OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 187 3. ZUCKERBÄCKEREI, CANDITEN UND CHOCOLADE ( Gruppe IV, Section 6) Bericht von A. GERSTNER, k. k. Hof- Zuckerbäcker. Juror der Gruppe IV UND TABAK UND TABAKFABRICATE ( Gruppe IV, Section 7) Bericht von FRANZ RIEDL, k. k. Finanzrath. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. MIEN CKER CKEKEL GTA VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. HOW HOW ZUCKERBÄCKEREI, CANDITEN UND CHOCOLADE. ( Gruppe IV, Section 6.) Bericht von A. GERSTNER, k. k. Hof- Zuckerbäcker. Juror der Gruppe IV. Das Fach der Conditorei und Chocoladfabrication war auf der Wiener Weltausftellung in ganz würdiger Weife vertreten, insbefondere wetteiferten, das fei gleich und vor Allem bemerkt, die Ausfteller Oefterreichs und Deutſchlands, die feinften und mannigfaltigften Fabricate in fchönften Formen zur Anfchauung zu bringen. Allenthalben macht fich feit der letzten Parifer Ausftellung des Jahres 1867 ein entfchiedener Fortfchritt geltend. Viele Etabliffements haben verbefferte Mafchinen eingeführt, Dampf- und Wafferkraft wird fchon weit häufiger angewendet, die Abfatzquellen haben fich vermehrt, die gefteigerten Anforderungen des Luxus und der Concurrenz machen fich in mannigfach verfchönerten Enveloppen und Formen der hier bezüglichen Waaren bemerkbar. Insbefondere zeigt fich in Deutſchland, Oefterreich und auch Rufsland ein ftark vermehrter Umfatz in Canditen und Chocoladen bei ftetiger Abnahme der Preife. Die hervorragenderen Erzeugniffe fand der Befucher in folgender Weife aufgeftellt: Dem Generalkatalog folgend waren in der weftlichen Agriculturhalle aus England von Fry and Sons, London und Briftol, fehr gute Chocoladen ausgeftellt, worunter eine mit condenfirter Milch verfetzte, in Porzellandofen auf bewahrte Chocolade als eine gute Neuerung zu verzeichnen ift. Kailler and Sons, England, hatten fehr gute Canditen, Dragées und Orangemarmelade ausgeftellt, die gleichfalls beachtenswerth erfchienen. Aus Amerika waren von Walter Backer& Comp., Bofton, und von D. Lopez Chocoladen von guter Sorte ausgeftellt, ebenfo von Maillard, NewYork. Aus Venezuela kamen einige Sorten Chocoladen, welche aus dem dem Lande allein angehörigen vorzüglichen Cacao bereitet find, doch etwas durch den Transport gelitten hatten. Holland war durch acht Ausfteller fehr gut vertreten, unter denen van Houten als einftiger Erfinder der jetzt fo beliebten Chocolad in Pulverform und Veen& Comp. befonders hervorzuheben find. Spanien fandte eine grofse Auswahl Chocolade aus beften Cacaoforten, meift noch ohne Mafchinen erzeugt. Viele derfelben find, wie es der Spanier liebt, 2 A. Gerftner. mit Zimmt verfetzt. Von Lopez Hermanas aus Malaga kamen ausgezeichnete Ananas und diverfe Sorten Früchte in Zuckerfaft, in Blechbüchfen eingemacht. Aus Portugal waren von Leal Cofta& Comp. aus Liffabon fehr gute Confecte, Compots und Chocoladen zu nennen. Diefe neuere Fabrik befchäftigt bei 160 Arbeiter und exportirt viel nach Afrika. Ferner find zu nennen Ferreira& Comp. Chocolade und Caftaniero B., die gute Confituren gebracht hatten. Die Confiturenbereitung wird in Spanien auch durch einzelne Klöfter betrieben. Die ausgeftellten Sachen waren aber nicht befonders. Schweden und Norwegen fandten nur Proben von Preifsel- und anderen Waldbeeren, Dänemark war durch die einzige Firma Brüder Gloetta mit Chocolade vertreten. Frankreich hatte diesmal in Confecten fehr wenig, dagegen fehr gute Chocoladen der erften Firmen zur Ausftellung gefchickt. Die Fabricate von Menier in Paris find weltbekannt; diefes Haus erzeugt jährlich das namhafte Quantum von 42 Millionen Kilo Chocolade, befchäftigt über 500 Arbeiter, hat ein Zweiggefchäft in London, errichtete felbft in Central- Amerika am Nicaraguafee eine Plantage von ungefähr 35.000 Cacaobäumen. Die berühmte Firma hat eine eigene Zuckerfabrik, viele fehr zweckmäfsige humanitäre Einrichtungen für das Arbeiterperſonal und zählt überhaupt zu den hervorragendften ihrer Art. Von Dettwiller& Leleu, den Nachfolgern des altbewährten Haufes Maffon in Paris, waren fehr feine mannigfaltige Chocoladbonbons und Kochchocoladen ausgeftellt, die an Güte wohl obenan ftehen dürften. Veuve Jaquin et ses fils hatten Proben ihrer in grofsartiger Weife mit Dampfkraft fabricirten Dragées und Canditen ausgeftellt, die jede Concurrenz beftehen dürften. A. Durand aus Carcaffone hatte die fchönften eingemachten Früchte gebracht. Lesage& Paignard, Paris, hatten vorzügliche Confituren und befonders fchöne, klare Gelées. Diefe Fabricate geniefsen in Paris einen guten Ruf unter dem Namen Confitures de St. James. Doyen O. in Rheims hatte verbefferte Kaffeepafta in kleinen Portionen für Armeeproviant, ebenfo kleine, fein geriebene und verfüfste Kaffees und Cacaokörner, welche auf Reifen fehr vortheilhaft fein follen und fehr gut confervirt waren. Alle diefe Ausfteller wurden hervorragend ausgezeichnet. Aus den franzöfifchen Colonien waren vor Allen die eingemachten Früchte von Mme. Toutoute- Rous aus Guadeloupe und Hediard aus Algier beachtenswerth. Aus den übrigen franzöfifchen und englifchen Colonien langten nur kärgliche Proben von Confituren ein, welche von keinem befonderen Fortfchritte der Erzeugung Kunde geben. Die Schweiz war am beften durch die weit bekannte Firma Ph. Succhard in Neufchatel vertreten. Diefes bewährte Gefchäft. hat fich wieder namhaft vergröfsert und verfendet heute viele feiner Artikel in die Türkei, Donaufürftenthümer etc. Eine zweite beliebte Specialität der Firma find die mit ganz hübfchen Bildern verfehenen Chocoladtabletten, welche Naturgefchichte, Blumenfprache. Poefie, Mufik, Geographie etc. enthalten und fo den Kindern als lehrreiche Gefchenke dienen follen. Diefe Specialität ift von demfelben auch im Pavillon des kleinen Kindes ausgeftellt gewefen. Italien hatte einige gute Confecte in Chocoladen gefandt, zum Beiſpiel Mariondo& Gariglia in Turin, Gay- Revel& Bay G. in Mailand; bemerkenswerth waren noch einige gute Sorten Tourones aus Cremona. Rufsland hatte im Induſtriepalaft einige recht gute Confecte ausgeftellt. Katzaraky in Moskau, Koch& Wedel in Warfchau find darunter befonders hervorgetreten. Katzaracky befchäftigt 120 Arbeiter und Dampfmafchinen mit 8 Pferdekraft und hat einen jährlichen Umfatz von 250.000 Rubel. Kaudriavtzeff frères in Moskau machen Obftpaften, fogenannte Paftilas, Lebkuchen Zuckerbäckerei, Canditen und Chocolade. 3 und Confecte im jährlichen Betrage von 700.000 Rubel und befchäftigen bei 400 Arbeiter. Rufsland hatte auch in der öftlichen Agriculturhalle verfchiedene Fabricate untergebracht, worunter von der landwirthfchaftlichen Schule von Kúhinew in Befsarabien in Zucker eingemachte trockene Früchte, von N. Nikútine in Smolensk und Balaboukha in Kiew ebenfalls Früchte, welche in Berücksichtigung des dortigen rauhen Klima's alle Anerkennung verdienen. Aus Rumänien hatte Cap fa in Bukareft fehr fchöne eingemachte Früchte in Gläfern, fowie gut fortirte Bonbons gefandt, welche ganz gut mit den beften Parifer Waaren concurriren können. Griechenland war im Induftriepalaft durch drei Ausfteller gleichfalls ganz gut vertreten. S. Pavlides aus Athen hatte Chocolade und Confecte, Solon diverfe gut fortirte Bonbons und Stamate lakis in Syra die bekannten Loukoums( türkifches Zuckerwerk mit Reismehl) in guter Qualität ausgeftellt. Japan, Egypten und die Türkei fandten Proben von Confituren und Confecten, welche wohl jedem Betrachter ziemlich primitiv erſchienen. Auch Tunis hatte einige Proben von Süfsigkeiten ausgeftellt, die ebenfalls wenig verlockend ausfahen. Das deutfche Reich hatte fich fehr lebhaft betheiligt. Als hervorragend find zu nennen: die Ausftellungen von Fr. Stollwerk und Stollwerk's Söhne aus Köln, welche mit neueren Mafchinen gute Chocoladen und Confecte aller Art erzeugen und felbe nach vielen Orten Deutſchlands verfenden. Nach Angabe des deutfchen Kataloges haben die Fabriken Stollwerk's bei 5 bis 600 Arbeiter, 2 Dampfmafchinen von 58 und 3 Mafchinen mit 87 Pferdekraft, und über 500.000 Thaler Umfatz. Georg Hof in München, welcher die erfte Chocoladefabrik Baierns befitzt und mittelft Dampfmaschine fehr gute Chocoladen und eingemachte Früchte erzeugt. Reefe& Wichmann aus Hamburg brachten Chocoladen und Confecte. Die Fabrik befchäftigt 122 Arbeiter und hat gegen 200.000 Mark Umfatz, hauptfächlich in Deutſchland. Starker& Pobuda in Stuttgart erzeugen fehr mannigfaltige Chocoladconfecte und gute Kochchocoladen und verfenden viel nach Deutfchland, nach den Donaufürftenthümern etc. Die Rheinifche Früchtenhandlung in Deidesheim ift befonders hervorzuheben mit fchönen, fehr klaren und haltbar eingemachten Compots und trockenen Früchten, welche die franzöfifche Concurrenz ganz gut aushalten und in Deutfchland viel Abfatz finden. Aus Strafsburg ift noch die Ausstellung der Compagnie française des Chocolats zu nennen, welche fehr gute und billige Chocoladen erzeugt. Es ift diefs ein Zweiggefchäft der lange beftehenden Parifer Gefellfchaft gleichen Namens. Weifé, Conditor aus Strafsburg, fandte ebenfalls mannigfaltige, gut gearbeitete Bonbons, Alexandre aus Mühlheim gute Chocoladen. Leider wurden die Ausftellungen diefer letzten drei Ausfteller im elfafs- lothringifchen Bauernhaus ein Raub der Flammen. Ungarn hatte wenig ausgeftellt. Aus Peft find H. Kugler's Fabricate der Conditorei lobenswerth. Diefe Firma richtete mit gutem Erfolg eine Gasmafchine als bewegende Kraft zur Erzeugung ihrer Artikel ein. Aus Prefsburg ift J. Maier mit guten Confecten zu nennen, aus Orfova E. Bellanovits mit guten und billigen Compots. Oefterreich war durch mehr als vierzig Ausfteller fehr gut vertreten; befonders zeichneten fich die Wiener Conditors durch eine fehr fchöne und reichhaltige Ausftellung vortheilhaft aus. So haben Ch. Demel's Söhne fehr fchön gearbeitete Tragantauffätze und fchöne Früchte und Confecte ausgeftellt; A. Ehrlich und Schelle ebenfalls. G. Bärlin's kleine Tragantftatuetten find als Wiener Specialität beachtenswerth und wurden allgemein anerkannt. 4 A. Gerftner. Von den Canditenfabrikanten ift Ed. Fexer fehr vortheilhaft zu erwähnen. Diefes Gefchäft führte für Chocolade und Canditen fchon vor 35 Jahren die erfte Dampfmafchine in Wien ein, befchäftigt gegenwärtig bei 80 Arbeiter und hat einen jährlichen Umfatz von 300.000 Gulden, exportirt viel nach den Donaufürftenthümern, Rufsland, der Türkei, Serbien etc., jährlich bei 80.000 Gulden. Nennenswerth find auch noch Fexer's fehr gute Theebisquite, Eifenchocolade und fehr ſchöne, fogenannte Rocksbonbons. In der weftlichen Agriculturhalle fabricirte diefes Gefchäft Chocolade vor den Augen des Publicums auf einer guten Parifer Maſchine. Eine bedeutende Stellung nimmt die Firma A. Tfchinkel's Söhne ein. In den Fabriken von Schönfeld, Lobofitz und Laibach werden ungeheure Maffen Chocolade, Surrogatkaffee und Canditen erzeugt; laut letzten Angaben beläuft fich die Summe der jährlich erzeugten Canditen auf über 10.000 Centner; 30.000 Centner Zucker, 3000 Centner Chocolade und viele Taufend Gläfer Compots. Die gefammten Fabriken befchäftigen über 1000 Arbeiter bei einem Jahresumsatze von mehr als 5 Millionen Gulden, von denen wohl der gröfste Theil auf Kaffeefurrogate und landwirthschaftliche Producte entfällt. Die Fabriken exportiren namhaft nach Deutſchland, Italien, der Walachei etc. Es beftehen für die Arbeiter gut eingerichtete Vereine, wie Kranken-, Confumvereine etc., für viele derfelben billige Wohnungen. Ueberhaupt verdient die Organiſation und das gefammte Wirken diefer hervorragenden Firma alle Anerkennung. Jordan& Tymäus in Bodenbach befchäftigen für Chocolad- und Canditenfabrication bei 200 Arbeiter mit jährlicher Production von ungefähr 38.000 Centnern, exportiren ebenfalls nach den Donaufürftenthümern, nach Italien, dem Orient etc. Die jährlichen Arbeitslöhne, die diefe bedeutende Firma zahlt, betragen bei 50.000 Gulden. J. Kluge& Comp. bei Prag fabriciren Canditen billigfter Sorten nebft Chocolade. Die Fabrik vergröfsert fich namhaft; 2 Dampfmaſchinen, eine Maſchine für Pfeffermünz- Zeltel mit 10 Centner Leiftungsfähigkeit per Tag, 150 Arbeiter, einen Umfatz von circa 600.000 Gulden, davon bei 25.000 Gulden Export, meift nach den Donaufürftenthümern, fchliefst die Gefchichte diefes Etabliffements ein. Als Specialität gibt die Firma eine amtlich erprobte Chocolade vorzüglicher haltbarer Art an, welche im Jahre 1871 erzeugt wurde; ebenfo Dragée, faft ganz aus Kartoffelzucker fabricirt. Sehr verdienftlich hat auch die Firma Jos. Ringler's Söhne aus Bozen ausgeftellt. Die Fabricate find gröfstentheils Compots und eingemachte Gemüfe, welche von den Ausftellern in fehr gelungener Weife gut fortirt und vortheilhaft augenfällig aufgeftellt wurden. Der Umfatz diefer Fabricate vermehrte fich in letzter Zeit auf jährlich 150.000 Gulden. Es wird viel nach Deutfchland, der Schweiz, felbft nach Amerika, Rufsland, England, Schweden etc. gefandt. Die Waaren find verhältnifsmäfsig billig und ift in der Fabrication jedenfalls ein lobenswerther Fortfchritt zu verzeichnen. Diefer Firma reiht fich als recht ftrebfam J. Ebftein in Wien an. Diefes Gefchäft fabricirt in Mähren billige Compotfrüchte, welche einen immer vermehrten Abfatz finden. Noch ift J. Gfall in Innsbruck zu erwähnen mit guter Chocolade. Der Ausfteller gibt ein von ihm erfundenes verbeffertes Verfahren im Reiben des Cacao's an; ftellte auch praktiſche Rollhölzer zum Ausrollen verfchiedener Teigmaffen aus und lieferte nebftbei ein fehr rein und nett gearbeitetes Bild aus gefpritztem Zucker. Der Raum erlaubt nicht, noch mehr der verdienftlichen Ausfteller befonders zu nennen. Im Allgemeinen zeigte fich jedoch fowohl bei den Ausftellern Oefterreichs als auch des Auslandes ein merklicher Fortfchritt im Auffchwung der Fabrication, und es wurden mit Recht faft in jedem Lande einige Fortfchrittsmedaillen vertheilt. Zuckerbäckerei, Canditen und Chocolade. 5 Nach der individuellen Anficht des Berichterftatters wäre für die Fabrication. von Confecten, Chocoladen und eingemachtem Obft in Oefterreich, wo gegenwärtig der Zucker fo vorzüglich und billig erzeugt wird und das Klima eine fehr gute Obft cultur ermöglicht, ein fehr ausgedehntes Feld zur Production in gröfstem Umfange. Der Abfatz dürfte fich wohl finden, befonders gegen den Orient zu, überhaupt gegen die öftlich liegenden, noch fehr wenig cultivirten Länder, in denen diefe Erwerbszweige noch faft unbekannt find. Es würde fich für die betreffenden Induftriellen jedenfalls lohnen, den Bedarf diefer Länder genau zu ftudiren und gefchäftliche Beziehungen mit denfelben in ausgedehnterem Mafse anzuknüpfen, umfomehr als England und Frankreich für grofse Summen Bonbons und Chocoladen in die entfernteften Länder der Welt exportiren. Unter allen Umständen dürften diefe Erwerbszweige noch einer fehr grofsen Entwicklung fähig fein und fich würdig an die übrigen nützlichen Induftrien des Vaterlandes anfchliefsen. TABAK UND TABAKFABRICATE. ( Gruppe IV, Section 7.) Bericht von FRANZ RIEDL, k. k. Finanzrath. Im Allgemeinen war die Tabakproduction auf der Wiener Weltausftellung ziemlich reich vertreten, und wenn auch die nordamerikanifchen Tabake( Virginia, Kentucky, Mariland, Ohio, Seedleaf und Florida), dann die füdamerikanifchen Blätter( Ambalema, Carmen, Giron, Palmyra und Esmeralda) abermals gänzlich ausgefallen waren, fo erſchien doch die Betheiligung gröfser als in Paris im Jahre 1867. Oefterreich, Ungarn, Deutfchland, Rufsland, Holland, die Schweiz, Türkei und Rumänien haben ihre Producte in fehr umfaffender Weife zur Anfchauung gebracht. Ferner waren die Rohproducte von Cuba, Manilla und Puerto- Rico fo ziemlich vertreten, wenn auch nicht geleugnet werden kann, dafs mit Rückficht auf deren vorzügliche Qualität und auf die Wichtigkeit, welche diefelben für den Fabrikanten haben, eine ausgedehntere Darftellung wünſchenswerth gewefen wäre. An der Ausftellung der diverfen Tabak fabricate haben fich Oefterreich, Ungarn Deutfchland, Holland, die Schweiz, fowie Havanna in fehr umfangreicher Weife betheiliget, während Rufsland, insbefondere bezüglich feiner feinen Rauchtabake und Cigarretten einen hervorragenden Rang einnahm. Dagegen wurde die Expofition der franzöfifchen Regie diefsmal gänzlich vermifst. Oefterreich. Die k. k. Tabakregie hatte mit Rückficht auf die Vielfeitigkeit ihrer Fabricate( Cigarren, Cigarretten, Rauch- und Schnupftabake) eine ebenfo umfangreiche als gelungene Expofition veranlafst, welche einen wefentlichen Fortfchritt beurkundete und um fo bemerkenswerther war, als neben den zahlreichen fogenannten Specialitäten auch ein fehr reiches Sortiment von feinen türkifchen Rauchtabaken und von eigenen Erzeugniffen aus den feinften Havannatabaken dargestellt war, welche rückfichtlich ihrer vorzüglichen Qualität und eleganten Fabrication den Producten von Fabriken erften Ranges würdig angereiht werden konnten. Aufser den verfchiedenen Tabakfabricaten waren auch die Rohproducte aus Galizien und Südtirol vertreten, welche, obwohl diefelben dem Handel durch den Verbrauch in der eigenen Fabrication nicht zugänglich find, vermöge ihrer Tabak- und Tabakfabricate. 7 vorzüglichen Eigenfchaften eine befondere Beachtung verdienen. Und zwar find die in Südtirol, fowie die im Often von Galizien gezogenen Tabakblätter hervorzuheben, welche zur Erzeugung fehr beliebter, durch ihr eigenthümliches Aroma fich auszeichnender Schnupftabak- Sorten dienen, während anderfeits in Galizien auf leichtem und fandigem Boden auch Blätter producirt werden, welche vermöge ihrer negativen Eigenfchaften in Mifchung mit anderen Tabaken fehr geeignete und zweckmäfsige Verwendung bei der Erzeugung von Cigarren und Rauchtabaken Die Jahresproduction in Südtirol beträgt circa 6000 Centner, in Galizien circa 80-90.000 Centner Rohtabak. finden. Nach den von der k. k. Tabakregie veröffentlichten ftatiftifchen Daten werden dermalen in 26 Fabriken 26.315 Arbeiter befchäftigt und wurden im Jahre 1872 aus welchen 131.713 Zollcentner diverfe Ausländer Tabakblätter und 547.253 " im Inlande gebaute Tabakblätter verarbeitet, 1.033.770.150 Stück Cigarren 25,000.500 " Cigarretten 436.255 Zollcentner diverfe Rauchtabake 36.235 47.061 " 99 Tabakgefpunfte und Schnupftabake erzeugt wurden. Ungarn. Die Expofition der königlichen ungarifchen Tabakregie umfafste in Folge des zwifchen beiden Reichshälften beftehenden vertragsmäfsigen Verhältniffes faft diefelben Erzeugniffe, wie die der k. k. öfterreichifchen Regie, und find diefelben fowohl rückfichtlich ihrer Qualität als auch Präcifion der Fabrication faft übereinftimmend. Umfo bemerkbarer machte fich die von der königlichen ungarifchen Regie veranstaltete Ausftellung von Blättern, welche nicht nur einen fehr grofsen Reichthum in qualitativer Beziehung enthielt, fondern auch vermöge der grofsen Productionsfähigkeit des Landes eine befondere Beachtung fich errang. Diefer Expofition reihte fich eine von 31 Pflanzern und Händlern veranstaltete CollectivAusftellung an, welche gleichfalls ein fehr fchönes Bild der ganzen ungarifchen Tabakcultur gaben. Es waren dafelbft die von ungarifchen Originalfamen gebauten Blätter( Theifs, Debreziner, Szegediner, Siebenbürger, Czerbel und Gartenblätter), fowie auch die aus Havanna, Cuba, Ohio, Virginier, Latakia und türkifchen Samengattungen gezogenen Blättern vertreten, welch' letztere Sorten aber rückfichtlich ihrer Qualität von den Originalblättern bedeutend abfallen und den eigentlichen Charakter nicht erkennen laffen. Die fowohl von der königlichen ungarifchen Regie, als auch von den Privaten ausgeftellten Blätter zeigten von einer fehr forgfältigen und rationellen Behandlung; doch wurde bei den von den Pflanzern und Händlern exponirten Tabaken die Angabe der Preife vermifst. Die Gefammtproduction Ungarns, fowohl für die beiden Regien, als auch für den Export, beträgt jährlich 800.000 Zollcentner. Bezüglich der von der königlich ungarifchen Regie verwendeten Rohproducte und erzeugten Fabricate liegen keine neueren Daten vor. Im Jahre 1870 wurden in 9 Fabriken, in welchen über 10.000 Arbeiter befchäftiget waren, 46.706 Zollcentner Ausländer Rohtabake, 253.726 Zollcentner im Inlande gebaute Tabakblätter verarbeitet, aus welchen 2217 Zollcentner Schnupftabake, 253.726 Zollcentner diverfe Rauchtabake und 369,501.000 Stück Cigarren erzeugt wordeu find, wobei jedoch bemerkt werden mufs, dafs feither eine bedeutende Steigerung im Verbrauche des Tabakes eingetreten ift. 80 Franz Riedl. Deutſchland. Einen hervorragenden Platz nahm die Tabakinduftrie Deutfchlands ein, welche fehr reich vertreten war, und lieferte die Expofition, an welcher fich gegen 60 Ausfteller aus den verfchiedenften Gegenden betheiliget haben, ein Bild von der grofsen Ausdehnung, welche diefer Induftriezweig dafelbft erlangt hat. Die Tabakfabrication Deutfchlands verwendet jährlich circa 1 Million Centner, darunter zwifchen 10-20% mehr ausländifchen als inländifchen Tabak. Während die eigene Production in Rohtabak in den letzten 10 Jahren durchfchnittlich( ohne Elfafs und Lothringen) auf 561.227 Zollcentner angegeben wird, foll die Einfuhr an Rohftoff 700.761 Centner, dagegen die Ausfuhr 135.490 Centner Rohtabak betragen haben. Die Einfuhr befchränkt fich jedoch nicht durchgehends auf überfeeifche Tabake, da namentlich in den letzten Jahren auch fehr nahmhafte Mengen ungarifchen Blättertabakes in Deutſchland Eingang und vielfeitige Verwendung fanden. Im Jahre 1871/1872 wurden 12.913 Zollcentner Cigarren eingeführt, dagegen 136.642 Centner Cigarren ausgeführt. Diefer namhafte Export Deutſchlands, namentlich an Cigarren, findet nicht blofs nach den europäifchen Plätzen, fondern auch nach aufsereuropäifchen Ländern ftatt. Bezüglich der in diefem Induftriezweige engagirten Fabriken und der durch diefelben befchäftigten Arbeiter find feit dem Jahre 1861 keine Ermittelungen angeftellt worden. Im Jahre 1867 beftanden in Deutfchland fchon an 4000 Tabakfabriken, deren Zahl inzwifchen erheblich geftiegen ift, fo dafs diefelbe heute zwifchen 5000-6000 fchwanken dürfte. Auf der Ausftellung waren aufser den verfchiedenften Sorten von Rauch-, Schnupf- und Kautabaken die Cigarren der verfchiedenften Namen und Façon's dargestellt, welche gröfstentheils nach den gangbaren Havannasorten imitirt find. Die Cigarren zeichnen fich in der Mehrheit durch eine reine Fabrication und elegante Ausftattung aus, und find theils mit columbinifcher, theils mit Java- und Sumatradecke verfehen. Einige Fabrikanten, namentlich aus Bremen und Hamburg, brachten auch Cigarren aus feinften Havannablättern zur Darstellung, welche in der Qualität ganz vorzüglich find. Aufserdem find die Cigarretten, welche in neuefter Zeit in Deutfchland einen fehr grofsen Abfatz finden, von Seite mehrerer Fabrikanten in gröfserem Umfange zur Ausstellung gebracht worden, welche durchgehends fehr reine Arbeit zeigten. An Rohftoffen ift noch die Ausftellung von Elfäffer und Pfälzer Tabakblättern befonders zu erwähnen, welche in gröfserem Umfange zur Anfchauung gebracht find. Sämmtliche Tabake aus Elfafs, Heffen, Baden und der Pfalz zeichnen fich durch rationelle Behandlung und ftrenge Sortirung in Cigarren- Deckblatt, Spinnblatt, Schnupf- und Kau- Tabakblatt, dann in Schneidgut befonders aus, und find die Blätter theils im ungeftrichenen, theils im aufgeftreiften und auch entrippten Zuftande dargestellt. Die Preife find mit 20-28 Gulden öfterreichifcher Währung per Zoll- Centner im unfermentirten Zuftande angegeben. Die gefammte Production an Rohtabak betrug in Deutfchland im Jahre 1871-1872 auf 22.509 Hektaren 713.945 Zoll- Centner. Holland war fehr gut vertreten, theils durch eine grofse Expofition von Rohtabaken aus den oftindifchen Befitzungen, dann von in Holland gezogenen Tabaken, theils durch eine reiche Ausftellung von Fabricaten. EYRA Tabak und Tabakfabricate. 9 Man begegnete dafelbft namentlich einer von der Firma W. Lehmann in Amfterdam, fowie auch einer von der niederländifchen Handelsgefellſchaft veranftalteten, fehr umfaffenden Collection aller Tabake von Java, Sumatra und Balie, welche beide bei allen Fachmännern um fo lebhafteres Intereffe erweckten, als diefe Tabake wegen ihrer vorzüglichen Eignung als Decktabak für den Cigarrenfabrikanten von grofser Wichtigkeit find. Eine fo umfangreiche Sammlung von diefen Tabaken aus allen Plantagen war bis nun noch nicht geboten. Die Gefammtmenge an Javatabak, welche aus der Ernte 1871/1872 nach Europa zur Verfchiffung gelangte, betrug 130.000 Paken, jene an Sumatratabak 5000 Paken. Die Holländer Tabake, deren Jahresproduction fich auf circa 120.000 Centner beläuft, waren durch eine Collection von Erdgut- und fchweren LaftgutBlättern aus der Provinz Gelderland, und zwar aus den Kreifen Over- und NederBetuwe, Over- und Neder- Vetuwe, dann Maas- Waal repräfentirt. Unter den diverfen Fabricaten fand man eine reiche Auswahl theils von in Holland fehr fchön fabricirten Cigarren, theils aber auch von Havannacigarren, welche letztere übrigens meift importirt find. Rufsland. Die Tabakinduftrie Rufslands war durch eine fehr reiche Ausftellung vertreten. Befonders hervorragend waren die Cigarretten, welche fich durch schöne Formen, elegante Arbeit und Ausftattung auszeichnen, fowie die türkifchen und anderen denfelben verwandten Rauchtabak- Sorten aus der Krimm, Beffarabien, Kaukafien etc., welche bezüglich des feinen und egalen Schnittes, dann der fchönen lichten und gleichmässigen Farben befonders erwähnt zu werden verdienen. Das Ausfehen der ausgeftellten feineren aus Havannatabak fabricirten Cigarren war fchön; doch fallen felbe in den Preifen ziemlich hoch; die billigen Sorten find tadellos angefertigt. In der ruffichen Abtheilung fand fich ferner eine Collection von diverfen Tabakblättern. Diefelbe umfafste den nacktftieligen Bauerntabak ( Machorka), den befsarabifchen Tabak, fowie mehrere in den Gouvernements Saratov, Tfchernigov aus Cuba, Samfun, Bafra und türkifchem Samen gezogene Blätter, welche letztere wohl grofs im Blatte und kräftig in der Qualität find, von dem Charakter der Originaltabake aber fehr abweichen. Schweden war nur durch zwei Ausfteller vertreten, welche befonders Kautabak in vielen Varietäten, dann Rauch- und Schnupftabak, ferner Cigarren zur Darstellung brachten. Bemerkenswerth find die Cigarren, welche aus in der Nähe von Stockholm gebautem Tabak erzeugt find, und fehr fchön und im Preife billig geftellt waren, im Aroma und Gefchmack aber fehr zurückstanden. Auch lagen einige Bufchen folchen Tabakes, Erdgut und Beftgut, zur Anficht auf. Norwegen zeigte die Expofition eines Fabrikanten in diverfen Cigarren, dann Kau- und Rauchtab aken. Dänemark. Erwähnenswerth war hier die Ausftellung von diverfen Kautabaken in vielerlei Formen, fowie von Rauchtabaken und Cigarren, welche jedoch kein befonderes Intereffe boten. 10 Franz Riedl. England bot nur eine Ausftellung von diverfen, fehr fchön gearbeiteten feinen Havannacigarren durch einen Importeur aus London. Ausserdem waren die von Queenland, Cap der guten Hoffnung und Indien ausgeftellten Tabake und Cigarren beachtenswerth, unter welchen die oftindifchen Tabake infofern alle Aufmerkfamkeit verdienten, als diefelben, wiewohl ihre Cultur unendlich tief fteht, feit kürzefter Zeit in gröfseren Mengen nach Europa zu Markte gebracht werden. Belgien war nur durch zwei Firmen, aber in fehr würdiger Weife vertreten, welche Cigarren, meift aus feinftem Havannatabak fabricirt, in eleganter Aufmachung, jedoch zu hohen Preifen einftehend, exponirten. Schweiz. Die Expofition der Schweiz beftand faft durchgehends nur in Cigarren, und zwar meift in den bekannten Façons der Virginier, Grandfons- und VeveyCigarren, welche reichlich vertreten waren; nur einige Fabrikanten haben nebenbei auch Blattcigarren in den gewöhnlichen Façons zur Darstellung gebracht. In diefer Abtheilung fand man einige Bufchen Waadtländertabak, welcher jedoch mit Rückficht, dafs derfelbe durchgehends nur im eigenen Lande verarbeitet wird, nicht befonders beachtet werden kann. Spanien. Die ſpaniſche Regie hatte diefsmal aufser ihren diverfen Fabricaten, als Rauchtabak, Cigarretten und Cigarren, welche letztere meift in grofsen Façons ( Magallanes) vorkommen, auch die diverfen Manilátabake, und zwar Cagayan und Vifayas in verfchiedenen Gröfsen dargestellt. Ein befonderes Intereffe erregten die Rohproducte und verfchiedenen Fabricate der Infel Cuba. Die feinften Llanada- und Lomatabake aus der Vuelt, de abajo, die Partidotabake, dann die Remedio', Sagua de Tanamo und Gibarratabake aus der Vuelta de Arriba waren in den verfchiedenften Sortiments vertre ten und lieferten ein fchönes Bild des allgemein anerkannten beften und zugleich werthvollften Cigarrentabakes der Welt. Diefes Bild erhielt aber erft feine Vervollſtändigung durch die von den erften Firmen Havanna's gelieferten Erzeugniffe, welche durch die vorzügliche Qualität des Rohftoffes, die forgfältige Wahl der Stoffe, durch die präcife und muftergiltige Fabrication, fowie durch die elegante Aufmachung befonders hervorragen und ihr langjähriges Renommée vollkommen rechtfertigten. Cigarretten, nach fpanifcher Façon erzeugt, wurden von einer Fabrik in Havanna in grofser Wahl ausgeftellt. Endlich find noch einige Tabakbufchen von Puerto- Rico und der aus diefen Stoffen angefertigten Cigarren zu erwähnen. Italien. Nicht minder umfangreich war die Expofition der italienifchen Gefellſchaft für die Tabakregie. Neben den verfchiedenen überfeeifchen Tabaken, welche dafelbft Verwendung finden, waren Mufterblätter inländifcher Fechfung ausgeftellt, welche, da diefelben dem Handel entzogen find, weniger Intereffe bieten. Die Ausftellung umfafst ferner die verfchiedenen Rauch- und Schnupftabake, fowie die verfchiedenen Cigarren, unter welchen die aus Virginier- und KentuckyTabaken angefertigten Sortiments befonders bemerkenswerth find. Uebrigens liefs das Ausfehen der verfchiedenen. Fabricate und die äufsere Ausftattung Einiges zu wünfchen übrig. Tabak und Tabakfabricate. Griechenland. 11 In diefer Abtheilung fand man eine fchöne Collection von Blättertabaken aus 13 verfchiedenen Gemeinden, welche einen Fortfchritt der Cultur wahrnehmen liefsen. Thatfächlich hat auch der Tabakbau beträchtlich zugenommen und wird das jährliche Erträgnifs auf I- 1,200.000 Oka( oder 25.200-30.240 Zollcentner) angegeben, welches gröfstentheils nach England, Frankreich und Rufsland feinen Abfatz findet. Die Preife fallen je nach Qualität des Blattes auf 2.50-5 Francs( oder 39-68 fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner). Türkei. Die Türkei war durch ein fehr reiches Sortiment von Blättern, als auch gefchnittenen Tabakes und etwas Schnupftabak vertreten. Die Producte gelangten theilweife von der Regie, in der Mehrheit aber von den Händlern und Producenten. felbft zur Ausstellung. Der Blick des Fachmannes fand dafelbft die feinften Ghiubektabake ( erkenntlich an den kleinen Bällchen in weifser Leinwand, Bochtfcha genannt) aus den vorzüglichften und renommirteften Gemeinden Macedoniens, als: Murfal, Keriziller, Karakitirli, Ficirli, Gelepli, Bektemis, Kouroudere, Saltikli, welche zu den vorzüglichften Rauchtabaken der Welt zählen, und durch die Zartheit des Blattes, ihre fchöne gelbe Farbe und den eigenthümlichen, honigartigen Geruch fich befonders auszeichnen und daher befonders gefucht find. Aufser diefen Tabaken der vorzüglichften Qualität waren noch die Drama-, Giuma-, Adrianopel-, Samfun-, Bafra-, Latakia, Tumbecki- und Uskup- Tabake in reicher Auswahl zu fehen. Die türkifche Regie hatte aber auch gleichzeitig gefchnittene Tabake im verpackten Zuftande, wie felbe zum Verkaufe gelangen, exponirt. Rumänien. Die Tabakregie in Bukareft hatte aufser einigen Blättern auch drei Sorten gefchnittenen, türkifchen Rauchtabak und Cigaretten gefendet; der Tabak ift gut fortirt und hat einen reinen feinen Schnitt. Aufserdem fand man hier aber eine Collection von Blättern, welche von verfchiedenen Pflanzern eingefendet wurden. Brafilien. Der Brafiltabak fpielt heute eine fehr wichtige Rolle im Handel und ift es daher fehr erfreulich, dafs die Rohproducte Brafiliens als auch die diverfen Fabricate in einem gröfseren Umfange zur Ausftellung gelangten. Man fand eine fehr fchöne Collection von Tabakblättern aus den verfchiedenen Diſtricten, als: Santo Amaro, Cocheira, St. Felix und Nazareth, aufserdem aber eine Collectivausftellung diverfer Fabrikanten aus Bahia, welche fehr fchön fabricirte Cigarren, Cigarretten, faucirte Rauchtabake, den fogenannten Kraustabak, fehr vorzügliche Rapé- Schnupftabake, Kautabake und endlich einen eigenthümlichen faucirten Rollentabak( Mangotes) umfafste. Die Jahresproduction in der Provinz Bahia ift fehr bedeutend und beträgt an 2-300.000 Centner Rohtabak. Venezuela. Venezuela fandte eine Collection von diverfen Rohtabaken, unter welchen der Tabak von Quebrada Seca, der fogenannte Varinas, als eine fehr beliebte Rauchtabak- Sorte befonders erwähnenswerth ift, ferner eine Sammlung diverfer aus diefen Tabaken fabricirter Cigarren. Sehr bemerkenswerth war hier der Chimo, ein mit Urao( Salzgattung) vermifchter, zu grofser Confiftenz eingekochter Tabakextract, welcher in kleinen Horndofen oder in Hüllblättern von Maiskolben aufbewahrt wird, und für die 12 Franz Riedl. Tabak und Tabakfabricate. Bewohner von Mérida, Trujillo und der ganzen Weft cordillera ein unentbehrliches Genufsmittel bildet. China hatte diverfe Rohtabake, als auch gefchnittenen Rauchtabak zur Ausftellung gebracht. Diefer Tabak entwickelt beim Rauchen einen fehr widerlichen Geruch, welcher den Genufs ganz verleidet. Japan. Die hier ausgeftellten Tabake zeigten von einer grofsen Cultur, und finden, wenn auch die Qualität derfelben nicht befonders fein genannt werden kann, bei dem ftarken Confum an Tabak einen immer mehr fich fteigernden Abfatz nach England. Bemerkenswerth find hier noch die Rauchtabake wegen ihres unendlich feinen, aber doch gleichmäfsigen Schnittes. ANHANG. Die für die Zwecke der Tabak- und Cigarrenfabrication dienenden Mafchinen und anderweitigen Hilfsvorrichtungen waren im Allgemeinen fchwach vertreten, und hat nur Deutſchland mehrere derfelben zur Darstellung gebracht. Unter den zur Anfchauung gelangten Mafchinen befanden fich zwei TabakSchneidemaschinen, welche, wenn auch etwas abweichend von den gewöhnlichen, im Gebrauch ſtehenden Mafchinen conftruirt, in ihren Leiftungen nicht befonders hervorragen, und defshalb auch keinen wefentlichen Vorzug bedingen dürften. Ausserdem waren dafelbft zwei Paquettirungsmaschinen aufgeftellt, welche fehr finnig conftruirt find, jedoch mit Rückficht auf ihre Leiftungsfähigkeit keine befondere Erfparnifs an Arbeitskraft aufzuweifen im Stande fein dürften. Dafelbft befand fich auch eine Cigarren- Winkelmafchine, welche von den gegenwärtig in mehreren Fabriken Deutſchlands ftehenden fogenannten Theilungsmaschinen fich wefentlich dadurch unterfcheidet, dafs unmittelbar mit dem Munde der Mafchine ein fogenannter Winkelftuhl in Verbindung gebracht ift, welcher die gefchnittene Einlage aufnimmt und mit dem Umblatte umgibt. Wenn auch zugegeben wird, dafs mit Zuhilfnahme derartiger Mafchinen eine gröfsere Oekonomie in der Verwendung der Rohftoffe erreicht werden mag, fo fteht doch feft, dafs, abgefehen von anderen damit verbundenen Uebelftänden, elegante und vorzüglichere Fabricate mittelft folcher Mafchinen bis nun nicht hergeftellt wurden, daher diefelben auch eine allgemeine Verbreitung nicht erlangt haben und meift nur auf jene Fabriken fich befchränken mufsten, in welchen ordinäre, höchftens Mittelwaare geliefert wird. Die gleichzeitig zur Darstellung gelangte Wickelformen- Preffe, fowie die Kiftchendeckel- Prägemafchine find fehr einfach conftruirt, und empfehlen fich fehr zur praktifchen Verwendung. In der öftlichen Agriculturhalle befand fich noch eine grofse Collection diverfer Wickelformen, welche heute in fehr vielen Fabriken Anwendung finden, und daher einer befonderen Erwähnung bedürfen. Obwohl die Erzeugung diefer Wickelformen bereits an mehreren Orten Aufnahme gefunden hat, fo mufs doch vorzugsweife der Stadt Hanau erwähnt werden, wofelbft die Fabrication derfelben fchwunghafter als an anderen Orten betrieben wird. Unter den zur Darstellung gelangten derlei Formen find befonders jene mit konifchen Einfätzen zu erwähnen, welche eine ungleichmäfsig gröfsere Haltbarkeit gegen die bis nun in Anwendung gebrachten, geraden Formen gewähren dürften.