OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE ZÜNDWAAREN UND EXPLOSIVSTOFFE. ( Gruppe III, Section 5.) BERICHT von DR. WILHELM FRIEDRICH GINTL, ordentlicher öffentlicher Profeffor der Chemie am deutfchen polytechnifchen Landesinftitute in Prag, Mitglied des k. b. Landes- Sanitätsrathes etc. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. 20 19 DIE ZÜNDWAAREN UND EXPLOSIVSTOFFE. ( Gruppe III, Section 5.) Bericht von DR. WILHELM FRIEDRICH GINTL, ordentlicher öffentlicher Profeffor der Chemie am deutfchen polytechnifchen Landesinftitute zu Prag, Mitglied des k. b. Landes- Sanitätsrathes etc. Die Section Zündwaaren" umfafst dem Wefen wie dem Zwecke nach fehr verfchiedene Producte der Induftrie. Zunächst zählen hierzu die, für eine den Anforderungen der Bequemlichkeit entfprechende Erzeugung, flammenden oder glimmenden Feuers beftimmten, eigentlichen Zündrequifiten, als Zündhölzchen, Zündkerzchen und Zigarrenzünder aller Art. Anfchliefsend an diefe und dem Zwecke nach ihnen naheftehend folgen die Lunten, welche die dauernde Erhaltung des einmal erzeugten Feuers bezwecken. Dem Wefen und Zwecke nach völlig verfchieden find jene Erzeugniffe der Induftrie, deren Werth durch ihre Explodirbarkeit bedingt ift, d. h. Exploſivftoffe im Allgemeinen. Es gehören hierher alle Schiefs- und Sprengftoffe, wie Schwarzpulver und Schwarzpulver- Surrogate, Schiefswolle, Dynamit und andere NitroglycerinPräparate, fowie die der Zündung folcher Stoffe dienenden Knallpräparate, dann die Zündhütchen, und wenn auch nicht immer mit dem Charakter der Explofibilität ausgeftattet, die„ Zündfchnüre", denen fich endlich die der Luxus- und Signalfeuerwerkerei dienenden Feuerwerks- Körper anfchliefsen. Die Zündrequifiten. Zündhölzchen. Seit den erften Verfuchen, Phosphormaffe für Zündhölzchen zu verwenden, welche im Jahre 1816 Derosne in Paris angeftellt hatte, und den praktiſchen Belegen für die Tauglichkeit des Phosphors zu folchem Zwecke, welche Cagniard de la Tour durch die von ihm gebrauchten Phosphorfeuerzeuge geliefert hatte, waren mehr als 15 Jahre verfloffen, ehe fich die Praxis an die Winke I 2 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. kehrte, die ihr von der Wiffenfchaft geworden waren. Nachdem man fich feit 1815, in welchem Jahre zuerft die von Chancel in Paris( 1805) erfundenen Tunk- Feuerzeuge von Berlin aus eingeführt wurden, mit dem Gebrauche diefer etwas complicirten Feuerzeuge gequält hatte, traten im Jahre 1832, kurz darauf, als Trevany in Wien feine mit einer Zündmaffe aus chlorfaurem Kalium, Schwefelantimon und einem Bindemittel verfehenen Reib- Zündhölzchen erfunden hatte, die erften Phosphor- Zündhölzchen auf. Wem das Verdienft zukommt, die Derosne'fche Idee, den leicht entzündlichen Phosphor als Zündmittel zu verwenden, in die Praxis eingeführt zu haben, darüber ift nichts Beftimmtes bekannt und nur foviel ift gewifs, dafs ReibZündhölzchen mit Phosphor- Zündmaffe nahezu gleichzeitig in verfchiedenen Ländern auftauchten. Die erften derartigen Reib Zündhölzchen, welche in den Handel kamen, dürften wenigftens auf dem Continente jene gewefen fein, welche( 1832) J. L. Kammerer in Ludwigsluft fabricirte, während man in England faft zur gleichen Zeit den Befitz eines ähnlichen Productes John Walker verdanken zu müffen glaubte. Im Jahre 1833 ftellte auch Dr. Moldenhauer in Darmftadt dergleichen Zündhölzchen her und ein Jahr ſpäter befafsten fich in Wien bereits drei Zündhölzchen- Fabrikanten( St. Römer, L. Prefchel und Sigel) mit der Erzeugung von Phosphor- Zündhölzchen, während fich in Paris Madame Merkel um die Einführung der neuen Errungenfchaft bemühte. Diefe Erftlings- Phosphorhölzchen hatten indefs noch wefentliche Mängel. Der hohe Phosphorgehalt ihrer Zündmaffe im Vereine mit der zur Unterftützung des Verbrennungsproceffes gegebenen Zuthat an chlorfaurem Kalium bedingten neben der allerdings zum Theile beabfichtigten leichten Entzündlichkeit derfelben auch einige Gefährlichkeit diefer neuen Feuerzeuge. Diefe durch vorgekommene Explofionen, bei unachtfamem Gebaren in der Fabrication der Zündmaffe, fowie durch bekannt gewordene Fälle von fchweren Verletzungen in Folge zufälligen Abfpringens der Zündmaffe beim Gebrauche folcher Zündhölzchen mehrfach dargethane Gefährlichkeit derfelben, war es auch, welche der allgemeineren Verbreitung derfelben wefentlich abträglich war und es gab fogar Länder, deren Regierungen in zarter Fürforge für das Wohl der Unterthanen die Erzeugung und den Verkauf diefer Zündhölzchen geradezu verpönten. So wäre wohl der neuen Induftrie gar bald der Lebensfaden abgefchnitten worden, wenn nicht im Jahre 1837 der Wiener Zündhölzchen- Fabricant L. Prefchel, in Verfolgung des bereits zwei Jahre vorher durch Trevany angebahnten Fortfchrittes, im Erfatze des chlorfauren Kaliums der Zündmaffe durch Blei- Superoxyd und später( 1840) durch ein weniger koftfpieliges Gemenge diefes mit falpeterfaurem Blei, das Mittel gefunden hätte, die Zündmaffe weniger leicht entzündlich und exploſiv, mithin aber auch minder gefährlich zu machen. Damit war der von nun an rafch emporblühenden Zündhölzchen Induftrie der Weg geebnet und die nunmehr noch von Böttger, Wagner und Anderen gebrachten Vorfchläge, das chlorfaure Kalium durch billigere Oxydationsmittel, wie Salpeter, Braunftein oder Kaliumbichromat, Barytnitrat u. f. w. zu erfetzen, konnten, foweit fie überhaupt brauchbar waren, nur den Werth haben, dafs fie gleich dem von Dr. Moldenhauer( 1839) zuerft verfuchten Erfatze des koftfpieligen arabifchen Gummi als Bindemittel für die Beftandtheile der Zündmaffe, durch Leim, dem Prefchel( 1843) mit Erfolg das Dextringummi fubftituirte, auch ein billigeres Product zu liefern und den Preis desfelben, der fich um die Mitte der Dreifsiger Jahre noch auf 4 bis 5 Kreuzer Conventionsmünze per Schachtel( 50 bis 60 Stück) belief, um etwa 25 Percent zu reduciren geftatteten. Aber es gab noch manche Schwierigkeit zu überwinden. Bei der Höhe des Phosphorgehaltes der Zündmaffen, die 30 bis 50 Percent betrug, war der leicht oxydirbare Phosphor vor einer, wenn auch nur allmälig fortfchreitenden Oxydation nicht genügend gefchützt. In Folge derfelben ftellten fich zwei wefentliche Uebel Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 3 ftände ein. Die Zündhölzchen verbreiteten während der Aufbewahrung unangenehm riechende und überdiefs nicht unfchädliche Dämpfe, und was der Transportfähigkeit derfelben wefentlich abträglich war: fie neigten durch allmälige Bildung von hygrofkopifchen Oxydationsproducten des Phosphors zum Feuchtwerden und wurden unbrauchbar. Diefen letzteren Uebelftand behob Dr. Moldenhauer, indem er, dem fchon 1809 von Derepas gegebenen Beiſpiele folgend, zunächft einen Zufatz von gebrannter Magneſia( die er ſpäter durch die billigere Kreide erfetzte) zur Zündmaffe machte, während Prefchel zum gleichen Zwecke, fowie zur Milderung des üblen Geruches fchon im Jahre 1840 die Köpfchen feiner Zündhölzer mit einem Harzfirniffe überzog, eine Praxis, die fpäter durch Pollak in Wien( 1846) verbeffert, fich bis heute erhalten hat. Hatte man fo erft Sicherheit in der Erzeugung haltbarer und verlässlicher Phosphor- Zündwaaren gewonnen, fo fing man bald auch an, dem Luxus Rechnung zu tragen. Zuerft erfetzte man den als Ueberträger der Zündung von der rafch abbrennenden Zündmaffe auf das Holz, urfprünglich allein angewandten Schwefel durch geruchlos verbrennende Körper, wie Fichtenharz, Wachs, Stearin oder wie R. M. Lechtford im Jahre 1862 empfahl, durch Paraffin. Später folgten allerhand Künfte, um das Auge zu befriedigen. So lehrte 1854 St. Krakowitzer in Pottenftein ( Oefterreich) das Metallifiren der Zündholz- Köpfchen durch Herftellung eines Ueberzuges von Schwefelblei auf der Oberfläche der Köpfchen und gab hiefür eine Vorfchrift, die heute noch ziemlich allgemein zur Erzeugung der„ Zündhölzchen mit Metallköpfchen" in Verwendung fteht und die durch eine 1867 von Schindler zum gleichen Zwecke vorgefchlagene Methode nur eine zweifelhafte Verbefferung erfuhr. Die Farben der Zündholz- Köpfchen geftalteten fich immer bunter und durch Application farbiger Lacke auf metallifirte Köpfchen brachte endlich Pojatzi( Landsberg, Steiermark) feine in allen Farbnuancen mit metallifchem Reflexe fchimmernden Phantafie- Pracht- Salonhölzchen"( Zündhölzer mit Brillantköpfchen) zu Stande, die der raffinirte Gefchmack zum Ueberfluffe noch mit wohlriechenden Zuthaten auszuftatten gewufst hat. Endlich begann man auch damit, die Hölzer durch dünne Kerzchen zu erfetzen, die man der Art herftellte, dafs man Strähnchen aus Baumwoll- Faden mit einem gefchmolzenen Gemenge von Stearin und Wachs, das fpäter auch dem billigeren Paraffin weichen musste, imprägnirte und nach der Abkühlung behufs des Formens und Glättens durch ein warmes Zieheifen hindurchzog. " Allein trotz aller Verbefferungen, welche die Phosphor- Zündhölzchen im Laufe der Zeit erfuhren, hatten fie fich von einem Vorwurfe nicht frei gemacht, der, wenn auch nicht von dem gefammten, fo doch von dem bedächtigeren Theile des Publicums, und zwar nicht mit Unrecht erhoben wurde. Es ift diefs der Vorwurf der Giftigkeit des Phosphors, die fowohl in Hinficht auf die Nachtheile, welche fie für die in den Zündhölzchen- Fabriken befchäftigten Arbeiter mit fich bringt, als auch im Hinblicke auf die Möglichkeit einer zufälligen oder abfichtlichen Vergiftung oder gefährlichen Verwundung beim Gebrauche derfelben, in Betracht kommen mufste. Derlei humanitäre Rückfichten, unterſtützt von dem nicht unbegründeten Bedenken gegen die mit der immerhin noch leichten Entzündlichkeit verbundene Feuersgefahr, welche folche Feuerzeuge in der Hand Unberufener bilden konnten, hatten fchon frühzeitig den Impuls zu Beftrebungen gegeben, die fich das Ziel fteckten, den Phosphorgehalt der Zündmaffen durch nicht giftige oder doch weniger fchädliche Subftanzen zu erfetzen und ihre Feuergefährlichkeit durch Erfchwerung der Entzündbarkeit zu verringern. Zunächft war es Böttger, der fchon im Jahre 1848, kurz nachdem in Schrötter's Laboratorium die nicht giftige und fchwer entzündliche rothe Modification des Phosphors entdeckt worden war, mit der Erfindung der fogenannten Sicherheits- Zündhölzchen( auch Gefundheits- oder Antiphosphor- Hölzchen) hervortrat, 4 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. deren fabriksmäfsige Erzeugung wenige Jahre später( 1858) von Fürth* in Schüttenhofen( Böhmen), dann auch von Coignet in Paris, Villiers und Dalemagne in Paris, fowie fpäter von Landftröm zu Jönköping aufgenommen wurde. Diefe neuen Zündhölzchen, um deren Herftellung fich auch( 1856) Canouil, deffen Recept fpäter durch Voudeaux und Paignon verbeffert wurde, bemüht hat, charakterifirten fich dadurch, dafs fie phosphorfreie Zündmaffen befafsen, welche durch Friction nur an einer beftimmten, mit einer rothen Phosphor enthaltenden Maffe präparirten Reibfläche zur Entzündung gebracht werden konnten und hiemit den Vortheil geringerer Feuergefährlichkeit neben jenem der Unfchädlichkeit boten. Nachdem diefe gut gemeinte Neuerung beim Publicum, das in der Befchränkung auf eine beftimmte Reibfläche eine Unbequemlichkeit erblickte, keinen Anklang zu finden vermochte und auch die 1857 von Lutz und Hochftetter eingeführten, des Phosphors gänzlich entbehrenden Zündhölzchen, welche keiner befonders präparirten Reibfläche zur Zündung bedurften, als etwas fchwer entzündlich, fich die Gunft des Publicums nicht zu erwerben vermochten, verfuchte fich noch Camaille, dann in fehr eingehender Weife Wiederhold( 1861), C. Liebig und Andere, fowohl in der Einführung des rothen Phosphors an Stelle des gewöhnlichen, wie auch in der Herftellung völlig phosphorfreier Zündmaffen, ohne dafs es indefs auch ihrem Bemühen gelungen wäre, die gewöhnlichen Phosphorhölzchen zu verdrängen oder ihnen überhaupt nur eine wirkfame Concurrenz zu machen. Erft zu Ende der fechziger Jahre fchwang fich die Erzeugung von Sicherheits- Zündhölzchen, in Frankreich namentlich durch Coignet& Comp., der feine Bemühungen, phosphorfreie Zündmaffen einzuführen, eifrig fortgefetzt hatte, gepflegt und die energifche Propaganda die in der franzöfifchen Armee hiefür gemacht wurde,** unterſtützt, zu einer eigentlichen Induftrie empor, in welche auch Poncelet in Havre, dann die Firma Forfter und Wawra in Wien, welche Zündmaffen mit amorphem Phosphor nach eigenem Patente fabricirte, weiters L. Achleitner in Salzburg und endlich unter anderen fchwedifchen Fabrikanten F. Körner in Gothenburg, der das John Bagge'fche Patent zu verwerthen fich bemühte, mit mehr oder weniger Glück eingetreten waren. Hatte die Chemie fo redlich das Ihrige gethan zur Feftigung und zum Aufblühen der Zündhölzchen- Induftrie, fo war auch die Mechanik nicht zurückgeblieben. Während man fich anfänglich damit begnügen konnte, die Herftellung der Hölzchen durch Spalten von mit Sägen zugefchnittenen Holzfcheiben, lediglich aus freier Hand beforgen zu laffen und mit der plumpen, unregelmässigen Form diefer unter dem Namen„ Bauernhölzer" noch heute bekannten Erzeugniffe der Hausinduftrie vorlieb nahm, führte der wachfende Bedarf, dem die primitive Handarbeit mit Säge und Meffer nicht mehr zu genügen vermochte, bald zur Benützung mechanifcher Hilfsmittel, deren erftes im Jahre 1822 von dem Wiener Cabinetsdiener H. Weilhöfer in Geftalt eines für die Herftellung runden Holzdrahtes béftimmten Röhrchenhobels erfunden worden war. Diefem, in der Fabrication von Holzdraht noch heute eine Rolle spielenden Handhobel, der namentlich von Stefan Römer, wiewohl in etwas veränderter Form in die Praxis eingeführt war, folgte bald eine von Anton in Darmstadt erfundene Hölzchen- Spaltmafchine, welche viereckige Hölzchen lieferte und 1838 von demfelben Erfinder auch ein dem Römer'fchen fehr ähnlicher Handhobel zur Erzeugung runder Hölzchen. * Fürth mufste indefs die Fabrication diefer Zündhölzcher. bald wieder aufgeben, da das Publicum fich nicht daran gewöhnen wollte, die neue Waare zu kaufen. ** Es wurden über Anordnung des Kriegsminifteriums den Mannfchaften folche phosphorfreie Zündhölzchen gegen einen fehr mäfsigen Soldabzug von der Militär- Oekonomie- Behörde geliefert. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. Nachdem auch verfchiedene Syfteme von Hobel- und Spaltmafchinen [ Pelletier, Cochot( 1830), Jennat( 1840), Neukranz( 1845)] aufgetaucht waren, conftruirte abermals Anton eine fehr finnreiche Schneidemafchine, die fich bald in vielen Fabriken Eingang verfchaffte und ihr reihten fich in rafcher Folge die Mafchinen von Krutz( 1848), und Andrée( 1851) an, denen fich endlich die auf immer gröfsere Maffenproduction berechneten Hobelmafchinen von Wrana in Wien ( 1862), Möllinger und Wagner in Afchbach, Hirſch in Prag( 1866), dann die Schneidemafchine von Long( 1867) anfchloffen. Aber man begnügte fich nicht allein damit, bei der Erzeugung der Hölzchen die Handarbeit durch die Einführung von Mafchinen zu erfetzen, fondern war auch bemüht, den übrigen Arbeiten der Zündhölzchen- Fabrication durch Mafchinen zu Hilfe zu kommen. So hatte fchon im Jahre 1840 Anton durch Einführung der noch heute gebräuchlichen Tunkrahmen das zeitraubende und ein unfchönes Product liefernde Tunken( Maffiren) in Bündeln befeitiget. Der Gebrauch diefer Tunkrahmen, die ein Einlegen der zu maffirenden Hölzchen und das Ausnehmen des fertigen Productes erheifchten, führte, um auch hier die Handarbeit entbehrlich zu machen. zur Conftruction der Steck- und Legemaſchinen, unter denen jene von Gödel und Sebold den meiften Anklang gefunden haben und ihnen folgten Mafchinen zum Gleichmachen der einzulegenden, und Mafchinen. zum Auslegen der fertigen Hölzchen, denen fich endlich eine von Higgins erfonnene, felbftthätige Vorrichtung zum Tunken der Zündhölzchen anfchlofs, die nicht fo fehr einen techniſchen, als vielmehr einen hygienifchen Vortheil darbietet, indem ihre Anwendung es dem Arbeiter möglich macht, fich den fchädlichen Einflüffen der Phosphordämpfe, denen er namentlich beim Tunken ausgefetzt ift, zu entziehen. Hand in Hand mit den Fortfchritten und dem Auffchwunge der Zündhölzchen- Fabrication ging auch die Verbefferung in der Art der Emballirung und Packetirung der fertigen Waare. Hatte man fie urfprünglich in Schachteln zu Markte gebracht, fo wichen diefe in Folge des immer mehr zunehmenden Confums bald den billigeren und leichter herftellbaren, geleimten Papierkapfeln mit Deckel, die zuerft in Oefterreich auftauchten und heute noch für ordinäre Zündchölzchen- Sorten im Gebrauche find. Für Luxushölzchen hatte man die Schachtel als Emballage beibehalten, erfetzte aber bald die ältere Schieberfchachtel durch die cylindrifche, mit zwei Reibflächen und Etiquette verfehene Cartonbüchfe, die unter dem Namen der Wiener Salonbüchfe" noch heute eine beliebte Packirungsform ift. Neben Papierund Pappe- Emballagen bürgerten fich allmälig auch folche aus Holzfpan, mit und ohne Papierverkleidung ein, und wurden Schieberfchachteln aus Holzfpan, namentlich von fchwedifchen Fabricanten für die Emballage ihrer Sicherheitshölzchen gewählt. " Der Maffenverbrauch hat felbftverftändlich auch hier die Idee der Heranziehung mechanifcher Hilfsmittel für die Herftellung der Cartonagen und Spanfchachteln nahegelegt und die Span- Hobelmafchinen, Biege- und Stanzmafchinen, die man in gröfseren Zündhölzchen- Fabriken arbeiten fieht, geben Zeugnifs von der erfolgreichen Realifirung diefer Idee. Nach folchem rafch verlaufenen Entwicklungsgange war das der Zuftand, in welchem uns im Jahre 1867 die Zündhölzchen- Induftrie auf der Ausftellung zu Paris entgegentrat. Sie war damals in faft allen civilifirten Ländern, wo irgend die Bedingungen für ihr Gedeihen fich fanden, eingebürgert, befonders aber ftand fie in Oefterreich, wo fie von ihrem erften Aufkeimen an forgfältig gepflegt und gehegt worden war, in ihrer vollften Blüthe. Seither wurde mancher Fortfchritt gethan oder doch zu thun verfucht. Zunächft war es die Frage der phosphorfreien Zündhölzchen, auf deren Gebiete fich, angeregt durch die Erfolge, welche die immer maffenhafter expor 6 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. tirten fchwedifchen Sicherheits- Zündhölzchen auf dem Weltmarkte errangen, eine rege Thätigkeit entfaltete. Vor Allem fuchte man wie begreiflich das fchwedifche Product zu imitiren, zu welchem Zwecke ein von H. Wagner in Pfungstadt( 1867) gegebenes Recept, mit Vortheil dienen konnte, dann folgten die Bemühungen, durch die Erzeugung phosphorfreier Zündhölzchen, die auf jeder Reibfläche fich entzünden liefsen, die fchwedifche Concurrenz zu überbieten. Hieher gehören die, auch vom humanitären Standpunkte wohl zu würdigenden Bemühungen von Forfter und Wawra in Wien, die ihre giftfreien Zündhölzchen fchon in Paris zur Ausftellung gebracht hatten; dann jene G. Kalliwoda's in Ortenberg( Baden), der im Jahre 1869 das Wiederhold'fche Princip der Herftellung einer giftfreien Zündmaffe mittelft unterfchwefligfaurem Blei und chlorfaurem Kalium zur fabriksmäfsigen Erzeugung von Zündhölzchen ohne Phosphor verwandte und ein Product lieferte, das in Hinficht auf Brauchbarkeit wie auf Billigkeit dem gewöhnlichen Phosphor- Zündhölzchen kaum nachftand. Ein ähnliches Erzeugnifs verfuchten auch Kleeberg und Rockftroh in Jöhftadt( Sachfen) in Verkehr zu bringen. In höchft origineller, wiewohl leider nicht gleich brauchbarer Weife fuchte H. Fleck in Dresden( 1868) das Problem der Herftellung eines giftfreien und ungefährlichen, dabei aber doch verlässlichen und bequemen Zündmittels zu löfen, indem er die Eigenfchaft des Natriums, beim Zufammentreffen mit Waffer( Feuchtigkeit) zu zünden, zu diefem Zwecke zu benützen fuchte. Seine auf diefem Wege conftruirten Feuerzeuge, die man etwa blofs zu öffnen brauchte, um Feuer zu bekommen, feine Amorces, die mit einer feuchten Nadel angeftochen zündeten, und feine durch Zerren zur Entflammung zu bringenden Zündftreifen blieben indefs nur fchöne Gedanken ohne praktiſchen Werth. Eine gröfsere praktiſche Bedeutung haben die Beftrebungen gewonnen, die älteren, phosphorreichen Zündmaffen durch phosphorärmere zu erfetzen und fo nicht nur ein billigeres, fondern namentlich ein weniger gefundheitsfchädliches Product zu erzielen, ohne jedoch die Brauchbarkeit desfelben zu fchädigen. Während bis vor Kurzem Zündmaffen mit einem Phosphorgehalte von 10, 15 bis 17 Percent ganz allgemein waren, mehrfach fogar folche mit 30 bis 40 Percent Phosphor fabricirt wurden, hat man fich allmälig an die Herftellung von Zündmaffen mit 5 bis 7 Percent Phosphor gewöhnt und es ift zu erwarten, dafs dergleichen Zündmaffen, welchen in neuerer Zeit namentlich von W. Jettel mit Recht das Wort geredet wird, fich auch über die Grenzen Oefterreichs hinaus, wo man zuerft den Vortheil derfelben erkannt und ausgenützt hat, allgemeineren Eingang verfchaffen und die immer noch vorkommenden phosphorreichen Zündmaffen( Deutfchland, Frankreich, England) endlich zur Gänze verdrängen werden. Hoffentlich werden der Verallgemeinerung diefes Fortfchrittes die Umtriebe gewiffer Receptmakler nicht hinderlich fein, die, wie in neuefter Zeit( 1871) der Franzofe Efcach, unter dem Prätexte der Unexplodirbarkeit und Anrühmung fonftiger Vorzüge, immer wieder phosphorreiche Zündmaffen empfehlen. Aber auch in anderer Hinficht hat man Verbefferungen einzuführen gefucht. So hat H. Howfe in London( 1869) den Vorfchlag gemacht, der Feuergefährlichkeit, welche der Gebrauch der Zündhölzchen infoferne mit fich bringt. als abgebrannte Zündhölzchen, welche weggeworfen werden, in Folge des Fortglimmens der Holzrefte Veranlaffung zum Ausbruche von Bränden geben können, dadurch zu begegnen, dafs man die Hölzchen mit Subftanzen( Alaun, Bitterfalz und dergl.) imprägnirt, welche das Fortglimmen des Holzes nach dem Erlöfchen der Flamme hindern, ein Vorfchlag, der in gewiffer Beziehung fehr beachtenswerth und auch bereits in die Praxis übergegangen ift. Endlich haben die letzten Jahre auch Verbefferungen der zur Holzbearbeitung dienenden( W. Jettel 1869), dann der Ein- und Auslegemaſchinen gebracht und als ein im Intereffe des Wohles der Arbeiter gelegener Fortfchritt rung Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 7 ift es zu begrüfsen, dass Higgin's automatifche Tunkmafchine, mit deren Einfühdie bekannte Zündhölzchen- Fabrik von Bell& Black in Stratford ein nachahmungswerthes Beiſpiel gegeben hatte, nunmehr auch in anderen ZündhölzchenFabriken Eingang gefunden hat. Neben folchen Verbefferungen, die das Product und deffen Erzeugungsweife betrafen, entwickelte die Zündhölzchen- Induftrie, dem Geifte der Zeit entfprechend, auch einen gewiffen Luxus in der Ausftattung der Cartonagen und Tafchenetuis, namentlich jener, in welchen die immer mehr in Aufnahme kommenden Zündkerzchen( Vestas, fälfchlich auch Wachs- Zündhölzchen) zum Verkaufe gebracht werden. Solcher moderner Ausftattungsweife, der namentlich die fo fehr vervollkommnete Chromotypie befonders zu Statten kommt, liegt, wenngleich fie unbeftritten Nettes und Praktifches liefert, theilweife die Tendenz zu Grunde, die gelieferte Zündwaare in der befferen Schale auch beffer zu verwerthen, als diefs in einer weniger anfprechenden, ordinären Emballage möglich wäre, wobei das Raffinement foweit geht, den Käufer durch ein draftifches Bildchen oder ein intereffantes Portrait, das auf dem Etuis prangt, zu der höheren Auslage zu verlocken oder momentan für diefe zu entfchädigen. So fanden wir denn auch in der Phyfiognomie, mit welcher uns die Zündhölzcheninduftrie auf der Ausftellung 1873 entgegentrat, nur einzelne veränderte Züge. Die wefentlichften Merkmale, welche den heutigen Stand der Zündhölzchen- Induftrie gegenüber jenem im Jahre 1867 charakterifiren, find einerfeits vermehrte und verallgemeinerte Production von Sicherheitszündhölzchen, andererfeits Entwicklung einer luxuriöferen Ausftattungsweife, fowohl des Productes felbft als auch der Emballage. Im Uebrigen ift auch eine entfchieden vermehrte Production von Zündkerzchen bemerkbar, welche fich einer immer mehr zunehmenden Beliebtheit erfreuen und den feineren Sorten von Zündhölzchen entfchiedene Concurrenz machen; wiewohl die Zündmaffen derfelben( zumal des franzöfifchen und italienifchen Fabricates) behufs der ficheren Uebertragung der Zündung auf das Kerzchen gewöhnlich etwas phosphorreich find und dem Gehalte an chlorsaurem Kalium die Untugend der Explodibilität verdanken. Endlich kann man mit Befriedigung erkennen, dafs die Verwendung von runden oder elliptifchen und canellirten( gerippten) Holzdrähten mehr und mehr jener von quadratifch prismatifchen Hölzchen Platz macht. Es ift diefs ein in volkswirthfchaftlicher Beziehung nicht zu unterfchätzender Umfchwung, deffen Tragweite man begreift, wenn man bedenkt, dafs bei der Herftellung von glatten, runden oder elliptifchen Hölzchen fich ein Holzabfall von mindeſtens 30 Percent ( bei gerippten fogar noch mehr) ergibt, welcher als Brennmateriale nur geringen Werth hat. Da eine einzige Zündhölzchen- Fabrik von mittlerer Productionsgröfse 50- bis 60.000 Cubikfufs Holz jährlich verbraucht, fo gibt diefs einen Holzabfall von 18.000 Cubikfufs per Jahr und mithin beispielsweife für Oefterreich, deffen jährlicher Holzverbrauch für die Zwecke der Zündhölzchen- Fabrication man auf circa drei Millionen Cubikfufs veranfchlagen kann, ein Quantum von etwa 900.000 Cubikfufs Holz, das jährlich auf diefe Weife verwüftet wird:* Da fich bei der Erzeugung von prismatifchen( 4- bis 6eckigen) Hölzchen, ein um 50 Percent geringerer Abfall an nutzbarem Holze ergibt, fo mufs der Verwendung folcher Hölzchen entfchieden das Wort geredet werden, und es wäre zu wünſchen, dafs man das Beiſpiel der fchwedifchen Fabrikanten auch dort nachahme, wo man, wie in Oefterreich noch allzufehr auf den Reichthum an Nutzholz fündigt! Das Publicum, das fich fchon an die eckige Form der fchwedifchen - * Der Vorwurf folcher Holzverwüftung trifft in noch höherem Mafse die in der neueren Zeit modern gewordene Holzdraht- Induftrie, welche zur Herftellung von Rouleaux, Matten und dergl. nur lange Holzdrähte verwenden kann, deren Erzeugung mit einer wefentlich höheren Holzverfchwendung verknüpft ift. 8 Dr. Wilhelm Friedrich Gint!. Hölzchen gewöhnt hat, würde der Einführung diefer Form auch bei gewöhnlichen Phosphorhölzchen keinen Widerftand entgegenfetzen. In Bezug auf die Länge der Hölzchen hat faft allgemein eine Länge von 4'5 bis 5 Centimeter Eingang gefunden und nur in Rufsland, das des Eigenthümlichen fo Manches hat, ftehen noch Hölzchen von 6.5 bis 8 Centimeter Länge in Verwendung. Es liegt auch hierin eine tadelnswerthe Holzverfchwendung, denn fchon die Länge von 5 Centimeter ift mehr als hinreichend und könnte man fich ganz gut mit Hölzchen von 4 Centimeter Länge begnügen. Es würde auf diefe Weife eine merkliche Erfparnifs an Holz erzielt werden können, die fich beiſpielsweise für Oefterreich allein auf 750.000 Cubikfufs pro Jahr beziffern läfstein Holzquantum, das derzeit in Geftalt der als abgebrannt weggeworfenen Hölzchen völlig unbenützt verloren geht. Selbſtverſtändlich würde hiemit auch einige Erfparnifs an Packungs- und Emballage- Materiale erreicht werden können. Während fich, wie aus dem Gefagten hervorgeht, in Bezug auf die Technik der Zündhölzchen Induftrie und des erzeugten Productes in den letzten fünf Jahren keine bedeutende Veränderung ergeben hat, zeigt fich in den Marktverhältniffen heute Manches verändert. Zwar find die Preife der Waare mit Ausnahme jener der feineren Sorten von Zündhölzchen ziemlich gleich geblieben, aber der Umfatz der einzelnen mitteleuropäifchen Etabliffements, die früher den Weltmarkt faft ausfchliefslich beherrfcht haben, hat in Folge der bedeutenden Concurrenz, welche fich von Schweden aus geltend macht, nicht unwefentlich gelitten. Namentlich weifs die öfterreichifche Zündhölzchen- Induſtrie von diefem Umfchwunge der Dinge zu erzählen, und fie ift es vornehmlich, die in der jüngften Zeit, ob der fich allenthalben erhebenden und immer mehr erftarkenden Concurrenz in anderen Ländern, aus mancher Pofition verdrängt wurde, die fie früher allein beherrschte. Dabei thun die hohen Zölle, durch welche gewiffe Länder( Rufsland, Nordamerika) ihre aufkeimende Induftrie zu fchützen fuchen, und die Monopolifirung, wie fie z. B. in der neueften Zeit wieder von Frankreich eingeführt wurde, das Uebrige, und es ift nur dem wohlerworbenen guten Rufe des öfterreichifchen Productes und dem foliden Gebaren der exportirenden Firmen zu danken, wenn die öfterreichifche Zündhölzchen- Induftrie auf dem Weltmarkte noch immer eine hervorragende Rolle fpielt. Gegenüber anderen Induſtrien war jene der Zündwaaren auf der Ausftellung nur in befcheidenem Mafse vertreten. Bei dem Umftande, als aus Rückfichten der Feuerficherheit auch diefsmal die Zündwaaren nur in Imitationen ausgeftellt werden durften, ift die fchwächere Betheiligung der Zündwaaren- Fabrikanten wohl erklärlich, da die Herftellung von Imitationen nicht ohne einige Störung des regelmäfsigen Fabriksbetriebes möglich ift und alfo von dem Fabrikanten ein Opfer gefordert wird, das Manchem im Verhältniffe zu dem Erfolge, den er durch feine Betheiligung an der Ausftellung erreichen zu können glaubt, zu grofs erfcheint.* Was nun die Repräfentation der einzelnen Länder anbelangt, fo hatten fich mit Ausnahme Nord- und Südamerikas, dann Portugals, der Schweiz, der Niederlande und der Länder des europäifchen Südoftens, dann wie natürlich jener Afiens und Afrikas faft alle betheiligt. So natürlich man diefe Nichtbetheiligung bezüglich des äufserften Oftens und Südoftens von Europa, dann des Orientes u. f. w., wo die ZündhölzchenInduftrie bekanntlich nicht heimifch ift, findet, fo fehr ift es zu bedauern, dafs fich * Die Forderung, dafs Zündwaaren nur in Imitationen ausgeftellt werden, hat auch ihre fonftigen Nachtheile. Indem fie den Ausfteller dazu zwingt, für die Ausstellung befonders zu arbeiten, erhöht fie die Möglichkeit, dafs das Ausftellungsobject kein getreues Bild von dem gewöhnlichen Producte gibt. Da die Intereffen der Feuerficherheit auch dadurch gewahrt werden können, dafs man den Zündwaaren befondere, von den übrigen Ausstellungsbauten entsprechend gefonderte und gegen Feuersgefahr gehörig geficherte Localitäten anweift, fo wäre es wohl der Erwägung werth, ob es in Hinkunft von der bisherigen Gepflogenheit, wenigftens für nicht explofive Stoffe, nicht abkommen könnte! Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 9 einige Länder, befonders aber Nordamerika, wo die Zündhölzchen- Induftrie doch ziemlich entwickelt ift, mit diefer an der Ausftellung gar nicht betheiligt haben. Von den committirenden Ländern war: England trotz feiner bedeutend entwickelten Zündhölzchen- Fabrikationnur durch die bekannte Firma Bryant& May, Fairfield Works, Bow, London, vertreten. Diefelbe brachte eine fehr reiche Mufterfammlung ihrer verfchiedenen Producte, unter denen ihre Zündkerzchen( Veftas), die feit etwa 3 Jahren auch auf dem öfterreichifchen Markte vortheilhaft bekannt find, als ein tadellofes Erzeugnifs bezeichnet werden konnten. Auch von Sicherheits- Zündhölzchen, welche nach Art der fchwedifchen nur an einer beftimmten Reibfläche zünden, hat diefe Firma fehr befriedigende Proben ausgeftellt. Sehr nett und praktiſch find auch die von diefer Firma zuerft eingeführten Tafchenetuis und Zündhölzchen- Ständer aus lackirtem Weifsblech, in welchem fie ihr Fabricat zu Markte bringt, eine Emballage, die wegen ihrer Nettigkeit und Billigkeit viel zu der Beliebtheit des Fabricates diefer Firma beigetragen hat. Ueber die Productionsgröfse diefes Etabliffements, das, wenn auch nicht fo grofsartig wie jenes der Firina Black& Bell zu Stratford, doch zu den bedeutendften Englands zählt, waren leider keine verlässlichen Daten zu erfahren*. Spanien, deffen Zündhölzchen- Induftrie bekanntlich noch ziemlich jung ift, und zur Deckung des eigenen Bedarfes noch lange nicht zureicht, hat fich mit diefem Induftriezweige gleichfalls nur fehr fchwach an der Ausftellung betheiligt. Es war durch zwei Firmen vertreten, deren eine, C. Maigrot& Comp. in Cerro, Sicherheits- Zündhölzchen mit amorphem Phosphor in der Maffe der Reibfläche ausgeftellt hat. Auffallend ift an diefen Hölzchen, die übrigens an der zugehörigen Reibfläche fehr leicht und ficher zünden, die Verfchwendung an Zündmaffe, deren an jedem Hölzchen haftende Quantität wenigftens das Fünffache yon dem beträgt, was an gewöhnlichen Sicherheitshölzchen fich findet. Die Sicherheit in der Zündung des Holzes, an welcher es allerdings bei fo ausgiebiger Quantität an feft haftender Zündmaffe nicht fehlen kann, wird derart in nicht fehr ökonomifcher Weife erreicht. Frankreich, das Vaterland Chancel's, des Erfinders der chemifchen Feuerzeuge( Tunk- Feuerzeuge), und Derosne's, des Urhebers der Verwendung von Phosphor für Zündhölzchen, ift bekanntlich eines jener Länder, in welchen fich die Zündhölzchen- Induftrie zuerft entwickelt hat. Seine Leiftungen in diefem Induftriezweige haben indefs quantitativ nie die Bedeutung gehabt, dafs es auf dem Weltmarkte eine hervorragende Stellung hätte einnehmen können. Dagegen ift das franzöfifche Product feit jeher ein vorzügliches gewefen und die diefsmal ausgeftellten Proben zeigten, dafs dem auch heute noch fo ift. Die von der Compagnie géneral pour la fabrication des alumettes chimiques in Paris ausgeftellten Zündkerzchen, dann die Zündhölzchen derfelben, unter denen auch Sicherheits- Zündhölzchen in fchwedifcher Manier nicht fehlten, find durchwegs von befter Qualität und könnte nur den Zündkerzchen der Vorwurf gemacht werden, dafs die Zündmaffe derfelben noch etwas zu explofiver Natur ift. In der Ausftattung der Emballagen und Tafchenetuis, die faft ausschliefslich Pappfchächtelchen mit felbftfchliefsendem Deckel find, ift der feine Gefchmack der Franzofen unverkennbar und würde es des mitunter fehr weit gehenden Cynismus in den bildlichen Darftellungen auf folchen Schächtelchen nicht bedurft haben, um diefer Art von Etuis beim Publicum Anklang zu verfchaffen. Wie bereits erwähnt, fehr frühzeitig eingeführt und ziemlich entwickelt, ift in Frankreich die Fabrication phosphorfreier Zündhölzchen und namentlich leiftet die bekannte Firma Coignet père et fils in Paris, deren Product auf faft allen Weltausftellungen prämiirt worden ift, ganz Vorzügliches. Indefs auch diefe Fabrication hat kein über die Grenzen des Landes hinaus reichendes Abfatzgebiet und * Ueberhaupt machte fich feitens der Herren Ausfteller, die öfterreichifchen nicht ausgenommen, eine beklagenswerthe Zugeknöpftheit in Hinficht auf Mittheilungen über Productionsverhältniffe geltend, welche die Arbeit des Berichterstatters fehr erfchwerten. 10 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. es dürfte bei einem Lande, das mit fo ungünftigen Arbeiterverhältniffen zu kämpfen hat, und dem es überdiefs an billigem und gutem Holze fehlt, auch fchwer fein, feiner Zündhölzchen- Induftrie zu einem höheren Auffchwung zu verhelfen. Die neuerlich beliebte Monopolifirung* des franzöfifchen Productes und die daraus fich ergebende Erfchwerung der Einfuhr von billiger Waare von Aufsen wird die Zündhölzchen- Induftrie Frankreichs gewifs ebenfowenig kräftigen, als es das bis zum Jahre 1860 beftandene Einfuhrsverbotes zu thun vermocht hat. Italien, das auf dem Gebiete der chemifchen Induftrie überhaupt eine immer mehr zunehmende Rührigkeit entwickelt, leiftet auch in der ZündwaarenFabrication fehr Befriedigendes und fteht namentlich in der Fabrication von Zündkerzchen keinem anderen Lande nach. Die Firma Luigi de Medici in Turin, deren Zündkerzchen fich als ein tadellofes Product erwiefen, hat fogar eine Neuerung zur Ausftellung gebracht, die in der Anwendung von canellirtem Wachsdraht für Zündkerzchen befteht und infoferne nicht werthlos ift, als fie eine Erfparnifs an Wachsmaffe in fich fchliefst, ohne das Product dadurch zu beeinträchtigen, oder die Koften feiner Darftellung zu erhöhen. Die Fabrik von Ambrogio Della Chà in Moncalieri bei Turin hat neben Zündkerzchen, die in Italien überhaupt fehr eingebürgert zu fein fcheinen, auch gerippte Zündhölzchen von guter Qualität ausgeftellt. Auch die italienifchen Fabrikanten befleifsen fich einer fehr netten Ausftattung ihrer Zündhölzchen- Dofen und Schächtelchen und ftehen in Hinficht des dabei entwickelten Gefchmackes den Franzofen in nichts nach. Eine grofse Betheiligung am Weltmarkte hat Italiens Zündhölzchen- Induftrie übrigens noch nicht aufzuweifen. Schweden, deffen Zündhölzchen Fabrication, unterftützt durch die billige Arbeitskraft und den Ueberflufs an vorzüglichem Holze( Efpe), in den letzten fünf Jahren einen enormen Auffchwung genommen hat und das namentlich durch feine billige Wafferverfrachtung den continentalen Fabriken eine fchwer zu bekämpfende Concurrenz auf überfeeifchen Märkten macht, hat nicht verfäumt, die Grofsartigkeit diefer feiner Induftrie in würdiger Weife zur Anfchauung zu bringen. Von den 24 Zündhölzchen- Fabriken( im Jahre 1867 beftanden deren blofs 10), welche in Schweden im Betriebe find, haben nicht weniger als 16 fich an der Ausftellung betheiligt. Die ältefte und bedeutendfte derfelben ift die im Jahre 1845 gegründete Fabrik zu Jönköping( Actiengeſellſchaft), die allein fo viele Arbeiter befchäftigt als alle übrigen Fabriken Schwedens zufammengenommen. Ihre Production betrug im Jahre 1872: 128,039.754 Stück verfchiedener Feuerzeuge im Werthe von 1,857.249 Riksdaler( à 57% kr. öfterreichifcher Währung), von denen der bei Weitem gröfste Theil Sicherheits- Feuerzeuge( Böttger's Syftem) waren, ein Artikel, um deffen Verbreitung die Fabrik in Jönköping, neben jener von Körner & Comp. in Göteborg, die nach John Bagge's Patent auch giftfreie Zündhölzchen erzeugt, welche keiner phosphorhältigen Frictionsmaffe an der Reibfläche bedürfen, das gröfste Verdienft hat. Eine der älteften Fabriken Schwedens ift auch jene von J. F. Lindahl in Kalmar, welche im Jahre 1857 gegründet wurde. Sie brachte, abweichend von der gewöhnlichen Manier, Sicherheitszündhölzchen mit bunten Köpfen zur Ausftel. lung, die ganz gut zu nennen waren und fich durch nette, wenn auch einfache Enveloppes auszeichneten. Diefe Fabrik producirte im Jahre 1872: 7 Millionen Schachteln Zündhölzchen im Werthe von 130.000 Riksdaler und exportirte faft das gefammte Erzeugnifs. Weiters haben fich von bedeutenderen Fabriken an der Ausftellung betheiligt: die im Jahre 1868 gegründete Fabrik der Actiengefellfchaft ,, Vulcan" zu * Das Monopol wurde im October 1872 an Jules Vignal übertragen, welcher im Namen eines Confortiums das über ein Capital von 40 Millionen verfügt, mit der Regierung unterhandelte. Die Regierung bezieht nebft einer Einzahlung von 16 Millionen, 30.000 Francs noch 50 Percent vom Reingewinne! Die Zündwaaren und Explofivftoffe. - 11 Tidaholm, die auf eine Jahresproduction von 30 bis 40 Millionen Stück Schachteln berechnet, im verfloffenen Jahre bereits einen Umfatz im Werthe von 350.000 Riksdaler aufzuweifen hatte, und deren Product- Sicherheits- Zündhölzchen mit braunen und rothen Köpfchen an Güte von dem anderer Fabriken nicht abweicht; dann die Actiengefellfchaft der Zündhölzchen- Fabrik zu Motala, welche feit dem Jahre 1871 im Betriebe ift und ihr Product im Werthe von 130.000 Riksdaler faft ausfchliefslich in England und Deutfchland abfetzt. Diefe Fabrik hatte auch parfumirte Zündhölzchen mit färbigen und lackirten Köpfchen ausgeftellt, welche fie ,, patentirte Aluminium- Sicherheits- Zündhölzchen" nennt, ohne dafs indefs die Berechtigung diefes Namens einzufehen wäre. Bemerkenswerth war auch die Ausftellung der Actiengefellfchaft der Zündhölzchen- Fabrik zu Norrköpping welche neben Sicherheits- Zündhölzchen gewöhnlicher Art auch folche fabricirt, deren Holz nach dem Vorfchlage Howfe's imprägnirt und alfo nicht glimmend ift, ohne an Entzündlichkeit etwas eingebüfst zu haben und liefert diefe Hölzchen nur 2 Riksdaler per 1000 Stück Schachteln theurer als gewöhnliche Sicherheitshölzchen. Diefe erft im Jahre 1870 gegründete' Fabrik hat im Jahre 1871 bereits nahe an 7 Millionen Stück Schachteln an Sicherheits- Zündhölzchen geliefert, die zum grofsen Theile auf den centraleuropäiſchen Märkten abgefetzt, zum Theile aber auch nach Amerika und Auftralien, dann nach Afien exportirt wurden. Gewöhnliche Sicherheits- Zündhölzchen fchwedifcher Art haben ferner die Zündhölzchen- Fabrik zu Weft erwiek, dannjene der Actiengefellfchaft zu Ift ad, beide 1871 gegründet, fowie die Actiengefellfchaft der neuen Zündhölzchen- Fabrik zu Stockholm etc. ausgeftellt, während die im Jahre 1872 gegründete Gefellſchaft der Zündhölzchen- Fabrik zu Lidköping, welche, fowie die oben genannten, eine Jahresproduction im Werthe von 130- bis 150.000 Riksdaler hat, neben SicherheitsZündhölzchen auch gewöhnliche Phosphorhölzchen mit und ohne Schwefel ausgeftellt hatte. Faft fämmtliche Fabriken Schwedens arbeiten vornehmlich für den Export und nur etwa 8 der gefammten Production wird im Lande felbft confumirt. Alle von der Civilifation berührten Länder der Welt bilden Abfatzgebiete für das fchwedifche Product und überall ift die Concurrenz der fchwedifchen ZündhölzchenInduftrie eine fehr fühlbare geworden. Wie fchwer übrigens gegen diefe aufzukommen ift, wird jeder mit centraleuropäifchen Verhältniffen einigermafsen Vertraute einfehen, wenn er hört, dafs z. B. die Fabrik zu Jönköping, welche im Jahre 1872: 1350 Perfonen befchäftigte, in demfelben Jahre nur 360.514 Riksdaler an Arbeitslöhnen zu zahlen hatte, fo dafs fich der Arbeitslohn pro Tag und Kopf auf weniger als 50 kr. öfterreichischer Währung beläuft, was bei dem Umftande, als nur 12 Percent der gefammten Arbeiterzahl Kinder unter 18 Jahren waren, ein fehr mäfsiger Arbeitslohn genannt werden mufs. Den Gefammtexport Schwedens betreffend, fo betrug die im Jahre 1872 ausgeführte Menge von Zündhölzchen- Fabricaten 12,119.202 Pfund fchwedifch gleich 9,089.400 Pfund Wiener Gewicht. Bemerkenswerth ift es, dafs Schweden faft fämmtliche für die Zündhölzchen- Fabrication erforderlichen Chemikalien vom Auslande( England) beziehen mufs. - Norwegen, welches dem Beiſpiele des Schwefterlandes folgend, wenn auch unter weniger günftigen Verhältniffen arbeitend, fich gleichfalls die Fabrication von Sicherheits- Zündhölzchen für den Export zur Aufgabe zu machen fcheint, zählt gegenwärtig 8 Zündhölzchen- Fabriken mit im Ganzen 436 Arbeitern und hat bereits im Jahre 1872: 340.000 Pfund Zündhölzchen exportirt. * Auch die Fabrik von E. Holmberg in Södertolje erzeugt dergleichen Hölzchen. 12 Dr. Wilhelm Friedrich Gint!. Auf der Ausftellung war Norwegen nur durch die Firma H. Jolfen zu Enebak bei Chriftiania vertreten, welche Sicherheits- Zündhölzchen, ganz nach Art des fchwedifchen Fabricates und diefem in nichts nachftehend, ausftellte. Dänemark hat ebenfalls fchon feit geraumer Zeit feine, wenn auch nicht bedeutende Zündhölzchen- Induftrie. Als Repräfentant derfelben erfchien auf der Ausftellung die Actien Zündholzfabrik zu Godthaab bei Copenhagen, mit Muftern von phosphorfreien Sicherheits- Zündhölzchen( in Spanfchachteln), die ganz im Genre des fchwedifchen Productes waren und demfelben an Qualität mindeſtens gleichkamen. Von derfelben Fabrik waren, was übrigens auch bei den meiften Ausftellern aus Schweden der Fall war, Holzfpäne für die Herftellung der Zündhölzchen- Schachteln ausgeftellt. Belgien, deffen Zündhölzchen- Induftrie, welche aus dem Jahre 1850 datirt, ziemlich entwickelt ift und feiner Zeit in Paris fehr gut vertreten war, Es war die Firma zählte diefsmal nur einen einzigen Ausfteller diefer Branche. Janfsen Mariotte& Comp. zu Cureghem bei Brüffel, welche eine fehr hübfche Collection ihrer diverfen Sorten von Zündkerzchen, fowie des zu ihrer Erzeugung verwendeten Wachsdrahtes zur Ausftellung brachte. Die Erzeugniffe diefer im Jahre 1869 gegründeten Fabrik verdienten das Attribut ,, vorzüglich" im vollen Mafse und waren namentlich auch die Enveloppes den beften franzöfifchen Fabricaten diefer Art völlig ebenbürtig. Deutfchland, mit feiner namentlich in den füdlichen Provinzen doch ziemlich bedeutenden Zünähölzchen- Induftrie, die gleich jener Oefterreichs fchon aus dem Anfange der dreifsiger Jahre datirt, war, wie feiner Zeit zu Paris, auch diefsmal auffallend ärmlich vertreten. Es hatten blofs zwei Fabriken die Ausftellung befchickt. Die eine derfelben, jene von H. Hochftätter zu Langen bei Frankfurt, die fchon feit dem Jahre 1852 im Betriebe fteht, brachte ein neues, fehr beachtenswerthes Fabricat zur Ausftellung. Es waren das geruchlofe und giftfreie Zündhölzchen mit amorphem Phosphor in der Zündmaffe, welche an jeder beliebigen Reibfläche fich ficher und ebenfo leicht entzünden als gewöhnliche Phosphor- Zündhölzchen und ohne zu fpritzen, ruhig brennen. Vor ähnlichen Erzeugniffen anderer Art, die wie erwähnt, fchon mehrfach auftauchten, follen diefe Zündhölzchen den wefentlichen Vorzug haben, dafs die Herftellungskoften ihrer Zündmaffe geringere find, als jene einer gewöhnlichen Phosphormaffe. Da fie übrigens auch vollkommen widerftandsfähig gegen Feuchtigkeit fein follen, würde diefes Fabricat alle Eigenfchaften in fich vereinen, die man von einem brauchbaren Zündhölzchen fordern darf und wenn, was wohl erwartet werden kann, das gewöhnliche Product der Ausftellungswaare in nichts nachfteht, fo wäre das Problem, deffen Löfung feit Jahren fo vielfach verfucht worden ift, endlich glücklich gelöft. Freilich find diefe Hölzchen keine eigentlichen Sicherheitshölzchen mehr, denn wiewohl fie einer etwas höheren Temperatur zur Zündung bedürfen, fo fchliefst der Umftand, dafs fie überhaupt durch Reibung entzündbar find, wieder einen gewiffen Grad von Feuergefährlichkeit in fich, die unftreitig bei den eigentlichen Sicherheits- Zündhölzchen, welche nur an einer beftimmten Reibfläche entzündbar find, in wefentlich geringerem Mafse vorhanden ift. Der zweite Zündwaaren- Fabrikant Deutfchlands, der fich an der Ausftellung betheiligte, war R. Zennig in Berlin. Seine erft im Jahre 1871 gegründete Fabrik, zugleich die erfte in Deutfchland, welche nach dem Mufter der Marſeiller Fabriken Zündkerzchen erzeugt, hatte eine fehr nette Mufterfammlung von Zündkerzchen aller Art ausgeftellt, welche den Vergleich mit ähnlichen Erzeugniffen anderer Länder nicht zu fcheuen brauchen. Das Etabliffement hat bei der Kürze feines Beftandes auch immerhin fchon bedeutende Erfolge aufzuweifen und betrug der Umfatz desfelben im verfloffenen Jahre bereits 40.000 Tha. ler. Auch die Cartonnagen, in welchen Zennig fein Fabricat auf den Markt bringt, ftehen denen franzöfifcher Fabriken nicht wefentlich nach. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 13 Oefterreich, das ohne Ueberhebung die Wiege der ZündhölzchenInduftrie genannt werden kann, war, wiewohl die hervorragendften Vertreter diefer Branche fich an der Ausftellung betheiligt hatten, keinesfalls fo repräfentirt, wie es bei der fo grofsartigen Bedeutung diefer feiner Induftrie, zumal auf einer Ausstellung im eigenen Lande, hätte vertreten fein können. Wer nach der Zahl der Ausfteller fich ein Urtheil gebildet hätte über die relative Bedeutung der Zündhölzchen- Induftrie Oefterreichs gegenüber jener Schwedens, hätte unbedingt letzterer den Vorrang einräumen müffen- und doch ift diefe Induftrie in Oefterreich immer noch bedeutender als jene Schwedens- wiewohl der Vorfprung kein allzugrofser mehr ift.* Im Jahre 1870 zählte Oefterreich, mit Ausfchlufs Ungarns, im Ganzen 120 Betriebsftätten der Zündhölzchen- Induftrie. Davon waren 41 gröfsere Fabriken, 79 kleinere Werke und Stätten der Hausinduftrie. Am bedeutendften war die Zündhölzchen- Induftrie in Böhmen, welches 13 Fabriken und 32 kleinere Betriebsftätten zählt, dann folgt Mähren mit 9 Fabriken und 5 kleineren Werken, Niederöfterreich mit 7 Fabriken, Galizien mit 6 Fabriken und 3 Stätten der Hausinduftrie, Salzburg mit 2 Fabriken, Krain, Schlefien und das Küftenland mit je i Fabrik, Steiermark mit 1 Fabrik und 6 kleineren Betriebsftätten, Oberöfterreich mit 6 Stätten der nationalen Hausinduftrie. Der gefammte Werth der Production betrug etwas über 4 Million Gulden öfterreichifcher Währung und wurden 9,336.900 Pfund Wiener Gewicht im Werthe von 2,801.070 fl. öfterreichifcher Währung ausgeführt, wovon etwa die Hälfte im Oriente, ein Dritttheil in der Türkei und Kleinafien, der Reft in Deutfchland, Italien und Rufsland abgefetzt wurde. An der Ausftellung hatten fich 8 Firmen betheiligt, und zwar B. Fürth, welcher Fabriken in Schüttenhofen( gegründet 1840), Goldenkron( gegründet 1846) und Bergreichenftein( gegründet 1872) unterhält, dann A. M. Poliak, welcher gleichfalls in drei Fabriken und zwar in Wien, Prag und Budweis arbeitet, ferner Hermann& Gabriel in Wien( gegründet 1853), Ad. Schein oft in Schüttenhofen( gegründet 1868), C. Gödel& Comp. in Bärn( Mähren), G. Kollmann& Comp. in Stainz( Steiermark, gegründet 1870), L. Achleitner in Salzburg und J. Dydacki in Lemberg. Von diefen hatte B. Fürth eine fehr reiche Collection von PhosphorZündhölzchen aller Art, dann hübfche Mufter von Zündkerzchen, Zündspänen u. a. endlich auch Sicherheits- Zündhölzchen nach Art der fchwedifchen ausgeftellt. Unter feinen, fich eines guten Rufes erfreuenden Fabricaten find feine SalonZündhölzchen mit bunten Köpfchen namentlich beliebt, wie auch feine SicherheitsZündhölzchen, die er bekanntlich einer der Erften fabricirte, dem beften fchwedifchen Fabricate diefer Art nicht nachftehen. Nette und praktiſche Emballagen thuen das Uebrige und fo erfcheinen feine Erzeugniffe mit jenen anderer Länder völlig concurrenzfähig. Fürth dürfte übrigens auch der bedeutendste Induſtrielle diefer Branche in Oefterreich fein. Er befchäftiget im Ganzen 2000 bis 2500 Arbeiter und producirt jährlich 2 Millionen Pfund an Zündwaaren der verfchiedenen Sorten, deren Preife von 13 fl. bis aufwärts zu 60 fl. öfterreichifcher Währung per 100 Dutzend variiren und faft ausfchliefslich für den Export beftimmt find, den zu beherrfchen Fürth in mehreren überfeeifchen Häfen Depots feiner Fabricate auf eigene Rechnung unterhält. Seine Fabrik in Schüttenhofen arbeitet mit 80 Einlegemaſchinen( Sebold) und befchäftigt allein 1050 Perfonen, darunter 150 Hölzchenhobler. Sehr bemerkenswerth war auch die Ausftellung der Firma A. M. Pollak, die einen bevorzugten Platz in der Rotunde einnahm und fich durch ein fehr gelungenes Mofaikbild aus Zündhölzchen- Köpfchen( die Manier welche Siglé in Paris anwandte) hervorthat. Sie enthielt alle gangbaren Sorten von Zündhölzchen, befonders fchöne * Die Einfuhr von Zündhölzchen nach Oefterreich betrug im Jahre 1872 nicht weniger als 643.800 Pfund Wiener Gewicht gegen 130.400 Pfund Wiener Gewicht im Jahre 1867. 14 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Salonhölzchen, die Pollak bekanntlich in vorzüglicher Qualität erzeugt, dann Zündkerzchen, von denen namentlich jene mit Silber- und Bronceköpfchen ein originelles Product waren. Auch Pollak, deffen Firma hervorragende Verdienfte um den Auffchwung der Zündhölzchen- Induftrie Oefterreichs hat, gehört zu den bedeutend ften Induftriellen diefer Branche.* Bemerkenswerth war auch die von Hermann& Gabriel ausgeftellte Mufterfammlung ihrer Zündhölzchen, welche fie neuefter Zeit auch in fehr netten wafferdichten Emballagen zum Verkaufe bringen, eine Neuerung, welche vielleicht für die Pergamentpapier- Induftrie nicht ohne Bedeutung ift. Das Etabliffement diefer Firma zählt gleichfalls zu den bedeutendften Oefterreichs. Es befchäftigt circa 250 Individuen und producirt jährlich 1 Million bis 1,200.000 Stück Schachteln Zündhölzchen, faft ausfchliefslich Salonwaare in runden Dofen, welche theils nach den Donauländern, theils nach Rufsland, dann aber auch nach Egypten, Indien, China etc. exportirt werden. A. Schein oft in Schüttenhofen, deffen Fabrik, die eine Jahresproduction im Werthe von etwa 130.000 fl. öfterreichifcher Währung aufweift, 150 bis 160 Arbeiter befchäftigt und gleichfalls faft ausfchliesslich für den überfeeifchen Export arbeitet, hatte neben Muſtern aller Arten von Zündhölzchen auch ganz gute Zündkerzchen ausgeftellt. G. Kollmann& Comp. in Stainz unterhalten gleichfalls ein gröfseres Etabliffement, deffen Jahresproduction trotz des kurzen Beftandes( 1871 gegründet) fich im verfloffenen Jahre bereits auf 8 Million Zündhölzchen belief. Sie befchäf tigen 90 Perfonen und arbeiten mit 3 eifernen( Sebold) und 31 hölzernen Einlegemaſchinen, fowie einer Sebold'fchen Auslegemafchine. Ausgeftellt hatten fie neben ordinärer Waare auch ganz fchöne Proben ihrer Erzeugniffe an Salonhölzchen. F. Dydacki und C. Gödel& Comp., welche fich die wie erwähnt von Siglé in Paris bei der Ausftellung 1867 angewandte und damals mit grofsem Beifalle aufgenommene Ausftellungsweife in„ Mofaikbildern" zum Vorbilde genommen hatten, brachten nur Zündhölzchen gewöhnlicher Gattung, von denen jene Gödel's feinere Waare, mit bunten Köpfen, jene Dydacki's dagegen völlig ordinäre Waare repräfentirten. L. Achleitner brachte abermals, feine fchon von früheren Ausftellungen her bekannten„ patentirten, giftfreien Schnellzünder"( Späne, welche beim rafchen Herausziehen aus dem Etuis Feuer fangen), an die fich das Publicum bisher noch nicht anders als an eine Curiofität gewöhnt hat. Sehr zu bedauern ift, dafs fich aufser Fürth nicht auch andere Fabricanten von Sicherheits- Zündhölzchen, welche nachgewiefener Mafsen auch in Oefterreich in ziemlichem Umfange producirt werden, an der Ausftellung betheiligt haben, fowie man auch nicht ohne Bedauern wahrnahm, dafs fich die um die Fabrication phosphorfreier Zündhölzchen( die auf jeder Reibfläche zünden) fo verdiente Firma Wawra& Kempny( ehemals Forfter& Wawra) von der Ausftellung gänzlich ferne gehalten hat. Vielleicht hätte die Betheiligung folcher Fabricanten dazu geführt, das öfterreichische Publicum davon zu überzeugen, dafs es nicht nöthig habe, giftfreie und Sicherheits- Zündhölzchen vom Auslande zu beziehen. Ungarn, das feit jeher an dem guten Rufe des öfterreichifchen Fabricates participirt und den Vortheil des kürzeren Wafferweges für den Handel nach den Donauländern und der Türkei für fich hat, macht der Zündhölzchen- Induftrie Cisleithaniens namentlich auf den türkifchen Märkten einige Concurrenz. Leiftungen auf dem Gebiete diefer Induftrie verdienen übrigens alle Anerkennung, zumal mit Rückficht auf den Umftand, dafs es über weniger reiche Quellen Seine * Leider blieb ein Anfuchen des Gefertigten um Mittheilung von Daten über die Betriebsgröfse der A. M. Pollak' fchen Etabliffements, angeblich wegen Abwefenheit des Chef's, unberücksichtiget! Die Zündwaaren und Exploſivftoffe. 15 geeigneten Holzes und geringere Arbeitskraft verfügt als andere Länder. Von. den ausgeftellten Erzeugniffen ungarifcher Zündwaaren- Fabrikanten waren namentlich jene der Firma Leitner& Grünwald in Peft bemerkenswerth und zeigten die diverfen Mufter von Zündhölzchen aller Art in mitunter fehr netter und origineller Verpackungsweife, dafs Ungarns Zündhölzchen- Induftrie in Hinficht auf Qualität der anderer Länder ebenbürtig fei. Rufsland fcheint neueftens Anftrengungen zu machen, feiner früher nie recht zur Entwicklung gekommenen Zündhölzchen- Induftrie gröfseren Auffchwung zu geben, wie es denn überhaupt in neuerer Zeit der Hebung feiner Induftrie eine erhöhte Aufmerkfamkeit widmet. Befonders fcheint Finnland als ein günftiges Terrain für die Etablirung von Zündhölzchen- Fabriken auserfehen zu fein und dürften diefe dort, wenn es nicht an geeigneter Arbeitskraft mangelt, unter ähnlich günftigen Verhältniffen arbeiten wie jene Schwedens. Central- Rufsland leiftet dagegen in Hinficht auf Zündhölzchen- Fabrication, die es fchon im Jahre 1847 aufgenommen hat, noch immer Unbedeutendes und feine Production deckt bei Weitem nicht den eigenen Bedarf an Zündwaaren. Vertreten war Central- Rufsland durch die Ausftellung der Firma Hefen& Mitchinfon in Moskau, welche 480 Arbeiter befchäftigt und jährlich 20.000 Kiftchen Zündhölzer im Werthe von 80.000 Rubel producirt. Die ausgeftellten Zündhölzchen, durchwegs ordinäre Sorten, fallen durch die übermäfsige Länge der Hölzchen( circa 8 c. m.) auf und find ein ziemlich geringwerthiges Erzeugnifs. Finnland war durch die Ausftellung der Zündhölzchen- Fabriks- Actien Gefellfchaft zu Bjorneborg vertreten, deren Fabrik feit 1866 arbeitet und 350 bis 450 Arbeiter befchäftigt. Sie producirt jährlich 24 Millionen Stück Zündholzchen( etwa 500.000 Stück Schachteln) ziemlich ordinärer Sorte, darunter auch Sicherheits- Zündhölzchen nach Art der fchwedifchen. Der Productionswerth diefer Fabrik, die ihr Product auch exportirt, beläuft fich auf jährlich 33.500 Rubel. Cigarrenzünder und Lunten. Der Gebrauch der Cigarrenzünder hat aus leicht einzufehenden Gründen fich nie recht eingebürgert. Fürs erfte find fie theurer als gewöhnliche Zündhölzchen, dabei aber doch nur für den beftimmten Zweck, als Zündmittel für Cigarren oder Pfeifen im Freien zu dienen, brauchbar. Sie find demnach ein eigentlicher Luxusartikel, der jedoch des kaum vermeidlichen Uebelftandes wegen beim Verbrennen übel zu riechen, Rauch zu entwickeln u. f. w. vom Publicum nicht goutirt wird. Zudem find die fogenannten Steckzünder, wie Dolche, Teufelchen, Vesuvians, Bleameln und dergl. nicht einmal praktiſche Dinge, da fie für die Zündung von Cigarren, wenn deren Feuer einmal ausgegangen ift, die Cigarre alfo fchon angebrannt war, weniger gut brauchbar find und überhaupt die Cigarre gewöhnlich ungleichmässig zünden, während die Glimmfidibus, Zündfchwämme und Glimmhölzer wegen des Fortglimmens des weggeworfenen Reftes feuergefährlich werden können. Es ift fomit auch erklärlich, dafs die Fabrication folcher Zündmittel ftets nur ein ganz unbedeutendes, meift nur für den Export cultivirtes Nebengefchäft des Zündhölzchen- Fabrikanten gebildet hat, das von vielen Fabriken gar nicht gepflegt wird. Auf der Ausftellung war denn auch diefer Zweig der Zündwaaren- Induftrie nur fehr fpärlich vertreten, und nur einzelne Ausfteller von Zündhölzchen hatten auch etwas von folchen Erzeugniffen ausgeftellt. So hatten Bryant& May in London die bekannten Vesuvians und R. Zennig in Berlin Zündfchwamm ausgeftellt. Am häufigften war diefe Art von Zündwaare bei den öfterreichifchen Ausftellern zu finden, und boten einzelne derfelben auch Neues in Form und Ausftattung diefer Waare. 2 16 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. So brachte B. Fürth in Schüttenhofen, neben Cigarrenzündern der verfchiedenften Art eine neue Sorte diefes Artikels in Geftalt von Cigarrenzündern mit Metallfaffung, die vor den gewöhnlichen Steckzündern jedenfalls den Vortheil einer gleichmässigeren Zündung der Cigarre voraus haben. A. M. Pollak in Wien hatte eine reiche Collection feiner diverfen Cigarrenzünder ausgeftellt, unter denen die fogenannten„ Bleameln"( Imitation kleiner Blümchen, wie Vergifsmeinnicht etc.) fich durch gefchmackvolle und nette Ausführung befonders auszeichneten. Bemerkenswerth waren endlich auch die von A. Scheinoft in Schüttenhofen zur Ausftellung gebrachten Cigarrenzünder, welche Früchte, Schwämme, Blüthen, Knospen etc. in recht gelungener Arbeit imitiren, Zünder, die er unter den nicht gerade paffend gewählten Namen„ Elifabethzünder"," Gifelazünder" in Handel bringt. Derfelbe hatte auch Zündfchwämme aus nitrirter Strohpappe ( etwas ftark übelriechend) und eine beffere Sorte unter dem Namen„ Franzöfifcher Salonfchwamm" ausgeftellt. Weit häufiger als die diverfen Cigarrenzünder werden von Rauchern zum Anzünden von Cigarren oder Pfeifen im Freien Lunten verwendet, deren Gebrauch namentlich in Geftalt der ziemlich modernen Lunten- Feuerzeuge fehr bequem ift. Man ftellt folche Lunten, hinfichtlich deren keinerlei Neuerung zu verzeichnen ift, entweder in ähnlicher Weife wie ehemals die Gefchütz- oder Minirlunten durch Salpeterifiren von gedrehten oder geflochtenen Hanf- oder Baumwoll- Schnüren oder noch weit häufiger dadurch dar, dafs man Baumwoll- Schnüre mit Löfungen von Bleiacetat und chromfaurem Kalium bei Sudhitze macerirt. Auf der Ausftellung waren folche Lunten faft nur als Beftandtheile der verfchiedenen von Galanterie- und Metallwaaren- Arbeitern ausgeftellten LuntenFeuerzeuge( Zündhölzchen- Etuis mit Lunten) zu fehen und boten nichts Bemerkenswerthes. Ein fehr intereffantes, in die Kategorie der Lunten gehöriges AusftellungsObject fand fich jedoch unter den von Guftav Ritter v. Overbeck zur Ausftellung gebrachten Induftrie- Erzeugniffen Chinas. Es war diefs eine Partie jener eigenthümlichen, in China" Jofs- Stick" genannten Lunten, deren fich die urwüchfigen, an die Zündmittel des Abendlandes noch nicht gewöhnten Chineſen zum Anmachen von Feuer bedienen, und die demnach in den meiften chinefifchen Häufern eine ebenfo wichtige Rolle spielen, wie bei uns die Zündhölzchen. Diefe Jofs- Stick find etwa ein Meter lange( die Länge ift übrigens eine verfchiedene) Holzftäbchen, welche zu zwei Drittheilen ihrer Länge mit einercylindrifchen Schichte einer langfam glimmenden Maffe, von fchwach bräunlicher Farbe überzogen find, während das frei gebliebene Stäbchenende, das den Handgriff bildet, mit Buntpapier überzogen ift. Die langfam glimmende Maffe diefer Lunten foll von den Chinefen duch Präparation von Rinderkoth( wahrfcheinlich unter Salpeterzufatz) gewonnen und im feuchten Zuftande auf die vorher zugefchnittenen Holzftäbchen aufgetragen und nach dem Trocknen geglättet werden. Sie ift ziemlich hart, haftet fehr feft an den Stäbchen und befteht unverkennbar aus Fragmenten pflanzlicher Fafer. Angezündet glimmen fie äufserft langfam unter Verkohlung fort, verbreiten aber dabei einen nichts weniger als angenehmen Geruch. Die Maffe einer Lunte glimmt durch fechs bis acht Stunden fort und werden diefe Lunten beim Feueranmachen in der Weife benützt, dafs man die glimmende Lunte in ein Bündel von Stroh oder Hobelfpänen einführt und fo lange anbläft, bis dasfelbe entflammt. Ohne Zweifel werden diefe Lunten, deren ftets eine brennend zur Hand fein mufs, auch in China den bequemeren Feuerzeugen des Abendlandes bald völlig weichen müffen. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. Die Explofivftoffe. 17 Schwarzpulver. Es gibt wohl kein Product der Induftrie, an dem der Fortfchritt des Wiffens in den letzten Decennien fo wenig geändert hätte wie am Schwarzpulver. Aus dem grauen Alterthume auf uns überkommen, kennen wir blofs Sagen über den Ursprung diefes Erzeugniffes geheimer Künfte, deffen Darftellungsweife zwar fchon von Baptista Porta( 1567) genau ftudirt, doch erft durch die Arbeiten von Prouft, Dumas, Baumé unter Andern zum Gemeingute Aller wurde. Die Vorfchriften, welche diefe Männer für die Bereitung des Schiefspulvers gegeben haben, erfuhren feither nur unbedeutende Veränderungen und die wefentlichften derfelben galten nicht fo fehr einer Verbefferung des Productes als fie vielmehr der Erzielung eines beftimmten neuen Zweckes dienten oder den Eigenthümlichkeiten eines neuen Rohmateriales Rechnung zu tragen beftimmt waren. Vollends hat fich in den letzten 10 Jahren keine erhebliche Aenderung in der Fabricationsweife oder der Qualität des Schwarzpulvers ergeben. Da find noch diefelben Methoden für Darftellung der Kohle, diefelbe Art der weiteren Verarbeitung der Kohle mit dem Salpeter und dem Schwefel im Gebrauche, wie vor und ehe und diefelben Arten des Verdichtens und Körnens der Mifchung, diefelbe Methode des Trocknens und Polirens des gekörnten Pulvers, wie fie fich fchon vor mehr als zwanzig Jahren eingebürgert haben, finden wir auch heute noch ungeändert wieder. Von den vielfach vorgefchlagenen Surrogaten für den einen oder den anderen der Beftandtheile des Schwarzpulvers hat fich bisher kein einziges allgemeinerer Anwendung zu erfreuen gehabt, und felbft die Verwendung des billigeren Natronfalpeters an Stelle des werthvolleren falpeterfauren Kaliums hat, wenigftens für die Erzeugung eines guten Schiefspulvers( Pulver für Ladung von Schiefswaffen) keine wefentlichen Fortfchritte gemacht, wiewohl gerade die in neuerer Zeit mehr in Aufnahme kommende Benützung comprimirter Pulverladungen die Verwendung von Natronfalpeter eher zulaffen würde. In Hinficht feiner Verwendung hat das Schwarzpulver feinen Rang als Schiefsmateriale unangefochten behauptet und keines der angepriefenen neuen Pulver hat ihm hierin auch nur einige Concurrenz gemacht. Dagegen kann man bezüglich der Form, in welcher das Schwarzpulver zur Anwendung kommt, eine Neuerung infoferne verzeichnen, als das zuerft von Paolo di San Roberto( 1852) in Anwendung gebrachte Princip der Herſtellung von geprefsten Ladungen wegen des mit folchen erzielbaren gröfseren Effectes allgemeiner in Aufnahme gekommen ift. Vornehmlich ift es die Form von fechseckigen durchlöcherten Prismen ( prismatifches Pulver), in welcher man dergleichen comprimirtes Pulver für Gefchützladungen verwendet, während die Herftellung von geprefsten Cylindern, die dem Caliber des Gefchützes angepafst( Paolo di San Roberto) oder directe auf dem Gefchoffe comprimirt und diefem angepafst find( Geprefste Munition der Armee der vereinigten Staaten), minder üblich ift.* Während das Schwarzpulver als balliftifches Agens von keinem der neueren Schiefsmaterialien, mit alleiniger Ausnahme der Schiefs- Baumwolle etwa erreicht, vielweniger aber übertroffen ift, hat es dagegen in feiner Bedeutung für den Bergund Erdbau, für welchen es feit dem Jahre 1613 als Sprengmittel in Verwendung ftand, wefentlich verloren und ift mit Vortheil durch Sprengftoffe erfetzt worden, die theils billiger als Schwarzpulver, theils von gröfserer brifanter Wirkung, fich beffer für die Sprengarbeit eignen als diefes. * In England verwendet man neuerer Zeit zur Ladung grober Gefchütze geprefste Pulvercylinder( powder pellets) von circa 1 Centimeter Höhen- und Querdurchmeffer, welche unter einem Drucke von etwa 400 Kilogramm geprefst find, John Anderfon hat neueſtens( 1870) eine Mafchine zur Herstellung folchen comprimirten Pulvers conftruirt. 18 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Wenn auch keineswegs behauptet werden kann, dafs das Schwarzpulver für die Sprengarbeit völlig entbehrlich geworden fei. fo ift es doch erklärlich, dafs der Verbrauch und mit ihm die Production von Schwarzpulver namentlich der geringeren Qualitäten desfelben, in den letzten Jahren wefentlich abgenommen hat, und fo fehr fich auch die Anhänger des Schwarzpulvers gegen die Anwendung neuer Sprengmittel fträuben mögen, fo wird die Production des Schwarzpulvers wohl kaum mehr jene Höhe erreichen, auf der fie vor Einführung der Nitroglycerin- Präparate in der Sprengtechnik ftand, es wäre denn, dafs für die Verwendung des Pulvers ein neues Feld eröffnet würde, wozu allerdings durch die in neuefter Zeit von Th. Shaw mit Erfolg durchgeführte Einführung des Schwarzpulvers als Kraftquelle für den Betrieb von Fallhämmern und Rammmafchinen* der Anfang gemacht ift. An der Ausftellung haben fich nur wenige Schwarzpulver- Fabrikanten betheiliget und dürfte auch hieran wieder der Umftand, dafs nur Imitationen zugelaffen wurden, wefentliche Schuld getragen haben. Die Ausftellung von Pulver hätte übrigens felbft für den Fall, dafs das Originalproduct hätte vorliegen können, nur einen untergeordneten Werth gehabt, denn es läfst fich, wie begreiflich, weder nach dem Anfehen, noch felbft bei einer oberflächlichen Unterfuchung ein Urtheil über die relative Qualität verfchiedener Pulverproben gewinnen. Eine der älteften Pulverfabriken, welche die Ausftellung mit ihrem Producte befchickt hat, dürfte wohl jene von W.Güttler zu Reichenftein( preuffifch Schlefien) fein, deren Betrieb vom 18. Juni 1695 datirt. Diefes Etabliffement, welches Jagdund Sprengpulver( Imitation) ausgeftellt hatte, befchäftigt 88 Arbeiter, während der Betrieb der Mechanismen von 13 Wafferrädern beforgt wird, die eine Gefammtleiftung von 106 Pferdekräften haben. Im Jahre 1871 hatte diefes Etabliffement 10.000 Centner Pulver im Werthe von 160.000 Thalern producirt, während fich die Production des Jahres 1872 auf 12.260 Centner Pulver belief, das nur im Inlande verbraucht wurde. Aus Deutſchland hatten fich übrigens noch drei andere Pulverfabriken an der Ausftellung betheiligt. Von diefen erzeugt die Röhnfaler Pulverfabrik( Actien Gefellſchaft Röhnfal in Weftphalen), deren Errichtung in das Jahr 1784 fällt, vornehmlich feine Jagd- und Scheiben- Pulver, von welchen fie imitirte Proben, fowie Mufter der Rohmaterialien zur Ausftellung gebracht hatte. Sie arbeitet mit 56 Arbeitern und 24 Wafferrädern von 200 Pferdekräften Leiftung in 19 gefonderten Etabliffements und producirt jährlich 12- bis 13.000 Centner Pulver faft ausfchliefslich für Deutſchland. Die im Jahre 1793 gegründete Pulverfabrik von L. Ritter in Hamm( Weftphalen), welche faft alle gangbaren Pulverforten erzeugt, producirte im Jahre 1871: 11.800 Centner Pulver und arbeitet mit 82 Arbeitern, 2 Dampfmaschinen von 40 und 11 Wafferrädern von 42 Pferdekraft- Leiftung, während die im Jahre 1814 gegründete Pulverfabrik von A. Wolff zu Walsrode( Hannover), welche vornehmlich für den überfeeifchen Export arbeitet, 74 Arbeiter befchäftigt und für die Bewegung der Mechanismen I Dampfmafchine, 5 Turbinen und 5 Wafferräder benützt, deren Leiftung 312 Pferdekraft beträgt. Sie hatte neben recht practifchen Blechdofen für den Pulverexport, ebenfo wie erftere, Imitationen ihres Schiefs- und Sprengpulvers ausgeftellt, wovon fie im Jahre 1872: 12.500 Centner producirt hat. Bemerkenswerth war auch die Ausstellung der rühmlichft bekannten königlichen Pulverfabrik von Cooppal& Comp. zu Wetteren bei Gand in Belgien. Diefelbe brachte eine vollſtändige Collection von Muftern der verwendeten Rohmaterialien, als: raffinirten Salpeter, Schwefel und Proben der( mit überhitztem * Eine Rammmafchine mit Pulverbetrieb, nachdem Sh a w'fchen Principe ift beim Bau des Landungsquais zu Leagne Island mit fo gutem Erfolge verwendet worden, dafs die praktifche Anwendbarkeit der Pulverramme keinem Zweifel mehr unterliegt. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 19 Wafferdampf bereiteten) Pulverkohlen, dann Imitationen ihrer verfchiedenen Pulverforten, als Jagdpulver, Gefchütz- und Sprengpulver fowie geprefste Munition. Diefes bereits im Jahre 1778 gegründete Etabliffement, deffen jährlicher Verbrauch von circa 10.000 Centner Salpeter auf eine Jahresproduction von etwa 16.000 Centner Pulver fchliefsen läfst, ift befonders dadurch intereffant, dafs es eines der erften( 1842), welches das feither allgemeiner angewendete Verfahren der Holzverkohlung in mit überhitzten Wafferdämpfen gefpeiften Cylindern( Violette's Syftem) eingeführt hat. Im Uebrigen hatte blofs das Kriegsminifterium des Königreiches Italien Schwarzpulver und Rohmaterialien zur Erzeugung desfelben, dann das königlich griechifche Staats- Zeughaus Modelle bekannter Vorrichtungen für Pulverfabrication zur Ausftellung gebracht, während aus allen übrigen Ländern, wenn man nicht etwa die von einzelnen chemifchen Producten- Fabriken ausgeftellten Mufter von raffinirtem Salpeter und Schwefel als Rohmaterialien für Pulverfabrication in Betracht ziehen will, kein einziger Repräfentant diefes doch allenthalben entwickelten Induftriezweiges, fich an der Ausftellung betheiligt hatte. Namentlich von Seiten der öfterreichifchen Pulverfabricanten ift diefes Fernebleiben von der Ausftellung unbegreiflich und wer nicht wüfste, dafs Oefterreich, deffen Pulverexport fich beiſpielsweife im Jahre 1872 auf 2465 Centner belief, gerade in der Schwarzpulver- Fabrication qualitativ fehr Gutes leiftet, würde fich fo leicht der Meinung hingeben, dafs die öfterreichiſche Pulverinduftrie Grund habe, einen Vergleich ihres Productes mit dem anderer Länder zu fcheuen. Surrogatpulver. Wiewohl das Schwarzpulver eine Summe vorzüglicher Eigenfchaften in fich vereint, fo war doch die fortfchrittliche Tendenz der jüngften Decennien bemüht, dasfelbe durch billigere oder vermeintlich wirkfamere Pulvermifchungen zu erfetzen. Solchen Bemühungen entfprangen zahlreiche Vorfchriften fürSurrogatpulver, an denen namentlich die Literatur der jüngften Zeit nicht arm war. Zunächft war es der Hauptbeftandtheil des Schwarzpulvers, der Salpeter, den man durch billigere Stoffe von ähnlicher Wirkung oder aber durch folche, die einen gröfseren Effect zu erreichen geftatteten, zu erfetzen fuchte. Im chlorfauren Kalium, deffen kräftig oxydirende Wirkung fchon von Augendre( 1849) zur Herftellung feines bekannten weifsen Schiefspulvers verwerthet worden war, hatte man zuerft das richtige Erfatzmittel des Salpeters zu finden geglaubt und fuchte durch Einführung desfelben in die Pulvermifchung, namentlich kräftiger wirkende Pulver herzuftellen. So entstanden die muriatifchen Pulver, unter denen das Pulver von Kellow und Short( 1866), die fowie auch jenes von Spence fich vornehmlich auf einen theilweifen Erfatz des Salpeters durch chlorfaures Kalium gründen, während in den Pulvermifchungen von Erhardt( 1865), von Sharp und Smith ( 1866), dann in jener, welche H W. Reveley in Reading( nach der von Pohl für das Angendre'fche Pulver gegebenen Vorfchrift) fabricirt, endlich in den Pulverfurrogaten, welche fich in neuefter Zeit J. Hafenegger in San Francisco und endlich G. Niffer in London patentiren liefsen, neben dem Erfatze des Salpeters durch Kaliumchlorat auch eine theilweife oder vollſtändige Erfetzung des Schwefels und der Kohle durch andere mehr oder weniger leicht verbrennbare Körper, wie Blutlaugenalz und Zucker( Reveley und Hafenegger), Gerbfäure( Erhardt), Weinftein( Sharp und Smith, Niffer) angewendet erfcheint. Dergleichen muriatifche Pulver, denen fich allerdings eine höhere Kraftentwicklung nicht abfprechen läfst, haben indefs den wefentlichen Nachtheil einer leichteren Explodirbarkeit durch Schlag oder Stofs, welche nicht nur ihre Herftellung, fondern auch ihre Handhabung gefährlich erfcheinen läfst, als das beim Schwarzpulver der Fall ift, ein Fehler, der fich nach einem Vorfchlage Zaliwfki's ( 1870) durch Zufatz von Oxalfäure, freilich theilweife auf Koften der Brauchbarkeit folchen Pulvers vermeiden laffen foll. Ihrer Verwendung für Gefchützladungen fteht überdiefs der Umftand im Wege, dafs fie in Folge des Gehaltes an 20 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Kaliumchlorat die Gefchützrohre weit energifcher angreifen als Salpeterpulver, während fie für die Zwecke der Sprengtechnik mit dem Schwarzpulver den Mangel der erfchwerten Anwendbarkeit in naffem Gefteine gemein haben und zu dem wegen des häufig, ziemlich grofsen Volumens eine Erfparnifs an Bohrarbeit nicht zulaffen. Sehr naheliegend war es auch, einen Erfatz des Kaliumnitrats im Pulver durch das billigere Natriumnitrat zu verfuchen. Pulvermifchungen diefer Art find von de Tret, Davey, Oxland, Schwarz, in neuerer Zeit auch von Schäffer und Budenberg empfohlen worden, welch' letztere, fowie auch E. Hörner neben dem theilweifen Erfatze des Kaliumfalpeters durch Natriumnitrat auch die Kohle theilweife durch Weinfäure- Salze, wie Weinftein, Seignettfalz erfetzen. Trotz der guten Erfolge, die man in der Praxis, namentlich bei den Sprengarbeiten gelegentlich der Durchftechung der Suez- Landenge mit folchem Pulver erreicht hat, ift die Anwendung folcher Pulvermifchungen bisher nur vereinzelt geblieben. Es trägt hieran namentlich der fatale Umftand Schuld, dafs dergleichen Pulver wegen der Hygrofkopität des Natriumnitrats leicht feucht und unbrauchbar werden. Gelingt es, diefen Uebelftand zu befeitigen, was fchon Roberts und Dale durch Zufatz, von entwäffertem Glauberfalz zu erreichen fuchten, dann dürfte der allgemeineren Anwendung derartigen, dem Schwarzpulver an Effect nicht nachftehenden Pulvers kein Hindernifs mehr im Wege ftehen. Auch andere Nitrate verfuchte man dem Salpeter des Schwarzpulvers zu fubftituiren. So namentlich Baryumnitrat, das, zuerft von J. R. Wagner in Vorfchlag gebracht, einen Beftandtheil der Pulvermifchungen von Küp, fowie des feiner Zeit vom Hauptmann Wynand in Brüffel unter dem Namen„ Saxifragin" angegebenen, dann des Pulvers von Newton( 1864) bildete, während Craig fogar die äufserft leicht zerfliefslichen Nitrate des Calciums und Magneſiums zur Herftellung von geprefsten, durch Einhüllung in eine Collodiumfchichte vor dem Einfluffe der Luftfeuchtigkeit gefchützten Patronen verwendet wiffen wollte. Auch durch theilweifen oder vollſtändigen Erfatz des Schwefels und der Kohle im Schwarzpulver, unter Beibehaltung des Salpeters, hat man Surrogate für diefes herzuftellen gefucht, fowie es auch an Verfuchen nicht mangelte, durch Abänderung der Mengenverhältniffe an Schwefel und Kohle neue Pulver zu erfinden. Von derlei Pulverfurrogaten hat namentlich das von den Gebrüdern Fehleifen in Cilli aus einer Mifchung von 45 Theilen Salpeter, 35 bis 4 Theilen Holzkohle, 9 Theilen gedörrte Sägefpäne und 1 Theile Ferridcyancalium hergeftellte Haloxylin fich als Sprengmittel einer allgemeineren Verwendung zu erfreuen gehabt und wurden demfelben die Vortheile einer weit kräftigeren Wirkung gegenüber der des Schwarzpulvers nachgerühmt, während es überdiefs vor diefem den billigeren Preis und eine geringere Explodibilität voraus hatte. Der Vorzug geringerer Explodibilität kommt übrigens auch dem von Champy( 76 3 Theile Salpeter, 18.9 Theile Kohle und 4'8 Theile Schwefel), dann dem in der jüngften Zeit mehrfach mit gutem Erfolge verwendeten Pulver von Neumeyer( 72 Theile Salpeter, 18 Theile Kohle und 10 Theile Schwefel)* zu und hat namentlich das letztere durch feine Eigenthümlichkeit, nur unter Druck zu explodiren, einiges Auffehen erregt. Neueftens hat auch E. Wattlen in Middleybrough ein Patent auf ein Sprengmittel erworben, das er Pyrolith nennt und durch Mifchung von Salpeter, Sägefpänen und Schwefel, denen er für fchwächere Sorten auch Kohle beimengt, herftellt. In die Reihe der Surrogatpulver, in denen die Kohle und der Schwefel durch andere verbrennbare Stoffe erfetzt find, zählen in gewiffem Sinne auch die fogenannten Pikratpulver, welche wefentlich Gemenge von Pikrinfäure oder * Früher hatte Neumeyer eine Pulvermifchung von 75 Theilen Salpeter, 18.75 Theilen Kohle und 6.25 Theilen Schwefel angegeben. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 21 pikrinfauren( trinitrophenilfauren) Salzen mit Nitraten, Kohle und dergl. find, dann aber auch die durch Einwirkung von Salpeterfäure auf Holz, Stärke u. f. w. erhaltenen Pulver von Schultze, Uchatius, Pelouze u. A. Ein Pikratpulver wurde zuerft von Berlinetto in Padua( 1867) dargestellt. Seine Mifchung beftand aus 10 Theilen Pikrinfäure, 10 Theilen Natriumnitrat und 8.5 Theilen Kaliumchromat, während Defignolle in Paris( 1869) ein Sprengpulver durch Mifchung von pikrinfaurem Kalium mit Kaliumnitrat herftellte, deffen brifante Wirkung er für Zwecke der Bereitung eines Schiefspulvers durch Zufatz von Kohle abzufchwächen fuchte. Später wurde durch Brugère( 1869) auch pikrinfaures Ammonium in Mifchung mit Salpeter( 54 Theile Amonpikrat, 46 Theile Salpeter) zur Pulverbereitung verwendet und auch Abel hat in feinem neueften„ picric powder" eine ähnliche Mifchung angewendet. Derartige Pikratpulver, deren Anwendung in der Praxis namentlich durch die von Cafthelaz eingeführten Verbefferungen in der Fabrication der früher ziemlich koftfpieligen pikrinfauren Salze ermöglicht wurde, haben namentlich in Frankreich( als Boboeufpulver, Defignollespulver, Fontainepulver), dann aber auch in England und Nordamerika, vorzüglich zur Füllung von Sprenggefchoffen Verwendung gefunden, zu welchem Zwecke fie fich ihrer äufserft kräftigen Wirkung wegen fehr gut eignen, dürften fich jedoch wegen der nachweis lichen Gefahr einer exploſiven Selbftentmifchung der pikrinfauren Salze kaum allgemeiner einbürgern. Ebenfowenig dürfte, wenn auch aus anderen Gründen, der in der neueften Zeit( 1871) von H. Violette entdeckten exploſiven Mifchung von gefchmolzenem Salpeter mit wafferfreiem Natriumacetat eine günftige Prognofe als Sprengmittel geftellt werden können, da abgefehen von der Gefährlichkeit der Darftellung folcher Mifchungen im Grofsen die Anwendung des effigfauren Salzes manche Uebelftände mit fich führen dürfte. Auf der Ausftellung war von folchen neueren und neueften Pulverforten, denen durch die immer mehr in Aufnahme kommenden Nitroglycerin- Präparate eine gefährliche Concurrenz erwachfen ift, nur ein einziges zu fehen. Es war diefs die von Ph. Maffip in Genf ausgeftellte Compofition minière. Ein lockeres Pulver von lichtbrauner Farbe mit deutlich wahrnehmbaren, gelben Partikelchen untermengt fcheint diefes Pulver eine Mifchung zu fein, welche Schwefel und Holzmehl enthält, das im Originalpräparate ohne Zweifel falpetrifirt oder vielleicht nitrirt ift. Diefes Minenpulver, von welchem bemerkt wird, dafs es frei entzündet, völlig unexplofiv fei, foll fich als ein fehr ficher wirkendes und ökonomifches Sprengmittel für Bergbau- Zwecke erweifen, während es für Feuerwaffen völlig unbrauchbar ift. Eine Reihe von Zeugniffen franzöfifcher und fchweizer Fachmänner beftätigen die Brauchbarkeit diefes Sprengstoffes. Aus Oefterreich, wo doch, wenigftens bis vor Kurzem, die Erzeugung des Haloxylins in mehreren Fabriken( Steiermark und Böhmen) der Firma Anders und Fehleifen betrieben wurde, war nichts Einfchlägiges zur Ausftellung gebracht worden und fcheint auch das Haloxylin, das feiner Zeit vielfach und mit günftigem Erfolge in Verwendung ftand, der Concurrenz des Dynamits gewichen zu fein. Schiefs Baumwolle. Das intereffante Product der Einwirkung von Salpeter- Schwefelfäure auf Baumwolle, dem fein erfter Entdecker** in der fanguinifchen Hoffnung, das neue Präparat werde ein völliges Erſatzmittel des Schiefspulvers werden, den Namen„ Schiefs- Baumwolle" beigelegt hat, entſprach den von demfelben gehegten Erwartungen bis auf die neuere Zeit bekanntlich nicht. * Nach dem Befitzer der im Jahre 1868 explodirten Fabrik von Pikratpulver am Place de la Sorbonne zu Paris fo genannt. ** Bekanntlich ift die im März des Jahres 1846 von Schönbein zuerft dargestellte SchiefsBaumwolle, deren Bereitungsweife er indefs geheim hielt, im Auguft desfelben Jahres auch von Böttger und endlich im October von Otto dargestellt worden. 22 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Schon von dem Comité franzöfifcher Fachmänner, dem im Jahre 1846 die Beurtheilung der Brauchbarkeit diefes Explofivftoffes oblag, in Hinficht auf die Verwendbarkeit als balliftifches Agens ungünftig beurtheilt, mehrten fich, trotz des günftigeren Urtheiles, welches fpäter die deutſche Prüfungscommiffion über das neue Präparat gefällt hatte, die abfälligen Urtheile über diefen mit fo grofsen Hoffnungen begrüfsten exploſiven Körper. Vornehmlich war es der nachtheilige Einfluss auf die Gefchützrohre, der im Gefolge des allzurafchen Exploſionsverlaufes der Schiefs- Baumwolle ftand, dann aber auch die Schwierigkeit der Darftellung eines gleichmäfsig wirkenden Präparates, welche trotz der unzweifelhaft erzielbaren gröfseren Effecte die Verwendung der Schiefs- Baumwolle als Kraftquelle für den Wurf von Projectilen unmöglich zu machen fchienen. Dagegen hat man durch die eminenten Vortheile, welche die Anwendung derfelben als Sprengmittel bot, veranlafst, die Schiefs- Baumwolle für Sprengarbeiten zu verwenden gefucht, und namentlich hatte Oefterreich, wo man, nach General v. Lenk's Vorfchrift, Schiefs- Baumwolle von vorzüglichen Eigenfchaften darzuftellen wufste, die Schiefs- Baumwolle im Jahre 1853 als Sprengpräparat bei der Genietruppe und Artillerie( für Hohlgefchoffe) eingeführt. Aber auch der Anwendung in diefer Eigenfchaft ftellten fich nicht geringe Bedenken entgegen, deren gewichtigftes fich auf die inzwifchen unzweifelhaft feftgeftellte Thatfache der Selbftzerfetzbarkeit der Schiefs- Baumwolle gründete. Nichtsdeftoweniger gab man die Verfuche noch nicht auf, die theilweife fehr verlockenden Vorzüge der Schiefs- Baumwolle, zumal für Kriegszwecke zu verwenden und fuchte durch befondere Sorgfalt in der Darftellung, fowie durch Behandlung des fertigen Productes mit fchwachen Alcalilöfungen( nach v. Lenk Wafferglas) dem Mangel der Selbftzerfetzbarkeit, den man durch ungenügende Entfernung des Reftes vom Säuregemifch verfchuldet glaubte, zu begegnen. Als aber endlich am 31. Juli 1862 das Lager der in der Hirtenberger Fabrik( Oefterreich) nach v. Lenk's Verfahren dargeftellten, einer Selbftzerfetzung vermeintlich nicht fähigen Schiefs- Baumwolle ohne nachweisliche Veranlaffung in den Simmeringer Magazinen explodirte, war trotz der verfuchten Bemäntelung der Beweis hergeftellt, dafs die Selbftzerfetzung der Schiefs- Baumwolle, von der man früher nur einen gefahrlofen Verlauf gekannt hatte, auch höchft gefährlich werden könne, und damit fchien endlich der Stab über die Schiefs- Baumwolle gebrochen. Während man nun die Fortfetzung weiterer Verfuche allenthalben aufliefs, vielfach auch die gefährlich fcheinenden Vorräthe an Schiefs- Baumwolle der Vernichtung preisgab, hatten nur General v. Lenk, der fein bis 1862 als Geheimnifs Oefterreichs behandeltes Verfahren der Darftellung von Schiefs- Baumwolle nun auch anderen Regierungen mittheilte, und der bekannte Profeffor F. A. Abel die Hoffnung nicht aufgegeben, trotz aller gegentheiligen Meinungen die Schiefs- Baumwolle noch zu Ehren zu bringen. Vornehmlich gebührt Abel das Verdienft, durch feine im Jahre 1867 patentirte Methode der Darftellung von Schiefs- Baumwolle oder Gemifchen verfchiedener Schiefswoll- Qualitäten in verdichteter oder gekörnter Form, fowie durch feine Angaben über eine gefahrlofe Aufbewahrungsweife und Confervirung derfelben, die Frage der Verwendung von Schiefs- Baumwolle zu militärifchen Zwecken wieder discutirbar gemacht zu haben. Sein Verfahren befteht in Wefenheit darin, dafs fertige Schiefswolle, anftatt wie bisher in Form von Lunten, Garn oder lockeren Baufchen verwendet zu werden, durch Verkleinerung auf einer Art Holländer, ganz nach Art der Herſtellung des Papierzeugs, in einen zarten Brei verwandelt wird, aus welchem dann Scheiben, Cylinder, Blätter oder aber dem Schwarzpulver- Korne ähnliche Körner geformt und durch Preffung gehörig verdichtet werden können. Auf diefem Wege läfst fich die Heftigkeit der Exploſion, die ein wefentliches Hindernifs in der Anwendung von Schiefswolle zu balliſtiſchen Zwecken war, nicht nur wefentlich verringern, fondern es gelingt auch auf diefe Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 23 Weife, durch Herſtellung von Mifchungen verfchieden ftark nitrirter Wollforten oder durch Beimifchung indifferenter Stoffe zu guter Schiefswolle, Producte von variablem Effecte herzuftellen, was diefe neue Form der Schiefswolle dem durch Aenderung der Zufammenfetzungsverhältniffe in feiner Wirkungsweife fo fehr modulirbaren Schwarzpulver wefentlich ähnlicher macht. Ein anderer, nicht unwefentlicher Vortheil, den das Abel'fche Verfahren bietet, ift auch der, dafs fich bei feiner Anwendungsform der Schiefswolle auch geringe Wollforten, Scheerwolle, Spinnabfälle* u. f. w. für Schiefs- BaumwollFabrication verwenden laffen und alfo das Präparat auch billiger darftellbar ift. Durch diefe Form der Anwendung und nicht minder durch die gleichfalls Abel zu verdankende Erfahrung, dafs fich Schiefs- Baumwolle wenn vor der Einwirkung des directen Tageslichtes gefchützt, im feuchten Zuftande völlig unzerfetzt aufbewahren laffe, ift ohne Zweifel die Frage der Verwendbarkeit diefes Exploſivftoffes in ein neues Stadium getreten und ist ohne Zweifel durch den von Brown in Woolwich geführten Nachweis, dafs auch die Schiefswolle durch Anwendung der zuerft von Alf. Nobel für Nitroglycerin- Präparate mit Erfolg verwendeten Detonationszündung( Zündung mittelft eines heftig detonirenden Knallpräparates) zur vollen Entwicklung ihrer Explofionswirkung gebracht werden könne, ihrer günftigen Löfung nähergerückt worden. So dürfte denn die Schiefs- Baumwolle in ihrer neuen Geftalt mehr zu Ehren kommen, als das bei der ursprünglichen Form derfelben der Fall war und es erübrigt nur noch die Löfung des Problems einer ungefährlichen und doch genügend rafchen Trocknung des zu verwendenden Productes, um auch das letzte Bedenken zu befeitigen, wenn nicht etwa die neueftens von Brown gemachte Entdeckung, dafs auch feuchte Schiefs- Baumwolle( mit bis 20 Percent betragendem Waffergehalte) explofibel fei, der Frage eine neue Wendung gibt. - Bei folch' günftigen Aufpicien hat denn in der That die Schiefs- BaumwollFabrication wieder feften Fufs gefafst und die Patent Safety Gun Cotton Factory in Stowmarket, deren technifcher Dirigent E. C. Prentice auch ein Verfahren zur Darftellung wafferdichter Schiefs- Baumwolle** erfonnen hat, liefert bereits feit Jahren Schiefswolle, die nach einem, auf die Erfahrungen von Lenk und Abel gegründeten, durch Prentice theilweife verbefferten Verfahren dargeftellt wird. In der jüngften Zeit foll diefe Firma, welche ihre Schiefs- Baumwolle in Geftalt von Sicherheitspatronen in Handel bringt, monatlich 30 his 40 Tonnen ihrer comprimirten Schiefs- Baumwolle abgefetzt haben. Auch die englifche Regierung hat die comprimirte Schiefs- Baumwolle neuerdings für militärifche Zwecke eingeführt und behufs ausgedehnterer Fabrication derfelben mehrere Fabriken eingerichtet. Ihrem Beiſpiele dürften bald auch andere Regierungen folgen; wenigftens in Oefterreich hat man neuefter Zeit der comprimirten Schiefs- Baumwolle einige Aufmerkfamkeit zugewendet und ausgedehnte Verfuche über die Brauchbarkeit derfelben anftellen laffen, die, wie aus den bezüglichen Berichten hervorgeht, ein fehr günftiges Refultat gehabt haben. Das Vorkommnifs einer Explofion von comprimirter Schiefs- Baumwolle, wie fich eine folche in der Fabrik zu Stowmarket ereignet hat, dürfte, fo fehr diefer Fall auch zur Vorficht mahnt, doch kein Grund fein, fich neuerdings vor jedem weiteren Verfuche in Bezug auf comprimirte Schiefs- Baumwolle abfchrecken zu laffen. Auf der Ausstellung war Schiefs- Baumwolle nur fpärlich vertreten. Es war die Henry Rifled- Barrel- Company, Blenheim Works, London, welche unter anderem Kriegsmateriale auch Patronen aus comprimirter Schiefs- Baumwolle von der Fabrik Punfhou& Comp. in London ausgeftellt * Im Jahre 1868 liefs fich auch Berard in Paris die Verwendung von Scheerwolle für die Darftellung von Schiefs- Baumwolle patentiren. ** Prentice tränkt zu diefem Zwecke die Schiefs- Baumwolle mit Löfungen von Paraffin in flüchtigen Oelen. 24 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. hatte, als deren wefentlichfter Vorzug die in der Natur der comprimirten SchiefsBaumwolle liegende Eigenthümlichkeit hervorgehoben werden kann, dafs fie, frei entzündet, ruhig abbrennen und erft bei geeigneter Zündung im abgefchloffenen Raume ihre, der des Schwarzpulvers weit überlegene Wirkung entfalten. Oefterreich, das bekanntlich in feiner Fabrik zu Hirtenberg gleichfalls comprimirte Schiefs- Baumwolle von vorzüglicher Qualität erzeugt, war auf der Ausftel lung mit diefem Erzeugniffe gar nicht vertreten, dagegen hatten die öfterreichifchen Ausfteller J. Mahler& Efchenbacher in Wien in ihrem der Darstellung moderner Sprengtechnik gewidmeten Pavillon Imitationen von Profeffor Abel's comprimirter Schiefs- Baumwolle ausgeftellt. Nitroglycerin und Nitroglycerin- Präparate. Die von Sobrero im Jahre 1847 zu Paris gemachte Entdeckung, dafs Glycerin ähnlich der Cellulofe durch Einwirkung von Salpeter- Schwefelfäure in einen explofiven Körper, das „ Pyroglycerin", verwandelt werden könne, ift bekanntlich erft im Jahre 1863 durch Alfred Nobel in Stockholm für die Praxis nutzbar gemacht worden. Seinen mit feltener Kühnheit ausgeführten Verfuchen war es gelungen, zunächft eine einfache und im Grofsen ausführbare Methode der Nitroglycerin- Bereitung zu ermitteln und weiters auch die Bedingungen einer praktiſchen Anwendung desfelben für Sprengzwecke feftzuftellen. Bei dem relativ mässigen Preife, zu dem Nobel fein Patent- Sprengöl in den Handel brachte und der von keinem anderen Sprengmittel erreichten brifanten Wirkung, hätte dasfelbe ohne Zweifel fehr bald alle anderen Sprengmittel aus dem Felde gefchlagen, wenn nicht mehrere unheilvolle Explofionen, deren eine( 1864) die Nobel'fche Fabrik in Stockholm felbft zerftörte, das Hantiren mit dem neuen Sprengftoffe hätte gefährlicher erfcheinen laffen, als es Nobel hingeftellt hatte. Als überdiefs noch da und dort beim Transporte und an Orten, wo Nitroglycerin aufbewahrt wurde, ohne nachweisbare Veranlaffung Kataftrophen der fürchterlichften Art durch Explofionen des neuen Sprengmittels erfolgten, da fchien trotz aller Vorzüge, die das Nitroglycerin durch feine enorme Sprengkraft und die bei feiner Anwendung mögliche bedeutende Erfparnifs an Bohrarbeit, wie nicht minder durch feine bequeme Anwendbarkeit in naffem Gefteine und unter Waffer bot, das Schickfal diefes neuen Sprengstoffes entfchieden. Nicht nur, dafs felbft einzelne herzhafte Sprengtechniker, trotz der Bemühungen Nobel's, die Ungefährlichkeit feines Präparates bei vorfichtigem Gebahren mit demfelben darzuthun, vor der Anwendung desfelben zurückfchreckten, es wurde auch von mehreren Regierungen die Fabrication, wie die Einfuhr und der Gebrauch diefes der befonderen Gefährlichkeit einmal verdächtigen Spreng ftoffes geradezu verboten und fein Transport feitens der meiften Transportgefellfchaften verweigert. Das Auftreten folcher Schwierigkeiten veranlafsten Nobel, der inzwifchen durch Einführung der Detonationszündung mit feinen PatentZündkapfeln die Mitverwendung von Schiefspulver zur Zündung feiner Nitroglycerin- Patronen völlig entbehrlich gemacht hatte, zur Anftellung von Verfuchen, das Nitroglycerin, deffen leichte Explodirbarkeit durch Stofs oder Reibung, ja auch durch Selbftentmifchung nun einmal nicht mehr zu leugnen war, wenigftens für den Transport und die Aufbewahrung gefahrlos zu machen. Die erfte Frucht diefer Verfuche war 1866 fein„ methylirtes Sprengöl"( eine Löfung von Nitroglycerin in Holzgeift), das an fich vollkommen unexplofiv, ficher transportirt und aufbewahrt werden konnte und im Momente des Bedarfes durch Zufatz von Waffer die Abfcheidung( für welche Nobel eine befondere Abfcheidungsflafche conftruirt hatte) des fofort verwendbaren Nitroglycerins geftattete. Allein diefe Form, in der übrigens Nobel noch jetzt Sprengöl für beftimmte Zwecke verfendet, wäre fchon wegen der durch die Anwendung des immerhin nicht billigen Löfungsmittels unvermeidlichen Vertheuerung des Präparates nicht zu begündarnach angethan gewefen, die allgemeine Einführung des Sprengöles ftigen. Da trat Nobel im Jahre 1867, nachdem zum Theile fchon früher von anderer Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 25 Seite Vorfchläge gemacht worden waren, die vornehmlich durch feine flüffige Form bedingten Uebelftände des Sprengöles durch Vermifchen desfelben mit Sand zu befeitigen und weiters auch H. Wurtz fich bemüht hatte, durch Beimifchung von Nitraten des Calciums, Magneſiums oder Zinks dem Nitroglycerin für die Zeit der Aufbewahrung oder des Transportes feine Explofibilität zu benehmen( ein Zweck, den Ch. Seely durch Zufatz von alkalifchen Subftanzen zu erreichen fuchte), mit der Ankündigung eines neuen Sprengmittels hervor, das lediglich eine neue Geftalt feines Sprengöles war. Diefer neue Sprengftoff, der den Namen„, PatentPulverdynamit" führte, war in Wefenheit eine mit Nitroglycerin gefättigte, lockere Infuforienerde( Kiefelguhr), die allein dem Nitroglycerin Gehalte ihre Sprengkraft verdankte, während die Infuforienerde nur die Rolle des Auffaugungsftoffes für das flüffige Sprengmittel zu fpielen hatte. Die Vorzüge, welche Nobel diefem neuen Nitroglycerin- Präparate nachrühmte, als: faft vollſtändige Gefahrlofigkeit, Unfchädlichkeit der Exploſionsgafe bei Abwefenheit von Rauch, gleiche Wirkung mit dem Sprengöle bei 50percentiger Erfparnifs gegenüber dem Schwarzpulver, Anwendbarkeit in naffen Bohrlöchern etc., waren, wie begreiflich, ganz geeignet, die Aufmerkfamkeit der Welt auf diefes neue Sprengmittel zu lenken. Es fehlte nicht an Verfuchen, die über die Anwendbarkeit diefer weniger gefährlichen Form des Nitroglycerins angeftellt wurden, und das Ergebnifs derfelben war ein überwiegend fo günftiges, dafs man fich allenthalben zur Einführung diefes fo vortheilhaften Explofivftoffes entfchlofs. Kaum ein Jahr fpäter war' Nobel's Dynamit, fchon ein fehr gefuchtes Sprengmittel und ein Beweis für die Rafchheit, mit welcher fich dasfelbe Eingang in die Praxis verfchafft hat, liegt darin, dafs bis Mitte des Jahres 1868 bereits über 1000 Centner Dynamit verkauft waren, ohne dafs dabei alle Beftellungen hätten effectuirt werden können. An Vorfchlägen anderer Art das Nitroglycerin mit möglichfter Vermeidung gröfserer Gefahr dem Dienfte der Sprengtechnik zu erhalten hat es übrigens auch fpäter nicht gefehlt. So empfahl E. Kopp, von der Anficht ausgehend, dafs wefentlich der Transport und die längere Aufbewahrung des der Selbftzerfetzung fähigen Nitroglycerins zur Quelle gefährlicher Explofionen werden können, die Herftellung des jedesmaligen Bedarfes an Nitroglycerin an Ort und Stelle, und fchlug zu diefem Ende eine einfache und im Kleinen ganz gut durchführbare Methode der Nitroglycerinbereitung vor. A. E. Rudberg, welcher mit Rücksicht auf die bei der Nitroglycerinfabrication felbft eintretende Möglichkeit einer Explosion einen automatiſch und continuirlich wirkenden Apparat zur fabriksmäfsigen Erzeugung grofser Quantitäten von Sprengöl conftruirt hatte, empfahl 1868 den Zufatz geringer Mengen von Benzol, Nitrobenzol und ähnlichen Stoffen zum Nitroglycerin, um demfelben die für den Transport und die Hantirung befonders gefährliche Eigenfchaft, bei Temparaturen unter acht Grad Celfius theilweiſe erftarren zu können, zu benehmen. Solchen Vorfchlägen, die beffer gemeint als für die grofse Praxis geeignet waren und nimmermehr dem Nitroglycerin zu der Bedeutung verholfen haben würden, die es heute in Geftalt des Dynamit hat, folgten in Nachahmung der Nobel'fchen Idee, das Nitroglycerin durch Beimifchung eines dasfelbe auffaugenden feften Stoffes in die zweifellos weniger gefährliche und zudem handlichere Form des Dynamit zu bringen, bald andere in nicht geringer Zahl. So fchlug Horsley zu Cheltenham( 1869), offenbar in falfcher Auffaffung der Rolle des Kiefelguhr im Dynamit, die Anwendung von gepulvertem Alaun oder Bitterfalz als Auffaugungsftoffen für Nitroglycerin vor, während im felben Jahre W. Sheam das, feiner Zeit von Ed. Schultze& Comp. in Potsdam dargestellte weifse Pulver( nitrirtes und falpetrifirtes Holzpulver) mit 10 bis 16 Percent Nitroglycerin befeuchtet als wirkfames Sprengmittel empfahl. 26 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Gleichfalls 1869 liefs fich Alfred Nobel felbft zunächft für England, fpäter auch für Frankreich und andere Staaten zwei neue Sprengpräparate patentiren, deren ftärkeres aus 68 Theilen Bariumnitrat, 12 Theilen Kohle und 20 Theilen Nitroglycerin, ein fchwächeres aus 70. Theilen Bariumnitrat 10 Theilen Harz und 20 Theilen Nitroglycerin beftand, und ziemlich gleichzeitig trat auch C. Dittmar in Charlottenburg mit einem„ Dualin" genannten Nitroglycerin Präparate hervor, das nach dem amerikanifchen Patente, angeblich aus Cellulofe, Nitrocellulofe, Nitroftärke, Nitromannit und Nitroglycerin oder aus Cellulofe, Salpeter und Nitroglycerin dargeftellt fein follte, aber wahrfcheinlich nur das Sheam'fche Präparat unter neuem Namen war. Später folgte der von der Firma Gebrüder Krebs& Comp. zu Deutz bei Köln in den Handel gebrachte ,, Lithofracteur", ein Nitroglycerinpräparat, welches nach der Unterfuchung J. Trauzl's nahezu den Verhältniffen, 30 Theile Kiefelguhr, 12 Theile Steinkohlen- Pulver, 4 Theile Salpeter und 2 Theile Schwefel zu 52 Theile Nitroglycerin entspricht, dann im Jahre 1871 das von den Gebrüdern Wafferfuhr& Comp. in Köln dargeftellte Coloniapulver, das in Wefenheit ein mit 30 bis 35 Procent Nitroglycerin gemengtes Schwarzpulver zu fein fcheint, deffen Zufammenfetzung von der des gewöhnlichen Schwarzpulvers theilweife abweicht. Diefen neuen Geftalten des Spregnöles fchloffen fich im Jahre 1871 und auch 1872 mehrere andere, theils von A. Nobel theils von J. Trauzl hergeftellte leichtere Dynamitforten und weiters auch ein.„ Fulminatin" genanntes Sprengmittel an. das von Dr. Fuchs in Alt- Berun( Schlefien) empfohlen wurde und aller Wahrfcheinlichkeit nach aus Nitroftärke, Nitroglycerin, Kiefelguhr, Salpeter und Holzmehl beftehen dürfte. Endlich wurde bei Gelegenheit der Belagerung von Paris auch die Verwendbarkeit von Tripel, Kaolin, Thonerde fowie befonders auch von Zucker als Auffaugungsmittel für Nitroglycerin geprüft und von Girard, Millet und Vogt empfohlen. Ueber den Werth der wichtigften diefer Nitroglycerinpräparate liegen abgefehen von den vielfachen günftigen Zeugnifsen über die Nobel'fchen Dynamit forten**, deren wohlerworbener guter Ruf fich bei den mannigfachften Verfuchen bewährt hat, bezüglich des Dualins dann des Lithofracteur und des Coloniapulvers zum Theile fehr eingehende Unterfuchungen vor. So war das Dualin Gegenftand einer Reihe von dem k. k. öfterreichifchen militärifch technifchen Comité im Jahre 1870 nächft Hütteldorf ausgeführter Verfuche, bei welchen fich herausftellte, dafs diefes Sprengmittel bei ähnlicher, aber weniger brifanter Wirkung als Dynamit, fich als Sprengmittel gut verwenden laffe, dagegen aber infoferne keine befondere Erfparnifs vor älteren Sprengmitteln biete, als es bei gleichem Volumen blofs etwa die gleiche Leiftung wie Schwarzpulver gibt, dem Dynamit gegenüber fogar nur 50 Percent des Effectes liefert, der fich mit den gleichen Volumen Dynamit erreichen läfst. Der Lithofracteur, welcher fich beim Sprengen eiferner Gefchütze am Mont Valérien mit vorzüglichem Erfolge bewährt hatte, wurde von dem Spreng mittel- Comité des englifchen Kriegsminifteriums einer Prüfung unterworfen, bei der fich derfelbe als ein fehr brauchbares, dem Dynamit in feiner Wirkung am nächften kommendes Sprengmittel erwies. Bezüglich des Coloniapulvers endlich liegen bisher nur die Ergebniffe einzelner, in verfchiedenen Bergwerken vorgenommener Verfuche vor, denen zu Folge diefes Sprengmittel zwar unftreitig das Schwarzpulver übertrifft, aber dem Dynamit nachftehen foll, was bei dem wefentlich geringeren Nitroglyceringehalte umfoweniger auffallen kann, als bei der Explofion des Nitroglycerins der zur Auffaugung verwendete Pulverfatz wohl kaum Zeit zur Entwicklung feiner eigenen * Eine Mifchung von Schwarzpulver mit Nitroglycerin hat bekanntlich zuerft Nobel fchon im Jahre 1864 als Sprengmittel verwendet. ** Ueber die bei Dynamitfprengungen gemachten Erfahrungen hatte das italieniſche Marineminifterium einen fehr intereffanten graphifchen Nachwes ausgeftellt. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 27 Explofionswirkung finden oder diefe wenigftens nur fehr unvollkommen zur Geltung kommen dürfte. Auf der Ausftellung waren Nitroglycerinpräparate im Ganzen gut repräfentirt. Von Nobel's Sprengpräparaten fanden fich zwei Collectionen vor, deren eine die Firma Alfred Nobel& Comp., welche in Krümmel( Lauenburg) und Zámky nächft Prag( Böhmen) gröfsere Nitroglycerin- und Dynamitfabriken befitzt, die andere J. Mahler& Efchenhacher in Wien, welche Firma, die nebft A. Schram in Prag mit dem ausfchliefslichen Verlage der Nobel'fchen Sprengpräparate betraut ift, diefe in einem der Ausftellung moderner Sprengmittel gewidmeten Pavillon ausgeftellt hatte. Die Fabriken von Nobel& Comp. zu Krümmel und zu Zámky, von welchen. Mahler& Efchenbacher auch fehr intereffante plaftifche Pläne zur Ausftellung gebracht hatten, erzeugen dermalen mehrere Sorten von Dynamit, die in imitirten. Muftern in beiden Collectionen vertreten waren. Die wichtigften diefer beiden Dynamitforten, die für den BergwerksGebrauch ausfchliefslich in Pergamentpapier- Patronen verfchiedener Grösse in den Handel kommen, find folgende: Dynamit Nr. 1. Eine fich fettig anfühlende, faft breiige Maffe von lichtbrauner Farbe, welche aus 25 Percent Kiefelguhr und 75 Percent Nitroglycerin befteht, verdankt diefe Dynamitforte ihrem hohen Sprengölgehalte die kräftigſte Wirkung unter allen Nitroglycerin- Präparaten und eignet fich folcher Geftalt vornehmlich für Sprengungen in fehr hartem Gefteine, für Sprengungen von Eifen, fowie für die Ausführung der Maillfert'fchen Sprengmethode mit frei aufliegenden Ladungen, fo dafs fie demnach in erfter Linie für militärifche Zwecke befondere Bedeutung hat. Der Preis diefer Dynamitforte beträgt IIo fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner. Dynamit Nr. 2 bildet eine bräunlich gefärbte Maffe von 13 ſpecififchem Gewichte, welche neben 48 bis 50 Percent Nitroglycerin und 10 Percent Kiefelguhr 40 Percent gedarrten und falpetrifirten Holzmehles enthält. Diefe Dynamitforte, deren Preis 80 fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner beträgt, ift namentlich für Sprengungen in mittelhartem Gefteine geeignet und kann überall da, wo das Geftein nicht allzuhart oder zu weich ift, mit Vortheil verwendet werden. Dynamit Nr. 3 ift eine gleichfalls bräunlich gefärbte pulverige Maffe von gleicher Dichte, wie die Sorte Nr. 2, mit der es auch die Qualität der Beftandtheile gemein hat. Sein Mifchungsverhältnifs ift 30 bis 35 Percent Nitroglycerin, 5 Percent Kiefelguhr und 60 Percent falpetrifirtes Holzmehl. Er ift namentlich für milde Steinforten, zu Erdfprengungen insbefondere aber für die Sprengarbeit in Braun- oder Schwarzkohle beftimmt, wo er gröfsere Ausbeuten an Stückkohle bei rafcher Arbeit zu erzielen geftattet. Der Preis diefer Dynamitforte beträgt per Zollcentner 62 fl. öfterreichifcher Währung. Wiewohl die genannten Dynamitforten fämmtlich zumal in Geftalt von Pergamentpapier- Patronen zur Sprengarbeit in naffen Bohrlöchern und unter Waffer verwendbar find und nur bei längerer Einwirkung des Waffers den Dienft verfagen, erzeugt die Firma Nobel& Comp. neueftens noch eine Dynamitforte, welche vornehmlich für Arbeiten unter Waffer beftimmt ift. Diefe Dynamitforte, welche der Hauptfache nach aus Holzftoff und Nitroglycerin im Verhältniffe von 1: 3 befteht, bleibt im Waffer vollkommen unverändert und kann, wie diefsbezügliche Proben dargethan haben, ohne wafferdichte Umhüllung 8 bis 10 Tage und noch länger unter Waffer verweilen ohne an Explofibilität und Krafteffect etwas einzubüfsen. Ueberdiefs erzeugt die Firma nach Bedarf für beftimmte Zwecke auch andere Nitroglycerin- Präparate fo z. B. mit Nitroglycerin inprägnirte Schiefswolle und andere Mifchungen, welche vornehmlich zur Herftellung von Zünd*) Nobel& Comp. hatten in Deutschland Gruppe III ausgeftellt. 28 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. patronen für gröfsere Dynamitladungen beftimmt find, und fie liefert endlich auch die für die Zündung der einzelnen Dynamitforten erforderlichen ftarken Knallund Zündkapfeln, welche im Allgemeinen für Dynamit Nr. I uud die leichteren Dynamitforten Nr. 2 und 3:01 bis 0'4 Gramm, für gefrorenes Dynamit dagegen I Gramm und darüber an Knallqueckfilber- Satz zu enthalten pflegen. Die Betriebsweife der Nobel'fchen Fabriken ift hinfichtlich der Nitroglycerin Fabrication im Principe noch die von Nobel urfprünglich in Anwendung gebrachte. Die Nitrirung des Glycerins wird in einem aus Bleiblech hergestellten, entſprechend verftärkten Mifchungscylinder vorgenommen, der die Herftellung von mehreren Centnern Nitroglycerin in einer Operation geftattet. In diefem Cylinder find zwei eng gewundene Kühlfchlangen aus Bleirohr eingefetzt, welche während jeder Operation unausgefetzt von Eiswaffer durchftrömt werden, das aus einem höher gelegenen koloffalen Baffin eintretend, mit fo bedeutendem Gefälle abfliefst, dafs für den Fall des Leckens eines diefer Schlangenrohre ein Austritt von Waffer in das Säure- und Glyceringemifche nicht zu beforgen ift.* Eine mittelft einer Seiltransmiffion betriebene Rührvorrichtung beforgt die Mifchung des in dem Cylinder aufgefüllten Säuregemifches( Salpeter- Schwefelfäure) mit dem allmälig zufliefsenden Glycerin, während an verfchiedene Stellen eingefetzte Thermometer die jeweilig herrfchende Temperatur zu beobachten geftatten. Am Boden des Mifchcylinders ift ein leicht zu öffnender Ablasshahn von fo grofsem Lumen eingefetzt, dafs für den Fall einer nicht zu bewältigenden Temperaturfteigerung ein faft momentanes Ablaffen der Mifchung in ein in nächfter Nähe aufgeftelltes, ftets mit Waffer gefülltes grofses Baffin möglich ift. Jede einzelne Operation, welche mehrere Centner Nitroglycerin liefert, nimmt eine Zeit von bis 1 Stunden in Anfpruch. Die Temperatur wird fo geregelt, dafs fie die Höhe von 18 Grad Celfius nicht überfchreitet und ift für die Controle des regelrechten Ganges der Operation ftets ein erfahrener Chemiker zugegen. Nach vollendeter Operation wird die Mifchung direct in ein grofses mit Waffer( im Winter angewärmt) gefülltes Gefäfs abgelaffen, wo fich das Nitroglycerin von dem verdünnten Säuregemifche fcheidet und von hier aus wird nach erfolgter Abfcheidung das rohe Sprengöl behufs vollkommener Entfäuerung in ein nach Art eines Butterfaffes conftruirtes Gefäfs gebracht, worin es mit Sodalöfung behandelt und endlich forgfältig gewafchen wird. Das gewafchene und von Waffer endlich völlig befreite Nitroclycerin wird fchliefslich durch Flanell filtrirt, um fofort weiter auf Dynamit verarbeitet zu werden, was durch Mifchen des vorher vollkommen getrockneten und von gröberen Unreinigkeiten forgfältig befreiten Kiefelguhr( oder den geeigneten Mifchungen) mittelft Handarbeit gefchieht. Alle einzelnen Operationen, das ift Nitrirung, Scheidung, Wafchung. Filtration und Verarbeitung auf Dynamit, werden in gefonderten leichten Holzbauten ausgeführt, die für den Fall einer Explofion durch ftarke Erdwälle von einander gefchützt und übrigens fo angelegt find, dafs zur Vermittlung der Beförderung des Nitroclycerins aus einem Arbeitsraum in den nächften das natürliche Gefälle benutzt werden kann, fomit ein Umfüllen und Hin und Hertragen des Sprengöles vermieden ift. Auch die Herftellung der Dynamitpatronen wird in einzelnen, von ein ander durch ftarke Erdwälle getrennten Holzhütten vollführt, in welchen je zwei bis höchftens vier Perfonen befchäftigt find, denen ftets nur geringe Quantitäten von Dynamit übergeben und die fertigen Patronen in kurzen Zeitintervallen von einem Vormeifter abgenommen werden. Die Füllung der Patronen gefchieht * Es iſt diefe Vorficht infoferne von groser Bedeutung, als bei dem Contacte des concentrirten Säuregemifches mit Waffer, wo diefes nicht in Maffe vorhanden ist, unfehlbar eine bedeutende Erhitzung der Mifchung und alfo eine Explofion des fchon gebildeten Nitroglycerins eintreten würde. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 29 mittelft Handmafchinen, welche nach Art der Cigarrettenftopfer conftruirt und fo eingerichtet find, dafs die in Meffinghülfen gehenden Holzpiftons, welche die in einem am Obertheile der Meffinghülfe befeftigten Lederbeutel aufgefüllte Dynamitmaffe bei jedesmaligem Niedergange durch die Meffighülfe hindurch in die untergehaltene Pergament- Papierhülfe einzudrücken beftimmt find, mittelft einer gegen den Führungshebel drückenden kräftigen Feder, ein ftarkes Herabftofsen nicht zulaffen, wodurch der Gefahr einer Explofion durch Unvorfichtigkeit der Arbeiter vorgebeugt wird. Für die kältere Jahreszeit find die einzelnen Arbeitsräume mit gefonderten Warmwaffer- Heizungen verfehen. Diefe Einrichtung der Nobel'fchen Fabriken hat fich feither, kleinere durch hochgradige Unvorfichtigkeit der Arbeiter verfchuldete Unglücksfälle abgerechnet, trefflich bewährt und es fpricht wohl für die Zweckmäfsigkeit derfelben am meiften die Thatfache, dafs feit den zwei Jahren ihrer vollſtändigen Durchführung bei einer Erzeugung von etwa 25.000 Centner Dynamit, inclufive der Fabrication von mehr als zwanzig Millionen Patronen, fich nur ein Unglücksfall in einer Patronenhütte ereignete, welcher nachweislich durch eine grofse Leichtfertigkeit des einen der hiebei verünglückten beiden Arbeiter verfchuldet war. Speciell bezüglich der Fabrication des Nitroglycerins dürfte die Nobel'fche Methode der Maffenproduction nicht anzufechten fein. Sie liefert offenbar ein gleichmässigeres Product als das bei Anwendung des übrigens fehr finnreichen Rudberg'fchen Apparates oder der Methode möglich ift. welche G. M. Mowbray in den der Erzeugung des Sprengöl- Bedarfes für die Arbeiten am Hoofactunnel dienenden Nitroclycerin-Works bei Maffachuſetts eingeführt hat. Mowbray's Methode, welche in Wefenheit darin befteht, dafs bei ihr die Nitrirung des Glycerins in einzelnen kleineren Gefäfsen, alfo gewiffermafsen im Kleinen vorgenommen und durch die Ausführung vieler folcher Kleinoperationen zu gleicher Zeit der Bedarf gedeckt wird, dürfte, wenn mit der Arbeit der NitroglycerinBereitung überhaupt eine Explofionsgefahr verbunden ift, was nicht bezweifelt werden foll, kaum den Vorzug verdienen. Denn es ift klar, dafs die Beauffichtigung des Proceffes in 100 und mehr einzelnen Gefäfsen eine unbedingt viel fchwierigere und das rechtzeitige Eingreifen für den Fall einer Störung des regelmässigen Ganges weniger leicht ift, als das bei einem, wenn auch in gröfserem Mafsftabe fich vollziehenden Einzelproceffe möglich ift, und es wird alfo mit der Anzahl der gleichzeitig in Verwendung ftehenden Gefäfse, die zudem neben einander aufgeftellt find, in denen fich eben fo oft der Procefs vollzieht, auch die Wahr fcheinlichkeit der Exploſion eine gröfsere werden, die, wenn fie eintritt, trotz der jedesmal nur geringen Menge an Nitroglycerin, die in einem Gefäfse fich findet, um nichts weniger gefährlich wäre, als fie es bei dem Verfahren von Nobel werden könnte. Ebenfowenig dürfte auch dem neuefter Zeit( 1871) von P. Champion empfohlenen Apparate für die Darftellung von Nitroglycerin( ein um eine horizontale Axe drehbarer Recipient als Mifchgefäfs) einen befonderen Werth haben, und möchte bei diefem fchon das Erfordernifs eines Bewegungsmechanismus, bei dem Metallcontacte und alfo Explofionsgefahren in Folge der Reibung des fich an allen Apparattheilen fehr leicht hinziehenden Nitroglycerins, fchwer zu vermeiden fein dürften, nicht ganz unbedenklich erfcheinen. So dürfte die Nobel'fche Fabricationsmethode fich wohl auch weiterhin erhalten und es bliebe höchftens zu erwägen, ob nicht etwa durch Einführung einer Rührung mit comprimirter und gekühlter Luft, die durch theilweife Expanſion einer weiteren erheblichen Temperaturerniedrigung fähig ift, eine Rührmethode, wie fie Mowbray bei feinen Kleinoperationen in Anwendung gebrach hat, nicht auch mit gutem Erfolge bei der mit gröfserer Maffe ausgeführten Nitrirungsmethode Nobel's zu verwerthen wäre. Eines nicht unwichtigen Fortfchrittes mag hier noch gedacht werden, welcher in den Nobel'fchen Fabriken dank den Bemühungen I. Trauzl's in der neueften Zeit zur Durchführung gelangt ift. Es ift diefs die 30 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Einführung der directen Scheidung des Nitroclycerins von dem gebrauchten Säuregemifche, eine Arbeitsmethode, welche die vorherige Verdünnung der Mifchung nach vollendeter Nitrirung umgeht und alfo die nitrose Schwefelfäure, die bei der früheren Methode des Ablaffens der Mifchung in Waffer, als zu verdünnt, nicht weiter verwendbar war, in einer der weiteren Verwendung fähigen Form wieder zu gewinnen geftattet. Wie wichtig die Frage der Wiedergewinnung des zur Nitrirung verwendeten Säuregemifches ift, geht aus der Betrachtung hervor, dafs im letzten Betriebsjahre die Quantität des in nicht weiter verwendbarer Form abgehenden Säuregemifches in einer Concentration, in welcher dasfelbe bei der directen Scheidung wiedergewonnen werden kann, nicht weniger als 35.000 Centner betragen haben würde. Das Säuregemifch, wie es nunmehr bei der directen Scheidung erhalten werden kann, ftellt eine 50 bis 60 Grad Baumé ftarke Schwefelfäure mit einem Gehalte von etwa 14 Percent an Oxydationsftufen des Stickftoffes dar und wird vorläufig zum Preife von 2 fl. öfterreichifcher Währung per Centner an Düngerfabriken abgegeben, die es zur Auffchliefsung von Knochenmehl etc. mit Vortheil verwenden. Es dürfte fich jedoch, namentlich wenn es gelingt das Säuregemifch concentrirter zu erhalten als bisher, als rationeller erweifen, dasfelbe für die Darftellung von Salpeterfäure zu verwenden und fo beffer zu verwerthen als bis jetzt. Was die Productionsgröfse der Nobel'fchen Fabriken betrifft, fo haben diefelben( Krümmel und Zámky) im Jahre 1872 im Ganzen 13.400 Centner Dynamit producirt, wovon in der öfterreichifchen Fabrik zu Zámky 4000 Centner im Werthe von 320.000 fl. erzeugt wurden. Diefe Letztere arbeitet mit 2 Dampfmaschinen ( à 4 Pferdekraft), 3 Trockenöfen für Kiefelguhr und Holzpulver, 40 Patronenmafchinen und befchäftigt 60 bis 80 Arbeiter Ihr Rohmaterial- Verbrauch betrug 2000 Centner Glycerin, 8000 Centner Schwefelfäure und 4000 Centner Salpeterfäure, dann 1000 Centner Kiefelguhr. Von den Erzeugniffen beider Fabriken, die zufammen etwa 200 männliche und 50 weibliche Arbeiter befchäftigen, entfielen im letzten Jahre 12.000 Centner auf Dynamit Nr. 1, 1200 Centner auf Dynamit Nr. 2 und 200 Centner auf Dynamit Nr. 3. Hievon wurde faft die gefammte Production an Dynamit Nr. 2 und 3 in Oefterreich verbraucht, von Dynamit Nr. I etwa 3000 Centner in Oefterreich, der Reft vornehmlich in Deutſchland, Italien und der Türkei abgefetzt. Neuerlich ift der Verbrauch an Dynamit erheblich geftiegen, und betrug der Umfatz bis zu Ende Juni des laufenden Jahres für beide Fabriken bereits 9000 Centner Dynamit Nr 1, 1500 Centner Dynamit Nr. 2 und 600 Centner Dynamit Nr. 3. Beide Fabriken confumiren gegenwärtig per Monat 5000 Centner Schwefelfäure( 66 Grad Beaumé), 1500 Centner Salpeterfäure( 48 Grad Baumé), 500 Centner Glycerin( 30 Grad Baumé) und 5000 Centner rohen Kiefelguhr. Die Gefammtproduction von Dynamit am Continente dürfte fich gegenwärtig auf 50- bis 60.000 Centner per Jahr belaufen, wovon neben den beiden genannten bedeutendften Fabriken noch mehrere andere, an denen theils gleichfalls Nobel betheiligt ift( Italien, Südfrankreich, Deutſchland), oder die in Ländern, wo Nobel keine Patentrechte geniefst auch von anderen Firmen unterhalten werden, participiren. Auch in Stockholm, fowie in San Francisco halten Compagnien, an deren Spitze Nobel fteht, Dynamitfabriken im Betriebe Solche Zahlen fprechen deutlich für die Bedeutung, welche das noch in jungfter Zeit vielfach angefeindete neue Sprengmittel gewonnen hat, und wenn es gelingt noch einzelne Mängel zu befeitigen, dann wird das Dynamit wohl auch da fich Bahn brechen, wo man demfelben heute noch mit Mifstrauen begegnet. Der wefentlichfte diefer Mängel, der vielfach fchon zu Unglücksfällen Veranlaffung gegeben hat, liegt unftreitig in der durch den hohen Gehalt des * Auf die Vortheile der directen Scheidung hatte Referent fchon im Jahre 1869 hingewiefen. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 31 Dynamits, an dem fchon bei+6 Grad Celfius erftarrenden Nitroglycerin bedingten Neigung der Dynamitmaffe hart zu werden( zu gefrieren) und wenn auch durch Anwendung der von Nobel für die Zündung gefrorenen Dynamits beftimmten befonderen Zündkapfeln, die Explofibilität desfelben gefichert ift, fo bleibt doch die mit der unvorfichtigen Handhabung folchen gefrorenen Dynamits verbundene gröfsere Gefährlichkeit desfelben beftehen, und wäre daher die Behebung der fo leichten Gefrierbarkeit des Dynamits ein Problem, deffen Löfung vielleicht nicht allzufchwierig, und das gewifs der Anftellung von Verfuchen werth wäre. Ift erft durch die Befeitigung folcher Mängel das Vertrauen zu dem unftreitig beften alten Sprengmittel gekräftiget, dann ist die allgemeine Einführung desfelben nicht mehr zweifelhaft- dann entfchliefst fich vielleicht auch das doch fonft nicht fo engherzige England, feine Parlaments acte vom Jahre 1869 vollständig zu beheben, und die Anwendung diefes Nitroglycerin- Präparates allgemein zu geftatten, und dann folgen vielleicht auch die bedächtigen Verkehrsgefellfchaften, welche bisher den Transport des Dynamits verweigert haben, dem Beiſpiele, mit dem Oefterreich, ohne feine Liberalität in diefer Frage bedauern zu müffen, bezüglich des Dynamits längst vorangegangen ift. Von anderen Nitroglycerin- Präparaten fand fich in der Ausftellung auch die Imitation eines Productes vor, das unter dem Namen„, verbeffertes DynamitFulminatina" von Candiani und Buffi in Mailand ausgeftellt war. Ob diefes Product identifch mit dem von Dr. Fuchs feinerzeit empfohlenen„ Fulminatin" fei, konnte an der Imitation nicht erkannt werden. Dem Anfehen nach fchien es übrigens( im Original vielleicht nitrirte) Scheerwolle zu fein, die mit Nitroglycerin getränkt werden dürfte. Ueber die Vorzüge und den Werth diefes angeblich verbefferten Dynamits war leider nichts zu erfahren. Im Uebrigen war keinerlei anderes Nitroglycerin- Präparat ausgeftellt, dagegen hatte Dr. Klug in Wien, mehrere Objecte ausgeftellt, an welchen die Sprengwirkungen des von Gebrüder Krebs& Comp. zu Deutz erzeugten Nitroglycerin- Präparates, Lithofracteur" erfichtlich waren. Es liefs fich aus der Befchaffenheit diefer Sprengftücke mit Rückficht auf die Natur des Materiales und die verwendeten Quantitäten an Lithofracteur ent nehmen, dafs diefes Sprengmittel in der That dem Dynamit fehr nahe komme, eine Thatfache, die fchon aus früheren unparteiifchen Berichten über die Refultate der mit Lithofracteur erzielbaren Refultate bekannt ift. Da übrigens, wie die von dem Sprengmittel- Comité des englifchen Kriegsminifteriums angeftellten Verfuche dargethan haben, der Lithofracteur auch gegen Stofs und Schlag ziemlich unempfindlich und bei der Entzündung durch Feuer ohne Explofion verbrennbar ift, fo kann demfelben eine hervorragende Bedeutung unter den modernen Sprengmitteln nicht abgefprochen werden, und würde derfelbe eine um fo gröfsere Beachtung verdienen, wenn nicht auch ihm der Mangel anhinge, leicht zu erftarren, und dann diefelben Fehler zu zeigen, wie fie im gleichen Falle dem Dynamit nachgefagt werden müffen. Zündhütchen und Zündfchnüre. In der Technik der Zündmittel für Ladungen mit Schiefs- und Sprengftoffen hat fich in den letzten Decennien keine wefentliche Neuerung ergeben. Die Zündhütchen- Fabrication, welche allerdings durch die in der jüngften Zeit allgemeiner gewordene Einführung von Hinterladungs- Waffen eine theilweife geänderte Richtung genommen, bedient fich zur Herftellung ihrer Zündfätze und der Ueberführung derfelben in die Form der Hütchen, Spiegel u. f. w. faft ausnahmslos derfelben Methoden, welche feit Jahren hiefür in Verwendung waren, und es find nur geringfügige Aenderungen in der Manipulation die etwa zu verzeichnen wären. Auf der Ausftellung war die Zündhütchen- Induftrie durch mehrere Ausfteller vertreten, von denen die meiften den Forderungen der Neuzeit entsprechend 3 32 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. neben eigentlichen Zündhütchen auch fertige Munition für Hinterladungs- Gewehre, Revolver, Kapfelftutzen u. f. w. zur Ausftellung brachten. So hatte die, von früheren Ausftellungen her, vortheihaft bekannte Firma Gévelot in Paris, neben Zündhütchen der verfchiedenften Art, die eine tadellofe Ausführung erkennen liefsen, auch fertige Munition, darunter Hohlgefchoffe mit Dynamitladung ausgeftellt, ebenfo Die Firma Fusnot& Comp. in Cureghem bei Brüffel, welche neben einer Mufterfammlung der verfchiedenartigften Zündhütchen von trefflicher Arbeit, fertige Lefaucheuxpatronen und Revolvermunition ausgeftellt hatte. In hervorragendfter Weife war diefer Induftriezweig in der Abtheilung für Oefterreich vertreten, wo.fich zwei, die Zündhütchen- Fabrication in grofsem Mafsftabe betreibende Firmen an der Ausftellung betheiligt hatten. Die eine derfelben, vormals Sellier& Bellot, gegenwärtig Actiengefellfchaft, unterhält zwei Fabriksetabliffements, eines zu Prag in Böhmen und eine Filialfabrik zu Schönebeck an der Elbe. Sie ift wohl der bedeutendfte Repräfentant der Zündhütchen- Induftrie am Continente. Beide Fabriken derfelben arbeiten mit vier Dampfmafchinen von circa vierzig Pferdekräften und befchäftigen nahezu 400 Arbeiter. Die Gefammtproduction der beiden Fabriken beläuft fich auf nahe 700 Millionen Stück Zündhütchen, wovon etwa die Hälfte in Oefterreich, Ungarn und Deutfchland verbraucht, der Reft nach England, Frankreich, Spanien, Rufsland, Amerika, Indien u. f. w. exportirt wird. Die Prager Fabrik erzeugt überdiefs als Specialität noch Metallpatronen aller Art für Hinterladungs- Gewehre, welcher Induftriezweig fich feit etwa 10 Jahren auf eine Productionsgröfse von 10 Millionen Stück gehoben hat. Ausserdem werden in beiden Etabliffements, deren jedes feine eigene Salpeterfäure- Fabrik und Laboratorien zur Verarbeitung diverfer Abfälle, fowie zur Erzeugung von Aether, Kupfervitriol u. f. w. aus den Nebenproducten der Knallqueckfilber- Fabrication befitzt, jährlich etwa 200 Millionen Schnüröfen erzeugt, welche faft ausfchliefslich in Oefterreich und Ungarn abgefetzt werden. Zur Ausftellung hatte diefe Firma eine reiche Collection ihrer fich eines bekanntlich fehr guten Rufes erfreuenden Erzeugniffe an Zündhütchen, darunter auch die für Dynamitzündung dienenden Sprengkapfeln, dann an fertigen Patronen für Revolver, Kapfelftützen u. f. w. gebracht, die fich fämmtlich durch nette und gediegene Arbeit auszeichneten. Der zweite Repräfentant der öfterreichifchen Zündhütchen- Induftrie war die Firma C. Reifser und Alder in Wien, welche fich mit einer Anzahl von Proben ihres Fabricates an Zündhütchen und Patronen an der Ausftellung betheiligte. Auch diefe Firma liefert fehr. verlässliche Producte und unterhält ein für Maffenproduction eingerichtetes Etabliffement, deffen Anlage auf eine tägliche Production von einer Million Zündhütchen berechnet ift. Ihre Zündhütchen und Zündpillen, in welche die feuchte Zündfatz- Mifchung mittelft rotirender Scheiben eingefchliffen wird; enthalten den Zündfatz in Geftalt einer fehr feften und dichten Maffe, welche nicht blofs gegen den Einflufs von Feuchtigkeit fehr widerftandsfähig, fondern auch gegen Percuffion und Friction höchft empfindlich ift. Für die Solidität auch diefes Fabricates fpricht übrigens die Thatfache, dafs die Production diefes Etabliffementes, das in wenigen Jahren feines Beftandes im Ganzen mehr als 400 Millionen Stück Zündhütchen an die Armee, fowohl wie an Private geliefert hat, in ftetigem Steigen begriffen ift, wie denn überhaupt die Zündhütchen- Induftrie Oefterreichs, die feit jeher fich eines guten Rufes erfreut, in den letzten Jahren einen lebhaften Auffchwung genommen hat. Es ift diefs am deut lichften aus den Nachweifen über die Gröfse des Exportes an diefem Induſtrieproducte erfichtlich, aus denen hervorgeht, dafs Oefterreich, welches im Jahre 1867 nur 509 Centner an Zündhütchen ausführte, im Jahre 1872 fchon eine Ausfuhr von 1684 Centnern an diefem Artikel aufzuweifen hatte. Hinfichtlich des für Sprengarbeiten fo wichtigen Behelfes der Zündfchnüre ift in den letzten Jahren gleichfalls keine wefentliche Neuerung hervorgekommen. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 33 Während früher ausfchliefslich das Schwefelmännchen und der Halm als Zündmittel für Sprengladungen in Verwendung ftand und nur ausnahmsweife falpeterifirte Schnüre und ähnliche Präparate zur Uebertragung des Feuers auf die Ladung angewendet wurden, hat bekanntlich im Jahre 1831 Bickford zuerft fogenannte Sicherheitszünder conftruirt, indem er aus getheerten Faden Schnüre herftellte, welche mit einer aus langfam brennenden Pulverfatze beftehenden Seele verfehen waren. Das Princip diefer Zünder, deren wefentlicher Vortheil neben der Erzielung gröfserer Sicherheit für den die Zündung beforgenden Arbeiter zunächft der ift, dafs die Einführungsftelle der Zündfchnur auch nach erfolgter Zündung durch das im Zündloche verbleibende ausgebrannte Gefpinnft faft völlig verfchloffen bleibt und alfo der bei weniger brifanten Sprengmitteln fehr fühlbare Abgang von Explosionsgasen durch das Zündloch vermieden wird, ift bisher ungeändert beibehalten worden und nur in der Ausführung desfelben haben fich einzelne Variationen ergeben, die fich vornehmlich auf die Art der Verkleidung der Pulverfeele( Rziha's Drahtzünder( 1863) wafferdichte Zünder, Guttaperchazünder) dann auf die Wahl des Pulverfatzes und endlich auf die Vervollkommnung in der Pulverfüllung, in Hinficht auf die Erzielung einer ficheren Fortpflanzung der Zündung bezogen haben. Mehrfach hat man die Pulverfüllung durch eine folche aus Schiefswolle zu erfetzen gefucht und wohl auch Zündfchnüre für Zündungen im Trockenen lediglich aus Schiefswolle, ohne weitere Verkleidung hergeftellt. Während dergleichen mehr oder weniger langfam brennende, eigentliche Sicherheitszünder bei Sprengarbeiten aller Art fich eingebürgert und die alten Zündmethoden, die übrigens bei der modernen Sprengarbeit mit Nitroglycerin- Präparaten gar nicht anwendbar wären, gröfstentheils verdrängt haben, beginnt in der neueften Zeit, die weitaus rationellere und billigere Zündung mittelft des elektrifchen Funkens oder Stromes( unter Mitverwendung von Zündkapfeln, als Ueberträger der Zündung) fich immer mehr Bahn zu brechen und wird namentlich für Maffenfprengungen, bei welchen die gleichzeitige Exploſion mehrerer Sprengladungen felbftverſtändlich den gröfsten Effect zu erzielen geftattet, kaum umgangen werden können. Als Erfatz für die elektriſche Zündung, die in manchen Fällen wegen Mangel der erforderlichen Vorrichtungen nicht ausführbar fein kann, wo doch die gleichzeitige Zündung mehrerer Sprengladungen erwünſcht fein möchte, hat endlich neuerer Zeit( 1869) der mehrfach genannte k. k. öfterreichiſche Genieofficier J. Trauzel Momentzünder in Anwendung zu bringen verfucht, welche er durch Füllung von Papier- oder Kautfchukröhrchen mit Dynamit herftellte und die Dynamitfeele derfelben durch Detonationszündung( mit Sprengkapfel) zur Explofion brachte. Derartige Dynamit- Zündfchnüre, deren wenngleich nur befchränkte und wohl nur für militärifche Zwecke geeignete Brauchbarkeit durch mehrfache Verfuche aufser Zweifel geftellt ift, will J. Mahler in neuefter Zeit durch Anwendung des der Wafferwirkung völlig widerftehenden Cellulose- Dynamits als Zündmittel verbeffern und diefelben bei einem dann möglichen Erfatze der koftfpieligen wafferdichten Umhüllung durch einfache Leinwand- Schläuche billiger und bequemer herftellen. Nicht unerwähnt kann bleiben, dafs man auch mehrfach Bleiröhrchen, welche mit Pulverfätzen gefüllt waren, als Zünder benützt und namentlich für Zündungen unter Waffer verwendet hat, ein Zündmittel, das übrigens für gewöhnlich zu koftfpielig ift. Die Ausftellung brachte auf dem Gebiete der Zündmittel- Induſtrie nichts bemerkenswerthes Neues, dagegen waren die bekannten und gangbaren Arten von Zündfchnüren mehrfach vertreten. Am intereffanteften war wohl die, leider an etwas ungünftigem Platze untergebrachte Collection der verfchiedenen Sorten von Sicherheitszündern, welche P. P. Heigl in Innsbruck ausgeftellt hatte. Der brachte neben Proben 3* 34 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. der einzelnen Sorten feines Fabricates, das fich im Inlande wie im Auslande des beften Rufes erfreut, eine Gefchichte der Zündung von Sprengfchüffen und der Sicherheitszünder in fehr lehrreichen Modellen und Muftern früher gebräuchlicher Zündmittel, die freilich beffer im Pavillon für Gefchichte der Erfindungen am Platze gewefen wäre. Von den ausgeftellten Muftern feiner Erzeugniffe an Zündfchnüren, welche nach einer Reihe vorliegender Zeugniffe bekannter Sprengtechniker fich als vorzüglich erweifen, waren befonders die dem Originalfabricate in nichts nachftehenden Zündfchnüre nach Bickford bemerkenswerth. Heigl ift übrigens auch der bedeutendfte Fabrikant von Zündfchnüren in Oefterreich, und liefert jährlich mehr als 2 Millionen Meter Zündfchnüre verfchiedenfter Art, die nicht nur von den Staats- Bergwerken, Privat- Gewerkschaften und Bauunternehmungen Oefterreichs confumirt werden, fondern auch grofsentheils im Anslande( Deutfchland, Italien) Abfatz finden. Von anderen Zündfchnur- Fabrikanten hatte fich auch die rühmlichft bekannte Firma Bickford, Smith& Company, Tuckingmill Cornwell, mit Proben ihrer verfchiedenen Sicherheitszünder betheiligt, unter denen namentlich die Guttaperchazünder, welche 15 Fufs unter Waffer fortbrennen, ein fehr beliebtes Erzeugnifs find, während fich alle Sorten von anderen Zündfchnüren gewöhnlich nicht über eine Tiefe von 5 bis 6 Fufs unter Waffer verwenden laffen. Auch zwei fchwedifche Fabrikanten, Th. Winborg und Liljeholmen, beide in Stockholm, hatten Zündfchnüre zur Ausftellung gebracht, von welchen namentlich jene Liljeholmen's ein tadellofes Erzeugnifs waren, während bei jenen Th. Winborg's der etwas fchwachen Verkleidung der Pulverfeele nach zu fchliefsen, die Möglichkeit eines Durchfchlagens des Feuers nicht ganz vermieden zu haben fcheinen. Ein dem Anfcheine nach gutes Fabricat hatte auch Lindahlen's Compagnie in Chriftiania, als einziger Repräfentant diefer Induftrie in Norwegen. ausgeftellt. Andere Fabrikanten von Sicherheitszündern hatten fich an der Ausstellung nicht betheiligt, dagegen hatten Mahler& Efchenbacher in ihrem mehrfach erwähnten Pavillon für moderne Sprengtechnik Mufter verfchiedener Fabricate von Sicherheitszündern, fowohl jener der Firma Bickford, Smith& Comp. als auch der von Hawke& Martin in Genf und endlich jener der englifchen Sicherheitszünder- Fabriks- Actiengefelfchaft zu Meifsen( Sachfen, vormals William Eales& Comp.) zur Ausftellung gebracht.* Sehr intereffant waren auch die von Mahler& Efchenbacher ausgeftellten elektrifchen Zündapparate und Zündleitungen der verfchiedenften Syſteme die fich jedoch, als wefentlich phyfikalifcher Natur, der Befprechung an diefem Orte entziehen. Feuerwerks- Körper. Die Luxus- und Signal Feuerwerkerei, die von Neuerungen wohl nur die neuerer Zeit aufgenommene Anwendung von Pikraten und Thalliumfalzen für die Zwecke der Herſtellung von Bunt- Feuerfätzen aufzuweifen hat, war, wie das bei der Zwecklofigkeit einer Ausftellung leerer Raketenhülfen und imitirter Feuer werks Körper begreiflich ift, von der Ausftellung faft völlig ferne geblieben und nur ein von E. Pascual in Gracia. Barcelona, ausgeftelltes, mit den Hülfen verfchiedener Feuerwerks- Körper armirtes Feuerwerks- Gerüfte und zwei von den Gebrüdern Papi in Rom ausgeftellte Modelle von Vorrichtungen für Kunftfeuerwerke, gaben Zeugnifs, dafs im Süden Europas die Luxus- Feuerwerkerei noch in Ehren fteht. * Mahler& Efchenbacher hatten übrigens auch Mufter der von Trawniczek conftruirten Schnellzünder und der Blei- Zündfchnüre des k. k. techniſch adminiftrativen MilitärComités ausgeftellt. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 35 Feuerwerks- Körper für Signal- Feuerwerkerei, Signallichter, Signalraketen fanden fich in der Ausftellung des königlich italienifchen Marineminifteriums vor, ohne dafs indefs auch diefe Objecte etwas bemerkenswerthes Neues geboten haben würden. Wiewohl fich Ausftellungsobjecte folcher Art felbftverſtändlich jeder Beurtheilung entziehen da wohl Niemand in der Lage ift, fich ein Urtheil über einen Feuerwerks- Körper zu bilden, bevor er deffen Effect gefehen hat, fo war es doch zu bedauern, dafs namentlich Japan und China gar nichts von ihren Erzeugniffen an Feuerwerks- Materiale zur Ausftellung gebracht hatten. Feuerwerks- Körper aus diefen Ländern, die gewifs nur die fatale, Unzuläffigkeit der Originale fernegehalten hat, wären gewifs befonders intereffante Ausftellungsobjecte gewefen. Ein eigenthümliches, gewiffermafsen auch in die Reihe der FeuerwerksKörper gehöriges Ausftellungsobject fand fich in Geftalt der von C. D. Magirus in Ulm ausgeftellten, patentirten Desinfections- Schwärmer vor, deren vortreffliche Wirkfamkeit als Desinfectionsmittel der Luft durch Zeugniffe( darunter auch eines von der Hand eines Chemikers!) belegt wird. Sind diefe nicht etwa identifch mit den fchon längere Zeit bekannten Desinfections Schwärmern, welche, Mifchungen von Salpeter und Kohle mit viel Schwefel, durch Entwicklung von fchwefliger Säure beim Abbrennen zur Zerftörung gewiffer Gerüche, wie des Schwefel- Wafferftoffes und ähnlicher führen können, ohne darum eigentliche Desinfectionmittel zu fein, dann möchte der Werth diefer, wenn man fo fagen darf, Sanitäts- Feuerwerks- Körper, trotz den günftigen Zeugniffe mehrerer Medicinalräthe infolange in Frage geftellt bleiben, bis die Ermittlung ihrer Zufammenfetzung einen Einblick in das Wefen ihrer Wirkung geftattet. BERICHTIGUNGEN: In dem Hefte XXIX ,, Leder" foll es heifsen: Seite 12, Zeile I von oben: Es find diefs das Naphtalingelb oder 29 12, 13, 133 99 16, 11 18. 18, 23 9322 22 27 99 5 14 99 11 39 35 19, 79 19, 22 Mancheftergelb, das Naphtalinroth, Naphtalinbraun und Naphtylblau; nur das erftere findet Anwendung. unten hat das Wort ,, Nüançen" auszubleiben. oben: Flefch" ftatt 11 Flöfch". unten: ,, Corroyeurs" ftatt ,, Corrogeurs". oben: Ala unleder" ftatt ,, Alanuleder". unten: ,, Leather" ftatt Seather". 、 ., nicht" ftatt., nichts". ,, vorgefchrittenen" ftatt ,, vorgefchrittene".