TMW- Bibl WA 87/2 C C WA 87/2 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE CHEMISCHE INDUSTRIE. ( Gruppe III.) EINLEITENDER ALLGEMEINER BER OUCHERE VON DR. ADOLF LIEBEN, k. k. o. ö. Profeffor an der Universität zu Prag. Technologisches Gewerbe- seam WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K. HOF UND STAATSDRUCKEREI, 1873. DIE CHEMISCHE INDUSTRIE. ( Gruppe III.) EINLEITENDER ALLGEMEINER BERICHT VON DR. ADOLF LIEBEN, k- k. o.ö. Profeffor an der Univerfität zu Prag. Die folgende Darftellung foll nebft einigen Betrachtungen allgemeiner Art einen rafchen Ueberblick über die wefentlichften Fortfchritte geben, welche die Wiener im Vergleich zur vorhergegangenen Parifer Weltausftellung im Gebiete der chemifchen Induftrie aufweift.* Wer genauere Auskunft über die Leiftung einzelner Länder oder einzelner bedeutender Ausfteller, über die Details neuer Verfahrungsweifen, oder eine Befprechung fämmtlicher den einzelnen Sectionen der Gruppe III angehörigen Gegenftände, die auf der Ausftellung Intereffe erregten, fucht, wird eine folche in den folgenden fpeciellen Berichten über die einzelnen Sectionen finden. Indeffen hat nicht allein der Laie, fondern felbft der chemifche Fachmann, fo viel allgemeines Intereffe er auch mitbringen mag, nicht immer den Wunfch, fich in allen Theilen des weiten Gebietes, das die Gruppe III umfafst, eingehend mit den Details, wie fie in den Berichten über die Sectionen geboten werden, zu befchäftigen und Mancher, der die Beforgnifs empfindet, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu fehen, wird gern einen Ueberblick über den ganzen Wald gewinnen, fei es, dafs er fich's daran genügen läfst, fei es, dafs er dann mit um fo gröfserem Behagen fich in einzelne Partien vertieft. Diefe Bemerkungen dürften genügen, um den Zweck des einleitenden allgemeinen Berichtes zu kennzeichnen und um klar zu machen, dafs er ein anderes Ziel verfolgt als die Sectionsberichte, daher weder durch diefe überflüffig gemacht wird, noch die Aufgabe haben kann, fie zu erfetzen. Eine bedeutungsvolle Thatfache iſt es, welche Jedem, der die Ausftellung chemifcher Producte durchwandert und fich der rafchen Fortfchritte freut, die * Die Wichtigkeit der Gruppe III, die chemifche Induftrie, auf der Weltausftellung ift fo grofs und die Kenntnifs derfelben im Allgemeinen fo gering, dafs wir glaubten, dem Berichte über diefe Gruppe einen einleitenden allgemeinen Bericht vorherfenden zu müffen, der auch den nicht Die Redaction. fachmännisch Gebildeten die Wege der Wiffenfchaft näher beleuchtet. 2 Dr. Adolf Lieben. menfchlicher Geift und Arbeitskraft auf diefem Gebiete zu verzeichnen haben, mit Evidenz entgegentritt nämlich die innige Wechfelbeziehung zwifchen Theorie und Praxis, zwifchen Fortfchritt der Wiffenfchaft und Fortfchritt der Induftrie, wie fie im gleichen Maafse kaum noch auf einem anderen Felde menfchlichen Schaffens angetroffen wird. Während der Mann der Wiffenfchaft ohne Rückficht auf materiellen Gewinn, auf Anwendung oder mögliche Folgen feiner Entdeckungen ruhig dem einzigen Ziele nachftrebt, das für ihn exiftirt, nämlich der Entdeckung der Wahrheit, hat der Techniker gelernt, die kaum erft zu Tage geförderten Schätze der Forschung in gangbare Münze auszuprägen. Er weifs, dafs es keine fterile Wahrheit gibt, denn die vereinzelte Thatfache, das abftracte Gefetz, die derzeit ohne unmittelbare Anwendung ftehen, können fpäter eine folche finden und wenn diefe auch ausbleibt, fo geben fie doch die Stufen ab, auf denen die Menfchheit zu immer höherer Cultur emporfteigt. Die riefigen Fortfchritte, welche die chemifche Induftrie in unferem Jahrhundert gemacht hat und noch fortwährend macht, verdankt fie dem Aufblühen der Chemie als Wiffenfchaft und der Methode, welche die Praxis von ihr entlehnt hat. Mehr und mehr verfchwinden die alten Praktiker mit ihren rein empirifchen Beobachtungen, in denen Richtiges und Unrichtiges oft wunderlich gemifcht ift, mit ihren Geheimniffen und ihrem Halbwiffen vom Schauplatze und wohlgefchulte, wiffenfchaftlich gebildete Chemiker treten überall an ihre Stelle. Diefe bringen aber nicht blofs Kenntniffe mit, fondern auch die Befähigung und den Trieb zum Forfchen. Sie geben fich Rechenfchaft von den oft complicirten und nicht ganz aufgeklärten chemifchen Proceffen, die in der Technik eine Rolle spielen, und indem fie diefelben verftehen lernen, kommen fie bald in die Lage, die alten Verfahrungsweifen zu verbeffern oder durch rationellere zu erfetzen. Zur Herbei führung fo befriedigender Verhältniffe haben in hervorragender Weife die chemifchen Laboratorien beigetragen, in denen jährlich viele Hunderte von jungen Leuten mit dem Rüftzeig der Wiffenfchaft verfehen werden, um dann ihre gefchulte Kraft der Induftrie, Pharmacie, Medicin u. f. w. zuzuwenden, und darum dürfte es wohl am Platze fein, in einem Berichte über die Weltausftellung, der ja in dem Fortfchritte der Induftrie einen Haltpunkt bezeichnet, von dem dem man fich nach dem zurückgelegten Wege umfieht und hinausfpäht, welche neue Wege fich für die Zukunft eröffnen, auch diefer wichtigen Pflanzftätten menfchlichen Wiffens und des grofsen Mannes zu gedenken, der fie zuerft begründet hat. Hervorragende Forfcher haben wohl jederzeit einzelne Schüler gehabt, die durch fie nicht allein in die Wiffenfchaft, fondern auch in die Kunft zu arbeiten und neue Refultate zu gewinnen, eingeweiht wurden, aber erft Liebig hat das moderne chemifche Laboratorium gefchaffen, die Nothwendigkeit und eminente Nützlichkeit des praktiſch- chemifchen Unterrichts hervorgehoben und gezeigt, wie fich derfelbe einer gröfseren Anzahl ertheilen läfst. Er hat das Vorurtheil bekämpft, als ob praktiſche Tüchtigkeit nur durch Praxis oder vorbereitende Specialftudien praktiſcher Art erworben werden könne, und den feither vielfach belegten Nachweis geliefert, dafs vielmehr die Kenntnifs der Theorie und der Forfchungsmethoden, wie fie im Laboratorium erworben wird, die befte Vorbereitung für eine praktiſche Laufbahn abgibt. In der That ift leicht einzufehen und die Erfahrung beftätigt, dafs der theoretiſch gebildete Chemiker, der in eine Fabrik eintritt, fich fehr fchnell und leicht die fehlenden Detailkenntniffe und kleinen Handgriffe aneignen kann, während der in der Fabrik aufgewachfene Praktiker nur felten und nur mit grofser Anftrengung eine richtige Einficht in die chemifchen Vorgänge, die er täglich vor Augen hat, und ein klares Verſtändnifs für die Möglichkeit gewinnt, dasfelbe Ziel auch noch auf andere als die althergebrachte Weife zu erreichen. In Deutfchland, wo der Einflufs Liebig's und feiner Schule fich am unmittelbarften.geltend machte, entstanden bald zahlreiche Laboratorien, denen die heutige Blüthe der Wiffenfchaft wie der chemifchen Induftrie dafelbft vornehmlich zu Die chemifche Induftrie. 3 verdanken ift. Es kam die Zeit, da felbft Frankreich, wo einft Lavoifier die Fackel entzündet hatte, die das ganze Gebiet der Chemie fo hell erleuchtete, erkennen mufste, dafs es trotz einzelner ausgezeichneter Männer, die das Banner der Wiffenfchaft hoch hielten, doch der Gefahr ausgefetzt war, zurückzubleiben, wenn es nicht denfelben Weg betrat, den man in Deutfchland bereits gegangen war und den Liebig gewiefen hatte. Ueberall, in England wie in Italien, in Rufsland wie in Amerika, werden jetzt Laboratorien gegründet oder beftehende umgebaut und erweitert. Mit freudiger Befriedigung dürfen wir anerkennen, dafs OefterreichUngarn in diefer Beziehung nicht zurückgeblieben ist und dafs namentlich in den letzten Jahren durch den Bau fchöner und grofser Laboratorien in Wien und Peft, durch den Befchlufs, ähnliche neue Inftitute in Prag, Graz und Brünn zu errichten, die Regierung den Beweis geliefert hat, dafs fie die hohe Bedeutung der chemifchen Laboratorien für die Wiffenfchaft wie für die Induftrie, wie endlich als Stätten, in denen mit der Kunft der Beobachtung und des Experiments dem menfchlichen Geifte eines der wichtigften Bildungsmittel geboten wird, zu würdigen weifs. Sei daher dem Berichterstatter erlaubt, was der Jury nicht vergönnt war, das erfte Ehrendiplom auf das frifche Grab Liebig's niederzulegen. Wie auf der Londoner Weltausftellung von 1862 die eben erft aufgetauchte Induftrie der Anilinfarben das Intereffantefte war, das fich dem Befucher der chemifchen Abtheilung darbot, fo ift es auch diefsmal eine Entdeckung im Gebiete der Farbenchemie, die in erfter Linie die Aufmerkfamkeit des chemifchen Fachmannes zu feffeln verdient. Diefsmal handelt es fich allerdings nicht wie damals um ganz neue, durch nie früher gefehene Intenſität und Pracht überrafchende Farben, fondern vielmehr um einen der längst bekannten und mit am häufigften angewandten Farbftoffe, den uns bisher die Pflanzenwelt geliefert hat und den wir nun gelernt haben unabhängig von den Launen der Ernten künftlich darzustellen. Dergleichen künftliche Darftellungen find eine der wichtigften Aufgaben der Chemie, denn einerfeits erlangt die Wiffenfchaft, indem fie die Art und Weife ergründet, wie die Atome der Elemente fich zu dem Bau eines zufammengefetzten Moleküls zufammenfügen, eine nur fchwer auf anderem Weg zu gewinnende Einficht in das Walten der von Atom zu Atom thätigen Kräfte, anderfeits wird die Technik dadurch häufig um Körper bereichert, die wichtige Verwendung zulaffen und die fich in der Natur gar nicht finden oder vielleicht nur auf koftfpielige Art zu befchaffen waren. Im Jahre 1868 entdeckten Gräbe und Liebermann, dafs das Alizarin, der bekannte wichtigfte Farbftoff der Krappwurzel, in naher Beziehung zum Anthra cen, einem der zahlreichen im Steinkohlen- Theer enthaltenen Kohlenwafferftoffe, fteht, und aus diefem künftlich dargeftellt werden kann. Wie für die Anilinfarben bildet alfo auch für Erzeugung der Anthracenfarben der Steinkohlen- Theer den Ausgangspunkt, doch ift es von Intereffe, zu bemerken, dafs man das Anthracen und fomit auch das Alizarin durch vollſtändige Synthefe, das heifst aus den Elementen felbft darftellen kann. Wenn der Flammenbogen zwifchen zwei Kohlenfpitzen einer mächtigen, galvanifchen Kette innerhalb einer Wafferftoff- Atmoſphäre erzeugt wird, fo vereinigen fich unter diefen abfonderlichen Umftänden Kohlenftoff und Wafferftoff direct und liefern das gasförmige Acetylen, das, wenn es bis zur dunklen Rothgluth erhitzt wird, fich wenigftens theilweife in Benzol verwandelt. Aus dem Benzol kann man aber einerfeits Anilin und die Anilinfarben, anderfeits Toluol und daraus weiter Chlorbenzyl bereiten, welches beim Erhitzen mit Waffer auf 180 Grad Anthracen liefert. Uebrigens foll auch direct beim Erhitzen des Acetylens neben Benzol etwas Anthracenhydrür entstehen, das beim Glühen Anthracen gibt. Die Darftellung aus den Elementen hat heute für das Benzol, wie für das Anthracen nur ein theoretifches Intereffe, da der Steinkohlen* Kurz vor Eröffnung der Weltausftellung ftarb Juftus von Liebig am 18. April 1873. 4 Dr. Adolf Lieben. Theer uns mit beiden Stoffen auf viel wohlfeilere Art verforgt. Doch liefert die Synthefe einen neuen, wenn auch kaum mehr nöthigen Beweis dafür, dafs es zur Entstehung der Stoffe, die wir fonft der Pflanzenwelt entlehnten, keiner geheimnifsvoll wirkenden Lebenskraft bedarf. Im Zeitraume weniger Jahre, feit 1870, hat fich die künftliche Darstellung des Alizarins aus dem im Steinkohlen- Theer enthaltenen Anthracen zu einem wichtigen Induftriezweige entwickelt. Deutfchland zählt bereits zehn bis zwölf derartige Fabriken, England und Frankreich, der fchützenden Patente wegen, je eine. Die Gefammtproduction für 1873 beläuft fich auf 22.000 Centner zehnpercentige Alizarinpafte im Werthe von 12 Millionen Mark, wovon circa 15.000 Centner auf Deutſchland, 6000 auf England kommen. Schätzt man die Gefammtproduction aller Gasanftalten auf 5 Millionen Centner Theer und den Gehalt des Theers an Anthracen auf o 5 Percent, fo ergibt fich ein Totale von 25.000 Centnern Anthracen, über die man heute als Rohmaterial für Alizarinbereitung disponirt und die mehr als ausreichend find, um den ganzen gegenwärtigen Alizarinverbrauch( entfprechend 1 Million Centner Krapp im Werthe von 40 Millionen Mark) zu decken. Die Färber und Drucker ziehen begreiflicherweife das künftliche Alizarin feiner gröfseren Reinheit wegen dem Krapp und den verfchiedenen Krapp- Präparaten, in denen lediglich nur das Alizarin der wirkfame Beftandtheil ift, vor, und fo darf man erwarten, dafs fchon in den nächften Jahren der Krapp allmälig vom Markte verdrängt werden dürfte. Dafs es ein nationalöcono. mifcher Vortheil ift, wenn die Bodenfläche, die jetzt zur Krappcultur gebraucht wird, für andere Verwendungen disponibel wird, braucht kaum erft gefagt zu werden. In Oefterreich exiftirt bisher noch keine Alizarinfabrik, doch ift kein befonderer Grund einzufehen, warum Oefterreich in diefer Beziehung dem Auslande tributpflichtig bleiben follte. Selbft wenn eine öfterreichiſche Fabrik auf Bezug von englifchem Anthracen angewiefen wäre( was auch bei deutfchen Fabriken vielfach der Fall zu fein fcheint), dürfte die Darftellung des künftlichen Alizarins, deffen Abfatz im Inlande gefichert wäre, fich als gewinnbringend erweifen. Inwieweit der in Oefterreich producirte Steinkohlen- Theer fich zur Gewinnung von Anthracen eignet, follte aufserdem durch befondere Verfuche feftgeftellt werden. Der Befprechung des Anthracen- Farbftoffes fchliefst fich naturgemäfs die der Anilinfarben an. Diefe Induftrie, deren erfter Urfprung nur bis zum Jahre 1856 zurückreicht, und die auf der Londoner Ausftellung von 1862 zuerft die allgemeine Aufmerkfamkeit durch ihr glanzvolles Auftreten feffelte, hat in den letzten Jahren namentlich in Deutſchland bedeutend an Ausdehnung gewonnen, aufser dem aber auch erhebliche Fortfchritte aufzuweifen. Schon auf der letzten Weltausftellung 1867 zu Paris hatten Poirrier& Chappat fils Methylanilin ausgeftellt, das nach einem fehr zweckmäfsigen neuen Verfahren von Bardy, nämlich durch Erhitzen von Anilinchlorhydrat mit Methylalkohol in verfchloffenen Gefäfsen dargestellt worden war. Aus dem Methylanilin aber war es ihnen, geftützt auf Lauth's frühere Beobachtungen, gelungen, durch Einwirkung von Zinnchlorid( auch noch einige andere Stoffe find zu diefem Zwecke geeignet) eine prachtvolle, violette Farbe ,,, Violet de Paris", zu erhalten. Diefer damals ganz neue Farbftoff und das Methylanilin, aus dem er bereitet wird, haben feitdem eine grofse induftrielle Bedeutung erlangt, und werden gegenwärtig auch in Deutſchland, wo fie damals noch unbekannt waren, fabriksmäfsig dargestellt. Das Methylanilin- Violett hat gegenüber dem fogenannten Jodviolett( Hofmann's Violett), das durch Einwirkung von Jodmethyl auf Rofanilin( Fuchfin) erhalten wird, zwei Vorzüge voraus, welche es in den Stand fetzten, das letztere wenigftens theilweise zu verdrängen. Zur Darftellung des erften ift nämlich kein Jodmethyl * Diefe und die hier folgenden ftatiftifchen Angaben find dem amtlichen Katalog der Ausstellung des deutfchen Reiches entnommen. Die chemifche Induftrie. 5 erforderlich und darin liegt mit Rückficht auf den hohen Preis des Jods ein erheblicher ökonomifcher Vortheil; man bedarf ferner der Arfenfäure nicht dazu, die zur Bereitung des Fuchfins, alfo indirect zu der des Jodvioletts gebraucht wird, und darin liegt ein beachtenswerther, fanitärer Vortheil, auf den wir noch später zurückkommen. Der hohe Preis des Jods hat übrigens Anlafs zu Verfuchen gegeben, das koftfpielige Jodmethyl bei Bereitung des Jodvioletts ebenfo wie bei der des Jodgrüns durch andere Methylpräparate zu erfetzen und dabei hat das Methylnitrat die beften Refultate gegeben. Aehnlich wie das Jodviolett ift auch das Methylanilin- Violett der Ausgangspunkt zur Herftellung einer prachtvollen, grünen Farbe geworden, des fogenannten Methylgrüns, das fich dem Jodgrün an die Seite ftellt. Ein weiterer fehr erfreulicher Fortfchritt in der Induftrie der Anilinfarben. befteht in der nunmehr begründeten Hoffnung, die giftige Arfenfäure, deren man fich gegenwärtig noch faft allgemein zur fabriksmässigen Darftellung des Fuchfins bedient, durch das für die Gefundheit ungefährliche Nitrobenzol erfetzen zu können. Bisher find zur Bereitung des Fuchfins in grofsem Mafsftabe aus dem käuflichen Anilinöl, das ein Gemenge von Anilin, Toluidin und Pfeudotoluidin in wechſelndem Verhältniffe zu fein pflegt, lediglich nur Zinnchlorid( V erguin), Queckfilbernitrat( Gerber- Keller), Salpeterfäure( Depouilly und Lauth), endlich Arfenfäure( Medlock, Nicholfon, Girard und de Laire) zur Anwendung gekommen, und zwar hat das letztere Verfahren allmälig alle übrigen in den Hintergrund gedrängt. Es gibt aber aufser den genannten noch eine grofse Zahl anderer Subftanzen, die bei ihrer Einwirkung auf Anilinöl Fuchfin hervorbringen, z. B. Kohlentetrachlorid, Eifenfesquichlorid, Kupferchlorid, Queckfilberchlorid, Antimonpentachlorid, Zinnbromid, Quecksilberbromid, Zinnjodid, Zinnfulfat, Quecksilberfulfat, Eifenfesquinitrat, Bleinitrat, Silbernitrat, Nitrobenzol neben Eifen- und Salzfäure u. f. w. Das letzterwähnte Verfahren wurde von Coupier 1866 vorgefchlagen und fein Erfolg von Schützenberger günftig beurtheilt( ein ähnliches Verfahren, wobei aber kein Eifen zugefetzt wird, hat Holliday angegeben), doch fcheint es in Fabriken bisher keinen Eingang gefunden zu haben. Erft in neuefter Zeit ift es den Bemühungen der Fabrikanten Meifter, Lucius und Brüning gelungen, ein demfelben Princip wie das Coupier'fche beruhendes Verfahren in grofsem Mafsftabe durchzuführen und man darf daher jetzt erwarten, die Arfenfäure von ihrer gegenwärtig fehr bedeutenden Anwendung bald wieder ausgefchloffen zu fehen. Es ift diefs nicht allein für die Gefundheit der in Fuchfinfabriken befchäftigten Arbeiter, fondern auch für das grofse Publicum fehr wünſchenswerth, da ein von der Bereitung herrührender, kleiner Arfengehalt in dem käuflichen Fuchfin fehr häufig anzutreffen ift und bei den zahlreichen Verwendungen diefes prachtvollen Farbftoffes nicht felten üble Folgen herbeiführen kann. Die bedeutende Anilinfarben- Induftrie Englands war auf der Ausftellung gar nicht vertreten, dagegen haben fich Deutfchland, Frankreich und die Schweiz in ausgezeichneter Weife betheiligt. Deutfchland foll gegenwärtig ungefähr die Hälfte der Gefammtproduction hervorbringen und hat einen bedeutenden Export. Einzelne deutfche Fabriken erzeugen nicht weniger als 10 Centner Fuchfin täglich. Um diefe Ziffer zu würdigen, mufs man fich gegenwärtig halten, daſs, um einen Centner Fuchfin zu erzeugen, zwei Centner Rohanilin erforderlich find, zu deren Darftellung man etwa 90 Centner Theer braucht, welche ihrerfeits durch Deftillation von circa 3000 Centner Steinkohlen gewonnen werden. Die AnilinölProduction in Deutfchland hat nach Angabe des amtlichen Kataloges von 10.000 Centner im Jahre 1867 auf jetzt ungefähr 25.000 Centner zugenommen, doch müffen zur Deckung des deutfchen Farbenfabrications- Bedarfes noch aufserdem 10.000 Centner Anilinöl aus dem Auslande bezogen werden. In Oefterreich hat die Fabrication der Anilinfarben noch nicht Eingang gefunden. Als Grund wird angegeben, dafs der in Oefterreich gewonnene Theer verhältnifsmäfsig wenig Benzol enthalte, daher nicht fonderlich geeignet zur Erzeugung von Anilinöl fei. Diefes Argument 6 Dr. Adolf Lieben. dürfte jedoch kaum für alle Kohlenforten Oefterreichs richtig fein, und ift auch infofern nicht ganz zutreffend, als ja die Darftellung des Anilinöles aus Theer und die Bereitung der Farben aus Anilinöl zwei ganz getrennte Fabricationen find. Der Farbenfabrikant würde, falls er fich im Inlande nicht genug Anilinöl verfchaffen kann, dasfelbe aus dem Auslande beziehen, und übrigens kann man nicht zweifeln, dafs die fabriksmäfsige Verarbeitung des inländifchen Theers einen bedeutenden Auffchwung nehmen würde, fobald nach einzelnen Producten diefer Induftrie eine ftärkere Nachfrage eintreten würde.* Wenn wir in diefer allgemeinen Ueberficht über die Fortfchritte der chemifchen Induftrie feit 1867 die Theerfarben vorangeftellt haben, fo gefchah es, weil wir hier eine Entdeckung von hervorragender Bedeutung( die künftliche Darftellung des Alizarins ohne Krapp) zu verzeichnen hatten. Ehe wir uns nun der chemifchen Grofsinduftrie zuwenden, die durch Maffenhaftigkeit der Production und volkswirthschaftliche Bedeutung den wichtigften Theil der Gruppe III ausmacht, fei zur Ergänzung des hier über Neuigkeiten auf dem Gebiete der Farbftoffe Mitgetheilten noch des Ultramarinvioletts gedacht, das von der grofsen Zeltner'fchen Fabrik in Nürnberg ausgeftellt worden ift und das neben den bekannten zahlreichen, blauen und grünen Nuancen des Ultramarins eine bisher bei diefer Fabrication nicht erhaltene Farbe darftellt. Bereitung und Zufammenfetzung derfelben werden jedoch vorläufig geheimgehalten. Auf dem Gebiete der chemifchen Grofsinduftrie ist zwar nur eine hervorragende Neuigkeit zu verzeichnen, aber diefe kann eine fo aufserordentliche, die Grundlagen der chemifchen Induſtrie umgeftaltende Bedeutung erlangen, dafs fie fchon hier eine nähere Befprechung verdient. Es handelt fich um die Fabrication der Soda. Bekanntlich ift man für den Bedarf an diefem fo wichtigen Producte fchon feit dem Ende des vorigen Jahrhundertes nicht mehr auf die natürlich vorkommende oder aus der Afche der Strandpflanzen bereitete Soda angewiefen, fondern ftellt die Millionen von Centnern Soda, deren die heutige Induftrie bedarf, aus dem Kochfalz mit Anwendung des fcharffinnigen, von Le Blanc 1791 erfundenen und feitdem nur in den Details vervollkommneten Verfahrens dar**. Diefs Ver* Für die Ausftellung 1873 fiehe Bericht von Dr. Lippmann, Gruppe III, Section VI, Farbwaaren. Die Redaction. ** Die fundamentale Bedeutung, welche Le Blanc's Entdeckung für die chemifche Induſtrie gehabt hat und noch hat, läfst es gerechtfertigt erfcheinen, auch der Gefchichte diefer Entdeckung hier ein Blatt zu widmen. Es ift diefs befonders defshalb am Platze, weil diefs intereffante Stück chemifcher Gefchichte in den meiften Büchern nicht nur unvollständig, fondern auch unrichtig mitgetheilt ift. Im Jahre 1782 fetzte die Parifer Akademie der Wiffenfchaften einen Preis von 2400 Francs für die Entdeckung aus, Soda aus Kochfalz in folcher Weife darzuftellen, dafs fie nicht höher als die aus Afche von Strandpflanzen erzeugte zu ftehen komme. Diefer Preis wurde nicht errungen. Doch fchon wenige Jahre fpäter, 1789 machte N. Le Blanc, Chirurg des Haufes d'Orléans, dem Herzog von Orléans( Egalité), den Vorfchlag, eine Fabrik zu errichten, um nach einem von ihm erfonnenen und bis dahin nur im Kleinen verfuchten Verfahren, Soda aus Kochfalz darzuftellen. Am 12. Februar 1790 kam es, in London zwifchen dem Herzog von Orléans, Le Blanc, Dizé und Shée zur Unterzeichnung eines Vertrages für Gründung einer chemifchen Productenfabrik, worin der Herzog fich zur Vorftreckung der nöthigen Capitalien, die anderen Theilnehmer zur Errichtung und Leitung der Fabrik bereit erklärten, indem Le Blanc insbefondere fich zur Einführung feiner neuen Methode der Sodafabrication, Dizé zur Einrichtung eines Verfahrens der Bleiweifsbereitung verpflichteten. Dem entfprechend hinterlegte Le Blanc am 27. März 1790 ein verfiegeltes Schreiben, in dem die Grundfätze der noch jetzt üblichen Sodafabrication vollſtändig angegeben find; nur find die Verhältniffe, in denen fchwefelfaures Natron, kohlenfaurer Kalk und Kohle zufammengefchmolzen werden follen, nicht ganz die richtigen, und das Gemenge foll in Tiegeln( ftatt in Flammöfen) gefchmolzen werden. Offenbar zur Beruhigung für den Herzog von Orléans ift den Angaben Le Blanc's eine Beftätigung ihrer Richtigkeit von Profeffor d'Arcet beigefügt. Die Fabrik wurde in Maifon- de- Seine bei St. Denis errichtet. Le Blanc, der im Grofsen wie im Kleinen raftlos an der Vervollkommnung feiner Methode arbeitete, entdeckte bald die richtigen für die Sodafchmelze günftigften Verhältniffe, wie fie noch heute unverändert im Gebrauche ftehen, und erkannte den aufserordentlichen Vortheil, die Schmelzoperation im Flammofen ftatt wie früher in Tiegeln vorzunehmen. Damit war der wichtigen Entdeckung der Stempel der Vollendung aufgedrückt. Le Blanc legte die erwähnten Schlufsrefultate feiner Die chemifche Induftrie. 7 fahren beruht auf der durch Schwefelfäure bewirkten Ueberführung des Kochfalzes in fchwefelfaures Natron, wobei Salzfäure als Nebenproduct gewonnen wird und auf der Einwirkung, welche Kohle und kohlenfaurer Kalk bei hoher Temperatur auf das fchwefelfaure Natron äufsern, wodurch beim darauffolgenden Auslaugen der Schmelze kohlenfaures Natron nebft etwas Aetznatron an das Waffer abgegeben werden, während Schwefelcalcium, kohlenfaurer Kalk und Kalk( die fogenannten Sodarückstände) unlöslich zurückbleiben. Es ift alfo die Darftellung eines Zwifchenproductes, des fchwefelfauren Natrons, nothwendig, ehe man vom Kochfalz zur Soda gelangt; aufserdem ift der Verbrauch an Kohle fehr bedeutend. Für je einen Centner Soda, die producirt wird, werden circa 3% Centner Kohle confumirt. Ein weiterer Uebelftand diefes Verfahrens, dafs nämlich der in Form von Schwefelfäure eingeführte Schwefel, der fchliefslich in die bis vor Kurzem ganz werthlofen und nur läftigen Sodarückstände übergeht, vollftändig verloren wird, ift erft in den letzten Jahren durch die Methoden der Wiedergewinnung des Schwefels von Schaffner, Mond und P. W. Hofmann wenigftens annähernd befeitigt worden. Ueber diefe wichtige Verbefferung oder vielmehr Ergänzung des Le Blanc'fchen Verfahrens ift bereits gelegentlich der Weltausftellung vom Jahre 1867, auf der fie eine der hervorragendften chemifchen Neuigkeiten darftellte, eingehend berichtet worden. Diefsmal handelt es fich nicht um eine Verbefferung des Le Blanc'fchen Verfahrens, fondern um eine von der Le Blanc'fchen ganz verfchiedene neue Methode der Sodabereitung, welche vom Kochfalz ausgehend in viel directerer Weife zum Ziele führt. Sie iſt unter dem Namen des Ammoniakproceffes bekannt. Zwei Ausfteller, Solvay& Comp.( Couillet bei Charleroi in Belgien) und Honigmann( Aachen), haben Soda ausgeftellt, die nach dem neuen Verfahren dargestellt ift. Von diefen arbeitet der erftere fchon feit mehreren Jahren, und zwar in grofsem Mafsftabe, fo dafs man wohl annehmen darf, es müffe ihm gelungen fein, alle Schwierigkeiten der praktifchen Ausführung zu überwinden; er wurde daher auch von der Jury mit dem Ehrendiplome ausgezeichnet.* Forfchung in einem Patent( Brevet fecret), auf 15 Jahre, für Fabrication von Soda aus Kochfalz, nieder, das er im September 1791 verlangte und erhielt. Es war ihm jedoch nicht befchieden, die werthvollen Früchte feiner Anftrengungen zu geniefsen. Kaum hatte die inzwifchen vollftändig eingerichtete Fabrik zu arbeiten angefangen, als in Folge der grofsen Revolution alle Güter des Herzogs von Orléans mit Befchlag belegt wurden. Die Fabrik und alle Stücke ihrer Einrichtung kamen unter den Hammer. Zugleich verordnete der Wohlfahrtsausfchuss, welcher die damals durch Abfperrung aller Zufuhr von fpanifcher Soda, wie von ausländifcher Pottafche nach Frankreich entſtehende fchwierige Lage wohl erkannte, dafs alle Bürger, die Fabriken zur Darftellung von Soda aus Kochfalz eingerichtet oder Patente darauf genommen hatten, ihre Verfahrungsweifen, fowie Stand der Fabrication etc. bekannt geben follen. Unter 13 Methoden zur Darftellung von Soda aus Kochfalz, welche der zur Prüfung eingefetzten aus den Herren Lelièvre, Pelletier, d'Arcet und Giroud beftehenden Commiffion vorgelegt wurden, wurde die von Le Blanc herrührende für die befte erklärt. Trotz diefer Veröffentlichung, die fpäter, 1797, durch die Annales de Chimie", B. 19, eine noch gröfsere Verbreitung erhielt, bedurfte es doch einer längeren Zeit, ehe der neue Induftriezweig zu europäifcher Bedeutung gelangte, ja auch nur in Frankreich felbft heimifch wurde. دوو In England wurde Le Blanc's Methode zwar fchon am Anfang unferes Jahrhundertes von Lofh eingeführt, aber erft 1823, als die unvernünftig hohe Salzfteuer von 30 Pfund Sterling per Tonne aufgehoben wurde, geftaltete fie fich in James Muspratt's Händen zur Grundlage einer grofsartigen Induftrie, die feitdem wie bekannt koloffale Dimenfionen angenommen hat. Die erfte Sodafabrik in Oefterreich, welche Le Blanc's Verfahren anwandte, wurde 1851 von Miller& Hochftetter in Hrufchau( Mähren) gegründet. Der geniale Entdecker, der mit dem koftbaren Gefchenk, das er der Menfchheit machte, zur Förderung der Civilifation mehr beigetragen hat, als fo mancher gefeierte Staatsmann, mufste fich mit der Hoffnung auf künftigen Ruhm begnügen. Durch die oben erwähnten Ereigniffe materiell zu Grunde gerichtet, konnte Le Blanc trotz einiger Unterſtützung, die ihm fpäter zu Theil wurde, fich nicht mehr ganz aufrichten. In dürftigen Verhältniffen ftarb er 1806.( Die vorftehenden Daten über Le Blanc's Entdeckung find grofsentheils einem von der chemifchen Section der franzöfifchen Akademie der Wiffenfchaften am 31. März 1856 erftatteten Berichte entnommen. S. Compt. rend. XLII. 553.) * Für die Ausftellung 1873 fiehe Dr. A. Bauer's Bericht Gruppe III, Section 1, Chemifche Producte für technifche Zwecke. Die Redaction. 8 Dr. Adolf Lieben. Das angewandte Verfahren ift im Princip keineswegs neu. Schon 1838 nahmen Hemming und Dyar in England ein Patent auf Darftellung von Soda aus Kochfalz mittelft Ammonbicarbonat, doch erlangte die vorgefchlagene Methode keine induftrielle Bedeutung und gerieth bald in Vergeffenheit. Es ift wefentlich Schlöfing's Verdienft, fie wieder zur Geltung gebracht und im Vereine mit Rolland praktiſch durchgeführt zu haben. Nachdem er 1854 ein Patent für Frankreich und Grofsbritannien genommen, und fich zur Benützung desfelben eine Gefellſchaft in Paris gebildet hatte, errichtete er 1855 in Gemeinfchaft mit dem Ingenieur Rolland in Puteaux bei Paris eine Sodafabrik, die fich durch neue, eigens für den Zweck conftruirte Apparate und wohldurchdachtes Ineinandergreifen der Operationen auszeichnete. Die Fabrik producirte in den erften 14 Monaten ihres Beftehens 86.000, in den folgenden 10 Monaten 230.000 Kilogramm Soda von grofser Reinheit. Sie war jedoch lediglich nur als Verfuchsfabrik betrieben worden und weder ihre Einrichtungen noch ihre örtliche Lage für lohnende Production befonders geeignet; dazu kam noch die fchwer wiegende Thatfache, dafs alles confumirte Salz verfteuert werden musste, während bei dem angewandten Verfahren ein Drittel des Salzes verloren ging. Unter diefen Umftänden wurde die Fabrik wieder aufgegeben und die Gefellfchaft löfte fich auf. In einer werthvollen Abhandlung( Annales de Chimie et de Phyfique[ 4] B. 14, Seite 5 bis 63) legten Schlöfing und Rolland die Refultate ihrer angeftrengten Bemühungen und alle beim Betriebe im Grofsen gefammelten Erfahrungen nieder. War fonach der erfte Verfuch, den Ammoniakprocess für Sodafabrication in die Grofsinduftrie einzuführen, wenn auch vielleicht nur aus äufseren Gründen, nicht vollſtändig gelungen, fo kann heute an der Möglichkeit, denfelben praktifch anzuwenden, kein Zweifel mehr beftehen. Schon auf der Parifer Ausftellung 1867 hatte der oben genannte belgifche Fabrikant Solvay auf diefe Weife erzeugte Soda ausgeftellt, ohne dafs fich die allgemeine Aufmerkfamkeit damals diefer Sache, ihrer Wichtigkeit entſprechend, zugewendet hätte. Seitdem hat aber die Fabrik fich nicht nur erhalten, fondern, wie es fcheint, ihre Production noch beträchtlich erhöht. Das Ammoniakverfahren beruht darauf, dafs fich beim Einleiten von Kohlen fäure in eine mit Ammoniak gefättigte Kochfalz- Löfung fchwer lösliches Natriumbicarbonat niederfchlägt, während das zugleich entſtehende Chlorammonium neben unzerfetztem Kochfalz und etwas Ammonbicarbonat in Löfung bleibt. Durch Erhitzen des gefällten Natriumbicarbonats wird Soda gewonnen, während Kohlenfäure entweicht, die man zum Einleiten in neue Salzlöfung verwendet. Aus der chlorammoniumhaltigen Löfung wird zunächft Kohlenfäure und Ammoniak durch Erhitzen, dann das Ammoniak des Chlorammoniums mittelft Kalk ausgetrieben und zur Wiederholung des Proceffes eine frifche Kochfalzlöfung damit gefättigt. Wenn nun auch bei der praktiſchen Durchführung manche complicirende Details hinzutreten, fo ift doch nur eine Schwierigkeit von gröfserer Bedeutung abzufehen, welche fich den offenbaren aufserordentlichen Vortheilen diefes Verfahrens, die im Vergleich mit der Le Blanc'fchen Methode in der viel directeren Bildung und Gewinnung der Soda, dem relativ viel geringeren Anlagecapital und fehr viel geringeren Kohlenverbrauche liegen, gegenüberftellt. Diefe Schwierigkeit liegt in den nicht leicht zu vermeidenden Ammoniakverluften. Nach der oben gegebenen theoretifchen Darlegung follte freilich diefelbe Ammoniakmenge zur Darstellung unbegrenzter Mengen von kohlenfaurem Natron genügen, da eigentlich nur Chlornatrium, Kohlenfäure und Kalk( zur Regeneration des Ammoniaks aus Chlorammonium) nothwendig verbraucht werden. Indeffen läfst fich von vornherein kaum anders erwarten, als dafs man fich diefem Ideal in der Praxis nur nähern kann, ohne es doch vollſtändig zu erreichen. Da nun das Ammoniak und feine Salze werthvolle Producte find, die eine ausgedehnte Anwendung finden und deren Verbrauch noch immer zunimmt, fo würde ein erheblicher Ammoniakverluft die Rentabilität der neuen Sodafabrications- Methode wefentlich beeinträchtigen und deren allgemeinen Einführung um fo mehr hinderlich fein, als dadurch die Preife Die chemifche Induftrie. 9 der Ammonfalze noch immer höher fteigen müfsten. Schon die nächften Jahre dürften die endgiltige Entfcheidung darüber bringen, ob das Problem, an deffen Durchführbarkeit vom theoretifchen Standpunkte kein Zweifel befteht, auch als praktiſch und finanziell befriedigend gelöst zu betrachten ift, wie es gegenwärtig allen Anfchein hat, und in diefem Palle dürfen wir einer bedeutenden Umwäl zung in der chemifchen Induſtrie entgegenfehen. Die Salzfäure, die bisher in Maffen als Nebenproduct der Sodafabrication gewonnen wurde, würde dann im Preife fteigen, die übliche Darftellung des Chlors aus Salzfäure und Braunftein, bei der nur die Hälfte der angewandten Salzfäure als Chlor verwerthet wird, müfste aufgegeben und entweder durch die altbekannte Methode mit Kochfalz, Schwefelfäure und Braunftein, oder andere Methoden( Einwirkung von Chlormagneſium auf Braunftein u. f. w.) erfetzt werden. Jedenfalls ift die Tragweite der zwar mehr als 30 Jahre alten, aber doch erft in den letzten Jahren durch Solvay zu praktifcher Bedeutung gelangten Entdeckung, Soda aus Kochfalz durch Ammonbicarbonat darzuftellen, eine aufserordentlich grofse. Die mächtige Bedeutung der Sodainduftrie ergibt fich von felbft bei Betrachtung folgender, der Wagner'fchen Technologie( 1873) entnommenen Zahlen, welche zugleich zeigen, wie viel für Oefterreich in diefem Induftriezweige noch zu thun bleibt: Sodaproduction von Grossbritannien( 1872) 29 Frankreich. 22 29 " Deutſchland Oefterreich " " " 99 7,350.000 Centner. 2,300.000 2,100.000 385.000 " 9 وو 99 In naher Beziehung zur Sodafabrication, wie fie nach Le Blanc's Verfahren heute noch faft allgemein im Betrieb ift, fteht die Erzeugung des Chlorkalkes, der zum Desinficiren, befonders aber zum Bleichen eine bekanntlich fehr ausgedehnte Anwendung findet. Aus der Salzfäure, die man dort als Nebenproduct in grofsen Maffen gewinnt, wird durch Einwirkung von Braunftein Chlor entwickelt, das vom Kalk aufgenommen wird und ihn in Chlorkalk, verwandelt. Seit der Weltausftellung von 1867 und auch feit lange vorher hat rückfichtlich der Bereitung des Chlorkalks wie des Chlors keine erhebliche Veränderung in der Induftrie Platz gegriffen. Doch verdient der 1870 gemachte Vorfchlag Deacon's hier Erwähnung, das Chlor ohne Hilfe von Braunftein durch die oxydirende Wirkung der Luft auf gasförmige Chlorwafferftofffäure zu erzeugen. Man läfst nämlich ein Gemenge von Chlorwafferftoffgas und Luft bei 370 bis 400 Grad über Ziegelftückchen oder poröfe Thonkugeln ftreichen, die mit Kupfervitriol getränkt und dann fcharf getrocknet worden find; Chlor wird frei, das von beigemengter unveränderter Chlorwafferftofffäure durch Wafchen mit Waffer gereinigt wird. Das Deacon'fche Verfahren hat bereits Eingang in die Praxis gefunden, dürfte aber wohl noch eine weitere Ausbildung nöthig haben, ehe es die alte Bereitungsweife des Chlors verdrängen kann. Indem wir einzelne Entdeckungen von minder allgemeinem Intereffe übergehen, um nicht den weiter folgenden Specialberichten über die einzelnen Sectionen der chemifchen Gruppe vorzugreifen, fei hier nur mit wenig Worten des Ozokerites( Erdwachs, Haupt- Fundort Galizien) gedacht, als eines für Oefterreich nicht unwichtigen Rohproductes, deffen Verarbeitung und Anwendung fchon in dem Berichte über die Ausftellung von 1867 befprochen worden ift, feitdem aber an Bedeutung wefentlich zugenommen hat, ferner des von der Sarg'fchen * * Um Irrthümern vorzubeugen, mag bei diefer Gelegenheit erwähnt fein, dafs die von dem englifchen Fabrikanten Field ausgeftellten fogenannten Ozokeritkerzen nach der gedruckten eigenen Anzeige des Fabrikanten nicht eigentlich aus Ozokerit, fondern aus dem feften Theile des durch Deftillation aus Ozokerit erhaltenen Productes das ift aber nichts Anderes als Paraffin gefertigt find. Da der Name Paraffin nicht eine bestimmte Subftanz, fondern ein variables Gemenge von feften Kohlenwafferftoffen der allgemeinen Formel CnH2n+ 2 bezeichnet, fo mag immerhin das aus Ozokerit gewonnene Paraffin einen höheren Schmelzpunkt haben, als das gewöhnliche. Im Uebrigen ift diefe Anwendung des Ozokerits nicht neu. 10 Dr. Adolf Lieben. Kerzenfabrik( Liefing bei Wien) ausgeftellten feft en Glycerins, das man bis vor Kurzem nur als Flüffigkeit kannte und das wahrscheinlich nie früher in gleicher Reinheit erhalten worden ift. Anfang 1867 wurde zum erften Male die zufällige Beobachtung gemacht( Crookes, Gladftone, Sarg), dafs Glycerin bei ftarker Kälte kryftallifiren könne; Werner gab fpäter an, es fei ihm gelungen, durch Einleiten von etwas Chlor in Glycerin und nachheriges längeres Ausfetzen an die Kälte das Glycerin zum Kryftallifiren zu bringen, endlich 1871 nahm Kraut ein Patent auf Reinigung des Glycerins durch Kryftallifation. Es mag wohl nur an einem Gehalt des Glycerins an Waffer, vielleicht auch noch an anderen Verunreinigungen gelegen haben, wenn an diefem fo lang bekannten Körper die Eigen fchaft, ftarre Aggregatform annehmen zu können, unbekannt geblieben war. Künftig wird beim Glycerin, ähnlich wie beim Phenol( Carbolfäure) oder beim Eiseffig die ftarre Aggregatform bei Temperaturen unter circa 15 Grad als Beweis befonderer Reinheit betrachtet werden dürfen. Auch das Dynamit darf als eine 1867 von A. Nobel gemachte Erfindung hier erwähnt werden. Dynamit iſt nichts Anderes als in poröfer Kiefelerde ( Kiefelguhr) aufgefaugtes Glycerin- Trinitrat( Nitroglycerin, Sprengöl) und verdankt feine explodirenden Eigenfchaften ausfchliefslich dem letzteren Körper, von dem es 75 Percent zu enthalten pflegt; es hat aber vor ihm aufser der bequemeren feften Form, auch noch den viel wefentlicheren Vortheil voraus, dafs fein Transport und feine Handhabung überhaupt weit gefahrlofer find.* Es ift erfreulich neben dem Körper, der oft für Werke furchtbarer Zerftörung angewandt wird, von einem anderen Körper fprechen zu können, der Schmerzen lindert und den Leidenden das koftbare Gefchenk des Schlafes bringt. Es ift diefs das in den letzten Jahren viel genannte Chloralhydrat, eine weifse, kryftallinifche, in Waffer fehr leicht lösliche Subftanz von durchdringendem, aber nicht widerwärtigem Geruche, die in der chemifchen Abtheilung des deutfchen Reiches in mehreren Vitrinen zu fehen war. Das Chloral, wie das Chloralhydrat wurden von Liebig 1832 entdeckt und feine Zufammenfetzung durch Dumas mit Genauigkeit feftgeftellt, doch ift die Theorie feiner Entftehung felbft heute noch nicht in allen Punkten aufgeklärt. Durch erfchöpfende, zuletzt durch Erwärmen unterftützte Einwirkung von Chlor auf abfoluten Alkohol bildet fich eine von felbft erftarrende weifse Subftanz( nach neueren Unterfuchungen Chloralalkoholat), die beim Erwärmen mit Schwefelfäure Chloral liefert. Das Chloral ift flüffig, befitzt aber die Eigenfchaft, fich mit einer gewiffen Menge Waffer( 1 Molecül Waffer auf ein Molecül Chloral) zu feftem kryftallinifchem Chloralhydrat zu verbinden. Im Jahre 1869 zeigte O. Liebreich, dafs diefer den Chemikern längst bekannte, aber bis dahin nur gelegentlich zum Behufe theoretifch- chemifcher Unterfuchungen in den Laboratorien dargestellte Körper eine für die Heilkunde trefflich zu verwerthende, Chloroform ähnliche Wirkung auf den Organismus ausübt. Selbft kleine Mengen davon erzeugen beim innerlichen Gebrauch Schlaf und durch Variation der Dofen hat man es in der Hand, entweder nur Hypnofe, oder Hypnofe mit Anästhefie hervorzurufen. Liebreich erklärte die Wirkung des Chloralhydrates, indem er unter Hinweis auf die bekannte Eigenfchaft desfelben, in Berührung mit Alkalien Chloroform zu geben, annahm, dafs beim innerlichen Gebrauch diefelbe Spaltung allmälig unter dem Einfluffe des alkalifchen Blutes erfolge, fo dafs fucceffive kleine Mengen Chloroform im Blute gebildet werden. Daraus ergibt fich auch, dafs die Wirkung durch eine verhältnifsmäfsig lange Zeit vorhält. Die Action des Chloralhydrates wäre fo auf die des Chloroforms, das dabei in einer von der gewöhnlichen verfchiedenen Weife zur Wirkung kommt, zurückgeführt. Diefe Anficht, wenn auch nicht ftreng bewiefen, ift jedenfalls * Für die Ausftellung 1873 fiehe Dr. W. F. Gintl Bericht über Gruppe III, Section 5 Zündwaaren und Explofivftoffe. Die Redaction. Die chemifche Induftrie. 11 wahrfcheinlich; doch ift es nicht unmöglich, dafs dem Chloralhydrat als folchem auch eine directe Wirkung eigen ift und dafs ferner die Ameifenfäure, die bei der Zerlegung des Chloralhydrates neben Chloroform zugleich enfteht, für die Wirkung nicht ganz bedeutungslos ift. Da die Zahl der Schlafmittel, über welche die Medicin verfügt, befchränkt ift und felbft das trefflichfte und am häufigften angewandte unter ihnen, das Morphin, nicht von jedem Leidenden gut vertragen wird, auch bei fortgefetztem Gebrauche feine Wirkfamkeit theilweife einbüfst, fo ift Liebreich's Entdeckung gewifs eine der koftbarften Bereicherungen des Arzneifchatzes und darf um fo freudiger begrüfst werden, als der hiebei eingefchlagene Weg, die in der Natur nicht vorkommenden, künftlich dargestellten Körper für die Medicin zu verwerthen, zu den fchönften Refultaten zu führen verfpricht. Bei Verfolgung diefer Richtung hat man von vornherein den Vortheil, nur reine, wohl definirte Subftanzen in ihrer Wirkungsweife zu unterfuchen, während bei Anwendung der Körper, die Pflanzen- und Thierreich uns darbieten, derfelbe Vortheil meift nur durch mühevolle Trennungen der in der Natur gemengt vorkommenden Stoffe zu erreichen ift. In Folge deffen hat man, namentlich bei dem früher weniger vorgefchrittenen Zuftande der Chemie, fich gar oft damit begnügt, die Gemenge felbft zur Anwendung zu bringen, und diefer Umftand hat, theils weil die Zufammenfetzung folcher natürlicher Gemenge nicht immer diefelbe ift, theils weil die Wirkung des einen Beftandtheiles durch die der anderen beeinflusst wird, eine klare Erkenntnifs wefentlich erfchwert. Das Chloralhydrat hat in den wenigen Jahren, feitdem feine Wirkung auf den Organismus bekannt geworden ift, eine fo ausgedehnte Anwendung in der Medicin erlangt, dafs es gegenwärtig centnerweife von Fabriken( Berlin) erzeugt wird und namentlich nach England und Amerika ftarken Abfatz zu finden fcheint. Als eine für Medicin und Pharmacie wichtige Thatfache, die auf der Weltausftellung zum Ausdruck gelangte, verdient hier noch erwähnt zu werden, dafs die Cultur der Chinabäume auf Java, welche nicht ohne bedeutende Koften und mit rühmenswerther Beharrlichkeit von den Holländern eingeführt wurde, in neuefter Zeit fehr befriedigende Refultate ergeben hat, fo dafs die Ernten an Chinarinden fchon in den letzten Jahren beträchtlich waren, und in naher Zukunft noch reichlicher ausfallen dürften. Der Alkaloidgehalt übertrifft fogar den der aus den Mutterländern ftammenden Chinarinden. Die Beforgnifs, dafs die vorhandenen Chinapflanzungen dem immer fteigenden Bedarfe an den für die Heilkunde unfchätzbaren Alcaloiden, die fie uns liefern, bald nicht mehr genügen könnten, wird durch das von den Holländern auf Java erzielte glänzende Refultat, fowie durch ähnliche, welche die Engländer in Oftindien erreichten, vollſtändig behoben.* Faffen wir zum Schluffe diefer gedrängten Ueberficht über die wefentlichften Fortfchritte, welche die chemifche Induftrie feit der Parifer Ausftellung gemacht hat, die Betheiligung Oefterreichs an der chemifchen Induftrie der Welt ins Auge, fo gibt die Wiener Weltausftellung uns zunächft die beruhigende Verſicherung, dafs im Allgemeinen die öfterreichifchen Producte in ihrer Qualität den ausländifchen in nichts nachftehen. Dagegen aber kann nicht verkannt werden, dafs die öfterreichische Production quantitativ fehr weit hinter derjenigen Deutfchlands, Frankreichs oder Englands zurückbleibt. So lobenswerth daher auch die Leiftungen von Fabriken wie etwa die Auffiger, die Hrufchauer, die Seybel'fche, Sarg'fche, Starck'fche, Wagenmann'fche u. a. m. ohne Zweifel find, fo bleibt doch für Ausdehnung unferer Production ein gar weiter Spielraum übrig. Manche Induftriezweige wie z. B. die der Theerfarben find in Oefterreich noch gar nicht eingeführt; wichtige Producte wie Soda, Chlorkalk, Ultramarin, Ammoniakfalze, Kalium. * Für die Ausstellung 1873 fiehe Hofrath Dr. Schroff, Bericht Gruppe III, Section 2 und 8, pharmaceutifche Präparate. Die Redaction. 12 Dr. Adolf Lieben. chromat, Salpeter, Chlorkalium, Paraffin, u. f. w. find zwar qualitativ gut, aber für ein fo grofses Land nur fehr fchwach vertreten. Am befriedigendften ift wohl der Stand unferer Fett-( befonders Stearinkerzen) und unferer ZündhölzchenInduſtrie. Die letztere hat fich bekanntlich in Oefterreich früher als in anderen Ländern entwickelt. Maffe der Production, Güte und Billigkeit der Waare haben ihre allgemeine Beliebtheit und eine weite Verbreitung in aller Herren Länder erworben. Es wäre jedoch gefährlich, fich darüber zu täufchen, dafs die Fabrication anderwärts allmälig grofse Fortfchritte gemacht hat und die Concurrenz in den letzten Jahren eine immer härtere wird. Nur wenn die öfterreichifchen Fabrikanten der Qualität ihres Productes die gröfste Sorgfalt zuwenden, werden fie im Stande fein, den durch ihr eigenes und ihrer Vorgänger Verdienft bereits erworbenen Vorfprung den ausländifchen Producenten gegenüber auch weiterhin zu behaupten. Was die Entwicklung der chemifchen Induftrie in Oefterreich wefentlich erfchwert hat, das find nicht fo fehr befondere in der Natur der Sache liegende Schwierigkeiten, als vielmehr Hemmniffe allgemeiner Art, mit denen auch andere Induftriezweige bei uns zu Lande zu kämpfen haben. Die im Vergleich zu den weftlichen Staaten jüngere Cultur hat die Nachfrage nach gewiffen Artikeln erft allmälig entſtehen und zunehmen laffen, fowie fie anderfeits auch die Haupturfache ift, dafs uns nicht jener Reichthum an erfpartem Capital zur Verfügung steht, welcher namentlich in England und Frankreich die Begründung induftrieller Unternehmungen fo wefentlich erleichtert, und ihre anfangs oft nur langfame und mühfelige Entwicklung unterſtützt. Zu der Schwierigkeit, Capitalien zu finden und zum hohen Zinsfufse gefellt fich aber noch ein weiterer Uebelftand, der namentlich für die chemifche Grofsinduftrie, die beträchtliche Maffen von Rohftoffen verarbeitet, fchwer ins Gewicht fällt, nämlich die theueren Frachten, die in der relativen Unvollständigkeit des Eifenbahnnetzes, den hohen Tarifen der Bahnen und zum nicht geringen Theil in dem Mangel an Canälen ihren Grund haben, welche letzteren für den Waarentransport Englands und Frankreichs fowie auch Deutfchlands von grofser Bedeutung find. Wenn man diefe Hinderniffe erwägt, zu denen noch manche andere hinzukommen, welche hier in erfchöpfender Weife zu erörtern zu weit führen würde, fo wird man zugeben müffen, dafs die Leiftungen der chemifchen Induftrie in Oefterreich gerechte Anerkennung verdienen und dafs namentlich das letzte Jahrzehnt auf faft allen Gebieten derfelben bedeutende Fortfchritte gebracht hat. Man wird aber auch bei Vergleichung der heimifchen Leiftungen mit denen anderer Länder, wozu eben die Weltausstellung die vortrefflichfte Gelegenheit bietet, ohne Befchämung anerkennen, dafs uns auf diefem Felde noch viel zu thun übrig bleibt. Wenn wir mit diefem Gedanken die Weltausftellung verlaffen und uns der ernften Arbeit zuwenden, wenn wir die Fortfchritte der letzten Jahre als Bürgfchaft für eine fchöne Zukunft betrachten, fo dürfen wir mit Zuverficht einem erfreulichen Erfolge entgegenfehen, den eine nächfte Ausstellung krönen wird. Die folgenden Tabellen, die von der Erzeugung wie dem Confum chemifcher Producte und Hilfsftoffe ein möglichft treues Bild geben, dürften dem Lefer eine um fo willkommenere Beigabe fein, als über die chemifche Production Oefterreichs bisher noch wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ift. Ich verdanke diefs werthvolle und nicht leicht zu befchaffende Material an ftatiftifchen Daten der Güte des Herrn Hofrath Profeffor Brachelli und des technifchen Chemikers Herrn Zdenko Skraup, denen ich hiemit meinen verbindlichen Dank für ihre freundlichen Bemühungen ausfpreche. Die Angaben über Production, die in der erften Tabelle enthalten find, beziehen fich auf das Jahr 1870, da fpätere Angaben nicht in gleicher Vollständigkeit zu erlangen waren. Die Ziffern, die fich auf Production von Salz und Kohle beziehen, find den Angaben der Berghauptmann Die chemifche Induftrie. 13 fchaften entnommen, und ebenfo wie diejenigen, welche Ein- und Ausfuhr darftellen, als vollkommen verläfslich zu betrachten.* Auf den gleichen Grad von Verlässlichkeit können aus leicht begreiflichen Gründen die in Tabelle I enthaltenen Angaben über Erzeugung von chemifchen Producten nicht Anspruch machen. Zudem wird man in den meiften Fällen annehmen dürfen, dafs die heutige Production gröfser ift, als die dort angegebene. Uebrigens kann es nur erwünſcht fein, wenn die vorliegende Veröffentlichung zu Berichtigungen Anlafs gibt, welche eine genauere Zufammenftellung für die Zukunft ermöglichen. Der Werth der gefammten Einfuhr an chemifchen Producten, Hilfsftoffen, Farb- und Zündwaaren, fowie Arznei-, Parfümerie- und Gerbftoffen wird für 1872 auf 43,489.346 fl., der Werth der Ausfuhr auf 13,080.250 fl. öfterreichifcher Währung angegeben. * Bezüglich der Zahlen, welche Ein- und Ausfuhr für 1872 darftellen, hat Herr Skraup mich darauf aufmerkfam gemacht, dafs diefelben dem erften nicht rectificirten Ausweife entnommen find, deffen endgiltige Correctur erft im Laufe einiger Monate erfcheinen wird. 14 Dr. Adolf Lieben. Darftellung der Production der wichtigften chemifchen Producte und Hilfsftoffe Oefterreichs( Cisleithaniens), fowie ihres Handelsverkehres im allgemeinen öfterreichiſch- ungarifchen Zollgebiete im Jahre 1870. Namen Production Cisleithaniens Einfuhr Ausfuhr des öfterreichifch- ungarifchen Zollgebietes Schwefel Centner 29.778 Centner I 49.1 80 Centner 4.708 Englifche Schwefelfäure, berechnet. 435.500 auf 660 B... 13.385 2 1.9 13 Nordhaufer Schwefelfäure 31.383 Schwefelfaures Natron 327.509 11.696 2.358 Salzfäure 440.025 2.868 10.673 Soda( calcinirte) 17 0.833 Soda( kryftallifirte) 245.472 68.433 4.46.8 Doppelt kohlenfaures Natron 6.688 516 52 Aetznatron 23.790 465 22 Aetzlauge 3.000 Salpeterfäure 43.1 25 67 Chlorkalk 61.205 18.735 2.2 24 66 Pottafche 66.065 18.704 I 5.1 34 Chlorkalium und andere Kalifalze 60.000 23.298 Raffinirter Kalifalpeter 36.200 5.642 6 258 Alaun 33.500 6.870 Eifenvitriol 165.000 19.965 2.58 0 22.5 1 5 Kupfervitriol 4.672 I 0.6 20 969 Chromfaures Kali 3.898 3.619 72 Ultramarin 8.300 Bleiweifs 32.400 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) 1.707 7.66 2 Zinkweifs 24.43 5 863 3.703 Blutlaugenfalz Berlinerblau Ammoniakfalze 4.000 82 3.049 1.080 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) 7.500 Salmiakgeift I.200 2.555 503 455 54 Weinfteinfäure 4.000 I 4 I 3.727 Weinftein( raffinirt) und Seignettefalz 9.000 3.150 5.464 Bleizucker 7.800 596 5 Stearin und Stearinkerzen 85.321 Glycerin 5.700 Seife 413.799 Paraffin und Paraffinkerzen 104.666 Petroleum. 300.972 Superphosphate und Kunftdünger Queckfilber- Präparate 83.696 I 50 812 1.712 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) 9.778 I 3.450 649.67 1 1 8.2 07 ( Angabe fehlt)( Angabe fehlt) I 2.0 42 5.8 10 1.8.94 " 99 وو Höllenftein Steinfalz Sudfalz. Seefalz Induftrialfalz Steinkohlen Braunkohlen 1,488.792 2.5 15.403 682.422 212.389 67,11 8.268 61,753-349 225.562 20 1.5 66 I.O 50.1 55 18,542.396 18,50 3.96 3 * Faft gänzlich aus Stafsfurt von der Auffiger Fabrik bezogen. Ein und Ausfuhr der wichtigſten chemifchen Hilfsftoffe und Producte des allgemeinen öfterreichifch- ungarifchen Zollgebietes für die Jahre 1870, 1871, 1872, ausgedrückt in Zollcentnern. Die chemifche Iuduftrie. 1870 1871 1872 Na me n Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Schwefel Schwefelfäure. Schwefelfaures Natrium Salzfäure 149.180 4.708 177.735 13.385 21.913 29.053 3.911 30.162 183.509 8.330 23.213 28.884 11.696 2.358 9.534 1.293 8.952 2.324 2.868 10.673 8.634 9.463 8.348 12.949 Soda( calcinirte und kryftallifirte) Doppelt kohlenfaures Natrium Aetznatron Salpeterfäure Chlorkalk. 245.472 4.468 311.403 4.356 289-379 3.824 516 52 396 92 412 39 465 2 67 2.224. 18.735. 66 Pottafche und Holzafche 18.704 15.134 896 1.236 31.364 24.056 3 5.483 4 3.140 5.632 4.258 353 25.094 44.621 22.536 696 Chlorkalium 23.298 6 30.924 245 64.623 27.052 1.001 Chilifalpeter. 53.290 2 87.564 3 105.364 7 Salpeter roh( Kalifalpeter) 14.961 18 33-348 387 16.604 Raffinirter Salpeter 5.642 258 14.065 1.890 19.273 97 107 Alaun.. 6.870 2.580 10.721 2.504 12.806 2.045 Eifenvitriol 19.965 22.515 23.188 12.587 49.540 15.367 Kupfer-, Zink- und gemifchte Vitriole 10.620 969 16.945 726 14.532 381 Chromfaures Kalium 3.619 72 4.934 317 6.547 116 Bleiweifs 1.707 7.662 1.686 7.233 3.194 5.948 Zinkweifs 863 3.703 815 4.538 1.005 4.522 Blutlaugenfalz Ammoniakfalze Salmiakgeift. 82 3.049 80 3.119 120 4.844 2.555 455 2.839 495 2.550 241 503 54 959 61 503 124 Weinfteinfäure Weinftein( roh und raffinirt) Bleizucker 141 3.727 155 5.106 Stearinkerzen Stearin. Seife Paraffin. Petroleum. Stärkegummi( Dextrin, Leogomme) Kraftmehl- Producte( Gummifurrogate aller Art) Leim aller Art Gemifchte Zündwaaren( Zündhölzchen, Wachszünder etc.) Alle Arten von Kochfalz Stein- und Braunkohle 3.150 596 I.143 569 5.464 5.704 6.889 5 428 57 180 9.760 499 4.226 6.102 34 295 3.298 687 6.488 1.556 II.747 577 9-778 5.810 IO.511 13.257 4.608 715 8.789 13.450 1.894 12.688 649.671 18.207 822.105 2.290 23.969 13.704 10.335 7.671 4.559 843.407 19.101 hier unter Kraftmehl• 1.381 Producten inbegriffen 1.499 ( wie 1870) 1.071 ( wie 1870) 7.289 27.404 5.204 37.156 19.276 4.694 2.492 7.794 2.176 10.006 5.285 427.128 1,050.155 18,542.396 18,503.963 93.369 27,279.486 6.807 87.370 399.607 1,117.797 20,930.030 6.438 413.415 31,781.058 23,429.519 20.898 3.084 84.872 1,489.591 2 15 16 Dr. Adolf Lieben. Kohlen- und Salzproduction Oefterreichs( Cisleithanien) in den Jahren 1869, 1870 und 1871. Steinkohle Namen Braunkohle Gefammtmenge der Kohle Steinfalz . Sudfalz Seefalz Induftrialfalz Gefammtmenge des Salzes 1869 1870 1871 Wiener Centner 62,064.188 67,118.268 77,729.639 55.939.050 61,753.349 75.339.239 118,003.238 128,871.617 153,068.878 1,509.192 1,488.792 1,509.944 2,375.235 2,515.403 2,576.346 670.840 682.422 777.711 178.670 212.389 218.304 4,733.940 4,899.006 5,082.305 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE CHEMISCHE GROSSINDUSTRIE. ( Gruppe III, Section 1.) BERICHT von DR. A. BAUER, Profeffor am Polytechnicum in Wien etc. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. DIE CHEMISCHE GROSSINDUSTRIE. ( Gruppe III, Section 1.) Bericht von DR. A. BAUER, Profeffor am Polytechnicum in Wien etc. Allgemeiner Theil. Den eigentlichen Gegenftand der 1. Section der 3. Gruppe bildete die chemifche Grofsinduftrie. Diefe ift die Bafis der meiften chemifchen Fabricationszweige, fowie anderer wichtiger Induftrien, wie der Glas- und Seifenerzeugung, woraus hervorgeht, dafs alle Fortfchritte und Veränderungen im Zweige der chemifchen Grofsinduftrie fich in den weiteften Kreifen fühlbar machen. Die Fortfchritte, welche auf der Wiener Weltausftellung in diefer Richtung beobachtet wurden, betrafen vornehmlich die Erweiterung des Kreifes der Rohmaterialien, und zwar namentlich der Quellen für den Schwefel, ferner die vollkommenere Verwerthung diefer Materialien fowohl wie der Abfälle der Fabricationsmethoden und man hat fomit, Dank den Fortfchritten der Wiffenfchaft, welche die Praxis wohl zu benützen verftand, beffer und billiger zu produciren gelernt. Allerdings hat fich, wie die Ausstellung zeigte, auch ein früher fchon ver fuchtes Verfahren der Sodafabrication( der Ammoniakprocefs) Bahn gebrochen und verfpricht eine totale Umwälzung der chemifchen Induftrie herbeizuführen, aber erft die nächften Jahre können definitiv darthun, welchen Einfluss diefes Verfahren auf die ökonomifchen Verhältniffe wirklich üben wird. In den folgenden Blättern wollen wir die feit der letzten Parifer Ausftellung ( 1867) beobachteten Fortfchritte der Hauptzweige der chemifchen Grofsinduftrie, nämlich der Schwefelfäure und Sodabereitung zuerft im Allgemeinen fchildern und hierauf die bei der Wiener Ausftellung zu Tage getretenen Leiftungen der einzelnen Ausfteiler befprechen. Die Quellen für Schwefel. Die Anwendung des reinen Schwefels zur Schwefelfäure- Fabrication wurde durch die Abröftung verfchiedener Schwe felungen ganz in den Hintergrund gedrängt, und befchränkt fich dermalen faft ausfchliefslich auf die Bereitung von reiner, arfenfreier Schwefelfäure. Sicilien ift 1* 2 der neuen Dr. A. Bauer. noch immer die Haupt- Bezugsquelle für reinen Schwefel und die Eröffnung das Land durchfchneidenden Eifenbahn kann der Induftrie der Schwefelgewinnung nur in hohem Grade förderlich fein. Allein im Laufe der letzten Jahre wurde die Aufmerkfamkeit der europäifchen Fabrikanten auch auf andere Quellen für natürlichen Schwefel gelenkt, und zwar namentlich auf die durch Eröffnung des Suezcanales fo nahe gerückten Küften des rothen Meeres, wo fich, nach den Berichten des Generalconfuls F. Gärtner* die bemerkenswerthen Schwefelminen der„ Compagnie foufrière" an zwei Punkten, in Djemfah und Ranga, befinden. Djemfah allein vermag monatlich an 6000 Centner Schwefel zy liefern. Bei der Gewinnung des Schwefels in Italien wurden in den letzten Jahren mehrere Fortfchritte eingeführt und ein Theil des Rohfchwefels im Lande felbft raffinirt, wie die italienifche Abtheilung der Ausftellung und namentlich die Expofition der Società bolognefe zeigte. Ein Theil des Materiales wird auch in Italien felbft der chemifchen Induftrie zugeführt, fo z. B. zur Fabrication von Schwefel- Kohlenftoff verwendet. Diefer Fabricationszweig wurde in Italien von dem Haufe F. Coen & Comp. in Pifa eingeführt und es werden nunmehr jährlich 4000 Centner SchwefelKohlenftoff von diefer Firma dargestellt und an Ort und Stelle zur Gewinnung von circa 12.000 Centner Olivenöl durch Extraction, verwendet. Eine andere derartige Fabrik von faft gleicher Bedeutung ift die von L. Sarlin Sohn& Comp. in Bari. Uebrigens hat man auch die Gewinnung des Schwefels felbft durch Extraction verfucht und namentlich in Bagnoli bei Neapel** vor einigen Jahren den Schwefel- Kohlenftoff zur Extraction der ftaubförmigen Erze in Anwendung gebracht. Sollte diefes Verfahren fpäter noch eine gröfsere Bedeutung gewinnen, fo kommen jedenfalls auch die Steinkohlen- Theeröle als Löfungsmittel in's Auge zu faffen, deren Fähigkeit, den Schwefel zu löfen, aus den Unterfuchungen von Eugen Pelouze***, mit ihrer Dichtigkeit zunimmt, wobei man jedoch keine zu dichten Oele nehmen darf, da fonft die Reinigung des erhaltenen Schwefels grofse Schwierigkeit bietet. Bei Verfuchen, welche mit diefem Verfahren in Paris vorgenommen wurden, hat fich ein Oel von der Dichte 0.995( Siedepunkt 180 bis 2100 C.) am beften bewährt. Es wurden übrigens zum Ausfchmelzen des Schwefels aus dem Bergöl in Italien im Jahre 1868 Verfuche mit einem von Gritti angegebenen Apparate gemacht, welcher fich auf die Anwendung des überhitzten Dampfes gründet, einem Principe, welches von M. Schaffner feit vielen Jahren zum Ausfchmelzen des aus den Sodarückftänden regenerirten Schwefels benützt wird, und auch von E. und P. Thomas zur Schwefelgewinnung angewendet wurde. Der Apparat von Gritti foll alle Mängel der früher üblichen Calcaroni befeitigen, und fowohl in Bezug auf die Menge als Qualität des ausgebrachten Schwefels, ebenfo wie in Betreff der Zeit- und Koftenerfparnifs beim Ausbringen, fehr befriedigende Refultate gegeben haben. Das Raffiniren des Schwefels wird noch immer vorzugsweife in Belgien und Frankreich ausgeführt. Das Product der Schwefelhütten Siciliens und Neapels wird in Broten von 28 bis 30 Kilogrammen Gewicht als Rohfchwefel verführt und enthält 4 bis 10, ja in den unteren Theilen zuweilen 25 Percent fremder Stoffe, worunter Bitumen, Kalkftein, bisweilen Cöleftin, Sand etc. In Belgien wird die Schwefelraffinerie feit 1854 betrieben und wurde damals wohl durch J. de Wyndt unter Mitwirkung des L. Reis, in Merxem les * Verhandlungen und Mittheilungen des niederöfterreichiſchen Gewerbevereines 1867, p. 560. ** Deutfche Induftriezeitung 1869, p. 428. *** Compt. pend. LXVIII., 1179. S 1 e S Die chemifche Grofsinduftrie. 3 Anvers begründet. Im Jahre 1859 entftand dafelbft eine zweite Raffinerie und endlich errichtete die Firma Koch und Reis im Jahre 1868 eine grofse Raffinerie in Dam( Antwerpen), welche gegenwärtig die bedeutendfte ift und durch eine fehr fchöne Expofition in der Ausftellung vertreten war. Die Wichtigkeit diefer Induſtrie für Belgien wird aus der folgenden Tabelle erfichtlich. welche die Ein- und Ausfuhr des zur Raffinerie kommenden Schwefels in den Jahren 1867 bis 1871 angibt* Importation Exportation GefammtJahr in Verarbeitung gemenge Ausgeführte Waare In Belgien raffinirt Ausland tranfit nommen Kilogramme 1867 2,540.5 01. 1868 4,179.679 2,540.277 4,1 79.531 1,2 10.71 7 1,210.483 234 1,6 10.972 1,61 0.824 1 48 1869 5,838.259 5,838.259 3,046.952 3,046.952 1870 5,239.999 5.2 25.916 3,260.106 3,246.023 14.083 1871 8,405.1 20 8,403.546 5,284.150 5,28 2.576 1.574 Die Einfuhr erfolgte faft ausfchliefslich aus Italien( Sicilien) und zum fehr geringen Theile aus England und Amerika. Die Ausfuhr erfolgt nach Frankreich, Deutfchland, den Niederlanden, England und Amerika. Der Raffinir- Apparat von Dujardin ift derjenige, welcher gegenwärtig meiftens benützt wird. Es erfolgt in demfelben, wie allgemein bekannt ift, die Deftillation aus einer linfenförmigen Retorte, welche man jedesmal mit 600 bis 700 Kilogrammen von, im Vorwärmer gefchmolzenen Schwefels, chargirt. Die Deftillation einer Partie dauert vier Stunden, und nach jeder Deftillation wird die Retorte gereinigt. Die Condenfationskammern haben 500 bis 600 Kubikmeter Inhalt, und wenn man auf Stangenfchwefel hinarbeitet, macht man täglich fechs, wenn auf Blumen, täglich eine Operation. Zum Giefsen in Formen wendet man einen von L. Reis conftruirten Apparat an, bei welchem die einzelnen Formen an den Reifen eines horizontalen und drehbaren Rades befeftigt find, und dadurch leicht und rafch, durch Drehung, unter den, aus den Kammern ausfliefsenden Schwefel, gebracht werden können. Erfparnifs an Zeit und Arbeitskraft find die, mit diefem Apparate verbundenen Vortheile. Die Erzeugung des Schwefels durch Deftillation der Pyrite hat gegenwärtig ihre Bedeutung verloren, war jedoch auf der Ausftellung durch die Firma J. D. Starck in fehr vollkommener Weife zur Anfchauung gebracht. Auf den Werken diefer Firma wird die Deftillation der Kiefe namentlich in Littmitz und Altfattel betrieben, um die zur Eifenvitriol Erzeugung nöthigen Kiesabbrände zu erhalten. Folgende Tabelle zeigt die Entwicklung der Fabrication in den Jahren 1833 bis 1872. * Wir verdanken diefe und viele andere, Belgien betreffende Angaben Herrn Profeffor Chandelon in Lüttich. 4 Jahre Es wurde Schwefelkies gefördert: Dr. A. Bauer. Hieraus Schwefel erzeugt: Schwefelblumen erzeugt: Centner Eifenvitriol gewonnen: 183 3 bis 1842 1843, 1852 1853, 1862 1863, 18.72 650.960 674.77 1 621.565 532.8 89 5 6.829 13 1.777.75 20 1.11 2:54 70.450 93 66.624.67 48.82 176 4.533 09 4.833.78 245.353 4 I 649.30 315.160.00 261.177.00 Das Rohmateriale zur Gewinnung des Schwefels in Altfattel ift ein mit Thon vorkommender fogenannter Wafferkies( Pyrit), welcher einer einfachen Aufbereitung durch Abfchlämmen unterworfen wird. Die Deftillation erfolgt aus Röhren, die aus Thon von Kulm und Neugrün mit ftarkem Zufatz von grobkörnigem Quarz angefertigt werden. Diefelben find I Meter lang, 12 Centimeter hoch und 14 Centimeter breit, rückwärts ganz offen und verengen fich nach vorne zu einer Spitze von 2 Centimeter im Durchmeffer. Die Darftellung diefer Röhren erfolgt durch Preffen mittelft einer Mafchine und es werden diefelben mit Kochfalz glafirt. Bei der Anwendung zur Schwefelgewinnung kommen je 21 diefer Retorten in drei obereinander befindlichen Reihen in einen Ofen. Als Vorlage dient für jede Retorte ein, halb mit Waffer gefülltes, Blechkiftchen, welches an dem verjüngten Ende der Retorte angefetzt i ft. Der Pyrit wird beim offenen Ende eingetragen, ein fchief geneigtes Blechftück vorgefchoben und die dadurch gebildete rinnenförmige Oeffnung, mit Sand oder Kiesabbrand ausgefüllt und fomit verfchloffen, wie der beigegebene Holzfchnitt zeigt. Diefe Methode der Schwefelgewinnung wird übrigens auffer in Oefterreich auch noch in einigen anderen Ländern betrieben', fo namentlich in Schweden, wo ein continuirlicher Ofen benutzt wird. welcher den Vortheil hat, dafs man die Hälfte des Schwefels der Pyrite gewinnt, während man bei der Deftillation in Thonröhren nur ein Drittel erhält. Die Einrichtung diefes Ofens ift der eines continuirlichen Kalkofens ähnlich, welcher am oberen Theile mit einem als Condenfationsraum functionirenden und aus Holz angefertigten Schlote, verfehen ift. Soll die Arbeit beginnen, fo bringt man etwas Brennftoff in den Ofen und füllt ihn mit Pyriten. Nachdem das Feuer angemacht ift, geht die Verbrennung auf Koften eines Theiles des Schwefels der Pyrite fort, während die Hälfte diefes Schwefels fich verflüchtigt und im Schlot condenfirt wird. Durch eine feitlich oben angebrachte Oeffnung können nun neue Pyrite eingetragen und durch eine untere Oeffnung die Abbrände entfernt, mithin das Brennen continuirlich fort. gefetzt werden. Die Anwendung der Methode zur Wiedergewinnung des Schwefels aus den Sodarückständen hat feit der Parifer Ausftellung namhafte Ausdehnung gefunden und wird gegenwärtig in den meiften gröfseren Fabriken betrieben. Die Methode felbft wurde von mehreren Berichterstattern über die Parifer Aus Die chemifche Grofsinduftrie. 20 5 ftellung, namentlich von Hofrath von Schrötter ausführlich befchrieben und man weifs, dafs diefelbe in ihrer Ausführbarkeit zunächft durch den jeweiligen Preis der Salzfäure bedingt wird und dadurch für die Sodafabricanten ein wichtiges Mittel geworden ist, die Salzfäure unter allen Umständen zu verwerthen. Das Princip, auf welchem die Regenerirungsmethoden von Dr. Max Schaffner in Auffig, P. W. Hofmann in Dieuze, L. Mond und Guckelberger beruhen, befteht darin, dafs man die Sodarückftände oxydirt, um lös. liche Calciumfulfurete zu bilden, wie diefs Losh zum Behufe der Darftellung von unterfchwefligfaurem Natron, fchon im Jahre 1852 that. Diefe Sulfureté werden ausgelaugt und zur Abfcheidung des Schwefels benutzt. Der gefällte Schwefel wird nach Schaffner unter Waffer mit Dampf von hoher Spannung ausgefchmolzen und gereinigt, was das ganze Verfahren erft recht praktiſch gemacht hat, und den Schwefel als gangbare Handelswaare liefert, da der blofs ausgefällte Schwefel eine körnige Maffe darftellt, die Chlorcalcium, Gyps und Schwefelarfen enthält. Verfuche, die man früher gemacht hatte, um diefen Schwefel durch eine Deftillation zu reinigen, haben fchlechte Reſultate ergeben, denn es mufste der Schwefel in diefem Falle zunächft lange Zeit ausgewafchen und getrocknet werden und überdiefs ging die Deftillation fchlecht vor fich, da die körnige, zum Theil fchlammige Maffe die Wärme fchlecht leitete, man daher viel Brennftoff verbrauchte und die eifernen Deftillationsgefäfse ftark angegriffen wurden. In den letzten Jahren hat man die chemifchen Vorgänge bei der Regenerirung des Schwefels, welche zuerft von Schaffner näher ftudirt wurden, neuerdings zum Gegenftande theoretifcher Arbeiten gemacht und es ift namentlich eine ausgezeichnete, diefsbezügliche Abhandlung von Profeffor C. Stahlfchmidt erfchienen. Diefe Arbeit, welche mehrfache, für die Praxis wichtige Andeutungen enthält, befchäftigt fich auch mit den Urfachen der Bildung von Gyps bei dem Proceffe der Regenerirung. Diefe Bildung veranlafst felbftverſtändlich Schwefelverlufte und wird von Schaffner ganz auf Rechnung des Schwefelfäure- Gehaltes der angewendeten Salzfäure gefetzt. Stahlfchmidt( und L. Mond) dagegen nimmt an, dafs fich nach Schaffner's Methode nicht unbedeutende Mengen von trithionfaurem Kalk bilden, welcher fich dann beim Erhitzen in fchwefelfauren Kalk, fchweflige Säure und Schwefel zerfetzt. Schaffner theilt diefe Anficht nicht, und es mufs in der That abgewartet werden, ob der directe Nachweis erheblicher Mengen von Trithionfäure in der Lauge gelingt und felbft wenn diefs der Fall ift, fo mufs erwogen werden, dafs nach Schaffner's Methode die fchweflige Säure der vorhergehenden Operation in die kalte Lauge tritt und erft nachdem die Maffe der vorhergehenden Operation völlig mit Salzfaure zerfetzt ift, wird die von der Flüffigkeit abforbirte fchweflige Säure durch Dampf ausgetrieben, es find alfo jedenfalls die vorhandenen Bedingungen der Bildung und Zerfetzung der Trithionfäure nicht günftig, überdiefs theilt uns Herr Schaffner mit, dafs, wenn man im Kleinen mit reiner Salzfäure arbeitet, kein Gyps gebildet werde. Die Proceffe, welche bei der Oxydation der Rückstände und Zerfetzung der Laugen vor fich gehen, find jedenfalls vielfache, da, wenn in fo grofsen Maffen gearbeitet wird, die Bedingungen nicht überall und immer diefelben fein können, fo hat z. B. W. Hoffmann gezeigt, dafs fich auch Wafferftoff- Trifulfid bildet und durch Zerfetzung des Calciumoxytetrasulfuretes mit Salzfäure entfteht. In den Laugen müffen wir nach Stahlfchmidt jedenfalls die Exiftenz folgender Verbindungen annehmen: Ca S, 4 Ca O, Ca S4+ 18 H, O Ca S04 - Kunheim, Bericht * Oefterreichifcher Bericht über die Parifer Ausstellung 1867, III. über die Ausftellung in Paris 1867, p. 326. Wagner's Jahresberichte von 1867 bis 1872. ** Dingler Journal CCV., p. 220. 6 - Dr. A. Bauer. - Ca SO3- Na, S₂ O₂- Na HS Ca H, SS, unter welchen quantitativ die Verbindung: 4 Ca O Ca S4+ 18 H₂ O in erfter und fchwefligfaures Salz in zweiter Linie in den Vordergrund treten. Fällt man daher den Schwefel direct mit Salzfäure aus der Lauge, indem man eine Quantität Lauge zu einer Quantität Salzfäure zuläfst, dann wieder Lauge und wieder Säure, bis das Gefäfs mit Schwefel angefüllt ift, fo mufs die Lauge das richtige Verhältnifs von unterfchwefligfauren Salzen zu Polysulfureten haben, fonft tritt Schwefel- Wafferftoff und fchweflige Säure auf. Schaffner's Methode, bei welcher gefchloffene Apparate angewendet werden und die fchweflige Säure gleichfam circulirt, hat dagegen den Vortheil, dafs man eine, an Polysulfureten verhältnifsmäfsig reiche Lauge verarbeiten kann und dadurch die vorhergehende Oxydation auf die kürzefte Zeit zu befchränken vermag und der Gefahr der Bildung von fchwefelfauren Salzen beim Oxydiren entgegenwirkt. Im vorigen Jahre hat fich Weldon ein Verfahren zur Abfcheidung von Schwefel aus Schwefel- Wafferftoff patentiren laffen, welch' letzteren er aus Sodarückftänden, oder Schwefelcalcium, oder Schwefelnatrium, mittelft Kohlenfäure darftellt. Diefen Schwefel- Wafferftoff läfst er auf in Waffer fuspendirtes Eifen- und Manganoxyd einwirken, wobei fich freier Schwefel und Oxyduloxyd bildet. Die directe Abröftung des Schwefelkiefes, behufs Gewinnung der fchwefligen und Schwefelfäure bedingte unzweifelhaft einen der gröfsten Fortfchritte in der Schwefelfäure- Induftrie, da fie zunächft die chemifche Induftrie von italienifchem Schwefel unabhängig machte und ferner eine ungleich billigere Fabrication ermöglichte. Verfuche in diefer Richtung wurden zuerft in Fahlun und später in England gemacht. Im Jahre 1833 wurde fowohl in Oefterreich durch J. Brem* als in Frankreich durch Perret die Methode der directen Abröftung eingeführt. Seit der letzten Ausstellung in Paris hat jedoch die Anwendung diverfer Schwefelmetalle an Stelle des reinen Schwefelkiefes an Bedeutung aufserordentlich gewonnnen und es wurde diefe Anwendung ganz allgemein, mit der Abröftung der Erze zu hüttenmännifchen Zwecken in Verbindung gebracht und dadurch nicht nur namhafte Erfparniffe erzielt, fondern zugleich der„ fchädliche Hüttenrauch" wirkfam bekämpft. Bei der Parifer Ausftellung, war es namentlich der Perret'fche Röftofen für kupferhaltige Kiefe, welcher die Aufmerkſamkeit erregte, da Gerftenhöfer's Ofen leider nicht ausgeftellt war, deffen Vortheile gegenüber den koftfpielig arbeitenden Muffelöfen, welche viel Reparatur erfordern, damals fchon bekannt waren, weshalb diefe Oefen nicht nur im Mansfeld'fchen, fondern namentlich in Wales mit Erfolg eingeführt wurden. Allerdings haben die mit denfelben gemachten Erfahrungen zu weiteren Verbefferungen und Veränderungen geführt, und es find in diefer Hinficht namentlich die auch auf der Ausftellung durch Modelle vertretenen neuen Röftöfen*** von Hafen clever& Helbig bemerkenswerth. Diefe Vorrichtungen find es, welche mächtig dazu beigetragen haben, dafs die beim Erzröften auftretenden Gafe allenthalben der chemifchen Induftrie zugeführt wurden. Die Schwierigkeiten, welche fich diefem Streben entgegenftellten, find allerdings nicht unbedeutend, da man weifs, wie fchwer es ift, einerfeits durch diefe Röftung einen conftanten Strom reiner fchwefliger Säure zu erzielen und anderfeits das Gelingen des Schwefelfäure- Proceffes an eine gewiffe und conftante Zufammenfetzung des Gemenges der Kammergafe geknüpft ift. Diefs veranfafste auch einige fehr fchätzbare theoretifche Arbeiten in diefer Richtung und * Siehe Bauer in W. Fr. Exner's Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen in Oefterreich. Wien 1873. ** Siehe den Oefterreichischen Bericht über die Parifer Ausftellung. 1867. Band III, *** Dingler Journal CXCIX p. 284. Siehe den Bericht von J. Stingl. 4 Die chemifche Grofsinduftrie. 7 namentlich war es R. Hafen clever, der eine wichtige Abhandlung publicirte, welche durch die Arbeit Fleitmann's** über den Vorgang beim Röften vervollſtändigt wurde. Der Letztere zeigte, dafs in gewiffen Stadien der Röftproceffe, namentlich beim Arbeiten in einer von aufsen erhitzten Muffel, wafferfreie Schwefelfäure auftritt, welche felbftverſtändlich auf das Material der Zuleitungscanäle einen zerftörenden Einfluss übt. Der Röftofen von Hafen clever& Helbig, der an einer anderen Stelle näher befchrieben wird, ift fo eingerichtet, dafs die Erze auf geneigten Platten durch den Röftraum herabgleiten, welche Bewegung jedoch nur eintritt, wenn die abgeröfteten Erze unten herausgenommen werden, fo dafs man die Schnelligkeit diefer Bewegung nach Belieben regeln, die fchwerer abröftbaren Erze länger, die leichter abröftbaren langfamer durch den Röftraum gleiten laffen kann. Die Möglichkeit, Schlieche mit dem in Rede ftehenden Schüttofen abzuröften, ift von grofsem Vortheile, denn wenn man die beim Zerklopfen fich bildenden Schlieche mit Thon einbindet oder Graupen mit den Stückerzen gemengt in den gewöhnlichen Kiln röftet, fo erleidet man immer grofse Verlufte an Schwefel. Theils verftopfen die kleinen Graupen die Canäle und hindern dadurch ein vollkommenes Röften, theils fallen fie beim Bewegen der Roftftäbe noch fchwefelreich in den Abbrand. Die mit Thon hergeftellten Stöckel( Klütten, Batzen) dagegen laffen fich überhaupt fchwer vollkommen abröften und wenn die eingebundenen Schwefelungen Beimengungen von Blende oder Schwerfpath enthalten, fo decrepitiren fie und zerfallen zu Staub. Allerdings kann durch gewiffe locale Verhältniffe ein Abröften in Stöckel vortheilhaft erfcheinen, fo namentlich wenn kiefige Schlieche fehr bleihaltig find und dann im Schüttofen leicht fintern, oder wenn, wie in Freiberg, zum Formen der Stöckel neben 5 Percent Thon faure Mutterlaugen von der Kupferextraction verwendet und dadurch mit verwerthet werden. Die Einführung der Schüttöfen zum Erzröften hat unleugbar den Kreis der zur Schwefelfäure- Fabrication verwendbaren Schwefelquellen fehr wefentlich erweitert und verdient defshalb als ein hervorragender Fortfchritt in der Induſtrie bezeichnet zu werden. Eine Aufgabe, welche die Induftrie in hohem Grade befchäftigt. ift die der Verwerthung der Röftrückftände oder Abbrände. Verwendet man Pyrite, fo find die Rückstände ihres zwar geringen, oft aber doch 5 bis 6 Percent betragenden Schwefelgehaltes wegen, nicht leicht zur Verhüttung auf Roheifen geeignet. Die Verfuche von Richter haben aber allerdings gezeigt, dafs man durch Beimengen folcher Abbrände zu reinen Erzen und unter Anwendung einer fehr bafifchen Schlacke den Schwefelgehalt efrolgreich bekämpfen kann, allein das Eifen fällt dann leicht ftark filiciumhaltig, da alle Umstände, durch die der Schwefel entfernt wird, die Aufnahme des Siliciums zur Folge haben. Dafs jedoch ein Verhütten diefer Abbrände möglich ift, hat die Ausstellung bewiefen, da fowohl die Firma St. Gobain, Chauny& Cirey als auch die Kraluper Fabrik diefelbe durchführen. Uebrigens bleibt noch immer die Gewinnung des Kupfers aus den kupferhältigen Kiefen die wichtigfte Methode der Nutzbarmachung. Zuweilen verarbeitet man diefe Rückftände auch auf andere accefforifche Beftandtheile, wie Silber oder Zink, zuweilen auf Eifenmennig. Die Fabrication der Schwefelfäure. Im Laufe der letzten Jahre find mehrere Abhandlungen über die Theorie der Schwefelfäure- Fabrication erfchienen, welche insbefondere über die Urfachen des Verluftes an Salpeterfäure Aufklärung geben. Vor längerer Zeit hatte Pelouze die Anficht vertreten, dafs bei Sauerftoffmangel in der Bleikammer durch die fchweflige Säure eine Wagner Jahresbericht 1871. p. 208. ** Dingler's Journal CLXXXVII. p. 155. *** Dingler polytechniches Journal CXCIX, pag. 292. + Annales de chimie et de phyfique. LX p. 162. 8 Dr. A. Bauer. Reduction des Stickoxydes zu Stickoxydul eintreten könne, welch' letzteres durch die Säure des Gay Luffa c'fchen Condenfators bekanntlich nicht abforbirt wird. Rud. Weber hat diefem Gegenftande ein eingehendes Studium gewidmet und zunächft gezeigt, dafs die Einwirkung der feuchten fchwefligen Säure auf Stickftoff Oxydgas nur fehr langfam vor fich geht und dafs es nicht wahrfcheinlich ift, dafs auf diefe Weife erhebliche Mengen von Stickoxydul- Gas gebildet werden, zumal in den Kammergafen immer ein Ueberfchufs von Sauerftoff vorhanden ift. Dagegen bewies Weber durch eine Reihe von Experimenten, dafs die falpetrige Säure, welche als der eigentliche Sauerftoff- Uebertrager im Bleikammer- Proceffe angefehen werden mufs, bei Ueberfchufs von Waffer durch fchweflige Säure leicht zu Stickoxydul- Gas reducirt wird. Diefe Unterfuchungen fanden eine Erweiterung in den Arbeiten Cl. Alex. Winkler's, welche zuvörderft die chemifchen Vorgänge im Gay Luffac'fchen Condenfator betreffen und durch Controlverfuche im Grofsen, welche in der Halsbrückner Hütte ausgeführt wurden, beftätigt wurden. Diefe Arbeiten zeigten, dafs nur die falpetrige Säure und die Unterfalpeterfäure von der über die Coaks herabtropfenden Schwefelsäure chemifch gebunden werden, während die Salpeterfäure fich mit SchwefelfäureHydrat einfach mifcht, und das Stickoxyd- Gas nicht abforbirt wird. Die Unterfuchungen und Vorfchläge, welche etwas später( 1870) von P. W. Hofmann über diefen Gegenftand angeführt wurden, haben namentlich in England grofses Auffehen gemacht, jedoch keine volle Billigung von den Praktikern gefunden. P W. Hofmann zeigte, dafs, wenn man in Schwefelfäure, welche mit Salpeterfäure gefchwängert ift und eine Dichte von 58 bis 60 Grad Baumé hat, fchweflige Säure einleitet, die Salpeterfäure zu Verbindungen reducirt wird, welche mit der Schwefelfäure die fogenannten Bleikammer- Kryftalle bildet, ohne dafs merkbare Mengen von Stickoxydul entſtehen, was jedoch in hohem Grade der Fall ift, wenn die Schwefelfäure in dem verdünnten Zuftande der Kammerfäure mit circa 50 Grad Baumé angewendet wird. Diefe Thatfachen ftehen auch mit der Beobachtung R. Weber's im Einklange, allein die Vorfchläge Hofmann's, welche dahin gingen, in der erften Bleikammer( Tambour) den Dampfftrahl fo weit zu vermindern, dafs eine 60gradige Säure entſteht, damit hier die zur Zerlegung kommende nitröfe Säure keine, die Bildung der Stickoxyduls begünftigende Verdünnung erfahre, fcheinen fich nicht bewährt zu haben, wahrfcheinlich weil, wie H. B. Gibbins** angibt, in einer Schwefelfäure von 167 bis 171 fo viel nitrofe Verbindungen fich löfen, dafs dadurch das Blei der Bleikammer wefentlich angegriffen wird und diefelben fich überdiefs fpäter nicht entfernen laffen, was nicht nur die Uuzukömmlichkeit hat, dafs die fo dargestellte concentrirte Schwefelfäure beim Verdünnen reichlich rothe Dämpfe abgibt, fondern überdiefs Verlufte an Salpeterfäure verurfacht. Friedr. Kuhlmann hat ebenfalls über die Reduction der Salpeterfäure Unterfuchungen angeführt, welche er in einer Sectionsfitzung der Jury vortrug und welche zeigten, dafs die fchweflige Säure fogar bei gewöhnlicher Temperatur, namentlich unter Mitwirkung poröfer Körper, das Stickſtoff- Oxyd zu Oxydul, ja fogar zu freiem Stickftoff zu reduciren vermag und dafs diefe Reduction durch Wärme fehr erheblich gefteigert wird. Für die Praxis folgt hieraus, dafs es nothwendig ift, die Reaction der fchwefligen Säure auf falpetrige Säure bei einer Temperatur vor fich gehen zu laffen, welche eben nicht höher ift, als es zum Gelingen des Proceffes unbedingt nothwendig erfcheint. Es handelt fich bei der Anwendung aller diefer Erfahrungen um die Vermeidung der zu weit gehenden Reduction fowohl beim Bleikammer- Proceffe felbft, als auch bei der Zerfetzung der nitrofen Säure im Tambour oder in dem in neuefter * Poggendorf Annalen CXXX, p. 329. ** Chem. neuws. 1870, p. 132. Die chemifche Grofsinduftrie. 9 Zeit eingeführten Glover'fchen Thurme. Die Einführung diefes Thurmes muls ebenfalls als ein hervorragender Fortfchritt der letzten Jahre bezeichnet werden. Derfelbe dient fowohl zum Denitrificiren und zum Concentriren der im Gay Luffacfchen Condenſationsapparate gebrauchten Säure als zum Concentriren der Kammerfäure überhaupt, welche Zwecke dadurch erreicht werden, dafs man diefe beiden Säuren gemifcht dem auffteigenden Strome der heifsen fchwefligen Säure, welche auf ihrem Wege vom Kiesbrenner zu den Bleikammern den Glover Thurm paffirt, entgegenfliefsen läfst. Der Glover'fche Thurm felbft ift mit einer oberften Schichte von Coaks, einer mittleren von Quarzfteinen und einer unterften von feuerfeften Ziegeln gefüllt. Diefer Apparat zeigt namhafte Vortheile, indem die Ueberhitze der fchwefligen Säure durch denfelben gut verwerthet und zugleich an Wafferdampf gefpart wird. Allein die Säure nimmt leicht etwas von fchwefliger Säure auf und da keine genügenden Vorrichtungen zum Auffangen des Flugftaubes angebracht werden können, fo wird diefelbe auch leicht eifenhaltig. Bei Säure, die zur Soda- oder SuperphosphatFabrication dient, ift diefs allerdings nicht von Belang, wohl aber bei Säure, die zu Sulfat für weifses Glas dient. Mit Rückficht auf die Angaben Kuhlman's, in Betreff der Reduction der nitrofen Verbindungen durch fchweflige Säure, wird es auch, um Salpeterverluften vorzubeugen, zweckmäfsig fein, im Glover- Thurm nur eine, fchwach mit nitrofen Dämpfen gefchwängerte, alfo mit viel Kammerfäure verdünnte, Säure anzuwenden.* Die Methode des Abdampfens der Säure war im Laufe der letzten Jahre mehrfach Gegenftand der Befprechung, zumal die Klagen über geringe Haltbarkeit der Bleiplatten häufig vorkamen, da wie R. Hafen clever gezeigt hat, reines Blei leichter von Schwefelfäure angegriffen wird als antimonhältiges, das Blei jedoch, feit auf den meiften Hütten die Entfilberung des Werkbleies mit Zink eingeführt ift, reiner( oft nahe 100 percentig) im Handel erfcheint als ehedem. Die von Carlier angeregte Methode des Eindampfens durch Anwendung von Wafferdampf hat auch mehrfach, fo z. B. in der Fabrik zu Kralup( Böhmen), Anwendung gefunden. Das Concentriren der Säure auf 66 Grad Baumé erfolgt faft durchgehends in Platingefäfsen und es find die vor einer Reihe von Jahren( in England) neuerdings eingeführten Glasretorten eigenthümlicher Conftruction wieder in den Hintergrund getreten, was durch den bedeutenden Preisrückgang des Platins in den letzten fünfzehn Jahren erklärlich ift. Die Verbefferungen, welche an den Platinretorten von Johnfon, Matthey& Comp. in London fowohl wie von Desmoutis und Quenneffen angebracht wurden und in der Ausftellung zu fehen waren, werden in einem anderen Berichte** ihre Würdigung finden, ebenfo wie die auf die Anwendung des Vacuum's bafirte Methode des Belgiers de Hemptinne. Die Fabrication des Soda. Auf dem Gebiete der Sodafabrication wurden in den letzten Jahren Fortfchritte angebahnt, welche es als möglich erfcheinen laffen, dafs die ganze chemifche Grofsinduftrie in der nächften Zukunft einer vollſtändigen Umwälzung entgegengeführt wird. Was den Leblanc'fchen Sodaprocefs anbelangt, fo beherrfcht er allerdings bisher faft ausfchliefslich die Fabrication und es find innerhalb der Grenzen diefes Proceffes keine wefentlichen Neuerungen zu verzeichnen. Man hat fich auch hier in den letzten Jahren bemüht, die einzelnen Phafen des Proceffes näher zu ftudiren und die gewonnenen Refultate für die Praxis nutzbar zu machen, um fich durch die Verbefferung der Methode den theoretifch erforderlichen Refultaten zu nähern. S. * Bode Dingler's Journal CCII. S. 448 und Georg Lunge Dingler's Journal CCII. 532. ** Siehe den Bericht von J. Stingl. 10 Dr. A. Bauer. Die wichtigften diefsbezüglichen Arbeiten waren jedoch fchon im Jahre 1867 bekannt und find in die damaligen Ausftellungsberichte übergegangen und können daher hier unerwähnt bleiben. Der Leblan c'fche Procefs ift immer mit bedeutenden Natriumverluften verknüpft und Scheurer Keftner hat gezeigt, dafs diefe hauptfächlich von den unlöslichen Natriumverbindungen herrühren, die fich in den Sodarückftänden bilden. Wright's und Hargreaves's*** Arbeiten laffen allerdings auch den, durch Unvollkommenheiten in der Ausführung des Proceffes und den, durch Verflüchtigung von Natrium refultirenden Verluft, als nicht unbedeutend erfcheinen und es berechnet Erfterer den Gefammtverluft auf 20.24 Percent Natrium, Letzterer auf 1/7 der angewendeten Kochfalzmenge. Glover und J. Macte art haben über diefe Frage ähnliche Anfichten publicirt, aus denen allen hervorgeht, dafs durch möglichfte Reinheit der angewendeten Materialien und forgfältige Ausführung der einzelnen Proceffe eine höhere Ausbeute an Soda erzielbar ift. Die Einrichtung und Einführung der rotirenden Sodaöfen in England war Gegenftand ausführlicher Abhandlungen namentlich von Seite G. Lunge's.++ Diefe Oefen haben fowohl in Lancaſhire als in der Gegend von Newcaſtle vielfach Anwendung gefunden und gewinnen durch das Steigen der Kohlenpreife und Arbeitslöhne immer mehr Terrain in England. Es wurden übrigens mehrfache Vorfchläge gemacht, um Soda nach anderen Methoden zu bereiten. So war E. Kopp's finnreiche Methode, welche, wie die Ausftellung lehrte, in Rufsland fchon feit längerer Zeit zur Pottafchegewinnung verwendet wird, Gegenftand forgfältigen Studiums in Knapp's Laboratorium+++, aus welchen hervorging, dafs die Eigenfchaft der Schmelze, das Gufseifen oder den Thon der Schmelzgefäfse tark anzugreifen, eine nicht leicht zu überwindende Schwierigkeit bei Anwendung diefer Methode darbietet. Von der Anficht ausgehend, dafs die Soda in vielen Fällen durch Schwefelnatrium erfetzt werden könne, hat Jean die Darſtellung des letzteren aus Sulfat, Schwerspath und Kohle empfohlen und nach Lunge* ftellt man in einer Fabrik in England aus Schwefelnatrium mittelft Kohlenfäure Soda dar und benützt das fich entwickelnde Schwefelwafferftoffgas zum Fällen von Kupfer. Das fchon im vorigen Jahrhunderte, dem Principe nach bekannte Verfahren, Soda oder Aetznatron aus Kochfalz mittelft Bleioxyd oder Blei zu gewinnen, war auch im Laufe der letzten fünf Jahre Gegenftand mehrfacher Vorfchläge, fo z. B. von Bachett, mit deffenMethode man, nachClapham+++* auf den Walker alkali works bei Newcaſtle recht gelungene Verfuche machte. Das Verfahren wurde jedoch in der Weife abgeändert, dafs man der Mifchung Kalkhydrat zufetzte, um das entftandene Chlorblei wieder in Bleioxyd überzuführen. Man hat auch verfucht, das Sulfat zu Sulfit zu reduciren und das Letztere durch Kohlenfäure zu zerfetzen und J. Hargreaves und T. Robertfon fowie Goffage haben den beachtenswerthen Weg eingefchlagen, die Bereitung des Sulfates durch Einwirkung von Luft, Wafferdampf und fchwefliger Säure auf Chlornatrium zu verfuchen. Von Hargreaves+** wurde empfohlen die zur Reduction des Sulfates nöthige Kohle durch Aufbereitung von den beigemengten fpecififch fchwereren Verunreinigungen als Schwefelkies und Alaunfchiefer zu trennen und auch R. * Comptes rendus LXX. S. 1352. ** Chemical news 1867 Nr. 390 S. 259. *** Chemical news 1867 Nr. 387 S. 218. † Chemical news 1872 Nr. 636 S. 54. Nr. 641 S. 116. Dingler s Journal CXIV S. 229. Waldeck. Dingler's Journal CXCII. S. 417 + Dingler's Journal CCIV. S- 310. Chem. news 1869. Nr. 495. S. 262. Dingler's Journal CXCVI. S. 469. Dingler's Journal CXC. S. 76. Die chemifche Grofsinduftrie. 11 Wagner's bemerkenswerther Vorfchlag, den Aetzbaryt zur Zerfetzung des Sulfates anzuwenden, trat neuerdings in den Vordergrund und es wurde von Ungerer empfohlen, Aetzftrontian zu diefer Umfetzung zu nehmen, welcher den Vortheil hat, dafs der fchwefelfaure Strontian leicht durch Digeftion mit kohlenfaurem Ammoniak in Strontiancarbonat überführbar ift und diefes die Kohlenfäure leichter abgibt, als Baryumcarbonat. In jüngfter Zeit hat auch Lunge eine beachtenswerthe Abhandlung über die Fabrication von Soda mit Baryum bicarbonat publicirt. Alle diefe Vorfchäge werden jedoch momentan durch die in Belgien gelungene Darftellung der Soda direct aus Kochfalz, mit Ammoniumbicarbonat in den Hintergrund gedrängt. Zwei Aussteller hatten diefe Methode repräfentirt, und zwar der Deutfche. Moriz Honigmann in Aachen und der Belgier Erneft Solvay in Couillet bei Charleroi. Der letztere erzeugt täglich im regelmässigen Betriebe, circa 300 Centner Soda nach dem Ammoniakverfahren und fcheint daher wirklich alle Schwierigkeiten überwunden zu haben, welche fich demfelben bei früheren Verfuchen entgegenftellten. Seine Firma, Erneft Solvay& Comp. hatte übrigens fchon in Paris( 1867) eine, nach diefem Verfahren dargestellte Soda ausgeftellt, allein damals hatte fie noch keine Fabrication im grofsen Mafsftabe durchgeführt und wurde nur mit der Broncemedaille belohnt, während ihr ihre Leiftungen in Wien das Ehrendiplom eintrugen. Aber nicht der Umstand, dafs die allgemeine Aufmerkfamkeit in Paris fich nicht, diefer Sache ihrer Wichtigkeit entfprechend zugewendet hätte", wie es in einem anderen Berichte** heifst, fondern weil damals Solvay thatfächlich das Verfahren noch nicht im vollem Mafse durchgeführt hatte, waren die Urfachen für die genannte Beurtheilung. Forfchen wir in der Gefchichte diefer Methode nach, fo begegnen wir einer ftattlichen Reihe von Patenten, welche feit dem Jahre 1838 auf diefelbe ertheilt wurden und ohne auf Vollständigkeit Anfpruch machen zu wollen, führen wir hier die folgenden Patentnehmer an. Harrifon Grey Dyar& John Hemming am 29. December 1838, Delaunay in Paris am 27. Mai 1839, Henry Watterton 1840, Canning in Paris 1842, Grimes in Paris 1852, Türck in Nancy 1854, Schlöfing in Paris 1854, W. Goffage 1854, Johnfon für Deacon 1855 Corradoux Bellfort 1855, Th. Bell 1857, Schlöfing& Rolland 1858, Erneft Solvay in Brüffel 15. April 1861, 12. September 1863 und 18. Mai 1872, endlich im Jahre 1872 Jules Boulouvard in Marſeille, J. Young& W. Goffage. Im Jahre 1861 hatte E. Solvay blofs eine Verfuchsfabrik errichtet und diefe führte im Jahre 1863 zur Gründung einer Gefellſchaft und der Errichtung einer Fabrik in Couillet. Vor diefer Zeit hatten blofs Schloefing und Rolland gelungene Verfuche in gröfserem Mafsftabe auf einer Verfuchsfabrik bei Paris gemacht und ihr Verfahren in einer fehr bemerkenswerthen Abhandlung*** befchrieben und erhielten defshalb bei Gelegenheit der Wiener Weltausitellung ebenfalls das Ehrendiplom. Die Ausführung des neuen Verfahrens wird in feinen Details felbftverftändlich noch geheim gehalten, und wir wiffen nur, dafs man einen fenkrechten Cylinder benutzt, der mit Siebböden verfehen ift, und in welchem die Salzlöfung mit Ammoniak und Kohlenfäure behandelt wird, die an den entgegengefetzten Enden des Apparates eintreten. Es wird Natriumbicarbonat gefällt, welches fich auf den Siebböden fammelt. In wie weit diefe Reaction durch Druck unterstützt wird, ift uns nicht bekannt. Das Natriumbicarbonat wird geglüht, dadurch die Kohlenfäure zu einer neuen Operation regenerirt und eine reine, durch die vorfichgegangene Fällung von anderen Salzen, getrennte Soda erhalten. Die Löfung enthält das Chlor des Kochfalzes als Salmiak aus welchem das Ammoniak regenerirt wird und daneben einen Ueberfchufs von Ammonium * Dingler's Journal CCVIII. S- 137. ** Lieben. Diefe Berichte Nr. XLI.. *** Annales de chimie et de Phyfiqne( 4) B. 14. 12 Dr. A. Bauer. carbonat und einen Theil des Kochfalzes, welches unzerfetzt geblieben ist. Die Vortheile des Verfahrens find allerdings fehr grofse und liegen hauptfächlich darin, dafs man rohe Salzfoole, direct, ohne fie erft einzudampfen, anwenden kann und ganz reine hochgradige Soda darftellt, ferner nur einfache Apparate und äufserft wenig Brennmateriale braucht. Als Nachtheil wird der nicht leicht zu vermeidende Ammoniakverluft hervorgehoben, welcher zum Theile davon herrührt, dafs aus der Salmiaklöfung durch Anwendung von Kalk nicht leicht alles Ammoniak gewonnen werden kann,** ein Theil desfelben alfo in der Chlorcalciumlöfung zurückbleibt. Diefs ift nun allerdings ein, bei den ftets fteigenden Ammoniakpreifen bemerkenswerther Nachtheil, allein viel fchwerer fällt, wenigftens heute noch, der Umftand in die Wagfchale, dafs alles Chlor des angewendeten Kochfalzes in die Form von Clorcalcium über geht. Diefs ift aber ein, wenigftens in den koloffalen Mengen, in welchen er durch die Einführung diefer Methode geliefert würde, werthlofer, ja läftiger Abfall. Bei Leblanc's Verfahren tritt das Chlor des angewendeten Chlornatriums als Salzfäure auf und diefe liefert das für Zwecke der Bleicherei unentbehrliche Chlor. Das Bedürfnifs nach diefem fichert, wenigftens für die nächfte Zukunft, unter allen Umftänden dem Leblan c'fchen Procefs die Exiftenz. Freilich läfst fich das Chlor auch ohne Salzfäure gewinnen und vielleicht der Kalk bei Zerfetzung des Salmiak's durch Magnefia erfetzen, welche das viel leichter zerfetzbare Chlormagnefium liefert. Die älteren belgifchen Fabriken follen übrigens durch das neue Verfahren bereits lahmgelegt fein und an mehreren Orten beginnt man dasfelbe einzurichten, fo bei Liverpool und Prefton in England, ferner in Frankreich bei Nancy( Ufine de Varaugeville. Dombasle) und in Nagy- Bocsko in Ungarn. Was die Theorie diefes Proceffes anbelangt, fo ift diefelbe noch wenig fludirt. Schloefing& Rolland geben an, dafs das Natriumbicarbonat durch doppelte Zerfetzung, aus Ammoniumbicarbonat und Chlornatrium entſtehe. Allein fie fagen auch, und die neueren Erfahrungen beftätigen diefs, dafs nur etwa zwei Drittel der angewendeten Kochfalz- Menge zerfetzt wird, meinen jedoch, dafs es für den Fabrikanten wenig bedeutend fei, ob der umgefetzte Reft als gelöftes Natriumbicarbonat oder als in Löfung verbliebenes Kochfalz verloren gehe. Nach unferer Anficht verdient die Urfache für diefen Verluft eine nähere Unterfuchung, denn, wenn auch Ammoniumbicarbonat mit Kochfalz in wäfseriger Löfung zufammengebracht, Natriumbicarbonat ausfcheiden, fo kann doch anderfeits der gebildete Salmiak unter gewiffen Umftänden eine Rückbildung des Kochfalzes bewirken und wir begegnen dann hier einem ähnlichen Procefs, wie wir ihn bei Bereitung des Aetznatrons aus Sodalöfung mit Kalk beobachten, welcher ja auch an eine beftimmte Concentration der Löfung geknüpft ift. Vor wenigen Jahren hat E. Divers*** die Reactionen der Ammoniakfalze näher ftudirt und gezeigt, dafs bei der Deftillation von Salmiak mit den wafferfreien kohlenfauren Alkalien, im Beginn der Operation, allerdings etwas Ammoniak auftritt, da ein Theil des noch unzerfetzten Alkalicarbonates Kohlenfäure bindet, fpäter jedoch nur Waffer und wafferhaltiges carbaminfaures Ammoniak entſteht. Ich habe mich durch Verfuche in meinem Laboratorium davon überzeugt, dafs fich eine wäfferige Löfung von Salmiak mit einer folchen von Natriumcarbonat auch bei niedriger Temperatur in Ammoniumcarbonat und Chlornatrium umfetzt, eine Reaction, welche fehr rafch und vollſtändig erfolgt, wenn man beide Subftanzen in wäfferiger Löfung erhitzt. Belgien. * Siehe Internationale Ausftellungszeitung, Beilage der,.Neuen freien Preffe", Artikel ** Siehe J. Baggs und F. Braby, Chemical news 1870. Nr. 516 und 517. *** Chemifches Centralblatt. Jahrgang 1870, p. 748. Die chemifche Grofsinduftrie. 13 Die Gegenwart von viel Salmiak in der Flüffigkeit gegen Ende des Proceffes, wirkt daher wohl ftörend und mag vielleicht die Bildung von Natriumbicarbonat hindern. Jedenfalls lernen wir aber aus dem Gefagten, dafs alle Urfachen, welche die Zerfetzung des einmal gebildeten und abgefchiedenen Bicarbonates befördern, alfo z. B. die Temperaturerhöhung, forgfältig gemieden werden müffen, während rafches Entfernen des erhaltenen Productes und die Anwendung eines höheren Druckes ohne Temperaturerhöhung, wodurch die Flüffigkeit befähigt wird, Kohlenfäure zurückzuhalten, den Procefs unterſtützen mag. Da immer nur jene Menge von Soda gewonnen werden kann, welche aus dem unlöslich abgefchiedenen Natriumbicarbonat refultirt und der in Löfung gebliebene Reft, fchon der oberwähnten Rückbildung durch Salmiak wegen, nicht gewonnen werden kann, fo dürfte es auch kaum möglich fein, den Ammoniakprocefs auf Chlorkalium( oder direct auf Carnallit) anzuwenden, um Potafche zu bekommen, da das Kaliumbicarbonat viel leichter löslich ift als das entſprechende Natriumfalz. In der That habe ich bei diefsbezüglichen Verfuchen, welche ich fchon vor einigen Jahren mit Herrn B. Babel in meinem Laboratorium ausführte, nur ungenügende Refultate erhalten. Die Bildung des Kaliumbicarbonates aus Chlorkalium Löfung durch Ammoniak und Kohlenfäure erfolgte zwar leicht, jedoch nur bei Anwendung eines Ueberdruckes von circa 1 Atmoſphäre und die erhaltene Menge von Kaliumcabonat entſprach nur 22 Percent der angewendeten Quantität von Chlorkalium. Der Ammoniak- Sodaprocefs erinnert übrigens an den von Weldon* gemachten Vorfchlag Natriumbicarbonat( und Soda) aus Kochfalz- Löfung durch Kohlenfäure und Magnefia darzuftellen. Es bildet fich Magnefium bicarbonat, welches nur in Löfung exiftiren kann und das Kochfalz unter Abfcheidung von fchwerlöslichem Natriumbicarbonat und löslichem Chlormagneſium zerfetzt. Weldon fchlug vor, das erhaltene Chlormagneſium durch Erhitzen in Magnefia und Salzfäure zu zerlegen und glaubte, dafs die erhaltene Salzfäure allein die Gefammtkoften für das ganze Verfahren zu decken vermöge! Uebrigens hat ja Hugo Müller** nachgewiefen, dafs fogar Kohlenfäure allein das Kochfalz zu zerlegen vermag, wenn fich letzteres in Löfung befindet. Mit der Sodafabrication innig verwachfen ift die Erzeugung von Aetznatron und diefelbe erfolgt gegenwärtig wohl meiftens durch Aufarbeiten der beim Verfieden der Roh- Sodalaugen fallenden Muterlaugen.*** Will man vornehmlich Aetznatron darftellen, fo mufs man fchon das Gemenge aus Sulfat, Kalk und Kohle quantitativ anders zufammenfetzen und überdiefs heifs auslaugen. In jedem Falle hat man eine Schwierigkeit damit zu überwinden, die entstandenen Schwefelverbindungen zu oxydiren. Nach Helbig kann man diefs mit Vortheil durch Durchblafen von Luft durch die im rothglühenden Fluffe befindlichen Maffen( und nicht wie früher durch die Lauge) erreichen. In neuefter Zeit hat auch die Verwendung und damit die Darftellung von unterfchwelfligfaurem Natron aus den Sodarückständen eine grofse Ausdehnung gewonnen. Diefelbe wurde von Schaffner näher befchrieben. Gegen die Anwendung des unterfchwefligfauren Natrons als Antichlor wird eingewendet, dafs fich bei derfelben leicht Schwefel in Geftalt eines äufserft zarten Pulvers in feinfter Zertheilung fo in den Poren des gebleichten Stoffes feftfetzt, dafs es faft unmöglich ift, denfelben durch Wafchen zu entfernen. Es wird demnach von Dr. Schuchardt in Görlitz die Anwendung der von ihm fabriksmäfs in Form eines trockenen Salzes bereiteten doppelt fchwefligfaueren Natrons empfohlen. * Dingler's Journal CLXXXI, p. 41. ** Berichte der deutfchen chemifchen Gefellſchaft. Band III. 1870, p. 40. *** Dingler's Journal CCVI, p. 375. Wagner's Jahresbericht 1869, p. 190. 14 Dr. A. Bauer. Die Chlorbereitung. Die Darftellung des Chlors und der Bleichfalze mittelft Chlor bildet faft durchwegs einen Nebenzweig der Sodafabrication nach Leblanc's Proceffe, und die letzten fünf Jahre brachten uns eine Reihe der wichtigſten Studien und Fortfchritte, welche fich auf diefen Zweig der Grofsinduftrie beziehen. Das eigentliche Rohmateriale für die Chlorbereitung ift die Salzfäure, welche bei der Bereitung des Sulfates als Nebenproduct entſteht und deren vollftändige Condenfation ein Gegenftand der forgfältigften Bedachtnahme, feitens der Fabriksbefitzer fowohl, wie feitens der Behörde einzelner Länder, wie namentlich Englands ift. In letzterem Lande ift diefe Aufgabe durch ein im Jahre 1864 in Kraft getretenes Gefetz, die fogenannte Alkali- Acte geregelt und die letzten Jahre haben fchlagend bewiefen, dafs diefes Gefetz die heilfamften Folgen, fowohl für die Fabriken als für deren Umgebung hatte, und es ift vielfach der Wunfch nach einer Erweiterung der durch dasfelbe erlaffenen Vorfchriften rege geworden. Bezüglich des Proceffes der Chlorbereitung betrafen die Fortfchritte, welche in den letzten Jahren gemacht wurden, zwei Richtungen, und zwar fuchte man einerfeits den bei diefem Proceffe in grofser Menge verbrauchten Braunftein. zu verwerthen, namentlich denfelben aus den Rückftänden zu regeneriren und andererfeits fuchte man ganz neue Methoden der Chlorbereitung, ohne Anwendung des Braunfteines, einzuführen. Von den verfchiedenen Verfahrungsarten zur Regeneration des Braunfteines mufs hier zunächft die Weldon'fche Erwähnung finden. Diefe kann als eine wefentliche Modification der in der grofsen Tennant'fchen Fabrik zu Glasgow ausgeführten Dunlop'fchen Methode angefehen werden, und während diefe die Umfetzung des Manganchlorürs mit kohlenfaurem Kalk und Wafferdampf von mehreren Atmoſphären Spannung und Erhitzen der gebildeten Mangancarbonate auf 400 Grad Celfius durchführt, fällt Weldon die, durch Zufatz von kohlenfaurem Kalk gereinigte Manganlauge mit einem Ueberfchufs von Kalk und oxydirt den erhaltenen Niederfchlag durch einen Luftftrom, wodurch fich das zur Chlorentwicklung geeignete Calciummanganit bildet.* Nach der Anficht Weldon's hat das Calciummanganit die Zufammenfetzung Mn O2 Ca O und bei Zerfetzung desfelben durch Salzfäure, behufs der Chlorentwicklung, liefert dastelbe neben Chlor und Waffer, Manganchlorür und Chlorcalcium( 6 H Cl+ Mn O2 Ca O Mn Cl₂ Ca Cl₂+ Cl2+ 3 H₂ O). Werden diefe Chlorverbindungen neuerdings durch das Regenerationsverfahren in den Kreis der Fabrication einbezogen und mit Kalk gefällt, fo geht das ganze gebundene Chlor als Chlorcalcium in eine Lauge, für welche bisher keine genügende Verwendung exiftirt. Diefe gebundene Menge von Chlor beträgt jedoch, wie obige Gleichung zeigt,% des in der angewendeten Salzfäure- Menge enthaltenen Chlors und obgleich man hofft, durch Anwendung von Magnefia anftatt des Kalkes diefem Verlufte vorzubeugen, da das an Stelle des Chlorcalciums erhaltene Chlormagneſium wieder in Chlor und Magnefia zerlegt werden könnte, fordert diefe Thatfache doch eine forgfältige Erwägung des Koftenpunktes und des Säureverbrauches. Hiebei kann jedoch nicht unerwähnt bleiben, dafs die Zerfetzung des Manganfuperoxyd Schlammes( Calciummanganit) durch Salzfäure viel weniger Arbeit und Brennmateriale erfordert als die des nativen Superoxydes( Braunftein), welches übrigens, immer mehr oder weniger fremde Oxyde enthält, die ebenfalls einen Theil der Salzfäure confumiren. Nach Weldon's Anficht braucht man für eine Tonne Chlorkalk nach feiner Methode arbeitend, 170 Kubikfufs Salzfäure von 24 Grad Tw. oder 2832 Pfund reiner Chlorwafferftoff- Säure. * Dingler's Journal CCI, p. 354. Die chemifche Grofsinduftrie. 19 Es ergibt fich nun zunächft die Frage, wie viel Kochfalz in den Sodafabriken verbraucht wird, um diefe Menge von Salzfäure zu erzeugen? Bei Beantwortung derfelben wird nicht fo fehr die gröfsere oder geringere Reinheit des Salzes in Betrachtung kommen, als vielmehr die richtig durchgeführte Zerfetzung desfelben im Sulfatofen und die vollſtändige Condenſation der entwickelten Salzfäure, bei welcher es fich wieder nicht fo fehr um eine vollſtändige Condenſation à tout prix handelt, welche ja unter allen Umftänden möglich ift, als eine derartige Durchführung des Condenſationsproceffes, dafs möglichst viel concentrirte, direct zur Chlorentwicklung geeignete Säure erhalten werde, und nur wenig in den Wafchthürmen als verdünnte Säure niedergeht. Diefe Aufgaben werden durch das Weldon' fche Verfahren wefentlich dadurch unterftützt, dafs zur Zerfetzung des regenerirten Braunfteines eine mäfsig concentrirte Salzfäure genügt. Wären alle Materialien chemifch rein und gingen die Proceffe ganz glatt, den theoretisch berechneten Zahlen entſprechend, vor fich, fo wäre zur Darstellung der obengenannten für eine Tonne Chlorkalk nöthigen Menge von 2832 Pfund reiner Chlorwafferftoff- Säure, 45 Centner 38 Pfund Chlornatrium nöthig. Die Condenſation der Säure wurde in Folge der Alcali- Acte in England fo verbeffert, dafs fich die Verlufte an diefer Säure gegenwärtig in gut geleiteten Fabriken nur auf Bruchtheile von Percenten veranfchlagen laffen, und nach C. Clapham ift kaum zu zweifeln, dafs die oben angeführte Menge von 2832 Pfund reiner Chlorwafferftoff- Säure„ von je 46 Centner zerfetzten Kochfalzes verdichtet wird". Nach Weldon ift aber die in Sodafabriken condenfirte Säure mit Ausnahme von 2 bis 3 Percent vollkommen geeignet, um in die Chlorbereitungs- Blafen gebracht werden zu können. Die Menge von 2832 Pfund Salzfäure, welche als zur Bereitung von einer Tonne Bleichkalk nothwendig, angegeben wurde, liefse fich übrigens wohl um eine beträchtliche Summe vermindern, da immer eine grofse Menge von freier Salzfäure aus den Blafen abfliefst, welche dann fpäter durch einen Ueberfchufsvon Kalk neutralifirt werden mufs. Weldon felbft gibt an, dafs viele Fabrikanten Englands, nach feinem Verfahren arbeitend, für je 56 Centner zerfetzten Kochfalzes eine Tonne Bleichkalk erzeugen, was obigen berechneten Zahlen entſprechend, nur einen ganz geringen Mehrbedarf erfordert, der übrigens zum Theil auf Rechnung der Feuchtigkeit und der Verunreinigung des Kochfalzes zu fetzen ift. Weldon's Verfahren geftattet fomit einen geringeren Verbrauch von Salzfäure, beziehungsweife eine beffere Ausnützung der als Nebenproduct der Sulfatbereitung fallenden Säure, allein das erfte Ziel Weldon's war doch die Erfparnifs an Braunftein und in diefer Beziehung gibt er Folgendes an: Die Koften, welche gegenwärtig die für eine Tonne Bleichkalk nöthige Menge von natürlichem Braunftein in England verurfachen, betragen 5 Pfund Sterling 12 Shilling( 56 fl.) und finken bei Anwendung des Regenerationsverfahrens auf 1 Pfund 10 Shilling bis 2 Pfund Sterling( 15 bis 20 fl.). Der thatfächliche Verluft an Manganfuperoxyd, welcher beim Regenerationsverfahren beobachtet wird, beträgt bei fehr forgfältiger Arbeit höchftens 3 Percent. Im Durchschnitte jedoch, gegenwärtig, 7 Percent, das heifst; wenn 100 Tonnen Bleichkalk dargestellt werden, find fieben davon durch das mit natürlichem Braunftein erzeugte Chlor, dargeftellt. Die Menge von Kohle, welche verbraucht wird, beziffert fich auf 12 Centner per Tonne Bleichkalk und die Menge von Kalk ebenfalls auf 12 Centner und von Kalkftein auf 4 Centner. Der mit Chlor durch Weld on's Calciummanganit erhaltene Chlorkalk ift angeblich reiner und hochgradiger, als bei Anwendung von nativem Braunſtein, da das Chlor felbft reiner und frei von Kohlenfäure ift. Das neue Verfahren wird in England bereits für die jährliche Erzeugung von 50.000 Tonnen oder 1000.000 Centner Chlorkalk verwendet, und foll bald für weitere 25.000 Tonnen in Betrieb treten. 2 16 Dr. A. Bauer. Gegenüber Weldon's Wiedergewinnungs- Verfahren, welches in fo grofs artigem Mafsftabe bereits in die Induftrie eingeführt ift, treten andere derartige Vorfchläge mehr in den Hintergrund. Uebrigens verdient in diefer Beziehung auch Kuhlmann's Methode vollfte Beachtung. Das Princip derfelben erhellt aus Folgendem: Erhitzt man falpeterfaures Manganoxydul auf 200 Grad Celfius, fo hinterbleibt reines Manganfuperoxyd und es entweichen die Zerfetzungsproducte der Salpeterfäure, namentlich Stickftoffoxyd, welches mit Luft gemifcht auf gefälltes Manganoxydul geleitet mit diefem unter Oxydation wieder falpeterfaures Mangan gibt, welches neuerdings Superoxyd bildet etc. A. Oppenheim* hat übrigens fchon im Jahre 1868 über einen ähnlichen Procefs referirt, welcher in der Sodafabrik zu Dieuze in Anwendung fteht und mit der Wiedergewinnung von Schwefel aus den Sodarückständen in Verbindung gebracht ift. Das Schwefelmangan wird aus den, Manganchlorid und Chlorcalcium haltenden Rückständen, mittelft, Calciumpolyfulfurete haltender, gelber, Lauge gefällt, auf Filtern gefammelt, gewafchen, getrocknet und geröftet. Die fich hiebei entwickelnde fchwefelige Säure wird in die Bleikammer geleitet und der Manganoxydul, Manganfuperoxyd und Manganvitriol haltende Rückftand mit Natronfalpeter gemengt und erhitzt. Es bildet fich hiebei Glauberfalz und falpeterfaures Manganoxydul, welches fofort in Manganfuperoxyd und Unterfalpeterfäure zerfällt, welch' letztere in die Bleikammer geleitet werden kann. Der Rückftand wird durch Auslaugen auf Glauberfalz und eine dem Braunftein gleichartige, jedoch eifenfreie Sauerftoffquelle verarbeitet. Nach Richter's** enthält diefer Rückftand circa 55 Percent ManganSuperoxyd. Derfelbe Forfcher macht jedoch, auf zwei wichtige, diefen Procefs betreffende Punkte aufmerkfam. Erftens ergibt fich ein Uebelftand darin, dafs bei Durchführung des Verfahrens leicht mehr Unterfalpeterfäure erzeugt wird, als die Schwefelfäure- Fabrik verbrauchen kann und zweitens, könnte der oberwähnte Rückftand mehr Superoxyd enthalten, wenn er bei niedrigerer Temperatur erhalten würde, als thatfächlich gefchieht, da eben das Superoxyd des Braunfteines fchon bei 360 Grad Celfius namhafte Mengen von Sauerftoff verliert. Was den erften Punkt anbelangt, fo kann wohl, im Falle einer vollkommenen Zerfetzung, die ganze Salpeterfäure- Menge des Salpeters als folche, beziehungsweife als falpetrige Säure, wiedergewonnen werden, allein bezüglich des zweiten Punktes mufs erwähnt werden, dafs es nicht gelingt die Zerfetzung des Röftgutes mit falpeterfaurem Natron bei einer Temperatur zu Ende zu führen, welche fo niedrig wäre, dafs das Superoxyd nicht bedeutend an Sauerftoff verlöre. Richters fchlägt demnach vor, anftatt des Röftgutes, den urfprünglichen, oxydirten, aus freiem Schwefel und Manganoxydul- Oxyd beftehenden Niederfchlag mit Schwefel- Kohlenftoff zu behandeln, den Schwefel zu löfen und das rückständige Oxyduloxyd mit Salpeterfäure zu behandeln. Die Anwendung der Salpeterfäure zur Regenerirung des Braunfteines wurde übrigens fchon vor mehr als zehn Jahren von Schlöfing empfohlen. Von Vorfchlägen zur anderweitigen Verwerthung der flüffigen Rückstände der Chlorbereitung wollen wir hier nur das Schaffner'fche Verfahren erwähnen. Er fällt die Manganlauge mit Kalk, calcinirt den Niederfchlag und verwendet das fo erhaltene eifenhaltige Manganoxydul- Oxyd als Zufchlag beim Hochofen- Betrieb, wodurch ein manganhaltiges und vornehmlich zum Beffemer procefs geeignetes Eifen erhalten wird. In jüngfter Zeit wurde auch vorgefchlagen, aus diefen Rückständen ein Braunftein- Surrogat für Glasfabriken zu bereiten.*** * Berichte der deutfchen chemifchen Gefellfchaft. 1868. Pag. 247. ** Dingler's Journal. Bd CXCII, p. 133. *** Dingler's Journal. CCVIII, p. 397. Die chemifche Grofsinduftrie. 17 Methoden, um Chlor ganz ohne Braunftein zu bereiten, wurden mehrere in Vorfchlag gebracht; fo eine, nach welcher, wenn man Kochfalz oder Chlormetalle überhaupt, mit fchwefelfaurem Eifenoxyd erhitzen foll, eine andere, nach welcher das Kochfalz mit Eifenoxyd, Waffer und gepulverten Pyriten zu Ziegeln geformt und geröftet wird. Es entwickelt fich Chlor und entſteht Sulfat nebft Eifenoxyd. W. Weldon empfiehlt Salzfäuregas mit Luft gemengt über mit Platinfchwamm belegten, Asbeft zu leiten, Aubertin ftellt Chlorgas dar, indem er über rothglühendes Kaliumbichromat ein Gemifch von Luft und falzfaurem Gafe leitet und Henderfon, indem er Salzfäuregas mit Luft gemengt über Ziegel leitet, die aus viel Eifenoxyd und wenig Thon beftehen. Gas und Materialien werden bis 200 Grad Celfius erhitzt. Die gröfste Beachtung unter diefen Vorfchlägen verdient jedoch die bereits in der Praxis ausgeführte Methode Deacon's. Diefe Methode ftützt fich auf die Vorfchläge von Oxland, nach welchen man aus chlorwafferftofffaurem Gas Chlor erhält, indem man I Volumen des trockenen Gafes mit 2 Volumen Luft gemifcht durch ein glühendes Rohr ftreichen läfst, wo fich Chlor und Waffer bilden, und auf die Methoden von A. Vogel, Laurens und Mallet, welche darauf beruhen, dafs fich das Kupferchlorid in der Hitze in Chlor und Kupferchlorür zerfetzt, diefes bei Gegenwart von Luft wieder Sauerftoff aufnimmt und fich in Oxychlorid verwandelt, welches neuerdings in Chlorid verwandelt und wieder zu Chlorür reducirt werden kann u. f. w. Deacon leitet nun ein Gemenge von Salzfäuregas und Luft über erhitzte grobkörnige Thonftücke, welche früher mit Kupferfulfat Löfung getränkt und geglüht wurden, wobei Chlor und Waffer gebildet werden. Bei der Ausführung im Grofsen wird das Salzfäuregas mit Luft gemengt, durch ein Röhrenfyftem geleitet, hier erwärmt und tritt in ein zweites Röhrenfyftem, in welchem die mit Kupfervitriol imprägnirten poröfen Thonftücke( Kugeln) fich befinden, die auf 370 bis 400 Grad Celfius erhitzt find. Hier geht die Zerlegung vor fich, und die Gafe, nunmehr aus Chlor, Wafferdampf, Stickftoff, überfchüffiger Luft und etwas Salzfäure beftehend, gehen weiter durch einen Wafchapparat und ftreichen durch mehrere mit Schwefelfäure( oder Chlorcalcium) gefüllte Trockenapparate und treten endlich in die grofsen Abforbirkammern. Der Zug des Gasftromes wird durch, am anderen Ende der Kammern befindliche Exhauftoren unterſtützt und unterhalten. Die Schwierigkeiten, welche mit der Durchführung diefes Verfahrens im Grofsen verbunden find, find jedenfalls nicht unbedeutend und erfordern die Beauffichtigung und Leitung durch intelligente Arbeiter. Zunächft handelt es fich um möglichft genaue Einhaltung einer beftimmten Temperatur von nahezu 384.6 Grad Celfius, ferner um möglichft vollkommene Trocknung des Chlores, da, wenn diefes feucht in Verwendung tritt, nur ein wenig hochgradiger Chlorkalk refultirt. Da übrigens das Chlor immer mit viel Stickftoff gemengt, alfo fehr verdünnt erhalten wird, fo erfolgt die Abforption in den Kalkkammern überhaupt langfam und diefe müffen daher von viel gröfseren Dimenfionen angewendet werden, als bei dem gewöhnlichen Verfahren. Die Anlage der Vorrichtungen felbft ift ziemlich koftfpielig, allein die Vortheile, welche in der gänzlichen Umgehung des Braunfteines und der vollständigen Verwendung des durch die Sulfatöfen gelieferten Salzfäuregafes liegen, find fo bedeutende, dafs diefer Procefs alle Beachtung verdient, zumal er in England bereits in grofsem Mafsftabe durchgeführt iſt. Gegen Weldon's Regenerationsverfahren liegt Deacon's Vortheil darin, dafs er die ganze Menge des in der Salzfäure enthaltenen Chlors nutzbar macht, während Weldon nur einen Bruchtheil desfelben erhält. Allein Weldon's Vorfchlag, Magnefia anftatt des Kalkes anzuwenden, verfpricht in diefem Falle das Gleichgewicht herzuftellen, nämlich, durch Bildung und Zerfetzung von Chlormagneſium, auch alles Chlor als folches in den Kreislauf der Proceffe zu ziehen. Gelingt diefs vollkommen und liefert der Magnefiumprocefs Weldon's das Chlor in einer Form, in welcher es in gewöhnlichen Kammern angewendet werden 2* 18 Dr. A. Bauer. kann, dann liegt darin ein, nicht zu leugnender Vortheil, gegenüber Deacon's Verfahren. Deacon's Verfahren ift in acht oder neun englifchen und zwei deutfchen Fabriken in Anwendung und liefert, nach des Erfinders Angabe, etwas mehr als I Tonne 35 percentigen Chlorkalk für je 12 Tonnen( 30 Centner) des im Sulfatofen zerfetzten Salzes, unter Anwendung von I Tonne Kohlenklein. Ein kleiner Theil der angewendeten Säure geht aus bisher nicht bekannten Urfachen verloren, allein der allgemeinen Einführung des Verfahrens in der Induftrie ftellten fich, nach derfelben Angabe, bisher blofs folche technifche Schwierigkeiten, die in der Conftruction der Apparate liegen, entgegen. Der Erfinder hat in jüngfter Zeit die wichtige Wahrnehmung gemacht, dafs der Zufatz von Salzen, wie Natriumfulfat und Kaliumfulfat zum Kupfervitriol, die Verflüchtigung des Kupferchlorides innerhalb der einzuhaltenden Temperaturgrenzen hindert und den Vorgang der Zerfetzung der Salzfäure erleichtert. Diefe Modification wurde im Laufe des September 1873 in der chemifchen Fabrik des Erfinders zu Widnefs in Lancaſhire in grösserem Mafsftabe eingeführt. Von den auf der Ausftellung vertretenen englifchen Firmen hat John Hutchinfon& Comp. zu Widnefs den Deacon'fchen Procefs eingeführt. Was den Chlorkalk felbft anbelangt, fo hat es nicht nur an Verfuchen nicht gefehlt, denfelben durch andere ähnliche Verbindungen zu erfetzen, fondern es wurden auch neue Verfahrungsarten zu feiner Darftellung d. h. Modificationen der bei Einwirkung des Kalkes auf das Chlor dienenden Vorrichtungen angegeben, welche namentlich, mit Rückficht auf die oben angedeuteten Schwierigkeiten, bei der Anwendung des Deacon'fchen Verfahrens von Bedeutung find. So läfst man z. B. nach H. Larkin, A. Leighton und W. White den Kalk als feines Pulver in den Chlorgasftrom fallen. Bei Beurtheilung folcher Vorfchläge müffen jedoch die in den letzten Jahren ausgeführten theoretifchen Arbeiten über die Bildung und Conftitution des Chlorkalkes mafsgebend fein, welche von J. Kolb, Riche, Bobierre, dann Scheurer- Keftner, G. Calvert und endlich in Knapp's Laboratorium von Reimer, Tfchigianjang und Fritfche ausgeführt wurden und an die fich in neuefter Zeit Göpner's Arbeit reiht. Es erfcheint hier am Platze, auf die grofsen Quantitäten von Chlorcalcium hinzuweifen, welche durch die chemifche Grofsinduftrie producirt werden, und deren ökonomifche Verwerthung grofse Schwierigkeiten darbietet und in Zukunft vielleicht in noch erhöhtem Mafse darbieten wird. Ift es der Ammoniakfoda- Procefs, dem die Zukunft gehört, fo fällt,( wenn nicht Magnefia an die Stelle des Kalkes treten kann) das gefammte Chlor des angewendeten Kochfalzes fchliesslich als Chlorcalcium und für die 13,135.000 Centner Soda, welche als die Jahresproduction Europas im Jahre 1872 angenommen werden, entftünden nahezu ebenfoviele Centner Chlorcalcium. Das Bedürfnifs nach Bleichpulver und Chlor fichert allerdings, fchon der Salzfäure wegen, dem Leblanc' fchen Proceffe eine Zukunft; allein wenn Deacon's Procefs nicht die bisherigen Schwierigkeiten vollſtändig überwindet, fo ift man immerhin auf die Anwendung und Regenerirung des Braunfteines angewiefen, durch welche ebenfalls nur etwa ein Drittel des im Kochfalz enthaltenen Chlors dem Bleichproceffe zugeführt wird, und ebenfalls enorme Mengen von Chlorcalcium entſtehen. Ift trotz der fchönen Erfolge des Ammoniakverfahrens dennoch auch in der Zukunft eine weitere Entwicklung des Leblanc'fchen Proceffes zu gewärtigen, fo fteht die Chlorcalcium- Frage nicht wefentlich anders, und es tritt dann noch eine zweite Anwendung der Salzfäure in den Vordergrund, nämlich die zur Regenerirung des Schwefels aus den Sodarückftänden, wodurch aber das Chlor ebenfalls in Chlorcalcium übergeführt wird. Die Verwendungen, deren das Chlorcalcium fähig ift, ftehen zu den Maffen, welche erzeugt werden, in keinem entſprechenden Verhältniffe, und es hat uns auch die Ausftellung in diefer Beziehung keine wefentlichen Fortfchritte gezeigt; Die chemifche Grofsinduftrie. 19 es feien denn die fchon von Ranfome in Ipswich unter Mitanwendung von Chlorcalcium dargestellten künftlichen Steine und der von vielen Firmen erzeugte gefällte Gyps( Annaline), welcher namentlich von den Stafsfurter Fabriken, durch Umfetzung von Chlorcalcium und verfchiedenen Sulfaten als billiges Nebenproduct erzeugt wird. Beide Anwendungen waren fchon vor längerer Zeit bekannt und unfere Hoffnungen in Betreff der entſprechenden Verwendung des Chlors im Chlorcalcium müffen wir der Zukunft überlaffen, welche vielleicht in der allgemeinen Einführung von Magnefia an Stelle des Kalkes und Zerfetzung des Chlor magneſiums den richtigen Weg zur Verwerthung des im Kochfalz enthaltenen Chlors finden wird. Specieller Theil. OESTERREICH. Die chemifche Induſtrie Oefterreichs war auf der Ausftellung fehr vollständig vertreten und der Specialkatalog wies in der III. Gruppe 461 Nummern auf, von denen 74 in die I. Section gereiht waren, mehrere von den letzteren wurden jedoch bei den Juryberathungen in andere Sectionen der III. Gruppe verwiefen; fie finden daher auch in diefem Specialberichte keine Erwähnung. Es gilt diefs namentlich von den fehr bedeutenden Bleiweifs- Fabriken Kärnthens, welche unter den Mineralfarben* ihre Berücksichtigung finden werden. Die chemifche Grofsinduftrie Oefterreichs geftattet, mehr als die eines anderen Landes, die hiftorifche Entwicklung derfelben zu überblicken, denn es find hier an einigen Orten noch Proceffe in Anwendung, welche anderwärts längst aufgegeben find oder doch nur felten geübt werden. Von der, allerdings dem Erlöfchen entgegengehenden Gewinnung der Kehrfoda in Ungarn, der Gewinnung des Schwefels durch Abtreiben, der Gewinnung des Vitriolöles und der Vitriole in Böhmen; bis zu der Anwendung der neueften Methoden in den hervorragenden Etabliffements des Reiches, fah man alle wichtigen Proceffe, durch die Ausftellung repräfentirt. Wir haben bei einer anderen Gelegenheit** die Gefchichte diefer Induſtrie gefchildert und können hier nur der Befriedigung Ausdruck geben, dafs diefelbe im Laufe der letzten Jahre und namentlich feit der Bewilligung zur zollfreien Einfuhr ausländifchen Salzes zu technifchen Zwecken, einen fo mächtigen Auffchwung genommen hat. Allerdings kam diefe Bewilligung bisher nur beftimmten Localitäten zu Gute, da die theueren Frachten den Bezug des ausländifchen Rohftoffes nicht allerorts ermöglichen, die chemifche Grofsinduftrie jedoch, die in erfter Linie auf Salz, Schwefel und Kohle angewiefen ift, keines diefer Producte theuer verfrachten kann, ohne in ihrer Exiftenz bedroht zu fein. Oefterreich( Cisleithanien) erzeugt zwar die bedeutende Menge von über 5 Millionen Centner Salz, worunter über 2 Millionen Centner Sudfalz, und den Bedürfniffen der Induftrie wird, trotz des beftehenden Monopols, von Seite der Staatsverwaltung nach Möglichkeit Rechnung getragen, fo dafs der Preis des Salzes für induftrielle Zwecke ein wirklich niedriger genannt werden muss. Allein die chemifche Induftrie könnte nur in der völligen Freigebung des Salzes, ihr Ziel in diefer Richtung erreicht fehen, da diefelbe nur dann die Salzgewinnung, mit der chemifchen Verarbeitung desfelben, fchrankenlos in Verbindung bringen könnte, und auch der durch die nöthige Controle verurfachten Formalitäten, bei der Verwendung des Induftriefalzes ledig wäre. Einer folchen Aufhebung des Salzmonopols ftehen nun allerdings Bedenken verfchiedener Art entgegen, und namentlich könnte der Staat nicht auf den durch das Monopol, den Finanzen zufliefsenden bedeutenden Ertrag verzichten, und es müfste in diefer Beziehung ein entsprechender Erfatz gefchaffen werden. * Siehe Lippmann's Bericht über die Farben. ** Bauer in W. Fr. Exner's Gefchichte der Gewerbe und Frfindungen. 20 Dr. A. Bauer.. Die Fabriken des Vereines für chemifche und metallurgifche Production in Auffig und Kralup. Der öfterreichische Verein für chemifche und metallurgifche Production wurde im Jahre 1857 als Actiengeſellſchaft gegründet und errichtete zunächft die auf die Verarbeitung von Kochfalz aus der Saline Stafsfurt bafirte Fabrik in Auffig an der Elbe. Seit 1867 befitzt der Verein auch die Fabrik zu Kralup an der Moldau, und hat diefelbe wefentlich erweitert und die innere Einrichtung total umgeändert. Die Fabrik in Kralup befchäftigt fich namentlich mit der Erzeugung von Schwefelfäure,( von der ein grofser Theil in zwei vorhandenen Platinretorten auf concentrirte Säure abgedampft wird); ferner mit der Fabrication von calcinirtem Glauberfalz für Glasfabriken, kryftallifirtem Glauberfalz, Natriumbicarbonat, kryftallifirter Soda, welche aus Auffiger calcinirter Soda gewonnen wird; Salzfäure und insbefondere fchwefelfäurefreier Salzfäure für die Zwecke der Zuckerfabrication, dann Salpeterfäure, namentlich folcher zu 480 Baumé für Dynamitfabrication. Die Production der Filiale in Kralup beträgt beiläufig 1 von der, der Auffiger Fabrik. Im Laufe der letzten Jahre haben mehrere wefentliche Verbefferungen Platz gegriffen, fo die Anlage einiger Kiesöfen, das Abdampfen der Säure mit der abgehenden Wärme der Kies Röftöfen und die Anwendung des Glover'fchen. Thurmes. In Kralup wurde auch die Concentration der Schwefelfäure mit gefpanntem Wafferdampf durchgeführt, was in der Weife gefchieht, dafs der aus einem Dampfkeffel kommende Dampf durch ein auf dem Boden der Abdampfpfanne liegendes bleiernes Schlangenrohr circulirt und das hiebei condenfirte Waffer wieder in den Dampfkeffel zurückfliefst. Die Säure kann auf diefe Weife nicht überhitzt werden und man kann von einem Dampfkeffel aus viele Abdampffchalen bedienen. Bei der Säurezuführung am Gay Luffa c'fchen Thurme wurde die auf das Princip des Segner'fchen Rades bafirte Vertheilungsvorrichtung allgemein eingeführt und bei den Condenſatoren für Salzfäure die alten Sandftein- Apparate durch folche aus Thon erfetzt, die fich ausgezeichnet bewährt haben. Man hat ferner in Auffig das Schmelzen der Rohfoda mit Gasfeuerung und die Entfchwefelung des cauftifchen Soda mittelft Luft, fo wie die Fabrication von chlorfaurem Kali eingeführt, und auch die Darftellung der Superphosphate wird in fehr ausgedehntem Mafsftabe betrieben. Eine grofse Aufmerkfamkeit widmet man der Verwerthung der Rückftände und Abfälle. Die entfchwefelten Sodarückftände werden beim Eifenbahn- Bau zur Confervirung der Eifenbahn- Schwellen benützt, wo fie durch ihren Gehalt an fchwefligfaurem Kalk und Gyps wirkfam find. Die Kiesabbrände wurden nach dem Auslaugen mit gutem Erfolg in Kladno auf Eifen verhüttet, diefelben dienten ferner auch zur Erzeugung von Zinkvitriol, welches wieder mit Chlorcalcium( der ausgefällten Schwefellaugen) auf gefällten Gyps( für Papierfabriken) und Chlorzink verarbeitet wurde. Aus der Manganlauge der Chlorbereitung wird Manganoxydul gefällt und beim Hochofenbetrieb als Zufchlag verwendet. Endlich wird Chlorbarium durch Schmelzen von Manganchlorür mit Kalk, Kohle und fchwefelfaurem Baryt gewonnen, welch' letzterer ein Abfall product der Salzfäure Reinigung ift. Die Wiedergewinnung des Schwefels nach der Methode des gegenwärtigen Fabriksdirector Dr. Max Schaffner und die Reinigung des erhaltenen Productes durch Umfchmelzen unter Waffer mit Dampf von hoher Spannung wurde fchon im Allgemeinen Theile diefes Berichtes ausführlich befprochen. Gerechtes Auffehen erregte die grofse Menge von Thallium, welches von der Auffiger Fabrik ausgeftellt war. Als Rohmateriale zu deffen Gewinnung dient der Flugftaub der Kiefe von Meggen, welche man in Auffig zum Zwecke der Schwefelsäure Fabrication abröftet. Diefer Flugftaub ift roth gefärbt, enthält viel arfenige Säuere, fchwefelfaures Eifenoxyd, kleine Mengen von Zinkoxyd, Bleioxyd, Spuren von Antimon, Silber und fchwefelfaurem Thalliumoxyd. Derfelbe Die chemifche Grofsinduftrie. 21 wird zum Behufe der Thalliumgewinnung in Holzbottiche gebracht und hier entweder mit reinem oder mit etwas fchwefelsäurehaltigen Waffer ausgekocht.* Wenn die Flüffigkeit nach längerem Stehen klar geworden ift, zieht man fie mit dem Heber ab oder filtrirt durch Leinwand. Man kocht den Rückftand nochmals auf gleiche Weife aus und fällt nun in der klaren Flüffigkeit das Thallium mit Salzfäure als Chlorür. Der Niederfchlag, der noch fehr unrein und röthlich gefärbt ift, wird mit kaltem Waffer ausgewafchen und fodann durch Erhitzen mit concentrirter Schwefelfäure in fchwefelfaures Salz verwandelt, und zwar wird das Erhitzen fo lange fortgefetzt, bis alle überfchüffige Schwefelsäure vertrieben ift. Das fchwefelfaure Salz wird in Waffer gelöft, filtrirt und nun abermals mit Salzfäure verfetzt, die ziemlich reines Chlorthallium fällt. Sollte diefes noch nicht ganz rein fein, namentlich noch Arfen enthalten, fo mufs die Operation nochmals wiederholt werden. Will man die letzte Spur von Arfen befeitigen, fo mufs man allerdings Schwefelwafferft off mit zu Hilfe nehmen. Man leitet diefes Gas in die fauere Löfung des fchwefelfauren Thalliumoxyduls und es fällt dann das Arfen mit geringen Mengen von Thallium aus und bildet einen Niederfchlag von orangen rother Farbe Die von dem Niederfchlag abfiltrirte Flüffigkeit verfetzt man nun mit Salzfäure und erhält dann chemifch reines Chlorthallium, das auf oben angeführte Weife wieder in fchwefelfaures Salz verwandelt wird. Das fchwefelfauere Salz wird mit reinem metallifchem Zink reducirt, die Reduction ift in wenigen Stunden erfolgt. Der Metallfchwamm wird mit ausgekochtem Waffer ausgewafchen, zwifchen Filtrirpapier geprefst und dann in einem Eifen- oder Porzellantiegel über der Gaslampe eingefchmolzen, indem man Leuchtgas oder Wafferftoff- Gas in den Tiegel leitete. Das gefchmolzene Metall, das ein queckfilberähnliches Anfehen hat, wird fodann in Papierformen gegoffen, um ihm eine elegante Form zu geben. Die Ausdehnung der Auffiger Fabrik ift eine fehr bedeutende und fie umfafst die Schwefelfäure- Fabrik mit fechs grofsen Bleikammer- Syftemen, einem Concentrationsgebäude mit Abdampfpfannen und zwei grofsen Platinkeffeln; die Sulfatfabrik und die dazu gehörigen Salzfäure- Condenfationsvorrichtungen mit acht Koksthürmen; dann das Rohfoda- Schmelzhaus, die Laugereigebäude, die Fabrik für doppelt kohlenfaures Natron, für kryftallifirtes Glauberfalz und kryftallifirte Soda, für Chlorkalk etc. etc. Mit Hilfe von 1200 Arbeiter, für deren leibliches und geiftiges Wohl in mufterhafter Weife geforgt ift, erzeugt der Verein für chemifche und metallurgifche Production jährlich unter Aufwand von etwa 1½ Million Centner Braunkohlen, Producte im Werthe von 22 Millionen Gulden. Einige der wichtigften diefer Producte find: Schwefelfäure 300.000 Centner, Sulfat 230.000 Centner, kryftallifirtes Glauberfalz 10.000 Centner, calcinirte Soda 100.000 Centner, kryftallifirte Soda 50.000 Centner, kauftifche Soda 15.000 Centner, Chlorkalk 40.000 Centner, Salzfäure 330.000 Centner, Superphosphat 40.000 Centner, unterfchwefligfaures Natron aus den Sodarückftänden 4000 Centner, Schwefel aus Sodarückständen 10.000 Centner, chlorfaures Kali 600 Centner etc. Diefen Zahlen wollen wir gegenüberftellen, dafs die Auffiger Fabrik im Jahre 1867 nur vier Bleikammer- Syfteme hatte und unter anderen 180.000 Centner Schwefelfäure, 140.000 Centner Sulfat, 3000 Centner Glauberfalz, 75.000 Centner calcinirte und 36.000 Centner kryftallifirte Soda, 9000 Centner, Stangenfchwefel u. f. w. erzeugte, woraus der mächtige Auffchwung diefer Etabliffements in den letzten fünf Jahren zur Genüge erfichtlich ift. Siehe: Sitzungsberichte der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften in Wien. Band LXIII. 1871. * 22 Dr. A. Bauer. Die chemifche Fabrik von Wagenmann, Seybel& Comp, in Liefing. Diefe Fabrik hat fich immer dadurch ausgezeichnet, dafs diefelbe, den jeweiligen Conjuncturen entſprechend, alle auf die chemifche Grofsinduftrie bezüglichen Zweige, aufgegriffen und glücklich durchgeführt hat, fie bietet uns defshalb das Bild einer, feinerzeit mit befcheidenen Mitteln begonnenen und durch eigenes Verdienft zu grofsartigem Betriebe gekommenen Fabriksanlage erften Ranges. Dr. C. Wagenmann, der Erfinder der Schnelleffig- Fabrication, war es, der im Jahre 1828 in Oefterreich eine Fabrik zur Verwerthung feines Patentes gründete. Im Jahre 1835 ftellte er das chlorfauere Kali nach einem neuen und billigen Verfahren dar und fafste in Folge des fteigenden Bedarfes an Chemikalien in Oefterreich, den Entfchlufs zur Gründung einer chemifchen Fabrik im weiteften Sinne des Wortes. Der Tod ereilte ihn 1841 und erft feinem Stieffohne Emil Seybel gelang es, feine Pläne zur Ausführung zu bringen. 1845 trat Emil Seybel als Theilnehmer, der nunmehr Wagenmann, Seybel& Comp. benannten Firma bei und feit 1865 ift er alleiniger Befitzer derfelben. Die Fabrik, die in den dreifsiger Jahren nur etwa zwei Joch einnahm, hat jetzt fünfzig Joch zur Verfügung, von denen zwölf als Fabriksraum( fammt den dazu gehörenden Höfen) verwendet werden. Eine eigene 900 Klafter lange Eifenbahn verbindet diefelbe mit dem Stationsgebäude der Südbahn. Die Fabrik erzeugt in fechs Bleikammer- Syftemen, mit einem Rauminhalt von 435.000 Cubikfufs, jährlich 140.000 Centner Schwefelfäure. Eines der Syfteme verbraucht den Schwefel der Laming'fchen Maffe, zwei arbeiten mit ficilianifchem Schwefel und drei mit Kiefen aus Steiermark und Ungarn( Böfing). Ein Theil der Kiese, welche 20 Percent Schwefel enthalten, wird an letztgenanntem Orte in einer, Seybel gehörigen Fabrik, auf Schwefelfäure verarbeitet. Die rationelle Verwendung der Kiefe zu diefem Zwecke ift überhaupt durch Seybel ( 1857) in Oefterreich in ausgedehntem Mafsftabe eingeführt worden. Vier Platinakeffel im Werthe von 250.000 Francs dienen zum Concentriren der Säure. Seit 1842 verarbeitet die Fabrik das Ammoniakwaffer der Wiener Gasfabriken und liefert jährlich 2000 Centner kauftifches Ammoniak und 6000 Centner Ammoniakfalze. Der ausgezeichnete fteierifche Magnefit( 95 bis 99 Percent kohlenfauerer Magneſia enthaltend) gab Seybel Gelegenheit, diefen Körper zu verfchiedenen Zwecken in die Technik einzuführen, wie z. B. zur Darstellung von Grünfpan aus effigfauerer Magnefia und Kupfervitriol; zur Darstellung von effigfauerer Magneſia, zum Behufe der Effigfäurebereitung und Umgehung des werthlofen Neben productes, Gyps. Inzwifchen hat die Auffindung mächtiger Magnefiafalz- Lager diefe Induftrie aufgehoben, die nachfolgende Verwendung des Magnefits verdient jedoch angeführt zu werden. In den vierziger Jahren lafteten die Salzfteuer und ein hoher Eingangszoll auf italienifchen Schwefel fchwer auf der chemifchen Induftrie Die Darftellung von Chlorpräparaten erfchien geradezu unmöglich. Da kam Seybel auf die Idee, feine Manganlaugen, wie fie bei der Reaction der Schwefelfäure auf ein Gemenge von Kochfalz und Braunftein erhalten werden, mit Magnefit zu verfetzen. Es refultirte eine harte Maffe, welche in der kalten Jahreszeit mit Waffer ausgelaugt wurde. Die Lauge mit genügend Kochfalz verfetzt, gab bei niederer Temperatur Glauberfalz, und der damals hohe Preis des kryftallifirten Glauberfalzes ermöglichte der Fabrik die erfolgreiche Concurrenz. Einen Hauptgegenftand, namentlich für den Export nach Rufsland u. f. w. bildet in Liefing die Weinfteinfäure- Fabrication. Sie datirt aus dem Jahre 1840 und Seybel benutzte Anfangs nur öfterreichifchen Roh- Weinftein, wie er faft in allen füdlichen Ländern gewonnen wird. In einem Vortrage, der im Jahre 1854 in den Verhandlungen des niederöfterreichifchen Gewerbe- Vereines veröffentlicht * Siehe: Bauer in W. Fr. Exners Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen. Die chemifche Grofsinduftrie. 23 wurde, lenkte Seybel die Aufmerkfamkeit auf den grofsen Reichthum an Weinfäure, der in der Weinhefe enthalten ift. Die Weinhefe beträgt 5 Percent vom Volumen des Weines; ein einfaches Preffen derfelben gibt von je 100 Eimer Hefe 80 Centner Wein, und 20 Centner trockene Hefe. Bei einer jährlichen Weinproduction in Oefterreich von etwa 40 Millionen Eimern ergibt das eine Totalproduction von faft 60.000 Centnern Weinftein, die einen Werth von über 2 Millionen Gulden repräfentiren. Die hohe volkswirthschaftliche Bedeutung diefer Thatfache ift augenfcheinlich, ein bisher höchftens zu Düngerzwecken benutztes Material ift eine neue Quelle des Wohlftandes geworden. Seit jener Zeit ift Seybel unabläffig bemüht gewefen, zum Sammeln der Weinhefe aufzuforden, und feine Bemühungen find nicht fruchtlos geblieben. Im Jahre 1866 wurden in Liefing 900 Centner Weinhefe verarbeitet, gegenwärtig kommt die meifte Weinhefe der Induftrie zu Gute, und in Liefing werden gegen 4000 Wiener- Centner Weinfäure erzeugt. Es verdient angeführt zu werden, dafs aus der ausgelaugten Weinhefe ein ausgezeichnetes Kohlenfchwarz erhalten werden kann. Von den übrigen Erzeugniffen der Liefinger Fabrik find zu erwähnen: Salzfäure, Salpeterfäure( je 30.000 Centner jährlich) Bleizucker( 1500 Centner), Zinnpräparate( 800 Centner), Effigeffenz( 8000 Eimer zu Effigfäure und Salzen), Kupfervitriol( 1200 Centner) und befonders Eifenvitriol( 6000 Centner), zu deffen Bereitung namentlich der vorzügliche fteieriſche Spateifenftein dient. Die Fabrik befitzt auch eine eigene Töpferei. Seit der letzten Ausftellung( 1867) hat die Liefinger Fabrik ihre Productionsfähigkeit erheblich gefteigert( Anlage eines fechsten Bleikammer- Syftems und eines vierten Platinkeffels) und namentlich die völlige Aufarbeitung der Lamingfchen Maffe eingeführt. Es werden hiebei Ammoniak und Blutlaugenfalz gewonnen; der Schwefel zur Schwefelfäure Fabrication benützt, während der abgeröftete Rückftand aufs Neue zum Reinigen des Leuchtgafes verwerthbar ift. Wie bedeutend diefer Fabricationszweig ift, ergibt fich daraus, dafs, obgleich erft im Jahre 1872 eingeführt, aus der Laming'fchen Maffe doch eine Jahresproduction von 24.000 Centnern Schwefelfäure und 10.000 Centner Eifenoxyd erzielt werden kann. Im Jahre 1857 kaufte Seybel die Chromerz- Gruben von Kraubath in Steiermark und ftellte daraus das chromfaure Kali dar. Bekanntlich wird bei diefem Proceffe eine fehr grofse Menge Brennmaterial verbraucht, und die eng lifche Concurrenz machte bald das Arbeiten unmöglich. Jetzt wird das Erz von der Fabrik chemifcher Producte in Hraftnigg ( Steiermark) verarbeitet. Der Werth der Jahresproduction der Liefinger Fabrik beträgt circa 1,500.000 Gulden. Die erfte öfterreichifche Soda Fabrik in Hrufchau( Oefterreichifch Schlefien). Diefe Fabrik ift im Jahre 1851 von den Herren J. M. von Miller und Carl Hochft etter gegründet worden. Es werden in derfelben gegenwärtig in drei Bleikammer- Syftemen jährlich 134.000 Wiener Centner Kammerfäure von 50 Grad Baumé( entſprechend 84.000 Wiener Centner 66 gradiger Säure) producirt, wovon der gröfste Theil in der Fabrik felbft weiter verarbeitet wird und blofs 15- bis 20.000 Centner concentrirte Schwefelfäure als folche in den Handel gebracht werden, zu welchem Behufe zwei Platina Apparate vorhanden find. Die Bleikammern find mit Gay Luffac'fchen Condenfatoren verfehen, und zur Erzeugung von fchwefliger Säure wird meift ficilianifcher Schwefel verwendet, und in eigenthümlichen und fehr praktifchen Schwefelöfen, welche zugleich zur Dampferzeugung für die Kammern dienen, verbrannt. Ein neues, viertes Kammerfyftem von circa 75.000 Kubikfufs Kammerraum wird foeben der Vollendung zugeführt. In den vorhandenen fünf Sulfatöfen, an welchen grofse Salzfäure- Condenfationsfyfteme angereiht find, werden jährlich nahezu 95.000 Wiener Centner Sulfat und 120- bis 125.000 Wiener Centner Salzfäure erzeugt. Das hiezu nöthige 24 Dr. A. Bauer. Steinfalz wird aus Wieliczka bezogen. Es werden ferner producirt jährlich 48.000 Centner calcinirte Soda, 12.000 Centner Aetznatron, 13.000 Centner Kryftallfoda, 1200 Centner Natriumbicarbonat, ferner in 40 Chlorkalk- Kammern 20- bis 24.000 Wiener Centner Chlorkalk. Schwefel aus den Soda- Rückftänden, wird nach Schaffner's Verfahren regenerirt. Ein Theil des producirten Glauberfalzes wird auch als folches, theils calcinirt, theils kryftallifirt, in den Handel gebracht. Die altberühmte Firma Johann David Starck in Böhmen hatte ihre Pruducte in einem eigenen Pavillon rechts vor dem Induftriepalafte zur Ausftellung gebracht, und in einer von A. Prochaska, zufammengeftellten Brochure( Druck von Carl Maafch in Pilfen. Selbftverlag 1873.) eine eingehende Schilderung aller auf ihre Leiftungen bezüglichen Daten veröffentlicht. Die Gefchichte diefer Firma ift bekannt und hängt innig mit der urfpünglich auf die Darftellung von Schwefel, Eifenvitriol und Oleum gegründeten chemifchen Induftrie Böhmens zufammen. J. D. Starck hatte im Jahre 1792 das Meffingwerk zu Silberbach gepachtet, brachte dasfelbe nach Ueberwindung grofser Hindernifse in ordentlichen Gang, und errichtete dafelbft auch die erfte Oleumhütte in Oefterreich. Von jener Zeit, bis auf unfere Tage entwickelte fich die Firma Starck, anfangs durch die Bemühung ihrers Gründers und nach feinem, im Jahre 1841 erfolgten Tode, durch deffen Erben und namentlich durch deffen Sohn, Johann Anton v. Starck, zu immer gröfserer Bedeutung, und umfafst gegenwärtig eine ganze Reihe von Fabriken, die theils im Egerer, theils im Pilsner Kreife liegen, und zumeift auf die Verwendung der Kohlen der Falkenauer und Pilsner Becken geftützt find deren Anwendung in der chemifchen und Glas- Induftrie durchgeführt zu haben feinerzeit ein hervorragendes Verdienft diefer Firma war. Neben dem Oleum( rauchende Schwefelfäure), von welchem im Jahre 1831: 15.000 Centner und im Jahre 1872: 34.410 Centner erzeugt wurden) erzeugt die Firma J. D. Starck alle zu ihrer Fabrication nöthigen Thonwaaren, darunter jährlich über 700.000 Stück Oleumkolben und 3000 Stück Schwefel- Deftillationsröhren, und ftellt aus den Rückftänden der Oleumfabrication namentlich feit einigen Jahren, bedeutende Mengen von fogenanntem Caput mortuum dar. Diefe Menge betrug im Jahre 1872: 20.000 Centner und das Product wurde in 19 Nuancen und 41 Sorten in den Handel gebracht. Der Sitz diefer Fabrication ift zu Břas bei Pilfen und es wurde hiezu im Jahre 1871 ein eigenes Etabliffement errichtet und mit Dampfkraft verfehen. Der zur Oleumbereitung nöthige Vitriolftein wurde früher aus Alaun und Eifenvitriol- Mutterlaugen gewonnen und diefs gefchieht jetzt noch dort, wo in kleinem Mafsftabe gearbeitet wird, wie in Littmitz, allein das Haupt- Rohmaterial ift jetzt der fogenannte Vitriolfchiefer, ein bituminöfer Thonfchiefer, in dem mehr oder weniger Schwefelkies eingefchichtet ift. Diefes Mineral kommt in grofser Menge in der Begrenzung der Pilsner Steinkohlen- Mulde vor. Diefe Schiefer werden auf einem Thonbett auf Halden aufgeftürzt, hier der Verwitterung überlaffen, dann mit Waffer ausgelaugt und erft auf gemauerten Pfannen und endlich auf Eifenkeffeln bis zu fogenanntem Stein( hauptfächlich Eifenoxydfulfat) verfotten, welcher noch weiter in Flammöfen gänzlich entwäffert wird. Diefer Vitriolftein gibt beim Deftilliren, je nach feiner Zufammenfetzung 40 bis 48, ja der jetzt in Verwendung ftehende Stein der Hromitzer Werke, fogar 52 Percent Vitriolöl. Die Erzeugung von Schwefel durch Deftillation hat in diefem Berichte fchon Erwähnung gefunden und wir nennen nunmehr die Vitriolerzeugung, welche früher innig mit der Schwefelerzeugung verknüpft war. Durch das Zurückgehen der Schwefelerzeugung wurde natürlich auch diefe Fabrication betroffen, allein da der Bedarf an Eifenvitriol durch den grofsen Verbrauch zu Desinfections. zwecken eine fteigende Production nothwendig erfcheinen liefs, fo fchritt man zur Abänderung der urfprünglichen Methoden und namentlich zur Anwendung der Desoxydation der, aus den verwitterten Vitriolfchiefern refultirenden Eifen Die chemifche Grofsinduftrie. 25 oxyd- Laugen. Die Vitriolerzeugung betrug im Jahre 1831: 12.000 Centner Eifenvitriol und 2000 Centner Kupfervitriol, im Jahre 1862: 95.756 Centner Eifenvitriol und 12.528 Centner Kupfervitriol und im Jahre 1872: 24.782 Centner Eifenvitriol und 343 Centner Kupfervitriol. Die Alaunfabrication gehört zu den älteften Induftriezweigen Böhmens und wurde von Starck, im Jahre 1826 in die Hand genommen, wo er in Altfattel ein Alaunwerk errichtete. Der Schwerpunkt diefer Fabrication wurde jedoch von ihm im Jahre 1868 nach Haberspirck verlegt, wo im Jahre 1872, an 20.000 Centner Alaun erzeugt wurden, während die Gefammtproduction aller Starck'fchen Werke im Jahre 1872: 26.000 Centner Alaun betrug. Die Alaunfabrication wird jetzt mittelft Stafsfurter Kalifalzen betrieben. Die Bereitung von Glauberfalz, Salzfäure und Salpeterfäure wurde von der in Rede ftehenden Firma im Jahre 1829 begonnen und ftützte fich urfprünglich auf oberöfterreichifches Salz, welches über Budweis bezogen wurde. Die Erzeugung von Salzfäure gefchieht auch heute noch in ftarken Bleikeffeln und wird namentlich in Břas betrieben; das fallende Sulfat wird fofort in den dortigen Glashütten verwendet und macht eigentlich diefe Fabrication erft lebensfähig. Die Salpeterfäure erzeugt man in Glasretorten. Die Phosphorfabrication, welche früher fchwunghaft betrieben wurde, hat man im Jahre 1868 aufgelaffen und dagegen eine bedeutende Superphosphat Erzeugung eingeführt. Im Jahre 1872 wurden über 6000 Centner diefes wichtigen Düngftoffes dargestellt. Im Jahre 1850 wurde auch die Fabrication englifcher Schwefelfäure eingeführt und zwar fowohl in Kasnau als in Davidsthal; diefelbe war urfprünglich auf felbft erzeugten Schwefel( aus Kiefen) bafirt, wurde jedoch bald mittelft Kiefen felbft, die zum Theil fogar aus dem Auslande bezogen wurden, betrieben. Ein intereffanter Induſtriezweig ift auch die Erzeugung von Rufs( zu BuchdruckerSchwärze) durch eine fehr langfame und unvollständige Verbrennung oder eigentlich durch eine theilweife trockene Deftillation der bituminöfen Braunkohle von Reichenau, welche aber nach Eröffnung der neuen Eifenbahn- Linie, FalkenauEger fo im Preife geftiegen ift, dafs fich vielleicht die Rufserzeugung bald nicht mehr lohnen wird. Diefelbe Firma hat neben den jetzt genannten Fabricationszweigen auch fehr ausgedehnte Glashütten und Kohlen- Bergbaue, welche jedoch in anderen Berichten ihre Würdigung finden werden. Die Fabrik chemifcher Producte zu Hraft nigg in Steiermark. Diefe Fabrik beftand früher, und zwar fchon feit 1840 in Trieft und war vielleicht die erfte, welche Kalifalpeter aus Chilifalpeter und Pottafche erzeugte. Sie war Eigenthum des Herrn Franz Ritter v. Gofsleth und begann im Jahre 1854 die Erzeugung von Chromkali. Die Vertheueruug des Brennmateriales und das Steigen der Arbeitslöhne veranlafste im Jahre 1859 die Verlegung der Fabrik nach Hraftnigg, womit zugleich eine bedeutende Vergröfserung verknüpft war. Im Jahre 1868 verkaufte man die Fabrik an die k. k. privilegirte öfterreichifch- orientalifche Bank und verblieb Herr Georg Ritter v. Gofsleth als felbftftändiger Firmabefitzer und Leiter des ganzen Unternehmens in Hraft nigg. Er baute fucceffive Schwefelfäure- Kammern, Sulfatöfen für fchwefelfaures Kali und richtete die Fabrication von Chlorkalk und Eifenvitriol, fowie die von Glauberfalz ein. Diefe Fabrik ift wohl die einzige, welche gegenwärtig in Oefterreich und Deutfchland Chromkali macht und zwar in einer Menge von jährlich circa 3000 Centner. Die Fabrik producirt ferner Kalifalpeter, wenn nöthig bis zu 24.000 Centner, Schwefelfäure 18.000 Centner, Salzfäure 6000 Centner, Chlorkalk 1000 Centner und fchwefelfaures Kali 5- bis 6000 Centner. Diefelbe befchäftigt 140 Arbeiter, ift durch eine Bahn direct mit dem nahen Kohlenlager verbunden und bezieht das Rohmaterial, Chlorkalium, aus Stafsfurt. Das fürftlich Auersperg'fche Mineralwerk zu Grofs- Lukawitz in Böhmen gehört zu den älteften derartigen und noch beftehenden Werken. Es 26 Dr. A. Bauer. wurde im Jahre 1630 errichtet und befchäftigte fchon im Jahre 1786: 300 Perfonen, nachdem bereits im Jahre 1746 durch Deftillation von Kiefen aus Thonretorten Schwefel gewonnen und die Rückstände in der damals üblichen Weife auf Eifenvitriol etc. verarbeitet wurden. Am Anfang unferes Jahrhundertes wurde eine Bleikammer zur Erzeugung englifcher Schwefelfäure errichtet und in den fünfziger Jahren, bei einem neuen Kammerfyfteme, der Schwefelkies- Betrieb eingeführt, allein die alte Methode des Abtreibens von Schwefel wurde für das abfallende Erzklein bis 1868 beibehalten, in welchem Jahre ein Gerftenhöfer'fcher Schüttofen, mit überraschend günftigem Erfolge, in Betrieb gefetzt wurde und das Erzklein fomit eine paffende Verwendung fand. Allerdings wurde der Artikel Schwefel nicht ganz aufgelaffen, fondern ein Marfeiller Raffinirapparat aufgeftellt und dann von Trieft bezogener Rohfchwefel, auf Stangenfchwefel und Schwefelblüthe verarbeitet. Die Schwefelfäure- Production hob fich bedeutend und da fich fpäter eine Preisverminderung diefer Waare geltend machte, dachte man an die eigene Verwerthung der Producte und führte die Superphosphat- Fabrication ein( im Jahre 1869), wodurch ein fo namhafter Auffchwung des Schwefelfäure- Betriebes erzielt wurde, dafs im Jahre 1871 ein zweites gröfseres Kammerfyftem und ein zweiter Gerftenhöfer'fcher Schüttofen aufgeftellt wurde. Als Rohmaterial zur Superphosphat- Fabrication dienen namentlich KnochenKohlenabfälle der Zuckerfabriken. Productenerzeugung der Lukawitzer Mineralwerke in Centnern Eifenvitriol. Schwefel im Jahre 1767: im Jahre 1872: 3.800 900 • • 70 Caput mortuum Salpeterfäure Schwefelfäure 7.000 360 200 45° Superphosphat 29.500 38.000 Die k. k. Schwefelfäure- Fabrik zu Unter Heiligenftadt bei Wien, hatte nicht in der für die III. Gruppe beftimmten Abtheilung. fondern im Pavillon des k. k. Ackerbau- Minifteriums, hinter dem Induftriepalafte ausgeftellt. Diefe Fabrik ift die ältefte Fabrik Oefterreichs, in welcher man englifche Schwefeffäure erzeugt. Sie wurde im Jahre 1800 vom Aerar, dem früheren Privatbefitzer abgelöft und galt feinerzeit als eine Mufteranſtalt für die Fabrication von Schwefelfäure. Derzeit befteht die Einrichtung derfelben aus zwei Dampfkeffeln, einer fechspferdigen Dampfmaschine, einem gufseifernen Schwefelverbrennungs- Ofen, dann vier Bleikammern mit 60.000 Cubikfuts Rauminhalt, einem Gay- Luffac'fchen Thurme, fechs bleiernen Abdampfpfannen, einer Platinretorte, drei Gufseifenretorten. zur Salpeterfäure- Erzeugung, 28 Kapellen zur Erzeugung reiner Salzfäure oder Salpeterfäure, ferner Ammoniak und Wafferdeftillir- Keffel etc. Der Geldwerth der jährlichen Production beläuft sich auf circa 100.000 fl. öfterreichifcher Währung und zwar werden erzeugt 14.000 Wiener Centner concentrirte Schwefelfäure, 30 Centner chemifch- reine Schwefelfäure,( durch Deftillation im Sandbade, nach der Methode des dortigen Fabriksverwalters Rufsegger*), Salzfäure 400 Centner, rauchende Salpeterfäure 30, chemifch reine Salpeterfäure 150, doppelt Scheidewaffer 700, Glauberfalz 1500, Ammoniak 30 Centner etc. Die k. k. privilegirte Staats- Eifenbahn- Gefellfchaft hatte die Producte ihrer, im Jahre 1858 gegründeten Schwefelfäure- Fabrik in Neu- Moldava, in ihrem Pavillon( hinter dem Induftriepalaft) ausgeftellt. Die Veranlaffung zur Gründung diefer Fabrik waren die in grofser Menge vorkommenden Schwefelkiefe * Dingler's Journal CXXXIX, p. 434. Die chemifche Grofsinduftrie. 27 und die Verwendung der Säure zur Scheidung des Kupfers aus dem kupferhaltigen Silber. Der erhaltene Vitriol wurde zum Imprägniren des Holzes verwendet. Gegenwärtig ift die Erzeugung der Schwefelfäure Selbftzweck, und es wurden im Jahre 1872 22.238 Centner 60gradige und 15.878 Centner 66gradige Schwefelfäure erzeugt. Die Sodafabrik des Leo, Grafen von Larifch- Mönnich zu Petrovitz, wurde im Jahre 1853 gegründet und ging 1859 in das Eigenthum des Ausftellers über. Diefelbe erzeugt namentlich Schwefelfäure und Soda, und betreibt auch die Wiedergewinnung des Schwefels aus den Rückständen, die zum Theil auch mittelft einer Quetfchmafchine gebrochen und als Düngfalze verwendet werden. Gegenwärtig werden circa 40.000 Centner Kochfalz und 15.000 Centner Schwefel verarbeitet und aufser den genannten Producten: Salzfäure, Glauberfalz, Aetznatron, Chlorkalk, Superphosphat etc. erzeugt. Die Fabrik von Hochftetter& Schickardt in Brünn wurde im Jahre 1844 durch Carl Hochftetter gegründet, erzeugt prachtvolles Blutlaugenfalz( 6000 Centner jährlich) und befchäftigt fich überhaupt mit der Verarbeitung von Abfallproducten. Das Etabliffement exportirt einen grofsen Theil feiner Producte ins Ausland und hatte durch die Expofition einer grofsen Gruppe von BlutlaugenfalzKryftallen einen Glanzpunkt der chemifchen Ausftellung Oefterreichs gefchaffen. Die Firma Röthlingshöfer Johann in Drozdow( Böhmen) erzeugt ebenfalls gelbes Blutlaugenfalz( circa 2500 Centner jährlich), Holzeffig, effigfaure Salze, fchwefelfaures Ammon, Knochenmehl, Spodium( 15.000 Centner per Jahr) etc. Die Fabrik wurde im Jahre 1843 gegründet und exportirt ebenfalls einen Theil ihrer Producte. Die Fabrik chemifcher Producte von Carl Rademacher& Comp. in Prag zeichnete fich namentlich durch die Ausftellung von phosphorfauren Salzen aus, die aus folchen Phosphaten dargestellt waren, welche bei dem Entphosphoren der Eifenerze nach Jul. Jacoby's Verfahren in Kladno entſtehen. Diefes Verfahren befteht darin, dafs die Erze mit einer Säure des Schwefels, und zwar am beften und billigften mit fchwefliger Säure behandelt werden, wodurch die vorhandenen unlöslichen bafifchen Phosphate in fauere lösliche Phosphate übergeführt werden und in Löfung gehen. Aus der erhaltenen Löfung wird durch blofses Erhitzen ein Theil der vorhandenen Thonerde und Eifenphosphate abgefchieden, oder es wird die Löfung mit Kalk verfetzt und der hiebei entstandene, Calciumphosphate haltende Niederfchlag, der Landwirthschaft oder der chemifchen Induftrie zugeführt. Die Zufammenfetzung des durch Erhitzung ausgefchiedenen Niederfchlages wie ihn Rademacher's Fabrik auf Alaun verarbeitet, ift nicht conftant und die folgenden Analyfen geben einen Anhaltspunkt zur Beurtheilung derfelben. 100 Theile diefes Niederfchlages enthielten, bei mehreren Verfuchen: Phosphorfäure Thonerde Eifenoxyd Unlösliches Waffer Schwefelfäure 20.74 22.72 22.72 24 2 22'12 25.03 25 34 27'15 1.56 1.78 2.96 2.82 7.07 4.59 3.74 4.20 38.06 36.19 35.79 33-16 9.51 9.11 8.89 10.08 Seit Beginn der Verarbeitung der Kladnoer Phosphate am Anfang des Jahres 1873 wurden bis September desfelben Jahres etwa 1800 Centner Kalialaun aus denfelben dargestellt und die hiebei gewonnene Löfung von Phosphorfäure, welche circa 25- percentig war, auf Kalkfuperphosphat mit 21 bis 23 Percent Phosphorfäure- Gehalt verarbeitet. Der Alaun wird gröfstentheils als kryftallifirter Alaun in den Handel gebracht und nur ein kleiner Theil davon, als gebrannter Alaun, zum Klären von Flüffigkeiten, verkauft. * Dingler's Journal CCII pag. 245. 28 Dr. A. Bauer. Diefelbe Firma befchäftigt fich auch mit der Darstellung von fchwefelfaurer Thonerde aus Kryolith. Diefe Induftrie wurde von derfelben im Jahre 1863 in Oefterreich eingeführt, und obwohl es anfangs fchwer war, dem Producte Bahn zu brechen, hat es jetzt, wenigftens in den Papierfabriken, allgemeineren Eingang gefunden. Rademacher erzeugt jährlich circa 15.000 Centner fchwefelfaure Thonerde aus Kryolith, mit einem conftanten Gehalte von 14'75 Percent wafferfreier Thonerde.( Frei von Eifen und freier Schwefelfäure.) Urfprünglich, bei ihrer Gründung im Jahre 1857, befchäftigte fich die in Rede ftehende Firma nur mit der Darstellung von Schlempekohle und den daraus darftellbaren Salzen. Zunächft entſteht hier die rohe, fogenannte ,, Melaffenpottafche", welche einfach durch Auslaugen und Abdampfen der Löfung aus der Schlempekohle refultirt und im Durchfchnitte neben 49 Percent kohlenfaurem Kali, 13 Percent kohlenfaures Natron, 22 Percent Chlorkalium und 6 Percent fchwefelfaures Kali enthält. Diefes Product wird als folches an Glasfabriken verkauft, welche fich noch mit der Herftellung kalihältiger Gläfer befchäftigen, und dasfelbe feiner Reinheit wegen fchätzen. Die Firma erzeugt jährlich circa 4000 Centner diefer Producte neben etwa 1000 Centner reiner( 90 bis 92 percentige) Pottafche aus Melaffe und endlich die anderen hiebei fallenden Salze. Die Soda wird als folche verkauft, das fchwefelfaure Kali dient zur Alaunfabrication und das Chlorkalium zur Bereitung von Salpeter aus Chilifalpeter, wozu jedoch auch fehr viel Stafsfurter Chlorkalium verwendet wird. Die jährliche Erzeugung von Salpeter beläuft fich auf circa 8000 Centner. Aufser mit den genannten Induftriezweigen. befchäftigt fich die Firma auch mit der Darftellung von Bleifalpeter, Zinnfalz, Chlorzinn und den in den Glasfabriken verwendeten Oxyden des Kupfers, Zinnes, Antimons, Eifens und Mangans, in einem Gefammtquantum von jährlich circa 200 Centner. Die Fabrik der Firma Blumberg& Rindskopf zu Teplitz in Böhmen wurde im Jahre 1857 gegründet und erzeugt hauptfächlich Zinnpräparate, Zinnchlorid, Desinfectionspulver, Eifenpräparate, Natron und Kalifalze, Mineralfäuren, Catechupräparate und zwar jährlich circa 15.000 Centner Salpeterfäure, 20.000 Centner Natronfalze, 16.000 Centner Metallfalze aller Art, etc. Die Rannersdorfer chemifche Productenfabrik von B. Margulies& Comp. wurde im Jahre 1872 von dem thätigen und verdienftvollen Chemiker B. Margulies, welchem man die Erfchliefsung der Kalufzer Kalifalzlager verdankt, gegründet und erzeugt jährlich aus 60.000 Centner Knochen gegen 7000 Centner Leimforten, 22.000 Centner Knochenmehl, 20.000 Centner Knochenfchrott und 10.000 Centner Superphosphat. Die chemifche Fabrik von J. F. Ebenhoch in Levis bei Feldkirch ( Vorarlberg) wurde im Jahre 1824 von Xaver Fidel Ebenhoch gegründet und erzeugte urfprünglich in einem kleinen Bleikammer- Syftem Schwefelsäure, dann Salz und Salpeterfäure, Glauberfalz, Zinnfalz und Kupfergrün. Im Jahre 1836 wurde die ganze Fabrik, namentlich auch das Bleikammer- Syftem vergröfsert, und im Jahre 1838 ein Sodaofen und Chlorkalk- Kammern aufgeftellt. Bis zum Beginn der fünfziger Jahre waren Chlorkalk, Sulfat und Rohfoda( für Seifenfieder) die Hauptproducte. Zur Darftellung der Letzteren bediente man fich des Kochfalzes von Hall in Tirol, welches in Levis auf 72 fl. füddeutfcher Währung per Centner zu ftehen kam, was mit ein Grund war, dafs die Fabrication bald wieder aufgegeben wurde. Später wurde die Darftellung des Alaunes aus Thon, fowie die Deftillation des Holzes, nebft Gewinnung holzeffigfaurer Salze eingeführt, welche neben Schwefelfäure- Erzeugung, dann Bereitung von Parifer- und Mineralblau, etc. auch heute noch betrieben werden. * Wagner's Jahresberieht über den Fortfchritt der chemifchen Technologie. 1868. pag. 283. Die chemifche Grofsinduftrie. 29 Die Koliner Spiritus und Pottafche Fabriks- Actiengefellfchaft in Kolin welche im Jahre 1868 gegründet wurde und die, feit 1860 unter der Firma Ed. Zentzytzki beftandene Fabrik kaufte, erzeugt jährlich 12.000 bis 14.000 Centner Pottafche neben 70.000 Eimern Spiritus. Mit Kalifalz- Gewinnung aus Melaffe befchäftigte fich ferner die Spiritus- und PottafcheFabriks Actiengefellfchaft in Brüx, fowie L. Harmer in Spillern und Andere. Die Weinftein- Raffinerie von Franz Jäkle in Graz und Georg Jäkle in Cilli, letztere feit 1854 beftehend, hatten fchöne Producte ausgeftellt und betreiben auch nicht unbedeutenden Export, ebenfo wie Johann Kroat in Griefs bei Bozen, welcher namentlich Seignettefalz darftellt. Von den übrigen öfterreichifchen Ausstellern der 1. Section können wir noch folgende namhaft machen: Franz Xaver Brofche's Sohn in Prag mit Farbwaaren, Säuren, Uranverbindungen und diverfen Präparaten für Färberei und Druckerei. C. A. Brofche in Libfchitz mit Kali- und Natronfalpeter, Schmier ölen etc. F.& C. Schwab mit fchöner, reiner Schwefelblüthe aus ihrer im Jahre 1829 gegründeten Fabrik in Pettau. Nackh& Comp. in Wien mit Schwefel leber, Schwefelkupfer und eine eigenthümliche künftliche Kreide, welche aus Gyps und gefälltem kohlenfaurem Kalk, in beftimmten Verhältniffen erzeugt wird. Der kohlenfaure Kalk wird bei der Aetznatron- Bereitung in der Seifenfiederei als Nebenproduct gewonnen und der Gyps fällt als Nebenproduct bei der Entwicklung der Kohlenfäure in den Sodawaffer- Fabriken. Die Firma J. A. Popper& Comp. in Terefchau( Böhmen), welche im Jahre 1839 gegründet wurde, erzeugt nicht unbedeutende Mengen von rauchender Schwefelfäure. Wir nennen ferner die k. k. Finanzdirection in Ragufa und in Zara, mit Seefalz und das Conforzio delle faline di Pirano ebenfalls mit Seefalz, ferner Sebor Franz in Prag, welcher in einem, im Jahre 1869 gegründeten Etabliffement, jährlich circa 35.000 Centner Gaswaffer verarbeitet und 1000 Centner Salmiakgeift, 12.000 Centner Ammoniaklauge, 3000 bis 4000 Centner fchwefelfaueres Ammoniak, 3000 Centner Dunggyps etc. erzeugt. Huber Ulrich in Prag hatte prachtvolle Bleizucker- Kryftalle. C. F. Pie ring in Prag ebenfalls Bleizucker( 2000 Centner jährlich) ausgeftellt. Brüder Ploy in Manning, Oberöfterreich, hatten eine recht nette Collection ihrer Prof ducte, meift Farben, Firniffe, Lacke etc. veranſtaltet. Die Induftrie der Kalifalze in Oefterreich war durch die Kali- Bergbau und Salinen- Betriebsgefellfchaft„ Kalufz" vertreten. Diefe Gefellſchaft hatte eine reiche Sammlung ihrer Rohproducte, namentlich Sylvin, Kainit, Carnallit etc., fowie Producte ihrer Fabriken ausgeftellt. Unter letzteren erwähnen wir namentlich das chemifch reine Chlorkalium; die 98, 95 und 80 percentige kryftallifirte fchwefelfaure Kalimagnefia und die calcinirte fchwefelfaure Kalimagnefia mit 59 bis 60 Percent fchwefelfaurem Kali mit 1 Percent Maximal- Chlorgehalt, ferner Natron- und Kalifalpeter in fehr fchönen Kryftallen, aus der, der Gefellſchaft gehörigen Fabrik in Simmering und endlich eine Situationskarte und Detailkarten der Fabriken. UNGARN. Die chemifche Grofsinduftrie ift in Ungarn bisher wenig entwickelt, allein es wurde berichtet, dafs gerade der im allgemeinen Theil diefes Berichtes erwähnte neue Sodaprocefs Solvay's, der Ammoniakprocefs, dafelbft, und zwar durch die Soda- und Chemikalien- Actiengefellfchaft in Marmaros in Anwendung kommen wird, wenigftens find bereits Einleitungen hiezu getroffen worden. Die Schwefelfäure- Fabrik zu Böfing nächft Prefsburg in Ungarn, gegenwärtig Herrn E. Seybel gehörig, hat ebenfalls bereits an einer anderen Stelle diefes Berichtes ihre Würdigung gefunden. Diefelbe wurde im Jahre 1850 von Herrn Franz Tfchida gegründet, ging jedoch fpäter in das Eigenthum Emil Seybel's über, welcher diefelbe wefentlich erweiterte und einer den Anforderungen der Induftrie entſprechenden Umgeftaltung unterzog. 30 Dr. A. Bauer. Diefe Fabrik gründet fich auf die Verwerthung der in den füdlichen Ausläufern der Karpathen im Granit vorkommenden Schwefelkiefe, welche fchon zur Zeit der Continentalfperre dafelbft zur Gewinnung von Schwefel durch Abtreiben benützt wurden. Die in Ungarn( Moldava) gelegene Schwefelfäure- Fabrik der k. k. Staatsbahn Gefellſchaft hat ebenfalls fchon früher Erwähnung gefunden, hier muss aber auch die erfte fiebenbürgifche Stearinkerzen Fabrik in Hermann ftadt genannt werden, welche ebenfalls Schwefelfäure und daneben auch Soda und Chlorkalk darftellt. Diefelbe hatte in der öftlichen Agriculturhalle ausgeftellt, wo auch die Expofition der im Jahre 1851 gegründeten chemifchen Fabrikin Fiume vorhanden war. Diefe Fabrik verarbeitet zunächft die Mutterlaugen der nahen Seefaline in Pirano und ftellt aufserdem nicht unbedeutende Mengen von fchwefelfauerer Thonerde dar. In derfelben Agriculturhalle war der Munkácser Alaun ausgeftellt, welcher namentlich auf den Fabriken des Grafen Schönborn aus dem altbekannten Alaunfels von Muzlay dargeftellt wird. Die Bedeutung der Gewinnung von natürlicher Soda und Salpeter in den Ebenen Ungarns, namentlich in der Gegend von Debreczin, ift bekanntlich in ftetem Abnehmen, dagegen mufs erwähnt werden, dafs die ungarifche Schaf woll Wafch- Actiengefellfchaft in Peft begonnen hat, ihre Kalifalze aus dem Waffer ihrer Wollwafchereien zu gewinnen. Eine hervorragende Bedeutung haben bei dem Weinreichthum des Landes die Weinftein- und Weinfäure- Fabriken, und es war immerhin erfreulich zu fehen, dafs fich bereits mehrere derartige Gefchäfte im Lande zu etabliren beginnen. Wir nennen namentlich: Rósza Lajos in Peft, der fehr ſchöne Weinfäure, Weinſtein und Seignettefalz exponirte. Die übrigen Ausfteller diefer Branche jedoch befchäftigen fich anfcheinend blofs mit dem Raffiniren des Weinſteines. DEUTSCHLAND. Die Ausstellung des deutfchen Reiches in der 1. Section der III. Gruppe, an der fich nach dem Kataloge 87 Firmen betheiligten, von denen jedoch nur 45 wirklich in der 1. Section beurtheilt, die übrigen anderen Sectionen zugetheilt wurden, war in jeder Beziehung vortrefflich zu nennen, wie denn über haupt das ganze Arrangement in der III. Gruppe des deutfchen Reiches ein fehr gelungenes war. Die chemifche Induftrie hat übrigens während der letzten fünf Jahre in Deutfchland einen enormen Auffchwung genommen und es ift beifpielsweise die Erzeugung von Schwefelfäure( in 21 Fabriken) von 1,156.505 Centnern und die des Sulfates( in 15 Fabriken) von 715.349 Centnern im Jahre 1867 auf 1,685.274 Centner an Säure und 1,032.357 Centner an Sulfat im Jahre 1872 geftiegen. Die Schwefelfäure- Fabrication hat fich als metallurgifches Nebengewerbe vornehmlich bei den grofsen preufsifchen und fächfifchen Silber-, Kupfer- und Blei- Hüttenwerken angefiedelt und im Anfchluffe an die Stafsfurter Steinfalz- und Kalifalz- Gruben hat fich. eine grofsartige, faft den ganzen europäifchen Markt beherrfchende chemifche Induftrie entwickelt. Wenn auch die deutfche Grofsinduftrie und fpeciell die Grundlage derfelben, die Soda- Induftrie, die englifche Soda- Erzeugung an Maffenproduction nicht erreicht, fo wird doch nirgends forgfältiger fabricirt, werden die Abfälle nirgends vollſtändiger verwerthet, wie in Deutfchland.( Und in Oefterreich, deffen hervorragende Fabriken den deutfchen Anftalten völlig ebenbürtig find.) Ein in vielfacher Beziehung bemerkenswerthes Moment bot die Ausstellung der deutfchen Montaninduftrie, welche zeigt, wie diefes Feld bereits ganz von der Chemie erobert ift. Wir nennen hier beiſpielsweife die Ausftellung der k. fächfifchen Hütten in Freiberg, welche unter anderen gröfsere Mengen von Indium, dann Platin, als Abfall vom Raffiniren des Goldes und endlich Schwefelarfen vom Reinigen der arfenhaltigen Schwefelfäure ausgeftellt hatte. Die chemifche Grofsinduftrie. 31 An der Spitze der Sodafabrication Deutfchlands fteht der Verein chemifcher Fabriken in Mannheim, welcher 1854 gegründet wurde und in vier Etabliffements im Jahre 1871: 1,000.000 Centner Kohlen, 300.000 Centner Schwefel und Schwefelkies, 20.000 Centner Salpeter, und 60.000 Centner Braunftein verarbeitete. Die jährliche Production beträgt 180.000 Centner Soda, 100.000 Centner Sulfat, 60.000 Centner Chlorkalk und 140,000 Centner Säuren. Wir nennen ferner den Verein chemifcher Fabriken, eine Actiengefellfchaft,( vormals: Chemifche Fabrik: Silefia zu Saarau), gegründet im Jahre 1858. Diefe verarbeitete im Jahre 1872: 172.000 Centner Schwefelkies, 100,000 Centner Kochfalz, 120.000 Centner Knochenkohlen, Knochen und Knochenmehl und pro ducirte 64.300 Centner Soda, 130.000 Centner Sulfat, 20.000 Centner Chlorkalk, 378.000 Centner Schwefelfäure und 180.000 Centner Düngmittel. Die bekannte chemifche Fabrik, Rhenania von Hafen clever ift ebenfalls eine Actiengefellfchaft geworden. Sie wurde 1852 errichtet und hat ihr Hauptetabliffement zu Stollberg bei Aachen, dann ein Zweigetabliffement in Oberhaufen. Im Jahre 1871 confumirten diefe Fabriken: 128.720 Centner Schwefelkies, 3426 Centner Salpeter, 9510 Centner Knochen und producirte 37.III Centner Schwefelfäure, 38.521 Centner calcinirtes Glauberfalz, 32.646 Centner calcinirte Soda und 25.661 Centner kryftallifirte Soda, 9591 Centner kauftifches Natron, 13.861 Centner Chlorkalk, aufserdem 5711 Centner Schwefel, Barytfalze, Superphosphat etc. Die chemifche Fabrik in Griesheim( Actiengeſellſchaft) erzeugt ebenfalls 32,000 Centner calcinirte Soda jährlich und die feit 1797 beftehende chemifche Fabrik zu Schönebeck( Inhaber Hans Hermann) im Jahre 1871 112.000 Centner Schwefelfäure, 51.000 Centner calcinirte, 20.000 Centner kryftallifirte und 6000 Centner kauftifche Soda, 82.000 Centner Sulfat und 15.000 Centner Chlorkalk. Eine der hervorragendften Fabriken ift die von Kunheim& Comp. in Berlin. In diefer werden faft alle Gaswäffer der Berliner Gasfabriken auf Ammoniakfalze verarbeitet, und Oxalfäure aus Sägefpänen mit Natronkali bereitet. In derfelben Fabrik wird auch die gebrauchte Laming'fche Maffe aufgearbeitet, Blutlaugen- Salz bereitet und nunmehr auch der Apparat zur Chlorbereitung nach Deacon aufgeftellt. Die Fabrik hatte Soda, Pottafche, Grünfpan und andere Metallfalze, dann Naphtalingelb nach dem Verfahren von Wichelhaus und Darmstädter ausgeftellt. Hardtmann und Haufer waren die einzigen Ausfteller von Kalifalzen aus Wollfchweifs im deutfchen Reiche. Ihre Fabrik wurde im Jahre 1869 errichtet. Deicke aus Hamburg hatte Wafferglas ausgeftellt, welches namentlich von der Firma van Baerle& Comp. in Worms in einer fehr handlichen Form mit Glycerin und etwas Cocosfett gemengt, als Wafferglas- Compofition, zum Wafchen und Reinigen ausgeftellt war. Letztgenannte Firma erzeugte im Jahre 1871 für 75.000 fl. Wafferglas, Wafferglas- Compofition, Schmierfeife und Chamottfteine. Rhodius in Linz am Rhein hatte fchönes kryftallifirtes, doppelt kohlen faures Kali ausgeftellt. Hermann Lamparter in Heilbronn und Benckiefer in Pforzheim hatten Weinfäure und Weinft ein aus Geläger, die Firma Mathes Weber in Duisburg Producte der Sodafabrication und Eifenvitriol ausgeftellt. Die chemifche Fabrikin( Berlin) Charlottenburg exponirte Pottafche, Chlorkalium, Kalifalpeter, Baryum, Strontiumfalze und die Cöpniker chemifche Fabrik: Pottafche, Soda, Superphosphate. Die Verwaltung der Buchsweiler Minen exponirte Alaun und Blutlaugen- Salz. Die Gebrüder Merkel in Nürnberg Magnefiapräparate aus Dolomit und die Gebrüder Loewig in Goldfchmieden ihre Producte des Kryolithfoda- Betriebes. Eine nähere Betrachtung verdient der Auffchwung, den die fogenannte Stafsfurter Kali- Induſtrie genommen hat. Im Jahre 1860 wurden die Abraumfalze auf dem preufsifchen Bergwerke zuerft bergmännifch aufgefchloffen. Im Jahre 1861 wurde von Dr. Frank die erfte Fabrik für Verarbeitung der Abraumfalze auf Chlorkalium, Kali- Düngmittel errichtet und 47.233 Centner gefördert. 1862 trat 3 32 Dr. A. Bauer das anhaltifche Salzwerk Leopoldshall in Betrieb und es wurden die an beiden Orten geförderten 408.000 Centner Rohfalz in vier Fabriken verarbeitet. Im Jahre 1867 verarbeiteten 16 Fabriken 3,350.000 Centner und im Jahre 1872 33 Fabriken 10,284.000 Centner Rohfalze. Die Stafsfurter und Leopoldshaller Kali- Induftrie befchäftigt 3000 Arbeiter und producirt hauptfächlich: Chlor kalium von 90 bis 98 Percent im Betrage von I Million Centner per Jahr, KaliDüngmittel in verfchiedenen Concentrationen und Mifchungen, in der Menge von circa 14 Million Centner, fchwefelfaures Kali und Pottafche 50.000 Centner jährlich, ferner Kieferit, Chlormagneſium, Glauberfalz( durch Umſetzung des Bitterfalzes mit Kochfalz bei Froftkälte) circa 150.000 Centner, Borfäure aus Boracit 400 Centner, uud Brom 700 Centner jährlich. Der Preis des Chlorkaliums ift durch diefe Induftrie in 10 Jahren auf die Hälfte, der des Broms auf ein Fünftel( 3 bis 3½ Thaler per Kilo) gefunken, fo dafs letztgenannter Körper bereits für gewiffe induftrielle Zwecke Bedeutung zu gewinnen beginnt. Die vereinigten chemifchen Fabriken zu Leopoldshall entftanden aus fieben Fabriken in den Jahren 1861 bis 1863 und befchäftigen fich mit der Verarbeitung der Abraumfalze, namentlich der Darftellung von Brom- und Glauberfalz aus Fabriksrückftänden. Im Jahre 1871 verarbeiteten fie für 625.630 Thaler Carnallit und producirten für 1,862.000 Thaler Waaren, meift für inländifchen Bedarf. In neuefter Zeit ift diefer Vereinigung auch die Patent- Kalifabrik des Dr. A. Frank beigetreten. Die Stafs furter chemifche Fabrik( vormals Vorfter und Grüneberg) wurde im Jahre 1862 errichtet und betreibt namentlich die Bereitung von Kalifalzen, wie die der Pottafche aus fchwefelfaurem Kali, dann die Fabrication der Soda, des Glauberfalzes, Superphosphates, der Düngfalze etc. Im Jahre 1871 verarbeitete die Firma 6- bis 700.000 Centner Kochfalz und an 40.000 Centner Schlempekohle und producirte unter Anderem 90.000 Centner Chlorkalium, 14.000 Centner Pottafche, 35- bis 40.000 Centner fchwefelfaures Kali. Die Firma Vorfter und Grüneberg in Kalk bei Deutz wurde im Jahre 1858 errichtet, befchäftigt fich vornehmlich mit der Erzeugung von Pottafche, Kalifalpeter und Düngftoffe( künftlichem Guano). Die Erzeugung von Kalifalpeter erfolgt durch Umfetzung des Chilifalpeters mit Kalifalzen und es wurden hiezu bis 1859, Pottafche, dann durch zwei Jahre Schlempekohle und feit 1861 Chlorkalium angewendet. Die Pottafche wird nach einem, dem Leblanc'fchen Sodaproceffe analogen Vorgang, dargeftellt und das fchwefelfaure Kali hiezu durch Umfetzung von Stafsfurter Chlorkalium mit Schwefelfäure oder Kieferit erhalten. Der künftliche Guano" wird aus Superphosphat, zu deffen Darftellung Lahnphosphate dienen, mit Ammoniakfalzen bereitet. Die jährliche Production diefer Firma beträgt 146.000 Centner Waaren im Werthe von 898.000 Thaler. 99 ENGLAND. Die grofsartige und unter den günftigften localen Verhältniffen entwickelte chemifche Induftrie Englands war auf der Ausftellung nur fehr fchwach vertreten. Im Laufe des letzten Decenniums hatte diefe Induftrie auch in England manche Schwierigkeiten zu beftehen gehabt und zunächft mufste auch hier das Steigen der Kohlenpreife tief empfunden werden. Nach Beendigung des amerikanifchen Krieges brauchte jedoch der transatlantifche Markt koloffale Mengen Soda, was eine rafche Vergröfserung der englifchen Fabriken und ein Zurücktreten der englifchen Waare auf dem deutfchen Markte zur Folge hatte. Die Einführung eines hohen Eingangszolles auf Soda in Amerika hatte den Engländern plötzlich jenen Markt entriffen und fie mufsten fich neuerdings nach Deutſchland wenden, wo inzwi fchen grofse Fabriksanlagen entstanden waren und die Concurrenz eine fchwierige geworden war. Das Steigen der Kohlenpreife und Arbeitslöhne mufste daher der chemifchen Induftrie befonders empfindfam werden, hat jedoch in den letzten Jahren einen erneuerten Auffchwung der auf Maffenproduction berechneten eng lifchen Induftrie nicht gehindert. , 1 a 1 1 h 1 S 1, r S I e r n g 80 Die chemifche Grofsinduftrie. 33 Aus den ftatiftifchen Tabellen* geht übrigens hervor, dafs der Werth der ausgeführten chemifchen Producte gerade in den letzten Jahren wieder bedeutend zugenommen hat, derfelbe betrug im Jahre 1860: 801.231 Pfund Sterling, fank im Jahre 1864 auf 584.284 Pfund Sterling und ftieg vom Jahre 1866 ab rafch bis auf 1,863.634 Pfund Sterling im Jahre 1872. Die Einfuhr von folchen Producten ftieg übrigens ebenfalls bedeutend, diefelbe betrug 339.930 Pfund Sterling im Jahre 1860 und 959,502 Pfund Sterling im Jahre 1872. Die wichtigen Neuerungen, mit welchen die chemifche Induftrie England's im Laufe der letzten fünf Jahre hervortrat, und welche namentlich die Chlorbereitung betreffen, wurden bereits an einer anderen Stelle gewürdigt. Unter den englifchen Ausftellern in der erften Section nennen wir die feit 1834 exiftirende Fabrik der New caftle chemical works, welche früher die Firma: Allhufen& Comp. führte, am I. Jänner 1872 jedoch an die obgenannte Actiengeſellſchaft überging. Diefe Fabrik ift eine der gröfsten Englands und erzeugt wöchentlich 12.000 Centner Soda. Ferner die Runcorn soap and alcali Company in Runcorn, welche neben Seife die wichtigften Producte der chemifchen Grofsinduftrie ausgeftellt hatte. Die Fabrik von John Hutfchinfon& Comp. zu Widnes in Lancaſhire, welche im Jahre 1815 gegründet wurde und zuerft L. Mond's Wiedergewinnung des Schwefels einführte. Diefe Firma hatte auch Schwefel, welcher nach diefer Methode regenerirt war, ausgeftellt und überdiefs war in der, die Verwerthung der Abfallproducte betreffende Ausftellung Englands, das ganze Verfahren Mond's durch Zeichnungen und Producte illuftrirt. Spence, J. Berger& Comp. in London hatten Alaun, phosphorfaures Ammon und phosphorhaltige Düngfalze ausgeftellt, welche diefe Firma aus natürlichen Thonerdephosphaten( Rodondo- Phofphat) durch Zerfetzen mit Schwefelfäure und Verfetzen der Löfung mit Ammoniak darftellen. Der leichtkryftallifirbare Ammoniakalaun kryftallifirt heraus, was noch durch Abkühlung auf 5 Grad befördert wird und Ammoniakphofphat bleibt in Löfung. Ein befonderes Intereffe gewährte die Ausftellung der Britifh seaweed Comp. in Dalmuir bei Glasgow. Diefe Gefellſchaft befchäftigt fich mit der Verwerthung der Kelp's nach der bekannten Methode Stanfords, welche zunächft in einer Verkohlung des Seetanges in gefchloffenen Retorten, Gewinnung der Deftillationsproducte und Extraction der erhaltenen Kohle durch Waffer befteht. Die zurückbleibende Kohle wird in neuerer Zeit zur Desinfection der Aborte verwendet, indem man diefelbe einfach in die Clofets bringt und zur Aufnahme der Faecalmaffen verwendet. Die fo mit diefen gemengte Kohle wird getrocknet und deftillirt, wobei Ammoniak gewonnen, und die Kohle wieder zum neuen Gebrauche vorbereitet wird. Nachdem diefe Kohle öfters in derfelben Weife gedient hat, wird fie ihres Reichthumes an Kalifalzen und Phofphaten wegen, als vorzügliches Düngmittel verwendet, namentlich wenn diefelbe mit dem bei der Deftillation erhaltenen und in fchwefelfaures Salz übergeführten Ammoniak vermifcht wird. Alle die, diefe verfchiedenen Proceffe illuftrirende Präparate waren ausgeftellt. Es müffen hier auch die fchönen Expofitionen der englifchen Düngerfabrikanten in der weftlichen Agriculturhalle erwähnt werden. Unter Anderen namentlich Eduard Packard& Comp. in Ipswich mit einer reichen Sammlung von natürlichen Phosphaten, dann die London manure Company und insbefondere das Haus James Gibbs& Comp. mit Fabriken in London, Plymouth, Newport und Briftol. Diefe Firma befitzt eine grofse Schwefelfäurefabrik, in welcher fie fowohl aus Pyriten als aus Schwefel jährlich etwa 600.000 Centner Säure erzeugt. Die Ausfteller Wilkin und Clarck in London hatten Chromfaures Kali ausgeftellt, welches defshalb für uns von Intereffe war, weil dasfelbe aus ungarifchem Chromeifenftein erzeugt war. Es find diefs die Erze der Gewerkfchaft Hofmann * Statiſtical Abftract for the united Kingdom. 20 Numb, London 1873. p- 59. 99 3* 34 Dr. A. Bauer. Erneft" im Stuhlbezirke von Alt- Orfowa, der ehemaligen romanifch- banater Militärgrenze, welche von Herrn Hofmann vor etwa 16 Jahren bei einem Jagdausfluge zufällig entdeckt wurden und nach mehrfachen Analyfen 83 bis 52 Percent Chromoxyd enthalten. Die Erze find vor Kurzem an obgenannte engliſche Firma käuflich übergegangen. FRANKREICH. Frankreichs, in jeder Beziehung hervorragende chemifche Grofsinduftrie, war auch auf der Ausftellung durch 24 Firmen fehr gut vertreten. Vor Allem mufs hier die Société des manufactures de glaces et de produits chimiques de Saint Gobain, Chauny et Cirey genannt werden, ein durch die Vereinigung der altberühmten Glas- und Spiegelfabrik von Saint Gobain mit dem berühmten Haufe Ollivier und Perret in Lyon entftandenes, koloffales Gefchäftsunternehmen. Als bemerkenswerth erfchien das aus den Kupferfreien Kiesabbränden dargeftellte Eifen. Die Manufacture de produits chimiques du Nord in Lille. Der Adminiftrator, Herr Kuhlmann, der Mitglid der Jury war, hatte unter den gewöhnlichen Producten der Grofsinduftrie auch eine fchöne Collection von Barytpräparaten ausgeftellt. Die anonyme Gefellſchaft chemifcher Fabriken, welche fich zur Ausbeutung der, von dem ausgezeichneten Chemiker und Fabrikanten, Herrn Fr. Kuhlmann, gegründeten Fabriken bildete und ihren Hauptfitz in Lille hat, befitzt Etabliffements in Loos, La Madelaine, Saint André, Amiens und Corbehem und eine Filiale in Dünkirchen. Die ältefte diefer Fabriken ift die in Loos und wurde im Jahre 1825 durch Herrn Kuhlmann, der gegenwärtig Generaladminiftrator der Gefellſchaft ift, gegründet; die Fabriken von Saint André und Madeleine liegen eine Stunde von Loos und dienen vorzugsweife zur Bereitung von Soda, Wafferglas, Kalifalzen und Dünger. Die Fabrik von Amiens, welche 1807 gegründet wurde und im Jahre 1847 käuflich an Kuhlmann überging, dient vornehmlich dem örtlichen Verbrauche. Die Fabrik von Corbehem bei Douai befchäftigt fich ausfchliefslich mit der Fabrication des Beinfchwarzes für Zuckerfabriken und mit der Bereitung von Dünger. Neben den gewöhnlichen Producten der chemifchen Grofsinduftrie erzeugen die Fabriken: Pottafche aus den Rückftänden der Melaffe- Branntweinbrennerei, Wafferglas, künftlichen Schwefelfauren Baryt und andere Barytfalze, Manganoxyd aus den Rückständen der Chlorbereitung für die Stahlerzeugung, Superphosphat und andere künftliche Dünger, Ammoniumfulfat, Beinfchwarz, Leim. Der jährliche Verbrauch an Rohmaterialien beträgt: 35.000 Tonnen Steinkohle, 16- bis 18.000 Tonnen Schwefelkies, 10.000 Tonnen Salz, 2000 Tonnen Braunftein, 2000 Tonnen Schlempekohle, 6000 Tonnen Knochen, 2000 Tonnen Salpeter, der zum Theil zur Bereitung von Salpeterfäure, zum Theil zur Bereitung von Dünger dient. Die Firma Henry Merle& Comp. hat drei Werke, und zwar: 1. Zwei Bergbaue auf Pyrite, deren einer in St. Julien( Gard), und der andere in Soyons( Ardêche) liegt. 2. Salinen in Giraud in der Camargue nebft Hütten zur Verarbeitung der Mutterlauge dafelbft. 3. Eine Fabrik chemifcher Producte zu Salindres bei Alais. Die Förderung der Pyrite, welche 1867 nur 18.000 Tonnen betrug, ftieg im Jahre 1872 auf mehr als 33.000 Tonnen. Die Salinen zu Giraud wurden von Herrn Merle mit der Abficht eingerichtet, die Mutterlauge des Meerwaffers nach der Methode von Balard zu behandeln. Man kühlte diefelben, nachdem fie eine Dichte von 28 Grad Baumé erreicht hatten, mittelft des Carré'fchen Eisapparates auf 18 unter Null ab und fchied das durch Umfetzung aus Bitterfalz und Chlornatrium entflehende Glauberfalz vollſtändig aus und erhielt eine Mutterlauge, welche von fchwefelfauren Saizen befreit war und fofort auf reines Kochfalz verarbeitet werden konnte, wobei aus Die chemifche Grofsinduftrie. 35 der neuerdings fallenden Mutterlauge das Doppelfalz von Chlormagneſium und Chlorkalium und aus diefem das Chlorkalium erhalten wurde. Diefe Methode, die ,, méthode des eaux à 28 degrés" genannt, gab grofse Ausbeute, brauchte aber viel Steinkohle und viel Arbeitskräfte, lieferte fomit theueres Chlorkalium, konnte daher der Concurrrenz der aufkeimenden Stafsfurter Induftrie nicht widerftehen und es wurde daher obiges Verfahren wefentlich und fo erfolgreich modificirt, dafs man gegenwärtig in Giraud jährlich 40.000 Tonnen Sulfat und 1000 Tonnen Chlorkalium producirt. Nach diefer Methode läfst man die Mutterlaugen verdampfen, fammelt das, bei der Dichte von 32 bis 35 Grad Baumé fich ausfcheidende Salz( sel mixte), ein Gemenge aus Chlornatrium und Bitterfalz, und lagert diefes in ein Vorrathsmagazin, um es dem Bedarf entsprechend weiter zu verarbeiten, was mit dem Wiederauflöfen desfelben beginnt. Die Löfung kommt nun in den Eisapparat und wird auf 3 bis 4 Grad Celfius unter Null abgekühlt, wodurch Glauberfalz entſteht. Die nach Ausfcheidung des obgenannten Salzgemenges( sel mixte) fallende Mutterlauge wird bis zur Beendigung der Campagne in Cement- Refervoirs von 28.000 Kubikmeter Inhalt eingelagert, um zu geeigneter Zeit auf Chlorkalium verarbeitet zu werden. Würde man diefe Lauge fofort verarbeiten, fo hätte man mit Verluft bringenden Salzausfcheidungen zu kämpfen, durch das Lagernlaffen jedoch, fcheidet fich bei der Winterkälte auf dem Boden des Cementbaffins fehr reines Magneſiumfulfat aus und die fo gereinigte Lauge kann mit Vortheil auf Chlorkalium verarbeitet werden.( Siehe auch: Wagner's Handbuch der chemifchen Technologie, Leipzig 1873.) Die Anwendung diefer Methode, begleitet von der Einführung vollkom menerer Abdampfvorrichtung und Apparaten, durch welche die Handarbeit möglichft verdrängt wurde, hat in den letzten zwei Jahren in Giraud befriedigende Refultate gegeben, allein der fteigende Kohlenpreis und der Umftand, dafs trotz der genannten Vorfichten ein Verluft an Kalifalzen durch Mitausfcheidung beim Abdampfen ftattfand und endlich der Zeitverluft beim Stehenlaffen der Lauge in den Cementbottichen haben zu neuerlichen Modificationen geführt. Diefe beftehen darin, dafs man die obgenannte auf 35 Grad Baumé eingedampften Mutterlauge vor fowie nach der Ausfcheidung des Bitterfalzes mit Chlormagneſium- Löfung in heifsem Zuftande mifcht, welche in den allerletzten Mutterlaugen der Fabrication immer zu Gebote fteht. Diefer Zufatz erfolgt in eigenthümlichen Gefäfsen und bewirkt die fofortige Ausfcheidung von Bitterfalz und Kochfalz während eine Mutterlauge entſteht, die in die Kryftallifirgefäfse gelangt, wo durch Abkühlung das Doppelchlorid des Kaliums und Magneſiums ( Carnallit) ausgefchieden und auf die bekannte Weife weiter verarbeitet wird. Auf diefe Weife erfpart man fowohl das Einlagern und Warten fo wie das Concentriren durch Abdampfen und kann die Mutterlauge verarbeiten, ohne auf ihren Gehalt an Sulfaten Rückficht nehmen zu müffen. Die chemifche Fabrik zu Salindres wurde feit 1867 bedeutend erweitert und man erzeugt dafelbft gegenwärtig täglich an 1000 Kilogramme chlorfaueres Kali, regenerirt den Schwefel aus Jodrückftänden nach Mond und erzeugt endlich gefällten phosphorfaueren Kalk. Zu dem Ende werden rohe Kalkphosphate einer methodifchen Anflöfung durch Salzfäure unterworfen, die Löfung mit Kalkmilch gefällt, und das mit Chlorcalicum gemengte Phosphat geprefst und im Carr'fchen Apparat zerkleinert. Die tägliche Production an diefen Phosphaten beläuft fich auf 3000 Kilogramm und ift im Steigen begriffen. Aufserdem erzeugt man in Salindres, Aluminium und verarbeitet den Bauxit durch Auffchliefsen mit Soda. Ein grofses Intereffe erregte die Collectivaus ftellung des Vereines der franzöfifchen Jodfabrikanten, welchem 9 Firmen angehören und die alle Producte zur Anfchauung brachten, die fich aus der Afche der Seepflanzen 36 Dr. A. Bauer. darftellen laffen. Die erfte derartige Fabrik wurde im Jahre 1789 in Cherbourg errichtet und feit 1824 wird das Jod( nachdem es im Jahre 1811 von Courtois entdeckt wurde) im grofsen Mafsftabe gewonnen und es wurde die erfte Fabrik, die fich damit befchäftigte, von Tiffier gegründet, welcher auch im Jahre 1827 eine zweite ähnliche Fabrik errichtete, die gegenwärtig der Firma Cournerie et fils et Comp. in Cherbourg gehört. Die bedeutendfte der Fabriken des Vereines ift gegenwärtig jedoch die von Tiffier in Conquet( Finistère). Die gefammten Fabriken des Vereines erzeugen jährlich circa 800 Centner reines Jod und 80 Centner Brom, neben 48.000 Centner Salpeter, 40.000 Centner Chlorkalium etc. Sie benützen alle die Methode der Einäfcherung der Seepflanzen in gefchloffenen Oefen und nicht mehr wie früher in Gruben. Von den übrigen Ausftellern Frankreichs nennen wir: Storck& Comp. in Paris, welcher fich mit der Verarbeitung natürlicher Phosphate befchäftigt und namentlich chemifch reines phosphorfaures Ammoniak darftellt. Chevé& Gerard, die in ihrer Fabrik zu Vaugirard( Paris) bedeutende Mengen von Salpeterfäure, Salmiak etc. bereiten, dann A. Lefébre in Corbehem bei Douai und de Maffy in Rocourt( Aisne), welche Schlempekohle auf Kalifalze verarbeiten. Ch. Camus & Comp. in Paris hatte fehr ſchönen Grünfpan, fchön kryftallifirten Bleizucker, kryftallifirte Effigfäure, pyrogallusfaures Natron etc. und die bekannte Firma A. de Plazanet ihre bekannten Präparate zu galvanoplaftifchen Zwecken, namentlich fchönes Cyankalium, ausgeftellt. BELGIEN. Die chemifche Grofsinduftrie Belgiens ift eine fehr bedeutende und wenn trotzdem faft die ganze Menge der erzeugten Hauptproducte, Soda und Glauberfalz, im Lande felbft verbraucht wird, fo liegt diefs eben nur darin, dafs die Glasinduftrie das Landes auf fehr hoher Stufe fteht. Der gröfste Fortfchritt, den unfere Ausftellung auf dem Gebiete der chemifchen Grofsinduftrie brachte, die Durchführung des Ammoniakfoda- Proceffes, ift von Belgien ausgegangen und wurde fchon früher erwähnt. Die bedeutendfte Fabrik des Landes ift gegenwärtig wohl, die Fabrique de produits chimiques in Auvelais, welche im Jahre 1851 gegründet wurde und einen jährlichen Productionswerth von 2 Millionen Francs aufweift. Die 10 Bleikammern diefer Fabrik haben 21.839 Kubikmeter Rauminhalt. Die Compagnie de Floreffe hatte neben den zur Glasfabrication nöthigen Producten, worunter Eifenoxyd zum Poliren( fogenannte potée), namentlich gefällten, dreibafifch phosphorfauren Kalk als Düngmittel verwendbar, ausgeftellt. Die Gefellfchaft wurde im Jahre 1849 gegründet. Leirens in Ledeberg lez Gand hatte ebenfalls Phosphorite, Superphosphat und andere künftliche Dünger exponirt. Ueber die meiften anderen Ausfteller diefer Section, die durchgehends fehr fchöne Producte ausgeftellt hatten, ift nichts Befonderes hervorzuheben und wir bemerken weiters nur die von Alex. Wérotte in Lüttich und Wérotte& Paffenbronder in Andrimont ausgeftellten Kalifalze aus Wollwafch- Wäffern. Veranlaffung zur Gründung der Etabliffements diefer letztgenannten Firmen in den fechziger Jahren haben wohl die vielen Tuchfabriken Belgiens gegeben. A. Wérotte producirt jährlich circa 600.000 Kilo Kalifalze im Werthe von 400.000 Francs und Wérotte und Paffenbronder etwa 400.000 Kilo raffinirte Kalifalze, welche zum Theile von den Seifenfabrikanten. und Glasfabrikanten des Landes confumirt, und zum Theile nach Frankreich, Holland und in die Rheinlande exportirt werden. Im Jahre 1870 wurde dem Victor Werotte die Einrichtung eines Apparates zum rafchen Abdampfen von Wollwafch- Wäffern, Seifenwäffern etc. patentirt, welcher auf der Ausftellung durch eine Zeichnung illuftrirt war und in den obgenannten Fabriken in Anwendung fteht. Allgemeines Intereffe erregte die Ausftellung der belgifchen Alaunfabriken. Die Alaunfabrication begann in der Umgebung Lüttich's fchon im Jahre 1580. Man erkannte bald, dafs die Alaunfchiefer, welche man bei Amoy entdeckt hatte, Die chemifche, Grofsinduftrie. 37 fich parallell der Meufe auf drei Meilen Diftanz erftrecken. Im Jahre 1675 waren bereits mehrere Hütten in der Nähe von Ampfin in Betrieb und fchon im Jahre 1700 hatte die Firma Laminne an diefen Gefchäften Antheil. Die Methode, deren fich diefelbe gegenwärtig bedient, um einerfeits die Blenderöft- Gafe, die früher in die Luft gejagt wurden, nutzbar und unfchädlich zu machen und anderfeits den Alaunfchiefer zu verarbeiten, wurde bereits vor mehreren Jahren* ausführlich befchrieben. Diefelbe befteht darin, dafs man die Röftgafe in Canäle aus Alaunfchiefer treten läfst, welche fich in vielfachen Windungen an einen mehrere hundert Fufs hohen Bergabhang hinziehen. Die Länge diefer Canäle erreicht einige hundert Meter, ihre Höhe beträgt 112, ihre Weite I Meter. Die fchweflige Säure wirkt nur bei Luftund Feuchtigkeitszutritt auf die Thonerde des Alaunfchiefers, die Abforption und die Bildung des Aluminiumfulfates ift fo vollkommen, dafs kein Geruch nach fchwefliger Säure wahrnehmbar ift. Man conftruirt öfters mehrere folcher Syfteme von Abforptionscanälen und erhält nach einigen Jahren wahre Berge von„ fulfatifirtem" Schiefer. Man exploitirt diefe nach vollendeter Einwirkung gewiffermafsen fteinbruchartig, laugt fie aus und verarbeitet die Laugen entweder auf fchwefelfaure Thonerde oder auf Alaun. Während man nach dem urfprünglichen Verfahren der Bearbeitung der Schiefer aus, 78 Tonnen desfelben, I Tonne Alaun erhielt, genügen nach dem jetzigen Verfahren hiezu 8 Tonnen, des„ fulfatifirten" Schiefers. Um die Laugen zu reinigen und von Eifen zu befreien werden nach de Laminne's Verfahren Stücke von alten Thonfchiefer- Abbränden, die noch viel Thonerde enthalten, erhitzt und in die heifse Lauge geworfen, wodurch die freie Säure gefättigt und das Eifenoxyd gefällt wird. SCHWEIZ. Die chemifche Fabrik von Schnorff in Uetikon, vier Stunden von Zürich am See gelegen, ift die einzige bedeutende derartige Fabrik der Schweiz. Diefelbe ift fehr gut eingerichtet und fabricirt fowohl 6ogradige als 66gradige Schwefelfäure in zwei grofsen Bleikammer- Syftemen mit zwei PyritRöftöfen, in welchen ftaubförmige Pyrite von Perret in Lyon geröftet werden. Die Röftöfen find Etage- Röftöfen mit fünf übereinander ftehenden Etagen, auf welchen die Pyrite, die man oben eingetragen, der Reihe nach gebracht werden und dem Strome der eintretenden Luft entgegenkommen. Die Abröftung ift fo vollkommen, dafs die Röftabbrände nur I bis 12 Percent Schwefel enthalten. Die Schnorff fche Fabrik bedient fich zum Concentriren ihrer Schwefelfäure eines Platinapparates. Die Bleikammern find mit Gay- Luffac'fchen Thürmen verfehen und die Nitrirung erfolgt durch Salpeterfäure. Man erzeugt Sulfat und verwandelt beinahe die ganze Menge desfelben in Soda, welche als kryftallifirte Soda in den Handel kommt, wefshalb auch die natronhältigen Mutterlaugen in einen Carbonatationsapparat gelangen, d. h. in dünnen Schichten in einen Kamin oder Thurm niedergehen, durch welchen die Verbrennungsgafe zweier Oefen abziehen. Ausserdem fabricirt Schnorff Chlorkalk, Salpeterfäure, Eifenvitriol( aus Eifen und Schwefelfäure) und flüffiges bafifch fchwefelfaures Eifenoxyd( fogenannte falpeterfaure Eifenbeize der Seidenfärber) mittelft Eifenfulfat und Salpeterfäure. Die falpetrigen Dämpfe, welche von den Retorten kommen, werden in die Bleikammer geleitet. Der Sulfatofen Schnorff's ift eigenthümlich conftruirt und auf die gröfstmöglichfte Erfparnifs an Brennmaterial berechnet. Derfelbe ift nämlich mit dem Rohfoda- Ofen zufammengebaut und wird durch das abgehende Feuer desfelben erhitzt. Der Calcinirraum befteht aus zwei Theilen und ift eine langgeftreckte Muffel, die fo ober dem Rohfoda- Schmelzofen angebracht ift, dafs die abziehenden Gafe von diefem zuerft ober die Calcinirmuffel ftreichen, dann unter diefelbe und von hier weiter unter die Zerfetzungscuvette gelangen, um von hier in den Kamin * Wagner's Jahresbericht über die Leiftungen der chemifchen Technologie 1871, p. 209. 38 Dr. A. Bauer. zu entweichen; die Gale müffen natürlich überall hin und her ziehen und es find allenthalben Oeffnungen zum Reinigen der Züge angebracht. Profeffor E. Kopp, dem wir diefe Mittheilungen verdanken, verkennt nicht. dafs diefer Ofen theuer zu conftruiren ift und wenn er reparirt werden mufs, fofort alle wichtigen Operationen zugleich ftille ftehen, allein er findet, dafs der Ofen gut arbeitet, die Rohfoda reich an Natriumcarbonat und das Sulfat frei von freier Schwefelfäure liefert. Es ift hier noch zu erwähnen, dafs die Firma Gabriel Schiefser in Hard, Weinfäure aus den in den Aetzküpen gefammelten Niederfchlägen dargeftellt exponirt ha te, welche nach einem von Dr. Armand Müller angegebenen Verfahren in der betreffenden Fabrik dargestellt wird. ITALIEN hatte in der erften Section fehr viele Ausfteller, und wenn auch diefe Thatfache allein nicht genügt, um auf eine hevorragende Entwicklung der chemifchen Grofsinduftrie fchliefsen zu können, fo mufste man doch zur Ueberzeugung gelangen, dafs der Auffchwung, den die chemifche Induftrie auch in Italien genommen hat, zur Erwartung berechtigt, dafs diefelbe auch an der eigentlichen Quelle des Schwefels einer bemerkenswerthen Entwicklung entgegengeht. Allerdings mufs aber bemerkt werden, dafs diefelbe in Italien an Brennftoff- Mangel zu kämpfen hat. Zunächft haben in der Gewinnung des Schwefels heilfame Reformen Platz gegriffen und im vorigen Jahre ift auch eine Sodafabrik( in Livorno) entftanden. In Norditalien exiftiren zwei hervorragende Firmen, welche fich auch an der Ausftellung betheiligten, und zwar Candiani& Biffi in Mailand, welche Säuren, Salze, Wafferglas und Nitroglycerin bereiten, dann Sclopis, Bechis& Comp. in Turin, die bedeutende Mengen von Schwefelfäure aus Pyriten erzeugen und fehr fchöne Exemplare diefes Rohftoffes ausgeftellt hatten. Die Fabrikanten von Schwefel- Kohlenftoff wurden fchon bei einer anderen Gelegenheit erwähnt. Die Verwerthung der Mutterlaugen der Salinen hat auch fchon in Italien durch A. Conti Fufs gefafst und ferner hat fich namentlich die Induftrie der Weinftein- Raffinerie und Weinfäure- Bereitung eingebürgert. Die Ausftellung führte uns zwölf Ausfteller in diefer Branche vor. Die Methode der Gewinnung der Borfäure in den Lagoni von Toscana ift bekannt und wurde durch eine fchöne und reiche Expofition illuftrirt. Diefelbe wird gegenwärtig in neun Etabliffements betrieben und fand bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung eine eingehende Befprechung, namentlich durch Daubrée. Als Wärmequellen beim Eindampfen dienen, natürliche, borJäurearme, heifse Dampfquellen. Seit der Parifer Ausstellung find indefs der Induftrie neue, nicht italienifche und fehr ergiebige Quellen von Borfäure erfchloffen worden. Wir bemerken in diefer Beziehung, dafs man in Stafsfurt begann, den allerdings in wenig bedeutender Menge vorkommenden Boracit zu verarbeiten, und hieraus fehr fchöne Borfäure darftellt. Amerika liefert dem Handel fehr bedeutende Mengen von Borax. Derfelbe wird dort aus einem See( Borax- Lake) in Californien in fehr grofsen Quantitäten, angeblich 30 Centner täglich gewonnen und in England werden grofse Mengen von borfauren Kalkverbindungen aus Chili und Peru verarbeitet, wodurch die Preife fo gedrückt wurden, dafs die Fabrikanten von Borax aus toscanifcher Borfäure an die Anwendung billigerer Methoden zur Ueberführung der Säure in das Natronfalz Bedacht nehmen mussten. SCHWEDEN. In Schweden, dem Vaterlande Berzelius's, wo in Fahlun die erften Verfuche mit der Verwendung der Kiesröft- Gafe zur Schwefelfäure- Fabrication gemacht wurden, beginnt die chemifche Grofsinduftrie erft jetzt feften Fufs zu faffen. * Daubrée, Rapports du Jury internationale. Paris 1868, V. L'Italie économique, Florence 1867. Die chemifche Grofsinduftrie. 39 Seit 1868 fabricirt Th. Gullberg in Göteborg Schwefelfäure aus Kiefen, ferner Sulfat, Salpeter und Schreibtinte und B. Bengtsfon hat vor Kurzem in OeftraTorp eine kleine Sodafabrik, in der auch Superphosphat bereitet wird, errichtet, während eine zweite in der Nähe von Stockholm im Entſtehen ift. Einige andere Ausfteller Schwedens in der erften Section haben es vornehmlich mit der Erzeugung von Düngfalzen durch Zerfetzung von Phosphaten mit Schwefelfäure zu thun, fo A. W. Frieftedt. Uebrigens exiftirt noch eine der älteften, mit metallurgifchem Hüttenbetrieb verbundene Fabrik in Fahlun und auch die Gefellfchaft Storn Kopperberg ftellt Schwefelfäure, Ocker und Vitriol dar, um Abfälle ihres Bergbaues und Hüttenbetriebes zu verwerthen. DÄNEMARK war durch Oerefund's chemifche Fabriken( Hagemann& Jörgenfen) mit kryftallifirter Kryolith- Soda und anderen Präparaten des KryolithSodabetriebes vertreten. Diefe Producte erfchienen zum erften Male im Jahre 1862 bei der Londoner Ausftellung und erregten damals gerechtes Auffehen. Auch zur Zeit der Parifer Ausftellung war die Verarbeitung der Kryolithe ein blühender Induſtriezweig, welcher allerdings immer an das grönländifche Rohmaterial geknüpft war. Nunmehr hat Amerika das ganze Lager von Rohftoff an fich gebracht und verarbeitet den Kryolith in Pittsburg, war jedoch auf der Ausftellung in diefer Richtung nicht vertreten. In Betreff der Thonerde- Verbindungen vertritt in Europa gegenwärtig der Bauxit die Stelle des Kryolithes. In der NIEDERLÄNDISCHEN Ausstellung intereffirten namentlich die Ammoniakfalze der grofsen Firmen van der Elft und Matthes, welche als Düngmittel in den Handel gebracht werden. Ueberdiefs war die Schwefelfäure- Fabrik von G. F Ketjen& Comp. mit einer Expofition auf der Ausftellung erfchienen. RUSSLANDS chemifche Induftrie ift bedeutender, als man vor der Moskauer und der Wiener Ausftellung geglaubt hat. Was feine Vertretung in der erften Section anbelangt, fo verdient wohl zunächft P. Ufchkow in Elabuga genannt zu werden, welcher zuerft angefangen hat, die Chromerze Sibiriens, die früher nach England exportirt wurden, im Lande felbft zu verarbeiten. Derfelbe Ausfteller bereitet Kupfervitriol aus Kupferkies und Schwefelfäure aus Pyrit. Chrom- Eifenftein hatte übrigens auch Gillis aus Petersburg ausgeftellt. M. Prang in Barnoul hatte Soda und Sulfat aus natürlichem Glauberfalz einiger fibirifchen Seen und Hirfchmann, Kijewski& Scholze in Warfchau, die Producte des Kryolith- Sodabetriebes ausgeftellt. Eine der bedeutendften und älteften Fabriken Rufslands ift übrigens die von Schlippe, welche Firma wohl jedem Chemiker durch das„ Schlippe'fche Salz" bekannt fein wird. Lepefchkin in Moskau, der neben Garancin auch Zinnfalz, Alaun, Vitriole, Säuren etc. ausgeftellt hatte, gehört auch zu den älteften ruffifchen Firmen. Aufser den genannten Ausftellungen intereffirten uns namentlich die natürlichen Phosphorite vom Dniefter und die Pottafche, welche nach E. Kopp's Verfahren aus Kaliumfulfat bereitet war, über welche wir jedoch nichts Näheres erfahren konnten. In EGYPTEN ift die chemifche Induftrie nur in ihren primärften Formen von Bedeutung, denn abgefehen von der an anderer Stelle betonten Wichtigkeit der Schwefelminen am rothen Meere, exportirt Egypten nicht unbedeutende Mengen von Salpeter und natürlicher Soda. Die Aufmerkfamkeit, welche der Khedive diefen Verhältniffen widmet, läfst jedoch das Vorkommen diefer Naturproducte nicht als bedeutungslos erfcheinen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE ARZNEIWAAREN. ( Gruppe III, Section 2 und 8.) BERICHT VON K. D. RITTER VON SCHROFF, k. k. Hofrath und Profeffor der Medicin. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. 23 AON 2CHFORD BEBICHI BSZEIMVVBEй DIE ECTION DES MELVIE 0221EFFACE- BEKICHI VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausstellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE ARZNEIWAAREN. ( Gruppe III, Section 2 und 8.) Bericht von K. D. RITTER V. SCHROFF, k. k. Hofrath und Profeffor der Medicin. Wir nehmen auch hier das Wort und den Begriff der Arzneiwaaren in demfelben Sinne, in welchem wir es in unferem früheren Berichte über die Parifer Ausstellung vom Jahre 1867, wo wir unfer Gebiet genauer begrenzt haben, und in dem letzten Berichte für die additionelle Ausftellung unferer jetzigen Weltausftellung( fiehe Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen Oefterreichs etc. redigirt von Profeffor Dr. Exner, 1. Reihe S. 146) genommen haben. Wir werden alfo über jene Gegenftände der Ausftellung Bericht erſtatten, welche für die Medicin und Pharmacie von Bedeutung find, mögen fie rohe Naturproducte, Drogen im engeren Sinne des Wortes, oder pharmaceutifche Präparate fein. Man hat an der Parifer Ausstellung befonders lobend hervorgehoben, dafs die einer Gruppe naturgemäfs zukommenden Gegenftände aller Länder in einem Kreife an einander fich reihten. Aber es war zu bedauern, dafs gerade in Beziehung auf den Gegenſtand unferes Referates an eine durch die räumliche Anordnung der Gegenftände erleichterte Ueberficht nicht zu denken war, indem ein fehr grofser Theil der Objecte aufserhalb des eigentlichen Ausstellungsrayons oder, zwar innerhalb desfelben, aber an ganz unpaffenden Orten, die gerade zur Verfügung ftanden, untergebracht zu werden fich gefallen laffen musste. Dazu kam, dafs wegen Befchränktheit des Raumes die Gegenftände oft hinter und über einander fo fehr zufammengedrängt waren, dafs fie eine Unterfuchung fehr häufig gar nicht zuliefsen. Diefer grofse Uebelftand kommt bei unferer Ausstellung nicht vor, indem bei der Grofsartigkeit der Anlage jedem Lande Raum genug dargeboten ift, feine Expofitionsobjecte auf die zweckmäfsigfte Weife unterzubringen. In der That haben wir noch bei keiner Ausftellung die uns zunächft intereffirenden Drogen fo inftructiv aufgeftellt gefunden, wie bei unferer. Dazu kommt, dafs jene Länder, welche fich überfeeifcher Colonien erfreuen, die Producte ihrer Colonien gleich neben dem Mutterlande in den anftofsenden Seitengallerien unterzubringen Gelegenheit fanden. Bei der Befchränktheit des Raumes, welcher diefem Berichte gegönnt ift, werden wir uns bei unferen Mittheilungen auf das Wichtigere und Intereffantere zurückziehen müffen und ein tieferes Eingehen in das Detail und in das viele Neue, das uns insbefondere der Orient zugeführt hat, als die Aufgabe befonderer 6 K. D. Ritter v. Schroff. Arbeiten anſehen, ohne uns zu verfagen, hie und da wiffenfchaftliche Bemerkungen einzufchalten. Wir werden zunächft die einzelnen Länder, welche fich an der Ausftellung betheiligten, in jener Reihenfolge bezüglich unferes Gegenftandes in Betrachtung ziehen, in welcher fie vermöge der bei Entwerfung und Ausführung des architek tonifchen Planes zu Grunde gelegten Idee die Räumlichkeiten für ihre Ausftellungsgegenstände angewiefen erhielten, alfo von Weften nach Often; hierauf wollen wir die Heroen unter den Drogen und einige der intereffanteren derfelben etwas näher befprechen und mit einigen aus dem grofsen Ganzen fich ergebenden Betrachtungen fchliefsen. Ziehen wir eine vergleichende Parallele zwifchen der letzten Parifer Weltausstellung und der unferigen, fo ergibt fich auch bezüglich unferes Gegenftandes dasfelbe Refultat wie bei den übrigen Ausftellungsgegenständen: der Weften tritt mit geringen Ausnahmen bedeutend zurück gegen den Often, welcher in einer Weife vertreten ift, wie nie zuvor bei irgend einer der früheren Weltausftellungen, was in der geographifchen Lage Oefterreichs und in der näheren Beziehung desfelben zum Orient feine Begründung hat und auch in vorhinein nicht anders zu erwarten war. AMERIKA, als der am meiſten nach Weften gerückte Erdtheil, war mit Ausnahme der in fchöner rafch vorwärts fchreitender Entwicklung begriffenen Republik Venezuela am fchwächften repräfentirt. Mexico, die argentinifche Republik, Ecuador, Chili haben fich an unferer Ausftellung gar nicht betheiligt, was bezüglich der beiden letzteren um fo mehr zu bedauern ift, als fie in Paris in Beziehung auf gröfstentheils wiffenfchaftlich beftimmte Drogen Ausgezeichnetes zur Anfchauung brachten. Folgende felbftftändige Staaten Amerikas befchickten unfere Ausftellung, wobei wir die Amerika angehörigen Colonien auf ihre Mutterländer verweifen. Die vereinigten Staaten Nordamerikas brachten uns durch das Handlungshaus Mc. Kesson& Robbins in New- York mehrere der in Nordamerika in medicinifcher Verwendung ftehenden Rinden und Wurzeln, fowie die aus ihnen bereiteten Fluidextracte, 7 ätherifche Oele und eine gröfsere Anzahl von mit reiner Gelatine überzogener Pillen, welche letzteren dortlands fehr beliebt. find und in allgemeiner Verwendung ftehen. Die Rinden ftammen von Myrica cerifera, Gossypium herbaceum, Viburnum Opulus, Ulmus( fulvus?), Cornus florida, Populus tremuloides, Xanthoxylum fraxineum, Laurus Sassafras, Euonymus atropurpureus, Cerasus serotina, Hamamaelis virginica; die Wurzeln von Trillium pendulum, Apocynum androsæmifolium, Leptandra virginica, Rubus villosus, Sanguinaria canadensis, Cimicifuga, Caulophyllum thalictroides, Corallorhiza odontorrhiza, Inula Helenium, Iris versicolor, Panax quinquefolium, Coptis trifolia, Hydrastis canadensis, Veratrum viride, Hydrangea arborescens, Asclepias incarnata, Arum triphyllum, Podophyllum peltatum, Statice caroliniana, Cypripedium pubescens, Asclepias tuberosa, Spigelia marilandica, Phytolacca decandra, Nymphæa odorata, Nuphar advena, Eupatorium purpureum, Aralia nudicaulis, Polygala Senega, Aristolochia Serpentaria, Symplocarpus foetidus, Asarum canadense, Convallaria multiflora, Aralia racemosa, Stillingia sylvatica, Helonias dioica, Baptisia tinctoria, Rumex crispus, Gelsemium sempervirens. Alle diese in Gläfern mittlerer Gröfse, daher in wenig Exemplaren und in den Gläfern entſprechender Gröfse aufgeftellten Drogen bieten nichts Neues dar; die mit durchfchoffenen Lettern gedruckten ftehen theils feit vielen Jahren bei uns in ärztlicher Verwendung, theils find fie noch Gegenftand lebhafter Befprechung, was insbefondere von Veratrum viride gilt, dem man eine befondere von unferen Veratrumarten fpecififch verfchiedene Wirkfamkeit zufprechen wollte. Unfere mit dem Wurzelfyfteme von Veratrum Die Arzneiwaaren. 7 viride in pharmakognoftifcher und pharmakodynamifcher Hinficht angeftellten Unterfuchungen haben ſichergeſtellt, dafs in erfterer Beziehung dasfelbe genau übereinstimmt mit jenem von unferem Veratrum Lobelianum Bernh. und dafs in letzterer Beziehung die in qualitativer Hinficht identifche Wirkung desfelben in quantitativer Hinficht dagegen jener von Veratrum album Bernh. unferer Alpen nachfteht, daher unfere Veratrumarten das Bedürfnifs nach Veratrumwirkung vollkommen decken. Aus den meiſten der oben angeführten Rinden und Wurzeln wurden in bekannter Weife auf kaltem Wege durch wiederholtes Deplaciren Fluidextracte dargeftellt. Jede Fluidunze Extract repräfentirt eine Unze der angewandten Subftanz. Aufser diefen liegen aber noch Fluidextracte vor von Chelone glabra, Eryngium aquaticum, Galium Aparine, Geranium maculatum, Erechthites hieracifolia, Epigæa repens, Spiræa tomentosa, Lobelia inflata, Chimophila umbellata, Smilax officinalis, Stillingia sylvatica. Von ätherifchen Oelen fieht man das von Mentha piperita und Mentha viridis, von Hedeoma pulegoides, Laurus Sassafras, Tanacetum vulgare, Gaultheria procumbens, Chenopodium anthelminthicum. Von den mit Gelatine überzogenen Pillen heben wir nur hervor die 3 Sorten Chininpillen von verfchiedener Schwere, die Afantpillen, die bei den Amerikanern fo beliebten blauen Pillen, einige Abführ-, Jod- und Eifenpillen. Die Methode, Pillen einen gelatinöfen Ueberzug zu geben, fcheint in jenen Fällen, wo man üble Gerüche decken und das Verdunften und daher das Eintrocknen. derfelben vermeiden will, Nachahmung zu verdienen. Aufser diefen mit Gelatine überzogenen Pillen liegen noch in befonderen Standgläfern in grofser Menge Pillen verfchiedenen Inhaltes vor, welche mit einer aus Zucker und Maisftärke beftehenden Hülle von weifser und rother Färbung überzogen find. Das Haus W. M. Warner& Comp. in Philadelphia ftellte fie aus. Bei jedem Artikel waren die Preife angegeben. Die Republiken S. Salvador, welche ausgezeichnet fchönen Schwefel vulcanifcher Abkunft, Chinarinden unbeftimmter Abftammung in gerollten Stücken von grauer, meiftens aber röthlichbrauner Farbe des Periderma; Columbia, welche aufser den gewöhnlichen Handelsartikeln der Tropenländer unanfehnliche Exemplare von unbeftimmter Chinarinde und Sassaparille; Uruguay, das aus Bufchenthal Fleifchextract in Hülle und Fülle nebft getrocknetem Fleiſche brachten, tragen zur Vermehrung unferer Kenntniffe über füdamerikanifche Drogen nicht bei. Selbft Brafilien, das uns bei der letzten Parifer Ausftellung durch die lebhafte Betheiligung Peckoldts an derfelben einen lehrreichen Einblick in die reichen Schätze ärztlicher Drogen diefes an Naturproducten von der Natur verfchwenderifch ausgeftatteten Reiches thun liefs, und das fich einer ausgezeichneten von dem trefflichen C. Fr. Martius verfafsten Materia medica vegetabilis erfreut, bringt bei aller Pracht, die es auf anderen Gebieten entfaltet, doch faft nur Genufsmittel, unter denen wir Maté von Ilex Gongonha im zerkleinerten Zuftande in Blechbüchfen, als naturelle Waare in Thierhäuten eingenäht, grofse dicke Stangen Guarana, ausgezeichneten Cacao hervorheben. Ueberdiefs find noch zu erwähnen Tonkabohnen, Sassaparille von unbeftimmter Abftammung, Elemi von Icica Icicariba, Resina de Jatoba, Guajakholz, Quina vermelha, Samen von Curcas purgans, Gummi von Angiko, Gummi elasticum, fehr viel Kautschuk, Carnaubawachs; ein angebliches Benzoëharz, einen aufsen fchwarzen Klumpen darftellend, der aus einer mit Harz verfehenen zufammengeftampften, hie und da noch in Stücken erhaltenen Rinde befteht und deutlichen Benzoëgeruch befitzt. Die als Quina vermelha bezeichnete Rinde von Pernambuco, auch China ferrugenta genannt, ftellt dünne gerollte oder auch breitere Rindenftücke dar, die aufsen rehbraun mit dichten Korkwärzchen verfehen, unter dem Periderm dunkelgrau- röthlichbraun, auf der Innenfläche fchwärzlich oder röthlichbraun, beftäubt erfcheinen; einzelne Stücke erfcheinen aufsen ockergelb oder weifslich, 8 K. D. Ritter v. Schroff. mit Flechten verfehen, unter dem Periderm kaftanienbraun. Aufşerdem liegt noch eine nicht näher beftimmte Quina amarella vor. Die Republik Venezuela hat in der Benützung der reichen Schätze ihrer Ländereien unter der weifen und energifchen Leitung ihres dermaligen Präfidenten Guzmann Blanko feit der letzten Parifer Ausftellung grofse Fortfchritte gemacht, wie diefs ihre Vorlage auf unferer Ausstellung, worüber eine von Dr. Ernft verfafste, in Carácas( 28. Februar 1873) erfchienene vortreffliche Abhandlung vorliegt, aufser Zweifel fetzt. Unter den Genufs- und Nahrungsmitteln heben wir nur den Cacao hervor, welcher als der befte gilt und von welchem gegen 700.000 Centner jährlich ausgeführt werden. Unter den verfchiedenen Sorten rühmt fich der von der Pflanzung Chuao, welche Eigenthum der Univerſität von Carácas ift, der vorzüglichfte zu fein. Auch lagen mehrere ganze ausgewachſene Früchte und eine durchgefchnittene Frucht vor. Theils als Gewürz, theils als Heilmittel oder Pfeilgifte erwähnenswerth find folgende: Ingwer, Vanille von Vanilla pompona, die gegen Cholera empfohlene aromatiſche Wurzel Raiz de Mata von Aristotelia barbata Jacqu. und A. dictyantha Dch., Wurzel und unterer Stammtheil mehrerer Species von Ivesine( wird unter dem Namen Valeriana wie diefe gebraucht), das Rhizom von Polypodium aureum Z die unter dem Namen Galicosa als Antisyphiliticum gerühmte Wurzel und unteren Stammtheile von Latreillea latifolia Benth., Calaguala( Rhizom von Polypodium Otites L.), Zarzaparilla von unbekannter Abftammung( die Sassaparille von Caracas wird gewöhnlich von Smilax syphilitica und Sm. officinalis abgeleitet), Stengel und Zweige von mehreren Mikania- Arten, namentlich Mikania gonoclada DC. als blutreinigendes, giftwidriges Mittel unter dem Namen Guaco vielgerühmt, Guasimorinde von Guazuma ulmifolia Lam. zu erfrifchenden Getränken, Simaruba von Simaruba amara Aubl. aus dem Staate Guayana, die gerbfäurereiche Rinde von Weinmannia glabra L. unter der Bezeichnung Curtidor, Torco, wahrfcheinlich die Rinde von Croton Malambo, die ungemein bittere Rinde von Vallesia hypo glauca als Amargoso im Lande bekannt; 2 Chinarinden, die eine von Trujillo, die andere von Tocuyo, von unbeftimmter Abkunft( bei diefer Gelegenheit wird eine baldige genauere Berücksichtigung der von den fo zahlreichen Cinchonaarten Columbiens abftammenden Rinden in Ausficht geftellt), die Rinde von Rhizophora Mangle L. unter dem Namen Mangle colorado als treffliches Gerbmittel bekannt, die gleichfalls gerbfäurehältige Rinde von Mangifera indica( Margo genannt), die das Kino occidentale liefernde Rinde von Coccoloba urifera L. ( Uva de Raya), Blüthen von Brownea grandiceps( Rosa de Montanna) als blutftillendes Mittel, Früchte von Myrospermum frutescens Jaqu. und von M. secundum Kl.( Sereipo) mit einem die Samen umhüllenden Balfam, Samen von Kola acuminata R. Br. gegen Leberleiden, Samen von Simaba Cedron Planch. aus dem Weften der Republik und Neugranada, auch bei uns als Fiebermittel bekannt, in Venezuela auch gegen Schlangenbifs in Anwendung( die ganze Frucht, etwas gröfser, als eine Wallnufs liegt vor) in Venezuela als Pepa de Cedron bekannt, Samen von Nectandra Cymbarum Nees( Sassafras del Orinoco), Pichurimbohnen aus Guayana und vom Orinoco, von Nectandra Puchury major et minor Nees( Cobalonga), die fehr aromatifchen Früchte von Xylopia longifolia Alph. aus Guayana ( Fruta de Burro), Samen von Mucuna pruriens DC.( Ojo de Zamuro, das alk. Extr. beliebtes Volksmittel gegen Afthma), Früchte von Myristica punctata Spruce, reich an talgartigem Fett, Früchte von Anacardium occidentale L.( Pepas de Merey), Samen von Feuillea cordifolia L.( Pepas de Secua) fammt dem daraus gewonnenen Oele, Samen von Carapa guianensis Aubl.( Carapa) fammt den daraus erhaltenen fetten Oele, Samen von Dipterix odorata Willd. aus Guayana( Tonkabohnen, Sarapia), Samen von Copaifera Jaquini Desf.( Copaiva) aus Maracaybo, Samen von Abelmoschus moschatus R. Br.( Algalias), Samen von Asagræa officinalis Lindt. ( Cebadilla)( häufig auf den grafigen Abhängen des Küftengebirges, unentfchieden, Die Arzneiwaaren. 9 ob fie hier einheimifch ift; der Same wird zu 2.500-3.000 Centnern namentlich nach Hamburg und den Vereinigten Staaten ausgeführt), die gerbftoffreichen Schoten, Dividivi genannt, von Lebidibia coriaria Schlecht., Früchte von der angebauten Cassia Fistula Z., Früchte von Hymenæa Courbaril L.( Algarroba, die harten Samen liegen in einem faft wie Süfsholz fchmeckenden gelben Fruchtmehl), die unter dem Namen Negerköpfe, Cabeza de Negro, bekannten Früchte von Apeiba Tibourbou Aubl. fammt dem aus dem Samen derfelben geprefsten fetten Oele, Tamarinden als Hülfenfrucht und ihr Mus, Caobafrucht von Swietenia Mahagoni L. vom Tuy. Von den 100 aufgeftellten Holzarten erwähnen wir blofs die von Copaifera Jacquini Desf.( Aceite), von Swietenia Mahagony L.( Caoba), von Cedrela odorata L.( Cedro amargo), von Guajacum sanctum L.( Guajacan), Psidium Guava Raddi ( Guayavo de comer), von Hura crepitans L.( Javillo negro), von Hymenæa floribunda Kth.( Nazareno), von Sapote Achras Mill.( Nispero), von Juglans cinerea L. ( Nogal), von Ceroxylon Klopstochia Mart.( Palma de cera), von Oreodoxa regia Kth.( Palma real), von Pimenta vulgaris W. A.( Pimenton), von Myrospermum secundum Kl.( Sereipo), von Crescentia Cujete L.( Totumo), von Guajacum arboreum DC.( Vera). Von Balfamen, Fetten und ätherifchen Oelen, Harzen und Gummi, Pfeilgiften find folgende beachtenswerth: Balsamum Copaivæ von Copaifera Jacquini Desf. aus Maracaibo, Balsamo de Gil und Balsamo simpatico legitimo bei Verwundungen, Oleum Anacardii bereitet von J. Braun& Comp.( der bekannte ätzende Balfam aus der Fruchtfchale von Anacardium occidentale), Tinctura Eucalypti Globuli nach der Vorfchrift Dr. Keller's in Wien, von Apotheker Fifcher in Carácas bereitet und von den Aerzten vielfach mit gutem Erfolge gegen Fieber angewandt, Esencia und Estracto liquido de Sarsaparillo, Resina Merei von Anacardium occidentale L., Caricarito, Harz von Elaphrium tomentosum Jacqu., Resina Algarroba von Hymenæa Courbaril, eine Art Copal, Paraman, ein dunkelfarbiges Harz von Moronobæa coccinea Aubl., in Guayana meift als Pech verwendet, Resina Caranna von Icica Caranna HBK., Resina Tacamahaca, wahrfcheinlich von Icica heptaphylla Aubl., Cascarillo- Oel von einer Art Laurinee durch Einfchnitte in den Stamm erhalten, Gummi von Peireskia aculeata Mill., Goma de Tuna von Opuntia Ficus indica Mill., Manteca de Ladron, das flüffige Fett des Bernadinerkrebfes, gegen Luxationen und Anfchwellungen der Gelenke als Einreibung gebraucht, Manteca de Tortuga, fowohl das flüffige Oel als der fchwer flüffige Bodenfatz desfelben aus den Eiern von Testudo Arrau und T. Terekay Humb. an den Ufern des Orinoko gewonnen, worüber Humboldt in feiner Reisebefchreibung III, 65-69 Näheres berichtet, fettes Oel von Coroba, Ricinus, Cocos, Carapa, Sesam. Curare ift theils in einer Calebasse in gewöhnlicher Art des Vorkommens, theils in lofen Stücken in einem offenen(!) Glafe ausgeftellt. Cuero de Mato, Haut von Ameiva vulgaris Licht. Von Farbftoffen nennen wir Chica aus den Blättern der Bignonia Chica HBK., rothen und gelben Orlean, Cochenille, Curcumawurzel, die an Berberin reiche Rosuarinde von Zanthoxylum ochroxylon DC. und Indigo. Von Stärkemehlarten ift aufser den bekannten von Zea Mais, Ipomoea Batatas, Dioscorea- Arten, Musa paradisiaca, Manihot utilissima, in beiden Abarten, Colocasia esculenta noch zu bemerken die von einer Ingafpecies abftammende Chiga genannte und die von Arracacha esculenta Bank. und Calathea Allouya Lindl. abftammende Sorte. Aufser gelbem und weifsem Bienenwachs liegt auch Cera vejetal von Myrica arguta Kth. von grünlicher Farbe im friſchen Zuftande vor. ENGLAND UND SEINE COLONIEN waren im Vergleich zu früheren Ausstellungen nur fchwach vertreten. Die geringe Theilnahme, welche England feiner colonialen Drogenausftellung widmete, ſprach fich auch in dem Mangel eines gedruckten 10 K. D. Ritter v. Schroff. Kataloges hierüber aus. Beginnen wir fogleich mit dem Paradiefe Englands, mit Oftindien, fo ift hier gleichfalls insbefondere zu bedauern, dafs die ihm angehörigen Objecte in einer Weife zur Anfchauung gelangten, welche deren genaueres Studium gar fehr beeinträchtigt; die Aneinanderreihung, die Art der Aufftellung, die Unterbringung in verhältnifsmäfsig kleinen Gläfern mit hermetifchem Verfchluffe, welcher ein Oeffnen derfelben unmöglich macht, laffen viel zu wünſchen übrig; eine nicht unbedeutende Anzahl derfelben war fo hoch aufgeftellt ( was leicht hätte vermieden werden können), dafs die Etiquette und die in dem Glafe enthaltene Subftanz nur mittelft eines Tafchenperfpectives erkannt werden konnte. Um einige Ordnung in die ausgeftellten Gegenftände zu bringen, ift es nothwendig, diefelben in Gruppen zu theilen. Als die wichtigſte mufs diejenige angefehen werden, welche unter dem Titel Materia medica, aufser einigen anderen Drogen, in etwas gröfseren Gläfern mit Etiquetten, welche aufser dem lateinifchen und englifchen Namen auch die Bezeichnungen in 7-10-13 oftafiatifchen Sprachen enthalten, die der indifchen Pharmakopee angehörigen Objecte enthält, woran wir die oft indifchen Chinaforten, von Mac Ivor und Markham ausgeftellt, und die in einem befonderen Kaften befindlichen Genufs mittel Indiens anreihen. Wenig Befriedigung gewährt die in kleinen, gleichfalls hermetifch verfchloffenen Gläfern befindliche, von einem Lecturer gebrachte Sammlung der Hortic. und agric. Soc. Die Etiquetten nehmen den gröfsten Theil des Glafes ein, fo dafs man von dem Inhalte wenig Notiz nehmen kann. Eine weitere Gruppe umfafst unter dem Titel vegetabilifche Nahrungsmittel die amylumreichen, längst bekannten Subftanzen und Mehlarten ( Arrowroot aus Bombay und Bengalen, Tapiocca, flour of Yam, Mehl aus Acer arietinum) und die letzte Abtheilung trockene Extracte, Gummi und Harze. Was den Inhalt der Materia medica betrifft, fo fanden wir viele alte Bekannte unferer Pharmakopoen, aber auch intereffante einheimifche Medicamente. Unter den Gewürzen und aromatifchen Stoffen erwähnen wir Coriander, Fenchel, Kümmel, Dillfrüchte, Früchte von Daucus Carotta, Ptychotis Ajowan, Capsicum fastigiatum, C. grossum, Illicium anisatum, Cardamomen von Elettaria Cardamomum, Cardam. medium, C. Korarima, Sinapis dichotoma, S. ramosa, Wurzeln vom grofsen Galgant, Pyrethrum, Nardostachys Jatamansi, von Anatherum muricatum, Rofenblüthen, Saffran, Kampher. Unter den narkotifchen Mitteln heben wir hervor: Opium in Stücken, nicht in Kugeln, Capita Papaveris( fehr grofse Köpfe, der Länge nach angeritzt, 3 Sorten: von Seylah hesah, Maghahia, Bhugobee), Wurzel von Belladonna, Blätter und Samen von Hyoscyamus niger, von Datura Stramonium und von Datura alba, Wurzel von Physalis somnifera aus Bombay, Kokkelskörner, Samen und Rinde von Strychnos Nux vomica, Cannabis sativa, Digitalis purpurea, Blätter und Samen von Conium maculatum. Drei Species von Aconitum, und zwar: A. Napellus( die Wurzel führt die einheimifchen Bezeichnungen): Mahoor H.( Hindoftan) Bish, Butsnab- Bish B.( Bengalen), Ativassa( Tel.), Bikh, Bish, Bishnak, Ati- singeen- bish N.( Nepal), Butchnab( Bombay); A. ferox in 2 Gläfern, in deren einem kleinere Exemplare mit Stengelreften, unferem Napellus ähnlich, in dem anderen etwas gröfsere Tubera, unferen Exemplaren von Ac. ferox gleich( die indifchen Bezeichnungen find durchwegs diefelben wie bei Ac. Napellus); Aconitum heterophyllum( Atees, Atis). Unter den draftifchen Heilmitteln find zu erwähnen: Aloë in 3 Sorten( Barbados, socotrina und A. von Aden), Gummigutt von Garcinia Morella, in baculis, und von Garcinia pictorum ( Mysore Gamboge, in einzelnen kleinen Stücken), Ricinus- und Crotonfamen, Colocynthen, Sennesblätter von Cassia lanceolata, C. acutifolia, C. obovata, alfo alexandrinifche, Senna und keine Tinnevelly- Senna. Anthelminthica: Kamala und Punica Granatum. Adstringentia: Gallæ von Quercus infect., von Tamarix furas, Terminalia Chebula, Wurzel, Rinde und Extract von Berberis Lycium, B. aristata und B. asiatica, Früchte von Randia dumetorum, Betelnüffe, Kino von Pterocarpus t t Die Arzneiwaaren. 11 Marsupium( in ziemlich grofsen Stücken), von Butea frondosa, Gambir, Catechu von hellbräunlichrother Farbe, Aegle Marmelos, Rinde von Holarrhena antidysenterica, Hæmatoxylon campechianum. Ueberdiefs Tamarinden, Röhrencassia, Süfsholz, Fonum græcum, Flores Rhoeados, Colombowurzel, Galbanum von Opoidea galbanifera oder Ferula galbanifera, grofse Exemplare von Myrrha. Ausserdem noch: An Samen: Gynocardia( Chaulmoogra) odorata, Guilandina bonducella, Garcinia purpurea( nebft ihrem feften Oele), Arachis hypogæa, Raphanus sativus, Früchte von Nymphæa pubescens, Tribulus lanuginosus, Früchte von Diospyros embryopteris, Pharbitis nil, Plantago ispaghula. An Blüthen: Aeschynomene paludosa. Blätter: Helicteris isora, Tylophora asthmatica. Ganze Pflanzen: Hydrocotyle asiatica, Ophelia chirayta. Wurzeln: Tinospora cordifolia, Hemidesmus indicus, Trapa bispinosa( Wurzel fieht wie Hermodatteln aus), Cissampelos Pareira, Coptis tecta( umgeben von einem eigenen Geflechte), Salvia Hæmatodes ( Red Behen, dicke, aufsen braunröthliche Wurzeln), Murdannia scapiflora. Haare von Mucuna pruriens, Querfchnitte der Stengel von Nelumbium speciosum. Rinden: Alstonia scholaris, Azadirachta indica( auch die frifchen Blätter in Gebrauch). Chinarinden: Calisaya, die gewöhnliche Handelsrinde, graue Rinde von Cinchona condaminea, von C. crispa, C. Chahuarguera beifammen in einem Glafe( offenbar importirte Rinden), Cinch. succirubra( original in 2 Gläfern), C. succirubra ohne Bezeichnung, gewöhnliche Handelsrinde; C. succirubra von Darjeeling, ziemlich grofse und dicke Rinden; C. succirubra( mossed); C. succirubra in Kangrah gewachsen( Provinz Kuhiftan im Lande der Seiks, der Anbau 1864 vom Major Nassau Lees begonnen. Exemplare find fehr dünn, gerollt, röthlichbraun, matt, oder fchwärzlichbraun mit mehr glatter Oberfläche, fein längsrunzlig; unter dem Periderm röthlichbraun, Innenfläche gelblichbraun). Aufserdem oftindifche Chinarinden von den Neilgherries( from the Government Cinchona plantations) von Mac Ivor in kleinen Bündeln: graue Rinde Nr. 7 von C. micrantha von 10 Jahre alten Bäumen( fchwärzlichgrau, häufiger afchgrau oder weifslich von Flechtenanflügen, theils fein längsrunzlich und ohne Querriffe, theils mit näher oder entfernter ftehenden Querriffen, unter dem Periderm licht rehbraun, Innenfläche licht zimmtbraun, beftäubt). Braune Rinde Nr. 6. Von C. officinalis von 9 Jahre alten Bäumen( verhältnifsmäfsig dicke, grofse Rinden mit zahlreichen Querrunzeln und Querriffen, feltener zugleich mit Längsrunzeln und Längsriffen, wodurch viereckige Felder, Borkefchuppen, abgegrenzt werden, aufsen dunkelgraubraun, unter dem Periderm kaftanienrothbraun, Innenfläche ziemlich lebhaft gelbbraun, längsfaferig). Braune Rinde Nr. 5. Von C. crispilla von 9 Jahre alten Bäumen( Rinde dick mit fehr unebener Oberfläche, grobrunzlig, aufsen dunkelafchgrau mit Flechtenanfätzen, unter dem Periderm maronenrothbraun, Innenfläche zimmtbraun). Rothe Rinden von C. succirubra Nr. 1. Von 10 Jahre alten Bäumen, aufsen licht afchgrau oder graubraun, hie und da fchwärzliche oder grünliche Anflüge, mit Flechten und fchwarzen Apothecien, ziemlich zahlreiche Querriffe, unter dem Periderm rothbraun, Innenfläche röthlichbraun, ziemlich dicke Aftrinden. Nr. 2, mossed. Von 10 Jahre alten Bäumen aufsen fchwärzlichbraun mit gelben Korkwärzchen und Korklängsleiften, Innenfläche lichtröthlichbraun, dicker als Nr. 1. Nr. 3. Von 20 Monate alten Bäumchen, aufsen gelblichbraun, mit zahlreichen Längsrunzeln, Innenfläche zimmtbraun. In einem Käftchen neben diefen Rinden befinden fich die aus diefen oftindifchen Rinden erhaltenen chemifchen Chinapräparate aus der Fabrik von Ootacamund: Sulfas Chinini von C. officinalis, von C. succirubra, amorphes Chinin von braungelber Farbe, falzfaures Cinchonin von C. micrantha, Cinchonidin in perlmutterartig glänzenden Schüppchen, Chinidin, Chinovin, Chinovafäure, Chinaroth, Quinovazucker erhalten aus Chinovin. Ueberdiefs hat auch Markham Rinden von C. Calisaya und C. succirubra( bemoofte und unbemoofte) gleichfalls von den Neilgherries ausgeftellt. 12 K. D. Ritter v. Schroff, Narkotifche Genufsmittel, in einem befonderen Schranke aufgeftellt: Tabak in fehr verfchiedenen Zubereitungen, als da find: grofse, weiche Kuchen von Kautabak; ganz weiche, braune Maffe mit Gewürznelken, Yurda oder Tabak for eating. Cannabis indica: Ganjah in verfchiedenen Sorten, fo in kleinen Bündeln, kleinere Stengel mit Blüthenfchwänzen enthaltend; ein gröfseres, an Blüthenfchwänzen fehr reiches Exemplar, überdiefs in 3 Gläfern kleinere Theile der Cannabis. Bhang, die zerkleinerten Blätter, Stengel und Samen. Churrus in 3 Gläfern in 2 Sorten; die eine aus Punjab in viereckiger Form, aber auch in Stangenform, bildet eine homogene, dunkelfchwarzbraune, an der Luft Feuchtigkeit anz.ehende, mit dem Meffer wie Leder fchneidbare Maffe, auf der Schnittfläche lichtchocolatebraun, von eigenthümlich aromatifch narkotifchem Geruche, in Alkohol, den er braun färbt, theilweife löslich. Die zweite Sorte, Charras aus Bengalen, bildet unregelmäfsige, aufsen lichtgelb, innen auf der Bruchfläche braun gefärbte Stücke mit eingeftreuten gepulverten Hanfreften. Majun, ein Gemifch aus Hanf und Opium, zum Effen beftimmt, in verfchiedenen Zubereitungen und verfchiedene landesübliche Beinamen führend; eine Art Majun bildet grünlichgelbe, viereckige Stücke, wie gröfsere Morsellen ausfehend. An diefe reihen fich Mommiai, Moddut, eine Zubereitung von Opium, Kumoonie. Von Opium lagen vor: Opium von Benares( Opium mould Benares), Opiumkugel( Provision Opium) noch ganz weich anzufühlen, in zwei Halbkugeln von gebranntem Thon eingefchloffen. Lewah Opium of 53/100 consistance, als Pafte zwifchen den Mohnblättern zur Bereitung der Umhüllung der Opiumkugeln verwendet; auch liegen Mohnblumenblätter zu grofsen Scheiben zufammengeklebt, fowie feine und gröbere Mohnabfälle. Abkaree Opium Benares bildet viereckige, würfelförmige, dunkel braunfchwarz gefärbte Stücke, in Papier eingewickelt. Diefe Art Opium wird zu medicinifchen Zwecken, das Kugelopium nur zum Rauchen verwendet. In Gläfern befanden fich: Opium von Berar, harte, aufsen glänzende Stücke, 2 Sorten von Opium von Centralindien( Indore), deren eine braunfchwarze glänzende Stücke darftellt. Ueberdiefs 45 verfchiedene Theeforten aus den Neilgherries, Darjeeling, verfchiedene mit Zucker überzogene, bei den Hindus beliebte Samen: Sesam, Mandeln, Mohnfamen etc. Wundarzt Bidie brachte eine kleine Sammlung von Drogen zur Schau, aus der wir Sinapis juncea, Polanisia icosandra, Anethum Sowa, Cassia absus, Früchte von Hydrocarpus inebrians, Cubeben erwähnen. Die letzte Gruppe umfafst die zahlreichen Gummiarten, Harze, Balfame, Farb- und Gerbftoffe, fette Subftanzen, in einer ausgedehnten Sammlung vertreten, aus welcher wir nur Einiges hervorheben wollen: Kuteera Gum von Sterculia urens, Cochlospermum Gossypium, Gummi von Acacia speciosa, Ac. arabica( Kushlia gum), Ficus religiosa, F. elastica, Trachylobium mozambicense ( Gum Animi), Vateria indica( meergrünen Copal liefernd), Harz von Shorea robusta, Hopea odorata( lichtweingelbe, durchfichtige gröfsere Harzmaffen liefernd), Ailanthus malabarica, Dammar, black Dammar von Canarium strictum. Schöne Benzoë, wahrfcheinlich die fiamefifche, Asa foetida, Harz von Balsamodendron Roxburghii( Bdellium), Olibanum, Harz von Boswellia thurifera, Bosw. bhaudagiana, Myrrha, Mastix, Gurjunbalfam. Kino von Pterocarpus Marsupium in mehreren Sorten, und von Butea frondosa; Gamber in viereckigen Stücken; Wurzel von Morinda citrifolia, Blüthen von Butea frondosa. Dafs es an den Samen von Ricinus, Croton Tiglium, Gynocardia( chaulmoogra) odorata, Carthamus tinctorius, Sesamum indicum, Sinapis glauca, S. dichotoma, Guizotia oleifera, Mohn und Lein nicht fehlte, veifteht fich von felbft. An der gegenüber ftehenden Wand waren die thierifchen Drogen untergcbracht. Wir erwähnen daraus: oftindifche Haufenblafe in Pfeifenform von Polynemus indicus, Mofchusbeutel mit Bauchhaut( die mit Haaren befetzte Bauchhaut gehört allerdings einem Mofchusthiere an, weniger gilt diefs von dem mittelft ftarkem Bindfaden an feinem unteren Ende feft eingefchnürten kugelförmigen, grofsen Die Arzneiwaaren. 13 Sacke, dem die den Mofchusbeuteln eigene Structur abgeht, übrigens ftarker Mofchusgeruch), einige unbeftimmte Mylabrisarten( es find Mylabris pustulata und M. punctata), eine unbeftimmte Art von Lytta( die fchwarze Farbe, der rothe Kopf fprechen für Lytta gigas, der Umftand, dafs bei dem einen Exemplare auf den Flügeldecken fich 3 Längsftreifen befinden, ſpricht dafür, dafs wenigftens 2 Species vorliegen), oftindifche Blutegel von mehreren Species abftammend( bei einigen Exemplaren auf dem Rücken weder Streifen noch Flecken, bei anderen drei fehr dünne Streifen), Cochenille aus dem Punjab, Leberthran vom Hai, Gummilack. Ceylon brachte feinen Stolz, prachtvollen Zimmt in langen Röhren zu grofsen, runden Bunden zufammen gebunden, dann eine bezüglich ihrer Abftammung nicht beftimmte Cinchona bark, von Layard ausgeftellt; diefelbe ftellt junge, braune und graue Aftrinden dar mit hervorragenden Längsrunzeln, zahlreichen runden oder länglichen, zum Theil abgeriebenen Korkwärzchen, manche Stücke find fchwärzlichgrau oder lichtrehbraun gefärbt, beftäubt, ohne oder höchftens mit fehr fpärlichen Querriffen verfehen, unter dem Periderm rothbraun oder gelbbraun, innen gelbbraun oder graubraun. Ueberdiefs Arrowroot, Tapiocca, Cassava, Thee, viele Kaffeeforten, Vanille. Aus der Reihe der vielen Hölzer feien genannt Cæsalpinia Sappan, Diospyrus ebenus, Artocarpus pubescens, Caryota urens, Tectonia grandis, Vitex albissima, Areca Catechu. An Flechten Roccella tinctoria. Queensland, Victoria, Aukland vertraten den Reichthum Auftraliens fchwach. Das erftere Land ftellte in ganz kleinen Exemplaren ungefchälten Zimmt von Laurus Cinnamomum, Tinnevelly- Senna aus dem botanifchen Garten von Brisbane; Queensland nuts von Macadamia ternifolia, enorm grofse Früchte von Araucaria Bedwilli, Tapiocca, Cassava von Manihot Janipha, Mehl von Manihot utilissima, von Musa paradisiaca, von Convolvulus Batatas, Colocasia esculenta aus. Victoria lieferte Opium aus dem Gippsland in flachen Kuchenfegmenten, aufsen mit vertrockneten Blättern umgeben. Bofifto ftellte Eucalyptus und aus demfelben dargestellte Präparate aus, als: Oleum Eucalypti Globuli, E. fissilis, E. Stuartianæ, E. amygdalinæ, E. fabrorum, ferner Eucalyptol, Liquor, Tinctura, Pulvis und Gummi von mehreren Eucalyptusarten. Ueberdiefs lagen vor: Oleum Mentha piperitæ, M. viridis, Melaleucæ genistifoliæ, Essentia Atherospermatis, Botanybai- Harz von Xanthorrhoea hastilis, Arrowroot aus dem Gippsland. Aukland war ftark an fchönem, reinem, durchfichtigem Kaurie Gum und an Fungus( Hirneola polytricha, Hirn. Auricula Judæ); letzterer wird als Efswaare viel nach China exportirt. Mauritius liefert die Früchte von Myristica moschata und Gewürznelken. Von den 62 Holzarten führen wir an: Camphora officinalis, Nephelium Litschi, Acacia Lebbek, Cinnamomum Cassia, Hymenæa verrucosa, Artocarpus integrifolia. Cap der guten Hoffnung. Es lagen 2 Sorten Aloë vor, beide in viereckigen Holzkiftchen: die eine als grofses viereckiges Stück, an den Kanten durchfcheinend, gibt ein canariengelbes Pulver; die andere licht graulich leberartig, undurchfichtig, von mufchligem Bruche. Bucchublätter und überdiefs Blätter von Barosma crenulata, jene ftellen ein Blättergemifch von Barosma- Arten dar. Ueberdiefs weifses und braunes Gummi und wilder Capsaflor, ohne Angabe der Mutterpflanze, welche aber Liperia crocea Eckl. ift und fich in unferer Sammlung befindet, am Cap ftatt Saffran im Gebrauch( das Ausfehen desfelben ftimmt mit dem des macedonifchen Saffrans überein, die Eigenfchaft, dem Waffer fogleich feinen gefättigt gelbröthlichen Farbftoff mitzutheilen, die Form der Blüthen laffen eine Verwechslung mit dem echten Saffran leicht zu); fehr grofser Kuchen von vegetabilifchem Wachs, wahrfcheinlich von Myrica cerifera. Weftafrika brachte Bienenwachs, Capsicum, Ingwer, Palm nuts kernels, Guinea seed( find wohl Grana paradisi), Palmöl; Natal 2 Sorten Arrowroot; Bahama Infeln Cascarillrinde, Canella alba und Schwämme. 14 K. D. Ritter v. Schroff. Was das Mutterland England betrifft, fo ift fehr zu bedauern, dafs mehrere der gröfseren Firmen, wie Howard, Morfon( Darfteller des kryftallifirten Aconitin), Mac Pharlan( durch die Darſtellung des von Matthiessen und Wright entdeckten Apomorphin bekannt), gar nicht oder, wie Morfon, fehr unbedeutend ausgeftellt haben; dagegen ift das Haus Smith& Comp.( Edinburgh und London), von der Parifer Ausftellung her im beften Andenken, durch feltene zum Theil neu entdeckte und dargestellte chemifch- pharmaceutifche Präparate in würdiger Weife repräfentirt. Wir machen insbefondere auf folgende Opiumalkaloide und deren Salze( eine Specialität der Firma) aufmerkfam: Morphin und Morphinfalze, falzfaures Thebain, Codeïn, Narceïn( aus Waffer und Alkohol erhalten, das letztere in fchönen feidenglänzenden Kryftallen), Narkotin, mekonfaures Papaverin, reines, kryftallifirtes, falzfaures und fchwefelfaures Kryptopin( von Smith 1864 entdeckt), Mekonin, Thebolaktiksäure( gleichfalls von Smith zuerft dargeftellt), farblofes, wafferklares( fängt bereits fich zu färben an) Coniin, Coffeïn in einem grofsen Kuchen, Aloin( 1850 von Smith entdeckt), ein aus 200 Kilo Aloë durch Deftillation aus der wäfferigen Löfung erhaltenes aromatifches flüchtiges Oel( neu), Cantharidin, Resina Scammonii alba( gepulvert), Resina Scammonii in Stücken, Jalapin, fette Subftanz von Capsicum in Waffer und Alkohol löslich, Mannit aus Taraxacum, Furfurin und falpeterfaures Furfurin. Bell& Comp. ftellten flüffige Extracte: Belæ, China, Sarsaparillæ, Malti; succus Conii, Hyoscyami, Scoparii, Taraxaci; dickere Extracte von Belladonna, Conium, Cannabis indica, Lactuca, Hyoscyamus, Taraxacum, Aloin und fchwefelgelbes Podophyllin von Morfon, aufserdem ein reichhaltiges Sortiment der in England fo beliebten granulirten Braufepulver( Citras Bismuthi, Ferri, Quiniæ, Ferri et Quiniæ, Lithiæ, Soda Citro Tartras, Sal Friedrichshalli, Sal Püllna, Carlsbader Salz, Vichyfalz, Ferri Jodidum, unterphosphorig. faurer Kalk), Braufepaftillen( einfache, folche mit Lavendel, Jalapinpaftillen mit 2 Gran Jalapin in 1 Paftille), Leberthran, Oleum Anacardii occidentalis, raffinirte Gelatine, Spiritus Ammoniæ aromaticus aus. Bush führte aufser einer grofsen Menge von Effenzen und ätherifchen Oelen gleichfalls ein Sortiment von granulirten Braufepulvern vor: granular effervescent Lemonade, Citras Magnesiæ et Potassæ et Lithii; granul. efferv. tasteless Seidlitz Powder, Seltzer powder, Vichy-, Carlsbader Salz, efferv. Ginger beer granules. Calvert, der bekannte Carbolfäure- Fabrikant brachte reine kryftallisirte Carbolfäure in einem fehr grofsen Kuchen, flüffige Carbolfäure, verfchiedene pharmaceutifche Carbolfäure- Präparate: Zahnpulver, Toilettenfeife mit 10% Carbolfäure, Carbolic Dog soap, carbolifirte Schafwafch- Flüffigkeit, carbolic. acid. disinfecting powder, carbolifirtes Werg, Pikrinfäure und pikrinfaure Salze. Britifh Seaweed Company ftellt Algen von den Hebriden, darunter ungewöhnlich grofse Exemplare von Laminaria und die verfchiedenen, aus den Tangen gewonnenen chemifchen Producte aus: Kohle für Filter, Cycle charcoal zum Filtriren des House sewage, Jod, Jodkalium, Bromkalium, Chlorkalium. fchwefelf. Ammonium, effigf. Kalk, kohlenf. Kali und aus diefem doppelt kohlenf. Kali. Andere Firmen legten verfchiedene Arten bekannter Harze: Anime, Kaurie, Copal, Mastix, Sandarac, Gum Manilla; andere Fifchöle, verfchiedene Sorten Stärke und Arrowroot bekannter Abkunft vor. Zum Schluffe müffen wir noch der Drogen des englifchen Welthandels gedenken, welche in einem befonderen Haufe in der Nachbarfchaft des Triefter Welthandels fich befanden. Sie waren in verfchloffenen Gläfern von befcheidener Gröfse, daher in kleinen Exemplaren ohne befondere Auswahl untergebracht und auch nicht überfichtlich geordnet. Da diefelben, wie wir nach einer genauen Durchmufterung derfelben wohl mit Grund behaupten können, zum gröfsten Theile in dem Triefter Welthandel, und zwar in einer ausgezeichneten Weife repräfentirt find, die wenigen dafelbft nicht vorkommenden entweder bereits befprochen worden find oder am geeigneten Orte noch ihre Befprechung finden werden, überdiefs die Sammlung auf Vollständigkeit keinen Anfpruch machen kann, fo Die Arzneiwaaren. 15 glauben wir mit diefer Bemerkung uns begnügen zu dürfen, ohne in die Sache näher einzugehen. FRANKREICH war in feinen Colonien und in Algier, das felbftftändig für fich getrennt von den Colonien, wie in Paris, ausgeftellt hat, glänzend vertreten. Die Drogen find faft durchgehends bezüglich ihrer Abftammung wiffenfchaftlich beftimmt und gibt ein zweckmäfsig abgefafster Katalog die entfprechende Auskunft, felbft mit einigen Worten Andeutungen ihrer Wirkungen. Die Unterbringung derfelben in grofsen Gläfern mit entfernbaren eingeriebenen gläfernen Stöpfeln Bei der Aufläfst eine genauere Betrachtung und Unterfuchung derfelben zu. ftellung hat man hie und da der Eleganz zu fehr Rechnung getragen und darüber die Aneinanderreihung des Zufammengehörigen vernachläffigt. Bei keiner der früheren Ausftellungen war man fo leicht wie hier im Stande, eine genaue Einficht in die vorliegenden Objecte zu nehmen. Im Allgemeinen muss noch bemerkt werden, dafs Frankreich in den letzten Decennien die gröfsten Anstrengungen gemacht hat, vermöge feines confequent durchgeführten Akklimatifationssyftems in feinen Colonien Alles zu vereinigen, was die Natur auf die verfchiedenften Punkte der Erde vertheilt hat; daher man auf denfelben nicht nur das Einheimifche, fondern auch viel Fremdes und in den tropifchen Befitzungen fich häufig Wiederholendes findet. Bei dem hier dargebotenen Reichthume müffen wir uns in unferer Mittheilung nur auf das Wichtigere befchränken. Wir betrachten zunächft die amerikaniſchen Colonien: Martinique, Guadeloupe, Guyane, Saint- Pierre- Miquelon. Martinique. Die hier gebauten Gewürze: Gewürznelken, Zimmt, Tonkabohnen, Muscatnüffe, Früchte von Myrtus acris( fehr ähnlich denen von Myrtus Pimenta), haben keine befondere Bedeutung für den Handel, da fie im Lande felbft meiftens verbraucht werden. Um fo wichtiger find die Medicinalpflanzen, an denen Martinique fehr reich ift. Aufser den bekannten: Bittera febrifuga, Cassia Fistula, Citrus medica, Contrayerva, Erythroxylon coca, Exostemma floribundum, Guajacum officinale, Ilex paraguyensis, Quassia amara, Simaruba excelsa und S. officinalis, Spigelia anthelmia, Swietenia Mahagoni erwähnen wir noch insbefondere Cinchona nitida und eine nicht näher beftimmte Species von Cinchona, durch Belanger eingeführt, welche vortrefflich gedeihen follen auf den Höhen der Infel. Die vorliegenden Proben, dünne eingerollte Rinden von grauer, ins Bräunliche ziehender Farbe gehören noch fehr jungen Exemplaren an. Dafs man die an Alkaloiden arme C. nitida pflanzt, ift zu bedauern. Die Rinde von Andira racemosa, im Volke Angelin genannt, gilt als vermifugum. Die Blätter von Anona muricata und von A. squamosa als adstringentia, tonica, ebenfo die Rinden von Carapa Guyanensis, Cecropia peltata, Cerasus sphærocarpa, Sapota Achras. Als Narcotica finden Anwendung die Blätter von Atropa arborescens und Solanum triste. Als fchweifstreibend werden angeführt die Blätter von Aralia. arborea, von Ruellia und Stachytarpheta jamaicensis. Die Blüthen von Tecoma leucoxylon dienen als Antisyphiliticum. Stimulantia find die Blüthen von Uvaria odorata, die Pulpa der Früchte von Coffea arabica, die Blüthen der Sauvagesia erecta, unter dem Namen Bergthee bekannt, die Blätter von Spermacoce. Purgantia find die Samen von Iatropha multifida, die Rinde von Plumiera rubra( deren Blüthen gehören zu den Bruftmitteln), die Blätter von Cassia brasiliensis. Escharotica und Vesicantia find die Samen von Caryota urens, im gepulverten Zuftande jene von Guilandina bonducella, die Wurzel von Plumbago scandens. Gegen Flechten werden empfohlen die Blätter von Cassia alata, gegen Leberleiden Egletes domingensis, als Emmenagogum die Blätter von Laurus Persea, gegen Atonie des Darms die Blätter von Lantana Camara, gegen Dyfenterie Mangifera indica, bei Milzleiden Scutellaria purpurescens. Als Diureticum die ganze den Gräfern angehörige Pflanze Chloris radiata, die Wurzel von Heliconia caribæa. Als Fiebermittel aufser den Cinchonen Exostemma floribundum, vulgo 16 K. D. Ritter v. Schroff. Quinquina Piton, zugleich Brechmittel, die Rinde von Sapota Achras. Unter den Färbepflanzen ift Holz und Extract von Hæmatoxylon campechianum, die Wurzel von Morinda Rojoc, die Blätter von Anacardium occidentale, insbefondere Bixa orellana zu erwähnen. Die ölreichen fowie die amylumreichen Pflanzen find die in den Tropenländern gewöhnlichen und bilden ihre Producte keinen Exportartikel. Guadeloupe. Die früher fo blühende Cultur des Kaffeebaumes, welche im Jahre 1790 bis 7,500.000 Pfund als Erträgnifs lieferte, ift in Folge von Stürmen, Krieg und der Krankheit des Kaffeebaumes bedeutend zurückgetreten. Man baut aufser Coffea arabica auch die Varietät Coffea microcarpa und die Bevölkerung nimmt wohl auch zu Surrogaten ihre Zuflucht, welche Psychotria citrifolia( Bergkaffee) und Cassia occidentalis liefern; die Samen der letzteren werden im geröfteten und gepulverten Zuftande auch gegen hartnäckige Sumpffieber angewendet. Unter den Gewürzen ift die Frucht von Vanilla pompona und von Vanilla sativa hervorzuheben. Zu arzneilichen Zwecken werden verwendet die Wurzel rinde von Acacia Farnesiana, die Blätter von Anona muricata, beide als adstringentia, die Blätter von Capraria biflora, Thee der Antillen, als excitans, die Rinden von Exostemma Caribæa, vulgo Quinquina caraïbe, und von Exostemma floribundum, vulgo Bois Tabac, beide als febrifugum und emeto- catharticum. Bursera gummifera liefert Resina de Gomant und Hymenæa courbaril Resina Anime. Fette Oele liefern Aleurites triloba, Calophyllum Calaba, Lucuma mammosa, Oreodoxa cleracea und Or. regia. Guyana birgt zumal in feinen unermefslichen Wäldern eine reiche Fülle ungehobener Schätze der Natur. Diefe Colonie könnte enorme Quantitäten Simaruba, Quassia amara, Sassaparille, Copaivbalsam, Pareira- brava- Wurzel liefern, wenn Nachfrage darnach wäre; da fie fehlt, ift der Export faft Null. Wir heben aufser den bekannten Gewürzen und den genannten noch hervor: die Blüthen von Bignonia leucoxylon, von Boerhavia diandra, vulgo Ipeca du pays, von Chenopodium anthelminticum, die als Diureticum geltende Rinde von Erythrina corallodendron, die in den Tropenländern fo beliebten Blätter von Eupatorium Ayapana, die indifche Melisse Hyptis capitata, ferner Justitia pectoralis, Mucuna urens, Myristica sebifera, Potalia amara( emmenagogum und antisyphiliticum), Nandhiroba, Psidium aromaticum zu Theeaufgüffen. Unter den thierifchen Drogen ift befonders die Schwimmblafe des Silurus felis zu erwähnen, welche zur Klärung des Bieres vorzüglich verwendet wird und die aus ihr bereiteten bänderartigen, fchön weifsen Stücke, welche fich im Waffer vollkommen löfen und die Haufenblafe zu erfetzen vermögen. Als Stellvertreter des arabifchen Gummi dient das von Anacardium occidentale, das überdiefs in feinem Samen ein fettes Oel liefert, abftammende Gummi; auch Achras balata fpendet Gummi. Die häufig wachfende Humiria balsamifera liefert einen fchönen Balfam( unfere Sammlung bewahrt denfelben in dem harten Gehäufe von Palmfrüchten), Hymenæa Courbaril gibt Anime und Icica aracouchini gleichfalls Harz. Die Samen von Astrocaryum vulgare und Astrocaryum acaule, von Bertholletia excelsa, Carapa guyanensis, Livistonia sinensis, Mauritia flexuosa, Omphalea dianara, Ravenala guyanensis, Sagus Raphia etc. liefern fettes Oel. Saint Pierre und Miquelon theilen mit dem Nachbarlande, der grofsen Infel von Neufoundland, und mit Canada diefelben Erzeugniffe. Zu Genufsmitteln werden auch hier verwendet die Blätter von Gaultheria procumbens, Thee rouge, von Ledum latifolium, Thee jaune, von Vaccinium hispidulum, Thee von Neufoundland. Unter den thierifchen Producten: Castoreum( im Katalog, aber nicht in der Ausftellung zu finden; die Herren Shehan, Clinton& Comp. find geneigt über Beftellung dasfelbe in grofser Menge zu liefern), Oleum jecoris aselli, welches letztere von der Firma Delahaye& Vettier fo rein, blank gewonnen wird, dafs es nach dem Urtheile der Academie de médecine von Paris mit dem beften norwegifchen und englifchen wetteifern kann; aufserdem geht fehr Die Arzneiwaaren. 17 viel brauner Leberthran nach Frankreich, wo er zum Theil in der Nähe von Paris gereinigt unter dem Namen Jungfernöl um einen wohlfeilen Preis verkauft wird. Dr. Vivien ftellt ein medicinifches Extract aus der Stockfifch- Leber aus, von dicker Confiftenz und brauner Farbe, fowie damit gefüllte Dragées mit gelbem, weifsem und rothem Ueberzuge, eine unglückliche Idee! Auch Leberthran vom Hai liegt vor. Senegal fowie die Niederlaffungen am Gabon repräfentiren die weftafrikanifchen Befitzungen Frankreichs. Die erftere Colonie hat für letzteres eine fehr grofse Bedeutung, weil es feinen enormen Bedarf an Gummi zu medicinifchen und insbefondere zu technifchen Zwecken vollkommen deckt. Da dafelbft diefelben Akacia- Arten wie in den oberen Nil- Ländern vorkommen und die anderweitigen klimatifchen Bedingungen fehr ähnlich find, fo erklärt fich die Gleichheit der Producte beider Länder. Aufser anderen Akacia- Arten find es insbefondere Acacia Verek, Acacia Nebouede, Acacia albida, Acacia Adansonii, deren Rinde überdiefs reich an Gerbfäure, welche Gummi vorzüglich in den Ländereien der Mauren Braknas und Trarzas, dann in Galone, Bondou und Bambouk liefern. Die jährliche Ausfuhr beträgt ungefähr 3 Millionen Kilogramm. Bordeaux hat den Handel damit faft ausfchliefslich in den Händen. Es liegen 23 Proben verfchiedener Gummiforten des Handels, welche eine eigene mit dem Gummihandel fich befchäftigende Gefellſchaft ausgeftellt hat, vor. Bei jeder ift die Eignung derfelben für befondere Zwecke, für Pharmacie, Deftillerie, Confiferie, Spitzen und Weifszeug, für Gewebe, Tinte etc. angegeben. Eine andere Compagnie hat Gomme bas du fleuve, Gomme de Galam und Salabreda- Gomme ausgeftellt, gleichfalls mit Angabe der Verwerthung zur Erreichung befonderer Zwecke. Kein Land ift fo reich an ölfpendenden Pflanzen als der Senegal: Arachis hypogæa, Balanites ægyptiaca, Bassia butyracea( Galambutter), Carapa Touloucouna, Chrysobalanus icaco, Curcas purgans, Ricinus und Cucumisarten, Elais guineensis, Lophira alata, Sesamum orientale find die vorzüglichften. Als Gewürz dient der Pfeffer von Sedhion, von Uvaria æthiopica. Zu medicinifchen Zwecken werden verwendet: die Blätter von Adansonia digitata als Emolliens, die Früchte und ihre Pulpe als kühlendes Mittel; die Früchte von Balanites ægyptiaca dienen als Purgans, die Wurzel als faponinreiche Subftanz; die Rinde von Khaya senegalensis, Cail cedra, als bitteres Tonicum; die Wurzel von Celastrus senegalensis, vulgo Guenoudek, als Antidysentericum; Lawsonia inermis, vulgo Hemie oder Foudenn, als Anthelminthicum und emmenagogum. Ueberdiefs Smilax Sarsaparilla und Tamarindus indica in bekannter Verwendung. Unter den Producten Gabons find aufser Amomum citratum befonders die zu Gottesurtheilen verwendeten Gifte: die bekannten, in ärztlicher Verwendung bereits ftehenden Calabarbohnen von Physostigma venenosum, das ausgezeichnete, von Pelikan geprüfte Herzgift Inée oder Onaye und Icaja, oder mehr bekannt unter dem Namen M'boundou, hervorzuheben. Das Letztere ftammt von einer Strychnacee und ftellt von 1-10" dicke holzige Aftftücke dar, mit theils grauer, theils rothbraun gefärbter, fehr dünner Rinde und weifsem, relativ ftarkem Holzkörper von faferigem Bruche. Inée oder Onaye verdankt feinen Urfprung einer Apocynee oder Asclepiadee und befteht aus den mehrere Centimeter langen, zum Theil aufgefprungenen Balgkapfeln, in denen die zahlreichen mit einem weifsen Haarfchopf verfehenen Samen, deren mehrere auch frei im Glafe fich befinden, enthalten find. Noch ift zu erwähnen Tetrapleura Thonningii, deren Rinde in Abkochung als Brechmittel und als Räucherung fiebervertreibend wirkt; ferner die Copal liefernde Guibourtia und die ölreiche Irvingia Barteri, von welcher die bekannte Dica abftammt, welche in rohen und in geprefsten Kuchen vorliegt. Die im indifchen Ocean gelegene Infel Reunion oder Bourbon, ungemein reich an Kaffee( aufser Coffea arabica wird auch Coffea mauritiana, Coffea microcarpa, Coffea laurina gebaut), an Gewürzen: Vanille, Gewürznelken 2 18 K. D. Ritter v. Schroff. Piment, Muscatnüffen und Macis, befitzt auch fehr viele zu medicinifchen Zwecken verwendbare und an Arom reiche Pflanzen; zu den letzteren gehören der Fahamoder Bourbonthee von Angræcum fragrans, welcher, trotzdem dafs er bei der letzten Parifer Ausftellung in grofser Menge zum Verkaufe ausgeboten wurde, fich namentlich bei uns einzubürgern nicht im Stande war, ferner die Vetiver wurzel von Andropogon muricatum( auf Bourbon als Choleramittel gefeiert feiner Zeit), Betel von Piper Betle, Patschouli von Pogostemon Patschouli, Blätter und Holz von Cookia anisetta, Blätter und Früchte von Agathophyllum aromaticum, unter dem Namen Ravensara in alten Sammlungen längft bekannt. Von der grofsen Zahl medicinifcher Pflanzen erwähnen wir nur folgende: Adstringentia: Rinde von Acacia Lebbek, Andromeda pyrifolia, Anthiræa verticillata, Celtis madagascariensis( auch febrifugum), Diospyros sapota negro, Jossinia elliptica, Mangifera indica, Psidium pyriferum, Sidoxylon borbonicum, die Blüthen von Parthenium hysterophorus, die Wurzel von Polygonum serratum, das Kraut von Kyllingia brevifolia; Diaphoretica: Adianthum rhizophorum, Ageratum conyzoides, Anatherum muricatum, Andropogon citriodorum, Dodonæa viscosa, Eupatorium Ayapana, Leea sambucina, Quivisia ovata, Siegesbeckia orientalis( herbe divine, als ausgezeichnetes sudorificum gerühmt); Diuretica: Die Blätter von einer Art Cajanus, die Wurzel von Cocos nucifera, Equisetum( ohne Angabe der Species), Euphorbia thymifolia, Phyllanthus Niruri; Purgantia: Curcus purgans, Croton Tiglium, Ipomoea angulata, Liane de Salam( unbeftimmt), Oxalis corniculata(?), Tamarindus indica; Febrifuga: Toddalia aculeata, Adansonia digitata( im Katalog als mucilaginosum und antidysentericum angeführt), Celtis madagascariensis, Mussænda arcuata( Blätter), Sidoxylon borbonicum; Narcotica: Cannabis indica, Datura Stramonium( Blätter als anti- asthmaticum); Emollientia: Triumfetta glandulosa, Hibiscus( Blüthe), Bolbophyllum natans, Adansonia digitata( Früchte); Excitantia: Leucas zeylanica, Laurus cupularis( die Blätter zu aromatifchen Bädern), Laurus persea( zugleich emmenagogum), unbekannte Species von Laurus, Eucalyptus Globulus, Angræcum fragrans; Emetica: Gendarussa vulgaris, Secamone emetica, vulgo Ipéca du pays; Antidysenterica: Terminalia catappa, Polypodium umbrosum, Mangifera indica, Euphorbia hypericifolia, Celtis madagascariensis, Adansonia digitata( Rinde). Die Blätter von Elæodendron orientale, vulgo Bois rouge, gelten als ein Gift; Acacia dealbata und Acacia Lebbek liefern Gummi, Calophyllum Tacamahaca gibt Tacamahacaharz. Fettes Oel und Amylum werden aus den in den Tropenländern allerwärts vorkommenden bekannten Pflanzen gewonnen. Mayotte und Nossi- Be im Canal von Mozambique, fowie Sainte Marie de Madagascar hatten fchönes Tacamahacaharz von Calophyllum Tacamahaca, jene Colonie noch überdiefs Arecanüffe, gelbes Sandelholz, Cocosnüffe fammt deren Oel, Roccella montagnei und Samen von Bixa orellana ausgeftellt. Neu Caledonien, in feiner erften Entwicklung begriffen, verfpricht bei dem Reichthum feiner Producte( das an neuen Pflanzen fehr reiche von Pancher& Sebert ausgeftellte Herbarium von Neu- Caledonien liefert den beften Beweis hiefür) eine glänzende Zukunft. Wir erwähnen vor allen eine nicht näher beftimmte Rubiacee, welche in ihrer Rinde Cinchonin und Chinin enthält und welche als bitter adftringirendes Mittel Anwendung findet, ferner die Rinde einer Ocotea- Art, das Sandelholz von Santalum austrocaledonicum, die Samen und das purgirend wirkende Oel von Fontainea Pancheri, Harz von Calophyllum Inophyllum und von Spermolepis gummifera, Kaoriharz und deffen Oel von Dammara Kookii und Dammara ovata( das letztere findet Verwendung gegen Rheumatismus und zur Erhaltung anatomifcher Präparate), die tonifch wirkenden Blätter von Melaleuca viridiflora, Exidia Auricula Judæ, ein in China gefuchter Genufsartikel, und Polyporus betulinus. Eine grofse Anzahl zum Theil ganz neuer Hölzer. Die Arzneiwaaren. 19 Tahiti ftellte gleichfalls Exidia Auricula Judæ aus, das in ziemlich bedeutender Menge nach China und San Francisko exportirt wird. Vanille und das unvermeidliche Genufsmittel Piper methysticum in einem ausgezeichneten Exemplare, im Katalog als antisyphiliticum angeführt, find noch zu erwähnen. Aus der letzteren Wurzel wird viel Alkohol gewonnen. Von den zahlreichen, ausgezeichnetes Holz liefernden Bäumen fei nur jener gedacht, von denen man ärztlichen Gebrauch macht, als da find Rinde und Samen von Chiococca barbata, Rinde von Echites costata und Hernandia sonora. Fettes Oel liefern die Cocuspalme, Aleurites triloba( auch als Abführmittel in Gebrauch) und Calophyllum inophyllum, Amylum die auf Tahiti häufig wachfende Tacca pinnatifida, Parfum Santalum Freycinatianum. Es erübrigt noch, die franzöfifchen Niederlaffungen in Indien und Cochinchina zu befprechen, beide ungemein reich an Naturproducten, welche den Arzt intereffiren; jene fchliefsen fich an Oftindien, diefe machen den Uebergang zu jenen von China. Franzöfifch Indien brachte aufser Zimmt, Gewürznelken, Sternanis, fchwarzem Pfeffer, Coriander, Pfefferkümmel die aromatifchen Blätter von Feronia elephantum, die Blüthen von Bassia latifolia und die Früchte von Anethum sova als gewürzhafte Subftanzen. Von den zahlreichen medicinifchen Pflanzen heben wir nach ihrer Wirkung geordnet folgende hervor: Purgantia: Acalypha indica( Wurzeln und Blätter), Alangium decapetalum( zugleich wurmtreibend), Allamanda cathartica, Aloë littoralis, Cassia obtusa, C. Roxburghi, Cerbera thevetia( Rinde und Wurzel, Samen fehr giftig), Coccinia indica, Cucumis Colocynthis, Cynanchum extensum( zugleich brechenerregend), Dæmia extensa( zugleich emeticum), Euphorbia hypericifolia, Hura crepitans( emeto- catharticum), Iatropha multifida, Mirabilis Jalapa, Ricinus communis, R. viridis, R. spectabilis und R. inermis( die Samen der beiden letzteren befonders grofs). Emetica: Blätter von Adhatoda vasica, Wurzel von Asclepias prolifera und Asclepias volubilis, Samen von Azadirachta indica( zugleich anthelminthicum), Gendarussa vulgaris, Hemidesmus indicus( als emeticum angeführt, die Wurzeln bekannter Stellvertreter der Sassaparilla), Wurzel von Tylophora asthmatica. Narcotica: Cannabis indica, Samen von Anamirta Cocculus, Datura fastuosa ( Kraut gegen Afthma), Datura lucida( Wurzel), D. metel( Früchte und Blätter betäubend), Ignatia amara, Strychnos nux vomica, Str. Potatorum, Strychnos sancti Ignatii( Innaci cottaï, alfo verfchieden von Ignatia amara?). Diaphoretica et stimulantia: Acorus calamus, Alpinia galanga major, Chavica Roxburghi, Cinnamomum, Fenchel, 2 Arten Galanga, darunter officinalis, Nepeta calabarica, fchwarzer und langer Pfeffer, Valeriana Jatamansi. Diuretica: Chavica Roxburghi, Euphorbia pilulifera, Phillanthus niuri, Physalis flexuosa. Emollientia: Martynia viscosa( die pulpenreiche Frucht), Pavonia odorata, Pedalium murex ( Samen). Adstringentia: Achyranthes aspera, Aegle marmelos( ganze Früchte und Blätter), Ailanthus excelsa( Rinde und Blätter), Areca Catechu, Cratæva nurvala( Rinde), Chicrassia tabularis( Rinde), Ficus religiosa( Blätter und Rinde). Vesicantia: Ammania vesicatoria, Anacardium orientale( Früchte), Cratæva nurvala( Wurzel), Plumbago zeylanica( Wurzel), Salvadora persica( von fchwacher Wirkung), Sinapis sinensis( rubefaciens). Vermifuga: Alangium decapetalum, Euphorbia microphylla, Punica Granatum, Rottlera tinctoria fowohl in Früchten als die davon gefammelten Drüsen( Kamala, man unterscheidet zwei Varietäten: Kapila podie und Kapila Kaï), Vernonia anthelminthica. Febrifuga: Andrographis paniculata( Wurzel), Anisomeles malabarica, Exacum hyssopifolium, Feronia elephantum( Wurzel in Fiebern der Kinder), Gentiana chirayta, Menispermum cordifolium, Scopolia aculeata( Wurzel), Toddalia aculeata. Antidysenterica: Aegle marmelos, Tylophora asthmatica, Verbena nodiflora, Wrightia antidysenterica. Noch verdienen Beachtung: Aristolochia indica( Wurzel emmenagogum), Bambusa arundinacea( Tabaxir liefernd), Butea frondosa( Wurzel gegen Fieber 2* 20 K. D. Ritter v. Schroff. der Kinder, Samen wurmwidrig), Casalpinia Sappan( Samen emmenag.), Gracilaria lichenoides( Zeylonmoos), Gratiola Monnieri( aphrodisiacum), Hydrocotyle asiatica, Jonidium suffruticosum( gegen Harnbefchwerden), Mimusops elengi ( gibt ein ärztlich verwendetes Oel), Monetia barlerioides( gegen Huften und Schwindfucht), Nerium odorum( Wurzel, gegen Hautaffectionen), Piper betle und P. Cubeba, Solanum Jacquini( expectorans), Solanum trilobatum( gegen Schwindfucht), Tephrosia nitida( gegen Dyspepsie). Acacia arabica, A. Lebbek, A. leucophloea, Azadirachta indica, Bassia latifolia, Cassuvium pomiferum, Cocos nucifera, Feronia elephantum, Mangifera indica, Odina pinnata, Spondias mangifera liefern Gummi. Vateria indica gibt Harz, weifser Dammar insgemein genannt, Canarium strictum gibt fchwarzen Dammar, Boswellia serrata liefert Weihrauch. Unter den Oel gebenden Samen erwähnen wir mit Uebergehung der gewöhnlich in den Tropenländern vorkommenden folgende: von Argemone mexicana, Azadirachta indica, Bassia latifolia, Bauhinia candida, Bombax malabaricum, Butea frondosa, Cochlospermum Gossypium, Polanisia viscosa, Sterculia foetida, Thespesia populnea. Amylum liefern Eleusine Coracana, Penicillaria spicata, Musa paradisiaca, Maranta arun dinacea etc. Aus dem Thierreich: Mylabris punctata und Myl. pustulata, alfo diefelben wie in China. Cochinchina hatte im Jahre 1869 eine Handelsbewegung von 77,500.000 Fr., wovon 50,000.000 auf die Ausfuhr, 27,500.000 Fr. auf die Einfuhr fallen; es ift die Kornkammer des äufserften Often. Von Gewürzen und aromatifchen Subftanzen machen wir namhaft: Amomum racemosum et villosum, A. xanthioides, A. Zingiber, Piper nigrum aromaticum und den wilden Pfeffer, Vanille, die Rinde von Alixia aromatica, das Holz von Aquilaria Agallocha. Unter Matières medicinales ftellte Barbed or aus: Rofsaloe grünen Anis, römifchen Kümmel, Arekanüffe, die Alge Gelidium spiniforme, das Haï- thao der Chinefen, eine adftringirende fiebervertreibende Rinde einer Crotonfpecies, Süfsholzwurzel, Rinde von Haopha, einer Laurinee angehörig( Fiebermittel), Sternanis, Betelblätter, Krähenaugen, Rhabarber von Rheum palmatum( das fchlechte Ausfehen ſpricht nicht für diefe Abftammung, ftimmt mehr für Rheum rhaponticum), Sterculia scaphigera( auch von China ausgeftellt). Von Bäumen find bemerkenswerth einige Balfam liefernde Arten von Dipterocarpus, namentlich D. levis und D. crispalatus, Cinnamomum Camphora, Pterocarpus santalinus, Shorea rubriflora( liefert ein dem Tacamahak ähnliches Harz). Unter den Färbeftoffen wird aufser Catechu, Orlean, Indigo, auch Coscinium fenestratum( wohl wegen des reichen Gehaltes an Berberin), Gummigutt, Gamber aufgeführt. Eine ziemlich fchlechte Sorte Benzoë von Styrax Benzoin. Unter den öligen Subftanzen ift nur das Fett von Croton sebiferum hervorzuheben. Unter den thierifchen Stoffen machen wir aufser Bienenwachs auf zubereitete Fifchfloffen, welche mit den von China ausgeftellten Haififchfloffen zufammenfallen, auf Fifch- Schwimmblafen, auf die efsbaren Schwalbennefter und auf die im Lande hochgefchätzte Fifchfauce, von welcher über 7,000.000 Litre im Lande verzehrt werden, auf die japanifche Haufenblafe insbefondere aufmerkfam. Algerien. Wie fich Frankreich und Algier bei der Parifer Ausftellung Thapsia garganica zur allfeitigen Benützung auserwählt hatten, fo ift diefs gegenwärtig mit den in Algier fo trefflich gedeihenden Eucalyptusarten, insbefondere mit Eucalyptus globulus und E. argentea der Fall, welche in einer den Franzofen eigenen Weife nach allen möglichen Richtungen zur Darstellung der verfchieden iten Präparate ausgebeutet werden, worüber wir in einem befonderen Artikel ſpäter berichten werden. Von der in Frankreich eingebürgerten und von feiner Pharmakopee aufgenommenen Thapsia liegen auch hier aufser der Wurzel und den Früchten Emplastrum Thapsia, Thapsia veterinaire und das Harz vor. Dafs die gleichfalls in Nordafrika, in der Gegend der altzn Kyrene wachsende Thapsia Die Arzneiwaaren. 21 Silphium in ihrer bei Weitem ftärker entwickelten Wurzelrinde mehr und kräftiger wirkenden Harzfaft enthält, haben meine vergleichenden Verfuche mit beiden Wurzelrinden aufser Zweifel gefetzt. Nähere Auskunft über die Wurzelrinde von Thapsia Silphium gibt meine Abhandlung über eine in der Gegend der ehemaligen Kyrene gefammelte Wurzelrinde und über das Silphium der alten Griechen( med. Jahrbücher Z. d. G. d. A. 1. und 2. Heft 1862). Opium in 2 Sorten ftellt blofs der Acclimatifationsgarten aus, während bei der Parifer Ausftellung mehrere Landwirthe Opium ausgeftellt hatten, zum Beweife, dafs der Anbau von Papaver behufs der Gewinnung von Opium fich nicht lohnt, wie denn ziffermäfsig im Katalog nachgewiesen wird, dafs durch das Erträgnifs an Opium kaum die Erzeugungskoften gedeckt werden. Man hat alfo keine Urfache, ferner noch von einem algierifchen Opium als Handelswaare zu fprechen. Dem Katalog zu Folge foll das algierifche Opium eine grössere Menge Morphin und weniger Codëin und Narcëin enthalten als das im centralen oder nördlichen Frankreich gewonnene. Die eine der Opiumforten ftammt von Papaver somniferum und bildet meift platte Kuchen oder unregelmässige runde Stücke, aufsen nicht bedeckt, auf dem Bruche ziemlich gleichmässig fchwarzbraun. Die andere Sorte ift aus bengalifchem Mohn gewonnen und ftellt grofse, unregelmäfsige, aus einzelnen Thränen beftehende Stücke von fchwarzer Farbe dar. Derfelbe Garten brachte bei der Parifer Ausstellung Chinarinde von Cinchona Calisaya, heuer vermiffen wir fie. Als dem Lande eigenthümlich erfcheinen drei bei den Einwohnern übliche Theeforten: Thé des Bibans, Thé de l'Aurès( von beiden die Abftammung dem Kataloge zu. Folge unbekannt, der in der Flora Algiers tüchtig bewanderte Herr Commiffär theilte uns aber gefälligft mit, dafs jener von Cistus albidus, diefer von Cistus heterophyllus Desfont. abftammt, aufser den aromatifch riechenden Blättern find auch aufgefprungene Kapfelfrüchte darunter), Thé arabe( Blüthenköpfchen von Paronychia nivea und argentea Lam., zweier an den Ufern der Bäche, an trockenen Weiden häufig vorkommender kriechender Gewächfe, welche den Coloniften in der Form des Thee aufguffes als stimulans, fchweifstreibend gelten; die Blüthen der zweiten Art, Sanguinaire des Volkes, dienen als emmenagogum); gewiffermafsen als die vierte Art Thee die Blätter von Aceras, Feuilles d'Aceràs( Faham d'Algerie), von Orchis anthropophora, gemein auf den Abhängen des Sahel; die im Schatten getrockneten Blätter geben einen fehr aromatifchen Aufgufs; Blätter von Lippia citriodora, Verveine de l'Inde( bei den Einwohnern als aromatifcher Thee in Gebrauch); Stengel und Blätter von Nymphæa alba; ferner Ergot du Diss, Mutterkorn von Ampelodesmos tenax, von franzöfifchen Aerzten als ftärker wirkend erkannt als unfere Droge; Radix Pyrethri, in grofser Menge in Oran wildwachfend an den Abhängen des Atlas in der Seehöhe von 1.000 Meter, Export beträgt jährlich 10-12 Taufend Kilo, der Preis per Quintal 12-15 Francs, bisweilen auf 35-40 Francs fteigend. Der Gefammtexport von Medicinalwurzeln aus Algier nach Frankreich betrug 58.115 Kilo im Jahre 1870 im Werthe von 116.310 Francs. Als einheimifches Gewürz ftatt des Pfeffers dienen den Eingebornen die beerenartigen Früchte von Schinus Molle. Aufser den nährenden Wurzeln und Knollen mit den aus ihnen dargestellten Amylum- und Mehlarten, fehr vielen Sorten von Datteln und aufser den Färbepflanzen, ferner Cochenille und Kermes, fowie den vielen Oelarten von Olea europæa, Ricinus( amerikaniſcher, chinefifcher, japanifcher Abkunft), Melia Azedarach, Lein- und Arachisöl und aufser dem feften Oel von Latania borbonica wollen wir noch erwähnen: Scilla maritima( rothe Varietät) in ganzen Exemplaren und in getrockneten Schuppen; unter der Bezeichnung Sené von Mercier ausgeftellte Senna, welche aber nichts Anderes ift als die Blätter von Globularia Alypum, welche die Bezeichnung falfche Senna verdienen; Follicules de Senne von Cassia Senna L., Manna der Wüfte Parmelia esculenta, Blüthen von Lavandula Stoechas, Lavatera hispida, Helichrysum Fontanesii 22 K. D. Ritter v. Schroff. L'All., Blätter und Blüthen von Borago officinalis( in Algier und Frankreich als kühlendes Mittel fehr gefucht), Parietaria officinalis, Fumaria capreolata, Erythea centaurium, Rinde der Granatäpfel, Granatwurzel- Rinde( 160-2 Francs per Kilo), Rinde von Daphne Gnidium, Radix Liquiritiæ und Asparagi, Früchte von Capsicum( Piment très fort fehr lange, brennend fcharf fchmeckende, Piment doux halbkuglige, fehr mild fchmeckende, Piment demidoux längliche Kapfelfrüchte), Cannabis indica und verfchiedene daraus bereitete Hafchifchforten, Harz von Pinus haleppensis, Terpentinöl, Schiffstheer, Galipot, Colophonium, Oleum Lentisci, Caroubes de Judée, maffenhaft an den Abhängen des Atlas, Früchte von Ceratonia Siliqua und ein daraus bereiteter Syrup, Glandes von Quercus Ilex var. Ballotta, fehr grofse, leichte, matte, bräunlichrothe Galläpfel, ähnlich den Bassora- Galläpfeln. Als neu heben wir hervor die Tinctur aus den Blättern der Dattelpalme, Erfatzmittel der Arnicatinctur und die Tinctur aus dem Holze derfelben Palme. Dafs Algier bei feinem Reichthum an Korkeichen- Wäldern ausgezeichnete Korke in allen Formen und Gröfsen ausftellt, ift felbftverſtändlich. L'Allemand hat überdiefs faft alle Medicinalpflanzen Algiers als Drogen, fowie im Herbar ausgeftellt, worin fowie auch als Droge noch Adiantum C. V., Scolopendrium, Lorbeeren, Hollunderblüthen, Solanum nigrum( 100 Kilo zu 70-80 Francs), Marrubium vulgare, Conium maculatum, Folia Stramonii, Rinde der Früchte, Samen von Citrus vulgaris, fleurs d'Orange Bigaradier paradiren. Thieriſche Drogen: aufser Cochenille, Kermes noch Meloë majalis, Leberthran vom Hai und Fifchöl. Das Mutterland Frankreich war im Vergleich mit der Parifer Ausftellung felbftverſtändlich fchwach vertreten und bietet wenig Neues von Bedeutung. Wir bedauern, dafs die ausgezeichnete Firma Menier unter den Ausftellern fich nicht befindet. Die Vorliebe der Franzofen für elegante Arzneiformen findet auch diefsmal vielfachen Ausdruck. Wir laffen in Kürze die verfchiedenen Ausfteller die Revue paffiren. In einem Schrank mit der Ueberfchrift: Produits pharmaceutiques, in welchem Societé de prod.pharmac. Adrian, Delpech, Limousin exponiren, bildete den Glanzpunkt das von Nativelle fchon 1866 entdeckte, jetzt aber in vollkommen reinem Zuftande dargestellte kryftallifirte, von der Academie de Médecine mit dem Preife Orfila gekrönte Digitalin, welches in anfehnlicher Menge, blendend weifs in einer eigenen Abtheilung des Schrankes auf blaufammtenem Poftamente prangt. Während das 1867 in Paris exponirte Digitalin Nativelle's noch mit der von ihm fogenannten substance inerte gemengt war, repräfentirt das nun vorliegende Präparat, eine fchön weifse, feine, fehr leichte, wollig ausfehende Maffe, die reine wirkfame Subftanz, von der als pharmaceutifche Präparate ein Syrup( per Flafche 3-4 Francs) und Dragées de Digitaline crystallisée( 60 Stück, deren jedes 14 Milligramme enthält, koften 3 Francs) vor uns liegen. Delpech und Ardisson bringen eine grofse Reihe von Eucalyptuspräparaten, über die wir fpäter berichten, ferner Capsules und Saccharure à l'extrait alcoolique- étheré de Cubèbe; Limousin Chloral perlé, Dragées de Chloral( 25 Centigramme in I Stück) und Cachets medicamenteux, fehr weifse Oblaten aus zwei an einander gefchweifsten Scheiben mit darin eingefchloffenen medicamentöfen Stoffen: Rhabarber, Chinin, Schwefel etc., ferner Granules de Codeine zu I Centigramm, de Strychnine zu I Milligramm, verfchiedene Alkaloide, äthylfchwefelfaure Salze( Sulfovinate wurden bekanntlich zuerft von Rabuteau als leichte und angenehme Purgantia in die Praxis eingeführt). Von den verfchiedenen pharmaceutifchen Geräthfchaften erwähnen wir zwei Tropfenzähler, ein titrirter mit Kautfchukkugel und ein zweiter von Lebaigue. Mit Uebergehung der Ausfteller von Chininfalzen find noch zu verzeichnen: Hottot, welcher leider fein Aconitin nicht brachte( wir hätten gerne Verfuche damit ange ftellt), ftellt Pepsin und Präparate desfelben: Pepsinwein und Paftillen, Pepsine Die Arzneiwaaren. 23 acidifiée, dabei auch produits physiologiques von Boudault und Corvisart: Peptone des Kalbes, Ochfen, Huhns, Fifches als Producte künftlicher Verdauung aus. Das Gleiche thun Perret und Hugo: neutrales, albuminfreies extractives Pepsin mit Peptonen, titrirtes Pepsine amylacée( die 11/ 2fache Menge Fibrin verdauend), reines neutrales Pepsin in Pailettes die 40fache Menge Fibrin verdauend, Pepsine acidifiée amylacée die 6fache Menge Fibrin verdauend, Dragées mit Pepsin allein oder in Verbindung mit Diastase und Quinium, Bisquits mit Pepsin und Diastase, aufserdem purgirende Bisquits mit Scammoniumharz, Boules de Quinquina ferro- manganique( 240 Chinin, 16 Eifen, 4 Mangan) reines Quinium aus der Loxarinde und Quinium aus 3 Chinarinden. Desnoix& Comp. aufser Pflaftern, Sparadrapen etc., Samen und Harz von Thapsia nebft Pflafter und Sparadrap daraus das von Tabourin und Lemaire in die medicinifche Praxis eingeführte Hæmatosin, daneben die Afche von 100 Grammen desfelben, welche 10 750 Gramme beträgt. Nach Boussingault enthält die Afche 84121% Eifensesquioxyd( äquivalent 58.884 Eifen) und 13 512% Phosphorfäure. Als Curiofum hängt nebenan ein aus dem Eifen des Hæmatosin geformtes Ehrenlegions- Kreuz im Gewichte von 1'251 Gramm.„ Hæmatosin ift die an Eifen reichfte organifche Subftanz, ift daher, da es leicht affimilirbar ift, das Medicament ferrugineux par excellence"; dasfelbe liegt in Subftanz, längliche und fchalige metallifch glänzende Stücke, in Pulverform und in verfilberten Pillen vor, übrigens bringt Tabourin dasfelbe noch in Form von Paftillen und Chocolate in den Handel. Rigollot liefert nebft Senffamen fein Senfpapier als Erfatzmittel der Senfteige, Moutarde en feuilles. Fumouze und Albespeyre ftellen ihre bekannte Specialität in Vesicatoren, papier epispastique, vor, nebft franzöfifchen, ruffifchen und chinefifchen( aus Mylabriden beftehenden) Canthariden, ferner Meloë Proscarabæus aus Spanien und das daraus dargeftellte Cantharidin; nebftdem Papier antiasthmatique de Barral und eben folche Cigarretten, Capsules de Racquine mit verfchiedenen medicamentöfen Stoffen gefüllt. Reynald& Comp. liefert Porte reméde Reynald, d. i. bougieartige Stängelchen mit Arzneiftoffen: Tannin, fchwefelfaurem Zink etc. imprägnirt für die Harnröhre und ebenfo gefüllte Vaginalkapfeln. Mit Uebergehung deffen, was an Gelatinekapfeln, trockenen Extracten allbekannter Arzneikörper, an Leberthran, ätherifchen Oelen, an Maticokapfeln, Elixir und Vin de Coca, Vichyfalz und Vichypaftillen, Producten der Varekafche ( Jod- und Brompräparaten), Spiritus Menthæ, an Canquoin'fchen Aetzftiften etc. zur Ausftellung gelangt ift, erwähnen wir noch der von Rigaud und Leconte gebrachten Novität Essence de Boldo. Auf der letzten Parifer Ausftellung zog unter den 62 von der Republik Chili ausgeftellten Drogen befonders Boldoa fragrans, eine Chili eigenthümliche Monimiacee, durch das ausgezeichnete Arom, welches alle Theile der Pflanze, insbefondere aber die mit Oeldrüfen reichlich verfehenen Blätter durchdringt, die Aufmerkfamkeit der Befchauer auf fich. Ich habe in meiner kleinen Abhandlung über die chilenifchen Drogen der Parifer Ausftellung( Nr. 32 etc. des Wochenblattes der Gef. d. A. 1867) diefer Pflanze insbefondere gedacht. In der neueſten Zeit will Verne ein Alkaloid, Boldine, aus der Pflanze, welche in zwei getrockneten Exemplaren beiliegt, dargeftellt haben, das auch im unreinen Zuftande in einem kleinen Glafe zu fehen ift. Die Effenz wird gegen Leberkrankheiten, namentlich bei Schafen, aber auch beim Menfchen gerühmt. Was fonft von den Beiden noch geboten wird: verfchiedene Paftillen und elegante Pillen, darunter folche aus dem Extract von Paullinia sorbilis, Granules, auch mit Coniin, Kapfeln mit ätherifcher Löfung von Chloral, Castoreumtinctur etc. ift von geringer Bedeutung. PORTUGAL. Das Mutterland gibt uns wenig Stoff zum Berichten: ausgezeichnete Feigen, Mandeln, Trauben, Orangenfchalen mit deren Effenz, OrangenblüthenEffenz, Ricinus- und Mandelöl, Erdäpfelftärke und unbedeutende pharmaceutifche 24 K. D. Ritter v. Schroff. Präparate erregen kein befonderes Intereffe. Um fo reicher ift die in die Agriculturhalle verlegte Ausstellung der portugiefifchen Colonien, welche fchon in Paris, wo fie in einem befonderen Pavillon prachtvoll ausgeftellt war, Auffehen erregte, ausgefallen. Neues ift nichts hinzugekommen und auch die in Paris fchon vermifste wiffenfchaftliche Beftimmung der nur mit der landesüblichen Bezeichnung ausgerüfteten Drogen hat keine weiteren Fortfchritte gemacht, was bei dem Umftande nicht befremden darf, als der berühmte Botaniker Dr. Welwitfch, unfer Lands mann, von dem gröfstentheils die vorhandenen wenigen wiffenfchaftlichen Beftim mungen herrühren, feitdem mit Tode abgegangen ift und ein würdiger Stellvertreter noch nicht gefunden worden zu fein fcheint. Alle Colonien: Madeira, Indien, Goa, St. Thomas, Mozambique, Cap vert, vor allen aber Angola finden ihre Vertreter, jedoch find die Drogen nicht nach den einzelnen Colonien geordnet. Wir werden nur die genau und die beiläufig beftimmten Drogen mit Uebergehung der zahlreichen übrigen wiffenfchaftlich nicht beftimmten anführen. Von den vorliegenden 45 Arten Samen und Früchten find näher beftimmt: Piper nigrum, Areca Catechu fowohl mit als ohne Hülle, Nux vomica, Artocarpus integrifolia, alle 4 aus Indien; Anacard. occidentale, fowohl aus Indien als Angola mit dem daraus gewonnenen Oleum Anacardii, Wein und Branntwein( Aguardente, Vinho de Caju); Cassia Tara von Capvert, Thiago; Cassia occidentalis( Fedegoso) theils geröftet, theils ungeröftet, Café negre in grofser Menge aus Angola, auch Wurzel und Stamm derfelben liegen vor; Sesamum indicum, Adansonia digitata, Sapindus Saponaria beide von Capvert, Thiago; von der letzteren auch Uvaria æthiopica( Malagueta preta); Cacao von St. Thomas und Kaffee von Macao und Timor; 15 Sorten Ricinusfamen und fehr viele Curcasfamen fammt deren Früchten; ganze Tamarindenfrüchte der Länge nach aufgefchnitten von Capvert; überdiefs drei verfchiedene Sorten derfelben: fehr lange und fchlanke, fehr kurze und breite, und lange, breite und dickere als die beiden erften Sorten, alle von Ilha de St. Thiago; Terminalia citrina Indien, Elais guineensis Angola, Vateria indica Indien, Calophyllum inophyllum( sementes de puna vermelho), Phaseolus radiatus, Dolichos uniflorus, alle 3 gleichfalls aus Indien; Bixa orellana Angola; Penicillaria aus Angola. Von den 13 vorliegenden Rinden ift blofs die Zimmtrinde aus Indien zu nennen, die übrigen Rinden führen nur die einheimifchen Bezeichnungen. Von den 86 Wurzeln fallen allein auf Angola 65. Näher beftimmt find blofs: Pircunea saponacea Welw; Cassia occidentalis( Fedegoso), Boerhavia sp., Glycyrrhiza sp., Cocculus sp.,( Raiz de Abutua, auch die Blätter liegen vor), Swietenia angolensis, alle 6 aus Angola; Serpentaria Indien, Lupoca( Smilacea), Luzassa( Araliacea), Catebula( Labiata), Mueia( auch Rinde)( Combretacea), Mufufutu( Mimoseæ), Mubango( überdiefs Rinde und Samen) Euphorbiaceæ, alle 6 aus Angola; Ruiva dos tintureiros Indien. Von den 7 Arten Blättern ift keine einzige beftimmt und unter den ganzen Pflanzen befinden fich 3 Arten Parmelia und mehrere Roccella- Arten von Angola. Ueberdiefs waren noch 6 Gummiarten, 5 Arten Harz und 23 Arten fetter und ätherifcher Oele vorhanden. Von den erfteren erwähnen wir Gummi arabicum von Capvert, gleichfalls fehr fchönes weifses Gummi von Acacia Farnesiana St. Thiago, Gomme d'Acajou Indien, Gomma de Mubangou und de Muance aus Angola, überdiefs viel Gummi elasticum. Unter den Harzen find erwähnenswerth: Sanguis draconis von Dracæna Draco Capvert, Thiago, fieht fehr unrein, fchmutzig dunkelbraunroth aus, in unregelmässigen Stücken, auf dem Bruche hie und da lichtgelbroth; Resina de Mubafo( Burseracea) ähnlich dem Elemi; viel Copal. Unter den Oelen ift aufser den bekannten von Ricinus, Anacardium occidentale, Elais guineensis, Cocos, Arachis noch zu erwähnen: Ceba de Brindão von Vateria indica, oleo de puna vermelha von Calophyllum spurium, Oleum de Mulango von einer Crotonfpecies aus Angola, oleo de Umpeque von einer Ximenæafpecies; ferner einige Fifchöle, Wallfifchöl und Schildkrötenöl. Zum Schluffe zeigen wir noch an Palmeffig und daraus dargestellte Effigfäure von Cocos nucifera, Effig von Hyphæna coriacea( Vinaigre de sura), Effigfäure Wein und Branntwein aus Zuckerrohr, Die Arzneiwaaren. 25 Branntwein von Citr. Aurant., Citr. medica, Ananas und Cocos, Palmwein von Elæis guineensis( Vinho de palmeira) Angola, Espirito de Palmeira brava von Caryota urens. SPANIEN hatte ebenfo wie Portugal in der Agriculturhalle ausgezeichnete Südfrüchte: Mandeln, Feigen, getrocknete Weinbeeren, Johannisbrot ausgeftellt. Von geringer Bedeutung find Anis, Kümmel, Capsicum, rad. und extr. Liquiritiæ, Eibifch, Eicheln, Medicinalkräuter und Blüthen, Cortex Granatorum, Mohn, weiſses und fchwarzes Pech, Weihrauch. Mehr Aufmerksamkeit erregen ausgezeichnet ſchöne Cochenille in 6 Proben von den canarifchen Infeln, gebauter und wilder Saffran, jener von 5, diefer von 3 Ausftellern geliefert, Vanille von mehreren Exponenten, dann insbefondere inländifches Opium in 3 Proben, welche in einem eleganten Mahagoni- Käftchen vom Apotheker Albareda in Caspe, Provinz Saragoza, herrühren; fie ftellen wallnufsgrofse bis halbfauftgrofse Stücke von gutem Opium geruch und fchönem Ausfehen dar. Aufser diefem Käftchen barg der grofse, elegante Glasfchrank noch viele Oele und pharmaceutifche Präparate, unter denen Oleum Unonæ odoratissimæ vom Apotheker Wefterhagen in Manilla, ein in der neueften Zeit gefuchter Parfumerieartikel, Maftixbaumöl, Oleum Salviæ, Citri, Juniperi etc. Die pharmaceutifchen Präparate, wie medicinifchen Syrupe von Aguila( Theer mit pyrophosphorfaurem Eisen, Matico, Jodbromür( Bromuro de Yodo), OrangenblüthenWaffer, jodirter Rettigfyrup, verfilberte Pillen von Arola, von Formiguera ausgeftellte verfilberte Pillen des Dr. Fors mit Mangan- Eifencarbonat und Pepsin, jodirter Leberthran, eifenhaltiger Leberthran, Extracte und Paftillen aus der Fabrik von J. Perez, epispaftifches Papier von Fortuny, Granules mit Akonitin, Codein etc. follen nur genannt fein. Als Curiosum ftehen auf einem Tifchchen neben diefem Schranke 12 Gläfer mit vollſtändigen Bandwurm- Exemplaren, wobei das Kopfende nicht fehlt, und dazwifchen ein kleines Glas mit einer wafferhellen Flüf figkeit, unfehlbar das Bandwurm treibende Mittel des Sisbert Nr. 27. ITALIEN. Der Reichthum an edlen Südfrüchten war würdig repräfentirt. Es lagen Medicinalpflanzen von der Handelskammer in Avellino und von Solarino in Syracus vor. Aufser Saffran, welcher aus den Jahren 1870, 1871 und 1872 von Cappa in San Nicandro di Aquila gebaut, und von Cav. Reccagni in Vicenza vorliegt, und aufser Iriswurzeln, welche auch in runder Form von verfchiedener Gröfse als fogenannte Iriserbfen in langen Schnüren aneinandergereiht von Grazzini ausgeftellt find, ganz abgefehen von Ricinusfamen, Senf, Anis, Carruben, Calmuswurzeln etc. ift insbefondere die Manna hervorzuheben. Die den Haupthandel beherrschende ficilianifche Manna ift von Palermo aus durch Fürften als M. canellata und electa prachtvoll exponirt. Marra in Salerno liefert fette Manna. Dafs die in der jüngften Zeit als Handelsforte angezweifelte Manna calabrina als folche noch exiftirt, beweift Della Torre von Monte St. Angelo, indem er fehr fchöne Manna cannellata in grofsen Stücken als calabrinifche Manna, Manna montis sancti Angeli, Provinz Capitanata, dem Befchauer vorführt; die jährliche Production beträgt 15-20 Centner à 200 Lire per Centner. Eine neue Manna- Art von der Ulme, Ulmenbaum- Manna, gleichfalls von Monte St. Angelo, ftellt Medina aus. Aus den Blättern, Blüthen und Früchten des Oelbaumes hat de Luca in Neapel Mannit gewonnen, den auch aus gewöhnlicher Manna dargestellt in fehr grofsen Stücken vollkommen rein Dufour bringt. An die Manna fchliefst fich an Radix Liquiritiæ ( trockene, conditionirte, gefchälte und gefchnittene zu IIO Lire per 100 Kilo von Masumeci Galli Catania) und ihre Präparate: Süfsholz- Teig, eingedickter Süfsholz- Saft in Lorbeerblättern und daraus fabricirte Sächelchen wie Süfsholz- Brödchen von mehreren Ausstellern. Amylum von Arum italicum. Unter den fetten Oelen find Oliven-, Mandel-, Ricinusöl von mehreren Firmen vortrefflich vertreten. Aus der Reihe der ätherifchen Oele heben wir hervor: Oleum Citri, Bergamottæ aus Calabrien und Sicilien insbesondere, Essence de Portugal, de Bigarade, di Limoncello. 26 K. D. Ritter v. Schroff. di Mandarino, Cedrino, Oleum Mentha piperitæ in grofser Menge von Vivaldi in Padua erzeugt, O. Laurocerasi. Citronen- und Bergamottenfaft im concentrirten Zuftande. Von chemifchen Präparaten erwähnen wir: Weinftein aus den Blüthen und Früchten von Myrtus australis von de Luca dargeftellt, Borfäure in verfchiedenen Graden der Reinheit; fehr viele, mitunter ganz eigenthümliche Präparate aus den China- Alkaloiden von Dufour in Genua, wie Antimoniato di Chinina, einfach und doppelte fchwefelborfaure Chininfalze, citronenfaures Chinin mit citronenfaurer Borfäure von Manelli, übrigens die gewöhnlichen Chinin-, Cinchonidinfalze; Acidum citricum, Asparagin, Mifchung von Salzen und organifchen Stoffen zur Herftellung künftlicher Seebäder. Unter den pharmaceutifchen Präparaten verdienen die von Almen in die medicinifche Praxis eingeführten, von de Cian in Venedig fehr nett hergeftellten Gelatinæ medicatæ in lamellis befonders hervor. gehoben zu werden, 20 Arten find aufgestellt mit genauer Angabe der Menge der arzneilichen Subftanz, fo enthält Gelatina Acidi arsenicosi in einem Quadrat 2 Milligramm, Gel. Digitalini 1 Milligramm, Gel. Opii 2 Centigramm, Gel. Morphini hydrochlorici I Centigramm, Gel. extracti Aconiti 2 Centigramm, Gel. extracti colocynth. comp. 5 Centigramm, Gel. extr. Belladonnæ 2 Centigramm etc. Sehr viele Pasticche di terra cattu aromatica von Mondini und Marchi. Viele Cocapräparate: Elixir, Wein, Rofoglio etc. Branntwein mit Achillea moschata, verfchiedene Geheimmittel in den mannigfaltigften Formen. SCHWEIZ. In der Agriculturhalle in grofsen Mengen condenfirte Milch von der Anglo Swiss condensed Milk Company in Cham, von der Gefellſchaft Alpina in Thurgau, von Gianelli in Teffin, ferner allerhand Milchpräparate von Schröder. Schabziegerkraut( Melilotus coerulea) in 3 Nummern. Im Gegenfatz zur Milde der Milch Fleur d'Iva und Iva- Bitter, Iva- Doppelbitter v. Affolter( Ivafabrik in Chur) und von dem den Reifenden in angenehmfter Erinnerung lebenden Apotheker Bern hard in Samaden, welcher auch ein Pflanzentableau ausgeftellt hat; bittere Liqueure von Tripp und Geny in Genf. In dem eigentlichen Ausftellungsraume: Milchzucker in den gewöhnlichen Formen und als Pulver; Hübfchmann in Stäfa brachte viel Aconitin und noch mehr Lycoctonin( alles im Handel vorhandene ftammt von ihm, die beiden früher von ihm dargeftellten Präparate Acolyctin und Napellin fehlen), ferner Veratrin, Piperin, Colocynthin, einige Extracte: secalis cornuti Bonj., Conii mac. spirit., Colocynthidis, Belladonnæ Pharm. helv., Aconiti spir. Pharm. helv.; Oleum Absinthii purissimum und venale, Juniperi, Carvi. Was fonft noch ausgeftellt ist, gehört der Parfumerie, der Geheimmittel- Krämerei, den alltäglichften Artikeln an. Eine Ausnahme machen die von Bäfchlin ausgeftellten medicinifchen Verbandftoffe. BELGIEN. Pharmacie anglaise: Aetherifche Oele: Matico, Bittermandelöl, Sassafras, Chimophilæ corymbose, Lavandulæ, Citri, Anisi, Mentha pip., Thymi, Caryophyllorum, Sinapis; Kreffenerzeugniffe, als Antiscorb. angerühmt von Dupuy; Geheimmittel: Sirop Vanier& Dupuy gegen Afthma etc., Sirop Napolitain von Berard& Bruder( tonifch, bitter, erfrischend für Soldaten und Arbeiter), hygie nifche Liqueure und anderer Schwindel. Schöne Cichorienwurzel und Liebig's Fleiſch extract. Die nordifchen Reiche, Schweden, Norwegen, Dänemark, brachten gröfstentheils nur einheimifche Erzeugniffe. SCHWEDEN ftellte verfchiedene Thranforten, insbefondere Dorfch- Leberthran, verfchiedene Oelgelatinen und dann Gelatinæ medicatæ in lamellis von Almèn aus. Bruckmann's Dorfch- Leberthran I. Qualität, Oleum jecoris Aselli albissimum, aus ganz frifchen Lebern von eben gefangenen Fifchen gewonnen, läfst an Reinheit und Klarheit nichts zu wünſchen übrig, dagegen fcheint die von derfelben Firma ausgeftellte Gelatina Olei jecoris Aselli nicht gut haltbar zu fein, indem fich Die Arzneiwaaren. 27 eine mehr oder minder dicke Schichte des Thranes oberhalb der weifsen Gallerte abgefchieden hat. Mehrere Firmen haben derartige Gelatinen, und zwar fowohl einfache als mit arzneilichen Subftanzen verfehene: mit Eifen, Chinin, Ricinus-, Olivenöl ausgeftellt. Almèns Gelatinæ medicatæ in lamellis befinden fich in einem Buche, jede Art in einem Bogen desfelben; der Gehalt an arzneilicher Subftanz ift genau angegeben; fie enthalten effigfaures und falzfaures Morphin zu je 1 Centigramm, Opium und Dover's Pulver zu je 3 Centigramm, Extr. opii und Belladonnæ zu je 3 Centigramm, Extr. Fabæ calabaricæ, Atropin. sulfuriçum zu je 1 Milligramm etc. Ueberdiefs liegen Terpentin, Terpentinöl, Holzkreofot- Oel, HolzdeftillationsProducte Theer, Pech, Pechöl von mehreren Ausftellern und Fabriken vor; ferner eingemachte Preifselbeeren, Ackerbeeren, befonders aber gelbe Sumpf- Brombeeren von Rubus chamæmorus, eine Lieblingszuthat zu eleganten Diners in Schweden und Norwegen, der man diuretifche Eigenfchaften zufchreibt( die ruffifche Pharmakopee hat auch die Blätter diefer Rubusart fich beigelegt). Die Dampf- Cichorienfabrik von Netzler bei Helfingborg ftellt aufser den Producten der Fabrik fchwedifche, holländifche, deutfche Cichorienwurzeln im zerfchnittenen Zuftande aus. NORWEGEN, das vor allen anderen Ländern auf Fifchfang angewiefene Land, tellte feinen Fifchreichthum finnig in einem befonderen Fifcherhaufe aus. Nur die rühmlichft bekannte, vielfach prämiirte Firma Möller exponirt in würdiger Ausftattung im Induftriepalafte feine Erzeugniffe, vor Allem Pure cod liver oil, ferner Dampf- Medicinalthran aus 6 Tage alten Lebern bei 75° C. gefchmolzen( fehr licht und klar), blanker Thran aus alten Lebern über offenem Feuer gefchmolzen ( höchfte Temperatur 125° C.) lichtbraun, braun blanker Leberthran aus alten Lebern über offenem Feuer gefchmolzen( höchfte Temperatur 188° C.), ift die dunkelfte Sorte, aber doch noch immer hellbraun, roher Medicinalthran von verfaulten Lebern ohne Erwärmung gefchöpft. Im Fifcherhaufe von verfchiedenen Ausftellern Leberthran aus Aalefund, Levanger, Drontheim, Bergen, Tromföe und Nordkap. Die Sammlung norwegifcher Fifche des Muſeums von Bergen bringt die Entwicklung des Dorfches in feinen verfchiedenen Entwicklungs- und Altersperioden in Weingeift aufbewahrt. Aufserdem Robben-, Häring-, Weifsfifch-, Wallrofs-, Haififchthrane, Fifchblafe von Hoel in Aalefund. Chr. Holft ftellt Flechten und Farrenkräuter aus. DAENEMARK brachte aus feinen Colonien, und zwar aus Island braunen Dorfchthran, hellen und braunen Meerkalbsthran, fehr fchönen Talg vom Schaf; aus Grönland vom k. grönländischen Handel verfchiedene Thrane: brauner Sæltran, Lyfebruner, Trekronethran, Wallfifchthran; aus St. Croix, von F. Benzon ausgeftellt, Blätter von Myrcia acris( Bay- leaves), daraus bereitete Effenz( Essentia Malageta) und Spirits( Bay Spirits). Das Mutterland liefert durch A. Benzon getrocknete Arzneikräuter: Flores Sambuci, Hyperici, Tanaceti, Cyani, Malvæ sylvestris, Rosarum rubrarum, Lavandulæ; aufserdem fchöne chemifche und pharmaceutifche Präparate: Dextrin, extractum Malti, Mellago nutriens ad modum Liebigii, Albumin, Zahnelixir und Zahnpulver. HOLLAND hatte unfere Ausstellung bei Weitem glänzender befchickt als die letzte Parifer; es fehlte dafelbft der Glanzpunkt und Ruhm der Niederlande, das Product der mit grofsen Koften und unfäglichen Schwierigkeiten aus dem amerikanifchen Cinchonengebiete in Java eingebürgerten Chinabäume, die unentbehrliche Rinde, deren Alkaloide den erften Platz im Arzneimittelíchatze unbedingt einnehmen. Die niederländifche Regierung hat im wohlverftandenen eigenen Intereffe die durch einige Zeit vernachläffigte Cultur der Chinabäume in den letzten Jahren energiích in die Hand genommen und ift eben daran, die wohlverdienten Früchte 28 K. D. Ritter v. Schroff. zu ernten. Die Producte der niederländifchen Colonien find theils im Induftriepalafte an einer gefchmackvoll arrangirten Trophäe, welche die niederländifche Handelsgefellſchaft aufgeftellt hat, und auf einem der Demonftration der Chinacultur gewidmeten Tifche, theils in der Agriculturhalle untergebracht. Die Trophäe enthält fowohl in liegenden als in ftehenden Käften die Drogen fammt den getrennt davon aufgeftellten Emballagen derfelben. Wir heben von den Drogen zunächft folgende Samen und Früchte hervor: fchwarzer und weifser Pfeffer( auch ein Pfefferballen), langer Pfeffer, Cubeben nebft dem Sack, Kokkelskörner, Muscat nüffe und Macis fammt dem betreffenden Faffe, in 4 Sorten und daraus bereiteter Muscatbalfam von der bekannten länglichviereckigen Form in Umhüllung fammt Kifte und in einer Flafche, männliche oder wilde Muscatnüffe, gefchält und ungefchält, gekalkt und ungekalkt nebft Sack, Muscatnufs- und Macisöl, Java- Vanille, Java- Cardamomen( noch in Gruppen zu mehreren Stücken am Stengel), Tamarinden und Confituren daraus, Cassia Fistula, Arecanüffe fowohl in ganzer Frucht als in Kernen, Cocosnüffe und Cocosöl, d' Joko( Noten) Nüffe zum Gebrauch in Färbereien ( eine Art Myrobalanen). Von den Rinden mit Ausfchlufs der fpäter zu befchreibenden Chinarinden bemerken wir 3 Sorten Java- Zimmt fammt Zimmtöl und Kifte dazu, Cassia lignea von Sumatra, Cassia vera von Timor und Padang von ziemlicher Dicke, zimmtrothbraun, Culilawanrinde in fehr grofsen Exemplaren fowohl mit als auch ohne die Auffenrinde, Sogarinde( gerbftoffreich). Von Wurzeln liegen blofs ungefchälter Ingwer und Java- Curcuma in ganzen Exemplaren und gepulvert von verfchiedener Qualität vor. Sonft find noch zu erwähnen Gewürznelken und deren Oel nebft mehreren aus Gewürznelken angefertigten Spielereien und Sack, Cajeputöl fammt Kifte, fehr fchöne Exemplare von Penghawar- Djambi in einer Kifte, Sanguis draconis in viereckigen Stücken und halbrunden Stangen, Benzoė von Baros( Weftküfte von Sumatra) und Benzoë von Palembang( Moessie Oeloe), jene in 4 Sorten, deren 1. faft ganz aus weifslichen Mandeln befteht, die 2. und 3. find bräunlich mit mehr oder weniger zahlreichen Mandeln, die 4. fieht faft granjtartig aus und enthält fehr kleine Mandeln, alle 4 Sorten bilden viereckige Stücke und find von dünnem Zeug umgeben; geringer find die 3 Sorten von Palembang Benzoë, fämmtlich dunkelbräunlich, enthalten faft keine oder doch fehr wenige, meiftens kleine Mandeln; Copal von Borneo in 2 harten und in 2 weichen Sorten, mitunter fehr grofse Stücke, Dammar von Palembang in 4 Sorten, von Batavia und Padang in je zwei Sorten, Gambir in 3 Sorten, Guttapercha aus allen Niederlaffungen in fehr vielen Sorten, ebenfo Gummielafticum in verfchiedenen Formen, Tingkawang- Fett von Borneo, wachsartige graulichweifse Maffe in rundlichen Stangen, eine Probe davon rein weifs, wie eine Kerze geformt, Java- Indigo in 10 Sorten, Java- Arrowroot, Caffawamehl, Java- Sagomehl, Macaffar- Sago, grobund feinkörnig, efsbare Vogelnefter, Agar Agar( fowohl die Alge felbft als die daraus bereiteten bandartigen Gelatinftreifen mit ihrer bekannten Verwendung im tropifchen Afien als Surrogat der Haufenblafe), Reis gefchält und ungefchält, Zucker. Kaffee in 22 Sorten: Menado, Padang und Macaffar zu je drei Sorten, Timor eine Sorte; Thee von 8 Plantagen in verfchiedenen Sorten: Pecco, Pecco orange, Pecco Souchon, Tonkay, Schin, Hysant, Uxim, Imperial; überdiefs noch 24 Sorten in der Agriculturhalle von der Plantage Sinagar; Theecultur von Kerkhoven und Holle; Cacao von Java, Cacaofamen aus allen Ländern in Form einer vierfeitigen Pyramide, Cacaobutter. Chinarinden. Die Chinacultur findet ihren Ausdruck theils in den von der niederländifchen Handelsgefellfchaft ausgeftellten, für den Handel herge richteten Chinarinden, theils in der von der niederländifchen Regierung( van Gorkum, Director der Chinacultur auf Java) auf einem befonderen Tifche unter Glas und leider nicht entfernbarem Rahmen dargelegten Chinacultur auf Java. Die letztere, welche ganze blühende und fruchttragende Herbarexemplare grofsen Stiles fammt den beigelegten Rinden der in Java cultivirten Cinchona- Arten enthält, ift von einer kurzen Ueberf.cht der Chinacultur in Java begleitet, welche wir des Die Arzneiwaaren. 29 allgemeinen Intereffes wegen mittheilen: Die erften Ausfaaten( semences) von Chinapflanzen in Java fanden 1854 ftatt und wurden diefe erften Verfuche mit Verbefferungen 1864 erneuert; man befolgte die neue Methode, die darin beftand, Pflanzungen in freier Luft und im Schatten zu fchaffen. 1869 fanden die erften Ernten ftatt und gaben gute Refultate, die bis Ende 1872 auf 30.000 Kilo angefchlagen werden können, von denen 20.000 Kilo nach Europa exportirt wurden. Gegenwärtig kann man die Ernte von 1873 auf 30.000 Kilo anrechnen und mit Sicherheit vorausfagen, dafs von nun an in drei Jahren( 1876) die jährlichen Ernten 100.000 Kilo erreichen werden. Ohne die Pflanzungen der C. Pahudiana zu rechnen, fchätzt man die Zahl der diefes koftbare Product liefernden Pflanzen auf mehr als zwei Millionen und unter diefer Zahl find ungefähr % in freier Erde an freier Luft in den beften Wachsthumsverhältniffen. Ende diefes Jahres werden mit zwei Millionen Pflanzen alle Pflanzungen beendet fein, und wird fich das Erträgnifs jährlich vermehren, während die Auslagen fich fehr merklich vermindern werden. Sobald man erkennt, dafs die Pflanzen befferer Qualität find, werden fie adoptirt und ftatt anderer minder guter cultivirt. Seit 1869 haben befondere Unternehmer, zerftreut unter der ganzen Bevölkerung des oftindifchen Archipels, an den Vertheilungen von einigen taufend Pflanzen und Millionen Samen theilgenommen. Es wird ferner noch conftatirt, dafs zahlreiche Europäer fich gegenwärtig mit Energie und mehr oder weniger Erfolg der Chinacultur widmen. Es werden 8 Cinchona- Arten, die in Exemplaren der Pflanze auf Cartons mit Blättern, Blüthen, Früchten und als Rinde vorlagen, auf Java gebaut. Bei jeder Species waren der Alkaloidgehalt und meiftens auch die Zahl der cultivirten Bäume angegeben. Cinchona caloptera aus Samen, von Hafs karl mitgebracht, gezogen 1854; Rinde mit Flechtenüberzug; enthält 3.4% Chinabafen und zwar Chinin. 0.3-0.6, Cinchonin 16-2.8%. 10.000 Bäume. Cinchona micrantha, aus englifchen Pflanzungen nach Java 1862 eingeführt; verhältnifsmäfsig ftarke Rinde; enthält 72% Alkaloide, davon Cinchonin 6.7%. 1000 Bäume. Cinchona Pahudiana aus Samen, von Hafskarl mitgebracht; 1854 gezogen; mehrere Exemplare, darunter ein fehr starkes mit Flechten; blühende und fruchttragende Pflanze; enthält 14% Alkaloide, davon Chinin o 2, Cinchonidin o 8%. Zahl der Bäume nicht angegeben. C. Calisaya. Etiquette zum Theil verfteckt und wegen der nicht entfernbaren Rahme nicht ganz zu lefen, daher weder Alkaloidgehalt noch Zahl der Bäume angegeben werden können; man findet nur fehr fchöne, grofse, ftarke Exemplare. C. lancifolia, aus Samen, von Karften in Neu- Granada gefammelt, gezogen 1854. Schöne grofse Exemplare. Die Rinde enthält 3.3% Alkaloide, davon Cinhin 15%, Cinchonin 2.5%. 60.000 Bäume. C. officinalis von englifchen Pflanzungen eingeführt 1865. Alkaloidgehalt 4: 3%, davon Chinin 1-75%, Cinchonidin und Chinidin 1%, Cinchonin o 5%. C. succirubra, aus englifchen Pflanzungen eingeführt 1862. Alkaloidgehalt 6-7%, davon Chinin 1%, Cinchonidn 2-8%, Cinchonin 15-3%. 190.000 Bäume. C. Hasskarliana aus Samen, von Hafs karl gebracht, gezogen 1854. Alkaloidgehalt 45%, davon Chinin 1.3, Chinidin und Cinchonidin 1%. 80.000 Bäume. Aufserdem 5 fehr lange ftarke Stämme, und zwar von C. Calisaya, 10 Jahre alt, von C. Hasskarliana, gleichfalls 10 Jahre alt, von C. succirubra, 9 Jahre alt, von C. officinalis, 7 Jahre alt, von C. Pahudiana, 8 Jahre alt. Die Stämme find fo ftark, dafs fie ein ungemein ftarkes Wachsthum der Pflanze vorausfetzen bei dem geringen Alter derfelben. Eine Anzahl von Rinden liegt auch für den 1 30 K. D. Ritter v. Schroff. Handel hergerichtet unter den Drogen der Trophäe der niederländifchen Gefellfchaft vor: Rinden von C. Calisaya, C. succirubra, C. officinalis, C. Hasskarliana, C. Pahudiana, welche in Kürze charakterifirt werden follen; fie unterfcheiden fich von den oftindifchen Chinarinden in keiner Weife, wie wir folche in unferer Sammlung haben. C. Calisaya, 2 Millimeter dick, halb oder ganz gerollt, grau oder graubraun, zum Theil mit Korkwärzchen oder ganz mit Kork bedeckt, zum Theil mit fehr zahlreichen kurzen Querriffen, unter dem Periderm rothbraun oder braun, Innenfläche zimmtbraun. C. succirubra, halb oder ganz gerollt, dickere und dünnere Rinden, jene rehgrau oder rehbraun mit weifsen Flecken, längsrunzelig, hie und da mit zahl. reichen kurzen Querriffen, diefe rehgrau, unter dem Periderm rothbraun, Innenfläche bei allen zimmtbraun oder hellröthlichbraun. C. officinalis, 1-2 Millimeter dick, rehgrau, weifslich, längsrunzlig und faft durchgehends mit zum Theil ganz herumlaufenden Querriffen verfehen, hie und da Flechtenanfätze, unter dem Periderm röthlichbraun, Innenfläche gelb. zimmtbraun. C. Hasskarliana, 2-3 Millimeter dick, gerollt, grau mit weifsen Flecken, theils( feltener) längsfurchig und ohne Querriffe, theils( viel häufiger) ohne Längsfurchen und mit ganz kurzen Querriffen, mit Korkwärzchen, unter dem Periderm dunkelrothbraun. Wer ein Freund von Emballagen, beftehend in Originalkiften, Fäffern, Säcken, Körben, Ballen etc. ift, kann fich an dem Reichthum der diefsbezüglichen Gegenftände wahrhaft ergötzen. Das Mutterland gibt uns zum Referiren wenig Stoff. Pfeffermünze in verfchiedenen Sorten, Coriander, Cichorienwurzel( zur Bereitung des bekannten Kaffeefurrogates), Seeländer Krapp in 24 Sorten vom feinftberaubten bis zu Mullen fammt Mufter- Krappwurzel, nebft anderen fetten Oelen befonders Leberthran, blanker medicinifcher Bergener und von den Lofoden, endlich die in Holland üblichen Färbeftoffe zum Färben der Butter und insbefondere Annato zum Färben der allerwärts, befonders in England fo beliebten holländifchen Käfe find fo ziemlich Alles, was uns angeht. DAS DEUTSCHE REICH, abgefehen von dem Reichthum ausgeftellter fetter und ätherifcher Oele, fowie der in der Neuzeit beliebten, befonders zubereiteten Nahrungsmittel und einiger Rohftoffe, glänzte vor allen durch die Schönheit, Mannigfaltigkeit medicinifch verwertheter chemifcher Präparate von den allbekannten Firmen Jobft, Merck, Trommsdorf, Zimmer, Marquart u. f. w. Rohe und verarbeitete Cichorien von mehreren Cichorienkaffee- Fabrikanten, isländifches Moos, getrocknete Johannisblumen und Heidelbeeren, Riefen- Honigklee( Melilotus alba), Medicinalpflanzen, Arznei- und Gewürzpflanzen von einigen Vereinen, 9 Sorten Schwämme: Feuer-, Wund-, Zünd-, Hühneraugen- und Befchneidfchwämme, Honig, dürfte fo ziemlich Alles fein, was an Rohftoffen vorlag mit Ausnahme einiger den Präparaten beigelegten. Condenfirte Milch von mehreren Fabriken, Vereinen und der landwirthfchaftlichen Akademie Eldena, Milchwein aus Bad Ottenftein, die bekannten Kinder- Nährmittel nach Liebig's Recepten oder nach eigenem Ermeffen, Malzextract und alle möglichen Präparate daraus, homöopathifcher Gefundheitskaffee von Schwabe& Wittig, einfach. Gefundheitskaffee von Kraufe, Zwiebackpulver mit Fleifchextract, Fleiſchfuppen- Mehl, medicinifch- diätetifche Präparate von Gravelius& Roth mögen das Capitel der in die Medicin hinüber fpielenden Nahrungsmittel fchliefsen. Fette Oele brachten Sievers( Leinöl, Rüböl), Engelmann( überdiefs Dotteröl), Wolf, Heins& Asbeck insbefondere Palmnufsöl von Elais guineensis, nebft ausgezeichneten 2 Exemplaren des an Früchten fehr reichen Fruchtftandes diefer Palme, Cocosnufsöl nebft dem Rohmaterial( Heins& Alsbeck ftellten auch t e 1 Die Arzneiwaaren. 31 klares flüffiges Cocosöl mit geringem weifsen Bodenfatz aus), Candelnufsöl nebft den beigelegten Früchten von Aleurites triloba, die betreffenden Prefsrückstände lagen bei. Bei Weitem mehr Firmen betheiligten fich an der Ausftellung ätherischer Oele aus ihren Dampffabriken, wir nennen blofs Hänfel in Pirna, Kluge& Poritfch in Leipzig, Heine& Comp.( reiches Sortiment ätherifcher Oele in gröfserer Menge, aus denen wir Oleum Matico, Canellæ albæ, Angelicæ, Cubebarum, Cardamomi, Sabinæ, Succini, Myrrhæ, Galbani, Elemi etc. hervorheben), Gillmeifter& Sibeth, Geifs( ftellt 58 ätherifche Oele, 12 Effenzen, 6 Aetherarten, 23 Vegetabilien aus), Sachfe in Leipzig( viele ätherifche Oele in grofser Menge, unter anderen auch Thymol und Menthenkampher etc. Diefelbe Firma legt auch aus ihrer Pulverifirungsanftalt fehr viele Pulver medicinifcher Subftanzen vor), Bieber in Hamburg( aufser ätherifchen Oelen als Specialität: Mandelöl Exportartikel, Oleum Amygdal. amar æther., Ol. Amygdal. amar. blaufäurefrei, Ol. nuc. Persicorum æther. und pressum nebft feingepulverten Wurzeln). Job ft in Stuttgart hatte in der Rotunde in gefchmackvoller Weife vorzugsweife verfchiedene Opiumforten, darunter 2 deutfche fammt den gewöhnlichen und jenen von Heffe in Jobft's Laboratorium entdeckten neuen Opiumalkaloiden, ferner Chinarinden, darunter die 1870 und 1872 importirten, von Job ft analyfirten und von ihm vorzugsweife in den pharmaceutifchen Verkehr eingeführten javanifchen Rinden nebft dem feltenen Cort. China cupreus und Cort. China albæ Payta mit einer Reihe zum Theil neuer China- Alkaloidfalzen und dem in der Paytarinde gefundenen Alkaloide Paytin nebft noch einigen anderen Drogen und Präparaten ausgeftellt. Die von Job ft und Heffe über einige der hier vorliegenden Gegenftände veröffentlichten Auffätze find beigegeben. Was die Opiumforten betrifft, fo lagen vor: Opium constantinopol. mit 10% und Opium smyrnæum mit 8-9% Morphin, jenes in flachen Kuchen, diefes in kugligen, mitunter platt rundlichen Stücken; Opium ostindicum in 3 Sorten: Benares und Patna in Kugelform mit 5-6% Morphin, Malwa als halber flacher Kuchen mit 6-8% Morphin; Opium persicum in 3 Sorten: belaubte Brote mit 10% Morphin, runde, etwas plattgedrückte, in Blätter eingehüllte Brode mit 9-10% Morphin, Stangen mit 5% Morphin; Opium germanicum: württembergifches, um deffen Einführung und Cultur Jobft fich bekanntlich fehr verdient gemacht hat, bildet unregelmässige, braunfchwarze Conglomerate von Mandel- bis Wallnufsgröfse und etwas darüber, mit 12-15% Morphin( der von Jobft 1870 aus Kleinafien mitgebrachte, 1871 und 1872 in Württemberg angebaute Mohnfamen und Fruchtkapfeln lagen vor; die aus Afien mitgebrachten letzteren find kugelförmig, während die aus der württembergifchen Pflanzung erhaltenen mehr länglich find); fchlefifches bildet einen fehr grofsen, unbedeckten, glänzend fchwarzen Kuchen, in welchem einzelne Thränen fchwerer zu unterfcheiden find, als in dem württembergifchen Opium, Gehalt 9-10% Morphin. In Betreff der Chinarinden ift zu bemerken: Cortex Chinæ albus Payta, es liegt nur ein kleines, blafsgelbes, flaches Stück diefer Rinde vor; Cortex China cupreus, kupferroth auf beiden Seiten, aufsen mit flachen, gelblichen Flecken verfehen( wahrfcheinlich Borke), die an einzelnen Stellen fehlt, fo dafs dadurch kleine Erofionen entstanden find; von den javanifchen Rinden: von C. Pahudiana 1870 importirt, von C. Calisaya 1870 und 1872, von C. Hasskarliana 1872, von C. officinalis 1872 eingeführt. Was die Opiumalkaloide betrifft, fo find aufser den bekannten und deren Salzen( Morphin-, Codeïn-, Narceïn-, Thebain-, Papaverin-, Cryptopin- Salzen) insbefondere die von Heffe entdeckten Alkaloide und deren Salze hervorzuheben, da fie bisher auf keiner Ausftellung erfchienen find: Pfeudomorphin und deffen Verbindung mit Salzfäure und Schwefelfäure, die erfteren beiden in weifsen Lamellen, die letztere in kleinen glänzenden Kryftallen; Codamin, 1870 entdeckt, hübfche, gelbe Kryftalle, Lanthopin 1870 entdeckt, fehr kleine Quantität in einem Glasröhrchen, Laudanin 1870 entdeckt, etwas glänzende weifse Kryftalldrufen, deffen Verbindung mit Salz- und Oxalfäure, Meconidin 32 K. D. Ritter v. Schroff. 1870 entdeckt, orangegelb, in kleinen Stücken, anfcheinend amorph; Lauda nosin 1871 entdeckt, etwas gelblich, anfcheinend amorph, Hydrocotarnin 1871, bernfteingelbe, verhältnifsmässig grofse Kryftalle, Roehadin 1865, weifs, fcheinbar amorph, in einem Röhrchen. Aus der Reihe der China- Alkaloide heben wir aufser den bekannten: Chinin præcipit., Cinchonin, Cinchonidin und deren Salzen noch Conchinin und als neu Chininum purum in langen, feidenartig glänzenden Kryftallen, Chinin. eugenicum, Chinin. biacidum( tetra- sulfuricum) in grofsen aus feideglänzenden Kryftallen beftehenden Stücken, Conchinin. muriaticum und sulfuricum, Paytin ( eine kleine Probe in einem Röhrchen) hervor. Ein grofses, feftes viereckiges Stück Chinoidinum purissimum nebft Chinoidinum citricum in lamellis und Chinoidinum sulfuricum. Merck hat feine rühmlichft bekannten Präparate, namentlich organifchen Urfprungs, in grofsen Quantitäten ausgeftellt. Hervorzuheben ift das fonft nirgends exponirte Apomorphinum hydrochloratum, fchön kryftallifirt. Sonft find nur die in feinem letzten Preiscourant enthaltenen Stoffe zu finden, von befonderer Reinheit. Aufser den bekannten Alkaloiden der Chinarinden und des Opiums und deren Verbindungen mit Säuren und Salzen( zu beachten Morphium aceticum crystallisatum, Morphium jodatum, M. bromatum, Papaverinum hydrochlo ratum) find hervorzuheben Veratrin, Acid. veratricum, Filicin, Colchicin, Sabadillin, Rhein, Strychnin und Brucin, Solanin, Solanidin, Atropinum purum und sulfuricum, Hyoscyaminum( wahrfcheinlich in der zuletzt von ihm dargestellten flüffigen Form, in der es mir behufs anzuftellender Verfuche von ihm zugeftellt worden war, der nicht zu eröffnende Schrank liefs eine Unterfuchung des in einem papiernen fchwarzen Carton aufbewahrten Präparates nicht zu), Coniin, Aconitin, Anemonin. Berberin hydrochloratum, Picrotoxin, Amygdalin, Ononin, Scoparin, Coumarin, Cocain, Colocynthin, Cantharidin( fchön kryftallifirt), Glycyrrhizin etc. Von unorganifchen Präparaten: Ferrum oxydatum dialysatum in lamellis, Ferrum aceticum in lamellis, Ferro- Natrium pyrophosphoricum in lamellis, Ferrum lacticum crystallisatum, Magnesia lactica, Lithium carbonicum, Zincum valerianicum. Wie mir Herr Merck foeben fchreibt, ift es ihm gelungen in der letzten Zeit Cousseïn kryftallifirt darzuftellen. Verfuche werden zeigen, ob diefer kryftallifirte Körper der vollſtändige Träger der wurmtreibenden Wirkung der Coussoblüthen ift, oder ob fich daran auch die neben jenem noch vorhandene harzartige Subftanz betheiligt. Vielleicht fchickt Herr Merck das kryftallifirte Cousseïn noch ein.( Das foeben erhaltene Präparat ift fehr fchön kryftallifirt). Trommsdorf hat die Ausftellung reichlich bedacht, indem er 181 Präparate vorgelegt hat. Wir heben aus denfelben hervor Aesculin, Chrysophansäure, Emodin, Indigotin in fchönen Kryftallen, Melampyrit( Dulcit) und Quercit, beide fchön kryftallifirt, Lactucerin, Stramonin, Syringin, Acidum filimelissinicum, Ac. sorbinicum, Ac. subericum, Quercitrin, rohes Coffeïn in dicken, wafferfreien Kryftallen, Benzoïn, Styracin, Zimmtalkohol, Benzalkohol, Carboneum trichloratum, Acid. monochloraceticum. Von den unorganifchen Verbindungen Zincum und Cuprum sulfocarbonicum, Natrium æthylosulfuricum, Lithium citricum etc Die vormals Schering'fche, nun chemiſche Fabrik auf Actien in Berlin war vortrefflich vertreten. Wir erwähnen daraus: Tannin in feideglänzenden Kruften, Tannin in fehr feinen lockeren glänzenden Fäden, Chloralhydrat in flachen Tafeln und in lofen Kryftallen, Crotonchloralhydrat in grofser Menge, fchwefligfaures Chloral, Chloralnatrium, Chloralanhydrat, Chloralalkoholat, Aethylenchlorid, äthylfchwefelfaures Natrium, Chlorkohlenftoff, Monobromcampher, Jod doppelt refublimirt in grofsen Blättern, Jodcadmium filberglänzend, Bromcadmium asbeftartiger Structur, falpeterfaures Silber in grofsen Kryftallen, Cyankalium in verfchiedener Form etc. Die deutfchen Chininfabriken waren durch Zimmer in Frankfurt, Böhringer in Mannheim, Koch in Oppenheim, Chininfabrik in Braunfchweig 1 = Die Arzneiwaaren. 33 fehr würdig vertreten. Wir heben vor allen die Ausftellung der Zimmer' fchen Fabrik hervor, deren Erzeugniffe durch einen blauen Vorhang vor dem Lichte gefchützt waren. Sie enthielt eine vollständige Sammlung aller bisher bekannten Beftandtheile der Chinarinde, 28 Chininfalze, aus denen wir einige feltenere anführen: Jod- und bromwafferftofffaures, kiefelfluorwafferftofffaures, rhodanwafferftofffaures, bernfteinfaures, pikrinfaures, chinovafaures, citronenfaures Eifenchinin, Chinin- Queckfilberchlorid, Jodmethylchinin, Anisölchinin, Dalleiochinin, Herapathit, Dichydroxylchinin( von Kerner entdecktes Oxydationsproduct des Chinins, blendend weifs in feinen Kryftallen); Cinchonin, Chinidin, Cinchonidin und viele Salze derfelben, Chinafäure in grofsen Kryftallen, Chinovafaurer und chinovafaurer Kalk, chinagerbfaures Eifenoxyd, Chinaroth, Chinawachs, Cinchocerotin. Die gewöhnlichen Chininfalze des Handels ftehen am Fuffe diefer Sammlung beifammen. Die oberfte Reihe war nicht zu fehen, weil der Vorhang nicht darüber hinaus gebracht werden konnte. Witte in Roftock vorzugsweife Coffeïn in verfchiedenen Zuftänden und Formen: braun, Kugeln aus ftrahlig divergirenden Kryftallen, reines mit federförmigen Kryftallen von befonderer Länge, 3 grofse mühlfteinartige Kuchen von reinem Coffein, gegen 2 Schuh im Durchmeffer und 3-4 Zoll dick. Aufserdem noch. andere Präparate: Ferrum oxydatum saccharatum, fehr weifses Pepsinum solubile, oleum crotonis. Die Ausftellungen der übrigen Chemiker haben weniger Intereffe für uns. Aus Marquart's Sammlung betonen wir Cymol e camphora, bei Erdmann verfchiedene Aetherarten, bei de Haen Acidum phosphoricum glaciale in Würfeln und Stangen, in 2 grofsen Standgläfern, Carbolfäure kryftallifirt und in Löfung, Aetzkali und Aetznatron in verfchiedenen Sorten, aus der chemifchen Fabrik Harburg- Stafsfurth aufser Kalifalzen Campherkuchen, bei Kahlert eine enorme Menge raffinirter Jodine in Geftalt eines fehr grofsen flachen Brodes, bei Kraufe Gold- und Silberfalze, fehr fchöne Mufter von Höllenftein in Stangen, kryftallifirt, in Platten, mitigirter Höllenftein, bei Merkel unorganifche Präparate der Ph. germanica, bei Leo aufser dem oben erwähnten Kindernahrungs- Extract und einigen unorganifchen Präparaten noch flüffige Extracte von Taraxacum, Valeriana, Secale cornutum, überdiefs Ergotinum siccum; bei der St. Georgs- Apotheke in Augsburg die Extracte Pharmacopoeæ germanicæ. Krebs, Kroll& Comp. verfehlten nicht ihr Sauerftoffwaffer, concentrirtes Ozonwaffer nach Dr. Lender nebft dem Apparate zur Inhalation von Ozon vorzuführen. Groetzner präfentirt feine fabriksmäfsig erzeugten, mit arzneilichen Flüffigkeiten gefüllten Kapfeln und gelatinirte Pillen. Herb in Pulsnitz ftellt gewöhnliche Haus-, Reife- und Tafchenapotheken aus. Schubert, Täfchner, Willmar, Schwabe verforgten die Ausstellung mit homöopathifchen Apotheken, befonders letzterer brachte in feiner homöopathifchen Centralapotheke alle Stammtincturen und vegetabilifchen Normalpräparate, überdiefs Schatullen mit Apotheken, Hand- und Tafchenapotheken und feine Pharmacopoea homoeopathica polyglottica, deren allgemeine Einführung mit Gefetzeskraft bei den verfchiedenen Regierungen angeftrebt wird. OESTERREICH war auch in Beziehung auf den Gegenftand unferes Referates würdig vertreten. Es kann allerdings in Ermanglung überfeeifcher Colonien mit feltenen Drogen nicht prunken, allein, was das Land erzeugt, hat es der Befchauung zugeführt, felbft unfer öfterreichifcher Saffran, bisher auf keiner Ausftellung erſchienen, hat drei Ausfteller gefunden; man fieht ihn in der additionellen Ausftellung, unter den von Wilhelm ausgeftellten Drogen und in der Agriculturhalle von dem Erzeuger Schwinner in Maiffau; er bewährt feinen alten Ruf Aus dem foeben beim Saffran Gefagten ift zu erfehen, dafs unfere Objecte in verfchiedenen Localitäten aufzufuchen find, wir müffen aufser den dort erwähnten noch den Pavillon für den Welthandel, jenen des Fürften Schwarzenberg und die öfterreichifche Unterrichtsabtheilung hinzufügen. vollkommen. 3 34 K. D. Ritter v. Schroff. Wir beginnen mit den in dem füdlich gelegenen bedeckten Hofe II h des Induftriepalaftes untergebrachten Gegenständen. Andès& Froebe in Wien gaben in einer befonderen Aufftellung eine klare Darftellung der Art der Harzung der Schwarzföhre mit den Producten: roher Terpentin, Colophonium, Fichtenpech, Weifspech. Merbeller in Budweis ftellt Buchentheer, Holzeffig, holzeffigfaures Eifen, Holzgeift; Fillè n in Prag weifses Pech und noch andere Theerproducte aus. Apotheker H. Mall in Landeck, Vegetabilienhändler im Grofsen, ftellt in grofser Menge, von befonderer Schönheit und Frifche aus: Folia uvæ ursi, Frendes Sabinæ( faft durchgehends cupressifolia), Lichen islandicus( meiftens in Exemplaren mit breitem Thallus), Herba Aconiti( fo fchön grün wie an der lebenden Pflanze), Tubera Aconiti, Rhizoma Veratri ohne Wurzeln, Radix Berberidis, Radix Imperatoriæ, fchöne, grofse, vollſtändige, faft frifche Exemplare ohne eine Spur von Wurmfrafs. Apotheker Pöll in Mals bringt eine fehr fchöne Sammlung einheimifcher Medicinalpflanzen und ihrer officinellen Theile in Käftchen aufbewahrt, überdiefs mehrere grofse Exemplare von Agaricus albus, einige Extracte, Roob und Spiritus. Die Sammlung enthält: Secale cornutum in durchgehends ftarken, gefunden Exemplaren, Cetraria islandica, fehr reine Exemplare mit meiſt breitem Thallus, Sabina, Achillea moschata, Artemisia nutellina, A. Abrotanum, A. Absynthium, A. vulgaris, Tussilago Farfara, Blüthen und Blätter, Radix, Folia et flores Arnica, Herba et semen Hyoscyami, H. Salviæ, Hyssopi, Marrubii, Folia Menyanthis trifoliatæ, Veronica officinalis, Uvæ ursi, Herba et tubera Aconiti Napelli, die letzteren von ungewöhnlicher Gröfse und Stärke. Von Wurzeln: Filix mas, Veratrum album, sowohl Rhizom als Wurzeln für fich, Rumex alpinus, ausgezeichnete Exemplare, Carlina, Taraxacum, Imperatoria Ostruthium, Gentiana lutea, fchöne grofse Exemplare, Bryonia( überdiefs in einem fehr grofsen Exemplare, auf dem oberen freien Theile des Kaftens untergebracht), Berberitzen- Wurzel- und Zweigrinde. Von Blüthen: Flores Cyani, Pruni spinosa, Primulæ glutinosa( führt auch den Namen Speik; was nennt man nicht alles Speik?). Endlich noch Stipites Dulcamaræ, Heidelbeeren, Canthariden, Honig. Wand hängt ein Glaskaften, in welchem ganze, ausgezeichnete, fchön confervirte Herbarexemplare von Filix mas, Polypodium vulgare, Gnaphalium Leontopodium, Artemisia Mutellina, Arnica, Arctostaphylus, Uva ursi, Hepatica, Aconitum Napellus ( Prachtexemplar), auf weifsen Cartons aufgefpannt fich befinden. Der bekannte Apotheker Stapf in Innichen, Inhaber einer Pulverifirungsanftalt, ftellt eine grofse Suite von Drogen in kleinen charakteriftifchen Exemplaren fammt den daraus bereiteten Pulvern aus. Wilhelm( Gefchäft gegründet 1826) hat eine nette Drogenfammlung der von der Firma importirten Drogen gefchmackvoll aufgeftellt, aus der wir nur folgende hervorheben wollen: öfterreichiſcher, franzöfi fcher, fpanifcher, levantifcher Saffran, Folia Eucalypti, aromatifche Kräuter und ihre Oele, darunter Herba Unonæ odoratissimæ und ihr Oel Ylang- Ylang, Valeriana officinalis, darüber Valeriana celtica und Oleum Valer. æthereum, weifse und fchwarze Niefswurzel, Aronswurzel, Rheum chinense und Rh. austriacum, Veracruz- und Tampico- Jalapa, erftere in fchönen grofsen birnförmigen Stücken, von Chinarinden aufser den gewöhnlichen Handelsrinden noch gelbe Chinarinde von Puerto Cabello, gelbe von Maracaibo, Guayaquilrinde, türkifches Opium in einem halben Brode, Senna alexandrinifche, Mekka und Tinnevelly, Traganth, fpanifcher Pfeffer, Galläpfel, auch chinefifche etc. etc. Medinger ftellt ein fehr grofses Stammftück von Quassia jamaicensis, fchöne Stämme von Quassia surinamensis, ftarke Stämme von Farbhölzern: Rothholz von Fernambuk, Sapan, Limas, Coftarika, Lignum St. Marthæ, Gelbholz, Sandelholz, überdiefs Rad. Gentianæ, Calami, Valerianæ, Ireos, Curcuma in toto und fein pulverifirt aus. Aehnliches bringen die Gebrüder Levy in Trieft, Schwab in Pettau. Zacherl hat aufser feinem Infectenpulver fammt den Blüthenköpfchen von Pyrethrum roseum caucasicum eine fehr fchöne, gefchmackvoll aufgeftellte Sammlung gebleichter orientalifcher Schwämme, von den feinften Champignons mit äufserft An der Die Arzneiwaaren. 35 feinen Poren bis zu den gröberen und ganz groben mit ungleich grofsen Poren dem Publicum vorgeführt; unter jenen zeichnet fich befonders einer in korallenförmiger Form( wahrfcheinlich ein Ueberzug eines Korallenftockes) aus, daneben rohe Schwämme in Weingeift. Hochftetter brachte Ceresin als Erfatz des Bienenwachfes und daraus dargestellt einige Salben: Unguentum simplex, populeum und citrinum. Aetherifche und fette Oele find von fehr vielen Firmen in ausgezeichneter Weife gebracht worden; wir nennen nur Kurzhals, Pollak, Engelhofer und Kundegraber, H.& S. Schmidt, Herzog, Bauer, Horowitz, Jaich, Müller, Pongratz, Hertrum, Mazzurana etc. etc. Rosmarineffenz ftellte Abelich aus Zara, Campher in ziemlich grofsen, runden, durchbohrten Broten die Campher- Raffinerie zu Oberalm bei Hallein des Volderauer, DorfchleberThran lichtgelber und lichtbrauner Farbe Maager, animalifches Oel Meltzer aus. Unter den chemifchen und pharmaceutifchen Producten find zu erwähnen: Albumin aus Ei und Blut, eingedampfte Eidotter von Pollak, Kopperl, Berg, Hofmeier; letzterer führt die Gewinnung vom rohen Blutkuchen an durch alle Phafen bis zur erften Qualität vor, Patent- Blutalbumin, Eialbumin. Würth& Comp., Gebrüder Ploy, Reiffer und Alder ftellten meiftens unorganifche medicinifche und pharmaceutifche Präparate von fchönem Ausfehen, die letzteren beiden auch Extracte aus derfelben Pflanze, wie Belladonna, Hyoscyamus, Cicuta, nach Angabe verfchiedener Pharmakopoeen; Wagemann& Seybel Weinfteinfäure in grofsen Kryftallen in Form einer grofsen Schale, Seignettefalz in grofsen Kryftallen aus; Schorm in Wien bringt neben Carbolfäure und anderen Präparaten auch Coniin und Methylconiin. Sarg hat feine bekannten ausgezeichneten Glycerinpräparate in der Rotunde aufgeftellt; Rach hier ähnliche Präparate, wie flüffige Glycerinfeife, Toilettenglycerin, Jodkalium- Seife etc. Hof- Zahnarzt Günther zeigt Kryftallgold in grofser Menge und Zähne mit demfelben plombirt. Krahl in Olmütz zeigt feine bekannten Eifenzucker- Präparate und andere Saccharate: verftärkten Eifenzucker, Saccharyl- Ferridhydrat in fefter Form und in Löfung, Saccharo- Ferrür, lösliche Eifenpeptone, flüffige Eifenfeife, faures ölfaures Eifenoxyd, Saccharofluorcalcium, Saccharocalciumphosphat, Saccharomanganid, Magnefium- Saccharat, Saccharylaluminat, Zinksaccharat, flüffige Zinkoxyd- Seife, flüffige Queckfilberoxyd- Seife, flüffige Kupferoxyd- Seife; Di Valle in Eger exponirt alle Extracte der öfterreichifchen Pharmakopee in Porcellan- Standgefäfsen von gutem Ausfehen und charakteriftifchem Geruch; die Triefter Apotheker: Prendini, Ludovicich, Zanetti ftellen maffenhaft Paftillen aus, mitunter Specialitäten wie Paftillen aus alaunhaltigem Cassiamarke( Prendini), Paftillen aus falpeterhältigem Cassiamark( Ludovicich); Popp Zahnpafta und Anatherin- Mundwaffer; Pfeffermann Zahnpafta; Ebermann aus Prag Zahnpulver und Zahnpafta; Baftler Alcannin- Mundwaffer und fein Choleramittel; Neuftein Preshel's Storaxcrême, Antispyloma; Stiegler in Steyer Limonade gaceuse mit verfchiedenen Fruchtfäften, Malzextract, chemifches Zahnpulver; Selbft Kumys Mooke Pyrker's Kalicrême und Kiefernadel- Extract für Bäder. Schliefslich von Stahlberg und Winogradow in Gaisberg fehlt nicht. erwähnen wir der von Moll ausgeftellten homöopathifchen Haus-, Reife-, Thierapotheken fammt den nöthigen Geräthfchaften. In der Unterrichtsabtheilung befand fich ein Herbar, welches eine Sammlung öfterreichifcher Medicinalpflanzen nach natürlichen Familien geordnet von Dr. S. A. Heller enthält, ferner eine fehr fchöne Drogenfammlung, eine Auswahl aus der reichhaltigen pharmakognoftifchen Sammlung des allgemeinen öfterreichifchen Apothekervereines, aus der befonders die ausgezeichnete ChinarindenSammlung, fowohl nach Handelsrinden als nach genauen botanifchen Beftimmungen von Dr. Vogl, unferem gröfsten Kenner der Quinologie, geordnet, ferner eine Sammlung von intereffanten Früchten in Gläfern: Attalea funifera, Bertholletia, 3* 36 K. D. Kitter v. Schroff. Hyphæna, Mangifera indica, Syagrus botryophora, Heritiera, Acrocomia, eine nette Opiumfammlung, zwei anfehnliche Beutel eines böhmifchen Bibers, Castoreum canadense, grofses Exemplar von Simaruba, feltene Meerfchwamm- Exemplare, Copalchirinde von Croton Pseudochina nebft anderen Gegenftänden befinden; die letztere Rinde wurde vor einigen Jahren als befonders fchöne Cascarillrinde in Wien angeboten, mit der fie keine Aehnlichkeit hat, da, wie bekannt, die echte Cascarillrinde nur in kleinen Exemplaren vorkommt, ein bedeutendes Arom befitzt, das fich fowohl dem Geruchs- als dem Gefchmacksorgan zu erkennen gibt, was bei jener Rinde nicht der Fall ift. Die Bahamainfeln, auf denen der baumartige drei bis fünf Fufs hohe Strauch, von welchem die echte Cascarillrinde abftammt, wächft, haben echte Cascarillrinde ausgeftellt. Des Schwarzenbergifchen Pavillons und eines in feiner Umgebung befindlichen Baffins, in welchem fich zwei nette Biber aus der bekannten Bibercolonie des Fürften luftig herumtummelten, müffen wir infoferne gedenken, als fich in demfelben auf den Schwarzenbergifchen Herrfchaften aus anatolifchem( weifsem und blauem) Mohnfamen erhaltene Mohnpflanzen befinden, aus deren Kapfelfrüchten Opium gewonnen worden ift, das unter der Bezeichnung Opiumextract in bedeutender Menge in einem grofsen Glafe vorliegt; dasfelbe hat ein fchönes Ausfehen, einen intenfiven Opiumgeruch, befteht aus dunkelbraun- röthlichen Stücken mit zahlreichen Thränen und enthält nach der Analyfe des Schwarzenbergifchen Agriculturchemikers Hannamann 13% Morphin. In dem den Pavillon. umgebenden Garten werden Mohnpflanzen gezogen, aus deren Kapfelfrüchten der fürftliche Beamte Herr Kroh durch Anfchneiden der unreifen Kapfeln foeben Opium gewonnen hat, das einen guten Opiumgeruch hat. Aus der Agriculturhalle erwähnen wir aufser dem oben citirten ausgezeichne ten Saffran von Schwinner noch Speik von Trattner in Tamsweg, Lerchenterpentin von Flora in Mals, Folia uvæ ursi von demfelben, Iriswurzel von Petz in Botzen, Kürbiskerne und Mohnfamen aus Steiermark, Feuerfchwämme, rohe und verarbeitete, von Kentner in Krain, Equisetum von Pippal, Malven aus Galizien, Mandeln, Piniolen, Feigen, fchöne Exemplare der Rinde von Quercus pedunculata, Leinfamen, eine Sammlung einheimifcher Drogen in porcellanenen Standgefäfsen von der Ackerbau- Gefellſchaft in Görz, Süfsholz- Wurzel von Benda in Aufpitz, eingedickter Süfsholz- Saft in Stangen von Martucci in Trieft, Cichorienwurzeln von Mähren und anderen Ländern, Berberitzenrinde aus Tirol, Angelica, Alkermes von Mayhuber, fehr viel Sumach aus Tirol und Dalmatien, Malz, Malzextract, Malzpulver, Malzbonbons, Chocolate von der Wilhelmsdorfer MalzproductenFabrik des Küfferle; Malzpräparate von Fraenkel in Wien, Malzproducte, condenfirte Tiroler Alpenmilch, condenfirter Kaffee von Gfall in Innsbruck, Rosmarineffenz von Zarich in Dalmatien, Kirfchengeift vom Grafen Enzenberg in Tirol, Kirfchenwaffer und Enzianliqueur vom Vorarlberger landwirthfchaftlichen Verein, getrocknete Medicinalpflanzen von Bertoli in Tirol, detto von der landwirthfchaftlichen Gefellſchaft in Linz, ausgeftellt von Huber, Badefchwämme von Oppenheim, Blutegel- Sumpf im Zimmer von Nachtmann in Tannwald. In der additionellen Ausftellung befand fich in einem Glaskaften ein ausgezeichnetes Exemplar eines männlichen böhmifchen Bibers, den ich durch die Güte des Herrn Fürften Schwarzenberg in einem fo frifchen Zuftande erhielt, dafs es möglich war, alle den Arzt intereffirenden Theile demfelben zu entnehmen und als inftructive Präparate aufzubewahren, welche zum Theil in demfelben Kaften fich befinden und in den beiden getrockneten Bibergeil- Beuteln, von denen der eine der Länge nach geöffnet ift, und in einem leeren Fettfack, deffen Inhalt in einem Glafe aufbewahrt wird, indefs der andere unverfehrte, gefüllte Fettfack in einem zweiten Glafe fich befindet, das Ganze in feiner natürlichen Verbindung, beftehen; ein letztes Präparat enthält den Penis in feiner natürlichen geknickten Lage, die beiden Hoden mit ihren langen Samenleitern, Die Arzneiwaaren. 37 die Cowper'fchen Drüfen und ein Stück Maftdarm in einem Glafe mit Weingeift gefüllt und wird in unferer pharmakognoftifchen Sammlung aufbewahrt. Die Befchreibung des Bibers und der Präparate befinden fich in der zweiten Auflage meines Lehrbuches der Pharmakognofie und ift in dem Kaften zu fehen. Auf dem Glaskaften habe ich eine kleine Probe Crocus austriacus, zwei Sorten mährifcher Rhabarber und einen Kuchen mit Speik, Valeriana celtica, aufgeftellt und das Nähere über diefe Gegenftände fowie über die Export- Verhältniffe öfterreichifcher Arzneikörper in dem oben angeführten Artikel mitgetheilt, auf welchen ich hiermit verweife und daher in diefem Berichte nicht näher auf diefelben eingehe. Als Glanzpunkt unferer öfterreichiſchen Ausftellung, was Drogen betrifft, mufs unftreitig die des Triefter Welthandels angefehen werden. Die Gegenftände mit Angabe des Im- und Exportes find von kundiger Hand in den ſchönften charakteriftifchen Exemplaren in bedeutender Menge theils in Käften unter Glas, theils in grofsen, mit leicht entfernbaren Glasftöpfeln verfehenen Standgläfern zweckmässig aneinander gereiht auf eine fehr inftructive Weife aufgeftellt, fo dafs man mit wahrem Vergnügen bei der Betrachtung derfelben verweilt. Wir können es uns nicht verfagen, das Wichtigere aus derfelben mitzutheilen: * In Beziehung auf die Ein- und Ausfuhr mufs bemerkt werden, dafs diefelbe zu Land in Zollcentnern, zur See in Wiener Centnern angegeben ift; alle Angaben gehören dem Jahre 1871 an. Die zahlreich vertretenen Gummiforten: G. arabicum, G. Geddah, G. Sennary, G. Senegal, G. Fachmi, G. Scharky, G. Litti, G. Suakim, G. Sennary Gedda, G. Gedda Oftindien, Kirfchgummi find in den verfchiedenen Handelsforten, naturell, und mehr weniger ausgewählt, repräfentirt. Die Einfuhr befteht zu Land in 248 Z. C., zur See in 48.446 W. C., Ausfuhr zu Land 24.226 Z. C., zur See 14.514. Das meifte kommt aus Egypten. Gummi Tragacantha in fünf Sorten, meiftens perfifches. Einfuhr aus der Türkei 251 W. C., Ausfuhr zu Land 305 Z. C. Opium, das meifte aus der Türkei, etwas aus Egypten. Einfuhr zu Land 1 Z. C., zur See 725 W. C. Ausfuhr zu Land 665 Z. C. zu Land, 10 W. C. zur See. Sennesblätter, und zwar Mekka klein, naturell, doppelt gereinigt, alexandrinifche parva, electa, naturalis. Einfuhr zu Land 1o Z. C., zur See 3513 W. C., Ausfuhr zu Land 1974 Z. C., zur See 536 W. C. Radix Rhei in eilf Sorten, öfterreichifche in fchönen grofsen durchbohrten Stücken, englifche in gröfseren flachen Stücken, R. Rhei natur. von Shangai, R. Rhei 1/2, detto 3/4 mundirt in verfchiedenen Graden der Feinheit und in verfchiedener Form. Alle eilf Sorten in fehr charakteriftifchen Exemplaren. Einfuhr zu Land 6 Z. C., zur See 28 W. C., Ausfuhr 79 Z. C. zu Land, 4 W. C. zur See. Radix Ireos: Einfuhr zu Land 104 Z. C, zur See 1035 W. C., Ausfuhr zu Land 436, Z. C., zur See 431 W. C. Radix Sassaparilla Lima naturalis in ganzen Wurzeln, dann in drei Sorten gefchnitten, Caracas in drei Sorten, alle gefchnitten, dann Manzanilla und Costa ricca: Ausfuhr zu Land 8 Z. C., zur See 13 W. C. Eine fehr fchöne Sammlung von Chinarinden, darunter auch oftindifche von C. succirubra und von Java von C. Pahudiana, überdiefs Cort. China Loxa mit Moos, Kronchina, C. Chinæ carthagenæ flavæ et rubræ, C. China rubræ I und II, Cort. Chinæ bicolorat., C. Chinæ aus Lima I und II, C. Chinæ Pitayo, C. China flavus dur. Maracaibo, Puerto Cabello, Guayaquil I und II, C. China regius Calisaya ausgefucht in gefchloffenen Röhren, in offenen Röhren, in flachen unbedeckten Stücken, Huanuko elect. Opium perfifches in Stangen, Smyrnaer und conftantinopolitanifches I. Das meifte Opium aus der Türkei, eine kleine. Partie aus Egypten. Saffran fpanifcher von guter Qualität( fiehe meinen oben angeführten Bericht). Wir erwähnen nur noch Radix Ipecacuanha, R. Pyrethri, R. Jalapæ mexic. und Tampico, R. Chinæ nodose, R. Rubiæ tinctoriæ türk. I, Tarsus II, griechifche, cyprifche, fyrifche I und II, R. Serpentariæ, R. Ratanhiæ Para I, Payta, Rad. Senegæ, R. Zingiberis gefchält und ungefchält, afrikaniſcher, bengalifcher, Cochinchina; Cortex Condurango, C. Thymiamatis, C. Mezerei, C. rad. Punica Granat., C. Mezerei, C. Simarubæ, Nux vomica, Faba a 38 K. D. Ritter v. Schroff. St. Ignatii, Faba Calabar., Colocynthen, Tamarinden aus Egypten, Weftindien und befonders fchön aus Oftindien; alle Gewürze, viele Theeforten, Succus Liquiritiæ aus der Levante, Abruzzen, Sicilien vier Sorten, Martucci zwei Sorten, Calabrien, Manna canellata capace in ausgezeichneten Exemplaren, M. canell. Bruch, M. gerace, M. vulgaris, Mannit; Aloë capensis, hepatica, Barbados; ätherifche ( ol. Rosmarini etc.) und fette Oele; Balfame, Mekka-, Copaiva-, Peru- Balfam; Benzoë in drei Sorten, Weihrauch egyptifcher, indifcher in vielen Sorten, Maftix, Sandarak, Myrrha, Copal, Damar; Castoreum von der Hudfonsbai, canadense, Mofchus ex vesicis und kabardinifcher, Ossa Sepiæ in fehr vielen Exemplaren in allen Gröfsen, Mumia vera ægyptiaca, Leberthran, eine befonders reichhaltige fehenswürdige Sammlung von Meerfchwämmen. UNGARN hat feine in unfer Fach einfchlägigen Gegenftände theils im Induftriepalafte, theils in der Agriculturhalle vorgelegt. Zu erwähnen find Capsicum, das Lieblingsgewürz des Landes, Honig und Wachs, beide von ausgezeichneter Qualität, das Letztere in allen Graden der Feinheit, vom rohen bis zum blendend weifsen( Levius), fchöne Krappwurzel in 7 Proben( Leitenberger und Schloffer), Feuerfchwämme, Malven, Mohn-, Lein-, Ricinusfamen, Malva rosea, Blüthen von Aster montanus und ein daraus bereitetes Extract von Acurti in Zengg, in Dalmatien als Schlangenmittel geehrt, Medicinalkräuter: Salvia, Melissa, Mentha piperita von Hamaliar, ebenfo von A. van der Werth und noch einigen Anderen, Flores Stoechados citrinæ, Eicheln, Fichtenharz, Kolophonium, Pech, Terpentinöl- Balfam von Königsmann in Pinkafeld, Knoppern und Galläpfel; unter den Letzteren befinden fich( Ausftellung der Staatsforfte Kroato- Slavoniens) auch fehr grofse mit höckriger, felbft ftachliger matter Oberfläche, von weifs grauer bis ins Gelbe ziehender Farbe, wodurch fie den türkifchen Galläpfeln ähnlich werden, ziemlich leicht, undurchbohrt, in der ziemlich grofsen Höhlung befindet fich ein runder kleiner erbfengrofser Körper, in welchem man nach Eröffnung der bräunlichen Schale eine lebende weifse Raupe zufammengerollt findet, die fich zu einer Cynipsart entwickelt, welche in der feltenen Sammlung fchädlicher Infecten( von der ung. Altenburger Akademie exponirt), fowie in der ausgezeichneten Sammlung von Galläpfeln mit der Entwicklungsgefchichte der verfchiedenen Cynipsarten von Profeffor Meyer in der Unterrichtsabtheilung als Cynips hungarica Haet. bezeichnet ift und auf Quercus pedunculata lebt. Pharmaceutifche und chemifche Producte haben die ungarifche pharmaceutifche und technifch- chemifche Centralanftalt, ferner Benedetti, Prodanyi, und Dr. Wagner ausgeftellt; Arzneien, pharmaceutifche Präparate, meift Geheimmittel, haben einige Apotheker, fowie Zahnpulver, Zahnpaften, Mundwäffer und Zahntincturen einige Zahnärzte vorgelegt. Auch an Kumys fehlte es nicht, die 1. öfterreichiſch- ungarifche Kumysanftalt Gleichenberg- Peft brachte ihn. RUSSLAND. Mattheifen in Moskau legte eine Sammlung aus 26 Nummern beftehend von ruffifchen Exportartikeln in reichlicher Menge in grofsen Gläfern, befter Qualität vor: Kali carbonicum, Radix Liquiritiæ naturalis und electa, beide gefchält, Lycopodium gefiebt, Semen cydoniorum natur. u. elect., Semen Sinapis, Semen Sinapis Sarepta gepulvert, fehr lichtes, weifsgelbliches Pulver, Tubera Salep grofse fchöne Exemplare in beiden Formen als rad. globosa und palmata, Radix Sumbul in Querfchnitten gefunder Befchaffenheit, Flores Cinæ levantifche Sorte, Secale cornutum, Semen Carvi et Anisi, nebft Oleum Anisi, Oleum Lini, Herba Ballotæ lanatæ, Gallæ turcicæ, Infectenpulver, Gummi Ammoniacum in granis, fehr fchön, rein, gelbweifs, in grofsen unregelmässigen Körnern, Gummi Galbani in granis, Lapides Cancrorum in grofsen Exemplaren, Cantharides, Colla piscium und Beluga in dünnen Blättern. Diefelben Artikel in kleineren Gläfern von II auff ausgeftellt. Die Arzneiwaaren. 39 Museum horti Petropolitani lieferte eine grofse Sammlung einheimifcher pflanzlicher arzneilicher Drogen, unter denen wir hervorheben: Radix Rhei in kleinen Stücken, die meiften ähneln unferer mährifchen Rhabarber( ausgezeichnete chinefifche Rhabarber, wie man fie fonft als Rh. moscoviticum von Rufsland zu beziehen pflegte, fehlen), Rad. Liquiritiæ, Herba Ballotæ lanatæ, Folia Rubi Chamæmori, Blätter von Bidens tripartita, von Genista, Hedera terrestrix, H.Hyperici, Persicaria, Ribis nigri, Flores Pyrethri rosei, Capita Papaveris auffallend klein, Cortex Frangulæ etc. etc. Crocus persicus, wohl nicht einheimifch Thee, insbefondere ruffifcher Caravanenthee in feften viereckigen Kuchen, in der charakteriftifchen Verpackung( bemalte Kiften und eigenthümliche Körbe), vom Musée d'Irkutsk. Ferner fchwarzer und geprefster Thee der Provinzen Foutchou' und Khan- Kouu, in 8 Sorten ſpeciell für Rufsland und in 6 Sorten, wie fie den Mongolen, Buriaten, Kirgifen, Khiwanern, Bucharen und Perfern genoffen werden, von Niemtfchin off in Kiakhta, Provinz Transbaikal, eingefendet. Haufenblafe ift von mehreren Ausftellern in verfchiedenen Sorten ausgeftellt, fo von Ananoff in 6 Sorten( Producte des Fifchfangs von Saliansk im caspifchen Meere) aufser Blätter- Haufenblafe viele Exemplare in langen, peitfchenftockähnlichen Formen, welche aus langen Strängen beftehen, die horizontal und fpiralförmig mit Haufenblafen- Fäden umwunden find, oft fehr künftlich mit ftellenweife angebrachten mitunter durchbrochenen Knoten verfehen; diefe Form führt die Devife Wefiga zu Speifen. G. Hauff ftellte ein Tableau mit allen Arten von Fifchblafen auf; wir führen aufser den fchon angeführten noch an: Prima perfifche Ossetrowa( Störblätter), Prima Promislowa, Ossetrowa Mescheumock, diefelbe gebleicht, Prima Saliansky Ossetrowa- Blätter ungebleicht, detto gebleicht, Prima Flufs Ossetrowa, Ossetrowa Patriarch in Klammern, künftliche Ossetrowa aus Beluga, detto aus Beluga und Samovoi bereitet, Prima dicke Beluga und dünne in Blättern, Secunda Beluga braun, Beluga Mefcheumock, Samovoi- Blätter, Samovoi Buch II, gewalzte Samovoi I und II, Prima gebleichte Schnitzel, Secunda blutige Schnitzel, Trucha in kleineren Schnitzeln. Bei einigen Sorten find die Preife beigegeben: gebleichte Oss Blätter p. Pud 180 R., blutige Osseter p. Pud 160 R., Beluga Blätter p. Pud 160 R., Samovoi p. Pud 80 R., künftliche Samovoi p. Pud 60 R. Pallifen, Factorei Korabelnaja in Ruffifch- Lappland, brachte verfchiedene Sorten Thran, fo Prima Dampf- Medicinal- Leberthran von Dorfchleber, detto von frifcher Dorfchleber kalt bereitet, hellbraungelb, während der erftere hellgelb, blanker Thran von Dorfch- und Schellfifch Leber, detto gefchmolzen, blanker Thran von Seileber, brauner Leberthran gekocht von Dorfch- und Scheilfifch- Leber, brauner Thran gekocht von Wallfifch- Speck. Wir übergehen die vielen anderen thierifchen Fette und erwähnen nur noch fehr fchön weifsen Hammeltalg, Robbenfett, Fifchfett, Häringsfett. Ueberdiefs fehr vieles, ausgezeichnetes Wachs und Honig; endlich Kork in einer aus Korkeichen- Rinde aufgebauten Grotte. Von ätherifchen Oelen ift insbefondere zu erwähnen Oleum Sinapis bisrectificatum in grofser Menge vorhanden, von Branitzki in Kiew, nebftdem Oleum Mentha piperitæ bis rectificatum, Oleum chamomillæ, Oleum Anisi, Oleum Cumini aus Efthland. Die Waldproducte in zahlreich ausgeftellten Theerforten von Coniferen, von der Birke und Buche als Buchenholz- Theer mit deffen Producten: Holzeffig, holzeffigfaurer Kalk, Holzgeift, Balfam von Birkenther, viel Terpentin, auch rother, Terpentinöl vertreten. Unter den pharmaceutifchen Präparaten einige Geheimmittel, unter den Genufsmitteln Moosbeeren- Effenz und Moosbeeren- Syrup von Petroff als erfrifchendes Getränk ausgeftellt. Unter den chemifchen Producten Schlippe's Salz von dem Erzeuger, Albumin und zwar fowohl Blutalbumin in verfchiedenen Graden der Reinheit als Eialbumin von Schagnin, Garanzin und Krapp aus Aftrabad. Kaukafus. Als die Geburtsftätte des zu einem grofsen Rufe gelangten Infectenpulvers hat der Kaukafus von mehreren Erzeugern desfelben grofse 40 K. D. Ritter v. Schroff. Quantitäten davon ausgeftellt. Wir erwähnen nur Markar Terpetroffian, welcher unferem Zacherl das in feiner Fabrik, in der 50 Leute vom 15. Juli bis 15. September 4000-5000 Pud diefes Artikels bereiten, gewonnene Product liefert; nebft den vollſtändigen Blüthen von Pyrethrum roseum und einer weifsen Compofite( Pyr. caucasicum), welche die 1. Sorte liefern, liegen noch gelbblühende Compofiten und Pyr. roseum, von denen die 2. Sorte bereitet wird, vor. Früchte von Rhamnus infectoria, Saffran von guter Befchaffenheit aus Derbent, Opium aus demfelben Bezirke in mehreren Gläfern, darunter auch unter derfelben Bezeichnung geprefster Saffran, ferner in einem Glafe mit der Etiquette Opium in dem oberen Theile desfelben braune, etwas harzig glänzende, dem perfifchen Opium ähnliche poröfe Stücke, in dem unteren Theile Saffran; grofse dicke Wurzeln von Statice coriaria, Krapp, gepulverte Wurzel von Asphodelus ramosus zur Erzeugung von Leimen für Buchbinder verdienen Erwähnung. Einiges Intereffe erregt eine Sammlung von Volks- Arzneimitteln in Transkaukafien, deren Beftimmung mitunter irrig ift. Wir wollen einige aus diefer Lifte hervorheben: Karra gallila, Fructus Myrobalani nigri, Purgatif, Lari galila, Fruct. Myrobalani Belliricæ, gegen Gonnorrhoe, Tschakan, unreife Früchte von Viscum album, Carni- arucha, semen Plantaginis, gegen Tripper, Maku- chili, ganze Cardamomenfrüchte, Salbi gazal, Nuces Cupressi gegen Zahnkrankheiten, Banset saitung, verfteinerte Palmfrüchte gegen Steinkrankheiten, Tinfili, Grana Paradisi, Sumbul indi, Radix Nardi indicæ, und Lochuri, Cortex Winteranus, beide Aphrodisiaca, Ratschuli tzamali, Radix Dictamni Fraxinella gegen Huften, Odur Kairi( fälfchlich Radix Ireos, ift Pyrethrum romanum) gegen Zahnweh, Rewandi, fälfchlich Radix Violæ, ift Radix Rhei unferer öfterreichifchen Rhabarber ähnlich, Pigwali- tzamali, Radix Aristolochiæ, an Schnüren gereihte Stücke, gegen Huften, Jorda- Salami, Rad. Pæoniæ tenuifolia gegen Huften, Kilatur, Radix Polypodii unferem Polypodium vulgare ähnlich, gegen Huften, Gawardzuwa, Radix Polypodii cujusdam, grofse, aufsen dunkelrothe Stücke, gegen Würmer, Schrefch, Pulv. rad. Asphodeli ramosi, Sussunakistschia, perfifche Canthariden, Mylabris callida, gegen Gonorrhoe, SchildkrötenEier gegen Hernia, Teriak, perfifches Opium in Stangen etc. Turkeftan's Ausftellungsgegenstände, fehr unzweckmäfsig aufgeftellt, beftehen aus einer Sammlung von Volksmitteln mit ruffifchen Bezeichnungen ohne weitere Angabe, aus Opium in Stangen in Papier eingewickelt, Capita Papaveris, Crocus, Flor. Rosarum rubrarum, Früchte von Terminalia chebula, Bezetta, aus einigen Oelen und Farbftoffen. GRIECHENLAND ftellte bei der 2. temporären Ausstellung des Gartenbaues vom 15.- 25. Juni in den derfelben gewidmeten Räumen eine prachtvolle Collection von Früchten: Orangen, Citronen in 40 Varietäten aus Athen und überdiefs feltene Pflanzen durch Profeffor Orphanides, den Entdecker vieler neuer Arten griechifcher Pflanzen, aus, unter denen befonders mehrere Arten Colchicum hervorzuheben find: Colchicum Euboeum Orph., Colchicum polymorphum Orph. mit 2 Varietäten obtusilobum und acutilobum, Colch. Boissieri Orph. und deffen Varietät, Colch. Taygeteum Orph. Aus dem grofsen Reichthume Griechenlands von Colchicum arten führen wir noch an: Colchicum lingulatum Boiss., Colch. variegatum( verum) L., Colch. Bivonnæ Goss. und C. Cupani Goss. An diefer Stelle bemerken wir, dafs diefe Ausstellung Gelegenheit bot, die feltenften officinellen und tropifchen Nutzpflanzen in fchönen lebenden Exemplaren zu fchauen, wobei Belgien die Palme gebührt unter den Ausftellern, namentlich waren es der botanifche Garten in Gent und Linden( Gent und Brüffel) welche das für uns Intereffantefte vorführten. Aus dem Vielen nur Einiges: Caryophyllus aromaticus, Chiococca racemosa, Cinchona nobilis, Cinchona succirubra, Cinchona officinalis, C. Pahudiana, C. speciosa, Cinnamomum Cassia, Cinnam. zeylanicum, Cinnam. aromaticum; Cephaëlis Ipecacuanha blühendes Exemplar, Hæmatoxylon campechianum L., Piper nigrum L., Pip. Cubeba L., Copaifera officinalis, Erythroxylon Coca, Myrospermum Die Arzneiwaaren. 41 peruiferum, Quassia amara, Simarubra excelsa DC., Smilax sarsaparilla Z., Vanilla aromatica, Zingiber officinale, Myristica moschata, Thea viridis und assamica, Simaba Cedron, Galaktodendron utile etc. Im Induftriepalafte trat in der aus 178 Nummern beftehenden ausgezeichneten Sammlung von Hölzern der griechifchen Flora von Profeffor Orphanides ein fchönes Exemplar eines Strauches von Astragalus creticus mit austretendem Traganth hervor. Der Letztere aus dem Peloponnesos vom Berge Taygetus, aus Patras etc. in fehr fchönen Exemplaren und in den bekannten Formen, Grains du Levant von Rhamnus græca, Eicheln in mehreren Sorten von Quercus Taygetea ( fehr grofs), von Quercus makrolepis( Vallonen ausgeführt), Quercus stenophylla und Querc. Portogallusa( felten im Handel), efsbare Früchte von Elæagnus angustifolia, 26 verfchiedene Sorten Olivenfrüchte mit deren Oel, fehr viele Anisfrüchte von Argos, Theben etc, ebenfo Coriander aus denfelben Bezugsquellen, Mandeln, grofse Piftazien, Feigen, Corinthen von Voftizza, Missolungi etc., Raisins dites Sultanine( Rofinen ohne Kerne), Honig aus vielen Gegenden( der altberühmte vom Berge Hymettus fehlt nicht), Terpentin von Euboea, Terpentinöl, fchönes weifses, glänzendes klebendes Harz von Megara, Roccella tinctoria, Krapp, entftammen dem klaffifchen Boden Griechenlands; das Meer liefert die bekannten feinen Schwämme. Aetherifche Oele fandte Corfu, die Gemeinde Sparta(!) Orangenblüthen- Waffer, St. Maura fchönes Meerfalz. Mehrere Mineralwäffer. TÜRKEI. Den Glanzpunkt der ganzen Ausftellung bildete die von Fayk Bey( Della Sudda) gebrachte Sammlung von 100 Sorten( 3 mehr als in Paris) Opium des türkifchen Reiches in einem horizontalen Glaskaften auf einem Tifche. Diefelben wurden theils von den Gouvernements eingefchickt, theils bei ihrer Ankunft in der Douane von Fayk Bey angekauft. Ausserdem liegen die betreffenden Mohnköpfe und Mohnfamen, die gebräuchlichen Inftrumente bei der Opiumgewinnung und Rumexfamen bei. Ein ausführliches Tableau gibt bei einer jeden Opiumforte die Bezugsquelle, eine kurze Befchreibung der Form, Waffer- und Morphingehalt in Percenten genau an. Die Form der einzelnen Brote ift fehr mannigfaltig: planconvex, oder auf beiden Seiten flach, halbkuglig, konifch, ganz kugelförmig, faft alle mit rundem Bohrloche in der Mitte; eine geringe Sorte von Bagdad( 109% Morphin) von der Confiftenz eines weichen Extractes in einer Blechkapfel, eine Sorte nach Art des perfifchen Opiums in Stangen. Die Opiumbrote find durchgehends in Blätter gehüllt, deren Hauptnerven deutlich fichtbar find und im Opium felbft ihren Abdruck fammt dem ihrer Seitennerven zurücklaffen. Um zu zeigen, wie fehr der Morphingehalt derfelben Sorte variirt, wollen wir einige Belege vorführen. Von 17 Sorten von Angora fchwankt der Gehalt an M. von 0 51-13: 36, von 15 Sorten aus Konia von 2.57-13: 36, von 25 Sorten aus Houdavendighiar von 2.94-12: 55, von II Sorten aus Sandjak Ismir von 0.96-10: 55, von 8 Sorten aus Sivas von 122-12 85, von 5 Sorten aus Diarbekir von 0.95-8.64, von 7 Sorten aus Pizren von 3.4-10: 09, von 2 Sorten aus Aleppo von 181-186. Ueberdiefs haben zahlreiche Ausfteller Opium gebracht. Von demfelben Fayk Bey, der fich, wie bekannt, um die rationelle Gewinnung des Scammonium grofse Verdienfte erworben hat, ift in einem befonderen gefälligen Auffatze die Scammoniumgewinnung repräfentirt, wie er fie in feiner eigenen Fabrik in Kleinafien übt. An den Wänden riefige Exemplare von Scammoniumwurzeln, im Inneren des Glasfchrankes ein grofser Block von Resina Scammonii, 25 Kilo fchwer, ferner Resina Scammonii alba und einige durch Einfchnitte in die Wurzel gewonnene Scammoniumforten, fo von Awadjik( aufsen graugelbe, ftellenweife fchwärzlichgraue, unregelmässige Stücke), von Keftron am Libanon gewonnen ( runder, etwas plattgedrückter, halbirter Kuchen, aufsen graubraun und weifs gefleckt, auf der Durchfchnittsfläche erdbraun, die anderen Stücke fchwarzgrau), von Marache( Conglomerate aus kleineren Stücken, fchwärzlichgrau, hie und da etwas wachsglänzend), von Maniffa( erdig gelb beftäubt, darunter fchwach 42 K. D. Ritter v. Schroff. harzglänzende Stücke). Aufserdem Scammonium von vielen anderen Ausstellern aus den Vill. Archipel, Aidin, Adana, Libanon, Aleppo etc. Unter den türkifchen Handelsartikeln, medic. Drogen betreffend, führen wir an: Galläpfel von Aleppo, Diarbekir, Janina, Tripolis etc. in den verfchiedenften Sorten in grofser Menge, von den kleinften, erbfengrofsen bis zu den wallnufsgrofsen Baffora- Galläpfeln, von der dunkelften, fchwarzgrünen bis zur hell gelblichweifsen Farbe; rothe Caroben( Carobe de Giudea), Saffran, Safflor; Salep von vielen Orten( Prov. Janina, Kaftambolu, Angora, Adana etc.) in beiden Formen fowohl globosa als palmata in fchönen Exemplaren; Traganth in 15 Gläfern, darunter 5 Proben in sortis, 10 Proben in fchönen weifsen Blättern, von Diarbekir, Konia, Aleppo, Bagdad, Angora; Maftix von Chios ausgezeichnet fchön in grofsen Stücken, aber auch in sortis, meiftens mittlerer Qualität; Gummi arabicum von Tripoli, Piftaziengummi von Aleppo, Terpentin von Cypern, Ladanum von Creta und Cypern, vor allen Rofenöl in bedeutenden Mengen von vielen Ausftellern, unter denen wir nur Pappazoglu und Himfen nennen, ebenfo Rofenwaffer, Wachs, Honig, Badefchwämme. Was fonft an Genufsmitteln: Datteln, Mandeln in verfchiedenen Sorten, Feigen, Johannisbrod, Rofinen, Jujubæ, Weinbeeren, Oliven; an Gewürzen, aromatifchen Kräutern, fchleimigen und anderen Mitteln: Kümmel, Fenchel, Anis, Coriander, Capsicum, Samen von Nigella orientalis, Foenum græcum, Senffamen, Samen von Cannabis indica( Hach- Hach), nebft Hafchifch von Houdavendighiar, Quitten, Kürbis-, Ricinus-, Wurm-, Adjourfamen, Wachholderbeeren, Gelbbeeren( von Rhamnus infectoria), Bablach-, Lein-, Sefam-, Mohnfamen, Wurmkraut, Granatäpfel- Schalen, Frucht von Celtis australis, Kraufe. münze, Salbei, Abfynth, Origanum, Chamillen, Lindenblüthen, Rofenblumen von Damascus und Bagdad und deren Präparate: Rofenfyrup, Conferve, Branntwein, verzuckerte Rofen, Eibifch- und Malvenblumen, Salbei- Infelthee, bittere Pomeranzenblätter, Weintrauben- Blätter, Süfsholz- Wurzel, Krappwurzel, Senna, Sumach etc. zu fehen, ift ebenfo wenig von einer befonderen Bedeutung als Fichtenharz, Kolophonium, Theer, Pech, weifses Harz, Feuerfchwämme von Widdin, Haufenblafe vom Vill. Donau und Vill. Scotara, Hirfchhorn, die gewöhnlichen fetten und ätherifchen Oele, deftillirte Wäffer, Syrupe, Serailpaftillen, kleinere und gröfsere ( bis zur Brotform) vergoldete, wahrfcheinlich aus Aloëholz oder anderen wohlriechenden Subftanzen beftehende runde Plätzchen, Mofchusfeife, Traganth- Gummifeife, Blume gegen den böfen Blick, Haar- Wafchwaffer etc. etc. Zum Schluffe erwähnen wir noch aufser anderen Manna- Arten die in der neueften Zeit viel befprochene Trehala, von Fayk Bey gleichfalls ausgeftellt, und die von der Firma Ovanefs Dedeyan in nuce gebrachte Ausftellung türkifcher Handelsproducte in kleinen Exemplaren: Traganth, Maftix, Rofenöl, Scammonium, Opium, Leinfamen, Galläpfel, Salep, Weihrauch. EGYPTEN hat fehr fchön und gut überfichtlich feine reichen Schätze zur Anfchauung gebracht, wobei eine finnige, vom richtigen Gefühl für Naturfchönheit geleitete Anordnung nicht zu verkennen ift. In der Mitte der Gallerie erhebt fich ein an Früchten überreiches wahres Prachtexemplar einer Dattelpalme, um welches fich ganze Exemplare oder doch wenigftens die charakteriftifchen Theile derfelben von Pflanzen gruppiren, welche wegen ihrer Verwendbarkeit als Genufsmittel oder als Arznei von befonderem Intereffe find, als da find: fchöne Exemplare von Tamarindus indica mit Blättern und Früchten, Balanites ægyptiaca mit Früchten, Pistacia Terebinthus, Coffea arabica, Iatropha Curcas, alle 3 mit Früchten, Acacia Catechu mit Schoten, Pinus halepensis mit Zapfen, das von den Bewohnern des Landes feit uralten Zeiten hochgehaltene Nelumbium speciosum mit dem eigenthümlichen Fruchtftande, Laurús nobilis und Melia Azadirachta, beide mit Früchten, Schinus molle und Pistacia Lentiscus mit Früchten, blühende Summitates Cannabis indicæ( dicht gedrängte dicke Blüthenftände, dicker als die oftindifchen), Lawsonia inermis, Carthamus tinctorius, etc. etc. Diefe höchft intereffante Gruppe wird von Die Arzneiwaaren. 43 einer umlaufenden Reihe von Käften umgürtet, welche einzelne Pflanzentheile enthalten. Wir heben hervor: Früchte von Ricinus inermis, viridis, sanguineus nebft Ricinusöl, Früchte von Iatropha Curcas, grofse Hülfen von Cassia Fistula fammt deren Pulpa, Früchte von Ceratonia Siliqua, Fructus Colocynthidum, Fructus Aegle Marmelos( in Egypten cultivirt), Tamarinden von Sudan und Cordofan nebft Pulpa Tamarindorum, Cardamomen, Anis, Cuminum, Nigella, fchwarzer Pfeffer, Oliven, Datteln und deren Teig etc. Mehrere derfelben befanden fich unter der ausgedehnten in Körben an den Wänden ausgeftellten Sammlung von Genufsmitteln. In gläfernen Wandkäften waren befonders beachtenswerth Folia Sennæ aus Oberegypten in 2 Gläfern, in dem einen Folia Sennæ von Cassia lenitiva, in dem anderen gemifchte Sennesblätter( überdiefs an der Trophäe in 2 Gläfern Folia Sennæ vom oberen Nil und von Cordofan, beide enthalten nur Blätter von Cassia obovata, die aus Cordofan befonders grofs), Foliculi Sennæ, Gummi arabicum von Sudan in mehreren Sorten, darunter weifses und rothbraunes, Folia Eucalypti( die Cultur von Euc. Glob. von Gaftinel Bey eingeführt und acclimatifirt in Cairo; ( die Blätter find fehr grofs), daraus bereitet Resina Euc., Aqua Euc.( Hydrolat), Alcoolat d'Euc., Tinctura Euc., wäfserig alkoholifche Extracte mit und ohne Harz, Eucalyptol( gereinigt und ungereinigt dargeftellt von Gaftinel), Oleum Euc. amygdalinæ von angenehmerem Geruch als von Euc. Glob., Resina Eucalypti Globuli, Holzkohle von E. Globulus; Mohnfamen, Mohnköpfe aus Oberegypten grofs, horizontal angefchnitten. Von Opium lagen 3 Sorten vor: Von Esneh in Oberegypten, 3% Morphin, rundliche, flache, wenig bedeckte Brote; von Syout in Oberegypten, 8.2% Morphin, flache runde Kuchen von verfchiedener Dicke in Blätterumhüllung; von Akhmyn in Oberegypten, 81% Morphin, wenig bedeckte flachrunde Brote. Das früher erzeugte Opium war von fchlechter Qualität, wie denn das Opium von Esneh nur 2-3% Morphin enthält, ja es kam Opium vor, das, wie uns Herr Gaftinel berichtete, gar kein Morphin enthielt. Derfelbe verbefferte die Methode der Opiumerzeugung nach jeder Richtung, worüber auch gedruckte Berichte vorlagen, und erzielte ein fo gutes Refultat, dafs das nach diefer Methode bereitete Opium mitunter 9-10% Morphin enthält. Von Hafchifch lagen Blüthenzweige aus Unteregypten vor. Herr Gaftinel erzählte uns, dafs die mit arabifchem Hanffamen eingeleitete Cultur bei den Verfuchen das intereffante Refultat ergab, dafs mit jeder weiteren Cultur der Gehalt der Pflanze an techniſch verwendbarer Fafer fowie an Gröfse verlor, dagegen mit der ftets ftärker hervortretenden Kleinheit an narkotifchen Beftandtheilen gewann; er hält daher die Hafchifch liefernde Varietät der Hanfpflanze blofs für eine Degeneration der Cannabis sativa. Von Hafchifchpräparaten lag Alcoolat de Hafchifch, alkoholifcher Extract von Hafchifch und das von Gaft inel dargestellte Hafchifchin, ein Harz als wirkfames Princip, vor. Ueberdiefs find folgende zum Genufs beftimmte 10 Hafchifchpräparate vorhanden: Gateau au Hafchifch( Ghoraibé), Extrait gras du Hafchifch, Confitures mit Zucker, Honig und dem fetten Extract( Roumi), Zucker und fettes Extract( Zelzeleh), Electuarium aus dem fetten Extract, Zucker und Hafelnüffen ( Indi), Electuarium aus fettem Extract, Zucker und Muscatnufs( Gara- ouich), Electuarium Dava- Mesc, Zucker und fettes Extract, Confitures aus fettem Extract, Honig, Cubeben und Ingwer( Lessan- asfour), Confitures von Mandeln au Hafchifch, Datteln au Hafchifch, im fetten Extract gekocht. Ausserdem find zu erwähnen: 4 Arten von Stärkmehl, Galläpfel von Tamarix, Henna ganz und gepulvert und die aus den 3 letzteren dargestellten Gerbfäuren, Saffran, Indigo und Indigotin, Krapp und Garancine, fette Oele aus Ricinusfamen, füfsen Mandeln und Baumwollfamen, Ol. Carthami, Lactuca sativa, MohnfamenOel; ätherifche Oele: Ol. Menthæ, Canellæ, Geranii rectificati, Flor. Naphæ, Citri, Cedrat; der Riechftoff von Acacia Farnesiana durch Ausziehen mit Aether oder Schwefel- Kohlenftoff von Gaftinel erhalten, Oleum Sinapis, fchönes 44 K. D. Ritter v. Schroff. Wachs, aus dem oben erwähnten Opium von Syout durch Gaftinel dargestellte. Alkaloide nebft anderen Alkaloiden und anorganifchen Präparaten, deftillirte Wäffer, Tincturen, Extracte, gepulverte Drogen und mehrere Samen und Früchte ohne fonderliche Beziehung zur Medicin. TUNIS zeigte eine befondere Vorliebe für Wohlgerüche und narkotifche Genufsmittel; daher die Effenzen von Rofen, Jasmin, Quitten, Aloë, Millefleur, Nesri, doppelt Jasmin, Baar, Zimmt, fowie Räucherpaftillen von Ambra, Aloë, Benzoë, Schnuda und Honsia, Gemifche verfchiedener Subftanzen, Jasmin-, Weihrauchöl, parfümirtes Malvenwaffer, Orangenblüthen-, Jasmin-, Rofen-, Nesri-, Gensfura-, Millefleur- Waffer, Zibethpomade, Mofchus, fälfchlich Castoreum genannt, eine fo grofse Rolle spielen. Von medicinifchen Pflanzen liegt aufser Mentha Pulegium, Inula graveolens, Lavandula Stoechas, Teucrium polium, Artemisia campestris, Delphinium noch ein Verzeichnifs vor, in welchem die Namen in der Sprache des Landes und nebenan Andeutungen der wiffenfchaftlichen Bezeichnungen folgender Pflanzen zu finden find: Cassia Senna( Sacars), Laurus nobilis( Ratac), Mercurialis ( Ahbaf el Hal), Smyrnium( Nonah), Verbascum( Saleh el Nasar), Chenopodium ( Atbalabar), Malva( Nauar Kez), Chamomilla( Babunes), Elichrysum( Diak), Marrubium( Kariaz), Cuscuta( Acbal Esahco), Juncus( Zariet Ahdar), mehrere unbeftimmte Labiaten, Taraxacum( Canhat Nakoa), Saponaria( Zizu), Papaver ( Butar Anuz), Delphinium( Hafchifch el Tarran), Juniperi lignum( Tefaa), Matricaria( Fihuan), Artemisia( Schih), Ricinus( Aksiha Nussa), Pistacia( Rihan), Artemisia maritima?( Tahun Mezajan), Tamarix africana( Taraba), Althææ radix( Bed et Danal), Ptychotis( Am Rubia), Adiantum Capillus Veneris( Cusbora el Bir). Ueberdiefs find zu fehen: Cannabis sativa des Arabes( Kif des Arabes), Opium, Saffran, Henna, Indigo, Rofenblätter, Capita Papaveris, Capsicum, Taufendguldenkraut, Mandeln, Piftazien, Honig, weifses und gelbes Wachs, Meerfchwämme. MAROKKO ftellte nicht nur die bekannten Erzeugniffe des Landes, fondern auch eine Sammlung einheimifcher Arzneimittel mit den einheimifchen Namen aus; aus der Reihe der Letzteren gelang es einige derfelben näher zu beſtimmen. Von jenen führen wir an: Sandarac in zwei Sorten, die eine ftellt die gebräuchliche Handelswaare dar, die andere erfcheint in fehr langen Thränen, beide sehr rein, fchönes Gummi Euphorbii, Flores cinæ berbericæ, ein angebliches Gummi Amoniacum( weifsgelbliche, den Nageleindruck leicht zulaffende, längliche Stücke Harz, eingebettet in eine braungraue Maffe, fammt einem Stücke des Holzes von dem das Gummiharz liefernden Baume, das Holz fehr dicht und fchwer), Gummi arabicum, G. Senegal, G. Amrad, füfse und bittere Mandeln, Pfirfich- und Amarillenkerne, Sefam, Anis, Fenchel, Kümmel, Oliven, Rofinen, Hafchifch, Rofenblätter, Granatblüthen, Safflor in länglich runden Kuchen( Azfur), Krapp, Henna, Iriswurzel in fchönen grofsen, Stücken( importirt oder Landeserzeugnifs?). Von diefen gelang es zu beftimmen: Azir Rosmarinblätter, Gurd Früchte von Vitex Agnus castus, Halba Samen von Fonum græcum, Kusbur Elbir Adiantum Capillus Veneris, Tafrira Radix Thapsiæ garganicæ, Hauedarterai Flores Paronichiæ argenteæ, Tighift Wurzel vom Seifenkraut, Begolicia Radix Liquiritiæ ungefchält, Igg Carobe di Giudea, Kiftelhija Taufendguldenkraut fammt Blüthen, Takud kleine grauröthliche, fehr unregelmäfsige, beftäubte Galläpfel, Habras zaktuna( diefe Auffchrift führte ein Glas, welches zu oberft Samen von Delphinium Staphysagria, darauf die Samen von Hyoscyamus und zu unterft ganz kleine glänzend fchwarze Samen enthält). Bei einigen der übrigen läfst fich die Familie und Gattung( Labiatæ( Mentha und Thymus), Valeriana, Umbelliferæ) beftimmen, bei den übrigen bleibt man auch in diefer Beziehung im Unklaren. Wir haben die Namen aller und eine kurze Befchreibung derfelben aufgenommen und gedenken bei mehr Mufse die Sache weiter zu verfolgen. Die Arzneiwaaren. 45 PERSIEN betheiligte fich bei unferer Ausftellung bei Weitem mehr als diefs in Paris der Fall war, wenngleich dasfelbe Land bei feinen grofsen arzneilichen Schätzen hätte mehr bringen können. Dafs Perfien im Allgemeinen fo ausgezeichnet fich präfentirt, verdankt es wefentlich der Mitwirkung des Herrn Dr. Polak, welcher durch langen Aufenthalt in Perfien das Land und feine Production emfig ftudirt hatte und der perfifchen Regierung die beften Rathfchläge bei Betheiligung an der Ausftellung ertheilt hat. Der von ihm verfafste Specialkatalog ift mufterhaft und läfst uns in die Verhältniffe Perfiens klaren Blickes fchauen. Die uns intereffirenden Gegenftände waren in gläfernen Käften aufgeftellt. Wir befprechen zunächft die wichtigeren derfelben und laffen darauf den Reft folgen. Vor Allem feffelte unfere Aufmerkfamkeit die Sammlung von einigen Opiumforten. Man war in früheren Zeiten gewohnt, das perfifche Opium, welches nur in Stangenform nach Europa gelangte, als das fchlechtefte zu bezeichnen, indem es nur I Percent Morphin enthielt. Ich felbft habe mehrere Stangen diefes Opiums mikrofkopifch unterfucht und diefelben ftets mit viel Mehl vermifcht gefunden. In der jüngften Zeit find Proben perfifchen Opiums zu uns gelangt, welche beweifen, dafs Perfien allerdings auch gutes Opium erzeugt und dafs es in früheren Zeiten nur die fchlechtefte Qualität nach Europa gelangen liefs. Auch die vorliegende Ausftellung bringt uns einen befferen Begriff über perfifches Opium bei. In zwei kleinen hölzernen Kiften zweierlei Stangenopium: Opium von Kafchan 1. Qualität von Ziegler& Comp. ausgeftellt, Opium von Yezd 2. Qualität, die Stangen find in bekannter Weife mit glattem Papier von weisser und rother Farbe eingewickelt und mit Bindfäden umgeben; die erftere Sorte ift noch fehr weich, von lichtbrauner Farbe. Ueberdiefs liegt noch Stangenopium von der k. perfifchen Regierung vor als Opium Malajir in einer Blechbüchfe zufammengedrängt. Eine lange runde Blechbüchfe enthält fehr dunkel, faft fchwarz gefärbtes Opium von fefter Confiftenz aus Masenderan, k. perfifche Regierung. Eine niedrige Blechdofe enthält fehr weiches, lichtgelbbraun gefärbtes, an die Wandungen des Gefäfses fich anlegendes Opium von ftarkem Opiumgeruch, es ift als Opium von Kum bezeichnet. Opium von Yezd, Blechbüchfe mit Stangenopium. Die Opiumcultur ift im Steigen und die Ausfuhr befonders nach Indien beträchtlich. Ein zweiter des beften Rufes aus alter Zeit fich erfreuender Arznei- und Färbeftoff ift. der Saffran; derfelbe liegt aus Khoraffan in kleinen, feft zufammengepressten Kuchen vor, braun von aufsen, auf dem Bruche fchön roth; auch Safflor von gutem Ausfehen ift vorhanden. Von Gummiharzen, an denen Perfien fo reich ift, ift blofs Afand in kleinen Körnern aus Khoraffan zu fehen. Traganth in Knollen von Azerbeidfchan und Kirmanfchah, Salep von Kirmanfchah, verfchiedene Manna- Arten, bei den Perfern fehr beliebt, von der Tamariske, Salix capr., von Aftragalus, von Echinops candidus unter dem Namen Tighalmanna bekannt, vor allem aber von der fo vielfach verwendeten kurdifchen Eiche, Quercus Vallonii, welche unter dem Namen Gezengebin als Leckerbiffen allgemein genoffen und in Ispahan und Yezd fabriksmäfsig gereinigt, in Kuchen geformt wird und mit Piftazien und Mandeln verfetzt in den Handel kömmt, eine grün gefärbte, angenehm füfs fchmeckende Maffe; die gerne genoffenen geröfteten Eicheln derfelben kurdifchen Eiche, viele Arten von Galläpfeln, darunter auch Baffora- Galläpfel, Gummi von Mandel- und Aprikofenbäumen, Sarcocolla von einer Penæa- Art, fchöner Krapp, Fenchel, Coriander-, fchwarze und grüne Kümmel-, Peterfilienfrüchte, Dillfrüchte, Piftazienharz und Samen, Mandeln, fchwarze Rofinen, Flohfamen und andere fchleimgebende Samen, Kreuzbeeren, Mohn- und Ricinusfamen von blaffer Marmorirung, Sumach, Henna( Lawsonia inermis), Früchte von Jujuba und Melia Azedarach fowie von Berberis; Kürbis-, Gurken-, Melonen-, Lactucafamen und fchliesslich Haufenblafe von verfchiedener Form erfchöpfen unferen Bericht. JAPAN und CHINA waren bisher auf den Ausftellungen fehr fchwach vertreten, beide Länder haben Wien in Beziehung auf Drogen reichlich befchickt. 16 K. D. Ritter v. Schroff. Japan hat den Vorzug vor China, dafs es feine Arzneikörper grofsentheils wiffenfchaftlich beftimmt vorlegte; dem Vernehmen nach rührt die botanifche Bezeichnung von dem berühmten, leider bereits verftorbenen Botaniker Miquel, welcher in der Flora Oftafiens befonders bewandert war, her. China hat zwar eine bei Weitem gröfsere Menge von Drogen ausgeftellt als Japan, allein gröfstentheils ertbehren diefelben der Zurückführung auf ihre Abftammung, andererfeits find fie in einem fo haverirten, gröfstentheils verfchimmelten Zuftande angelangt, dafs fie das Studium derfelben theilweife ganz unmöglich machen oder doch ungemein erfchweren; befonders gilt diefs von den durch die Seezoll- Behörde eingelieferten Drogen, welche gerade den gröfsten Theil der Sammlungen ausmachen. In der letzten Zeit hat man fich bemüht, diefelben fo viel als möglich zu reinigen. Dr. Kerr in Canton, welcher eine reiche Sammlung chinefifcher Drogen und Medicamente eingebracht hat, gibt mit geringen Ausnahmen blofs die Namen nach ihrer Ausfprache ohne Beigabe der chinefifchen Zeichen, wodurch die Beftimmung fehr erfchwert wird. Dr. Bretfchneider, der als Arzt der ruffifchen Miffion in Pecking feit mehreren Jahren in China lebt und in der Gefchichte der chinefifchen Botanik gründliche Studien gemacht hat und noch macht, verficherte mich, dafs man auf die Angabe der Ausfprache der chinefifchen Bezeichnung keinen grofsen Werth legen dürfe, da das verfchieden geübte Ohr die Laute der chinefifchen Zeichen verfchieden auffafst und ebenfo die Mutterfprache des Ueberfetzers häufig die eigenthümlichen Laute für die chinefifchen Zeichen gar nicht befitzt, wie diefs befonders bei der franzöfifchen Sprache der Fall ift. Beffer eignen fich dafür die englifche und die ruffifche Sprache. Unfer pharmakologifches Inftitut befitzt 393 chinefifche Drogen, mit deren Studium ich mich vielfach und ernftlich befchäftiget habe. Es ift mir auch gelungen, mehr als die Hälfte derfelben wiffenfchaftlich zu beftimmen, allein es bleibt noch immer eine nicht geringe Zahl von unbeftimmten Artikeln übrig, über welche ich mit Hilfe der in Wien auszuftellenden chinefifchen Drogen einige Aufklärung gehofft hatte, in welcher Erwartung ich leider getäuscht worden bin, doch hoffe ich fpäter bei mehr Mufse manchen Gewinn daraus zu ziehen. In dem Specialkatalog der chinefifchen Ausftellung III. Abtheilung iſt S. II bei der Anführung der Sammlung von Dr. Kerr angegeben ,, nebft Befchreibung." Bisher war es mir nicht möglich, diefe Befchreibung zu erhalten. Nach Mittheilung des Commiffärs ift diefelbe verloren gegangen, was auch mit der Mehrzahl der chinefifchen Zeichen, welche Kerr beigegeben hatte, der Fall ift. Ich hatte in einem in der ,, Allgemeinen Illuftrirten Weltausftellungs- Zeitung" vor längerer Zeit erfchienenen Auffatze darauf aufmerkfam gemacht, wie nothwendig es fei, dafs man bei den chinefifchen Drogen die chinefifchen Zeichen und zwar wie fie in den verfchiedenen Provinzen und in den verfchiedenen Sprachdialekten üblich find und wo möglich die charakteriftifchen Theile der Pflanze, von welcher fie abftammen, jeder Droge beigebe. Wie fchwer auch das Letztere ins Werk zu fetzen ift, fo leicht hätte der erftere Wunfch erfüllt werden können. JAPAN hatte feine Drogen an der Wand in kleinen mit vorderer Glaswand verfehenen Käftchen recht inftructiv aufgeftellt. Wir müffen uns begnügen, die felben nach Pflanzentheilen geordnet vorzuführen und bemerken zugleich, dafs die Beftimmungen gröfstentheils richtig find und wenig Fehler, wahrfcheinlich auf Schreibfehlern beruhend, vorkommen. Wir treffen mehrere längst bekannte, bei uns einheimifche Pflanzen an, andere find in unferer Sammlung chinefifcher Drogen repräfentirt, daher wir uns ein Urtheil zuerkennen dürfen. Uebrigens trifft man in China die meiften hier bei Japan ausgeftellten Objecte, was bei der theilweifen Aehnlichkeit der klimatifchen Verhältniffe beider Länder und dem fteten Wechfelverkehr zwifchen ihnen fich leicht erklärt. An Früchten und Samen kommen vor jene von Anethum graveolens, Coriandrum sativum, Foeniculum vulgare, Cnidium japonicum, Papaver somniferum, Artemisia capillaris, Cannabis sativa, Cassia tora, Euphorbia Lathyris( find mehr 1. er ei Is де де n n er 1. d h n n $ n n e 3. t 1 1 ב t 1 Die Arzneiwaaren. 47 länglich als die unferigen) Globba japonica, Gleditschia japonica, Kochia scoparia, Lappa major, Linum usitatissimum, Nepeta botryoides, Malva pulchella, Perilla arguta, Plantago major, Pharbitis triloba( weifser und fchwarzer Same), Ricinus communis; ferner Früchte von Boymia rutacea, Cornus officinalis, Crataegus sanguinea, Cydonia japonica( Längsftücke der Frucht, in unferer Sammlung), Datura Stramonium, Forsythia suspensa, Gardenia florida, Juniperus rigida, Kadsura japonica, Melia japonica, Prunus amurensis, Pseudægle sepiaria, Rosa multiflora, Schizandra japonica, Zanthoxylum piperitum, Zizyphus Jujuba; Kerne von Amygdalus persica und Prunus armeniaca, Nüffe von Nelumbium speciosum. Blüthen von Alcea rosea, Amygdalus persica, Carthamus tinctorius, Celosia margaritacea, Daphne Genkwa, Lonicera japonica, Matricaria Chamomilla, Petasites japonica, Ptarmica sibirica, Pyrethrum sinense nebft einer anderen nicht beftimmten Species, Rosa rugosa, Sambucus racemosa, Sophora japonica. Blätter und Kräuter von Adiantum caudatum, Artemisia vulgaris, Digitalis purpurea, Equisetum limosum, Hydrangea Thunbergi, Hyoscyamus niger, Lonicera japonica, Mentha arvensis, Pleurogyne rotata, Polygonium tinctorium, Ptarmica sibirica, Perilla arguta, Prunella vulgaris, Salsola asparagoides, Solanum lyratum, Salvia officinalis. Rinden: Magnolia hypoleuca, Evodia glauca, Cinnamomum Loureirii( in 3 Sorten), Morus japonica, Pæonia montana. Hölzer: Juniperus rigida ( zerkleinert in dünnen Blättern), Sambucus racemosa, Sophora japonica. Wurzeln: Aconitum Fischeri( rübenförmig, ziemlich lang, ähnlich den Knollen unferes Acon. Napellus), Adenophora Thunbergii und verticillata( gelb, fpindelförmig mit vielen Querrunzeln), Akebia quinata, Alcea rosea, Amomum Zingiber, Anemarrhona asphodeloides( in unferer Sammlung vorhanden), Angelica Archangelica ( von unferer verfchieden), Angelica japonica( fieht unferer Angelicawurzel ähnlich), Alisma Plantago, Aretia personata( an dem Käftchen Arctium), Aristolochis Kæmpheri( unferer Arist. longa ähnlich), Asarum Thunbergianum, Atractylis lancea und ovata, Astragalus reflexistipulus, Atropa Belladonna( fieht mehr unferer Scopolina ähnlich), Bupleurum junceum( am Käftchen japonicum), Cocculus Thunbergii, Coptis anemonæfolia, C. brachypeta und C. trifolia, Daphnidium strychnifolium( fehr dicke, glatte, faft fteinartig ausfehende, fpindelförmige Wurzeln), Falcaria japonica, Glycyrrhiza glabra, Gentiana Bürgeri, Geum japonicum, Hoteia Thunbergii, Houttouynia cordata, Imperata Thunbergii, Leontodon Taraxacum, Menyanthes trifoliata, Melittis Melissophyllum, Nuphar japonicum, Pæonia albiflora( in unferer Sammlung), Panax Ginseng von 3 Orten( die eine Sorte ungebrüht), Panax repena( plattgedrückt mit fchüffelförmigen Vertiefungen und Seitentrieben), Plathycodon grandiflorum, Pityrosperma biternatum, Polygonum Convolvulus, Polygonum officinale, Polygala japonica, Pueraria Thunbergiana, Rheum undulatum( grofse, ziemlich lange, etwas gedrehte Stücke, aufsen gelb oder röthlichbraun, beftäubt), Sanguisorba officinalis, Scrofularia Buergeriana, Scutellaria lanceolata, einige Umbelliferen. Knollen: Asparagus lucidus, Arisæma vulgare et japonicum, Cyperus rotundus, Flueggea japonica, Ophiopogon japonicum, Scirpus tuberosus. Pilze: Boletus, Parafit des jap. Maulbeerbaumes, Pachyma in 2 nicht beftimmten Arten, Sclerotium( ohne weitere Bezeichnung). Mit Uebergehung der faft nur längft Bekanntes enthaltenden Genufsmittel, Gemüſefamen, technifchen und ölliefernden Samen erwähnen wir nur noch: Sphærococcus lichenoides, fpanifchen Pfeffer, Galläpfel von Rhus semialata ( kleiner als die gewöhnlichen chinefifchen), die Rinde von Myrica nageja ( nach mündlicher Mittheilung eines Japanefen als Fiebermittel verwendet), Kampher in kleinen Körnern in 2 Sorten: eine weniger reine, mehr röthliche, zu einzelnen Stücken und eine fehr reine, im Glafe zu einer Maffe zufammengebacken, in kleinen Kryftallen kryftallifirend, Kampheröl und andere( 28) Oele, darunter Oleum Caryophyllorum, zwei nicht näher beſtimmte Harze. Von thierifchen Stoffen gelbes und weifses Wachs, Krebsaugen, im Katalog als Canthariden bezeichnete Infecten( fchwarz mit 3 gelben Längsftreifen). 48 K. D. Ritter v. Schroff. CHINA. Die Ueberficht des aus China maffenhaft ausgeftellten uns zunächt intereffirenden Materiales war defswegen einigermassen erfchwert, weil mehrere einzelne Sammlungen vorliegen, welche häufig diefelben Gegenftände enthalten und an fehr verfchiedenen Orten untergebracht find, wodurch die Orientirung erfchwert wird. Wir müffen überhaupt bemerken, dafs diefe Ausftellung, fo fchönes Material fie auch zu weiteren Studien darbietet, doch wenig geeignet ift, ein klares Bild zuzulaffen. Wir wollen das Mögliche verfuchen und uns auf das Wichtigfte befchränken. Aufser den oben angeführten grofsen Sammlungen von Dr. Kerr und von der Central- Seezollbehörde, welche die Drogen abtheilt in einheimifche exportirte und in nach China importirte, waren noch zu erwähnen die Ausstellung von Milish in Macao, Viceconful dafelbft, welche mehrere Drogen aus Südchina enthält, ferner chinefifche Heilmittel unter der Sammlung von Janffen Vafsner nebft einigen anderen untergeordneten. Die Sammlung von Milisa enthielt nur bekannte Drogen des Handels, über welche aber intereffante Auffchlüſse gegeben werden, daher wir fie der Reihe nach aufführen: Cassia lignea in mehreren Bündeln( die jährliche Production 50-65.000 Piculs, die Durchfchnittspreife Doll. 16.75- Doll. 17 p. Picul), Flores Cassia( Prod. 1.000-2.000 Pic., Preife Doll. 27.75-28 p. Pic.), Oleum Cassie in blechernen Flafchen( Prod. 500-800 Pic., Pr. Doll. 170 p. P.), Sternanis ( Prod. 15-25.000 Pic., Pr. Doll. 24.50 p. P.), Sternanisöl in blechernen Flafchen ( 7-800 Pic., Pr. Doll. 250-255); Rhabarber, kommt in Szechuen, Schenfi und den benachbarten Provinzen vor und wird in Canton zu Markt gebracht, auch von Shanghai und Tientfien wird Rhabarber exportirt( Ausfuhr 2.500-3.000 Pic., Pr. Doll. 40-80 p. P.). Die vorliegende Rhabarberprobe von gewöhnlicher Form, planconvex, auch cylindrifch, Grundfarbe weifs, alte Stücke. Radix Curcuma eine geringere und eine beffere Sorte( Preis Doll. 4'50-5); Chinawurzel, kommt im Weften von China und in Hanan vor( Prod. 4-5.000 Pic., Preis Doll. 3.50-450 p. P.); Gallen kommen hauptfächlich von Kwanghi und auch von Szechuen,( die Ernte 10.000 Pic., exportirt 6-8.000 Pic., Pr. Doll. 11-11 25). R. Galangæ ift der kleine Galgant, der Artikel gegenwärtig fehr vernachläffigt. Pfeffermünzöl befonders in Canton deftillirt und nur von Chinefen verbraucht. ( Preis je nach Qualität Doll. 600-800 p. P.). Waifa, Farbftoff. Caneel ungefchält, kommt in Annam vor und wird in Canton auf den Markt gebracht( 3.000-4.000 P., Preis Doll. 23-24). Kampher von Formosa exportirt in Blei- und Holzkiften 1 Picul netto,( Prod. durchfchnittlich 10.000-12.000 Pic., Pr. Doll. 17-17.50 p. P.), ausgeftellt in Gläfern, bildet kleine weifse Körnchen, die im Glafe zu einem Kuchen zufammen gebacken find, geht nach Indien, Amerika, Hamburg und London, welch' letztere Stadt am meiften confumirt. Uebrigens war Kampher auch noch von anderen Seiten ausgeftellt, namentlich verdient auch Kampheröl und Kampher aus Tamfui( Formofa) erwähnt zu werden, welche als Erzeugnifs der Bereitung mittelft des ausgeftellten Apparates beigegeben find; auf dem Ofen liegt ein fehr grofser angehauener Stamm des Kampherbaumes und unterhalb Kampher- Holzfpäne nebft allen zur Kampherbereitung nothwendigen Geräthfchaften, wohin auch das Hackmeffer zum Abhacken der Kampherfpäne gehört. Evans& Comp. in Hankow brachten 2 Sorten chinefifchen Opiums, die eine aus der Provinz Szechuen, die andere aus der Provinz Yunan; jene bildet einen grofsen plan convexen Kuchen, auf der convexen Seite mit grünlichem Ueberzug, auf der flachen Seite glatt, glänzend; diefe befand fich in einem bemalten Kiftchen und ftellt einen viereckigen, dicht in Blätter gehüllten Kuchen dar, deffen Inneres noch ganz weich ift, Farbe braunroth. Aufser der von Milish ausgeftellten Rhabarber ftellten noch mehrere Andere Rhabarber aus, fo Evans& Comp. 3 Sorten von verfchiedener Qualität, ziemlich alte Waare, die erfte Qualität gut mundirt, die zweite halbmundirt, die dritte gar nicht mundirt, ftimmt mit der von Rh. Rhaponticum abftammenden Wurzel fo ziemlich Die Arzneiwaaren. 49 ülerein. Unter den Drogenmuftern der Seezoll- Behörde befand fich eine zum Export für England beftimmte Rhabarber von fehr guter Befchaffenheit, der ehemals moskowitifchen Rhabarber vollkommen gleich, die einzige fchöne Rhabarber der chinefifchen Ausstellung. Sowohl die Sammlung von Dr. Kerr, aus 151 Artikeln beftehend, als jene der Seezoll- Behörde mit 336 Artikeln enthalten viele Drogen, welche fich in unferer Sammlung befinden und die wir zu beftimmen im Stande find. Aus der letzteren Sammlung erwähnen wir Ginseng in 17 Behältern, fowohl ganz gebrühte, als halb gebrühte und ungebrühte, theils aus Korea, theils einheimifche aus der Mandfchurei. ( Uebrigens werden aus Amerika fehr grofse Mengen des amerikaniſchen Ginfeng, wie die Ausftellung der nach China importirten Artikel beweift, und aus Japan eingeführt). Von Aconitum liegen 4 Arten vor, und zwar: Kwang woo( kurze, fehr dicke, grau beftäubte Knollen), Pe fao tze( ähnlich unferen Napellusknollen), Tsaou woo, langgeftreckt, mager, Tsaou woo, mittelgrofs, fehr breit, etwas flachgedrückt ( befchrieben im„ Beitrag zur Kenntnifs des Akonit" von v. Schroff jun. Braumüller 1871); ferner Knollen von Ophiopogon japonicum, Wurzel von Pæonia rubra, Bupleurum octoradiatum, Dictamnus sp.? Libanotis, Adenophora, Radix Bryoniæ, Angelicæ, Coptis tecta, Rad. Martelli, Thalictrum rubellum, Anemarrhæna asphodeloides, Polygala tenuifolia, Arisæma japonicum, Lotuswurzel, ein grofses, fchönes Exemplar von Ingwer, das während feines Aufenthaltes in der Ausftellung ganz anftändige frifche grüne Triebe entwickelt. Blätter von Caprifolium und Hibiscus mutabilis, Equisetum hiemale. Unter den Samen und Früchten finden wir fchwarze Malvenfamen, Schilfrohr- Samen, die Früchte einer Species Forsythia, von Quisqualis indica, Cardamomen, Ricinusfamen, Früchte und Samen von Croton Tiglium, Melonen- und Pomeranzenfchalen, Querfchnitte von Citrus medica, Granatäpfel- Rinde, Hülfe der Lotusnufs, Lotusfamen, Pfirfichkerne, Samen von Salisburia adiantifolia, Mohnköpfe( fehr lang und fchmal); unter den Rinden jene von Evodium glaucum, Bamboorinde; unter den Blüthen Chamillen, Rofen, Lotusblumen. Unter den thierifchen Subftanzen find erwähnenswerth Taufendfüffe, chinefifche Canthariden, Exuviæ von Cicaden, Corallen etc.; unter den anorganifchen Auripigment, Zinnober. Als fette Oele Ricinusöl, Sefamöl und das Oel einer Scrophularinee. Von den nach China importirten Artikeln aufser manchen bereits genannten verdienen erwähnt zu werden: Kampher aus Sumatra, Borneo, alfo Dryobalanops- Kampher, in 2 Sorten( die eine beſteht aus kleinen durchfichtigen, glänzenden, die andere aus bräunlichen Stücken), Sanguis draconis von Hinterindien etc., Mutternelken aus dem indifchen Archipel, Cardamomen aus Saigon und Siam, Storaxbalfam aus Perfien( eine lichtere und dunklere Sorte), Cubeben, Rinde des Manglebaumes aus Siam, japanifches Wachs, Gummigutt von Siam, Chinaroot( der bekannte Pilz), Bezoar von Cochinchina, Agar von Japan und den malayifchen Infeln( die rohe Alge felbft und die zubereitete in der bekannten Form), zubereitete Haififchfloffen, ein chinefifcher Leckerbifsen, efsbare Vogelnefter. Indem wir die zahlreichen Theeforten dem betreffenden Berichterstatter überlaffen, führen wir noch 5 von Faber ausgeftellte Holzarten zum Räuchern an: Sandel-, Cypreffen-, Kang, Ya-, Tfchinholz. * Zum Schluffe erwähnen wir noch eine Sammlung pflanzlicher Arzneimittel, welche der Apotheker Grupe in Manilla eingefendet hatte. Sie enthielt die bei den Bewohnern der Philippinen gebräuchlichen Volks- Arzneimittel, 61 an der Zahl, von denen 54 botanifch beftimmt find, unter gleichzeitiger Angabe des tagalifchen Namens und der Art ihrer Verwendung. Diefe Sammlung erfcheint um fo werthvoller, einerfeits da fie einige nach Angabe des Ausftellers in der That auch für den Gebrauch in Europa werthvolle Drogen enthält, anderfeits aber befonders defshalb, weil fie uns willkommene Gelegenheit darbot, eine Reihe von Drogen unferer Sammlung, die wir der Güte des verftorbenen Martius verdanken, bezüglich ihrer Abftammung botanifch feftzuftellen. Diefelben befinden fich unter einer Anzahl von chinefifchen Arznei4 50 K. D. Ritter v. Schroff. mitteln, welche der Mehrzahl nach durch ein fpanifches Handlungshaus nach Europa gelangt waren, und gehören aufser China anderen Ländern, wie den Philippinen, Cochinchina, Neuholland an. Zwölf derfelben ftimmen vollkommen mit den Drogen überein, welche Dr. Preifs aus Neuholland mitgebracht und dem Hamburger Apothekerverein gefchenkt hat( ihre Befchreibung fiehe Jahrbuch für praktifche Pharmacie VIII. S. 156). Von diefen blofs mit dem einheimifchen Namen verfehenen Objecten find nun nach Grupe auf folgenden Urfprung zurückzuführen: Galamai amo, Blätter und Stengel von Polyscias odorata( Araliacea), äufserlich in Abkochung gegen Scabies; Hampas- tig- balan, Nebenwurzeln von Smilax Pseudochina, gegen Syphilis; Hierva Lagundi, Blätter und Stengel von Vitex trifolia, zu ftärkenden Bädern bei Wöchnerinen; Hierva Sambong, Kraut von Conyza balsamifera ( Asteraceæ, Composite), Aufgufs gegen weifsen Flufs; Lagdanbibi, Stengel von Menispermum Cocculus, in Abkochung zur Beförderung der Menftruation und als Abortivmittel; Niog- Niogan( bei Grupe Niug- Niugan), Holz und Früchte von Quisqualis indica( Combretacea), das Holz in Abkochung gegen Nierenleiden, die Früchte als fehr beliebtes Vermifugum; Saga( bei Grupe Saaga), holzige Wurzel von Abrus precatorius( Leguminosa), gegen Epilepfie; Suma( bei Grupe Sumac), Holz von Menispermum Coca, zu Brei zerquetfcht kleinen Kindern bei verdorbenem Magen auf den Magen zu legen; Palo sant, Holz von Sandoricum ternatum( Meliacea), zu Räucherungen bei Epidemien. Von den übrigen Gliedern der Grup e'fchen Sammlung feien hier nur folgende angeführt: 1. Dita, Rinde von Echites scholaris( Apocyneæ), eines befonders auf Luzon fehr häufig vorkommenden Baumes, bei den Eingebornen fehr beliebt bei allen Fieberarten. Grupe hat als den wirkfamen Beftandtheil derfelben einen unkryftallifirbaren, fehr hygrofkopifchen Bitterftoff, von ihm Ditaïn genannt, dargestellt und auch vorgelegt. Derfelbe foll nach dem Ergebniffe vielfacher Verfuche in Manilla das Chinin vollkommen erfetzen, ohne die Nachtheile desfelben zu befitzen, und wird von dem Ausfteller wegen des verhältnifsmäfsig geringen Preifes feiner Herſtellung auch für den europäiſchen Gebrauch empfohlen( 50 Kilogramme Ditarinde ftellen fich loco Manilla auf circa 10 Francs, I Kilo Ditain in Europa auf circa 150-160 Francs). 2. Extractum antidysentericum aus den Fruchtfchalen von Garcinia Mangostana, als ausgezeichnetes Mittel gegen chronifche Dyfenterie, fowie gegen Blennorrhöen der Harnröhre, der Blafe, des Uterus, als Klysma zu 16 Gramme Extract mit 5 Decigrammen Laudanum für 8 Klysmen; innerlich in Pillen- oder Mixturform, für Kinder als Syrup auf 30 Gramme 10-20 Centigramme Extract. Preis in Europa per Kilo 20-22 Francs. 3. Balsamo de Maria, von Calophyllum inophyllum oder Cal. Tacamahaca, dunkelgrün, zäh, von geringen Geruch. 4. Von ätherifchen Oelen ein faft farb- und geruchlofes aus einer Citrusart deftillirtes, fehr geeignet zum Verfetzen theurer ätherifcher Oele, und Oleum Unonæ odoratissimæ. Das Königreich HAWAI war, wie immer, reich an Pulu( Spreuhaare von Cibotium), aufserdem lagen Arecanüffe und Agar- Agar vor. Wir haben unferen Gang durch die Ausftellungsräumlichkeiten vollendet und uns bemüht, ein klares Bild von den unferem Referate zukommenden Gegenftänden zu liefern. Dem Lefer diefes Berichtes wird fich nicht nur eine Fülle von Kennt niffen medicinifchen Wiffens aufdrängen, er wird auch ein reiches Material finden, das ihn in den Stand fetzt, aufser dem medicinifchen Standpunkte Betrachtungen der mannigfaltigften Art anzuftellen, welche in das Gebiet des gefammten Wiffens und in die Culturverhältniffe der verfchiedenen Völker und Nationen einen tieferen Einblick geftatten. Das ift ja der höhere Gewinn, der fich aus der Bewältigung des dargebotenen maffenhaften Materiales ergibt und der nach Mafsgabe des Die Arzneiwaaren. 51 allgemeinen Wiffens nach den verfchiedenften Richtungen der Erkenntnifs verfchieden fich geftaltet, der ankryftallifirend an das Vorhandene die geiftige Bewegung freier macht und für die Löfung neuer Aufgaben mehr und mehr befähigt. Zum Schluffe erlauben wir uns noch über einige Gegenftände der Ausftellung einige kurze Bemerkungen beizufügen; es betreffen diefelben die China, das Opium und Eucalyptus Globulus. CHINA. Konnte man fchon nach der Parifer Weltausftellung das Problem, die Cultur der Chinabäume aufserhalb des Mutterlandes anderwärts einzuführen, als gelöft anfehen, fo ift diefs gegenwärtig noch bei Weitem mehr der Fall. Java und Oftindien liefern bereits in den allgemeinen Verkehr gefetzte Chinarinden, welche an den koftbaren fiebervertreibenden Alkaloiden reicher find als die Rinden der Mutterländer, womit unfere Unabhängigkeit von diefen glänzend dargethan ift. Man kennt gegenwärtig diejenigen Species des Genus Cinchona genau, welche die alkaloidreichften Rinden liefern und baut nur diefe; auch verfteht man die Art der Cultivirung und der Behandlung der Rinde bei Weitem beffer als in den Ländern des natürlichen Cinchonengebietes. Eine andere Frage ift die: Werden auch andere Länder, wo man Chinabäume zu pflanzen verfucht hat, zu einem gleichen glücklichen Refultate gelangen? Ich glaube diefelbe, fo lange die politifche Geftaltung bleibt wie fie gegenwärtig befteht, verneinen zu müffen. Java und Oftindien erfreuen fich fo günftiger klimatifcher Verhältniffe, verfügen über ein fo riefiges für die Cultur geeignetes Territorium, haben bereits einen fo grofsen Vorfprung voraus, dafs die anderwärts gemachten Verfuche auf nachhaltigen Erfolg nicht rechnen können. In Algerien hat man längft die Verfuche aufgegeben, Chinabäume zu cultiviren, Martinique, das Cinchona nitida cultivirt, Ceylon und alle übrigen Länder, wo der Verfuch gemacht wird, Chinabäume zu pflanzen, werden die Concurrenz mit dem in der Cultur der Chinabäume fo weit vorgerückten Java und Oftindien nicht beftehen können. Unfere Ausftellung bietet eine treffliche Gelegenheit dar, die Chinacultur auf Java zu ftudiren. OPIUM. Wie der Bericht zeigt, hat man in fehr vielen Ländern, welche am Opiumhandel noch nicht theilnehmen, Verfuche gemacht, Opium im eigenen Lande zu gewinnen. Die Erfahrung hat längft überzeugend nachgewiefen, dafs überall, wo Papaver somniferum gedeiht, auch ein wirkfames Opium erhalten werden kann. Abgefehen von den älteren Verfuchen in verfchiedenen Ländern, war es befonders Frankreich und Algier, wo die Opiumerzeugung erfolgreich durchgeführt zu fein fchien. Man fprach von einem franzöfifchen Opium, das einen Gehalt an Morphin von 21-22% befitzen und die Erzeugungskoften nicht nur reichlich decken, fondern einen fchönen Gewinn fichern follte. Auf der letzten Parifer Ausftellung fehlte dasfelbe und Guibourt, hierüber befragt, verhehlte mir nicht, dafs einiger Humbug dahinter gefteckt fei, nach deffen Entlarvung die Opiumerzeugung aufgehört habe. Algier brachte damals von einigen Landwirthen auf ihren Befitzungen erzeugtes Opium zur Ausftellung, das fich allerdings keines fehr grofsen Morphingehaltes erfreute, nichts deftoweniger Anlafs gab, von einem algierifchen Opium zu fprechen, das Ausficht hätte, im Handel eine Rolle zu fpielen. Unfere Ausftellung bringt zwar algierifches Opium in 2 Sorten, allein nur aus dem Acclimatifationsgarten von Algier, zugleich mit der Bemerkung, dafs die Erzeugung des Opiums bei den Landwirthen aufgehört habe, weil kein Gewinn damit verbunden fei. In der neueften Zeit hat man fich befonders auf die von Karften ausgegangene Anregung in Deutfchland, fchliesslich auch in Böhmen auf die Opiumgewinnung verlegt und jedenfalls infofern mit Glück, als man ein Opium erzielte, deffen Morphingehalt 10% und einige Percente wohl auch darüber beträgt. Ganz befonders glücklich find die in Württemberg mit den Mohnpflanzungen, zu welchen Jobft den Samen aus Kleinafien geliefert hatte, angeftellten Verfuche ausgefallen, mit welchen die auf den fürftlich Schwarzenbergifchen Herrfchaften, welche fich desfelben Materiales bedienten, in jüngfter Zeit begonnenen Experimente wetteifern; Schlefien liefert gleichfalls ein gutes, jedoch den beiden genannten etwas nachstehendes, 4* 52 K. D. Ritter v. Schroff. lohnendes Refultat. Wie fehr es übrigens auf eine zweckmäfsige Cultur der Mohnpflanze und ein richtiges Verfahren bei der Gewinnung und Einfammlung des Milchfaftes der unreifen Kapfeln der Pflanze ankommt, um ein günftiges Refultat zu erzielen, zeigen die von Gaftinel in Egypten, der Urheimat des Opiums, vorgenommenen Verfuche. Die Opiumerzeugung hatte in Egypten, wo fie einft in der gröfsten Blüthe ftand, ganz aufgehört, weil das Product mit der Zeit fo fchlecht geworden war, dafs es nur 2-3% Morphin enthielt und dafs daher dasfelbe feiner Credit vollständig verloren hatte. Seitdem Gaftinel eine beffere Methode des Anbaues und der Gewinnung angebahnt hat, erzeugt Egypten 9-10% morphinhaltiges Opium und ist kein Zweifel, dafs es fehr bald gefucht fein wird. So viel kann man fchon jetzt mit Beftimmtheit behaupten, dafs der Anbau der Mohnpflanze behufs der Opiumgewinnung überall da lohnen werde, wo fowohl das Ackerland als die Arbeitskräfte nicht zu hoch im Preife ſtehen und wo man es insbefondere verfteht, auch ſchwächere, für fchwere Arbeiten nicht hinreichende Arbeitskräfte zu verwenden. EUCALYPTUS GLOBULUS. In der Region der Eucalyptusbäume ift der Gehalt 1er Blätter an ätherifchem Oel und des Holzes an adftringirenden Beftandtheilen längst bekannt. Die Verwendung derfelben und ihrer Erzeugniffe zur Heilung miasmatifcher Fieber gelangte aber befonders feit der letzten Parifer Ausftellung erft zur Kenntnifs. Der um die Horticultur und um den Obftbau viel verdiente Beer bemühte fich, den Anbau des Eucalyptus Globulus und die Verwendung der Blätter zur Heilung von Wechſelfiebern in Wien in Anregung zu bringen, wobei er fich meines Rathes bediente. Er theilte den Samen der Pflanze reichlich aus, man gewann bald eine bedeutende Menge Exemplare und benützte die Blätter zur Erzeugung einer Tinctur, welche von einigen Aerzten, insbefondere von den M. Dr. Lorinfer und Keller, in Folge damit erzielter Heilungen von Wechfelfiebern, als ein wirkfames Fiebermittel erkannt wurde. Auch in den Malariagegenden Ungarns fahen die Aerzte günftige Erfolge nach der Anwendung diefer Tinctur. An gegentheiligen Beobachtungen fehlt es allerdings nicht, jedoch haben die Veröffentlicher derfelben, insbefondere baierifche Aerzte, immerhin einige antifebrile Wirkungen dem Mittel zuerkannt. Wenn alfo auch Eucalyptus Globulus die ChinaAlkaloide nicht zu erfetzen, und noch weniger zu verdrängen im Stande ift, fo bleibt er doch immer ein fchätzbares Surrogat, das befonders in jenen Fällen, in welchen die China- Alkaloide nicht vertragen werden oder der Organismus mit denfelben überfättigt ift, fowie in leichteren Wechſelfiebern angewendet zu werden verdient. Vergebens hat man bisher nach einem Alkaloide in der Pflanze gefucht, es ift auch keine Ausficht, ein folches in ihr zu entdecken. Als den Träger der Wirkfamkeit des Eucalyptus Globulus fieht man das in ihm reichlich vorhandene ätherifche Oel an, deffen Evaporirung man auch die Eigenfchaft zufchreibt, die Umgebung von Miasmen zu reinigen, daher man den Anbau diefes wunderbar fchnell fich entwickelnden Baumes, der ein treffliches Bauholz liefert, in Malariagegenden befonders empfiehlt. In Algier bedeckt er bereits eine Fläche von 300-400 Hektaren. Bei diefen Verhältniffen darf es nicht auffallen, dafs fich die Pharmacie diefes Baumes bald bemächtigte und die mannigfaltigften Präparate daraus anfertigte. Algier und Frankreich überbieten in diefer Beziehung alle übrigen Länder, welche ihnen übrigens eifrig nachfolgen. Befonders find es Delpech und Ardiffon, welche fowohl in der franzöfifchen als in der algierifchen Abtheilung ihre Präparate vor legen, und in der That das Möglichfte in diefem Artikel geleiftet haben. Anch andere Pharmaceuten find darin nicht zurückgeblieben. Wir finden die Blätter und Pulver von Eucalyptus Globulus( Rivoire verkauft fie zu 1 Fr. 25 C. per Kilo) und argenteus, Eucalyptol, Alcoolature, Extr. aquosum et alcohol., Capsules mit der Effenz gefüllt, Eucalyphen, Eucalyphenöl( von Miergues und Leroux in Bou farik), principe actif d'E. et de son goudron, antiputrid, antihämorrhagifch, antiepidemifch, adftringirend, vulnerär und insecticid, Eau de Toillete d'E., Bain d'E., Anticalvitique d'E., Injection d'E., Eau dentifrice d'E., Oleolé d'E., zu Frictione. Die Arzneiwaaren. 53 bei rheumatifchen Schmerzen etc., Eucalyptol saponine, Baume anésthésique local d'E., Vin d'E., Eucalypabsinthe, Prophylacticum des Fiebers zu 12 Kaffeelöffel in einem Glafe Waffer, von Rivoire, Eucalyppflafter( Taffetas vulneraire Miergues), Pâte d'E., Sirop d'E., Cigarrettes d'E. Auch Auftralien, diefes Mutterland der Eucalyptusbäume, insbefondere Victoria, Egypten, wo Gaftinel den Baum eingeführt und überdiefs ein Harz aus demfelben dargestellt hat, Venezuela, wo die Keller'fche Tinctur befonders in Anwendung fteht, liefern ähnliche Präparate. Wenn wir vielleicht die Geduld des Lefers mit unferem letzten Artikel auf eine harte Probe geftellt haben, fo gefchah diefs nur, um zu zeigen, zu welcher Fülle von Präparaten ein Modemittel, wie es Eucalyptus Globulus ift, den Anlafs geben kann. Zu medicinifchen Zwecken genügen die Tinctur und das ätherifche Oel. Wien, den 3. Auguft 1873. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE FETTWAAREN UND DIE PRODUCTE DER TROCKENEN DESTILLATION. ( Gruppe III, Section 3 und 4.) BERICHT VON DR. HEINRICH SCHWARZ, ft. l. o. ö. Profeffor in Graz. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. DKI Dr HEIMBICH BEBICHI toe8 III eqqTD) DEK IK EELLAVVKEИ MET VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen iſt, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. тяо DIE FETTWAAREN UND DIE PRODUCTE DER TROCKENEN DESTILLATION. ( Gruppe III, Section 3 und 4.) Bericht von DR. HEINRICH SCHWARZ, ft. l. o. ö. Profeffor in Graz. Die Fett waaren. Fettwaaren. Es ift eine allgemeine Beobachtung, dafs in der Entwicklung einzelner Induftriezweige Perioden der Stagnation oder vielmehr des ruhigen Fortarbeitens auf der einmal gewonnenen Bahn eintreten, die höchftens darin einen Fortfchritt bekunden, dafs die als gut erkannten Methoden fich in immer weitere Kreife ausbreiten. Die betreffende Induſtrie erfcheint eben durch die Erfindungsthätigkeit bis zu einem gewiffen Grade der Vollkommenheit entwickelt. Wenn zumal die Weltausftellungen, diefe Paradefelder der Induſtrie, in verhältnifsmäfsig kurzen Zeiträumen auf einander folgen, fo bleibt dem Berichterstatter oft nichts übrig, als mit Befriedigung zu conftatiren, dafs die vorhandenen Objecte die möglichft vollkommene Ausführung von fchon Bekanntem zeigen. Es kehren dann von anderen Ausftellungen her fchon gut renommirte Fabriken wieder, deren reicher und reicher fich geftaltende Ausftellungsgegenstände nur beweifen, dafs die betreffenden Fabriken profperiren. In einem gewiffen Grade ift Obiges auch für die Fettwaaren- Induftrie giltig. Was die Natur in den verfchiedenften Gegenden der Erde an fetthaltigen Subftanzen aus dem Pflanzen- und Thierreiche liefert, war auf der Wiener Weltausftellung in feltener Vollständigkeit vertreten. Der Norden und Süden Europas, der Orient, die verfchiedenen Colonialländer, Amerika und Auftralien brachten wetteifernd ihre Oelfamen und Oelfrüchte, ihre Thierfette zur Anfchauung. Diefs zeigt recht deutlich, dafs das Bedürfnifs der Induftrie nach Fettftoffen keineswegs gefättigt ift. Wenn auch die Verwendung derfelben zu Beleuchtungszwecken ihr Gegengewicht in der immerfort fteigenden Benützung der Kohlenwafferftoffe, Petroleum, Photogen, Paraffin, Leuchtgas gefunden hat, fo hat fich dafür der Fettbedarf zur Seifenfabrication, zu Mafchinenfchmieren etc. in weit überwiegendem Mafse ausgedehnt. Steigende Cultur, vermehrter Luxus äufsert fich gerade in dem Mehrverbrauch von Fettftoffen am deutlichften. Vielleicht wird weniger Brennöl verbraucht, weil die Petroleumlampe jetzt das Feld beherrscht, dafür aber wird gewifs ein gröfseres Quantum Stearinlichter confumirt. Bedenkt man allein die Maffen Schmieröl, Talg etc., die unfere Locomotiven und Eiſenbahn 2 Dr. Heinrich Schwarz. Wagen, unfere Motoren und Arbeitsmafchinen confumiren, die Maffe Seife, welche in der Gewebeinduftrie, der Haushaltung gegen früher verbraucht wird, fo fieht man ein, dafs jede neue Quelle von Fettftoffen willkommen fein mufs. Naturgemäfs werden übrigens diefe neuen Fettftoff- Zufuhren nur aus Gegenden mit weniger intenſiv entwickeltem Ackerbau, fowie günftigen Boden- und Klimaverhältniffen zu erwarten fein. Das Fett verlangt den Kohlenhydraten, wie Zucker, Holzfafer, Stärke, gegenüber zu feiner Bildung eine intenfivere Vegetation, eine mächtigere Einwirkung der Sonne, eine weiter getriebene Reduction der Kohlenfäure und des Waffers. Seine Production ift daher nur in Gegenden von wenig dichter Bevölkerung und in den Tropen hinreichend billig, um rentabel zu fein. Im erhöhten Mafse gilt diefs von den Thierfetten, weil nur ein kleiner Theil der Nahrung fchliefslich als Fett im Thierkörper abgelagert wird. Es würde viel zu weit führen, wenn ich die zahllofen Ausftellungsobjecte, die hierher gehören, im Einzelnen befprechen wollte. Egypten, die Türkei, Indien, die franzöfifchen Colonien, China, Japan u. f. w. brachten die mannigfaltigften fetthaltigen Pflanzenproducte zur Ausstellung, wie z. B. die Samen von Raps, Lein, Sefam*), Ricinus, Arachisnüffe, Cocosnufs- Kerne, Palmöl, Palmkerne, BaumwollSamen, Bassia- Carapa**) Pachiranüffe u. f. w. Unter allen diefen fettliefernden Pflanzentheilen haben in der letzten Zeit die Baumwollen- Samen und die Palmkerne die gröfste Bedeutung gewonnen. Bei der ungeheuren Baumwollen- Production der Erde mufs es auffallen, dafs man das in den beim erften Reinigen der Baumwolle abgefchiedenen voluminöfen Samen enthaltene Oel nicht lange fchon zu gewinnen gefucht hat. Selbft in den Südftaaten der Union, die lange den erften Platz in der Baumwollen- Production einnahmen und einem induftriell fo hoch ftehenden Lande angehören, liefs man bis vor circa 15 Jahren die Baumwollen- Samen einfach auf dem Düngerhaufen verfaulen. Jetzt indeffen, befonders feitdem man gelernt, das gewonnene braune Oel durch Behandlung mit ftarker Aetzlauge zu reinigen und zu entfärben, hat feine Gewinnung eine hohe Bedeutung erlangt. Durch den amerikaniſchen Bürgerkrieg gewann der fchon feit alter Zeit betriebene Anbau der Baumwolle in Indien, China, Egypten, Kleinafien, Brafilien u. f. w. erhöhte Bedeutung. So erfchloffen fich neue Quellen dem Baumwoll- Samen, und waren folche denn auch faft ausnahmslos in den Ausftellungen jener Länder zu finden. Die Bienville Oil Works und Ig. Symanski, beide Ausfteller aus New- Orleans, brachten fehr hübfche Zufammenftellungen von Baumwollen- Samen und den daraus gewonnenen Producten. Die Schwierigkeit, welche in den feinen Fafern liegt, die an den rohen Samen haften, Oel abforbiren und das Futter zum Theil unverdaulich machen, ift, wie der Augenfchein lehrt, überwunden. Ob die Entfernung der Fafern durch concentrirte Schwefelfäure erfolgt, wie man vorgefchlagen hat, laffe ich dahin geftellt. Es fcheint mir für die gröfsere Praxis unwahrfcheinlich. Das raffinirte Baumwoll- Samenöl foll übrigens jetzt vielfältig zum Verfälfchen, ja oft zum directen Erfatz des Olivenöls verwendet werden. Die Palmkerne, die neuerdings in ausgedehnter Weife in Europa verarbeitet werden, find bis vor circa 12 Jahren in ähnlicher Art vernachläffigt worden. Die Oelpalme, Elais guyanensis, trägt befenartige Büfchel von Früchten, welche in ihrem Fruchtfleifche das eigentliche Palmöl enthalten, das man in Afrika durch Einwerfen der Büfchel in fiedendes Waffer, Abfchöpfen und Auspreffen in fehr roher Weife darftellt. Die Kerne wurden weggeworfen, obwohl fie ebenfalls fehr fettreich find, wie man fich leicht beim Zerfchneiden überzeugen kann. Sie werden jetzt in Deutfchland in ausgedehntem Mafse auf Fett und Futterkuchen *) Davon wurden im Jahre 1871 vom Senegal allein 30 Millionen Kilo ausgeführt. **) Von diefen berichtet der franzöfifche Specialkatalog, dafs fie im franzöfifchen Guyana, im Diftricte Cachipour, nach der Reife eine Strecke von 60 Kilometer Länge 10 Centimeter hoch bedecken und leicht in jeder Quantität gefammelt werden könnten. Die Fettwaaren. 3 verarbeitet. G. Wolff in Grofs- Gerau bei Mainz kauft jährlich für 450.000 fl. Palmkerne. Heins& Asbeck in Hamburg verarbeitet 95.000 Centner davon. Beide Fabriken brachten die Fruchtbüfchel der Oelpalme zur Anficht. Auch Hirfchberg in Itzehoe, Jürgenfen, Krog& Comp. in Felfenburg( Schleswig) arbeiten mit diefem Material, während unferes Wiffens in Oefterreich noch keine einzige Fabrik diefer Art exiftirt. Neben den Palmkernen werden auch die Kerne der Cocusnufs( Coppenah genannt) verarbeitet und auch hier dienen die Prefskuchen als Futtermittel. Da die Fette ziemlich confiftent, fo mufs heifse Preffung angewendet werden; fteigert man die Temperatur fucceffive, fo kann man Producte von verfchiedener Härte erhalten. Italien, Griechenland, Türkei, Egypten, die Nordküfte Afrikas, Spanien, Südfrankreich fchliefsen den Raum ein, wo befonders die Olive gedeiht und ihr Oel für die mannigfachften Zwecke, zum Schmalzen der Speifen, zur Beleuchtung, als Schmieröl, als Seifenmaterial, darbietet. Auch in der Krimm kommt fie noch fort, wie eine von Fürft Woronzoff ausgeftellte Oelprobe aus Yalta nachweift. In der Combination eines weichen wafferhaltigen Fruchtfleifches mit einem harten holzigen Kerne liegt die Schwierigkeit der Oelgewinnung, die noch dadurch gefteigert wird, dafs die Olive weder aufzubewahren, noch weit zu transportiren ift. Diefs drückt der Olivenöl- Gewinnung nothwendigerweife den Stempel des Kleinbetriebes, der Anwendung fchwacher mechanifcher Kräfte und der fucceffiven Gewinnung fehr verfchiedener Qualitäten auf, wobe ein ftarker Rückhalt an Oel in den Prefsrückftänden kaum zu vermeiden ift. Die Methode, diefen Reft durch Schwefel- Kohlenftoff auszuziehen, hat fich befonders in Italien rafch verbreitet. L. Sarlin& Comp. in Bari ftellten hierzu erzeugten Schwefel- Kohlenftoff aus. Von den jährlich producirten 200.000 Kilo wird ein Theil in eigener Fabrik zur Extraction des Oeles verwendet. In Livorno foll eine folche Extractionsanftalt fchon feit Jahren mit Vortheil arbeiten. In gleicher Art wird auch in Griechenland ( Corfu) der Oliven- Prefsrückftand mit Schwefel- Kohlenftoff entfettet; die Probe des erhaltenen Productes, welche auf der Ausftellung vorlag, zeigte fich ftark grün gefärbt und felbft bei Sommertemperatur butterartig. Diefes deutet einmal auf die gleichzeitige Löfung des vorhandenen Chloophylls und auf das Vorwalten des Margarins im Prefsrückftande, was für die Verwendung zu harter Seife nur vortheilhaft fein kann. Da diefe Extraction mit Schwefel- Kohlenftoff einmal berührt ift, will ich diefen Gegenftand gleich erledigen. Diefe Methode ist zuerft in Deutfchland von Deifs vorgefchlagen und naturgemäfs auf die dort vorwaltenden, Oelfrüchte, Rübfen, Raps etc. angewendet worden, hat indeffen hier nur einen zweifelhaften Erfolg gehabt, fo dafs fie nur in wenigen Fabriken, z. B. in der Heyl'fchen Fabrik zu Moabit noch in Verwendung fteht. Bei diefen Materialien liefert das verbefferte Prefsverfahren der Neuzeit nur unbedeutend weniger an Oel, und das dabei in den Prefskuchen bleibende Fett wird als Futter noch genügend bezahlt. Es kommt noch hinzu, dafs die erhaltene Kuchenform den Anforderungen des Handels, der Aufbewahrung und des Transportes beffer entfpricht als das nach der Extraction zurückbleibende Pulver. So hält fich der Mehrgewinn an Oel beim Extractionsverfahren mit den Verluften an Extractionsmitteln und den damit verbundenen Gefahren vielleicht nur dann die Wage, wenn das Oel einen verhältnifsmäfsig hohen Preis erlangt hat, oder, wie bei den Olivenprefslingen, fettigen Lumpen etc., auf keinem anderen Wege paffend zu gewinnen ift. Es fcheint übrigens, dafs nur die Fabriken profperiren, welche durch Anwendung eines möglichft einfachen Apparates die Gelegenheit zum Entweichen des fo flüchtigen Schwefel- Kohlenftoffes auf ein Minimum reduciren, felbft wenn fie etwas mehr davon zum Ausziehen brauchen follten. Nach diefem Principe war auch ein hübfches Modell eines Schwefelkohlenftoff- Extractionsapparates conftruirt, das von van Haecht zu Molenbeck St. Jean bei Brüffel ausgeftellt wurde. Wir fanden hier zwei höher ftehende Extractions 4 Dr. Heinrich Schwarz. cylinder, zwei Deftillationsblafen, zwei Kühlfäffer mit doppelten Kühlfchlangen, zwei im Boden eingefenkte Refervoire zur Aufnahme des Schwefel- Kohlenftoffes, der durch eine Wafferfchichte vor Verdunftung gefchützt ift. Eine Mühle zerquetfcht den Samen; derfelbe wird in die Extractionscylinder eingefüllt, ein Deckel aufgefetzt und dicht verfchloffen. Eine Pumpe hebt den Schwefel- Kohlenstoff in den Cylinder, und nachdem er fich genügend mit Oel gefättigt hat, zieht man die Löfung in die Deftillationsblafe ab, um den Schwefel- Kohlenftoff durch Dampffchlangen- Heizung abzutreiben. Auf gleiche Weife wird der im Extractionscylinder nach völliger Entfettung bleibende Reft übergetrieben und in der zweiten Kühlfchlange condenfirt. Dampfkeffel und Dampfmafchine find durch Mauerwerk gänzlich von der eigentlichen Fabrik ifolirt, um die Gefahr einer Entzündung zu vermeiden, und die Rohrleitungen fo eingerichtet, dafs die paarweife vorhandenen Apparate nach Belieben mit einander combinirt werden können. Die dritte Gruppe der vegetabilifchen Fettftoffe bilden Rüb- und Leinöl, die in Deutſchland, England, Frankreich, Oefterreich, zum Theil auch in Russland in der Production den erften Platz einnehmen. Es fanden fich diefelben auf der Ausftellung fowohl in rohem, als raffinirtem Zuftande nebft den gleichzeitig gewonnenen Oelkuchen, von zahlreichen Producenten ausgeftellt. Da in der Qualität diefer Oele in Folge der überall uniformen Darftellungsweife kaum ein wefentlicher Unterfchied exiftirt, genügt es, einige Ausfteller namhaft zu machen, die fich durch Grofsartigkeit des Betriebes auszeichnen. Wir erwähnen vor allen J. Herz in Berlin, der mit 85 Pferdekräften jährlich für 1,500.000 Thaler Oelfaaten verarbeitet, die vereinigten Breslauer Oelfabriken, die Amtsmühle zu Braunsberg bei Elbing( 155.000 Thaler Oelfaaten), Oppenheimer zu Sportau, Weftphalen( 243.000 Thaler Oelfaaten, Specialität entfäuertes Rüböl als Erfatz des Baumöles zum Mafchinenfchmieren), Th. Sievers in Kiel( 227.000 Thaler Saaten), ferner die Wiener Oelinduftrie- Gefellfchaft( Specialität füſses Speife-, Leinöl, Klauenfett, helles Rüböl, Mafchinenöl), Pols& Sohn in England ( Arachis-, Rüb-, Klauen- und Baumwoll- Samenöl), endlich K. Ch. Schmidt in Riga, der 39.000 Pud Lein- und Rüböl und 146.000 Pud Oelkuchen in den Handel bringt. Speciell neu in diefer Branche erfcheint nur das von Johann Friedrich Gärtnerjun. in Rannersdorf( Niederöfterreich) neben rohem Rüböl, Mafchinenöl etc. ausgeftellte Maisöl. Der Mais ift als eine der fettreichften Getreidearten bekannt. Das Korn enthält 6% Fett, die fich in den verhältnifsmäfsig grofsen Keimen( etwa 1/10 des Korngewichtes) concentriren. Die eigenthümliche Feftigkeit des reinen Maisbrotes, die Verwendung als Polenta ohne weiteren Fettzufatz, die Fettfchichte, welche bei der Gährung der daraus bereiteten Maifche obenauf fchwimmt, find auf diefen Fettreichthum der Keime zurückzuführen. Bei dem verbefferten Verfahren der öfterreichifchen Mehlbereitung gelingt es leicht, die Keime abzufondern und für fich, wie es hier gefchehen, auf Oel zu verarbeiten. Das Oel ift hellgelb gefärbt und klar. Die dabei abfallenden Oelkuchen bilden ein vorzügliches Futtermittel, da fie reich an ſtickſtoffhältigen Beftandtheilen und Phosphaten find, fowie noch etwas anhängendes Fett und viel Stärkemehl enthalten. Da das Mehl durch die Entfernung der Keime zur Brotbereitung nur verbeffert wird, fo ift diefer Induftrie ein nicht unbedeutender Werth beizulegen, und dürfte bei allgemeiner Durchführung auch die zu erzielende Menge Fettfubftanz eine ganz beträchtliche fein. An diefer Stelle mufs auch die einzige auf der Ausftellung vorhandene Oelpreffe erwähnt werden, welche von Peter Sibre e zu Driffield in England eingefendet wurde. Es ift eine fogenannte Tiegelpreffe mit vier Prefsplatt- Formen, welche zungenförmige Prefskuchen liefert. Sie ist äufserft kräftig aus Gufs- und Schmiedeeifen conftruirt, hat einen hydraulifchen Prefskolben von 12" Durchmeffer, der im Falle einer nöthigen Reparatur leicht herausgenommen werden kann, ohne die ganze Preffe demontiren zu müffen. Die Preffe ift auf 300 Tons Druck probirt, arbeitet indeffen nur mit etwa 130 Tons, was auf die 113" betragende Fläche der Prefskuchen Die Fettwaaren. 5 vertheilt, mehr als 1 Tonne, genauer 23.6 Zollcentner oder 154 Atmoſphären Druck ausmacht. Die Prefsplatten, welche den Samen aufnehmen, find von ftarkem, inner halb canellirtem Eifenblech gefertigt, mit einem Rande von Filz eingefafst, der als feitliche Begrenzung dient, mit Handgriffen auf der breiten Endfeite verfehen und auf der entgegengefetzten fchmäleren durch Lederftreifen charnierartig verbunden. Auf diefe Art erfpart man jedes leicht zerreifsende Einfchlagtuch, kann den Samen leicht einfüllen, den fertigen Kuchen leicht entfernen und das ausgeprefste Oel findet bequemen Abflufs. Die erhaltenen Oelkuchen find fehr feft und fcharfkantig. Die gleichzeitig ausgeftellte Betriebspumpe kann fechs Preffen auf einmal bedienen; fie hat einen Kolben von 2" Durchmeffer und einen von I". Beide wirken anfangs, wo die Preffe fich rafch fchliefst, gemeinfam; fpäter aber wird, fobald das Ventil des grofsen Kolbens fich öffnet, die ganze Kraft auf den kleinen Kolben übertragen, bis auch deffen Ventil durch feine Hebung den erreichten zuläffigen Druck zu erkennen gibt. Die Arbeit war fauber und fehr folid ausgeführt. Wenn wir uns nunmehr zu den ausgeftellten Thierfetten, und zwar zuerft zum Talg wenden, fo fpielt hierin Rufsland auf der Ausftellung eine der erften Rollen, die feiner Bedeutung im Talghandel entſpricht. Die Länder auf der Oftküfte von Südamerika, Uruguay und Montevideo mit Rindstalg, Auftralien mit Hammelstalg, Nordamerika mit Schweinefett, waren nur fchwach oder gar nicht, jedenfalls nicht entſprechend der Bedeutung ihrer Talgproduction im Welthandel, vertreten. Amerika zeigte uns wenigftens in fehr hübfch ausgeführten Cartons die Manipulation feiner grofsen Schweinefchlächtereien in Cincinnati, St. Louis etc. Nach Ablöfung der werthvollen Fleifchtheile, Schinken, Speckfeiten u. f. w., wird der ganze Reft zur Fettgewinnung mittelft Dampf ausgekocht. Diefelbe Manipulation wird bekanntlich jetzt in Auftralien an den Sitzen der Schafzucht, mit 3-400 Schafen auf einmal in Anwendung gebracht. Von den ruffifchen grofsen Talgproducenten und Ausftellern erwähne ich Panoff, Schaguine& Comp. in Petersburg, die jährlich 150.000 Pud Talg, im Werthe von 700.000 Rubeln, Prockhoroff, der in drei Etabliffements zu Belev, Kozlof und Tambof in Südrufsland 100.000 Pud, Litinguine zu Berdiansk und Bolfchov, der aus 50.000 Schafen und 1000 Ochfen für 400.000 Rubel Talg erzeugt. Auch Rumänien, Ungarn und die meiſten Grofsftädte treten als grofse Talgproducenten auf, die letzteren befonders, wenn durch Einrichtung von Schlachthäufern eine rationelle Gewinnung des Talges durch Hochdruck- Dampf in gefchloffenen Gefäfsen möglich ift. Dann ift naturgemäfs auch die Gewinnung von Blutalbumin damit verbunden, das wir in der That von mehreren Talgproducenten gleichzeitig ausgeftellt fanden. Auch ein öfterreichifcher Ausfteller, Uiblein& Sohn in Wien, brachte Rohtalg und gereinigtes Unfchlitt zur Ausftellung. Meift gelangt der Talg bei uns direct in die Hände der Seifenfieder und Stearinfabrikanten. Je frifcher der Talg zum Ausfchmelzen kommt, defto beffer ift fein Geruch, defto weniger werden die Nachbarn beläftigt. Mit Dampfbetrieb erfcheint er weniger gefärbt als beim Ausfchmelzen über freiem Feuer. Wenn er durch Lagern weifser und härter wird, fo mag diefs theilweife in einem freiwilligen Zerfallen der Glycerinverbindung und in der Abfcheidung freier Stearinfäure feinen Grund haben. Diefer Vorgang wird befonders beim Lagern des unausgefchmolzenen Rohtalges eintreten, wo die beigemifchten Fleifchtheile in Fäulnifs übergehen und dadurch das Zerfallen einleiten. Solcher Talg ift dann leichter zu verfeifen, und bei der Stearinfabrication erfordert er weniger Kalk. Von der amerikanifchen Production fand Referent nur fogenanntes Ladoril-, Specköl, ausgeftellt, das aus dem gefchmolzenen Schweinefett nur dadurch gewonnen wird, dafs man diefes in grofsen Baffins fehr langfam abkühlen läfst. Es fcheidet fich dann unreines Margarin in Kryftallen aus, von denen das Specköl abläuft, refpective durch Preffen getrennt wird. Die zweite Gruppe der thierifchen Fettftoffe bilden die aus Seethieren, Wallfifchen, Robben, den verfchiedenen Gadusarten, aus Haififchen, Häringen u. f. w. 6 Dr. Heinrich Schwarz. gewonnenen Thran. Die eigentlichen Thrane waren nur fehr fchwach vertreten. Wir fanden aus Grönland confervirten Robbenfpeck, und dazu gehörigen, fchön hellbraunen Dreikronen- Thran, eben folchen von Bergen und Hammerfeſt in Norwegen, ferner Wallfifchthran von Martinique, der von den fich feit einigen Jahren häufig dort zeigenden Wallfifchen ftammt, Seehunds- Thran von Gebrüder Salina in Kafan, jedenfalls nur Handelsartikel, endlich von A. Schultz in Aftrachan Häringsthran, der ebenfo, wie der ebengenannte Seehunds- Thran aus dem caspifchen Meere zu ftammen fcheint. Von einer grofsen Anzahl Ausfteller wurde dagegen Leberthran in befonderer Schönheit und Reinheit geliefert. Derfelbe foll wegen feiner vorwaltend medicinifchen Verwendung hier nur kurz berührt werden. Der befte Leberthran wird aus den frifchen Dorfchlebern, am beften durch Auskochen mit Dampf bereitet. Mack aus Tromfoe, Steens vom Nordcap, Pallizer aus Petersburg, die franzöfifchen Colonien St. Pierre und Miquelon ftellten folchen Leberthran aus, der fo hell und wenig gefärbt war, wie das Olivenöl und diefem auch im Gefchmacke naheftehen foll. Früher wurden die Dorfchlebern an der Sonne liegen gelaffen, bis der Thran austrat, der natürlich ranzig und mit Fäulnifsproducten ver unreinigt war. Es mag übrigens auch viel derartiger Thran beim Auskochen der Fifchabfälle zur Bereitung des Fifchguano gewonnen, viel dunkler Thran nachträglich gebleicht werden, was z. B. zu Paris in bedeutender Ausdehnung( 450.000 Kilo jährlich) gefchehen foll. Gebrüder Cats in Gröningen, welche das LeberthranGefchäft in fehr bedeutender Ausdehnung betreiben, laffen ihr Product auf den Loffodeninfeln( Norwegen) ausfchliefslich nach der zuerft angegebenen Methode darftellen. Wallrath endlich, das Product des Pottwallfifches, findet fich in der englifchen und amerikaniſchen Abtheilung nur zu Kerzen verarbeitet, daneben Wallrath- Oel, das befonders hell, wenn auch nicht gerade fparfam in Lampen brennen foll. Wenn auch in phyfikalifcher und chemifcher Beziehung etwas abweichend, ift doch das Wachs der Bienen immer noch zu den Fetten zu rechnen. Man fand auf der Ausftellung auch das Wachs in zahlreichen Expofitionen von rohem und gebleichtem Wachs, von Wachskerzen und Wachsftöcken, von Wachsblumen und Wachsfrüchten vertreten. Es ift indeffen leicht zu erkennen, dafs feine Zeit als Luxuskerzen- Material vorüber ift. Wenn nicht in den katholifchen Ländern die Kirche mit Hartnäckigkeit an reinem Wachfe bei ihren Ceremonien fefthielte, würde es noch in viel gröfserem Mafse feinen Platz den billigeren Surrogaten haben überlaffen müffen. Italienifche Ausfteller unterfcheiden in der That fchon Cere di Chiese, d. h. reines Wachs, und Cere del Commercio, bei welchem ein Verfatz mit Paraffin etc. zuläffig erfcheint. Das Rohwachs ftammt vorwaltend aus Ländern mit wenig intenfivem landwirthschaftlichen Betriebe. In der reichen Sammlung von rohem und gebleichtem Wachfe, welche Antonio Mafotti von Roveredo ausftellt, findet fich aufser hannover'fchem und Brandenburger Wachs nur folches aus dem Orient und Weftindien. Gewiffe Theile der Lüneburger Haide, der märkifchen Sand- und Kieferflächen laffen eben keinen intenfiven landwirthschaftlichen Betrieb zu. Diefe Beobachtung beftätigt fich, wenn wir die Einzelnausftellungen des Orients, Griechenlands, Afrikas und der Colonien befichtigen, wo auch ftets das Wachs als Ausftellungsobject eine wefentliche Rolle spielt. Seitdem das Bedürfnifs nach Verfüfsungsmitteln beffer und billiger durch Zucker als durch Honig gedeckt wird, und der Honig felbft da, wo er unentbehrlich fchien, bei der Lebkuchen- und Methbereitung, feinen Erfatz im Stärkefyrup gefunden hat, ift die Bienenzucht zum Zurückgehen, wenigftens bei uns, verurtheilt. Wenn die fo rationell entwickelte Zeidlerei der Neuzeit auch noch auf Honigproduction hinarbeitet, fo arbeitet fie doch ficher nicht mehr auf Wachsproduction hin. Die Biene fammelt nicht etwa das Wachs, nein, fie producirt es aus ihrem Körper, aus dem von ihr verzehrten Honig, natürlich mit grofsem Verlufte. In richtiger Erkenntnifs diefes Umftandes und in Rückficht darauf, dafs die Biene nicht eher Honig eintragen kann, bis fie dafür die Zellen gebaut, dafs endlich der mehrgewonnene Honig beffer bezahlt Die Fettwaaren. 7 wird, als fein phyfiologifches Aequivalent an Wachs, fucht der rationelle Bienenzüchter den Waben ihren Honig zu entziehen, ohne ihre Form zu zerftören, um fie den Bienen zur neuen Füllung darzubieten, und hängt fogar künftlich erzeugte dünne Wachsblätter mit Zellenanfängen in die Bienenwohnungen ein. Unter diefen Verhältniffen mufs die Menge des gewonnenen Wachfes ein Minimum fein. Die rohen Wachsforten find meiftens grünlich, gelblich, bräunlich bis dunkelbraun gefärbt, umfo dunkler, je älter die Waben waren, aus denen fie gewonnen wurden. Zur Bleichung wendet man felten chemifche Mittel( Weinfäure, verdünnte Schwefelfäure, Chlorgas oder Chlorkalk) an, da das fo erzeugte Wachs, das wahrfcheinlich Chlor in die Zufammenfetzung aufnimmt, fchlecht brennt, fondern benützt die uralte Bleichmethode durch Luft und Sonnenlicht. Die Wachsbleicher, ich nenne Mafotti, Altmann jun. und F. Dollinger in Wien, Fifcher in Biftritz, Montalard in Lyon u. A., ftellten meiftens rohes und gebleichtes Wachs in der Form feiner, gekräufelter Spähne aus, was eben die fogenannte Naturbleiche charakterifiren foll. Es wäre freilich leicht, durch nachträgliches Bändern eines chemiſch gebleichten Wachfes eine Täufchung hervorzurufen. Profeffor Cavaliere Zinno aus Neapel ftellte eine Probe gebleichten Wachfes aus, bei der er angab, fie fei ohne Chlor und chlorige Säure gebleicht. Wahrfcheinlich liegt hierin die Andeutung, dafs es fich um eine andere chemifche Bleichmethode, vielleicht mit übermanganfaurem oder chromfaurem Kali handelt. Dem Bienenwachs am nächften ſteht das Pflanzenwachs, Myricawachs vom Cap der guten Hoffnung, chinefifches Wachs, Carnauba und Ocubawachs von Braauf den Ausftellungen diefer Länder filien, und find diefe Wachsforten auf vertreten. Solche wachsartige Ueberzüge auf Früchten und Blüthen kommen auch bei uns in minimalen Mengen auf vielen Pflanzen vor, ich erinnere nur an den Hauch der Pflaumen, und die tropifchen Pflanzen, welche zur Gewinnung der genannten Wachsforten dienen, charakterifiren fich eben nur durch das maffenhafte Auftreten des Wachsüberzuges. Die Pflanzenwachfe, an und für fich fchon ziemlich hell gefärbt, werden doch noch einem Bleichproceffe unterworfen und kamen auch hievon Proben zur Ausftellung. Als dritter mächtiger Concurrent des Bienenwachfes ift endlich in neuefter Zeit das Erdwachs oder der Ozokerit aufgetreten, was für uns umfo mehr Intereffe hat, als diefes Product faft ausfchliefslich Oefterreich angehört. Das Erdwachs kommt bekanntlich in Galizien am Nordrande der Karpathen zu Drohobycz und Boryflaw nefterweife im Salzthon vor und wird theils durch Tagebau, theils durch unterirdifchen Betrieb gewonnen. Sein Vorkommen hängt ficher einerfeits mit dem des Petroleums, anderfeits mit dem des Salzes zufammen. In der fehr grofsartigen Ausftellung der galizifchen Erdöl- und Erdwachs Intereffenten*) lag dasfelbe im rohen Zuftande mit Einfchlüffen von faferigem Gyps und hellen, farblofen Steinfalz- Kryftallen, ebenfo aber auch in dem Zuftande vor, wie man es nach dem Schmelzen und Abfchöpfen von den erdigen Beftandtheilen durch Eingiefsen in fchwach konifche Formen erhält. Dabei ift die dunklere Farbe, die fich leicht durch das Austreiben der Luft erklärt, die ftarke Zufammenziehung beim Erkalten, die fich durch das Einfinken der Oberfläche zeigt, endlich der dem rohen Bienenwachfe fehr ähnliche Bruch zu bemerken. Aus diefem dunkelbraunen, faft fchwarzen Material wurden fchon frühzeitig in Galizien Kerzen gefertigt, die trotz ihrer unfchönen Farbe mit mit gutem Lichte brannten. Als nun die Gewinnung gröfsere Dimenfionen annahm, gerieth man zuerft auf den Abweg, das Erdwachs als ein Rohmaterial zur Paraffinerzeugung zu verwenden. Wenn man es der zerftörenden Deftillation unterwirft, erhält man in der That ein Deftillat, das neben Photogen und Solaröl reichliche Mengen eines fchwer fchmelzbaren *) Die Ausfteller Hochftetter in Wien, Dingler in Mährifch- Oftrau ftellten, wie es fchien, das Erdwachs nur als Rohmaterial ihrer Fabrication aus. Auch aus Rumänien( Georgescu Petrache u. A.) und Transkaukafien( Gebrüder Siemens) lagen Erdwachs- Proben vor. 8 Dr. Heinrich Schwarz. Paraffins liefert. Während aber das rohe Erdwachs zu feiner Verflüffigung eine Temperatur von circa 60° C. bedarf, ift das gefammelte Deftillat bei gewöhnlicher Temperatur nur butterartig und verflüffigt fich bei circa 35° C. vollkommen. Man opfert alfo dem Beftreben, das Material zu entfärben, die bei Lichtmaterial hochgefchätzte Eigenfchaft der Schwerfchmelzbarkeit. Es ift daher als ein ungemeiner Fortfchritt zu betrachten, dafs es in neuefter Zeit gelungen ift, das Erdwachs direct zu bleichen. Man erhält dadurch eine vom beften weifsen Wachfe kaum zu unterfcheidende Maffe, wie es fcheint, mit geringem Verlufte. Diefe Bleichung brachte in der ausgezeichnetften Art I. C. Otto in Frankfurt an der Oder in der deutfchen chemifchen Abtheilung zur Anfchauung. Aus Erdwachs in den verfchiedenen Stadien der Bleichung war ein Poftament aufgebaut auf dem fich eine Säule von dem reinften, gelblich weifsen Material erhob. Es wäre intereffant zu wiffen, ob die Dimenfionen der einzelnen Beftandtheile etwa den Percenten des gewonnenen Productes entſprachen. Guftav Wagemann in Wien, die galizifche Actiengeſellſchaft für Naphtafabrication, Dingler in Mährifch- Oftrau ftellten übrigens gleichfalls gebleichtes Erdwachs aus. Aus England brachte I. C.& I. Field in Lambeth( London) gebleichten Ozokerit und daraus gefertigte Kerzen zur Ausftellung, welche nach Profeffor Letheby's Unterfuchungen fehr günftige Lichteffecte geben follen, indem 75 4 Gewichtstheile derfelben ebenfo viel Licht liefern, als 100 Gewichtstheile Wallrath. Der Schmelzpunkt, mit 59° C. angegeben, kommt dem des Wachfes fehr nahe und erlaubt daher auch in tropifchen Ländern den Gebrauch der Ozokeritkerzen, wo die gewöhnlichen Paraffinkerzen fich biegen würden. Es handelt fich augenfcheinlich hier ebenfalls nur um gebleichtes Erdwachs. Die Art der Bleichung wird übrigens bis jetzt als Geheimnifs behandelt. Die Erzeugung von sogenanntem Ceresin war durch eine Ausstellung der k. k. priv. Fabrik in Stockerau repräfentirt. Es handelt fich hier um eine Vermifchung des gewöhnlichen Bienenwachfes mit mehr oder weniger weichem Paraffin. Die Aehnlichkeit mit reinem Wachs, fowohl im rohen als gebleichten Zuftande ift frappant, der Preis natürlich bedeutend niedriger. Von den Fetten, als Rohmaterialien betrachtet, gehen wir nunmehr zu den daraus producirten Fabricaten, den fetten Säuren und Glycerin einerfeits und den Seifen anderfeits über. In den meiften induftriell entwickelten Staaten exiftiren Stearinfabriken, die faft ohne Ausnahme in den verfchiedenen Abtheilungen vertreten waren. Ich nenne da Price Patent Candle Works, Battersea London, ferner Souffrine& Comp. in St. Denis bei Paris, Venèque zu Ivry( das alte Haus Milly), Vialon& Comp. zu Lyon, Gebrüder Lanza in Turin, Liljeholm's technifche Fabrik in Stockholm, die Apollokerzen- Fabrik in Schiedam und die königl. Stearinfabrik in Amfterdam, die Pommerenzdorfer und Badifche Fabrik in Deutſchland, die Fabriken am Petrof in Jelez, Botte in Minsk( Rufsland), die Fabrik von Holmblad in Kopen hagen, die Florafabrik in Peft, die Siebenbürger Stearinfabrik in Hermannftadt und endlich die zahlreichen öfterreichifchen Fabriken. Von allen diefen Ausftellern zeichnen fich die öfterreichifchen nicht allein durch die Gröfse ihrer Ausftellungsobjecte, was durch die wefentlich leichtere Ausftellung zu erklären wäre, fondern auch durch die gleichmässige Güte ihrer Producte aus. Bei der weiten räumlichen Trennung der Ausftellungsgegenstände ift es für den einfachen Berichterstatter kaum möglich ein Urtheil darüber abzugeben, ob eine oder die andere Fabrik beffere, d. h. weifsere oder härtere Waare geliefert. Jedenfalls beweift auch diefe Ausstellung, dafs Oefterreich in diefem Induftriezweige eine hervorragende Stellung einnimmt. Diefe ift nicht allein auf den Bezug von vortrefflichem Rohmaterial, fehr hartem Talg aus Oefterreich, Ungarn, den Donaufürftenthümern, Südrufsland etc., fondern auch auf eine fehr intelligente, frühzeitig alle Vortheile erfaffende Leitung des Betriebes zurückzuführen. Das Ausftellungsobject der Sarg'fchen Fabrik in Liefing, ein Poftament mit der Büfte Milly's, gab in wenigen fchlagenden Daten die Gefchichte diefer Induſtrie in Oefterreich, in welcher jene Fabrik einen Hauptplatz einnimmt. Die Fettwaaren. 9 Es wurde eingeführt in Oefterreich die Kalkverfeifung 1838, die Deftillation 1850, die Verfeifung unter Hochdruck nach Fouché& Wright 1858, die Verfeifung im Autoclav nach Milly 1865, die fabrikliche Gewinnung des Glycerins 1854, feine Deftillation 1867, endlich feine Kryftallifation 1872. Vor Allem das kryftallifirte Glycerin verdient unfere Aufmerkſamkeit, und ift es geradezu als eine der bedeutendften Novitäten der Ausstellung aufzufaffen. Nachdem es vor etwa 2 Jahren zufällig bei Winterkälte entdeckt und von Profeffor A. W. Hoffmann in Berlin näher unterfucht worden war, ift es der Sarg'fchen Fabrik gelungen, dasfelbe nach Belieben fabriksmäfsig herzuftellen. Ueber die Methode der Darstellung ist bisher nichts Näheres bekannt geworden. Wahrfcheinlich wird fehr reines Glycerin im Vacuum möglichst vollſtändig entwäffert und dann ftärkeren Kältegraden ausgefetzt, worauf man den flüffig bleibenden Antheil von den Kryftallen abgiefst. Das kryftallifirte Glycerin verflüffiigt fich bei circa 150 C., konnte daher vom Publicum nur in den erften Tagen der Ausftellung in fefter Form gefehen werden. Nicht weit von der Sarg'fchen Ausftellung fanden wir die der erften Seifenfieder- Gewerkfchaft, oder, wie die Firma bekannter ift, der Wiener Apollokerzen Fabrik. Diefs ift eine der gröfsten Fabriken der Art, da fie jährlich nahezu 4 Millionen Kilo Talg verarbeitet, den fie zum Theil felbft aus Auftralien und Südamerika bezieht. Von der gewonnenen Oleïnfäure wird über 1 Million Kilo zu Seife verarbeitet, der Reft verkauft. Wie weit verbreitet das Renommée der Firma ift, beweift der Umftand, dafs im Auslande die befferen Stearinkerzen als Apollokerzen bezeichnet, und die Verpackungsform( Orangepapier) und der Firmaftempel möglichft nachgeahmt wird. 2 Dampfmaſchinen, 9 Dampfkeffel, 9 Dampf- Kochkeffel, 26 grofse hydraulifche Preffen, ein Robert'fcher Vacuumapparat zum Concentriren des Glycerins, 4 Seifenkeffel zu je 5600 Kilogramm, 200 Seifen- Formkäften, 50 Dochtflecht-, 10 Kerzenfchneid- und Polirmafchinen, 140 männliche und 192 weibliche Arbeiter beweifen genügend die Grofsartigkeit des Betriebes. Die Verfeifung unter hohem Druck und mit nur 3% Kalk foll zuerft in diefer Fabrik angewendet, und dabei als wefentliche Verbefferung gegen den urfprünglichen Apparat von Milly nicht directes Feuer, fondern hochgefpannter Dampf zur Erhitzung benützt worden fein. Eine dritte fehr hübfche Ausftellung brachte die Johann Hoffmann'fche Fabrik in Algersdorf bei Graz. Es ift diefs ein fehr gefchmackvoll aus Stearinkerzen und Stearingufs aufgebauter Tempel mit einer ebenfalls aus Stearin gegoffenen Figur der Styria. Die Eleganz der Form und Decoration würde das Object der Kunftausftellung zuweifen, falls es aus anderem Material gebildet wäre; diefes Material aber felbft verdient feiner Härte und Weifse wegen alles Lob. Auch die Fabriken von Semmler und Frenzl in Brünn haben gute Kerzen geliefert, Himmelbauer in Stockerau als Specialität die fogenannten Helioskerzen, ein Gemifch von weichem Paraffin und Stearin, das genügend hart ift und wefentlich billiger zu ftehen kommt. Er erzeugt das Paraffin dazu aus galizifchem Erdwachfe. Alle diefe Fabriken arbeiten faft nur mit Talg, den fie jetzt ohne Ausnahme mit nur drei bis vier Percent Kalk, aber unter hohem Druck in gefchloffenen Kupferkeffeln verfeifen. Die Keffel müffen fehr dickwandig fein, um dem nöthigen Druck von circa acht Atmoſphären zu widerftehen, und müffen aus Kupfer gefertigt werden, da das Eifen fehr rafch von der fauren Kalkfeife angegriffen wird. Es kommt noch hinzu, dafs Spuren beigemifchten Kupferoxydes, die Säure nur bläulich, Eifenoxyd aber gelblich färbt und fo die gewünſchte Reinheit des Weifs ftärker beeinträchtigt. Selbft diefe theueren Kupferkeffel müffen nach acht bis zehn Jahren Betrieb erneuert werden, weil fonft ein Zerreiffen derfelben zu fürchten wäre. Man fpart durch diefe Methode fehr wefentlich an Chemikalien; die faure Kalkfeife trennt fich fehr bequem im gefchmolzenen Zuftande von der wäfferigen Flüffigkeit, und diefe felbft ift eine ziemlich concentrirte Löfung von Glycerin, das nach Entfernung des Kalkes durch Oxalfäure und Entfärbung durch Knochenkohle durch Abdampfen concentrirt und zuletzt nöthigenfalls 10 mit Dampf deftillirt wird. Dr. Heinrich Schwarz. Bei der maffenhaften Verwendung, welche das Glycerin jetzt in den verfchiedenften Zweigen der Induſtrie findet, bildet fein Werth einen bedeutenden Factor der Rentabilität. Hierdurch hat die Kalkverfeifung wenigftens dort, wo reiner Talg verarbeitet wird, entfchieden das Uebergewicht über den Schwefelfäure Verfeifungs und Deftillations- Procefs gewonnen, wobei das Glycerin geopfert werden mufs. Nur da, wo tropifche und Abfallfette die Hauptmaffe des Rohmaterials ausmachen, die mittelft des letzteren Proceffes eine gröfsere Ausbeute an feften Säuren ergeben, behauptet er noch das Feld. Die Schiedamer Fabrik, welche gleichzeitig nach dem Kalk- und Schwefelfäure- Verfahren dargeftellte Producte vorführt, zeigt dadurch recht deutlich, dafs fie beiderlei Rohmaterial gleich bequem beziehen kann. In Frankreich will man mit dem Kalkzufatze bis auf ein Percent herabgegangen fein, was indeffen nur bei ftark ranzigen Fetten möglich ift. Unter gewiffen Umständen geht die Selbftentmifchung z. B. beim Palmöl foweit, dafs aus den Fäffern bei längerem Lagern faft reines concentrirtes Glycerin abtropft. Bei fo verändertem Material kann in der That ein folches Minimum von Kalk genügen. Seife wird faft in allen Ländern der Welt in gröfserer oder geringerer Menge producirt und von zahlreichen Ausftellern ausgeftellt, von denen natürlich nur einzelne namhaft gemacht werden können. Es ift leicht zu erkennen, dafs in den Ländern des Mittelmeeres immer noch das Olivenöl in feinen geringften, nicht mehr zu anderen Zwecken tauglichen Sorten als Seifenmaterial die Hauptrolle fpielt. Die altberühmte Genuefer, Marſeiller, ſpaniſche Seife findet fich in unveränderter Art auf der Ausftellung, nur wird fie jetzt wahrfcheinlich feltener mit der Barillafoda, fondern mit folcher aus Kochfalz bereitet. Der Seife aus Olivenöl fteht die aus der Oleïnfäure der Stearinfabriken am nächften, die ja faft ausfchliesslich zur Seife verwendet wird. Die Heimat der eigentlichen Talg- Kernfeifen ift Deutfchland und Oefterreich; aus Rufsland ftammt die Hanf-, Leinöl., Thran-, Schmierfeife, während England das Gebiet der Palm-, Cocusnufs-, Palmkern- und Harzfeifen ift. Durch die Entwicklung der Induftrie und des Handels vermifchen fich diefe Unterfchiede, doch find fie in ihren Umriffen auch noch auf der Wiener Ausftellung zu erkennen. Nur die Oleïnfeife ift univerfell, wie die Stearinfäure, deren Nebenproduct fie bildet. Sehr zu loben ift es, dafs die Ausfteller faft überall darauf hingearbeitet haben, eine möglichft neutrale und trockene Seife für Fabrikszwecke herzuftellen. Ein motivirtes Urtheil über die exponirten Seifen wäre nur nach einer grofsen Anzahl vergleichender Analyfen möglich, da der Werth der Seife geradezu von ihrer Zufammenfetzung abhängig ift. Es wäre zu wünſchen, dafs die Ausfteller genaue Analyſen ihrer ausgeftellten Mufter beigelegt hätten. Ein einziger Ausfteller, L. Küntzel mann in Dresden, war offen genug, einem Seifenblock die Auffchrift ,, Schwindelfeife" bei- und anzugeben, dafs darin auf ein Kilo Fett 12 Kilo Waffer enthalten find. Er ftellt übrigens auch noch andere vortreffliche Seifen, fo gekörnte Oleïnfeife, LeinölSchmierfeife, diefelbe mit Talg combinirt, gekörnte Thranfeife, Talg- Kernfeife mit Carbolfäure gefüllt, Bimsftein-, Honig-, Harzleim- Seife aus und ift überhaupt einer der gröfsten Induftriellen in diefer Branche, indem fich fein Umfatz im Jahre 1871 auf 411.000 Thaler belief. Seine Specialität ift übrigens Schmierfeife, die befonders fchön durch Einmengung glimmerartiger Schuppen von ftearinfaurem Natron erfcheint. Auch H. Oettinger in Mannheim mit wöchentlich taufend Centner Seife, F. Gruner in Efslingen mit feinen medicinifchen und technifchen Seifen, Gräger in Mühlhaufen( in Thüringen) find lobend anzuführen. Die Seifenfabrikanten Hartl& Sohn in Wien brachten die verdünnte Aetznatron- Lauge in einem Dampfkeffel zur Concentration und verwenden den Dampf zum Betriebe einer Dampfmaschine, zum Schmelzen des Unfchlittes und zum Kochen der Seife. Erwähnen will ich noch, dafs die Maffe Glycerinfeife, welche jetzt zu Toilettezwecken benützt wird, nicht mehr durch Zufatz von Glycerin zu einer alkoholifchen Seifenlöfung und Abdeftillation des Alkohols, Die Fettwaaren. 11 fondern einfach durch Zufammenfchmelzen von Seife und Glycerin hergeſtellt wird. Freilich ift dann das Freifein von überfchüffigem Alkali, was fonft diefe Seife für empfindliche Haut fo empfiehlt, nicht vollkommen gefichert. Das Giefsen von Büften, Schalen und anderen Decorationsftücken aus folcher Seife erfcheint unpaffend wegen zu ftarker Transparenz. Auch die aus undurchfichtigen Cocusoder Kernfeifen hergeftellten Ornamente machen keinen angenehmen Eindruck. Laurencinin Marſeille, der drei Büften von Thiers auf einmal ausgeftellt, gab den Gegnern diefes Staatsmannes Gelegenheit zu allerlei fpöttifchen Randgloffen. Durch ausgedehnte Seifenfabrication zeichnen fich noch aus Kaifer& Goier in Petersburg mit jährlich 200.000, und Soukouff ebendafelbft mit 160.000 Pud Production. Aus Oefterreich will ich noch F. Fifcher in Simmering mit einem grofsen Sortiment diverfer Seifen, Uiblein& Sohn in Wien mit Schmierfeife, Schellinger ebendahier mit Harzfeife erwähnen. Die Erzeugung von Seife aus blofsem Abfallfett, Küchen- und Walkfett brachten unter Anderen Houzeau aus Rheims, R. Thomfon aus Riga und Jungfer aus Görlitz zur Anfchauung. Dafs natürlich auch die grofsen Stearinfabriken faft ohne Ausnahme viele und gute Seife producirten und ausftellten, ift felbftverſtändlich. Beim Kerzengufs ift als Neuigkeit die Anbringung von 4 in der Länge des Lichtes verlaufenden Durchbohrungen zu erwähnen, die unter Anderen Venèque in Lyon zur Ausftellung brachte. Hierdurch foll das Ablaufen des gefchmolzenen Stearins nach Aufsen verhindert werden, was aber unferer Anficht nach beffer durch ein richtig gewähltes Verhältnifs zwifchen Kerzen- und Dochtdicke gefchieht. Zu demfelben Zwecke empfiehlt I. C.& I. Field den Lychnophylax, eine auf das obere Kerzenende aufzufteckende eigenthümliche gläferne Lichtmanchette, die in dem Mafse, als das Licht abbrennt, hinabfinken foll. Das letzte Glied diefer Section bilden die Schmieröle und Schmierfette für leichtere und fchwerere Mafchinentheile. Während früher hauptfächlich fette Subftanzen als Schmiermittel Verwendung fanden, fpielen jetzt die Harzöle und Harzöl- Kalkfchmieren( die fogenannten belgifchen Patent- Wagenfette) ferner die paraffinreichen Solaröle und befonders einige rohe, fehr fchwere Petroleumforten ( Vulcan- und Globeöl) endlich feifenartige Combinationen von Fettftoffen mit kohlenfauren Alkalien, auch Löfungen von trockener Seife in Theerölen, für fich oder mannigfaltig combinirt, eine wefentliche Rolle. Je mehr ein folches Schmiermaterial den Kraftverluft durch Reibung vermindert, je länger es diefe Eigenfchaft bewahrt, je langfamer es felbft verharzt, je weniger es die bewegten Metalltheile angreift, defto beffer ift es. Ein gewiffer Grad von Zähflüffigkeit ift befonders bei fchwerbelafteten Achfen erwünſcht, indem fonft das Schmiermittel zwifchen den fich reibenden Theilen herausgeprefst wird. Auch bei leichten, aber fehr rafch laufenden Achfen ift etwas Dickflüffigkeit rathfam, da fonft das Schmiermittel durch die Centrifugalkraft zu rafch zerftreut wird. Das früher allgemein angewendete Baumöl wird jetzt vielfältig durch Rüböl erfetzt, das man entweder im rohen Zuftande nach längerem Ablagern verwendet, oder mit fehr wenig Schwefelsäure raffinirt und möglichft vollkommen auswäfcht. Die beim Raffiniren nebenbei entftehende freie Oelfäure ift freilich fo nicht zu entfernen. Höchftens durch Digeftion mit Alkohol wäre diefs möglich, da diefer wohl freie Oelfäure, aber kein oder nur wenig neutrales Oel auflöft. Durch Zufatz von Ricinusöl, Harz, Harzöl, in Oel gelöftem Kautfchuk fucht man diefem entfäuerten Oele die nöthige Dickflüffigkeit oder Cohäfion zu geben, die beim Raffiniren fich vermindert. Solche Maſchinenöle werden von fehr vielen Oelfabrikanten ausgeftellt. Die Eigenfchaft, in der Luft zu verharzen, befonders bei Gegenwart von Metallen und bei Erwärmung tritt befonders bei fetten Oelen aus dem Pflanzenreiche hervor. Nur das hochgereinigte Olivenöl, noch mehr das Klauenöl, ein thierifches Fett, find davon ziemlich frei. Sie dienen daher als bevorzugtes Schmiermittel für Uhren und Nähmaschinen. 100 12 Dr. Heinrich Schwarz. Auch von diefer Art von Oelen find verfchiedene Mufter befonders von Schweizern ausgeftellt. Auch Deutſchland, und zwar Württemberg, wo die Uhreninduftrie blüht, hat zwei Ausfteller folcher Oele aufzuweifen. England und Amerika haben in ihrem Wallrath- und Specköl ebenfalls vortreffliche Schmieröle. Die Zahl der Ausfteller von gemifchten Schmieren iſt eine fehr grofse. Befonders fchön und vollſtändig ift die betreffende Sammlung von Guftav Wagemann in Wien. Die Producte der trockenen Deftillation. Unter den Producten der trockenen Deftillation haben wir mehrere Gruppen zu unterfcheiden, je nach dem Material, welches der Deftillation unterworfen wird. Die zuerft zu berührende Harzinduftrie ift gerade in Oefterreich hoch entwickelt. Ein ziemlich ausgedehnter Landftrich zwifchen Wiener- Neuftadt und Gloggnitz, das fogenannte Steinfeld, ift allein durch den Anbau der Schwarzföhre und die rationelle Gewinnung des Harzes und anderer Producte daraus nutzbar zu machen gewefen. Andes& Fröbe in Simmering zeigen in einer hübfchen Zufammenftellung die Art der Gewinnung, die dazu verwendeten Werkzeuge und das gewonnene Product. Mehrere ausgedehnte Fabriken, fo Franz Furtenbach in Wiener- Neuftadt, Emanuel Biach in Therefienfeld( Niederöfterreich) und andere verarbeiten den Terpentin durch Dampfdeftillation auf Terpentinöl, Kolophonium u. f. w., und verwandeln aufserdem das Harz durch trockene Deftillation in Harzeffenz oder Pinolin, in fchweres Harzöl und Pech. Das Harzöl dient endlich durch Zufammenbringen mit wenig Kalkhydrat zur Herſtellung verfchiedenfarbigen, oft durch Kienrufs bläulich gefärbten Wagenfettes. Auch Guftav Wagemann in Wien und J. Wille in Carolinenthal bei Prag leiften in diefer Branche Vortreffliches. Amerika, welches in Virginien, Frankreich, welches in dem fandigen Lande zwifchen Bayonne und Bordeaux ähnliche Harzgewinnungen im ausgedehnteften Mafse betreiben, war auf der Ausstellung in diefer Branche kaum vertreten. Aufmerkfam ift darauf zu machen, dafs Portugal im Staatsforfte Leiria feit Jahren ein Terrain von 1600 Hektaren, mit Pinus maritima beftanden, diefer Induftrie gewidmet hat. Das erhaltene Product enthält viel Terpentinöl. Im Jahre 1871-72 wurden dort 275 Millionen Kilo Terpentin gefammelt, welche circa 45 Millionen Kilo Terpentinöl, 189 Millionen Kilo Kolophonium und 36 Millionen Kilo gelbes Harz lieferten, während der Reft als Rohterpentin in den Handel kam, deffen Abfatz nach London und Liffabon ging. Ebenfo ftellte Spanien Harz von Guadarama aus. In Schweden und Rufsland wird weniger Harz, als vielmehr durch trockene Deftillation kienigen, harzhaltigen Holzes Holztheer und Kienöl gewonnen und weiter gereinigt. Die fchwediſche Domäne Finfpong, welche das vorzügliche Kanoneneifen liefert, benützt einen Theil des ihr zu Gebote ſtehenden Holzes zur Deftillation und ftellte den gewonnenen Theer, das daraus erhaltene, gereinigte Kienöl u. f. w. in ihrem Separatpavillon aus. Aehnliche Producte brachte in der ruffifchen Abtheilung Rakowicki, Gouvernement Mohilew, zur Ausftellung, ebenfo die Fabrik zu Tarenguis in Finnland. Deutſchland hat nur eine geringe einheimifche Harzproduction, die z. B. im Thüringer Wald nur eben noch geduldet wird. Es verarbeitet indeffen viel fremdes, befonders amerikaniſches Harz. Meguin aus Saarlouis verarbeitet jährlich 15.000 Centner Harzöl zu Mafchinenfchmieren und gewinnt nebenbei noch Pinolin, Pech und andere Producte. Eine zweite Gruppe bilden das Petroleum, das Photogen und Paraffin, diefe vortrefflichen Beleuchtungs- Kohlenwafferftoffe. Streng genommen ist das Petroleum keineswegs als Product der trockenen Deftillation aufzufaffen. Es ftimmt indeffen in feinen Eigenfchaften und feiner Verwendung fo vollkommen mit dem Photogen Producte der trockenen Deftillation 13 ctc. überein, dafs wir uns über diefe theoretifche Frage hinwegfetzen können. Wenn auch das Petroleum in kleinen Mengen in den verfchiedenften Gegenden der Erde aufgefunden wurde, fo find doch nur einige Länder in diefer Beziehung von grösserer Bedeutung. Den erften Rang nimmt darunter ohne Zweifel Nordamerika ein, und kommt der jährliche Productionswerth des Petroleums dort unmittelbar hinter dem der Baumwolle und des Weizens zu ftehen. Oefterreich in Galizien, Rufsland in den transkaukafifchen Ländern und am kafpifchen Meere, Hinterindien ( Rangoon), endlich Rumänien fchliefsen fich mit nahezu gleicher Bedeutung an. Amerika hatte keineswegs feine Production entſprechend ausgeftellt. Die Oleophene- Oel- Company in New- York lieferte Kerofenöl und Stephenson Brothers in Philadelphia gereinigtes Paraffin, das wahrfcheinlich auch aus dem Petroleum ftammt. Rufsland ift durch die Gebrüder Siemens in Zarskoe Kolodzi in Transkaukafien, fowie durch einige Ausfteller, welche fich mit der Raffination vielleicht amerikanifcher Oele befchäftigen, und intereffanter Weife auch durch den Sibirier Sidorow repräfentirt, der in feiner Specialausftellung in Sibirien gefundenes Rohpetroleum vorführt. Rumänien zählt zahlreiche Ausfteller fowohl von Erdöl, als von Erdwachs und fängt in der That an, eine bedeutende Rolle in diefen Artikeln zu fpielen, zumal die Gewinnungskoften dort fo niedrig find, dafs z. B. das Rohpetroleum trotz Eingangs- und Ausgangsfteuer und 30 Meilen Land- und Eifenbahn- Transport in Galizien mit dem dortigen Product concurriren kann. Rangoon war in der englifchen Abtheilung mit Petroleum nicht vertreten. Oefterreich ift in Galizien mit reichen Petroleumfchätzen gefegnet. Am Nordende der Karpathen, in den unterften Stufen des Gebirges findet fich Petroleum von Bochnia bis zur Grenze der Bukowina auf eine Erftreckung von 60 Meilen und ift in nicht weniger als 151 Ortfchaften nachgewiefen. Es ift dort fchon feit langer Zeit bekannt, wie die zahlreichen, von der provinciellen Bezeichnung desfelben( ropa) abgeleiteten Ortsnamen beweifen. Gleichwie in Nordamerika das Petroleum, was in ftehenden Wäffern, an den Ufern der Bäche, in flachen Gräben auf dem Wafferfpiegel fich fammelte, fchon von den Indianern abgefchöpft und als Heilmittel verwendet wurde, wird Aehnliches auch aus Galizien berichtet. Der Unterfchied liegt nur darin, dafs in Amerika die Berg- Gefetzgebung über Petroleum aufser allem Zweifel geftellt war, in Galizien dagegen noch heutzutage höchft fchwankend ift, dafs dort Unternehmungsgeift, Capital und leichte Communication vorhanden waren, während Galizien gerade in diefen Beziehungen fehr zurückgeblieben ift. Nachdem fchon feit dem Jahre 1848 jüdifche Unternehmer die Gewinnung des Petroleums eingeleitet, entwickelte fich auf diefer Grundlage feit 1853 ein wilder Raubbau mittelft flacher Schächte, die auf die oberen Schichten des Petroleum führenden Mergels abgeteuft, und, nachdem der nächfte Umkreis erfchöpft, verlaffen und durch neue Schächte erfetzt wurden. Seltener wurde der geförderte Mergel in Wafser aufgefchlemmt wo dann das anhaftende Petroleum zur Oberfläche ftieg. Allmälig trat indeffen ein etwas energifcherer induftrieller Betrieb ein, fo dafs die Ausbeute im Jahre 1866 etwa die Gröfse von 166.000 Centnern erreichte. Leider ift fie feitdem wieder bis auf 70.000 Centner im Jahre 1871 herabgegangen. Grofse Verdienfte um diefe Induftrie hat fich der frühere Apotheker Lukafiewicz erworben, der zu Bobrka 35 Schächte oft bis zu einer Tiefe von 700 Fufs niedergetrieben und dabei in den unteren Teufen das amerikaniſche Bohrfyftem in Anwendung gebracht hat. Dafs auf diefe Art günftigere Refultate, ebenso wie in Amerika zu erreichen find, ergibt fich aus der Thatfache, dafs einzelne diefer Schächte täglich bis zu 100 Centner Petroleum geliefert haben. So lange die Photogen-, refp. Petroleumpreife hoch ftanden, waren die Koften des Transportes ( per Centnermeile Landfracht 60 Kreuzer) und die unvollkommene Reinigung die Veranlaffung, den Preis des Rohproductes loco Grube niedrig zu halten; jetzt haben fich diefe Uebelftände etwas vermindert, doch dafür ift der Preis des gereinigten Oels ftark gefunken. So finden wir die Erfcheinung, dafs in dem Zeit raume 1854-1872 die Preife des Rohöls loco Lemberg per Centner nur zwifchen 2 14 Dr. Heinrich Schwarz. 7-534 Gulden fchwanken. So viel fcheint feftzuftehen, dafs noch genügend Rohmaterial durch rationellen Betrieb zu gewinnen und dafs diefs ebenfo leicht und vollſtändig, als das amerikaniſche Oel zu reinigen ift, ja vor diefem noch den Vorzug befitzt, dafs es weniger leicht flüchtige und daher mehr eigentliche Beleuchtungsöle enthält, die bei einigen Oelen vollkommen frei von Paraffin find, daher felbft bei ftrenger Kälte nicht gefrieren. 14 Ausfteller ftellen theils gereinigtes, theils rohes Petroleum aus, von denen ich die galizifche Actiengeſellſchaft für Naphtafabrication, Ig. Lukafiewicz zu Chorkowa, Lauterbach, Goldhammer, Gartenberg& Comp. in Drohobycz, endlich T. G. Delaval zu Grybow als Producenten, Dingler in Mährifch- Oftrau, Hochftetter und G. Wagemann in Wien als Raffinateure hervorheben will. Die Reinigung des Petroleums ift gut durchgeführt, das Paraffin läfst eher etwas zu wünfchen übrig. Die Wichtigkeit des galizifchen Erdwachses habe ich fchon früher hervorgehoben. Als Curiofität will ich noch berühren, dafs der Amerikaner Ch. Pratt in New- York ein fo fchwer entzündliches Petroleum( Aftralöl) erzeugt zu haben angibt, dafs das Oel, in Blechkaften und Holz gut verpackt, in einem Waarenfpeicher felbft einen Brand ohne Entzündung durchgemacht haben foll(?). Auch ein Modell zur Aufbewahrung von Petroleum unter Waffer von P. Jakovenko in Odeffa und ein Mefsapparat zum Detailverkauf von Petroleum verdienen Beachtung. Das Petroleum erfchien nach dem ungeheueren Auffchwunge, den feine Gewinnung in Nordamerika nahm, beftimmt, der kurz vorher aufgeblühten Induftrie der Photogen- und Paraffingewinnung den Garaus zu machen. Freilich find alle Fabriken, welche mit armem Material, wie Schiefer, Torf etc. arbeiteten, zu Grunde gegangen; dagegen erhielt fich einerfeits die Deftillation der Bogheadkohle in England, anderfeits die der hellen Braunkohle in SachfenThüringen aufrecht und im lohnenden Betriebe. Erfteres Material, das von Young in England in grofsartiger Weife ausgebeutet wird, liefert bei der Deftillation bis zu 50% Theer, der befonders reich an Oelen, von hohem Siedepunkte, aber geringem fpecififchen Gewichte ift, die mit glänzendem Lichte und vollkommen gefahrlos verbrennen. Die von der Murajewnifchen Kohlengruben- Gefellſchaft im Gouvernement Rjäfan ausgeftellte Bogheadkohle ift dem engliſchen Materiale fehr ähnlich, und die daraus dargestellten Producte laffen nichts zu wünschen übrig. Die Braunkohlentheer- Induftrie dagegen verdankt ihre Erhaltung dem Umftande, dafs der aus dem vorliegenden Material gewonnene Theer befonders paraffinreich ift, und haben daher die Ausfteller mit Recht diefes fchöne Product in den Vordergrund geftellt. Nicht jede Braunkohle ift zu lohnender Verarbeitung auf Theer geeignet. In ganz Deutfchland exiftirt nur ein verhältnifsmässig kleines Terrain in der preufsifchen Provinz Sachfen- Thüringen zwifchen den Städten Halle, Weiſsenfels Zeitz gelegen, wo eine eigenthümliche, fein pulvrige, in trockenem Zuftande hellgelbe Braunkohle, meift im Ausgehenden der Flötze, in Neftern und fchwachen Lagern vorkömmt und fich durch eine bis zu 16% des Gewichtes der frifchen Kohle fteigende Ausbeute hellgefärbten, fpecififch leichten Theeres auszeichnet, der überdem durch feinen ftarken Paraffingehalt felbft bei Sommertemperatur feine butterartige Confiftenz bewahrt. Diefe Schmier- oder Schweelkohle wird von der gleichzeitig gefundenen dunkelbraunen Feuerkohle getrennt gehalten und mit gröfster Sorgfalt gewonnen. Der preuſsifche Morgen folcher Kohle, d. h. das Ausbeutungsrecht wird den Grundbefitzern mit 3000 Thalern, ja noch höher bezahlt. Es fcheint, dafs nur noch in Böhmen einige wenige Vorkommniffe diefer Schweelkohle exiftiren. Bei der Analyfe zeichnet fie fich durch ihren bis auf 11% fteigenden WafferftoffGehalt aus. Sie fchmilzt am Licht gleich Siegellack und läfst fich daraus durch kochenden Alkohol ein bei circa 70° C. fchmelzendes, hellgelbes Harz ausziehen. Aus diefer Kohle wird bei fchwacher Rothglut durch Deftillation in liegenden oder ftehenden Eifenretorten der Theer gewonnen. Producte der trockenen Deftillation. 15 Letztere gewähren durch das Einfetzen einer Säule von übereinander geftülpten eifernen Glocken den Vortheil, dafs nur eine dünne Schichte Kohlen von der Hitze zu durchdringen ift und der erzeugte Theer unmittelbar abgeleitet wird. Bei der Reinigung des Theers ftrebt man jetzt dahin, unnöthige Deftil lationen zu vermeiden, weil man gefunden hat, dafs dadurch die Ausbeute an werthvollem Paraffin vermindert wird. Es ift das Verdienft Dr. B. Hübner's in Zeitz, dafs er durch directe Behandlung des Theers mit etwas Schwefelfäure und nachträgliche Deftillation über Kalk eine Deftillation des Paraffins entbehrlich macht und fo über 2% mehr davon gewinnen kann. Seitdem das weiche Paraffin, das man fonft bei der fchliefslichen Reinigung durch viele heifse Schwefelfäure zerftörte, als Zufatz zu Stearin Verwendung findet, ift man auch hiermit auf das geringfte Mafs zurückgegangen. Die grofsen Fortfchritte, welche diefe Induftrie gemacht, zeigen fich nicht allein in der vorzüglich arrangirten Ausftellung, welche von den zu diefem Zwecke vereinigten Firmen, Hübner in Zeitz, Sächfifch- Thüringen'fche Actiengeſellſchaft zu Halle, Werfchen-Weifsenfelfer Actiengeſellſchaft zu Weifsenfels, Hallifche Mineralöl- und Paraffinfabrik von König& Comp., C. R. Riebeck in Halle, Bunge& Corte in Ober- Röblingen und Vehrigs& Söhne in Teuchern gemacht, fowie in der ifolirten Ausftellung von Rössner, Schneider& Comp. in Zeitz, fondern vor Allem in den ftatiftifchen Zahlen, welche die fehr bedeutende Ausdehnung diefer Fabrication nachweifen. Im Jahre 1871 producirten 41 Theerfchweelereien in diefem Bezirke in 1844 liegenden und 610 ftehenden Retorten aus 2,639.676 Bergtonnen( à 250 Pfund) Schweelkohle mit Aufwand von 2,353-551 Tonnen Feuerkohlen( à 300 Pfund) 676.477 Centner Theer. Es wurden 1.350 Arbeiter( inclufive Familienglieder 4.650 Perfonen) befchäftigt. Das Anlagecapital betrug circa 2,298.882 Thaler. Die Fabriksanlagen ftammen aus der Zeit von 1856-71. Der fo erhaltene Theer wurde in 17 Raffinerien verarbeitet. Das Quantum betrug 704.349 Centner. Es wurde mit 870.779 Tonnen Feuerkohle, 1.318 Arbeitern( inclusive Familien 3.939 Köpfe) und einem Anlagecapital von 2,952.000 Thalern auf Photogen, Solaröl, Paraffinöl, Paraffin und Asphalt verarbeitet. Die zur Reinigung angewendete Soda wird vielfältig durch Eindampfen und Glühen regenerirt, auch mit der Reinigungs- Schwefelsäure Glauberfalz daraus bereitet und Theeröl( Carbolfäure) daraus gewonnen. Die Schwefelfäure dient nach Abfcheidung des gebundenen Theers zu Superphosphat, Ammoniakfalz und Eifenvitriol; der aus ihr abgefchiedene Theer zur Rufsbereitung. Gegen diefe mächtige Induftrie der Braunkohle müffen analoge Darftellungen aus Liasfchiefer etc. zurücktreten, zumal hier die Aushilfe durch das gewonnene Paraffin fehlt. Sehr zu beachten ift es, dafs gewiffe Sorten des durch Dr. Hübner z. B. dargestellten Paraffins einen Schmelzpunkt von circa 63° C. zeigten, während fonft ein folcher von 53-55° C. der normale war. Die schwerften Oele werden jetzt, wie die analogen Petroleumrückstände durch Einfliefsenlaffen in ftark erhitzte eiferne Retorten in fchweres Leuchtgas verwandelt, das fehr fparfam und mit guter Lichtentwicklung verbrennt. P. Suckow aus Breslau ftellte einen hierzu beſtimmten completen Apparat aus, der überall leicht anzubringen und fo conftruirt ift, dafs er ungemein leicht eingemauert werden kann. Weit verfchieden von diefem leichten Braunkohlen- Theer( 0.905-0.920 fpecififches Gewicht) ift der viel fchwerere Steinkohlengas- Theer, welcher bei viel höherer Temperatur aus Steinkohlen in Chamottaretorten als Nebenproduct der Leuchtgas- Erzeugung gewonnen wird. Obwohl nur durchſchnittlich 5% der verwendeten Kohlen an Theer erhalten werden, fo macht diefs doch bei der grofsen Verbreitung der Gasbeleuchtung eine coloffale Gefammtmenge aus. Man nimmt an, dafs in London allein jährlich 30 Millionen Centner Kohlen, in ganz Eugland 200 Millionen Centner zu Gas verarbeitet werden, was dem obigen Verhältniffe entsprechend 1'5, refpective I'II Millionen Centner Theer ergeben würde. Die Production der übrigen Welt kann man auf ein gleiches Quantum veranfchlagen. Es hat Zeiten gegeben, wo man nicht wusste, wie man über diefes Nebenproduct 2% 16 Dr. Heinrich Schwarz. disponiren follte, und folche Maffen davon fich anhäuften, dafs man den Theer als Brennmaterial verwenden mufste. Immer aber hat die Technik und die Wif fenfchaft dann auch eine neue Verwendung des Theers oder feiner Beftandtheile gefunden, durch welche wieder ein Mangel ftatt des Ueberfluffes eintrat. So ift auch jetzt eine ftark fteigende Tendenz der Theerpreife vorhanden. Es dient der Theer direct zu Dachpappen und anderem Dachdeckungs- Material, zur Herſtellung von Asphalt, zu Asphaltröhren, zum Anftrich von Holz u. f. w. Noch viel mannig. faltiger wird feine Verwendung, wenn man ihn der Deftillation unterwirft. Heben wir nun die wefentlichften Körper, die fo gewonnen werden, das Benzol, die Carbolfäure, das Naphtalin und fchliefslich das Anthracen hervor, fo eröffnet jede diefer Subftanzen eine Reihe höchft intereffanter und für die Bedürfniffe des Menfchen wichtiger Verwendungen. Es würde hier zu weit führen, auf diefem Gebiete ins Detail zu gehen. Die befte Ueberficht auch über die quantitativen Verhältniffe gewährt das beigelegte Tableau, das ich der Güte des deutfchen Ausftellers Joh. Chr. Leie in Bochum verdanke. Ganz naturgemäfs ift diefe Induftrie auf hochentwickelte Staaten befchränkt, die einmal Leuchtgas confumiren, anderfeits fo viel wiffenfchaftliche Bildung befitzen, um diefe auf rein wiffenfchaftlicher Bafis ruhende Induftrie betreiben zu können. Deutſchland ſteht in diefer Beziehung derzeit an der Spitze und beherrfcht z. B. in der Induftrie der Theerfarben faft ausfchliefslich den Markt. Es kann uns daher nicht Wunder nehmen, dafs zahlreiche Ausfteller von dort die Ausftellung mit Theerproducten befchickt haben. Ich nenne darunter Jul. Rütgers in Breslau, der in 3 Etabliffements, Erkner bei Berlin( 65.000 Centner), Angern an der Nordbahn( 40.000 Centner) und Niederau bei Meifsen( 25.000 Centner), zufammen 125.000 Centner Theer deftillirt. Herr Rütgers ift bekanntermafsen einer der gröfsten SchwellenImprägnateure Europas. Er benützt dazu theils Chlorzink, theils das carbolfäurehaltige, fchwere Oel des Steinkohlen- Theers, das zuerft von Bethell in England hierzu angewendet wurde. Er ift gezwungen, einen beträchtlichen Antheil folchen Oeles aus England zu beziehen neben dem, welches er felbft in den eigenen Fabriken gewinnt. Er ftellt fehr fchönes Benzol, kryftallifirte Carbolfäure u. f. w. aus. Ich erwähne ferner Brönner in Frankfurt a. M., eine der älteften Fabriken, die fchon 1846 errichtet wurde, und fich durch ihr Brönner'fches Fleckenwaffer einen Weltruf verfchafft hat. Neben dem leichten Oel wurde auch Carbolfäure, Naphtalin, künftliches Alizarin en Pâte, trocken und in Kryftallen ausgeftellt. Blumberger& Comp. in Oberhaufen hat feine Specialität mehr in Dachpappen und Desinfectionsmitteln. Leie& Comp. in Bochum ift von mir fchon früher erwähnt; eine Specialität diefer Fabrik find die Asphaltröhren aus eingedicktem Steinkohlen- Theer und endlofem Papier, für Gas- und Wafferleitungen, die fehr billig, fehr haltbar, dem Rofte nicht unterworfen und leicht zu verlegen find. F. Rudolf in Höchft, welcher neben Steinkohlen- Theer auch Petroleum deftillirt, zeichnet fich durch befonders feinen Lampenrufs aus Naphtalin aus. Die Gefellfchaft für Anilinfabrication in Rummelsburg bei Berlin tritt wefentlich als Confument der erften Raffinationsproducte, Benzol etc. auf, die fie auf Anilin und andere Verbindungen von hoher Reinheit verarbeitet. Man erkennt leicht, dafs zwei ausgezeichnete Chemiker Dr. Maretius und Dr. Mendelsfohn, Schüler des berühmten Profeffors Hofmann, die Fabrik dirigiren. Auch J. W. Weiler& Comp. in Cöln lieferten in ihrem chemifch reinen Anilin und Tolnidin werthvolle Präparate. Aus Oefterreich fanden wir die Firma Mayer& Müller mit Producten aus Steinkoklen- Theer, hauptfächlich Schmiermaterialien angeführt, doch ift auch ein Theil der oben erwähnten Ausftellung von Rütgers für uns fo in Anfpruch zu nehmen. Es ift zu bedauern, dafs diefe Induſtrie des Steinkohlen- Theers in ihrer höheren Entwicklung in Oefterreich bis jetzt noch keinen Boden gefunden hat. Unferes Wiffens wird in Oefterreich nirgends in Anilin- und Anilinfarben- Erzeugung gearbeitet, und dürfte es in der That jetzt zu fpät fein, in diefen Artikeln Deutſchland Concurrenz machen zu Producte der trockenen Deftillation. 17 wollen. In der englifchen Abtheilung ist nur die Ausstellung des bekannten technifchen Chemikers Crace Calvert in Manchefter zu erwähnen, deffen farblofe kryftallifirte Carbolfäure zu medicinifchem Gebrauche in England und auf dem Continente fehr beliebt ift. Gleichzeitig ftellte er mit Carbolfäure gefüllte Seife, fowie Pikrinfäure, ihre Salze, Corallin und damit gefärbte Stoffe aus. Von Frankreich ift hier die grofse Parifer Gasgefellſchaft mit ihren aus den Nebenproducten, Theer und Ammoniak, gewonnenen Präparaten, ferner H. Vedles, Pont d'Asnières, Clichy, zu erwähnen, der neben dem aus Benzol dargeftellten Anilin, auch folches direct aus dem Theer erzeugt hat. Im Allgemeinen find bei den Grundmaterialien für die Theerfarben in neuerer Zeit keine wefentlichen Verbefferungen zu verzeichnen. Nur das Anthracen hat befondere Bedeutung gewonnen, das in den letzten fchweren Oelen enthalten ift, und zu deffen Darftellung jetzt vielfältig der Theer bis zur Coaksbildung abdeftillirt wird, um diefes für die Darftellung des künftlichen Alizarins fo wichtig gewordene Product in möglichft grofser Menge zu gewinnen. Dasfelbe kommt in mehr oder weniger gereinigter Form bei den meiften der erwähnten Ausfteller vor. Es bleibt noch die Deftillation des Holzes und analoger Subftanzen zu Holztheer und Holzeffig übrig. Auf diefem Gebiete hat Oefterreich zahlreiche Ausfteller aufzuweifen. Die alte Tradition der Holzdeftillation in Blansko, wo Reichenbach feine berühmten Unterfuchungen anftellte, die in verfchiedenen Richtungen das Fundament unferer Kenntniffe der trockenen Deftillation geworden find, wirkt noch heutzutage fort. Von diefen unferen Ausftellern will ich Gebrüder Dollfufs in Strefowitz bei Prag, die rohen und gereinigten Holzeffig und aus Kohlenftaub gefertigte Briquettes darftellen, und Johann Ramach in Namieft in Mähren erwähnen, der Holzeffig, holzeffigfaure Salze und Holztheer vorführte. In Deutfchland ift Dr. Oppler in Fürther Kreuzung bei Nürnberg zu nennen, der wahrfcheinlich aus den Abfallproducten von Holzgas- Anftalten Holzeffig, Eifenbeize etc. neben Ammoniakfalzen und Zinnpräparaten producirte, fowie der chemifche Verein zu Mainz, deffen Erzeugniffe eine nähere Befprechung verdienen. Es wird bekanntlich im Grofsherzogthum Heffen fehr viel Eichen- Schälwald cultivirt, deffen vorzügliche Spiegelrinde wefentlich den Ruf des rheinifchen, fpeciell des Mainzer Leders begründet hat. Nach dem Abfchälen der Rinde bleibt das Holz in etwa zolldicken, kurzen Knüppeln zurück. Diefes Holz wird nun, uns mittheilt, als Deftillationsmaterial benützt; durch forgfältige Regelung der Temperatur erhält man eine hohe Ausbeute von fehr guter Rothkohle und daneben werthvollen Holzeffig, der in der bekannten Art gereinigt wird, an Holzgeift und Theer. Im Ganzen befitzt der Verein 7 Fabriken, die im Jahre 1871 für 380.000 Thaler Waaren producirten. Etwa 500 Arbeiter und 20 Beamte find dabei befchäftigt. Aufser diverfen effigfauren Salzen( darunter fchöner Grünfpan) und der aus Holzkohlen- Abfall erzeugten Prefskohle find intereffante Proben von Butter-, Valerian- und Capronfäure vorgeführt, die aus den Mutterlaugen des holzeffigfauren Natrons dargeftellt worden find. Das Vorkommen diefer Säuren darin ift erft in neuerer Zeit nachgewiefen worden. Die Deftillation des Holzes in Finfpong( Schweden) habe ich fchon früher erwähnt. wie man Zum Schluffe foll noch der Brittish Seaweed Company zu Dalmuir bei Glasgow Erwähnung gethan werden, welche nach Stanfords Patent das Seegras oder den Tang, ftatt ihn zu Afche zu verbrennen, nach dem Trocknen und Comprimiren in Retorten bei mäfsiger Temperatur deftillirt. So erhält man Theer und eine, Effigfäure und Ammoniak haltende wäfferige Flüffigkeit. Die rückständige Kohle gibt durch fyftematifches Auslaugen einen bedeutend höheren Ertrag an Jod- und Kalifalzen als die alte Methode der Einäfcherung. Die ausgelaugte Kohle könnte ſtatt Knochenkohle zur Entfärbung benützt werden. Man zieht es vor, fie zur Desinfection von Fäcalien anzuwenden, dann das Gemifch zu trocknen und aufs Neue zu deftilliren, wodurch man reichlich Ammoniak erhält. Die hier rückftändige 18 Dr. Heinrich Schwarz. Kohle dient aufs Neue zur Desinfection und reichert fich dadurch fo ftark mit Kali und Phosphaten an, dafs fie fchliefslich, befonders nach Zufatz des gewonnenen fchwefelfauren Ammoniaks, einen fehr werthvollen Dünger bildet. Diefer Dünger, die Kohle für fich, das Ammoniakfalz, der effigfaure Kalk, Holzgeift und endlich die aus der Afche dargestellten Präparate der Jod- und Kalireihe bilden eine fehr reiche, werthvolle Collection. dig Technisch- chemische Producte aus dem Steinkohlentheer. Bildlich nach der Reihenfolge ihres Ursprungs und der relativen Grösse ihres Volumen zu einander dargestellt. Roh- Benzol und Ammoniakwasser Mittelvel Ammoniakwasser Roh- Benzol AnthraceenKreosotoel Rohe Carbolsäure haltiges Oel Ammoniak Benzol Tolnol Steinkohlentheer Reine Carbolsäure Salmiak Schwefels. Nitro Nitro- Pikrinsäure Corallin Annon Benzol Tolnal ☐ ☐ Steinkohlentheer- Pech Impraignirungs- Roh- Naphtalin Roh- Anthraceen Del Anilin Toluidin Rosanilin Fuchsin Bleu de Lumiére Rothviolet Parma Blauviolet ☐ Nigrosin ☐ Bismarck Jodgrün Reines Anthraceen Reines Naphtalin Alizarin Martinsgelb ☐ OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE ZÜNDWAAREN UND EXPLOSIVSTOFFE. ( Gruppe III, Section 5.) BERICHT von DR. WILHELM FRIEDRICH GINTL, ordentlicher öffentlicher Profeffor der Chemie am deutfchen polytechnifchen Landesinftitute in Prag, Mitglied des k. b. Landes- Sanitätsrathes etc. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. 20 19 DIE ZÜNDWAAREN UND EXPLOSIVSTOFFE. ( Gruppe III, Section 5.) Bericht von DR. WILHELM FRIEDRICH GINTL, ordentlicher öffentlicher Profeffor der Chemie am deutfchen polytechnifchen Landesinftitute zu Prag, Mitglied des k. b. Landes- Sanitätsrathes etc. Die Section Zündwaaren" umfafst dem Wefen wie dem Zwecke nach fehr verfchiedene Producte der Induftrie. Zunächst zählen hierzu die, für eine den Anforderungen der Bequemlichkeit entfprechende Erzeugung, flammenden oder glimmenden Feuers beftimmten, eigentlichen Zündrequifiten, als Zündhölzchen, Zündkerzchen und Zigarrenzünder aller Art. Anfchliefsend an diefe und dem Zwecke nach ihnen naheftehend folgen die Lunten, welche die dauernde Erhaltung des einmal erzeugten Feuers bezwecken. Dem Wefen und Zwecke nach völlig verfchieden find jene Erzeugniffe der Induftrie, deren Werth durch ihre Explodirbarkeit bedingt ift, d. h. Exploſivftoffe im Allgemeinen. Es gehören hierher alle Schiefs- und Sprengftoffe, wie Schwarzpulver und Schwarzpulver- Surrogate, Schiefswolle, Dynamit und andere NitroglycerinPräparate, fowie die der Zündung folcher Stoffe dienenden Knallpräparate, dann die Zündhütchen, und wenn auch nicht immer mit dem Charakter der Explofibilität ausgeftattet, die„ Zündfchnüre", denen fich endlich die der Luxus- und Signalfeuerwerkerei dienenden Feuerwerks- Körper anfchliefsen. Die Zündrequifiten. Zündhölzchen. Seit den erften Verfuchen, Phosphormaffe für Zündhölzchen zu verwenden, welche im Jahre 1816 Derosne in Paris angeftellt hatte, und den praktiſchen Belegen für die Tauglichkeit des Phosphors zu folchem Zwecke, welche Cagniard de la Tour durch die von ihm gebrauchten Phosphorfeuerzeuge geliefert hatte, waren mehr als 15 Jahre verfloffen, ehe fich die Praxis an die Winke I 2 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. kehrte, die ihr von der Wiffenfchaft geworden waren. Nachdem man fich feit 1815, in welchem Jahre zuerft die von Chancel in Paris( 1805) erfundenen Tunk- Feuerzeuge von Berlin aus eingeführt wurden, mit dem Gebrauche diefer etwas complicirten Feuerzeuge gequält hatte, traten im Jahre 1832, kurz darauf, als Trevany in Wien feine mit einer Zündmaffe aus chlorfaurem Kalium, Schwefelantimon und einem Bindemittel verfehenen Reib- Zündhölzchen erfunden hatte, die erften Phosphor- Zündhölzchen auf. Wem das Verdienft zukommt, die Derosne'fche Idee, den leicht entzündlichen Phosphor als Zündmittel zu verwenden, in die Praxis eingeführt zu haben, darüber ift nichts Beftimmtes bekannt und nur foviel ift gewifs, dafs ReibZündhölzchen mit Phosphor- Zündmaffe nahezu gleichzeitig in verfchiedenen Ländern auftauchten. Die erften derartigen Reib Zündhölzchen, welche in den Handel kamen, dürften wenigftens auf dem Continente jene gewefen fein, welche( 1832) J. L. Kammerer in Ludwigsluft fabricirte, während man in England faft zur gleichen Zeit den Befitz eines ähnlichen Productes John Walker verdanken zu müffen glaubte. Im Jahre 1833 ftellte auch Dr. Moldenhauer in Darmftadt dergleichen Zündhölzchen her und ein Jahr ſpäter befafsten fich in Wien bereits drei Zündhölzchen- Fabrikanten( St. Römer, L. Prefchel und Sigel) mit der Erzeugung von Phosphor- Zündhölzchen, während fich in Paris Madame Merkel um die Einführung der neuen Errungenfchaft bemühte. Diefe Erftlings- Phosphorhölzchen hatten indefs noch wefentliche Mängel. Der hohe Phosphorgehalt ihrer Zündmaffe im Vereine mit der zur Unterftützung des Verbrennungsproceffes gegebenen Zuthat an chlorfaurem Kalium bedingten neben der allerdings zum Theile beabfichtigten leichten Entzündlichkeit derfelben auch einige Gefährlichkeit diefer neuen Feuerzeuge. Diefe durch vorgekommene Explofionen, bei unachtfamem Gebaren in der Fabrication der Zündmaffe, fowie durch bekannt gewordene Fälle von fchweren Verletzungen in Folge zufälligen Abfpringens der Zündmaffe beim Gebrauche folcher Zündhölzchen mehrfach dargethane Gefährlichkeit derfelben, war es auch, welche der allgemeineren Verbreitung derfelben wefentlich abträglich war und es gab fogar Länder, deren Regierungen in zarter Fürforge für das Wohl der Unterthanen die Erzeugung und den Verkauf diefer Zündhölzchen geradezu verpönten. So wäre wohl der neuen Induftrie gar bald der Lebensfaden abgefchnitten worden, wenn nicht im Jahre 1837 der Wiener Zündhölzchen- Fabricant L. Prefchel, in Verfolgung des bereits zwei Jahre vorher durch Trevany angebahnten Fortfchrittes, im Erfatze des chlorfauren Kaliums der Zündmaffe durch Blei- Superoxyd und später( 1840) durch ein weniger koftfpieliges Gemenge diefes mit falpeterfaurem Blei, das Mittel gefunden hätte, die Zündmaffe weniger leicht entzündlich und exploſiv, mithin aber auch minder gefährlich zu machen. Damit war der von nun an rafch emporblühenden Zündhölzchen Induftrie der Weg geebnet und die nunmehr noch von Böttger, Wagner und Anderen gebrachten Vorfchläge, das chlorfaure Kalium durch billigere Oxydationsmittel, wie Salpeter, Braunftein oder Kaliumbichromat, Barytnitrat u. f. w. zu erfetzen, konnten, foweit fie überhaupt brauchbar waren, nur den Werth haben, dafs fie gleich dem von Dr. Moldenhauer( 1839) zuerft verfuchten Erfatze des koftfpieligen arabifchen Gummi als Bindemittel für die Beftandtheile der Zündmaffe, durch Leim, dem Prefchel( 1843) mit Erfolg das Dextringummi fubftituirte, auch ein billigeres Product zu liefern und den Preis desfelben, der fich um die Mitte der Dreifsiger Jahre noch auf 4 bis 5 Kreuzer Conventionsmünze per Schachtel( 50 bis 60 Stück) belief, um etwa 25 Percent zu reduciren geftatteten. Aber es gab noch manche Schwierigkeit zu überwinden. Bei der Höhe des Phosphorgehaltes der Zündmaffen, die 30 bis 50 Percent betrug, war der leicht oxydirbare Phosphor vor einer, wenn auch nur allmälig fortfchreitenden Oxydation nicht genügend gefchützt. In Folge derfelben ftellten fich zwei wefentliche Uebel Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 3 ftände ein. Die Zündhölzchen verbreiteten während der Aufbewahrung unangenehm riechende und überdiefs nicht unfchädliche Dämpfe, und was der Transportfähigkeit derfelben wefentlich abträglich war: fie neigten durch allmälige Bildung von hygrofkopifchen Oxydationsproducten des Phosphors zum Feuchtwerden und wurden unbrauchbar. Diefen letzteren Uebelftand behob Dr. Moldenhauer, indem er, dem fchon 1809 von Derepas gegebenen Beiſpiele folgend, zunächft einen Zufatz von gebrannter Magneſia( die er ſpäter durch die billigere Kreide erfetzte) zur Zündmaffe machte, während Prefchel zum gleichen Zwecke, fowie zur Milderung des üblen Geruches fchon im Jahre 1840 die Köpfchen feiner Zündhölzer mit einem Harzfirniffe überzog, eine Praxis, die fpäter durch Pollak in Wien( 1846) verbeffert, fich bis heute erhalten hat. Hatte man fo erft Sicherheit in der Erzeugung haltbarer und verlässlicher Phosphor- Zündwaaren gewonnen, fo fing man bald auch an, dem Luxus Rechnung zu tragen. Zuerft erfetzte man den als Ueberträger der Zündung von der rafch abbrennenden Zündmaffe auf das Holz, urfprünglich allein angewandten Schwefel durch geruchlos verbrennende Körper, wie Fichtenharz, Wachs, Stearin oder wie R. M. Lechtford im Jahre 1862 empfahl, durch Paraffin. Später folgten allerhand Künfte, um das Auge zu befriedigen. So lehrte 1854 St. Krakowitzer in Pottenftein ( Oefterreich) das Metallifiren der Zündholz- Köpfchen durch Herftellung eines Ueberzuges von Schwefelblei auf der Oberfläche der Köpfchen und gab hiefür eine Vorfchrift, die heute noch ziemlich allgemein zur Erzeugung der„ Zündhölzchen mit Metallköpfchen" in Verwendung fteht und die durch eine 1867 von Schindler zum gleichen Zwecke vorgefchlagene Methode nur eine zweifelhafte Verbefferung erfuhr. Die Farben der Zündholz- Köpfchen geftalteten fich immer bunter und durch Application farbiger Lacke auf metallifirte Köpfchen brachte endlich Pojatzi( Landsberg, Steiermark) feine in allen Farbnuancen mit metallifchem Reflexe fchimmernden Phantafie- Pracht- Salonhölzchen"( Zündhölzer mit Brillantköpfchen) zu Stande, die der raffinirte Gefchmack zum Ueberfluffe noch mit wohlriechenden Zuthaten auszuftatten gewufst hat. Endlich begann man auch damit, die Hölzer durch dünne Kerzchen zu erfetzen, die man der Art herftellte, dafs man Strähnchen aus Baumwoll- Faden mit einem gefchmolzenen Gemenge von Stearin und Wachs, das fpäter auch dem billigeren Paraffin weichen musste, imprägnirte und nach der Abkühlung behufs des Formens und Glättens durch ein warmes Zieheifen hindurchzog. " Allein trotz aller Verbefferungen, welche die Phosphor- Zündhölzchen im Laufe der Zeit erfuhren, hatten fie fich von einem Vorwurfe nicht frei gemacht, der, wenn auch nicht von dem gefammten, fo doch von dem bedächtigeren Theile des Publicums, und zwar nicht mit Unrecht erhoben wurde. Es ift diefs der Vorwurf der Giftigkeit des Phosphors, die fowohl in Hinficht auf die Nachtheile, welche fie für die in den Zündhölzchen- Fabriken befchäftigten Arbeiter mit fich bringt, als auch im Hinblicke auf die Möglichkeit einer zufälligen oder abfichtlichen Vergiftung oder gefährlichen Verwundung beim Gebrauche derfelben, in Betracht kommen mufste. Derlei humanitäre Rückfichten, unterſtützt von dem nicht unbegründeten Bedenken gegen die mit der immerhin noch leichten Entzündlichkeit verbundene Feuersgefahr, welche folche Feuerzeuge in der Hand Unberufener bilden konnten, hatten fchon frühzeitig den Impuls zu Beftrebungen gegeben, die fich das Ziel fteckten, den Phosphorgehalt der Zündmaffen durch nicht giftige oder doch weniger fchädliche Subftanzen zu erfetzen und ihre Feuergefährlichkeit durch Erfchwerung der Entzündbarkeit zu verringern. Zunächft war es Böttger, der fchon im Jahre 1848, kurz nachdem in Schrötter's Laboratorium die nicht giftige und fchwer entzündliche rothe Modification des Phosphors entdeckt worden war, mit der Erfindung der fogenannten Sicherheits- Zündhölzchen( auch Gefundheits- oder Antiphosphor- Hölzchen) hervortrat, 4 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. deren fabriksmäfsige Erzeugung wenige Jahre später( 1858) von Fürth* in Schüttenhofen( Böhmen), dann auch von Coignet in Paris, Villiers und Dalemagne in Paris, fowie fpäter von Landftröm zu Jönköping aufgenommen wurde. Diefe neuen Zündhölzchen, um deren Herftellung fich auch( 1856) Canouil, deffen Recept fpäter durch Voudeaux und Paignon verbeffert wurde, bemüht hat, charakterifirten fich dadurch, dafs fie phosphorfreie Zündmaffen befafsen, welche durch Friction nur an einer beftimmten, mit einer rothen Phosphor enthaltenden Maffe präparirten Reibfläche zur Entzündung gebracht werden konnten und hiemit den Vortheil geringerer Feuergefährlichkeit neben jenem der Unfchädlichkeit boten. Nachdem diefe gut gemeinte Neuerung beim Publicum, das in der Befchränkung auf eine beftimmte Reibfläche eine Unbequemlichkeit erblickte, keinen Anklang zu finden vermochte und auch die 1857 von Lutz und Hochftetter eingeführten, des Phosphors gänzlich entbehrenden Zündhölzchen, welche keiner befonders präparirten Reibfläche zur Zündung bedurften, als etwas fchwer entzündlich, fich die Gunft des Publicums nicht zu erwerben vermochten, verfuchte fich noch Camaille, dann in fehr eingehender Weife Wiederhold( 1861), C. Liebig und Andere, fowohl in der Einführung des rothen Phosphors an Stelle des gewöhnlichen, wie auch in der Herftellung völlig phosphorfreier Zündmaffen, ohne dafs es indefs auch ihrem Bemühen gelungen wäre, die gewöhnlichen Phosphorhölzchen zu verdrängen oder ihnen überhaupt nur eine wirkfame Concurrenz zu machen. Erft zu Ende der fechziger Jahre fchwang fich die Erzeugung von Sicherheits- Zündhölzchen, in Frankreich namentlich durch Coignet& Comp., der feine Bemühungen, phosphorfreie Zündmaffen einzuführen, eifrig fortgefetzt hatte, gepflegt und die energifche Propaganda die in der franzöfifchen Armee hiefür gemacht wurde,** unterſtützt, zu einer eigentlichen Induftrie empor, in welche auch Poncelet in Havre, dann die Firma Forfter und Wawra in Wien, welche Zündmaffen mit amorphem Phosphor nach eigenem Patente fabricirte, weiters L. Achleitner in Salzburg und endlich unter anderen fchwedifchen Fabrikanten F. Körner in Gothenburg, der das John Bagge'fche Patent zu verwerthen fich bemühte, mit mehr oder weniger Glück eingetreten waren. Hatte die Chemie fo redlich das Ihrige gethan zur Feftigung und zum Aufblühen der Zündhölzchen- Induftrie, fo war auch die Mechanik nicht zurückgeblieben. Während man fich anfänglich damit begnügen konnte, die Herftellung der Hölzchen durch Spalten von mit Sägen zugefchnittenen Holzfcheiben, lediglich aus freier Hand beforgen zu laffen und mit der plumpen, unregelmässigen Form diefer unter dem Namen„ Bauernhölzer" noch heute bekannten Erzeugniffe der Hausinduftrie vorlieb nahm, führte der wachfende Bedarf, dem die primitive Handarbeit mit Säge und Meffer nicht mehr zu genügen vermochte, bald zur Benützung mechanifcher Hilfsmittel, deren erftes im Jahre 1822 von dem Wiener Cabinetsdiener H. Weilhöfer in Geftalt eines für die Herftellung runden Holzdrahtes béftimmten Röhrchenhobels erfunden worden war. Diefem, in der Fabrication von Holzdraht noch heute eine Rolle spielenden Handhobel, der namentlich von Stefan Römer, wiewohl in etwas veränderter Form in die Praxis eingeführt war, folgte bald eine von Anton in Darmstadt erfundene Hölzchen- Spaltmafchine, welche viereckige Hölzchen lieferte und 1838 von demfelben Erfinder auch ein dem Römer'fchen fehr ähnlicher Handhobel zur Erzeugung runder Hölzchen. * Fürth mufste indefs die Fabrication diefer Zündhölzcher. bald wieder aufgeben, da das Publicum fich nicht daran gewöhnen wollte, die neue Waare zu kaufen. ** Es wurden über Anordnung des Kriegsminifteriums den Mannfchaften folche phosphorfreie Zündhölzchen gegen einen fehr mäfsigen Soldabzug von der Militär- Oekonomie- Behörde geliefert. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. Nachdem auch verfchiedene Syfteme von Hobel- und Spaltmafchinen [ Pelletier, Cochot( 1830), Jennat( 1840), Neukranz( 1845)] aufgetaucht waren, conftruirte abermals Anton eine fehr finnreiche Schneidemafchine, die fich bald in vielen Fabriken Eingang verfchaffte und ihr reihten fich in rafcher Folge die Mafchinen von Krutz( 1848), und Andrée( 1851) an, denen fich endlich die auf immer gröfsere Maffenproduction berechneten Hobelmafchinen von Wrana in Wien ( 1862), Möllinger und Wagner in Afchbach, Hirſch in Prag( 1866), dann die Schneidemafchine von Long( 1867) anfchloffen. Aber man begnügte fich nicht allein damit, bei der Erzeugung der Hölzchen die Handarbeit durch die Einführung von Mafchinen zu erfetzen, fondern war auch bemüht, den übrigen Arbeiten der Zündhölzchen- Fabrication durch Mafchinen zu Hilfe zu kommen. So hatte fchon im Jahre 1840 Anton durch Einführung der noch heute gebräuchlichen Tunkrahmen das zeitraubende und ein unfchönes Product liefernde Tunken( Maffiren) in Bündeln befeitiget. Der Gebrauch diefer Tunkrahmen, die ein Einlegen der zu maffirenden Hölzchen und das Ausnehmen des fertigen Productes erheifchten, führte, um auch hier die Handarbeit entbehrlich zu machen. zur Conftruction der Steck- und Legemaſchinen, unter denen jene von Gödel und Sebold den meiften Anklang gefunden haben und ihnen folgten Mafchinen zum Gleichmachen der einzulegenden, und Mafchinen. zum Auslegen der fertigen Hölzchen, denen fich endlich eine von Higgins erfonnene, felbftthätige Vorrichtung zum Tunken der Zündhölzchen anfchlofs, die nicht fo fehr einen techniſchen, als vielmehr einen hygienifchen Vortheil darbietet, indem ihre Anwendung es dem Arbeiter möglich macht, fich den fchädlichen Einflüffen der Phosphordämpfe, denen er namentlich beim Tunken ausgefetzt ift, zu entziehen. Hand in Hand mit den Fortfchritten und dem Auffchwunge der Zündhölzchen- Fabrication ging auch die Verbefferung in der Art der Emballirung und Packetirung der fertigen Waare. Hatte man fie urfprünglich in Schachteln zu Markte gebracht, fo wichen diefe in Folge des immer mehr zunehmenden Confums bald den billigeren und leichter herftellbaren, geleimten Papierkapfeln mit Deckel, die zuerft in Oefterreich auftauchten und heute noch für ordinäre Zündchölzchen- Sorten im Gebrauche find. Für Luxushölzchen hatte man die Schachtel als Emballage beibehalten, erfetzte aber bald die ältere Schieberfchachtel durch die cylindrifche, mit zwei Reibflächen und Etiquette verfehene Cartonbüchfe, die unter dem Namen der Wiener Salonbüchfe" noch heute eine beliebte Packirungsform ift. Neben Papierund Pappe- Emballagen bürgerten fich allmälig auch folche aus Holzfpan, mit und ohne Papierverkleidung ein, und wurden Schieberfchachteln aus Holzfpan, namentlich von fchwedifchen Fabricanten für die Emballage ihrer Sicherheitshölzchen gewählt. " Der Maffenverbrauch hat felbftverftändlich auch hier die Idee der Heranziehung mechanifcher Hilfsmittel für die Herftellung der Cartonagen und Spanfchachteln nahegelegt und die Span- Hobelmafchinen, Biege- und Stanzmafchinen, die man in gröfseren Zündhölzchen- Fabriken arbeiten fieht, geben Zeugnifs von der erfolgreichen Realifirung diefer Idee. Nach folchem rafch verlaufenen Entwicklungsgange war das der Zuftand, in welchem uns im Jahre 1867 die Zündhölzchen- Induftrie auf der Ausftellung zu Paris entgegentrat. Sie war damals in faft allen civilifirten Ländern, wo irgend die Bedingungen für ihr Gedeihen fich fanden, eingebürgert, befonders aber ftand fie in Oefterreich, wo fie von ihrem erften Aufkeimen an forgfältig gepflegt und gehegt worden war, in ihrer vollften Blüthe. Seither wurde mancher Fortfchritt gethan oder doch zu thun verfucht. Zunächft war es die Frage der phosphorfreien Zündhölzchen, auf deren Gebiete fich, angeregt durch die Erfolge, welche die immer maffenhafter expor 6 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. tirten fchwedifchen Sicherheits- Zündhölzchen auf dem Weltmarkte errangen, eine rege Thätigkeit entfaltete. Vor Allem fuchte man wie begreiflich das fchwedifche Product zu imitiren, zu welchem Zwecke ein von H. Wagner in Pfungstadt( 1867) gegebenes Recept, mit Vortheil dienen konnte, dann folgten die Bemühungen, durch die Erzeugung phosphorfreier Zündhölzchen, die auf jeder Reibfläche fich entzünden liefsen, die fchwedifche Concurrenz zu überbieten. Hieher gehören die, auch vom humanitären Standpunkte wohl zu würdigenden Bemühungen von Forfter und Wawra in Wien, die ihre giftfreien Zündhölzchen fchon in Paris zur Ausftellung gebracht hatten; dann jene G. Kalliwoda's in Ortenberg( Baden), der im Jahre 1869 das Wiederhold'fche Princip der Herftellung einer giftfreien Zündmaffe mittelft unterfchwefligfaurem Blei und chlorfaurem Kalium zur fabriksmäfsigen Erzeugung von Zündhölzchen ohne Phosphor verwandte und ein Product lieferte, das in Hinficht auf Brauchbarkeit wie auf Billigkeit dem gewöhnlichen Phosphor- Zündhölzchen kaum nachftand. Ein ähnliches Erzeugnifs verfuchten auch Kleeberg und Rockftroh in Jöhftadt( Sachfen) in Verkehr zu bringen. In höchft origineller, wiewohl leider nicht gleich brauchbarer Weife fuchte H. Fleck in Dresden( 1868) das Problem der Herftellung eines giftfreien und ungefährlichen, dabei aber doch verlässlichen und bequemen Zündmittels zu löfen, indem er die Eigenfchaft des Natriums, beim Zufammentreffen mit Waffer( Feuchtigkeit) zu zünden, zu diefem Zwecke zu benützen fuchte. Seine auf diefem Wege conftruirten Feuerzeuge, die man etwa blofs zu öffnen brauchte, um Feuer zu bekommen, feine Amorces, die mit einer feuchten Nadel angeftochen zündeten, und feine durch Zerren zur Entflammung zu bringenden Zündftreifen blieben indefs nur fchöne Gedanken ohne praktiſchen Werth. Eine gröfsere praktiſche Bedeutung haben die Beftrebungen gewonnen, die älteren, phosphorreichen Zündmaffen durch phosphorärmere zu erfetzen und fo nicht nur ein billigeres, fondern namentlich ein weniger gefundheitsfchädliches Product zu erzielen, ohne jedoch die Brauchbarkeit desfelben zu fchädigen. Während bis vor Kurzem Zündmaffen mit einem Phosphorgehalte von 10, 15 bis 17 Percent ganz allgemein waren, mehrfach fogar folche mit 30 bis 40 Percent Phosphor fabricirt wurden, hat man fich allmälig an die Herftellung von Zündmaffen mit 5 bis 7 Percent Phosphor gewöhnt und es ift zu erwarten, dafs dergleichen Zündmaffen, welchen in neuerer Zeit namentlich von W. Jettel mit Recht das Wort geredet wird, fich auch über die Grenzen Oefterreichs hinaus, wo man zuerft den Vortheil derfelben erkannt und ausgenützt hat, allgemeineren Eingang verfchaffen und die immer noch vorkommenden phosphorreichen Zündmaffen( Deutfchland, Frankreich, England) endlich zur Gänze verdrängen werden. Hoffentlich werden der Verallgemeinerung diefes Fortfchrittes die Umtriebe gewiffer Receptmakler nicht hinderlich fein, die, wie in neuefter Zeit( 1871) der Franzofe Efcach, unter dem Prätexte der Unexplodirbarkeit und Anrühmung fonftiger Vorzüge, immer wieder phosphorreiche Zündmaffen empfehlen. Aber auch in anderer Hinficht hat man Verbefferungen einzuführen gefucht. So hat H. Howfe in London( 1869) den Vorfchlag gemacht, der Feuergefährlichkeit, welche der Gebrauch der Zündhölzchen infoferne mit fich bringt. als abgebrannte Zündhölzchen, welche weggeworfen werden, in Folge des Fortglimmens der Holzrefte Veranlaffung zum Ausbruche von Bränden geben können, dadurch zu begegnen, dafs man die Hölzchen mit Subftanzen( Alaun, Bitterfalz und dergl.) imprägnirt, welche das Fortglimmen des Holzes nach dem Erlöfchen der Flamme hindern, ein Vorfchlag, der in gewiffer Beziehung fehr beachtenswerth und auch bereits in die Praxis übergegangen ift. Endlich haben die letzten Jahre auch Verbefferungen der zur Holzbearbeitung dienenden( W. Jettel 1869), dann der Ein- und Auslegemaſchinen gebracht und als ein im Intereffe des Wohles der Arbeiter gelegener Fortfchritt rung Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 7 ift es zu begrüfsen, dass Higgin's automatifche Tunkmafchine, mit deren Einfühdie bekannte Zündhölzchen- Fabrik von Bell& Black in Stratford ein nachahmungswerthes Beiſpiel gegeben hatte, nunmehr auch in anderen ZündhölzchenFabriken Eingang gefunden hat. Neben folchen Verbefferungen, die das Product und deffen Erzeugungsweife betrafen, entwickelte die Zündhölzchen- Induftrie, dem Geifte der Zeit entfprechend, auch einen gewiffen Luxus in der Ausftattung der Cartonagen und Tafchenetuis, namentlich jener, in welchen die immer mehr in Aufnahme kommenden Zündkerzchen( Vestas, fälfchlich auch Wachs- Zündhölzchen) zum Verkaufe gebracht werden. Solcher moderner Ausftattungsweife, der namentlich die fo fehr vervollkommnete Chromotypie befonders zu Statten kommt, liegt, wenngleich fie unbeftritten Nettes und Praktifches liefert, theilweife die Tendenz zu Grunde, die gelieferte Zündwaare in der befferen Schale auch beffer zu verwerthen, als diefs in einer weniger anfprechenden, ordinären Emballage möglich wäre, wobei das Raffinement foweit geht, den Käufer durch ein draftifches Bildchen oder ein intereffantes Portrait, das auf dem Etuis prangt, zu der höheren Auslage zu verlocken oder momentan für diefe zu entfchädigen. So fanden wir denn auch in der Phyfiognomie, mit welcher uns die Zündhölzcheninduftrie auf der Ausftellung 1873 entgegentrat, nur einzelne veränderte Züge. Die wefentlichften Merkmale, welche den heutigen Stand der Zündhölzchen- Induftrie gegenüber jenem im Jahre 1867 charakterifiren, find einerfeits vermehrte und verallgemeinerte Production von Sicherheitszündhölzchen, andererfeits Entwicklung einer luxuriöferen Ausftattungsweife, fowohl des Productes felbft als auch der Emballage. Im Uebrigen ift auch eine entfchieden vermehrte Production von Zündkerzchen bemerkbar, welche fich einer immer mehr zunehmenden Beliebtheit erfreuen und den feineren Sorten von Zündhölzchen entfchiedene Concurrenz machen; wiewohl die Zündmaffen derfelben( zumal des franzöfifchen und italienifchen Fabricates) behufs der ficheren Uebertragung der Zündung auf das Kerzchen gewöhnlich etwas phosphorreich find und dem Gehalte an chlorsaurem Kalium die Untugend der Explodibilität verdanken. Endlich kann man mit Befriedigung erkennen, dafs die Verwendung von runden oder elliptifchen und canellirten( gerippten) Holzdrähten mehr und mehr jener von quadratifch prismatifchen Hölzchen Platz macht. Es ift diefs ein in volkswirthfchaftlicher Beziehung nicht zu unterfchätzender Umfchwung, deffen Tragweite man begreift, wenn man bedenkt, dafs bei der Herftellung von glatten, runden oder elliptifchen Hölzchen fich ein Holzabfall von mindeſtens 30 Percent ( bei gerippten fogar noch mehr) ergibt, welcher als Brennmateriale nur geringen Werth hat. Da eine einzige Zündhölzchen- Fabrik von mittlerer Productionsgröfse 50- bis 60.000 Cubikfufs Holz jährlich verbraucht, fo gibt diefs einen Holzabfall von 18.000 Cubikfufs per Jahr und mithin beispielsweife für Oefterreich, deffen jährlicher Holzverbrauch für die Zwecke der Zündhölzchen- Fabrication man auf circa drei Millionen Cubikfufs veranfchlagen kann, ein Quantum von etwa 900.000 Cubikfufs Holz, das jährlich auf diefe Weife verwüftet wird:* Da fich bei der Erzeugung von prismatifchen( 4- bis 6eckigen) Hölzchen, ein um 50 Percent geringerer Abfall an nutzbarem Holze ergibt, fo mufs der Verwendung folcher Hölzchen entfchieden das Wort geredet werden, und es wäre zu wünſchen, dafs man das Beiſpiel der fchwedifchen Fabrikanten auch dort nachahme, wo man, wie in Oefterreich noch allzufehr auf den Reichthum an Nutzholz fündigt! Das Publicum, das fich fchon an die eckige Form der fchwedifchen - * Der Vorwurf folcher Holzverwüftung trifft in noch höherem Mafse die in der neueren Zeit modern gewordene Holzdraht- Induftrie, welche zur Herftellung von Rouleaux, Matten und dergl. nur lange Holzdrähte verwenden kann, deren Erzeugung mit einer wefentlich höheren Holzverfchwendung verknüpft ift. 8 Dr. Wilhelm Friedrich Gint!. Hölzchen gewöhnt hat, würde der Einführung diefer Form auch bei gewöhnlichen Phosphorhölzchen keinen Widerftand entgegenfetzen. In Bezug auf die Länge der Hölzchen hat faft allgemein eine Länge von 4'5 bis 5 Centimeter Eingang gefunden und nur in Rufsland, das des Eigenthümlichen fo Manches hat, ftehen noch Hölzchen von 6.5 bis 8 Centimeter Länge in Verwendung. Es liegt auch hierin eine tadelnswerthe Holzverfchwendung, denn fchon die Länge von 5 Centimeter ift mehr als hinreichend und könnte man fich ganz gut mit Hölzchen von 4 Centimeter Länge begnügen. Es würde auf diefe Weife eine merkliche Erfparnifs an Holz erzielt werden können, die fich beiſpielsweise für Oefterreich allein auf 750.000 Cubikfufs pro Jahr beziffern läfstein Holzquantum, das derzeit in Geftalt der als abgebrannt weggeworfenen Hölzchen völlig unbenützt verloren geht. Selbſtverſtändlich würde hiemit auch einige Erfparnifs an Packungs- und Emballage- Materiale erreicht werden können. Während fich, wie aus dem Gefagten hervorgeht, in Bezug auf die Technik der Zündhölzchen Induftrie und des erzeugten Productes in den letzten fünf Jahren keine bedeutende Veränderung ergeben hat, zeigt fich in den Marktverhältniffen heute Manches verändert. Zwar find die Preife der Waare mit Ausnahme jener der feineren Sorten von Zündhölzchen ziemlich gleich geblieben, aber der Umfatz der einzelnen mitteleuropäifchen Etabliffements, die früher den Weltmarkt faft ausfchliefslich beherrfcht haben, hat in Folge der bedeutenden Concurrenz, welche fich von Schweden aus geltend macht, nicht unwefentlich gelitten. Namentlich weifs die öfterreichifche Zündhölzchen- Induſtrie von diefem Umfchwunge der Dinge zu erzählen, und fie ift es vornehmlich, die in der jüngften Zeit, ob der fich allenthalben erhebenden und immer mehr erftarkenden Concurrenz in anderen Ländern, aus mancher Pofition verdrängt wurde, die fie früher allein beherrschte. Dabei thun die hohen Zölle, durch welche gewiffe Länder( Rufsland, Nordamerika) ihre aufkeimende Induftrie zu fchützen fuchen, und die Monopolifirung, wie fie z. B. in der neueften Zeit wieder von Frankreich eingeführt wurde, das Uebrige, und es ift nur dem wohlerworbenen guten Rufe des öfterreichifchen Productes und dem foliden Gebaren der exportirenden Firmen zu danken, wenn die öfterreichifche Zündhölzchen- Induftrie auf dem Weltmarkte noch immer eine hervorragende Rolle fpielt. Gegenüber anderen Induſtrien war jene der Zündwaaren auf der Ausftellung nur in befcheidenem Mafse vertreten. Bei dem Umftande, als aus Rückfichten der Feuerficherheit auch diefsmal die Zündwaaren nur in Imitationen ausgeftellt werden durften, ift die fchwächere Betheiligung der Zündwaaren- Fabrikanten wohl erklärlich, da die Herftellung von Imitationen nicht ohne einige Störung des regelmäfsigen Fabriksbetriebes möglich ift und alfo von dem Fabrikanten ein Opfer gefordert wird, das Manchem im Verhältniffe zu dem Erfolge, den er durch feine Betheiligung an der Ausftellung erreichen zu können glaubt, zu grofs erfcheint.* Was nun die Repräfentation der einzelnen Länder anbelangt, fo hatten fich mit Ausnahme Nord- und Südamerikas, dann Portugals, der Schweiz, der Niederlande und der Länder des europäifchen Südoftens, dann wie natürlich jener Afiens und Afrikas faft alle betheiligt. So natürlich man diefe Nichtbetheiligung bezüglich des äufserften Oftens und Südoftens von Europa, dann des Orientes u. f. w., wo die ZündhölzchenInduftrie bekanntlich nicht heimifch ift, findet, fo fehr ift es zu bedauern, dafs fich * Die Forderung, dafs Zündwaaren nur in Imitationen ausgeftellt werden, hat auch ihre fonftigen Nachtheile. Indem fie den Ausfteller dazu zwingt, für die Ausstellung befonders zu arbeiten, erhöht fie die Möglichkeit, dafs das Ausftellungsobject kein getreues Bild von dem gewöhnlichen Producte gibt. Da die Intereffen der Feuerficherheit auch dadurch gewahrt werden können, dafs man den Zündwaaren befondere, von den übrigen Ausstellungsbauten entsprechend gefonderte und gegen Feuersgefahr gehörig geficherte Localitäten anweift, fo wäre es wohl der Erwägung werth, ob es in Hinkunft von der bisherigen Gepflogenheit, wenigftens für nicht explofive Stoffe, nicht abkommen könnte! Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 9 einige Länder, befonders aber Nordamerika, wo die Zündhölzchen- Induftrie doch ziemlich entwickelt ift, mit diefer an der Ausftellung gar nicht betheiligt haben. Von den committirenden Ländern war: England trotz feiner bedeutend entwickelten Zündhölzchen- Fabrikationnur durch die bekannte Firma Bryant& May, Fairfield Works, Bow, London, vertreten. Diefelbe brachte eine fehr reiche Mufterfammlung ihrer verfchiedenen Producte, unter denen ihre Zündkerzchen( Veftas), die feit etwa 3 Jahren auch auf dem öfterreichifchen Markte vortheilhaft bekannt find, als ein tadellofes Erzeugnifs bezeichnet werden konnten. Auch von Sicherheits- Zündhölzchen, welche nach Art der fchwedifchen nur an einer beftimmten Reibfläche zünden, hat diefe Firma fehr befriedigende Proben ausgeftellt. Sehr nett und praktiſch find auch die von diefer Firma zuerft eingeführten Tafchenetuis und Zündhölzchen- Ständer aus lackirtem Weifsblech, in welchem fie ihr Fabricat zu Markte bringt, eine Emballage, die wegen ihrer Nettigkeit und Billigkeit viel zu der Beliebtheit des Fabricates diefer Firma beigetragen hat. Ueber die Productionsgröfse diefes Etabliffements, das, wenn auch nicht fo grofsartig wie jenes der Firina Black& Bell zu Stratford, doch zu den bedeutendften Englands zählt, waren leider keine verlässlichen Daten zu erfahren*. Spanien, deffen Zündhölzchen- Induftrie bekanntlich noch ziemlich jung ift, und zur Deckung des eigenen Bedarfes noch lange nicht zureicht, hat fich mit diefem Induftriezweige gleichfalls nur fehr fchwach an der Ausftellung betheiligt. Es war durch zwei Firmen vertreten, deren eine, C. Maigrot& Comp. in Cerro, Sicherheits- Zündhölzchen mit amorphem Phosphor in der Maffe der Reibfläche ausgeftellt hat. Auffallend ift an diefen Hölzchen, die übrigens an der zugehörigen Reibfläche fehr leicht und ficher zünden, die Verfchwendung an Zündmaffe, deren an jedem Hölzchen haftende Quantität wenigftens das Fünffache yon dem beträgt, was an gewöhnlichen Sicherheitshölzchen fich findet. Die Sicherheit in der Zündung des Holzes, an welcher es allerdings bei fo ausgiebiger Quantität an feft haftender Zündmaffe nicht fehlen kann, wird derart in nicht fehr ökonomifcher Weife erreicht. Frankreich, das Vaterland Chancel's, des Erfinders der chemifchen Feuerzeuge( Tunk- Feuerzeuge), und Derosne's, des Urhebers der Verwendung von Phosphor für Zündhölzchen, ift bekanntlich eines jener Länder, in welchen fich die Zündhölzchen- Induftrie zuerft entwickelt hat. Seine Leiftungen in diefem Induftriezweige haben indefs quantitativ nie die Bedeutung gehabt, dafs es auf dem Weltmarkte eine hervorragende Stellung hätte einnehmen können. Dagegen ift das franzöfifche Product feit jeher ein vorzügliches gewefen und die diefsmal ausgeftellten Proben zeigten, dafs dem auch heute noch fo ift. Die von der Compagnie géneral pour la fabrication des alumettes chimiques in Paris ausgeftellten Zündkerzchen, dann die Zündhölzchen derfelben, unter denen auch Sicherheits- Zündhölzchen in fchwedifcher Manier nicht fehlten, find durchwegs von befter Qualität und könnte nur den Zündkerzchen der Vorwurf gemacht werden, dafs die Zündmaffe derfelben noch etwas zu explofiver Natur ift. In der Ausftattung der Emballagen und Tafchenetuis, die faft ausschliefslich Pappfchächtelchen mit felbftfchliefsendem Deckel find, ift der feine Gefchmack der Franzofen unverkennbar und würde es des mitunter fehr weit gehenden Cynismus in den bildlichen Darftellungen auf folchen Schächtelchen nicht bedurft haben, um diefer Art von Etuis beim Publicum Anklang zu verfchaffen. Wie bereits erwähnt, fehr frühzeitig eingeführt und ziemlich entwickelt, ift in Frankreich die Fabrication phosphorfreier Zündhölzchen und namentlich leiftet die bekannte Firma Coignet père et fils in Paris, deren Product auf faft allen Weltausftellungen prämiirt worden ift, ganz Vorzügliches. Indefs auch diefe Fabrication hat kein über die Grenzen des Landes hinaus reichendes Abfatzgebiet und * Ueberhaupt machte fich feitens der Herren Ausfteller, die öfterreichifchen nicht ausgenommen, eine beklagenswerthe Zugeknöpftheit in Hinficht auf Mittheilungen über Productionsverhältniffe geltend, welche die Arbeit des Berichterstatters fehr erfchwerten. 10 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. es dürfte bei einem Lande, das mit fo ungünftigen Arbeiterverhältniffen zu kämpfen hat, und dem es überdiefs an billigem und gutem Holze fehlt, auch fchwer fein, feiner Zündhölzchen- Induftrie zu einem höheren Auffchwung zu verhelfen. Die neuerlich beliebte Monopolifirung* des franzöfifchen Productes und die daraus fich ergebende Erfchwerung der Einfuhr von billiger Waare von Aufsen wird die Zündhölzchen- Induftrie Frankreichs gewifs ebenfowenig kräftigen, als es das bis zum Jahre 1860 beftandene Einfuhrsverbotes zu thun vermocht hat. Italien, das auf dem Gebiete der chemifchen Induftrie überhaupt eine immer mehr zunehmende Rührigkeit entwickelt, leiftet auch in der ZündwaarenFabrication fehr Befriedigendes und fteht namentlich in der Fabrication von Zündkerzchen keinem anderen Lande nach. Die Firma Luigi de Medici in Turin, deren Zündkerzchen fich als ein tadellofes Product erwiefen, hat fogar eine Neuerung zur Ausftellung gebracht, die in der Anwendung von canellirtem Wachsdraht für Zündkerzchen befteht und infoferne nicht werthlos ift, als fie eine Erfparnifs an Wachsmaffe in fich fchliefst, ohne das Product dadurch zu beeinträchtigen, oder die Koften feiner Darftellung zu erhöhen. Die Fabrik von Ambrogio Della Chà in Moncalieri bei Turin hat neben Zündkerzchen, die in Italien überhaupt fehr eingebürgert zu fein fcheinen, auch gerippte Zündhölzchen von guter Qualität ausgeftellt. Auch die italienifchen Fabrikanten befleifsen fich einer fehr netten Ausftattung ihrer Zündhölzchen- Dofen und Schächtelchen und ftehen in Hinficht des dabei entwickelten Gefchmackes den Franzofen in nichts nach. Eine grofse Betheiligung am Weltmarkte hat Italiens Zündhölzchen- Induftrie übrigens noch nicht aufzuweifen. Schweden, deffen Zündhölzchen Fabrication, unterftützt durch die billige Arbeitskraft und den Ueberflufs an vorzüglichem Holze( Efpe), in den letzten fünf Jahren einen enormen Auffchwung genommen hat und das namentlich durch feine billige Wafferverfrachtung den continentalen Fabriken eine fchwer zu bekämpfende Concurrenz auf überfeeifchen Märkten macht, hat nicht verfäumt, die Grofsartigkeit diefer feiner Induftrie in würdiger Weife zur Anfchauung zu bringen. Von den 24 Zündhölzchen- Fabriken( im Jahre 1867 beftanden deren blofs 10), welche in Schweden im Betriebe find, haben nicht weniger als 16 fich an der Ausftellung betheiligt. Die ältefte und bedeutendfte derfelben ift die im Jahre 1845 gegründete Fabrik zu Jönköping( Actiengeſellſchaft), die allein fo viele Arbeiter befchäftigt als alle übrigen Fabriken Schwedens zufammengenommen. Ihre Production betrug im Jahre 1872: 128,039.754 Stück verfchiedener Feuerzeuge im Werthe von 1,857.249 Riksdaler( à 57% kr. öfterreichifcher Währung), von denen der bei Weitem gröfste Theil Sicherheits- Feuerzeuge( Böttger's Syftem) waren, ein Artikel, um deffen Verbreitung die Fabrik in Jönköping, neben jener von Körner & Comp. in Göteborg, die nach John Bagge's Patent auch giftfreie Zündhölzchen erzeugt, welche keiner phosphorhältigen Frictionsmaffe an der Reibfläche bedürfen, das gröfste Verdienft hat. Eine der älteften Fabriken Schwedens ift auch jene von J. F. Lindahl in Kalmar, welche im Jahre 1857 gegründet wurde. Sie brachte, abweichend von der gewöhnlichen Manier, Sicherheitszündhölzchen mit bunten Köpfen zur Ausftel. lung, die ganz gut zu nennen waren und fich durch nette, wenn auch einfache Enveloppes auszeichneten. Diefe Fabrik producirte im Jahre 1872: 7 Millionen Schachteln Zündhölzchen im Werthe von 130.000 Riksdaler und exportirte faft das gefammte Erzeugnifs. Weiters haben fich von bedeutenderen Fabriken an der Ausftellung betheiligt: die im Jahre 1868 gegründete Fabrik der Actiengefellfchaft ,, Vulcan" zu * Das Monopol wurde im October 1872 an Jules Vignal übertragen, welcher im Namen eines Confortiums das über ein Capital von 40 Millionen verfügt, mit der Regierung unterhandelte. Die Regierung bezieht nebft einer Einzahlung von 16 Millionen, 30.000 Francs noch 50 Percent vom Reingewinne! Die Zündwaaren und Explofivftoffe. - 11 Tidaholm, die auf eine Jahresproduction von 30 bis 40 Millionen Stück Schachteln berechnet, im verfloffenen Jahre bereits einen Umfatz im Werthe von 350.000 Riksdaler aufzuweifen hatte, und deren Product- Sicherheits- Zündhölzchen mit braunen und rothen Köpfchen an Güte von dem anderer Fabriken nicht abweicht; dann die Actiengefellfchaft der Zündhölzchen- Fabrik zu Motala, welche feit dem Jahre 1871 im Betriebe ift und ihr Product im Werthe von 130.000 Riksdaler faft ausfchliefslich in England und Deutfchland abfetzt. Diefe Fabrik hatte auch parfumirte Zündhölzchen mit färbigen und lackirten Köpfchen ausgeftellt, welche fie ,, patentirte Aluminium- Sicherheits- Zündhölzchen" nennt, ohne dafs indefs die Berechtigung diefes Namens einzufehen wäre. Bemerkenswerth war auch die Ausftellung der Actiengefellfchaft der Zündhölzchen- Fabrik zu Norrköpping welche neben Sicherheits- Zündhölzchen gewöhnlicher Art auch folche fabricirt, deren Holz nach dem Vorfchlage Howfe's imprägnirt und alfo nicht glimmend ift, ohne an Entzündlichkeit etwas eingebüfst zu haben und liefert diefe Hölzchen nur 2 Riksdaler per 1000 Stück Schachteln theurer als gewöhnliche Sicherheitshölzchen. Diefe erft im Jahre 1870 gegründete' Fabrik hat im Jahre 1871 bereits nahe an 7 Millionen Stück Schachteln an Sicherheits- Zündhölzchen geliefert, die zum grofsen Theile auf den centraleuropäiſchen Märkten abgefetzt, zum Theile aber auch nach Amerika und Auftralien, dann nach Afien exportirt wurden. Gewöhnliche Sicherheits- Zündhölzchen fchwedifcher Art haben ferner die Zündhölzchen- Fabrik zu Weft erwiek, dannjene der Actiengefellfchaft zu Ift ad, beide 1871 gegründet, fowie die Actiengefellfchaft der neuen Zündhölzchen- Fabrik zu Stockholm etc. ausgeftellt, während die im Jahre 1872 gegründete Gefellſchaft der Zündhölzchen- Fabrik zu Lidköping, welche, fowie die oben genannten, eine Jahresproduction im Werthe von 130- bis 150.000 Riksdaler hat, neben SicherheitsZündhölzchen auch gewöhnliche Phosphorhölzchen mit und ohne Schwefel ausgeftellt hatte. Faft fämmtliche Fabriken Schwedens arbeiten vornehmlich für den Export und nur etwa 8 der gefammten Production wird im Lande felbft confumirt. Alle von der Civilifation berührten Länder der Welt bilden Abfatzgebiete für das fchwedifche Product und überall ift die Concurrenz der fchwedifchen ZündhölzchenInduftrie eine fehr fühlbare geworden. Wie fchwer übrigens gegen diefe aufzukommen ift, wird jeder mit centraleuropäifchen Verhältniffen einigermafsen Vertraute einfehen, wenn er hört, dafs z. B. die Fabrik zu Jönköping, welche im Jahre 1872: 1350 Perfonen befchäftigte, in demfelben Jahre nur 360.514 Riksdaler an Arbeitslöhnen zu zahlen hatte, fo dafs fich der Arbeitslohn pro Tag und Kopf auf weniger als 50 kr. öfterreichischer Währung beläuft, was bei dem Umftande, als nur 12 Percent der gefammten Arbeiterzahl Kinder unter 18 Jahren waren, ein fehr mäfsiger Arbeitslohn genannt werden mufs. Den Gefammtexport Schwedens betreffend, fo betrug die im Jahre 1872 ausgeführte Menge von Zündhölzchen- Fabricaten 12,119.202 Pfund fchwedifch gleich 9,089.400 Pfund Wiener Gewicht. Bemerkenswerth ift es, dafs Schweden faft fämmtliche für die Zündhölzchen- Fabrication erforderlichen Chemikalien vom Auslande( England) beziehen mufs. - Norwegen, welches dem Beiſpiele des Schwefterlandes folgend, wenn auch unter weniger günftigen Verhältniffen arbeitend, fich gleichfalls die Fabrication von Sicherheits- Zündhölzchen für den Export zur Aufgabe zu machen fcheint, zählt gegenwärtig 8 Zündhölzchen- Fabriken mit im Ganzen 436 Arbeitern und hat bereits im Jahre 1872: 340.000 Pfund Zündhölzchen exportirt. * Auch die Fabrik von E. Holmberg in Södertolje erzeugt dergleichen Hölzchen. 12 Dr. Wilhelm Friedrich Gint!. Auf der Ausftellung war Norwegen nur durch die Firma H. Jolfen zu Enebak bei Chriftiania vertreten, welche Sicherheits- Zündhölzchen, ganz nach Art des fchwedifchen Fabricates und diefem in nichts nachftehend, ausftellte. Dänemark hat ebenfalls fchon feit geraumer Zeit feine, wenn auch nicht bedeutende Zündhölzchen- Induftrie. Als Repräfentant derfelben erfchien auf der Ausftellung die Actien Zündholzfabrik zu Godthaab bei Copenhagen, mit Muftern von phosphorfreien Sicherheits- Zündhölzchen( in Spanfchachteln), die ganz im Genre des fchwedifchen Productes waren und demfelben an Qualität mindeſtens gleichkamen. Von derfelben Fabrik waren, was übrigens auch bei den meiften Ausftellern aus Schweden der Fall war, Holzfpäne für die Herftellung der Zündhölzchen- Schachteln ausgeftellt. Belgien, deffen Zündhölzchen- Induftrie, welche aus dem Jahre 1850 datirt, ziemlich entwickelt ift und feiner Zeit in Paris fehr gut vertreten war, Es war die Firma zählte diefsmal nur einen einzigen Ausfteller diefer Branche. Janfsen Mariotte& Comp. zu Cureghem bei Brüffel, welche eine fehr hübfche Collection ihrer diverfen Sorten von Zündkerzchen, fowie des zu ihrer Erzeugung verwendeten Wachsdrahtes zur Ausftellung brachte. Die Erzeugniffe diefer im Jahre 1869 gegründeten Fabrik verdienten das Attribut ,, vorzüglich" im vollen Mafse und waren namentlich auch die Enveloppes den beften franzöfifchen Fabricaten diefer Art völlig ebenbürtig. Deutfchland, mit feiner namentlich in den füdlichen Provinzen doch ziemlich bedeutenden Zünähölzchen- Induftrie, die gleich jener Oefterreichs fchon aus dem Anfange der dreifsiger Jahre datirt, war, wie feiner Zeit zu Paris, auch diefsmal auffallend ärmlich vertreten. Es hatten blofs zwei Fabriken die Ausftellung befchickt. Die eine derfelben, jene von H. Hochftätter zu Langen bei Frankfurt, die fchon feit dem Jahre 1852 im Betriebe fteht, brachte ein neues, fehr beachtenswerthes Fabricat zur Ausftellung. Es waren das geruchlofe und giftfreie Zündhölzchen mit amorphem Phosphor in der Zündmaffe, welche an jeder beliebigen Reibfläche fich ficher und ebenfo leicht entzünden als gewöhnliche Phosphor- Zündhölzchen und ohne zu fpritzen, ruhig brennen. Vor ähnlichen Erzeugniffen anderer Art, die wie erwähnt, fchon mehrfach auftauchten, follen diefe Zündhölzchen den wefentlichen Vorzug haben, dafs die Herftellungskoften ihrer Zündmaffe geringere find, als jene einer gewöhnlichen Phosphormaffe. Da fie übrigens auch vollkommen widerftandsfähig gegen Feuchtigkeit fein follen, würde diefes Fabricat alle Eigenfchaften in fich vereinen, die man von einem brauchbaren Zündhölzchen fordern darf und wenn, was wohl erwartet werden kann, das gewöhnliche Product der Ausftellungswaare in nichts nachfteht, fo wäre das Problem, deffen Löfung feit Jahren fo vielfach verfucht worden ift, endlich glücklich gelöft. Freilich find diefe Hölzchen keine eigentlichen Sicherheitshölzchen mehr, denn wiewohl fie einer etwas höheren Temperatur zur Zündung bedürfen, fo fchliefst der Umftand, dafs fie überhaupt durch Reibung entzündbar find, wieder einen gewiffen Grad von Feuergefährlichkeit in fich, die unftreitig bei den eigentlichen Sicherheits- Zündhölzchen, welche nur an einer beftimmten Reibfläche entzündbar find, in wefentlich geringerem Mafse vorhanden ift. Der zweite Zündwaaren- Fabrikant Deutfchlands, der fich an der Ausftellung betheiligte, war R. Zennig in Berlin. Seine erft im Jahre 1871 gegründete Fabrik, zugleich die erfte in Deutfchland, welche nach dem Mufter der Marſeiller Fabriken Zündkerzchen erzeugt, hatte eine fehr nette Mufterfammlung von Zündkerzchen aller Art ausgeftellt, welche den Vergleich mit ähnlichen Erzeugniffen anderer Länder nicht zu fcheuen brauchen. Das Etabliffement hat bei der Kürze feines Beftandes auch immerhin fchon bedeutende Erfolge aufzuweifen und betrug der Umfatz desfelben im verfloffenen Jahre bereits 40.000 Tha. ler. Auch die Cartonnagen, in welchen Zennig fein Fabricat auf den Markt bringt, ftehen denen franzöfifcher Fabriken nicht wefentlich nach. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 13 Oefterreich, das ohne Ueberhebung die Wiege der ZündhölzchenInduftrie genannt werden kann, war, wiewohl die hervorragendften Vertreter diefer Branche fich an der Ausftellung betheiligt hatten, keinesfalls fo repräfentirt, wie es bei der fo grofsartigen Bedeutung diefer feiner Induftrie, zumal auf einer Ausstellung im eigenen Lande, hätte vertreten fein können. Wer nach der Zahl der Ausfteller fich ein Urtheil gebildet hätte über die relative Bedeutung der Zündhölzchen- Induftrie Oefterreichs gegenüber jener Schwedens, hätte unbedingt letzterer den Vorrang einräumen müffen- und doch ift diefe Induftrie in Oefterreich immer noch bedeutender als jene Schwedens- wiewohl der Vorfprung kein allzugrofser mehr ift.* Im Jahre 1870 zählte Oefterreich, mit Ausfchlufs Ungarns, im Ganzen 120 Betriebsftätten der Zündhölzchen- Induftrie. Davon waren 41 gröfsere Fabriken, 79 kleinere Werke und Stätten der Hausinduftrie. Am bedeutendften war die Zündhölzchen- Induftrie in Böhmen, welches 13 Fabriken und 32 kleinere Betriebsftätten zählt, dann folgt Mähren mit 9 Fabriken und 5 kleineren Werken, Niederöfterreich mit 7 Fabriken, Galizien mit 6 Fabriken und 3 Stätten der Hausinduftrie, Salzburg mit 2 Fabriken, Krain, Schlefien und das Küftenland mit je i Fabrik, Steiermark mit 1 Fabrik und 6 kleineren Betriebsftätten, Oberöfterreich mit 6 Stätten der nationalen Hausinduftrie. Der gefammte Werth der Production betrug etwas über 4 Million Gulden öfterreichifcher Währung und wurden 9,336.900 Pfund Wiener Gewicht im Werthe von 2,801.070 fl. öfterreichifcher Währung ausgeführt, wovon etwa die Hälfte im Oriente, ein Dritttheil in der Türkei und Kleinafien, der Reft in Deutfchland, Italien und Rufsland abgefetzt wurde. An der Ausftellung hatten fich 8 Firmen betheiligt, und zwar B. Fürth, welcher Fabriken in Schüttenhofen( gegründet 1840), Goldenkron( gegründet 1846) und Bergreichenftein( gegründet 1872) unterhält, dann A. M. Poliak, welcher gleichfalls in drei Fabriken und zwar in Wien, Prag und Budweis arbeitet, ferner Hermann& Gabriel in Wien( gegründet 1853), Ad. Schein oft in Schüttenhofen( gegründet 1868), C. Gödel& Comp. in Bärn( Mähren), G. Kollmann& Comp. in Stainz( Steiermark, gegründet 1870), L. Achleitner in Salzburg und J. Dydacki in Lemberg. Von diefen hatte B. Fürth eine fehr reiche Collection von PhosphorZündhölzchen aller Art, dann hübfche Mufter von Zündkerzchen, Zündspänen u. a. endlich auch Sicherheits- Zündhölzchen nach Art der fchwedifchen ausgeftellt. Unter feinen, fich eines guten Rufes erfreuenden Fabricaten find feine SalonZündhölzchen mit bunten Köpfchen namentlich beliebt, wie auch feine SicherheitsZündhölzchen, die er bekanntlich einer der Erften fabricirte, dem beften fchwedifchen Fabricate diefer Art nicht nachftehen. Nette und praktiſche Emballagen thuen das Uebrige und fo erfcheinen feine Erzeugniffe mit jenen anderer Länder völlig concurrenzfähig. Fürth dürfte übrigens auch der bedeutendste Induſtrielle diefer Branche in Oefterreich fein. Er befchäftiget im Ganzen 2000 bis 2500 Arbeiter und producirt jährlich 2 Millionen Pfund an Zündwaaren der verfchiedenen Sorten, deren Preife von 13 fl. bis aufwärts zu 60 fl. öfterreichifcher Währung per 100 Dutzend variiren und faft ausfchliefslich für den Export beftimmt find, den zu beherrfchen Fürth in mehreren überfeeifchen Häfen Depots feiner Fabricate auf eigene Rechnung unterhält. Seine Fabrik in Schüttenhofen arbeitet mit 80 Einlegemaſchinen( Sebold) und befchäftigt allein 1050 Perfonen, darunter 150 Hölzchenhobler. Sehr bemerkenswerth war auch die Ausftellung der Firma A. M. Pollak, die einen bevorzugten Platz in der Rotunde einnahm und fich durch ein fehr gelungenes Mofaikbild aus Zündhölzchen- Köpfchen( die Manier welche Siglé in Paris anwandte) hervorthat. Sie enthielt alle gangbaren Sorten von Zündhölzchen, befonders fchöne * Die Einfuhr von Zündhölzchen nach Oefterreich betrug im Jahre 1872 nicht weniger als 643.800 Pfund Wiener Gewicht gegen 130.400 Pfund Wiener Gewicht im Jahre 1867. 14 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Salonhölzchen, die Pollak bekanntlich in vorzüglicher Qualität erzeugt, dann Zündkerzchen, von denen namentlich jene mit Silber- und Bronceköpfchen ein originelles Product waren. Auch Pollak, deffen Firma hervorragende Verdienfte um den Auffchwung der Zündhölzchen- Induftrie Oefterreichs hat, gehört zu den bedeutend ften Induftriellen diefer Branche.* Bemerkenswerth war auch die von Hermann& Gabriel ausgeftellte Mufterfammlung ihrer Zündhölzchen, welche fie neuefter Zeit auch in fehr netten wafferdichten Emballagen zum Verkaufe bringen, eine Neuerung, welche vielleicht für die Pergamentpapier- Induftrie nicht ohne Bedeutung ift. Das Etabliffement diefer Firma zählt gleichfalls zu den bedeutendften Oefterreichs. Es befchäftigt circa 250 Individuen und producirt jährlich 1 Million bis 1,200.000 Stück Schachteln Zündhölzchen, faft ausfchliefslich Salonwaare in runden Dofen, welche theils nach den Donauländern, theils nach Rufsland, dann aber auch nach Egypten, Indien, China etc. exportirt werden. A. Schein oft in Schüttenhofen, deffen Fabrik, die eine Jahresproduction im Werthe von etwa 130.000 fl. öfterreichifcher Währung aufweift, 150 bis 160 Arbeiter befchäftigt und gleichfalls faft ausfchliesslich für den überfeeifchen Export arbeitet, hatte neben Muſtern aller Arten von Zündhölzchen auch ganz gute Zündkerzchen ausgeftellt. G. Kollmann& Comp. in Stainz unterhalten gleichfalls ein gröfseres Etabliffement, deffen Jahresproduction trotz des kurzen Beftandes( 1871 gegründet) fich im verfloffenen Jahre bereits auf 8 Million Zündhölzchen belief. Sie befchäf tigen 90 Perfonen und arbeiten mit 3 eifernen( Sebold) und 31 hölzernen Einlegemaſchinen, fowie einer Sebold'fchen Auslegemafchine. Ausgeftellt hatten fie neben ordinärer Waare auch ganz fchöne Proben ihrer Erzeugniffe an Salonhölzchen. F. Dydacki und C. Gödel& Comp., welche fich die wie erwähnt von Siglé in Paris bei der Ausftellung 1867 angewandte und damals mit grofsem Beifalle aufgenommene Ausftellungsweife in„ Mofaikbildern" zum Vorbilde genommen hatten, brachten nur Zündhölzchen gewöhnlicher Gattung, von denen jene Gödel's feinere Waare, mit bunten Köpfen, jene Dydacki's dagegen völlig ordinäre Waare repräfentirten. L. Achleitner brachte abermals, feine fchon von früheren Ausftellungen her bekannten„ patentirten, giftfreien Schnellzünder"( Späne, welche beim rafchen Herausziehen aus dem Etuis Feuer fangen), an die fich das Publicum bisher noch nicht anders als an eine Curiofität gewöhnt hat. Sehr zu bedauern ift, dafs fich aufser Fürth nicht auch andere Fabricanten von Sicherheits- Zündhölzchen, welche nachgewiefener Mafsen auch in Oefterreich in ziemlichem Umfange producirt werden, an der Ausftellung betheiligt haben, fowie man auch nicht ohne Bedauern wahrnahm, dafs fich die um die Fabrication phosphorfreier Zündhölzchen( die auf jeder Reibfläche zünden) fo verdiente Firma Wawra& Kempny( ehemals Forfter& Wawra) von der Ausftellung gänzlich ferne gehalten hat. Vielleicht hätte die Betheiligung folcher Fabricanten dazu geführt, das öfterreichische Publicum davon zu überzeugen, dafs es nicht nöthig habe, giftfreie und Sicherheits- Zündhölzchen vom Auslande zu beziehen. Ungarn, das feit jeher an dem guten Rufe des öfterreichifchen Fabricates participirt und den Vortheil des kürzeren Wafferweges für den Handel nach den Donauländern und der Türkei für fich hat, macht der Zündhölzchen- Induftrie Cisleithaniens namentlich auf den türkifchen Märkten einige Concurrenz. Leiftungen auf dem Gebiete diefer Induftrie verdienen übrigens alle Anerkennung, zumal mit Rückficht auf den Umftand, dafs es über weniger reiche Quellen Seine * Leider blieb ein Anfuchen des Gefertigten um Mittheilung von Daten über die Betriebsgröfse der A. M. Pollak' fchen Etabliffements, angeblich wegen Abwefenheit des Chef's, unberücksichtiget! Die Zündwaaren und Exploſivftoffe. 15 geeigneten Holzes und geringere Arbeitskraft verfügt als andere Länder. Von. den ausgeftellten Erzeugniffen ungarifcher Zündwaaren- Fabrikanten waren namentlich jene der Firma Leitner& Grünwald in Peft bemerkenswerth und zeigten die diverfen Mufter von Zündhölzchen aller Art in mitunter fehr netter und origineller Verpackungsweife, dafs Ungarns Zündhölzchen- Induftrie in Hinficht auf Qualität der anderer Länder ebenbürtig fei. Rufsland fcheint neueftens Anftrengungen zu machen, feiner früher nie recht zur Entwicklung gekommenen Zündhölzchen- Induftrie gröfseren Auffchwung zu geben, wie es denn überhaupt in neuerer Zeit der Hebung feiner Induftrie eine erhöhte Aufmerkfamkeit widmet. Befonders fcheint Finnland als ein günftiges Terrain für die Etablirung von Zündhölzchen- Fabriken auserfehen zu fein und dürften diefe dort, wenn es nicht an geeigneter Arbeitskraft mangelt, unter ähnlich günftigen Verhältniffen arbeiten wie jene Schwedens. Central- Rufsland leiftet dagegen in Hinficht auf Zündhölzchen- Fabrication, die es fchon im Jahre 1847 aufgenommen hat, noch immer Unbedeutendes und feine Production deckt bei Weitem nicht den eigenen Bedarf an Zündwaaren. Vertreten war Central- Rufsland durch die Ausftellung der Firma Hefen& Mitchinfon in Moskau, welche 480 Arbeiter befchäftigt und jährlich 20.000 Kiftchen Zündhölzer im Werthe von 80.000 Rubel producirt. Die ausgeftellten Zündhölzchen, durchwegs ordinäre Sorten, fallen durch die übermäfsige Länge der Hölzchen( circa 8 c. m.) auf und find ein ziemlich geringwerthiges Erzeugnifs. Finnland war durch die Ausftellung der Zündhölzchen- Fabriks- Actien Gefellfchaft zu Bjorneborg vertreten, deren Fabrik feit 1866 arbeitet und 350 bis 450 Arbeiter befchäftigt. Sie producirt jährlich 24 Millionen Stück Zündholzchen( etwa 500.000 Stück Schachteln) ziemlich ordinärer Sorte, darunter auch Sicherheits- Zündhölzchen nach Art der fchwedifchen. Der Productionswerth diefer Fabrik, die ihr Product auch exportirt, beläuft fich auf jährlich 33.500 Rubel. Cigarrenzünder und Lunten. Der Gebrauch der Cigarrenzünder hat aus leicht einzufehenden Gründen fich nie recht eingebürgert. Fürs erfte find fie theurer als gewöhnliche Zündhölzchen, dabei aber doch nur für den beftimmten Zweck, als Zündmittel für Cigarren oder Pfeifen im Freien zu dienen, brauchbar. Sie find demnach ein eigentlicher Luxusartikel, der jedoch des kaum vermeidlichen Uebelftandes wegen beim Verbrennen übel zu riechen, Rauch zu entwickeln u. f. w. vom Publicum nicht goutirt wird. Zudem find die fogenannten Steckzünder, wie Dolche, Teufelchen, Vesuvians, Bleameln und dergl. nicht einmal praktiſche Dinge, da fie für die Zündung von Cigarren, wenn deren Feuer einmal ausgegangen ift, die Cigarre alfo fchon angebrannt war, weniger gut brauchbar find und überhaupt die Cigarre gewöhnlich ungleichmässig zünden, während die Glimmfidibus, Zündfchwämme und Glimmhölzer wegen des Fortglimmens des weggeworfenen Reftes feuergefährlich werden können. Es ift fomit auch erklärlich, dafs die Fabrication folcher Zündmittel ftets nur ein ganz unbedeutendes, meift nur für den Export cultivirtes Nebengefchäft des Zündhölzchen- Fabrikanten gebildet hat, das von vielen Fabriken gar nicht gepflegt wird. Auf der Ausftellung war denn auch diefer Zweig der Zündwaaren- Induftrie nur fehr fpärlich vertreten, und nur einzelne Ausfteller von Zündhölzchen hatten auch etwas von folchen Erzeugniffen ausgeftellt. So hatten Bryant& May in London die bekannten Vesuvians und R. Zennig in Berlin Zündfchwamm ausgeftellt. Am häufigften war diefe Art von Zündwaare bei den öfterreichifchen Ausftellern zu finden, und boten einzelne derfelben auch Neues in Form und Ausftattung diefer Waare. 2 16 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. So brachte B. Fürth in Schüttenhofen, neben Cigarrenzündern der verfchiedenften Art eine neue Sorte diefes Artikels in Geftalt von Cigarrenzündern mit Metallfaffung, die vor den gewöhnlichen Steckzündern jedenfalls den Vortheil einer gleichmässigeren Zündung der Cigarre voraus haben. A. M. Pollak in Wien hatte eine reiche Collection feiner diverfen Cigarrenzünder ausgeftellt, unter denen die fogenannten„ Bleameln"( Imitation kleiner Blümchen, wie Vergifsmeinnicht etc.) fich durch gefchmackvolle und nette Ausführung befonders auszeichneten. Bemerkenswerth waren endlich auch die von A. Scheinoft in Schüttenhofen zur Ausftellung gebrachten Cigarrenzünder, welche Früchte, Schwämme, Blüthen, Knospen etc. in recht gelungener Arbeit imitiren, Zünder, die er unter den nicht gerade paffend gewählten Namen„ Elifabethzünder"," Gifelazünder" in Handel bringt. Derfelbe hatte auch Zündfchwämme aus nitrirter Strohpappe ( etwas ftark übelriechend) und eine beffere Sorte unter dem Namen„ Franzöfifcher Salonfchwamm" ausgeftellt. Weit häufiger als die diverfen Cigarrenzünder werden von Rauchern zum Anzünden von Cigarren oder Pfeifen im Freien Lunten verwendet, deren Gebrauch namentlich in Geftalt der ziemlich modernen Lunten- Feuerzeuge fehr bequem ift. Man ftellt folche Lunten, hinfichtlich deren keinerlei Neuerung zu verzeichnen ift, entweder in ähnlicher Weife wie ehemals die Gefchütz- oder Minirlunten durch Salpeterifiren von gedrehten oder geflochtenen Hanf- oder Baumwoll- Schnüren oder noch weit häufiger dadurch dar, dafs man Baumwoll- Schnüre mit Löfungen von Bleiacetat und chromfaurem Kalium bei Sudhitze macerirt. Auf der Ausftellung waren folche Lunten faft nur als Beftandtheile der verfchiedenen von Galanterie- und Metallwaaren- Arbeitern ausgeftellten LuntenFeuerzeuge( Zündhölzchen- Etuis mit Lunten) zu fehen und boten nichts Bemerkenswerthes. Ein fehr intereffantes, in die Kategorie der Lunten gehöriges AusftellungsObject fand fich jedoch unter den von Guftav Ritter v. Overbeck zur Ausftellung gebrachten Induftrie- Erzeugniffen Chinas. Es war diefs eine Partie jener eigenthümlichen, in China" Jofs- Stick" genannten Lunten, deren fich die urwüchfigen, an die Zündmittel des Abendlandes noch nicht gewöhnten Chineſen zum Anmachen von Feuer bedienen, und die demnach in den meiften chinefifchen Häufern eine ebenfo wichtige Rolle spielen, wie bei uns die Zündhölzchen. Diefe Jofs- Stick find etwa ein Meter lange( die Länge ift übrigens eine verfchiedene) Holzftäbchen, welche zu zwei Drittheilen ihrer Länge mit einercylindrifchen Schichte einer langfam glimmenden Maffe, von fchwach bräunlicher Farbe überzogen find, während das frei gebliebene Stäbchenende, das den Handgriff bildet, mit Buntpapier überzogen ift. Die langfam glimmende Maffe diefer Lunten foll von den Chinefen duch Präparation von Rinderkoth( wahrfcheinlich unter Salpeterzufatz) gewonnen und im feuchten Zuftande auf die vorher zugefchnittenen Holzftäbchen aufgetragen und nach dem Trocknen geglättet werden. Sie ift ziemlich hart, haftet fehr feft an den Stäbchen und befteht unverkennbar aus Fragmenten pflanzlicher Fafer. Angezündet glimmen fie äufserft langfam unter Verkohlung fort, verbreiten aber dabei einen nichts weniger als angenehmen Geruch. Die Maffe einer Lunte glimmt durch fechs bis acht Stunden fort und werden diefe Lunten beim Feueranmachen in der Weife benützt, dafs man die glimmende Lunte in ein Bündel von Stroh oder Hobelfpänen einführt und fo lange anbläft, bis dasfelbe entflammt. Ohne Zweifel werden diefe Lunten, deren ftets eine brennend zur Hand fein mufs, auch in China den bequemeren Feuerzeugen des Abendlandes bald völlig weichen müffen. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. Die Explofivftoffe. 17 Schwarzpulver. Es gibt wohl kein Product der Induftrie, an dem der Fortfchritt des Wiffens in den letzten Decennien fo wenig geändert hätte wie am Schwarzpulver. Aus dem grauen Alterthume auf uns überkommen, kennen wir blofs Sagen über den Ursprung diefes Erzeugniffes geheimer Künfte, deffen Darftellungsweife zwar fchon von Baptista Porta( 1567) genau ftudirt, doch erft durch die Arbeiten von Prouft, Dumas, Baumé unter Andern zum Gemeingute Aller wurde. Die Vorfchriften, welche diefe Männer für die Bereitung des Schiefspulvers gegeben haben, erfuhren feither nur unbedeutende Veränderungen und die wefentlichften derfelben galten nicht fo fehr einer Verbefferung des Productes als fie vielmehr der Erzielung eines beftimmten neuen Zweckes dienten oder den Eigenthümlichkeiten eines neuen Rohmateriales Rechnung zu tragen beftimmt waren. Vollends hat fich in den letzten 10 Jahren keine erhebliche Aenderung in der Fabricationsweife oder der Qualität des Schwarzpulvers ergeben. Da find noch diefelben Methoden für Darftellung der Kohle, diefelbe Art der weiteren Verarbeitung der Kohle mit dem Salpeter und dem Schwefel im Gebrauche, wie vor und ehe und diefelben Arten des Verdichtens und Körnens der Mifchung, diefelbe Methode des Trocknens und Polirens des gekörnten Pulvers, wie fie fich fchon vor mehr als zwanzig Jahren eingebürgert haben, finden wir auch heute noch ungeändert wieder. Von den vielfach vorgefchlagenen Surrogaten für den einen oder den anderen der Beftandtheile des Schwarzpulvers hat fich bisher kein einziges allgemeinerer Anwendung zu erfreuen gehabt, und felbft die Verwendung des billigeren Natronfalpeters an Stelle des werthvolleren falpeterfauren Kaliums hat, wenigftens für die Erzeugung eines guten Schiefspulvers( Pulver für Ladung von Schiefswaffen) keine wefentlichen Fortfchritte gemacht, wiewohl gerade die in neuerer Zeit mehr in Aufnahme kommende Benützung comprimirter Pulverladungen die Verwendung von Natronfalpeter eher zulaffen würde. In Hinficht feiner Verwendung hat das Schwarzpulver feinen Rang als Schiefsmateriale unangefochten behauptet und keines der angepriefenen neuen Pulver hat ihm hierin auch nur einige Concurrenz gemacht. Dagegen kann man bezüglich der Form, in welcher das Schwarzpulver zur Anwendung kommt, eine Neuerung infoferne verzeichnen, als das zuerft von Paolo di San Roberto( 1852) in Anwendung gebrachte Princip der Herſtellung von geprefsten Ladungen wegen des mit folchen erzielbaren gröfseren Effectes allgemeiner in Aufnahme gekommen ift. Vornehmlich ift es die Form von fechseckigen durchlöcherten Prismen ( prismatifches Pulver), in welcher man dergleichen comprimirtes Pulver für Gefchützladungen verwendet, während die Herftellung von geprefsten Cylindern, die dem Caliber des Gefchützes angepafst( Paolo di San Roberto) oder directe auf dem Gefchoffe comprimirt und diefem angepafst find( Geprefste Munition der Armee der vereinigten Staaten), minder üblich ift.* Während das Schwarzpulver als balliftifches Agens von keinem der neueren Schiefsmaterialien, mit alleiniger Ausnahme der Schiefs- Baumwolle etwa erreicht, vielweniger aber übertroffen ift, hat es dagegen in feiner Bedeutung für den Bergund Erdbau, für welchen es feit dem Jahre 1613 als Sprengmittel in Verwendung ftand, wefentlich verloren und ift mit Vortheil durch Sprengftoffe erfetzt worden, die theils billiger als Schwarzpulver, theils von gröfserer brifanter Wirkung, fich beffer für die Sprengarbeit eignen als diefes. * In England verwendet man neuerer Zeit zur Ladung grober Gefchütze geprefste Pulvercylinder( powder pellets) von circa 1 Centimeter Höhen- und Querdurchmeffer, welche unter einem Drucke von etwa 400 Kilogramm geprefst find, John Anderfon hat neueſtens( 1870) eine Mafchine zur Herstellung folchen comprimirten Pulvers conftruirt. 18 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Wenn auch keineswegs behauptet werden kann, dafs das Schwarzpulver für die Sprengarbeit völlig entbehrlich geworden fei. fo ift es doch erklärlich, dafs der Verbrauch und mit ihm die Production von Schwarzpulver namentlich der geringeren Qualitäten desfelben, in den letzten Jahren wefentlich abgenommen hat, und fo fehr fich auch die Anhänger des Schwarzpulvers gegen die Anwendung neuer Sprengmittel fträuben mögen, fo wird die Production des Schwarzpulvers wohl kaum mehr jene Höhe erreichen, auf der fie vor Einführung der Nitroglycerin- Präparate in der Sprengtechnik ftand, es wäre denn, dafs für die Verwendung des Pulvers ein neues Feld eröffnet würde, wozu allerdings durch die in neuefter Zeit von Th. Shaw mit Erfolg durchgeführte Einführung des Schwarzpulvers als Kraftquelle für den Betrieb von Fallhämmern und Rammmafchinen* der Anfang gemacht ift. An der Ausftellung haben fich nur wenige Schwarzpulver- Fabrikanten betheiliget und dürfte auch hieran wieder der Umftand, dafs nur Imitationen zugelaffen wurden, wefentliche Schuld getragen haben. Die Ausftellung von Pulver hätte übrigens felbft für den Fall, dafs das Originalproduct hätte vorliegen können, nur einen untergeordneten Werth gehabt, denn es läfst fich, wie begreiflich, weder nach dem Anfehen, noch felbft bei einer oberflächlichen Unterfuchung ein Urtheil über die relative Qualität verfchiedener Pulverproben gewinnen. Eine der älteften Pulverfabriken, welche die Ausftellung mit ihrem Producte befchickt hat, dürfte wohl jene von W.Güttler zu Reichenftein( preuffifch Schlefien) fein, deren Betrieb vom 18. Juni 1695 datirt. Diefes Etabliffement, welches Jagdund Sprengpulver( Imitation) ausgeftellt hatte, befchäftigt 88 Arbeiter, während der Betrieb der Mechanismen von 13 Wafferrädern beforgt wird, die eine Gefammtleiftung von 106 Pferdekräften haben. Im Jahre 1871 hatte diefes Etabliffement 10.000 Centner Pulver im Werthe von 160.000 Thalern producirt, während fich die Production des Jahres 1872 auf 12.260 Centner Pulver belief, das nur im Inlande verbraucht wurde. Aus Deutſchland hatten fich übrigens noch drei andere Pulverfabriken an der Ausftellung betheiligt. Von diefen erzeugt die Röhnfaler Pulverfabrik( Actien Gefellſchaft Röhnfal in Weftphalen), deren Errichtung in das Jahr 1784 fällt, vornehmlich feine Jagd- und Scheiben- Pulver, von welchen fie imitirte Proben, fowie Mufter der Rohmaterialien zur Ausftellung gebracht hatte. Sie arbeitet mit 56 Arbeitern und 24 Wafferrädern von 200 Pferdekräften Leiftung in 19 gefonderten Etabliffements und producirt jährlich 12- bis 13.000 Centner Pulver faft ausfchliefslich für Deutſchland. Die im Jahre 1793 gegründete Pulverfabrik von L. Ritter in Hamm( Weftphalen), welche faft alle gangbaren Pulverforten erzeugt, producirte im Jahre 1871: 11.800 Centner Pulver und arbeitet mit 82 Arbeitern, 2 Dampfmaschinen von 40 und 11 Wafferrädern von 42 Pferdekraft- Leiftung, während die im Jahre 1814 gegründete Pulverfabrik von A. Wolff zu Walsrode( Hannover), welche vornehmlich für den überfeeifchen Export arbeitet, 74 Arbeiter befchäftigt und für die Bewegung der Mechanismen I Dampfmafchine, 5 Turbinen und 5 Wafferräder benützt, deren Leiftung 312 Pferdekraft beträgt. Sie hatte neben recht practifchen Blechdofen für den Pulverexport, ebenfo wie erftere, Imitationen ihres Schiefs- und Sprengpulvers ausgeftellt, wovon fie im Jahre 1872: 12.500 Centner producirt hat. Bemerkenswerth war auch die Ausstellung der rühmlichft bekannten königlichen Pulverfabrik von Cooppal& Comp. zu Wetteren bei Gand in Belgien. Diefelbe brachte eine vollſtändige Collection von Muftern der verwendeten Rohmaterialien, als: raffinirten Salpeter, Schwefel und Proben der( mit überhitztem * Eine Rammmafchine mit Pulverbetrieb, nachdem Sh a w'fchen Principe ift beim Bau des Landungsquais zu Leagne Island mit fo gutem Erfolge verwendet worden, dafs die praktifche Anwendbarkeit der Pulverramme keinem Zweifel mehr unterliegt. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 19 Wafferdampf bereiteten) Pulverkohlen, dann Imitationen ihrer verfchiedenen Pulverforten, als Jagdpulver, Gefchütz- und Sprengpulver fowie geprefste Munition. Diefes bereits im Jahre 1778 gegründete Etabliffement, deffen jährlicher Verbrauch von circa 10.000 Centner Salpeter auf eine Jahresproduction von etwa 16.000 Centner Pulver fchliefsen läfst, ift befonders dadurch intereffant, dafs es eines der erften( 1842), welches das feither allgemeiner angewendete Verfahren der Holzverkohlung in mit überhitzten Wafferdämpfen gefpeiften Cylindern( Violette's Syftem) eingeführt hat. Im Uebrigen hatte blofs das Kriegsminifterium des Königreiches Italien Schwarzpulver und Rohmaterialien zur Erzeugung desfelben, dann das königlich griechifche Staats- Zeughaus Modelle bekannter Vorrichtungen für Pulverfabrication zur Ausftellung gebracht, während aus allen übrigen Ländern, wenn man nicht etwa die von einzelnen chemifchen Producten- Fabriken ausgeftellten Mufter von raffinirtem Salpeter und Schwefel als Rohmaterialien für Pulverfabrication in Betracht ziehen will, kein einziger Repräfentant diefes doch allenthalben entwickelten Induftriezweiges, fich an der Ausftellung betheiligt hatte. Namentlich von Seiten der öfterreichifchen Pulverfabricanten ift diefes Fernebleiben von der Ausftellung unbegreiflich und wer nicht wüfste, dafs Oefterreich, deffen Pulverexport fich beiſpielsweife im Jahre 1872 auf 2465 Centner belief, gerade in der Schwarzpulver- Fabrication qualitativ fehr Gutes leiftet, würde fich fo leicht der Meinung hingeben, dafs die öfterreichiſche Pulverinduftrie Grund habe, einen Vergleich ihres Productes mit dem anderer Länder zu fcheuen. Surrogatpulver. Wiewohl das Schwarzpulver eine Summe vorzüglicher Eigenfchaften in fich vereint, fo war doch die fortfchrittliche Tendenz der jüngften Decennien bemüht, dasfelbe durch billigere oder vermeintlich wirkfamere Pulvermifchungen zu erfetzen. Solchen Bemühungen entfprangen zahlreiche Vorfchriften fürSurrogatpulver, an denen namentlich die Literatur der jüngften Zeit nicht arm war. Zunächft war es der Hauptbeftandtheil des Schwarzpulvers, der Salpeter, den man durch billigere Stoffe von ähnlicher Wirkung oder aber durch folche, die einen gröfseren Effect zu erreichen geftatteten, zu erfetzen fuchte. Im chlorfauren Kalium, deffen kräftig oxydirende Wirkung fchon von Augendre( 1849) zur Herftellung feines bekannten weifsen Schiefspulvers verwerthet worden war, hatte man zuerft das richtige Erfatzmittel des Salpeters zu finden geglaubt und fuchte durch Einführung desfelben in die Pulvermifchung, namentlich kräftiger wirkende Pulver herzuftellen. So entstanden die muriatifchen Pulver, unter denen das Pulver von Kellow und Short( 1866), die fowie auch jenes von Spence fich vornehmlich auf einen theilweifen Erfatz des Salpeters durch chlorfaures Kalium gründen, während in den Pulvermifchungen von Erhardt( 1865), von Sharp und Smith ( 1866), dann in jener, welche H W. Reveley in Reading( nach der von Pohl für das Angendre'fche Pulver gegebenen Vorfchrift) fabricirt, endlich in den Pulverfurrogaten, welche fich in neuefter Zeit J. Hafenegger in San Francisco und endlich G. Niffer in London patentiren liefsen, neben dem Erfatze des Salpeters durch Kaliumchlorat auch eine theilweife oder vollſtändige Erfetzung des Schwefels und der Kohle durch andere mehr oder weniger leicht verbrennbare Körper, wie Blutlaugenalz und Zucker( Reveley und Hafenegger), Gerbfäure( Erhardt), Weinftein( Sharp und Smith, Niffer) angewendet erfcheint. Dergleichen muriatifche Pulver, denen fich allerdings eine höhere Kraftentwicklung nicht abfprechen läfst, haben indefs den wefentlichen Nachtheil einer leichteren Explodirbarkeit durch Schlag oder Stofs, welche nicht nur ihre Herftellung, fondern auch ihre Handhabung gefährlich erfcheinen läfst, als das beim Schwarzpulver der Fall ift, ein Fehler, der fich nach einem Vorfchlage Zaliwfki's ( 1870) durch Zufatz von Oxalfäure, freilich theilweife auf Koften der Brauchbarkeit folchen Pulvers vermeiden laffen foll. Ihrer Verwendung für Gefchützladungen fteht überdiefs der Umftand im Wege, dafs fie in Folge des Gehaltes an 20 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Kaliumchlorat die Gefchützrohre weit energifcher angreifen als Salpeterpulver, während fie für die Zwecke der Sprengtechnik mit dem Schwarzpulver den Mangel der erfchwerten Anwendbarkeit in naffem Gefteine gemein haben und zu dem wegen des häufig, ziemlich grofsen Volumens eine Erfparnifs an Bohrarbeit nicht zulaffen. Sehr naheliegend war es auch, einen Erfatz des Kaliumnitrats im Pulver durch das billigere Natriumnitrat zu verfuchen. Pulvermifchungen diefer Art find von de Tret, Davey, Oxland, Schwarz, in neuerer Zeit auch von Schäffer und Budenberg empfohlen worden, welch' letztere, fowie auch E. Hörner neben dem theilweifen Erfatze des Kaliumfalpeters durch Natriumnitrat auch die Kohle theilweife durch Weinfäure- Salze, wie Weinftein, Seignettfalz erfetzen. Trotz der guten Erfolge, die man in der Praxis, namentlich bei den Sprengarbeiten gelegentlich der Durchftechung der Suez- Landenge mit folchem Pulver erreicht hat, ift die Anwendung folcher Pulvermifchungen bisher nur vereinzelt geblieben. Es trägt hieran namentlich der fatale Umftand Schuld, dafs dergleichen Pulver wegen der Hygrofkopität des Natriumnitrats leicht feucht und unbrauchbar werden. Gelingt es, diefen Uebelftand zu befeitigen, was fchon Roberts und Dale durch Zufatz, von entwäffertem Glauberfalz zu erreichen fuchten, dann dürfte der allgemeineren Anwendung derartigen, dem Schwarzpulver an Effect nicht nachftehenden Pulvers kein Hindernifs mehr im Wege ftehen. Auch andere Nitrate verfuchte man dem Salpeter des Schwarzpulvers zu fubftituiren. So namentlich Baryumnitrat, das, zuerft von J. R. Wagner in Vorfchlag gebracht, einen Beftandtheil der Pulvermifchungen von Küp, fowie des feiner Zeit vom Hauptmann Wynand in Brüffel unter dem Namen„ Saxifragin" angegebenen, dann des Pulvers von Newton( 1864) bildete, während Craig fogar die äufserft leicht zerfliefslichen Nitrate des Calciums und Magneſiums zur Herftellung von geprefsten, durch Einhüllung in eine Collodiumfchichte vor dem Einfluffe der Luftfeuchtigkeit gefchützten Patronen verwendet wiffen wollte. Auch durch theilweifen oder vollſtändigen Erfatz des Schwefels und der Kohle im Schwarzpulver, unter Beibehaltung des Salpeters, hat man Surrogate für diefes herzuftellen gefucht, fowie es auch an Verfuchen nicht mangelte, durch Abänderung der Mengenverhältniffe an Schwefel und Kohle neue Pulver zu erfinden. Von derlei Pulverfurrogaten hat namentlich das von den Gebrüdern Fehleifen in Cilli aus einer Mifchung von 45 Theilen Salpeter, 35 bis 4 Theilen Holzkohle, 9 Theilen gedörrte Sägefpäne und 1 Theile Ferridcyancalium hergeftellte Haloxylin fich als Sprengmittel einer allgemeineren Verwendung zu erfreuen gehabt und wurden demfelben die Vortheile einer weit kräftigeren Wirkung gegenüber der des Schwarzpulvers nachgerühmt, während es überdiefs vor diefem den billigeren Preis und eine geringere Explodibilität voraus hatte. Der Vorzug geringerer Explodibilität kommt übrigens auch dem von Champy( 76 3 Theile Salpeter, 18.9 Theile Kohle und 4'8 Theile Schwefel), dann dem in der jüngften Zeit mehrfach mit gutem Erfolge verwendeten Pulver von Neumeyer( 72 Theile Salpeter, 18 Theile Kohle und 10 Theile Schwefel)* zu und hat namentlich das letztere durch feine Eigenthümlichkeit, nur unter Druck zu explodiren, einiges Auffehen erregt. Neueftens hat auch E. Wattlen in Middleybrough ein Patent auf ein Sprengmittel erworben, das er Pyrolith nennt und durch Mifchung von Salpeter, Sägefpänen und Schwefel, denen er für fchwächere Sorten auch Kohle beimengt, herftellt. In die Reihe der Surrogatpulver, in denen die Kohle und der Schwefel durch andere verbrennbare Stoffe erfetzt find, zählen in gewiffem Sinne auch die fogenannten Pikratpulver, welche wefentlich Gemenge von Pikrinfäure oder * Früher hatte Neumeyer eine Pulvermifchung von 75 Theilen Salpeter, 18.75 Theilen Kohle und 6.25 Theilen Schwefel angegeben. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 21 pikrinfauren( trinitrophenilfauren) Salzen mit Nitraten, Kohle und dergl. find, dann aber auch die durch Einwirkung von Salpeterfäure auf Holz, Stärke u. f. w. erhaltenen Pulver von Schultze, Uchatius, Pelouze u. A. Ein Pikratpulver wurde zuerft von Berlinetto in Padua( 1867) dargestellt. Seine Mifchung beftand aus 10 Theilen Pikrinfäure, 10 Theilen Natriumnitrat und 8.5 Theilen Kaliumchromat, während Defignolle in Paris( 1869) ein Sprengpulver durch Mifchung von pikrinfaurem Kalium mit Kaliumnitrat herftellte, deffen brifante Wirkung er für Zwecke der Bereitung eines Schiefspulvers durch Zufatz von Kohle abzufchwächen fuchte. Später wurde durch Brugère( 1869) auch pikrinfaures Ammonium in Mifchung mit Salpeter( 54 Theile Amonpikrat, 46 Theile Salpeter) zur Pulverbereitung verwendet und auch Abel hat in feinem neueften„ picric powder" eine ähnliche Mifchung angewendet. Derartige Pikratpulver, deren Anwendung in der Praxis namentlich durch die von Cafthelaz eingeführten Verbefferungen in der Fabrication der früher ziemlich koftfpieligen pikrinfauren Salze ermöglicht wurde, haben namentlich in Frankreich( als Boboeufpulver, Defignollespulver, Fontainepulver), dann aber auch in England und Nordamerika, vorzüglich zur Füllung von Sprenggefchoffen Verwendung gefunden, zu welchem Zwecke fie fich ihrer äufserft kräftigen Wirkung wegen fehr gut eignen, dürften fich jedoch wegen der nachweis lichen Gefahr einer exploſiven Selbftentmifchung der pikrinfauren Salze kaum allgemeiner einbürgern. Ebenfowenig dürfte, wenn auch aus anderen Gründen, der in der neueften Zeit( 1871) von H. Violette entdeckten exploſiven Mifchung von gefchmolzenem Salpeter mit wafferfreiem Natriumacetat eine günftige Prognofe als Sprengmittel geftellt werden können, da abgefehen von der Gefährlichkeit der Darftellung folcher Mifchungen im Grofsen die Anwendung des effigfauren Salzes manche Uebelftände mit fich führen dürfte. Auf der Ausftellung war von folchen neueren und neueften Pulverforten, denen durch die immer mehr in Aufnahme kommenden Nitroglycerin- Präparate eine gefährliche Concurrenz erwachfen ift, nur ein einziges zu fehen. Es war diefs die von Ph. Maffip in Genf ausgeftellte Compofition minière. Ein lockeres Pulver von lichtbrauner Farbe mit deutlich wahrnehmbaren, gelben Partikelchen untermengt fcheint diefes Pulver eine Mifchung zu fein, welche Schwefel und Holzmehl enthält, das im Originalpräparate ohne Zweifel falpetrifirt oder vielleicht nitrirt ift. Diefes Minenpulver, von welchem bemerkt wird, dafs es frei entzündet, völlig unexplofiv fei, foll fich als ein fehr ficher wirkendes und ökonomifches Sprengmittel für Bergbau- Zwecke erweifen, während es für Feuerwaffen völlig unbrauchbar ift. Eine Reihe von Zeugniffen franzöfifcher und fchweizer Fachmänner beftätigen die Brauchbarkeit diefes Sprengstoffes. Aus Oefterreich, wo doch, wenigftens bis vor Kurzem, die Erzeugung des Haloxylins in mehreren Fabriken( Steiermark und Böhmen) der Firma Anders und Fehleifen betrieben wurde, war nichts Einfchlägiges zur Ausftellung gebracht worden und fcheint auch das Haloxylin, das feiner Zeit vielfach und mit günftigem Erfolge in Verwendung ftand, der Concurrenz des Dynamits gewichen zu fein. Schiefs Baumwolle. Das intereffante Product der Einwirkung von Salpeter- Schwefelfäure auf Baumwolle, dem fein erfter Entdecker** in der fanguinifchen Hoffnung, das neue Präparat werde ein völliges Erſatzmittel des Schiefspulvers werden, den Namen„ Schiefs- Baumwolle" beigelegt hat, entſprach den von demfelben gehegten Erwartungen bis auf die neuere Zeit bekanntlich nicht. * Nach dem Befitzer der im Jahre 1868 explodirten Fabrik von Pikratpulver am Place de la Sorbonne zu Paris fo genannt. ** Bekanntlich ift die im März des Jahres 1846 von Schönbein zuerft dargestellte SchiefsBaumwolle, deren Bereitungsweife er indefs geheim hielt, im Auguft desfelben Jahres auch von Böttger und endlich im October von Otto dargestellt worden. 22 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Schon von dem Comité franzöfifcher Fachmänner, dem im Jahre 1846 die Beurtheilung der Brauchbarkeit diefes Explofivftoffes oblag, in Hinficht auf die Verwendbarkeit als balliftifches Agens ungünftig beurtheilt, mehrten fich, trotz des günftigeren Urtheiles, welches fpäter die deutſche Prüfungscommiffion über das neue Präparat gefällt hatte, die abfälligen Urtheile über diefen mit fo grofsen Hoffnungen begrüfsten exploſiven Körper. Vornehmlich war es der nachtheilige Einfluss auf die Gefchützrohre, der im Gefolge des allzurafchen Exploſionsverlaufes der Schiefs- Baumwolle ftand, dann aber auch die Schwierigkeit der Darftellung eines gleichmäfsig wirkenden Präparates, welche trotz der unzweifelhaft erzielbaren gröfseren Effecte die Verwendung der Schiefs- Baumwolle als Kraftquelle für den Wurf von Projectilen unmöglich zu machen fchienen. Dagegen hat man durch die eminenten Vortheile, welche die Anwendung derfelben als Sprengmittel bot, veranlafst, die Schiefs- Baumwolle für Sprengarbeiten zu verwenden gefucht, und namentlich hatte Oefterreich, wo man, nach General v. Lenk's Vorfchrift, Schiefs- Baumwolle von vorzüglichen Eigenfchaften darzuftellen wufste, die Schiefs- Baumwolle im Jahre 1853 als Sprengpräparat bei der Genietruppe und Artillerie( für Hohlgefchoffe) eingeführt. Aber auch der Anwendung in diefer Eigenfchaft ftellten fich nicht geringe Bedenken entgegen, deren gewichtigftes fich auf die inzwifchen unzweifelhaft feftgeftellte Thatfache der Selbftzerfetzbarkeit der Schiefs- Baumwolle gründete. Nichtsdeftoweniger gab man die Verfuche noch nicht auf, die theilweife fehr verlockenden Vorzüge der Schiefs- Baumwolle, zumal für Kriegszwecke zu verwenden und fuchte durch befondere Sorgfalt in der Darftellung, fowie durch Behandlung des fertigen Productes mit fchwachen Alcalilöfungen( nach v. Lenk Wafferglas) dem Mangel der Selbftzerfetzbarkeit, den man durch ungenügende Entfernung des Reftes vom Säuregemifch verfchuldet glaubte, zu begegnen. Als aber endlich am 31. Juli 1862 das Lager der in der Hirtenberger Fabrik( Oefterreich) nach v. Lenk's Verfahren dargeftellten, einer Selbftzerfetzung vermeintlich nicht fähigen Schiefs- Baumwolle ohne nachweisliche Veranlaffung in den Simmeringer Magazinen explodirte, war trotz der verfuchten Bemäntelung der Beweis hergeftellt, dafs die Selbftzerfetzung der Schiefs- Baumwolle, von der man früher nur einen gefahrlofen Verlauf gekannt hatte, auch höchft gefährlich werden könne, und damit fchien endlich der Stab über die Schiefs- Baumwolle gebrochen. Während man nun die Fortfetzung weiterer Verfuche allenthalben aufliefs, vielfach auch die gefährlich fcheinenden Vorräthe an Schiefs- Baumwolle der Vernichtung preisgab, hatten nur General v. Lenk, der fein bis 1862 als Geheimnifs Oefterreichs behandeltes Verfahren der Darftellung von Schiefs- Baumwolle nun auch anderen Regierungen mittheilte, und der bekannte Profeffor F. A. Abel die Hoffnung nicht aufgegeben, trotz aller gegentheiligen Meinungen die Schiefs- Baumwolle noch zu Ehren zu bringen. Vornehmlich gebührt Abel das Verdienft, durch feine im Jahre 1867 patentirte Methode der Darftellung von Schiefs- Baumwolle oder Gemifchen verfchiedener Schiefswoll- Qualitäten in verdichteter oder gekörnter Form, fowie durch feine Angaben über eine gefahrlofe Aufbewahrungsweife und Confervirung derfelben, die Frage der Verwendung von Schiefs- Baumwolle zu militärifchen Zwecken wieder discutirbar gemacht zu haben. Sein Verfahren befteht in Wefenheit darin, dafs fertige Schiefswolle, anftatt wie bisher in Form von Lunten, Garn oder lockeren Baufchen verwendet zu werden, durch Verkleinerung auf einer Art Holländer, ganz nach Art der Herſtellung des Papierzeugs, in einen zarten Brei verwandelt wird, aus welchem dann Scheiben, Cylinder, Blätter oder aber dem Schwarzpulver- Korne ähnliche Körner geformt und durch Preffung gehörig verdichtet werden können. Auf diefem Wege läfst fich die Heftigkeit der Exploſion, die ein wefentliches Hindernifs in der Anwendung von Schiefswolle zu balliſtiſchen Zwecken war, nicht nur wefentlich verringern, fondern es gelingt auch auf diefe Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 23 Weife, durch Herſtellung von Mifchungen verfchieden ftark nitrirter Wollforten oder durch Beimifchung indifferenter Stoffe zu guter Schiefswolle, Producte von variablem Effecte herzuftellen, was diefe neue Form der Schiefswolle dem durch Aenderung der Zufammenfetzungsverhältniffe in feiner Wirkungsweife fo fehr modulirbaren Schwarzpulver wefentlich ähnlicher macht. Ein anderer, nicht unwefentlicher Vortheil, den das Abel'fche Verfahren bietet, ift auch der, dafs fich bei feiner Anwendungsform der Schiefswolle auch geringe Wollforten, Scheerwolle, Spinnabfälle* u. f. w. für Schiefs- BaumwollFabrication verwenden laffen und alfo das Präparat auch billiger darftellbar ift. Durch diefe Form der Anwendung und nicht minder durch die gleichfalls Abel zu verdankende Erfahrung, dafs fich Schiefs- Baumwolle wenn vor der Einwirkung des directen Tageslichtes gefchützt, im feuchten Zuftande völlig unzerfetzt aufbewahren laffe, ift ohne Zweifel die Frage der Verwendbarkeit diefes Exploſivftoffes in ein neues Stadium getreten und ist ohne Zweifel durch den von Brown in Woolwich geführten Nachweis, dafs auch die Schiefswolle durch Anwendung der zuerft von Alf. Nobel für Nitroglycerin- Präparate mit Erfolg verwendeten Detonationszündung( Zündung mittelft eines heftig detonirenden Knallpräparates) zur vollen Entwicklung ihrer Explofionswirkung gebracht werden könne, ihrer günftigen Löfung nähergerückt worden. So dürfte denn die Schiefs- Baumwolle in ihrer neuen Geftalt mehr zu Ehren kommen, als das bei der ursprünglichen Form derfelben der Fall war und es erübrigt nur noch die Löfung des Problems einer ungefährlichen und doch genügend rafchen Trocknung des zu verwendenden Productes, um auch das letzte Bedenken zu befeitigen, wenn nicht etwa die neueftens von Brown gemachte Entdeckung, dafs auch feuchte Schiefs- Baumwolle( mit bis 20 Percent betragendem Waffergehalte) explofibel fei, der Frage eine neue Wendung gibt. - Bei folch' günftigen Aufpicien hat denn in der That die Schiefs- BaumwollFabrication wieder feften Fufs gefafst und die Patent Safety Gun Cotton Factory in Stowmarket, deren technifcher Dirigent E. C. Prentice auch ein Verfahren zur Darftellung wafferdichter Schiefs- Baumwolle** erfonnen hat, liefert bereits feit Jahren Schiefswolle, die nach einem, auf die Erfahrungen von Lenk und Abel gegründeten, durch Prentice theilweife verbefferten Verfahren dargeftellt wird. In der jüngften Zeit foll diefe Firma, welche ihre Schiefs- Baumwolle in Geftalt von Sicherheitspatronen in Handel bringt, monatlich 30 his 40 Tonnen ihrer comprimirten Schiefs- Baumwolle abgefetzt haben. Auch die englifche Regierung hat die comprimirte Schiefs- Baumwolle neuerdings für militärifche Zwecke eingeführt und behufs ausgedehnterer Fabrication derfelben mehrere Fabriken eingerichtet. Ihrem Beiſpiele dürften bald auch andere Regierungen folgen; wenigftens in Oefterreich hat man neuefter Zeit der comprimirten Schiefs- Baumwolle einige Aufmerkfamkeit zugewendet und ausgedehnte Verfuche über die Brauchbarkeit derfelben anftellen laffen, die, wie aus den bezüglichen Berichten hervorgeht, ein fehr günftiges Refultat gehabt haben. Das Vorkommnifs einer Explofion von comprimirter Schiefs- Baumwolle, wie fich eine folche in der Fabrik zu Stowmarket ereignet hat, dürfte, fo fehr diefer Fall auch zur Vorficht mahnt, doch kein Grund fein, fich neuerdings vor jedem weiteren Verfuche in Bezug auf comprimirte Schiefs- Baumwolle abfchrecken zu laffen. Auf der Ausstellung war Schiefs- Baumwolle nur fpärlich vertreten. Es war die Henry Rifled- Barrel- Company, Blenheim Works, London, welche unter anderem Kriegsmateriale auch Patronen aus comprimirter Schiefs- Baumwolle von der Fabrik Punfhou& Comp. in London ausgeftellt * Im Jahre 1868 liefs fich auch Berard in Paris die Verwendung von Scheerwolle für die Darftellung von Schiefs- Baumwolle patentiren. ** Prentice tränkt zu diefem Zwecke die Schiefs- Baumwolle mit Löfungen von Paraffin in flüchtigen Oelen. 24 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. hatte, als deren wefentlichfter Vorzug die in der Natur der comprimirten SchiefsBaumwolle liegende Eigenthümlichkeit hervorgehoben werden kann, dafs fie, frei entzündet, ruhig abbrennen und erft bei geeigneter Zündung im abgefchloffenen Raume ihre, der des Schwarzpulvers weit überlegene Wirkung entfalten. Oefterreich, das bekanntlich in feiner Fabrik zu Hirtenberg gleichfalls comprimirte Schiefs- Baumwolle von vorzüglicher Qualität erzeugt, war auf der Ausftel lung mit diefem Erzeugniffe gar nicht vertreten, dagegen hatten die öfterreichifchen Ausfteller J. Mahler& Efchenbacher in Wien in ihrem der Darstellung moderner Sprengtechnik gewidmeten Pavillon Imitationen von Profeffor Abel's comprimirter Schiefs- Baumwolle ausgeftellt. Nitroglycerin und Nitroglycerin- Präparate. Die von Sobrero im Jahre 1847 zu Paris gemachte Entdeckung, dafs Glycerin ähnlich der Cellulofe durch Einwirkung von Salpeter- Schwefelfäure in einen explofiven Körper, das „ Pyroglycerin", verwandelt werden könne, ift bekanntlich erft im Jahre 1863 durch Alfred Nobel in Stockholm für die Praxis nutzbar gemacht worden. Seinen mit feltener Kühnheit ausgeführten Verfuchen war es gelungen, zunächft eine einfache und im Grofsen ausführbare Methode der Nitroglycerin- Bereitung zu ermitteln und weiters auch die Bedingungen einer praktiſchen Anwendung desfelben für Sprengzwecke feftzuftellen. Bei dem relativ mässigen Preife, zu dem Nobel fein Patent- Sprengöl in den Handel brachte und der von keinem anderen Sprengmittel erreichten brifanten Wirkung, hätte dasfelbe ohne Zweifel fehr bald alle anderen Sprengmittel aus dem Felde gefchlagen, wenn nicht mehrere unheilvolle Explofionen, deren eine( 1864) die Nobel'fche Fabrik in Stockholm felbft zerftörte, das Hantiren mit dem neuen Sprengftoffe hätte gefährlicher erfcheinen laffen, als es Nobel hingeftellt hatte. Als überdiefs noch da und dort beim Transporte und an Orten, wo Nitroglycerin aufbewahrt wurde, ohne nachweisbare Veranlaffung Kataftrophen der fürchterlichften Art durch Explofionen des neuen Sprengmittels erfolgten, da fchien trotz aller Vorzüge, die das Nitroglycerin durch feine enorme Sprengkraft und die bei feiner Anwendung mögliche bedeutende Erfparnifs an Bohrarbeit, wie nicht minder durch feine bequeme Anwendbarkeit in naffem Gefteine und unter Waffer bot, das Schickfal diefes neuen Sprengstoffes entfchieden. Nicht nur, dafs felbft einzelne herzhafte Sprengtechniker, trotz der Bemühungen Nobel's, die Ungefährlichkeit feines Präparates bei vorfichtigem Gebahren mit demfelben darzuthun, vor der Anwendung desfelben zurückfchreckten, es wurde auch von mehreren Regierungen die Fabrication, wie die Einfuhr und der Gebrauch diefes der befonderen Gefährlichkeit einmal verdächtigen Spreng ftoffes geradezu verboten und fein Transport feitens der meiften Transportgefellfchaften verweigert. Das Auftreten folcher Schwierigkeiten veranlafsten Nobel, der inzwifchen durch Einführung der Detonationszündung mit feinen PatentZündkapfeln die Mitverwendung von Schiefspulver zur Zündung feiner Nitroglycerin- Patronen völlig entbehrlich gemacht hatte, zur Anftellung von Verfuchen, das Nitroglycerin, deffen leichte Explodirbarkeit durch Stofs oder Reibung, ja auch durch Selbftentmifchung nun einmal nicht mehr zu leugnen war, wenigftens für den Transport und die Aufbewahrung gefahrlos zu machen. Die erfte Frucht diefer Verfuche war 1866 fein„ methylirtes Sprengöl"( eine Löfung von Nitroglycerin in Holzgeift), das an fich vollkommen unexplofiv, ficher transportirt und aufbewahrt werden konnte und im Momente des Bedarfes durch Zufatz von Waffer die Abfcheidung( für welche Nobel eine befondere Abfcheidungsflafche conftruirt hatte) des fofort verwendbaren Nitroglycerins geftattete. Allein diefe Form, in der übrigens Nobel noch jetzt Sprengöl für beftimmte Zwecke verfendet, wäre fchon wegen der durch die Anwendung des immerhin nicht billigen Löfungsmittels unvermeidlichen Vertheuerung des Präparates nicht zu begündarnach angethan gewefen, die allgemeine Einführung des Sprengöles ftigen. Da trat Nobel im Jahre 1867, nachdem zum Theile fchon früher von anderer Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 25 Seite Vorfchläge gemacht worden waren, die vornehmlich durch feine flüffige Form bedingten Uebelftände des Sprengöles durch Vermifchen desfelben mit Sand zu befeitigen und weiters auch H. Wurtz fich bemüht hatte, durch Beimifchung von Nitraten des Calciums, Magneſiums oder Zinks dem Nitroglycerin für die Zeit der Aufbewahrung oder des Transportes feine Explofibilität zu benehmen( ein Zweck, den Ch. Seely durch Zufatz von alkalifchen Subftanzen zu erreichen fuchte), mit der Ankündigung eines neuen Sprengmittels hervor, das lediglich eine neue Geftalt feines Sprengöles war. Diefer neue Sprengftoff, der den Namen„, PatentPulverdynamit" führte, war in Wefenheit eine mit Nitroglycerin gefättigte, lockere Infuforienerde( Kiefelguhr), die allein dem Nitroglycerin Gehalte ihre Sprengkraft verdankte, während die Infuforienerde nur die Rolle des Auffaugungsftoffes für das flüffige Sprengmittel zu fpielen hatte. Die Vorzüge, welche Nobel diefem neuen Nitroglycerin- Präparate nachrühmte, als: faft vollſtändige Gefahrlofigkeit, Unfchädlichkeit der Exploſionsgafe bei Abwefenheit von Rauch, gleiche Wirkung mit dem Sprengöle bei 50percentiger Erfparnifs gegenüber dem Schwarzpulver, Anwendbarkeit in naffen Bohrlöchern etc., waren, wie begreiflich, ganz geeignet, die Aufmerkfamkeit der Welt auf diefes neue Sprengmittel zu lenken. Es fehlte nicht an Verfuchen, die über die Anwendbarkeit diefer weniger gefährlichen Form des Nitroglycerins angeftellt wurden, und das Ergebnifs derfelben war ein überwiegend fo günftiges, dafs man fich allenthalben zur Einführung diefes fo vortheilhaften Explofivftoffes entfchlofs. Kaum ein Jahr fpäter war' Nobel's Dynamit, fchon ein fehr gefuchtes Sprengmittel und ein Beweis für die Rafchheit, mit welcher fich dasfelbe Eingang in die Praxis verfchafft hat, liegt darin, dafs bis Mitte des Jahres 1868 bereits über 1000 Centner Dynamit verkauft waren, ohne dafs dabei alle Beftellungen hätten effectuirt werden können. An Vorfchlägen anderer Art das Nitroglycerin mit möglichfter Vermeidung gröfserer Gefahr dem Dienfte der Sprengtechnik zu erhalten hat es übrigens auch fpäter nicht gefehlt. So empfahl E. Kopp, von der Anficht ausgehend, dafs wefentlich der Transport und die längere Aufbewahrung des der Selbftzerfetzung fähigen Nitroglycerins zur Quelle gefährlicher Explofionen werden können, die Herftellung des jedesmaligen Bedarfes an Nitroglycerin an Ort und Stelle, und fchlug zu diefem Ende eine einfache und im Kleinen ganz gut durchführbare Methode der Nitroglycerinbereitung vor. A. E. Rudberg, welcher mit Rücksicht auf die bei der Nitroglycerinfabrication felbft eintretende Möglichkeit einer Explosion einen automatiſch und continuirlich wirkenden Apparat zur fabriksmäfsigen Erzeugung grofser Quantitäten von Sprengöl conftruirt hatte, empfahl 1868 den Zufatz geringer Mengen von Benzol, Nitrobenzol und ähnlichen Stoffen zum Nitroglycerin, um demfelben die für den Transport und die Hantirung befonders gefährliche Eigenfchaft, bei Temparaturen unter acht Grad Celfius theilweiſe erftarren zu können, zu benehmen. Solchen Vorfchlägen, die beffer gemeint als für die grofse Praxis geeignet waren und nimmermehr dem Nitroglycerin zu der Bedeutung verholfen haben würden, die es heute in Geftalt des Dynamit hat, folgten in Nachahmung der Nobel'fchen Idee, das Nitroglycerin durch Beimifchung eines dasfelbe auffaugenden feften Stoffes in die zweifellos weniger gefährliche und zudem handlichere Form des Dynamit zu bringen, bald andere in nicht geringer Zahl. So fchlug Horsley zu Cheltenham( 1869), offenbar in falfcher Auffaffung der Rolle des Kiefelguhr im Dynamit, die Anwendung von gepulvertem Alaun oder Bitterfalz als Auffaugungsftoffen für Nitroglycerin vor, während im felben Jahre W. Sheam das, feiner Zeit von Ed. Schultze& Comp. in Potsdam dargestellte weifse Pulver( nitrirtes und falpetrifirtes Holzpulver) mit 10 bis 16 Percent Nitroglycerin befeuchtet als wirkfames Sprengmittel empfahl. 26 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Gleichfalls 1869 liefs fich Alfred Nobel felbft zunächft für England, fpäter auch für Frankreich und andere Staaten zwei neue Sprengpräparate patentiren, deren ftärkeres aus 68 Theilen Bariumnitrat, 12 Theilen Kohle und 20 Theilen Nitroglycerin, ein fchwächeres aus 70. Theilen Bariumnitrat 10 Theilen Harz und 20 Theilen Nitroglycerin beftand, und ziemlich gleichzeitig trat auch C. Dittmar in Charlottenburg mit einem„ Dualin" genannten Nitroglycerin Präparate hervor, das nach dem amerikanifchen Patente, angeblich aus Cellulofe, Nitrocellulofe, Nitroftärke, Nitromannit und Nitroglycerin oder aus Cellulofe, Salpeter und Nitroglycerin dargeftellt fein follte, aber wahrfcheinlich nur das Sheam'fche Präparat unter neuem Namen war. Später folgte der von der Firma Gebrüder Krebs& Comp. zu Deutz bei Köln in den Handel gebrachte ,, Lithofracteur", ein Nitroglycerinpräparat, welches nach der Unterfuchung J. Trauzl's nahezu den Verhältniffen, 30 Theile Kiefelguhr, 12 Theile Steinkohlen- Pulver, 4 Theile Salpeter und 2 Theile Schwefel zu 52 Theile Nitroglycerin entspricht, dann im Jahre 1871 das von den Gebrüdern Wafferfuhr& Comp. in Köln dargeftellte Coloniapulver, das in Wefenheit ein mit 30 bis 35 Procent Nitroglycerin gemengtes Schwarzpulver zu fein fcheint, deffen Zufammenfetzung von der des gewöhnlichen Schwarzpulvers theilweife abweicht. Diefen neuen Geftalten des Spregnöles fchloffen fich im Jahre 1871 und auch 1872 mehrere andere, theils von A. Nobel theils von J. Trauzl hergeftellte leichtere Dynamitforten und weiters auch ein.„ Fulminatin" genanntes Sprengmittel an. das von Dr. Fuchs in Alt- Berun( Schlefien) empfohlen wurde und aller Wahrfcheinlichkeit nach aus Nitroftärke, Nitroglycerin, Kiefelguhr, Salpeter und Holzmehl beftehen dürfte. Endlich wurde bei Gelegenheit der Belagerung von Paris auch die Verwendbarkeit von Tripel, Kaolin, Thonerde fowie befonders auch von Zucker als Auffaugungsmittel für Nitroglycerin geprüft und von Girard, Millet und Vogt empfohlen. Ueber den Werth der wichtigften diefer Nitroglycerinpräparate liegen abgefehen von den vielfachen günftigen Zeugnifsen über die Nobel'fchen Dynamit forten**, deren wohlerworbener guter Ruf fich bei den mannigfachften Verfuchen bewährt hat, bezüglich des Dualins dann des Lithofracteur und des Coloniapulvers zum Theile fehr eingehende Unterfuchungen vor. So war das Dualin Gegenftand einer Reihe von dem k. k. öfterreichifchen militärifch technifchen Comité im Jahre 1870 nächft Hütteldorf ausgeführter Verfuche, bei welchen fich herausftellte, dafs diefes Sprengmittel bei ähnlicher, aber weniger brifanter Wirkung als Dynamit, fich als Sprengmittel gut verwenden laffe, dagegen aber infoferne keine befondere Erfparnifs vor älteren Sprengmitteln biete, als es bei gleichem Volumen blofs etwa die gleiche Leiftung wie Schwarzpulver gibt, dem Dynamit gegenüber fogar nur 50 Percent des Effectes liefert, der fich mit den gleichen Volumen Dynamit erreichen läfst. Der Lithofracteur, welcher fich beim Sprengen eiferner Gefchütze am Mont Valérien mit vorzüglichem Erfolge bewährt hatte, wurde von dem Spreng mittel- Comité des englifchen Kriegsminifteriums einer Prüfung unterworfen, bei der fich derfelbe als ein fehr brauchbares, dem Dynamit in feiner Wirkung am nächften kommendes Sprengmittel erwies. Bezüglich des Coloniapulvers endlich liegen bisher nur die Ergebniffe einzelner, in verfchiedenen Bergwerken vorgenommener Verfuche vor, denen zu Folge diefes Sprengmittel zwar unftreitig das Schwarzpulver übertrifft, aber dem Dynamit nachftehen foll, was bei dem wefentlich geringeren Nitroglyceringehalte umfoweniger auffallen kann, als bei der Explofion des Nitroglycerins der zur Auffaugung verwendete Pulverfatz wohl kaum Zeit zur Entwicklung feiner eigenen * Eine Mifchung von Schwarzpulver mit Nitroglycerin hat bekanntlich zuerft Nobel fchon im Jahre 1864 als Sprengmittel verwendet. ** Ueber die bei Dynamitfprengungen gemachten Erfahrungen hatte das italieniſche Marineminifterium einen fehr intereffanten graphifchen Nachwes ausgeftellt. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 27 Explofionswirkung finden oder diefe wenigftens nur fehr unvollkommen zur Geltung kommen dürfte. Auf der Ausftellung waren Nitroglycerinpräparate im Ganzen gut repräfentirt. Von Nobel's Sprengpräparaten fanden fich zwei Collectionen vor, deren eine die Firma Alfred Nobel& Comp., welche in Krümmel( Lauenburg) und Zámky nächft Prag( Böhmen) gröfsere Nitroglycerin- und Dynamitfabriken befitzt, die andere J. Mahler& Efchenhacher in Wien, welche Firma, die nebft A. Schram in Prag mit dem ausfchliefslichen Verlage der Nobel'fchen Sprengpräparate betraut ift, diefe in einem der Ausftellung moderner Sprengmittel gewidmeten Pavillon ausgeftellt hatte. Die Fabriken von Nobel& Comp. zu Krümmel und zu Zámky, von welchen. Mahler& Efchenbacher auch fehr intereffante plaftifche Pläne zur Ausftellung gebracht hatten, erzeugen dermalen mehrere Sorten von Dynamit, die in imitirten. Muftern in beiden Collectionen vertreten waren. Die wichtigften diefer beiden Dynamitforten, die für den BergwerksGebrauch ausfchliefslich in Pergamentpapier- Patronen verfchiedener Grösse in den Handel kommen, find folgende: Dynamit Nr. 1. Eine fich fettig anfühlende, faft breiige Maffe von lichtbrauner Farbe, welche aus 25 Percent Kiefelguhr und 75 Percent Nitroglycerin befteht, verdankt diefe Dynamitforte ihrem hohen Sprengölgehalte die kräftigſte Wirkung unter allen Nitroglycerin- Präparaten und eignet fich folcher Geftalt vornehmlich für Sprengungen in fehr hartem Gefteine, für Sprengungen von Eifen, fowie für die Ausführung der Maillfert'fchen Sprengmethode mit frei aufliegenden Ladungen, fo dafs fie demnach in erfter Linie für militärifche Zwecke befondere Bedeutung hat. Der Preis diefer Dynamitforte beträgt IIo fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner. Dynamit Nr. 2 bildet eine bräunlich gefärbte Maffe von 13 ſpecififchem Gewichte, welche neben 48 bis 50 Percent Nitroglycerin und 10 Percent Kiefelguhr 40 Percent gedarrten und falpetrifirten Holzmehles enthält. Diefe Dynamitforte, deren Preis 80 fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner beträgt, ift namentlich für Sprengungen in mittelhartem Gefteine geeignet und kann überall da, wo das Geftein nicht allzuhart oder zu weich ift, mit Vortheil verwendet werden. Dynamit Nr. 3 ift eine gleichfalls bräunlich gefärbte pulverige Maffe von gleicher Dichte, wie die Sorte Nr. 2, mit der es auch die Qualität der Beftandtheile gemein hat. Sein Mifchungsverhältnifs ift 30 bis 35 Percent Nitroglycerin, 5 Percent Kiefelguhr und 60 Percent falpetrifirtes Holzmehl. Er ift namentlich für milde Steinforten, zu Erdfprengungen insbefondere aber für die Sprengarbeit in Braun- oder Schwarzkohle beftimmt, wo er gröfsere Ausbeuten an Stückkohle bei rafcher Arbeit zu erzielen geftattet. Der Preis diefer Dynamitforte beträgt per Zollcentner 62 fl. öfterreichifcher Währung. Wiewohl die genannten Dynamitforten fämmtlich zumal in Geftalt von Pergamentpapier- Patronen zur Sprengarbeit in naffen Bohrlöchern und unter Waffer verwendbar find und nur bei längerer Einwirkung des Waffers den Dienft verfagen, erzeugt die Firma Nobel& Comp. neueftens noch eine Dynamitforte, welche vornehmlich für Arbeiten unter Waffer beftimmt ift. Diefe Dynamitforte, welche der Hauptfache nach aus Holzftoff und Nitroglycerin im Verhältniffe von 1: 3 befteht, bleibt im Waffer vollkommen unverändert und kann, wie diefsbezügliche Proben dargethan haben, ohne wafferdichte Umhüllung 8 bis 10 Tage und noch länger unter Waffer verweilen ohne an Explofibilität und Krafteffect etwas einzubüfsen. Ueberdiefs erzeugt die Firma nach Bedarf für beftimmte Zwecke auch andere Nitroglycerin- Präparate fo z. B. mit Nitroglycerin inprägnirte Schiefswolle und andere Mifchungen, welche vornehmlich zur Herftellung von Zünd*) Nobel& Comp. hatten in Deutschland Gruppe III ausgeftellt. 28 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. patronen für gröfsere Dynamitladungen beftimmt find, und fie liefert endlich auch die für die Zündung der einzelnen Dynamitforten erforderlichen ftarken Knallund Zündkapfeln, welche im Allgemeinen für Dynamit Nr. I uud die leichteren Dynamitforten Nr. 2 und 3:01 bis 0'4 Gramm, für gefrorenes Dynamit dagegen I Gramm und darüber an Knallqueckfilber- Satz zu enthalten pflegen. Die Betriebsweife der Nobel'fchen Fabriken ift hinfichtlich der Nitroglycerin Fabrication im Principe noch die von Nobel urfprünglich in Anwendung gebrachte. Die Nitrirung des Glycerins wird in einem aus Bleiblech hergestellten, entſprechend verftärkten Mifchungscylinder vorgenommen, der die Herftellung von mehreren Centnern Nitroglycerin in einer Operation geftattet. In diefem Cylinder find zwei eng gewundene Kühlfchlangen aus Bleirohr eingefetzt, welche während jeder Operation unausgefetzt von Eiswaffer durchftrömt werden, das aus einem höher gelegenen koloffalen Baffin eintretend, mit fo bedeutendem Gefälle abfliefst, dafs für den Fall des Leckens eines diefer Schlangenrohre ein Austritt von Waffer in das Säure- und Glyceringemifche nicht zu beforgen ift.* Eine mittelft einer Seiltransmiffion betriebene Rührvorrichtung beforgt die Mifchung des in dem Cylinder aufgefüllten Säuregemifches( Salpeter- Schwefelfäure) mit dem allmälig zufliefsenden Glycerin, während an verfchiedene Stellen eingefetzte Thermometer die jeweilig herrfchende Temperatur zu beobachten geftatten. Am Boden des Mifchcylinders ift ein leicht zu öffnender Ablasshahn von fo grofsem Lumen eingefetzt, dafs für den Fall einer nicht zu bewältigenden Temperaturfteigerung ein faft momentanes Ablaffen der Mifchung in ein in nächfter Nähe aufgeftelltes, ftets mit Waffer gefülltes grofses Baffin möglich ift. Jede einzelne Operation, welche mehrere Centner Nitroglycerin liefert, nimmt eine Zeit von bis 1 Stunden in Anfpruch. Die Temperatur wird fo geregelt, dafs fie die Höhe von 18 Grad Celfius nicht überfchreitet und ift für die Controle des regelrechten Ganges der Operation ftets ein erfahrener Chemiker zugegen. Nach vollendeter Operation wird die Mifchung direct in ein grofses mit Waffer( im Winter angewärmt) gefülltes Gefäfs abgelaffen, wo fich das Nitroglycerin von dem verdünnten Säuregemifche fcheidet und von hier aus wird nach erfolgter Abfcheidung das rohe Sprengöl behufs vollkommener Entfäuerung in ein nach Art eines Butterfaffes conftruirtes Gefäfs gebracht, worin es mit Sodalöfung behandelt und endlich forgfältig gewafchen wird. Das gewafchene und von Waffer endlich völlig befreite Nitroclycerin wird fchliefslich durch Flanell filtrirt, um fofort weiter auf Dynamit verarbeitet zu werden, was durch Mifchen des vorher vollkommen getrockneten und von gröberen Unreinigkeiten forgfältig befreiten Kiefelguhr( oder den geeigneten Mifchungen) mittelft Handarbeit gefchieht. Alle einzelnen Operationen, das ift Nitrirung, Scheidung, Wafchung. Filtration und Verarbeitung auf Dynamit, werden in gefonderten leichten Holzbauten ausgeführt, die für den Fall einer Explofion durch ftarke Erdwälle von einander gefchützt und übrigens fo angelegt find, dafs zur Vermittlung der Beförderung des Nitroclycerins aus einem Arbeitsraum in den nächften das natürliche Gefälle benutzt werden kann, fomit ein Umfüllen und Hin und Hertragen des Sprengöles vermieden ift. Auch die Herftellung der Dynamitpatronen wird in einzelnen, von ein ander durch ftarke Erdwälle getrennten Holzhütten vollführt, in welchen je zwei bis höchftens vier Perfonen befchäftigt find, denen ftets nur geringe Quantitäten von Dynamit übergeben und die fertigen Patronen in kurzen Zeitintervallen von einem Vormeifter abgenommen werden. Die Füllung der Patronen gefchieht * Es iſt diefe Vorficht infoferne von groser Bedeutung, als bei dem Contacte des concentrirten Säuregemifches mit Waffer, wo diefes nicht in Maffe vorhanden ist, unfehlbar eine bedeutende Erhitzung der Mifchung und alfo eine Explofion des fchon gebildeten Nitroglycerins eintreten würde. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 29 mittelft Handmafchinen, welche nach Art der Cigarrettenftopfer conftruirt und fo eingerichtet find, dafs die in Meffinghülfen gehenden Holzpiftons, welche die in einem am Obertheile der Meffinghülfe befeftigten Lederbeutel aufgefüllte Dynamitmaffe bei jedesmaligem Niedergange durch die Meffighülfe hindurch in die untergehaltene Pergament- Papierhülfe einzudrücken beftimmt find, mittelft einer gegen den Führungshebel drückenden kräftigen Feder, ein ftarkes Herabftofsen nicht zulaffen, wodurch der Gefahr einer Explofion durch Unvorfichtigkeit der Arbeiter vorgebeugt wird. Für die kältere Jahreszeit find die einzelnen Arbeitsräume mit gefonderten Warmwaffer- Heizungen verfehen. Diefe Einrichtung der Nobel'fchen Fabriken hat fich feither, kleinere durch hochgradige Unvorfichtigkeit der Arbeiter verfchuldete Unglücksfälle abgerechnet, trefflich bewährt und es fpricht wohl für die Zweckmäfsigkeit derfelben am meiften die Thatfache, dafs feit den zwei Jahren ihrer vollſtändigen Durchführung bei einer Erzeugung von etwa 25.000 Centner Dynamit, inclufive der Fabrication von mehr als zwanzig Millionen Patronen, fich nur ein Unglücksfall in einer Patronenhütte ereignete, welcher nachweislich durch eine grofse Leichtfertigkeit des einen der hiebei verünglückten beiden Arbeiter verfchuldet war. Speciell bezüglich der Fabrication des Nitroglycerins dürfte die Nobel'fche Methode der Maffenproduction nicht anzufechten fein. Sie liefert offenbar ein gleichmässigeres Product als das bei Anwendung des übrigens fehr finnreichen Rudberg'fchen Apparates oder der Methode möglich ift. welche G. M. Mowbray in den der Erzeugung des Sprengöl- Bedarfes für die Arbeiten am Hoofactunnel dienenden Nitroclycerin-Works bei Maffachuſetts eingeführt hat. Mowbray's Methode, welche in Wefenheit darin befteht, dafs bei ihr die Nitrirung des Glycerins in einzelnen kleineren Gefäfsen, alfo gewiffermafsen im Kleinen vorgenommen und durch die Ausführung vieler folcher Kleinoperationen zu gleicher Zeit der Bedarf gedeckt wird, dürfte, wenn mit der Arbeit der NitroglycerinBereitung überhaupt eine Explofionsgefahr verbunden ift, was nicht bezweifelt werden foll, kaum den Vorzug verdienen. Denn es ift klar, dafs die Beauffichtigung des Proceffes in 100 und mehr einzelnen Gefäfsen eine unbedingt viel fchwierigere und das rechtzeitige Eingreifen für den Fall einer Störung des regelmässigen Ganges weniger leicht ift, als das bei einem, wenn auch in gröfserem Mafsftabe fich vollziehenden Einzelproceffe möglich ift, und es wird alfo mit der Anzahl der gleichzeitig in Verwendung ftehenden Gefäfse, die zudem neben einander aufgeftellt find, in denen fich eben fo oft der Procefs vollzieht, auch die Wahr fcheinlichkeit der Exploſion eine gröfsere werden, die, wenn fie eintritt, trotz der jedesmal nur geringen Menge an Nitroglycerin, die in einem Gefäfse fich findet, um nichts weniger gefährlich wäre, als fie es bei dem Verfahren von Nobel werden könnte. Ebenfowenig dürfte auch dem neuefter Zeit( 1871) von P. Champion empfohlenen Apparate für die Darftellung von Nitroglycerin( ein um eine horizontale Axe drehbarer Recipient als Mifchgefäfs) einen befonderen Werth haben, und möchte bei diefem fchon das Erfordernifs eines Bewegungsmechanismus, bei dem Metallcontacte und alfo Explofionsgefahren in Folge der Reibung des fich an allen Apparattheilen fehr leicht hinziehenden Nitroglycerins, fchwer zu vermeiden fein dürften, nicht ganz unbedenklich erfcheinen. So dürfte die Nobel'fche Fabricationsmethode fich wohl auch weiterhin erhalten und es bliebe höchftens zu erwägen, ob nicht etwa durch Einführung einer Rührung mit comprimirter und gekühlter Luft, die durch theilweife Expanſion einer weiteren erheblichen Temperaturerniedrigung fähig ift, eine Rührmethode, wie fie Mowbray bei feinen Kleinoperationen in Anwendung gebrach hat, nicht auch mit gutem Erfolge bei der mit gröfserer Maffe ausgeführten Nitrirungsmethode Nobel's zu verwerthen wäre. Eines nicht unwichtigen Fortfchrittes mag hier noch gedacht werden, welcher in den Nobel'fchen Fabriken dank den Bemühungen I. Trauzl's in der neueften Zeit zur Durchführung gelangt ift. Es ift diefs die 30 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. Einführung der directen Scheidung des Nitroclycerins von dem gebrauchten Säuregemifche, eine Arbeitsmethode, welche die vorherige Verdünnung der Mifchung nach vollendeter Nitrirung umgeht und alfo die nitrose Schwefelfäure, die bei der früheren Methode des Ablaffens der Mifchung in Waffer, als zu verdünnt, nicht weiter verwendbar war, in einer der weiteren Verwendung fähigen Form wieder zu gewinnen geftattet. Wie wichtig die Frage der Wiedergewinnung des zur Nitrirung verwendeten Säuregemifches ift, geht aus der Betrachtung hervor, dafs im letzten Betriebsjahre die Quantität des in nicht weiter verwendbarer Form abgehenden Säuregemifches in einer Concentration, in welcher dasfelbe bei der directen Scheidung wiedergewonnen werden kann, nicht weniger als 35.000 Centner betragen haben würde. Das Säuregemifch, wie es nunmehr bei der directen Scheidung erhalten werden kann, ftellt eine 50 bis 60 Grad Baumé ftarke Schwefelfäure mit einem Gehalte von etwa 14 Percent an Oxydationsftufen des Stickftoffes dar und wird vorläufig zum Preife von 2 fl. öfterreichifcher Währung per Centner an Düngerfabriken abgegeben, die es zur Auffchliefsung von Knochenmehl etc. mit Vortheil verwenden. Es dürfte fich jedoch, namentlich wenn es gelingt das Säuregemifch concentrirter zu erhalten als bisher, als rationeller erweifen, dasfelbe für die Darftellung von Salpeterfäure zu verwenden und fo beffer zu verwerthen als bis jetzt. Was die Productionsgröfse der Nobel'fchen Fabriken betrifft, fo haben diefelben( Krümmel und Zámky) im Jahre 1872 im Ganzen 13.400 Centner Dynamit producirt, wovon in der öfterreichifchen Fabrik zu Zámky 4000 Centner im Werthe von 320.000 fl. erzeugt wurden. Diefe Letztere arbeitet mit 2 Dampfmaschinen ( à 4 Pferdekraft), 3 Trockenöfen für Kiefelguhr und Holzpulver, 40 Patronenmafchinen und befchäftigt 60 bis 80 Arbeiter Ihr Rohmaterial- Verbrauch betrug 2000 Centner Glycerin, 8000 Centner Schwefelfäure und 4000 Centner Salpeterfäure, dann 1000 Centner Kiefelguhr. Von den Erzeugniffen beider Fabriken, die zufammen etwa 200 männliche und 50 weibliche Arbeiter befchäftigen, entfielen im letzten Jahre 12.000 Centner auf Dynamit Nr. 1, 1200 Centner auf Dynamit Nr. 2 und 200 Centner auf Dynamit Nr. 3. Hievon wurde faft die gefammte Production an Dynamit Nr. 2 und 3 in Oefterreich verbraucht, von Dynamit Nr. I etwa 3000 Centner in Oefterreich, der Reft vornehmlich in Deutſchland, Italien und der Türkei abgefetzt. Neuerlich ift der Verbrauch an Dynamit erheblich geftiegen, und betrug der Umfatz bis zu Ende Juni des laufenden Jahres für beide Fabriken bereits 9000 Centner Dynamit Nr 1, 1500 Centner Dynamit Nr. 2 und 600 Centner Dynamit Nr. 3. Beide Fabriken confumiren gegenwärtig per Monat 5000 Centner Schwefelfäure( 66 Grad Beaumé), 1500 Centner Salpeterfäure( 48 Grad Baumé), 500 Centner Glycerin( 30 Grad Baumé) und 5000 Centner rohen Kiefelguhr. Die Gefammtproduction von Dynamit am Continente dürfte fich gegenwärtig auf 50- bis 60.000 Centner per Jahr belaufen, wovon neben den beiden genannten bedeutendften Fabriken noch mehrere andere, an denen theils gleichfalls Nobel betheiligt ift( Italien, Südfrankreich, Deutſchland), oder die in Ländern, wo Nobel keine Patentrechte geniefst auch von anderen Firmen unterhalten werden, participiren. Auch in Stockholm, fowie in San Francisco halten Compagnien, an deren Spitze Nobel fteht, Dynamitfabriken im Betriebe Solche Zahlen fprechen deutlich für die Bedeutung, welche das noch in jungfter Zeit vielfach angefeindete neue Sprengmittel gewonnen hat, und wenn es gelingt noch einzelne Mängel zu befeitigen, dann wird das Dynamit wohl auch da fich Bahn brechen, wo man demfelben heute noch mit Mifstrauen begegnet. Der wefentlichfte diefer Mängel, der vielfach fchon zu Unglücksfällen Veranlaffung gegeben hat, liegt unftreitig in der durch den hohen Gehalt des * Auf die Vortheile der directen Scheidung hatte Referent fchon im Jahre 1869 hingewiefen. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 31 Dynamits, an dem fchon bei+6 Grad Celfius erftarrenden Nitroglycerin bedingten Neigung der Dynamitmaffe hart zu werden( zu gefrieren) und wenn auch durch Anwendung der von Nobel für die Zündung gefrorenen Dynamits beftimmten befonderen Zündkapfeln, die Explofibilität desfelben gefichert ift, fo bleibt doch die mit der unvorfichtigen Handhabung folchen gefrorenen Dynamits verbundene gröfsere Gefährlichkeit desfelben beftehen, und wäre daher die Behebung der fo leichten Gefrierbarkeit des Dynamits ein Problem, deffen Löfung vielleicht nicht allzufchwierig, und das gewifs der Anftellung von Verfuchen werth wäre. Ift erft durch die Befeitigung folcher Mängel das Vertrauen zu dem unftreitig beften alten Sprengmittel gekräftiget, dann ist die allgemeine Einführung desfelben nicht mehr zweifelhaft- dann entfchliefst fich vielleicht auch das doch fonft nicht fo engherzige England, feine Parlaments acte vom Jahre 1869 vollständig zu beheben, und die Anwendung diefes Nitroglycerin- Präparates allgemein zu geftatten, und dann folgen vielleicht auch die bedächtigen Verkehrsgefellfchaften, welche bisher den Transport des Dynamits verweigert haben, dem Beiſpiele, mit dem Oefterreich, ohne feine Liberalität in diefer Frage bedauern zu müffen, bezüglich des Dynamits längst vorangegangen ift. Von anderen Nitroglycerin- Präparaten fand fich in der Ausftellung auch die Imitation eines Productes vor, das unter dem Namen„, verbeffertes DynamitFulminatina" von Candiani und Buffi in Mailand ausgeftellt war. Ob diefes Product identifch mit dem von Dr. Fuchs feinerzeit empfohlenen„ Fulminatin" fei, konnte an der Imitation nicht erkannt werden. Dem Anfehen nach fchien es übrigens( im Original vielleicht nitrirte) Scheerwolle zu fein, die mit Nitroglycerin getränkt werden dürfte. Ueber die Vorzüge und den Werth diefes angeblich verbefferten Dynamits war leider nichts zu erfahren. Im Uebrigen war keinerlei anderes Nitroglycerin- Präparat ausgeftellt, dagegen hatte Dr. Klug in Wien, mehrere Objecte ausgeftellt, an welchen die Sprengwirkungen des von Gebrüder Krebs& Comp. zu Deutz erzeugten Nitroglycerin- Präparates, Lithofracteur" erfichtlich waren. Es liefs fich aus der Befchaffenheit diefer Sprengftücke mit Rückficht auf die Natur des Materiales und die verwendeten Quantitäten an Lithofracteur ent nehmen, dafs diefes Sprengmittel in der That dem Dynamit fehr nahe komme, eine Thatfache, die fchon aus früheren unparteiifchen Berichten über die Refultate der mit Lithofracteur erzielbaren Refultate bekannt ift. Da übrigens, wie die von dem Sprengmittel- Comité des englifchen Kriegsminifteriums angeftellten Verfuche dargethan haben, der Lithofracteur auch gegen Stofs und Schlag ziemlich unempfindlich und bei der Entzündung durch Feuer ohne Explofion verbrennbar ift, fo kann demfelben eine hervorragende Bedeutung unter den modernen Sprengmitteln nicht abgefprochen werden, und würde derfelbe eine um fo gröfsere Beachtung verdienen, wenn nicht auch ihm der Mangel anhinge, leicht zu erftarren, und dann diefelben Fehler zu zeigen, wie fie im gleichen Falle dem Dynamit nachgefagt werden müffen. Zündhütchen und Zündfchnüre. In der Technik der Zündmittel für Ladungen mit Schiefs- und Sprengftoffen hat fich in den letzten Decennien keine wefentliche Neuerung ergeben. Die Zündhütchen- Fabrication, welche allerdings durch die in der jüngften Zeit allgemeiner gewordene Einführung von Hinterladungs- Waffen eine theilweife geänderte Richtung genommen, bedient fich zur Herftellung ihrer Zündfätze und der Ueberführung derfelben in die Form der Hütchen, Spiegel u. f. w. faft ausnahmslos derfelben Methoden, welche feit Jahren hiefür in Verwendung waren, und es find nur geringfügige Aenderungen in der Manipulation die etwa zu verzeichnen wären. Auf der Ausftellung war die Zündhütchen- Induftrie durch mehrere Ausfteller vertreten, von denen die meiften den Forderungen der Neuzeit entsprechend 3 32 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. neben eigentlichen Zündhütchen auch fertige Munition für Hinterladungs- Gewehre, Revolver, Kapfelftutzen u. f. w. zur Ausftellung brachten. So hatte die, von früheren Ausftellungen her, vortheihaft bekannte Firma Gévelot in Paris, neben Zündhütchen der verfchiedenften Art, die eine tadellofe Ausführung erkennen liefsen, auch fertige Munition, darunter Hohlgefchoffe mit Dynamitladung ausgeftellt, ebenfo Die Firma Fusnot& Comp. in Cureghem bei Brüffel, welche neben einer Mufterfammlung der verfchiedenartigften Zündhütchen von trefflicher Arbeit, fertige Lefaucheuxpatronen und Revolvermunition ausgeftellt hatte. In hervorragendfter Weife war diefer Induftriezweig in der Abtheilung für Oefterreich vertreten, wo.fich zwei, die Zündhütchen- Fabrication in grofsem Mafsftabe betreibende Firmen an der Ausftellung betheiligt hatten. Die eine derfelben, vormals Sellier& Bellot, gegenwärtig Actiengefellfchaft, unterhält zwei Fabriksetabliffements, eines zu Prag in Böhmen und eine Filialfabrik zu Schönebeck an der Elbe. Sie ift wohl der bedeutendfte Repräfentant der Zündhütchen- Induftrie am Continente. Beide Fabriken derfelben arbeiten mit vier Dampfmafchinen von circa vierzig Pferdekräften und befchäftigen nahezu 400 Arbeiter. Die Gefammtproduction der beiden Fabriken beläuft fich auf nahe 700 Millionen Stück Zündhütchen, wovon etwa die Hälfte in Oefterreich, Ungarn und Deutfchland verbraucht, der Reft nach England, Frankreich, Spanien, Rufsland, Amerika, Indien u. f. w. exportirt wird. Die Prager Fabrik erzeugt überdiefs als Specialität noch Metallpatronen aller Art für Hinterladungs- Gewehre, welcher Induftriezweig fich feit etwa 10 Jahren auf eine Productionsgröfse von 10 Millionen Stück gehoben hat. Ausserdem werden in beiden Etabliffements, deren jedes feine eigene Salpeterfäure- Fabrik und Laboratorien zur Verarbeitung diverfer Abfälle, fowie zur Erzeugung von Aether, Kupfervitriol u. f. w. aus den Nebenproducten der Knallqueckfilber- Fabrication befitzt, jährlich etwa 200 Millionen Schnüröfen erzeugt, welche faft ausfchliefslich in Oefterreich und Ungarn abgefetzt werden. Zur Ausftellung hatte diefe Firma eine reiche Collection ihrer fich eines bekanntlich fehr guten Rufes erfreuenden Erzeugniffe an Zündhütchen, darunter auch die für Dynamitzündung dienenden Sprengkapfeln, dann an fertigen Patronen für Revolver, Kapfelftützen u. f. w. gebracht, die fich fämmtlich durch nette und gediegene Arbeit auszeichneten. Der zweite Repräfentant der öfterreichifchen Zündhütchen- Induftrie war die Firma C. Reifser und Alder in Wien, welche fich mit einer Anzahl von Proben ihres Fabricates an Zündhütchen und Patronen an der Ausftellung betheiligte. Auch diefe Firma liefert fehr. verlässliche Producte und unterhält ein für Maffenproduction eingerichtetes Etabliffement, deffen Anlage auf eine tägliche Production von einer Million Zündhütchen berechnet ift. Ihre Zündhütchen und Zündpillen, in welche die feuchte Zündfatz- Mifchung mittelft rotirender Scheiben eingefchliffen wird; enthalten den Zündfatz in Geftalt einer fehr feften und dichten Maffe, welche nicht blofs gegen den Einflufs von Feuchtigkeit fehr widerftandsfähig, fondern auch gegen Percuffion und Friction höchft empfindlich ift. Für die Solidität auch diefes Fabricates fpricht übrigens die Thatfache, dafs die Production diefes Etabliffementes, das in wenigen Jahren feines Beftandes im Ganzen mehr als 400 Millionen Stück Zündhütchen an die Armee, fowohl wie an Private geliefert hat, in ftetigem Steigen begriffen ift, wie denn überhaupt die Zündhütchen- Induftrie Oefterreichs, die feit jeher fich eines guten Rufes erfreut, in den letzten Jahren einen lebhaften Auffchwung genommen hat. Es ift diefs am deut lichften aus den Nachweifen über die Gröfse des Exportes an diefem Induſtrieproducte erfichtlich, aus denen hervorgeht, dafs Oefterreich, welches im Jahre 1867 nur 509 Centner an Zündhütchen ausführte, im Jahre 1872 fchon eine Ausfuhr von 1684 Centnern an diefem Artikel aufzuweifen hatte. Hinfichtlich des für Sprengarbeiten fo wichtigen Behelfes der Zündfchnüre ift in den letzten Jahren gleichfalls keine wefentliche Neuerung hervorgekommen. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 33 Während früher ausfchliefslich das Schwefelmännchen und der Halm als Zündmittel für Sprengladungen in Verwendung ftand und nur ausnahmsweife falpeterifirte Schnüre und ähnliche Präparate zur Uebertragung des Feuers auf die Ladung angewendet wurden, hat bekanntlich im Jahre 1831 Bickford zuerft fogenannte Sicherheitszünder conftruirt, indem er aus getheerten Faden Schnüre herftellte, welche mit einer aus langfam brennenden Pulverfatze beftehenden Seele verfehen waren. Das Princip diefer Zünder, deren wefentlicher Vortheil neben der Erzielung gröfserer Sicherheit für den die Zündung beforgenden Arbeiter zunächft der ift, dafs die Einführungsftelle der Zündfchnur auch nach erfolgter Zündung durch das im Zündloche verbleibende ausgebrannte Gefpinnft faft völlig verfchloffen bleibt und alfo der bei weniger brifanten Sprengmitteln fehr fühlbare Abgang von Explosionsgasen durch das Zündloch vermieden wird, ift bisher ungeändert beibehalten worden und nur in der Ausführung desfelben haben fich einzelne Variationen ergeben, die fich vornehmlich auf die Art der Verkleidung der Pulverfeele( Rziha's Drahtzünder( 1863) wafferdichte Zünder, Guttaperchazünder) dann auf die Wahl des Pulverfatzes und endlich auf die Vervollkommnung in der Pulverfüllung, in Hinficht auf die Erzielung einer ficheren Fortpflanzung der Zündung bezogen haben. Mehrfach hat man die Pulverfüllung durch eine folche aus Schiefswolle zu erfetzen gefucht und wohl auch Zündfchnüre für Zündungen im Trockenen lediglich aus Schiefswolle, ohne weitere Verkleidung hergeftellt. Während dergleichen mehr oder weniger langfam brennende, eigentliche Sicherheitszünder bei Sprengarbeiten aller Art fich eingebürgert und die alten Zündmethoden, die übrigens bei der modernen Sprengarbeit mit Nitroglycerin- Präparaten gar nicht anwendbar wären, gröfstentheils verdrängt haben, beginnt in der neueften Zeit, die weitaus rationellere und billigere Zündung mittelft des elektrifchen Funkens oder Stromes( unter Mitverwendung von Zündkapfeln, als Ueberträger der Zündung) fich immer mehr Bahn zu brechen und wird namentlich für Maffenfprengungen, bei welchen die gleichzeitige Exploſion mehrerer Sprengladungen felbftverſtändlich den gröfsten Effect zu erzielen geftattet, kaum umgangen werden können. Als Erfatz für die elektriſche Zündung, die in manchen Fällen wegen Mangel der erforderlichen Vorrichtungen nicht ausführbar fein kann, wo doch die gleichzeitige Zündung mehrerer Sprengladungen erwünſcht fein möchte, hat endlich neuerer Zeit( 1869) der mehrfach genannte k. k. öfterreichiſche Genieofficier J. Trauzel Momentzünder in Anwendung zu bringen verfucht, welche er durch Füllung von Papier- oder Kautfchukröhrchen mit Dynamit herftellte und die Dynamitfeele derfelben durch Detonationszündung( mit Sprengkapfel) zur Explofion brachte. Derartige Dynamit- Zündfchnüre, deren wenngleich nur befchränkte und wohl nur für militärifche Zwecke geeignete Brauchbarkeit durch mehrfache Verfuche aufser Zweifel geftellt ift, will J. Mahler in neuefter Zeit durch Anwendung des der Wafferwirkung völlig widerftehenden Cellulose- Dynamits als Zündmittel verbeffern und diefelben bei einem dann möglichen Erfatze der koftfpieligen wafferdichten Umhüllung durch einfache Leinwand- Schläuche billiger und bequemer herftellen. Nicht unerwähnt kann bleiben, dafs man auch mehrfach Bleiröhrchen, welche mit Pulverfätzen gefüllt waren, als Zünder benützt und namentlich für Zündungen unter Waffer verwendet hat, ein Zündmittel, das übrigens für gewöhnlich zu koftfpielig ift. Die Ausftellung brachte auf dem Gebiete der Zündmittel- Induſtrie nichts bemerkenswerthes Neues, dagegen waren die bekannten und gangbaren Arten von Zündfchnüren mehrfach vertreten. Am intereffanteften war wohl die, leider an etwas ungünftigem Platze untergebrachte Collection der verfchiedenen Sorten von Sicherheitszündern, welche P. P. Heigl in Innsbruck ausgeftellt hatte. Der brachte neben Proben 3* 34 Dr. Wilhelm Friedrich Gintl. der einzelnen Sorten feines Fabricates, das fich im Inlande wie im Auslande des beften Rufes erfreut, eine Gefchichte der Zündung von Sprengfchüffen und der Sicherheitszünder in fehr lehrreichen Modellen und Muftern früher gebräuchlicher Zündmittel, die freilich beffer im Pavillon für Gefchichte der Erfindungen am Platze gewefen wäre. Von den ausgeftellten Muftern feiner Erzeugniffe an Zündfchnüren, welche nach einer Reihe vorliegender Zeugniffe bekannter Sprengtechniker fich als vorzüglich erweifen, waren befonders die dem Originalfabricate in nichts nachftehenden Zündfchnüre nach Bickford bemerkenswerth. Heigl ift übrigens auch der bedeutendfte Fabrikant von Zündfchnüren in Oefterreich, und liefert jährlich mehr als 2 Millionen Meter Zündfchnüre verfchiedenfter Art, die nicht nur von den Staats- Bergwerken, Privat- Gewerkschaften und Bauunternehmungen Oefterreichs confumirt werden, fondern auch grofsentheils im Anslande( Deutfchland, Italien) Abfatz finden. Von anderen Zündfchnur- Fabrikanten hatte fich auch die rühmlichft bekannte Firma Bickford, Smith& Company, Tuckingmill Cornwell, mit Proben ihrer verfchiedenen Sicherheitszünder betheiligt, unter denen namentlich die Guttaperchazünder, welche 15 Fufs unter Waffer fortbrennen, ein fehr beliebtes Erzeugnifs find, während fich alle Sorten von anderen Zündfchnüren gewöhnlich nicht über eine Tiefe von 5 bis 6 Fufs unter Waffer verwenden laffen. Auch zwei fchwedifche Fabrikanten, Th. Winborg und Liljeholmen, beide in Stockholm, hatten Zündfchnüre zur Ausftellung gebracht, von welchen namentlich jene Liljeholmen's ein tadellofes Erzeugnifs waren, während bei jenen Th. Winborg's der etwas fchwachen Verkleidung der Pulverfeele nach zu fchliefsen, die Möglichkeit eines Durchfchlagens des Feuers nicht ganz vermieden zu haben fcheinen. Ein dem Anfcheine nach gutes Fabricat hatte auch Lindahlen's Compagnie in Chriftiania, als einziger Repräfentant diefer Induftrie in Norwegen. ausgeftellt. Andere Fabrikanten von Sicherheitszündern hatten fich an der Ausstellung nicht betheiligt, dagegen hatten Mahler& Efchenbacher in ihrem mehrfach erwähnten Pavillon für moderne Sprengtechnik Mufter verfchiedener Fabricate von Sicherheitszündern, fowohl jener der Firma Bickford, Smith& Comp. als auch der von Hawke& Martin in Genf und endlich jener der englifchen Sicherheitszünder- Fabriks- Actiengefelfchaft zu Meifsen( Sachfen, vormals William Eales& Comp.) zur Ausftellung gebracht.* Sehr intereffant waren auch die von Mahler& Efchenbacher ausgeftellten elektrifchen Zündapparate und Zündleitungen der verfchiedenften Syſteme die fich jedoch, als wefentlich phyfikalifcher Natur, der Befprechung an diefem Orte entziehen. Feuerwerks- Körper. Die Luxus- und Signal Feuerwerkerei, die von Neuerungen wohl nur die neuerer Zeit aufgenommene Anwendung von Pikraten und Thalliumfalzen für die Zwecke der Herſtellung von Bunt- Feuerfätzen aufzuweifen hat, war, wie das bei der Zwecklofigkeit einer Ausftellung leerer Raketenhülfen und imitirter Feuer werks Körper begreiflich ift, von der Ausftellung faft völlig ferne geblieben und nur ein von E. Pascual in Gracia. Barcelona, ausgeftelltes, mit den Hülfen verfchiedener Feuerwerks- Körper armirtes Feuerwerks- Gerüfte und zwei von den Gebrüdern Papi in Rom ausgeftellte Modelle von Vorrichtungen für Kunftfeuerwerke, gaben Zeugnifs, dafs im Süden Europas die Luxus- Feuerwerkerei noch in Ehren fteht. * Mahler& Efchenbacher hatten übrigens auch Mufter der von Trawniczek conftruirten Schnellzünder und der Blei- Zündfchnüre des k. k. techniſch adminiftrativen MilitärComités ausgeftellt. Die Zündwaaren und Explofivftoffe. 35 Feuerwerks- Körper für Signal- Feuerwerkerei, Signallichter, Signalraketen fanden fich in der Ausftellung des königlich italienifchen Marineminifteriums vor, ohne dafs indefs auch diefe Objecte etwas bemerkenswerthes Neues geboten haben würden. Wiewohl fich Ausftellungsobjecte folcher Art felbftverſtändlich jeder Beurtheilung entziehen da wohl Niemand in der Lage ift, fich ein Urtheil über einen Feuerwerks- Körper zu bilden, bevor er deffen Effect gefehen hat, fo war es doch zu bedauern, dafs namentlich Japan und China gar nichts von ihren Erzeugniffen an Feuerwerks- Materiale zur Ausftellung gebracht hatten. Feuerwerks- Körper aus diefen Ländern, die gewifs nur die fatale, Unzuläffigkeit der Originale fernegehalten hat, wären gewifs befonders intereffante Ausftellungsobjecte gewefen. Ein eigenthümliches, gewiffermafsen auch in die Reihe der FeuerwerksKörper gehöriges Ausftellungsobject fand fich in Geftalt der von C. D. Magirus in Ulm ausgeftellten, patentirten Desinfections- Schwärmer vor, deren vortreffliche Wirkfamkeit als Desinfectionsmittel der Luft durch Zeugniffe( darunter auch eines von der Hand eines Chemikers!) belegt wird. Sind diefe nicht etwa identifch mit den fchon längere Zeit bekannten Desinfections Schwärmern, welche, Mifchungen von Salpeter und Kohle mit viel Schwefel, durch Entwicklung von fchwefliger Säure beim Abbrennen zur Zerftörung gewiffer Gerüche, wie des Schwefel- Wafferftoffes und ähnlicher führen können, ohne darum eigentliche Desinfectionmittel zu fein, dann möchte der Werth diefer, wenn man fo fagen darf, Sanitäts- Feuerwerks- Körper, trotz den günftigen Zeugniffe mehrerer Medicinalräthe infolange in Frage geftellt bleiben, bis die Ermittlung ihrer Zufammenfetzung einen Einblick in das Wefen ihrer Wirkung geftattet. BERICHTIGUNGEN: In dem Hefte XXIX ,, Leder" foll es heifsen: Seite 12, Zeile I von oben: Es find diefs das Naphtalingelb oder 29 12, 13, 133 99 16, 11 18. 18, 23 9322 22 27 99 5 14 99 11 39 35 19, 79 19, 22 Mancheftergelb, das Naphtalinroth, Naphtalinbraun und Naphtylblau; nur das erftere findet Anwendung. unten hat das Wort ,, Nüançen" auszubleiben. oben: Flefch" ftatt 11 Flöfch". unten: ,, Corroyeurs" ftatt ,, Corrogeurs". oben: Ala unleder" ftatt ,, Alanuleder". unten: ,, Leather" ftatt Seather". 、 ., nicht" ftatt., nichts". ,, vorgefchrittenen" ftatt ,, vorgefchrittene". OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. APPRETURMITTEL UND HARZ PRODUCTE ( STÄRKE UND STÄRKEPRODUCTE, ALBUMIN, CASEIN, LEIM, HAUSENBLASE, DANN LACKE, FIRNISSE, SIEGELLACKE etc.) ( Gruppe III, Section 7.) BERICHT VON DR. WILHELM FRIEDRICH GINTL, o. ö. Profeffor am deutfchen polytechnischen Landesinftitute und Mitglied des k. k. LandesSanitätsrathes zu Prag etc. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. APPRETURMITTEL UND HARZPRODUCTE. ( STÄRKE UND STÄRKEPRODUCTE, ALBUMIN, CASEIN, LEIM, HAUSENBLASE, DANN LACKE, FIRNISSE, SIEGELLACKE etc.) ( Gruppe III, Section 7.), Bericht von DR. WILHELM FRIEDRICH GINTL, o. ö. Profeffor am deutfchen polytechnifchen Landesinftitute und Mitglied des k. k. LandesSanitätsrathes zu Prag. Die unter dem Titel„ Anderweitige Producte der chemifchen Induftrie" bei der officiellen Gruppeneintheilung in die Section 7 der Gruppe III eingereihten Induftrie producte fcheiden fich in ziemlich natürlicher Weife in Appreturmittel und Harzproducte. In die Claffe der Appreturmittel, das heifst folcher Stoffe, welche vornämlich der Schönung und Fertigstellung der Erzeugniffe der Textil- und Papierinduftrie dienen und von denen einzelne wohl auch als Klebe- und Fixirungsmittel anderweitige Verwendung finden, fallen die Stärke, das Dextrin und die Kunft- Gummiforten, dann der Kleber, das Albumin, Cafeïn, der Leim und die Haufenblafe, während gebleichte und in anderer Weife zubereitete Harze, dann Siegellacke, Firniffe, Lacke, wohl auch gewiffe Kitte ungezwungen als Harzproducte bezeichnet werden können, unbefchadet des Umftandes, dafs auch fie in gewiffem Sinne Appreturmittel find, oder dafs einzelne von ihnen, wie etwa die reinen Oelfirniffe, im ftrengften Sinne des Wortes nicht als Harzproducte angefprochen werden können. Indefs werden wir einer im Intereffe der Ueberfichtlichkeit erwünſchten Syftematik immerhin, und ohne einen wefentlichen Fehler zu begehen, die wiffenfchaftliche Rigorofität zum Opfer bringen können. Wir beginnen mit den APPRETURMITTELN. Diefelben fcheiden fich je nach ihrer Abftammung in folche pflanzlichen und folche thierifchen Urfprungs. Unter den Appreturmitteln pflanzlichen Ursprungs nimmt zunächft die Stärke die erfte Stelle ein. Nicht blos an fich in der Haushaltung fowohl, wie auch in der Induftrie als Appreturmittel verwendet, bildet fie auch den Ausgangspunkt für die Darftellung der diverfen Sorten von Kunftgummi, die nächft der Stärke die wichtigfte Rolle in der Hand des Appreteurs fpielen. 2 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Stärke und Stärkegummi. Als in dem Organismus der Pflanze fertig gebildetes Product des Vegetationsproceffes kann die Stärke nur infoferne als ein Product der chemifchen Induftrie angefehen werden, als ihre Abfcheidung und Gewinnung aus Pflanzentheilen unter Umftänden auf die Mitwirkung chemifcher Proceduren bafirt ift, und man fich doch bei der Herftellung derfelben in handelsgerechter Form des Chemismus nicht ganz entfchlagen kann. Für die fabriksmäfsige Gewinnung der Stärke, deren Vorkommen im Pflanzenreiche ein fehr allgemeines ift, kommen, wiewohl viele, namentlich tropifche Pflanzen einen fehr erheblichen Stärkemehl- Reichthum aufzuweifen haben, gegenwärtig nur wenige in Betracht. Vornämlich find es die Knollen der Kartoffel, dann die Weizen-, Reis- und Maisfrucht, weiters aber auch die Wurzel von Maranta arundinacea( Pfeilwurz), dann die Knollen der Batata, von Iatropha Manihot, fowie von Helianth. tuberosus, das Mark der verfchiedenen Sagusarten, endlich die Früchte der Eiche und der Rofskaftanie, welche in gröfseren Maffen zur Stärkegewinnung herangezogen werden. Für techniſche Zwecke haben indefs blos die Stärkemehle aus Kartoffeln, dann aus Weizen, Mais und Reis, fowie die Bataten und Maniocftärke, denen fich etwa noch die aus Eicheln und Kaftanien gewonnene Stärke anreiht, Bedeutung, während alle anderen Stärkemehl- Sorten faft ausfchliefslich als Nahrungsmittel Verwendung finden oder doch nur ausnahmsweife technifchen Zwecken dienen. In den Gewinnungsmethoden der techniſch wichtigen Stärkeforten hat fich feit der Zeit, als wir die Stärkemehl Induftrie auf der Parifer Ausftellung fahen, nur wenig geändert. Zumal ift die Methode der Kartoffelftärke- Gewinnung, die auch heute noch vornämlich in Deufchland und Oefterreich geübt wird, die alte geblieben und nur fehr langfam finden die Fortfchritte, welche die jüngsten Jahre auf dem Gebiete der Mafchinentechnik gefehen haben, in diefem Zweige der landwirthschaftlichen Induftrie allgemeinen Eingang. So finden wir noch manche Kartoffelftärke- Fabriken, zumal Oefterreichs, in welchen die alte, nach dem Thierry'fchen Principe conftruirte Reibe neben Rüttelfieben oder wohl gar Handfieben in Verwendung fteht, und nur einzelne Fabrikanten haben den alten Schlendrian verlaffen und durch Einführung rationeller Vorrichtungen gewifs nur fich felbft den beften Dienft geleiftet. Bei den entfchiedenen Vorzügen, welche die neueren, befonders durch Fesca eingeführten, Mafchinen für Stärkefabrikation bieten, ift die verhältnifs mäfsig geringe Verbreitung derfelben fchwer begreiflich, und wohl nur theilweife durch den Umftand erklärlich, dafs für die fo glimpflich befteuerte Stärkeinduftrie der Sporn fehlt, der zur Erhöhung des Ertrages durch Vervollkommnung des Betriebes aufmuntern würde, und dafs insbefondere durch die verhältnifsmäfsig fo fchwere Belaftung der Branntweininduftrie eine folche Fülle von Rohmaterial der Stärkefabrikation zur Verfügung bleibt, dafs der weniger ftreng calculirende Fabrikant keinen directen Anlafs findet, an eine vollkommnere Ausbeutung feines Rohmateriales zu denken. Indefs follte das Auskommen des Fabrikanten hier nicht allein mafsgebend fein, und es möchte namentlich nicht vergeffen werden, dafs gewiffe Fortfchritte im Betriebe nicht nur die Ausbeute erhöhen helfen, fondern, wie das namentlich von der Benützung guter Extractionsmaschinen und etwa der Anwendung von Centrifugen, unter ihnen befonders der Fesca'fchen Raffinirungscentrifuge, gilt, neben der gewifs nicht nebenfächlichen Erfparnifs an Zeit und Arbeitskraft, fowie endlich an Räumlichkeiten auch eine nicht zu läugnende Verbefferung des Productes in feiner Qualität * Auch Völkner und in neuerer Zeit Director Markel haben recht brauchbare Extractionsmafchinen conftruirt. Appreturmittel und Harzproducte. 3 erreichen laffen, die fchon in Hinficht auf die Erhöhung der Concurrenzfähigkeit des Erzeugniffes nicht unterfchätzt werden follte. In rationell eingerichteten Kartoffelftärke- Fabriken ift gegenwärtig faft allgemein das mechaniſche Verfahren, unter Anwendung von Wafchmafchinen, Reiben und Bürftmafchinen, meift Fesca'fcher Conftruction*, in Uebung und hie und da, zumal in gröfseren Betriebsstätten, haben mit gutem Erfolge auch die Centrifugen Eingang gefunden. Die von der Parifer Ausftellung her bekannte Kartoffelreibe von Champonnois fcheint trotz der Vortheile, die fie wenigftens der Thierry'fchen Reibe gegenüber bietet, fich wenigftens in Deutfchland und Oefterreich nicht eingebürgert zu haben. Das Völkner'fche Verrottungsverfahren ist nur vereinzelt in Anwendung und wird mit Vortheil wohl nur für die Ausbeutung des Stärkerückhaltes der Pulpa dort verwendet, wo man für diefe als Futtermittel keine genügende Verwendung hat. Auf dem Gebiete der Fabrikation von Weizenftärke, welche neben der Kartoffelftärke in Deutfchland, Oefterreich und Frankreich eine hervorragende Rolle fpielt, hat in den letzten Jahren das ältere Säuerungsverfahren ziemlich allgemein dem rationelleren Martin'fchen Verfahren Platz gemacht, und nur fehr vereinzelt, faft nur in kleineren Betriebsftätten, trifft man die auch in fanitärer Hinficht nicht ganz vorwurfsfreie Gährungsmethode noch an. In der Praxis des Martin'fchen Verfahrens felbft hat fich nichts Nennenswerthes geändert, und liefse fich in Bezug auf die in Anwendung ftehenden mechanifchen Vorrichtungen kaum ein nennenswerther Fortfchritt bezeichnen, ausgenommen etwa die auch hie und da mit Vortheil eingeführte Centrifugirung des zu raffinirenden und endlich zur Trocknung vorzubereitenden Productes. Hand in Hand mit der Verallgemeinerung des Martin'fchen Verfahrens geht die rationelle Verwerthung des als Nebenproduct fallenden Klebers, und faft alle gröfseren Weizenftärke- Fabriken haben es vorgezogen, diefen, früher wenig gefchätzten Abfall der Weizenftärke- Fabrikation in eine Form zu bringen, in welcher er nicht nur für den allgemeinen Handelsverkehr geeignet, fondern auch beffer verwerthbar ift, als das vordem der Fall war. Neben der Weizenftärke haben in der jüngsten Zeit auch die Reis- und ferner die Mais ftärke eine befondere Bedeutung erlangt. Erftere, fchon zur Zeit der Parifer Ausftellung, namentlich in England in bedeutender Ausdehnung erzeugt, hat fich feither auch auf dem Continente eingebürgert und wird namentlich in Belgien, dann aber auch in Deutfchland, Frankreich und Oefterreich, fowie in Italien in gröfserem Mafsftabe erzeugt. Für die Gewinnung derfelben bildet der Bruchreis ein vortrefflich geeignetes Rohmateriale, und die Schwierigkeiten, die der fabriksmässigen Erzeugung derfelben anfänglich im Wege ftanden, fcheinen durch die ziemlich allgemein gewordene Anwendung des Macerationsverfahrens mit Alkalien ziemlich befeitigt. Namentlich für die Zwecke der Appretur ift Reisftärke vortrefflich geeignet und ift in diefer Hinficht, wie fchon Fesca nachgewiefen hat, trotz des höheren Preifes*** der Weizenftärke entfchieden vorzuziehen. Befonders für die Appretur feinerer Waaren hat fie vor der Weizenftärke den Vorzug geringerer Klebrigkeit und überdiefs insbefondere das voraus, dafs fie, weil faft ausfchliesslich mittelft eines Schlemmproceffes gewonnen, frei von Sand und anderen Verunreinigungen ift, die felbft in hochfeinen Weizenftärke- Sorten nicht immer fehlen. * Die Völkner'fchen Extractionsmafchinen erfreuen fich insbefondere in Oefterreich einer gleichfalls ziemlich allgemeinen Anwendung. ** Obwohl fie neueftens durch die fich billiger ftellende Reis- und Maisftärke gewaltige Concurrenz bekommen hat. *** Der Preis der Reisftärke, der vor wenig Jahren noch 25 fl. und darüber betrug, ftellt fich heute im Durchschnitte kaum höher als 18 fl. öfterreichifcher Währung per Centner, fo dafs fie gegenwärtig auch in Hinficht auf den Koften punkt der Weizenftärke ziehen ift. vorzu 4 Dr. Wilh. Fried. Gintl. In gleichem Mafse, wie die Reisftärke, beginnt auch die Maisftärke unferen heimifchen Stärkeforten immer mehr Concurrenz zu machen, und ift die Maisftärke- Fabrikation, die vor wenig Jahren faft nur in Nordamerika und Brafilien, wo fie fich vor etwa 30 Jahren eingebürgert und dort feither die Fabrikation von anderen Stärkeforten völlig verdrängt hat, dann aber auch in Auftralien heimifch war, neueftens auch am Continente in Aufnahme gekommen, obwohl fie da noch lange nicht jene Bedeutung gewonnen hat, die fie für gewiffe maisbauende Länder, namentlich für Ungarn haben könnte. Bei dem Umftande, dafs, wie J. Wiesner durch feine bemerkenswerthen Unterfuchungen nachgewiefen hat, der Maisftärke ein gröfseres Steifungsvermögen zukommt als der Weizenftärke, ift fie für Appretarzwecke befonders fchätzenswerth, und wäre es gewifs der Erwägung werth, ob unfere maisproducirenden Länder ihr Bodenerträgnifs durch die Verwerthung der Maisfrucht für Stärkefabrikation nicht wefentlich zu erhöhen vermöchten. Eichel und Kaftanienftärke haben in der Praxis fich nicht eingebürgert und dürften fchon wegen der Schwierigkeiten, die fich der fabriksmäfsigen Gewinnung eines reinen, namentlich gerbftofffreien Productes entgegenstellen, trotz der Billigkeit des Rohmateriales wohl nie eine befondere Bedeutung erlangen. Ebenfo ift auch Roggenftärke nur ziemlich felten in Verwendung. Dagegen fcheint in neuerer Zeit die Topioca( Stärke von Manihot utiliffima) und die Batatenftärke( Convolvulus batatas), namentlich in England, auch für technifche Zwecke einige Bedeutung zu gewinnen. Als eine befondere Specialität von lediglich localer Bedeutung ift endlich die in Württemberg ziemlich allgemein für Appreturzwecke verwendete Dinkelftärke zu nennen, die aus dem in Württemberg in gröfserem Mafse cultivirten Spelz( Tricitum spelta) nach Art der Weizenftärke gewonnen wird. Anderwärts kommt folche Dinkelftärke wohl nur felten vor. Die handelsübliche Form, in welcher Stärke zu Markte gebracht wird, ift für die befferen Qualitäten faft durchwegs die der Strahlenftärke( fälfchlich auch Stärke in Kryftallen genannt); das ift Stärke in Maffen von jener ftänglig- ftrahligen Abfonderung, wie fie fich bei dem Trocknen des nicht völlig kleberfreien Stärkebreies bildet. Nur hochfeine Sorten werden in Mehlform in den Handel gebracht und nur einzelne Fabrikanten liefern für gewiffe Confumenten, die auf diefe Form einen befonderen Werth legen, folche auch in Geftalt von Stäbchen. Ge ringere Stärkeforten, fowie faft allgemein auch die Kartoffelftärke, werden in Form von Brocken in den Handel gebracht. Ziemlich gewöhnlich werden die fertigen Producte durch fchwache Nüancirung in Blau geblendet und ift für diefen Zweck Smalte, Berlinerblau und wohl auch Ultramarin im Gebrauche, wiewohl letzteres, namentlich für nicht völlig neutrale Waare, keineswegs empfehlenswerth erfcheint. Auch intenfiver gefärbte Sorten von Stärke kommen vereinzelt noch vor. Sie find meift mit Anilinfarben tingirt und follen den Zweck haben, bei der häuslichen Appretur auch gleichzeitig als Färbemittel zu dienen. Offenbar haben, wie das bei der Schwierigkeit, gleichmäfsige Färbungen damit zu erreichen, vorauszusehen war, derartige Producte den Erwartungen nicht entfprochen, die man urfprünglich von denfelben hegte. Als in humanitärer Beziehung bemerkenswerth ift das Bemühen zu bezeich nen, mit welchem feit einer Reihe von Jahren namentlich englifche Fabrikanten einem Präparate Eingang zu verfchaffen fuchen, das den Zweck hat, Geweben, welche mit demfelben appretirt find, die Eigenfchaft der Unentflammbarkeit zu ertheilen. Bei den nur zu häufig vorkommenden beklagenswerthen Unglücksfällen, die dadurch entſtehen, dafs die luftgewobenen modernen Toiletten unferer Damen bei zufälliger Annäherung an eine Flamme Feuer fangen und fo die nichts ahnende Trägerin nicht felten einem fchmerzlichen Krankenlager, wo nicht etwa Appreturmittel und Harzproducte. 5 gar dem unerbittlichen Tode überliefern, kann es nur freudig begrüfst werden, wenn die Induftrie fich bemüht, unferen Hausfrauen ein Mittel in die Hand zu geben, bei deffen Anwendung fie fich folcher, oft bei der gröfsten Vorficht nicht zu verhindernder Verbrennungsgefahr zu entziehen vermöchten. Die Idee, ein folches Mittel in Geftalt einer geeignet präparirten Stärke einzuführen, ift eine entfchieden glückliche zu nennen und die Tragweite derfelben wird von demjenigen nicht unterfchätzt werden, der da weifs, wie fchwer es hält, gerade das fchöne Gefchlecht zur Einführung von Neuerungen zu bewegen, die nicht von der Mode dictirt find. Solchen Schwierigkeiten gegenüber ift der Gedanke, einer folchen Neuerung in der verblümten Form der Stärke, die ja in jeder Haushaltung als Appreturmittel eine Rolle spielt, Eingang zu verfchaffen, ein gewifs recht praktifcher, und der Umftand, dafs bei der Wahl diefer Form jede befondere Arbeit, jede ungewohnte Manipulation zur Erzielung des beabfichtigten Zweckes entfällt, ift gewifs danach angethan, die Einführung eines folchen Schutzmittels zu begünftigen. Was die Wahl der Mittel betrifft, durch deren Zufatz zur Stärke man den damit appretirten Stoffen den Charakter der Unentflammbarkeit ertheilen kann, ift bekannt, dafs zu diefem Zwecke einerfeits die Ammoniumfalze der Schwefelfäure, wohl auch der Phosphorfäure und Borfäure, dann aber auch das Natriumfalz der Wolframfäure empfohlen und mit mehr oder weniger günftigem Erfolge angewendet werden. Es fcheint indefs von Seiten der Herren Fabrikanten bei der Anwendung diefer Mittel nicht immer mit dem richtigen Verſtändniffe vorgegangen und deffen nicht gedacht zu werden, dafs das zu wählende Präparat ein vollkommen neutrales fein müffe und man z. B. nicht ohne Weiteres das käufliche wolframfaure Natrium, das häufig erhebliche Mengen von Natriumcarbonat enthält, oder etwa ein rohes Ammoniumsulfat verwenden dürfe; welch letzteres übrigens fchon aus dem Grunde nicht ganz empfehlenswerth ift, weil Stoffe, welche mit diefem Salze imprägnirt find, das Plätten mit etwas heifserem Plätteifen nicht vertragen, ohne fowohl an der Farbe als auch an der Feftigkeit wefentlichen Schaden zu nehmen.* Dergleichen Fehlgriffe mögen wohl auch Schuld tragen, wenn fich die Anwendung der fogenannten Feuerficherheitsftärke noch nicht recht eingebürgert hat, denn die Furcht, diefes oder jenes mit dem Aufgebote aller Kunftfertigkeit gefchaffene Toillettenftück durch das Appreturmittel Schaden nehmen zu fehen, fchreckt Viele von dem Gebrauche eines folchen ab. Infolange daher von Seiten der Fabrikanten folcher Präparate nicht mit der gröfsten Gewiffenhaftigkeit und Sorgfalt vorgegangen wird, ift an die fo fehr erwünſchte allgemeine Einführung eines folchen Schutzmittels nicht zu denken, felbft dann nicht, wenn der ungerechtfertigte Preisauffchlag für folche Präparate entfällt. Wiewohl ein erheblicher Theil der Production an den diverfen Stärkeforten in der unveränderten Form des Stärkemehls der Verwendung zugeführt wird, find die Quantitäten an Stärke keineswegs unbedeutend, welche behufs ihrer weiteren Verwendung als Appreturmittel eine Verarbeitung auf Dextrin und ähnliche Umwandlungsproducte des Amylums erfahren, deren Reihe mit dem Stärkezucker fchliefst, deffen Verwendung für Zwecke der Melioration des Weines, fowie auch für jene der Bierbrauerei, dann der Lebzeltnerei in der neueren Zeit bekanntlich einen erheblichen Auffchwung genommen hat. Hat die Verwendung von Stärkezucker wefentlich erft feit der Zeit an Boden gewonnen, feit man den erfolgreichen Bemühungen Anthon's den Impuls zur Auffuchung von Verfahrungs* Ich benütze die fen Anlafs, um darauf aufmerkfam zu machen, dats meinen Erfahrungen nach fich Ammoniakalaun, wie auch unterfchwefligfaures Natron für folche Zwecke fehr gut eignen. Beide find billige Präparate, leicht rein zu befchaffen und ohne Einfluss auf die meiften Farben. Das letztere hat, wenn es auch nicht fo exact wirkt, wie andere Mittel, immerhin den Effect, ein völliges Entflammen zu verhindern, und ift auch infofern beachtenswerth, als es das Appreturvermögen der Stärke nicht merklich alterirt. 6 Dr. Wilh. Fried. Gintl. arten verdankt, die es geftatten, diefes Umwandlungsproduct der Stärke in einer genügend reinen und allfeitig brauchbaren Form fabriksmäfsig darzuftellen, und datirt alfo die Verarbeitung von Stärke auf Stärkezucker* erft aus der neueſten Zeit, fo ift dagegen die Fabrikation jener Abkömmlinge des Amylums, die den Namen Stärke gummi führen, eine feit Langem geübte und allenthalben eingebürgerte. Bezüglich diefer Umwandlungsproducte der Stärke, die als eigentliche Appreturmittel einen Gegenftand unferer Betrachtungen bilden, ift in den letzten Jahren nichts wefentlich Neues zu verzeichnen. Allerdings zeigt fich eine nachweisliche Erhöhung der Production, die durch den Auffchwung der Textil- und Papierinduftrie und die Heranziehung der Stärkegummi- Producte zu Zwecken, zu denen man folche vordem nicht verwendete, völlig erklärlich ift, aber in Hinficht auf die Fabrikationsweife haben feit 1867 nur fpärliche Neuerungen fich ergeben. Der weitaus häufigfte Weg für die Erzeugung des Stärkegummis ift der der Einwirkung von Temperaturerhöhungen auf Stärkemehl, und ift es vornämlich Kartoffelftärke, die folchergeftalt auf die unter dem Namen Leiogomme( Leiocome), Amidon grillé, gebrannte Stärke, Róft gummi etc. vorkommenden dunkleren Sorten, oder auf jene lichteren bis weifsen Sorten von Stärkegummi verarbeitet wird, die als Gommelin, Gommeïn, Lefèvregummi, Dextrin etc. im Handel fich finden. Nur für die dunkleren Sorten des Röftgummis, zu denen wohl meiftens Schlammftärke verwendet wird, hat man die ältere Methode der Röftung in Keffeln** oder Trommeln beibehalten, während alle lichteren, zumal die weifsen Sorten des Stärkegummis, nach der von Payen vorgefchlagenen Methode des Erhitzens in Heizkammern*** mit oder ohne Zufatz von die Dextrinbildung begünftigenden Subftanzen dargestellt werden. Von letzteren ift es vornämlich die Salpeterfäure, feltener die Oxalfäure, welche bei der Dextrinbereitung verwendet werden, während Salzfäure nur vereinzelt. Schwefelfäure aber nur dort angewendet wird, wo es fich darum handelt. flüffiges Dextrin zu erzeugen. Die von Pinel empfohlene Verwendung von Salzfäure und Salpeterfäure fcheint ebenfowenig wie die Dextrinbereitung mittelft fauerer Milch( Pochin) oder das O'Neill'fche Verfahren mittelft Salzfäuregas in die grofse Praxis übergegangen zu fein. Ohne Ausnahme wird für die Dextrinbereitung mittelft Säurezufatzes das vorher trocken gemachte Stärkemehl( für die lichteften Dextrinforten ftets eine möglichft weifse Waare) mit der entsprechend verdünnten Säure( 1 Theil conc. Salpeterfäure auf 150 bis 200 Theile Waffer per 1000 Theile Stärke) angerührt, und fodann wieder getrocknet, um endlich erft der geeigneten Temperaturerhöhung( 110 bis 130 Grad Celfius) ausgefetzt zu werden. Seit wenigen Jahren kommt auch eine durch Behandeln mit verdünnter Salpeterfäure für die Dextringewinnung vorbereitete trockene Stärke unter dem Namen ,, weifses Dextrin" in den Handel. Sie liefert felbftverftändlich erft bei geeigneten Temperaturerhöhungen ein Product, das den Namen Dextrin wirklich verdient. Die weitaus gröfsten Mengen der Abkömmlinge des Amylums, zu deren Herftellung zwar vorherrfchend Weizen- und Kartoffelftärke verwendet werden, obwohl felbftverſtändlich nach Mafsgabe localer Verhältniffe auch andere Stärkeforten in gleicher Weife ihre weitere Verwerthung finden können, kommen in Geftalt eines Mehles auf den Markt, das je nach feiner Darftellungsweife und * Eine eingehendere Würdigung der Stärke zucker- Induftrie fällt nicht in den Rahmen unferer den Appreturmitteln gewidmeten Betrachtung. ** Meift mit mechanifchen Rührvorrichtungen. *** Die fo naheliegende Idee, die Dextrinbereitung durch Einwirkung von überhitztem Wafferdampf auf Stärkemehl auszuführen, fcheint noch nicht praktif ch verwerthet oder doch verfucht worden zu fein. Appreturmittel und Harzproducte. 7 Beftimmung bald von rein weifser, bald ftärker oder fchwächer ins Bräunliche ziehender bis brauner Färbung ift; feltener find es ähnlich gefärbte Klümpchen. und pflegen meift nur die geringften Dextrinforten in folcher Geftalt in Verkehr zu kommen. Ebenfo ift der Dextrinfyrup( flüffiges Dextrin) keine allgemein handelsübliche Form. Dagegen wird von einzelnen Fabrikanten das Dextrin in Geftalt von durchfcheinenden bis durchfichtigen, glänzenden Schüppchen oder neuerer Zeit wohl auch in Bruchftücken einer glafigen Maffe( fälfchlich Kryftalle genannt), welche dem arabifchen Gummi ähnlich fehen, in Handel gebracht. In diefe Form, welche fpeciell den Namen Kryftallgummi führt, kann das Dextrin bekanntlich leicht durch allmäliges Eintrocknenlaffen und Zerbröckeln der trocken gewordenen glafigen Maffe gebracht werden. Vor gewöhnlichem Dextrin hat derartiges Kryftallgummi keinen wefentlichen Vorzug, und die Darftellung deffelben hat wohl nur dann einen Zweck, wenn mit der Wahl diefer Form, die allerdings durch die Aehnlichkeit mit dem arabifchen Gummi dem Präparate auch da Eingang verfchaffen kann, wo man fich mit dem Stärkegummi nicht recht befreunden wollte, dem Käufer auch eine Garantie für die Reinheit des Productes geboten werden foll. An die Befprechung der Stärke und Stärke producte fchliefst fich naturgemäfs jene der Verwerthung der Nebenproducte der Stärkefabrikation an. Es ift eigentlich blos der bei der Darftellung der Stärke aus Körnerfrüchten abfallende Kleber, der uns unter diefen intereffirt, da die Schlamm- und Schabeftärke für die Herftellung geringerer Qualitäten von Leiogomme fehr gut verwendbar ift, und alfo als Nebenproduct eigentlich nicht mehr in Frage kommt.* Wie bereits oben erwähnt, wird es mit der Einführung des Martin'fchen Verfahrens für die Production der Getreide-, namentlich der Weizenftärke, möglich, den Kleber in einer weit brauchbareren Form zu gewinnen, als das bei irgend einem Gährungsverfahren thunlich ift. So hat man fich denn auch ziemlich allgemein gewöhnt, den Kleber in Blättern oder Scheiben getrocknet in einer des allgemeinen Verkehres fähigen Form in den Handel zu bringen, und befchränkt fich nicht mehr auf den nur localen Abfatz deffelben als Klebemittel für Lederarbeiter, welches neben der Verfütterung oder gar der Anwendung zu Dungzwecken, früher die faft allein übliche Verwendung diefes Nebenproductes der Stärke- Induftrie war. In folcher Geftalt, in welcher er nicht mehr das eckelhafte, vor jedem Verfuche einer anderen Verwendung abfchreckende Wefen der Schufterpappe hat, findet er auch mehr und mehr in anderen Induftriezweigen Anwendung. So ift namentlich für die Zeugdruckerei der Kleber unter dem Namen Lucin fchon längft als in manchen Fällen anwendbares Surrogat für Albumin empfohlen worden und hat erft in jüngerer Zeit in Thom und Rofenftiel, fowie in G. Schäffer warme Fürfprecher gefunden. Wenigftens für geringere Waaren wird fich hier für ihn gewifs Verwendung finden laffen. Als Nahrungsmittel für Menfchen, als welches ihn Lichtenftein, dann die Gebrüder Veron und endlich Grünsberg in Geftalt von mit Mehlzufatz hergeftelltem Klebergries, Klebergraupen und Klebermehl einzuführen fich Mühe gaben, hat er noch nicht viel Anklang gefunden, wiewohl er feines relativ hohen Stickftoffgehaltes wegen entfchieden einen bedeutenden Nährwerth repräfentirt. Das Publicum hat fich eben noch nicht gewöhnt, dem theoretifchen Werthe feiner Nahrungsmittel eine befondere Beachtung zu fchenken und findet in der ungewohnten Form oder der Fremdartigkeit der Eigenfchaften nur allzu leicht Anftofs, fich an ein Nahrungsmittel zu gewöhnen, felbft wenn der Nahrungseffect * Die Verwerthung der bei der Stärkefabrikation refultirenden Wäffer, die bekanntlich wegen der Leichtigkeit, mit der fie der Fäulnifs anheimfallen, nicht felten wefentliche Uebelftände für die Nachbarfchaft folcher Fabriken im Gefolge haben, ift neuerlich durch Markl in der Weife verfucht worden, dafs er diefelben in Sammelbaffins mit Kalkmilch fällt, wobei ein Niederfchlag refultirt, der für Dungzwecke ganz geeignet ift, während das überftehende Waffer als weniger fchädlich abgelaffen werden kann. 80 Dr. Wilh. Fried. Gintl. deffelben noch fo fehr zu deffen Gunften ſpricht. So wird fich denn wohl die Verwendung des Klebers als Nahrungsmittel auch noch ferner auf die Mitbenützung desfelben für die Fabrikation von Macaroni und Suppenfpeifen befchränken, in welcher er bekanntlich feit Langem ein ganz brauchbares Surrogat für die koftfpielige Eifubftanz abgibt und fich in diefer Verkleidung felbft in die Küchen unferer Gourmands eingefchlichen hat. Wenn fich alfo für die Verallgemeinerung des Klebers als Nahrungsmittel fchwer Propaganda machen läfst, fo könnte diefer dem Leim theilweife verwandte Körper wenigftens in der Induftrie immerhin noch manche Verwendung finden, und wäre namentlich die Frage feiner Verwendbarkeit für die Zwecke der Papierinduftrie( Animalifiren) immerhin einer Erwägung werth. Wie aus diefem allgemeinen Ueberblicke über den dermaligen Stand der Stärke- und Stärkegummi- Induftrie hervorgeht, find in den letzten Jahren eigentlich epochemachende Fortfchritte auf diefen Induftriegebieten nicht gethan wor den und kann es demnach auch nicht befremden, wenn uns auf der Ausftellung in diefen Induftriezweigen keine befondere Novität entgegentrat. Im Ganzen genommen waren Stärke und Stärke producte auf der Ausftellung gut vertreten und namentlich war es Deutſchland, welches eine reiche Collection von einfchlägigen Erzeugniffen zur Ausftellung gebracht hatte und durch die vortreffliche Qualität feiner Fabrikate imponiren konnte. Nicht minder hat aber auch Oefterreich ein reiches Materiale an Erzeugniffen diefer feiner, in der beften Entwicklung begriffenen, Induftrie zur Ausftellung gebracht und namentlich darf Böhmen auf die Vertretung diefer feiner Induftrie mit vollem Rechte ftolz fein. England und Amerika konnten vornämlich durch die auch auf diefem Gebiete zur Geltung gebrachte Maffenproduction imponiren, und nahmen zudem durch die beftimmte Richtung ihrer Stärke- Induftrie, die in England faft ausfchliefslich Reisftärke, in Amerika dagegen ausfchliefslich Maisftärke producirt, die Aufmerkſamkeit des Fachmannes in Anfpruch. Einiges Intereffe erregten die von Venezuela, dann auch die von einigen italienifchen Fabrikanten ausgeftellten Proben von aus ftärkemehlreichen Theilen gewiffer tropifchen Pflanzen ftammendem Stärkemehl, von welchen allerdings einzelne fchon von der Ausftellung in Paris her bekannt waren, und es bleibt nur zu bedauern, dafs trotz eifrigen Bemühens des Berichterftatters nichts darüber zu erfahren war, ob die Gewinnung des Stärkemehls aus diefen Pflanzen einen eigentlichen Induftriezweig bilde und in welchem Mafse er etwa betrieben werde, oder ob die ausgeftellten Proben nicht etwa blos wiffenfchaftlich intereffante Schauftücke feien, welche vorerft kein Intereffe für den Induftriellen haben. Die meiſten übrigen Induſtrieftaaten waren, wenn fie auch nicht gerade befonders Hervorragendes boten, im Ganzen auf diefem Induftriegebiete gut vertreten und felbft Länder deren Induftrie noch im Keime liegt, blieben auf diefem Gebiete nicht unvertreten. Die entfchieden fpärlichfte Vertretung diefer Induftrie hatte Frankreich aufzuweifen, wiewohl die Stärke und Kunftgummi- Fabrikation dort bekanntlich auf ziemlich hoher Stufe fteht. Indem wir zur Befprechung der Leiftungen der einzelnen Länder im Befonderen übergehen, müffen wir vor Allem beklagen, dafs es trotz aller Bemühung unmöglich war, verlässliche Daten über die Verhältniffe diefes Induftriezweiges in den einzelnen Ländern zu fammeln, ja dafs auch bezüglich Oefterreichs nur fehr fpärliche ftatiftifche Angaben über den Stand diefer Induftrie gemacht werden können. Das geringe Steuererträgnifs, das gerade diefe Induftrie abwirft, mag wohl Urfache fein, dafs man der Statiſtik derfelben allenthalben weniger Aufmerksamkeit zuwandte, und fie in den ftatiftifchen Ausweifen mit einer Anzahl anderer, theils verwandter, theils völlig heterogener Gewerbe verquickt, in einer gemeinfamen Rubrik führt. Auch feitens der einzelnen Ausfteller waren nur fehr ärmliche Angaben über Betriebsverhältniffe, Productionsgröfse etc. zu erhalten, woran vornämlich Appreturmittel und Harzproducte. 9 der Umftand Schuld trägt, dafs die meiſten diefer Ausfteller keine, oder doch nur rein kaufmännifche Vertreter für ihre Objecte unterhielten. Dafs auch aus dem Fragebogen der Jury keine Auskunft über Fragen diefer Art gefchöpft werden konnte, wird jeder begreifen, der da weifs, wie fich ein grofser Theil der Induftriellen der Geheimnifskrämerei noch immer nicht zu entfchlagen vermag, und wie vielerlei Rückfichten die Ausfüllung der Fragebogen zu beeinfluffen pflegen. Vielleicht hilft die Zeit auch diefen kleinlichen Krämergeift überwinden und läfst auch in weiteren Kreifen die Ueberzeugung wach werden, dafs kleinliche Geheimthuerei das fchlimmfte Hemmnifs des Fortfchrittes ift. Der Anordnung der einzelnen Länder im Ausftellungspalafte entsprechend, beginnen wir mit Nord- Amerika. Die Stärke- Induftrie diefes Staates hat das Eigenartige, dafs fie fich dermalen faft ausfchliefslich auf die Gewinnung von Maisftärke( Corn Starch) befchränkt. Die Bodenbefchaffenheit und die klimatifchen Verhältniffe des Landes im Vereine mit der leichten Cultur der Maispflanze laffen diefem Rohmateriale gegenüber den eigentlichen Cerealien den Vorzug geben, und fo kommt es, dafs feit etwa 30 Jahren die Maisftärke- Fabrikation fich in Nordamerika völlig eingebürgert und die Stärkegewinnung aus Weizen oder Kartoffeln ziemlich verdrängt hat. Es mag hiebei auch insbefondere der Umftand von Gewicht gewefen fein, dafs die Stärke- Induftrie Nordamerikas nicht fo fehr den Charakter eines landwirthschaftlichen Nebengewerbés, als vielmehr den einer Grofsinduftrie hat, für welche bei der Wahl des Rohmateriales die Unabhängigkeit von der Jahreszeit, Ergiebigkeit und möglichfte Vermeidung von Transportaus lagen für werthlofe Beftandtheile etc. und vornämlich die Productiensausbeute mafsgebend fein mufste. Die Ausftellung hatten im Ganzen vier Firmen befchickt. Als die bedeutendfte derfelben dürfte A. Erkenbrecher( St. Bernhard Starch Works, Cincinnati, Ohio) zu nennen fein. Diefelbe hatte zwei Sorten von Maisftärke ausgeftellt, deren eine als Kryftall- Glanzftärke, die andere als raffinirte Maisftärke bezeichnet war. Beide Producte waren von vorzüglicher Qualität und erfchienen, ohne geblendet zu fein, rein weifs. Erkenbrecher verwendet zur Stärkegewinnung vornämlich die weifse Varietät des Wälfchkorns, und wendet für die Gewinnung der feineren, befonders für Nahrungszwecke beftimmten Stärkeforten ein dem Martin'fchen Verfahren im Principe ähnliches Schlemmverfahren an, welchem die vermahlene Maisfrucht unterworfen wird. Für die Gewinnung des Stärkemehlgehaltes aus der hornigen Körnerfubftanz wird endlich ein Macerationsprocefs unter Anwendung alkalifcher Macerationswäffer eingeleitet, der indefs nur geringere Stärkeforten liefert. Die Abfälle und Rückftände der Fabrikation werden zum Theil verfüttert, zum Theil direct als Dungmittel verwendet, während die Kolbenhüllen und Zapfen als Brennmaterialien verwerthet werden. Die St. Bernhard Starch Works find auf Mafchinenbetrieb eingerichtet und in ihrer Anlage auf eine Tagesproduction von circa 400 bis 500 Centner Stärkemehl berechnet. Für die Grofsartigkeit des Gefchäftsbetriebes diefer Firma fpricht übrigens auch die Thatfache, dafs diefelbe Agenturen in den meiften bedeutenderen Staaten Europas und Amerikas unterhält und dem Exporte eine befondere Aufmerkfamkeit zuwendet. Von anderen gleichfalls bedeutenderen Stärkefabriken Amerikas hatten George Fox, gleichfalls in Cincinnati, dann Stein- Hirfch& Comp. in Chicago und endlich Chr. Morning ftar in New- York die Ausftellung befchickt. Die ausgeftellten Stärkemufter fämtlicher genannten Fabrikanten waren von trefflicher Qualität, und namentlich ftanden die von G. Fox ausgeftellten Proben von ,, Silken gloss Starch" und raffinirter Maisftärke den Producten der St. Bernhard Starch Works in nichts nach. Ebenfo war insbefondere die von Chr. Morningftar zur Ausstellung gebrachte Maisftärke für Nahrungszwecke ein vorzügliches Präparat zu nennen. 10 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Die Preife der amerikanifchen Mais- Stärkeforten betreffend, fei erwähnt, dafs fich diefelben einfchliefslich des Seetransportes für geringere Qualitäten der Appreturftärke auf 10 bis 12 fl., für feinere Sorten auf 12 bis 15 fl. pro Zollcentner ftellen, während die für Nahrungszwecke beftimmte Qualität zu circa 16 fl. pro Centner im Preife fteht. Stärke gummi war von Nord Amerika nicht zur Ausstellung gebracht worden. Venezuela hatte fich mit einer fehr intereffanten Collection von hierzulande nicht oder doch nur wenig bekannten Stärkeforten an der Ausftellung betheiligt. Unter diefen fanden wir Mufter der Stärke von Colocasia esculenta Schott. ( Ocumo), die bereits von Wiesner und Hübel* befchrieben wurde, von Calathea Allouya Lindl( Lairenes), von Arrachea escul. Bancr.( Apio), von Dioscorea spec. ( Mapuey) und die bereits von J. Wiesner in feinem Ausftellungsberichte über Stärkemehl auf der Parifer Ausftellung gewürdigte Stärke von Musa paradisiaca L.( Platáno) neben Proben des Stärkemehls von Dioscorea alata L., Ipomea Batatas und Mais. Völlig neu dürfte das durch feine röthlich braune Farbe von den übrigen meift blendend weifsen Sorten abftechende unter dem Namen Stärke von Chiga ausgeftellte Stärkemehl fein, welches nach den Mittheilungen von Dr. A. Ernft wahrfcheinlich einer von Humboldt bereits erwähnten, am oberen Orinoco heimifchen Inga Species entftammt. Leider war weder über die Darftellungsweife diefer einzelnen Stärkeforten, noch darüber etwas zu erfahren, ob und in welchem Mafse diefelben Gegenftand des Handels feien oder doch zu fein vermöchten. Brafilien hatte von Stärkemehlproben nichts Bemerkenswerthes aufzu weifen. Dagegen glänzte England durch die reichliche Vertretung diefer Induſtrie. Bekanntlich ift in England vornämlich die Stärkefabrikation aus Reis zu Haufe, wofür der von den Seeplätzen leicht und billig zu befchaffende Bruchreis ein treffliches Rohmateriale abgibt, und es war demgemäfs auch vornämlich Reisftärke, welche von England aus zur Ausftellung kam. Als die bedeutendften Fabrikanten diefes Productes find wohl J. und J. Colman in London anzufehen, welche denn auch Proben von theils rein weifser, theils fchwach gebläuter Reisftärke ausftellten, die als tadellofe Erzeugniffe bezeichnet werden konnten. Neben diefer fchon von der Ausftellung zu Paris im Jahre 1867 vortheilhaft bekannten Firma hatten auch Jones Orlando& Comp., dann Parfon Fletcher& Comp. und endlich Samuel Berger& Comp. in London fehr fchöne Proben von Reisftärke zur Ausstellung gebracht. Meift war es Strahlenftärke und nur die geringeren, aber immerhin noch fehr weifsen Sorten hatten die Form von nufs- bis fauftgrofsen Brocken. Befonders erwähnenswerth ift auch die von D. Nicoll& Comp. in London ausgeftellte Feuer- Sicherheitsftärke, deren Bedeutung wir bereits eingangs gewürdigt haben. Das ausgeftellte Präparat bildete ein in Papierpäckchen emballirtes Pulver von ziemlich rein weifser Farbe, das nach dem Eindrucke einer flüchtigen Prüfung wefentlich ein Gemenge von Stärkemehl mit fchwefelfaurem Ammonium gewefen fein dürfte. Endlich möchte noch einer fehr verfteckten und in Aufftellung und An ordnung fehr vernachläffigten Collection von Stärke producten gedacht werden, welche in der von P. L. Simond's, London, ausgeftellten reichen Sammlung von Producten der Abfallverwerthung enthalten war. Sie enthielt Proben von faft allen gebräuchlichen Arten technifch verwendeter Stärkemehle, fowie eine Zufammenstellung verfchiedener Handelsforten von Tapioca und Sago, wie auch * Siehe Dr. Jul. Wiesner ,, Mikroskop. Unterfuchungen"( Stuttgart 1872). Appreturmittel und Harzproducte. 11 Arrowroot. Wir können an diefer Stelle auf die Aufzählung der einzelnen Nummern diefer übrigens fehr intereffanten Sammlung nicht weiter eingehen, da diefelbe wefentlich den Charakter eines Unterrichtsmittels hatte und keinerlei Anhaltspunkte über die Quellen der ausgeftellten Proben bot. Die englifchen Colonien hatten zahlreiche Proben von Arrowroot zur Ausftellung gebracht, von welchen befonders die von F. A. Hagenauer, Lake Wellington, Victoria ausgeftellten von trefflicher Qualität waren. Stärkegummi oder ähnliche Producte aus Stärkemehl hatten weder Südamerika noch England zur Ausftellung gebracht. Spanien war durch zwei Firmen repräfentirt. Die bedeutendere derfelben D. Ramon Monroig, Barcelona, hatte neben Kartoffelftärke die Röftproducte derfelben, und zwar ein ziemlich dunkles und ein blafsgelbes Röftgummi, erfteres unter dem Namen Leogomme, letzteres Gommalin genannt, zur Ausftellung gebracht. Beide Producte, deren Handelspreis per 100 Kilo zu 250 Realen notiit war, ftanden ähnlichen Erzeugniffen unferer Induftriellen nur infoferne nach, als fich die Röftung als nicht fehr gleichmäfsig erwies, was wohl feinen Grund in der Darftellungsmethode hat, die eine ziemlich primitive fein foll. Antonio Tato& Comp. in Salamanca hatten die Ausftellung mit Muftern von völlig vorwurfsfreier Kartoffelftärke befchickt. Portugal hatte zwei Ausfteller von Kartoffelftärke aufzuweifen, von denen jedoch nur das Erzeugnifs von Ant. J. Alve in Redondo ein unferen Begriffen von guter Qualität entfprechendes genannt werden konnte. Frankreich war, wie fchon erwähnt, auf dem Gebiete der Stärke Induftrie auffallend ärmlich vertreten und nur eine einzige Firma, Leconte Dupond fils in Paris, hatte die Ausstellung mit ihrem Erzeugniffe befchickt. Diefe brachte prachtvolle Proben von Maisftärke, welche den beften amerikanifchen Erzeugniffen nicht nur völlig gleichkamen, fondern diefelben in Hinficht auf die vollendete Weifse theilweife noch übertrafen. Diefe Firma betreibt die Maisftärke- Fabrikation in ziemlich grofsartigem Mafsftabe, und hat diefer Stärkeforte in Frankreich bereits allgemeinen Eingang verfchafft, fo dafs auch von diefer Seite der Einführung der Maisftärke- Fabrikation am Continente, die zweifellos eine bedeutende Zukunft vor fich hat, vorgearbeitet wird. Aufser der genannten Firma fcheinen fich keine anderen Induftriellen Frankreichs derzeit mit der Maisftärke- Erzeugung zu befaffen, dagegen leiftet Frankreich bekanntlich fehr Lobenswerthes auf dem Gebiete der Weizen- und Kartoffelftärke- Induſtrie, fowie namentlich in der Fabrikation künftlicher Gummate, und es war entfchieden zu bedauern. dafs diefe Induftriezweige Frankreichs, von welchen zumal der letztere muftergiltige Producte liefert, gar nicht vertreten waren. Algier hatte eine Serie von drei durch Dr. E. Berther and eingefand ten Sorten der Stärke von Arum italicum zur Ausftellung gebracht. Leider war nichts darüber zu erfahren, ob die Fabrikation diefes fehr fchönen Stärkemehles einen entwickelten Induftriezweig bilde und ob dasfelbe überhaupt eine mehr als locale Bedeutung habe. Angeblich wird dasfelbe in Algier fowohl als Nahrungsmittel als auch für Appreturzwecke verwendet.* * Von den indifchen Colonien Frankreichs wurden neue Rohmaterialien für Stärkegewinnung in den Knollen von Amorphophallus fativus, Hipoxis curculioides und Typhonium minutum vorgeführt Das angeblich fehr weifse Stärkemehl der letzteren Pflanze( Karanikotti) foll fich zu dem Preife von 1 Franc per Kilogramm herftellen laffen, was gegenüber unferen heimifchen Stärkeforten nicht fehr günftig ift, es wäre denn, dafs bei rationeller Fabrikation fich eine Preiserniedrigung erreichen liefse. Stärkemehl- Proben aus diefen Rohmaterialien fanden fich leider nicht vor. 12 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Die Schweiz, deren Bodenproductions- Verhältniffe der Entwicklung eines Induftriezweiges, wie die Stärkefabrikation ein folcher ift, keineswegs günftig find, hatte begreiflicher Weife auf diefem Induftriegebiete nicht concurrirt und auch die dort feit der Entwicklung der Kattundruckerei ins Leben gerufene Dextrininduftrie hat fich von der Ausftellung völlig ferne gehalten Dagegen war Italien vortrefflich vertreten. Barbieri Fr. Carol& Comp. in Venedig hatten eine bemerkenswerthe Collection ihrer zum Theile ganz gut zu nennenden Erzeugniffe ausgeftellt. Sie brachten fehr fchöne Proben von Reisftärke, dann Weizen und Roggenftärke, meift in Stängelchenform, theils naturfärbig, theils geblendet. Auch Kartoffelftärke, diefe freilich in einer ziemlich geringen Qualität, war unter ihren Erzeugniffen vertreten. Von wefentlich befferer, völlig vorwurfsfreier Qualität erwies fich die von Fratelli Giordano, Salerna zur Ausftellung gebrachte Kartoffelftärke, wie nicht minder die Erzeugniffe von Palumbo Ant. Cava dei tirreni. Auch die Giunta fpeciale di Salerno hatte vorzügliche Producte aufzuweifen, darunter befonders bemerkenswerth die Proben von Stärkemehl aus Arum italicum und Pancratium maritimum. Künftliche Gummate hatten Orlandi Franc. in Mailand und SchläpferWenner& Comp. in Salerno ausgeftellt. Erfterer brachte fünf Sorten von hellgelb bis dunkelbraunem Gommelin neben Proben eines tadellofen Dextrins und Stärkegummi und ein Dextrin von einer, den beften deutfchen Erzeugniffen diefer Art in nichts nachftehenden Qualität. Schweden hatte von den Producten feiner Stärke Induftrie, die dort feit der Entwicklung der Zündhölzchen- Fabrikation fich von der Stufe der einfachen Hausinduftrie zu einem felbftftändigen, durch mehrere Fabriken in Smaland, Weftergrönland und anderen Provinzen vertretenen eigentlichen Induſtriezweige aufgefchwungen hat, einzelne fehr bemerkenswerthe Proben zur Ausftellung gefandt. Namentlich ift es Kartoffelftärke, welche Schweden producirt, aber auch Weizen wird zur Stärkegewinnung herangezogen. Die bedeutendfte StärkemehlProduction dürfte N. Möller in Yftad aufzuweifen haben und die Producte diefer noch ziemlich jungen( 1872 gegründeten) Fabrik, vornehmlich Weizenftärke für technifche, fowie für Genufszwecke, dann Pflanzenleim etc. verdienen alle Anerkennung. Weizenftärke erzeugt auch die Firma Gadd& Krufe in Malmöe, während P. W. Lundgren in Stockholm und S. Oertendahl in Hössna fich mit der Fabrikation von Kartoffelftärke befaffen. Im Allgemeinen ift die Stärkeinduftrie Schwedens noch in der Entwicklung begriffen und das heimifche Product deckt noch bei Weitem nicht den Eigenbedarf Schwedens an Stärkmehl und Stärkeproducten. Norwegen fcheint diefe Induftrie bislang noch gar nicht gepflegt zu haben, wenigftens brachte die Ausftellung keinerlei hierhergehörige Producte zur Anfchauung. Ebenfo hatten Dänemark und die Niederlande auf diefem Induftriegebiete nichts zur Ausftellung gebracht. Belgien war durch die, ob ihrer Verdienfte um die Einführung der Reis ftärke- Fabrikation am Continente, bekannte Firma E. Remy& Comp. in Wygmael- Louvain vertreten. Diefe, bereits feit dem Jahre 1857 im Betriebe ftehende, ziemlich bedeutende Fabrik erzeugt ausfchliefslich Reis- Stärkemehl und liefert dasfelbe in vortrefflicher Güte, Reinheit und blendender Weifse. Neben folchem hatte diefelbe auch färbige Reisftärke( violett, rofa und gelb) ausgeftellt. Erwähnenswerth ift der billige Preis der Producte diefer Fabrik, welche z. B. ihre fein weifse Reisftärke zu 68 Francs per 100 Kilogramm berechnet. Appreturmittel und Harzproducte. 13 Deutfchland, deffen Stärke- Induftrie auf einer bekanntlich fehr hohen Stufe fteht, war zwar durch eine gröfsere Zahl von Firmen vertreten, aber die Art der Ausftellung trug fo fehr den Stempel deutfcher Nüchternheit, dafs gegen uber der effectvollen Ausftellungsmanier der Engländer und Franzofen diefer bedeutende Induftriezweig Deutfchlands nicht in jenem Lichte erfchien, in welchem er hätte erfcheinen müffen, wenn man der äufseren Form der Ausftellung etwas mehr Aufmerkfamkeit zugewendet haben würde. Es waren im Ganzen etwa 16 Firmen, welche die Ausftellung befchickt hatten. Die ältefte derfelben ift wohl W. Krufe in Stralfund, welche feit 1729 arbeitet. Sie erzeugt blos Weizenftärke, wie es fcheint, nach älterem Verfahren. Das Product läfst nichts zu wünfchen übrig. Ein tadellofes Product hatten auch J. Mack in Ulm( Inhaber C. Laible) und Wilh. Janfen in Duisburg( Rheinprovinz), dann auch A. Berliner in Mittel- Neuland bei Neiffe, endlich Baffermann, Herfchel& Diffenbacher in Mannheim ausgeftellt. Sämmtlich genannte Fabrikanten hatten fehr fchöne Proben von Weizenftärke, meift nach den Martin'fchen Verfahren gewonnen, ausgeftellt und nur A. Berliner, deffen Etabliffement bereits feit 1845 befteht, und Baffermann& Comp. brachten auch Proben von fehr fchöner Kartoffelftärke. Die meiften derfelben hatten auch trockenen Kleber zur Ausftellung gebracht und war derfelbe faft durchwegs von trefflicher Qualität. Kartoffelftärke hatten übrigens auch in tadellofer Qualität H. Engelhart in Lauban und Max Friedel in Dahfau, dann Fr. Krieg in Alt- Tfchan, endlich Th. Blumenthal & Krieg in Denkwitz( fämmtlich in Schlefien) ausgeftellt. Die letztgenannte Firma, deren Production eine fehr erhebliche ift( 170.000 Centner Kartoffelverbrauch pro 1871) hatte auch muftergiltige Proben von Dextrin und Leiogomme und als befonders bemerkenswerth fogenanntes kryftallifirtes Stärkegummi( Kryftallgummi), gelbe und weifse Waare, ausgeftellt. Die letztere ftand zwar dem gleichen Erzeugniffe einer öfterreichifchen Firma etwas nach, war aber immerhin gut zu nennen. Auch Fr. Krieg hatte neben Kartoffelftärke, die er auch gefärbt ( violett und roth) zur Ausftellung brachte, Mufter von Dextrin aufzuweifen, von welchen namentlich die lichten Qualitäten eine vorzügliche Waare darftellten. Erwähnenswerth ift auch die Ausftellung von H. Hochftätter in Langen, welcher vier Sorten von Kunftgummi( vegetabilifches Leimpulver) für Zwecke von Farbanftrichem, dann für Appretur, für Zündwaarenfabrikation und endlich für Filzhut- Fabrikation zur Ausftellung brachte, Erzeugniffe die fowohl in Hin ficht auf Qualität als auch auf Billigkeit alle Anerkennung verdienten, und ebenfo jene von E. Reimann und Gebrüder Renz, Durlach( Baden), welche Proben von tadellofem Gommelin, dann Dextrin und gebrannter Stärke enthielt. Auch Ed. Pommier in Neufchönfeld bei Leipzig hatte Gommelin, Dextrin, und ein„, Adragantin" genanntes Kunftgummi, fämmtlich von guter Qualitat, ausgeftellt. Endlich möchte noch befonders die Ausftellung von A. Beftelmayer& Comp. in Langenau( Würtemberg) hervorgehoben werden, eine Firma, welche fchon feit der letzten Ausstellung zu Paris durch ihre Bemühungen um die Verwerthung des Dinkels( Triticum spelta) zur Stärkefabrication vortheilhaft bekannt ift. Die ausgeftellten Proben von Dinkelftärke waren durchwegs vorwurfsfrei, und nicht minder konnten die aus Dinkelftärke gewonnenen Gummate, befonders das Adra* Es war derfelbe Fehler, an welchem auch die fo reichhaltige Ausftellung Deutſchlands in den übrigen Sectionen der Gruppe III überhaupt laborirte. Zufammengepfercht in einem Schranke, der zudem keines guten Lichtes fich erfreute, ftanden die grofsentheils vorzüglichen Waarenmufter da, und die Befcheidenheit des Arrangements ging fo weit, das hie und da nicht einmal leferlich gefchriebene Signaturen fich vorfanden. So gewifs das übermässige Prunken in der Wahl der Ausftellungsweife zwecklos, ja oft geradezu verwerflich ift, fo ift doch auch das andere Extrem forgfäftig zu vermeiden, und das ausgeftellte Object in einer dem Zwecke einer Ausstellung entsprechenden Weife vorzuführen. geftellt. ** Ein derartiges Product wurde von keinem anderen Fabrikanten Deutfchlands aus 14 Dr. Wilh. Fried. Gintl. gantin als ähnlichen Erzeugniffen aus anderen Stärkeforten in nichts nachstehend bezeichnet werden. Freilich hat die Fabrikation von Dinkelftärke bisher nur eine völlig locale Bedeutung und es fteht in Frage, ob die Cultur von Dinkel für den speciellen Zweck der Stärkefabrication einer allgemeinen Verbreitung fähig ift. Andere Stärkeforten waren von deutſchen Fabrikanten nicht ausgeftellt worden und bilden thatfächlich in Deutſchland keinen Gegenftand der Fabrikation. Eine Ausnahme möchte höchftens die Reisftärke machen, deren fabriksmässige Darftellung bekanntlich in neuefter Zeit auch in Deutſchland* aufgenommen worden ift. Ob diefe verhältnifsmäfsig noch junge Induſtrie fich mit der unter fo günftigen Bedingungen arbeitenden Reisftärke- Induftrie. Englands wird concurrenzfähig erweifen können, fteht dahin. Es möchte noch bemerkt werden, dafs, foviel über die Productionsgröfse der deutfchen Stärkefabriken zu erfahren war, die meiften derfelben eine durchfchnittliche Jahresproduction von 35000 Centner aufzuweifen haben. Faft alle befaffen fich nur mit der Darftellung von Brocken- und Strahlenftärke neben Gummaten, und nur einzelne, darunter befonders A. Schönfeldt in Heiligenhafen( Schleswig), liefern Stärke in Stäbchenform. Im Allgegemeinen hält die deutfche Stärkeproduction dem Eigenbedarfe ziemlich das Gleichgewicht, und nur einzelne Firmen, beifpielsweife Blumenthal& Krieg, befaffen fich mit dem Exporte ihrer Producte, welcher vornehmlich nach England gerichtet ift. Oefterreich hatte eine der Bedeutung diefes feines Induftriezweiges völlig würdige Vertretung feiner Stärke- Induftrie aufzuweifen. Diefe fteht aber. auch, zumal feit den letzten Jahren, auf einer hohen Stufe der Entwicklung und es darf ohne Ueberhebung gefagt werden, dafs fie der gleichen Induftrie Deutſchlands entfchieden den erften Rang ftreitig zu machen beginnt. Namentlich hat Böhmen, wo man feit dem Erblaffen des Glücksfternes der Rübenzucker- Induftrie der Stärkeproduction eine gröfsere Aufmerkfamkeit zuzuwenden beginnt, ein bedeutendes Contingent an einfchlägigen Ausftellungsobjecten geftellt. Böhmen ift überhaupt ein günftiges Terrain für die Entwicklung folcher Induftrien, welche, wie die Stärke Induftrie, gewiffermafsen ein Supplement der rationellen Landwirthfchaft bilden, und feine Stellung als Grenzland begünftigt auch den Abfatz des Productes, den die öfterreichifche Stärke- Induftrie neueftens in nicht unerheblichem Mafse im Auslande findet. In der That betrug der Export in den Jahren 1869 bis 1871 durchfchnittlich 30.000 Centner, während derfelbe in den Jahren 1867 und 1868 nur 13.756 und 15.966 Centner betrug. Die Einfuhr an Stärkeproducten bezifferte fich dagegen 1867 auf 19.054 Centner, 1868 auf 17.421 Centner, 1869 auf 13.597 Centner, 1870 auf 7289 Centner, 1871 auf 5204 Centner, war alfo feit 1869 entfchieden bedeutend geringer als die Ausfuhr, welche z. B. im Jahre 1871 die Höhe von 37.156 Centner erreicht hatte. Im Jahre 1872 ftellte fich dagegen, theilweife in Folge mittelmäfsiger Ernten, namentlich aber durch die Bemühungen Amerikas und Englands um den Vertrieb ihrer Erzeugniffe von Mais- und Reisftärke, der Import wefentlich höher, indem er zu der Höhe von 19.276 Centner fich erhob, während der Export, bedingt durch die allenthalben erwachende Concurrenz der Mais- und Reisftärke, auf 20.898 Centner fiel. Faft alle öfterreichifchen Stärkefabriken arbeiten nach dem Martin'fchen Verfahren. Bezüglich der Extractionsmafchinen ſteht vorherrfchend das Fesca'fche Syftem theils in feiner ursprünglichen Geftaltung, theils in wenig veränderter Form in Anwendung. Auch das Völkner'fche Syftem ift vielfach mit Vortheil in Verwendung, während andere, zumal ältere Syfteme, faft nicht mehr angetroffen werden. Neueftens beginnt auch das Syftem Markl fich Eingang zu verfchaffen. * Aufser einer fchon feit einigen Jahren in Altona etablirten gröfseren Fabrik für Reisftärke ift in neuefter Zeit auch in Ulm eine derartige Fabrik errichtet worden. Appreturmittel und Harzproducte. 15 Ein Theil der gröfseren Fabriken arbeitet mit Centrifugen. Von den einzelnen Stärkeforten find es vornehmlich die Kartoffelftärke und Weizenftärke, welche in Oefterreich producirt werden, und zwar liefert Böhmen vorherrfchend Kartoffelftärke, während die Weizenftärke- Fabrikation hauptfächlich ihren Sitz in den der Grenze Ungarns näher liegenden Ländern Cisleithaniens hat. Von anderen Stärkeforten wird in Oefterreich fowohl Reis- als auch Maisftärke fabriksmäfsig erzeugt, doch hat diefe Production bislang keine hervorragende Bedeutung. Die einzelnen Ausftellungsobjecte betreffend, möchten vor Allen jene der Camill Fürft Rohan'fchen Stärke producten- Fabrik zu Dařenic in Böhmen hervorgehoben werden. Die Leiftungen diefes erft feit 1868 beftehenden Etabliffements dürfen ungefchmeichelt als die beften bezeichnet werden, welche fich auf der Ausftellung fanden. Die ausgeftellten Kartoffelftärke- Sorten waren von der hochfeinen bis zur ordinären Qualität herab muftergiltige Producte, und nicht minder kann. diefs von den ausgeftellten künftlichen Gummaten: Adragantin, Dextrin und Gommelin gefagt werden. Befondere Aufmerkfamkeit erregten mit Recht die ausgeftellten Proben von Kryftallgummi, von welchem namentlich das weifse unbeftritten das befte Erzeugnifs diefer Art war, welches die Ausftellung fah. Das in Rede ftehende Etabliffement hat übrigens auch eine erhebliche Productionsgröfse aufzuweifen und beläuft fich feine Jahresproduction auf circa 2000 Centner Stärke und etwa 5000 Centner künftlicher Gummate bei einem Rohmaterialverbrauche von jährlich etwa 30.000MetzenKartoffeln. Auch die alt gräflich Salm'fche Stärkefabrik zu Světlá in Böhmen hatte vorzügliche Proben von Kartoffelftärke, fowohl weifs als auch mit intenfiven Färbungen, fowie ein gleichtalls treffliches Kunftgummi, dann tadellofes Gommelin etc. ausgeftellt. Auch diefes Etabliffement hat eine ziemlich bedeutende Production( 5 bis 6000 Centner jährlich). Befonders bemerkenswerth war übrigens auch die Ausftellung von J. Fr. Gärtner jun. in Rannersdorf und WienerHerberg. Diefe Firma erzeugt fowohl Kartoffel als auch Weizen- und endlich Maisftärke, fowie künftliche Gummate, wie: Amidon und Leogomme. Die ausgeftellten Stärkemehl- Proben, zumal die fogenannte Mouffeline- Weizenftärke, waren als ganz gute Erzeugniffe zu bezeichnen. Gärtner ift unferes Wiffens bisher die einzige Firma, welche fich in Oefterreich mit der Maisftärke- Fabrikation befafst. Sonft hatten noch H. Fiedler in Bruck an der Leitha, F. Wawrik in Gaudenzdorf, Götzen's Erben in Wiener Neuftadt und L. Chiozza in Cervignagno Weizenftärke von guter Qualität ausgeftellt. Die Meiften der Genannten ftellten auch Proben trockenen Klebers aus, von welchen namentlich jene von Wawrik und jene von Götzen's Erben befonders fchön waren. Unter den ange führten Firmen dürften C. Gr. v. Götzen's Erben die relativ gröfste Production. ( 100 Centner Weizen täglicher Rohmaterialverbrauch, Wawrik 50 Centner, Chiozza 30 Centner) aufzuweifen haben. Fiedler gibt eine Jahresproduction von 2500 Centner feiner, 1200 Centner ordinärer Stärke und 400 Centner Stärkegummi neben 700 Centner Kleber an. Reisftärke hatte Hermann Hirfch in Hohenems( Vorarlberg) ausgeftellt. Sein Erzeugnifs, das er je nach Qualität im Preife von 14 bis 19 fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner hält, war, wenn auch dem englifchen unftreitig nachftehend, doch gut zu nennen. Aufser den angeführten Ausftellern find noch einige Firmen zu nennen, welche fich vornehmlich oder ausfchliefslich mit der Darftellung von künftlichen Gummaten befaffen und die Stärkewinnung felbft gar nicht oder doch nur zur Deckung des Eigenbedarfs betreiben. An der Ausftellung hatten fich mehrere diefer Firmen betheiligt und die meiften derfelben hatten fehr gute Producte aufzuweifen. Befonders feien hier erwähnt die Ausftellungen von Julius Hofmeier und Jofef Nowak in Prag. Die erftgenannte, um die öfterreichifche Induftrie befonders verdiente Firma unterhält in Wien, Prag, Peft, Prefsburg, dann aber auch in Berlin grofsartige Etabliffements, die, in erfter Linie der Albuminfabrikation dienend, nebenbei fich auch mit der Fabrikation von künftlichen Gummaten befaffen. Die ausgeftellten 2 16 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Proben von Amidon, Dextrin und Leogomme find durchwegs vorzügliche Erzeugniffe, die auch in Bezug auf Preis mit den beften Fabrikaten anderer Firmen concurriren können. In der That hat die genannte Firma in diefen Artikeln auch einen bedeutenden Export, zumal nach Deutfchland aufzuweifen. Die zweite Firma, Jofef Nowak in Prag, welche in neuefter Zeit auch die Stärkefabrikation in gröfserem Mafsftabe betreibt, hatte neben einer bemerkenswerthen Collection von Farblacken für Schafwolldruck, in welchem Artikel diefelbe fich einen wohlverdienten guten Ruf erworben hat, gleichfalls muftergiltige Proben von künftlichen Gummaten ausgeftellt. Unter diefen möchte befonders der für die Appretur feiner Leinen und Baumwoll- Waaren beftimmte Glanzapprêt hervorgehoben werden, welcher, aus einer Mifchung von mehreren Stärkeforten dargestellt, durch Kochen unter Hochdruck zu einer blendend weifsen gummöfen Maffe umgewandelt werden kann, die eine glatte und glänzende Appretur liefert. Auch das Kunftgummi, fowie ein fehr fchönes Patentgummi und endlich eine prächtige Probe von Kaftanienftärke verdienten alle Anerkennung. Ausserdem hatten auch Kern& Lindauer in Waldmühle bei Liefing, David Bloch in Jungbunzlau, S. Engelmann in Prag, Franz Eduard Wonka in Křinec in Böhmen und R. Löhnertin Böhmifch- Leipa Proben von Dextrin, Amidon, Gommelin, Druckkleifter etc. ausgeftellt Producte, von welchen namentlich jene von Kern& Lindauer, fowie jene von David Bloch als durchwegs gute zu bezeichnen waren, während die Erzeugniffe der Uebrigen zum Theile Manches zu wünſchen übrig liefsen. Erwähnt möchte noch werden, dafs Dr. G. Thenius in Wiener- Neuftadt als befondere Specialität ein Cellulofe Dextrin ausgeftellt hatte, deffen Qualität eine vorwurfsfreie war. Ob diefes Erzeugnifs mit dem bereits 1819 von Braconnot und später auch von Béchamp, Payen und Anderen dargestellten Holzdextrin identifch ift und etwa auch auf ähnlichem Wege gewonnen werden kann, oder aber ein neues Product ift, war nicht zu eruiren. Bisher ſcheint diefer Artikel übrigens noch keine befondere Bedeutung gewonnen zu haben. Ungarn hatte feine Stärke- Induftrie in einem recht günftigen Lichte gezeigt, und wiewohl die ungarifche Ausftellung hier keine befondere Mannigfaltigkeit aufzuweifen hatte, fo bewies fie doch, dafs man auch in Ungarn für den Fortfchritt auf diefem Induftriegebiete empfänglich war. Ausgeftellt war faft ausfchliesslich Weizenftärke und das neben der Gewinnung diefer fallende Nebenproduct, Kleber, in trockener Form. Die Induftrie der künftlichen Gummate fcheint fich in Ungarn noch nicht eingebürgert zu haben; wenigftens war nichts Bemerkenswerthes von derartigen Producten zur Ausstellung gebracht worden. Von den einzelnen Ausftellungsobjecten ift in erster Linie die Collection von Weizenftärke- Proben der Erften Pefter vereinigten Weizenftärke Fabriksniederlage zu nennen. Als Theilnehmer an diefer Collectivausftellung fungirten die Stärkefabrikanten Chr. Kutfcher, J. Strafsenreiter, S. Gruber& Sohn, J. Linhart& Sohn, P. Raufch und J. Högl. Die ausgeftellten Producte, Weizenftärke in Kryftallen, Kernftärke, Puder und ordinäre Stärke, fowie der trockene Kleber, waren recht gut zu nennen, und namentlich war der Kleber, was Trockenheit und Helligkeit anbelangt, vortrefflich. Neben diefer Collection möchte noch die Ausftellung der Gebrüder Strobentz in Peft erwähnt werden, welche Proben von einer gleichfalls ganz guten Prima- Weizenftärke und Weizenftärke in Kryftallen ausgeftellt hatten. Auch bei diefer Firma war der Kleber in trockener Form recht gut. Von Kartoffelftärke, welche nachweislich auch Ungarn producirt, hatte die Ausstellung nichts Erwähnenswerthes aufzuweifen, und was befonders auffällig erfcheint, ift, dafs Ungarn, das Land, das doch eine fo erhebliche Maisproduction hat, die Stärkefabrikation aus Mais noch nicht aufgenommen hat. * Diefer Theil der Ausftellung des J. Nowak entzieht fich der Würdigung an diefer Stelle und wird feine Besprechung in dem Berichte über Farbwaaren zu finden haben. Appreturmittel und Harzproducte. 17 Rufsland, deffen Stärkefabrikation fich in der neueren Zeit von dem Charakter der Hausinduftrie mehr und mehr zu jenem einer Grofsinduftrie erhoben hat, hatte zwar nur eine fpärliche Vertretung diefer Induftrie aufzuweifen, das aber, was die Ausstellung zeigte, erwies fich als ein in jeder Hinsicht tadellofes, den beften Erzeugniffen anderer Staaten völlig gleichkommendes Product und zeugte von dem Auffchwunge, den Rufsland auf induftriellem Gebiete nimmt. Von den ausgeftellten Producten waren befonders jene der Stärkefabrik des Gutes Karlowka( Gouvernement Poltowa)*), Eigenthum Ihrer kaiferlichen Hoheit der Grofsfürftin Helene Pawlowna, bemerkenswerth. Es waren diefs Proben von Weizenftärke, von trefflicher Qualität und blendender Weifse, deren Preis 4 bis 8 Kopeken per Pfund( das ift etwa 7 bis 14 kr. öfterreichiſcher Währung), ein im Verhältniffe zu der Trefflichkeit des Productes ftaunenswerth mäfsiger ift. Die genannte Fabrik, welche feit dem Jahre 1865 befteht, hat eine Jahresproduction von circa 30.000 Pfund und ift ein fprechender Beweis dafür, dafs auch Rufsland in der rationellen Verwerthung der Reichthümer feiner Bodenproduction nicht hinter den anderen Staaten zurückgeblieben ift. Das Fabriksetabliffement fteht in der zweckmäfsigften Verbindung mit einer auf jenem Gute ſchwunghaft betriebenen Viehzucht und liefert in Geftalt der andernorts in ihrem Werthe noch allzufehr unterfchätzten Abfälle des Stärke- Fabriksbetriebes ein treffliches Maftfutter, das denn auch in der rationellften Weife verwerthet wird. Es möchte diefs manchem unferer Oekonomen ein belehrendes Beiſpiel fein. Ein ebenfalls fehr lobenswerthes Product hatte M. Epftein in Sakhry ( Gouvernement Lublin) ausgeftellt. Es war Weizenftärke und Kartoffelftärke von tadellofer Qualität. Auch diefes Etabliffement hat eine verhältnifsmässig bedeutende Production aufzuweifen( circa 36.000 Pfund), und ift jedenfalls nicht das kleinfte Etabliffement feiner Art in Rufsland. Bemerkenswerth ift, dafs Rufsland, deffen Getreidereichthum danach angethan wäre, faft ganz Europa mit Stärkeproducten zu verforgen, immer noch nicht feinen Eigenbedarf in diefem Artikel deckt und bedeutende Mengen von Stärke und Stärkeproducten von ausländifchen Fabrikanten importiren läfst, die zum Theile ihr Rohmaterial dem ruffifchen Markte entnehmen. Hoffentlich wird die Erkenntnifs, dafs hierin ein nicht geringer volkswirthschaftlicher Nachtheil liege, den Auffchwung, den die mit den Intereffen einer rationellen Landwirthschaft fo innig verwebte Stärkefabrikation in Rufsland thatfächlich genommen hat, noch weiter begünftigen. Von der Stärke- Induftrie anderer Länder, die an der Ausftellung fich betheiligt hatten, ift wenig zu berichten. Zwar hatten die meiſten derfelben Stärkeproben ausgeftellt, aber mit Ausnahme Egypten's nur als Product häuslicher Thätigkeit und nicht als Ergebniſs eines eigentlichen Induſtriebetriebes. Egypten hatte dagegen Proben einer Weizenftärke von blendender Weifse und neben diefer Kleber in Blättern, von ganz ähnlicher Qualität, wie ihn unfere, nach dem Martin'fchen Verfahren arbeitenden Stärkefabriken produciren; Objecte, welche darauf fchliefsen laffen, dafs auf dem egyptifchen Boden die Stärkefabrikation als eigentlicher Induftriezweig betrieben wird.** Als Product häuslicher Thätigkeit fanden wir Weizenftärke in der Abtheilung Rumäniens, wo folche feitens der Ackerbaufchule in Bukarest ausgeftellt war, dann in jener Japans und Chinas. Das japanefifche Product ftellte eine fehr fchön weifse, unferen befferen Sorten ziemlich gleichftehende Waare dar, während die chinefifche, fogenannte„ ordinäre Stärke für den Hausgebrauch" ein Erzeugnifs ziemlich geringer Qualität war. * Merkwürdiger Weife war diefes Ausftellungsobject weder im Generalkataloge noch im ruffifchen Specialkataloge aufgenommen. ** Leider konnte uns der Vertreter der egyptifchen Ausstellung keine Auskunft über die Verhältniffe diefer Induftrie geben. 2* 18 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Dagegen hatte China auch noch Proben einer Stärke aus grünen Bohnen aufzuweifen, die guter Weizenftärke dem Anfehen nach fehr ähnlich fchien. Nach den uns gemachten Mittheilungen foll diefe Stärkeforte in China in erheblichen Mengen producirt werden. Albumin und Cafeïn. Die umfaffenden Fortfchritte und Neuerungen, welche fich auf dem Gebiete der Zeugdruckerei in den letzten zwanzig Jahren ergeben haben, gaben den Impuls zur Entwicklung jener Induftrie, welche fich die Aufgabe fetzt, den für die Zwecke der beftimmten Gewerbe erforderlichen Bedarf an Eiweifsftoffen in einer Form darzuftellen, welche die Einführung und den Verfandt diefer fo wichtig gewordenen Hilfsftoffe als eigentlichen Handelsartikel möglich macht und fo nicht nur die Unabhängigkeit des Confumenten von dem Mafse der Ergiebigkeit localer Quellen für die Deckung des jeweiligen Bedarfes herbeigeführt, fondern auch all die Unannehmlichkeiten befeitiget hat, denen der Confument gröfserer Maffen von folchen thierifchen Eiweifskörpern, bei der leichten Zerfetzbarkeit derfelben im frifchen Zuſtande, ftets ausgefetzt war. Die Albuminfabrikation ift demnach ein verhältnifsmäfsig fehr junger Induftriezweig, der, wenn wir nicht irren, ursprünglich in Frankreich aufgenommen, alsbald weitere Verbreitung gefunden hat und heute in faft allen civilifirten Ländern in ziemlichem Umfange betrieben wird. Das Rohmateriale für die Albuminfabrikation bilden einerfeits Eier( vornehmlich Hühnereier), andererfeits der frifche Blutabfall der Schlächtereien, und zwar wird diefsfalls das Hauptcontingent von dem Rinderblute gebildet, während Schweineblut, Hammel- und Lammblut in, wie begreiflich, geringerem Mafse zur Verwendung kommen. In Bezug auf die Heranziehung des Blutabfalles der Schlächtereien zur Albuminfabrikation bedeutet diefer Induftriezweig in einem gewiffen Sinne auch eine Abfallverwerthung, deren Werth nicht unterfchätzt werden möchte, wenn man bedenkt, welche Maffen von Thierblut, die andernfalls unbenützt verloren gegeben würden, auf diefem Wege einer rationellen Verwendung zugeführt werden, abgefehen davon, dafs durch die Einführung einer forgfältigen Auffammlung des Blutes ein fanitärer Vortheil erreicht wird, der darin begründet ift, dafs durch die Samm lung und Verarbeitung des Blutes auf Albumin die fanitären Uebelftände, welche der Betrieb gröfserer Schlachthäufer unleugbar im Gefolge hat, entfchieden verringert erfcheinen. Die Fabrikationsmethode, die ja bekanntlich nur darauf ausgeht, das von dem Eigelb forgfam gefonderte Weifs der Eier nach erfolgter Klärung zur Trocknung zu bringen, oder, wo es die Erzeugung von Blutalbumin gilt, die Gewinnung eines möglichft klaren und fchwach gefärbten Serums bezweckt, das im Weiteren gleich dem Eieralbumin zur Trockenheit gebracht wird, ift heute allenthalben noch diefelbe, wie fie bereits im Jahre 1865 von Hirzel befchrieben wurde, und hat die von Kuhnheim in Anregung gebrachte Methode der Serumgewinnung durch Schlagen des Blutes und Centrifugiren der coagulirten Maffen unferes Wiffens nirgends Eingang gefunden, ebenfowenig wie fein Vorfchlag, die Trocknung durch Verdampfen im Vacuum zu befchleunigen, fich in der Praxis eingebürgert hat. Ueberall gewinnt man ein für beffere Sorten Blutalbumin brauchbares Serum durch freiwilliges Abträufelnlaffen des durch ungeftörte Coagulation des Blutes erhaltenen Blutkuchens, der behufs möglichfter Ausbeutung meift gefchnitten wird. Es hat die Erfahrung gelehrt, dafs alle Mittel, welche bisher angewendet wurden, die Serumsausbeuten durch Kunftgriffe, wie Preffen, Abnutfchen oder gar Centrifugiren des Blutkuchens zu erhöhen, ein für Prima- oder felbft SecundaAlbumin völlig unbrauchbares Serum liefern, da die Menge des fich dem Serum beimengenden Blutfarbftoffes auf folchem Wege wefentlich gefteigert wird. Das Trocknen des Eiweifses oder des Serums gefchieht, wie diefs wohl urfprünglich Appreturmittel und Harzproducte. 19 der Fall war, auch heute noch auf Tellern, Taffen und dergleichen, die in Trockenräumen, deren Temperatur gut regulirt werden kann und die felbftverſtändlich gut ventilirbar find, aufgeftellt werden, und es beftehen wohl nur in Hinsicht auf das Materiale diefer Taffen, deren Herftellung aus Porcellan( obwohl diefs das befte Materiale wäre) felbftverſtändlich für den Grofsbetrieb viel zu koftfpielig wäre, gewiffe Verfchiedenheiten, die nicht felten auch in der Qualität des erzielten Albumins zum Ausdrucke kommen. Es fehlt auch heute noch an jedweder brauchbaren Methode, um aus einem ftärker gefärbten Serum ein blaffes Albumin zu gewinnen, ebenfo wie bisher ein dem Eieralbumin im Anfehen völlig gleichkommendes Blutalbumin in gröfserem Mafsftabe noch nicht dargestellt zu werden vermochte. Auch die von Köchlin bereits vor Jahren befprochene Methode des Bleichens von Albumin durch Peitfchen mit Terpentinöl( etwa 4 Percent), obwohl diefe für fchwach gefärbte Serumforten immerhin mit gutem Refultate verwendet werden kann, ift bei ftärker farbigem Rohmateriale ziemlich erfolglos, abgefehen davon, dafs fie nicht ohne Nachtheil für die Qualität des erzeugten Productes ift. Dafs diefer Vorwurf felbftverſtändlich in noch höherem Mafse von der Anwendung von Säuren( Schwefel- Effigfäure) und anderen zum Zwecke des Bleichens( Herftellung von Patentalbumin) vorgefchlagenen und nicht felten auch verwendeten Mitteln gilt, ift klar, denn es wird trotz der Neutralifation mit Ammon, die natürlich bei Verwendung von Säuren nicht unterlaffen werden darf, die Gegenwart eines fremdartigen Salzes im Albumin nicht für alle Fälle der Verwendung desfelben gleichgiltig fein. Die Praxis hat fich daher der Verwendung von reinem Eieralbumin, namentlich für die Zwecke des Kattundruckes, fowie auch für die Herftellung photographifcher Papiere und Platten, nicht entfchlagen können, und wird diefer Artikel in immer noch ganz koloffalen Maffen fabricirt, wiewohl fein Preis felbftverftändlich ein nicht nur bedeutend höherer als jener des Blutalbumins iſt, fondern auch einem ftetigen, nicht felten bedeutenden, Schwanken unterworfen ift. So koftete der Centner Eieralbumin im Jahre 1860 und 1861 500 fl ö. W., der Centner Blutalbumin im felben Jahre 250 fl.; kurz nach Beginn des amerikanifchen Krieges fielen in Folge der für die Cattuninduftrie hereingebrochenen Krife die Preife auf 200 fl. für Eieralbumin und circa 90 fl. für Blutalbumin, um im Jahre 1868 und 1869 wieder die enorme Höhe von 900 fl. für Eieralbumin und 450 fl. für Blutalbumin zu erreichen. Als Mittelpreife laffen fich für Eieralbumin 400 fl. und für Prima- Blutalbumin 200 fl. ö. W. per Centner anfetzen. Der Verbrauch an Blutalbumin, das bei gleicher Tauglichkeit zum Zwecke der Farbenfixirung nur in Hinficht auf feine Färbung mit zarteren Farben unver träglich ift, erweift fich geringer als jener des Eieralbumins, und namentlich wird für dunkle Nuancen Blutalbumin felbft in Secunda- Qualität noch mit ganz vorzüglichem Erfolge verwendet. Die Verwendung der Tertia- Qualität des Blutalbumins befchränkt fich im Allgemeinen auf jene für Zwecke der Zuckerraffinerie, und nur vereinzelt pflegt eine beffere Tertiawaare noch für den Druck von Schwarzfarben verwendet zu werden. Dafs fich bei dem hohen Mittelpreife des Albumins, der felbft das BlutAlbumin immerhin noch als ein ziemlich koftfpieliges Materiale erfcheinen läfst, allenthalben Bemühungen geltend machten, das Albumin wenigftens in der Cattundruckerei durch andere, billigere Mittel von gleicher Wirkungsweise zu erfetzen, ift leicht einzufehen; doch hat trotz des hohen Preifes, den die„ Société induftrielle" zu Mühlhaufen auf die Beifchaffung eines folchen Erfatzes ausgefetzt hat, fich bisher kein wirkliches Subftitut des Albumins gefunden, und alle diefsfalls vorgefchlagenen Mittel haben fich nur mehr oder weniger einfeitig bewährt. Am meiſten hatte dem Albumin noch das bereits im Jahre 1854 von Grüne empfohlene Cafeïn, wenigftens für den Ultramarindruck, Concurrenz gemacht, wiewohl es jenem gegenüber den entfchiedenen Nachtheil hat, trübe Farben zu geben. 20 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Man hat dasfelbe bekanntlich in alkalifchen Löfungen angewendet und der Trübung der damit fixirten Farben durch Zufatz von Oel abzuhelfen gefucht. Das für folche Zwecke in den Handel gebrachte trockene Caseïn( Lactarin oder Lactrin) einfach durch Trocknen von gut ausgewafchenem Topfen( Quark) gewonnen, fowie ein mit einem Alkalizufatz bereitetes Lactarinextract hat lange Jahre hindurch einen bedeutenden Handelsartikel gebildet, der indefs gegenwärtig nur fehr wenig gefucht ift. Es fcheint, dafs auch das fchon 1850 von Wagner empfohlene Magneſiumcafeïnat, felbft in der durch Schlumberger 1871 verbefferten Form der Anwendung mit Barytwaffer, fich nicht allgemein eingebürgert hat, wiewohl diefes letztere Verfahren unftreitig ein fehr rationelles genannt werden darf. Vornehmlich dürfte die nur bedingt mögliche Verwendung der Cafeïnfixage für Anilinfarben die Schuld daran tragen, dafs bei dem gegenwärtigen Herrfchen der Anilincouleurs diefes Fixirungsmittel nur befchränkte Anwendung findet. Noch weit weniger Verwendung haben die diverfen Albuminfurrogate aus Kleber gefunden, und wenn es fich auch nicht leugnen läfst, dafs dem bereits 1855 von Martin für den Cattundruck empfohlenen Kleber ein gewiffes Fixirungsvermögen zukommt, fo ift doch die bindende Kraft diefes Körpers dem Albumin gegenüber eine relativ nur geringe und dürfte derfelbe wenigftens für feinere Waaren wohl nie befonders in Betracht kommen. Ebenfo find auch die durch verfchiedene Proceduren aus dem Kleber gewonnenen Albuminfurrogate, wie der von Meffager und Perdrix im Jahre 1860 empfohlene Kleberleim, dann der im felben Jahre von Hanon in Vorfchlag gebrachte Eiweifsleim( gefaulter Kleber), fowie das fchon früher von Scheurer Rott anempfohlene Albuminfurrogat ( Kleber, durch Einwirkung fchwacher Säuren verändert), nur ephemere Erfcheinungen geblieben, von denen fich keine recht Bahn gebrochen hat, oder doch wie das beiſpielsweife von dem bereits früher erwähnten Lucin gefagt werden kann, nur für die Fabrikation geringerer Waaren Anwendung gefunden haben. Die feinerzeit von der Société induftrielle in etwas vorfchneller Weife belohnte, mit grofsen Erwartungen begrüfste Idee, welche G. Leuchs bezüglich der Verwendbarkeit des an den nordifchen Fifchfchlächtereien fo maffenhaft refultirenden Fifchrogens für die Gewinnung eines dem Albumin völlig gleichkommenden Proteïnates fafste, ift bisher Idee geblieben*, und fcheint Dollfus Recht gehabt zu haben, wenn er derfelben eine befondere Bedeutung abfprach. Thatfächlich hat das Fifchalbumin, das wiederholt verfuchsweife zu Markte gebracht wurde, bisher dem Eier oder Blutalbumin gar keine Concurrenz gemacht. Es fchliefst diefs indefs die Möglichkeit keineswegs aus, dafs durch ein geeigneteres Verfahren fich die Mängel des bisher aus Fifchrogen erzielten Productes befeitigen laffen und diefes Materiale denn doch zu Ehren gebracht werden könnte. Wenigftens dürften heute noch nicht alle Hoffnungen in diefer Hinficht aufzugeben fein. Eine befonders wichtige Frage bildet für den Albuminfabrikanten die Verwerthung der Nebenproducte feiner Induftrie. Es find diefs bei der Fabrikation des Eieralbumins die Eidotter, bei jener des Blutalbumins die vom Serum befreiten Blutkuchen. Wie grofs die Wichtigkeit der Löfung diefer Frage ift, erhellt, wenn man erwägt, dafs für die Erzeugung von 1 Pfund Eieralbumin durchfchnittlich 180 bis 200 Stück Eier verwendet werden müffen. dafs fomit eine gleich grofse Anzahl von Eidottern refultiren, die bei irgend gröfserem Fabriksbetriebe nicht leicht preiswürdig an Mann gebracht werden könnten, wenn, wie es bei der leichten * Die durch längere Zeit im Betriebe geftandene Fabrik von Sahlftröm in Jönköping, welche die Albuminfabrikation aus Fifchrogen betrieb, fcheint neueſtens aufgelaffen worden zu fein. Appreturmittel und Harzproducte. 21 Zerfetzbarkeit der Subftanz des Eigelb Erfordernifs ift, der Vertrieb diefes Nebenproductes rafch von Statten gehen muſs. Die erfte Verwendung, welche das bei der Albuminfabrikation abfallende Eigelb gefunden hat, war jene, welche Sacc in Weffenling( Elfafs)( der, wenn ich nicht irre, überhaupt der Erfte war, welcher mit der Fabrikation von trockenem Albumin fich befafste) einführte, indem er dasfelbe auf eine ziemlich weiche Seife, Eierfeife, verarbeiten liefs. Eine derartige Verwerthung konnte aber offenbar auf die Dauer nicht rentiren, und fo verfuchte man zunächft das Eigelb durch paffende Zufätze auf längere Zeit zu conferviren. Solcher Confervirungsmethoden find ziemlich viele, mit mehr oder weniger Erfolg, in Anwendung gekommen. Von den bekannten Mitteln, welche diefsfalls angewendet werden, find die älteften das 1856 von Moffelmann vorgefchlagene Verfetzen mit neutralem Natriumsulfit ( etwa 5 Percent) oder ein Zufatz von Chlornatrium( bis 12 Percent) während das neueftens von Jakobfen zu gleichem Zwecke für Albumin empfohlene Chloralhydrat fich ebenfalls für Eigelb verwenden läfst. Weniger empfehlenswerth dürften die in erfter Linie für die Confervirung des Albumins vorgefchlagenen, aber felbftverſtändlich in gleichem Sinne auch für Eigelb brauchbaren Zufätze von chlorf. Ammoniak( G. Schäffer) oder arfenf. Natron( C. Köchlin) fein. Solchergeftalt in flüffiger Form confervirtes Eigelb ift indefs in der Regel doch nur für die Zwecke der Handfchuhledergerberei brauchbar, denn wiewohl namentlich das gefalzene Eigelb fich recht gut confervirt und auch der höhere Kochfalzgehalt kein Hindernifs einer Verwendung desfelben als Nahrungsmittel bilden würde, fo hat das grofse Publicum doch eine gewiffe Scheu vor der Verwendung eines derartigen Präparates und kauft dasfelbe nicht gern, fo lange der Bezug von frifchen Eiern noch möglich ift. Dafs mit anderen Mitteln confervirtes Eigelb als Nahrungsmittel überhaupt gar nicht verwendbar ift, ift klar, und fo kommt es, dafs die Verwerthung diefes einen erheblichen Werth repräfentirenden Nebenproductes der Albuminfabrikation auf folchem Wege keineswegs eine völlig entſprechende ift. Neueftens ift in Bezug auf die Löfung diefer Frage ein erheblicher Fortfchritt gethan worden. Jul. Hofmeier, bekanntlich der eigentliche Begründer der Albumininduftrie, hat, nachdem er zunächft mit gutem Erfolge den Eierausfchlag auf allen gröfseren Marktplätzen eingeführt und alfo die Eierhändler veranlasst hat, frifche Eidotter allein abzugeben, während er das Eiweifs von denfelben abnimmt, eine bisher geheim gehaltene Methode ermittelt, das Eigelb in Form eines lockeren, leicht und vollkommen löslichen Pulvers darzuftellen, welches dem Geruche und Gefchmacke nach einem frifchen Eigelb völlig gleichkommt. Da diefes trockene Eigelb ohne Zufatz irgend eines fremdartigen Körpers hergeftellt ist, und auch im Verhalten kaum eine Verfchiedenheit von frifchem Eigelb zeigt, vor dem es jedoch den grofsen Vortheil der vollkommenften Haltbarkeit voraus hat, fo obwaltet kein Anftand, diefes Präparat als Nahrungsmittel zu verwenden. In der That findet diefes Erzeugnifs allenthalben einen nicht geringen Anklang und wird namentlich von deutfchen und englifchen Cakesbäckereien in bedeutenden Maffen confumirt. In diefer Form kann Eigelb mit Vortheil als Nahrungsmittel verwendet und alfo in einer feinem Werthe entſprechenderen Weife an Mann gebracht werden. Ueberdiefs hat Hofmeier auch eine befondere, von den bisher bekannten Methoden angeblich verfchiedene Art der Confervirung des Eigelbs in Anwendung gebracht, die fich insbefondere durch die Ausgiebigkeit und Nachhaltigkeit des angewendeten Confervirungsmittels auszeichnet und ein weithin verfendbares, für die Zwecke der Handfchuhgerberei gut verwendbares Product liefert. In Betreff der Verwerthung der bei der Fabrikation von Blutalbumin abfallenden Blutkuchen, die früher nach einer keineswegs völlig rationellen 22 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Gepflogenheit einfach auf Compofthaufen verführt, und da einer die Gegend weit und breit verpeftenden, allmäligen Zerfetzung anheimfallen gelaffen wurden, hat fich jetzt faft durchwegs die jedenfalls rationellere Praxis eingebürgert, welche die vom Serum befreiten Blutkuchen möglichft rafch trocknet und fo ein haltbares Product liefert, das unter dem Namen„ getrockneter Blutkuchen" theils für Dungzwecke, theils für die Zwecke der Blutlaugenfalz- Fabrikation in den Handel gebracht wird. Bei dem relativ ziemlich hohen Stickftoffgehalte diefes Materials ( derfelbe beträgt 12 bis 14 Percent) hat dasfelbe für beide Verwendungsweifen einen nicht unerheblichen Werth und wird ohne Schwierigkeit um den die Trocknungskoften fattfam deckenden Preis von 5 bis 8 fl. per Centner abgefetzt. Eine befondere Verwendungsweife diefes Nebenproductes hat Campe in Brünn in Anwendung gebracht und befteht diefelbe darin, dafs er die trockenen Blutkuchen ver mahlen mit feften menfchlichen Excrementen und Knoppernmehl vermengt auf ein " Blutpoudrette" genanntes Düngermaterial verarbeitet. Ein ähnliches Verfahren fcheint auch von der, öfterreichifchen Actiengeſellſchaft zur Erzeugung künftlichen Phosphatdüngers" für die Herftellung ihres Blutdüngers in Anwendung gebracht zu werden. Die Vertretung, welche die Albumininduftrie auf der Ausstellung aufzuweifen hatte, war eine durchaus befriedigende. In erfter Linie ftand unftreitig die Firma Jul. Hofmeier in Prag, deren Erzeugniffe als die weitaus beften bezeich net werden dürfen. Hofmeier kann mit Recht als der Begründer der Albumininduftrie angefehen werden, denn feiner Intelligenz und feinem regen Bemühen ift es zu danken, dafs die urfprünglich auf franzöfifchem Boden in Ausführung gebrachte Idee, Albumin in trockener Form in den Handel zu bringen, zur Grundlage einer eigenen, in ihrer Art grofsartigen Induftrie wurde, deren Entwicklung für die Cattundruckerei von gröfstem Vortheile war. Die Gründung des Hofmeier'fchen Unternehmens fällt in das Jahr 1858, alfo kurze Zeit nach dem Auftauchen der Idee, getrocknetes Albumin zu erzeugen. Ihr erftes Etabliffement errichtete diefe Firma in jenem Jahre in Prag. In Folge des Anklanges, den fein Fabrikat allenthalben fand, fah fich Hofmeier veranlafst, im Jahre 1859 ein gleichartiges Etabliffement in Peft und im Jahre 1860 ein folches in Wien zu begründen und verfah nunmehr mit feinem allfeits gefuchten Fabrikate nicht nur Cattunfabriken Oefterreichs und Deutſchlands, fondern betrieb mit demfelben auch einen fchwunghaften Export nach England, Frankreich, Italien, Rufsland und felbft Amerika. Bei dem fich immer mehr fteigernden Bedarfe und der allfeitigen Nachfrage nach dem inzwifchen völlig eingebürgerten Fabrikate vermochten endlich die drei Etabliffements den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, und fo fand fich Hofmeier in den Jahren 1868 und 1869 bewogen, neue Zweigetabliffements zu errichten, deren Anzahl endlich 42 betrug. Darunter waren zehn in den gröfseren Städten Oefterreich- Ungarns, die übrigen in Deutſchland, fo in Berlin, Frankfurt, Mannheim, Carlsruhe, Augsburg, Nürnberg, Stettin, Lübeck und anderen Städten fituirt. Diefe koloffale Ausbreitung des Gefchäftes hatte indefs einen nur kurzen Beftand, da die bei dem allmäligen Erwachen der Concurrenz eintretende Ueberproduction eine nicht unbedeutende Entwerthung des Artikels zur Folge hatte, der gegenüber die Weitererhaltung einer fo grofsen Zahl von Zweigetabliffements nicht räthlich erfchien. Derzeit unterhält Hofmeier nur noch fünf Etabliffements, und zwar in Prag, Wien, Peft, Prefsburg und Berlin, deren Leiftungsfähigkeit er jedoch durch erhebliche Erweiterung und zweckmässige Verbindung mit auswär tigen Sammelftätten für das Rohmateriale in bedeutendem Mafse erhöht hat. Die Gröfse der Production diefer Firma läfst fich beurtheilen, wenn man erfährt, dafs Hofmeier jährlich etwa 25 Millionen Eier und das Blut von 350.000 Stück Rindvieh( ungerechnet das nebenbei verarbeitete Blut von Hammeln, Schafen und Schweinen) für die Albuminfabrikation verwendet. Nebenbei erzeugt Hofmeier Appreturmittel und Harzproducte. 23 auch Lactrin, von dem er bis vor kurzer Zeit, als diefer Artikel noch gefucht wurde, jährlich 3000 Centner geliefert hat.* Die von diefer Firma ausgeftellten Fabrikate entſprachen den weitgehendften Forderungen, welche man an dergleichen Erzeugniffe ftellen kann. Das Prima- Eieralbumin, fowohl die Winter als auch die Sommerwaare, fowie auch das Prima- Blutalbumin waren Mufterpräparate, an welchen fich mancher Concurrent ein empfehlenswerthes Beiſpiel nehmen konnte. Auch das Secunda- und felbft das für Zuckerraffinerie beftimmte Tertia- Blutalbumin waren faft durchwegs beffer als die analogen Producte anderer Fabrikanten. Bemerkenswerth waren ferner die Proben des confervirten flüffigen Eigelbs, fowie jene des bereits oben als neu bezeichneten pulverifirten Eidotters für Nahrungszwecke. Wir hatten Gelegenheit der Eröffnung mehrerer, ein halbes Jahr vorher unter ämtlichen Verfchlufs gelegter Büchfen beizuwohnen, welche diefe Präparate enthielten, und waren überrafcht, namentlich das flüffige Eigelb in einem faft völlig unveränderten Zuftande, kaum Spuren von Zerfetzung zeigend, vorzufinden. Diefs Refultat war um fo bemerkenswerther, als die fraglichen Büchfen durch mehrere Wochen der in dem Ausftellungsraume herrfchenden tropifchen Hitze ausgefetzt waren. Auch das pulverifirte Eigelb** fcheint uns nach den Wahrnehmungen, die wir an den erwähnten Proben zu machen Gelegenheit hatten, in hohem Grade der Beachtung werth zu fein. Da es fich trotz der langen Aufbewahrung weder im Geruche noch im Gefchmacke irgendwie von frifchem Eigelb unterfchied, möchte die allgemeine Verwendbarkeit diefes Präparates als Nahrungsmittel nicht in Zweifel zu ziehen fein, und es fteht zu erwarten, dafs dasfelbe namentlich für Grofsftädte, wo die an fich abnorm hohen Preife der frifchen Eier zur Winterszeit oft geradezu unerfchwinglich werden, eine praktiſche Bedeutung gewinnen werde. Die Scheu, welche unfere Hausfrauen heute meift noch vor Allem, was ihrer Anficht nach nicht natürlich ift, haben, wird gegenüber dem auch in Frauenkreifen ftets mehr zur Geltung kommenden Momente naturwiffenfchaftlicher Bildung wohl bald fchwinden, und ift fie einmal gefallen, dann dürfte auch für die Einführung eines Präparates, wie es das befprochene ift, in die Haushaltung jede Schwierigkeit behoben fein. Neben den genannten Producten hatte Hofmeier auch fehr fchön es Lactrin und endlich trockene Blutkuchen ausgeftellt. Nebft Hofmeier hatten fich noch mehrere andere Fabrikanten von Albumin an der Ausftellung betheiligt. So waren zunächft faft alle Repräfentanten diefer Branche in Oefterreich vertreten. Unter diefen hatte Ad. Pollack in Meidling bei Wien ein nicht übel ausfehendes Eieralbumin und ein gutes Blutalbumin neben gedarrten Blutkuchen und Cafeïn ausgeftellt. Ein unter dem Namen " Präparirtes Eieralbumin" ausgeftelltes Erzeugnifs zeichnete fich durch befondere Helligkeit aus. In welchem Sinne das Epitheton„ präparirt" zu nehmen fei, war leider nicht zu eruiren. Die von derfelben Firma ausgeftellten confervirten Eidotter, fowie nicht minder das eingedampfte Eidotter, liefsen Manches zu wünſchen übrig und namentlich fprach der ziemlich üble Geruch, den das confervirte Eidotter in verrätherischer Weife verbreitete, nicht fehr zu Gunften der gewählten Confervirungsmethode. Gut waren die Mufter von Eieralbumin und Blutalbumin zu nennen, welche S. Kopperl in Prag zur Ausftellung gebracht hatte, während das von der gleich* Dafs Hofmeier auch die Fabrikation küuftlicher Gummate in ziemlich ausgedehntem Mafse betreibt, wurde bereits bei Gelegenheit der Besprechung der Stärke producte erwähnt. ** Es möchte befonders bemerkt werden, dafs das pulverifirte Eigelb Hofmeiers ohne Zufatz von Kochfalz dargestellt und nicht entfettet ift, Umftände welche die von Hofmeier gewählte Darstellungsmethode diefes Präparates namentlich beachtenswerth erfcheinen laffen, da bekanntlich Eigelb in gewöhnlicher Weife und ohne Anwendung von Kochfalz- Zufatz oder vorherige Entfettung getrocknet, eine hornartige, fehr fchwer lösliche und kaum pulverifirbare Maffe liefert. 24 Dr. Wilh. Fried. Gintl. falls in Prag etablirten Firma S. Engelmann ausgeftellte Albumin fich durch offenbar auf mangelhafte Sortirung des Fabrikates zurückzuführende Ungleichartig. keit der Farbe unvortheilhaft von den Erzeugniffen anderer Fabrikanten unterfchied. Ein ganz gutes Eieralbumin, dagegen ein minder gutes Blutalbumin hatte auch S. B. Berg in Krakau ausgeftellt, der auch eine Probe von tadellofem confervirten Eiweifs in flüffiger Form aufzuweifen hatte. Endlich möchte von öfterreichischen Ausftellern auch noch die Firma F. Zailenthal jun. in Penzing bei Wien genannt werden, welche fich an der Collectivausftellung des niederösterreichifchen Gewerbevereines( Darftellung der Abfallverwerthung, im Pavillon des Welthandels) betheiligt hatte. Diefelbe brachte drei Sorten von Blutalbumin von mittelguter Qualität, dann Eieralbumin und Lactrin, letztere beide in ganz guten Proben zur Ausftellung. Nebenbei zeigte diefelbe auch eine Verwerthung der bei der Albuminfabrikation abfallenden Eierfchalen, die darin befteht, dafs fie diefelben auf Kalk verarbeitet. Ob die Verwerthung von Eierfchalen überhaupt jemals eine praktiſche Bedeutung zu gewinnen verfpricht, läfst fich allerdings nicht vorfchnell entfcheiden, doch von einer Verwerthung derfelben auf Aetzkalk, den man fich reiner und billiger auf anderen Wegen verfchaffen kann, möchten wir glauben, dafs eine folche lediglich den Charakter einer intereffanten Spielerei behalten wird, die als ein fehr lehrreiches Exempel in ein Laboratorium, nimmermehr aber für die Praxis pafst. Neben Oefterreich, das durch die bereits gewürdigten Bemühungen Hofmeier's gewiffermafsen zum Stammlande der Albumininduftrie geworden ist, und deffen Albumininduftrie jene aller anderen Staaten überragt*, hatte zunächft noch Deutfchland eine achtenswerthe Vertretung diefes Induftriezweiges auf der Ausftellung aufzuweifen. Sie war hier durch die Fabricate von M. Häffner in Hamburg, Fritz Seydler in Königsberg und G. Sumper in München vertreten. Sämmtliche hatten Eieralbumin und Blutalbumin, die letztgenannte Firma auch trockene Blutkuchen ausgeftellt, und kann den vorgeführten Proben das Zeugnifs nicht vorenthalten werden, dafs namentlich das Eieralbumin fich durchwegs fchön und auch das Blutalbumin recht gut erwies, obwohl das letztere bei keinem der genannten Ausfteller fo hell und klar befunden wurde, wie es beiſpielsweife bei Hofmeier und Pollak fich fand. Von den drei angeführten Repräfentanten der deutſchen Albumininduftrie ift die Firma Sumper in München die ältefte( 1859 gegründet), wogegen die beiden anderen verhältnifsmässig junge Unternehmungen find( Häffner 1869 und Seydler 1870 gegründet). Seydler hat übrigens eine im Verhältniffe zu den meiften übrigen Albuminfabrikanten, namentlich Oefterreichs, ganz erhebliche Productionsgröfse aufzuweifen, die fich beifpielsweife im Jahre 1872 auf die Verarbeitung von 7500 Schock Hühnereier und das Blut von 12.500 Stück Rindvieh erftreckte. Diefem Rohmaterial- Verbrauche entſprach angeblich eine Ausbeute von 30 Centner Eieralbumin und 100 Centner Blutalbumin. Auch Dänemark hat feit Kurzem eine Albuminfabrik. Diefe ,, Albuminfabrik in Kopenhagen" brachte ein vortreffliches Eieralbumin zur Ausftellung, das dem Hofmeier'fchen Fabrikate kaum nachftand. Blutalbumin fcheint diefe Fabrik, über deren Betriebsverhältniffe nichts Verlässliches in Erfahrung gebracht werden konnte, nicht zu erzeugen. Von anderen Ländern waren Producte der Albumininduftrie nur feitens Rufslands, Italiens, dann Nord- und Südamerikas zur Ausstellung * Die Gefammtproduction an Albumin läfst fich beiläufig zu 12.000 Centner Albumin befferer Sorte, und etwa ebenfoviel der für die Zuckerraffinerien beftimmten geringeren Sorte fchätzen. In Oefterreich producirt Hofmeier allein etwa die Hälfte diefer Ziffer und neben ihm beſteht in Oefterreich als zunächft bedeutendftes Etabliffement noch eines zu Obergerfpitz bei Brünn, deffen Rohmaterialverbrauch fich auf circa 150,000 Schock Eier und etwa 2000 Centner Rinds- und Schöpfenblut beläuft. Appreturmittel und Harzproducte. 25 gelangt, während weder England noch Frankreich auf diefem Gebiete etwas aufzuweifen hatten. Rufsland war durch die Ausftellung der Blutalbumin- Fabrik von A. Panof & Comp.( A. Panof, A. Schagnin und W. Prokowjef) in St. Petersburg vertreten, die in den grofsen Schlachthäufern der Refidenz gewifs fehr ergiebige Quellen für die Beifchaffung ihres Rohmateriales hat. Diefes erft im Jahre 1869 gegründete Etabliffement, deffen Jahresproduction zu 7000 Pud Albumin und 15.000 Pud trockenen Blutes angegeben wird, producirt ein unbeftritten fehr fchönes Prima- Blutalbumin und ein ebenfo lobenswerthes Eieralbumin. Auch fein Secunda- Blutalbumin ift von fehr guter Qualität, wogegen allerdings die Tertiawaare anderen Erzeugniffen gleicher Qualität in etwas nachfteht. Die ruffifche Cattuninduftrie, die bekanntlich neueſtens einen ganz erheblichen Auffchwung nimmt, darf fich freuen, auf heimifchem Boden eine fo fchätzenswerthe Quelle für die Deckung ihres Albuminbedarfes zu befitzen. Italien, welches gegenüber von Deutſchland, Oefterreich und insbefondere Rufsland mit ungünftigeren Verhältniffen für die Fabrikation von Albumin in gröfserem Mafsftabe zu kämpfen hat, hatte auf dem Gebiete der Albumininduftrie fehr anerkennenswerthe Leiftungen aufzuweifen. Befonders bemerkenswerth waren die von der Gefellfchaft der öffentlichen Schlachthäufer zu Florenz ausgeftellten Proben von Blutalbumin, das diefe Firma in vier Nummern, o, I, II und III erzeugt. Namentlich das Albumin Nr. o war ein vorzügliches Erzeugnifs von heller Farbe und fchönem Glanze, und auch die übrigen Mufter waren recht befriedigend. Weniger gut waren die von der Firma L. Fino in Turin ausgeftellten Proben von Ei- und Blutalbumin, von welch letzterem die Tertiaqualität unter d'em Namen Ematofina ausgeftellt war. Nordamerika hatte in den von Stein Hirfch& Comp., Chicago, Illinois, ausgeftellten Proben von Blutalbumin und getrocknetem Blute zwar nicht befonders bemerkenswerthe, aber annehmbare Producte aufzuweifen, welche, obwohl man die dort eingeführte Uebung das Blut für Zwecke der Zuckerraffinerie einfach, ohne vorherige Scheidung des Blutkuchens, zu trocknen, für nicht ganz rationell zu halten geneigt fein möchte, doch befriedigen konnten, während von Südamerika ein Gleiches nicht gefagt werden kann. Die Republik Uraguay, die feit der Einführung der dort fo fchwunghaft betriebenen Fleifchextractgewinnung über Maffen von Rohmateriale für Blutalbuminfabrikation verfügen mufs, fcheint diefen Schatz noch keineswegs richtig auszunützen. Lucas Ferrara in Montevideo hatte zwar Proben von Blutalbumin in zwei Sorten ausgeftellt, aber welch ein Product! Sein Nr. II, die beffere Sorte, war ein in Farbe und Anfehen völlig ungleichartiges, nur hie und da lichtere Blättchen enthaltendes Allerlei, das eher dem Kehricht aus der Trockenftube einer Albuminfabrik als einer Handelswaare ähnlich fah, und fein Albumin Nr. I mochte jeder eher für gedarrten Blutkuchen als für Albumin halten. Möglich, dafs fich die locale Cattuninduftrie des Südens mit folchem Fabrikate begnügt, für den Export auf unfere Märkte hat aber folches Product keine Eignung, und man wird fich, will man die Nebenproducte der Fleifchextractinduftrie nicht verfchleudern, fchon etwas mehr Mühe mit der Verwerthung des Blutalbumins nehmen müffen. Will man das nicht, dann ift es klüger, jene Verwerthung zu wählen, welche uns die Ausstellung des Dr. Jo fé in Montevideo zeigte, der fich damit begnügt, das Blut zu trocknen und es als Blutguano für Dungzwecke in den Handel zu bringen. Surrogate für Albumin hatte die Ausftellung kaum aufzuweifen; ein fprechender Beweis dafür, dafs auch die neuefte Zeit noch keinen Erfatz für diefes Fixirungsmittel gefunden hat. Aufser dem, wie oben erwähnt, von den meiften Stärkeproducenten ausgeftellten Kleber, deffen Beziehungen zum Albumin die freilich bisher noch nicht realifirte Hoffnung rege erhalten, in ihm das Materiale für die Gewinnung eines geeigneten Erfatzes für Albumin zu finden, 26 Dr. Wilh. Fried. Gintl. hatte blos die als fehr ftrebfam bekannte Firma Jofef Nowak in Prag ein Albuminfubftitut zur Ausftellung gebracht. Diefes Präparat foll nach Mittheilung des Herrn Erfinders aus reinem Eiweifs, einer ätherifchen Harzlöfung und Oel beftehen und ftellt eine breiige weifse Maffe von ziemlich deutlichem Terpentinölgeruche dar. Die Manipulation mit diefem Präparate ift eine ziemlich einfache, da es lediglich durch Anrühren mit lauwarmem Waffer zur fofortigen Verwendung bereitgeftellt werden kann. Als Vorzüge diefes Präparates, das gleichwohl für Zwecke der Cattun- als auch der Wolldruckerei verwendet werden kann, werden namentlich der bedeutend billigere und kaum fchwankende Preis, bei gleicher Brauchbarkeit und gleicher Ausgiebigkeit wie Albumin, gerühmt. Die mit Anwen dung diefes Präparates gedruckten Mufter, welche wir zu fehen Gelegenheit hatten, fprechen fehr zu Gunften diefes neuen Surrogates. Es fcheint uns endlich hier am Platze, einiger Ausftellungsobjecte zu gedenken, die fich ihrer Natur nach den im Vorhergehenden befprochenen InduftrieErzeugniffen am natürlichften anfchliefsen. Es war diefs einerfeits das von Traugott Brunnfchweiler in St. Gallen ausgeftellte Leimpulver aus Cafeïn, andererfeits der Cafeïnfirnifs von M. Kittary in St. Petersburg. Die Verwendung des Cafeïns für die Herftellung von Kitten fowie zu Anftrichen ift bekanntlich nicht neu, und namentlich findet die Mifchung von Cafeïn und Kalk vielfach Anwendung als Klebemittel, zumal für die Zwecke der Tifchlerei, als fogenannter kalter Leim. Bei dem ausgeftellten Präparate nun foll, wie der Ausfteller angibt, die Anwendung des Aetzkalkes völlig vermieden und hiedurch namentlich ein gut haltbares Präparat erzielt fein. Welcher Erfatz für den Kalk in diefem neuen Leimpulver gewählt ift, und ob es nicht namentlich eines der bereits bekannten Mittel, wie Kaliumcarbonat, Borax, Magnefia o. dgl. ift, mufs vorläufig unentfchieden bleiben. Das Bindevermögen diefes neuen Leimpulvers fcheint in der That ein vorzügliches zu fein, wenigftens hielt ein angeblich mit diefem Leimpulver aus dünnen Bretchen geleimtes Käftchen, welches fich in der Ausftellung befand, den Zug eines erheblichen Gewichtes aus, ohne dafs eine Trennung der geleimten Flächen erfolgt wäre. Der von M. Kittary ausgeftellte Cafeïnfirnifs, von welchem eine Reihe von Anftrichproben vorlagen, fcheint aller Wahrfcheinlichkeit nach nichts weiter als eine alkalifche Cafeïnlöfung zu fein, wie folche feit Langem als Bindemittel für Anftrichfarben verwendet werden. Ohne Zweifel kommt auch diefem angeblich neuen Präparate keine gröfsere Beftändigkeit der damit erzielten Anftriche zu, als fie fich z. B. bezüglich der Löfungen von Cafeïn in Soda, Borax oder Ammoniak erwiefen hat. Leim und Gelatine. Es ist wohl kaum ein Induftriezweig fo alt, wie jener der Gewinnung von Leim; aber auch kein Induftriezweig hat im Laufe der Zeiten fo wenig fich geändert, als gerade diefer, fo dafs die im deutfchen Volksmunde eingebürgerte, in nicht gerade fchmeichelhaftem Sinne gebräuchliche Bezeichnung ,, Leimfieder" zur Zeit noch wohl begründet erfcheint. In den letzten Decennien ift zwar das fich aller Orten rührende Streben nach Fortfchritt auch auf die Leimfabrikation nicht ohne Einfluss geblieben, aber es gibt noch fo Manches auf diefem Gebiete, das nicht fo ift, wie es fein könnte. Freilich ift daran viel das ängftliche, fich jeglicher Neuerung verfchliefsende Wefen jener Kleininduftriellen fchuld, in deren Händen fich grofsentheils diefer Induſtriezweig noch findet, und es ift nur von der allmälig fich auch auf diefem Gebiete entwickelnden Umwandlung des fchleppenden Kleingewerbes in auf gefunde Bafis geftellte Fabriksunternehmungen ein Befferwerden zu erwarten; aber es darf auch nicht verkannt werden, dafs das Gefchäft der Leimfabrikation Appreturmittel und Harzproducte. 27 allenthalben auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten ftöfst, die der Entfaltung eines Grofsbetriebes ganz wefentlich abträglich fein können. So ift es namentlich die Rückficht auf das öffentliche Sanitätsintereffe, die die Behörden in der Regel veranlaffen mufs, gegen Fabriksunternehmungen von in fanitärer Beziehung fo üblem Rufe, wie ihn die Leimfiederei hat, mit allerhand befchränkenden Bedingungen aufzutreten, wo nicht gar die Bewilligung zur Errichtung folcher in bewohnten Gegenden gänzlich zu verfagen, und fie in Einöden zu verweifen, wo die Arbeitskraft rar und theuer und die Verkehrsmittel meift fehr koftfpielig find. Indefs duldet es keinen Zweifel, dafs auch in diefer Richtung die Einführung gewiffer Fortfchritte manchen Vortheil im Gefolge haben würde; denn mit der Vervollkommnung der Methode geht meift auch eine Verringerung jener beläftigenden, die öffentliche Salubrität mindeſtens nicht fördernden Momente Hand in Hand, die das Gewerbe des Leimfieders nicht ganz mit Unrecht in den Verdacht der eminenter Sanitätswidrigkeit gebracht haben. Die gegenwärtig allenthalben übliche Methode der Leimgewinnung ift, abgefehen von den nach der Natur des Rohmateriales verfchiedenen Vorberei tungsarbeiten des Leimgutes, die des Siedens in gefchloffenen Gefäfsen unter erhöhtem Drucke, wie fie vor etwa 15 Jahren zuerft von Vickers in Mancheſter zur Ausführung gebracht worden ift. Das Kochen in offenen Sudkeffeln ist, wenn auch noch nicht gänzlich aufgegeben, fo doch nur mehr in ganz kleinen Betriebsftätten üblich. Zweifellos ift das Extrahiren des Leimgutes unter erhöhtem Drucke nicht blos in Hinficht auf Erhöhung der Ausbeute, fondern auch in Bezug auf Herabfetzung des Mafses der Beläftigung unbedingt dem älteren Verfahren vorzuziehen, und der Einwand, dafs bei Anwendung gefpannter Dämpfe die Qualität des refultirenden Leimes leide, hat fich als ein völlig haltlofer erwiefen. Als Rohmaterialien kommen neben den Abfällen der Gerbereien vornehmlich die Knochen in Betracht, während andere thierifche Abfälle nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ebenfo werden Abfälle lohgaren Leders nicht fehr allgemein als Rohmateriale für Leimgewinnung verwendet. Die im Jahre 1859 für Jennings patentirte Idee der Verarbeitung von Fifchen auf Leim fcheint keine Anhänger gefunden zu haben. Die Hauptbezugsquellen für das Rohmateriale des Leimfieders find Rufsland, die Walachei und feit dem Auffchwunge, den die Fleifchextract- Induſtrie dort genommen hat, Südamerika. Rufsland fpeciell exportirt die gröfsten Mengen Knochen nach Deutfchland, Oefterreich, England und Frankreich, und betrug beifpielsweife im Jahre 1871 die Ziffer des Exportes* an rohen Knochen für England 688.488 Pud, für Deutfchland 146.597 Pud, für Frankreich 7782 Pud, wovon die gröfste Menge( 641.078 Pud) via St. Petersburg ausgeführt wurde. Diefe Zahlen find allerdings in den letzten Jahren, theils in Folge der Concurrenz der füdamerikanifchen Knochen, theils durch die Hebung der heimifchen Induftrie in etwas gefunken und im erften Quartale 1873 betrug der ruffifche Export an Rohknochen nur mehr 476 Pud, während er im gleichen Quartale 1872 noch 3348 Pud betragen hatte.** Betreffs der Verwerthung der Knochen für die Zwecke der Leimfabrikation ift bekannt, dafs gegenwärtig fehr häufig die Spodiumfabrikation neben der Leimgewinnung, die allerdings einen fehr lohnenden Theil der Knochenverwerthung bilden dürfte, hergeht. Es find demzufolge die andernfalls zuläffigen Methoden der * Rohe Thierknochen zahlen in Rufsland einen Ausgangszoll von 10 Kopeken per Pud. Das Erträgnifs diefes Zolles betrug im Jahre 1872 101.553 Rubel gegen 29.721 Rubel im Jahre 1861.( Siehe Matthäi ,, Der auswärtige Handel Rufslands" 1874.) ** Siehe übrigens Matthäi ,, Der auswärtige Handel Rufslands". Hermann Fries, Leipzig 1872 und 1874. 28 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Vorbereitung der Rohknochen durch Maceration mit Salzfäure( deren durch Jullion und Pirie im Jahre 1859 vorgefchlagene Variation mit Anwendung des Vacuums jedoch nicht durchgegriffen hat), fowie die von Gerland( 1864) und Bobierre( 1869) vorgefchlagene Extraction der Knochen mit fchwefliger Säure, die wefentlich auch auf eine glatte Gewinnung der Phosphate hinzielten, immer feltener geworden und haben allenthalben der Maceration mit Kalkwaffer Platz gemacht, während nur für beftimmte Zwecke, zumal zur Erzielung befonderer Leimqualitäten, die Anwendung von Säuren meift neben jener von Bleichmitteln im Gebrauche fteht. Die Leimausbeuten aus Knochen find, abgefehen davon, dafs fie bekanntlich mit dem Alter der Knochen fehr fchwanken, überhaupt fehr verfchieden, und mufs da, wo die Spodiumfabrikation nebenher gehen foll, im Allgemeinen mit geringerer Leimausbeute fürlieb genommen werden, foll die erzielte Spodiumqualität nicht allzu arm an Stickftoffkohle und alfo geringwerthig* werden. Während man für die Zwecke der Gewinnung von ordinären Leimforten fich der Anwendung von Säuren entfchlagen und die directe Extraction des Leims ausführen kann, wird für die Gewinnung hellen Leims, immer aber für Gelatinefabrikation die Maceration mit Salzfäure angewendet. Als ein fehr brauchbares Verfahren für Gelatinegewinnung dürfte das von C. Simeons& Comp.( 1867) angewendete bezeichnet werden können, welches bekanntlich dahin geht, die an der Sonne gebleichten Knochen vorerft fo lange mit Salzfäure zu maceriren, bis der gröfste Theil der Phosphate gelöft ift, die rückständige Knochengallerte dann zu wafchen, hierauf mit Kalkmilch zu digeriren und nach abermaligem Wafchen zu trocknen, um die fo gewonnene Rohgelatine dann nochmals einem Bleichproceffe( Luftbleiche) zu unterziehen. Der heim Verfieden der völlig gebleichten Gallerte übliche Zufatz von Alaun, fowie die Einwirkung von fchwefeliger Säure auf die Leimfuppe, find für die Erzielung möglichft blaffer Gelatine befonders vortheilhaft. Von anderen Rohmaterialien für Leimgewinnung haben neuerdings die Abfälle lohgarer Leder, wenn auch keineswegs allgemein verwendet, mehrfach Verwendung gefunden, und find für die Entgerbung derfelben, neben der im Jahre 1856 von O. Reich angegebenen Methode der Behandlung mit Natronlauge, mehrfach neue Entgerbungsmethoden empfohlen worden. Namentlich möchte unter diefen jene erwähnt werden, welche die Entgerbung durch Digeftion mit Oxalfäurelöfung, Verfetzen des hiebei refultirenden Breies mit Kalk und Verwitternlaffen der Maffe durch Einwirkung der Luft zu erreichen fucht, wobei diefelben nach endlicher Entfernung des Kalkes mit Salzfäure ein direct verfiedbares Leimgut liefert. Betreffend die weitere Verarbeitung der gewonnenen Leimfuppen, deren Klärung, namentlich bei Anwendung von Knochen als Rohmateriale, den Leimfabrikanten noch manche Schwierigkeit bereitet,** ift die Praxis des Schneidens der Leimgallerte und Trocknens der gefchnittenen Gallerte auf Netzhorden noch immer am häufigften in Uebung. Für das Trocknen der gefchnittenen Leimgallerte haben fich offene Schupfen, wiewohl die Benützung folcher wefentlich von Witterungsverhältniffen abhängig ift, vorherrfchend erhalten, und die künftliche Trocknung der Gallerte in geheizten Trockenkammern ift meift nur bei gröfseren Unternehmungen eingeführt worden. Das Tucker'fche Verfahren der Vortrocknung des Leims ift unferes Wiffens ebenfalls nur fehr vereinzelt im Gebrauche. * Die Anficht, dafs der Gehalt an Stickftoffkohle den Wirkungswerth des Spodiums ganz wefentlich bedingen hilft, dürfte trotz der gegentheiligen Meinungen Einzelner kaum unberechtigt erfcheinen. ** Mit Vortheil wendet man mehrfach zur Erzielung klarer Leimfuppen aus Knochen den Kunftgriff an, dafs man bei der Extraction der Knochen, gleichzeitig Gerbereiabfälle mitverfiedet. Namentlich dürften Weifslederabfälle für diefe Zwecke vermöge ihres Thonerdegehaltes befonders wirkfam fein. Appreturmittel und Harzproducte. 29 Nur für rein localen Bedart pflegte man Leimgallerten als folche in den Handel zu bringen, da, wie begreiflich, nicht nur der relativ hohe Waffergehalt gewöhnlicher Gallerten die Verfrachtungsfpefen unnütz erhöht und folche Gallerten auch nicht haltbar find. In der neueften Zeit ift jedoch durch Stalling in Piefchen bei Dresden eine Leimgallerte in den Handel gebracht worden, welche den wefentlichen Vortheil einer hochgradigen Haltbarkeit mit den für den Producenten und theilweife auch für gewiffe Confumenten unverkennbaren Vortheilen diefer Form des Fabrikates verbindet. Namentlich für den Producenten bringt die Möglichkeit, Leim in der Form einer Gallerte in den Handel zu führen, den wefentlichen Vortheil mit fich, dafs er die läftige und zeitraubende Arbeit des Trocknens wenigftens für einen Theil feines Productes erfpart, und fo mit dem Gewinne an Zeit und dem Wegfalle eines gröfseren Bedarfes an Raum fein Gefchäft ertragsfähiger geftalten kann, als das andernfalls möglich ift; dem Confumenten aber wird es in der Mehrzahl der Fälle nicht nur gleichgiltig fein, ob er Hartleim oder Leimgallerte bezieht, fondern in vielen Fällen fogar willkommen fein müffen, die leicht und gleichmässig zu verflüffigende Leimgallerte verwenden zu können, zumal wenn diefelbe, wie das bei dem Stalling'fchen Erzeugniffe der Fall ift, keinen allzuerheblichen Waffergehalt hat und haltbar ift. Der Confument gewinnt aber entfchieden auch in dem Sinne, als der Gallerteleim bei dem Wegfalle des Trocknungsproceffes, der nicht felten das Bindevermögen des Leimes ganz wefentlich verringert, in feiner Qualität beffer fein kann, und als er, wie begreiflich, nicht nur die durch die Koften der Trocknung auflaufende Mehrauslage bei der Deckung feines Leimbedarfes erfpart, fondern auch, da Stalling einen beftimmten Leimgehalt garantirt, jener Unficherheit nicht ausgefetzt ift, welche der Bezug trockenen Leims, deffen Waffergehalt ein fehr fchwankender ift, mit fich bringen kann. In der That hat fich das Stalling'fche Product theilweife fchon eingebürgert und wird namentlich von Papierfabriken, Filzfabriken und mehrfach auch von Holzarbeitern gerne bezogen. Die Art des Verfahrens, das Stalling für die Herftellung feiner Leimgallerte in Anwendung gebracht hat, wird bisher noch geheim gehalten, doch fcheint aus den intereffanten Unterfuchungen H. Fleck's* hervorzugehen, dafs diefes Product durch einen Ausfalzungsprocefs aus wafferreicherer Leimgallerte gewonnen ift; wenigftens fpricht für die Richtigkeit diefer Annahme fehr die Thatfache, dafs die Stalling'fche Leimgallerte, wie Fleck nachgewiefen hat, 2.5 Percent an Ammoniumfulfat enthält, deffen Vorhandenfein in derfelben fchwer erklärlich wäre, wenn man nicht annehmen wollte, dafs die von Fleck für diefes Salz nachgewiefene befondere Eignung zum Ausfalzen des Leimes hier praktiſch verwerthet erfcheint. In Betreff der Anwendung des Leimes ift gleichfalls wenig Neues zu berichten. Neben der Verwendung für Holzarbeiten, dann für Cartonnage- und Galanterie- Arbeiten, wird Leim nach wie vor als Appreturmittel, namentlich von Tuch- und Filzfabriken verwendet. Auch die Papierinduftrie, zumal die BuntPapierfabrikation, confumiren nicht unerhebliche Mengen von Leim. Die Verwendung des Leimes zur Herftellung von Walzenmaffen hat fich ziemlich allgemein eingebürgert und hat fich die Qualität der Walzenmaffe durch die Verwendung des bereits 1866 von C. Pufcher für folche Zwecke vorgefchlagenen Glycerinzufatzes an Stelle des früher verwendeten Syrups wefentlich verbeffert. Bezüglich der feineren Leimforten ift der Confum an Leimfolien im Allgemeinen geringer geworden; dagegen hat die Verwerthung zumal der Gelatine für die Zwecke der Einhüllung von Medicamenten in der Geftalt der fogenannten Gelatinekapfeln * S. Dingl. Journal, Band 201 pag. 365. 30 Dr. Wilh. Fried. Gintl. einen nicht unerheblichen Auffchwung genommen, fowie auch die namentlich von Almén cultivirte Methode der Dispenfirung von Arzneimitteln durch Herſtellung der Gelatina medicata mehrfach Anwendung findet. Als befonders bemerkenswerth find die namentlich von Fichtner Söhne in Atzgersdorf bei Wien mit befonderem Erfolge durchgeführten Verfuche zu bezeichnen, welche dahin gehen, den Leim zur Herstellung von Horn-, Bein- und Schildpattimitation zu verwerthen. Die Herftellung von künftlichem Elfenbein aus Leim hat bekanntlich im Jahre 1844 zuerft Franchi mit Erfolg unternommen und fpäter, 1857 ift ein für diefen Zweck brauchbares Verfahren von May all befchrieben worden. Fichtner hat nun die Idee, Leim für folche Zwecke zu verwerthen, nicht nur auf die Herftellung von Schildpatt* etc. ausgedehnt, fondern namentlich den äusserft glücklichen Gedanken zur Ausführung gebracht, einen in befonderer Weife gehärteten Leim als ein dem Horn ähnliches Materiale für die Zwecke der Knopffabrikation zu benützen, und hat fo einer gewifs fehr beachtenswerthen neuen Verwendung des Leimes Bahn gebrochen. Wollen wir noch in Kürze den Standpunkt kennzeichnen, auf welchem die Verwerthung der Nebenproducte der Leiminduftrie fteht, fo kann in diefer Hinficht kein wefentlicher Fortfchritt namhaft gemacht werden. Nach wie vor werden die Rückftände der Leimfiederei, fofern fie nicht, was bei der Knochenleim Gewinnung ziemlich allgemein der Fall ift, ihren Weg in den Spodiumofen nehmen, lediglich zu Dungzwecken verwendet, und es ift auch kaum abzufehen, dafs ihnen eine wefentlich andere Verwerthung zu Theil werden möchte. Die in beftimmten Fällen refultirenden fauren Macerationswäffer werden noch gewöhnlich auf Phosphat verarbeitet, und höchftens in Bezug auf eine rationelle Ausbeutung des Knochenfettes ift infofern ein Fortfchritt zu verzeichnen, als man fich an vielen Orten Mühe gibt, dasfelbe möglichst vollftändig zu fammeln, es vielfach läutert und namentlich für die Zwecke der Seifenfiederei anftandslos und felbft für beffere Seifen verwendbar macht. Auch der im Jahre 1867 von Vohl ausgegangene Vorfchlag, die bei der Maceration der Knochen im Aefcher refultirenden Kalkfeifen auf Fettfäuren zu verarbeiten, ift nicht ungehört verhallt, und kann die Aufarbeitung derfelben, die fich fchon mehrfach eingebürgert hat, namentlich da ohne Schwierigkeit platzgreifen, wo auch fauere Macerationswäffer zur Verfügung stehen. Gehen wir nach diefer allgemeinen Charakteriſtik zur Befprechung deffen über, was die Ausstellung auf dem Gebiete der Leiminduftrie bot, fo müffen wir vor Allem conftatiren, dafs diefelbe in quantitativer Beziehung überaus reich ver treten war. Es hatten aus aller Herren Ländern die Leimfabrikanten fich meift ziemlich zahlreich betheiligt, und nicht wenige von ihnen brachten auch qualitativ fehr Lobenswerthes zur Ausftellung. Es dürfte diefe reiche Betheiligung nicht mit Unrecht dahin gedeutet werden können, dafs eine rege Concurrenz unter den Induftriellen diefer Branche fich geltend macht, und der Einzelne fich mit feinem Producte nicht auf den localen Abfatz befchränkt fehen, fondern auch auswärts Verbindungen anknüpfen will eine Erfcheinung, die Zeugnifs davon gibt, dafs fich denn auch auf diefem Induſtriegebiete ein regerer Geift geltend zu machen beginnt. Die Zahl der Ausfteller einzelner Länder war eine fo grofse, dafs wir dar auf verzichten müffen, die Leiftungen jedes derfelben in Betracht zu ziehen, und uns begnügen werden, nur bemerkenswerthe Erfcheinungen und qualitativ befonders Gutes anzuführen. - Während Nordamerika fich in diefer Branche gar nicht und der Süden nur durch eine von Brafilien eingefandte Probe von Leim, welcher fich als eine * Siehe weiter unten bei Oefterreich. Appreturmittel und Harzproducte. 31 ziemlich geringwerthige blafige Maffe von dunkler Farbe erwies, an der Ausftellang betheiligt hatte, war England durch mehrere hervorragende Firmen auf diefem Gebiete vertreten. Befonders bemerkenswerth war hier die Ausftellung von John Green in London, welcher vorzügliche Gelatine, weifs und färbig, und Gelatinefolien ausgeftellt hatte, deren Verwendbarkeit für die Zwecke der Kunftblumen Fabrikation er durch ein nettes Bouquet aus Leimfolien illuftrirte. Auch Freeman Wright, Needham Market, hatte vorzügliche Leim- und Gelatinemufter aufzuweifen, neben welchen er die zu ihrer Darftellung dienenden Rohmaterialien, als Abfälle von Peitfchen- und Handfchuhleder. Schafköpfe, dann auch Kaninchenfelle und die als Emballage für Tabak verwendeten Häute etc. zur Ausftellung brachte. Vorzügliche Gelatine hatte auch J. Bell& Comp. in London ausgeftellt Nicht unintereffant waren ferner die von Britifch Indien ausgeftellten Leim. mufter. Die dunklen, glanzlofen, fchaumigen Maffen welche den von Cownpore ausgeftellten Leim bildeten, zeigten, dafs die Leimfabrikation dort noch Manches zu wünschen übrig laffe. Gleich England hatte auch Frankreich vorzügliche Producte zur Ausftellung gefandt. So fanden fich namentlich Gelatinemufter von faft unerreichter Klarheit und Weifse bei Coignet père et fils& Comp. Paris vor, welche Firma auch nicht minder hervorragende Erzeugniffe an ordinärem Leim aufzuweifen hatte. Auch Jacquand père& fils. in Lyon hatten neben Knochenleim von vorzüglicher Klarheit eine blendend weifse Gelatine ausgeftellt, fowie auch die Proben des Knochenfettes nichts zu wünfchen übrig liefsen. Neben diefen waren noch befonders bemerkenswerth die Ausftellungen von Tancrède frères in Paris, welche einen vortrefflichen Knochenleim und ein ebenfo vorzügliches Knochenfett ausgeftellt hatten und jene von A. Michaux in Bonnières ,, welcher Leim aus den Abfällen der Knopfdreherei ausftellte, der allerdings an Klarheit den Erzeugniffen Anderer nachftand. Michaux macerirt diefe Abfälle mit Salzfäure und verfiedet den Macerationsrückftand auf Leim, während er durch Neutralifation der fauern Macerationswäffer in gewöhnlicher Weife Calciumphosphat gewinnt. Die Verwerthung von Leim zu Gelatinekapfeln für medicinifche Zwecke, war in der vollkommenften Weife durch die Au ftellung von Thevenot in Dijon vertreten. Auch J. Pujol in Caftrès hatte vorzügliche Leimmufter ausgeftellt, unter denen insbefondere die Proben von Colle de Flandre nichts zu wünſchen übrig liefsen. Die Leiminduftrie Italiens, welche gegenüber jener Frankreichs, die insbefondere in Hinficht auf Gelatinefabrikation unübertroffen ift, fich faft ausfchliesslich auf ordinäre Leimforten befchränkt, war in einer gleichfalls fehr reichlichen Anzahl von Ausftellungsobjecten vertreten. Bemerkenswerth waren namentlich die Leimproben von Fratelli Miralta in Savona, welche Colla forte in zwei Qualitäten ausgeftellt hatten. Diefe Leimforten, welche die für Italien charakteriftifche Form mondfichelförmiger Platten zeigten, waren fowohl was Klarheit, als auch Härte und Färbung anbelangt, tadellos zu nennen. Gleich gute Mufter von Colla forte fanden fich bei Giuſeppe Santo canale und Bend. Sommariva in Palermo vor, deren Letzterer felbft eine ziemlich dunkle Tertia- Qualität von überrafchender Klarheit aufzuweifen hatte. Einen fehr blaffen Rohknochen Leim fah man bei L. Fino Turin, während Giuſeppe Flavio Banfi, Serrono, einen angeblich nach einem befonderen Verfahren extrahiren dunklen, aber fehr klaren Knochenleim aufzuweifen hatte, der indeffen auffallend glanzlos war. Sein in gewöhnlicher Weife gewonnener Knochenleim liefs Manches zu wünſchen übrig, . 3 32 Dr. Wilh. Fried. Gintl. und war nicht blos faft undurchfichtig trübe, fondern auch völlig weich ein Mangel, der übrigens auch bei den Erzeugniffen mehrerer anderer Ausfteller Italiens wahrgenommen wurde. Pietro Baromini& Comp. in Bologna und Guftavo de Verolio in Livorno hatten auch ganz fchöne Mufter von Knochenleim ausgeftellt, und zwar Erfterer in der, wie fchon erwähnt, in Italien wenig gebräuchlichen Form von rechteckigen Tafeln, wie fie anderwärts üblich find. de Die Verwendung von Leim für die Zwecke der Dofirung von Arzneimitteln durch Herftellung von Gelatinetäfelchen mit beftimmtem Gehalte an Arzneiftoffen, war durch eine Collection von Gelatine medicinali, welche Pietro de Cian in Venedig ausgeftellt hatte, illuftrirt. smaller Schweden, wo die Leimproduction vielfach noch einen Gegenftand der häuslichen Nebenbefchäftigung bildet, hatte als bemerkenswerth nur die Ausstellung von A. W. Fries ftedt in Stockholm aufzuweifen. 10 Diefe Firma gewinnt Knochenleim lediglich als Nebenproduct bei der Spodiumfabrikation und der Herftellung von künfllichen Düngemitteln, für deren Erzeugung die im Jahre 1856 gegründete, mit einem jährlichen Umfatze von circa 250.000 Reichsthaler arbeitende Fabrik, eingerichtet ift. Der ausgeftellte Leim war als ein ganz gutes Erzeugnifs zu bezeichnen. 10 Dänemark hatte von Leimproducten lediglich jene aufzuweifen, welche J. Holm& Sonner in Kopenhagen zur Ausftellung brachten. Diefelben hatten namentlich fehr lichte und klare Leimproben( Lederleim) ausgeftellt, die vorwurfsfrei genannt werden konnten. on Belgien, das fich gleich den Niederlanden bekanntlich eines befonderen Rufes in Betreff feiner Leimproducte erfreut, wufste denfelben auch diefsmal glänzend zu rechtfertigen. Die von zwei Firmen ausgeftellten Leimproben können entfchieden als das Befte bezeichnet werden, was die Ausstellung in diefer Branche bot. Wir nennen in erfter Reihe die Firma G. Dewit& Comp. in Vilvorde nächft Brüffel. Diefelbe hatte Knochenleim und gemifchten Leim in ver fchiedenen Qualitäten und Formen ausgeftellt, von denen die Prima- fowie die Secunda- Sorten neben der koloffalen Gröfse der Platten, die kaum eine Krümmung wahrnehmen liefsen, befonders durch die überrafchende Klarheit, verbunden mit fehr lichter Färbung, fich auszeichneten. Wir fahen Platten von einer bis o 5 Quadratmeter betragenden Gröfse, die bei einer Dicke von etwa o 5 Centimeter und völliger Trockenheit nicht allein vollkommen eben, fondern auch fo blafs und klar waren, dafs man bequem durch diefelben lefen konnte. Hiebei find die Preife fehr mässig zu nennen, und betrugen diefelben beispielsweife im Jahre 1872 für die befte Sorte( Colles fortes furfin), je nach dem gröfseren oder kleineren Formate per Kilo I Franc 60 Centimes bis I Franc 80 Centimes; für gemifchten Tifchlerleim, Appreturleim etc.( Colles fortes Mixtes, wovon 3 Qualitäten, ruffifcher Leim, Zeichen TM- BOB, türkifcher Leim, Zeichen O und Kölner Leim, Zeichen C, geführt werden), 1 Franc 50 Centimes bis I Franc 60 Centimes, für ordinären Leim( Colles fortes ordinaires) und zwar H englifchen Leim, A deutfchen, DX deutfchen, kleines Format, 1 Franc 40 Centimes bis 1 Franc 60 per Kilo. I 807 Das Etabliffement diefer Firma, welche feit 1856 befteht, gehört zu den gröfsten diefer Art und breitet fich derzeit auf einer Fläche von 12,617 Quadratmeter aus und befchäftigt 200 Arbeiter nebft vier Dampfmaschinen. Die monat liche Production beläuft fich auf 850.000 bis 900.000 Kilo Leim, während nebenbei 8 bis 9 Millionen Kilo an Phosphaten für Düngzwecke producirt wer den. Die Leimgewinnung gefchieht durch Extraction mittelft directen Dampfes, welcher von 3 circa 50 pferdekräftigen Keffeln geliefert wird. Neben den genann ten Leimmuftern hatte Dewit auch fehr bemerkenswerthe Proben von Knochen Appreturmittel und Harzproducte. 33 ett ausgeftellt, das fich vornämlich durch befondere Weifse und fefte Confiftenz auszeichnete. Nicht minder trefflich waren die von der Firma Ch. Verbeffem in Gand ausgeftellten Leimmufter, welche dem Dewit'fchen Fabrikate kaum irgend nachftanden. Das Etabliffement diefer Firma gehört zu den älteften Belgiens( 1825 gegründet), und hat felbe Firma bereits auf mehreren Ausftellungen Auszeichnungen für ihr Fabrikat, deffen Mittelpreis derzeit zu 210 fr. per 100 Kilo gehalten wird erworben. Der einzige Repräfentant der niederländifchen Leiminduftrie war P. W. van Calker in Zeift. Die Productionsgröfse feines angeblich fchon über 100 Jahre beftehenden Etabliffements ift keine erhebliche. Die Zahl feiner Arbeiter beträgt 14. Die ausgeftellten Leimforten waren höchft befriedigend zu nennen und zeigten namentlich auch einen hohen Grad von Klarheit. Deutfchland hatte die Ausftellung mit den Producten feiner Leiminduftrie reichlich befchickt. Wir zählten an zwanzig verfchiedene Ausfteller in diefer Branche. Von denfelben wäre zunächft W. Stalling in Piefchen bei Dresden zu nennen, deffen Bemühungen um die Einführung der Leimgallerte wir bereits oben befprochen haben. Er hatte neben Muftern feiner freilich etwas dunkelfärbigen Leimgallerte auch die bei der Vorbereitung der Knochen refultirenden anderweitigen Producte ausgeftellt und möchte befonders fein Knochenfett als ein ziemlich gutes Product bezeichnet werden. Stalling gehört übrigens zu den bedeutendften Induſtriellen diefer Branche in Deutfchland. Er arbeitet mit 57 Arbeitern und 2 Dampfmafchinen à 40 Pferdekraft und verarbeitete im Jahre 1871 60.000 Centner Knochen im Werthe von 135.000 Reichsthaler. Sein Etabliffement beſteht feit 1866. Neben Stalling hatten allein noch Steinhäufer und Petri in Offenbach am Main, Leimgallerte zur Ausftellung gebracht, ein Erzeugnifs, das dem Stalling'fchen, foweit man diefs dem Ausfehen nach beurtheilen konnte, ziemlich gleichkam. Das feit 1858 beftehende Etabliffement diefer Firma, welches 14 bis 20 Arbeiter und 1 Dampfmafchine von 4 Pferdekraft befchäftigt, verarbeitete im Jahre 1871 Rohmaterialien im Werthe von 72 000 Gulden und erzielte einen Umfatz von 91.500 Gulden füdd. Währ. Die von derfelben Firma ausgeftellten Proben von ruffifchem Leim etc. waren von geringer Bedeutung. Sehr fchönen, befonders durch Klarheitund Hellfärbigkeit ausgezeichneten Kölner Leim und Mühlhaufener Tuchleim, fowie nicht minder fchönen ruffifchen Leim hatte G. Elberlein Sohn in Mühlhaufen aufzuweifen. Sein feit 1800 beftehendes Etabliffement arbeitet mit 38 Arbeitern und 1 Dampfmafchine von 18 Pferdekraft; producirt wurden 1871 3.600 Centner Leim aus 12.000 Centner Rohmateriale. Auch J. Kremfer in München hatte befonders fchönen Tafelleim aufzuweifen. Sein Kölner Leim, fo wie der fogenannte Münchner und endlich der ruffifche Leim liefsen nichts zu wünfchen übrig. Producirt wurde in der feit 1860 beftehenden Fabrik im Jahre 1871 für 62.000 Reichsthaler Leim. Sehr lobenswerth waren ferner die Fabrikate von A. Brauer in Lüneburg, Leim aus mit Säure macerirten Knochen, fehr hell und ziemlich klar, fowie jene von Corn. Heyl in Worms, A. Grofsner in Altona, G. Bodenfick in Bakum bei Melle( Hannover) und Veit Weil in Oberdorf( Württemberg), fowie A. Dade in Lübeck. Von diefen producirte Brauer in feiner feit 1856 beftehden Fabrik im Jahre 1871 1.850 Centner Leim nebft 18.400 Centner Knochendünger aus 23.000 Centner Knochen. Er befchäftigt 44 Arbeiter und I Dampfmafchine von 6 Pferdekräften. A. Grofsner, welcher Knochen und Leimleder verarbeitet, hatte im Jahre 1871 1600 Centner Production( 15 Arbeiter, 2 Dampfmafchinen von 12 Pferdekraft). G. Bodenfick verarbeitete in zwei Etabliffements im felben Jahre 44.200 Centner Rohmateriale( 44 Arbeiter, 2 Dampfmaschinen à 46 Pferdekraft) und producirte 4300 Centner Waaren, incl. des erzeugten Knochenmehls, Superphosphates etc. 3* 34 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Corn. Heyl erzeugt lediglich Lederleim, während V. Weil Mifchleim aus 60 Percent macerirten Knochen und 40 Percent Leimleder fabricirt. Letzterer, welcher auch Gelatine und ein Modell eines Leimextracteurs zur Ausftellung brachte, verarbeitete in feinem feit 1830 beftehenden Etabliffement mit 60 Arbeitern und I Dampfmaschine( 6 Pferdekraft) im Jahre 1871 Rohmaterialien im Werthe von 112.000 Gulden füdd. Währ. Sein Lederleim liefs an Klarheit etwas zu wünſchen übrig, dagegen waren feine Gelatinen Nr. I und Nr. 2 fehr fchön zu nennen. A. Dade, deffen Knochenleim durch befondere Hellfärbigkeit und Klarheit ausgezeichnet war, arbeitet vornehmlich für den Export, während die genannten übrigen Firmen vorherrfchend für Deutſchland allein produciren Gelatine von vorzüglicher Qualität, dem franzöfifchen Fabrikate kaum nachftehend, hatten Fifcher und Schmitt in Höchft am Main ausgeftellt, eine Firma von verhältnifsmäfsig jungem Beftande( 1869), welche indefs bereits im Jahre 1871 einen Umfatz von 51.000 Reichsthaler aufzuweifen hatte. Die Hälfte ihres jedenfalls fehr bemerkenswerthen Fabrikates wird exportirt. Auch Frd. Creutz in Michelftadt hatte recht hübfche Gelatinen, von welchen indefs die weifse Waare jener von Fifcher und Schmidt entfchieden nachftand. Seine Production an Gelatine belief fich im Jahre 1871 auf einen Werth von 22.400 Reichsthaler. Die Gelatinefabrikation war überdiefs auch noch durch O. Efchborn in Bonn, der ein ganz hübfches Fabrikat ausftellte, vertreten. Gelatinekapfeln von recht gutem Ausfehen hatte die Firma L. Boltzmann in Danzig ausgeftellt, welche in ihrer erft feit drei Jahren beftehenden Fabrik bereits einen Abfatz von mehr als zwei Millionen Stück Kapfeln pro Jahr aufzuweifen hat, wovon fie die Hälfte in Deutfchland abfetzt Elaftifchen Leim für Buchdruckerwalzen hatten neben Bodenfick, der drei Sorten derfelben ausftellte, befonders R. Gyfae in Oberlöfsnitz bei Dresden und E. Neffelträger in Hanau ausgeftellt. Trotz der an amerikanifches Wefen erinnernden Reclame, die R. Gyfae für fein" the Beft" genanntes Fabrikat zu machen wufste, fchien es, als ob dasfelbe gegenüber den anderen Erzeugniffen diefer Art keine wefentliche Verfchiedenheit aufzuweifen hätte. O efterreich war hinter dem Nachbarreiche keineswegs zurückgeblieben und fah feine Leiminduftrie durch eine ganz achtenswerthe Zahl von Ausftellern vertreten. Den erften Rang unter ihnen nahm unbeftritten die Firma J. Fichtner Söhne in Atzgersdorf bei Wien ein. Als erfte Knochendüngerfabrik Oefter reichs im Jahre 1853 etablirt, befchäftigt diefelbe in ihrem grofsartigen Etabliffe. ment derzeit an 150 Arbeiter und producirt neben Knochenmehl und Spodium Leim in einer bedeutenden Ausdehnung. Als Rohmateriale werden Knochen und neben diefen das Mark der Ochfenhörner verarbeitet, welches letztere Materiale zuerft von diefer Firma als Leimgut verwerthet worden ift. Der Rohmaterialbedarf wird zum grofsen Theile in Oefterreich felbft aufgebracht und nur wenig transatlantifches Materiale bezogen. Die ausgeftellten Leimforten, von ordinärem Tifchlerleim bis zur feinften Gelatine, waren durchwegs vorzügliche Erzeugniffe, die fich fehr wohl mit den deutfchen und franzöfifchen Fabrikaten meffen konnten. Befonderes Intereffe erregten die von diefer Firma aus gehärteter Gelatine fo wie aus Leim hergeftellten Imitationen von Schildpatt, Perlmutter, Elfenbein, Bernſtein, Malachit etc., von denen lediglich jene von Perlmutter weniger gelungen waren, während alle anderen von einer io täufchenden Aehnlichkeit und Vollendung waren, dafs fie nicht beffer gedacht werden konnten. Neben diefen namentlich für Galanteriewaaren Arbeiter beftimmten Imitationen bei welchen namentlich der fehr beftändige hohe Glanz befonders rühmenswerth ift, hatte die Firma durch ihre bereits oben erwähnte neue Verwendung für Leim zur Herftellung von imitirten Hornknöpfen einen fehr Appreturmittel und Harzproducte. 35 intereffanten Fortfchritt zur Geltung gebracht, und wenn auch vorläufig diefer Artikel fich noch nicht eingebürgert hat, fo ift doch kaum zu bezweifeln, dafs er bei den Eigenfchaften, die ihm nachgerühmt werden( gleiche Härte wie Horn, Unlöslichkeit, dauerhafter Glanz und vornehmlich bedeutende Billigkeit) fich werde behaupten können. Die Firma arbeitet faft ausfchliefslich für den Bedarf der öfterreichifchen Länder, und hat den gröfsten Abfatz ihrer Fabrikate in Böhmen, Mähren, Schlefien, Galizien, Ungarn und Niederösterreich. Von anderen Ausftellern wäre zunächft noch Carl Kunath in Wien zu nennen, welcher, wenn auch an Gröfse des Betriebes der Firma Fichtner wefentlich nachftehend, doch in Bezug auf Qualität feines Fabrikates eine befondere Beachtung verdient. Seine Gelatinen entſprechen allen Anforderungen und waren, was Klarheit und Färbung betrifft, fehr gut zu nennen. Intereffant war auch feine Collection von den in verfchiedenen Ländern üblichen Handelsforten des Leimes, die meift in recht guten Exemplaren vertreten waren. Auch Ign. Grawatfch in Neu- Erlaa bei Wien hatte zum Theil recht gute Fabrikate aufzuweifen, darunter ein ,, chemifcher Knochenleim" genanntes Erzeugnifs, an dem indefs nichts befonders Vorzügliches bemerkt zu werden vermochte. Sehr gut war fein Kölner Leim und die Mufter feines Appretur- und Vergolderleims, wiewohl letztere nicht den höchften Grad von Klarheit zeigten. Auch fein ruffifcher Leim, fowie die in der Färbung etwas matten, weil nicht völlig klaren, gefärbten Leime, würden noch eine Vervollkommnung zulaffen. Recht hübfch ausgeführt war ein Bouquet aus Folien des fogenannten chemifchen Knochenleims. Mangel an Klarheit wurde auch bei den meiften Leimmuftern bemerkt, welche L. Grawatfch, gleichfalls in Neu- Erlaa, ausgeftellt hatte, und wenn deffen Fabrikat auch fonft allen billigen Anforderungen entſprach. fo ift ein folcher Mangel doch mindeſtens nicht empfehlend für dasfelbe und follte nach Kräften vermieden werden. Die praktifchen Schwierigkeiten, die fich der Erzielung klarer Leimfuppen entgegenftellen, find endlich nicht fo grofs, als fie gewöhnlich hingeftellt werden, und der gröfste Fehler, deffen fich die meiſten Fabrikanten hierin fchuldig machen, liegt in einer mangelhaften Sortirung und Vorbereitung des Rohmateriales. Von bedeutenderen Induſtriellen in der Leimbranche wäre noch zu nennen F. C. Grillo in Sukdol bei Prag. Diefe Firma, welche ein recht rationell eingerichtetes Etabliffement für Verwerthung thierifcher Abfälle befitzt, in dem fie 60 Arbeiter und einen 30 pferdekräftigen Mechanismus befchäftigt, verarbeitet jährlich an 60.000 Centner Knochen und fonftige Abfälle auf Leim, Knochenfett, Spódium, Superphosphat etc. Der ausgeftellte Knochenleim und die Proben von gemifchtem Leim ftanden den befferen Erzeugniffen anderer Firmen wenig nach, wiewohl es auch hier in Bezug auf Klärung etwas zu thun gäbe. Befonders klaren und lichten Knochenleim hatte C. Schick, Wien, aufzuweifen, und war namentlich auch deffen ruffifcher Leim ein tadellofes Fabrikat. Auch Marguelis& Comp. in Rannersdorf bei Wien brachten fehr hellen und klaren Appretur- und Vergolderleim, fowie auch die Collectivausftellung der Leimfabrikanten von Grofs- Meferitfch mehrere ganz treffliche Erzeugniffe an Tifchlerleim enthielt, welche Leimforte befonders auch die Firma Fr. Schaumberger in Wien, A. Schatzmann in Feldkirch, Fr. Schmitt in Krems und A. Michel in Rehberg bei Krems in durchwegs recht guten Qualitäten zur Ausftellung brachten. Im Allgemeinen ift die öfterreichifche Leiminduftrie nicht unwefentlich hinter dem durch den Auffchwung anderer heimifchen Induftriezweige bedingten erhöhten Bedarfe an Leimproducten zurückgeblieben, und während noch im Jahre 1867 der Einfuhr von 2.295 Centner an Leim eine Ausfuhr von 10.218 Centner gegenüberftand, wuchs feither von Jahr zu Jahr der Import, während der Export rafch fank. So betrug 36 Im Jahre Dr. Wilh. Fried. Gintl. die Ausfuhr* die Einfuhr 1868 3.997 Centner 1869. 1870 3.271 4.694 " 4-429 Centner 4.284 " " 2.492 " 1871. 1872. 7.794 10.006 27 2.176 " 99 3.086 " In den Einfuhrziffern ift freilich auch Haufenblafe mit inbegriffen, aber es iftbekannt, dafs namentlich der Import an Gelatine und feinerem Appreturleim erheblich geftiegen ift, während faft nur ordinärer Leim zur Ausfuhr kam. Unfere Induſtriellen möchten daraus entnehmen, dafs noch Manches zu thun übrig bleibt und follten namentlich die Fabrikation feinerer Leimforten nicht länger vernachläffigen. Ungarn zählte auf dem Gebiete der Leiminduftrie nur wenige Ausfteller und bot auch qualitativ nichts befonders Bemerkenswerthes. Relativ das Befte hatte Ad. Schmidt in Kronftadt aufzuweifen. Mindeſtens ftand fein Fabrikat an gewöhnlichem Leim dem anderer Länder nicht wefentlich nach. - Rufslands Leiminduftrie war nur durch zwei Ausfteller vertreten eine zu der nicht unerheblichen Entwicklung diefes Induftriezweiges in Rufsland in keinem Verhältniffe ftehende Betheiligung. Nach Matthäi's ,, Induftrie Rufslands" zählte Rufsland zu Ende der fechziger Jahre 102 Leimfiedereien mit 552 Arbeitern und einer Production im Werthe von 152.745 Rubel. Sind hiebei auch die im Innern von Rufsland, namentlich in den WolgaGouvernements Ssimbirfk, Ssaratow etc., wo es grofse Schlächtereien gibt, beſtehenden Leimfiedereien eingerechnet, wo die dort lebenden Tartaren in völlig primitiver Weife die Gewinnung von Leim, namentlich auch des in Rufsland fehr beliebten Tafelbouillons, gewiffermafsen als Hausinduftrie betreiben, fo beſteht doch kein Zweifel, dafs namentlich in der jüngsten Zeit, wo in Rufsland mehrfach grofsartige Etabliffements für die Gewinnung von Knochendünger, Spodiumfabriken etc. entstanden find, auch die Leiinduftrie eine nicht unbedeutende Ausdehnung gewonnen habe. Trotzdem producirt Rufsland keineswegs eine für den Eigenbedarf zureichende Menge an Leim und importirt noch erhebliche Maffen desfelben zunächft aus Deutfchland, Belgien, Frankreich und England( aus Frankreich namentlich Gelatine). Der Import an Leim repräfentirte im Jahre 1871 den Werth von 221.559 Rubel, ungerechnet jenen von Gelatine, der fich auf 73.510 Rubel belief. folche Liegt in diefen Belegen dafür, dafs Rufslands Bedarf an Appretur und Klebemitteln in den letzten Jahren fich erheblich gefteigert hat( 1861 wurden feine Leimforten blos für 6.209 Rubel eingeführt), ein fprechender Beweis für den Auffchwung, den Rufslands Induftrie allenthalben genommen hat, fo regen Zahlen auch den Gedanken an, dafs Rufsland feinen Reichthum an thierifchen Abfällen noch nicht in völlig rationeller Weife ausnützt, und ein Product, das es eben fo leicht felbft erzeugen könnte, vom Auslande beziehen mufs, welches feinen Bedarf an Rohmaterialien vielfach aus Rufsland holt. Indeffen ift in der neueften Zeit auch hierin Manches beffer geworden, und es fteht noch, wie wir vernehmen, die Errichtung von mehreren Induftrie- Anlagen bevor, welche der Verwerthung des Reichthums an Rohmaterialien für Leim und Kunftdüngergewinnung zu dienen beftimmt find. Der eine der Repräfentanten von Rufslands Leiminduſtrie war M. Kobyzeff in St. Petersburg. Derfelbe erzeugt neben Leim auch Spodium und * Wir verdanken diefe, fowie mehrere andere auf den öfterreichischen Handel bezüg liche officielle Daten der Freundlichkeit des Herrn Zd. Skraup, welcher die Güte hatte, uns bei der Sammlung derfelben behilflich zu fein. Appreturmittel und Harzproducte. 37 Knochendünger und befchäftigt in feiner bereits feit 1839 beftehenden Fabrik 30 Arbeiter und eine 16 pferdekräftige Dampfmafchine. Der Werth feiner Production beläuft sich auf 80 bis 100.000 Rubel pro Jahr. Er hatte lichten und dunklen Knochenleim in Form von etwa ein Centimeter dicken Platten und von ziegelförmigen Stücken zur Ausftellung gebracht. Von diefen Erzeugniffen war der lichte Knochenleim durch hohen Glanz und befondere Klarheit ausgezeichnet, während die ordinärere dunkle Sorte ziemlich trübe war. Der Preis diefer Fabrikate, die eine fehr trockene Waare darftellten, beträgt per Pud für dunklen Leim 5 Rubel 50 Kopeken; für lichten 7 Rubel 50 Kopeken( 19% Reichsthaler bis 242 Reichsthaler per 50 Kilo) ift alfo nicht unbedeutend höher als in Deutfchland und Oefterreich( im Durchschnitte 15 bis 19 Reichsthaler). Der zweite Ausfteller war B. Fominsky, Kounghour im Gouvernement Perm. Das von diefem ausgeftellte Fabrikat, Leim in Ziegelform, war durch hohe Klarheit ausgezeichnet und fchien überhaupt ein ganz vorzügliches Erzeugnifs zu fein. Von anderen europäifchen Ländern hatten noch Rumänien durch Salomon Hechter in Bukareft und endlich die Türkei Leim zur Ausstellung gebracht. Das Fabrikat von Hechter konnte immerhin noch auf den Namen eines mittelguten Tifchlerleims Anfpruch machen, während die Mufter des türkifchen Fabrikates fich als ein fehr geringwerthiges, nur unferen ordinärften Sorten zu vergleichendes Product erwiefen. Höchft intereffant waren die von den Culturvölkern des afatifchen Oftens, den Japanefen und Chinefen, ausgeftellten Proben ihrer heimifchen Leimproducte, unter welchen namentlich die Mufter des japanefifchen Fabrikates eine überraschende Vollendung zeigten. In der Ausftellung Japans fah man Mufter von weifser und rother Gelatine, die den befferen europäiſchen Erzeugniffen gleichgehalten werden konnten, und ebenfo mufsten die ausgeftellten Leimproben als tadellofe Fabrikate bezeichnet werden. Diefe letzteren hatten die Form von 2'5 bis 3 Centimeter breiten, etwa 20 Centimeter langen und I bis 2 Millimeter dicken Streifen von ziemlicher Zähigkeit bei völlig trockener Maffe. Eine andere Form war die von wefentlich fchmäleren, höchftens o 25 Centimeter breiten und faft ebenfo dicken prismatifchen Stäbchen. Als Rohmateriale für die Gewinnung diefer, fich fämmtlich durch befonders lichte Färbung und hohen Grad von Klarheit auszeichnenden Leimforten, dienen angeblich neben Abfällen von Thierhäuten Floffen von Haififchen, die bekanntlich in Japan fowie in China auch als Nahrungsmittel verwendet werden. Eine fehr reiche Collection von Leimforten hatte China aufzuweifen. Hier fanden fich zunächft fehr lichte und klare Leimforten in der Form von ähnlichen Streifen wie bei Japan. Diefe aus Amoy zur Ausftellung gebrachte Leimforte wird per Picul( 60 479 Kilogramm) im Preife von 15 Dollars gehalten. In derfelben Form war aus Tientfin eine andere, etwas dunklere Leimforte ( Chih- le) ausgeftellt im Preife von 8 Dollar per Picul; ebenfo ein Haififchleim und endlich aus Shanghae ein Ochfenleim( aus Abfällen von Häuten), der an Klarheit und Helligkeit der Farbe nichts zu wünſchen übrig liefs.. Aufser in diefer Streifenform hatten die Chinefen auch Leim in der Form von etwa 2: 5 bis 3 Centimeter breiten, ebenfo langen und etwa o 5 Centimeter dicken Täfelchen ausgeftellt, denen meift eine chinefifche Chiffre in Roth aufgedrückt oder deren Rand weifs oder roth bemalt war. Diefe Leimforten von ziemlich dunkler Farbe, oft faft fchwarz ausfehend, werden fowohl aus Rindshäuten, als auch aus Efelshäuten, fowie endlich aus Geweihen in ziemlich primitiver Weife hergeftellt und verdanken ihre dunkle Färbung angeblich abfichtlichen Zufätzen. 38 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Solche Leimforten waren namentlich von Shanghae( Ochfenleim), Amoy ( Efelleim) und Newchwang( Geweihleim Deerhorn Gelatina) ausgeftellt. In China bilden übrigens Haut und Lederabfälle, Geweihe etc. als Leimgut einen Handelsartikel, der namentlich in Honkong und Swatow feinen Markt hat. Der Werth desfelben beträgt per Picul 160 Haikw. Tael= 2 Reichsthaler 10 Silbergrofchen. Im Jahre 1871 wurden 34 Picul abgefetzt. 2046 2 Kilo folchen Leimgutes Aufser folchen Erzeugniffen an thierifchem Leim hatte China wie auch Japan ziemliche Quantitäten des unter dem Namen„ chinefifche Gelatine" ( japan. Agar Agar) bekannten Productes pflanzlicher Abftammung( von Gelidium Amanfli, G. cartilagineum und G. Tenax) ausgeftellt, und zwar fowohl weifs, als auch farbig. Diefes Product, das fich bekanntlich von thierifcher Gelatine durch den völligen Mangel an Klebrigkeit, bei wefentlich höherem Gallerte- Bildungsvermögen( 1 Percent chin. Gelatine gibt fo viel aus wie 10 Percent befter franzöfifcher Gelatine), gröfserer Haltbarkeit etc. auszeichnet, bildet fchon jetzt einen Gegenftand des chinefifchen und japanefifchen Exportes und dürfte wegen feiner befonderen Eignung für gewiffe gewerbliche Zwecke, namentlich aber für die Zwecke der Kochkunft, der Knochengelatine nicht unerhebliche Concurrenz zu machen beftimmt fein. Unfere häufig an der Genefis der Knochengelatine Anftofs nehmenden Hausfrauen werden für diefes Product des Oftens um fo mehr Sympathien haben, als, wie die ausgeftellten Proben zeigten, man feitens der Producenten der Waare ein recht einladendes Aeufsere zu geben fich bemüht. Dafs diefe Gelatine fich mit befonderem Vortheile auch als Erfatz des Leimes für die Zwecke der Kunftblumen- Fabrikation eignet, für die fie auch bereits mehrfeitig verwendet wird, dürfte derfelben eine erhöhte Bedeutung für den europäifchen Markt erwerben. Die chinefifchen Theefiguren( The efpiele) find meift aus folcher Gelatine verfertigt. Haufenblafe. Von diefem durch die Verbreitung der billigeren und in den meiften Fällen gleich brauchbaren thierifchen Gelatine allmälig mehr und mehr an praktifcher Bedeutung abnehmenden Producte, das wohl nur noch von den Porterbrauereien Englands und den Weinproducenten des Continentes als Klärungs- und Schönungsmittel in gröfseren Maffen verbraucht, fonft aber fehr allgemein durch die franzöfifche Gelatine erfetzt wird, hatte die Ausftellung Proben aus nur wenigen Ländern aufzuweifen. Am stärksten war diefer Artikel in der Ausftellung Rufslands vertreten, welches fich feit jeher eines befonders guten Rufes als Bezugsquelle für Haufenblafe erfreut und einen erheblichen Exporthandel mit diefer Waare betreibt. Der Hauptfitz des ruffifchen Handels mit Haufenblafe ift Aftrachan, von wo aus die gröfste Menge diefes Artikels via St. Petersburg Kronftadt exportirt wird. Im Jahre 1871 betrug der Export an Haufenblafe aus Rufsland in fumma 3498 Pud, wovon via St. Petersburg- Kronftadt allein 2856 Pud ausgeführt wurden. Die Ausfuhr an Haufenblafe hat übrigens feit 1868, wo fie 3492 Pud betrug, fich nicht gehoben, war fogar im Jahre 1870 auf 2664 Pud gefunken, woran gewifs wefentlich die Concurrenz der Knochengelatine Schuld tragen dürfte. Als Confumenten ruffifcher Haufenblafe erfcheinen vornehmlich Deutſchland, England, Oefterreich, Frankreich, Belgien und endlich Norwegen und Schweden und vertheilte fich im Jahre 1871 der Export auf diefe Länder fo, dafs Deutſchland mit 2091 Pud im Werthe von 104.550 Rubel und England mit 1085 Pud im Werthe von 158.500 Rubel als die ftärksten Confumenten fich erwiefen, während Oefterreich nur für 56.000 Rubel, Frankreich für circa 40.000 Rubel, Belgien für Appreturmittel und Harzproducte. 39 20.300 Rubel und Norwegen- Schweden für 14.000 Rubel an ruffifcher Haufenblafe importirten. Italien, Spanien, Griechenland, fowie Dänemark bezogen im Jahre 1871 direct keine ruffifche Haufenblafe. Von den Ausftellern find insbefondere J. Ananoff in Salianfk und J. Makaroff, Aftrachan, endlich Carl Müller in St. Petersburg zu nennen, welcher Letztere eine fehr intereffante Collection der Handelsforten ruffifcher Haufenblafe der Firma G. A. Hauff& Co. in St. Petersburg ausgeftellt hatte. Diefelbe enthielt Proben fehr fchöner gedrehter Haufenblafe" Wefiga" von Accip. Hufo, dann einer ungebleichten Prima- Blätterhaufenblafe von Accipenfer Güldenftädtii,„ Offetrowa" und einer Prima gebleichten Blätterhaufenblafe derfelben Abftammung, fämmtlich im Preife von 180 Rubel per Pud; ferner„ blutige Offetrowa" à 160 Rubei per Pud, fowie Bellug a- Blätter( Accip. Hufo). gleichfalls zum Preife von 160 Rubel, endlich Samowoi- Haufenblafe( von Silur. Glanis) zum Preife von 80 Rubel, fowie eine künftliche, übrigens recht gut ausfehende Samowoi- Haufenblafe zum Preife von 60 Rubel per Pud. J. Ananoff und J. Makaroff hatten gleichfalls fehr hübfche Proben von Prima- Blätter- und Prima gedrehter Haufenblafe ausgeftellt. Von anderen Ländern war fogenannte Haufenblafe nur aus BritifchIndien, den franzöfifchen Colonien und der Türkei zur Ausstellung gebracht worden Indien ftellte zwei Sorten diefes Productes aus, und zwar Fish maw von Polynemus plebeijus und Fish maw von ,, Labomigus", die einander ziemlich gleichkamen und das bekannte Ausfehen der oftindifchen Haufenblafe zeigten. Aus den franzöfifchen Colonien war von St. Pierre und Miquelon die bekannte Haufenblafe von Gadus Morhua ausgeftellt, während die Türkei einige Sorten theilweife ziemlich unanfehnlicher Haufenblafe von nicht näher bezeichneter Abftammung aufzuweifen hatte. Ein der Haufenblafe angeblich im Verhalten fehr ähnlicher Fifchleim war von China( Ningpo) ausgeftellt worden. Der Preis diefer Waare war zu 12 sh. per Picul angegeben. DIE HARZPRODUCTE Die in den letzten Decennien, genährt durch den ftetig wachfenden Luxus und nicht minder den Auffchwung des Verkehrswefens, mächtig herangewachſene Harzinduftrie fcheidet fich ziemlich fcharf in die Fabrikation der Harzfirniffe, Lacke und Anftrichfarben einerfeits und die Siegel- und FlafchenlackFabrikation andererfeits, denen die meift felbftftändig betriebene Harzbleicherei, zumal die Schellackbleicherei, das Rohmateriale geeignet vorbereiten hilft. Nur diefe, gewöhnlich unabhängig von einander betriebenen, feltener in einer Hand vereinigten Zweige der Harzinduſtrie können an diefer Stelle in Betracht kommen, wogegen jene Induſtrien, welche, wie die Harzdeftillation und ihre Producte, in den Rahmen der Section 3 und 4 fallen oder wie die Fabrikation von Bernſteinund Korallenimitationen aus Harzen, ihrer Natur nach in die Gruppe X gehören, anderwärts ihre Befprechung finden. Was nun den dermaligen Stand diefer Induftriezweige gegenüber jenem, den fie zu Zeit der letzten Ausftellung in Paris zeigten, anbelangt, fo mufs gefagt werden, dafs fich fowohl auf dem Gebiete der Lack- und Firnifsfabrikation fowie auf jenem der Fabrikation von Siegel- und Flafchenlack, ein nur fehr fpärlicher Fortfchritt geltend gemacht hat, wiewohl namentlich die Lack- und Firnifsinduftrie in den letzten Jahren ohne Zweifel höchft günftige Verhältniffe in Bezug auf den Abfatz ihrer Producte aufzuweifen hatte und es an Anregung zur Einführung mannigfacher Verbefferungen wahrlich nicht gefehlt hat. Halten wir zunächft Rundfchau auf dem Gebiete der Firnifs- und Lackfabrikation, fo finden wir vielfach noch die urwüchfigften Methoden der Firniſsfiederei und nicht minder der Bereitung fetter Harzlacke in Verwendung. Die Mehrzahl der Fabrikanten kann fich nicht entfchliefsen, die in mehr als einer Hinficht zu verwerfende Methode des Leinölfiedens über freiem Feuer aufzugeben, und weifs jeglichem Vorfchlage mit der Ausrede zu begegnen, dafs anders erzeugter Firnifs diefe oder jene von den Confumenten geforderte Eigenfchaft nicht befitze und alfo nicht verkäuflich fei. Bei Lichte befehen find folche Motive unhaltbar, und es ift wohl nicht zu ftreng geurtheilt, wenn man fagt, dafs das wahre Motiv nicht in den Anforde rungen der Confumenten, fondern allein in der Bequemlichkeit der Fabrikanten liegt, die im altgewohnten Schlendrian fo lange fortfahren, als fich überhaupt noch ein Confument für ihre oft gar nicht mehr concurrenzfähigen Producte findet. Andererfeits trägt wohl auch Manches der Umftand dazu bei, dafs jede neue Methode, wenn fie auch noch fo rationell wäre, meift nicht bei dem erften oder zweiten Verfuche in der Praxis fich bewährt und dafs, zumal wo es fich um Maffenarbeit handelt, die erften Verfuche nicht felten ungenügende Refultate liefern, einfach weil diefs oder jenes überfehen oder doch nicht richtig beachtet wurde. Wer da nach einigen Verfuchen fchon mit feinem Urtheile fertig ist und die Methode unbrauchbar nennt, weil es ihm nicht fofort gelungen ift, ein tadellofes Reſultat zu erzielen, der wird nur zu leicht vor jedem Fortfchritte zurückfcheuen und folange beim Alten bleiben, bis ihm die Concurrenz die Augen öffnet; freilich oft zu einer Zeit, wo es zu fpät ift. Appreturmittel und Harzproducte. 41 Man mag nicht mit Unrecht fagen, dafs die Methoden der Firnifsbereitung auf kaltem Wege, wie fie zuerft Liebig vorgefchlagen, fo lange man bei Bleifirniffen bleibt, nicht leicht das gleiche Product liefern, wie es die Kochmethode liefert, und man mag auch zugeben, dafs die kalt bereiteten Manganfirniffe nach älteren Vorfchriften unter gleichen Verhältniffen von geringerer Brauchbarkeit find, als die auf dem alten Wege der Kochung erzeugten. Nicht fo aber fteht es mit den neueren Verfahrungsarten, und die Erfahrung hat gelehrt, dafs man bei richtiger Manipulation Manganfirniffe erhalten kann, die nicht blos eben fo gut und fchnell trocknen wie gekochte, fondern auch die gleiche Haltbarkeit des Anftriches erzielen laffen, wenn man nur allen Erforderniffen genügend Rechnung trägt. Von Seiten vieler Fabrikanten gefchieht diefs leider nicht. So ift es eine nur allzu häufig vorkommende irrige Anficht, dafs jedes beliebige Leinöl unter denfelben Verhältniffen gleich gute Producte liefere, eine Anficht, die manchen mifslungenen Verfuch verfchuldet. Da, wo es fich um das Verfieden des Leinöls unter Zufatz der üblichen Trockenmittel handelt, ift diefe Anficht infoferne gerechtfertig, als man es hiebei in der Hand hat, durch die längere oder kürzere Dauer des Kochproceffes gewiffe Verfchiedenheiten des Rohmateriales auszugleichen und bei felbft fehr verfchiedenem Rohmateriale doch noch Producte von ziemlicher Gleichartigkeit zu erhalten. Nicht fo bei der Firnifsbereitung auf kaltem Wege, wo die Verfchiedenheiten des Rohmateriales auch im Producte noch fcharf zu Tage treten, wenn man nicht von Fall zu Fall von der Schablone abweicht, die, weil fie einmal ein gutes Refultat geliefert hat, für alle Fälle paffend erachtet wird. Es kann in diefer Beziehung nicht dringend genug an den Umftand erinnert werden, dafs namentlich das Leinöl, was feinen Gehalt an fchleimigen und eiweifsartigen Pflanzenftoffen betrifft, fich fehr verfchieden verhält, je nach der Qualität der Samen, aus welchen es gewonnen wurde, und nach der Art feiner Gewinnung felbft, und es ift bekannt, dafs gerade diefe Gemengtheile einen nicht geringen Einfluss auf die Qualität des erzielten Firniffes nehmen, wenn man ihrem Vorhandenfein bei der Firnifsbereitung nicht entsprechend Rechnung trägt. Hat Wiederhold felbft für die Vorbereitung des zu Kochfirniffen beftimmten Oeles darum nicht mit Unrecht die Entfernung diefer Stoffe aus dem Leinöle anempfohlen, fo möchte, namentlich für die Herftellung von Manganfirniffen auf kaltem Wege, der Wiederhold' fche Vorfchlag ganz befonders beher zigt werden, und wenn auch nicht gefagt werden will, dafs das Wiederhold'fche Verfahren zu diefem Zwecke ein für die Praxis durchaus empfehlenswerthes fei,* fo liegt doch in feinem Vorfchlage eine Mahnung, die um fo mehr beachtet werden follte, als fie von einem Manne kommt, der auf dem Gebiete der Firnifsfabrikation zu den Beftbewanderten zählt. Aus gleichem Grunde fcheint das von Dullo( Dingl. p. Journ. CLXXXI., p. 151) empfohlene Verfahren der Firnifsbereitung mittelft Braunftein- und Salzfäure, wie fehr es auch von mancher Seite belächelt worden fein mag, immerhin einiger Beachtung werth zu fein, und die Verfuche, die hie und da mit diefem Verfahren angeftellt wurden, lehren, dafs es bei geeigneter Handhabung ganz brauchbare Refultate liefern könne. Vielleicht verdient auch das in der neueften Zeit vorgefchlagene Verfahren der Firnifsbereitung mittelft Kupferfalzen( A. Ford.- fein Patent f. Berichte d. deutfchen chem. Gefellſchaft, Berlin 1872 pag. 400) in diefer Hinficht einige Beachtung.** * Die von Wiederhold( Neue Gewerbeblätter für Kurheffen 1866, p. 765) vorgefchlagene Methode der Behandlung des Leinöls mit wäfferiger Aetzkalilöfung, Wafchen des Oeles und Raftenlaffen desfelben durch lange Zeit hat für die Praxis gewifs manches Unangenehme und dürfte unfchwer durch ein anderes der bekannten Verfahren erfetzbar fein, ohne dafs der Erfolg wefentlich gefchmälert würde. ** Vergl. übrigens auch das treffliche Werk von G. J. Mulder ,, Chemie der trocknenden Oele." Deutfch von J. Müller. Berlin 1867. Verlg. v. J. Springer. 42 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Gehen wir zur Fabrikation gekochter Firniffe über, fo finden wir, namentlich was die Arbeit des Kochens felbft betrifft, mit Ausnahme einiger gröfserer Fabriksetabliffements, von denen namentlich die englifchen fich jeglichen Fortfchritt mit Verftändnifs zu Nutze zu machen wiffen, meift noch das Kochen in offenen Hafen und über freiem Feuer in Uebung, obwohl man meinen follte, dafs fchon der erhebliche Schwund an Oel, fowie die unvermeidliche Beläftigung die diefes Verfahren mit fich bringt, längft fchon zur Wahl rationellerer Methoden gedrängt haben könnten Als eine folche ift zweifellos die von C. W. Vincent( Chem. news. 1871, No. 596; auch Dingl. p. Journ. CCI p. 65) angewendete, feit Jahren mit beftem Erfolge ausgeführte Methode der Kochung des Leinöls mittelft Dampf in doppelwandigen Kochkeffeln zu bezeichnen, und follten namentlich gröfsere Firnifsfiedereien nicht fäumen diefelbe einzuführen. Diefes Verfahren, bei welchem durch Einblafen von Luft durch das erhitzte Gemifche des Leinöls mit dem entſprechenden Trockenmittel die Trocknungsfähigkeit auf den höchften Grad gebracht werden kann, liefert nicht nur blaffe und helle Firniffe von vorzüglicher Qualität, die frei find von den brenzlichen Producten, die in gewöhnlichen Firniffen wegen der fchwer zu vermeidenden Ueberhitzung faft nie fehlen, fondern bietet auch den entfchiedenen Vortheil der weit fichereren und ungefährlicheren Arbeit und geftattet den Schwund fowie die Beläftigung, die das Firnifsfieden ftets in hohem Grade mit fich bringt, auf das geringfte Mafs herabzufetzen. Letzterer Vortheil läfst fich allerdings auch durch Anwendung des von Feichtinger befchriebenen( Bayer.Induftrie und Gewerbeblatt 1872 p. 18) in Eng land für die Zwecke der Harzlackfiederei ziemlich allgemein üblichen gefchloffenen Kochapparates erreichen, doch ift unter allen Umftänden der Dampfkochung der Vorzug einzuräumen. Ein Moment, welchem auch weit weniger Aufmerkfamkeit zugewendet wird, als es in der That verdient, ift das der Lagerung der Firniffe. Es bleibt eine unbeftrittene Thatfache, dafs junge Firniffe eines gewiffen Lagers bedürfen, um vorwurfsfrei zu fein. Freilich ift das Erfordernifs der länger währenden Lagerung für den Kleinfabrikanten infoferne nicht gleichgiltig, als oft die Raumfrage dabei ganz wefentlich mit ins Spiel kommt, und als endlich gerade diefem es oft fchwer fallen wird, fein Capital für eine Zeit aufser Verkehr zu fetzen und Zinfenverlufte zu gewärtigen. Aber gerade hierin liegt der wunde Fleck und ein Fabrikant, der feinen Qelbedarf nicht zur Zeit der günftigen Conjunctur zu decken vermag, und dem es an Fonds gebricht, um feiner Waare Lager zu geben, der unterlaffe es, Firnifs produciren zu wollen. Darin liegt gröfstentheils auch das Geheimnifs der renommirten Firmen, zum Beifpiel Englands, und die Meinung, die man von Einzelnen vorbringen hört, als würden diefe die beften Leinölqualitäten aufkaufen und nur geringere Waaren ihrer Concurrenz überlaffen, ift eine Fabel, an die wohl Niemand ernftlich glauben kann. Selbstverständlich ift es hiebei, dafs die Qualitätsänderung, welche der Firnifs bei längerem Lager erleidet, wohl beachtet werden mufs und das Beiſpiel der grofsen Exportfirmen, welche fogar der möglichen Aenderung ihrer Firniffe während der Zeit des Transportes durch entſprechende Zufätze an ungekochtem Oele( Standöl) Rechnung tragen, dürfte ein fehr nachahmenswerthes fein. Ganz ähnlich, wie mit der Fabrikation von Leinöl- Firnifs, fteht es um jene der Erzeugung fetter Copal- und Bernfteinlacke. Kommt allerdings die Qualität des verwendeten Harzes hiebei nicht unwefentlich in Betracht, fo trägt doch auch die Methode erheblich dazu bei, von welcher Befchaffenheit das refultirende Product fällt. Seit dem Bekanntwerden der fchönen Unterfuchungen von H. Violette ( Annal. du Génie civ. Octobre 1866), ift die früher hartnäckig vertheidigte Anficht, Appreturmittel und Harzproducte. 43 als könnte ein guter Copal- oder Bernfteinfirnifs nicht anders als durch das von altersher übliche Schmoren der Harze erzeugt werden, gefallen, und die Möglichkeit ift erwiefen, dafs auf bequemere und weit rationellere Art brauchbare Harzfirniffe zu erzielen find. Bietet nun auch das Violette'fche Verfahren der Schmelzung unter Hochdruck mancherlei Schwierigkeiten die feiner allgemeineren Einführung in die Praxis vorläufig noch im Wege ftehen, fo ift doch der Weg gezeigt, der einzufchlagen ift, um auch hier zum Befferen zu gelangen. Sehr empfehlenswerth kann auch das verbefferte Verfahren der Copallackbereitung von G. Hoedfield( Mon. fcient. 1870, p. 127; auch Dingl. pol. Journal CXCVI, p. 483) genannt werden, fowie auch der fchon oben genannte, von G. Feichtinger befchriebene Apparat zur Lackfiederei unter allen Umständen den üblichen Schmelzhafen vorzuziehen ift. Dafs endlich namentlich bei Copal- und Bernftein-, fowie Damarlacken auf längeres Lagern der Waare einiges Gewicht zu legen ift, bedarf für jeden Praktiker keiner befonderen Erörterung. Haben wir im Vorftehenden ein flüchtiges Bild der in den jüngften Jahren angebahnten, wenn auch leider von der Mehrzahl der Induftriellen noch nicht zu gute gemachten Fortfchritte auf dem Gebiete der Lack- und Firnifsfabrikation entrollt, fo würde uns nur noch erübrigen, einiger anderer fortfchrittlicher Beftrebungen zu gedenken, die diefes Gebiet betreffen. Hierher gehören zunächft die Verfuche der Anwendung anderer Löfungs mittel, namentlich für Copal und Bernfteinharz, behufs der Herftellung rafch trocknender Lacke. In diefer Hinficht ift bekanntlich der fchon zu Anfang der 60er Jahre von Wiederhold gemachte Vorfchlag Aceton als Löfungsmittel für Copal zu verwenden, bisher nicht recht in die Praxis übergegangen, wiewohl der Aceton unftreitig für diefen Zweck fich befonders geeignet erweift. Es trägt offenbar der immerhin verhältnifsmäfsig hohe Handelspreis diefes Körpers oder richtiger der Umftand daran Schuld, dafs fich bisher Niemand gefunden hat, der die Kaftanien aus dem Feuer holen und den Verfuch wagen will, fich ohne genügend fichere Garantien auf eine Maffenproduction des Acetons einzurichten. Die fpäter namentlich von Violette( Compt. rend. LIII, pag. 461 auch Dingl. p. Journ CLXXXII, pag. 64) gemachten Vorfchläge zur Herftellung von ätherifchen Copallacken dürften bezüglich des Aethers ebenfowenig wie die vorgefchlagene, aber fchon aus Rückficht auf die Bedenken, die fich der Einführung folcher Löfungsmittel in die Werkstätte des Lackirers entgegenftellen, zu verwerfende Anwendung von Chloroform, Schwefelkohlenft off etc. in der Praxis Anklang finden. Lediglich für die Erzielung möglichft blaffer Vignetten- oder Emaillacke könnten folche Löfungsmittel Anwendung finden, und das Gleiche gilt wohl auch von der Vorfchrift R. Böttger's( polyt. Notizblatt, 1867, pag. 209), welcher fich der Vermittlung des Kamphers zur Herftellung eines weingeiftig- ätherifchen Copallackes bedient. Beftrebungen, Firnifs- und Lackfurrogate zu erzeugen find mehrfach zu Tage getreten. So hat F. Capitaine zu diefem Zwecke die Herftellung einer Lölung von Colophonium in Benzin und C. Pufcher die Löfung, der bereits früher von Varren trapp für Kitte empfohlenen Thonerdeoleinate in Terpentinöl vorgefchlagen. Weit bemerkenswerther und für die Praxis entfchieden wichtiger ift aber die in der jüngsten Zeit von der Firma A. Lemme& Comp. in Stolp( derzeit Berliner Harzöl- Farbenfabrik, Berlin Chaufféeftrafse 39) in die Praxis eingeführte Verwendung von Harzölen zur Firnifsfabrikation. Die Heranziehung der Harzöle zur Herftellung von Firniffen ift unbedingt eine fehr glückliche Idee und geftattet nicht allein ein relativ fehr billiges( der Centner Harzölfirnifs wird zu 10 Thaler notirt), fondern auch ein in feiner Eigenartigkeit ganz vorzügliches Erfatzmittel eigentlicher Firniffe zu befchaffen. 44 Dr. Wilh. Fried. Gintl. In ähnlicher Weine verdient auch die Verwendung des Afphalts( Theerafphalt) für die Herftellung von Firnifsfurrogaten einige Beachtung, um fo mehr, als, wie die Ausftellung gezeigt hat, man fich nich mehr auf die Herftellung von fchwarzen Eifenlacken aus Afphalt befchränkt, fondern auch Anftrichfarben anderer Art mit Zuhilfenahme von Afphalt herzuftellen fich bemüht. Die Fabrikation farbiger Lacke und Anftrichfirniffe hat überhaupt in den letzten Jahren einen Schritt vorwärts gethan und find es namentlich die Anilinfarben, deren Einführung in die Lackinduftrie wir all die prächtigen BrillantFarblacke zu verdanken haben, über welche wir derzeit verfügen. Während indefs diefer Gewinn faft ausfchliefslich fich auf die Verbefferung farbiger Spiritu slacke befchränkt hat, haben wir auch eine ganz fchätzenswerthe Neuerung auf dem Gebiete der Herftellung von farbigen Anftrichfirniffen in dem Hugoulin'fchen Verfahren( Les mondes XV, pag. 720) zu begrüfsen, das an die Stelle des zeitraubenden und koftfpieligen Anreibens der Körperfarben mit Firnifs die Anwendung von in Waffer aufgefchlemmten Farben fetzt, die einfach mit Firnifs angerührt werden, um nach der leicht erfolgenden Abfcheidung des Waffers zum Gebrauche fertig zu fein**. Ohne anderer namentlich auf dem Gebiete der Firnifsfarben- und Farblackinduftrie mehrfach zu Tage gekommener fogenannter Fortfchritte zu gedenken, an denen meift nichts als der Name, unter welchem das oft ganz erbärmliche Fabrikat angepriefen wird, neu ift und ein Fortfchritt eigentlich nur in der Art zu fuchen ift, mit welcher für folche Wunderfabrikate*** Reclame gemacht und die Leichtgläubigkeit des Publicums geködert werden foll, möchten wir noch in Kürze des Standes der Siegellack Induftrie Erwähnung thun und einen flüchtigen Blick auf die Verbefferungen werfen, welche die letzten Jahre in Bezug auf die Herftellung von Harzkitten gebracht haben. Die Fabrikation der Siegel- und Flafchenlacke hat feit Jahrzehnten kaum irgend eine nennenswerthe Neuerung oder Verbefferung erfahren und wenn man ihr überhaupt einen Fortfchritt in dem letzten Decennium zugeftehen will, fo kann man wohl kaum mehr fagen, als dafs eine den erhöhten Anfprüchen des Luxus der jüngsten Zeit Rechnung tragende Verfeinerung in der äusseren Ausftattung und mit diefer in der Herftellung frifcher und feuriger Farben und Farbenmifchungen fich geltend gemacht hat, ohne dafs indefs die Brauchbar keit des Fabrikates hiedurch wefentlich gewonnen hätte. Im Gegentheile liefse fich behaupten, dafs bei der auch auf diefem Gebiete ziemlich regen Concurrenz die Fabrikation von Siegellacken, die vornämlich aus Fichtenharz beftehen, gang und gebe geworden ift und Schellack Siegellacke ziemlich felten geworden fin. Nur in den blaffen und zartfarbigen Siegellacken befferer Qualität, für deren Fabrikation der gebleichte Schellack, in deffen Herftellung man ganz erhebliche Fortfchritte zu verzeichnen hat, faft unentbehrlich ift, findet man noch Siegellacke, die von Schellackfurrogaten frei find. Der Sparfamkeit in der Anwendung von Schellack, deffen vielverfprechendes Erfatzmittel, das Akaroidharz bekanntlich die Erwartungen, die man davon hegte, nicht erfüllt hat, ift allerdings ein nicht unerhebliches Zurückgehen der Preife des Siegellackes zu danken, wiewohl diefer Vortheil unftreitig auf Koften jener ſchätzenswerthen Eigenfchaften errungen wurde, die allein der Schellack erzielen läfst. So finden wir gegenwärtig felbft unter den feinften Siegellackforten, die durch lebhafte Farbe und angenehmes Parfüm unfere Sinne befriedigen, nur allzugewöhnlich * Siche unten bei Oefterreich. ** Laut Bericht der D. Induftriezeitung 1869, pag. 127 hat fich diefes höchft einfache Verfahren auf einer Dresdner Schiffbauftätte trefflich bewährt. *** Ohne folche Fabrikate namentlich brandmarken zu wollen, möchten wir nur erwähnen, da's beispielsweife in einem Circulare, welches der Anpreifung einer in der neueſten Zeit mit befonderer Rührigkeit in Vertrieb gebrachten Univerfalfirnifs- Farbe dienen foll, auch unter Anderem gefagt wird, dafs der Anftrich mit diefem Fabrikate felbft das Brechen von Wagenfedern zu hindern vermöge! Appreturmittel und Harzproducte. 45 Erzeugniffe, welche durch Tropfen und übermäfsiges Erweichen uns verrathen, dafs bei ihrer Herſtellung mit Schellack forgfältig gefpart worden fei. Ohne auf eine Befprechung einzelner Vorfchriften für Siegellack- Fabrikation, deren Zahl Legion ift( da faft jeder Siegellack Fabrikant eigene, womöglich forgfältig geheim gehaltene Recepte für fein unübertreffliches Fabrikat hat), eingehen zu wollen, fei uns geftattet kurz zu erwähnen, dafs faft durchwegs das Colophonium, dann das weiche Fichtenharz, der Terpentin, weiters aber als härtende Zufätze Maftix und Copal, neben Schellack, endlich als Parfüm, Benzoe, Perubalfam, Storax u. f. w. in Verwendung ftehen, wobei jedoch gegenwärtig Siegellacke, die mehr als 30 Percent Schellack enthalten, nur felten mehr angetroffen werden.* Als körpergebende und für fchellackarme Siegellacke behufs der Vermeidung des Tropfens durchaus nothwendige Zufätze, werden Magnefia, Kreide, Gyps, Kaolin, dann aber auch fchwefelfaueres Baryum( Permanentweifs) und fchwefelfaures Blei verwendet, und ift neuerlich nach einem Vorfchlage von C. Pufcher Kiefelguhr verwendet worden. Infoferne dem Fabrikanten, der fein Fabrikat nach dem Gewichte verkauft, die Frage nach dem Gewinne wie begreiflich zunächft nahe geht, wird das fpecififch fchwere Permanentweifs und der Kaolin, der leichten und fchon in geringer Menge fehr ausgiebigen Magnefia in der Regel vorgezogen, wiewohl keineswegs zum Vortheile des Productes. Schwe felfaures Blei ift als körpergebender Zufatz entfchieden zu verwerfen. Gyps, wenn nicht gebrannt, und Kreide geben beim Schmelzen des Siegellackes fchäumende Maffen und werden nur in geringer Menge oder nur für ordinäre Sorten mit Vortheil verwendet. In Bezug auf Farbe ift durchwegs die rothe Farbe die herrfchende, und es hat die fonft Alles beeinfluffende Mode die Vorliebe für rothe Siegellacke unberührt gelaffen. Andere Farben, mit Ausnahme der Trauerfarbe find wenig begehrt und meift nur in feinen Sorten zu finden. Als Farbftoffe finden Zinnober dann Englifchroth und Bolus für feine und ordinäre Rothlacke, daneben Flammrufs, Spodiummehl und Schwarzpech oder Afphalt für fchwarze Siegellacke die bei weitem überwiegende Verwendung und die Verfuche, namentlich für Roth auch organifche Farblacke heranzuziehen, haben fich bisher refultatlos erwiefen. Für Grün wird als das geeignetfte Farbmaterial Chromgrün und Zinkgrün( Rinman'fches Grün) für Blau, Smalte, Kobaltblau, feltener Berliner Blau und Ultramarin empfohlen, während für Weifs, am häufigften das Permanentweifs und Zinkweifs, für Gelb, das übrigens nicht ganz empfehlenswerthe Bleichromat, dann auch Zinkgelb fowie Ocker in Verwendung ftehen. Die eine Zeit lang fehr beliebten Flitter- Siegellacke, die bekanntlich durch Zumifchung von gefchnittenem meift unechtem Blattgold oder Blattfilber zur Schmelze hergeftellt wurden, find ebenfo, wie die mit Bronzepulver verfetzten Lacke ziemlich aufser Mode gekommen. Was Flafchenlacke anbelangt, fo haben diefe, die faft durchwegs nur aus Colophonium und Terpentin oft unter Zufatz von etwas Wachs, Parrafin oder neueftens auch Harzöl hergeftellt werden, in den letzten Jahren fich allgemein eingebürgert und werden von einzelnen Fabrikanten ziemliche Maffen davon producirt. Dagegen hat die Verwendung der Harze zur Herftellung von Kitten für Glas, Thonwaaren, Metalle, Holz u. dgl. erheblich abgenommen, und nur vereinzelt werden dergleichen, für welche es bekanntlich an Vorfchriften oft der barockften Art nicht mangelt, zumal für wafferdichte Kittungen noch gebraucht. Bei dem Umftande, als wir in den Leim, Cafein-, Guttapercha- und Kautschuk, * Die Anwendung von Carnaubawachs als Zufatz zu Siegellacken ift trotz der Vorzüge, die ein mäfsiger Zufatz davon dem Siegellacke ertheilt, von vielen Fabrikanten gar nicht gekannt. 46 Dr. Wilh. Fried. Gintl. kitten, dann in den diverfen Wafferglas- und Silikatkitten, dann den Firnifskitten, von welchen der in neuerer Zeit von Böttger( Dingler's pol. Journal CXC, p. 80) vorgefchlagene aus Leinölfirnifs, Bleiglätte, Kalkhydrat und Kiefelguhr herftellbare Kitt befonders empfehlenswerth ift, und endlich in dem zuerft von Hirzel angegebene, fpäter auch von anderen empfohlenen fo von( Pollack fiehe Dingler's pol. Journal CXCII, p. 171) Glycerin- Bleiglättekitt vorzügliche und meift weit verläfslichere Kitte haben, ift das Aufgeben der ehemals für unerfetzbar gehaltenen Harzkitte leicht begreiflich, um fo mehr als die meiſten von ihnen den Anforde rungen nicht mehr entſprechen, die man gegenwärtig an einen guten Kitt zu ftellen bemüffigt ift. Wenden wir uns nunmehr zu der Berichterstattung über das, was die Ausftellung auf dem Gebiete der Harzinduftrie aufzuweifen hatte. Es ift begreiflich, dafs eine objective Berichterftattung über die Producte diefer Induftrie ebenfo wie eine vorwurfs freie Beurtheilung derfelben durch eine felbft noch fo gewiffenhafte Jury auf unüberwindliche Schwierigkeiten ftöfst. Die Güte und Brauchbarkeit eines Firniffes, eines Lackes, einer Anftrichfarbe läfst fich weder nach dem blofsen Anfehen, noch auch nach dem Refultate einer flüchtigen Anftrichprobe beurtheilen, und wenn es wohl auch aufser Zweifel fein darf, dafs gewiffe äufsere Merkmale, wie Klarheit, in einzelnen Fällen Hellig. keit der Farbe u. dgl. bei beſtimmten Firniffen und Lacken, Gleichartigkeit der Maffe und feine Vertheilung des Farbkörpers bei den Anftrichfarben nicht vermisst werden dürfen, wenn ein fragliches Fabrikat den Anforderungen entſprechen foll, welche man an dergleichen zu ftellen berechtiget ift, fo ift doch der wahre Werth derartiger Induftrieproducte nicht zu beurtheilen, folange keine Erfahrung über das Verhalten derfelben bei der Arbeit, über die Dauerhaftigkeit, Feftigkeit des Anftriches den fie liefern u. dgl., vorliegt. Darüber könnte bei dem völligen Mangel einer untrüglichen und auf ficherer Bafis fich erhebenden anderen Beurtheilungsmethode nur die Vornahme praktifcher Proben entfcheiden, die vornehmlich vergleichender Art fein müfsten, Proben, die indefs nicht in Stunden oder Tagen abgethan fein dürften, und über welche man Wochen und Monate hingehen laffen müfste, um zu untrüglichen Refultaten zu gelangen. Woher follte man anders Anhaltspunkte nehmen, um z. B. zu beurtheilen, welcher von zwei im Preife gleichftehenden und auch äufserlich gleichartig erfcheinenden Copallacken, die gleiche Ausgiebigkeit haben und im Trockenen fich ähnlich verhalten, der beffere ift, wenn man nicht weifs, welcher von ihnen den unter gewöhnlichen Verhältniffen haltbareren Anftrich liefert; und doch ift gerade das das mafsgebendfte Moment für die Beurtheilung der relativen Qualität derartiger Producte. Es müsste darum eine Jury, welche die unparteiifche Beurtheilung folcher Induftrie- Erzeugniffe fich angelegen fein laffen will, fordern, dafs die Ausfteller bei Beginn einer längere Zeit währenden Ausftellung mit ihren Lacken, Firniffen und dergleichen in Gegenwart von Commiffären kunftgerechte Anftrichproben herftellen, welche von der Jury in Verwahrung genommen, feiner Zeit das eigentliche Object für die Beurtheilung zu bilden hätten.* * Es fcheint uns hier der Ort, einen Gedanken auszufprechen, der vielleicht Anlass zu Erwägungen geben könnte, die wir für zeitgemäfs halten. Ohne Zweifel ift fich Jeder darüber klar, dafs das moderne Prämiirungswefen der Ausftellungen ein völlig unhaltbares, um nicht zu fagen geradezu demoralifirendes ift, und keineswegs dem Zwecke entſpricht, dem es dienen foll. Soll die Arbeit einer Jury und die Vertheilung von Preifen an Ausfteller nicht eine reine Komödie fein, bei der der Juror trotz aller Mühe den meift nur fchlecht entlohnten Acteur fpielt, dann wird es unausweichlich fein, an eine zeitgemäfse Reformation des Jury- und Prämiirungswefens zu denken. Wer da weifs, wie unverlässlich meift die auf Ausftellungen eingeholten Informationen über diefe oder jene Firma eines fremden Landes find, wer all die Winkelzüge und die oft bis hart an die Grenze des Erlaubten gehenden Kniffe preisdurftiger Ausfteller kennt und Gelegenheit gehabt hat, zu erfahren, wie felbft das Inftitut der Fragebogen völlig werthlos ift, fo lange man nicht die Beftätigung ihres, leider nur zu oft ein Gewebe von Lügen der frechften Art darftellenden Inhaltes durch die hierzu competenten Ortsbehörden, Gremien u. dgl. fordert, der wird zugeftehen müffen, dafs der Werth einer nach dem üblichen Prämiirungs Appreturmittel und Harzproducte. 47 Bei dem Umftande, als folche Anhaltspunkte zur Beurtheilung der Harzproducte meift fehlten, mufs fich die Berichterstattung lediglich darauf befchränken, bei Besprechung der einzelnen Ausftellungsobjecte auffallende, fchon äufserlich kenntliche Mängel oder aber bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten derfelben zu nennen, ohne dafs damit, foweit diefs Lacke, Firniffe oder Lackfarben betrifft, auch endgiltig über den wahren Werth der einzelnen Fabrikate abgefprochen werden wollte. Folgen wir der Anordnung der einzelnen Länder im Ausftellungspalafte, fo finden wir zunächft Nordamerika, deffen chemifche Induftrie ja durchwegs nur fehr fpärlich vertreten war, durch einen einzigen Ausfteller repräfentirt. Es waren C. L. Hauthaway& Söhne, Bofton, welche einen Lederlack zur Ausftellung brachten, der, zunächft für das Glänzendmachen von Schuhwerk beftimmt, fich für diefen Zweck jedenfalls trefflich eignete. Einer flüchtigen Prüfung nach ſchien diefes in Geftalt von in mehreren Farben vorhandenen Flüffigkeiten erfcheinende Fabrikat eine ammoniakalifche Löfung von Schellack oder vielleicht Xantorrhoea- Harz zu fein, welches einem Zufatze von Kienrufs oder Broncelack feine Färbung verdankte. Wiewohl die Anwendung von ammoniakalifchen Schellacklöfungen für die Zwecke der Herftellung von Lacken nicht neu ift und namentlich von C. Pufcher( Fürther Gewerbezeitung 1869, pag. 18) auch für wafferdichte Anftriche empfohlen wurde, fo hat man bisher doch gerade für das Lackiren von Leder und Schuhwerk keinen allgemeinen Gebrauch von derartigen Lacken gemacht, und hat diefs vielleicht auch mit Recht unterlaffen, da fich kaum denken läfst, dafs bei fortgefetzter Ein wirkung von ammoniakalifchen Flüffigkeiten die Lederfubftanz keinen Schaden nehmen follte. Jedenfalls wird man auf diefe Möglichkeit Bedacht zu nehmen haben, ehe man fich entfchliefst, diefes Fabrikat, das übrigens durch die Bequemlichkeit feiner Anwendung und den trefflichen Effect, den es erreichen läfst, fich für den erften Moment fehr empfiehlt, an die Stelle der landesüblichen Wichfe treten zu laffen. Aus dem Süden Amerikas fanden wir von Producten der Harzinduftrie nichts Bemerkenswerthes vor. Ziemlich gut war diefe Induftrie in der Abtheilung Englands vertreten. Bei dem Umftande, als der Fortfchritt der Firnifs- und Lackfabrikation ganz wefentlich im Gefolge des Auffchwunges fteht, den das Verkehrswefen und insbefondere das Eifenbahnwefen nahm, und als es namentlich die ziemlich hochgefpannten Anforderungen, die die Wagenfabrikation an die Lackinduftrie ftellte, modus erworbenen Auszeichnung ein höchft zweifelhafter ift. Solchen Uebelftänden gegenüber fcheint es nur einen Weg zu geben, der ohne koftfpieligen Apparat geftatten würde, das Ausftellungswefen dem Zwecke, dem es dienen foll, entfprechender zu geftalten. Es wäre diefs die Einführung der Verkaufs verpflichtung in dem Sinne, dafs Jeder, der als Ausfteller auftritt, auch die Verpflichtung übernehme, nach dem Mufter feiner Ausstellungsobjecte, deren Verkaufspreife Jedermann erfichtlich fein müfsten, in gefchäftsmäfsiger Weife in Verkäufe einzu. gehen, beziehungsweife Aufträge zu übernehmen, für welche in Bezug auf Qualität und Preis das Austellungsobject die Bedeutung eines Mufters hätte. Es brauchte für die Durchführung einer folchen Mafsregel nur eine paffende Form gefunden zu werden, um mit einem Schlage all' den Unzukömmlichkeiten, wie fie fich vornämlich hinfichtlich der eigentlichen Induftrie- Erzeugniffe vielfach eingefchlichen haben, ein Ziel zu fetzen. Mindeſtens würde die ganz gewöhnliche Praxis der Notirung übermäfsig billiger Preife, der Herftellung von Scheinobjecten, die eben nur für die Ausstellung gefertigt find und Anderes mehr, wefentlich erfchwert werden und wenn man die bindend abgefchloffenen Verkäufe in verläfslicher Weife zur Evidenz bringen laffen würde, liefse fich ein wefentlich richtigeres Urtheil über die Leiftungsfähigkeit der einzelnen Ausfteller gewinnen, als diefs der Fall fein kann, wenn man fich lediglich auf das Hörenfagen ftützt. Der reelle Ausfteller vermöchte hiebei nur zu gewinnen, und es würde fo Manchem die Luft dazu benommen werden, die Ausstellung zu einem Felde des Humbugs und der unredlichen Concurrenz zu machen!- 4 48 Dr. Wilh. Fried. Gintl. A waren, welche diefe zu erhöhter Leiftung anfpornten, kann es nicht Wunder nehmen, dafs gerade England, wo nächft Belgien das Eifenbahnwefen fich am früheften und vollkommenften entwickelt hat, auch auf dem Gebiete der Lack induftrie Treffliches leiftet. wan Unter den Firmen, die fich an der Ausftellung betheiligt hatten, dürfte als die bei Weitem hervorragendfte Denton& Jutfum, Bow Common, London, zu nennen fein, welche durch die reichliche Collection von meift trefflich fcheinenden Lacken, Firniffen und Anftrichfarben imponirte. Insbefondere in Kutfchen- und Waggonlacken leiftet diefe Firma anerkannt Vorzügliches und die beredteften Zeugen für die Trefflichkeit ihrer Waggonlacke waren wohl die in der Mafchinenhalle ausgeftellten Waggons der Waggonbau Anftalt von F. Ringhoffer in Prag, welche, mit diefen Lacken adjuftirt, an Glanz und Klarheit ihres Lackes und, was das Wefentlichfte ift, an Dauerhaftigkeit desfelben faft alle anderen übertrafen. Diefe Firma erfreut fich denn auch eines befonders guten Rufes und zählt die gröfsten Waggonbau Anftalten Englands zu ihren Confumenten. Erwähnenswerth find auch die von diefer Firma ausgeftellten ,, Anticorrofivfarben", die für Anftriche von Brücken, Gebäuden, Schiffen u. f. w. beſtimmt find und befonders durch ihre billigen Preife auffallen. Die Anftrichproben mit folchen Farben waren recht befriedigend und nur einzelne derfelben zeigten nicht jenen Grad von Härte des Anftrichs, der denn doch auch für folche Verwendungsweifen wünſchenswerth fein dürfte. 81 1989 0081 possediows Von anderen Ausftellern wären zunächst noch Mander brothers, Wolverhampton, zu nennen, welche Firniffe von ziemlicher Klarheit und Glanz, fowie Firnifsfarben mit Farbftofflöfungen gefärbt ausgeftellt hatten, von welchen namentlich die blauen und rothen durch befonders feurige Farben fich hervorthaten. Auch A. Sander fon& Comp., fowie Siffon brothers& Comp., beide in Hull, hatten, und zwar die erfteren feine Firniffe und Malerfarben, die letzteren Wagenlacke und fehr klare und helle Firniffe ausgeftellt; endlich hatte T. S. Jakfon in London Weingeiftlacke und Holzpolituren zur Ausftellung gebracht, bezüglich welcher letzteren die vorgelegten Politurproben fehr befriedigend waren. Die auch am Continente fehr bekannte Fabrik von Waggon- und Kutfchenlacken, W. Harland& son in Merton nächft London, hatte fich gleich anderen hervorragenden englifchen Firmen diefer Branche an der Ausftellung nicht betheiligt und auch die Siegellack- Induftrie Englands hatte keinen Repräfentanten aufzuweifen. Englands in difche Colonien hatten von Producten der Harzinduftrie einiges Intereffante zur Ausftellung gebracht. Da fanden fich zunächft Proben des dem japanifchen ziemlich gleichkommenden fchwarzen Firniffes von Melannorhoea ufitata( Wall) von Burmah ausgeftellt, und ferner Mufter eines dort landesüblichen Siegellackes, das fich von dem bei uns gebräuchlichen durch fein eigenthümliches durchfcheinendes Wefen, das es auch nach dem Schmelzen beibehält, wefentlich unterfchied. Diefes von Madras eingefendete„ Sealing- Wax", von dem Proben in Roth, Gelb, Grün und Schwarz vorhanden waren, haftet fehr feft am Papier, ift nicht fpröde und dabei doch nicht weich und hat alle Eigenfchaften eines guten Siegellackes. Leider konnte man nichts darüber erfahren, welcherlei Harz zu feiner Darftellung dient und wie die offenbar ohne Anwendung von Körperfarben gegebenen ziemlich frifchen Färbungen erzielt werden. Recht intereffant waren auch die von M. Jardine, Skinner& Comp. und von M. Shoene, Hilburn& Comp., beide in Mirzapore( N. W. India province), ausgeftellten Mufter der verfchiedenen Handelsforten von Schellack und Lack dye* * Der Lack der Ringhoffer'fchen Waggons hatte trotz der tropifchen Hitze, der diefelben in der Mafchinenhalle ausgefetzt waren, bis zu Ende der Ausstellung keinerlei Schaden genommen und zeigte den gleichen Glanz und das felbe Feuer wie zu Beginn der Ausstellung. ** Siehe auch den Bericht von Dr. J. Wiesner über fremdländifche Pflanzenftoffe zu induftriellem Gebrauche. asdasar us Appreturmittel und Harzproducte. 49 Spanien und Portugal hatten nichts Erwähnenswerthes von Producten der Harzinduftrie zur Ausftellung gebracht; dagegen war Frankreich auf diefem Induftriegebiete glänzend vertreten. Von den ziemlich zahlreichen Ausftellern diefer Branche möchten wir zunächft G. Hadfield in Levallois- Perret bei Paris nennen, der unter den mannigfachen Muſtern von meift fehr empfehlend ausfehenden Waggon- und Kutfchenlacken einen durch feine Klarheit und feine Helligkeit auffallenden„ Surfine cryftall varniſh" ausgeftellt hatte, bezüglich deffen die vorgelegten Anftrichproben die vollfte Befriedigung erregen konnten. Auch von feinem allerdings ziemlich dunkelfarbigen „ Varnish univerfal" lagen fchöne Anftrichproben vor, doch fchienen uns im Allgemeinen die Preife etwas hoch gehalten zu fein. Einem von derfelben Firma in zwei Qualitäten ausgeftellten Siccativ:„ Ozonine pâle" und ,, Ozonine fonce" wurde, was Befchleunigung des Trocknungsproceffes anbelangt, ein befonderer Effect nachgerühmt. Weiters war hervorragend die Ausstellung von Firniffen und Wagenlacken der Firma L. E. Renard in Paris, die fich namentlich durch Proben von äusserft hellem gekochten Leinölfirnifs auszeichnete und fich hierauf jedenfalls mehr zu gute thun könnte, als auf ihren ,, infectentödtenden" und wafferdichten Firnifs, den wir wohl nur für eine auf die Kenntnifslofigkeit gewiffer Claffen des Publicums berechnete Speculation halten möchten! A. Julien& Comp. in Marſeille, dann J. Seurin in Paris, E. Lefebvre in Paris und Vaquier in Paris hatten gleichfalls( Julien's Manganfirnifs allein ausgenommen) Firniffe und Lacke von recht gutem Ausfehen, ausgeftellt. Befonders erwähnenswerth find ferner die von mehreren Fabrikanten zur Ausftellung gebrachten Brillantlacke, meift Geiftlacke mit Anilinfarben gefärbt, von welchen namentlich A. Dida in Paris und J. Shoenée frères in Paris fehr fchöne Mufter aufzuweifen hatten. Sowohl die erftere als auch die letztere Firma brachte in kunftvoll ausgeführten Proben die Anwendbarkeit diefer Brillantlacke namentlich für Zwecke der Kunftblumen- Fabrikation, der Imitation von Glasmalereien u. f. w. zur Anfchauung und insbefondere erregte ein von J. Shoenée frères ausgeftelltes Glasgemälde, das mit feinen Brillantlacken ausgeführt war, fowohl in Hinficht auf Frifche und Transparenz der Farben als auch auf Mufterhaftigkeit der Ausführung die Aufmerkfamkeit der Befchauer. Auch die Anftrich proben auf Metall*, die befonders Dida in fehr gelungener Weife vorführte, waren vollkommen befriedigend. Nebft den beiden Genannten hatte auch Gve. Chalmel, Chateaudun( Paris), unter dem Namen„ Vernis français à l'alcool" dergleichen Brillantlacke und Proben ihrer Anwendung ausgeftellt, die jenen der beiden Erftgenannten nicht wefentlich nachftanden. Den Brillantlacken folcher Art dürfte überhaupt einige Zukunft nicht abzu fprechen fein, und wenn es gelingt, diefelben dahin zu bringen, dafs fie weniger fpröde Anftriche liefern, wofür namentlich die fchwer flüchtigen Antheile des Harzöles ins Auge zu faffen wären, fo dürfte ihrer Anwendung zur Herftellung bunter Metallfolien nichts im Wege ftehen. Wünfchenswerth wäre jedoch dabei, dafs dem Mangel, an dem die meiften derfelben noch leiden, der geringen Lichtbeftändigkeit ihrer Farben durch Wahl möglichft lichtechter Farbftoffe fo gut als möglich abgeholfen würde. shtat Die von mehreren anderen Fabrikanten ausgeftellten diverfen Mufter von Firniffen, Lacken und angeriebenen Farben boten nichts Bemerkenswerthes; ebenfo wie wir auch über ein von Ch. Dubois, Marſeille, ausgeftelltes, peinture hydraulique" genanntes Anftrichmateriale für Schiffs keffel nichts berichten kön nen, da über die möglichen Vorzüge diefes Fabrikates gar nichts zu eruiren war. sib nadal * Ohne Zweifel fcheint für diefe Art der Anwendung bereits von dem bekanntlich in neuefter Zeit empfohlenen Zufatze von Borfäure Gebrauch gemacht worden zu fein, deren Gegen wart thatfächlich das Haften des Lackanftriches auf Metall wefentlich begünftiget. 4* 50 Dr. Wilh. Fried. Gintl In Bezug auf Siegellacke hatte Frankreich, wiewohl in diefer Branche nur durch zwei Ausfteller vertreten, Vortreffliches aufzuweifen und trug hierin fo recht den dem Franzofen eigenthümlichen Hang zum ausgewählteften Luxus zur Schau. Namentlich können die von L. Antoine et fils, Paris, ausgeftellten Siegellacke, die in allen Farben- Nuancen und zumal in zahlreichen Schattirungen jeder einzelnen Farbe vertreten waren, als das Vollendetfte bezeichnet werden, was in diefem Fache geleiftet werden kann. Ihnen kaum nachstehend waren die von Gr. Toiray- Maurin aus Paris ausgeftellten Mufter von Siegellacken in allen Farben und waren es hier namentlich die Schattirungen in Roth, die als trefflich bezeichnet werden konnten. Bezüglich der, in Hinficht auf das zu ihrer Darftellung verwendete Rohmateriale, als Harzproduct anzufehenden Imitationen von Bernftein und Corallen aus Copalmifchungen, welche J. Belladina& Comp., Paris, ausgeftellt hatten, mufs auf den Bericht über Section I der Gruppe X verwiefen werden. Von franzöfifchen Colonien hatte nur Franzöfifch- Indien Mufter von Schellack und Lack dye aufzuweifen*; eigentliche Producte der Harzinduftrie fehlten hier völlig. Die Schweiz war auf dem Gebiete der Harzinduftrie nur durch einen Ausfteller von Firniffen und Lacken vertreten. Es waren C. Landolt& Comp. aus Aarau, welche neben Kutfchenlacken, Polirlack etc. auch ein„ Terebine" genanntes neues Trockenmittel zur Ausftellung brachten, dem als Vorzug vor anderen Siccativs befonders die Eigenfchaft nachgerühmt wurde, dem Anftrich einen befonderen Glanz und vorzügliche Härte verleihen zu können, eine Eigenfchaft, die, wenn fie diefem Trockenmittel wirklich zukommt, thatfächlich fehr fchätzenswerth wäre. Die von diefer Firma ausgeftellten, als befondere Specialität bezeichneten feinen englifchen Firniffe kränkelten an dem Mangel völliger Klarheit, hatten indefs im Uebrigen recht gute Confiftenz, und können, wenn ihnen Zeit zum Lagern gewährt wird, immerhin ganz vorwurfsfreie Producte fein. Italien hatte von Producten der Firnifs- und Lackfabrikation als bemerkenswerth nur die von Alman Felice aus Turin ausgeftellten Lacke und Lackfarben für Terracottawaaren aufzuweifen, deren letztere fich durch befonderes Feuer der Färbung, und, wie die ausgeftellten Anftrichproben auf Kacheln zeigten, auch durch gutes Haften auszeichneten. Die von L. Niccolini aus Florenz zur Ausftellung gebrachten Firniffe boten nichts Bemerkenswerthes. Auch die durch zwei Ausfteller vertretene Fabrikation von Siegellacken liefs noch Manches zu wünſchen übrig, wenigftens waren die von Giac. Buf fano aus Turin ausgeftellten Siegellackproben weder in Hinficht auf Farbe noch Glanz den Anforderungen, die man andern Orts an dergleichen Fabrikate ftellt, entſprechend, und auch die von Crifpino Otavianelli e figl. aus Rom vorgelegten Mufter feines Fabrikates waren, wiewohl wefentlich beffer als die des Vorgenannten, doch noch nicht von der Art, dafs man fie mit einem befferen Fabrikate deutfcher oder gar franzöfifcher Fabriken in eine Parallele hätte ftellen können. Schweden, deffen Lack- und Firnifsinduftrie wie jene Norwegens noch ziemlich jung ift, lieferte nichtsdeftoweniger in der Ausftellung der Firma W. Becker, Stockholm, den Beweis, dafs diefe hinter jener anderer Länder nicht zurückzubleiben beftrebt fei. Namentlich war ein von diefer Firma ausgeftellter ,, Kryftalllack" als ein, dem Anfehen nach, allen billigen Anforderungen entfprechend fcheinendes Präparat zu bezeichnen und auch die Firniffe und Firnifsfarben diefer Firma machten den Eindruck guter Fabrikate. * S. den Bericht über Section 1 der Gruppe II. Appreturmittel und Harzproducte. Norwegen war in diefer Branche nicht vertreten. 51 Dagegen hatte Dänemark in der Ausftellung der Firma F. J. Nielfen & Comp., Kopenhagen vorzügliche, namentlich durch Helligkeit und Klarheit imponirende Lacke, darunter befonders fchöne Copallacke und nicht minder bemerkenswerthe Damar- und Maftixlacke aufzuweifen, und wir müffen geftehen, dafs uns diefe, ihrer äufseren Erfcheinung nach, viel mehr befriedigten, als diefs die Fabrikate zu thun vermochten, durch welche die gleiche Induftrie Belgiens vertreten war. Allerdings war diefe, unferes Wiffens auf keiner niedrigen Stufe ftehende Induftrie Belgiens lediglich durch zwei Ausfteller repräfentirt, deren einer, J. H. Vanday, Nouri( Brüffel), unter anderen ziemlich gewöhnlichen Erzeugniffen an Lacken und Firniffen, befonders auch ein ,, vernis faible" und ein ,, vernis extra fort" genanntes Präparat ausgeftellt hatte, die jedoch ihrem Ausfehen nach lediglich in die Kategorie mittelguter Firniffe rangirten, während der zweite Ausfteller, Guft. Levis aus Brüffel, der fo befcheiden war, im Ausftellungskataloge Belgiens von feinen Fabrikaten zu fagen: ,, ces produits font exposés pour leur excellence, jointe à leur bon marché" durch feine Ausftellungsobjecte uns keineswegs von der Berechtigung diefer feiner Ausfage zu überzeugen vermochte, vielmehr Firniffe, Firnifslacke und Siccative zur Ausftellung gebracht hatte, deren erftere namentlich an Klarheit viel mehr zu wünſchen übrig liefsen, als durch die allerdings ziemlich mäfsigen Preife diefer Fabrikate fich rechtfertigen liefs. - Die Niederlande hatten in dem einzigen Ausfteller, den fie auf diefem Induftriegebiete aufzuweifen hatten, W. H. de Witt Sohn aus Gröningen, einen trefflichen Vertreter diefer Branche. Die von diefer alt bekannten( 1795 gegründeten) Firma ausgeftellten Firniffe waren ausnahmslos vorwurfsfrei und zeichneten fich in erfter Reihe durch die vollkommene Klarheit aus, die fie mit befonders blaffer Färbung verbanden. Siegellackfabrikate waren von den genannten Ländern keine zur Ausftellung gebracht worden. Deutfchland, das auf allen Gebieten der chemifchen Induftrie, ,, im weiteren Sinne des Wortes", einen hervorragenden Rang einnahm, zeigte auch feine Harzinduftrie in einem glänzenden Lichte, und wenn man auch heute noch Anftand nehmen darf, zu fagen, fie übertreffe die englifche und franzöfifche Concurrenz, fo wird man doch ohne Schmeichelei zugeftehen müffen, dafs fie ener nicht allein faft ebenbürtig, fondern am beften Wege fei, jene zu überholen. Von den zur Ausftellung gebrachten Producten der Firnifs-, Lack- und Lackfarben- Induftrie intereffirten befonders die von der Berliner Harz ölfarbenFabrik der Herren Dr. E. Jakobfen und H. L. O. Fritze ausgeftellten Anftrichproben mit Harzölfarben. Diefe durch ihre namhafte Billigkeit( 8 bis 13 Thaler per Centner) ausgezeichneten Anftrichfarben find zweifellos eine Novität auf dem Gebiete der Firnifsfarben- Induftrie, die, wie uns fcheint, alle Ausficht auf einen durchgreifenden Erfolg hat. Die Anwendung von Harzöl für die Zwecke der Firnifsfabrikation bringt, wenn, wie angenommen werden darf*, die höher fiedenden Fractionen des Harzdeftillates benutzt werden, ganz entfchiedene Vor* Das Verfahren der Darstellung des Harzölfirniffes ift dem Verfaffer bisher nicht bekannt; doch möchte er bemerken, dafs nach dem Ergebniffe feiner vor mehreren Jahren begonnenen Arbeiten über Harzöl, deren Refultate demnächft der Oeffentlichkeit übergeben werden follen, das Harzöl mit Leichtigkeit die verfchiedenften Harze zu löfen vermag, und mit mehreren derfelben beim Zufammenfchmelzen Gemifche von eigenthümlicher Zähigkeit liefert, die in geeigneten Löfungsmitteln gelöft Flüffigkeiten liefern, welche fich den gewöhnlichen Firniffen ziemlich ähnlich verhalten. 52 Dr. Wilh. Fried. Gintl. theile für die Befchaffenheit des Firnifsanftriches mit fich, deren einer gewifs auch der ift, dafs ihre Gegenwart dem Anftriche bei völliger Trockenheit und zureichender Härte einen gewiffen Grad von Zähigkeit verleiht, der nicht allein die Gefahr des Riffigwerdens wefentlich verringert, fondern auch die Anwend. barkeit derfelben für fo manche Zwecke ermöglicht, für welche man gewöhnliche Firniffe richt wohl verwenden kann. Allerdings haben die Anftriche mit folchen Farben keinen hohen Glanz, vielmehr ein mehr mattes Ausfehen, das indefs für viele Fälle nur angenehm fein kann, und umfoweniger einen Mangel bedeutet, als fich die Harzölfarben fowohl mit Leinölfirnifs als auch mit Firnifslacken fehr gut mifchen laffen. Eine befondere Verwendbarkeit haben diefe Harzölfarben für die Herftellung von Anftrichen auf Holz, Dachpappe, Eifen, Zink, dann aber auch auf rohem oder verputztem Mauerwerk, alfo namentlich für den immer moderner werdenden Häuferanftrich, welcher mit folchen Harzölfarben, deren Verbrauch per Quadratmeter höchftens Ein Pfund betragen foll, jedenfalls fehr billig herftellbar ift. Die Fabrik liefert die Harzölfarben bereits fertig angerieben in allen Grundfarben und den häufiger vorkommenden Farbenmifchungen, die, wie die Anftrichproben zeigten, eine fehr gleichmässige Maffe und felbft in den lich teren Nuancen eine fehr reine Färbung haben; aufserdem liefert fie auch reinen Harzölfirnifs, zum Preife von 10 Thalern per Centner, zum Zwecke der namentlich für Grundirungen empfehlenswerthen Verdünnung der Farbe, endlich auch einen befonderen Glanzlack zum Preife von 25 Thalern per Centner. Von fonftigen Ausftellern möchten wir noch befonders hervorheben J. C. Schultz e, Berlin, welcher neben einem mufterhaft hellen und dabei doch gut confiftenten Leinölfirnifs, Lacke und Lackfirniffe fpeciell für Eifenbahnbedarf ausgeftellt hatte, deren Probeanftriche fehr befriedigend waren; dann in der gleichen Branche die Firma Däcke& Comp., Heidelberg, welche fehr fchönen Copallack und ebenfo befriedigende Leinölfirniffe neben Proben eines chemifch gebleichten Leinöls ausgeftellt hatte. Auch Knauth& Weidinger, Dresden, deren Oellack und Afphaltlack, wie nicht minder die farbigen Geift. lacke als recht gut zu bezeichnen waren und deren Kartenlack uns zufolge der Befchaffenheit eines vorgelegten Probe- Anftriches befonders beachtenswerth erfchien, verdienten alle Anerkennung. Eine fehr bemerkenswerthe Ausftellung war ferner jene von Pfannfchmidt& Krüger in Danzig, welche als Forceartikel treffliche Bernfteinlacke, unter gleichzeitiger Verwerthung der bei der Bernfteinfchmelzerei refultirenden Nebenproducte an Bernfteinfäure und Bernfteinöl etc. erzeugen. Namentlich war ein von diefer Firma ausgeftellter Waggonlack der hohen Klarheit und Helligkeit wegen bemerkenswerth. Auch J. Kröning, Leipzig, hatte mehrere fehr befriedigende Proben feiner Lackund Firnifsfabrikate, darunter namentlich fchöne Politur- und Geiftlacke, dann auch Brillantlacke ausgeftellt, während C. Th. Merz in München einen, wenig. ftens dem Anfehen nach, tadellofen Goldgrundlack( Mixtion) aufzuweifen hatte. Sonft hatten namentlich noch Sturmfels& Pape, Friedberg bei Frankfurt am Main, prächtige Spirituslacke, darunter eine nach der Befchaffenheit der Anftrichproben vorzüglich zu nennende Copal Möbelpolitur, dann J. P. Göffer in Iferlohn gleichfalls in Spirituslacken fehr befriedigende Leiftungen ausgeftellt. 195 Einer befonderen Würdigung werth erfchien übrigens auch die Ausstellung der Firma R. Gyfa e in Oberlöfsnitz bei Dresden, welche durch die reiche Collection ihrer Fabrikate an Buch- und Steindruckfarben von meift vorzüglicher Qualität, diefe ihre Specialität in das befte Licht zu ftellen wufste. Von Siegel- und Flafchenlackfabrikaten hatte Deutfchland ziemlich viel zur Ausftellung gebracht, zumeift Erzeugniffe, die, wenn auch der vollendeten Schönheit der franzöfifchen Producte nicht ganz gleichkommend, fo doch allen Anfpruch auf Anerkennung hatten. Befonders wären hier zu nennen die Fabridsif Appreturmittel und Harzproducte. 53 kate der Firma E. Held fel. Erben, Nürnberg, welche fich zumeift durch prachtvolles Feuer ihrer Farben, hohen Glanz und Güte der Maffe hervorthaten.d Diefe Firma, eine der älteften Deutſchlands( 1778 gegründet), hatte übrigens auch eine Novität in Geftalt eines Dochtfiegellacks ausgeftellt, das wegen des die Stängelchen ihrer ganzen Länge nach durchfetzenden Dochtes für den Gebrauch mancherlei Vortheile bieten dürfte, d now Gleichfalls neu war das von H. van der Moolen, Geldern in Rheinpreufsen, ausgeftellte Frictionsfiegellack, eine an Holzftäbchen befeftigte, zum Siegeln einiger Briefe hinreichende Maffe von Siegellack, die an ihrer Spitze mit einer Zündmaffe armirt war, eine Idee, die an fich gut, doch in dem Zeitalter der Zündkerzchen füglich nicht viel Ausficht auf einen durchgreifenden Erfolg hat.bd oid dail- 29 Buber nov A solow us on Von Siegellacken gewöhnlicher Art hatte auch J. Bergeré, Vallendar ( Rheinprovinz), ganz fchöne Fabrikate aufzuweifen, während W. Kremer, dann C. Jakobs in Mainz, endlich W. Rothe in Lübeck namentlich fchöne Mufter von Flafchenlacken zur Ausftellung gebracht hatten. illoy doin aft Endlich möchte noch der Ausftellung gebleichten und gefärbten Schellacks von C. Mellinger in Mainz gedacht werden, die durch die Vorzüglichkeit der einzelnen Proben nicht allein das Auge der fchauluftigen Menge befriedigte, fondern auch unbeftritten jedem Kenner imponirte. ad vitales Idows w don A Mamaia bidat od ugg bildeman gausiladre/ Oefterreich, deffen Harzinduftrie, namentlich in Bezug auf Fabrikation von Lacken, Firniffen und Anftrichfarben in den letzten Jahren einen erheblichen Auffchwung genommen hat, war durch zahlreiche Ausfteller in diefer Branche vertreten. diam dan man sed odia vistusid Den erften Rang unter diefen nehmen unbeftritten die beiden Wiener Firmen Andés& Froebe in Simmering bei Wien und L. Gromann in St. Veit bei Wien ein, die fowohl in Hinficht auf die Betriebsgröfse ihrer zum Theile mufterhaft eingerichteten Etabliffements als auch in Betreff der Qualität ihrer Fabrikate einander faft völlig gleichkommen, adolesed soubor sing song zis all Die ältere diefer Firmen, L. Gromann( 1842 gegründet), producirt jährlich circa 5000 Centner diverfer Lack- und Firnifsfabrikate. Ihre Erzeugniffe find ganz vorzüglich zu nennen und namentlich brauchten die ausgeftellten Copallacke, fowie die Damar- und Bernfteinlacke den Vergleich mit den Erzeugniffen der Concurrenz nicht zu fcheuen. Vortrefflich klar und befonders hell war eine Probe von Leinölfirnifs Nr. I, und ebenfo fchien uns die fuperfeine Copalpolitur allen billigen Anforderungen entsprechend zu fein. diablos sib miodol bas ods Die jüngere erft feit 1860 beftehende Firma Andés& Froebe, deren jährliche Production gleichfalls 5-6000 Centner beträgt, hatte ganz prächtige Proben bleifreien Leinölfirniffes, fowie eine namentlich bemerkenswerthe Probe von faft farblofem, gebleichtem Leinölfirnifs aufzuweifen, und lieferte mit diefen muftergiltigen Erzeugniffen den fprechendften Beweis für die Vortheile des Dampffied everfahrens, deffen fie fich zur Herftellung ihrer Firniffe bedient.dl Auch die Mufter. der verfchiedenen Lacke waren faft durchwegs untadelhaft und nur zwei Proben von Damarlacken, fowie eine Probe von Monogrammlack liefsen an Klarheit etwas zu wünſchen übrig. Sehr befriedigend waren auch die Mufter von gebleichtem Schellack, wiewohl fie jenen Mellinger's in Mainz nicht völlig gleichkamen. Diefelbe Firma, die auch Proben eines fehr gut empfohlenen Maftix- Metallkittes aufzuweifen hatte, ftellte auch intereffante Farbenreibmaschinen( Gruppe XIII, Section 1) und eine fehr inftructive Darftellung der Harzung von Schwarzföhren aus.* dodam ni dous 19de modisteil oli Von andern Ausftellern ift zunächft noch Otto Borkowsky in Bodenbach, auch Befitzer einer Lackfirnifsfabrik in Dresden, zu nennen, welcher Woy asta aliiboud ban asdsbombal * k * Siehe Dr. H. Schwarz, Ausstellungsbericht über Gruppe III, Section 3 und 4. bitt 54 Dr. Wilh. Fried. Gintl. gleichfalls durchgehends fehr befriedigende Lackproben, darunter namentlich bemerkenswerthe Mufter fehr fchöner Brillantlacke ausgeftellt hatte. Befonders rühmenswerth waren die Mufter von gebleichtem Schellack, welche diefer Ausfteller aufzuweifen hatte, Fabrikate, welche jenen Mellinger's vollkommen gleichkamen. L. Pofelt in Wien, der gleichfalls gebleichten Schellack zur Ausftellung brachte, könnte fich diefes Erzeugnifs füglich zum Mufter nehmen. C. Britfch& Comp. in Wien hatten recht befriedigende Mufter von Kutfchenlacken, darunter namentlich helle und klare Copal- und Damarlacke und einen tadellofen Leinölfirnifs ausgeftellt. Auch die Lackproben von A. Keil in Wien erfchienen meift recht befriedigend, doch war aus den aparten Krämernamen, mit welchen diefer Induftrielle feine Fabrikate zu bezeichnen beliebt, nicht zu entnehmen, um welche Art von Producten es fich hier handle. Weniger vorwurfsfrei waren die Proben eines auf kaltem Wege erzeugten Firniffes, welchen St. Mayer in Ebelsberg bei Linz ausgeftellt hatte. Derfelbe erfchien zwar fehr hellfarbig, fetzte aber maffenhaft Flocken ab und fchien auch in der Confi. ftenz nicht völlig entſprechend zu fein. Den gleichen Mangel trafen wir bei einem Leinölfirnifs, den J. Klein in Prag unter Anderem ausgeftellt hatte. Auch die Copal und Damarlackproben diefes Ausftellers liefsen an Klarheit viel zu wünschen übrig. Klein hatte übrigens auch Siegellack ausgeftellt, das, wiewohl relativ beffer, als feine Lackmufter, doch immerhin noch einiger Verbefferung, namentlich in Bezug auf Farbe, fähig wäre. Ein Unicum an Mangelhaftigkeit waren aber die Lack- und Firnifsproben, welche Vincenz Wagner in Auffig zur Ausftellung gebracht hatte. Seine Lacke, die durchwegs dunkel und bis zur Undurchfichtigkeit trübe waren, fein Leinölfirnifs, welcher von faft braunfchwarzer Farbe war, hätten kaum mehr mangelhafter gedacht werden können. Wefentlich beffer, zum Theile fogar völlig befriedigend, waren dagegen die Ausftellungsobjecte von Jofef Kranich in Auffig, deffen Copal- und Bernfteinlacke zwar noch nicht den höchften Grad von Vollendung zeigten, aber doch als ganz gute Producte bezeichnet werden konnten, während fein Doppelfirnifs völlig befriedigend erfchien. Vorwurfsfreie Proben von Brillantlacken fanden wir in der Ausftellung von F. Paudler, Dobern bei Benfen, und auch E. Weinzierl in Feldkirch hatte namentlich von Brillantlacken fchöne Proben aufzuweifen. Der Letztere hatte auch recht fchön ausfehende Waggon und Kutfchenlacke, fowie einen nicht minder befriedigenden gebleichten Oelfirnifs ausgeftellt, und fcheint die Harzlackfabrikation auch infoferne rationell zu betreiben, als er, wie die ausgeftellten Proben von Bernfteinöl und Copalöl zeigten, die Nebenproducte der Bernftein- und Copalfchmelzerei nicht unbenützt entweichen läfst. Einer befonderen Beachtung werth waren ferner die von C. König in Wien zur Ausstellung gebrachten Afphaltlacke in Farben, die, wie die Anftrichproben zeigten, fowohl in Hinficht auf Färbung, als auch auf Härte und Glanz fehr befriedigende Refultate erzielen laffen. Diefe Anftrichfarben haben, wenn auch nicht gerade allein Afphalt der Träger des Charakters derfelben iſt, vor gewöhnlichen Firnifsfarben unbedingt den Vortheil der gröfseren Billigkeit voraus( 20-28 Gulden öfterreichifcher Währung per Centner) und find namentlich für dem Wetter preiszugebende Anftriche auf Holz, Blech und Mauerwerk völlig geeignet, da fie ebenfogut haften und gleich ausgiebig find, wie die theueren Firnifsfarben. Den Harzölfarben, vor welchen fie unbeftritten den Vorzug des gröfseren Glanzes haben, kommen fie an Billigkeit zwar nicht gleich, übertreffen diefelben aber auch in manchen Stücken bezüglich des Feuers der Färbung. Ohne Zweifel können wir auch in diefen Anftrichfarben einen fehr fchätzenswerthen Erfatz für die gewöhnlichen Firnifsfarben begrüssen. Steindruckfarben und Buchdruckerfirnifs waren von F. Wüfte in Pfaff. ftädten bei Baden, jener bekannten und mit Recht des beften Rufes fich Appreturmittel und Harzproducte. 55 erfreuenden Firma ausgeftellt, die in diefer Branche auch faft die einzig nennenswerthe ift. Die Vorzüglichkeit und Preiswürdigkeit der Erzeugniffe diefer Firma ift fo allgemein anerkannt, dafs es„ Eulen nach Athen tragen" hiefse, wollten wir über diefelben noch Weiteres bemerken. Die Siegellackinduftrie Oefterreichs hatte nur wenige und unter diefen nur einzelne Vertreter gefunden, deren Fabrikate befonderer Befprechung werth erfcheinen. Das relativ befte Fabrikat hatte unbeftritten A. F. Richter in Wien aufzuweifen, deffen Siegellacke, fowie auch Flafchenlacke fowohl in Hinficht auf Farbe, als auch auf Glanz und Härtegrad vollkommen befriedigend waren. Auch das Fabrikat von L. Andreazzi in Wien war ein durchaus befriedigendes zu nennen. Nicht das Gleiche konnte man von den Siegellackfabrikaten der Firma Hartmann& Mittler in Wien fagen, deren Erzeugniffe zwar fehr befriedigend in Bezug auf Farbe, aber in der Maffe fo weich waren, dafs die einzelnen an den Kaftenwänden befeftigten Stängelchen zu unförmlichen Maffen zufammen gefchmolzen waren, was ein halbwegs gutes Siegellack, wenn auch die Temperatur in dem Ausftellungsraume eine zu Zeiten refpectabel hohe war, denn doch nicht thun darf. Als recht gelungen waren dagegen die von derfelben Firma ausgeftellten Proben durchfichtigen oder doch gut durchfcheinenden Siegellacks zu bezeichnen. Von fonftigen, wahrfcheinlich der Claffe der Harzproducte zuzuzählenden Induftrie- Erzeugniffen fanden fich in der Ausftellung als erwähnenswerth noch Mufter eines angeblich neuen, fchnell trocknenden und hohen Glanz liefernden wafferdichten Lederlackes, der von Dr. G. Thenius in Wiener- Neuftadt ausgeftellt war und in der That, wenn er die ihm nachgerühmten vorzüglichen Eigenfchaften wirklich befitzt, um fo beachtenswerther wäre, als fein Preis( 80 kr. öfterr. Währung per Pfund) ziemlich mäfsig erfcheint; weiters eine von Gius. Moravia in Trieft ausgeftellte, gleichfalls als neu bezeichnete grüne Lackfarbe zur Bewahrung des Eifenpanzers von Schiffen"; defsgleichen eine rothbraune Tünchfarbe, über deren befondere Vorzüge indefs keine Mittheilung gemacht war. Ungarn hatte eine nur fehr fchwache Betheiligung feiner Harzinduftrie aufzuweifen. Es waren lediglich zwei Ausfteller, welche diefe Branche vertraten, die doch auch in Ungarn keineswegs auf niederer Stufe fteht. Von Lack- und Firnifs-, fowie Lackfarben- Fabrikaten hatte allein die Firma Gebrüder Strobentz in Peft Einzelnes zur Ausftellung gebracht, und zwar durchwegs Erzeugniffe, die ihrem Aeufseren nach als durchaus befriedigend bezeichnet werden konnten. Auch recht fchöne Siegellackmufter hatte diefe Firma aufzuweifen. Der zweite Vertreter von Ungarns Harzinduftrie war H. Schönwald in Peft, welcher die Ausftellung mit vortrefflichen Proben von Siegellack befchickt hatte, die namentlich tadellos in Farbe( er hatte nur rothes Siegellack aufzuweifen) und von fchönem Glanze waren. In höchft achtenswerther Weife war die Harzinduftrie Rufslands vertreten, und es kann ohne Schmeichelei gefagt werden, dafs die ausgeftellten Erzeugniffe ruffifcher Fabrikanten jene fo mancher deutfchen und öfterreichifchen Firmen, ja felbft einzelner franzöfifcher Firmen entfchieden in den Schatten ftellten. Von den einzelnen Ausftellern möchte zunächft L. Marx in St. Petersburg genannt werden, welcher fowohl Firniffe als auch Lacke von vorzüglicher Klarheit und Helligkeit ausgeftellt hatte, darunter eine faft wafferklare Copalpolitur, welche, nach den Anftrichproben zu urtheilen, als trefflich bezeichnet werden konnte. Befonders hervorzuheben aber erfcheinen die Mufter von gebleichtem Schellack, welche, wenn ihnen nicht der Vorrang vor dem gleichen 56 Dr. Wilh. Fried. Gintl.qq Fabrikate der Mainzer Firma C. Mellinger zuzuerkennen war, diefem doch entfchieden vollkommen gleichftanden.io ban tiedoilgusto V sid Ji odnaw Hollow Auch P. Poïteling in St. Petersburg, welcher Mufter vong Spirituslacken zur Ausftellung brachte, hatte vollen Anfpruch darauf, feine Fabri kate den beften Erzeugniffen deutfcher und felbft franzöfifcher Firmen gleichgehalten zu fehen. 1919bnoted sandindamoob noble 1919 onlexis Vorzüglich erfchienen ferner die von Ch. Berg in Odeffa ausgeftellten Proben von Lacken und angeriebenen Anftrichfarben, welche letzteren fowohl vollendete Vertheilung des Farbkörpers, als insbefondere auch fehr frifche und feurige Nuancen zeigten, wie nicht minder die von L. Spiefs in Warfchau ausgeftellten Mufter von Damar- und Copallack, die fich durch vollendete Klarheit und Bläffe hervorthaten, fehr bemerkenswerth erfchienen, umfomehr, als namentlich auch die ordinäreren Sorten diefer Fabrikate noch von untadelhaftem Ausfehen waren. Einen befonders bemerkenswerthen Leinölfirnifs fanden wir auch unter den Ausftellungsobjecten der Firma Otto& Scheller in Warfchau, welche nebftbei von Harzproducten namentlich Brauerpech ausgeftellt hatte und fiel derfelbe insbefondere durch feine bei ziemlich dicker Confiftenz vollkommene Klarheit auf. Auch die Comp. induftr. etcommerc. d'Ouladovka, Vinitsa in Podolien, hatte völlig befriedigende Proben von Politurlacken zur Ausftellung gebracht, während dagegen die von der Fabrique technico chémique de Tourenguis, Janakala, neben Proben einer Lederfchmiere ausgeftellten Mufter von Firniffen wohl nicht als hervorragend bezeichnet werden konnten. bms Durchaus vorzüglich waren die von ruffifchen Fabrikanten ausgeftellten Siegellackmufter. Namentlich liefsen die von G. Thalheim in Riga ausgeftellten Proben von rothen, fowie von andersfärbigen Siegellacken nichts zu wünschen übrig und kamen dem Erzeugniffe franzöfifcher Fabriken faft völlig gleich. Nicht minder befriedigend waren die rothen und bunten Siegellacke, welche J. Ka diffon in Warfchau ausftellte und auch die Mufter von rothem Siegellack des A. Leljanow in St. Petersburg waren zum mindeſten als fehr befriedigend zu bezeichnen. bold as19b19ddelden sand tear decor Andere europäiſche Länder hatten von Harzproducten nichts aufzuweifen und von den übrigen aufsereuropäifchen hatten nur China und Japan Mufter ihrer intereffanten und vielbefprochenen Lacke zur Ausftellung gebracht, für deren vortreffliche Eigenfchaften fich in den von diefen Ländern zu Markte gebrachten Erzeugniffen der Kurzwaaren- Induftrie herrliche Belege fanden. Wie bekannt, verdanken die chinefifchen fowohl wie die japanefifchen Lacke ihre, vielleicht nicht mit Recht in jeder Hinficht fo angeftaunten Vorzüge vornehmlich der Eigenartigkeit des Rohmateriales, aus welchem fie auf meift fehr primitive Weife hergeſtellt werden, und der Umftand, dafs man andern Orts über diefes Rohmateriale nicht verfügt, läfst es begreiflich erfcheinen, dafs all' die verfchiedenen Verfuche, die chinefifchen Lacke zu imitiren, bisher noch wenig günftige Refultate geliefert haben. Wenn, was wir nicht unbedingt zugeftehen möchten, unfere Copal- und Damarlacke in ihrer vollendetften Qualität den chinefifchen und japanefifchen Lacken nicht gleichkommend erachtet werden können, dann wird Alles darauf ankommen, dafs man fich das gleiche Rohmaterial zu verfchaffen fucht, welchem die Firniffe der Chinefen und Japaneſen unftreitig allein ihre Vorzüge verdanken. Ob es thunlich wäre, das Rohproduct zu bezie hen, oder etwa möglich fei, die Pflanzen felbft zu cultiviren, deren Saft die Hauptrolle bei den fraglichen Lackfirniffen fpielt, darüber müfsten erft Verfuche entfcheiden; der Bezug fertiger Firniffe aus Japan oder China dürfte jedoch keineswegs rentiren, denn die Preife diefer Producte find an Ort und Stelle fchon fo hohe, dafs fie die Transportkoften nicht vertragen würden, follen fie fich nicht wefentlich höher im Preife ftellen, als die beften europäiſchen Copaloder Bernfteinlacke.o ab idoin nondi new adolow all madili 199 Appreturmittel und Harzproducte. 57 me Auf der Ausftellung waren von chinefifchen Lacken und Firniffen mehrere Proben zu fehen, die jedoch, wie es den Anfchein hatte, fei es durch Alter, fei es durch mangelhafte Aufbewahrung, nicht unwefentlich gelitten haben dürften. ib Die Ausftellungsobjecte beftanden theils in rohen Firniffen, theils in farbigen Firniffen und Lacken. So fanden wir zwei Proben von rohem Firnifs von Shanghae, und zwar eine lichter und eine dunkler braune Sorte, von eigenthümlich gelatinöfer, dabei aber zäher Befchaffenheit, wobei die lichtfärbige faft durchfcheinend war. Der Preis diefer Firniffe, die von eigenthümlich ranzigem Geruche waren, war für die dunkelbraune Sorte zu 38 Taels,* für die lichtere zu 20 Taels per Pikul notirt. Ein als präparirter Firnifs bezeichnetes, ebenfalls gelatinöfes, braunfärbig durchfcheinendes Präparat von ähnlichem Geruche, wie die beiden genannten Proben, war von Ning po ausgeftellt; ebenfo eine Probe eines ähnlich gelatinös zähen, aber faft fchwarzbraunen als roher Firnifs bezeichneten Productes. Nebft diefen, wie man uns mittheilte, aus dem Safte der im indifchen Archipel einheimifchen Stagmaria verniciflua hergeftellten Firniffe waren fowohl von Honkow als auch von Swatow Proben eines lichtgraubraunen zähen und fich fett anfühlenden Lackes ausgeftellt, deren Preife zu 30 Dollars per Pikul angegeben war, fowie endlich ein unferen Afphaltlacken ähnlich fehender, halbflüffiger fchwarzer Lack von eigenthümlichem Geruche. Leider war von dem übrigens fehr zuvorkommenden Vertreter der chinefifchen Ausftellungsobjecte nichts über die Herftellungsart oder die Verwendungsweife diefer Fabrikate zu erfahren. 14 mibogado gantimiss Mathadian mullsfHus tiho Von dildejlic idowsin ind bay Judo Japan hatte fowohl Proben eines von Rhus vernicifera ftammenden, dem dunkelbraunen Firniffe von Shanghae fehr ähnlich fehenden Firniffes, als auch angeriebene Firnifsfarben von meift fahlen Nuancen ausgeftellt, doch fehlten leider auch hier nähere Angaben über die Art der Herftellung diefer jedenfalls intereffanten Erzeugniffe. dibiarged sin dab tod gumilofter sid qqu Japan hatte übrigens neben feinen Firnifslackmuftern und Proben von Lackanftrichen auf Metallen diverfe zur Lackbereitung verwendete Ingredienzen und Werkzeuge ausgeftellt. Unter den erfteren fanden wir eine thonähnliche Maffe, dann Zinnober, Fichtenholzkohle, Lampenrufs, Hirfchhornrufs u. f. w., welch' letztgenannten wefentliche Gemengtheile ihrer fchwarzen Lacke zu fein fcheinen. Von ähnlichen Harzen, wie fie die europäiſche Lackfabrikation verwendet, war nichts zu bemerken und namentlich fehlte auch Schellack, bezüglich deffen von mehreren Seiten behauptet wurde, dafs derfelbe neuerer Zeit von den Japanefen zur Herftellung ihrer Goldlacke verwendet werde. is suist ob Isalin astisbanded slagro im doladowo maloib ni nogalladmob songal noget us sin ma tis Immo indai alib rodolew med Es würde nun nur noch erübrigen, einer Induftrie zu gedenken, deren Producte, welche, wiewohl fie nichts mit jenen der Harzinduftrie gemein haben und nur im weiteften Sinne des Wortes als Appreturmittel aufzufaffen find, in die Reihe der anderweitigen Producte der chemifchen Induftrie" eingereiht wurden und daher an diefer Stelle befprochen werden müffen. 2 g sib bal ine Wir meinen jene Fabrikate, die unter dem Namen der Schuh- und Stiefelwichfe bekannt find.102 919bacted sais site is ins M " Es läfst fich über diefe bei allen cultivirten Völkern eingebürgerten Induftrie producte kaum etwas Neues fagen, da die Fabrikation derfelben ziemlich auf der gleichen Stufe geblieben ift, auf welcher fie bereits vor Decennien ftand. Durchwegs haben wir es in diefen Fabrikaten entweder mit Mischungen zu thun, die der Wefenheit nach aus Knochenfchwarz beftehen, deffen Calciumphosphat meift durch entsprechende Zufätze von Schwefelfäure, wohl auch roher * S. pag. 38. 2* H2** 58 Dr. Wilh. Fried. Gintl. Phosphorfäure in das faure Phosphat umgewandelt, aufgefchloffen ift, dem ein zur Erzielung des Glanzes beſtimmter Zufatz von Melaffe gegeben wird, während feltener auch Kienrufs zur Erhöhung der Schwarzfärbung oder andere meift nebenfächliche Zufätze beigegeben werden, oder aber fie find weniger auf die Erzielung eines Glanzes berechnet, vielmehr dazu beftimmt, dem Leder des Schuhwerkes neben der gewünſchten Schwärze einen erhöhten Grad von Wafferdichtigkeit, wohl auch gröfsere Gefchmeidigkeit zu geben und find dann in der Regel Mifchungen von Fetten und Harzen( oft auch unter Zufatz von Kautfchukoder Guttapercha- Löfungen in Fetten), mit Kienrufs, Knochenkohle u. dgl. Bezüglich der erften, häufiger in Verwendung ftehenden Art von Wichfen, den fogenannten Glanzwichfen, hat fich, wenn man von einem in der neueften Zeit von J. Hamilton* gemachten Vorfchlage abfieht, welcher das Naphthalin zur Wichfebereitung verwenden will, eine Neuerung wohl wefentlich nur infoferne ergeben, als man feit einer Reihe von Jahren Wichfen unter Zufatz von Glycerin herftellt. Die Anwendung von Glycerin zu diefem Zwecke hat ganz entfchiedene Vortheile und geftattet, Wichfen zu erzielen, welche dem Leder einen gewiffen Grad von Gefchmeidigkeit erhalten, ohne, wenn mit Mafs verwendet, der Lederfubftanz irgend abträglich zu fein und dabei doch einen fchönen Glanz geben. Die zweite Art von Wichfen, Fettwichfen, wird nach wie vor vornehmlich aus Thran, mit Zufatz von Wachs, Talg und den verfchiedenften Arten von Harzen, unter Beimifchung fchwarzer Pulver, wie Spodium- Mehl, Rufs etc., hergeſtellt und hat, wiewohl alljährlich neue Vorfchriften zur Herftellung„ unübertrefflicher" wafferdichter Wichfen auftauchen, im Principe eine Neuerung fich auf diefem Gebiete nicht ergeben, es wäre denn, dafs man die in Anwendung gebrachten ammoniakalifchen Schellacklöfungen, die wir oben** befprochen haben, den Wichfen gleichhalten wollte. Die Ausftellung bot daher, wie begreiflich, auch nichts Neues auf dem Gebiete diefer Induftrie und all' das, was etwa als neu hingeftellt war, entpuppte fich bei näherer Einficht als eine oder die andere Variation des Alten, die nur in unwefentlichen Dingen von diefem abwich. Es hatten fich übrigens nur aus wenigen Ländern Ausfteller diefes Induftrieproductes gefunden und waren nebft Oefterreich, Deutfchland und der Schweiz faft nur Frankreich und Italien auf diefem Induftriegebiete vertreten. Intereffanter Weife hatte Frankreich das Meifte auf diefem Gebiete aufzuweifen, vielleicht weil man dort dem Glanze der Fufsbekleidung eine gröfsere Beachtung zu fchenken fcheint als anderswo, und es zeigte fich felbft an diefem, gewöhnlich mit wenig Sorgfalt behandelten Artikel der feine Gefchmack der Franzofen in der Nettigkeit, um nicht zu fagen Eleganz der Emballagen, in welcher diefes Fabrikat zu Markte kommt. Wir zählten aus Frankreich allein fünf Ausfteller von Wichsfabrikaten, und zwar J. Bernhard in Paris, L. Chiraux in Cambray, A. Favier in Marfeille, Jacquand, père& fils in Lyon und Jacquot& Comp. in Paris, von denen Favier eine wafferdichte Wichfe für Pferdegefchirre und Wagenleder, die Uebrigen Schuhwichfe, und zwar durchwegs in fehr netter und gefälliger Emballage ausgeftellt hatten, auf die namentlich bei dem„ Cirage MartinMartine" genannten Fabrikate eine befondere Sorgfalt verwendet war. Nächft Frankreich zählte die Schweiz die meiſten Ausfteller diefes Fabrikates, von welchen wir El. Favre aus Nyon, Jenny& Suter, Wädensweil( Zürich) und Sutter, Kraufs& Comp. aus Oberhofen- Münchweilen namentlich nennen möchten. Die Fabrikate diefer Firmen, meift„ Schnellglanz* S. Deutfche Induftriezeitung 1871, p. 358. ** S. Harzproducte unter Nordamerika. Appreturmittel und Harzproducte. 59 wichfen", hatten fowohl im Ausfehen, als auch theilweife noch in der Emballage den Charakter der franzöfifchen. Italien zählte zwei Ausfteller von Wichsfabrikaten, und zwar E. de Luigi Corfina aus Florenz, welcher eine dem Anfcheine nach fette Glanzwichfe, und L. Urfini aus Neapel, der eine in Blechdofen verpackte Stiefelwichfe gewöhnlicher Art ausgeftellt hatte. Aus Schweden hatte die technifche Fabrik" Barnängen" der Firma Holftröm& Dahlberg aus Stockholm Mufter von Schuhwichfe in recht netter und praktiſcher Emballage zur Ausftellung gebracht, während Dänemark durch J. Fredikfen aus Kopenhagen vertreten war, welcher gleichfalls Stiefelwichfe gewöhnlicher Art, indefs in weniger netter Emballage ausgeftellt hatte. Deutfchland hatte zwei Ausfteller von Wichsfabrikaten, und zwar von fetten Stiefelwichfen aufzuweifen, nämlich A. H. Saeger& Comp. aus Berlin, welcher fchwedifche Stiefelfchmiere, deren Wirkung er an damit behandelten Stiefeln vorführte, und W. Rofenftein aus Stettin, welcher fogenannte fchwedifche Jagdftiefelfchmiere ausgeftellt hatte. Oefterreich hatte von hervorragenden Ausftellern diefer Branche nur wenige aufzuweifen. Zu nennen wären von diefen zunächft J. Parger aus Wien, welcher zu den bedeutendften Fabrikanten diefes Artikels zählt( tägliche Production 20 bis 25 Centner), und deffen in etwas langathmiger Weife als„ IndigoOelglanzwichfe" bezeichnetes Fabrikat fich eines guten Rufes erfreut weiters die Firma Hartmann& Mittler aus Wien, welche eine gleichfalls gern gekaufte ,, Wiener Wichfe" fabricirt. - Einer Anwandlung von Heiterkeit konnten wir uns nicht erwehren, als wir auch einer, Kräuterwichfe" begegneten, weiche von Sal. Beran aus Boskowitz ausgeftellt war. Glückliches Boskowitz, wo felbft zum Wohle der Stiefel Kräuter wachfen und Dank dem weifen Manne, der ihre Wunderkraft erkannt und es verftanden hat, eine Kräuterwichfe zu bereiten!! ea shubong buloqq sgalladm³ 15b ni doon slowlisdi dous als andeleu A mi lowol moedasidate odation 19 19 ash b. news bausteidetadiW nov zalloff lows sildix a sill anal te doen nie mob sais odlow as 10 igie - roy astobdosi aisais nobisqus aus tili U baldoiv otted Jilologer Adolfowog oldare smil ob glinda odolindos sib sed as bow 20 tdoor ni sldoiwdydo not ofta mlodalootenaue godded moAIGH näⱭ basdasdog gulls us galled dating bay n allaidoiola odole nogen aus molibdamb dam allatagan gulled ginow ni labai A doladowag aldoiwiolon nov Jews bon solideled iW monollostad isws and braidstons Ɑ nihs aun quod H.A dailma oliswxtus nosiviele onl nosisbanded imbogato dalibadal odolew - 1200 missle bar studio istoč W- 2015 sib mailoft asbasgemoved cow sind die O doux alib nov now on Soliswustus opinew -ortodoilght) idx din leib stands asithastusbod nolaus hole -ogibar, als slis Waginuitage is at allobban maid os goldbab issues on doing sale of elinde 2015ndaised rela mog allsdsisly snis sdslow naiwan sait 11.nishdal toldos ala nosdowne dɔin an iwa tishesisHnos gulba sib Isle sb sideW max fidial ou aliwood call walletagens stiv Jos marobnu Wadi ob 900Malis mob sa ban as day 2 วิก ธา ต่าง notised us to saised about as lin BRONZEGALANTERIE, LEDER GALANTERIEUND TASCHNER WAAREN. ( Gruppe X, Section 5.) Bericht von J. WEIDMAN, k. k. Hof- Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Fabrikanten in Wien. Auf Grund eines Commiffions- Berichtes der Handels und Gewerbekammer in Wien im Auftrage Seiner Excellenz des Herrn Handelsminifters redigirt von DR. F. MIGERKA.* Galanteriewaaren aus Bronze. Das der Ausftellung zu Grunde liegende Claffificationsfyftem hat„ Bronze" in die Gruppen: VII( Metallarbeiten), X( Galanteriearbeiten) und XXV( Bildende Kunft) vertheilt. * Fünfundachtzig Vertreter der hiefigen Bronze-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Induftrie haben in einer an Seine Excellenz den Herrn Handelsminifter gerichteten Eingabe die Behauptung aufgeftellt, dafs der von Herrn Jofef Weidman, k. k. Hof- Ledergalanterie und Tafchnerwaaren- Fabrikanten in Wien, verfafste und bereits zur Ausgabe gelangte Theil des durch die Generaldirection der Wiener Weltausftellung 1873 herausgegebenen officiellen Berichtes( 47. Heft) über die Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren( Gruppe X, Section 5) hinfichtlich der genannten öfterreichifchen und fpeciell Wiener Induftriezweige Darftellungen und Bemerkungen enthalte, welche nicht nur mit dem dermaligen Stande diefer Induftrien, fondern auch mit der thatfächlichen internationalen Werthfchätzung derfelben nicht im Einklange ftehen. In Folge diefes förmlichen Proteftes gegen den gedachten Bericht fand fich Seine Excellenz der Herr Handelsminifter beftimmt, die weitere Ausgabe des bezüglichen Heftes zu fiftiren und die Handels- und Gewerbekammer in Wien einzuladen, eine Begutachtung jenes Berichtes unter Beiziehung von Experten aus den betheiligten Induftriezweigen zu veranlaffen, fodann ihm das Ergebnifs der Enquête vorzulegen. Der Aufforderung entfprechend erfuchte die Kammer zunächst mittelft Rundfchreibens fämmtliche 85 Mitunterzeichner der Eingabe, ihr jene Stellen des Weidman'fchen Berichtes bekannt geben zu wollen, gegen welche fie Einwendungen zu erheben haben, oder an welchen Berichtigungen, Abänderungen und Ergänzungen vorzunehmen wären. Bei diefer von der Kammer veranstalteten fchriftlichen Expertife haben folgende Fachinduftrielle Aeufserungen an diefelbe gelangen laffen: A. Von der Bronze waaren- Induftrie die Fabrikanten: Ludwig Böhm, Ferdinand Hagemeier und Alois Hanufch. Ferner haben 25 Bronze waaren- Fabrikanten in einer Collectiveingabe ihre Zuftimmung zu dem von Herrn Hanufch erft atteten Gutachten erklärt. I 2 J. Weidman. Die grofse Schwierigkeit, die Gruppe von Objecten, welche den Vorwurf diefes Specialberichtes bildet, fcharf zu begrenzen, diene als Erklärungs. und Rechtfertigungsgrund, wenn ein oder der andere Gegenftand, der feine Würdigung in dem Berichte über Gruppe VII findet, auch in diefen Bericht einbezogen erfcheint und Beobachtungen und Bemerkungen anklingen, welche ihres allgemeinen Charakters wegen dem naturgemäfsen Inhalte einer Befprechung der gefammten Bronzeinduftrie angehören würden. Frankreich. Auch der Laie in Kunftfachen wird bei Befichtigung der in der Hauptgallerie ausgeftellten Parifer Bronzen den Eindruck empfangen haben, den Leiftungen einer Induftrie gegenüber zu ftehen, welche, von dem guten Gefchmacke der Induftriellen getragen, durch traditionelle Betriebsweifen und künftlerifch durchgebildete Arbeitskräfte in zureichender Menge unterſtützt wie durch einen lebhaften Begehr gefördert wird. Ift auch der Kenner mit dem oft allzufreien und unorganifchen Hinarbeiten auf blofsen momentanen Effect nicht einverftanden, fo bewundert er doch an derartigen Objecten den Schwung, die Phantafie, die in der Erfindung liegt; öfter noch wird er durch Farbe und Wirkung befriedigt, noch öfter aber überrafcht ihn das Gefchick, mit dem diefe letzteren über Mängel in der Erfindung hinweghelfen müffen. Selten nur begegnet man bei den franzöfifchen Bronzen Kindifchem oder Gefchmacklofem. Die franzöfifchen, richtiger Parifer Bronzen dienen in erfter Linie zur Decoration, daher die grofse Anzahl von figuralen, nur für diefen einen Zweck erfundenen und angefertigten Compofitionen, welche dem allgemeinen Bedürfniffe, die Kamine mit einer Standuhr, mit Leuchtern, Vorfätzen etc. zu zieren, entſprechen. Der Aufgabe des Decorirens wird mit grofser Sorgfalt, Berechnung und Zuhilfenahme der verfchiedenften Materialien und Effecte zu genügen getrachtet. Díe verhältnifsmäfsige Billigkeit diefer decorativen Bronzen, welche eine natürliche Folge des grofsen Abfatzes ift, wird von einigen Parifer Fabrikanten noch dadurch gefteigert, dafs fie ftatt echten Materiales Zink verwenden, welches an feiner Oberfläche galvaniſch verkupfert wird. Es mufs hiebei allerdings auf die Feinheit und die Solidität einer cifelirten Bronzearbeit verzichtet werden, allein der Preis, in Verbindung mit der Gefälligkeit und Zierlichkeit der äusseren Erfcheinung, fichert diefen Artikeln reichlichen Abfatz, und man kann fich deffen vom Standpunkte der Gefchmacksförderung nur freuen. Die figurale Richtung repräfentirten vorzüglich: Marchand, Paillard, Romain und Thiebaut& fils, welche Gegenftände in gröfserer Ausführung brachten, dann Blot& Drouard, Denière, Houdebine, Ranvier& Comp. und Sufse frères mit folchen in mehr gefuchten kleineren Dimenfionen. Die Wiedergabe von Vögeln und anderen Thieren, in zumeift fehr naturaliftifcher Weife, vertraten Pautrot& Vallon und Peyzol. B. Von der Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Induftrie die LedergalanteriewaarenFabrikanten: Franz Arneth, Julius Franke, Wunder& Kölbl und Moriz Zander; dann die Tafchnerwaaren- Fabrikanten: Hermann Krammer und Clemens Schittenhelm. Aufserdem hat der Vorfteher der Genoffenfchaft der Buchbinder und Ledergalanteriewaaren- Fabrikanten in Wien, Adolf Streh blow, einen neuerlichen, von 35 Vertretern der Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Induftrie unter fertigten, ausführlich motivirten Proteft gegen Weidman's Bericht überreicht. Zur gewiffenhaften Prüfung und Klarftellung der in dem eben angeführten Materiale vorgebrachten Reclamationen berief die Kammer überdiefs die Sachverständigen: Eduard Becher, A. F. Bechmann, Ludwig Böhm, Johann Dürrmayer, Alois Hanufch, Auguft Klein, Hermann Krammer, Guftav Lerl, Franz Nowotny, Emil Rodeck und Adolf Strehblow, unter dem Vorfitze des Kammerrathes Eduard K anitz, zu einer commiffionellen mündlichen Berathung, an welcher auch die Kammerräthe Heinrich Ritter v. Maurer und Theodor Neufs theilnahmen. Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 3 Von Perrot waren hübfche Schreibtisch Geräthe, von Baguès, Domange Rollin, Lefebre, Levy, Morisot, Oppenheimer, Ranvier& Comp., Vullierme, Burgiard& Comp. etc. jene bekannten und gefuchten Objecte, wie Uhren, Candelaber, Leuchter, Kaminvorfätze, Blumenftänder etc., in mannigfachfter Form und verfchiedenfter Art der Ausführung vorhanden. Befondere Beachtung glauben wir den Beleuchtungsapparaten, fpeciell den Luft ern, widmen zu follen, weil uns die hiebei zu erfüllende Aufgabe, der vielen Objecte wegen, fehr wichtig erfcheint, und weil kein Material für diefe Apparate geeigneter ift und allgemeiner angewendet wird, als Bronze. Die exponirt gewefenen Lufter halten wir übrigens für den relativ fchwächften Theil der kunftgewerblichen Bronzearbeiten Frankreichs, was wohl darin liegen mag, dafs vielfach der Charakter des Hängenden nicht genügend erfafst und berücksichtigt erfchien. Das grellfte Beiſpiel hievon gab wohl ein Lufter eines der tüchtigften Parifer Bronzefabrikanten. Den Haupttheil bildeten drei Säulen, deren Schäfte marmorirt waren und auf deren vergoldete Capitäler fich Schnörkel ftützten, an denen das Ganze hing. Am wenigften gelungen fanden wir einzelne für gröfsere reiche Räume gedachte und prunkend ausgeführte Lufter, da fie an Stelle einer mafsvollen Combination von Glas und Bronze, welche geeignet ift, den Lichteffect zu erhöhen, eine folche Fülle dicht aneinander angebrachter Glasprismen und Glasplatten zeigten, dafs die conftructiven Theile ganz verfchwanden und die Ueberzeugung fich aufdrängte, es fei nur auf Glitzern und Flimmern abgefehen. Bei anderen fanden wir wieder die Schnörkel in Ueberladung und unharmonifch aneinander gedrängt, fo dafs der Gefammteffect nichts weniger als günftig war. Demungeachtet zeigten auch in diefer Branche einzelne Artikel jene Tüchtigkeit und Virtuofität, welche die franzöfifche Bronzeinduftrie im grofsen Ganzen charakterifirt. So hatte Barbedienne zwei grofse Lufter ausgeftellt, von welchen der eine das Email in muftergiltiger, höchft gefchmackvoller Weife auf Reifen angebracht zeigte, die durch ein Spangenwerk mit einander reizend verbunden waren. Die Conftruction der für Salons und Arbeitsräume beftimmten Lufter, deren Elemente eine heb- und fenkbare Lampe und unbewegliche Arme mit Flammen bilden, fand in den Expofitionen von Buffet& Comp., Chabrié& Jean, Gagneau frères, Graux, Lacarrière frères, Delatour& Comp., Schlofsmacher& fils, Tardieu etc. in der mannigfaltigften Weife ihre künftlerifche Löfung. Paillard und Romain hatten unter ihren zahlreichen prächtigen Objecten auch einen Lufter aus Bronze mit gemalten Gläfern von charmanter Wirkung und fchönen Details. Von Boudoirluftern, Ampeln, Blumenfchalen etc. fanden wir bei Denière, Servant und Sufse frères ganz gefchmackvolle und originelle Leiftungen. Schliefslich wollen wir der aus gefchmiedetem Eifen verfertigten Veftibulelampen gedenken, welche die Ausstellungen der Bronzefabrikanten Denière, Baguès, La carrière frères, Delatour& Comp. zierten. Als für die franzöfifche Bronzeinduftrie charakteriftifch fei nochmals bemerkt, dafs fie den Stempel der weiteftgehenden Mithilfe künftlerifcher Kräfte bei Erfindung und Modellirung an fich trägt, fowie die technifche Ausführung in Bezug auf das verwendete Materiale und die zu erzielende Wirkung geradezu als virtuos zu bezeichnen ift. Auch die Art der Aufftellung der franzöfifchen Bronzen war eine ganz vorzügliche, denn die offenen, aber mit Plafonds verfehenen Abtheilungen erhielten das Licht auf die Objecte concentrirt und die Vermeidung von Gläfern oder Spiegeln benahm die Veranlaffung zu Lichtzerftreuungen, Reflexen, falfcher oder ble ndender Beleuchtung. Selbft im Mittelgange war das wenige vorhandene Licht für die einzelnen Abtheilungen noch vollkommen ausreichend. I* 4 J. Weidman. Diefe Aufftellungsweife bot zudem in gefchäftlicher Beziehung den Vertretern der Ausfteller und dem Publicum die gröfste Bequemlichkeit und es mag diefelbe, was Leichtigkeit des Abfchluffes und Billigkeit der Herftellung betrifft, als Inftallationsweife für Bronzen, ebenfo für ähnliche plaftifche Objecte, wie Majoliken, Fayencen etc., als beachtenswerth empfohlen werden. Oefterreich. Quantitativ fehr reich vertreten, nahm Oefterreich in diefer Gruppe auch qualitativ einen hervorragenden Rang ein, und wir laffen mit um fo gröfserer Befriedigung feine Leiftungen in der Erinnerung an uns vorüberziehen, wenn wir uns die Kürze der Entwicklungsperiode feines Kunft. gewerbes und die mannigfachen Schwierigkeiten vergegenwärtigen, die deffen Entfaltung erfchwerten. Erft feit wenigen Decennien hat es den Kampf mit einem Concurrenten aufgenommen, der im Befitze der günftigften Arbeits- und Abfatzbedingungen den Weltmarkt beherrfcht. In diefem mit fehr ungleichen Kräften geführten Kampfe fehen wir die öfterreichifche Bronzeinduftrie Erfolge erringen, die eine noch glänzendere Zukunft verbürgen und uns zur angenehmen Pflicht machen, bei Befprechung der Ausftellung die Verdienfte Einzelner befonders zu erwähnen. Die Firma Dziedzinski& Hanufch, welche unfere Bronzeinduftrie fchon auf der letzten Parifer Ausftellung fo würdig vertreten hatte und feither raftlos beftrebt war, durch tadellofe Ausführung von Entwürfen erfter Künftler unfere kunftgewerbliche Induftrie in ftilvoller Richtung zu fördern, entfaltete eine Mannigfaltigkeit, die Staunen erregte. Wir fanden meifterhaft ausgeführte Spiegelrahmen, Uhren, Leuchter, Lampen, Ständer, Schreibtifch- Garnituren, einen reichgefchnitzten Schreibtisch mit emaillirten Bronze- Einlagen etc. Die genannte Firma hat nebft dem das Verdienft, im Jahre 1856 ein eigenes ausgedehntes Genre in glatten Bronzewaaren, die keiner Cifelirung bedürfen, gefchaffen und dem Handel einverleibt zu haben. Diefe Specialität gelangte feither derart zur Geltung, dafs durch fie der grofse Export öfterreichifcher Bronzewaaren eigentlich erft angebahnt wurde; die Nachfrage nach derfelben fteigerte fich allmälig in folchem Mafse, dafs viele Bronzearbeiter in Wien fich der Erzeugung des Artikels zuwenden und bis zur Stunde lohnende Befchäftigung in demfelben finden konnten. Wie, aber auch diefe Arbeiten einer gewiffen Schulung und Fertigkeit bedürfen und folche wirklich erreicht haben, beweifet am beften der Umftand, dafs felbft die Franzofen denfelben ihren Beifall zollen, in Folge deffen ein bedeutender Theil diefer Wiener Frzeugniffe nach Frankreich Abſatz findet. Die alte und renommirte Firma Aug. Klein bewährte auch auf diefer Ausftellung ihren wohlverdienten Ruf. Geläuterter Gefchmack, Vielfeitigkeit der Erfindung und Correctheit in der Ausführung wetteiferten bei jedem der vielen Objecte. Von Künftlern gedacht, zeigte jeder Artikel die entsprechende Durchführung durch techniſch wohlgefchulte Arbeitskräfte. Auch dort, wo die Bronze nur als Montirung auftrat, war die Gediegenheit, welche die ganze Expofition diefer Firma auszeichnete, zur vollen Geltung gebracht. Ludwig Böhm erntete anlässlich feiner eben fo reichhaltigen, als hinfichtlich der Form und der vollendeten Cifelirung präcife und rein ausgeführten Arbeiten grofsen Beifall. Als Handelsartikel den franzöfifchen in Nichts nachftehend, find fie ihnen in Bezug auf Billigkeit überlegen, was am beften daraus hervorgeht, dafs ein grofser Theil von Böhm's Erzeugniffen nach Paris und London Abfatz findet. Böhm's Schreibtisch- Garnituren, Vafen, Spiegel, Caffetten und Taffen gehörten zu den beften ihrer Art in der Ausftellung. Diefem Induftriellen gebührt auch das befondere Verdienft, der Erfte in Deutfchland die Galvanoplaſtik in die Bronzewaaren- Fabrikation eingeführt zu haben, welcher Arbeitsprocefs fein ausgeführte Gegenftände dem Handel zu fo billigen Preifen zugänglich macht, dafs er zur Heranbildung eines gröfseren Exports von Wiener Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 5 Bronzefabrikaten wefentlich mitwirkte und feit feiner Einführung mehrfache Nachahmung fand. Die Firma D. Hollenbach, welche zu den älteften ihres Faches auf hiefigem Platze zählt, hatte in ftilvollen, nach Entwürfen der hervorragendften Künftler gearbeiteten Gegenftänden, befonders in Luftern, Candelabern, Uhren u. f. w., die mit den beften franzöfifchen Erzeugniffen diefer Art verglichen wer den konnten, fehr Schönes zur Ausstellung geliefert. Diefe Firma erwarb fich um die Wiener Bronzeinduftrie dadurch ein grofses Verdienft, dafs fie feit Jahren eminente Kräfte nutzbar machte und für Erlangung guter Modelle keine Opfer fcheute. A. F. Bechmann's Erzeugniffen gebührt wegen der Originalität der Ideen, der exacten Ausführung und brillanten Vergoldung befondere Beachtung. Diefem Induftriellen ift es auch am beften gelungen, fchöne Emails in Anwendung zu bringen. Clemens Lux gab eine reichhaltige Ausftellung fehr gediegener Handelswaare, die eine Menge originell und nett gearbeiteter Gegenftände enthielt. Franz Bergmann hatte aufser currenten, zum Theile figuralifchen Nippes auch einen grofsen Uhrkaften in Rothmetall mit Wafferbetrieb ausgeftellt, deffen reine und fchöne Ausführung nichts zu wünſchen übrig liefs. Guftav Lerl& Söhne, deren Hauptausftellung in Bronzefchmuck beftand, geben auf diefem Gebiete fchon feit vielen Jahren den Beweis, dafs die öfterreichiſche Bronzewaaren- Induftrie den berühmten franzöfifchen Erzeugniffen eine fehr beachtenswerthe Concurrenz zu bieten vermag, und namentlich auch in bemalten Rococoarbeiten bedeutende Fortfchritte entwickelt. In diefen Artikeln leiften auch Friedrich Böhm und Michael Kraulitz ganz Erfpriefsliches. Auch von den kleineren Ausftellern waren theilweife fehr fchön gearbeitete Gegenftände exponirt. So bekundete die Productivgen offenfchaft der Wiener Bronzearbeiter durch ihre prachtvoll ausgeführte Standuhr, in Berücksichtigung der kurzen Zeit, als diefe Affociation befteht, eine fehr anerkennenswerthe Leiftungskraft. Desgleichen haben Ignaz Dörfel und Georg Danberger eine Auswahl gediegener Arbeiten gebracht. Diefen fchloffen fich Michael Scholz, Wilhelm Knoblauch und Jofef Weber, deren Ausstellungen ganz gute Handelswaare enthielten, würdig an. Bronze Uhrketten zeigten fich in erster Linie durch Franz Reiter, dann durch Franz Rowensky und Jofef Ott jun. lobenswerth vertreten. In Kirchenartikeln hatten die Firmen Brix& Anders und Franz Ludwig Adler die Ausftellung mit guten und ftilvollen Arbeiten befchickt. Die Beleuchtungsgegenstände der Wiener Bronzearbeiter endlich gehören zu deren beften Leiftungen und übertreffen an Strenge des Stils und Reinheit der Form entfchieden jene aus Paris, Birmingham und dem deutſchen Reiche. Bei den meiften, feit Jahren entstandenen grofsen Neubauten, unter welchen viele Paläfte und öffentliche Gebäude find, zeichneten die betreffenden Architekten auch die decorativ fo wichtigen Beleuchtungsgegenstände, und es entwickelte fich, Dank den vielen, unter gutem Einfluffe ausgeführten Aufträgen, diefer Zweig unferer Bronzeinduftrie befonders günftig. Nur in jenen currenten Artikeln, die fertig gewählt werden und bei welchen die Billigkeit den Ausfchlag gibt, können unfere Gaslufter und Gasarm- Fabri kanten mit den Birminghamer und deutfchen Erzeugniffen noch nicht concurriren; als unzweifelhaft dürfte anzunehmen fein, dafs, wenn das Gas an Ver breitung zunimmt und namentlich allgemeiner in Wohnräumen Verwendung findet, in Folge des vergröfserten Abfatzes fich auch die Preife unferer Fabrikate diefer Art niedriger ftellen werden. 6 J. Weidman. Die Firmen Dziedzinski& Hanufch und D. Hollenbach, welche mit Ausnahme von Bronzefchmuck in allen Aufgaben der Bronzeinduftrie durch tüchtige Leiftungen vertreten waren, hatten auch eine grofse Zahl von Luftern einfachfter, aber immer künftlerifcher Form, bis zur reichften Compofition, zu welcher die erfterwähnte Firma auch Email und Glas in paffendfter Weife verwendete, ausgeftellt. Wir müffen hier auch die allgemein und mit Recht bewunderte Ausftellung der Lobmeyr'fchen Glaswaaren erwähnen, weil fie Candelaber und Lufter enthielt, bei welchen die mitverwendete Bronze eben fo glücklich im Entwurfe, wie vorzüglich im Modell und in der Ausführung erfchien. Von den Firmen, die fich vorzugsweife mit der Fabrikation von Gasbeleuchtung- Apparaten befchäftigen, waren auf der Wiener Weltausstellung Hoerner& Dantine, Grüllemeyer, Scheler und Wolff& Comp. durch höchft beachtenswerthe Leiftungen vertreten; fie trugen mit zu dem Erfolge bei, den die öfterreichifche Bronzeinduftrie fich errang, und fie Alle haben Antheil an den Fortfchritten, welche diefe Induſtrie feit der Parifer Ausstellung gemacht hat. England, beffer Birmingham, war, ausgenommen die weltberühmte Firma Elkington& Comp., die mit ihren zahlreichen und koftbaren Leiftungen in edlen Metallen und Schmuck der Gruppe VII eingereiht ward, in Bronzewaaren vorzüglich nur durch Beleuchtungsapparate vertreten. Nahezu dasfelbe war der Fall bei den Bronzen aus dem deutfchen Reiche. An den zahlreich ausgeftellten Luftern beider Nationen bemerkten wir, dafs fie beinahe durchwegs für Gas conftruirt waren und meift durch Gegengewichte, deren je nach Arm- Anzahl und Ausftattung 3 bis 8 vorhanden waren, equilibrirt wurden, in Folge deffen das Licht tiefer geftellt und fo am Arbeits- oder Lefetifch der Familie beffer ausgenützt werden kann. Wenn auch diefe Gegengewichte durch ihre Stellung und durch deren Veränderlichkeit die künftlerifche Aufgabe unläugbar erfchweren, fo mufs doch zugegeben werden, dafs die Verwendung von gewöhnlichen einfetzbaren Lampen noch ungünftiger erfcheint und dafs die Handhabung und der Lichteffect eines herabziehbaren Gaslufters im Vergleich mit einem Lufter, der Lampe und Kerzen combinirt, vortheilhafter ift. Bezüglich der technifchen Ausführung, wie Gufs, Cifelirung, Vergoldung, Färbung etc., ftehen die Birminghamer Fabrikate im Allgemeinen auf einer höheren Stufe, als jene des deutfchen Reiches. Namentlich ift diefs der Fall bei den Luftern von Ratcliff& Tyler, die reizend und originell erfunden und in reinfter, dem Material in Conftruction und Behandlung gelungen angepafster Art ausgeführt find. Reich vertreten in Bronze luftern waren die bedeutende Firma Winfield & Comp., deren Erzeugniffe in Erfindung und Ausführung gleich vorzüglich find, dann Phillip, Blews& Sons, Beft& Lloyd, fowie Partridge& Comp. durch viele oft fehr reiche und techniſch vorzüglich ausgeführte Arbeiten. Vom deutfchen Reiche find es zumeift Actiengeſellſchaften in Berlin, welche der Wiener Weltausftellung eine grofse Anzahl von Luftern felbft gröfster Dimenſion für Theater etc. und in mannigfaltigfter Form fandten. Man konnte bei diefen Objecten auch die Mitverwendung des Glafes wahrnehmen, was bei den Birminghamer Luftern nicht der Fall war. Die glänzendften Leiftungen zeigte uns die Actiengeſellſchaft, vormals Schaeffer& Walker in Berlin, dann kamen die Lufter der Actiengefellfchaft, vormals Spinn& Sohn in Berlin und die Objecte der Actiengeſellſchaft, vormals Schaefer& Haufchner in Berlin, welche die hohe Leiftungsfähigkeit der Berliner Fabrikation in currenten Artikeln darthun. Aus Berlin war noch Kramme mit Luftern von reichem, wohl etwas kleinlichem Detail, aber vorzüglich fchöner und reiner Metallarbeit vertreten. Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 7 Von der Gasapparat- und Gufswerk- Actiengefellfchaft in Mainz waren einige fchön mit Glas combinirte Lufter und ftilvoll gehaltene mächtige Gascandelaber exponirt. Wie an den Luftern und Beleuchtungsgegenständen der beiden Reiche, konnte man an den kleinen Bronzen Deutfchlands den Einflufs Frankreichs viel. fach wahrnehmen. Selbft die reichhaltige Ausftellung von Ravené& Sufsmann aus Berlin in emaillirten Bronzen, in der technifchen Ausführung, Farbenftimmung, Gravirung etc. vorzüglich, liefs in den Entwürfen die franzöfifchen Vorbilder häufig erkennen. Sehr gelungen fanden wir eine Collection von emaillirten Thürgriffen. Aehnliches gilt von Waagen& Comp. in Berlin, die hübfche Candelaber, Statuetten und Thiergruppen ausgeftellt hatten. Von Herzner in München waren einige nette Statuetten genre artigen Vorwurfes vorhanden. Schliefslich wollen wir noch der Eigenthümlichkeit Erwähnung thun, dafs das deutfche Reich keine jener Nippes, welche in der öfterreichiſchen Abtheilung eine fo hervorragende Rolle spielten, in Bronze brachte, dafür aber eine grofse Anzahl meift zu beftimmten praktifchen Zwecken dienender Artikel in trefflichem Eifengufs. Wenn auch diefe Arbeiten, von welchen Zimmermann in Hanau, das Harzer Bergwerk in Mägdefprung, Meves Nachfolger in Berlin etc. an Form und Reinheit gleich gelungene ausgeftellt hatten, wegen ihres Materials in Gruppe VII gereiht wurden, fo fchienen fie uns doch wegen der Analogie mit jenen in Bronze ausgeführten, in Gruppe X gereihten Galanterie artikeln hier erwähnenswerth. Italien. Umgeben von vielen Meifterwerken, befonders aus der Renaiffancezeit, fchaffen die italienifchen Kunfthandwerker in Bronze faft nur Reproductionen, die aber meift mit feinem Kunftverftändnifs und grofser manueller Gefchicklichkeit angefertigt find. Es erklärt fich hiedurch, dafs wir an den italienifchen Arbeiten im Allgemeinen jene decorative Verwendbarkeit vermiffen, welche die franzöfifchen Bronzen auszeichnet. Thürklopfer, fchwere Kerzenleuchter, riefige Candelaber oder Kaminvorfätze, Gitter etc. bildeten das Gros der italienifchen Bronzen. Die Kleinbronze hat wenig Bedeutung. Die Farbe fucht die Patina der Originalien möglichft wiederzugeben. Helle Vergoldungen, wie bei den unferen, oder die vielen Nuancen in der Farbe, wie bei den franzöfifchen Bronzen, mangeln an den italienifchen vollſtändig. Die bedeutendften Exponenten auf der Wiener Weltausftellung waren Michieli und Udina in Venedig, die übrigens in Gruppe VII reihen. Das von anderen Staaten auf der Ausftellung Vorhandene fchien uns weder in kunftinduftrieller Richtung eigenthümlich, noch als Handels- oder Exportartikel des betreffenden Landes von Bedeutung. So waren z. B. die ausgeftellten Objecte des in Petersburg etablirten Franzofen Chopin im Charakter der Parifer Arbeiten angefertigt und nur bei drei Luftern die Verbindung mit gefchliffenen ruffifchen Steinen neu. Scheba noff in Moskau hatte nette kleine Gegenstände gebracht. Sonftige ruffifche Bronzen, fehr naturaliftifch, aber lebendig aufgefafste Genreftatuetten nationaler Vorwürfe, waren nicht als Handelsbronzen exponirt, fondern als Kunftbronzen bei den Gemälden im Pavillon des Amateurs; fie ent ziehen fich daher der gegenwärtigen Beurtheilung. Belgien war durch Lelorrain aus Brüffel vertreten, die Bronze erfchien nur als Montirungsbeigabe zu Porzellan für Lampen, Blumentöpfe etc. 8 J. Weidman. Galanteriewaaren aus Leder und Tafchnerwaaren. Zur Ausführung der in diefe Gruppe gehörigen Artikel find wir fprechen hier von allgemein gangbarer Waare und nicht von fogenannten Prachtftücken, welche bei vielen Fabrikanten mehr Goldfchmied- Arbeit als Lederwaare find- Leder, Seide, Bronze und andere Hilfsftoffe nöthig. Ueber das bei der Lederwaaren- Fabrikation hauptfächlich verwendete Leder glauben wir, feiner Wichtig. keit wegen, einige Worte einfchalten zu dürfen. Gewöhnlich ift die erfte Frage des Käufers, ob der Juften echt fei und der Frage folgt das fofortige Riechen zur angebotenen Waare. Aber was heifst nicht Alles Juften! Da nennt man Schaf-, Lamm-, Kalbleder u. f. w. engliſchen Juften u. dgl. Viele diefer imitirten Juften werden mit Birkenöl parfumirt. Uebrigens ift auch echter ruffifcher Juften von grofsem Schönheits- und Werthunterfchied und fchwankt im Preife um circa 50 Procent. Der befte Juften, und einzig für feine Lederwaare verwendbar, fft der von Savin in Petersburg, der auch von der Jury auf der Wiener Weltausstellung durch die Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Man unterfcheidet den fogenannten Malja, gefalzten, glatten und Werfchock- Juften. Wir erwähnen hier felbftverſtändlich nur die in diefer Gruppe verwendeten Sorten. Malja- Juften geht nach dem Gewichte und wird per Centner verkauft, ift fpitz( im verfchobenen Rechteck) carrirt und wird meift geglättet( was hier in Wien gefchieht) zu minder feinen Artikeln verwendet. Gefalzter Juften, der fo wie Malja nach dem Gewichte in den Handel kommt, ift gewöhnlich im Quadrat carrirt; erift, da er durch das Wegfalzen überflüffig dicker Theile leichter geworden, ziemlich theuer und wird für feine Waare geglättet oder im Naturzuftande verwendet. Der in Rufsland glatt gearbeitete Juften wird von den Wiener Lederarbeitern durch Befeuchten und Walken noch glatter und glänzender gemacht, und gibt eine fehr feine Sorte, die in letzter Zeit für fogenannte weiche Waare fehr modern geworden ift. Auch diefer wird nach dem Gewichte verkauft, ift von den drei Gattungen der theuerfte und exiftirt, wie alle übrigen, in verfchiedener Gröfse und Stärke. Werfchock- Juften wird nach dem Werfchock, einem ruffifchen Längenmafse, berechnet; eine Haut ift 25 bis 45 Werfchocks lang und breit. Er ift von verfchiedener Stärke, wird felten geglättet und meift für gröfsere Caffetten und für Tafchnerwaaren im Naturzuftande verwendet; feine Narben find fehr fchön, fpitz carrirt und von befonderer Reinheit. Eine Gattung Juften, die in Wien jetzt aber etwas weniger benützt wird, ift der fogenannte Chagrin- Juften. Es ift diefs nur reiner Naturjuften was immer für einer Gattung( meiftens Malja), der zuerft roth gefärbt, dann gleich Schaf, Bock- oder Geifsleder chagrinirt, das heifst mit einer eifernen Rolle gekörnt wird, alfo künftliche Narben erhält. Aufser Juften werden noch verarbeitet: Lamm-, Geifs-, Bock-, Kalb-, Seehund- und Krokodil- Leder, Pergament, fowie Schaf- und Spaltleder für Futter. Alle diefe Ledergattungen kommen vornehmlich, wenigftens die für feine Waare verwendbaren, aus Mainz, Frankfurt a. d. O., Paris etc. Der hohe Preis des Juftens und feine Preisbeftimmung nach dem Gewichte in Verbindung mit dem Umftande, dafs für Reifefäcke u. dgl. eine gröfsere Stärke gewünſcht wird, führt zu feiner fournierartigen Verwendung. Es wird nämlich fchwacher Juften auf Schafleder cachirt. Die Waare fieht gut aus und ftellt fich um etwa 20 Procent billiger. Wollen wir die verfchiedenen Wiener Lederwaaren eintheilen, fo nennen wir als erfte und Hauptgattung die fogenannte weiche Waare, die feit einigen Jahren den Wiener Markt beherrscht. Es find diefs Portemonnaies, Vifit Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 9 karten- Etuis, Brieftafchen u. f. w., welche ganz weich, nur aus Leder ohne jeden Metallbeftandtheil, höchftens mit einem Schlöfschen verfehen, angefertigt find. Diefe Gattung ift die fchwierigfte in der Erzeugung, da fie keine Hilfsmafchine geftattet und blofs durch die Hand des Arbeiters aus einem Stück Leder geformt werden mufs; fie wird hauptfächlich für den Export nach Amerika, England u. f. w. verfertigt. Rahmenarbeit ift bedeutend älter, als die weiche Arbeit. Portemonnaies, Cigarrenetuis u. f. w., in Bronze- oder anderen Metallrahmen gefafst, find die ältefte, aber noch immer begehrte Sorte. Sie find viel leichter zu erzeugen, da der Rahmen fchon die Hauptform bildet und auch Klötze und andere Hilfsmittel dabei verwendbar find. Hieher gehören auch die einft in Maffen erzeugten und noch heute gefuchten Handfchuh- und Sacktuch- Soufflets. Holzarbeit ift gewöhnlich die der Gröfse nach imponirendfte Gattung. Darunter verfteht man Caffetten in allen Formen und für alle möglichen Zwecke; Käftchen, zuerft aus Holz gebaut, dann mit Leder überzogen. Auch gewiffe Sorten von Mappen gehören zu diefer Gattung. Die Arbeit erfordert Gefchicklichkeit, Aufmerkfamkeit und Reinlichkeit. Die zur Waare nöthigen Bronze-, Holz- und anderen Beftandtheile werden von erften Fabrikanten theilweife bei Haufe erzeugt. Viele Hilfsarbeiter werden aber auch aufser dem Haufe befchäftigt. Album- und Buchbinder- Arbeiten, als nach dem Ausftellungs- Programm zur Gruppe XI gehörig, finden in dem diefe Gruppe befprechenden Bericht ihre Würdigung. Gehen wir nach diefer Einleitung auf die Ausftellung felbft über und wenden wir uns da zuerft nach O efterreich. Die Menge und Güte des in diefer Gruppe Ausgeftellten wird fchon durch die Thatfache charakterifirt, dafs 48 Ausfteller vertreten waren und von diefen feitens der Jury 37 mit Auszeichnungen bedacht wurden, während drei( Auguft Klein, Friedrich Ritter v. Rofenberg und Adolf Strehblow) als Jurors aufser Concurs waren und weitere drei Ausfteller( Johann Etz, Gebrüder Rodeck und A. F. Syré& Neffe) freiwillig aufser Preisbewerbung ftanden. Von den Wiener Fabrikanten diefer Branche ift Auguft Klein als derjenige hervorzuheben, welcher mit grofser Ausdauer, Energie und vielen Opfern den Wiener Artikel für den Welthandel cultivirte. Er war der Erfte, der Fachficherheit und Muth genug befafs, unferen Erzeugniffen diefer Kategorie die Bahn nach den induftriell für unerreichbar gehaltenen Metropolen Frankreichs und Englands zu eröffnen und in St. Petersburg, wo man fich bis dahin die englifchen und franzöfifchen Fabrikate als unerreichbar gedacht hatte, den Ruhm der Wiener Lederwaaren- Induftrie zu begründen, für fie dort bleibende Märkte zu erobern. Dafs diefelbe Luft und Liebe, die feiner Zeit den Kleingewerbetreibenden Auguft Klein am Beginne feiner felbftftändigen Laufbahn im Jahre 1845 zur Arbeit anfpornte, auch heute noch den Grofsinduftriellen erfüllt, zeigte feine Ausstellung, welche nur Gutes, Vollkommenes, in Entwurf und Ausführung Gediegenes vorführte. Greifen wir aus der reichen Sammlung von Prachtftücken einige befonders werthvolle heraus, fo ift vor Allem das dem Abte Helferstorfer gehörige Miffale, welches fich durch edlen Stil und fchönes Email auszeichnet, anzuführen. Ferner zwei Albums, eines Eigenthum der Erzherzogin Gifela, das andere des Erzherzogs Rainer, letzteres mit Limofiner Email geziert, dann einige Sammtcaffetten, mit Edelſteinen und Emailblättern gefchmückt. Unter feiner kleinen Waare fanden wir einen durch ihn allein vertretenen fchönen Artikel, nämlich Silhouetten aus fchwarzem Leder, in lichtes Leder eingelegt. 10 J. Weidman. Als ein die Einrichtung und Leitung des Aug. Klein'fchen Etabliffements charakterifirendes Moment ift, von der Mitwirkung hervorragender künftlerifcher Kräfte abgefehen, die Thatfache hervorzuheben, dafs dort unmittelbar felbft alle den mannigfaltigen Erzeugniffen dienenden Künfte und Gewerbe fich vereinigt und gepflegt finden. Rofenberg und Gebrüder Roaeck hatten grofse Collectionen von Lederwaaren ausgeftellt. Erfterer zeigte durchaus feinfte und vorzüglich gearbeitete Waare. Die andere Firma, die weit vielfeitiger exponirte, brachte viel fchöne Nippes, einzelne vorzüglich gearbeitete grofse Stücke und als Specialität mehrere aus Leder geflochtene Arbeitskörbe verfchiedener Form. Die reiche Sammlung von Wappen und Monogrammen in echten Steinen, allerdings mehr Arbeit des Juweliers, nahm fich fehr effectvoll aus. Beide Ausfteller find vorwiegend Kaufleute; eben in diefer Eigenfchaft werden fie aber den von ihnen vertretenen Induftriezweigen, fowie den einzelnen Induſtriellen nützlich, indem fie bei ihrem fteten Verkehr mit einem Vieles kaufenden Publikum Gelegenheit haben, den Kunftfinn in den Kreifen der Confumenten anzuregen und zu fördern, neue glückliche Ideen aufzunehmen und diefe mit Hilfe der Etabliffements, mit welchen fie in Verbindung ftehen, praktiſch zu verwerthen, fie zum Gemeingute Aller zu machen. Moriz Klein, Kaufmann und Fabrikant, ftellte, unterſtützt von den Induftriellen Pollak und Joppich, welche als ehemalige Werkführer bei Auguft Klein eine ausgezeichnete Schule genoffen haben, in reinem Stil fchön ausgeführte Objecte aus. Unter Anderem fah man einen grofsen Kaften aus Rindsleder, der eine vorzügliche Reproduction derartiger antiker Arbeiten war*. Weniger entſprach unferem Gefchmacke ein grofser Kaften aus fchwarzem Holz, mit Juften eingelegt und reich mit Bronze verziert. Schön waren die irriger Weife hier eingereihten Federcaffetten. Auch einige reich ausgeftattete Säcke neuer Form waren ausgeftellt; ferner erfchien eine Sammlung von Silhouetten, aber nicht wie jene von Auguft Klein in Leder eingelegt, fondern blofs auf lichtem Leder gedruckt; Diefes Verfahren ift billig, der Gegenftand aber felbftverftändlich von minderem Werthe. Einige Damen- und Gürteltaschen mit fehr reicher und complicirter farbiger Ledereinflechtung, oder auch mit Einflechtungen aus Pfauenfeder- Kielen verfehen, erinnerten an füdflavifche Hausinduftrie. Im Uebrigen fand man bei Moriz Klein's Expofition noch manchen fchön gearbeiteten Gegenftand, der aber als Gemeingut der Wiener Lederwaaren- Fabrikation zu befonderer Betonung keinen Anlafs bietet. Bei dem Ausfteller Johann Etz fanden wir neben anderem Schönen und Guten, als ihm eigene und neue Specialität, Albums, Mappen und Käftchen aus weifsem Pergament mit gemalten Blumen, eine Combination, die fehr gut ausfah. Jacques Löw's grofse mit Leder überzogene Holzgegenstände zeigten, welchen mannigfaltigen Zwecken die Lederwaaren- Induftrie bei harmonischer Vereinigung der Anforderungen des wirklichen Gebrauches, wie des Luxus, dienen kann. F. Neiber bekundete in feiner Expofition currenter Waare viel Gefchmack; die ftrebfame Firma Theodor Klein Söhne hatte, wie auf früheren Ausstellungen fo auch diefsmal, in folchen Artikeln fchöne Erfolge aufzuweisen. Riederer& Mader bieten mit ihren eingerichteten Caffetten, Mappen u. f. w. anerkannter Mafsen felbft den franzöfifchen Erzeugniffen diefer Art Concurrenz. Wunder& Kölbl waren durch Ledermofaiken vertreten, welche wegen ihrer kunftvollen Ausführung zu den verdienftlichften Leiftungen der * Die Bearbeitungsweife des Stoffes mahnt an den Arbeitsprocefs des Treibens bei Metallen. Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 11 Lederwaaren- Induftrie gehören. Was die von diefer Firma gelieferten Einbände mit Handvergoldung betrifft, citiren wir Jacob Falke, der in feinem Werke( Seite 326 und 327) fagt:" Oefterreich hat auf der Ausftellung nur zwei Etabliffements, das von Wunder& Kölbl und das von Fr. Kritz, welche auf diefes Genre( die Handvergoldung) eingegangen find. Aber der Anfang ift allfeitig gefchehen, und wir zweifeln daher nicht, dafs diefe rationellfte aller modernen Ledertechniken binnen wenig Jahren wieder allgemein werden wird, fo weit es der Preis erlaubt. Sie iſt felbft koftbar genug, wie die englifchen Beiſpiele zeigen, um unfer Girardet- Genre in den meiften Fällen zu erfetzen." F. Nowotny& Söhne, eine der bedeutendften Firmen in billiger Lederwaare für den grofsen Export, führte gangbare Mufter in reicher Auswahl vor. Ignaz Lukfch bereicherte uns mit einem neuen Artikel, den er privilegiren liefs; es find diefs Portemonnaies, Kartenetuis etc. aus einem gelblichen Kalbleder, auf welches Holzflader in dunklerem Braun gedruckt ift. Wir finden es nun wohl begreiflich, wenn koftfpieliges Materiale durch billigeres imitirt wird, halten es jedoch für nicht gerechtfertigt, Holz durch das bedeutend theurere Leder nachzuahmen. Es ift diefs nur ein Beifpiel, welche Mittel der Wunfch, Neues zu bieten, öfter anregt, denn fo wie man hier Holz durch Leder imitirt fah, fand man bei einem anderen Fabrikanten in derfelben Gruppe umgekehrt Leder durch Holz nachgeahmt. Rühmenswerth erfcheinen noch die Firmen Michael Seewald und Jacques Mefenich; Erftere hatte Specialitäten in Schreibzeugen, Letztere in Nippes exponirt. Eduard Becher, der fehr fchöne Albums zeigte, verdient infoferne befonders hervorgehoben zu werden, als er in Albumerzeugniffen überhaupt Vorzügliches leiftet. Auch Julius Franke hatte Einiges ausgeftellt, was nicht nur von Sachverftändigen als gut und originell, fondern auch ohne Concurrenz in der Ausftellung befunden wurde. Ihm kommt das Verdienft zu, dafs er Artikel erzeugt, welche, wie die mannigfaltigen Portefeuilles für Kunfthändler, fehr ftark nach Rufsland begehrt werden. J. Weidman's** gröfsere Ausftellungsobjecte, worunter viele Enveloppen und Prachteinbände, zeichneten fich durch Stilreinheit aus. Die Sammlung kleiner Waaren, fchon wegen ihrer Verfchiedenheit in Formen und Farben bemerkenswerth, ift umfomehr hervorzuheben, als jeder einzelne Gegenftand in der eigenen Fabrik des Ausftellers verfertigt wird. Die gemalten und in chagrinirten Grund eingelaffenen Bilder nach Originalien von Makart, Profeffor Sturm, Lach u. f. w., zeugten ebenfalls von befonderem Streben auf dem Gebiete der Kunftinduftrie. Auf die Wiener Tafchnerwaaren- Induftrie übergehend, haben wir anzuführen, dafs das Vorzüglichfte von eingerichteten Säcken und gefchmackvollen Damentafchen in den Ausftellungen des Fabrikanten Auguft Klein, fowie der Kaufleute Rofenberg, Rodeck und Etz zu fehen war. In dem Hofeinbau der Gruppe VI, wo die eigentlichen Tafchner ausgeftellt hatten, bemerkten wir eine grofse Pyramide von Koffern und einfachen Säcken. Ein Theil davon hatte feinen Urfprung aus der Fabrik Hermann Krammer's, eines unferer beften Tafchner. Die Gegenstände waren alle gut und folid gearbeitet. Neben Krammer hatte Schitten helm currente Waaren, Koffer und Tafchen, ausgeftellt. Gabriel brachte Jagdartikel und war in diefem Fache faft der Einzige. Die Wiener Tafchnerwaaren- Induftrie, früher der Parifer und Londoner weit nachftehend, hat fich im Laufe der letzten zehn Jahre in der erfreulichften * ,, Die Kunftinduftrie auf der Wiener Weltausftellung 1873"( Verlag von Carl Gerold's Sohn in Wien). ** Der Herr Referent wollte nicht felbft über feine Ausftellung berichten. Wir haben uns oben eingefügtes Urtheil von erfahrener Seite eingeholt. 12 J. Weidman. Weife entwickelt und fo vervollkommnet, dafs die von ihr erzeugten Artikel Gegenftand eines namhaften Exportes geworden find. Unter den verfchiedenen auswärtigen Abfatzgebieten können wir nun felbft Frankreich und England anführen. Aus den mannigfachen Artikeln aber, welche Gegenftand des internationalen Handels geworden, find insbefondere Koffer und eingerichtete Reifetafchen als jene Objecte hervorzuheben, bei welchen aufser praktiſcher Verwendbarkeit eine mannigfache, dem Luxus fchmeichelnde Ausftattung angeftrebt wird. Nach diefer Richtung hin waren die Wiener Firmen auf der Ausstellung am reichhaltigften vertreten und fie hatten dabei manche, bisher wenig bekannte Kofferverzierungen, welche fpeciell dem Gefchmacke in einigen fremden Ländern entſprechen, aufzuweifen. Von den Ausftellern diefer Branche find vor Allen Hermann Krammer und M. Würzl& Sohn zu nennen, welche in eingerichteten Reifetafchen, letztere Firma auch in fonftigen Reifeartikeln, fehr zweckmässig und folid gearbeitete Stücke exponirt hatten. Diefen reihen fich Johann Dürrmayer und Clemens Schittenhelm ebenbürtig an; Erfterer brachte aufser verfchiedenen Sorten fehr gediegener Reifetafchen und Reifekoffer als Specialität mehrere mit Pfauenfedern geftickte Gegenftände, Letzterer eine fchöne und reiche Auswahl vorzüglich gearbeiteter Reifeartikel aller Art. In Handtafchen, Gürtel- und Damentafchen lieferte der Tafchnerwaaren- Erzeuger Jofef Veitl Beachtenswerthes, während Franz Hartmann durch Specialitäten in Mufterkoffern für Reifende, fowie in Kinderfeffeln, fich vornehm präfentirte. Die LederwaarenProductivgenoffenfchaft zeigte fich in Leder- und Tafchnerwaaren aller Art fehr vortheilhaft vertreten. Von Jofef Gabriel waren mufterhaft ausgeführte Jagdrequifiten aller Art zu fehen. Die Induftriellen Valentin Marek, J. E. Bartnek und Heinrich Quint hatten die Ausstellung mit gut gearbeiteten Koffern und Tafchen befchickt. Johann Hochedlinger hatte fpeciell Koffer mit vielen Verzierungen aus Metall, Steinen u. dgl., die im Orient dem dort herrfchenden Gebrauche gemäfs als Brautkoffer dienen und grofsen Abfatz haben, exponirt. In Bezug auf das von Ungarn in diefer Gruppe Ausgeftellte finden wir uns nur zu der einen allgemeinen Bemerkung veranlafst, dafs die gegebenen Productionsverhältniffe Wiens den offenkundig hervortretenden prädominirenden Einfluss diefer Stadt erklären. Zur Entfaltung der hier befprochenen Induſtriezweige bedarf es neben anderen Bedingungen einer durch längere Zeit fortgefetzten intenfiven Pflege des Gewerbes. Deutfches Reich. Wien zunächft wird wohl, fpricht man von Lederwaaren- Induſtrie, am meiften Offenbach, in neuerer Zeit auch Berlin, Frankfurt am Main, München und Stuttgart genannt. Offenbach ift bedeutend in feinen praktifchen Artikeln, die Waare ift bei billigem Preife gut und zweckmässig gearbeitet. Die Firma Mönch& Comp. in Offenbach, eine der bedeutendften des Faches, erzeugt alle zu ihren Artikeln nöthigen Beftandtheile, und zwar möglichft vollkommen, jedoch innerhalb der Grenzen, welche die Gangbarkeit der Waare in Deutfchland zieht. Kurz charakterifirt ift die genannte Firma für Offenbach das, was Auguft Klein für Wien ift eine Weltfirma. H. Lehmann in Offenbach bewies in allen feinen Gegenftänden einen vorwärtsftrebenden Sinn für das Verwendbare und Zweckmäfsige und für exacte Ausführung feiner Erzeugniffe. Indem er dabei auch das Wiener Genre verfolgt, geftaltet er feine Artikel zu geachteten Rivalen der vorgenannten Weltfirma. J. F. Knipp in Offenbach hat mit feinen Albums, wenn auch Wien noch nicht erreicht, fo doch den Fortfchrittsmann Offenbachs bewährt. Die reiche Auswahl an Arbeitskörbchen und Neceffaires von Ernst Knipp in Offenbach vergegenwärtigte einen beträchtlichen Exportartikel, der in Wien Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 13 aus Mangel an billigen und guten Einrichtungsftücken nicht im verdienten Mafse gepflegt wird. F. W. Bofsert in Offenbach verwendete grofsen Fleifs auf das Montiren feiner Mufikwerke, mit denen er auch anfehnliche Erfolge erzielte, obwohl man feinen Ideen keinen befonders guten Gefchmack abgewinnen kann. Ueberhaupt weifs Offenbach feine Erzeugniffe dem Welthandel anzupaffen und dadurch einen den auswärtigen Abfatz der Wiener Fabrikate weit überragenden Export zu erzielen. Nach Offenbach folgen im Range Berlin, Stuttgart und Frankfurt a. M., welche, obwohl nicht in gleicher Qualität, das Wiener Genre ftark cultiviren. Zu bedauern war es, dafs fich gerade die bedeutenden Fabrikanten Berlins von der Ausftellung ferne gehalten haben. Aus München war C. Efchenbach der einzige Fabrikant, welcher Luxusartikel ausgeftellt hatte. Sein Schreibtifch war eine meifterhafte Leiftung und trug fammt den Albums für Bilder das Moment der Gediegenheit an fich. J. G. Kugler in Nürnberg verfolgt, im Ganzen betrachtet, die praktiſche Richtung der Deutfchen. Frankreich war in der eigentlichen Ledergalanterie waaren Induſtrie nicht vertreten. Was wir fanden, waren meift Neceffaires, bei welchen die in Paris fo gut und viel erzeugten Einrichtungsftücke die Hauptrolle spielten. W. Marx brachte Photographie Albums und einige Portefeuille Artikel, welche in die Gattung der Offenbacher Waaren einzureihen find. Ebenfo ftellten Midocq& fils und Schultz in Paris eingerichtete Caffetten aus, die aber unferer Anficht nach weder durch Qualität noch durch Zweckmäfsigkeit mit der feinen Wiener Waare concurriren können und als billige Artikel im Vergleiche mit den vorerwähnten Fabrikaten von Riederer& Mader zu theuer find. Walcker's Koffer find gut, ihr Glanzpunkt ift jedoch ebenfalls die Einrichtung. In derfelben Seitenrippe fanden wir in einem Wandkaften prachtvolle Einbände mit reicher Handvergoldung ausgeftellt. Sie ftammen aus verfchiedenen Zeiten und waren zumeift von den jetzigen Privateigenthümern exponirt. Eben folche nicht minder fchöne Arbeiten in Handvergoldung fanden wir in der englifchen Abtheilung. Ausserdem war die Lederwaaren- Induſtrie dort nur noch durch einige Sohlleder- Koffer von altbekannter Solidität und mehrere Säcke primitiver Natur vertreten. Italien und Rufsland, wie die übrigen Länder, zeigten Nichts oder doch nichts Nennenswerthes. In den Abtheilungen China und Japan gewahrte man keine eigentliche Lederwaaren- Induftrie. Der Befucher wurde jedoch an diefe erinnert durch einzelne fackartig zufammengenähte Täfchchen, gewöhnlich mit einem höchft einfachen Verfchluffe verfehen, die als Tabaktafchen dienen. Sie find blofs aus dem fehr zähen, feften, lederartig gekörnten japanifchen Papier verfertigt. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. 0. Ö. PROFESSOR IN PRAG. MEHL, MEHLFABRICATE UND DIE MASCHINEN UND APPARATE DER MÜLLEREI UND BÄCKEREI. ( Gruppe IV, Section 1.) BERICHT VON FRIEDRICH KICK, k. k. Regierungsrath und Profeffor am deutfchen polytechnifchen Inftitute in Prag. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. MEHL, MEHLFABRICATE UND DIE MASCHINEN UND APPARATE DER MÜLLEREI UND BÄCKEREI. ( Gruppe IV, Section 1.) Bericht von FRIEDRICH KICK, k. 1. Regierungsrath und Profeffor am deutfchen politechnifchen Inftitute in Prag. Die Schwierigkeit gründlicher Unterfuchung des Mehles ift bekannt und ebenfo wenig bedarf es der Begründung, dafs die vorzügliche Qualität ausgeftellter Mehle noch lange nicht vollgiltiger Beweis ift für rationelles Gebahren in der Mühle. Gutes Mehl und diefes zum erreichbaren Percentfatze aus einer beftimmten Waizenforte herftellen, diefes beides gibt zufammen erft das Maafs zur Beurtheilung rationellen Betriebes. Die Ausftellung bot zahllofe Mehlproben aus verfchiedenen Ländern, höchft felten aber waren Angaben über die Erzeugungsmengen der einzelnen Mehlforten aus einer beftimmten Weizenquantität oder Angaben des Verkaufspreifes u. dgl. an den Ausftellungsobjecten erfichtlich gemacht. Diefe Angaben waren wohl der Jury in den Fragebogen ziemlich vollständig vorgelegen, der Berichterstatter konnte diefelben aber trotz des Bemühens der Redaction nicht erhalten. Es ftellt fich die Frage: Soll der Bericht erftatter die ausgeftellten Mehle nach ihrer Weisse oder nach ihrem Klebergehalte taxiren. Soll er z. B. hervorheben, dafs Auguft v. D elhaes in Piechamin bei Czempin eines der weifseften Mehle nach dem Flachmahlverfahren erzeugt exponirte? oder, dafs zu den ſchönften Mehlen der Hochmüllerei die von Oeconomo bei Trieft, jene der Kleinmünchner Kunftmühle etc. gehörten? Derartige Claffification hätte weder technifchen noch mercantilen Werth, da fie nur auf der Grundlage der Ausstellungsobjecte erfolgen könnte und allwöchentlich auf der Mehlbörfe ihre Berichtigung fände. Wir wollen daher zunächft von folchen 2 Friedrich Kick. Ausftellungsobjecten des Näheren fprechen, welche durch die beigefügten Angaben Vergleiche und Folgerungen geftatten. So trat uns in der Ausftellung des öfterreichifchen Unterrichtswefens eine von Berichterstatter als Lehrmittel exponirte vergleichende Zufammenftellung der Mehle der Hoch- und Flachmüllerei entgegen. Die Mehle nach dem erfteren. Verfahren ftammen aus Odkolek's Mühle in Prag, jene nach dem zweiten wurden bei möglichst forgfältigem Schälen oder Putzen des Getreides von Herrn Ingenieur Scheib in einer Mühle bei Frankfurt am Main hergestellt. Aus 100 Theilen Weizen wurden erhalten: Mehle der Hochmüllerei. oo Nr. 00 und o Auszugsmehle 18.9 Perc.) I " 9 29 97 " 77 2345 Bäckerauszug 13.8" 77 Mehle der Flachmüllerei. fehlen. Nr. o fogenanntes Blumenmehl I Plattmehl zwifchen Hochmehl Nr. 2 und 23.92 Perc. 12'0 29 Mundmehl 13.7 99 " Semmelmehl II 9 " 9 Weifses Pohl3 ftehend 40.16 " 6 mehl Schwarz. Pohlmehl 7.3" 2 Griesmehl zwifchen " 4'5" " 82 1 Perc. Nr. 3 u. 4 ftehend 6.26 3 Kornmehl gleich Nr. 6 " 8.91 " 79:25 Perc. " 9 4 Futtermehl 5 Kleiemehl 4:28" 9.43" Diefe letzteren beiden Mehle find nur zur Viehfütterung verwendbar. Der Reft ift Kleie, Fufsmehl und Verluft. Mithin ift bei beiden Vermahlungsmethoden aus 100 Theilen Weizen circa 80 Percent vom Menfchen geniefsbares Mehl erhalten worden. Während die Hochmüllerei 447 Percent Auszugsmehle lieferte, ergab die Flachmüllerei nur 23 92 Percent. Den hervorragenden Ausftellungsobjecten der Kleinmünchner Kunftmühle und Teigwaaren- Fabrik waren nachftehende Mahlergebniffe beigegeben. Refultate der Vermahlung. 500 Zollztr. zum Effectivgewicht von 83 bis 84 Wiener Pfund per Wiener Metzen: Gries A und B Mehl Nr. O I. " " 99 ทา 99 99 27 17 99 99 99 " 27 " 2 " و, 套 29 13 17 2520655 ± 250 123456789 ΙΟ وو 2 Percent, " 16 " " 9 " 14 " 9 " Kleie Verluft. 83 . 18 و" " 41 Percent Auszugsmehle, 38 Percent mittlere und ordinäre Mehle. 79 Percent Mehl Nr. I. Mehl- und Mehlfabrikate. Roggenvermahlung. 2. 99 " 99 3. 97 Kleie Verftaubung. Maisvermahlung. Gries und Polenta Mehl. Kleie. Verluft 15 Percent 38 14 99 وو 67 Percent 31 99 2 " 80 Percent 12 " 92 Percent 6 99 2 27 3 အ Wir erfehen aus diefer Weizenvermahlung, verglichen mit den vorerwähnten, dafs die Numerirung der Mehle eine fehr verfchiedene ift, und behufs Beurtheilung der Farbe der Vergleich mit Normalmehlen unerlässlich ift*. Zu diefem Zwecke empfiehlt fich ein feit einiger Zeit hie und da in Ungarn und Wien gebräuchliches Verfahren ganz vorzüglich, und wollen wir dasfelbe an diefer Stelle kurz befprechen. Auf einem etwa 9 Centimeter langen, 5 Centimeter breiten, ½ Centimeter dicken, mit Handgriff verfehenen Bretchen ift ein zweites aufgeleimt, welches eine Holzfchichte, darüber eine Schichte weichen Papieres und endlich ein kräftiges ungeglänztes Papier trägt. Die Form diefes zweiten Bretchens und der Filzlage ift eine folche, dafs das Polfterchen eine fchwache convexe Form erhält. Auf diefes Polfter werden die zu prüfenden Mehle knapp neben einander aufgetragen und dann mit einem zweiten Pölfterchen, welches mit möglichft glattem Papier( Metallpapier) überzogen, fonft aber dem erfteren ganz gleich ift, über die Mehlproben mit kräftigem Drucke hingefahren, wodurch beide Proben, welche fich innig berühren eine ganz gleichglatte Oberfläche erhalten und die geringften Farbunterfchiede auf das Deutlichfte erfichtlich werden. Die Vergleichung der Mehlforten wird dadurch leicht und empfiehlt fich der Gebrauch diefer Vorrichtung in den Miſchkammern von felbft. Wenn wir nun im Vorftehenden eine Befprechung der einzelnen ausgeftellten Mahlproducte als werthlos bezeichneten, fo wird ein Gleiches wohl nicht behauptet werden können, wenn wir die Mahlproducte nach den hiebei verwendeten Mahlverfahren und nach den hauptfächlich exponirenden Ländern befprechen, denn gerade in diefer Richtung herrfcht noch manches erheiternde Vorurtheil. So ift z. B. in dem fonft trefflichen deutfchen Specialkatalog, Seite 140, 141 zu lefen:„ Die dritte Periode der neueren Müllerei charakterifirt fich zunächft durch den Kampf zwifchen Flach- und Hochmüllerei, dann durch die Bemühungen, völlig zufriedenftellende Getreidefchäl- Mafchinen zu ftruiren, den Oberftein ruhen und nur den Unterftein laufen zu laffen, die Walzenarbeit zum Gries machen zu verwenden etc. Die hiebei auftretenden Streite haben( nach allen Richtungen hin) zur Zeit noch zu keinem entfcheidenden Ende geführt, indefs hat man doch in Bezug auf die Mahlmethode fo viel erkannt(!), dafs die Griefsmüllerei mehr für Süddeutſchland, mehr für con* Daher auch die Jury bei Prüfung der Mehle fich folcher Normalmehle( Typen) bediente und zwar eigener für Mehle der Hochmüllerei, der Halbhoch- und der Flachmüllerei. Die Type für Flachmehl Nr. o war nahe gleich jener für Hochmehl Nr. 2. 4 Friedrich Kick. die Kipfel-, Knödel( überhaupt Mehlfpeifen-) Effer, als für die an gröbere Koft gewöhnten Norddeutfchen und ferner dahin pafst, wo man weifs, was man bei der geringen Menge(?!) edleren Mehles mit der grofsen Maffe ordinärer Mehlforten anfangen kann." Diefer Gallimathias dürfte aus dem Journal„ die Mühle" abgefchrieben fein, welches fich oft in diefer Logik gefällt! Alfo die" Kipfeleffer" wiffen mit der grofsen(!) Maffe ordinärer Mehlforten fertig zu werden, aber die an ordinäre Koft gewöhnten Norddeutfchen haben dafür keine Verwendung? Und achtzehn Zeilen tiefer fteht gedruckt:„ Auf dem Felde der Mehlwaaren-( Teigwaaren-) Fabrication, insbefondere in der Maccaroni-, Faden- und FaçonnudelFabrication hat auch Deutfchland bereits mit Erfolg begonnen, den älteren crfahreneren Vorgängern in Italien, Oefterreich- Ungarn etc. Concurrenz zu machen." Es fcheint alfo faft, dafs auch Deutſchland Mehlfpeifen confumirt und hält diefes Concurrenzmachen noch länger an, fo dürften Kipfel- und Knödeleffer in Norddeutſchland auch entdeckt werden können!?- Es zeigt fchon jetzt die Ausftellung der Mahlproducte Deutfchlands, dafs das Beifpiel der erfahreneren Vorgänger" in der Hochmüllerei in Oefterreich und Ungarn nicht unberücksichtigt blieb, und ift ein Vierttheil der ausgeftellten Mehle nach diefem Syfteme erzeugt. So haben Hochmehle ausgeftellt: Beiffert in Dresden, Hildebrand Söhne in Weinheim, Berg in Stuttgart, Genz in Heidelberg, Gramer in Schweinfurt, Wiss in Nürnberg, Bartfch in Jatzdorf bei Ohlan u. A. m., alfo fchon jetzt Hochmüller in verfchiedenen Theilen Deutfchlands, ja felbft Nord- Deutfchlands! Die Mehle der Halb- Hochmüllerei und jene der Flachmüllerei ftehen naturgemäfs im Allgemeinen zurück, doch waren auch folche von hervorragender Weifse ausgeftellt. Befondere Erwähnung verdienen die fchönen Graupen und die vorzüglichen Roggenmehle von Beiffert in Dresden u. A., die fchönften der Aus ftellung; auch Erbfen- und Bohnenmehl in Oefterreich wenig gekannt wurde von drei deutfchen Ausftellern exponirt. - Die Ausfteller von Mehlen nach dem Syfteme der Hochmüllerei bezeichneten dasfelbe zum Theile als" Dauermehl", welche Benennung darin ihre Begründung und Berechtigung findet, dafs die Vermahlung trocken erfolgt, der Griesputz- Procefs an fich auch trocknend auf die Griefe wirkt, und das gewon nene Mehl feines geringen Waffergehaltes wegen einen hohen Grad der Dauerhaftigkeit befitzt. Der in Deutfchland zumeift vermahlene milde oder Weifsweizen geftattet ein längeres Stehenbleiben bei der Flachmüllerei eher als die harten Weizen forten, er liefert geputzt und genäfst vermahlen bis 72 Percent Mittelmehle. Doch ift derfelbe nach, dem Syfteme der Hochmüllerei ebenfalls leicht zu behandeln und liefert fehr fchöne Producte, wenn auch nicht über 27 Percent Klebergehalt. Letztere Angabe, welche aus Proben des Herrn Mühlenbefitzers und Jurors Franz Schmid in Lanzendorf ftammt, veranlafst den Berichterftatter, nachstehende Tabelle einzufügen, welche Schmid's Verfuchsergebniffe enthält und Intereffe für fich in Anfpruch nimmt. Die Mehlfabrication Oefterreichs und Ungarns nahm entfchieden den erften Rang ein. Die ungarifchen Mehle überrafchten durch die auffallende Uebereinstimmung der Mehle Nr. 00 bis 1, eine Uebereinstimmung, welche gewöhnlich in diefem Mafse nicht ftattfindet, fich aber wohl dadurch erklären läfst, dafs man die Ausftellungsobjecte nach einer Sorte von Normalmehlen numerirte. Diefe Uebereinstimmung fand fich in den öfterreichifchen Mehlen nicht vor. Die Ausftellungen der Müller der verfchiedenen öfterreichifchen Kronländer, ferner Ungarns und Kroatiens laffen im Allgemeinen keinen wefentlichen Unterfchied in der Entwicklung der Müllerei wahrnehmen, denn es Mehl- und Mehlfabrikate. Weizen Mehl forte Bei der Teigbildung Kleberausabforbirtes Waffer in beute* Durchfchnittsergebnifs der Mehle aus der Collectivausftellung der Wiener Mehl- und Fruchtbörfe . Durchfchnittsergebnifs aus den Flachmehlen der deutfchen Collectivausftellung* Percent 48 37.5 41 25.5 Auszugmehl von Economo in Trieft. 49 44° 25 Ungarifche Collectivausftellung Weizen) von Vochrameieff 48 37 0 Ruffifches Weizenmehl, Hartmehl( Canadura 60.5 48.65 dto. von Liafchkoff( aus weifsem Weizen) 47 35.3 Amerika( Weifsweizen) Mehl von Thilenius 445 32.5 Algerifches Hartmehl 42.6 32.5 Italien( Cefaretti, Ancona) 38.5 25.0 Spanifches Mehl 40.6 30.0 Japanifches Mehl. 43.0 37.5 hatten fich die kleinen Mühlen, die Schiffmühlen und dergl. von der Concurrenz in der Qualität des Erzeugniffes felbft ferngehalten, während fie am Markte in Folge ihrer Billigkeit immerhin mitfprechen; die öfterreichifchen Kunftmühlen aber arbeiten alle in der Hauptfache nach derfelben Methode. Die vorhandenen Unterfchiede in der Fabrication waren zumeift nicht erfichtlich gemacht, nur C. Hannak aus Brandeis in Böhmen hatte feinen Producten eine tabellarifche Darftellung der Fabrication beigefügt; bei A. Hlavač aus Poděbrad erfuhr der Berichterftatter, dafs die befonders fchönen Mehle Nr. 2 bis 5 diefes Ausftellers theilweife in Folge befonders forgfältiger Reinigung des Getreides entstanden; L. F. Daubek in Brünnlitz ftellte gereinigten Dunft aus, deffen Reinigung nicht durch die Putzmafchinen mit faugender oder blafender Wirkung, fondern durch einen eigenthümlichen Siebprocefs ( Abfauberung) bewirkt wurde; Joachim Nigrin in Swarow, ftellte aus brandigem Weizen erzeugte Mehle aus, welche ihres Gleichen wohl fuchten. Die Vorzüglichkeit der öfterreichifchen Mehle läfst mit Recht vorzügliche Teigwaaren( Maccaroni, Nudeln und Schnittware) erwarten und die Leiftun* Die Kleberbeftimmung aus je 20 Gramm Mehl erfolgte in der bekannten Weife durch Auskneten, und zeigt diefe Methode überall dort zu wenig Kleber an, wo derfelbe durch nachtheilige Veränderung des Mehles( z. B. als Folge von naffer Vermahlung) feine Eigenfchaft im Waffer aufzuquellen verlor. Hingegen wird bei kleiereichen Mehlen um diefe mehr Kleber gefunden, da die Kleie nicht durch das Säckchen geht. Die Zahlen bezeichnen das Gewicht naffen Klebers auf 100 Theile Mehl. Bei der Teigbildung wurde fo lange Waffer zugefetzt, bis ein gut knetbarer, nicht klebriger Teig entftand. 5. 6 Friedrich Kick. gen der betreffenden Fabriken Kleinmünchen in Oberösterreich, R. Hofer in Fünfhaus, Fifcher von Röslerftam in Hundsthurm in Wien, ferner von Pafentto's Söhne in Trieft u. A. find den italienifchen ebenbürtig und liefsen Nichts zu wünſchen übrig. Eine eigenthümliche ungarifche Suppen- Mehlfpeife die Tarhonya, exponirte J. Bartok in St. Miklos und Oblat& Comp. in Szegedin;, auch die Maccaronifabrication war gleichfalls durch ungarifche Ausfteller vertreten. Trotz des Auffchwunges der Pafta oder Teigwaarenfabrication in Oefterreich- Ungarn und Deutfchland blieb doch die fo vielfeitig beliebte engliſche Theebäckerei( Bisquits) unnachgeahmt und hatten felbe nnr Hnutley& Palmers in London, Peek, Frean& Comp. in London und Gaetani Guelfi in Pifa ausgeftellt. Von gröfserer Wichtigkeit als die ausgedehntere Befprechung der ausgeftellten Mehle und Mehlwaaren erfcheint uns die Frage nach den Fortfchritten im Mühlenwefen oder der Mehl- und Graupenfabrication und jene der Bäckerei. In diefer Richtung zerfällt unfere Aufgabe in die Befprechung der Getreidereinigungs- und Trockenmafchinen, der Putz- und Schälmafchinen, der Mahlgänge und fonftigen Mittel zur Mehlerzeugung, der Mühlfteine und SteinSchärfmafchinen, der Beutelvorrichtungen, der Schrot- und Griesputzmafchinen, der Graupenmaſchinen und endlich der Hilfsmittel des Bäckers. In dieser Reihenfolge entſprechen wir zugleich im Wefentlichen der Eintheilung unferes Buches:„ Die Mahlfabrication" Leipzig, Arthur Felix 1871, welches dem Lefer dort Auffchlufs geben kann, wo der Bericht vielleicht unklar erfcheint, deffen Aufgabe methodiſcher Aufbau nicht ift, da er nur die Ausftellung und zumeift das Neue daran zu befprechen hat. Getreide- Reinigungsmaschinen. Die Maſchinen mit Siebwerken und Ventilator, die fogenannten Säube rungsmafchinen und ebenfo die in reicher Auswahl ausgeftellten Trieur können hier übergangen werden, weil fie einerfeits mehr in das Gebiet der Landwirthfchaft fallen, anderfeits hinlänglich bekannt find. Zum Zwecke der Entfernung der Steine aus Weizen und Gerfte( bei letzterer namentlich dann von befonderer Nothwendigkeit, wenn die Gerftenkörner zur Graupenfabrication auf Schneidwerken getheilt werden) dienen J. Hignette's Stein- AuslefeMafchinen und arbeiten diefelben, wenn gut geftellt, tadellos, doch mit geringer Lieferung. Die Figuren I und 2 auf Tafel I zeigen Grundrifs und Vorderanficht. Das Getreide fällt bei a, von einer Gofse kommend, auf die Ebene A B C, welche auf Holzfedern F ruhend, eine geringe, dem Zwecke angemeffene Steigung hat. Der Hauptfache nach haben wir einen dreieckigen, geneigten Kaften mit niederen Wänden. Die fchweren Theile werden naturgemäfs durch das Rütteln in Folge der geneigten Lage des Bodens gegen die tiefer liegende Spitze gleiten, die leichteren Theile gehen gegen oben und verlaffen die Mafchine bei O, O. Die Mittelwände haben neben dem Zwecke der Verthei* Trieur's in reicher Auswahl für die Abfcheidung der verfchiedenen runden im Getreide enthaltenen Saamen, fo wie für Abfcheidung von Gerfte und Hafer aus Weizen hatte J. Pernollet, Paris rue Saint- Maur- Popincourt 116, ferner M. Bauer in Wien u. A. ausgeftellt. Die Trieur's arbeiten gut aber mit geringer Leiftungsfähigkeit; M. Bauer rühmt feinen Trieur's oder Radenfängern die dreifache Leiftungsfähigkeit nach u. z. Nr. 1 mit 3 Cylindern foll 1200 Kilogramm per Stunde mit 3/4 Pferdekraft, Nr. 2, 800 Kilogramm mit Pfund Kraft und Nr. 3( mit 1 Cylinder) 400 Kilogramm mit 1/4 Pferdekraft liefern. Mehl- und Mehlfabrikate. 7 lung, auch die Aufgabe, ein zu rafches, erfolglofes, nach abwärts Gleiten des Getreides zu hindern. Der Kaften D ift bei der Operation des Steinauslefens gefchloffen, es fammelt fich in denfelben Anfangs Getreide an, diefes wird aber bald durch die angefammelten Steine verdrängt, welche, nachdem der Kaften damit gefüllt ift, abgelaffen werden. Diefe oder ganz ähnlich conftruirte, kleinere Mafchinen werden auch zur Trennung fchweren Weizens von leichtem oder Weizen von Hafer etc. verwendet und wird dann D offen gelaffen, unter demfelben aber ein Sieb angebracht, durch welches im Weizen enthaltene kleine Samen abgefondert werden. Es ift bekanntermafsen leicht, das Getreide von, der Gröfse nach, wefentlich verfchiedenen Verunreinigungen zu befreien, durch Hignette's Steinauslefer werden aber gerade Steinchen von Weizenkorngröfse fehr leicht entfernt. Die rüttelnde Bewegung wird von einem Vorgelege, das je nach der Gröfse der Mafchine zwifchen 90 und 115 Touren der Kurbelwelle beſitzt, hervorgebracht. Die gröfsten Maſchinen Nr. 5 follen bis 4000 Liter tägliche Leiftung erreichen, es würden alfo auf vier Mahlgänge drei Mafchinen erforderlich fein. Diefe geringe Leiftung fteht der Anwendung der fonft vorzüglich arbeitenden Mafchinen von Hignette im Wege. Zum Zwecke der Trennung leichter Theile vom Weizen wird weit vortheilhafter die Saugputzmafchine( Tarare, Aspirator) angewendet, welche in Fig. 3, Tafel I dargestellt ist. Durch A fällt das zu putzende Getreide in die Mafchine und wird in B von der durch den Saugventilator angefaugten Luft getroffen. Die fchweren Körner fallen bei B herab, leichte Körner gelangen nach C und Spreu und dergl. wird durch den Ventilator ausgetrieben. Diefe Mafchine wird häufig auch dazu verwendet, das von den„ Schälmafchinen" kommende Getreide von den noch anhängenden Kleietheilchen zu reinigen. Eine Mafchine diefer Art war mit der Bezeichnung M. Bauer's Patent Saug- Putzmühle ausgeftellt; es blieb uns aber gänzlich verborgen, worin bei diefer vielerorts gebauten Mafchine das„ Patent" beftehen foll. Getreide- Trockenmafchinen. Davey& Paxmann von Colchefter haben eine Getreide- Trockenmafchine ausgeftellt, welche der Schnitt Fig. 4, Taf. I zeigt; A ift ein hohler rotirender Cylinder, in welchem rechts durch a Dampf eintritt, welcher durch 6 austritt und durch ein in der Figur nicht gezeichnetes Rohr in den Dampfmantel B, B gelangt und endlich mit dem Condenfationswaffer bei c abgeleitet wird. Der Cylinder A ift mit vier fchwach fchraubenförmig gebogenen durchlöcherten Treibern befetzt, welche Bürften tragen. Das zu trocknende Getreide wird in die Gaffe G gefchüttet, durch Walzenzuführung gleichförmig in den Raum C gebracht, von den Bürften und Leiften erfafst und allmälig zum Auslaufe D befördert. Die Löcher in den Treibern bezwecken ein Wenden des Getreides. Auf diefem Wege befinden fich ftets ober und unter dem Getreide mit Dampf geheizte Wände, welche eine Verdunftung des Waffers bewirken. Zum Zwecke der Abführung des entwickelten Dunftes ift für Luftwechfel im Trockenraum geforgt, indem ein Ventilator E die Luft aus dem Raume Fausfaugt, in welchen durch die Löcher i i Luft von Aufsen nachtritt, diefe( erwärmte) Luft treibt der Ventilator bei G in den Trockenraum, welchen die Luft der Länge nach bis C durchzieht und bei d gefchwängert mit Dünften verläfst. Es ift aus der Zeichnung erfichtlich, dafs A die rotirende Bewegung von ferhält, der Antrieb von f, fowie des Ventilators ift jedoch weggelaffen. 8 Friedrich Kick. Die Mafchine hat eine Länge von circa 4 Metern und foll per Stunde 17'5 Wiener Metzen oder 1080 Liter Getreide trocknen. Der Cylinder macht 34 Touren per Minute und wird angegeben, dafs per Metzen zu trocknenden Getreides circa ein Pfund guter Kohle verbraucht wird. Für Mühlen wird diefe Mafchine übrigens nur ausnahmsweife zu empfehlen fein, weil das Wafchen des Getreides fehr felten angewendet wird. Getreide- Putz- und Schälmafchinen. Die Zahl der Getreide- Putzmafchinen auf der Ausftellung war keine geringe und waren fowohl Mafchinen, welche mit fcharfen Theilen( Reibblech, Sägen) als folche, welche nur mit kannelirten Flächen wirken, vertreten. Wir fahen Proben von den meiften derfelben, welche Nichts zu wünſchen übrig laffen und folgt hieraus eben, dafs das Getreide nach mehrerlei Façon geputzt,„ gefchält" werden kann. Wie bei den Nähmaschinen faft jede Firma ihre Waare als die allein ausgezeichnete hinftellt, fo treffen wir auch hier auf die bitterfte Concurrenz und oft überlautes Selbftlob und als Ergebnis der Betrachtungen kömmt man immer wieder zu dem Schluffe, dafs der Weizen- diefe wichtigfte der Getreidearten eben nie vollständig gefchält werden kann, und dafs die Arbeit eine befriedigende genannt werden mufs, wenn ein tüchtiges Putzen auf trockenem Wege bewerkstelligt wird, ohne zu viele Körner zu brechen oder zu zerreiffen. Wefent lich ift, den abgeriebenen Putzftaub möglichft bald und vollkommen wegzutreiben, damit er fich nicht wieder an die Körner anhängt. Schäl oder Putzmafchinen mit Reibblech oder dergl. hatten in konifcher Form der Trommel ausgeftellt: L. Nemelka in Simmering bei Wien, Hauptftraffe 106; Wenzel Jonas in Pfaffftätten Niederösterreichs, in cylindrifcher Form Franz Holtzhaufen in Bieberftein bei Siebenlehn in Sach fen, Oskar Reifsmann in Mittweida und Millot in Zürich. Nemelka's Mafchinen find folid gebaute Konufe, die innere Trommel mit Sägen ftatt Reibblech armirt( Syftem Aumann); die Mafchine von Jonas konnte in ihrer inneren Einrichtung nicht befehen werden, und blieb eine briefliche Anfrage diefsbezüglich unbeantwortet, da nur mitgetheilt wurde, dafs diefe Mafchine drei Pferdekräfte benöthigt und in 24 Stunden 300 Metzen Frucht reinigt und fortirt. Die Mafchine von Holtzhaufen ift cylindrifch, der Reibblech- Cylinder ift innen durch Ringe in mehrere Etagen getheilt, wodurch der Weg, welchen das Getreide zu durchlaufen hat, verlängert wird; an der verticalen Welle fitzen Flügel, Treiber und unten Windflügel, wodurch das aus der Mafchine fallende, geputzte Getreide noch vollftändiger ausgeblafen wird. Reissmann's Mafchine ift circa fieben Fufs hoch und der Mantel theils aus Reibblech, theils aus Steinen gebildet. Sie foll bei einem Kraftverbrauch von vier Pferdekräften bis zwölf Centner Weizen per Stunde reinigen. Millot's Putzmafchine unterfcheidet fich von den letztgenannten fehr wefentlich dadurch, dafs der Cylinder horizontal liegt, nicht in Abtheilungen getheilt wird und das Getreide durch acht fchwach fchraubenförmig gewundene Leiften, deren vier Drahtbürften tragen, während die anderen vier eiferne Treiber bilden, herumgetrieben und langfam von dem einen Ende des Cylinders gegen das andere bewegt wird. Fig. 6, Taf. I ftellt eine Skizze des Verticalfchnittes dar, aus welcher zu erfehen, wie der Cylinder geformt ift. Bekanntlich nützen fich Drahtbürften allmälig ab, und find zu diefem Zwecke die Arme, welche die Bürften tragen, zum Verlängern eingerichtet. Der Mantel ift aus Reibblech gebildet, welches jedoch nicht mit einem dreieckigen Durchfchnitt, fondern einem circa fechs Millimeter langen Meifsel durchbrochen wurde, und daher Längsfpalten Mehl- und Mehlfabrikate. 9 obbezeichneter Dimenfion enthält. Der aus der Mafchine kommende Weizen paffirt den Wind eines Ventilators. Betriebskraft zwei Pferde. Leiftung nicht angegeben. Zu den Schälmafchinen mit ċannellirten Arbeitstheilen, welche alfo ohne Reibeifen arbeiten, gehören die von M. Bauer ausgeftellten Mafchinen nach Seck's Syftem, die Mafchinen Puhlmann's, Kohn's und zwei etwas abweichende Schälmafchinen ,, Eureka" genannt, von Howes& Babcock & Comp. Es haben die Schälmafchinen diefer Kategorie den grofsen Vortheil, dafs fie keiner Nachfchärfung bedürfen und auch weniger getheilte Körner vorkommen. Wenn die Mafchinen mit Reibblech noch weiter in Gebrauch ſtehen und neu aufgeftellt werden, fo mag diefs feinen Grund in der meift gröfseren Einfachheit der Conftruction und den von manchem Müller noch geliebten fchärferen Angriff haben, fo wie manche gar keine ,, Schälmafchinen" anwenden, fondern die Arbeit durch Spitzgänge beforgen laffen, welche fcharf angreifen, dafür aber auch etwas Verluft mit fich bringen. Wir haben uns bei Bauer's, Puhlmann's und Howe's Mafchine überzeugt, dafs die Arbeit eine ganz vorzügliche ift, und dafs von Staubbrand befallener, und dadurch ganz graufchwarzer Weizen rein aus der Mafchine herausgekommen ift. Diefes gleiche Refultat ift durch das gleiche Princip diefer Mafchinen erklärt. Die Mafchine von M. Bauer in Wien, Praterftrafse 78, ift in allen drei Variationen, welche fie feit ihrer Erfindung durchlief, in des Berichterstatters Lehrbuche„ Die Mehlfabrication" befchrieben und abgebildet und mag hier nur erwähnt werden, dafs die anfänglich complicirte Zuführung durch eine ganz einfache erfetzt und ebenfo der Weg des Getreides vereinfacht wurde. Gegenwärtig beſteht die Mafchine aus einem Cylinder aus cannelirtem Bleche, welcher durch angebrachte Ringe in Etagen getheilt wird. In dem äufseren feftftehenden Cylinder rotirt ein Siebcylinder, welcher aufsen Treiber trägt, die den Weizen zwingen, fich gegenfeitig und an den Wänden reibend, fämmtliche Etagen zu durchlaufen. Die Wand des äufseren Cylinders ift gegen die Staubkammer zu durch ein Sieb erfetzt, durch welches der abgeriebene Staub vermittelft des Windes getrieben wird, welcher durch grofse Flügel die im Innern des Siebcylinders angebracht find, erzeugt wird. Die Schäl- oder Putzmafchine von Puhlmann, Berlin, Lankwitzftrafse. Nr. 14, ift der vorftehenden fehr ähnlich. Der gleichfalls cylindrifche Mantel ift mit Verticalreihen von Erhöhungen oder Buckeln verfehen, durch welche der Cylinder gleichfalls wellig wird. Jede Erhöhung hat an ihrer höchften Stelle einen Schlitz, durch welchen die abgeriebenen Staubtheilchen in die äufsere Umhüllung und von diefer in die Staubkammer gelangen. Der die Mafchine verlaffende Weizen wird von dem Winde eines unter der Mafchine angebrachten Ventilators getroffen, welcher Weizen, leichte Körner und Kleie fcheidet. Die Mafchine von Albert Kuhn in Halle an der Saale foll ebenfo gut arbeiten und ift auch ähnlich conftruirt; Genaueres können wir, da die Mafchine gefchloffen war und nicht arbeitete, nicht angeben. Die Putzmafchine„ Eureka" von Howes, Babcock& Comp. in Amerika, Vertreter J. N. Sears& Comp. in London, Fenchurch- Street 17, ift in Figur 5, Tafel I im Durchfchnitte gezeichnet, und ift diefer Durchfchnitt dem Profpecte des Erfinders entnommen, welcher fich dadurch vortheilhaft auszeichnet, dafs er an dem fonft im Mühlenfache fo beliebten Blindekuhfpielen nicht theilnimmt; er bot eben etwas mehr als die blofse Zeichnung eines Kaftens, wie viele Andere dies fo fehr lieben. Das Getreide tritt bei A ein, paffirt den Cylinder B, gelangt durch C nach D, wo dem Weizen der angefaugte Luftftrom entgegentritt, welcher die leichten Körner nach E, die Kleie nach F zum Ventilator und vor diefem in die Staub- und Kleiekammer führt. Diefer Ventilator faugt, wie die Pfeilchen andeuten, die Luft auch aus dem Staubmantel. Wir fügen zum Vergleiche der letzten vier Maſchinen nachftehende Daten nach Angabe der Ausft eller bei. Bezeichnung der Mafchine Leiftung der Mafchine in Zollcentnern Touren Friedrich Kick. KraftPreis verbrauch in ,, Pferdeloco Wien Gulden öfterr. kräften" Währung 300 M. Bauer 6-30 2-6 ( e) 35° Höhe Länge in Metern Breite Anmerkung Wird in vier verI- 2 1-16 1-15 fchieden. Gröfsen gebaut. Nr. 1 20-30 212-3 480( 260) I'57 I'26 I Puhlmann Nr. 2 40-50 32-4 525( 315) 1.67 1'36 I Howes& Babcock 5-100 700 450 ( e) 2-3 0'75 bis 0.75 bis I 2 I'2 20 820 Kuhn 30 40 125, 150, 175 615 1/ 2-2-21/ 2 Thaler loco 510 Halle verBaut zwei fchiedene Gröfsen. Die Preife in() find für Holzgeftelle. In zehn verfchiedenen Gröfsen gebaut. In drei verfchiedenen Gröfsen. Die Mahlgänge. Die eminente Mehrheit der ausgeftellten Mahlgänge waren Steingänge mit bewegtem Oberftein und dürfte die Aufzählung derfelben, da fie keine befonders hervorragenden Einzelheiten boten, unterbleiben können. Einen Mahlgang mit beweglichem Unterftein hatte Turner in Ipswich ausgeftellt. Die Steinftellung erfolgt durch Hebung des Bodenfteines, zu welchem Zwecke die Mühlfpindel wie gewöhnlich gehoben wird. Der Oberftein kann horizontal geftellt werden, fteht aber fonft feft. Die Walzenmühlen waren durch eine Stuhlung mit drei Paar Walzen, ausgeftellt von der Mafchinenfabrik von Efcher Wyss& Comp. in Leesdorf bei Wien vertreten. An den principiellen Theilen diefer Mafchine ift Nichts eingeführt worden, doch ift eine conftructive Verbefferung angebracht, welche erwähnt zu werden verdient. Bei den Stuhlungen früherer Conftruction waren die Lager der Walzen in Schlitzen der Ständer verfchiebbar und wurde die richtige Einſtellung durch Schrauben bewirkt. Hiedurch war weder ein Nachlaffen der Schrauben, noch die Uebelftände des todten Ganges vermieden. Diefe Mängel find durch die neueſte Conftruction befeitigt. Das Lager L des Walzenzapfens z, Figur 7, Tafel I ift in einer grofsen cylindrifchen Höhlung des Ständers eingefchoben, und kann in diefer Höhlung gedreht werden. In dem fcheibenförmigen Lagerkörper ift das Zapfenlager excentrifch eingedreht. Zum Zweck der Drehung des Lagerkörpers im Ständer trägt erfterer die aus der Figur erfichtlichen gefchlitzten Anfätze, deren unterer in ein Zahnfegment endet, welches die Bewegung von der Schraube ohne Ende s erhält. Wird der Lagerkörper um den Winkel a gedreht, fo macht diefe Drehung der Zapfenmittelpunkt mit, wodurch die Walze um den Sinusversus von( bei den in der Figur erfichtlichen Conftructions Verhältniffen) mal dem Abftande des Zapfen- und Lagermittels gegen rechts( das ift gegen die zweite Walze) bewegt wird. Es verhindert fchon der Eingriff des Segmentes in die Mehl- und Mehlfabrikate. 11 Schraube ohne Ende jede beabsichtigte Drehung des Lagerftückes und dadurch Verfchiebung der Walze, zur gröfseren Sicherheit jedoch wirken zwei Klemmfchrauben i i, fefthaltend in der jeweilig gegebenen Stellung. Es mag hier erwähnt werden, dafs beide Lager der ftellbaren Walze durch diefelbe Vorrichtung aber von einander unabhängig ihre Pofition bekommen. Eine geringfügige Aenderung in der Conftruction der Sättel, welche das Mehl gut von den Walzen abftreifen, kann unbefprochen bleiben. Man kommt allmälig in weiteren Kreifen zu der Erkenntnifs der grofsen Bedeutung der Walzenmühlen und mehrt fich deren Anwendung in Oefterreich wefentlich. Das hervorragendfte Beifpiel liefert die Walzenmühle in Peft, welche alle Schwierigkeiten der Mahlmethode mit Walzen glücklich überwand und den durchfchlagenden Beweis der ökonomifchen Zuläffigkeit diefes Verfahrens liefert. Es mag hier erwähnt werden, dafs in diefer Mühle die Walzen nicht nur zum Schroten und Grieserzeugen, fondern auch zur Herftellung des Mehles verwendet find. Die Schrotgänge find von den Weifsgängen wie ich bereits in meinem Lehrbuche, in welchem die Zeichnung der Stuhlung gegeben ift, angeführt habe dadurch verfchieden, dafs erftere geriffelte Walzen, letztere vier glatte Walzen befitzen. Man rechnet drei Walzengänge in ihrer Leiftung als gleichwerthig mit zwei Mahlgängen. Der Kraftverbrauch beträgt je vier Pferdekräfte. - Walzengänge oder Schrotmühlen mit einer Walze waren auf der Ausftellung nur durch Zeichnungen der St. Georger Mafchinenfabrik und Eifengiefserei vertreten. Ein Walzftuhl diefer Art ift in Figur 8, Tafel I dargeftellt und befteht aus der rotirenden mit Stahlhülfe verfehenen Walze W und der Stahlfchale S, welche durch Kurbelrad und Schraube, wie aus der Figur erfichtlich ift, der Walze entſprechend genähert werden kann. Diefe Walzenmühlen werden nur zum Schroten und Erzeugen von Feingries verwendet, welcher dann auf Steingängen feine weitere Verarbeitung findet. Per Mafchine foll 2 bis 1 Pferdekraft erforderlich fein, die Leiſtung ift nicht angegeben. Statt der Stahlfchale wird häufig auch ein Stein gegen die rotirende Walze gedrückt. Die Fabrik fügte ihrer Zeichnung ein Mahlergebnifs bei, nachdem aber keine Mehlproben, welche einen Vergleich geftatteten, vorlagen und das Ergebnits der Vermahlung 103 95 Percent(!) auswies, fo verzichten wir auf die Wiedergabe, als völlig werthlos. Handmahlmühle mit Mahlfcheiben von Franz Sautner's Söhne in Graz, Rebengaffe. Für ganz ausnahmsweife, ländliche Verhältniffe mögen noch Handmühlen am Platze fein, induftrielle Bedeutung haben diefelben natürlich nicht. Figur 9 zeigt eine Skizze des Sautner'fchen Mahlmechanismus. S, S find die beiden Mahlfcheiben. S fitzt an der Welle w und wird durch Umdrehung von R in Bewegung gefetzt, S' ift am Schuber B feft und kann längs A A durch die Schraube C verfchoben und fo die Scheibe S beliebig genähert werden. In das Loch i der feften Scheibe S'( vergl. Figur 9 b) fällt die zu vermahlende Frucht und gelangt fo zwifchen die Mahlfcheiben, wird von diefen vermahlen und endlich ausgeworfen, um in einen unterhalb liegenden Bürftencylinder zu gelangen, welcher das Sieben beforgt. Den Lohnmüllern wird. diefe patentirte Erfindung wohl ungefährlich bleiben!!! Ueber die„ Univerfalmühle" von Ferdinand Rechtberger in Iglau, welche in ihrer äufseren Form eine Kaffee- Reibmafchine höherer Ordnung zu fein fcheint, kann der Berichterftatter trotz feiner Bemühungen den Schleier zu lüften, keinen Bericht erftatten. Die Müllerei ift, fobald es fich um Erzeugung halbwegs befferer Mehlforten handelt, ein Gewerbe, welches Kenntniffe und Routine verlangt, es handelt fich hier nicht blofs um Verkleinerung, wie beim Mahlen von Cement, Gyps, Knoppern, Caffé und dergl. Der Müller hat mit Berücksichtigung der Eigenfchaften des Getreides bei möglichfter Mehlausbeute doch dahin zu trachten, die äufserften Theile des Getreidekernes( Kleie) nicht ins Mehl zu bringen, alſo 12 Friedrich Kick. möglichft wenig zu verkleinern, dennoch aber keine Mehltheile an den Kleien zu belaffen, diefe möglichft auszumahlen. Aus diefem Grunde ift es nichts weiter als ungerechtfertigte Reclame, wenn Sautner's Söhne von ihrer Handmühle fagen, dafs damit alle Mehlforten erzeugt werden können." Der Bauer, der fie benützt und in zehnftündiger Arbeitszeit einen Metzen Getreide vermahlen hat, wird eben nur ein ganz mittelmäfsiges Mehl erhalten können, fchlechter wie das unferer heimifchen Schiff- und Windmühlen durchfchnittlich ift. Die in der Müllereibranche wohlbekannte Firma L. Nemelka in Simmering bei Wien, gab fich bei einem ihrer Ausftellungs- Objecte einem ähnlichen Irrthume hin. Die transportable Kunftmühle", gegen deren compendiöfe Conftruction Nichts einzuwenden ift, foll den Vortheil bieten, keine Verbindung mit dem Gebäude zu verlangen, daher auch in proviforifchen Nothfchupfen untergebracht werden zu können und transportabel zu fein; fie befteht aus einer Frucht- Reinigungsmafchine, einem Coppcylinder, der Spreu- Abblafemafchine, dem Mahlgang, je einem Schrot, Sortir- und Mehlcylinder und Gries- Putzmafchinen; zur Verbindung find Elevatoren und Mehlfchrauben angebracht. Während Drefchmafchinen unter Verhältniffen, wie fie Ungarn bietet, häufig beſtimmt find auf dem Felde hier und dort zu arbeiten, können wir uns doch keinen Fall denken, wo transportable Mühlen zum Bedürfniffe würden. Diefe Zufammenftellung kann an fich, weil fie compendiös ift, die Müllerei als landwirthschaftliches Nebengewerbe erleichtern, aber darüber darf man fich nicht täufchen, dafs jener Arbeiter, welcher den Gang diefer transportablen Mühle leiten foll, Müller fein und als folcher auch möglichft fortwährende Verwendung hierbei finden mufs. Nicht umfonft kam das Princip der Arbeitstheilung im Mühlenfache fchon im grauen Mittelalter zur Durchführung und wurde es von der Landwirthschaft ausgefchieden, dasfelbe wieder vereinigen, wäre verfehlt. Beachtenswerth erfcheint uns hingegen die Idee des Herrn W. Jonas in Pfaffftätten, welcher das Getreide ftatt auf Mahlgängen zu fchroten, feiner Fruchtfchneide Mafchine übergibt, welche die Verkleinerung zu grobem Gries mit der halben Kraft eines Mahlganges und der doppelten Leiftung beforgen foll. Leider gehört Herr Jonas zu jenen Mühlenconftructeuren, welche wünfchen, dafs man die Katze im Sacke kaufe, denn es wurde der Berichterftattung nicht ermöglicht, mehr als das Gehäufe der Mafchine zu befehen, und eine briefliche Anfrage hatte von Seite des Erfinders gar keine, von Seite der Vertreter Gebrüder Pichler nur die Mittheilung obiger Daten zur Folge. Wir würden den Gegenftand unerwähnt gelaffen haben, wenn nicht die Idee an fich Erwähnung verdiente. Zu den intereffanteften Neuerungen im Mühlenwefen gehört Carr's Desintegrator oder Schleudermühle, welche die Zerkleinerung nach einem neuen Principe bewirkt. Zwei Syfteme von Stahlbolzen, an gegeneinander rotirenden Scheiben befeftigt, bewegen fich mit circa 70 Fufs( 23 Meter) Gefchwindigkeit per Secunde und fchleudern das zwichen gebrachte Getreide mit folcher Gewalt zwifchen den Bolzen hin und her, dafs dasfelbe in ein ziemlich feines. mehlreiches Schrot verwandelt wird. Figur I und Figur 2, Tafel II zeigen uns zwei Conftructionen der Carr'fchen Schleudermühle, die auf der Ausftellung durch zwei, von Carl Selbach& Deiters in Mannheim, im deutfchen Pavillon für Ziegelei und Eismafchinen ausgeftellte Exemplare vertreten war, welche jedoch zur Kohlenverkleinerung, für welche fich die Schleudermühlen ganz befonders eignen follen, beftimmt fchienen.* * Vergleiche: Dingl. polytechnifches Journal Band 201 S. 387; Hiftory and defcription of the desintegrating flour mill by Thomas Carr. Birmingham. M. Billing& Son 1872. Mehl- und Mehlfabrikate. 13 In beiden Figuren bezeichnet A den Einlauf des Getreides( Goffe); B und C die beiden, nach entgegengefetzen Richtungen rotirenden Scheiben, an welchen die Bolzen i, i und o, o befeftigt find, E, F, die Antriebs- Riemenfcheiben und G die Mehlfchraube zur Hinausbeförderung des Mahlgutes aus der Mafchine. Die Mafchine ift, um das Herumfchleudern von Mahlgut zu verhindern, durch eine Haube humfchloffen. Wird die Carr'fche Mafchine zum Mahlen verwendet, refp. in den Mechanismus der Mühle eingeführt, fo fällt ihr nur die Aufgabe zu, ein fehr mehlreiches Schrot zu liefern. Der Weizen wird zuvörderft geputzt, dann auf Walzen leicht gequetfcht, wobei die Körner fich zumeift in je zwei etwas flachgedrückte Theile ( Hälften) fpalten, hierauf der Wirkung der Schleudermühle oder des Desintegrators ausgefetzt. Das von diefem gelieferte, fehr mehlreiche Schrot wird abgebeutelt, hierdurch Mehl, Griefe und reines Schrot erhalten. Die Griefe werden geputzt und getrennt vermahlen; das Schrot wird gleichfalls auf Mahlgängen weiter verkleinert. Die Leiftungsfähigkeit diefer Mafchine ift überrafchend grofs, ebenfo bedeutend aber auch der Kraftaufwand. Ein Defintegrator von 18 Meter Durchmeffer und o 23 Meter Scheibenabftand, liefert bei 400 Touren der Mahlfcheiben 5814 Liter oder 94'5 Metzen Weizenfchrot per Stunde. Auf 24 Stunden gerechnet gäbe diefs ein Mahlquantum von circa 2200 Metzen, oder nach des Erfinders Angabe die Arbeitsleiftung von 25 Mahlgängen, bei einem Kraftverbrauch von 145 Pferdekräften. Nachdem jedoch nach hiefigen Einführungen 1200 Zollzentner Weizen( circa 1300 Metzen) in fechzehn Stunden auf vier Gängen à 7 Pferdekraft gefchrotet werden, fo wären nur circa fünf Gänge oder, wenn die Verkleinerung des Desintegrators als doppelt fo intenfiv genommen würde, zehn Gänge erforderlich. Der Erfinder könnte entgegnen, die durch die Schleudermühle bewirkte Verkleinerung fei fo grofs wie die vom viermaligen Schroten der Hochmüller, ja fie fei noch grösser und darin liege der Gewinn. Wir erfehen aus diefer Betrachtung, dafs es fich zunächft um die Frage handelt: Welches find die Eigenfchaften des vom Desintegrator gelieferten Productes? Der Berichterstatter verdankt der Freundfchaft des Herrn Docenten J. Zeman eine kleine Sammlung von Mahlproducten der mit Carr's Desintegrator arbeitenden Getreidemühle von Gibfon& Walker in Bonnigton bei Edinburgh, und war hierdurch in der Lage, diefe Producte zu prüfen, wenn auch die geringe Menge der Probe des Desintegratorfchrotes die Auffuchung des Percentgehaltes von Mehl, Griefs und Schrot nicht zuliefs. Das vom Desintegrator kommende Schrot enthält viel Mehl und gröfsere Bruchftücke der Körner, hingegen wenig Griefs. Nach einer Angabe in Dinglers polytechniſchem Journale, Band 204 S. 449, enthält dasfelbe 33 Percent Mehl 20 Dunft 99 14 Gries 29 31 " grobe Theile( Schrot) Wie verhält fich nun diefes Ergebniſs gegenüber den Anforderungen der Flach und der Hochmüllerei? Der Hochmüllerei liegt befonders viel an einem reichen Ertrage der fogenannten feinen Züge; diefe laffen fich aber nur durch den ausgebildeten Griesputz und Vermahlungsprocefs erlangen, daher mufs der Hochmüller möglichfte Griesausbeute anftreben, auf welche er nur dann verzichten könnte, wenn er auf anderem Wege ebenfo fchönes Mehl in entſprechender Menge erhielte. Nachdem nun der Desintegrator wenig Gries liefert, das von ihm genommene Mehl aber nicht zu den feinen Zügen gehört, wie aus nachftehendem Vergleiche zu erfehen ift, fo folgt, dafs fich der Desintegrator für Zwecke der Hochmüllerei nicht verwenden läfst. 14 Friedrich Kick. Man erhält nämlich aus hundert Theilen Weizen beim öfterreichifchen Mahlverfahren: Mehl Nr. 00 oder Kaiferauszug 39 17 11 11 29 11 99 " O I 23 4560 27 23 "" Auszugmehl Bäckerauszug 11 Mundmehl Semmelmehl mit Anwendung des Defintegrators*; diefe Züge fehlen gänzlich } 18.9 13.8 12 O Semolina 26 Percent 13.7 Mehl direct vom Desintegrator 45 II 9 weifses Pollmehl 7.3 Kleie- Mehl und dergl. 1175 Kleie, Fufsmehl fchwarzes 11 4.5 16.4 98.5 15.75 11 98.5 Die Flachmüllerei befindet fich in einer anderen Situation. Sie producirt die feinen Züge entweder ebenfalls nicht, oder in geringerer Menge. Eine gut geführte Vermahlung nach diefem Syftem, welches wir bereits Eingangs unferes Berichtes erwähnten, lieferte: Blumenmehl( ziemlich gleich mit vorbenanntem Mehl Nr. 2) 23.92 Percent Plattmehl( zwifchen Nr. 2 und Nr. 3 ftehend) Griesmehl( zwifchen Nr. 3 und 4 ftehend) Kernmehl( gleich Nr. 6) Kleie und Futtermehl( zu Kleie zu rechnen) 40.16 6.26 11 11 8.91 11 13.71 " 91-96 Percent Im Allgemeinen kann als Ergebnifs der Flachmüllerei angenommen werden: 73 Percent Mehl Nr. 1, 2 und 3 7 "" 17 4 bis 6 17 Kleie 17 Vergleicht man diefe Ergebniffe mit dem oben citirten Mahlrefultate Carr's, fo geht hieraus hervor, dafs die Carr'fche Schleudermühle für die Flachmüllerei eher Bedeutung haben könnte, dafs jedoch auch hier die Vortheile fraglich find. Carr fagt zwar: ,, Wie fehr auch die Rafchheit und Oekonomie der Arbeit durch den Desintegrator gefördert wird, fo fällt doch die Güte des erhaltenen Mehles mehr in Betracht, welche fich befonders in feiner Backfähigkeit manifeftirt". In dem Schlufsfatze mag volle Wahrheit liegen, denn das Mehl vom Desintegrator ift körniger als folches von Steinen, und fogenanntes todtgemahlenes Mehl kann hier kaum vorkommen. - Mehl diefer Art, welches die Flachmüllerei manchmal liefert, ift eben fehlerhaft, und auch der Flachmüller vermeidet es, durch gute Führung der Steine. Diefer eine Vortheil kann allein nicht mafsgebend fein. Es ift allerdings wahr, dafs im Producte der Schleudermühle die Kleie meift in gröfseren Partien, alfo weniger zerfplittert vorkommt, doch würde der hierdurch bedingte Vortheil nur dadurch ausgenützt werden, wenn Gries und Schrot nach der Abfonderung dem Putzproceffe unterworfen würde, wie bei der Hochmüllerei, wodurch eine befondere Art von Halb- Hochmüllerei entſtehen würde. In ihr könnte vielleicht ein lokaler Fortfchritt fich finden laffen; gegenüber dem öfterreichifchen Mahlverfahren oder der Hochmüllerei bliebe es aber doch nur eine halbe Mafsregel. Nachdem die Qualität des Productes des Desintegrators deffen Anwendung bei der Hochmüllerei geradezu verbietet, bei der Flachmüllerei nicht * Diefes Mahlergebniſs ift einer im Auguft 1872 erfchienenen Brochure Carr's entnommen. Die dort befindlichen Angaben: Bran flour 4'5 Percent, Exhauft flour 1'5 Percent, Seconds 4 Percent, Parings 175 Percent wurden hier unter Kleiemehl etc. zufammengezogen. Mehl- und Mehlfabrikate. 15 fonderlich empfiehlt, fo müffen wir zum Schluffe noch einen Blick auf die Quantität der Arbeitsleiftung werfen. Wie wir oben angegeben haben, liefert ein Desintegrator 5814 Liter per Stunde, von welcher Lieferung ein Drittel Mehl( 1938) oder fertiges Product ift, während die anderen beiden Drittheile weiter vermahlen werden müffen. Ein Mahlgang hingegen verarbeitet per Tag 3690 Liter, per Stunde 154 Liter vollkommen. Die Arbeitsleiftung bezogen auf ausgemahlenes Product verhält fich alfo wie 1938: 154 oder nahe wie 13: 1. Der Kraftverbrauch wie 145: 8 oder nahe wie 18: 1. Während alfo dreizehnmal mehr Arbeit geliefert wird, verbraucht die Schleudermühle achtzehnmal mehr Kraft. Hierbei ift allerdings auf jene Arbeitsleiftung, welche in Gries und Schrotbildung befteht, nicht volle Rückficht genommen worden, weil diefs nur fchätzungsweife und fehr annähernd möglich wäre; immerhin werden aber die obigen Zahlen einiger Mafsen zur Orientirung dienen können. Carr fagt felbft, dafs feine Schleudermühle obiger Dimenfionen 63 Pferdekräfte zum Leergange verbraucht, alfo eigentlich zur Arbeit nur 145-163, gleich 82 Pferdekräfte bleiben. Diefer enorme Kraftverluft kann nur im Luftwiderftande begründet fein, und da die Mafchine nicht im Vacuum arbeiten kann, fo bliebe nur übrig, durch entſprechende Formung der Bolzenquerfchnitte oder Schlagftifte die Luftwirbel möglichst zu mindern, ohne dabei die Leiftungsfähigkeit zu gefährden, eine wahrfcheinlich fchwierige Aufgabe. Es mag noch Erwähnung finden, dafs der Mühlenbefitzer Franz Schmid in Lanzendorf vor circa zehn Jahren eine Getreide- Schälmafchine conftruirte, die nach demfelben Principe arbeitete, deren Leiftung jedoch nur in den erften Stunden eine fehr gute war, fowie aber die abgeriebene Hülfe fich anfammelte, zu functioniren aufhörte. Mühlfteine und Mühlftein- Schärfmafchinen. Sowie die Wiener Weltausftellung abermals glänzend die Vorzüglichkeit des öfterreichifchen Mahlverfahrens bekundete, fo verhalf diefelbe den franzöfifchen Mühlfteinen zur allfeitigen Anerkennung. Die belgifchen, öfterreichiſchen und deutfchen Mühlftein- Fabrikanten wetteiferten, gut gearbeitete Mühlfteine, aus forglich ausgewählten la Ferté- Steinen, auszuftellen. Die, Belgier Daffonville, St. Hubert, Namur, die Oefterreicher, Ofer in Krems, Gebrüder Israel in Wien, Hübner& Opitz in Pardubitz; die Deutfchen Lüders& Kubon in Dresden, A. Fauqueux& Behrlé in Renchen, Baden; Friedrich Wegner in Stettin und Andere hatten mehr minder vorzügliche franzöfifche Steine zu ihren Mühlfteinen verwendet, und auch fehr folid verbunden. Die Mehrzahl diefer Firmen hatten Cement ftatt Gyps für den Aufgufs; gefchweifste, ftatt genieteter Eifenringe für die Bindung angewendet. In den meiften Fällen find für die Equilibrirung mit Blei auszufüllende Käftchen an der Rückfeite der Steine angebracht, ausnahmsweife, fo von Lüders& Kubon, Gebrüder Israel und Andere, auch ftellbare Gewichte. Hier fehlt es jedoch noch merklich an Verftändnifs der Theorie der Rotationserfcheinungen, und habe ich diefs in meinem Buche ausführlich bewiefen und gezeigt, wie equilibrirt werden follte. Der Stein follte eigentlich nur vollkommen richtig laufend die MühlfteinFabrik verlaffen, hierauf wird aber meift nicht gefehen. Zu der foliden Fügung und Bindung der Steine der obgenannten Firmen( Alexander Fauqueux in La Ferté Sous Jouarre, wiefs diefsbezüglich gleichfalls Mufterleiftungen auf) gefellen fich noch einige kleinere Verbefferungen, welche wir weiter unten berühren. Zunächft wollen wir der Bemühungen gedenken, die franzöfifchen Steine zu erfetzen. J. Schwarz in Wien hatte ein reiches Sortiment inländifcher Quarz 2 16 Friedrich Kick. Mühlfteine aus den Karpathen ausgeftellt, welche wohl auch fehr porös find, doch lange nicht jene zähe Feftigkeit der franzöfifchen Steine aufweifen. Die kleinen Quarzkriftall- Drufen, welche die mannigfach geformten Löcher füllen, bröckeln leicht ab und ift dadurch die gleichmässige Bearbeitung der Mahlfläche, wie fie die La Ferté- Steine geftatten, nicht möglich, die Schärfe wird minder gleichmäfsig und dauernd. Noch weniger für Weizenmüllerei geeignet find die Trachyt- und die Sandfteine. Letztere, befonders die Walfeer Steine, in reicher Auswahl von Johann Mayr& Comp. zu Inzersdorf bei Wien ausgeftellt, eignen fich zum Kleieausmahlen und befonders als Spitzfteine, nicht aber zum Weizenmahlen. Nur ein Steinpaar aus inländifchem Materiale konnte den Anfpruch erheben, den franzöfifchen Steinen zur Seite geftellt zu werden. Diefelben wurden von Geittner& Rauch in Peft ausgeftellt und rühren die Steine aus Bars Geletnek. Die Steine waren in Farbe faft weifs, mit röthlichen Stellen, und glichen den Steinen von E pernon zumeift. Wie fich diefe Steine bewähren, ift uns nicht bekannt geworden. Nachdem die öfterreichifchen Mühlftein- Fabriken trotz verhältnifsmäfsig kurzer Dauer ihres Beftehens den öfterreichifchen Markt vom Bezuge ausländifcher Mühlfteine unabhängig gemacht haben, felbftverftändlich bei Bezug des Steinmaterials aus Frankreich, fo dürften nachftehende Angaben einiges Intereffe beanfpruchen. Die Fabrik der Gebrüder Israel, oder vielmehr die Fabriken diefer Firma in Währing, Dresden, Graz, Jonsdorf und Hoffnung wurden 1867 bis 1872 ins Leben gerufen, und verarbeiten aufser franzöfifchen, auch Jonsdorfer, Hieflauer, Wenizeller, Hoffnunger und andere Steine. Von erfteren follen jährlich 1000 Mühlfteine erzeugt werden, welche nicht nur in Oefterreich, fondern auch in den verfchiedenften Theilen Deutſchlands Abfatz finden. Diefe Firma hält grofse Stücke von den in Hoffnung bei böhmifch Zwickau aufgefundenen Quarzftein, von welchem fie glaubt, derfelbe werde nächft den franzöfifchen Steinen den erften Rang einnehmen, eine Meinung, welcher wir der derben Natur des Steines wegen durchaus nicht beipflichten können, obwohl wir gerne der guten Meinung betreffs der Verwendbarkeit für die Roggen- und Kukurutzvermahlung zuftimmen. Nebenbei fei hier bemerkt, dafs diefe Firma den Saverner Schleifftein in Oefterreich einführte, der in vielen Mafchinenfabriken in Verwendung fteht. Die Ausftellung felbft beftand nicht allein aus tadellos hergestellten fran zöfifchen Mühlfteinen, fondern auch einer gröfseren Zahl diverfer Steine für Graupenfabrication, Hirfe-, Haidekorn- und Hafervermahlung, endlich( in eigenem Pavillon) in einer intereffanten Sammlung von circa 100 ein- bis anderthalb füfsigen Steinen, Proben der in Oefterreich, Deutſchland, Ungarn und Rufsland gebräuchlichen Mühlfteine, fowie diverfer Müllerei- Utenfilien. Die Muhlftein- Fabrik von Jofef Ofer in Krems wurde 1862 gegründet, derfelbe verfuchte anfänglich die franzöfifchen Steine durch inländifches Material zu erfetzen, fabricirt aber gegenwärtig die Mühlfteine für Weizenmüllerei ausfchliefslich aus franzöfifchen Steinen und hatte auch ein Steinepaar aus trefflichem blauem La Ferte- Stein ausgeftellt. Ofer behauptet, in Oefterreich der erfte gewefen zu fein, welcher die Erhöhung in Portland cement ausführte, und es fei ihm kein Fall einer Lockerung einzelner Theile vorgekommen. Bei feinen Ausftellungsobjecten ift als Neuerung hervorzuheben: ein Steinepaar mit conifcher Mahlbahn, wie felbe in Amerika bereits feit längerer Zeit angewendet werden, und bei weniger Kraftaufwand mehr grobkörnigen Griefes liefern follen; ferner Läufer ohne Mittelftück und Bodenfteine mit tiefer gelegtem Mittelstücke, fo, dafs die Arbeit des Vertiefens desfelben gänzlich entfällt, auch die Mahlhöhe controllirbar wird. Mehl- und Mehlfabrikate. 17 Gebrüder Pichler in Wien und Floridsdorf hatten auch gut gearbeitete Mühlfteine exponirt, und ift bei denfelben die Mühlftein- Glafurhohle( aus Terracotta mit Kali- Kalkglas glafirt) hervorzuheben; diefelbe foll gegen andere Hohlen den Vorzug haben, dafs fich das Mahlgut an diefelben nicht anlegt, daher Verftopfungen nicht vorkommen können, und alle hiedurch bedingten Uebelftände wegfallen. Mühlftein- Schärfmafchinen, theils mit Diamant, theils mit Picke wirkend, find auf der Ausftellung mehrere und in ziemlich abweichender Conftruction ausgeftellt gewefen; einen bemerkenswerthen Fortfchritt haben wir jedoch nur an der Diamant- Steinfchärfmafchine von Adler& Rivenc in Genf gefunden. Diefe Mafchine, der von Golay ähnlich, wirkt in der Breite eines Feldes felbftthätig, indem fowohl die längs des Sprengfchlages fortfchreitende, als die Querbewegung durch einen einfachen, gut conftruirten Mechanismus erfolgt. Hiedurch wird der Arbeiter erfpart, und ift nur eine überwachende Perfon nöthig, welche gleichzeitig ganz wohl zwei Mafchinen beauffichtigen kann. Die Vertretung diefer Mafchine hat in Wien Herr L. Martin, Getreidemarkt 14, übernommen. Beutelvorrichtungen oder Sichtemaſchinen. Die Ausstellung bot in diefer Gruppe von Hilfsvorrichtungen der Müllerei nichts Beachtenswerthes, denn die Horizontal Centrifugal- Sichtmafchine von Johann Wern z in Erpolzheim, Rheinpfalz, das einzig Originelle, kann mit der Leiftungsfähigkeit der Cylinderfiebe oder Mehlcylinder die Concurrenz nicht aufnehmen, da die Tagesleiftung nur 800 Kilogramm beträgt, und fallen daher die vom Erfinder angegebenen Vortheile der leichten Zugänglichkeit zum Zwecke des Wechſelns der Gazenummern und der Schmierung, ferner geringer Gaze und Kraftverbrauch nicht in die Wagfchale. Der fehr wefentliche Vortheil der allerorts gebräuchlichen Mahlcylinder ift eben der, dafs eine grofse Menge Mahlgut in kleinem Raume gefiebt werden kann, die bedeutendere Menge erforderlichen Gazes kommt hierbei nicht in Betracht. Bezüglich der Conftruction der Wernz'fchen Mafchine wird es daher genügen zu bemerken, dafs fie aus einer rotirenden, mit Gaze überzogenen Scheibe beftand, deren Mittelpunkt felbft in einem Kreife von geringem Durchmeffer rotirte. Das Mahlgut wurde nahe der Mitte continuirlich aufgegeben, die feinen Theile fielen durch das Sieb, die Kleie aber lief über die Peripherie ab.* Nachdem die Mehrzahl der Müllerei- Hilfsmafchinen ziemlich viel Raum bedürfen, und zum Transporte des Mahlgutes viel Kraft gebraucht wird, fo mufs jede Conftruction begrüfst werden, welche in beiden Richtungen fpart. Diefsbezüglich ift eine an mehreren Orten in der Nähe Wiens angewendete, zuerft aber vom Herrn Franz Schmid in Lanzendorf gebaute Einrichtung zu erwähnen, welche jedoch auf der Ausftellung nicht vertreten war. Diefelbe befteht darin, dafs in einem Kaften zwei Mehlcylinder neben einander aber auch in entgegengefetzter Richtung geneigt angeordnet find, fo zwar, dafs der tieffte Punkt des einen, neben dem höchften des zweiten liegt. Das Mahlgut nun, welches den erften Cylinder verläfst, wird von diefem durch ein Auswurfrad gegen den zweiten befördert, welcher es durch ein Schöpfrad aufnimmt. * Die Wernz'fche Mafchine foll fich ihrer foliden Bauart und guten Verfchluffes wegen zum Formfand- Sieben in Eifengiefsereien recht gut eignen. 2* 18 Friedrich Kick. Schrot- und Griesputz- Mafchinen. Seit den zwanziger Jahren ift in Oefterreich das Putzen der Griefe allgemeiner in Gebrauch gekommen, und hat zu der eigenartigen Entwicklung des öfterreichifchen Mahlverfahrens der Hochmüllerei den Anftofs gegeben, einem Verfahren, welches immer weitere und weitere Kreife zieht. Man bläft oder faugt bekanntlich die Kleie von den Griefen weg, um aus diefen befferes Mehl zu erhalten. Was liegt im Grunde näher, als fchon beim Schrot ein Putzen vorzunehmen? Natürlich mufs das, von den Steinen kommende Schrot eher von Mehl, Dunft und Griefen getrennt werden. Das reine Schrot kann aber mit derfelben Berechtigung dem Putzen unterworfen werden, wie die Griefe und gefchieht dies auch mit trefflichem Erfolge in neuefter Zeit. Figur 10 auf Tafel I zeigt uns eine Schrot- Putzmafchine mit faugender Wirkung. A ift der Einlauf des Schrotes, deffen fchwere Partien nach B, B', die leichteren nach C, C und die Kleie nach D gelangt, denn während des Fallens wird das Schrot von dem durch O, O angefaugten Luftzuge getroffen. Das fo geputzte Schrot gibt natürlich bei der weiteren Vermahlung, beim weiteren Schroten, beffere Mehle, reinere Griefe. Von den Gries- Putzmafchinen find die alten, von Ignaz Paur in Vöslau erfundenen, noch immer in Gebrauch und waren von Nemelka, Efsbüchl und Anderen folche Maſchinen ausgeftellt. Für die feineren Griefe find neuerer Zeit die Mafchinen mit faugender Wirkung häufiger in Gebrauch gekommen, und haben Nemelka, Millot, Efsbüchl, Bauer und Efcher Wyfs folche Mafchinen ausgeftellt. Die drei erftgenannten find in ihren Conftructionen der Werner'fchen Saugmafchine fehr verwandt. Millot hat den Saugventilator durch richtige Conftruction desfelben kräftiger gemacht und kann daher die Luftfpalte vielmal vergröfsern, wodurch eine gleichmäfsigere und vollständigere Wirkung erzielt wird. Dafs er den Abfauberer von zwei Kurbelzapfen bewegt werden läfst, ift nicht nachahmenswerth, denn bei nur etwas ungleicher Wirkung der beiden läuft das Siebgut auf eine Seite und wird in Folge deffen unvollständig fortirt. Die Mafchine ift exact ausgeführt und billig( 600 Francs). Bei Efsbüchl in Wien wäre nur die Verbefferung hervorzuheben, dafs er den Einlauf( die Goffe) verfchiebbar angebracht hat, wodurch eine weitere Regulirung ermöglicht ift. Hier mag auch Erwähnung finden, dafs man neuerer Zeit bei Aufhängung der Säuberer über den Gries- Putzmafchinen die Federn fchräge anbringt, wie es in Figur 3, Tafel II angedeutet ift, hierdurch findet beim Rütteln ein Aufwerfen der Griefe ftatt, wodurch fich die leichteren Kleien nach Oben begeben und einerfeits den Durchgang des Griefes durch das Sieb nicht hindern, andererfeits die Kleie fchon hiedurch theilweife abgefondert wird. Nemelka und Millot hatten an den ausgeftellten Putzmaschinen die unter dem Sauberer angebrachten Federn mit einem Zahnfegmente verfehen, welches durch ein Zahnrad bewegt, eine mehr minder grofse Schrägftellung der Feder geftattet. Bauer hat zwei Mafchinen verfchiedenen Syftems ausgeftellt: die für Griefe Nr. 4 bis 8( der Pefter Numerirung) verwendete, in Figur 4, Tafel II fkizzirte Mafchine und die bekannte Seck'fche Putzmafchine für Griefe Nr. 9 una 10( Dunft). Wir erfehen, dafs der Gries vom Säuberer kommend über die Brettchen i, i abläuft, die fchwereren Theile gelangen nach o, o, dann n, n und endlich I und I. Der Gries fammelt fich alfo in I in befter Sorte, in I' in minderer Sorte an; nach II und III gelangen die durch den angefaugten Wind etwas zurückgehaltenen Theile, Ueberfchläge und die leichteften Theile, die Kleie, geht den Pfeilen folgend, zum Ventilator. Man erhält hiebei zwei Sorten von Ueberfchlägen, welche Mehl- und Mehlfabricate. 19 auch weiter getrennt behandelt werden follten, falls der Zweck diefer etwas complicirten Einrichtung nicht werthlos werden follte. Für ein allzuweit getriebenes Scheiden der Producte ift der Berichterstatter nicht, da dasfelbe fchliefslich doch wieder zum Zufammengeben früher getrennter Theile führt. Die zweite Gries- Putzmafchine M. Bauer's, nach Seck's Syftem, wurde bereits in dem vom Berichterstatter herausgegebenen Lehrbuche befchrieben und kann als bekannt wohl hier übergangen werden, wenn fie auch für fehr feine Griefe( Dünfte) ganz vorzüglich ift. Hingegen mag die Mafchine von Efcher Wyss' Zweigfabrik in Leesdorf bei Wien als eine Verbefferung der bekannten Haggenmacher'fchen Mafchine hier Erwähnung und in Figur 5 a Tafel II ihre fkizzenhafte Darftellung finden. Der Gries kommt von a, b auf den Conus c, den Teller d, von diefen hergleitend vor den Saugwind und wird in Gries, Ueberfchlag und Kleie, welche nach e, fund g gelangen, gefchieden. Es erfolgt hier ein dreimaliges Putzen, was ein wefentlicher Vortheil ift. Das Innere und das Mittelrohr ift, wie angedeutet, ftellbar, das äufsere Rohr kann durch einen aufgefetzten Ring, welcher in Figur 5 b befonders gezeichnet ift, höher oder niederer gemacht werden, denn fowie der Ring nach rechts gedreht wird, gleiten die fchrägen unteren Kanten am Bolzen z in die Höhe und kann der Ring in jeder Lage durch die Klemmfchraube s feftgeftellt werden. Man erhält bei diefer Mafchine fchliefslich nur je eine Sorte Gries( Dunft) in e", Ueberfchlag in f' und Kleie, welche vom Ventilator in die Kleiekammer geführt wird. Am Schluffe der Betrachtung über Gries- Putzmafchinen kann der Berichterftatter nicht umhin, fein Bedauern auszufprechen, dafs das vom Engländer Bucholtz mit beftem Erfolge angewendete Syftem der Combinirung der Wirkung der Centrifugalkraft mit jener angefaugter Luft, zum Zwecke der Reinigung der Griefe, auf der Ausftellung keine Vertretung fand. Maschinen für Rollgerfte- Fabrication. Graupengänge. von Diefe Gruppe von Maſchinen hatte in der vertikalen Schäl- und Graupenmafchine mit Selbstbedienung bei drehender Bütte M. Martin in Bitterfeld, eine, wie wir glauben, wefentliche Verbefferung aufzuweifen. Indem wir von unferen Lefern Vertrautfein mit den Operationen der Graupenerzeugung und dem gewöhnlichen Graupenholländer vorausfetzen, fo können wir fogleich bemerken, dafs das Wefentliche an Martin's Mafchine in der vollkommenen Selbftbedienung liegt, dafs diefelbe im Uebrigen die Arbeit des Holländers, Schälen der Gerfte und Rundiren derfelben oder ihrer Bruchftücke, durch Zufammenwirken des ziemlich rafch rotirenden, feinkörnigen Steines und der im Abftande von 20 Millimeter in entgegenfetzter Richtung weit langfamer fich drehenden Bütte, bewirkt. Die Skizze Figur 6, Tafel II, zeigt bei A den Füllkaften, in welchen das Graupengut gebracht ift. Diefer Füllraum ift durch zwei Walzen, welche die Function von Schiebern verrichten und demgemäfs entſprechend durchbrochen find, in drei Theile getheilt. Der oberfte ift der eigentliche Rumpf, der zweite, zwifchen den beiden Walzen liegend, ift der Mefsraum und daher auch durch Charnierklappe und Schraube in feinen Gröfsenverhältniffen verftellbar, und der dritte, unterfte Theil communicirt unmittelbar durch den Büttenzapfen mit dem Büttenraum. Soll nun felbftthätig die Mafchine gefpeift werden, fo mufs felbftthätig und rechtzeitig das Stellen der beiden Walzen erfolgen, damit im Mittelraum das Abmeffen, hierauf die Entleerung der abgemeffenen Menge in den Unterraum, refp. die Bütte erfolgen kann. Diefe Bewegung der Walzen oder nennen wir fie bezeichnender Speifehähne erfolgt durch Vermittlung der an der Büttenwelle und mit ihr fich drehenden Schraube s, das 20 Friedrich Kick. Schneckenrad r und die beiden Doppel- Curvenfcheiben c, c' welche auf eigenmühtlich geformte, an den Achfen der Speifehähne fitzende Dreiecke wirken. Die felbftthätige Entleerung der Mafchine erfolgt in ähnlicher Weife. Mit der Bütte feft verbunden rotirt die Welle w, welche einerfeits das Schneckenrad randerfeits die Curvenfcheiben c" trägt. Die Schraube s' ift mit dem Lager feft verbunden und umgreift als freigehaltener Ring die Büttenwelle. Nachdem nun die Welle w mit der Bütte fich drehend, die Schraube umkreift, fo mufs das Rad r eine Drehung um feine Achfe erhalten, welche der Welle und den Curvenfcheiben c" mitgetheilt wird. Hiedurch vermitteln die Curvenfcheiben c" das rechtzeitige Oeffnen und Schliefsen durch entſprechendes Drehen des im Büttenkranze eingefetzten Entleerungshahnes. Nachdem es erforderlich ift, die Oeffnungszeit für die Entleerung zu reguliren, fo befteht c" aus zwei Theilen, die fich zu einander verfetzen laffen, während c und c' aus einem Stück find, denn die Zeit für den Einlauf läfst fich ein für allemal feftfetzen. Der Mechanismus der Füllung und Entleerung ift in folchem Zufammenhange, dafs, fowie der Entleerungshahn gefchloffen wird, fich der Füllungshahn fogleich öffnet. Die Zeit zwifchen Füllung und Entleerung oder die Arbeitsperiode des Steines ift abhängig von der Gefchwindigkeit der Bütte und diefe läfst fich durch ein Riemenvorgelege oder bei gröfseren Mafchinen durch ein Rädervorgelege reguliren. Noch mag bemerkt werden, dafs die rotirende Bütte mit einer ftillftehenden aus Holz und Blech gefertigten Umhüllung verfehen ift, welche mittelft Filz genau abgedichtet ift. Diefe Hülle hat den Zweck, die durch die fchwachen Zwifchenöffnungen der Eifenftäbe, welche die Stirnfläche der Bütte bilden, herausgetriebenen Staubtheilchen aufzunehmen. Ein Saugventilator führt diefelben continuirlich ab. Es wird dadurch der Vortheil erreicht, dafs alles beim Schälen Abgefonderte fofort aus der Mafchine entfernt wird. Das nach Beendigung des Schälproceffes eben dahin entleerte Arbeitsquantum wird mittelft Elevators( oder Schnecke) nach den Sortirmafchinen transportirt.-Wir erfehen, dafs fich das Quantum der Charge( gleichzeitiger Bearbeitungsmaffe), die Zeitdauer der Einwirkung und die Dauer der Entleerung reguliren läfst und dafs die Mafchine vollkommen felbftthätig wirkt. In conftructiver Beziehung ift fie geiftreich durchgebildet, doch liegen Details nicht in der Aufgabe des Berichtes. Nebft der Mafchine und dem zugehörigen Sortirapparat, waren Producte derfelben, als: gefchälte Erbfen, Reis, Hirfe, Gerfte und Graupen verfchiedener Gröfse ausgeftellt, welche die tadellofe Arbeit diefer Mafchine bekundeten. Die Reifs mafchine desfelben Fabrikanten bezweckt das Zertheilen der Gerftenkörner in mehrere( drei) Stückchen, um eine gröfsere Zahl kleiner Graupen zu erzeugen, als es fonft aus derfelben Gerftenquantität möglich. Sie vertritt alfo die Stelle der Schneidemaschinen. Die Zerkleinerung erfolgt hier durch das Zufammenwirken zweier nach entgegengefetzten Richtungen bewegter Mahlfcheiben, deren gegen einander gekehrte Flächen fraifenähnliche Zähne befitzen. Wietzheimer& Pini in Wien hatten gleichfalls einen Graupengang ausgeftellt, welcher jedoch ohne Selbftbedienung arbeitet; derfelbe ift in den arbeitenden Theilen dem Martin'fchen Gange ähnlich, nur ift ein Theil des Büttenumfanges aus Steinfegmenten gebildet; nicht alfo aus Eifenftäbchen. Zur Graupenfabrication verwendete Steine hat in mehreren Varietäten die Firma Gebrüder Ifrael ausgeftellt und empfiehlt diefelbe als Schälftein einen grobkörnigen fächfifchen Sandftein, als Rollftein mittelgroben fchlefifchen und als Polirftein einen feinkörnigen harten Sandftein aus Hannover. Mehl- und Mehlfabricate. 21 Mafchinen und Oefen zur Teigwaaren- Fabrication. in Die hydraulifche Maccaronipreffe der Mafchinenfabrik St. Georgen in der Schweiz verdient ihrer vorzüglichen Conftruction und Ausführung wegen eine nähere Befprechung: Es ist bekannt, dafs diefe Preffen auf demfelben Grundprincipe wie die Thonröhren- oder Bleiröhren- Preffen beruhen. Die Teigmaffe wird in einen Cylinder gebracht, in deffen Boden ein Model eingefetzt ift, welcher Durchbrechungen in jener Querfchnittsform zeigt, welche der zu erzeugenden Nudel zukommen foll. Bringt man unter der Aufsenfläche des Modells ein rotirendes Meffer an, fo werden die ausgetriebenen Teigcylinderchen fogleich in dünne Blättchen gefchnitten, welche Blättchen die Form der Durchgangsöffnungen zeigen, diefen entfprechend alfo Sternchen, Kreuzchen, Buchftaben etc. darftellen können. Es kann als drückendes Organ ebenfowohl eine Schraube als eine hydraulifche Preffe verwendet werden; die Anwendung von letzterer ift aber rationeller, weil ohne grofse Reibungsverlufte durch vielfache Ueberfetzungen der erforderliche grofse Druck von 1700 bis 2400 Pfund per Quadratzoll( welcher bei feiner Schnittwaare des fefteren Teiges wegen bis 3600 Pfund fteigen kann) fich herftellen läfst. Figur 7 a, Tafel II, zeigt eine Durchfchnittsfkizze diefer Mafchine, in welcher A den hydraulifchen Druckcylinder, B den hydraulifchen Cylinder zum Heben der Prefskolben, c, c die beiden Teigcylinder, D, D die Teigprefs- Kolben, m die unten im Teigcylinder eingefetzten Model und E das Quer- Schneidwerk bezeichnet, welches in Figur 7 b gröfser dargestellt ift. Wir erfehen aus diefer Figur, dafs an einer verticalen Welle a die Meffer s, s fitzen, welche fich dicht unter dem Model im Kreife drehen, die rotirende Bewegung der Meffer, deren Gefchwindigkeit fich durch Stufenfcheiben und ein Rädervorgelege abändern läfst, wird vom Riemen und den Rädern p, q vermittelt. Der untere Theil der Teigcylinder C ift von einer Hülfe Fumfchloffen, welche zwifchen C einen Zwifchenraum o läfst, in welchen Dampf eingeleitet wird, durch welchen die Model, fowie die Teigmaffe warm erhalten werden. Durch diefe Erwärmung trocknen die ausgeprefsten Paftawaaren fchnell und kleben beim Legen auf die Trockenhürden nicht aneinander. Befördert wird diefes rafche, oberflächliche Trocknen noch durch feitlich aufgeftellte Windflügel. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, dafs beim Preffen das Waffer des Hebecylinders B und anderfeits beim Heben das Waffer des Prefscylinders A in ein Refervoir frei entweichen kann. Ausführliche Zeichnungen diefer Maſchine finden fich in Uhland's praktiſchem Mafchinenconftructeur, Jahrgang 1873, Nro. 12. - Nachdem die Model von oben ein und ausgehoben werden und die Teigcylinder überhaupt zugänglich fein müffen, fo find die Prefsftempel fo eingerichtet, dafs fie nach Ausziehen eines Stiftes in einem Charnier beweglich find und aufgeklappt werden können.* Die St. Georger Mafchine koftet mit zwei Teigcylindern 5500 Francs, ein Model aus Kanonenmetall 55 Francs, ein folcher für Buchftaben 100 Francs. Die Leiftung der Mafchine beträgt in zwölf Arbeitsftunden 8 bis 10 Centner. Dauer des Niederganges 10 Minuten, des Aufganges I Minute. Höhe der Mafchine 17 Fufs, Breite 3 Fufs, Länge 5 Fufs, Gewicht 108 Centner. Kraftbedarf 11 bis 2 Pferde. * Für die Hand des Arbeiters ganz ungefährlich ift jene Conftruction, welche Franz Schmid an einer für die Paftawaaren- Fabrik von Eduard Fifcher von Röslerftamm in Wien gebauten Prefse anbrachte, bei welcher der Prefsftempel an einer horizontal drehbaren Platte feftfitzt, und hiedurch zur Seite gebracht wird, ohne feine verticale Lage zu ändern, ohne alfo niederfallen und hiedurch den Arbeiter befchädigen zu können. 22 Friedrich Kick. Continuirlicher Backofen, ausgeftellt und in Betrieb gefetzt vom Mafchinenfabrikanten Hailfinger in Wien, Alfervorftadt, Sechsfchimmel- Gaffe Nro. 5. Schon lange wünſchten die Bäcker in den Befitz continuirlicher Backöfen zu gelangen, welche fie der bedeutenden Uebelftände überheben, die mit den gebräuchlichen intermittirend wirkenden Backöfen verbunden find. Es ift bekannt, dafs die gewöhnlichen Backöfen kräftig geheizt werden müffen, damit tiefere Schichten des Mauerwerkes erhitzt werden, welche ihre Hitze ſpäter abgebend, dem Ofen jene Eigenfchaft geben, die der Bäcker mit der Bezeichnung„ vorhaltend" ausdrückt. Nachdem jedoch das Brennmaterial hiebei unmittelbar die Wände des Backraumes erhitzt, werden diefe zu heifs, um das Einlegen des Gebäckes ohne weiters zu geftatten. Es folgt dem Heizen das fogenannte„ Auswafchen", eine Operation, bei welcher durch naffe Lappen der Boden des Ofens oberflächlich gekühlt wird, wobei bei gröfseren Oefen ein Verbrauch von circa 50 Liter Waffer erforderlich wird. Diefer Menge verdampften Waffers entfprechend ift felbftverſtändlich der Brennmaterial- Verbrauch gröfser als zum eigentlichen Backen erforderlich ift und zudem mufs man Holz als Brennmaterial verwenden. In dem continuirlichen Backofen Hailfinger's, welcher 1600 Semmeln oder 300 Laibe Brot( à 20 Centimeter Durchmeffer) fafst, findet SteinkohlenFeuerung ftatt und genügen per Tag 123 Centner oder 80 Kilogramm. Der Brennmaterial- Verbrauch ftellt fich in Wien dem Koftenpreife nach auf kaum 1/5 des gewöhnlichen; die Herftellungskoften des Ofens belaufen fich auf 2000 bis 3000 fl. öfterreichifcher Währung.* Der Berichterstatter hatte wiederholt die Gelegenheit zu beobachten, dafs das Gebäck in allen Theilen des Ofens vollkommen gelang und waren fehlerhafte Stücke bei vorfichtigem Einfchiefsen und Ausziehen faft keine zu finden. Eine Zeichnung kann hier nicht gegeben werden, da der Erfinder zunächft nur felbft derlei Oefen bauen will. Hailfinger hatte ferner noch feine bekannten Teig- Theilmafchinen, welche die Aufgabe verrichten, aus einer gewogenen Teigmenge 32 gleich fchwere Stücke( für 32 Semmeln und dergl.) zu fchneiden und die„ Semmel- Wirkmafchine" ausgeftellt, welche mit zwei Mann Bedienung fo viel Semmeln wirken ( formen) foll, als fonft fünf Arbeiter aus freier Hand liefern. * 40 liche Ziegel. bis 50 Centner Eifentheile à 40 fl., 600 feuerfefte Ziegel, 100 à 18 fl. und 8000 gewöhn Fig.1. Hignette's Steinauslese- Maschine. A F D F B B Fig. 5. Getreide Schäl- von Homes, Babcock Fig. 2. D Fig. 3. Aspirator oder Tarare. B a F F Maschine & Co. B A Fig.6. Millot Putzmaschine. # Schrot- Putzmaschine. Fig.10. A B D C' B' AA f i i Davey- Paxman's GetreideTrockenmaschine Fig. 4. C A A ff B E D B' B' Fig. 7. Z L ט. S Detail zur Walzenmühle von Escher Wyss. m Sautner's Handmühle. Fig.9 a. A A Fig.9 b. R Walzenmühle von St. Georgen bei St. Gallen. G Fig. 8. 0 Aus d. k.k. Hof- u. Staatsdruckerei Taf. I. F Fig. 2. h 元 h Fig. 1. C fh sautin Ο B A Fig. 7 b. 000 Carr's Desintegrator oder Schleudermühle fh 0 Fig. 3. Fig.5 b. 77 Taf. II. Putzmaschine von Escher Wyss& Co. Fig. 6a. a Fig. 5 a. E Hydraulische Maccaroni- Presse Fig.7 a. Martin's Graupengang. m B A E m S' Bauer's Saug- Griesputzmaschine. Fig.4. C e e' 卡 e' 肉皮 .1'. 9" fe Aus d. k.k. Hof- u Staatsdruckerei OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873. ZUCKER, APPARATE UND EINRICHTUNGS- GEGENSTÄNDE FÜR ZUCKERFABRIKEN. ( Gruppe IV, Section 2.) BERICHT VON DR. JOSEF HANAMANN, Director der fürlich Schwarzenberg'fchen Verfuchsftation in Lobofitz. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. SACKEK R VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefaist und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schlufse der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. I* ZUCKER, APPARATE UND EINRICHTUNGS- GEGENSTÄNDE FÜR ZUCKERFABRIKEN. ( Gruppe IV, Section 2). Bericht von DR. JOSEF HANAMANN, Director der fürftlich Schwarzenberg'fchen Verfuchsftation in Lobofitz. In Europa fcheint der Zucker durch die Kreuzzüge bekannt geworden zu fein, die erften Taufend Centner aber follen venetianifche Schiffe vor ungefähr 500 Jahren nach Europa gebracht haben. Seit der Einführung verfüfster Aufgufsgetränke nahm der Verbrauch an Zucker rafch und aufserordentlich zu. Der Zucker wurde fchon feit den älteften Zeiten aus dem bekannten indifchen Zuckerrohre, deffen Saft die verfchwenderifche Natur des füdlichen Himmels als eine faft reine Zuckerlöfung von leicht erkennbarem Werthe dem Menfchen darbietet, und aus deffen verwandten Abarten gewonnen. Man hielt es für lächerlich, aus etwas Anderem, als aus Zuckerrohr Zucker darftellen zu wollen. Erft im Jahre 1747 veröffentlichte der verdienftvolle deutfche Chemiker Marggraf feine Unterfuchungen über das Vorhandenfein des Zuckers in verfchiedenen Wurzeln und diefer fchönen Entdeckung, fowie dem Continentalfyftem, verdanken wir bekanntlich die europäiſche Zuckerfabrication aus Zuckerrüben, ein Kind diefes Jahrhunderts. Die Zuckerausftellung zeigte uns, dafs die mitleidig aufgenommene, heftig angegriffene, manchmal arg bedrängte Rübenzucker- Fabrication, eine deutfche Erfindung, eine Schöpfung eifernen Fleiſses und ernften Studiums, entwickelt und ausgebildet in Frankreich, unter dem Schutze des kaiferlichen Adlers, fpäter grofsgezogen in Deutfchland und Oefterreich, ungeahnte Fortfchritte gemacht hat und fiegreich aus dem Kampfe mit ihrer ftolzen tropifchen Rivalin hervorging, indem fie die Erzeugniffe derfelben, die Colonialzucker, faft vollftändig von den Märkten des europäiſchen Continents, freilich unter der Gunft eines nicht unbedeutenden Schutzzolles, dem fie erft allmälig entwachfen ift, verdrängte. Nicht umfonft flöfste die neue Induſtrie fchon in ihrem kindlichen Auftreten den Befitzern tropifcher Colonien Beforgniffe ein und aus den glücklichen erften deutfchen und franzöfifchen Verfuchen zogen die europäiſchen Staaten, felbft Rufsland viele Vortheile, indem fie in dem Anbau der Zuckerrübe eine Quelle des Reichthums für ihre Landwirthschaft erkannten. 2 Dr. Josef Hanamann. Die erleuchtetften Schützlinge der Rübenzucker- Induftrie in Frankreich waren der richtigen Meinung, die beiden rivalifirenden Induftrien könnten ganz gut nebeneinander beftehen und die Rübenzucker- Fabrication könne die Rohrzucker- Fabrication und diefe jene begünftigen; die Zeit beftätigte diefs vollftändig. Sehr intereffant und von der gröfsten Wichtigkeit wäre die Löfung der Frage des Fabricationspreifes beider Zuckerarten, wenn nicht der Verfuch einer Feftfetzung desfelben jedesmal die widerfprechendften Anfchauungen zu Tage fördern würde. Während der Rohrzucker- Induftrie der natürliche Reichthum des Zuckerrohres an Zucker und die geringen Fabricationskoften zu Gute kommen, fehlen ihr die Kräfte, mit deren Hilfe fie neue Fabricationsmethoden benützen, neue Mafchinen anwenden könnte. Auch leidet fie unter einem hohen Zinsfufs, trägen Arbeitern und unter dem Einfluss der grofsen Entfernungen von den Hauptmärkten. Wir halten es für zweckmäfsig hier eine Zufammenftellung der directen Colonialzucker- Einfuhr und der heutigen Ausdehnung der Rübenzucker- Induftrie in Europa, welche unter den landwirthschaftlich- technifchen Induftrien unferer Zeit die erfte Stelle einnimmt, zu geben, um ein annäherndes Bild der Entwicklung diefer Induftrie und ihrer Verbreitung zu erhalten. Wenn es wahr ift, was Liebig und vor ihm Canning fchon behauptete, dafs der gröfsere oder kleinere Verbrauch an Zucker und Seife den ficherften Mafsftab zur Beurtheilung des Culturgrades der Völker abgebe, fo dürfte es wichtig fein, fich auch der Zuckerconfumtion einzelner Länder zu erinnern. Wie rapid der Zuckerverbrauch in Europa geftiegen ift, erfährt man aus folgenden Zahlen. Man fchätzte die Einfuhr nach Europa im Jahre: 1730 auf 1800 1830 " 21 2,400.000 Centner Zucker 99 " 27 27 6,000.000 10,800.000 Es hat fich fomit der Verbrauch in 100 Jahren verfünffacht. Im Jahre 1852 wurden 17,000.000 Centner Zucker " " 1870 " 40,000.000 27 " eingeführt. In weiteren blofs vierzig Jahren hat fich der Verbrauch vervierfacht. Im Jahre 1852 betrug die Zuckerconfumtion in Europa 132 Millionen Centner Colonialzucker und 3 Millionen Centner Rübenzucker, per Kopf 6 Pfund Zucker, zwei Decennien fpäter beträgt die Zuckerconfumtion in Europa über 40 Millionen Centner, wovon beinahe die Hälfte aus Rübenzucker befteht, und dei Verbrauch per Kopf etwas über 9 Pfund Zucker, um ein Drittel mehr, als vor 20 Jahren. Die Menge des producirten Rübenzuckers ftieg, laut der nebenfeitigen Tabelle, feit jener Zeit um das Fünffache in Europa. - Obwohl die diefsjährige Ausftellung mit Zuckern aus faft allen Welttheilen und den verfchiedenften Ländern der Erde befchickt war, vermifsten wir doch fehr die Erzeugnisse Belgiens und eine gröfsere Betheiligung von Seite Frankreich's, deffen Colonien wohl zahlreiche Proben von Colonialzucker eingefendet, deffen Rübenzucker- Fabrikanten fich aber in auffallend geringer Zahlacht- an der Ausftellung betheiligt haben. Die einzelnen Länder waren in folgender Zahl vertreten: Vereinigte Staaten von Nordamerika durch 10, Vereinigte Staaten von Venezue.a durch 3, Brafilien durch 14, Englad durch 3, Mauritius durch 3, Auftralien durch 2, Oftindien durch 4, Spanien durch 2, Dänemark durch 2, Italien durch 2, Schweden durch 1, Niederlande durch I, Belgien durch 4, Frankreich durch 8, Colonien( franzöfifche) durch 18, Deutfchland durch 69, Oefterreich- Ungarn durch 90, Rufsland und Polen durch 25, China durch 2 Aussteller. Einzelne in den Katalogen angegebene Ausfteller oder vielmehr deren Producte konnten wir nicht finden und mufsten daher von ihrer Beurtheilung Umgang nehmen. Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 3 Nachftehende Tabelle gibt einen beiläufigen Ueberblick der Entwicklung diefer Induſtrie: Einzelne Staaten Raffinerien Anzahl der RübenzuckerFabriken Beiläufig erzeugte RübenzuckerMenge in Centnern nach L. Walkhoff Directe Colonialzucker- Einfuhr in Centnern nach I. C. Rad Beiläufige Zucker- Consumtion per Kopf in Zollpfunden England verein. Königr. 71 2 Frankreich . 26 Holland • 28 20 Spanien • 9 9 Portugal • • 9 Dänemark. Schweden u. Norwegen Hanfeftädte und Häfen 3 II, 400,000 40 483 5,800.000 4,600,000 15 150.000 2,300.000 14 1,000.000 6½ 250.000 612 500.000 II/ 2 6 4 61.000 360.000 1212 26 - 500.000 Deutſchland 310 4,500.000 IO Oefterreich - • 228 3,400.000 4 Russland . 3 439 Polen Belgien. 3,800.000 2 • 42) 135 1,000.000 200.000 14 Gefammtziffer 181 1.663 18,711.000 21,110.000 Nach diefen einleitenden Bemerkungen fchenken wir unfere Aufmerksamkeit den einzelnen, auf der Ausftellung vertretenen Ländern und beginnen mit Deutſchland. Wenn die Rübenzucker- Induftrie auch früher in Frankreich der vorzüglichften Pflege theilhaftig wurde, fo beeilte fich in fpäterer Zeit vorzüglich Deutſchland das verftofsene Kind in die liebreichfte Behandlung zu nehmen, dasfelbe zu kräftigen, an der Hand der Naturwiffenfchaften grofs zu ziehen, und hat es heute erreicht, dafs es die fchwerften Prüfungen zu beftehen vermag. Seinem Beiſpiele folgten erft muthig die anderen Staaten, fo dafs die Rübenzucker- Induſtrie fich gegenwärtig vom Süden Frankreich's bis nach Sibiren, von Italien bis Schweden, ja fogar bis nach England, Amerika und Egypten ausbreitet, dafs im Jahre 1871 der erfte in der kalifornifchen Fabrik Alvado aus Rüben erzeugte Zucker auf dem Markt zu San Francisco zu befriedigenden Preifen abgefetzt wurde und die Errichtung mehrerer neuer Fabriken in jenen Ländern in Ausficht fteht. Im Jahre 1850 entftand der Rübenzucker- Verein des Zollvereines, der für den geiftigen Austaufch feiner Mitglieder ein befonderes Organ, die„ Zeitſchrift des Vereines für die Rübenzucker- Induftrie im Zollverein" fchuf, ein Werk voll von umfaffenden und gründlichen Arbeiten, wie fich deffen kein Volk rühmen kann, eine Fachfchrift, welche als wohlbekannte„ gelbe Hefte" eine grofse Verbreitung bis weit über die Grenzen Deutfchlands hinaus, fowohl in wiffenfchaftlichen wie in techniſchen Kreifen gefunden hat, und ein Vorbild für ähnliche Fachfchriften geworden ift. Aber auch durch Wanderverfammlungen, durch Ausfchreibungen von Preisaufgaben, durch wiffenfchaftliche Unterfuchungen, für welche feit 1866 ein eigenes chemifches Laboratorium zu Berlin unter der tüchtigen Leitung des Chemikers Dr. C. Scheibler befteht, fucht der Verein die weitere wiffenfchaftlichtechnifche Ausbildung der Zuckerfabrication zu fördern. I* 4 Dr. Josef Hanamann. Welche Früchte diefe vielen und fchönen Arbeiten für die Fabrication getragen haben, welchen Fortfchritt diefes gemeinfame, muftergiltige Wirken gezeitigt hat, erkennt man aus der anerkannten Thatfache, dafs die deutſche Rübenzucker- Induftrie unter allen Ländern den erften Platz einnimmt. In entsprechender Würdigung der hohen Bedeutung und des den Fortfchritt fördernden Einfluffes, den grofse Weltausftellungen auf die Erzeugniffe der Induftrie ausüben, bemühte fich namentlich Deutſchland auf der Ausftellung ein klares Bild des Standes der deutfchen Rübenzucker- Fabrication zu geben. In einer fternförmigen, mufterhaft geordneten und gefällig arrangirten Gruppe, welche in eine fechsfeitige Pyramide aus imitirten riefengrofsen Zuckerhüten ausläuft, präfentirte fich würdig die Collectivaus ftellung des Vereines für die RübenzuckerInduftrie des deutfchen Reiches Die verfchiedenartigften Producte des Zuckers, vom blendend weifsen Hutzucker, Candis, Kryftallzucker und Farin, alle Arten Füllmaffen und Zuckermehle, bis zu dem lichten, dunkelgelben, braunen Rohzuckern und fchwarzen Syrupen waren hier überfichtlich zufammengeftellt und zeigten, was deutfcher Fleifs, Ausdauer und freie Arbeit aus einem fchwer zu bewältigenden, mit vielen Fremdftoffen verunreinigten und dem Zuckerrohr gegenüber fehr armen Rohftoffe darzuftellen vermag. Bis zum Jahre 1836 wurde der Zuckerverbrauch in Deutſchland faft ausfchliefslich durch die Colonien gedeckt, bis die Colonialzucker- Einfuhr, welche noch 1845 beinahe 1 Million Centner betrug, fich durch die Concurrenz des Rübenzuckers bis zum Jahre 1872 um das Fünfzehnfache vermindert hatte, während der Export an Rübenzucker ftetig geftiegen ift und gegenwärtig über 12 Million Centner beträgt. Das deutfche Reich verarbeitet in feinen 341 Fabriken, deren geographifche Vertheilung auf der mitausgeftellten grofsen Wandkarte des deutfchen Reiches und Oefterreich's, entworfen vom Commercienrathe Ludwig Wrede, fehr gut erfichtlich gemacht ift, etwas über 60 Millionen Centner Rüben und noch find neue Fabriken im Entſtehen begriffen. Am dichteften ftehen die Zuckerfabriken in dem Dreieck beifammen, welches Hannover, Magdeburg und Leipzig einfchliefsen, in einer Anzahl, die fich in keiner der folgenden Gruppen, weder in der nordböhmifchen, noch in der mährifchen oder gar polnifch- ruffifchen Gruppe wiederholt. Der Verein für die deutfche Induftrie des Zuckers war auf der Weltausftellung durch eine grofse Zahl( 69) Ausfteller vertreten, mit 216 Ausstellungsobjecten. Der Mehrzahl diefer Ausftellungsobjecte waren chemifche, gröfstentheils im Vereinslaboratorium zu Berlin ausgeführte Analyfen und die dem Rohzucker zukommenden Raffinationswerthe, fowie die Fabricationsmethode, nach welcher fie erhalten wurden, beigefügt. Aus Preufsen ftellten 34, aus Schlefien 8, aus Braunfchweig und Anhalt je 5 Fabriken aus. Schon auf der Parifer Weltausftellung erkämpften fich die deutfchen Zucker den Ehrenplatz. Faft ohne Ausnahme find die deutfchen vereinigten RübenzuckerFabriken, fo weit fie ausgeftellt hatten, ausgezeichnet worden. Auch auf der diefsjährigen Ausftellung hat fich namentlich die Gegend von Magdeburg und Braunfchweig nebft Süddeutfchland hervorgethan, befonders hatte J. Hennige in Neuftadt- Magdeburg feinkörnige und grobkörnige, fchneeweifse, dichte Raffinaden, fowie hübfchen, weifsen und gelben Farin zur Ausftellung gefchickt. Ebenfo zeichneten fich durch Schlufs, Körnung und Weifse die fchönen Raffinaden von Helle( Magdeburg) dann die Zucker der Halle'fchen ZuckerfiedereiCompagnie, auch die Raffinerie in Stuttgart durch ganze und gefpaltene tadellofe Brote aus. Die weftliche Seite der Glaskäften, in welchen die verfchiedenen Zucker ausgeftellt waren, füllten die mannigfaltigften Producte der Candis fabri cation aus, darunter farblofe und gefärbte Candiskronen, Stangencandis, lofe Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenítände für Zuckerfabriken. 20 5 und gehäufte Kryftalle, unter denen fich auffallend grofse, fchöne, farblofe Candis kryftalle von Franz Brockhoff in Duisburg und von Peter Rütger in Uerdingen befanden, welche Fabrikanten auch auf vielen Glasfchüffelchen farblofe, gelbe, röthlichgelbe und braune Candife in verfchiedenen Kryftallgröfsen ausgeftellt hatten. Sehr reinen Candis exponirte auch die Colonial- Candisfiederei von Weftermann& Söhne in Wefel( am Niederrhein). Weniger ſchön und farblos war der weifse Candis in Kronenform von J. Graffau& Sohn in Braunfchweig, dagegen zeigte die braune Krone fchönes Luftre und guten Farbenton. Eigenthümlich nahm fich die rabenfchwarze Candiskrone von Wüftenfeld in Hannover- Münden, fowie der verfchieden gefärbte, neben ihr ausgeftellte Candis aus. Die neuefte und doch fchon fehr verbreitete, rationellfte Methode der Saftgewinnung aus Zuckerrüben ift unftreitig das Diffufionsverfahren von Robert und es arbeiteten an diefer Saftgewinnungsart und mit doppelter Saturation theils nach Jelinek, theils nach Schulze, 15 der Ausfteller des deutfchen Reiches, unter denen fich Banck in Bleckendorf bei Egeln durch die in der Centrifuge mit Waffer gedeckten, grobkörnigen, farblofen Kryftallzucker mit 99% Zuckergehalt, dann durch die mit Dampf nach der Methode von Seyferth& Hecht in Braunfchweig gedeckten, beinahe 98% Zucker enthaltenden Producte auszeichnete. Die ungedeckten auf Schützenbach's Käften abgelaufenen Rohzucker zweiten Productes, von rein wachsgelber Färbung, mit einem hohen Raffinationswerth, endlich grobkörnige kräftige Rohzucker dritten Productes ſprachen zu Gunften eines rationellen Betriebes diefer Fabrik. Durch eine aufsergewöhnliche Gröfse des Kornes charakterifirt waren die Kornzucker der Diffufionsfabrik A. Reckleben in Bahrendorf. Die Diffufionsfabrik Rudolf& Comp in Magdeburg brachte die aus Säften ohne Zuckereinwurf gekochten Füllmaffen, dann die durch Centrifugiren und Wafferdecken gewonnenen Rohzucker, Farine von feinem Korn und gemahlene Melife zur Ausstellung, während die Fabrik von Schliephake& Comp. in Dedeleben( Jerxheim) fehr weifse Kryftallzucker, welche nach dem combinirten Jelinek- Perrier- Pofs- Verfahren dargestellt werden und einen Zuckergehalt von 99%% befitzen und gelbe gefchleuderte Rohzucker erften Productes mit 99% Zuckergehalt eingefendet hatte. Fünf der ausftellenden Fabriken gewinnen den Saft mittelft Centrifugen, darunter Methner in Seifersdorf, welcher ein weifses Saftmelisbrod, Puderzucker und gemahlene Raffinade von befonderer Weifse, ebenfo hübfchen Griefszucker eingefendet hatte. Vorzügliche Saftmelis und Raffinaden gehörten Baumann& Maquet in Bukau bei Magdeburg, einer im ausgezeichneten Rufe ftehenden Fabrik, an, und feinkörnige, fchöne, gefchloffene Raffinadbrote lieferte Benneke& Comp. in Stafsfurt, dann ein beinahe farblofes, feinkörniges erftes Nachproduct, ein wachsgelbes, feinkörniges zweites und ein etwas graues, aber durch kräftiges Korn abftechendes drittes Productt. Die Actien- Zuckerfabrik Heffen in Heffen fandte mittelkörnige, fehr weifse Kryftallzucker mit 99% 10% Zuckergehalt, die Zuckerfabrik Jerxheim, welche ihren Rübenfaft durch den Lebinsky'fchen Apparat entfernt, und mit Scheidung und doppelter Saturation arbeitet, eine gute Füllmaffe, dann fehr blafsgelbe Rohzucker erften Productes und nach dem Priv'fchen DampfdeckVerfahren gedeckte, fehr weifse Melife ein. Diefes Verfahren begründet fich auf der Benützung eines Dampfes von niederem Druck, vermifcht mit Luft, welche durch die drehende Bewegung der Trommel in die Centrifuge hineingezogen wird. Doch ift noch nicht feftgeftellt, ob diefes Verfahren den Vorzug vor allen anderen Methoden des Deckens der Zucker in den Centrifugen verdient. Die gleichzeitig ausgeftellten Rohzucker dritten Productes fpielten ins Graue und befriedigten uns weniger. Die Actienfabrik Schöppenftedt, welche eben 6 Dr. Josef Hanamann. falls mittelft Saftcentrifugen arbeitet, hatte grob- und feinkörnige, farblofe Kryftallzucker auf hübfchen blauen Glastellern exponirt. Nach der Schützenbach'fchen Saftgewinnungs Methode arbeiteten fechs von den in der Ausftellung vertretenen Fabriken, darunter vorzüglich Waghäufel( Baden) mit einer Verarbeitung von über eine Million Centner Rüben, die einzige Fabrik, welche auch im Sommer arbeitet und aus gedörrten Rübenfchnitzen Zuckerfäfte gewinnt. Ausgeftellt waren tadellos getrocknete Rübenfchnitzel, Kryftallzucker aus folchen Schnitzeln gewonnen, feinkörnige Rohzucker mit einem Raffinationswerthe von 96%, Staub raffinade und Stampfmelis von blendender Weifse, gefpaltene und ganze Melisbrote mit Einwurf von kräftigem, fchönen, mittlerem Korn und Weifse, aufserdem Melaffe und Rohfpiritus. Mit Beibehaltung diefer älteren Fabricationsmethode arbeiten auch noch die Zuckerfiedereien Gutfchdorf bei Rofen und Michelsdorf, welche feingemahlene und mit Einwurf erzeugte feine Melife, dann Teutler& Comp. in Neuhof bei Liegnitz, welche nur gemahlene Producte, Puderzucker, matt und glafig gemahlene Farine und matt gemahlene Raffinaden ausgeftellt hatten. Die Rohzucker- Fabrik Spielberg& Sohn in Eisleben lieferte Rohzucker von hellblonder Farbe, fchönem Korn. Die Füllmaffen werden jedoch mit 28 Grad Syrup gemifcht und centrifugirt. Die Rohzucker- Fabrik I. ö bejun bei Halle ftellte Rohzucker in Brotform in abgelaufenem und in gemahlenem Zustande, Eugen Langen in Köln, mittelft der Centrifuge, in Form fefter Kuchen, nach einer eigenen, patentirten Methode bereiteten Weifszucker aus. Die Mehrzahl der Zuckerfabriken Deutſchlands( 40) gewinnen noch ihre Zuckerfäfte nach dem alten Saftgewinnungs- Verfahren mittelft hydraulifcher Preffen, einige Fabriken durch Vor- und Nachpreffen. Beinahe alle Etabliffements haben gleichwohl die doppelte Saturation, die verbefferte Koch- und Deckmethode adaptirt. Rotze in Klein Ofchersleben fandte nur gemahlene Melis, Palm in Thale mittelkörnige Kryftallzucker aus der Füllmaffe durch Centrifugiren gewonnen, Riecke& Comp. aus Ammensleben ebenfalls Kryftallzucker von feltener Reinheit Nach der älteften Fabricationsart mit einfacher Scheidung und Kindler'fchen Saturation arbeitet noch die Zuckerfabrik Podelzig. Trotzdem waren die ausgeftellten Producte, ganze und gefpaltene Raffinaden und Saftmelis, fowohl im Schlufs und Korn als auch in der Farbe befriedigend. Jedenfalls dürfte der Spodiumaufwand( resp. die Fabricationskoften) bei diefem Verfahren kein kleiner fein. Die fürftlich Schönberg'fche Zuckerfiederei exponirte gemahlenen Melis von hohem Raffinationswerth, die Actien- Zuckerfabrik Peine mittlere Kryftall zucker und hellfarbige Rohzucker. Aufserordentlich grobkörnigen, farblofen Kryftallzucker hatte Rautheim bei Braunfchweig, guten Kornzucker Cury aus Anhalt Bernburg ausgeftellt. Feine Raffinaden, gute Melis, Würfel- und Puderzucker fchickte die Zuckerfabrik Holland in Köthen ein, welche wie Rautheim und Waldau nach dem älteren Fabricationsverfahren arbeitet. Vielleicht dürften auch die ausgeftellten weifsen Rohzucker von Lömpke in Domersleben für die Leiftungen der Fabrik weniger mafsgebend fein. Diefe Fabrik arbeitet mit einfacher Saturation und verdampft in offenen Pfannen. Die Zuckerfabrik vereinigter Landwirthe in Quedlinburg lieferte centrifugirten Kornzucker von gelblichweifser Farbe, mit einem Raffinationswerthe von 95%. Die vielen, in zweckmäfsigen Expofitionsgläfern ausgeftellten Rohzucker erften, zweiten, dritten und vierten Productes verfchiedener Zuckerfabriken zeigten gefunde Färbung und kräftiges Korn. Die Fabrik von Stegmann & Comp. Tfchauchelwitz hatte grobkörnigen gelben, dann feinkörnigen lichten Rohzucker von überaus hoher Polarifation, Jung& Comp. in Altranft ( bei Freienwalde) aus einer Füllmaffe ohne Einwurf erzeugten, ungedeckten Rchzucker, Melis in Stücken, durch Ausdecken mit entwäffertem Dampf, mit Zucker. Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 7 Trockenlauf in der Centrifuge, welches Verfahren bekanntlich eine fehr rafche und gute Arbeit möglich macht, und aus fo gedeckten Zuckern gemahlene Producte von grofser Schönheit und Reinheit ausgeftellt. Befonderes Intereffe erregt die von Dr. C. Scheibler in Berlin, im chemifchen Laboratorium des Vereines der deutfchen Rübenzucker- Induftrie dargeftellte Collection einiger bis jetzt als Beftandtheile des Rübenfaftes nachgewiefener organifcher Körper und Derivate derfelben, fo die von Scheibler entdeckte und dargestellte Pflanzenbafe Betain und ihre Verbindungen, das fchwefelfaure, falzfaure, oxalfaure Betain, Betaingoldchlorid, Asparagin, Asparaginfäure, Mannit und rechtsdrehendes Gummi aus gegohrenem Rübenfaft, linksdrehendes Rübengummi aus Rübenmark, Pektinzucker etc. Ausfcheidungen verdampfender Rübenfäfte, rohe und gereinigte citronenfaure Kalkerde. etc. Aufser diefen in wiffenfchaftlicher Beziehung hochintereffanten Körpern. haben wir noch der in technifcher Beziehung erwähnenswerthen Ausftellung von Zucker, erhalten aus Melaffe und zwar nach dem Elutionsverfahren in gröfserem Betriebe, aber auf offenem Feuer ohne Knochenkohle dargeftellt; des Zuckerkalk- Saccharates in zerfchnitzeltem Zuftande getrocknet von röthlich gelber Farbe; des wachsgelben reinen Kalkzuckers, der fuchsrothen Füllmaffe aus dem gereinigten und faturirten Saccharat und des aus diefer Füllmaffe gewonnenen Rohzuckers zu gedenken. - - Den übrigen Raum des diefer Sammlung zugewiefenen Tifches nehmen die phyfikalifch- chemifchen Apparate und wiffenfchaftlichen Hilfsmittel, die zur Analyfe von Zucker, Knochenkohle etc. etc. dienen und die zum Gebrauche in den Laboratorien der Zuckerfabriken befonders geeigneten neueften Apparate, wie das Soleil Scheibler'fche Polariſationsinftrument und die Apparate zur Beftimmung des Raffinationswerthes( des Rendements) der Rohzucker, zur quantitativen Beftimmung der kohlenfauren Kalkerde, des Schwefelcalciums im Spodium und der Kohlenfäure in den Saturationsgafen etc. ein. Nach der Natur gezeichnete und colorirte Darftellungen der verbreitetften Rübenforten in natürlicher Gröfse und zwei photographifche Aufnahmen der dickköpfigen Imperialrübe mit liegendem Blatt und der fpindelförmigen Electoralrübe mit ftehendem, gekrauftem Blatt hatte der berühmte Rübenzüchter Ferdinand Knauer aus Gröbers( Sachfen) zu beiden Seiten der Wrede'fchen Wandkarte aufgehängt und daneben Samenproben ausgeftellt. Oefterreich- Ungarn. Die Zuckerinduftrie hat fich in Oefterreich und Ungarn, befonders aber in den Provinzen Böhmen und Mähren in wahrhaft erftaunlicher Weife gehoben. Die Totalverarbeitung an Rüben betrug im Jahre 1867-68 in 151 Fabriken 22 Millionen Wiener Centner und beträgt im Jahre 1871-1872 in 228 Fabriken über 32 Millionen Wiener Centner und während im Jahre 1850 fich die Verbrauchsabgabe für Zucker aus inländifchen Stoffen auf 153.000 Gulden belief, beträgt fie zwanzig Jahre später die namhafte Summe von 12 Millionen Gulden. Im Kampfe mit hohen Befteuerungsziffern und ungünftigen Verhältniffen hob fich diefe Induftrie namentlich in Böhmen zu einer Höhe, die wahrhaft bewunderungswürdig ift. Hervorheben müffen wir gleich die Concurrenzfähigkeit unferer Fabriken gegenüber dem Auslande, wenn wirklich gute und folche Waare, wie fie auf der Ausftellung zu finden war, nicht aber gemifchte, zum Export gelangen wird. Bei dem noch fchwachen Zuckerconfum im Inlande ift die Zukunft der öfterreichifchen Zuckerinduftrie mit einem grofsen Theil ihrer Production auf den Export 8 Dr. Josef Hanamann. angewiefen. Von Jahr zu Jahr höher befteuert, bildete das Agio einen natürlichen Schutzzoll diefer Induftrie, der natürlich durch die veränderten Valutaverhältniffe in Oefterreich allmälig wieder fällt. In Folge der Concurrenz io vieler neu ent ftandenen Fabriken, der Ueberproduction, der ungünftigen Zuckerconjunctur, der Geldnoth und theueren Material und Arbeitspreife, der bedeutend hohen Frachtfätze vieler öfterreichifch- ungarifcher Bahnen hat die öfterreichifche Zuckerinduftrie in den beiden letzten Jahren íchwere Prüfungstage durchgemacht und eine Affociation der Zuckerinduftriellen behufs Erzielung rationeller Exportgrundlagen gezeitigt. Oefterreich hat fich vom Colonialzucker nicht nur unabhängig gemacht, fondern es führt fogar mehr als 1,680.000 Centner, auf Rohzucker umgerechneten, inländifchen Zucker aus. Sein natürliches Abfatzgebiet befteht in Italien, dem Orient und den Donaufürftenthümern und es hat hier die Concurrenz Frankreich's und Belgiens aus dem Felde zu fchlagen, die un fo drückender wird, als die franzöfifchen Zuckerfabrikanten für ihre Producte namhafte, ja fabelhafte Exportprämien geniessen, wodurch es ihnen möglich wird, ihre Producte zu einem niedrigeren als dem wirklichen Erzeugungspreis in das Ausland zu verkaufen. In Folge diefer gefährlichen Concurrenz verlor Oefterreich im verfloffenen Jahre viele Zuckermärkte in den genannten Ländern und in der Schweiz, wohin Frankreich allein im Jahre 1872: 240.000 Centner Zucker einführte. Die Zuckerfabrication hat in der Reihe der letzten Jahre eine fehr bedeu tende Vervollkommnung in technifcher und chemifcher Beziehung gerade in Böhmen und Mähren erfahren. Das Verfahren der Saftgewinnung mittelft Diffufion hat fich in Oefterreich am fchnellften Bahn gebrochen, die meiſten neu errichteten Fabriken haben dasfelbe aufgenommen und felbft ältere Zuckerfiedereien würden der Diffufion das Prefsverfahren geopfert haben, wenn ihrer Einführung nicht die übliche Art der Befteuerung im Wege ftünde. Bei diefer Methode erfpart man an 50% Arbeitskräfte, an Material und gewinnt eine gröfsere Zuckerausbeute. Aber auch diefe Saftgewinnungsart fucht man noch zu vereinfachen und mit Erfparnifs an Waffer die Diffufion der Rübenfchnitte in einem einzigen Gefäfse zu bewerkstelligen. Mit der Errichtung vieler neuer Fabriken, namentlich in Böhmen in letzter Zeit durch Kleinwirthe, im Wege der Affociation gewinnt auch der Rübenbau alljährlich mehr an Ausdehnung und Bedeutung. Oefterreich- Ungarn war auf der Wiener Weltausstellung am ftärksten vertreten, durch 90 Ausfteller- von denen 53 allein, alfo über die Hälfte auf Böhmen, 19 auf Mähren und Schlefien, 6 auf Galizien, 10 auf Ungarn, 2 auf Niederöfterreich, I auf Steiermark entfallen und durch eine grofse Zahl von Ausstellungsobjecten. Oefterreich, welches gegenwärtig über 228 Rübenzucker- Fabriken befitzt und einen anfehnlichen Export an Roh- und Raffinadzucker betreibt, war durch die Collectivausftellung der öfterreichifchen Rübenzucker Induftrie recht würdig repräfentirt, durch eine unübertrefflich fchöne Sammlung befonders von Saftmeliffen mit und ohne Einwurf und von Rohzuckern, welche den ausftellenden Induftriellen alle Ehre machen. In einem gefchmackvoll gearbeiteten, umfaffenden Glasfchranke, der im Grundrifs beinahe die Figur einer Ellipfe zeigte, befand fich eine grofse Zahl von Ausftellungsobjecten, welche die Ausfteller fo zweckmäfsig zu vertheilen verftanden, dafs in die durch Nebeneinanderftellung fo vieler gleichgeformter Objecte unausweichliche Monotonie fowohl entſprechende Abwechslung, als Gliederung kam, ohne die Ueberficht zu beeinträchtigen, wie denn auch die gefammte Expofition einen ftattlichen Eindruck auf jeden Befucher auszuüben nicht verfehlte. Nur die auf der füdlichen Schrankfeite exponirten Weifszucker erfchienen gelblich nuancirt, in Folge des von der Decke und den anftofsenden Ausftellungskäften reflectirten gelben Lichtes, und diefe optifche Wirkung machte den Mangel Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 9 entfprechender Beleuchtung auf diefer Seite recht fühlbar, während auf der entgegengesetzten Seite Seitenlicht und richtig herbeigeführtes Oberlicht den dort ausgeftellten Zuckern fehr zu Statten kam. Selbſtverſtändlich mufste Ungarn feine eigene Zuckerausftellung haben und während die öfterreichifchen Zucker in der öftlichen Agriculturhalle ftanden, mufste der Beobachter die ungarifchen Zucker etwas weit entfernt von diefen im Ausftellungspalafte felbft fuchen. An diefer Stelle können wir nicht umhin, eines Mannes zu gedenken, der fich unfterbliche Verdienfte um Oefterreich's Zuckerfabrication erworben hat. Herr F. Robert, eine der hervorragendften Perfönlichkeiten auf dem Gebiete der Induftrie und Landwirthschaft, befchäftigte fich raftlos mit der Einführung der neueften und beften Methoden der Zuckerfabrication, fowie mit den neueften Erfindungen. Ihm verdankt die vaterländifche Induftrie die wichtigften Verbefferungen. Robert's Etabliffement in Seelovitz war die Pflanzfchule für die Zuckerfabrication der ganzen Welt, eine wahre Mufter- Zuckerfabrik, die des Meifters Ruhm in alle Welttheile trug. Als Vorftand des„ Vereines der öfterreichifchen Zuckerfabrikan ten" war es diefem ausgezeichneten Manne befchieden, durch Rath und That die Intereffen der heimifchen Zuckerfabrication aufserordentlich zu fördern. Aufser diefem älteften Vereine beftehen in Böhmen jetzt auch noch hervorragende, wenn auch abgefonderte, kleine Vereine tüchtiger Zuckerinduftrieller, welche mit rühmenswerthem Eifer beftrebt find, die Intereffen ihres Verbandes zu fördern. So der mittel-, oft- und nordböhmifche Zuckerfieder- Verein, u. f. w. Auch das Laboratorium des um die Zuckerfiederei in Oefterreich verdienten Chemikers Dr. A. Weiler hat fich feit feinem 20jährigen Beftande bemüht, die neueften wiffenfchaftlichen Ergebniffe den Induſtriellen zugänglich zu machen, ihnen ein treuer Führer und Rathgeber zu fein, ihnen durch wiffenfchaftliche Unterfuchungen die unentbehrlichften Grundlagen ihres Betriebes zu verfchaffen. Das Centralvereins- Laboratorium öfterreichifcher Zuckerfabrikanten in Wien, unter der Direction des Dr. O. Kohlraufch, mit den neueften Hilfsmitteln der Wiffenfchaft ausgeftattet, brachte eine reiche Sammlung von Inftrumenten und phyfikalifch chemifchen Apparaten, welche zur Zucker- und Spodiumanalyfe dienen, Polarifatoren neuefter Conftruction, Chromoskope, Mikroskope und Senkfpindeln, fowie Schnitzelmeffer der verfchiedenften Conftruction zur Ausftellung. Gegenwärtig befitzt Oefterreich zwei bedeutende Fach- Zeitfchriften: das Organ des , Vereines für Rübenzucker Induftrie in der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie", redigirt von Dr. Kohlraufch, und die Zeitfchrift für Zuckerinduftrie, gleichzeitig Organ des Vereines zur Hebung der Zuckerfabrication in Böhmen" unter Mitwirkung von Dr. Weiler, redigirt von K. Preis, welche belehrende Mittheilungen über Vervollkommnungen in allen Theilen der Fabrication und höchft intereffante Mittheilungen über die Verbreitung der einzelnen Fabricationsmethoden, fowie Ergebniffe analytifcher Arbeiten enthalten. " Von den in der Ausftellung vertretenen böhmifchen Fabriken arbeiten gegenwärtig noch 30 nach dem Prefsverfahren, 25 mit der Diffufion und 2 mit Centrifugen. Von den mährifchen Fabriken 12 mit Preffen, 5 mit der Diffufion. In Ungarn die meiften Fabriken noch mit Preffen. Von den böhmifchen Zuckerfabriken nahmen fich insbefondere die Fabricationsproducte des Herrn Ritter v. Schöller, obwohl fie im ungünftigften Lichte ftanden, vortrefflich aus. In einer eigenen Abtheilung befanden fich die Erzeugniffe feiner drei Zuckerfabriken Czakovitz, Czaslau und Wrdy, welche nach dem Robert'fchen Diffufionsverfahren beinahe eine Million Centner Rüben verarbeiten und fehr fchöne, fchwere Raffinade und Melife erzeugen. Die Czakovitzer Melife fchimmerten am weifseften. Farin und Pilézucker und in ftattlichen gefchmackvollen Glasgefäfsen, Rohzucker, zweiten und dritten Productes, vollendeten die Sammlung. Nebenan ftanden die Erzeugniffe der durch die landwirthfchaftliche Creditbank in Böhmen vertretenen Zuckerfabriken von Filipps hof, 10 Dr. Josef Hanamann. Horkau, Liffa, Hochweffely und Koftomlat, beftehend in hübfchen Raffinaden, Einwurfmelifen, Saftmelifen und Rohzuckern. Sehr empfehlende Waare hatte die mit Preffen, einfacher Scheidung und nachfolgender ftarker Saturation arbeitende Duxer Actien- Zuckerfabrik geliefert; fehr hohe gefchloffene, weiſse, fchwere Saftmelife, mit und ohne Einwurf erzeugt, und neben diefen zwei fchöne Lompsbrote, rein weifses centrifugirtes, mit Dampf gedecktes zweites Product ausgeftellt. Eidlitz, ebenfalls der Gefellſchaft gehörig, brachte Roh- und Kryftallzucker zur Schau. Ueberhaupt kann fich Böhmen in der Saftmelis Fabrication mit jedem anderen Lande meffen, wir können kühn behaupten, dafs nirgends fo wenig raffinirt wird, wie in den rationeller arbeitenden böhmifchen Zuckerfabriken, welche die fchwierigfte, aber in Bezug auf die gröfste Ausbeute wichtigfte Aufgabe, aus Rohfäften Weifswaare zu produciren, vorzüglich verftehen. Auch die vier fürftlich Schwarzenberg'fchen Zuckerfabriken brachten im eigenen fürftlichen Pavillon fchön gekochte, weifse und klangvolle Melife, Rohzucker und Candis, dann eine Sammlung confervirter Rübenfäfte in allen Stadien ihrer Verarbeitung zur Ausftellung. Die fämmtlichen Zuckerfabriken verarbeiten über 800.000 Ctr. Rüben jährlich und befinden fich zweckmäfsig vertheilt auf den verfchiedenen Gütern. Sie arbeiten theils nach dem Prefs-, theils nach dem Diffufionsverfahren. Die Svojfchitzer Zuckerfabrik zeichnete fich durch Rohzuckerhüte in abgelaufenem und Saftmelife in gedecktem Zuftande, welche von bemerkenswerther Weifse und Schönheit, nur mit Zuckerkalk geläutert waren und durch, direct aus Melaffe, nach dem F. Sebor'fchen Verfahren dargestellte Rohzucker aus. Nebenan ftanden die verfchiedenen Producte, welche aus der Melaffe durch Füllung mit Kalk als Zuckerkalk abgefchieden und als kalihältiges, dungkräftiges Ablaufwaffer gewonnen werden können. Einen gelblichen Stich zeigten die hübfchen Saftmelife der erften Kraluper Actien- Zuckerfabrik, welche nach dem Diffufionsverfahren mit ftarker Saturation arbeitet. Die Actienfabrik Kaden hatte blank und auf Korn gekochte Zucker erften, zweiten und dritten Productes, die dem Fürften Fr. Kinsky gehörige Zlonitzer Fabrik fchwere Raffinadbrote, in Korn und Farbe hervorragende Saftmelife, Stückzucker und fchöne Rohzucker; die Horomeřitzer Zuckerfabrik in Lompsformen gekochte„ grüne" und gedeckte Brote mit aufsergewöhnlich grofsem Korn, Kryftall und centrifugirte Rohzucker, fowie Candis; die dem Freiherrn v. Aehrenthal gehörige Doxaner Fabrik gute Lompszucker aus Ablauffyrupen, gefpaltene und ganze Brote, die Wegftädtler Actienfabrik kräftige Rohzucker in wechfelnden Reihen ausgeftellt. Durch vorzügliche Waare zeichneten fich die Neuhofer und Weltrufer, dem Grafen Chotek und Ritter v. Komers eigenthümlichen Zuckerfabriken aus, welche auch fchöne, auf ruffifches Korn gekochte, gefchleuderte Rohzucker eingefchickt hatten, während Wodolka durch mehr naturweifse Melife und die Freiherrn Riefe Stallburg gehörige Schlaner Fabrik durch grobkryftallifirte, fehr gebläute Lompen und fehr hohe, in grofse Zuckerformen gekochte Schaubrode die Aufmerkfamkeit auf fich zu lenken fuchten. Die der allgemeinen Actiengeſellſchaft in Prag gehörige Swijaner Diffufionsfabrik ftellte Raffinaden, Saftmelife, Pilé und Farinzucker, die Sadovaer Zuckerfabrik fehr feinkörnige, gut gekochte, aber weniger weifse Saftmelife, herrliche Rohzucker und Rohproducte, jedoch, wie bei den meiften anderen Fabriken, ohne jede Angabe ihres Zuckergehaltes oder Raffinationswerthes, aufserdem recht farblofen Candis in Kronenform aus. Leider vermifsten wir fehr die Erzeugniffe des gröfsten böhmifchen, weit über eine halbe Million Centner Rüben verarbeitenden Etabliffements, nämlich der rühmlichft bekannten Berkovitzer, mit Centrifugen den Saft aus der Rübe gewinnenden Zuckerfabrik. Die nach gleicher Saftgewinnungs- Methode arbeitende, dem Franz Grafen Thun gehörige Perucer Fabrik hat weifse, hohe Standbrote, diverfe Melife und Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 11 Nachproducte in Flafchen, welche auf eine fehr gute Fabrication fchliefsen laffen, zur Expofition gebracht. Die grofskryftallifirten, durch eine eigenthümliche Kochmethode gewonnenen, im„, grünen" und„ gedeckten" Zuftande ausgeftellten Melife der Radborer Zuckerfabrik, die auch grobkryftallifirte Rohzucker in Gläfern brachte, jedoch ohne jede Polarifationsangabe, fielen nicht wenig auf. Gefuchte Marktwaare hatte auch die Smiřicer, dem Freiherrn Johann v. Liebig& Comp. gehörige, fowie die Saazer Actien Zuckerfabrik, Rohzucker und Farinzucker von befonderer Schönheit eingefchickt. Diefe, fowie alle in den letzten Jahren in Böhmen neu errichteten Zuckerfabriken, und ihre Zahl ift nicht gering, gewinnen die Rübenfäfte nach dem Robert'fchen Diffufionsverfahren und reinigen fie meiſt nach der Jelink'fchen Carbonation, bei welchem Verfahren bekanntlich eine gröfsere Zuckerausbeute mit geringeren Fabricationskoften erzielt werden kann, wenn fich die Fabrik überhaupt in intelligenten Händen befindet. Vorzüglich arbeitet nach diefem Verfahren auch die Münchengrätzer, dem Grafen Ernft Wald ftein gehörige Zuckerfabrik und die Libochowitzer, der Gräfin von Herberftein eigenthümliche Zuckerfiederei. Die Kolliner, dem Freiherrn v. Horsky gehörige Diffufionsfabrik müffen wir beinahe als die einzige Fabrik bezeichnen, die ihren Producten, nach dem Beiſpiele der deutfchen Zuckerfabrikanten, inftructive, aus dem Laboratorium des Herrn Dr. Weiler ftammende Analyfen beigefügt hatte. Es befanden fich hier Rohzucker erften Productes, centrifugirt mit Wafferdecke, fehr weifs von Farbe mit einem Raffinationswerth von 99.5%, auf Korn gekochte und centrifugirte Rohzucker, etwas blond von Farbe mit 96% Rend., dann blank gekochtes erftes Product etwas lichtgelb mit 96.6 Rend., endlich erftes Product auf Korn gekocht und gefchnitten, etwas gelb von Farbe, gröber kryftallifirt wie das vorhergehende mit 97% Rend. Aufser diefen Producten, zweites mit 99% Rend., drittes mit 96, und viertes mit 94% Rend. Königsfaal, die ältefte Zuckerfabrik Böhmens, feffelte durch ungedeckte Melis und centrifugirte Rohzucker, Libnoves durch Saftmelis, gelben und weifsen Candis, die Tfchinkel'fche Fabrik in Lobofitz durch fchöne Melis. Im weftlichen Halbkreife diefer Zucker- Collectivausftellung entrollte die Svolenovefer, Seiner Majeftät dem Kaifer Ferdinand gehörige Zuckerfabrik ein buntes Bild ihrer verfchieden geformten Producte. Bald in Pyramiden, in Kegeln, als Obelisken oder Kronen, bald in marktläufiger Geftaltung, als ganze oder gefpaltene, hohe oder niedrige Exportbrote, als Stück-, Kryftall- oder Rohzucker, blofsgelegt oder in verfchiedene, gefärbte Papiere gehüllt, bot diefe Fabrik eine reiche Auswahl von Zuckern den Blicken des Befchauers. Bemerkenswerth find auch noch die Producte der Opocner, dem Fürften Colloredo gehörigen und der beiden, dem Fürften Lobkowitz eigenthümlichen Zuckerfabriken im nördlichen Böhmen, welche zufammen etwas über eine halbe Million Centner Rüben verarbeiten. Der böhmifche Zuckerexport hat in den letzten Jahren gelitten, um fo tröftlicher ift die aus der Expofition gefchöpfte Ueberzeugung, die fich namentlich bei der Befichtigung der im öftlichen Halbkreife hinter koftbaren koloffalen Glasfcheiben in reichhaltiger Sammlung ausgeftellten böhmifchen Rohzucker aufdrängt, dafs Böhmens Zuckerinduftrie auf einer hohen Stufe fteht und concurrenzfähige Waare zu Tage fördert. Unter den mährifchen Etabliffements nimmt unftreitig die Zuckerfabrik des Herrn Robert den erften Platz ein. Sie iſt das Mufteretabliffement, welches epochemachende Erfindungen mit feltener Aufopferung und unermüdlichem Eifer verbreitet und tüchtige Jünger heranbildet, wie denn auch die ausgeftellten Erzeugniffe diefer Fabrik ihres Gleichen fuchen. Prerau( Alfred Skene) hatte 15 Stück fchöner Raffinaden, dann Glasgefäfse mit Stückzucker, die Wifternitzer und Huleiner Actienfabriken R 12 Dr. Josef Hanamann. Zuckerpilé aus grobkörniger Füllmaffe, mittelft Dampfzuftrömung gedeckt und gefchleudert; die Roffitzer Fabrik vorzügliche Raffinaden, die Leipniker Actienfabrik Saft und Syrupmelis, gefpaltene, fehr weifse Brote mit gefchloffenen fchönen Böden, die Königsfelder, dem Ritter v. Bauer gehörige Fabrik Rohzucker zweites und drittes Product mit einem Rendement von 97'6 und 95'4%, jedoch mit einem fchwachen Stich ins Graue, zwei Riefenftandbrote von 1½ Meter Höhe im ungedeckten abgelaufenen Zuftande, dann erftes Product mit einem Rendement von 95%% und centrifugirte und gedeckte Rohzucker, die Altbrünner, demfelben Befitzer eigenthümliche Fabrik, verfchiedene Hutzucker ausgeftellt. Sehr befriedigend find auch die Leiftungen der dem Herrn E. v. Proskovetz in Kwaffitz gehörigen Zuckerfabrik, intereffant die kleinen Exportmelis, wie fie namentlich in der Türkei gefucht werden. Die Zuckerfabriken Grufsbach und Selletitz waren durch canellirte geprefste Paradebrote, aber auch durch vorzügliche hellblonde Rohzucker und Melife, die Gräflich Herber ftein'fche Fabrik zu Pohrlitz durch kleine Saftmelis ohne Einwurf, die etwas grau und grobkörnig, jedoch nach einer beigefügten Angabe aus Rüben von nur 13% Sach. und 87% Zuckergehalt, am 27. März diefes Jahres erzeugt wurden, vertreten. Welche Fabrik wird aber in diefer kritifchen Zeit folche Rüben verarbeiten? Von den fchlefifchen Zuckerfabriken zeichnet fich die Actien- Zuckerfabrik Barzdorf durch herrliche Melis, die Actienfabrik Freiheitsau durch gelungene Rohzucker, Hotzenplotz durch weifse, fchön gekörnte Saftmelis, Stauding durch gute Lomps und Troppau durch Raffinaden und Candiscylinder von farblofer Zuckermaffe aus. Hohe Raffinaden, eine Krone und eine Gloriette von Candis, grobkörnige gelbe und braune Rohzucker verfchiedener Nummern exponirte die Zuckerfabrik Dürnkrut in Niederöfterreich. Der Grazer Raffinerie gehörten überaus weifse Raffinaden an, angeblich aus Rohzucker mit Anwendung von ungeglühtem Spodium erzeugt, welches blofs durch Laugen wiederbelebt wird. Neben diefen Zuckern ftanden Producte, gewonnen aus Melaffe, nach der Methode von Profeffor Schwarz in Graz, entfalzte Maffe, und aus derfelben gewonnene tiefbraun gefärbte, gut kryftallifirte, dann gefchleuderte und nicht gedeckte, ohne Anwendung von Knochenkohle dargestellte Rohzucker. Bei diefem Verfahren follen ohne Benützung von Alkohol oder giftigen Stoffen, wie Baryt, fondern nur durch Anwendung bekannter Hilfsmittel der Zuckerfabriken, bei geringen Anlagekoften, 80% der melaffebildenden Salze entfernt und 25% des Melaffengewichtes an Zucker gewonnen werden. Es ift das dritte Mal, dafs wir bei der Betrachtung diefer Ausftellungsobjecte auf Producte ftofsen, die aus dem Abfalls product der Zuckerfabriken, der Melaffe erzeugt werden, und diefen Bemühungen müffen wir alle Aufmerkfamkeit zollen, nicht nur weil fie auch fchlechtes Material möglichft auszunützen trachten, fondern in der Wiederbenützung der letzten Abfallsproducte auch noch die Bedingungen ungefchwächter Fruchtbarkeit dem Boden zu erhalten fich bemühen. Aus Galizien hatte die Tlumaczer Raffinerie kleine Export- und fchwere grofse Raffinade eingefendet, dann aus Oft galizien Graf Blücher v. Wahlftadt in Uscie- Biskupie eine kleine Separatfammlung von weifsen, Melis, Kryftall- und Rohzuckern ausgeftellt. Die Vertreter der ungarifchen Zuckerinduftrie bemühten fich in der ungarifchen Abtheilung der Haupthalle eine kleine Collectivausftellung in Form einer achtfeitigen Pyramide, fo dafs jeder der ausftellenden Zuckerfabriken eine Seite zufiel, zu veranſtalten. Wenn auch anerkennenswerthe Leiftungen darunter fich befanden, fo wiffen wir doch, mit welchen Schwierigkeiten die ungarifchen Zuckerfieder bei der Ausbringung des Zuckers aus der falzreichen ungarifchen Rübe zu kämpfen haben, und wie wenig lohnend fich diefer Induftriezweig in Ungarn herausftellt. Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 13 Bemerkenswerth find jedoch die Grofs- Zinkendorfer Actien- Zuckerfabrik, durch fchöne Raffinaden und Pilézucker, Hartig& Rottermann in Hirn, durch bleifchwere, compacte, weifse Raffinaden, Schöller& Reich in Edelény durch Melis und Raffinaden, die Diosczegher Actienfabrik durch geftampfte Raffinaden, grobkörnige Melis, die Ungarifch. Oftrauer Fabrik durch mittelft Hochdruck in 6 Stunden ausgedeckte Melis. Frankreich. In Frankreich wird die Zuckerfabrication im umfaffendften Mafse in den nördlichen Departements betrieben, und es betrug im Jahre 1867 die Zahl der im Betrieb ftehenden Fabriken 434, die Zahl der aufser Betrieb befindlichen 13. zufammen 447. Im Jahre 1872 beftanden 483 Etabliffements. Die erzeugten Zuckermengen erreichten fchon im Jahre 1867 die Höhe von 274 Millionen Kilo. Die Einfuhr betrug von den franzöfifchen Colonien an Rohzucker 70 Millionen Kilo, an weifsem Zucker 12 Millionen Kilo. Die Einfuhr an Rohzucker aus anderen Ländern 59 Millionen Kilo und zwar von Cuba, Porto R. 27 Millionen. Belgien 15 Millionen, Oefterreich 2 Millionen, Brafilien 8 Millionen, Mauritius 3 Millionen Kilo, unbedeutend aus dem deutfchen Reiche und England, und an weifsen Zuckern 18 Millionen Kilo, wovon auf Cuba, Porto R. 10 Millionen, Mauritius 3 Millionen, Oefterreich 134 Million Kilo etc. entfallen und an raffinirtem Zucker von Belgien 2 Millionen, im Ganzen an 3 Millionen Kilo Zucker und 23 Millionen Kilo Melaffe. Nach den neueften ftatiftifchen Angaben werden in Frankreich jährlich gegen 500 Millionen Kilogramme Raffinade zur Hälfte aus Rüben, zur anderen Hälfte aus Zuckerohr- Rohzucker dargeftellt, wovon über 300 Millionen Kilogramme in Frankreich confumirt, der Reft nach England, Schweiz, Italien, Amerika, Algier und der Türkei exportirt werden. Frankreich hatte auf der Parifer Ausstellung für eine glänzende decorative Ausfchmückung feiner ausgeftellten Zuckerproben geforgt und diefe felbft fo glänzend ausgeftellt, dafs vielen von den Ausftellern die goldene Medaille zuerkannt worden it. Frankreich fcheint aber feit dem Jahre 1867 auf diefem Gebiete nicht mehr nach neuem Ruhme zu ftreben und hat fich in der weftlichen Agriculturhalle mit einem kleinen Raum begnügt, nachdem es am eigenen Heerde reiche Ehren geerntet hatte. Es war darnach auf der Ausftellung meift nur durch Colonialzucker vertreten und würden nicht acht Ausfteller einzelne wenige, zerftreut liegende Zuckerproben in Käftchen geliefert haben, fo würde Frankreich's grofsartige und auf hoher Stufe ftehende Rübenzucker- Induftrie ganz unvertreten gewefen fein. Nicht vergeffen dürfen wir der in Frankreich üblichen nützlichen und gewinnbringenden Verwerthung der Rübenmelaffe für fich und im Verein mit dem rohen Rübenfaft auf Rübenfpiritus und Pottafche, die in Deutfchland wegen der in diefer Beziehung nachtheiligen Art der Steuereinhebung von Alkohol noch weniger ausgebeutet werden kann. In Oefterreich hat fich um die Einführung und Verbreitung diefes Verfahrens befonders H. Siegel in Barzdorf ( Schlefien) verdient gemacht. Der Rübenbau, die Zuckerfabrication, die Knochenverkohlung und Deftillation der Melaffe find von einem fo hervorragenden Einflufs auf die Fortfchritte der Landwirthschaft, dafs die franzöfifchen Staatsmänner alle Urfache haben, die koftbaren Blüthen diefer induftriellen Thätigkeit durch eine weife Gefetzgebung zu fchützen. Zu den beften Producten der franzöfifchen Zuckerausftellung müffen wir unftreitig die blendend weifsen, ftark- und feinkörnigen gefchloffenen Raffinaden in ganzen und der Länge nach gefpaltenen Broten von C. Say in Paris, welcher 14 - Dr. Josef Hanamann. fchon auf der Parifer Expofition mit dem erften Preife geehrt wurde und 56 Millionen Kilogramm Raffinadzucker jährlich aus Rüben- Rohzucker erzeugt, rechnen. Nicht nur in Frankreich, fondern auch in Belgien, der Schweiz, Italien und felbft in Deutfchland ift das Product gefucht. Die Firma Storck& Comp. in Paris hatte unter Barytpräparaten einen aus Melaffe nach dem Verfahren von Dubrunfaut dargestellten, weifsen, fchönen Zuckerhut ausgeftellt. Befonders gut arbeitet nach diefem Verfahren Tilloy in Courrière( Depart. Pas- de- Calais), welcher namhafte Mengen Melaffe auf diefe Art entzuckert. Vavin P.& Comp. in Brazey- en pleine( Depart. Côte- d'or) fandte in kleinen Schachteln unfcheinbare Proben centrifugirten Rohzuckers, dann Staubzucker und in zwei kleinen Medicinfläfchchen Proben fogenannten farblofen Rüben- Rohzuckers, ohne jede Angabe der Menge jährlich erzeugten Zuckers und der Fabricationsweife desfelben. Lair F. in Paris ftellte weifsen, nach einem unbekannten und nicht näher angegebenen Verfahren aus Melaffe abgefchiedenen Zucker in Gläfern aus und Brunnel& David in Cette verfchiedene Gefundheitsfyrupe. Mennier Roye( Depart. Somme) exponirte in fechs grofsen Chiningläfern centrifugirten grobkörnigen, etwas ins Grau ſpielenden, weifsen Kryftallzucker. Der Zucker aus der Zuckerfabrik und Deftillerie von de Sermaize( Marne) war weder von befonderer Schönheit noch Compactheit, während die zerftamp ten weifsen Zucker von Cotin J. in Nantes ohne jede weitere Angabe fich jeder Beurtheilung entziehen. Beffer vertreten als die franzöfifche Zuckerfabrication aus Zuckerrüben war die aus Zuckerrohr in der Expofition der franzöfifchen Colonien, obwohl wir geftehen müffen, dafs uns die dort gefehenen Zuckerproben wohl in Bezug auf den Gefchmack befriedigten, jedoch in Bezug auf Weifse, Schönheit und Reinheit den deutfchen und öfterreichifchen Zuckern nachftanden, wie diefs bei der unvollkommenen Fabricationsweife und den mangelhaften Einrichtungen der ColonialZuckerfiedereien nicht anders fein kann; bei dem grofsen Gehalt des ZuckerrohrSaftes an Zucker und deffen aufsergewöhnlicher Reinheit aber ganz anders fein könnte. Es betrug der Handelswerth der von den franzöfifchen Colonien eingeführten Zucker im Jahre 1870 etwas über 51 Millionen Francs und zwar von Guadeloupe 223/10 Millionen Francs, von Martinique 16610 Millionen Francs, von der Infel la Réunion 9% Millionen Francs, von St. Marie de Madagascar 21 Millionen Francs und von Guyana bei 1/10 Millionen Francs. In diefen Colonien gab es urfprünglich nur einige Raffinerien, welche ein Privilegium befafsen und die Einwohner unverzeihlich beraubten, bis diefe felbft anfingen, ihren Zucker zu bleichen. Die freie Raffinerie ift der gerechtefte und richtigfte Weg, den inländifche und ausländifche franzöfifche Fabrikanten gehen müffen und von deffen Betreten die beiden grofsen Induftriezweige nur Vortheile ziehen werden. Guadeloupe reiht fich an die grofsen Zuckercolonien, welche den fchönften reinweifsen Zucker ausftellten und exportirten. Es entfallen im Jahre 1872 an 31 Millionen Kilogramm Zucker und 36 Taufend Liter Melaffe auf diefe reiche Colonie. Die Fabricationsmethode verbeffert fich mit jedem Jahre feit der Errichtung der Central- Zuckerfiedereien. In Folge diefer Einrichtung erhalten die mit kleinen, mangelhaften Apparaten ausgeftatteten Grundeigenthümer, welche früher kaum 5% Zucker aus dem Zuckerrohr gewannen, gegenwärtig diefelbe Quantität koftenfrei, ohne felbft fabriciren zu müffen und können ihre Sorgfalt mehr der Cultur des Rohftoffes zuwenden. Die Befitzer der Centralfiedereien erhalten wieder ihrerfeits mit Hilfe verbefferter Apparate Ausbeuten von mindeſtens 10% Zucker, von denen ihnen die Hälfte bleibt, und erzeugen viel befferen Zucker. Den fchönften Zucker hatte Marquis de Rangougne aus der Zuckerfiederei Clugny, in grobkörnigen und feinkörnigen, vorzüglich fchönen Kryftallen Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 15 und fehr weifse centrifugirte Zucker ausgeftellt. Der Werth feiner Production. beträgt jährlich über 3 Millionen Francs. Auch Comt de Chazelles à Sainte- Annè fandte gute Proben aus der Siederei von Marly in Form von Kryftallzuckern ein. A. Duchassaing de Forbessin hatte mittelkörnige Zucker guter Qualität ausgeftellt. Die Bewohner von Martinique befchäftigten fich faft ausfchliefslich mit dem Anbau des Zuckerrohres und der Darftellung von Zucker. Der Export diefer Waare betrug im Jahre 1872 an 40 Millionen Kilogramm Zucker und 134 Taufend Liter Melaffe. Die Zucker von Martinique find jedoch gewöhnlich unter der guten Qualität und nur einige Siedereien, zu welchen Bougerot& Comp. aus der Siederei von François& Robert, dann Rousselot& Comp. gehören, erzeugen ausnahmsweife beffere Producte mit Hilfe verbefferter Apparate. In der Colonie Guyane ift die Zuckerinduftrie noch wenig vorgefchritten. Das Zuckerfieden wird dort noch auf freiem Feuer vorgenommen, die Fabrication ift primitiv, die Ausfuhr an Zucker unbedeutend. Dagegen bildet auf der Infel la Réunion die Zuckerfabrication die Hauptinduftrie und die dortigen Plantagen befitzen mit wenigen Ausnahmen Dampfmafchinen. Die Mehrzahl der Zuckerfiedereien bedient fich der Centrifugen zum Reinigen des Zuckers. Die vermifchten Syrupe bilden nur einen Syrup von mittlerer Qualität. Obwohl die Ausfuhr an Zucker fchon im Jahre 1861 über 73 Millionen Kilogramm betrug, fank diefelbe in Folge der zunehmenden Verarmung des Bodens durch Raubbau und durch die verheerende Krankheit des Zuckerrohres im Jahre 1872 bis auf 26 Millionen Kilogramm. Den vorzüglichften grofskörnigen Kryftallzucker von befonderer Weifse liefert das Etabliffement Savanna des Herrn Hoareau Lasource und d'Etchigaray aus der Fabrik Piton auf St. Paul, welcher vorzügliche Apparate und Vacuums befitzt und weifse verfchieden gekörnte Zucker und wohlfchmeckende Melaffe ausftellte. Weniger fchön waren die Zucker der Collectivausftellung der Ackerbaukammer, welche die bedeutendften Siedereien der Infel Bourbon und mehrerer Anderer umfafste und gelbliche, braune, feinkörnige oder mehlige Zucker enthielt. Die Zucker der Infel St. Marie de Madagascar, welche nur über freiem Feuer dargeftellt werden und der Colonie Mayotte und Nossi- Bé, welche Gegenden von grofser Fruchtbarkeit befitzt, in welchen die Cultur des Zuckerrohres fich immer mächtiger auszudehnen fucht, hatte mittelmäfsige Zucker ausgeftellt. Die franzöfifchen Colonien in Oceanien endlich beginnen fich erft zu entwickeln. Es beftehen bis jetzt erft vier kleine Siedereien, von denen nur eine mit Wafferkraft getrieben wird. Belgien. Diefes Land brachte weder in der Haupt- noch in der Agriculturhalle werthvolle Handelswaare, fondern nur vereinzelte Proben von Candis- Gefundheitsfyrupen und einige Producte aus Zuckerrohr zur Expofition. Vercruysée- Bracq à Gand hatte diverfe Candisproben aus Zuckerrohr und de Meulfmester ebenfalls in Gand geringwerthigere Zuckermufter eingefendet. Belgiens Zuckerinduftrie ift bedeutend. Es beftehen gegenwärtig über 135 Zuckerfabriken, welche nahe an eine Million Centner Rübenzucker erzeugen, follen. Bei der bedeutenden Confumtion an Zucker in Belgien werden immer noch aus den Colonien gegen 200.000 Centner Colonialzucker eingeführt, dagegen Rübenzucker nach der Schweiz und Italien ausgeführt. Dänemark. Unter einer achtfeitigen verglaften Pyramide lagen und ftanden die Producte der Zuckerraffinerie Helsinorsgadier bei Koppenhagen und der Raffinerie 16 Dr. Josef Hanamann. Phönix, welche zufammen 200.000 Centner Zucker und zwar nur aus Zuckerrohr Rohzucker jährlich erzeugen. In der Mitte der gefchmackvoll arrangirten Sammlung ftanden gefpaltene und ganze, etwas gebläute, aber fehr feinkörnige, herrliche Raffinadbrote, während ringsherum auf blauen und weifsen Glastellern fehr weifse, appetitliche Puderzucker, centrifugirte Kryftallzucker in gelblichen und graulichen Farbentönen, unter diefen am Fufse der Pyramide in acht gleichfeitigen Dreiecken verfchieden gefärbte Stangencandife von ſchön weifser, gelber, blonder, brauner bis fchwarzer Farbe lagen, während über den Raffinadbroten ganze Blöcke von verfchiedenem Candis, wie er fich eben aus der Form geftürzt präfentirt, dann Würfel, Tafel- und Stückzucker, Farine und verfchiedene Naturproducte, endlich in engen Glascylindern Syrupe und Melaffen von befonderer Reinheit ausgeftellt waren. Schweden befitzt fünf Zuckerraffinerien und eine Rübenzuckerfabrik auf Actien, gegründet in Landskrona in Südfchweden, welche jährlich über 200.000 Centner Zucker erzeugt. Herr Tranchell, Leiter diefer Fabrik, hatte mehrere hübfche Raffinaden, einige poröfe, etwas graue, grob gekochte Melisbrote, blafsgelben Candis in Kronen und Stangenform eingefendet. Niederlande. Die nationale Zuckerinduftrie in Amfterdam betheiligte fich mit ftark gebläuten, grob- und feinkörnigen Raffinaden, mit centrifugirtem Rohzucker und gedeckten Zuckern, mit fehr dunklen Syrupen und etwas Würfelzucker. Rufsland und Polen. Der Hauptfitz der ruffifchen Zuckerfabrication befindet fich in Süd- Rufsland. Die Zuckerinduftrie diefes Landes war auf der Ausftellung durch 25 Ausfteller und gegen 100 Ausftellungsobjecte vertreten. Während die Rübenzucker- Production an Ausdehnung immer mehr gewinnt, vermindert fich die Zahl der kleinen, unrentablen Etabliffements. Ihre Lebenskraft hat die ruffifche Zuckerinduftrie fchon öfters zu beweifen Gelegenheit gehabt, fo nach der grofsen Krisis 1860, die auf den Kiewer Contract ausbrach. Die Gefammterzeugung an Zucker, deren rafches Steigen der Aufhebung der Leibeigenfchaft und der in ftärkerem Verhältnifse zunehmenden Confumtion zuzufchreiben ift, überfteigt in Wirklichkeit, nach den trefflichen Angaben des verdienftvollen, in Rufsland vielbefchäftigten Induftriellen L. Walkhoff, erheblich die officiellen Produictonszahlen, berechnet nach der verarbeiteten Rübenmenge, wenn auch der ruffifche Sandzucker ein körnigeres, weifseres und reineres Product als unfer Rohzucker ift und darum dort etwas mehr Rüben wie bei uns zur Darstellung eines gleichen Quantums Zucker aufgewendet werden müffen. Doch liefert die hochgrädige ruffifche Rübe ein Rendement von mindeftens 6% weifsen Sandzuckers, während die ruffifche Regierung ein Minimalrendement von nur 5% annimmt. In den letzten Jahren wurden wieder gröfsere Zuckerfiedereien, darunter Actienfabriken ins Leben gerufen. Es ift fehr fchwierig, über diefen Induftriezweig ein vollſtändiges Bild zu geben, da er kein Organ befitzt, die officiellen Ausweife nicht verlässlich find und die Fabriken auf einer doppelt fo grofsen Fläche als in Deutſchland zerstreut liegen; von der türkifchen bis nahe zur fibirifchen Grenze. Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. - 17 Die Zuckerraffinerie von B oriffovsky& Sohn in Moskau bringt jährlich 400.000 Pud( I Pud= 16.38 Kilogramm) raffinirten Zuckers in den Handel, mittelkörnige bis grobkörnige, ftark gebläute Waare, Hutzucker, welche in fehr kurzer Zeit nach dem patentirten Verfahren des Leiters diefer Fabrik Herrn Alexander Herbft und zwar in 24 Stunden, ftatt wie gewöhnlich in 8 Tagen, ausgedeckt und getrocknet werden. Aufser Hutzucker waren auch Proben von Würfelzucker ausgeftellt. Gröfser noch wie diefe Raffinerie ift die von Brodsky in Lebedin ( Gouvernement Kiew), welche eine halbe Million Pud Raffinade im Werthe von 5 Millionen Rubeln erzeugt. Sie arbeitet mit 10 Dampfkeffeln von 365 Pferdekraft und befchäftigt über 500 Arbeiter. Diefe Fabrik fandte jedoch nur kleine, ftark gebläute und etwas durchftochene Raffinadbrote ein. Betrachten wir zunächft die Producte des Warfchauer Gouvernements: Die Erzeugniffe der nach dem Macerationsverfahren von Bobrinsky arbeitenden Zuckerfabrik von Löwenberg in Rouda- Pobianitza waren durch grofskörnige Rohzucker und kleine, feinkörnige Raffinaden repräfentirt. Diefe alte Fabrik erzeugt 100.000 Pud raffinirten Zuckers. Zu den älteften 1837 errichteten ruffifchen Fabriken gehören jedoch die von Nathanfon in Gouzow, welcher Hutzucker und fchönen Kryftallzucker eingefchickt hatte und 200.000 Pud Zucker im Werthe von 12 Million Rubel erzeugt, mit 26 Dampfmafchinen von 260 Pferdekraft und 600 Arbeitern arbeitet, und die von Epftein in Hermanow, von derfelben Gröfse wie die vorige Zuckerfabrik, die vorzügliche raffinirte Hutzucker ausgeftellt hatte. Zu den fchönften ruffifchen Zuckern müffen wir die von Jan acz in Josefow ( Warfchau) beftehend in Kryftallzucker, raffinirtem Brotzucker und Stückzucker zählen, die Erzeugniffe einer neueren, erft 1865 errichteten 130.000 Pud Zucker jährlich erzeugenden Fabrik, welche nach dem Diffufionsverfahren mit Dampfmafchinen von 232 Pferdekraft arbeitet und 1000 Arbeiter befchäftigt. Berfon in Tzesk hatte fowohl Raffinaden, Kryftallzucker von fchönem grofsen Korn, Rohzucker erften und zweiten Productes, Stückzucker in Ziegelform mit Syrup gedeckt, fowie Exportbrote ausgeftellt, erzeugt über 110.000 Pud Roh- und Weifszucker, befitzt 22 Diffuseure, und gebietet über bedeutende Arbeitskräfte. Berson in Mikhailow brachte zwar fchön weifse, aber etwas poröfe, gedeckte und ungedeckte Melisbrote, gelben Graupenzucker, weifsen Sandzucker und Saftzucker in Stücken zur Schau. Die Fabrik arbeitet mit Preffen und Macerationscylindern und producirt jährlich etwa 60.000 Pud Zucker. Endlich haben wir noch zu den Fabriken diefes Gouvernements die Diffufionsfabrik und Raffinerie Leonow zu zählen, die durch hübfche, weifse, etwas durchftochene Brote, dann durch mit Dampf gedeckte, in Ziegelform gebrachte, in Form einer Pyramide aufgefchlichtete Zuckertafeln vertreten war und die doppelte Zuckererzeugung der Mikhailower Fabrik nachweift, zu rechnen. Zu den Zuckerfabriken des Gouvernements Kiew gehören aufser der Eingangs erwähnten Raffinerie noch die Zuckerfabrik der Herren Jakhnenko & Simirenko in Goroditschtsche, welches Haus durch raffinirte, gut gekochte und fchön gedeckte Brote und Kryftallzucker repräfentirt war und jährlich in mehreren zerftreut liegenden Zuckerfiedereien beinahe 2 Million Pud Zucker im Werthe von 32 Millionen Rubel erzeugt. Sämmtliche Fabriken arbeiten mit Dampf, befchäftigen 426 hydraulifche Preffen, 23 Vacuums und Verdampfapparate, 50 Centrifugen und 3.000 Arbeiter, was uns einen annähernden Begriff von den grofsen Leiftungen der ruffifchen Fabriken geben kann. Recht nett nahmen fich auf einem achtfeitigen Tabernakel in acht kleinen Kapellen die Raffinadzucker der jungen Kiewer Zuckerraffinerie ( Actiengeſellſchaft) aus, mit einer jährlichen Zuckererzeugung von 800.000 Pud Zucker, im Werthe von 6 Millionen Rubel, der gröfsten ruffifchen Zuckerfabrik, welche 14 Dampfmafchinen mit 220 Pferdekraft und aufserdem noch 600 Arbeiter 2 18 Dr. Josef Hanamann. befchäftigt. Erwähnenswerth bleibt noch die Rohzucker- Fabrik Lepoukhine mit guten Proben Sandzuckers. Nach dem Diffufionsverfahren arbeitet Kiemens in Czarnomin in Podolien, einer Actiengeſellſchaft gehörig, welche ftarkgebläute, aber compacte Raffinaden, gegen 80.000 Pud Rübenzucker und 90.000 Pud raffinirten Zucker im Werthe von 1 Million Rubel erzeugt. Ebenfo leiftungsfähig dürfte die Rohzucker- Fabrik Bekkers fein. Durch koloffale Production zeichnen fich die Zuckerfabriken des Grafen Alfred Potocky und des Prinzen Sangoufchko in Podolien, Volhynien und der Ukraine aus, welche fchon feit dem Jahre 1842 beftehen und derartig an Leiftungsfähigkeit gewonnen haben, dafs fie gegenwärtig über 38 Millionen Kilo gramm eigene und 26 Millionen Kilogramm Kaufrübe jährlich in fünf Zuckerfiedereien und zwei Raffinerien verarbeiten. Zwei Fabriken arbeiten mit je 24 Diffufeuren drei mit 14 hydraulifchen Preffen und befchäftigen zufammen 2.000 Arbeiter und erzeugen 300.000 Pud Roh- und 300.000 Pud Raffinadzucker im Werthe von 5 Millionen Rubel. Exponirt hatten diefe Fabriken recht fchöne Weifszucker und Rohzucker aller Farben und verfchiedener Körnung in farblofen viereckigen Glaskäftchen. Die Graflich Laubiensky'fche Zuckerfabrik in Grofs- Kafimir hatte Naturbrote, gefärbte Raffinadbrote, ein Glas fchöner, aber überaus grobkörniger Füllmaffe und grofskörnige Sandzucker ausgeftellt und extrahirt die Rübe nach dem ausgezeichneten Robert'fchen Saftgewinnungs- Verfahren. Veriarski zu Czenstocice( Gouvernement Radom) befchickte die Ausftellung mit Lomps und Rohzuckern, Charitonenko( Gouvernement Charkow) mit Melifen von 8. 16 und 20 Pfund Schwere und mit vorzüglichen Krystallzuckers. Diefe Fabrik arbeitet mit 15 hydraulifchen Preffen, erzeugt 17 Million Pud Zucker jährlich im Werthe von 3 Millionen Rubel und befchäftigt Dampfmaschinen von zufammen 1.300 Pferdekraft und 2.400 Arbeiter. Eine bedeutende Fabrik ift auch die von Vainftein in Starwie( Gouvernement de Poltawa), welche gute Proben von Kryftall- und Rohzucker diverfer Körnung geliefert hat und eine jährliche Zuckermenge im Werthe von 2 Millionen Rubel erzeugt. Ausgeftellt hatten noch die Diffufionsfabrik Skirmoundt( Gouvernement de Minsk) dann die kleineren Rohzucker- Fabriken Golitzin( Gouvernement Charkow), Gounzbourg( Podolien), Tarnovsky( Gouvernement Czernigow) und Joukovsky( Gouvernement Koursk), welche zumeift Roh- und Sandzucker erzeugen. Wir können aber nicht glauben, dafs der ruffifche Zucker auf dem Weltmarkte concurrenzfähig werden wird, weil der Transport aus dem Inneren nach den Häfen ein zu koftfpieliger ift. Die ruffifche Induſtrie erfüllt aber ihre Aufgabe vollständig, wenn fie ihren und den geringen Bedarf Centralafiens deckt Ein bedeutender Eingangszoll und den Wohlftand ganzer Gouvernements hebt. auf fremden Zucker ſchützt die einheimifche Induſtrie. England befchickte die Ausitellung vorzüglich nur mit Colonialzuckern und als fehr fchönen Zucker müffen wir den von J. B. Brancker in Liverpool, dann den brafilianifchen Zucker von S. P. Johnftone bezeichnen. Sichere Anzeichen machen es wahrfcheinlich, dafs die Production an Rübenzucker auch in England bald mehr an Umfang gewinnen wird, wie bisher. Der Betrag des in England fabricirten Zuckers ift in beftändigem Zunehmen begriffen. Derfelbe betrug im Jahre 1869: 29.234 Cwts., freilich überaus gering im Vergleich zu den angeheueren Quantitäten, die jährlich nach England importirt werden. Aus den englifchen Colonien in Oftindien fandten Proben verfchiedener Zucker ein: Carew& Comp. einen kleinen Zuckerhut von etwa 10 Pfund Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenftände für Zuckerfabriken. 19 Schwere, von mittlerem Korn und der Weifse unferer Melife, aber auch der einzige Hutzucker von fämmtlichen Siedereien Oftindiens. Proben centrifugirten Kryftallzuckers und zwar farblofe und gelbe Mufter fanden fich in gröfseren Quantitäten vor. Beckanner hatte weifsen Zuckercandis und John von Bengalen gelbliche compacte Kugelzucker, lichtgelbes feinkörniges Zuckermehl und vorzügliche Melaffe ausgeftellt. Von Punjas fanden wir gelbe und braune, feuchte, mehlige Rohzucker, von Madras aber anerkannt fchöne Kryftallzucker vor, bei Baudy von Baroda trafen wir einige fchmutziggelbe Candiszucker. Von der englifchen Colonie Mauritius ftellte das Etabliffement von Saint Aubin Savane fehr grob kryftallifirte, auffallende Zuckerproben und fchöne Colonialzucker, welche nach dem Verfahren von Dr. Icery, ohne Anwendung von Knochenkohle, nach einer geheim gehaltenen Methode und nachherigem Centrifugiren erzeugt werden, aus. Italien war auf der Ausftellung fchlecht vertreten. Italien zählt feit dem Jahre 1869 zu den Rübenzucker producirenden Ländern. Es wachfen dafelbft fehr zuckerreiche Rüben. Eine Gefellſchaft mit dem Sitze in Turin befchäftigt fich angelegentlich mit der Einführung diefes Induftriezweiges. Intereffant waren die ausgeftellten Producte der Societa Romana per Lo Zucchero Nationale( Fabrica del Castellacio Presso Aragni) die fchöne weifse, erfte Producte, fcharfkörnige, reine, braune zweite Producte, dunkle Füllmaffen von der Raffination, etwas graues mittelkörniges Product in Gläfern, weifsen Stückzucker in Tafeln als raffinirtes zweites Product der Campagne ausgeftellt hatte. Befriedigend fahen die centrifugirten fein und mittelkörnigen Weifszucker von Cesa Val di Chiana Toscana aus. Spanien. Fonrodonay Caftello in Barcelona erzeugt meift kleinere, in gelbes Papier eingewickelte Zuckerhüte. Die Raffinaden find ftark im Korn und etwas porös, ebenfo die ausgeftellten Stückzucker, dagegen gefielen die centrifugirten, weifsen, fehr grobkörnigen Graupen- und Sandzucker aus Colonial- Rohzuckern dargestellt, die in fehr eleganten Glaskäftchen zu fehen waren und von Ingenio Natividad, Mapos und St. Fernando abftammen, fehr gut. Minder fchön, ja fogar unter der mittleren Qualität kamen uns die grobkörnigen, graulichen Stückzucker von Cuba, beffer die centrifugirten Kryftallzucker diefer fpanifchen Colonie vor. Vereinigte Staaten von Nordamerika und Brafilien. Mit vielverfprechendem Erfolge beginnt fich auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika die Zuckerfabrication zu entwickeln, wie diefs nicht anders in einem Lande fein kann, deffen Bewohner dem Geifte des Fortfchrittes huldigen. Aufser der Raffinerie von Rohzucker bildet die Gewinnung von Zucker aus der Colonialmelaffe, welche felten gehörig erfchöpft ift, noch einen befonderen Zweig der Weifszuckerfabrication. In San Francisko nimmt die Zahl der Raffinerien bedeutend zu. Die Lage der Stadt begünftigt befonders die Verarbeitung der gewöhnlichen Zucker von Honolulu und Manilla. Ihr Abfatzgebiet erftreckt fich aufser auf Californien und Oregon auch noch auf Peru, Mexico und nach den Ländern am ftillen Ocean. 2* 20 Dr. Josef Hanamann. Die Zuckerconfumtion Nordamerika's betrug im Jahre 1867 über 460.000 Tons, im Jahre 1870 über 600.000 Tons, und zwar an Rohrzucker befonders in den Staaten an der Küfte des atlantifchen Oceans 2 Million Tons, an Zucker aus Sorghum, Mais etc. 32.000 Tons und an Ahornzucker 23.000 Tons. Der Nordamerikaner confumirt unter allen Nationen der Welt, mit Ausnahme vielleicht Englands, den meiſten Zucker, zum gröfsten Theil aber in Form von Syrup, und zwar fchätzt man nach den beften Quellen den Verbrauch auf 36 Pfund Zucker per Kopf. Aufser fchwarzem Syrup bringen die Raffinerien auch noch weifsen Syrup in den Handel, ein dickflüfsiges, unkryftallifirbares Product, welches aber von den Amerikanern fehr geliebt wird. Die aufserordentliche Einfuhr an Zucker in die Vereinigten Staaten,( fie betrug 1870 den Werth von 70 Millionen Dollars) läfst die Bedeutung der Zuckerfabrication für diefe Staaten deutlich erkennen. Der im eigenen Lande erzeugte Zucker beträgt nicht ein Achtel der Einfuhr, während in Europa bereits die Hälfte des dafelbft verzehrten Zuckers aus Rüben gewonnen wird. Gewifs werden die an Hilfsquellen reichen amerikaniſchen Staaten bald dem Beiſpiele Europa's nachfolgen. Die meiften ausgeftellten amerikanifchen Zucker ftammten aus NeuOrleans; befonders fchönen gedeckten Kryftallzucker fandte H. Lawrence und Penn im Vacuum dargeftellten, fchneeweifsen fchönen Zucker, von fcharfem Korn, doch etwas fäuerlichem Gefchmack. Auch Johnfon Bradifch aus NewYork hatte fchönen weifsgedeckten Zucker von fcharfem Kryftall ausgeftellt. Gute Rohzucker von lichtgelber Farbe, deutlich ausgeprägtem feften Korn, doch nur auf offenem Feuer verfotten, brachte der öfterreichifche Conful Bader in NewOrleans neben wohlfchmeckenden, natürlichen, röthlich braunen Syrupen zur Schau, während John Baar gereinigte Syrupe aus der Raffinerie ausftellte, welche freilich einen noch viel reineren Gefchmack befafsen. Sein Rohzucker aber war gelblich, mehlig und fehr feucht. Viel fchöner waren die Rohzucker von Dennis Arthur in New Orleans, freilich auch nur über freiem Feuer gewonnen, aber von einer wachsgelben Farbe und kräftigem Korn. Graue, aber kräftige Zucker brachte Kennedy Patrick zur Ausftellung, Zucker, welche mit fchwefeliger Säure und Kalk gereinigt und über freiem Feuer eingekocht werden. Auch Davidson Henriette( Louisiana) hatte ähnliche über freiem Feuer ohne Knochenkohle dargestellte, dann centrifugirte, etwas graue, aber feurig körnige Zucker und A. Tompson& Comp.( Orleans) gebrochene, raffinirte, rein fchmeckende Waare, aber minder fchöne Würfelzucker exponirt. Die centralamerikaniſche Republik San Salvador war ebenfalls durch Proben von Rohzuckern verfchiedener Qualität vertreten. Die Republik Venezuela fcheint am meiften Induftrie zu befitzen. Sie gebietet aber auch über den gröfsten Reichthum an Urproducten. Es waren weiſse Hütchen von 5 Pfund Schwere, in Kegelform von grauweifser Farbe, compacten Anfehen, u. zw. von la Quebrada bei la Victoria in Caràcas und gelblichbraune, wohlfchmeckende Moscovade, dann zerftochene poröfe, grauliche und dunkelbraune, wachsartige, von Ameifen ſtark heimgefuchte, ganze und abgeftutzte Kegel ausgeftellt. An Ahornzucker, der leider auf der Ausftellung gar nicht zu fehen war, werden jährlich gegen 30.000 Tons in Nordamerika erzeugt. Obwohl man den Sorgho- und Mais- Syrup bis jetzt noch in keine fefte Geftalt bringen konnte, wird die Sorghuminduftrie dennoch fehr gepflegt, ift die Sorghumpflanze zur Zeit noch die Lieblingspflanze des nordamerikaniſchen Farmers und mit Stolz blickt er auf die bedeutenden Erfolge, welche auf dem Gebiete der Syrupgewinnung aus diefer Pflanze binnen wenigen Jahren erzielt wurden, wichtige Erfolge in nationalökonomifcher Beziehung, da fie den Norden vom Süden immer unab hängiger machen. Im Norden des Staates Ohio find allein 6.000 Sorghumpreffen im Gange und man gewinnt in Nordamerika gegenwärtig fchon über 50 Millionen Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 21 Gallonen Sorghumfyrup. Diefer von der Centralregierung zu Washington fehr unterſtützte Induftriezweig wird jedoch meift nur als Nebengewerbe des Farmers betrieben. Nach einer Reihe mifslungener Verfuche beginnt auch die RübenzuckerInduftrie ernftlich ins Leben zu treten und feit dem letzten amerikaniſchen Bürgerkriege find in den Staaten Illinois und Indiania mehrere RübenzuckerFabriken entstanden und zwar zu Chatsworth, zu Alvaredo und SouckCounty in Wisconsin, welche gute und gefuchte Zucker erzeugen. Der wohlthätige Einflufs der Rübencultur auf den Boden, auf die Maftung, erregt bereits die Aufmerksamkeit der Viehmäfter von Illinois. Die Maſchinen jener Fabriken ftammen aus Deutfchland. In Californien hat man die merkwürdige Erfahrung gemacht, dafs die Rüben, umgekehrt wie bei uns in Europa, in den letzten fechs Wochen ihres Wachsthums die Hälfte ihres Zuckergehaltes verlieren. Mit beftem Erfolg beginnt man auch in Colorado Rüben zu bauen und aus ihnen Zucker darzuftellen. Das Unternehmen hat freilich mit fo manchen Schwierigkeiten zu kämpfen und als das gröfste Hindernifs am regelmässigen Gelingen betrachtet man die zu nafsen Frühjahre und die zu heifsen Sommer, alfo klimatifche Einflüsse, doch zweifelt man nicht bei der bekannten Ausdauer des Amerikaners an dem endlichen glücklichen Erfolge. Brafilien. Die Gefammtproduction von Brafilien beträgt etwas über 200 Millionen Kilogramm Zucker und wurden exportirt im Jahre 1867 an 118 Millionen Kilo im Jahre 1870 bis 1871 an 136 Millionen Kilogramm. gramm, Brafilien war durch zehn Ausfteller vertreten. Der Sitz der Zuckerfabrication ift befonders in der Provinz Pernambouc. Penna M. G. aus Pernambouchatte fehr weifsen, aber etwas fäuerlich fchmeckenden Kryftallzucker, Puderzucker und braunen Rohzucker, Juillet in Bahia geriebene, blank kryftallyfirte, trockene Zucker und feinfandige Rohzucker, Faro aus Rio de Janeiro gelbliche und braune, mehlige, pikant fchmeckende Rohzucker, Pimentel aus Pernambouc mehlige, unanfehnliche, grauweifse, feuchte Stückzucker, dann die Ausftellungscommiffion der Provinz Pernambouc weifse, aber ins Graue fpielende und braune Rohzucker in Faffeln, Souza und Silva gelbliche und bräunliche Zuckermehle ausgeftellt. Dr. Pereira d'Aguiar aus Bahia brachte blanke, weifse Sandzucker, Rohzucker und Caffonaden von fehr brauner Farbe, Manuel de Souza dagegen raffinirten, fehr weifsen, fchönen, geftoffenen und kryftallifirten Zucker, Baron de Cotepie graues, mit Thonerde gereinigtes Zuckermehl, und Baron de Livramento von Pernam bouc fehr feuchte, feinkörnige Rohzucker zur Schau. Intereffant waren Proben von Rohzucker, welchen Mangeon Guitherme aus Rio de Janeiro nach dem Verfahren von Herrn Prosper Doubons in eigenen Apparaten binnen 36 Stunden darftellt. Auftralien. Von den Sandwichsinfeln, und zwar von der Plantage Waihee hatten Harris& Widemann mehrere Fäfschen mit graulichweifsen, feinkörnigen, gelblichgraulichen und lichtbraunen Rohzuckern, von der Plantage Lahaina Campelle Turton, welche das doppelte Quantum der vorherigen Plantage, nahe an 12.000 Tons Zucker, erzeugen follen, überhaupt die ftärksten Producenten diefer Infel find, weifse, mittelkörnige und blafs braune Rohzucker 22 Dr. Josef Hanamann. und F. Harris von Kaiwiki erftes, zweites und drittes Product, von denen das zweite fehr braun, das dritte dunkelrothbraun und mehlig ausfah und einen ftarken Melaffen- Beigefchmack zeigte, ausgeftellt. Sämmtliche Ausfteller exportiren vorzüglich nach St. Francisko in Nordamerika. China. Die Zuckerinduftrie diefes Landes fcheint auf einer fehr niedrigen Stufe zu ftehen. Die fchönften Mufter ftammten noch von der Infel Formosa, es lagen da weifse, mehlige, braune, klebrige, feuchte Zucker, dann von W. Taylor. in Taiwanfo o fehr mittelmäfsiger, unanfehnlicher, pfefferkuchenartiger ThoaSoa Zucker, und von Herrn E. Faber, aus der Provinz Kvantung, ( Südchina) graugelber und weifser, mehliger Zucker, dann faure, dunkelbraune Syrupe vor. Im Handelspavillon war roher oftindifcher und mehliger Zucker, Moscovade, fogenannte Cossipore, roher egyptifcher Zucker in unregelmäfsigen Stücken von dunkelbrauner Farbe, egyptifche rohe Moscovade, brauner Zucker von pikantem Beigefchmack, dann roher, mehliger, fchmutzigweifser Rohrzucker von Havanna, centrifugirter egyptifcher Farin, grauer und grofskörniger fogenannter Granitzucker zu finden. Stärkezucker. Traubenzucker. Die Fabrication des Blockzuckers hat in den letzten Jahren fehr an Ausdehnung gewonnen, fo dafs es jetzt Fabriken gibt, welche aufser dem Stärkefyrup auch noch bis 10.000 Centner Zucker jährlich als fogenannten Kiftenzucker darftellen. Diefe Fabrication wird nach zwei verfchiedenen Arten, der alten und neuen, betrieben und zum Verdampfen der füfsen Flüffigkeit ftatt kupferner Vacuumapparate, neuefter Zeit Robert'fche Verdampfapparate angewendet, welche billiger find und den Zweck vollkommen erfüllen. Auf einer hohen Stufe fteht in diefem Fabricationszweige die ActienZuckerfabrik G. Köhlmann& Comp. in Frankfurt an der Oder, die befonders fchöne Producte, in Form hoher, bis einen Meter meffender, fchmaler Prismen, fogenannte Braunzucker, pyramidenförmig übereinander geftellt hatte. Der Zucker zeichnete fich durch Weifse und Reinheit aus. Gerafpelter Stärkezucker und verfchiedene helle und dunkel gefärbte Zuckerfyrupe in fchmalen, fehr hohen Cylindergläfern, Capillairfyrupe dienten zur Vervollſtändigung der Sammlung. Der Stärkezucker der Gebrüder Beft in Ofthofen bei Worms bildete etwas gelbliche Tafeln und kleinere Krümmeln, der von der Brandenburger Syrupund Stärkezucker- Fabrik ausgeftellte Stärkezucker in Gläfern, weifse fchöne Stücke und die Syrupe eine blafsgelbliche, reine, dicke Flüffigkeit. Aus Süddeutfchland waren von den Gebrüdern Bender in Mannheim kleine, dreipfündige Zuckerhüte von Stärkezucker, weifser Kiftenzucker und gelbliche Syrupe ausgeftellt, von Logelbach bei Colmar( Elfafs) weifse Säulen und Syrupe von fchönem Traubenzucker eingefendet worden. Jahnl in Namest bei Brünn brachte hübfche Stärkezucker- Tafeln von fehr fchwach bitterlichem Beigefchmack und Scholten in Tarnov aus Galizien farblofen, aber etwas getrübten Stärkefyrup, gelbliche Dextrine und Kartoffelzucker in Gläfern zur Ausftellung. Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 23 Milchzucker. Milchzucker war fchwach vertreten. Wir fanden nur zwei erwähnenswerthe Ausfteller. Die gröfsten und fchönften, wenn auch nicht weifseften Kryftalldrufen, etwa 20 Centimeter lang und 5 Centimeter im Durchmeffer, mit fchönen, ausgebildeten Kryftallen ftammten aus der Schweiz, wo beider Bereitung der fetten Süfsmilch Käfe aus den füfsen Molken durch Eindampfen der Milchzucker gewonnen wird, und zwar von der Käfehandlung Arreger- Siegwart auf Schupfheim im Emmenthal; dagegen der weifsefte und reinfte Milchzucker. auch nur kleinere Partien desfelben, aus der homöopathifchen Centralapotheke in Leipzig. wenn APPARATE UND EINRICHTUNGS- GEGENSTÄNDE FÜR ZUCKERFABRIKEN. In Folge der bedeutenden Zunahme des Zuckerconfums in faft allen Ländern und der hiedurch nothwendig gewordenen zahlreichen neuen Etabliffements, fowie Umänderungen der bereits beftehenden Anlagen haben, wie in anderen Induftriezweigen, auch in der Zuckerfabrication viele Ingenieure und Mafchinenfabrikanten ihre Thätigkeit beinahe ausfchliefslich diefem als Grofsinduſtrie und landwirthschaftliches Nebengewerbe gleichwichtigen Productionszweige zugewendet. Nicht nur öfterreichifcher, insbefondere böhmifcher Zucker, fondern auch die böhmifche Metallwaaren- und Maſchineninduftrie haben fich einen guten Ruf weit über die Grenzen unferes Vaterlandes hinaus, erworben. Die gröfsten Fabriken Oefterreichs und Deutfchlands haben fich und Deutfchlands haben fich am Völkerwettkampfe betheiligt und zahlreich find auch die kleineren Fabriken in der Mafchinenhalle vertreten. Die Zuckerinduftrie verdankt ihren ungeahnten Fortfchritt und Auffchwung nicht nur der Chemie, fondern mit auch der Conftruction folider und vorzüglicher Apparate, welche mit dem geringften Kraft- und Zeitverluft ausgezeichnete Leiftungen vereinigen und gerade in mechanifcher Beziehung haben die Einrichtungen der Zuckerfabriken grofse Fortfchritte aufzuweifen. Doch vermiffen wir auf der Ausftellung Apparate, die wir nicht fchon in verfchiedenen Zuckeriabriken kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Bei dem Anblick diefer modernen, complicirten Apparate fällt uns unwillkürlich das Modell der in der chinefifchen Abtheilung ausgeftellten, höchft primitiven, im ,, Reiche der Mitte" gebräuchlichen Zuckerpreffe, fowie des Zuckerofens ein und ein Vergleich zwifchen den Hilfsmitteln des chinefifchen Zuckerfieders und des europäiſchen Zuckerfabrikanten läfst uns die ganze Reihe wichtiger Erfindungen im Gebiete der Mechanik und Phyfik erkennen, die wir in den letzten Decennien gemacht und zur Vevollkommnung diefer Induſtrie angewendet haben. Deutſchland. Im deutfchen Reiche arbeiten fchon mehrere Specialiften ausfchliefslich nur Apparate für Zuckerfabriken. Eine derjenigen Firmen, welche Weltruf geniefsen, ift die von G. Heckmann in Berlin. Weithin durch die offenen Räume der ausgedehnten Mafchinenhalle leuchtet der blankgereinigte, kupferne, durch riefige Dimenfionen auffallende Kugel- Vacuumapparat diefer Fabrik, ein Unicum in feiner Art, mit einem Faffungsvermögen von 20.000 Kilogramm Zuckermaffe, mit acht kupfernen Schlangen verfehen, von denen vier für directen, vier für Retourdampf dienen, mit einem Doppelboden und einer Gefammtheizfläche von 65 6 Meter, mit einem Saft- und Syrup- Saugrohr, einem Wafferrohr, zwei Probftechern, zwei Manometern für Tour- und Retourdampf, einem Vacuummeter und vier Glasaugen und mit einem neuen und höchft zweckmäfsigen Schieber verfchlufs der Ablafsöffnung von Metall, flach eingefchliffen und in horizontaler Richtung verfchiebbar. Eine Schraubenmutter mit doppeltem Gewinde leitet, Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 25 durch ein gezahntes Rad angetrieben, den Hebelverfchlufs. Der gröfste Diameter mifst 10 Fufs rheinifch, der des Domes 40 Zoll, der Durchmeffer des Abzugsrohres 14 Zoll. Der Apparat befteht aus vier Theilen, von denen zwei durch Verlöthung äufserft gefchickt zu einem Ganzen verfchmolzen find. Diefer vorzüglich gearbeitete Apparat wird nicht verfehlt haben, die Aufmerkfamkeit der Fachgenoffen auf fich zu ziehen, wie er fich felbft der Gunft des vorbeieilenden Publicums erfreute. F. Hallftröm, Kupfer- und Metallwaaren- Fabrikant in Nirnburg an der Saale, brachte als Product täglicher Fabrication einen liegenden Zweipfannen- Verdampfer zur Ausftellung. Der Apparat, in diefer Conftruction in Rufsland fehr beliebt und begehrt, dient nur zum Eindicken der Zuckerfäfte. Er befteht aus einer Dünn- und einer Dickfaft- Pfanne; die erftere enthält 17 Stück von einander unabhängiger kupferner Schlangen von 52 Meter Heizfläche, die mittelft Retourdampfes und den direct aus den Rübenfäften entweichenden Dämpfen geheizt werden. Die Dickfaft- Pfanne dagegen enthält gerade, meffingene Rohre mit Gummi- und Metallverfchraubung gedichtet, welche den Dünnfaft- Dampf( Brüden) aufnehmen und nur mit diefem geheizt werden. Aufser diefem normalen Gange kann auch jeder Körper für fich allein in Thätigkeit gefetzt, die Schlange wie die Heizrohre leicht ausgewechfelt und gereinigt werden. Der Saft verkocht in den Pfannen unter grofser Oberfläche und mit geringer Tiefe, wodurch das Mitreifsen zuckerhältiger Flüffigkeit auf ein Minimum reducirt wird; aufserdem find noch doppelte Saftfänger vorhanden. Der ausgeftellte kupferne Vacuumapparat hat eine kugelförmige Geftalt mit einer Verfchraubung, doppelte Dampffpiralen und Doppelboden mit zufammen 25 Meter Heizfläche und gewöhnlichem Gummiverfchlufs. Er fafst 7000 Kilogramm Füllmaffe, geftattet jede Combination der Anwendung von directen und Retourdämpfen von niedriger Temperatur und niedriger Spannung und ift zur Fabrication von Kryftallzucker eingerichtet. Aufmerkfamkeit verdienen die Verdampfapparate von J. Aders in Neuftadt- Magdeburg, und zwar liegende Doppelapparate neuefter Conftruction, welche äufserlich den alten fogenannten Tifchbein'fchen Apparaten ähnlich, aber wefentlich verbeffert find. Die Dampfkammern befinden fich bei diefen Apparaten beide vorne, in Folge deffen fitzen die Heizrohre auch nur mit einem Ende in dem Rohrboden feft. Sie find hier nicht wie beim Robert'fchen Apparat umgebörtelt, fondern in die entſprechenden Oeffnungen nur eingefchoben, wo fie mit einer am anderen Ende des Rohres befindlichen Mutter feftgehalten werden. Die meffingenen Siederöhren laffen fich auf diefe Art leicht herausnehmen und reinigen und die fchädliche Einwirkung der Ammoniakdämpfe läfst fich durch paffende Einlagen vermeiden. Mit einem folchen Apparat von 1000 ☐ Fufs Heizfläche kann man täglich 1200 Centner Rüben bis auf 24° B. bei circa 5% Wafferzulauf auf die Reibe und zwar nur mittelft Retourdämpfen verarbeiten. Jacques Pied beuf in Aachen und Düffeldorf war auch noch einer derjenigen, welcher einen Zucker- Kochapparat und zwar einen einfach wirkenden eifernen Kocher mit vier Schlangen für Retourdämpfe von im Uebrigen gewöhnlicher Conftruction zur Expofition brachte. Der gröfsten Beliebtheit erfreuen fich in Oefterreich, Deutfchland und Frankreich die Patent- Filterpreffen von Dehne in Halle an der Saale zur Trennung fefter von flüfsigen Stoffen, welche durch grofse Leiftungsfähigkeit und Handlichkeit, geringe Betriebskraft, Reinlichkeit und Raumerfparnifs fich auszeichnen. Es dürfte wohl kaum eine rationell arbeitende Fabrik anzutreffen fein, welche fich nicht diefer Filter bedienen würde. Neu ift eben nur der Verfuch ihrer Anwendung zur Gewinnung des Saftes aus den Rüben, während fie bisher nur zur Schlammausfüfsung gedient hatten, und erregen diefe foeben begonnenen, höchft intereffanten Saftgewinnungs- Verfuche unter Fachgenoffen das lebhaftefte Intereffe. 26 Dr. Josef Hanamann. Erwähnen müffen wir auch der Zucker- Schneidmafchine von L. Eckelt in Berlin, welche zum Zerkleinern des Hutzuckers zu regelmässigen Stücken dient und gleichzeitig das Sortiren des Zuckers vollführt und alle nicht quadratifchen Zuckerftückchen gleich zu Farin in kürzefter Zeit vermahlt. Eine fehr empfehlenswerthe Zuckercentrifuge hat Rudolph& Comp. aus Neuftadt- Magdeburg ausgeftellt. Die Centrifuge ift aus Eifen mit meffingenem Mittelfturz, ohne allen Gummi, beide Lager find feft, durch eine Hebelvorrichtung von Aufsen ftellbar. Der Gang derfelben ift bei den zäheften Füllmaffen, bei gröfster Füllung ein fehr ruhiger und foll fich diefe Conftruction durch grofse Dauerhaftigkeit vor anderen Conftructionen auszeichnen. Intereffe erregten auch noch eine verbefferte Walke, auch für PrefstücherWäfche empfehlenswerth, eine Doppel- Kurbelwalke von geräufchlofem Gang, einfacher Bedienung und grofser Leiftungsfähigkeit. Oefterreich. Die ältefte Firma, welche fich in Oefterreich mit der Einrichtung von Zuckerfabriken befafste, war die von Breitfeld& Evans in Prag, aus deren Etabliffements der berühmte Mafchinenbauer Vincenz Daněk hervorging, der im Jahre 1854 feine Fabrik in Carolinenthal gründete und zunächft in Bergwerks- Mafchinen, später in der Einrichtung von Zuckerfabriken Hervorragendes leiftete, in welcher Branche fich die Daněk'fche Fabrik fogar einen überfeeifchen Ruf erwarb. Die Gefchichte diefer Maſchinenfabrik ift mit der Entwicklungsgefchichte der Zuckerinduftrie eng verknüpft. Beide Firmen mit der fpäter in Auffig errichteten find gegenwärtig mit einander vereinigt als MafchinenbauActiengefellfchaft, vormals Daněk& Comp. in Prag und für die Expofition ihrer Mafchinen und Apparate hatten fie einen eigenen Pavillon auf der Weltausstellung errichtet. Seit 1872 befteht ein Bureau der Gefellfchaft in Wien. Von den in diefem Pavillon befindlichen Mafchinen und Einrichtungsgegenftänden für Zuckerfabriken find vornehmlich die ftattlichen ſtehenden Abdampfapparate nach Robert's Syftem à doubl effect, mit 3.000 Fufs Heizröhren- Fläche, mit einer höchft foliden und zweckmässigen Blecharbeit bemerkenswerth. Die daneben ftehenden, für Rufsland beftimmten liegenden Verdampfapparate von 2.000 Fufs Heizfläche mit nach eigenem Syftem abgedichteten Röhren gehören zu den beften Arbeiten diefer Fabrik. Auf einer eigenen, aus gewalzten Trägern mit gufseifernen Säulen errichteten Tribüne ftand die nach dem Patente von Bromovsky& Urbanek eingehängte und zur felbftthätigen Entleerung vorgerichtete, wegen ihrer practifchen Verwendbarkeit allen anderen Conftructionen vorgezogene Diffufionsbatterie von neun Körpern. Daněk gebührt das Verdienft, die Schlammpreffen, und zwar zunächft aus Holz, fpäter aus Eifen hergeftellt und im Jahre 1864 zuerft in böhmifchen Zuckerfabriken erprobt und eingeführt zu haben. Ihre Erfindung und Verwendung durch Daněk bezeichnet eine neue Epoche in der Zuckerfabrication. Die zwei ausgeftellten, die grofsen Verdampfapparate bedienenden, 25pferdigen Luftpumpen- Mafchinen mit 2 Luftpumpen von 20 Zoll, zwei Wafferpumpen von 5 Zoll Diameter, 24 Zoll Hub, repräfentiren Mafchinen, wie folcher gegen 120 bereits in Zuckerfabriken aufgeftellt und fehr leiftungsfähig befunden. worden find. Als einen grofsen Fortfchritt in der Zuckerfabrication müffen wir die Einführung billiger Rohftoffe zur Herftellung von Apparaten, insbefondere des Eifens Während in ftatt Kupfers, felbft für Rohrleitungen, ausdrücklich erwähnen. früheren Zeiten Scheidekeffel, Saturationsgefäfse, Verdampfapparate, Filter und Anwärmer, felbft Wafferrefervoirs und fämmtliche Rohrleitungen in den Zucker Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 27 fiedereien aus Kupfer hergeftellt wurden, wodurch das Metallinventar eine aufserordentliche Summe erreichte, benützt man zur Herftellung beinahe fämmtlicher Vorrichtungen nur mehr noch das billige Eifen mit demfelben Erfolg. Nur das Vacuum, ein unrichtig bezeichneter Apparat, in welchem die Kryftallifation der Zuckermaffen vorgenommen wird, bildet noch ein Privilegium der Kupferfchmiede und ein grofses, gut hergeftelltes Vacuum nicht felten den Stolz diefer Herren. Beachtenswerth war auch die Ausftellung der verfchiedenen Arten Rübenfchneid- Meffer für Diffufionsfchnitzel von den erften Robert' fchen Fingermeffern angefangen, mit zungenförmigen, fchmalen Lamellen, welche die Zertheilung der Rübe in 4 Zoll dicke Schnittlinge bewirken und nur mit der halben Längsfläche beim Schneiden thätig find, bis zu den neueften, höchft einfachen, aber fehr leiftungsfähigen Meffern, welche in Brod und Libochovitz mit Vortheil angewendet werden. Zu den Beften mit gehören die von Herrn Director Napravil conftruirten, allen Anfprüchen genügenden Rippenmeffer, die von Staněk patentirten und von Herrn Daněk angefertigten Meffer, welche mit der halben Längsfeite fehr glatte Schnittlinge fchneiden, eine grofse Leiftungsfähig. keit befitzen, durch Steine wenig leiden und noch einmal fo lang wie die alten Robert'fchen Meffer aushalten. Die Gebrüder Perner in Elbeteinitz brachten einen Preiscourant für folche Schnitzelmeffer ein, welche aus dem vorzüglichften englifchen Gufsftahl angefertigt werden. Vermifst haben wir auf der Ausstellung Schnitzelpreffen für Diffufionsrückstände, wie fie z. B. Klufemann oder W. König in Braunfchweig conftruiren und von welchen wieder neue Conftructionen vorhanden fein follen. Vielfach verbefferte Mafchinen und Apparate für Zuckerfabriken ftellte auch die alte Firma Salomon Huber in Prag in der landwirthschaftlichen Mafchinenhalle aus, meift von S. Huber verbefferte Apparate, welche mit dem Fortfchritt der Induftrie gleichen Schritt halten. In die Augen fpringend war befonders der vortheilhaft conftruirte, kupferne Vacuumapparat von 7 Fufs Durchmeffer, auf eine Füllung von 140 Centner Füllmaffe berechnet, mit einem am Kopfe auslaufenden retortenartigen Hals ftelle Domes und rechtwinklicher Dampf ableitung, fowie tangentialer Einftrömung in den Ueberfteiger, der behufs leichteren Durchganges einen gröfseren Durchmeffer befitzt, fo dafs die Abftrömungsgefchwindigkeit des Dampfes reducirt, der mitgeriffene Zuckerfaft durch die am Ueberfteiger angebrachte Sicherheitskugel vermittelft Centrifugalwirkung zurückgehalten und gröfseren Zuckerverluften vorgebeugt wird. Der Apparat beſitzt drei Schlangen, welche, die eine als Doppelfchlange, fämmtlich nur mit directem Dampf geheizt werden. Die äufsere Ausstattung ift gefällig, namentlich die Verbindungsftelle der zwei kupfernen Halbkugeln durch blofse wulftförmige Uebereinanderlagerung in neuer, zweckmäfsiger Weife bewirkt. Eine Centrifuge, beftimmt für das patentirte neue Schröder'fche DampfDeckverfahren, im Koftenbetrage von 1.400 Gulden fammt Deckvorrichtung exclufive Patentgebühr, bei welchem Verfahren bekanntlich der Zucker in Segmentformen gekocht, in die Trommel eingeführt, centrifugirt, dann mit Dampf gedeckt, zuletzt durch Lüftung getrocknet wird und ein Kuhler( Anwärmer) von 71% Schuh Diameter mit fchmiedeeiferner Unterfchale vervollſtändigten die Ausftellung diefer Fabrik für Zuckerraffinerien. Die Metallwaaren- Fabrik Galauner& Stabenov in Prag hatte einen nach neuerer Bauart geformten Vacuum von ebenfo grofsem Faffungsvermögen wie der Huber'íche, aber mit verbefferter Ablafsvorrichtung, doppeltem Ueberfteiger, um Zuckerverlufte möglichft hintanzuhalten, und mit 15 Zoll Diameter Ventilabfperrung für die Luftpumpe, um fie auch für andere Zwecke nutzbar zu machen, dann einen completten Rohzucker- Kochapparat aus Eifenblech eigener neuefter Conftruction, auch als Syrup- und Saft- Abdampfapparat verwendbar, mit verbeffertem Schlangenfyftem von 280 Quadratfufs Heizfläche und folcher 28 Dr. Josef Hanamann. Conftruction, dafs das Reinigen und Repariren leicht und rafch gefchehen kann, ausgeftellt. Die Armirung ift derart, dafs man fowohl mit directem als Retourdampf abkochen kann. Nebenan lag noch ein gefchloffener Saturateur ohne Verfchraubung zwifchen Aufsenfchale und Mittelboden, um das öftere und koftfpielige Verpacken gänzlich zu befeitigen. Von der Firma Ernft Krackhardt in Brünn war ein Rohzucker- und Syrup- Kochapparat für Zuckerfabriken nach dem Syftem Robert und zwar ein einfacher Körper eingefendet worden. Die Brünner Actiengefellfchaft für Zuckerformen hatte eine Pyramide von diverfen lackirten und emaillirten Melis- und Lompsformen, von glatten und geriffelten Patentmelis errichtet. Eine fehr leiftungsfähige Zuckerbrote- Boden- Abdrehmafchine, mittelft welcher per Tag 3-4.000 Brote abgedreht werden können und die nur von einem Manne bedient wird, ftellte Herr Ch. Zier, Maſchinenerzeuger in Prerau, aus. Wichtig find alle jene Apparate und Vorrichtungen, welche ein rafcheres Reinigen und Decken des Zuckers zulaffen, wie die von J. Kodl in Ronov konftruirte Vorrichtung, mittelft welcher durch Anwendung hydroftatifchen und äeroftatifchen Druckes von mindeftens 2/10 bis 3 Atmoſphären das Ausdecken des Zuckers in 2 bis 6 Stunden, je nach der Gröfse des Druckes und der Qualität der Füllmaffe bewerkstelligt wird, was bei der gewöhnlichen Deckmethode binnen 3 bis 6 Tagen erzielt werden kann. Der Zucker kann fowohl in Formen, als in gröfsere, nicht übermässig hohe Gefäfse ausgefüllt werden. Frankreich. Wir bemerkten nur einen Ausfteller, die Compagnie de Fives- Lille, welche einen Robert'fchen Triplicator, einen Verdampfapparat, bei dem wir eben nicht viel Neues zu fehen bekamen, ein Mittelrohr, durch welches der Saft gleichförmiger zugeführt wird, Vorwärmer, welche durch die abziehenden Dämpfe geheizt werden und frifches kaltes Waffer als Speifewaffer für die Dampfkeffel vorwärmen, einen Vacuumapparat mit 4 Schlangen und Doppelboden, eine Rübenreibe mit drei Piffoirs von grofser Leiftungsfähigkeit, eine Vorrichtung zur Erzeugung von fchwefligfaurem Gafe zum Bleichen des Zuckers, eine gewöhnliche Saturationspumpe und Dampfmaſchine von etwa 12 Pferdekraft eingefchickt hatte. Vermifst haben wir dagegen die neuen Walzenpreffen, welche zur Gewinnung von Rübenfaft dienen und die durch Lachaume wefentlich verbeffert worden find, fowie die neue zur Gewinnung des Runkelrübenfaftes conftruirte Mafchine von Collette in Paris, ebenfo den verbefferten Osmo feapparat zur Entfalzung der Melaffe nach Dubrunfaut's Verfahren. Italien beginnt ebenfalls Einrichtungen für Zuckerfiedereien zu bauen und hatte De Morsier Mengotti in Bologna einen kleinen, aber recht fauber gearbeiteten Kochapparat von 13 Meter gröfstem Durchmeffer( einzelnen Körper) ohne Doppelboden, aber mit drei kupfernen Spiralen zu 20 Meter Heizfläche mit einem dem Heckmann'fchen ähnlichen, horizontal fich öffnenden Verfchlufs der Ablafsöffnung des Apparates exponirt. Rufsland- Polen. Johann Troetzer in Warfchau conftruirt gute Reib- und Rührvorrichtungen für die Saftgewinnung, fo dafs der mit Waffer gehörig vermifchte Zucker, Apparate und Einrichtungsgegenstände für Zuckerfabriken. 29 Rübenbrei von unten mittelft einer geeigneten Vorrichtung periodifch abgelaffen und immer nur der ältefte Brei zuerft fortgefchafft wird, dann verbefferte kupferne Vacuumapparate, von denen fich ein elegant gebauter in der Ausftellung befand. Leopold Rau& Comp., ebenfalls in Warfchau, brachte einen horizontalen eifernen Zucker- Verdampfapparat mit 32 liegenden Doppelröhren, welche nur an einer Seite an der Stirnplatte befeftigt find, von wo der Dampf fich in diefelben durch ein inneres, dünnes Rohr vertheilt und nach derfelben Seite in eine befondere Kammer zurückftrömt, ein. Neben diefer Kochvorrichtung ftand eine eiferne Fachfilterpreffe mit mittlerer Safteinftrömung, wie deren fehr viele auf der Ausftellung anzutreffen find. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. ö. PROFESSOR IN PRAG. WEIN. ( Gruppe IV, Section 3.) BERICHT VON FRANZ LEIBEN FROST, Wein- Grofshändler in Wien, Mitglied der internationalen Jury. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K, HOF- UND STAATSDRUCKEREI, 1873. BE WEIN. ( Gruppe IV, Section 3.) Bericht von FRANZ LEIBENFROST, Wein- Grofshändler in Wien, Mitglied der internationalen Jury. Seit Taufenden von Jahren haben fich diejenigen Völker, in deren Heimat die Weinrebe gedeiht, mit der Pflege derfelben und der Weinerzeugung und Bereitung befchäftigt. Dauernder Fleifs und ernfte Studien haben Jahr für Jahr neue Refultate der Erkenntnifs, der Behandlung und Bereitung des Weines gefchaffen und die Weincultur eben fo wie den Weinhandel zu immer grösserer Entwicklung gebracht. Die verfchiedenften Länder ftreiten heute auf dem Weltmarkte, feitdem in allen cultivirten Ländern die Weinproduction rationell betrieben, der Weinhandel nach ficheren wirthfchaftlichen Gefetzen geleitet wird, alle diefe Länder ftreiten mit ihren Erzeugniffen auf dem Weltmarkte und ftreben mit Entfchloffenheit vorwärts, um die mächtige Quelle des Reichthums der Landwirthfchaft immer kräftiger und immer ergiebiger zu machen. Man konnte diefs auf der Weltausftellung, durch die Zahl der Ausfteller, mehrere Hunderte, und die kaum genau zu zählende Menge von Weinforten, welche zur Verkoftung der Jury vorgelegt worden, leicht erkennen; man konnte fehen, wie die Wein producirenden Staaten in einem reichen, Wein bauenden Staate um die Siegespalme ftritten und gerade hier als gut und handelsfähig anerkannt fein wollten. Nirgends war je die Zahl der Ausfteller und der ausgeftellten Weine fo grofs und neben Amerika war Afrika durch die Weine Egyptens und des Caplandes, neben Europa, das Frankreich, Griechenland, Italien, Oefterreich, Portugal und Spanien, felbft Russland und die Schweiz repräfentirten, war Afien durch türkifche und perfifche Weine vertreten. Es ift unfere Aufgabe die Refultate der Ausstellung in diefem Berichte zu verzeichnen und wir wollen dabei dem Vorgange unferer Collegen folgen und die einzelnen Länder alphabetifch nach einander charakterifiren. Wir brauchen uns dabei nicht zu entfchuldigen, dafs wir keine Namen der Ausfteller nennen. Wir müfsten, wollten wir nach diefer Richtung hin gerecht und darum ausführlich fein, die ungeheure Menge der Ausfteller vollständig aufzählen. Bei der Allgemeinheit und allgemeinen Anerkennung der Fortfchritte der Weincultur, der Weinbereitung und Kellerwirthfchaft liefse fich hier bei der Angabe der einzelnen Producenten eben nur dann eine Einfchränkung finden, wenn man die je in einem Lande beftrenommirten alten Firmen von den jüngeren, aufftrebenden Handelshäufern und Producenten trennen würde. Dabei müfsten wir, wenn wir die erften blofs ver 2 Franz Leibenfroft. zeichnen, allgemein bekannte Namen wiederholen und wären doch ungerecht gegen die anderen, die jüngeren. Diefe aber können wir wieder nicht allein hervorheben, denn fie müffen zum grofsen Theil das Renommée, das fie auf der Weltausftellung errungen haben, im weiteren Verkehr erft zu erhalten wiffen. Wir verweifen daher betreffs der einzelnen Firmen auf die Refultate der Jury und müffen uns damit in unferem Berichte begnügen, dafs wir aus den allgemeinen Charakterzügen der Production der einzelnen Länder genügendes Material der Belehrung für uns felbft bieten. Doch fei eine Bemerkung geftattet. Die internationale Jury hat für ihre Entfcheidungen fich dahin geeinigt, dafs nicht allein jene ausgezeichnet werden follen, welche das vorzüglichfte Product zur Ausftellung eingefendet haben, fondern dafs auch jene Firmen beachtet werden follen, welche fich durch Export und ausgedehnte Handelsverbindungen, durch Gründung von Weinbau- Schulen, Vereinen u. f. w. und dafs endlich auch die önologifchen Gefellſchaften und jene Bezirke, welche die Weinbau- Cultur befonders unterſtützen und zu befördern fuchen, für diefe ihre befonderen Verdienfte gleichfalls ausgezeichnet werden follen. Wir gehen nach diefen nothwendigen, die Art der Auffaffung unferer Aufgabe erklärenden Bemerkungen zur Betrachtung der Länder, welche die Wiener Weltausftellung befchickt haben, über. Die Weinausftellung. Amerika. Amerika hatte die verfchiedenften Sorten feiner Weine und felbft auch fchon künftlich behandelte, mouffirende Weine ausgeftellt. Was die einzelnen Sorten anbelangt, fo müffen wir unbedingt den mittleren Weinen aus San Francisco und California, die recht befriedigend im Gefchmacke waren, den Vorzug geben. Die Weine aus Columbia, wo die Traube felten mehr als zwei bis drei grofse Beeren hat und auch von einem, fchlechten Gefchmack ift, find in gar keiner Weife beachtenswerth aufgetreten. Dagegen ift die Erzeugung von füfsen Weinen recht entwickelt, und haben einige Sorten einen ganz eigenthümlichen, dem Europäer widrigen Gefchmack. Der Amerikaner mufs denfelben freilich lieben, da gerade die fo gearteten Weine mit grofser Vorliebe von ihm getrunken werden. Einige Imitationen von Malaga- und Portwein, ebenfo wie die fehr fchönen mouffirenden Weine zeigten eine recht gut entwickelte Kellerwirthfchaft und rafch vorgefchrittene Manipulation. Im Uebrigen aber ift die Productionsfähigkeit Amerikas keineswegs bedeutend und find die Handelsbeziehungen des amerikaniſchen Weines durchwegs und ftreng localifirt. Deutfchland. Liebig fagt an irgend einem Orte, dafs der Deutfche, wenn er von feinem Weine fpricht, nur in der Blume reden kann. Wir müffen von vornhinein geftehen, dafs wir uns ganz klar und deutlich ausfprechen wollen und dafs wir dafür keineswegs der Blumenfprache uns bedienen werden. Stellen wir den Hauptgrundfatz, der uns leitet, an die Spitze. Seit fünfzehn oder zwanzig Jahren hat fich der Gefchmack auf den Genufs jüngerer Weine verlegt und den ganz richtigen Satz aufgeftellt, dafs man den Wein dann geniefsen müffe, wenn er den Höhepunkt feiner vollkommenften und reifften Ausbildung und Kraft erreicht hat. Man hat die Erfahrung gemacht, dafs jeder Wein von diefem Moment an eben fo fchnell zurück geht, als er in erfterer Zeit fich entwickelt hat. Als diefer wohlbegründete Gefchmack mit beftem Erfolge ins grofse Publicum gedrungen war, hat man auch fehr bald das Ziehen der alten Weine aufgegeben und die früher für fo werthvoll gehaltenen Schätze der Keller bedeutend zu vermindern gesucht. Dagegen war man beftrebt, durch die Pflege des Weines Wein 3 und die Manipulation, durch Aus- und Spätlefe, forgfältiges Sortiren der edelften Traubenforten, durch geregelte Vergährung und rationelle Kellerbewirthschaftung das Product immer mehr und mehr zu veredeln. Das feinfte und edelfte Product in haltbarfter Weife auf den Markt zu bringen, das ift der Grundfatz, welcher die Weinwirthschaft unferer Zeit leitet oder wenigftens leiten foll. Von diefem Gefichtspunkte aus wollen wir die deutfchen Weine betrachten und müffen gleich hier erwähnen, dafs man fich heute in Deutfchland nicht mehr mit den oben ausgefprochenen Grundfätzen begnügt und mit aller Haft darauf losarbeitet, um in der Richtung der Liebhaberei die enormften Preife zu erzielen und ganz füfse Weine zu erzeugen. Die dabei angewendete Manipulation befchränkt fich auf die Anwendung von fehr viel Schwefel, wie diefs in Frankreich längft gebräuchlich ift, dann auf die unterdrückte Gährung, um die Weine auf Jahre hinaus füfs zu erhalten, eine Manipulation, welche trotz aller Mühe und Sorge niemals ein ganz fertiges Product, das man mit ficherer Ueberzeugung von feinem Gehalte in den Handel bringen könnte, fchafft; eine Manipulation, welche das grofse Renommée, welches die Rheinweine von jeher genoffen haben und noch geniefsen, fchädigen mufs. Nach diefer kurzen Betrachtung wollen wir die ausgeftellten Weine einer Prüfung unterziehen und zuerft die viel wichtigeren Sorten der weifsen Weine durchgehen. Baden und Württemberg pflanzt zum grofsen Theil in ziemlich bedeutenden Quantitäten billige und gewöhnliche Tifchweine, welche dem Lande eine bedeutende Grundrente abwerfen. Die zur Ausstellung eingefandten mittleren und geringen Weifsweine blieben jedoch nicht klar, eine Eigenfchaft, die den Wein überhaupt auf ein enges Handelsgebiet einfchliefst. In der That gelangen diefe Weine felten über Süd- Deutfchland hinaus. Manipulation und Kellerwirthschaft find übrigens recht gut. Die Mofelweine find wegen der Lieblichkeit ihres Bouquets, der Schönheit ihrer Farbe und ihrer Dünnflüffigkeit wegen fehr beliebt und allgemein begehrt. Einige Sorten der Mofelweine gehören mit zu dem Feinften, was Deutfchland producirt, und werden wie die beften Rheinweine bezahlt. Eigenthümlich ift es, dafs es doch wieder Mofelweine gibt, die ohne befondere Farbe ein ganz unbedeutendes Bouquet haben und ganz gewöhnlichen Gefchmackes find. Die Ausftellung brachte übrigens wenig Neues und zeigte uns nur die altbekannten Sorten in gleichem, gleichfalls bekanntem Gefchmacke. Ein Fortfchritt dagegen war in den mouffirenden Mofelweinen zu erkennen, wovon einige Sorten, auffallend glänzend und gut im Gefchmacke, allgemeinen Beifall fanden. Diefe Weine dürften in nächfter Zukunft fchon von befonderer Wichtigkeit werden. Der Handel mit Mofelweinen erftreckt fich über ganz Deutfchland, hat jedoch in Nord- Deutfchland feine Haupt confumenten. Die Saarweine, von denen auch einige zur Ausftellung gefchickt waren, ftehen den Mofelweinen bedeutend nach und finden auch nirgends einen folchen Anwerth wie diefe, obgleich die Weine ganz angenehm und kräftig in Gefchmack und Bouquet find. Von befonderer Wichtigkeit aber werden in neuerer Zeit die Elfafs- und Lothringer Weine, die durch ihren vermehrten Abfatz in Deutfchland fehr bedeutend im Preife geftiegen find. Es find durchwegs gute Mittelweine, welche aber im Handel gerade fowie auf der Ausftellung manches Mal trüb werden und auch öfters im Gefchmacke verlieren, was offenbar ein Zeichen ift, dafs die Weine nicht mit der genügenden Sorgfalt behandelt werden. Was nun die Rheinweine anbelangt, fo haben fich faft alle und auch die fchönften Sorten auf der Weltausftellung eingefunden. Die Rheingau- Weine, aus der edlen Frucht des heimatlichen Riesling, gehören, wie fattfam bekannt, zu den werthvollften und hochfeinften Bouquetweinen der Welt. Sie wurden auf der Ausftellung 1873 eben fo hoch gehalten wie 1867 und zu anderen Zeiten. 4 Franz Leibenfron. Etwas Defonderes, uns und anderen Fremdes haben wir nicht gefunden. Nur fiel eine grofse Auswahl von eleganten Weinen auf, welche durch ihre Preife, per Flafche 10 bis 15 und auch 20 Thaler, allgemeines Staunen, aber keineswegs gerechtfertigte Anerkennung finden konnten. Weiter waren dann bemerkenswerth einige Proben alter Jahrgänge, welche vereinzelt vorgeführt in manchen Fällen recht gut erhalten, in den meiften Fällen aber zu viel gezehrt und vertrocknet waren. Diefe Sorten entſprechen keineswegs dem heutigen Gefchmacke, werden einerfeits aus Pietät, andererfeits aus Curiofität und Originalität gehalten und reihen in allen Fällen unter die Liebhabereien. Die Kellerwirthschaft und die Behandlung des Weines ift wie die Pflege der Rebe allenthalben eine äufserft forgfältige und rationelle und kennzeichnet überall die Qualität der beften ebenso wie der einfachen und Mittelweine. Was die mouffirenden Rheinweine betrifft, fo ftehen diefelben dem franzöfifchen Champagner in nichts nach, und haben fchon lange bewiefen und bewiefen es auch in Wien, dafs fie in jeder Hinsicht mit grofsem Verftändnifs erzeugt werden. Man hatte zur Wiener Weltausftellung verfchiedene Sorten diefer Weine gefendet und alle waren rein und fein im Gefchmack und ohne jeden Beigefchmack. Und diefs ift bei den mouffirenden Weinen immer die Hauptfache und leicht kann man an dem Mangel derfelben die Fälfchung erkennen. Die Rheinchampagner werden nicht allein in Deutſchland, fondern auch im Auslande in grofsen Quantitäten verzehrt und machen in guter Qualität dem franzöfifchen Champagner eine ganz beachtenswerthe Concurrenz. Wenn man am Rhein für die Zukunft nur etwas das Streben nach billigeren Preifen im Auge behält, was beim gröfseren Export für gewöhnliche Weine fowohl wie für feine den Ausfchlag gibt, fo ift es unzweifelhaft, dafs der Rheinchampagner einen grofsen Markt behaupten kann. Rothe Weine waren durch Zeller, Affenthaler und LützelSachfener in reichen Mengen und in guter Qualität vertreten. Wenn aber in Betreff des viel gerühmten Afsmannshaufer nicht beffere Sorten auf den Markt gebracht werden als jene, welche man zur Ausftellung fchickte, fo ift entweder der alte Ruhm diefes Rothweines nicht gerechtfertigt, was wir bezweifeln, oder die Cultur des Rothweines ift feit den letzten Jahren in Deutſchland ftill geftanden und ohne jede Entwicklung geblieben, was wir eher annehmen können. Die Summe der Rheinweine findet ihren Abfatz nach den couranten Preifen im mittleren, weftlichen und nördlichen Deutfchland, geht nach Holland, Dänemark, Schweden, in den feinften Sorten nach Amerika und den beiden Indien, vor Allem aber nach Rufsland und England. Wie die Fabrication ift auch die Ausfuhr der mouffirenden Weine im beftändigen Steigen begriffen. Im Durchfchnitt kann man für ganz Deutfchland 60 Quart oder 17% 10 öfterreichiſche Eimer per Kataftraljoch Productionsmenge annehmen. Erwähnen wir zum Schluffe noch, um nicht unvollständig zu fein, den deutfchen Obftwein. Es waren einige Sorten zur Ausftellung gefchickt worden, aber fo unbedeutend in ihrer Qualität, dafs wir kaum mehr davon fagen können, als dafs fie eben vorhanden waren. England, oder beffer die englifchen Colonien, Auftralien, insbefondere Victoria, dann das Cap der guten Hoffnung hatten ganz vortreffliche Weine ausgeftellt, die ihren Ruf vollſtändig rechtfertigten. Für den Handel, zumeift nach England, werden diefelben immer wichtiger. Das Capland mag heute 230.000 Eimer, Auftralien von feinen kräftigen Weinen wohl etwas mehr als 25.000 Eimer erzeugen. In Auftralien, im Gebiete von Victoria, hat man feit beiläufig 15 Jahren mit dem beften Erfolge die deutfche und franzöfifche Rebe eingeführt und find die Refultate gerade in Betreff der weifsen Weine von Victoria wenigftens nach den Proben, die der Jury vorgelegt waren, ganz ftaunenswerth. Ein unläugbarer Fort Wein. 5 fchritt ift gegen die früheren Jahre hier zu verzeichnen und dürfte die Weincultur bei der rafchen Entwicklung und rationellen Behandlung derfelben die Grundrente ganz bedeutend erhöhen. Von den Capweinen, die längst bekannt find, kann man blofs hervorheben, dafs fie auch in Wien ihr altes Renommée und ihre Bedeutung für den Handel rechtfertigten. Frankreich hat wie bekannt eine grofse Anzahl von Rothweinen, mehrere Sorten weifser, dann verfchiedenartige mouffirende und eine bedeutende Anzahl von Deffertweinen. Faft alle Sorten waren zur Ausftellung gefchickt worden und behaupteten wie fchon fo oft und auf anderen Ausftellungen fo auch in Wien für Frankreich den erften Rang unter den Wein producirenden Ländern, wenngleich weltbekannte Firmen fich an der Ausftellung nicht betheiligt hatten. Die Gefammtproduction Frankreichs mag durchſchnittlich 70 Millionen Eimer in einem Werthe von 700 Millionen Francs betragen und werden 2,276.915 Hektaren Land fo bebaut, dafs man im Durchfchnitt ein Geringes mehr als 23 öfterreichifche Eimer auf das Kataftraljoch Production rechnen kann. Was die Burgunder Weine anbelangt, fo waren diefelben auf der Ausftellung fehr verfchieden vertreten. Man fand ordinäre und mittlere Sorten und fo manchen fehr feinen Bouquetwein mit würzigem Gefchmack, kräftig und voll, fo dafs man unverkennbar die Rebe und die Cultur auch ohne Vignette fehr leicht erkennen konnte. Von den feinen Bordeaux- Weinen waren faft alle Sorten vorhanden und abgefehen von den hohen Preifen liegt eben gerade in diefer Verfchiedenheit der Behandlung und Gefchmacksbildung ein nicht zu unterfchätzender Werth für die Exportfähigkeit und die Ausdehnung des Confums. Abgefehen aber davon, dafs Frankreich die verfchiedenen Gefchmacksrichtungen genau zu treffen verfteht und durch die Eleganz der Ausftattung feiner Weine vor allen anderen Ländern einen grofsen Vorfprung hat, kann kein Land, zumeift in Betreff der kleinen Rothweine aus den verfchiedenen Departements, die Richtigkeit der angegebenen Preife vorausgefetzt, auf dem Weltmarkte mit ihm con curriren. Qualitätshaltige Mittelweine aber werden höher im Preife gehalten, fo dafs diefen Sorten gegenüber die Rothweine producirenden Länder, OefterreichUngarn an erfter Stelle, dann Italien, immerhin mit Vortheil exportiren können, wenn fie eben mit forgfältiger Auswahl des Productes und fachmännifcher Gebahrung den Markt zu gewinnen ftreben. Von kleinen weifsen Weinen hatte Frankreich wenig Bedeutendes ausgeftellt, dagegen fand man fehr fchönen Sauterne nebft dem altberühmten Chateau Iquem. Betreffs der füfsen Weine, Frontignan, Muscatlunel u. f. w. waren fehr fchöne und harmonifch gehaltene Sorten zur Ausftellung gefchickt worden. Doch trat bei vielen Cognac oder Sprit und ein unnatürliches. übertriebenes Bouquet hervor, was man vielleicht auf Rechnung der hohen Temperatur mit zu fetzen hat, unter welcher die Weine eingelagert wurden und verkoftet werden mussten. In Betreff des franzöfifchen Champagners denken wir, nachdem der Artikel der ganzen Welt bekannt ift, nichts Befonderes hervorzuheben. Frankreich beherrscht damit den ganzen Weltmarkt und hat in letzterer Zeit mehrere neue Firmen wachgerufen, welche fchon heute neben den altrenommirten mit viel Glück den Markt auszubeuten verfuchen. Man fuchte daher auch von Seiten der Jury durch Prämiirung einiger mouffirender Weine, welche dem Gaumen nicht befonders mundeten, den Wetteifer in Production und Handel ermuthigen. zu Am Schluffe erwähnen wir noch, dafs auch Corfica einige Weine ausgeftellt hatte, die fich übrigens bis heute noch keines befonderen Rufes erfreuen und auch zum gröfseren Theil fo fchlecht im Gefchmacke waren. dafs man mit Recht annehmen kann, dafs die Cultur auf einer fehr niedrigen Stufe ftehe. Nicht viel beffer waren die vielen Weine, welche durch das franzöfifche Regierungsdepartement von 6 Franz Leibenfroft. Algier ausgeftellt waren. Die Menge und Verfchiedenheit zeigte, dafs wohl ein reiches Material vorhanden ift, aber dafs weder die Cultur noch die Behandlung des Weines auf einer befonders hohen Stufe ftehe. Die vielen fehlerhaften und trüb gewordenen Weine erdrückten einzelne aus anderen Diftricten eingefandte; wie fehr auch deren vorzügliche Qualität zeigte, dafs man Vorzügliches und Ausgezeichnetes leiften könne. Woran es da mangelt, wird Frankreich in der That am beften felbft wiffen, wir können nur Vermuthungen aufftellen. Möglich, dafs der rafche Wechfel der Temperatur zumeift in der Zeit der Reife ein Haupthindernifs für die Entwicklung der Qualität ift. Dennoch ift das rafche Wachfen der Weincultur befonders bemerkenswerth. Im Jahre 1864 betrug das Weinland 9715 Hektaren, im Jahre 1870 dagegen fchon 22.055 Hektaren. Die Production ift von 64.000 Hektoliter im Jahre 1864 auf mehr als 100.000 im Jahre 1870 geftiegen. Faffen wir daher unfer Gefammturtheil über Frankreich zufammen, fo müffen wir anerkennen, dafs das Mutterland wie feine Colonien feit dem Erlöfchen der Traubenkrankheit, Oidium, wieder dauernd in fortfchrittlicher Entwicklung begriffen ift. Wollte Jemand nach den ausgeftellten Weinen diefe unfere Anficht dennoch bezweifeln, fo bitten wir wohl zu beachten, dafs fämmliche franzöfifche Weine vom Beginne der Ausftellung an in keinem Keller lagerten und auch bei grofser Hitze im franzöfifchen Pavillon gekoftet werden mufsten. Und dennoch haben fowohl die kleinen als die hochfeinen Weine die hohe Temperatur ebenfo wie die fchlechte Lagerung vollkommen gut ausgehalten, ein Vorzug, den wir bei Weinen aller anderen Länder vergeblich fuchen würden. Dazu kommt noch, dafs alle franzöfifchen Weine eine vorzügliche Ausftattung, gute Wahl der Flafchen und vortreffliche Verkorkung auszeichnet; es ift daher kein Wunder, dafs Export und Handel fich von Jahr zu Jahr vergrössern, dafs Frankreichs Weine auf allen Märkten der Welt Abfatz finden und nur fehr felten Vorräthe von altem Weine fich anfammeln, die, wenn fie vorhanden find, natürlich mit fehr hohen Preifen bezahlt werden. Griechenland hatte eine nicht bedeutende Zahl feiner Weine zur Beurtheilung ausgeftellt. Und felbft unter den wenigen waren noch mehrere krank und fchlecht geworden. Eigenthümlich und dem Fremden widerwärtig ift der fcharfe Harzgefchmack des griechifchen Weines. Der Grieche verwendet Harz, um die Haltbarkeit des Weines zu erhöhen, und wie er daran gewöhnt ift, mundet ihm auch das fo mifsgeftaltete Product. Uebrigens werden auch diefe Weine und einige andere fyrupartige nur im Lande felbft confumirt. In den Handel nach Aufsen kommen nur die guten Weine der jonifchen Infel, die Korfu und Korinth Weine. Der Handel ift mit diefen Weinen auch im glücklichen Steigen begriffen und entwickelt fich feit dem Jahre 1867 mit der von der Regierung fehr gepflegten Production. Junge Griechen werden nach Spanien und Frankreich zu ihrer Ausbildung gefchickt. Vereine und önologifche Gefellſchaften find gegründet worden und haben anerkennenswerthe Refultate geliefert. Diefe Entwicklung ift um fo mehr zu wünſchen, als eben das Land allenthalben ein vorzügliches Material liefert. Der Abfatz der griechifchen Weine aller Art ift auf den Märkten der Türkei, Rufslands, Englands und auch Triefts für weiteren Export. Italien bot eine fehr grofse Anzahl verfchiedener Weinforten und eine bedeutende Menge von Sicilianer, Piemontefifchen und Lombarder Weinen waren ausgeftellt. Die gewöhnlichen Rothweine Italiens, dünne, leichte und wenig herbe Weine bilden einen guten Handelsartikel und ftehen den franzöfifchen kleinen Weinen wenig nach. In guten Jahren können fie auch hinfichtlich der Preife mit diefen concurriren. Die dickeren, vollen, ftarken, gedeckten und auch ziemlich herben Weine bilden gleichfalls ein vorzügliches Product Italiens und werden auf allen Wein Wein. 7 märkten gefchätzt. Leider kamen auf der Ausftellung wie faft von allen füdlichen Ländern auch in Italien mehrere kranke Weine vor, die unzweifelhaft darauf hinweifen, dafs Behandlung und Kellerwirthschaft noch fehr mangelhaft find. Was die füfsen, weifsen und rothen Deffertweine anbelangt, fo hatte Italien mehrere fo vortreffliche Sorten ausgeftellt, dafs man bei der Aehnlichkeit derfelben mit den fpanifchen und portugiefifchen Weinen und dem vorzüglichen Stoffe wohl erwarten kann, dafs diefelben, wenn man es eben in Italien verfteht, die Verhältniffe auszunützen, den Weinen der pyrenäifchen Halbinfel bedeutende Concurrenz machen können. Es ift diefs um fo eher zu erwarten, als die ganze Weinbereitung Italiens feit den letzten Jahren überall fichtbare Fortfchritte gemacht hat. Der Entwicklung der Production kann mit Leichtigkeit die Entwicklung des Handels folgen. Portugal hat füfse, herrliche und kräftige Weine, welche altberühmt find, neben einigen wenigen weifsen und rothen Weinen gewöhnlicher Sorte ausgeftellt. Nur die feineren Weine verdienen Beachtung, da fie vor allen durch ihre Kräftigkeit für den grofsen Handel und weiten Transport berechnet find und in den fernften Ländern ihren Abfatz finden. Zu diefen Sorten zählen die altportugiefifchen Sectweine und der blaublutige Madeira, insbefondere der trockene, Dry Madeira genannt, welch' letzterer nach der langen und endlich überftandenen Traubenkrankheit für den Handel wieder bedeutend wird und die zahlreichen Imitationen zu verdrängen beginnt. Eine Specialität Portugals find die vorzüglichen Portweine, die einen Weltruf geniefsen. Der gröfste Confument derfelben und auch der anderen portugiefifchen Weine ift England. Amerika, Rufsland, theilweise auch Deutfchland und Frankreich find die Abnehmer portugiefifcher Weine, die, von einem gut organifirten Handel geleitet, feit langen Jahren den Markt behaupten. Spanien ift, wie bekannt, reich an köftlichen Weinen und producirt viele verfchiedene Sorten weifs und roth zumeift geringerer Qualität. Doch ift bekannt, dafs diefe Weine wenig haltbar find. Anders verhält es fich mit den berühmten Weinen von Malaga, Pietro, Xiemenos, Malvafier, Tinto und anderen dicken, ftarken Weinen. Malaga ift der ältefte der in den Handel gebrachten fpanifchen Weine und repräfentirt für das Volkseinkommen einen bedeutenden Werth. Auch der berühmte Xeres( Scherry), ein bekannter weifser Wein von vorzüglicher Güte, erhält einen bedeutenden Handel. Die anderen oben genannten Weine find liqueurartig, füfs und mit feinem Bouquet und werden im Lande felbft, in England und in einzelnen überfeeifchen Staaten confumirt. All' diefe ausgeftellten Weine zeigten, dafs die Weincultur wie die Weinbereitung eine gut entwickelte ift, und dafs es fchwer fein wird, abgefehen von der günftigen geographifchen Lage, diefen fchon von Natur aus vorzüglichen Weinen Concurrenz zu machen. Rumänien. Die von diefem Lande zur Ausstellung gefchickten Weine boten wenig Erfreuliches und zeigten wie andere agricole Producte den niederen Stand der landwirthschaftlichen Cultur. Die Weine waren zumeift fchlecht und krank und nur einige Sorten liefsen errathen, dafs eine fachverständige Erziehung und fachmännifche Behandlung manches Gute erzielen könnte. Aber die Weincultur gedeiht in einem Lande nur dann, wenn die Landwirthfchaft überhaupt entwickelt ift und den Landmann ein gewiffes Mafs von Bildung auszeichnet. Rufsland hat allgemein mit feinen ausgeftellten Weinen überrascht. Befonders beachtenswerth waren die fchönen Muscatweine und die weifsen und rothen Weine aus Taurien, da diefelben zeigten, wie richtig man erkenne, welche Sorten, den Verhältniffen entſprechend, im Lande gepflanzt werden follen. Aus 8 Franz Leibenfroft. Warfchau war eine Sammlung von alter Tokayereffenz ausgeftellt, die man mit ihren 200 Jahren und riefigen Preifen nur als Specialität beachten kann. Die leichten Weine der Krim werden im Lande confumirt und kommen noch nicht in Handel. Aufser Wein hatte Rufsland ganz allein noch Meth ausgeftellt und zwar Proben aus dem vorigen Jahrhunderte neben folchen von einem Alter von zwei bis drei Jahren. Wie gerühmt diefe füfsen Getränke auch fein mögen, fo ftehen fie doch jedem Traubenweine nach und find dabei unverhältnifsmäfsig theuer. Die älteften Sorten waren mit 10 bis 15 Rubel, die jüngeren mit 2 bis 5 Rubel angefetzt. Die Schweiz fucht mit grofser Sorgfalt die Weincultur zu heben, allein die wenigen Sorten, welche ausgeftellt waren, gehören unter die gewöhnlichen Tifchweine und zeigten wenig Befonderes. Nach den Proben übrigens kann man fogar behaupten, dafs Cultur und die Kellerwirthschaft noch ziemlich weit zurückftehen. Die Weine der Schweiz werden ohnediefs nur im eigenen Lande confumirt. Die Türkei. Die hier erzeugten Weine haben den Charakter der ordinären griechifchen Sorten und befitzen auch den Harz- und Pechgefchmack der felben. Ein Handel mit diefen Weinen exiftirt nicht, da diefelben im Productionsgebiete vollſtändig verzehrt werden. Nur die Sorten von den griechifchen Infeln Samos und Cypern machen davon freilich eine Ausnahme und können bei ihrer natürlich guten Qualität und mit rationeller Behandlung für einen gröfseren Handel allmälig Bedeutung gewinnen. Oefterreich- Ungarn. Wir können diefe beiden Länder wohl nach ihrer Production, aber nicht nach ihren handelspolitifchen Beziehungen trennen. Ohne dafs wir uns auf eine weite Motivirung einlaffen, die Jeder fich felbft machen kann, gehen wir von der Anficht aus, dafs der öfterreichifch- ungarifche Weinhandel und insbefondere der Weinexport durch die Art des Productes, die Märkte und Handelswege, ein untrennbares Ganzes bildet. Was die Production anbelangt, fo können wir nur die einzelnen Diftricte, ohne auf Bezirke und Gegenden einzugehen, und hier wieder nur jene befonders hervorheben, welche exportfähige Weine produciren und wirklich am Weinhandel fich betheiligen. Die Ausstellung war überwiegend mit den kleinen weifsen Landweinen aus Oefterreich und Ungarn befchickt worden. Der leichte, dünne, je nach der Sorte harte und weiche Gefchmack diefer Weine ift bekannt und erwähnen wir nur, dafs diefelben wegen ihrer guten Eigenſchaften fich fehr gut zum Verfchnitt mit anderen Weinen eignen und auch für die Provinzen Oefterreich- Ungarn und den täglichen Bedarf einen grofsen Handel unterhalten. So grofs das Erträgnifs an folchen Weinen in guten Jahren oft auch ift, fo häufen fich diefelben nur felten in gröfseren Vorräthen auf, da fie eben der Bedarf des Inlandes verzehrt und felbft das Ausland in guten Jahren grofse Mengen confumirt Die fünfjährigen Durchschnittspreife find bei diefen geringeren weifsen Weinen 5 bis 7 fl. und bei guten Mittelweinen 8 bis 12 fl. per öfterreichifchen Eimer. I öfterreichifcher Eimer= 56% I " I 99 I " 99 4 59 I 27 99 - 49 14 12 - I franzöfichen Liters preufsifchen Quart polnifchen Garnit englifchen Gallonen Oxhoft gibt circa 75 Rheinweinoder Bordeauxflafchen. Gewicht I öfterreichifcher Eimer= 100 Zollpfund. Wein. 9 Unter den öfterreichifchen Provinzen producirt zumeift Mähren die eben befchriebenen Mittelweine und macht fehr lobenswerthe Anftrengungen, Qualität und Quantität fortgefetzt zu erhöhen. In Ungarn find es die Gegenden von Fünfkirchen, Prefsburg, Waizen u. f. w., wo diefe leichten billigen Mittelweine gezogen werden. Von feinen weifsen öfterreichifchen Weinen, welche in Fäffern und Flafchen auch exportirt werden, find in erfter Richtung die Gebirgsweine des Hügellandes von Klofterneuburg, Weidling, Kahlenberg, Nufsberg, Grinzing, Gumpoldskirchen und einige von Vöslau zu nennen. Alle diefe Weine zeichnet Zartheit, feines Bouquet und fchöne Farbe aus und werden bei ihrer vorzüg lichen Behandlung nur von den Weinen des deutfchen Reiches erreicht. Sie finden daher auch im Lande felbft wie im Auslande grofsen Anwerth. Man zahlt für den Eimer feinfte Waare 20 bis 25 fl., ein Preis, welcher gleichfalls die Exportfähigkeit bedeutend unterſtützt. In den genannten Gegenden wird auch Strohwein als eine Specialität erzeugt, auf welche die einzelnen Eigenthümer grofsen Werth legen. Wir müffen uns gegen die Erzeugung diefes Weines ganz entfchieden ausfprechen. Erftens bildet derfelbe keinen Handelsartikel und kann ihn nicht bilden, da er nicht haltbar ift und auch der Urftoff nicht genügend vorhanden; zweitens durch die Bereitung von Strohwein die beften Trauben und Trockenbeeren dem anderen Wein entzogen werden, was bei dem geringen Vorhandenfein folcher edlen Qualitäten als eine fomit ganz verfehlte Manipulation, das urfprüngliche Product nur fchädigt. Schliefslich ift diefes Product ein füfses Getränk, das den Namen eines Deffertweines gar nicht verdient. Ungarn producirt eine ziemliche Anzahl feiner weifser Weine, unter denen als eine Perle von hohem Werthe der Tokayer hervorragt. Wir brauchen bei dem grofsen Ruhme, den diefer Wein geniefst, denfelben nicht weiter hervorzuheben. Nur können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, dafs die zur Weltausftellung gefchickten Sorten keineswegs einen Fortfchritt in der Cultur und der Behandlung zeigten. Schade um die koftbarfte Effenz, welche die Natur ohne allen Beifatz erzeugt und die man doch eigentlich nicht zu verwerthen verfteht. Tokayer Weine, Ausbrüche und Effenzen finden ihren gröfsten Abfatz in Galizien, Russland und Nord- Deutfchland und gehen feit den letzten Jahren auch nach England, Amerika, Frankreich und Süd- Deutfchland, wo man allmälig Gefchmack gefunden hat an Ausbrüchen und fetten Effenzen, die fich in der That unter die feinften Deffertweine einreihen laffen. Am beften werden diefelben in. Rufsland und Polen bezahlt. Zu Originalflafchen verfendet, kann man für Tokayer Ausbruch als Deffertwein I fl. 50 kr. bis 8 fl., für feine und hochfeine Tokayer Effenz 4 bis 8 fl. per Flafche= 12 Liter erhalten. Feine weifse Weine werden noch in den Gegenden von Somlau, Nefzmélye, Bádacfony, Villány, Magyarát, Diófzeg und Oedenburg erzeugt und in den Handel gebracht. Ueberrafchend fchöne Sorten waren zur Ausftellung zumeift von Bádacfony gefchickt worden, die kräftig, voll Saft und reinem Gefchmack, eine vortreffliche Behandlung verriethen. Erft in neuerer Zeit find die Diófzeger Weine bekannt und beliebt geworden. Es ift bemerkenswerth, dafs ein hochgeftellter ungarifcher Cavalier mit grofsen Opfern fich bemüht hat, die Weincultur in diefen Gegenden zu heben und es in der That dahin gebracht hat, dem Diófzeker und Bádacfonyer Wein einen guten Ruf zu verfchaffen. Auch die Rufter und Oedenburger Weine, dann die Ausbrüche und Effenzen derfelben, die als Deffertweine eine nicht unbedeutende Rolle im Handel ſpielen, waren auf der Ausstellung in vorzüglicher Weife vertreten. Sie werden mit Vorliebe in den öfterreichifch- ungarifchen Provinzen und in Deutfchland confumirt und gehen nach Holland, Schweden, Norwegen und Amerika, wo fie in Folge ihrer Haltbarkeit und durch ihre immer beffere Entwick 10 Franz Leibenfro ft. lung, je älter fie werden, dann endlich auch durch ihre Billigkeit einen guten Markt behaupten. Man bezahlt den Eimer mit 30 bis 60 fl. Vor allen haben die Siebenbürger Weine auf der Ausftellung einen wefentlichen Fortfchritt bekundet und ebenfo Aufmerkfamkeit wie Anerkennung allgemein gefunden. Es ift bemerkenswerth, dafs die Weine von eingeführten fremdländifchen Reben weniger bedeutend waren als die von den urfprünglichen einheimifchen und forgfältig gepflegten. So hat, um nur ein Beiſpiel zu geben, Bákator ein wundervolles Product geliefert. Die angeblichen Tifch- und Tafelweine Siebenbürgens find fehr angenehm und lieblich, allein im Preife wegen der noch geringen, aber heute fich fehr entwickelnden Production und des ftarken Confums im Lande felbft fehr hoch. Auch einige füfse Deffertweine, durchwegs Specialitäten und weniger bedeutend, erzeugt Siebenbürgen. Die Weinbereitung und Kellerwirthschaft mufs wenigftens nach den ausgeftellten Proben eine ganz vortreffliche fein. Steiermark producirt keine feinen und hochfeinen Weine und felbft die in bedeutender Menge producirten geringen und mittleren Weifsweine erlangen trotz aller, übrigens fehr rühmenswerthen Bemühungen und auch in den beften Jahrgängen erft nach langer Lagerung ihre vollſtändige Flafchenreife. Die Weine werden faft alle im Lande felbft, zum Theil auch in Kärnten und Oberöfterreich verbraucht. Einige vortreffliche Anftalten, Vereine und Schulen fuchen die Weincultur zu heben und haben auch fchon manchen Erfolg erreicht. Görz hat mancherlei Gutes geliefert und ift es wohl zu hoffen, dafs diefe fchöne Provinz im Laufe der Zeit noch viel Befferes produciren wird. Man verwendet auch viel auf die Veredlung des Productes und dürfte Ausdauer und Fleifs in kürzester Zeit gute Früchte bringen. Görz confumirt den grofsen Theil feines Productes felbft und exportirt den Reft nach Trieft und Kärnten. Das übrige Iftrien, das Gebiet von Trieft und Krain, dann auch Kroatien und Slavonien hatten ihre verfchiedenartigen Weine ausgeftellt, unter welchen die Triefter ganz vortheilhaft hervorragten. Es find zumeift ordinäre und mittlere Weine, die wegen ihrer Billigkeit in manchen Gegenden den Weinhändler und Speculanten wohl heranziehen, aber in Folge mangelhafter Cultur und Behandlung noch wenig für den Export fich eignen. Tirol erzeugt in den Gebieten von Meran, Bozen uud Brixen viel weisse und rothe Trauben für einen kleinen und mittleren Wein. Die wafferreiche, aber zuckerarme Traube liefert kein befonders edles Product, das fich auch wegen feiner geringen Haltbarkeit für den Export wenig eignet. Er wird daher im Lande felbft confumirt und geht zu einem Theil nach Vorarlberg, Salzburg und Kärnten, zum Theil auch nach Baiern und der Schweiz. Die letztgenannten Provinzen produciren auch einigen rothen Wein, deffen wir noch für die Hauptproductions- Orte gedenken müffen. In Kärnten, Steiermark, Krain und Iftrien ift er von geringerer Bedeutung. Am Schluffe unferer Betrachtung über die weifsen Weine erwähnen wir noch in Kürze die öfterreichifchen mouffirenden Schaumweine, von denen jedoch auch nur Vöslau, Graz und Retz und einige ungarifche Productionsorte einige Sorten ausgeftellt hatten. Betreffs der Productionsmenge und der Handelsbeziehungen ift wenig bekannt und es fcheint, als ob man in den letzten Jahren aus uns unbekannten Gründen auf die wichtige Fabrication der mouffirenden Weine kein befonderes Gewicht mehr legt. Am bedeutendften und am wichtigften ift die Production noch in Vöslau und Graz, von wo aus das In- und Ausland, hier zumeift England und Schottland grofse Mengen mouffirender Weine und Schaumweine bezieht. Auch der ungarifche Schaumwein fucht feit den letzten Jahren den lange vernachläffigten Markt zu gewinnen, und das für den öfterreichiſch- ungarifchen Weinhandel fehr wichtige Product ernfter zu cultiviren. Es ift kein Zweifel, dafs, wenn nicht oberflächlich, Wein. 11 fondern mit Verſtändnifs betrieben, die Production der mouffirenden Getränke von hohem Werth für Oefterreich fein kann. Wir gehen nun zur Betrachtung der Rothweine Oefterreichs über. Der Grund der fcharfen Trennung von den weifsen Weinen ift leicht erklärlich. Es gibt eben in Oefterreich- Ungarn Productionsgebiete, welche nur weifsen und folche, welche nur rothen Wein erzeugen. Auch hat man in früheren Jahren auf die Production von rothem Wein wenig Gewicht gelegt, da erftens die Vorliebe für weifsen allgemein herrfchend war und zweitens die Ausfuhr der öfterreichiſchungarifchen rothen Weine durch lange Jahre fo gering war, dafs zahlreiche Mengen in den Kellern liegen blieben und häufig verdarben. Die jetzigen Verhältniffe find anders geartet und kann der verftändnifsvolle Weinhändler in der Entwicklung des Handels mit rothen Weinen der Heimat viel nützen. Zu gleicher Zeit hat fich in den letzten Jahren der Confum von Rothwein auch in den öfterreichisch ungarifchen Provinzen faft um das Dreifache gefteigert. Die Erkenntnifs der Gefundheit nährenden Kräfte des Rothweines, die forgfältigere Pflege von Seiten der Producenten haben diefs in folcher Weife entwickelt, dafs die Vorräthe der rothen Weine fehr gefucht find und theuer bezahlt werden. Das für Oefterreich wichtigfte Gebiet der Rothwein- Production ift Vöslau fammt Umgebung. Es find aufserordentlich fchöne rothe Gebirgsweine, welche hier producirt werden, und heute auch fchon Lieblingsweine zahlreicher Confumenten find. Auch gute mittlere Rothweine und einige feine Weine, von denen mehrere wegen ihres geringen Gerbeftoffes zum Verſchnitt mit anderen Rothweinen fehr geeignet find, werden auf dem flachen Lande von Niederöfterreich producirt. Auch Südtirol zu Trient und Roveredo producirt zumeift Rothwein und darunter einige Sorten, welche für den Handel der Zukunft ficherlich ein vortreffliches Materiale bieten werden. Heute fchon forgen önologifche Gefellſchaften und Vereine für die Hebung der von Natur aus fehr günftig angelegten Cultur. Der Handel führt ihn heute nach Nordtirol, dann nach Kärnten, Krain und Steiermark. Auch ift der Confum im Lande felbft ein fehr bedeutender. Dalmatien ift reich an gediegenen und verfchiedenartigen Rothweinen und zeigte auf der Ausftellung gar manchen bisher noch verborgenen Schatz. Der Dalmatiner Rothwein zeigt in feiner Jugend einen vollen und kräftigen, etwas füfslichen Gefchmack und enthält dabei fo viel ftarken Gerbftoff, dafs diefe Weine als Verfchnittweine für dünne leichte Rothweinforten fich ganz befonders gut eignen. Daneben fanden wir auf der Ausftellung leichte, angenehme und bouquetreiche Weine von ganz aufserordentlichem Gefchmack. Auch vino seco wird in freilich primitiver Weife erzeugt und bildet mit andern Deffertweinen eine Specialität, für welche Dalmatien in Hülle und Fülle das fchönfte Material befitzt. Man hat in neuefter Zeit Beweife geliefert, dafs alle Dalmatiner Weine bei richtiger und forgfältiger Behandlung haltbar und exportfähig find. Allein es wird unbedingt nothwendig, wenn man den Handel mit Dalmatiner Weinen heben will, dafs die möglichft weitgehenden Handelserleichterungen und genügende Verkehrsbeziehungen gefchaffen werden. Es ift jedoch in den letzten Jahren fchon fehr viel Wein nach Oefterreich, Ungarn, Steiermark und auch nach dem Auslande exportirt worden, und dürften diefe Abfatzquellen mit dem Bekanntwerden, der dalmatinifchen Weine in kurzer Zeit fehr bedeutend werden. Das kaiferlich- königliche Ackerbauminifterium hat auch feit den letzten zwei Jahren auf das kräftigfte und von gutem Erfolg begleitet, diefen Handel unterſtützt. Ebenfo hat eine in jüngfter Zeit gegründete önologiſche Gefellſchaft einen bedeutenden Wirkungskreis fich gefchaffen und es ift kein Zweifel, dafs diefe Bemühungen ebenfo wie die Aneiferung der landbauenden Bevölkerung durch die Landesvertretung von grofsem Erfolge fein werden, fobald eben nur auch noch die fo hemmenden Zollfchranken zwifchen Dalmatien, Oefterreich und 12 Franz Leibenfroft. Ungarn fallen und die Verkehrsverhältniffe durch den Bau der Eifenbahnen geregelt fein werden. Ungarn producirt hervorragend Rothwein in den Gegenden von Ofen, Erlau, Vifzonta, Menes, Carlowitz, Villany, Szeghzard und an noch andern Orten, wo neben mittleren und ordinären Weinen auch feine Sorten gedeihen. Die erfteren find in guten Jahrgängen in grofsen Mengen und zu billigen Preifen zu haben. Doch find fie theilweife wenig haltbar. Man gibt die Schuld davon einerfeits klimatifchen Verhältniffen und der Bodenbefchaffenheit, anderfeits aber auch der fchlechten Cultur, der mangelhaften Anlage und vor Allem der noch fehr ungenügenden Kellerwirthfchaft. Wenigftens haben Fachmänner fchon feit Langem bewiefen, dafs fie diefe kleinen Weine, wenn fie diefelben frühzeitig erhalten, mit dem beften Erfolge durch Jahre hindurch vollkommen gut erhalten haben. Das ift von grofser Wichtigkeit, denn gerade mit diefen und mit den Mittelweinen kann Ungarn ein viel gröfseres Gefchäft fchaffen, als mit feinen hochfeinen Sorten. Mit der Entwicklung der Production und Behandlung des Weines, mit der Ausnützung der Wafferftrafsen und der Eifenbahnen kann Ungarn bei der grofsen Preiswürdigkeit feiner Weine allen franzöfifchen und italienifchen Weinen eine ganz empfindliche Concurrenz bereiten. Was die feinen und feinften Rothweine aus den oben angeführten Gegenden betrifft, fo haben die ausgeftellten und heute fchon fehr bekannten Sorten ihren ehrenvollen Ruf wieder bewährt. Nur müffen wir das Syftem der Erzeugung von zu füfsen rothen Weinen auch hier tadeln, da diefelben wenig haltbar find und diefelben immer bei einem Temperaturwechfel einer fpäteren fchädlichen Nachgährung unterliegen, was natürlich dem Ruf diefer Weine fehr nachtheilig ift. In Betreff des Handels ift es gar kein Zweifel, dafs diefe Weine bei richti ger und verftändnifsvoller Behandlung wenigftens allen mittleren franzöfifchen Sorten ebenbürtig find. Wir können dabei einige allgemeine Bemerkungen nicht unterdrücken. In Ungarn und zum Theile auch in Oefterreich liegt der Weinhandel oft in den Händen von Speculanten und nicht in jenen von fachmännisch gebildeten Weinhändlern. Man betrachtet da oft den Wein wie ein gewöhnliches Rohproduct, das man eben nur kaufen mufs, um es dann unter einem renommirten Namen wieder zu verkaufen. Dabei wird das oft koftbare und edle Product ganz vernachläffigt und der gefammte auch der gefchulte Weinhandel gefchädigt. Der Fremde kann in Oefterreich nicht wie in Frankreich oder am Rhein felbftftändig als Käufer auftreten. Die Handelsbeziehungen find durch zahlreiche Verkehrsbeläftigungen erfchwert. So hat man z. B. in Ungarn in einem Umkreife von 5 bis 6 Stunden oft drei verfchiedene Maafse, die felbft dem Oefterreicher nicht immer genau bekannt find. Auch ift man dafelbft gezwungen, nach einem alten verrotteten Gebrauch, der den Handel fehr fchädigt, den Wein mit fammt dem Lager( Hefe) zu übernehmen und zu zahlen. Diefe Verhältniffe und noch andere Uebelftände müffen in Kurzem geändert werden, wenn die hoffnungsvolle Handelsentwicklung nicht wieder geftört werden foll. Betrachten wir noch am Schluffe die rothen füfsen Ausbrüche oder Deffertweine. Zwei Sorten haben auf der Ausftellung erneute Anerkennung gefunden und werden feit längerer Zeit fchon nach Deutfchland, Holland, Amerika u. f. w. exportirt. Es iſt diefs in erfter Richtung der Ménefer Ausbruch und dann der Carlowitzer Deffertwein. Die Preife diefer Weine find faft gleich den bereits oben angegebenen Preifen der Weifsweine. Im grofsen Ganzen ift die Productionsfähigkeit Oefterreich- Ungarns zumeift an kleinen und mittleren, rothen und weifsen Weinen fehr grofs. Nach Frankreich producirt Oefterreich mit einer Durchfchnittsfumme von 35 Millionen Eimern am meiften Wein unter allen anderen Ländern. In Ungarn allein find 621.671 Kataftraljoch à 1600 Quadratklafter dem Weinbau zugewiefen, das Wein. 13 höchfte Durchfchnittserträgnifs per Joch mag in Ungarn und auch in Oefterreich 20 Eimer fein, eine Angabe der amtlichen ungarifchen Statiſtik, welche fehr geeignet und auch fehr günftig ift, um die fchädlichen Irrthümer und Illufionen über die Productionsfähigkeit Ungarns zu zerftören. Die reiche Menge producirten Weines reicht felbft in ungünftigen Jahren hin, den fteigenden Confum des Inlandes zu decken und dabei auch noch gröfsere oder kleinere Mengen zum Export zu bringen. In Betreff der Preife find alle öfterreichifch- ungarifchen Weine trotz der grofsen Preisauffchläge in den letzten Jahren doch noch fo billig, dafs man noch niemals Veranlaffung gehabt hat, zur Erzeugung von Kunftweinen zu fchreiten. In Betreff der Adjuftirung, der Wahl der Flafchen und der forgfältigen Verkor kung der Flafchenweine kann man den günftigen Urtheilen der Confumenten glauben, dafs man allen Anforderungen gerecht zu werden fich bemüht. Die Ausstellung gab übrigens auch Gelegenheit, über den guten Gefchmack und die nette Ausftattung fich ein vollkommen felbftftändiges und gewifs günftiges Urtheil zu bilden. Um nun fchliefslich unfer Urtheil zufammenzufaffen, können wir getroft behaupten, dafs trotz der ungünftigen Jahre feit 1867 ein wefentlicher Fortfchritt zu verzeichnen ift, der auch auf der Weltausftellung zu Wien vollkommen hervortrat. Die Producenten und Weinhändler haben gezeigt, dafs fie die Entwicklung und den Bedarf der Zeit verftehen und geneigt find, jeden Fortfchritt anzunehmen, und jede neue Geftaltung der Production und des Handels auszubeuten. So hat man das Verfahren Pafteur's gründlich ftudirt und bei nicht haltbaren. kleineren und feineren Weinen, ebenfo wie bei überfeeifchen Sendungen anzuwenden verfucht. So hat man erkennen gelernt, dafs der Weinhandel nicht blofs darin befteht, dafs man Wein kauft und wieder verkauft, fondern dafs er auf einem ganz beftimmten Studium der Bedürfniffe und Wünfche der Menfchen, die im Often und Weften, im Süden und Norden ganz verfchieden find, beruht, und dafs darnach die verfchiedenen Arten und Sorten der Weine beftimmt ausgewählt, ganz befonders behandelt und ausgeftattet, und fo dem Verkehr übergeben werden müffen. Ift diefs überall von Wichtigkeit, fo ift es für den öfterreichifch- ungarifchen Weinhändler geradezu die Grundlage feiner ganzen Exiſtenz und feiner Gefchäftsentwicklung. Mit hundert verfchiedenartigen Sorten hat er es zu thun, mit exportfähigen Weinen und mit folchen, die einen Transport nicht vertragen, mit Vorurtheilen, die bewältigt werden müffen, mit einer Gefchmacksrichtung, die erft erzogen und dann erhalten werden mufs. So hat der öfterreichifch- ungarifche Weinhändler eigentlich Alles erft neu zu begründen und Bahnen erft zu eröffnen, welche noch grofse Opfer koften, aber dann auch gewifs lohnend fein werden. Nach all diefen Richtungen, welche wir als unfere Aufgabe gekennzeichnet haben, hat die Klofterneuburger Weinbau- Schule ganz fichere Anregungen gegeben und fchon bedeutende Erfolge erzielt. Aber auch der öfterreichifche Weinhändler war in den letzten Jahren nicht müffig und hat, was Fachkenntnifs, Bewirthschaftung und Kellermanipulation anlangt, den deutfchen und franzöfifchen, den fpanifchen und portugiefifchen Weinhändler bereits eingeholt und durch eine Anzahl grofser Firmen im Auslande alle Anerkennung fich verfchafft. Die internationale Jury hat diefs auch vollkommen anerkannt und durch eine grofse Reihe von Auszeichnungen der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, dafs der öfterreichifche Wein für den Weltmarkt beftimmt und auf denfelben hinzuftreben vollkommen berechtigt ift. Wir entnehmen der Koblenzer Zeitung Nr. 186 den 30. Juli 1873, die Aeufserung eines Mitgliedes der internationalen Jury, welcher über die öfterreichiſch- ungarifchen Weine zu dem Schluffe kommt,„, dafs der deutfche Weinbau wohl einfehen werde, dafs ihm durch Oefterreich eine grofse Concurrenz, begünftigt von klimatifchen Verhältniffen entſtehen mufs, und dafs es nicht gerathen ift, auf den erreichten Lorberen zu ruhen, fondern ftets fort99 14 Franz Leibenfroft. zufchreiten. In ähnlicher Weife fpricht fich das Londoner Blatt„ Monthlay Vine and Spirit Trade", Circulär vom 12. September 1873 und das amerikanifche Blatt , Bouforts Vine and liquer" Circular, New- York, vom 18. September 1873 aus. Wir führen diefs nur an, um zu beweifen, welche Achtung der öfterreichifch- ungarifche Weinhandel fich fchon erworben hat. Mag es dazu dienen, Producenten und Weinhändler anzueifern, auf dem eingefchlagenen Wege muthig fortzuftreben. Die günftige geographifche Lage Oefterreichs begünftigt alle Bemühungen und weift darauf hin, dafs der öfterreichifche Handel mit allen Producten in erfter Richtung berufen ift, den Markt im Orient und in allen füdlichen Ländern zu beherrfchen. Bis heute hat man getrachtet, die öfterreichifch- ungarifchen Weine in Deutfchland, England und Amerika abzufetzen und es ift in diefen Ländern, ja felbft in Japan, Indien und fo weiter theilweife mit Glück gelungen. Auch Rufsland bietet einen günftigen Markt, obgleich die enorm hohen Zölle ieden Export bedeutend beeinträchtigen. Am Schluffe wollen wir bekennen, dafs das k. k. Handels- und AckerbauMinifterium Vieles und Nachhaltiges für die Hebung des öfterreichiſch- ungarifchen Weinhandels gethan hat. Allein es bleibt noch viel zu thun übrig, um das ergiebige Feld der Landwirthfchaft zum Beften des Gefammt- Nationalreichthums auszubeuten. Es fei geftattet, hier unfere Wünſche auszudrücken, und dabei zugleich die Hinderniffe anzugeben, welche der vollen Entwicklung des Weinhandels und der Weinproduction entgegen ftehen. In erfter Richtung erwähnen wir hier unfere mangelhafte und ungeregelte Grundfteuer, die den Weinbau fehr belaftet; dann die hohe, ungerecht vertheilte Erwerb- und Einkommenfteuer, welche in Verbindung mit den drückenden Verzehrungssteuern den Weinhandel fchädigt. Die im eigenen Lande beftehenden Zölle und die allgemeinen Zollbeläftigungen an den Grenzen des Reiches, die verfchiedenartigen Maafse und Gewichte, namentlich in Ungarn und die fchlechten Wege und Strafsen find Momente, welche Production und Handel ftören. Endlich werden die hohen Frachtfätze für Wein bei den Eifenbahnen, die willkürliche Behandlung von Seiten der Directionen, die fchlechte Gebarung derfelben, der faumfelige Transport, die Mifsbräuche und Befchädigungen der Waare und endlich die ausgedehnten Privilegien der Eifenbahnen gegenüber der Gefchäftswelt überhaupt, wenn fie nicht bald und durchgreifend reformirt werden, niemals den Weinhandel zu jener Blüthe gelangen laffen, welche er nach Lage und Verhältnifs des Landes leicht erreichen kann. Diefe Forderungen und Wünfche find ohne durchgreifenden Erfolg fchon oft ausgefprochen worden, und es bleibt uns eben nichts anderes übrig, als fie fo lange zu wiederholen, bis sie erfüllt worden find. Wenn dann im eigenen Lande Alles gefchehen, was nothwendig ift, dann dürfte es auch für die öfterreichifch- ungarifchen Confulate in der Fremde leichter werden, die Bemühungen der Production und des Handels ihres Heimatslandes kräftig zu unterſtützen. Mögen diefe unfere Wünfche richtig erkannt und beurtheilt werden. Man wird daraus leicht erkennen, dafs wir von dem Wunfche befeelt find, die öfterreichifche Weinproduction und den Weinhandel nach der Gunft der natürlichen Verhältniffe auf jene Stufe empor gehoben zu fehen, auf welcher er ebenbürtig mit allen anderen, bereits hoch entwickelten Ländern concurirren kann. Kellereinrichtung und Geräthfchaften. Wie wir uns mühevoll in diefer grofsen Ausftellung die verfchiedenartigften Gegenftände zufammenfuchten, welche von mehreren Ländern eingefandt worden waren, fo haben wir uns auch leicht die Ueberzeugung verfchafft, dafs es Wein. 15 nahe unmöglich ift, hierüber in einem vollſtändigen Berichte die verfchiedenften Gegenftände mit all ihren Details wiederzugeben. Die Schwierigkeit liegt darin, dafs fo viele Objecte der Anfchauung nach recht fchön und zweckmäfsig fcheinen, dem praktiſchen Gebrauche aber keineswegs entſprechen. Da fanden wir z. B. Geräthfchaften, die fich für den kleineren Hausund Kellergebrauch gut eignen mögen, für gröfsere Bewirthschaftungen aber nicht ausreichen. Andere Gegenftände und Vorlagen wieder waren erft Gedanken und noch keineswegs fo durchgedacht, dafs fie der Praxis dienen könnten. Wir können uns nun aber nicht allein mit der Theorie begnügen, fondern müffen deren gute Erkenntnifs und Leiftungsfähigkeit auch in der Praxis erproben, was namentlich bei Weinpreffen, Mafchinen, Pumpen, Apparaten und noch mehreren anderen Gegenftänden in erfter Richtung nothwendig ift. Demzufolge ift es uns auch nicht ermöglicht, die einzelnen hieher gehörigen Ausfteller namentlich anzuführen, weil jeder Einzelne fein Princip und feine Modelle oder feine Erfindung als die beften anpreift, anderfeits aber wir auch den Gebräuchen und Manipulationen der verfchiedenen Länder überall Rechnung tragen und das anerkennen müffen, was durch die Oertlichkeit erheifcht, in einer verfchiedenartigen Weife der Arbeit fich ausgebildet hat. Wir befchränken uns daher auf die Angabe einiger uns zweckentfprechend erfcheinenden Gegenftände, Verbefferungen und neueren Erfindungen, und müffen dabei auch einiger Induftriezweige, die für den Weinhandel wichtig find, gedenken. Ausgeftellt waren theilweife in verfchiedenen Ländern und Abtheilungen Weingarten- Werkzeuge, Fafspipen, Spunde, kleine und gröfsere diverfe Kellergeräthfchaften, Haufenblafen, Gelatine, Weinpumpen, Weinpreffen, Rebel- und Quetfchmafchinen, Filtrirmafchinen, Verkorkungs- und Kapfelirmafchinen, Gährbottiche und Moftlüftungs Apparate, Pafteurifeurs, Fafsausdämpfungs- und Flafchenfüllungs- Apparate, Flafchenmetall- Kapfeln, Etiquetten, Weinfchläuche und Flafchen. Weingarten Werkzeuge, Fafspipen, Spunde und diverfe kleinere und gröfsere Kellergeräthfchaften fanden wir von der Obft- und Weinbau- Schule aus Klofterneuburg fehr reichhaltig ausgeftellt. Es ift eine vollkommene Mufterfammlung von allen Arten Gegenftände gewefen, die man gröfstentheils zur rationellen Bearbeitung der Reben haben foll. Diefe Mufter bleiben permanent in obbenannter Weinbau- Schule zu Klofterneuburg behufs Befichtigung für Jedermann, und auch für die Zukunft ausgeftellt. Diefe vortreffliche Einrichtung ift umfo lobenswerther, als man fich jeden einzelnen Gegenftand durch die Anftalt felbft verfchaffen kann. Wir empfehlen daher auf das Ernftefte das Studium diefer Sammlung und brauchen bei dem dauernden Beftande derfelben nicht weiter darauf einzugehen. Von Meffing- Fafspipen fanden wir einige in der englifchen Abtheilung, die uns vermöge ihrer guten Einreibung und ihres Schlufses gefielen. Die übrigen aus anderen Ländern ausgeftellten hölzernen mit Zinn- und auch Korkverreibungen ausgeftellten Pipen boten nichts Neues, entfprachen zumeift dem kleinen Bedarfe. Eine nicht unbedeutende Anzahl von verfchiedenen kleineren Kellergeräthfchaften war dann weiter vorhanden, unter denen befonders fehr praktiſche Korkzieher, Flafchenkörbe und Flafchenftellagen aus Eifen, letztere leicht zerlegbar hervorragten. In den franzöfifchen und englifchen Abtheilungen fahen wir Haufenblafen in allen Sorten, ordinär, fein und feinft( deren befte Sorte in der ruffifchen Abtheilung), dagegen war wieder in der franzöfifchen Abtheilung die befte Gelatine ausgeftellt. Weinpumpen und Weinpreffen waren in ziemlich grofser Anzahl aus Frankreich eingefchickt worden, ebenfo wie vom deutfchen Reich, Oefterreich und Ungarn. Etwas Neues und Bedeutendes aber wurde nicht geboten. Es ift nur zu erwähnen, dafs die Pumpen mit Kolbendruck, da diefelben noch nicht in Gebrauch find, einige Aufmerkfamkeit erregten. 2 16 Franz Leibenfroft. Rebel und Quetfchmafchinen. von den oben angeführten Ländern eingefchickt, boten nichts befonders Neues. Von Verkorkungsmafchinen, zumeift nach älteren Principien, fiel nur eine aus Lübeck mit neuerer Conftruction und fehr zweckmäfsig erfcheinend, auf, doch mufs auch hier die Verwendung in der Praxis erft ihre Nutzbarkeit entfcheiden. Von Flafchenkapfelir- Mafchinen war eine in der englifchen Abtheilung als neue Erfindung zu bezeichnen, von deren guter Leiftungsfähig. keit man fich auch fchon überzeugt hat. Allein fie ift bereits bekannt und dem Fachmann nicht neu. Auch einige Filtrirmafchinen, aus dem deutfchen Reiche ausgeftellt, mit neueren erprobten Verbefferungen erfchienen fehr zweckmässig. Die ausgeftellten Gährungs- und Moftlüftungs Apparate aus Deutfchland, Frankreich und Oefterreich boten nichts Erwähnenswerthes. Mit Pafteurifeur- und Fafs ausdämpfungs- Apparaten, wurden feit der letzten Parifer- Weltausftellung die verfchiedenartigften Verfuche gemacht, da man deren Wichtigkeit immer mehr und mehr kennen lernte. Es ift dabei auch ein grofser Fortfchritt bemerkenswerth und wie die gegenwärtige Ausftattung zeigte, wurden obbenannte Apparate von Frankreich, Deutfchland, Oefterreich- Ungarn in allen Gröfsen für kleinere und gröfere Unternehmungen neu erzeugt. Eine wefentliche Verbefferung in jenen grofsen Pafteurifeur- Apparaten, wo man den überflüffigenDampf gleichzeitig zum Ausdämpfen mitWeingeläger für neue Fäffer verwenden kann, fand viel Beifall. Flafchenfüllungs- Apparate waren in der englifchen und franzöfifchen Abtheilung fehr fchön für das Auge ausgeftellt. Es mufs aber fehr bezweifelt werden, dafs diefe Apparate in ihrer eigenthümlichen Conftruction für den grösseren Gebrauch zweckentfprechend find. Unter den Flafchenlacke dürften an Schönheit der Farben und Feinheit die franzöfifchen und deutfchen unbedingt die öfterreichifchen übertreffen. Ebenfo find die öfterreichifchen Flafchenkapfeln, fowohl die weifsen als die gefärbten, am wenigften fchön, zweckmäfsig und gut, und find von jenen aus Frankreich und Deutfchland bei Weitem übertroffen worden. Es ift kaum zu glauben, dafs diefer Artikel vermöge feiner guten Qualität und fchöner Farbe, wie fie eben in Frankreich und Deutfchland angewendet wird, durch die Jahre hindurch noch immer aus dem Auslande nach Oefterreich eingeführt werden foll. Etwas Sorgfalt und Mühe könnte auch in Oefterreich ein fehr gutes Gefchäft begründen. Freilich ftellen fich heute noch die vom Ausland bezogenen Kapfeln trotz des hohen Zolles billiger als die im Inland erzeugten. Weinetiquetten haben wir frühere Jahre der Billigkeit und Eleganz wegen viele aus Deutſchland bezogen; in den letzteren Jahren aber haben die inländifchen Anftalten fo viele Fortfchritte gemacht, dafs fie die auswärtige Concurrenz fo ziemlich befeitigt haben. - Weinfchläuche aus Guttapercha waren nur einige nach alten Syftemen ausgeftellt, die übrigens auch ganz zweckmäfsig find, wenn fie bei Biegungen nicht fo leicht gebrechlich wären. Amerika, England, Frankreich, Deutfchland und Oefterreich hatten hatten auch einige Kautfchukfchläuche ausgeftellt, die wenig Befonderes zeigten. Wie uns durch die Jahre hindurch die Erfahrungen gezeigt haben, find die amerikanifchen und englifchen Schläuche noch die beften Fabricate gewefen, jedoch vollkommen gut können wir auch diefe für alle gröfseren und kleineren Etabliffements doch fo wichtigen Artikel noch lange nicht nennen und ift es fehr zu bedauern, dafs auch bei diefer Ausftellung nichts Neues oder irgend eine Verbefferung aufgetreten ift. Alle diefe Schläuche erfüllen ihren Zweck recht gut als Waffer- oder Bierfchläuche; beim Gebrauche für Wein aber zeigen fie viele Uebelftände. Im fteten Gebrauch nämlich löft fich durch die Weinfäure der innere Theil leicht auf und die Schläuche wachfen inwendig fo fchnell zufammen, dafs keine Flüffigkeit mehr durchgehen kann. Man hat verfucht, die Kautfchukfchläuche defshalb inwendig Wein. 17 mit einer Maffa oder Compofition zu überziehen, damit die Weinfäure nicht durchdringt. Ein Verfuch, der die Sache nur noch fchlechter machte, da die Weine den Geruch und Gefchmack davon angenommen haben. Endlich hat man verfucht, die Einlage durch Leinwand zu machen, um diefelbe und die Schläuche länger zu erhalten, was wohl einigermassen als beffer, jedoch auch nicht als dauerhaft fich erwies. Was nun die Flafchen und Weinbouteillen, ein für den Weinhandel höchft wichtiger Factor, anbelangt, fo ftellt man an diefelben drei Anforderungen: Gutes haltbares Glas, fchöne gefällige Form, und hübfche reine Farbe. Diefe Forderungen finden wir in allen Richtungen in dem franzöfifchen und deutfchen Fabricate auf das Vollkommenfte erfüllt. - Wenngleich die öfterreichifch- ungarifche Induftrie in der Production von Weingläfern und Glasgegenständen auf einer hohen Stufe fteht, und darin auch auf der Weltausftellung einen Fortfchritt nachgewiefen hat, fo können wir uns in Betreff der Fabricationen der Weinflafchen nur ungünftig ausfprechen. Es ift erwiefen, dafs die meiften gröfseren Firmen von Wein- Grofshändlern und Weinhändlern der öfterreichifchen und ungarifchen Provinzen ihre Flafchen gröfstentheils aus Deutſchland und theilweife aus Frankreich beziehen. Diefe Bezüge dehnen fich auf Millionen von Flafchen aus und wenn wir nach der Urfache fragen, warum man dem fremden Producte vor dem einheimifchen den Vorzug gibt, fo begründet fich es dadurch, das die ausländifchen Flafchen viel ftärker und haltbarer find, wefentlich weniger Bruch geben, reines Glas mit fchöner Farbe und egaler, gefälliger Form haben, endlich hauptfächlich fammt allen Spefen und entfernter Fracht noch billiger zu ftehen kommen als das inländifche Fabricat. Wenn wir noch zudem erfahren, dafs man felbft Bierflafchen für Exportbiere auch vom Auslande bezieht, fo mufs es doch gerechtfertigt fein, anzunehmen, dafs man auf diefen Induftriezweig in Oefterreich- Ungarn gar keinen Werth gelegt hat, oder dafs man nicht fähig ift, mit den vorhererwähnten Ländern zu concurriren. Und gerade hier könnte fich unfere Glasinduftrie, die im Luxusglas fo kräftige Concurrenten zu überwinden hat, eine fehr ergiebige Einkommensquelle erfchliefsen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. CONSERVEN, EXTRACTE UND FLEISCHWAAREN. ( Gruppe IV, Section 5.) BERICHT VON CARL WARHANEK, Kaufmann in Wien. Mitglied der internationalen Fury. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1873. C VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. тяс CONSERVEN, EXTRACTE UND FLEISCHWAAREN. ( Gruppe IV, Section 5.) Bericht von CARL WARHANEK, Kaufmann in Wien, Mitglied der internationalen Jury. Die Conferveninduſtrie. Die Erfindung, animalifche fowohl als vegetabilifche Nahrungsftoffe in Blechdofen oder anderen Gefäfsen mittelft Entziehung der Luft auf die Dauer zu conferviren, gehört dem Franzofen Appert an und verdanken wir jenem Verfahren auch den erften Impuls zur Entstehung der Conferveinduftrie. Obwohl durch Austrocknen und Einfalzen fchon längft Nahrungsmittel aufbewahrt wurden, fo fehlte es doch bis zur Zeit der genannten Erfindung ( 1849) an einer Methode, bei welcher diefelben ihre natürliche Farbe, ihren Geschmack und Geruch unverändert bewahrt hätten; diefe Bedingungen wurden durch Appert erfüllt, daher auch die rasche Ausdehnung, allgemeine Anerkennung und Verbreitung feines Verfahrens. Frankreich namentlich war es, wo die Conferveninduftrie einen rafchen Auffchwung nahm, und wenn es auch heute in einzelnen Branchen derfelben von anderen Ländern übertroffen wird, fo zeigte uns doch die Ausftellung, dafs es im Ganzen noch einen hohen Rang einnimmt. Wie nicht anders zu erwarten, hatte jedes Land feine ihm eigenthümlichen. Producte und zum Theil auch diejenigen, in denen es am meiften excellirt, ausgeftellt, fo England feine Pikles, Auftralien fein Fleifch, die franzöfifchen Colonien Ananas, Bananen u. f. w. Frankreich frifche Trüffeln, Spargel, Erbfen und Sardinen, das Elfafs feine Gänfeleber- Pafteten, Oefterreich Sardinen und andere Fleiſchfpeisen, Rufsland Caviar u. f. w. Aufser den nach der Appert'fchen Methode und den in Oel confervirten Nahrungsmitteln fanden wir in der Ausstellung noch vielfach den Fleisch extract und die condenfirte Milch vertreten, wovon erfteres feit 1864 in Südamerika, letzteres Product feit ungefähr demfelben Jahre in Nordamerika und die Schweiz fabriksmäfsig bereitet wird. Neben diefen Objecten fand man weiter zahlreiche Effig- und Zuckerfrüchte in Dofen und eleganten Flacons, gefalzene, marinirte, geräucherte, gepökelte und gedörrte Nahrungsmittel, Kaffee- und Gewürzextracte, Saucen, aus Fett oder Fleiſch und mehligen Subftanzen beftehende Nahrungsftoffe, kurz 2 Carl Warhanek. eine Collection, wie man fie fchwerlich bei einer früheren Ausftellung reichhaltiger und überfichtlicher geordnet angetroffen hat, defshalb mag es wohl geftattet fein, bei der Berichterstattung etwas weiter auszuholen und dem Leser das ganze Gebiet etwas näher zu bringen. Wir betonen diefsmal nur die wirthschaftliche Seite der Conferveninduftrie, weil diefelbe heute, nachdem die Chemie und naturwiffenschaftliche Seite der Conserven längft und vielfach erörtert worden ift, die weitaus wichtigere fcheint. Nur noch eine ganz allgemeine Bemerkung wollen wir machen, ehe wir die einzelnen Conferven felbft und dann die Ausftellung betrachten. Im Allgemeinen gilt für die Confervenindustrie noch der Satz, dafs die Zubereitung von Conferven mit beiſpiellofer Reinlichkeit gefchehen mufs; jeder nicht dazu gehörige Beftandtheil, oder eine unfaubere Manipulation während der Zubereitung verurfacht ſpäter die Gährung in den Dofen und zerstört das Product. Was die Auswahl von Nahrungsmitteln anbelangt, die hiezu verwendet werden, fo kann man ficher fein, dafs das Befte und Frifchefte ausgefucht wird und darum kann fich auch der Confument mit aller Zuverficht und Luft den Genufs gönnen, da bei der Confervenbereitung allen Anfprüchen einer gefunden, reinlichen Zubereitung auf das ftrengfte entſprochen wird. Das Fleiſch und die Fleischfabricate. Die Fleifchconferven waren in der verfchiedenften Art fchon früherer Zeit bekannt und find ohne Zweifel die älteften. In unferer Zeit haben den meiften Erfolg und die gröfste Verbreitung die amerikanifchen und auftralifchen. Confervefabriken erreicht. Beifpielsweife fchlachtet die Company Liebig in Fray Bentos täglich. 500 Stück Vieh zur Fleifchextract- Fabrication, wovon täglich 1000 Kilogramm Extract bereitet werden. Den aus London entnommenen Handelsberichten von Dr. Tallermann, Importeur dafelbft, ift zu entnehmen, dafs 1872 aus den Colonien, Victoria, NeuSüdwales, Neu- Seeland, Queensland und Süd- Auftralien 321.991 Kiften Fleiſch im Werthe von 890.700 Pfd. Sterling nach London eingeführt wurden. Der Bericht. bedauert, dafs in England die vorzügliche Qualität auftralifcher Fleischforten, als Ochfen-, Hammel-, Kalbfleifch, geräucherte Zungen, Kalbsfchinken u. f. w., noch nicht die rechte Würdigung gefunden hat; und doch ftellt fich das Fleiſch frei von allen Knochen trotz der theueren Blechumhüllung und Fracht um 1½ bis 2 Francs billiger als das frifche. Zum Verbrauche für Amerika, gröfstentheils für die ärmere Bevölkerung und hauptfächlich für Neger, erfcheint eine Sorte gefalzenes Kuhfleifch aus Uruguay ftammend, welches an der Luft getrocknet ohne jede weitere Behandlung auf Jahre hinaus haltbar ift. Auch von Borftenvieh wird fehr viel exportirt. Die Pock- Pakers Affociation. in Cincinnati fchlachtet jährlich drei Millionen Schweine, wovon die Schinken ausgelöft und geräuchert, die übrigen Theile gefalzen und in Fäffer gepackt bis nach Deutſchland verfendet werden. Die Fleifchconfervirung hat heute fchon als Folge der maffenhaften Production von Hornvieh in Südamerika und Auftralien, wofelbft der geringen Bevölkerung wegen der Verbrauch ganz undenkbar ift, eine aufserordentliche Ausdehnung erhalten; doch fo fehr unter allen Methoden die Appert'fche die befte ift, weil fie dem Fleiſche den meiften Nahrungswerth und den natürlichften Gefchmack erhält, ganz zum Gegenfatze aller übrigen, bis jetzt angewendeten Syfteme, fo verurfacht bei einem Artikel wie gewöhnliches Rindfleifch, was unter jeder Bedingung billig fein mufs, die Umhüllung mit Blech zu viele Koften und Conferven, Extracte und Fleiſchwaaren. 3 Umstände und befchränkt nothwendigerweife die Ausdehnung diefes Fabricationszweiges. Eine künftliche Aufbewahrung ohne Gebrauch der Blech dofen, welche die Qualität des Fleifches unverändert erhält, bleibt daher eine noch offene und für die Conferveninduftrie hochwichtige Frage. - Faft war man nahe daran zu vermuthen, dafs das vom Grafen Boos- Waldeck in der öfterreichifchen Abtheilung zur Ausftellung gebrachte, in Stücken äufserlich trockene Fleiſch diefen Anforderungen entſpricht; es hielt fich wochenlang im Kaften hängend, Anſchnitte zeigten, dafs das Stück im Innern faftiges, gefundes und gefchmackvolles Fleifch, roth in der Farbe, enthalte, alfo ganz fo befchaffen wie frifches Fleifch fei. Leider verweigerte der Ausfteller der Jury jeden Auffchlufs über die Fabricationsmethode, anderfeits aber fehlten dem Product auch die Beweife der Haltbarkeit, ob das Fleiſch in den Kiften ftramm gepackt fich nicht entzünde, ob es den Aequator fchon paffirte und die Reife glücklich beftanden habe. Auf alle diefe Fragen war kein pofitiver Befcheid zu erlangen. und da nach Angabe des Ausftellers feine Erfindung drei Jahre fchon befteht und noch immer keine Bedeutung im Handel erlangt hat, fo konnte die Jury nur einen mäfsigen Preis für diefes Object zuerkennen. Die Preiswürdigkeit der Fleiſchconferven wird immer nur durch ihre Haltbarkeit und Verwendbarkeit entfchieden und wo diefelben nicht gegeben oder nicht erkannt werden, fehlt der Werth des Productes. Fleifchextract. Der Fleifchextract wurde bekanntlich im Jahre 1859 von Baron v. Liebig in die baierifche Pharmakopoe eingeführt und fchon im Jahre 1864 wurden in München an 5000 Pfund Rindfleifch jährlich zur Fabrication verwendet; kurz darauf wurde von einem deutfchen Jngenieur, Herrn Giebert, welcher mehrere Jahre in Südamerika gelebt hatte, in Fray Bentos eine Fabrik gegründet, wo gegenwärtig nicht weniger als 150.000 Stück Rinder per Jahr zu Extract gemacht werden. Faft alle hatten fich an der Ausftellung betheiligt. Aufser der Liebig Extract of Meat Company ftellten auch andere Fabriken Fleifchextract aus, fo die von Lucas Herrera y Obes y Comp. in Montevideo, ferner die San Antonio Meat Extract Company in Teoas und verfchiedene auftralifche Gefellfchaften. Der Fleifchextract fcheint fonach im Confum bedeutend zugenommen zu haben und wird durch die Kraft und Ernährungsfertigkeit, die er enthält, gewifs immer mehr fich verbreiten. Im deutfch- franzöfifchen Kriege hat derfelbe eine bedeutende Verwendung gefunden und leiftete an Wiederbelebung fchwindender Kräfte ungefähr dasfelbe, was die Erbswurft für die Ernährung leiftete. Ein Pfund Extract( der Auszug von 40 Pfund Fleiſch mit Knochen) genügt, um aus Brot, Kartoffeln und Salz eine Fleifchfuppe für eine ganze Compagnie Soldaten herzuftellen. Für den häuslichen Gebrauch ift feine Verwendung bekannt und bringt auch jedes Viertel Pfund feine Gebrauchsanweifung mit. Schinken, geräucherte Würfte. Diefe Gattung Nahrungsmittel waren, da folche in jedem Lande viel genoffen und ebenfo häufig erzeugt werden, faft von allen Ländern in der Ausftellung vertreten; befonders hervorzuheben find die Producte diefer Art von Italien, Deutfchland, Oefterreich- Ungarn; diefe vier Länder erzeugen fehr viel und Vorzügliches und mit dem angenehmen Unterſchiede, dafs die betreffenden Fabricate unter einander im Gefchmacke fehr differiren. Es ift diefs nur damit zu erklären, dafs in den diverfen Ländern nicht nur verfchiedene Borftenvieh- Racen gezüchtet werden, fondern dafs deren Ernährung jedenfalls auch eine verfchiedenartige ift. I* 4 Carl Warhanek. Italien hatte eine reichhaltige Collection von Mortadella, mailändifche Salami, Deutſchland Weftphäler Schinken und delicate Würfte, Oefterreich- Ungarn ebenfalls Salami und Schinken ausgeftellt. Alle diefe Erzeugniffe find fehr haltbar und werden in ganz bedeutenden Quantitäten exportirt. Fifche. Wer kennt nicht Sardinen in Oel, einen Artikel, der faft jeden Schauladen ziert, darin aufgespeichert liegt und bereits ein allgemeines Nahrungsmittel geworden ift durch feine Billigkeit und gute Qualität, ja in fortfchreitender Entwicklung einen immer gröfseren Confum verfpricht, da er fich immer mehr in allen Staaten einbürgert. Die Confervirung von Sardinen findet bereits ftatt in Frankreich, Italien, Oefterreich, Portugal, Spanien und Amerika. Die Qualität des Fifches ift faft überall diefelbe, nur die Gröfse desfelben ift verfchieden. - Der Fang der Sardinen bildet vermöge der zahllofen Menge, in der dieIn felben vorkommen, in allen Meeren die Hauptbefchäftigung der Fifcher. Frankreich find nahezu 10.000 Barken mit dem Fange befchäftigt und werden confervirte Fifche bis zum Betrage von 8 Millionen Francs jährlich exportirt. Gröfstentheils kommt diefe lucrative Fifcherei der ärmeren Küftenbevölkerung zu Gute, die mit viel Liebe daran hängt und allen Schwierigkeiten derfelben muthvoll entgegentritt. Die Aufgabe diefer Art Fifcherei ift infofern fchwierig, als die Sardine ein fchlauer, launiger Fifch ift, der klug geködert fein will, wozu viel Gefchicklichkeit und Ausdauer gehören. Man geht nach dreierlei Methoden bei der Fifcherei vor: An tiefen Stellen des Meeres wird die Sardine während der Nacht durch beleuchtete Barken geködert und mit grofsen Fangnetzen in Maffe umfchloffen. Ein weiteres Verfahren beſteht darin, die Netze tief ins Meer zu verfenken, und zwar an jenen Stellen, wo die Sardine muthmafslich ihren Zug hält; diefs gefchieht regelmäfsig während dem Sonnenauf- und Untergange. Endlich und zwar das allgemeinfte Mittel, Sardinen zu fangen, befteht darin, mit getrockneten Stockfifchrogen oder lebendig zerftampften Seekrabben während des Tages jene Stellen im Meere aufzufuchen, wo die Sardine in Schwärmen am Boden ruht. Man nimmt dann den Rogen, wirft ihn dem Fifche vor, der diefe Nahrung aufserordentlich liebt, lockt ihn an die Oberfläche und leitet ihn nach Belieben an jenen Ort, wo fchon die Netze feiner harren. die Die gefährlichften Gegner der Sardinenfifcherei find die Delphine, diefem kleinen Fifche auflauern, ihn ftets verfolgen, mit ihm bis in die Netze der Fifcher hinein rennen und diefe dadurch gewöhnlich zerstören. Die Nothwendigkeit, Tag und Nacht auf der See zuzubringen, bildet den Fifcher zu einem tüchtigen Seemann heran und macht ihn fehr geeignet für den Dienſt in der Marine. Diefes Handwerk ift defshalb eine gute, nautifche Schule, da Kinder von 10 Jahren mit ihren Vätern bereits in See gehen und fich Unerfchrockenheit und Muth anlernen. In Oefterreich wurde diefe Fifchconferven- Induftrie durch Carl Warhanek im Jahre 1862 im adriatifchen Meere eingeführt. In Folge der nutzbringenden Verwendung der Sardine gegen früher, da diefe vorher blofs zum Einfalzen verwendet wurde, haben die Fifcher viel beffere Preife erreicht und hat fich feit der Zeit auch die Zahl der Barken um das Zweifache vermehrt. Heute befchäftigen fich bereits drei Fabriken mit der Conservirung von Sardinen, deren anerkannt gute Qualität die Concurrenz der franzöfischen Waare in Oefterreich beinahe vollſtändig aus dem Felde fchlug Conferven, Extracte und Fleiſchwaaren. 5 Neben den Sardinen werden mit Vortheil Thunfifche, Seemakrelen und Hummer in Blechdofen confervirt; alle anderen Fifchgattungen, welche zur Ausftellung gelangten, haben den Beifall der Jury nicht gefunden. Neben den in Blechdofen confervirten Fifchen find die aus Norwegen kommenden getrockneten und gefalzenen Fifche von der gröfsten Wichtigkeit; für den Handel in erfter Linie verdient der Dorfchfang eine befondere Beachtung. Der Dorfch, unter dem Namen Stock- oder Flachfifch bekannt, beſchäftigt 5000 Barken mit 16.000 Fifchern und werden jährlich davon 15 bis 20 Millionen. Stück gefangen. Derfelbe wird einfach an der Luft in Heften getrocknet und fodann als Flach- oder Rundfifch in den Handel gebracht; aufserdem wird der gewonnene Rogen bei der Sardinenfifcherei als Köder verwendet; einen Artikel von ziemlicher Bedeutung liefert noch fein Thran, deffen feinere Qualität als Leberthran genugfam bekannt ift. Sehr bedeutend ift auch die Häringfifcherei, deren befte Sorten in den Winter-, Nord- und Sommerhäring eingetheilt werden. Nicht weniger wie 1,300.000 Tonnen werden hievon jährlich eingefalzen. Der Sommerhäring ift der befte, da der Fifch im Sommer die befte Nahrung bekommt; feine Gröfse ift aufserordentlich verfchieden und werden zu der Bereitung von ruffifchen Sardinen, ein in kleinen Fäfschen marinirter Fifch, der fich grofser Beliebtheit erfreut, die Sommerhäringe fortirt und der kleinfte Fifch hiezu verwendet. Norwegen hat, um den Umfang feiner Fifcherei zur allgemeinen Anfchauung zu bringen, einen eigenen Pavillon errichtet und hierin alle Gattungen Netze fowohl wie alle Sorten Fifche ausgeftellt. Ueberrafchend find die Refultate und wohl unübertroffen, denn bei einer Bevölkerung von 1,800.000 Menfchen werden für fechs Millionen Gulden Fifche aller Gattungen jährlich theils im Lande confumirt, theils nach dem Auslande exportirt. Man fieht aus dem Ergebniffe, dafs für Norwegen die Fifcherei eine Exiftenzfrage ift; nahezu fechs Percent der Bevölkerung befchäftigen fich damit, wenn man die Unzahl Menfchen hiezu rechnet, die fich mit dem Anfertigen der Tonnen und mit der Einfalzung des Fifches befchäftiget. Der Fifchfang ift frei, doch wird er von der Regierung überwacht, da an allen Landungsplätzen Beamte find, um zu fehen, ob Alles correct vorgeht; befonders hervorzuheben ift die allgemeine Rückficht, die man auf die Schonzeit der Fifche nimmt, um folche in ihrer phyfifchen Entwicklung nicht zu ftören. Ein grofses Intereffe nahm der von Rufsland ausgeftellte geprefste Kaviar in Anfpruch, der trotz der heifsen Jahreszeit gut erhalten und geniess bar war. Diefes Product der Fifcherei im azow'fchen und kaspifchen Meere und an der Küfte von Befsarabien hat wegen feiner vorzüglichen Qualität ein grofses Intereffe für den Handel erlangt, indem diefer Fifchrogen von Natur aus grofskörnig und gefchmackvoll ift und noch mehr durch die Art feiner Zubereitung alle übrige Concurrenzwaare überragt. Rufsland exportirt beinahe für zwei Millionen Rubel Kaviar, wovon die Hälfte in geprefstem Zuftande nach dem Orient, die andere Hälfte flüffig, das ift in Körnern, nach Deutschland und Oefterreich während der Wintermonate verfendet wird. Neben Rufsland concurriren in diefem Artikel Amerika, Holland, Deutſchland( Hamburger Kaviar) und felbft der Donaukaviar von Orfova und Galatz. Alle diefe Sorten find minder fein und werden nur begehrt, wenn der ruffifche Kaviar nicht zu haben ift. 6 Carl Warhanek. Gemüſe. Alles, was der Gemüfebau Schönes und Feines zu erzeugen vermag, wird zum Conferviren in Blechdofen aufgekauft, da geringere Sorten, rückfichtlich der grofsen Koften für die Aufbewahrung, nicht tauglich find. Die Qualität der confervirten Gemüfe ift daher immer vorzüglich und nicht felten werden fie frifchen Gemüfen vorgezogen. Die Umgebungen von London, Paris, Lübeck, Bremen und Hamburg find Culturftätten für feines, auserlefenes Gemüſe. Leider betrachtet man hauptfächlich in Oefterreich den Verbrauch confervirter Gemüfe noch für einen Luxus in der Haushaltung. Man berechnet nicht, dafs eingekochtes Gemüfe 66 Percent feines Volumen verliert eine Büchfe Erbfen von 1 Pfund Gewicht enthält z. B. 2% Pfund frifche Erbfen; es ift daher ein Irrthum, zu glauben, dafs confervirtes Gemüfe theuer fei. Anderfeits darf man nicht vergeffen, dafs der Genufs desfelben in den Wintermonaten auch ein Vorzug ift, dem man irgend welchen Werth beilegen follte. Bei dem landwirthfchaftlichen Berufe Oefterreichs wäre es erwünſcht, dem confervirten Gemüfe allgemeinen Eingang zu verfchaffen, da dadurch folgerichtig eine Vermehrung und Verbreitung des Gemüſebaues eintreten würde. Technifch wichtig bei der Gemüſe confervirung ift der hohe Hitzegrad des Waffers, in welchem die gefüllten und luftdicht verfchloffenen Dofen ge kocht werden müffen, wenn die fpätere Gährung vermieden werden foll. Weiter zu bemerken ift, dafs Gemüſe fowohl wie Geflügel am leichteften den Metallgefchmack der Blechdofen an fich ziehen; diefem Uebel wurde durch eine Verbefferung der Appert'fchen Methode abgeholfen und befteht in der Entfernung des Dampfes, der fich in jeder einzelnen Dofe während den erften 10 Minuten des Siedeproceffes bildet; die fo aufgeblähten Dofen werden an einer Seite mit einem fpitzigen Inftrumente angebohrt und nachdem der Dampf entwichen ift, fchnell wieder zugelöthet; dadurch erhält die Speife ihren unveränderlichen Gefchmack. Neben dem Principe, Gemüſe in feinem natürlichen Safte zu conferviren, befteht eine zweite Methode, erfunden von C. Maçon in Paris, welcher fämmtliche Gemüfe in allen ihren Beftandtheilen, wie Stengel, Rinde, Wurzeln, Knollen, Blättern, Blüthen und Früchten im Wege einer succeffiven Trocknung confervirt, und zwar ohne Schädigung ihres Nahrungsftoffes, Gefchmackes und Geruches und ebenfowenig ohne Zerftörung ihrer natürlichen Farbe. Das fo comprimirte Gemüfe wird mit Hilfe einer Preffe aus einer teig. artigen Maffe in kleine Tafeln umgeformt und erhält fich an der Luft für immer unverändert, nimmt ein fehr kleines Volumen ein und ift daher neben der Verwendung in der Hausküche als Proviant für Schiffe und Heere von fehr grofsem Werthe. Vor der Verwendung wird folches Gemüfe auf 20 Minuten in Waffer geftellt, wo es wieder auffchwillt und feinen früheren Umfang wie feine natürliche Farbe wieder erlangt. Diefer Induftriezweig hat sich merkwürdiger Weife blofs auf Frankreich befchränkt, wo er durch eine Actien- Gefellſchaft reichlich ausgenützt wird. Condenfirte Milch. Eine der werthvollften Erfindungen der Neuzeit bildet die condenfirte Milch; folche verdankt ihre Entstehung dem nordamerikaniſchen Kriege, wofelbft man die Nothwendigkeit diefes Nahrungsmittels erkennen lernte und Alles aufbot, fich dasfelbe in welcher Form immer zu verfchaffen. Conferven, Extracte und Fleifchwaaren. 7 Die Erfindung der condenfirten Milch hat diefem Wunfche vollkommen entſprochen. Milch zu condenfiren, ift ein einfaches Verfahren; dasfelbe befteht darin, die Milch in einem Vacuum zu verdampfen, wodurch fie ihrer Waffertheile nach und nach entledigt wird. Diefe fo gewonnene Milch ift eine weifslichgelbe, durchfcheinende und dickflüffige Maffe, wohlriechend mit einem butterartigen Gefchmacke.- Genaue Unterfuchungen weifen nach, dafs die condenfirte Milch alle charakteriftifchen Merkmale der frifchen befitzt und dafs folche mit 4 bis 5 Theilen Waffer vermifcht, alfo in verdünntem Zuftande, nach 24 Stunden eine Rahmfchicht wie die frifche abfetzt. Die Milch erfcheint in hermetisch gefchloffenen Dofen verpackt und läfst fich fo jahrelang halten; felbft in geöffneten Dofen verdirbt folche wochenlang nicht. Mit Beimifchung von 2½ Mafs Waffer auf I Pfund Milch wird ihre urfprüngliche Befchaffenheit wieder hergeftellt. Im Jahre 1866 wurde zum erften Male in Europa durch die Anlage einer Fabrik in Cham von der Anglo- Swiss- condenfed- Milk Company condenfirte Milch erzeugt. Seit der Zeit hat diefe Induftrie auch in England, Deutfchland und Oefterreich feften Fufs gefafst und waren genannte Länder in der Ausftellung gut vertreten. Bezüglich des Abfatzes gibt die englifch- fchweizerifche Gefellſchaft bekannt, dafs folche heute in vier Fabriken arbeitet und 4 Millionen Dofen erzeugt; der Werth der durchfchnittlichen Jahresproduction beträgt 2,500.000 Francs; 75 Percent des Erzeugniffes confumirt England, 15 Percent der Continent und 10 Percent finden durch englifche Häufer Export nach überfeeifchen Plätzen. eine Die Alpina in Luxburg, Canton Thurgau liefert jährlich über Million Büchfen, verkehrt fomit in einem Betrage von 12 Millionen Francs und befchäftigt 30 bis 40 Arbeiter. Die grofsen Städte, das Bedürfnifs nach reiner, unverfälfchter Milch erkennend, haben bis jetzt das Meifte davon confumirt. Berechnet man, dafs zur Confervirung nur die befte Milch verwendet wird, dafs folche gefund, haltbar und gar nicht koftfpielig ift, alle Bequemlichkeit beim häuslichen Gebrauche wie auf Reifen bietet, fo ift es gar nicht abzufehen. bis zu welcher Bedeutung der Confum diefes Fabricates noch gelangen kann. - Alle Fabriken von condenfirter Milch beobachten ein und dasfelbe Verfahren bei der Fabrication, nur ein öfterreichifcher Ausfteller, Herr J. Gfall in Innsbruck, macht eine Ausnahme. Derfelbe wendet ein einfaches Syftem an, erwärmt in einem Keffel die Milch auf 65 bis 70 Grad, pumpt diefe gewärmte Milch durch Röhren, an deren Mündungen eine gleich der Giefskanne gelöcherte Rofe angebracht ift und läfst fo die gepumpte Milch ftrahlenförmig in den Keffel zurückfallen, während welcher Zeit die Waffertheile verdampfen. Diefe Procedur wiederholt fich fo lange, bis die Verdampfung vollkommen ftattgefunden hat. Die nach diefem Verfahren ausgeftellte Milch war ebenfo ausgezeichnet wie die anderen Sorten. Diefe Art der Fabrication hätte vor dem Vacuum den namhaften Vortheil voraus, dafs fich das Product billiger ftellen würde und dafs fie fich felbft in jeder kleinen Milchwirthschaft einrichten liefse. Sent- und Effigconferven. Wenn ein Nahrungsmittel eine allgemeine Verbreitung befitzt, fo ift es der Senf, der von allen Ländern in guter und minder guter Qualität ausgeftellt worden ist. 8 Carl Warhanek Die Kunft der Fabrication befteht darin, das Mehl aufserordentlich fein zu vermahlen, wodurch der fertige Senf vor der Gährung gefichert ift, anderntheils in der Wahl des Effigs, der durch fein Aroma und durch feine Schärfe die Qualität wefentlich hervorhebt. Frankreich hat das Glück, in der Gegend von Orleans eine Weineffigfabrication zu befitzen, welche die Anfprüche jedes Feinfchmeckers betreff der Qualität befriedigt und darum, weil die Bereitung von Senf in Frankreich fchon fehr lange eingeführt ift, producirt diefes Land heute fo vorzügliche Waare, dafs es allen anderen Ländern fchwer ift, diefelbe vom Markte zu verdrängen. Deutfchland hat fich in diefem Artikel fehr perfectionirt; leider läfst das dortige Product an Haltbarkeit viel zu wünſchen übrig, da einige ausgeftellte Gattungen während der Ausftellungszeit in Gährung übergegangen find. England bedient fich eines Senfes in Pulverform, der alle Tage für den Gebrauch der Tafel mit Wein oder Effig frifch angemacht wird. In Oefterreich hat die Senffabrication gleichfalls eine reichhaltige Vertretung. Als eine ganz fpecielle Fabricationsweife ift der Senf von Zeno Gögel in Krems, ferner der von einigen Fabriken in Znaim hervorzuheben, die einen Senf mit einer Mifchung von Weinmoft erzeugen, der im Gefchmacke von allen anderen Gattungen abfticht. Was die Effigconferven als Zulagen für Fleiſch und Braten anbelangt, fo find jene von England in unnachahmlich fchöner Weife ausgeftellt. Die Eigenthümlichkeit der englifchen Küche, für ftark gewürzte, pikante Speifen zu fchwärmen, hat diefer Induftrie jene aufserordentliche Ausdehnung gegeben, die fie heute in faft monopoliftifcher Weife befitzt. Man erzeugt für diefe Gemüſe eine ganz befondere Gattung Effig, metallfrei aus Malz, deffen Gefchmack mit keiner anderen Gattung zu vergleichen und bei der Anwendung auf Bereitung von Mixed Pikles fehr gute Dienfle leiftet. Die Firma Craffe& Blackwell in London hat fich befonders hervorgethan und eine Collection von Gemüfen ausgeftellt, die, was äufserliche Ausstattung fowohl wie Qualität anbelangt, nichts zu wünſchen übrig läfst. Prachtvoll verzierte Flacons, an an denen kein Luxus gefpart ift, verherrlichen die verfchiedenen Sorten Gemüſe, die faft mit ängftlicher Wahl zufammengefucht fcheinen, um nur das fchönfte darzuftellen, was die Natur erzeugt. Als ein befonderes Verdienft ift es diefer Induftrie anzurechnen, dafs trotzdem gemeiniglich der Effig die Farben der Gemüſe zerftört, diefelben dennoch unverfehrt bleiben und fo gut blanchirt find, dafs die Gemüſe felbft weder zu weich, noch zu hart find und unzerfafert jahrelang erhalten werden können. Auch in Oefterreich haben wir eine eigenthümliche und in keinem anderen Lande fo ausgedehnte Erzeugung wie die in Znaim und Bifenz, von grünen Gurken, die ihrer Güte und Billigkeit wegen fich einen immer weiteren. Abfatzkreis zu erobern wiffen. Znaim allein erzeugt 25 bis 30.000 Eimer Gurken in Effig, die über ein Jahr haltbar find. Wir gehen nun über zur Ausstellung felbft und betrachten, was die einzelnen Staaten gebracht und geleiftet haben. Es wird fich aus der kurzen Befchreibung leicht ergeben, ob das, was ausgeftellt war, einen Fortfchritt in der Conferveninduftrie, wie fie eben fich ausgebildet und wie wir fie im Vorftehenden gefchildert haben, repräfentirt. Conferven, Extracte und Fleifchwaaren. 6 Die Confervenausftellung. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Nordamerika trägt fichtlich das Beftreben in fich in der Fabrication alle Conferven des europäiſchen Continents einzuführen, denn es hatte in diefer Beziehung eine ganze Sammlung von Efswaaren ausgeftellt, die nach dem Dafürhalten der Jury durchwegs gute Fabricate waren. - So wie England huldigt auch Amerika den piquanten und gewürzten Speifen und bilden diefe einen Theil der ausgeftellten Nahrungsmittel. Es fanden fich dafelbft Fifche, Gemüſe, Fleifchextracte, fcharfe Saucen, Pickles u. f. w. Als etwas Neues unter den Conferven war eingekochter Mais in Kolben und die hafelnufsgrofsen Preifselbeeren in Naturfaft, in Zucker und als Marmelade confervirt; ebenfalls neu war der Verfchlufs der Flacons; diefelben waren mit einem drehbaren Deckel verfehen und ein Kautfchukring, zwifchen Hals und Deckel geftellt, dient dazu, das Gefäfs hermetifch zu fchliefsen. Unter die exportfähigen Producte Amerikas gehören Hummer in Dofen, die über England nach Europa kommen, ferner Fleifchextracte aus San Antonio in Texas, endlich Schweinefchmalz, geräucherte Schinken, und in Salz confervirtes Schweinefleifch aus der grofsartigen Schlächterei der Pork- Pakers- Affociation in Cincinnati. Uruguay. Hervorragend befchäftigt ift die Induftrie diefes Staates mit der Präparirung von Fleiſch in Blechdofen, ferner gefalzenen und an der Luft getrockneten Kuhfleifches, welches der niederen Volksclaffe zur Nahrung dient und ohne jede Verpackung expedirt werden kann, ferner mit der Bereitung von Fleifchextract von Bufchenthal, der ein fehr bedeutendes Etabliffement befitzt und gleich Liebig einen bedeutenden Abfatz nach Europa hat, mit dem Unterfchiede, dafs fein Fabricat 4 Francs per Kilo weniger koftet. England. Die Conferve- Induftrie dafelbft ift feit langen Jahren fchon fehr gepflegt worden, da die Stellung Englands als maritimer Staat, denfelben zwang für feine Schiffe ftets genügenden Proviant vorräthig zu haben. Man fah auf der Ausftellung vertreten, fowohl alle Luxusconferven, wie jene, die dem täglichen Bedarfe unentbehrlich find; von kleinen Dingen angefangen, wie: gehacktes Fleiſch mit Sago, confervirte Kartoffeln in Griesform, Suppen- und Erbfenmehl in Packeten, bis zu der theuerften Conferve von Geflügel und Wild. Alles zeigte eine vorzügliche Auswahl von Nahrungsmitteln, da man damit Paffagie rfchiffe aller Richtungen verproviantirt. Nicht minder bedeutend ift der Bedarf der königlichen Marine. Das meifte Intereffe hat die Ausftellung von Clofs& Blakwell in London angeregt, wegen ihrer Reichhaltigkeit an den verfchiedenften Conferven und der Schönheit ihrer Adjuftirung, befonders grofsartig und luxuriös adjuftirt waren alle in Zucker und Effig eingemachten Früchte. Auch ein neuer, höchft intereffanter Verfchlufs der Flacons war hier fichtbar, welcher jeden Zutritt der Luft, ohne Anwendung einer Blafe, Pergament oder Kork, verhindert und dennoch leicht zu öffnen ift und fofort wieder her metifch verfchloffen werden kann. Gleichbedeutend mit diefer Firma ift Batty& Comp. in London. Er wähnenswerth ift auch noch die ausgeftellte confervirte Milch von der englifchen 10 Carl Warhanek. Milch- Company, die allein für fich, ferner in Verbindung mit Chocolade, Cacao, oder Kaffee zubereitet, guten Gefchmack hatte und fchön ausfah. Die englifchen Colonien. Keinem Lande kam die Erfindung der Appert'fchen Confervirungsmethode fo zu Statten wie Auftralien. Die enorme Production von Nutzthieren gegenüber dem geringen Verbrauche derfelben im Lande felbft, fchuf einen folchen Ueberflufs an Fleiſch, dafs dasfelbe gar nicht confumirt, fondern des Fettgewinnes wegen blofs gekocht und die Ueberrefte davon eingegraben wurden. Damit ging offenbar ein grofser Werth für das Land verloren. Seitdem aber theils die Fleiſch extract- Fabrication, theils die Confervirung des Fleiſches in Blechdofen eingeführt wurden, wurden Maffen Fleifches realifirt, und damit ein grofser Gewinn erzielt. Dreiundfünfzig Fleifchconferve- Fabriken find in den englifchen Colonien, um mit fehr gutem Erfolge diefe Induftrie zu betreiben, eingerichtet. Einzelne davon hatten mit ihrem bekannten Producte die Ausftellung befchickt. Portugal brachte eine kleine Sammlung von confervirten Fifchen und Fleiſch, Oele und Oliven. Weniger Beachtung dafelbft verdient die Conferveinduftrie, da fie fich bis jetzt auf einzelne befcheidene Verfuche befchränkt hat. Ebenfo fah man nichts Neues von Nahrungsmitteln, die als werthvolles Original dem Lande eigenthümlich wären. Mehr Intereffe nahmen die ausgeftellten Oele und Oliven in Anfpruch Die Oliven waren ausnahmsweife grofs, fehr gefchmackvoll und von lebhaft grüner Farbe. Die Oele waren fett und rein im Gefchmacke und hätten diefelben den Beifall der Jury noch mehr angeregt, wenn Vorforge getroffen worden wäre, die Oele vor dem fchädlichem Einfluffe der Wärme zu fchützen. Spanien. Obgleich diefer Staat von politifchen Wirren fo fchwer heimgefucht ift, fo fuchte er dennoch, dem Beiſpiele anderer Staaten folgend, feine Induftrie in der Ausftellung anfchaulich zu machen. Es fanden fich von Conferverven dafelbft viele Sorten Fifche, Gemüſe und Fleiſch in Blechdofen, marinirte Mufcheln und Mixed Pickles; doch noch keineswegs fo entwickelt, um damit überfeeifchen Handel zu treiben; kaum genügt diefe Fabrication den Bedürfniffen des Landes. Wirklich bedeutend ift aber die fpanifche Oelproduction; fo grofse Oliven waren von keiner Seite ausgeftellt; die Oele enthielten fehr gute Qualitäten, dennoch war der gröfsere Theil nur für induftrielle Zwecke dienlich, dagegen hat Spanien den Vorzug der billigeren Production für fich, da letzterer Zeit nirgends anderwärts um fo billiges Geld Oele gekauft werden wie dort. Frankreich. Diefem Lande, mit feinen grofsen Anfprüchen an eine feine, delicate Küche gebührt unftreitig das Verdienft, auf dem Gebiete der Conferveninduftrie am weiteften vorangefchritten zu fein, namentlich in luxuriöfen Nahrungsmitteln. Schade nur, dafs diefes Land durch die geringfügige Zahl feiner Ausfteller, feine Leiftungen nicht in das rechte Licht geftellt hat; deffenungeachtet war die Collection Gemüfe, ausgeftellt von Chevalier Appert in Paris und jene von Chevalier in Puteaux, etwas Prachtvolles, namentlich der Spargel, die Erbfen und die Artifchoken von aufserordentlicher Schönheit. PRA Conferven, Extracte und Fleifchwaaren. 11 Masson in Paris hatte eine reichliche Anzahl comprimirter Gemüfe in vielfarbigen Tabletten, Bayer Hegel in Gignac in Wein und Naturfaft confervirte Trüffeln, einen Schwamm, der in Carpentras cultivirt und feines feinen Parfums wegen von Feinfchmeckern fehr gefchätzt wird, ausgeftellt. Ganze Lachfe und andere koftbare Fifche, in Blechdofen confervirt, darunter Sardinen in Oel, deren Zubereitung in Frankreich erfunden wurde, waren durch viele Ausfteller repräfentirt, unter welchen die Firma Pellier frères in La Mans die bedeutendfte war, da folche jährlich, mit Benützung aller technifchen Vortheile, 2 Millionen Dofen erzeugt. Nicht minder rühmenswerth ift die Fabrication von franzöfifchem Senf, befonders begünftigt durch die Vorzüglichkeit der franzöfifchen Weineffigfabrikation Von Bordeaux, allwo die meiften Fabriken find, war eine Gattung Senf ,, Mout. Diaphane" von Louit frères& Comp. ausgeftellt, die ficher unübertroffen dafteht und faft auf dem ganzen Continente eingeführt ift. Die franzöfifchen Colonien lieferten einen fehr intereffanten Beitrag zur Ausftellung in Producten, die dem heifsen Klima angehören. Hauptfächlich waren diefs getrocknete Datteln, Feigen, Ananas, Bananen in Dofen, mit Cayennepfeffer gewürzte Effigfrüchte, verfchiedene Teigwaaren, eine unter dem Namen indianifche Vogelnefter bekannte gelatinöfe Maffe, die der Haufenblafe ähnlich fieht, und fich hauptfächlich durch ihren theuern Preis ( 305 Francs per I Kilo) fehr koftbar macht. Ein nicht unbedeutendes künftliches Product ift Nuocmam und Tankin, Fifchfaucen, ebenfo pikant wie die englifchen Saucen, wovon jährlich 7 Millionen Pfund in confervirtem Zuftande nach China exportirt werden. Für den Handel mit China werden aufserdem getrocknete Krebfe, Auſtern, Mufcheln, Fifche und efsbare Holothmien erzeugt. Diefe fchöne Sammlung wurde von Le Grande de la Leiayl in Cochinchina ausgeftellt. Schweiz. Aus diefem Lande haben fich wenige Ausfteller eingefunden, freilich aber waren die Wenigen die bedeutendften Fabricanten ihrer Art. Sie brachten nämlich die feit Jahren weit bekannte confervirte Milch. Nirgend anderweits wie in der Schweiz, vermöge ihrer vorzüglichen Milchwirthfchaft, konnte diefe Induſtrie beffer placirt werden und aus dem Umfange, den folche heute erreicht hat, ift die Richtigkeit diefer Anfchauung nur beſtätigt. Die Anftrengungen, die in anderen Ländern mit deren Einführung gemacht werden, dürften mehr oder weniger an der Qualität der Milch Anftofs finden. Nicht unintereffant war auch die dafelbft ausgeftellte Quilletfpeife in Form fefter, geprefster Kuchen, beftehend aus einer Mifchung von Fleifch, Gemüse und mehligen Stoffen, die, in Waffer 30 Minuten lang gekocht, eine fehr nahrhafte Speife geben follen. Italien gehört unter diejenigen Länder, die von künftlichen Nahrungsmitteln das Meifte ausgeftellt haben; faft alle Sorten von Conferven waren vertreten. Aus dem Seehafen Genua fah man Thunfifch als Hauptproduct der dortigen Fifcherei, ferner Sardinen in Oel und andere Gattungen Fifche ausgeftellt; von Turin eine reiche Collection von Gemüfen, Geflügel, Trüffeln, Wild, felbft Sardinen aus dem Lago di Garda von der Fabrik des Francesco Cirio. Einen grofsen Induftriezweig bildet die Bereitung von Danielfchinken, Mailänder Salami und Mortadella; die Städte Bologna, Modena und Padua waren 12 Carl Warhanek. - durch 14 Ausfteller vertreten. Einzelne Fabrikanten fchlachten jährlich 2500 bis 3000 Schweine. Sämmtliche Artikel werden theilweife in Italien felbft confumirt, ein grofser Theil geht jedoch davon ins Auland; zu überfeeifchen Expeditionen verwendet man für Würfte noch eine Blechumhüllung. Als eine befondere Seltenheit waren Stücke Mortadella bis zu einem Gewichte von 140 Zollpfund ausgeftellt. Eine aufserordentliche Beachtung verdienen die italienifchen Oele; faft die ganze Welt bedient fich derfelben zum Gebrauche für die Tafel.- Kein Land producirt Befferes und kein Land folche Quantitäten. Aus den Provinzen Apulien, Toscana und Lucca waren Sorte für Sorte exquifites Oel, geruchlos, reinfchmeckend, hell in der Farbe und dünnflüffig, alles Eigenfchaften, die bei den beften Sorten Oel gefordert werden. Auch hatte Italien die Vorficht beobachtet, die Oele, welche zum Koften für die Iury beftimmt waren, einzukellern, wodurch folche vor dem Ranzigwerden gänzlich bewahrt blieben. Schweden und Norwegen hatte für die Ausstellung feiner Fifche und Fifchproducte, wie bereits erwähnt, einen eigenen Pavillon gebaut und konnte es nichts Intereffanteres geben, wie die Unzahl Fifchforten und Fifchereigeräthe, wie Netze, Schlingen, Leinen, Angeln und endlich den Köder felbft, womit die Fifche gefangen werden, zu fehen. Die wichtigften Fifche für den Handel find, der Dorfch als Flach- oder Rundfifch bekannt, Heringe in Salz, oder geräuchert, Anchovis in Kräutern und in Salz; ferner in frifchem Zuftande für den Handel mit England und Hamburg, die Makrele, der Lachs und der Hummer, wovon Norwegen jährlich für viele Millionen Gulden confervirt. Als ein neues Product der Fifchinduftrie ift das Fifchmehl, das aus. getrockneten Fifchen gewonnen, ferner Guano, der ebenfalls aus Fifchabfällen bereitet wird, endlich der Fifchrogen, der zum Fange der Sardinen von Frankreich angekauft wird. Auch in confervirten Nahrungsmitteln, Milch, Gemüfe, Fleifch, Wild und Geflügel haben Aug. Thorne und Fritz Fröhlich in Chriftiania eine kleine Collection ausgeftellt. Belgien. Die Company Liebig aus Fray Bentos ftellte dafelbft durch ihre Niederlage in Antwerpen ihren Fleiſch extract aus, der feiner vorzüglichen Qualität wegen fehr gefchätzt ift und neben der Concurrenz, welche der billigere auftralifche Extract ihm macht, dennoch feinen Abfatz jährlich fteigert. Dänemark. Obgleich die Theilnahme diefes Landes eine geringe war, fo waren die ausgeftellten Nahrungsmittel dennoch fehr gut an Qualität; neu war die vorzügliche in Blechdofen confervirte Butter, die nach glaubwürdigen Zeugniffen 12 Jahre alt und im Gefchmacke dennoch fo gut wie ganz frifch gefchlagene Butter war Conferven, Extracte und Fleiſchwaaren. 13 Diefelbe ift einfach in verlötheten Dofen confervirt und bildet einen ftarken Exportartikel; ebenfo gut war das mit portugiefifchem Salze confervirte Schweinefleifch, das fchichtenweife in Fäffern geprefst lag und vollkommen frifch erhalten wurde; ferner Schweinefett in Blafen von reinftem Gefchmacke. Diefe Artikel als eine Specialität des Landes waren von P. N. Neumann und Bufch jun.& Comp in Kopenhagen ausgeftellt, welche Häufer damit ein bedeutendes Exportgefchäft eingeführt haben. Von Fifchen, Fleifch, Wild und Gemüfen ftellte die Firma J. D. Bauvais in Kopenhagen viel Intereffantes aus, Alles in Blechdofen confervirt. Egypten. Auch diefer Staat hat mit dem Wenigen, was er erzeugt, zur Ausstellung künftlicher Nahrungsmittel beigetragen; es ift diefs eine Gattung Fifch aus dem Manzaleh- See, der maffenhaft gefangen, ftark gefalzen, wie der Dorfch an der Sonne getrocknet und fpröde wie Holz wird. Derfelbe dient der einheimifchen Bevölkerung um fehr billiges Geld zur Nahrung. Niederlande. Neben Frankreich hat diefer Staat die Conferveninduftrie am früheften eingeführt, und zwar in Folge feiner überfeeifchen Verbindungen und der damit unerlässlichen Schifffahrt. Man findet dafelbft alle erdenklichen Conferven, alle mehr oder weniger für diefen Zweck berechnet; die gefirnifsten Dofen verhindern während der Seereife das Roften des Bleches und enthalten hauptfächlich Gemüſe, Suppen, Saucen, Fleifch, Geflügel und Wild; eine Dofe vom Jahre 1861 mit confervirter Ente, die nach beigebrachten Zeugniffen den Aequator paffirt hatte, enthielt noch eine geniefsbare Nahrung.- Der Abfatz niederländifcher Conferven befchränkt fich gröfstentheils auf das eigene Land und deffen Colonien. Perfien war nur durch zwei Ausfteller vertreten; das Gouvernement von Teheran und das Haus Ziegler& Comp. in Tabris, in Cedern und Oliven, ohne jede Angabe der Productionsmenge oder irgend einer Handelsverbindung. Russland. Das rauhe Klima des Landes geftattet der Conferveninduftrie kein günftiges Terrain. Gemüſe und Früchte kommen wohl vor, aber in untergeordneter Qualität; mit anderen luxuriöfen Conferven, wovon Rufsland wohl fehr viel confumirt, verfieht fich dasfelbe vom Auslande. Unter die nennenswerthen Leiftungen diefes Landes find die Suppenextracte von Rebhühnern und Fleifch, ferner geräucherte Rennthierzungen von L. Kletfchkovsky in Ouft- Zilma einzureihen. Aziber in St. Petersburg ftellte eine gelungene Sammlung von Wildpretund Gemüfeconferven aus. Das meifte Intereffe erregte der geprefste Caviar, ein Artikel, der fich allenthalben Bahn bricht, befonders für den Confum im Winter, wo er frifch in flüffigem 14 Carl Warhanek. Zuftande und viel beffer und feiner im Gefchmacke, nach Deutfchland und Oefterreich verfendet wird. Griechenland. Griechenland befchränkte feine Ausstellung blofs auf getrocknete Südfrüchte, Oel und Oliven, die von ganzen Gemeinden exponirt wurden. Von Südfrüchten waren hauptfächlich Weinbeeren( Korinthen) und Feigen vertreten. Die jährliche Production von Korinthen wird auf 5 Millionen Venetianer Pfund veranfchlagt und werden folche nach dem ganzen Continent exportirt. Von Oliven waren an 14 Sorten vorhanden; das daraus gewonnene Oel, jährlich 5 bis 6 Millionen Oka betragend, ift gröfstentheils geringerer Qualität und hauptfächlich blofs zu Fabrikszwecken geeignet. Türkei. Als das Stamm- Vaterland der Südfrüchte producirt diefelbe eine zahlreiche Menge von Rofinen, Weinbeeren, Feigen, Datteln und getrocknetem Obft; Alles Producte von Smyrna, aus der Berberei u. f. w., worunter Elem'é- und Suitanrofinen die feinften Sorten find; Letztere enthalten gar keine Kerne. Ueber die Menge der Production sind leider keine ftatiftifchen Angaben zu erzielen gewefen. Der Handel der türkifchen Südfrüchte wird von Smyrna aus mit der ganzen Welt unterhalten. Die ausgeftellten Oele waren gleichfalls fehr geringer Qualität; offenbar fehlt es in diefem Lande ganz an einer veredelnden Cultur des Olivenbaumes. Aufser getrockneten Störrogen war von anderen künftlichen Nahrungsmitteln gar nichts vorhanden. Oefterreich. Unter allen an der Ausftellung betheiligten Ländern bot Oefterreich die gröfste Auswahl von Nahrungsmitteln. Die Producte des adriatifchen Meeres waren durch Carl Warhanek in Wien vertreten, der befonders Sardinen, Thunfifch, Scampi, Makreelen, Bricken und Aal, wie fie fich heute einen immer gröfseren Markt erwerben, zur Ausftellung gebracht, ferner ftellte diefes Haus Moutarde Illinois, eine vorzügliche Sorte Senf, Gemüfe in Blechdofen, endlich marinirte Fifche, unter dem Namen ruffifche Sardinen bekannt, aus. - A. K. Wagner& Comp. in Wien ftellten confervirte Fleifchfpeifen mit den dazu gehörigen Gemüfen aus, die hauptfächlich zur Verproviantirung der Armee beftimmt sind. Diefer Firma gebührt gleichfalls das Verdienft, diefe Conferven in Oefterreich eingeführt zu haben und hat diefelbe feither an die öfterreichifche und deutfche Armee grofse Lieferungen übernommen und solche ganz zufriedenftellend durchgeführt. In derfelben Branche haben noch A. Breden& C. Reuth in Wien ausgeftellt, darunter die während des deutfch- franzöfifchen Krieges fehr zweckmäfsig verwendeten Bohnen-, Kohl-, Linfen- und Erbswürfte. Selchwaaren, wie Schinken, Salami und andere Würfte waren von Trient, Trieft, Laibach und Mährifch- Oftrau zahlreich vertreten; Alles von Ausftellern, die eine ausgedehnte Fabrication betreiben und Waare von vorzüglicher Qualität erzeugen, wofür der jährlich fteigende Abfatz am deutlichften spricht. Conferven, Extracte und Fleifchwaaren. 15 Die condenfirte Milch war durch einen einzigen Ausfteller vertreten, J. A. Gfall in Innsbruck, und erwarb fich derfelbe die Beachtung der Jury wegen einer neuen Condenſations- Methode, die praktifch durchgeführt grofse Vortheile in Ausficht ftellt. Nicht minder wichtig und weiterer Verfuche werth ift die von Ph. Graf Booz- Walde k in Wien erfundene Methode, Fleiſch zu conferviren; dasfelbe wird in gefchnittenen Stücken durch ein künftliches Präparat confervirt, das die natürliche Befchaffenheit des Fleifches gar nicht beeinflusst. Ift noch deffen Haltbarkeit für längere Zeit nachgewiefen, fo ift endlich ein Problem gelöft, um das fich die Wiffenfchaft bis jetzt umfonft bemüht hat. Weiter intereffant ift das ausgeftellte gedörrte Obft, Gurken in Effig, wozu Znaim und Bifenz in Mähren einen reichlichen Beitrag geleiftet haben. Auch die öfterreichifche Senffabrication ift durch Wien, Prag, Znaim und Krems repräfentirt. Der bedeutendfte Fabrikant ift Herr Zeno Gögel in Krems, der feine Producte auch exportirt und nahezu 800 Centner Senf jährlich in feiner beftens eingerichteten Fabrik erzeugt. - Dalmatien hatte eine kleine Collection Oele ausgeftellt, um von der Qualität, die im Lande erzeugt wird, ein Bild zu geben. Obgleich einige Sorten im Gefchmacke recht gut waren, fo können folche den Anforderungen, die man an ein ganz feines Oel ftellt, dennoch nicht genügen. Diefe Italien gegenüber geringere Qualität findet in der minder forgfältigen Pflege des Olivenbaumes ihren Grund. Als Speife- oder Maſchinenöl ift das dalmatinifche Product vorzüglich und defshalb für den Handel wichtig, weil grofse Mengen davon erzeugt werden. Ungarn bemühte fich, feine ausgedehnte Salamifabrication von Peft, Szegedin, Klaufenburg, Kafchau und Hermannftadt zur Anfchauung zu bringen, indem diefes Er zeugnifs offenbar feiner guten Qualität wegen jährlich gröfseren Absatz findet. Die einzelnen Fabrikanten find fehr bedeutend; in Peft wird eine Fabrik fogar mit Dampf betrieben und wurde die Salami des betreffenden Ausstellers als die befte anerkannt. Auch in der Zubereitung von geräucherten Schinken hat Ungarn einen guten Ruf; die von J. N. Nowak in Tyrnau ausgeftellten Schinken find besonders ausgezeichnet worden. In Conferven hat die Firma Fabbrica Cofserve in Fiume Vieles producirt, hauptfächlich Sardinen in Oel, Gemüſe, Senf, Geflügel, Thunfifch und Scampi. Ein Ungarn eigenthümlicher Fisch ,,, Fogas", aus dem Füreder See stammend, wurde in drei prachtvollen Stücken, in Weingeift confervirt, ausgeftellt. Das deutfche Reich. Der Zahl nach hatte Deutfchland die meiſten Ausfteller und verdient die reichhaltige Sammlung von Conferven aller Art eine befondere Erwähnung. In Deutfchland hat fich die Verwendung der Conferven rasch verbreitet und hat in allen Kreisen Anerkennung gefunden. Es hat damit eine grofse Induftrie unterftützt und fich felbft das Leben billiger und angenehmer gemacht. Unter den hervorragendften Nahrungsmitteln war Senf in Fäffern und Flacons, fehr wohlfchmeckende, aromatifche Sorten zu billigen Preisen bemerkenswerth; allein bei manchen Fabrikanten war noch der grofse Uebelftand vorhanden, dafs der Senf in Gährung überging; ein derartiger Fehler müfste im Intereffe der deutfchen Senffabrication vor Allem vermieden werden. 16 Carl Warhanek. Conferven, Extracte und Fleifchwaaren. Anders beftellt war es mit gedörrtem Obfte, wovon Vieles ausgeftellt war, und zwar in einer Weife zubereitet, dafs das Auge fowohl wie der Gefchmack volle Befriedigung fand; dasfelbe ift rauchfrei, trocken, von klarer Farbe und befteht hauptfächlich aus Pflaumen, Aepfeln, Birnen, Kirfchen, Marillen, Weinäpfeln und Prünellen. Diefe Gattung gedörrten Obftes wird in Deutſchland maffenhaft confumirt und ift ein gutes, billiges Nahrungsmittel; das Haus Tauchon hatte die fchönfte Collection ausgeftellt. In Conferven befchränkt fich die Thätigkeit der deutfchen Fabrikanten gröfstentheils blofs auf Gemüfe, wie: Spinat, Weifskohl, Peterfilie, Blumenkohl, Spargel und Bohnen. Lübeck und Hamburg waren besonders vertreten durch die Firmen Carftens, Hahn und Chalfaw; die Production confervirter Gemüſe ift fehr bedeutend, doch noch gröfstentheils auf den inländifchen Confum angewiefen. Weiter waren vertreten verfchiedene Gewürz- Extracte, Suppen, confervirte Krebsfchweife und Auftern von fehr gutem Gefchmacke. Wichtiger als die genannten Nahrungsmittel ift die Fabrication von Selchwaaren, Schinken und Würften aller Art, bekannt wegen ihrer vorzüglichen Qualität und ganz verfchieden im Gefchmacke von anderen aufserdeutfchen Sorten. In vielen Städten Deutſchlands, befonders in Weftfalen, wird die Erzeugung mit Schwung betrieben; obgleich der inländifche Confum fehr grofs ift, fo wird dennoch ein fehr grofser Theil nach dem Auslande exportirt; einer der gröfsten Fabrikanten, W. Bonne in Rheda( Weftfalen) veranfchlagt feinen jährlichen Export auf 120.000 Thaler in Schinken allein. Wichtig und exportfähig ift die deutfche Fifchconferven- Induftrie; diefelbe bezieht fich auf die Räucherung und Marinirung von Lachs, Aal, Bricken und marinirte Sardinen. In ruffifchen Sardinen gebührt der Firma J. H. G. Walk off in Hamburg der Vorzug, der Fabrication von ruffifchen Sardinen eine befondere Ausdehnung gegeben zu haben. Der Confum diefer Fifche ift fortwährend im Steigen begriffen, diefs beweift die fteigende Ziffer der Fabrication; genannte Firma, mit geringer jährlicher Production beginnend, ftieg bis 100.000 Faffel jährlicher Erzeugung. Von Pafteten, diefer feit undenklichen Zeiten der Stadt Strafsburg mit Renommé angehörigen Delicateffe, war gleichfalls ein Sortiment ausgeftellt und durch das Urtheil der Jury übereinftimmend der Vorzug hervorgehoben, den diefes Fabricat vor Allem verdient. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 187 3. ZUCKERBÄCKEREI, CANDITEN UND CHOCOLADE ( Gruppe IV, Section 6) Bericht von A. GERSTNER, k. k. Hof- Zuckerbäcker. Juror der Gruppe IV UND TABAK UND TABAKFABRICATE ( Gruppe IV, Section 7) Bericht von FRANZ RIEDL, k. k. Finanzrath. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. MIEN CKER CKEKEL GTA VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. HOW HOW ZUCKERBÄCKEREI, CANDITEN UND CHOCOLADE. ( Gruppe IV, Section 6.) Bericht von A. GERSTNER, k. k. Hof- Zuckerbäcker. Juror der Gruppe IV. Das Fach der Conditorei und Chocoladfabrication war auf der Wiener Weltausftellung in ganz würdiger Weife vertreten, insbefondere wetteiferten, das fei gleich und vor Allem bemerkt, die Ausfteller Oefterreichs und Deutſchlands, die feinften und mannigfaltigften Fabricate in fchönften Formen zur Anfchauung zu bringen. Allenthalben macht fich feit der letzten Parifer Ausftellung des Jahres 1867 ein entfchiedener Fortfchritt geltend. Viele Etabliffements haben verbefferte Mafchinen eingeführt, Dampf- und Wafferkraft wird fchon weit häufiger angewendet, die Abfatzquellen haben fich vermehrt, die gefteigerten Anforderungen des Luxus und der Concurrenz machen fich in mannigfach verfchönerten Enveloppen und Formen der hier bezüglichen Waaren bemerkbar. Insbefondere zeigt fich in Deutſchland, Oefterreich und auch Rufsland ein ftark vermehrter Umfatz in Canditen und Chocoladen bei ftetiger Abnahme der Preife. Die hervorragenderen Erzeugniffe fand der Befucher in folgender Weife aufgeftellt: Dem Generalkatalog folgend waren in der weftlichen Agriculturhalle aus England von Fry and Sons, London und Briftol, fehr gute Chocoladen ausgeftellt, worunter eine mit condenfirter Milch verfetzte, in Porzellandofen auf bewahrte Chocolade als eine gute Neuerung zu verzeichnen ift. Kailler and Sons, England, hatten fehr gute Canditen, Dragées und Orangemarmelade ausgeftellt, die gleichfalls beachtenswerth erfchienen. Aus Amerika waren von Walter Backer& Comp., Bofton, und von D. Lopez Chocoladen von guter Sorte ausgeftellt, ebenfo von Maillard, NewYork. Aus Venezuela kamen einige Sorten Chocoladen, welche aus dem dem Lande allein angehörigen vorzüglichen Cacao bereitet find, doch etwas durch den Transport gelitten hatten. Holland war durch acht Ausfteller fehr gut vertreten, unter denen van Houten als einftiger Erfinder der jetzt fo beliebten Chocolad in Pulverform und Veen& Comp. befonders hervorzuheben find. Spanien fandte eine grofse Auswahl Chocolade aus beften Cacaoforten, meift noch ohne Mafchinen erzeugt. Viele derfelben find, wie es der Spanier liebt, 2 A. Gerftner. mit Zimmt verfetzt. Von Lopez Hermanas aus Malaga kamen ausgezeichnete Ananas und diverfe Sorten Früchte in Zuckerfaft, in Blechbüchfen eingemacht. Aus Portugal waren von Leal Cofta& Comp. aus Liffabon fehr gute Confecte, Compots und Chocoladen zu nennen. Diefe neuere Fabrik befchäftigt bei 160 Arbeiter und exportirt viel nach Afrika. Ferner find zu nennen Ferreira& Comp. Chocolade und Caftaniero B., die gute Confituren gebracht hatten. Die Confiturenbereitung wird in Spanien auch durch einzelne Klöfter betrieben. Die ausgeftellten Sachen waren aber nicht befonders. Schweden und Norwegen fandten nur Proben von Preifsel- und anderen Waldbeeren, Dänemark war durch die einzige Firma Brüder Gloetta mit Chocolade vertreten. Frankreich hatte diesmal in Confecten fehr wenig, dagegen fehr gute Chocoladen der erften Firmen zur Ausftellung gefchickt. Die Fabricate von Menier in Paris find weltbekannt; diefes Haus erzeugt jährlich das namhafte Quantum von 42 Millionen Kilo Chocolade, befchäftigt über 500 Arbeiter, hat ein Zweiggefchäft in London, errichtete felbft in Central- Amerika am Nicaraguafee eine Plantage von ungefähr 35.000 Cacaobäumen. Die berühmte Firma hat eine eigene Zuckerfabrik, viele fehr zweckmäfsige humanitäre Einrichtungen für das Arbeiterperſonal und zählt überhaupt zu den hervorragendften ihrer Art. Von Dettwiller& Leleu, den Nachfolgern des altbewährten Haufes Maffon in Paris, waren fehr feine mannigfaltige Chocoladbonbons und Kochchocoladen ausgeftellt, die an Güte wohl obenan ftehen dürften. Veuve Jaquin et ses fils hatten Proben ihrer in grofsartiger Weife mit Dampfkraft fabricirten Dragées und Canditen ausgeftellt, die jede Concurrenz beftehen dürften. A. Durand aus Carcaffone hatte die fchönften eingemachten Früchte gebracht. Lesage& Paignard, Paris, hatten vorzügliche Confituren und befonders fchöne, klare Gelées. Diefe Fabricate geniefsen in Paris einen guten Ruf unter dem Namen Confitures de St. James. Doyen O. in Rheims hatte verbefferte Kaffeepafta in kleinen Portionen für Armeeproviant, ebenfo kleine, fein geriebene und verfüfste Kaffees und Cacaokörner, welche auf Reifen fehr vortheilhaft fein follen und fehr gut confervirt waren. Alle diefe Ausfteller wurden hervorragend ausgezeichnet. Aus den franzöfifchen Colonien waren vor Allen die eingemachten Früchte von Mme. Toutoute- Rous aus Guadeloupe und Hediard aus Algier beachtenswerth. Aus den übrigen franzöfifchen und englifchen Colonien langten nur kärgliche Proben von Confituren ein, welche von keinem befonderen Fortfchritte der Erzeugung Kunde geben. Die Schweiz war am beften durch die weit bekannte Firma Ph. Succhard in Neufchatel vertreten. Diefes bewährte Gefchäft. hat fich wieder namhaft vergröfsert und verfendet heute viele feiner Artikel in die Türkei, Donaufürftenthümer etc. Eine zweite beliebte Specialität der Firma find die mit ganz hübfchen Bildern verfehenen Chocoladtabletten, welche Naturgefchichte, Blumenfprache. Poefie, Mufik, Geographie etc. enthalten und fo den Kindern als lehrreiche Gefchenke dienen follen. Diefe Specialität ift von demfelben auch im Pavillon des kleinen Kindes ausgeftellt gewefen. Italien hatte einige gute Confecte in Chocoladen gefandt, zum Beiſpiel Mariondo& Gariglia in Turin, Gay- Revel& Bay G. in Mailand; bemerkenswerth waren noch einige gute Sorten Tourones aus Cremona. Rufsland hatte im Induſtriepalaft einige recht gute Confecte ausgeftellt. Katzaraky in Moskau, Koch& Wedel in Warfchau find darunter befonders hervorgetreten. Katzaracky befchäftigt 120 Arbeiter und Dampfmafchinen mit 8 Pferdekraft und hat einen jährlichen Umfatz von 250.000 Rubel. Kaudriavtzeff frères in Moskau machen Obftpaften, fogenannte Paftilas, Lebkuchen Zuckerbäckerei, Canditen und Chocolade. 3 und Confecte im jährlichen Betrage von 700.000 Rubel und befchäftigen bei 400 Arbeiter. Rufsland hatte auch in der öftlichen Agriculturhalle verfchiedene Fabricate untergebracht, worunter von der landwirthfchaftlichen Schule von Kúhinew in Befsarabien in Zucker eingemachte trockene Früchte, von N. Nikútine in Smolensk und Balaboukha in Kiew ebenfalls Früchte, welche in Berücksichtigung des dortigen rauhen Klima's alle Anerkennung verdienen. Aus Rumänien hatte Cap fa in Bukareft fehr fchöne eingemachte Früchte in Gläfern, fowie gut fortirte Bonbons gefandt, welche ganz gut mit den beften Parifer Waaren concurriren können. Griechenland war im Induftriepalaft durch drei Ausfteller gleichfalls ganz gut vertreten. S. Pavlides aus Athen hatte Chocolade und Confecte, Solon diverfe gut fortirte Bonbons und Stamate lakis in Syra die bekannten Loukoums( türkifches Zuckerwerk mit Reismehl) in guter Qualität ausgeftellt. Japan, Egypten und die Türkei fandten Proben von Confituren und Confecten, welche wohl jedem Betrachter ziemlich primitiv erſchienen. Auch Tunis hatte einige Proben von Süfsigkeiten ausgeftellt, die ebenfalls wenig verlockend ausfahen. Das deutfche Reich hatte fich fehr lebhaft betheiligt. Als hervorragend find zu nennen: die Ausftellungen von Fr. Stollwerk und Stollwerk's Söhne aus Köln, welche mit neueren Mafchinen gute Chocoladen und Confecte aller Art erzeugen und felbe nach vielen Orten Deutſchlands verfenden. Nach Angabe des deutfchen Kataloges haben die Fabriken Stollwerk's bei 5 bis 600 Arbeiter, 2 Dampfmafchinen von 58 und 3 Mafchinen mit 87 Pferdekraft, und über 500.000 Thaler Umfatz. Georg Hof in München, welcher die erfte Chocoladefabrik Baierns befitzt und mittelft Dampfmaschine fehr gute Chocoladen und eingemachte Früchte erzeugt. Reefe& Wichmann aus Hamburg brachten Chocoladen und Confecte. Die Fabrik befchäftigt 122 Arbeiter und hat gegen 200.000 Mark Umfatz, hauptfächlich in Deutſchland. Starker& Pobuda in Stuttgart erzeugen fehr mannigfaltige Chocoladconfecte und gute Kochchocoladen und verfenden viel nach Deutfchland, nach den Donaufürftenthümern etc. Die Rheinifche Früchtenhandlung in Deidesheim ift befonders hervorzuheben mit fchönen, fehr klaren und haltbar eingemachten Compots und trockenen Früchten, welche die franzöfifche Concurrenz ganz gut aushalten und in Deutfchland viel Abfatz finden. Aus Strafsburg ift noch die Ausstellung der Compagnie française des Chocolats zu nennen, welche fehr gute und billige Chocoladen erzeugt. Es ift diefs ein Zweiggefchäft der lange beftehenden Parifer Gefellfchaft gleichen Namens. Weifé, Conditor aus Strafsburg, fandte ebenfalls mannigfaltige, gut gearbeitete Bonbons, Alexandre aus Mühlheim gute Chocoladen. Leider wurden die Ausftellungen diefer letzten drei Ausfteller im elfafs- lothringifchen Bauernhaus ein Raub der Flammen. Ungarn hatte wenig ausgeftellt. Aus Peft find H. Kugler's Fabricate der Conditorei lobenswerth. Diefe Firma richtete mit gutem Erfolg eine Gasmafchine als bewegende Kraft zur Erzeugung ihrer Artikel ein. Aus Prefsburg ift J. Maier mit guten Confecten zu nennen, aus Orfova E. Bellanovits mit guten und billigen Compots. Oefterreich war durch mehr als vierzig Ausfteller fehr gut vertreten; befonders zeichneten fich die Wiener Conditors durch eine fehr fchöne und reichhaltige Ausftellung vortheilhaft aus. So haben Ch. Demel's Söhne fehr fchön gearbeitete Tragantauffätze und fchöne Früchte und Confecte ausgeftellt; A. Ehrlich und Schelle ebenfalls. G. Bärlin's kleine Tragantftatuetten find als Wiener Specialität beachtenswerth und wurden allgemein anerkannt. 4 A. Gerftner. Von den Canditenfabrikanten ift Ed. Fexer fehr vortheilhaft zu erwähnen. Diefes Gefchäft führte für Chocolade und Canditen fchon vor 35 Jahren die erfte Dampfmafchine in Wien ein, befchäftigt gegenwärtig bei 80 Arbeiter und hat einen jährlichen Umfatz von 300.000 Gulden, exportirt viel nach den Donaufürftenthümern, Rufsland, der Türkei, Serbien etc., jährlich bei 80.000 Gulden. Nennenswerth find auch noch Fexer's fehr gute Theebisquite, Eifenchocolade und fehr ſchöne, fogenannte Rocksbonbons. In der weftlichen Agriculturhalle fabricirte diefes Gefchäft Chocolade vor den Augen des Publicums auf einer guten Parifer Maſchine. Eine bedeutende Stellung nimmt die Firma A. Tfchinkel's Söhne ein. In den Fabriken von Schönfeld, Lobofitz und Laibach werden ungeheure Maffen Chocolade, Surrogatkaffee und Canditen erzeugt; laut letzten Angaben beläuft fich die Summe der jährlich erzeugten Canditen auf über 10.000 Centner; 30.000 Centner Zucker, 3000 Centner Chocolade und viele Taufend Gläfer Compots. Die gefammten Fabriken befchäftigen über 1000 Arbeiter bei einem Jahresumsatze von mehr als 5 Millionen Gulden, von denen wohl der gröfste Theil auf Kaffeefurrogate und landwirthschaftliche Producte entfällt. Die Fabriken exportiren namhaft nach Deutſchland, Italien, der Walachei etc. Es beftehen für die Arbeiter gut eingerichtete Vereine, wie Kranken-, Confumvereine etc., für viele derfelben billige Wohnungen. Ueberhaupt verdient die Organiſation und das gefammte Wirken diefer hervorragenden Firma alle Anerkennung. Jordan& Tymäus in Bodenbach befchäftigen für Chocolad- und Canditenfabrication bei 200 Arbeiter mit jährlicher Production von ungefähr 38.000 Centnern, exportiren ebenfalls nach den Donaufürftenthümern, nach Italien, dem Orient etc. Die jährlichen Arbeitslöhne, die diefe bedeutende Firma zahlt, betragen bei 50.000 Gulden. J. Kluge& Comp. bei Prag fabriciren Canditen billigfter Sorten nebft Chocolade. Die Fabrik vergröfsert fich namhaft; 2 Dampfmaſchinen, eine Maſchine für Pfeffermünz- Zeltel mit 10 Centner Leiftungsfähigkeit per Tag, 150 Arbeiter, einen Umfatz von circa 600.000 Gulden, davon bei 25.000 Gulden Export, meift nach den Donaufürftenthümern, fchliefst die Gefchichte diefes Etabliffements ein. Als Specialität gibt die Firma eine amtlich erprobte Chocolade vorzüglicher haltbarer Art an, welche im Jahre 1871 erzeugt wurde; ebenfo Dragée, faft ganz aus Kartoffelzucker fabricirt. Sehr verdienftlich hat auch die Firma Jos. Ringler's Söhne aus Bozen ausgeftellt. Die Fabricate find gröfstentheils Compots und eingemachte Gemüfe, welche von den Ausftellern in fehr gelungener Weife gut fortirt und vortheilhaft augenfällig aufgeftellt wurden. Der Umfatz diefer Fabricate vermehrte fich in letzter Zeit auf jährlich 150.000 Gulden. Es wird viel nach Deutfchland, der Schweiz, felbft nach Amerika, Rufsland, England, Schweden etc. gefandt. Die Waaren find verhältnifsmäfsig billig und ift in der Fabrication jedenfalls ein lobenswerther Fortfchritt zu verzeichnen. Diefer Firma reiht fich als recht ftrebfam J. Ebftein in Wien an. Diefes Gefchäft fabricirt in Mähren billige Compotfrüchte, welche einen immer vermehrten Abfatz finden. Noch ift J. Gfall in Innsbruck zu erwähnen mit guter Chocolade. Der Ausfteller gibt ein von ihm erfundenes verbeffertes Verfahren im Reiben des Cacao's an; ftellte auch praktiſche Rollhölzer zum Ausrollen verfchiedener Teigmaffen aus und lieferte nebftbei ein fehr rein und nett gearbeitetes Bild aus gefpritztem Zucker. Der Raum erlaubt nicht, noch mehr der verdienftlichen Ausfteller befonders zu nennen. Im Allgemeinen zeigte fich jedoch fowohl bei den Ausftellern Oefterreichs als auch des Auslandes ein merklicher Fortfchritt im Auffchwung der Fabrication, und es wurden mit Recht faft in jedem Lande einige Fortfchrittsmedaillen vertheilt. Zuckerbäckerei, Canditen und Chocolade. 5 Nach der individuellen Anficht des Berichterftatters wäre für die Fabrication. von Confecten, Chocoladen und eingemachtem Obft in Oefterreich, wo gegenwärtig der Zucker fo vorzüglich und billig erzeugt wird und das Klima eine fehr gute Obft cultur ermöglicht, ein fehr ausgedehntes Feld zur Production in gröfstem Umfange. Der Abfatz dürfte fich wohl finden, befonders gegen den Orient zu, überhaupt gegen die öftlich liegenden, noch fehr wenig cultivirten Länder, in denen diefe Erwerbszweige noch faft unbekannt find. Es würde fich für die betreffenden Induftriellen jedenfalls lohnen, den Bedarf diefer Länder genau zu ftudiren und gefchäftliche Beziehungen mit denfelben in ausgedehnterem Mafse anzuknüpfen, umfomehr als England und Frankreich für grofse Summen Bonbons und Chocoladen in die entfernteften Länder der Welt exportiren. Unter allen Umständen dürften diefe Erwerbszweige noch einer fehr grofsen Entwicklung fähig fein und fich würdig an die übrigen nützlichen Induftrien des Vaterlandes anfchliefsen. TABAK UND TABAKFABRICATE. ( Gruppe IV, Section 7.) Bericht von FRANZ RIEDL, k. k. Finanzrath. Im Allgemeinen war die Tabakproduction auf der Wiener Weltausftellung ziemlich reich vertreten, und wenn auch die nordamerikanifchen Tabake( Virginia, Kentucky, Mariland, Ohio, Seedleaf und Florida), dann die füdamerikanifchen Blätter( Ambalema, Carmen, Giron, Palmyra und Esmeralda) abermals gänzlich ausgefallen waren, fo erſchien doch die Betheiligung gröfser als in Paris im Jahre 1867. Oefterreich, Ungarn, Deutfchland, Rufsland, Holland, die Schweiz, Türkei und Rumänien haben ihre Producte in fehr umfaffender Weife zur Anfchauung gebracht. Ferner waren die Rohproducte von Cuba, Manilla und Puerto- Rico fo ziemlich vertreten, wenn auch nicht geleugnet werden kann, dafs mit Rückficht auf deren vorzügliche Qualität und auf die Wichtigkeit, welche diefelben für den Fabrikanten haben, eine ausgedehntere Darftellung wünſchenswerth gewefen wäre. An der Ausftellung der diverfen Tabak fabricate haben fich Oefterreich, Ungarn Deutfchland, Holland, die Schweiz, fowie Havanna in fehr umfangreicher Weife betheiliget, während Rufsland, insbefondere bezüglich feiner feinen Rauchtabake und Cigarretten einen hervorragenden Rang einnahm. Dagegen wurde die Expofition der franzöfifchen Regie diefsmal gänzlich vermifst. Oefterreich. Die k. k. Tabakregie hatte mit Rückficht auf die Vielfeitigkeit ihrer Fabricate( Cigarren, Cigarretten, Rauch- und Schnupftabake) eine ebenfo umfangreiche als gelungene Expofition veranlafst, welche einen wefentlichen Fortfchritt beurkundete und um fo bemerkenswerther war, als neben den zahlreichen fogenannten Specialitäten auch ein fehr reiches Sortiment von feinen türkifchen Rauchtabaken und von eigenen Erzeugniffen aus den feinften Havannatabaken dargestellt war, welche rückfichtlich ihrer vorzüglichen Qualität und eleganten Fabrication den Producten von Fabriken erften Ranges würdig angereiht werden konnten. Aufser den verfchiedenen Tabakfabricaten waren auch die Rohproducte aus Galizien und Südtirol vertreten, welche, obwohl diefelben dem Handel durch den Verbrauch in der eigenen Fabrication nicht zugänglich find, vermöge ihrer Tabak- und Tabakfabricate. 7 vorzüglichen Eigenfchaften eine befondere Beachtung verdienen. Und zwar find die in Südtirol, fowie die im Often von Galizien gezogenen Tabakblätter hervorzuheben, welche zur Erzeugung fehr beliebter, durch ihr eigenthümliches Aroma fich auszeichnender Schnupftabak- Sorten dienen, während anderfeits in Galizien auf leichtem und fandigem Boden auch Blätter producirt werden, welche vermöge ihrer negativen Eigenfchaften in Mifchung mit anderen Tabaken fehr geeignete und zweckmäfsige Verwendung bei der Erzeugung von Cigarren und Rauchtabaken Die Jahresproduction in Südtirol beträgt circa 6000 Centner, in Galizien circa 80-90.000 Centner Rohtabak. finden. Nach den von der k. k. Tabakregie veröffentlichten ftatiftifchen Daten werden dermalen in 26 Fabriken 26.315 Arbeiter befchäftigt und wurden im Jahre 1872 aus welchen 131.713 Zollcentner diverfe Ausländer Tabakblätter und 547.253 " im Inlande gebaute Tabakblätter verarbeitet, 1.033.770.150 Stück Cigarren 25,000.500 " Cigarretten 436.255 Zollcentner diverfe Rauchtabake 36.235 47.061 " 99 Tabakgefpunfte und Schnupftabake erzeugt wurden. Ungarn. Die Expofition der königlichen ungarifchen Tabakregie umfafste in Folge des zwifchen beiden Reichshälften beftehenden vertragsmäfsigen Verhältniffes faft diefelben Erzeugniffe, wie die der k. k. öfterreichifchen Regie, und find diefelben fowohl rückfichtlich ihrer Qualität als auch Präcifion der Fabrication faft übereinftimmend. Umfo bemerkbarer machte fich die von der königlichen ungarifchen Regie veranstaltete Ausftellung von Blättern, welche nicht nur einen fehr grofsen Reichthum in qualitativer Beziehung enthielt, fondern auch vermöge der grofsen Productionsfähigkeit des Landes eine befondere Beachtung fich errang. Diefer Expofition reihte fich eine von 31 Pflanzern und Händlern veranstaltete CollectivAusftellung an, welche gleichfalls ein fehr fchönes Bild der ganzen ungarifchen Tabakcultur gaben. Es waren dafelbft die von ungarifchen Originalfamen gebauten Blätter( Theifs, Debreziner, Szegediner, Siebenbürger, Czerbel und Gartenblätter), fowie auch die aus Havanna, Cuba, Ohio, Virginier, Latakia und türkifchen Samengattungen gezogenen Blättern vertreten, welch' letztere Sorten aber rückfichtlich ihrer Qualität von den Originalblättern bedeutend abfallen und den eigentlichen Charakter nicht erkennen laffen. Die fowohl von der königlichen ungarifchen Regie, als auch von den Privaten ausgeftellten Blätter zeigten von einer fehr forgfältigen und rationellen Behandlung; doch wurde bei den von den Pflanzern und Händlern exponirten Tabaken die Angabe der Preife vermifst. Die Gefammtproduction Ungarns, fowohl für die beiden Regien, als auch für den Export, beträgt jährlich 800.000 Zollcentner. Bezüglich der von der königlich ungarifchen Regie verwendeten Rohproducte und erzeugten Fabricate liegen keine neueren Daten vor. Im Jahre 1870 wurden in 9 Fabriken, in welchen über 10.000 Arbeiter befchäftiget waren, 46.706 Zollcentner Ausländer Rohtabake, 253.726 Zollcentner im Inlande gebaute Tabakblätter verarbeitet, aus welchen 2217 Zollcentner Schnupftabake, 253.726 Zollcentner diverfe Rauchtabake und 369,501.000 Stück Cigarren erzeugt wordeu find, wobei jedoch bemerkt werden mufs, dafs feither eine bedeutende Steigerung im Verbrauche des Tabakes eingetreten ift. 80 Franz Riedl. Deutſchland. Einen hervorragenden Platz nahm die Tabakinduftrie Deutfchlands ein, welche fehr reich vertreten war, und lieferte die Expofition, an welcher fich gegen 60 Ausfteller aus den verfchiedenften Gegenden betheiliget haben, ein Bild von der grofsen Ausdehnung, welche diefer Induftriezweig dafelbft erlangt hat. Die Tabakfabrication Deutfchlands verwendet jährlich circa 1 Million Centner, darunter zwifchen 10-20% mehr ausländifchen als inländifchen Tabak. Während die eigene Production in Rohtabak in den letzten 10 Jahren durchfchnittlich( ohne Elfafs und Lothringen) auf 561.227 Zollcentner angegeben wird, foll die Einfuhr an Rohftoff 700.761 Centner, dagegen die Ausfuhr 135.490 Centner Rohtabak betragen haben. Die Einfuhr befchränkt fich jedoch nicht durchgehends auf überfeeifche Tabake, da namentlich in den letzten Jahren auch fehr nahmhafte Mengen ungarifchen Blättertabakes in Deutſchland Eingang und vielfeitige Verwendung fanden. Im Jahre 1871/1872 wurden 12.913 Zollcentner Cigarren eingeführt, dagegen 136.642 Centner Cigarren ausgeführt. Diefer namhafte Export Deutſchlands, namentlich an Cigarren, findet nicht blofs nach den europäifchen Plätzen, fondern auch nach aufsereuropäifchen Ländern ftatt. Bezüglich der in diefem Induftriezweige engagirten Fabriken und der durch diefelben befchäftigten Arbeiter find feit dem Jahre 1861 keine Ermittelungen angeftellt worden. Im Jahre 1867 beftanden in Deutfchland fchon an 4000 Tabakfabriken, deren Zahl inzwifchen erheblich geftiegen ift, fo dafs diefelbe heute zwifchen 5000-6000 fchwanken dürfte. Auf der Ausftellung waren aufser den verfchiedenften Sorten von Rauch-, Schnupf- und Kautabaken die Cigarren der verfchiedenften Namen und Façon's dargestellt, welche gröfstentheils nach den gangbaren Havannasorten imitirt find. Die Cigarren zeichnen fich in der Mehrheit durch eine reine Fabrication und elegante Ausftattung aus, und find theils mit columbinifcher, theils mit Java- und Sumatradecke verfehen. Einige Fabrikanten, namentlich aus Bremen und Hamburg, brachten auch Cigarren aus feinften Havannablättern zur Darstellung, welche in der Qualität ganz vorzüglich find. Aufserdem find die Cigarretten, welche in neuefter Zeit in Deutfchland einen fehr grofsen Abfatz finden, von Seite mehrerer Fabrikanten in gröfserem Umfange zur Ausstellung gebracht worden, welche durchgehends fehr reine Arbeit zeigten. An Rohftoffen ift noch die Ausftellung von Elfäffer und Pfälzer Tabakblättern befonders zu erwähnen, welche in gröfserem Umfange zur Anfchauung gebracht find. Sämmtliche Tabake aus Elfafs, Heffen, Baden und der Pfalz zeichnen fich durch rationelle Behandlung und ftrenge Sortirung in Cigarren- Deckblatt, Spinnblatt, Schnupf- und Kau- Tabakblatt, dann in Schneidgut befonders aus, und find die Blätter theils im ungeftrichenen, theils im aufgeftreiften und auch entrippten Zuftande dargestellt. Die Preife find mit 20-28 Gulden öfterreichifcher Währung per Zoll- Centner im unfermentirten Zuftande angegeben. Die gefammte Production an Rohtabak betrug in Deutfchland im Jahre 1871-1872 auf 22.509 Hektaren 713.945 Zoll- Centner. Holland war fehr gut vertreten, theils durch eine grofse Expofition von Rohtabaken aus den oftindifchen Befitzungen, dann von in Holland gezogenen Tabaken, theils durch eine reiche Ausftellung von Fabricaten. EYRA Tabak und Tabakfabricate. 9 Man begegnete dafelbft namentlich einer von der Firma W. Lehmann in Amfterdam, fowie auch einer von der niederländifchen Handelsgefellſchaft veranftalteten, fehr umfaffenden Collection aller Tabake von Java, Sumatra und Balie, welche beide bei allen Fachmännern um fo lebhafteres Intereffe erweckten, als diefe Tabake wegen ihrer vorzüglichen Eignung als Decktabak für den Cigarrenfabrikanten von grofser Wichtigkeit find. Eine fo umfangreiche Sammlung von diefen Tabaken aus allen Plantagen war bis nun noch nicht geboten. Die Gefammtmenge an Javatabak, welche aus der Ernte 1871/1872 nach Europa zur Verfchiffung gelangte, betrug 130.000 Paken, jene an Sumatratabak 5000 Paken. Die Holländer Tabake, deren Jahresproduction fich auf circa 120.000 Centner beläuft, waren durch eine Collection von Erdgut- und fchweren LaftgutBlättern aus der Provinz Gelderland, und zwar aus den Kreifen Over- und NederBetuwe, Over- und Neder- Vetuwe, dann Maas- Waal repräfentirt. Unter den diverfen Fabricaten fand man eine reiche Auswahl theils von in Holland fehr fchön fabricirten Cigarren, theils aber auch von Havannacigarren, welche letztere übrigens meift importirt find. Rufsland. Die Tabakinduftrie Rufslands war durch eine fehr reiche Ausftellung vertreten. Befonders hervorragend waren die Cigarretten, welche fich durch schöne Formen, elegante Arbeit und Ausftattung auszeichnen, fowie die türkifchen und anderen denfelben verwandten Rauchtabak- Sorten aus der Krimm, Beffarabien, Kaukafien etc., welche bezüglich des feinen und egalen Schnittes, dann der fchönen lichten und gleichmässigen Farben befonders erwähnt zu werden verdienen. Das Ausfehen der ausgeftellten feineren aus Havannatabak fabricirten Cigarren war fchön; doch fallen felbe in den Preifen ziemlich hoch; die billigen Sorten find tadellos angefertigt. In der ruffichen Abtheilung fand fich ferner eine Collection von diverfen Tabakblättern. Diefelbe umfafste den nacktftieligen Bauerntabak ( Machorka), den befsarabifchen Tabak, fowie mehrere in den Gouvernements Saratov, Tfchernigov aus Cuba, Samfun, Bafra und türkifchem Samen gezogene Blätter, welche letztere wohl grofs im Blatte und kräftig in der Qualität find, von dem Charakter der Originaltabake aber fehr abweichen. Schweden war nur durch zwei Ausfteller vertreten, welche befonders Kautabak in vielen Varietäten, dann Rauch- und Schnupftabak, ferner Cigarren zur Darstellung brachten. Bemerkenswerth find die Cigarren, welche aus in der Nähe von Stockholm gebautem Tabak erzeugt find, und fehr fchön und im Preife billig geftellt waren, im Aroma und Gefchmack aber fehr zurückstanden. Auch lagen einige Bufchen folchen Tabakes, Erdgut und Beftgut, zur Anficht auf. Norwegen zeigte die Expofition eines Fabrikanten in diverfen Cigarren, dann Kau- und Rauchtab aken. Dänemark. Erwähnenswerth war hier die Ausftellung von diverfen Kautabaken in vielerlei Formen, fowie von Rauchtabaken und Cigarren, welche jedoch kein befonderes Intereffe boten. 10 Franz Riedl. England bot nur eine Ausftellung von diverfen, fehr fchön gearbeiteten feinen Havannacigarren durch einen Importeur aus London. Ausserdem waren die von Queenland, Cap der guten Hoffnung und Indien ausgeftellten Tabake und Cigarren beachtenswerth, unter welchen die oftindifchen Tabake infofern alle Aufmerkfamkeit verdienten, als diefelben, wiewohl ihre Cultur unendlich tief fteht, feit kürzefter Zeit in gröfseren Mengen nach Europa zu Markte gebracht werden. Belgien war nur durch zwei Firmen, aber in fehr würdiger Weife vertreten, welche Cigarren, meift aus feinftem Havannatabak fabricirt, in eleganter Aufmachung, jedoch zu hohen Preifen einftehend, exponirten. Schweiz. Die Expofition der Schweiz beftand faft durchgehends nur in Cigarren, und zwar meift in den bekannten Façons der Virginier, Grandfons- und VeveyCigarren, welche reichlich vertreten waren; nur einige Fabrikanten haben nebenbei auch Blattcigarren in den gewöhnlichen Façons zur Darstellung gebracht. In diefer Abtheilung fand man einige Bufchen Waadtländertabak, welcher jedoch mit Rückficht, dafs derfelbe durchgehends nur im eigenen Lande verarbeitet wird, nicht befonders beachtet werden kann. Spanien. Die ſpaniſche Regie hatte diefsmal aufser ihren diverfen Fabricaten, als Rauchtabak, Cigarretten und Cigarren, welche letztere meift in grofsen Façons ( Magallanes) vorkommen, auch die diverfen Manilátabake, und zwar Cagayan und Vifayas in verfchiedenen Gröfsen dargestellt. Ein befonderes Intereffe erregten die Rohproducte und verfchiedenen Fabricate der Infel Cuba. Die feinften Llanada- und Lomatabake aus der Vuelt, de abajo, die Partidotabake, dann die Remedio', Sagua de Tanamo und Gibarratabake aus der Vuelta de Arriba waren in den verfchiedenften Sortiments vertre ten und lieferten ein fchönes Bild des allgemein anerkannten beften und zugleich werthvollften Cigarrentabakes der Welt. Diefes Bild erhielt aber erft feine Vervollſtändigung durch die von den erften Firmen Havanna's gelieferten Erzeugniffe, welche durch die vorzügliche Qualität des Rohftoffes, die forgfältige Wahl der Stoffe, durch die präcife und muftergiltige Fabrication, fowie durch die elegante Aufmachung befonders hervorragen und ihr langjähriges Renommée vollkommen rechtfertigten. Cigarretten, nach fpanifcher Façon erzeugt, wurden von einer Fabrik in Havanna in grofser Wahl ausgeftellt. Endlich find noch einige Tabakbufchen von Puerto- Rico und der aus diefen Stoffen angefertigten Cigarren zu erwähnen. Italien. Nicht minder umfangreich war die Expofition der italienifchen Gefellſchaft für die Tabakregie. Neben den verfchiedenen überfeeifchen Tabaken, welche dafelbft Verwendung finden, waren Mufterblätter inländifcher Fechfung ausgeftellt, welche, da diefelben dem Handel entzogen find, weniger Intereffe bieten. Die Ausftellung umfafst ferner die verfchiedenen Rauch- und Schnupftabake, fowie die verfchiedenen Cigarren, unter welchen die aus Virginier- und KentuckyTabaken angefertigten Sortiments befonders bemerkenswerth find. Uebrigens liefs das Ausfehen der verfchiedenen. Fabricate und die äufsere Ausftattung Einiges zu wünfchen übrig. Tabak und Tabakfabricate. Griechenland. 11 In diefer Abtheilung fand man eine fchöne Collection von Blättertabaken aus 13 verfchiedenen Gemeinden, welche einen Fortfchritt der Cultur wahrnehmen liefsen. Thatfächlich hat auch der Tabakbau beträchtlich zugenommen und wird das jährliche Erträgnifs auf I- 1,200.000 Oka( oder 25.200-30.240 Zollcentner) angegeben, welches gröfstentheils nach England, Frankreich und Rufsland feinen Abfatz findet. Die Preife fallen je nach Qualität des Blattes auf 2.50-5 Francs( oder 39-68 fl. öfterreichifcher Währung per Zollcentner). Türkei. Die Türkei war durch ein fehr reiches Sortiment von Blättern, als auch gefchnittenen Tabakes und etwas Schnupftabak vertreten. Die Producte gelangten theilweife von der Regie, in der Mehrheit aber von den Händlern und Producenten. felbft zur Ausstellung. Der Blick des Fachmannes fand dafelbft die feinften Ghiubektabake ( erkenntlich an den kleinen Bällchen in weifser Leinwand, Bochtfcha genannt) aus den vorzüglichften und renommirteften Gemeinden Macedoniens, als: Murfal, Keriziller, Karakitirli, Ficirli, Gelepli, Bektemis, Kouroudere, Saltikli, welche zu den vorzüglichften Rauchtabaken der Welt zählen, und durch die Zartheit des Blattes, ihre fchöne gelbe Farbe und den eigenthümlichen, honigartigen Geruch fich befonders auszeichnen und daher befonders gefucht find. Aufser diefen Tabaken der vorzüglichften Qualität waren noch die Drama-, Giuma-, Adrianopel-, Samfun-, Bafra-, Latakia, Tumbecki- und Uskup- Tabake in reicher Auswahl zu fehen. Die türkifche Regie hatte aber auch gleichzeitig gefchnittene Tabake im verpackten Zuftande, wie felbe zum Verkaufe gelangen, exponirt. Rumänien. Die Tabakregie in Bukareft hatte aufser einigen Blättern auch drei Sorten gefchnittenen, türkifchen Rauchtabak und Cigaretten gefendet; der Tabak ift gut fortirt und hat einen reinen feinen Schnitt. Aufserdem fand man hier aber eine Collection von Blättern, welche von verfchiedenen Pflanzern eingefendet wurden. Brafilien. Der Brafiltabak fpielt heute eine fehr wichtige Rolle im Handel und ift es daher fehr erfreulich, dafs die Rohproducte Brafiliens als auch die diverfen Fabricate in einem gröfseren Umfange zur Ausftellung gelangten. Man fand eine fehr fchöne Collection von Tabakblättern aus den verfchiedenen Diſtricten, als: Santo Amaro, Cocheira, St. Felix und Nazareth, aufserdem aber eine Collectivausftellung diverfer Fabrikanten aus Bahia, welche fehr fchön fabricirte Cigarren, Cigarretten, faucirte Rauchtabake, den fogenannten Kraustabak, fehr vorzügliche Rapé- Schnupftabake, Kautabake und endlich einen eigenthümlichen faucirten Rollentabak( Mangotes) umfafste. Die Jahresproduction in der Provinz Bahia ift fehr bedeutend und beträgt an 2-300.000 Centner Rohtabak. Venezuela. Venezuela fandte eine Collection von diverfen Rohtabaken, unter welchen der Tabak von Quebrada Seca, der fogenannte Varinas, als eine fehr beliebte Rauchtabak- Sorte befonders erwähnenswerth ift, ferner eine Sammlung diverfer aus diefen Tabaken fabricirter Cigarren. Sehr bemerkenswerth war hier der Chimo, ein mit Urao( Salzgattung) vermifchter, zu grofser Confiftenz eingekochter Tabakextract, welcher in kleinen Horndofen oder in Hüllblättern von Maiskolben aufbewahrt wird, und für die 12 Franz Riedl. Tabak und Tabakfabricate. Bewohner von Mérida, Trujillo und der ganzen Weft cordillera ein unentbehrliches Genufsmittel bildet. China hatte diverfe Rohtabake, als auch gefchnittenen Rauchtabak zur Ausftellung gebracht. Diefer Tabak entwickelt beim Rauchen einen fehr widerlichen Geruch, welcher den Genufs ganz verleidet. Japan. Die hier ausgeftellten Tabake zeigten von einer grofsen Cultur, und finden, wenn auch die Qualität derfelben nicht befonders fein genannt werden kann, bei dem ftarken Confum an Tabak einen immer mehr fich fteigernden Abfatz nach England. Bemerkenswerth find hier noch die Rauchtabake wegen ihres unendlich feinen, aber doch gleichmäfsigen Schnittes. ANHANG. Die für die Zwecke der Tabak- und Cigarrenfabrication dienenden Mafchinen und anderweitigen Hilfsvorrichtungen waren im Allgemeinen fchwach vertreten, und hat nur Deutſchland mehrere derfelben zur Darstellung gebracht. Unter den zur Anfchauung gelangten Mafchinen befanden fich zwei TabakSchneidemaschinen, welche, wenn auch etwas abweichend von den gewöhnlichen, im Gebrauch ſtehenden Mafchinen conftruirt, in ihren Leiftungen nicht befonders hervorragen, und defshalb auch keinen wefentlichen Vorzug bedingen dürften. Ausserdem waren dafelbft zwei Paquettirungsmaschinen aufgeftellt, welche fehr finnig conftruirt find, jedoch mit Rückficht auf ihre Leiftungsfähigkeit keine befondere Erfparnifs an Arbeitskraft aufzuweifen im Stande fein dürften. Dafelbft befand fich auch eine Cigarren- Winkelmafchine, welche von den gegenwärtig in mehreren Fabriken Deutſchlands ftehenden fogenannten Theilungsmaschinen fich wefentlich dadurch unterfcheidet, dafs unmittelbar mit dem Munde der Mafchine ein fogenannter Winkelftuhl in Verbindung gebracht ift, welcher die gefchnittene Einlage aufnimmt und mit dem Umblatte umgibt. Wenn auch zugegeben wird, dafs mit Zuhilfnahme derartiger Mafchinen eine gröfsere Oekonomie in der Verwendung der Rohftoffe erreicht werden mag, fo fteht doch feft, dafs, abgefehen von anderen damit verbundenen Uebelftänden, elegante und vorzüglichere Fabricate mittelft folcher Mafchinen bis nun nicht hergeftellt wurden, daher diefelben auch eine allgemeine Verbreitung nicht erlangt haben und meift nur auf jene Fabriken fich befchränken mufsten, in welchen ordinäre, höchftens Mittelwaare geliefert wird. Die gleichzeitig zur Darstellung gelangte Wickelformen- Preffe, fowie die Kiftchendeckel- Prägemafchine find fehr einfach conftruirt, und empfehlen fich fehr zur praktifchen Verwendung. In der öftlichen Agriculturhalle befand fich noch eine grofse Collection diverfer Wickelformen, welche heute in fehr vielen Fabriken Anwendung finden, und daher einer befonderen Erwähnung bedürfen. Obwohl die Erzeugung diefer Wickelformen bereits an mehreren Orten Aufnahme gefunden hat, fo mufs doch vorzugsweife der Stadt Hanau erwähnt werden, wofelbft die Fabrication derfelben fchwunghafter als an anderen Orten betrieben wird. Unter den zur Darstellung gelangten derlei Formen find befonders jene mit konifchen Einfätzen zu erwähnen, welche eine ungleichmäfsig gröfsere Haltbarkeit gegen die bis nun in Anwendung gebrachten, geraden Formen gewähren dürften. C 333 3 D 3 www ༢༢༢ ་ TMW- Bibliothek 00209182 AAAA 98 WELT OFFICE