der betreffenden Forfte ergeben muss. Hochbedauerlich erfcheint nur, dafs der normale Gang der wirthschaftlichen Entwicklung in allen jenen Revieren, welche durch die Sturmbefchädigungen der Jahre 1869 und 1870 und durch die darauffolgenden Borkenkäfer- Verheerungen betroffen worden find, unterbrochen wird. Die Collectivausftellung des Prinzen Auguft von Sachfen- CoburgGotha enthielt in ihrer das" Forft- Taxationswefen" umfaffenden Abtheilung Wirthschaftseinrichtungs- und Abfchätzungselaborate mehrerer Reviere fammt den dazugehörigen Forftkarten, Controlbüchern u. f. w. Das in Anwendung ftehende Abfchätzungsverfahren ftützt fich, wie folches überhaupt bei den Fachwerk- Methoden der Fall ift, auf einen die ganze Umtriebszeit umfaffenden Hiebesplan, hier Schlagfolge genannt. Bei der Aufftellung desfelben ift es Sache des Taxators, den Abtrieb der Beftände derart anzuordnen, dafs die alten, zumal überftändigen Beftände, in welchen wenig oder kein Zuwachs mehr erfolgt, zunächft zur Hauung kommen; dafs die übrigen Beftände, infofern es die Altersclaffen und eine entfprechende Reihenfolge der Schläge geftatten, im Umtriebs- oder Haubarkeitsalter oder nicht zu weit davon entfernt, zum Abtrieb gelangen. Auf Grundlage der Schlagordnung wird nunmehr für alle Beftände, welche im Laufe der Umtriebszeit zur Benutzung kommen, der Umtriebszuwachs nach einem fachgemäfsen Vorgange entwickelt und die Summe desfelben zum gegenwärtigen Materialvorrath diefer Beftände addirt. Von der fohin erhaltenen Gefammtziffer wird bei vorausgefetztem nachhaltigen Wirthschaftsbetriebe ein Theil ( in der Regel der normale Vorrath) für die zweite Umtriebszeit beftimmt und der Reft entweder gleichförmig oder nach dem fpeciellen wirthschaftlichen Bedürfniss in anderer Weife, auf die einzelnen Wirthfchaftsperioden der erften Umtriebszeit vertheilt. Forftwirthschaft. 55 Es kann uns nicht entgehen, dafs diefer Modus der Waldertrags- Ermittlung in feinem Grundgedanken mit dem von C. Heyer vorgefchlagenen Verfahren zufammenfällt. Werden bei den periodifchen Revifionen die in den Controlbüchern nachgewiefenen wirklichen Ergebniffe der einzelnen abgeftokten Beftände berückfichtigt, fo kann es kaum einem Zweifel unterliegen, dafs die Nachhaltigkeit der Nutzungen, auf welches Moment bei der Behandlung und Bewirthschaftung der fraglichen Forfte ein grofses Gewicht gelegt wird, verbürgt erfcheint. Auch die Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung der zur grofsen Banater Domäne Oravicza gehörigen, der k. k. priv. öfterr. StaatseifenbahnGefellfchaft eigenthümlichen Forfte ftützt fich, wie folches aus den ausgeftellt gewefenen Abfchätzungselaboraten, Wirthschaftskarten, Controlbüchern u. f. w. zu entnehmen war, auf ein Fachwerk. Für jedes Revier dient demfelben ein allgemeiner Nutzungsplan oder Schlagordnung als Bafis. Bei der Wahl der Umtriebszeit wurde nebft der Erzielung der gröfsten und werthvollften Production auch den Anforderungen der Induftrie und des Bergbaues, ferner dem Bedürfniffe in Bezug auf Belebung der Gewerbe und des Handels Rückficht getragen, und es wurde für den Hochwald eine Umtriebszeit von 80 bis 100, für den Niederwald auf geringerem Boden von 40, auf gutem Standort von 60 bis 80 Jahren feſtgeſtellt. Die Umtriebszeit ift in Zeitfächer von 20 Jahren und jedes folche Fach in zwei zehnjährige Perioden untertheilt, fo dafs für die zehnjährige Revifion und Richtigftellung des Wirthschaftsbetriebes paffende Zeitabfchnitte gebildet find, und fomit für das umfangreiche Abfchätzungswefen die fo nöthige Ueberficht gewonnen ift. In der Forftausftellung der ungarifchen Länder haben wir zunächſt einer höchft werthvollen Arbeit zu gedenken; es ift diefes die graphifche Darstellung der Schaftform und des Wachsthumsganges der in diefen Ländern vorkommenden Haupt- Baumarten und der aus ihnen gebildeten Wälder. Nach den fechs Culturgebieten der ungarifchen Länder, und zwar ungarische Ebene, Bakonygebirge, Nordkarpathen, Südkarpathen, flavonifche Tiefebene und kroatifches Gebirge geordnet, gaben die auf 310 Erhebungen bafirten Darftellungen fammt den dazu gehörigen Zuwachstabellen ein Bild über den namentlich für Forftabfchätzungen und Ertragsberechnungen höchft wichtigen Zuwachsgang unferer Holzarten an einzelnen Stämmen und in ganzen Beftänden. Es gewinnt die Klarlegung diefer Momente umfomehr an Bedeutung, je mehr die Entwicklung des forftlichen Wirthfchaftsbetriebes eine auf verläfsliche Factoren geftützte Kenntnifs der Ertragskraft unferer Wälder als nothwendig, ja ganz unentbehrlich erfchei nen läfst. In der grofsen forftlichen Ausftellungshalle Ungarns fand fich eine Reihe von forftlichen Ueberfichtskarten, Waldflächen und Communicationskarten, ftatiftifchen Operaten, Elaboraten über Betriebseinrichtungen und Ertragsberechnungen u. f. w. aus den Staats- und Fonds- Forften, aus den Staatsforften Kroato- Slavoniens und von Privaten ausgelegt. Wir heben aus denfelben jenes Operat heraus, welches die Forfte der gräf lich Königsegg- Aulendorf'fchen Herrfchaften Oroszlánkö und Illawa im Trentfchiner Comitat und die in den Jahren 1868 bis 1870 durchgeführte Wirthschaftseinrichtung derfelben zur Darstellung brachte. Zum Zwecke der Betriebseinrichtung und Ertragsberechnung wurde für den in Rede ftehenden Wald complex das combinirte Flächen- und Maffenfachwerk in jener Form in Anwendung gebracht, welche im Jahre 1862 für die königlich württembergifchen Staatsforfte eingeführt worden ift und fich unter den verfchiedenften Verhältniffen vollkommen bewährt hat. 56 Johann Newald. Anzucht jener Holzarten, aus denen fich durch eine pflegliche Behandlung der Beftände nachhaltig das gröfste Materialerträgnifs, und durch eine induftriöfe Verwerthung desfelben auch das nachhaltig gröfste Geldeinkommen erzielen läfst, fomit der Capitalwerth der Forfte in rationeller Weife entwickelt und gehoben wird, ift das dem Waldwirthfchaftsbetriebe vorgezeichnete Ziel. Darum dehnt auch die neue Forfteinrichtung den dermalen bereits vorwiegenden Hochwaldbetrieb auf die bis in die jüngfte Zeit als Niederwald( Stock- und Kopfausfchlag) behandelten Waldtheile aus. Für die fämmtlichen Hochwaldbeftände, beziehungsweife auch für die dermalen als Niederwald behandelten Flächen, nach ihrer Ueberführung zum Hochwalde, wurde eine normale Umtriebszeit von 100 Jahren angenommen. In die Bildung mehrerer Betriebs claffen mit abweichender Umtriebszeit, wurde nicht eingegangen. Der Einrichtungszeitraum erftreckt fich, wie die angenommene normale Umtriebszeit auf 100 Jahre und befteht aus fünf Perioden, jede zu 20 Jahren. Die erfte Periode ift behufs der näheren zeitlichen Beftimmung der Hiebe in zwei Jahrzehnte abgetheilt. Die Einreihung der einzelnen Beftände oder Abtheilungen in die Perioden, welche fchon beim Entwurfe des allgemeinen Hauungs- oder Wirthfchaftsplanes in entſprechender Weife in das Auge gefafst wurde, gefchah mit fteter Rücksicht auf den normalen Umtrieb, auf das angemeffene Hiebesalter des betreffenden Beftandes, endlich unter Bedachtnahme auf eine richtige Hiebesfolge. Die Abkürzung oder Verlängerung des Haubarkeitsalters einzelner Beftände oder Beftandestheile konnte bei der Aufftellung des allgemeinen Hauungsplanes, zur Vermeidung von erheblichem Zuwachsverluft, überall auf ein wohl zuläffiges Mafs befchränkt werden, einestheils durch entſprechende Abgrenzung der Abtheilungen, anderntheils durch ein theilweifes Abgehen von der regelmäfsigen Periodenfolge in den Hiebesreihen. Zwei Beftandeskarten eines und desfelben Revieres, von denen die eine den wirthschaftlichen Stand vom Jahre 1868 erfichtlich machte, die zweite jedoch die als das Endziel der Wirthfchaft aufgeftellten nach Ablauf des erften Umtriebes, fomit für das Jahr 1968 anzuhoffenden Beftandesverhältniffe darftellte, waren dem in Rede ftehenden Einrichtungsoperat beigefügt. Die im Vorhergehenden nach ihren leitenden Grundfätzen dargestellte Betriebseinrichtung und Ertragsberechnung der zu den gräflich KönigseggAulendorf fchen Herrfchaften Oroszlánkö und Illava gehörigen Forfte wurde von dem königlich württemberg'fchen Forftmeifter, jetzigen Forftrath in Stuttgart, Herrn Probft, unter Beiziehung des gräflichen Forftverwalters zu Königseggwald, Herrn Henle, entworfen und ausgearbeitet. Wir glauben keine Einfprache beforgen zu dürfen, wenn wir fie als ein muftergiltiges Operat bezeichnen. Ueber den höchft erheblichen Waldbefitzftand Seiner kaiferlichen Hoheit des Erzherzogs Albrecht gab eine in dem diefsbezüglichen Ausftellungspavillon ausgelegte„ Forftbefchreibung der Domänekammer Tefchen" wenigftens über einen der wichtigſten Beftandtheile diefes Gütercomplexes Aufklärung. Geftützt auf die Daten diefer Forftbefchreibung, kommt in Bezug auf den ein Flächenausmafs von 87.546 Joch 50.383 Hektaren umfaffenden Waldftand das Nachfolgende hervorzuheben. Im Beginne der 1840er Jahre wurde die alte, auf der Bafis einer Flächentheilung beruhende Forftbetriebs- Einrichtung für fämmtliche Reviere der Kammer Tefchen, welche im Anfang des laufenden Jahrhunderts aufgeftellt worden war, durch eine neue, nach den Grundfätzen der Normalvorraths- Methoden gegliederte Ertragsregelung erfetzt. Die Umtriebszeit wurde in den Gebirgsrevieren mit 100 Jahren, in den Forften der Ebene mit 80 Jahren feftgeftellt. Forstwirthfchaft. 57 Nach Ablauf der erften 20jährigen Wirthfchaftsperiode erfolgte in den Jahren 1861 bis 1866 eine Reviſion mit einer neuerlichen Einfchätzung der fchlagbaren Beftandesclaffen, Berichtigung der feither eingetretenen Flächen- und Beftandesveränderungen und fohin Neuanfertigung der Wirthfchaftskarten und Schätzungselaborate. Die Refultate diefer umfangreichen Arbeiten erfcheinen in der„ Forftbefchreibung" tabellarifch zufammengeftellt, aus welcher Ueberficht wir zu beurtheilen im Stande find, dafs die neue Ertragsermittlung auf Grundlage des combinirten Flächen- und Maffenfachwerkes ftattgefunden hat. Bei einem Uebermafs an fchlagbaren Beftänden, wie ein folches in der Ueberzahl der Reviere der Tefchener Kammer vorkommt, kann das wirthschaftliche Streben dermalen der Hauptfache nach, nur auf eine thunlichft gute Verwerthung beziehungsweife Nutzbarmachung der vorhandenen Materialüberfchüffe gerichtet fein. Eine für die Kammer Tefchen höchft günftige Entwicklung mehrerer Eifenbahnlinien ermöglichte die Erweiterung des Holzabfatzes und hat eine für den Ertrag der fraglichen Forfte nicht hoch genug anzufchlagende Hebung des Nutzholz- Procentes zur natürlichen Folge. Sehr zweckmässig fituirte und ebenfo zweckmäfsig eingerichtete mannigfaltige Holzinduftrialien äussern diefsfalls eine fehr günftige Wirkung, fo dafs feit dem Jahre 1866 bis zum Jahre 1870 die Nutzholzausbringung von 25.8 Percent auf 66 Percent des Gefammtetats geftiegen ift. Nachdem ein derart günftiges Nutzholzpercent, namentlich in ausgedehn ten Forften mit erheblichem Jahresertrage, für die Dauer nur dann zu erwarten ift, wenn vorherrfchend ftärkere Sortimente zum Einfchlage kommen, dürfte eine Herabfetzung der Umtriebszeit wohl kaum dem wahren wirthschaftlichen Intereffe entſprechen. Es braucht wohl nur angedeutet zu werden, dafs alle jene Momente, welche geeignet find, für die Bewirthschaftung und Benutzung irgend eines Waldcomplexes Schwierigkeiten zu bereiten, fich auch bei der Anfertigung eines diefe Forfte betreffenden Betriebseinrichtungs- Operates und der dasfelbe ergänzenden Ertragsberechnung geltend machen. Wo die Verhältniffe des Standortes und der Lage für die Ausführung von wo die Nachzucht der Waldbeftände, Forftculturen Schwierigkeiten bereiten ihre Pflege und Sicherung gegen nachtheilige Einflüffe der mannigfaltigen Art, eine Aufgabe von grofser Bedeutung wird; wo die Terrainzuftände der Fällung und Bearbeitung des Materiales einerfeits, fowie der Bringung und dem Transporte desfelben auf die Verbrauchsorte anderfeits nur zu oft fchwer zu überwindende Hinderniffe entgegenftellen; wo aus dem Ertrage des Forftes die mannigfaltigften Nutzungsanfprüche an Holz der verfchiedenften Sortimente, an Streu, Gras u. f. w gedeckt werden müffen wo der Beftand von Waldfervituten der freien wirthschaftlichen Dispofition höchft fühlbare Hemmniffe und Hinderniffe bereitet, da wird die Durchführung einer forftlichen Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung eine der fchwierigften Aufgaben, welche an eine Forftverwaltung überhaupt herantreten kann. Alle jene Detailfragen, welche fich unter günftigen wirthschaftlichen Verhältniffen einfach und klar ordnen laffen, bauen fich hier zu einer Summe von Schwierigkeiten, Bedenken und Widerfprüchen auf, welche in ihrer Gefammt heit eine allen mafsgebenden Anforderungen gerecht werdende Löfung der Aufgabe im höchften Grade erfchweren, ja unausführbar machen. Die Wirthschaftseinrichtung und Ertragsberechnung, überhaupt die Syftemifirung der k. k. Salzkammerguts- Forfte, von welchen die diefsfälligen Operate im Pavillon des k. k. Ackerbau- Minifteriums ausgelegt waren, und der die deffen vorhergehenden Erwägungen gewidmet find, erfcheint als ein Problem, Löfung der lebhafteften Anerkennung eines jeden Fachmannes verfichert fein 58 Johann Newald. kann, und zwar umfomehr, wenn erwogen wird, dafs diefe Forfte ein Ausmafs von 148.112 Joch= 85.220 Hektaren befitzen, theilweife unter höchft ungünftigen Terrain und Standortsverhältniffen vorkommen, und überdiefs mit Waldfervituten erheblich belaftet find, da dermalen noch 4810 zum Holzbezuge, 1715 zur foge. nannten Heimweide, 1123 zur Alpenweide und 2712 zum Streubezuge berechtigte Realitäten beftehen.. Die Ausnutzung der hiebreifen Beftände erfolgt überwiegend durch den Kahlhieb, da die Windbruchgefahr, der die herrfchende Holzart, die Fichte, der Standortsverhältnifie wegen unterworfen ift, einerfeits, anderfeits die Anforderung der möglichften Oekonomie in den ohnediefs fehr hohen Fällungs- und Bringungsauslagen eine andere Wahl nicht zuläfst. Die plänterweife Ausnutzung findet ftatt in den Servitutswaldungen und näheren Waldbeftänden dort, wo den Holzbezugberechtigten ihre Jahresgebüh ren am Stocke vereinzelt zur Selbftaufarbeitung angewiefen werden müffen. Die in Rede ftehende Syftemifirung der k. k. Staatsforfte im SalzkammerGute, ift auf Grundlage eines combinirten Flächen- und Maffenfachwerkes durchgeführt. Im Pavillon des k. k. Ackerbauminifteriums war noch für verfchiedene Holzarten eine Anzahl von Ertragstafeln, Berechnungen und Darſtellungen des Zuwachsganges an einzelnen Stämmen und in ganzen Beftänden ausgelegt, deren Erörterung hier jedoch zu weit führen würde. Aus der Collectivausftellung der fteiermärkifchen Waldproducte haben wir einer vom Herrn Forftmeifter Henfchl zu Wildalpe combinirten und von der Actiengeſellſchaft der Innerberger Hauptgewerkfchaft ausgeftellten Anzahl von Zuwachsermittlungen für eine Reihe der vorzüglichften Baumarten zu gedenken, welche aus Stammabfchnitten in Lamellenform zufammengefetzt waren. Es erfchienen je zwei Stämme derfelben Holzart und von gleichem Durchmeffer, welche unter entgegengefetzten Wachsthums- und Bodenverhältniffen erwachfen waren, gegenübergeftellt. Graphifche Darftellungen und Zuwachs tabellen ergänzten in überfichtlicher Weife die aus den Stammabfchnitten gebildeten Zuwachsproben. Die forftliche Collectivausftellung Krains brachte ebenfalls eine Reihe von Zuwachsunterfuchungen, aus denen namentlich ihrer Seltenheit wegen die Ergebniffe des Kaftanien- Niederwaldbetriebes auf der gräflich Guftav Auersperg'fchen Herrfchaft Mokritz von hohem Intereffe waren. Von dem Joche eines entſprechend auf die Wurzel gefetzten Kaftanien. waldes werden im fünfjährigen Umtriebe( auf Rebenftöcke) erzielt: 4000 bis 6000, bis 8000 Lohden à o'i Kubikfufs; daher 400 bis 600, bis 800 Kubikfufs Abtriebsertrag, fomit 80 bis 120, bis 160 Kubikfufs Zuwachs per Jahr. Wendeten wir uns nunmehr der öftlichen Culturhalle zu, fo trafen wir in der von der k. k. Wiener Landwirthfchafts- Gefellfchaft veranlafsten Collectivausftellung von Niederöfterreich Elaborate über Forftbetriebs- Einrichtungen und Ertragsberechnungen, welche die freiherrlich von Sina'fche Forftdirection ausgeftellt hatte. Wir würden nur Bekanntes mittheilen, wenn wir neuerdings von der Gediegenheit Erwähnung machen wollten, mit welcher von derfelben das ForftSyftemifirungswefen gepflegt und entwickelt wird. Als die erfte Aufgabe betrachtet die Forftverwaltung das Streben, in mög lichfter Kürze und mit den geringften Opfern den normalen Waldzuftand herzuftellen, aus welchem jährlich nachhaltig der höchft mögliche Haubarkeitsertrag gewonnen werden kann, um durch eine induftriöfe Verwerthung desfelben die nachhaltige gröfste Geldrente zu erzielen. Zur Realifirung diefer Aufgabe wählt diefelbe ein Verfahren, welches den Beweis der angeftrebten Nachhaltigkeit unzweifelhaft liefert, dennoch aber, Forstwirthschaft. 59 auf einen für die ganze Umtriebszeit entworfenen, allgemeinen Wirthschaftsplan geftützt, der Adminiftration für die nächfte Zeitperiode die erforderliche Freiheit und Beweglichkeit in der Durchführung der forftlichen Betriebsmafsregeln und für eine erfolgreiche Ausnützung aller für eine gute Verwerthung der Waldproducte fich ergebenden Verkehrsverhältniffe bietet. Sowie die Forftfyftemifirungs- Elaborate felbft konnten auch die von der freiherrlich von Sina'fchen Forftdirection ausgeftellten, die genannten Operate ergänzenden Forftpläne, Ertragsnachweife, Controlbücher u. f. w. als muftergiltig bezeichnet werden. Als eine beachtenswerthe Leiftung im Fache der Wirthschaftseinrichtung und Ertragsberechnung kommt auch das von der böhmifchen Forftfchule zu Weifswaffer ausgeftellte, den Schulforft behandelnde Forft- Einrichtungswerk fammt den dazu gehörigen Forftkarten, Culturplänen, Ertragsnachweifen u. f. w. zu bezeichnen, wie denn überhaupt die Planzeichnungen, welche die genannte Forftfchule ausgeftellt hatte, von der Sorgfalt Zeugnifs gaben, mit welcher dort diefer Unterrichtszweig gepflegt wird. Bei dem Gange, welcher das Studium der ausgelegten Operate für forftliche Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung zum Gegenftande hatte, find wir nun bei jener Ausftellungsgruppe angelangt, welche für diefe Disciplin das deutfche Reich zur Anfchauung brachte. In Bezug auf die königlich preufsifchen Staatsforfte war zunächft die Vermeffung und Eintheilung derfelben dargestellt. Forftmeifter Deffert, Vorfteher des Forfteinrichtungs- Bureau in Berlin, hat fich um diefen wichtigen Adminiftrationszweig wefentliche Verdienfte erworben. Die Vermeffung und Kartirung diefer Forfte ftützt fich auf eine vorhergehende Triangulirung und Bildung eines Polygonnetzes, an welche fich die Berechnung des Coordinatenfyftems anreiht. Bei der Vermeffungsdurchführung wird in wohlerwogener und wohlverftandener Weife den örtlichen Verhältniffen thunlichft Rechnung getragen. Das Vermeffungs- und Eintheilungswefen, fowie die Ertragsermittlung der preufsifchen Staatsforfte, namentlich jedoch letztere, ift, fobald fich die wirthfchaftlichen Verhältniffe des Staates nach den tiefgreifenden Erfchütterungen desfelben im Anfange des Jahrhundertes wieder confolidirt hatten, während fechzig Jahren, mit feltener Confequenz entwickelt und ausgebildet worden. Anftatt Zeit, Arbeitskraft und Geld an Experimente bezüglich Einführung neuer Abfchätzungsmethoden, welche im Laufe der Zeit in ziemlicher Zahl in Vorfchlag gebracht wurden, zu verlieren, und die geordnete Entwicklung des Wirthfchaftsganges unvermeidlichen Störungen und Einbufsen auszufetzen, hat man es in ruhiger Würdigung des anzuftrebenden Zieles vorgezogen, das einmal als Grundlage für das Forftfyftemifirung- und Abfchätzungswefen gewählte Verfahren, an der Hand aller im Laufe der Zeit gemachten Erfahrungen forgfältig auszubauen. In Preufsen hat man feit Wedell's und Hennert's Zeiten das Fachwerk als Grundlage für die Betriebseinrichtung und Abfchätzung der Staatsforfte gewählt. Trotz Einwendungen, welche von vielen Seiten zu erwarten find, fprechen wir dennoch unfere Ueberzeugung dahin aus, dafs die Hartig'fche Inftruction vom 13. Juli 1819 einen wefentlichen Fortfchritt im Abfchätzungswefen der königlich preufsifchen Staatsforfte bezeichnet. Das Verfahren diefer Inftruction beruht unzweifelhaft, weil es die Flächentheilung der periodifchen Ertragsausgleichung unterordnet, auf dem Syfteme des ftrengen Maffenfachwerkes, es ift auch, namentlich von ſpäteren forftlichen Schriftftellern, viel getadelt worden, allein man vergafs dabei die Zeit, die wirthschaftlichen Verhältniffe und den damaligen Bildungsftand des Forftverwaltungs- Perfonales zu erwägen, für welche Hartig fein Verfahren entworfen hatte. Schon der 60 Johann Newald, Umftand, dafs es die Bafis geworden ift, von welcher ausgehend das BetriebsEinrichtungs- und Abfchätzungswefen in den königlich preufsifchen Staatsforften auf feinen dermaligen hohen Stand gebracht worden ift, fichert demfelben für alle Zeiten eine hervorragende Bedeutung. In dem Mafse als fich Abänderungen an der Hartig' fchen Methode durch die Erfahrung beftätigt als entſprechend erkennen liefsen, wurden fie alsbald ausgeführt. Man wollte eben das Verfahren nicht blos verändern, man wollte es auch verbeffern. Die Berechnung der Holzerträge nach einzelnen Sortimenten bis in die fpäteren Perioden gab man auf und befchränkte alle derartigen Erhebungen nur auf die erfte Periode, die fpäteren Zeitfächer lediglich mit nach Maffenklaftern ausgeworfenen Ertragsanfätzen deckend. Das Wefen jenes Verfahrens, welches dermalen in Anwendung fteht, läfst fich in folgende Hauptfätze zufammenfaffen: Der Aufftellung eines für die ganze Umtriebszeit entworfenen Wirthfchaftsplanes gehen voraus: die Eintheilung des Reviers in Blöcke oder Wirthschaftsfiguren und die Feftftellung jener Grundfätze, nach denen bei der Hiebesleitung und Beftandesordnung vorzugehen fein wird. An diefe den Kern der wirthschaftlichen Dispofitionen bildenden Momente fchliefsen fich die Anordnungen bezüglich der Bildung angemeffener Schlagtouren und Herftellung einer richtigen Hiebesfolge. Die bisher angedeuteten wirthschaftlichen Vorkehrungen haben die Herftellung eines normalen Altersclaffen Verhältniffes fort und fort im Auge, wobei jedoch nicht lediglich auf die einzelnen Blöcke Bedacht genommen wird, fondern im Falle im Reviere Holzarten von verfchiedener Nutzbarkeit vorkommen, auch das Altersclaffen- Verhältnifs derfelben derart geordnet wird, dafs zu jeder Zeit haubares Materiale der verfchiedenen Holzarten und Qualitäten zum Bezuge gebracht werden kann. Schliefslich glauben wir, es als felbftverständlich lediglich erwähnen zu follen, dafs die für die einzelnen Reviere entworfenen allgemeinen Betriebspläne, die Nachhaltigkeit und Gleichmässigkeit des periodifchen Holzertrages in Quantität und Qualität ficher zu ftellen und den ausfetzenden Betrieb zu vermeiden haben; ja, es ift das Streben in vielen Fällen dahin gerichtet, den Nutzungsgang derart anzuordnen, dafs die fpäteren zwanzigjährigen Perioden der Berechnungs zeit zur Herftellung einer Art Referve in Flächen und Erträgen etwas fteigen. anEine befondere Sorgfalt waltet in Bezug auf die Auswahl jener Beftände ob, aus denen die Erträge der erften Periode zu dotiren fein werden. Es gilt auch hier als Grundfatz, dafs mangelhafte Beftände, in denen der zeitliche Zuwachs der Productionsfähigkeit des Bodens am wenigften entſpricht, fowie jene Waldorte, deren Qualität im Rückgange begriffen ift, zunächft zur Abftockung gebracht werden. Obwohl, wie aus dem Vorhergehenden zu entnehmen ift, das Fachwerk die Bafis für die Wirthschaftseinrichtung und Ertragsberechnung in den königlich preufsifchen Staatsforften abgibt, fo wird dasfelbe, je nachdem die entfcheidenden Momente es verlangen, bald als Flächenfachwerk mit Ertragsberechnung für die erfte Periode, bald als combinirtes Fachwerk mit Ertragsberechnung nach Ertragsclaffen angewendet. In Niederwaldungen findet eine Flächentheilung ftatt, bei Mittelwaldungen die Flächentheilung für das Unterholz und Holztheilung mit Altersclaffen- Sonderung und Zuwachsnachweis für das Oberholz. Den alle zehn Jahre wiederkehrenden Schätzungsrevifionen fällt die Aufgabe zu, auf Grundlage der für die einzelnen Reviere beftehenden SyftemifirungsElaborate nach den Aenderungen, welche fich im Waldftande ergeben haben und den Refultaten, welche die Wirthfchaft lieferte, für die nächfte zehnjährige Schätzungsperiode eine neue Wirthschaftsnorm aufzuftellen. Forftwirthfchaft. 61 Das Abfchätzungswefen der königlich preuſsifchen Staatsforfte war durch folgende Wirthschaftseinrichtungs- und Ertragsermittlungs- Operate dargeftellt: der Oberförfterei Goffera( Hochwald), der Oberförfterei Falkenwalde( Hochwald), der Oberförfterei Schkeuditz( Mittelwald), das Taxations Revifionswerk der Oberförfterei Mühlenbach. Den fämmtlichen ausgeftellten Elaboraten waren die zugehörigen Wirthfchaftskarten beigefchloffen und war diefe Ausftellungsgruppe überdiefs ergänzt durch je ein Exemplar der Gefchäftsanweifung für die Oberförfter vom 4. Juni 1870 und Dienftinftruction für die Förfter vom 23. October 1868; auch erachten wir derfelben die vom Profeffor Dr. Hartig zu Neuftadt- Eberswalde ausgeftellte Sammlung der deutfchen Holzarten, weil fie die Wachsthums- und Zuwachs- Verhältniffe der vorzüglichften Baumarten unter verfchiedenen Standorts- Einflüffen zur Anfchauung brachte, anreihen zu follen. So wie der Fachmann über das Taxationswefen in den königlich preufsifchen Staatsforften, infoweit dasfelbe durch die diefsbezügliche Ausftellungsgruppe dargestellt erfchien, nur die vollfte Anerkennung ausfprechen konnte, müffen wir der gleichen Befriedigung bezüglich der von der grofsherzoglich badifchen Domänendirection in Karlsruhe und der grofsherzoglich heffifchen Oberforft- und Domänen direction ausgeftellten Vermeffungs- und Abfchätzungsoperate, Ueberfichts- und Wirthschaftskarten u. f. w. Ausdruck geben. Bei der durch das badifche Forftgefetz vom Jahre 1833 vorgefchriebenen Einrichtung der badifchen Domänen-, Gemeinde- und Körperfchafts- Waldungen, kommt zur Ermittlung des Abnutzungsfatzes oder Jahresertrages das Heyer'fche Verfahren in Anwendung. Schon diefer Umftand deutet auf eine pflegliche Waldbehandlung und auf das Streben nach Erzielung der höchften nachhaltigen Forfterträge hin. Unfern Rundgang abfchliefsend, nahm die vom Schweizerifchen Forftverein unter der Bezeichnung Forftkatafter vorgeführte Collection von Waldbefchreibungen, Wirthfchaftsplänen und Ertragsberechnungen mit den dazu gehö rigen Ueberfichts- und Specialkarten, fofort neuerdings die volle Aufmerksamkeit in Anfpruch. Sie gaben ein Bild von der Wirthfchaftseinrichtung in den Schweizerforften, wozu der Katalog fehr richtig bemerkte, dafs, wie überhaupt in allen Schweizereinrichtungen, auch bei diefer eine grofse Mannigfaltigkeit befteht, einmal weil jeder Canton die Angelegenheit in der ihm gut fcheinenden Weife ordnet, zum andern weil die beftehenden Inftructionen nicht fo bindend find, dafs nicht jeder Arbeiter feiner Arbeit den Stempel der eigenen Individualität aufprägen könnte. Wir glauben es als bekannt vorausfetzen zu follen, auf welch hoher Stufe in der Schweiz das Vermeffungs- und Mappirungswefen überhaupt fteht. Der Generalftab des Schweizer Heeres einerfeits, fowie Private und Vereine-- wir nennen unter den erfteren nur Ziegler zu Winterthur anderfeits, haben in diefer Beziehung Ausgezeichnetes geleiftet. Es erfcheint demnach als felbftverſtändlich, dafs dort auch das forftliche Aufnahms- und Kartirungswefen in feiner ſpeciellen Richtung, dem Allgemeinen diefes hochwichtigen Zweiges der Landeskunde, ebenbürtig zur Seite fteht. Wendeten wir uns nun den einzelnen Objecten diefer Ausftellungsgruppe zu, fo fanden wir in Bezug auf das Vermeffungswefen des Cantons Bern I Ueberfichtskarte, 2 Specialkarten, 28 Blätter der topographifchen Cantonskarte, endlich 124 Karten von Staatswaldungen ausgelegt. Die zwei Specialkarten, die Domäne Thorberg darftellend, müffen unbedingt als ausgezeichnete Leiftungen anerkannt werden. Im Verhältniffe von 1: 2000 angefertigt, erfcheint das Terrain durch horizontale Schichtenlinien mit einem verticalen Abftande von 6 Meter dargeftellt. Angefchloffen war ein Band Berechnungen und Detailzeichnungen. Die Ausfertigung diefer zwei Specialkarten war 62 Johann Newald. eine derartige, dafs fie allerorts als vortreffliche Vorlagen beim Unterricht im Zeichnen verwendet werden können. Von der Forftverwaltung des Cantons Graubünden war das Vermeffungsoperat der Stadtwaldungen von Chur, aufgenommen und ausgearbeitet vom Geometer Gentfch in Frauenfeld, nebft der allgemeinen Befchreibung der Waldungen, wozu 2 Ueberfichtskarten, I Beftandeskarte und 8 Hefte Berechnungen und Detailzeichnungen gehörten, ausgeftellt. Ausgelegt waren ferner, und zwar von Seiten der Forftverwaltung des Cantons Aargau die Wirthschaftspläne mit Karten über die Staatswaldung bei Habsburg und die Gemeinde Safenwyl mit I Ueberfichtskarte, 3 Specialkarten und 2 Berechnungsheften. Das forftliche Einrichtungswerk war vom Kreisförfter J. Riniker angefertigt; die Karten hatte Rikenbach in Brugg gezeichnet; von der Forftverwaltung des Cantons Bern die Wirthfchaftspläne mit Karten, und zwar I Ueberfichtskarte und 13 Specialkarten über die Gemeindewaldungen Aarwangen und Alle, vom Förfter A. Kupferfchmid; von der Forftverwaltung des Cantons Zürich die Wirthschaftspläne mit Schlagcontrolen und Karten, und zwar 2 Ueberfichtskarten und 6 Specialkarten über die Gemeindewaldung Efchenberg und die Genoffenfchaftswaldung Bonftetten, von H. Spiller ausgefertigt. Unter den ausgelegten Operaten über Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsermittlung, welche fämmtlich als fehr beachtenswerthe Leiftungen bezeichnet werden müffen, wollen wir namentlich den vom Kreisförfter J. Riniker angefertigten Wirthschaftsplan für die Staatswaldungen bei Habsburg und die Gemeindewaldung Safenwyl hervorheben. Als Einleitung ging der Darstellung aller einzelnen wirthschaftlichen Factoren eine gefchichtliche Skizze die in Rede ftehenden Forfte betreffend voraus. Eine ähnliche kurze hiftorifche Vorerinnerung fand fich auch in einem von der Forft- und Domänendirection zu Gmunden ausgelegten Taxations- Elaborat vor. - Wir können diefem Vorgange nur die vollfte Anerkennung zollen. Abgefehen davon, dass wir heute an jeden Forstwirth, der fich über das Niveau gewöhnlicher Fachbildung erheben will, die Anforderung ftellen, dafs ihm die Verhältniffe des ihm anvertrauten Verwaltungscomplexes in allen, fomit auch in ihren hiftorifchen Beziehungen ausreichend bekannt fein müffen, wird wohl Niemand die praktifche Berechtigung einer derartigen Forderung in Abrede ftellen können. Wir wollen diefsfalls nur die eine Frage einer Erwägung empfehlen, ob nicht bei den im Verlaufe der letzten 20 Jahre beinahe in allen deutfchen Ländern, namentlich aber in Oefterreich durchgeführten Servitutablöfungen und fogenannten Regulirungen an vielen Orten für den Wald und den Waldherrn viel zufagendere Refultate zu erzielen und von den Forften fo manche, ihre Pflege und ihr Gedeihen, ja geradezu ihr Fortbeſtehen in Frage ftellenden Uebelftände hintanzuhalten gewefen wären, wenn allerorts dem forftlichen Verwaltungsperfonale, als dem natürlichen Vertreter des Waldes und feiner bedrohten Intereffen, ein ausreichendes Vertrautfein mit der erften Entstehungsurfache der vorkommenden Servitute und der Gefchichte ihrer Erweiterung und allzu oft ihrer Ausartung zur Hand, und das diefsfällige urkundliche Material bekannt gewefen wäre. Der verdienftvolle Verfaffer des in Rede ftehenden Abfchätzungsoperates, beziehungsweife Wirthfchaftsplanes, möge uns geftatten, wenn wir hier bemerken, dafs der Tag der Ermordung des deutfchen Königs Albrecht I nicht in das Jahr 1309 fällt, fondern der 1. Mai 1308 war. Theile jener Forfte, auf welche fich das Einrichtungselaborat bezieht, gehörten einft zur Dotation des Klofters Königsfelden, welches Elifabeth, die Witwe des ermordeten Königs Albrecht, ftiftete und an der Stelle, wo diefer ftarb, erbauen liefs. Forftwirthfchaft. 63 Die Ertragsermittlung für die in Rede ftehenden Staatswaldungen bei Habsburg und die Gemeindewaldung Safenwyl wurde auf Grundlage der C. Heyer'fchen Methode durchgeführt; in der Ueberzahl von Fällen waren die forftlichen Wirthfchaftspläne jedoch auf Grundlage des combinirten Fachwerkes und in den Gemeinde- und Genoffenfchaftswaldungen mit vielen Mittel- und Niederwald- Beftänden unter Anwendung des Flächenfachwerkes realifirt. Nachdem der Canton Thurgau bisher ein Forftpolizeigefetz nicht befitzt, fo lieferte der aus diefem Canton ausgelegte, die Gemeindewaldung Tägerweilen betreffende Wirthfchaftsplan den Beweis, wie fehr es Landgemeinden, ohne dafs fie cantonale Gefetze oder Behörden dazu veranlaffen, in ihrem wohlverftandenen Intereffe gelegen erkennen, dafs die Nachhaltigkeit der Waldnutzungen gefichert, und die Behandlung ihres Forftbefitzes auf Grundlage eines rationellen Wirthfchaftsplanes geordnet werde. Zum Schluffe glauben wir hervorheben zu follen, dafs bei den zahlreichen Operaten über Wirthfchaftseinrichtung und Ertragsberechnung, welche die Ausftellung vorgeführt hatte, es mögen fich diefelben nun fchon auf Staatsforfte, auf Forfte grofser Fideicommifs- oder Majorats domänen, oder endlich auf Gemeindewaldungen bezogen haben, dem Gedanken Ausdruck gegeben war: die Ertragsermittlung eines Forftcomplexes habe fich auf einen wohlerwogenen Wirtſchaftsplan zu ftützen, d. h. die nachhaltige Nutzungsgröfse desfelben laffe fich mit Sicherheit nur aus dem Bewirthschaftungsgange desfelben ableiten. Wir haben im Eingange diefes Theiles unferer Erörterungen auf die Mannigfaltigkeit jener Momente hingedeutet, welche bei der Feftftellung der für den Wirthschaftsplan mafsgebenden Grundfätze von Einflufs fein können. Keine wie Aufser Zweifel dürfte ftehen, dafs der Ertrag eines jeden Fortftcomplexes für die nächfte Zeit, vorherrfchend von dem Umfange und dem Materialgehalte jener Holzbeftände abhängig ift, welche dermalen bereits zum Bezuge gebracht werden können, beziehungsweife für die Benutzung geeignet find. immer geartete Combination vermag diefe Beftände um einen Tag älter oder um eine Klafter ergiebiger zu machen, als wir fie eben vorfinden. Dagegen fällt den Junghölzern und Forftculturen hauptfächlich die Aufgabe zu, die Nachhaltigkeit der Nutzungen ficher zu ftellen. Die Entwickelung und das Gedeihen der Junghölzer und Nachwüchfe hängt unzweifelhaft von der Pflege und wirthschaftlichen Behandlung ab, welche man ihnen angedeihen läfst. Jede Verfäumnifs in diefer Beziehung hat Zuwachseinbufsen zur Folge, welche fich früher oder fpäter als ein Entgang oder Ausfall am Ertrag des Forftes geltend machen müffen. Wenn wir von dem Gedanken ausgehen, dafs eine der Aufgaben jeder forftlichen Ertragsberechnung darin liegt, die Waldnutzungen nicht nur in Bezug auf die Materialmenge, fondern auch rückfichtlich des Werthes derfelben thunlichft zu entwickeln und zu heben und die Nachhaltigkeit diefer Nutzungen ficher- zuftellen, dann kann fie einen alle einflufsnehmenden Momente forgfältig erwägenden Wirthschaftsplan gar nicht entbehren. Die Gröfse des Zuwachfes hat auf den Materialertrag eines Forftes den entfcheidendften Einflufs, da wir im Laufe der Zeit nicht mehr, als die Summe des Zuwachfes zur Nutzung bringen können. Wie oben dargeftellt worden ift, hat man es feinerzeit als einen wefentlichen Fortfchritt in der Ausbildung des Forft Taxationswefens betrachtet, als der Gedanke angeregt wurde, die Forftabfchätzung jedesmal mit einer Betriebsregulirung in Einklang zu bringen, um eben durch den für die letztere entworfenen und aufgeftellten Wirthfchaftsplan den Beweis zu liefern, dafs der ermittelte Ertrag mit der jeweiligen Ertragskraft und dem Ertragsvermögen des betreffenden Forftes in Uebereinftimmung ftehe, die Nachhaltigkeit der Nutzungen gefichert erfcheint und jene Mafsregeln vorgefehen werden, durch welche ftörende Einflüffe entfernt, und demnach das Einkommen thunlichft gehoben und entwickelt werde. 5 64 Johann Newald. Es kommt wohl nur zu bemerken, dafs dermalen nicht mehr die Abficht beftehen kann, einen forftlichen Wirthschaftsplan mit dem Gedanken zu entwerfen, er werde für die ganze, oft fehr lange Dauer der Umtriebszeit, oder für einen eine längere Reihe von Jahren umfaffenden Einrichtungszeitraum feine volle Brauchbarkeit und Geltung bewahren. Den periodifchen Revifionen, deren Wiederholung nach Bedürfnifs in bald längeren, bald kürzeren Zeiträumen angeordnet und durchgeführt werden kann, fällt die Aufgabe zu, den Wirthfchaftsplan unter Berücksichtigung der mittlerweile geänderten Verhältniffe abzuändern und auszubauen. Durch eine correcte Durchführung der periodifchen Revifionen wird dem Vorwurfe, der beftehende Wirthschaftsplan beenge die Entwicklung des Betriebes, jede Berechtigung entzogen. Der Gedanke, bei der forftlichen Ertragsberechnung von der Aufftellung eines den ganzen Betrieb umfaffenden Wirthschaftsplanes abzugehen, läfst fich fomit kaum als ein Ausbau des forftlichen Taxationswefens bezeichnen; wir würden das Eingehen in denfelben nur als einen Rückfchritt bedauern. Die in grofser Anzahl ausgeftellt gewefenen Operate über Wirthschaftseinrichtung und Ertragsermittlung der Forfte, deren Verfaffer fich unverkennbar der Bedeutung ihrer Aufgabe vollständig bewufst waren, lieferten ohne Ausnahme den Beweis, dafs man der Aufftellung und rationellen Gliederung eines Wirthschaftsplanes als Bafis für die Ertragsberechnung, den höchften Werth beilegt. Auch das Preisgericht war bei der Beurtheilung der forftlichen Ausftellungen unverkennbar mit den Anfchauungen der Ausfteller über diefe hochwichtige Frage in Uebereinstimmung, indem es überall dort, wo fich Forftfyftemifirungs- Operate in Collectivausftellungen vorfanden, diefelben einen hervorragenden Einfluss auf das Gefammturtheil nehmen liefs, anderfeits jedoch eine erhebliche Zahl derartiger Elaborate in wohlverdienter Weife mit Anerkennungen bedachte. Von mehreren jener Domänen und Forftadminiftrationen, welche gröfsere Operate über Wirthschaftseinrichtungen und Ertragsberechnungen ausgelegt hatten, war auch die für den eigentlichen Wirthschaftsbetrieb hochwichtige Waldarbeiter Frage in den Kreis der Erwägungen gezogen worden. In allen grofsen und zufammenhängenden Forften, deren Bewirthschaftung alljährlich erhebliche Arbeitskräfte zur rechtzeitigen Durchführung aller Manipulationsgefchäfte, als da find: Fällung und Vorrichtung des Materiales in den Schlägen, Bringung desfelben zu den Transportanftalten( Waldwege und Strafsen, Canäle, Bahnen, Schwemmbäche u. f. w.), Ausführung des Holztransportes mittelft Trift, Flöfserei, Fuhrwerk, Köhlereibetrieb, Herſtellung neuer und Erhaltung beftehender Strafsen und Wege und ihres Zugehörs an Brücken, Durchläffen, Geländern u. f. w., Neu- Ausführung und Reparaturen an Trift- und Flöfserei bauten, Uferverficherungen u. f. w. in Anfpruch nimmt, ift es ein Gegenftand von hoher Wichtigkeit, ein verlässliches, mit den mannigfaltigen Manipulationsgefchäften vertrautes Arbeitsperfonale rechtzeitig und in ausreichender Zahl zur Hand zu haben. Die Anfiedlung von Waldarbeitern in bald gröfseren, bald kleineren Colonien, an geeigneten Orten im Innern der grofsen Wald complexe follte diefem Bedürfniffe Rechnung tragen. Es fand dort feit langer Zeit jener Vor gang ftatt, welcher fich dermalen bei der Anlage und Entwicklung von Fabriken, Hüttenwerken u. f. w. durch die Herftellung von Arbeiterhäufern und Colonien vielfach als eine unabweisbare Nothwendigkeit herausftellt. Wenn es einerfeits dem Gedanken einer umfichtigen Wirthschaftspolitik entfpricht, das Intereffe der Waldarbeiter mit jenem der Waldherren thunlichft in Uebereinstimmung zu bringen und diefelben durch Ueberlaffung von Grundftücken zur Benutzung gegen mäfsige Pachtzinfe, Geftattung der Waldweide, Waldftreu und anderer Nutzungen, felbftverſtändlich unter Bedachtnahme auf Forstwirthfchaft. 65 die nothwendigen Vorfichtsmafsregeln, Beiträge bezüglich der Anlage von Schulen, der Einrichtung von Kranken- und Aushilfscaffen u. f. w. thunlichft zu unterſtützen, fo müfste es dennoch als ein grofser Fehler bezeichnet werden, wenn diefe Rückfichtnahme bis zur Genehmigung einer bücherlichen Erwerbung der von den Waldarbeitern benutzten Wohnhütten fammt Nebengebäuden, Grundftücken u. f. w. ausgedehnt werden wollte. Bei der Erwägung und Erörterung diefer Frage follte niemals überfehen werden, dafs die Herbeiziehung verlässlicher Waldarbeiter in entſprechender Anzahl der eigentliche Zweck derartiger Anfiedlungen und Colonien war, und es auch bleibt. Wie die Erfahrung an mehreren Orten zeigte, hatte die bücherliche Ueberlaffung der Wohnhütten und Grundftücke an die Waldarbeiter nur zu bald den Umftand zur Folge, dafs diefe kleinen Realitäten in den Befitz folcher Eigenthümer übergehen, die nicht mehr Waldarbeitèr find, deren Wirthfchaftsbetrieb jedoch für den Wald neue Beläftigungen herbeiführt. Wenn man irgend einen beftimmten Zweck beabsichtigt, darf man nicht Einrichtungen treffen, deren Entwicklung unvermeidlich die Vereitelung desfelben zur Folge hat. Am Schluffe unferer Unterfuchungen und Erwägungen über den die Waldbenutzung mit Einfchlufs der Wirthfchaftseinrichtung und Forft- Ertragsberechnung umfaffenden Haupttheil des forftlichen Wirthschaftsbetriebes angelangt, halten wir uns für berechtigt, mit grofser Befriedigung auf den hohen Entwicklungsgrad diefer forftlichen Disciplinen, namentlich in den Ländern Mitteleuropas hinzudeuten. Es iſt ein weiter Weg, welchen forftliche Wirthschaft und Wiffenfchaft zurückzulegen hatten, um zu dem dermaligen hervorragenden Stande zu gelangen. Wo es entſprechend erfchien, wurden in den vorliegenden Erörterungen gedrängte hiftorifche Ueberfichten eingefchaltet, deren Zweck namentlich dahin geht, jene Lefer, welche nicht zugleich Forftwirthe find, einen allgemeinen Ueberblick über die Beziehungen der einzelnen forftlichen Wirthfchaftszweige unter fich und zum wirthschaftlichen Leben ganzer Länder oder einzelner Gebiete gewinnen zu laffen. Welches der weitere Verlauf ihrer Ausbildung fein wird, wer könnte folches dermalen fchon beurtheilen? Einem Wunfche glauben wir jedoch Ausdruck geben zu follen, welcher dahin geht: es möge dem Walde feiner Schonung und Pflege, in den weiteften Kreifen die ihm gebührende Aufmerkſamkeit zugewendet werden. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. WEIN-, OBST- UND GEMÜSEBAU. ( Gruppe II, Section 4.) BERICHT VON H. GOETHE, Director der landwirthschaftlichen Schule in Marburg. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. THO OB21 D I sqquiD) VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch , während der Feier des internationalen Feftes abgefaist und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schlufse der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. 1* OV WEIN-, OBST- UND GEMÜSEBAU. ( Gruppe II, Section 4.) Bericht von H. GOETHE, Director der landwirthschaftlichen Schule in Marburg. Auf dem Gebiete menfchlicher Thätigkeit gibt es keinen Stillstand. Unaufhörlich entwickelt fich der fortfchreitende geiftige Drang der Menfchheit, mehr oder weniger merklich, nach diefer oder jener Richtung hin mit befonderer Vorliebe fich wendend. Wenn irgend ein Gebiet auf diefen Ausfpruch Berechtigung hat, fo ift es gewifs die Landwirthfchaft, insbefondere in ihren intenfivften Zweigen, dem Obft-, Gemüfe- und Weinbau, welche man wegen ihrer grofsen Einträglichkeit immer als Zeichen befferer Culturverhältniffe und vollkommenfter Entwicklung der Landwirthschaft anfehen kann. Es ift Aufgabe diefes Berichtes, darzulegen, in welcher Weife diefe Culturzweige auf der Wiener Weltausstellung vertreten waren und welche Fortfchritte fich feit der letzten Parifer Weltausftellung im Jahre 1867 auf diefen Gebieten bemerkbar gemacht haben. Bei Erfüllung diefer Aufgabe ift es möglich, ein überfichtliches, zufammenhängendes Bild des Obft-, Gemüſe- und Weinbaues auf der Weltausftellung zu geben und alle diejenigen Gegenftände mit einzuflechten, welche mit diefen Culturzweigen in naher Beziehung ftehen, fo dafs man hoffen kann, auf diefe Weife eine Lücke auszufüllen, welche bei der getrennten Aufftellung der einzelnen Gruppen und der jedenfalls berechtigten Gruppirung der Ausftellungsobjecte nach Nationalitäten entſtehen mufste. Der Ueberfichtlichkeit wegen wird das ganze Material diefes Berichtes in folgenden Abfchnitten behandelt werden: a) die Producte des Weinbaues, b) die Producte des Obftbaues, c) die Producte des Gemüſebaues, d) die Obftbau-, Weinbau- und Kellereigeräthe, e) die Obft- und Weinbau- Lehranstalten mit ihren Lehrmitteln, die chemifch- phyfiologifchen Verfuchsftationen für Obft- und Weinbau. a) Die Producte des Weinbaues. Beim öftlichen Eingang zum Pavillon des k. k. öfterreichifchen Ackerbau Minifteriums begrüfsten wir mit einer gewiffen Ehrfurcht eine Collection alter und uralter Stämme von Reben aus verfchiedenen Weinländern, unter denen die auf 150 und 200 Jahre gefchätzten Exemplare aus Lipida( Venetien), fowie ins 2 H. Goethe. befondere der auf 250 Jahre angegebene Stamm aus Montona( Iftrien), welcher ftellenweife einen Durchmeffer von 15 bis 20 Centimeter haben dürfte, und ein 120 Jahre alter, 28 Zoll im Umfang meffender Refosco- Rebftamm vom Karft im Küftenland unfere befondere Aufmerkfamkeit in Anfpruch nahmen, während die meiften anderen Stämme ein Alter von 70 und 80 Jahren repräfentirten, und mit 8 bis 10 Meter langem, jungem Holz als Zeugen einer enormen Triebkraft umwunden waren. Diefe Sammlung wurde von der niederösterreichifchen Landes- Obft- und Weinbau- Schule veranſtaltet und ausgeftellt. Als ein weiteres Product des Rebenbaues ift eine weinbergartige Anpflanzung von Weinftöcken zu verzeichnen, welche D. Ambard aus Lorry devant les Ponts( Lothringen) zur Veranfchaulichung der dortigen verfchiedenen landesüblichen Syfteme bei der Rebenerziehung ausgeftellt hat. Sie beftanden theils im kurzen, theils im langen Zapfenfchnitt, fowie im Bogenfchnitt und Winkelzug- Schnitt mit alljährlich zu erneuernden oder auf kurze Zapfen zu fchneidenden Bogen, an Drahtrahmen oder an Stecken. Obgleich fie nichts Neues darboten, fo wären doch derartige natürliche Darstellungen intereffanter Erziehungsarten der Reben aus anderen Ländern, insbefondere durch Weinbau- Lehranstalten gewifs erwünſcht und inftructiv gewefen. Ein Product der neuen Rebenzucht, die Korbreben, welche ein immer mehr gefuchter Artikel zu werden verfprechen, vermifste man gänzlich, obgleich diefelben ganz befonders geeignet gewefen wären, verfchiedene Sorten und Erziehungsarten der Reben mit Blätterfchmuck und Trauben darzuftellen. Diefe, fowie die eigentlichen Producte der Rebenfchulen find allerdings mehr der vom 1. bis 15. October ftattfindenden temporären Ausftellung zugewiefen worden. Das Hauptproduct des Weinbaues, der Wein, war auf der Ausstellung in ganz hervorragender Weife aus allen weinbautreibenden Ländern vertreten. Man erkennt daraus die ungeheure Wichtigkeit diefes Productionszweiges und kann wohl mit Sicherheit annehmen, dafs feine Bedeutung als Handelsartikel in den letzten Jahren in Folge der erleichterten und vermehrten Communicationswege eine ganz bedeutende Ausdehnung angenommen hat. Es kann in diefem Berichte nicht erwartet werden, dafs dem Wein, welcher nach der allgemeinen Eintheilung der Gruppe IV, Section 3, als Genufsmittel zugewiefen wurde, hier eine befondere Aufmerkſamkeit gewidmet werde, obgleich er ja eigentlich von dem Weinbau füglich nicht getrennt werden kann. Es kann auch hier nicht eine vollſtändige Aufzählung aller ausgeftellten Weine, welche im officiellen Ausftellungskataloge zu finden find, oder ein Urtheil über die ausgeftellten Weine, welches nur der hiefür berufenen Jury zuftand und aus der Preisvertheilung erfichtlich ift, an dem Platze fein, wefshalb es wohl genügen dürfte, vom fachmännifchen Standpunkte aus einige Bemerkungen über diefe Weinausftellung im Allgemeinen hinzuzufügen. Die Ausftellung der mit wäfferigen Flüffigkeiten gefüllten Flafchen, an welchen fich die oft prahlerifchen und mit allem erdenklichen Luxus ausgeftellten Etiquetten der betreffenden Firmen befanden, auf den mehr oder weniger gefchmackvollen Pyramiden, Pavillons, Stellagen etc. dienten jedenfalls nur dazu, dem Befchauer diefe oder jene Firma befonders auffallend erfcheinen zu laffen, damit ein Theil des leichtgläubigen Publicums aus dem gröfseren oder geringeren Glanze der ausgeftellten Flafchen auf die beffere oder geringere Qualität der Weine ſchliefsen möchte. Der Luxus, welcher in diefer Richtung auf der Wiener Weltausftellung entfaltet worden ift, überfteigt alle bisherigen Leiftungen und verurfachte den Ausftellern oft einen ganz bedeutenden Aufwand, welcher mit dem dadurch zu erreichenden Gewinn wohl felten in einem entfprechenden Verhältniffe ftehen dürfte. Hätte man einen Theil diefer bedeutenden Summen dazu verwendet, auf Grund einer vorhergegangenen wiffenfchaftlichen Unterfuchung die Weine ihrer Befchaffenheit nach genau zu prüfen und auf natürliche Weife zu gruppiren und einzelne Gruppen durch kundige Männer in Ruhe und mit den entſprechenden Wein-, Obft- und Gemüfebau. 3 80 Zeitunterbrechungen prüfen zu laffen, fo würde ein folches Urtheil, wenn es günftig ausfiel, wohl die werthvollfte und befte Reclame für den betreffenden Weinproducenten oder Weinhändler gewefen fein, welche allen weiteren glanzvollen Luxus überflüffig gemacht hätte. Manchen grofsen Nutzen gewährte indeffen die Ausftellung der Weine doch, indem man auf diefe Weife directe Kenntnifs vom dem Umfange der Production der einzelnen Länder, fowie ihrer hervorragendften Firmen und directe Einficht in die Preife der Weine am Ort ihrer Production nehmen konnte, fo dafs fich in diefer Hinficht vielerlei Gefchäftsverbindungen anknüpfen laffen, welche man fonft nur mit Schwierigkeiten erreicht hätte. Dem Umfange der jährlichen Weinproduction entſprechend, war auch fo ziemlich die Betheiligung der Weinländer an der Ausftellung, obwohl das der Ausstellung zunächft liegende Weinland, Oefterreich- Ungarn, in Folge diefes natürlichen Vorzugs durch die zahlreichften Collectionen vertreten war, feiner Production nach aber erft zu dem zweitgröfsten Weinland gerechnet werden darf. Die Reihenfolge in Bezug auf die Reichhaltigkeit der eingefendeten Weine dürfte demnach folgende fein: 1. Oefterreich- Ungarn, 2. Frankreich, 3. Spanien, 4. Italien, 5. Deutfchland, 6. Portugal, 7. Donaufürftenthümer und Griechenland, 8. Schweiz.Die Reihenfolge innerhalb der durch die öfterreichiſch- ungarifche Monarchie vertretenen Länder: 1. Ungarn, 2. Niederöfterreich, 3. Steiermark, 4. Dalmatien, 5. Tirol, 6. Iftrien und Görz, 7. Krain, 8. Mähren etc. Eine befondere Art der Producte des Weinbaues bilden die getrockneten Trauben( Weinbeeren), welche aus den füdlichen Ländern als Rofinen, Cubeben, Korinthen und Sultaninen im Handel zu uns kommen. Perfien, Italien und die Türkei hatten darin am meiften geleiftet, während auch aus Portugal, Tunis und Spanien intereffante derartige Zufendungen vorhanden waren. Die Nebenproducte des Weinbaues liegen diefem Bericht zu ferne und wurden der Gruppe IV eingereiht. b) Die Producte des Obftbaues. An den Böfchungen des unter dem Namen Heuftadl- Waffer bekannten Donau armes und später in Folge des hohen Wafferftandes an der öftlichen Seite der türkifchen Gebäulichkeiten in Zone I des officiellen Ausftellungsplanes waren, in Beeten gruppirt, die Producte der Obftbaum- Schulen ausgeftellt. Jeder Fachmann wird bei allgemeiner Betrachtung diefes Ausftellungstheiles die Bemerkung nicht unterdrücken können, dafs eine derartige Vertretung von Baumfchul- Producten auf einer Weltausftellung nur ärmlich genannt werden mufs, da viele der bedeutendften Baumfchul- Etabliffements des In- und Auslandes nichts geliefert hatten. Diefe Aermlichkeit wird noch mehr hervortreten, wenn man die Ausftellung gleicher Baumfchul- Producte auf der Parifer Weltausftellung fich in Erinnerung bringt. Wollte man ein Urtheil bilden nach dem, was in Wien ausgeftellt war, fo müfste man im Vergleich mit der letzten Weltausftellung eher einen Rückfchritt conftatiren, welcher doch in Wirklichkeit keineswegs ftattgefunden hat. Uebrigens dürften die Producte der Baumfchulen auf der circa 1. bis 15. October ftattfindenden temporären Ausftellung eine reichhaltigere Vertretung finden und es wird dem Berichterstatter über die temporären Ausftellungen obliegen, darauf Bedacht zu nehmen. Oefterreich- Ungarn nun hatte allerdings geliefert, was es überhaupt liefern kann. Allein die Betheiligung vieler andern Länder, deren Baumfchul- Producte bereits einen Weltruf erlangt haben, war eine fpärliche oder fand gar nicht ftatt. Unter den öfterreichiſch- ungarifchen Baumfchul- Producten verdienen ins befondere die zahlreichen, fchön gruppirten und cultivirten, zum Theil mit Früchten 4 H. Goethe. gezierten, hochftämmigen und Formenbäume aller Obftarten Seiner Durchlaucht des Fürften Schwarzenberg zu Lobofitz vor deffen fchönem Pavillon( officieller Plan Zone III, 16) und die hochftämmigen Obftbäume der niederöfterreichifchen Landes- Obft- und Weinbau- Schule in Klofterneuburg, welche fich in der letzten Abtheilung der von diefer Anftalt dargestellten Gemeinde- Baumfchule in Schlägen mit regelmässigem Turnus befanden, ganz befonderer Erwähnung. Die Fürft Schwarzenberg'fche Collection zeichnete fich aufserdem durch eine vorzügliche Sammlung von Topf- Obftbäumchen in Holzkübeln aus, welche gröfstentheils mit Früchten verfehen waren und durch ihr kräftiges, gefundes Ausfehen eine gute Behandlung verriethen. Das fchönfte und reichhaltigfte Sortiment gut cultivirter älterer Spalierund Formenbäume aus Oefterreich hatte die Firma A. C. Rofenthal in Wien ausgeftellt, während als die fchönfte und am forgfältigften gezogene derartige Einfendung die des Herrn Durand, Baumfchul- Befitzer in Bourg la reine, bei Paris, genannt werden mufs. Diefes letztere Gefchäft hat fich auf diefe Weife wieder feinen Weltruf als eine der gröfsten und beften Baumfchulen Frankreichs bewahrt. asile Weitere Obftbäume hatten geliefert aus Oefterreich- Ungarn: Das gräflich Franz Zichy'fche pomologifche Etabliffement zu Födemes in Ungarn( Obergärtner Richon); die gräflich Emerich und Dyonis Széchényi'fchen Baumfchulen zu Korpács in Ungarn( Obergärtner P. J. Schilhan); Alois Hengel jun., Handelsgärtner aus Wien; das landwirthfchaftliche Inftitut Keszthely in Ungarn, und Dr. Lekifch aus Zam in Siebenbürgen; Graf Guido Karacfonyi de Beodra aus Buda- Peft und J. W. Jelinek aus Czimelitz in Böhmen, hatten nur junge Obftbäumchen ausgeftellt. Sehr fchöne hochftämmige, auf Ribes aureum veredelte Johannis- und Stachelbeer- Bäumchen waren von der Ackerbau- Schule Schönberg in Mähren geliefert worden. Sie hatten um fo mehr Bedeutung, weil man in neuerer Zeit diefer Erziehungsart der Stachel- und Johannisbeeren ganz befondere Sorgfalt und Aufmerkfamkeit widmet. Die vom gräflich Zierontin'fchen Garten zu Blaada in Mähren( Obergärtner R. Pohl) ausgeftellten hochftämmigen Stachelund Johannisbeeren waren noch zu jung und hatten zu fchwache Kronen. Die deutfchen Baumfchul- Producte waren vertreten durch eine gute Sammlung von Hochftämmen, Halb- Hochftämmen und Zwergbäumen von F. G. C. Jürgens, Baumfchul- Befitzer aus Nienftätten bei Hamburg; durch die meiſtens in die Krone oculirte Kirfch- Hochftämme enthaltende Sammlung von J. Butterbrodt, Baumfchul- Befitzer in Wildesheim, und durch eine Collection von Spalier- und Formenbäumen, welche der Baumfchul- Befitzer Martin Müller aus Strafsburg vor dem elfäffifchen Bauernhaus( officieller Plan Zone III, 40) ausgeftellt hatte. Aus Holland waren ausgeftellt die Obftbäume verfchiedener Formen vom pomologifchen Verein in Boscoop und die Sammlung von C. W. Boes in Boscoop. Die bekannten Pomologen Baltet frères, Baumfchul- Befitzer in Troyes, Frankreich, hatten hochftämmige Obftbäume in der von den Franzofen geliebten Keffelform und gut gezogene Pyramiden, Cordons und andere Formenbäume zur Ausftellung geliefert. Alle diefe ausgeftellten Obftbäume mufsten auf den Kenner den Eindruck machen, dafs ein befonderer Fortfchritt auf diefem Gebiete hier nicht anfchaulich gemacht war und wenn mit den ausgeftellten Obftbäumen des vorerwähnten J. W. Jelinek aus Czimelitz in Böhmen, eine Brochure gleichzeitig zur Ausftellung gefendet wurde, welche unter dem Titel„ Die Reform des Obftbaues und das Geheimnifs der neuen Obftbaum- Veredlung" darlegen foll, dafs diefer Ausfteller etwas ganz Neues entdeckt hat, was auf den Ausdruck ,, Reform" und" Geheimnifs" Anfpruch macht, fo wird jeder wirkliche Fachmann beim Durchlefen diefes Schriftchens fich geftehen müffen, dafs dasfelbe, abgefehen von manchen Irrthümern und Fehlern in pflanzenphyfiologifcher Beziehung, nichts weiter enthält, als das fchon vor circa 50 Jahren von Chrift. Dietrich und anderen Pomologen Wein-, Obft- und Gemüſebau. 5 befchriebene und angewendete alte Verfahren des Anfchäftens oder Anplattens, wodurch heutigen Tags faft in jeder befferen Baumfchule bereits viele Taufende von jungen Obftbäumen herangezogen werden. Für den Laien mag der Verfaffer manches Neue bieten, für den Fachmann enthält diefe Brochure nur ein altes, neu aufgewärmtes und umftändlich ausgeführtes Verfahren, welchem durch die Art und Weife der Veröffentlichung noch das Gepräge des„ Schwindels" aufgedrückt worden ift. Das eigentliche Product des Obftbaues, das O bftim frifchen Zustande, ift den temporären Ausftellungen des Gartenbaues zugewiefen worden. Die erſte diefer Ausftellungen fand vom 1. bis 15. Mai ftatt und ift das Referat darüber durch Herrn Regierungsrath Dr. Fenzl vertreten. Dabei zeichneten fich insbefondere die gut überwinterte, reichhaltige Collectivausftellung des fteiermärkifchen Gartenbau- Vereines, die fehr anerkennungswerthe Obftcollection des Kremsmünfterer Stiftgärtners Jofef Runkel( 72 Aepfel und 7 Birnforten enthaltend), die mit der Verdienftmedaille ausgezeichnete, gut confervirte, reichhaltige Obftausftellung der Ackerbau- Gefellfchaft zu Trient( vertreten durch den Gefellſchaftspomologen Chr. Frank) und die Kernobft- Sammlung der königlich württembergifchen Centralftelle für die Landwirthschaft in Stuttgart, vortheilhaft aus. Der Zeitpunkt für die zweite temporäre Gartenbau- Ausftellung vom 15. bis 25. Juni war etwas unglücklich gewählt, wefshalb auch die Betheiligung und der Erfolg als ungenügend bezeichnet werden mufs. Die bedeutendften Leiftungen diefer Ausftellung waren folgende: Ein reichhaltiges Sortiment Orangenfrüchte von Profeffor Orphanides in Athen. Eine fehr fchöne Sammlung grofser Citronenfrüchte vom Gardafee. Ein Sortiment von circa 20 Sorten gut cultivirter Stachelbeeren in Töpfen und einigen Aepfel- Zwergbäumen in Töpfen vom Obergärtner Kiena ft in St. Florian, eine Anzahl blühender Pflanzen der grofsfrüchtigen, amerikanifchen Preifselbeere vom Hofgärtner Maurer in Jena und ein Sortiment Erdbeeren in 36 älteren, guten Sorten in Töpfen, gut cultivirt von Rudolf Abel in Hietzing bei Wien. Die übrigen vorhandenen Kirfchen und Erdbeeren waren von geringem Werth. Die dritte temporäre Gartenbau- Ausftellung vom 20. bis 30. Auguft, fowie die vierte vom 18. bis 23. September, werden hoffentlich reicher ausfallen, fo dafs über diefelben ein ausführlicher Nachtragsbericht von dem oben erwähnten Referenten geliefert werden kann. Das Schalen obft war zumeift mit dem getrockneten oder Dörrob ft gemeinfchaftlich ausgeftellt. In beiden Obftproducten zeichneten fich insbefondere die füdlichen Länder aus, in welchen diefe Waare vielfach einen ſtehenden Handelsartikel bildet. Italien war in diefer Richtung fehr reichlich vertreten und hatte fehr fchöne, reichhaltige Sammlungen von Mandeln, Kaftanien, getrockneten Feigen und Pflaumen geliefert, welche von Introna, Zonna& Comp. aus Bari, Donati Liborio aus Cafarano und den Ausftellungs- Commiffionen zu Caferta, Foggia und Rovella ( fiehe officieller Katalog pag. 177) ausgeftellt waren. Die Türkei war ebenfalls durch Mandeln, Nüffe, Oliven und getrocknete Feigen, Pflaumen, Maulbeeren, Kirfchen, Marillen und Birnen vertreten, welche Ahmed, Sali und Andere aus dem Bezirk von Adrianopel, Theophani, Nikolaki und Andere aus dem Bezirk Kirit, Ifak und Ali aus dem Bezirk Iles ( fiehe officiellen Katalog pag. 650 und 652) eingefendet hatten. Auch von Seite der türkifchen Regierung waren fehr werthvolle derartige Sammlungen der Obftbau- und Handelsproducte ausgeftellt, welche zu der Annahme berechtigen, dafs der Handel mit folcher Waare für die Türkei von ganz befonderer Bedeutung ift. Die königlich perfifche Regierung, fowie die Firma Ziegler & Comp. in Tabris hatten in richtiger Würdigung ihrer Intereffen fehr fchöne 6 H. Goethe. Collectionen von Datteln, Nüffen, Mandeln, Feigen etc. für die Weltausftellung gefendet( fiehe officiellen Katalog pag. 755). Portugal und Spanien waren theils durch Collectivausftellungen, theils durch einzelne Ausfteller mit Nüffen, Mandeln, Kaftanien, Orangen, Piniolen, Oliven und getrockneten Feigen, Pflaumen und Kernobft vertreten, während Ritter Morpurgo v. Nilma aus Trieft vorzügliche Datteln, harte und weiche Mandeln, Piftazien und getrocknete Feigen als Landesproducte von Tunis geliefert hatte. Die indifchen getrockneten Früchte können nur als Repräfentanten von obftartigen Producten heifser Zonen gelten. Rufsland und die Schweiz hatten nur unbedeutende Obftproducte geliefert. Aus Deutfchland kann man befonders hervorheben das getrocknete Kern-, Stein- und Schalenobft der königlich württembergifchen Centralftelle, aus den einzelnen Kreifen des Landes, beftehend in Kirfchen, Zwetfchken, Wallnüffen, Hafelnüffen, Kaftanien, Birnen, Aepfeln und getrockneten Heidelbeeren, letztere aus dem Bezirke Calv, ferner das fehr fchöne Dörrobft von Max Touchon aus Hohenau( Heffen), was um fo werthvoller war, weil ganz beftimmte Sorten dadurch vertreten waren, als: Birnen: der grofse Katzenkopf; Aepfel: Breda, Reinette und der Borstorfer; grüne Reineclauden, Mirabellen, fchwarze Knorpelkirfchen u. a. m. Ausserdem verdienen die getrockneten Obftfrüchte des Eduard Seidl aus Grünberg( Schlefien) noch befondere Erwähnung. Unter den öfterreichiſchen Obftproducten kann man hervorheben das Dörrobft, welches fich in den Collectivausftellungen der Landwirthschafts- Gefellſchaften von Steiermark, Galizien, Görz und des landwirthfchaftlichen Bezirksvereines Mährifch- Schönberg befand; ferner noch die Firma Leopold Sandpichler in Görz und Ignaz Klepfch Söhne aus Auffig a. d. Elbe, Letzterer als einziger Vertreter des durch Handel mit Backobft fo bekannten Kronlandes Böhmen, wobei die fchönen getrockneten und gefchälten weifsen Herbft- Butterbirnen und fogenannten Alexanderbirnen fich befonders auszeichneten. Die mit Zucker eingefottenen oder auf eine andere Art als durch Trocknen confervirten Früchte gehören als Erzeugniffe einer befonderen Induftrie nicht hierher. Defsgleichen die verfchiedenen aus Obft fabricirten Mus- und Gefälzarten, welche übrigens nur fehr fchwach vertreten waren. Die Obftweine und Obftliqueure fanden fich zumeift unter den ausgeftellten Weinen und Branntweinen, und haben durch Beurtheilung der Jury in der Lifte über die Preisvertheilung befondere Erwähnung gefunden. c) Producte des Gemüſebaues. In den landwirthschaftlichen Collectivausftellungen nehmen die Producte des Gemüſebaues immer eine untergeordnete Stelle ein, was wohl darin begründet fein dürfte, dafs der Werth des Gemüſebaues, insbefondere des Handels- oder Feld- Gemüfebaues nur in einigen wenigen hochcultivirten Gegenden genügend gewürdigt wird. Diesen Eindruck wird auch auf den Kenner die Vertretung des Gemüſebaues auf der Wiener Weltausftellung gemacht haben. Einen Theil der Gemüfeproducte, die Gemüfefämereien, fanden wir überall zerftreut in den landwirthschaftlichen Samenfammlungen und Collectionen von Landesproducten. Die türkifchen Einfendungen zeichneten fich in diefer Richtung ganz befonders aus, fie enthielten vorzügliche Zwiebel-, Gurken-, Melonen-, Rettig, Erbfen-, Spinat-, Bohnen-, und Gewürzkräuter- Samen, welche in den dortigen klimatifchen Verhältniffen jedenfalls ihre vollkommenfte Reife und Güte erlangten. Ebenfo traf man in den Collectivausftellungen der deutfchen und öfterreichifchen Lehranstalten und Vereine unter den landwirthfchaftlichen Producten auch die gangbarften Gemüſefämereien als einen Beweis der dortigen Gemüfeculturen. Wein-, Obft- und Gemüfebau. 7 Die reichhaltigfte und vorzüglichfte Sammlung von Melonenfamen in fyfte. matifcher Gruppirung und mehreren Hundert Sorten, nebft Durchfchnittszeichnungen und zahlreichen, fehr fchön in Oelfarben ausgeführten Abbildungen der Früchte hat François Girókuti von Buda- Peft ausgeftellt, welcher Züchter diefe Cultur als Specialität mit ganz befonderer Vorliebe betreiben mufs. Die ganze Sammlung kann wohl als die befte, fchönfte und reichhaltigfte gelten, welche überhaupt exiftiren dürfte. Andere Melonen waren von China ausgeftellt. Der berühmte, ausgedehnte Gurkenbau von Znaim in Mähren war durch fchöne Gurkenfamen und eingelegte grüne Gurken vom Jahre 1871 und 1872- ein dortiger bekannter Handelsartikelvon der Firma Bradatfch in Znaim veranfchaulicht worden. Kappern, die Blüthenknospen des bekannten Gewürzftrauches Capparis spinosa, hat die Ausstellungscommiffion zu Foggia( Italien) in grofser Vollkommenheit eingefendet. Als Ausnahme kann ferner die neue baumartige Erbfenart, Embrevade, gelten, welche in der neueften Zeit aus Indien eingeführt und in Egypten acclimatifirt wurde. Algier, bekannt durch feinen Handel mit frühen Gemüfen, hat insbefondere fchöne Hülfenfrüchte, als: Erbfen, Bohnen, Küchenerbfen und Rettige ausgeftellt. Die meiſten grünen Gemüſe producte wird man auf den temporären Gartenbau- Ausstellungen gefunden haben. Die erfte und zweite diefer Ausftellungen war mit einer reichen Gemüſefammlung des Münchener bürgerlichen Gärtnervereines, mit den getriebenen Gemüſeforten des Kunftgärtners E. Junge aus Nikolausdorf in Preufsifch- Schlefien, fowie mit einem Sortiment reifer, gut cultivirter Melonen aus Korpace in Ungarn befchickt worden. Die folgenden temporären Gartenbau- Ausftellungen werden jedenfalls eine ftärkere Vertretung des Gemüfebaues aufzuweifen haben, weil der Herbft die Hauptzeit für die Ernte der Gemüfeproducte überhaupt ift. Eine befondere Art der Gemüfeproducte find die getrockneten oder geprefsten Gemüfe, welche von den Firmen D. H. Carftens und Neffelträger& Comp. in Lübeck ausgeftellt worden find. Obwohl diefe Verwerthungsart der Gemüfeproducte in den letzten Jahren keine befonders grofse Ausdehnung angenommen hat, fo kann man doch aus dem Umftande, dafs fie hauptfächlich in den Seeftädten gangbar ift, auf eine zweckmässige Verwendung und Brauchbarkeit zur Verproviantirung der Schiffe auf den Seereifen fchliefsen. d) Die Obftbau-, Weinbau- und Kellereigeräthe. Die auf der Ausftellung vertretenen Syfteme von Preffen bieten nicht viel Neues, da die in der letzten Zeit am meiften gefuchten und beliebten Kniehebel Preffen, welche auf der Parifer Weltausstellung fo zahlreich zu finden gewefen find, nur fpärlich in franzöfifchen Einfendungen vorhanden waren. Als bedeutendfte Firma für Kniehebel Preffen verfchiedener Syfteme für Trauben- und Obftwein mufs Samain& Comp. in Blois( Loir et Cher) genannt werden, welche die bereits bekannte, mit Sicherheitsvorrichtung und Angabe des Maximaldruckes verfehene Conftruction ausgeftellt hat, wobei die Bewegung der Schraube durch einen langen Hebel ausgeführt wird. Ausserdem findet man in diefer Collection noch ein anderes, weniger bekanntes Syftem, nach welchem eine Schraube feitlich auf die knieartig eingefetzten Arme und fomit auf den zufammendrückenden Deckel wirkt. Nach den Angaben des Preiscourants diefer Firma kann man fchliefsen, dafs das erftere Syftem mit den neueften Verbefferungen wohl immer noch das beffere und am meiften bewährte fein dürfte. Diefe Preffen haben mit allem Zubehör und hölzernem oder eifernem PrefsTrottbrett( Biet) je nach dem Durchmeffer der Schraube von 40-90 Millimeter 80 H. Goethe. einen Preis von 300-800 Francs. Die zweite franzöfifche Firma E. Mabille frères in Amboife( Indre et Loire) hat nur Preffen nach verbeffertem rheinifchen oder Leroi'fchen Syfteme ausgeftellt, erftere mit continuirlichem Druck, über deren fpeciellen Werth erft genaue Verfuche entfcheiden können. Von den öfterreichifchen bekannten Firmen S. Marth in Wien, Dengg & Comp. in Wien, K. Heinrich& Sohn in Döbling bei Wien find ebenfalls Weinpreffen nach rheinifcher Art oder Leroi'fchem Syfteme in recht brauchbaren guten Exemplaren zu mäfsigen Preifen geliefert worden. Die hauptfächlich für Fabrication von Kniehebel- Preffen bekannte Firma Heinrich Marth in Wien, Wieden( Maierhofgaffe), hatte nichts ausgeftellt. Die aus der Schweiz und Ungarn ausgeftellten Wein- und Obftpreffen find im Vergleich zu den vorgenannten Preffen meiftens zu maffiv, fchwerfällig und complicirt conftruirt, fo dafs man unter ihnen keine befonders erwähnenswerthen Verbefferungen bemerken wird. Trauben- und Obft- Mahlmühlen fand man ausgeftellt von J. Hlubek in Pettau( Steiermark), K. Heinrich& Sohn in Wien und von den Schweizer Firmen Wegmann& Comp. in Baden und Hanhart- Merk in Steckborn. Die erfteren Fabricate repräfentiren die bekannten und wegen ihrer leichten Bewegung allgemein gefchätzten fteierifchen Trauben- Quetfchmafchinen mit hölzernen ftellbaren Walzen, welche nur für Trauben fich eignen, während die Schweizer Fabricate maffiver conftruirt und zum Mahlen des Obftes eingerichtet find. Weinpumpen der verfchiedenften Conftruction en waren in grofser Anzahl vorhanden und von den meiften der obgenannten Firmen ausgeftellt. Die rotirenden Pumpen, jedenfalls die allgemein gebräuchlichften und für ftarken Gebrauch die empfehlenswertheften, unterfcheiden fich bei den einzelnen Fabrikanten nur durch einzelne unwefentliche Abänderungen, fo dafs etwas wirklich Neues darunter nicht bemerkbar ift. Die von Valentin Neuk omm's Söhne in Werfchetz( Ungarn) ausgeftellte transportable Weinpumpe, welche zugleich als Garten- und Feuerfpritze verwendbar ift, fcheint recht praktifch zu fein. Unter den Hebel- Weinpumpen mufs die von Ant. Oftheimer& Comp. in Werfchetz( Ungarn) ausgeftellte, wegen ihrer einfachen Conftruction, dem äufserft billigen Preife( 25-28 Gulden) und der verhältnifsmäfsig grofsen Leiftungsfähigkeit ( 80-90 Eimer in der Stunde) genannt werden. Diefe einfache Mafchine dürfte für kleinere Kellereien jedenfalls empfehlenswerth erfcheinen. Unter den Filtrirapparaten mufs ganz befonders Vollmar's patentirter Filtrirapparat, nach Taylor'fchem Syfteme, genannt werden, welcher in feiner Conftruction ganz und gar von allen anderen Filtrirapparaten abweicht und als eine wefentliche Verbefferung der früheren umftändlichen und fehr theuren Conftructionen angefehen werden kann. Er befteht aus einem konifchen Trichter oder Kaften von Holz, Eifen oder Kupferblech mit einer Anzahl von 6 bis 40 Filtern ( je nach der Gröfse des Apparates), welcher in ein querliegendes Rohr ausmündet. In dem Kaften befinden fich Rahmen von Holz oder verzinntem Eifen, welche mit Säcken von dichter Leinwand überzogen find; fie haben die Form des Trichters und enden in Spitzen, welche, mit Kautfchuk überzogen, in Oeffnungen der querlaufenden Röhren gefteckt werden. Diefe Filtrirapparate werden von der Firma F. A. Vollmar's Sohn in Bingen am Rhein in verfchiedenen Gröfsen, mit einer Leiftungsfähigkeit von 15 bis 700 Liter per Stück und einem Preife von 35 bis 500 Francs conftruirt, und haben fich durch die damit an der fteierifchen Obft- und Weinbau- Schule bei Marburg vorgenommenen Verfuche vollſtändig bewährt. Weinerwärmungs- Apparate waren nur ausgeftellt von Valentin Neuk omm's Söhne in Werfchetz( Ungarn). Der Apparat ift transportabel, erwärmt 60 Eimer per Tag und koftet 230 fl. ö. W. Derfelbe ift dem von Fiala in Döbling bei Wien conftruirten Apparate fehr ähnlich und dürfte im Vergleich zu den von E. Terrel des Chêres in Chênes, Villié- Morgan( Rhône) ausgeftellten Wein Wein, Obft- und Gemüſebau. 9 erwärmungs- oder Pafteurifirapparaten, keinen Vorzug vor letzteren verdienen. Diefe letzteren Fabricate find fehr folid von Kupfer gefertigt, in verfchiedenen Gröfsen und haben nur den einzigen Fehler des zu hohen Preifes, da fie wegen grofser Leiftungsfähigkeit und verhältnifsmäfsig geringen Feuerungsmaterial- Verbrauches bis jetzt immer noch zu den empfehlenswertheften gerechnet werden müffen. Auch von Emil Brescius( Firma Brescius& Munping in Rödelheim bei Frankfurt am Main) war ein Wein- Erwärmungsapparat aufgeftellt worden, welcher dem oben erwähnten Fiala'fchen fehr ähnlich war. Am zahlreichften waren unter den Kellereigeräthfchaften die Verkorkungs-, Flafchenfüll- und Flafchenreinigungs- Apparate vertreten. Als befonders hervorragende Firmen folcher Geräthe verdienen genannt zu werden J. A. Galetti& Comp. in Offenbach am Main, welche Verkorkungsmaschinen mit oder ohne Nadeln, mit Holz- oder Eifengeftell, für eine oder mehrere Flafchen, mit Tretvorrichtung oder Radbewegung anfertigen; Gebrüder Münzer in Oppenheim( Heffen), Verkorkungsmaschinen mit hölzernem Schemel, zum Schlagen und mit Druckkraft, wie fie in den franzöfifchen und rheinifchen Champagnerfabriken gebräuchlich find. Andr. Fiedler in Wien, Verkorkungsmafchinen, bei welchen durch Hebelkraft gleichzeitig die Flafche nach oben und der Kork nach unten in die Flafche gedrückt wird. Farrow& Jackfon in London, Verkorkungsmaschinen für eine bis drei Flafchen, Flafchenbürft- und Reinigungsmaschinen mit Tretvorrichtung und Schwungrad für zwei Flafchen, Flafchen- Füllapparate und überhaupt allerhand kleinere Kellereigeräthfchaften, durch welche fich diefe Firma auszeichnet. Bei den Verkorkungsmaschinen mufs noch eine ganz eigenthümliche neue Art der Verkorkung und Verkapfelung genannt werden, welche aus England durch die Patent Kork Company, aus Frankreich durch J. D. Becker, Patent Kork Limited. Company( Paris) vertreten ift und darin befteht, dafs durch eine befondere Mafchine ein flacher Kork auf die Flafche aufgedrückt und durch eine unter dem Glasringe der Flafche eingreifende Kapfel mit Kautfchukdeckel fo feftgehalten wird, dafs die Flüffigkeit nicht herauslaufen kann. Da diefes Verfahren noch neu ift, fo wird man erft durch weitere genaue Verfuche feftftellen müffen, ob fich die fo verkorkten Flafchen auf dem Transport halten und ob die darinnen befindlichen Weine durch diefe dünne Korkfchicht genügend gefchützt find. Unter den fpeciellen Ob ft bau- Geräthen find nur die vom pomologifchen Inftitut in Reutlingen ausgeftellte Wander- Obftdörre von Blech und der Obftdörr- Apparat von N. Globiczky in Kafchau( Ungarn) zu nennen. Die eigentlichen Obft- und Weinbau- Handgeräthe fanden fich meift vereinzelt unter den anderen Handgeräthen und boten nichts befonders Neues. Die reichhaltigfte Sammlung von Baum- und Rebfcheeren, fowie Reb- und Baummeffern enthielt die Ausftellung der niederöfterreichifchen Obft- und Weinbau- Schule in Klofterneuburg. Es wäre jedenfalls recht lehrreich gewefen, wenn die dorten befindliche Verwaltung der permanenten Ausftellung von Kellerei- und WeinbauGeräthen eine überfichtliche und vollſtändige derartige Sammlung ausgeftellt hätte, weil dafelbft alles dazu nöthige Material vorhanden ift. e) Die Obft- und Weinbau- Lehranstalten mit ihren Lehrmitteln. Die chemifch- phyfiologifche Verfuchsftation für Obft- und Weinbau. Die Bedeutung des Unterrichtes bei allen volkswirthfchaftlichen Verhältniffen ift in der neueren Zeit zur vollen Anerkennung gekommen, wovon die Wiener Weltausftellung vielfache Beweife liefern kann. Es wird daher gewiſs geftattet fein, am Schluffe des Ausftellungsberichtes über Obft- und Weinbau auch 10 H. Goethe. die Unterrichtsanftalten und ihre Lehrmittel, in praktiſcher und wiffenfchaftlicher Richtung zu berühren, foweit deren Objecte fich auf der Ausftellung felbft befanden. Die einzige und wohl auch bedeutendfte fpecielle Lehranstalt für den gefammten Obft- und Weinbau, welche ausgeftellt hat, ift die niederöfterreichifche Landes- Ob ft- und Weinbau- Schule in Klofterneuburg, wo der rühmlichft bekannte Freiherr v. Babo, der Reformator des öfterreichifchen Weinbaues, fchon feit zwölf Jahren feine fegensreiche Thätigkeit entfaltet hat. Unter den von diefer Schule ausgeftellten Gegenftänden findet man verfchiedene Weinbergs- Erden aus intereffanten Weingegenden des In- und Auslandes in hohen Cylindergläfern, eine grofse colorirte Karte des Verfuchs- Weingartens der WeinbauSchule mit Eintheilung der Sorten, auf welcher in den einzelnen Abtheilungen die betreffende Erdart, in natürlicher Maffe, mit Darftellung der mehr oder weniger fteinigen Befchaffenheit des Bodens aufgetragen ift; ferner verfchiedene Reliefkarten, auf welchen die Verbreitung des Weinbaues in Europa und Oefterreich angegeben ift, und die Karte der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie, welche theils die Verbreitung der in Klofterneuburg ausgebildeten Schüler, theils die Verbreitung der aus der Anftalt abgegebenen Wurzelreben darftellt; eine fehr fchöne Sammlung colorirter Abbildungen der wichtigften Erziehungsarten der Reben; Darftellung der für Obft- und Weinbau fchädlichen Infecten, unter Glasglocken, in natürlicher Gruppirung; eine Pyramide mit den Sortenweinen der Anſtalt im natürlichen Zuftande und eine folche mit künftlichen Zufätzen behandelter Weine; Stellagen mit Materialien für die Kellerwirthfchaft und mit den Nebenproducten des Weinbaues; Modelle der wichtigften Weinbau- und Kellergeräthe, welche zum Theil fchon erwähnt wurden. So reich die ausgeftellten Materialien für der Weinbau- Unterricht find, fo arm find diefelben für den Obftbau- Unterricht ar diefer Anftalt. Die letzteren findet man fonft noch zerftreut, theils unter den Lehrmitteln der landwirthfchaftlichen Schulen, theils von einzelnen Privaten ausgcfellt, da wirkliche fpecielle Fachfchulen für den gefammten Obft- und Weinbau bis jetzt noch nicht weiter exiftiren, mit Ausnahme der fteiermärkifchen Landes- Obft- und Weinbau Schule bei Marburg, deren Producte und Lehrmittel wegen der Kürze der Zeit des Beftehens diefer Anftalt noch nicht ausftellungsfähig waren. Unter den vorerwähnten Lehrmitteln für den Obftbau- Unterricht verdienen genannt zu werden: Von der Landes- Lehranftalt Tetfchen- Liebwerd das Arnoldi'fche Obftcabinet und die Veredlungsmodelle; von der landwirthschaftlichen Lehranftalt Weihenftephan, durch Obftbau- Lehrer Schufter, circa 25 Stück Obftform- Baummodelle; von der königlichen Kreis- Ackerbaufchule Rammhof in Baiern circa 30 Modelle künftlicher Baumformen von deren Vorftand E. Müller modellirt; vom Obftbaumzucht- Penfionat der Brüder der chriftlichen Schulen zu Dijon circa 50 fehr fchöne Abbildungen über Pyramiden- und Spalierzucht der Obftbäume; von Garnier- Valetti Francesco in Turin die Pomona artificiale italiana, enthaltend in zwei Glaskäften circa 100 Sorten Aepfel, 100 Sorten Birnen und viele Sorten Aprikofen, Kirfchen, Feigen, Beerenobft, Pfirfiche, Pflaumen, Trauben, welche fehr fchön und naturgetreu nachgebildet waren, mit den in Frankreich üblichen Benennungen. Diefe Nachbildungen waren fo treu geformt und colorirt, dafs man diefe Sammlung jedenfalls als das Schönfte, was in diefer Art exiftirt, verzeichnen mufs. Der dabei befindlichen Angabe gemäfs find die einzelnen Sorten und Früchte auch verkäuflich. Wie fehr man bemüht ift, in der neueren Zeit den Materialien für den Anfchauungsunterricht ganz befondere Aufmerkfamkeit zu widmen, davon geben die Beftrebungen der verfchiedenen Staatsregierungen für Weinbau, insbefondere die Bemühungen des k. k. Ackerbau- Minifteriums in Wien, ein deutliches Zeugnifs, indem fich unter den dortigen Arbeiten im Pavillon diefer Behörde nicht nur eine fchöne Weinbau- Karte der öfterreichifchen Monarchie mit einer umfangreichen gedruckten Publication über die Weinproduction in Oefterreich, fondern auch die Weinbau- Karten der weinbautreibenden Kronländer: vom Küftenlande, von Krain Wein-, Obft- und Gemüſebau. 11 ( nach den Erhebungen von Franz Schollmayr im Jahre 1872) von Niederösterreich ( herausgegeben durch die dortige k. k. Landwirthfchafts- Gefellfchaft), von Steiermark( im verkleinerten Mafsftabe nach der durch Se. kaiferliche Hoheit den Herrn Erzherzog Johann angefertigten gröfseren Weinbau- Karte von Steiermark, welche fich im Befitze der k. k. fteierifchen Landwirthfchafts- Gefellfchaft befindet, ausgeführt und nach neueren Erhebungen berichtigt von Dr. Mullé), von Tirol, Trieft und einzelnen Districten in Kärnten, Böhmen, der Bukowina, Mähren und der Umgegend von Trieft vorfanden, worauf die Ausdehnung des Weinbaues recht erfichtlich gemacht ift. In ähnlicher Weife müffen auch die neueften Bemühungen der Italiener, die Traubenforten- Kenntnifs der werthvolleren Traubengattungen zu verbreiten, hervorgehoben werden, welche durch die reichliche Sammlung colorirter photographifch aufgenommener Traubenforten von Cav. Felice Dr. Benedetti, dem Präfidenten der Ackerbau- Gefellſchaft in Conegliano, fowie durch die in Farbendruck in Turin erfcheinenden, von Felice Raffat und G. Falchettinach der Natur aufgenommenen circa 20 Traubenforten und durch die in Aquarell ausgeführten Abbildungen von Traubenforten aus der Provinz Abruzzen, auf der Ausftellung vertreten waren. Die einzige rein wiffenfchaftliche Verfuchsanftalt, fpeciell für Obft- und Weinbau, ift die unter dem k. k. öfterreichifchen Ackerbau- Minifterium ftehende k. k. chemifch- phyfiologifche Verfuchsftation für Obft- und Weinbau in Klofterneuburg( Vorftand Profeffor Dr. L. Rösler). Mit grofsen Erwartungen und Intereffe verfolgt die ganze weinbautreibende Bevölkerung die bisherigen Arbeiten der im Jahre 1871 gegründeten Anftalt. Mit noch grösserer Theilnahme und Freude wird der Befucher der Weltausftellung die Arbeiten und Unterfuchungen diefer Anftalt, welche im Pavillon des k. k. Ackerbau- Minifteriums ausgeftellt find, betrachtet haben. Man wird in vorhinein nicht leugnen können, dafs diefe Arbeiten fich vorerft faft ausfchliefsend dem Weinbau und der Weinchemie zugewendet haben. Die wichtigften der ausgeftellten Arbeiten find folgende: Culturverfuche mit Reben in Kübeln und Glaskäften mit Holzkohle, Steinkohle, Haide- Erde, Sand, Sägefpäne, Marmor, Thon, Hobelfpäne, entweder rein oder gemifcht. Verfuche über Wurzelbildung bei Sturz- und Schnittreben in Gläfern mit Waffer. Vegetationsverfuche mit verfchiedenen Nährstoff- Flüffigkeiten( darunter zwei fehr fchön aus dem Kern gezogene zweijährige Reben in langen Cylindergläfern). Tabellen über Zucker und Säureunterfuchungen des Moftes, Temperaturcurven während der Gährung. Mikrofkopifche Abbildungen von Traubenmoft mit und ohne Anwendung der Lüftung in verfchiedenen Stadien der Gährung. Zeichnungen von Phylloxera vastatrix nach dem Mikrofkop. Zeichnungen nach dem Mikrofkop von Oidium Tuckeri in 600facher Vergröfserung. Derartige Zeichnungen anderer für den Oenologen wichtigen Pilze. Gröfsere Tafeln, von welchen die eine die Traube und ihre Beftandtheile, chemifch zergliedert mit Proben von den Afchenbeftandtheilen, fowie den Beftandtheilen der Trauben, die andere den Weinstock und feine Beftandtheile, eine dritte die Beftandtheile des Moftes und Weines enthält. Weinanalyfen und graphifche Darftellungen über Temperatur bei der Gährung, Entwicklung der Kohlenfäure, Düngungsverfuche der Reben, Bodentemperatur im Weingarten u. f. w. Wenn man auch, wie jeder Sachverständige weifs, in ein Paar Jahren keine allgemeinen, vollſtändigen und für die Praxis brauchbaren Refultate von einer folchen Anftalt erwarten kann, da hierzu ein gröfserer Zeitraum erforderlich ift, to wird man doch zugeftehen müffen, dafs das in Klofterneuburg für den Weinbau vorhandene reiche Material auch zu folchen Verfuchen mit grofsem Nutzen verwendet werden könnte, deren Refultate in kurzer Zeit fchon für die Praxis von Nutzen fein können. Dazu gehören die Düngungsverfuche mit fchnell wirkenden präparirten Düngftoffen, welche fchon in einigen Jahren Refultate liefern können, und die noch lange nicht gelöften phyfiologifchen Fragen über die Vegetation der Rebe und des Obftbaumes, welche für die Praxis von gröfster 12 H. Goethe. Bedeutung find und deren zu veröffentlichende Refultate von der wein- und obftbautreibenden Bevölkerung jedenfalls mit grofsem Dank aufgenommen werden würden. Von der œnochemifchen Privat- Verfuchsftation des Herrn Dr. A. Blankenhorn in Carlsruhe, welche Anftalt erft in neuerer Zeit eingerichtet wurde, waren nur verfchiedene Pläne und Tabellen, mikrofkopifche Präparate, Bodenanalyfen, Gläfer mit Baftardtrauben und fchädlichen Infecten ausgeftellt. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DER GARTENBAU. ( Gruppe II, Section 5.) BERICHT VON DR. EDUARD FENZL, k. k. Regierungsrath und Profeffor der Botanik. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1874. a DER G GARTENBAU. ( Gruppe II, Section 5.) Bericht von DR. EDUARD FENZL, k. k. Regierungsrath und Profeffor der Botanik. Oeffentliche Schauftellungen von Producten der Landwirthchaft und des Gartenbaues reichen bekanntlich hinter die Zeit der erften grofsen Induftrie und der auf fie folgenden noch gröfseren internationalen Weltausftellungen zurück. Sie fallen, der Zeit ihres erften Auftretens nach, ziemlich mit der der Bildung, mindeſtens des praktiſchen Eingreifens der in Europa fich bildenden landwirthfchaftlichen und Gartenbauvereine zufammen. Sie erfcheinen als die erften Emanationen gemeinfamen Zufammenwirkens intelligenter Grofsgrundbefitzer und vermöglicher Gartenliebhaber zur Hebung diefer Zweige der Bodencultur und des fich darauf ftützenden Productenhandels. In dem Mafse als fich diefe Vereine und Gefellfchaften mehrten, an Ausdehnung und Bedeutung gewannen, wiederholten fich diefe Schauftellungen von Producten der Landwirthfchaft und des Gartenbaues, namentlich in jenen Ländern in welchen beide Arten der Bodencultur fchon vor dem einen höheren Grad der Entwicklung erlangt hatten. In jeder derfelben machte fich der befruchtende Einflufs der Naturwiffenfchaften, der technifchen Induftrie und die Zunahme der fich vervollkommnenden Communicationsmittel geltend, und fchuf für fie eine breitere auf wiffenfchaftlicher Grundlage ruhende Bafis. Die Refultate des wefentlich dadurch veränderten Gefchäftsbetriebes zeigten fich fehr bald in der zunehmenden Mannigfaltigkeit der bei diefen Ausstellungen der grofsen Menge zur Beurtheilung vorgeführten Objecte, ihrer Vervollkommnung und ihres höheren mercantilen Werthes. Der praktifch daraus refultirende Nutzen wurde zwar nur von Wenigen anfänglich gewürdigt, von diefen jedoch rafch und vortheilhaft ausgebeutet. Für die grofse Menge bildeten diefe Ausstellungen lange Zeit nur einen Gegenftand der Neugierde, für viele der Producenten galten fie als eine rein koftfpielige Spielerei, aus der kein Capital zu fchlagen fei. Eines aber, wie wohl unbewufst, lernten doch Alle: das Vergleichen und die Werthfchätzung des Befferen und Schöneren. Erft nachgerade und auch jetzt noch lange nicht in dem Mafse, wie es wünſchenswerth wäre, reifte die Erkenntnifs des individuellen Vortheiles zum Entfchluffe, mehr zu leiften, als man bisher zu leiften gewohnt war, und Anderen auf demfelben Felde Concurrenz zu machen, auf dem man es bisher verfäumte, fich mit eigenen Producten Geltung zu verfchaffen. 2 Dr. Eduard Fenzl. Bislange haben tiefeingewurzelter Kaftengeift und Vorurtheile aller Art zumeift ein einträchtiges Zufammengehen der Landwirthe und Gärtner auf folchen Ausstellungen, mit feltenen Ausnahmen, unmöglich gemacht. Erft in neuerer Zeit findet, weniger in richtiger Erkenntnifs der Naturnothwendigkeit, als aus localen und finanziellen Rückfichten, eine gröfsere Annäherung beider Lager ftatt, und trügen nicht alle Zeichen, fo wird mit der fortfchreitenden Entwicklung beider Zweige der Bodencultur felbe bald eine fehr innige werden. Als die nächften Berührungspunkte zwifchen beiden erweifen fich jetzt fchon die von ihnen gemeinfam gepflegte Obft- und Gemüfezucht. Entfernt werden fich wohl immer gewiffe Zweige der Landwirthschaft, als zu differente Richtungen verfolgend( wie die Zucht der Hausthiere, beftimmte Zweige des Gartenbaues, wie der von Zierpflanzen), bleiben; dagegen werden die Samenzucht und die Landfchaftsgärtnerei fich als weitere vermittelnde Glieder zwifchen beiden Hauptrichtungen der Bodencultur einfügen. Beide Culturzweige find gegenwärtig in allen hochcivilifirten Staaten zu einem folchen Grade von Entwicklung gelangt, dafs jeder weitere Fortfchritt in denfelben, fobald er anfängt Gemeingut von Taufenden zu werden, Reformbewe gung im Handel und Wandel der daran betheiligten Staaten unvermeidlich nach fich zieht. Wenn in diefer Beziehung die Landwirthfchaft in ihrer Totalität die weitaus wichtigere und für die Nationalökonomie mafsgebendere Rolle spielt, fo liegt diefs in der Natur der von ihr erzeugten und gepflegten, die Existenz des Menfchen abfolut bedingenden Producte, während der Gartenbau nur Objecte des höheren Comforts fchafft und mehrt. Das Profperiren derfelben hängt defshalb, abgefehen von ganz beftimmten tellurifchen und klimatifchen Verhältniffen eines ganzen Landes, zumeift von der Höhe und dem Stande der allgemeinen Volksbildung ab. Der Gartenbau kann unter dem Zufammenwirken verfchiedener günftiger Umftände geradezu erftaunenswerthe Dimenfionen erreichen, und in feinem finanziellen Ertrag die der Landwirthfchaft in weitem Umkreife fogar in Schatten ftellen. Der fchlagendfte Beweis für die Richtigkeit diefer etwas übertrieben fcheinenden Behauptung liefert Belgien, von deffen ländlicher, auf die Bodencultur angewiefener Bevölkerung vielleicht nahezu die Hälfte theils ausfchliefslich, theils neben dem Feldbau noch Gartenbau mit entfchiedenem Vortheil treibt. Das ganze ungefähr 563 Quadratmeilen grofse Land ift zu einem grofsen Theile mit Gärten aller Art und jeder Gröfse überfäet, und der gemeinfte Mann verſteht dafelbft aus feinem Gärtchen Capital zu fchlagen Die Stadt Gent, gegenwärtig das Emporium für Ziergärtnerei in Europa, zählt nicht weniger als 200 Handelsgärtnereien der verfchiedenften Gröfse, welche fich nur mit der Anzucht von Zierpflanzen und Obftbäumen edlerer Sorte befchäftigen. Ihre Gewächshäufer, auf einem Raum zufammengedrängt gedacht, würden eine mit Glas bedeckte Fläche von 7 Hektaren( 19.600 Quadratklafter öfterreichifchen Mafses) bilden, unter welcher fie jährlich eine Pflanzenmaffe von 2,705.000 bis 3.542.000 Individuen im Handelswerthe von 5.930.000 bis 7,705.000 Francs* ziehen. Eine Thatfache, der fich unter gleichen räumlichen Verhältniffen keine ähnliche in diefer Hinficht an die Seite ftellen kann und fchlagender als jede andere Ausführung beweift, welchen Rang der Gartenbau in diefem Lande unter den übrigen Factoren des Nationalwohlftandes einnimmt. In ähnlicher Weife, nur nicht in fo riefigen Dimenfionen geftalten fich die Verhältniffe des Gartenbaues in Holland und in England. In Norddeutfchland hat fich Erfurt durch die Zucht von Samen der beliebteften Zierpflanzen des freien Grundes und feiner Gemüſe zum Sitze des ausgedehnteften Samenhandels von ganz Mitteleuropa emporgefchwungen. Aus O efterreich allein fliefsen diefer Stadt jährlich * Berechnet nach den fpeciellen Mittheilungen des Herrn Profeffors Van Houlle in Gent hierüber. Siehe ,, Gartenfreund" Journal der k. k. Gartenbau- Ge fell fchaft in Wien, Jahrgang VI( 1873), p. 113 und Corrigenda am Schluffe des Inhaltsverzeichniffes. - Der Gartenbau. 3 zwifchen 2 bis 3 Millionen Gulden zu, und welche Gefchäfte in Specialitäten, wie in Gehölzarten, Coniferen, Rofen und dergleichen, machen nicht manche Firmen zufammen in anderen Theilen Deutfchlands! Bei einem folchen Stande der Horticultur in Mitteleuropa mit Einfchlufs von England wird es Jedermann begreiflich finden, dafs man in den letzten zwei Decennien bei der Infcenirung der grofsen internationalen Ausftellungen daran denken mufste, die Producte des Gartenbaues neben den Gegenftänden der Induſtrie, der bildenden Künfte, des Feldbaues und der Forftcultur in den grofsen Räumen folcher univerfeller Schauftellungen einzubeziehen. Auch bei uns konnte und wollte man in diefer Hinficht nicht hinter den vorhergegangenen derartigen Ausftellungen in London und Paris zurückbleiben. Man verhehlte fich zwar nicht die durch die continentale Lage Wiens von vorneherein bedingten, überaus grofsen Schwierigkeiten, welche bei der Infcenirung einer derartigen horticolen Ausftellung zu befiegen wären, unterfchätzte fie an mafsgebender Stelle jedoch gleichwohl und mufste fich zuletzt mit Mafsnahmen begnügen, welche fich als ebeufo unpraktiſch als ftörend im Zufammenhange mit den übrigen Theilen der Ausftellungs- Localitäten erwiefen. Man muthete den zarteren, den Unbilden unferes Klimas nicht widerftehenden Topfgewächfen eine Accommodationsfähigkeit zu, welche fie nun einmal nicht befitzen, und pferchte fie zum Ueberflufs noch in einen lichtarmen, zwar hinlänglich langen, aber nicht hinlänglich breiten Raum ein, der weder eine Ueberfchau der ganzen ausgeftellten Pflanzenmaffen, noch eine äfthetifch wirkfame Gliederung derfelben zuliefs. Diefe Localität blieb, man mag fo nachfichtig über fie urtheilen, als man will, die ftiefmütterlichft bedachte unter allen anderen, die Partie honteuse der ganzen Ausftellung. Es ift hier nicht der Ort, näher auf die Verhältniffe einzugehen, welche an dem totalen Mifslingen diefes Bau- Objectes Schuld trugen. Nur fo viel fei bemerkt, dafs den mit feiner Conftruction beauftragten Architekten keinerlei Schuld trifft, und dafs gegen die Ausführung diefes und jedes anderen Objectes diefer Art von competenter Seite von vorneherein fchon, jedenfalls rechtzeitig genug, um etwas Befferes an diefe Stelle zu fetzen, energifcher Proteft erhoben worden war. Ich könnte nach diefen einleitenden Bemerkungen unmittelbar zur Berichterftattung über die verfchiedenen Leiftungen des Gartenbaues auf diefer Ausftellung übergehen. Es möge mir jedoch vorerft noch geftattet fein, Einiges über das Hereinziehen von Ausftellungen lebender Pflanzen und Theilen derfelben in den Rahmen univerfeller Schauftellungen zu bemerken. Sie dürften zur Klärung der verfchiedenen herrfchenden Anfchauungen unter den verſtändigen Laien wie unter den eigentlichen Fachmännern beitragen, und dem oberften Leiter folcher koloffaler Unternehmungen in der Folgezeit zur Berücksichtigung empfohlen werden. Unter Gartenbau- Ausftellungen verftehen Fachleute, zunächft und mit Recht, maffenhafte, gefchmackvoll gruppirte Zuſammenftellungen von Topf. pflanzen in der Periode ihrer kräftigften Entwicklung. Sie lieben es nicht, und zwar aus Gründen des guten Gefchmackes, andere Gegenftände, wie Obft, Gemüſe, Sämereien, Herbarien, Abbildungen, Gartenpläne, Werkzeuge, Conftructionen, plaftifche Kunftwerke, wenn letztere nicht geradezu dienen, den Totaleffect der lebenden Pflanzen zu erhöhen, mit den letzteren in einem und demfelben Raume zur Schau zu ftellen. Sie ziehen es auch in anderer Beziehung der des leichteren und befferen Vergleichens ihrer Vorzüge und Mängel unter einander vor, alle diefe Gegenftände räumlich getrennt und natürlich gruppirt zufammenzuftellen. Alle im freien Grunde angezogene oder ausgetopfte, einzelne oder in Gruppen zufammengeftellte Pflanzen betrachten fie bei geringer Raumentwicklung als ornamentales Beiwerk und erft bei beträchtlich grofsen Dimenfionen der zu bepflanzenden Area als improvifirte Gartenanlage. Von diefem ganz correcten Standpunkte ausgehend ergeben fich von felbft die Bedingungen, welchen von vorneherein Rechnung getragen werden 4 Dr. Eduard Fenzl. mufs, wenn eine Pflanzenausftellung im Grofsen fich würdig an eine internationale Induftrieausftellung anfchliefsen foll. Bezüglich der erften, die Schauluft der Menge am meiſten befriedigenden, zugleich aber auch den Mafsftab für die Beurtheilung der Höhe der Entwicklung der Horticultur eines Landes abgebenden Gruppe von Ausftellungsobjecten„ der Topfgewächfe" erfcheint als die unerlässlichfte Bedingung ihres Erfolges die Herſtellung eines hinlänglich grofsen, von allen Seiten gefchloffenen ventilirund mindeſtens theilweife heizbaren Ausstellungsraumes mit genügender Oberlichte und ausgiebiger Beleuchtung von mindeſtens einer Seite. Derfelbe mufs feiner Tiefe und Länge nach die Entwicklung grofser Pflanzengruppen zulaffen und von einem beftimmten Punkte aus, am beften von einem centralen, eine Ueberficht der ganzen Ausftellung nach zwei oder mehreren Richtungen gewähren. Fehlen diefe Cardinalbedingungen, fo bleibt jede derartige Ausftellung, mögen auch einzelne Gruppen noch fo reizend oder impofant ausfallen, geradezu wirkungslos. Nach den fchlimmen Erfahrungen, welche man in jeder diefer Beziehungen in Wien gemacht, werden fich wenige Gärtner von Bedeutung mehr finden, welche, ohne früher Einficht in den Plan des zu derartigen Zwecken auszuführenden Gebäudes genommen zu haben, es wagen werden, ihre Schätze auf eine folche Ausftellung zu bringen, auf der ihnen nur koloffale Verlufte, aber keinerlei Gewinn erwachfen können, ja fogar müffen. Alle übrigen fich weiter daran knüpfenden Bedingungen, wie fie jeder Pflanzenzüchter als felbftverſtändlich vorhanden vorausfetzt, verfchwinden den bezeichneten gegenüber beinahe völlig. Kann man den erfteren aus was immer für einem Grunde nicht vollſtändig entfprechen, fo ziehe man derartige Ausftellungen gar nicht in den Rahmen von Weltausstellungen herein und überlaffe fie getroft den an folchen Orten beftehenden und dazu eingerichteten Gartenbau Gefellfchaften. Schon der Befchaffenheit der Gewächfe nach, welche folche Räume füllen und eine längere Ausftellungsfrift als von acht bis zehn Tagen, ohne den empfindlichften Schaden zu leiden, gar nicht vertragen, können folche Ausftellungen immer nur zeitweilige fein, woraus den Directionen felbftverſtändlich Auslagen erwachfen, welche in gar keinem Verhältniffe zu dem beabfichtigten Zwecke ftehen. Nur unter den günftigften Verhältniffen und auch da nur an Orten, wo, wie in London und Paris, eine fehr grofse Anzahl von Handelsgärtnereien erften Ranges und grofsartige Privatgärten fich in denfelben und ihrer nächften Nähe befinden, laffen fich permanente Ausftellungen von Topfpflanzen infceniren. Aber felbft da büfsen fie den Charakter der Internationalität, des anzuftrebenden Gleichgewichtes zwifchen der Zahl der Ausfteller des Inund Auslandes aus derfelben Gruppe von Gegenftänden ein. Nur in Einzelheiten, nicht im Ganzen und Grofsen kann das Ausland da obfiegen. Die enormen Transportkoften und das Rifico der Erhaltung und Verwerthung folcher Pflanzenfchätze erlauben dem entfernten Ausfteller einen continuirlichen Wechfel feiner Objecte, wie ihn eine permanente Ausstellung von Topfpflanzen bedingt, gar nie. Sie tragen felbft unter den günftigften Conftellationen auch an folchen Orten im Vergleiche mit jenen der Landwirthschaft, der Kunft und Induſtrie immer noch den Stempel localer Ausftellungen an fich. Sie erfcheinen defshalb nur als Beiwerk, als Staffage derartiger Ausftellungen und büfsen in unmittelbarer Nähe mit folchen den Charakter verdienter Selbftftändigkeit ein, den fie, a usgefchloffen aus dem gefammten Ausstellungsraum, als ein für fich ftehendes Ganze vollkommen behaupten würden. Diefe Gruppe von Gegenftänden der Horticultur verträgt fo wenig wie die lebende Thierwelt die unmittelbare Nähe der Producte des menfchlichen Fleifses und Scharffinnes. Dasfelbe gilt auch von den Ausstellungen von Obft und Gemüfen. Noch weit vergänglicher als jene, paffen fie fchon gar nicht dahin, verfehlen aber für sich Der Gartenbau. 5 abgefchloffen und räumlich, jedoch nicht zu weit von einer Ausstellung von Topfpflanzen getrennt, nie ihre Wirkung. Ganz anders verhält es fich mit den im freien Lande direct angezogenen oder in dasfelbe ausgetopften oder eingefenkten Pflanzen für die Dauer einer folchen Ausftellung. Sie können je nach ihrer Befchaffenheit, fowohl für fich allein als in Mehrzahl zur Bildung kleinerer und gröfserer Gruppen verwendet werden, welche, nach einem wohldurchdachten Plane vertheilt, ein ftehendes und dabei doch nach der Jahreszeit wechfelvolles Bild liefern, wodurch fie fich den Schöpfungen der bildenden Künfte natürlich anreihen und eine wohlthuende Bewegung in den Umkreis der ftarren Maffe von Bauwerken bringen. Als Theile einer grofsen Gartenanlage, als Ausfchmückung der Umgebung getrennter Baucomplexe oder ifo lirter kleinerer Bauobjecte, laffen fie jede Art von Beurtheilung zu und müffen in diefer Hinficht als harmonifch dem Ganzen fich anfchliefsende Ausftellungsobjecte betrachtet werden. Ein befonderer Werth folcher grofser improvifirter Gartenanlagen liegt noch darin, dafs fie an ihren äufserften Grenzen ohne Verletzung des guten Gefchmackes gewiffe Leiftungen der Horticultur aufzunehmen im Stande find, die von der gröfsten Wichtigkeit für diefelbe, in ihrer Erfcheinung jedoch nichts weniger als fchön genannt werden können und in Ermanglung einer ausgedehnten Gartenanlage nur felten fich dem Gefammtverbande aller Objecte im freien Lande ohne Verfündigung am guten Gefchmacke einfügen laffen. Ich meine die Vorführung beftimmter Culturmethoden, wie der Fruchtbäume, der Weinrebe, der Gemüfetreibereien, einer Sammlung lebender Forft- und landwirthfchaftlicher Unkräuter und dergleichen Gewächfe. Ueber die Einbeziehung von den Gartenbau zunächft berührenden Gegenftänden der Induftrie, der fchönen Künfte und der Wiffenfchaft, in die Gruppe horticoler Erzeugniffe auf einer univerfellen Induftrieausftellung oder deren Ausfchlufs läfst fich, je nach dem princi piellen Standpunkte, welchen man bei der Bildung derfelben einnimmt, ganz gut rechten. Geht man dabei von der Anficht aus, alles das, was fich feinem Urfprunge und Befchaffenheit, feiner letzten Beftimmung, oder in beiden Rückfichten nach unmittelbar an den Gartenbau anfchliefst, auch räumlich einander nahe zu bringen, fo erfcheint eine Einbe ziehung derartiger Gegenftände vollkommen gerechtfertigt. Nur müfsten fie dann als todte Objecte getrennt von den lebenden gehalten werden, oder höchftens nur als Decoration des Ausftellungsraumes für letztere gelten, nicht aber als felbft ftändige von einer Jury fpeciell zu beurtheilende Expofitions objecte berückſichtigt werden. Als Gegenftände der erfteren Art können Sammlungen trockener Fruchtzweige, trockene Früchte und Sämereien von Zierpflanzen mit Ausfchlufs der landwirthschaftlich im Grofsen gewonnenen Samen von Nutzpflanzen; alle zu Decorationszwecken getrocknete Pflanzen und Blüthen; Herbarien von Zierpflanzen und Abbildungen derfelben zu wiffenfchaftlichem Gebrauche; Pläne von Gartenanlagen und Gewächshäufern aller Art, fowie Modelle von Früchten gerechnet werden. Zu Gegenftänden der zweiten und dritten Art wären zu rechnen alle ausfchliefslich faft nur von Kunftgärtnern verwendeten Werkzeuge, mit lebenden Pflanzen zu befetzende Decorations vorrichtungen und fpeciell zu folchen Zwecken gefchaffene Gegenftände der bildenden Kunft. ebenfo Ausgefchloffen hievon müfsten bleiben alle in der Landwirthschaft zugleich verwendeten Geräthfchaften, Mafchinen u. dgl. Gegenftände. Geht man hingegen von der Anfchauung aus, dafs alle diefe Objecte, infoferne fie leblofe Dinge find, natürlich gewiffen Producten der Land- und Forstwirthschaft, der Kunft und Induftrie fich anfchliefsen, fo mag man fie immer aus dem Verbande mit den übrigen Gegenftänden einer horticolen Ausftellung ausfchliefsen. Sie gehen aber dann, wie die Erfahrung lehrt, in den betreffenden Gruppen, welchen fie eingereiht werden müffen, weil nach anderen mafsgebenden Gefichtspunkten beurtheilt, unbeachtet in der Maffe unter. 6 Dr. Eduard Fenzl. Nach diefen allgemeinen Bemerkungen über horticole Ausstellungen in Verbindung mit den fogenannten Weltausftellungen, welche ich dem fpeciellen Theile des vorliegenden Berichtes vorauszufchicken für nöthig erachtete, um den Standpunkt zu bezeichnen, von welchem man bei der Beurtheilung ihrer Infcenirung auszugehen hatte, wende ich mich nunmehr dem Ergebniffe des Stattgefundenen zu. Zerfallend in eine permanente und fünf temporäre Ausftellungen von verfchiedener Zeitdauer läfst fich ein allgemeines Urtheil über den Ausfall der ganzen Ausftellung nur am Befchluffe des Berichtes geben, während zur Gewinnung eines mehr einheitlichen Bildes nicht die Zeitabfchnitte, in welche die temporären Expofitionen fallen, fondern die natürlichen Gruppen der in jeder derfelben fich wiederholenden Producte des Gartenbaues, wie„ Topfgewächfe, Gemüfe und Obft" mafsgebend fein müffen. Von der letzten, vom 3. bis 15. October währenden temporären Ausftellung mufs übrigens hier fchon bemerkt werden, dafs fie, als blos für Obft und Trauben aller Art urfprünglich beftimmt, einen Charakter trug, welcher zwifchen dem landwirthschaftlichen und horticolen die Mitte hielt, infoferne nämlich neben gewöhnlichen und im Grofsen gebauten Obft- und Traubenforten, eben fo viele hochfeine und edle erfchienen, wie folche nur der routinirtefte Gärtner zu ziehen vermag, und aufserdem noch Sortimente feiner Gemüfe mit jenen zur Schau ausgeftellt waren und von der Beurtheilung nicht ausgefchloffen werden durften.- Befchickt wurde die Gefammtausftellung während ihrer Dauer vom 1. Mai bis Ende October von 238 Perfonen, unter welchen fich neben den Einzelnen noch Landesinftitute, ftändige Vereine, Gefellſchaften und Ausstellungsconfortien befanden, welche als ebenso viele Einheiten in Rechnung gebracht find. Das Inland, mit Einſchluſs Ungarns, erfcheint dabei in diefem Sinne durch 137, das gefammte Ausland durch 101 Perfonen repräfentirt. Von letzteren nach Ländern gruppirt, entfielen auf Deutfchland 56, auf Belgien 15, auf Frankreich 10, auf Italien 5, auf Holland 3, auf Rufsland, Griechenland und Japan je 2, auf Schweden, Dänemark, Egypten, Nord- Amerika, Brafilien und Neu- Holland je ein Ausfteller. England, von dem doch fo Vieles des Intereffanten zu erwarten ftand, glänzte durch feine Abwefenheit. Viele Ausfteller betheiligten fich fowohl an der permanenten Ausstellung im freien Lande, als auch wiederholt an einer, mehreren, felbft allen fünf temporären Ausstellungen, ja einige in einer und derfelben Ausftellung auch zweimal, wenn man die Verfchiedenheit der von ihnen exponirten Objecte ihrer Natur nach ins Auge fafst. Um ein correctes Bild des Charakters zu gewinnen, welchen jede der fünftemporären Ausftellungen an fich trug, ift es nothwendig alle auf ihnen erfchienenen Gegenftände unter allgemeinen Gefichtspunkten in beſtimmte natürliche Gruppen zufammenzufaffen und nachzufehen, in welcher Stärke fie auf jeder von ihnen durch die einzelnen Ausfteller vertreten waren. Und infoferne mufs auch Jeder, welcher fich in diefer Beziehung bei einer oder der anderen der temporären oder permanenten Ausftellung wiederholt betheiligte, eben fo oft als fpecieller Ausfteller betrachtet und gezählt werden. So aufgefafst, verwandeln fich die oben angegebenen 238 Perfonen in 460 Ausfteller im Ganzen, wie diefs die folgende Zufammenftellung derfelben nach Gegenftandsgruppen in den fünf temporären Ausftellungen und der permanenten ausweift. In diefem Sinne betheiligten fich an den erfteren als Ausfteller 400, bei der letzteren 60. Ausfteller von 1. bis 15. Mai Der Gartenbau. Bei der Ausftellung vom 15. bis 20. Juni 20. bis 30. Auguft 18. bis 23. September 3. bis 15. October In Summa I II III IV V Topfpflanzen aller Art. 38 37 Gemüfen( inclufive Kar32 26 26 127 toffeln) 24 13 16 17 18 88 Obft, überwintertem und getriebenem 14 I2 - 26 Obft aller Art( inclufive 19 22 54 95 I 3 4 Melonen, Ananas, Beeren) Medicinalpflanzen und Küchenkräutern Neuen Veredlungsverfuchen Decorationsobjecten aus lebenden Pflanzen Decorationsobjecten aus getrockneten Pflanzen. Herbarien.. Carpologifchen Sammlungen . Tafelauffätzen für Früchte und Vorrichtungen Obftmodellen. ° Verpackungsmethoden für Beerenfrüchte Abbildungen und Gartenplänen Summa • 2 20 5 4 2 ΙΟ 9 31 I 42 3 13 2 2 2 28 I I I 6 I 72 2 32 I I 2 2 5 98 86 73 79 82 80 400 7 Bei der permanenten Ausstellung betheiligten fich: An eigentlichen Gartenanlagen, gröfseren und kleineren, im Ganzen fogenannten Teppichpflanzungen وو Gruppenanlagen aus blühenden Pflanzen derfelben Gattung 29 " Gruppen von Gehölzpflanzen. 99 4 Auspflanzungen von Form- Obftbäumen und Reben Auspflanzungen von Specialitäten in Einzel- Exemplaren In Summa. 12 Aussteller 2 99 I2 99 • 19 99 IO 5 99 وو 60 Ausfteller. Aus diefer Zufammenftellung ergibt fich, dafs die Gefammtmenge de" Ausfteller in jeder der temporären Exhibitionen fich ziemlich gleich geblieben und fich nur bezüglich der vorherrfchenden Objectengruppen ftärkere Differenzen zeigen. Die erftere Erfcheinung findet ihre Erklärung in der mehrfachen Betheiligung ein und derfelben Perfon an diefen Ausftellungen; die letztere in dem Prädominiren gewiffer Producte des Gartenbaues zu gewiffen Jahreszeiten. Auffällig bleibt 8 Dr. Eduard Fenzl. trotz der weitaus gröfseren Menge von Ausftellern von Topfpflanzen gegenüber jenen von Gemüfen und Obft, das Mifsverhältnifs, in welchem das Ergebniſs diefer Ausstellung zu jenem anderer internationaler Ausstellungen in diefer Hinficht ftand. Von den vielerlei dabei ins Spiel kommenden Verhältniffen, welche diefer Partie der Ausftellung Abbruch thaten, find befonders folgende hervorzuheben: Die geringe Anzahl von grofsen Handelsgärtnereien und Gartenbefitzern erften und zweiten Ranges im Inlande, gegenüber folchen des Auslandes; die continentale Lage Wiens, welche die Verfendung grofser und zarter Pflanzen in beftem Culturftande, zumal in ihrer Blüthenperiode, theilweife ganz unmöglich macht, theils entfetzlich vertheuert; die in der letzten Woche Aprils eingetretene Kälte, welche Einheimifche fchon und noch viel mehr Auswärtige, welche bereits angemeldet hatten, von einer Befchickung der Ausftellung abfchreckte; die gerechten und fehr bald allgemein bekannt gewordenen Klagen über die herrfchende Unordnung und Verzögerung bei dem Bezuge der Gegenstände auf den Bahnhöfen; die noch weit berechtigteren über die Unzweckmäfsigkeit des Ausftellungslocales, welches keinerlei Schutz gegen atmoſphärifche Einflüffe bot und jede Art von Aufftellung erfchwerte; endlich die gleich nach der Eröffnung der Ausstellung eingetretene Börfenkrifis, welche augenblicklich einen allgemeinen Stillftand der Gefchäfte herbeiführte und den fremden Ausftellern jede Ausficht, ihre Koften durch einen gewinnreichen Verkauf der Objecte hereinzubringen, vereitelte und geradezu abfchreckend auf Viele wirkte, welche noch gewillt gewefen waren, fich an den ferneren temporären Ausftellungen mit werthvollen Pflanzen zu betheiligen. Wenn demungeachtet fich die Zahl der Ausfteller bis zu Ende der Weltausftellung fo ziemlich auf gleicher Höhe erhielt, fo verdankte man diefes Refultat vor Allem dem Patriotismus der wenigen hiefigen gröfseren Handelsgärtner, Privaten, dem Univerſitätsgarten und dem einträchtigen Zufammenwirken der Gartenbau- und Landwirthfchafts- Gefellfchaft. Fafst man das Refultat der unter fo peinlichen Verhältniffen, wie die foeben angeführten, inaugurirten und in Scene gefetzten Ausstellungen ins Auge, fo mufs man, um gerecht zu fein, erklären, dafs fie im Ganzen befriedigend, im Einzelnen fogar vorzüglich ausfielen. Namentlich gilt das Letztere von der erften und letzten temporären, fowie von der permanenten Ausftellung. Wären auf der zweiten temporären Ausftellung nicht die Belgier mit ihren prachtvollen Pflanzen erfchienen, fo müfste man diefelbe, ungeachtet aller von Seite des Inlandes gemachten Anftrengungen, für eine geradezu mittelmässige erklären. Dafs man an eine in den Spätfommer und die zweite Hälfte des Herbftes fallende Ausftellung von vorneherein keine folchen Anforderungen bezüglich der Florgewächfe ftellen kann, wie an eine folche im Frühjahre, begreift jeder Sachverständige. Nichtsdeftoweniger übertrafen beide die über deren Ausfall gehegten befcheidenen Erwartungen um ein Bedeutendes. Wahrhaft überraschend und namentlich vom Auslande gewürdigt, geftaltete fich die letzte temporäre Ausstellung durch ihren entfchieden internationalen Charakter und die Fülle, wie die Güte der im Inlande erzeugten Obft- und Traubenforten. Wenden wir uns nach diefen nur im Allgemeinen angedeuteten Ergeb niffen der horticolen Ausftellung vorerft den einzelnen temporären Expofitionen zu und erfparen wir uns die Befprechung der permanenten zum Schluffe diefer tranfitorifchen. Wir wollen uns hiebei nur mit dem vorzüglichften und bemerkenswertheren Leiftungen Einzelner befaffen, denn nur diefe, nicht die Menge der ausgeftellten Gegenftände und Zahl der Ausfteller entfcheiden über den Charakter und die Bedeutung jeder diefer Ausftellungen. Der Gartenbau. 6 Die erfte vom 1. bis 15. Mai währende temporäre Ausstellung des Gartenbaues. Unter einer zwifchen+ 2 und 4° R. fchwankenden Temparatur im Freien, unter eifig kalten Regenfchauern und einem ebenfo kalten, von den Wien umgebenden kürzlich wieder mit einer leichten Schneedecke ftellenweife übertünchten Bergen herabfallenden Winde inaugurirt, bot fie, die erfte und einzige am Eröffnungstage vollkommen fertig gewordene Ausftellung, das lachende Bild eines füdeuropäifchen und fubtropifchen blüthenreichen Frühlings, aber eingepfercht in einem fpärlich erleuchteten Raume, der halb als Breterbude, halb aus Leinwandzelt geftaltet, fich als ganz unheizbar erwies. Die fubtropifchen und noch weit mehr die echt tropifchen Gewächfe, welche bereits auf dem Transporte gelitten hatten und in verglaften Schutzkäften verwahrt blieben, fror, man fah es ihnen nur zu fehr an, bis ins Mark hinein. Mehrere derfelben, darunter Unica von hohem Werthe, mufsten defshalb fchon am zweiten Tage, um fie zu retten, wenn Rettung überhaupt noch möglich war, von der Ausstellung zurückgezogen und anderweits, wie fie es erheifchten, untergebracht werden. Selbft die im prachtvollften Blüthenfchmucke ftehenden Rhodoraceen, Eriken und Neu- Holländer Pflanzen fühlten fich höchft unbehaglich in diefem Raume und büfsten an Luftre ihrer Färbung ein. Dem ungeachtet geftaltete fich diefe Ausftellung durch die Fülle blühender Gewächfe zu einer reizenden, wenngleich nicht zu einer impofanten. Sie zu einer folchen gemacht zu haben, war, ohne Anderen zu nahe zu treten, das ausfchliefsliche Verdienft des hiefigen Handelsgärtners Rudolf Abel. Er lieferte das Haupt contingent blühender Gewächfe und gröfserer Schaupflanzen, wie Cycaden und Palmen, von beiden in 14 Arten und unter diefen manche feltene neuefter Einführung, wie Zamia Bretfchneideriana, Katokydozamia Makleyi, Liviftonia Hoggendorpii, Ceroxylon niveum, Phoenix leonensis und Oreodoxa Sanchona etc. Ausnehmend fchön cultivirt und reich an Sorten aus älterer und neuefter Zeit, zumeift jede in mehrfacher Zahl vertreten( weit über 100 Stücke), erwiefen fich deffen Sortimente von Azaleen, in allen Farben prangend Eine Hauptrolle unter diefen fpielten die in Mode ftehenden mit gefüllten Blüthen. Man kann vom Standpunkte der Vertreter der Wiffenfchaft, wie von dem des Aefthetikers über den Werth diefer Producte der Maftcultur rechten, intereffant bleiben felbe immerhin für den erfteren, gewinnreich aufser Frage für den Handelsgärtner. Von vorzüglicher Schönheit erwiefen fich noch deffen Eriken( an 30 zumeift hybride Arten), welche an Blüthenfülle, kräftigen Wuchs und Formbildungen den in England gezogenen, nach dem Urtheile der Fachmänner kaum nachftanden; ein Ausfpruch, der um fo ehrenvoller für den Aussteller klingt, als bekanntlich das Wiener Klima fich als das unvortheilhaftefte für die Cultur diefer reizenden Planzen erweift, wefshalb fie auch hier zu Lande von den meiften Gärtnern, als Zeit und Mühe nicht lohnend, immer mehr aufgegeben wird. Ein weiteres Verdienft diefes ftrebfamen Gärtners bleibt die forgfame Pflege der verfchiedenen Neu- Holländer Pflanzen, zumeift aus der Ordnung der Papilionace en und Rutaceen, welche gegenwärtig durch die in Mode gekommenen Pflanzen mit grofsen buntgefärbten Blättern, und die vielen zur Zimmercultur fich eignenden zwergartigen Palmen und Dracaenen immer mehr verdrängt werden. Wetteifernd in allen diefen Culturzweigen, allein ihn nicht erreichend, thaten fich deffen beide Blutsverwandte, die Handelsgärtner Eduard und Fritz Abel ( Firma Ludwig Abel), auf diefer und den folgenden Ausftellungen rühmlichft hervor. Von Privatgärten betheiligten fich in erfter Reihe der herzoglichbraunfchweig'fche in Hietzing bei Wien( Hofgärtner Friedrich Lefe 10 Dr. Eduard Fenzl. mann), durch Ausftellung grofser, alter Schaupflanzen von Palmen, Pandaneen, Dracena Draco und verfchiedener fchön und reich blühender Gewächfe. Unter den erfteren befand fich Areca sapida eben in Blüthe; unter den letzteren fielen namentlich Cantua dependens auf C. pyrifolia, Deutzia gracilis hochftämmig auf D. scabra und Clianthus Dampieri auf C. magnificus veredelt ins Auge. Aus dem Garten des Herrn Grafen Breuner Enkevoirth in Gravenegg( Niederöfterreich) ftellte deffen Obergärtner Jofef Hirfch eine Sammlung in fchönfter Blüthe ftehender Hybriden von Sikkim Rhododendrons und unter verfchiedenen anderen blühenden Gewächfen Rhododendron macrocephalum, Styrax japonica und die fchöne grofsblumige oftfibirifche Rofa rugosa als R. Regeliana aus. Herr Hof- Galanteriewaarenhändler Emil Rodek ftellte neben verfchiedenartigen Kalthauspflanzen eine wunderfchöne Rofen- und Penféegruppe aus. Der k. k. Univerſitätsgarten ( Obergärtner Friedrich Benfeler) befchickte diefe Ausftellung mit einer Auswahl immergrüner Sträuche und Bäume im vorzüglichen Culturftande, zumeift von Arten, welche, längft von der Mode verdrängt, nur vereinzelt mehr in Handelsgärten vorkommen und unter diefen manche, welche als Medicinal- oder Induftriepflanzen ein befonderes Intereffe für dem Fachmann boten. Weitaus alle bisher genannten Ausfteller, wenn nicht der Zahl, doch an Seltenheit, Neuheit und relativer Schönheit der Arten nach überbietend, lieferte das berühmte Etabliffement des Herrn Conful J. Linden aus Brüffel und Gent ein Sortiment von Kalt und Warmhauspflanzen, welches, vom Standpunkte des Botanikers und fachkundigen Gärtners beurtheilt, alles Andere in Schatten zu ftellen geeignet war. Aus der Menge der vielen höchft werthvollen Gegenftände feiner Ausftellung will ich nur folgende hervorheben: Ein ficher mehrere Jahrhunderte altes, einige Centner fchweres Exemplar der Todea barbara mit feinem unförmlichen gegen 4 Fufs hohen, nahe 3 Fufs breiten und ungefähr 1½ Fufs dicken, mit fchwarzbraunen Luftwurzeln umpanzerten Stamm, auf deffen oberer ftumpfer Kante fich eine Maffe von büfchelartig beifammenftehenden Wedeln erhob und durch feine unförmliche Geftalt die Blicke aller Eintretenden unwillkürlich auf fich zog; eine ganz neue und auffällig von Araucaria Cookii, excelsa und Cunninghamii abweichende Art aus Neu Caledonien in einem 3 Fufs hohen Exemplar; eine ausnehmend fchöne Gruppe der bunt- und fchlitzblätterigen Ahorne aus Japan; ein Sortiment der neueren und neueften Arten von Dracaena in fehr fchönen Exemplaren; eine Zusammenftellung farbenprächtiger, meifterhaft gezogener neuerer Azaleen Sorten; endlich einen neuen Rhododendron Sämling, R. Princefs Louise" von feltener Schönheit. Von noch gar nicht, oder erft kürzlich in Handel gefetzten, gröfstentheils durch den Ausfteller eingeführten Neuheiten wären anzuführen, und zwar von Palmen des Kalthaufes: Kentia australis, Balmoriana, Canterburyana, Forfteriana, Liviftonia filamentofa, Phoenix Andersoni, tenuis und rupicola, Pritchardia filifera, Ptychofperma atlantica, Cocos Bonneti glauca, das Phormium atropuz purcum aus Neufeeland; von Pflanzen des Warmhaufes: Diffenbachia imperialis aus dem öftlichen Peru, Anthurium criftallinum, Phyllotaenium Lindeni, Tillandsia mosaica aus Columbien; Dioscorea chrysophylla, Meleagris und prismatica vom Rio negro; Dracaena Reali und gloriosa aus Vanicoro, jaspidea aus Melanesien und lutescens ftriata aus Madagascar, dann Maranta Makoyana aus Brafilien, alle im Laufe der Jahre 1868-1873 eingeführt. Unter den von ihm ausgeftellten blühenden Orchideen zogen namentlich Cypripedium caudatum fplendens, Masdevallia Lindeni, Odontoglossum criftatum, Pescatoea triumphans und Sceptrum die Blicke aller Freunde dieser wundervollen Ordnung mit Recht auf fich. Leider fielen eine gute Anzahl diefer exquifit tropifchen Pflanzen im Gefammtwerthe von Der Gartenbau. 11 mindeſtens 15.000 Francs der herrfchenden Kälte zum Opfer. Neben folchen Schätzen mufsten begreiflich die fehr fchön gezogenen neuen Azaleen Sorten Johann Verfchaffelt's und Eduard Vandercruyffen's aus Gent verblaffen, ohgleich fie mit jenen anderer Ausfteller einen Vergleich fehr gut aushielten. Aus der grofsen Anzahl von Specialitäten der Blumiftik, welche man diefsmal vertreten fand, müffen im Anfchluffe an die Azaleen die in Zwergform blühenden neuen Sämlinge von Rhododendron hervorgehoben werden, welche der königlich württemberg'fche Hofgärtner Müller aus Cannftadt ausgeftellt hatte. Die Mehrzahl von ihnen, abweichend durch Tracht und Färbung ihrer zumeift kleineren Blüthen, trug den Stempel der Neuheit in fo auffälliger Weife an der Stirne, dafs über ihre hybride Natur kein Zweifel entſtehen konnte. Die Wahl der Stammformen mufste mit befonderem Verſtändniffe vorgenommen worden fein, um folche überrafchende Erfolge zu erzielen, und es bleibt dabei nur zu bedauern, dafs Herr Müller nähere Angabe über diefen Punkt zu machen verfäumte. Die gröfste und formenreichfte Sammlung von Rhododendron- Blendlingen ftellte der Altmeifter in der Zucht derfelben, Herr Handelsgärtner T. J. Seidel zu Alt- Striefen in Sachfen, aus. Sie füllten allein die Mitte des öftlichen Pavillons der Ausftellung, umrahmt von Azaleen und Camellien, alle theils als Hoch-, Halbftämme, theils in Bufchform angezogen.- Allgemein bewundert wurde die von Herrn Secretär Fr. Flatz gebildete Gruppe von blühenden Alpenpflanzen, deren er über 500 in feinem Privatgarten cultivirt. Mehrere feltene Saxifragen, Primula- und Androsace- Arten aus unferen Hochalpen, den Pyrenäen, dem hohen Norden und dem Taurus neben anderen bekannteren zu treffen, gewährte allen Botanikern und Gebirgstouriften ein befonderes Vergnügen, und verliehen diefer Collection einen fpeciellen Werth. In Sammlungen diverfer Marktpflanzen, namentlich von immergrünen aus der Ordnung der Palmen und Pandaneen, der Gattungen Dracaena und dergleichen, wie fich folche zur Zimmercultur eignen, nebft Sortimenten von Cinerarien, Fuchfien, Rofen, Gardenien etc., excellirten namentlich die hiefigen Firmen Steck& Comp. und Carl Matzen etter. An Rofen aller Art, manchen ausnehmend fchönen und neuen Sorten, fowohl hoch- als niederftämmig gezogenen, war kein Mangel Nur wollte, bei aller Anerkennung ihres Werthes als Einzelblüthe, die hier übliche Culturweife derfelben, namentlich der hochftämmig gezogenen, bei den auswärtigen Jurymitgliedern aus Deutfchland und Belgien keinen Beifall finden. Man tadelte, und wie mir däucht nicht mit Unrecht, die unverhältnifsmäfsige Höhe des Wildftammes zu der fich bildenden Krone, ihre dadurch bedingte Schwäche mit allen weiteren daran fich knüpfenden bekannten Uebelftänden und ihre ungefällige Verwendung bei Bildung von Klumps und Wanddecorationen. Man beurtheilte fie von diefem Gefichtspunkte aus vielleicht zu ftrenge. Was man bei der Beurtheilung der Rofenzucht in Wien und feiner Umgebung ganz von diefer Seite her überfah, war der verderbliche Einflufs unferes Klima zur Zeit der kräftigften Entwicklung der Rofen auf deren Belaubung und Entfaltung der Blüthen. Die Rofe verträgt bei ihrer Verwendung im freien Lande bekanntlich keine zu harten, am wenigften unregelmäfsig verlaufende Winter mit grofsen Sprüngen in der Temperatur, wie fie bei uns zur Regel geworden, keine Tagelang anhaltende, Alles verfengende heifse Winde, während der Norden Deutfchlands, Belgiens und England mit feiner feuchten windftillen Atmoſphäre wie gefchaffen zur Pflege der Rofe ift. Diefen Cardinalbedingungen kann der tüchtigfte Gärtner nicht Herr werden, während er allen anderen gerecht werden kann. An der klimatifchen Frage fcheitern hierin, wie bei vielen anderen Culturen, die Bemühungen unferer Pflanzenzüchter. Von der Richtigkeit diefer Thatfache überzeugt man fich am leichteften durch einen Befuch der kleinen Hausgärten und Villegiaturen am Fufse unferer Hochgebirge und Seen im Salzkammergute, 12 Dr. Eduard Fenzl. wo die Rofe, ohne befondere Pflege und ohne Schutz wundervoll gedeiht, und die landläufige Bemerkung,„, dafs der Bauer auf dem Lande Rofen zu ziehen beffer verftehe als jeder Gärtner in der Stadt" und noch viele andere ehrenrührigere Klagen von Seite der Käufer über Bedienung mit fchlechter Waare, vollkommen erklärlich macht. Nach diefer gelegentlichen, wie mir däucht aber ganz gerechtfertigten Bemerkung über den Stand der Rofencultur in Wien, will ich nur anführen, dafs die anfehnlichften und fchönften Sortimente hochftämmig gezogener Rofen( in 80 bis 150 Sorten) von den hiefigen Handelsgärtnern Bachraty und Kläring, fowie von dem fürftlich Liechtenſtein'fchen Garten director zu Eisgrub, Herrn Ed. Pohle; ein kleines aber gewähltes Sortiment niederftämmig gezogener von Herrn Handelsgärtner Anton Scheiber und ein gleiches, namentlich neuere feine Sorten enthaltendes von dem früher bereits erwähnten Gartenfreund Herrn Emil Rodek geliefert wurden und die verdientefte Anerkennung fanden. Von Specialitäten in Marktpflanzen ftellten die Herren Carl Matzenetter Calcolarien; Friedrich Kläring Nelken; Friedrich Lefemann Cinerarien; Emil Rodek Viola tricolor; Lucas Bachraty reich blühende Zwerg- Orangenbäumchen in ausnehmend fchönen Sortimenten aus. Von den ausgeftellten Pelargonien erhob fich feltfamerweife keine einzige Gruppe über das Mafs der Gewöhnlichkeit, obgleich es in Wien an ausgezeichneten Züchtern diefer Zierpflanzen nicht fehlt. Vom Auslande betheiligte fich aus der Gruppe blühender Pflanzen des Blumenmarktes Niemand aufser Herrn Wrede in Lüneburg, dem bekannten Züchter von Viola tricolor Sorten. Leider langte deffen Sortiment abgefchnittener Blüthen diefer Art in einem fo traurigen Zuftande an, dafs es fich jeder eingehenden Beurtheilung entzog. Sehr anerkennend fprachen fich Kenner von Amaryllideen über ein Sortiment von in Blüthe ftehender hybrider Sämlinge von Amaryllis- Arten aus, welche Herr Hofgärtner Guttermann in Regensburg ausftellte, fowie über ein kleines Sortiment von Primula japonica in fünf Farbenvarietäten aus dem Hofburggarten. Von Coniferen, in Töpfen gezogen, erfreuten fich zwei Sortimente verfchiedener Art des ungetheilten Beifalles. Das eine derfelben, von Herrn Handelsgärtner Alexis Dalliére in Gent ausgeftellt, zählte zwar nicht mehr als 25 in Kübeln gezogene Bäumchen längst bekannter Arten, aber fo meiſterhaft gefchult, dafs Stück für Stück als Schaupflanze gelten konnte. Urfprünglich für die permanente Ausstellung im freien Lande beftimmt, verfchwand diefe Sammlung am Schluffe der temporären, nachdem fich für diefelbe rafch ein Käufer gefunden hatte. Die zweite numerifch weit bedeutendere, über 100 Arten und Varietäten zählende, auch manche noch nicht fehr verbreitete Art enthaltende Sammlung des Herrn Carl Kammel& Comp. aus Grufsbach in Mähren erwarb fich durch ein fehr verſtändiges Arrangement ungetheilten Beifall. Abweichend von der gewöhnlichen Art der Aufftellung verfuchte der Herr Ausfteller die Bildung eines mit frifchem Moos dicht überkleideten Hügels mit fanft abfallender welliger Böfchung, auf der die Töpfe zwifchen herausragenden Felsftücken eingefenkt waren, was dem Ganzen das Anfehen eines mit Coniferen bewachfenen Bergabhanges verlieh und fich harmoniſch den übrigen Gruppen blühender Gewächfe einfügte. Von in Töpfen veredelten Gehölzarten ftellte Herr Handelsgärtner A. C. Rofenthal ein 3500 Nummern ftarkes Sortiment aus, welches fich der ungetheilteften Anerkennung aller Sachverständigen zu erfreuen hatte. Als durch Veredlung künftlich erzeugte Varietäten follten Abies Reitzensis pendula und Robinia Pscudoacacia tricolor und foliis aureo. variegatis gelten, welche Herr Reif, fürftlich Salm'fcher Schlofsgärtner zu Reitz in Mähren, ausftellte. Die davon ausgeftellten Proben waren jedoch noch Der Gartenbau. 13 viel zu unvollständig ausgebildet, um über ihren Werth oder weit wahrfcheinlicheren Unwerth fich ein Urtheil bilden zu können. Aehnlich verhielt es fich mit Herrn Janaufchek's Propfverfuch von Hedera Helix, auf Aralia Sieboldii, welcher, wenn auch gelungen, fich dermalen nicht zur Nachahmung zu empfehlen fchien. Wir gelangen nunmehr zu den Gemüfen, mit welchen die Ausstellung befchickt worden war. Selbſtverſtändlich konnte es fich zu diefer Jahreszeit nur um getriebene, nicht aber um überwinterte, in den Augen des Züchters keinerlei Werth mehr befitzende Gemüſe handeln. Gröfsere Sortimente lieferten nur II Ausfteller, unter welchen fich 2 aus Deutfchland, zwei aus Ungarn, je einer aus Kärnthen und Tirol befanden, während von den fünf übrigen aus Niederöfterreich nur zwei profeffionelle Handelsgärtner, die drei anderen Gärtner von Privaten waren. Schlüffe daraus auf den Stand diefes Zweiges der Horticultur in Oefterreich, namentlich in Wien und deffen Umgebung, zu ziehen, wäre ganz unftatthaft, denn notorifch befchäftigt fich die Mehrzahl der hiefigen Gemüfegärtner mit der Treiberei der gefuchteften Artikel, fcheut fich aber, entfprechend ihrem Bildungsgrad, noch zu fehr vor der Oeffentlichkeit und jeder Art von Concurrenz. Des Abfatzes ihrer Producte ficher, richten fie ihr Gefchäft für den täglichen Bedarf ein und gehen hierin nicht um einen Schritt weiter, als eben nothwendig ift Ungemein fleifsig, aber jedes kaufmännifchen Sinnes bar, vermögen fie ihr Gewerbe lange nicht fo lucrativ zu geftal ten, als es unter den gegebenen Verhältniffen möglich wäre. Viel Schuld daran tragen noch der unter ihnen herrfchende, alte, jeder Neuerung im Gefchäftsbetriebe abholde Zunftgeift und gewiffe unter dem Mittelftande unferer Bevölkerung immer allgemeiner werdende fociale Verhältniffe, welche nichts weniger als ermuthigend auf die Gärtner und die Treiberei von Gemüfen einwirken. Namentlich ift es die Scheu der jüngeren Frauen, fich felbft um den Gemüſemarkt zu bekümmern, und die Gewohnheit, diefes Gefchäft dem weiblichen Dienftperfonale zu überlaffen. Dafs im wohlverftandenen Intereffe der letzteren und in Folge deffen die Nachfrage nach üherwintertem und elendem Gemüfe zu- und die nach frifchem und feinerem, weil theuerem, abnehmen mufs, liegt auf der Hand. Dazu kommt noch, dafs der Handel mit Gemüfen bei uns in der Hand der Zwifchenhändler fich befindet, und kein Gärtner fich um den Detailhandel weiter kümmert. Würden fich die Intelligenteren von ihnen zur Führung eines derartigen gemeinfchaftlichen Betriebes, namentlich zu dem vereinigen, den Markt mit getriebenem Gemüfe zu verforgen, fo könnten fie die fchönften Gefchäfte machen. Daran denkt aber Niemand, theils aus Bequemlichkeit, theils aus Mangel an kaufmännifchem Wiffen. Man fchiebt diefe offen eingeftandenen Uebelftände hundert anderen Verhältniffen, nur nicht den felbftverfchuldeten zu. Anders verhält es fich in anderen Ländern und fieht man namentlich dort fchönes Marktgemüfe, wo der kleine Mann ftatt der Frau das Marktgefchäft beforgt. Dafs es in Oefterreich nicht an Wiffen und Können, Gemüfe zu treiben, fehlt, das haben die wenigen auf der Ausftellung erfchienenen Gärtner von Privaten, wie die Herren Hirfch, Skebra, Jirafek, Janaufchek und Schilhan bewiefen, welche gröfsere Sortimente verfchiedenartiger Gemüfe lieferten. Ein kleines, aber ausgezeichnetes diefer Art ftellte der Wiener Handelsgärtner Georg Mayer, ein etwas gröfseres Herr Weifs aus Klagenfurt und die AckerbauGefellfchaft in Trient aus. Von Deutfchland aus befchickten diefsmal nur Herr E. Junge aus Schönbrunn in Preufsen und der bürgerliche Gärtnerverein in München die Ausftellung mit fehr fchönen und reichen Sortimenten. An Specialitäten ftellten aus: Herr Franz Bamberger aus München eine kleine Sammlung getriebener Kartoffeln; Herr Franz Mayer in Wien kolof fale Sellerieknollen; Herr Klempf Meerrettig in Prachtexemplaren; Herr Piccoli aus Rovigno in Iftrien riefige Artifchocken; Herr Ludwig Tfchugguel aus Botzen im freien Land getriebenen Spargel von befonderer Schönheit und 14 Dr. Eduard Fenzl. Herr L'Herault aus Argenteuil bei Paris, dem berühmten SpargelzüchtungsOrte, welcher jedoch dem des vorhergenannten Züchters entfchieden nachftand. Aus Aegypten ftellte der Director der viceköniglichen Ackerbau- Schule in Cairo, Herr G. Delchevalerie einen 15 Kilogramme wiegenden Knollen der Ipomoea Batatas, der Kartoffel Aegyptens und Indiens, nebft einen mehrere Zoll dicken Stamm des Cajanus indicus mit beigegebenen Fruchtzweigen und Samen in vier Farbenvarietäten aus. Diefe in Oftindien und im ganzen tropifchen Africa wildwachfende und von da aus in alle tropifchen und fubtropifchen Gegenden der alten und neuen Welt bereits verpflanzte, ftrauchartige Leguminofe trägt dafelbft ungemein reichlich Samen, welche ebenfo vortrefflich wie unfere Linfen fchmecken und über 15 Percent Legumin( Casein) und 50 Percent Stärkemehl enthalten. Ihr Anbau in Aegypten wie in Algerien breitet fich dafelbft immer mehr aus und fechft man um Cairo auf einer Hektare ( 2800 Quadratklafter ö. M.) 2000, am Ifthmus von Suez auf dem fandigen vom Nilwaffer irrigirten Boden an 3000 Kilogramme davon. Sie bedarf fehr bedeutender Bodenwärme und eignet fich defshalb bei uns durchaus nicht zum Anbau im freien Lande. Die japanefifche Commiffion ftellte fauftgrofse Zwiebeln aus von Lilium Kamtfchaticum und Wurzeln der Dioscorea japonica( Yamswurzel), fowie von Lappa major( Klettenwurzel) als im Lande gefuchte und im Grofsen gebaute Gemüſe. Von getriebenem Obft wurde mit Ausnahme von Erdbeeren gar nichts auf die Ausftellung gebracht. Das fchönfte Sortiment von diefen lieferte Herr Thiel, Schlofsgärtner des Grafen Fries in Vöslau. Ueberwintertes Obft fendeten blos acht Ausfteller; unter diefen Herr W. C. Boer aus Boscop in Holland; Herr Rittergutsbefitzer von Behr aus Schmoldow nächft Greifswalde in Pommern; die k. preufsifche Staats- und landwirthschaftliche Akademie zu Eldena in Pommern durch Herrn Doctor Baumftark; und die k. württembergifche Centralftelle für Landwirthfchaft in Stuttgart durch Herrn J. G. Sting; aus dem Inlande die Ackerbau- Gefellfchaft in Trient durch ihren Pomologen Herrn Chriftoph Frank; der Gartenbau- Verein in Steiermark; der Stiftsgarten zu Kremsmünfter in Oberöfterreich durch feinen Obergärtner Jof. Runkel und Herr Jof. Janaufchek, Gärtner des Gutsbesitzers von Nako aus Banat- Komlos in Ungarn. Durch grofse Mannigfaltigkeit an Beeren, Kern- und Stein- Obftforten ragten das Sortiment der Trienter AckerbauGefellfchaft; in Beeren- Obftforten die Sammlungen der Stuttgarter Centralftelle und des Klofters Kremsmünfter, in jeder Beziehung fich die Wage haltend, über die übrigen hervor. Eine fehr verdienftvolle, wiffenfchaftliche Zufammenftellung von 110 Arten von Medicinalpflanzen in frifchen Wurzelexemplaren lieferte Herr C. Tfchernikel, Obergehilfe im k. k. Hofgarten zu Schönbrunn. Von Bouquets, Kränzen und dergleichen aus lebenden oder getrockneten Pflanzen und Blüthen gebildeten Decorationsgegenständen war nichts vorhanden, was befonders hervorgehoben zu werden verdiente. Wir haben auf mancher der früheren Ausftellungen der hiefigen Gartenbau Gefellfchaft mehr und Befferes in diefem Genre gefehen. Der Gartenbau. 15 Die zweite vom 15. bis 20. Juni währende temporäre Ausstellung. Trug die erfte diefer Ausftellungen durch die Menge in voller Blüthe ftehenden Azaleen und Rhododendrons, ungeachtet der vielen anderen intereffanten und werthvollen Pflanzen, den Charakter einer Specialausftellung von Rhodoraceen, fo gewann die zweite durch die gleichmäfsigere' Vertretung der verfchiedenen Pflanzenordnungen und die harmonifchere Mifchung blühender Gewächfe mit folchen, welche durch ihre Tracht und Belaubung in die Augen fpringen, mehr den Charakter eines Gartens unter den Tropen. Jedenfalls verfchwanden fozufagen die übrigen Gegenftände des Gartenbaues neben der Maffe ausgeftellter Topfgewächfe. Befchickt wurde fie im Ganzen von 63 Perfonen, welche Zahl fich jedoch, nachdem einige von ihnen in verfchiedenen Kategorien von Gegenftänden zugleich ausftellten, auf die von 73 Ausftellern erhöht. Von diefen entfielen 45 auf das Inland und 25 auf das durch acht Staaten vertretene Ausland. Infoweit fchien diefe Ausftellung in der That den Charakter einer internationalen an fich zu tragen, büíste ihn jedoch bei einem näheren Eingehen auf das hierin mafsgebende Verhältnifs der relativen Betheiligung des Auslandes in den einzelnen Kategorien von Gegenftänden gegenüber dem Inlande nahezu ganz durch den Umftand ein, dafs dem letzteren nur in der Kategorie der Topfpflanzen und auch hierin nur von Belgien aus eine entfchiedene Concurrenz erwuchs, während fo viel als keine in der der Gemüfe ftattfand und in jener von Obft, obgleich fechs Ausfteller des Auslandes eben fo vielen des Inlandes gegenüberftanden, von einer folchen fchon defshalb nicht die Rede fein konnte, als nahezu jeder von den erfteren einen anderen Gegenftand als die letzteren ausgeftellt hatte. Aber auch unter den inländifchen Ausftellern kam es zu keiner anderen Concurrenz als in Erdbeeren. Was nunmehr die Leiftung der Belgier gegenüber den inländifchen Pflanzenzüchtern betrifft, fo concentrirt fie fich ausfchliefslich auf werthvolle Gewächshaus- Pflanzen und überbot hierin Alles, was von der anderen Seite in höchft anzuerkennender Weife geleiftet wurde. Ihr Werth wurde wefentlich noch durch die Opferwilligkeit gehoben, mit der fie, ungeachtet der fchlimmen Erfahrungen, welche fie bezüglich der Bergung ihrer Pflanzen bei der erften Ausftellung gemacht hatten, doch noch einen zweiten Befchickungsverfuch wagten. Dem energifchen Einfchreiten ihrer Commiffion hatte man auch noch die in der Zwifchenzeit erfolgte Herſtellung eines gefchloffenen und eventuell heizbaren Raumes im mittleren Theile des Ausftellungsraumes zu danken, deffen rechtzeitige Befchaffung der inländifchen Commiffion, trotz aller gemachten Vorftellungen bei der Generaldirection, nicht gelingen wollte. Eingehend nunmehr auf die von den Belgiern exponirten Gegenftände aus der Gruppe der Gewächshaus- Pflanzen war es die omnipotente Gent- Brüffeler Firma J. Linden, welche an neuen Einführungen, Seltenheiten und werthvollen Pflanzenarten alle anderen Concurrenten überbot. Die Zahl der von ihmausgeftellten Arten tropifcher Gewächfe mochte zwifchen 180 und 190 gefchwankt haben, welche Gefammtmaffe in neue Einführungen aus verfchiedenen Ordnungen, in noch fehr feltene Palmenarten des Warmhaufes, in eine Gruppe blühender Orchideen, in eine reiche Sammlung tropifcher Nutzpflanzen aller Art und eine von Cycadeen zerfiel. Um fich nur einigermafsen eine Vorftellung von dem Reichthume und dem Werthe diefer Sammlung zu machen, follen nur einige der neueften und vorzüglichften Arten aus jeder diefer Gruppen namentlich aufgeführt werden. Aus der Gruppe der in den letzten drei Jahren erft eingeführten 1o Arten von Zierpflanzen, mit Ausfchlufs der Palmen, möchte ich 2 16 Dr. Eduard Fenzl. als die werthvollften hervorheben: Curmeria picturata, Dracaena Gloneri, Philodendron parimense, Spathiphyllum macrophyllum, Dieffenbachia imperialis, die merkwürdige Rapatea pandanoides und die prachtvoll, mehrere Monate lang fortwährend blühende blaue Tillandsia Lindeni. Aus der 20 Arten ftarken Sammlung neuer Palmen des Warmhaufes wären folgende als eben fo feltene als ausnehmend fchöne zu bezeich nen, wie: Acanthorhiza Warscewiczii, der durch feine langen Stacheln an den Wedeln ausgezeichnete Calamus asperrimus und tenuis, eine noch unbekannte zweite Art aus Menado, die Calyptrogyne elata, die Cocos Bonneti, der Daemonorops accidens, die Glaziova insignis, die beiden Arten von Kentia( Balmoreana und Forsteriana), die intereffante ftachelige Pritchardia Gaudichaudiana, Sabal princeps, Verschaffeltia melanochaetes und Welfia regia. Unter den im reichften Blüthenfchmucke ausgeftellten, die Blicke aller Befchauer feffelnden Orchideen, ragten vier, theils durch Gröfse, Farbe und Configuration ihrer Blüthen fich auszeichnende Cattleya- Arten, darunter eine noch unbenannte neue, drei Aerides- Arten, die Laelia purpurata, die noch fehr feltene Masdevallia Harryana, Trichopilia crispa, fünf prachtvolle Odontoglofsa, darunter das reichblühende O. Alexandrae und das mit vier, über zwei Fufs langen Rispen blühende Oncidium incurvum und Epidendron vitellinum hervor. Aus der mindeſtens 90 Arten ftarken Sammlung tropifcher Nutzpflanzen will ich nur der Zimmt-, Gewürznelken-, Muscatnufs- und Cacao liefernden Bäume, der fchönen Monodora grandifolia und der Pfeffer fträuche erwähnen; aus der Gruppe der officinellen Pflanzen des berüchtigten Upasbaumes aus Java, der giftigen Strychnos Cabalonga aus Tabasco, des Manzanillenbaumes, der drei Arten, in ihren Rinden Chinin liefernden Cinchonen, der als Fiebermittel in Centralamerika gefeierten Simaba Cedron, des Coca- Strauches aus Peru, des Copalbaumes und der die fogenannten Tonkabohnen liefernden Dipterix odorata. Unter den zahlreichen Farbeftoff und Fournituren, Kautfchuk, Milchfäfte, Harze und Oele liefernden Bäumen will ich nur der Bixa orellana, der Caesalpinia echinata und des Haemotoxylon campechianum erwähnen, von welchen die Samen der erfteren den Orleans, die beiden anderen das Blau- und Rothholz liefern; des gefchätzten Palifander- und Mahagonibaumes( des Machaerium firmum und der Swietenia Mahagoni); der Kautfchuk liefernden Caftillo a elaftica und des geniefsbare Milch in reichlicher Menge führenden Galactodendron utile( des Kuhbaumes von Columbien); der Gummi liefernden Inga vaga und der in ihren Samen das gefchätzte Carapaöl enthaltenden Carapa guyanensis. Aus der übergrofsen Zahl Bäume und Sträucher mit efsbaren Früchten aus den Tropen hebe ich nur die in den Gärten noch feltener vorkommenden hervor, wie die Campomanesia hypoleuca, Cerasus Capollina( die Quito- Kirfche), Prunus fphaerocarpa( die Pflaume der Antillen), Garcinia Livingstonii und australis, den Litchibaum( Nephelium Litchi) aus China und die herrliche Platonia insignis mit ihren Früchten, welche die der Mangoftanen an Wohlgefchmack noch übertreffen. Weitaus die Mehrzahl diefer Pflanzen war durch fehr hübfche, gefunde, oft über bis 3 Fufs hohe Exemplare repräfentirt und diefelben von Fachgelehrten und verſtändigen Gärtnern höher als manche feiner fchönen Palmen und Novitäten gehalten und bewundert. Impofante Schaupflanzen, wahre Meifterftücke der Cultur, von unübertroffener Schönheit, lieferte die bekannte Garten- und Blumenfreundin Madame Legrelle d'Hanis aus ihren Gewächshäufern zu Berchen bei Antwerpen. Diefe fpatiöfe Sammlung enthielt zumeift ältere und neuere Arten von Dracaenen, Maranten, Phylodendrons, Palmen, buntblättriger Crotons, Der Gartenbau. 17 ein fehr fchönes Exemplar von Aralia Sieboldii mit bunten Blättern, die noch feltene Vriesea Glaciouana, nebft Prachtftücken der Dracaena regina und porphyrophylla, Maranta zebrina, Phormium Veitchii und Colensoi. Die Firma H. Verfchaffelt in Gent ftellte eine Collection von zwölf Agaven zumeift neuer und neuefter Einführung aus, eben fo viele Yuccas Littaeen und Dasylirions, feltene Cacteen und Echeverien wie noch zehn Arten von Cycadeen nebft einigen ausnehmend fchön gezogenen Lorberbäumen von 6-10 Fufs Höhe. Unter deffen Agaven fielen befonders die ganz dornenlofe A. Ellemetiana, die noch wenig bekannten Arten: A. Killifchi, Verfchaffelti und Fiquelmonti auf; unter den Yuccas mehrere neuere aus Californien, dann Yucca Ghiesbrechti und die buntblätterige Y. quadricolor, manche derfelben in bereits ftark entwickelten Exemplaren. Unter feinen Litta e a-( Bonapartea) und Dasylirion- Arten befanden fich mehrere fehr alte Original- Exemplare, welche durch ihre ganz eigenthümliche Verzweigung. in Form von dicht gedrängten Blattfchöpfen, die Beachtung des fachgelehrten Botanikers auf fich zogen. Ebenfo fehr wurde das Exemplar der Varietät von Littaea hyftrix mit beinahe flachgedrücktem Scheitel bewundert. Unter feinen Cacteen und Echeverien verdienen der noch feltene Pilocereus senilis, eine neue Mamillaria und Echeveria aus Mexico namhaft gemacht zu werden. Unter den von ihm ausgeftellten Cycadeen befanden fich ein in Blüthe kommendes Original Exemplar von Dion edule, die noch fehr wenig bekannte Zamia Vro o mi mit einem maffiven, faft 2 Fufs hohen Stamme, fchöne Exemplare von Zamia villosa, corallipes und Lepidozamia Perowskiana. Der Linden'fchen Sammlung fich in Bezug an Novitäten, der der Madame Legrelle d'Hanis der vorzüglichen Cultur der Exemplare nach, zunächft anfchliefsend, erfchien uns die des Handelsgärtneлs, Herrn Alexis Dallière aus Gent als eine der ausgezeichnetften auf diefer Ausftellung. Sie imponirte namentlich durch die bedeutende Anzahl neuerer Dracaenen, Palmen, Bromeliace en, Maranten und Aroideen in prachtvollen Exemplaren. Eingetheilt unter diefen grofsen Schaupflanzen nahmen fich einige Cypripedien wie C. caudatum und barbatum, ein mit 18 Blüthenfchäften prangendes Exemplar von Anthurium Scherzerianum, ein mit Blüthen überfäetes der Genethyllis tulipifera und das fchöne Nidularium splendens vortheilhaft aus. Unter den Palmen begegnete man dem feltenen Phoenicophorum Sechellarum, der grofsen Pritchardia pacifica und Coccos Mikaniana; unter den neuen Einführungen dem Anthurium cristallinum, der Curmeria picturata und Dieffenbachia Bausei, beide aus Neu Granada; der Macrozamia corallipes, der Maranta Makoyana, dem Nidularium spectabile und der Tillandsia tesselata fämmtlich aus Brafilien; der Martinezia erosa aus Peru; dem Pandanus Veitchii mit weifs beränderten Blättern aus Madagascar und dem Phormium atropurpureum aus Neu- Seeland. und Eine den bereits erwähnten grofsen Collectionen gegenüber der Zahl der Arten nach beinahe verfchwindende, aber nichtsdeftoweniger intereffante, weil nahezu Gewächfe neuefter Einführung enthaltende Sammlung ftellte die Firma Mackoy& Comp. in Lüttich aus. Für den Botaniker und Bromeliaceen- Freund von befonderem Intereffe, von entfchieden geringem Werthe dagegen für den Handelsgärtner, erwiefen fich deffen Tillandsia staticaeflora heterophylla durch die Kleinheit und Zartheit ihrer Blattformen; deffen neue Adiantum Art aus Brafilien, die Maranta Makoyana und die Varietät von Quercus americana mit tief purpurrothen Blättern, ein Gegenftück zu unferer Blutbuche. Aufser diefen Novitäten enthielt diefe Sammlung einige der neueften Dracaenen, darunter die D. magnifica mit breiten, rothen Blättern, die neueften Croton- Arten mit bunten Blättern, eine neue gold 23 18 Dr. Eduard Fenzl. färbige Varietät von Arthrotaxus Doniana, das Phormium Colensoi, Acer rufivenium und argenteum, beide mit panachirten Blättern, nebft mehreren anderen Gewächfen neuerer Einführung. Wenngleich fehr beachtenswerth, verdiente fie doch nicht diefelbe Anerkennung( die Fortfchritts- Medaille), welche Linden fûr feine Novitäten mit vollftem Rechte zuerkannt wurde. Eine prachtvolle Sammlung von Selaginellen und Maranten, in einem beneidenswerthen Culturftande ftehend, fandte der Präfident der königlichen Gartenbau- Gefellſchaft in Gent, Herr De Ghellinck de Walle; eine andere 124 Arten ftarke Sammlung im freien Lande ausdauernder Farrenkräuter in 120 Varietäten und Formen, welchen fich noch ein Sortiment von 21 als Hybride bezeichnete Formen von Gymnogramma und Cheilanthes anfchlofs, Herr Handelsgärtner A. Stelzner in Gent. Das reichfte Sortiment von Echeverien und Phormiumform en lieferte Herr Louis de Smet, Handelsgärtner in Gent; eine 25 Arten ftarke Sammlung officineller und techniſch wichtiger tropifcher Pflanzen der botanifche Garten in Gent. Als in folchen Gärten nur felten vorkommende Arten will ich aus diefer Sammlung anführen: Chiococca racemosa, Cinchona succirubra, Cocculus Plucknetii, Musa sinensis, Salmia palmata und Smilax Sarsaparilla. Von Van Gert aus Gent befand fich eine Gruppe von 6 baumartigen Farrenkräutern und einigen Eriken ausgeftellt, unter welch' erfteren Balantium antarcticum, unter den letzteren ein prachtvolles Exemplar von Erica Candolleana allgemein bewundert wurden. Aus Deutfchland ftellte nur Herr Oscar Liebmann in Dresden Prachtexemplare des fchönen Baumfarrens Balantium Sellowianum von 2 Meter Höhe, ein tadellos gezogenes Exemplar der Dracaena Ehrenbergii von 32 Meter Höhe und ein ebenfo grofses von Chamaerops humilis, nebft einem mächtigen von Cycas revoluta aus. Unter den Ausftellern des Inlandes thaten fich namentlich die Herren Rudolf Abel, Emil Rodek und Univerfitäts- Obergärtner Friedrich Benfeler durch ihre Sammlungen werthvoller und fchön gezogener Pflanzen aus den verfchiedenften Ordnungen hervor. Sie allein konnten fich dreift mit Verfchaffelt und Dalliére meffen, ja überboten fie in manchen Partien. An Pflanzen fehr neuer Einführung fehlte es in den Collectionen der beiden erfteren gleichfalls nicht und was deren Cultur betraf, fo liefsen nur wenige etwas zu wünfchen übrig. Jede von ihnen hatte ihre befonderen Vorzüge. So erwies fich die des Herrn Rudolf Abel als die reichfte an mitunter noch fehr feltenen Palmen und Eriken; die des Herrn Rodek an Croton, Dieffenbachia, Ficus, Fittoniaund Theophrasta Arten; jene des Univerſitätsgarten an Farrenkräutern und Lycopodiaceen. - Herr Abel mochte an 70 Arten Palmen nebft 15 Cycade en ausgeftellt haben. Unter den erfteren befanden fich 6 Areca, 4 Geonoma, ebenfo viele Coccos- und Trinax- Arten, die beiden Acanthorhizen( A. stauracantha und Warscewiczii), Ceroxylon niveum, Euterpe edulis Orbignya dubia, Plectocomia assamica und Stangeria paradoxa nebft anderen noch feltenen Arten. Von Cycadeen waren keine anderen, als die fchon auf der früheren Ausftellung da waren, erſchienen. Einen Glanzpunkt feiner Ausstellung bildeten wieder die Eriken, namentlich die verfchiedenen Hybriden von E. ventricosa und vestita. Sie ftanden an Blüthenfülle und Cultur der in England hundertmal leichter als bei uns zu ziehenden, nach dem Ausfpruch aller Fachleute, in keiner Hinficht nach. Unter den von Herrn Emil Rodek ausgeftellten Pflanzen, zumeift neuer und neuefter Einführung, traf man nahezu alle bisher bekannten Arten der buntblättrigen Crotons in fchön cultivirten Exemplaren vertreten; unter den zehn Dieffenbachien: D. Para quini, Bausei, Baumanni und eburnea; Der Gartenbau. 19 unter anderen fchön gefärbten Blattpflanzen: Ficus Annei und Decaisnei, Guftavia brasiliensis, ein ausnehmend fchönes Exemplar von Pandanus Veitchii, Musa vittata, Philodendron Melinonii und mehrere Theophrasta Arten. Der Univerfitätsgarten brillirte durch eine Sammlung von mehr als 50 Arten exotifcher Farrenkräuter aus allen Ordnungen, von welchen namentlich 2 Exemplare von Balantium antarcticum mit einem nahezu 4 Meter hohen Stamm und fchöner Kronenbildung und ein riefiges Exemplar von Angiopteris evecta mit über 4 Meter langen Wedeln allgemein bewundert wurden. Aufser diefer Farrenkraut Collection waren noch fünfzehn Arten von Lycopodiace en, grofsblättriger Aroideen, Acanthaceen, baumartiger Diosmeen aus Brafilien und anderer Ordnungen in grofsen Exemplaren vertreten. Eine fehr beachtenswerthe, aber bedeutend kleinere Sammlung von Farrenkräutern und Eriken ftellte Herr Lesemann aus, in welcher die fchönen Exemplare von Cybotium princeps und Schiedei, fowie von Alsophila glabra und Didymochlaena pulcherrima hervorragten. Das reichfte Sortiment von Marktpflanzen, beftehend in einer Maffe von Fuchsien, Hortensien, Pelargonien, Petunien, Caladien, Glo xinien, Lobelien, Coleus- und Heliotropium- Sorten, alle im beften Culturftande, lieferte die Firma Georg Steck& Comp. in Wien. Von ausgeftellten Specialitäten erwarben fich die Sammlung buntblätteriger Caladien der Herren Hirſch aus Gravenegg und Ernft Fifcher, Gärtner des Wilhelm von Ritter in Görz, den verdienteften Beifall aller Gärtner; namentlich zeichneten fich die des Letzteren durch befonders kräftigen Wuchs und eine gröfsere Menge neuerer Formen aus. Erfterer ftellte neben feinen fchönen Alocasien, unter welchen A. metallica glänzend hervorragte, noch ein Käftchen mit abge. fchnittenen Blüthen von Clematis von feltener Gröfse aus. Franz Flatz. ftellte eine neue Suite feiner vielbewunderten Alpenpflanzen in Blüthe und Herr J. Warren aus New- York mehrere unmittelbar aus Florida importirte Orchideen und Bromeliace en aus, über deren horticolen Werth man füglich nicht urtheilen konnte, da fie zur Zeit noch nicht in Blüthe ftanden. - Von der Firma Ch. Boelens& Sohn aus Ledeberg bei Gent waren blühende Sämlinge von Amaryllis- Arten von befonderer Schönheit zu treffen. Herr Flefch, Director des Knaben- Rettungshaufes in St. Veit bei Wien, lieferte in einer Gruppe annueller Decorationsgewächfe des freien Grundes ein ausnehmend fchön baumartig gezogenes Exemplar des Gnaphalium lanatum von drei Fufs Höhe. Das gröfste Sortiment von Begonien ftellte Herr Clemens Stöger, gräflich Schönborn'fcher Obergärtner aus Schönborn, und von Gloxinien Herr Jof. Wich an aus dem freiherrlich Dobbelhof'fchen Garten in Weikersdorf bei Baden aus. Unter den letzteren befand fich eine ganze Suite von Sorten mit ganz feltfam gefüllten Blüthen. Das fchönfte Sortiment englifcher Pelargonien und Fuchsien lieferte unftreitig die Wiener Firma Friedrich Kläring. Wetteifernd in den erfteren that fich Herr Jof. Scheiber, in den letzteren Herr Heinrich Baumgartner hervor. Eine Fülle abgefchnittener und auf einer Pyramidenform aufgeftellter Rofen brachte der hiefige Handelsgärtner L. Bachraty. Unter den Sortimenten von Viola tricolor erwies fich die des Herrn Handelsgärtners Wrede aus Lüneburg als die formenreichfte, die des Herrn Toscano in Wien als die durch Gröfse der Blüthen hervorragendfte. Von in Topf veredelten Gehölzforten ftellte die hiefige bekannte Firma C. A. Rofenthal eine 500 Sorten ftarke und gefchmackvoll gruppirte Sammlung aus, in der die meiften in neuerer Zeit eingeführten, noch fehr feltenen Arten und Varietäten vertreten waren. 20 Dr. Eduard Fenzl. Gemüfe waren diefes Mal im Ganzen fchwächer, in einigen Specialitäten jedoch fehr gut vertreten. Gröfsere Sammlungen ftellten von hiefigen Handelsgärtnern die Herren Georg Steck& Comp., Carl und Georg Mayer; von auswärtigen aus Cisleithanien die Herren Jof. Hirfch aus Gravenegg und A. Auer aus Klagenfurt; aus Ungarn die Herren Privatgärtner Janaufchek und Schilhan; von Ausländern die Ausftellungscommiffion von Verona und Herr Gratfchew aus St. Petersburg aus. Als ganz ausgezeichnet wurden von Sachverständigen die von den beiden Herren Mayer gezogenen Gemüfeforten bezeichnet. Zu den artenreichften zählte die des Herrn Hirfch mit 28 verfchiedenen Nummern. Spargel ftellten der landwirthschaftliche Verein in Eibenfchitz in Mähren, dann die Herren Worell von eben daher und Zaufaly aus Miltfchan in Mähren aus. Alle drei wetteiferten mit einander an Gröfse und Güte, namentlich der des letzteren in erfterer Beziehung. Ihnen allen ftand der aus Argenteuil, dem berühmten Spargelzüchtungs- Ort bei Paris, zur erften Ausftellung eingefendete entfchieden nach, und Eibenfchitz behauptete auf diefer Ausstellung abermals feinen alten in diefer Cultur bewährten Ruf. Herr Klempf aus Rudolfsheim bei Wien excellirte auch diefsmal wieder durch feine Specialität im Meerrettig. Früchte und Topf- Obftbäume ftellten nur Wenige aus. Die fchönften Erdbeeren lieferten diefsmal die Herren Rudolf Abel und Bachraty: grofse Ananasse blos Herr Carftanjen aus Oedenburg; einige Früchte der Vanilla lutescens( die unter dem Namen Vanillosma im Handel vorkommende Sorte) Herr Kramer in Flotbeck bei Hamburg; in Blüthe ftehende Exemplare von Vaccinium macrocarpum mit Beigabe confervirter Früchte Herr Hofgärtner Maurer in Jena, der diefe nordamerikanifche Heidelbeere im Grofsen cultivirt. - Getriebene Trauben von enormer Gröfse und ganz vorzüglichem Gefchmacke ftellte Herr A. de Goes aus Schaerbeck bei Brüffel und ChaffelasTrauben Herr Rosé Charmeux aus Thomery fur Marne aus. In Oefterreich legt man gegenwärtig nur mehr geringen Werth auf getriebene Obftforten diefer Art und verringert fich defshalb von Jahr zu Jahr mehr der Betrieb und die Kenntnifs diefes Zweiges der Horticultur. Der Süden liegt uns fchon zu nahe und die Leichtigkeit des Bezuges feiner Früchte in diefer Jahreszeit tragen wefentlich zu dem Verfalle diefer Kunft bei. Eine fehr hübfche Collection von 20 Stück veredelter Stachelbeerbäumchen und vier Sorten Apfelbäumchen in Töpfen brachte Herr Jof. Kienaft, Pomologe des Stiftes St. Florian in Oberöfterreich; fehr gut gezogene Scherben Obftbäumchen noch die Herren R. Abel und Bachraty aus der Umgegend von Wien. Sehr ſchöne Südfrüchte lieferte das Ausftellungscomité von Brescia; die vorzüglichfte Sammlung von Orangen und Citronen in 40 Varietäten, mitunter von ungewöhnlicher Form und Gröfse, Herr Profeffor Theodor Orphanides aus Athen. Sie bildete unftreitig den Glanzpunkt der Ausftellung in diefer Partie. Zugleich exponirte derfelbe eine reiche Sammlung zur Einführung in die Gärten als Decorationspflanzen empfehlungswerther Arten der Flora Griechenlands in vorzüglichen Herbariumsexemplaren, darunter feine neuen fchönen Species von Colchicum. Ein zweites, zum gröfseren Theile Moofe, Flechten und Gräfer Deutſchlands umfaffendes Herbar ftellte der frühere Zögling der Gartenbau- Schule der Wiener Gartenbau- Gefellſchaft Jof. Krislička, und ein drittes Herr Carl Tfchernikel, Obergehilfe im k. k. Hofgarten in Schönbrunn, von um Wien wild wachfenden oder im Grofsen gebauten Phanerogamen aus. Aufserdem brachte derfelbe noch fieben Arten in Topf gezogener Orchideen der Wiener Flora in Blüthe, fowie einen ganz gefchmackvoll aus hier wildwachfenden blühenden Pflanzen gebildeten Tafelauffatz. Mit Ausnahme der zierlichen von gutem Gefchmacke Der Gartenbau. 21 Zeugnifs gebenden Bouquets des Fräuleins Lidwine Alt brachte auch diefe Ausftellung keinen decorativen Gegenftand gleicher oder ähnlicher Art, welcher einer befonderen Erwähnung werth wäre. Die bekannte Firma Baltet frères in Troyes ftellte für Lehrzwecke eine Sammlung von Holzmodellen aus, welche die verfchiedenen Veredlungsmethoden, deren man fich in der Horticultur bedient, fehr gut und praktiſch verfinnlichten. Von Linden in Brüffel befanden fich verfchiedene Tafeln feiner bekannten für den Botaniker wie für den Züchter neu eingeführter tropifcher Gewächfe ganz unentbehrlich gewordenen„ Illustrations horticoles" ausgeftellt. Die dritte vom 20. bis 30. Auguft währende temporäre Ausftellung. Nach den grofsen pecuniären Opfern, welche die Belgier für ihren Nationalruhm, als die unternehmendften und fähigften Gärtner auf dem Continente, in der Branche der höheren Ziergärtnerei bei den erften beiden temporären Ausftellungen gebracht hatten, durfte man ein abermaliges Erfcheinen derfelben auf diefer dritten nicht mehr erwarten. Ebenfowenig konnte man nach den bisher gemachten Erfahrungen auf eine bedeutende Befchickung diefer Ausftellung aus Deutfchland und anderen Ländern rechnen. Die Infcenirung einer die beiden früheren an Mannigfaltigkeit, innerem Werthe und Schönheit der Objecte nicht nachftehenden Ausftellung blieb nunmehr alleinige Aufgabe des Inlandes, ihre Löfung eine um fo fchwierigere, als fie des blendenden Schmuckes und Reizes, welchen die Menge .in Blüthe stehender Gewächfe den früheren Ausftellungen verlieh, in diefer Jahreszeit entbehren mufste. Wenn fie trotz diefer empfindlichen Einbufse fich dennoch als eine ihnen vollkommen ebenbürtige erwies, fo verdankt man diefs einzig und allein dem einträchtigen Zufammenwirken der wenigen hiefigen gröfseren Handelsgärtner und Gartenfreunde. Bei der geringen Theilnahme des Auslandes, das nur durch 17 ( bei einer Gefammtzahl von 77 Ausftellern) vertreten erfchien, erhielt diefe dritte temporäre Ausftellung ganz den Charakter einer nationalen, liefs aber gerade dadurch das Verdienstliche mancher Leiftungen mehr als auf den früheren hervortreten. Noch unter dem Bann des frifchen Eindruckes ftehend, welchen die werthvollen und intereffanten Gegenftände der belgifchen Ausfteller auf die Gärtner des Inlandes übten, bangte den meiften von ihnen vor dem Erfolge diefer dritten Expofition, die fie nunmehr allein zu beforgen hatten. Aber gerade diefer Umstand war es, der zu ihrem Vortheil ausfiel. Keiner der bisherigen Ausfteller wollte jetzt, wo es fich handelte, die Ehre des Tages zu retten, hinter feinen früheren Leiftungen zurückſtehen und fo kam es, dafs fie zur freudigen Ueberrafchung der dabei direct Betheiligten, was Topfpflanzen betraf, weit ausgezeichneter ausfiel, als man überhaupt erwarten durfte. Der Mangel an blühenden Gewächfen in diefer Jahreszeit wurde durch die Mannigfaltigkeit der Blattformen und Färbung derfelben hinlänglich ausgeglichen, fo dafs ebenfo viel Bewegung und Leben in diefe Maffe gerieth, als diefs bei den vorhergegangenen beiden Ausftellungen der Fall war. Der Charakter derfelben war durch die Menge von Palmen, Marantaceen und Aroideen aber ein ganz anderer, ernfterer, feierlicherer geworden. Es fehlte nur am nöthigen Raume, um damit eine grofse, an manche Waldesdickichte unter den Tropen erinnernde Gruppe zu bilden. - Von den Ausftellern grofser gemifchter Sammlungen werthvoller Pflanzen diefer Art aus den verfchiedenften Ordnungen waren felbftverſtändlich das Gärtnertriumvirat Abel, die Herren Emil Rodek, Lefemann, der Obergärtner im k. k. Univerfitätsgarten Benfeler und die Herren Imelin, fürftlich Schwarzen 22 Dr. Eduard Fen zl. berg'fcher Obergärtner, Pohle und C. Matzen etter am meiften bemüht, mit ihren zur Schau geftellten Maffen den gröfseren Theil des Ausftellungsraumes zu füllen. Es genügt in diefer Beziehung, einfach zu bemerken, dafs Herr R. Abel an 900 Arten und Varietäten, manche derfelben in mehrfachen Exemplaren, ausgeftellt hatte, wobei noch bemerkt werden mufs, dafs nur eine relativ geringe Anzahl derfelben bereits auf den früheren Ausftellungen erfchien. Ausnehmend gut vertreten waren die Araliace en in 24 Arten, von welchen beifpielsweife blos Aralia amboinenfis, Hookeri, nymphaeefolia, parasitica und Sieboldii, Botryodendron giganteum und Gaftonia javanica als neuere, oder in befonders fchönen Exemplaren vertretene Arten hervorgehoben zu werden verdienten. Von Aroideen waren nicht weniger als 124 Nummern, theils Arten und Formen, von buntblättrigen Caladien allein 70 folcher ausgeftellt. Ganz vorzüglich waren die Gattungen Alocasia, Anthurium, Dieffenbachia und Philodendron vertreten, und zwar der Mehrzahl nach durch neuere und neuefte Erfcheinungen im Handel. Auch unter 24 ausgeftellten Bromeliace en befanden fich mehrere, wie Bilbergia Apuniana, Vriefea Abelii und Glaziouana, fowie Bromelia amazoniea, welche noch nicht zu den älteren bekannteren Arten zählen. Dasfelbe gilt auch von feinem Sortimente von Dracaenen und Marantace en, von welchen das erfterė 45, das letztere 36 Arten zählte. Unter den Dracaenen zeichneten fich nebft manchen anderen theils durch die fchöne Cultur der Individuen, theils durch ihre relative Seltenheit in unferen Gärten namentlich folgende aus, wie Dracaena albicans, Canartii, Cooperi, grandis, Guilfoylei, nigrescens, porphyrophylla, regina, fplendens und Weissmanii; unter den Maranten: Maranta argyraea, Baraquini, chimboracenfis, Makoyana, orbifolia, Porteana, princeps, fmaragdina, Veitchii und Wallis ii. Diefe und die folgenden Sortimente in wiffenfchaftlicher Beziehung wie ihrem Handelswerthe nach weit überragend, erwies fich das feiner Palmen. Ich zweifle, dafs man mit Ausfchlufs der gröfsten Handelsgärtner in Belgien und England in irgend einem anderen des Continentes eine noch grössere Menge von Palmenarten treffen wird, als man hier auf einem Raum zufammengedrängt zu fehen Gelegenheit hatte. Für den Fachmann genügt in dieser Hinficht fchon die Bemerkung, dafs in diefer Sammlung 43 Gattungen in 87 Arten repräfentirt waren. Dazu kommt noch, dafs man von allen diefen Arten kaum 10 auf den beiden vorhergegangenen Ausftellungen vorgeführten wieder begegnete, auch fehlten nur fehr wenige der allerneueften Einführungen Linden's, welche man auf diefen zu bewundern Gelegenheit fand. Befanden fich auch manche unter ihnen in noch wenig entwickeltem Zuftande, fo war doch die Mehrzahl derfelben in fehr hübfchen und ftarken Exemplaren vertreten. Eine ſpecielle Aufzählung der fchönften und neueften Arten erfcheint mir dem Gefagten nach geradezu überflüffig.- Seine Sammlung von Damara- Arten, Cycadeen und Pandaneen umfafste fo ziemlich alle bisher nach Europa gebrachten Arten aus diefen Ordnungen. Die Artocarpeen, namentlich die Gattung Ficus, waren durch 26 Arten repräfentirt. Ausnehmend fchön waren die Exemplare von Artocarpus grandis und imperialis; von fehr neuer Einführung Ficus Abelii, Cooperi, lanceolata, Porteana, fubpandura e- formis und Suring arii. leuconeura, Weniger reich an Arten und Seltenheiten waren die Sortimente von Farren und Fettpflanzen; prachtvoll dagegen jenes der Eriken in 34 Arten und Hybriden aus der Abtheilung der Ampulaceen und Longifloren. Ihr Culturzuftand liefs nichts zu wünſchen übrig und erwarb fich ungetheilte Anerkennung. Dasfelbe galt auch von feinem Sortimente buntfärbiger Croton- und Coleus. Varietäten. Unter den erfteren fehlte unferes Der Gartenbau. 23 Wiffens keine der bisher bekannten 23 durch Bizarrerie ihrer Blattformen und Eigenthümlichkeit ihrer Färbung ausgezeichneten Arten, an welche fich noch eine weitere neue aus feinem Etabliffement ftammende als Croton Abelii bezeichnete Spielart anfchlofs. Sämmtliche bisher als felbftftändige Arten angefehene Formen dürften fich fpäter als reine, von zwei oder drei Hauptformen abftammende Spielarten erweifen, die fich gleich vielen anderen Modepflanzen durch Cultur noch weiter werden vervielfältigen laffen. Die Concurrenz, die ihr von verfchiedenen Seiten zugleich erwuchs, konnte fie nicht blos in Bezug auf die Menge der Formen, fondern auch der Gröfse und Befchaffenheit der Exemplare nach vollkommen aushalten. Unter den 43 Coleus- Varietäten befanden fich 6 neue reizende Producte eigener Züchtung in einem Zuftande von Maftcultur, wie man fie nur felten in folcher Weife trifft. Aufser diefen genannten Sortimenten von Arten, Varietäten und Formen aus einzelnen Gattungen und Ordnungen fanden fich noch eine Menge anderer intereffanter Arten aus verfchiedenen anderen natürlichen Pflanzenfamilien vor, welche fich durch ihr Anfehen, Schönheit der Blattformen und Seltenheit auszeichneten. Ich erwähne nur beifpielsweife der grofsen Exemplare von 4 Arten von Theophrafta, der Stadtmannia, der 8 von Musa und Coccoloba, der beiden Crefcentien, der fchönen Gomphia Thophrafta, des Cyanophillum magnificum, der Herania palmata, der Jatropha multifida, der Pavetta borbonica und der beiden fchönen Rhophalen, um anzu deuten, welchen Rang deffen ausgeftellte Objecte unter den übrigen einnahmen. An Mannigfaltigkeit und mercantilem Werth der Arten und Exemplare reihte fich die Sammlung der Firma Ludwig Abel an die vorhergehende an. Auch hier fielen wieder fchöne ftark entwickelte Palmen, Pandanen, Cycadeen, Musaceen, Aroideen, Dracaenen und derartige Pflanzen auf. So traf man von den erfteren an 20, von Pandanus 13, von Cycadeen 12 Arten. darunter Le pido zamia Perowskyana und Cycas Armſtrongii in fehr fchönen Exemplaren, von Mufa 6, Aroideen 21 und Dracaenen 12 Arten und unter diefen allen viele ganz neuer Einführung. Von anderen mitausgeftellten Pflanzen will ich nur feines 13 Arten ftarken Sortimentes von Croton, die fchöne Varietät von Echites nutans, der Passiflora fasciata, der Ledenbergia rofea, des Xanthosoma versicolor und der hübfchen Varietäten von Dichorisandra vittata erwähnen, um zu zeigen, welche Fülle von fchönen und werthvollen Gegenftänden deffen Etabliffement enthält. Als eine fehr anerkennungswerthe Leiftung mufs die des Herrn Handels gärtners Eduard Abel bezeichnet werden. Aufser einem grofsen Sortiment bunt. blättriger Caladien, Begonien und den neueften Sorten einfacher und gefüllter Scarlet- Pelargonien, darunter die gefüllte weifsblühende, traf man mehrere fchöne Baumfarren und neuere Palmen, wie Phönix tenuis, Caryota furfuracea, Martinezia Lindenii, Kentia Balmoreana und Forsteriana. Wetteifernd mit Herrn R. Abel, ja in einzelnen Partien ihn felbft überbietend, ftellte Herr Hofgalanterie- Waarenhändler Emil Rodek aus. Auch in diefer 246 Nummern ſtarken Sammlung spielten Farrenkräuter, Palmen, Dracaenen, Maranten und Croton- Arten die Hauptrolle; neben diefen verfchaffte fich aber noch eine lange Reihe der feltenften und werthvollften Pflanzen im beften Culturzuftande volle Geltung. In Farrenkräutern überbot diefer Ausfteller den Genannten fowohl der Zahl, als Neuheit der Arten nach entfchieden. So fanden fich unter denfelben, gleich Adiantum amabile und evectum, Santa Catharinae, Veitchii, Asplenium auftrale, Diplatium plantagineum, Leptopteris superba und Andere, welche in der Abel's fehlten. So befanden fich unter feinen 43 Palmenarten Calamus asperrimus, Calyptrogyne elata, Carludovica incisa, Caryota majestica, Cyclan 24 Dr. Eduard Fenzl. thus bifidus, Cocos Yurumaguas, Daemonorops fiffus, palembanicus und dichrous, Malortia fpeciosa, Oenocarpus dealbatus, Phytelephas macrocarpa und Poeppigiana, Welfia regia und Veitchia Canterburyana, welche man in keiner der ausgeftellten Palmengruppen wiederfand. - Unter feinen 36 Maranta Arten ebenfo viele als Herr R. Abel ausftellte befanden fich 7, welche in jener fehlten, alle im beften Culturftande und zumeist neuer und neuefter Einführung. Der Artenzahl nach fchwächer, nicht aber in Bezug auf Neuheit und Schönheit der Exemplare, verhielten fich deffen Dracaenen und Croton- Arten zu jenen des obengenannten Ausstellers und jedes anderen. Aber felbft unter den erfteren befanden fich einige, wie Dracaena gracilis, lentiginofa und metallica, als Eigenthümlichkeiten diefer Sammlung. Ausnehmend fchöne und feltene Arten traf man unter den übrigen mitausgeftellten Pflanzen aus verfchiedenen Ordnungen. Eine befondere Beachtung von Seite der Männer der Wiffenfchaft erwarben fich unter diefen: Cissus Lindenii, Clusia Melinonii, Dichorisandra mosaica, die drei fchönen Varietäten von Dioscorea versicolor, drei Nepenthes- Arten, Diftiacanthus scarlatinus, Graptophyllum versicolor, Homalonema coerulescens, die prachtvollen Pentagonien, Pisonia longiroftris, Pofo queria multiflora, Sphaerogyne Baumanni, Terminalia nobilis und Tillandsia mosaica. Unter den Gewächfen des k. k. Univerfitätsgartens, welche Herr Obergärtner Friedrich Benfeler auf die Ausftellung brachte, befanden fich nicht blos ältere, fondern auch eine gute Anzahl Arten neuerer Einführung, alle aber in einem fo vortrefflichen Culturzuftande, wie man ihn bei der unzweckmäfsigen Bauart der alten Gewächshäufer nicht erwarten durfte, fo dafs ihm die allgemeinfte Anerkennung dafür zu Theil wurde. Es waren in den von ihm ausgeftellten Gewächfen nicht weniger als 18 Ordnungen vertreten und unter diefen am ftärksten die Aroideen und Palmen, unter den erfteren befonders die Gattungen Anthurium und Philodendron, zumeift in grofsen Exemplaren. Unter den Palmen waren es die Chamaedorea- Arten, Daemonorops melanochaetus aus Amboina, Oreodoxa ventricosa aus Brafilien, Phoenicophorum Sechellarum, Trinax radiata und Trithrinax aculeata aus Trinidatund Centralamerika, welche fich einer befonderen Beachtung erfreuten. Aufser diefen traf man aus anderen Ordnungen noch manche fchöne Pflanze im vorzüglichen Culturftande wie: Paratropia parasitica und Pterospermum acerifolium aus Java, Collea und Brexia madagascariensis, Theophrasta imperialis, Galipea odoratissima, Cyanophyllum magnificum, Sphaerogyne latifolia, Carolinea Ceiba und macrophylla aus dem tropifchen Amerika. Nicht viele, aber fehr gewählte und fchön gezogene tropifche Gewächfe ftellte Herr Hofgärtner Lefemann aus dem herzoglich Braunschweig'fchen Garten in Hietzing aus. Dracaenen, Maranten und Caladien waren die vorwaltenden Repräfentanten der betreffenden Ordnungen, an welche fich Anthurien mit einem fehr hübfchen Exemplare von A. Scherzerianum, Cyanophyllum spectandum und magnificum, Sphaerogyne latifolia, Sanchesia nobilis als Schaupflanzen, und ein 25 Stück ftarkes Sortiment von Lilium lancaefolium im vollen Blüthenfchmucke anfchloffen. Eine an 100 Arten ftarke Sammlung von Gewächshaus- und Decorationspflanzen des freien Grundes der verfchiedenften Art, darunter viele in voller Blüthe nebft einem Sortimente von 30 Stück blühender Begonien und einem zweiten von Gehölzen mit panachirten Blättern ftellte der fürftlich Liechtenftein'fche Garten director Eduard Pohle in Eisgrub aus. Der Gartenbau. 25 Von neuern Arten und grofsen Schaupflanzen befanden fich nur fehr wenige darunter, gleichwohl trug diefe und die beiden folgenden wefentlich zur Verfchönerung der Ausstellung bei. Eine ganz ähnliche, nur etwas kleinere Sammlung von Topfpflanzen brachte Herr Imelin aus dem Garten Seiner Durchlaucht des Herrn Fürften Adolf Schwarzenberg in Wien auf die Ausftellung. Grofse Araliace en wie Aralia Sieboldii mit panachirten Biättern und Sciadophyllum pulchrum, derartig gezogene Dracaenen, Pandanen und Beaucarne en etc. zeichneten fie befonders aus. Den Uebergang von den Sammlungen werthvollerer Topf- zu jener der nach Taufenden cultivirten Marktpflanzen einer- und den fogenannten Specialitäten andererfeits, vermittelte die grofse und fchöne Sammlung des hiefigen Handelsgärtners C. Matzen etter, beftehend aus mehr als 50 Sorten. buntblättriger Caladien in tadellofen üppigen Exemplaren, an die fich ein Sortiment von Colus Varietäten, Dracaenen, Yucca pendula, Pandanus utilis, Aspidiftra und diverfe Palmen anfchloffen. Von Latania borbonica waren Sämlinge ausgeftellt, von welchen, bei einem Vorrath von 40.000 Stücken, das Hundert zu 6 Gulden öfterreicher Währung verkäuflich waren. Reicher noch an Pflanzen diefer Art und blühenden Gewächfen des Blumenmarktes ftellte die hiefige Firma G. Steck& Comp. aus. Sechs verfchiedene Dracaenen, unter diefen bereits Dr. Co operi und marginata, jede in 12 Exemplaren, Dieffenbachia picta, Sanchesia nobilis und Cissus discolor mehrfach vertreten, nebft 34 Begonienforten lieferten einen Mafsftab für den Umfang feines Gefchäftsbetriebes und der wachfenden Vorliebe des Publicums für derartige im Zimmer zu ziehende Gewächfe. Zu diefer Gruppe edlerer und immer häufiger begehrter Topfpflanzen gehörte noch die des Herrn Oscar Liebmann aus Dresden, welche aufser den fchönen Fxemplaren der Dracaena Ehrenbergii und dem Balantium Selowianum von der früheren Ausftellung her, verfchiedene andere Dracaenen, Palmen, Pandanus utilis, Gesneria refulgens, Cyclamen persicum und Epiphyllum truncatum, jede Art zumeift in 12 bis 25 Stücken vertreten, enthielt. Unter den kleineren Sammlungen werthvoller Warmhaus- Pflanzen und Specialitäten gebührte der erfte Rang einer von Herrn Hofgarten Director Franz Antoine in einem Glaskaften ausgeftellten Gruppe blühender Orchideen, Ixoren und Bertolonien, wie man fie fich nicht fchöner wünſchen konnte. Eine weitere, durch befondere Wahl neuerer Arten tropifcher Gewächfe fich fehr vortheilhaft präfentirende Sammlung war die des Herrn Geh. Commerzienrathes Ravené in Berlin, welche fich durch anfehnliche Exemplare von Croton- Arten auszeichnete, deren Culturftand nichts zu wünſchen übrig liefs und in einzelnen Exemplaren felbft die R. Abel's übertraf. Von befonderem Intereffe, zumal für das gröfsere Publicum, war eine kleine Zusammenftellung von 12 Formen der japanifchen Lilie( Lilium japonicum) in Blüthe, 9 Orchideen und 35 Farrenarten, welche Herr J. Tanaka als Botaniker und S. Tsuda als Gärtner, beide Mitglieder der japanefifchen Commiffion, in vierkantigen bemalten Porcellantöpfen nebft einem Modelle eines japanefifchen Hausgärtchens ausgeftellt hatten, in welchem eingefetzte lebende Zwergpflanzen die landesübliche Bildung von Gehölzgruppen verfinnlichten. Von Specialitäten ftellte der hiefige Handelsgärtner Fr. Frelich eine fehr wirkungsvolle Gruppe, aus buntblätterigen Caladien und Alocafien gebildet, eine ähnliche, aus denfelben Pflanzen und Coleus- Sämlingen eigener Zucht und verfchiedenen Gesnerace en zufammengeftellte, der gräflich Schönborn'fche Obergärtner Clemens Stoeger aus. Letztere namentlich erwies fich als eine recht verdienftvolle Leiftung. Aehnlich verhielt es fich mit einer von dem Handelsgärtner Fr. Morawa aus Heiligenftadt bei Wien ausgeftellten 26 Dr. Eduard Fenzl. Gruppe von Aftern aller Art, und einer letztere entfchieden überbietenden Sammlung von blühenden und buntblätterigen Formen von Begonien, welche Herr Leopold Hofer, Gärtner im Knaben- Rettungshaufe zu Unter St. Veit bei Wien, zufammengestellt hatte. Die Krone aller Specialitäten bildete jedoch die Sammlung hybrider Aroideen des Herrn Leopold Kellermann, welche für jeden Fachmann, der fich fpeciell mit der Erzeugung von Hybriden befafst, ungemein viel Belehrendes bot. Sie enthielt 9 Formen von Philodendron, hervorgegangen aus der reciproken Kreuzung von 13 Arten; I Spathiphyllum, 1 Xanthofoma, I Alocofia, I Montera und 2 Anthuriumformen diefer Art. Die Mehrzahl derfelben hatte bereits einen hohen Grad von Entwicklung erreicht, einige fchon wiederholt geblüht und Früchte angefetzt. Sehr lehreich für den Mann der Wiffenfchaft wie für den Gärtner war die Beiftellung der Stammarten zum Vergleiche mit dem erzielten Baftard und die aus dem„ Gartenfreunde"( Zeitfchrift der Wiener Gartenbau- Gefellſchaft) vom 4. Mai 1873 abgedruckte nähere Bezeichnung ihrer Aeltern- Formen. Von Einzelpflanzen ftellte Herr Leopold Miltfchinsky, gräflich Eggerfcher Obergärtner in Lippitzbach aus Kärnten, ein Riefenexemplar von Philodendron pertusum in reifen fehr wohlfchmeckenden Früchten nebft einem ebenfo fchönen von Cycas revoluta aus, und Herr Lagler, fürftlich Claryfcher Hofgärtner in Teplitz, eines von Curculigo recurvata foliis variegatis, ein wahres viel bewundertes Prachtexemplar, endlich Herr Handelsgärtner Lucas Bachraty aus Liefing bei Wien 24 Stücke in voller Blüthe ftehende 4 bis 5 Fufs hohe Exemplare von Campanula pyramidalis. Von abgefchnittenen Blumen lieferten Herr Jofef Hirfch, gräflich B reunerfcher Obergärtner in Gravenegg, 30 Sorten hybrider Formen von Lobelia fulgens in 10 verfchiedenen Farben und 8 Arten von Erythrinen; Herr Handelsgärtner A. Wrede in Lüneburg ein folches Sortiment von Aftern und ein 200 Stücke ftarkes fehr hübfches von Viola tricolor und Herr Ch. Verdier fils aus Paris ein derartiges von Gladiolus- Sorten von ausnehmender Schönheit. - Gemüſe. An der Ausstellung folcher betheiligten fich nur drei Ausfteller aus dem Auslande und 14 aus dem Inlande. Die Perle derfelben blieb jedenfalls das Sortiment, welches die Gartenbau- Gefellfchaft in Frankfurt am Main und Sachfenhaufen eingefendet hatte. Es umfafste nicht blos alle in Deutſchland am häufigften cultivirten Gemüfearten, fondern zugleich auch fämmtliche ausgezeichnete Sorten derfelben in reichlicher Menge und ausgewählten Exemplaren. Nach dem Ausfpruche von Sachverständigen, welche derartige Ausftellungen in anderen Ländern zu fehen Gelegenheit hatten, übertraf fie in jeder Hinficht Alles, was hierin bisher geboten wurde. Sehr intereffant erfchien neben diefer das reiche Sortiment von Gemüfen, welches Herr Franz Skebra, freiherrlich Suttner'fcher Schlofsgärtner aus Harmannsdorf in Niederöfterreich, ausgeftellt hatte, namentlich durch die Menge von aus algierifchen und amerikanifchen Samen gezogenen Hülfenfrüchten. An Mannigfaltigkeit in Arten und Sorten reihte fich an fie die des fchon mehrfach genannten Herrn Schlofsgärtners Jofef Hirfch an. Kleinere Sortimente von Gemüfen ftellte Herr Wolde aus Königsberg, die k. k. Gartenbau Gefellfchaft in Görz und Handelsgärtner A. Auer aus Klagenfurt aus, von welchen letztere mehrfache Anerkennung fand; von Wiener Handelsgärtnern die Herren Joh. Savonith, Hauenzwickl, Heffeter, Heim Franz und Carl Mayer. Die Sammlung des letzteren Ausftellers zeichnete fich durch die Qualität der Kohl, Rüben- und Salatforten ganz befonders aus. Als ausgezeichnete Producte wurden die 4Zwiebelforten des gräflich Schönborn'fchen Obergärtners Stoeger gerühmt. Sehr fchönen Meerrettig ftellte zum dritten Male Herr Joh. Klempf aus Rudolfsheim aus. Der Gartenbau. 27 Von Speiekartoffeln brachte der Pomologe und Gärtner des Stiftes St. Florian in Oberösterreich, Herr Jofef Kienaft, ein fehr fchönes Sortiment von 80 Sorten und Herr Adler fen., Gutsbefitzer in Cöln, ein ebenfo ftarkes, aber weit intereffanteres auf diefe Ausftellung. Dasfelbe enthielt nicht weniger als 30 mitunter ganz neue Sorten chilenifchen, nord- und füdamerikanifchen Urfprunges, und aufser diefen noch eine bedeutende Anzahl der neueften, englifchen, franzöfifchen und deutfchen Sorten. Obft und andere geniefsbare Früchte. - Die Betheiligung an diefem Artikel war im Ganzen eine fchwache und nur theilweife befriedigende. Vom Auslande fanden fich nur fünf Ausfteller ein, unter diefen Herr Alfred Wolde aus Königsberg mit Melonen; Herr Director Lucas aus Reutlingen mit einer für uns noch ganz neuen Netzgurke aus Südrufsland, wo fie als Einmachgurke fehr gefchätzt wird; und Herr Galle aus Ober- Glauche bei Trebnitz in Preufsifch- Schlefien mit 25 Sorten Pflaumen und 4 bis 434 Pfund fchweren, ausnehmend fchönen Ananasfrüchten. Eine fehr intereffante Sammlung überwinterter A epfel aus der Colonie Victoria befand fich nebft guten Nachbildungen aus Wachs in der betreffenden englifchen Colonialabtheilung im Hauptausftellungs- Gebäude, wurde aber von Sachverständigen des Preisgerichtes für Gegenstände des Gartenbaues beurtheilt. Sie zeichneten fich durch fehr gute Confervation aus; auch befanden fich unter ihnen bereits drei auf auftralifchem Boden erzeugte neue und fehr wohlfchmeckende Sorten. Eine fehr hübfche Partie Frühobft ftellte die Giunta fpeciale( die Herren Cavaliere Treyza, Dr. Berti und Conte Cavalli) aus Verona aus und eine nicht mindere der von Nako'fche Obergärtner Janaufchek aus Banat- Komlos in Ungarn. Eine zweite Partie von Frühäpfeln und Pflaumen nebft einem mit 70 Früchten beladenen in Topf gezogenen Aepfelbäumchen lieferte Herr Stiftsgärtner Kienaft aus St. Florian in Oberöfterreich und eine kleinere die k. k. AckerbauGefellfchaft in Görz. Grofsen Beifall fanden die 40 reich mit Früchten befetzten Obftbäumchen aus dem fürftlich Schwarzenberg'fchen Garten. Den erften Rang unter den ausgeftellten Sammlungen von Frühobft nahm aber die der Landwirthfchafts- Gefellfchaft in Trient ein, welche neben anderen Früchten bereits fehr fchöne Pfirfiche und reife Trauben enthielt. Ein fehr fchönes Sortiment von letzteren lieferte noch Herr Holtfig aus Nagy- Maros in Ungarn ein. Sehr fchöne Ananas früchte lieferten die erzherzogliche DomänenDirection zu Chlumetz in Böhmen und Herr Vincenz Hirfch, freiherrlicher Dickmann'fcher Gärtner aus Töfcheldorf in Kärnten; wahre Prachtftücke davon aber Herr Imelin aus dem fürftlich Schwarzenberg'fchen Garten in Wien. Melonen ftellten die Herren P. F. Giro kuti in Peft und H. Kovacs aus Tyrnau in Ungarn aus; viel fchönere noch der Gartenbau- Verein zu Debrezin in Ungarn; das reichfte an diefen und überhaupt an verfchiedenen Cucurbitaceen der gräflich Szecheny'fche Obergärtner P. Schilhan aus Horpacs in demfelben Kronlande. Man traf in diefem Sortimente dreifsig der vorzüglichften Melonenforten in allen Gröfsen, fünf Fufs lange Schlangengurken, reife Früchte von Momordica Charantia und eine ftarke dreijährige Wurzel von Cucurbita perennis. Einen für diefe Jahreszeit in der Wienergegend zu der feltenen Gröfse von mehr als 1 Fufs im Durchmeffer gediehenen Kürbifs lieferte Herr Wolfram aus Döbling. Von Vafen und Handbouquets, Coiffuren, Brautkränzen, befteckten Blumenkörben etc. war diefsmal mehr und Befferes vorhanden als auf beiden früheren Ausftellungen. Bouquets verfchiedener Art lieferten die Handelsgärtner- Firmen Ernft und Bertha Seyderhelm in Peft, Fr. Morawa in Heiligenftadt bei Wien, Leop. Stumpf, Frau Betty Flafchelmeyer und Fräulein Lidwina Alt; eine 28 Dr. Eduard Fenzl. Sammlung kleiner Hand- und Bruftbouquets Frau Jofefine Abel; ein fehr nettes aus frifchen Alpenblumen gebildetes Bouquet Fräulein Julie Unterrainer aus Innsbruck; einen mit vielem Gefchick und Gefchmack ausgeführten Tafelauffatz Herr Tfchernikel, Obergehilfe im k. k. Hofgarten in Schönbrunn; die gefchmackvollften Coiffuren, Brautkränze u. dgl. Frau Haslinger in Wien und Herr J. Schaeme zu Windmühlberg bei Dresden. Aehnliche Gegenftände, aus getrockneten Blumen gebildet, ftellten Frau Betty Flafchelmayer und mehrere aus Edelweifsblüthen verfchiedenartig zufammengeftellte Frau Anna Bermann aus, welche vielen Beifall fanden. Flach geprefste Blüthen alpiner Pflanzen, zu Bouquetbildern verwendet, fah man von Johann und Thomas Pichler aus Linz ausgeftellt und von Ferd. Kragel sen., aus Meran, den öfterreichifchen Reichsadler, fowie das baierifche Landeswappen auf zwei grofsen Tafeln, nach einer colorirten Zeichnung in mühevollft er Weife in getrockneten Alpenblumen ausgeführt. Von Herrn Tfchernikel war auf 330 Folioblättern ein Tableau des Gewächsreiches nach natürlichen Familien, im Sinne des verftorbenen berühmten Botanikers Profeffor Endlicher geordnet, in Herbarium- Exemplaren ausgeftellt. Ein ungleich wichtigeres an 1000 Arten ftarkes Herbar wildwachfender Pflanzen aus Japan hatte Herr J. Tanaka, Mitglied der japanefifchen Commiffion, zur Befichtigung aufgelegt und später dem botanifchen Hofmufeum zum Gefchenke gemacht. Aufgelegt war aufserdem noch von ihm ein felte nes japanefifches Werk über die in den dortigen Gärten cultivirten Lilienarten und Varietäten in colorirten Abbildungen in Folio. Einen nichts weniger als befriedigenden Plan einer Gartenanlage lieferte noch ein Herr Ehrenbaum aus Berlin und eine Probe Baumwachfes zum Kaltpfropfen Herr J. Rölle aus Dresden. Die vierte vom 18. bis 23. September währende temporäre Ausftellung des Gartenbaues. Als Vorläuferin der letzten temporären, mehr landwirthfchaftlichen als ftrenge horticolen, dem Wortlaute des Programmes nach, nur für Obft und Trau ben beftimmten Ausftellung, konnte man bei der vorgerückten Jahreszeit nur wenig mehr auf eine Befchickung mit Topfgewächfen und blühenden Pflan zen, umfomehr aber auf Gemüfe und feinere Obftforten rechnen. Demungeachtet fanden fich immer noch fo viele Ausfteller der erften Kategorie ein, dafs fie an Menge und Werth der ausgeftellten Topfpflanzen der vorhergegangenen nicht viel nachftand. Dafs der Totalcharakter derfelben in diefer Hinficht fich nicht änderte und ändern konnte, liegt auf der Hand. Bunter geftaltete fich die Gefammtausftellung nur durch die ftärkere Vertretung der beiden anderen Kate gorien von Gegenständen. An der Ausftellung von Topfpflanzen oder abgefchnittenen Blüthen betheiligten fich 25 Perfonen, unter diefen 19 In- und 6 Ausländer, von welchen 4 auf Deutfchland und 2 auf Frankreich fielen. Ein befonderes Verdienft um diefe Ausftellung erwarben fich die Herren R. Abel und Emil Rodek dadurch, dafs fie den gröfsten Theil ihrer auf die frühere Ausftellung gebrachten Pflanzen neuerdings zur Schau ftellten und damit eine fonft fehr auffällig gewordene Lücke, unkenntlich für Taufende Uneingeweihter, ausfüllten. Manche feiner Eriken, wie E. colorans, mollisima, Rohani, curviflora lutea, declinata und cruciata ftanden im noch reicheren Blüthenfchmucke als das vorige Mal. Dagegen ftellte der hiefige Univerfitätsgärtner Benfeler eine ganz neue und bisher wenig oder gar nicht Der Gartenbau. 29 vertretene Suite von Pflanzen aus den Ordnungen der Liliace en mit dicken, lederartigen Blättern vom Cap der guten Hoffnung, als 14 Arten Aloen; 6 Arten Dafylirien in mächtigen Exemplaren; 25 Arten Agaven und Furcroyen aus der Ordnung der Amaryllideen; 22 Arten von Crassulace en und Mefembryanthemeen; 10 Arten baumartiger Euphorbien und eine Sammlung von 90 Arten Cacteen, durchgehends in tadellofen Exemplaren aus. Ein fehr fchönes Sortiment von Pflanzen aller Art lieferte Herr Hofgärtner Lefeman, beftehend aus Palmen, Dracaenen, Maranten, blühenden Orchideen, Eriken und anderen eben in Blüthe ftehenden Pflanzen, unter welchen die fchönen Stanhopea- Arten und ein überaus reichblühendes Exemplar von Plumbago capensis auffielen. Zu den artenreichften Sammlungeu von Topfpflanzen zählte unbedingt die des fürftlich Liechtenſtein'fchen Obergärtners A. Czulik. Ausser einer nicht unbedeutenden Anzahl zu Decorationszwecken im freien Lande häufig verwendeter krautartiger Gewächfe enthielt fie eine an 50 Sorten ftarke Sammlung von Begonia- Blendlingen, ein 10 Fufs hohes Exemplar von Bryophyllum proliferum, ein fchönes von Cypripedium venuftum, fehr gut cultivirte Dracaenen, Maranten und ein ausgezeichnetes Sortiment von Celofia criftata. Von werthvollen Topfgewächfen ftellten Herr Nowotny, nunmehriger gräflich Schönborn'fcher Obergärtner, eine 25 Arten ftarke Collection von Proteaceen aus Neuholland, Araliaceen, ein Sortiment von Hibiscus syriacus in verfchiedenen Blüthenfarben und von Gesneriaceeen- Blendlingen, und die Firma Ludwig Abel fehr gut cultivirte Schaupflanzen aus, wie Palmen, Aroideen, Bambufa aurea, Gynerium- Varietäten, Aralia Sachalienfis und einige hübfche aus Kreuzungen von Begonia rosae flora mit bolivienfis und Se denii hervorgegangene Blendlinge. Herr Carl Matzen etter lieferte ein fehr hübfches Sortiment von Naegelia Blendlingen, Camellien mit reichem Anfatz von Blüthenknospen und ein von zur Zimmercultur fich eignenden Palmen. Ein reiches Sortiment von Marktpflanzen in vorzüglich gut gepflegten Exemplaren hatte die Firma G. Steck& Comp. ausgeftellt. Ausnehmend fchön waren deren Gloxinia Sämlinge, die Vermehrungen von Ficus elastica, der Camellien und einer monftröfen Form von Hydrangea hortenfis. Sehr belobt wurden von Kennern die verfchiedenen Formen von Begonia Rex und eine andere Sorte mit mehrfärbigen Blättern. Von derartigen, aber kleineren Sammlungen waren aus der vorhergegangenen Ausftellung noch zu fehen die der Herren Seyderhelm und Janaufchek aus Pest und Banat- Komlos. Dagegen lieferte Herr Hirſch aus Gravenegg aus dem dortigen gräflich Breuner'fchen Garten ein fehr fchönes Sortiment von 24 Stück in Blüthe ſtehender Sämlinge eigener Zucht von BegonienBlendlingen, welche er durch Befruchtung von B. Sedenii mit B. Pearcei und bolivienfis erhielt. Unter den übrigen Zierpflanzen diefer Sammlung erwarben fich eine reichblühende Erythrina Humei, ein prachtvolles Exemplar des Desmodium penduliflorum, eine hochgezogene Lasiandra Fontanesii und die im freien Lande fehr gut ausdauernde Hydrangea paniculata grandiflora aus Japan allgemeine Anerkennung. Von Specialitäten, theils in Töpfen, theils in abgefchnittenen Blüthenexemplaren vertreten, war manches Gute und Vorzügliche zu fehen, fo gefüllte Zinnien von befonderer Gröfse, fehr hübfche Zwerg- Georginen und Aftern von den Handelsgärtnern Firmen Bachraty, Morawa und Franz Dewoty's Witwe aus Wien und Umgebung und von den Herren Oscar Knopf aus Erfurt und Degen aus Köftritz bei Dresden. Ein prachtvolles 455 Nummern ftarkes Sortiment von Viola tricolor maxima hatte Herr H. Wrede aus Lüneburg abermals geliefert, und Herr Handelsgärtner Alégatière aus Lyon 10 Sorten feiner neueften Züchtungen 30 Dr. Eduard Fenzl. gefüllter Pelargonien, darunter eine ganz rein weifsblühende. Leider befanden fich alle Exemplare noch im Knofpenzuftande, fo dafs man über ihren horticolen Werth kein ficheres Urtheil zu fällen im Stande war. Die Krone aller derartigen Specialitäten bildeten die drei GladiolusSortimente von Spielarten des G. Gandavensis, welche die Handelsgärtner Daniel Hooibrenk aus Hietzing bei Wien, Scheideker in München und neuerdings Verdier Charles fils aus Paris ausgeftellt hatten. An Schönheit, Mannigfaltigkeit der Formen und Farben hielten fich alle drei Sortimente vollkommen die Wage. Aller Wahrfcheinlichkeit nach hätte die des Herrn Hooibrenk die beiden anderen noch überboten, wenn der äufserft ungünftige Sommer in unferer Gegend nicht fo nachtheilg auf die Entwicklung der Pflanzen eingewirkt hätte. Einzelne beachtenswerthe Pflanzen ftellten noch aus: Herr Privatgärtner Maraufchek aus Graz ein grofsartiges reichblühendes Exemplar von Abutilon megapotanicum( vexillare Morren); Herr Ludwig Beer ein fehr kräftiges von Yucca fol. variegatis; Graf Somogyi aus Lovas Patona in Ungarn riefige Exemplare von Gynerium argenteum, und Herr Chachkrowski, Schlofsgärtner zu Luboftrom in Pofen, ein koloffales Exemplar der Littaea( Bono. partea) juncea. An Bouquets, Coiffuren und derartigen Decorationsgegenständen aus frifchen Blumen war diefsmal kein Mangel, aber nur weniges, wahrhaft Gefchmackvolles. Aus dem Inlande betheiligten fich daran von Wiener Firmen Fräulein Lidwina Alt und Frau Emilie Haslinger, welche ihre Mitconcurrenten, die Herren Leopold Stumpf, Franz Morawa, Johann Seywald und Anton Maron aus Trieft, hierin entfchieden überflügelten. Sehr gefchmackvolle Coiffuren, Brautkränze und Tafelauffätze lieferten die Handelsgärtner N. Wolinski aus Lemberg und Guftav Zawadski aus Bromberg in Preufsen; mindere Herr J. Schaemesen aus Windmühlenberg bei Dresden. Sehr mannigfaltige aus getrockneten Blüthen und Pflanzentheilen gebildete Decorationsgegenstände hatten die in diefen Artikeln grofse Gefchäfte machenden Handelsgärtner A. Flafchelmayer und Leopold Stumpf ausgeftellt. Befonders Gefchmackvolles unter diefer Maffe von Kränzen, Kreuzen etc. war nicht zu entdecken, die Waare felbft aber untadelhaft und im Ganzen folider als die von Erfurt aus über ganz Europa verbreitete. Dem erfteren diefer beiden Ausfteller gebührt das Verdienft, diefen Induftriezweig in Oefterreich gefchaffen und die Erfurter Waare vom hiefigen Markte nahezu verdrängt zu haben. Aus plaftifch getrockneten und nicht gefärbten Blumen gebildete Bilder und Tableaux hatte die bekannte Meifterin in diefem Genre, Frau Anna Bermann, ausgeftellt und fich damit verdiente Anerkennung erworben. Der bereits früher genannte fürftlich Liechtenſtein'fche Obergärtner Czulik brachte ein 262 Arten und Formen ftarkes Herbar von Farrenkräutern, welches jedoch in keiner Weife den an ein folches zu ftellenden Anforderungen entſprach und eine Menge irriger Beftimmungen und fehlerhaft gefchriebener Namen zeigte. Bei Weitem werthvoller erwiefen fich zwei von dem mehrfach genannten kaiferlichen Gartengehilfen Herrn C. Tfchernikel und den Handelsgärtnern Fratelli Rovelli in Palanza am Lago Maggiore ausgeftellte carpologifche Sammlungen, von welchen die des Erfteren Trockenfrüchte und Samen von 500 einheimifchen und exotifchen Nutzpflanzen aufwies, während die der Letzteren 95erlei Fruchtzweige und Zapfen von den in Palanza und Italien theils wildwachfenden, theils cultivirten Coniferen enthielt. Von Illuftrationen war aufser den 6 von Herrn W. Schwab aus Darmstadt eingefendeten kleinen Photographien feiner pomologifchen Gartenanlage nichts zu fehen. Von Plänen lieferte Herr Prokop I) aubeck, Handelsgärtner und Planzeichner aus Chwallina bei Horic in Böhmen, den einer nichts weniger als Der Gartenbau. 31 empfehlenswerthen Gartenanlage und eines zweiten für eine fogenannte Teppichpflanzung, darftellend das Bild eines menfchlichen Antlitzes, ein wahres Monftrum von Gefchmacklofigkeit. Gemüfe waren, wie zu erwarten ftand, diefsmals quantitativ und qualitativ ebenfo ftark und ebenfo vorzüglich als auf der vorigen Ausstellung vertreten. Hätten unfere kleinen Gemüfegärtner fich zur Bildung einer Collectivausftellung in derfelben Weife vereinigt, wie es die Frankfurter Gärtner das vorige Mal und und jetzt die von Hamburg und Bamberg gethan, fo hätten fie diefelben Erfolge wie diefe erzielt und die Ausftellung zu einer in ihrer Art ganz aufserordentlichen machen können. Dazu fehlte aber unferen Gärtnern der anderweits weit ausgebildetere Gemeinfinn. An Anregung dazu von Seite des Verwaltungsrathes der hiefigen Gartenbau- Gefellfchaft fehlte es wahrlich nicht, aber man verftand von ihrer Seite es nicht, die günftige Gelegenheit für fich auszunützen, und die landläufige Behauptung der Inferiorität der Wiener Gemüſe den in Deutfchland gezogenen gegenüber" thatfächlich zu widerlegen. " Dafs diefs den wenigen von ihnen, welche unabhängig von einander ihre Producte ausftellten, im vollen Mafse gelang, beweift nur, dafs man auch hier Gemüfe zu ziehen verfteht, welche den beften des Auslandes nicht im Geringften nachstehen. Unter den inländifchen Ausftellern diefer Kategorien nahm Herr Franz Skebra, freiherrlich Suttner'fcher Schlofsgärtner zu Harmannsdorf in Niederöfterreich, unbeftritten den erften Rang ein. Seine Sammlung enthielt nicht weniger als 10 Kohl, Kohlrabi- und Carviolforten der feinften Qualität, 16 Sorten von Lycopersicum esculentum( Paradiesäpfeln) und Solanum Melongena( Tomaten), 16 von Zwiebeln, 30 der beften Speife kartoffeln, 13 von Erbfen und 30 von Bohnen, worunter fich fünf aus algierifchen und fechs aus nordamerikanifchen Originalfamen gezogene befanden. Der Werth diefer ausgezeichneten Sammlung erfchien noch dadurch erhöht, dafs fie das Ergebniſs der Bemühung eines einzelnen, vielfach befchäftigen Mannes war, der in einer rauhen Gegend unter den ungünftigften klimatifchen Verhältniffen zu arbeiten genöthigt ift. Quantitativ, nicht aber qualitativ wurde fie nur von der Bamberger Collectivausftellung, von der allfobald die Rede fein foll, übertroffen. Aus Niederöfterreich begegnete man als Ausftellern von Gemüſen noch den Herrn Hirfch aus Grafenegg, Franz Mayer und Kläring aus Wien. Erfterer lieferte ein hübfches Sortiment von Knollen und Wurzelgemüfen und ein 16 Nummern ftarkes von Speife- und Wirthfchafts- Kartoffeln; der zweite eines von Blattgemüfen und der dritte Rothkraut, fowie fpanifche, weisse und dunkelrothe Zwiebeln ganz ausgezeichneter Art. Aus Mähren fendeten die Herrn C. Pohl, Schlofsgärtner zu Blanda, und Joh. Voeth aus Mährifch- Schönberg gemifchte Sortimente von Gemüfen ein, welche fehr beifällig beurtheilt wurden. Diefen nachstehend an Werth erwiefen fich die von Herrn Anton Auer aus Klagenfurt und von Herrn A. Maron aus Trieft. Aehnliche Collectionen ftellten noch das Consortio agrario in Trient und die Ackerbau Gefellfchaft aus Roveredo in Südtirol aus. Beftechend auf viele Laien wirkten manche der von ihnen exponirten Gemüſe durch ihre Gröfse; weniger günftig sprachen fich die Sachver ftändigen über deren Qualität aus. Aus Ungarn brachte nur Herr Janaufchek ein fehr gewähltes und beachtetes Sortiment feinerer Gemüfe. Von Deutichland aus befchickten die beiden Gartenbau- Vereine von Bamberg und Hamburg collectiv, dann die Herren Oscar Knopf( Firma F. W. Wendel) aus Erfurt, R. Riedel aus Löwenberg in PreufsifchSchlefien und G. W. Batz aus Offenheim am Main die Ausftellung mit Gemüfen. 3 ex 32 Dr. Eduard Fenzl. dsign Die beiden genannten Collectivausftellungen wetteiferten mitfammen an Mannigfaltigkeit und Schönheit der ausgeftellten Gegenftände und erwarben fich die unbedingtefte Anerkennung aller Fachleute. Namentlich war es die B amberger Gefellſchaft, welche durch die grofse Mannigfaltigkeit der Sorten den Sieg über alle anderen errang. Von den 290 verzeichneten Nummern entfielen 21 auf Möhren, 16 auf Salate und Rüben, 6 auf diverfe Wurzelgewächfe, 23 auf Kohlforten, 41 auf Zwiebeln, 104 auf Bohnen und 40 auf Erbfen. An Bohnenforten übertraf fie felbft das grofse Frankfurter Sortiment auf der dritten Ausftellung. Aehnlich verhielt es fich mit der Hamburger Collectivausftellung, nur war fie an Sorten numerifch fchwächer, ftand aber qualitativ in ihren Producten der erften nicht nach. Beide Sammlungen im Zufammenhalt mit der aus Frank furt bewiefen auf das Unwiderleglichfte den Vortheil folcher Collectivausftellungen und fordern im Intereffe der Gefellfchaften dringend zur Nachahmung bei derartigen Gelegenheiten heraus. Eine fehr günftige Beurtheilung erfuhren noch die von den Herren Knopf, Riedel und Batz ausgeftellten Sortimente von Kartoffeln. Jede derfelben enthielt eine Menge noch wenig verbreiteter feiner Speifeforten, die des Herrn Riedel wohl das gröfste der in Schlefien zu Maffencultur verwendeten. - Obft. Von Ausftellern diefer Kategorie fanden fich im Ganzen 22, fomit um 3 mehr als auf der dritten ein. Von diefen entfielen 17 auf das In- und 4 auf das Ausland, von welchen Deutfchland, Frankreich, Italien und Rufsland durch je einen Ausfteller vertreten waren. Die Ausstellung felbft, wenn gleich qualitativ eine ganz vorzügliche, litt quantitativ fowohl der Menge an Ausftellern als der der ausgeftellten Gegenstände nach unter der dem Einfluffe zweier fchwer ins Gewicht fallender Umftände: des allgemeinen Mifsrathens des Obftes in ganz Mitteleuropa in Folge des andauernden Unwetters und der Kälte zur Zeit der Blüthe der Obftbäume und der 10 Tage fpäter nachfolgenden für Obft beftimmten Hauptausftellung. Sie konnte daher nur als eine Vorausftellung der letzteren angefehen werden und nur Früchte des Spätfommers enthalten, wie folche zumeift nur der Gärtner, nicht aber der Landwirth zu ziehen pflegt. Die reichften und fchönften Sortimente diefer Art lieferten der landwirthfchaftliche und Gartenbau- Verein in Bozen, die Società agraria di Rovereto und das Confortio agrario in Trient. Das erftere mit vielem Gefchmack ausgeftellte Sortiment enthielt nicht weniger als 69 Aepfel- und IIO Birnenforten aus 13 verfchiedenen Gruppen jeder diefer Obftforten; 36 weifse und rothe Tafeltrauben der ausgefuchteften Art, fo wie 19 weifse und 35 rothe Sorten zur Weingewinnung verwendbarer Wirthfchaftstrauben; 15 Citrusarten, verfchiedenes Stein obft, Quitten und Feigen, endlich 24 Sorten Melonen und diverfe Kürbiffe. Das Rovere danerSortiment wies unter feinen 169 Nummern 27 Birnen-, 16 Aepfel-, 19 Pfirfich- und 48 Traubenforten auf, während fich in dem Refte Beerenobft und Südfrüchte aller Art theilten. Sie beide in jeder Hinsicht weit überragend erwies fich die vom Herrn Infpector Chr. Frank beforgte Ausftellung des Confortio agrario in Trient. Sie repräfentirte am vollſtändigften den Reichthum Südtirols an edlen Obft- und Traubenforten. Man begegnete in derfelben 150 Birnen- und 80 Aepfelforten, 200 folcher von Trauben aller Art, 10 von Pfirfichen und einer hübfchen Partie von Melonen. Mit Ausnahme der Demouilles'fchen Sammlung aus Touloufe vermochte keine fich mit ihr zu meffen. Eine vierte, fehr ansprechende, aber lange nicht fo bedeutende Sammlung von Obftforten aus Südtirol, wie die beiden erfteren fandte Herr Schlechtleitner aus Bozen ein. Aus Oberösterreich ftellten die beiden mehrfach erwähnten Herren Stiftsgärtner Kien aft aus St. Florian und Runkel aus Der Gartenbau. 33 Kremsmünfter, fowie der Handelsgärtner Aug. Keindl aus Braunau fehr verdienftliche Sortimente von Kern und Steinobft aus. Erfterer hatte aufser einer Partie fchön gezogener, mit Früchten beladener Topf- Obftbäumchen, 19 Birnen-, 102 Aepfel- und 6 Pflaumenforten, noch Pfirfiche, Trauben und Melonen in tadel lofen und zahlreichen Exemplaren ausgeftellt; der zweite 113 Aepfel-, 51 Birnen-, 19 Pflaumen- und 13 Pfirfichforten. Letztere Sammlung zeichnete fich noch ganz befonders durch correct wiffenfchaftliche Bezeichnung der Sorten und die den einzelnen beigegebenen belehrenden Bemerkungen über deren Cultur fehr vortheilhaft aus. 139] Nachftehend diefen beiden fchönen Sammlungen nur der Quantität, nicht aber der Qualität der Früchte nach, erwies fich die des Herrn Keindl, welche 40 Aepfel-, 20 Birnen- und ebenfo viele Pflaumenforten aufwies. Eine nicht unanfehnliche Sammlung von Aepfeln, Birnen, Granatäpfeln und Melonen hatte Herr Fr. Maron in Trieft ausgeftellt. Aus Niederöfterreich ftellten Herr Bachraty fruchtbeladene, in Töpfen verpflanzte Reben und Herr Hooibrenk einen nach feiner Methode behandelten riefigen, mit mehr als 100 fchönen Trauben befetzten Rebenftock der Chaffelas Fontainebleau aus, der vielfach bewundert wurde; Herr Julius Kellermann, Stiftsgärtner im Klofter Zwettl, endlich reichlich Früchte tragende Zwergbäumchen von Citrus Limonium, welche er durch gelungenes Auffetzen von Fruchtzweigen auf paffende Mutterftämme erzielte. Aus Ungarn lieferte der gräflich Emerich Hunyady'fche Gärtner Herr Pesca in Keszthely ein Sortiment Obft, unter welchem fich mehrere neue, aus Samen gezogene Aepfelforten befanden. Aus demfelben Kronlande ftellten noch die Herren Janaufchek in Banat- Komlos, Jofef Czokas in Pufsta Balloszeg, Novatarski und Held in Fünfkirchen, fowie Herr Obergartner E. Hejkal in Papa fehr preiswürdige Sortimente von Tafeltrauben aus. Aus Deutfchland befchickte Herr A. Galle aus Oberglauche bei Trebnitz in Schlefien die Ausftellung mit einem von Sachverständigen fehr günftig beurtheilten Sortiment von 115 Aepfel- und 89 Birnenforten; Herr Demouilles aus Touloufe in Frankreich diefelbe mit einer der vorzüglichften und bewundertften Sammlung von feinen Obftforten. Sie dürfte wohl das Meifte und Vorzüglichfte, was in diefem Theile Frankreichs an Obftforten erzeugt wird, enthalten haben. Sie zählte nicht weniger als 169 Sorten der vorzüglichften Birnen, 66 von Aepfeln, 136 Trauben und 28 Pfirfichforten, aufserdem enthielt fie noch eine grofse Menge von Pflaumen, Quitten- und Granatäpfeln, Wall- und Hafelnüffen, Mandeln und Feigen. Sie überbot an Mannigfaltigkeit von Obftforten jedenfalls noch die des Herrn Frank aus Trient und bildete mit diefer den Glanzpunkt der Ausftellung für den Fachmann. Ein fehr hübfches, aber hinter den Ausftellern von Obft aus Südtirol bleibendes Sortiment fendeten die Herren Cavaliere Dr. Scipione Zorzi und Francesco Moftarda aus Verona ein; aus Rufsland endlich Herr Handelsgärtner H. Gögginger in Riga in Weingeift aufbewahrte Johannisbeeren mit birnenförmigen Früchten, welche demfelben aus Samen gefallen waren und noch gar nicht in Handel gefetzt wurden. waren und noch gar nicht doub sid doliTIW lib Die fünfte und letzte vom 3. bis 15. October 1873 währende fidlt 166 Ausstellung. Den Beftimmungen des von der Generaldirection der Weltausftellung ausgegebenen Programmes nach follte fie eine vom Gartenbau im engeren Sinne unabhängige, eigene, nur für Obft und Trauben beftimmte landwirthschaftliche Ausftellung bilden. Viel fpäter, nachdem die Gartenbau- Gefellſchaft ihr Programm 3* 100 to don 34 Dr. Eduard Fenzl. mit feinen Prämienbeftimmungen veröffentlicht hatte, fand fich der Verwaltungsrath derfelben, in Folge eines freundlichen Anfuchens der k. k. LandwirthschaftsGefellſchaft um Ueberlaffung ihrer Localitäten zur Abhaltung des pomologiſchönologifchen Congreffes beftimmt, fich auch an diefer letzten Ausftellung zu betheiligen und eine Anzahl von Medaillen für cisleithanifche Ausfteller dem Preisgerichte zur Verfügung zu ftellen. Mit diefem von allen Seiten freundlichft begrüfsten Schritt hatte die Gartenbau- Gefellfchaft ihr erfteres Programm erweitert und in diefem Sinne auch diefe letzte temporäre Ausftellung für fich gewonnen. Dem einträchtigen Zufammenwirken der beiden Gefellfchaften ift unbeftritten auch ein wefentlicher Theil des Gelingens diefer Ausftellung zu danken. Dafs fie aber trotz der entfchiedenen Ungunft des Frühjahres und des Sommers für den Obft- und Weinbau in ganz Mitteleuropa immer noch glänzender ausfiel, als irgend eine der früheren verfuchten internationalen Ausftellungen diefer Art, das verdankt fie vor Allem dem zum Durchbruch gekommenen Affociationsprincipe, behufs der Bildung von Collectivausftellungen, welches feit Jahren fchon alle landwirthschaftlichen und horticolen Gefellfchaften und Vereine in ganz Europa verfolgen und den Producenten empfehlen. Wie viel hierin geleiftet werden kann, das haben diefsmal Schweden, Dänemark, Belgien, Bremen, Sachfen, Tirol, Steiermark und Ungarn bewiefen. So verdienftlich und hervorragend auch die Leiftungen einzelner Inſtitute und Private fein mögen, wie diefs bei diefer Ausftellung auch der Fall war, können fie doch nie ein fo concretes und belehrendes Bild der Production des betreffenden Staates, einer Provinz oder Gegend in diefem Zweige liefern, als diefs Collectivausftellungen zu geben im Stande find. Wir wollen hoffen, dafs das lauter und eindringlicher als Wort und Schrift zu der Maffe fprechende Refultat diefer Ausftellung zur Nacheiferung anfpornen und zu einer gefchloffenen Vereinigung der Producenten bei den Schauftellungen ihrer Erzeugniffe führen werde. Uebergehend zur näheren Befprechung diefer Ausftellung wollen wir vorläufig bemerken, dafs mehrere Ausfteller fich nicht blos begnügten, Obft und Trauben einzufenden, fondern auch Gemüfe und Decorationsgegenstände, auf welche in der Ausfchreibung nicht weiter mehr reflectirt worden war. Das Preisgericht zog fie jedoch, von der Anfchauung ausgehend, dafs diefe Ausstellung nichts weiter als eine Fortfetzung der vorhergegangenen fei, anftandslos in den Kreis der von ihr zu beurtheilenden Gegenftände und prämiirte fie in derfelben Weife wie das Obft. Als numerifch und qualitativ gegen dasfelbe im Hintergrunde tretend, werden wir diefe Producte getrennt von jenen, am Schluffe unferer Befprechung, jede Landesausftellung für fich, behandeln. Zur leichteren Orientirung werden wir die einzelnen Sammlungen von Obft nach den betreffenden Staaten zufammengeftellt vornehmen und mit jenen beginnen, welche Obft und Trauben zugleich ausftellten und hierauf jene folgen laffen, welche nur aus Obft oder blos Trauben beftanden. Beginnend mit Oefterreich- Ungarn begegneten wir fogleich zwei der intereffanteften beften Collectivausftellungen aus Südtirol, der des Landwirthfchafts- und Gartenbau- Vereines in Bozen und der der Società agraria di Rovereto, beide Ausgezeichnetes bietend. Die Erftere durch die Bemühungen des Herrn Jofef Brucha, Hofgärtner und Curanlagen- Infpector in Meran, des Pomologen Mader und von Fogalari in Bozen zu Stande gebracht, repräfentirte die Leiftung von 40 Theilnehmern, zum gröfsten Theil aus den unmittelbarften Umgebungen der Stadt felbft. Sie umfafste nicht weniger als 855 verfchiedene Obft-, Trauben- und andere Fruchtarten und Sorten in prachtvollen Exemplaren, mit beinahe durchgehends richtigen Beftimmungen verfehen. An Birnen aus 14 Gruppen waren 236, an Aepfeln aus 15 Gruppen 190, von Wein- und Tafeltrauben aller Arten 145 Sorten exponirt. Aufser diefen war noch ein Sortiment von 80 Sorten Aepfel und Birnen ausgeftellt, welche auf den Der Gartenbau. 35 Gebirgslehnen Deutſch- Südtirols in einer Höhe von 3000 bis 4000 Fufs gedeihen An diefe fchlofs fich noch eine Collection von 15 Melonen, 30 Pfirfichen- und 15 Feigenforten an. Befonders intereffant geftaltete fich diefe prachtvolle Collectivfammlung durch die Beigabe einer 174 Nummern ftarken Collection von in diefer Gegend gezogenen Südfrüchten und Coniferen, wie Citrusarten( 15 Species), Opuntien, Diospyros etc. Von den wichtigften Aepfelforten Tirols, dem weifsen und rothen Rosmarinapfel, dem Tiroler Mafchansker, Böhmer etc. waren ganze Körbe voll ausgeftellt; von Kaifer Alexanderapfel, geftreiften Rambur, weifsen und rothen Winter- Calvill, waren wahre Riefenexemplare, prachtvolle Reinetten; von Birnen ausgezeichnete der Virgouleuse, Diel und Hardenpont vorhanden. Die am entgegengefetzten Ende des Ausftellungslocales befindliche Collectivausftellung der Società agraria di Rovereto vervollſtändigte in mancher Hinficht die früheren durch befonders edle Sorten von Aepfeln, Birnen, Pfirfichen, Pflaumen und Trauben, fo dafs man fagen konnte, der Obftbau von ganz Tirol fei in diefen beiden Sammlungen vollſtändig repräfentirt. Die Sammlung zählte 145 Nummern, von welchen 27 auf Birnen, 16 auf Aepfel, 20 auf Pfirfiche, 48 auf Trauben entfielen; während die übrigen Fruchtarten( inclufive Trüffeln) fich in den Reft der Totalfumme theilten. Als eine weitere Vervollſtändigung diefer beiden Sammlungen war die in 30 Trauben, 20 Aepfel- und 10 Birnenforten beftehende Collection des beften Tiroler Obftes des Herrn Gutsbefitzers Alois Mumelter in Bozen anzufehen. Steiermark und Kärnten waren durch 3 Collectivausftellungen der vorzüglichsten Art ebenfo vollkommen als Tirol repräfentirt. An der Spitze desfelben, an taufend Nummern ſtark, ftand die von dem Marburger Ausftellungscomité, unter der Leitung des Herrn Dr. Mullé als Vereinsvorftand, des Directors der dortigen Landes- Obft- und Weinbaufchule Herrn Goethe und des Gutsbefitzers Herrn Fr. Stampfl, unter Mitwirkung von 43 Ausftellern zu Stande gebrachte. Das von ihnen beforgte Verzeichnifs führte nicht weniger als 530 Sorten Aepfel, 120 Birnen-, 285 Trauben- und 90 verfchiedene andere Obftforten auf, welche in faft durchaus vorzüglichen Exemplaren vertreten und auf das Gefchmackvollfte aufgeftellt waren. Befonders beachtenswerth erſchien eine als Steier'fcher Mafchansker bekannte Borsdorfer Sorte. Von den anerkannt beften Sorten traf man die Winter- Goldparmene, den Danziger Kantapfel, die Ananas- und Carmeliter Reinette, fowie die beften Sorten von Butterbirnen. Eine zweite fehr hübfche und reich ausgeftattete Collectivfammlung derfelben Art, welche aus uns unbekannten Urfachen im Ausftellungskataloge gar nicht aufgeführt erfchien, lieferte der Grazer Gartenbauverein. Die Pomona Kärntens wurde durch die Collectivausftellung des kärntnerifchen Gartenbauvereines würdig vertreten. Sie zählte an 100 Aepfel- und über 43 Birnenforten, unter welchen man mehreren füdtiroler Sorten, wie dem weifsen Rosmarinapfel, dem köftlichften und anderen; unter den Birnen der Virgouleuse, Paffa Tutti, Paffa Colmar, François, Beurée Naghin etc. begegnete. Aus Oberösterreich fandte das Stift St. Florian durch feinen Pomologen Jofef Kien aft eine Sammlung von 52 Aepfeln, durchwegs Sorten, welche fich trotz des fchlimmen Obftjahres als fehr tragbar erwiefen. Darunter zwei neue Sorten, die in letzterer Beziehung fich ganz befonders auszeichneten; dann eine zweite Collection von 50 Sorten, welche diefes Jahr nur eine Mittelernte und wenig normal ausgebildete Früchte lieferten; endlich noch eine Partie TopfobftBäume. Von Einzelnausftellern aus Niederöfterreich lieferte das Verwaltungsraths- Mitglied der Gartenbau- Gefellfchaft, Herr Buchhändler Friedr. Gerold, eine ausgezeichnete, aus 12 Sorten Sommer- und Herbftäpfeln, 70 Winteräpfeln, 9 Früh, 28 Spätherbft- und 18 Winterbirnen, 15 Pfirfich- und 17 Traubenforten 36 Dr. Eduard Fenzl. beſtehende Sammlung aus feinem Befitzthum in Neuwaldegg. Sie zeichnete fich vor manchen anderen derartigen Sammlungen durch grofse Correctheit der Beftimmungen, Angabe des Landes, in welchem jede Sorte zum erften Male auf. tauchte, und ihrer Reifezeit auf das vortheilhaftefte aus. Was ihren Werth aufserdem noch erhöhte, ift der fehr ins Gewicht fallende Umftand, dafs Lage und Klima des Erzeugungsortes einer derartigen Cultur nichts weniger als günftig find. Eine Aufzählung der intereffanteften Sorten von Aepfeln und Birnen diefer Collection wäre nicht am Platz. Sie fiele zu grofs aus und genügt einfach die Bemerkung, dafs fie aufser den bekannten beften Sorten noch eine Menge der neueften englifchen, belgifchen und franzöfifchen enthielt. inlerin Als einen weiteren fehr ftrebfamen Züchter von Aepfel- und Birnenforten aus Wien haben wir Herrn Handelsgärtner Alois Hengl jun. zu verzeichnen, welcher eine Sammlung von 44 Aepfel- und 12 Birnenforten ausgeftellt hatte. Ein Gleiches gilt von Herrn Ant. Machaczek( Befitzer der Samenhandlung E. Swoboda's Neffe in Wien), welcher, aufser einer hübfchen Sammlung von feinen Aepfelforten, mehrere reich mit Früchten befetzte Bäumchen ausftellte. Das ausgezeichnetfte und reichfte Sortiment von Trauben aus der Umgebung von Wien, fowie die zweckmäfsigften Weinpreffen und Kellergeräthe lieferte Freiherr von Babo, Director der niederöfterreichifchen Landes- Obftund Weinbaufchule in Klofterneuburg. Diefer Theil der Ausftellung fammelte zu jeder Tageszeit eine grofse Menge von Befchauern und Bewunderern um fich und fand auch von Seite der Fachleute die verdiente Anerkennung. Trauben, in einem Sortimente von 32 Nummern, davon 12 in Töpfen in ausgezeichnetem Culturzuftande, ftellte noch Herr Jof. G. Wieninger, Weingrofshändler und Grundbefitzer in Gumpoldskirchen, aus. Von geringerer Bedeutung erfchienen ein von Baron Liebmann in Wien ausgeftelltes Sortiment Trauben und ein aus 10 Stück Pfirfichen beftehendes des Herrn V. Patzak, Gärtner der Frau Pauline Zinner zu Deutfch Jafsnig in Mähren. лас попр Ungarn hatte von Aepfeln und Birnen vergleichsweife wenig geliefert, um fo bedeutender dagegen in Trauben ausgeftellt, fo dafs man einen vollen Ueberblick über die in Transleithanien zumeift im Grofsen gezogenen Sorten gewinnen konnte. Die an den mannigfaltigen Producten des Feld- und Gartenbaues Ungarns reichfte war unftreitig die durch Herrn Wanderlehrer Alexander Luká czy in Peft- Ofen zu Stande gebrachte Collectivausftellung exportfähiger ungarifcher Gartenproducte, welche aufser den am häufigften gebauten Erzeugniffen der Bodencultur noch Medicinalkräuter, Sämereien und Gartengeräthfchaften enthielt und von 36 namentlich aufgeführten Theilnehmern zu Stande gebracht worden war. Das gröfste und wichtigfte Contingent dazu lieferte der Herr k. k. Kämmerer Ludwig von Bogyay in der 500 Sorten ftarken Sammlung von Trauben aus feinen Weingärten in Badacfony. Ein wefentliches Verdienft um die Beforgung und Aufftellung derfelben erwarb fich dabei Herr Theodor Belke. Profeffor an der landwirthschaftlichen Lehranftalt zu Keszthely und Mitglied der Jury, indem er, abweichend von der gewöhnlichen Expofitionsweife auf Tellern oder in Körbchen nebeneinander gelegt, fie inftructiv geordnet in ihrer natürlichen Stellung hängend auf Cartonblättern befeftigte und die forgfam getrockneten Blätter jeder Sorte zur Veranfchaulichung ihrer charakteriftifchen Unterfchiede mit beiheftete. Einen integrirenden Theil diefer Sammlung bildete das an allen Producten des Gartenbaues reiche Sortiment des Herrn C. A. Kraetfchmar in RimaSzombat, welches zugleich noch Medicinalpflanzen enthielt. Eine intereffante Sammlung diverfer Gartenproducte lieferte noch die Municipalität der Stadt Felegyhaza in Kumanien, der fich die fchöne Der Gartenbau 37 Sammlung von Obft und Trauben des Herrn Ed. J. Hejkal in Papa anfchlofs. Letzterer an Bedeutung naheftehend erwiefen fich die Obft- und Traubenfortimente des Herrn Stefan Nirfchy aus Prefsburg und Ludwig Trsztyansky in Keszthely am Plattensee. Eine 126 Traubenforten ftarke, ausgezeichnet fchöne Collection ftellte Herr Dr. Ignaz Málnay aus Tahi Tótfalu und Herr Jofef Kovács, reformirter Prediger in Bátorkefz, aus. Letztere 182 Nummern ftarke Sammlung der ed elften Trauben, in Töpfen ausgeftellt, enthielt 36 weiſse und rothe Sorten, welche von aus den berühmteren Weingegenden Frankreichs eingeführten Reben ftammten. Sehr preiswürdig waren noch die Traubenfortimente des Prefsburger Weingärtner- Vereines und des Herrn Johann Mathiász aus Kafchau. Das erftere enthielt 88 Sorten mit ihren Localnamen bezeichnet; das letztere nur 27 Nummern ſtark, dagegen durchwegs vorzügliche franzöfifche Sorten. Eine 170 Sorten ftarke, in Töpfen ausgeftellte werthvolle Traubenfammlung lieferte der Director der Ofner Landes- Rebfchule Herr Dr. Franz Entz. Unter den kleineren Sortimenten wäre noch das des Herrn Ferd. Braun aus Oedenburg zu erwähnen. Aus Croatien hatte die Direction der königl. land- und for ftwirthfchaftlichen Lehranftalt in Kreuz eine ausgezeichnete und fehr intereffante 222 Nummern ſtarke Collection von Traubenforten ausgeftellt; aus Agram Herr Handelsgärtner J. Kallina ein Sortiment Obft und Trauben. Noch verfchiedene Sorten des edleren Tafelobftes in höchft ausgebildeten Exemplaren lieferte das k. pomologifche Etabliffement in Pufzta Foedemés unter der Leitung des Herrn Obergärtners Auguft Richon und Herr Orban aus Papa noch ein kleines Sortiment von Birnen. Allgemein bedauerte man die vorherrfchend ungarifche Bezeichnung der Obft- und Traubenforten, wodurch die Vergleichung der einzelnen Sorten mit denen anderer Collectionen geradezu unmöglich wurde. Deutfchland. Eine der gröfsten Collectivausftellungen lieferte Sachfen, vertreten durch Herrn Lämmerhirt, Baumfchulen- Befitzer in OberGorbitz bei Dresden, an der fich 20 Theilnehmer betheiligten, unter welchen wir zwei königliche Gärten und dem Leipziger Gärtner, wie dem Plauen'fchen Obft bau- Verein begegnen. Sie zählte 274 Nummern von Aepfeln und Birnen und zerfiel in 6 nach den Diftricten ihrer Züchtung gruppirte Sortimente, von welchen das erfte Sortiment, aus der guten Obftlage der Bezirke Dresden, Bautzen etc. ftammend, 69 Aepfel- und 54 Birnenforten enthielt; das zweite Sortiment, dem Sandboden von Nieder- Laufitz entſprechend, 22 Aepfel-, 20 Birnenund 2 Pflaumenforten; das dritte Sortiment aus dem Bezirke Zittau und worunter 18 an der„ Zittauer Leipzig, 28 Aepfel- und 4 Birnenforten Chauffée" gebaut; das vierte Sortiment, aus der Gegend von Leipzig, 8 Aepfelund 9 Birnenforten; das fünfte Sortiment, aus der, kalten Lage" von Freiberg und Plauen( 3- bis 500 Meter über Meeresfläche) je 6 Aepfel- und Birnenforten und 10 verfchiedene dafelbft gedeihende Obftgattungen auswies, und das fechfte Sortiment, von ,, fächfifchen Provincialforten" 24 Aepfel- und 10 Birnenforten enthielt. Sie präfentirte fehr gut die Pomona des ganzen Königreiches und erwarb fich durch ihre praktifche Gliederung den Beifall aller Fachmänner. Ihr an reihten fich die Collectivausftellungen der Danziger und Hildesheimer Gartenbau- Vereine, fowie der Gartenbau Gefellſchaft in Cöln. Bremer وو Flora" An der Collectivfammlung des Bremer Gartenbau- Vereines betheiligten fich fieben Ausfteller, am ftärksten darunter Herr Hermann Ortgies. Sie zählte im Ganzen 221 Nummern, von welcher 153 auf Aepfel-, 65 auf Birnen- und 3 auf Weintraubenforten entfielen. Sie enthielt viele neue und gute Sorten, nur liefsen die Früchte an Ausbilduug Manches zu wünſchen übrig. 38 Dr. Eduard Fenzl. Die Collectivausftellung des Danziger Gartenbau- Vereines wies 168 Nummern auf, von welchen fich 100 auf Aepfel-, 54 auf Birnen- und 14 auf vorzügliche Marktforten der erften Obftart vertheilten. Werthvolle und neue Sorten, zumeift richtig beftimmt und in fchönen Exemplaren vertreten, zeichneten fie vortheilhaft aus. Jene des Hildesheimer Gartenbau- Vereines( Ausfteller und Vertreter Infpector Palandt) war 231 Nummern ftark, von welchen 131 auf Aepfel- und 100 auf Birnenforten entfielen. Ein fehr fchönes, viele gute und zum Theil noch feltene Sorten enthaltendes Sortiment. Jenes der Gartenbau- Gefellfchaft" Flora" in Cöln, 30 Sorten Aepfel und eben fo viele von Birnen enthaltend, enthielt meift bekannte Tafel- und Marktfrüchte, aber in fehr fchön ausgebildeten Exemplaren. Alle drei Collectivfammlungen hielten fich, was Schönheit der Exemplare und Wahl der Sorten betrifft, die Wage. Ihnen ftanden in mancher Beziehung die Collectionen nach, mit welchen der Kieler Gartenbau Verein und der für Pomologie und Gartenbau in Meiningen die Ausftellung befchickten. Die letztere von ihnen ftellte ihre Aepfel- und Birnenforten nach dem Diel'fchem Syfteme claffificirt aus, wobei jedoch nach der Meinung mehrerer Jurymitglieder manche irrige Beftimmungen ftattgefunden hätten. Sie zählte 218 Nummern, von welchen 107 auf Aepfel und III auf Birnen fielen. Von landesfürftlichen Inftituten Deutfchlands befchickten die königlich preufsifche Landes- Baumfchule zu Potsdam durch ihren Infpector Herrn Lauche und die Direction des königlich württembergifchen land- und forftwirthschaftlichen Inftitutes zu Hohenheim durch Garteninfpector Schulz diefe Ausftellung. Die Potsdamer Landes- Baumfchule ftellte 87 der beften Tafel- und Marktforten von Aepfeln und 27 Sorten Birnen, nebft einem Teller mit Früchten von Vaccinium macrocarpum( Cransbeere) und einem ftarken Exemplare diefer Art aus, welche dort bereits in gröfserer Ausdehnung mit Erfolg cultivirt wird. Die Hohenheimer Sammlung, circa 200 Sorten, theils Tafel- theils Wirthfchaftsobft nebft Quitten, Pfirfiche und Hafelnüffe enthaltend, zeichnete fich durch fchöne Früchte und correcte Beftimmungen vortheilhaft aus. Auch befanden fich darunter einige Früchte eines intereffanten Baftardes von Pyrus baccata und Malus, von der Gröfse kleiner Borstorfer Aepfel. Zu den gröfsten und beachtungswertheften Ausstellungen von Obft, von Seite Einzelner aus Deutfchland zählte unbedingt jene des Herrn C. Kniep, Weinbau- Auffehers in Duderftadt in Hannover, mit ihrem 300 Nummern ſtarken Sortimente von Aepfel- und Birnenforten. Sie war eine der wenigen pomologifch richtig geordneten und enthielt das werthvollfte Handelsobft in vorzüglich fchönen Exemplaren. Ihr beinahe ganz gleich zu ftellen war die des Herrn Max Touchon aus Hohenau. Sie enthielt viele neue Sorten in fchönften Früchten. Eine bedeutend kleinere nur aus Aepfeln und 19 Birnenforten beftehende Sammlung des Herrn Rittergutsbefitzers P. Mack in Althof- Ragnit war dadurch von Intereffe für die Pomologen weil fie, aus einer rauheren Gegend kommend, nur Früchte von Hochftämmen enthielt. Herr Galle, Kunft- und Landfchaftsgärtner in Ober- Glauche bei Trebnitz, lieferte ein fchönes Sortiment von 84 Aepfel- und 50 Birnenforten, die beften Tafel- und Wirthfchaftsforten enthaltend. Die Früchte felbft waren gut entwickelt, ihre Benennung jedoch nicht immer richtig. Herr Amblard, Baumfchulen- Befitzer zu Lory devant le Pont in Lothringen, ftellte 36 diverfe am meiſten in Elfafs- Lothringen gezogene Obftund 100 Traubenforten aus, welchen noch nach verfchiedenen Methoden gezogene Weintrauben- Setzlinge von Mofeltrauben beigeftellt waren; endlich Herr Bernhard Müllerklein, Baumfchulen- Befitzer zu Carlftadt am Main, eine hübfche Sammlung von Aepfeln, Birnen und Trauben welche aber leider etwas defect angelangt waren. Der Gartenbau. 39 Intereffant fand man die von Herrn R. Riedel, Kunft- und Handelsgärtner in Löwenberg aus Preufsifch- Schlefien auf Riebes aureum hochftämmig veredelten Stachelbeeren, fowie feine aus Samen verfchiedener Jahrgänge von Rosa canina erzogenen Wildftämme. Aus Frankreich fand fich nur die allen Pomologen rühmlichft bekannte Firma Baltet frères aus Troyes mit einer fchönen Sammlung von 210 Sorten Aepfel ein. Einige von ihnen wie der„ Préfident Napoleon" zeichneten fich durch ihre enorme Gröfse aus, andere fchienen nicht vollkommen ausgebildet zu fein. Zu den kleineren Expofitionsgegenständen aus Frankreich gehört noch ein durch Herrn Amblard ausgeftelltes, 84 Nummern ſtarkes Sortiment Trauben aus dem Luxemburger Garten in Paris, welches er vom Minifterium des Ackerbaues zum Gefchenke erhielt; ferner eine nachträglich von Herrn Thomery aus Paris eingefendete Verpackungsprobe von abgelöften Weinbeeren zwifchen Papierfpänen in Kiftchen, welche als fehr vortheilhaft von ihm gerühmt und zur Nachahmung empfohlen wird. Aus Belgien, dem Mufterftaate für Horticultur und Pomologie, konnte man nur Vorzügliches erwarten und in der That leifteten die beiden Gefellſchaften, welche die Ausftellung mit den einfchlägigen Landesproducten befchickten, wahrhaft Aufserordentliches. Diefe Gefellſchaften waren der Cercle d'Arboriculture in Gent und die Société centrale d'Arboriculture zu Brüffel. Die Erftere, vertreten durch Herrn Profeffor Ed. Pynaert, ftellte eine Collection von 389 Sorten Birnen aus; eine zweite ornamentaler Birnen in Prachtexemplaren( Paradebirnen); zwei je 12 Sorten ftarke Sammlungen von Birnen von hochftämmigen Bäumen, anerkannt vom Cercle als die zu diefem Culturzwecke geeignetften, eine dritte derfelben Art, anerkannt durch die Communalfchule in Gent; ferner eine Collection von 170 Sorten der beften Aepfel"; 510 Sorten ,, Tafelobft"; 70 Sorten Tafelobft ,, an dreijährigen Cordons gezogen" und eine Collection der in Belgien zur Bepflanzung der Aecker und Wiefen" bevorzugten Aepfel. " Ebenfo waren von Trauben, die beften Sorten zum Treiben" ausgeftellt und im Anfchluffe kleinere Collectionen von Pfirfichen und Pflaumenforten. Als eine willkommene Beigabe mufs noch einer Sammlung fehr praktifcher gummirter Etiquetten zum Marquiren der Obftforten erwähnt werden, welche Herr Profeffor Eduard Pynaerdt mitgebracht hatte und fpäter der hiesigen Gartenbau Gefellſchaft als Mufter zum Gefchenke machte. Die Société centrale lieferte gleichfalls grofsartige Sammlungen von Aepfeln für Hochftämme und von Birnen nebft einer Sammlung von neuen, noch unbekannten Sorten Birnen, welche Herr Gregoire aus Samen erzogen hatte. Beide Sammlungen waren, was Cultur betrifft, das Vollkommenfte in der Ausftellung. Im Anfchluffe an die Sammlungen von Obft ftellte fie eine Collection von vorzüglich gelungenen Nachbildungen von 600 Birnen-, 100 Aepfel-, 30 Pfirfich-, 15 Aprikofen, 20 Pflaumen- und 8 anderen Fruchtforten aus, welche zur Bewunderung herausforderten. Aus Dänemark erfchien der Gärtnerverein Hortulania in Kopenhagen mit einer ebenfo quantitativ grofsartigen, als qualitativ ausgezeichneten Sammlung von Obftforten. Von Aepfeln waren 126, von Birnen 79, von Pflaumen 15, von Pfirfichen 2, von Weintrauben 5, von Nüffen 7 Sorten ausgeftellt. Von Aepfeln waren 15, von Birnen 3 als echt dänifche Sorten bezeichnet. Die Früchte waren recht gut ausgebildet und zeugten von einem fehr hohen Stande der Obftcultur in Dänemark. Schweden in allen übrigen Gruppen der Weltausftellung glänzend vertreten, leiftete in diefer ganz Aufserordentliches und Ueberrafchendes. 40 Dr. Eduard Fenzl. Niemand gewärtigte in diefem fchon fo bedeutend nördlich liegenden Lande einen folchen Reichthum an Obft und Gemüfen, am allerwenigften aber von folcher Gröfse und Güte zu begegnen, wie felbft noch das unter dem 62. Grade nördlicher Breite gediehene befafs. In nicht geringere Verwunderung wurde man aber noch durch die Art und Weife der Befchaffung diefer weit über 800 Nummern ftarken Collectivfammlungen verfetzt, als man erfuhr, dafs fie das Werk der fchwedifchen Regierung fei, welche den gelehrten Botaniker Dr. N. J. Anderfon in Stockholm beauftragte, die verfchiedenen Provinzen Schwedens zu diefem Zwecke zu bereifen und die fpäteren Einfendungen zu veranlaffen. Auf diefe Weife ift es allein möglich geworden, nicht blos eine genaue Kenntnifs von allen obft- und gemüfe bauenden Provinzen und Localitäten, fondern auch von jenen Sorten zu gewinnen, welche noch in den nördlichen Diftricten bis zum 63. Grad gedeihen und vollſtändig reifen. Ein beigegebenes Kärtchen diente noch zur leichteren Orientirung. Die ganze Sammlung war demgemäfs nach den einzelnen Provinzen, von der füdlichen( Schonen 56. Grad nördlicher Breite) angefangen und mit Medelpad( um 63. Grad nördlicher Breite) fchliefsend, arrangirt, und gewährte auf diefe Art eine ungemein lehrreiche Ueberficht über die Art und Befchaffenheit der dafelbft gebauten Sorten, wie über deren Abnahme an Zahl gegen Norden zu. Eilf Provinzen Schwedens erfchienen als obft und gemüfebauende, durch 34 Ausfteller( Perfonen und theilweife Gefellſchaften) vertreten. Als folche betheiligten fich an diefer merkwürdigen Collectivfammlung: die GartenbauGefellſchaft in Upfala, die Gartenbau Gefellfchaft und der fchwedifche Gartenbau- Verein zu Stockholm( 59 Grad 20 Fufs nördlicher Breite); dann Herr Grofshändler James Dickfon zu Ofverås in Gothenburg( 57 Grad 50 Fufs nördlicher Breite) mit Trauben, Ananas und Kernobft; die Herren Gutsbesitzer K. Dugge zu Latorp und A. Robfon zu Afpa in Nerike( 59 Grad nördlicher Breite); endlich Herr Gottfchalk, Handelsgärtner in Stockholm, Herr Lyth, Vorfteher der landwirthschaftlichen Schule in Nordwik( 62 Grad) mit Obft von aus Samen erzogenen Bäumen. Unter den verfchieden ausgezeichnet wohlfchmeckenden Aepfelforten erwarb fich ein rein hochgelber Grafenfteiner durch feinen Duft, wie er fonft nie fo ftark und fein vorkommt, die Bewunderung aller Pomologen. Italien hatte von frifchem Obft nichts ausgeftellt, dagegen Herr Franz Valetti aus Turin, eine in Form und Colorit unvergleichlich fchöne Collection nachgebildeter Früchte, welche die der Belgier noch übertraf. H Sie umfafst bis jetzt 55 Sorten Aprikofen-, 8 Mandel-, 10 Azarolen-, 79 Kirfchen- und Weichfeln, 8 Quitten. 8 Cornelkirfchen-, 40 Feigen-, 25 Erdbeeren-, II Himbeeren, 4 Granatäpfel-, 35 Johannisbeeren, 187 Pfirfich, 603 Birnen, 332 Aepfel-, 91 Pflaumen und 737 Traubenforten. Gemüfe: Von Ausftellern diefer Art horticoler Erzeugniffe fanden fich aus Cisleithanien nur mehr wenige ein, da die meiſten der Meinung waren, dafs die Ausftellung von Gemüfen mit der vierten temporären gefchloffen worden fei und fie mit ihren Producten nicht weiter zugelaffen würden. Unter den Wenigen, welche es demungeachtet wagten, diefe letzte Ausftellung mit Gemüfen zu befchicken, nahm der gräflich Breuner'fche Obergärtner Jofef Hirfch in Grafenegg den erften Platz ein. Deffen Sammlung enthielt nicht weniger als 160 Gemüfeforten und Küchenkräuter und 53 Sorten der beften Kartoffeln. Sie ftand nur wenig hinter der Mufterfammlung Skebras aus dem freiherrlich Suttner'fchen Garten in Harmannsdorf zurück, welche diefer zur vierten Ausftellung eingefendet hatte. Aufser ihm befchickte die Ausftellung noch aus Hirfchftetten in Niederöfterreich Peter Freiherr v. Pirquet mit einer Partie von Gemüfen, welche Zeugnifs von der Vortheilhaftigkeit feiner im Grofsen angewandten Culturmethode durch Beriefelung gab. 151516 Der Gartenbau. 41 Eine kleine Partie von Gemüfen ftellte noch Herr Andreas FlafchelPartie ausnehmend fchönen meyer, Handelsgärtner in Wien und eine Meerrettiges abermals Herr Handelsgärtner Johann Klem pf aus Rudolfsheim aus. Aus Saaz in Böhmen fendete Herr Adolf Burgftaller fechs Sorten Gurken und aus Eibenfchitz in Mähren Herr Anton Worell, Spargelfamen und Setzlinge von Riefenfpargel in verfchiedenen Altersftufen von überrafchender Stärke ein. Aus Ungarn lieferten die Herren Lukáczi, Kretfchmar und die Municipalität der Stadt Felegyhaza in Kumanien Sortimente von Gemüfen, Küchen- und Medicinalkräutern und Herr Danhofer aus Koka eine Partie Meerrettig ein. Alle diefe Producte konnten gegenüber den betreffenden aus Cisleithanien und Deutfchland früher eingefendeten auch nur entfernt einen Vergleich aushalten. Aus Deutfchland betheiligten fich diefes Mal nur Wenige in Gemüfeforten an diefer Ausftellung und reichten ihre Leiftungen an Bedeutung auch lange nicht an die heran, welche fich andere auf der vorhergegangenen temporären. Ausftellung erworben hatten. Die gröfste Anerkennung fand in diefer Beziehung noch das Sortiment von Kartoffeln, welches Herr Görling in Lindenberg mit Herrn A. Bufch aus Grofs- Maffow in Pommern ausgeftellt hatte. die verdienftlichfte Leiftung unter den deutfchen Ausftellern von Gemüfen war jedenfalls die des Herrn Rudolf Riedel, Kunft- und Handelsgärtwar die des ners in Löwenberg aus Preufsifch- Schlefien zu erklären, welcher ein Sortiment der dafelbft zur Maffencultur verwendeten Kartoffeln, fowie ein anderes der neuen und feinften für die Tafel verwendbaren, ausftellte. Die beiden anderen Ausfteller in Gemüfearten waren die Herren: J. Butterbrodt aus Hildesheim und Guftav Befte horn aus Bebitz. Beide fendeten Sortimente fchön gezogener Runkel- und Zuckerrüben; letzterer eine neue Varietät mit carmoifinrothen Blattftielen von fehr grofsem Zuckergehalte und aufserdem noch ein Sortiment der vorzüglichften Getreideforten in Halmen und Körnern und unter denfelben die neuefte„ Beftehorns Gerfte" benannte Sorte. Mit ihnen fchliefst die Serie der Ausfteller von Gemüfen aus Deutfchland ab und folgen nunmehr jene aus Belgien, Dänemark, Schweden und Rufsland. Eine fehr fchöne und gewählte 117 Sorten ftarke Sammlung ftellte die Société centrale d'Arboricultur in Brüffel neben jener von Obft aus. Carotten, Zwiebeln, Kohl und Kraut nebft Bohnen und Endivien waren ziemlich reich in guten Sorten vertreten. Sie bot aber weder mehr noch Befferes als das Inland bei den früheren Ausftellungen bereits geboten hatte. Ausnehmend reich und qualitativ ganz vorzüglich erwies fich das Gemüfe fortiment, welches der dänifche Gärtnerverein„ Hortulania" in Kopenhagen auf diefe Ausftellung brachte. Es wies 45 Kartoffel, 18 Bohnen-, 13 Möhren-, 26 Zwiebel- und Lauchforten, 14 Kohlarten, 26 Rettig und Rüben, 24 Gurken und Melonenforten und aufserdem noch eine nicht unbedeutende Anzahl von Salatforten und anderen Gemüfearten auf, fo dafs man mit Recht fagen konnte, dafs mit diefer Sammlung allein der Reichthum diefes Landes an Obft- und Gemüfearten vollkommen repräfentirt war. Dasfelbe läfst fich qualitativ auch von diefen Producten des Gartenbaues aus Schweden fagen, während quantitativ das betreffende Sortiment aus Gothenburg, Smaland und Gothland bedeutend hinter dem dänifchen zurückftand. Aus Rufsland, von wo man es am wenigften erwarten durfte, fendete Herr Handels- und Gemüfegärtner E. Gratfcheff in St Petersburg eine fo reichhaltige und qualitativ fo vorzügliche Collection von Gemüfen aller Art ein, dafs fie von allen Sachverständigen als eine der beften unter den bisher ausgeftellten diefer Art erklärt wurde. 42 Dr. Eduard Fenzl. Von Decorations Gegenständen hatte Frau Betti Flafchelmeyer in Wien einen hübfchen Tafelauffatz, aus Obft und Blumen gebildet, eingefendet und Herr Georg Weber in Klagenfurt Gebinde aus getrockneten Blumen geliefert, welche fich jedoch als ziemlich werthlos erwiefen. Damit wären wir mit unferem Bericht über die fünfte und letzte der temporären Ausstellungen zu Ende und es erübrigt uns nur noch zu bemerken, dafs fie es war, welche, verglichen mit den früheren temporären Ausftellungen am meiften dem Charakter einer wahrhaft internationalen entſprach, denn nicht die gröfsere Menge von Ausstellern aus jedem Lande, fondern die Menge und die Natur der aus jedem Lande zur Ausftellung gebrachten Gegenftände find es, welche einer folchen Exhibition den Stempel der Internationalität aufdrücken. Diefer Charakter kann fich übrigens eben fo fehr in der Disparität als in der Homogenität der ausgeftellten Gegenstände ausfprechen und in diefer Beziehung muss man fagen, dafs derfelbe in dem Artikel„ Obft" am auffälligften hervortrat und von keinem anderen auf den vorhergegangenen übertroffen wurde. Was aber ebenfo entfchieden dabei zu Tage trat, ift die Thatfache, dafs hierin Oefterreich Ungarn hinter keinem der übrigen dabei vertretenen Länder zurückftand. Die permanente vom 1. Mai bis Ende October währende Ausftellung von Pflanzen. Sie umfafste alle innerhalb der abgefchloffenen Ausftellungsarea gelegenen für bestimmte Culturzwecke refervirten und dazu adaptirten Grundparcellen mit den darauf unmittelbar angezogenen oder blos für diefe Zeit verfenkten Pflanzen, und damit auch alle zur Verfchönerung des offenen Ausftellungsraumes vor dem Induftriepalafte gefchaffenen Anlagen. So aufgefafst bildete fie ein reich gegliedertes, zufammenhängendes Ganze und in Verbindung mit vielen anderen auf diefem Raume zerftreuten kleineren Bauten und Decorations- Gegenftänden einen Glanzpunkt der ganzen Ausstellung. Ihr Zuftandekommen ist das unbeftreitbarfte Verdienft der Generaldirection und ihrer zur Ausführung verwendeten fachkundigen Organe. Durch eine in jeder Hinficht glückliche Ausnutzung fchöner, alter oder in mancher Hinficht intereffanter Bäume und Gruppen des früheren Waldbeftandes auf dem Ausftellungsplatze, konnte und wurde einer der fchönften Parke im Vordergrunde des grofsen Gebäude complexes hingezaubert und dadurch genügender Raum für grofse Rafenparterre, Bildung von Gruppen decorativer Gewächfe und Auspflanzungen von Zierfträuchen und Obftbäumen gefchaffen. Auch wurden noch offene Räume zwifchen den Hauptgebäuden und einzelnen Nebengebäuden ( Pavillons) in die Culturanlage einbezogen und damit das Innere des ganzen Induftriepalaftes belebt. Alle diefe verfchiedenen, räumlich oft bedeutend von einander entfernten Culturgruppen hingen durch eingefchobene Waldpartien organifch gegliedert unter fich zufammen, und gelangten fo unbeirrt durch andere differenten Charakters zu ihrer vollen Wirkung; fo die grofsen Rafenparterre vor der Rotunde mit der Gruppe decorativer Gewächfe um den Kaiferpavillon; die fchöne, ftilvolle Anlage zwifchen der Oftfronte des Ausftellungsgebäudes und der Kunsthalle um den Brunnen Achmet's und die des Ziergartens im Vordergrunde des für die temporären Ausftellungen beftimmten zeltartigen Exhibitionsraumes am Floraplatze. Ohne eine Schilderung diefer drei Hauptgruppen und aller anderen gröfseren und kleineren Culturparcellen, als nicht ftrenge zu meiner Aufgabe gehörend, zu verfuchen, will ich nur mit wenigen Worten deren Beftimmung andeuten und darnach auf die Art, wie ihr im Einzelnen entſprochen wurde, näher Der Gartenbau. 43 eingehen. Einige derfelben, wie die Rafenparterre und Anlagen um den AchmetBrunnen, fowie jene im Innern des Induſtriepalaftes und zwifchen den dahinter liegenden Gebäuden der zweiten Reihe befindlichen offenen Räume oder einzeln ftehender Bauten dienten zumeift zur Ausfchmückung des Ganzen; einige andere zur Darstellung von Gartenanlagen für Unterrichtszwecke. Sie können fammt und fonders unter der Bezeichnung„ Anlagen" zufammengefasst werden. Eine zweite Gruppe von Culturftätten bildeten die zur Aufnahme von Ausftellungsgegenständen beftimmten, welche abermals in eine für Ziergewächfe und eine die Culturmethoden des Obft- und Weinbaues illuftrirende zerfiel. Für die erftere derfelben war der fchon erwähnte Floraplatz, für die zweite die Böfchungen des diefem nahe liegenden fchmalen Donauarmes adaptirt. Unter den fogenannten Anlagen waren es die grofsen vor der Südfront des Induſtrialpalaftes liegenden, regulär angelegten Rafenparterre mit ihren Wafferrefervoiren und vielbewunderten Fontainen, welche von den Wiener Samenhändlern Rud. A be 1, Baumann's Nachfolger, Bofchan, Markel's Söhne und Soutton und Sohn aus London, der einzigen Firma diefes Reiches, welche fich in horticoler Beziehung zur Verwunderung der ganzen Welt an der Ausftellung betheiligte, befamt worden waren. Zu entfcheiden, welche hierin das Befte geleiftet, gehörte zu den Unmöglichkeiten. Ihre Ausfaaten erwiefen fich, dank der reichlichen Bewäfferung und Pflege als vollkommen rein, gleichmässig und widerftandsfähig gegen den Sonnenbrand die ganze Zeit hindurch bis in den Spätherbft hinein. Die ftilvoll angelegte und forgfältig gepflegte Anlage um den Brunnen Achmet's, ein Werk des im Dienfte der Generaldirection ftehenden Gärtners Ferd. Maly, enthielt nur krautartige Gewächfe in vorzüglicher Auswahl und vollftem Verſtändniffe ihrer Verwendung Namentlich wirkfam erwiefen fich die fchönen Ricinusarten und die Büfche des Pennisetum latifolium. Als eine im beften Gefchmacke ausgeführte gemifchte Anlage aus Zierfträuchern, hohen und niederen annuellen und perennirenden, blühenden oder vielfärbigen Blattpflanzen in Gruppen mufs die den Kaiferpavillon umrahmende er klärt werden. Ausnehmend gefchmackvoll angelegt und vortrefflich erhalten erwiefen fich die vom k. preufsifchen Hofgärtner Walter beforgten Teppichpflanzungen und Strauchpartien um den Pavillon des deutfchen Reiches und feiner Annexe. Einen fehr freundlichen Eindruck machte die Anlage um den Ausftellungspavillon des Fürften von Monaco. Grofse Exemplare von Phormium tenax, Agaven, Bambufen, Ficus, Cacteen und Craffulace en etc. erwiefen fich fehr wirkfam in ihrer Gruppirung. Namentlich zogen zwei grofse, in voller Blüthe ftehende Exemplare von Agave americana die Blicke des Publicums auf fich. Ihre Pflege liefs dagegen Manches zu wünfchen übrig. Unter den kleineren Anlagen diefer Art zeichnete fich der fchmale Vorgarten an der Front des öfterreichifchen Ausftellungspavillons des Ackerbau Minifteriums aus. Derfelbe repräfentirte eine aus Felsftücken des Karftes conftruirte Alpenpartie, welche mit blühenden alpinen und fubalpinen Kräutern und Sträuchen befetzt war und fich überraschend gut über Sommer erhielt. Ein weiteres derartiges Object bildete der kleine, aber gefchmackvoll angelegte Wintergarten am franzöfifchen Commiffionshaufe, welchen Herr A. C. Rofenthal angelegt hatte. Als ein ähnliches, aber durchaus feinem Charakter nach verfchiedenes Object in diefer Reihe von Anlagen mögen noch die im orientalifchen Gefchmack ausgeführten Teppichpflanzungen im Hofraume des Palaftes des Khedive von Egypten gelten. Viel dürftiger als die vorerwähnten kleineren Anlagen nahmen fich aus: das kleine vom Carlsbader Stadtgärtner Hahmann ausgeführte, mit Terracotten gefchmückte Hausgärtchen und das bei dem Brande des Elfaffer Bauernhaufes fpäter mit zu Grunde gegangene Gärtchen in deffen Hofraume. 44 Dr. Eduard Fenzl. Bei dem den Unterrichtsanftalten gewidmeten Annexe des deutfchen Reiches befand fich noch ein Kindergarten", der eine Reihe von Beeten zeigte, welche mit Zier- und Gemüfepflanzen befetzt waren, von welchen jede Art mit dem Vornamen des Kindes bezeichnet wurde, das als deffen Eigenthümer und Pfleger gelten follte. Die Mitte diefes Gartens nahm eine zierliche Blumenteppich- Anlage ein, der zur Seite noch ein gröfseres Gemüfebeet fich befand. Bei dem öfterreichifchen Schulhaufe jenfeits des Heuftadelwaffers, im fogenannten Dörfel, war dem Programm gemäfs auch ein Mufter Schulgarten angelegt worden, welcher zweckmässig eingetheilt Proben von Nutz-, Futter-, Medicinal-, Gift- und Zierpflanzen, eine kleine Baumfchule und Mufter von Obftbaum Sorten u. f. w. enthielt. Diefe Anlage wurde von dem Herrn Gärtner Heinrich ausgeführt und die bezüglichen Gewächfe theils aus dem Subfcriptionsfonde für die Errichtung des Schulhaufes angekauft, theils von der k. k. Gartenbau Gefellfchaft, dem k. k. Univerfitätsgarten und den Herren Rudolf Abel, Friedrich Kläring, A. C. Rofenthal und C. Matznetter gefpendet. An der permanenten Ausftellung von Ziergehölzen und krautartigen Pflanzen aller Art betheiligten fich nicht weniger als 55 Perfonen davon 16 aus dem Auslande, und zwar aus Deutſchland 5, aus Frankreich 4, aus Italien I, aus Belgien 2, aus Niederland 2, aus Japan I und Brafilien I; aus dem Inland 26 zumeift Wiener Handelsgärtner.- An der Spitze der Ausfteller von Gehölzen aller Art ftand unbeftritten der Baumfchulen Befitzer und Handelsgärtner F. J. C. Jürgens aus Ottenfen und Nienftädten in Schleswig- Holftein. Seine grofse Sammlung von exotifchen, im Freien ausdauernden Coniferen in Prachtexemplaren, feine fchönen Allee, Solitär- und Trauerbäume mit hängenden Aeften, feine bunt und fchlitzblättrigen Sträucher und Rhododendrons waren auf einem grofsen, wellenförmig hergerichteten Rafenplatz landfchaftlich mit eminentem Gefchmack gruppirt und vertheilt. An Schönheit der Exemplare von Coniferen( ein Sortiment von 200 Arten und Varietäten von allen Gröfsen) ihm nicht nachstehend hatten Peter Smith& Comp. aus Hamburg, Hermann Ohlendorf aus Ham und Martin Müller aus Strafsburg ausgeftellt; kleinere Sammlungen derfelben, aber in fehr fchönen Exemplaren, die Herren Alexis d'Allière und Jean Verfchaf felt aus Gent; eine 117 Sorten ftarke die Firma Croux& fils in Aulnay les Sceaux in Frankreich. Unter den Ausftellern gemifchter Zierfträucher und Bäume im freien Grunde lieferte Herr Park- und Gartendirector Petzold aus der königl. priv. niederländifchen Baumfchule zu Muskau eine Collection von 602 Ziergehölz- Arten und Spielarten aus 22 Familien. Diefe Sammlung zeichnete fich nicht blos durch die grofse Mannigfaltigkeit der Arten, fondern ebenfo fehr durch den Culturftand der jungen Bäumchen, richtige Nomenclatur und Zufammenftellung aus, und erregte allgemeines Intereffe. Sie lieferte eine lebendige Illuftration zu dem Vortrage des Herrn Profeffor Dr. Koch aus Berlin über die Anlage von dendrologifchen Gärten, welchen derfelbe in dem gleichzeitig mit diefer Ausftellung tagenden Gärtnercongreffe hielt. Wie reich in diefer inftructiven Expofition die einzelnen Arten und Varietäten vertreten waren, möge die Thatfache beweifen, dafs die Gattung Quercus allein durch 129 derfelben vertreten war. Im Vergleiche zu diefer koloffalen Sammlung mufsten jedenfalls die folgenden derartigen, für fich betrachtet ganz verdienftlichen Sammlungen Jacob Juriffens& Sohn aus Naarden, des Pomologifchen Vereines zu Boscoop in Holland, und Rofenthals in Wien zurückftehen. Kleinere Sammlungen von Coniferen und anderen durch Färbung oder Geftalt ihrer Blätter oder Blüthen fich auszeichnende immergrüne Zierfträucher * Infoferne mehrere von ihnen zugleich verfchiedentlich ausftellten: 60. Der Gartenbau. 45 lieferten die Herren Rud. Abel, L. Bachraty, C. Matznetter und Emil Rodek in Wien und Umgebung. Eine der gröfsten an Stückzahl der Arten, Spielarten und Sorten, wohl an 1000 Nummern zählende Sammlung von Obftbäumen, Zierfträuchern und perennen Pflanzen fandte die griechifche Regierung durch den Univerfitätsprofeffor in Athen Herrn Theodor Orphanides. Sie repräfentirte nahezu vollſtändig den Pflanzenbeftand der nationalen Baumfchule dafelbft, aus der um den beiſpiellos billigen Preis von 10 Centimes per Stamm, zur Auspflanzung gezogene und veredelte Obftbäume, Citronenbäumchen, Gehölze und perennirende Gewächfe, darunter A gave americana, Chamaerops humilis und dergleichen zu dem von I bis 3 Francs abgegeben werden. Allerdings liefsen Cultur und Veredlungsweife der ausgeftellten Exemplare Vieles zu wünſchen übrig, aber Befferes zu folchen Spottpreifen herzuftellen ift auch nicht wohl möglich. Man begnügt fich übrigens dort zu Lande mit diefen Producten und kann, wie Profeffor Orphanides mir mittheilte, man nur auf diefe Weife dafelbft der Horticultur Eingang auf dem Lande verfchaffen. Leider theilte diefe in mehrfacher Beziehung intereffante Collection das Schickfal aller übrigen in die Niederung der oben erwähnten Böfchung des Donauarmes verwiefenen pomologifchen Sammlungen, durch den andauernden Austritt des Waffers nämlich erfäuft zu werden. slim Uebergehend zu den Ausftellungen blühender Gewächfe, zumeift Specialitäten, auf dem Floraplatze, mufs noch zweier Teppichanlagen gedacht werden, von welchen die eine von dem damaligen Gärtner der Wiener Gartenbau Gefellſchaft, die andere von dem hiefigen Handelsgärtner Franz Frelich angelegt worden waren. Die erfte, in zwei Gruppen zerfallende gröfsere überbot durch ftilvolle Zeichnung und gewähltere Zufammenftellung der Farben entfchieden die letztere. Diefe in neuerer Zeit in Mode gekommene horticole Spielerei ift bereits zu einem Unfegen für den Gartenbau geworden. Eine Unfumme von Geld, Zeit und Arbeitskraft confumirende, dabei fehr vergängliche und zumeift unäfthetiſche Mofaikarbeit, wirkt diefe Cultur erfahrungsmäfsig durch die damit verknüpfte geifttödtende Arbeit demoralifirend auf das heranwachfende Gefchlecht der Gärtner. Sie gibt nur Zeugnifs von dem fchlechten Gefchmacke der Menge, die an folchen Tändeleien Gefallen findet. Weit intereffanter und belehrender erwies fich die an den japaniſchen Bazar anfchliefsende Culturanlage eines Confortiums japanefifcher Gärtner, welche aufser einer Menge baum- und ftrauchartiger Gewächfe ein grofses Sortiment von auch bei uns theilweife im Freien ausdauernden Lilienforten enthielt. Manche derfelben, wie Lilium lancifolium, Thunbergi aureum, japonicum und auratum waren allerdings uns bekannte Erfcheinungen; dagegen durfte man eine noch gröfsere Anzahl von ihnen, wenn auch nicht immer als Arten, doch als Spielarten der genannten, für uns bisher unbekannte anfehen. Eine bedeutende Menge hübfcher Nutz- und Ziergewächfe, waren auf dem Transporte theils zu Grunde gegangen, theils fo befchädigt angelangt dafs fie nicht ausftellbar waren und anderwärts, um fie noch zu retten, in Pflege genommen werden mufsten. Als fehr praktiſch, ungemein leicht und dauerhaft erwiefen fich noch ihre aus fchmalen Bambuslatten angefertigten Schattendecken, welche im Freien über Pfähle gefpannt, nach Umftänden eben fo gut als Dach wie als Wandfchirm verwendet werden konnten. Rofen Sortimente hatten die Herren Harms aus Wolfenbüttel, der pomologifche Verein zu Boscoop aus Holland, Bachraty und Wolfram aus der Wiener Umgebung im Freien ausgeftellt. So hübfche Sorten auch die Sortimente der drei letztgenannten Ausfteller enthielten, fo ftanden fie doch in jeder andern Hinficht jenem des erfteren weit nach. Namentlich traten bei den Wiener Ausftellern die fchon früher gerügten Mängel der hochftämmig gezogenen Rofen durch Verwendung allzu hoher Unterlagen bei der Veredlung recht augen 46 Dr. Eduard Fenzl. fällig hervor. Um wie viel gefunder, üppiger und reichblühender erwiefen fich nicht die von Harms ausgeftellten Rofenbäumchen gegen unfere bis zu zwei Dritttheilen ihrer Höhe nackten, fchwindfüchtigen Stämme! Nicht das Klima allein, wie hier immer behauptet wird, fondern die falfche Methode, nach der man fie hier zieht und behandelt, bedingt ihr gleich unvortheilhaftes Anfehen in der Jugend wie im vorgerückten Alter. Das auf acht Gruppen vertheilte Sortiment Harms' enthielt hoch- und niederftämmig veredelte Remontant, Bourbonund Theerofen, welche vom Sommer bis in den Spätherbft blühten und einen prachtvollen Anblick gewährten. Eine kleine, wenig bedeutende Gruppe von Yucca- und Agave Arten hatte der hiefige Handelsgärtner Leop. Stumpf; eine Partie blühender Zierpflanzen Herr Obergärtner Jan aufchek; 6 Stück Araucarien von anſehnlicher Gröfse Herr Gartendirector Pohle aus dem fürftl. Liechtenſtein'fchen Park zu Eisgrub und Herr Hirſch aus dem gräfl. Breuner'fchen Garten in Gravenegg ein grofses Exemplar der Mufa Enfete, dem Wind und Wetter hart zufetzten, drei fehr fchöne, über 6 Fufs hohe, reich blühende der Lasiandra Fontanesii und ein prachtvoll gezogenes mit Blüthentrauben beladenes von Desmodium penduliflorum ausgepflanzt. Einzelne Specialitäten hatten noch folgende Handelsgärtner ausgeftellt: aus Palanza in Oberitalien die Brüder Rovelli, 3 ausnehmend fchöne pyramidenartig gezogene Camellienbäume von bedeutender Höhe; Herr Thiel aus Vöslau 4 Stücke alter, überreich blühender Bäume der Erythrina laurifolia, Herr Peter Smith& Comp. aus Hamburg eine Partie gefüllter und einfacher Pelargonien, fowie ein Sortiment von Stockrofen( Althea rofea); Devoty's Witwe ein ausnehmend reiches Sortiment fchöner Georginen, Eugen Verdier aus Paris ein mit Recht viel bewundertes, farbenreiches von Gladiolen, und Herr Toscano ein Beet von Viola cornuta mit fehr grofsen Blüthen. Auf dem fich anfchliefsenden Mozartplatze befand fich ein von Herrn Wagner ausgeftelltes grofses, aber unzweckmäfsig eingerichtetes Palmenhaus aus Eifenconftruction, welches mit fehr anfehnlichen Palmen aus dem k. k. Hofgarten in Schönbrunn und den Gewächshäufern des Herrn R. Abel angefüllt war und zugleich zur Aufnahme von aus den temporären Ausftellungen zurückgeftellten Pflanzen verwendet wurde Auf demfelben Platze befand fich auch der mit enormen Koften aus dem Innern von Brafilien hieher gefchaffte 34 Meter hohe Stamm einer Araucaria brasiliensis, umgeben von mehreren lebenden kleineren Exemplaren. Derfelbe langte in 20, genau aufeinander paffenden Stücken zerlegt, an, welche man durch eiferne Reifen aufeinander fügte und die oberften mittelft im Boden verankerten Drahtfeilen befeftigte. Das unterfte diefer Stücke befafs einen Durchmeffer von nahe 1'41 Meter. Diefer Baumriefe, an deffen Gipfel man die letzten Zweige ftehen liefs und mit den kindskopfgrofsen Zapfenfrüchten behängte, bildete einen der intereffanteften und bewundertften Gegenftände feiner Art. Entfernter von den beiden Plätzen, am oberften Rande der Böfchung des bereits erwähnten Donauarmes befindlich, hatte noch Herr Flatz eine 500 Nummern ſtarke Sammlung von Nutz- und Ziergräfern ausgepflanzt, welche dafelbft vorzüglich gediehen, deren richtige Beftimmung indeffen viel zu wünfchen übrig liefs. An derfelben Stelle, nur tiefer und dem Wafferfpiegel näher gelegen, befanden fich, leider zu ihrem Verderben, die Anlagen von Baumfchulen, formirter Bäume, veredelter Zierfträucher und Rebenforten, nebft der bereits befprochenen Collection der griechifchen Landes- Baumfchule zu Athen. Als erftes Object traf man hier eine grofse Mufteranlage für eine Gemeinde- Baumfchule von dem Director der Obft und Weinbau- Schule zu Klofter Der Gartenbau. 47 neuburg, Freiherrn v. Babo, welche fehr anerkennend beurtheilt wurde; diefer zunächft eine fehr bedeutende derartige Anlage veredelter Obftbäume und Sträucher des hiefigen Baumfchulen Befitzers Rofenthal, welche fich durch Mannigfaltigkeit der Sorten und correcte Behandlung der einzelnen Stämme vortheilhaft auszeichnete. In ihrer Nähe befanden fich die kleineren Collectionen verfchiedener Waldgehölze und hochftämmiger Stachel- und Johannisbeeren- Sträucher aus der Ackerbau- Schule zu Schönberg in Mähren; die fehr gelungenen einjährigen Veredlungen derfelben Beerenfrucht- Arten auf Hochftämmen von Herrn D. Pohl aus Blanda in Mähren; endlich die ein- und zweijährigen Veredlungen von Kirfchen, Pflaumen und Pfirfichen des Herrn Jellinek aus Czimelitz in Böhmen, welche, nach einer veralteten, von ihm aber als neu auspofaunten Methode ausgeführt, nichts weniger als befriedigten. Anerkennenswerthes leiftete in der Partie von Form- Obftbäumen der pomologifche Verein zu Booscoop in Holland; entfchieden Befferes, ja mitunter ganz Vorzügliches die Herren Baltet frères aus Troyes in Frankreich, welche aufserdem noch einige andere, für die Induſtrie wichtige Gehölze, wie Rhamnus utilis aus China ausgeftellt hatten. Entfchieden hinter beiden zurück ftanden die Form- Obftbäumchen des landwirthfchaftlichen Inftitutes zu Kefzthely in Ungarn und die des Herrn Dr. Lekifch aus Zam in Siebenbürgen. Ausnehmend fchön gezogene Obftbäume in Spalier-, Cordon-, Palmettenform etc. hatten die Herren Jürgens Schilhan und der gräflich Franz Zichy'fche Gärtner Richon, beide aus Ungarn, und Hengel junior in Wien geliefert. Es wäre fchwer, zu fagen, welcher von den Genannten Befferes geleiftet. Allgemein von Sachverständigen bewundert und als die Perle unter diefen Sortimenten erklärt wurden die Form- Obftbäume des Herrn Durand aus Paris. Als einen befonderen Vorzug derfelben rühmte man die grofse fyftematifch durchgeführte Gleichförmigkeit in der Wahl der fruchttragenden Aefte und Zweige bei jeder Fruchtart und bei jeder Form, die Eleganz der letzteren, fowie die befondere Stärke der ausgeftellten Exemplare. Es erübrigt am Schluffe diefer Aufzählung von Ausftellern von Formenbäumen noch zweier, der Natur der Objecte nach unter fich ganz verfchiedenen Sammlungen zu gedenken, welche unbedingt zu den vorzüglichften diefer Art zählten jener der fürftlich Schwarzenberg' fchen Domänendirection und des Herrn Amblard in Lorry devant le Pont aus Elfafs. - - Erftere, einen integrirenden Theil der den fchönen landwirthfchaftlichen Ausstellungspavillon des Fürften umgebenden Gartenanlagen bildend, enthielt aufser einer reizenden Partie von Laubhölzern und Coniferen letztere repräfentirt in allen Entwicklungsftadien vom keimenden Sämling bis zum zehnjährigen Bäumchen eine Collection von 205 Aepfel, 95 Birnen-, 24 Pflaumen-, 4 Kirfchen-, 8 Pfirfich, 2 Apricofen-, I Wallnufs-, 2 Stachelbeeren- und 5 Johannisbeeren- Sorten, von welch' erfteren viele theils hochftämmig, theils fpalierartig oder in Cordonform gezogen waren und, im Spätherbfte voller Früchte hangend, einen wundervollen Anblick gewährten. Schnitt und Cultur erwiefen fich untadelhaft und diefen entſprechend auch deren Erträgnifs. Die zweite mit den obengenannten Sammlungen von Form- Obftbäumen an derfelben Stelle ausgepflanzte und ihr Schickfal felbftverſtändlich theilende Collection Amblard's galt allein dem Weinreben- Baue in Elfafs Lothringen. Sie repräfentirte alle dafelbft im Grofsen cultivirten Sorten, demonftrirte zugleich die dort üblichen Culturmethoden und enthielt beigegeben für die Wein- berg- Befitzer im mittleren Europa noch ein ungemein wichtiges Verzeichnifs aller jener Rebenforten, welche in Folge jahrelang von ihm fortgefetzter Verfuche allein fich zur Gewinnung eines guten Weines in diefer Zone eignen, und folcher, welche, nur in füdlicheren Gegenden ein werthvolles Product diefer Art liefernd, in Mitteleuropa vom Anbaue im Grofsen auszufchliefsen find. 4 48 Dr. Eduard Fenzl. Der Gartenbau. Am Schluffe unferes fpeciellen Berichtes über die Ergebniffe der fünf temporären und der permanenten Ausftellung nunmehr angelangt, fei es mir geftattet, mein Urtheil über den Werth der Gefammtleiftung diefer Ausftellung in Kürze abzugeben. Verglichen mit dem, was in landwirthschaftlicher Beziehung vom In- und Auslande gleichzeitig geleiftet wurde und was die letzte Parifer Ausftellung in horticoler Beziehung geleiftet hatte, kann fie im Grofsen und Ganzen keineswegs auf das Prädicat einer ausgezeichneten Anfpruch machen; beiden ftand fie nach in der Zahl der Ausfteller, Menge und Mannigfaltigkeit der Gegenftände, fowie der Grofsartigkeit ihrer äufseren Erfcheinung. Dagegen überbot fie letztere entfchieden an Lieblichkeit und Annehmlichkeit für das im Freien fich bewegende Publicum durch eine ebenfo zweckmäfsige als gefchmackvolle Umftaltung des Vordergrundes wie der geräumigen Lichthöfe des Induftriepalaftes in eine parkähnliche Gartenanlage. Fafst man die drei Haupt- Culturzweige des Gartenbaues und ihre Vertre tung ins Auge, fo, mufs man fagen, dafs nur von Belgien aus die Ziergärtnerei in eminenter Weife, jedoch nur temporär, vertreten war und die Gefammtlaft während der ganzen Dauer der Ausftellung in diefem Zweige nahezu allein von den in und um Wien befindlichen Gärten getragen werden mufste, nachdem fich die grofsen böhmifchen Privatgärten demonftrativ ferne gehalten hatten, dafs aber die erfteren fich diefer fchweren Aufgabe auf das ruhmvollfte entledigten. Es mufs dabei ferner betont werden, dafs felbe in der Behandlung der Culturen der Gewächfe in keiner Weife dem Auslande nachftanden. Dasfelbe läfst fich auch von der Qualität der hier erzeugten Gemüſe fagen: Ueberflügelt wurde in diefem Zweige an Reichhaltigkeit der Sortimente das Inland nur durch die über jedes Lob erhabene Thätigkeit der deutf hen Gartenbau- Gefellſchaften und Vereine. Wahrhaft international vertreten erfchien nur der Obftbau. Eine fchönere und intereffantere Ausftellung von Obftforten dürfte wohl noch nie gefehen worden fein. Dafs Oefterreich auch hierin die Concurrenz mit Deutſchland nicht zu fcheuen hatte, läfst uns hoffen, dafs auch diefer Zweig des Land- und Gartenbaues fich mit der Zeit noch immer mehr bei uns heben werde, obgleich es noch lange währen dürfte, bis derfelbe jene Höhe erreicht, auf der derfelbe in Belgien und Frankreich fteht. Schliefslich mufs ich noch der zur Zeit der dritten und fünften temporären Ausftellungen tagenden Congreffe der deutfchen Gärtner und Gartenfreunde, fowie des pomologifch- önologifchen der Landwirthe als einfacher Thatfachen erwähnen, ohne mich weiter mit den Gegenftänden zu befchäftigen, welche dabei zur Verhandlung und Schlufsfaffung kamen. Als mit der Weltausftellung nicht in directem Zufammenhange ftehend, können fie nicht Gegenftände der mir gewordenen Aufgabe fein. Nähere nach den ftenographifchen Aufzeichnungen verfafste Berichte hierüber möge man nachfehen, und zwar über den vierten Congrefs deutfcher Gärtner und Gartenfreunde in dem Organe der k. k. Wiener Gartenbau- Gefellſchaft:" Der Gartenfreund", Jahrgang VI, Hefte Nr. 8 und 9( 1873); über den pomologifchen Congrefs: die Verhandlungen über denfelben von Dr. Eduard Lucas, Ravensburg 1874( Separatabdruck aus deffen„ Illuftrirten Monatheften für Obft- und Weinbau"). TMW- Bibliothek 0020917 5 AAAAAA