110 TMW- Bibl 87/3 C 333 D D WA 87/3 GE OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION' DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. SCHAFWOLLE UND SCHAF WOLL WAARE N. ( Gruppe V, Section 1.) BUCHERE BERICHT VON DR. CARL TH. RICHTER, C. FALK, EMANUEL THIEBEN. Technologisches Gewerbe- seam WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. 3. C TEXTILUND BEKLEIDUNGS- INDUSTRIE ( Gruppe V.) SCHAFWOLLE UND SCHAFWOLLWAAREN. ( Gruppe V, Section 1.), DIE SCHAFWOLLE. Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. 3. Wir faffen die Refultate der Ausftellung in Betreff der rohen Wolle in Kürze zufammen und verweifen, was den Handel und den Bezug fremdländifcher Wolle, der Wolle von Auftralien, den Laplata Staaten und der Capcolonie betrifft, auf die Betrachtung über den ,, Welthandel", wo unter den ,, Rohftoffen des Thierreiches" der Production von thierifcher Wolle und des Handels mit diefem Producte des Weiteren gedacht ift, und auf den Bericht Gruppe II, Section 2, in welchem Profeffor Pohl gleichfalls eingehend diefen wichtigen Stoff der Induftrie darftellt. Es fei nur in Kurzem erwähnt, dafs der gefammte Schafftand in Europa etwas mehr als 260 Millionen Stück Schafe betragen mag, und dafs davon mehr als 43 Millionen auf Rufsland, 30 Millionen auf Frankreich, 34 Millionen auf England. mehr als 2912 Millionen auf Deutfchland und etwas mehr als 22 Millionen auf Spanien entfallen. In Betreff Oefterreichs kann man die Gefammtzahl der Schafe auf mehr als 1612 Millionen Stück rechnen. Ungarn, zumeift Mittel- und Unterungarn ift dabei, durch feine reichen Weiden begünftigt, am meiften betheiligt, da man dort auf die aufserordentlichen Verhältniffe trifft, dafs in einzelnen Comitaten 5- bis 6000 Schafe auf eine Quadratmeile kommen Diefem Reichthum zunächft fteht Siebenbürgen, wo man faft 2000 Stück, dann die ehemalige Militärgrenze, wo 1673 Stück Schafe auf die Quadratmeile gerechnet werden. Trotz diefes Reichthumes aber ift anzunehmen, dafs mit der Entwicklung der Landwirthfchaft überhaupt, dann dem Baue der Handelsgewächfe, vor Allem aber durch die Entwicklung der Induftrie und mit dem immer bedeutenderen Auftreten der überfeeifchen Wollarten auch in Ungarn die Schafzucht fich einfchränken oder I* 2 Dr. Carl Th. Richter. wenigftens fich nicht vermehren wird. Nur Rufsland fcheint nach der fortgefetzten Steigerung feiner Wollproduction und Ausfuhr für Europa noch entwicklungsfähig, und laffen die grofsen Weiden im füdlicheren und mittleren Rufsland eine Entwicklung ficher zu. Bedeutungsvoll find feit den letzten Jahrzehnten die wollproducirenden Schafherden Auftraliens geworden. Man fchätzt die wenigftens der Cultur zugäng. lichen Schafherden von Victoria, Neu- Seeland, Neu- Süd- Wales und Queensland auf mindeftens 67 Millionen Stück Schafe, bei denen die freilebenden Herden nicht mitgezählt find. Nach den neueften Daten betrug der Export 1872 und 1873 an 188 Millionen Pfund( 554.384 Ballen) in einem Werthe von 126 Millionen Gulden. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird die Summe der Schafe auf faft 32 Millionen Stück angegeben. Von den Laplata- Staaten kennen wir nur die Summe der producirten Wolle, die auf 200 Millionen Pfund gefchätzt wird, ebenfo wie von der Capcolonie, welche 28 Millionen Pfund producirt. Die Gefammtmaffe von Wolle foll auf der ganzen Erde mehr als 1250 Millionen Pfund betragen, von denen nun freilich Europa noch immer die gröfste Menge mit 570 Millionen Pfund producirt. Auch fteht, was die Schönheit und Elafticität, die Länge und Gleichmässigkeit des Stapels anbelangt, noch immer Europa an der Spitze, und ift es das Verdienft Englands, durch forgfältige Zucht und durch vorfichtige Kreuzung der Racen für ganz Europa ein glückliches Beiſpiel gegeben zu haben. Da aber die Wolle mehr als irgend ein anderer Rohftoff einen langen Transport günftig erträgt, fo haben die überfeeifchen Wollforten trotz der grofsen und durch lange Jahre gefteigerten Production Europas fich doch auf den Märkten des alten Welttheiles immer mehr und mehr eingebürgert und vor Allem auf die Preife der europäifchen Wolle einen grofsen Druck ausgeübt. Uebrigens zeichnet gerade die auftralifchen Wollen Feinheit und Feftigkeit des Stapels befonders aus. Wir wollen im Folgenden diefer Preisbewegung befonders gedenken. Seit neuerer Zeit wird übrigens auch, zumeift für Frankreich, die Wolle von Algier von Bedeutung. Der Export fteigert fich von Jahr zu Jahr und betrug im Jahre 1872 mehr als 8 Millionen Kilogramm, nachdem im Jahre 1870 der Export erft 2.7 Millionen Kilogramm betrug. Das ift nun unzweifelhaft, dafs die überfeeifche und fremdländifche Wolle den Confum in Europa ungemein gefteigert hat; fo dafs felbft den niederen Volksclaffen die Wollftoffe immer mehr und mehr zugänglicher werden. Es beträgt der Confum in England und vielleicht auch in Frankreich etwas mehr als 4 Pfund per Kopf der Bevölkerung, in Deutfchland 3.6 Pfund, in Oefterreich 3 Pfund. Die gefammte Handelsbewegung in Europa hat in roher Wolle nach Ein fuhr mehr als 684 Millionen Zollpfund, nach Ausfuhr mehr als 271 Millionen Zollpfund betragen. Die Einfuhr fremdländifcher Wolle dagegen im Jahre 1870 fchon mehr als 333 Millionen Pfund, wovon der gröfste Theil auf Auftralien und, dem Bezugslande nach, auf England entfiel. Was nun die Preisbewegung des fo wichtigen Rohftoffes der Induftrie anbelangt, fo ift diefelbe in Europa durchwegs in einem ernften Sinken begriffen und auf die Concurrenz der wollproducirenden Staaten, zumeift der überfeeifchen mit Europa zurückzuführen. Diefes in neuerer Zeit ftattgefundene rapide Sinken der Preife, zumeift der hochfeinen und feinen Wollforten ift Veranlaffung gewefen, dafs diejenigen Wirthschaften, deren Ertrag wefentlich auf Schafzucht und Wollproduction bafirt ift, in eine recht fchiefe Lage gekommen find. Der Export der fpanifchen und portugiefifchen Wolle nach dem grofsen Confumtionslande, nach England, ift faft ganz verfchwunden, der Deutfchlands bedeutend eingeengt und nur Rufslands Wollhandel, der, durch die natürlichen Verhältniffe der Production begünftigt, niedrige Preife ertragen kann, noch fortgefetzt im Steigen begriffen. Wie fehr nun im Laufe der Zeit die Wollpreife in ganz Europa gefunken find, erklärt folgende Tabelle. Es wurde pro Centner auf den wichtigſten Woll märkten gezahlt: Die Schafwolle. Hochfeine Feine Jahr Thlr. Thlr. Mittlere Thlr. Geringe Thlr. 1844 I IO 90 65 5° 1845 I IO 90 1846 84 60 1847 9.5 85 1848 74 64 78755 75 60 88 44 77 66 54 34 1849 90 75 68 5° 1850 92 76 185 1 80 66 1852 85 70 1853 89 78 1854 80 82 1855 89 78 1856 94 83 1857 82 72 18 58 75 66 8898 28 320 70 52 60 04 68 50 70 55 62 58 70 60 75 62 67. 57 62 54 1859 73 64 60 52 1860 85 74 68 58 1861 82 70 66 56 1862 80 68 68 58 1863 73 60 65 55 1864 74 58 64 54 1865 66 52 58 50 1866 76 63 60 49 40240580274288 54oa 1867 1868 1869 1870 187 1 80 87778 503 80 66. 63 52 75 62 60 50 70 56 55 46 3 73 59 66 58 49 63 54 3 Von befonderer Wichtigkeit für Oefterreich und auch für den europäiichen Wollhandel im grofsen Ganzen ift die Schafzucht und Wollproduction Ungarns, und wir wollen im Folgenden die kurze Gefchichte derfelben, die um fo wichtiger ift, als fie in Vielem mit jener Deutſchlands parallel läuft, ehe wir die einzelnen Ausftellungsobjecte verzeichnen, etwas genauer darftellen. Wir folgen dabei den bedeutfamen Publicationen der Pefter Handelskammer und den Erläuterungen, welche diefelbe zu ihrer ausgeftellten Gefchichte der Preife und wichtigſten landwirthschaftlichen Producte und Lebensmittel herausgegeben hat. Die Schafzucht wurde in Ungarn mit der Race des gewöhnlichen Landfchafes, dem Zigaya- Schaf, und dem grobe, langhaarige Wolle liefernden Zackel fchon in den älteften Zeiten betrieben. Man findet das erfte noch heute im Banat und in Siebenbürgen. Das Zackel ift auf den Südoften Ungarns und einige wenige Comitate zurückgedrängt. Im Ganzen zählte man in ganz Ungarn zu Ende des vorigen Jahrhundertes 6 bis 8 Millionen Schafe, die 150.000 Centner Wolle zur Ausfuhr abgaben. Erft Maria Therefia führte einige Hundert Stück Merinofchafe aus Spanien ein und errichtete auf dem Krongute Merkopail in Kroatien eine hochfeine Zuchtfchäferei, der dann bald andere ähnliche Anftalten in Ungarn, bei Buda- Peft, im Neutraer Comitate u. f. w. folgten. Dem Beiſpiele folgten mehrere Grofs- Grundbefitzer Ungarns, da die Ausfuhr der edlen Wolle zumeift nach Jofef II. Zoll- Mafsregel und bei dem Bedarfe der öfterreichifchen WollwaarenFabrication fehr günftig fich geftaltete. Auch Franz I. wendete feine Aufmerkſamkeit der Veredlung der ungarifchen Schafzucht zu, und fo hochgefchätzt waren die fpanifchen Zuchtböcke, dafs man 1811 einen Bock mit 30.000 fl. Bancozettel und 1816 noch mit 28.000 fl. Wiener Währung bezahlte. Zu jener Zeit begann man 4 Dr. Carl Th. Kichter. auch den Import der Schafe fächfifcher Race, der Electoralfchafe, deren Haar an Feinheit das der fpanifchen Merinos übertraf, und führte auch aus Frankreich mit dem Rambouillet- Schafe edle Zuchtwidder ein. Berühmt waren die edlen Heerden von Graf Zichy, von dem Fürften Efsterházy, Palatin Jofef und den Grafen Feftetits, Bathyányi, Károly u. f. w., deren Heerden im Anfange der dreifsiger Jahre viele Taufende von Stücken zählte. Die kleinen Grundbefitzer folgten dem Beiſpiele, und gebührt der gröfste Antheil an der Veredlung der ungarifchen Schafzucht den deutfchen Bauern und Schafzüchtern. Die öfterreichifche Regierung fah fogar bald mit Beforgnifs die auf Koften der Rindvieh- Zucht fich immer mehr vermehrende Schafzucht, und fetzte durch eine bedeutende Erhöhung des Ausfuhrzolles derfelben eine Grenze. Im Jahre 1824 aber war diefer Zoll wieder bedeutend vermin. dert worden, und belebte aufs Neue die Schafzucht und Wollproduction. Ueber den Umfang der Wollausfuhr Ungarns liegen uns für die Jahre 1816 bis 1850, mit Ausfchlufs der drei Jahre 1828 bis 1830, über welche uns Daten mangeln, detaillirte Ausweife vor, die wir nachfolgend veröffentlichen: Einfuhr A u sfuhr Jahr aus den öfterr. Erbländern nach den öfterr. Erbländern nach dem Auslande Ce n t n e r 1816 1817 1818 IO I. 535 100.79 2 I IO. 640 156 222 8 1819 1 18.783 1820 1821 1822 1823 1824 1825 I 19.309 135.606 137.192 142.5 13 173.00 4 163. 28 6 1.60 1 I. 350 3.40 3 71 23 7 5 6.137 1826 162.535 4.564 1827 190.00 3 6.802 1831 1.56 2 229. 1 2 3 1832 I. 99 I 1833 2.8 44 1834 1835 2.944 1836 3.004 1837 1.825 1838 3.080 3.73 1 263.0 35 245.384 190.36 1 22 1.30 9 248.4 20 2 10. 909 276.834 1839 3.528 226.467 1840 2.850 1841 3.309 1842 4.233 237.740 257.235 240.669 1843 4.24 2 234.920 1844 5.879 261 14 2 1845 5.260 1846 5.053 1847 5.306 1848 2.900 1849 2.415 1850 I. 3 39 214. 446 214.3 17 209.297 18 1.542 197.259 202. IO I Die Schafwolle. Im Jahre 1850 wurde die Zwifchenzoll- Linie aufgehoben, und find in der Periode des öfterreichiſchen Abfolutismus Daten über die Ausfuhr Ungarns nicht mehr zufammengeftellt worden. Wir befitzen diefe erft wieder feit der wiedererlangten Selbftftändigkeit Ungarns und der nach diefer Wendung erfolgten Organiſation des königlich ungarifchen ftatiftifchen Bureau, deffen Daten wir für die Jahre 1868 bis 1871 wie folgt reproduciren: Einfuhr Ausfuhr Werth der Ausfuhr 24.316.973 fl. 1868 1869 1870 1871 270.276 Centner 344.676 277.784 206.651 ንን 28,949.116 " 9 " " 25,545.564 30,656.860 109,468.513 fl. ንን 99 fomit in 4 Jahren 1, 199.387 Centner, wonach der Werth der Wollausfuhr Ungarns fich mit durchſchnittlich 300.000 Centnern in runder Summe angeben läfst, welche einen Werth von 27 4 Millionen Gulden repräfentiren. Im Jahre 1872 betrug der Gefammtexport 218.047 Centner in einem Werthe von 28,382.430 Gulden. An der Ausfuhr erfcheint der Budapefter Platz betheiligt: 1870 mit 26 1. 971 Centnern, 1871 " 276.060 77 - zufammen mit 538.031 Centnern, wogegen die Gefammtausfuhr Ungarns in beiden Jahren 584.435 Centner betrug. Der Antheil von Buda- Peft an der Gefammtausfuhr Ungarns berechnet fich fonach auf 90 Percent des exportirten Quantums. Ungarn zählte im Jahre 1870 " " 15,076.997 Stück Schafe 1857 11,281.805 99 99 wonach fich die Anzahl derfelben um 3,795.192 Stück in dem gedachten Zeitraume fteigerte. Man nimmt an, dafs im Jahre 1871 und 1872 in Folge der naffen Witterung beider Jahre und namentlich in Folge der Ueberfchwemmungen, denen Niederungarn ausgefetzt war, ein Rückgang eingetreten fei. Ziffermäfsig läfst fich derfelbe bis jetzt nicht nachweifen, doch dürfte diefer Rückgang wohl kaum von grofsem Belange gewefen fein. Von der oben angegebenen Anzahl von 15.076.997 Stück Schafen kommen nach der 1870er Zählung 10,494.622 Stück auf die gewöhnliche Landrace, die aber nicht identifch ift mit der urfprünglich hier einheimifch gewefenen, fehr grobwolligen Race, und 4,582.375 Stück werden als veredelte bezeichnet. Nimmt man nun die Anzahl vom Jahre 1870 als Bafis und rechnet die Wollproduction auf 21 Pfund gewafchene Wolle per Kopf, was bei dem Ueberwiegen der Landfchafe wohl eher zu niedrig als zu hoch gegriffen fein dürfte, fo betrug die Wollproduction Ungarns in den angegebenen Jahren 376.925 Centner, von denen die Durchfchnittszahl von • geführt wurde, und für den eigenen Confum Lande verblieben. 99 aus. 300.000 76,925 Centner im Gehen wir nun auf unfere Tabellen über, fo war auch im Wollgefchäfte der Zeitraum bis 1816 eine Periode der grellften Contrafte und die Wirkung der erfchreckenden Finanz- und Geldverhältniffe wird illuftrirt durch die Thatfache, dafs in diefem Zeitraume die höchften und die niedrigften Wollpreife zweier Wollgattungen, die auch heute unter der gleichen Benennung im Handel noch vorkommen, folgende waren: Feine Einfuhrwolle. Höchfter Durchfchnittspreis 1811. niedrigfter 99 höchfter bezahlter Preis 1811 niedrigfter 1813 99 " 1813. • 1050 fl. in Bancozetteln, 63" 1200" 5°" 99 99 99 Einlöfungsfcheinen, refp. W. W. Bancozetteln, Einlöfungsfcheinen, refp. W. W. 6 Dr. Carl Th. Richter. Im Uebrigen waren die Durchfchnittspreife der Periode 1800 bis 1822 auf öfterreichifche Währung, ohne Berücksichtigung der Silbercurfe von damals und jetzt, reducirt folgende: Schafwolle Schafwolle fein mittelfein fein mittelfein 1800 82.10 53.25 1812 59.65 13.1801' 78.10 62.25 1813 31.75 16.85 1802 109.75 751814 67.1803 99.40 69.40 1815 173.30 1804 107.50 96.1816 147.30 1805 138.30 95.1817 102.1806 170.132.1818 118.10 1807 212.50 153-75 1819 123.40 1808 310.170.1820 74 30 1809 275.221.50 1821 86.1810 388.75 325.1822 96.90 1811 1050.712.50 In die Mitte der dreifsiger Jahre fällt für Ungarn das Ueberhandnehmen der Feinwollproduction. - Der Anfang der dreifsiger Jahre bildet überhaupt die günftigfte Periode, welche die ungarifche Wollproduction und der ungarifche Wollhandel bis zur Aufhebung der Zwifchenzoll- Linie hatte. Nicht nur waren die Preife fehr lohnend, fondern es hatte auch die Wollproduction fchon einen fehr beträchtlichen Umfang. Die Ausfuhr, welche bis 1820: 120.000 Centner niemals erreichte, hob fich zu Anfang der dreifsiger Jahre auf das Doppelte, und erreichte 1832 fogar 263.035 Centner, was auf einen Schafftand von etwa 14 Millionen Stück fchliefsen läfst. Diefes Quantum der Ausfuhr wurde bis 1850 nur einmal noch, nämlich im Jahre 1838, überfchritten, in welchem Jahre der Export Ungarns an Schafwolle die Höhe von nahe an 277.000 Centner erreichte. Die Friedensepoche, welche dem Jahre 1850 folgte und die durch den Krimkrieg nur wenig getrübt wurde, war der Wollproduction wieder aufser ordentlich günftig. Die Verarbeitung der Wollen nahm mit dem fteigenden Reichthume aller europäiſchen Culturvölker einen rapiden Auffchwung, und wenn von den vierziger Jahren gefagt werden konnte, dafs der Verbrauch nicht gleichen Schritt gehalten mit der Production, fo kehrte fich jetzt das Verhältnifs um, infofern als der bedeutend geftiegenen Nachfrage der Confumenten kaum genügt werden konnte. Die fünfziger und befonders der Anfang der fechsziger Jahre ift, was die Preife anlangt, die günftigfte Conjunctur unferer ganzen Epoche, wozu übrigens auch die Entwerthung der Valuta, fowie die Nachwirkungen des italienifchen Krieges beitrugen. Wenn das Jahr 1861 den Culminationspunkt der Periode von 1823 bis 1872 bildet, fo folgte demfelben bald wieder eine fehr flaue Periode im Wollgefchäfte, welche auf unferen Tabellen durch das beträchtliche Sinken der Preife illuftrirt wird. Der Urfachen diefer ungünftigen Conjuncturen find zwei zu nennen: einerfeits der amerikaniſche Krieg von 1861 bis 1865 und die Concurrenz der auftralifchen Heerden. Wurde der Ausbruch des Bürgerkrieges in Nordamerika der für den Export arbeitenden europäiſchen( befonders der deutfchen) WollwaarenFabrication aufserordentlich nachtheilig mit feinen Folgen, namentlich der Einführung eines Schutzzoll- Tarifes von unerhörter Höhe von Seite Amerikas: fo trugen die impofanten Maffen Wolle, welche in immer fteigender Progreffion in den fechsziger Jahren die europäifchen Märkte überfchwemmten, dazu bei, die Conjunctur noch mehr zu verfchlechtern. Die Preife fanken, abgefehen von der Periode von 1866, in welchem Jahre die Heeresausrüftung den Stand wieder beeinflusste, beinahe unabläffig bis 1869, Die Schafwolle. 7 in welchem Jahre bei dem Tiefpunkte von 100 bis 125 fl. für feine und 78 bis 98 fl. für mittelfeine Einfchur die rückgängige Conjunctur zum Stillftande gelangte. Seitdem ift diefelbe beinahe bis zum Schluffe des Jahres 1872 in beftändigem Steigen geblieben, denn einerfeits haben ungünftige Jahre, welche die auftralifchen Heerden decimirten, der rapiden Weitervermehrung der dortigen Heerden. Schranken gefetzt; anderfeits hat Nordamerika zwar feine Schutzzölle nicht wefentlich ermäfsigt, die dortigen Confumenten haben fich aber daran gewöhnt, die europäifchen Wollwaaren, welche fie nicht entbehren können, auch mit dem Auffchlage zu bezahlen, den die Schutzzölle zur Folge haben. Schliefslich ift der Beendigung des franzöfifchen Krieges neuerdings ein gewaltiger Auffchwung in der Erzeugung und dem Verbrauche von Wollwaaren gefolgt und fchliefsen die Preife der feinen Wolle im Jahre 1872 mit 138 bis 150 fl., während mittelfeine mit 120 bis 135 fl. bezahlt wurde.- Nachfolgend verzeichnen wir vom öfterreichifchen Platze die fünf- und zehnjährigen Durchfchnittspreife der feinen und mittelfeinen Einfchurwollen feit dem Jahre 1823. Feine Einichurwolle. Fünfjähriger Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichiſcher Währung. 1823 bis 1827 81.70) Zehnjähriger 1823 bis 1832 83.85 1828 1832 86.29 وو " 1843 1847 1837 1833" 1838 1842 II2.20 1833, 1842 1842 103.45 94.70( 96.1848 1852 113.50 1843" 1852 104.75 وو 1853" 1857 144.50 1858 1862 99 99 153.50 1853 1862 149.1863” 1868 29 1867 1872 128.( 132. 99 1863 1872 130. 130.99 Mittelfeine Einfchurwolle. Fünfjähriger Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichifcher Währung. 1823 1827 56.80 Zehnjähriger 1823 bis 1832. 63.65 1828 1832 59.50 99 1833" 1837 81.30 1833 1842 75.65. 1838 1842 70.ንን 1843 99 ” 1847 73.80 1848, 1852 92.60 1843 99 1852 83.20 1853” 99 1857 122.1858 1862 132.50( 1853" 1862 127.25 1863 1867 113.50 99 1868 99 1872 107.70 " 1863 1872 110.60 Zum Vergleiche laffen wir hier auch noch die Durchfchnittspreife der hochfeinen und Mitteleinfchur feit dem Jahre 1833 folgen. Hochfeine Einfchurwolle. Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichifcher Währung. Fünfjähriger 1833 bis 1837 Zehnjähriger 1838 1842 وو 1847 1843 m 1848 1852 29 134.44 164.80 1853" 1857 1858" 1862 182.89 1863 1867 158.23 " 1868 1872 151.69 99 144.82 130.38 1833 bis 1842. 137.70 124. 13 1843, 1852 129.28 1853, 1862 173.84 1863, 1872 157.96 8 Dr. Carl Th. Richter, Mittel- Einfchurwolle. Fünfjähriger Durchfchnittspreis in Gulden öfterreichifcher Währung. 1833 bis 1837 65.88 Zehnjähriger 17387 1833 bis 1842 57.46 " 1842 1843 1847 49.24 51.91 1848 1852 1853 m 1857 99 67.82 " 1543» 1852 59.86 1858 99 " 107.59 1862 117.72 1863 1867 96.02 1853 1862 112.65 , 1862 1863, 1872 92.09 1868 1872 88.16 27 Bei den oben erwähnten vier Gattungen Einfchurwollen ergeben fich nun bei den zehnjährigen Durchfchnittspreifen feit dem Jahre 1833 folgende Werthveränderungen: 1833 bis 1842: hochfeine 137.70 " 1863 1872: " 157.96 +20.26 14.8 Percent 1863 1872: " 1833" 1833, 1842: feine 1842 mittelfeine 103.45 130.+26.55= 25.7 - " 9 75.651 99 1863 1872: 110.60 +34.95 46.2 " 9 99 " " 7 1833 1842 Mittelwolle 1863 1872: 57.96 +34.5360.0 " 27 92. 9 Wie man fieht, ift die Steigerung des Werthes der Wolle abfolut und relativ bei den geringeren und geringften Wollen am bedeutendften und bei der hochfeinen am geringfügigften, was die Klage der Züchter, fie fänden bei der Production hochfeiner Wolle ihre Rechnung nicht mehr, vollkommen erklärlich macht. Die Handelsbewegung der Schafwolle für das ganze öfterreichifche Zollgebiet zeigt ſchliefslich nachftehende Tabelle einer mehr als zwanzigjährigen Periode. Einfuhr Ausfuhr Einfuhr Ausfuhr Jahr Jahr Zollcentner Zollcentner. 1840 40.495 160.253 18 58 161.059 188.0 55 1842 58.313 132.432 1859 188.230 279.740 1844 70.624 170.507 1860 218.955 247.819 1846 64.599 105.367 186 1 222.475 221.266 1848 25.282 62.736 1862 2 12.260 326.764 1849 76.4 19 85.816 1863 213.609 356.875 1850 95.821 117.525 1864 249-549 367.006 1851 IOI. 851 76.458 1865 2.19.909 374.051 1852 135.586 113.4 12 1866 2 17.288 331.8 10 1853 120.818 204.339 1867 324.522 280.358 1854 291.774 157.640 1868 294.033 297.758 1855 222.449 204.008 1869 265.250 246.337 1856 184.298 233.792 1870 216.809 193.927 1857 236.346 186.78 1 1871 365.407 270.79 I Im Jahre 1872 betrug die Gefammteinfuhr: 368.955 Zollcentner, die Ausfuhr 218.047 Zollcentner im Werthe von 24,152.000 fi. und 28,382.430 fl. Die Schafwolle. 9 Nach diefer Betrachtung der befonderen Verhältniffe eines Landes ift es wohl leicht erklärlich, dafs Rufsland und neben ihm noch Ungarn eine gefteigerte Wollproduction erwarten laffen mögen. Die übrigen Staaten Europas, zumeift Deutfchland, werden über kurz oder lang gezwungen fein, da Schutzzölle, welche man für das inländifche Product von mancher Seite verlangt hat, gewiſs nichts nützen werden, zur combinirten Woll- und Fleifchzucht mit dem dafür fo fehr geeigneten Rambouilletfchafe überzugehen. Die Fleiſchpreife find feit etwa dreifsig Jahren um mehr als das Doppelte geftiegen, und während die Wolle durch die Concurrenz der Fremde im Preife gefunken ift, geftaltet fich das Verhältnifs hinfichtlich des Fleifches gerade umgekehrt, da einmal der Confum im Inlande geftiegen und die Ausfuhr von Fettvieh zumeift nach England und Frankreich fich fortgefetzt vermehrt. Daher ift für Mitteleuropa und vielleicht auch für den Weften ficherlich der Satz geltend, dafs man wegen der veränderten Verhältniffe das Rambouilletfchaf auf Fleiſch züchten und die dabei fich ergebende Kammwolle allein gewinnen möge. Hochfeine Merinowolle zu erzeugen mufs jenen Wirthfchaften überlaffen bleiben, wo extenſive Cultur noch möglich, ja in Folge niederer Getreidepreife wegen zu grofser Entfernung von den Marktplätzen und Mangel an Verkehrsmitteln geradezu geboten ift. Dafs diefe bevorftehende Veränderung der Schafzucht auch andere Veränderungen nach fich ziehen wird, ift natürlich und wird insbefondere die Weidefütterung verbeffert oder bei Stallfütterung der Rübenbau ausgedehnt und der Betrieb induftrieller und landwirthfchaftlicher Gewerbe, welche gröfsere Maffen nährender Abfälle liefern, entwickelt werden müffen. Wenn wir nun zur Ausstellung der rohen Wollforten übergehen, fo wollen wir zuerft die Zahl der Ausfteller verzeichnen und dann die wichtigſten Ausftellungsobjecte hervorheben. Es rechtfertigt ja gerade diefe Zahl der Ausfteller, warum wir uns im vorhergehenden insbefondere mit Ungarn und der allgemeinen Darlegung der Verhältniffe befchäftigt haben. Es war nämlich Brafilien durch 3 Ausfteller, England, China und Uruguay durch je 1 Ausfteller vertreten. Frankreich hatte gleichfalls nur 1 Ausfteller, daneben aber Algier 24. Griechenland war durch 4, Portugal durch 2 Ausfteller und eine Collectivausftellung, Spanien durch 20, Italien durch 16, die Türkei durch 9 und Rufsland, freilich in fehr fchöner Weife durch 12 Ausfteller vertreten. Dagegen hatte Deutſchland in einer Collectivausftellung der Mecklenburg- Schweriner Schafzüchter, in einer anderen der fchlefifchen Landwirthe und durch 18 felbftftändige Ausfteller feine Wollproduction zu veranschaulichen gefucht. Oefterreich war durch 12 felbftſtändige Ausfteller und durch die Collectivausftellung der landwirthfchaftlichen Geſellſchaft für Kärnten mit 42 Theilnehmern vertreten. Ungarn aber hatte 76 Ausfteller, eine Collectivausftellung des Prefsburger landwirthfchaftlichen Vereines mit 4 Theil nehmern und des Siebenbürger Agriculturvereines mit 7 Theilnehmern. Wollte man all' die ausgeftellt gewefenen Sorten befchreiben, fo würde man dafür mehr Raum brauchen, als dem gefammten Berichte eingeräumt ift. Wir heben daher nur die wichtigften Ausfteller hervor. England hatte, wie bereits erwähnt, feine eigene Wollproduction nicht vertreten, fie war allein ergänzt durch die auftralifche Wolle und die Wolle von Uruguay. Das find ja die grofsen Bezugsorte und bezieht heute von England die unter dem Gefammtnamen der Buenos- Ayres- Wolle in den Handel kommenden Wollforten der La Plata- Staaten auch Frankreich, Belgien, Deutfchland und Oefterreich diefes Product. Die durchſchnittliche Wiederausfuhr der fremdländifchen Wolle von England betrug 1870 mehr als 102 Millionen Pfund. Durch die Vervollkommnung der Klettenmaschinen laffen fich ja heute fchon diefe Wollarten in der Art veredeln, dafs man das daraus gewonnene Garn zu Nouveautés aller Art verwenden kann. Selbft für den Laien waren daher auch die von J. H. Angas, Esq. Collingrove, ausgeftellten Wollforten aus Südauftralien von Originalracen 10 Dr. Carl Th. Richter. gleich intereffant und ebenfo die durch Kreuzung von Leiceſterböcken und Merino fchafen erzeugte Wolle. Photographien der einzelnen Racen zeigten zu gleicher Zeit die Schafe, von denen diefe Wolle gewonnen. Die von zwei Ausftellern aus Uruguay gebrachte Wolle zeigte nichts Befonderes. Es waren übrigens Wollforten, lang und kräftig im Haar und von ganz achtbarer Ausgeglichenheit. Frankreich producirt, wie wir bereits angegeben haben, felbft bedeutende Mengen Wolle aller Art. Auf der Ausftellung zeigte es diefsmal nichts Befonderes. Dagegen waren die algerifchen Wollen, zumeift jene aus Conftantine, beachtenswerth. Die Firma Toiffon& Bellière, dann Romain Guillaume haben folche in Vliefsen und gewafchen vorgelegt. Es ift fehr beachtenswerth, dafs Frankreich für die Production der feiner Induftrie nothwendigen Rohftoffe, fo weit Algier dafür ausreicht, feiner Colonie alle Aufmerkfamkeit zuwendet. Frankreich war es, welches zuerft die verfchiedenen Regionen des Bodens und des Klimas von Algier in Verbindung mit der Schafzucht unterfuchte und auszunützen trachtete. Danach züchtet man heute im Often Algiers langhaarige und glänzende, im Weften und im Innern kurze, aber feine Wolle, während man auf den Hochebenen und zumeift durch die europäifchen Coloniften die Fleifchzucht und Maftung betreibt. In der That fteigt auch mit jedem Jahre, wie bereits erwähnt, nicht nur der Export der Wolle, fondern auch der Export des Maftfchafes. Im Jahre 1869 betrug der Export 236.425 Stück, im Jahre 1872 dagegen fchon 655.642 Stück. Von gröfserer Bedeutung waren die ausgeftellt gewefenen Wollforten Rufslands. Rufsland hat fich feit Langem das Ziel gefteckt, feine theilweife noch fo dünn bevölkerten und fruchtbaren Länderftrecken durch die Wollproduction zu einem höheren Ertrage zu bringen. Schon im Jahre 1827 hat der damalige Minifter Volkanskoy in Krasnoye- Selo eine landwirthschaftliche Schule mit einer Meierei errichtet, auf der durchfchnittlich 250 Bauernknaben ihre Ausbildung erhalten, um dann als Auffeher in verfchiedenen Gemeinden angeftellt zu werden. Zum grofsen Theile find freilich heute noch, wie diefs auch die Ausftellung in zahlreichen, aber forgfältig hergerichteten Muftern zeigte, die ruffifchen Wollen von geringerer Qualität. Daneben aber fah man fchon ganz vorzügliche Merinowolle von dem feit längerer Zeit acclimatifirten fpanifchen Schaf, dann Leiceſterwolle, welche in Schönheit, Glanz und Ausgeglichenheit des Stapels nichts zu wünſchen übrig liefsen. Die deutfche Wollinduftrie wird feit den letzten Jahren arg von der überfeeifchen Wolle, von der ruffifchen und ungarifchen Wolle bedrängt und ift gar kein Zweifel, dafs gerade in Deutfchland der Uebergang zur combinirten Fleiſchund Wollzucht forgfam und rafch wird durchgeführt werden müffen, um einen Theil der landwirthfchaftlichen Rente nicht ganz den Chancen des Handels zu überliefern. Da übrigens Deutfchland feinen Bedarf an Kammwolle nur in ganz geringer Menge zu decken vermag, fo dürfte die allgemeine Einführung des Rambouilletfchafes, das die vortrefflichfte feine Kammwolle liefert und dabei auch grofse Fleifchmengen anfetzt, gewifs den heutigen Verhältniffen am beften entfprechen. Dafs Deutſchland den Bedarf der Zeit und die Bewegungen der Production wohl erkennt, das zeigt in einer ganz beftimmten Richtung die reiche Ausstellung von fogenannter Kunftwolle, der Shoddy- und Munghogarne, deren wir hier gleich gedenken wollen. Der Verbrauch diefer Kunftwolle ift ein fehr bedeutender und wird diefelbe zumeift in den Tuch- Fabricationsbezirken, dann in Berlin, Linden, Worms und Würzburg in grofsen Mengen für die Erzeugung der fogenannten Moskowas, Tricots, Rips, Pilots u. f. w. verwendet. Die Winfener Wollfabrik bei Hannover erzeugt heute faft 23.000 Centner Kunftwolle für Deutfchland, Holland, Rufsland, Schweden und Norwegen und felbft auch für England, das, wie bekannt, felbft grofse Mengen diefer Wolle erzeugt und verbraucht( 40 Millionen Pfund). Walkenberg& Schön in Worms verbrauchen heute 25.000 Centner Lumpen für Die Schafwolle. 11 20.000 Centner Kunftwolle. Gleichbedeutend ift nach diefer Richtung Hahn und Huldfchinsky in Berlin, D. Quentin in Aachen u. f. w. Die Ausftellung diefer Kunftwoll Sorten zeigte ein ganz vorzüglich aufgearbeitetes Material und ein gleich gutes daraus hervorgebrachtes Garnproduct. Was nun die reine Wolle felbft anbelangt, fo find die Hauptproductions. Orte, wie bekannt, die Provinz Preufsen, Pommern, Pofen, Preufsifch- Schlefien und Mecklenburg. Die Gefammtproduction wird 700.000 Centner gefchätzt, von der 250.000 Centner an die Fremde abgegeben, wofür aber 900.000 Centner fiemde Wollen eingeführt werden. Die jährlich in Deutfchland fomit verarbeitete Wolle mag 1,350.000 Centner erreichen. Die von dem Mecklenburger landwirth fchaftlichen Vereine ebenso wie von der fchlefifchen Collectivausftellung ausgeftellten Wollforten waren unbedingt die fchönften und beften und zeigten eine fehr grofse Weiche und Reinheit. Die feinften Wollen des Breslauer Marktes erreichen bei guter Wäfche den Preis von 120 bis 130 Thaler per Centner. Der fo wichtige Handelsplatz für Schlefien deckt heute den gefammten Bedarf Deutfchlands an hochfeiner Wolle. Sehr lehrreich war auch ein von der landwirthschaftlichen Akademie Proskau in Schlefien ausgeftelltes fyftematifch geordnetes Wollcabinet für Lehrzwecke. Am Schluffe erwähnen wir noch die Wolle in Vliefsen und Proben verfchiedener Schafracen der akademifchen Gutswirthschaft, der landwirthschaftlichen Akademie zu Eldena und die Kamm- und Spinnwolle des Centralvereines Eldena, die den Ruf der landwirthfchaftlichen Akademie und die Sorgfalt der Behandlung der Unterrichtsmittel vollkommen rechtfertigten. In Betreff O efterreichs haben wir uns des Weiteren bereits ausgefprochen, es ift nur zu erwähnen, dafs die von Ungarn ausgeftellten Sorten durchwegs fehr beachtenswerth waren. In erfter Richtung ist zu nennen die Merinowolle aus den Schäfereien von Baron Sina, die an Schönheit der beften fpanifchen Wolle nicht nachftand, dann die Vliefse und Wollforten von den Gütern der Grafen Alois Karoly, Zichy und Feftetics, welche alle zeigten, welch' grofse Aufmerkfamkeit man noch immer der Cultur der feinen Schafe und der Verbefferung der Race zuwendet. Unter den böhmifchen Ausftellern waren die Wollproben und Vliefse der fpanifchen Schafherden der Güter Nachod und Ratibořitz, dem Prinzen Wilhelm von Schaumburg- Lippe gehörig, bemerkenswerth. Man rechnet dort 45 Wolle Schurgewicht. Gleichbedeutend waren die Wollvliefse, welche Graf Schaffgotfch von Wildfchütz aus Schlefien ausftellte, dann jene des Freiherrn v. Mundi, durch eine Electoral- Negrettikreuzung erzeugt, u. f. w. Die Wollgarne. Was die Wollgarne anbelangt, fo befchränken wir uns auf eine allgemeine Charakteriſtik der Lage der Verhältniffe, da bei der überaus reichen Befchickung der Ausftellung und bei dem grofsen Gebiete, das wir noch zu betrachten haben, eine Detaillirung nur zu weit führen würde. Die Wollgarne zerfallen, wie bekannt, in Kammgarne und in Streichgarne. Kammgarne find folche Garne, zu welchen nur eine lange, gekämmte Wolle verwendet wird, und welche dadurch, weil die kurze Wollfafer ausgefchieden wird, theuerer kommt; ferner ift Kammgarn nicht walkfähig und wird nur zu Stofdurch die lange fen, welche nicht gewalkt oder gerauht werden, verwendet- Wollfafer läfst fich Kammwolle bis zu Nr. 200 fein fpinnen. Diefes Kunftftück hat für die praktische Induftrie übrigens keine Bedeutung. Hauptnummern find von Nr. 24 bis 60. Tonangebend ift, und den Weltmarkt beherrfchend, die Kammgarn- Spinnerei Frankreichs mit dem Hauptfitze in Turcoing, Roubaix und Amiens. Nächft Frankreich hat die bedeutendften Kammmgarn- Spinnereien Deutfchland fie concurriren, je nach der gefchäftlichen Conjunctur in Frankreich, mit Leichtigkeit mit Frankreich. Obenan fteht das Elfafs, Süd- Deutfchland, dann Sachfen. Auch die Rheinprovinz hat einige grofse Spinnereien aufzuweifen. 12 Dr. Carl Th. Richter. - Oefterreich hat eine ganz unbedeutende Kammgarn- Spinnmanufactur, die nicht den vierten Theil des öfterreichifchen Bedarfes deckt fie ift durch drei grofse Etabliffements( Vöslau, Liebig& Comp. und Schmieger in Falkenau) gut repräfentirt und ift mit Deutſchland concurrenzfähig. Der Grund liegt freilich nur in der günftigen Lage der öfterreichiſchen Spinnereien für ihren Wolleinkauf, welchen fie auf den ungarifchen Wollmärkten decken. Die öfterreichifche Kammgarn- Spinnerei ift hauptfächlich in den Qualitäten B und C entwickelt, während Deutfchland in A und AA- Qualität in Folge der gut gezüchteten preufsifchen und fchlefifchen Wollen excellirt. Italien hat eine einzige grofse leiftungsfähige Kammgarnfpinn- Firma, Roffi in Vicenza. Die Schweiz producirt in Schaffhaufen feit einigen Jahren mit grofsem Fleifs gute hochnummerige Kammgarne. Rufsland ift unbedeutend. England hat, wie bekannt, die gröfsten Wollgarn- Spinnereien, aber weniger für Kammgarn als für fogenannte Weft garne, die wie Streichgarn gefponnen, jedoch ein fprödes, glänzendes Material zur Grundlage haben, und für welche die fogenannten Soutte Sown- Schafe in England und Schottland die Wolle liefern. Mit diefen Weftgarnen beforgt England den eigenen und den übrigen Weltmarkt. Der Verbrauch diefer Garngattung ift ein ganz koloffaler, denn folches Garn wird faft zu dem gröfsten Theile der Damenkleider- Stoffe verwendet, zu den fogenannten Orleansftoffen, den Mode- Kleiderftoffen, die in Deutſchland in Glauchau und Meerane, in Oefterreich in Afch und Auffig fabricirt werden. Auch in Oefterreich liefert die Spinnerei der Firma Johann Liebig& Comp. in Reichenberg Weftgarne( die einzige Weftgarn- Spinnerei des Continentes). Liebig hat mit Glück es verfucht, die fiebenbürgifchen Zigaya- Wollen zu Weft garnen zu verfpinnen. Streichgarne werden in der ganzen Welt, die fich mit Fabrication überhaupt befafst, gefponnen. Hier ift der Sitz der gröfsten Spinnereien Verviers in Belgien.- Verviers verarbeitet( durch die Wollauctionen in Antwerpen) meift La Plata und Buenos- Ayres- Wollen. Die Spinnerei ift in Verviers fo techniſch ausgebildet, dafs fie in der Lage ift, das fchlechtefte Material zu einem für gewiffe Zwecke paffenden Faden zu verfpinnen. Verviers beherrscht den Weltmarkt und dominirt fo, dafs die deutfchen und öfterreichifchen fehr guten Streichgarn- Spinnereien in eine fehr prekäre Lage gekommen find und es hat fich längft herausgeftellt, dafs unter dem Drucke der belgifchen Concurrenz die öfterreichiſche ziemlich gut entwickelte Streichgarn- Induftrie zu Grunde gehen muſs. Deutfch lands kleinere Spinnereien in Streichgarn find in der gleichen Lage, nur die Streichgarn- Spinnereien in Rheinpreufsen( in Aachen: Leunep etc.) halten fich noch auf der Höhe der belgifchen Concurrenz. England und Frankreich beziehen ihren Streichgarn- Bedarf aus Verviers und haben den Kampf mit der belgifchen Concurrenz fo ziemlich aufgegeben. Nur da, wo es fich um ein reines, klettenfreies Material handelt, wie es zu der Feintuch- Fabrication nothwendig ift, und zwar nur in Verbindung mit der Tuchweberei, können fich die aufserbelgifchen Streichgarn- Spinnereien erhalten. Die Production und der Export in und um Verviers ift ein ganz riefiger ich verweife hier auf die Handelskammer- Berichte aus Verviers. - Die öfterreichifchen Spinnereien haben es auch verfucht, die Antwerpener Auctionen zu befuchen, doch fcheinen die Verfuche nicht glücklich aus gefallen zu fein. Die deutfchen und öfterreichifchen Streichgarn- Spinnereien müffen fich darauf befchränken, Specialitäten von guten Streichgarnen( aus deutfchen, ungarifchen oder Auftralwollen) zu liefern. Es fehlt der deutfchen und öfterreichifchen Spinnerei die Gelegenheit, wie in Verviers mit Hilfe grofser Wollhäufer paffende Wollen in grofsen Quantitäten jederzeit und fchnell herbeizufchaffen. Die Fracht der ungewafchenen La Plata- Wollen von Antwerpen nach Oefterreich( da die Wollen gewafchen nur 30 Percent reine, fettfreie Wolle per 100 Pfund ungewafchen liefern) fällt fchwer ins Gewicht. Die Schafwolle. 13 Hiezu tritt noch die ausgebildete Spinntechnik und gute Mafchinen der Vervierer Spinner, welche gleichfalls den belgifchen Garnen ein grofses Uebergewicht fichern. Italien und Rufsland zählen in Folge ihrer wenig entwickelten Spinninduftrie nicht. Auf der Ausftellung waren nun alle diefe Richtungen vertreten, aber keineswegs in befonders hervorragender Weife. Zählte doch Frankreich nur drei Ausfteller aus Tourcoing, Belgien nur vier aus Verviers. Am bedeutendften waren fonft die Streichgarn- Spinnereien Rheinpreufsens vertreten und Oefterreich durch Alles, was es auf diefem Gebiete nur aufzuweifen hatte, Grofses und Kleines, Gutes und nicht Bedeutendes zeigend. Es genüge hier, da befondere Fortfchritte in der Schafwoll- Spinnerei nicht zu verzeichnen find, die allgemeine Charakteriſtik. Zum Schluffe können wir uns einer Bemerkung nicht enthalten; wir müffen fie zu unferer eigenen Rechtfertigung ausfprechen. Für die fchwierigften Gebiete der Induftrie vermag man mit Leichtigkeit oft einen erfahrenen Gefchäftsmann für die Berichterstattung zu gewinnen. Ich weifs nun nicht, ob es eine Intereffenfrage oder was immer ift, ich weifs nur, dafs ich auf viele Einladungen, den Bericht über Wolle zu fchreiben, fehr kurze aber bündige Ablehnungen erhalten habe. Es blieb fomit die Berichterftattung der Redaction felber überlaffen und mufste ich meine theoretifchen Aufzeichnungen, die Sammlungen des ftatiftifchen Materiales, welches die Ausftellung bot und die freundliche Aufklärung einiger Ausfteller einzig und allein benützen, um in der karg gemeffenen Zeit, welche mir neben der Redaction des officiellen Berichtes und der vielfachen Correcturen und neben den von mir amtlich übernommenen Berichterstattungen und meiner Berufspflicht übrig blieb, diefen fchwierigen Bericht zu bearbeiten. Wenn ich dabei Manches überfehen, manchen Ausstellungsgegenftand nicht beachtet habe, fo wird es der erfahrene Fachmann wohl zu entfchuldigen wiffen. Vielleicht biete ich ihm in dem Berichte ein literarifches Material, welches bei der Maffe der Gegenstände, die zu prüfen waren, gerade ihm vielleicht entgangen ift. SCHAFWOLL- GEWEBE. Bericht von C. FALK, DR. CARL TH. RICHTER, Director der Kammgarnfpinnerei zu Vöslau. k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Es gibt wohl kein Gebiet der gefammiten Textilinduftrie, welches an Alter ebenfo wie an Wichtigkeit für den nationalen Reichthum Europas der Schafwoll Weberei gleich käme. Millionen von Arbeitskräften find in Europa fowohl bei dem induftriellen Betriebe wie bei der häuslichen Weberei und Erzeugung von Schafwoll- Waaren befchäftigt und können, wenn wir die Wirkwaaren- Induftrie auch vollkommen ausnehmen, einen Antheil am volkswirthfchaftlichen Reichthum für fich in Anspruch nehmen, wie kein anderer Induftriezweig. Nicht nur für Europa auch für Amerika, insbefondere die Vereinigten Staaten wird diefe Induftrie immer wichtiger. Und kaum wird mehr als ein Jahrzehnt vergehen und Amerika dürfte von feinen Rohftoffen nicht nur nichts mehr abgeben an die Fremde, fondern von derfelben noch beziehen. Wie grofs nun aber diefe Bedeutung der Schafwoll- Induſtrie auch fein mag, der Berichterstatter dürfte doch kaum in der literarifchen Behandlung derfelben eine Lücke und für fich kaum genug finden, um etwas Neues oder Bedeutungsvolles 14 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. der Gefammtheit mitzutheilen. So grofs ift die wiffenfchaftliche Literatur des Gebietes und zu gleicher Zeit die allgemeine Vertrautheit und Kenntnifs der hier zu behandelnden Gefchäfte, Arbeitszweige und Producte. Die WeltausftellungsLiteratur, insbefondere die officiellen Berichte, haben viel zur Verbreitung der eben berührten Kenntnifs beigetragen und haben in glücklicher Weife die literarifche Betrachtung feit dem letzten Menfchenalter, feit der Weltausftellungs- Zeit nur auf die Fortfchritte der Induftrie eingefchränkt. In diefer Richtung hat der öfterreichifche officielle Bericht über die Parifer Weltausftellung 1867, um ihn nur mit einem anderen zu vergleichen, den Bericht Deutfchlands bedeutend über ragt, indem die Referenten, erfahrene Gefchäftsmänner, nicht nur die kräftigen oder dünnen Fäden des Fortfchrittes der gefammten Induftrie zufammenfafsten, fondern überhaupt die ganze Lage derfelben, die Summe aller Verhältniffe, welche die verfchiedenen Länder charakterifiren, wenn auch überwiegend nur Oefterreich behandelnd und den öfterreichifchen Intereffen dienend, darftellten. Wenn man nun diefen einen Abfchlufs der literarifchen Betrachtung der Schafwoll- Induftrie vor Augen hat, fo wird es jedem, der die Verhältniffe kennt, einleuchten, dafs wir für den gleichen Zweck, für die Zufammenfaffung der Fortfchritte der Induftrie in den letzten fünf Jahren, welche nach dem officiellen Programme der Bericht über die Wiener Weltausftellung zu geben hat, in der That nur ein geringes Material zur Verfügung haben. Die technifche Seite der Induftrie, das Mafchinenwefen, das fortfchreitend das Neue erzeugt, gehört nicht zu unferer Aufgabe, und hat in Profeffor Zeman einen für Gruppe XIII, Section 2 erfahrenen Referenten. Die Vollendung des Productes, das Product felbft aber bietet der Betrachtung einen geringen Spielraum. Die Maffe der Erzeugung ift felten anzugeben, die Zahl der befchäftigten Webftühle bei der SchafwollInduftrie ebenso wie die Spindelzahl bei der Schafwoll- Spinnerei im Allgemeinen nicht wie bei der Baumwoll- Spinnerei und Weberei genau find allgemein fichergeftellt. Die Handelsbewegung nach den allgemeinen Ziffern der ftaatlichen Bilanzen endlich ift doch nur dann von Intereffe und von Bedeutung, wenn die Art der in Handel gebrachten, hier exportirten, dort importirten Stoffe genau und detaillirt angegeben ist. Das aber ftand uns nicht zur Verfügung, und wir mufsten daher auch in diefer Richtung auf den fchönen Schmuck eines Berichtes verzichten. Es blieb uns daher nur Eines übrig. Den Charakter der Induftrie der einzelnen Länder konnten wir hervorheben und dabei die zur Geltung gekommenen Ausstellungsobjecte einzig und allein als Grenze und als Ziel unferer Betrachtung hinftellen. Wir verfuchen dann, die Refultate der Parifer Ausstellung vorausfetzend, zu zeigen, wie diefer oder jener Artikel in dem einen oder dem anderen Lande zur Bedeutung gekommen oder gröfsere Bedeutung gewonnen hat, wie diefer oder jener Arbeitsprocefs fich mehr oder weniger an den verfchiedenen Productionsorten entwickelt hat. Wir überfchreiten dabei nur dort den Rahmen der Ausftellung, wo die Vernachläffigung derfelben ein ganz ungenü gendes und unrichtiges Bild der gefammten Induftrie eines Landes geben würde, wenn man dabei der Vorftellung Raum gewährt, dafs die Ausftellung eines Landes eben zu gleicher Zeit das ganze Land mit feinem ganzen Können darftellen foll. Diefs haben wir vorausfchicken müffen, um einerfeits das enge Bild, das wir allein geben können, zu rechtfertigen und anderfeits zu erklären, warum wir die verfchiedenartigen Gewebe der Kammgarn- Spinnerei zum Unterfchiede von jenen des Streichgarnes nicht felbftftändig behandeln und in beiden wieder nicht einzelne befondere, hervorragend bedeutende Artikel, wie diefs bei ähnlichen Gelegenheiten der Berichterstattung öfter der Fall war und wofür z. B. Teppiche und Möbelftoffe für die Kammgarn- Gewebe ebenfo günftige Gelegenheit geben als Tuch, Cachemire und fo weiter für die Streichgarn- Gewebe, betonen und des Weiteren ausführen. Die Verhältniffe der Induftrie in jenen Zweigen, in welchen die Knnft ein befonderes Moment bildet, wie bei Teppichen und Möbelftoffen, oder die Chemie die Wahl der Farben und die Färbung felbft beeinflufst, find fchon heute Schafwoll- Gewebe. 15 jedem Gebildeten fo klar und vertraut, dafs es nur eine überflüffige Wiederholung wäre, wollten wir noch einmal den Ernft Englands, die bewegliche Phantafie Frankreichs, die das Unmögliche möglich und bei einem Sitzkiffen, bei einer Rückenlehne oder einem Teppich die Momente menfchlicher Zärtlichkeit oder den bluttriefenden Raub eines Löwen- oder Tigermahles zum Gegenftand nimmt, als bedenkliche Richtung, oder den glücklichen Wurf der Mufter in den verfchiedenften Zweigen der Webeftoffe, wie er Oefterreich feit längeren Zeiten auszeichnet, als günftig charakterifiren. Wir können bei diefen einzelnen Zügen und charakteriftifchen Momenten der Induftrie auch in der zufammenfaffenden Art unferer Betrachtung, wo fich das Aufsergewöhnliche, Richtige oder Unrichtige zeigt, der Sache vollſtändig genügend, innehalten. Nur die Shawls und die Shawlinduftrie fcheiden wir aus unferem Referate aus und überlaffen diefelbe der kundigen Feder eines Specialiften. Die Shawlinduftrie ift ja keine einem Lande befonders angehörige, fie gehört, wir können es wohl fagen, der Welt an und ſteht mit ihren Muſtern wie mit ihrer ganzen Gefchichte in einer Culturwelt, welche mit der modernen Induftrie Europas, wie hoch diefelbe auch die Shawlfabrication, zumeift was das Maffenproduct anbelangt, gehoben haben mag, nur in einem lofen Zufammenhange. Charakterifiren wir zuerft die Ausftellung der Schafwoll- Waaren im Allgemeinen. Ein ftattliches und werthvolles Contingent haben England, Frankreich, Deutſchland und Oefterreich gefendet, um einen der mächtigften Zweige ihrer Induftrie zu zeigen. Nach Qualität und Quantität ftehen diefe Staaten auch an der Spitze der Schafwoll- Induftrie. Belgien und Italien haben zwar auch eine nicht unbedeutende und zumeift durch eine rafche Entwicklung fich charakterifirende Schafwollwaaren- Fabrication, aber fie werden in unferer Betrachtung bedeutend zurückgedrängt, weil fie auf der Ausftellung nur fehr fchwach vertreten waren. Rufsland und alle übrigen Staaten Europas, in denen Schafwoll- Waaren erzeugt werden, find noch zu fehr in der Entwicklung begriffen und bemüht, den Boden einer grofsen Induftrie zu bereiten und die Kräfte dafür zu erziehen. Man kann die ausgeftellten Fabricate diefer Staaten auch nur von diefem Standpunkte aus beurtheilen. Von den anderen Welttheilen hatte Amerika feine immer kräftiger heranwachfende Induſtrie nur fehr fpärlich, Afien durch die Türkei, Perfien und China nur einfeitig mit den der Hausinduftrie angehörigen Teppichen die Schafwollwaaren- Fabrication zur Vertretung gebracht. Wir beginnen in dem Folgenden mit England und laffen Frankreich, Deutfchland und Oefterreich folgen. An diefe wichtigften Länder der Schafwollwaaren- Fabrication reihen fich die übrigen Länder je nach ihrer mehr oder minder bedeutenden Vertretung auf der Weltausftellung in ihrer Gefammtheit an. Doch trennen wir die europäifchen Staaten von denen Amerikas und Afiens. England ift der hervorragendfte Induſtrieftaat Europas und feine Schafwoll- Waaren bilden ein fo bedeutendes Product, dafs auch in diefer Richtung das grofse Infelreich an der Spitze fteht. Es hat die Schwierigkeiten, welche der Welthandel zu überwinden gebietet, längft überwunden, es hat billiges Geld, es hat billige Kohle, es hat getheilte Arbeit, grofse Kaufleute und Commiffionäre, welche durch Jahrzehnte fchon den Export nach den Ländern Europas ebenfo wie nach überfeeifchen Ländern mit Sorgfalt gepflegt, es hat allenthalben gute Handelsverbindungen, welche die Entwicklung feiner Induftrie durch einen lebendigen Handel dauernd befördern und es findet jeder Kaufmann in der Fremde einen kräftigen und nachdrücklichen Schutz durch die Regierung. Das find die Mittel, welche Englands Grofsinduftrie für die ganze Welt mächtig gemacht und für lange Zeit fo kräftig erhalten haben, dafs alle Concurrenz leicht befiegt und die Herrfchaft dauernd erhalten wurde. Das find die Mittel, welche Englands 16 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. Induftrie, felbft wenn fie in einzelnen Branchen erlahmt oder zu erlahmen fcheint, oder endlich in der Entwicklung ftille fteht, doch noch lange allen anderen gegenüber übermächtig erhält. Und die englifche Schafwoll- Induftrie fcheint in diefen letzten Zuftand gerathen zu fein. Wenn auch die angefehenften Firmen der englifchen Schafwoll- Induftrie auf der Ausftellung nicht vertreten waren, fo boten doch die Ausftellungsobjecte ein genügendes Bild, um über den heutigen Stand derfelben ein ausgiebiges Urtheil, welches unfere obige Anficht rechtfertigt, zu verfchaffen. Die vorhandenen Tuche und Modeftoffe für Männerkleider conftatirten nicht den geringften Fortfchritt, weder was die Mannigfaltigkeit der Artikel, noch die Deffins und Gefälligkeit derfelben anbelangt. Die fchwere Arbeit und Solidität ift ihnen wohl eigen, allein, mit der bekannten Brünner Waare verglichen, fehlt den Stoffen durchgehends die Eleganz. Freilich waren zumeift leichte und billige Waaren ausgeftellt. Während die Männerkleider- Stoffe, trotzdem England feine fehr paffenden Garne aus Port- Philipp- Wollen, welche glatte, naturglänzende Waare liefern, befitzt, in Deffin, Farbe und Ausführung auffallend hinter den erwähnten Brünner Erzeugniffen geblieben find, übertreffen hochbedeutend die Flanelle und derartigen Erzeugniffe Frankreichs und Oefterreichs in Stoff und Mufter jene von England. Die feineren Waaren, Rock- und Hofenftoffe, von Birhall& Comp. Leeds, hatten wohl eine ſchöne Melirung, die Struke und Toskings von Strachan & Comp. fchöne, dunkle Farben. Die Flanelle von Blitt and Son waren gleichfalls ganz hübfch, aber das ganze ohne jede Bedeutung. Am gelungenften waren noch die verfchiedenen Melangen- Tuchftoffe und Imitationen von Pelzwerk und Aftrachan, wie fie Zoffenheim and Brothers mit fchönem Glanz und tiefer fchwarzer Farbe ausgeftellt hatten. Schön waren auch die Plüfche und Egalifirungstücher, die grofse Solidität und wie die glatte Tuchwaare überhaupt fchöne Arbeit und gute Appretur auszeichnet. In Cheviots, leicht gearbeitete, meiftens mit Kunftwolle oder anderen Surrogaten gemifchte billige Waare, welche trotz ihrer geringen Haltbarkeit doch gern getragen und viel begehrt werden, zeigte England dagegen ein Product, mit dem es zumeift der Brünner Induftrie fchwere Concurrenz bereitet. Die Damenkleider- Stoffe und Damenmode- Waaren aber, wie fie in einer ziemlich reichen Sammlung von mehreren Firmen ausgeftellt waren, brachten durchwegs älteren Gefchmack zur Geltung und fcheinen überhaupt nur für den grofsen Confum berechnet zu fein. Unter allen aber war nicht ein hervorragendes Stück zu bemerken. England reuffirt danach, da es mit feiner Gefchmacksrichtung, wie es fcheint, weniger als fonft dem Bedarfe des Weltmarktes entſpricht, mehr durch feine gleichmässig getheilte und daher ungleich billigere und beffere Arbeit und natürlich auch durch feine geficherten Abfatzgebiete. Solange daher diefe Handels- und Fabricationsbedingungen von den anderen Staaten nicht erreicht find, wird England, wie wenig es auch im Gefchmack fich entwickelt, doch den Weltmarkt behaupten. In Reifedecken und Plaids wie fie z. B. B. Heppwoth and Son, NewWakefield Mills, ausgeftellt und von keiner ähnlichen Ausftellung übertroffen wurde, mufs man eine rühmliche Ausnahme conftatiren. Gleich rühmlich ift die englifche Teppichfabrication hervorzuheben. Auf das äufserfte folid und ſchwer in der Arbeit, ruhig und gediegen im Mufter, vollkommen in den Farben, gebührt den englifchen Teppichen heute noch der erfte Rang. Velours und Brüfsler, Kidderminſter und Laufteppiche in allen Farben und Stilarten und in den gelungenften Muftern brachte die Ausftellung. Die Velours und Brüfsler Teppiche werden der Mehrzahl nach auf Handftühlen nach Art der gewöhnlichen Sammte erzeugt. Die in der ganzen Breite des Stoffes über eingefchobenem Draht erzeugten Mafchen werden, nachdem der Draht herausgezogen, aufgefchnitten und geben fo den Velourteppich oder bleiben unaufgefchnitten, fo dafs nach herausgezogenem Draht die Mafchen eine Röhre bilden und geben fo den Brüfsler Teppich. Halifax und Glasgow bilden den Hauptfitz diefer Fabrication und - Schatwoll- Gewebe. - 17 diefe Firma John Lewes in Halifax, James Templeton and Comp. in Glasgow zumeift mit Renaiffancemuftern dann Coock Sons and Law in London mit Velourteppichen in perfifchem und maurifchem Gefchmacke, zeigten das Vorzüg lichfte, was man auf der Ausftellung in diefer Art fehen konnte. Die Kidderminſter Teppiche werden zum Theil noch auf Handftühlen, zum gröfsten Theile aber fchon auf mechanifchen Stühlen erzeugt. Sie befitzen keinen Flor in der gewöhnlichen Sorte, haben aber zwei benutzbare Seiten, fo dafs die Farbe des Grundes auf der einen Seite zur Farbe des Mufters auf der anderen Seite wird, die Farbe des Mufters dagegen auf der einen Seite zur Farbe des Grundes auf der anderen fich geftaltet. Die Kidderminſter Teppiche find theils Salonteppiche im Ganzen, theils als Stückteppiche gewebt, die dann zufammengenäht werden. Die Teppiche mit weifsen Figuren auf rothem Grunde waren, wie grell in der Farbe, doch aufserordentlich fchön. Brinton& Comp., Wartons and Sons in Kidderminſter waren fehr beachtenswerthe Firmen. Eine Specialität brachte England mit den gefilzten Teppichen, welche mit Muftern bedruckt waren, deren Zeichnung den gewebten Teppichen nachgeahmt war. Frankreich bleibt trotz der Erfchütterungen, die es in den letzten Jahren erfahren, das Land, welches auf dem Boden der Induftrie die Herrfchaft der Mode führt. Nach Frankreich wendet fich der Reichthum aller Staaten, ja felbft der bürgerliche Wohlftand, um feinen Luxusbedarf zu decken. Durch diefes im Laufe der Zeit ausgebildete und fchon lange die Welt beherrschende Moment ift Frankreich fo ftark und kräftig geworden, dafs in Modewaaren, in Nouveautés, welche nicht nach ihrem Werthe, fondern mit Liebhaberpreifen bezahlt werden, Niemand mit der Herrfcherin der Mode concurriren kann. Wir müffen die Welt mit unferem Gechmacke bekriegen und durch die Mode unterwerfen, fchrieb Colbert an Ludwig XIV. Und es ift Wahrheit geworden und ift heute noch wahr. Durch den in diefer Weife gefchaffenen höheren Werth oder beffer die dadurch erzeugten höheren Preife vermag der franzöfifche Fabrikant die beften und ausgiebigften künftlerifchen Kräfte für das Gefchäft zu intereffiren, und wie der fchaffende Künftler participirt der Färber und Appreteur, der Weber und der Spinner an dem grofsen Gewinne, der die Induftrie dauernd fchöpferiſch erhält und immer Groſses erzeugen läfst. - - es ift So erfchien Frankreich auch auf der Weltausftellung in Wien und, möglich, dafs es demonftrativ fich zeigen wollte, erfchien mit allem Glanze und aller Pracht. Nicht nur die Art der Ausftellung, die Frankreich von jeher.ausgezeichnet hat, auch die forgfältige Wahl der zur Ausftellung gefchickten Objecte fielen jedem Befucher fofort auf. Die Beurtheilung fand hier im grofsen Ganzen bewunderungswürdige Arbeit, brillante Phantafie, reiche Mufter- und Farbenzufammenftellung. Was fo die ganze Ausftellung auszeichnete, trat auch bei der Schafwoll- Induftrie hervor. Alle Branchen diefer Webewaaren Induftrie, mit. Ausnahme von Tuchftoffen und einigen Specialitäten anderer Länder, fanden hier Vertretung. Man fand den einfachften glatten oder Double- Merinoftoff, den feinften, duftigften Chachemire, gedruckte, mit Seide durchwebte, geftickte, felbft mit Silber und Gold brochirte Stoffe, dann vielfeitige neue Stoffe, neue Zeichnungen, Mufter und Ausführungen, wie fie kein anderes Land noch auszuftellen hatte. Allenthalben fiel die aufserordentlich fchöne Färberei und Appretur wieder auf, wie fie Gilbert& Ohl ausgeftellt und wie fie von Houfsin& fils in Rheims gefärbt und appretirt waren. Auch Mazure hatte Kammgarn- Satiné und Ripfe ausgeftellt, die in Gewebe und Farbe gleich ausgezeichnet waren. Es ift fchwere Waare, die durch Egalität des Fadens und brillante Farben befonders hervortrat. Die gedruckten Stoffe, meiftens Cachemire oder mit Seide durchwebte Kleider und Shawlwaaren, waren gleichfchön in Farbe wie fcharf und klar im Druck. 2* 18 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. Eine grofsartige Collection davon, dann von geftreiften oder brochirten Flanellen brachte die rühmlichft bekannte Firma Pinon frères& Guérin. Gleichbedeutend waren die Damafte, Satins, Tifchdecken und Sammte und zeigten eine grofse Reichhaltigkeit und eine ungewöhnliche Gediegenheit der Ausführung. Dazu kommen noch die Hautes nouveautés und die Phantafieartikel, die fchöner als bei jeder anderen Ausftellung hervortraten und alles von anderen Staaten Geleiftete weit übertrafen. Man fand da deffinirte Grenadines mit Blumen und Guirlanden, mit Seidenftreifen und gedrucktem Sammt. Dann Ripsftoffe mit erhabener Sammtarbeit, Alpacaftoffe u. f. w., kurz eine Anzahl Damenartikel, welche in Zeichnung, Farbe und Ausführung gleich bewunderungswürdig waren. Nicht fo bedeutend erfchien Frankreich durch feine Tuchftoffe vertreten, wenngleich unter den Collectivausftellungen der verfchiedenen Departements die von Elboeuf weiche und feine Tuche und Winterftoffe brachte, die in Qualität und Farbe ganz anerkennenswerth waren. Die Ausführung und die Verwendung der feinen Wolle ift bei der glatten Waare tadellos, allein die deffinirten Stoffe zeigten alte, abgelebte und mehr fchreiende als gefchmackvolle Mufter, welche den Vergleich mit Brünner Waare in Nichts aushalten. Es ist bei diefer wichtigen Induſtrie, bei den Tuchftoffen aus Kammgarn fehr zu wundern, dafs die Ausführung des Fabricates nicht mit dem Fortfchritte des Halbfabricates gleichen Schritt gehalten hat, und während die Kammgarn- Induſtrie Frankreichs in Damenftoffen durch die Unterſtützung und Vervollkommnung der Spinnerei Glänzendes leiftet, haben die Stoffe für Männerkleider wenig Bedeutendes auf der Ausstellung gezeigt und es ift möglich, dafs diefs einfach daher kommt, weil die hervorragendften Firmen diefer Branche fich an der Ausftellung nicht betheiligten. Beachtenswerth ift in diefem Gebiete V. E. Chrétien Debouchaud in Nerfac bei Agoulème, der ganz ausgezeichnete Filze für Mafchinen und Büttenpapier ausgeftellt hatte. Auch ſcheint die Schafwolle in Frankreich eine immer gröfsere Verwendung zu finden, was gleichfalls erwähnt werden mufs und fahen wir Artikel, welche früher nur aus Baumwolle gewebt wurden, jetzt aus Kammgarn erzeugt, wie Tricotdecken und Halb- Piquéftoffe ohne Steppkette, für Frauenunterröcke, die ganz geeignet find, grofse Nachfrage zu erzeugen. Die gröfste Anziehungskraft und hervorragendfte Bedeutung aber hatte in der franzöfifchen Abtheilung für den Befchauer die Gobelinmanufactur, welche in allen Genres von Teppichen und Möbelftoffen, Portièren und Decorationsgegenftänden, endlich durch Bilder vertreten war. Zeichnung, Farbe, Präcifion der Ausführung, zeigten allenthalben die höchfte Vollendung und hätten nur, wie wir fchon früher einmal bemerkten, die Zeichnungen bei manchem Objecte glücklicher und für die Zwecke paffender gewählt werden können. Im Uebrigen werden diefe Gobelinarbeiten auch nur in der nun mehr als 200 Jahre alten Regierungsfabrik und von einigen kleineren Fabrikanten erzeugt. Eine Ausdehnung diefes Induftriezweiges ift feit den letzten Jahren nicht vorgekommen und ift der Markt diefer Artikel auch heute noch nur auf Paris befchränkt. Es ift bekannt, dafs der zum Weben der Gobelins dienende Stuhl der einfachften und primitivften Art angehört und dafs er eher einem aufrecht ftehenden, riefigen Stickrahmen gleicht, auf welchem die Kettenfäden fenkrecht aufgefpannt find. Alles kommt dabei auf die Kunft des Arbeiters an, feine Sorgfalt und fein eigenes Verftändnifs. Er ift in der That ein Künftler, der feinem Werke faft ein Leben opfert. Fünf bis zehn Jahre hat er oft an einem Bilde oder einem Teppiche zu arbeiten und es kann kaum Wunder nehmen, wenn der Meter 3000 bis 4000 Francs koftet, wovon der gröfste Theil auf den Arbeitslohn entfällt. und der Werth des verwendeten Materials kaum 20 Percent beträgt. Beträgt doch die Lehrzeit für einen gefchickten Gobelinarbeiter zehn, fünzehn und auch mehr Jahre. Die Färberei des Staatsetabliffements gilt für die erfte der ganzen Welt Schafwoll- Gewebe. 19 und ihre Farben zeichnen fich durch Dauerhaftigkeit und Glanz vor allen anderen aus. Jede Farbencombination befteht aus zwanzig verfchiedenen Schattirungen, die nur ein fehr geübtes Auge erkennt und hat man heute 14.420 Nuancen claffificirt und nummerirt. Auch das Weben der Sammtteppiche wird in Frankreich mit aufserordentlicher Sorgfalt betrieben und zeichnen fich diefe Artikel durch einen wunderbaren Flor und bei der Benutzung einer Kette aus Leinenzwirn durch befondere Feftigkeit aus. Ebenfo fchön wie diefe Teppiche, aber bedeutend billiger, find die durch die Jaquard- Mafchine erzeugten, bei denen die verfchiedenen Farben in der Kette aufgefchweift oder auch durch die mit dem Mufter bedruckte Kette gefchaffen werden. Man hat dafür in neuefter Zeit auch fchon Dampfftühle gebaut, welche die Nadel felbftftändig eintragen und den Flor auffchneiden. Aber die Mafchine kann keine fo breiten Teppiche und keine fo grofsen Mufter wie die Hand erzeugen. Es werden Stücke erzeugt, die dann zufammengenäht und mit einer Bordure umgeben werden, um fo einen Salonteppich zu bilden. Wenn man die Ausftellung der Gobelinftoffe und der anderen franzöfifchen Teppiche beachtete, fo follte man kaum einen Fortfchritt mehr für möglich halten. Und doch fah man bei den von der Staats- Gobelinmanufactur in der Kunsthalle ausgeftellten Bildern gegen frühere Ausftellungen eine charakteriftifche Entwicklung. Sie ift zumeift bei der Behandlung der Fleifchtöne bemerkbar. Aeltere Bilder haben die Töne in unkennbaren Abftufungen neben einander liegen. Im Jahre 1867 zeigten die lebensgrofsen Bilder von Napoleon und Eugenie die Farben, durch das abwechfelnde Ineinandergreifen derfelben durch einzelne Schüffe, gewiffermafsen eine horizontale Schraffirung, welche die Töne noch inniger mit einander verfchmolzen. Bei den in Wien ausgeftellten Bildern befteht die ganze Carnation aus einer Schraffirung, welche, der Plaftik der Formen angemeffen, in complementären Farben eingewebt ift, und dadurch wahrhaft geheimnifsvolle und tief gefättigte Töne erzeugt. An die Arbeiten der Staatsmanufactur reihen fich die prachtvollen Gobelinbilder der Firma Braquenié frères in Paris würdig an. Bedeutend war die Entführung Europas durch Jupiter, dann die kleineren Genrebildchen. Die Bilder von Hercules, Omphale u. f. w. bis auf Ulyffes waren durch ihre ältere grelle Farbengebung weniger bedeutend, wie gleich fchön auch die Technik derfelben. Ueber die Sopha- und Seffelüberzüge derfelben Firma, ebenfo wie über die gleichen Ausftellungsgegenstände von Salandrouze de Lamornaix können wir nichts mehr fagen, als dafs Correctheit der Zeichnung, Farbenfrifche, aber keineswegs entſprechende Wahl der Motive fie auszeichnete. Dagegen waren die Savonnerieteppiche in Renaiffanceftil, wie Sallandrouze frères, Aubuffon, die Velourteppiche von Flaffières frères aus Nimes fie ausftellten, fehr beachtenswerth, obgleich die Renaiffancemufter etwas veraltet und die fchwebenden Engel und Blumenfeftons von Flaffières frères mehr hoch hinauf an die Wand, als auf den Boden pafsten. Die Velourteppiche im Stücke waren fehr gefchmackvoll im Mufter, in den Farben ruhig, aber nicht glatt und unegal in den Kanten. Uebrigens werden diefe Art Teppiche nur in Frankreich verbraucht und wenig exportirt. Was die Möbelftoffe Frankreichs anbelangt, fo zeichnet die mittelft Jacquard gewebten Gobelins ebenfo wie die brochirten Möbelftoffe ein vorzügliches Garn und fchöne Farben aus. Schöne Wolldamafte, bei welchen die richtige Wahl des Materiales, Kühnheit der Zeichnung und fchöne Farbe Alles entfcheidet, hatten Tiberghien frères ausgeftellt, die befondere Aufmerkſamkeit erregten und vollständig bewiefen, wie Frankreich in allen Branchen diefer Manufactur Aufmerkfamkeit verdient und Bedeutung hat. Deutfchland. Das Land des Fleifses, der Intelligenz und Sparfamkeit, nicht unterstützt wie England und Frankreich durch eine ruhige, allmälige Ent 20 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. wicklung, durch einen Jahrhunderte alten forgfältigen Schutz, durch reiches und übermächtiges Capital, durch coloniale Befitzungen und fichere Handelsverbindungen, Deutfchland mufste in feiner Schafwoll Induftrie fich von vornherein den Maffenartikeln zuwenden, und konnte nicht für die wechfelnde Mode arbeiten, für deren Artikel ihm der grofse Markt fehlt. Durch verhältnifsmäfsig billigere Löhne, durch gute Arbeitskräfte, fichere, dauernde und gute Staatseinrichtungen vermochte Deutſchland feine Maffenartikel bei gediegener Qualität im Inlande vollkommen und theilweife auch nach aufsen abzufetzen. Der Mangel der Modewaaren ift keineswegs ein Zeichen geringen oder wenig fchöpferifchen Gefchmackes. Deutſchland leiftet nicht nur allenthalben Genügendes, es fchafft in Vielem fogar Vorzügliches, aber es behauptet die Erkenntnifs, dafs feine Grofsinduftrie in einfachen Maffenartikeln einen befferen Boden habe als die Modeartikel, für welche im eigenen Lande der nöthige Luxusbedarf fehlt und auch der Nutzen, den die Fabrication bringen kann, doch immer nur ein einfeitiger ift. Die Ausftellung des ganzen deutfchen Reiches war ein Bild des Charakters des deutfchen Volkes, und die einzelnen Objecte, wie oft auch manches Mal der Gefammteindruck beeinträchtigt war, zeigten allenthalben die Tüchtigkeit, Intelligenz und felbft, wo nur die Gefchmacksrichtung mafsgebend war, einen bedeutenden Fortfchritt. Nur die Hautes Nouveautés, die auch zum grofsen Theile ausgeftellt wurden, boten wenig Befonderes. Allenthalben von der Spinnerei angefangen bis zur Färberei und Weberei trat aber, insbefondere bei den SchafwollWaaren, eine ausgedehnte und tüchtige Fabrication hervor, die Genres producirt, welche nicht nur für den Confum in Deutſchland, fondern auch für den Export nach allen Zonen einen kräftigen Handel erhalten. Eine Höhe hat demnach Deutfchland erreicht, welche in vielen Branchen die englifche Concurrenz, bekanntlich in Schafwoll- Artikeln die gefährlichfte, bereits überwunden hat. Wenn wir jedoch befonders die Ausstellung und die einzelnen Ausfteller hervorheben wollen, fo müffen wir zugleich erwähnen, dafs die grofsen Handelsfirmen von Glauchau und Merane, welche fowohl in Maffenartikeln, als in Hautes Nouveautés Ausgezeichnetes leiften, ebenfo wenig ausgeftellt haben, als in Betreff der Tuche und Tuchftoffe die hervorragendften Erzeuger von Exportwaare. Einer der wichtigſten Artikel der deutfchen Wollweberei, der feit den letzten zehn Jahren eine ungemein grofse Ausdehnung errungen hat und den wir daher zuerft auch erwähnen wollen, ift der fogenannte Zanellaftoff, ein Futterftoff, der ftatt des ungleich koftfpieligeren Seidenftoffes verwendet wird, auch Satins, italian cloth, Lafting genannt wird. Unterftützt durch die in Deutfchland mehr entwickelte Kammgarn- Fabrication, wird diefer Stoff zumeift mit vorzüglicher Schwärze und fchönem Glanze, da ihn die von der Fabrication getrennten Färbereien und Appreturanftalten beftens unterſtützen, in Elberfeld und Umgebung auf mehreren taufend mechanifchen Webftühlen erzeugt. Bereits hat diefe Elberfelder Fabrication auch in Oefterreich Filialen errichtet, bei denen nach dem„, Appreturverfahren" die hier auf mechanifchen Webftühlen gearbeiteten Zanellaftoffe zur Färberei und Appretur nach Elberfeld und dann als fertige Waare zollfrei wieder nach Oefterreich zurückgehen. Die zur Ausftellung gefandten Fabricate Elberfelds und Umgebung laffen, fowohl was Zanella als ähnliche Stoffe betrifft, in der That nichts zu wünſchen übrig. Die hervorragendften Ausfteller fanden fich in der Collectivausftellung der vereinigten Induftriellen für Zanella- und Confectionsftoffe wir nennen hier nur Bonddinghaus W. M.& Comp., Jung& Simont, Schäfer& Comp., dann Wolf R.& Comp.- dann in der Collectivausftellung der Barmer Zanella- und Laftinginduftrie vereinigt. Unter den letzteren nahmen Brüninghaus H. Söhne, Otto Bude, welcher mit dreifsig Dampfmaschinen von 300 Pferdekräften arbeitet, einen erften Platz ein. Neben diefer für den Export Deutſchlands ungemein wichtigen Fabrication ift es die Strumpfwirkerei, welche fowohl in Maffenartikeln als in feineren Damen Schafwoll- Gewebe. 21 confections fehr Bedeutendes leiftet und vorzüglich ausgeftellt hatte, was wir hier blofs erwähnen wollen, für die weitere Ausführung auf den Bericht über Strumpfwirkerei von Ludwig Glogau verweifend. Es ift gar kein Zweifel, dafs die erften den englifchen Fabricaten, die anderen den beften franzöfifchen Confectionsartikeln vollkommen ebenbürtig find. Nicht minder find von Wichtigkeit die deutfchen Thibets, Cachemire, Merinos, Ripfe, Plüfche, Druckwaaren, Krimmerftoffe u. f. w., bei welchen, fowohl was die glatte als deffinirte Waare anbelangt, der gute Stoff, fchöne Farben, die für den gröfseren Verkehr paffenden gefälligen Deffins und dabei eine grofse Billigkeit merklich hervortritt. Wir nennen unter den hervorragenden Ausftellern F. G. Lehmann in Börigen bei Rofswein in Sachfen, ein feit dem Anfange des Jahrhundertes beftehendes Gefchäft, das einen Jahresumfatz von einer halben Million Thalern hat, mehr als 600 Arbeiter befchäftigt Erwähnenswerth ift und mit 120 Dampf- und Waffer- Pferdekräften arbeitet. L. Dahlheims& Comp. in Berlin und die einzelnen Firmen aus dem induftriellen Gera und Greitz. Was die Hautes nouveautés, Damafte, feinen Möbel- und Vorhangftoffe, Phantafie Kleiderftoffe u. f. w. anbelangt, fo waren die deutfchen Fabricate in der Ausführung gegen Frankreich nur felten zurückgeblieben. Aber es fehlt an Selbftftändigkeit in Mufter und Zeichnung und allenthalben merkt man die Anlehnung an Frankreich, das man doch nicht erreicht und in gar keinem Artikel übertrifft. Gleichfalls können wir die Tuch- und Tuchftoff- Manufactur, wenigftens wie fie fich auf der Ausftellung zeigte, keineswegs befonders entwickelt finden. Es ift freilich wahr, dafs auch hier die grofsen Fabrikanten von Exportwaare auf der Ausstellung fehlten. Zumeift die Männerftoffe, dann deffinirte Waare, auch Flanelle ftehen bedeutend, was Gefchmack und Ausführung anbelangt, hinter der Brünner Manufactur zurück. Dagegen ift die glatte Waare, fowohl Commerceals Militärtuch, ebenso wie Orientaltuch auf eine ganz hohe Stufe gebracht. Die geringe Entwicklung der erftgenannten Stoffe fcheint an den Handelsverhält niffen derfelben zu liegen. Deutfchland arbeitet feine deffinirten Kamm- und Streichgarn- Waaaren nur für den einheimifchen Bedarf, der ein gleichbleibendes, einfaches und folides Genre jedem Wechfel vorzieht. Trotz diefes Charakters der deutfchen Fabrication lieferte Deutfchland das gröfste Contingent von Ausftellern von Tuchftoffen. Zumeift in Collectivausftellungen verbunden, machte übrigens die deutſche Ausftellung auch nach diefer Richtung hin einen ganz bedeutenden Eindruck. Unter den Einzelausftellern ragte unftreitig G. Schöller& Söhne in Düren mit feinen Tuchen, Tüffeln und Hofenftoffen hervor. Am Schluffe gedenken wir wieder der Teppiche, Decken und gobelinartigen Stoffe. Was Deutfchland davon ausftellte, war durchwegs fehr folide Waare, weniger fchön als gediegen und zugleich billig. Den paffenden Deffins nach, den guten Farben und der exacten Ausführung nähert fich Deutfchland hier vollſtändig England und dem englifchen Gefchmacke. Die Induftrie ift kaum vierzig Jahre alt und erzeugt heute grofse Salonteppiche mit zumeift orientalifchen Muftern, dann Velour- und Brüffeler Teppiche und Teppiche mit gedruckter Kette, wovon bei Weitem die Mehrzahl fich durch fchöne Mufter auszeichnet. Am hervorragendften hatte die Gevers Schmitt'fche Teppichfabrik in Schmiedeberg, dann Leopold Schöller& Söhne in Düren ausgeftellt. Zumeift ragten die grofsen Smyrnaer Teppiche der erftgenannten weit bekannten Firma hervor. Auch der grofse Knüpfteppich, den Schuetz& Juell aus Wurzen ausgeftellt hatten, war höchft bemerkenswerth durch feine fchöne Zeichnung im Renaiffanceftil und die vortreffliche Wahl der Farben. Auch die auf mechanifchen und Handftühlen erzeugten Brüffeler und Velourteppiche, welche von einer grofsen Reihe von Ausftellern zur Anficht vorgelegt waren, zeigten nicht nur die grofse Entwicklung diefer Induftrie in Deutfchland, fondern auch die vorzügliche und tüchtige Arbeit. 22 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. O efterreich. Nach dem ganzen Charakter der Schafwoll- Induftrie Oefterreichs hält es, man könnte fagen die Mitte zwifchen franzöfifchem Luxus und Gefchmack und deutfcher Einfachheit. Es befitzt genügende Intelligenz der Unternehmer und des Arbeiterftandes. Thatkraft und Gefchmacksrichtung ftellen die Erfcheinung der Induftrie hoch genug, um diefelbe der deutfchen und franzöfifchen vollkommen gleich zu machen. Mifsverhältniffe im Betrieb aber, vor Allem mangelnde Durchbildung einer gefunden Arbeitstheilung erzeugen, und da die Verhältniffe nur langfam und mit Opfern geändert werden können, erhalten ein bedenkliches Schwanken der Unternehmung von einem Ziele zum anderen. Der Abfatz der Maffenartikel ift der öfterreichifchen Schafwoll- Fabrication grofsentheils verfchloffen, weil durch die Mifsverhältniffe der Production die Concurrenzfähigkeit auf dem fremden Markte erfchwert ift Für Modewaaren, wie ausgezeichnet die Artikel auch find, fehlt der fichere Markt und fo mufs die öfterreichifche Schafwoll- Induftrie, dauernd zwifchen der einen und anderen Richtung der Fabrication lavirend, nur langfam vorwärts zu kommen trachten. So erzeugt Oefterreich grofsentheils nur für den eigenen Bedarf und kann nur mit einzelnen Artikeln und da nur von Zeit zu Zeit im Exporte kräftig auftreten. Auf der Ausftellung waren die öfterreichifchen Schafwoll- Waaren in der ausgiebigften Weife und fo vortrefflich vertreten, dafs fie unbedingt mit den erften Induſtrieſtaaten gleichen Rang hielten, die Brünner Induftrie fogar weit das Gleiche aller anderen Staaten überragte. Wir wollen darauf kein befonderes Gewicht legen, da eben die Ausftellung auf heimifchem Boden das natürliche Beftreben erzeugte und auch leicht erfüllen liefs, jeden Zweig der öfterreichifchen Induftrie vollkommen und glänzend zu vertreten. Unter Allen ragte die Brünner Fahrication, die Erzeugung von Tuchftoffen, Flanellen, Egalifirungstuchen, bedeutend hervor. Kein Land übertrifft, was Farbe und Ausführung anbelangt, diefe Stoffe. Nur die ungünftigen Erzeugungsverhältniffe, deren wir fchon oben gedachten, hindern diefen Zweig, die Herrfchaft auf dem Weltmarkte zu erringen. Wir erinnern hier nur an die Firma Carl und Theodor von Offermann in Brünn, eine Firma, die 600 Arbeiter und Arbeiterinen, 4 Dampfmaschinen mit beiläufig 140 Pferdekräften befchäftigt und auf der Ausstellung reichlich mit Tuchftoffen aller Qualität hervorragte. Gleich bedeutend war die alte Firma Gebrüder Schöll er vertreten. Wie in Mähren, ift die Tuchinduftrie auch in Böhmen und Schlefien feit Jahrhunderten heimifch, und hat auf der Ausstellung ihren traditionellen, ehrenvollen Ruf vollkommen gerechtfertigt. So hatte die Reichenberger TuchmacherGenoffenfchaft Stoffe von ausgezeichneter Qualität ausgeftellt, unter denen vor Allen die Egalifirungstuche durch ihre fchönen Farben fehr bemerkenswerth waren. Bielitz- Biala, durch eine reiche Collectivausftellung mit 112 Theilnehmern vertreten, hatte dunkle Tuchwaare, wie fie Europa confumirt, dann lichte für den Export nach dem Oriente beftimmte Waare in fehr fchöner Weife zur Ausftellung gebracht. Befonders ausgezeichnet und durch ihre billigen Preife bemerkenswerth waren die fchweren Winterftoffe, die unter den Namen Palmerfton, Biber, Mandarin bekannt find. Odrau in Schlefien, durch die Collectivausftellung der Tuchinduftrie vertreten, war durch feine billigen Tüffel und Velours bemerkenswerth, ebenfo wie Wagftadt bei Stauding in Schlefien durch fchöne Tuche und eine reiche Collection von Umhängtüchern in allen Gröfsen und Farben. Die Collectivausftellung zählte acht Theilnehmer. Zahlreich waren Schafwoll- Gilets vertreten und erwähnen wir nur Jofef Riedl aus Wien und Wefthaufer, welch' letztere Firma fchon in Paris und London für ihre Gilet ftoffe von Schafwolle, Baumwolle und Seidenplüfch prämiirt worden ift. Ohne Ueberhebung konnte Oefterreich ftolz auf die Leiftungen diefes Induftriezweiges hinblicken, und es ift gar kein Zweifel, dafs derfelbe auf jedem Markte concurrenzfähig ift, fobald nur die ungünftigen Producttionsverhältniffe fich ändern. Schafwoll- Gewebe. 23 Die zahlreichen Ripfe, Damafte, Thibets, Cachemire, geftickte Tücher, Merinos, billigen Streichgarn- Umhängtücher zeigten eine grofse Vollkommenheit und waren dem Beften der anderen Staaten gleichzuftellen. Eine Specialität, welche durch den inländifchen Confum grofsgezogen wurde und in gewaltigen Dimenfionen von Wien und Böhmen erzeugt wird, ift die auch auf der Ausftellung durch grofse Maffen vertreten gewefene Druckwaare auf Cachemir und Delaine. In Deffin und Farbenausführung ift diefer Artikel zur höchften Vollkommenheit gelangt, und wird die feinere Waare, fowohl im Stoffe als im Druck unterfchieden von der grofsen Maffe diefes Genres, auch in ganz anfehnlicher Weife exportirt. In Oefterreich bedarf faft jede Provinz eines befonderen Artikels und das ift es wohl, was die rege Thätigkeit auf diefem Gebiete fo kräftig erhält. Mit den hieher gehörigen Hautes Nouveautés fteht Oefterreich unbedingt, was Mufter, Farbe und Ausführung anbelangt, den franzöfifchen gleich. Der grofse Induftriekreis von Afch, Auffig und Reichenberg vertrat diefes Gebiet ebenfo gefchmackvoll mit feinen Artikeln als mit Maffenfabricaten. Wir können hier kaum alle Ausfteller aufzählen und es genüge die reiche und glänzende Ausftellung von Johann Liebieg& Comp. zu erwähnen und der gleich gefchmackvoll arrangirten Ausftellung von J. Philipp Schmidt& Söhne zu gedenken. Die erftgenannte Firma, eine Weltfirma erften Ranges, befchäftigt heute in ihren verfchiedenen Etabliffements in Reichenberg, Dörfel bei Reichenberg, Bunzendorf bei Friedland in Böhmen, 2500 Arbeiter und arbeitet mit 130 Dampf- und Waffer- Pferdekräften. Gedruckte Thibettücher, gedruckte Tifchdecken und die Imitation der Gobelins find durch diefe Firma neu eingeführt worden. Auch der Wiener Modewaaren- Induftrie müffen wir hier gedenken, da, wenn auch die Fabrication der Kleiderftoffe fich heute ganz nach Böhmen gezogen hat, die Fabrication von Schafwoll- Tüchern doch eine noch ganz bedeutende ift, und die Firmen Kufner, Oberländer, Reymann auch ganz Vortreffliches zur Ausftellung brachten. Doch, foll die Wiener Induftrie wieder kräftig aufblühen, müffen fich die Erzeugniffe vom Berliner und englifchen Gefchmacke emancipiren. Auch mufs der mangelhaften Appretur bedeutend nachgeholfen werden, und hier wäre es ganz am Platze, England und Deutfchland beftens nachzuahmen. Wir kommen zur Ausftellung der Decken, Teppiche und Möbelftoffe, ein Gebiet, in welchem Oefterreich von der Pferdedecke an bis zum feinften Salonteppich Grofsartiges leiftet und für das In- und Ausland gleich bedeutend arbeitet. Was insbefondere die Teppichfabrication anbelangt, fo ift in Ellenteppichen ebenfo wie in Salonwaare, in Smyrna- Imitation wie in der bunten Chenillewaare nach Gediegenheit der Stoffe und der Ausführung, nach Farbe und Mufter Oefter. reich höher ftehend als Deutfchland und felbft Frankreich. Wir erwähnen, um nur Beiſpiele aus der Menge der Ausfteller herauszuheben, Jofef Dierzer aus Kleinmünchen bei Linz, wenngleich bei den ausgeftellten Teppichen eine beffere Wahl und Zufammenftellung der Farben zu wünfchen wäre, und die vorherrfchend grellen Farben vermieden werden follten. Die Arbeit aber war durch wegs vortrefflich und ragte unter Allen insbefondere ein von diefer Firma erzeugter und in Gruppe XXIII ausgeftellter Altarteppich hervor. Die Einführung der Savonerie- Teppichfabrication dankt Oefterreich diefer Firma. Weiter gedenken wir der Möbelftoff- und Teppichfabrik von Johann Backhaufen in Wien. Die gobelinartigen Tifchdecken und Möbelftoffe, ebenfo die geftreiften Venitiennes zeigten, welch' erfolgreichen Einflufs technifche Bildung und Farbenfinn auf die Fabrication von Luxusftoffen ausüben kann. Sehr erwähnenswerth ift auch Albert Wolff, Möbel- und Wagenftoff- Fabrikant in Wien, der insbefondere mit feinen vielfarbigen Gobelin- Möbelftoffen glänzend die öfterreichifche Induſtrie repräfentirte, und befonders mit feinen Gobelins auf fchwarzem Grunde, ein vortrefflicher Effect, die Aufmerkfamkeit der Befucher der Ausftellung auf fich zog. In der Rotunde hatte W. Löwenfeld, Prag, in einem eigenen Pavillon geftickte Roben und Bafchliks, geftickte Borduren zum Befatze von Roben, 24 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. geftickte Tifch- und Bettdecken, insbefondere Decken mit Seide und Goldftickerei nach orientalifchem Mufter ausgeftellt, Die verdienftvolle Firma befchäftigt heute innerhalb und aufserhalb des Haufes durchfchnittlich 1000 bis 1200 Perfonen, und bietet dem in feiner Arbeit fehr beengten Erzgebirge eine ergiebige Einkommensquelle. Die billigen und buntgeftickten Tücher gehen nach Rufsland, Spanien und Italien, feine Waare felbft nach Frankreich und der Schweiz. Im Jahre 1871 exportirte die rührige Firma 490.800 Tücher aller Gröfse, 6.970 Stücke für Confection, 92.391 Ellen geftickter Kleiderftoffe. Wie das Erzgebirge dem Chef des Haufes als Mitglied des Comités zur Beförderung der Arbeit im Erzund Riefengebirge viel zu danken hat, fo dankt es auch demfelben die Einführung der Stickerei, die heute, wie die Ausftellung klar zeigte, in einer Weife entwickelt worden ift, dafs das Fabricat mit jenem von Wien und Paris vollſtändig concurriren kann. Das Befte der Teppichinduftrie haben wir uns zuletzt aufgehoben. Wir meinen Ignaz Ginzkey, Teppich- und Deckenfabrikant in Maffersdorf bei Reichenberg in Böhmen, und Philipp Haas& Söhne in Wien. Noch vor einem kurzen Menfchenalter war Ginz key ein kleiner Weber und zumeift befchäftigt mit der Erzeugung von Tuchmacher- Leiften für die Reichenberger Manufactur. Heute befchäftigt der unternehmende Mann faft 1000 Arbeiter und drei Dampfmafchinen mit 120 Pferdekräften. Er arbeitet für alle Welt und exportirt nach allen Staaten und Welttheilen. Insbefondere Sophavorlagen, Velourteppiche und als Hauptartikel Reife- und Schlafdecken, die, was Güte des Materials, Schönheit und Kräftigkeit der Mufter und Farben anbelangt, ganz unerreicht auf der Ausftellung waren. Auch zeichnet diefen vortrefflichen Weltartikel ein äufserft mäfsiger Preis aus. Neben diefen einfacheren Artikeln hatte die Firma einen grofsen und fehr fchön ausgeführten Knüpfteppich ausgeftellt, der gleichfalls von der Leiftungsfähigkeit derfelben, dem fchöpferifchen Geifte und der Strebfamkeit des Unternehmers das befte Zeugnifs gab. Was follen wir, wenn wir uns hier fchon der Tüchtigkeit freuen, von Philipp Haas& Söhne fagen? Nie hat eine Induftrie eine derartige Vertretung gefunden, nie hat man mit einem einzigen Artikel in einem Ausftellungsraume fo viel zu vereinigen und darzuftellen gewufst, wie diefs diefsmal Philipp Haas& Söhne gethan haben. Eine grofse Gallerie, welche den Zugang vom Südportal zur Rotunde bildete, war von der Firma nicht nur begehrt, fondern auch glänzend ausgeftattet worden. Rechts und links an den Wänden waren Schlaf- und Toilettezimmer, Speifefalons und Boudoirs eingerichtet, und mit feinem Gefchmacke in Möbelftoffen, Vorhängen und Tapeten gefchmückt. Die Mitte nahm ein riefiger Kaften ein voll von feinen, in Seide und Wolle ausgeführten prächtigen Möbelftoffen, davor lag ausgefpannt eine in Gold und Silber auf Sammt reich aufgenähte und geftickte Decke. Die Höhe und den Abfchlufs der Ausftellung bildeten Teppiche aller Art und Gröfse, aller Formen und Mufter. Wir können bei diefem Reichthume eines einzigen Ausftellers die in Mühlhaufen gedruckten Möbelcattune übergehen. Es iſt gar kein Zweifel, dafs die Pracht, die fich hier entfaltete, auch im Verkehre den entfprechenden Preis fordern wird, und dafs, wie man kurz fagt, viele der ausgeftellten Glanzftücke theuer find, weil fie eben niemals billig fein können. Wir fahen aber auch felbft unter den Ausftellungsobjecten, die mit vollem Rechte aus dem Beften auserwählt waren, überaus preiswürdige und keineswegs theuere Teppiche, Möbel- und Vorhangftoffe. Im Uebrigen konnte man, da ja immer die Stadt, in der die Ausftellung abgehalten wird, mit Allen ihren grofsen Etabliffements einen Ausstellungsgegenstand bildet, in dem grofsen Gefchäftshaufe der Firma fehen, wie felbft um billige Preife, wenn auch nicht das Glänzendfte und ewig Dauernde, fo doch das immer Schöne von fachverftändiger Hand erzeugt wird. Allenthalben war auf der Ausftellung in den einzelnen Ausftellungsgegen ftänden der Firma Haas& Söhne der modernen Kunftrichtung Rechnung getragen. Schafwoll- Gewebe. 25 Man lah daś kleine ruhige Mufter mit den fanften, immer zum Mufter paffenden und Ruhe gewährenden Farben. Mit Vorliebe kamen in den Ausftellungsobjecten die vom Muſeum für Kunft und Induftrie fo nachhaltig empfohlenen, türkifchen und perfifchen Mufter vor. Die grofse Firma zeigte dadurch jedenfalls, dafs fie ausgiebiges Verftändnifs hat, den feinftgebildeten Gefchmack und die Forderungen der Kunft zu befriedigen. Aber es fcheint, als ob die Kunft, wenigftens in Wien, nicht recht mehr begreift, was die Forderungen eines Gefchäftes und die Deckung des täglichen Bedarfes erheifcht. Wenigftens greift man, weit über das Ziel fchiefsend, jeden Teppich an, der ein Blumenmufter, der üppige, fcharfe Farben u. f. w. trägt. Die Firma Haas vermied daher mit grofser Sorgfalt diefe principkräftige Kritik und wir wären in der That erftaunt gewefen, das Gefchäft der genannten Firma auf Grund der Smyrnaer Teppiche u. f. w. fo grofs und mächtig zu fehen, wenn wir nicht in dem grofsen Waarenhaufe der Stadt erkannt hätten, dafs die Firma neben den Forderungen der reinen Kunft auch jene des täglichen Bedarfes der grofsen Menge, kurz des Gefchäftes zu befriedigen verftehe. Wir erwähnen diefs nur, weil wir einmal auch der anderen Seite des gewerblichen Lebens Anerkennung verfchaffen möchten. Man geht in Wien mit Principien und Regeln fchon fo vorwärts, dafs man Gewerbe und Induftrie über Kurz oder Lang kopffcheu machen wird. Und damit können nur die fchönen Beftrebungen, wie fie das Muſeum für Kunft und Induftrie vertritt, gefährdet werden. Es ift nicht Alles gethan, wenn man mit Gewalt auf die Erziehung der Induftrie hindrängt. Wir halten diefelbe für gar nicht fo fchwer. Schwieriger ift es, die Gefchmacksrichtung der Käufer zu erziehen. Und da man dabei felten die ganze Welt im Auge haben kann die mufs das Jahrhundert erziehen- fo mag man auch der gefchäftlichen Speculation, der Unternehmung ihr Recht laffen. Die Firma Haas begreift diefs wohl, und die grofse Ausdehnung ihres Gefchäftes, das fich heute beinahe über ganz Europa verbreitet, gibt genügendes Zeugnifs dafür. Die übrigen Länder. Wir faffen in dem Folgenden die Leiftungen der. übrigen Staaten zufammen, und zwar zuerft der Staaten Europas, dann jener Afiens und Amerikas. Die wenigften diefer Staaten waren in befonderer Weife vertreten und brachten entweder nur die eine oder die andere Richtung in etwas ausgiebiger Weife, oder das gefammte Gebiet der Schafwoll Induftrie nur ganz mangelhaft zur Darstellung. Italien fcheint erft in neuerer Zeit im gröfseren Umfange die SchafwellInduftrie zu pflegen. Allenthalben trat bei den ausgeftellten Gegenftänden ein ganz beftimmter italienifcher Gefchmack hervor. Es fcheint, dafs für den Export noch wenig geleiftet wird. Gelb und grün im Deffin waren allenthalben die fchart hervortretenden Lieblingsfarben. Am bedeutendften waren Flanelle und farbige Decken vertreten, die zumeift bei Roffi, Vicenza, in ganz vortrefflicher Qualität zur Ausftellung kamen. Sbardolini Bonome aus Brefcia hatte Satteldecken für Cavallerie, dann Bettdecken aus römifcher Wolle, und einige Firmen aus Turin ganz vorzügliche Tücher und Männer- Modewaaren ausgeftellt, die den Brünner Fabricaten ziemlich nahe kamen. Die Gefammtheit der Ausftellung zeigte, dafs über Kurz oder Lang Italien vom franzöfifchen wie vom engliſchen Import fich emancipiren wird. Das Gleiche und auch den Kräften nach am hoffnungsvollften gilt von Rufsland. Rufsland bekundete einen ganz bedeutenden Fortfchritt gegenüber der Parifer Weltausstellung. Damals war es nur mit wohl guten, aber durchwegs groben Wollftoffen vertreten. Auf der Wiener Weltausftellung erfchien es mit den verfchiedenften, in Qualität und Mufter ganz ausgezeichneten Stoffen. Seine Tuche und Modewaaren für Männerkleider, wie fie einzelne Moskauer Firmen ausgeftellt hatten, waren in Farbe und Gefchmack, in Arbeit und Wahl des Rohftoffes ganz vortrefflich. Ebenfo bedeutend waren Damafte, Cachemire, Nouveautés, gefärbt, bedruckt, mit Seide durchwebt wie die von Jo kifch W.& Söhne, Gouvernement 26 C Falk, Dr. Carl Th. Richter. Moskau, Holm& Comp., Gouvernement Lievland, von ganz vorzüglicher Befchaffenheit. Freilich find die Preife ziemlich bedeutend. wie es bei dem hohen Schutzzoll für Wollwaaren gar nicht anders fein kann. Dennoch kann man nur lobend der ruffifchen Ausstellung gedenken und fich des Fortfchrittes freuen, der insbefondere auf dem Gebiete der Textilinduftrie fehr bedeutend hervortrat. Die Niederlande brachten fehr wenig Ausftellungsobjecte und war die Schafwoll- Induftrie nur fehr fchwach vertreten. Es fcheint, als ob die Niederlande nur für den eigenen Confum und den der Colonien produciren. Im Uebrigen waren die ausgeftellten Flanelle, Decken, dann Tüffel und Buksking, die Militärtuche und Halbtücher, wie fie die Collectivausftellung der Tilburg' fchen Wolleninduftrie darftellte, von ganz guter Qualität und Arbeit. Die meifte Aufmerkfamkeit aber zogen in der niederländifchen Ausftellung die Teppiche der königlichen Teppichfabrik zu Deventer auf fich. Sie bilden eine Specialität, bei der die Imitation der Smyrnaer Teppiche und einzelne Renaiffancemufter befonders gepflegt werden. Die Qualität ift ganz vorzüglich und fteht, was Ausführung und Farbe anbelangt, das Deventer Fabricat den beften englifchen und öfterreichifchen Smyrnaer Teppichen vollſtändig gleich. Ja, es ift möglich, dafs die einzelnen Stücke in ihrer Qualität noch bedeutender find, allein die Mufter find veraltet und überlebt. Belgien, das in feiner Richtung viel mit der Induftrie Deutſchlands gemein hat, hat von jeher durch billige Maffenproducte den Markt zu behaupten gefucht. Es ift möglich, dafs es defshalb an der Ausftellung fo wenig Intereffe zeigte und mit der Pracht und dem Reichthume der Fabricate anderer Staaten nicht in Concurrenz treten wollte. Der ausgiebigfte Factor der belgifchen Schafwollinduftrie wird von Tuch und Tuchftoffen, Flanellen und Decken repräfentirt. Die höchfte Solidität zu erreichen, die gröfste Einfachheit im Gefchmacke dabei zur Geltung zu bringen, fcheint das Ziel und die Richtung der Schafwollwaaren- Fabrication zu kennzeichnen. Die ausgeftellten Tuche waren nach Arbeit, Wahl des Rohftoffes bis zur Appretur ganz vortrefflich, und erregten die Fabricate von Verviers, insbefondere jene von Iwan Simonis, berechtigte Aufmerkfamkeit. Bemerkenswerth waren auch noch die Plüfchdecken, weifsen Bettdecken aus Angorahaaren und blauen Pferdedecken für die belgifche Armee von C. Begaffe aus Lüttich. Man fand eine ähnliche Waare in keiner anderen Abtheilung der Ausftellung. Spanien und Portugal waren nur durch vereinzelte Producte vertreten. Portugal hatte nur grobe Tuche und Mittelwaare ausgeftellt, die der Art der Arbeit und insbefondere der mangelhaften Appretur nach mit unferem Gefchmacke nicht vereinbar find. Dagegen hatte Spanien Proben feiner FeintuchInduftrie zur Ausftellung gefandt, welche durch ihre gute Walke, fanften Griff und fchöne Farben, ebenfo wie durch eine ausgezeichnete Appretur den beften Stoffen anderer Länder gleichkamen. Hervorragend war in diefer Art Hermanos aus Barcellona. Bemerkenswerth waren auch die Plaidftoffe, Damentücher in Weifs und Schwarz, dann in fchottifcher Farbenftellung, die, wie es fchien, zumeist für den eigenthümlichen Landesbedarf erzeugt werden. Die Damenconfectionen wollen wir übergehen, da bei dem Import von Frankreich es fehr fchwer war, unter den ausgeftellten franzöfifchen Artikeln das heimifche Fabricat zu erkennen. Die Schweiz. So bedeutend diefes Land in Baumwoll- Garnen und Stoffen, in Seide und Leinenwaaren ift, fo unbedeutend ift feine Fabrication von Schafwoll- Waaren. Auf der Ausftellung waren auch aufser den Wirkwaaren nur einige wenige und keineswegs bedeutende Tuche von F. Zimmermann& Comp. in Thun und einige Flanelle und feine und ordinäre Trocken- und Nafsfilze von Conrad Munzinger, Olten, Solothurn, zur Ausftellung gebracht. Das Bedeutendfte, wie bereits erwähnt, gehörte der Wirkwaaren- Induftrie an, und hier leiftet die Schweiz vor Allem durch die Erzeugung von billigen Artikeln ganz Vortreffliches. Schafwoll- Gewebe. 27 Schweden, Norwegen und Dänemark arbeiten heute noch, wie es fcheint, nur für den heimifchen Bedarf; auf der Ausftellung fah man aus der königl. dänifchen Tuchfabrik zu Ufferod fehr ftarke Militärtücher, ordinär, aber von guter Qualität, und feine Officierstuche, bei denen ein reges Streben, das Befte zu leiften, unverkennbar war. Unter, den fchwediſchen Ausftellern nahm Drag's Actiengefellſchaft ebenfo wie Ström's Actiengeſellſchaft für Wollzeuge zu Norrköping einen hochbedeutenden Rang ein und zeigte, dafs die Tuchfabrication fich bedeutend entwickelt hat und jedenfalls auf gefunder Grundlage ruht. Auch die norwegifchen Tuche, wie fie Grorud zu Chriftiania ausgeftellt hatte, fcheinen nach der guten Qualität und Arbeit der Objecte, wenn auch nur den heimifchen Bedarf befriedigend, ganz vorzüglich. Die Tuchftoffe, mit welchen die norwegifchen nationalen Gruppen bekleidet waren, gaben ein recht anfchauliches Bild von der Reichhaltigkeit der nationalen Hausweberei und zeigten wieder recht deutlich, welch' langen Weg die Mafchine noch zu machen hat, ehe fie in Wahrheit die Welt beherrscht. Griechenland und Rumänien hatten einzelne Schafwoll. Gewebe, die der Hausinduftrie angehören, ausgeftellt, welche den Uebergang zu den Geweben der Türkei, Perfien und Indien bilden. Bei der Hausinduftrie der zuerft genannten Staaten find Männer und Frauen befchäftigt, und fie erzeugen die in Gobelinmanier gewebten Teppiche, welche durch ihre kräftige Farbenzufammenftellung und ihre eigenartigen Mufter noch immer einen beftimmten Werth behaupten. Viel bedenklicher geht die originelle Arbeit der Hausinduftrie in den orientalifchen Ländern zurück. Die Türkei hatte aufser einigen mit Seide oder Gold durchwirkten Stoffen, dann geftickten und tambourirten Artikeln, wie fie bei den nationalen Coftümen verwendet werden, eine grofse Sammlung von Teppichen, die allein ins Auge fiel, ausgeftellt. Es war dabei die Handarbeit der Hausinduftrie wie die Mafchinenarbeit einiger gröfserer Teppichfabriken vertreten. Abgefehen davon, dafs diefe Teppiche im Mufter fich allenthalben gleich bleiben, bekundeten diefelben durchaus nicht mehr die frühere gediegene Arbeit, die Solidität des Stoffes und der Farbe. Das Genre ift wohl dasfelbe geblieben, und noch immer kann man aus den kleinen zierlichen Muftern mancherlei für die continentale Teppichfabrication lernen, allein die Qualität ift allenthalben ernftlich zurückgegangen, und nachdem an Stelle der aus Pflanzenftoff bereiteten Farben, die durch ihre Schönheit und Haltbarkeit die orientalifchen Teppiche auszeichneten, hier und dort Anilinfarben bemerkbar waren, kann man geradezu behaupten, dafs fie ihre charakteriftifchen Eigenfchaften eingebüfst und an Werth bedeutend verloren haben. Die Imitationen, die heute Oefterreich liefert, find unftreitig beffer als die meiften Originale. Ganz das Gleiche gilt von Perfien und Tunis, nur mit dem Unterfchiede, dafs hier, da fich diefe Länder weniger mit dem Export ihrer Gewebe befchäftigen als die Türkei, immerhin noch mehr Originalität in der Arbeit und in den Muftern hervortritt. Auch die Farben find hier noch echt und geben den perfifchen Teppichen insbefondere jene Pracht und Gediegenheit, welche einft allen orientalifchen Teppichwaaren innewohnte. Britifch- Indien hatte verfchiedene Schafwoll- Waaren und mit Seide durchwirkte Artikel zur Ausftellung gefchickt, die gleichfalls mit der Hausinduftrie zufammenhängen und mit dem Coftüme der Eingeborenen, insbefondere der Frauen. Wenn auch nicht fo glänzend vertreten wie auf der Londoner und Parifer Ausftellung, bildeten doch wieder die indifchen Shawlwaaren den Glanzpunkt Sie werden an anderer Stelle ihre Würdigung finden. Die amerikanifche Schafwoll- Weberei war nur durch wenige Firmen und Artikel vertreten. Aber wenn diefelben nicht Schauftücke und in Wahrheit Mufter der Induftrie überhaupt waren, fo dürfte es wohl kaum mehr lange währen, dafs die amerikanifche Induſtrie auch auf diefem Gebiete geeignet fein wird, die englifche Concurrenz zurückzudrängen. Die von Biglow in Clinton 28 C. Falk, Dr. Carl Th. Richter. Schafwoll- Gewebe. ausgeftellten Velourteppiche entſprachen nach ihrer gefchmackvollen Zeichnung und Farbenvertheilung den ftrengften Anforderungen der modernen kunftinduftriellen Richtung und Technik. Das Gleiche gilt von den durch die Firma Pomeroy& Plummer, New- York ausgeftellten Rock- und Hofenftoffen, die fich insbefondere durch die Güte des Gewebes und ihre ſchönen Modefarben auszeichneten. Wir können danach, indem wir unfer Referat fchliefsen, nur hervorheben, dafs, wenn auch eine befondere Entwicklung der Schafwoll- Induftrie in den letzten Jahren nicht zu verzeichnen ift, diejenigen Länder, welche von jeher den erften Rang unter den Schafwoll- Waaren erzeugenden Staaten einnahmen, diefen Rang noch immer behaupten; die jüngeren Induftriegebiete aber mit Fleifs und glücklicher Anftrengung den grofsen Beiſpielen Englands, Frankreichs und Belgiens nachzueifern fich bemühen. SHA W W L S. Bericht von EMANUEL THIEBEN, Shawlfabrikant, Mitglied der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer. Wenn die Erforschung der Urfachen des induftriellen Gedeihens einmal ein allen Gewerbekreifen geläufiges Thema fein wird, fo wäre als ftets mitlaufendes Beiſpiel zu den Theoremen„ die Shawlfabrication" vor Allem naheliegend, fowohl in Bezug auf die Gelegenheit der Beurtheilung ihres inneren Werthes, ihres technifchen und techniſch- artiftifchen Gehaltes, als auch ihrer rein mercantilen Schick fale feit nahezu 70 Jahren, des Verhältniffes der Nachfrage zum Preife und zur Gröfse der Fabrication. Unter den textilen Gewerben ift das der Shawlerzeugung ziemlich in fich abgefchloffen. Ihre differenten Anfprüche an den mechanifchen Factor, ihre zuweilen fubtilen und eigenartigen Bedürfniffe in Bezug auf das Materiale in ftofflicher Befchaffenheit und Färbung; die gefonderten und vermehrten Anforderungen an die Gefchicklichkeit des Arbeiters, ftellen die Shawlerzeugung an die Spitze der Entwicklung des textilen Faches und reihen ihre Erzeugniffe zu den artiftifch und techniſch ausgebildetften und vollendetften. Das Erzeugnifs an fich ift kein Kind unferes raffinirteren Occidents, es ift der natürlichen Anlage, der fchwärmenden Poefie eines einfachen Hirtenvolkes entfproffen und hat in unferer anfpruchsvollen Gegenwart, vielleicht gerade feiner Urfprünglichkeit, feines allem Conventionellen ausweichenden Gepräges halber, einer Beliebtheit fich zu erfreuen, die, mit einigem Schwanken zwar, im Ganzen jedoch über die ephemere Bedeutung fonftiger Modeartikel weit hinausgeht. Seit dem Beginne des Jahrhundertes( und wohl feit etwas längerer Zeit in England) ift der indifche Shawl und feine Copie ein Gegenftand des Wunſches des reicheren Damenpublicums geworden und hat fich in den Kreifen feineren Gefchmackes in Gunft erhalten. Sein gröfseres und allgemeineres Bürgerrecht im Volke hat er im Verlaufe der Zeit dadurch erhalten, dafs er als Mittelforte in die niederen Kreife gedrungen und dort fich, dem wandelnden Modegefchmacke etwas mehr entrückt, einer ziemlich anhaltenden Beliebtheit erfreut. Die Art des unaufdringlichen Stiles, die Brauchbarkeit der Webe läfst mit Sicherheit annehmen, dafs das Ende des Begehres noch weitaus nicht einzutreten droht, ja dafs im Gegentheile mit der Zunahme der Cultur in den verfchiedenen Emanuel Thieben. Shawls. 29 Ländern, bei nur einigermafsen gefchäftlicher Rührigkeit und Routine, felbft für die feineren Sorten ein überraschend zunehmender Abfatz zu erwarten ift. - Nicht allein, was die rein techniſche und artiftifche Frage betrifft, auch im rein gefchäftlichen Vorgange bieten uns vor Allem die Phafen, in welche die Shawlfabri cation in Wien getreten ift, eine beherzigenswerthe Lehre und diefs umfomehr, als wir bei einiger ruhiger unparteiifcher Beurtheilung geftehen müffen, dafs die ungünftige Stellung, in welcher in dem Zeitraume ihres Beftehens das Fach fich befunden hat und eigentlich fich noch befindet, weniger einem unabwendbaren Fatum, wie in den Schickfalsdramen- als der Unpraxis, der Spiefsbürgerlichkeit, dem techniſchen Confervatismus, dem hartnäckigen Beharren in gefchäftlicher Uneinigkeit zuzufchreiben ift. Die minder günftigen Refultate eines folchen gefchäftlichen Calculs dürften nunmehr auch diejenigen zur Einkehr in fich felbft veranlaffen, welche in fuperkluger Voreingenommenheit alle bewährten Lehren der Volkswirthschaft bisher eigenfinnig negirten. Gibt es doch noch heute mehr als zu viel Firmen in der deutfchen und öfterreichifchen Branche, welche in techniſcher, vorzüglich aber in artiftifcher Beziehung eher mit ihren gefährlichften Rivalen fchreiten, als fich dazu zu verftehen, mit ihren„ natürlichen" Genoffen die Wege einer concurrirenden Intelligenz zu wandeln und diefer einzig tüchtigen Idee einige Opfer zu bringen. Ueber die Gefchichte der indifchen Shawlfabrication haben zahlreiche Autoren dickleibige Werke gefchrieben. Sie liegt uns auch, was das Thatfächliche betrifft, zu ferne, um hier für uns einen wefentlichen Nutzen zu haben. Es ift bekannt genug, dafs es unmöglich ift, bei unferen Arbeitslöhnen und bei einer derlei Fabricationsart überhaupt mit den Arbeiten des Cachemirthales, von Lahore und Umritfir etc. zu concurriren. Anderfeits müffen wir uns auch die Frage. ftellen, wie es in diefer Art Weberei möglich wäre, auch unferem befcheidenen Markte zu genügen, ohne Legionen von Arbeitern anzuftellen. Wichtig für uns ift nur die Thatfache, dafs die Shawlweberei in Indien und unfere im Occident nur das Aeufserliche gemein haben, bezüglich der Verfertigung himmelweit verfchieden find. Das tiefe und eingehende Studium diefes das Gemüthsleben des Indiers charakterifirenden Schmuckes haben in richtiger Benützung unferer Sympathien für derartige Deffins und kluger Variirung derfelben ohne Frage die Franzofen als einen Vortheil für fich, der für ihre heutigen günftigeren Verhältniffe als nicht das geringfte Argument anzufchlagen ift. Wenn wir gerecht fein wollen und einen Blick auf die Gefchichte der Shawlfabrication in Oefterreich werfen, fo müffen wir es geftehen, dafs wir dem fo wichtigen artiftifchen Factor nie die nöthige Wichtigkeit beigemeffen, Talente in diefer Richtung nie gefucht oder gepflegt haben; dafs das Studium der Poefie, der Vorbilder nie eine Disciplin des Faches gewefen ift; dafs wir aber in allen intellectuellen Fragen die Franzofen an der Spitze marfchiren liefsen und uns dann fattfam wunderten, wenn wir trotz fchwieliger Hand" nie zur mafsgebenden Potenz gelangten ja im Gegentheile als überall hinterher kriechend an gefchäftlicher Achtung verloren und felbft in günftigerer Stellung in Bezug auf die Preisverhältniffe einfchrumpften. 27 - - Wir, die wir die Verhältniffe des eigenen Faches näher vor den Augen haben, können uns hierüber ein klares Urtheil bilden und diefes auch mit dem Freimuthe ausfprechen, den uns ein patriotifches Intereffe geftattet; anders ift diefes bei unferen Nachbarn jenfeits der Vogefen; bei ihnen tritt einerfeits in ihren Urtheilen eine fonderbare Unkenntnifs und eine Parteilichkeit zu Tage, die fich etwas anfieht, als hielte man unfere Kräfte in diefem Fache für fehr bedenklich und gefährlich, dafs es fich fchon der Mühe lohnte, fich mit uns näher zu befchäftigen und uns, wo es nur angeht, auf die Finger zu fehen. Man hat dort mehr Furcht vor unferen Fähigkeiten, als wir uns felbft zugeftehen; das ist deutlich zwifchen den Zeilen zu lefen. 30 Emanuel Thieben. Schon in dem Berichte der Ausftellung 1854 fagt M. Gaufsen: Die öfterreichifche Aus ftellung bietet uns eine grofse Auswahl von verfchiedenen Shawlforten und diefelbe verdient ein befonderes Studium, weil diefe Erzeugniffe uns mehr und mehr vom amerikanifchen Markt verdrängen. Es iſt wahr, ihre Shawls find nicht fo vollendet als die unfrigen, und zeigen im Ganzen eine ,, beinahe knechtifche" Nachahmung; aber ihre Preife find von einer aufserordentlichen Billigkeit. Einzelne Erzeugniffe, welche in London ausgeftellt waren, könnten allerdings einen Vergleich mit unferen ordinären Shawls aushalten; aber es ist leicht zu erkennen, dafs die Karten, welche, um fie zu fertigen, gedient haben, den Ateliers unferer befferen Zeichner entftammen. Wir haben zuletzt den vollständigften Beweis davon gehabt; auch bedarf es keines befonderen Studiums, dafs man in Bezug auf den Preis eine Differenz von 25 bis 30 Percent, welche zwifchen ihren und unferen Erzeugniffen befteht, annehmen kann." Derfelbe Autor fchreibt in feinem Berichte über die Ausftellung 1862, alfo wenige Jahre später: ,, Noch vor kurzer Zeit machten uns die öfterreichifchen Shawlfabrikanten mit grofsem Erfolge den amerikaniſchen Markt ftreitig. Sie erzeugten ihre manchmal knechtisch den unferen nachgeahmten Waaren zu einem Preife, dafs es uns fozufagen unmöglich fchien, mit ihnen in Concurrenz zu treten. Heute ift die Sachlage eine veränderte und wir können fchon mehrere grofse Parifer Häufer vorzüglich anführen, welche Longfhwals zum Preife von 80 und 85 Francs ausftellten, die zum mindeften ebenfo fein waren, als die der Wiener desfelben Preifes. Im Uebrigen fcheint uns, dafs die öfterreichifche Fabrication viel von der gegenwärtigen Sachlage zu leiden hat und unfere Concurrenten ertragen auch nicht fo leicht die amerikanifche Krife. Die öfterreichifche Ausftellung leidet offenbar unter den Nachwirkungen diefer Situation. Man merkt fehr wohl in der Durchficht der ausgeftellten Shawls aus Oefterreich, dafs die Fabrikanten diefer Nation es nicht wagten( osé), mit ebenfo grofser Energie aufzutreten wie 1855. Man bemerkt jedoch einige vorzüglich gearbeitete Stücke, welche aber immer von der Einwirkung unferes Genres und unferes Colorits Zeugnifs geben." In dem Berichte der Ausftellung von 1867 von David Gerfon wird diefelbe Anficht, ohne näher einzugehen, paraphrafirt. Es heifst dort unter dem Titel Châles d'Autriche: ,, Die Wiener Fabrication bietet uns eine intereffante Ausftellung von brochirten Shawls, aber es ift augenfcheinlich, dafs fie die Concurrenz, welche wir ihr feit einiger Zeit auf den ausländifchen Märkten und auf unferem eigenen Markte machen, empfindet. Es find nichtsdeftoweniger in Wien einige bedeutende Firmen, welche mit fehr guten Preisbedingungen fabriciren und welche mit gutem Erfolge fehr billige Shawls von mittelfeiner Qualität auf den Markt bringen Die bedeutendfte Firma(?) hat eine fehr fchöne Collection von Shawls ausgeftellt, von welchen einige fehr reich ausgeftattet find und fehr vortheilhafte Preisanfätze befitzen. Nichtsdeftoweniger müffen wir auch diefes Mal wie 1862 conftatiren, dafs die Wiener Fabrikanten die Art der Farbengebung und die Zeichnungen, welche von den Fabrikanten franzöfifcher Shawls angenommen wurden, auch benützen und unfere beften Künſtler in Anspruch nehmen, wenn es fich darum handelt, etwas reicher ausgeftattete Waare zu fertigen." Aus diefem, nebenher gefagt, doch etwas zu oberflächlich gehaltenen Urtheile zweier anerkannter Fachautoren ift zu erkennen, dafs man fich beftrebt, der öfterreichifchen Shawlfabrication ausnahmslos eine Parafitennatur aufzuoctroyiren und trotz der Siegesfanfaren eine Art Unbequemlichkeit fühlt. Was den franzöfifchen Einflufs betrifft, fo wäre der nächft befte indifche Refugar" im gleichen Rechte, der franzöfifchen Shawlfabrication eine„, knechtifche Nachahmung" nachzuweifen; und nicht gering träfe diefes Urtheil jene Hälfte des Zweiges, welche unter Anführung des Haufes F. Hébert fils, Lecog& Gruyer dem fogenannten ftrengen indifchen Gefchmacke Rechnung trägt; aber auch jene, Shawls. 31 welche, wie A. Duché jeune und Brière& Comp., franzöfifche und indifche Phantafie und Gefchmack zu vereinigen ftreben, find nicht fo voll Originalität, um dem Urtheile des Inders zu entgehen. Dafs die Wiener Shawlfabrication fich in Fällen von der allgemeinen Richtung des Gefchmackes in Frankreich leiten läfst, ift leider allerdings wahr; diefe Einwirkung ift aber nicht fo grofs, als es betont wird, und weit geringer als in Berlin, wofelbft fich diefelbe auf Stuhlconftructionen, Karten, Zeichnungen, ja bis zu den geringften Fabricationsmitteln herunter erftreckt. Die Urtheile des„ ,, Fachmannes" M. Gaufsen über unferen amerikanifchen Markt und deffen Verhältniffe feit 1854 find doch zu oberflächlich und entbehren offenbar der Einficht in unfer Gefchäft, deffen Richtung fowie der angeftrebten Ziele, als dafs es fich verlohnte, hier näher darauf einzugehen. Ich werde diefen Punkt an anderer Stelle näher erörtern. Die Genefis der franzöfifchen Shawlweberei feit 1805, die Verfuche, welche auf den mechanifchen Einrichtungen nach Maugis, Falconne und Regnier mit geringem Erfolge gemacht wurden, bis der geniale Jacquard durch feine Erfindung der gefammten Webekunft zum Auffchwunge verhalf, find zu bekannt und Maxime Gaufsen hat darüber einen kurzen, aber intereffanten Abrifs veröffentlicht. Abgefehen von einer kleinen Selbftverherrlichung find darin die englifchen Beftrebungen mitlaufend recht inftructiv dargestellt und es verdient unfer Intereffe, dafs auch in Frankreich eines Zeichners, Eck, erwähnt wird, der fich bedeutende Verdienfte um diefs Fach erworben hat, und ,, arm und verlaffen geftorben ift". Wir in Wien haben. derlei Märtyrer in Menge aufzuweifen. Die Gefchichte der Wiener Shawlfabrication ift meines Wiffens nur bruchftückweife und in Werken veröffentlicht die heute nicht mehr zur Hand find. Die beften Auffchlüffe darüber gibt J.G. Bartfchin Wien in feinem nur wenig bekannten Werke: Die Vorrichtungskunft der Werkftühle etc., Wien 1832" und neuerdings W. Boeheim in einem feiner kritifirenden Artikel über die Shawlfabrication auf der Weltausftellung. Es dürfte daher als nicht überflüffig erfcheinen, gegenüber den franzöfifchen und englifchen Beftrebungen der Erforschung ihres Entſtehens und Auflebens, auch der Gefchichte einer fo bedeutenden und anerkannt achtenswerthen Induftrie wie der Wiener in einem kurzen Abriffe an betreffender Stelle zu gedenken. Indien. Der Urfprung der indifchen Shawlfabrication ift nicht aufgehellt und jedenfalls weit älter, als die vorhandenen gefchichtlichen Daten denfelben vor der Hand feftfetzen. Die älteften Nachrichten führen auf zwei Jahrhunderte vor Chrifti Geburt zurück. In der alten patriarchalifchen Periode des Volksftammes and felbft von der mohamedanifchen Epoche bis in unfere Tage herein, fcheint die Hausinduftrie der Cachemirfhawls wenig Kataftrophen gezählt, nach bewährten Andeutungen aber einen riefigen Abfatz im ganzen Oriente gefunden und in jeder Richtung geblüht zu haben; die langwierige und umftändliche Erzeugung war nie im Stande, dem Bedarfe zu genügen, und es war diefs die erfte Urfache einer bedeutenden Preisfteigerung des Artikels. Erft vor etwa zwanzig Jahren erlitt unter der Herrfchaft Golab- Singh's der Induftriezweig dadurch eine wefentliche Veränderung, dafs die beften Shawlweber Cachemirs, den Bedrückungen des Häuptlings entfliehend, auf britifchem Boden in und um Lahore fich anfiedelten und diefe Gegend damit zum Mittelpunkte einer Shawlmanufactur machten, die, was die Gröfse der Induftrie betrifft, heute jene von Cachemir weit überragt.- Weniger günftig war die Ueberfiedlung der einfachen Arbeiter für den artiftifchen Werth der Artikel; der überhandnehmende Einfluss fremder Agenten Englands und vor Allem Frankreichs hat zwar den Capitalkräften eine wefentliche Vergröfserung zugeführt und das Fach quantitativ enorm gehoben; die Originalität der Mufter fängt jedoch an fich fichtlich zu verwifchen. Böfe * Neues Wiener Abendblatt vom 1., 5. und 7. Auguft 1873. 3 32 Emanuel Thieben. Anzeichen eines Rückganges machen fich an zwei Thatfachen bereits geltend; an der riefigen Preisfteigerung älterer Shawls und an der aufgetretenen, wenn auch am Capitale fiechenden Concurrenz von eingebornen Arbeitern, welche den Einflufs des Abendlandes fernehalten und im Gegentheile ihre Erzeugniffe nur unter fich verwerthen. An der Spitze diefer nationalen induftriellen Bewegung ftehen zumeift einzelne eingeborne Häuptlinge. Die indifche Shawlinduftrie ift in den Räumen der Ausftellung in der betreffenden Gruppe in Frankreich und vorzüglich in Britifch- Indien zu fuchen gewefen. Die franzöfifche Compagnie des Indes( Verdé- Delisle und Comp.) mit dem Sitze in Paris und einigen Filialen im Oriente, von welchen jene zu Trimeggur und zu Cachemir die bedeutendften find, hat diefsmal weniger als 1867 die Aufmerkfamkeit der Kenner in Anfpruch genommen; nichtsdeftoweniger zeugen ihre Shawls noch von der alten forgfältigen Technik; die Zeichnungen entkleiden fich aber fichtlich jener abfichtslofen Führung in den Linien und werden berechnet. Wenn auch die Farben, einzeln betrachtet, die alte Tadellofigkeit befitzen, in ihrer Zufammenftellung merkt man fehr den fremden Einfluss. Solche Prachtftücke, wie jenes, welche die Compagnie 1867 zur Anficht gebracht, den berühmten Shawl, welcher auf Befehl des Maharadfchah von Lahore gewebt wurde, hatte diefelbe diefsmal nicht aufzuweifen. Sie wäre diefs auch kaum im Stande gewefen; war doch jener erwähnte Shawl nur durch einen glücklichen Zufall in ihre Hände gekommen, da deffen Verkauf bei Todesftrafe verboten war. Von englifchen Fabriks- und Exportfirmen haben die beften Artikel die Comités von Madras und Punjab, Devifahal und Chamba Mal in Amritfur, Ahmad Shah und Ahfan Shah in Ludhyana, endlich das bekannte Haus Farmer und Rogers in London ausgeftellt. Die entfchieden originellften Mufter und reinfte Webe ftellte das Punjab aus, einzelne reichere Sorten das Londoner Haus. Es ift bei der mangelhaften Bezeichnung unficher, wem die geftreiften Shawlmufter angehörten; ich glaube, der mohamedanifchen Firma Ahmad. Sie bezeichnen einen bedenklichen Rückgang in dem fchönen Induftriezweige. Von bedeutenderem artiftifchen Werthe können etwa fechs bis acht Shawls gelten, welche in einer der Mittelvitrinen der Hauptgallerie zur Anficht vorgelegen find; einige derfelben erinnerten an die alte raft der indifchen Phantafie. Ein figurales Deffin in concentrifchen Kreifen zufammengefetzt, erinnerte an byzantinifche Mufter und zeigte einige, wenn auch nicht nationale, doch hochintereffante Details. Im Allgemeinen ift aus der vorgelegenen Collection der Schlufs zu ziehen, dafs die Induftrie von den realiftifchen Anfchauungen und der Geldfucht des Abendlandes angekränkelt ift und dafs die franzöfifche Einwirkung auf die artiftifche Erfindung keine günftige zu nennen ift. Die originale indifche Webe ift im Niedergange begriffen. Perfien. In Perfien war einft die Textilinduftrie zur höchften Entwicklung gelangt; von Perfien aus kamen im Alterthume durch die Phönizier die feinen Gewebe zu den abendländifchen Völkern. Sie war unter den alten Perfern, den hiftorifchen Daten nach, weit bedeutender als unter den Arabern. Heute ift fie nur mehr ein Schatten ihrer alten Gröfse. Der von dem indifchen abweichende, ruhigere und ftrengere altperfifche Stil vermifchte fich unter den Mohamedanern allmälig mit occidentalen Phantafieformen und der dadurch erzeugte Mifchftil, der in feiner Wandlung nur mehr wenig Spuren des urfprünglichen Stiles wahrnehmen läfst, ift bereits eine Beute des Conventionellen geworden. Die heutigen Stätten der Wollenwebe find erft aus der mohamedanifchen Epoche entstanden, die alten Induftrieftätten find in Ruinen gefallen, wie alle einftigen Mittelpunkte iranifcher Cultur. Shawls. 33 Die vorzüglichften Orte für Gewebe, die man mit dem Namen Shawls bezeichnen kann, find Chorraffan, Yezd, Kerman und Mefchhed. Die Mufter der perfifchen Shawls find bedeutend von den indifchen veri chieden. Sie zeigen auffällig kleine Deffins und diefe wiederholen fich nicht felten; ein Zeichen der Armuth der Phantafie. Die Webe ift unterfchieden, durchwegs Handarbeit; gute und feine Wolle; aber an Borduren tritt manchmal Handftickerei auf; ein böfes Omen für die edle Webekunft. Nebft der kaiferlich perfifchen Regierungscommiffion hat fich das Haus Ziegler& Comp. in Tabris um die Vorführung der vorhandenen beften Shawlmufter fehr verdient gemacht. Die Shawls der erfteren find reich und zeugen von guter Färbung, ein Vorzug, der nicht allenthalben hier merkbar wird, da viele Textilftoffe unreine Farben zeigen; und es ift faft, als ginge in Perfien die alte Gewandtheit in der Behandlung der vegetabilen Farbftoffe allgemach verloren. England. Es ift fehr zu bedauern, dafs England, das Land des praktifchen, gewerbefleifsigen Schaffens, das uns zuerft mit dem fchönen indifchen Producte bekannt gemacht und durch wefentliche Beförderung der Mechanik der continentalen Shawlweberei feften Boden gefchaffen hatte, das Land, deffen Production in diefem Zweige nicht gering anzufchlagen ift- nur durch eine einzige, wenn gleich eine der hervorragendften Shawlfirmen auf der diefsjährigen Ausftellung vertreten war. Noch 1862 in London waren zwölf Firmen auf dem Platze, 1867 in Paris deren nur mehr vier, 1873 nur eine, welche überdiefs mehr eine fchottifche ift: Kerr, Scott & Comp. in Edinburgh und London. Von England, wofelbft heute an 4000 Webeftühle fich im Gange befinden, hätten wir mit Recht eine gröfsere Betheilung der Branche erwarten können, zumal felbft die Shawls Kerr, Scott& Comp. nicht gerade die tadellofeften Deffins, die glücklichfte Schattirung zeigen und viele Baum wollforten enthalten. Noch auf der Parifer Ausftellung, die, wie erwähnt, von England fchwach vertreten war, ragte wenigftens eine bedeutende Firma aus dem Wiegenorte englifcher Shawlfabrication, Clabburn und Comp. in Norwich, durch ihren vielbewunderten Patentfhawl und durch prächtige indifche Imitationen hervor; diefsmal haben wir nichts, was einer Erwähnung verdiente, zu verzeichnen. Deutfchland. Ebenfo enthaltfam als England, hat fich in Shawlwaare Deutſchland gezeigt; der wichtigfte Vorort deutfcher Shawlweberei, Berlin, welchei bei 2000 Webeftühle im Gange hat, ift nur durch drei Firmen vertreten gewefen. Das relativ Befte im Artikel boten David und Silber im heffifchen Meyenheim und deren Schwefterfirma M. Silber in Berlin. Zunächft an fie heran tritt Mundt& Pick in Berlin, E. Heffel in Berlin und L. Gentfch in Zeitz. Von allen nationalen Shawlinduftrien ift die deutfche und namentlich die Berliner am abhängigften von Frankreich. Sie bezieht von Lyon ihre eifernen Stühle, läfst in Frankreich zeichnen oder benützt ältere franzöfifche Mufter, von welchen fie die Karten fich verfchafft; ja es kommen Fälle vor, dafs zu Muftern felbft die Kettenflamiren aus Paris, Nimes oder Lyon bezogen werden. Eine bedeutende gefchäftliche Rührigkeit der Firmen hat aber dennoch befonders in halbfeiner und ordinärer Waare den Erfolg, dafs die Branche in Schweden, Dänemark und Holland guten Markt hat. Von Deutfchland hat fie die Oefterreicher in Mittelware faft verdrängt, da nur mehr zwei öfterreichifche Firmen Hlawatfch und Isbary und E. Thieben Gefchäfte mit Deutfchland machen. In den ausgeftellten Waaren, unter welchen jedoch eigentliche brochirte Shawls nicht zu fehen waren, offenbarte fich eine forgfältige Wahl des Halbfabricates und eine gute Färbung. Die der Shawlarbeit verwandte Webe war rein und zumeift fehlerfrei; alle übrigen und vorzüglich die artiftifchen Factoren kommen hier weniger in Frage, da fie zu merkbar von franzöfifcher Seite beeinflufst find. 3* 34 Emanuel Thieben. Eine Eigenthümlichkeit der Branche ift, dafs fich diefelbe nicht auf die Anfertigung von„ Berliner Shawls" allein befchränkt, fondern alle möglichen Webeforten in Streich- und Kammgarnen erzeugt und es dürfte auch in diefem Umftande die erfte Urfache des ftaunenswerthen Auffchwunges fein, den diefelbe unleugbar genommen hat. Sichtlich ftrebt die Fabrication darnach, fich in den Garnmaterialien unabhängig zu machen, was bis jetzt auch in den Schufsgarnen nur theilweife erreicht ift. In Färbereien hat Berlin grofse Fortfchritte gemacht, felbft die Appretur, welche bisher in eigenen Anftalten beforgt wurde, hat fich merkbar gebeffert. Uebrigens fteht die Berliner Waare in Bezug auf Schönheit und Werth noch fehr gegen die gewöhnliche Wiener Waare zurück, von franzöfifcher Waare gar nicht zu reden. In einer Beziehung bietet uns die deutfche Shawlinduftrie eine beherzigenswerthe Lehre ,,, was man felbft bei minderer technifcher Leiftungsfähigkeit durch eine fyftematifche und rührig angegriffene Gefchäftsthätigkeit zu erreichen vermag". Frankreich. Die Gefchichte der franzöfifchen Shawlinduftrie beweift den richtigen Satz H. Th. Buckles( Hiftory of the civilif. of England), dafs wichtige Reformen noch nie von der ftaatlichen Gefetzgebung ausgegangen, fondern immer der Thätigkeit einzelner genialer Männer ihre Entstehung zufchreiben können. So verdankt die Shawlinduftrie Frankreichs ihre Bedeutung zwei Männern, Jacquard und Terneau. Diefe Talente haben das Fach durch ihre Ideen lebensfähig gemacht; die Gefetzgebung befchränkte fich nur darauf, alte Einfchränkungen abzufchaffen, das Publicum des Marktes fand fich dann ganz von felbft ein oder konnte bei der Güte des Productes und der Art des Gefchäftsbetriebes leicht herangezogen werden. Was die franzöfifche Shawlinduftrie trotz des befchränkten Productionsgebietes zur hervorragendften auf dem Continente gemacht, find die gleichen Factoren, welche auch ihre ganze Textilinduftrie fo kräftig und lebensfähig erhält. Sie find in wenigen Punkten angedeutet: Eine innigere Verbindung mit der Urproduction und der Erzeugung des Halbfabricates und damit ein directerer Einfluss auf den Preis und auf die Befchaffenheit desfelben, in Bezug auf das Bedürfnifs die Wirkung der Bemühungen Terneau's. Eine rege Benützung aller techniſch- chemifchen und technifch- mechanifchen Errungenfchaften, felbft unter den namhafteften Opfern", wo es gilt, fchneller und fchöner zu erzeugen. Eine gebührende Achtung des Fabrikanten für den artiftifchen Factor, in deren Folge es möglich ift, artiftifche Talente für das Fach zu intereffiren und, felbft mit hohen Koften, zu erhalten. Ein intelligenter und fyftematifch eingeleiteter Gefchäftsbetrieb, unterftützt durch zahlreiche maritime und Binnen- Verkehrsmittel und eine entwickelt organifirte allgemeine Handelsthätigkeit. Was man bei uns und in Frankreich unter dem Namen Shawls begreift, find je nach dem hiezu verwendeten Halbfabricate: Cachemirfhawls, Wollfhawls, Shawls aus gemifchter Wolle, aus Baumwolle mit Seide, endlich aus Schufsmateralien, aus Seide. Wir haben es zunächft hier mit den Geweben aus animalifcher Wolle zu thun, da die anderen, ftreng genommen, in andere Sectionen der Gruppe gehören, ohne diefelben jedoch dort ganz zu übergehen, wo es darauf abgefehen ift, das orientalifche Original auch mit anderen Stoffen zu imitiren. Die Shawlfabrication wird in Frankreich an drei Erzeugungsorten betrieben. Die hochfeinen und viele mittelfeine Sorten entftammen den Firmen von Paris. Lyon erzeugt mittelfeine und ordinäre, Nimes liefert vorzugsweife billige Waare. Die Parifer Fabrikshäufer beforgen fich ihre Cachemirwolle aus Thibet und befitzen Einfluss auf den dortigen Markt; die Einfuhr gefchieht über Rufsland, die übrigen Garnforten find verfchiedenen Urfprungs; Vieles wird aus dem Süden Shawls. 35 Frankreichs bezogen. Die Zeichnung, das in Karte Setzen etc. gefchieht in Paris felbft, vielfältig auch die Appretur. Der gröfste Theil der fogenannten Parifer Shawls wird aber nicht in Paris, fondern der Lohnverhältniffe wegen in der Picardie und befonders in Fresnoy le Grand und in der Umgegend betrieben. Ein wefentlicher Vorzug, deffen fich die Manufactur in der Welt erfreut, ift in der forgfältigen Pflege der artiftifchen Ausführung begründet und abgefehen von den mercantilen Verhältniffen hat fich diefelbe allein dadurch fchon die Führung im Gefchäftszweige erworben. Gegenüber der öfterreichifchen ſteht fie heute noch etwas ungünftig in dem Preife mancher Halbfabricate; es ift ihr aber gelungen, diefe Differenz etwas auszugleichen. Die öfterreichifche Manufactur hat nie etwas Einmüthiges dafür gethan, um diefen wichtigen Vortheil nachhaltig auszunützen. Seit der Ausftellung 1854 ift in der franzöfifchen Shawlmanufactur eine rege Thätigkeit merkbar; fie kennzeichnet fich in einem erfolgreichen Beftreben, die Billigkeit der Waare zu erhöhen, die Exportwege des Auslandes auszuforfchen und den Export desfelben, fchrittweife vorgehend, fyftematiſch einzufchränken, endlich in der bereits überraschend gelungenen Bemühung, den original- indifchen Sorten in Zeichnung und Webe fich anzunähern. Wenn ihr auch, wie erwähnt, die heutige indifche Manufactur hierin auf halbem Wege entgegengegangen ift, fo ift doch der erzielte Erfolg ein bedeutender und für uns ein lehrreicher. Der franzöfifche und vorzugsweife der Parifer Shawl fteht dem indifchen. nur mehr in Bezug auf die Dauerhaftigkeit der Webe nach; ein Nachtheil, der fich durch die riefige Preisdifferenz beider Gattungen wieder mehr als ausgleicht. In äufserer Eleganz, in Klarheit und Reinheit der Färbung, Schönheit des Stoffes, in jenem Raffinement der Zeichnung und Farbengruppirung haben die Franzofen ihre Lehrmeifter erreicht. Bei dem Stande der franzöfifchen Shawlinduftrie, welche 1867 durch 36 Aussteller vertreten war, ift die diefsmalige Betheiligung eine quantitativ fehr fchwache zu nennen; fie reducirte fich auf vier Firmen aus Paris, drei aus Nimes und nur eine aus Lyon. Was die qualitative Leiftung betrifft, fo haben wir trotz der fchwachen Vertretung doch Bedeutendes zu regiſtriren und es fällt hier noch dazu der Umftand ins Gewicht, dafs unter den diefsjährigen Ausftellern die bedeutendften Frankreichs nicht vertreten find. Vor Allen hatte J. H. Bideau in Paris durch feine feinen Longfhwals die Aufmerkfamkeit der Kenner in Anfpruch genommen. Er überrafchte ebenfo durch den ftrengen Stil feiner Zeichnungen, als durch eine Farbengebung, die in ihrer vortrefflichen Brillanz die Bewunderung mit Recht herausforderte. Es iſt ein Beweis von der richtigen Auffaffung der gefchäftlichen Sachlage, wie von der erfolgreichen Bemühung in diefer Richtung, dafs Bideau fehr auffällig feine niederen Preife betonte. Eine andere Parifer Firma, Boutard& Laffalle, excellirte in Shawls mit gezogenen Deffins und einer Reinheit der Webe, die bewundernswerth ift. Hie und da wäre in der Farbengebung etwas Mäfsigung zu wünfchen gewefen. Minder glücklich, wenn auch immer in diefer illuftren Umgebung hoch anerkennenswerth, repräfentirte fich die Firma Tresca, Thorel& Ratieuville in Paris. Sie geht vom indifchen Vorbilde freier ab, wird in den Deffins oft blumig und nähert fich dem Conventionellen, ohne hiezu die nöthige Origi nalität mitzubringen, was man an wiederholten Deffinselementen deutlich wahrzunehmen in der Lage ift. Stoff und Webe liefsen allerdings nichts zu wünschen übrig. In der Farbengebung war hie und da eine gewiffe Zurückhaltung nicht unangenehm merkbar. Das Weifs war fehr wenig benützt, Blau als Deffinfarbe auffällig ftark, Gelb war nicht vertreten, was die Artikel gegen jene der Collegen etwas düfter erfcheinen liefs. Ueberhaupt waren von Parifer Muftern violette Spielungen gar nicht, dafür folche in Roth, Blau und Schwarz vertreten; befonders letzte erreichten die Abficht feinerer Eleganz am vollständigften. 36 Emanuel Thieben. Unter den Provinzfirmen war ein erft feit zehn Jahren in diefem Artikel thätiges Haus Ducros& Robert in Lyon und Nimes hervortretend. Deffen Zeichnungen zeigten allerdings nicht jenes gewandte Eingehen in die Vorbilder und man konnte auch an Stellen einige Befangenheit in der Löfung des Deffins gewahren; dafür erfetzte dasfelbe den leichten Nachtheil durch wahrhaft eminente Farben, wenn auch das Roth mehr auftrat, als vom Standpunkte der Schönheit zu wünfchen war. Die meiſten Shawls der Firma hatten fchwarze Rondeaux, die vom Deffin etwas zu fcharf abftachen. Rufsland. In Rufsland wird nur gröbere Shawlwaare und auch diefe heute noch in bedeutenden Maffen erzeugt. Das füdliche Rufsland verforgt fich in feinerer Waare von Cachemir, das nördliche auch aus Frankreich. Diejenigen Fabriken, welche in Rufsland Shawls erzeugen, betreiben gewöhnlich noch eine oder die andere Webeinduftrie dazu; in Shawls ftehen fie dem Wiener Gefchmacke fehr nahe. Auf der Ausftellung bot die Firma R. Menke in Lodz, Gouvernement Piotrkow einiges Intereffe durch ihre gröberen Shawlwaaren, die bei reiner und fchöner Webe ganz fich den Wiener Erzeugniffen anfchlofs. Oefterreich. Die Shawlfabrication Wiens entftand am Beginne des Jahrhundertes und wurde dahin aus Frankreich verpflanzt. Der erfte Erzeuger von Shawls in Wien war der Weber Bertolli. Diefer talentvolle und thätige Mann machte von 1805 an bedeutende Anftrengungen, um den Artikel, der damals der Gegenftand eines empfindlichen Schleichhandels war und fchwere Summen dem Auslande zuführte, in Oefterreich in gleicher Güte zu erzeugen und mit ihm waren auch bis 1807 Hornbostel, Griller, Hermann u. A. in gleicher Weife bemüht; deffenungeachtet und namentlich nach dem Ableben Bertollis, der Seele aller Beftrebungen, mufsten die Verfuche wieder aufgegeben werden. Die mechanifchen Einrichtungen waren zu unvollkommen und die Waare konnte nur mit zu grofsen Opfern an Zeit und Mühe einigermassen concurrenzfähig hergeftellt werden. Das mechanifche Mittel war der„ Zugftuhl"; in feiner damaligen Geftalt hatte er in acht Reihen 400 Rollen und geftattete daher nur eine geringe Breite; nun wurden zwar allerdings die Rollen verdoppelt und fogar verdreifacht, diefs erfchwerte aber wieder die Arbeit des Ziehens. Alle Veränderungen vermehrten die Erzeugungskoften, ohne im gleichen Verhältniffe den Artikel zu verbeffern. Die erften Shawls waren vier bis fünffarbig und urfprünglich nicht ,, ausgefchnitten". In der additionellen Ausftellung war das Modell eines alten Zugftuhles zu fehen und auch der Webftuhl der Japanefen, welcher im Hofeinbaue der Ausstellung diefes Landes in fteter Thätigkeit war, beruhte wefentlich auf denfelben mechanifchen Principien. Die erwähnten ungünftigen Umftände liefsen die Anftrengungen auf Jahre hinaus ruhen. Erft im Jahre 1814 gelang es den Webern Anton Mayer, Jofef Wolf, Lorenz Schaller, Johann Blümel, 1816 auch Jofef Heinze nach mühfeligen, oft mifsglückten Verfuchen eine concurrenzfähige und preiswürdige Waare zu erzeugen. Zu diefen erfreulichen Errungenfchaften gefellte fich eine riefige Nachfrage vorzüglich aus dem Norden, fo dafs, wie J. G. Bartfch in feinem Werke fagt, die wöchentliche Fertigung von 2000 grofsen Shawltüchern dem Bedarfe nicht entfprach. Bis zur Erfindung der Jacquardmafchine machten fich 1802 bis 1815 um die Verbefferung der mechanifchen Einrichtungen vorzüglich Freund, Diez und der Weber Schuhmann verdient. Im Jahre 1814 erfand der Weber Jacquard zu Lyon feine nach ihm benannte Mafchine; fie wurde jedoch erft fechs Jahre fpäter durch Kannegiefser und den Commercialmafchiniften Baufsemer nach Wien gebracht. Die erfte nach Wien gelangte Jacquardmafchine war ohne Trittvorrichtung. Die erfte Trittmafchine machte Czernig nach den Angaben Baufsemers. Shawls. 37 Im Jahre 1830 wendete man zum erften Male den Grundfatz an, wodurch, da der Spiegel mit Auffchufs gearbeitet werden konnte, eine gröfsere Haltbarkeit erzielt wurde. Erft um den Beginn der dreifsiger Jahre fcheinen fich für die Shawlinduftrie Künftler gebildet zu haben. Der erfte bekannte Shawlzeichner hiefs Efche; er fertigte, und mit ihm auch ein anderer Zeichner Kokefch, die erften Mufter auf Gradpapier, welch' letzteres zuerft von dem bekannten Kupferftecher Schönberger herrührte. Zwifchen die Jahre 1830 und 1840 fallen die wefentlichften Verbefferungen in der Shawlfabrication; hieher gehören die erfte Anwendung des Repetirfchuffes und die Verbefferung der Trittmaſchine, wie fie noch heute beſteht, wahrfcheinlich nach franzöfifchen Vorfchlägen. Dagegen ift als nationale Erfindung die " Doppelmafchine" anzufehen, welche der Wiener Kofchatzky erfand und welche ihrer Vortheile wegen eine fchnelle Verbreitung fand. Noch lange Zeit wurde mit Stecker gearbeitet, bis Kliemke nach einem Lyoner Mufter den Steckschlag bekannt machte; Kneppberger verbefferte denfelben nach einer Elberfelder Conftruction. Zuerft wurde er von Imlauer angewendet. Faft. gleichzeitig verbefferte ein einfacher Schloffer, der geniale Willmann, die Schlagmafchine. Sie ift anerkannt beffer als die franzöfifche und noch heute als muftergiltig anzufehen. Man kann annehmen, dafs bis zum Jahre 1834 die Wiener Shawlfabrication in beftändigem Aufftreben begriffen war; dasfelbe machte fich gleichzeitig nicht allein in dem rührigen Beftreben merkbar, durch techniſche Errungenfchaften das Fach zu erheben, fondern auch durch gefchäftliche Erfolge, welche namentlich gegen Norden hin fehr bedeutend genannt werden konnten. Nach verlässlichen Berichten beftanden im Jahre 1834 circa 400 felbftftändige Meifter, welche be3000 Webftühle fortwährend im Gange erhielten. Von diefer Zeit an bis zum Jahre 1840 etwa ftand die Wiener Shawlinduftrie auf dem Zenithe ihrer Entwicklung; eine vollſtändig ebenbürtige Gegnerin der franzöfifchen; von diefem Jahre an machten fich jedoch anfänglich leife, fpäter ganz deutlich fühlbare Anzeichen der Stagnation geltend, mit dem Jahre 1848, jenem Jahre, in welchem unter Sturm und Bewegung nicht allein die politifchen, fondern auch die focialen. Grundlagen der Gefellſchaft erfchüttert und verändert wurden, begann allgemein der Verfall des fchönen Induftriezweiges fichtbar zu werden. Der allzu rege Anfchlufs an die franzöfifche Induftrie, ein Umftand, den fich diefe fehr intelligent zu Nutze gemacht, die Wandlung der Mode, wefentliche Aenderungen in der bisherigen Zoll- und Handelspolitik, die auf das Allgemeine berechnet, nicht rafch genug von der Branche gewürdigt wurden, endlich eine rafch eintretende Verzagtheit der Induftriellen, eine Folge der in guten Zeiten nicht geförderten allgemeinen Intelligenz, diefs Alles waren die wefentlichen Urfachen des Rückganges, und es erforderte viele Opfer, um diefen Zweig der Webetechnik lebensfähig zu erhalten, und es wird noch Jahre erfordern, demfelben mühfam wieder zu feiner verdienten Geltung zu verhelfen. Es ift ein Beweis, wie fehr die eingeriffene Muthlofigkeit nach 1848 einen wefentlichen Einflufs auf die Thatkraft genommen hat, dafs nach einer wahren Fluth von Anftrengungen zur Verbefferung der Fabrication von 1805 bis 1848, von diefer bis in unfere Zeit herein keine bemerkenswerthere Verbefferung verzeichnet werden kann, als jene der Anwendung der flamirten Ketten. Etwa von 1860 an beginnt in der Branche einiges Leben, und es iſt feit diefer Zeit auch wieder einiges Beftreben merkbar, in technifcher Beziehung Schritt zu halten. In techniſch- mechanifcher Richtung find die anerkennenswerthen Erfolge in der Conftruction der( hölzernen) Werkftühle von Schramm und in neuerer Zeit auch jener von Bachmeyer nicht zu verfchweigen. Genaue und exacte Arbeit der einzelnen Theile und Dauerhaftigkeit kennzeichnet auch in diefer Richtung Wiener Arbeit. Wien zählt etwa fünf bis fechs Mechaniker für Webeftühle. 38 Emanuel Thieben. Wenn ich nun zur Beurtheilung der einzelnen öfterreichifchen Firmen übergehe, fo mufs ich vor Allem der Führerin der gefammten Shawlinduftrie gedenken, der Firma Hlawatfch und Isbary, deren Leiftungen quantitativ wie qualitativ alle übrigen Firmen zufammengenommen überragt. Es ist bekannt, dafs der leitende Chef der Firma feine Kräfte nicht allein der eigenen Firma oder dem eigenen Fache, fondern der Hebung unferer Gefammtinduftrie angeftrengt widmet, und dafs deffen aufrichtige und geiftvolle Bemühungen alle Hoffnung auf eine Verbefferung der Lage unferes Kleingewerbes geben. Die Firma ift die einzige in Wien, welche fogenannte„ hochfeine" Waare erzeugt und damit in kräftige Concurrenz mit den Parifer Firmen und den Erzeugniffen der Picardie tritt. Trotz der minder günftigen Epoche haben es ihre bedeutenden Mittel und eine von vieler Intelligenz befeelte gefchäftliche Strebfamkeit dennoch erreicht, mehr als 300 Stühle andauernd in Gang zu erhalten. Ihre ausgeftellten Sorten entfprachen vollends den Erwartungen, welche man an ein fo bedeutendes Etabliffement ftellen konnte. Einige Specialleistungen, wie prächtige Seidenbrochirungen, erregten mit Recht die allgemeine Bewunderung der Kenner und liefsen mit Staunen ermeffen, wie nahe die mechanifche Technik an die Handarbeit tritt. Die ausgeftellten Longfhawls, von welchen wir eines Prachtftückes, eines in der Länge und Breite nicht repetirten Shawls, mit aller Bewunderung gedenken, waren insgefammt an die beften Arbeiten der Parifer Firmen anzureihen, gegen manche Erzeugniffe franzöfifcher Firmen wirkten fie fogar durch eine befcheidenere Farbengebung wohlthuender. Die Webe war insgefammt tadellos und machte den Arbeitern des Etabliffements alle Ehre. Nach den bekannten Antecedentien des hochgeachteten Leiters der Firma kann man die ficherfte Hoffnung hegen, dafs das Etabliffement beftrebt fein wird, auf der Bahn des feinften Kunftgefchmackes vorgehend, fich von dem noch immer fühlbaren Einfluffe Frankreichs vollends frei zu machen; dafs es das Bemühen, den übrigen einzelnen Wiener Induftriellen ein technifcher und artiftifcher Leiter und Führer zu fein, mit aller Kraft und im wohlverftandener Intereffe aufnehmen wird, um mit feinen eigenen prächtigen, und preiswürdigen Erzeugniffen auch der hilfsbedürftigen Genoffenfchaft der Erzeuger der weltbekannten Wiener Shawls" wieder zur alten Geltung und Kraft zu verhelfen und damit auch indirect der eigenen Arbeit zu dienen. E. Thieben's Ausstellung lag, wie feine Thätigkeit im Fache überhaupt es ift, klar vor Augen. Er war von 1866 an, nach Mafsgabe feiner Mittel, aufrichtig beftrebt, fowohl durch techniſche Verbefferungen, als durch rühriges, gefchäft liches Eingreifen der Wiener Waare die alte Würdigung wieder zu erringen. Wie es ihm übrigens im Einzelnen gelungen ift, die Technik des Erzeugniffes zu fördern, möge die fachmännische Welt beurtheilen. In gefchäftlicher Richtung war es immer fein angeftrengtes Bemühen, den Export zu cultiviren und diefen durch Novitäten und Specialitäten rege zu erhalten. Die Firma Sebaftian Haydter Söhne arbeitet ausfchliefslich für den amerikanifchen Markt; ihre Zeichnungen ebenfowohl wie ihre Ausführungen find fpeciell für diefes Abfatzgebiet gemacht. Da bis jetzt die franzöfifche Concurrenz dort nur in feiner Waare Schwierigkeiten gemacht, fo befchränkte fich die Firma mit vielem Erfolge auf Mittelwaare, die zweckentfprechendes, preiswürdiges Fabricat ift. Carl May, eine Firma, der Rührigkeit und Gefchick nicht abzufprechen ift, hat ihr Beftreben darauf gerichtet, die Waare billiger zu machen; freilich ift ihr diefes nur auf Koften der Qualität und Schönheit gelungen. Dafs ein derlei Calcul nicht richtig und eher geeignet ift, den Artikel ganz aufser Gebrauch zu bringen, liegt in richtiger Würdigung der hier einwirkenden Factoren auf der Hand. Ein wefentlicher Vorzug des Shawlartikels lag feit jeher in deffen Dauerhaftigkeit; und eine Frau, die fich auch heute einen Shawl kauft, gedenkt den Shawls. 39 felben, der fchwankenden Mode zu Trotz, viele Jahre lang zu tragen. Durch allzuleichte Einftellungen und durch Mifchung von Baumwolle verliert der Artikel einen feiner wefentlichften Vorzüge und lauft um fo ficherer Gefahr, von der Fluth der Mode überfchwemmt zu werden. Die Waare von Raymund Karl ift folid und als Mittelwaare fehr gut fchattirt. Da ich die Gefichtspunkte nicht kenne, welche die Jury in ihrer Beurtheilung fefthielt, fo ift es mir auch nicht möglich, die Beweggründe mir klar zu machen, warum die Firma nur mit dem Anerkennungsdiplome bedacht wurde. Mir fchienen allerdings, von meinem Beurtheilungs- Standpunkte aus, deren Leiftungen einer befferen Beurtheilung werth zu fein. Max Koch brachte in verfchiedenen und zuweilen originellen Zeichnungen ziemlich gute Mittelwaare. J. Dotter, J. Girfch, Konrad& Kornblüh, H. Lindner. F. Linfer und F. Wondrafch, Firmen, welche im Grofsen und Ganzen im gleichen Range ftehen, haben fich auf der Ausftellung mit vielem Erfolge bemüht, durch gute Mittelwaare, dem Provinzgefchmacke entſprechend, die Fähigkeit der Wiener Shawlmanufactur darzuthun. Ich kann nicht umhin, denfelben im vollften Sinne anerkennend gerecht zu werden. Es ift eine unleugbare Thatfache, dafs die Wiener Shawlfabrication fich nicht nur von dem enormen Rückgange feit den vierziger Jahren nicht wieder erholt, fondern auch in ihrem heutigen Ringen mit Einflüffen zu kämpfen hat, welche das angeftrebte Ziel auf weite Diftanzen hinauszuftrecken fcheinen. Ein Induftriezweig, der noch vor dreifsig Jahren etwa 400 felbftftändige Erzeuger ernährte, der 5000 bis 6000 Stühle im fteten Gange erhielt, ift heute auf etwa fo viele Hunderte reducirt; ein Artikel, der einft auf dem Weltmarkte eine Rolle gefpielt, erwehrt fich heute mühfam einer ftets fteigenden Concurrenz. Es verlohnt fich nach fo draftifchen Erfahrungen wohl der Mühe, die hier obwaltenden Umftände näher ins Auge zu faffen und meine befcheidene Meinung darüber anzudeuten, wie der darniederliegenden Induftrie zu einem neuen, kräftigen Auffchwunge zu verhelfen fei. Es ift wahr, die Mode hat dem Zweige durch die Confection der Mäntel, Jacken, die gebaufchten Kleider vielen Schaden bereitet; aber dennoch ift der Verkauf mehr reducirt, als diefs nur nach oberflächlicher Beurtheilung gerechtfertigt ift; den beften Beweis geben uns jene Länder, welche mit feltener Beharr lichkeit der Wiener Waare Concurrenz machen. Indifche und perfifche Waare ift hier ganz aufser Beachtung zu bringen diefe durch ihre Originalität und ihren eigenartigen Kunstwerth zu koftbaren Seltenheiten gewordenen Artikel haben nicht den mindeften Einfluss auf den weftlichen Markt und bieten im Gegentheile vielfältig neue Vorlagen für die europäifche Production. Was uns in Oefterreich aber zu ernfter Erwägung veranlafst, ift die Erkenntnifs, dafs unsin erfter Linie Frankreich- dann England, Deutfchland und nun auch Rufsland in vieler Richtung mit Erfolg den Abfatz ftreitig macht. Was die feine Waare betrifft, war uns Frankreich ftets voran. Obwohl fich die Franzofen in Shawls zumeift an indifche Vorbilder anlehnen und in felbftftändigen Erfindungen nicht den erwünſchten Beifall finden, hat doch der feine Gefchmack derfelben, das Wirkungsvollfte herauszufinden und verftändig zu combiniren, mit allem Rechte ihnen eine allgemeine Achtung und damit eine nachhaltige Präponderanz gefichert. Das Deffin eines feinen Shawls von nur 800 Mafchinen, etwa fechs Farben nebft den Karten, der Stuhlvorrichtung etc. dürfte 4000 Francs koften; rechnet man hiezu Materiale und Arbeitslohn zu 100 Francs, fo ftellen fich die Koften eines erften Shawls auf 4100 Francs, der doch nur zu 200 Francs in den Handel kommt, weil fich billig bei gefchäftlicher Rührigkeit vorausfetzen läfst, dafs 200 Shawls desfelben Mufters fich abfetzen laffen, was einen Nettogewinn von 80 Francs per Stück und fomit 16.000 Francs für das 40 Emanuel Thieben. - betreffende Mufter ergibt. Eine Anzahl von mindeſtens 200 Commiffionären, welche in der ganzen Welt den Abfatz der verfchiedenften Modeartikel beforgen, erhalten jeder einen Probefhawl; kommen hiezu Nachbeftellungen ein Fall, der häufig eintritt fo reducirt fich die Regie auf einen kaum nennenswerthen Betrag, ſteigert den Gewinn und diefe fyftematifche Gefchäftsgebarung erlaubt den Franzofen nicht nur leicht zu arbeiten, fondern auch ftets Neues zu fchaffen. - Der Wiener Fabrikant ift, und zumal im Augenblicke, nur auf die Detailliften angewiefen, aufser diefen find nur wenige Kaufleute, welche Shawls führen. Noch vor wenigen Jahren waren einige Exporteure, welche Mufter verfchickten, vorhanden; diefe wenigen find an ungenügenden Capitalkräften, an gefchäftlichem Unverſtändniffe und an der Börfe zu Grunde gegangen. So mufs der Fabrikant mit vieler Mühe fich feinen Kundenkreis felbft fuchen, kann daher nur ihm felbft billige" Waare machen, weil er die grofsen Regiekoften für einen kleinen Abfatz nicht erfchwingen kann. Zu diefen gefchäftlichen Uebelftänden gefellen fich noch techniſche und der Fabrikant fieht in Bezug auf das Materiale als Halbfabricat mit Bangen einer Zeit entgegen, in welcher er bereits durchwegs in diefer Beziehung vom Auslande abhängig fein wird. Seit jeher müffen leider Kettengarne in feinen Nummern, wie 30/60, 35/70, 40/80. ferner Cachemirgarne aus Frankreich bezogen werden, ja felbft unfere Kamm- und Streichgarn- Spinnereien laffen fich nun zum grofsen Theile von Deutfchland, Schweiz und Belgien verdrängen. Wir fenden Wolle in bedeutenden Mengen ins Ausland, um Garne und fertige Waare zu beziehen eine traurige Anomalie! - Vieles läfst unfere Färberei und Appretur zu wünfchen übrig; es fehlt uns hier der Raum, näher darauf einzugehen. Noch fchwierger geftaltet fich die Arbeiterfrage in Bezug auf Leiftung und Entlohnung. Es ift kaum anzunehmen, dafs Shawls je anders als durch Handwebe erzeugt werden; die Art der Webe in Bezug auf das Deffin läfst die mechanifche Weberei wohl kaum als vortheilhaft oder auch nur anwendbar erfcheinen; die unumgängliche Nothwendigkeit in diefem Verhältniffe wären demnach tüchtig gefchulte Weber. Leider aber werden gerade die gefchulteften Weber aus Mangel an Arbeit zu anderen Nahrungszweigen gedrängt und gehen für das Fach faft ausnahmslos verloren. Die Arbeitslöhne find, obwohl niedrig( der Arbeitslohn trägt verhältnifsmäfsig im Calcul wenig bei, wie ich oben erläuterte; wo derfelbe fchon fchmerzlich empfunden wird, dort ift das Sympton einer Krankheit im Zweige fichtbar geworden), dennoch für ordinäre und Mittelwaare fo hoch, dafs alle Erzeuger die leichte Waare auf dem Lande in Böhmen, Mähren und Niederöfterreich arbeiten laffen; wie viele Nachtheile daraus refultiren, bedarf wohl keines näheren Commentars. Der Arbeitslohn beträgt heute: für den Weber: Wochenarbeiter, der befferen Mädchen zum Spulen, Winden, Schweifen. 10 bis 12 fl. per Woche. 4" 6 fl." " für Weber die nach Stück arbeiten, denen die Mafchinen und die Zeuge gegeben werden: Per 1000 Schufs auf 500 und 600 Mafchinen 20 kr. IOOO IOOO " " 99 700 900 99 800 IOOO 22 17 " 9 " 27 30 feinere Arbeiten, complicirterer Natur 30 bis 60 kr. Auf dem Lande in Böhmen, Mähren, Niederöfterreich, wo jedoch nur ordinäre Waare gearbeitet wird, per taufend Schufs 400 und 500 Mafchinen 12 kr. Trotz alledem wird die in Wien herrfchende Wohnungsnoth, die Abneigung der Hausbefitzer, Weber in Miethe zu nehmen, in nicht langer Zeit diefen Arbeitszweig ganz von Wien verdrängen. Shawls. 41 Rechnen wir nun zu diefen drohenden Uebelſtänden einen empfindlichen Mangel an Zeichnern, an originalen Vorlagen, an gebildetem Farbenfinn unter den Arbeitern felbft, fo gibt uns der Zufammenhalt aller diefer feindlichen Factoren ein Bild des krankhaften Zuftandes des Faches im Augenblicke, eine fchwache Hoffnung für eine beffere Zukunft. Im Laufe des Jahres 1872 fah fich die Genoffenfchaft der Weber gedrungen, der niederöfterreichifchen Handels- und Gewerbekammer die Errichtung einer höheren Webefchule zu empfehlen, um wenigftens jenen Theil der Uebelftände, der im Perfonale beruht, zu verbeffern. Ich laffe die markanteften Stellen aus diefem Actenftücke hier folgen: " Was wir mit allen unferen Kräften anzuftreben haben und auch wenn alle dazu berufenen Factoren dazu mitwirken, erlangen können, ift die Erhöhung der Bildungsmittel. Erfahrungsgemäfs bildet fich vorzugsweife in den Hauptftädten trotz der Hinderniffe, die durch die Theuerung aller Bedürfniffe beftehen, eine Induftrie, die fogenannte Modewaaren- Induftrie, aus und kann nur fehr fchwer in die Ferne verlegt werden. ,, Soll diefe jedoch profperiren und auch die in die entlegenen Theile der Monarchie verpflanzte Induftrie dem Vorbilde der hauptftädtifchen Induftrie nachkommen, fo müfsten derfelben auch die Mittel geboten werden, damit die theuerer producirte Waare allenthalben Anklang findet und der ganzen Monarchie als Leitftern dienen kann. Das Beftehen des Muſeums für Kunft und Induftrie, die in Ausficht genommene Gründung des Athenäums, die bevorftehende Weltausftellung, die hier beftehenden Kunftfammlungen, der täglich wachfende Luxus, Alles diefes macht nur dann die Refidenz geeignet, der Sitz der ModewaarenInduftrie zu werden, wenn gleichzeitig durch die Errichtung einer höheren Webefchule der nothwendige Behelf hiezu gefchaffen wird. ,, An einer folchen Schule müffen Capacitäten lehren, und zwar Alles und Jedes, was auf Weberei, Wirkerei, Stickerei, Färberei und Appretur Bezug hat, aus diefer Schule wird und mufs nicht nur der Wiener Induftrielle feine erften Kräfte beziehen, fondern auch das ganze Reich wird daran Theil nehmen, es foll daraus durch die Herbeiziehung der Lehrer für die verfchiedenen Fächer eine Weberakademie werden, die allen derartigen Inftitutionen, wie fie das Ausland bereits längft befitzt, die Spitze bieten kann." Es fehlt uns der geläuterte Gefchmack und wenn auch das den Oefterreichern angeborne Talent für Farbe hie und da erfichtlich wird, fo ift dasfelbe nicht theoretifch gebildet. Kein Arbeiter vermag fich darüber Rechenfchaft zu geben. Das beſtehende Muſeum hat, bei feinen über allen Zweifel erhabenen hochbedeutenden Leiftungen, für die Textilinduftrie etwa mit Ausnahme von Teppichen und einigen fpeciellen Kunftweben keinen wefentlichen Einfluss. auf das Fach geübt, ungeachtet diefes Induftriefach fo bedeutend ift. - · Mit der gröfsten Hoffnung blickt der Shawlweber- und mit ihm wohl eine erkleckliche Anzahl anderer, der fachlichen Befferung bedürftiger Gewerbsperfonen auf das in Gründung begriffene„ Athenäum". Werden fich diefe ,, letzten" Hoffnungen verwirklichen, werden fich bei deffen Leitung Männer betheiligen, die Verftändnifs und warmes Herz für die Induftrie befitzen? Ich verkenne allerdings nicht die bedeutenden Schwierigkeiten, die dem jungen Unternehmen in diefer Beziehung im Wege ftehen. Ich und wir Alle wiffen es, das wir an Talenten Mangel leiden, welche, eingehend in die Details der Induſtrie, im Stande find, die Arbeit aus dem Innerften heraus zu verbeffern und den Arbeiter fähiger zu machen und dafs wir diefen Mangel noch intenfiver fühlen, wo es fich darum handelt, einem fo viel umfaffenden Inftitute, wie das Athenäum es ift, das nöthige Relief zu verleihen. Zum Schluffe möchte ich meine Collegen bei Zeiten ermuthigen, die Induftrieausftellung in Philadelphia nach allen Kräften zu befchicken, rafch ein Comité zu wählen, das die Arbeiten in die Hand nimmt. Ich wünfchte hiebei von 42 Emanuel Thieben. Shawls. Herzen, dafs fich nicht ehrgeizige, fondern felbftlos thatkräftige Männer an der Spitze befänden, welche fich nicht durch die minderen Erfolge einer jüngsten Vergangenheit einfchüchtern laffen, fondern bei Vermeidung der begangenen Fehler die gewonnene Erfahrung benützen und„ vorbereitet" den Wettkampf beginnen. Die franzöfifchen Berichte der verfchiedenen Ausftellungen, welche ich in den markanteften Stellen mit Bedacht meinem Berichte angereiht habe, mögen meine Collegen über die klare Anficht unferer Concurrenten aufklären. Hier heifst es, mit aller Energie den feindlichen, auf unferen Ruin abzielenden Beftrebungen entgegenarbeiten und die Ausftellung in Amerika gibt uns dazu die trefflichfte Gelegenheit, im Lande um das Land felbft zu kämpfen. Erwäge ich die Verhältniffe und unfere trotz aller Mifère noch immer achtenswerthen Kräfte; fo kann ich ohne Bedenken es prophezeien, dafs es uns bei einiger Anftrengung beffer als in Wien gelingen wird, materielle Erfolge zu erzielen und die Grundlage für einen neuen Auffchwung des Zweiges in gefchäftlicher Beziehung zu fchaffen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. BAUMWOLLE UND BAUMWOLL WAAREN ( Gruppe V, Section 2) Bericht von DR. ALEXANDER PEEZ, Schriftfteller in Wien UND DIE WIRKWAAREN ( Gruppe V, Section 5.) Bericht von LUDWIG GLOGAU, Fabrikant in Teplitz. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausstellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. BAUMWOLLE UND BAUMWOLL- WAAREN. ( Gruppe V, Section 2.) Bericht von DR. ALEXANDER PEEZ, Schriftfteller in Wien. Baumwolle, Baumwoll- Garne und rohe Baumwoll- Gewebe erfcheinen auf Weltausftellungen niemals in einer Weife ausgeftellt, die der commerciellen Bedeutung des Artikels entſpräche. Sie theilen diefes Schickfal mit Kohle, Erzen, Getreide und anderen Maffenartikeln. Dem Charakter der Waare gemäfs, welcher eine individuelle Ausprägung nach Art der Kunftobjecte nicht zuläfst, erfcheinen die zur Ausftellung gebrachten Gegenftände jener Waarenclaffen nur gleichfam als Proben, als Mufter; fie geben uns kein Bild des Artikels, nur Andeutungen; Aufgabe der volkswirthschaftlichen und ftatiftifchen Bearbeitung ift, die hinter jenen Proben ftehenden riefigen Mengen und Werthe dem geiftigen Auge des Befchauers vorzuführen. Die Baumwolle. Rohe Baumwolle, ein Artikel, welcher im Jahre 1872 mit einem Betrage von 950 Millionen Gulden in den Welthandel eintrat, war auf der Wiener Weltausftellung nur durch fünf gröfsere Expofitionen vertreten. I. Baumwolle aus den Vereinigten Staaten( nördliche Quergallerie I b; Gruppe II Nr. 49, 50, 53, 55, 56, 57, 59, 60, 62, 63, 72, 75, Seite 2 des Generalkatalogs). Baumwoll- Ballen in Originalverpackung von den Baumwoll Börfen in New Orleans( Louiſiana) und Mobile( Alabama) zur Ausftellung gebracht. Ausgezeichnet fchöne Baumwolle von Peeler( Louisiana) und Baumwoll- Stauden mit überaus reichen Flocken von der LandwirthschaftsGefellfchaft der Graffchaft Cumberland( Nordcarolina) ausgeftellt. 2 Dr. Alexander Peez. 2. Oftindifche Baumwolle( Britifch Indien, nördliche Quergallerie 3 b; Gruppe II Nr. 47, Seite 801 des Generalkatalogs). Einziger Ausfteller: Die Regierung von Bombay, das Local comité zu Berur. Ueber 700 oftindifche Baumwoll- Proben; über 100 Proben von Bodengattungen; landwirthfchaftliche Geräthe, Baumwoll- Samen, Modelle und Photographien von Mafchinen und Baumwoll- Stauden. 3. Egyptifche Baumwolle( Egypten, füdliche Quergallerie 15 a; Gruppe II, Nr. 3 des Generalkatalogs). Einziger Ausfteller: Der Khedive. 25 Baumwoll- Sorten. 4. Brafilianifche Baumwolle( Brafilien, nördliche Quergallerie 1 b; Gruppe II, Nr. 12, 30, Seite 24 des Generalkatalogs). Verfchiedene kleinere Ausfteller von Baumwoll- Proben, worunter Nr. 14 vom Baron de Buique, aus der Provinz Pernambuco beachtenswerth war. Ferner brafilianifche Baumwoll- Proben in Geftalt einer Tropfftein- Höhle, von der Regierung zur Ausftellung gebracht. 5. Baumwolle aus Algier( Frankreich, nördliche Quergallerie 5 b; Gruppe II, Nr. 550, 582 des Generalkatalogs). 32 Ausfteller von Baumwoll- Proben, die meift aus langftapeliger georgifcher Baumwolle gezogen waren. Intereffante Ausftellung, jedoch wegen allzu geringer Menge der Gefammtproduction wenig bedeutend.( Ausfuhr im Jahre 1872 nur 241.362 Kilogramm, d. i. 4828 Zollcentner.) 6. Aufser diefen fünf gröfseren Expofitionen fanden fich nur noch vereinzelte Proben vor, unter welchen die fchöne Baumwolle von Queensland und Fidfchi- Infeln( England, Colonie Queensland, nördliche Quergallerie 3 b; Gruppe V, Nr. I des Generalkatalogs) verdientes Auffehen erregte, indem diefe Gattungen durch feidenartigen Glanz, Weichheit und Länge der Fafer hinter keiner anderen auf der Ausftellung vertretenen Sorte zurückftanden. Ferner hatten Italien feine Caftellamare- Baumwollen( Italien,' weftliche Agriculturhalle, Gruppe II, Nr. 157173 des Generalkatalogs), Griechenland feine Livadia( Griechenland öftliche Hauptgallerie 15; Gruppe II, Nr. 92-95 des Generalkatalogs), fodann Transkaukafien, Turkeftan, Tunis, China, das Capland und verfchiedene franzöfifche Colonien, wie Taiti, Guadeloupe, Pondichery, Cochinchina und Senegal einige BaumwollProben eingefendet, die weder durch Qualität hervorragten, noch im Handel irgend ins Gewicht fallen. Ein fehr feltfames Licht auf die commercielle Einficht der türkifchen Ausftellungsintereffenten wirft die Thatfache, dafs Levantiner und Makedonifche Baumwolle, die von Oefterreich jährlich in einer Menge von 200.000 Zollcentnern und einem Werthbetrage von circa 10 Millionen Gulden bezogen wird, und in neuefter Zeit auch nach Deutſchland gelangt, auf der Wiener Ausftellung faft gar nicht vertreten waren. Freilich wäre von einer Pflege, welche die türkifche Regierung dem Baumwoll- Bau in ihrem grofsen Reiche zu Theil werden läfst, im Gegenfatz zu Indien und Egypten fo gut wie nichts zu melden gewefen! Um fchon an diefer Stelle einen Begriff zu geben, welche aufserordentlichen Mengen und Werthe von den zur Ausftellung gebrachten Baumwollproben vertreten waren, fügen wir eine Zufammenftellung der Quantitäten hier an, welche im Jahre 1872 aus den hauptfächlichften Productionsländern an die europäiſche Induftrie übergeben wurden: Productionsländer Vereinigte Staaten Oftindien Egypten, Levante etc. Brafilien Weftindien, Peru etc. Zufammen Menge in englifchen Pfunden Percente der Gefammtzufuhr 5917 24 2 891,800.000 610,600.000 241, 100.000 161,000.000 49,000.000 1.953,500.000 9.1 4.8 2.2 100%. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 3 Von diefer Menge von 1953 5 Millionen Pfund, die mit Hinzufügung der in den Vereinigten Staaten felbft verarbeiteten Baumwolle faft eine Milliarde Gulden. Silber im Werth repräfentiren, erweckten allerdings die zur Ausstellung gebrachten Mufter nur eine fchwache Vorftellung! So unvollständig nun aber auch die Roh- Baumwolle auf der Weltausftellung vertreten war, fo boten die vorgelegten Proben doch Anhaltspunkte genug, um die Anzahl wichtiger, den Welthandel beeinflufsender Thatfachen daran anzuknüpfen. In dem höheren und üppigeren Wuchs und der reichen Kapfelfüllung der aus den Vereinigten Staaten ausgeftellten Baumwoll- Stauden, fowie in den mächtigen Ballen, denen die langfasrigen, weifsen und feidenartig weichen Flocken entquellen, läfst fich unfchwer die aufserordentliche Gunft der natürlichen Bedingungen erkennen, unter welchen die Südftaaten Nordamerika's die Baumwolle produciren, fowie fich auch in der zweckmässigen Verpackung und in der foliden Reinigung des Artikels die Vorzüge fpiegeln, die ein von einer europäiſchen Race gebildeter Menfchen geführter Anbau vor der Production von Eingebornen tropifcher Länder voraus hat. Es ift das Bild eines blühenden Gefchäftes, einer mit grofser Sicherheit fich entfaltenden Production, welches aus der faft forglos zufammengeftellten und doch mächtigen Baumwoll- Expofition der Vereinigten Staaten fpricht. Wie ganz anders dagegen Indien! Schon der erfte Blick auf die zur Ausftellung gebrachten Baumwoll- Stauden zeigte, dafs die Pflanze kleiner, karger und dabei verfchiedenartiger fei, weil keine eigentliche neuere Culturpflanze, fondern in mehrere Qualitäten feit uralter Zeit auseinander gefallen. Alle Verfuche, die edleren amerikanifchen Arten in Indien einzubürgern, find mifsglückt. So ift man dahin gekommen, die Aufgabe eines rationellen Anbaues in der Verbefferung der einheimifchen Gattungen zu erblicken. Dem minder feuchten und fetten Boden Indiens mufste die Kunft nachhelfen, und die englifche Regierung ift es, welche mit ganz bewundernswerther Sorgfalt den Bau der Baumwolle in ihre Pflege genommen hat. Bekannt ift, dafs fie in den wichtigeren Productionsgegenden zahlreiche Commiffäre aufftellte, welche die eingebornen Pflanzer berathen, leiten, mit Reinigungsmafchinen verfehen, die Preffen überwachen, in folcher Weife nach Möglichkeit für die Reinheit der Waare forgen und dabei eine genaue Statiſtik über den Stand der Ernte, das Erträgnifs, die Exporte führen. In den Mittelpunkten der bekanntlich über die verfchiedenen Theile Indiens zerftreuten Baumwoll- Productionsgebiete hat die englifche Regierung eigene Mufterwirthschaften ( government farms) errichtet, welche Alles vereinigen, was durch Beiſpiel, Lehre und Unterſtützung den Baumwoll- Bau zu fördern geeignet ift. Und wie weit diefe Intervention der Regierung geht, dafür bot die Ausstellung ein höchft intereffantes Beiſpiel. Von einer der erwähnten Localcommiffionen, dem Localcomité von Berar, waren mehr wie hundert Proben des Bodens vorgeführt, welchem die Baumwoll- Pflanze ihre Nahrung entnimmt. Da ihre Wurzeln tief greifen, fo ift auch der Untergrund berücksichtigt. Hier fieht man die feinen, gefchlemmten Thone des Industhales neben den kiefelhaltigen Proben aus den Hochebenen des inneren Indien. Alle diefe Böden hat die englifche Regierung chemifch unterfuchen laffen, damit ihnen vermittelft rationeller Düngung jene Stoffe zugeführt werden, welche in dem feit uralter Zeit abgebauten Culturboden Oftindiens nicht mehr in fo reichem Mafse vorhanden find, wie in vielen Theilen Amerika's. Notorifch ift, dafs vor einiger Zeit nicht unbedeutende Mengen von Kalifalzen aus Stafsfurt zur Düngung der Baumwoll- Pflanzungen nach Indien bezogen wurden. Diefe Thätigkeit der englifchen Regierung, welche jedenfalls das eingreifendfte Beiſpiel energifcher Volkswirthschafts- Pflege in fich fchliefst, deffen Erkenntnifs uns die Ausftellung vermittelte, gegenüber welchem die belgifchen Lehr- Werkstätten und felbft die Arbeiten der württembergifchen Centralftelle als mässige Anfänge erfcheinen, und welches nur etwa in dem Kenſington Muſeum I* 4 Dr. Alexander Peez. oder dem ihm nachgebildeten Muſeum für Kunft und Induftrie in Wien eine gleichgewichtige Organiſation finden mag, verdient die vollfte Würdigung der praktifchen wie namentlich auch der theoretischen Nationalökonomen. Ohne in ftarrer Unbeugfamkeit an dem vielbekannten Principe des ,, laisser aller" feftzuhalten, und ohne den Vorwurf einer kleinen Inconfequenz zu fcheuen, welche darin liegen dürfte, dafs die Engländer in diefem Falle fich doch nicht damit begnügen ,, an der billigften Quelle zu kaufen" was offenbar die Vereinigten Staaten fein würden- greift die Regierung mit klugem, vorausfchauendem Geifte in das natürliche Getriebe der Production und des Handels regelnd ein, um einem Induſtriezweige zu Hilfe zu kommen, der fich fonft gegenüber ftärkeren Concurrenten nur fchwer entwickeln könnte. - Die englifche Regierung, im Vorbeigehen fei es bemerkt, wird zu diefem Vorgehen fowohl durch wiffenfchaftliche wie politifche Beweggründe beſtimmt, die ja beide überhaupt faft immer untrennbar find. Durch den forcirten Anbau der Baumwolle in Indien wird nicht nur die Menge diefes für die Induftrie unentbehrlich gewordenen Rohftoffes vermehrt und dadurch ein Weltverkehr bei mäfsigeren Preifen erhalten, fondern es bildet auch diefe Production das Mittel, um die indifchen Bevölkerungen durch Vermehrung ihres Wohlftandes zufriedener zu machen und durch den Handel in diefem Artikel an England zu ketten, während fich gleichzeitig England in Indien einen Markt für Fabricate fichert, der allmälig lohnend wird und ficher an Bedeutung gewinnt, jemehr Baumwolle Indien an Europa abzugeben hat. Nicht minder wichtig ift aber auch der Umftand, dafs Indiens Baumwoll- Pflanzungen das Meifte dazu beitragen, um die früher, d. i. vor dem amerikaniſchen Bürgerkriege in höherem Grade als jetzt beftehende Abhängigkeit der englifchen Baumwoll- Induftrie von den Vereinigten Staaten, als gröfstem Rohftoff- Producenten, nach Möglichkeit zu mäfsigen. Diefe Abhängigkeit war weniger bedenklich, folange die füdlichen Sklavenbarone auf dem Capitole in Washington herrfchten, denn zwifchen diefen und den Engländern gab es zahlreiche, fich ergänzende Intereffen, welchen letzteren die englifche Politik durch Ausfcheidung der Südftaaten aus der Union als einer befonderen Staatengruppe während des Krieges eine ftaatliche Bafis zu geben verfuchte. Diefe in der officiellen Anerkennung der Sklavenftaaten als kriegführender Macht klar ausgefprochene Abficht kam durch die kriegerifchen Erfolge der Nordftaaten zum Scheitern, und es ift die Situation für England infofern ungünftiger geworden, als in den Vereinigten Staaten jetzt ftatt der Landlords die Induftriebevölkerung des Nordens das Staatsruder führt und fich in der amerikanifchen Baumwoll- Spinnerei und Weberei eine Induſtrie heranzog, die nicht nur die englifchen Garne und Gewebe fchon jetzt faft vollſtändig vom nordamerikanifchen Markte verdrängt hat, fondern ihnen auch in Südamerika und Oftafien mit amerikaniſchen Geweben Concurrenz zu machen beginnt. Ein zweites England wächft dort heran, welches vor dem alten England die unmittelbare Nähe des Rohftoffes voraus hat und durch Verkauf feiner Ueberfchüffe an Letzteres den einzigen fchwachen Punkt allmälich auszugleichen verfuchen wird, den es gegenüber von England nicht leugnen kann: das theure Capital. Diefe Abgabe der Ueberfchüffe feiner Baumwoll- Production an die europäifche Induftrie hat in den letzten Jahren zum grofsen Vortheile der Vereinigten Staaten wieder die alten Dimenfionen eingenommen. Noch auf der Weltausftellung von Paris im Jahre 1867 konnten Zweifel laut werden, ob die Vereinigten Staaten, der Sklavenarbeit beraubt, jemals im Stande fein würden, ihre frühere Stellung auf dem Weltmarkte wieder zu gewinnen, Zweifel, welche im Jahre 1873 nicht mehr ernſtlich feftgehalten werden können. Langfam, aber unwiderftehlich rückt Amerika in feine alte dominirende Pofition ein." Freie Arbeit und Guanodüngung" ift hiebei feine feltfame, aber durchaus logifche Lofung. Die hohen Löhne der freien Arbeit werden durch intenfiven Betrieb mit ftarker Düngung erträglich gemacht, indem ein gleiches Quantum Arbeit jetzt eine gröfsere Ernte hervorbringt. Die Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 5 fchwere Frage der Heranziehung genügender Arbeitskräfte wurde durch Betheiligung der Arbeit am Gewinne nach Möglichkeit überwunden. Der Verdienft der Arbeiter fteigt nach diefem, an vielen Orten mit Vortheil durchgeführten Arbeitsfyfteme mit der gezogenen Menge, und es ift ficherlich in humanitärer Beziehung als ein grofser Erfolg zu bezeichnen, dafs das unvollkommenfte Arbeitsfyftem, die Sklavenarbeit, jetzt durch das vollkommenfte, die Betheiligung der Arbeitskräfte am Unternehmergewinn, erfetzt wird.*) Allerdings behauptet man, dafs durch die Richtung der arbeitenden Kräfte auf Maffenproduction die frühere, unbedingt zuverläffige Reinheit der nach Europa gelangenden Baumwolle etwas nothgelitten habe, aber anderfeits ift der Antrieb unverkennbar, welchen die Production. der Vereinigten Staaten in den letzten Jahren bekommen hat. Die nordamerikanifchen Ernten betrugen: Jahre 1856-1857 1857 1858 1858-1859 Taufende von Ballen 2.990 . 3.118 1859-1860 1860-1861 1867-1868 1868-1869 • . 1869-1870 1870-1871 1871-1872. 1872-1873( Schätzung). . 3.850 . 6.075 . 3.660 2.577 . 2.414 3.155 .4.347 2.975 . 3.700 Wie aus diefer Zufammenftellung folgt, hat die Ernte der Vereinigten Staaten bereits feit 1869-1870 begonnen, die Productionsziffer aus der Zeit vor dem Kriege einzuholen( abgefehen vom Ausnahmsjahre 1859-1860), und erfahrene Sachkenner behaupten, dafs im Laufe der nächften Jahre die nordamerikaniſche Baumwoll- Production noch zunehmen und die Concurrenz derfelben gegenüber den anderen Bezugsländern noch gewaltiger fein werde. Um diefen Verhältniffen ziffermäfsig näher zu treten, dafür dient folgende Ueberficht, die den Antheil darftellt, welchen die Vereinigten Staaten, Oftindien, Brafilien, Egypten und Weftindien nebft den kleineren Bezugsquellen in vierjährigen Zeitperioden von 1846 bis 1870, fodann in den Jahren 1871, 1872 und 1873( Schätzung) an der Gefammtverforgung des europäifchen Baumwoll- Marktes genommen haben: ( In Taufenden von Originalballen; 1711 bedeutet alfo 1,711.000 Ballen). 1846 Bezugsland bis bis 1850 1851 1856 1861 1866 bis bis 1855 1860 1865 bis 1871 1872 1873 1870 Vereinigte Staaten 1.711 2.290 2.865 Oftindien 232 352 540 793 1.380 1.6531 1.601 3.114 2.036 2.466 1.538 1.696 1.550 Brafilien 131 149 153 201 614 680 1.006 760 Egypten etc. 129 214 162 418 418 445 513 560 Weftindien etc. 30 30 35 73 175 240 237 240 2.233 3.035 3.755 2.865 4.481 Zusammen 6.017 5.488 5.576 Diefelbe Ueberficht, auf englifche Pfund reducirt und in Percentualantheile überfetzt, läfst noch fchärfer das Verhältnifs der einzelnen Productionsländer in den verfchiedenen Zeitperioden hervortreten: *) Auch in Algier beginnt man auf die Vorzüge des Syſtems der Betheiligung der Arbeiter am Gewinne aufmerkfam zu werden, und hofft darin das Mittel zu erblicken, die eingeborne Bevölkerung zum Baumwoll- Bau mitzuverwenden, was bisher noch nicht gelungen war. Dr. Alexander Peez. 9 Bezugsland ( In Millionen englifcher Pfunde; 7494 bedeutet alfo 749,400.000 Pfund.). 1846-50 1851-55 1856-60 1861-65 1866-70 1871 1872 1873 Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Pfund pCt. Vereinigte Staaten 7494 814 1.0030 79'6 1.254's 80'6 347 319 7240 441 1.3639 597 8918 456 1.080.1 521 Oftindien 835 91 126 101 1944 125 496's 457 5764 35'1 5537 242 6106 312 5580 269 Brafilien. 210 2'2 23's I'g 24'5 I'5 322 3'0 980 60 108' 4's 161 83 121 6 5.9 Egypten etc. 606 66 100'6 7'9 76° 1 4'9 1965 18 205'9 12'5 2092 9'1 241 12 263 12' Weftindien etc. 63 07 6305 74 0'5 15 s I'4 36.g 2'3 504 2'2 49 8 2'6 504 24 Zufammen. 9208 100 1.2604 100 1.557 100 1.0881 100 1.641 100 2.286 100 1.641 100 2.2860 100 1.954's 100 2.073' 100 Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 7 Aus diefer Tabelle ergibt fich, dafs die Vereinigten Staaten, die in der Periode 1856-60 eine Menge von 1.254,900.000 englifchen Pfund Baumwolle nach Europa verfchifften, in der Zeit von 1861-65, in welche der Bürgerkrieg fällt, diefe Exporte auf 347,300.000 Pfund per Durchfchnittsjahr finken fahen. Aber mit der reichen Ernte des Jahres 1871 ift bereits der höchfte Durchschnitt aus der Zeit vor dem Kriege( Periode 1856-60) nicht nur erreicht, fondern fogar überholt. Etwas anders ftellt fich die Wage, wenn man die Percentualantheile zum Mafsftabe nimmt, dann allerdings haben die Vereinigten Staaten ihre früheren 80 Percent oder vier Fünfttheile der gefammten europäifchen Baumwoll- Verforgung bis heute noch nicht wiedergewonnen. Hier zeigt fich alfo der Einflufs des amerikanifchen Bürgerkrieges von feiner guten Seite, denn die durch die hohen Preife während der Krife in Ausficht geftellte und wirklich gezahlte Prämie war fo hoch, dafs dadurch die BaumwollProduction in Oftindien, Weftindien, Brafilien und Egypten einen mächtigen. Antrieb empfing, und es haben die genannten Länder fämmtlich ihre Ernten vermehrt und einen namhaften Theil am Welthandel in Baumwolle auch dann feftgehalten, als die Vereinigten Staaten wieder mit all' der Wucht, welche ihr treffliches Erzeugnifs ihnen ftets fichern wird, auf dem Weltmarkte auftraten. Befonders gilt diefs von Oftindien. Dank der amerikanifchen Sperre, dank der raftlofen Bemühungen der englifchen Regierung, fowie dank des erleichterten Transportes nach Europa durch den Ausbau des indifchen Bahnnetzes und den Suezcanal ift der Antheil Oftindiens, der freilich fchon in den Jahren 1840-1860 in guter Entwicklung begriffen war, von 10-13 Percent vor dem Kriege, auf 24-31 Percent nach dem Kriege geftiegen. Ausserdem ift das oftindifche Erzeugnifs beffer geworden, indem aus früher minder gut accreditirten Gegenden jetzt gröfsere Mengen befferer Baumwolle unter guten Typennamen nach Europa gelangen. In annähernd ähnlichem Verhältniffe, wie Oftindien, haben Egypten und Brafilien ihre Baumwoll- Production gefteigert. Der rege Wetteifer, der unter den verfchiedenen Productionsländern. herrfchte, wurde wach erhalten durch die feit dem amerikanifchen Kriege bis zum heutigen Tage von den Baumwoll- Pflanzern erzielten höheren Preife. Vor dem Kriege waren die Durchfchnitts- Preife für die nach England eingeführte Baumwolle: Jahr 1856.. 1857. 1858. 1859.. 1861. 1862. D. per 1 Pfund P • 6 5.75 6.60 . 6.10 6.20 5.75 .7.10 D. per 1 Pfund Während des Krieges betrugen die Preife: Jahr 1862. 1863. 13.90 20.00 1864. 1865. 21.80 • . 15.10 Nach dem Kriege dagegen waren die Durchfchnitts- Preife: Jahr D. per 1 Pfund 1866. . 13.00 1867. . 9.75 1868. 9.20 1869. . 10:50 1870. 8.80 1871. 7:50 1872. 8.75 1873( Schätzung) 7.75 8 Dr. Alexander Peez. Aus diefen Ziffern folgt, dafs auch nach dem Kriege die Preife, ungeachtet einer im Ganzen feit 1866 ftets weichenden Tendenz, noch nicht auf den normalen Stand vor dem Kriege zurückgegangen find. Ift diefe Thatfache nicht etwa das Ergebniſs geänderten Geldwerthes, was kaum anzunehmen, fo wird fie am richtigften, da Amerika nach wie vor den Preis der Baumwolle beſtimmt, auf die etwas höheren Koften der freien Arbeit in den Vereinigten Staaten, fowie auf die durch den Krieg erhöhten Steuern in letzterem Staate zurückzuführen fein. In dem erhöhten Baumwoll- Preife participirt demnach Europa an den Koften und Laften der füdftaatlichen Rebellion und des Bürgerkrieges. Immerhin beträgt die Differenz gegen früher 12-2 D. per Pfund, d. i. 20 Percent des Waarenpreifes. Auf foviel beläuft fich alfo noch immer die Prämie, mit welcher Oftindien, Brafilien, Egypten etc. im Vergleiche zu den früheren Preifen arbeiten. Dafs durch diefe Preiserhöhung die Baumwoll Induftrie nicht gefördert ward, ja dafs auf diefen Umftand die zeitweilig fehr gedrückte Lage der letzteren in den meiſten europäiſchen Ländern zurückzuführen fei, dafür möchte Manches fprechen. Theuerer Preis vermindert den Verbrauch und lockt die Concurrenz von Surrogaten hervor. Gleichwie durch das mehrjährige Verfchwinden der nordamerikanifchen Baumwolle vom Markte die afiatifche und brafilianifche Baumwolle einen kräftigen Antrieb erhielt, fo eroberten fich durch die Theuerung der Baumwolle während und nach dem Kriege Flachs, Hanf und billige Schafwollen, alfo jene Artikel, die in gewiffen Verwendungen mit der Baumwolle concurriren können, ein erweitertes Verbrauchsgebiet. Ueber das Preisverhältnifs diefer Artikel untereinander gibt folgende dem„ Economift" entlehnte Tabelle manche intereffante Auffchlüffe. Nimmt man nämlich den Durchfchnittspreis der fechs Jahre 1845-1850 als Bafis( 100) an, fo variirten die Preife wie folgt: Jahre Baumwolle Rohfeide Flachs und Hanf Schafwolle 1845-50 1851 1. Jänner IOO IOO IOO IOO 86 113 94 113 1853 1. Juli. II7 IIO 125 • 1857 I.„ 95 204 121 146 1858 1. Jänner 73 156 113 105 1863 1. 314 149 136 I4I " 1864 1. 460 139 137 154 " 1865 1. 363 157 132 159 1866 1. 383 200 140 144 " 1 1867 1. 227 183 116 144 99 1868 1. IOO 161 121 115 " 1869 1. " 155 183 124 104 1870 1. 173 99 174 116 96 1871 1. 118 183 116 88 99 1872 1. 14I 169 115 133 " 1872 1. Juli 136 178 120 151 132 169 118 157 1873 I. Jänner Wie fich aus diefer Zufammenftellung ergibt, ift dem gewaltigen Steigen der Baumwoll- Preife in den Jahren 1863-1866 Rohfeide kaum gefolgt; wohl aber war diefs bei Hanf und Flachs und am ftärksten bei Schafwolle der Fall. Billige Schafwoll- Sorten ftanden am 1. Jänner 1865 um 59 Percent höher, fielen aber auch mit der Baumwolle( und bei reichlichem Ertrag der Heerden) vom Jahre 1857 ab fehr beträchtlich. Dagegen brachte die neuefte Zeit wieder eine namhafte Erhöhung Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 9 der Schafwoll- Preife, welche dazu beiträgt, zwifchen Baumwolle und Schafwolle wieder das richtige Verhältnifs herbeizuführen. Werfen wir noch einen rafchen Blick auf die Wege, welche der Welthandel in Baumwolle einfchlägt, fo liegt die wichtigfte feit der Parifer Ausftellung von 1867 eingetretene Veränderung in der neuen Strafse, welche die oftindifche Baumwolle, um nach Europa zu gelangen, einfchlägt. Der gröfste Theil der oftindifchen Ernten geht jetzt auf Schraubendampfern durch den Suezcanal, und der dadurch erzielte Vortheil liegt nicht nur in leichterer und kürzerer Verbindung und der etwas billigeren Fracht, fondern auch in dem Umftande, dafs die neue Ernte nicht mehr, wie fonft bei dem Wege um das Cap, in der zweiten, fondern jetzt in der erften Hälfte des Jahres auf die europäiſchen Märkte kommt. Die Verfchiffungen aus Oftindien nach Europa betrugen im Jahre 1872: 1,700.000 Ballen ( zu 360 Pfund englifch) im Werthe von 140 Millionen Gulden ö. W. Silber und fie richteten fich nach Liverpool, Havre, Barcelona, Marfeille, Trieft und Odeffa. Von der Ernte der Vereinigten Staaten von 3,056.000 Ballen( zu 439 Pfund) wurden im Jahre 1872: 1,099.000 Ballen im Inland verarbeitet, 1,454.000 Ballen gingen nach England, 319.000 Ballen nach Deutfchland, Oefterreich, der Schweiz und Rufsland und 184.000 Ballen nach Frankreich und theilweife nach der Schweiz. Was Egypten betrifft, fo betrug die Ausfuhr aus diefem Lande im Jahre 1821 erft 964 Centner, im Jahre 1831: 186.675 Centner, im Jahre 1841: 193.507 Centner, im Jahre 1851 348.439 Centner, im Jahre 1873 2.168.181 Centner. Die Verfendung der egyptifchen Baumwolle, welche überall gefucht ift, wo über Nummer 40 gefponnen wird, erfolgte im Jahre 1872 nach folgenden Ländern: Nach England. Frankreich • 1.667.385 Centner 186.426 143.964 وو " • 91.1 40 62.676 " " 99 " Italien( Venedig) Oefterreich " Rufsland. " anderen Ländern " 16.590 2.168.181 Centner. Aufser England ift die Schweiz der wichtigfte Verbrauchsplatz für egyptifche Baumwolle; ihr Bedarf erfcheint unter den Sendungen nach Frankreich, Oefterreich, befonders aber nach Italien( Venedig) mit eingefchloffen. Die Exporte Brafiliens, die im Jahre 1870-1871: 1.920.000 Centner betrugen, kommen in kleinen Ballen( zu 150 Pfund) nach Liverpool, Hamburg, Havre und Barcelona. Was endlich die Levante betrifft, fo werden von ihrer Gefammtproduction von circa 300.000 Ballen( zu 385 Pfund englifch) nach Oefterreich circa 100.000 Ballen verfendet, 60.000 Ballen nach Spanien und 40.000 Ballen nach England, 40.000 Ballen nach Frankreich, während circa 60.000 Ballen im Inland bleiben mögen. Aus einer Zufammenfaffung diefer Daten geht fchon hervor, dafs England im Baumwoll- Handel bei Weitem die erfte Rolle spielt. Von 5.488.000 Ballen, welche Europa im Jahre 1872 empfing, gelangten 3.880.000 Ballen, alfo weit über zwei Drittel nach England. Von diefen wurden dann 743.000 Ballen im Wege des Zwifchenhandels an den Continent abgegeben. Für England hat diefe dominirende Stellung einen grofsen Werth, nicht nur wegen der am Zwifchenhandel haftenden Profite, fondern auch weil es, indem der Markt in England liegt, feinen Spinnern die erfte Auswahl und die befte Benutzung der Conjuncturen fichert, weil es ferner feiner Schifffahrt Verdienfte zuführt und feine eigenen Fabricate in Zahlung auch für die vom Continente verbrauchten Baumwoll- Mengen dazwifchenfchiebt. Natürlich find diefs ebenfoviel Gründe für den Continent, fich vom englifchen Zwifchenhandel loszumachen. Da aber England durch Capitalkraft und befonders durch den grofsen Bedarf für die in England 10 - Dr. Alexander Peez. - felbft befindlichen 39.5 Million Spindeln gegenüber den circa 19 Millionen Spindeln des Continents noch immer ein mächtiges Uebergewicht befitzt, fo ift jene Emancipation keineswegs leicht. Doch macht fie Fortfchritte. Beweis dafür eine Zufammenftellung der- langfam abnehmenden- Baumwoll- Sendungen, für welche der Continent noch dem englifchen Zwifchenhandel dienftbar ift; fie betrugen: Ballen 1.136.000 Jahr 1866. 1867. . 1.015.000 1868.. 915.1 20 1869. 1870. 1871.. 1872. 791.850 658.430 910.330 743.000 Hoffentlich wird die durch das Kriegsjahr 1871 herbeigeführte Zunahme der indirecten Bezüge bereits im laufenden Jahre 1873 wieder ausgeglichen fein. Von den deutfchen Häfen hat Bremen von jeher dem directen Handel befondere Sorgfalt zugewendet. Von den 1.122.233 Zollcentnern, welche diefer Nordfee- Hafen im Jahre 1871 an Baumwolle bezog, fallen nur 87.636 Centner auf die indirecte, dagegen 1.034.597 Centner auf die directe Einfuhr.( Im Jahre 1872 ift allerdings diefe directe Einfuhr auf circa 700.000 Centner gefallen.) Es bezogen nämlich direct: Häfen Bremen Amfterdam. Antwerpen • Im Jahre 1871 .316.000 . 163.000 II0.000 Im Jahre 1872 193.000 Ballen 162.000" 144.000" Die hohen Importziffern von Amfterdam und Antwerpen, die erft aus neueſter Zeit datiren, erklären fich aus dem Umftande, dafs jetzt Elfafs und die Schweiz ihre Baumwolle zum gröfsten Theil über Holland und Belgien und nicht mehr über Frankreich beziehen. Am weiteften in der Emancipation von England ift übrigens Frankreich vorgefchritten, indem es durch Marfeille die vom Mittelmeer und Oftindien kommenden, durch Havre aber die amerikanifchen Baumwollen an fich zieht. Ein ganz ähnliches Verhältnifs für Deutfchland- Oefterreich herbeizuführen, mufs die fich ergänzende Aufgabe der Nordfee- Häfen Bremen, Hamburg und des Mittelmeer- Hafens Trieft fein. Sie haben die Miffion, die Baumwollen direct den Urfprungsländern zu entnehmen und nach Bedarf über das mittlere Europa zu vertheilen. In hiftorifchen und geographifchen Urfachen liegt es begründet, dafs Oefterreich fchon feit Beginn feiner Baumwoll- Induftrie einen Haupttheil des Baumwoll- Bedarfs über Deutfchland bezog; im Jahre 1871 find von einer Gefammtzufuhr von 1,204.179 Zollcentnern mehr wie ein Drittel, nämlich 433.380 Centner über Deutſchland zu uns gelangt. Ganz neu aber ift, dafs auch Deutfchland in den letzten Jahren eine nicht mehr unbeträchtliche Quote feines Bedarfs an oftindifchen und Levantiner Sorten über Oefterreich bezieht. Die hieher gehörigen Ziffern find: Jahr 1862.. 1863. 1864 1868. 1869. 1870. Einfuhr von Baumwolle nach Deutfchland über Oefterreich in Zollcentnern. 19.736 26.999 32.159 89.568 104.361 183.433 Während die Einfuhren in den Jahren 1862-1864 fich auf mässige Mengen von Levantiner Baumwollen bezogen, macht fich feit dem Jahre 1868 für den Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 11 ftärkeren Bezug oftindifcher Baumwollen der Einfluss des Suezcanals geltend. Für die fpäteren Jahre fehlen die officiellen Angaben, doch beziffern die Nachweife der öfterreichifchen Südbahn- Gefellſchaft die über Trieft- Venedig und den Brenner nach Süd- Deutfchland gelangte Baumwoll- Menge im Jahre 1871*) auf 367.311 Centner und im Jahre 1872 auf 184.427 Centner. Da fich diefe Ziffer lediglich auf den Brenner bezieht, während doch auch über Paffau und Bodenbach Oefterreich Baumwolle abgibt, fo ift die Annahme berechtigt, dafs auch im Jahre 1872 die Zufuhren von Baumwolle nach Deutfchland die Ziffer von 1870 überfchritten haben, wenn fie auch nicht das Ausnahmsjahr 1871 erreichten. Durch den Suezcanal ift, von Jahr zu Jahr entfchiedener hervortretend, die Lage der Häfen am mittelländifchen Meere für den directen Bezug der Baumwolle eine ungemein günftige geworden. Insbefondere find dadurch Trieft und Venedig um die ganze Entfernung von Trieft nach Liverpool voraus, während vorher, d. i. fo lange, als die oftindifche Baumwolle um das Cap ging, der englifche Riefenhafen einen wefentlichen Vorfprung vor den Häfen an der Adria hatte. Diefe günftigere Pofition fpricht fich zunächft in einem Wiederaufleben Venedigs und einem rapiden Auffchwunge des Triefter Handels aus. Die Baumwolleinfuhr Venedigs ift von circa 20.000 Zollcentnern im Jahre 1868 auf circa 260.000 Centner im Jahre 1871 geftiegen. Im Jahre 1872 ift wieder ein Rückfall auf circa 150.000 Centner eingetreten. Was Trieft betrifft, fo hat fich deffen Baumwoll- Einfuhr in folgender Weife entwickelt: Jahr 1867.. 1868. Zollcentner • 270.550 1869. 1870 1871 . 326.567 343.375 461.859 . 775.233 Die Urfprungsländer der im Jahre 1871 in Trieft eingelaufenen Baumwolle waren die folgenden: Oftindien Egypten Türkei England • Ursprungsland Vereinigte Staaten. Menge in Centnern • · 307.965 212.216 . 136.809 88.141 19.978 4.238 1.703 Verfchiedene Länder 4.183 Zufammen. • 775.233 Griechenland. Brafilien In diefen Daten fpiegelt fich der Triefter Baumwoll- Handel ziemlich genau ab, und es läfst fich conftatiren, dafs er mit Ausnahme der aus England empfangenen 88.141 Centner durchaus auf directem Verkehre beruht, wenn auch freilich Trieft mehr Vermittler und Spediteur als Eigenkaufmann ift und noch die Zahlungen an Bombay durchweg durch englifche Credite erfolgen. Was die Beftimmungsorte der in Trieft abgeladenen Baumwolle betrifft, fo find diefs in erfter Reihe die öfterreichifchen Spinnereidiftricte, alfo vor Allem Niederöfterreich und Böhmen. Ausserdem aber paffiren, wie bereits erwähnt, namhafte Mengen durch Oefterreich hindurch nach dem deutfchen Reiche und der Schweiz. Die, zur Zeit der Parifer Weltausftellung von 1867 ausgefprochene *) Wegen des Krieges vermied der Handel in diefem Jahre die franzöfifchen Bahnen und fuchte einen Weg nach Süd- Deutfchland und der Schweiz durch die neutralen Häfen Trieft und Venedig. 12 Dr. Alexander Peez. Anregung, eine Verforgung der ruffifchen Spinnereien über Trieft zu verfuchen*), hatte den Erfolg, dafs die betheiligten öfterreichifchen Bahnen für diefen Handelszug einen billigen Tarif aufftellten, deffen Ergebnifs war, dafs im Jahre 1867 16.000 Centner nach Rufsland beftimmter Baumwollen über Trieft eingingen. Allein die ruffifche Regierung wufste rafch diefen Sendungen ein Ende zu machen und diefelben durch Begünftigungen verfchiedener Art von Trieft nach Odeffa zu lenken. Kurz nachdem diefs im Often gefchehen war, drohte auch im Weften dem Triefter Handel ein Schlag, da in dem zu grofser Bedeutung gelangten Transit nach Süd- Deutſchland und der Schweiz das neu erwachte Venedig als Nebenbuhler auftrat. Venedig befitzt durch feine weftlichere Lage für den Verkehr nach den oberdeutfchen Spinnereibezirken( Augsburg, Vorarlberg etc.) einen Vorfprung von 28 Meilen vor Trieft Die hierher gehörigen Entfernungsziffern find: Trieft- Wien- Salzburg- Augsburg.... 149 Meilen Trieft- Marburg- Brenner- Augsburg Trieft- Verona- Brenner- Augsburg • . • 131 11212 8412 " " Venedig- Verona- Brenner- Augsburg Trieft beforgt nun eine Ueberflügelung durch Venedig, und die einfichtigften Kaufleute unferer Hafenftadt richteten defshalb grofse Hoffnungen auf eine Bahn über den Predil**), die allerdings den Vorfprung Venedigs von 28 Meilen auf 834 Meilen vermindern würde, jedoch wegen ihrer fehr bedeutenden Herſtellungskoften bekanntlich im Reichsrathe auf entfchiedenen Widerfpruch ftiefs. Ein Vermittlungsvorschlag geht dahin, einftweilen vom Predil abzufehen, für die Strecke Trieft- Meftre Tariferleichterungen eintreten zu laffen und eine Bahn in nordweftlicher Richtung von Trevifo durch die Valfugana nach Trient zu unterſtützen, wodurch der Nachtheil, um welchen Trieft hinter Venedig zurückfteht, von 28 auf 14 Meilen verkürzt würde. Unter allen Umftänden ift die Frage von grofser Bedeutung und ihre Löfung würde vielleicht am beften als Glied einer Reihe anderer Mafsregeln erfolgen, welche eine engere Verkettung von Trieft mit dem öfterreichifchen Hinterlande bezwecken. Dafs Letzteres das natürlichfte Abfatzgebiet von Trieft bildet und dafs eine blühende einheimifche Induftrie die ficherfte Stütze des Handels von Trieft ift, davon dürfte diefe Seeftadt fich mehr und mehr überzeugen. Aufser dem Abfatz nach dem Inlande gilt es, für die oftindifchen, egyptifchen und Levantiner Sorten in Deutfchland einen dauernden Markt zu gewinnen, und es müfste, dünkt uns, etwa mit Hilfe von Tariferleichterungen möglich fein, zunächft das öftliche Baiern( Bayreuth, Bamberg) und Sachfen mit Baumwolle zu verforgen und dauernd als Abnehmer feftzuhalten, da Venedig, wenn auch durch geographifche Lage begünftigt, doch in Bezug auf Handelsverbindungen, Capitalskraft und kaufmännifche Erfahrungen noch beträchtlich hinter Trieft zurückſteht. Die Baumwoll- Spinnerei und Weberei. Während in der Production und dem Handel mit dem Rohmaterial feit der letzten Weltausftellung von 1867 eine Reihe der wichtigften Veränderungen eintrat, läfst fich von der induftriellen Verarbeitung der Baumwolle keineswegs dasfelbe fagen. Sieht man von der Druckerei ab, wo die Verwendung eines neuen Farbftoffes allerdings grofse und verdiente Aufmerkfamkeit erweckte, fo war auf der Wiener Weltausstellung nicht nur keine bahnbrechende Erfindung, fondern kaum nur eine Neuerung von Wichtigkeit im Gebiete der Baumwoll- Induftrie zu verzeichnen. Spinnerei und Weberei bewegten fich im gewohnten Geleife. Sehr beſtimmt fprach fich diefs in der Maſchinenabtheilung aus, wo hinfichtlich unferes Induftriezweiges eine auffallende Unfruchtbarkeit conftatirt wurde, die einen fcharfen Aus*) Vgl. den officiellen ,, Bericht über die Weltausftellung zu Paris im Jahre 1867", Bd. IV, S. 37. **) Vgl. die Schrift von Herrn Heinrich Efcher: ,, Trieft und fein Beruf als Weltmarkt", Trieft 1872. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 13 druck darin fand, dafs die wegen ihrer umfaffenden und vorzüglichen Fabrication von Spinnftühlen bekannte Firma Gebrüder Platt& Comp. in Oldham diefsmal lediglich für die Schafwoll- Induſtrie beſtimmte Maſchinen zur Ausstellung brachte. Die Technik der Baumwoll- Induftrie mag manchen kleineren Fortfchritt verzeichnen; ohne Zweifel hat man gelernt, aus geringeren Sorten brauchbare Garne zu ſpinnen, man hat verbefferte Oeffnungsmaschinen und felbftputzende Karden aufgeftellt und verwendet Kämm- Mafchinen nicht mehr blofs für die feinften Nummern; wohl hat fich die Zahl der Selfactors faft überall vermehrt, kurz- die Spinnerei und Weberei haben fich normal entwickelt und es find manche Lücken ausgefüllt, manche fchwache Punkte verbeffert worden- aber eine wefentliche Aenderung ift feit 1867 nicht vorgekommen, wefshalb auch diefer Theil unferes Berichtes kürzer gefafst werden kann. Die Lage der verfchiedenen Spinnereibezirke der Erde wurde bereits im Früheren bezeichnet durch Angabe der Confumtionsgebiete, wohin die rohe Baumwolle durch den Welthandel verfendet wird. Obwohl bei der Auswahl der Standorte für die Baumwoll- Spinnerei der einzelnen Länder inder Regel gefchichtliche, nicht aber volkswirthschaftliche Gründe mafsgebend waren, fo laffen fich doch zwei Gruppen fcheiden: 1. Spinnereien, die, auf englifche Steinkohle bafirt, in der Nähe der See liegen, von woher fie auch die überfeeifchen Rohftoffe beziehen. Hierher gehören die Spinnereien Englands, der Normandie, Cataloniens, fowie die grofsen ruffifchen Spinnereien in der Nähe von St. Petersburg. 2. Spinnereien, die, vorzüglich auf Wafferkraft geftellt, im Binnenland liegen. Sie umgeben wie ein Gürtel das Alpengebirge, häufen fich in der Schweiz und Vorarlberg am dichteften an, fetzen fich durch die oberdeutſchen Spinnereien zur Donau fort, bilden in Niederöfterreich nochmals ein wichtiges Centrum und laufen durch Steiermark und Görz bis faft zum Adriatifchen Meere. Ihr Motor ift die( durch die abfchmelzenden Schnee- und Gletfchermaffen als Sommerrefervoirs) perennirende Wafferkraft der Alpen, welcher freilich jetzt an vielen Orten durch Einfügung von Dampfkräften nachgeholfen werden mufste. Eine kleinere Zone von Baumwoll- Spinnereien hat fich in Sachfen, Böhmen, Baiern und Schlefien an die Wafferkräfte des Erzgebirges und Riefengebirges angefetzt. Eine eigenthümliche Zwifchenftellung nehmen die Spinnereien der Vereinigten Staaten ein, die, in Maffachuſetts, New- York und Penfylvanien gruppirt, je nach ihrer fpeciellen Lage dem einen oder andern Syfteme angehören, in nicht wenigen Fällen die Vorzüge beider vereinigen. Legt man die handelspolitifchen Verhältniffe zu Grunde, fo ftehen die Baumwollfabriken der Vereinigten Staaten und des europäiſchen Continentes, die fich noch durch mehr oder weniger hohe Zölle vor der englifchen Uebermacht zu decken fuchen, den englifchen Spinnereien gegenüber. Die relative Bedeutung diefer drei Gruppen findet ihren Ausdruck in dem Verhältniffe, in welchem fie an dem Verbrauch der in den Welthandel gelangenden Baumwolle Theil nahmen. Hierüber gibt der ,, Economift" folgende Ziffern: 1860 1870 1871 1872 Ländergruppen Taufend Ballen Perc. Taufend Ballen Perc. Taufend Ballen Perc. Taufend Ballen Perc. England Continent Vereinigte Staaten 2.817 50 6 1.749 322 2.697 52'6 1.521 297 3.118 483 2.167 33'5 2.893 49'0 1.938 32'8 957 1721 909 177 1.176 182 1.064 182 Zuſammen. 5.568 1000 5.127 1000 6.461 1000 5.895 100'0 Nach diefer Aufftellung hat fich alfo das relative Kraftverhältnifs zwifchen England, dem Continent und den Vereinigten Staaten feit 1860 nur unbedeutend verändert; England, das im Jahre 1860 mit 50.6 Percent am Gefammtverbrauch 14 Dr. Alexander Peez. der zur Verfpinnung mit Mafchinen gelangenden Baumwolle participirte, hatte im Jahre 1872 noch einen Antheil von 49'0 Percent, und von den verlorenen 16 Percent haben der Continent o 6 Percent, die Vereinigten Staaten aber I Percent erworben, ein Verluft für England, der um fo unbedenklicher ift, als England in der Zeit von 1860-1872 gerade feine Feinfpinnerei noch weiter ausbildete, alfo aus einem geringeren Antheil an verarbeiteter Baumwolle einen höheren Werth erfponnen haben kann. Die Zahl der Spindeln und die Ziffer des Baumwoll- Verbrauches in obigen drei Gruppen waren im Jahre 1872 die folgenden: Ländergruppen. Ver. brauch Gefammtverbrauch per Spindelzahl Spindel engl. Pfund englifche Pfund Ballen zu 400 Pfund England Continent Vereinigte Staaten • 39,500.000 32 18,580,000 43 8,350.000 57 Zuſammen. 66,430.000 38 23 1.264,000.000 800,000.000 476,000.000 2.540,000.000 3, 160.000 2,000.000 I, 190.000 6,350.000 Hieraus ergibt fich, dafs der gefammte Continent und die Vereinigten Staaten zufammengenommen nur 26.93 Millionen Spindeln den englifchen 39.5 Millionen entgegenftellen, dafs aber der Gefammtverbrauch der beiden erften Gruppen mit 1276 Millionen Pfund den englifchen Confum von 1264 Millionen Pfund im Jahre 872 überholt hat, ein Umftand, der, wie bereits bemerkt, in dem Ueberwiegen der Feinfpinnerei in England wurzelt. in Prüft man das Verhältnifs der wichtigften europäifchen Induftriegruppen untereinander, fo bieten fich hinfichtlich des Verbrauchs des Rohftoffes Taufenden von Ballen folgende Ziffern: Veränderung Verbrauchsland 1860 1870 1871 1872 von 1860 bis 1872 England 2.758 2.804 3.495 Mittleres Europa*) 754 734 I. 117 3.137 1.013 Frankreich 728 433 595 596 + 13's Percent +34 3 18 " Rufsland Spanien. 278 282 519 • 500 -+ 79'9 46 156 155 199 175 + I'2 29 Hiernach ift der Verbrauch Rufslands an roher Baumwolle am rafcheften geftiegen. Was die Rubrik„ Mittleres Europa" betrifft, fo ift deren Zunahme um 343 Percent nicht blofs der inneren Einrichtung, fondern auch der Herübernahme des Elfafs von Frankreich an das deutfche Reich zuzufchreiben. Ueber die Spindelzahl in den einzelnen Ländern, den Verbrauch per Spindel, den Gefammtverbrauch und den wöchentlichen Verbrauch für 1872 liegen. folgende Daten vor( nach englifchen Gefandtfchaftsberichten und Aufftellungen *) In der Abtheilung ,, Mittleres Europa" find Oefterreich, Deutfchland, die Schweiz, Holland und Belgien zufammengefafst, da fie thatfächlich ein gemeinfames Verbrauchsgebiet bilden. Die fonft üblichen Rubriken ,, Trieft" ,,, Holland"," Belgien", als Empfangsplätze erwecken durchaus unrichtige Vorftellungen, da z. B. die Schweiz bei diefer Eintheilung gar nicht, Oefterreich aber nur mit den über Trieft eingeführten Baumwoll- Mengen erfcheint, während ,, Holland" und ,, Belgien" mit grofsen Verbrauchsmengen auftreten, obwohl letztere im Wefentlichen nur Durchfuhren find. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 15 des Herrn Ott- Trümpler in Zürich, in einzelnen Punkten ergänzt durch die neueften Daten von der Weltausftellung 1873): Länder Spindeln Verbrauch pr.Spindel Gefammtverbrauch DurchfchnittsVerbrauch per Woche Anzahl pCt. i.engl. Pfd. in engl. Pfunden i. Ball.à 370 engl. Pfund Ballen pCt. England. Vereinigte Staaten Frankreich. Deutſchland 39,500.000 59'1 8,350.000 12'5 5,200.000 77 5,100.000 Schweiz 2,060.000 Rufsland 2,000.000 Oefterreich 1,600.000 Spanien 1,400.000 Belgien Italien 650.000 500.000 07 77332210 7'6 3'1 30 24 2'4 10 3534266 100 32 1.264,000.000 57 38 785 476,000.000 3,416.220 24.740 1,286.480 65.690 48'8 184 197,600.000 534.000 10.270 86 49 7'60 228,000.000 616.200 11.850 88 80 27 60 67 70 56,600.000 120,000.000 152.970 2.940 2'20 324.320 6.240 4'70 106.900.000 288.920 5.560 4'10 48 78 67,200.000 181.620 3.490 2'60 43 27,900.000 75-540 1.450 1'10 48 24,000.000 64.860 1.250 O'90 Schweden, Norwegen, Dänemark Holland 300.000 230.000 0'5 60 48.650 26.730 93° 0'70 5I 0'04 O' 43 Summe. 66,890.000 100 18,000.000 9,800.000 40 2.696,000.000 7,016.510 134.461 100 Wie es fich für den Hausherrn ziemt, waren auf der Weltausftellung zu Wien die öfterreichifchen Induftriellen der Baumwoll- Branche ziemlich vollständig vertreten, fo dafs in Bezug auf Spinnerei, Weberei, Zwirnerei, Appretur, Färberei und Druckerei nur fehr wenig bedeutendere Etabliffements die Ausftellung nicht befchickt hatten; obwohl nun letztere noch an Ueberfichtlichkeit gewonnen hätte, wenn mehr Collectivausftellungen vorhanden gewefen oder die ganze Baumwollclaffe öftlich in eine einzige Abtheilung zufammengefafst worden wäre, fo bot doch auch in der nun einmal gewählten localen Trennung die öfterreichiſche Baumwoll- Induftrie ein hochintereffantes Bild dar, das in gleicher Vollständigkeit fobald nicht wiederkehren wird- das Bild eines Induſtriezweiges überdiefs, der feit der Parifer Ausftellung von 1867 zwar keinen rapiden Auffchwung, wohl aber eine ftete Verdichtung und Verbefferung in einzelnen Punkten nachweift und fich mit anerkennenswerther Thatkraft bemüht, der unleugbar vorhandenen grofsen Schwierigkeiten Herr zu werden. Um in einigen Hauptziffern die Umriffe des Induftriezweiges darzuftellen, dazu dient zuerft eine Ueberficht, welche die eigene Garnproduction Oefterreichs ( der Zollcentner Roh- Baumwolle als 80 Centner Garn ergebend berechnet), ferner die Einfuhr fremder Garne, endlich den Gefammtverbrauch Oefterreichs an Garnen und die Percente, mit welchen Inland und Ausland an der Verforgung des Garnmarktes theilnehmen, zur Anfchauung bringt: Eigene Garne ( Roh- Baumwolle- 20%) Gefammtverbrauch an Garnen Fremde Garne Im Jahre Production in Centnern Einfuhr Perc. Perc. in Centnern Menge in Centnern Perc. 1861 698.238 780 1867 587.439 74's 197.279 197.692 22'0 895.517 IOO 25 2 785. 131 IOO 1868 645. 353 76'1 202. 212 23.9 847.565 IOO 1869 663.004 804 1870 722.667 811 161.433 168.044 19'6 824.437 IOO 18.9 890.711 IOO 1871 926.170 79 4 1872 869.353 77 255.532 239.736 2016 22'7 1,165.906 1,124.885 IOO IOO 16 Dr. Alexander Peez. Demnach find fowohl einheimifche Production wie Garneinfuhr in den letzten Jahren namhaft geftiegen; die erftere hält ihren Antheil von 76-81% ziemlich feft, doch ift die Einfuhr feit 1870 in noch rafcherer Zunahme begriffen als die inländifche Garnproduction. Die Ausfuhr öfterreichifcher Garne ift unbedeutend und betrug im Jahre 1872 nur 4920 Centner. Was die fertige Waare betrifft, fo ftellt fich der Grenzverkehr in folgender Weife heraus: Jahre Einfuhr nach Oefterreich Ausfuhr aus Oefterreich 1861 4.203 31.264 1867 6.018 28.331 1868 9.257 21.550 1869 14.586 25.492 1870 13.591 20.905 1871 21.798 21.990 23.500 1872 30.857 Demnach hat fich feit den Jahren 1868 und 1869, in welchen die neuen Handelsverträge in Kraft traten, die Einfuhr von Baumwoll- Waaren fehr ftark vermehrt, ja, es hat diefelbe in den erften fünf Monaten des Jahres 1873 wieder um 4688, d. i. 35.71% gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres zugenommen. Die Ausfuhr dagegen ift ziemlich ftationär geblieben. Die Lage der Gefammtinduftrie läfst fich demnach dahin zufammenfaffen, dafs der innere Markt für Garne und Gewebe in rafcher Entwicklung begriffen ift, das Ausland jedoch in ftärkeren Verhältniffen an demfelben participirt als das Inland, unbefchadet deffen, dafs letzteres in einzelnen Zweigen Vorzügliches leiftet. Die öfterreichifche Baumwoll- Induftrie zerfällt geographifch in drei Hauptgruppen: Böhmen, Niederöfterreich und Oberöfterreich, endlich Vorarlberg. Böhmen zählt die meiſten Spindeln und überwiegt bedeutend in Weberei und Druckerei; in Niederöfterreich liegt der Schwerpunkt in den zahlreichen Spinnereien, während Vorarlberg in Färberei und neueftens in Buntweberei nach Schweizer Art feine Specialität beſitzt. Das in Oefterreich geltende Gewichts- Zollfyftem war die nächfte Urfache, dafs unfere Induftriellen bei der Erfpinnung von feinen Nummern nur in Ausnahmsfällen Convenienz finden. Die öfterreichifchen Hauptnummern find 4-12, 14-26, 28-32, 34-42, 48-62, Niederöfterreich ſpinnt 4-42, Vorarlberg und Tirol 14-42, während Böhmen fämmtliche Qualitäten von 4-62 producirt. Niederöfterreich ſpinnt befonders defshalb feine niedrigen Nummern, weil es die Handweberei von Ungarn und Siebenbürgen, die noch immer im Winter vom Landvolk als Nebenbefchäftigung betrieben wird, fowie die Barchentweberei von Profsnitz und Zwittau mit Garnen verforgt; Böhmen und Vorarlberger haben durchfchnittlich etwas feinere Nummern. Diefe Richtung der öfterreichifchen Spinnerei auf gröbere Nummern hat zur Folge, dafs vorzugsweife oftindifche Baumwolle zur Verwendung gelangt. In Durchfchnittsjahren find/ oder 60% des in Oefterreich verarbeiteten Rohftoffes aus Oftindien bezogen. Daneben ift Levantiner Baumwolle eine Lieblingsforte vornehmlich Niederöfterreichs und wird am Anfange der Saifon, wo die Qualitäten noch fehr fchön find, wenn Preife nicht zu hoch, der oftindifchen vorgezogen, fodann für Garne bis zu Nr. 20 als Beimifchung überhaupt verwendet. Obwohl bei gewiffen Preisconjuncturen die nördlicher liegenden Spinnereibezirke noch immer oftindifche Baumwolle über Liverpool beziehen, fo kommt doch bereits das Gros über Trieft. Die Fracht von Bombay nach Trieft per Suezcanal tritt langfam, aber ftetig in ein richtigeres Verhältnifs, d. h. wird etwas billiger als die Fracht von Bombay nach Liverpool; nach Circular vom Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 17 24. Juli 1873 beträgt diefelbe per Tonne von 40 Cubikfufs für Bombay- Trieft 2 Pfund Sterling 10 Shilling, für Bombay- Liverpool 2 Pfund 15 Shilling. Diefe kleine Differenz zu Gunften von Trieft wird noch etwas verftärkt durch die Avance, welche die Fracht von Trieft zur Spinnerei vor der Fracht Liverpool- Spinnerei voraus hat. Für Niederöfterreich mag jetzt der Bezug über Trieft einen Vortheil von 1-2 Gulden per Centner gewähren. Der nähere Weg und rafchere Bezug, die directe Fühlung mit der Bezugsquelle, fowie die vermehrte Concurrenz des Anbotes werden allmälig weitere günftige Folgen mit fich bringen. Sieht man von den mäfsigen Vortheilen ab, welche der durch den Suezcanal bewirkte Umfchwung im Handel mit Oftindien hervorrief, fo läfst fich nicht behaupten, dafs die Productionsbedingungen für die öfterreichifche BaumwollSpinnerei feit 1867 günftiger geworden wären. Faft überall find die Wafferkräfte fchwächer, die Kohlen nicht billiger geworden, während die Löhne allenthalben geftiegen find. Auch bleiben unfere Spinner hinfichtlich der Anfchaffung der Mafchinen noch durchaus auf das Ausland angewiefen. Die niederöfterreichifchen Spinnereien, deren Errichtung bis in die erften Jahre diefes Jahrhunderts zurückgeht, liegen dicht gruppirt an den Wafferadern, welche, füdöftlich von Wien aus den Alpen hervorbrechend, unterhalb Wiens zur Donau hinabeilen. Die als Hilfsmotoren aufgeftellten Dampfmaschinen werden mit einer in der Nähe des„ Steinfeld" gewonnenen geringwerthigen Braunkohle geheizt, zu deren Verbrennung die Röfte eigens eingerichtet find; die befferen Kohlen werden aus Mähren und Schlefien bezogen. Grofse Schwierigkeiten macht den niederöfterreichifchen Spinnern die Arbeiterfrage, da die Arbeiter von weit herbeigezogen und durch Einrichtungen an die Etabliffements gefeffelt werden müffen, die, wenn auch in humanitärem Sinne günftig und auch auf die Dauer vortheilhaft, doch zunächft die Spefen der Production bedeutend vermehren. Ueberdiefs erhöhen fich die Löhne fortwährend, und find unter dem concurrirenden Einfluffe des Wiener Arbeitsmarktes in den letzten zwei Jahren durchweg um 20-30% geftiegen. Böhmen und Vorarlberg befinden fich hinfichtlich der Zahl und Auswahl der Arbeitskräfte in etwas befferer Lage. Obwohl es ein fchöner Erfolg ift, auf älteren Mafchinen gutes Garn zu erzeugen, fo liegt doch ein grofser Vortheil für einen Spinnereibezirk darin, wenn er recht zahlreiche Fabriken neuefter Conftruction in feiner Mitte zählt. Diefes Vorzuges erfreut fich insbefondere Böhmen, doch find auch in Niederöfterreich in den letzten Jahren einige Etabliffements mit ganz neuen Mafchinen ausgerüftet worden. Die allmälige Erfetzung der Spinnmafchinen älterer Conftruction durch neue Selfactors, die ftärkere Erzeugung von Bobbinetgarnen, die lebhaftere Entwicklung der mechanifchen Weberei das find bekannte Zielpunkte, die bei Eintreten halbwegs günftiger Conjuncturen in Verbindung mit dem Umfchwunge des Baumwoll- Handels der öfterreichifchen Baumwoll- Spinnerei wieder die frühere Bedeutung zurückgewinnen würden. - Die Deckung des Bedarfes an ausländifchen Garnen, wobei Cops ficher die gröfsere Hälfte bilden, wird von Deutfchland, England und der Schweiz beftritten. An der Einfuhr von feinen Garnen hat die Schweiz mit 10% und England mit 90% Antheil. Als eine neue feit 1867 eingetretene Errungenfchaft ift ichliefslich zu verzeichnen, dafs eine Wiener Firma( Fabricationsplatz Hardt in Oberösterreich) recht gute Nähgarne, die befonders bei Nähmaschinen Verwendung finden, zur Ausstellung brachte. Gut entwickelt ift in Oefterreich die Rothgarn- Färberei. Böhmen, Mähren, Vorarlberg, Krain und das Küftenland zählen nicht wenige Fabriken für diefen Induftriezweig, der wegen feines grofsen Abfatzes, befonders nach dem Oriente, viel Beachtung verdient. Ueber die Zahl der öfterreichifchen Spinnereien nach HandelskammerBezirken im Jahre 1871, über die Spindelzahl, den Percentantheil der einzelnen 2 18 Dr. Alexander Peez. Gruppen an der gefammten Spindelzahl des Reiches, ferner über die Motoren und den verbrauchten Rohftoff, liegen folgende Daten vor:*) Motoren HandelskammerBezirk Wien Linz Prag Reichenberg Eger Budweis Zahl der Etabliffements Verbrauch Spindeln Dampfmafchinen Turbinen Wafferräder Arbeiter Pferdean roher Baumwolle kräfte 31 H7 7 Zahl pCt. 430.204 28.9 81.872 54 Zahl pCt. Zahl pCt. Zollctr. pCt. pCt. 30 он 27 I II 7H 27 3.586 23'8 6.868 29'6 352.699 305 3 796 53 44 7 77-776 5'1 8 00 2 677 45 62 15 12 492.650 322 112.973 21.880 47 74 I'4 41 784 34 42 18 IO I 2 202 5.376 356 7.657 33'0 992 66 1.887 140 O'g 443 1.030 1.265 5'4 81 72.714 6'3 347-727 300 97.134 84 13.486 I'2 53.303 46 I 9 Zufammen für Böhmen. 86 705.279 461 74 36 56 7.185 47'6 11.252 484 531.061 45'9 Graz 3 30 25.928 17 +2 4 2 I 260 160 I 7 410 I's ΓΟ 35° I'5 29.019 2'5 10.040 O'9 Laibach I 10.400 07 . Innsbruck. 69 6 71.626 10.000 40 47 07 Bozen Zufammen f. Tirol 81.626 7 54 . . . 19 6 5 810 5'3 878 3's 44.132 3'8 I 120 0'8 170 07 7.448 0'6 . 7 5 93° 61 1.048 4's 51.580 44 Feldkirch 18 Görz 8 2 171.818 112 19.428 57 5 I5 13 I 14 7 4 1.852 12 1.858 80 33° 2'2 410 I'S 103.547 26.463 8.9 2'3 1,157.712 100 Im Ganzen. 155 1,526.555 100 117 102 99 15.099 100 23.226 100 Befondere Beachtung fand auf der Wiener Ausftellung die Collectivausftellung der niederösterreichifchen Baumwoll- Spinner, von welcher fich nur wenige Induftrielle ferngehalten hatten. Ueberfichtlichkeit, gefchmackvolles Arrangement und ftrenge Fefthaltung des Grundfatzes,„ nur die wirklich und regelmäfsig producirte Waare auszuftellen", zeichneten diefe Ausftellung aus, welche überdiefs durch Karten, Proben des Rohftoffes und des Productes in den verfchiedenen Stadien feiner Verarbeitung etc. wirkfam unterſtützt ward. Eine Specialität bilden noch die Strickgarne von Pottendorf in Niederöfterreich. Letzteres Etabliffement hatte Garne( auf Hübner'fchen Maſchinen gekämmt) bis Nr. 60 ausgeftellt. Ganahl in Feldkirch( Vorarlberg) brachte Garne bis Nr. 40, aus oftindifcher Baumwolle erfponnen; ferner Grüllmayer ( Oberösterreich) Garne bis Nr. 100, Tannwald( Böhmen) Garne bis Nr. 100 und Johann Liebieg& Comp.( Böhmen) Zwirne von Nr. 120 zur Ausftellung. Die zahlreichen Gebirge Oefterreichs, fowohl die Alpen und Karpathen, wie namentlich das Erzgebirge, Riefengebirge und die Sudeten, find der Sitz von Weberbevölkerungen, welche, urfprünglich mit Leinenweberei befchäftigt, dann meift zur Baumwoll- Weberei übergingen und jetzt theilweife in gefchloffenen Fabriken mit Mafchinenkraft arbeiten, theilweife aber auch noch immer bei der Handweberei verblieben find, die fie neben kleinem Feldbau betreiben. Seit dem Jahre 1867 hat fich die Lage diefer Weberbevölkerungen nicht unbeträchtlich gebeffert. Die ftarke Nachfrage nach Arbeit, eine Folge des regen Unternehmungsgeiftes, gewährte mindeſtens den phyfifch kräftigen Arbeitern eine lohnendere Befchäftigung aufserhalb ihrer engen Heimat, wodurch das entfetzliche Herunterbieten verhütet wurde, das bei unbeweglichen, auf einen einzigen *) Nach Mittheilungen der Induftriellen, zufammengeftellt von Director J. Pechar und Dr. A. Pe e z. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 19 Erwerbszweig angewiefenen Bevölkerungsgruppen zu fo traurigen Folgen geführt hat. Gründlicher und dauernder noch ift die Abhilfe, wenn die Eifenbahnen, wie es in den letzten Jahren in Oefterreich vielfach gefchah, zahlreicher an die Gebirge herantreten, fie durchfchneiden und durch den Handel und die Gewerbe, die fich an ihnen anfiedeln, die Arbeitsgelegenheit in kurzer Zeit verdoppeln und verdreifachen. Jetzt war die Errichtung von Etabliffements ermöglicht, welche ja gerade die Gegenden mit billigem Taglohn auffuchen, und die Arbeit erhielt theils in Fabriken ihre natürliche Organiſation, theils wurde fie, wenn vereinzelt als Hausinduftrie verbleibend, weit zugänglicher, und es konnte an ihre Veredlung gedacht werden. Dadurch ward auch bei uns jene fo fehr wünfchenswerthe Arbeitstheilung angebahnt, vermöge deren die Production der einfachen, glatten Stoffe den mit Mafchinenkraft ausgerüfteten Etabliffements anheimfällt, während die façonnirten Stoffe für die Hausinduftrie und Handarbeit verbleiben, welche Letztere durch praktiſch eingerichtete Fachſchulen einer höheren Leiftung fähig wird. Dafs feit dem Jahre 1867 der Fachunterricht in unferer Branche eine wefentliche Vermehrung erfuhr, das gehört zu den erfreulichften Fortfchritten, die in der öfterreichifchen Baumwoll- Induftrie zu verzeichnen find. Es wurde nämlich nicht blofs in den aus einer älteren Zeit herrührenden Webfchulen für Schafwolle auch der Baumwoll- Weberei eine gröfsere Beachtung gefchenkt, fondern es find auch, dank der einfichtsvollen Förderung des Handelsminifteriums und unter rühmlicher Mitwirkung der Induftriellen, in Rumburg- Warnsdorf, in Rochlitz, Aufsig, Afch bei Eger, in Zwittau und Landskron Lehr- Werkstätten errichtet worden, welche in erfter Reihe der Baumwoll- Induftrie zu dienen berufen find. Eifenbahnen und Lehr- Werkftätten werden in den Weberbezirken der öfterreichifchen Gebirge, diefen Sitzen eines gewiffermafsen hiftorifchen Elends, der Noth ein Ende machen, indem fie einerfeits die Grofsinduftrie beflügeln und anderfeits für die Hausinduftrie wieder lohnende, vor den Hochfluthen der Mafchineninduftrie gefchützte Zufluchtsftätten eröffnen. Diefe ganze Entwicklung ift aber erft in der Entstehung begriffen; von ftaatlicher Seite fpät nach ihrer Bedeutung erkannt,*) und erft vom Handelsminifter Dr. Banhans kräftig gefördert, bedarf fie noch fortwährend der forgfamften Pflege, wird aber dann zur Erhebung unferer Baumwoll- Induftrie auf eine höhere Stufe von gröfstem, heilfamftem Einfluffe fein. Während in folcher Weife die Handweberei ihrer Veredlung entgegengeht, ift anderfeits die Mafchinenweberei in Oefterreich feit 1867 nicht unbedeutend vorangefchritten. Die Zahl der Kraftftühle wird mit ungefähr 17.500 zu beziffern fein, wovon auf Böhmen circa 10.000 die Gegend von Rochlitz allein zählt auf Nieder- Oefterreich 3500 und auf Vorarlberg- Tirol 4000 deren 3000 fallen mögen. - Die Erzeugniffe der öfterreichifchen Mafchinenweberei find theilweife vortrefflich. In der Appretur find grofse Fortfchritte gemacht worden. Die bunten und geftreiften Futtercattune, mit denen die Firmen S. Barlow in Manchefter zuerft auf der Parifer Ausftellung von 1867 erfchien, werden jetzt auch bei uns ( z. B. in Trumau- Marienthal) in guter Qualität producirt. Befonders erfreulich ift auch die Zunahme der mechanifchen Buntweberei, deren Erzeugniffe fowohl in Trumau- Marienthal( Nieder- Oefterreich), als auch in Bludenz ( Vorarlberg), letztere nach Schweizer Art für den Orient gefertigt, auf der Weltausftellung von 1873 als öfterreichifche Novitäten erfcheinen. Afch und Auffig in Böhmen find der Sitz einer Handweberei, welche aus Baumwoll, Schaffwoll- und Seidengarnen Frauenkleider erzeugt, die theilweife dem Exporte übergeben werden. *) Die erften eingehenden Vorfchläge über Errichtung eines Syftems von fachlichen Lehr- Werkstätten in Oefterreich f. im ,, Jahrbuch" des Vereines der Induftriellen, Jahrgang 1866, Seite 201. 2* 20 Dr. Alexander Peez. Die Weifswaaren, Tarlatana, Piquets der Wiener Vorftadtinduftrie bilden einen Artikel, der fich nicht ohne Erfolg an die im Auffchwung begriffenen Confectionsarbeiten der Hauptftadt anfchmiegt. Was die billigen Hofen- und Rockftoffe( Moleskins u. f. w.) betrifft, die in Warnsdorf in Böhmen producirt werden, fo ift diefer Induſtriezweig feit 1867 namentlich infofern fortgefchritten, als er ftärker zum Mafchinenbetrieb überging, doch kommt er an Ausdehnung den concurrirenden Induſtriegruppen zu Gladbach ( Rheinlande), Gent und Flers( Frankreich) nicht gleich. Grofses und verdientes Auffehen erweckten die Baumwoll- Sammte von Niedergrund( Böhmen), welche von der Jury den berühmten Sammten von Linden( Hannover) und Manchefter an die Seite geftellt wurden. Die anderen Länder. Die Baumwoll- Induftrie Deutfchlands, wie faft alle Induftriezweige diefes Landes von der viel älteren und ftärkeren Production Grofsbritanniens bei geringen Zöllen gedrückt und überdiefs unter der früheren ftaatlichen Zerfplitterung und der politifchen Unficherheit leidend, hat fich nur fehr mühfam emporgefchwungen; da fie aber mit Fleifs und Zähigkeit voranging und keinen Schritt zu Neuem machte, bevor nicht alle bereits zurückgelegten Staffeln völlig befeftigt waren, fo hat fie eine namhafte innere Kraft angefammelt, und es wird nur noch einer befferen Organiſation der durch den früheren Particularismus bunt zufammengewürfelten und zerfplitterten Kräfte bedürfen, um in Verbindung mit den reichen und vielfeitigen Refourcen, welche das neugewonnene Elfafs gerade in diefem Fache bietet, der deutfchen Baumwoll- Induftrie bald eine wefentlich verftärkte Stellung auf dem Weltmarkte zu gewinnen. Die deutfche Baumwoll- Spinnerei mit den Hauptfitzen in Ober- Deutfchland, Sachfen, dem Niederrhein und Hannover zählt gegenwärtig 5'1 Million Spindeln, wovon 2.1 Million fich in Elfafs befinden. Der Baumwoll- Verkauf betrug im Jahre 1871: 2,336.518 Centner. Die allmälige Entwicklung der deutfchen Spinnerei wird fich aus einer Vergleichung der Antheile ergeben, welche einerfeits das Inland und anderfeits das Ausland an der Verforgung des einheimifchen Garnmarktes genommen haben. Eigene Garne Roh- Baumwolle Fremde Garne - 20% Jahre Production, Centner Einfuhr, Centner Percent 1836-1840 148.617 357-743 707 1841-1845 220.764 456.936 67.4 1846-1850 262.943 477-498 64'5 1851-1856 440.689 497-747 53 o 1857-1860 775.483 518.573 40'1 1861-1866 780.521 241.178 23'6 1867-1870 1,122.010 285.614 20'3 1871 1,869.215 405.542 17's In dem Sinken des Percentantheils der fremden Garne von 70.7% in den Jahren 1836 bis 40 auf 17.8%, im Jahre 1871 fpricht fich die ftetige innere Kräftigung der deutfchen Baumwoll- Spinnerei deutlich aus. Uebrigens werden gerade die höheren und werthvolleren Nummern noch immer aus England und der Schweiz bezogen. Die Ausfuhr von Garnen bezifferte fich im Jahre 1871 nur auf 51.312 Cent Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 21 ner und richtete fich hauptfächlich nach Oefterreich. Die Ausfuhr von Baumwollwaaren betrug im Jahre 1871: 194.801 Centner. Auf den Weltmarkt kommen in erfter Reihe die fächfifchen Strumpfwirker- Waaren und Strickgarne, die Rothgarne von Elberfeld, die Bänder, Borden und Litzen von Barmen, die billigen Hofenftoffe von Gladbach und in neuefter Zeit die Baumwoll- Sammte von Ettlingen( Baden) und Linden( Hannover), die gefammte Production des letzteren Etabliffements wird nach England verkauft. In den deutfchen Webereien find gegenwärtig 101.000 Kraftftühle thätig, wovon mehr als die Hälfte in Elfafs. Daneben arbeitet noch eine fehr bedeutende Handweberei. Auf der Ausftellung waren insbefondere die Spinnereien und Webereien von Augsburg, die fich auf Wafferadern von 5000-6000 Pferdekräften ftützen, durch eine Collectivausftellung vertreten. Bemerkenswerth ift, dafs in neuefter Zeit auch München, das fich lange gegen die Grofsinduftrie ablehnend verhielt, die grofsen Wafferkräfte der Ifar für Baumwoll- Induftrie dienftbar macht. Immerhin raufchen in Ober- Deutfchland( wie in Oefterreich) noch Hunderttaufende von Pferdekräften unverwendet von den Alpen herab. Seit dem Jahre 1867 hat fich die Fabrication von Nähfaden und Zwirnen für Nähmaschinen namentlich vermehrt, wie die Expofitionen der„, Sächfifchen Nähfaden- Fabrik", der Dresdner Nähmafchinen- Zwirnfabrik" und der„ Zwirnerei- und Nähfaden Fabrik" Göggingen in Baiern fämmtlich grofse Actiengeſellſchaften bewiefen haben. Ein intereffanter Artikel auf der Ausftellung waren ferner die für den Orient beftimmten Denircotons von Ebersbach in Sachfen und Langenbielau in Schlefien, die fich zu einem wichtigen Handelsobject entwickeln könnten. Ebenfo verdient hervorgehoben zu werden, dafs die mechanifche Buntweberei( Production von Drills und Bettzeug etc.) neuerdings von dem Augsburger Hause L. A. Riedinger im grofsen Mafsftabe( mit 572 Kraftftühlen) aufgenommen wurde. Endlich kommen wir noch zu dem Elfafs, diefem mächtigften BaumwollBezirke des Continents. Obwohl auf der Ausftellung nur unvollständig vertreten, bedurfte es nur der wenigen Proben, welche die Firmen A. Herzog& Comp. in Bogelbach, Schlumberger Sohn& Comp, in Mühlhaufen, Hartmann& Sohn in Münfter, H. Frey- Wiez& Comp. in Gebweiler einfandten, um fowohl die fchönen Garne und Zwirne, die unvergleichlichen Gewebe, fowie die Druckwaaren des Elfafs zu würdigen. Auf Letztere kommt diefer Bericht noch befonders zurück. Die Baumwoll- Induftrie der Schweiz bildet ein wohl durchdachtes Ganze, das fich von der Spinnerei durch Weberei, Zwirnerei, Appretur und Färberei bis zur bedruckten Waare und Stickerei aufbaut. Die Spindelzahl hat fich von 16 Million im Jahre 1865 auf 2 059 Millionen im Jahre 1873 vermehrt. Aus 57.500.000 Zollpfund meift amerikaniſcher und egyptifcher Baumwolle, in deren Zufuhr Trieft, Venedig und Marfeille wetteifern, erzeugt die Schweiz 52,500.000 Pfund Garn meift feiner Qualität. Die Durchfchnittsnummer ift 45. Ein Theil der Garne wird nach Deutſchland, Oefterreich, Frankreich und Italien ausgeführt. Auf der Ausftellung glänzte als Spinnerkönig H. Kunz in Zürich mit 200.000 Spindeln, welcher Garne bis Nummer 500 zur Vorlage brachte; neben ihm J. J. Rieter& Comp, in Winterthur. Die Finalproducte der Schweizer Baumwoll- Induftrie gipfeln in drei Gruppen; es find diefs I. die Rothwaaren- Production von St. Gallen und Glarus; 2. die Buntweberei orientalifcher Artikel( Ginghams u. f. w.) mit dem Sitze in St. Gallen und dem in Thurgau, wovon Mathias Näf aus Niederuzwyl ein befonders fchönes Sortiment zur Ausftellung brachte; 22 Dr. Alexander Peez. 3. die Stickwaaren von St. Gallen und Appenzell, welche theils mit der Hand von Stickerinen Appenzells, des Rheinthals, des Bregenzer Waldes und Schwabens gearbeitet, theils auf mehr wie 4000 Mafchinenftühlen vermittelft Blattftich- Stickerei in St. Gallen, Appenzell und dem Thurgau fabricirt werden. Hierzu kam noch ein neuer Zweig, nämlich die mechanifche Crochetftickerei oder Kettenftich- Stickerei, bei welcher kleinere Maſchinen mit einer Nadel und gröfsere mit 12 bis 44 Nadeln in Anwendung kommen. Diefe Baumwoll- Induftrie hat für die öftliche Schweiz ungefähr diefelbe Bedeutung wie die Uhrenfabrication für die weftliche Schweiz; viele Millionen von Gulden werden jährlich durch Export diefer Waaren der Schweiz zugeführt, und es hat dies kleine Land, dank feiner völligen Hingabe an die Intereffen der Arbeit, in nicht wenigen Zweigen der Baumwoll- Induftrie jede Concurrenz überwunden. Obwohl die Baumwoll- Induftrie Frankreichs mit dem Elfafs gleichfam die rechte Hand verloren hat, fo bildet diefelbe noch immer mit ihren circa 5 Millionen Spindeln, circa 50.000 Kraftftühlen und zahlreichen, gefchickt betrie, benen Handftühlen eine fehr achtungswerthe Macht, die ihren wichtigſten Verbündeten in der Herrfchaft der franzöfifchen Mode findet. Die hervorragendften Erfcheinungen, mit welchen Frankreich die Wiener Ausstellung betrat, waren die prächtigen Mouffeline und Vorhängftoffe von Tarare; meift trefflich gezeichnet und ausgeführt, werden fie in neuefter Zeit auf mechanifchen Stühlen fabricirt, und man glaubt, dafs dadurch den Schweizer Stickereien eine fehr gefährliche Concurrenz bereitet werde. Aufser diefen berühmten Artikeln erregten die Gewebe von Ledoux- Bédu in St. Quentin ebenfoviel Auffehen als Bewunderung, fowohl hinfichtlich ihrer fchönen, die Rohfeide imitirenden Farbe, als ihrer trefflichen Ausführung, fowie des Umftandes halber, dafs diefe auf Kraftftühlen erzeugten Gewebe theilweife gleich in Falten gelegt erfcheinen( wahrfcheinlich durch eingefchobene Rundftäbe wie bei der Sammt- und Teppichweberei, nur dafs hier die Falten aufgefchnitten, dort aber glatt gebügelt werden). Durch diefe Erfindung greift der mechanifche Stuhl, indem er Hemdeneinfätze und gefaltete Röcke erzeugt, in das Gebiet der Confection hinüber. Die Baumwoll- Induftrie Englands mit 39'5 Millionen Spindeln und 400.000 mechanifchen Stühlen bildet die riefigfte induftrielle Kraft, die überhaupt in der Welt exiftirt. England verarbeitete im Jahre 1872: 1.175,345.000 Pfund Baumwolle und erfpann daraus 1.040,380.000 Pfund Garn, wovon 211,940.000 Pfund als Garn und 698,840.000 Pfund als Gewebe exportirt und 129,600.000 Pfund im Inland verbraucht wurden. Der Werth des ausgeführten Garnes betrug 167 Millionen Gulden, der exportirten Gewebe 699 Millionen Gulden und der im Inland verbrauchten Baumwoll- Producte 156 Millionen Gulden. Der Werth der Gefammtproduction wird auf 1022 Millionen Gulden angefchlagen; zieht man davon den Preis des Rohftoffes mit 480 Millionen Gulden ab, fo bleiben 542 Millionen Gulden übrig, welche England in Form von Löhnen, Capitalzins und Unternehmergewinn durch die Baumwoll- Induftrie in einem einzigen Jahre verdient hat. Gleichwohl zeigen fich zwei Wölkchen am Horizont, die der englifchen Baumwoll- Induftrie mit der Zeit gefährlich werden könnten: die feit dem Jahre 1871 eingetretene Kohlentheuerung, welche die mechanifche Kraft in England theuerer macht, und ferner die zunehmenden Anfprüche der Arbeiter, welche im Jahre 1872 fich weigerten, die kurzftapelige Surat- Baumwolle zu verfpinnen. Zur Wiener Ausftellung fandte England nur folche Baumwoll- Producte, die in Oefterreich und den Nachbarländern einen befonders günftigen Markt finden, alfo namentlich feine Garne( Droffelgarn bis Nummer 120), Stickgarne und Nähzwirne und ausgezeichnete Gewebe, die letzteren befonders hervorragend aus der riefigen Fabrik von Horrockses Miller& Comp. in Prefton, die mit 200.000 Spindeln und 3644 Webftühlen arbeitet. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 23 Sehr zu bedauern bleibt es, dafs die Vereinigten Staaten faft gar nicht die Ausftellung befchickten. Die wenigen, allerdings theilweife fehr guten Proben, z. B. von James Y. Smith in Providence( Rhode- Island) und der Langdon manufacturing company, gaben kaum einen Begriff von der grofsen Baumwoll- Induftrie der Vereinigten Staaten, welche in den letzten Jahren, auf den nahen Bezug des trefflichften Rohmateriales geftützt, fchnellere Fortfchritte gemacht zu haben fcheinen, als ihre Concurrenten im alten Europa. Die Spindelzahl wird auf 8:35 Millionen, die Zahl der Webftühle auf 160.000 beziffert. Die Zahl der Fabriken war 956, und es wurden von ihnen im Jahre 1870: 40 Millionen Dollars an Löhnen ausgezahlt. Bemerkenswerth ift, dafs kleinere Partien amerikanifcher Baumwoll- Fabricate nach Canada, Brafilien, Mexico, Hayti und China ausgeführt wurden, zufammen für 2'3 Millionen Dollars. Gleich den Vereinigten Staaten durch hohe Schutzzölle gedeckt und auf einen grofsen inneren Verbrauch geftützt, hat auch in Rufsland feit 1867 die Baumwoll- Induftrie ziemlich bedeutend zugenommen. Techniſch am weiteften vorgefchritten find die grofsen Spinnereien bei St. Petersburg darunter die ausgedehnteften Etabliffements der Welt, z. B. Krenholm bei Reval mit 500.000 Spindeln und 4500 Webftühlen. Auf Wafferkraft und englifche Kohle geftellt, verfpinnen fie meift amerikaniſche Baumwolle und erreichen vermöge des Zollfyftems höhere Nummern als Oefterreich oder Deutfchland. Mit mehreren diefer Spinnereien find auch mechanifche Webereien verbunden. Kraftftühle find in Rufsland circa 15.000 im Gange. Im Innern des Landes ift noch eine enorme Anzahl von Handwebern thätig, welche, im Sommer Bauern, die fechsmonatliche Winterszeit hinter dem Webftuhle verwerthen. Hervorragend ift die Production von Rothwaaren um Moskau. Rufsland bezieht Baumwolle aus Kaukafien und Buchara und wird ohne Zweifel verfuchen, diefer Production auch in Chiwa und den anderen Ländern Mittelafiens einen ftärkeren Antrieb zu geben. Bevor noch die Heere zufammenftofsen, bekämpfen fich dafelbft die ruffifchen und englifchen Baumwoll- Fabricate. Von den übrigen Ländern ift noch die Baumwoll- Induftrie von Belgien zu nennen, welche durch die Collectivausftellung der Handelskammer von Gent vertreten war und in billigen Piqués, Decken, Hofenftoffen etc. ihre Stärke hat. Italien zeigte manchen erfreulichen Fortfchritt. Es brachte Garne, aus Caftellamare- Baumwolle gefponnen, und befitzt in den Fabriken der Gebrüder Poma in Biella und Cantoni in Mailand ganz bedeutende Etabliffements, die mit Schweizer Mafchinen ausgerüftet und von Schweizer Gegenmeiſtern geleitet find, und von denen erfteres in Buntweberei mit den Schweizern bereits im Export nach dem Orient wetteifert. Aus Griechenland waren gut gearbeitete Hartwatergarne für die Walachei ausgeftellt, und auch die Türkei hatte einige Garnproben aus kleinafiatifchen Baumwollen eingefendet. Bedeutender find die Spinnereien in Oftindien, die etwa 400.000 Spindeln befitzen. Sie find jedoch, weil vor der Zeit der Eifenbahnen errichtet, wegen Nähe des Rohftoffes in die niedere Zone gelegt worden, von deren Feuchte die Mafchinen leiden. Auch find die Kohle und das englifche Auffichtsperfonal fehr theuer, fo dafs kein rechter Fortgang in der Entwicklung diefer Spinnereien ftattfindet. Ernfter würde die afiatifche Concurrenz, wenn die Chinefen als Arbeiter ihre Gewerbe mit europäiſchen Mafchinen bewaffnen würden, doch fcheint diefer Zeitpunkt noch nicht nahegerückt. Baumwoll- Druck. Während Spinnerei und Weberei einen gewaltigen Handel und ein mächtiges und höchft finnreiches Mafchinenwefen in Bewegung fetzen, beanfprucht das Bedrucken der Baumwoll- Stoffe noch aufserdem umfaffende Leiftungen der Chemie und des Kunftgefchmackes, und zwar erfteres wegen der Auswahl und Bereitung der Farben und der meift complicirten Methoden des Auftragens derfelben, letzteres 24 Dr. Alexander Peez. aber wegen der Mufter, die theils beftehenden Nationaltrachten entſprechen, theils den Strömungen der Mode folgen müffen oder auf felbftftändigen Wegen die Veredlung der Mode zu einer ftilgerechten Kunftinduftrie verfuchen. Indem in folcher Weife der Baumwoll- Druck gleichfam als die Krone und Spitze einer faft alle Seiten der Gefammtindustrie umfaffenden Pyramide erfcheint, tritt die Wichtigkeit diefes Induſtriezweiges in die richtige Beleuchtung. Die bedeutfamfte, feit 1867 auf dem Gebiete der Baumwoll- Induftrie eingetretene Neuerung betrifft die Baumwoll- Druckerei; es ift dies der Erfatz der für die Rothfärberei und Rothdruckerei fonft fo wichtigen Krappfarben durch das Alizarin. Seitdem es im Jahre 1868 den deutfchen Chemikern Gräbe und Liebermann gelang, den unter dem Namen" Alizarin" bekannten Farbftoff der Krappwurzeln aus dem Anthracen, einem der im Steinkohlen- Theer vorkommenden Kohlen- Wafferftoffe, zu erzeugen, nahm die Production des fogenannten künftlichen Alizarin einen rapiden Auffchwung, und es find feit 1870, wo die Einführung bereits als gefichert angefehen ward, allein im deutfchen Reiche 10 bis 12 meift fehr bedeutende Alizarinfabriken entftanden( wovon 4 in Elberfeld, zur Verforgung der dortigen Rothgarn Färbereien). Die Folge wird fein, dafs, da das Alizarin fämmtliche Krapp- Präparate zu erfetzen vermag, der Anbau des Krapps an Werth abnimmt, der Farbftoff felbft aber auf dem neuen Wege zum Vortheile der Gefammtinduftrie beffer und billiger hergeftellt wird, als vorher. Die auf der Wiener Weltausftellung von 1873 vorgeführten Rothgarne und Rougewaaren waren zum gröfseren Theile fchon mit künftlichem Alizarin gefärbt. Nur die ruffifchen ( Moskauer) Färbereien, die in dem berühmten Wolgakrapp( Marena), deffen Wurzeln fieben Jahre lang in der Erde bleiben, das vorzüglichfte Farbmaterial befitzen, hatten noch durchweg am alten Material feftgehalten. Die Baumwoll- Druckinduftrie, welche in gewiffem Sinn als eine locale Färberei aufzufaffen ift, arbeitet für zwei ganz verfchiedene Bevölkerungsclaffen, nämlich einerfeits für die Nationaltrachten des europäifchen Landvolkes und des Orients( welcher den Unterfchied zwifchen ftädtifcher und ländlicher Tracht nicht kennt), und anderfeits für den Modebedarf der fogenannten gebildeten Welt, fei es an Kleidung, fei es an Vorhäng- und Möbelftoffen. Beide Productionsrichtungen verlangen eine gefonderte Betrachtung. I. Die für Nationaltrachten arbeitenden Druckfabriken haben meift unabänderliche oder nur langfam fich ändernde Mufter auszuführen. Der Kunftgefchmack hat hier keinen Spielraum; folide Ausführung und befonders Echtheit und Dauerhaftigkeit der Farben ift Alles; und da beftimmte Nationaltrachten doch nur in einem begränzten Gebiete herrfchen, fo ift die Herftellung der Stoffe in der Regel für die ausländifche Maffeninduftrie nicht lohnend genug, fondern bildet, mindeſtens in Europa, die Domäne der einheimifchen Druckfabriken. Eine befondere Stellung unter den bedruckten und gefärbten Artikeln diefer Art nehmen die bereits früher erwähnten Rothgarne und Rougewaaren ein, welche in Europa wie in den Colonien und befonders in dem Orient wegen ihrer Farbe und der Dauerhaftigkeit derfelben eine erfte Rolle spielen und daher im Exporte von grofser Bedeutung find. Während auf der Weltausftellung in Rothgarnen Elberfeld( Dunkelnberg; mit künftlichem Alizarin färbend) das fchönfte Roth gebracht hatte, wetteiferten in Rougewaaren die Druckereien von Moskau( Morosoff, Hübner) und Glarus; beide Gruppen exportiren nach dem Orient. Vorzügliche Waare in Farbe und Ausführung hatte auch die Firma Steiner gebracht, ein aus dem Elfafs ftammendes Haus, welches, nach England ausgewandert, mit einem Capitale von 6 bis 8 Millionen Pfund Sterling arbeitet; diefe Firma hatte fich felbft vor der Jury als„ aufser Mitbewerbung" erklärt. Die Rougewaaren- Fabrication der Schweiz hat fich auch nach Vorarlberg und Süd- Deutfchland verbreitet, und namentlich im erften induftriellen Ländchen eine fehr thätige Vertretung gefunden( C. Ganahl in Feldkirch u. A.), während gute, für locale Volkstrachten Baumwolle und Baumwoll- Waaren. 25 beftimmte Indigoblau- Artikel von Buda- Peft( Goldberger und Ofner Blaufärberei und Cattundruckerei), ferner aus Vorarlberg( S. Schindler) und Wien( Szongott) zur Ausftellung gebracht waren. Eine rühmliche Erwähnung verdienen die von verfchiedenen Ländern exponirten Nationaltypen und Nationaltrachten. Sie find keineswegs, wie von mancher Seite gefchehen ift, als eine Spielerei zu betrachten, fondern neben dem ethnographifchen Intereffe haben fie auch noch eine namhafte volkswirthschaftliche Bedeutung, weil hinter ihnen grofse Maffen von Confumenten von Stoffen und anderen Fabricaten ftehen, wefshalb das dauernde Studium diefer Figuren den Induftriellen fehr angelegentlich zu empfehlen ift. 2. Neben der Verforgung des Localbedarfs arbeitet die DruckwaarenFabrication für den ftets gröfser werdenden Markt von kosmopolitifchen Modeartikeln, worunter Frauenkleider, Herrenhemden, Möbel- und Vorhängftoffe die wichtigſten find. An der Spitze diefer Productionsgebiete fteht bekanntlich Elfafs, wo die von Augsburg hieher verpflanzte Technik der Druckerei die höchfte Ausbildung erlangte. Viele wichtige Erfindungen in diefem Fache find hier gemacht worden, und Mülhaufen war ftets die Hochfchule des Baumwoll- Druckes. Aus den beften amerikanifchen oder egyptifchen Baumwollen gefponnene Garne wurden in den berühmten Webereien des Elfafs zu den fchönften Geweben verarbeitet und diefe empfingen in den Druckereien eine kunftgemäfse Veredlung, welche von den beften Parifer Zeichnern entworfen, von der Parifer Mode aller Welt empfohlen und an die erlefenfte Kundfchaft verkauft ward. Der franzöfifche Markt war diefen Artikeln durch hohe Zölle gefichert; bei dem auswärtigen Abfatze erleichterte die Modethorheit die Erlangung eines hohen Preifes. Die in England, Deutfchland und Oefterreich übliche genaue kaufmännifche Berechnung war jedoch für Mülhaufen nicht in gleichem Mafse eine Nothwendigkeit, und die wichtige Frage tritt nunmehr an die Baumwoll- Druckereien des Elfafs heran, ob fie unter den geänderten Verhältniffen, vom franzöfifchen Markt durch hohe Zölle ferngehalten, und bei erfchwerter Mitwirkung von Paris ihre alten Preiſe erzielen, Diefe Frage ift um ihre bisherigen Productionsrichtungen beibehalten können. fo berechtigter, als das zweite grofse Productionsgebiet Frankreichs, die Normandie, fehr energifche Verfuche macht, den Mülhaufer Artikel an fich zu reiſsen. Erft eine künftige Weltausftellung wird die Beantwortung diefes Problems bringen. Neben den Druckwaaren des Elfafs, die auf der Wiener Weltausftellung nur vereinzelt vertreten waren, befitzt das deutfche Reich in Berlin, den Rheinlanden und in Baden zahlreiche gröfsere Etabliffements, die eine gute Mittelwaare erzeugen. England hatte von feiner unermesslichen Production kaum eine Probe zur Weltausftellung gefendet, da es, dank der gut entwickelten öfterreichifchen Production, nur wenig Abfatz hier erwartet. Seine Etabliffements haben die Theilung der Arbeit ftreng durchgeführt, fo zwar, dafs fie oft zu Haufe nicht einmal appretiren. In einem um fo koloffaleren Mafsftabe wird das Bedrucken durchgeführt. Die Firma Potter in Manchefter erzeugt mit 42 Mafchinen allein jährlich 1 Million Stücke, das ift foviel, als zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Gefammtproduction Englands betrug. In neuefter Zeit hat Glasgow den Verfuch gemacht, die hochfeine Mülhauser Waare zu erzeugen, und die theuerften Parifer Zeichner find eben für die fchottifche Induftrieftadt in Anfpruch genommen. Die englifchen und fchottifchen Druckfabriken arbeiten durchaus mit Mafchinen und bedrohen daher nicht nur die Schweiz, fondern auch Mülhaufen felbft, wenn diefes fich nicht bald aufrafft, mit einer gefährlichen Concurrenz. In der Schweiz arbeiten im Canton Glarus zahlreiche kleine Fabriken, deren jede 2 Rouleaux und circa 100 Drucktifche befchäftigt. Sehr viel Beachtung fanden auf der Ausftellung die Druckwaaren Spaniens. In Catalonien mit dem 26 Dr. Alexander Peez. Baumwolle und Baumwoll- Waaren. Mittelpunkte Barcelona find Spinnerei, Weberei und Druckerei gut entwickelt, und es war namentlich eine grofse Actiengeſellſchaft, La España, welche von ihrer bedeutenden Jahresproduction von 200.000 Stück bedruckter Cattune recht gelungene Proben eingefendet hatte. Nur leiden diefe Fabriken durch die Arbeiterverbindungen, wie denn die Internationale unlängft decretirte, dafs nicht. mehr wie früher 4 Arbeiter, fondern 9 per Drucktifch von den Druckfabriken Barcelonas befchäftigt werden follen! Italien war durch die mit 7 Rouleaux arbeitende Fabrik von Schläpfer- Wenner bei Salerno ziemlich gut vertreten; von Schweizern errichtet, producirt dies Etabliffement gute Mittelwaare. Die Druckereien Rufslands zeigten trotz der hohen Zölle, hinter denen fie arbeiten, einen bedeutenden Fortfchritt, weil innere Concurrenz bereits genügend vorhanden ift. Sie arbeiten für den grofsen inneren Markt und exportiren beträchtlich nach Afien. Was endlich Oefterreich betrifft, fo hat es gerade in der Druckerei eine erfreuliche Entwicklung genommen, da einige mit grofser Capitalskraft ausgerüftete Etabliffements an der Spitze ftehen und, unterftützt von der in Oefterreich in neuefter Zeit erfolgreich gepflegten Gefchmacksbildung, fogar die Traditionen der einft bei uns zu einer gewiffen Blüthe gelangten Feininduftrie wieder aufgenommen haben. Die berühmte Fabrik von Fr. Leitenberger in Kosmanos, die fich feit 1867 durch eine eigene Spinnerei und Weberei abgerundet hat, brachte Druckwaaren von hoher Vollkommenheit des Gewebes, der Appretur, der Mufterwahl, der Farbe und Ausführung. Die Fabrik färbt Rofa mit Alizarin und ätzt alle beliebigen Farben aus glatt Anilinfchwarz; auch brachte fie die mit dem Heliograph gravirten Walzen zur Ausftellung. Die bedeutenden Druckereien in Prag( Holefchowitz und Smichow, beide jetzt Actiengeſellſchaften) haben ihre Force in Violett und in roth- gelben Tüchern, während Neunkirchen in Niederösterreich recht gelungene Möbelftoffe nach Art der Mülhauser zur Ausftellung brachte. Wir fchliefsen unfere Ueberficht, indem wir einige der gröfsten beftehenden Etabliffements nach ihrer Jahresproduction fchätzungsweife zufammenftellen: England. Potter in Manchefter 1,000.000 Stück. 500.000 500.000 400.000" 9 Daglish Falkoner in Glasgow James Black وو 99 Continent. Fr. Leitenberger in Kosmanos Dolfus Mieg in Mülhaufen وو وو 350.000" Liebermann in Berlin 300.000 99 Schlieper& Baum in Elberfeld 250.000" 200.000 La España in Barcelona. Internationaler Congrefs zur Erörterung der Frage einer einheitlichen Garnnumerirung. Auf Einladung der Generaldirection der Wiener Weltausftellung fand in der Zeit vom 7. bis 11. Juli 1873 eine Vereinigung von Fachmännern aus Deutſchland, Frankreich, England, Rufsland, Italien, Belgien, Schweden und Oefterreich ftatt, welche nach fünftägigen Verhandlungen folgende Befchlüffe fafste: 1. Die gegenwärtig beftehenden Garnnumerirungs- Syfteme erfchweren und beläftigen den Verkehr. In Anbetracht, dafs Garne heute ein Artikel des internationalen Verkehrs geworden find und diefer fich mit jedem Handelsvertrage, mit jedem neuen Schienenftrange, jeder neuen Telegraphenleitung, jeder Weltausftellung vervollkommnet, ift es in hohem Grade wünſchenswerth, die Befeitigung des bemerkten Hemmniffes mit aller Kraft anzuftreben. Gerade aber die Gegenwart erfcheint hiefür angezeigt, weil in ihr das fich bereits über eine Reihe von Staaten erftreckende Geltungsgebiet des metrifchen Mafs- und Gewichts Garn- Congrefs. 27 fyftems um ein neues, 70 Millionen Bewohner zählendes Productionsgebiet vergröfsert wurde. 2. Es erfcheint bei richtiger, der Natur der Spinnftoffe entſprechend getroffener Wahl der Mafs- und Gewichtseinheiten möglich, fämmtliche Spinnftoffe nach demfelben Principe zu numeriren. 3. Als diefes einheitliche Princip empfiehlt fich das metrifche. Die Nummer des Gefpinnftes wird durch die Anzahl von Metern gegeben, welche in einem Gramm enthalten find. 4. Die Länge des Strähns wird für alle Gefpinnftgattungen auf 1000 Meter feftgefetzt. mit der Unterabtheilung von 10 Gebinden zu 100 Meter. 5. Weifenlänge und fomit die Anzahl der Fäden im Gebinde wird für die verfchiedenen Gefpinnftgattungen nach reiflicher Erwägung der techniſchen Momente durch den ftändigen Ausfchufs feftgeftellt werden. 6. Die Richtigkeit der Nummer eines Garnquantums ift nur nach einer gröfseren Anzahl von Metern, jedenfalls nicht weniger als einem Strähn, gefetzlich zu beurtheilen. Die Beftimmungen darüber, fowie über die Fehlergrenzen der Nummern der einzelnen Gefpinnftgattungen, entſprechend der Natur derfelben, werden dem ftändigen Ausfchufse zur Faffung übertragen. 7. Die Mitglieder des ftändigen Ausfchufses werden durch den Congrefs gewählt. Die in Wien wohnhaften Mitglieder bilden ein engeres Comité, welchem die Pflicht des Bureaus für den Gefammtausfchufs und die Leitung der gemeinfchaftlichen Angelegenheiten bis zum nächftjährigen Congreffe übertragen wird. Der Gefammtheit der Ausfchufsmitglieder eines Landes liegt die Pflicht der Verbreitung und Förderung für das betreffende Land durch Erwirkung gefetzlicher Beftimmungen oder durch freie Vereinbarung unter den Induftriellen u. f. w. ob. Gemeinfchaftliche organifche Beftimmungen für den Congrefs bedürfen der mündlichen oder fchriftlichen Zuftimmung der Mehrheit der Mitglieder des gefammten ftändigen Ausfchufses. Derfelbe kann fich durch Wahl neuer Mitglieder verſtärken. Wien, II. Juli 1873. Ritter v. Reckenfchufs, Präfident der Handels- und Gewerbekammer für Niederösterreich, Präfident des Congreffes. Dr. F. Migerka, k. k. Minifterialrath und Delegirter der Generaldirection, erfter Vicepräfident des Congreffes. Guftav v. Pacher- Theinburg, Spinnereidirector, Generalreferent. Schriftführer: J. Duckerts, Secretär der Handelskammer in Verviers. Dr. H. Grothe, Ingenieur und Docent in Berlin. Dr. Max Weigert, Fabriksbefitzer in Berlin. Verificatoren: Centner Charles, Delegirter der Spinnereien in Verviers. F. C. Gottlieb, Vertreter der Handelskammer in Leipzig. Der General director: Freiherr v. Schwarz- Senborn. DIE WIRKWAAREN. ( Gruppe V, Section 5.) Bericht von LUDWIG GLOGAU, Fabrikant in Teplitz. Die Wiener Weltausftellung, fo reichhaltig auch auf derfelben die Textilinduftrie vertreten war, bot doch, im Grofsen und Ganzen betrachtet, kein umfaffendes Bild jenes wichtigen Artikels, welchen man unter dem allgemeinen Titel ,, Wirkwaaren" fubfummirt. Mannigfache Gründe haben diefe Thatfache, fozufagen, verfchuldet. In erfter Reihe liegt die Haupturfache in dem karg zugemeffenen Raume, welcher Umftand namentlich viele Induftrielle des deutfchen Reiches veranlafste, ihre Anmeldungen zurückzuziehen und diejenigen, welche trotz des kleinen Platzes, der ihnen überlaffen wurde, die Ausftellung befchickten, konnten ihre Erzeugniffe nicht in jener anfprechenden Weife repräfentiren, welche Wirkwaaren wegen ihrer grofsen Mannigfaltigkeit erfordern. Und fo ift es gekommen, dafs einer der wichtigſten Artikel des Welthandels, man kann es getroft fagen, auf der Wiener Weltausftellung eine mehr als fecundäre Rolle spielte. Für diefe Section der Textilinduftrie war es mehr als für andere Zweige derfelben von grofsem Nachtheile, dafs die Gruppirung im Ausftellungsgebäude innerhalb der einzelnen Staaten erfolgte, wodurch die wenigen, mit kleinem Raume bedachten Expofitionen unter der grofsen Maffe des Gebotenen total verfchwinden mufsten. Speciell für Oefterreich ift diefe Thatfache tief zu beklagen einestheils defshalb, weil Oefterreich auf dem Felde der Wirkwaaren- Induftrie eine hervorragende Stellung einzunehmen berechtigt ift, welcher Umftand bis jetzt noch nicht allfeitig bekannt und gewürdigt wurde anderfeits es von Wichtigkeit gewefen wäre, dem Orient und Rufsland, den ftärksten öfterreichifchen WirkwaarenConfumenten, ein vollſtändiges Tableau unferer grofsen Production vorzuführen. Aber abgefehen von diefen wohl fehr wichtigen Nebenumftänden fand der Fachmann, welcher die Mühe des Auffuchens der einzelnen Ausfteller nicht fcheute, viel des Intereffanten auf diefem Gebiete, und wir können, ohne zu übertreiben, es ausfprechen, dafs feit der Parifer Weltausftellung von 1867 kein Zweig der Textilinduftrie folche Fortfchritte gemacht hat, wie eben die WirkwaarenFabrication. - Diefer Fortfchritt manifeftirt fich nach zwei Richtungen hin, der erfte und geradezu wichtigere Fortfchritt ift die Ausdehnung der Production, nicht allein in den fogenannten Stapelartikeln- ordinärer Sorte fondern vielmehr in den Luxusfachen für den Verbrauch in der befferen Claffe der Gefellſchaft. Die Wirkwaaren. 29 Wir machen hiebei eine ganz merkwürdige Wahrnehmung. Während die übrigen Producte der Textilinduftrie von den oberen Schichten fich mehr nach unten in der Bevölkerung verallgemeinern, finden wir bei den Wirkwaaren das umgekehrte Verhältnifs. Gewirkte Artikel, ohne Gefchmack in der Ausführung aus mittelmäfsigem Material hergeftellt, waren bis vor Kurzem nur Confumtionsartikel der arbeitenden Claffen. Heute finden wir in allen Kreifen der bürgerlichen Gefellfchaft Wirkwaaren, theils als Luxus-, theils als Verbrauchsartikel. Die feinften Materialien werden hiezu verarbeitet, diefe Induftrie hat es verftanden, für alle wirklichen und eingebildeten Bedürfniffe ftets Neues und Gefchmackvolles zu fchaffen und fo ein Terrain zu erobern, welches jährlich an Ausdehnung gewinnt und in Folge der ftets wechfelnden Mode eine hübfche Zukunft haben dürfte. Und wie es nun bei allen Modeartikeln der Fall ist, hat nicht die billigfte Waare den Vorzug, fondern jenes Fabricat, welches bei gediegenem Materiale eine gelungene moderne Ausführung bietet, eine Thatfache, die mit Rückficht auf den Gewinn der Unternehmer nicht zu unterfchätzen ift. Der zweite Fortfchritt der Wirkwaaren- Induftrie feit 1867 befteht in der Mannigfaltigkeit des zur Verarbeitung kommenden Materiales Faft alle Gattungen von Seide, Woll- und Baumwoll- Garn finden ihre maffenhafte Verwendung. Eine fehr bedeutende, obgleich nicht zu wünſchende Ausdehnung hat die Verarbeitung von Shoddygarnen in der Wirkwaaren- Production gefunden. Solche Abfallgarne, felbft der ordinärften Sorte, werden zu ftarken Winterjacken für Männer verarbeitet und wird dadurch den ärmeren Claffen der Bevölkerung zu ftaunend billigen Preifen ein relativ haltbarer Winterartikel geboten. Neben diefen wichtigen Momenten fortfchreitender Entwicklung der Wirk waaren- Induftrie dürfen wir nicht vergeffen, dafs die techniſchen Hilfsmittel fich ftetig verbeffern, wenn auch nicht gerade eine ganz neue Mafchine feit der Parifer Ausftellung vom Jahre 1867 aufgetaucht ift. Denn feit der Erfindung des Rundftuhles, der für diefe Induftrie epochemachend war, ift keine Mafchine erdacht worden, welche in der Productionsweife fo tief eingegriffen hätte, wie der von Jacquin zu Ende der dreifsiger Jahre diefes Jahrhunderts erfundene Rundftuhl. Was in den letzten Jahren Neues und Zweckmäfsiges gefchaffen wurde, bafirt auf dem Principe des Rundftuhles, wenn auch die Conftruction eine verbefferte und die Leiftungsfähigkeit der betreffenden Mafchine eine gröfsere und fichere geworden ift. Die Lamb'fche Strickmafchine, von Amerika aus im Jahre 1868 mit grofser Reclame in die Welt gefchickt, hat eine fehr begrenzte Verwendung, fie leidet an zwei Hauptgebrechen. Das erfte und gröfsere Uebel ift ihr ziemlich complicirter Mechanismus, welcher einen geübten Arbeiter erfordert, der zweite, vielleicht nach und nach zu befeitigende Uebelftand befteht in der Nadeleintheilung, welche vornemlich nur fich für die Herftellung von ftärkeren Waaren eignet, während ein feines baumwollenes Gewebe bei der gegenwärtigen Conftruction noch nicht darauf gearbeitet werden kann. Nichts deftoweniger hat fich die Induftrie diefer Mafchine, welche vom Erfinder gleich der Nähmaschine für den Hausgebrauch gefchaffen fein follte, bemächtigt, und fie ift in vielen Fabriken Oefterreichs und Deutfchlands im Betriebe. Speciell die Wiener Vorftadt- Induftrie hat Strickmafchinen im Gange und verforgt mit den auf denfelben erzeugten, guten wollenen Strümpfen den Stadtconfum. Eine billige Waare läfst fich auf der Strickmafchine fchon in Folge des hohen Arbeitslohnes und der geringen Leiftungsfähigkeit derfelben gegenüber den Rundftühlen nicht herftellen. Die Ausftellung ift mit Strickmafchinen fehr reich befchickt worden, wir fanden in der Mafchinenhalle 7 Ausfteller von Strickmafchinen, und zwar: 30 Ludwig Glogau. 3 Aussteller aus Amerika, darunter die Lamb' knitting Compagnie aus Chicopee mit 8 Sorten Strickmafchinen. I Aussteller aus der Schweiz( Couvet in Neuenburg). 3 11 aus Deutſchland. Faft fämmtliche ausgeftellte Strickmafchinen find, abgefehen von den Breitedimenfionen und der Nadeleintheilung, ziemlich gleich conftruirt, fo viel wir jedoch erfahren, find die von Otto Kummer in Dresden gelieferten und exponirten Strickmafchinen für den Fabriksbetrieb praktifcher als die amerikaniſchen Maſchinen und ftark in Deutfchland und Oefterreich in Verwendung. Bevor wir zur Befprechung einer anderen ausgeftellten Wirkmafchine, der fogenannten Rundftühle übergehen, halten wir es nicht für überflüffig von dem grofsen Einfluffe zu sprechen, welchen die Einführung diefer Mafchine auf den Entwicklungsgang der WirkwaarenInduftrie gehabt. Man kann es getroft ausfprechen, dafs erft die Erfindung des Rundftuhles die Strumpfwirkerei aus den Feffeln des Kleingewerbes erlöfte und diefer Mafchine ift es lediglich zu danken, dafs Wirkwaaren ein Welt- Handelsartikel geworden find. Auf den Rundftühlen, deren Arbeitsleiftung eine ganz enorme ift und deren Handhabung eine leichte, felbft' 14jährigen Mädchen leicht zugänglich ift, werden alle Sorten Strümpfe von der ftärksten bis zur feinften Sorte, aus dem verfchiedenften Materiale, fowie ebenfo mannigfaltige Sorten Jacken, Hofen, Unterröcke etc. gefertigt. Allerdings können die Rundftuhl- Waaren gegenüber den auf fogenannten Coulirftühlen erzeugten Strumpfwaaren nicht den Anfpruch auf Solidität des Fabricates machen, dagegen aber ift die Möglichkeit der Maffenproduction und die aufserordentliche Billigkeit hervorzuheben. Deutfchland, vornemlich die Chemnitzer Gegend befchäftigt viele Rundftühle und hat feit Jahren einen enormen Export folcher Rundftühle nach England, Amerika, Japan und den Orient. Auch Oefterreich ift nicht zurückgeblieben und concurrirt im Often nicht fchwer mit dem fächfifchen Fabricate, welches übrigens aus dem heimifchen Markte längft verdrängt ift. England beherrscht mit feinen Nottinghamer Rundftuhl- Fabricaten in Unterzieh- Jacken aus Seide, Wolle und Halbwolle den italienifchen Markt und die Levante, und es ift felbft der Chemnitzer und in den letzten Jahren auch in Stuttgart fehr gepflegten Rundftuhlwaaren- Induftrie nicht gelungen, England aus feiner, doch nur in diefem Artikel dominirenden Stellung zu verdrängen. Von Rund-. ftühlen fahen wir in der Mafchinenhalle, franzöfifche Abtheilung, ein Sortiment Rundftühle für den Hand- und Elementarbetrieb, ausgeftellt von E. Buxtorf in Troyes. Diefe Mafchinen zeichnen fich durch äufserft foliden und finnreichen Bau aus, und geftatten die vielfeitigfte Anwendung für Mufterwaaren; überhaupt find die die Franzofen Franzofen in der Conftruction von Rundftühlen fehr vorgefchritten und geradezu tonangebend. Nicht minder vorzüglich find die ausgeftellten Rundftühle von Fouquet& Frauz und von Stücklen& Terrot in Stuttgart. Diefe Specialität Stuttgarts im Maſchinenbau ift allfeitig anerkannt und fo verforgen diefe Fabriken Deutſchland und Oefterreich mit den meiften Rundftühlen. Auch Chemnitz ift durch die Rundftuhl- Fabrikanten G. Hilfcher, Brauer& Ludwig, fowie durch May& Stahlknecht vertreten. Die Chemnitzer Rundftühle find wohl billiger als die Stuttgarter, aber nicht fo exact conftruirt. Von Wirkmafchinen ift noch der mechanifche Kettenftuhl, von Ernft Saupe aus Leinbach in Sachfen ausgeftellt, zu erwähnen. Diefer mechanifche Kettenftuhl hat in letzterer Zeit gröfsere Verbreitung in der Fabrication von Tuchund Tricotftoffen zu Handfchuhen, fowie zur Herftellung von gemusterten Luxusftoffen gefunden. Der hohe Preis aber, welcher für diefe Stühle( das Stück circa 600-800 Reichsthaler preufsifch Courant) gefordert wird, fteht in keinem Verhältnifs zu ihrer Leiftungsfähigkeit. Zu bedauern ift, dafs England, welches Vorzügliches im Bau von Wirkmafchinen leiftet, nichts darin ausgeftellt hat. Die Wirkwaaren. 31 Spulmafchinen, Kettel- und Nähmafchinen für die Wirkwaaren- Fabrication haben G. Hilicher und Brauer& Ludwig aus Chemnitz exponirt diefe Hilfsmafchinen zeigen weder einen Fortfchritt, noch fonft ein bemerkenswerthes Moment. Auf dem grofsen Felde der Wirkwaaren- Induftrie fanden wir auf der Wiener Weltausftellung 92 Ausfteller, welche fich nach Staaten gefondert, in folgender Weife gruppirten: 2 Ausfteller England Frankreich 12 " Belgien I 99 Schweiz 5 99 Italien 3 99 Deutfchland 41 99 ንን Oefterreich 28 Summa 92 Ausfteller. Unter diefen 92 Ausftellern find die Fabrikanten türkifcher Kappen( Fez) mit einbezogen. Wir fanden faft alle Gebrauchs- und Luxusartikel, aus den verfchiedenften Materialien erzeugt, vertreten und müffen uns bei der Fülle des Stoffes darauf befchränken, die hervorragenden Induftriellen diefes Faches zu befprechen, nachdem wir bereits im Eingange unferes Berichtes über die fortfchreitende Entwicklung der Wirkwaaren- Induftrie das Nöthige bemerkt haben. So beginnen wir denn mit England, welches nächft Frankreich die beften und folideften Wirkwaaren liefert. England war durch die grofse Firma J. und R. Morley in Nottingham und London repräfentirt. Die ausgeftellten Fabricate in Jacken, Strümpfen, Socken etc. zeichnen fich durch Gediegenheit des dazu verwendeten Materiales, durch reguläre, exacte Arbeit nach jeder Richtung hin aus. Das Gleiche ift von den meiften franzöfifchen Wirkwaaren zu fagen, aber die hohen Preífe machen diefe Fabricate exclufiv und find meift nur für jene Kreife berechnet, welchen es nicht darauf ankommt, die Befriedigung ihrer Bedürfniffe gut zu bezahlen. Vorzügliches in gewirkten Handfchuhen in Wolle, Seide und Zwirn haben Falle, Jeune& Comp. in Lyon gebracht. Eine bezeichnende Specialität der Franzofen find die ausgeftellten Theatertricots aus Baumwolle und Seide, fie überrafchen durch ihre ausgezeichnete Façon, gelungene Farbe und Feinheit der Ausführung. Die Schweiz war, wie fchon angeführt, durch fünf Ausfteller vertreten. Soweit vorgefchritten diefes Land in den anderen Zweigen der Textilinduftrie ift, fo gering find die Leiftungen in der Wirkwaaren- Branche. Es find ganz befcheidene Sächelchen, die weder grofse Technik noch befonderen Gefchmack zeigen, es fcheint überhaupt, dafs diefer Induftriezweig in der Schweiz noch in der Entwicklung begriffen ift. Hervorragend auf dem Gebiete der Maffenproduction und Reichhaltigkeit. der Artikel ift in erfter Reihe Deutſchland, dann Oefterreich. Die Ueberlegenheit Deutſchlands ift durch deffen riefigen Export von Wirkwaaren nach allen Weltgegenden conftatirt und wir erwähnen aus Deutſchland zuerft die Ausftellung der Weltfirma Ch. Zimmermann& Sohn in Apolda ( Thüringen), welche Stadt der erwähnten Firma ihr Aufblühen verdankt. Ch. Zimmermann& Sohn fabriciren vornemlich wollene Wirkwaaren, deren Abfatzgebiet fich über die ganze Welt erftreckt. Die ausgeftellten Artikel zeigten eine über 32 Ludwig Glogau. legene Technik, gefchmackvolle Ausführung und genaue Kenntnifs der verfchiedenen Abfatzgebiete. Durch geläuterten Gefchmack excellirten die ausgeftellten Phantafieartikel der Firma Hildebrand& Comp. in Berlin. Hermann Grüner in Chemnitz und C. H. Härtel in Waldenburg in Sachfen brachten fchöne Sortimente in baumwollenen Strümpfen, Socken etc., welche durch ihre fchöne Ausführung bei fehr billigen Preifen als fehr leiftungsfähig erkannt wurden. L. F. Rötzer in Burgftädt in Sachfen leiftet Verdienftvolles in der Fabrication von feidenen, baumwollenen und wollenen Jacken, dasfelbe ift auch von den Fabricaten gleichen Genres der Firma Ludwig Mayer in Stuttgart der Fall. Aus Italien hatte die Firma Heinrich Beati in Mailand feidene Strümpfe und Socken ausgeftellt, welche mit Recht als das Schönfte galten, was in gewirkter Waare auf die Ausftellung gebracht wurde. Die prachtvolle Farbenftellung, die reguläre Arbeit und die verftändige Behandlung des Materiales werden jeden Fachmann befriedigt haben. Wir kommen nun zu Oefterreich. Diefer Zweig der Textilinduftrie ift verhältnifsmässig jung in Oefterreich, wir können aber mit Freude conftatiren, dafs er trotz oder in Folge feiner Jugendlichkeit recht kräftig emporgewachfen ift und zu einer fchönen Zukunft berechtigt.*) Sowohl die techniſche Seite diefer Induftrie ist bei uns concurrenzfähig ausgebildet, auch die Productionskraft ift fortfchreitend, ebenfo ift die Gefchmacksentwicklung eine richtige, für den heimifchen und öftlichen Markt paffend. Im Often namentlich in Rufsland concurriren öfterreichifche Wirkwaaren erfolgreich mit den deutfchen Fabricaten. - Die Hauptfitze der Wirkwaaren- Fabrication find in Böhmen, dort ift Afch, Nixdorf, Teplitz, Böhmifch- Kamnitz in erfter Reihe zu nennen. Dann folgen Wien, Jägersdorf und in letzter Zeit auch Vorarlberg. Strakonitz in Böhmen producirt viel in ordinären gewalkten Strümpfen, hauptfächlich aber türkifche Kappen. Man fchätzt nach neueren Berechnungen die Jahresproduction von Wirkwaaren in Oefterreich auf circa 25 Millionen Gulden, von welcher Summe 5 Millionen Gulden auf die türkifchen Kappen entfallen. Die letztangeführte Summe zeigt, zu welch' grofser Bedeutung fich die Fezfabrication in Oefterreich herausgearbeitet hat. Ihre Erzeugniffe haben das franzöfifche Product im Orient faft ganz verdrängt, die Handelsverbindungen nach der Levante, Tunis, Tripolis, Perfien, Syrien etc. find direct. Auch nach Amerika wurden fogenannte ordinäre Negerkappen in letzter Zeit in grofsen Poften exportirt. Der Wichtigkeit diefes grofsen Exportartikels entſprechend, fanden wir fieben Ausfteller türkifcher Kappen in Wien. Die ausgeftellten Fez find verfchiedenfter Façon und Farbe dem Gefchmacke und den Gebräuchen der Orientalen angepasst. Die bekannten Fabrikanten Wolf Fürth& Comp. in Strakonitz, Gebrüder Weil& Comp. in Neu- Strakonitz, A. Volpini& Sohn in Wien haben ihren alten Ruf durch ihre Kappenausftellung glänzend bewährt. In wollenen Wirkwaaren jeden Genres, reichhaltig in den Artikeln mannigfachfter Art, gefchmackvoll in der Ausführung, haben die Teplitzer WirkwaarenFabriksgefellfchaft Rufs- Glogau in Teplitz und die ihnen ebenbürtigen Gebrüder Klinger in Nixdorf in Böhmen ausgeftellt. Diefe zwei Firmen zählen mit Recht zu den erften Repräfentanten diefer Induftrie. Concurrenzfähig in ihren Preifen gegenüber Deutfchland, find diefe Fabriken mit den neueften technifchen Hilfsmitteln ausgerüftet und zeigen eine grofse Productionskraft. Eine folide, fehr fauber gearbeitete Waare in baumwollenen, wollenen und feidenen Jacken, Strümpfen etc. hatte die Firma Philipp Michel's Söhne in *) Wir müffen hier bemerken, dafs der Verfaffer diefes Berichtes einer der Erften war, die die grofse Bedeutung diefer Induſtrie erkannt haben und muthvoll an die Spitze der volkswirthschaftlichen Bewegung getreten find. Dem Etabliffement Glogau, heute Rufs& Glogau, folgten erft die heute in Teplitz beftehenden zahlreichen Fabriken. D. Red. Die Wirkwaaren. 33 Gärten bei Nixdorf in Böhmen ausgeftellt; ihre Erzeugniffe verdienen alles Lob und reihen fich an das befte englifche und franzöfifche Fabricat würdig an. Heller& Comp. in Teplitz leiften in Phantafie waaren und Handarbeiten recht Gefchmackvolles, ebenfo in anderen wollenen Wirkwaaren. Ihre Preife find bei gleich fchönem Fabricate niedriger als jene der gleichen Waare in Deutſchland. Die junge Firma Gröber& Heinzle zu Bregenz in Vorarlberg ift auf dem beften Wege vorwärts zu kommen, ihre ausgeftellten Luxuswaaren zeigten guten Gefchmack und faubere Ausführung. - Die Collectivausftellung der gewalkten Strümpfe der Jägersdorfer Schafwoll- Induftrie ift fehr bemerkenswerth, ihre Waaren find allgemein beliebt, gut in Farbe, Walke und Façon. Die ausgeftellten Fabricate derfelben Sorte von F. und J. Pilz in Böhmifch- Kamnitz zeichnen fich durch ihre Billigkeit aus. Wenn wir das Refultat unferes Berichtes über die öfterreichifche Wirkwaaren- Induftrie zufammenfaffen, können wir nur wiederholen, dafs in diefem Zweige der Textilinduftrie Oefterreich feit der letzten Parifer Weltausftellung von 867 rüftig vorwärts gegangen ift und den Wettkampf mit anderen Nationen ehrenvoll beftanden hat. Noch einige kurze Bemerkungen. Nicht alle von den ausgeftellten Wirkwaaren find mittelft Maſchinen oder anderen Werksvorrichtungen hergeftellt; ein grofser Theil derfelben ift Frauenarbeit ohne Zuhilfenahme irgend eines befonderen technifchen Hilfsmittels. Wir meinen damit die vielen ausgeftellten Häkel- und Knüpfarbeiten. Näheres darüber war im Frauenpavillon zu fehen und in den von den Herren Doctoren Migerka und Holdhaus herausgegebenen Erläuterungen. über die Verwendung der Frauenarbeit in der Induftrie zu lefen. Diefe Frauenarbeiten fowie der Umftand, dafs faft der gröfste Theil der Wirkwaaren- Induftrie auf Hausarbeit bafirt ift, laffen mit Recht erwarten, dafs die Regierungen, abgefehen von dem wirthschaftlichen Nutzen jeder Arbeit, der aufftrebenden Wirkwaaren- Induftrie eine hervorragende Aufmerkfamkeit widmen werden. Gewerbliche Schulen find auch hier nöthig und wir fchliefsen uns dem Rufe unferer Herren Collegen im officiellen Berichte gerne an und rufen der Regierung zu, das einft laut und oft in Oefterreich ausgefprochene Wort„ Bildung ift Macht" nicht als blofse Phrafe verhallen zu laffen. 3 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. FLACHS- UND HANF- INDUSTRIE. ( Gruppe V, Section 3.) Bericht von CARL VON OBERLEITHNER, Gefellfchafter der Firma Eduard Oberleithner's Söhne in Mährifch- Schönberg. DER INTERNATIONALE CONGRESS DER FLACHS- INTERESSENTEN. Auszug aus den Protokollen, bearbeitet von ARTHUR FREIHERRN VON HOHENBRUCK, k. k. Sectionsrath im Ackerbau- Minifterium in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. FLACHS- UND HANF- INDUSTRIE. ( Gruppe V, Section 3.) Bericht von CARL V. OBERLEITHNER, Gefellfchafter der Firma Eduard Oberleithner's Söhne in Mährifch- Schönberg. Die Fortfchritte der Flachsinduftrie find fehr beachtenswerth und verbreiten fich auch in hocherfreulicher Weife. Belgien, Grofsbritannien, Irland und Frankreich liefsen anlässlich der Einführung der mechanifchen Flachsfpinnerei zeitweilig einen mächtigen Vorfprung vor den anderen Productionsländern erkennen. Die Weltausftellung des Jahres 1873 hat den Beweis geliefert, dafs Oefterreich und das deutfche Reich nicht nur das Verfäumte nachholten, fondern in manchen Branchen als Vorbilder dienen können. Die Expofitionen diefer Staaten gaben ein getreues Bild von den mannigfachen Ausäftungen und der reichen Blüthe diefer den beiden eben genannten Ländern angeftammten, einft Haus-, nunmehr Fabriksinduftrie. Nebft den oben genannten fünf Staaten trat Rufsland zum erften Male mit ganz fchätzenswerthen Flachserzeugniffen in die Schranken. In den anderen Staaten, wo man die Bedeutung der Wiener Weltausftellung unterfchätzte oder wo die natürliche Vorbedingung für die Flachsinduftrie, der Flachsbau, weniger reichlich fich vorfindet, begegnete man auch nur einer kleineren Anzahl von Expofitionen. Hervorragend find aber dafür unter den letzteren namentlich die füdlicher gelegenen Staaten in der Hanfproduction und Verarbeitung diefer werthvollen Fafer. Italien, Ungarn, felbft Spanien verdienen volle Anerkennung, insbefondere was die Fafererzeugung anbelangt. Es ift der conftatirte Fortfchritt weniger die Folge neuer Mafchinen oder Fabricationsweifen als vielmehr der allgemeineren Anwendung oder Veredlung bereits bekannter Herſtellungsmittel durch die Producenten felbft. Man hat dort, wo die Flachszubereitung einen Fortfchritt veranfchaulicht, das Kaltwaffer- Röftverfahren acceptirt und die dem belgifchen Verfahren entfprechende Handarbeit oder auch mafchinelle Bearbeitung des Flachsftrohes nach irifcher Weife angewendet. Mit denfelben Mafchinen, wie vor dreifsig Jahren arbeitend, zeigt die mechanifche Flachsfpinnerei dagegen einen erheblichen Fortfchritt. Das Verdienft ift allein dem Spinner zu Gute zu fchreiben. Die richtige Ver werthung des Spinnftoffes, die Sorgfalt in der Pflege der Mafchinen, die Kenntnifs des Flachfes verfchiedener Provenienz, die Herftellung entsprechender Qualitäten für die mannigfaltigften Artikel der Zwirnerei- und Weberei branche die Kenntniffe aller diefer Verhältniffe find fehr erweitert und allenthalben fehr vertieft. Wie wäre es anders möglich, dafs bei einem faft um 50 Percent höheren 2 Carl v. Oberleithner. Flachspreife als zur Zeit der Einführung der mechanifchen Spinnerei, bei höheren Arbeitslöhnen und Auslagen mannigfacher Art für Staats- und humanitäre Einrichtungen, der Garnpreis heute diefelbe Ziffer aufweifen könnte, wie vor dreifsig Jahren. Des Neueren bietet die Weberei von glatten Leinenftoffen und Zwilchen wohl nichts; es wäre denn, man wollte die allgemeinere Einführung der Powers looms, welche die Erzeugung kräftiger Qualitäten und Waaren von grofser Breite fördert, als hervorhebenswerth fignalifiren. Die Fabrication der HemdenBrufteinfätze( Chiffons), grofs und perfect, namentlich in den Expofitionen des Bielefelder Handelskammer- Bezirkes, ift ein werthvoller Factor zur Verwerthung des glatten Leinenzeuges. Wo aber der Fortfchritt für den Fachmann wie für den Laien prägnant in der Weltausftellung 1873 hervortrat, das ift in der Leinen Damaft weberei und in der Bleiche, Appretur und Aufmachung fowohl der glatten wie deffinirten Leinengewebe. Man hat es hier mit eminenten Leiftungen zu thun, auf deren Geftaltung in der Damaftweberei das Eingreifen der Kunft in die Induftrie, in den anderen Zweigen das raftlofe Streben der Fabrikanten nach möglichft edler Aufsenfeite, gepaart mit tadellofer Qualität der Stoffe, wefentlich förderlich eingewirkt haben. Die Färberei auf hoher Stufe, infoweit es fich um das Färben von Leinenzwirnen und glatten Leinenftoffen im Stück handelt, hat in der Anbringung der Farben auf Leinengarnen nur in den grauen Nuancen bisher Glück gehabt. Die Conftatirung diefer Thatfache ift von grofser Wichtigkeit, weil damit der Hauptgrund blosgelegt wird, wefshalb die Webwaaren- Fabrication dem an fie bezüglich der Anwendung der Farben ergangenen Appell bisher nicht entſprach. Die Erzeugung von mit Baumwolle gemifchten Leinenzeugen fteht nur mehr grofs da in Matratzen, Negerkleidern, Stoffrouleaux etc, alfo in farbigen Stoffen. Die Baumwolle und die Farbe find hier ganz an ihrem Platze. Erftere, weil das Baumwoll- Garn eben die Farbe leichter annimmt, fchöner wieder. bringt und auch länger anhält als das Leinengarn, Letztere, weil fie es ermöglicht, Stoffe zu liefern, welche ein häufiges Reinigen und Wafchen erfparen follen, da fie nicht auf jene Potenz der Reinlichkeit Anfpruch machen, welche allein die weifse Leib-, Tifch-, und Bettwäsche garantirt. Dagegen fcheint die Mifchung von Leinen mit Baumwolle bei der Fabrication von weifsem Leinenzeug in rapider Abnahme begriffen zu fein. Und diefs ift eine hocherfreuliche Erfcheinung. Denn wie durch die mit Baumwolle gemifchten Leinengewebe dem Trug im Leinenhandel Thür und Thor geöffnet wurde und wie durch die bezüglichen Erzeugungsftätten nach kurzem Floriren oft ganze Leinendiftricte zum Stillftand gebracht wurden, fo darf man auf die Wiederkehr des Vertrauens des Publicums in das Leinenzeug und auf das Wiederaufblühen der Leinenfabrication mit Sicherheit bauen, wenn der angedeutete Läuterungsprocefs fortfchreiten, mit anderen Worten, die Baumwoll- Mifcherei in der Weifsleinen- Fabrication ihr Ende finden wird. Möchte doch die gleiche Erfcheinung in den Erzeugungs- und Verbrauchsorten von mit Jutegarn gemengtem Leinengewebe auch alsbald zu Tage treten. Wo, wie bei allen Zeugen für Sacking, Packing etc. die Haltbarkeit, refpective die Widerftandsfähigkeit des Gewebes gegen äufsere Einwirkungen, namentlich gegen Feuchtigkeit in höchfter Potenz gefordert werden mufs, da follte man die Mifchung des Leinen mit der Jute geradezu auf das Strengfte vermeiden. Dem entgegen empfiehlt fich für gewiffe Artikel die Verwendung farbiger Jutegarne zur Mifchung mit Leinengarnen. Sie ift da eben fo vollberechtigt wie die Verwendung gefärbter Baumwoll- Garne bei der Erzeugung von farbigem Leinendrill. Die Kette der nachweisbaren Perfectionen fchliefst ein fehr werthvolles Glied. Es ift diefs die meiſterhafte Erzeugung von Damaft. Gebildwaaren halb Flachs- und Hanf- Induftrie. 3 Leinen, halb Seide. Ein Ausfteller aus Frankreich und zwei Ausfteller aus Sachfen boten Vorzügliches, Oefterreich verdient aber in diefem Fache den erften Preis, weil die Zahl der Exponenten eine grofse war, und die moderne Gefchmacksrichtung von ihnen faft ausfchliefslich eingehalten wurde. Es wäre zu wünſchen, dafs der Confum diefes Artikels durch die Weltausftellung in eben dem Mafse gehoben würde, als der Artikel anlässlich der internationalen Ausftellung Bewunderung hervorrief. Die Halbfeiden- Theeferviette hat, wie man in fo manchem Haushalte nachzuweifen vermag, viel mehr Dauerhaftigkeit, als man ihr auf den erften Blick zuzufchreiben geneigt ift. Sie ziert überdiefs die Tafel und erfcheint berufen, läuternd und belebend auf die Deffins der Reinleinen- Gebildwaaren zurückzuwirken, ift daher in letzterer Beziehung von grofsem Werthe. Was nun die Form anbelangt, in welcher die werthvollen Schöpfungen des gewerblichen Fleifses der Flachs- und Hanf- Induftrie zur Ausstellung gebracht wurden, fo mufs man conftatiren, dafs der in der öfterreichifchen Abtheilung befindliche Flachs- und Leinenwaaren- Pavillon das Höchfte an eleganter und gleichzeitig zweckentfprechender Darftellung veranfchaulicht hat, was man in der Textilbranche bisher fah. Diefe Expofition hatte auch noch das grofse Verdienft, durch höchft finnige Anordnung lehrreich zu wirken, indem fie dem Laien einen Blick in die einzelnen Phafen der Flachszubereitung und Spinnerei erfchlofs, dem Fachmanne einen Wink für künftige Ausftellungen gab und das Intereffe des grofsen Publicums für Flachsinduftrie- Producte dauernd wachzuerhalten ver fpricht.* Zahlreiche andere Ausfteller haben das Princip, die Stückwaare in Glasfchränken vorzulegen und die Prachtftücke der Gebildwaare auf Rahmen gespannt darüber anzubringen, in gleich anerkennenswerther Weife durchgeführt. Wo das Auffpannen der Gebildwaare nicht beliebt wurde, da zeigten fie diefelbe Unfcheinlichkeit, wie jene Leinenwaaren, welche ohne Glas und Rahmen ausgeftellt wurden. Vollkommen zweckentfprechend hat fich gleichfalls die Deponirung der Ausftellungsgegenstände in aufrechtftehenden Glasfchränken erwiefen. Auch wurde in vielen Fällen das Problem glücklich gelöft, weniger in die Augen fallende Artikel, wie z. B. Gefpinnfte oder Leiftungen mehrerer kleiner Erzeuger, durch eine gewiffe Uniformität im Rahmen vor dem gänzlichen Verfchwinden in den riefigen Dimenfionen des Weltbazars zu bewahren. Dafs man mit unbedeutenden Koften, aber mit gutem Gefchmacke auch eine ganz plaufible Form für die auszuftellenden Waaren herzuftellen vermag, das hat ebenfalls ein Ausfteller in der öfterreichifchen Textilabtheilung bewiefen, dem überdiefs das wenig beneidenswerthe Los zugefallen war, mit feinen Segeltüchern zwei verfügbare Winkelräume zu maskiren. Flachs. Von der hohen Bedeutung des Flachsbaues für die Agricultur und die Induſtrie fcheinen alle civilifirten Nationen überzeugt zu fein. In England, Belgien, Frankreich, Deutſchland und Oefterreich- Ungarn wetteifern feit einer Reihe von Jahren fämmtliche mafsgebende Factoren in dem Beftreben, die Flachsproduction zu heben und die Flachsfafer zu veredeln. Selbft in Rufsland, deffen Leinfaatund Flachsproduction den Confum im eigenen Lande weit überragt, hat die Regierung ihr Intereffe an diefem Culturzweige bethätigt, indem fie dem Handel mit den genannten Landesproducten durch mannigfache Einrichtungen Vorfchub zu leiften bemüht war. Die Wiener Weltausftellung hatte Gelegenheit geboten, von dem Standpunkte der Flachs cultur Kenntnifs zu erhalten. Sie ermöglichte es, die Flachsbau*) Siehe darüber auch Carl Giani, Bericht über die Pofamentirwaaren. 4 Carl v. Oberleithner. Producte in den Agriculturhallen zu fehen, in ihr fanden Aufnahme viele höchft fchätzenswerthe kartographifche Darftellungen über Flachsproduction und Confum und fie vereinigte hervorragende Männer aus allen flachsbauenden Ländern bei dem, im Monate Auguft im Palais der Jury abgehaltenen internationalen Congreffe der Flachsintereffenten. Die Verhandlungen diefes Congreffes dürften über die agricolen Verhältniffe des Flachsbaues und den derzeitigen Standpunkt der Flachszubereitung fo manchen werthvollen Auffchlufs geben. Nachdem die betreffenden Verhandlungen an anderer Stelle des Berichtes Aufnahme finden, fo kann hier nur von den ausgeftellten Flachfen die Rede fein. In der franzöfifchen Abtheilung fah man Flachfe aus Algerien, welche ein lebhaftes Intereffe zu beanfpruchen vermögen. Der Anbau des Leins wird dort im Februar vorgenommen, die Ernte findet im Mai ftatt. Jedoch hat man in Algerien auch noch eine andere Anfaatzeit. Es ift diefs der Monat October oder Anfang November. Der Lein diefer Herbftfaat wird Ende April des folgenden Jahres geerntet. Die vorgelegten Flachfe waren nicht Proben einer blofs verfuchten Leincultur, fondern fie waren die würdigen Zeugen für die vortrefflichen Eigenfchaften des, dem Handel bereits in grofsen Quantitäten zugeführten algierifchen Flachfes. Belgien, die Wiege der höheren Flachscultur, hatte fich ebenfalls an der Ausstellung betheiligt, wenngleich nur mit wenigen Sammlungen. Aber Ehre, dem Ehre gebührt! Die Courtrai- Flachfe nehmen, die Qualität betreffend, noch immer die erfte Rangftufe ein, find fehr beliebt wegen ihrer hellen, für Bleichgarne gewünſchten Farbe und dürften nur in den niederen Sortimenten, falls die Preisangaben eines belgifchen Ausftellers, welche offenbar zu hoch gegriffen waren, als Mafsftab dienen follten, einer Concurrenz entgegengehen. In diefem Wunderlande der Flachscultur herrfchen die natürlichen Vorbedingungen für den Flachsbau in reichem Mafse vor, der menfchliche Fleifs bringt fein Beftes dazu und fo fieht man denn den Leinbau alldort als Sieger gegen die Runkelrübe hervorgehen. Billige Transportmittel, darunter namentlich Canäle, ermöglichen es, das Flachsftroh auf weite Entfernungen zu den beft geeigneten Röftgewäffern zu führen, und eine weife Regierung forgt für die Hebung der Production, fowie in gleichem Mafse für den vortheilhafteften Abfatz der werthvollen Spinnfafer. Man fah daher auch unter anderen belgifchen Ausftellern aus Bruges, Courtrai, Lovendeghem, Moorbeeke und Ruddervoorde die Expofition des belgifchen Minifteriums des Innern als würdige Repräfentantin der belgifchen Flachfe. In Holland herrfchen faft diefelben Verhältniffe bei der Flachscultur vor, wie in Belgien. Zahlreiche Gefellſchaften haben fich für die Hebung der Leinfaat und Flachsproduction intereffirt. Man begegnete in der Ausftellung mehrfach Darlegungen der Refultate, welche diefe Corporationen zu erzielen in der Lage waren. Es hatten die Gefellſchaft zur Beförderung der Flachsinduftrie, defsgleichen jene zur Cultivirung des Moors in Herzogenbufch, ferner Gransberg & Comp. in Rotterdam, Hoogterp in Dockum, Poft huma& Gorter ebendafelbft Proben von vorzüglichen holländifchen Flachfen vorgelegt. Aus jenen nördlichen Ländern, in welchen die Leinenweberei noch als Hausinduftrie betrieben wird, wie diefs in Schweden, Norwegen und Dänemark der Fall ist, hatten fich einige Ausfteller ebenfalls eingefunden. Orlow Anderfen zu Friedriksborg dürfte darunter der befte Flachszüchter fein. Viel reichhaltiger als in den weftlichen Agriculturhallen fah man die Flachsbau- Producte in der öftlichen Agriculturhalle vertreten. Die Ausftellungen Deutfchlands, Oefterreichs und Rufslands gaben beinahe ein volländiges Bild des gegenwärtigen Standpunktes der Flachscultur in den genanntenStaaten, ein Bild, wie felbes, den Artikel Flachs anbelangend, keine der vorhergegangenen Weltausftellungen aufzuweifen hatte. Flachs- und Hanf- Induftrie. 5 In der Abtheilung des deutfchen Reiches waren aus dem Rheinlande und Weftphalen, wo häufig die Grünröfte angewendet wird, vorzügliche Flachfe ausgeftellt. Ueber ein aufserordentliches Erträgnifs berichtete der landwirthschaftliche Verein für Rheinpreufsen. Nach feinen Angaben war das Erträgnifs an gefchwungenem Flachs 990 bis 1125 Kilogramm per Hektare. Bezüglich der Anbaumethode.wurde bekannt gegeben, dafs diefes aufsergewöhnliche Refultat folgendem Vorgange zuzufchreiben fei: Vorfrucht Hafer, davor Klee, im Herbft Dünger, im Frühjahre Stroh abgezogen, dann mit Jauche und per Hektare circa 100 Kilo Guano gedüngt. Zahlreiche collective Ausftellungen belehrten über die Bestrebungen, welche man in Deutfchland der Hebung der Flachscultur allgemein angedeihen läfst. Hieher zählen die Expofitionen des General comités des landwirthschaftlichen Vereines in München, die collective Ausftellung aus dem Regierungsbezirke Wiesbaden. Der Flachsbau nimmt im Bezirke am hohen Wefterwald, wo wegen grofser Graswüchfigkeit des Bodens die Fruchtfolge meift auf Weidewirthschaft bafirt ift, erfreulichen Auffchwung. Auch vom Südweft- Abhange des Wefterwaldes und aus der Lahn- Tiefebene, dann aus der Gegend von Ilfen lagen Flachfe vor. Das Urtheil über diefelben lautet günftig, wenngleich auch da noch die Thauröfte vorherrfcht. In der hannoverifchen Collectivausftellung bemerkte man die Flachfe aus dem Landdroftei- Bezirke Osnabrück und zwar aus Hunteniederung, als Repräfentant des öftlichen Theiles. Durch die Einführung der mechanifchen Flachsfpinnerei hat auch in Sachfen der Flachsbau Fortfchritte zu verzeichnen. Man fand Proben derartiger Leiftungen in der Collectivausftellung fächfifcher Landwirthe. Die landwirthfchaftliche Centralftelle in Stuttgart lieferte Gefpinnftpflanzen in Samen und Stengeln, auch gefchwungenen und gehechelten Baft. Ihre Flachsausftellung kann als eine eminente hervorgehoben werden. Das Arrangement verdient ungetheiltes Lob, ihr Inhalt liefs wahrnehmen, dafs man felbft in Ländern mit niederer Eignung für den Flachsbau, durch eine emfige Cultur ganz glückliche Ergebniffe erzielen könne. An der Spitze der Beftrebungen für das Emporblühen der Flachsproduction in Deutfchland ftand von jeher die königlich preufsifche Regierung. Sie hat es gleich der württembergifchen an zahlreichen Opfern wahrlich nicht fehlen laffen. Und wo man, wie in Weftphalen und namentlich in Preufsifch- Schlefien, den Fortfchritt der Flachs cultur zu conftatiren vermag, mufs man anerkennen, dafs er die Folge von den bekannten Mafsnahmen der Regierung und einzelner hervorragender Vereine ift. In Preufsifch- Schlefien pflegen viele Grofs- Grundbefitzer den Flachsbau mit Vorliebe. Von ihrer grofsen Leiftungsfähigkeit konnte man fich in der Ausftellung durch die Flachfe zahlreicher Dominien aus den Kreifen Conftadt, Kreuzburg, Namslau und Rofenberg unterrichten. Die Dominialflachfe werden von den Spinnern hoch gefchätzt und gelangen zumeift auf dem Breslauer Flachsmarkte directe von den Händen des Producenten in jene der Spinnereien. Es find in Deutfchland jährlich bebaut mit Flachs und Hanf circa 5 Percent des Ackerlandes. Importirt werden jährlich für circa 15 Millionen Mark Werth, exportirt für circa 10 Millionen Mark, fo dafs auch dort der Bedarf bei Weitem nicht gedeckt erfcheint. Die gefteigerte Nachfrage nach Spinnmaterial und das Beftreben, den Werth der Bodenproduction zu heben, haben auch in O efterreich das Augenmerk der mafsgebenden Kreife auf die Hebung der Flachscultur geleitet. Der Initiative zweier mährifcher landwirthfchaftlicher Vereine und der Mitwirkung der kaiferlichen Regierung wird man es zu verdanken haben, wenn es gelingen follte, den fo werthvollen Culturzweig auf die Dauer zu erhalten und ihn der Induftrie nutzbar zu machen. In Niederöfterreich und Kärnten, in Böhmen, Tirol und Galizien, überall find hervorragende Männer und Corporationen ebenfalls an die Spitze der in Flufs gerathenen Bewegung getreten. Allen Bemühungen ift es gelungen, 6 Carl v. Oberleithner. den Artikel ,, Flachs" in der Weltausftellung fo vorzüglich zu exponiren, als ihn die Mufterländer des Flachsbaues fonft nur geliefert hatten. Wer vermöchte es, die fo verdienftlichen Leiftungen der landwirthschaftlichen Vereine von Mähr.- Neuftadtl, Mähr.- Schönberg, der LandwirthschaftsGefellſchaften von Wien, Laibach und Innsbruck, der Frau Fürftin Francisca von und zu Liechtenftein in Seebenftein, Niederöfterreich, des Grafen Althann, der Tefchner, Hannsdorfer, Heidenpiltfcher, Friedländer Spinnereien und vieler anderer zu unterfchätzen. Die ausgeftellten Flachfe waren zumeift Proben Desjenigen, was man aus dem öfterreichifchen Flachsftroh mittelft des belgifchen Röfte und Zubereitungsverfahrens zu fchaffen vermag. So vielfeitig glückliche Refultate berechtigen wohl zu der Hoffnung, dafs die Flachsbauer den leuchtenden Beiſpielen nachfolgen werden und in der That ift die Wahrnehmung eine hocherfreuliche, dafs namentlich im füdweftlichen Mähren der Grofs- und Klein- Grundbefitz fchon namhafte Quantitäten gefchwungener Wafferröft- Flachfe in den Handel bringt. Im Gebirge, wo die Flachsernte fpät, die Wäffer hart und von niederer Temperatur find, wo die geringe Capitalskraft den Klein- Grundbefitzer zwingt, die eingebrachte Ernte noch in demfelben Jahre zu verwerthen, da wird die Kaltwaffer- Röfte wohl nur fchwer Eingang finden. Die beffere Bearbeitung der Thauröft- Flachfe mit der Hand, oder wo die Arbeitskraft theuer mit Mafchinen, dürfte aber auch hier in Anwendung kommen. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs die Weltausftellung in diefen Beziehungen nicht allein die Fortfchritte der hervorragendften öfterreichifchen Flachszüchter auf das Glänzendfte darlegte, fondern dafs diefer Wettkampf auch anregend auf die Zurückgebliebenen einwirken werde. Die öfterreichifchen Gebirgsgegenden find vorzüglich für den Flachsbau geeignet. Es bedarf nur eines allfeitigen Zufammenwirkens, um jenes Deficit zu decken, welches der Confum gegenüber der Production derzeit zeigt. Die von Arthur Freiherrn v. Hohenbruckverfafsten und im Pavillon des k. k. AckerbauMinifteriums ausgeftellten Karten über den Flachs- und Hanfbau der weftlichen Reichsländer find eine fehr fchätzenswerthe Arbeit, deren erläuternder Text viele beachtenswerthe Winke über den derzeitigen Standpunkt des Flachsbaues in Oefterreich und über jene Schritte enthält, welche fo vielfeitig, die Förderung der Flachscultur betreffend, unternommen wurden. Die Flachsausftellung des ruffifchen Reiches gehörte ebenfalls zu den lehrreichften. Man erhielt durch die Expofition des Börfencomité in Riga Kenntnifs von den alldort aufgeftellten Qualitätsbezeichnungen. Das ftatiftifche Comité zu Pfkow hatte eine Karte über die Flachsbau treibenden Provinzen Rufslands vorgelegt und eine reiche Ausstellung von den im Handel vorkommenden Flachfen jenes ausgebreiteten Productionsgebietes der Ausftellung gewidmet. Rufsland exportirte nach dem, vom Finanzminifterium hinausgegebenen Handelsberichte im Jahre 1871: de Leinfaat Flachs 2,400.000 Tfchetwerts im Werthe von 9,000.000 Pud 28,700.000 Rubel 99 50,000.000 29 Flachsheede 930.000 99 29 2,325.000 29 Rechnet man hinzu feinen Export an 2,000,000 27 thom Flachsgarnen im Werthe von Segeltuch sel Raventuch " Sackleinen 79 fo gibt diefs eine Exportziffer von 225.000 25.700" 750.000 99 84,025.700 Rubel. Dem gegenüber ift der Import an feiner Leinwand per circa 3,000.000 Rubel ein verfchwindend kleiner. Flachs- und Hanf- Induftrie. 7 Es dürfte fich für diefes grofse Productionsgebiet wohl empfehlen, in Rechnung zu ziehen, ob eine Herabfetzung des Zolles auf Flachsgefpinnfte und Gewebe, wenn der Eingangszoll auch immer noch ausreichend bliebe, um die ruffifche Flachsinduftrie zu fchützen, fo doch rathfam erfcheinen dürfte, um die von der Landwirthschaft gefchaffenen Werthe durch die Erleichterung des Abfatzes von Leinenmanufacten nach Rufsland wefentlich zu fteigern. Der ruffifche Flachsbau wird auch noch durch die Anwendung veredelter Zubereitungsmethoden gehoben werden. Es laffen hierüber die vorzüglich zubereiteten Flachfe des Fürften Repnine in Jagotine, der Adminiftration der Herrfchaft Kartowka und mehreSah man rer Ausfteller aus Archangel und Vologda keinen Zweifel aufkommen. doch in einer ruffifchen Garnexpofition hochfeine Gefpinnfte aus ruffifchem Materiale von fo hervorragenden Eigenfchaften, dafs die Vermuthung mehrfeitig auftrat, diefe Garne wären aus belgifchem Flachs gefponnen worden. Berichterstatter verdankt die Grundlage zu feinen Betrachtungen über Flachs in der Weltausstellung einem bewährten Fachmanne, deffen Referat in den Worten gipfelt: Zum Schluffe des kurzen Berichtes über Flachs auf der Wiener Weltausftellung will ich nur noch den Wunſch ausfprechen, dafs das ernfte Wollen und die Opferwilligkeit von Seite der verfchiedenen Behörden, Gefellſchaften. und Einzelner die Flachscultur zu heben, nicht erkalten möchte, damit die Intereffen diefes fo wichtigen Culturzweiges gewahrt und derfelbe lebensfähig fein und bleiben möge." Garne und Zwirne. Die olympifchen Zeiten mit ihren Schickfals- Spinnerinen find längft entfchwunden, vorüber find die fchönen Tage der romantifchen Zeit, wo das Spinnrädchen mit dem Pocal um die Wette die Zungen löfte. Aber in vieler Zeitgenoffen frifchem Angedenken fteht noch die traute Plauderftube- der Gang zum Rocken. Wie fie da fo friedlich beifammen fafsen, unfere Alten und am fchnurrenden Rädchen den Faden der Gefchichte in Dorf und Stadt gefchäftig weiter fpannen. De Girard's Mafchine hat der ehrfamen Spinnftube poetifchen Reiz hinweg. genommen und Millionen von Spinnrädchen zum Stillftande gebracht. Man muss fagen, dafs diefer Umfchwung zum Heile der gefammten Flachsinduftrie vor fich ging. Denn wie die Botennachricht vergebens den Wettlauf mit dem Telegramme unternehmen würde, fo wäre das mit der Hand gefponnene Flachsgarn auf die Dauer ficher im Kampfe unterlegen, gewifs infoweit, als eben das Maſchinengefpinnft der concurrirenden Baumwolle die Kraft hat, es zu vernichten. Wo das Handgefpinnft heute noch Exiftenzfähigkeit zeigt, wie z. B. in Flandern und im nördlichen Frankreich, da walten ganz eigenartige Verhältniffe vor. Verbrauchsartikel des höchften Luxus, wie Spitzen und Battifte zahlen eben derzeit noch die Handarbeit des Spinners. Es fteht aber zu erwarten, dafs in dem Mafse, als die Handarbeit in der Spitzenerzeugung durch Mafchinenarbeit an Terrain verlieren und die Spinnereitechnik in der Erzeugung hochfeiner Flachsgefpinnfte mittelft Mafchinen vorfchreiten wird, die Hand- Garnfpinnerei auch aus diefen ihren letzten Afylen verdrängt werden dürfte. Man follte daher felbft bei der Errichtung von Spinnfchulen für hochfeine Garne fchon gegenwärtig die Concurrenzfähigkeit fcharf im Auge behalten und von derartigen Inftituten, infoweit es fich um die Heranbildung von Handfpinnern für currente Leinengefpinnfte handelt, ganz abfehen. Schon die Gegenwart gehört hierin der Leinengarn- Mafchinenfpinnerei. Diefelbe hat fich eine achtunggebietende Stellung in der Fabrication erworben und im Induftriepalafte neuerlich behauptet. 8 Carl v. Oberleithner. Das Infelreich jenfeits des Canales und Frankreich waren zwar auch mit Garnen der Zahl nach fchwach vertreten, dagegen glänzten Belgien, Oefterreich, das deutfche Reich und felbft Rufsland durch Gefpinnfte von hervorragender Perfection. Den belgifchen Spinnern darf man den Ruhm nicht vorenthalten, dafs fie die Fabrication feiner Garne meiſterhaft inne haben. La Lys und St. Leonard ftehen an der Spitze. St. Leonard fcheint in den feinen Flachsgarnen einen kleinen Vorfprung erreicht zu haben, La Lys, auch hierin perfect, verdient aber diefsmal die Siegespaline unter den belgifchen Spinnern, denn ihre Werggarne zeigen diefelbe bewundernswerthe Egalität wie die Flachsgarne, was man von den anderen Werggarnen diefer Provenienz eben nicht fagen kann. Wie vormals der Name ,, Marshal- Garn" die befte Qualität bezeichnete, fo find heute die Ravensberger im deutfchen Reiche und die Hannsdorf- Halbfeiter in Oefterreich als die vorzüglichften Kettengarne, insbefondere für die mechanifche Weberei, gefchätzt. Zahlreiche andere Spinnereien der letztgenannten Staaten liefern fchwere Ketten von ebenfalls gediegener Qualität. So in Oefterreich die Wiefenberger, Lambacher, Tefchner und Spachendorfer Spinnerei, welch' letztere ein Sortiment überrafchend fchöner Gefpinnfte von hellgelber Farbe ausgeftellt hatte. Im deutfchen Reiche find bewährt Ullersdorf, Vorwärts, Alberti, Wiehart, Müller u. A. In leichten Kettengarnen excellirte befonders die Mährifch- Schönberger Spinnerei, deren gefchmackvolles Arrangement überdiefs Anerkennung verdient. Die Schufsgarn- Spinnerei Oefterreichs ift eine Specialität. Ihre Fühler bis nach Zautke in Mähren ausftreckend, hat fie ihren Sitz eigentlich in Böhmen und zwar in der Gegend von Trautenau und Hohenelbe. Die Bedeutung der böhmifchen Schufsgarn- Spinnerei geht fchon aus dem einen Momente hervor, dafs die Notirungen des Trautenauer Marktes tonangebend find für den Garnpreis hüben und drüben( Oefterreich, Preufsifch- Schlefien und Sachfen). Die collective Art, welche die Trautenau- Hohenelber Spinner für ihre Ausftellung gewählt hatten, mufs wegen der durch felbe gewonnenen Ueberfichtlichkeit fehr lobend hervorgehoben werden. Rufslands mechanifche Flachsfpinnerei datirt von derfelben Zeit wie jene Oefterreichs. Girardowo in Ruffifch- Polen und Weigelsdorf in Niederösterreich wurden beide unter den Augen de Girardé's errichtet, zählen alfo zu den älteften Flachsgarn- Mafchinenfpinnereien. Es fcheint aber, dafs man in Rufsland nicht fo rafch wie im deutfchen Zollvereine und in Oefterreich den Zeitpunkt wahrgenommen hat, dem von den Engländern completirten Spinnmafchinen- Syfteme Eingang zu verfchaffen. Oefterreich hat fchon in den dreifsiger Jahren trotz einem mit Todesftrafe verfchärften Ausfuhrverbote englifche, dann nach englifchen Modellen gebaute franzöfifche und nach der Aufhebung des Ausfuhrverbotes neuerdings Original- engliſche Flachs- Spinnmaschinen von Fairbairn und Lowfon eingeführt. Die Zahl feiner Spindeln beträgt 398.571 gegen 260.000 in Deutfchland und 1,640.000 in England. Die Zahl der Spindeln in Rufsland konnte nicht ermittelt werden, doch ift fie in fortgefetztem Steigen begriffen. Es bedurfte eben in diefem Staate eines Fermentes von Aufsen und diefs brachten die gegenwärtigen Befitzer von Girardowo in reichem Mafse mit. Indem fie diefe induftrielle Oafe zu neuer Blüthe emporbrachten, rüttelten fie die gefammte Flachsinduftrie Rufslands gleichfam aus dem Schlafe. Die Girardower Gefpinnfte reihen fich den beften Deutſchlands würdig an und geben kräftige Gewebe, wofür die aus denfelben verfertigten, ebenfalls ausgeftellten Leinen- und Damaftwaaren Zeugnifs ablegten. Ein ruffifcher Ausfteller hatte mit hellen, feinen Flachsgarnen von grofser Egalität debutirt, welche nach feiner Angabe aus ruffifchem Flachfe erzeugt worden fein follen. Die Tammerforfer Actiengeſellſchaft im Grofsfürftenthum Finnland ftellte nebft fehr fchönen Kettengarnen fehr geringe Schufsgarne aus. Flachs- und Hanf- Induftrie. 9 Kettengarne von folcher Perfection und Schufsgarne von folcher Unegalität ift man, aus einem und demfelben Spinnerei- Etabliffement herrührend, anderswo zu fehen nicht gewohnt. Die notificirte Preisdifferenz entfchuldigt nicht vollkommen, wohl aber die ifolirte Lage diefer Spinnerei von den Centren der Fabrication. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs in der Weltausftellung 1873 die mechanifche Flachs- Spinnerei Oefterreichs Anfpruch auf den Löwenantheil der Anerkennung erheben konnte. Zählte doch die öfterreichifche Abtheilung der FlachsfpinnerBranche 74 Ausfteller und unter diefen die Expofition von Oberleithner's Söhne & Cie. aus Schönberg und Hannsdorf- Halbfeit, über welche ein ausländifcher Berichterstatter fagt: " In einem quadratförmigen Raume von der Gröfse eines mässigen Saales, nur fehr viel höher abgefchloffen von der öftlichen Hauptgallerie durch blaue Damaftportièren, befindet fich eine kleine Ausftellung von einem recht wichtigen, aber im Leben für höchft unfcheinbar erachteten Material, von Flachs, welche ich in Bezug auf gefchmackvolle Anordnung geradezu unter die Perlen des ganzen riefigen Gebäudes zählen mufs und dringend zur Befichtigung empfehle. Es iſt vielleicht kein zweites Beiſpiel dort vorhanden, welches fo geeignet wäre, die Herrfchaft des kunftgerecht fchöpferiſchen Genies über das rohe Material zu illuftriren, denn man tritt mit einer Art von heiliger Ueberrafchung in diefen kleinen Tempel ein, und dennoch ift's nur eine einfache Zelle mit Flachs und Fabricaten aus diefem Material, und es ift nicht fehr wahrfcheinlich, dafs der Lefer aus diefer Schilderung auch nur annähernd einen der Wirklichkeit entfprechenden Eindruck erhalten wird. In der Mitte erhebt fich eine Fontaine von etwa zehn Fufs Höhe, auf deren ornamentalem Mittelftück( wafferfpeiende Köpfe etc.) die lebensgrofse Statue einer italienifchen Spinnerin fteht, den Rocken unter dem linken Arme, den Faden fammt dem hängenden Knäuel mit der rechten drehend. Das fprudelnde Waffer fällt in eine mächtige Schale von 10 Fufs im Durchmeffer, die mit Weinlaub und Früchten des Feldes und des Gartens lieblich umkränzt ift, ftrömt aus Löwenmäulern ab und fliefst in dünnem Schleier hin und wieder über den Rand des mit glatt und zopfartig geflochtenem Tauwerk fchön gezierten Beckens in den Boden, aus dem Flachs und andere Stauden neben Schilf und Blattpflanzen wie Alifma etc. auffteigen, und das Alles ift ohne Ausnahme von Flachs gemacht, felbft das Waffer unter der Statue der Spinnerin. Rings an den Wänden liegen mannigfache Producte aus demfelben Material in vollendet fchöner Ausfchmückung und nirgends ein Wort der Reclame; in der That diefe Kapelle fpricht für fich felbft! Sogar den Namen des Ausftellers entdeckt man nur aufserhalb. Und was ift es, was fo bewunderungswürdig wirkt? Die prunklofe Schönheit der Form und Gruppirung in Verbindung mit der Einheit und Harmonie der Farbe, welche wie eine fchöne Bleiftift- Zeichnung in den fanfteften Uebergängen vom hellften Licht zum tiefften Schatten abgetönt ift- nirgends ein Mifston, wohin auch das Auge fich wende. Niemand follte verfäumen, diefes Cabinetftück zu fehen und daraus lernen, wie viel fich mit fo Wenigem erreichen läfst." Leider ift die Lage der mechanifchen Flachsfpinnereien augenblicklich keine günftige. Auf der ganzen Linie herrfcht Entmuthigung, welche fich am unwiderleglichften nachweifen läfst durch die in den letzten Jahren eingetretene Stagnation in der Errichtung von Flachsfpinnerei- Etabliffements. Man muss nebft den äufseren Feinden, die da find die Baumwoll- und Jutegefpinnfte, auch diejenigen im eigenen Lager erwähnen. Mangel an zureichendem Spinnftoffe oder, wo er der Maffe nach vorhanden ift, Mangel an gut zubereitetem, preiswürdigen Flachfe, hat die gedeihliche Entwicklung der Flachsſpinnerei an und für fich empfindlich gefchädigt. Der weite Kreis der Confumenten des Leinen wurde bedeutend gefchmälert durch den notorifchen Widerwillen der grofsen Approvifionirungsftätten für 10 Carl v. Oberleithner. das ftehende Heer, fowie des kleinften Händlers mit Leibwäfche gegen Alles, was den Namen„ Leinen" führt. In Grofsbritannien und Irland klagt man über theuere Kohlen und fchwierige Arbeiterverhältniffe. Auf dem Continente und namentlich in Oefterreich, wo die Spinnerei-Anlagen viel koftfpieliger find, die Art des Gefchäftsbetriebes grofse Flachs- und Garnlager zu halten bemüffigt, da fchmälert der hohe Zinsfufs das reine Einkommen in einer früher nicht geahnten Weife. Es wird des rafcheften Eingreifens aller an dem Beftande der Flachsinduftrie betheiligten Factoren bedürfen, um die Flachsfpinnerei, diefes hochwichtige Mittelglied zwifchen Flachsbau und Leinenmanufactur neu zu kräftigen. Man darf von der Einficht der Intereffenten erwarten, dafs fie den einzig richtigen Weg, als den man bezeichnen mufs:" Hebung des Flachsbaues, Steigerung des Confums der Flachsinduftrie- Ergeugniffe, Herbeifchaffung von billigem Capital", unverzüglich einfchlagen werden, um den faft in ganz Europa heimifchen Induftriezweig zum Frommen der Bodencultur und gewerblichen Thätig keit wieder emporzurichten. Ueber die ausgeftellten Leinenzwirne hat Berichterstatter nachfolgendes fachmännische Urtheil eingeholt: Die Fabrication von Leinenzwirnen dürfte faft fo alt fein als die des Hand garnes und hatte ihren Sitz in Oefterreich, hauptfächlich im Norden Böhmens. Man fand im Pavillon des Welthandels Auffchreibungen aus dem Ende des XVIII. Jahrhundertes vom Leitmeritzer Kreife, worin diefe Induftrie als bedeutend in Schönlinde genannt wurde. Im Anfange unferes Jahrhundertes wurde die Zwirnerei- Induftrie nach Schlefien verpflanzt und felbe ift bis heute hauptfächlich in diefen beiden Gebirgsgegenden geblieben, obwohl auch in Tirol etwas Leinenzwirne erzeugt werden. Die Zwirne wurden zuerft mit hölzernen Hand- Drehftühlen hergeftellt und erft feit Erfindung der Flachsfpinnerei auf Mafchinen, mit welcher gleichzeitig auch Mafchinen- Drehftühle erfunden wurden, hat man letztere für Leinenzwirne ( in Oefterreich 1848) in Anwendung gebracht. Es find aber heute noch immer in Oefterreich beide Fabricationsweifen in Uebung, wenn auch die anderen Länder keine Handarbeit mehr zur Zwirnerei benützen. Bis zur Zeit der Einführung der Mafchinenfpinnerei war die Zwirnerei ein von diefer getrennter Induftriezweig; feit diefer Zeit unterfcheidet man aber Zwirner, die felbft fpinnen, und folche, die fremde Garne zwirnen, und bei Letzteren eben wieder Mafchinen- und Handzwirner. Die gröfsten Fortfchritte in der Zwirnerei und der mit ihr eng verbundenen Färberei und Appretur der Zwirne hatten die Engländer und Franzofen gemacht, fo zwar, dafs die Fabrikanten der anderen Länder fich immer anftrengen mufsten, um mit jenen gleichen Schritt halten zu können. Heute ift jedenfalls fchon eine gröfsere Gleichmäfsigkeit in den Leiftungen der anderen Länder untereinander eingetreten, da in den letzten Jahren keine auffallende Neuerungen mehr gebracht worden find und die Nachftrebenden Fortfchritte gemacht haben. Die Blüthezeit hatte dieíe Induftrie erreicht, als die Nähmafchine gröfseren Kreifen( in Oefterreich circa 1865) zugänglich wurde und mit ihr der BaumwollZwirn anfing den Leinenzwirn zu verdrängen. Die gröfsere Elafticität, Gleichheit und Billigkeit, wenn auch bedeutend geringere Feftigkeit des Baumwoll- Fadens fichern ihm die Zukunft bei der Nähmafchine in Fällen, wo die Feftigkeit nicht den Ausfchlag gibt, und wenn es auch endlich gelungen ift, einen vollkommen entsprechenden Leinenzwirn für Nähmafchinen zu fabriciren, der für jede Schiffchenmafchine( Howe, Singer) fehr zu empfehlen und dem Baumwoll- Faden gewifs vorzuziehen ift, fo wird die Greifer ( Wheeler& Wilfon-) Mafchine doch mit ihrer bedeutenden Leiftung in Weifs Flachs- und Hanf- Induſtrie. 11 wäfche mit Baumwoll- Zwirn nähen und dadurch dem Leinenzwirn ein grofses Feld entzogen bleiben. Von der Gröfse der Etabliffements, deren Spindelzahl, Appretur, Mafchinen, kurz von dem ganzen Betrieb diefer Induftrie läfst fich kein Bild entwerfen, da nur wenige Fabrikanten diefes Induftriezweiges Daten zu geben geneigt find und faft Jeder in Etwas geheimnisvoll bleibt.. In Appreturen unterfcheiden fich hauptfächlich drei Sorten: Die englifche, der fogenannte„ Common finifh", eine matte, weiche, fich fett anfühlende Appretur; die franzöfifche, wovon eine ähnlich der englifchen und eine zweite eine Wachsappretur ift; die Glanzappretur, hart und weich, welche in allen Ländern auf verfchiedene Art mit ziemlich gleichem Refultate angewendet wird. Aufgemacht wurden die Leinenzwirne in England nach dem Gewichte, auf dem Continente nach dem Längenmafse, doch hat heute faft jede Fabrik bereits beide Arten in Gebrauch genommen. So lange nicht metrifche Nummern, Mafs und Gewicht obligatorifch eingeführt find, und auch jedes Packet Zwirn damit bezeichnet werden mufs, wird eine gewiffe unfolide Concurrenz aus diefer Induftrie nicht zu bannen fein und dem reell ftrebenden Fabrikanten ein fchwerer Stand bleiben. Nun zum Berichte über die einzelnen Länder und Ausfteller, welche von Weften nach Often betrachtet werden follen. In England haben drei bewährte Spinner und Zwirner ausgeftellt. Marfhal& Comp., Leeds, haben ihre anerkannten Pfundknaul- Strähn- und Spulenzwirne gefandt, Wm. Barboun& Sons, Lisburn, ähnliche Packungen und Specialitäten von Schufsgarn, einfach bis fechsfach, dann L. Ainsworth, Cleator Zwirn in allen englifchen Packungen. Ainsworth war unter den Erften, welche ganz brauchbare Leinenfpulen für Nähmaschinen gemacht haben. Die Bleiche und Färberei diefer drei Ausfteller ift fchön. Frankreich fandte nur eine kleine collective Ausftellung feiner ganz bedeutenden Zwirninduftrie in Lille; es haben die Firmen: Crespel& Detcamps, Roger& fils, Scrive frères, Ph. Vrau& Comp. ausgeftellt und die verfchiedenen bekannten, gefchmackvollen Packungen in kleinen Knäueln( Pelottes) dann Strähnchen, Spulen, Stopfgarn, Spitzenzwirn, in Weifs und befonders fchönen Farben zur Anficht gebracht. Die Zwirner Lilles fpinnen gewöhnlich nicht felbft. Italien hat nur eine kleinere Leinenzwirn- Ausftellung von Vittorio Lanza, Torre Pelice, die uns jedoch zeigt, dafs man in Italien auch mit diefem Induftriezweige zu befaffen allmälig fich entfchliefst. Belgien genofs die Befriedigung, die befte Form der Ausstellung gefunden zu haben. Es haben die Firmen: Cummont Deele rag, Aloft, J. B. Elieart, Nixove, J. B. Jelie, Aloft, J. Stichelmann& Sohn, Nixove, fehr überfichtlich gezeigt, dafs fie im Stande find, alle gewünſchten Sorten, Farben und Aufmachungen zu liefern. Die belgifchen Zwirner ſpinnen nicht felbft, da fie die guten grofsen Spinnereien an der Lys zu ihren Dienften haben. Die Bleiche von Cunont- Deelereg verdient befondere Erwähnung. Aus Deutfchland fahen wir zwei Ausftellungen der bewährten Spinner und Zwirner: H. C. Müller, Hirfchfeld, und S. D. Prufchwitz Söhne, Neufalz. Erfteres Etabliffement ragt durch fchönes Weifs und Farben hervor, während Letzteres für feine fchwarzen Zwirne befondere Anerkennung verdient. Es find noch die Zwirner C. Knapp, Pfullingen, mit Leinenfpulen- Zwirn und W. Marggraff, Beringen, mit diverfen Zwirnen hervorzuheben. In Oefterreich fanden wir in der Hauptgallerie Jofef Kühnel, Engelsberg, Spinner und Zwirner und in den Seitengallerien: Anton Friedrich jun., 12 Carl v. Oberleithner. Schönlinde, Jofef May's Sohn, Schönlinde, Jofef Mücke jun., Schönlinde, Ph. Michel's Witwe, Kreibitz, Carl Weifs, Daubitz. Ausgeftellt waren fämmtliche in Oefterreich fpeciell gangbaren Pack- und Schockzwirne, von J. May's Sohn und C. Weifs englifche Packungen und von den meiften Imitationen franzöfifcher Aufmachungen. Glatte Leinen und Zwilche. Die gefonderte Berichterftattung über diefe zwei Arten Gewebe würde fich vom Standpunkte der Weberei empfehlen, die Ueberfichtlichkeit aber fehr beeinträchtigen. Es hat den Anfchein, dafs die deutfche Ausstellungscommiffion, deren Syftem der räumlichen Anordnung man allgemeine Anerkennung zollte, ebenfalls die Ueberfichtlichkeit anlässlich der Rangirung ihrer Expofitionen höher zu ftellen für erfpriefslich erachtete, als die Sonderung diefer Gewebearten nach den vom Standpunkte der Weberei hiefür geltend zu machenden Gründen. Fafst man die Zwecke ins Auge, welchen Glattleinen und Drilche dienen follen, fo würde man nachfolgende Abgrenzung vorfinden: Segeltuch- Leinen; Packing und Sacking; rothe und färbige Drells; Drells für Bekleidungszwecke; Hausleinen; appretirte Leinen; Hemdeinfätze. Stricte vermag man aber bei der Berichterstattung auch diefe Reihenfolge nicht einzuhalten, da ein induftrieller Bezirk, ja oft ein Erzeuger mehrere der aufgezählten Sorten exponirt hatte. Möglichft will aber im Nachftehenden der aufgeftellten Claffification Rechnung getragen werden. Auf dem weiten Ocean, wo des Schiffers Glück und Ende zumeist von der Widerftandsfähigkeit des Segels abhängt, da erprobt fich die Qualität des verwendeten Materials, die Regelmässigkeit des Gewebes; fie ftehen beim Segeltuch obenan, der Preis wird Nebenfache. Je eine Segelleinen- Fabrik Frankreichs, Belgiens, Rufslands und zwei Oefterreichs vermögen den Anfpruch auf den vollen Befitz der angedeuteten Vorzüge zu erheben. Unftreitig ftehen Joubert, Bonnaire& Comp. in Angers( tiffage mécanique) mit ihren Hanf- und Flachs- Segelleinen première qualité No. o bis 7, qualité extra No. o bis 6 oben an. Man kann fich ein vollkommeneres Gewebe gar nicht denken und hat die Berechtigung, von den verwendeten Hanfgarnen der eigenen Spinnerei einen Schlufs auf die Haltbarkeit diefer eminenten Segeltücher zu ziehen. Mit Joubert wetteifern W. Wilford in Belgien und A. Baron v. Stieglitz in Rufsland. Das Etabliffement des Letzteren, im Gouvernement St. Petersburg gelegen, erzeugt mittelst 132 Webftühlen Segel- und Deckentücher, wie fie gleich perfect fonft nur aus den Mufterftätten älterer Induftrieftaaten hervorzugehen pflegen. Kein W nder nun, dafs nach folchen Vorgängern der Oefterreicher ftolz auf das von J. romann& Sohn in Sternberg( Mähren) ausgeftellte Segelleinen fieht, welches unmittelbar an das franzöfifche anzureihen ift. Während man den im deutfchen Reiche mit mechanifchen Webftühlen erzeugten Artikeln auf den erften Blick den Vorrang vor den Geweben des Hand- Webftuhles zuerkennen mufs, laffen Gromann's Fabricate wahrnehmen, dafs man mit Sorgfalt in der Fabrication und tüchtigen Handwebern Stoffe hervorbringen kann, welche bis zu den tadellofeften des Power loom's hinanreichen. Mannigfaltig find überdiefs diefes ftrebfamen Haufes Artikel. Man findet darunter wafferdichte, unverwesliche, dann farbiggeftreifte und carrirte Flachs- Segeltuche, Säcke ohne Naht, Matrofen - Flachs- und Hanf- Induftrie. 13 wäfche und Kleiderfäcke, Water- proof- Decken und Segeltuche aus Towgarn bis 312 Centimeter Breite. Eine rege Concurrenz entwickelt auf derfelben Bahn die Actiengefellſchaft der Leinen-, Spinn- und Webefabrik in Brünn. Man kann ihr Auftreten nur freudig begrüfsen, denn Oefterreichs Kriegsmarine, wohl fieggekrönt, zählt der Segel nicht viele, aber feine Handelsmarine ift dafür um fo beachtenswerther. Das deutfche Reich hatte Proben feiner Leiftungsfähigkeit, namentlich in der Herftellung von Drilchen grofser Breiten gegeben. Die mechanifche Weberei von E. Bodewig& Comp. in Mülheim am Rhein brachte 4 Meter 55 Centimeter bis 7 Meter 58 Centimeter breite Doppeldrilche, Johann Gotthelf Burfche in Pulsnitz( Sachfen) Atlasgewebe, genannt Ledertuch zu Lowry- Decken Handgefpinnft und Weberei von 4 Meter 12 Centimeter Breite. Vorzüglich find für Segelleinen, Segeltuch- Säcke und Prefsbeutel ohne Naht Fröhlich& Wolf in Caffel, für Säcke Tränkner& Würker in Leipzig und Grofs- Hartmannsdorf, für Leinen Filter, Prefsdrills, Twift, Leinen, Schlammbeutel, Gebrüder Kutfcher in Zoerbig bei Halle an der Saale, für Hopfendrills und carrirte Hopfendrills Gebrüder Weinberger in Nürnberg, Baiern. - Ein neues Abfatzgebiet den Drills zu verfchaffen, ftreben Plaut& Sohn in Nordhaufen am Hark an. Indem fie den Drill färbig bedrucken, führen fie den an und für fich unfcheinbaren Stoff ganz gewandt unter dem Namen:„ Läufer" in Mitten des bürgerlichen Wohnhaufes ein. Die gewählten Farben find: auf weifsem Grunde grün oder fchwarz, auf rothem Grunde kaifergelb, auf hellgelbem Grunde fchwarz. Im Fache Packing und Sacking fteht, was Oefterreich betrifft, nur die Expofition von Heinrich Klinger in Zwittau( Mähren) ebenbürtig da. Die vorgelegten Poftfahr- Beutel, Pulverfäcke, Doppelzwilch und anderen Zwecken dienlichen Gewebe zeugen von emfiger und auch verftändiger Fabrication; fie find gleich den beften Deutſchlands. Aber diefen Exponenten ausgenommen, kann man Rühmliches vom Zwittauer Fabrikskreife der Weltausftellung nach- nicht fagen. Wie wäre das auch anders möglich! Durch ein Machtwort auf den Ausfterbe- Etat gefetzt, fiecht diefe in manchen Kriegszeiten bewährte Erzeugungsftätte für Heereserforderniffe dahin, während die Ausftellungen des deutfchen Reiches und Frankreichs beweifen, dafs Flachs- und Hanfgewebe wahrlich noch für die gleichen Zwecke probat erfcheinen können, wenn eben nur der gute Wille für fie eintritt. In Deutfchland ift es die Hausinduftrie, wie felbe in Mähren auch vorkommt, welche das Leinenzeug für ärarifchen Bedarf liefert. In Frankreich hatten Villard, Caftelbon& Vial in Armentières( Nord) und Voiron ( Ifère) für Militärlieferungen fabricirte rohe, cremirte und gebleichte Leinen von 80 Centimeter bis 2 Meter 40 Centimeter, dann Drills und Vareufe zu 72 Centimeter, ferner Vérité, Bidault& Comp. au Mans( tiffage mécanique) Hanfgewebe für Kriegs- und Marinezwecke von 70 bis 75 bis 81 Centimeter, auch mit farbigen Streifen( liteaux) nebft Haushalt- Leinen ausgeftellt. Hiemit ift wohl der Beweis für die Verwendbarkeit der Leinen im Militär- Haushalt genügend erbracht. Im grofsen Ganzen hat der Verbrauch der bisher befprochenen Gewebe in letzterer Zeit mannigfache Zuflufscanäle erhalten. Es gebieten die Rückfichten auf die möglichft ausgebreitete Entwicklung des Verkehres an und für fich die Herabfetzung der Frachttarife. Dem in diefer Beziehung von den grofsen Transportgefellfchaften ets entgegen geftellten ,, non possumus" konnte man nur damit entgegen. wirken, dafs man ihres Werthes wegen früher in gedeckten Waggons transportirte Waaren, nun des billigeren Tarifes wegen den urfprünglich offenen, nunmehr für folche Güter mit getünchten und ungetünchten Decken verfehenen Lowrys anvertraut. Im Transportwefen finden diefe Artikel weiters ausgebreitete Verwendung bei den Poftanſtalten. Durch den maffenhaften Getreideverkehr, welchen das Eifenbahn- Wefen der Neuzeit im Vereine mit der Schifffahrt vermittelt, hat der Verbrauch von Getreide- und Mehlfäcken eine vorher nie geahnte Ausdehnung 14 Carl v. Oberleithner. erlangt. Die riefige Entfaltung der Zuckerinduftrie und Bierbrauerei macht die Prefsdrills, Filter für erftere, die Hopfendrills für letztere zu Artikeln des grofsen Confums. Abgefehen von dem maffenhaften Verbrauch von Zeltleinen für Kriegsund Vergnügungszwecke finden diefe Gewebe für humanitäre Einrichtungen ausgebreitete Verwendung. Die Lage der Verwundeten durch Abhaltung fchädlicher von Sonnenftrahlen und Regen herbeigebrachten Einwirkungen zu mildern, dienen die mannigfaltigften Apparate, deren Vorführung die Weltausftellung 1873 in dem Sanitätspavillon eine würdige Stätte eingeräumt hat. Mit dem allgewaltigen Auffchwunge, welchen das Feuerlöfch- Weien genommen hat und annoch nimmt, geht Hand in Hand die Frage nach Rettungsfchläuchen, Feuereimern, Springtuch etc. Wäre die Concurrenz einzelner gleichartiger, aus der Jute erzeugter Artikel( von welchen fpäter die Rede fein wird) nicht aufgetreten, dann hätte die Flachs- und Hanffabrication in den betreffenden Branchen koloffale Dimenfionen angenommen. Doch darf man den hier behandelten Flachs- und Hanfftoffen nicht die Concurrenzfähigkeit abfprechen, denn unter normalen Verhältniffen fcheint der Confum fich mehr diefen haltbaren Geweben wieder zuzuwenden und auf die billigeren Jute- Erzeugniffe zu verzichten. Dem Feinheitsgrade des verwendeten Materials nach ftehen von Leinen ftoffen zunächft die rohen und farbigen Drills für Treppenläufer, Möbelzeug und Rouleaux. Deren Beftimmung iſt, den Comfort der Wohnungen zu erhöhen, oder als Ueberzug die elaftifchen Schwingungen auf der Federmatratze gleichmäfsig zu vertheilen. Das Leinen bildet in diefen Stoffen gleichfam die Grundlage der Dauerhaftigkeit. Es räumt Schritt für Schritt der Baumwolle in dem Mafse den Platz, als der Deffin die Anwendung von Farben verlangt, welche die Leinengarn- Färberei bisher zu liefern nicht vermochte. Die beliebteften Farben find derzeit: roth, gelb, braun, grün; feltener begegnet man der blauen Farbe. Für Roth wird zumeift das Türkifchroth der Baumwoll- Garne gewählt: doch konnte man bei einigen Stücken auch das Rofa angewendet finden. Gelb und Grün fcheint man mit Vorliebe in den matten Tönen zu lieben. Das Catechubraun ift fehr empfehlenswerth, weil es dem Gefpinnft verhältnifsmäfsig die gröfste Feftigkeit ertheilt. Die Centren von Ganz- und Halbleinen- Drills für Matratzen- und Rouleauxftoffe, welche da find: in Oefterreich Sternberg( Mähren), in Deutſch land Göppingen( Württemberg), waren reichhaltig vertreten. Die Sternberger Collectivausftellung repräfentirte diefen Induftriezweig in einer Grofsartig. keit, wie man folche felbft für eine Weltausftellung im eigenen Lande impofanter nicht zu verlangen vermag. Gebrüder Gröger und Norbert Langer's Söhne, die bekannten Hauptträger diefes Fabricationszweiges, ferner Heeg& Friedmann haben die genannte Collectivausftellung zu einer der hervorragendften geftaltet. Das nächft Sternberg gelegene Bärn gab Kunde von feinem Eintritte in diefelbe Webereibranche durch die gediegenen Ausftellungen von Porfch& Ricker, fowie Hanfel Moriz. Man begegnete den gleichen Stoffen ferner in den Expofitionen von Camilla Fölfer zu Lichtenau in Oberöfterreich und Wilhelm, Strache zu Rumburg in Böhmen. Dafs folche dichte Gewebe kräftige Arbeiter erfordern, ift felbftverſtändlich. Man findet daher die Handweberei diefer Artikel meift in den Gebirgsgegenden, wo die Arbeitskraft nicht verweichlicht und überdiefs der Lohn billig ift. Im deutfchen Reiche waren die Vitrinen der Göppinger Fabrikanten Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit. Den alten Ruf der Göppinger Drills bewährten Kaufmann& Söhne, welche eine mechanifche Weberei hiefür mit 127 Power looms errichtet haben und einen Umfatz von 404.000 fl. erzielen. J. B. Gutmann und Andere ebendafelbft zeugten für die grofse Ausdehnung diefer Fabrication in Württemberg. Mittelft der Expofition von C. A. Heffe jun. in Sebnitz nahm Sachfen gleichfalls hervorragenden Antheil an der Preis Flachs- und Hanf- Induftrie. 15 bewerbung für vorzügliche Leiftungen in diefem Genre. Gefchmackvolle Zufammenftellung und lebhafte Farben find Zierden der Erzeugniffe diefes Haufes. Die Göppinger Drills variiren in den Breiten von 140, 136, 120 bis 102 Centimeter und führen letztere den Namen Schuhdrills. Dem Ameublement in den füdlicheren Ländern zu entfprechen, erfcheinen die Möbeldamafte aus Leinen berufen. Die Firma Auguft Küfferle& Comp. in Wien verdient für die Einführung ftiliftifcher, von Künftlerhand entworfener Deffins volle Anerkennung. Ihr Fabricat zeichnet fich durch die gediegenfte Qualität, tadellofefte Fabrication und Wahl jener Farben aus, welche im Leinen echt hervorzubringen, daher dauerhaft find. Das fchon früher genannte Haus Norbert Langer's Sohne in Sternberg hatte auch in diefem Artikel Vorzügliches vorgelegt und muss man namentlich deffen perfecte Appretur hervorheben. Auch Oberöfterreich legte Proben feiner Leiftungsfähigkeit durch Johann Mathie fen. in Haslach vor. Mit grofsem Intereffe betrachtete jeder Fachmann die Möbeldamafte von Chriftian Dierig in Oberlangenbielau( Preufsifch- Schlefien). Diefer Fabrikant hat die Verkörperung des Deffins gleichfalls mittelft des reinen Jaquards acceptirt. Nur erfcheinen feine Gewebe vermöge ihrer feineren Qualität und ihres hohen Appretes bei Weitem dichter. Die Streifen des Grundes zeigen lebhafte, harmonifch aneinander gereihte Farben, die Conturen des Deffins der Mafchine heben fich wirkungsvoll ab. Man mufs den genannten Ausftellern das Verdienft zufprechen, dafs fie die Blicke der Erzeuger und Confumenten auf den Leinen- Möbelft off gelenkt haben. Denn nicht die Vervollkommnung der gangbaren Leinenartikel allein vermag den Abfatz von Flachsinduftrie- Erzeugniffen zu fördern. Es müffen neue oder wenigftens von der Fabrication minder beachtete Stoffe aufgefucht werden und zu letzteren dürften wohl die Leinendamaft- Möbelftoffe zählen. Sehr gering war die Zahl der Ausfteller von Drills für Bekleidungs zwecke. Doch fand der bekanntermafsen fehr fchwierig herzuftellende Artikel einige Hauptrepräfentanten. Wieder gehörten diefelben den öfterreichifchen und deutfchen Abtheilungen an. Es fällt fchwer zwifchen Vonwiller& Comp. in Haslach( Oefterreich), Kämmel's Erben& Comp. zu Grofs Schönau( Sachfen), J. J. Trendel's Sohn in Culmbach( Baiern) einen Unterfchied bezüglich deren Leiftungsfähigkeit zu ergründen. Man kann nur aus der Ueberlegenheit Vonwiller's, die diefe Fabrik in naturellen und gebleichten Drills zeigt, den Schlufs ziehen, dafs deren Erzeugung hauptfächlich für in den füdlicheren Ländern Europas beliebte Artikel berechnet ift. Im Exportgefchäfte nach Amerika find die Drills von Kämmel's Erben& Comp. rühmlichft bekannt und J. J. Trendel's Sohn fabriciren nach deren eigener Angabe nur für den Confum in Deutſchland. Hier trat auch zum erften Male die Leinenfabrication Italiens mit anerkennungswerthen Leiftungen auf. Während die Deffins der früher befprochenen Fabriken des deutfchen Reiches und Oefterreichs in ihren, den franzöfifchen und englifchen Concurrenten gleich hoch zu haltenden Kleiderftoffen, die zarten Rayirungen, die lieblichen Carreaux zur Schau tragen, zeigen die italienifchen Bekleidungsdrills Conturen, welche anderwärts kaum anfprechen dürften. Auch ftehen die Farben diefer Stoffe weit ab und beunruhigen das Auge. Wer aber den Gefchmack des italienifchen Landvolkes kennt, der weifs, dafs diefe Gewebe mit grauem, bis an kaffeebraun hinüber changirendem Grundton, fchwarz und fchmutzig gelb rayirten, quadrillirten und geflammten Muftern jenes Farbenfpiel find, welches fich dort in den leinenen Bekleidungsftoffen eingebürgert zu haben fcheint. Fratelli Remaggi in Navacchio und Pifa, fowie Affetto Fratelli in Chieri ( Torino) legten derartige Stoffe vor, denen vom Standpunkte der Fabrication Anerkennung gefpendet werden mufs. Im Fache der Hausleinen- Erzeugung, zu welchem auch ein Theil der Militärleinen zählt, fteht unbedingt, nach der Ausftellung zu urtheilen, Frankreich obenan. 2 16 Carl v. Oberleithner. " Die Collection von Villard, Caftelbon und Vial in Armentières ( Nord) und Voiron( Ifère) belehrte über die gangbarften Bleichgrade und Sorten. Man fah da rohe, cremirte und gebleichte Artikel. Leinen von 80 Centimeter, Betttücher von 2 Meter 40 Centimeter, Serviettes de toilette mit rothen Streifen von 65 s/ r 75, 68 s/ r 85, 70 s/ r 75 s/ r 70. Dann Zwilche von 72 Centimeter und Vareufe für Militärlieferungen, Franfenfervietten von 60, 70 und 80 Centimeter, theils roth, gelb und braun carrirt, theils geftreift, Küchentücher und Oeuil de perdrix. Ebenfo reichhaltig war die Expofition von J. Verité, Pidault& Comp. au Mans( Tiffage mécanique) in Lieferwaaren aus Hanfgarnen für das franzöfifche Kriegs- und Marineminifterium. Diefe und ihre Haushalt- Leinen haben 70, 80 bis 90 Centimeter, dann 2 und 3 Meter 70 Centimeter Breite und werden an ihnen diverfe Weifsegrade, toile écrue, cremée blanc de Pré und blanc de lait gekennzeichnet. Die regelmäfsige Stufenleiter der Breiten der franzöfifchen Leinen, welche dem Metermafs angepafst find, führt unwillkürlich zur Betrachtung oder zur Erwägung jener Mittel, welche geeignet erfcheinen dürften, das Chaos der in anderen Ländern gebräuchlichen Breiten ein für alle Mal zu nichte zu machen. Die Einführung des Metermafses in Deutfchland und Oefterreich wird hiezu den erften Impuls geben. Sie drängt die Frage: Welche Breiten werden gewählt werden müffen?" auch in diefen Ländern geradezu als eine der Beantwortung hochwichtige in den Vordergrund. Deren Löfung ift nicht fo einfach, als es auf den erften Blick fcheint. Denn es werden die Fabrication der Gewebe und die Confumenten der letzteren fich vereinigen müffen, um für jeden Artikel diejenigen Breiten feftzuftellen, deren Einführung nicht allzu grofse Koften für den Stofferzeuger und deren Maafse dem Confumenten das bieten, was der Zweck, für den er das Gewebe befchafft, verlangt. Als man an die einheitliche Garnnumerirung bei dem diefsbezüglichen internationalen Congreffe ging, begegnete man ähnlichen Schwierigkeiten. Es gelang aber dennoch, die vorzüglichften Spinnereibezirke des Continentes für das aufgeftellte Syftem zu gewinnen. Nur in England fcheint wenig Neigung vorhanden zu fein, von dem dort gangbaren Garnnumerirungs- Syftem abzulaffen. Diefs wird wohl auch der Fall fein, wenn eine andere Mafseinheit, als die Yard, von den Leinenintereffenten proponirt werden follte. Dadurch werden fich aber hoffentlich die Continentalen nicht abfchrecken laffen, denn deren Induftrie fteht ja derzeit fchon zumeift auf eigenen Füfsen. Auch ift der Confum innerhalb des Continentes ein fo beachtenswerther, dafs man ein felbftftändiges Vorgehen nicht mehr zu den Wagniffen zählen darf. Und wie nachtheilig die verfchiedenen Breiten auf den Verkehr mit Geweben, felbft nur zwifchen Nachbarftaaten wirken, dafür möge ein Beiſpiel zeugen. Die ausgebreitete mährifch- fchlefifche Fabrication liefert Leinen von 78 und 88 Centimeter; dem entgegen ift das weftphälifche Leinen circa 84 Centimeter breit. Wäre nicht fchon der Zoll zwifchen Oefterreich und Deutfchland ein faft unüberfteigliches Hindernifs für den Verfchleifs der Leinen von einem Zollgebiete nach dem anderen, fo würde ein nicht unerhebliches die namhaft gemachte Differenz der Waarenbreite bilden. Es kann für Leinenfabrikanten und Confumenten daher nichts dringlicher erfcheinen, als in dem Augenblicke, wo das Metermafs faft allgemein eingeführt werden mufs, zufammenzutreten und eine Einigung herbeizuführen. Kaum dürfte es ferner einen würdigeren Verhandlungsgegenstand als den foeben angeregten für den deutfchen und öfterreichifchen Leineninduftriellen- Verein geben. Von feiner Intervention darf man anhoffen, dafs die Behandlung diefes Gegenftandes alsbald vor ein internationales Forum gelangen werde. Mit der Erzeugung von Hausleinen und dergleichen Leinenwaaren hat fich die derzeitige Provinz Hannover von Alters her befchäftigt. In der Ausftellung war wenig hannover'fche Waare zu fehen. Ueber fie und ihr Erzeugungsgebiet gab aber das vorgelegte Werk:„ Zur Statiſtik der Leineninduftrie und des Leggewefens der Provinz Hannover von Wilhelm Woltmann, königlicher LeggeInfpector", den wahrheitsgetreueften Bericht. Es möge geftattet fein, auf diefe Flachs- und Hanf- Induſtrie. 17 fehr verdienftliche Brochure überhaupt aufmerksam zu machen und deren Schlufswort zur Stelle wiederzugeben. Dasfelbe lautet: ,, Die Leinwandinduftrie als Hausinduftrie geht rückwärts. Flachsbauen. Flachsbereiten, Spinnen und Weben find heut zu Tage keine Induftriezweige mehr, welche zugleich und nur als Nebenbefchäftigung betrieben, doch noch auf der Höhe der Zeit fich halten und mit letzterer fortfchreiten können. Die Verhältniffe, unter welchen die Leineninduftrie als Hausinduftrie einft. fich entwickelt hat und emporgeftiegen ift, haben im Laufe der Zeit durch die Einführung von Maſchinen auf dem fraglichen Induftriegebiete eine folche Umwandlung erfahren, dafs, wenn fchon der deprimirende Einfluss der Mafchinen auf die Handarbeit nicht bei allen Zweigen der Induftrie in gleichem Mafse fich zeigt, die Handarbeit vielmehr unter beftimmten Vorausfetzungen neben der Maſchinenarbeit noch recht wohl zu beftehen vermag, ihr, der Leineninduftrie, im Grofsen und Ganzen aber doch die Hauptbedingung für die Fortexiftenz in der bisherigen Geftalt das ift keine Concurrenz durch mechanifche Kräfte- genommen ift. Eine Hauptbedingung nur bedarf bei alle dem zunächft noch der Erfüllung und die befteht darin, dafs hinfichtlich des Betriebes der Flachscultur mehr und allgemeiner noch wie bisher den alten unzweckmässigen Gewohnheiten der Abfchied gegeben wird und Culturmethoden zur Ein- und Durchführung gelangen, welche geeignet find, den Fabriksbetrieb in feinen einzelnen Zwecken kräftig zu ftützen und die fegensreiche Entwicklung desfelben zu fördern." Da wäre denn für alle auf dem nationalen Flachs- und Hanfbau bafirenden Hausinduftrien der allein heilverfprechende Weg klar vorgezeichnet. Und man fah denfelben auch der Ausftellung nach bereits mit Glück vielfeitig betreten. So in den ganz vorzüglichen Expofitionen von Brunet& Serrat zu Barcelona. in Spanien und in der vollkommen würdigen Darftellung der Fabrication öfterreichifcher Hausleinen, welche die Römerftädter Fabrikanten gebracht hatten. Indem fie den fabriksmäfsigen Betrieb aufnahmen und ihre Gewebe einem forgfältigeren Bleichverfahren unterziehen, bringen fie ihre Waare auf den Standpunkt, welchen der Confum heut' zu Tage verlangt und fichern fich das innegehabte Abfatzgebiet. Das Intereffe der Frauenwelt am Linnen bethätigte fich lebhaft an den Vitrinen, welche gebleichte und appretirte Leinenzeuge aufgenommen hatten. Der aufmerkfame Beobachter konnte da die erfreuliche Wahrnehmung machen, dafs Diamanten, Perlen und Balltoilette den Sinn des weiblichen Gefchlechtes für die Gegenftände des Haushaltes nicht in dem Mafse abforbirt haben, wie man allgemein anzunehmen fcheint. Es war eine wahre Freude, den mannigfaltigften Ausrufen des Entzückens zu laufchen, welche den Lippen des zarten Gefchlechtes an den Expofitionen fo manchen Leinenausftellers entfchlüpften. Diefe hatten aber auch das Möglichfte geleiftet, um Kennern und Laien Auffchlufs über den gegenwärtigen Standpunkt der Fabrication von appretirten Leinen zu geben. Der Schmuck des Linnen ift der ihm eigenthümliche Glanz. Man muss den irifchen Bleichern und Appreteuren Gerechtigkeit widerfahren laffen. Sie haben es erfunden, den Geweben aus Mafchinengeſpinnft faft denfelben Glanz zu verleihen, welcher die Zierde der Handgarn- Leinwand war. Umfonft verfuchte man es bisher den Leinen mittelft Mange oder Cylinder den Appret der Beatlingmafchine eigen zu machen. Diefer ift an und für fich koftfpielig. Er wird noch dadurch erheblich vertheuert, weil er ein grundweifses Gewebe vom Bleicher verlangt. Waare, welche letztere Eigenfchaft nicht befitzt, verliert unter den Hämmern der Beatlingmafchine, deren Vorzug ift, den Faden an feiner ganzen Peripherie zu glätten, den früheren, allerdings nur oberflächlich vorhanden gewefenen Grad der Weifse. Man fieht daher auch nur da die Beatlingappretur mit Erfolg angewandt, wo das Bleichverfahren ebenfalls Fortfchritte aufzuweifen hat. Unftreitig find in Bleiche und Appret die Oefterreicher den Irländern am nächften gerückt. Man erinnere fich an die hervorragenden Leinenausftellungen 2* 18 Carl v. Oberleithner. aus Mähren, Schlefien und auch Böhmen und man wird zugeftehen, dafs mit Ausnahme der Tafchentücher von der Blaubeurer Bleiche in Württemberg, kein anderes als das öfterreichifche dem irifchen Leinen gleich hoch zu halten ift. Die minder günftigen klimatifchen Verhältniffe, welche der Continent gegenüber der grünen Infel aufweift, fcheinen von den öfterreichifchen Fabrikanten durch mannigfache Abweichungen von dem irifchen Bleichfyftem wett gemacht worden zu fein. Diefen Aenderungen dürfte man überdiefs die gröfsere Dauerhaftigkeit der mährifch- fchlefifchen Leinen zu verdanken haben. Der hohe Grad der Weifse, welchen der öfterreichifch- ungarifche Markt felbft für die ordinärften Leinengewebe verlangt, wird als Beweis für die Zweckmäfsigkeit des diefsfeitigen Bleichverfahrens fprechen. In der That trägt auch noch eine entsprechende Appretur nicht allein zum gefälligeren Anfehen der Gewebe bei, fondern fie ift, wie fchon früher angedeutet, der Prüfftein des vollendeten Bleichgrades. Ueberdiefs wird die auf Lager gehaltene, gut gebleichte und appretirte Leinwand im Detailhandel viel weniger dem Befchmutzen und Zerknittern unterworfen fein, als Waaren von minderem finiſh. Den Beleg hiefür liefert der Vergleich zwifchen einer gut und minder gut geputzten( geplätteten) Manchette. Auf der gleichen Stufe wie die irifchen und öfterreichifchen Leinen ftehen, was Bleiche und Appret anbelangt, die Tafchentücher von A. F. Lang in Blaubeuren und Lang& Seiz in Stuttgart. Beide von der Blaubeurer Bleiche herrührend, zeugen für die vollkommene Aneignung des irifchen Verfahrens. Die königlich württembergifche Regierung hatte erkannt, dafs zur Hebung der heimifchen Leineninduftrie namentlich die Einführung eines befferen Bleichverfahrens beitragen könne. Bleicher und Appreteure wurden auf Staatskoften aus Irland ins Land gezogen und erhalten. Deren Wirken war ein erfolgreiches. Es fand thatkräftige Unterstützung an dem Befitzer des Etabliffements Eduard Lang und fo zählt heute noch die Blaubeurer Bleiche zu den erften Deutfchlands. Was Bielefeld im Fache der Bleiche leiftet, ift rühmlich bekannt. Sein Appret läfst jedoch einen gewiffen Moire wahrnehmen, welcher beim weifsen Leinen in der Regel nicht gewünſcht wird. Die belgifche Waare von Rey aîné in Brüffel ift vorzüglich gebleicht; fonft bot die Ausftellung keine gediegene Leiftungen feitens Belgiens in diefem Fache. Man kann den Franzofen die Anerkennung nicht vorenthalten, dafs fie es unübertrefflich verftehen, das feinfte Linnen und den Batift zu bleichen und zu appretiren. Der franzöfifche Appret ift mild, Schufs und Kette des gitterartigen Gewebes erfcheinen wie Silberfäden lofe an einander gereiht, und doch ift die Fläche fo gefchloffen, als wäre der irifche high finifh bei der Appretur angewendet worden. Das find nicht zu unterfchätzende Vorzüge, welche die ihrem edlen Webemateriale nach höchft koftbaren Stoffe im Werthe noch fteigern. Bei den glatten Leinen fpielt auch die Aufmachung eine nicht unbedeu. tende Rolle. In der Regel ift die fogenannte Adjuftirung für den einheimifchen Markt möglichst einfach. Je weiter die Verbrauchsgebiete entlegen find, je mehr die Kundfchaft den äufseren Schein dem inneren Gehalte vorzieht, oder für letzteren das Verſtändnifs nicht hat, defto mannigfaltiger und bunter mufs die Aufmachung gewählt werden. Dafs man hierin des Guten zu viel thun kann, haben viele Expofitionen leider bewiefen. Man fah in vielen Schränken mehr Papier, Bandwerk und Etiquetten als Leinwand. Der Meifter in gefchmackvoller Adjuftirung fcheint das Haus S. C. Fenton& Comp.. in Belfaft zu fein. Sein prachtvoll weifses Linnen brachte in der Aufmachung unbedingt das Neuefte und Gefchmackvollfte, Queen's Linen, Family Linen, Shirting Linen, Bramante Florete waren in unerreichter Weife nett und durchaus nicht überladen adjuftirt. Als eine Gefchmacksverirrung mufs man dagegen jene fargartige Adjuftirung bezeichnen, welche zwei andere irifche Aussteller für Havy Linen family uſe und Tafchentücher gewählt hatten. Die irifche Leinenausftellung war an Zahl der Exponenten klein, wenn gleich fehr verdienftvolle Leiftungen aufweifend. Dickfon, Furgufon& Comp. Flachs- und Hanf- Induftrie. - 19 hatten Leinen und Tafchentücher von fchöner Bleiche gebracht und excellirten auch in bedruckten Kleiderftoffen. Die Expofition von Jaffe Brothers war fehr reichhaltig. Nebft ihren Imperial fronting havy family extra ftrong Linen, ihren fchön verzierten grano de oro, find hervorhebenswerth deren gebleichte, geftickte, bedruckte Leinen- und Batift- Tafchentücher. Diefe und ihre Kleiderleinen haben fehr gefchmackvolle Deffins. Das von C. Pegler& Comp. in Leeds vorgelegte Sortiment irifcher Leinen und ungebleichter Tafchentücher reiht fich den irifchen an. Frankreich fteht noch immer an der Spitze der Batiftfabrication. Bricout Molet in Cambrai erfcheinen als die beften Repräfentanten diefes Fabricationszweiges. Sie hatten die fchönften Batifte und darunter auch einige mit farbigen eingelegten Borduren exponirt. Ihnen verdankte man auch einen Einblick in jenes koftbare Material, aus welchem die hochfeinen Artikel erzeugt werden. Es find diefs Handgefpinnfte von Nr. 315 bis 710. Intereffant dürften nachfolgende Angaben über Länge und Gewicht diefer Garne fein; Nr. 315 hält 10.140 Meter im Gewichte von 45 Gramm, fomit 225.300 Meter per Kilo. Nr. 460 hält 16.600 Meter im Gewichte von 50 Gramm, fomit 332.000 Meter per Kilo, das feinfte, Nr. 750 hält 12.285 Meter im Gewichte von 24 Gramm, fomit 512.000 Meter per Kilo. Bucholz& Comp. in Valenciennes verdienen grofse Anerkennung für ihre Batifte écrue mit farbigem Rand, dann weifse und gedruckte Batift- Tafchentücher, deren Deffins äufserft gefchmackvoll und folid find. Die Deffins von F. Secour in Valenciennes find mehr bizarr, dürften aber gerade den Beifall derjenigen haben, bei denen der Chicque obenan fteht. Simonot Godard ebenfalls in Valenciennes, zeichnet fich aus durch Foulards en fil pour robes et mouchoirs de poche imprimés, toile fantaifie pour menure, rayée, färbig gewebt. Die weftliche Längengallerie des Induſtriepalaftes beherbergte eine ihrem Umfange nach grofse, und ihrem Inhalte nach reichhaltige Expofition. Es war diefs das belgifche Linnen, zur Anfchauung gebracht von Rey aîné in Brüffel, welches über die Fortfchritte der mechanifchen Weberei für fchwere Leinen Auffchlufs gibt. Rey aîné hat für glatte Leinen und Gebildwaare nahe an 1000 Power looms im Gange. Die vorgelegten Mufterbücher waren eine höchft fchätzenswerthe Collection. Im deutfchen Reiche nimmt die Bielefelder Fabrication den erften Rang ein. Zeitweilig durch das Hangen am Handgefpinnft in Verfall gerathen, hat fie in neuefter Zeit einen bewundernswerthen Auffchwung bethätigt. Die Errichtung von mechanifchen Flachsfpinnereien, deren an anderer Stelle bereits lobend gedacht wurde, mufs als erfter Schritt auf der fo glücklich betretenen fortfchrittlichen Bahn bezeichnet werden. Ihr folgte naturgemäfs der Uebergang zur fabriksmäfsigen Weberei. Und fördernd gefellte fich die Fabrication von Einfätzen für Leibwäfche hinzu, in welcher derzeit das Bielefelder Gefchäft culminirt. Die Zahl der für Hemdeinfätze befchäftigten Nähmafchinen beziffert fich in Bielefeld auf 2200, in Herfort auf 400. Die vorgelegten Hemdeinfätze zeugten für die Grofsartigkeit diefes neuen Induftriezweiges. Erwähnt und hervorgehoben werden follen zur Stelle die aufgelegenen Mufterbücher von S. A. Stern sen. in Bielefeld, weil fie in fyftematiſcher Anordnung die verfchiedenen Deffins darftellen und die Reichhaltigkeit der durchweg gefchmackvollen Mufter erkennen laffen. In Stückwaare, fogenannten Bielefelder Leinen, excellirten Bertels mann& Bergmann, A. W. Kisker, Gebrüder Wertheimer u. A. Hemdeneinfätze mit reizenden Stickereien hatte auch Jäger& Volz. in Strafsburg exponirt. Obgleich der Anwendung von bildlichen Darftellungen nicht abfolut entgegen, möchte den Fabrikanten von Hemdeneinfätzen doch möglichft vorfichtige Wahl auf das Wärmfte hiermit empfohlen werden. Man konnte da Extravaganzen wahrnehmen, welche zu beklagen find. 29 Für den Artikel Tafchentücher" find in der deutfchen Abtheilung, Württemberg und Preufsifch- Schlefien rühmlich eingetreten. 20 Carl v. Oberleithner. Entfprechende Qualität, nette Borduren, ausgezeichnete Bleiche und Appretur kennzeichnen die Tafchentücher von A. F. Lang zu Blaubeuren in Württemberg, deren Fabrication überhaupt ganz nach englifchen Vorbildern eingerichtet ift. Einen Schlag von leichteren Sacktüchern zu 41, 55 und 61 Centimeter, roh gebleicht, bedruckt, fehr forgfältig fabricirt, nett adjuftirt und viel Muftergefchmack verrathend, erblickte man in der Collectiv- Ausftellung von Lauban in Preufsifch- Schlefien. Wenn Ausftellungen den Zweck haben follen, Auffchlufs zu geben über den Standpunkt der Production, fo ift die Wiener Weltausftellung ein willkommener Anlafs gewefen, um den immenfen Fortfchritt der öfterreichifchen Leinenfabrication klar zu legen. Dahin fpricht fich auch das Urtheil ausländifcher Fachgenoffen aus und zuftimmen werden die Befucher aus aller Herren Länder. Von den Hauptleinen- Fabriksdiftricten waren hervorragende Leiftungen zu verzeichnen. Die mährifch- fchlefifchen Leinen aus den Schönberger und Freiwaldauer Fabriken, die Rumburger Weben und die Hohenelber Schocke und Tafchentücher nahmen den erften Rang ein. Wahl des Materiales, Weberei, Bleiche, Appretur und Aufmachung der bezeichneten mährifch- fchlefifchen Leinenwaaren ftellen fie auf die gleiche Stufe, welche die irifchen Leinen einnehmen. Den Kaufleuten waren die fchweren. Qualitäten der Leinenwaaren- Fabrik von Eduard Oberleithner's Söhne in Mährifch- Schönberg allbekannt. Das grofse Publicum wird Gelegenheit gefunden haben, fein Urtheil über diefs gröfste Leinenhaus Oefterreichs fich zu bilden. Gleich fchwere und vorzügliche Leinen fah man in den äufserft gefchmackvollen Ausftellungen von Regenhardt& Raymann in Freiwaldau und Carl Sieglsen. in Mährifch- Schönberg. Was diefe drei Expofitionen an Leinwand enthielten, war Alles muftergiltig. Sie haben ein getreues Bild ihrer vielfältigen Artikel als da find: 30ellige Leinen, Creas, Irländer, Rumburger Weben und Betttücher- Leinen in allen gangbaren Breiten gegeben und ihre Vorbilder allfeitig erreicht. Ihre und der Firma Auguft Küfferle& Comp. in Freiwaldau, Bleich- und Appreturanftalten find grofsartig in der Anlage und eminent in den Leiftungen. Die Aufmachung diefer Leinenfabricate entſprach vollkommen dem foliden Charakter der Gewebe, fie liefs an Nettigkeit und Perfection nichts zu wünſchen übrig. Dem Haufe Regenhardt& Raymannift es überdiefs gelungen, den öfterreichifchen Markt mit nach irifcher Weife erzeugten Tafchentüchern zu verfehen und den Confum der Original- Irländer Sacktücher in Oefterreich- Ungarn auf ein Minimum einzufchränken. Leinen von gleich fchwerem Schlag lieferte auch die Collectivausftellung von Rumburger Weben. Johann Richter jun. in Georgswald( Böhmen) und Mai& Hohlfeld in Georgswald( Böhmen) hatten diefen Artikel bis zum Preife von 250 fl. per Stück à 54 Ellen ausgeftellt. Das Maſchinengarn herrfcht Handderzeit auch fchon in den Rumburger Weben vor. An den Ausdruck gefpinnft" gemahnen nur mehr wenige Stücke. Es fteht zu erwarten, dafs diefe Bezeichnung auch an den Rumburger Weben bald verfchwinden wird, wie fie bei den Bielefelder Leinen den Charakter eines Ehrenprädicates verloren hat. Dort wird fie fchon wie ein verklungenes Märchen aus alter Zeit betrachtet. " Die Hohenelber rohen, gebleichten und farbigen Leinen und Tafchentücher konnte man bei keiner der vorhergehenden Ausftellungen fo hoch fchätzen lernen als bei der Wiener. Es ift diefs eine Sorte wohl leichterer Qualität, aber für den Confum, welchem fie zugeführt wird, in jeder Beziehung entfprechend. Die böhmifchen Handweber find fehr gewandt in der Anfertigung folcher Gewebe. Sie arbeiten viel für Exporthäufer der benachbarten Leinendiftricte des deutfchen Reiches. Ihre Lebensexiftenz hatte man vorzüglich im Auge, als das fogenannte Appreturverfahren in dem neuen Zollvertrage zwifchen Oefterreich und dem deutfchen Zollvereine Aufnahme fand. Hätte man damals den Antrag Flachs- und Hanf- Induftrie. 21 der mährifchen Leinenfabrikanten, welcher auf den vollſtändig freien Verkehr mit Leinengefpinnften und Geweben zwifchen Oefterreich- Ungarn und dem deutfchen Zollvereine einrieth, von Seite der vertragfchliefsenden Staaten angenommen, fo wäre dem Schmuggel mit Leinen mit einem Male das Handwerk gelegt worden, zu dem das Appreturverfahren nicht unwefentlich beitragen foll. Tauchmann& Söhne in Starkenbach, J. A. Kluge in Hermannfeifen und Oberaltftadt, Dominik Jerie in Starkenbach und viele Andere waren würdige Vertreter des Hohenelber Fabriksbezirkes. Die Zahl der hervorragenden Ausfteller in der öfterreichifchen Leinenabtheilung ift übrigens eine fo grofse gewefen, dafs die Aufzählung der Namen die Form eines Kataloges annehmen würde. Doch kann man nicht umhin, an die gediegenen Fabricate zu erinnern, welche Anton Hönig& Söhne in MährifchSchönberg, F. A. Heinz in Freudenthal, Anton Schmidt in Grofs- Ullersdorf, Camilla Fölfer in Lichtenau, der Wiener Weltausftellung geliefert hatten. Die mechanifche Weberei befindet fich in Oefterreich, was Leinen anbelangt, noch in den Kinderjahren. Zur Ehre der mährifch- fchlefifchen Handweber fei es gefagt, dafs fie den an früherer Stelle hervorgehobenen böhmifchen Webern an Gefchicklichkeit vollſtändig gleich ftehen. Man hat daher auch, als die Seidenweberei von Wien auszuwandern begann, das Augenmerk hauptsächlich auf die angedeutete Arbeitskraft angewendet, und fich in den Erwartungen nicht getäuscht. Die Leinen- Handweberei wird aber dem Schickfale der Handfpinnerei nicht entgehen. Es haben die mechanifch gewebten Leinenartikel der erzherzoglich Albrecht'fchen Fabrik in Tefchen, der Freiwaldauer und eines Schönberger Etabliffements gezeigt, dafs die Maſchinenweberei rüftig vorwärts fchreitet. Man producirt in diefen Werkstätten zwar noch theurer mit dem Kraftftuhl als mit der Hand, jedoch bieten die Rafchheit der Erzeugung und die Vorzüge der Fabrication in gefchloffenen Etabliffements nicht zu unterfchätzende Vortheile. Diefe werden bei dem raftlofen Fortfchritt, welchen die Mechanik auf allen Feldern bethätigt, wohl noch durch leichtere Handhabung und geringere Anfprüche des Power looms an die bewegende Kraft als bisher, unterſtützt werden. Oefterreich- Ungarn mufs grofsen Werth auf die Erhaltung und Entwicklung feiner Leinenwaaren- Induftrie legen. Sie bafirt auf dem einheimifchen Flachs- und Hanfbau, fie ift eine Ziffer des Activhandels, mit der man rechnen mufs. Selbftredend find nachfolgende Daten, welche den Antheil der einzelnen Textilinduftrien am öfterreichiſch- ungarifchen Import und Export während der Jahre 1868, 1869, 1870 klar darftellen. Baumwoll- Waaren Wollenwaren Seidenwaaren Summa dagegen Import 4,624.210 15,194.203 20,348.153 40,166.566 Export 5,882.665 16,412.046 10,344.000 32,638.711 Export Leinenwaaren Import 2,817.007 • 15.610.096 Es überfteigt daher der Export den Import an Leinenwaaren um öfterreichifche Währung fl. 12,793.089 oder in Percenten ausgedrückt um mehr als 450 Percent und ift defshalb der vollen Berücksichtigung werth. Die k. k. öfterreichiſche Regierung hat der Förderung des Flachsbaues bereits ihr Augenmerk zugewendet. Man kann ihren Bemühungen nach diefer Richtung nur ungetheilte Anerkennung zollen. Anders fteht es mit der Förderung der Spinnerei- und Webereibranche und mit der Eröffnung von neuen Abſatzgebieten. Mafchinen für Spinnerei und Weberei find bekanntlich aus dem Auslande annoch zu beziehen. Deren zollfreie Einfuhr fiel den fiscalifchen Rück 22 Carl v. Oberleithner. fichten, gewifs nicht dem Auffchwunge der heimifchen Mafchinenbau- Anstalten, zum Opfer. Die Befteuerung, im grofsen Ganzen eine empfindliche Belaftung der Gewerbe, artet namentlich den grofsen Etabliffements gegenüber an manchen Orten in Härte aus. Sie iſt auch nicht gleichmässig dem kleinen Mann gegenüber. Selbft der Lohnweber wird nicht nach einem Principe befteuert; in manchen Bezirken hält man ihn zur Steuerleiftung an, während er in anderen davon gänzlich enthoben ift. Mit gewohnter Offenheit wird diefs conftatirt, aber auch zugeftandendafs mit Abhilfen in diefer Richtung allein die öfterreichiſche Flachsinduftrie nicht gefichert werden kann. Sie wären Gaben der väterlichen Fürforge, für welche die k. k. Regierung gewifs den tiefgefühlteften Dank aller Betheiligten ernten würde. Das Uebel liegt jedoch tiefer. Seitdem das lombardifch- venetianifche Königreich von Oefterreich losgelöft wurde, ift der Verluft eines für die Leinenwaaren- Fabrication hochwichtigen Abfatzgebietes zu beklagen. Die Production überfteigt den Confum im Inlande. Eine unglückliche Getreide- Ernte in Ungarn reicht hin, eine Gefchäftsftockung herbeizuführen, wie fie die Gegenwart aufzuweifen hat, trotzdem die öfterreichifche Leinenfabrication aus Anlafs der Wiener Weltausftellung, fowie der durch die allgemeine Bauluft ftattgefundenen Hoteleinrichtungen vor Kurzem noch aufsergewöhnlich befchäftigt war. Da follte, da mufs Abhilfe gefchaffen werden. Der Verbrauch von Leinenwaaren ift ja im Allgemeinen in Zunahme begriffen. Frankreich, der Norden des deutfchen Reiches und namentlich Rufsland find Verbrauchsquellen, auf deren Zuleitung mit aller Macht hingewirkt werden follte. Die öfterreichifche Leineninduftrie hat in der Wiener Weltausftellung gewifs gezeigt, dafs fie den zollfreien Verkehr mit diefen Staaten nicht zu fcheuen braucht. Aber eine Zollfchranke von 12 Percent, wie folche das deutfche Reich, oder gar von 30 Percent, wie felbe Frankreich und Rufsland entgegenftellen, vermag fie nicht zu überfetzen. Möge die k. und k. Regierung die an früherer Stelle belegte Wichtigkeit der Flachs- und Hanfinduftrie Oefterreich- Ungarns berücksichtigen und die Anbahnung von diefem Fabrikszweige entſprechenden Zollverträgen alsbald zur Thatfache werden laffen. Eine wunde Stelle im öfterreichifchen Leinengefchäfte nach Aufsen ift auch der Verfall des Manufactur- Grofshandels in Trieft und der gänzliche Abgang des beifpielsweife in Irland, fo förderlichen Commiffionshandels mit Leinenwaaren. Dagegen mufs hervorgehoben werden, dafs der inländifche Detailhandel mit Leinenerzeugniffen, insbefondere in Wien, Peft, Trieft und an allen bedeutenden Orten, mächtig zu dem derzeitigen hohen Standpunkte der vaterländifchen Leinenfabrication beigetragen hat. Seine folide Handlungsweife, fein opferwilliges Ausharren, hat den fchwindlerifchen Experimenten fo mancher Abenteurer einen unüberfteiglichen Damm entgegengeftellt. Sein guter Rath war wefentlich fördernd zur Hand, wo und wann er von den Fabrikanten in Anfpruch genommen wurde. Am Endpunkte des bisher in der Richtung von Weften nach Often eingehaltenen Rundganges durch die Leinenabtheilung befinden fich die ruffifchen Expofitionen. Hielle& Dittrich in Girardow, Gouvernement Warfchau, befitzen das grofsartigfte Etabliffement in Rufsland. Sie haben nebft einer Flachsfpinnerei von 13.000 Spindeln, 900 mechanifche Webftühle im Gange und befchäftigen 3500 Arbeiter. Mannigfaltig find die Artikel, welche aus diefem Etabliffement. hervorgehen. Graue und gebleichte Dooks, Creas, Lackenleinen( ungebleicht) Einfatzleinen, Tela Ruffa, dann naturelle Leinen für Damenkleider, Leinen, Drills und Tafelzeuge etc. liefsen keinen Zweifel über die umfichtige Fabrication und deren Einrichtung nach den modernen Principien. Die Actien gefellfchaft von Tammerfors befchäftigt 959 Arbeiter und ift ihren Geweben nach, ebenfalls zu den beften Ausftellern der Leinenbranche zu zählen. Die Leinen der anderen ruffifchen Ausfteller hatten mehr die Eigenfchaften der gelungenen Hausleinwand. Es dürfte aber auch in diefem Lande der Confum alsbald Waare von höherem Weifsegrade allgemeiner als bisher fordern, wofür die riefigen Umfätze der genannten zwei Firmen fprechen. Flachs- und Hanf- Induftrie. 23 Im Stück gefärbte Leinenwaare, fowie bedruckte Tafchentücher waren in der Expofition der Zahl nach wenig vertreten. Unftreitig nahmen hierin die öfterreichifchen Ausftellungen den erften Rang ein. Tele roanne, Choletsleinen, gedruckte Tüchel hatten Gebrüder Stefan in Arnau und alle Leinen- FarbwaarenArtikel, namentlich für Bekleidungszwecke, Gebrüder Steinbrecher in Mährifch Trübau ausgeftellt. Auch das deutfche Reich befafs in der Expofition H. Schwaabe in Ernsdorf bei Reichenbach in Preufsifch- Schlefien einen ganz würdigen Vertreter von halbleinenen Schürzen- und Kleiderftoffen. Die gedruckten Tafchentücher eines württemberg'fchen Ausftellers zeigten wenig fcharfe Umriffe der Deffins. In Oefterreich gibt es eine grofse Anzahl von Lohnfärbern, welche Waare im Stück vortrefflich färben und Tafchentücher fchwerer Qualität eminent bedrucken. Dem gegenüber klagt man im deutfchen Reiche über den Mangel an derlei Färbern. Beide Productionsgebiete kranken in der Färberei der Leinengarne und in dem Bedrucken der undichteren Leinenftoffe für Damenkleider und BatiftTafchentücher. Es fcheint, dafs es allda noch immer nicht gelingen will, die Irländer mit ihren echten Farben zu erreichen. Noch mufs man eine Sorte von Leinengeweben erwähnen, welche in Oefterreich den Namen Canevas führen und unter den mannigfaltigften Benennungen, insbefondere von Sachfen, nach Cuba, St. Thomas, Venezuela, Mexico und Africa exportirt werden. Der Meifter in der Erzeugung der letzteren ift C. F. Neumann jun. in Eybau mit einer Jahresproduction von 115.000 Stücken und einer Arbeiterzahl von 500 Perfonen, ihn fecundiren würdig J. C. Zifche & Söhne in Schönbach bei Lebau, ebenfalls in Sachfen. Unter den öfterreichifchen Ausftellern erfcheint Mikulafchek C.& Sohn zu Sternberg in Mähren befonders hervorhebenswerth wegen der fehr niedlichen Mufter, welche feine Canevaffe zieren. Gebildwaare. Die Fabrication von Leinen- Gebildwaare ift in den Streit mit hinengezogen worden, welcher zwifchen den Vertretern der naturaliftifch gehaltenen Mufter und jenen der ftiliftifchen Zeichnungen entbrannte. Man kann den Letzteren nicht genug Dank wiffen, dafs fie dem wirren Untereinanderwerfen von Blumen, Gewinden und Ornamenten einen Riegel vorfchoben. Indem fie die Fabrication aufmerkfam machten, dafs mit Formen von viel einfacheren Linien, mit mehr Oekonomie anlässlich der Anbringung von Schattirungen, bei Weitem effectvollere Deffins erzielt werden können, haben fie gleichzeitig den Weg vorgezeichnet, welchen man betreten follte. Bei dem notorifchen Hange des Publicums an dem traditionellen Gefchmacke, wie er in den Grofs- Schönauer Gebilden gang und gébe war, wird man jedoch die Blume, felbft in naturaliftifcher Wiedergabe, nicht vollkommen miffen können. Sie wird einmal als eine Zierde des Tafelzeuges betrachtet. Der Künftler mag es beklagen, dafs man ihre Conturen mit Tafelgefchirr unterbricht oder fie mit den flüffigen Theilen der aufgetragenen Gerüchte entheiligt. Der Laie fühlt da ganz anders. Ihm erfcheinen die Formen der Blume voll Liebreiz, der Gedanke an ihren Duft würzt ihm das Mahl. Es ift nun eben fchwer, fehr fchwer, die Blume naturgetreu wiederzugeben und daraus erklärt fich zum Theile der Widerwille gegen ihre Anwendung. Die Heranziehung von bedeutenden Künftlern wird die erforderliche Läuterung des Gefchmackes auch in der Leinen- Gebildwaare zur Folge haben. Die Ausftellung dürfte gezeigt haben, dafs man mehrfeitig fchon recht glückliche Refultate erreicht hat. Es gehört jedoch zu einer fo totalen Umgeftaltung der Deffins viel Zeit und fie verurfacht namhafte Koften. Wer in Anfchlag bringt, wie lang es dauert, bis ein vom Künftler entworfener Deffin durch den Zeichner in die Carta rigata gefetzt, vom Kartenfchläger 24 Carl v. Oberleithner. levirt ift, die Karten ausgefchlagen, die Stoffe gewebt, gebleicht und appretirt find, der wird ftaunen, was von manchen Fabrikanten in der Vorführung gediegener Mufter aus Anlafs der Wiener Weltausftellung geleiftet wurde. An Webevorrichtungen find derzeit für die Gebildwaaren- Erzeugung der Schaftftuhl, die Jacquardmafchine für reinen Jacquard und die Jacquardmafchine in Verbindung mit Schäften( Vorzeug) wohl nur mehr ausfchliefslich in Function, feitdem der Zugftuhl durch Jacquard's geniale Erfindung überflügelt wurde. Die Erzeugung von Gefchachtmuſtern ſcheint einigermafsen vernachläffigt zu werden. Nicht als ob die Qualitäten der ausgeftellten Zwilch-, Handtuchund Tifchzeuge, oder deren Weberei irgend etwas zu wünſchen gelaffen hätten. Aber dafs ein Stillſtand in der Hervorbringung neuer Mufter eingetreten iſt, das mufs man conftatiren. Erklären läfst fich diefe Erfcheinung nur durch die gröfsere Freiheit, welche die Jacquardmafchine für die Herſtellung von Muſtern gegenüber dem Vorzug darbietet. Der Jacquardmafchine gehört denn auch die Zukunft, nachdem fie in der mechanifchen Weberei der Gebildwaaren die Hauptrolle fpielt. Staunenswerth ift der Fortfchritt, den die Leinenjacquards erkennen laffen. Die Ausftellung hatte hievon ehrende Beweife geliefert. Da bei den Jacquards je an einer Schnur nur eine Helfe, alfo auch nur ein Faden functionirt, fo erfcheinen ihre Gebilde je um fo vieles kleiner, als man beim Damaft mehr Helfen an einer Schnur anbringt. Diefer Umftand hat nun eine Reihe von höchft finnreichen Schnürungen des Harnifch nothwendig gemacht, welche den Zweck haben, namentlich die Borduren möglichft in derfelben Breite auszufertigen, wie felbe beim Damaft üblich find. Die Einführung des reinen Jacquard in der Leinen- Gebildwaaren- Fabrication dürfte in Oefterreich in die zweite Hälfte der vierziger Jahre fallen. Sie iſt eine bedeutende Errungenfchaft, denn während insbefondere die fünffchäftigen Damaftgewebe, welche man bis dort für die ordinären Sorten wählte, ein äufserft communes Ausfehen aufweifen, find die Jacquards desfelben Feinheitsgrades fchon ganz reizende Gebilde. Durch die bei ihrer Herftellung auf dem Handftuhl gemachten Erfahrungen wird auch der Uebergang zur mechanifchen Weberei wefentlich erleichtert. Bei dem Damaft unterfcheidet man den fünfbündigen, achtbündigen; felten kommt der zwölfbündige Damaft vor. Der achtbündige Damaft läfst das Leinengewebe wohl ordinärer erfcheinen als der fünfbündige. Der Erftere hebt aber das Mufter vom Grunde mehr ab, und follte daher vorgezogen werden. Ebenfo ift einzelnen Fabrikanten mehr Umficht in der Wahl der Platinenzahl zu empfehlen. Es kommt leider häufig vor, dafs man für Damafte Mafchinen von allzu niederer Platinenzahl wählt; die Conturen werden da zackig, unfchön und das Mufter wirft nicht. Anderfeits dürfte den Zeichnern zu rathen fein, der möglichften Ausnützung der Mafchine im Mufter mehr Rechnung zu tragen, als diefs bei vielen Damaften zu erfehen war. Bleiche und Appretur fpielen bei den Leinengebilden eine gleichwichtige Rolle. Wieder ift es die Beatlemafchine, welche unter Mitwirkung des Calanders es ermöglicht, die Conturen des Deffins vortheilhaft vom Atlas abzuheben. Ihre meifterhafte Anwendung, namentlich von Seite der öfterreichifchen Gebildwaaren- Fabrication, hat in der Weltausftellung Bewunderung erregt. Die Engländer excellirten diefsmal nur mit hochfeinen Oeuil de perdrix, fchwedifchen und wenigen anderen gebleichten Tafelzeugen Mit dem Muftergefchmack, welchen die naturellen Kaffeetücher eines irifchen Haufes bekundeten, dürften fich wohl kaum viele Befucher der Ausftellung befreundet haben. Was daran nicht Copie der Grofs- Schönauer Vorbilder war, liefs bezüglich Gefchmack Manches zu wünfchen übrig. J. Caffe in Lille hatte gleichfalls das hellgelbe Garn für die Kette feiner einfchlägigen Gebildwaaren gewählt, aber unvergleichlich frifcher war Flachs- und Hanf- Induftrie. 25 deffen Ton und prachtvoll hob fich der weifse Einfchufs davon ab. Man hatte in deffen Vitrine Damafte vor fich liegen, welche Zeugnifs gaben von dem hohen Standpunkte diefes Etabliffements. Nicht allein in den, der franzöfifchen Damaftfabrication längft eigenen Toilette- und Tafelzeug- Artikeln mit farbigen Streifen und Borduren, geknüpften und ungeknüpften Franfen, bietet J. Caffe das Höchfte. Seine fämmtlichen Gebilde, felbft jene, welche gleichfam den ganzen Apparat der Webekunft in fich tragen, find wunderbare Leiftungen. Umfonft wird man es verfuchen, es verfuchen, an feine reizenden Blumen die Sichel anzufetzen. Sie haben im Sturm die Gunft des Publicums erobert und werden in Taufenden von Damaften und Jacquards neu erblühen. Hieher gehörige Artikel mit geknüpften Franfen brachten auch die Italiener, wie: Flli. Remaggi, Fco. Cantaluppi in Bufto Arfizi bei Mailand. Es hat den Anfchein, als follte diefe Verzierung beim Leinendamaft Mode werden. An und für fich wird fie die Reinigung diefer Artikel erfchweren und verzur Wiederherstellung der theuern. Auch dürfte fie gefchickte Hände zur fchwierigeren Knüpfereien in Anfpruch nehmen. Es wäre denn, man wollte die Diefsfalls dürften fie aber Franfen geknüpft dem Wafchen unterziehen. bei nachherigem Gebrauche der Tafel- und Handtuchzeuge eine auf die Geruchsorgane gerade nicht wohlthuende Wirkung hervorbringen, welcher Uebelftand felbft den ungeknüpften Franfen, wenn auch in geringerem Mafse, anklebt. Unter den belgifchen Gebildwaaren- Erzeugern vermag man wieder nur die Firma Rey aîné unter die Zahl derjenigen einzureihen, welche das Niveau der Hausinduftrie glücklich paffirt haben. Man mufs ftaunen, dafs in einem die verwandte Lande, wo fo vorzügliche Gefpinnfte producirt werden, wo Spitzeninduftrie auf einer fo hohen Stufe fteht, die Leinendamaft- Fabrication, bis auf wenige rühmliche Ausnahmen, nicht vorwärts kommt. Diefs befremdet umfomehr, als doch bekanntermafsen die königlich belgifche Regierung die Hebung der Gebildwaaren- Erzeugung mit gleicher Opferwilligkeit anftrebt, wie die Entwicklung der anderen Flachs- Induftriebranchen. Ueber den derzeitigen Standpunkt der fäch fifchen Tafelzeug- Fabrication gaben zwei Matadore Auffchlufs. Proelfs sen. fel. Söhne in Dresden hatten eine wahre Gebild waaren- Gallerie ausgeftellt. Die Emancipation von dem Grofs- Schönauer Muftergefchmacke. verkörperten am deutlichften jene DamaftTifchdecken, welche an der öftlichen Wand zu fchauen waren. Sie find alle ftiliftifch gehalten, verrathen den Meifter, deffen edlem Gefchmacke man volle Anerkennung zollen mufs, und können als Vorbilder für den modernen Gefchmack gelten. In den Deffins der Tafelgedecke herrfcht noch viel das Blumenwerk mit feiner überladenen Schattirung vor. Auch dem Gefchmacke der öftlichen Culturländer und feiner Verehrer fuchen Proelfs zu entſprechen. Diefs mit einer Theedecke und Credenzferviette, deren Mufter das Beftreben des Zeichners verräth, dem geringen Sinne für Perfpective der chinefifchen und japanefifchen Originale gerecht zu werden. Im Fache der Damafte mit heraldifchen Deffins ift diefes Haus als hervorragend bekannt. Seine Hukaback und Bade- Handtücher mit farbigem Rande zählen zu den beften der Ausstellung. Auf der Höhe des modernen Muftergefchmackes angelangt find auch die in den grofsen Theefervietten von J. Meyer in Dresden verkörperten Zeichnungen. Bedauern mufste man, dafs das unvortheilhafte Licht den Effect diefer Damafte nicht zur Geltung kommen liefs. Das Prachtftück unter denfelben, ein Kaffeetuch mit blauer Bordure, hing fo hoch, dafs es der Beurtheilung faft ganz entzogen war. Es liefs jedoch das Beftreben wahrnehmen, dem bei den farbigen Borduren vorkommenden Uebelftande, welcher fonft in den Eckftücken zu Tage tritt, durch Benützung von zwei Ketten abzuhelfen. Nebenan hatte es Jemand verfucht, mit einem hiftorifchen Vorwurf 26 Carl v. Oberleithner. zu debutiren. Die Ausführung war aber fo plump, dafs das betreffende Gewebe allgemein Heiterkeit erregte. Da find einzelne Damafte von C. Faber in Stuttgart ganz andere Gebilde! Ihre Deffins huldigen entweder der Verherrlichung der Tafelfreuden, fo die Kaffeedecke mit Trinkfprüchen. Oder fie ziehen die Thierwelt in den Kreis der Ornamentation hinein und diefs mit einer Meifterfchaft, wie folche die grofse und ein Dutzend kleine Theefervietten mft den vier Jahreszeiten und zwölf Monatszeichen zur Schau trugen. Die Damafte der anderen Ausfteller aus Württemberg waren weniger hervorragend. Aber im Fache der Zwilch- und Jacquard- Tifchzeuge nahm man fehr erfreuliche Fortfchritte an den Expofitionen von Hermann Pichler in Urach und Laichingen, Guftav Schwarz in Kornthal, Mohr& Grofsmann in Stuttgart u. A. wahr. Im Allgemeinen dürften die württembergifchen Fabrikanten das Ausfehen ihrer Damafte durch die Verwendung von Mafchinen grösserer Platinenzahl und Anwendung eines höheren Apprets wefentlich zu fördern vermögen. A. W. Kisker in Bielefeld glänzte mit fehr fchönen gebleichten Tafelzeugen, befonders Jacquards. Einige Deffins, namentlich in Handtüchern, gehören zu den niedlichften, welche die Ausftellung aufzuweifen hatte. Auch find die Bielefelder Gebildwaaren vorzüglich gebleicht und appretirt. Mit naturellen Kaffeedecken hatte diefes Haus diefsmal weniger Glück. Aus Preufsifch- Schlefien lagen von Trautwetter, Wiefen& Comp. in Wüftewaltersdorf ganz nette Tifchzeuge vor. Die Deffins, farbig carrirt, find recht zart gehalten. Die Gebildwaaren- Erzeugung, wie felbe in Sorau, Bleicherode am Harz und Hildesheim betrieben wird, fcheint noch mehr dem Charakter der Hausinduftrie entſprechende Waaren zu liefern. A. Auerbach's Tifch- und Handtuch- Zeuge erfcheinen als ganz verdienftliche Gewebe. Es mufs conftatirt werden, dafs im deutfchen Reiche auch fehr beachtenswerthe Verfuche gemacht werden, die Leinen Gebildwaaren- Erzeugung im Wege der Schule zu fördern. Wer hätte nicht eine aufrichtige Freude gehabt, die Leiftungen zu fchauen, welche aus dem englifchen Fräuleininftitute und den Kreis- Weberfchulen in Paffau, Münchberg, fämmtlich in Baiern, hervorgingen. Altartücher, diverfe Parapomades, Tafel- und Handtuchzeuge von meift perfecter Weberei, gereichten den jugendlichen Händen zur Ehre. Sie berechtigen zu fchönen Hoffnungen, namentlich wenn man ihnen beffere Muftervorlagen bieten würde. Die Wiener Weltausftellung dürfte in diefer Richtung anregend wirken und deren reicher Mufterfchatz durch die gewerblichen Fachblätter den Schulen zugängig gemacht werden. Unter den grofsen Induftrien Oefterreichs nimmt die Leinen- Gebildwaaren- Fabrication eine Achtung gebietende Stellung ein. Zeugnifs von ihrer grofsartigen Entfaltung gab in erfter Reihe die Expofition von Regenhardt& Reymann in Freiwaldau und Wien. Ausjedem Stücke leuchtete das edle Material, die kunftgerechte Weberei und überdiefs ein Bleich- und Appreturverfahren hervor, welches in höherer Vollendung wohl bisher noch nicht gefehen wurde. Solidität und Eleganz zeichneten von jeher diefe Fabricate aus. Mit Recht gebührt den genannten Induſtriellen der Ruhm, den öfterreichiſch- ungarifchen Markt fchon feit einer langen Reihe von Jahren faft gänzlich von den Damaften anderer Provenienz befreit zu haben. Die höchfte Leiftung in der Bemeifterung der Schwierigkeiten einer complicirten Montage liefs deren Gewebe mit dem" Haideröschen" nach Kaulbach erkennen. Wer gerecht fein will, mufs zugeftehen, dafs die Anwendung der Sepiafarbe ein neues Feld für die Leinengebilde erfchliefst. Auch wie eine Kreidezeichnung von gewandter Hand präfentirte fich das auf der Rückfeite der Wand angebrachte Gewebe. Die Figuren erfcheinen lebensfrifch. Ihre Abfchattirung liefs bei Weitem jene Härten nicht wahrnehmen, welche den Ein Flachs- und Hanf- Induftrie. 27 druck fo mancher Leinendamafte der Ausftellung beeinträchtigten. Die Mehrzahl der Befchauer des mit grofsem Fleifse zu Stande gebrachten Gewebes hat das Haideröschen" als das Meifterftück der öfterreichifchen Gebildwaaren- Fabrication hingeftellt. 99 In den Vitrinen von Auguft Küfferle& Comp. in Freiwaldau und Wien lag ein wahrer Schatz von Damaftgarnituren, welche fich rühmlichft durch ftiliftifche Mufter auszeichneten. Diefen Vorbildern näher zu rücken, fcheint die Firma Eduard Oberleithner's Söhne in Mährifch- Schönberg und Wien beftrebt zu fein. Ihre halbfeidenen Kaffeetücher und ovalen Deffertfervietten ernteten entfchieden Beifall. Die genannten drei Fabriken find auch vollkommen Meifter in der Zwilch- und Jacquards- Tafelzeug- Gradel- und Fabrication von Toilette artikeln. Regenhardt& Reymann haben deren Erzeugung mittelft mechanifcher Webftühle in Oefterreich zuerft begonnen und rüftig betheiligen fich an diefem Fortfchritte die beiden anderen Etabliffements. Den koloffalen Anforderungen, welche die maffenhaften Hôteleinrichtungen der letzten Jahre an die Gebildwaaren- Induftrie Oefterreichs ftellten, zu entfprechen, war Hauptaufgabe diefer Fabriken. Sie haben auch die Chiffrewaare und Gewebe mit heraldifchen Muftern in den Kreis der Fabrication gezogen. Viele ihrer Leiftungen in diefen Fächern ftehen vollkommen ebenbürtig zur Seite den berühmten gleichartigen fächfifchen Damaften. Was die öfterreichifchen Gebildwaaren vor allen anderen auszeichnet, das ift deren fchwere Qualität. Wiederholt hat es die ausländifche Concurrenz verfucht, den öfterreichifch- ungarifchen Markt wieder zu gewinnen, aber jedesmal erwiefen fich die gebrachten Opfer als refultatlos. Mit farbig brochirten, halbfeidenen Kaffeetüchern zeichneten fich Johann N. Wurft& Söhne in Freudenthal ebenfalls hervorragend aus. Recht nette Jacquards fah man in der Expofition von Anton Hönig& Söhne in Mährifch- Schönberg, fowie auch Zwilch- Tifchzeuge in jener von Rudolf Pelz ebendafelbft. Die Freudenthaler Gradl und Tifchzeuge von F. A. Heinz, Johann Plifchke& Söhne und Anderer bethätigen eine emfige Fabrication. Die oberöfterreichifchen Tafelzeuge, welche auf gleicher Stufe mit den letztgenannten ftehen, hatte Camilla Foelfer zur Ausftellung gebracht. - Die öfterreichifchen Webereifchulen waren bisher noch nicht in die Lage gekommen, auf die Leinendamaft Erzeugung fördernd einzuwirken Sie find meiftens in den Centren anderer Webwaaren- Fabricationen fituirt. Diefs erfchwert den unerlässlichen täglichen Verkehr zwifchen den Leitern der Inftitute und den Fabrikanten. Hoffentlich wird die von dem k. k. Handelsminifterium intendirte Reorganiſation und Vermehrung der fo hochwichtigen Fachfchulen für Weberei einen innigen Contact zwifchen Arbeit und Wiffen herbeiführen und die öfterreichifche Fabrication diefer Branche den gleichen Nutzen hieraus ziehen, wie jene anderen, glücklicher fituirten Textil- Induſtrien. Im ruffifchen Reiche nimmt die Gebildwaaren- Fabrication ebenfalls einen tüchtigen Anlauf. Hielle& Dittrich, fowie die Compagnie par action de Tammerfors find auch hierin abermals an der Spitze vorfchreitend. Es möge zur Stelle geftattet fein, einen Wunfch auszufprechen, welcher der lauterften Quelle entſpringt und einzig den Zweck hat, das Intereffe der Fachkünftler für die Leinen- Gebildwaare wachzurufen. Die Ausstellung dürfte gezeigt haben, dafs die Fabrication nach allen Richtungen hin bemüht ift, den Anfor derungen der Gegenwart zu entfprechen. Man konnte vielfeitig deffinirte Leinenartikel wahrnehmen, welche berechtigt erfcheinen, den Anspruch auf kunftgewerbliche Leiftungen zu erheben. Die fcharfe Beurtheilung, welche die Wahl mancher naturaliftifch gehaltener Zeichnungen erfuhr, wird vom grofsen Publicum 28 Carl v. Oberleithner. nicht gebilligt. Was dem Kunftkenner vielleicht verwerflich erfcheinen mag, das hält oft der Laie für einen ganz entſprechenden Vorwurf. Beifpielsweife die Bildniffe berühmter Perfönlichkeiten oder andere der Malerei nachgebildete Figuren. Nachdem das Publicum nun ein Factor ift, mit welchem der Fabrikant ebenfalls rechnen muſs, fo dürfte er wohl Anfpruch auf eine Kritik machen können, die diefen Umftand vor Augen hält. Es wird eben eines innigen Zuſammengehens der Kunft und Fabrication, fowie hiebei der möglichften Berückfichtigung der Anforderungen des Publicums bedürfen, um das angeftrebte Ziel zu erreichen, und ein folches Vergehen anzuregen, ift Gegenſtand des hiemit ausgesprochenen Wunfches. Hanf- und Seilerwaaren. Es wurde fchon an einer früheren Stelle des Berichtes hervorgehoben, dafs die füdlicher gelegenen Gebiete Europas fich vorzüglich für den Hanfbau eignen. Man vermag überdiefs in einzelnen Ländern die Grenze des Hanfbaues dort nachzuweifen, wo der Flachsbau beginnt. So bedeckt beiſpielsweife in Mähren die Leinpflanze halbmondförmig die Anhöhen des mährifchfchlefifchen Grenzgebietes im Weften, der Sudeten im Norden und der Karpathen im Often, während der Hanfbau nur in den Niederungen der March von einiger Bedeutung ift. Dort, wo wie in Italien, das Beriefelungsfyftem in Anwendung gebracht werden kann, dürfte man Flachs und Hanf auf derfelben Scholle erbaut vorfinden. Die Daten über den italienifchen Hanfbau weifen einen erfreulichen Fortfchritt nach. Während diefes Land kaum 140.000 Centner Flachs erzeugt, kann man feine Hanfernte auf 500.000 Centner fchätzen. Erwiefenermafsen reicht die Flachsproduction dort nicht aus, um den Bedarf im eigenen Lande zu decken, während dagegen jene des Hanfes einen grofsartigen Export ermöglicht. Die Ausfuhr Italiens an Flachs und Hanfproducten ift vom Jahre 1864 bis 1871 von rund 21 Millionen Lire auf 52 Millionen Lire geftiegen, deren Mehrbetrag man der Ausfuhr an Hanf zufchreiben mufs. In der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie, deren weftliche Hälfte allein an Flachs- und Hanf- Spinnftoffen und deren Samen eine Jahres production von 38 Millionen Gulden nachweifen läfst, werden in den weftlichen Ländern circa 68.000 Joch dem Hanfbau gewidmet. Man fchätzt den Werth des erzeugten Hanffamens auf circa 2,900.000 Gulden und jenen des Hanfes auf 7,200.000 Gulden. Doch find es nicht die weftlichen Länder, welche für den Artikel„ Hanf" von hervorragender Bedeutung erfcheinen. Vielmehr liegt die Maffenproduction von Hanf in der öftlichen Reichshälfte namentlich in der Bácska Ungarns. Das dritte hochwichtige Productionsgebiet für Hanf ift das ruffifche Reich. Rufsland exportirte allein im Jahre 1871: Hanf 3,650.000 Pud im Werthe von 12,200.000 Rubel Hanffeede 90.000 وو" 99 99 Hanffaat 22.000 Tfchetwerts " " وو 135.000 220.000 "" " Die italienifche Abtheilung der Weltausftellung glänzte mit ihrem bisher unübertroffenen Hanfe. Man hebt an dem italienifchen Hanf feine fchöne weifse Farbe hervor und fchreibt diefe Eigenfchaft der forgfältigen Röfte zu. Ungarns Hanf erfcheint weniger weifs und feinfädig. Er enthält zu Folge minderer Röfte Erden- und Mineraltheile, welche für feine Farbe, Biegfamkeit und Feinheit von Nachtheil find. Trotzdem verdient der ungarifche Hanf vollkommen Berücksichtigung, da er ein ausgezeichnetes, kräftiges und dauerhaftes Material ift. Schon auf der internationalen Hanf- und Seilprobe in Venedig wurde der ungarifche Bácskaer als der ftärkfte und dauerhaftefte anerkannt, und auch Flachs- und Hanf- Induftrie. 29 bei der Wiener Weltausftellung erfchien Ungarn mit folchen Primaqualitäten von Hanf, deren Stärke felbft den italienifchen übertrifft. Rufslands Hanfausftellung gab wenig Auffchlufs über deffen qualitative Eigenfchaften, dagegen hatte Spanien diefen Artikel fo vortrefflich ausgeftellt, dafs er, was Farbe und Feinheit anbelangt, dem italienifchen Hanfe fehr nahe fteht. Ueber das Brechen des Hanfes ohne vorhergegangene Röfte fprach fich ein von dem Berichterstatter zu Rath gezogener Fachmann nicht günftig aus, indem er äufserte: " Wie Japan der Ausftellung nach fich als ein wunderbares Land in vielen Dingen bewährte, fo fcheint es auch im Röften der Spinnftoffe fehr gewandt zu fein. Während man nun in Japan Stroh, Holzrinden, Schilf, Spähne u. f. w. durch Fermentation röftet, um diefelben zu verwendbaren Spinnftoffen zu verwandeln, will man in Mitteleuropa die bis jetzt auf zweckmäfsige Weife präparirten Spinnftoffe verdrängen und durch folche, aus ungeröfteter Brechung hervorgehende erfetzen, ja man glaubt durch diefe Manipulation nicht allein die Fafern blofszulegen, fondern auch deren Leimgehalt zu vernichten. Bei diefen ungeröftet gebrochenen Spinnmaterialien zeigt fich auch der grofse Nachtheil, dafs darin der Phosphatgehalt verbleibt, wodurch die daraus erzeugten Producte nach dem erften Nafswerden in Fermentation übergehen, an der Sonne verbrennen und im Schatten verfaulen. Defshalb würde es als zweckmäfsig erfcheinen, wenn die Regierungen und Privaten anftatt Hunderttaufende von Gulden für Rohbrechungs- Verfuche auszugeben, fich herbeilaffen würden, die italienifchen Röftungsbaffins und kleinen Hanfbrechanftalten mit Mafchinen durch Staatshilfe und communale Unterſtützungen zu errichten. Unter den auf der Ausftellung erfchienenen Hanf- Brechmafchinen haben fich nach praktifchen Verfuchen eine englifche und eine grofse ungarifche als die beften bewährt. In Anbetracht abgerechnet, dafs der Preis der letzteren etwas hoch erfcheint, und die Conftruction derfelben noch einige Modificationen erheifcht, können doch beide auf das Befte empfohlen werden. Dem hingegen bewährten fich die ausgeftellten Roh- Hanfbrech Mafchinen aus den oberwähnten Urfachen als unbrauchbar und fchädlich." Nach der Anficht desfelben Fachmannes find jene Seile die beften, deren Fäden mit der Hand gefponnen und durch entſprechende Maſchinen gedreht find. Das Handgefpinnft foll defshalb den Vorzug vor dem Maſchinengeſpinnft verdienen, weil bei letzterem der befte, längfte und fonach kräftigfte Hanf zerfchnitten werden mufs, und dafs alle Mafchinengarne verhältnifsmäfsig weicher als die Handgarne erfcheinen, die Hanfgarn- Fäden in einer fchwammigen Qualität zur Seilmafchine gelangen, wodurch die Seile das Waffer fchneller an fich ziehen, langfamer trocknen und fo leichter in Fäulnifs übergehen. Im Allgemeinen wird beklagt, dafs noch ein grofser Mangel an guten Seilmafchinen befteht. Ausnahmen machen nur hievon die von einzelnen Regierungen etablirten und unterftützten Fabriken. Diefer Mangel macht fich Trieft ausgenommen in der öfterreichifchen Monarchie am meiften bemerkbar. Dagegen befitzen die Fabriken der Schweiz und Deutfchlands der Zahl nach die meiſten jener Seilmafchinen, mit welchen Seile von den vorzüglichften Eigenfchaften erzeugt werden können. - Was nun die ausgeftellten Seilerwaaren betrifft, fo fteht in einzelnen Specia litäten, namentlich in fchweren Mafchinengurten, Geweben, Spagat, Bindfäden und Schnüren, Oefterreich in erfter Reihe. Es ift hocherfreulich, dafs Ungarn gleichfalls eine aufserordentlich reiche Collection von kleineren Specialartikeln, worunter auch Gurten und Schlauchgewebe, exponirt hatte. Man findet darin den Beleg, dafs das Vorhandenfein von vorzüglichem Rohmaterial der gewerblichen Production die Richtung vorzeichnet und fie felbft in Ländern, abfeits gelegen von dem grofsen Getriebe der Fabrication, zu erhöhten Leiftungen anfpornt. Mit mechanifch präparirten Gurten- und Schlauchgeweben fteht Deutſchland im Vordergrund. Spanien excellirte mit Schnürleinen. Italien und Rufsland waren 30 Carl v. Oberleithner. trotz ihrer reichen Hanfproduction, England trotz feiner vortrefflichen Maſchinen mit Seilerwaaren im Allgemeinen im geringen Mafse und fchlecht vertreten. Es verdient jedoch die Kabelerzeugung Englands befonders hervorgehoben zu werden, fowie auch eine deutfche und eine Schweizer Fabrik lobenswerthe Leiftungen in diefem Fache beftätigten. Die franzöfifche Abtheilung enthielt mehrere fehr intereffante Expofitionen der Hanfinduftrie. In der Expofition der Hanffpinnerei in Angers gewahrte man prachtvolle Hanffafern, Gefpinnfte von Nr. I englifch= 600 Meter das Kilogramm bis Nr. 20= 12'000 Meter das Kilogramm, fowohl von Hanf als auch von Hanfwerg, ferner Zwirne geglättet und ungeglättet, wovon die erfteren namentlich drei und vier Draht aufserordentliche Perfection kennzeichnet. Die Hanf. gefpinnfte, an und für fich doch zu den gröberen Artikeln gehörig, waren von einer Nettigkeit, wie felbe als eine Eigenthümlichkeit der franzöfifchen Fabrication fich darftellt und alle Anerkenung verdient. Ein Parifer Haus hatte nebenan fehr bemerkenswerthe Artikel ausgeftellt, welche für gymnaftifche Uebungen als eine complete Collection von hohem Werthe erfcheinen. Dafs die von den franzöfifchen Damen fo gern benützte Schaukel an diefem Platze auch nicht fehlte, ift wohl felbftverftändlich. Mit den reichhaltigen Netzen der fchwedifchen Fifchereihalle, deren fegelartig ausgefpannte Erzeugniffe aller Welt in die Augen fielen, concurrirte ebenfalls, wenngleich in einem verborgenen Winkel, ein franzöfifcher Ausfteller auf das rühmlichfte. Es ift intereffant, mehrere diefer Artikel, welche theilweife dem Fifchfang, theilweife der Jagd und den Gewerben dienen, kennen zu lernen. Tramail hyftafapé für Flufs- und Seefifche; Senne non montée pour petits poiffons et montée avec poches forcières pour gros Poiffons, Warnette für den Sommer-, Aléze für den Winter- Häringfang und für den Fang der Maquereaus, find die gewöhnlichften Netzartikel. Ein Meiſterſtück repräfentirte ein Filet non monté für Sardinenfang mit 1,346.000 Mafchen, welches in 13 Stunden mit der Mafchine fabricirt wurde, was bei der Handarbeit nur 50 Arbeiter in derfelben Zeit herzuftellen vermocht hätten. Für Jagdzwecke lag ein panneau à lapins, fo wie Netze zum Abfchliefsen von Fafanerien und Parks vor. Den gewerblichen Zwecken nutzbar zu werden find berufen die filets pour féchage de colle chaffis, gelatine fur chaffis. Und felbft dem Gartenbau liefert diefe Fabrik fchätzenswerthe Netze zum Abhalten der Vögel. Jute. Der Actiengeſellſchaft für Jute- und Flachsinduftrie in Braunfchweig ver dankte die Weltausftellung eine fafsliche Information über die Jute- Induftrie. Diefer Publication wird Nachfolgendes entnommen: " Jute, die Fafer der Corchoris capsularis und Corchoris olitorius, ift die wichtigfte der vielen in Oftindien vorkommenden Pflanzenfafern und wird namentlich in Bengalen maffenhaft gebaut. Die Pflanze wird dort in ähnlicher Weife wie in Europa der Flachs und Hanf in jedem Jahre neu ausgefäet, doch fordert die Zubereitung des Jute durch Röfte- und Reinigungsprocefs zum Zwecke des Verbrauches weniger Arbeit als die Flachs- und Hanffafer. Aber nicht allein die Fafer der Pflanze und deren holziger Theil, der circa einen Zoll ftarke Stamm, find von Werth, fondern auch die Blätter derfelben werden von den Eingebornen Bengalens zu verfchiedenen Zwecken benutzt und namentlich als ein beliebtes Nahrungsmittel gefchätzt. Die Ausfaat erfolgt im April oder Mai und wird durch die um diefe Zeit gewöhnlich vorherrfchende naffe Witterung begünftigt. Die Pflanze gebraucht circa 100 Tage von ihrer Ausfaat bis zur Reife und wird im Monat Auguft geerntet. Die Fafer ift dem Manillahanf ähnlich, in Farbe etwas röthlichbraun, nicht fo grob, aber auch nicht fo haltbar wie erftere; die Qualität variirt hinfichtlich Feinheit und Haltbarkeit je nach der Befchaffenheit des Bodens der verfchiedenen Culturdiftricte. Flachs- und Hanf- Induftrie. 31 Die feinfte Qualität ift Serajgunge, dann folgt Naraingunge und als geringfte Sorte Dowrahjute. Die feinen Qualitäten zeichnen fich namentlich durch eine helle, weifsgelbliche, oft filbergraue Farbe und durch Länge aus; es kommen darunter zuweilen Fafern in einer Länge von vierzehn englifchen Fufs vor. Die ordinären Gattungen find meift kurz, braun von Farbe, mit baftigen Theilen behaftet und haben ganz grobe, lange, holzartige Wurzelenden. Ein grofser Theil des in Bengalen gebauten Jute wird feit unvordenklichen Zeiten von den Hindus verfponnen und verwebt und bildet diefe Induſtrie die hauptfächliche Befchäftigung aller der volkreichen Diftricte von Niederbengalen. Man findet fie bei allen Claffen der dortigen Hindubevölkerung, in jedem Haufe, ganz in der Weife, wie das früher in Deutfchland volksthümlich gewefene Flachsſpinnen. Die Eingebornen fertigen aus dem Jute verfchiedene Gattungen von Geweben, wovon viele gefärbt werden; einen Theil davon verweben fie zu ihrer Kleidung, den gröfsten Theil aber zu Säcken für Reis, Zucker, Baumwolle etc. und find diefe Säcke unter dem Namen„ Gunny Bags" im Handel als ein bedeutender oftindifcher Exportartikel bekannt. Nach Dr. Forbes Watfon's früheren Ermittlungen werden in Oftindien circa fechs Millionen Centner Jutefafer producirt, wovon ein Drittel zur Ausfuhr und zwei Drittel zur Anfertigung von" Gunny Bags" und anderen Geweben Seitens der eingebornen Bevölkerung gelangen. - Seit der Zeit, dafs diefe Ermittlung ftattgefunden hat, mufs die Production in bedeutendem Mafse zugenommen haben, denn, wie aus den in der Anlage verzeichneten Zahlen fich ergibt, betrug allein die Ausfuhr von Jute aus Calcutta im letzten Jahre( 1872) 1,891.000 Ballen circa 6,000.000 Centner pro anno und es darf angenommen werden, dafs der Verbrauch in Indien keine Verminderung erlitten hat; denn, wenn auch wirklich die Handweberei der Hindus in der Abnahme begriffen fein follte, fo ift doch durch die in den letzten Jahren in. Indien entstandenen, fehr ausgedehnten mechanifchen Spinn- und Webereien ein ganz bedeutender neuer Factor für den Confum des Rohproductes an Ort und Stelle hinzugekommen, der die Handweberei mehr als aufwiegt. Dundee ift der Sitz der grofsartigen und zukunftsreichen Induftrien, indem es wohl vier Fünftel der gefammten englifchen Jutewaaren erzeugt. Nachftehende Zahlen find derfelben Quelle entlehnt: Ausfuhr von Jute aus dem Hafen von Calcutta. Diefelbe betrug vor 20 Jahren( 1852 und 1853) ftieg in der Saifon 1868 1869 auf وو 17 0.022 Ballen 962.4 87 987.314 22 " 9 1869 27 29 27 27 " " 1870 " 1870 1871 77 " 99 29 " 29 77 " 1871 " " 99 ንን 99 1872 . 1,89 1.9 1 2 وو 17 وو 1,3 7 7.1 65 Confum von Rohjute im Jahre 1872. Ungefährer Werth nach der Fabrication 3,000.000 Centner. 36,000.000 Thaler - In Europa: In Grofsbritannien und Irland auf dem Continente. in Nordamerika Summe 750.000 97 9,000.000 22 1,1 76.000 27 14, II 2.000 99 4,9 26.000 Centner 59,11 2.000 Thaler Der Confum in den übrigen Welttheilen ift nicht bekannt. Oftindien dürfte ein ebenfo grofses Quantum wie Grofsbritannien und Irland confumiren. 3 Ausfuhr an Jutewaaren aus Grofsbritannien und Irland. Nach den officiellen Ausweifen( Board of trade returns). 32 Carl von Oberleithner. In den Jahren Gewebe, Yards Säcke, Dutzend Garne, Pfund 1865 15,332.353 1866 19,477.420 1867 26,739.196 P ? ? 7,515.081 4,992.047 7.778.987 1868 1869 1870 1871 1872. 43,127.042 50,037.720 51,920.708 62,310.463 84,067.598 1,851.111 2,015.428 2,477.334 2,897.676 3,672.112 8,108.747 8,041.082 12,669,948 13,710.957 12,706.613 Der declarirte Ausfuhrwerth betrug 1872 1,734.085 Pfund Sterling. NB. Für die Jahre 1865, 1866 und 1867 find die exportirten fertigen Säcke in der amtlichen Statiſtik nicht aufgeführt. Der declarirte Ausfuhrwerth ift nur für das Jahr 1872 angegeben. In den erften 5 Monaten der Jahre: 1871 1872 1873. Gewebe, Yards 23,263.423 30.249.966 37,452.156 falfo geftiegen 1872) 30-03 Percent, gegen 1871 um Säcke, Dutzend 1,047.383 1,389.185 2,093.555 Jalfo geftiegen 1872) gegen 1871 um 32.60 " ( defsgleichen 1873) gegen 1872 um ( defsgleichen 1873) gegen 1872 um 23.88 Percent. 50.70 Garne, Pfund 4,909.434 5,381.658 4,864.058 falfo geftiegen 1872) gegen 1871 um 1872) 9.60 22 ( gefallen 1873) gegen 1872 um( 9.60 י Flachs- und Hanf- Induftrie. 33 Es kommen alle möglichen Marken und Bezeichnungen des Rohftoffes im Handel vor, doch haben die bekannten gröfseren Firmen ihre Standard- Bezeich nungen, die den Mafsftab zur Qualitätsbeurtheilung gewähren, und gibt es circa fechs Hauptgattungen, als: fine Quality, medium Quality, common Quality, low Quality, Rejections, das ift ordinärer Ausfchufs, Cuttings, das ift abgefchnittene Wurzelenden; letztere werden namentlich. zur Papierfabrication verwendet, gehen aber zum gröfsten Theile nach Nordamerika, wo folche zu dem Schufsgarn der ordinären Baumwoll- Packtücher, Cottonbagging, verfponnen werden. Was die Zubereitung des Rohftoffes vor Auflage auf die Mafchinen betrifft, fo ift diefe auf verfchiedene Weife oft verfucht worden; man ift aber immer wieder auf das zuerft angewandte, beinahe primitiv erfcheinende Verfahren des Befprengens desfelben mit Oel oder Thran und Waffer zurückgekommen. Der Verarbeitungsprocefs in der Spinnerei und Weberei ift dem für Werg und Flachs ähnlich. Man fpinnt die fchweren Nummern bis Nr. 10( gleich 60.000 Yards auf 20 englifche Pfund) wie Werg und nennt danach das Gefpinnft Jute Tow, die feinen Nummern bis 18-20( gleich 60.000 Yards auf 10 englifche Pfund) werden wie Flachs gefponnen und danach mit Jute Line benannt. Die Mafchinerie ift in den letzten zehn Jahren, wenn auch nicht im Principe, fo doch in der Stärke und Einfachheit der Conftruction wefentlich verbeffert worden. Die Natur der Fafer bedingt fehr haltbare, folid gebaute Mafchinen zu ihrer Verarbeitung; wie das Spinnen, fo erfordert auch das Verweben der Jutegefpinnfte fehr kräftig gebaute Mafchinen und macht infofern Schwierigkeiten, als die Kettenfäden durch die Bewegung der Webekämme auf dem Webftuhl Faferverluft erleiden, mithin gefchwächt werden. Die Appretur der Gewebe gefchieht gleichfalls durch fchwere Calandermafchinen unter grofsem Drucke zwifchen Papier- und Eifenwalzen, theils mit letzteren erwärmt, theils kalt. Das Färben der Jute ift leicht und billig zu befchaffen, doch fcheint die Farbe nur der Aufsenfläche der einzelnen Fafer zugänglich und fich nicht mit derfelben zu verkörpern, woher es wohl erklärlich, dafs die Farben namentlich beim Ausfetzen an die Sonne leicht wieder fchwinden. Das totale Bleichen von jute ift bis vor kurzer Zeit nur auf Koften der Haltbarkeit ermöglicht worden; indefs hat man auch diefen Uebelftand zu überwinden gewufst." Was nun die Vertretung der Jute- Induftrie in der Wiener Weltausftellung betrifft, fo war es wieder England, das beinahe durch gänzliches Fernbleiben feiner Jutefabrikanten von dem internationalen Wettkampfe glänzte. Nur Barrow Flax and Jute Comp. in Furnefs ermöglichten es den Befuchern, Kenntnifs zu erhalten von den englifchen Warp und Weftgarnen, Sacking Weft, rofa und blau gefärbten Jute Twift Zweidraht, fo auch von deren vorzüglichen Geweben mit prachtvollen Leiften, Matten, Tarpaulings und Bags. Moore& Weinberg in Belfaft zeichneten fich aus durch die Vorlage von Läufern, gedruckten Teppichen und Twilled Grain Bags. Die deutfche Abtheilung enthielt mehrere werthvolle Expofitionen. In der Ausftellung der Braunfchweiger Actien gefellfchaft fand man eine Darftellung des Spinnproceffes von der rohen Jute bis zur Feinfpinn- Schule und alle einfchlägigen Gewebe bis zu den Teppichen und Vorhangftoffen hinan. Alles muftergiltig und für die emfige Fabrication zeugend. Das fehr bedeutende Haus Rheinifche Jute- Spinnerei- und Weberei von Solf, Davenport& Comp. in Cöln hatte Proben feiner Garne für Weberei und Seilerei und reichhaltige Artikel, worunter befonders die rayirten una carrirten Jute- Matrofentuche hervorzuheben 3* 34 Carl v. Oberleithner. Flachs- und Hanf- Induftrie. find, ausgeftellt. Die Moritzburger Spinnerei und Alfred Hieronimus & Comp. in Bonn am Rhein find ihren Leiftungen nach ebenfalls von Bedeutung. Anfpruch auf den Löwenantheil der Anerkennung dürften wohl die öfterreichifchen Jute- Spinnereien und Webereien, insbefondere die erfte öfterreichifche in Simmering mit vollem Rechte erheben. Sie brachte in höchft gefchmackvollem Arrangement Alles vom Juteballen bis zur Quafte am Vorhang. Daher felbftverftändlich Gefpinnfte, Tarpaulin, Heffian, Sacking, Strohfäcke, geftreifte Jutegewebe, Patent Jute tow, Padding, Ducks, Drillings etc., fowie von Allem Mufterbücher. Und wie ihre Trophäe eine Zierde im Parterre der Rotunde war, fo verkleideten die inneren Decken und Wände des Riefenbaues bedruckte Juteftoffe aus derfelben Fabrik. Mit ihr wetteifert die Jutemanu. factur in Floridsdorf bei Wien auf das rühmlichfte. DER INTERNATIONALE CONGRESS DER FLACHS- INTERESSENTEN. ABGEHALTEN IN WIEN IM AUGUST 1873. Auszug aus den Protokollen, bearbeitet von ARTHUR FREIHERRN VON HOHENBRUCK, k. k. Sectionsrath im Ackerbau- Minifterium in Wien. EINLEITUNG. Seine Excellenz der Herr Generaldirector der Weltausftellung, Baron Schwarz- Senborn, hat im October 1871 den internationalen Congrefs der Flachsintereffenten angeregt und dem Vorftande des landwirthschaftlichen Vereines von Mährifch- Schönberg, Herrn Carl Oberleithner, die Einleitungen zu diefem Congreffe übertragen. Angefichts der zahlreichen Beweife der Anerkennung, welcher der landwirthfchaftliche Verein zu Mährifch- Schönberg für feine Beftrebungen zur Hebung des Flachsbaues in Oefterreich fich erfreute, glaubte deffen Vorftand der Mitwirkung der öfterreichifchen Corporationen ficher zu fein. Er trachtete daher für das Zuftandekommen des Congreffes im Auslande zu wirken. Zunächft in Deutfchland vorfprechend fand die Idee des Congreffes die wärmfte Aufnahme. Herr F. Kafelowfky, königlich preufsifcher Commiffionsrath, Präfident des deutfchen und öfterreichifchen Leineninduftrie- Vereines zu Bielefeld, lud Herrn Carl Oberleithner zu einer Conferenz nach Berlin ein, welche unter Mitwirkung des Herrn C. Flandorffer aus Hannsdorf in Mähren im Monate April 1872 ftattfand und bei welcher die Grundlagen für die dem Congreffe vorzulegenden Fragepunkte vereinbart wurden. Die Zuftimmung der deutfchen Gefellſchaft zur Hebung des Flachsbaues in Berlin zum Congreffe war in deren Organe Centralblatt für die Textilinduftrie" in der anerkennendften Weife ebenfalls erfolgt. 99 Im Juli 1872 erklärte der Generaldirector der Weltausftellung, dafs die Aufftellung der dem Congreffe vorzulegenden Fragen durch ein aus Fachmännern gebildetes, befonderes Comité erfolgen folle, deffen weitere Aufgabe in der Feftftellung aller übrigen vorbereitenden Schritte für den Congrefs zu beftehen hätte. In diefes Comité wurden zuerft berufen die Herren: Wirthschaftsrath F. W. Hofmann für die Wiener k. k. Landwirthfchafts- Gefellfchaft, Cosmas Schütz für die Klagenfurter k. k. Landwirthfchafts- Gefellſchaft, Richard Dolenc für die Laibacher k. k. Landwirthfchafts- Gefellſchaft, Auguft Graf Fries für die Brünner k. k. Gefellfchaft zur Beförderung des Ackerbaues, 36 Arthur Freiherr von Hohenbruck. J. Böhm für den landwirthfchaftlichen Verein Mährifch- Neuftadtl, C. Oberleithner für den landwirthschaftlichen Verein Mährifch- Schönberg, Ig. Ettrich, Spinnerei Fabriksbefitzer in Trautenau, Ed. Oberleithner, SpinnereiFabriksbefitzer in Mährifch Schönberg, Leopold Fedra, als Vertreter der Domänen- Direction in Tefchen, C. Flandorffer, Flachsfpinnerei- Director in Hannsdorf, Dr. Mauthner v. Markhof, Flachsfpinnerei- Befitzer in Troppau, Moriz Emmer, Flachsfpinnerei- Director in Zautke, W. v. Hudetz, Gutsbesitzer zu Brodky, Klemens Walzel, Spinnerei- Fabriksbefitzer in Trautenau und W. Jerie, Spinnerei- Fabriksbefitzer in Hohenelbe. Späterhin verftärkte fich diefes Comité durch die Berufung der Herren: Jofef Peter, k. k. Bezirkshauptmann in P., in Wien, Arthur Freiherr v. Hohenbruck, k. k. Minifterialfecretär im Ackerbau- Minifterium in Wien, Auguft Leydheker, Profeffor in Tetfchen- Liebwerd. Adolf Trientl, Wanderlehrer in Hall( Tirol), C. Dittrich, Flachsfpinnerei- Befitzer zu Schönlinde( Böhmen), J. Kluge, Flachsfpinnerei- Befitzer zu Altſtadt bei Trautenau( Böhmen), Franz X. Grutfch, Vorftand des landwirthfchaftlichen Bezirksvereines in Mödling( NiederOefterreich), Dr. H. Hampe, fürftlich Liechtenſtein'fcher Rechtsanwalt in Wien. Als Vertreter der Generaldirection der Weltausftellung fungirte anfangs Minifterialfecretär v. Pretis, fpäterhin Hofrath Dr. Migerka. In der erften Comitéfitzung vom 20. Juli 1872, in welcher der Generaldirector Herrn C. Oberleithner als feinen Stellvertreter bei den Verhandlungen des vorbereitenden Comités vorftellte, wurden der Entwurf des Statutes für den internationalen Congrefs der Flachsintereffenten und das Programm der Fragen berathen. Die hienach( fub Nr. 62 der officiellen Publicationen der Generaldirection) erfolgten Publicationen lauteten: STATUT FÜR DEN INTERNATIONALEN CONGRESS DER FLACHSINTERESSENTEN. Die hervorragende Bedeutung des Flachfes als Culturpflanze für die Landwirthschaft und als Rohproduct für die Induftrie läfst mit Sicherheit vorausfetzen, dafs auf der Weltausftellung 1873 neben der Pflanze und dem Producte auch die verfchiedenen Verfahrungsweifen, fowie die erforderlichen Geräthe und Mafchinen zur Gewinnung der Spinnfafer vollftändig vertreten fein werden. Um dem Bilde das belebende Wort beizufügen, liegt es in der Abficht, mit diefer Ausftellung einen internationalen Congrefs der Flachsintereffenten zu verbinden, deffen Aufgabe es fein foll, die Fragen des beiliegenden Programmes zu beantworten, fomit jene Mittel und Wege zu berathen, welche geeignet erfcheinen, einerfeits die Cultur des Flachfes für den Landmann lohnender zu machen, anderfeits dem Flachsfpinner ein befferes und billigeres Rohmaterial zuzuführen. Diefer Congrefs wird am 19., 20. und 21. Auguft 1873 abgehalten werden. Landwirthe, Induftrielle und Kaufleute, welche fich mit der Flachscultur, der Flachsſpinnerei oder mit dem Flachshandel befchäftigen, fowie Vertreter der Wiffenfchaft und der Fachliteratur werden eingeladen, fich nach vorhergegangener Anmeldung an den Berathungen und Befchlufsfaffungen des Congreffes zu betheiligen. Die bezüglichen Anmeldungen zum Congreffe haben bei den betreffenden Ausftellungscommiffionen des In- und Auslandes zu gefchehen. Auf Grund der von diefen der Generaldirection der Weltausftellung längftens bis 1. Mai 1873 mitzutheilenden Anmeldungen werden die auf Namen lautenden Legitimationskarten den Commiffionen zur Zuftellung übermittelt werden. Ein aus Fachverständigen gebildetes Comité wird die Voreinleitungen für den Congrefs treffen, fowie die demfelben zu ftellenden Anträge vorbereiten. Die Berichterftatter für die einzelnen Programmpunkte werden über Vorfchlag des Comités von Seite des Generaldirectors ernannt werden. Der Obmann des Comités hat die Plenarverfammlung der Theilnehmer zu eröffnen. Die Wahl des Präfidiums, die Feftftellung der Gefchäftsordnung bleiben dem Congreffe vorbehalten. Die Congrefsdebatten können in deutfcher, englifcher, franzöfifcher und italienifcher Sprache geführt werden. Auf die Programmpunkte bezügliche Zufchriften, Arbeiten und Anträge find bis längftens Ende Mai 1873 an die Generaldirection für die Weltausftellung, Wien 1873, mit der Bezeichnung ,, für den Congrefs der Flachsintereffenten" zu richten. Die Verhandlungen und Befchlüffe des Congreffes werden nachträglich veröffentlicht. und den Theilnehmern an demfelben zugeftellt. Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 37 Programm der Fragen. I. Welche Erfahrungen find hinfichtlich der Wahl des Leinfamens und bezüglich der Leinfamen- Production gemacht worden und durch welche Mittel kann letztere gehoben werden? II. Welche Leinbau- Methoden beftehen, welche Methoden find die beften und welche Mittel würden fich für die Verbreitung diefer Methoden befonders empfehlen? III. Welche Flachszubereitungs- Methoden haben fich bewährt und find demnach zu empfehlen? IV. Welche Gebrechen zeigt der Flachshandel gegenwärtig und durch welche Mittel wären diefe Gebrechen zu beseitigen? V. Welche find im Allgemeinen die Mittel und Wege zur Hebung der Flachsproduction und befferen Verwerthung der Flachsbau- Producte? Wien, 24. Juli 1872. Der Generaldirector: Freiherr von Schwarz- Senborn m. p. In der Sitzung des für die Ausarbeitung eines Expofés ernannten Comités ( abgehalten zu Mährifch- Schönberg am 8. April 1873) wurde das an alle Congrefstheilnehmer, Corporationen und Intereffenten( unter Nr. 100 der officiellen Publicationen der Generaldirection) zugefendete Expofé redigirt: AUSZUG AUS DEM STENOGRAPHISCHEN PROTOKOLLE. I. Frage. Diefelbe lautet: " , Welche Erfahrungen find hinfichtlich der Wahl des Lein famens und bezüglich der Leinfamen- Production gemacht worden, und durch welche Mittel kann felbe gehoben werden?" Berichterstatter Jofef Peter:„ Indem fich der Referent für diefe Frage hiemit die Ehre gibt, feinen Bericht zu erftatten, wird er als Beantwortung derfelben eine Reihe von Anträgen zu ftellen und auf jeden Antrag eine kurze Begründung folgen zu laffen verfuchen, wobei er freilich, dem Zwecke und der zugemeffenen Zeit diefes Congreffes gemäfs, nur das nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge Mafsgebende und Entfcheidende hervorkehren kann, das Detail aber, welches wohl in die Aufgabe eines landwirthfchaftlichen Handbuches fallen würde, bei Seite laffen mufs. Erfter Antrag: Vom Standpunkte des Linnengewerbes empfiehlt fich zum Anbau vor anderen Arten und Spielarten der gemeine, blau blühende Schliefslein( linum usitatissimum vulgare) mit Beobachtung der Abftammung und Samenerneuerung( des Samenwechfels). Um den Uebelſtänden, welche dem Zwifchenhandel in Säe- Leinfaat anhaften, beftmöglichft zu fteuern, ift die Bildung von gröfseren Import- und Samenbezugs- Genoffenfchaften empfehlenswerth. Es kann nicht bezweifelt werden, dafs der quantitative und qualitative Ertrag des Flachsfeldes wohl an erfter Stelle von der klugen Wahl des Saatgutes abhängig ift, dafs alfo von ihr alle Stufen der Linneninduftrie bedingt werden. Diefer Wahl der Leinfaat ift nun der erfte Abfatz meines Antrages gewidmet, und erlaube ich mir, zu deffen Begründung Ihre Aufmerkfamkeit für folgende drei Punkte in Anspruch zu nehmen. So entfcheidend nämlich die Wahl des Saatgutes für die Flachserzeugung und daher die Flachsgewerbe fein mag, fo ift fie erftens, was Species und Varietät des Leines anbelangt, im Ganzen nicht minder eine gelöfte Frage; der gemeine, blau blühende Schliefslein( linum 38 Arthur Freiherr von Hohenbruck. usitatissimum vulgare) hat fich fo allgemein und in folchem Grade bewährt, dafs wohl die Verfuche mit anderen Spielarten einiges Intereffe bieten, auch wohl für beftimmte Verwendungen Nützliches erbringen, aber kaum einen Grund fchaffen können, um jenem feine thatfächliche Beliebtheit in den vorzüglichften Flachs erzeugenden Ländern( Rufsland, Belgien, Holland, Irland) ftreitig zu machen. Indem diefes der Congrefs durch einen Befchlufs äufsern wollte, gäbe er nur einer Thatfache Ausdruck, ohne aber etwa die Verfuche mit anderen Spielarten, denen da und dort Beachtung gefchenkt wird, abgefehen allerdings von jenen Arten, welche entfchieden ungünftige Erfolge ergaben( wie Springlein u. f. f.), als fchlechterdings müfsig zu verwerfen. Zweitens aber kommen in Anfchlag aufser Species und Varietät auch die Keimfähigkeit der Leinfaat, das ift, ein möglichst hohes Percent des Keimproceffes fähiger Samenkörner, und ihre Keimkraft, das ift ihr Vermögen, nicht nur zu keimen, fondern auch kräftige und widerftandsfähige Pflanzen hervorzubringen, endlich die relative Güte und Menge des Ertrages üherhaupt. Diefe Eigenfchaften und Erfolge find nun aber in erfter Linie und in bedeutendftem Mafse von den natürlichen Anlagen, in zweiter von den Wirthfchaftseigenthümlichkeiten des Erzeugungslandes, mit einem Worte von der Heimat des Leinfamens abhängig und es ift fomit die Herkunft oder der Bezugsort desfelben nicht minder von wefentlichem Einfluffe auf den Ertrag des Flachsfeldes. Aus diefer Rückficht geniefsen bekanntlich die Säe- Leinfaaten der ruffifchen Oftfee- Provinzen, der Rigaer, Pernauer, Windauer, Pfkower und andere ruffifche Samen, dann die holländifchen oder Zeeländer Abfaaten hievon, man kann wohl fagen, einen Weltruf; in zweiter Linie und gröfserentheils nur in Oefterreich und Deutfchland werden verwendet der Tiroler und jener Samen, welcher auf den zu den Haffen der Oftfee ſtaffelweife abfallenden Gebieten im Nordoften des Königreiches Preufsen erbaut wird. -- Die fchwankenden Refultate von allerlei Verfuchen, die nicht als abgefchloffen betrachtet werden können, dürfte hier nicht am Platze fein zu erwähnen. Wohl aber geftatten Sie mir des Draboffer Samens zu gedenken, welcher zu fo lebhaften Debatten in Belgien und Holland Veranlaffung gegeben hat eines Samens, welcher in Central- Rufsland an den Ufern des Dnjeper auf einer Domäne, die unter der Verwaltung eines belgifchen Agronomen fteht, erzeugt und füdwärts übers fchwarze Meer verfchifft wird; ohne Zweifel eines ganz brauchbaren Samens, der aber doch kaum das überlaute Geräufch verdiente, welches von ihm gemacht wurde. Auch kann ferner nicht fraglich fein, dafs die aus folchen vorzüglichen Samenforten erzeugten einheimifchen Abfaaten nach Umständen in einer grösseren oder geringeren Anzahl von Gefchlechtern vorzügliche Culturen ergeben können, ein Gegenftand, auf welchen ich im Verlaufe diefes Berichtes noch zurück zu kommen die Ehre haben werde. alfo Für diefe Wahl unter den Bezugsorten will gleichfalls eine Regel gegeben fein. Nun fchiene es nach der Form der erften Frage des Programmes Aufgabe der Berichterftattung zu fein, zu erörtern, unter welchen Umftänden diefer oder jener Leinfamen nach feinem Bezugsorte fich empfehle, unter welchen anderen nicht; und es wäre wohl auch ohne Frage möglich, mit Zuhilfenahme der Erfahrungen aller Länder, theoretifche Regeln aufzuftellen, welche uns in den Stand fetzen könnten, zu beurtheilen, unter welchen Vorausfetzungen des Ackers nach Erwägung feiner phyfikalifchen, mechanifchen, allgemein klimatifchen und auch ökonomifchen Verhältniffe diefer oder jener Bezugsort vorzuziehen fei. Allein diefer deductive Weg würde fo fchwierig und einem Fehlfchluffe fo leicht unterworfen fein, dafs der inductive Weg, der Weg des Experimentes: der vergleichende Anbauverfuch mit verfchiedenen Leinfaaten oder die Anftammung unbedingt vorzuziehen ift. Diefer Erwägung wird denn im vorliegenden - Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 39 Antrage durch Einfchaltung der Worte:„ mit Beobachtung der Anftammung" genug gethan. Drittens ift zu bedenken, dafs jene Gegenden, deren Boden und wohl auch klimatifche und ökonomifche Verhältniffe zwar zur Erzeugung guter Säe- Leinfaat geeignet find, aber nicht fo fehr, dafs nicht im Laufe der Jahre eine Entartung einträte, mindeftens periodifch die Erneuerung des Samens, den Samenwechfel bewirken müffen, wobei fich allerdings die Anzahl der felbft abzubauenden Abfaaten wirthschaftlicher Weife nach dem Fortfchritte der Entartung richten mag. Hierin darf uns Holland als Vorbild dienen; es bezieht ruffifchen Samen Puik- Puik, fäet nicht mehr als zwei Abfaaten davon wieder und verkauft die dritte Abfaat( Revelaars Enkel) zum Theil auch fchon die zweite Abfaat( Revelaars Kind) als„ Zeeländer" zu fehr lohnenden Preifen ins Ausland. Aber fogar in jenen Landfchaften, welche mit fo ausnahmsweifen Vorausetzungen ausgeftattet find, dafs ihr heimifcher Flachs keiner bis zur Deutlichkeit. fchädlichen Entartung unterliegt, erweift fich ein periodifcher Samenwechfel von Ort zu Ort oder doch von Gut zu Gut häufig von Vortheil und wird auch in der That in Rufsland, Tirol etc. nicht felten beobachtet Alfo fcheint die allgemeine Anempfehlung der Samenerneuerung gerechtfertigt. Auf den zweiten Abfatz des erften Antrages übergehend, mufs ich bemerken, dafs ein erfter Uebelftand des gegenwärtigen Zwifchenhandels in Leinfaat die Fälfchungen derfelben find. Es ift bekannt, wie wenig allerlei Verordnungen verfchiedener Regierungen, welche diefem Uebel zu steuern verfuchten, gefruchtet haben. Die neuzeitliche Macht der Publicität bietet aber in gewiffem Mafse ein Mittel dagegen, das fich allerdings mit Vorficht anwenden liefse. Abgefehen von den Fälfchungen der Leinfaat ift die gegenwärtige Bezugs. weife zum Schaden des Flachsbaues noch anderen Schwierigkeiten unterworfen. Wo, wie in Oefterreich und theilweife auch in Deutfchland fehr gewöhnlich ift, der Bezug der Leinfaat aus entfernten Gegenden blofs durch kleine ländliche Kaufleute vermittelt wird, welche den Leinfamen nebenher vertreiben und unmittelbar, das ift: ohne Dazwifchentreten gröfserer Importgefchäfte aus den Exportländern beziehen, dort ift es mit diefem Handel nicht zum beften beftellt; denn kleine Kaufleute haben erftens nicht die gehörige Platzkenntnifs an den Exportplätzen, fie befitzen zweitens dafelbft keinen oder nicht hinreichenden Credit, und weil fie die Waare und fomit ihr Capital fo kurz als möglich liegen laffen wollen, fo machen fie drittens ihre Beftellungen erft unmittelbar vor dem Anbau, das ift zu einer Zeit, da die erfte und befte Waare fchon lange von energifcheren Händen vorweggenommen worden, fo dafs fie nur noch die letzte und geringfte Waare um denfelben Preis erhalten, um welchen jene weitfichtigen Speculanten das Befte erwarben. Dem letzteren Mifsftande unterliegt auch die Vermittlung des LeinfamenBezuges durch Landwirthfchafts- Vereine und ähnliche patronifirende Organe, welche in der Regel die Waare nicht beftellen können, fo lange nicht die Anmeldungen der Auftraggeber, das ift der patronifirten Land- und Flachswirthe erfolgt find. Es wäre darum wünſchenswerth, dafs gröfsere Importgefchäfte den Handel zwifchen den Confumenten und Detail liften einerfeits und dem Erzeugungslande anderfeits vermitteln. Ich darf hier wohl daran erinnern, dafs fchon vor einem Jahrhundert der praktiſche Patriot Juftus Möfer in feinen„ Phantafien", im 6. Stück des I. Bandes: ,, Man forge auch für guten Leinfamen, wenn der Linnenhandel fich beffern foll" die Uebelftände des Leinfamen Handels einfah, und zu deren Behebung die Errichtung einer Handelscompagnie, welche den Bezug aus den ruffifchen Oftfee- Provinzen vermitteln follte, vorfchlug. Aber auch das Genoffenfchaftswefen darf mit gutem Fuge zu einer vortheilhaften Organiſation des Samenbezuges herangezogen werden; um fo mehr, da der Flachsbau mehrere Gelegenheiten darbietet( wie Beforgung von 40 Arthur Freiherr von Hohenbruck. Düngemitteln und Geräthfchaften, gemeinfame Bereitung in genoffenfchaftlichen Anftalten und Verkauf des Productes), deren Ausnützung beffer durch die Landwirthe felbft im genoffenfchaftlichen Vereine, als durch die Einzelnen mit fremder Hilfe erfchöpft wird. Damit aber folche Genoffenfchaften mit fernen Plätzen coulante Beziehungen pflegen können, ift es nothwendig, dafs fie die Verbindung mit foliden und wohlaccreditirten Bankhäufern fuchen, welche die Zahlung vermitteln und verbürgen. Solches wird ihnen aber in der Regel kaum anders gelingen, als unter folidarifcher Haftung ihrer Theilnehmer. Defshalb find Saamenbezugs- Genoffenfchaften mit folidarifcher Haftung und mit Anlehnung an wohl accreditirte Bankhäufer empfehlenswerth. Der zweite Antrag lautet: ,, Brauchbare Säe- Leinfaat könnte und follte um Vieles allgemeiner als in Wirklichkeit der Fall ift, gezüchtet werden." Die Erzeugung guter Säe- Leinfaat ift allerdings in weit höherem Grade, als die Fafererzeugung abhängig von dem Beftande und Gehalte des Bodens und es liegt nicht immer in der Willkür des Landwirthes, einen bauwürdigen Samen zu erzeugen. Zu Folge von Unterfuchungen fcheint nämlich die Züchtung von guter Säe- Leinfaat wefentlich bedingt zu fein von der im Boden enthaltenen, in affimilirbarem Zuftande vorhandenen Maffe von Erdfalzen, und zwar namentlich des Kali. Die vorzüglichften Leinfamen Böden: die Lehmböden devonifcher Formation in den ruffifchen Oftfee- Provinzen, des holländifchen, dem Meere abgewonnenen Schwemmlandes, die tirolifchen Grundfchuttböden, welche aus einer Zerfetzung von Gneis und Granit entstanden, find vorzüglich kalikräftig. Nun könnte zwar ein künftlicher Eintrag der benöthigten Erdfalze durch angemeffene Düngung, Brenncultur etc. die natürliche Eignung erfetzen; und er wird in der That mit gutem Erfolge angewendet. Allein abgefehen davon, dafs durch keine Düngung die durch die Natur gegebene gleichmäfsige Mifchung der Krumme erzielt werden kann, fo ift es wirthschaftlich, dafs vor Allem jene Gegenden in der LeinfamenProduction gefördert werden, welche vermöge ihrer natürlichen Eigenfchaften dazu veranlagt find. Solche Naturanlagen, das ift, kalikräftige Böden unter angemeffenem, hinreichendes directes Sonnenlicht bietendem Klima find aber allerdings weit allgemeiner verbreitet, als fie in Wirklichkeit ausgenützt werden. Es ift aber nachdrücklich zu betonen, dafs in Ländern mit intenfiver Wirthschaft es nicht wirthschaftlich ift, den Schwerpunkt des Flachsbaues in die Samenerzeugung zu legen, weil vorzüglich durch die Fafer vermöge der Gelegenheit, die fie bietet, Kenntniffe und Fertigkeiten an ihr zu verwerthen, jene höheren abfoluten Erträge gewonnen werden können, welche dem Werthe des Grund und Bodens und den Koften der Bewirthschaftung entſprechen. Vielmehr können hier nach dem durchfchlagenden Beifpiele Hollands, welches von demfelben Felde einen vorzüglichen Flachs und eine der trefflichften Säe- Leinfaaten zieht, beide Producte in guter Qualität erzielt werden. Sehr allgemein ift aber die Pflege des Samens vernachläffigt, während fie recht gut neben der Faferzucht Platz finden könnte, und hierauf fucht der Antrag Ihre Aufmerkfamkeit zu lenken. Der dritte Antrag lautet: ,, Zur Erzielung guter Säe- Leinfaat fowohl als guter Fafer mag im Allgemeinen das hol1 ändifche Verfahren, bei der Ernte insbefondere die Kortryk'fche oder eine analoge Methode ( Kapellung) mit Nutzen befolgt werden." Es wurde fchon in der Begründung des vorigen Antrages darauf hingewiefen, dafs die Erzeugung guter Leinfaat die Erzeugung guter Spinnfafer unter günftigen natürlichen Verhältniffen nicht ausfchliefst und es kann in der mehr oder minder intenfiven Landwirthschaft, welche auf diefem Congreffe vorwaltend vertreten ift, kaum davon die Rede fein, eine folche Samenzucht zu empfehlen, welche die Erzeugung der Fafer aufser Verhältnifs entwerthen würde. Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 41 Das Vorbild, welches innerhalb diefer Grenzen fich als das nachahmens werthefte empfiehlt, ift ohne Zweifel der holländifche Flachsbau. Die Holländer wählen, wie bekannt ift, ein in Kraft ftehendes Land, fäen zwei Hektoliter auf die Hektare, ziehen den Flachs, wenn der Samen in der Mehrzahl der Kapfeln foweit gereift ift, dafs ein quer durch die Kapfel geführter Mefferfchnitt regelmässige Schnittflächen aufweift; bewahren den Samen in den Kapfeln auf, bis fie ihn zu gelegener Zeit ausdrefchen; reinigen und fortiren mit grofser Sorgfalt. In allen diefen Dingen darf uns das holländifche Verfahren als Mufter dienen. Was aber das Ernteverfahren anbelangt, fo darf die Kortryk'fche Methode der handvollweifen Aufkapellung der holländifchen, gebündelten Kapellung noch vorgezogen werden. Es könnten hier zwei weitere Fragen aufgeworfen werden: Soll zum Zwecke der Samenerzeugung die Saat gedrillt werden? Und ferner: Ift Samenraftung empfehlenswerth? Auf die erfte Frage ift zu bemerken, dafs das Drillen der Saat allerdings die Menge und Güte der Samenernte befördern kann; allein es mufs daran erinnert werden, dafs die Samenerzeugung auf Koften der Fafererzeugung in unferen Verhältniffen unwirthfchaftlich genannt wurde; es wird alfo nur in folcher Weife zu billigen fein, dafs es nicht den Faferertrag unverhältnifsmässig herabmindert, und es wird zu beachten fein, dafs unter gleichen Verhältniffen gedrillte Saat leichter dem Frofte erliegt als ungedrillte. In Bezug auf die Samenraftung gehen die Uebungen in auffallender Weife auseinander. Sie liefert zuweilen, wie zahlreiche Verfuche in Oefterreich und Deutfchland beftätigen können, ganz ausgezeichnete Refultate und es ginge kaum an, diefelben zu ignoriren. Dagegen in Rufsland, Holland etc. ift fie kaum in Gebrauch, fondern es kommt regelmässig letztjährig geernteter Samen im folgen. den Frühjahre zur Ausfaat. Ja nach den Rigaer Exportnormen wird die befte Säe- Leinfaat letzter Ernte, die nicht bis zu 15/27 Mai verfchifft worden, weil fie, wie man erfahren hat, durch längeres Liegen bei höherer Temperatur die Vorzüge ihrer Keimkraft einbüfsen würde, zur„ verwrackten Säefaat". Es wird Aufgabe der Pflanzenphyfiologie fein, diefen widerfpruchsvollen Gegenftand zu beleuchten. Es fcheint, dafs in einem minder gut fortirten oder an fich verfchiedenkräftigen Samen die Raftung, ähnlich wie das Dörren, durch Tödtung fchwächlicher Keime nützt. Aber es läfst fich auch nicht in Abrede ftellen, dafs man nicht felten eine pofitive Kräftigung der Keimkraft davon bemerken konnte. Im Ganzen erfcheint darnach die Sache als nicht fpruchreif, und es mögen noch immerhin die örtlichen Erfahrungen ihr Recht fortbehalten. Hier am Schluffe diefes Abfatzes fcheint mir auch paffend zu beantragen: Der hohe Congrefs wolle nachdrücklich dafür einftehen, dafs die Säe Leinfaat allenthalben nur vollständig gereinigt in den Verkehr gebracht werde. Der vierte Antrag lautet: ,, Zur Hebung der Leinfaat find zweckdienlich: 1. Verbreitung einfchlägiger Kenntniffe und Fertigkeiten unter den flachsbauenden Landwirthen; 2. Errichtung von Samenmärkten; 3. Förderung des Abfatzes der überfchüffigen oder fchon örtlich entarteten Leinfaat." Eine erfte Bedingung für das Gelingen einer fördernden Einwirkung auf die Erzeugung von Säe- Leinfaat ift allerdings das Vorhandenfein der natürlichen Vorausfetzungen, namentlich eines geeigneten Bodens Auf armen Sandböden, wie den flandrifchen, läfst fich wohl durch unausgefetzte Cultur eine höchft werthvolle Fafer, aber kein werthvoller Same ſchaffen. Wo alfo eine Hebung der Samenerzeugung angeftrebt werden foll, dort mufs das Land vor Allem dazu natürlich und wirthfchaftlich veranlagt fein. 42 Arthur Freiherr von Hohenbruck. Dann aber dient zu diefem Ende erftens allerdings, wie bereits oben angeführt, die Verbreitung einfchlägiger Kenntniffe und Fertigkeiten unter den flachsbauenden Landwirthen; fodann aber nichts mehr als eine Veranſtaltung, welche den Abfatz der überfchüffigen oder fchon örtlich entarteten Leinfaat erleichtert und lohnende Preife verfichert. Eine folche Anftalt find Samenmärkte, welche aber zur Vorausfetzung haben, dafs der Flachsbau concentrirt und auf zahlreichen kleinen und mittleren Gütern betrieben wird. Grofse Güter haben kein Intereffe, ihre maffenhaften Producte zu Markte zu fahren, fondern wollen aufgefucht fein. Uebrigens bietet die Anlage neuer Märkte immer die Schwierigkeit, das Intereffe der Käufer und Verkäufer an das Neue und Verfuchsweife zu feffeln. Eine folche empfehlenswerthe Anftalt, insbefondere für Gegenden, welche einen wenig concentrirten oder auf Grofsgütern betriebenen Flachsbau befitzen, wäre ferner, fei es ein Verein, fei es eine Genoffenfchaft, fei es endlich eine Handelsanftalt, welche fich, am beften gegen fefte Provifion, damit befafste, den blofs örtlich entarteten Samen nach Gegenden zu vertreiben, in welchen er beffere Ergebniffe liefert. Diefe Anftalt müfste, zumal in grofsen, verfchiedene natürliche und ökonomifche Verhältniffe umfaffenden Ländern fowohl zu einem allgemeineren Samenwechfel anregen, als auch den ausländifchen Samenbezug auf jenes Mafs bringen, welches den Intereffen der Volkswirthfchaft am meiften entspricht. Der fünfte Befchlufsantrag lautet: ,, In Anbetracht, dafs für die Löfung der Frage der Leinfamen- Production in mancher Beziehung genügende Erfahrungen zur Zeit noch nicht vorliegen, empfiehlt der Congress in Berücksichtigung der Wichtigkeit des Gegenftandes das fortgefetzte eingehende Studium derfelben in den leinbauenden Ländern, und bezeichnet es als eine wichtige Aufgabe des von ihm gewählten ftändigen Ausfchuffes, diefer Frage feine volle Aufmerkfamkeit zuzuwenden." Die Abficht diefes Antrages liegt fo klar vor und die Nothwendigkeit der Mafsregel ift fo evident, dafs mir die hohe Verfammlung ficherlich eine nähere Begründung desfelben erlaffen wird." Die Refolution des Congreffes über Frage I lautet hiernach: I. Auf Grund der mit einer Reihe von Leinfaat- Samen gemachten Erfahrungen ift auszufprechen, dafs fich vom Standpunkte der Leinengewerbe der Anbau des blau blühenden Schliefsleines( linum usitatissimum vulgare) zumeift empfiehlt. In Bezug auf die Wahl der Leinfaat empfiehlt fich erfahrungsgemäfs der Wechfelderfelben. Um den Leinfaat- Verfälfchungen, welche im Zwifchenhandel vorkommen, wirkfam zu begegnen, empfiehlt fich, die Bildung von gröfseren Import- und Samenbezugs Genoffenfchaften ins Auge zu faffen. 2. Brauchbare Säe- Leinfaat könnte und follte als um Vieles allgemeiner, als in Wirklichkeit der Fall ift, gezüchtet werden. 3. Behufs Erzielung guter Säe- Leinfaat fowohl als guter Fafer erfcheint die holländifche, insbefondere die Kortryk'fche oder eine analoge Erntemethode( Kapolung) zumeift empfehlenswerth. Nur ganz gereinigte Saat foll in den Handel gebracht werden. 4. Als für die Hebung der Leinfaat Erzeugung zweckdienlich erfcheinen: a) Belehrung der flachsbauenden Landwirthe, b) Errichtung von Samen Märkten, c) Förderung der Abgabe von überfchüffigem oder örtlich entartetem Saatgute 5. In Anbetracht, dafs für die Löfung der Frage der Leinfamen Production genügende Erfahrungen zur Zeit noch nicht Der internationale Congrefs der Flachs- Intereffenten. 43 vorliegen, empfiehlt der Congrefs in Berücksichtigung der aufserordentlichen Wichtigkeit des Gegenftandes das fortgefetzte, eingehende Studium derfelben in den leinbauenden Ländern und bezeichnet es als eine der wichtigften Aufgaben des von ihm gewählten ftändigen Ausfchuffes, diefer Frage feine volle Aufmerkfamkeit zuzuwenden. " II. Frage. Welche Leinbau- Methoden beftehen, welche Methoden find die beften, und welche Mittel würden fich für die Verbreitung diefer Methoden befonders empfehlen?" Berichterstatter Profeffor Leydheker: Unftreitbar geht das Intereffe der Flachsproducenten Hand in Hand mit dem der Flachsconfumenten, der Flachsinduftriellen; beide Erwerbsthätigkeiten, die Flachsproduction, fowie die Flachsinduftrie ftehen in fo inniger Wechfelbeziehung zu einander, dafs mit dem Wohle und der freudigen, gefunden Entwicklung der einen unbedingt die Exiftenz der anderen gefichert wird, im umgekehrten Falle aber auch gefährdet werden kann, fobald durch unrichtiges Vorgehen, durch mangelhaftes Erfaffen deffen, was die jeweiligen Zeitverhältniffe gebieten, der Lebensfaden der Flachsproduction oder auch der Flachsinduftrie durchſchnitten wird. Mit weit gröfserer Schwierigkeit und weit mehr Unficherheit hat der Landwirth feine Flachsproduction zu betreiben, als der Induftrielle feine Flachsveredlung; denn feine Thätigkeit wird vor Allem beeinflusst durch die beiden natürlichen Factoren, Klima und Boden, von welchen Einflüffen der Leineninduftrielle nur in einem fehr geringen Grade und in der Regel nur indirect berührt wird. Der Einfluss des Bodens, noch mehr aber der des Klimas, ift von der Natur gegeben. Auf diefe beiden Factoren ändernd einzuwirken, vermag der Flachsproducent nur in einem fehr geringen Grade, um fo weniger, je mehr ihm die Kenntniffe abgehen, mit was für Erfcheinungen, Vorgängen und Kräften er es hiebei zu thun hat. Die Naturwiffenfchaften, insbefondere die Phifiologie, Chemie und Phyfik find mithin in erfter Linie dazu berufen, weiter zu forfchen, um die Natur und das Wefen aller derjenigen Kräfte und Subftanzen genau kennen zu lernen, welche fämmtlich bei der Cultur des Flachfes mit thätig find. Die Unkenntnifs über das Wefen diefer beiden Naturfactoren läfst es mithin fehr erklärlich finden, dafs das ganze Vorgehen beim Flachsbau meift auf eine rein empirifche Grundlage bafirt ift. Bilden fomit Klima und Boden ein Conglomerat von unbekannten Gröfsen, mit denen es der Flachsproducent, wie jeder Land- und Forstwirth zu thun hat, und zu deren Auflöfung der Flachsbauer, ebenfo wie der Naturforfcher berufen ift, fo find es aber die natürlichen Factoren nicht allein, welche die Flachscultur beeinfluffen; Arbeit und Capital fpielen auch bei diefer wirthschaftlichen Thätigkeit ihre bedeutende Rolle. Dafs nun fowohl die Arbeit, als auch das Capital in einem fehr verfchiedenen Mafse bei der Flachsproduction in Benützung kommen, ift eine allbekannte Thatfache und laffen fich die verfchiedenartigen Refultate, welche bei der Flachs cultur erhalten werden, nicht felten auf den einen oder den anderen oder auf die beiden Factoren zugleich zurückführen. Da nun Letztgenannte weit mehr in der Hand und in der Machtfphäre der Menfchen liegen, als die von der Natur gegebenen Factoren, Klima und Boden, fo ift es felbftverſtändlich, auch vor Allem die Aufmerkfamkeit auf diejenigen Momente zu lenken, welche auf die Flachscultur Einfluss ausüben und auf die beiden Factoren Capital und Arbeit fich zurückführen laffen. 44 Arthur Freiherr von Hohenbruck. Die Art und Weife, wie der Landwirth feinen Flachs anbaut, beeinflusst nicht nur fein eigenes perfönliches Intereffe, die Rentabilität feines Erwerbsbetriebes, fie übt auch einen gleich mächtigen Einfluss auf die Leineninduftrie, fowie auf das ganze volkswirthschaftliche Leben. An ihn, den Landwirth als Flachsproducenten, tritt mithin vor Allem die Aufgabe heran, durch eine geeignete Culturmethode von feinem Flachsacker eine möglichft quantität- und qualitätreiche Ernte zu erzielen, durch die er nicht allein fich felbft eine entsprechende Grundrente fichert und damit feine volkswirthschaftliche Aufgabe als Landwirth zur Genüge löft, er fördert damit auch das Intereffe der Flachsinduftriellen, fowie der Flachs confumenten. Die Flachscultur ift, wie bekannt, ein fehr alter Culturzweig in der Landwirthfchaft, der fich über alle Länder der verfchiedenen Zonen verbreitet hat. Gerade aber, weil derfelbe fchon feit Jahrhunderten gepflegt und überall unter den verfchiedenartigften und mannigfachften, natürlichen und künftlichen Beeinfluffungen zur Durchführung gebracht wird, kann es auch kein Wunder nehmen, dafs heut zu Tage nicht nur jedes Land, ja jeder Landestheil, jede Gemeinde ein eigenes, den localen Verhältniffen mehr oder weniger angepafstes Vorgehen bei der Flachscultur innehält, das leider aber in den meiften Fällen weit davon entfernt ift, in jeder Beziehung zu befriedigen: dem Flachsbaue eine möglichst hohe Rente zu fichern und dem Flachsinduftriellen eine möglichft werthvolle Fafer zu liefern. Das ftrenge Fefthalten an dem Althergebrachten, die Furcht und Scheu vor allem Neuen, fowie die totale Unkenntnifs aller Erfcheinungen und Vorgänge, welche von dem Reinigungsproceffe bis zur Ernte fich ergeben und die alle bald in einem höheren, bald in einem niederen Grade das Refultat der Flachscultur zu beeinfluffen vermögen, bringen es mit fich, dafs mit geringer Ausnahme die Flachs. cultur auch heute noch ebenfo rein empirifch durchgeführt wird, wie vor Jahrhunderten. Wo von Natur aus die Verhältniffe der Flachs cultur fehr günftig waren, wie diefs vorzüglich in Belgien ftatthat, lag es auch nahe, dafs dafelbft nicht nur von Seiten der Flachsproducenten ein höherer Grad der Intelligenz der Production zugewandt wurde, fondern auch die Regierung durch ihre verfchiedenen hiezu beftellten Organe fördernd und hebend einzuwirken fuchte. Betrachten wir heut zu Tage alle Flachs culturen mit demfelben Endziele, nämlich der Erzeugung einer guten, werthvollen Fafer, die fich in den verfchie denen Ländern Europas ein begründetes Renommé erworben haben, fo laffen fie fich fämmtlich auf die belgifche Culturmethode zurückführen, find mithin mehr oder weniger eine Nachahmung der belgifchen Flachs cultur, felbftverſtändlich unter Berücksichtigung der gegebenen localen und wirthfchfchaftlichen Verhält niffe. Es dürfte daher auch der hohe Congrefs feine volle Zuftimmung geben, zu. dem sub I formulirten Antrage: , Von den in Uebung ftehenden mannigfachen Anbau-, Feldbeftellungs-, Einfaat- und Ernteweifen find die in Belgien, insbefondere die in Oft- und Weftflandern beftehenden, von dem Standpunkte der Flachsproduction als die vorzüglichften zu bezeichnen." Hierauf wird der erfte Abfatz des Antrages des Berichterstatters ange nommen. Der zweite Theil meines Antrages lautet: د" Unter den verfchiedenen Anfaat- Zeiten( Früh-, Spät- und Herbftfaat) ift der Frühfaat in Bezug auf die Erlangung einer kräftigen Fafer im Allgemeinen der Vorzug zuzuerkennen." Mit dem Worte„ Frühfaat" ift etwas mehr oder minder Prekäres gefagt. In dem einen Landestheile kann ein Zeitpunkt für fpät gelten, während er in dem anderen, z. B. im Gebirge, als früh angefehen werden mufs. Damit will nur gefagt werden, dafs fo früh als möglich mit dem Anbau vorgegangen werde, d. h. dafs die Saat vorgenommen werde, fobald dem Boden die nothwendige Winterfeuchtig Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 45 keit innewohnt, und dafs der Lein aus der erften Entwicklung herausgebracht werde, ehe die anhaltende Trockenheit beginnt, weil damit die fchädlichen Einflüffe fern gehalten werden, welche die Leinfaat in der erften Jugend leicht ftören und oft vernichten. Ich erinnere nur an die Erdflöhe, welche oft die Leinfaat von vorneherein, beim Keimen, vernichten. Dagegen fprechen fich zwar viele Anfichten dahin aus, dafs die Frühfaat durch Fröfte in Mitleidenfchaft gezogen wurde. Man hat jedoch anderfeits die Beftätigung gefunden, dafs die einzelne Pflanze, wenn fie fich kräftig entfaltet hat, eine weit gröfsere Widerftandsfähigkeit befitzt, als eine Pflanze, welche kümmerlich emporwächft. Die Frühfaat wird befonders dann angezeigt fein, wenn wir durch vorausgegangene Culturen den Boden kräftigen, fo dafs die Pflanze fich dann ftark entwickelt und dadurch eine befondere Widerftandsfähigkeit gegen Froft und Kälte erhält. Die Frühfaat dürfte fich demnach empfehlen, weil dadurch eine gröfsere Sicherheit für das gleichmässige Aufgehen geboten wird, weil fie weniger von den Erdflöhen leidet und weil, was befonders bei Kleinwirthen der Fall ift, die Röfte noch in demfelben Jahre vollständig durchgeführt und dadurch im kommenden Winter mit der Aufbereitung vorgegangen werden kann. Der Kleinwirth wird fich felten die Mühe geben, den Flachs 2 bis 3 Jahre in Stroh aufzubewahren, er wird vielmehr wegen feines gröfseren Bedarfes nach Geld trachten, das Product fo rafch als möglich zu verwerthen. Diefs wird aber nur dann möglich fein, wenn er früh anbaut, damit er die Röfte noch in demfelben Jahre vollſtändig durchführen und im Winter aufbereiten kann. Die Frühfaat dürfte daher im Allgemeinen, weil fie eine kräftigere, ftärkere Fafer liefert, entfchieden den Vorzug vor der Spätfaat verdienen. Der Abfatz zwei des Antrages I des Berichterstatters wird vom Congreffe hierauf angenommen. Der dritte Theil des Antrages I lautet: ,, Die Anfaat von Lein als zweite Frucht ift, da fie eine wenig haltbare Fafer liefert, nicht empfehlenswerth." Hieraus ift zu entnehmen, dafs der Flachs, als zweite Frucht oder als Stoppelfrucht angebaut, felbftverſtändlich nie einen befonderen Ertrag liefern kann. Wenn wir der Anficht find, dafs der Flachs durch den frühen Anbau eine kräftige, haltbare Fafer erhält, fo liegt es nahe, dafs, wenn der Anbau erft im hohen Sommer vorgenommen wird, die Pflanze nicht befonders haltbar fein kann. Antrag 2 lautet: ,, Was die für den Flachsbau fo wichtige Düngungsfrage betrifft, fo ift auszufprechen: Die Düngung mit Stallmift foll nur vor der Vorfrucht gefchehen. Die Anwendung künftlicher Düngmittel dagegen, wie von Afche, Compoft, Phosphat, Chilifalpeter, kann mit grofsem Erfolge unmittelbar zum Lein ftattfinden. Die Kalkdüngung ift, da fie die Fafer rauh geftaltet und der Kalkftaub die Arbeiter namentlich in der Hechelei beläftigt, nicht empfehlenswerth." Wir haben bei der Flachs cultur auf die Befchaffenheit des Bodens, das heifst derjenigen Subftanz, aus welcher der Flachs fich aufbaut, unfere Hauptaufmerkfamkeit zu richten. Es ift diefs leider noch ein wunder Fleck, und zum gröfsten Theile ift die Wiffenfchaft daran Schuld, weil fie uns in diefer Beziehung ganz im Stiche läfst, und uns nicht angibt, welche Form die einzelnen Nährfubftanzen haben follen, in welcher Form fie in die Pflanze eindringen, und welche Metamorphofen fie in der Pflanze felbft durchzumachen haben. In diefen Fragen liegt noch ein geheimnisvolles Dunkel vor, und alle Verfuche, die auf die Kräftigung des Bodens zum Behufe des Flachsbaues gemacht werden, gehen nicht nach ftreng wiffenfchaftlichen Gefetzen vor, fondern haben mehr weniger den Anftrich der Empirie, und durchgehends nur einen localen Werth. Dennoch haben fich aus der Maffe von Erfahrungen einige allgemein giltige Normen herausgebildet, und diefe find es, welche ich mir Ihnen im Antrage 2 vorzutragen erlaube. 46 Arthur Freiherr von Hohenbruck. Es kommen allerdings noch andere Düngftoffe vor und namentlich in der neueren Zeit werden die verfchiedenartigften Subftanzen, darunter befonders das Kochfalz, verwendet, um den Flachsacker zu kräftigen und dadurch die Production zu heben und die Fafer zu ftärken. Aber in letzterer Beziehung find wir noch zu wenig vorgefchritten, als dafs wir ein endgiltiges Refumé ziehen könnten, und es ift das immer noch eine offene Frage, welche zu löfen Aufgabe der Wiffenfchaft ift. Im Allgemeinen hat jedoch die Erfahrung gelehrt, dafs die Anwendung von Stallmift- Düngung für die Kräftigung des Flachsackers weniger vortheilhaft ift, und zwar weil dadurch die Flachsfafer leidet, dafs aber anderfeits die Anwen dung von kalkhaltigen und phosphorfäurehaltigen Düngftoffen befonders kräftigend auf die Entwicklung der Leinpflanze wirken, wefshalb Afche, guter Compoft, Phosphat, dann Düngfalz, wie es in Stafsfurt und in Kalufz vorkommt, letzteres insbefondere wegen des Reichthums an Kali, befonders für den Flachsbau geeignet erfcheinen. Dagegen erweift fich die Verwendung von reinem Kalk als wenig empfehlenswerth, indem die Erfahrung lehrt, dafs die Kalkdüngung ungünftig auf die Fafer wirkt, dafs die Fafer an Werth verliert, und dafs fie bei der Aufarbeitung des Flachfes grofse Fatalitäten nach fich zieht. Um jedem Mifsverftändniffe vorzubeugen, mufs ich jedoch hervorheben, dafs fich der Stallmift nur direct nicht für den Flachsbau empfiehlt, dafs es jedoch angezeigt erfcheint, ihn für die Vorfrucht zu verwenden, und zwar insbefondere dann, wenn der Boden fchwer und kalt ift. Wenn wir auf die Momente, die hervorgehoben wurden, zurückweifen fo liegt es fehr nahe, dafs der Flachsproducent vor Allem darnach ftreben mufs, einen Samen zu verwenden, welcher rein ift und allen Samen, der mit anderen Sämereien vermifcht ift oder die Keimfähigkeit nicht befitzt, möglicft zu vermeiden. Wir haben geftern fchon gehört, dafs man eine vollkommene Reinheit und Ungemifchtheit leider nicht erwarten könne; es kommt daher nur in Betracht, eine möglichft grofse Reinheit des Samens zu erzielen. Was einmal der Flachsproducent fäet, wird er auch ernten, wenn er fruchtbaren, reinen Samen anbaut, fo wird er auch reinen ernten. Weiter wird, je reiner der Same ift, auch die bekanntlich ungemein koftfpielige Arbeit des Jätens mehr weniger verringert. Der Flachshändler ift nicht in der Lage, darauf Einflufs zu nehmen; daher mufs der Flachsbauer felbft darauf hinarbeiten, den Samen entweder möglichft zu reinigen, oder möglichft reinen zu kaufen. In den meiften Fällen wird ihm auch die Möglichkeit geboten, fich reinen Samen zu verfchaffen; nur mufs er darauf achten, dafs er die Saat nicht aus dritter Hand bekömmt, da fie dann leicht mit anderen Sämereien vermifcht fein kann. Der hohe Congrefs wird mit mir darin übereinstimmen, dafs eine möglichft forgfältige Reinigung des Samens unerläfsliche Bedingung ift und dafs es Streben der Technik fein foll, folche Maſchinen anzufertigen, die eine möglichft vollkommene Reinigung des Saatgutes ermöglichen. Das Jäten felbft mufs möglichft vollkommen erfolgen, denn unter Unkrautpflanzen wird eine Flachspflanze fich nicht entwickeln können. Je reiner der Samen, defto vollkommener die Saat. Ich beantrage daher als dritten Punkt folgende Refolution: Jäten." ,, Dringend zu empfehlen find das forgfältige Reinigen des Saatgutes und das wiederholte In fehr vielen Fällen wird theils durch unrichtiges Vorgehen beim Flachsbau felbft, theils durch äufsere Einflüffe, über welche der Flachsbauer leider nicht Herr ift, ein Zufammenfallen der Flachsftengel herbeigeführt. Diefes Lagern des Flachfes ift felbftverſtändlich in jeder Beziehung nachtheilig, nicht nur was die Fafer felbft anbetrifft, fondern auch auf die Samenbildung. Die Flachsfafer wird mürbe, fie wird lange nicht das Material zu liefern im Stande fein, wie diejenige, welche aufrecht ftehen geblieben ift. Der Same, welchen wir von gelagertem Flachfe erhalten, ift felbft als wenig verwerthbar zu betrachten. Es Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 47 gibt aber Mittel dem Flachs aufzuhelfen, ihn zu ftützen, und das ift das Herrichten von Widerlagern. Wo der Flachs im Kleinen angebaut wird, kann das Errichten von Widerlagern als ein praktifches Vorgehen betrachtet werden; wo er aber im Grofsen- wie in Belgien angebaut wird, ift diefs nicht ausführbar und da wird es nicht felten für wirthschaftlich angezeigt erachtet, mit Stützen vorzugehen. - Es ift dann vortheilhaft, wenn durch irgend welche Einwirkung das frühzeitige Raufen verhindert wurde und es nicht möglich war, den Flachs früher zu raufen und auch nicht abzuwarten, bis andere Witterungsverhältniffe eintreten, welche zum Raufen am beften wären. Ich beantrage daher als vierten Punkt meines Antrages: ,, Das Stützen des Leines, beim Baue des lin ramé mit Vortheil angewendet, rentirt nur bei an und für fich werthvoller Fafer. Gelagerten Lein zu ftützen, ift auf gröfseren Flächen nicht gut ausführbar und erfcheint es vortheilhafter zu frühzeitigem Raufen zu fchreiten." Eine der Haupt- Schattenfeiten, die wir dermalen noch bei der Flachs cultur antreffen, ift die, dafs, nachdem der Flachs gezogen ist, derfelbe in der Regel auf dem Felde, wo er angebaut wurde, liegen bleibt und dafelbft ausgebreitet wird. Diefes Ausbreiten mufs auf jeden Fall nur um fo nachtheiliger auf Stengel und Pflanzen wirken, als die Einwirkung des Lichtes und der Feuchtigkeit fich auf die Stengel fowohl, als auch auf den Samen äufsert. Der Theil der Pflanze, auf welchen das Licht fällt, wird eine andere Wirkung erfahren, als jener, auf welchen kein Licht fällt. Der Baft am unteren Theile des Stengels wird eine Art Vorröfte erfahren, in Folge deffen die weitere Aufarbeitung eine ungleiche fein wird. Der Baft und Same, der nach unten gekehrt ift, wird lange nicht von folcher Güte und Befchaffenheit fein, wie der, welcher fich nach obenhin befindet. Immer wird der Flachs im unteren Theile ein weniger guter fein als jener, der dem Lichte ausgefetzt ift. Wir können diefs umgehen, wenn wir, wie in Belgien, die Pflanzen aufftellen in Kapellen oder Schragen und nach der Hand wieder wenden, fo dafs was früher nach innen war, jetzt nach aufsen kömmt, und die ganze Pflanze gleichmäfsiges Licht erhält und gleichmäfsig austrocknet. Diefs wird erreicht durch das Aufftellen in Schragen oder Kapellen. Auf ein weiteres Moment möchte ich noch aufmerkfam machen, nämlich auf die Abnahme der Samenkapfeln vom Stengel( Stroh). Es erfolgt diefes in vielen Fällen noch durch das Drefchen; der Same wird vom Stengel unmittelbar abgedrofchen. Diefs Abnehmen des Samens durch Drefchfchlägel ift weniger vortheilhaft, weil die Erfahrung lehrt, dafs, indem wir den Flachs nicht bei vollkommener Samenreife ernten, die weitere Ausbildung desfelben in den Samenbollen nach der Ernte erfolgt. Wir müffen daher darauf fehen, dafs der Same in den Kapfeln eingefchloffen bleibt. Diefs gefchieht nun viel beffer durch die Riffel, während durch die Drefchfchlägel die Samenbollen zerfchlagen werden. Bei dem Ablöfen der Kapfeln durch die Riffel bei dem Abriffeln- wird der Same in den Kapfeln erhalten; diefs hat aber noch den weiteren Vortheil, dafs wir eine vollſtändige Sonderung und Reinigung des Leinfamens vom Unkraut erhalten. Ich erlaube mir daher zu beantragen, dafs der hohe Congrefs ausfprechen wolle: 5. Es erfcheint empfehlenswerth, dafs das Aufbreiten des Flachfes auf dem Felde zum Trocknen durch Aufftellen in Schragen( Kapellen) erfetzt wird; ebenfo foll auch das Löfen der Samenbollen von den Stengeln mittelft der Riffeln an Stelle der anderen bekannten Trennungsmittel erfolgen." In den meiften Fällen ift die Leincultur in den Händen von Kleinwirthen, die nur dann das Beffere dem Guten vorziehen, wenn fie es durch das eigene Auge erfahren haben, daher wir diejenigen Momente, welche zur Befferung der Lein4 48 Arthur Freiherr von Hohenbruck, cultur in Anwendung kommen, vorerft dem Leinwirthe als das Beffere vorführen müffen. Hauptfächlich dürfte die Prämiirung gut beftellter Flachscultur zur Hebung diefes Induftriezweiges beitragen. Der Landwirth wird dadurch aufmerkſam gemacht, was er geleiftet hat und feine Nachbarn werden zum Flachsanbau angetrieben. Ein zweites Mittel ift die Anlegung von Mufterfeldern; diefe find nothwendig, um dem Kleinwirth zu zeigen, was er leiften kann und wie er vorzugehen hat. Drittens empfehle ich die Gewährung von Anleitungen zur Cultur des Flachfes. In diefer Beziehung werden wir an die landwirthfchaftlichen Vereine appelliren dürfen, dafs diefe als Lehrmeifter da feien und dem Kleinwirthe zur Seite ftehen mögen und endlich Alles das, was die Praxis lehrt, durch entſprechende Vorträge und Schriftitücke dem Volke bekannt machen. Ich empfehle daher als 6. Punkt zur Antwort auf Frage II, folgende Refolution: ,, Als Mittel für die Verbreitung zweckmäfsiger Leinbau- Methoden empfehlen fich: die Prämiirung gut beftandener Flachsculturen, Anlage von Mufterfeldern, vergleichende Flachsanbau- und Düngungsverfuche und Verbreitung deren Ergebniffe durch Wort und Schrift." Die Refolution des Congreffes über Frage II lautet: 1. Von den in Uebung ftehenden mannigfachen Anbau-, Feldbeftellungs-, Einfaat und Ernteweifen find die in Belgien, insbefondere in Oft- und Weft flandern beftehenden vom Standpunkte der Faferproduction als die vorzüglichften zu bezeichnen. Unter den verfchiedenen Ausfaatzeiten( Früh-, Spät- und Herbftfaat) ift der Frühfaat in Bezug auf die Erlangung einer kräftigen Fafer im Allgemeinen der Vorzug zuzuerkennen. Die Anfaat von Lein als zweite Frucht ift, da fie eine wenig haltbare Fafer liefert, nicht empfehlenswerth. 2. Was die für den Flachsbau fo wichtige Düngungsfrage betrifft, fo. ift auszufprechen: die Düngung mit Stallmift foll nur vor der Vorfrucht gefchehen. Die Anwendung künftlicher Düngmittel dagegen, wie von Afche, Compoft, Phosphat, ChiliSalpeter, kann mit grofsem Erfolge unmittelbar zum Lein verwendet werden. Die directe Kalkdüngung ift, da fie die Fafer rauh geftaltet und der Kalkftaub die Arbeiter namentlich in der Hechelei beläftigt, nicht empfehlenswerth. 3. Dringend zu empfehlen find das forgfältige Reinigen des Saatgutes und das wiederholte Jäten. 4. Das Stützen des Leines, beim Bau des lin ramé mit Vortheil angewendet, rentirt nur bei an und für fich werth voller Fafer. Gelagerten Lein zu ftützen, ift auf gröfseren Flächen nicht gut ausführbar und erfcheint es vortheilhafter, zu frühzeitigem Raufen zu fchreiten. 5. Empfehlenswerth erfcheint, dafs das Aufbereiten des Flachfes auf dem Felde zum Trocknen durch Aufftellen in Schragen( Kapellen) erfetzt werde, fodann das Löfen der Samenbollen von den Stengeln mittelft der Riffel an Stelle der anderen bekannten Trennungsmittel. 6. Als Mittel für die Verbreitung zweckmäfsiger LeinbauMethoden empfehlen fich die Prämiirung gut beftandener Flachsculturen und namentlich brauchbarer Säe- Leinfaat, Anlage von Mufterfeldern, vergleichende Flachsanbau- und Düngungsverfuche und Verbreitung deren Ergebniffe durch Wort und Schrift. Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 49 " III. Frage. , Welche Flachszubereitungs- Methoden haben fich bewährt und find demnach zu empfehlen." Berichterstatter Dr. Grothe: Bezüglich der Antwort auf Frage III feien von Seite des vorbereitenden Comités keineswegs beftimmte Sätze aufgeftellt, fondern nur Vorfchläge von gut bewährten Methoden durch Discuffion feftgefetzt worden. Dem Ausfpruche, dafs unter den bisher angewendeten Methoden nur diejenigen fich als praktiſch bewährt haben, bei welchen die Leinftengel einem Gährungsproceffe unterworfen( geröftet) werden, ehe die Trennung der fpinn baren Fafer von der Holzfubftanz durch Brechen und Schwingen erfolgt, könne man im Grofsen und Ganzen wohl zuftimmen, denn alle diefe Methoden feien ja fo allgemein eingeführt, wie jene, welche auf natürlicher Röftung beruhen. Um die Anwendung des Gährungsproceffes zu erfparen, haben die Herren Coblenz und Leoni zu Vaugenlieu in Frankreich den Verfuch gemacht, den Flachs vom Felde direct in die Mafchine zu bringen. Wenn das Verfahren allgemein anwendbar wäre, fo würden wir viele Arbeiter erfparen; aber leider bringe man auf diefe Weife aus der Fafer nicht jene Subftanzen heraus, welche geeignet find, eine Gährung einzuleiten. Bei der geringften Veranlaffung z. B. wo Taue befeftigt und der Sonne ausgefetzt waren, habe fich eine vollſtändige Gährung gebildet. Die englifche Marine habe das Verdienft, durch eine Reihe von Verfuchen bezüglich der Anwendung der Taue es ermöglicht zu haben, dafs man erkenne, ob ein Tau aus geröftetem oder ungeröftetem Flachfe hergeftellt worden fei. Rolle. Die chemifche Herftellung fpiele auch bei der Flachsbereitung eine grofse Keine Mifchung unter Anwendung von Soda vermöge die Flachsftengel derart herauszulöfen, dafs fie vollkommen klar werden. Dafs wir mit folchen Verfuchen auf die Löfung der Frage hinarbeiten, fei er vollkommen überzeugt, doch für heute möchte er aber dem hohen Congreffe nur empfehlen, auszufprechen: , Unter den bisher angewendeten Flachsbereitungs- Methoden haben fich nur diejenigen praktiſch bewährt, bei welchen die Leinftengel einem Gährungsproceffe unterworfen( geröftet) wurden, ehe die Trennung der fpinnbaren Fafer von der Holzfubftanz durch Brechen und Schwingen erfolgt." Der zweite Antrag des Comités: , Von den gebräuchlichen Röftverfahren liefert die Wafferröfte, wie fie in der Gegend von Courtrai in der Lys ausgeführt wird, die vorzüglichften Refultate. Dasfelbe Verfahren läfst fich ohne grofse Schwierigkeiten auch an anderen Orten nachahmen uud ift dringend zu empfehlen.' Diefer Paffus wird vielleicht bei den Flachsproducenten einigen Zweifel erregen, indem eben nicht überall, wie in der Gegend von Courtrai, eine Lys fich befindet, und infofern mit vollem Recht. Allein es ift nicht blofs der Flufs Lys, fondern auch die an diefem Fluffe angewendete Methode, welche bewirkt, dafs der Flachs fo fchnell röftet und der Grund liegt am Waffer. Ich mufs geftehen, dafs ich theilweife derfelben Anficht bin. Wir wiffen ja, dafs in der Textilinduftrie das Waffer eine fehr hoch zu fchätzende Rolle spielt, defshalb könnte diefer Antrag vielleicht zur Annahme führen, dafs nicht daran gedacht worden fei, dafs das Waffer auch feinen Theil dazu beiträgt. Deffen war man fich fehr wohl bedacht, allein wir wollten nur andeuten, dafs das Verfahren ein fehr zweckentfprechendes, fehr leicht nachahmbares fei. Wenn man auch das Waffer nicht künftlich herftellen kann, fo ift doch die Art und Weife des Verfahrens mafsgebend. Wir lernten zahlreiche Beiſpiele und namentlich auf der Ausftellung kennen, bei welchen vorzügliche Erfolge erzielt werden. 4* 50 Arthur Freiherr von Hohenbruck. Der Antrag 3 lautet: ,, Es empfiehlt fich, gute Röftanftalten für Rechnung von Gemeinden oder Corporationen zu errichten, damit auch dem kleinen Flachsproducenten die Vortheile derfelben gegen eine entſprechende Vergütung zu Theil werden." Ich habe dem dritten Antrage des Comités zu diefer Frage nur hinzuzufügen, dafs er eine Empfehlung des allgemein als richtig anerkannten Principes der Arbeit in Gemeinfchaft ift. Es wird fich für die kleineren Grundbefitzer und Flachsbauer empfehlen, dafs fie nicht alle Arbeiten felbft verrichten, fich z. B. nicht felbft die Pfähle in den Flufs rammen, fondern dafs fie folche Arbeiten gegen eine angemeffene Entfchädigung von einem hiezu beftellten Organe vornehmen laffen können. Für die Qualität des Flachfes liegt dann eine Garantie darin, dafs fich der Flachs einer Gemeinde als gleichartig darftellt, was den Werth nur jedenfalls erhöhen kann und das Herabdrücken des Preifes, wie es bei dem Verkaufe von kleinen zu einander nicht paffenden Partien vorkommt, verhindert. Der 4. Abfatz des Comité- Antrages lautet: , Die Handarbeit beim Brechen und Schwingen des Flachfes wird durch Maschinenarbeit erfetzt werden müffen, wenn der Flachsbau noch rentabel bleiben foll. Der Congrefs conftatirt, dafs die Maſchinenarbeit auch für die feinften und beften Flachfe mit Vortheil anzuwenden und zu empfehlen ift." Diefer Antrag würde ohne Erläuterung auf Stelzen zu gehen fcheinen, befonders in jenem Punkte, wo er fich dahin ausfpricht, dafs man die feinften und beften Flachfe mit Maſchinenarbeit vollſtändig gut bereiten könne. Man hat vielfach darauf verwiefen, dafs man diefe Gattungen in Belgien und Holland mit der Hand fchwingt, auf kleinen Hecheln bearbeitet, und dafs man bis jetzt noch nicht zu Mafchinen gelangt ift, welche diefes Verfahren eliminiren. Die grofse Zahl von Schwing- und Brechmafchinen, welche bis jetzt nach den verfchiedenften Syftemen conftruirt worden find, weift darauf hin, dafs man noch nicht an das Ende der Arbeit angekommen ift, fondern dafs man nach den Fortfchritten, welche im Mafchinenfache gemacht worden find, wohl erwarten darf, dafs binnen Kurzem die letzten Schwierigkeiten überwunden fein werden. Defshalb können wir wohl mit Recht fagen, dafs die Maſchinen auch für die feinften und beften Flächfe mit Vortheil zu verwenden feien. Die Rentabilität des Flachsbaues hängt von der Veränderung der Handarbeit in Mafchinenarbeit ab. Wenn die Flachfe von Mafchinen verfponnen werden, fo müffen fie auch von Mafchinen vorbereitet werden, wie diefs bei den Wollwäfchereien bezüglich der Wolle und bei dem Decriniren der Baumwolle gefchieht. Bei dem 5. Abfatze: ,, Zur Beförderung und Ausdehnung der Flachsproduction tragen LohnfchwingeAnftalten, wie folche in Irland in grofser Zahl beftehen, wefentlich bei. Diefelben find mit ungleich geringeren Koften herzuftellen und zu verwalten, als Flachsbereitungs- Anstalten und ihre allgemeine Verbreitung mufs als ein Fortfchritt erkannt und möglichft begünftigt werden." fei das Comité von der Ausficht ausgegangen, dafs, falls einer Gemeinde oder einem Diftricte die Mittel zur Errichtung einer Flachsbereitungs- Anftalt fehlen, die Errichtung von Lohnfchwingereien, in welchen fich jeder feinen Flachs beliebig fchwingen kann, empfohlen werden foll. Auf diefe Weife würde eine gemeinfchaftliche Bearbeitung erzielt, wenn auch erft im fpäteren Stadium der Arbeit. Die Refolution des Congreffes über Frage III. lautet: 1. Unter den bisher angewendeten FlachsbereitungsMethoden haben fich nur diejenigen praktifch bewährt, bei welchen die Leinftengel einem Gährungsproceffe unterworfen ( geröftet) wurden, ehe die Trennung der fpinnbaren Fafer von der Holzfubftanz durch Brechen und Schwingen erfolgt. Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 51 liefert die 2. Von dem gebräuchlichen Röftverfahren Wafferröfte, wie fie in der Gegend von Courtrai in der Lys ausgeführt wird, die vorzüglichften Refultate. Dasfelbe Verfahren läfst fich ohne grofse Schwierigkeiten auch an anderen Orten nachahmen und ift dringend zu empfehlen. Es wird Aufgabe des ftändigen Ausfchuffes fein, die Modificationen feftzuftellen, welche die verfchiedenen Verhältniffe der einzelnen Länder hiebei erheifchen. 3. Es empfiehlt fich, gute Röftanftalten für Rechnung von Gemeinden oder Corporationen zu errichten, damit auch dem kleinen Flachsproducenten die Vortheile derfelben gegen eine entsprechende Vergütung zu Theil werden. 4. Die Handarbeit beim Brechen und Schwingen des Flachfes wird durch Mafchin enarbeit erfetzt werden müffen. Der Congrefs conftatirt, dafs die Mafchinenarbeit auch für die feinften und beften Flächfe mit Vortheil anzuwenden und zu empfehlen ift. 5. Zur Beförderung und Ausdehnung der Flachsproduction tragen Lohn- Schwinganftalten, wie folche in Irland in grofser Zahl beftehen, wefentlich bei. Diefelben find mit ungleich geringeren Koften herzuftellen und zu verwalten als Flachsbereitungs- Anftalten, und ihre allgemeine Verbreitung mufs als ein Fortfchritt anerkannt werden. 6. Für die Handarbeit ift die Einführung der belgifchen Flachsbereitungs- Methode zu empfehlen. Sie kann unterſtützt werden durch Anlage von Brechanftalten, eventuell auch durch Benützung von Mafchinen. IV. Frage. " Welche Gebrechen zeigt der Flachshandel und durch welche Mittel wären diefe Gebrechen zu befeitigen." Berichterstatter Flandorffer verlieft den Bericht des Herrn Morel in Gent über diefe Frage: Die belgifchen Spinner traten wiederholt zufammen, um die Mängel des Flachshandels zu befeitigen oder zu unterdrücken. Nach manchen Richtungen waren ihre Anftrengungen von Erfolg. Dem vollſtändigen Gelingen ftand jedoch ftets der Mangel des Einverständniffes der fremden Spinner entgegen. Ein Congrefs, gleich diefem, ift daher auf das freudigfte zu begrüfsen. Käufer wie Verkäufer erfcheinen an der Frage der Geftaltung des Flachshandels gleichmässig intereffirt. Beiden mufs ein geregelter Zuftand erwünſcht fein. Ich habe zunächft zu bemerken, dafs wir uns nur mit dem Rohftoffe zu befchäftigen haben, welchen wir verbrauchen. Es erklärt fich hierdurch, dafs ich mich im Folgenden ausfchliefslich mit Belgien, Holland und Rufsland befchäftigen werde. Ich zweifle übrigens nicht, dafs das von mir bemerkte auch vom Flachfe anderer Provenienzen wenigftens theilweife gilt und dafs einer unferer Collegen im Congreffe die unvermeidlichen Lücken auszufüllen bereit fein wird. Der Flachshandel ift im Allgemeinen dreierlei Arten von Uebelftänden ausgefetzt: 1. Betrügereien, wie a) ungenügender Reinigung der inneren Theile der Flachsbündel; b) Aufnahme von Flachsabfällen, geringeren Qualitäten, felbft auch fremden Körpern, wie Steinen und dergl.; c) Benetzen des Flachfes, um das Gewicht zu vergröfsern; d) überhaupt Praktiken, welche zum Zwecke haben, eine geringere Waare als die abgehandelte zu liefern. 2. Der Ungleichmäfsigkeit im Sortiren, die fich dadurch charakterifirt, dafs verfchiedene Qualitäten gemifcht und unter derfelben Marke oder Bezeichnung abgegeben werden. 3. Der Entartung anerkannter Marken, WO folche beftehen. Ich verftehe darunter die Schaffung neuer, angeblich höherer Marken zum Nachtheile der beftehenden. Der Käufer erhält zu feiner Ueberrafchung oft eine Waare, die feiner an die gewählte Marke geknüpfter Erwartung keineswegs entſpricht. 52 Arthur Freiherr v. Hohenbruck. In die erfte der angeführten Claffen von Uebelſtänden ift eine grofse Zahl von Praktiken zu reihen, die, namentlich in gewiffen Gegenden, in einer wahrhaft beklagenswerthen Weife fich vermehrt haben. Die Erfahrung lehrt, dafs auch die nachdrücklichften Vorftellungen auf die Dauer erfolglos bleiben. Unglücklicher Weife ift der Spinner häufig nicht in der Lage, fich dadurch zu fchützen, dafs er die gefälfchte Waare zur Verfügung ftellt; denn in den meiften Fällen hat er vor Ankunft der Waare aus der Fremde fchon auf fich ziehen laffen, und das im Inlande zu feinen Gunften erwirkte richterliche Urtheil hat für ihn nur moralifche Bedeutung, da es in der Fremde nicht executionsfähig ift. Ein etwas wirkfameres Mittel beſteht im gemeinfamen Vorgehen der Kaufleute. So hat fich, um ein Beiſpiel anzuführen, das Börfencomité in Riga im verfloffenen Jahre in Folge Andringens der belgifchen Spinner entfchloffen, gewiffe Präventiv- Mafsregeln zu treffen. Ob aber die erzielten günftigen Refultate Dauer haben werden, ift mindeſtens zu bezweifeln. Dazu kommt, dafs die Flachs- Bezugsquellen zahlreich und zerftreut find und dafs fich nicht in jeder derfelben ein Centralcomité findet, das die Macht hat, den Mifsbräuchen entgegenzutreten. Wirkfam jedoch, wie das übereinftimmende Handeln der Käufer ift, erfcheint es mir fehr wünfchenswerth, dafs in den Flachsdiftricten, in welchen keine leitenden Comités find, folche fo rafch als möglich gebildet werden. Um die Wirkfamkeit diefer Comités zu unterſtützen, müfste meinem Dafürhalten nach die Ueberwachung und Prüfung am Bezugsorte erleichtert werden. Nur dadurch dürfte der Täufchung Seitens der Verkäufer begegnet und dem Händler der Einwand des Nichtwiffens gegenüber dem Spinner benommen werden. Für diefen Zweck erachte ich es als befonders wichtig, dafs man überall eine Packweife des Flachfes einführe, welche die Prüfung des Inhaltes erleichtert und die Aufnahme geringerer Qualitäten oder gar fremder Körper erfchwert. Die belgifche Weife des Flachsbindens hat mit Ausnahme des Netzens allen anderen Betrügereien fofort ein Ende gemacht. Ich lege wenig Werth auf eine rein formale. Uebereinstimmung, im vorliegenden Falle alfo auf die Uebereinftimmung der Verpackungsweife. Mir genügt, dafs fie dem oben ausgefprochenen Zwecke genüge. Die zweite Claffe von Mängeln ift auf die Ungleichmäfsigkeit des Sortirens in Gegenden, in welchen keine officiellen oder wenigftens keine allgemein bekannten Marken beftehen, auszudehnen. Da, wo wie in Belgien und Holland Marken nicht beftehen, machen fich diefe Uebelftände weniger fühlbar, da die ihre Einkäufe überwachenden Spinner für gleichmäfsiges Sortiren felbft Sorge tragen. Es ift die Möglichkeit zuzugeben, dafs fremde Käufer von belgifchen und holländifchen Flächfen fich über die Sortirung beklagen können; nichts deftoweniger dürften fie kaum Grund genug haben, die alten, von englifchen Käufern eingeführten Marken wieder in Gebrauch zu fetzen, was übrigens bei anerkannter Nützlichkeit immerhin wieder gefchehen könnte. In Rufsland dagegen fcheint mir eine Reorganiſation der Marken unumgänglich nothwendig. Es werden deren Zahlen vermindert und eine ftrenge Interclaffification eingeführt werden müffen, welche bis jetzt gänzlich ehlt. Man müfste fich auf zwei, höchftens drei Marken befchränken und diefen in Berücksichtigung der Verfchiedenheit der Leinbau- Diftricte auch die Bezeichnung der Provenienz beifügen. Eine Folge allzugrofser Markenzahl fehen wir an den thatfächlichen Zuftänden in Rufsland, wo viele der mit ,, K"( Krone) bezeichneten Flächfe als zweite und dritte Marke, welche in den Handel kommen, unter die Bezeichnung ,, W"( Wracks) zu fallen hätten. Gerade in Rufsland, diefem grofsen Flachsbezugs- Gebiete, erfcheint die thunlichft rafche Einführung von Comité's wünfchenswerth, welche untereinander in engfter Berührung in demfelben Sinne zu wirken hätten. Die Claffification hätte fehr einfach zu fein, wäre aber mit der gröfsten Strenge aufrecht zu halten. Die Theilung der Flächfe eines und desfelben Gebietes in zwei oder drei Claffen fcheint mir nicht fchwierig. Es dürften hierzu die Kenntniffe eines mit dem Brechen betrauten Arbeiters ausreichen. Die ungleich fchwierigere Claffificirung des gehechelten Flachfes ift wenigftens in allen Spinnereien Arbeitern übertragen, die ihrer Gefchicklichkeit nach nicht höher zu ftellen find. Ich ftehe aber nicht an zu erklären, dafs ich eine einheitliche Claffification, oder richtiger eine einheitliche Bezeichnung all' der in unabfehbarer Mannigfaltigkeit vorkommenden Flächfe für unausführbar halte. Was die dritte der oben angeführten Claffen von Gebrechen betrifft, die ftete Schaffung neuer Marken, welche früher beftandene auf die Bezeichnung einer geringeren Waare herabdrücken, fo begreift fie Uebelſtände, welche in erfter Linie befeitigt werden follen. In Rufsland ift diefer Mifsbrauch fo weit getrieben, dafs ich unbedenklich erkläre, dafs die gemeinhin als ,, Krone", ja felbft höher noch claffificirten Flächfe den Charakter folcher tragen, welche die officielle Claffification früher als ,, Wracks" bezeichnete. Bezüglich diefer letzteren ift die charakteriftifche Erfcheinung zu verzeichnen, dafs fie der allgemein bekannten Thatfache der ftetigen Verringerung des inneren Werthes des Flachfes zu Trotz vom Markte verfchwunden find; fie find einfach in den höher markirten Flächfen aufgegangen. Eine andere Erfcheinung, welche die Werthverminderung felbft der beftehenden Marken zu Tage treten läfst, ift die, dafs die ruffifchen und oftpreufsifchen Sommerflächfe den Winterflächfen nachftehen oder, was das felbe ift, dafs die frifchen Flächfe im Allgemeinen mehrwerthig find. Es wird defsgleichen als allgemein gültige Thatfache beobachtet, dafs jeder Lein ohne Rückficht auf feinen Urfprung periodifch entartet. Nach reiflichem Erwägen finde ich nur ein Mittel gegen die Folge- Erfcheinungen deffen, nämlich die Aufftellung von Flachstypen zu Beginn jeder neuen Ernte und deren Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 53 Verfendung an die Verbrauchsplätze, um den Käufern während des Jahres die Vergleichung zu ermöglichen. Diefe Proben müffen in einer Menge gegeben fein, um die Beurtheilung ihrer Marke zu ermöglichen. Sie find von den Comité's oder was an ihre Stelle gefetzt wird zu liefern. Diefe Typen wären von den Handelskammern, Spinnervereinen oder ähnlichen Gefellſchaften in Empfang zu nehmen, zu verwahren und von diefen den Intereffenten zugänglich zu machen. Selbstverständlich haben die verfendenden Comité's Duplicate zu behalten, um auch den Verkäufern den Vergleich zu ermöglichen. Es bedarf übrigens nicht grofser Maffen von Proben. Belgien würde es beiſpielweife genügen, wenn Riga ein halbes Dutzend feiner Marken in Proben fchickte. Um diefe Darftellung der Gebrechen des Flachshandels zu beenden, habe ich noch Einiges zu berühren, nämlich a) die Tara, b) das Gutgewicht, c) die Verantwortlichkeit der Eifenbahnen in Bezug auf das Gewicht. Was die Tara betrifft, fo fcheint mir, da bisher jede conventionelle Tara nach längerem Beftande in Mifsbräuche umfchlug, das Empfehlenswerthefte, fich an die effective Tara zu halten, das heifst den Flachs zu feinem Preife zu bezahlen und die Emballage zu dem hie für vereinbarten Preife. Im Bezug auf das Gutgewicht erfcheint es mir ebenfo wenig zuläffig, vom Verkäufer zu fordern, dafs er über die verrechnete Menge hinaus liefere, als man im Rechte ift, zu verhindern, dafs er unter derfelben bleibe. Es fcheint mir, dafs eine ziemlich genaue Annäherung an das verrechnete Gewicht erreichbar ift, und find wir belgifchen Spinner in der Lage, die Ausführbarkeit deffen zu conftatiren. Die Eifenbahnen im Allgemeinen, insbefondere die internationale ruffifch- deutfche, lehnen in Bezug auf Gewicht und Collizahl jede Verantwortung ab, fobald die Aufgeber felbft die Waggons laden. Im Intereffe der Koftenverminderung und rafcherer Behandlung ist die Aufrechthaltung diefer Uebung wohl zu wünfchen; allein auch gegen die Ablehnung der Verantwortung läfst fich bei diefer Sachlage nichts einwenden, vorbehaltlich, dafs die Waare an ihrem Beftimmungsorte ankomme, ohne dafs die Emballage geöffnet wurde. Kann jedoch die Bahn auch nicht verhalten werden, für das auf dem Frachtbriefe erklärte Gewicht einzuftehen, fo kann fie doch, da die Controle über die Zahl der Colli, Ballen und Päcke leicht ift, für die Zahl verantwortlich gemacht werden. Gerecht, wie diefes Princip ift, follten die Flachs comité's überall feine Anerkennung und Durchführung anftreben. Das Gefagte zufammenfaffend, habe ich die Ehre, folgende Anträge zu unterbreiten, deren Verwirklichung die dem Flachshandel zur Zeit anklebenden Gebrechen wenn nicht ganz verfchwinden machen, fo doch erheblich vermindern würde: 1. Die Schaffung eines aus hervorragenden Kaufleuten oder Fabrikanten gebildeten Comité's in allen Flachsbau- Diftricten. Die Aufgabe diefes Comité's wäre, den Flachshandel zu regeln, indem es die Einführung der Mafsnahmen überwacht, welche es am geeignetften erachtet, um Betrug ferne zu halten, die Marken aufrecht zu halten, auf einheitliche Sortirung zu dringen u. f. w. Die Bildung diefes Comité's wäre den Intereffenten des Gebietes anheim zu ftellen. Die Comité's hätten fich in Verbindung zu fetzen, um vorkommenden Falles gemeinfam vorzugehen. Zu Beginn der Ernte haben fie den Flachs ihres Productionsgebietes zu claffiren und zu fortiren, und Proben zu bilden, welche fie den Flachs comité's oder, in Ermanglung folcher, den Handelskammern der Verbrauchsgegenden einfenden. Duplicate werden im Orte behalten, um die Uebereinstimmung der Waare mit den Typen zu controliren. 2. Die Schaffung von Comité's in den Verbrauchsgegenden. Sie haben die Intereffen der Confumenten zu wahren, und die Typen der Productions gebiete in Verwahrung zu nehmen. Producirt und confumirt zugleich irgend ein Gebiet, fo könnte ein und dasfelbe Comité feine Thätigkeit nach beiden Richtungen hin entfalten. 3. In allen Flachs- Productionsgegenden wird eine Verpackungsweife aufgeftellt, welche es ermöglicht, durch thunlich einfache Unterfuchung die Uebereinftimmung des Aeufseren mit dem Inhalte zu conftatiren. Ohne eine einheitliche Verpackung als nothwendig zu bezeichnen, lenke ich die Aufmerkfamkeit auf die flamändifche Aufmachungsweife. 4. Einführung der reellen Tara. 5. Im Falle der Aufgabe durch den Spediteur wären die Eifenbahnen für die Zahl der Colli verantwortlich zu machen; für das Gewicht auch dann, wenn die Colli vor ihrer Ankunft am Beftimmungsorte geöffnet werden. Den wirkfamften Schutz gegen die bemerkten und in Zukunft möglichen Gebrechen bietet aber das dauernde, freundliche Einvernehmen der Spinner. Möge der Congrefs in Wien derartige Beziehungen einleiten und ihnen die fo fehr erwünfchte Feftigkeit verleihen!" So weit geht der Bericht des Herrn Morel. Was dort in Belgien gilt, ift mehr weniger wohl auch für uns paffend. Wir Alle haben zu klagen über die Uebelſtände und Gebrechen, die fich befonders in den letzteren Jahren in den Flachshandel eingefchlichen haben. Die Aufgabe der Antwort auf Frage IV. ift, feftzuftellen, welche Mittel es gibt, den Flachshandel von den ihm anhängenden Gebrechen zu befreien. Zu dem vorliegenden Abfatze I möchte ich aber, dafs dafelbft gefetzt werde: 54 Arthur Freiherr von Hohenbruck. ,, Die Bildung von, aus Producenten und Confumenten, zufammengefetzten Comité's." Hierauf bemerkt der Berichterstatter, dafs im Mai vorigen Jahres in Gent von belgifchen Spinnern eine Verfammlung abgehalten worden fei, um gemeinfame Beftimmungen feftzufetzen. Das Refultat diefer Berathungen, das in Nr. 186 des„ Leineninduftriellen" vom 1. Juni 1872 publicirt wurde, fei folgendes: 1. Befchränkung und genaue Beftimmung der Marken für Kron flachs. Mit der erften diefer Marken foll nur das Allerbefte der ruffifchen Flachsernte bezeichnet werden. 2. Gleichartigkeit des claffificirten Flachfes in ein und derfelben Marke keine Beilage mehr von geringerem Flachs.- Unterlaffen irgend welcher Täufchung. - 3. Bewilligung der reinen oder wirklichen Tara an den Käufer; Stricke, Emballage u. f. w. werden zu ihrem wahren Werthe berechnet. 4. Sowohl die ruffifchen Häufer als auch ihre Abnehmer verpflichten fich, vorkommende Differenzen alfo zu fchlichten: a) Käufer und Verkäufer ernennen jeder einen fachverständigen Schiedsrichter, deren gemeinfames Urtheil fie im Voraus anerkennen. b) Falls die beiden fachverständigen Schiedsrichter fich nicht einigen, wählt das zuftändige Handelsgericht einen fachverständigen Obmann, gegen deffen Entfcheidung weitere Berufung von keiner Seite zuläffig ift. 5. Die ruffifchen Häufer nehmen für die betreffenden Gefchäfte Domicil in Gent. 6. Die unterzeichneten Spinner entfagen jeder Verbindung mit denjenigen ruffifchen Flachshändlern, welche nicht vorftehende Bedingungen unterfchreiben. 7. Sie theilen ihre Vorfchläge auch den fremden Flachsfpinnern mit, um gemeinfames Einverständnifs unter allen Flachsconfumenten herbeizuführen. Redner theilt hierauf aus Nr. 207 des ,, Leineninduftriellen" vom 26. October 1872 die neue Claffificirung der ruffifchen Flachsforten mit. Hiernach habe die Generalverfammlung der beim Flachsgefchäfte betheiligten Kaufmannfchaft am 24. Auguft 1872 in Riga befchloffen: 1. das bei gewrackter Waare, neben der Signatur der publicirten Wracke*, beftehende Privat- Flachsfortiment, in Abänderung des Capitel II,§. 3, Punkt c. der Börfe- Ufancen, auf folgende Marken zu reduciren: Kronflachs: K1 gewöhnlich Kron. puik Kron. PK1 SPK fuperior puik Kron. Wrackflachs: W2 gewöhnlich Wrack. PW 2 puik Wrack. Dreiband flachs: D3 gewöhnlich Dreiband. PD 3 puik Dreiband. SD 3 Slonezdreiband. PSD 3 puik Slonezdreiband. Livländifcher Flachs: HD 2 gewöhnlich Hofsdreiband. PHD2 FPHD2 SFPHD2 LD 3 puik Hofsdreiband. fein puik Hofsdreiband. fuper fein puik Hofsdreiband. gewöhnlich livländifch Dreiband. PLD 3 puik livländifch Dreiband. Dreiband- Wrackflachs: D W4 Dreiband- Wrack. Hi Flachsheede: gewöhnliche Heede. H 2 rothe Heede. SH 2 PH 2 Slonez- Heede. Pinken- Heede, wobei jedoch die Hinzufügung der Farben H, G und W bei Kron, G und W bei Wrack und W bei der livländifchen Waare beizubehalten ift. 2. Eine Jury, beftehend aus zwei über See handelnden Kaufleuten, zwei Productenhändlern, zwei Nachwrackern und dem Stadt- Oberwracker, zu conftituiren, welche a) im December eines jeden Jahres Types für das Privatfortiment feftzuftellen, ferner b) Streitigkeiten zwifchen Lieferant und Empfänger darüber, ob die gelieferte Waare den Ty pes entfpreche, zu entfcheiden, und endlich c) Unregelmäfsigkeiten und Mängel der öffentlichen Wracke zur Kenntnifs des Wettgerichtes zu bringen haben wird. Diefe Jury foll bei der Feftftellung der Tpyes auch noch zwei Stadtwracker mit Stimmberechtigung zuziehen. * Die Signaturen der öffentlichen Wracke werden bei in Matten emballirtem Flachs, zum Unterfchiede von der fchwarzen Farbe der Privatmarken, nach wie vor in rother Farbe aufgetragen, bei in Bobbins verpacktem Flachs aber auf befonderen Bretchen eingebrannt. Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 55 3. Dem ausländifchen Käufer, in Abänderung der Punkt g und h,§. 8, Capitel II der Ufancen fortan, bei Bobbins, wie bei Matten- Emballage, ftets die effective Tara zu vergüten. Vorftehende Beftimmungen treten mit dem 1. November 1872 in Kraft. Das gebe unendlich viele kleine Abtheilungen und damit fei dem Confumenten nicht gedient. Er glaube, man folle den Flachshandel erleichtern, indem man fich mit Verbindlichkeiten über weniger Sorten einigen würde. Es fei leichter, den Flachs nur nach 2 bis 3 Sorten zu unterfcheiden, als wenn man ihn in 20 bis 30 kleine unterfcheide. Die Refolution des Congreffes zu Frage IV lautet: " Bezüglich der Frage IV befchliefst der Congrefs die Erörterungen der Gebrechen des Flachshandels und der Mittel zur Befeitigung derfelben dem ftändigen Ausfchuffe zu überlaffen, fpricht aber Herrn Morel für die eingehenden Vorarbeiten und Vorfchläge zur Beantwortung diefer Frage feinen Dank aus." V. Frage. Welche find im Allgemeinen die Mittel und Wege zur Hebung der Flachsproduction und befferen Verwerthung der Flachsproducte?" Berichterstatter Carl Oberleithner: Das in den Händen der Herren Congrefsmitglieder befindliche Expofé hat conftatirt, dafs die Flachscultur von den Regierungen, Vereinen u. A. vielfach, wenngleich mit zweifelhaften Erfolgen, unterſtützt wurde. Der erfte Antrag lautet daher auch: ,, Die Hebung der Flachscultur wurde von Regierungen, Vereinen und Privaten angeftrebt und oft mit erheblichen Opfern verfucht, vielfach jedoch ohne die berechtigten Erwartungen zu befriedigen. Der Congrefs conftatirt, dafs diefe Ergebniffe ihre Erklärung finden bald in einer Verkennung der Natur der aufgewendeten Mittel, bald in Fehlern in der Ausführung an fich richtiger Principien." Gewifs wird jeder, der in der erften Periode der Hebung der Flachscultur mitgearbeitet hat, zugeftehen, dafs, wäre man damals von der Thau- und Warmwafferröfte zum belgifchen Verfahren, verbunden mit der Theilung der Arbeit, übergegangen, die Flachscultur gegenwärtig auf einem anderen Standpunkte ftünde. Jahre mufsten vorübergehen, um den Unternehmungsgeift wieder zu beleben und zu Verfuchen mit Leinbau und Flachsinduftrie zu verlocken. Die zweite Periode, das ift die Einführung des belgifchen Flachsröftens und die Einführung der belgifchen Flachszubereitungs- Methode, ift mit grofsem Muthe und grofser Unterſtützung verfucht worden, aber die Refultate diefer Bemühungen find noch fehr gering und diefe Methoden nicht weit verbreitet. Wir fehen einige vorleuchtende Refultate, die durch die Einführung diefes Syſtems erzielt wurden, aber im Ganzen find wir erft am Anfange einer grofsen Bahn. Fragen wir, worin liegt es, dafs die Sache fo langfam geht, fo müffen wir vor Allem das Mifsgefchick in der Wahl der Röftmeifter verzeichnen. Die Röftmeifter aus Belgien find in der Regel wenig vertraut mit den localen Verhältniffen. Sie röften im Herbfte meift viel zu fpät, fie nehmen keine Rückficht auf das Waffer, oder auf die möglichft fchnelle Verwerthung des Productes, namentlich in jenen Gegenden, wo man gewohnt ift, es im felben Jahre noch zu verwerthen. Daraus erwächft grofser Schaden für die betreffenden Oekonomen. Es iſt das aber nicht die Schuld des Verfahrens, fondern derer, die es eingeführt haben. Zu dem Mangel an Erfahrung tritt bei den Röftmeiſtern die Verheimlichung der wirklichen Refultate. Auch ift es nicht gut, dafs von den Röftmeiftern zu hohe Preife in Ausficht geftellt werden. Ich war felbft davon 56 Arthur Freiherr v. Hohenbruck. - Zeuge. Man hat uns 60 bis 70 fl. per Centner Flachs verfprochen und wir haben dafür per Centner nur 30 bis 35 fl. erhalten. Wenn der Bauer nun den Preis nicht erzielt hat, der ihm in Ausficht geftellt wurde, fo wird er enttäuscht und jeder weitere Verfuch ift abgefchloffen. Dann glaube ich auch, dafs die Verfuche zu kurze Zeit gemacht werden. Wenn der Flachs ein Jahr nicht geräth, fo wird mit dem Flachsbau aufgehört, ohne dafs man aus der Fortfetzung der Verfuche fich ein richtiges Urtheil über die Vortheile diefer Cultur gefchöpft hätte; ebenfo verhält es fich bei der Zubereitung. Dagegen dürfte namentlich helfen die Entfendung von Lehrlingen in beffere Flachsgegenden und die Anftellung von Wanderlehrern, auf welche beiden Mafsregeln ich fpäter zurückkommen werde. Was die Anlage grofser Flachsbereitungs- Anstalten betrifft, fo ift fie felbftverständlich nur möglich, wo grofse Maffen gleichartiges Flachsftroh erzeugt werden. Solche Anlagen, mit grofsen Koften verbunden, rentiren felten; da grofse Maffen Flachsftroh möglichft gleichartig heut zu Tage fchwer aufzutreiben find, wefshalb auch die Zubereitung nach Schenk's Methode gar nicht und auch nach belgifchem Mufter, im Grofsen unternommen, nicht fo vorwärts gehen kann, wie fie gehen follte. Mein Appell geht aber auch an die Herren Flachs confumenten, Flachshändler und Flachsfpinner und geht, über Anregung des Herrn Moll auch bis zur Erzeugung der fertigen Leinen und Leibwäfche, ja bis zu deren Verkäufern. Herr Moll fagt, dafs die Maffe von Gewinnften, die an den Leinenwaaren gemacht werden wollen, und darunter auch der vom Detailhandel allzuhoch angefchlagene Gewinnft die Flachsbau- Producte in fo hohe Preife verfetzten, dafs fie faft nur von Bemittelten gekauft werden können. An den Herren Spinnern wird ebenfalls viel gelegen fein. Sie müffen wenigftens durch Annäherung der Preife die Sache fördern, und werden überdiefs die Corporationen und Regierungen an die Hand gehen, fo werden wir bald den Fortfchritt wahrnehmen. Nun erlaube ich mir auch noch ein Wort an die Landwirthe. Für die Induftrie allein ift der Congrefs nicht einberufen. Ich stehe als Vorftand des landwirthschaftlichen Vereines in Mährifch- Schönberg ja defshalb dem Vereine vor, um die Flachswirthe zu unterſtützen, ihren gerechten Forderungen Gehör zu verfchaffen und fie zu billigen. Aus demfelben Grunde habe ich mich am Congreffe betheiligt und darf wohl an die Landwirthe die Aufforderung richten, auch das Ihrige beizutragen, um der Flachscultur aufzuhelfen. Ich werde nicht mehr weiter eingehen, obwohl mir noch viel auf dem Herzen liegt. Ich glaube die zu Tage getretenen Fehler und die Mittel, welche gegen diefelben anzuwenden wären, nach beften Kräften bekannt gegeben zu haben. Darum hoffe ich, der hohe Congrefs wird auf Grund diefer vor mir gegebenen und noch aus der Debatte entſpringenden Erörterungen den geftellten Antrag anzunehmen in der Lage fein. Der Antrag 2 lautet: ,, Als das zweckdienlichfte Mittel, die Fürforge der Regierungen und die Anftrengungen von Gefellſchaften und Privaten wirkfamft zu unterftützen, erfcheint dem Congreffe die Bildung eines internationalen Organes, das, aus einem leitenden, den Sitz alljährlich wechſelnden Ausfchuffe und Mitgliedern in allen an der Flachs cultur intereffirten Staaten beftehend, die Flachsveredlung und beffere Verwerthung diefes Spinnftoffes fich als Aufgabe vorzuzeichnen und deren Löfung durch Gewinnung der Wiffenfchaft und der Preffe im Wege der Lehre, der Unterſtützung praktifcher Beftrebungen und, wenn nothwendig, der Erwirkung gefetzlicher Beftimmungen anzuftreben hätte." Nachdem wir in Antrag I das Mifslingen der gemachten Verfuche conftatirt haben, handelt es fich jetzt darum, die Mittel und Wege anzugeben, welche die Hebung der Flachs cultur und die Verwerthung der Flachsbau- Producte herbeizuführen vermögen. Ich fchicke voraus, dafs es einzelne Mittel zur Hebung der Flachs. production gibt, welche für den erften Augenblick vielleicht als nicht in den Rahmen Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 57 des Congreffes gehörig erfcheinen dürften; ich will aber, fo weit es mir möglich ift, eine Erläuterung darüber geben, warum ich auch diefe Mittel als Förderungsmittel empfehle. Ich glaube, es find vor Allen berufen, und da muss ich mich den Auseinanderfetzungen des Herrn Sonntag ergänzend und nicht widerfprechend gegenüberftellen, die Regierungen. Denn ich glaube, dafs Jeder, der an den Staat eine Leiftung hat, auch an den Staat eine Forderung zu ftellen berech tigt ift. Herr Sonntag hat mit feiner Auseinanderfetzung eine Frage angeregt, welche mehr vor einen volkswirthfchaftlichen Congrefs gehören dürfte. Wenn ich auch vollkommen überzeugt bin, dafs man die Selbsthilfe als das höchfte Princip der Menfchheit und der Gefellfchaft anerkennen mufs, fo kann doch nicht geleugnet werden, dafs eine grofse Mehrzahl der Bevölkerung ein gewiffes Vertrauen in eine vom Staate geförderte Einrichtung zu fetzen gewohnt ift. Wir fehen aber auf einem anderen Felde, wie fchrecklich diefes Vertrauen getäuscht worden ift. Damit diefs nun bei der Flachscultur nicht gefchehe, fchlagen wir vor, dafs ein internationales Organ gebildet werde, welches die Verbindung zwifchen den Flachsbau- Verbefferern und Denjenigen herftellen foll, die dazu verpflichtet find, den Flachsbau mit materiellen Kräften, nämlich mit Geld zu unterſtützen. Defswegen haben wir geglaubt, die Unterftützung von Seite der Regierungen nicht ausfchliefsen zu follen. Wir haben ferner auf die Wiffenfchaft reflectirt, weil wir von der Ueberzeugung durchdrungen find, dafs eine grofse Zahl von Manipulationen, welche wir beim Flachsbau beobachten, höchft koftfpielig, und fagen wir es offen, höchft primitiv ift. Wir fehen, was für grofsartige Erfolge in der Zuckerfabrication errungen worden find dadurch, dafs die Wiffenfchaft und namentlich die Chemie, fich in fo hervorragender Weife nicht allein an der Frage der Erzeugung des Zuckers, fondern auch an der der Verwerthung der Abfälle betheiligt hat. Wir haben auch von der Preffe gefprochen, denn wenn wir der Preffe etwas für gut halten können, fo ift es das Eine, dafs fie uns noch nicht angegriffen hat. Es ift jedenfalls fehr wichtig, wenn fich die gefammte internationale Preffe diefer für die Bodencultur fo bedeutenden Frage fo annimmt, wie fie es in Rückficht auf die grofsen Werthe, welche in ihr fpielen, die Arbeitskräfte, die in ihr vertreten find, und den grofsen Handel, der zu einem Welthandel geworden ift, verdient. Und in der Ueberzeugung, dafs die gefammte Preffe, wo fich irgend etwas Lebensfähiges zeigt, ftets bereit ift, den Lebensprocefs zu wecken und zu fördern, wird diefer Congrefs die Mitwirkung nicht blofs der Fach-, fondern der gefammten Preffe zu erzielen fuchen. Das dient zur Motivirung der in Antrag 2 enthaltenen Punkte. Es handelt fich noch darum, die Mittel anzugeben, welche im Detail angewendet werden follen, und da erlaube ich mir zu proponiren: 1. Die Unterstützung der Regierung foll in Nachfolgendem beftehen: a) Errichtung von Flachsbereitungs- Schulen; b) Bewilligung von Reifeftipendien an Flachsbauer, Wanderlehrer; c) Förderung der Anlage von Leinbau- Mufterwirthschaften und Flachszubereitungs- Anftalten durch Bewilligung unverzinslicher, in Jahresraten rückzahlbarer Darlehen und Befreiung von Steuern und Abgaben; d) Bewilligung von Staatspreifen für vorzügliche Leiftungen im Leinbau und in der Flachszubereitung, für Verbefferungen in den Cultur- und Zubereitungsmethoden, für die Erzielung gröfserer Oekonomie im Spinnproceffe und für die Gewinnung höherer Feinheitsnummern aus gleichem Spinnmaterial. e) Ankauf von diefsbezüglichen Mafchinen und Geräthen zum Zwecke der Vertheilung an Flachscultivateure, Zubereiter und Spinner; f) Errichtung von Lehrkanzeln für Spinnerei- und Weberei- Mechanik an den polytechnifchen Inftituten und Gewerbefchulen; g) Abhaltung periodifcher Ausftellungen; 58 Arthur Freiherr von Hohenbruck. h) Schutz der von Producenten und Händlern aufgeftellten Marken; i) Herbeiführung billiger Frachttarife; j) Aufftellung von Confulaten in den flachsbauenden Diftricten und in den Haupt- Handelsplätzen, fowie rafche Veröffentlichung der Confulatsberichte; k) Berücksichtigung der aus Flachs gewonnenen Erzeugniffe bei den Anfchaffungen des Staates für Landheer, Flotte etc. Ich bin weit entfernt, diefe Berücksichtigung als Fabrikant zu verlangen; ich fpreche für die Bodenproduction. Wer wird das ordinäre Material verwerthen, wenn von Seite des Kriegsminifters gefagt wird, die Leibwäfche aus Leinen fei fchädlich. Es gab auch Menfchen vor Einführung der Baumwolle; ich weifs jedoch nicht, ob das gegenwärtig lebende Gefchlecht ftärker ift. Solche Behauptungen haben aber eine gewiffe Wirkung. Ich will nicht fagen, dafs man den Soldaten ganz in Leinwand ftecken foll; ich will der Baumwolle das Leibhemd, dem Tuchfabrikanten den Rock laffen, aber laffen Sie uns die übrigen Beftandtheile der Fournitur zur Verwerthung des ordinäreren Materiales, wodurch es uns allein möglich wird, das feinere zu billigeren Preifen abzufetzen. Ich ftelle diefsfalls keinen Antrag, ich wollte damit nur ein Mittel zur Befferung der Verhältniffe im Flachsbau anregen. Ein anderes Mittel wäre der freie Verkehr mit Flachs und Flachsproducten. Es beftehen nämlich noch in manchen Staaten fogar Ausfuhrzölle, wie bei uns gegen Rufsland. Schliefslich wäre noch die Einführung einer gleichartigen Statiſtik über die Flachsproduction und den Flachs confum von den Regierungen einzuführen. Ich komme nun zur Unterſtützung durch die Landwirthschafts Vereine, Gemeindevertretungen, die Intereffenten und patriotifchen Männer. Diefen würde die Initiative zu allen den Mitteln zufallen, welche wir hier vorfchlagen, ferner die Bildung von Genoffenfchaften zu Saatlein- Einkäufen, zur Herbeiführung der Verficherung des Leines auf dem Felde und zum befferen Erlöfe aus dem Flachfe. Was die Producenten und Confumenten zu thun haben, ift Ihnen Allen bekannt. Die Flachsproducenten hätten mitzuwirken durch beffere Cultur und Zubereitung, die gröfseren Grundbefitzer durch Verfuche auf ihren Gütern und die Flachsfpinner durch entſprechende Preife. Zum Schluffe kann ich den verehrten Herren nur noch die Annahme des Antrages 2 empfehlen. Es handelt fich hier um Bildung eines Vereines zur Hebung der Flachscultur und zur Verwerthung der Producte. Wir leben in einer Zeit, in welcher Vereinen das gröfste Vertrauen entgegen gebracht wird, und nachdem diefer Antrag im Grofsen und Ganzen nichts Anderes als die Gründung eines derartigen internationalen Organes bezweckt, fo glaube ich deffen Annahme den geehrten Mitgliedern empfehlen zu können."( Bravo! Bravo!) Da Niemand das Wort ergreift, fo fchreitet der Vorfitzende zur Abftimmung und wird auch Abfatz 2 des Antrages angenommen. Die Refolution des Congreffes zu Frage V. lautet hiernach: I. Die Hebung der Flachs cultur wurde von Regierungen, Vereinen und Privaten vielfach angeftrebt und oft mit erheb lichen Opfern verfucht, vielfach jedoch ohne die berechtigten Erwartungen zu befriedigen. Der Congrefs conftatirt, dafs diefe Ergebniffe ihre Erklärung finden bald in einer Verkennung der Natur der aufgewendeten Mittel, bald in Fehlern in der Ausführung an fich richtiger Principien. 2. Als das zweckdienlichfte Mittel, die Fürforge der Regierungen und die Anftrengungen von Gefellfchaften und Privaten wirkfamft zu unterstützen, erfcheint dem Congreffe die Bildung eines internationalen Organes, das aus einem leitenden, den Sitz alljährlich wechfelnden Ausfchuffe und Mit Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten. 59 gliedern in allen an der Flachscultur intereffirten Staaten beftehend, die Flachsveredlung und beffere Verwerthung diefes Spinnftoffes fich als Aufgabe vorzuzeichnen, und deren Löfung durch Gewinnung der Wiffenfchaft und der Preffe im Wege der Lehre, der Unterstützung praktifcher Beftrebungen und, wenn nothwendig, der Erwirkung gefetzlicher Beftimmungen anzuftreben hätte. In Ausführung des eben gefafsten Befchluffes wegen Bildung eines inter nationalen Organes und wegen Zuſammenfetzung des ftändigen Ausfchuffes, welcher fich mit der Aufarbeitung des Materiales und mit der Vorbereitung des nächften Congreffes zu befchäftigen hätte, wurden in diefen Ausfchufs gewählt: Aus Amerika: Dr. Collyer, Mafchinenbauer in Nordamerika. Aus Belgien: A. Hennebert, Confeiller provincial à Colles ( Hainaut); H. Morel, Director der Flachsfpinnerei: La Lys in Gent; A. Müller, Negociant à Anvers; Fritz Ritter, Spinnereibefitzer zu Roulers. Aus Deutfchland: Dr. Eras, Secretär der Handelkammer in Breslau; Dr. H. Grothe, Mitglied des deutfchen und öfterreichischen LeineninduftriellenVereines in Bielefeld; Robert Hirt, Flachsfpinnerei- Befitzer in Freiberg in Sachfen; Ferdinand Kafelowsky, Commiffionsrath in Bielefeld, Präfes des deutfch- öfterreichifchen Leineninduftriellen- Vereines; von Kliting, Amtsrath in Schyrowka Preufsifch- Schlefien; F. W. Liedtke in Preufsifch- Königsberg; Mittnacht, Amtsrath in Kleinlaffowitz; Dr. R. Möller in Brackwede bei Bielefeld; H. Müller, Flachsfpinnerei- Befitzer in Hirfchfeld bei Zittau( Sachfen); Münzner, Ober- Oekonomie- Commiffionsrath in Freiberg; v. Pannewitz, Amtsrath in Paulsdorf( Oberfchlefien); Robert Sifon, königlicher Domänendirector a. D. in Pirna an der Elbe in( Sachfen); Carl Sonntag, Generaldirector der deutfchen Flachsbau- Gefellfchaft in Berlin; v. Watzdorf, Ritterguts- Befitzer auf Schönfeld. Aus England: Michael Andrews, Secretär der Flax- Supply- Affociation in Belfaft; Park Ballywalter, in New- Fonwards; William Esq. Ewart, Spinnereibefitzer in Belfaft; John Mullholland, Präfident der Flax- SupplyAffociation in Belfaft; Reesbrook in Belfaft(?); James N. Richardfon, in Belfaft; John Savage und Thomas Valentine, in Belfaft; Dr. Ferdinand Weinmann, Referent der königlich grofsbritannifchen Wiener AusftellungsCommiffion in London. Aus Frankreich: Simon Legrand in Berfée; Scrive in Lille. Aus Holland: Van Acken, Präfident des niederländifchen Vereines zur Beförderung der Flachsinduftrie in Rotterdam; J. A. Keuren aer, IngenieurMajor in Delft bei Rotterdam; E. C. Moll, Secretär des niederländifchen Vereines zur Beförderung der Flachsinduftrie in Rotterdam. Aus Italien: Dr. G. Cantoni, Director der königlichen Hochfchule in Mailand. Aus Oefterreich: Ignaz Ettrich, Spinnereibefitzer in Oberaltſtadt bei Trautenau( Böhmen); Leopold Fedra, erzherzoglicher Fabriksdirector in Tefchen( Schlefien); Carl Flandorffer, Director der Flachsfpinnerei in Hannsdorf( Mähren); Carl Foltz, Ausfchufsrath in Linz( Oberöfterreich); Wilhelm Ritter v. Hamm, k. k. Hofrath in Wien; F. W. Hofmann, Wirthfchaftsrath in Wien; Arthur Baron v. Hohenbruck, k. k. Minifterial- Secretär in Wien; Wenzel v. Hudec, Gutsbefitzer in Brodki( Galizien); Janig, Domänendirector in Reichenberg( Böhmen); W. Jerie, Spinnereibefitzer in Hohenelbe( Böhmen); Wilhelm Jeffe, erzherzoglicher Güteradminiftrator in Wien; Carl Kotnig, Realitätenbefitzer in Oberlaibach( Krain); Carl Langie, Delegirter der Landwirthfchafts- Gefellſchaft in Krakau( Galizien); Carl Oberleithner, Vorftand 60 Arthur Freih. von Hohenbruck. Der internationale Congress der Flachsintereffenten. des landwirthschaftlichen Vereines, Fabriksbefitzer in Mährifch Schönberg ( Mähren); Jofef Peter, k. k. Bezirkshauptmann in Wien; Otto Freiherr v. Petrinó, Gutsbesitzer zu Okna in der Bukowina; Adolf Raymann, Fabriksbefitzer in Freiwaldau( Schlefien); Kosmas Schütz, Secretär der k. k. kärntnerfchen Landwirthschafts- Gefellſchaft in Klagenfurt; Staniflaus Ritter v. Storowiciski, Gutsbefitzer in Brodkuwka( Galizien); P. Trientl, Caplan in Hall ( Tirol); Alois Ullmann, Flachshändler in Iglau( Mähren); G. Weffely, fürftlich Schwarzenberg'fcher Bergdirector in Schwarzbach( Böhmen). Aus Rufsland: Ferdinand Bauer aus Pfkow; Carl Dittrich, Firma Hielle& Dittrich in Schönlinde( Böhmen) und Zierardowo in Rufsland; Le Doct, Domänenpächter zu Drabowskoja, Kreis Zolotonofcha, Gouvernement Poltawa Nikolei Illü en, Profeffor in Petersburg; Ildefons Koffoff, Profeffor in Moskau; Georg Kriegsmann, Gutsbefitzer auf Ranzen bei Wolmar, Vertreter von Livland; Carl Lovis, Profeffor am Polytechnicum in Riga; Bafil Maximoff, in Koftroma; Firma Mitfchel aus Riga,( Chef Armiftaed); Fürft Repnine in Jagotine; Johann Stebut, Profeffor der Landwirthfchaft in Moskau; Firma Tretjakoff Witwe und Söhne, Spinnereibefitzer zu Szerpuchow, Gouvernement Moskau; Baron v. Wolf in Druween. Ueber Vorfchlag Peter's, der daran erinnert, dafs der gegenwärtige Congreis im Verlaufe der dreitägigen Verhandlung die Belgier mehrfach als Meifter aufgeftellt habe, befchliefst hierauf die Verfammlung, die Stadt Gent als Ort des nächften Congreffes zu bezeichnen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. SEIDE UND SEIDENWAAREN ( Gruppe V, Section 4) Bericht von ANTON HARPKE, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Jury UND DIE POSAMENTIRARBEITEN ( Gruppe V, Section 5) Bericht von CARL GIANI, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Fury. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. XC2- BEBICH VORWORT. " Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch während der Feier des internationalen Feftes abgefaist und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schlufse der Weltausstellung als ein Ganzes erſcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. 7* SEIDE UND SEIDENWAAREN. ( Gruppe V, Section 4.) Bericht von ANTON HARPKE, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Fury. Wenn man die beften Leiftungen auf dem Gebiete der Seideninduftrie, wie felbe auf der Ausftellung des Jahres 1873 vorlagen, mit den als beft anerkannten Leiftungen, wie fie die letzte Weltausftellung bot, vergleicht, fo wird man kaum Gelegenheit haben, irgend eine wefentliche Veränderung, einen auffälligen, epochemachenden Fortfchritt zu conftatiren. Trotzdem befteht ein Fortfchritt, und zwar ein für den gefammten Induftriezweig höchft wefentlicher, indem die Erfahrungen der hervorragenden Fabrikanten mehr und mehr zum Gemeingute geworden find, fo dafs, wenn man die Gefammtheit der Production überblickt, unrationelle oder fchlechte Leiftungen zu den feltenen Ausnahmen gehören. Selbft die leichteften Artikel, bei denen früher der billige Preis gleichfam als Entfchuldigungsgrund für mangelhafte Arbeit galt und gerade diefe Artikel insbefondere- werden heute mit förmlichem Raffinement erzeugt. Verſtändige Verwendung von Surrogaten, exacte Arbeit mit verbefferten Hilfsmafchinen, vollendete Appretur vereinen fich, um felbft das aus dem mindeften Material gewonnene Erzeugnifs kaufgerecht zu machen, und laffen oft nur nach aufmerkfamer Prüfung den verhältnifsmässig minderen Werth desfelben erkennen. - Eine tiefgreifende Veränderung vollzieht fich ferner in Folge des Vorherrfchens der glatten Stoffe der Uebergang zur Maffenerzeugung zum Nachtheile der kleineren Induftrie. Der façonnirte Stoff geftattet dem kleineren Fabrikanten, der Intelligenz und Gefchmack befitzt, die lohnende Verwerthung feines Talentes; die Erzeugung desfelben läfst fich felbft von den gröfseren Häufern nur bis zu einer gewiffen Grenze ausdehnen. Diefe Grenze ift nun bei der Fabrication der glatten Artikel ungleich weiter gezogen. Die gröfseren Fabriken find daher immer noch in Ausdehnung begriffen und können fie gerade in Folge derfelben und der damit verbundenen Vortheile zu Bedingniffen arbeiten, welche dem kleineren Induftriellen die Concurrenz zur Unmöglichkeit machen. Wir fehen auch den mechanifchen Betrieb in der Weberei zu fortfchreitender Anwendung gelangen. Standen derfelben bis nun theilweife nicht gelöfte Conftructionsprobleme, fowie die Scheu vor allzuhohen Anlagekoften entgegen, fo ift das erfte Hindernifs durch erzielte Verbefferungen, das zweite durch die Folgen der Arbeiterbewegung befiegt worden. Letztere hat nämlich gerade dort, wo es fich um Erzeugung in grofsen Fabriken, in fogenannten gefchloffenen Etabliffements, handelt, die Handarbeit unverhältnifsmäfsig vertheuert und daher die I h 2 Anton Harpke. Befitzer jener Etabliffements felbft dahin gedrängt, die Hand durch die Mafchine zu erfetzen, wo es nur eben thunlich ift. Von den allgemeinen Bemerkungen zur Befprechung des Einzelnen übergehend, fei noch erwähnt, dafs in vielen Fällen die Ausftellungen kein richtiges Bild vom wirklichen Stande der betreffenden Induftrie geben. Oft zeigen fie wefentliche Lücken, oft künftliche Uebertreibungen. Als erfreuliches Zeichen des richtigen Verſtändniffes zeigte fich in den hier zu befprechenden Induſtriezweigen das faft ausnahmslofe Enthalten von jeder Kunftftück- Macherei, einer Verfuchung, die gerade in der Weberei fehr nahe liegt. Die Lücken gehen natürlich theilweife mit in den Bericht über denn über Nichtvorhandenes zu berichten, ift wohl nicht Aufgabe diefer Zeilen. - Die unter Seide und Seidenwaaren eingereihten verfchiedenen Induftriezweige waren: die Rollfeide( Seidenzucht und Cocons find in Gruppe II eingereiht), die Verarbeitung der Seidenabfälle zu felbftſtändigen Gefpinnften( Floretfeide, Phantafiefeide, Chappe), die Nähseiden- Induftrie, die Seidenfärberei, die eigentliche Seidenweberei( Stoffe und Bänder mit Ausfchlufs der Pofamenterie), die Appretur. Seide produciren bereits alle Länder, in deren Klima der Maulbeerbaum gedeiht; für die grofse Induftrie mafsgebend find jedoch nur die Productionsgebiete Südeuropas und Afiens. Das Productionsgebiet Europas umfafst Norditalien, Südfrankreich, Spanien, den Süden von Oefterreich- Ungarn, die Türkei, Griechenland und Südrufsland. Aufserdem erzeugen auch Oefterreichs nördliche Provinzen, Deutſchland und felbft Schweden Seide. Die Seide der nördlichen Länder ift fchön und fogar nerviger als die der füdlichen; die klimatifchen, hauptfächlich aber die Arbeitsverhältniffe find dort jedoch derart, dafs die Beftrebungen um die Einführung der Seidenzucht fchwerlich je von hervorragender Bedeutung für die Induftrie Europas werden dürften. Die Seide ift in den letzten Jahren beffer geworden, fowohl in Folge des Nachlaffens der fürchterlichen Raupenkrankheit, als auch in Folge der forgfältigen, fortgefchrittenen Behandlung bei ihrer Verarbeitung. Hierin ging Frankreich muftergiltig voran und die italienifchen Spinnereien folgten dem Beiſpiele, dank deffen der heutigen Webe- Induftrie vorzügliches Materiale in genügenden Quantitäten zur Verfügung steht. Die allgemeine Phyfiognomie der europäiſchen Seiden ift in Folge der durch die Raupenkrankheit nothwendig gewordenen Einfuhr japanefifcher Eier bedeutend verändert. Die fchöne goldgelbe Race mit ihrem charakteriftifchen Seidengeruche ift beinahe zur Seltenheit geworden. Die heutigen Seiden find weifs, grünlich, bräunlich bis zu den fchmutzigften Nuancen, die gemeiniglich auch als Kennzeichen minderer Qualität zu betrachten find. Der ftärkfte Seidenproducent Europas ift Italien, und in diefem nimmt die Lombardei den erften Rang ein. Um einen annähernden Begriff von der Grofsartigkeit des Umfatzes in Rohfeide zu geben, genügen folgende Ziffern: Die Seidentrocknungs- Anstalten Europas conditionirten im Jahre 1872: 92 Millionen Kilogramme Seide, im Werthe von mehr als einer Milliarde Francs. Hievon find Grège für Zwirnerei 30%, gezwirnte Seide für Weberei 70%. Die Totalziffer vertheilt fich auf die einzelnen Länder wie folgt: Italien 4,000.000, Frankreich 4,200.000, die Schweiz 662.000, Deutfchland 580.000, Wien 150.599 Kilogramme. Hiebei ift zu bemerken, dafs Wien fowie Deutſchland und die Schweiz grofse Quantitäten Seide beziehen, die in Italien und Frankreich ftagionirt werden, es find daher die letztangeführten Zahlen mit der Verbrauchsquote jener Plätze oder Länder nicht ganz identifch. In obigen Ziffern find die importirten( afiatifchen) Sorten inbegriffen, welche mehr als zum Dritttheile daran participiren. An Italien reiht fich Frankreich unmittelbar an. Oefterreichs Seidenproduction in Südtirol ist nicht Seide und Seidenwaaren. 3 unbedeutend, das Urmateriale ift vorzüglich, die Bearbeitung desfelben reicht aber an die Italiens nicht hinan. Ungarn würde in feinen füdlichen Theilen alle Bedingniffe zu einer ausgedehnten Seidencultur befitzen, um deren Einführung fich bereits die Kaiferin Maria Therefia bemüht hat. Die übrigens dünn gefäete- Bevölkerung mochte jedoch diefen Culturzweig nicht aufgreifen, der eben nur dann zu feiner grofsen Bedeutung gelangt, wenn er nicht von Einzelnen mit Opfern gepflegt, fondern ein wirklich nationaler zu werden im Stande ift. - Die Schweiz producirt in ihrem füdlichen Theile ebenfalls Seide, jedoch nicht in bedeutenden Quantitäten. Griechenland und die Türkei fchicken theils ihre Greggien zur Verarbeitung nach Frankreich und Italien, theils confumiren fie ihre Seide felbft im Wege der Hausinduftrie. Rufsland producirt nicht unbeträchtliche Mengen Seide, namentlich in Kaukafien. Von Seite der ruffifchen Vertreter wurde grofser Werth auf die von einem Moskauer Haufe exponirten Stoffe aus Seide ruffifcher Provenienz gelegt, indeffen dürften in der Bearbeitung derfelben noch bedeutende Fortfchritte gemacht werden müffen, bis fie zum vollkommenen Erfatze der italienifchen Sorten dienen könnte. Das afiatifche Gebiet zerfällt in fünf Hauptgruppen: Die Türkei( Brussa), Perfien, Indien( Bengalen), China und Japan. Die Leiftungen in diefen Gruppen find aufserordentlich verfchieden; überall findet man Vortreffliches und unmittelbar daneben Schlechtes. Im Durchfchnitte ftehen die afiatifchen Seiden im Werthe unter denen europäifcher Provenienz; die mindeft werthvollen find die perfifchen und bengalifchen. Europa confumirt jedoch enorme Quantitäten aller diefer Seiden, da deffen eigene Production den Bedarf nicht zu decken im Stande ift. Als die Verheerungen der Raupenkrankheit in Europa ihren Culminationspunkt erreicht hatten, wäre deffen Seideninduftrie ohne die Zuhilfenahme der afiatifchen Sorten, namentlich Chinas und Japans ernftlich gefährdet gewefen. Leider verleitete die erhöhte Nachfrage nach denfelben die Erzeuger, mit geringerer Aufmerkfamkeit vorzugehen und hatte diefs eine bedeutende QualitätsVerminderung zur Folge. Die unmittelbare Confequenz hievon war, dafs die europäifchen Fabrikanten, in ihrem Vertrauen erfchüttert, wo nur möglich wieder auf die einheimifchen Producte zurückgingen, welche in Folge der mittlerweile eingetretenen Befferung auch wieder leichter zu befchaffen waren. Ein bedeutender Preisrückgang in obenerwähnten Sorten mufste naturgemäfs eintreten, indem diefelben in vielen Fällen nur mehr für jene Artikel Verwendung fanden, bei denen weniger die Qualität als der Preis des Materiales in Anbetracht gezogen wird. Die japanefifche Regierung ift fich des ftattgefundenen Umfchwunges wohlbewusst, und hat zu Jeddo und Tamyoka zwei Mufteretabliffements gegründet, welche, unter der Leitung bewährter Männer ftehend, die Reorganifation der japanefifchen Seiden anftreben. Die Jury hat auch diefe zwei Etabliffements in faft demonftrativer Weife ausgezeichnet, um dem Gründer derfelben, dem gegenwärtigen Handelsminifter, ihren Dank für eine Mafsregel auszufprechen, welche im Intereffe der europäiſchen Seideninduftrie wärmftens begrüfst werden mufs. Die chinefifchen Seiden zeichnen fich in ihren befferen Sorten durch die makellofe Weifse aus, doch mag als Curiofum erwähnt werden, dafs auf der Ausftellung die erften Proben von in China gezogener gelber Seide europäiſcher Provenienz vorkamen. Ob diefs der Beginn einer zukunftsreichen Cultur fein oder ein blofses Experiment bleiben wird, ift heute noch nicht zu beftimmen. Die in China und Japan exponirten Gefpinnfte und Gewebe von Bombyx Yama Mai( dem Eichenfpinner) laffen es nicht bedauern, dafs die Verfuche, jene Cultur in unferen Gegenden einzubürgern, zu keinem Refultate führten. Die Verwendung der Chappe( Gefpinnft aus den bei der Seidenfpinnerei u. f. w. fich ergebenden Abfällen) hat aufserordentliche Ausdehnung gewonnen. 4 Anton Harpke. Sie dient, in der Weberei als Schufs und Kette verwendet, theils als Surrogat, um die bisher aus reinem Materiale erzeugten Gewebe zu imitiren, theils als felbftftändiges Materiale, welches Effecte hervorbringt, die anders nicht zu erzielen wären. Sie hat ferner als Nähfeide wie als Franfenfeide geradezu coloffale Verbreitung gefunden. Chappe fpinnen alle Induſtrieſtaaten Europas, als: England, die Schweiz, Frankreich, Deutfchland, Oefterreich, Italien u. f. w. Die Güte der Producte ift felbftverſtändlich fehr verfchieden; es ift hiebei die von den einzelnen Etabliffements verwendete Sorgfalt bei Einkauf des Materiales ein mafsgebender Factor. Oefterreich befitzt in diefem Fache Fabriken, die Vorzügliches leiften, und feien diefelben hauptfächlich darum erwähnt, weil die Chappefpinnerei den in Oefterreich verhältnifsmässig jungen Induftriezweigen beizuzählen ift. Die Chappe wird vor ihrer Verwendung vielfach der fogenannten FadenAppretur( Sengen, Leimen, Glänzen) unterzogen. Diefe mehrfach verfchiedenen Verfahren bilden nur in geringem Mafse felbftftändige Erwerbszweige, die gröfseren Confumenten beforgen meift jene Vorbereitungsarbeiten in ihren eigenen Etabliffements, da deren mehr oder minder gelungene Durchführung oft über die Verkäuflichkeit der betreffenden Artikel entfcheidet. Die Fadenappretur, bereits zur Zeit der letzten Weltausftellung vielfach in Anwendung, hat feither viel an Ausdehnung und Bedeutung gewonnen und auf andere Stoffe, zum Beiſpiel Baumwoll- Zwirn angewendet, Veranlaffung zu verfchiedenen ganz rationellen Surrogirungen gegeben. Die Nähfeiden- Induſtrie ift ein bedeutender Erwerbszweig, in welchem es einzelne Häufer Deutſchlands und Frankreichs zu ftaunenswerther Bedeutung gebracht haben. Auf der Ausftellung waren alle Induftrieftaaten Europas mit wenigen Ausnahmen worunter Oefterreich- vertreten. - Die Seidenfärberei hatte unmittelbar vor der letzten Weltausftellung eine Umwälzung erfahren, wie fie felten in einem Induftriezweige vorkommen mag. Es geschah diefs durch die Einführung der Anilinfarben. Die feither zu fignalifirenden Veränderungen find nicht bedeutend zu nennen, fie find eben Confequenzen der neu eingefchlagenen Richtung; ein Nachholen, ein Befeftigen, ein Vereinfachen. Speciell wäre nur der Einführung des Saffranins zu gedenken. Die in letzterer Zeit in Anwendung gekommenen metamorphofirenden Farben find, fo frappant fie auch wirken, doch fchwerlich von durchgreifender Bedeutung. Die Schwarzfärberei hat feit 1867 infoferne namhafte Fortfchritte gemacht, als bei mässiger Schwerung eine jedenfalls gröfsere Halbtbarkeit des Fadens erzielt worden ift. Die übermäfsige Chargirung hat trotz allem Raffinement der Behandlung die baldige Zerftörung des Fadens im Gefolge eine Abftellung diefer nur zu häufigen Uebertreibungen, die hauptfächlich im Intereffe des Confumenten zu wünfchen wäre, ift jedoch nur im Wege einer natürlichen, allmäligen Reaction zu erwarten. Auf der Ausftellung war Frankreich durch feine Lyoner Färber glänzend vertreten. Deutfchland und die Schweiz haben ihren Part nur markirt, obfchon fie Etabliffements befitzen, deren Bedeutung weit über die Grenzen ihrer Länder geht. Oefterreich war bei nicht allzu zahlreicher Vertretung würdig repräfentirt und find die Leiftungen feiner Färber hauptfächlich auf dem Gebiete der Schönfärberei ihren gröfser entwickelten ausländifchen Collegen an Güte gewifs ebenbürtig. Italiens Färber betheiligten fich in minder hervorragender Weife, die der übrigen Staaten faft gar nicht. Wir beginnen nunmehr mit der Befprechung der eigentlichen Seidenweberei, und zwar mit dem mächtigften Repräfentanten derfelben, mit Frankreich. Vielfach war die Meinung verbreitet, dafs Frankreichs Induftrie durch die Vernachläffigung, welche fchon feit geraumer Zeit den façonnirten Stoffen zu Theil wird, grofse Einbufse erlitten haben müffe, nachdem man gerade jene Artikel mit Recht als die eigenfte Domäne der franzöfifchen Induftrie betrachtet. Die im Auftrage der Handelskammer von Lyon veröffentlichte Denkfchrift über die Lyoner Seide und Seidenwaaren. 5 Seideninduftrie gibt uns jedoch Daten an die Hand, welche beffer als alle Aus ftellungen beweifen, dafs jene Induſtrie dem gefährlichen Umfchwunge wohl zu begegnen wufste. Wir entnehmen jenem Exposé folgende Ziffern des franzöfifchen Exportes: Glatte Seidenwaaren Façonnirte Seidenwaaren Gemifchte Seidenwaaren Bänder. • 1855 1862 1867 1871 1872 Millionen Francs .142 39 49 60 18 16 17 193 294 324 308 30 9 4 134 117 47 61 III IIO Gefammtexport von Seidenwaaren, Pofamenterien u. f. w. 358 363 422 497 488 Die im Lande felbft confumirte Waare wird mit einem Drittel der Gefammtproduction angenommen, und würde alfo letztere im Jahre 1872 bei 700 Millionen Francs betragen haben. Dabei ift in Betracht zu ziehen, dafs 1871 und 1872 mit einem Dritttheile in die Kriegsperiode fallen.*) Die Ausstellung Lyons umfafste die verfchiedenften Stoffarten. Eine der gröfsten Vorbedingungen des Erfolges der franzöfifchen Fabrication liegt darin, dafs fich jedes Haus eine ihm zufagende Specialität erwählt, die es ausfchliefsend cultivirt, und in welcher es dann auch eine hohe Leiftungsfähigkeit entwickelt. Wir finden vertreten: den façonnirten Kleiderftoff in feiner prächtigften Entfaltung, Gazeftoffe, Tapeten, Möbel- und Kirchenftoffe, façonnirte Stoffe für Confection, fowie für Export nach beftimmten Gegenden; den glatten Stoff vom fchwerften Faille und Atlas bis zum leichteften Hutfutter, Sammte, Krepp, Foulard, kurz jede Gattung Stoffe und jede, mit wenigen feltenen Ausnahmen, in muftergiltiger Vollendung. Lyons Induftrie ift gröfstentheils noch Hausinduftrie, diejenigen Häufer jedoch, welche das grofse Gefchäft in den glatten Artikeln an fich gezogen, haben aufserhalb Lyons auch zahlreiche gefchloffene Etabliffements gegründet, welche vielfach bemerkenswerth find durch die mit denfelben verbundenen Inftitutionen zum Wohle der Arbeiter. Das gefammte Gebiet der Lyoner Seidenweberei umfafst nach dem bereits citirten Berichte die Zahl von 120.000 Stühlen. Die franzöfifche Bandinduftrie, deren Hauptfitz St. Etienne ift, war auf der Ausftellung nur ungenügend vertreten. Die vorhandenen Expofitionen glatter und façonnirter Bänder, wie die von Sammtbändern u. f. w. waren jedoch, als erften Häufern angehörig, in ihrer Art vorzüglich. St. Etienne ift gegenwärtig mit der Reorganifation feiner Fabriken befchäftigt. In Folge des faft ausfchliefslichen Vorherrfchens des glatten Artikels vollzieht fich hier der Uebergang von der Hausarbeit zur grofsen Fabrik mit Zuhilfenahme des mechanifchen Betriebes, eine Umgeftaltung, auf welche der Charakter des Mühlftuhles ohnedem, als gewiffermafsen natürlich, hinweift. Deutſchlands Seideninduftrie zeugt von ganz bedeutendem Fortfchritte. Diefelbe umfafst die Erzeugung von fchwarzen und färbigen Sammten, Hutplüfchen, fchwarzen und färbigen Seidenftoffen vom Faille bis zum leichteften Futterartikel, von Kirchenftoffen, façonnirten Stoffen für den Orient u. f. w. Crefeld, der vorzüglichfte, aber nicht ausfchliefsende Sitz der deutfchen Seideninduftrie, machte im Jahre 1872, bei einem Stande von 3200 Stühlen, einen Umfatz von 25.7 Millionen Thaler gegen 20 5 Millionen im Jahre 1870. Die deutfche Bandinduftrie war, wenn gerade nicht in effectvoller Weife, doch durch Namen von beftem Klange vertreten. Sie befchäftigt fich ausfchliefsend *) Die Production von Lyon( das heifst der Lyoner Häufer fammt ihren Dependenzen) wird für 1872 mit 460 Millionen beziffert, worunter Foulards 50, Krepp 8, Tüll 14, Sammt 30, Atlas 25, fchwarze Taffte und Failles 165, färbige Taffte und Failles 120, diverfe glatte Gewebe 10, façonnirte Kleiderftoffe 8, Kirchen- und Möbelftoffe 10, gemifchte Gewebe 20 Millionen Francs. # 32000 6 Anton Harpke. mit Erzeugung glatter Waaren, und cultiviren einzelne Fabriken blofs den fchwarzen Artikel. Die deutfchen Bandfabriken haben keinen eigentlichen Haupt- oder Centralplatz, fie find im Lande zerftreut. Gröfsere Etabliffements befinden fich bei Elberfeld und im Grofsherzogthum Baden. Letztere Gruppe ift von grofser Bedeutung und befinden fich darunter Häufer, die 3-800 Stühle und meift mit mechanifchem Betriebe befitzen. Mit Ausnahme der letzterwähnten Fabriken ift in Deutfchland meift das Syftem der Hausarbeit eingeführt und wird es auch noch lange bleiben. Der dortige Arbeiter fieht dabei als fein fchönftes Ziel die Möglichkeit, fich anfäfsig zu machen; er zieht den beftehenden Modus aus diefem Grunde der Arbeit in den Fabrikskafernen vor. Das Syftem der Hausinduftrie fchliefst übrigens nicht die Exiftenz von Unterſtützungs-, Verforgungs- und anderen humanitären Anftalten aus, wie felbe mit vorzüglichem Erfolge namentlich in Crefeld, fowie auch in anderen Orten beftehen. Die Schweiz hat eine lebhafte Seideninduftrie, deren Hauptplatz Zürich*) für die Stoff-, und Bafel für die Bandweberei ift. Der Export fchweizerifcher Seidenwaaren wird mit 215 Millionen Francs angegeben. Der Confum im eigenen Lande ift ebenfalls in Rechnung zu ziehen, und daher die Ziffer der gefammten Production entſprechend höher. Bafel und Zürich haben die Form der Collectivausftellung gewählt, und find felbft die bedeutendften Fabriken nur durch einzelne Coupons vertreten. Wir erfahen daraus, dafs fich die Schweizer Stoffweberei gröfstentheils auf die Erzeugung glatter Mittel- und ganz leichter Waare befchränkt. Bafel brachte nebft glatten Bändern aller Gattungen auch façonnirte Waaren, namentlich in breiten Schleifenbändern. Italien hat feit 1867 Vieles für feine zu jener Zeit ftark zurückgebliebene Seidenweberei gethan. Die von feinen erften Häufern exponirten glatten Waaren zeugten von erfolgreichem Bemühen, fich den fortgefchrittenen Rivalen wieder würdig an die Seite ftellen zu können. Englands Seideninduftrie war nur fpärlich vertreten. Erwähnenswerth find feine fchönen Popelins, fowie die Stoffe für Cravaten und Schleifen, für MännerHalstücher u. f. w. Die Bandfabrication von Coventry, die 1862 alle Welt durch ihr impofantes Auftreten erftaunte, aber fchon 1867 ungenügend repräfentirt war, fehlte diefsmal gänzlich. Rufsland, welches bei früheren Ausftellungen nur in feinen Kirchenftoffen ruffifchen Stiles, in Goldbrocaten u. f. w. vertreten war, brachte nebft diefen auch glatte und geftreifte Stoffe von theilweife fehr guter Fabrication. Portugal macht alle Anftrengungen, feinen Bedarf an Seidenwaaren durch inländifche Fabricate zu decken und ift diefs Beftreben um fo anerkennenswerther, als es fich hier um die förmliche Neubildung des ganzen Induftriezweiges handelt. Schweden war durch einen einzigen Ausfteller vertreten, der in glatten Stoffen wirklich Tüchtiges leiftet. - - Oefterreich the last but not the least fchliefst die Reihe der europäifchen Fabriksftaaten. Seine Seideninduftrie befchäftigt fich mit der Erzeugung von glatten Stoffen, Sammten, Plüfchen, Gazen, Futterftoffen, façonnirten Stoffen für Herren- Modewaaren, als auch für den Landbedarf und für den Export nach den füdöftlichen Ländern, Foulards und gedruckten Foulardstüchern, Möbel- und Kirchenftoffen, mit einem Worte, von fämmtlichen Artikeln der modernen Induftrie mit alleiniger Ausnahme des grofsen Façonnés für Kleiderftoffe. In der Erzeugung von glatten Stoffen, fowohl fchwarz als färbig, find hier bedeutende Fortfchritte gemacht worden, in Folge deren Oefterreich, was deffen beffere Leiftungen anbelangt, keinen Vergleich mit den beften Erzeugern jedes Landes zu fcheuen hat einem Haufe *) Zürich befchäftigte 1867 18.665 Stühle. Heute verfügt es über 27.000 Stühle, darunter 1150 mechanifche. Seide und Seidenwaaren. 7 blieb es fogar vorbehalten, durch die wahrhaft claffifche Erzeugung feiner fchweren färbigen Stoffe das abfolut Befte in jenen Artikeln zu bringen. Die Bauernartikel und die Artikel für den Orient bewegen fich in fo eng gezogenen Grenzen, dafs innerhalb derfelben wenig für Ausftellungsobjecte dankbarer Spielraum ift, nichts deftoweniger verdienen jene Artikel als bedeutende Specialität des Kaiferftaates volle Beachtung. In wahrhaft brillanter Weife fanden wir den kunftgewerblichen Theil der öfterreichifchen Seidenweberei vertreten. Unter dem Einfluffe des Muſeums für Kunft und Induftrie hat fich die Erzeugung der ftilifirten Möbel und Kirchenftoffe zu eminenter Bedeutung emporgefchwungen. Die Leiftungen Wiens in diefer Richtung find muftergiltig, und zeigt ein Vergleich mit früheren Epochen einen ftaunenswerthen Fortfchritt. Der Hauptfitz der öfterreichifchen Seidenweberei ift Wien, doch dürfte die Mehrzahl der Etabliffements bald nur mehr die commercielle und techniſche Vertretung in diefer Stadt haben, nachdem die Arbeits-, Mieth- und andere Verhältniffe die Entfernung der Fabriken aus dem Weichbilde der Hauptftadt dringend erfordern. Aufser der Wiener Gruppe beftehen noch in den übrigen Ländern der Monarchie einzelne felbftftändige Häufer, und zwar in Böhmen, Mähren, Schlefien und Tirol, welche zumeift ganz Tüchtiges in Stoffen, Sammten, Sammtbändern u. f. w. leiften. Aehnliches, was von der Seidenzeug- Fabrication gefagt wurde, gilt von der Bandinduftrie Oefterreichs. Mit Ausnahme des reichen Façonnés finden fich alle Arten des Bandes in achtenswerther Weife vertreten, vom fchweren Faillegürtel bis zum Grège und Halbfeiden- Band, ebenfo Sammtbänder aller Gattungen und façonnirte Waare für den Landbedarf. Vorwiegend werden gegenwärtig die leichteren Artikel erzeugt. Das Syſtem der Fabrication ift ausfchliefslich das der gefchloffenen Fabriken, die bedeutenderen Etabliffements find bei verbleibendem Sitze der Häufer in Wien in die Provinzen verlegt, der.mechanifche Betrieb ift bereits an mehreren Orten in gröfserem Mafse durchgeführt. - In allen anderen europäiſchen und fremden Ländern ift die Seidenweberei als nationale Hausinduftrie zu betrachten. Diefs gilt namentlich von Griechenland, der Türkei, Egypten, Marocco, Indien und Perfien. Die ottomanifche Regierung unterhält zu Hereké eine Mufterweberei, welche von beftem Einfluffe auf die in technifcher Beziehung noch fehr unentwickelte Induftrie jenes Landes fein wird. Die von den eben genannten Ländern exponirten Artikel könnten in vielen Fällen, von der europäiſchen Induftrie mit ihren fortgefchrittenen Hilfsapparaten aufgenommen, Anlafs zur Schaffung eines lohnenden Exportes abgeben. Bedeutend unterfchieden von den Leiftungen des weftlichen Afiens heben fich die Producte Chinas und Japans ab. Bieten die Leiftungen Chinas, welches zum erften Male in organifch zufammenhängender Weife auf einer Ausftellung erfchien, Gelegenheit, in den feit undenklicher Zeit gleichgebliebenen Stand feiner Seideninduftrie Einblick zu nehmen, fo war es Japan, welches durch die ungleich gröfsere Intelligenz, welche bei Erzeugung der ausgeftellten Gegenftände vorwaltete, förmlich überrafchte. Wir fanden hier Leiftungen, welche, an und für fich beachtenswerth, in Berücksichtigung der primitiven Hilfsmittel, mit denen fie zu Stande gebracht, geradezu ftaunenswerth genannt werden müffen. - Façonnirte Stoffe von wirklicher Schönheit, zweirechtige Atlaffe, Sammte, glatt und golddurchwirkt, Kreppe in den intereffanteften Varietäten, glatte und geftreifte Taffte, Gewebe nach Art der Gobelins, Gazen, Bänder kurz alle Gebiete der Weberei waren hier vertreten und nicht als Curiosa, fondern unverkennbar den Stempel der Induftrie tragend. Eine ganz eigenthümliche Technik der japanefifchen Weberei befteht in der Verwendung des Papieres, haarfein gefchnitten, als Eintrag( Brofchirung). Das Papier kommt in ihren Stoffen vergoldet, verfilbert, oxydirt und färbig lackirt vor; 8 Anton Harpke. es wird auch fogar zum Plaquiren von Seidenfäden benützt. Bei Verwendung jener Metallimitationen erhält der gewebte Stoff jedenfalls gröfsere Schmiegfam. keit und Weichheit als bei den in Europa üblichen Methoden. Die Zeichnungen der Japanefen, obfchon ftets nach ihrer Weife ftilifirt, verleugnen doch nie die Natürlichkeit in jenem Maſse, wie diefs fo häufig bei den Chinesen der Fall ift. Wenn fich Japans Induftrie unfere Hilfsmafchinen aneignet- woran kaum zu zweifeln ift wird fie es bei dem Fleifse und der Gefchicklichkeit ihrer Arbeiter bald zu den fchönften Refultaten gebracht haben. - Von dem äufserften Often Afiens wieder nach Europa zurückkehrend, find noch zwei wichtige Hilfsinduftrien der Weberei: Appretur und Mafchinenbau zu erwähnen. - Eingangs diefes Berichtes wurde bereits der hervorragenden Stellung, welche die Appretur namentlich bei den aus minderem Materiale erzeugten Artikeln einnimmt, gedacht. einnimmt, gedacht. Auf der Ausftellung war fie in felbftſtändiger Weife durch eine einzige hervorragende, franzöfifche, Firma vertreten. Die öfterreichifchen Appreteure haben fich begnügt, bei einzelnen Ausftellern ihre Mitwirkung zu conftatiren und mufs daher fpeciell hervorgehoben werden, dafs jene Hilfsinduftrie in der letzten Epoche wefentliche Fortfchritte gemacht hat und dafs fie es heute durch die Tüchtigkeit ihrer Leiftungen dem einheimifchen Fabrikanten ermöglicht, mit feinen ausländifchen Collegen gleichen Schritt zu halten. Die Hilfsmafchinen der hier befprochenen Induftriezweige gehören, als in andere Gruppen eingereiht, nicht in den Rahmen diefes Berichtes, indefs könnte derfelbe nicht vollſtändig fein, ohne ihrer wenigftens zu erwähnen. Was die Mafchinen für die Weberei betrifft, fo treibt das Vorherrfchen des glatten Artikels, fowie die zunehmende Concurrenz in denfelben, den Fabrikanten und fomit auch den Conftructeur, die Leiftungsfähigkeit der Stühle bis zur Grenze der Möglichkeit anzufpannen, ein Bemühen, welches namentlich beim Bandftuhle feinen markanten Ausdruck gewinnt. Die Anwendung der doppelreihigen und der Circularladen fteigert die Production wefentlich, befonders wenn fie mit mechanifchem Betriebe in Verbindung gebracht wird. Der Stoff- Webeftuhl für Kraftbetrieb hat ebenfalls viele Verbefferungen erfahren, fowie die anderen Hilfsmafchinen der Weberei, als Spul-, Wind- und Zettelmafchinen, hauptfächlich mit Rückficht auf den mechanifchen Betrieb. Im Allgemeinen gilt auch hier der bereits im Laufe diefer Zeilen ausgefprochene Satz, dafs in der verhältnifsmässig kurzen Zeit, die feit 1867 verfloffen, wenig Neues gebracht wurde, dafs aber die Erfahrungen der Fortgefchrittenen mehr und mehr zum wirklichen Gemeingute geworden find. Die Schweiz hat fich am lebhafteften bei der Ausftellung der befprochenen Hilfsmafchinen betheiligt. Sie bringt Band- Mühlftühle für verfchiedene Artikel, Stoffftühle, Zettelmaſchinen, fämmtlich für mechanifchen Betrieb. Eine ausgeftellte Seidenwäge-( Sortir-) Mafchine löft ein fchwieriges Problem in fcharffinniger Weife; ob mit praktiſchem Erfolge mufs erft die Zeit lehren. Oefterreich, refpective Wien, exponirte einen Bandftuhl mit einzelnen neuen Details, Spul-, Wind-, Zettel-, als auch viele andere Hilfsmafchinen und Vorrichtungen, fowie vorzügliche Jacquardmafchinen der verfchiedenften, theilweife in Wien erdachten Varietäten für alle Zweige der Weberei. Deutfchland, Frankreich, Belgien brachten ebenfalls verfchiedene, ini Principe bereits gekannte Maſchinen für die Weberei fowie für die Appretur. Zum Schluffe erübrigen nur noch einige Worte über die in der befprochenen Induftriegruppe vorgenommene Beurtheilung. aus Die Seideninduftrie mit ihren Hilfsinduftrien, ihren Hilfsinduftrien, die Mafchinen genommen, war durch beiläufig 700 Ausfteller vertreten, worunter die Türkei, welche jeden einzelnen Gegenſtand als felbftftändige Ausftellungsnummer im Seide und Seidenwaaren. 9 Kataloge anführte, nicht inbegriffen ift, ebenfo nicht die afiatifchen Länder, die theils collectiv, theils nach Departements und Provinzen beurtheilt wurden. Italien zählte 210, Frankreich 160, Oefterreich 107, Deutfchland 47, die Schweiz 52, Griechenland 24, England 22, Spanien 22, Portugal 14, Ungarn 12, Rufsland 10, Schweden 3, Belgien und die Niederlande je einen Ausfteller. - Von den Ausftellern Oefterreichs waren 4 als Mitglieder der Jury aufser Concurs, 2 wurden für das Ehrendiplom vorgefchlagen, 36 erhielten Medaillen ( 9 Fortfchritts-, 27 Verdienftmedaillen), 35 ehrenvolle Erwähnungen. Die Beurtheilung in der Section für Seidenwaaren war eine verhältnifsmässig ftrengere, als in anderen Branchen, nachdem die erften Firmen feien es nun die Frankreichs, Italiens, Deutfchlands, Oefterreichs oder der Schweiz- eine folche Bedeutung erreicht haben, dafs der hiedurch gefchaffene Mafsftab die mittleren Leiftungen empfindlich beeinträchtigte, Leiftungen, deren Aequivalente in den meiften der anderen Gruppen gewifs höher prämiirt worden wären als hier. Es mögen daher jene, welche fich zu hart beurtheilt glauben, bedenken, dafs es nur die notoriſche Ueberlegenheit der erften Firmen war, welche bei Zuerkennung der Auszeichnungen eine gröfsere Referve auferlegte, fo dafs, wenn je, gerade hier der alte Satz gilt, der da lautet: Das Beffere ift der Feind des Guten. DIE POSAMENTIRARBEITEN. ( Gruppe V, Section 5.) Bericht von CARL GIANI, Fabrikant in Wien. Mitglied der internationalen Jury. Einer jener Induftriezweige, welche ihrer Natur und Wefenheit nach in zwei verfchiedenen Techniken, der des Webens und der des Flechtens, wurzeln und deffen Entstehung in die älteften Zeiten zurückverlegt werden mufs, ift die Pofamentirarbeit. Sie war, foweit fie die Gallons und Litzen, Franfen, Quaften und Schnüre, wie auch Knopferzeugung umfafst, würdig auf der Wiener Weltausftellung vertreten. In den folgenden Zeilen wollen wir es verfuchen, ein möglichft eingehendes Bild alles in diefei Hinficht Gebotenen zu geben und fchicken nur behufs Verftändigung voraus. dafs die geographifche Eintheilung uns als Grundlage dient. Nordamerika und England haben in der Pofamentirinduftrie gar nichts zur Anficht gebracht, obwohl beide Staaten, befonders England, alle Urfache hätten, jene eigenthümlichen Franfen und Quaften zu zeigen, welche, den ftrengen Charakter Altenglands an fich tragend, die ganze folide Pracht mit der nationalen Pedanterie vereint zeigen. Brafilien führte uns in einem Pflanzenfafer- Geflechte, wie auch in der daran applicirten Bordure eine Art urwüchfiger, faft an Indianerfchmuck erinnernder Federnpofamenterie, eine fehr originelle Arbeit, vor.( Ausftellung Para.) Indien mit feinen märchenhaften Stoffen und Stickereien liefs nur fehr fchwer die Grenze erkennen, an welcher fich Stickerei und Pofamenterie fcheiden, in allen Fällen aber zeigt es uns wiederholt, dafs die Wiege der Menfchheit auch die des guten Gefchmackes ift. Man findet hier nicht wie im Occident die Erzeugniffe des Schreiners und Drechslers als mafsgebende Grundlagen, hier ift die Quafte z. B., was fie ihrer Natur nach fein foll, ein Büfchel dichter, fchmiegfamer Fäden, welche durch ein Fadennetz an beftimmten Punkten zufammengehalten und auch nur mit Zierathen textiler Natur gefchmückt find. Die Technik felbft kann eine vollkommenere fein, Abirrungen aber von dem gegebenen Stoffe und deffen Naturbedingungen find vom Standpunkte des guten Gefchmackes unbedingt zu verwerfen. Frankreich, diefe fcheinbar prädeftinirte Stätte für Pofamenterie, hat durch die von ihm in diefer Branche zur Anficht gebrachten Ausftellungen bewiefen, dafs diefe Prädeftination und Weltherrfchaft in ihren Grundfeften erfchüttert und andere Völker nur den moralifchen Muth und raftlofes Streben zu entwickeln brauchen, um den bis nun innegehabten Monopolismus zu vernichten. Die Pofamentirarbeiten. 11 Parriot Laurent in Paris hat freilich in gefchmackvoller Weife jene Erzeugniffe, in welchen er excellirt, zur Anfchauung gebracht; es find diefs Knöpfe und Pofamenterien für Damenconfection. Befonders Neues oder für Andere technifch Unerreichbares vermochten wir aber nicht dabei zu entdecken. Camille Weber in Paris hat auf der Parifer Ausftellung 1867 entfchieden fchöner und beffer exponirt; feine diefsmaligen Objecte zeigten nicht allein nichts Neues, fondern was noch fchiimmer, es fanden fich darunter geradezu antiquirte Gegenftände, fo dafs man faft verfucht war zu glauben, er habe Befferes in feinem Magazin, als jenes ift, was er der Beurtheilung der civilifirten Welt unterbreitet hat. Die Firmen Dieutegard& Antheaume, Balay G.& Comp. Bon amour, Benodier père et fils und L. Spork haben in Damen- Confectionsartikeln fchön ausgeftellt, aber nicht derart, dafs man Urfache hätte, zu behaupten, ihre Leiftungen feien unübertrefflich. Joncerrand fils ainè in St. Etienne brachte Gallons für Möbel, welche theilweife von gutem Gefchmack zeugten. Grangier& Reymondon in St. Chamond, Brun Camille in St. Etienne, Gros& Lamarry in Paris haben gewöhnliche Litzen zur Anficht gebracht und in jeder Hinsicht ihre Concurrenzfähigkeit mit den gleichen Fabricaten Barmens bewiefen. Was man aus einem fo unfcheinbaren Artikel, wie Knöpfe find, machen kann, haben nebft Parriot Laurent auch die Herren Neau& Lecompte in Paris durch ihre diefsbezügliche Ausstellung bewiefen und mehr noch durch den ftatiftifch feftgeftellten grofsen Gefchäftsbetrieb, welchen fie zu erzielen verftanden. Das Haus Parent& Comp. fteht ihnen faft ebenbürtig zur Seite. Italien, Spanien, Portugal, Belgien, wie auch die Schweiz hatten fehr wenig in diefer Induftrie ausgeftellt, was aber, befonders von dem erftgenannten Lande, zur Anficht gebracht wurde, läfst den aufrichtigen Wunfch in uns laut werden: es hätte beffer gethan, nichts zu fchicken, denn felten noch haben wir alte franzöfifche Vorbilder mit fo geringem Verſtändnifs für Form und Farbe wieder gegeben gefunden. H. J. Hanfen in Kopenhagen hat in anerkennenswerther Weife fich bemüht, von dem Beftehen des Pofamentirgewerbes in Dänemark Zeugnifs zu geben, mehr fchien feine Ausstellung nicht bezwecken zu wollen und diefes Ziel hat fie auch erreicht. Schweden, Norwegen und die Niederlande boten ebenfalls nichts in diefer Beziehung. Deutfchland hat in Pofamenterien vohl Mehreres ausgeftellt, es bedünkt uns aber, als hätte es die Wichtigkeit diefer Induftrie mehr ins Auge faffen und eine regere Betheiligung anftreben follen. Berlin, Dresden und Frankfurt a. M. wären allein im Stande gewefen ein anıtändigeres Contingent zu ftellen als alle übrigen zufammengenommen. Gebrüder Bühlmann in Berlin, Oppermann in Einbek, Ebel in Berlin und Schärf in Brieg haben Möbelpofamenterien ausgeftellt; doch können wir nur den Fabricaten des Letzgenannten ein beifälliges Urtheil zollen, die übrigen find gut gemacht, aber fchwach in Erfindung, Form und Farbe. Remfcheid& Thöme, Saatweber& Weftcott wie auch die Barmer Collectionsausftellung boten gut fabricirte Objecte, deren Werth in ihrer Eigenfchaft als grofse Confumartikel liegt, Anfprüche weiterer Art erheben fie nicht. B. Gutkind, Weifsmüller, Gebrüder Bühlmann, Reinhold Wolf Bacher, L. Damm, Berghaus, Klemm& Comp. haben in Damenconfec tions- Pofamenterie wohl nicht impofant, aber doch anerkennenswerth ausgeftellt, in mancher Hinficht ebenfo gut als die Franzofen. Bergen kamp in Barmen, Dibbert in Altona haben in Knöpfen Gutes und Schönes gebracht, Siemfen 12 Carl Giani. in Hannover bewies durch die von ihm ausgeftellten Flachspofamenterien, dafs diefes Material ein fehr dankbares fei und möchten wir felbes Fachgenoffen zum aufmerkfamen Studium empfehlen. Die Strohgeflechte von Reichel in Dippoldiswalde und Hummel in Furtwangen find gut gemacht. Auf Oefterreich übergehend erachten wir es als geboten vorauszufchicken, dafs wir viel zu eifrige und aufrichtige Patrioten find, um unferen Landsleuten unverdiente Lobfprüche zu fagen, dafs wir es aber als eine heilige Pflicht betrachten, das aufgefundene Gute und Lobenswerthe in das gehörige Licht zu bringen. Diefe letztere Aufgabe wird im gegebenen Falle wefentlich durch das anerkennende Urtheil erleichtert, welches nicht allein die Jury, fondern auch das gefammte Ausland über die nie geahnte Leiftungsfähigkeit und Gefchmacksentwicklung Oefterreichs faft einftimmig gefällt hat, ein Urtheil, welches hoffentlich dazu beitragen wird, einerfeits das geringe Selbſtvertrauen Oefterreichs zu kräftigen, anderfeits aber deffen Induftrie zum conftanten, energifchen Fortfchreiten anzufpornen. Das Vermögen, Gutes zu leiften, ift conftatirt, der energifche Wille, Befferes zu bringen, mufs beweifen, dafs wir den eigentlichen Werth der Ausftellung richtig aufgefafst haben. Die Ausftellung von C. Drächslerin Wien bot in Möbelpofamenterien Gallons, Quaften, Franfen und Borduren, das Gefchmackvollfte, was erfonnen werden kann und liefs den einft tonangebenden franzöfifchen Rivalen weit hinter fich; in gleichem Streben, aber mit geringeren Refultaten, bemüht fich das relativ junge Haus Luckfchanderl& Chwalla, der erftgenannten Firma eine ehrenhafte Concurrenz zu machen; ein folcher Wettkampf ift nicht nur für beide Firmen ehrenvoll und nutzbringend, fondern auch für die gefunde Entwicklung einer derartigen Induftrie fehr wünfchenswerth. Gutruf arbeitet ebenfo wie Stepsky und Scherer in Artikeln des grofsen Confums. Ihre Ausstellung repräfentirte in erfchöpfender Weife die von ihnen erzeugten Artikel. O efterreicher, Teltfcher und Kapper haben gute Objecte ausgeftellt, ob felbe, befonders was den Erfteren betrifft, deren wirkliche courante Erzeugung repräfentiren, ift eine Frage zweiten Ranges und find nicht wir es, welche darüber zu urtheilen haben. Seelig& Steglich, J. Anton und Schmidtl's Söhne haben fich in höchft anerkennenswerther Weife bemüht, durch ihre Ausstellungen die Thätigkeit der öfterreichifchen Induſtrie auf diefem Gebiete zur Anficht zu bringen und ift diefs befonders den beiden Erfteren auch gelungen. Die Priorität Frankreichs auf diefem Gebiete ift in der Natur der Verhältniffe und vornehmlich im Mangel einer gebildeten Arbeiterclaffe begründet, beides Urfachen, welche nicht unbezwinglich find. Schönbaumfeld, Ehrlich& Hock in Wien haben in dem unſcheinbaren, aber fehr wichtigen Artikel„ Hemdknöpfe" Anerkennenswerthes geleiftet, ebenfo Math. Salcher's Söhne, welche die Fabrication von Knöpfen für Herrenconfection, ebenfo rationell als gut betrieben, zur Beurtheilung brachten. Eine Specialität Oefterreichs vertreten die Firmen Anton Egerer, Eduard Meinhardt und A. Feller durch die von ihnen gebotene Ausftellung von Stick-, Web- und Confectionschenillen. Diefer Artikel, früher ftark in Berlin und Frankreich erzeugt, ift durch rationellen Betrieb ein Haupt- Exportartikel Oefterreichs geworden und haben die Erzeugniffe oberwähnter Fabrikanten vornehmlich Egerer's die gefammte ausländifche Concurrenz auf dem Markte Englands und Amerikas aus dem Felde gefchlagen. Hille& Hampel, F. E. Paul und Silberbauer haben in Leinenund Baumwoll- Bändern gut ausgeftellt, ebenfo L. Leibenfroft und L. Müller. Viele mögen an der Ausftellung von A. Grofsmann theilnahmslos vorübergegangen fein, und darum halten wir es für unfere Pflicht, die Aufmerksamkeit auf den von genannter Firma ausgeftellten unfcheinbaren Artikel, Damencoiffuren Die Pofamentirarbeiten. 13 Netze hinzulenken und als Begründung beizufügen, dafs mit der Anfertigung diefer Waare eine grofse Anzahl Menfchen fich ihr Fortkommen verdient und diefs befonders in Gegenden, in welchen vordem wegen Mangels jeder Induftrie Armuth und Elend gewaltet hatten. Sowohl im Lande felbft, als auch aufserhalb der Landesgrenzen finden die Haarnetze grofsen Abfatz und repräfentirt diefes Genre auch eine Wiener Specialität. Joh. Schwarz& Söhne, J. Ritter, J. Patfch und W. Plfchek in Wien haben durch ihre Expofition von Gallons und Litzen für Hüte, Herren- und Damenconfection die Concurrenzfähigkeit Oefterreichs dargethan, befonders die erftere Firma hat durch eine reiche Collection von Hutgallons, welche in gefchmackvollfter Weife zufammengeftellt ist, die Anerkennung der internationalen Jury, und zwar in reichlich verdientem Mafse hervorgerufen, es iſt felbe in ihrer Art ein Meifterwerk und beweift den feindurchbildeten Farbenfinn ebenfofehr als die Leiftungsfähigkeit der Anftalt felbft. Lang und Puxbaum, beide in Wien, ftellten Wagenborten aus in guter Ausführung, doch waren fie unzweckmäfsig placirt und ungenügend vertreten. Bevor wir von Oefterreich fcheiden, müffen wir einer Pofamenterie- Expofition gedenken, welche, wenn auch nur als Beftandtheil einer anderen fich zeigend, doch vollkommen geeignet ift, befprochen zu werden, wir meinen die im Pavillon Oberleither er vorkommende Flachspofamenterie. Ift die Conception und Durchführung oberwähnten Pavillons fchon in jeder Hinficht ein als Unicum daftehendes Meifterwerk, die Poefie des Flachfes auf eminente Art zum Ausdruck bringend, fo hat die dabei in Anwendung gebrachte Pofamenterie einen Löwenantheil hievon und verdienen die dabei betheiligten Firmen B. Mofchigg& Sohn und Hutterftrafser alle Anerkennung, während der geiftvollen Conception des Ganzen, einem Werke des Herrn Profeffors Ferdinand Lieb, das höchfte Lob gezollt werden mufs. Die Pofamenterie von Metallgefpinnften war in Amerika, England, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz, Italien, Spanien und Portugal theils gar nicht, theils fehr wenig vertreten; erft in Deutfchland begegneten wir einer in diefer Richtung ebenfo rationell betrie benen als auch zur Ausstellung gebrachten Induſtrie. Tröltfch& Hanfelmann, Scheiblein& Comp. und Stollberg in Weifsenburg bei Nürnberg haben fowohl in Artikeln des europäiſchen als auch des Exportbedarfes ausgeftellt, und verdient befonders die erfte, nahezu hundert Jahre beftehende Firma, ihres grofsen Exportes nach dem Orient halber befondere Erwähnung. Die Qualität des Gebotenen ift faft durchgehends gleich, nur haben Tröltfch& Hanfelmann durch die Exponirung färbig gemufterter Goldgallons uns die Möglichkeit gegeben, deren Thätigkeit auch auf diefem Gebiete zu beurtheilen. Ebermayer und Schmuck& Söhne in Nürnberg haben gleiche Artikel in gleich anerkennenswerther Weife ausgeftellt. Die Expofition von C. A. Weftmann in Dresden aber machte uns faft zweifeln, dafs diefes feit 130 Jahren in einer Familie beftehende Haus Anfpruch auf Anerkennung erhebt; feine Ausftellung war entfchieden mifsglückt, da felbe weder quantitativ noch qualitativ jene grofsen Vorzüge zur Kenntnifs des Befchauers brachte, welche der Fabrication diefer ehrenhaften Firma eigen find. Der allfeits fich geltend machende Platzmangel mag wohl grofsentheils Schuld daran fein, wir fühlen uns aber verpflichtet, zu bemerken, ein Haus, wie das genannte, wäre es fich felbft fchuldig gewefen, darauf zu dringen, dafs die deutfche Reichs commiffion ihm einen würdigeren Platz angewiefen hätte, und diefs umfomehr, als viel weniger wichtigen, nicht füddeutfchen Induftrien diefs eingeräumt wurde. Die Jury hat auch in Würdigung diefer Momente die Beurtheilung des Haufes C. A. Weftmann auf günftigerer Grundlage vorgenommen. Franz Thill's Neffe und J. Lefchhorn in Wien haben in ebenfo reicher als gefchmackvoller Weife ihre Producte exponirt; beide arbeiten faft ausfchliefs2 14 Carl Giani. lich für die kaiferliche Armee und erregten deren Leiftungen fowohl in Betreff der Vergoldung als der Technik allgemeine Bewunderung feitens der ausländifchen Jury. J. Sauczek hat nebft Militärartikeln auch Gallons und Pofamenterieartikel für kirchliche Zwecke ausgeftellt und in letzterem Genre den Deutfchen und Franzofen eine empfindliche Concurrenz gefchaffen. Die reichhaltige Ausftellung von kirchlichen Gallons übertrifft in der Auswahl die gleichartige deutfche, fteht in Betreff der Technik und Farbe den Franzofen würdig zur Seite; ein von ihm ausgeftellter Glockenzug im Renaiffanceftil ift eine für den Pofamentirftuhl fchwierige und darum lobenswerthe Leiftung, nur hätten wir deffen Farbenftimmung harmonifcher gewünſcht. Die Ausstellung von J. Blazincic bot nebft manch Anderem auch eine Specialität in Schnürmacher- Arbeiten und Gefpinnftflechtereien, welche ebenfo intereffant als anerkennenswerth find. A. Schimper's Witwe in Wien, welche nur in unechten Metallgefpinnften und Pofamenterie, aber ziemlich ftark arbeitet, hat ihr Möglichftes gethan, um ein Bild diefer ausgebreiteten Induftrie zu geben, und mufs diefs umfo anerkennender hervorgehoben werden als andere, bedeutend ältere und gröfsere Firmen Oefterreichs es unterliefsen, diefen quantitativ wichtigen Induftriezweig zu repräfentiren. In Ungarn hat nur Jakob Schön in Pest Anerkennenswerthes in Goldpofamenterien für Militärzwecke und Nationaltrachten ausgeftellt, alle übrigen Ausfteller boten Mittelmäfsigkeiten. Rufsland zeigte wie in manch anderen Branchen, fo auch in dem der Pofamenterie, dafs es den Werth des Fortfchrittes in der Arbeit wohl zu würdigen verftehe, jeder aufmerkſame Befucher der ruffifchen Abtheilung muss der Kunftinduftrie Rufslands ein raftlofes Streben nebft eminenter Technik zugeftehen und kann nur wünſchen, felbe möge, vor allzu Bizarrem fich hütend, auf dem betretenen Wege fortfchreiten. Griechenland und Rumänien boten wenig Bemerkenswerthes auf dem Gebiete der Pofamenterie; dagegen waren die diefsbezüglichen Ausftellungsobjecte in Tunis, Marocco und Egypten fehr intereffant und unter Umftänden auch für den Fachmann von Werth. Befonders das letztere Land hatte fehr bemerkenswerthe Goldpofamenterien zur Anficht gebracht. Perfien bot wenig Bemerkenswerthes, defsgleichen China, während Japan aufserordentlich intereffante Objecte in anfcheinend anfpruchslofer Art zur Anficht brachte. Die Schnüre und Seidengeflechte von Kioto, die Netzarbeiten von Jeddo find höchft bemerkenswerth und bot endlich Japan in den mit gefchnittenem Goldpapier- Lahn überfponnenen Gefpinnften eine Specialität, welche für manche Induftrien geradezu epochemachend einwirken kann. Allerdings exiftiren ähnliche Dinge bereits in Europa, jedoch wurden fie noch niemals auf fo rationelle Art zur Anficht gebracht. Die von der Türkei in ziemlich fyftemlofer Weife gebrachten Pofamenterien gaben den abendländifchenFabrikanten hinreichenden Stoff zum Nachdenken. Die Arbeiten von Samos, und endlich die aus Stoffcompartimenten in fehr zarter Weife hergeftellten Blumenpofamenterien höchft intereffant; ein Gleiches gilt von den guipureartigen Goldpofamenterien. Eigenthümlich und in mancher Beziehung beklagenswerth ift das immer mehr zu Tage tretende Beftreben des Orientes von jenen typifchen Farben abzuweichen, in welchen der namenlofe Reiz feiner Fabricate liegt, es macht fich eine immer weitergreifende Aufnahme der modernen, nichts weniger als äfthetiſch richtigen Farbennuancen geltend. Man kann diefen Rückfchritt im Fortfchritte in Gewebe und Stickerei conftatiren.*) Afien und Afrika find bereits von dem Beftreben angekränkelt, die gleifsenden Farben des Occidentes zu acclimatifiren und iſt es *) Siehe Ferdinand Stamm: Spitzen und Stickereien. Die Pofamentirarbeiten. 15 leicht möglich, dafs bei folchem Fortfchreiten binnen relativ kurzer Zeit Orient und Occident ihre Rollen werden vertauſcht haben. Auf das Empfindlichfte wurde die Wahrheit des hier Gefagten bei den vielfach ausgeftellten Arbeiten der Türkei zumeift demonftrirt, in welchen neben den primitiven Farbentönen die modernen Nuancen placirt find. Das Schlufsrefumé unferes Berichtes gipfelt in der eingangs desfelben abgegebenen Anficht, dafs die Pofamenterie als folche gut auf der Ausftellung vertreten war, dafs aber Oefterreich vor Allem feinen Beruf dargethan hat, auch in diefer Gewerbsbranche die Führerfchaft zu übernehmen. Es fei uns fchliesslich geftattet, dem lebhaften Wunfch Ausdruck zu geben, Regierung wie Regierte mögen aus den oberwähnten Refultaten jenen Nutzen ziehen, welcher denfelben innewohnt, und möge befonders die Erftere energifch dahin wirken, dafs durch Fachſchulen und Mufterwerkftätten junge intelligente Hilfskräfte herangebildet, durch Reorganifirung der Confulate entſprechender Rechtsfchutz im Auslande gefchaffen und endlich alle jene Gefetze befeitigt werden, welche, wie z. B. der Puncirungszwang, geradezu lahmlegend auf einzelne Branchen der Pofamenterie einwirken. Offenes Auge, redlicher Wille und ftrengfte Gewiffenhaftigkeit find berufen, für Oefterreich aus der Wiener Weltausftellung einen Nutzen zu ziehen, welcher mehr als hundertfach alle gebrachten Opfer aufwiegt. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. FERTIGE KLEIDER. ( Gruppe V, Section 7.) BERICHT VON IG. ORTMANN, ANTON KREUZIG, JOSEF MIGOTTI, WILHELM PLESS, FRANZ UND MAX STIASNY. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1873. BEB DEB TH VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch , während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. FERTIGE KLEIDER. ( Gruppe V, Section 7.) FRAUENKLEIDER UND COSTUME. Bericht von IGNAZ ORTMANN, Modewaarenhändler in Wien. Die Lebensbedürfniffe der Menfchen find höchft mannigfaltiger Art und es ift gewifs, dafs je höher die Gefittung und der Wohlftand fteigt, in defto ausgedehnterem Mafse fich diefelben mehren und vervielfältigen. Unter diefen Bedürfnissen aber ift eines, an welchem die Menfchen wohl die zahlreichften Verfchiedenheiten und Abweichungen an den Tag legen, und das von ihnen vielen und rafch wechfelnden Veränderungen und Ausbildungen unterzogen wird, wie kein anderes. Es ift diefs das Kleid und die Art und Weife der Bekleidung. Nicht genug, dafs fich die Menfchenracen aufser dem Bau der Knochen und durch die Farbe ihrer Haut unterfcheiden, heben fie fich noch durch die Verfchiedenheit ihrer Anzüge von einander gewaltig ab, und die Bewohner eines jeden Himmelsftriches, jedes Landes, ja faft jedes Bezirkes und nicht felten fogar jedes einzelnen Dorfes kleiden fich nach einem anderen Modus, und unterziehen diefen Modus abermals einer fteten Umwandlung; aufserdem montirt fich noch beinahe jeder einzelne Menfch wieder nach feinem eigenen individuellen Gefchmack und fchafft ein reiches wechfelndes Bild des Menfchen und der Kleidung. Noch niemals trat uns diefe Thatfache greifbarer vor die Augen, als wenn man bei einer Wanderung durch die Hallen der Wiener Weltausftellung diefem Gegenftande einige Beachtung fchenkte. Man fah dort die Trachten und Anzüge faft aller Nationen und Völker, die durch die Kleider felbft oder durch plaftifche Abbildungen oder durch Gemälde und Photographien zur Schau ausgeftellt waren. Man konnte dabei leicht erkennen, dafs die Völker von niederer Culturftufe die Veränderungen ihrer Anzüge nicht in fo rafch aufeinander folgender Reihenfolge vornehmen wie diefs die civilifirteren Nationen thun; immerhin aber, konnte man auch bei den Erfteren die gleiche Sucht, wenn auch in einem minderen Grade, der Kleiderveränderung wie bei den letzteren fehr leich bemerken. Und gehen wir auf diefe Frage noch etwas näher ein, fo fehen wir, dafs es die fchönere Hälfte des Menfchengefchlechtes, dafs es die Frauen find, die den gröfseren Theil diefer Wechfelfucht befitzen. Sie find es auch, die hierin weitaus mehr Phantafie entfalten und ihre Körperformen durch immerwährend veränderte und nach ihren Begriffen ftets vortheilhaftere Umhüllungen zu verfchönern trachten. 1 2 Ignaz Ortmann. Wir wollen Umfchau halten über die Frauenkleider, welche uns von allen. Weltgegenden zur Anficht eingefchickt worden find; wollen aber nicht von unferen weiblichen Antipoden, den Bewohnern von Queensland oder von den Samojeden, Kirkifen oder den vielfältigen Trachten der Bewohner von Turkiftan berichten, fondern, da uns diefe doch allzuweit entrückt fcheinen, auch für das wirthschaftliche Leben der Culturwelt noch wenig Bedeutung haben, befchränken uns blofs auf jene Landesgebiete, die uns äfthetiſch und wirthschaftlich bedeutend erfcheinen. Wenn wir die Induftriehalle von Weft nach Oft im Geifte wieder durchfchreiten, fo fehen wir am Eingange einer links liegenden Quergallerie eine reichgekleidete Dame aus Indien vor uns ftehen, die uns genügenden Beweis gibt, welch' aufserordentliche Erfindungsgaben die Frauen befitzen, um ihren Körper zu decoriren. Die Büfte diefer indifchen Dame war durch eine eng anliegende, aus grüner Levantine, artig gearbeitetem Seidenftoff gemachte Jacke bedeckt, unter der, aus Gaze gemacht, das Chemifette und die Aermel hervorfchauten; von den Hüften bis zu den Füfsen herab fiel ein faltiger Rock aus blauem, fchwerem Seidenftoff. Sowohl die Jacke als auch der Rock waren mit vielen Gold- und Silberbörteln verziert. Beide Kleidungsftücke wurden um die Taille durch einen aus Goldborten zufammengefügten Gürtel feftgehalten, welcher mit feinen beiden Enden eine herabfallende reiche Goldquafte bildete. Ein aus rothem( Bobbinet) Tüll vom Kopf bis zu den Knien reichender Schleier, der wieder an feinen Kanten mit reichem Gold- und Silberfchmuck bordirt war, fiel über diefen Anzug. Die Ohren diefer Dame waren mit ungeheuer reichhältigen Behängen angethan, die Nafe war mit einem goldenen, ovalen Reif durzogen, der mindeſtens zehn Centimeter Durchmeffer hatte, und fafs an dem linken Nafenflügel ein mit Perlen gezierter Goldknopf oder Rofette, gleichfam um das Verfchieben des Ringes in der Nafe zu verhindern. Aufser diefem waren noch die Stirn, der Hals, die Arme, Finger und Zehen reich mit Schmuck beladen. Die neben diefer Dame ausgeftellten, reich mit Gold auf Gold geftickten. indifchen Shawls, Tücher und Echarpen nebft vielen anderen Toilettegegenständen von blendender Pracht und Mannigfaltigkeit unterſtützen unfere am Eingange gemachte Behauptung. In einer anderen, von der indifchen entfernteren Galerie ftand eine nicht. minder geputzte Dame aus China. Diefelbe war in einen weiten blauen Atlaspaletot mit weiten Aermeln gehüllt, die Vordertheile desfelben legten fich übereinander und liefsen die Formen ihrer Taille wenig beobachten. Diefer Oberrock. oder Paletot war mit bunter Flachftickerei,( deren Unübertrefflichkeit uns durch die feit vielen Jahren von dorther nach Europa eingeführten Creppontücher hinreichend bekannt ift), reichlichft verziert. Unter diefem Kleidungsftück, welches bis an die Knie reicht, fiel ein dunkelrother Crepprock hervor, der die Füfse total verfteckte, und nach rückwärts in eine kleine Schleppe auslief. Diefer Schlepprock war mit ganz dünnen Goldfäden verfchnürt und läfst fich der Reichthum, fowie die gefchmack- und ftilvolle Blattzeichnung und ungewöhnliche Präcifion diefer Verfchnürung nicht leicht fchildern. Der Kopf der Dame war mit einem fehr reichen, aus Gold und Blumen componirten kronenartigen Schmuck bedeckt. Ihre Ohren hatten eine ziemliche Laft von zwei phantaftifchen Ohrgehängen zu tragen. So fehr auch diefe Chinefin ihre Füfse unferen Augen verborgen hielt, fo konnten wir doch durch die nebenan ausgeftellten, fchön geftickten, kleinen Schuhe fehen, dafs die Chinefinen gewifs auch diefem Theil ihres Körpers mehr Aufmerkfamkeit, als gerade nöthig zuwenden mögen. Frauenbekleidungen. 3 Neben diefer reichen Mandarinenfrau konnten wir in der chinefifchen Abtheilung noch mehrere andere theils vollständige Anzüge, theils einzelne Theile von folchen wahrnehmen. So fahen wir zwei reich geftickte Theatermäntel, mehrere Sonnenfchirme, Kopffchmuck- Gegenftände, ferner Frauen- Beinkleider, Hemden und Strümpfe aus Gentian Gaz, die alle zeigen, welch hoher Luxus in Damenanzügen in China herrfcht. Die in derfelben Abtheilung ausgeftellt gewefenen, von Papiermaffe gefertigten Puppen, welche uns die Trachten der bürgerlichen Claffen veranfchaulichten, zeigten uns abermals, wie divergirend fich die Gefchmacksrichtungen bei jedem einzelnen Individuum äussern. Wenn die Chinefen auch nicht fo viele Variationen wie unfere Damen in den Schnitten ihrer Kleider vornehmen es bedünkt uns, dafs fie darin eine gewiffe Stabilität beobachten- fo fahen wir doch, welche Mannigfaltigkeit fie in der Wahl und Zufammenftellung der Stoffe, der Farben und der Decorirung entwickeln können. Japan dagegen hat uns nur eine grofse Menge der verfchiedenartigften, Stoffe für Damenkleider vorgelegt, welche fo viel Intereffe boten, dafs fie fchon von vielen anderen Seiten und in den öffentlichen Blättern eingehendft beleuchtet worden find. Uebrigens gehören uns auch die Stoffe als folche nicht an. Im Coftüm mögen fich die Japanefen wenigftens nach den lebendigen Exemplaren, die im Originalcoftüm die Ausftellung befuchten, wenig von den Chinefen unterfcheiden. Die Reformen des gegenwärtigen Beherrfchers des oftafiatifchen Kaiferreiches find gewifs noch nicht fo tief ins Volk eingedrungen, dafs fie alles Originelle fchon vernichtet hätten. Wenigftens waren drei bis vier etwas verborgene und nicht vollſtändige Frauenanzüge, worunter ein fchöner Damen- Schlafrock, von der alten Originalität. Perfien dagegen hat den alten Ruf feiner Stoffweberei nur wieder neu bewährt, indem es uns eine reiche Sammlung der fchönften und gefchmackvollften Cachemir- Long- Shawls und Umhängtücher, in denen es mit den indifchen Fabricaten gleiches Renommé behält, zur Anficht übermittelt hat. Die meiften Frauenanzüge aber konnten wir in der Türkei bewundern. Wir müffen es uns jedoch verfagen, diefe ins Unendliche gehenden Arten der Trachten einzeln zu befchreiben, wodurch dem Lefer doch nie das richtige Bild gegeben werden kann. Nur fo viel mufste jeder Befchauer erkennen, dafs der Typus diefer Anzüge unter den afiatifchen Völkern jenem der indifchen Frauen am nächſten kommt. Die türkifche Frau trägt meiftens eine Wefte aus Seide, worunter ein Chemiſette aus Tüll, Algerienne oder einem anderen Baumwoll- Stoffe liegt, einen fehr faltenreichen Rock, der unten bis auf zwei Oeffnungen für die Füffe zugenäht ift und faft einer Pumphofe ähnelt; in vielen Fällen bindet fie eine reich mit Gold geftickte Gazefchürze um. Von den Schultern fällt ein Tuchpaletot mit weit offenen Aermeln herab. Ihre Fufsbekleidung befteht meiftens aus groben, jedoch buntgeftrickten Harrasftrümpfen und Chagrinleder- Schuhen, Pantoffeln oder auch halbhohen Stiefeln. Auffallend ift bei ihnen die Verfchiedenheit der Gebräuche, fich zu verfchleiern. Die Eine hüllt ihren ganzen Kopf und das Geficht in ein faft dichtes Gewebe derartig ein, dafs ihr nur eine kleine Spalte zur Durchficht ihrer Augen offen bleibt. Die Andere hat an ihrer Kopfbedeckung, die aus einer fchwarzen Kappe befteht, ein aus fchwarzem Rofshaar gewebtes Schürzchen angebracht, das bis über das Kinn herabreicht. Eine Dritte trägt auf ihrem Haupte einen Blumenkranz, von welchem aus eine unzählige Menge Goldfäden in reicher Fülle bis zu ihren Knieen herabrollen und ihr Geficht verbergen. 1* 4 Ignaz Ortmann. Seide wird für die Toiletten der eleganteren Türkinen am meiſten angewendet, auch ſpielt bei ihnen die Stickerei, Tambourarbeit und Verfchnürung durch Gold, Silber und Seide eine hervorragende Rolle. Der Gold, Silber-, und Juwelenfchmuck wird auch hier in der übermäfsigften Weife angewendet. Vorzüglich bekunden die Türkinen eine grofse Vorliebe, fich mit Silber- und Goldmünzen zu fchmücken. Mehrere fah man auf der Ausftellung, deren Ohrgehänge bis über den Bufen herabreichten, und fo wie bei jener Indierin fahen wir auch bei einer Türkin die Nafe zu beiden Seiten durch je einen Goldknopf, mit Edelſteinen befetzt, verziert. Die in der türkifchen Abtheilung übrigens ausgeftellten Stickereien bekundeten nicht mehr jene Originalität, durch die fie fich einen nicht unverdienten Ruf erworben hatten. Diefsmal konnten wir nur Wenigem unter diefen Artikeln unferen Beifall fchenken, worunter ein weifser Shawls gehörte, der von dem deutfchen Gewerbemufeum angekauft wurde. Tunis hatte mehrere recht vornehme Frauen in feiner Abtheilung ftehen, die von den türkifchen in ihren Coftümen abweichen. Im Gegenfatze zu der türkifchen Braut trägt die tunefifche ftatt des langen, weiten, anderfeits befchriebenen Kleidungsftückes enge, halbanliegende, bis über die Wade herabreichende Hofen, diefe find aus buntem, fchwerem Seidenftoff gemacht und mit reicher Goldftickerei beladen. Ihr Oberkörper fteckt in einer engen, goldgeftickten Jacke, unter der ein ebenfo gefticktes Gazehemd( Tunica) hervorfällt; ein rothes Seidentuch mit Goldborduren umhüllt fie von oben bis unten in ihrem rückwärtigen Körper, und ift fie aufser mit einem Goldkranz auf dem Haupte noch mit einer Menge zwecklos herabhängender, bunt geftickter Bänder aufgeputzt. Ihre Füfse trugen goldgeftickte, fpitzige Schuhe. Wer vermag es endlich, die reichhaltigen, mannigfaltigften und phantafievollften Gruppen und Trachten der Griechen, Rumänen, Walachen, Dalmatiner und öfterreichifchen Küftenbewohner zu fchildern? Wer könnte die vielfarbigen, malerifchen Coftume hinreichend befchreiben die uns von Schweden und Norwegen, von Holland in feinen niederländifchen und von Mähren in feinen hanakifchen Bauerntrachten hingeftellt wurden? Wie anziehend waren nicht die nach Dutzenden zählenden, von Papierpappe fo kunftgerecht ausgeführten Figürchen, von denen uns jedes einzelne einen anderen Typus der fpanifchen Volkstrachten zeigte? Wir wollen aber nicht weiter auf die Kleidungen uns fremder Nationen eingehen, fondern, da diefelben zumeift nur in den Geweben, aus denen fie gemacht, von Intereffe, diefe aber in der nationalen Hausinduftrie und in der Betrachtung der Webftoffe weitere Beachtung finden, uns ein wenig in den Garderoben unferer heimifchen Damen umfehen. Leider müffen wir bemerken, dafs gerade der Zweig, die BekleidungsInduſtrie für Frauen, der eine fo umfangreiche Ausdehnung hat, der fo viele Taufende von Menfchen befchäftigt, den in feinen fchrankenlofeften und verfchiedenartigften Productionsrichtungen nahezu die meiften anderen Induftriegruppen unterſtützen, dem jeder Menfch mehr oder weniger tributpflichtig werden mufs, dafs gerade diefer Induftriezweig nur in dem fpärlichften Mafse auf der Weltausstellung 1873 vertreten war. Oefterreich war durch vier Firmen aus Wien; Ungarn durch eine Firma aus Peft; Frankreich durch eine Firma von Paris; England durch eine Firma von London vertreten. Diefe geringe Betheiligung findet darin ihren Grund, dafs die Producenten wegen eben der voran befprochenen Moden- Wechfelfucht der Damen von der Betheiligung an der Ausftellung fernegehalten wurden; denn das Kleid, welches Frauenbekleidungen. 5 der Aussteller der Generaldirection fchon im Monate April verfügbar ftellen mufste, ift durch den rapiden Wechfel der Mode im Juni fchon wieder halb antiquirt, und verfehlt fomit zum gröfsten Theil feinen Zweck. - - Ein zweiter Factor diefer kleinen Betheiligung mag auch dem Umftande zugefchrieben werden, dafs fich diefer Artikel was befonders für den öfterreichifchen Fabrikanten gilt nicht als Exportartikel betrachten läfst. Das Frauenkleid ift nur auf einen kleinen Kundenkreis befchränkt, den fich kein Fabrikant durch eine Ausftellung der vorerwähnten Gefchmacksveränderung wegen erheblich erweitern würde. Die Urfache aber, warum diefer Artikel keine Exportation erzielen kann, liegt vor Allem in unferen allzu theueren Lebensverhältniffen, die fchon zu oft befprochen find, als dafs wir fie wieder aufzählen follten. Oefterreich, welches durch drei kleine, weniger bekannte Wiener Häufer vertreten war, brachte uns mehrere Strafsentoiletten, einige Soirée- und Ballkleider und einen Schlafrock. Diefelben waren durchgehends mit fehr viel Fleifs gearbeitet, zeugten von lebhafter Phantafie und Erfindungsgabe. Auch find, das fei hier zur Ehre unferer Induftrie, wie fchwach fie auch vertreten war, erwähnt, fämmtliche Ausftellungen prämiirt worden. Ungarn, durch eine bekannte renommirte Pefter Firma erfteren Ranges repräfentirt, hatte eine ſehr ſchöne, reichhaltige Ausstellung gefchaffen, die dem Haufe alle Ehre macht. Wir wollen nur erwähnen ein recht gefchmackvoll zufammengeftelltes Ballkleid, welches von apfelgrüner Faille gemacht, mit Theerofen und echten Brüffeler Applicationsfpitzen geputzt war und die fchauluftigen Damen magifch anzog. Frankreich, in deffen Abtheilung ein Parifer Haus feine fehr zahlreichen Toiletten ausgeftellt hatte, hat uns leider keinen feiner Heroën der Mode vorgeftellt. Immerhin aber war die Expofition diefes einen Haufes grofsartig zu nennen. Wir bemerkten dort ungewöhnlich reich und fchwer geftickte Strafsen-, Soirée- und Vifitekleider. Defsgleichen mehrere Ballkleider und Sammt confectionen von grofsem Werthe Die Stickereien waren mit einer bewunderungswürdigen Technik durchgeführt. Bezüglich der Schnitte der Kleider hielt fich das Parifer Haus an die Vorfchriften der jetzigen Mode, ohne uns eine originelle Idee zu verrathen. England. Das Londoner Haus hatte ebenfalls eine namhafte Anzahl reicher Faillekleider zur Ausftellung gebracht. Diefelben waren alle fehr mühevoll arrangirt, hatten prachtvolle Stoffe in fich, und waren auch die Farben derfelben fo recht nach dem gediegenen englifchen Gefchmack, allein wir glauben kaum, dafs fie den Gefchmack unferer continentalen Damen befonders angelockt haben werden. Bei Betrachtung diefer europäiſchen Damentoiletten mussten wir unwillkührlich einen Rückblick auf jenes in der additionellen Ausftellung befindliche Hochzeitskleid aus filberdurchwebtem Stoff mit goldgeftickter Bordure uns geftatten und konnten die Dimenfionen der Frauenkleider von Einft und Jetzt bewundern. Diefes Kleid, welches aus dem Anfange des XVIII. Jahrhunderts herrührt, hatte zu feiner Anfertigung etwa 10 Ellen Stoff erfordert, wogegen die Kleider, welche unfere heutigen Damen tragen, und wovon wir einige von der Ausftellung anführten, nicht weniger als 40 bis 50 Wiener Ellen, mitunter fogar darüber, beanfpruchen. Eine Ueberzeugung haben wir und es wäre eine grofse Ungerechtigkeit oder beiſpiellofe Anmafsung und Selbftüberhebung, wenn wir ein Refumé unferer Erfahrungen auf dem Gebiete der Frauenbekleidungen machen, und nicht bekennen wollten, dafs die Moden der gefammten Völker des Erdballes, foweit fie von europäifcher Cultur berührt find, ihren Urfprung in Frankreich, in Paris, haben. Es 6 Ignaz Ortmann. Frauenbekleidungen. mag Viele geben, die in diefen Worten eine Demüthigung finden, allein diefs ändert diefe Thatfache nicht. Es ift Paris, woher wir die Moden unferes Hutes und unferes Rockes erhalten, und nach der Vorfchrift von Paris trägt die modern fein wollende Dame heute ihr Kleid lang, morgen winzig kurz, von dorther erhält fie Ordre, ob fie ihr Haar pudern, färben oder kräufeln foll, ob der Hut ihr im Nacken oder auf der Stirne oder Nafe fitzen mufs. Gar oft fehen wir von Frankreich her die wunderlichfte Idee diefes oder jenes Toilettegegenftandes kommen, welche Anfangs felbft von der modefüchtigften, koketteften Dame ungläubig belächelt und zurückgewiefen wird, da es ihr zu excentrifch und affectirt erfcheint; doch in nicht allzu langer Zeit darauf wird diefelbe nicht nur von ihr, fondern fogar von den modefteften und einfachften Hausfrauen, die fich anfcheinend um keine Mode kümmern, nicht nur allein acceptirt, fogar fehr oft in der Bizarrerie noch übertrieben. Wir erinnern blofs an, Crinoline und Chignons. Wir können fomit von fämmtlichen Ausftellern Wiens, Pefts, Londons und Paris fagen, dafs fie gute Copien der verfloffenen Saifon gebracht hatten. Wohl lange noch wird es dauern, bevor es einem anderen Lande aufser Frankreich gelingen dürfte, feinen Einfluss auf Moden fo geltend zu machen. Damit fchliefsen wir unfere kurze Betrachtung, da die geringe Zahl der Ausfteller wenig Veranlaffung bot, nach ftatiftifchem Material zu forschen, das aus früheren Berichten fchon bekannt und wenig in den letzten Jahren erweitert worden ist, und weiter die wenigen Ausftellungsobjecte uns nicht erlauben konnten, weite Excurfionen in die Gebiete der Induftrie überhaupt zu machen, was übrigens dem Rahmen des Programmes der Berichterftattung auch nicht entfprechend und gewifs auch nicht angezeigt gewefen wäre. MÄNNERKLEIDER UND COSTUME. Bericht von ANTON KREUZIG, Schneidermeifter, Handelskammer- Rath und Experte der Jury. Wenn wir über diefe Abtheilung berichten, fo müffen wir vor Allem vorausfchicken, dafs wir uns blofs auf das Wichtigfte und Nothwendigfte, und zwar auf die Productions- und handelspolitifchen Verhältniffe befchränken, denn wollten wir das Gebotene eingehend befprechen, fo würden wir einen ganzen Band damit füllen können: indem, was Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit betrifft, keine der früheren Auftellungen etwas Aehnliches geboten und alle Genres von der theuerften Uniform und dem feinften Salonkleid, reich in Gold geftickte Mefsornate und Kirchenparamente zur Anfchauung gebracht wurden, fo wie auch in Feinheit und Gefchmack die Expofition der Männerkleider glänzend genannt zu werden verdient. Was die Reichhaltigkeit betrifft, mögen die Ziffern als Beleg gelten, da mit Ausfchlufs der dalmatinifchen, flavifchen und anderen Nationaltrachten 1603 Stücke ausgeftellt waren. Befonders hervorragend war aber Oefterreich- Ungarn vertreten, welches mit 1332 Stücken daran participirte. Von den übrigen Ländern hatten fich Deutfchland, befonders aber Dänemark am reichhaltigften und beften betheiligt. Anton Kreuzig. Männerkleider und Coftüme. 7 Wenn wir nun auf das Specielle übergehen, fo können wir nicht umhin, die zur Befprechung zu bringenden Kleider in vier Hauptkategorien einzu theilen, als: Moderne und Salonkleider; Uniformen und Livréen; Kleider für Export und Nationaltrachten, Coſtume und Specialitäten. Was nun die erfte Kategorie betrifft, fo müffen wir bei der objectivften Beurtheilung Wien die Palme zuerkennen, indem bei der diesjährigen Ausftellung die Richtigkeit des in Paris im Jahre 1867 gefällten Urtheiles neuerdings beftätigt wurde. An der Spitze ftand jedenfalls die genoffenfchaftliche Collectivausftellung, welche nebft ihrer Reichhaltigkeit auch zugleich meifterhaft in der Ausführung der einzelnen Stücke war; es war für Jeden die befte Gelegenheit geboten, fich von der Tüchtigkeit der feit lange berühmten Wiener Arbeitskräfte zu überzeugen, obwohl zu unferem Leidwefen fich diefelben von Jahr zu Jahr verringern, indem durch das Ueberhandnehmen der fogenannten Confection in neuefter Zeit mehr Gewicht auf Maffenproduction gelegt wird. Es war in diefer Collection überhaupt Alles, was vom Kleidermacher verfertigt wird, zu finden, vom Kinderkleid angefangen bis zur Militäruniform und der feinften Salonarbeit; ein Hauptgewicht hatten viele der Theilnehmer an der Collection auf blofse Handarbeit gelegt und es ift nicht zu viel behauptet, wenn wir fagen, dafs die meiſten diefer Arbeiten Meifterftücke genannt zu werden verdienten. Von den einzelnen Firmen waren die meiſten fehr würdig vertreten; befonders waren wir aber von den Leiftungen Ungarns fehr angenehm überrafcht, ja diefelben bewiefen uns, dafs man mit den bisherigen Behauptungen ,,, Ungarn fei blofs ein Agriculturftaat", fehr im Unrecht war, indem man uns nur zu deutlich bewies, dafs Ungarn auch auf dem Gebiete des Gewerbes leiftungsfähig fei und bedeutende Fortfchritte gemacht habe; denn nicht blofs aus Peft, wo befonders Gefchmackvolles und Gediegenes die Firma Grünbaum& Wiener exponirte, fondern auch aus den kleineren Provinzftädten fanden wir fehr gut und fleifsig gearbeitete Gegenftände. Prag hat feinen alten Ruf ,,, die Nähfchule der Welt zu fein", auch diefsmal bewährt. Unter den Ausftellern aus Prag ragte befonders die Firma Mottl's Söhne, auf welche wir noch später zu fprechen kommen, hervor. Auch Brünn, der Sitz der ModeftoffFabrication, war durch mehrere Firmen gut repräfentirt. Im deutfchen Reiche waren die Firmen Muermann und Claus& Lewin Compagnie française durch recht hübfche Collectionen vertreten. Dänemark war wider Erwarten reichhaltig auf dem Kampfplatze erfchienen, indem es Deutſchland an Zahl überflügelte und Mehreres recht Verdienftvolles zur Anfchauung brachte. Zu bedauern war, dafs Frankreich und England fich fo gering betheiligten, indem uns jedes Land blofs einen Ausfteller fandte. Da uns nun befonders Letzteres ftets als Vorbild in der Anfertigung von praktifchen und gediegenen Männerkleidern galt, fo ward deffen geringe Theilnahme um fo fchmerzlicher empfunden. Amerika zeigte uns durch die Firma Henry Prouse Cooper fehr deutlich, dafs man auch dort gute und gefchmackvolle Kleider zu machen verftehe. Aus Italien Aus Italien wurde uns durch die Firma Boconi eine Collection hübfcher und fehr preiswürdiger Gegenftände zur Anfchauung gebracht. In Uniformen, foweit diefelben in Gruppe V eingereiht waren, fowie auch in Livréen bot unftreitig Oefterreich das Schönfte und Gediegenfte. An der Spitze fteht die Firma des k. k. Hoffchneiders Jofeph Keller, welcher durch Ausftellung einer Marfchalls- Uniform für Se. Majeftät den Kaifer Franz Jofef bewies, was Technik und Ausführung bei Anfertigung eines Kleidungsstückes vermögen, indem diefelbe nicht blofs Fachmännern, fondern fogar Laien durch Schnitt und Ausführung überraschte. 8 Anton Kreuzig. Ferner war die Collectivausftellung noch durch mehrere Parade- und Campagne- Uniformen für Generale und Oberofficiere, fowie auch Akademiker reichlich und gut vertreten. Sehr Verdienftvolles leiftete auf diefem Gebiete auch Prag, und zwar die Firmen Vavruska und der Hofkleidermacher Chvapill, welch' Letzterer drei Anzüge für Se. k. k. Hoheit dem Kronprinzen Rudolf ausftellte, und zwar eine Artillerie Oberftenuniform, eine InfanterieOberftenuniform und einen Morgenanzug, fämmtlich mit den Landeskronen auf der inneren Brufttafche in Gold geftickt verfehen. Diefelben waren Meiſterſtücke der Compofition. Ungarn war durch mehrere recht gut gearbeitete Hufsarenuniformen vertreten. In Rufsland hatten wir Gelegenheit, die durch die Firma A. Litni gebrachten Uniformen zu bewundern, welche mit befonderer Präcifion gearbeitet In Schweden war durch die Firma E. Färnlund die Uniform für Se. Majeftät den König Oscar ausgeftellt, welche von der Gediegenheit des Schnittes und der Ausführung Zeugnifs gab. waren. Dänemark war reichhaltig und mit guten Erzeugniffen verfehen. Die Schweiz hatte blofs Uniformen ausgeftellt, welche von der republikanifchen Einfachheit. Zeugnifs gaben, dabei aber fehr praktiſch und fchön ausgeführt waren. In Livréen war die Auswahl geringer, aber wieder waren es meift Wiener Firmen, welche in diefem Genre excellirten, darunter in der Collection der Genoffenfchaft die Firma Franz Lowetinsky, welche eine ganze Serie der Livréen des k. k. öfterreichifchen Hofes zur Darstellung brachte, ebenfo auch die Firma des k. k. Hoffchneiders Uzel& Sohn, welche fehr gefchmackvolle und correct gearbeitete Hoflivréen für Edelknaben etc. ausgeftellt hatte. Die Exportkleider, ein Artikel, welcher für Oefterreich eine befondere, und bei richtiger Erkenntnifs und Erfaffen der gegebenen Verhältniffe eine fehr grofse Bedeutung erlangen dürfte, haben in Oefterreich befonders zwei Firmen würdig vertreten, welche durch ihre überrafchend billigen Preife geradezu frappirten, und zwar die Firmen Schwarzmann& Comp. und M.& J. Mandl. Die erftere der beiden Firmen, welche ihr Gefchäft im Jahre 1855 mit fehr befcheidenen Mitteln begonnen, ift heute eine der renommirteften und in allen gröfseren Städten des Orients beftens accreditirte. Der Umfatz, welchen diefelbe erzielt, belauft fich laut Ausweis jährlich auf 1,790.000 fl. öfterreichiſcher Währung. Stoffe verarbeitet diefelbe jährlich um 500.000 fl. inländifche und 700.000 fl. ausländifche. M.& J. Mandl ift eine der älteften Firmen, welche die Fabrication von Exportkleidern in Schwung brachte; diefelbe beſteht nahezu 50 Jahre, hat gegen 1000 Nähmaschinen nebft den nöthigen Hilfs- und Handarbeitern in Betrieb, und liefert jährlich 400.000 bis 500.000 Stücke nicht blofs für Europa, fondern auch für China, Japan und Amerika, befitzt in den bedeutenderen Städten Agenturen. An Stoffen werden für feinere Arbeit mehr in- als ausländifche, für Exportwaare mehr ausländifche als inländifche verarbeitet. Aus dem oben Citirten ift zu erkennen, dafs bei richtiger Erkenntnifs. fowie bei rationellem Betriebe die Kleiderfabrication Oefterreichs einzig und allein den Markt im Orient zu beherrfchen im Stande ift, ja noch mehr, dafs durch die Billigkeit der öfterreichifchen Kleider die Gefchmacksrichtung der orientalifchen Völker betreffs Bekleidung eine für unferen Kleiderhandel fehr günftige werden dürfte, wodurch wir mehr und mehr Abfatzquellen erfchliefsen und dadurch dem Vaterlande, fowie der gewerbetreibenden Bevölkerung einen namhaften materiellen Gewinn zuführen können. Im deutfchen Reiche hatten die Firmen Gebrüder Frankenftein aus Bielefeld und J. Kallmann aus Ham burg, welche theils nach China und theils nach Amerika einen ziemlichen Export unterhalten, fehr gut fortirte Collectionen ausgeftellt. Eine reiche Zukunft dürfte man der Lodenröcke- Fabrik von L. Frei in München prophezeien, indem deren Erzeugniffe recht gefchmackvoll und befonders billig fich darftellten. Männerkleider und Coftüme. 9 In Coftumen und Nationaltrachten ftand jedenfalls Ungarn unerreicht da. Diefer Sieg ift wohl theils der gefchmackvollen und gut kleidfamen Richtung diefer Nationaltrachten zuzufchreiben, allein nicht wenig trug auch die exacte Ausführung und reiche Ausstattung dazu bei. An der Spitze ftand wieder die Firma Grünbaum& Wiener; allein auch noch Andere hatten einzelnes Verdienftvolles in Magnatenröcken etc. geleiftet. Einige recht hübfche Gegenstände hatte auch Rufsland und Griechenland in diefem Genre ausgeftellt. In Specialitäten war die Ausstellung der k. k. Hoflieferanten Mottl's Söhne aus Prag grofsartig, indem beinahe das ganze Object eine Specialitätenfammlung genannt zu werden verdiente. So wollen wir vor Allem nur ein Exemplar herausgreifen und zwar einen Reifemantel, welcher in vier Farben als Jagd-, Reifeund Plaidmantel zu tragen ift und deffen Knöpfe, eine Erfindung der Firma, dem Reifenden jeden nothwendigen Behelf bieten, da der eine eine Uhr, der andere einen Compafs, der dritte ein Spielwerk u. f. w. enthielt. Ueberhaupt war faft jedes Stück eine Neuerung und tonangebend für die Mode in Stoff, Schnitt und Ausführung. Diefes Etabliffement, welches feinen Weltruf bereits in den Jahren 1862 und 1867 auf den Ausftellungen bekundete, und welches in diefem Jahre das vierzig jährige Jubiläum feines Beftehens feiert, befitzt feinen Kundenkreis nicht nur unter den hohen und höchften Herrfchaften des Inlandes, fondern derfelbe erftreckt fich grofsentheils auch auf das Ausland, Deutfchland, Russland u. f. w. Wie bedeutungsvoll und tonangebend diefe Firma bei Einführung neuer Moden ift, mag nicht blofs beweifen, dafs die Chefs zu Ehren- Directionsmitgliedern der europäiſchen Modenakademie ernannt wurden, fondern mehr noch, dafs nicht felten Stofffabrikanten fich dafelbft den Rath einholen, was für die künftige Saifon fabricirt werden foll. Als Beleg hiefür mögen noch dreifsig Privilegien und Mufterfchutz- Patente für Erfindungen auf dem Gebiete der Mode, fowie für practifche Neuerungen der Bekleidungsinduftrie gelten. Als weiteres Verdienft und zur Nachahmung mag noch angeführt werden, dafs zur Fabrication ein ganzes Haus eigens eingerichtet ift, wodurch erftens die Herftellung beffer überwacht wird, als wenn diefs aufser dem Haufe gefchehen würde, fowie auch die Chefs dadurch in die Lage verfetzt find, einen wefentlich günftigen Einfluss auf die geiftige und materielle Hebung ihrer Arbeiter ausüben zu können, wodurch deren fociale Stellung eine viel günftigere wird. Die Firma Rothberger brillirte in gleichem Genre mit einer eigenthüm lich fchönen Serie von Schlafröcken, welche ganz neu in ihrer Compofition und befonders gefchmackvoll waren. In der genoffenfchaftlichen Collection war ein Jagdrock aus fteierifchem Loden ausgeftellt, welcher ohne Naht aus einem Stücke gewalkt eine befonders fchöne Ausführung hatte. Erfunden und gefertigt war er von einem Arbeiter Namens Adolf Tracht. Schliefslich können wir nicht unerwähnt laffen einen fchwarzen Salonanzug, ausgeftellt in Spanien von S. Adler& Comp. aus Habana. Die Art der Arbeit war eine fo eigenthümlich fchöne, dafs es nutzlofe Mühe wäre, diefelbe befchreiben zu wollen, fo war man z. B. verfucht zu glauben, dafs die Einfaffung der Kanten gar nicht genäht fei. Bei Fachmännern, welche denfelben unterfuchten und prüften, rief diefe Arbeit das gerechtfertigtefte Staunen hervor. Wenn man nun das Gefammtbild überblickt und die verfchiedenen Vergleiche anftellt, fo kann man fich der Anficht nicht verfchliefsen, dafs, wenn Oefterreich auf dem betretenen Wege fortfährt, wenn es fortwährend bemüht ift, die Gefchmacksrichtung zu veredeln, und jene Vervollkommnung, welche die KleiderInduftrie noch zu erreichen fähig ift, anftrebt, wenn es bei moralifcher Unterftützung von Seite der Regierung fich die orientalifchen Abfatzquellen immer mehr zu erfchliefsen beftrebt, man mit Recht behaupten kann, dafs es den erften Rang in der Bekleidungsinduftrie einnehmen und behaupten wird. So finden wir 10 Anton Kreuzig. Männerkleider und Coftüme in den Jahresberichten der niederöfterreichifchen Handels- und Gewerbekammer, dafs fich die Confumtion der öfterreichifchen Kleider feit dem Jahre 1867 jährlich um 10 Percent, in einigen Jahren fogar um noch mehr gehoben hat; ferner dafs Wien in feinerer, fowie die Provinzfabriken in Exportwaare keine Concurrenz zu fürchten haben. Um nun die eigentliche Höhe auf diefem Gebiete zu behaupten, werden allerdings einige Grundbedingungen nothwendig werden. Man müfste vor Allem dahin fich bemühen. Lehr- Werkstätten zur Heranbildung weiterer tüchtiger Arbeitskräfte ins Leben zu rufen. Für die weitere Entwicklung des Exportes müfste die Theilung der Arbeit vollkommen durchgeführt werden, was jedoch in dem Weichbilde Wiens fchwer durchführbar wäre, indem felbft dann noch die Arbeitskraft zu koftfpielig wäre, da diefelbe feit dem Jahre 1867 um 60 Percent theuerer geworden; man müfste ganz einfach dem Beiſpiele anderer Kleiderfabrikanten folgen und die Fabrication für den Export in die Provinzen verlegen, was bei den heutigen Verkehrsverhältniffen gar keine Schwierigkeiten bietet. Selbft Affociationen, wenn richtig geleitet, würden durch Thatkraft und Verſtändnifs Erfpriefsliches leiften können; diefelben würden für feinere Mittelwaare reichlichen Abfatz finden und fich in diefem Artikel felbft an dem Export betheiligen können. Dafs diefelben leiftungsfähig find, konnte die Collectivausftellung beweifen. Wenn noch fchliefslich für die Heranbildung von tüchtigen Zeichnern für Modenblätter geforgt würde, wodurch wir uns vom Auslande emancipiren konnten, an welches wir jährlich deshalb viele Taufende von Gulden verfenden, wenn bereits beftehende, wie z. B. die Internationale Modenzeitung F. A. Hofmann, welche fich bereits eines fehr guten Rufes bei Fachmännern des In- und Aus landes erfreut, gehoben und veredelt werden, fo kann man kühn behaupten dafs Oefterreich mit anderen Ländern nicht nur muthig in die Schranken treten kann, fondern, wir wiederholen es, dafs es den erften Platz in der Fabrication von Männerkleidern einnehmen und behaupten wird. KINDERKLEIDER. Bericht von JOSEF MIGOTTI, k. k. Hof- Knabenkleider- Lieferant, Privilegiumsbefitzer in Wien. Die Wichtigkeit der Kinderbekleidung erkannte man fchon im Alterthume, denn mehrere Gefetzgeber jener Zeit erliefsen eigene Normen für diefelbe. Auch die Römer hatten bereits gewiffe Abftufungen in der Knabenbekleidung, welche erft mit den beftimmten Jahren oder durch Gewandtheit und Kraft bei den öffentlichen Spielen erlangt werden konnten; diefe Kleidungen mussten dem Klima in diefem grofsen Reiche angemeffen fein, für die wärmeren Himmelsftriche waren weite Gewänder aus leichtem Wollengewebe, für die nördlicher gelegenen Länder enger anliegende Wämfer von dichten Filzftoffen im Gebrauche. Als Vorzug bei allen galt die möglichfte Begünftigung der freien Bewegung. Gegentheilig geftaltete es fich im Mittelalter; das rauhe Ritterthum verfuchte es längere Zeit durch Einzwängung in Eifenpanzer und Lederkoller aus den Knaben kleine Männer zu machen und fie fchon frühzeitig zu den oft ftattfindenden Fehden und Beutezügen abzuhärten, allein mit wenig Erfolg; kräftige Naturen wurden zwar wirklich ftark und abgehärtet, die fchwächlichen dagegen gingen Jofef Migotti. Kinderkleider. 11 dabei zu Grunde und die geringe Zunahme der damaligen Bevölkerung zeigt deutlich, dafs manche Einrichtungen diefer Zeit für das allgemeine Wohl nicht die richtigen waren. Erft dem fpäteren Bürger- und Mittelftande war es vorbehalten, die Kinderbekleidung zum Heile der heranwachfenden Generationen entfprechend umzugeftalten; feit einigen Decennien jedoch und fpeciell feit den mehrfachen Ausftel. lungen hat diefe Induftrie einen allgemeinen Auffchwung genommen und rafche Fortfchritte gemacht. Die Ausfteller, welche bei den früheren Expofitionen nur fpärlich vertreten waren, find diefsmal reichlich erfchienen. bracht. Es hatten nahezu alle Länder Europas ihre Kinderkleider zur Schau geAus Paris fahen wir die Erzeugniffe eines erften Haufes( V essiere Paulin). Die Feinheit der Stoffe, der gefchmackvolle Aufputz, die forgfältige Zuſammenftellung bekundeten deren Vorzüglichkeit. Zwei in Cartonage befindliche Garnituren waren befonders bemerkenswerth, fie enthielten Alles zu einem Kinderanzug erforderliche, vom Hütchen bis zu den Schuhen; bei gleicher Stückzahl koftete das minder ausgeftattete 15 Francs, während das andere reich dotirte mit 200 Francs notirt war; diefe bedeutende Firma befafst fich blofs mit der Confection von Kinderkleidern und Wäfche und erzielt einen jährlichen Umfatz von circa 6 Millionen Francs. Italien( Bocconi aus Mailand) ftellte gut gearbeitete und lobenswerthe Stücke, durch welche in Anbetracht, dafs dafelbft meiftens Arbeiterinen zur Anfertigung derfelben verwendet werden, dem Gewerb fleifse diefer Firma ein rühmliches Zeugnifs gegeben war. Spanien brachte originelle, kunftvoll mit Leder benähte Jagdkleider für Knaben, deren Hauptvorzug jedoch in der Einfachheit des Schnittes und Gefäl ligkeit der Form lag. Von der Firma Kalman aus Hamburg zeichnete fich die nett und zierlich gearbeitete Knabenuniform vortheilhaft aus, da fie der jetzigen Gefchmacksrichtung folgend, grellen Aufputz vermieden und den ftrammen auch die Jugend gut kleidenden Militärtypus, der gegenwärtig in Deutfchland vorherrfchend ift, zur Aufchauung brachte. München( Frey) Zeigte uns das baierifche Gebirgscoftüme, eine für Knaben von 6 bis 14 Jahren fehr praktiſche Tracht, welche wegen ihrer Bequemlichkeit und aufserordentlichen Billigkeit fich weitaus einen Ruf verfchaffte. Aus Prefsburg( Tedesco) war eine reichhaltige Collection von Knabenkleidern ausgeftellt. Sie waren für den Bedarf in den ungarifchen Ländern und zum Export beftimmt, und hatten demzufolge reichlichere Verzierungen und Befatze von Schnüren, Börteln und Knöpfen aufzuweifen, als dies bei uns üblich ift. Auch bei der ungarifchen Hausinduftrie fanden wir graziöfe Stücke, welche muftergiltig in Form und Schnitt als Repräfentanten der ungarifchen Nationalkleidung vielfeitige Anerkennung fanden. Aus Petersburg war das fo kleidfame, dem dortigen Klima entſprechende Nationalcoftume zu verzeichnen; es ift für Kinder im ganzen ruffifchen Reiche im Gebrauche, und zählt zu den Eigenthümlichkeiten jenes Landes. Rumänien, der als Pionnier in den Orient hineinragende Staat, gab blofs Urtypen der Kinderbekleidung zur Anficht, und zeigte dadurch zweifelsohne unferer gefchäftigen Kaufmanns- Welt ein Feld für ihre Thätigkeit. Griechenland gab mit feinen malerifchen Kindercoftumen ein Bild der feinen Goldverzierungen des Orients und der mühfamen Nadelarbeit der früheren Zeit. Selbft die Polarbewohner brachten uns die mit Leder überzogenen Kiftchen zur Anficht, worin fie ihre Kinder vor den Unbilden des arktifchen Winters bewahren, und als Gegenfatz fahen wir das Negermädchen blofs mit einer Umhüllung von Palmblättern vor den fengenden Sonnenftrahlen gefchützt; beide 12 Jofef Migotti. gedeihen bei einem Durchfchnitts- Temperaturunterfchiede von 43 Grad Celsius, wenn diefe Differenz durch entſprechende Bekleidung ausgeglichen wird. Weitaus das gediegenfte jedoch brachte Wien, der Hauptfitz der Kinderfchneiderei. Es herrfchte in diefer Branche ein allgemeiner Wetteifer, die Producte des Fleiſses und der Induftrie zur Geltung zu bringen. Von 15 Ausftellern aus Wien wurden über 200 Kinderanzüge exponirt. Einen befriedigenden Eindruck auf den Beobachter machte die Zweckmässigkeit der Stoffe und Mannigfaltigkeit der Formen; es zeigte fich das für den Kinderfreund erfreuliche Beftreben, Schnitt und Form dem Alter und der Gröfse und, was befonders beachtenswerth, dem Klima und der Witterung anzupaffen; da diefs für das Wohlbefinden der kleinen Weltbürger von eingreifender Bedeutung ift, und in der rationellen Bekleidung derfelben eben ein Theil ihrer künftigen Gefundheit liegt. Der Hoflieferant Herr Carl Hofmann brachte hochfeine Kinderkleider und Wäfche zur Schau, welche meift mit der Hand gearbeitet, nach befonderen Modellen angefertigt, die felbftftändige Wiener Kindermode in würdiger Weife vertraten. Hervorragend waren zwei Prachtftücke von Kinder- Tragmäntel, beide fein mit Soitas benäht, der Eine von weifsem Piquet mit Guipure- Stickerei, der Andere von Cachemir mit weicher Seidenbefranzung. Die Collectivausftellung der Schneidergenoffenfchaft wiefs mehrere Nummern von Kinder- und Knabenkleidern auf; die Erzeugniffe der zwei Firmen J. Kral und Franz Maly find namentlich hervorzuheben, da fie durch reine Arbeit, gefällige Form und vorzüglichen Schnitt dem Wiener Gewerbefleifse zur Ehre gereichen. Die vom Etabliffement S. Lövy ausgeftellten feinen Knabenkleider verdienen wegen der zweckmäfsigen Wahl der Stoffe, und correcter Ausführung der Arbeit befondere Beachtung, fie zeigten regen Fortfchritt und guten Gefchmack. Grofsartig war die Ausftellung der Exporteure. Die bedeutendften derfelben Schwarzmann, Mandl, Grünbaum, Kaffovitz etc. haben eigene Locale in welchen die zum Export beftimmten Stücke nach Normalmafsen zugefchnitten und an die Arbeiter begeben werden. Dadurch, dafs die etwaigen Fehler auch im fertigen Zuftande leicht abgeändert werden können, eignen fie fich vollkommen zum Export. Derfelbe hat heute einen riefigen Umfang erreicht und ift in ftetiger Zunahme, der Orient ift die Haupt- Abfatzquelle; von den fertigen, auf dem Lager gehaltenen grofsen Maffen werden regelmässige Sendungen über die Zollgrenze fpedirt. Die Stappelplätze find: Bukareft, Ibraila, Odeffa, Conftantinopel, New- York, von welchen Plätzen aus Serbien, Rumänien, die Türkei, Griechenland, der füdliche Theil von Rufsland und Nordamerika mit diefem Wiener Fabricate verfehen werden. Der Abfatz wird durch den Drang der orientalifchen Völkerfchaften nach abendländifcher Kultur und Aneignung der europäifchen Sitten und Gebräuche befonders begünftigt, und von der Zweckmäfsigkeit und Billigkeit, wodurch fich diefe Importwaare von den orientalifchen Prunkgewändern der Kinder vortheilhaft unterfcheiden, wefentlich unterſtützt; dennoch mufsten jahrelange Verfuche gemacht werden, um diefen Handel, welchem die damals noch ungeregelten Gefetzverhältniffe jener Länder, die hohen Schutzzölle und traditionellen Vorurtheile hindernd im Wege ftanden, Eingang und Anerkennung zu verfchaffen. Die Ausfuhr bei den gröfseren hiefigen Firmen im Jahre 1872 betrug: bei Schwarzmann Mandl " 9 Grünbaum 77 Kaffovitz " Tedesko 23.000 26.000 25.000 8000 II.000 Kinderkleider. 13 Stück ganze Anzüge. Es ift daraus der grofse Mafsftab erfichtlich, mit welchem Umfatz und Export betrieben werden. Die Haupturfache des Aufblühens diefer Induftrie in Oefterreich liegt einerfeits in dem Umftande, dafs die inländifche Stofffabrication fich vorzüglich zu derfelben eignet; die Brünner und Reichenberger Schafwoll- Soffe vereinigen Feftigkeit der Gewebe mit Elafticität und entſprechen durch Haltbarkeit der Farben, grofse Auswahl, und verhältnifsmässige Billigkeit derart, dafs ausländifche Fabricate nur felten mehr zur Verwendung kommen. Anderfeits hat fich die Fabrikation der Kinderkleider hier von der Männer- und Frauenfchneiderei gänzlich emancipirt. Einzelne Induftrielle haben diefes Fach zum felbftſtändigen Erwerbszweig ausgebildet und errangen als Specialiften bedeutendere Erfolge, als diefs beim allgemeinen Betriebe möglich gewefen wäre. Dem Schöpfer der Kinderkleider- Confection in Wien Johann Migoti gebührt das Verdienft, die Hebung diefes Gefchäftszweiges, bei welchem jetzt in Wien allein über 3000 Perfonen beiderlei Gefchlechtes ihren Lebensunterhalt finden, erfolgreich durchgeführt zu haben. In der Werkstätte diefes Induſtriellen war die Schule für diejenigen Gehilfen, welche fich dem Kinderfache widmen wollten, und durch die Heranbildung guter Arbeiter war es möglich, diefen Erwerbszweig derart zu vervollkommnen, dafs Wien jetzt als der befte Einkaufsplatz für fchöne Kinderkleider anerkannt ift, Fortfchritte gemacht hat, wie fie nicht gröfser gedacht werden können, und in commercieller und gewerblicher Beziehung einen Triumph feierte, der von wenigen Gefchäftskreifen noch erreicht wurde. Allerdings trug der Umftand dazu bei, dafs fich die Matadore der Parifer Knaben- Bekleidungskunft von der Bewerbung ferne hielten, allein fie hätten an der bereits entwickelten Wiener Induftrie einen ebenbürtigen Gegner gefunden, der, wenn er von der Fabrication der Zubehör ( Börtel, Knöpfe, Schnüre, Aufputz) ebenfo wirkfam unterftützt wird, wie diefs in Frankreich und England thatfächlich der Fall ift, feinen Platz bis zur gänzlichen Umwandlung der orientalifchen Kleiderformen rühmlich behaupten und durch die geographifche Lage begünftiget, die vaterländifche Induftrie zur weiteren Geltung bringen wird. HÜTE AUS FILZ, SEIDE UND STROH. Bericht von WILHELM PLESS, Hutfabrikant in Wien. Die Betheiligung der öfterreichifchen Filz- und Seidenhut Fabrikanten war eine fehr lebhafte. Das gröfste Contingent ftellte Wien, dreifsig Ausfteller. Der Totaleindruck, den die Wiener Collectivausftellung diefer Branche machte, war fehr günftig und zeigte Gefchmack und Verftändnifs. Der Fortfchritt, den diefe Induſtrie in den letzten Jahren in Oefterreich gemacht hat, ift ein fehr bedeutender. Vor der letzten Parifer Weltausftellung war namentlich die FilzhutFabrication noch in den Kinderfchuhen; um fo erfreulicher ift es, conftatiren zu können, dafs feit diefer Zeit durch Einführung der neueften Mafchinen und durch ein fleifsiges Streben diefe Fabrication einen folchen Auffchwung genommen hat, dafs ihre Erzeugniffe ebenbürtig den beften anderer Culturftaaten zur Seite ftehen. Auch hat der Export in den letzten Jahren bedeutend zugenommen und haben wir hauptfächlich die Käufer der unteren Donaugegend und Rufslands, die fonft ihren Bedarf in Frankreich deckten, gewonnen. Wir betrachten nun die einzelnen 14 Wilhelm Plefs. Leiftungen auf der Ausstellung und können nach dem grofsen Auffchwung der Wiener Induftrie mit Recht fpecialifiren. Die Firma Jofef Köhrer zeigte Seidenhüte von vorzüglicher Qualität, lebhaftem Feuer und guter Ausführung. Ein Stulphut mit dem öfterreichifchen Wappen, fehr kunftvoll gearbeitet, verdient vor Allem hier Erwähnung. Peter Habig& Comp. führte uns die diverfen Moden feit Anfang diefes Jahrhunderts ftufenweife vor. Auch verdienen deffen Seiden- und Filzhütte, namentlich erftere, alle Anerkennung. Ignaz Chriftian zeigte Hütte, von demfelben auf der vorletzten Parifer Expofition ausgeftellt, welche heute noch fehr fchön find; auch war das neu Ausgeftellte der Zeit entsprechend. P. A. Krufs' Filzhüte waren gut und preiswürdig. Seine Mittelwaare ift für den Export beftimmt. Jofef Reinitz ift ebenfalls ein En- gros- Gefchäft für gute Filzhüte in mittlerer Qualität, eben fo wie Doležal& Reichwein. Ihre Ausftellung brachte uns ihre grofsen Exportartikel. Franz May's Filz- und Seidenhüte erwarben fich alle Anerkennung, fo wie C. Mefsner's Filz- und Seidenhüte von guter Arbeit, befonders in den Filzhüten. Gebrüder Zerdig zeigten uns Nationalhüte von allen öfterreichischen Provinzen, auch zeugten deren moderne Filz- und Seidenhüte von redlichem Fleifs. Die Firma Wilhelm Plefs wurde einftimmig anerkannt und haben ihre Filzhüte durch die Weichheit des Stoffes und Schönheit der Farbe die allgemeine Aufmerkfamkeit erregt. Diefelbe Firma erzeugt auch einzig in Deutſchland und Oefterreich fchöne milchweifse Kinderhüte, die dem franzöfifchen Product, das feit Langem berühmt ift, vollkommen gleich berechtigt zur Seite ftehen und allgemein bewundert wurden. Die Fabricate von S.& J. Fränkel, Haar- und Hutfilz- Fabrik, brillirten durch ihre fehr finnreiche Aufftellung der verfchiedenen Haargattungen in allen Mengen und Farben, auch hat diefe Fabrik in Erzeugung von Hutfilzen allen Fleifs entwickelt und lieferte hierin ganz Gediegenes. Brüder Böhm, Haar- und Hutfilz- Fabrik, veranfchaulichten ebenfalls die diverfen Haargattungen. Zu erwähnen ift, dafs diefe Fabrik in Oefterreich einzig und allein Hutfilze erzeugt aus Haar und Schafwolle gemifcht; die Hüte aus folchen Filzen bereitet, ftellen fich billiger als Hüte von reinem Haare, die Qualität ift keine befondere, aber doch beffer und dauerhafter als ein ordinärer Haarhut. Diefe Fabrication hat jedenfalls eine Zukunft. Beide zuletzt erwähnten Fabriken haben auch durch Errichtung ihrer ganz bedeutenden Hutfilz- Fabriken das Verdienft für fich in Anspruch zu nehmen, die Hutinduftrie im Allgemeinen gefördert zu haben, indem der weniger bemittelte kleinere Hutfabrikant, der fich die koftfpieligen Mafchinen nicht anfchaffen kann, in die Lage gefetzt wird, fich folche mit der Mafchine gemachten Filze, die bedeutend gleichmäfsiger, billiger und beffer find als Handarbeit, zu kaufen und hiedurch eher die Concurrenz der gröfseren Fabrikanten ertragen kann. Dafs die Induftrie im Allgemeinen in Wien auf ganz gefunden Füfsen fteht, wurde dadurch, dafs felbft kleinere und jüngere Firmen ganz Erfreuliches leifteten, am beften bewiefen; auch ift befonders hervorzuheben, dafs die Gefchmacksrichtung der Wiener Hutfabrikanten eine vorzügliche ift; man fah im Allgemeinen gefällige fchöne Formen und brillante Ausftattung. Auch die Provinzen haben fchöne Waare zur Ausftellung gefandt, J. Hückel's Söhne aus Neutitfchein glänzten mit Velourhüten, deren lebhafte Farbe und feueriges, dichtes Haar diefes Fabricat fehr auszeichnet; auch verdienen deren glatte Filzhüte alles Lob. C.& P. fratelli Pevini aus Trieft brachten Seidenhüte von gefchmackvoller Façon und lebhaftem Feuer. Ein Seidenhut ohne genähte Naht verdient befonders Erwähnung. Hüte. 15 Samuel Janowitz von Brünn mit Filz- und Seidenhüten zeugten von fleifsiger Arbeit, zumal verdienen die erfteren alle Anerkennung. Val Grofsft einer aus Bozen zeigte uns die unendlichen Abftufungen der Kopfbedeckung im Tirolerlande; auch hat derfelbe einen Teppich von Filzabfällen ausgeftellt, welcher erwähnt zu werden verdient. Böhmen war durch zwei Firmen vertreten. Röhring& Comp. aus Prag eine bedeutende Fabrik für Erzeugung von Wollhüten zum Export und Anton Srba aus Prag mit Woll-, Haar- und Seidenhüten. Die Betheiligung des deutfchen Reiches war eine ebenfo zahlreiche als die der öfterreichifchen Abtheilung. Die deutfche Filz- und Seidenhut- Induftrie wurde von jeher mehr gepflegt als bei uns in Oefterreich; praktifche vortheilhafte Mafchinen waren dort viel früher in Anwendung, defshalb ift die Maffenerzeugung eine viel ftärkere und der überfeeifche Export ein bedeutenderer. Die Firma H. Schuchard in Darmstadt hat fich befonders durch ihre weichen und walkfarbenen Hüte ausgezeichnet. Gebrüder Merk in Offenbach lieferten ganz Gediegenes von Filzhüten, auch waren die Farben fehr mannigfaltig und fchön; das Fabricat bekundet entfchiedenen Fortfchritt. Auch Mökel in Homburg bot fehr Gelungenes von Filzhüten, fowohl in Farbe als Qualität, ebenfo wie Mayfer& Sohn in Ulm und Kramer& Söhne in Lahr. Guftav Schweifs in Offenburg brachte Filzhüte von durchgehends guter Qualität und forgfältiger, gefchmackvoller Adjuftirung. Dié oben angeführten fechs Firmen find die hervorragendften der deutfchen Ausstellung in der Filzhut- Branche. Ausgezeichnet waren die Wollhüte der Firma C. J. Wilke in Guben. Ihre Fabrik, vor wenigen Jahren noch ganz unbedeutend, ift heute riefig emporgewachfen. Das Ausgeftellte war das Vollendetfte, was wohl je in dem Genre auf einer Ausftellung gezeigt wurde. Uebrigens verdienten die Seidenhüte von Theodor Müller aus Berlin, von Adolf Dufaur aus Hamburg und Carl Sick und C. Bortfeld aus Bremen auch Anerkennung. Die Ausstellung des Letzteren brachte eine Specialität in zweifärbigen Hüten, z. B. auswendig grün, inwendig fchwarz; die Hüte find nicht aus Doppelfilz, fondern aus einem gearbeitet. Wenn die zuletzt aufgetragenen Farben haltbar find, was bezweifelt werden mufs, wäre diefe Methode von grofser Wichtigkeit, denn die Farbe ift offenbar im kalten Zuftande ftark angefetzt, durch einfaches. Beftreichen des Filzes aufgetragen, auch find die Hüte vorzüglich gut gewalkt. J. C. Zehme, München, zeigte faft ausfchliefslich bordirte Gala- und Uniformhüte in origineller guter Ausführung. Ungarn hat fich ebenfalls lebhaft an der Weltausftellung betheiligt und war durch 17 Firmen vertreten. In Ungarn wird die Hutmacherei fleifsig betrieben; faft in jedem kleineren Orte ift diefer Zweig vertreten, da jeder Bauer dort einen Hut trägt. Die Erzeugung befchränkt fich aber zumeift auf ordinäre Haar- und Schafwoll- Hüte, in feinen Filzhüten, mit Ausnahme von Peft, wo einzelne Firmen fich mit Erzeugung von folchen Hüten befaffen, wird in befferer Waare das ganze Land von Wien aus verforgt. Brüder Guentzer aus Peft, Seiden- und Filzhüte, verdienen alles Lob.. Sowohl ihre Seiden- als Filzhüte find von guter Qualität, ebenfo wie die Artikel von S. Kron& Sohn aus Peft, Asmann in Peft und Gerersdorfer aus Agram. Italien war durch 15 Firmen vertreten. Diefes Land hat in den zwanziger und dreifsiger Jahren noch ziemlich Exportgefchäft gemacht, ift aber in neuerer Zeit von anderen Ländern überflügelt 16 Wilhelm Plefs. worden, und befchränkt fich gegenwärtig die Erzeugung auf den Bedarf im eigenen Lande. Belgien war durch die, man kann fagen, weltberühmte Filzhut- Fabrik Vimine& Comp. vertreten. Die Firma macht auch in Wien ihrem Rufe alle Ehre. Velourhüte von vorzüglicher Qualität, fo auch die glatten Filzhüte in ordinärer und feiner Qualität waren mufterhaft gearbeitet, die Farben ebenfalls vorzüglich und, was das Befte ift, die Preife fabelhaft billig, fo billig, dafs fich dem Fachmann die Frage aufdrängt, was hier gezahlt ift, ob Adjuftirung oder Rohmaterial, gefchweige von Nutzen zu reden. Aber es darf nicht unerwähnt gelaffen werden, dafs hiefige Firmen bedeutende Beftellungen bei der Firma Vimine& Comp. zu machen verfuchten und die fonderbare Antwort erhielten: es liege nicht in ihrem Intereffe nach Oefterreich zu arbeiten. Die Fabrik macht übrigens bedeutenden überfeeifchen Export. Frankreich war leider fehr fchwach vertreten; es wäre intereffant gewefen hier den Mafsftab des Fortfchrittes anzulegen, denn Frankreich war unftreitig die Lehrmeifterin in diefer Induftriebranche für die ganze Welt. Die Firma Pinaud in Paris, weltbekannt, brachte faft lauter goldbetrefste Galahüte, die Filzhüte waren von ziemlich guter Qualität, die Seidenhüte hingegen äufserft mittelmäfsig. Erwähnenswerth ift nur noch Durft, Wild frères, in Paris mit guten weifsen Kinder- Filzhütchen. Portugal zeigte nur durch die Firma Cofta Braga in Porto mit recht guter Arbeit, eine befondere Gefchmacksrichtung in Filzhüten, die gröfstentheils in citrongelber Farbe gehalten waren. Brafilien war collectiv durch mehrere Firmen vertreten; die Waare war nicht übel gearbeitet, erhob fich aber nicht über die Mittelmäfsigkeit; neu find indeffen die dort ausgeftellten Hüte aus Palmenrinde, diefelben find appretirt, netzartig durchfichtig, aber nicht elaftifch und würden, da die Holzfafern weit von einander laufen, bei Regenwetter keinen Schutz gewähren. England war nur durch Chriftis in London, die gröfste Fabrik der Welt, würdig vertreten. Die wenigen Ausftellungs- Gegenftände waren von gediegenfter Arbeit und feineren Qualitäten. Die Firma läfst fich aber auch enorm theuer bezahlen und hat vor allen Oefterreich deren Concurrenz nicht zu fürchten. In ordinärer Waare freilich ift die Fabrik aufserordentlich billig, weil das Mafchinenwefen dort mehr Anwendung findet. Es werden die geringeren Gattungen von Anfang bis zu Ende mit Mafchinen gearbeitet. Aufser diefer Firma brachte noch Woodhams Macqueen& Johnfon recht gute Filzhüte, aber theuer, hingegen waren Schafwoll- Hüte, und diefs fcheint die Force der Fabrik zu fein, ftaunend billig, bis zu 1 fl. öfterreichifcher Währung per Stück. Rufsland war nur durch wenige Firmen vertreten und bot das Ausge. ftellte nichts Erwähnenswerthes. Nur Theodor Weigt aus Warfchau errang Beachtung, da die ausgeftellten Hüte der neueren europäifchen Richtung fich anfchliefsen. Die Induftrie der Strohhüte und Geflechte war vertreten durch 22 Ausfteller aus Oefterreich Deutſchland 28 99 " 14 der Schweiz 99 وو 7 Italien 99 3 Frankreich " I " England I 29 99 Belgien und I Rufsland. " 29 Hüte. 17 Bei anderen Ländern fanden wir nur einzelne Objecte exponirt, die bezüglich des Handels kaum Erwähnung verdienen und meift Erzeugniffe primitiver Natur find. Oefterreich wiefs zwar nicht die gröfste Zahl Ausfteller auf, doch war dasfelbe gewifs fowohl nach der Menge als der vorzüglichen Fabrication der Waare würdig vertreten. Die Wiener Fabrikanten können im Allgemeinen bezüglich der Preife von feinen Hüten, namentlich mit Deutfchland, nicht Concurrenz halten. Die. enorm gefteigerten Wohnungsmiethen und hohen Arbeitslöhne, fo wie der fühlbare Mangel an Arbeitskräften vertheuern die Erzeugniffe. Zudem haben in den lelzten Jahren die Unzahl von unbefteuerten( Agenten) Reifenden und hier etablirten Agenten ausländifcher Firmen einen grofsen Theil des Bedarfes der Provinzkunden den hiefigen Fabrikanten entzogen. Als befonders beachtenswerth erfchienen die beiden Firmen: P. Ladftätter& Söhne und J. Oberwalder& Comp., welche nach Abtretung Italiens die Fabrication der fogenannten Venezianer und Pafanerhüte im krainerifchen Orte Dombfchale einführten und zur gröfsten Vollkommenheit brachten, fo dafs deren Artikel, fowohl Geflechte, wie aus diefen angefertigte Hüte für den grofsen Markt durch ihre ungemeine Billigkeit fich exportfähig gemacht haben, was diefe obenbenannten beiden Firmen durch Fleifs und Opfer dahin brachten, da felbe fich Arbeiter aus Italien dahin nehmen mussten, bis die einheimifche Bevölkerung in diefer Arbeit unterrichtet wurde. Franz Harak nahm nachträglich in dem genannten Orte diefe Fabrication auch in Angriff, fo wie F. A. Suppancic in Laibach, der fein Etabliffement ,, Erfte krainerifche Strohhut- Fabrik" benennt. Von den erftgenannten Firmen ift es namentlich L adftätter, welcher fowohl in der fchönen Arbeit und Appretur, fo wie billigen Preifen der Erzeugniffe Tüchtiges leiftet. Ein Verfuch desfelben, gefpaltetes Strohgeflecht( fo genanntes Brüffeler) nach Art der echten Florentiner Hüte zu nähen, verdient Erwähnung. Franz Harak verdient in Bezug auf Maffenerzeugung und in Betreff der Billigkeit feines Productes, und zwar von I fl. 20 kr. per Dutzend angefangen, Erwähnung. Die Firma P. Meftrozi hatte Strohhüte ausgeftellt, wie diefelbe folche in den Handel bringt, die Preife find im Allgemeinen fehr nieder, gute reine Appretur, vorzügliche Näharbeit zeichnet diefes Fabricat vortheilhaft aus, die arangirten Hüte zeugten von gutem Gefchmack. J. Mayer, als eines der gröfsten Detailgefchäfte, verdient Beachtung, da deffen Hüte fehr fleifsig gearbeitet waren, fich auch vortheilhaft durch fchöne, gefchmackvolle Formen auszeichneten. Sehr nette, reine Arbeit, vorzügliche Näherei und Appretur zeigten die ausge ftellten Hüte von F. Ditfch und A. Poftler. Unter den Kürfchnerwaaren hat Wopalensky in Wien recht nette, aparte Strohhüte ausgeftellt, fo wie J. Hoffmann unter Leinwäfch- Waaren feine Kinderhüte. Letzterer ift aber nicht Selbfterzeuger. Viele der hiefigen Strohhut- und Hutfabrikanten exponirten auch elegante, gefchmackvoll arangirte Damen- und Kinderhüte, worin von denfelben ein grofser En- gros- Abfatz in die Provinzen erzielt wird. Von den Modiftinen verdienen Erwähnung: Amalie Jacubovitz mit gefchmackvollen, gut verkäuflichen Hüten; Betti Galimberti mit theuren, feinen Schauftücken; Bodenftein und J. Rofenkranz mit fchöner, reiner Waare. Im Ganzen zeigte die öfterreichiſche Ausftellung diefer Branche eine ent fchieden gefchmackvolle Richtung und theilweife eigene originelle Formen. 2 18 Wilhelm Plefs. Befonders fchön waren die aus der Hand appretirten Brüffeler Hüte( 7 Halm welche in der angenehmen Steife und fchönen Weifse allen anderen ausländifchen, meift mit Hutpreffen erzeugten derlei Hüten vorzuziehen find. Deutfchland. Die Fabrication der Strohhüte zeigte einen entfchiedenen Fortfchritt, vorzügliche, zum Export geeignete Waaren, ziemliche Einheit in den Formen, gröfstentheils mit Hutpreffen appretirt, daher die fehr fteifen, ftark glattgeprefsten Brüffeler Hüte( 7 Halm) für den hiefigen Bedarf, befonders in den feinen Gattungen, nicht geeignet find. Merkwürdig reich waren Phantafiehüte vertreten, deren Bedarf doch von Jahr zu Jahr abnimmt. Arrangirte Hüte fanden wir nur wenige vor, aber diefe meift von fehr billiger Gattung. Feine gefchmackvolle Hüte exponirten die Firmen: Lefrere& Delatre in Cöln; F. A. Brunner in München und O. de Langenhagen in Saar Union, deffen fchön gebleichte und rein gearbeitete Palmhüte alle Anerkennung verdienten. Vereinigte Dresdner Strohhut- Fabrik in Dresden erfchien mit vorzüglich fchönen, mit der Mafchine genähten Strohhüten. Bezüglich der Preife konnten wir leider keine genügende Auskunft erhalten, infoweit diefs aber möglich war, erfahen wir die Preiswürdigkeit feinerer Gattung gegen hiefige Fabricate, die jedenfalls durch die Maffenerzeugung und billigen Arbeitslöhne und Wohnungsmiethe erzielt werden kann. Schweiz hat nur durch wenige Firmen Strohhüte ausgeftellt, meift Geflechte, worin das Land in gewiffen Gattungen Vorzügliches producirt und davon grofse Maffen nach allen Welttheilen ausführt. Beachtenswerth waren die Hüte von Indermühle; Jeanneres& Comp. Neuenburg mit fchönen Männerhüten und arrangirten Damenhüten; Spühler D. mit fehr billigen Hüten, und Fifcher& Comp. in Meifterfchwanden mit fehr fchön gebleichten Panamahüten. Die Betheiligung der Schweizer Strohmanufacturen war demnach eine geringe zu nennen, da viele der gröfsten Firmen fehlten. Italien. Die ausgeftellten Strohhüte und Geflechte zeigten meift nur dort einheimifche Fabricate, von fogenannten echt Florentiner Hüten, Florentiner und Pedale, fowie Riciotti, Roft und Phantafiegeflechten und andere heimifche Specialitäten. Das Vorzüglichfte exponirten J. J. Cubli in Florenz und Toscano in echt Florentiner Hüten und Geflechten. Giuſeppe Menotti& Comp. in Carpi, Bafterzeugung, Baftgeflechte, Baftplateau und Hüte waren fehr fchön. Auch hier fehlten viele der gröfseren Firmen, und war daher die Betheiligung ebenfalls eine fehr geringe. Die Erzeugung diefer echten Florentiner Hüte in Italien ift eine maffenhafte. Selbe werden theils ungeformt, theils geformt als Männer-, Knaben-, Damen- und Kinderhüte in die ganze Welt verfendet. Auch in Paris wurden von verfchiedenen Firmen derlei echte Florentiner geformt, felbe kommen aber gegen die italienifchen namhaft höher zu ftehen, und wurden früher nur wegen der neuen modernen Formen gefucht, feit einiger Zeit liefert aber Italien ebenfalls der neueften Mode gut entfprechende Formen. Die Fabrication der Baftgeflechte und Baftplateau ift eine fehr grofse und vor Hüte. 19 zügliche, und beziehen die Schweiz und Frankreich derlei Rohwaare, um felbe dann gefärbt und die Plateau als weifs gemacht im Handel zu bringen. Frankreich war durch drei Parifer Häufer vertreten, durch DurftWild, Mattenberger- Chevy und Dellatre. Sie brachten alle fchöne Erzeugniffe, Specialitäten im färbigen Baft, echtem Baftplateau und Phantafiehüte. In Nouveautés liefern jedenfalls die Parifer ftets das Befte und find dort eine grofse Anzahl Firmen, welche durch ihre Reifenden in allen Ländern nach Muftercollectionen der verfchiedenen Erzeugung Aufträge entnehmen. Von diefen Hüten werden meift nur Mufter beftellt, da felbe theuer zu ftehen kommen. Dortige Fabrikanten, worunter auch die obigen zwei Firmen, laffen ihre eigenen Agenten reifen und erzielen auf ihre Erzeugniffe namhafte En gros- Beftellungen. England war nur durch Vyse Sons in London vertreten mit ausgezeichnet fchönem Geflechte, vor züglicher Näharbeit, Appretur und guten Formen. Es fehlten auch hier alle anderen renommirten Firmen, was umfo mehr zu bedauern ift, als eben England mit Strohhüten den gröfsten Handel macht; fogenannte echt englifche Geflechte find eine Specialität, welche fich durch befondere Gleichheit der Flechtung und hohen Glanz auszeichnen. Die englifchen Hüte zeigten auch eine eigenthümliche Näharbeit, ganz verfchieden mit der bei uns gebräuchlichen, fowie eine vorzügliche fchöne Appretur. Belgien hatte wenig, Rufsland nur Gewöhnliches ausgeftellt. Der Fachmann kann nur mit gröfster Befriedigung auf die Leiftungen und den Fortfchritt in diefem Gefchäftszweige blicken und das eifrige Streben anerkennen, welches durch die Einführung der Hutpreffen, Nähmafchinen und Verbefferung in dem Bleichverfahren feit einigen Jahren erzielt wurde. Ihrem Zwecke nach würde auch die Fezfabrication in unfer Referat gehören. Da fie jedoch in ihrer Erzeugung der Hutfabrication ganz fremd und allein der Wirkwaaren- Erzeugung angehört, fo verweifen wir auf das Referat darüber. Nur einige Bemerkungen darüber feien geftattet. Die Fezfabrication ift eine Specialität Oefterreichs, wo fie in Böhmen und Wien fehr tüchtig gepflegt wird. Die Lage der Wiener Fezfabrication ift aber heute gegen frühere Jahre eine wenig beneidenswerthe. Nicht im Stande der billigen Arbeitskraft Böhmens die Spitze zu bieten, waren die Fabrikanten in Wien und deffen nächfter Umgebung genöthigt, nach und nach die Anfertigung ordinärer Waare, in welcher der grofse Confum befteht, hauptfächlich Strakonitz zu überlaffen und fich ausfchliefslich auf feine Waare zu werfen. Der Bedarf in feinen Qualitäten ift zu gering, um fämmtliche Wiener Fabriken laufend zu befchäftigen, und obgleich es den Anftrengungen der Wiener Fabrikanten, durch fchöne Waare das Renommée zu erhalten gelungen iſt, dürften die erzielten Preife bei dem veränderten Umfatz und den ftets höher gehenden Arbeitslöhnen nicht im Einklang ftehen, denn eher an Reducirung der Fabriken und nicht an eine Ausdehnung oder eine Bekämpfung der auswärtigen Concurrenz wird gedacht. Nur die angeftr ebte Veredlung des Artikels, wenn ich fo fagen darf, war feither im Stande, den Orient immer wieder zu dem Wiener Fabricat zurückzuführen. Einmal die fchon angeführte beffere Qualität, neben einer pünktlichen, überlegenen Ausführung des Fabricates, wobei hauptfächlich die Futter von Holzftroh, Batift mit Kautfchuk und Leder, welche das unter dem Fez getragene Siehe Ludwig Glogau ,,, Die Wirkwaaren". 2* 20 Wilhelm Plefs. Hüte. weifse Baumwoll- Turbantuch erfetzen, zu beachten ift, erhalten bei der befferen Claffe noch den Confum. Eine vom Erfinder patentirte Verpackung diefer gefütterten und ungefüt terten feinen Fez, welche dadurch ohne Verluft der Appretur und ohne vorheriges Umbügeln im Orient auf den Markt kommen, gehört neben dem billigen Holzftroh- Futter mit zu den Fortfchritten, welche die Wiener Fabrication aufweifen kann, und welche ihr noch erlaubt, das Feld des Abfatzes für feine Waare mitzubehaupten. Die böhmifche Fezfabrication im Pilfner Handelskammer- Bezirk zu Strakonitz, Pifek und Huffinetz durch altberühmte Firmen vertreten, ift zu bekannt, als dafs wir von Neuem darauf zurückkommen müfsten. HANDSCHUHE. Bericht von FRANZ UND MAX STIASNY, Handfchuhfabrikant in Wien, Mitglied der internationalen Jury. Unter den Artikeln, welche vormals als befonderes Zeichen des Luxus galten, nunmehr aber Bedürfnifs und Gegenftand bedeutender Fabrication geworden, weil fie zu einem allgemeinen Bedarf fich ausgebildet, nehmen Leder- Handfchuhe den erften Rang ein. Sie theilen fich je nach dem dazu verwendeten Materiale in Ziegen-, Lammleder-, Wafch- und Wildleder- Handfchuhe. Da Frankreich die Erzeugung von Ziegenleder- Handfchuhen, in der es Vortreffliches leiftet, zumeift an fich zog, fo haben Oefterreich und Deutſchland, in richtiger Erkenntnifs der gröfseren Abfatzfähigkeit des billigeren Fabricates, fich den Lammleder- Handfchuhen zugewendet, und leiften, wie diefs die Ausftellung bekundete, Vorzügliches in feinen und mittelfeinen Qualitäten. In hervorragender Weife war die Wiener Handfchuh- Fabrication auf der Ausstellung durch einheitliche Eleganz ihrer gefchmackvollen Collectivausftellung vertreten. In derfelben fanden fich die verfchiedenen Sorten Handfchuhe, wie folche nach allen Weltgegenden exportirt werden. Wefentliche Verbefferungen die in der Erzeugung diefes Artikels durch Einführung von Schneide-, Control- und Nähmafchinen erreicht wurden, haben dem öfterreichifchen Fabricate, deffen Hauptorte Wien und Prag find, einen fehr guten Ruf und damit neue grofse Abfatzquellen gefchaffen. Seit einigen Jahren wurde der Begehr in England und Amerika ein fehr bedeutender und hat fich der Export nach diefen Ländern insbefondere, wie auch nach der Schweiz, Holland, den Donau- Fürftenthümern, Rufsland und dem Orient fehr gefteigert, wie diefs aus folgender Zufammenftellung erfichtlich ift. Der Export Oefterreichs an Handfchuhen betrug 1863 1864 1865 · 1866 1867 1868 · 1869 1870 1871 1872 • Oe. W. fl. 660.000 918.000 1,368.000 1,884.000 2,349.000 2, 814.000 3, 159.000 .3,309.000 4, 218.000 4,509.000. Franz und Max Stiasny. Handfchuhe. 21 Bei den bedeutenden Fortfchritten, welche die Handfchuh- Induftrie feit einer Reihe von Jahren gemacht, wäre es nun wünfchenswerth und geboten, dafs zur Hebung der hierbei fo wichtigen, jedoch ftationär gebliebenen Lederfärberei von Seite der Regierung durch Anordnung populärer Vorträge über Chemie und durch Ertheilung von Reifeftipendien beigetragen würde. Jede Vervollkommnung diefer für die Handfchuh- Fabrication fo wichtigen Branche wird dem Fabricate zu Gute kommen, feinen Ruf heben, deffen Abfatz fördern helfen. - Wenn nun noch bemerkt wird, dafs die Handfchuh- Fabrication eine jener wenigen Befchäftigungen bildet, welche Taufenden von Frauen Arbeit am häuslichen Herde und zwar bei nur geringen Auslagen für Werkzeuge durch Nähen, Steppen und Tambouriren bietet, fo liegt in der Hebung diefes Gewerbes auch die Förderung der Frauenarbeit und die des Wohles und der Sittlichkeit ganzer auf diefen Erwerbszweig angewiefener Gegenden. Deutfchland war auf der Weltausstellung durch viele Fabriken, darunter auch den bedeutendften, in würdiger Weife vertreten.- Wie in Oefterreich wird auch dort vorwiegend Lammleder verwendet. Günftige Localverhältniffe, welche den Fabrikanten die Möglichkeit bieten, mit der Handfchuh- Fabrication auch die Gerberei und Färberei zu vereinen, und die Einführung all' der in diefen Fächern vorgekommenen Neuerungen zur Vervollkommnung des Fabricates, haben die Leder- Handfchuhe Deutſchlands zu einem fehr bedeutenden Exportartikel geftaltet. - Es gibt im deutfchen Reiche Städte, in welchen die Handfchuh- Fabrication zu den Haupt- Erwerbsquellen zählt; fo Altenburg( Sachfen), Halberstadt( Preufsen), Erlangen( Baiern), Arnftadt( Thüringen), Haynau( Schlefien), Efslingen( Württemberg). Frankreich, als Haupt- Fabricationsftätte der Ziegenleder- Handfchuhe, nimmt bekannter Weife in diefem Artikel den erften Rang ein, fowohl durch ausgezeichnete Qualität feines Leders und deffen vorzügliche Gerbung und Färbung, als auch durch die vollendete Ausführung des Fabricates felbft. Frankreichs Handfchuhe waren auf der Wiener Weltausftellung durch fünf Fabriken gut, wenn auch nicht zahlreich vertreten. Die bedeutende Fabrication Englands, welche leider auf der Weltausftellung nicht exponirt war, befchränkt fich zumeift auf ftarke Handfchuhe, die unter dem Namen Dogskin bekannt find, und wozu gröfstentheils Schaffelle vom Cap verwendet werden; die Leiftungen hierin find vorzüglich. Italiens Handfchuh- Induftrie hat fich feit der Parifer Ausftellung 1867 wefentlich verbeffert und war auch in Wien gut vertreten. Rufsland, Dänemark, Schweden, Spanien und Portugal fabriciren gute Handfchuhe meift für den heimifchen Bedarf. Bemerkenswerth ift, dafs Amerika zum erften Male diefen Artikel auf einer Weltausftellung exponirte. Diefer Induftriezweig, der dort mangelnder Arbeitskräfte wegen in unbedeutendem Mafse betrieben wurde, hat durch Erfindung und Verbefferung der Nähmafchinen wefentliche Unterftützung gefunden. Diefe Zunahme der dortigen Fabrication könnte fich dem europäiſchen Exporte dahin, und insbefondere dem von Oefterreich, in Laufe der Zeit fehr nachtheilig geftalten, wenn nicht weitere Verbefferungen und Fortfchritte hier angeftrebt werden. Ueberblicken wir die Gefammtheit der Leiftung der Handfchuh- Fabrication auf der Wiener Weltausstellung, fo war diefelbe durch 96 Fabrikanten vertreten, die fich auf die einzelnen Länder in folgender Anzahl vertheilen: Oefterreich 29, Ungarn 4, Rufsland 3, Amerika I, Frankreich 5, Belgien I, Deutfchland 39, Portugal 2, Italien 7, Schweden I, Dänemark 4. 22 CRAVATEN UND HALSBINDEN. Bericht von JOSEF MIGOTTI. Diefe kleinften aller Kleidungsstücke, welche erft feit einigen Jahrzehnten in allgemeinen Gebrauch genommen wurden, find nunmehr Modeartikel erften Ranges geworden, und in unferer Ausftellung in reichlicher und würdiger Weife zur Schau gebracht worden. Der einfache, urfprünglich unbedeutende Seidenftreif, welcher dem Hals zu Schutz und Zierde dienen foll, ift durch Zuhilfenahme der verfchiedenften Stoffe und Anwendung von Mafchen, Knoten, Schlingen, Knöpfen und Ringen in taufendfältige Formen gebracht, welche eine folche Vollendung erreicht haben, dafs man neue Verbefferungen kaum mehr für möglich halten würde, wenn uns die diefem Fache angehörenden Induftriellen nicht immer wieder vollgiltige Gegenbeweife liefern würden. Bei Beginn unferer Umfchau fahen wir in England die grofsen Londoner Firmen Lloyd Attree Smith, Slater Bukingham, Welch Margetfon, welche durch gediegene, als folid bewährte Mufter unfere Aufmerkfamkett in Anfpruch nahmen; fie find einfach, meift einfärbig, nur mit den unumgänglich nöthigen Beigaben verfehen, und Zierathen möglichft meidend. Wengleich die nach Londoner Methode mit den fchweren Oberftoffen zugleich auch gefütterten Stücke der englifchen Cravate einen etwas fchwerfälligen Charakter geben, fo zeichnet fie fich doch durch vornehmes Anfehen und bekannte Dauerhaftigkeit aus. Von Frankreich verdient das grofse Haus, Hajem ainé Maifon du fenix in Paris, welches mit dem Ehrendiplom ausgezeichnet wurde, des grofsartigen Betriebes wegen, unfere volle Beachtung. Es befchäftigt über 5000 Arbeiter und 1000 mit Dampfkraft betriebene Nähmafchinen, und erzielt in Cravaten, Halsbinden und Wäfche einen jährlichen Umfatz von 9 bis 10 Millionen Francs; ihre Waaren entfprachen in jeder Hinficht, zeigten uns graziöfe Formen und glückliche Zufammenftellung. Ueberhaupt ift bei diefem Artikel die Art und Weife des Legens einer Mafche, das eigenthümliche Zufammenziehen einzelner Theile mittelft Knopf oder Ring, oder eine einzige geniale Schürzung oft von grofser Bedeutung und bringt dem glücklichen Erfinder Ruf und Gewinn, und entfchädigt ihn für viele mifslungene Verfuche. Ferner excellirten Frofsard aus Paris mit feinen Specialitäten aus bordirten Cravaten, welche er in allen Abftufungen und Gröfsen und in den feinften Ausführungen brachte, und Leprevoft, welcher blofs weifse Binden und Cravaten erzeugt, diefes Fach jedoch auf das Ausgedehntefte betreibt; man fand in feiner Sammlung die Hochzeits- Cravate in prachtvoller, die Minifterbinde in reicher Ausftattung, ebenfo alle Gattungen von Communion-, Empfang-, Livreecravaten, in der dem Gebrauche entſprechenden Adjuftirung, und aus den feinften Seiden-, Leinen- und Wollstoffe angefertigt. Aus Lyon ftellte Augier eine aus den dortigen berühmten Seidenftoffen zufammengeftellte Collection aus, welche uns reine, mit minutiöfer Genauigkeit ausgeführte Arbeiten vor Augen brachte. Das Haus Debruyker( maifon du fenix) aus Brüffel war befonders durch feine in eigenthümlicher Weife mit künftlichen Blumen gefchmückten Damen cravaten und Schleifen in vortheilhafter Weife vertreten. Jofef Migotti. Cravaten und Halsbinden. 23 Taggini aus Mailand gab in einer zahlreichen Sammlung von Binden und Halstüchern ein überfichtliches Bild der in Italien üblichen Halsbekleidungen, welche, der Temperatur entſprechend, dort meift offen und locker getragen werden. In Deutfchland fcheint man der Cravate eine geringere Bedeutung beizulegen, da fie in unferer Ausftellung nur fehr fpärlich vertreten war, und oftmals durch Binden, Schleifen, und wollene oder gewirkte Tücher erfetzt wurde. Das Haus Hakenberg aus Neufs zeigte indefs. fchöne fchwarze Saloncravaten, welche durch Form und Ausftattung fich befonderes Verdienft erwarben. Auch aus Rufsland fahen wir in den von Reichel in Warfchau ausgeftellten Halsbekleidungsftücken anerkennenswerthe Fortfchritte feit dem Jahre 1867 und bedeutende Verfeinerung der Fabrication. In der öfterreichifchen Abtheilung fanden wir diefe Induftrie auf der höchften Stufe der Vervollkommnung. Die Collectivausftellung der Wiener Pfaidler, Cravatenmacher und Stickergenoffenfchaft brachte von der üblichen fchwarzen Halsbinde bis zu den feinften Phantafieftücken alle Gattungen in vielfältigfter Weife zur Schau. Diefe Ausftellung gab in jeder Hinficht Zeugnifs von den enormen Fortfchritten, welche Wien in den letzten Jahren in diefem Fache machte, und von der hohen Ausbildung diefer Induftrie; die Wiener Fabricate übertrafen die englifchen und franzöfifchen Erzeugniffe bei Weitem an Gediegenheit und Eleganz, an Schönheit der Formen und Frifche der Farben; jeder Vergleich mufste zu Gunften Oefterreichs entfchieden werden. Unter den erften Induftriellen diefes Faches mufs Ignaz Hönig benannt werden( welcher das Ehrenamt eines Jurors bekleidend aufser Preisbewerbung ftand). Seine Cravaten und Halsbinden- Fabricate waren meift nach feinen eigenen Zeichnungen angefertigt; mehrere neue Knotenfchlingungen waren dabei in Anwendung gebracht, und zur Befeftigung jener Binden, welche ohne Halstheile find, dienten zweierlei Neuigkeiten von Cravatenhältern; bei der Einen war die Cravate mittelft Federkraft an den Halskragen gefchloffen, während die andere ( Mignon genannt) fich im Kragenknopf einhängte und ihre beiden Flügel unter den Halskragen ftützte. Die gefammten Fabricate waren gediegen und vollkommen, und trugen den Stempel der Einfachheit und Solidität. Die Firma Friedmann ftellte ebenfalls in hervorragender Weife aus, ihre Erzeugniffe theils aus franzöfifcher und Crefelder, theils aus Wiener Waare, müffen namentlich wegen des befonderen Schnittes der Schleifencravate und der aufserordentlich feinen Näharbeit erwähnt werden, wodurch fie fich Beifall und Prämiirung errangen. Brüder Matura brachten ihre belobten Erzeugniffe, welche hauptfächlich in den öfterreichifchen Provinzen und durch den Export Abfatz finden, fie zeichneten fich durch befondere Billigkeit und praktifche, leicht anlegbare Formen aus. Einen grofsen Antheil an dem Auffchwung diefes Erwerbszweiges in Oefterreich hat auch das weibliche Gefchlecht; viele früher unbefchäftigte Hände wandten fich diefem leichten und dankbaren Erwerbe zu, und bewirkten ein Befferund Billigerwerden diefer Erzeugniffe. Befonders die Frauenvereine, diefe Pflanzftätten der Zukunft der weiblichen Berufsentwicklung, gaben durch ihre ſchönen Ausftellungen auffallende Beifpiele des Nutzens der Affociation, und erfreuliche Beweife ihrer philanthropifchen Thätigkeit; fie forgen nicht nur für den Unterricht und entſprechende Befchäftigung der heranwachfenden weiblichen Jugend, fondern fuchen auch durch vortheilhafte Verwerthung der meift in Wäfchwaaren und Putzfachen, Halstüchern und Cravaten beftehenden Handarbeiten ihren Mitgliedern und Pflegebefohlenen dauernden Erwerb und Lebensunterhalt zu verfchaffen, und fie dadurch zu weiterem Arbeitsbetriebe aufzumuntern. Auch von der inländifchen Stofffabrication wurde die HalsbekleidungsInduftrie auf das Kräftigfte und Erfolgreichfte unterſtützt, während franzöfifche und englifche Seiden- und Halb- Seidenwaare fich als fchwer und fpröde zu genanntem Zwecke erweifen, fich auch im Preife derart ftellen, dafs die Concurrenz des 24 Joief Migotti. Cravaten und Halsbinden. Auslandes nicht zu befiegen wäre, eignet fich die inländifche, namentlich Wiener Waare, welcher durch Manipulation und Appretur eine aufserordentliche Weichheit und Milde vérliehen wird, vorzüglich dazu. Vom fanitären Standpunkte jedoch mufs die in Wien übliche Form der Halsund Bruftbekleidung als ungenügend bezeichnet werden. Während nämlich der übrige Körper zwei, oft dreifach( warm) bedeckt wird, find diefe Theile häufig nur einfach oder gar nur durch das Hemd vor Wind und Wetter gefchützt; die Nachtheile, welche bei dem mitunter rafch eintretenden Temperaturwechfel fich daraus ergeben, find von competenter Seite oftmals befprochen worden, und werden durch die Mortalitätsberichte, nach welchen 65 Percent der Bevölkerung den Hals- und Bruftkrankheiten erliegen, auf traurige Weife illuftrirt. Erft in letzter Zeit hat man durch Erfindung und Verbefferung der breitgelegten, bis unter das Gilet reichenden Napier cravate und die in allgemeinen Gebrauch kommenden Flanell- Unterhemden, welche am blofsen Leibe getragen. werden, in diefer Richtung eine entsprechende Reform angebahnt. Der Export diefer Erzeugniffe findet nach Deutfchland und Rufsland, hauptfächlich jedoch nach jenen Ländern des Orients ftatt, in welchen der moderne europäiſche Kleiderfchnitt bereits Eingang gefunden hat, und geftaltet fich zu einem lucrativen, immer lebhafteren Handel, welcher unferem Gewerbefleifse gröfsere Ausdehnung verfchaffend und neue Abfatzgebiete eröffnend, den allgemeinen Wohlftand befördern hilft, und Oefterreich feiner grofsen Beftimmung: Der Mittelpunkt und Stappelplatz des Welthandels zu werden, mehr und mehr entgegenführt. MIEDER. Bericht von ANTON KREUZI G. Die Mieder find einer jener Theile der Bekleidungsinduftrie, welcher wohl nicht mit manch Anderen, deren Beftehen feit den Anfängen der Menfchheit und deren Cultur datirt, und daher auch nicht mit jenen an Anciennität wetteifert, fondern deffen Entftehen wir theils dem Raffinement der Mode, theils auch verfchiedenen anderen Motiven verdanken. Die Gefchichte des Alterthums weifs uns wenigftens nichts von Miedern oder Schnürbrüften zu erzählen; zu jener Zeit überliefs man die Entwicklung des menfchlichen Körpers ganz einfach der Natur und deren Einwirkungen. Die Voreltern aller Völker waren nur darauf bedacht, den Körper naturgemäfs entwickeln zu laffen und Alles zu vermeiden, was deffen Kräftigung und Stärkung nachtheilig fein konnte. Erft im Mittelalter wurde daran gedacht Schnürbrüfte einzuführen und der Natur Concurrenz zu machen. Es wurde der Verfuch gemacht, manchem weiblichen Körper eine gefälligere Form zu geben. Von den erften Verfuchen jedoch bis in die neuefte Zeit hat diefe Erfindung grofse Wandlungen durchgemacht, da diefe Verfuche nicht blofs bei dem weiblichen Gefchlechte ihren Ausgangspunkt fanden, fondern auch die Manie des Schnürens in das männliche Gefchlecht überging, da es bei jungen Männern eines exclufiven Standes nahezu Ehrenfache war, eine fchöne Taille zu befitzen, welche nur durch das Mieder erzielt wurde. Diefer Artikel hat nun bis heute eine fo riefige Bedeutung erlangt, dafs wir nicht umhin können, demfelben einige Worte zu widmen. Es wurden in diefem Artikel fo namhafte Erfindungen und Verbefferungen eingeführt, dafs man heute bereits eigene Mieder für alle Phafen, welche das weibliche Gefchlecht von der Natur durchzumachen gezwungen iſt, befitzt. Anton Kreuzig. Mieder. 25 Das Mieder hat eine äfthetiſche und zugleich auch fanitäre Wichtigkeit. So kann durch ein fchlecht geformtes Mieder der fchönfte Körperbau verunftaltet werden, und der erfte Kleiderkünftler( Künftlerin) wird nicht im Stande fein, über ein derartig verunftaltetes Mieder ein Kleid mit fchöner und gefälliger Form herzuftellen. In fanitärer Richtung kann man mittelft der Mieder befondere Vortheile, fowie auch Nachtheile erzielen. Jener Fabrikant, welcher anatomifch richtig geftellte Mieder zu erzeugen im Stande ift, wird durch diefelben z. B. die Entwicklung des Körpers bei jungen Mädchen nicht nur nicht hemmen, fondern durch fein gut conftruirtes Mieder fo manche Verunftaltung des Körpers hintanhalten, als da find: Die üble Gewohnheit der fchiefen oder gebückten Haltung, welche durch ein hiefür geeignetes Mieder paralyfirt werden kann. Schlechte und unrichtig conftruirte Mieder können aber auch befonders nachtheilig auf die Gefundheit wirken durch zu ftarken Druck auf den Magen, oder durch Einklemmung des Bruftkorbes, fowie auch das allzu ftarke Zufammenfchnüren von befonders nachtheiligen Folgen begleitet ift, indem die inneren Organe nicht nur in ihrer Entwicklung gehemmt, fondern auch in höchft nachtheiliger Weife verfchoben und gedrückt werden. Hingegen kann ein richtig conftruirtes Mieder der Trägerin desfelben nicht nur eine gefällige Form verleihen, fondern auch ein eigenthümliches Behagen und Wohlbefinden verfchaffen. Wie oft mag es im Leben vorkommen, dafs wir über Körperformen entzückt find, ohne zu ahnen, welchem Künftler von Miederfabrikanten wir diefes Entzücken verdanken. Dafs die Wichtigkeit gegenwärtig aber auch noch eine andere Bedeutung hat konnten wir zur Genüge bei der diefsjährigen Weltausftellung beobachten, indem diefer Artikel bereits eine hervorragende Rolle auf dem Weltmarkte fpielt, und jedenfalls in Zukunft von noch gröfserer Ausdehnung werden dürfte; befonders hervorragende Wichtigkeit für den Export hat die Erfindung der gewebten Mieder, da diefelben bedeutend billiger als die genähten herzuftellen find. So hatten wir Gelegenheit, im deutfchen Reiche Firmen von befonders hervorragenden Verdienften auf diefem Gebiete kennen zu lernen, als: die Firma Gros& Comp. aus Bruchfaal, welche im Jahre 1871 605.000 Stücke im Werthe von 1,200.000 fl. ö. W. erzeugte und ihren Hauptmarkt in England und Amerika befitzt; ferner D. Rofenthal& Comp. aus Göppingen, welche im felben Jahre 500.000 Stück verfertigte, und hat diefelbe ihre Niederlagen in London. In genähten Miedern hatte C. Alexander Putzey aus Berlin befonders Hübfches und Gefchmackvolles ausgeftellt. Jäger& Comp. aus Reutlingen hatten befondere Sorgfalt auf ihre orthopädifchen Mieder( Geradehalter) verwendet. Das deutfche Reich war überhaupt fehr reichhaltig vertreten, ein Beweis, dafs diefe Induſtrie fehr ftark cultivirt wird und daher auch lohnend fein mufs. Frankreich hingegen hatte fich fchwächer betheiligt, indem uns blofs drei Parifer Firmen ihre Erzeugniffe zur Anfchauung brachten, wo wir uns bei zwei derfelben der Anficht hingeben, dafs diefelben die Ausftellung zu oberflächlich behandelten, denn obwohl fie recht gefchmackvoll ausgeftellt hatten, fo glauben wir doch, dafs fie vielleicht noch Befferes zu leiften im Stande find. Hervorragend Schönes lieferte die Firma der Madame Leoty, welche blofs für Kunden und Beftellungen, nebft Frankreich nach Amerika, 80 bis 90 Arbeiterinen und zwölf Nähmafchinen befchäftigt, und wie wir uns überzeugten, in Form, Gefchmack und Ausarbeitung nicht leicht übertroffen werden dürfte. England und Amerika brachte uns in diefem Induftriezweige gar nichts, wodurch auch erklärt ift, dafs Deusfchland und Frankreich ihre Abfatzgebiete in jenen Ländern finden. - Aus Spanien brachten uns einige Firmen hübfche Collectionen, wir hatten dafelbft Gelegenheit, eine reiche Abwechslung in Formen, fowie in der Art der Anfertigung und Ausstattung zu bewundern; wir fanden dafelbft nicht blofs Gegenftände für den praktifchen Gebrauch, fondern auch die Phantafie unp das Nationale fpielten eine bedeutende Rolle; obwohl diefe Erzeugniffe nicht gerade 26 Anton Kreuzig. Mieder. für den Weltmarkt geeignet, erhielt doch der Fachmann manchen Fingerzeig, welcher von Nutzen fein dürfte. Italien hatte fpärlich und blofs in Exportwaare ausgeftellt; mit demfelben befafst fich befonders die Firma Luigi Pescatori aus Parma für die gröfseren. Städte Italiens und nach Kairo, und liefert diefelbe jährlich circa 48.000 Stücke. Die Firma Celoni aus Florenz brachte einige Exemplare von Geradehaltern, welche von Fleifs und Studium Zeugnifs geben. In Belgien überrafchte uns die Firma Loutrel Baftin aus Brüffel durch eine befonders gefchmackvolle Expofition, wir fanden dafelbft fo viel Fleifs mit Gefchmack vereinigt, dafs wir kühn behaupten können, es fei ein würdiger Rivale der Madame Leoty aus Paris. Ungarn war blofs durch einen Ausfteller, F. Laube aus Peft repräfentirt, welcher eine hübfche Collection von genähten Miedern ausgeftellt hatte. Oefterreich war reichhaltig auf dem Kampfplatze erfchienen und brachten uns mehrere Firmen befonders gediegene Leiftungen zur Anfchauung. In gewebten Miedern hatte blofs die Firma Siegfried Teutfchländer aus Wien ausgeftellt, bei der wir leider mit Bedauern conftatiren müffen, dafs wir trotz wiederholter Anfragen keine Antwort über nähere Details erhielten, und doch ift gerade diefe Fabrication von befonderer Wichtigkeit, indem diefelbe beftimmt erfcheint, alles Andere in diefem Artikel für den Export aus dem Felde zu fchlagen, fich daher für Oefterreich ein nicht zu unterfchätzendes Gebiet eröffnen dürfte. Aber bis heute fcheint fichergestellt, dafs es mit Deutfchland in diefem Genre nicht concurrenzfähig ift. Die Firma Adolf Klein brachte eine ganz neue Erfindung, und zwar aus Bändern geflochtene Mieder, welche ebenfalls für den Export beftimmt zu fein fcheinen. Auch hierüber konnten wir nichts Pofitives erfahren. Diefelben, aus elaftifchen Bändern geflochten, haben den befonderen Vortheil für fich, dafs fie fich jeder Körperform anbequemen und keinen Druck verurfachen, fondern in Folge ihrer Weichheit eine angenehme Empfindung hervorbringen. Den Glanzpunkt bildete unftreitig die Firma des J. F. Scheffer aus Wien, welche den Kampf in Gefchmack mit den beften Erzeugniffen in der ganzen Expofition erfolgreich beftand, fowie diefelbe Alles vom Gewöhnlichften bis zum Eleganteften vereint hatte. Befonders hervorzuheben find die Geradehalter für junge Mädchen, fowie die Reit- und Säugemieder, welche von befonderer anatomifcher Richtigkeit Zeugnifs geben und mit befonderer Präcifion ausgeführt waren. Wenn wir nun zum Schluffe den Vergleich zwifchen den genähten und gewebten Miedern,„ Corfettes", anftellen, fo können wir mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dafs die Weberei der Näherei fehr wenig Schaden zufügen dürfte, obwohl nicht zu verkennen ift, dafs es bei dem erften Eindrucke, welcher die gewebten Mieder in ihrer gefchmackvollen Ausftattung, fowie überraschenden Billigkeit auf den Befchauer machen, den Anfchein hat, als ob diefelben beftimmt wären, den Markt allein zu beherrfchen; allein die Näherinen können. darüber vollkommen beruhigt fein, indem bereits gegenwärtig fchon der Weberei eine fefte Grenze gezogen ist. Den Export wird unftreitig der Webftuhl beherrfchen, was jedoch für Kunden und Beftellungen erforderlich ift, leiftet nur die kunftgeübte Hand, welche mit Zuhilfenahme der fo willkommenen Nähmafchine fo Vollkommenes zu leiften im Stande ift, dafs es weder einer Mafchine, noch einem Webeftuhl jemals möglich werden dürfte, mit der Handarbeit erfolgreich concurriren zu können; nur wünſchen wir im Intereffe der öfterreichifchen Induftrie, dafs fie fich des Artikels, und zwar befonders für den Export noch mehr bemächtigen möge, als diefs bis heute gefchah. 27 CAMASCHEN. JOSEF Bericht von MIGOTTI. Wenn man in den der Kunft gewidmeten Räumen unferer Ausftellung die Meifterwerke der Malerei und Sculptur befichtigte, und fich das Studium einzelner Theile zur Aufgabe gemacht hatte, fo wunderte man fich über die bei den hiftorifchen Gemälden zur Anfchauung gebrachte Gleichförmigkeit der Fufsbekleidungen, welche in der ganzen antiken Zeit andauerte und bis in die neuen Jahrhunderte hineinreicht. Wir fehen den allgemeinen Gebrauch der aus Holz- oder Lederftücken beftehenden, nach verfchiedenen Fufsformen gefchnittenen Sandalen, welche mit den dazu gehörigen Binderiemen um Vorfufs und Wadenbein gewunden waren und meiftens unterhalb der Kniebeuge befeftiget wurden. Die Unzulänglichkeit diefer Bekleidungsform, welche weder vor Froft und Näffe, noch vor zufälligen Verletzungen fchützte, fondern blofs das ficherere Auftreten ermöglichte, gab Anlafs, dafs in fpäterer Zeit Obertheile an die bisher alleinigen Sohlen befeftigt wurden und mit diefer wichtigen Verbefferung eine totale Umwandlung der Fufsbekleidung herbeigeführt wurde. Erft feit diefer Zeit fanden die vielen Erfindungen und Veränderungen auf diefem Gebiete ftatt, welche wie Abfchnitte die verfchiedenen Zeitalter bezeichnen, und zu dem jetzigen vervollkomneten Stande des Befchuhung führten. Eine der wichtigeren Erfindungen, welche gemacht wurden, um nicht nur den Fufs, fondern auch die nunmehr verfeinerte Befchuhung zu fchützen, war die Gamafche. Die Nützlichkeit diefes Kleidungsstückes ift überall bekannt, es leiftet vortreffliche Dienfte, fchützt den Fufs und hält ihn warm, ohne feine Beweglichkeit zu hindern. Obfchon die Anfertigung, der Gebrauch, die Reinigung desfelben mit mancher Schwierigkeit verbunden ift, welche eine allgemeine Verbreitung desfelben hemmen, fo bricht es fich dennoch immer mehr und mehr Bahn. In Spanien, Mexico, Griechenland und der Türkei wird die bis zum Knie reichende Gamafche getragen, fie bildet einen Theil der nationalen Kleidung, und wird in den Erfteren diefer Länder mit feitwärts frei herabhängenden Bändern benäht, wodurch der ganzen Tracht ein malerifches Gepräge verliehen wird; in den letztgenannten zeichnet fie fich durch glänzenden Aufputz aus. In Mitteleuropa kommt fie häufig im Gebrauch und wird in jüngfter Zeit auch vom weiblichen Gefchlecht gerne benützt, um fich vor den Nachtheilen der Erkältung und Durchnäffung der Füfse zu verwahren, welche Schädlichkeiten, nach den Ausfpruche berühmter Aerzte, bei zarteren Organismen oftmals die Urfachen hartnäckiger Herz- und Nierenkrankheiten find. In den Alpenländern trägt fie der Tourift, um fich vor der Kälte, in den Weingegenden der Winzer, um fich vor dem Sonnenbrande, in den fumpfigen Maremmen Süditaliens der Jäger, um fich vor den Biffen der Schlangen zu fchützen. In mehreren Armeen ift fie als Equipirungsftück eingeführt, welches feine Tüchtigkeit, namentlich in den Winterfeldzügen oftmals bewährt hat. Wirkliche Sehenswürdigkeiten diefes Artikels waren in der griechifchen Abtheilung unferer Ausftellung zu finden; fie gehörten zum Coftume der vornehmen Griechen, waren reich mit Gold verziert und zum Preife von 800 Francs das Paar verkäuflich; des befonderen Schnittes wegen verdienten fie die Beachtung aller Fachleute. 28 Jofef Migotti. Gamafchen. Auch die Türkei war durch Prachtexemplare vertreten, deren Hauptwerth in feiner und reicher Goldftickerei beftand. Aus dem Norden hatten die Firmen Schottländer& Goldfchmidt und Chriftenfen( in Copenhagen) fehr intereffant ausgeftellt. Erftere brachten vorzügliche Jagdgamafchen von dichtem Stoffe, leicht zum Knöpfen und mit einer befonderen Schlingenvorrichtung verfehen, um fie an die Beinkleider zu befeftigen. Letzterer fendete aus den dortigen, fo fehr gerühmten wafferdichten Stoffen verfertigte kurze, fogenannte Knöchelgemafchen, worunter ein Paar nicht zum Knöpfen, fondern mit einem eigenthümlichen Verfchlufs durch biegfame Stahlfpangen verfehen war, fie entſprachen allen Anforderungen und übertrafen an Leichtigkeit und Haltbarkeit alles bisher Gefehene. Auch das Haus Mottl( Prag) brachte die kurze Knöchelgamafche in feiner Arbeit; fie bürgert fich als zierliches Promenadeftück immer mehr ein und ift auch in der neuen Militäradjuftirung zum Gebrauch beftimmt; die Vortheile der Leichtigkeit und Stofferfparnifs werden jedoch reichlich wieder aufgewogen durch den geringeren Schutz, den fie gewähren. Die Collection Furtmüller's aus Wien war die reichhaltigfte, wir fahen Herren- und Damengamafchen verfchiedenfter Gattung, fie empfahlen fich durch eigends dazu fabricirte und haltbar gefärbte Stoffe, vereinigten Eleganz, Schmiegfamkeit mit grofser Dauerhaftigkeit und erfreuen fich einer fteigenden Beliebtheit. Gewirkte Schafwoll- Gamafchen waren reichlich vorhanden, fie zeichnen fich durch leichtes Anpaffen und bequemes Anziehen aus, und dienen vorzugsweife der Kinderwelt, welcher fie durch Vollkommenheit des Schutzes bereits unentbehrlich geworden find. Mehrere Wiener Kinderkleider Firmen hatten ebenfalls diefe Garderobeftücke der Kleinen, jedoch aus Tuch und feinen Schafwoll- Stoffen in vollendeter Weife zur Anficht gebracht, und zeigten auch in diefem Genre die folide Wiener Kleiderarbeit und ihre Ueberlegenheit über derlei andere Fabricate. Im Ganzen ift diefe Induftrie noch einer grofsen Ausdehnung fähig und grofsartigere, mit kundiger Hand gemachte Verfuche, diefem Kleidungsstück allgemeineren Eingang zu verfchaffen, würden ficherlich mit lohnendem Erfolg gekrönt werden. WÄSCHE. Bericht von JOSEF MIGOTTI. Ein wohlbeftellter Wäfchefchrank war von jeher fowohl im Fürftenhaufe, als in der Hütte der Stolz und Schmuck der forgfamen und umfichtigen Hausfrau. Die Einrichtung und Verforgung desfelben bildete zur Zeit, als noch Edelfräulein und Bäuerin am Spinnrocken fafs, um den Fäden des Gewebes die beliebige Feinheit zu geben, nebft dem Weben, Bleichen und Glätten desfelben, den gröfsten Theil der weiblichen Befchäftigung. Diefs ift heute anders geworden. Waren unfere Frauen fchon durch die riefigen Etabliffements des Continentes für Spinnerei, Weberei und Bleicherei, welche die Grundftoffe der Wäfche in grofser Güte, Schönheit und Billigkeit liefern, des mühevollften Theiles der WäfcheErzeugung enthoben, so vollzog fich durch die wichtigfte Erfindung auf diefem Gebiete, durch die Nähmaschine und deren Anwendung zur Wäfchefabrication, Jofef Migotti. Wäfche. 29 eine weitere, tiefgreifende Veränderung; und durch die allgemeine Verbreitung diefes neuen Hilfsmittels und die Verbefferungen desfelben durch die Amerikaner Wheeler und Wilfon, entſtand die ftaunenswerthe Wäfche- Induftrie der Jetztzeit, welche fowohl den Bedürfniffen des Lebens, als auch den Anforderungen des Comforts die reichlichften Dienfte leiftet, und die frühere Handarbeit beinahe gänzlich aufser Gebrauch fetzt. Wenngleich bis heute noch ein Kampf zwifchen Hand- und Mafchinarbeit befteht, fo kann bei den fortwährend neuen Verbefferungen der letzteren über den Ausgang desfelben kein Zweifel mehr walten. Die Eintheilung der Wäfche wird gewöhnlich nach den bekannten vier Hauptgattungen: als Leib-, Bett-, Tifch- und Luxuswäfche vorgenommen, welche wieder in verfchiedene Unterabtheilungen zerfallen; wir müffen jedoch die geographifche Eintheilung unferer Ausftellung zur Grundlage unferes Berichtes nehmen und beginnen demzufolge mit Amerika, dem Lande der Erfindungen. Die Firma F. Sachfe& Son in Philadelphia brachte eine bemerkenswerthe Gattung von Herrenhemden, mit rückwärtigem Verfchluffe, welche Neuerung den Vortheil bietet, dafs diefelben nicht durch das Befeftigen an den fichtbaren Stellen vorzeitig verunftaltet werden, und zeigte in der ganzen Collection eine ausgezeichnete, hier noch nicht bekannte Appretur. S. N. Moody aus New- Orleans glänzte durch correcte Arbeit feiner Erzeugniffe, und befonders durch feine eigenthümlichen, fchön combinirten Phantafie- Brufteinfätze; das Schauftück eines Hemdes zum Preife von 400 fl. wurde vielfach bewundert, allein ein praktiſcher Erfolg dürfte kaum daraus gefchöpft werden. Aus Frankreich hat das Haus J. Laquille C. Sazerat in Paris zweckmäfsig angefertigte Flanellhemden gebracht; diefelben vereinigten fchöne Formen und reiche Stickereien mit grofser Nützlichkeit, denn diefe aus befonderen Stoffen gewebten Hemden überziehen unferen Körper gleichfam mit einer zweiten poröfen Haut, welche die rafche Abkühlung desfelben verhindert, und dem Oberkörper vollkommenen Schutz gewährt. Hajem ainé Maifon du fenix in Paris wurde bereits( fiehe Cravaten) befprochen; die Leiftungsfähigkeit und der Ruf diefer Firma, deffen Gefchmacksrichtung und Schnitte einem grofsen Theile der Gefchäftswelt als Muftervorlagen dienen, find allbekannt. Gray May& Comp. zeigten uns tadellofe Kragen und Manchetten aus Papier, welche die aus Leinwand und Shirting verfertigten täufchend nachahmen und diefelben in manchen Fällen erfetzen; fie find in Bezug der Wäfchökonomie bemerkenswerth. Joao Jofe Vasques aus Liffabon brachte geftickte, mit Goldfäden durchzogene Hemden zur Anfchauung, wie fie dort mit Vorliebe getragen werden; fie haben ein eigenthümliches Anfehen und werden hauptfächlich bei feftlichen Gelelegenheit gebraucht. Debruyker Maifon du fenix in Brüffel ftellte in feiner reichen und fehens werthen Wäfche collection auch eine Specialität Damenkragen von feiner Lein wand und Shirting aus, bei welchen das fonft gebräuchliche Anheften an die Kleider durch eine neue Schlingenmethode vermieden wird. Francis Vallet aus Genf zeigte uns durch die hübfchen Miniaturmodelle feiner Ausftellung einfache und befonders praktifche Unterbeinkleider- Schnitte für Herren, und brachte einen neuen, fogenannten Spitzfattel- Schnitt in feinen Herrenhemden zur Anfchauung, welcher mancherlei Vortheile bietet. Aus dem deutfchen Reiche fahen wir die berühmten Hemdbruft- Einfätze von Bielefeld, welche fich einen Weltruf erworben haben. Die Fabrication diefes Artikels hat fich dafelbft in bewundernswerther Weife entfaltet, und wird im gröfsten Mafsftabe durch Hunderte mit Dampf- und Wafferkraft bewegter Webereien, Bleichereien, Nähereien, Glättefabriken, Preffen und Appreturen betrieben, und 30 Jofef Migotti. die Erzeugniffe diefer koloffalen Induſtrie werden in Millionen von Stücken allen Welttheilen zugefendet. Die Bielefelder Collectivausftellung brachte uns die Producte des Kunftfleifses und der gewerblichen Thätigkeit in vollem Mafse; die Ajourarbeiten von Fritz von Laer, die geftickten Einfätze von S. Mayer& Comp. waren in Compofition und Ausführung gelungen, und ebenfo wie die Ausftellungen von Carl Heidfieck, Bertelsmann und Sohn, Sievers und Stadtlantner, Ortman und Braunhofener, reich ausgeftattet und den Ruf diefer Firmen entſprechend durchgeführt. Die Bielefelder Waare zeichnete fich nebft vortrefflichem Materiale durch neue, elegante Mufter, exacte Arbeit und vollendete Appretur aus und rechtfertigte die grofse Nachfrage, welche nach diefen Artikeln dauernd befteht, vollkommen. Jaeger& Voltz in Strafsburg a. E. und Lorenz Hoffmann in Nördlingen waren durch gediegene Arbeiten rühmlichft vertreten. Die vollftändigft entwickelte Wäfche- Induftrie Europa's fanden wir in Oefterreich, namentlich in Wien, wo fie zu einem bedeutenden und wichtigen Erwerbszweig herangewachſen ift. Ebenfo wie Leipzig als Markt für den Buchhandel gilt, wurde Wien durch die Thätigkeit der Induftriellen diefes Faches zum permanenten Markte für alle Wäfchegattungen, an welchen jährlich Taufende von Kaufleuten und Agenten aus allen Welttheilen ihre bezüglichen Einkäufe und Beftellungen machen, und den weiteren Verfandt beforgen. Es wurden in Wien und Umgebung grofsartige Wäfchefabriken errichtet, welche nicht nur den Localbedarf und den Verbrauch der öfterreichifchen Provinzen vollständig decken, fondern auch die bekannte Exportwaare erzeugen, welche wegen des guten Materiales, richtigen Schnittes, reiner Arbeit und ihrer Billigkeit allfeitig gefchätzt und als gefuchter Handelsartikel überall hin verfendet wird. Zum Materiale diefer berühmten Wäfche- Erzeugung wird von den Leinengeweben meiftens die fchwere Rumburger und die fogenannte fchlefifche Waare verwendet; von Baumwoll- Stoffen werden für Leibwäfche am häufigften Shirtinge und Chiffons benützt, während Perkails und Batifte zur Anfertigung von Damenund Negligé- Artikel gebräuchlich find. Die Wiener Firmen brachten eine fo reichhaltige Sammlung von fchönen Wäfcheartikeln, dafs nur die beispielsweife Aufzählung der intereffanteften Gegenftände und Neuigkeiten geftattet ift. In erfter Linie zeichnete fich die Collectivausftellung der Pfaidler, Cravatenmacher und Stickergen offenfchaft aus, welche durch die muftergiltige Aufftellung ihrer Erzeugniffe die Bewunderung aller Fachmänner hervorrief; leider war der angewiefene Platz ungünftig und dem Werthe und der Bedeutung diefer Induftrie nicht vollkommen entſprechend, da er durch andere gröfsere Objecte verdeckt und fchwer zugänglich war. S. Jägermayer's k. k. Hofwäfche- und Wirkwaaren- Handlung( feit 1678 in den Büchern des Wiener Magiftrates eingetragen) ftellte fich die Aufgabe, den Wäfcheüberzug eines Bettes als gröfstes feiner Erzeugniffe zur Schau zu bringen, und löfte diefe Aufgabe in glänzender. Weife durch ein in feiner Art einziges Kunftftück, zu deffen Herftellung über 3000 Arbeitstage erforderlich waren; fowohl die Deckenkappe, als die drei Pölfter diefes koftbaren, aus blauem Atlas. beftehenden Stückes waren mit handgeftickten Rofenguirlanden verfehen und auf reichem Valenciennegrund mit geftickten Genien und Krone verziert, und gab Zeugnifs von dem Kunftfleifse und der Leiftungsfähigkeit diefer altbekannten Firma. Die ausgeftellte Leibwäfche reihte fich im Materiale und der Ausführung den vorzüglichften an. Die k. k. Hof- Wäfchefabrik E. Fogl erzeugt, wie diefs aus den ausgeftellten Fabricaten zu erfehen war, alle Gattungen von. Leib-, Tifch- und Bettwäfche von der billigen Militär bis zu der feinften, die franzöfifche übertreffenden Luxuswäfche; die Fabrik ift mit allen neuen Einrichtungen, Zufchneidemaschinen, Preffen Wäfche. 31 und Modellen verfehen und kann durch diefe Hilfsmittel fortwährend gleichmäfsige Waare erzeugen, wodurch das Commiffionsgefchäft vereinfacht und der Export erleichtert wird. Das grofse Haus für Herrenwäfche- Confection Julius Knotz war in hervorragender Weife vertreten; von feinen Neuigkeiten zeichnete fich befonders eine Gattung Herrenhemden aus, welche ohne angenähte Knöpfe ausgefertigt und mit den dazu gehörigen privilegirten Einlageknöpfen zugefchloffen werden, diefe letzteren find von den Abfällen jedes Stückes, mithin vom felben Materiale erzeugt, und können mit Leichtigkeit mittelft Seife und Bürfte gewafchen werden. Die vom felben Haufe zuerft in Handel gebrachten, elegant ausgeftatteten, fogenannten Wellenbrüfte für Herrenhemden haben die aufserordentliche Eigenfchaft, dafs fie nicht gefteift und geglättet zu werden brauchen; fondern auch nach dem Wafchen ihre Originalfaçon beibehalten. Die Wäfcheabtheilung des k. k. Hoflieferanten J. Prix zeichnete fich durch grofse Auswahl, gute Zufammenftellung und vorzügliche Ausftattung aus, das Leinenbatift- Hemd zum Preife von 500 fl. ift befonders der Stickerei wegen ein Prachtftück zu nennen, welches gerechte Bewunderung erregte. Schoftal& Härtlein excellirten mit vorzüglichen Erzeugniffen von Damen- Negligé- Artikeln, welches Fach diefes Haus auf das befte vertritt. Die grofse Firma Kramer& Neumann, k. k. Hoflieferanten, hatte( im Raume befchränkt) nur Fragmente ihrer Erzeugniffe gebracht, welche aber von der Leiftungsfähigkeit diefes Haufes die glänzendften Beweife gaben. Die Tauf- und Hochzeits- Ausftattungen, womit es fich am meiften befchäftigt, waren vorzüglich gearbeitet und befonders gefchmackvoll zufammengeftellt. Eine neue Art von Monogrammen, nach Freihand- Zeichnungen gedruckt, gab der ausgeftellten Tifchwäfche eine zierliche Form und ein befonders diftinguirtes Anfehen. Ignaz Hönig's berühmte Fabricate wurden zwar bereits( fiehe Cravaten) befprochen, allein die Wäfcheabtheilung feiner Fabrik mufs nochmals benannt werden, da die ausgeftellten Wäfchegattungen zu den beften Oefterreichs zu rechnen find. Auch in Böhmen, im Pilfner Kammerbezirke zu Pilfen und Klattau, wird die Wäfche- Erzeugung durch einige grofse Etabliffements fehr fchwunghaft betrieben und beträgt der Jahresumfatz heute fchon mehr als 300.000 fl.; doch repräfentirte nur ein Ausfteller aus Klattau diefe grofse, zumeift für induftriearme Gegenden fehr einträgliche Induſtrie. Aus Ungarn haben wir anerkennenswerthe Leiftungen der Wäfchefabrication zu vermerken: die Firmen Brachfeld, Münz, Kohn& Comp. und Hollos in Peft brachten Proben von feiner Arbeit und gutem Gefchmacke; die ungarifche Wäfchefabrication entwickelt fich in letzter Zeit auf rafche Weife, und mehrere diefer Firmen haben anfehnliche Exportgefchäfte aufzuweifen. Rufsland, welches bis jetzt feinen Bedarf an Luxuswäfche aus dem Auslande bezog, zeigt uns eine fchöne Collection von im Lande felbft erzeugten Waaren, welche den franzöfifchen Erzeugniffen zur Seite geftellt werden können. Die Häufer Reichel in Warfchau und Florand in Petersburg entwickeln befondere Thätigkeit und zeigten Herren- Leibwäfche, welche von den Fortfchritten. der ruffifchen Wäfchefabrication das befte Zeugnifs gab. Für den Export ift die geographifche Lage Oefterreichs die günftigfte, welche man fich denken kann, beinahe im Mittelpunkte des induftriell und mer cantil vorgefchrittenften Continentes, an der mächtigften Wafferftrafse Europa's gelegen, mufste es fich bis vor Kurzem, mit der Rolle des Vermittlers zwifchen der producirenden Induftrie des Weftens und den confumirenden Ländern des Oftens begnügen. Durch richtiges Erkennen der Lage und Verhältniffe und rechtzeitige Benützung der durch Kriege und andere Ereigniffe in den Nachbarländern eingetretenen Handels- und Betriebsftörungen hat die öfterreichifche Fabrication 32 Jofef Migotti. Wäfche. einen allgemeinen mächtigen Auffchwung genommen und ungeahnte induftrielle Erfolge errungen. Oefterreich fabricirt die bisher tranfito vermittelten Waaren bereits grofsentheils felbft und führt fie auf kürzeren Wegen zu billigeren Preifen an ihre Beftimmungsorte, dabei bleibt nebft dem Handelsgewinne auch der Gewinn des Erzeugers im Lande, der heute fchon nach Millionen zählt. Da fich diefer Umfchwung bereits vollzogen hat, fo ift es Aufgabe der Regierung, fowie der gefammten öfterreichifchen Induftriewelt, mit Energie und vereinten Kräften diefe Errungenfchaft zu erhalten und unfere mercantile Beherrfchung des Orients zu befeftigen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE STICKEREI UND DIE SPITZEN ( Gruppe V, Section 8) Bericht von DR. FERDINAND STAMM UND DIE FRAUENARBEITEN ( Anhang zu Gruppe V) Bericht von FRAU HELENE FREIIN V. RODITZKY, Vorfteherin des Civil- Mädchenpenfionats, Jofefftadt, Wien. WIEN. DRUCK IJND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE STICKEREI UND DIE SPITZEN. ( Gruppe V, Section 8.) Bericht von DR. FERDINAND STAMM. In der Spitzeninduftrie und in der Stickerei müffen wir gegenwärtig zwifchen der Handarbeit und der Mafchinenarbeit unterfcheiden. " Im Jahre 1782 wurde in England der Webftuhl für Spitzengrund, im Jahre 1809 die Bobbinetmafchine, im Jahre 1850 in den Vereinsftaaten von Nordamerika die Nähmafchine eingeführt und auf der Ausftellung 1873 kamen die Stickmaschinen zur Expofition. Der Mechanismus der Mafchine hat daher mit feinem mächtigen Rüftzeug den Kampf mit der Kunftfertigkeit der Frauenhand auf der ganzen Linie entwickelt und da bei der freien Entwicklung der wirkenden Kräfte in der gefammten Gewerbsthätigkeit einerfeits nicht an eine Unterdrückung der Mafchine zu denken ift, und anderfeits nicht an eine völlige Befiegung und Lahmlegung der Frauenhand, fo kann der Ausgang des Wettkampfes eben nur zu einem Ausgleich führen, in welchem die Theilung der Arbeiten zwifchen Hand und Mafchine beftimmt wird, und ihre Gebiete abgegrenzt werden. Freilich hat die Mafchine anfangs Verheerungen unter den Klöpplerinen hervorgebracht, denn es unterlief, milde gefagt, manche Täufchung" im Handel, indem fich die Mafchinenfpitze als„ echte Spitze" ausgab; auch die Einführung der Nähmafchine nahm anfangs mancher Hand das Brot, und fo wird auch die Stickmafchine von der Weltausftellung aus wieder neuen Schrecken verbreiten; aber die Handarbeiterinen mögen den Muth nicht finken laffen, der Angriff der Spitzenmafchine ift in England, Frankreich und Belgien abgefchlagen, neben der Mafchinenfpitze blüht in diefen Ländern die Induſtrie der Handfpitzen, und auch in Böhmen und Sachfen, die fehr in diefem Kampfe litten, beginnt eine neue Blüthe der Handfpitzen- Induftrie, wie die Weltausftellung Zeugnifs davon gab. Die Handnäherin und Stickerin aber können fich immer noch ein Gebiet abgrenzen, auf welches ihnen die Mafchine nicht fchädigend folgen kann. Die Weltausstellung 1873 ift dadurch befonders anziehend, dafs fie zum erften Male einen nahezu vollſtändig allgemeinen Ueberblick über die gefammten Länder geftattet und dabei mag denn in Bezug der Stickerei und Spitzenerzeugung auffallen, dafs viele Länder von dem hier angegebenen Kampfe der Mafchine gegen die Hand noch ganz unberührt find. Im hohen Norden fitzen die Frauen auf dem ganz abgefchloffenen Gebiete der Landfchaft Darlekarlien noch ruhig bei der Spindel und dem Webftuhle und fticken 2 Dr. Ferdinand Stamm. und nähen mit dem felbftgefponnenen Faden in die felbftgewebte Leinwand Zeichnungen, deren Züge an die Runen mahnen, und verfertigen Spitzen, welche nachzuahmen noch keinem Fabrikanten eingefallen ift. Die Chinefen, welche zu 400 Millionen Seelen, mehr als ein Drittel der ganzen lebenden Menfchheit, zählen, brauchen fich nicht erft durch ein Prohibitivfyftem vor der Ueberfluthung der Schweizer Mafchinen- Stickwaaren zu fchützen, ihre Handftickerei in bunten Farben, auf beiden Seiten des Stoffes von gleichem Anfehen, wird wohl noch lange von der Stickmafchine unangefochten bleiben, denn nach ihrer jetzigen Einrichtung kann diefe die Fäden nicht fo leicht wie die Hand nach verfchiedenen Farben aufnehmen und abreifsen und noch weniger das Ende der Fäden fo vernähen, dafs man es in der Zeichnung nicht bemerkt. Nahezu der ganze Orient, dann Rufsland, auch Spanien, Italien, Griechenland find noch unberührt von diefem Wettkampfe der Mafchinen und haben in der Hausinduftrie der Frauen eine uralte Technik und ererbte Formen und Eigenheiten der Zeichnung bewahrt, welche wenigftens mit den Formen ihres Kunftftiles übereinstimmen. Wir wollen nun zunächst die Handftickerei in Betrachtung ziehen und hier von der Hausinduftrie ausgehen. Wir beginnen mit China, das in feinen ausgeftellten Buntftickereien die Aufmerkſamkeit der fachkundigen Frauen unter den Befuchern der Ausftellung am lebhafteften anregte und auch verdiente. Die Technik, die Zeichnung und die Farbe ift daran hervorzuheben. Der Grund, worauf die bunten Stickereien ausgeführt werden, ift entweder ein glatter Stoff, Atlas und glatte Seide, oder ein fehr feiner, aber fchütterer Stoff nach Art des Stramins. Auf dem glatten, dichten Stoffe werden die Zeichnungen mit den gewöhnlichen Stichen ausgeführt, eigenthümlich ift nur der mannigfache Wechfel des Stiches bei derfelben Stickerei, um nach der Art des gezeichneten Gegenftandes verfchiedene Wirkungen hervorzubringen. Mit Vorliebe bringt die chinefifche Stickerin die Zeichnungen von Federn und allerlei Geflügel, dann von Schmetterlingen, weniger von Blumen, welche wieder bei den abendländifchen Frauen den gewöhnlichen Gegenſtand der Zeichnung bilden. Diefe Wahl ift zu loben. Die Vögel und Schmetterlinge haben reichere und glänzendere Farben als die Blumen, und die Feder läfst fich in der Stickerei täufchend nachahmen, indem man die zarten Fafern des Bartes der Feder durch lange Stiche in derfelben Richtung darftellt. Der fliegende Vogel ift auch auf einer Tapete und auch auf einem Gewandftücke, zweckmäfsig angewendet, ein gerechtfertigtes Motiv. Der fchüttere Stoff, auf welchen die Chinefen fticken, unterfcheidet fich von unferem gebräuchlichen Stramin durch feine Feinheit. Während die abend. ländifchen Frauen einen Stramin zur Tapifferie anwenden, welcher 3 bis 6 Fäden auf den Centimeter oder 6 bis 12 Fäden auf den Wiener Zoll hat, zähle ich auf dem vor mir liegenden gazeartigen Stoff, worauf eine chinefifche Stickerei ausgeführt ift, 17 Fäden auf einen Centimeter oder 38 Fäden auf den Wiener Zoll. Auf diefem feinen Stoffe ift die Stickerei nach Art der Tapifferie oder Straminftickerei ausgeführt, aber immer fo, dafs die Zeichnung und Farbe auf beiden Seiten des Stoffes gleich erfcheint. Das ift nur möglich, indem jedes Fadenende gut vernäht, das heifst, durch wiederholte Stiche unter den aufliegenden Faden verfteckt wird. Es gibt chinefifche Stickereien von einer Feinheit, dafs man wie bei ihren Filigranarbeiten oder Elfenbein- Schnitzereien glaubt, fie feien unter der Loupe gearbeitet. Die Eigenthümlichkeiten der chinefifchen Zeichnung find bekannt. Die Ornamente find fonderbar verzerrt oder eine ängftliche Nachahmung von fremd Die Stickerei und die Spitzen. 3 artigen Naturgegenständen. Kunftforfcher haben aber aus der Vergleichung der chinefifchen Ornamente von verfchiedenen Zeitaltern ihrer Gefchichte nachgewiefen, dafs der Stil ihrer Ornamentik eben folche Veränderungen durchgemacht hat, wie der anderer Völker und dafs erhaltene Kunftfachen aus alten Zeiten, die chinefifchen Antiquitäten, eine weit gefälligere Ornamentik zeigen, die am meiften Aehnlichkeit mit der phantafievollen reichen Ornamentik der Indier hat. Die jetzigen Ausfchreitungen der Ornamente, der chinefifche Stil, ift daher mit der bei uns überwundenen Rococcozeit oder dem Barockftil zu vergleichen, der als eine Ausfchreitung und Verzerrung der edlen Renaiffance angefehen werden kann. Was die Wahl der Farben betrifft, fo herrfchen die hellen und kräftigen Hauptfarben von Roth, Gelb und Blau vor, die verblafsten und die verdunkelten Farben, fowie das farblofe Schwarz und das fchmutzige Grau, welches fich in dem Abendlande fo breit macht, find auf den chinefifchen Stickereien faft ganz vermieden. Die Zuſammenſtellung der Farben ift immer harmoniſch und wirkfam. Die vorzüglichen Farbftoffe und der Glanz der Seide, deren fie fich zu ihren Stickereien bedienen, begünftigen hier den Gefchmack der Stickerin. Gold und Silber ift immer nur als Farbe den anderen Farben eingefügt und dort gebraucht, wo man das fchöne Gelb der chinefifchen Seide noch nicht für kräftig genug hält, und den Glanz erhöhen will. Spiegelndes Gold, wie es der Goldlahn und die Goldflitterchen bilden, kommt auf chinefifchen Stickereien nur felten vor. Die Stickerei der Japanefen ift nach der Technik der Zeichnung und Farbe jener der Chinefen verwandt, aber im Allgemeinen weniger kunftvoll und weniger mühevoll gearbeitet. Das Ornament ift leichter und gefälliger, meift nur auf einer Seite des Stoffes vollkommen ausgeführt, alfo mit einer Lichtfeite und Kehrfeite. Auch in den japanefifchen Stickereien herrfchen die Nachahmungen der Vögel und Blumen vor. Auf der Wiener Ausstellung war der mit Farben prangende Hahn im Kreife der Hühner und Küchlein, Weizenkörner aufpickend, zahlreich dargestellt. Die Zeichnungen der Japaneſen find aber reiner, als die der Chinefen und unferem Auge gefälliger. Die Beimengung der grotesken Figuren von Drachen, anderen Ungeheuern und von Symbolen, welche unfer Auge anwidern, fehlt faft gänzlich. Wenn im Orient im Allgemeinen die Stickerei fehr verbreitet ift, da die leichten Gewänder, die Zelte und andere leichte Schutzmittel gegen die läftige Sonne reichlichen Stoff und Anregung zur Verzierung boten, fo kann man Indien die eigentliche Heimat derfelben nennen. Durch die Engländer wurden denn auch auf der Weltausftellung 1873 fehr fchöne Stickereien aus Indien herbeigebracht, darunter kunftvolle Shawls und Gewänder, befonders in Goldftickerei. Als die koftbarften und fchönften mögen jene angefehen werden, wo das Gold den Grund der Stickerei bildet, und die Zeichnung durch verfchiedenfarbige Seide ausgeführt ift, wie das Gewand, das die Figur des Nabob in feinem gefchmückten Zelte trug. Auch andere Arten von Buntftickereien waren aus Indien ausgeftellt, die von dem hohen Stande der Stickerei bei einem Volke zeugen, das an Kunftfertigkeit und Kunftfinn, an Phantafie und feinem Gefühle für Farbenharmonie den meiften anderen vorangeht, aber diefe Ausftellung ftand jenen in London 1862 und in Paris 1867 nach, und liefs eher auf einen Rückfchritt als Auffchwung fchliefsen. Die Engländer find feit längerer Zeit Herren des fchönen Indien und die Induftrie des Volkes fteht unter ihrem Schutze. Man hätte nun erwarten follen, dafs die Engländer von den muftergiltigen Arbeiten und der hohen Kunftinduftrie des Volkes, mit dem fie in regftem Verkehre ftehen, den gröfsten Nutzen ziehen würden, indem fie nach diefen Muftern ihre eigene Induftrie künftlerifch veredelten, dafs fie namentlich ihren Farbenfinn an den indifchen Muſtern ausbilden, und die reiche Ornamentik zur Bereicherung der eigenen Ornamentik in allen Kunftgewerben ausnützen werden; und es fehlte auch nicht an zweckmäfsiger Belehrung dazu durch Kunftforfcher, welche in fehr werthvollen Werken diefe Schule der 4 Dr. Ferdinand Stamm. Ornamentik in England zu verbreiten fuchten; allein es gefchah und gefchieht in unverantwortlicher Weife das Gegentheil, wie die Engländer in ihrer Ausftellung 1873 vielleicht unwillkürlich verrathen haben. Anftatt die fchönen, echten Farben, wie fie die Indier zu bereiten wiffen, in die englifche Färberei einzuführen und den englifchen Stoffen dadurch einen höheren, immer geltenden Werth zu verfchaffen, führen fie die Eintagsfarbe, die dem Renommée der Textilinduftrie im Allgemeinen gefährlichen Anilinfarben, nach Indien ein und laffen die kunftfertigen Gewebe und Stickereien damit verderben; anftatt die guten Mufter und das indifche Ornament in England einzuführen, laffen fie in Indien Stoffe mit fchottifchen Muftern weben, langweilige Viereckmufter, Grau in Grau oder in fehlerhaften Farben- Zuſammenftellungen. Die Ausftellungen von Perfien und der Türkei ergänzen die Kunftinduftrie der Stickerei des Orientes in der gefälligften Weife. Die perfifchen Stickereien geben durch Technik, Zeichnung und Farbenpracht Zeugnifs, dafs diefe Kunftinduftrie aus der Blüthezeit des Volkes in lang vergangenen Jahrhunderten noch erhalten ift, wenn auch in den befcheidenen Grenzen der Hausinduftrie, während fie einft einen reichen Ausfuhrartikel bildete. Auch unter den verfchiedenen Völkern, welche das türkifche Reich vereinigt, hat die Kunftinduftrie der Stickerei aus der Blütheperiode der Vorherrfchaft der Muhamedaner fich vererbt, wie die zahlreich ausgeftellten Proben der türkifchen Abtheilung zeigen. Ueberblicken wir den ganzen Orient, fo bemerken wir bei den verfchiedenartigen Stilarten der Ornamente der Chineſen, Indier, Perfer, Araber und Mauren doch eine Gleichartigkeit der Farbenharmonie, die fich in ihrer Buntftickerei zu erkennen gibt. Die farbige Stickerei herrfcht vor zum Unterfchiede des Abendlandes, bei deffen Völkern die Weifsftickerei vorherrfcht und die Zeichnung zur Hauptfache wird. Das gefammte Abendland hat feine Kunftbildung aus Griechenland empfangen. Die kunftfinnigen Hellenen wurden vertrieben und vernichtet, andere Völker fetzten fich im Lande feft, die von der griechifchen Kunftblüthe abgetrennt waren. Die Stickereien aus Griechenland, welche in der Weltausftellung 1873 zur Anfchauung kamen, find in morgenländifchen Stilarten wie die der Türken gehalten. Wir müffen in Italien die hellenifche Kunftrichtung und den griechifchen Stil auffuchen und wir finden ihn auch in allen Fächern der Kunftinduftrie. Die Ausftellung der Frauenarbeiten und Schulen aus Italien und namentlich die Stickereien von dort bieten einen fchönen Beleg dafür. Diefe Ausstellung gehörte zu den fchönften aller Völker und zeugte von der bedeutenden Höhe der Kunftbildung, welche nicht nur unter den Männern, fondern auch unter den Frauen in Italien verbreitet ift. Es waren vorzügliche Goldftickereien und Buntftickereien darunter, welche den guten Gefchmack in der Farben- Zufammenftellung zeigen; noch vorzüglicher waren aber die Stickereien Weifs auf Weifs oder Schwarz auf Weifs, wo die Zeichnung und die Schattirung allein wirken mufs. Mehrere Ausftellerinen, Meifterinen mit der Nadel, hatten fich verfucht, mit dem Zeichenftift und der Zeichenfeder des Künftlers zu wetteifern und haben mit fchwarzer offener Seide auf weifsem Atlas geftickte Bilder angefertigt, welche für feine Kupferftiche gehalten werden können. Andere haben in den eigentlichen Grenzen der einfärbigen Stickerei die Zeichnungen Weifs auf Weifs ausgeführt und grofse Wirkung damit erzielt. Die Schönheit der Ornamentzeichnung im Renaiffanceftile, die Feinheit und Reinheit der Ausführung in den zarteften Linien ift gleich bewunderungswürdig. Noch Andere haben die weifse Zeichnung auf gleichem Grunde gehoben nach Art eines Reliefs in Holz oder Metall. Es ift das nicht ohne Gefahr einer Uebertreibung und Verzerrung, befonders wenn die Zeichnung in grofsem Maſsſtabe angelegt wird, weil dann die Hochrelief- Stickerei plump und widerlich erfcheint. Die Stickerei und die Spitzen. 5 Die ausgeftellten Arbeiten aus Italien hielten fich aber ftreng in der Art des Niedlichen, etwa wie man ein Relief auf einer kleinen Elfenbein- Tafel ausführt, mit dem die Stickerei auch Aehnlichkeit hatte und nur durch das matte Weifs fich vortheilhaft von der Elfenbein- Schnitzerei unterfchied.- In den Buntftickereien wetteifert die Italienerin erfolgreich mit den Farben der Malerpalette. Der hohe Glanz der Seide, welcher alle Farben verfchönert, ift durch die dem Maler zur Verfügung ftehenden Farben nicht zu erreichen, ebenfo nimmt die Schafwolle eine fo kräftige Sättigung der Farbe an, dafs fie der Maler nicht auf feiner Palette findet. Wenn nun die Stickerin, wie der Gobelinweber, eine kunftgebildete Malerin ift, und eine fchöne Zeichnung mit dem Effecte des ihr zur Verfügung ftehenden Colorites zu verbinden weifs, fo ift ihr der Sieg über die Aquarell- und Oelmalerei gewifs. Die italienifche Ausftellung der Frauenarbeiten zeigte folche Siege der Kunftftickerei. Auch ihre Goldftickereien find vorzüglich, fei es nun, dafs fie das Gold nur in feinen weitgefchwungenen Linien anwenden und damit eine glänzende und doch angenehme Wirkung erreichen; fei es auch, dafs fie in der fchwerften Goldftickerei nach Art der Orientalen durch verfchiedene Arten Goldfäden und durch verfchiedene Sticharten den Glanz des Reichthums durch eine kunftvoll orna mentirte Zeichnung noch veredeln. Von Italien, der Heimat der abendländifchen Kunft, aus verbreitete fich die Stickerei als ein Kunftwerk der Frauenhand vorzugsweife auf zwei Wegen durch Europa und feine Colonien, wie fich gefchichtlich nachweifen läfst und wie die Weltausftellung 1873 beſtätigte. Einmal durch die Pflege der fchönen Künfte an den Höfen und dann durch die Frauenklöfter. Alle durch ihren Einfluss auf die Politik oder durch ihren Antheil an der Hebung der Cultur berühmt gewordenen Fürftinen, Königinen und Kaiferinen waren auch vorzügliche Stickerinen, wie die Kunftgefchichte lehrt und ift durch die Kleinodien der Kunftmufeen an alten Stickereien und Spitzen in Deutſchland, Frankreich, England und anderen Staaten belegt. Im Mittelalter beftanden am Kaiferhofe und an anderen Fürftenhöfen förmliche Bildungsanftalten für Töchter aus den Adelsgefchlechtern, an deren Spitze die Hausfrau vom Hofe felbft ftand. An Arbeit fehlte es den Mitgliedern des" Frauenzimmers" nicht. Für die Feftlichkeiten des Hofes, für Turniere und andere Schauftellungen waren zahlreiche geftickte und verzierte Gewänder nothwendig, fie wurden auch, wie uns die Heldengefänge und die trockene Gefchichte erzählen, als Gefchenke und Angedenken vertheilt, und fo kamen diefe Kunftarbeiten der Frauenhand in weite Kreife. Von diefen kunftfinnigen königlichen Frauen wurden zahlreiche Frauenklöfter gegründet, manche mit dem beftimmten Zwecke, in ihren Schulen adelige Fräulein in den Wiffenfchaften und in den Künften zu unterrichten, nach Art der modernen Penfionate. In diefen Kreifen wurden nun grofsartige kunftvolle Arbeiten ausgeführt. Alte Krönungsmäntel, wie fie noch mehrere Höfe bewahren, Mefsgewänder, wie z. B. die fogenannten burgundifchen in der kaiferlichen Schatzkammer zu Wien, geben Zeugnifs von diefer Kunftblüthe an Höfen und in Klöftern. Von beiden Kreifen aus verbreitete fich die Kunftfertigkeit der Frauen und namentlich die Stickerei, worunter auch die Spitzenarbeiten begriffen find, weiter und weiter bis unter die Frauen des Volkes, wenn auch nur das weniger Kunftvolle in der Technik aufgenommen und auf wohlfeile und geringe Stoffe angewendet wurde. Hier wurde es aber feftgehalten und vererbte fich von Gefchlecht zu Gefchlecht durch viele Jahrhunderte als Hausarbeit, während die Ausbildung der Gewerbe und Fabrication in den hohen Volksfchichten Alles geändert hat. Wenn man von diefem Standpunkte aus die Stickereien in den verfchiedenen Abtheilungen der Ausftellung überfchaut, fo kann man fich manches überrafchende Räthfel in der Arbeitsart und in der Ornamentik erklären. 6 Dr. Ferdinand Stamm. Allen fachverständigen Frauen fällt es auf, dafs die Handftickereien der Bäuerinen aus Rumänien, Mähren und aus dem hohen Norden von Schweden gleiche Mufter haben. Den Kunſtforfcher mag es noch mehr überraschen, dafs diefe Mufter genau diefelben find, wie fie vor drei Jahrhunderten der Venetianer Friedrich de Vinccolo nach noch weit älteren Arbeiten abgezeichnet und in einem Mufterbuche veröffentlicht hat. Das Mufterbuch war lange Zeit vergeffen und wurde erft durch die Thätigkeit der neuen Kunftmufeen wieder zur Geltung gebracht, weder die rumänifchen noch die fchwedifchen Frauen haben in unferen Tagen ihre Ornamente daraus genommen, fondern von den ererbten Mufterbändern, die von Mutter auf Tochter übergehen oder von verfchliffenen alten Gewändern; die gemeinfame Quelle ift in den Klöftern zu fuchen, die von Italien ausgingen oder von den Höfen des Mittelalters. Die brafilianifchen Stickereien und Spitzen überrafchen auch durch ihre Aehnlichkeit mit den ſpaniſchen und portugiefifchen, aber nur fo lange, bis man fich erinnert, dafs fie eben nur von den Nachkommen der nach Südamerika eingewanderten Spanierinen und Portugiefinen gearbeitet find. Der Zufammenhang der Induftrie aller abendländifchen Länder liegt auf der Ausftellung uns ebenfo klar vor Augen, wie der Zufammenhang der weiblichen Arbeiten aus dem Orient. In der öfterreichifchen Ausftellung kann man die Berührung der Grenzen zwifchen beiden beobachten; Dalmatien ornamentirt morgenländifch, auch an den Stickereien der Magyaren bemerkt man orientalifche Ornamente, die Siebenbürger Sachfen haben das abendländifche Ornament am weiteften nach Often getragen, in der Bukowina und in Galizien vermengen fie fich. Auch Spanien läfst an feinen Stickereien erkennen, dafs es abwechselnd von romanifchen und arabifchen Kunftrichtungen beherrscht war. Die Frauenarbeiten aus den Städten und aus den Adelskreifen, welche aufser Italien nur Oefterreich ausgeftellt hat, zeigen, dafs hier jeder Zufammenhang der neuen Zeit mit der alten Zeit fehlt. Dasfelbe würde wahrzunehmen fein, wenn Deutſchland, Frankreich und England aus den bürgerlichen und adeligen Frauenkreifen Arbeiten gebracht hätten. Die Induftrie, welche für alle Bedürfniffe forgt, hat fich dazwifchen gedrängt. Die Frauen fticken wenig und wenn fie fticken wollen, wiffen fie nicht recht, nach welcher Technik und nach welchem Stil. Da foll eine illuftrirte Mufterzeitung oder ein Berliner Tupfblatt aushelfen, aber die Redaction diefer Zeitungen und die Kunftverlags- Handlungen wiffen es auch nicht, und fo kann nur ein Babel von neuen Verfuchen eintreten, wie die Ausstellung der Dilettantinen zeigte, oder allgemeine Entmuthigung, welche die Frauenhände ruhen läfst, während fie doch ganz vorzugsweife zur Kunftfertigkeit geeignet find, wie die Frauenarbeiten zeigen, welche ihnen in der Vorzeit grofsen, unfterblichen Ruhm eintrugen, wenn fie fich eben auf das ihnen vorbehaltene Gebiet befchränken, wozu befonders die Kunftſtickerei gehört. Mögen die Frauen darauf verzichten, eine neue Technik, wie z. B. die bei Anfertigung der Frivolitäten, zu ergrübeln, wenn fie fich in der Weltausftellung die verfchiedenen Stickereien anfahen, fo werden fie fo viele fchon erprobte Arten des Stiches und anderer technifchen Vortheile gefunden haben, dafs fie einfehen können, fie genügen, die fchönften Wirkungen damit zu erreichen. Auch die vorhandenen guten oder echten Farben genügen, wie befonders die Buntftickereien aus Indien, China und Japan beweifen, und fie können die leicht vergänglichen Anilinfarben entbehren. Was endlich die Zeichnung betrifft, welche der Stickerei erft den wahren, bleibenden Werth gibt, fo hängt fie immer von dem Zweck des verzierten Stoffes ab, denn als Gewand oder Kleidungsstück, als Wandtapete, als Decke, als Ueberzug eines Polfters oder eines Geräthes u. f. w. mufs die Zeichnung der Stickerei in dem Stile des Gegenftandes gehalten fein, wozu die Stickerei als Schmuck und Verzierung dienen foll. Die Stickerei und die Spitzen. 7 Um aber den Stil zu beurtheilen und darnach die Zeichnung zu entwerfen oder auch nur nach Vorlagen auszuwählen, mufs fich die Frau eine allgemeine Kunftbildung erwerben oder den Rath eines Kunfterfahrenen einholen. Es ift das für eine Frau nothwendiger und koftet weniger Mühe als etwa die Erlernung des Clavierfpiels, auf welche fie mehrere Jahre zu verwenden kein Bedenken trägt. Die Ausftellungen der Frauenarbeiten in der italienifchen, fchwedifchen und befonders die Dilettantenarbeiten in der öfterreichifchen Abtheilung hatten, von einer Kritik des Einzelnen ganz abgefehen, den grofsen Werth, dafs fie das eifrige Streben und den ernften Willen der Frauen zeigten, das angeborene künftlerifche Talent wieder auf einem dem Frauenberufe würdigen Kunftgebiete geltend zu machen, und einen bienenartigen Fleifs verrathen haben, den fie auf Werke verwenden, die den Frauen der Vorzeit hohen Ruhm eingetragen und auch den Frauen der Jetztzeit den Lorbeer der Kunftfertigkeit winkend entgegen halten. Die Mittel dazu find für die heranwachfenden Mädchen die verbefferten Arbeitsfchulen und für die Frauen die in den Mufeen für Kunft und Induftrie wieder aufgefchloffenen Fundgruben der alten Kunft.*) Der abgeriffene Faden mufs wieder angeknüpft werden. Das Vereinswefen ift die neue Form gemeinfamer Arbeiten. So mögen fich Frauenvereine bilden zur Hebung der Kunftinduftrie der Frauen durch Unterricht in der Technik und durch Verbreitung guter Mufter und Vorlagen. Die Maſchinenftickerei. In den meiften Staaten des Abendlandes, befonders in Oefterreich, Deutfchland, Frankreich, England und der Schweiz hat fich neben der Hausarbeit ein befonderes Näherei- und Stickereigewerbe herausgebildet, das in einzelnen Gegenden von Frankreich, in der Schweiz und in Oefterreich zu einem Fabricationszweig erweitert ift mit ausgeführter Arbeitstheilung. Ein Unternehmer vertheilt den Stoff und die Stickmufter an einzelne Arbeiterinen und vertreibt die erzeugte Waare im Handel. Wie bei anderen Fabricationszweigen, z. B. bei der Uhrmacherei, arbeitet dann ein Mädchen ein und dasfelbe Mufter auf einem fchmalen Streifen Jahre lang. Es lag nun nahe, diefe leichte, einförmige Arbeit durch eine Mafchine ausführen zu laffen und die Stickmafchine wurde erfunden und in Verwendung genommen, wie fie in der Ausftellung 1873 viel Auffehen erregte. Die Mafchine befteht aus einem grofsen, fenkrecht geftellten Rahmen, in welchem der Stoff ausgefpannt ift, auf welchem die Stickerei nach einem beftimmten Mufter wohl hundert und mehr Mal zugleich ausgeführt werden foll. Zu diefem Zwecke fteht auf beiden Seiten des Rahmens ein bewegliches Geftell, das eine lange Reihe von Zangen trägt. Das Geftell kann auf Rollen vorwärts gegen den aufgespannten Stoff und wieder zurück geführt werden, wobei fich die Zangen zugleich öffnen. und wieder fchliefsen. Einer Zange diefsfeits des aufgefpannten Stoffes fteht immer eine Zange auf der anderen Seite genau gegenüber. Dazu kommt eine Nadel, die auf beiden Seiten zugefpitzt ift und in der Mitte das Oehr für den Faden hat. Die eingefädelten Nadeln werden mit dem einen fpitzigen Ende in die Zangen der einen Seite gefteckt, und nun beginnt das Spiel des Mechanismus. Die Zangenreihe bewegt die Nadeln gerade gegen den Stoff und fticht fie mit dem anderen fpitzigen Ende durch. In diefem Momente ftehen auf der anderen Seite die offenen Zangen, bereit die durchgefteckte Nadel am anderen Ende zu faffen und mit dem Faden durchzuziehen. Durch einen Mechanismus, den der Arbeiter leitet, werden die durchgezogenen Nadeln etwas verrückt, um an einer neuen Stelle, wie es die Zeichnung verlangt, von den Zangen, welche jetzt die Nadeln halten, wieder durchgeftochen *) Siehe: Die Frauenarbeiten von Helene Freiin v. Roditzky. 8 Dr. Ferdinand Stamm. zu werden, und dann ergreifen fie die Zangen diefsfeits des aufgefpannten Stoffes, um fie mit den Faden durchzuziehen. So wechfelt das Spiel der Zangen wie die Finger zweier Hände, die abwechſelnd rechts und links die Nadel durchftechen und die Stiche ausführen. Sinnreich ift der Mechanismus, die Zangenreihen und auch die Nadeln zu ftellen, damit fie der Linie einer Zeichnung folgen. Dazu dient ein Hebelwerk in der Form eines Storchſchnabels oder Pantographen. Der Arbeiter an der Seite des Rahmens hat die Zeichnung in grofsem Mafsftabe vor fich, und wo er den Zeiger am Hebel in der Zeichnung aufftellt, dort führt die Mafchine die Stiche mit hundert Nadeln in derfelben Ordnung aus, aber in dem verkleinerten Mafsftabe, wie die Stickerei beabfichtiget ift. Die Zeichnung kann auf diefe Art fehr genau ausgeführt werden. Jeder Stich mit der Mafchine dauert länger als mit der Hand einer geübten Stickerin, da aber bei der Stickerei fchmaler Streifen auf der einen Mafchine, welche in der Ausftellung arbeitete, diefelbe zweihundertundacht Mal neben einander mit ebenfo viel Nadeln, die alle der Hebelftellung zugleich folgen, ausgeführt wurden, fo kann man berechnen, dafs die Arbeit wohl fünfzig bis hundert Mal ſchneller vollendet wird als mit der Hand. Die Mafchine mufs aber der Hand noch viele Stickereien überlaffen, da fie nur für Weifsftickerei von mäfsiger Feinheit eingerichtet ift. Die Nadel mufs feft und ftark fein, fie hat das Oehr an der mittleren ftarken Stelle und muss den Faden neben der Nadel durch den Stich zwängen, fo dafs der Stich ein übermäfsig grofses Loch macht, das der Faden allein nicht füllt. Sie führt nur eine Art Stiche aus und ift für Buntftickerei, wo der Faden oft gewechfelt werden muſs, nicht anwendbar. Das bezieht fich nur auf die Technik; in der künftlerifchen Leiftung, wo die Handftickerin nach ihrem Gefchmacke und Kunftgefühle die Zeichnung während der Arbeit zur gröfseren Wirkung bringt, kann die Stickmaschine noch weniger mit der kunftfertigen Hand wetteifern. Die Handfpitzen. Die Londoner internationale Ausftellung 1862 brachte die englifchen Spitzen zur Geltung. Nicht allein Alles, was in dem Ausftellungspalafte an vorragender Stelle von Spitzen aufgehängt war, mehr noch, was an einem fchönen warmen Sonntag im Hydepark die luftwandelnden Ladies und Misses in der Form von Schleiern, Mantillen, Shawls und Borten an Spitzen trugen, war fo fchön, fo kunftvoll und reich, dafs es den Sachkenner entzücken mufste. Der zarte Lilienteint der blondlockigen Engländerinen wird durch einen Spitzenfchleier noch erhöht, und wieder erhöhen diefe ätherifchen Geftalten die Wirkung der zarten Spitzen. Der Gaft aus füdlichen Gegenden konnte diefe Frauen, wie fie über den grünen Sammtteppich des Parkes hinzogen, für Feenerfcheinungen aus einem Mährchen halten. Die Parifer Weltausftellung vom Jahre 1867 zeigte, was die franzöfifche Spitzeninduftrie leiften kann, in vollfter Pracht. Hier war die Spitzenrobe das Meisterwerk, und wenn man auf der Etiquette einer folchen Robe las, dafs fie zwanzig Taufend Francs kofte, fo konnte man auch dann, wenn man weniger vertraut war mit der Technik diefer Induſtrie, fchon ermeffen, welche Arbeitsmühe, Kunftfertigkeit und Kunftleiftung in einem folchen Werke der Nadel oder des Klöppels enthalten fei. Wer nun die Gunft genofs, einem Ballfefte im Hôtel de Ville oder einem Hoffefte in der Ausftellungsfaifon anzuwohnen, und hunderte Damen in folchen Spitzenroben auf rothem Sammt und blauer Seide, jede Robe nach einer befonderen freien Zeichnung, jede ein Original, fo dafs man von der Spitzenrobe einer oder der anderen Herzogin, wie von ihrem Diamantenfchmuck in befonderer Faffung Die Stickerei und die Spitzen. 9 fprach, und wer vor Allen die Kaiferin in einer Spitzenrobe fah, die vierzig Taufend Francs koftete, Alles von franzöfifchen Händen verfertigt, der konnte fich von der Ausdehnung und Blüthe der franzöfifchen Spitzeninduftrie einen richtigen Begriff machen. Auf allen Ausftellungen war die berühmte belgifche Spitzeninduſtrie würdig vertreten, wenn fie in London auch wenn fie in London auch der englifchen, in Paris der franzöfifchen einheimifchen Induftrie an Reichthum der Ausftellung nachftand. Man kann nun fragen: Hat in der Wiener Weltausftellung 1873 die öfterreichifche Spitzeninduftrie den Vorrang unter den Spitzen eingenommen, wie bei den vorangehenden Ausftellungen die einladenden Staaten? Man durfte das nicht erwarten. Oefterreich hat noch keine fo reiche Bevölkerung wie Grofsbritannien und Frankreich, es zählt noch nicht die Damen nach Taufenden, welche fich Spitzenfhawls zu 500 Guineen und Spitzenroben zu 20.000 Francs kaufen und keinen Spitzenfhawl und keine Spitzenrobe mit einer Zeichnung tragen, die noch eine zweite Dame im Lande befitzt; und Oefterreich hat auch noch keinen fo entwickelten Spitzenhandel wie Belgien, der über Millionen Gulden Betriebsfond verfügt und Verbindungen mit allen Culturländern hat. Noch fehlt auch unferen Damen der patriotifche Stolz, ein gleich gutes einheimifches Erzeugnifs vielleicht defshalb vorzuziehen, weil es wohlfeiler ift; zu den Fehlgriffen der Producenten kommen alfo in Oefterreich auch noch Unvollkommenheiten der Käufer; allein wir werden doch auch von einem erfreulichen Auffchwung erzählen können, welchen in der letzten Zeit die Spitzeninduftrie nahm, wie die Ausftellung zeigte. Was die Gruppe der Spitzeninduftrie in der Weltausftellung 1873 vor den früheren Ausftellungen auszeichnete und befonders anziehend machte, das war die Vollständigkeit der Sammlung, indem die meiſten Staaten, welche die Ausftellung befchickten, auch Spitzen brachten. Wir beginnen mit jenen aus der türkifchen Abtheilung, welche bisher dem europäiſchen Markte fremd geblieben find, mit den fyrifchen Spitzen. Sie find die einzigen Spitzen aus dem Oriente, und nach der Technik wie nach der Form ganz eigenartig. Zum Theile gefchlungen, zum Theile geknüpft, bilden fie kleine Zacken, wahre Spitzen oder Zähnchen, Dentelles, oder auch verfchieden geformte Sternchen, die, aneinander gereiht, zu einem reizenden Befatz von Gewändern und Schleiern dienen. Der Orientale liebt die Farbe, auch diefe Spitzen find meiftens färbig und bunt. Aus Gold nehmen fie fich prächtig aus. Bei aller Feinheit find fie doch dichter als alle anderen Spitzen des Abendlandes und daher ein Uebergang von dem Gewebe zur durchbrochenen Spitze. Wir machen die Mufeen für Kunstinduſtrie auf diefe Spitzen aufmerkfam. Diefe Anftalten find zunächft berufen, diefer Arbeit Eingang unter den abendländifchen Frauen zu verfchaffen, indem fie Proben davon in ihre Sammlungen aufnehmen und zur allgemeinen Anfchauung bringen. Im Oriente vertritt das gazeartige, durchfichtige Gewebe als Schleier und Oberkleid die Spitze. Diefes Gewebe trägt dann eine zarte Stickerei, meift aus Goldfäden, welche die Zeichnung der Spitzen bilden. Kommt die Spitze vor, wie es in der chinefifchen Abtheilung der Fall ift, fo ift es in der Form der ausgezogenen Arbeit, wobei ftellenweife das Gewebe verdünnt wird durch das Ausziehen einzelner Fäden und die übrigen Fäden fo verknüpft und angeordnet werden, dafs eine Zeichnung entſteht. Diefe Arbeit führte zum rechtwinkligen oder fchrägen Netz, deffen Mafchen man in einer Weife ausfüllte, dafs die Füllung eine Zeichnung bildet. Wenn wir aus den Proben, welche die Wiener Weltausftellung zur überfichtlichen Anfchauung brachte, den Urfprung der abendländifchen Spitzen aus dem Oriente auch nicht nachweifen können, fo nehmen doch die Kunftforscher, wie Nardi, an, dafs die Italiener die Verfertigung der Spitzen von den Saracenen in Sicilien und die Spanier von den Mauren gelernt haben, und in der That 10 Dr. Ferdinand Stamm. deuten die fremdartigen Namen, womit die Italiener die Spitzen und das Spitzenmachen bezeichnen, darauf hin. Der Hauptgrund, warum die Spitze im Abendlande eine fo hohe Ausbildung und weite Verbreitung fand, liegt wohl darin, dafs die Spitze nur durch die Zeichnung ohne Rücksicht auf die Farbe wirkt, alfo nur ganz weifs oder ganz fchwarz, ja dafs fie gefärbt weniger beliebt ift; der Orientale hingegen will Alles färbig haben, daher er das reine Weifs und das tiefe Schwarz in grofsen Flächen meidet. Die Spitze in ihrem wahren Wefen ift eine vom Stoffe abgehobene Zeichnung. Die Zeichnung ift entweder nur durch die einzelnen Fäden lofe aneinander gereiht, wie Point coupé Guipure und mehrere Arten der alten venetianifchen Spitzen, oder fie hat einen fehr zarten weitlückigen Grund, welcher die Farbe der Unterlage der Spitze nur etwas dämpft. Das gefärbte Kleid, über welchem die Spitze getragen wird, oder auch die noch zartere Unterlage des Teintes der Wange oder des Armes, den die Spitze fchmückt, ift der eigentliche Grund, von welchem fich die Spitze als Ornament abhebt. Den Werth der Spitze beftimmt daher nicht fowohl der Stoff und die Farbe. als vielmehr die Schönheit der Zeichnung. Die Verfertigungsweife oder Technik, welche die Schönheit der Zeichnung, ihren Schwung und ihre Abwechslung fördert und der Phantafie des Zeichners die wenigften Feffeln anlegt, ift daher auch als die vorzüglichfte anzufehen. Im Allgemeinen hat die Spitzenarbeit im Abendlande denfelben Weg der Verbreitung gefunden, wie wir ihn für die Stickerei angedeutet haben, neben der Hausinduftrie hat fich aber früher, als bei der Stickerei, die für den Handel arbeitende Gewerbsthätigkeit entwickelt. Nach der Zeitfolge hat fie zuerft in Italien und Spanien, dann in Frankreich und England geblüht und fich zuletzt in den Niederlanden und in einigen Gegenden von Deutſchland, hier befonders auf dem Erzgebirge, entwickelt. Wenn wir die in der Weltausftellung 1873 ausgeftellten Spitzen nach ihrem Range in der Volkswirthfchaft richtig beurtheilen wollen, fo müffen wir die Hausinduftrie, die Erzeugung der Spitzen zum eigenen Gebrauch oder nur als Neben arbeit und die für den Handel beftimmte Gewerbsthätigkeit und Fabrication unterfcheiden. Die letztere ift vorzugsweife in Frankreich, England, Belgien und in Deutfchland entwickelt, in den anderen Ländern ift die Spitzenarbeit auf der Stufe der Hausinduftrie ftehen geblieben oder auch vor dem früher ausgebreiteten Handelsgewerbe auf diefe Stufe wieder zurückgegangen. So hat Schweden fehr intereffante Spitzen aus Darlekarlien ausgeftellt, welche, wie man uns fagte, feit Jahrhunderten in gleicher Weife die Frauen als Nebenarbeit und meiftens zum eigenen Gebrauche verfertigen. Sie ſpinnen fich dazu den Flachs, weben das Gefpinnft und verfertigen daraus nach einer in früheren Jahrhunderten durch die Klofterfrauen eingeführten Weife Spitzen mit althergebrachten Muſtern. Es ift das die ausgezogene Arbeit, in Italien Punto tirato, in Frankreich fils tirés genannt. Durch das Ausziehen einzelner Fäden aus einem Gewebe wird ein lückiges Netz gebildet und mit der Nadel werden dann die Fäden unter einander verbunden und das Netz fo ausgefüllt, dafs fehr gefällige Ornamente entſtehen. Noch eigenthümlicher find die ruffifchen Spitzen, die gleichfalls nur als häusliche Nebenarbeit ausgeführt werden. Die Zeichnung befteht in einem vielfach gewundenen Bande, das mit den Krümmungen des Wurmes Aehnlichkeit hat, und das durch engeren und weiteren Spitzengrund zufammengehalten wird. Eine entfernte Aehnlichkeit hat die Zeichnung mit der genuefifchen Guipure aus älterer Zeit. Die Stickerei und die Spitzen. 11 In Italien, das einft von Venedig und Genua aus koftbare und fehr fchöne Spitzen in den Handel brachte, ift die Spitzenarbeit auf die Hausinduftrie zurückgegangen. In der Verbindung mit der kunftvoll ausgebildeten Stickerei verfertigen die Frauen, wie wir an den ausgeftellten Proben in der Weltausstellung fahen, noch fehr fchöne Spitzen in der Weife der alten italienifchen Spitzen. Man konnte fich davon aus der Vergleichung der ausgeftellten neuen Spitzen mit der fehr intereffanten Sammlung alter italienifcher Spitzen, Merletti, überzeugen, welche in der Expofition des amateurs von Italien ausgeftellt war. In Italien findet die Spitze auch eine häufige Verwendung zur Verzierung der Kirchen und zu Paramenten. Sie werden zum grofsen Theile von Klofterfrauen angefertigt und fo hat fich die alte Kunftfertigkeit in der Spitzenerzeugung in Italien auch nach dem Niedergange des Handelsgewerbes auf diefem Felde erhalten. Ein ähnliches Verhältnifs findet in Spanien und Portugal ftatt. Sie können keine namhafte Spitzeninduftrie aufweifen, doch zeigen die auf die Ausftellung gefendeten Proben von Spitzen, dafs dafelbft eine ausgebreitete Hausinduftrie in Spitzen, fowie in der Kunftftickerei befteht. Die Technik und die Ornamentik ift jener der alten italienifchen Spitzen ähnlich. Von Portugal aus wurde die Spitzenarbeit nach Amerika übertragen, wie die ausgeftellten ſchönen Spitzen in der brafilianifchen Abtheilung zeigen. Auch in anderen Ländern finden wir Spitzenarbeiten als Hausinduftrie, fo namentlich in mehreren Kronländern von Oefterreich, in Dalmatien, den Alpenländern, in Mähren und Galizien, dann in Ungarn und Siebenbürgen, aber überall hat nur die Landbevölkerung daran feftgehalten; die wohlfeile und ſchöne Mafchinenfpitze verdrängte die Handfpitze, befonders im Mittelftande. Nur in Frankreich, England, Belgien und im böhmifchen Erzgebirge hat die hart bedrängte Induftrie der Handfpitze den Kampf mit der Mafchinenfpitze fiegreich beftanden; fie hat fich nicht nur gegenüber der heftigen Concurrenz erhalten, fondern auch veredelt und als echte Spitze gegenüber der unechten den Vorrang behauptet. Die Weltausftellung 1873 gibt davon neues Zeugnifs. Was den Reichthum und die äufsere Form der Spitzenausftellungen betrifft, fo nimmt die aus Belgien die erfte Stelle ein. Die erften Firmen der Handfpitzen Fabrication haben wahre Meifterwerke an Roben, Umhängtüchern, Schleiern und anderen Spitzenarbeiten und zugleich fo zahlreich ausgeftellt, dafs der belgifche Spitzenhof einen Glanzpunkt im Ausftellungspalafte bildete. Wir müffen auch hier wieder neue Fortfchritte in der Technik und in der Feinheit und Pracht der Ornamentik anerkennen. Die Mode der langen Roben bietet der Zeichnung eine grofse Fläche, und der Zeichner kann feine Entwürfe mit kühnerem Schwunge durchführen. Die edlen Ornamente der Renaiffance walten in der Zeichnung vor. Die Spitzenfabrication hält hierin gleichen Schritt mit den verwandten Induftrien, namentlich mit der Seidenweberei und dem Cattundrucke. Hier und da ift das Ornament des indifchen Shawls aufgenommen oder kunftverftändig eingefügt. Frankreich hat feine Spitzenausftellung nicht fo felbftftändig gefondert wie auf der letzten Parifer Ausftellung und auch nicht fo reich befchickt, weil es mit dem ihm zugewiefenen Raum ſparen musste, um allen Zweigen feiner umfangreichen Induftrie gerecht zu werden; das Ausgeftellte war aber immer noch zahlreich und fo vorzüglich, dafs wir Frankreich gern die zweite Stelle in der Expofition einräumen. Was den Fortfchritt in der Technik und die effectvollen Neuerungen betrifft, geht es Belgien voraus. Die allein mit den Klöppeln hergeftellten Spitzen oder Dentelles, fowie die allein mit der Nadel angefertigten Spitzen oder Points zeigen eine glückliche Verwendung der verfchiedenen Mafchen, die in dichterem Netz und mit ftärkeren Fäden den Grund ausfüllen und die Gefammtwirkung erhöhen. Darin befteht eben der eigenthümliche Reiz diefer Spitzen, welche die gröfste Mannigfaltigkeit in dem Grund und in der Zeichnung zuläfst. 12 Dr. Ferdinand Stamm. Eine andere Abtheilung der Spitzen bilden alle Arten, wo der Grund entweder mit der Hand oder mit der Mafchine befonders angefertigt wird und dann von der Hand die Zeichnung unmittelbar hineingeftickt oder befonders mit der Nadel oder auf dem Klöppelkiffen gearbeitet und auf den Grund eingeſetzt oder mit dem Netze eines Grundes verbunden wird, die Application, Chantilly und andere Spitzen. Hier können fich die Mafchine und die Hand durch geordnete Arbeitstheilung oder auch durch die gemeinſame Betheiligung an einem Werke oder Arbeitsftücke verföhnen. Nur in Frankreich fchreitet die Annäherung am meiſten vor. Freilich wird man dann die Namen echte und unechte Spitzen, welche bisher Hand und Mafchine trennten, müffen fallen laffen; es ift eben ein Mittelglied dazwifchen getreten. Aus Grofsbritannien ift nur wenig an Handfpitzen ausgeftellt, aber immerhin Vorzügliches, welches beweift, dafs diefe Induftrie noch immer den alten hohen Rang einnimmt. Neues fällt darunter nichts auf, es wären denn die mit einem Schiffchen genetzten„ Frivolités", welche in der englifchen Abtheilung als Schularbeiten ausgeftellt find. Diefe Arbeit kommt auch unter den Dilettanten- und Schülerarbeiten anderer Länder, namentlich in Oefterreich, vor. Sie verfprechen als eine„ frivole" Laune der Mode wenig Dauer und find denn doch zu luftig. Auch ihre Technik läfst keine fchöne Zeichnung ausführen. Wir überlaffen es übrigens einer anderen Feder, darüber des Weiteren zu fprechen. Den gröfsten Fortfchritt in der Handfpitze hat feit der letzten Weltausftellung in Paris Oefterreich gemacht, wie die Ausftellung aus dem böh mifchen Erzgebirge zeigte. Wenn fich dafelbft auch trotz der Concurrenz der Mafchinenfpitze eine feit Jahrhunderten gegründete Induſtrie von Handſpitzen erhalten hatte, fo verfäumte fie, fich mit der Kunft zu verbinden und durch gefchmackvolle Zeichnung die mühfame Arbeit zu veredeln, wodurch ja eben die Handarbeit in Frankreich und Belgien fich gegenüber den Maſchinenfpitzen ihr Gebiet ficherte. Das wurde nun in der letzten Periode eingeholt. Die Regierung und Vereine gründeten Mufteranſtalten und Zeichenfchulen. Viele Taufende gefchickte Klöpplerinen und Spitzennäherinen waren in kurzer Zeit auf die in Belgien ausgebildete Technik der verfchiedenen Arten der Handfpitze eingearbeitet. Die muftervolle Zeichnung kam durch die kunftfertige Hand der Arbeiterine zur vollen Wirkung und die in Handel gebrachten Spitzen aus dem Erzgebirge waren von den belgifchen nicht zu unterfcheiden. Die Ausftellung in der öfterreichifchen Abtheilung konnte die Befucher davon überzeugen. Vier Arbeiterinen aus dem Erzgebirge, welche in der Ausstellung felbft die verfchiedenen Spitzenarbeiten ausführten, zeigten zugleich die hohe Stufe der Kunftfertigkeit, welche unter Taufenden verbreitet ift. Die Maſchinenfpitzen. Es find nahezu hundert Jahre, dafs der erfte Webftuhl für den Spitzengrund, und vierundfechzig Jahre, dafs die Bobbinetmafchine erfunden wurde. Neben ihr hat fich die Handfpitze in der Hausinduftrie erhalten und ift das HandſpitzenGewerbe zu einer neuen Blüthe gediehen. Das mag beweifen, dafs fie neben einander beftehen können, gefichert und friedlich. Nur im Anfange des Kampfes entſtand Verwirrung, weil der Markt die beiden Waaren vermengte und die Käufer fie verwechfelten. Wenn fich die Maſchinenfpitze für echte Spitze ausgab und zehnmal billiger war als die Handfpitze, fo mufste die letzte ungekauft liegen bleiben. Allein die Käufer kamen bald von der Täufchung zurück. Schon die gröfsere Feftigkeit der Handfpitze gibt ihr einen Vorzug. Die Stickerei und die Spitzen. 13 Im erften Kampfe begingen die Händler mit echter Spitze auch einen Fehler. Sie glaubten, fie könnten mit der Maſchinenfpitze concurriren, wenn fie die Handfpitze ftatt aus Flachsgarn aus Baumwollengarn anfertigen liefsen und an Arbeit und Zeichnung fparten, um fie recht billig zu geben. Dadurch verloren fie die wohlhabenden kunftfinnigen Käufer, ohne die Menge, welche beide Spitzen nicht unterfcheidet, zu gewinnen. Erft als man den umgekehrten Weg einfchlug, die fchmale, wohlfeile Spitze ganz aufgab und durch guten Stoff, genaue, kunftvolle Arbeit und originelle Zeichnungen die echte Handfpitze nach ihrem Wefen veredelte, konnte man fich halten und gewann die wohlhabenden Käuferinen wieder. Jede Handfpitze kann durch ihre Zeichnung ein Original werden, wie eine Handzeichnung oder ein Gemälde, und fie foll es auch. Die Mafchinenfpitze copirt die eine Zeichnung hundert und taufend Mal und fteht zur Handfpitze im Verhältniffe der Copie zum Originale. Die Maſchinenfpitze kann nie Original werden, es müfste denn von dem einen Mufter nur ein Stück oder eine Elle gewebt werden, dann käme diefe Maſchinenfpitze aber theuer; die Handfpitze foll nicht zur wiederholten Copie herabfinken, fonft entwerthet fie fich. Im richtigen Verftändniffe ihres Wefens halten beide ihren Markt auseinander. Selbſtverftändlich aber eifert die Mafchinenfpitze immer noch, der Handfpitze möglichft ähnlich zu werden, jedes Jahr bringt neue Verbefferungen an den Spitzenmafchinen, und Grofsbritannien, Frankreich, die Schweiz, das deutfche Reich und andere Länder hatten gewebten Spitzengrund und Mafchinenfpitzen, Vorhängftoffe und andere fpitzenartige Gewebe von vorzüglicher Schönheit ausgeftellt, welche die neuen Fortfchritte bewiefen. Dennoch konnte man bemerken, dafs eben die Theilung der Arbeit zwifchen der Hand und der Mafchine immer mehr in der Art geregelt wird, dafs die Mafchine den Grund und wohl auch beftimmte Umriffe der Zeichnungen ausführt und die Hand durch die Vollendung der Zeichnung den eigentlichen künftlerifchen Antheil an dem gemeinfchaftlichen Werke nimmt. Auf diefem gemeinfchaftlichen Gebiete ift bereits der Friede zwifchen Hand und Mafchine gefchloffen. DIE FRAUENARBEITEN. ( Anhang zu Gruppe 5.) Bericht von FRAU HELENE FREIIN V. RODITZKY, Vorfteherin des Civil- Mädchenpenfionats, Jofefftadt, Wien. Allgemeines. In früh erer Zeit, ja felbft bei der letzten Weltausftellung in Paris im Jahre 1867, konnte ein Bericht über Frauenarbeiten fchwer in ein anderes Gebiet hinübergreifen als in das der Kunftftickerei und der Spitzenklöppelei. Waren auch damals fchon Frauenhände, aufser den Arbeiten und Leiftungen ihres eigentlichften Berufes vielfach thätig und befchäftigt, fo gefchah es doch nur mehr im Stillen. Man beachtete diefe weibliche Thätigkeit nicht, man duldete fie nur oder betrachtete fie mit einem gewiffen Mifstrauen. Seit den letzten Jahren iſt dies ganz anders geworden. Man wendet die gröfste Aufmerkſamkeit der Frage der Erwerbsfähigkeit und Erwerbsbefähigung der Frauen zu. Vieles, unendlich vieles ift in diefer Beziehung von Oefterreich, Deutſchland, England und Amerika etc. gefchehen. Die Jahresberichte der verfchiedenen Vereine, welche das obengenannte Ziel anftreben, zeigen die erfreulichften Refultate ihrer Bemühungen. Wie erftaunlich Vieles hat z. B. der erft im Jahre 1866 gegründete Wiener Frauen- Erwerbverein geleiftet und wie viel mehr kann er bei dauernder Entwicklung der anzuftrebenden Ziele noch leiften! In ähnlicher Weife müffen wir des Prager Frauen- Erwerbvereins, im Jahre 1869 gegründet, gedenken. Aber beide Vereine ftehen erft im Beginne der Thätigkeit, die fich noch immer mehr nach allen Richtungen hin ausdehnen, durch Gründung von Specialfchulen und Vereinen erweitern mufs. Es ift erft der Grundftein gelegt, auf dem fich das ganze Gebäude erheben foll, denn im Verhältnifs zum grofsen Ganzen find ja erft wenige Frauen herangebildet, die berufen find, nicht allein ihren Erwerb felbftftändig zu finden, fondern auch durch ihr Beiſpiel, ihre Fertigkeit bildend auf die Uebrigen einzuwirken, den Wunfch nach Selbftthätigkeit, den Geift regen Strebens zu wecken, den Gefchmack heranzubilden und zu veredeln. Die befondere Aufmerkſamkeit und Theilnahme, welche man für die Frauenarbeit im Allgemeinen hat, der Wunfch, den nutzbringenden Zweck der Weltausftellung befonders diefem ganz neuen und fo wichtigen Zweige des wirthschaftlichen Lebens und der focialen Geftaltung zuzuwenden, indem man im Vergleiche mit den Leiftungen der Nationen unter einander beffer erkennen und verftehen lernt, was hier und dort noch mangelt oder verbeffert werden foll, war der Grundgedanke zu der Ausftellung im Pavillon für Frauenarbeiten. Urfprüng Die Frauenarbeiten. 15 lich follten durch diefelbe die Leiftungen der Frauen in allen Gebieten zur Anfchauung gebracht und auch die andern Nationen aufgefordert werden, der weiblichen Thätigkeit als folcher eine befondere Stätte in ihren Ausftellungen anzuweifen. Leider fcheiterte diefes urfprüngliche Vorhaben. Die öfterreichifche Ausftellung ftand in diefer Beziehung vereinzelt da und auch nicht in jener Vollständigkeit, wie fie angeregt worden war. Die Ausftellung der Frauenarbeiten im fchwedifchen Jägerhaus kam der öfterreichifchen an Reichhaltigkeit zunächft und übertraf fie an Vielfeitigkeit. Wir fanden dafelbft nebft vielen Proben weiblicher Kunft und Gefchicklichkeit in den verfchiedenften Gebieten z. B. auch künftliche Gebiffe von weiblichen Zahnärzten. Was die Verwendung der Frauen als praktiſche Aerzte betrifft, fo kann man fich bei uns eines gewiffen Mifstrauens nicht erwehren. In Amerika haben fich die weiblichen Aerzte aber fchon Bahn gebrochen und einen grofsen Wirkungskreis gefchaffen; auch in Rufsland finden fie fchon Verwendung. Die Ausftellung der weiblichen Handarbeiten in der italienifchen Schulabtheilung, wie jene in dem deutfchen Unterrichtspavillon reiht fich in ganz trefflicher Weife an die früher gekennzeichneten Ausftellungen an. Dr. Carl Holdhaus, kaiferlicher Rath, Secretär der niederöfterreichifchen Handels- und Gewerbekammer und A. F. Migerka, k. k. Hofrath und Sectionsrath im Handelsminifterium, haben in fo eingehender Weife die Betheiligung der Frauen in der Fabriksinduftrie durch ein befonderes Werk ftatiftifch zufammengeftellt und in Bild und Arbeitsproben zur Darftellung gebracht, dafs uns hierüber nichts mehr zu fagen erübrigt und wir im Folgenden nur die Schulund Dilettantenarbeiten, die dazu gehörige und hier einfchlägige Hausinduftrie und Kunftftickerei zu befprechen haben, obwohl diefe verfchiedenen Arbeiten oft fo in einander greifen, dafs eine ftrenge Claffificirung und Scheidung derfelben beinahe unmöglich ift. Leiftungen der Schulen und Vereine. So weit es möglich war, haben wir das grofsartig aufgehäufte Material durchgefehen und geprüft. Es liefert die Menge des Dargebotenen einen erfreulichen Beweis für die in den Schulen auch in Bezug auf Handarbeit entwickelte Thätigkeit, und es ift erftaunlich, zu welcher Genauigkeit und Reinheit der Arbeit es die kleinen Hände der Schulkinder oft bringen. Welch' eine Anzahl von Strümpfen, Kinderjäckchen, Häubchen, gehäkelten und geftrickten Mufterbändern, Merktüchern etc. lag hier vor; der kleinen und gröfseren Luxusarbeiten gar nicht zu gedenken, die ftreng genommen nicht in das eigentliche Gebiet der Schularbeiten gehören. Und nicht nur die Wiener Schulen waren hier beftens vertreten, auch die Schulen der verfchiedenen Kronländer lieferten eine in jeder Beziehung tüchtige Ausstellung. Was den Gang des Arbeitsunterrichtes an den Schulen anbelangt, welcher uns in verfchiedenen Lehrplänen zur Anfchauung gebracht wurde, machen fich verfchiedene Meinungen geltend; die Einen find dafür, mit dem Unterrichte im Stricken, die Anderen mit dem im Häkeln zu beginnen. Die gröfste Aufmerkfamkeit bei dem Arbeitsunterrichte in der Schule mufs auf eine praktiſche Richtung gewendet werden. Erfreulich ift es daher zu fehen, wie von fo vielen Schulen Flick- und Stopparbeiten eingefendet wurden, ein Beweis, dafs man diefer fchweren, nicht immer angenehmen, aber defto nothwendigeren Arbeit immer mehr Sorgfalt fchenkt. Ganz Ausgezeichnetes leiften in diefer Beziehung die Italiener. Unter der Auffchrift: " Lavori casalinghi" war ein Album von einer Schule aus Florenz ausgeftellt, welches Mufter von Schülerinen verfertigter Kunftſtoppereien enthielt und gewiſs für alle Frauen von gröfstem Intereffe war. Desgleichen fand man befonders fchöne 2* 16 Helene Freiin v. Roditzky. Stoppereien in Frankreich, Schweden und der Schweiz. Von einer Mädchenfchule in der Schweiz wurde uns mitgetheilt, dafs die Schülerinen erft dann feinere oder fogenannte Luxusarbeiten machen dürften, wenn fie alle vorgefchriebenen Arbeiten im Stricken, Nähen, Flicken zur Zufriedenheit vollendet haben, und find für diefe feinen Arbeiten überhaupt nur die letzten fechs Wochen des Curfes beftimmt. In all den auf den Schul- und Vereinsunterricht bezüglichen Abtheilungen lagen einzelne fehr fchöne und feine Näharbeiten und gut ausgeführte einfache Weifsftickereien vor. Befonders fchöne Nähereien ftellte der Wiener Frauenverein für Arbeitsfchulen aus; die in dem Specialkatalog für die Ausftellung öfterreichifcher Frauenarbeiten, z. B. mit den Nummern 593, 595, 613, 620, 621 bezeichnet waren und genähte und geftickte Herren- und Damenhemden und Corfetten zeigten. Der Prager Frauen Erwerbverein ftellte zumeift Mafchinnähereien aus. Diefe fo fchnelle Art der Näherei hat dem eigentlichen fchönen Weifsnähen grofsen Eintrag gethan, indem es diefe Arbeit beinahe zur Luxusarbeit erhob oder erniedrigte. In der fchwedifchen Schulabtheilung waren ganz nette, von neun- und eilfjährigen Kindern verfertigte Näharbeiten, die wie alle Schularbeiten treffliche Leitung und fleifsige Ausführung kennzeichnet, aber an Glanz und Schönheit den Arbeiten der Vereine nachftehen. Der Grund übrigens, warum die Arbeitsfchulen der Frauen- Erwerbvereine Schöneres und Gefchmackvolleres liefern als die Volksfchulen, mag darin feine Erklärung finden, dafs erftere felbft das Material und den Schnitt geben, auf Beftellungen arbeiten, den Kindern einen Theil des Gewinnes zuerkennen und dadurch die Eltern für die Sache gewinnen. In der Volksfchule hat die Lehrerin mit gröfseren und fchwereren Hinderniffen zu kämpfen, da hier gewöhnlich die Eltern das Material liefern und die Arbeit nach ihrem oft nicht richtigen Gefchmacke ausgeführt haben wollen. Die Freimaurerfchule in Dresden ftellte auch eine fehr hübfche und praktiſche Collection von Schularbeiten in dem deutfchen Unterrichtspavillon aus. Befondere Erwähnung verdient wohl der Lehrgang der weiblichen Handarbeiten, welcher von Fräulein Gabrielle Hillardt in mehreren Tafeln zufammengeftellt war und gewifs bei jedem Sachverständigen das gröfste Intereffe erweckte und die gröfste Anerkennung fand. Von der Ausftellung der Privatfchulen im Pavillon für Frauenarbeiten waren befonders Nr. 782( Specialkatalog), ein Sophapolfter in farbiger Stickerei, nach einem Mufter aus dem Mufeum und Nr. 830, ein Polfter mit farbiger Stickerei auf Mull bemerkenswerth. Eine befonders anerkennende Erwähnung verdienen auch die verfchiedenen Klofterfchulen. In Frankreich ift der weibliche Unterricht überhaupt und ſpeciell der in weiblichen Handarbeiten in den Händen verfchiedener Frauenorden. war die Auch in Deutfchland lieferten die Schulen der Francis canerinen von Sieffeu, der Schulfchweftern in Rottenburg gröfstentheils fehr fchöne Arbeiten. Die Erfteren ftellten den ganzen Lehrgang in verfchiedenen Tabellen aus. Das Klofter St. Urfula von Wien betheiligte fich auch mit recht hübfchen Arbeiten, darunter Nähereien und Stickereien. Befonders bemerkenswerth Nummer 519, ein geftickter Tafchentuch- Behälter, und Nr. 529, ein in Knüpfarbeit verfertigter Lichtfchirm, der leider in fchlechter Beleuchtung ftand, fo dafs der Effect der mühfamen Arbeit nicht zur vollen Geltung kam. Derfelbe Orden aus Innsbruck brachte ein fehr hübfches Muſterband, Nr. 545, von verfchiedenen Filetund Guipure-, Häkel-, Stick- und Strickarbeiten. Nr. 1419 zeigte einen von Schülerinen der Congregation der Töchter des göttlichen Heilandes fehr ſchön gearbeiteten Teppich. In dem portugiefifchen Schulhaufe waren auch weibliche Arbeiten ausgeftellt, doch war mit Ausnahme der recht nett ausgeführten Dentelles au fuseau nichts von Bedeutung. Die geftickten Vögel aus einer Klofterfchule waren hübfch gearbeitet, aber fie repräfentirten eine Richtung der Arbeiten, der man nicht das Wort reden kann. Die Frauenarbeiten. 17 Ueberhaupt zeigen fich Wiederholungen derfelben Gefchmacksverirrungen bei all' den verfchiedenen Ausftellungen, als ob fie in mancher Zeit geradezu epidemifch gewefen wären. Man fieht wohl, wie der beffere und edlere Gefchmack mit mehr oder minderem Erfolge gegen folche Verirrungen ankämpft, aber es wird jedenfalls noch einige Zeit bedürfen, bis er den vollſtändigen Sieg über die alten Vorurtheile erringt. In Oefterreich waren es unter den Erziehungsanftalten vor Allen die Schweftern vom armen Kinde Jefu in Oberdöbling, welche durch ihre fchönen und kunftgerechten Stickereien zuerft den Sinn für ftilrichtige Arbeiten und Zeichnungen in diefem Zweige weckten. Das gröfste Verdienft aber gebührt dem öfterreichifchen Muſeum, das durch alle ihm zu Gebote ftehenden Mittel, durch feine Schulen, durch Vorlefungen und hauptfächlich durch die Ausgabe guter Vorlagen für Stickmufter den irre gegangenen Gefchmack in rechte Bahnen zu leiten verfucht. Die Arbeiten der Blinden und Taubftummen find auch in den verfchiedenen Schulabtheilungen zur Ausstellung gekommen Man fieht, mit welchem Eifer der Unterricht in diefen Anftalten betrieben wird, wie man keine Mühe fcheut, die armen Blinden heranzubilden und ihnen durch praktiſche Arbeiten nicht nur Befchäftigung und Zerftreuung, fondern hauptfächlich die Möglichkeit des Erwerbes zu sichern. Die Wahl der Arbeiten fcheint fich ganz nach den Anlagen und Talenten der armen Unglücklichen zu richten, denn wir fanden da die verfchiedenartigften Leiftungen auf der Ausftellung vertreten. Beinahe wunderbar ift es, wie weit es die Schüler der Blindenanftalten in ihren manuellen Fertigkeiten gebracht haben; da find feine, in verfchiedenen Muftern geftrickte und gehäkelte Decken und Häubchen, ja felbft farbige Stickereien nebft feineren und gröberen Korbgeflechten. Die Leiftungen der verfchiedenen Länder in diefen humanen Beftrebungen find, nach ihren Ausftellungen zu fchliefsen, überall fo ziemlich gleich. Im Wiener Verforgungshaufe für Blinde werden meift Arbeiten auf Beftellung übernommen, befonders werden dort um ein Billiges recht hübfche Strümpfe verfertigt. Andere Staaten haben leider nichts in diefer Richtung ausgeftellt. Die weiblichen Sträflinge der verfchiedenen Strafanftalten haben auch ganz gute Arbeiten geliefert, was um fo verdienftvoller ift, da wahrfcheinlich die meiften in ihrem früheren Leben wenig an feinere Handarbeit fich gewöhnt hatten. Ein genähtes und gefticktes Corfet, ein Jäckchen und Häubchen aus Klöppelarbeit; eine in Tambourftich ausgeführte Altarfpitze; ein Mufterband von genähten Hemdeinfätzen verdienen befondere Erwähnung. Aus den Strafanſtalten anderer Länder ift nur in der Abtheilung des deutſchen Reiches aus der Pfarre Fräfsle in Gurtwill aus Baden ein Mefskleid ausgeftellt, gut gearbeitet, doch mit einem fo complicirten Deffin, dafs es eines eigenen Comentars bedürfte. Von den verfchiedenen Frauen- Erwerb- oder anderen Vereinen, welche denfelben Zweck verfolgen, haben der Wiener und Prager Frauenerwerb- und der Letteverein, fo auch andere ähnliche Vereine aus Darmftadt, Carlsruhe und Hamburg die Ausftellung befchickt. Die beiden öfterreichifchen Vereine find am vollſtändigften vertreten, und haben nicht nur Arbeiten von Schülerinen der Nähfchule, fondern auch von den Schülerinen der Zeichen- und Handelsfchule ausgeftellt. Der Wiener Verein, insbefonders auch noch die Arbeiten feiner franzöfifchen, englifchen und Telegraphenfchulen, welche klar darthun, wie viel auch in diefer Beziehung fchon geleiftet wurde. Von befonderer Wichtigkeit ift der ausgeftellte Lehrgang des Zeichenunterrichtes und die von den Schülerinen felbft entworfenen Zeichnungen. Ein ähnlicher Verein aus Hamburg lieferte fchöne Zeichnungen, welche eigene Compofitionen der Schülerinen find. 18 Helene Freiin v. Roditzky. Der badifche Frauenverein in Carlsruhe ſtellte eine Decke in Segeltuch aus mit Zeichnung von Fr. Prof. Schrötter; eine Arbeit von Fräulein Steiner, die fehr viel Gefchmack verrieth. Auch errang eine hübfche Mappe und eine Bettafche( desgleichen nach einer Zeichnung von Fr. Prof. Schrötter und von Fräulein Lang ausgeführt) viel Aufmerkfamkeit. Der Letteverein aus Berlin fchickte einige in Gold gefafste Medaillons mit fehr künftlich und mühevoll ausgeführten kleinen Blumenbouquets, deren Anfertigung viele Gefchicklichkeit und Genauigkeit erfordert. Rumänien hatte eine fehr hübfche Arbeitsausftellung veranſtaltet. Das dortige ganz vorzüglich eingerichtete Findelhaus, das alle Findlinge jeden Alters und jeder Religion aufnimmt, hat eine Elementarfchule, eine höhere Schule, in welcher die Kinder zu Lehrerinen herangebildet werden und ein Atelier( eine Arbeitsfchule), in welchem jene Schülerinen aufgenommen werden, welchen die Anlagen zur höheren geiftigen Ausbildung fehlen. Von den Schülerinen find fehr fchöne Filet- Guipure- Arbeiten ausgeftellt, die mit grofser Genauigkeit ausgeführt find, dann Nähereien, Weifs- und Buntftickereien für Nationalcoftume, von den kleineren Mädchen fehr hübfch geftrickte Strümpfe, ganz rein gearbeitete Häkelarbeiten, die vorgelegt waren, wie fie aus der Hand kamen. Sehr guten Effect machte eine auf Segeltuch ausgeführte Arbeit, Möbelftoff imitirend, die leicht nachzumachen ift. Im Allgemeinen find die Mufter der rumänifchen Stickereien fchön, einfach und edel gehalten, auch erinnern fie fehr im Genre an jene Mufter, die uns im fchwedifchen Jagdpavillon geboten wurden. England war auf der Weltausftellung in Bezug auf weibliche Arbeiten nur durch irifche Spitzen vertreten, die theils von Schulkindern, theils von Erwachfenen geklöppelt, gehäkelt oder genäht wurden, und wovon befonders einige als fehr fchön gearbeitet erfchienen. Dilettantenarbeiten. Merkwürdig ift es, wie fich eine uralte und mühfame Kirchen- und Klofterarbeit in den verfchiedenften Ländern erhalten hat, felbft in jenen, die fchon feit Jahrhunderten proteftantifch find, io z. B. in Schweden. Wir meinen eine beſtimmte Spitzenarbeit und eine Art Leinengitter, das in früherer Zeit ausfchliefslich zur Verzierung der Alben( einem Theile des katholifchen Prieftergewandes) und der Antipendien benützt wurde. Wir finden fie wieder, befonders die letzteren in Brafilien, wo fie durch aus Portugal kommende Nonnen verbreitet wurden. Auch aus Maracaibo war ein mit folchen Spitzen verziertes Tafchentuch ausgeftellt. Diefe Leinengitter find weit mühfamer als jene, welche man unter den gewöhnlichen„ jouren" verfteht, denn es find die Fäden aus der Leinwand oder dem Batifte oft bis zu 13 Elle ausgezogen und mit denfelben ausgezogenen Fäden in verfchiedenen Stichen herrliche aus Laub- und Blumenornamenten beftehende Deffins eingearbeitet. In der brafilianifchen Abtheilung findet man ganz befonders fchöne Arbeiten diefer Art. Aehnlich, aber noch bei Weitem mühfamer ift eine Arbeit, welche in der italienifchen Schulabtheilung ausgeftellt war und die Auffchrift trägt:„ Pedera di Trina ad ago sopra un sol pezzo di tela sfilata. Stile 500 ritrovato ed eseguito da Clorinda Nencini vedova Doneti". Unter der Nummer 4864 war zwar nur eine Ecke vollendet, doch fah man deutlich, wie diefe mühfame Stickerei gemacht wird. In derfelben Abtheilung fahen wir auch ganz herrliche Weifsund Buntftickereien und man frägt fich oft mit Staunen, ob diefe Arbeiten zu den Schüler und Dilettanten oder zu den gewerblichen Kunftftickereien gehören. Befonders fchön waren die in Flachftich ausgeführten Bilder der Stickerin Lagomaggiore, ferner die in derfelben Abtheilung ausgeftellt gewefene Stickerei Visita delle tre Marie al Sepolcro, das fchön geftickte Sacktuch und das Bild: Magdalena Die Frauenarbeiten. 19 am Grabe, von Bertoluzzi Antonia mit der Etiquette 5036, von Servi Amalia 4943 und von Maria Roma 4519. Befonders fchön geftickt war das Sacktuch mit 4505 bezeichnet und von Orfanello aus Ancona ausgeftellt. Der beinahe reliefartig geftickte Nadelpolfter 4502 delle figlie di Modena, das mit 4392 bezeichnete Sacktuch, deffen befondere Stickerei gleich auffiel, waren von Marasoli Adele aus Piacenza. Die von Mirt Marie aus Meftre mit der Nummer 4532 verfertigte Garnitur Chemifette und Manchetten) zeichnete fich durch befondere Spitzenftiche aus; fowie die von Trevefe Giulia 4529 ausgeftellten Lavori d'invenzione durch Leichtigkeit und Grazie, Gibellini Aurelia brachte ein fehr fchön gefticktes Sacktuch; die Piazetta di San Marco von Andreatta Elisa aus Padua und noch viele andere forderten unfere wärmfte Anerkennung für die in ihrer Weife ausgezeichneten Leiftungen. Im fchwedifchen Pavillon fand man fehr fchöne Spitzen auf Weifsftickereien, worunter befonders zwei, von einer 80- jährigen Frau verfertigt, unfere Bewunderung erregten, und die theils durch aufgelegte, theils durch unterſpannte Wolle, auf welche dann die verfchiedenen Stiche ausgeführt werden, befonderen Effect hervorbrachten. Sehr ſchön war auch ein gefticktes Toilettekiffen mit Fliegen. Befonders vortheilhaft machten fich die auf einfärbiger Seide oder Wollrips mit ganz einfachem Stiche ausgeführten Stickereien, welche bunte Webereien ganz trefflich imitiren. In Spanien waren einige recht hübfche Stickereien, die fich durch gleichen Stich, richtige Zeichnung und gute Schattirung auszeichneten, zu fehen, leider waren es nur fogenannte geftickte Bilder. Doch verdient befondere Erwähnung: Die Dame in Trauer", ein glücklicher Gedanke war es, fie mit abgewandtem Gefichte dargestellt zu haben. Die Stickerei in fchwarzen Fäden, ein Schlofs darftellend, war der Arbeit nach grofsartig ausgeführt. In der Abtheilung des deutfchen Reiches waren die durch ftilgerechte Mufter befonders bemerkenswerthen kirchlichen Linnenftickereien der Gefchwifter Oslander aus Ravensburg in Württemberg. Hier war auch ein fehr hübfches Chorhemd in Häkelarbeit beachtenswerth. Sehr hübíche, reine Weifsftickereien waren von Erbert und Sohn aus Plauen ausgeftellt. Die mit den Etiquetten 5574, 5565 und 5568 verfehenen Gegenftände verdienten befondere Beachtung. Zu erwähnen find auch noch die Weifsftickereien von Demuth aus Halle. Was die fogenannten Dilettantenarbeiten im öfterreichifchen Pavillon betrifft, fo findet man da einige recht hübfche in Weifs- und Buntftickerei ausgeführte Arbeiten, befonders aber verfchiedene fchöne Häkeleien und Spitzenimitationen. Wir wollen hier die hübfchen Arbeiten nach den Nummern des Specialkataloges anführen. Nr. 915, eine von Roth Julie ausgeführte Weifsftickerei für eine Altarfpitze, fehr rein gearbeitet. Nr. 917, Decke für ein Taufkiffen von Scheffler und Racz in Bezan, die Taufe Chrifti darftellend, wovon befonders die Goldftickerei ganz ausgezeichnet war. Nr. 926 brachte von Nekola Adele eine fehr hübfche Imitation venetianifcher Spitzen. Recht gelungen war der von der Kunftftickerei- Schule des Herrn Uffenheimer in Innsbruck ausgeftellte Chriftus im Flachftich, deffen Verfertigerin leider nicht angegeben war, und der eben dafelbft verfertigte Tifchteppich. Gräfin Zichy- Metternich ftellte mehrere Arbeiten aus, darunter ein Taufdeckchen im Flachftich mit einem Spruchbande, das fich um die ganze Decke fchlingt, unter der Nr. 993, und ein Kinderkleidchen Nr. 1393 in Frivolitäten und Filetguipure. Sehr fchön in Zeichnung und Ausführung war Nr. 948, eine im Tambourftich ausgeführte Altartuch- Spitze von den Schulfchweftern von Notre Dame in Johannesberg. Nr. 955 ein Polfter in Flachftickerei von Kanz Amalie, darftellend ein fehr naturgetreu mit feltenem Fleifse ausgeführtes Bouquet von Alpenblumen. Beinahe noch fchöner und befonders durch herrlichen Farbenfchmelz ausgezeichnet war Nr. 1362, ebenfalls Alpenblumen im Flachftich. Der mit Nr. 963 bezeichnete geftickte indifche Shawl von Baronin Bülow ift befonders 20 Helene Freiin v. Roditzky. hervorzuheben und die kleine Bordure, eine ganz ausgezeichnete Nachahmung der echten Shawlbourduren. Bei dem unter Nr. 991 von Sommer Pauline in Haarfeide und Goldftickerei ausgeftellten Album war erftere befonders fehr fein und genau ausgeführt. Ebenfo die Anficht von Prag, Nr. 1355, von Kanders Julie, und 1361, ein gefticktes Bild nach O. Pletsch von Baier Marie in Bielitz. Ferner dürfen nicht unbeachtet bleiben die in figuraler Seiden- und Goldftickerei verfertigten Mefsgewänder der Congregation der Töchter des göttlichen Heilandes, Nr. 1378 und 1379. Von Strick arbeiten waren befonders bemerkenswerth durch gleiche Mafchen die von Kunfchner Agnes ausgeftellten 13 Paar Strümpfe, dann ein Ueberwurf über ein Seidenkleid, Nr. 1159, und Nr. 1393, ein Taufzeug von Dorfmeifter Rofalie. Als Specialität fei hier Nr. 1010 erwähnt, zwei Strümpfe zu gleicher Zeit geftrickt von Beuer Anna aus Reichenberg. Von Nähereien waren beachtenswerth die unter Nr. 1103 von Ried Marie, Nr. 1104 von Roshirt Clotilde, Nr. 1109 von Scheidl Barbara ausgeftellten Herrenhemden. Die gröfste Reichhaltigkeit bot wohl die Ausftellung der Guipure, Point lace und Frivolitätenarbeiten. Ganz ausgezeichnet find einige Imitationen der alt venetianifchen Spitzen, Nr. 1241, von den Schweſtern Cargnelli in Trieft und die in Häkelarbeit von Kreuzberger Amalie verfertigte Copie einer alten Venetianer Spitze. Eine ganz befondere, ungemein mühfame Arbeit wurde von einer durch ihre früheren Kunftarbeiten bekannten Dame, Anna Löwenthal aus Wien, unter Nr. 1321 ausgeftellt. Es war dies eine Garnitur, Broche und Ohrringe, in Gold gefafst. Die Blumenbouquets, feinfte Mofaik darftellend, find ganz in Seidenfäden geknüpft. Sowohl der Fond als die Bouquets geben Zeugnifs von grofser Gefchicklichkeit und bewunderungswürdiger Geduld. Eine Schmetterlingfammlung aus Trieft zog die Aufmerkfamkeit auf fich durch fehr gelungene Nachahmung der von der Natur durch Farbenfchmelz und Zeichnung fo unnachmachlichen Schmetterlingsflügel. Noch finden fich eine grofse Anzahl von Holz- und Porzellanmalereien, künftlichen Blumen, Lederarbeiten vor, die wohl die Aufmerkſamkeit auf fich zogen, allein kaum alle aufgezählt werden können. Ueberhaupt gibt es keine Art Handarbeit, die nicht wenigftens im Pavillon der Frauenarbeiten vertreten war. Doch können wir uns nicht enthalten zu bemerken ,, dafs dabei viel des Gefchmacklofen und Nutzlofen unterlief und die Mehrzahl der Leiftungen zeigte, dafs die häusliche Befchäftigung der Frauen und Mädchen, die fogenannte Dilettantenarbeit noch lange nicht den richtigen Weg gefunden hat, fich ſchön und nützlich zu geftalten. Hier haben die Frauenvereine durch Anlage von Mufterfammlungen, Ausgabe von Vorlagen u. f. w. einen grofsen Wirkungskreis noch auszufüllen. Die weiblichen Arbeiten der Hausinduftrie. In verfchiedenen Abtheilungen der Weltausftellung wird uns diefelbe vor Augen geftellt, fowohl im Pavillon für Frauenarbeiten, im fchwedifchen Jagdpavillon, wie in der Hanakengruppe, in der Abtheilung von Dalmatien, Rumänien etc. In den öfterreichiſchen Kronländern herrfcht die Hausinduftrie noch am regften in Mähren, Schlefien, Krain, der Bukowina, Croatien, Siebenbürgen, Dalmatien. Ungemeine Sorgfalt verwenden die Frauen hier auf ihren Schmuck. Sie weben ihre Stoffe felbft, fticken die verfchiedenen Kleidungsftücke oft mit gröfserem oder geringerem Gefchmack, weifs oder bunt, mit Seide und Perlen und wenn die Arbeiten im Ganzen genommen nicht immer zu den feinen und fchönen gehören, fo haben fie doch einen grofsen traditionellen Werth. Die Zeichnung und Farbenmifchung find faft immer muftergiltig. Bemerkenswerth ift es, dafs genau diefelbe Die Frauenarbeiten. 21 Art der Arbeit der Mufter und Gewebe in den entfernteften, felbft aufser Europa liegenden Gegenden zu finden ift. Im fchwedifchen Jagdpavillon war eine höchft intereffante Collection der Hausinduftrie zufammengeftellt. Die Zeichnungen der meift von Bäuerinen gewebten Teppiche zeichneten fich befonders durch gefchmackvolle Deffins aus. Mit befonderer Pietät hängt man dort an den fogenannten altfchwediſchen Muftern, die einzelnen Motive aus dem fo reichen nordifchen Sagenkreife darftellend. Es wäre höchft wünſchenswerth, wenn diefe Deffins durch Muftervorlagen gröfsere Verbreitung fänden. Die Reichhaltigkeit und Vielfeitigkeit der dort betriebenen Hausinduftrie erklärt fich leicht durch die langen Winterabende, in denen man aufser dem Haus keine Befchäftigung hat. In der türkifchen Abtheilung fanden wir eine ganz befondere Art von weiblicher Arbeit, die bei uns gar nicht bekannt ift und deren Nachahmung und Verbreitung fehr zu empfehlen ift. Wir fprechen von den weifsen und buntfarbigen Spitzen, von denen einige recht hübfche Exemplare ausgeftellt waren, aber häufig noch viel fchöner verfertigt werden.*) Diefe Arbeit wird meift von Griechinen gemacht, heifst türkifch: kiné, griechifch: bibiles, auch rochania und wird von offener Seide, welche man befonders dreht, durch den fogenannten LuftmafchenStich mittelft Nähnadel verfertigt. Sie dienen hauptfächlich als Verzierung der Joppen und des Kopfputzes türkifcher, armenifcher und griechifcher Frauen. Die in weifser Seide ausgeführten Kinés find die werthvollften, die fchönen Deffins geben Zeugnifs von der Erfindungsgabe und Gefchicklichkeit der Verfertigerinen. Ein Nachtheil ift, dafs diefe werthvolle, die Augen anftrengende Arbeit fo fchnell fchmutzt und müffen diefe Spitzen wie die Bruffaer Seidenhemden durch Schwefeldampf geputzt werden. Die zu diefen Spitzen erforderliche Seide bekömmt man aber nur im Oriente, woher man fie kommen laffen müfste, wollte man bei uns diefe Arbeiten einführen und nachmachen. Das follte jedoch nicht davon abfchrecken laffen, diefe kunftvolle Arbeit zu verbreiten, die höchft dauerhaft ift und fich fehr gut zur Verzierung auch unferer Kleider und Coiffuren eignen würde. In Perfien, wo es bis jetzt noch keine Fabriken gibt, fteht die Hausinduftrie nach allen Richtungen in gröfster Blüthe. Wir fehen in der perfifchen Abtheilung die herrlichften Teppiche und der flüchtige Befchauer ahnt wohl nicht, mit welcher Mühe und Anftrengung diefelben verfertigt werden. Die bunten eigenthümlichen Deffins find da nicht eingewebt, fondern eingeftickt, dann erft mit Seide darauf geftickt. Welche Geduld und Genauigkeit erfordert eine folche Arbeit, an der die ganze Familie oft 2-3 Jahre befchäftigt ift und die um den erftaunlich wohlfeilen Preis von 300-500 Francs zu erftehen ift! Aber mit Bedauern fieht man, dafs hie und da auch die Orientalen ihre eigenthümlichen Zeichnungen, ihre charakteriftifchen Farben aufgeben, um nach europäifchen Muſtern zu arbeiten, wobei es häufig gefchieht, dafs fie überdiefs eine unglückliche Wahl treffen. So fieht man in der perfifchen Abtheilung Schuhe mit befonderer Befriedigung vernahmen wir, dafs fie von einem Herrn geftickt feien mit in Flachftich ausgeführten Blumenbouquets, welche durch Zeichnung und Farbenzufammenftellung gar nicht in die perfifche Abtheilung zu paffen fcheinen. Ueberhaupt gefchieht es fo leicht, dafs man im Beftreben, fich die Fortfchritte und geiftigen Errungenfchaften anderer Nationen anzueignen, die eigene Richtung ganz aufgibt und ftatt zu gewinnen nur eintaufcht, wenn nicht verliert, was folgerichtig zum Untergange alles Charakteriftifchen in Zeichnung, Farbe und Gefchmack führen mufs. - - Aus Tiflis waren auch einige fehr hübfch ausgeführte Goldftickereien und Teppiche in Tambourftich ausgeftellt, defsgleichen fchöne Goldftickereien von Griechenland. Ganz eigenthümlicher Art find die indifchen Goldftickereien, die wie die zarteften Gewebe den eigentlichen Grundft off ganz zu überziehen fcheinen. Man * Siehe Ferdinand Stamm: Die Stickerei und die Spitzen 3 22 Helene Freiin v. Roditzky. konnte wohl bewundernd davor ftehen, doch fehlt uns die Zeit und das herrliche Material, um folche Stickereien nur annäherungsweife nachbilden zu können. In den europäiſchen Staaten, Schweden ausgenommen, tritt an die Stelle der Hausinduftrie nun immer mehr und mehr die fabriksmäfsig organifirte Induftrie auch für die zarteften Arbeiten und fehen wir diefelbe in der Schweiz, in Frankreich, im böhmifch- fächfifchen Erzgebirge am ausgeprägteften ausgebildet. Dort werden die Arbeiten von den Fabriksherren vertheilt, die Einwohner find befchäftigt und finden Verdienft; damit geht freilich das Befondere im Allgemeinen unter; die Hausinduftrie zieht fich immer mehr in entlegenere Winkel zurück und wird uns in Jahren vielleicht nur durch einzelne Mufter in Muſeen zur Anfchauung gebracht werden können. Aber ficherer Verdienft, geordnete Befchäftigung zieht in das Haus ein. Ferne von der Bewegung, die fich in Europa vollzieht, bei den Staaten und Völkern anderer Welttheile, hat fich noch manche eigenartige Blüthe der Frauenarbeit behauptet, und wir können uns nicht enthalten, hier noch darauf hinzuweifen, obgleich fie in den Bericht der Kunftblumen wohl auch Erwähnung finden werden, ähnlich wie mancher Gegenftand unferer Betrachtung fchon im Berichte von Ferdinand Stamm zur Geltung kam. Wo aber die Ordnung der Arbeitsleiftung ebenfo wie die geleiftete Arbeit felbft fo innig ineinander greift, läfst fich eine mathematiſch genaue Trennung wohl nicht einhalten und die Wiederholung ift der Vollständigkeit halber geboten. Doch wollen wir uns fehr kurz faffen: In der brafilianifchen Abtheilung nämlich erregten die Federblumen von Mademoiſelle Nathé allgemeine Bewunderung. Diefes Gefchäft nimmt fchon Mädchen mit 8 Jahren auf, um ihnen diefe Arbeit zu lehren, in welcher fie es bald zu einer ftaunenswerthen Fertigkeit bringen, um entweder zu Haufe oder in einem Gefchäfte die Arbeit als Erwerb zu üben. Oft nimmt diefes Etabliffement auch Waifenkinder auf, die dann dort ganz erzogen werden. Ihre gefchicktefte Arbeiterin ift gegenwärtig ein folches, eine junge Mulattin, die noch nicht 16 Jahre alt ift. Die jungen Arbeiterinen müffen nach der Natur ihre Arbeit bilden. Man gibt ihnen eine Blume zum Mufter und fie copiren fie dann in Federn. Die Myrthenbouquets, Camelien, Nachtfchatten und ein kleiner Zweig rother Blüthen, wie fie die Ausftellung zeigte, waren Kunſtwerke. An den befonders gefuchten Fächern war die feine Biegung der Federn bemerkenswerth, ebenfo wie die wohlthuende fanfte Mifchung der Farben. Gegenüber in der amerikanifchen Abtheilung waren mehrere aus Wachs verfertigte Blumenbouquets von Mifs Bloody vod ausgeftellt, die mit unendlicher Weichheit modellirt waren. So fehen wir in der kurzen Skizze, die wir gegeben, dafs der Satz, den Dr. Ferdinand Stamm in feinem Berichte aufftellt, der Satz: dafs der weiblichen Hand noch viel zu thun übrig bleibt, vollkommen wahr ift. Die weibliche Hand hat damit den Stolz, dafs fie behaupten kann, daſs, wenn auch die Mafchine ihr allenthalben nachdringe, diefe doch nimmer Alles wird fchaffen können, was die weibliche Hand leiftet, und wenn fie es einmal thut, wird die Hand doch fchon längft wieder das Neuere gefchaffen haben. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG UNTER 1 8 7 3 REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. SCHUH WAAREN. S. ( Gruppe V, Section 9.) Bericht von GOLDSCHMIDT, Chef der Firma Jakob S. Goldfchmidt, Mitglied der Handelskammer in Prag. SCHMUCKFEDERN, KÜNSTLICHE BLUMEN UND HAARARBEITEN. ( Gruppe V, Section 10.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Universität zu Prag. TAPEZIRARBEITEN UND DECORATION. ( Gruppe V, Section 11.) ANT Bericht von TON F I X, Tapezirer in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. 181+ DKOCK DAD AEKTVO DEBK KHOE DBACKEKEI MIEй NAD 21 A ( GLbbe A' 20'') LVBESIK VKRELLEИ ИD DECOBYLO DE ИЗТІЛЯЯАЯААН ЛИО 01 oidosa V GLobbe аснийскьеРЕВИ, КОИГІГІСНЕ ВГОЛЕЙ 2 венерт код ( e moitosa V eqquiÐ) 2 СНГЕН МУТВЕ И RECCION OR DE CVKI IH BICHIEE I 8 3 3 СЕЙЕКУГ DIKЕСЛОИ БЕК МЕГІ9022ЛЕГГИ VA221EFTC2- BEKICHL OELICIETTEK ibidablo 2 S and did to milli sbaste mi nahil us oblite donababas Wandilivi magnubibbiadalu sib 15 asm 15b fod yr olib bore notionals: down hoq 156 notW niquo Didoi 14 TH 19h ofissio bi f SCHUH WAA Arolatb REN. I bou 19 lindo Vash a dombow Shadonsplus sung busful mi ludis 7 asb iad bau isbni gongues( Gruppe V, Section 9.) ifak odslidinfo 19b sidus asidi ni atole nongosed bustan mov olla oit clobulinuxun plio W 1ollox molde nonob bilmallox olan 916 W gar dhon idols Bericht von ab misumbad us Di 23 piglio aux doib sivu 215A - S. GOLDSCHMIDT, byt ni abrolls Chef der Firma Jakob S. Goldfchmidt, Mitglied der Handelskammer in Prag. aloW olib i Canoni uxeb ab 19bil In dem Seitentracte des Hofeinbaues 12 B fanden fich, durch diefe ungünftige Situation der Beachtung des grofsen Publicums entzogen, die Erzeugniffe zweier Induftrien untergebracht, die fich felbftftändig im Welthandel einen würdi gen Namen erworben haben und durch die die öfterreichifche Induftrie auf den entfernteften Plätzen der civilifirten Welt in hervorragender Weife vertreten wird, fo dafs diefelben, anftatt diefes verfteckten Winkels, wohl einen Ehrenplatz verdient hätten. b Es waren diefs die öfterreichifchen Schuh- und Handfchuh- Ausftellungen. Wir haben es hier nur mit der erfteren zu thun, da über die zweite bereits von kundiger Hand berichtet wurde.fisdT 19lory mis asb ollal tasandi indaw nolailt In einem engen Raume, durch die übertriebene Furcht vor Raummangel, die fich fpäter durch den übriggebliebenen leeren Platz in diefer Abtheilung als ebenfo überflüffig und das gefällige Arrangement ftörend, als dem Ausgeftellten, das zufammengedrängt nicht zur gehörigen Geltung kommen konnte, nachtheilig erwies, wurde hier eine Menge von Erzeugniffen dem Fachmanne vorgeführt, die diefer jungen Grofsinduftrie zur Ehre gereichen, wenn auch der materielle Erfolg durch die Zeitverhältniffe und durch die Art der Aufftellung beeinträchtigt war. Wenn wir an den Ausftellungsbericht der Parifer Weltausftellung von 1867 anknüpfen, fo können wir mit Befriedigung conftatiren, dafs die in Bezug auf die öfterreichische Schuhwaaren Induftrie dort ausgefprochenen Wünfche und Hoffnungen fich vollständig erfüllt haben. istus gigasdde dolgoz abe Oefterreichs Schuhwaaren- Fabrication hat fich in diefer kurzen Zeit einen folchen Ruf erworben, dafs, als der Verfaffer diefes Berichtes kurz vor Eröffnung der Wiener Weltausftellung während feines Aufenthaltes in Paris dort mehrere grofse Schuhfabriken befuchte, die franzöfifchen Fabrikanten wiederholt die Furcht ausfprachen, durch die Wiener Concurrenz vom Weltmarkte verdrängt zu werden.dolblot I bi lisdaadodud sid us and Die bekannten Wiener Firmen, die in der letzten Zeit zumeift und zwar nicht zum befonderen Nutzen der Induftrie in Actiengeſellſchaften umgewandelt wurden, hatten in Bezug auf Gefchmack und Reinheit der Ausführung Vorzügliches geleiftet; doch hatten auch die Einzelfirmen, wenn felbe auch auf äufsere Ausstattung nicht immer fo viel verwenden konnten oder wollten, viel dazu bei. getragen, ein completes Bild deffen zu liefern, was diefe Induſtrie in unferem I* 2 S. Goldfchmidt. Vaterlande zu leiften im Stande ift. In kleinen, oft unfcheinbaren Käften konnte. man hier die Fufsbekleidungsmoden der ganzen civilifirten Welt ftudiren, da fich der Export nach allen Seiten erftreckte. Ein Mufter diefer Vielfeitigkeit bot der kleine Kaften der Herren Franz Nicht& Comp. in Wien. In richtiger Erfaffung der Verhältniffe, unter denen fich das Kleingewerbe in Grofsinduftrie umwandeln kann, beginnt jetzt in der Schuhwaaren- Induftrie die Specialitätenerzeugung platzzugreifen. So verlegt fich das gröfste Etabliffement diefer Art, die Wiener Schuhwaaren- Fabriks- Actiengefellſchaft, früherD.H. Pollak und H. Horwitz, vorzüglich auf die Erzeugung von Schuhwaaren für den Export und hat den Verkauf im Inlande ganz aufgegeben, wodurch fie den Vortheil erreicht, das Appreturverfahren, welches in den meiften Fällen zum Nachtheile der öfterreichifchen Induftrie ausgeübt wird, für die Schuhwaaren- Erzeugung in der Weife auszunützen, dafs fie alle vom Auslande bezogenen Stoffe in ihren verfchiedenen Etabliffements zollfrei zu Schuhen verarbeiten laffen kann, da die erzeugten Waaren unter zollamtlicher Controle wieder ausgeführt werden. Es ist zu bedauern, dafs die Specialifirung nicht noch weiter fyftematiſch durchgeführt wird durch eine vollſtändige Arbeitstheilung, wie diefs zum Beiſpiel in Paris gefchieht, wo felbe fo weit geht, dafs in einer Fabrik nichts Anderes als Schuhabfätze erzeugt und an den Schuhen befeftigt werden. Der betreffende Fabrikant ift der Erfinder der dazu nöthigen Mafchinen und nützt in diefer Weife fein Patent aus.*) Eine beachtenswerthe Ausstellung war auch die von Alexander Fränkl in Wien, der Schuhe mit Holzfohlen in verfeinerter Art ausftellte. In Frankreich wird diefe Art Schuhzeug faft von allen Ständen benützt und als äufserft praktifch befonders in feuchten und kalten Localitäten befunden. Es ift felbſtverſtändlich, dafs Wien, als der Ort der Ausftellung und zugleich als der Hauptfitz der Schuhfabrication Oefterreichs, das gröfste Contingent der Ausfteller lieferte, und fo konnten fich nicht nur die Grofsinduftrie, fondern auch die Leiftungen des Kleingewerbes, auf das Glänzendfte entfalten. Aus den Provinzen hatte Mähren die gröfste Zahl von Ausftellern des Kleingewerbes geliefert, während Böhmen nur Vereinzeltes brachte. Nicht unerwähnt können wir laffen, dafs ein grofser Theil des als Wiener Fabricat in den Handel gebrachten Schuhzeuges in Böhmen und zwar zumeift in Filialen der Wiener Schuhfabriken gemacht wird. Befonders die Nothlage, in die die Schuhmacher einzelner Bezirke in Böhmen, wie Skutfch, Hlinsko u. f. w., die fich früher durch Lieferungsarbeiten für das k. k. Militär ernährten, durch die Uebergabe derfelben in das Monopol der Gefellſchaft für Heeresausrüftungen von Skene und Conforten geriethen, zwang diefelben, zu fehr reducirten Preifen zu arbeiten, wodurch die Unternehmungsluft zur Errichtung von Filialen Wiener Fabriken entstand. Es war ein Glück für diefe Orte, wenigftens Arbeit, wenn auch zu fehr niedrigen Preifen zu haben, obgleich es traurig für diefelben ift, von allen Schwankungen des Exportgefchäftes abhängig zu fein, indem bei der geringften Stockung dort die Arbeit eingeftellt wird, während man doch immer den Stock der Arbeiter in der Hauptunternehmung fchont. *) Anmerkung der Redaction. Das Verdienft, die Idee der Arbeitstheilung auf diefem Gebiete im Grofsen durchgeführt und auf der Ausftellung vertreten zu haben, gebührt unferem Herrn Berichterstatter. Die Schuhobertheil- und Lackkappen- Fabrik von Jacob S. Goldfchmidt in Prag bildete nicht nur in der öfterreichifchen Abtheilung, fondern in diefer Weife durchgeführt, auf der Wiener Weltausftellung überhaupt ein Unicum. Blos W. Rabbits in London hatte Aehnliches, aber auch nur für Herrenbefchuhung gebracht. Erft feit einem Jahre errichtet, hat die Fabrik bereits eine grofse Ausdehnung erlangt und auch fchon Exportgefchäfte angebahnt Die Vorzüglichkeit der Erzeugniffe wurde allgemein anerkannt. Wir erwähnen diefs nur, da das vollſtändige Uebergehen diefes Artikels von Seite unferes Berichterftatters eine Lücke im Berichte gelaffen hätte. Herr Goldfchmidt hatte in feinem Berichte über Leder, Heft 29, die Ausstellung feiner Lederarbeit ebenfalls unerwähnt gelaffen. Schuhwaaren. 3 pod Wir können nicht auf die Leiftungen Einzelner eingehen, da béi den Aus. ftellungen anderer Länder, die nicht fo reichhaltig vertreten fein konnten, der vergleichende Mafsftab fehlen würde. det sist us, a bongo Es kann aber als feftgeftellt gelten, dafs, wo Preis und Leiftung verglichen wird, die öfterreichifche Schuhwaaren- Induftrie mit jeder anderen in die Schranken treten kann.to Bevor wir die öfterreichifche Ausftellung verlaffen, haben wir noch zu be merken, dafs befonders in den grofsen Etabliffements bereits die verfchieden. artigften Hilfsmafchinen angewendet werden. Wir kommen auf diefe, foweit fie auf der Ausftellung vertreten waren, noch zurück. Wir kommen nun noch zu dem gröfsten Etabliffement für Schuherzeugung in Oefterreich, welches eigentlich durch feine exclufive Stellung fich der Befprechung in diefem Berichte entzieht, eine exclufive Stellung, die fich fchon in der exceptionellen Ausstellung in der Hauptgallerie kennzeichnete. Es ift diefs die Ausstellung der Confectionsanftalten der Gefellfchaft für Heeresausrüftung von Skene und Conforten. Mit dem Monopol der Erzeugung des Bedarfes an Schuhwerk für die ganze Armee betraut, eine Erzeugung von fo riefigem Umfange, dafs von dem Nutzerträg niffe derfelben früher ganze Bezirke, befonders in Böhmen lebten, und heute noch jahrelang an der Entziehung des gewohnten Erwerbes zu leiden haben werden, hat diefes riefige Etabliffement, das bei der Errichtung von der Regierung durch Conceffionen aller Art unterſtützt wurde, eine Ausftellung von Schuhwerk veranstaltet, die als muftergiltig anzufehen war und bei der nur zu wünſchen gewefen, dafs nur annähernd gutes Material unferer Armee auch im Kriege zu Gebote ftehen würde. Zum Schluffe fügen wir eine Notiz bei zur Vergleichung der Zuftände der guten alten Zeit mit der jetzigen, aus den Satzungen der Wiener Schuhmacher vom Jahre 1443, nach denen kein Meifter mehr als drei Gefellen und einen Lehrjungen halten durfte, während jetzt in der erften Schuhwaaren- Actiengefellfchaft in Wien 2200 Arbeiter befchäftigt find. Ungarns Schuhinduftrie in ihrer feparaten Ausftellung fchliefst fich, mit Ausnahme des zu nationalen Coftumen gehörigen, an die öfterreichifche nur mit dem Unterfchiede an, dafs hier mehr das Kleingewerbe vorherrfchend ift, da die Induftrie in Ungarn und den dazu gehörigen Ländern noch keine grofsen Fabriken diefes Genres aufzuweifen hat. Wir finden hier vom nationalen Stiefel bis zu der Opanke eine Reihe Fufsbekleidungen, wovon manche lebhaft an den Calceus der Römer erinnert. Befonders die Nachkommen der alten Illyrier haben ihre Fufsbekleidungen noch nicht fehr verändert. Wir kommen nun zu Deutfchland, wo befonders Süddeutſchland ftark vertreten war. Es find hier die grofsen Schuhfabriken bekannt, die hauptfächlich für den Export arbeiten und zumeift hier wie auf früheren Ausftellungen erfchienen find, um fich ihren Kunden mit dem Beften und Neueften, was fie zu leiften im Stande find, zu präfentiren und ihren alten Ruf zu erhalten. Von einer blühenden Lederinduftrie, die fich den erften der Welt an die Seite ftellen kann, unterſtützt, find fie gefährliche, aber würdige Rivalen des jungen öfterreichifchen Schuhexportes. Befonders zahlreich war die Schuh- und Filzfchuh- Erzeugung von Pirmafenz vertreten. Der Ruf von Pirmafenz, als des Hauptfitzes der deutfchen Maffenfabrication von billigen Schuhwaaren, datirt fchon vom Anfange diefes Jahrhunderts. Der ausgedehnte Handel mit denfelben begann im Jahre 1809 oder 1810. Der Gründer diefer grofsen Induftrie war ein Schuhmacher Namens Jofs, der später nach Strafsburg überfiedelte. Derfelbe hatte einige Paar Schuhe vorräthig, die er in feiner durch die Kriege heruntergekommenen Vaterftadt nicht verkaufen konnte. Da verfiel er auf die Idee, feine Frau damit in die preufsifche Rheinprovinz haufiren zu fchicken. Der Erfolg war ein fo günftiger, dafs er bald Nachahmer fand, und fo wurde diefer Handel immer lebhafter betrieben. Im Anfange der Zwanziger Jahre gab es in Pirmafenz fchon eine Menge Schuh 4 S. Goldfchmidt. macher, die fich mit der ausfchliefslichen Erzeugung billiger Sorten von Schuhen befchäftigten. Der Abfatz verbreitete fich nach und nach über einen grofsen Theil von Europa und in den Fünfziger- Jahren begann der überfeeifche Export, der noch immer andauert. To being illegale node and ed asdas Zu bedauern ift es, dafs wegen Mangels an Raum die Ausftellung nicht zufammenhängender arrangirt werden konnte, um einen Totalüberblick zu gewähren. Im Ganzen zahlreicher vertreten, als in Paris, können die ausgeftellten Arbeiten im Allgemeinen nur lobend erwähnt werden. shaolada di siis Um nachzuweifen, welche Bedeutung die Schuhinduftrie in einzelnen deutfchen Städten hat, führen wir folgende Daten an, die wir der deutfchen Schuhmacher- Zeitung entnehmen. Diefer nach find in Weifsenfels 200 Meifter, wovon 90 täglich 25 bis 30 Paar Schuhe liefern und 10 Schuhfabrikanten mit einer Leiftungsfähigkeit von 100 bis 300 Paar täglich; in Erfurt 700, in Hamburg 1800, in Breslau 1000 und in Danzig 800 felbftftändige Meifter; in Berlin 4350 Schuhmachermeifter, die ihr Gewerbe betreiben, und circa 150 Schuhfabriken und Schuhhandlungen.bo ob gaugusid isb logono mui, silan M Am stärksten war nach Deutſchland Italien durch 21 Ausfteller vertreten. Es fehlen uns die Details, um über die Gröfse der Etabliffements urtheilen zu können. Das Gebotene war gröfstentheils lobenswerth, Eigenthümlich ift es, dafs zumeift in den füdlicher gelegenen Ländern das fchwere Schuhwerk beffer gearbeitet wird als das leichte, welche Eigenthümlichkeit auch hier hervortrat. Zu rügen war auch hier die wenige Sorgfalt, die auf das Arrangement verwendet worden war. Es mochte der Inhalt einzelner Schränke beim Aufftellen oder fonft durch Zufall ftark durcheinander gerüttelt worden fein, und fo lagen die Waaren die ganze Zeit, ohne dafs fich Jemand die Mühe nahm, felbe zu ordnen.isto orb ale In der franzöfifchen Abtheilung fahen wir durch einige Parifer Firmen die berühmte franzöfifche Schuhinduftrie, die befonders durch luxuriöfe und gefchmackvolle Decorirung fich auszeichnet, glänzend vertreten, wogegen das von der Provinz Gefandte mehr der billigen Maffenerzeugung anzugehören fchien. Es ist vom patriotifchen Standpunkte vielleicht erfreulich, dafs Frankreich nicht ftärker vertreten war, um fo impofanter trat die öfterreichifche Schuhinduftrie in Abwefenheit ihrer grofsen Rivalin hervor; aber vom Standpunkte des Induftriellen wäre ein genauer Vergleich der Leiftungen beider bei annähernd gleich ftarker Betheiligung um fo mehr von Intereffe gewefen.b ausole mob as Auffallend war es, dafs die in Frankreich fo ftark betriebene Schraubenfchuh- Fabrication wohl durch die dazu gehörigen Mafchinen in der franzöfifchen Abtheilung der Mafchinenhalle, aber nicht unter der Schuhausftellung vertreten war. gullfandi tu si sid Aismus bau astisdan oq bun mis Als hiftorifches Curiofum in der Entwicklung der franzöfifchen Schuhmacherei führen wir die frères cordonniers an, eine eigenthümliche Genoffenfchaft von Schuhmachern, die gemeinfchaftlich lebten, ihre Zeit zwifchen Beten und Arbeiten theilten und, ohne Gelübde abzulegen, fich zu Mäfsigkeit, Keufchheit und chriftlicher Mildthätigkeit verbanden. In der erften Hälfte des XVII. Jahrhunderts verfiel ein Schuhmacher, welcher unter den Arbeitern den Geift der Religion, von dem er erfüllt war, verbreiten wollte, auf die Idee, eine Bruderfchaft von Schuhmachern zu gründen. Er wurde in feinem Vorhaben von reichen und frommen Leuten unterſtützt, und fo wurde 1645 die Confraternität der frères cordonniers in Paris gegründet. Ihre Privilegien wurden vom OberftHofmarfchall( grand- prévôt de l'hôtel du roi) beftätigt. Die frères cordonniers lebten gemeinfchaftlich von dem Ertrage ihrer Arbeit und der Ueberfchufs wurde an die Armen vertheilt. Sie verbreiteten fich später über mehrere Städte Frank reichs, als Soiffons, Touloufe, Lyon und andere mehr.oids us onlund saivonq Belgien war nur durch zwei Ausfteller vertreten. Es ift diefs umfomehr zu bedauern, als uns dadurch ein Einblick in den Stand diefer Induftrie in diefem Schuhwaaren. 5 fonft in allen Fächern fo leiftungsfähigem Lande nicht vergönnt war. Es ift diefe geringe Betheiligung um fo auffallender, als noch auf der Parifer Ausftellung Belgien durch 7 Ausfteller vertreten war. Ob die gröfseren Transportkoften oder die gröfsere Entfernung daran Schuld war, oder ob die Ausfteller fchon in Paris fchlechte Gefchäfte gemacht hatten, oder endlich der öfterreichifchen Concurrenz nicht gewachfen zu fein glaubten, müffen wir dahin geftellt fein laffen. Die Schweiz, das zweite fonft durch feine Induſtrie hervorragende Land, hatte ebenfalls weder Viel noch Befonderes ausgeftellt. Es dürfte dem Ausgeftellten nach dort mehr die Stärke als die Eleganz des Schuhwerks beanfprucht und der Bedarf an Luxuswaaren vom Auslande gedeckt werden. Der Import öfterreichifcher Schuhwaaren ift in der Schweiz ziemlich bedeutend; faft in allen gröfseren Orten findet man Wiener oder Prager Schuhniederlagen. Spanien und Portugal waren wohl mehr vertreten als die eben erwähnten beiden, durch ihre fonftigen Ausftellungen glänzenden Länder; doch kann fich das Ausgeftellte den Producten anderer Staaten nicht an die Seite ftellen, wenn auch Einzelnes vom Streben nach Fortfchritt zeigte. Die unter Anderem in der fpanifchen Abtheilung ausgeftellt gewefenen nationalen Binfenfchuhe find von einem ganz anderen Gefichtspunkte aus intereffant als von dem der Schuhmacherei. Die Schuhinduftrie Dänemarks war durch drei Ausfteller vertreten, die, alle drei in der Hauptftadt wohnend, den Luxus derfelben in Schuhzeug würdig repräfentirten. Intereffant vom culturhiftorifchen Standpunkte waren in der dänifchen Abtheilung die hohen Fifcherftiefel von der Infel Fünen mit den mehr als zwei Zoll dicken, vorn in eine hohe Spitze auslaufenden Holzfohlen, mit Meffingdraht am Leder befeftigt; eine fo eigenthümliche Fufsbekleidung, wie man fie in der ganzen europäifchen Ausftellung kaum wiederfand. nd jis sa Wenn wir hier diefe als auffallend berühren, fo haben wir noch eine andere zu erwähnen, die nach unferem Ermeffen zu den grofsartigften Erfolgen gehört, welche der menfchliche Geift in diefer Richtung auf der Weltausftellung überhaupt zur Schau brachte. Es waren diefs die in einem Winkel der dänifchen Abtheilung befindlichen, der Ausftellung des Kopenhagener Blindeninftitutes beigegebenen, von Blinden verfertigten Schuhe und Stiefel nebft dem gleichfalls ausgeftellten eigens zur Ermöglichung diefer Arbeit erfundenen Werkzeuge. Vom Standpunkte der Schuhmacherei eine gewöhnliche gute Arbeit wohl nicht übertreffend, fcheint uns hier ein fehr fchwieriges Problem gelöft, den unfchuldig Verunglückten fich und der Menfchheit wieder nützlich zu machen. Es ift felbftverftändlich, dafs nicht der Umftand, dafs Blinde Schuhe machen, unferen Enthufiasmus erregte, aber die Leitung eines Inftitutes, wo man es dahin gebracht, dafs Blinde auch Schuhe machen können, fcheint uns des höchften Lobes würdig. Die fehwedifche Ausstellung hatte befonderes Intereffe dadurch, dafs auch aus dem Inneren des Landes ganz fchöne Arbeiten ausgeftellt waren. Auffallend war bei der Ausftellung von Olaf Tornberg in Göteborg die Neuerung, dafs an den fämmtlichen Arbeiten Stahlgelenkfedern angebracht waren, welche das ganze Gelenkftück bilden und zwar von der Halbfohle an bis unter den Abfatz. Schweden fcheint noch überhaupt ein fehr günftiger Boden für das Schufterhand werk zu fein. Den ftatiftifchen Ausweifen nach gibt es dort bei einer Bevölkerung von mehr als 4'2 Millionen nur circa 3000 Meifter mit ebenfoviel Gehilfen. Was wir in der ruffifchen Abtheilung von Schuhwaaren fahen, war wohl gröfstentheils fehr gut gearbeitet, entzieht fich aber der Vergleichung mit Anderem fchon defshalb, weil uns die Prämiffen unbekannt find, unter denen die Ausftellungsgegenstände gearbeitet wurden. Es würde unbillig fein, an den Grofsinduftriellen, der für den Maffenbedarf arbeitet, die Anforderungen zu ftellen, die hier an den Kundenfchuhmacher gemacht werden können, befonders bei Herrenarbeit, dem vortrefflichen Material nach, welches demfelben in den dort gleichfalls ausgeftellt gewesenen Lederfchäften zu Gebote fteht, und in Berücksichtigung der enormen Preife, die in den grofsen Städten Rufslands für Fufsbekleidungen 6 S. Goldfchmidt. gezahlt werden. Wir müffen hier J. Orlowsky in Petersburg erwähnen, der eine neue Erfindung ausgeftellt hatte, nämlich eine Art Doppelfohlen von vulcanifirtem Kautfchuk, die an dem Stiefel befeftigt werden und eine aufser ordentliche Widerftandsfähigkeit gegen Abnützung haben follen. Sind felbe auf einer Seite abgetreten, fo follen fie umgedreht und mit wenig Mühe wieder als neu benützt werden können. In der Ausstellung des Kaukafus waren einige Paar, ziemlich plump gearbeitete, Reiterftiefel zu fehen. Wenn wir nun das Wenige übergehen, welches Rumänien, das feinen Bedarf an modernem Schuhwerk zumeift aus Oefterreich und Frankreich bezieht, und als volksthümlich Sandalen ausftellte, die den Daciern noch von den Römern überkommen fein mögen, fo kommen wir nun nach Griechenland, von deffen Schuhinduftrie nur fpärliche Mufter ausgeftellt waren, während auf diefem claffifchen Boden die Fufsbekleidungskünftler bei den Alten eine grofse Rolle spielten, da an 60 verfchiedene Sorten von Fufsbekleidungen von alten griechifchen Schriftftellern angeführt werden. Manche Städte Griechenlands waren dazumal ihres Schuhzeuges wegen berühmt, wie Sikyon, auch die tyrrhenifchen Schuhe hatten. einen weit verbreiteten Ruf. Die Türkei mit ihren landesüblichen Formen und Sorten kann von unferem Standpunkte nicht beachtet werden. An den ausgeftellten Figurinen bemerkten wir im Allgemeinen, daſs, je mehr fich das Coftüm dem europäiſchen nähert, die Schuhe nach den Zehen zu breiter werden und fich dadurch unferen Formen nähern; dafs hingegen, je mehr es den rein afiatifchen Typus beibehalten hat, die Fufsbekleidungen desto mehr nach den Zehen zu in eine nach oben gebogene Spitze auslaufen. The laft but not the leaft haben wir auf der Rundfchau europäiſcher Schuhfabrikation England. Nur von einem Schuhmacher vertreten, aber von einem der erften der Welt, brauchte man auf der Ausftellung nur den Namen Lobb zu nennen, um das Höchfte zu bezeichnen, was in der Schuhmacherei geleiftet werden kann. Die fonft auf der Ausftellung faft gänzlich unvertretene Schuhobertheil- Fabrication war hier durch das koloffale Gefchäft von W. Rabbits in London in feiner Specialität in gefteppten Schuhobertheilen für Herren in würdigfter Weife repräfentirt. Die amerikanifche Schuhinduftrie macht fo viel von fich reden, dafs man erwartet hätte, die Amerikaner würden durch riefige Maffen ihre zweitbedeutendfte Induftrie vertreten, um ihre foviel gerühmte Suprematie auf diefem Felde zu wahren und zu beweifen, welche Vortheile ihre foviel gerühmten Mafchinen für diefen Erwerbszweig bieten. Mit Recht hätte man hier eine grofse Anftrengung erwartet, und war fehr überrafcht, in der ganzen amerikanifchen Ausftellung nicht mehr als vier kleine Kaften mit Schuhzeug zu finden, wovon dasjenige für Männer wohl Anfpruch auf folide Arbeit und Feftigkeit, das für Damen aber kaum auf befondere Eleganz Anſpruch machen konnte. Eigenthümlich ift die vorn bei den Zehen fpitzzulaufende Form, die für uns als ungewohnt etwas Befremdendes hat. Das mächtig auf allen Gebieten der Induftrie vorwärts ftrebende Kaiferreich Brafilien war durch drei Ausfteller in verdienftlicher Weife vertreten. Was die Fufsbekleidungen der Chinefen und Japaneſen betrifft, fo ziehen wir diefe nicht in den Kreis unferer Betrachtung, da in dem zweiten Theile des Ausstellungsberichtes die Ausftellungen der orientalifchen und oftafiatifchen Völker ausführlich befchrieben werden follen. Wir kommen nun zu dem zweiten Theile unferer Aufgabe der Anführung der in der Ausstellung vertreten gewefenen Hilfsmafchinen für die Schuhmacherei. Bei dem eigenthümlichen Standpunkte, den die Berichterftattung auf der Wiener Weltausftellung einnahm ohne Unterſtützung officieller Behelfe auf den eigenen Fleifs und Forfchung angewiefen, mufsten die überall zerftreuten Objecte, die in 1 Schuhwaaren. 7 den Kreis der Berichterstattung gezogen werden follten, mühfam aufgefucht werden. Dafs unter folchen Verhältniffen die Erwähnung der Maſchinen auf Vollftändigkeit keinen Anfpruch machen kann, ift felbſtverſtändlich. Wir bemerken diefs nur, um uns gegen Vorwurf abfichtlicher Uebergehung zu verwahren. Von der Bigelow Abfatzmafchinen- Gefellſchaft in Worceſter( Maffachuſetts) war eine Stanze ausgeftellt, amerikaniſchen Syftems, neu und wenig Raum erfordernd. Auf derfelben können Mufter aller Formen verwendet werden. Der Holzklotz, auf dem geftanzt wird, kann um feine Achfe gedreht werden, wodurch die einfeitige Abnützung verhindert wird. Neu waren auch die Abfatzpreffe und die Abfatzbefeftigungs- Mafchine. Erftere prefst die ausgeftanzten Flecke, die zuvor auf dem ebenfalls ausgeftellt gewefenen Abfatzzufammenfetzer zufammengeheftet werden, von den Seiten und von oben fo zufammen, dafs eine compacte Maffe daraus wird. Während des Preffens werden ftarke Eifennägel nach der Reihe hineingeprefst, die um eine Fleckftärke aus dem Oberflecke herausftehen. Um diefen Abfatz auf dem Schuhe zu befeftigen, braucht man die zweite Mafchine, in die der Schuh mit dem Abfatze hineingelegt wird. Die Mafchine regulirt die Stellung, und durch einen Druck treibt fie die über den Oberfleck hervorftehenden Stifte in die Sohle und Kappe des Stiefels und vernietet fie. Die Abfatzpreffe foll täglich 1500 Paar Abfätze preffen und die zweite Mafchine ebenfoviele an den Schuhen befeftigen können. Ferner hatte diefe Gefellfchaft ausgeftellt eine Ketermafchine, mit der man 6000 Paar per Tag biegen und drehen können foll und fchliefslich eine AbfatzFeilmafchine zum Putzen der Abfätze. Die fämmtlichen hier bezeichneten Mafchinen werden mit Dampfkraft betrieben. Die Schuhmafchinen- Fabriksgefellſchaft in Bofton hatte ausgeftellt eine Mafchine mit Holzftiften und zwei mit Metallftiften zum Nageln. Diefelben werden mit Dampf betrieben und nageln nach Angabe des Vertreters ein Paar Schuhe per Minute. Von derfelben Gefellſchaft war ferner eine Oefenmafchine zum Einfetzen von Oefen ausgeftellt. Es werden 8000 Oefen auf einmal hineingefchüttet, die auf einen Druck einzeln hervortreten und befeftigt werden. Eine dazu gehörige Mafchine, die jedoch nicht mit ausgeftellt war, dient dazu, die Oefen in gleichmässigen Entfernungen anzubringen. Weiter eine Nähmafchine ohne Schiffchen mit Kettenftich, zum Steppen der Lederfchäfte, und endlich eine Abfatzputzmafchine mit Gas geheizt. Die Reverſible Boot Heel Company im Providence( Rhode Island) brachte eine Mafchine zur Herftellung eiferner Schuhabfätze, die uns aber fchon ihrer Schwere halber fehr unpraktiſch erſchienen. E. Lemercier in Paris hatte folgende Mafchinen ausgeftellt: 1. Eine Mafchine zum Befeftigen der Sohlen durch Schrauben mit Dampfbetrieb. Die Mafchine fchneidet nach Belieben ftärkere oder fchwächere Gewinde in den Draht, fchraubt denfelben in die Sohle oder den Abfatz, vernietet fie im Innern des Schuhes und fchneidet fie ab. 2. Obige Mafchine zum Handbetrieb. 3. Eine Aufzwickmafchine. 4. Eine Chaffe- Semences mit magnetifirter Nadel. Diefes Werkzeug erfetzt den Hammer beim Aufzwicken und Einfchlagen der kleinen Nägel, franzöfifch Semences genannt. 5. Eine Fraife- Mafchine zu Dampf- und Handbetrieb. Diefelbe erfetzt den Schufterkneif, die Raspel und das Glas und befchneidet die Abfätze, ohne dafs man die Leiften aus den Schuhen herauszunehmen braucht. Die Mafchine foll in einem Tage 225 bis 250 Paar Sohlen und Abfätze fertig machen. 6. Eine Cylinder- Porte- Forme, um ftehend oder fitzend einfchrauben, nageln oder nähen zu können. 8 S. Goldfchmidt. 1951- nob Weiter waren von franzöfifchen Fabrikanten ausgeftellt: Von François J. G. Daudé in Paris eine Oefenmafchine und Oefen, Devred Eeroghier in Orchies( Nord) eine Walkmafchine, A. F. Enodeau in Paris Mafchine zur Fabrication von Holzabfätzen, Alex. Héron in Paris Mafchine zum Schrauben von Schuhen, no Jules Touzet in Paris Mafchinen zur Schuhfabrication, sme? ons w lol Giesnet in Lyon Schuhmafchine und Walkmafchine, dishab A finish F. Nardi in Marfeille Walkmafchine.bain rem bir mahsg msb the msb the sold Von deutfchen Mafchinenfabrikanten fanden wir von Weber und Miller aus Frankfurt am Main Sohlen- Nähmafchinen, Rifs-, Schrag, Walz- und Stanzmafchinen.denstowog allogens alleled s Das fogenannte franzöfifche Walzwerk befteht aus zwei fchweren, glatt polirten Walzen, die frei auf einander liegen. An der oberen find zwei einarmige Hebel angebracht, an deren Enden Gewichte hängen, die den Druck bedeutend verftärken. Werden die Walzen in Bewegung gefetzt, wozu trotz des grofsen Schwungrades bedeutende Kraft gehört, fo genügt ein verhältnifsmäfsig geringes Heben, um das Leder zwifchen die Walzen zu bringen. sin dud C. H. Schütte in Berlin einen Block mit vier daran befeftigten Walkblöcken, dazu eingerichtet, dafs Abends vier Arbeiter bei einer Lampe arbeiten können. me laivousds suidstel sisws sib ban 5000 K. S. Stengelin in Tuttlingen eine Stiefel- Walkmafchine, A. Storck in Tuttlingen eine Walkmafchine, und endlich sid/ Guftav Bopfinger in Ravensburg ebenfalls eine Walkmafchine.000 Oefterreich brachte: Eld/ 15 nsstu mus suids) emilis A. Bernhaupt in Wien eine Schuh- Aufpappmafchine und Popp und Losner in Wien eine Walkmafchine. ni Wir haben nun alle jene Mafchinen erwähnt, die wir, als fpeciell für die Schuhmacherei beftimmt, theils in der Mafchinenhalle, theils in den anderen Pavillons aufzufinden in der Lage waren, und felbe fo weit befchrieben, als wir folche in Bewegung fahen oder fonft durch die Freundlichkeit der Ausfteller von deren Leiftungsfähigkeit in Kenntnifs gefetzt wurden. geus els nostet usb Wir müffen nun im Allgemeinen noch die Unmaffe von Nähmafchinen erwähnen, mit denen von aller Herren Ländern die Ausftellung befchickt war. Kaum dürfte es eine Hilfsmafchine geben, die in fo grofser Zahl und nach den verfchiedensten Syftemen gearbeitet vertreten war. Es war fchon aus diefem Umftande ganz unmöglich, eine genaue Prüfung derjenigen vorzunehmen, die fpeciell für Lederarbeiter beftimmt waren. H 151 Zum Schluffe erwähnen wir noch als einen kleinen, für Nähmafchinen verwendbaren Motor die Dampfmafchine von Friedrich Siemens in Berlin. Das Syftem ift neu, die Mafchine hat weder Cylinder, noch Kolben, Leitftangen und Kurbel, auch keine Ventile. Sie hat nur einen Dampfkeffel und diefer ift zugleich der bewegende Theil. Die Maſchine ift auf o'r Pferdekraft berechnet, mit Gas geheizt und beträgt der Confum von Gas per Stunde 21 Cubikfufs. Dabei foll fie völlig gefahrlos fein. da si sbisadol bad2 256 mennt deniedbaaH us onidotel sgidos onidblad walu sai istols als asli bermuangan sim assisted s Holloxnent legislabs gaidotai bau nodsiwatu misdomme ob 252 bloidsindbasH bu qasⱭus saidle- stic elab sudo sadA sib 1sbiandolod ban asl en bou 15qes sib issue. al Hol snidste M sia douard nomdomuseumed asdudo2 asb aus noftis sib nom nedbem gin estid A bau lo aid se menis 20 itsandus asdan isho alsgen 10 asb dinagog gowded asdindblad said it iw sim dommons qu asdolow dozub himinho ob gw is haul asid.lgbs Wissuniq do blends que no sob dombastlina nallioito ash mobbsat assmmbatsun Sen hefinallitus as is no lindobito nevidiens no mi SCHMUCKFEDERN, KÜNSTLICHE BLUMEN UND HAARARBEITEN. asblus isfy aid allows iz bax somis lus 15b bosib medolsward doinbs bigens alisdiA geyinsatory Eni aid advies( Gruppe V, Section 10.) isleib doen Anbinds nodot oid nodotslydab is a ni mablidog ligis 195 1A 5gins long sleib Tad nobatov andsin don aid gausia gille noteci natsbae ni dous yumgussia Laulus allaidoisty sinod nois Bericht von sib disued dolensis six bna. bus gas saulisiebobbly tal uld spins will DR CARL TH. RICHTER, smolibda of bok. k. o. o. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Universität zu Prag. 2 nebandidal moms haldist nun nou dailion as nailedsto iqqan asmall bar asb podcft Modsilausto sacy Anabilgong nalkenstonsbis bus How notdily a blogismil ban 9d Es gibt wohl kein zierlicheres Gebiet auf der Ausftellung, als das, das wir hier zu behandeln haben. Der Federfchmuck, felbft die Perrückenkanft und vor Allem die Induftrie der künftlichen Blumen traten in fo aufserordentlich reicher Weife hervor, dafs man, wie z. B. den brafilianifchen Federfächern gegenüber an zarte Feenhände glauben lernte, die der feinften Feder, welche die Natur fchon elaftifch und zierlich gebaut, eine noch edlere Biegung durch die Kunft zu geben verftanden, ebenfo wie man gegenüber den herrlichen franzöfifchen Kunftblumen. oder den Blumenauffätzen und Bouquets der Gräfin Baudiffin aus Wien durch das Auge fo beraufcht wurde, dafs man den Duft der Blumen auch dort, wo er nicht künftlich dem Kunftobjecte beigegeben war, mit genofs und an der Frifche der franzöfifchen Veilchen gerade fo fich felbft erfrifchte, als man den Sonnenbrand nachzufühlen vermeinte, unter welchem halb und ganz verwelkte Blüthen, wie fie Frau Gräfin Baudiffin als eine Specialität ihrer Bouquets und Auffätze mit befonderer Vorliebe und aufserordentlicher Naturwahrheit pflegt, erftarben. An Objecten der Befchreibung hat es daher in keinem der hier zu erörternden Gebiete des Gewerbes und der Induftrie gefehlt. Allein wir müfsten weit ausholen und einen grofsen Raum für uns in Anfpruch nehmen, wollten wir auch nur annähernd jedem einzelnen Ausfteller und keineswegs den einzelnen Objecten gerecht werden. Schliefslich aber foll doch auch in diefem Berichte durch die Ausdehnung derfelben der Werth der einzelnen Induftrien gewiffermafsen plaftifch gezeigt werden. Und beträgt die franzöfifche Blumeninduftrie, die 15.000 Menfchen befchäftigt, nach dem jährlichen Productionswerthe, heute fchon an durchfchnittlich 25 Millionen Francs, fo tritt diefs doch als ein fehr befcheidener Theil des nationalen Reichthumes weit zurück vor dem Productionswerthe jedes anderen Zweiges der textilen Induftrie. Die öfterreichifche Blumenfabrication mag heute einen Jahreswerth von zwei Millionen Gulden repräfentiren, und wenn wir es mit Anerkennung hervorheben, dafs feit den letzten Jahren der Export der Wiener Kunftblumen ebenfo wie jener der„ Kranzlbinder" des böhmifchen Niederlandes im glücklichen Steigen begriffen ift und die Einfuhr fich ebenfo befchränkt, ja felbft wenn wir anerkennen, dafs gerade durch die Kunftblumen Fabrication die fchwächere weibliche Arbeits kraft, die durch die Grofsinduftrie fehr vereinfamte Hausinduftrie eine guten Lohn bringende Befchäftigung findet, fo zählen die Ziffern und der Werth aller Artikel 10 Dr. C. Th. Richter. zufammengenommen, wie wir fie hier zu befchreiben haben, wenig gegenüber der Spinnerei, Weberei u. dgl. m. Diefs und der Zwang der Verhältniffe, durch welchen der Redacteur des officiellen Berichtes durch den oft fehr fpät gemeldeten Rücktritt der gewählten Berichterstatter von der zu erfüllenden und übernommenen Aufgabe in letzter Stunde genöthigt war, fein eigenes gefammeltes Material zu fichten und für die Berichterstattung zu benützen, mögen von vornherein die Kürze der Betrachtung und den Verfuch, einzelne Gebiete der Arbeit knapp zufammenzufaffen, rechtfertigen und wenn es Noth thut, entfchuldigen. Im Uebrigen haben wir, insbefonders was die Kunftblumen- Fabrication anbelangt, in dem officiellen Berichte Oefterreichs über die Parifer Ausstellung 1867 eine ausgiebige Unterſtützung, und wir verweifen hier gleich auf den darin enthaltenen Bericht von Friedrich Uhl, in welchem die Technik der auf einer grofsartigen Arbeitstheilung aufgebauten Blumenfabrication Frankreichs bis in's Detail gefchildert ift. Es fei defsgleichen hier fchon erwähnt, dafs nach diefer Richtung hin fich nichts verändert hat. Dagegen ift diefe grofsartige Art der Erzeugung auch in anderen Staaten allmälig eingebürgert worden und Deutſchiand wie Oefterreich betreiben die Blumenfabrication heute gleichfalls auf Grund einer glücklichen Arbeitstheilung ziemlich ausgedehnt. Zählt doch Wien heute fchon 20 Etabliffements für Blumenbeftandtheile und 150 Etabliffements für fertige Blumen. Das ganze Gebiet von Nixdorf, Heinspach, Schluckenau und die umliegenden Ortfchaften des nordweftlichen Böhmens erzeugen nun feit faft einem Jahrhundert ganz erftaunliche Maffen flacher Bouquets, Guirlanden und Blumen aus Wachspapier und Flittergold, aus gefärbten Woll- und Seidenftoffen, aus allen möglichen Arten Papier, Stroh u. f. w. Es ift auch gar kein Zweifel, dafs diefe Entwicklung und heute noch unbefchränkte Entwicklungsfähigkeit durch das franzöfifche Mufter allmälig angeregt wurde und die Erkenntnifs Adam Smith's, dafs die Arbeitstheilung die Quelle des nationalen Reichthums ift, in einem kleinen Gebiete einen glücklichen Schritt vorwärts gemacht hat. Fehlt uns doch die Erkenntnifs diefes Satzes auf manchen Gebieten der Induftrie und hemmt deren Entwicklung. Selbft in der Blumenerzeugung ging es nur langfam vorwärts und es bedurfte, um nur ein Beifpiel zu geben, mehr als ein Jahrzehnt, ehe man den Arbeiter des läftigen und zeitraubenden Umwickelns des Drahtes mit Papier enthob und das Ueberfpinnen des Drahtes mit Papier fabriksmäfsig eingeführt werden konnte. Wie alles Neue," fo berichtet der Erzeuger folchen überfponnenen Drahtes, Wenzel Gothtelt aus Nieder- Einsiedel in Böhmen, hatte auch diefer Artikel feinen Kampf zu beftehen; jedoch hat derfelbe fich nun im In- und Auslande Bahn gebrochen, wird auch als fchöner, beffer und billiger erachtet, als der durch Handarbeit und neben anderen Thätigkeiten erzeugte." " 9 99 Indem wir diefs vorauszufchicken für nothwendig erachteten, wollen wir des Federfchmuckes, der künftlichen Blumen, und zum Schluffe des Haarhandels und Frifeurgewerbes foweit die Ausftellung Neues zeigte und uns zu neuen Studien anregte, gedenken. Dabei ift nicht zu vergeffen, dafs heute nur die künftliche Blume eine befondere und bedeutende Stellung in der Bekleidung der Menfchen oder vielleicht beffer im Schmucke einnimmt, während die Feder ihren einft bedeutenden Werth eingebüfst hat, ebenfo wie die fociale Beziehung des Haarund Bartwuchfes nur felten noch in unferer Cultur, hervortritt und Werth und Bedeutung des Frifeurgewerbes auf einen geringen Wirkungskreis eingefchränkt ift. Die Feder war felbft nach den wenigen gefchichtlichen Nachrichten, die uns erhalten find, ficherlich zuerft nicht blos ein Theil des Schmuckes, des Gewandes, fondern als Gewand felbft ausgenützt worden. In Afien bildet die glänzende Feder des Pfaues, ebenfo wie das Gefieder des Schwanes die Grundlage einer ganz befonderen und, wie es fcheint, hochentwickelten Kunftinduftrie, die bis in die Zeit Carl's des Grofsen und in die Handelsblüthe Venedigs hinaufreicht. Oft erfchienen die venetianifchen Kaufleute mit dem koftbaren Producte eines Schmuckfedern, künftliche Blumen und Haararbeiten. 11 Gewandes aus Pfauenfedern oder der reichen Fülle eines Schwangefieders, das wie das zartefte Vliefs fich anfühlte und in ähnlicher Weife behandelt war. Wir wiffen nun freilich von der Art diefer Arbeit und von der Verwendung der Feder zum ganzen Kleid fehr wenig. Das aber, glaube ich, können wir als ficher annehmen, dafs, wie mit der Benützung glänzender und farbenfpielender Federn neben den in früheren Zeiten fehr einfachen Stoffen und Geweben der Verfuch eintritt, einen Wechfel der Stoffe, insbefondere der Farbe, zu erzeugen, das menfchliche Auge die Schönheit des Kleides fordert. Und die Feder, die der Vogel freiwillig abgibt, bildete vielleicht den erften Anfang des Kleiderzierrathes. Erft in fpäterer Zeit wurde die Schmuckfeder felbft Rohftoff für die kunftvolle Erzeugung des Gewebes. Und als diefe Kunft verloren ging, wird fie, was fie zuerft war, Schmuck, insbefondere Schmuck der Haare und der Kopfbedeckung und Zeichen des Luxus. Mit den Fortfchritten des Handels, zumeift des überfeeifchen, des Handels mit Afrika, der Heimat des Strauſses, dann mit Indien, wo der Marabou, der Pfau, der Paradies vogel und der Kafuar feine Heimat hat, mit Südamerika endlich, wo in Brafilien der Kolibri, der Ibis und anderes kleines Volk gedeiht, da wird die Feder die Quelle eines ganz productiven Importes nach Europa. Daneben gewinnen die Vögel Europas, der Haushahn und die Taube, der Schwan, der Fafan und die Wild ente, der Stofs des Auerhahnes, feit langen Jahren der Schmuck des Jägers, in unferer Zeit das inländifche Material für einen der vornehmften Fächer, immer mehr und mehr an Bedeutung. Dauernd hatte die Straufsfeder zumeift als Coiffure und Schmuck der Haare, in früheren Zeitaltern als koftbarer Schmuck der Barette des Adels den höchften Werth. Die von Natur aus biegfame und gebogene Feder, der duftige und wie in zierliches Gewölk fich auflöfende Flaum derfelben, haben fie von jeher als begehrungswürdigen Artikel des Damenfchmuckes erfcheinen laffen und die bedeutende Nachfrage hat in Egypten wie am Cap der guten Hoffnung den glücklichen Verfuch gereift, den Straufs zu zähmen und an die menfchliche Haushaltung zu gewöhnen. Aber das Geheimnifs ift noch nicht entdeckt, durch häusliche Züchtung und Wahl der Nahrung das Gefieder fo zu entwickeln, wie man z. B. bei der Schafzucht Vliefs- und Fleifchbildung fehr leicht regeln und beftimmen kann. Die Federn des gezähmten Strauſses ftehen in Qualität bedeutend jenen des wilden Strauſses nach. Die Franzofen find von jeher Meifter gewefen in der Benützung des Gefieders und der einzelnen Schmuckfedern, ebenfo wie in der Bereitung und insbefondere Färbung derfelben; und fie find es fo lange fchon, fo lange eben Frankreich die Mode und den Wechfel der Mode beftimmt. Und das reicht weit über die Zeit Ludwig XIV. und die Einflüffe hinaus, welche das freie und genufsreiche Leben Burgunds neben der einftigen und vor der fpanifchen Mode ausgeübt hat. Heute noch liefert Frankreich und hier wieder Paris die durch Kunft entwickelte Schmuckfeder den Modiftinen des ganzen Continents, ja felbft Englands und Amerikas. Der fertige und vollendete Schmuck, das eigentliche Product der Modiftin, geht von Paris felbft wieder in die überfeeifchen Länder, welche das Rohmaterial liefern. Und nicht nur in den Luxusfedern, auch in den gewöhnlichen Artikeln, für welche zumeift die Armeen Europas die Confumenten find, fteht Frankreich obenan. Alles, was die Wiener Weltausstellung zeigte, bewies das Recht Frankreichs auf diefe Herrfchaft, und felbft Wien trotz feiner in den letzten Jahren ziemlich entwickelten Erzeugung von Kunftfedern ſteht eben fo weit hinter Frankreich zurück, wie Berlin trotz feiner hochentwickelten Technik der Färberei. Nur Fräulein H. und E. Natté aus Rio de Janeiro machten diesmal mit ihren herrlichen Fächern aus zart gebogenen Federn, ihre Blumenbouquets, aus taufend und taufend Federchen zufammengeftellt, den Franzofen ihren alten Ruhm etwas ftreitig. Wir verweifen über diefe Ausftellung auf den Bericht über Frauenarbeit von Frau v. Roditzky und erwähnen hier nur, dafs in der That Frankreich neben den Leiftungen der brafilianifchen Damen verfchwinden würde, wenn eben die Behandlung der Schmuckfedern in Frankreich nicht eine hochentwickelte In 12 isdiH bis Dr. C. Th. Richter. duftrie, in Brafilien, wie es fcheint, dagegen nur die Leiftung eines einzelnen, mit zartem Naturfinn begabten Individuums wäre.dlas dan dil Ahorn ol gumbasvab now bridAshilab nov dilist ang asiw by Was die Haare, den Haarhandel und die Kunft des Frifeurgewerbes anbe langt, fo haben wir fchon oben erwähnt, dafs diefes Gebiet im Laufe der Jahrhunderte und mit der Entwicklung der Cultur, der Ausgleichung der gefellfchaftlichen Claffen an Bedeutung viel eingebüfst hat. Im fernften Alterthume, wie heute noch bei allen wilden Völkern, denen wir in Amerika, im Innern Afrikas und auf den Infeln des ftillen Oceans begegnen, bilden Haar und Bartwuchs einen beftimmten Theil des Gewandes, fo weit diefs eben auch zum Ausdruck der gefellfchaftlichen Verfchiedenheit fich emporringt. Den Egyptern ift vor mehr als drei Jahrtaufenden die Frage fo wichtig, dafs ein beftimmtes Gewerbe, eine Kafte fich bildet, jene der Haarkünftler. Und nicht nur der Schnitt des Haares und des Bartes, die kunftvolle Perrücke wird ein nothwendiges Gewandftück für Mann und Weib. Sie iſt in ihrer erften Erfcheinung keineswegs eine Putzfrage oder ein Mittel, die Blöfsen des Hauptes zierend und zugleich wärmend zu decken, fondern ein gefellfchaftliches Abzeichen, Ausdruck der Kafte. So bei den Egyptern und bei den Arabern, wo felbft die doppelte Perrücke erfcheint und die Strabo und Polybius noch bewundern und ausführlich befchreiben. Aehn lich ift der Perrückenluxus des XVII. und XVIII. Jahrhunderts viel weniger eine Schmuck- und Modefrage, fondern der Ausdruck eines focialen Bedürfniffes, den ftändifchen, vor Allem den amtlichen Unterfchied zur Geltung zu bringen. ban Und gerade in diefer Bedeutung ragt die Perrücke mit der Bewahrung der alten Parlamentsgebräuche in England, der Juftizgebräuche in Frankreich, ein grofser Widerfpruch mit unferem fonftigen Leben, noch bis in die Tage der Gegenwart. Wie zahlreiche Gefetze fchon im XIII. Jahrhundert nach den verfchiedenen Ständen die Länge der Schuhfchnabel beftimmen, fo beftimmen zahlreiche Perrückenordnungen fpäterer Zeit Recht und Anfpruch der verfchiedenen Stände auf das ftändifche Abzeichen. gants dotikus doubts bam Als Schmuck- und Putzmittel tritt die Perrücke in allen Formen als einfache Perrücke und Bedeckung des Glatzkopfes bei den Männern, als Haarvermehrung und Chignon viel fpäter auf. Ich meine mit der fpäteren Zeit keineswegs die unfrige. In Egypten fchon erfcheint fie mit der Verweichlichung der Sitten, in Rom mit dem durch das Auftreten der Germanen Mode werdenden blonden oder rothen Haare. Die Gallier, die Urväter der heutigen Franzofen, und die Juden treiben neben dem Handel mit Schminke, Seife und Pomade den Haarhandel nach Rom und Italien. In diefer Zeit beginnt auch in Europa, wie es in früheren Jahrhunderten die Afiaten geübt hatten, die jüdifchen Frauen, trotz Jefaias Warnung, das Färben der Augenbrauen, Wimpern, Bart- und Haupthaare. - Und wieder benützten es blos die Edleren und Befferen des Volkes, als ob alle Culturftufen dem Gedanken nachhingen, dafs der edler Geborene auch edler erfcheinen müffe. Lavater's phyfiognomifche Studien erfcheinen als ein fehr matter theoretifcher Wiederfchein einer Jahrtaufende alten Praxis.in baUntil Isismist ids Betreffs der Form der Perrücke und der falfchen Haare als Putz- und Schmuckmittel hat die fonftige Culturentwicklung der Menfchheit an der Behauptung barbarifcher Gewohnheiten bis in unfere Tage nichts geändert. Freilich ift die Bedeutung diefer Erfcheinung viel nebenfächlicher, als die früher erwähnte. Das Frifeurgewerbe ift dadurch aus der Reihe der nothwendigen und einft bevorzugten Gewerbe ausgefchieden und dient heute, wie manch' andere gewerbliche Richtung, den Launen und dem Wechfel der Mode. Die Verfuche im Haar- und Bartwuchfe oder Schnitt ein ftändifches Abzeichen zu erhalten, gehören in unferen Tagen noch der Phantafie der römifch- katholifchen Kirche oder wie die Verordnung des Jahres 1854 des Minifteriums Thun- Bach in Oefterreich, von dem Freilaffen der Mundwinkeln bei Militär und Staatsdienern handelnd, den polizeilichen Willkür lichkeiten an. Sie find der Lächerlichkeit anheimgefallen und das Frifeurgewerbe Schmuckfedern, künftliche Blumen und Haararbeiten. 13 ift heute ein Behelf der Toilette und in der Kunft des Perrückenmachens der Darbieter von Schutz- und Wärmemitteln oder auch der geheimnifsvolle Bedecker von Toilettengeheimnifs. Es kommt hiebei auf die Kunft an, das natürliche Haar, den Fall und Wurf desfelben auf einer geeigneten todten Fläche täufchend und der Bequemlichkeit nachgehend nachzuahmen. Allgemein oder wenig. ftens zum gröfsten Theil werden die Perrücken durch Druckfedern auf dem Kopfe befeftigt und wie fchon früher, fo fah man auch auf der Wiener Weltausftellung mancherlei Verfuche die drückende Feder zu befeitigen und das Haften auf dem Kopfe durch künftliche Nachbildung der Schädel zu erfetzen. Durch den Bedarf dafür und jenen für die Chignons und falfchen Zöpfe der Frauen ift der Haarhandel ein ganz anfehnlicher und zeigt( z. B. die Exportziffer von Frauenhaaren aus Böhmen nach Amerika im Jahre 1873 einen Werth von 10.500 fl. Leipzig bildet einen der bedeutendften Märkte dafür und im Verhältnifs ift die Haarmeffe keineswegs geringer als die Pelz- und Buchhandelmeffe. Home nam edon ab Und fo banwa Die künftlichen Blumen. Wir kommen nun zu dem reizendften und jedenfalls auch ergiebigften Gebiete der in diefe Section eingereihten kunftinduftriellen Arbeit. Die Blume bietet fchon auf dem freien Felde ebenfo wie im Ziergarten, ja felbft in der Sclaverei des Treibhaufes ein dem menfchlichen Fühlen und Denken überaus naheftehendes natürliches Gebilde. Dem Nebenmenfchen, dem Gleichfühlenden drücken wir durch Blumen oft mehr aus, als wir durch Worte vermögen. Freude und Schmerz, Wonne und Trauer fuchen wir in dem reichen und wechfelvollen Schmuck der Blume äufserlich darzuftellen. Dadurch nimmt wohl feit Menfchengedenken die Blume des Feldes wie des Gartens eine beftimmte Stellung in Mitte des menfchlichen Kleides und des Schmuckes desfelben ein. Die Verwendung dafür war aber von jeher viel beengter als jene der Federn der Vögel und andern natürlichen Zierrathes. Vor Allem welkte die Blume und erftarb in der Krone, die das Haupt der Jungfrau fchmückte, in dem Kranze, der die Tänzerin zierte, in dem Strauſse, der das Kleid fchmücken follte und erftarb im Wechfel der Jahreszeit der Blüthenreichthum überhaupt, fo verlor der Menfch auch die ergiebigfte Quelle feines Schmuckes und feiner Freude. mögen die künftlichen Blumen allmälig entstanden fein. Lange vor Chriftus wurden, wie Plinius erzählt, die künftlichen Blumen von Egypten nach Griechenland eingeführt und zwar zum Schmucke der Jungfrauen, Tänzerinen, Schaufpieler u. f. w. Zu Cäfars Zeiten fchmückten die Frauen der Römer ihre Haare mit künftlichen Blumen, die aus vielfarbigen Seidenftoffen oder der Rinde des Papyrus gemacht und damals fchon mit feinen Wohlgerüchen gefüllt waren, die in Natur den Blumen eigen. Wir wiffen desgleichen, dafs die Chinefen feit langen Jahrhunderten die Kunft geübt haben, aus den Federn der Vögel, aus einzelnen Seidenftoffen, die befonders dafür gewebt waren, und endlich aus dem Marke gewiffer Pflanzen kunftvolle Blumen zu erzeugen. Diefes Mark ſpielt heute noch eine ganz befondere Rolle und wird zumeist bei den künftlichen Blumen der Gräfin Baudiffin verwendet. Man bezeichnet die Maffe mit Reispapier, trotzdem dasfelbe weder von der Reispflanze ftammt, noch eine eigentliche Papierconfiftenz befitzt. Es iſt eine fchwammige, brüchige, fchneeweifse, oblatenartige Maffe, welche aus dem Marke einer befonders auf der Infel Formofa wachfenden Pflanze gewonnen wird, die in die den Doldenpflanzen naheftehende Familie der Araliaceen gehört und Aralia papyriphera Haok heifst. Diefes Reispapier hat die Eigenfchaft, dafs die darauf gebrachten Farben überaus brillant und fammtweich erfcheinen, und durch feine Dichtigkeit fowohl als feine Transparenz es fich aufserordentlich für künftliche Blumen eignet. Der Blumenreif, der fonft erft künftlich aufgeftreut werden mufs, findet fich hier fchon im Material und zeichnet eben die vollendeten Werke der Gräfin Baudiffin ganz befonders aus. Wir werden später noch auf die glänzende Ausftellung diefer Dame zurückkommen. Hovfind ai 14 Dr. C. Th. Richter. Im Mittelalter haben die feefahrenden Italiener und später die Spanier die Erzeugung von künftlichen Blumen befonders gepflegt Der feinfte Battiftftoff, Gaze und befondere Seidenftoffe bildeten das Rohmaterial dafür, neben jenen roheren Stoffen, dem Goldpapier und anderem gemalten Papier, aus welchem man frühzeitig in den Klöftern, die zum Schmucke der Kirchen und Altäre dienenden Blumen in Auffätzen, Kränzen und Guirlanden erzeugte. Heute noch ſpielt gerade in diefer Richtung das Papier eine grofse Rolle, da die für den Kirchendienft nothwendigen grofsen Mengen von Blumen und Guirlanden nur aus farbigem Papier erzeugt werden. Frankreich, Deutſchland und in den letzteren Jahren auch Oefterreich, haben ganz befondere Fabriken für die Erzeugung der dabei nöthigen Luxus- und Phantafiepapiere. Das Gebiet des nordweftlichen Böhmens, in welchem Taufende von Frauen- und Kinderhänden mit der Erzeugung von künftlichen Blumen befchäftigt find, producirt gerade in diefer Richtung ungeheure Mengen, die faft über alle katholifchen Länder im Handel verbreitet werden. Leider hat diefes Gebiet des fogenannten böhmifchen Niederlandes an der Ausftellung fich nicht betheiligt, was wir lebhaft bedauern, da neben den Papierblumen auch ganz vorzügliche Arbeiten aus den verfchiedenften gewebten Zeugen, Leinwand, Percail, Crepp, Taffet, Sammet und ganz bedeutende Quantitäten Strohblumen in diefen Gegenden erzeugt werden. Als endlich im Anfange des vorigen Jahrhunderts Frankreich zu Lyon und endlich zu Paris die Blumenerzeugung begann und als Seguin, ein Künftler und ein Mann der Wiffenfchaft, die forgfältigfte Nachahmung der Natur bei den künftlichen Blumen und Blättern empfahl und durch feine eigenen Werke auch überzeugend darftellte, da bildete allmälig fich der Boden einer Induſtrie aus, welche heute für Frankreich den Werth von mehr als 25 Millionen Francs repräfentirt und die in Paris allein 15.000 Arbeiter oder beffer Arbeiterinen glücklich befchäftigt. Uebrigens ift diefe hohe Entwicklung felbft für Frankreich noch fehr jung, denn noch unter Ludwig XVIII. und Carl X. hatten die wahrhaft künftlerifch gearbeiteten Blumen noch einen fo hohen Preis, dafs fie nur bei aufserordentlichen Gelegenheiten gekauft und verwendet wurden. Erft nach den dreifsiger Jahren entwickelte fich jene grofsartige Theilung der Arbeit, welche Friedrich Uhl bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung 1867 fo ausführlich gefchildert hat, und welche allmälig Frankreich mit diefem Artikel wahrhaft weltbeherrfchend machte. Heute wie damals nimmt der Graveur und der Erzeuger der Werkzeuge die wichtigfte Stelle in der Erzeugung der künftlichen Blumen ein und jé forgfältiger die Matrize oder das Modell die Natur nachahmt, defto vollendeter wird die daraus hervorgegangene Blume erfcheinen. An die Graveure reihen fich die Fabrikanten der einzelnen Beftandtheile der Blumen und die Verfertiger der Blätter, in welchen beiden Gebieten heute eine folche Theilung der Arbeit durchgeführt ift, dafs man aufser der Nadelfabrication Englands, der Glasquincaillerie Böhmens nichts mit ihr vergleichen kann. Zu diefen Fabrikanten kommen dann noch die eigentlichen Blumenmacher, die, indem fie jedem einzelnen Beftandtheile die letzte künftlerifche Form geben, die einzelnen Blumen, Blüthen und Blüthenzweige zufammenfetzen, dann die Blumenmodiften, welche aus fertiger Waare, Bouquets, Kränze, Ball-, Kleid und Hutzierden zufammenftellen, und welche als letzte Inftanz die Mode der ganzen Welt beftimmen. Heute ift diefs Alles vollkommen durchgebildet und es ift natürlich, dafs damit Routine und Gefchmack fich ebenfo aufserordentlich entwickeln, wie die Preife der kunftvollften Blumen fich allmälig erniedrigen müffen. So fah man denn wie einft in Paris fo auch in Wien die Gallerie der franzöfifchen Kunftblumen von taufend und aber taufend Befuchern gefüllt, die mit wahren Frühlingsfreuden die Bouquets der lichtblauen Parmaveilchen, der Rofen und Camelien bewunderten und dem erfrifchenden Genuffe fich hingaben. Neben den einfachften Feldblumen, Aehren, Mohn und Cyanen bis zu den Difteln fand man die kunftvollften Rhododendrons, Orchideeen und die fchwierigfte der nachzu Schmuckfedern, künftliche Blumen und Haararbeiten. 15 ahmenden Blumen, die duftausftrömenden Refeden. Die Wirkung der franzöfifchen Ausstellung war durch die collective Vereinigung von mehr als vierzig Firmen unbedingt fo glänzend und hervortretend. Da fah man Maiſon Max& Comp. mit den aufserordentlich fchönen, kunftvollen Früchten, E. Collin, Th. Coqueniot, Alphonfe Darière, mit den wunderbarften Blättern und Blüthen, H. Frantzen mit aufserordentlich fchönen Rofen u. f. w. Jeder franzöfifche Blumenfabrikant und Aussteller kann eine Specialität genannt werden und keiner brachte etwas Verfehltes oder Unfchönes. Wie wir vollständig bereit find, auch in diefer Richtung die Herrschaft Frankreichs auf dem Gebiete der Kunftinduftrie anzuerkennen, fo hat denn doch die Wiener Weltausftellung den Beweis geliefert, dafs die Zeit vorbei ift, in der man bei einer Ausftellung aller Culturftaaten nur von den Erzeugniffen einer einzigen Nation zu fprechen für nöthig findet. Noch in dem öfterreichifchen Bericht über die Weltausftellung von 1867 konnte der Referent mit einer Betrachtung der franzöfifchen Kunftblumen diefe Frage für gelöft anfehen. Er hatte nicht nöthig, auch nur mit einem Worte der belgifchen, der deutfchen und der öfterreichifchen Induftrie zu gedenken. Auch in Wien hat fich Belgien mit feiner grofsen Blumenfabrication nicht betheiligt. Auch Deutfchland war feiner Bedeutung auf diefem Gebiete nach nicht entſprechend vertreten. Dennoch zeigte die Collectivausftellung der fächfifchen Blumenfabrikanten ebenfo wie jene der baierifchen Blumenfabrikanten, welche grofse Fortfchritte die deutfche Blumenfabrication gemacht. Befonders bemerkenswerth waren die künftlichen Blumen und Blumenbeftandtheile der Münchener Firma J. von Heckel, ebenfo wie die feinen Rofen, welche E. Timme aus Berlin, die künftlichen Blätter, welche Thieme& Hochftetter aus Berlin ausgeftellt hatten. Es ift gar kein Zweifel, dafs die deutfche Blumenfabrication der Maffe und Qualität nach der franzöfifchen zunächft fteht, und Gräfin Baudiffin ausgenommen, die Wiener Blumenfabrication noch um ein ganz Bedeutendes überragt. In Oefterreich, insbefondere in Wien ift die Erzeugung von Kunftblumen ziemlich alt und frühzeitig concurrirten die Wiener Fabrikanten mit den„ wälfchen Blumen", wie fie aus dem lombardifch- venetianifchen Königreich zum Putze der Kirchen und Capellen faft für die ganze katholifche Chriftenheit verfendet wurden. Freilich waren das keineswegs Blumen, wie wir fie heute felbft fchon für den Schmuck der Altäre begehren. Die eigentliche Kunftblumen- Induftrie wurde mit der franzöfifchen Entwicklung fehr arg bedrängt und es mufsten Jahre vergehen, ehe man eine Wiener Blume nur annähernd dem franzöfifchen Product an die Seite ftellen konnte.. Man begriff erft in fehr später Zeit das Geheimnifs des ungeheuren Auffchwunges der franzöfifchen Blumeninduftrie, das der ausgebildeten Arbeitstheilung. Dem franzöfifchen Producte gegenüber konnte das öfterreichiſche nur ungenügend und dabei trotz der fcheinbar billigeren Preife doch nur theuer fein. Auf den Ausftellungen und zumeift auf der letzten Parifer Ausftellung lernte man diefs allmälig begreifen und fuchte feit dem letzten Jahrzehnt die Bahnen, welche die franzöfifche Induftrie längft gegangen, und die Quellen der Vollkommenheit, welche Frankreich feit Jahrzehnten ausgebeutet, auf. Es bildeten fich in rafcher Entwicklung gröfsere und kleinere Fabriken für die Erzeugung einzelner Blumenbeftandtheile, Etabliffements für die Erzeugung von fertigen Blumen neben den Modiften und eigentlichen Blumenhändlern, denen zur Seite in den letzten Jahren einige tüchtige Graveure getreten find. Dadurch wurde das Wiener Product insbefondere allmälig fehr vervollkommnet, fo dafs feit dem Jahre 1867 Menge und Werth der ausgeführten Blumen jene der eingeführten in fortgefetztem, günftigem Wachsthum überfteigen. Man konnte auf der Ausftellung mit befonderer Befriedigung diefe Entwicklung beobachten, und wenn auch im grofsen Ganzen die öfterreichische Blumenfabrication die deutfche noch nicht erreicht, fo zeigten 2 19 16 Dr. C. Th. Richter. die ausgeftellten Blumen von Michael Hutterftrafsner, von Heinrich Schle finger, die einzelnen Beftandtheile und fertigen Blumen von W. A. Thürfel der, die fchönen, künftlichen Früchte und Blumen von Jofef Schaffer, die Vafen und Tafelbouquets u. f. w. von Brüder Hieke, endlich die gefchmakvolle Ausftellung von Maria Coffani in der Rotunde, welch' tüchtige Kräfte fich mit der Blumenfabrication und mit wie gutem Erfolge fie fich befchäftigen. Es läfst fich mit Gewissheit vorausfagen, dafs die öfterreichifche Kunftblumen Induftrie über kurz oder lang die deutfche in Qualität und Quantität überragen und die franzöfi fche in glücklichem Vorwärtsftreben bald erreichen wird. Wenn man dafür eines befondern Beweifes bedarf, der heute fchon die vollfte Wahrheit diefer Hoffnung beftätigt, fo ift es die Ausftellung der Frau Gräfin Pauline Baudiffin in der Rotunde gewefen. In den Etabliffements diefer künftlerisch ausgezeichneten Dame werden fowohl die einzelnen Beftandtheile ihrer Blumen und Blätter, als auch die vollendetft fchönen Bouquets und Blumenauffätze erzeugt. Die Franzofen benützen feit langer Zeit für Blumen mit kräftigern fteiferen Blättern das fogenannte Papier de Chine oder ebenfo fogenannte Reispapier, wie wir es fchon oben gekennzeichnet haben. Frau Gräfin Baudiffin ver. wendet dasfelbe für die weichfte und zierlichfte Blume und bildet die Maiglöckchen wie die gelben Glocken des Frauenfchuh und die zierliche Azalea daraus, ebenfo wie fie die kräftigften Farrenkräuter, die fchlankften exotifchen Gewächfe damit herzuftellen verfteht. Es ift ihr Geheimnifs, den fpröden und gebrechlichen Stoff, der fich weder mit einer Preffe noch mit einem Durchfchlageifen behandeln läfst, wie es fcheint mit blos kunftfertiger Hand dem gefammten Reiche der Blumen dienftbar zu machen. Dafs diefs übrigens möglich ift, das verräth auch einen aufserordentlich feinen Naturfinn und einen reichen ergiebigen Gefchmack. Man konnte in der That nichts Schöneres und Natürlicheres fehen, als die üppigen Gruppen der Alpenblumen oder die Tafelauffätze aus Epheu, Farrenkräutern und exotifchen Gewächfen. Die Auszeichnung durch die Jury verfchwindet vor der allgemeinen Bewunderung, welche die Ausstellung diefer Dame gefunden hat und es läfst fich wohl annehmen, dafs ein folch glänzendes Vorbild, eine folch reiche und fchöpferifche Phantafie auf die gefammte öfterreichiſche Blumeninduftrie günftig und fördernd einwirken wird. Treten den praktiſchen Leiſtungen einzelner induftrieller Unternehmer noch günftig organifirte Zeichen und Malerfchulen für Mädchen an die Seite, fo kann man ficher hoffen, dafs fich hier ein reiches und ergiebiges Gebiet der Befchäftigung der weiblichen Arbeitskraft erfchliefsen wird. 755 TAPEZIRARBEITEN UND DECORATION. ( Gruppe XVI, Section 3.) 81 b Bericht von ANT ON FIX, jadust sib W Tapezirer in Wien. Durch den Reichthum und die Vielfeitigkeit der ausgeftellten Gegenstände im Möbel- und Decorationsfache, fowie Stoffen, Teppichen etc. ergab fich der deutlichfte Beweis, wie fehr fich das Bedürfnifs und der Gefchmack bei der inneren Einrichtung von Wohnungen geändert hat, wie fehr fich das Verſtändniss für das Stilvolle bei Möbeln gehoben und welche grofse Summen zu Folge deffen im Vergleiche gegen die früheren Zeiten darauf verwendet werden. Keine der vergangenen Weltausftellungen konnte fich einer fo grofsartigen Befchickung fpeciell in diefem Fache von fo verfchiedenartigen Ländern und Stilen rühmen, als die Wiener Weltausftellung, trotzdem fich auch auf diefer, zum lebhaften Bedauern des Sachverständigen, merkliche Lücken zeigten und gerade von jenen Ländern, von welchen man weifs, dafs ihre Productionskraft, unterſtützt durch grofse Fähigkeit und ausreichend pecuniäre Mittel, Vorzügliches in diefem Fache leiftet. So vermifsten wir faft fämmtliche erfte Firmen Deutſchlands, welche doch. vor allen anderen berufen gewefen wären, vereint mit Oefterreich die Ausrottung jenes durch die Zeit verftärkten Vorurtheils anzuftreben, welches franzöfifche Fabricate den Einheimifchen vorzieht, das heifst mit Frankreich in jene fiegreiche Concurrenz zu treten, welche dem grofsen Publicum beweift, dafs wir deren Fabricate, wenn auch nicht überflügeln, fo doch berechtigt find, uns auf gleiche Stufe mit ihnen zu ftellen. Mit diefen Worten fei jedoch keineswegs ein Urtheil über die Ausstellung des deutfchen Reiches gefällt, fondern diefe dienen nur zur Kundmachung unferer Betrübnifs über die karge Betheiligung, welche man aus nachfolgender Einzelbefprechung deutlich erfehen wird. In erfter Linie fteht das Object des Herrn J. Heininger aus Mainz, darftellend eine möglichft complete Ausstattung eines Salons mit Wand- und Fenfterdecoration nebft einigen Sitzmöbeln. Das Ganze zeigt bei gefchmackvoller Ausführung und noblem Eindruck eine vollkommen durchdachte Idee und verdient fchon defshalb allein hervorgehoben zu werden, da wir fonft meiftens nur Stückwerk ausgeftellt fanden. Die Fabricate der Firma Stovefand& Kollmar aus Carlsruhe gehören zwar hauptfächlich in Gruppe VIII; wir finden jedoch dafelbft einige Polstermöbel, unter welchen wieder Speifefeffel durch ihre befonders nette Ausführung hervortraten. 2* 18 Anton Fix. J. Pallenberg aus Cöln ift hervorragend durch feine für decorative Zwecke fehr verwendbaren Gegenftände fowohl durch Billigkeit, als auch durch Schönheit; diefelben, meift aus Carton- pierre erzeugt, erfetzen durch die Reinheit der Ausführung die koftfpielige Bildhauerarbeit. Was Möbel betrifft, find dafelbft drei Stühle, deren Montirung feinen und gediegenen Gefchmack zeigen. Paul Gartner in Liegnitz hat mit feiner Dampf- Möbelfabrik fein Hauptaugenmerk fcheinbar mehr auf die Billigkeit der Erzeugung, als auf gefchmackvolle Ausführung gerichtet. Indem wir noch eine Wanddecoration des Herrn J. Steinmetz junior aus München erwähnen, welcher durch nachgeahmte Gobelins( Malerei) mit Holztäfelung und darauf gemalten Intarfien einen fehr hübfchen Effect zu erzielen wufste, find wir damit auch fchon mit den deutfchen Ausftellern zu Ende, indem das wenige Uebrige fich nicht über das Niveau des Gewöhnlichen erhebt. Ebenfo ift zu bedauern, dafs England feine gediegenen Fabricate in kaum erwähnenswerthem Mafse zur Schau ftellte, fo zwar, dafs wir nur über die Firma Hewood& Hanks aus London zu berichten haben. Diefelbe exponirte in einem fpeciell den Möbeln angepassten Pavillon einige ganz originelle Stücke. Was die techniſche Ausführung betrifft, fo find diefelben tadellos, nur find trotz des abfonderlichen Stiles die Formen beinahe fchwerfällig und für ein Wohnzimmer nicht zierlich genug. Italiens Objecte in unferem Fache waren trotz ihrer Wenigkeit fo formund gefchmacklos, dafs es unmöglich ift, diefe als Richtfchnur bei Beurtheilung der italienifchen Tapezirer anzunehmen. Belgien hat aufser einem fehr praktiſchen und gefchmackvoll ausgeftatteten Schlafwaggon und einigen nett ausgearbeiteten Fauteuils und Seffeln der Firma Snyers, Rang& Comp. in Brüffel unbegreiflicherweife fonft gar nichts gebracht und gehört abermals zu jenen Lücken, welche fich weder erklären noch entfchuldigen laffen. Eine lobenswerthe Ausnahme bildet die Möbelinduftrie Dänemarks, welche in hervorragender Weife durch die Fabricate der Herren J. B. Hanfen, P. L. Rönne, F. P. Roerup und J. G. Lund aus Kopenhagen vertreten war. Wenn auch die Polfterarbeit, ausgenommen jene von J. B. Hanfen, noch nicht auf gleicher Stufe mit der Erzeugung ihrer gefchmackvollen Möbelformen fteht, welche durch ftilvolle und nette Ausführung befonders zu erwähnen find, fo dürfte es doch jener kundigen Hand, welche die Schöpferin diefer fchönen Formen ift, keine befonderen Schwierigkeiten machen, auch die Tapezirerarbeit auf gleiche Höhe und in vollen Einklang mit dem Uebrigen zu bringen. Rufslands Tapezirerarbeiten waren nur durch den ruffifchen Hofpavillon vertreten; diefer durch die Herren Gebrüder Liczeray wahrhaft meiſterhaft ausgeführt und beftehend aus drei Zimmern, von denen das Schlaf- und das Speifezimmer befonders hervorzuheben find. Letzteres bietet einen aufserordentlichen Reiz durch die bewunderungswürdige Technik, mit welcher das Leder bearbeitet ift, während das Schlafzimmer aus braunem Seidenftoff, mit Borduren benäht, fich durch befonderen Fleifs, Genauigkeit und Verſtändnifs in der Ausführung auszeichnete, in Folge deffen fich dann auch die aufsergewöhnlich hohen Preife rechtfertigen. Was den Orient und Afien betrifft, fo wurden unfere Erwartungen fehr getäuscht, ftatt der bizarren Formen und Originalgegenftände waren in den verfchiedenen Bauten, als Pavillon des Schah von Perfien, des Vicekönigs von Egypten etc., die Räume mit Erzeugniffen der Wiener Induftrie gefchmückt; aus Tapezirarbeiten und Decoration, 19 genommen find jene einzelnen Gegenftände im Induftriepalafte z. B. in der tunefifchen Abtheilung, welche aber, wenn auch den beften Willen beurkundend, uns dennoch einen zu befchränkten Rahmen zur Beurtheilung der afiatifchen Möbelfpecialitäten und Wohnungseinrichtung bieten. Amerika, welches viel Gediegenes und Schönes erzeugt, hat gar nichts exponirt. Die Urfache mag wohl in dem berechnenden und praktiſchen Sinn feiner Fabrikanten liegen, welche und zwar mit Recht annahmen, dafs derlei Gegenftände für fie niemals einen bedeutenden Export abgeben können, und wo kein vorausfichtlicher Erfolg, da gibt es auch keine Opfer. Wir können aber nicht unterlaffen, auszufprechen, wie fehr wir gewünſcht, auch diefe beim allgemeinen Wettkampfe vertreten zu fehen. Es bleiben uns jetzt nur mehr die Fabricate zweier Länder zu befprechen, welche wir abfichtlich zum Schluffe aufbewahrten, und zwar weil wir, da fie am reichften vertreten, auch am längften bei ihnen verweilen wollen und weil wir zugleich beabfichtigen, fo weit es möglich ift, eine Parallele zwifchen beiden Staaten zu ziehen, zum Beweife, wie Oefterreich feiner vorerwähnten, von Deutfchland aufser Acht gelaffenen Aufgabe gerecht wurde. Frankreich hat feinen anerkannten Ruf in Gefchmack, Formenfchönheit und Eleganz auch diefsmal wieder glänzend bewährt, jedoch des Neuen bot es uns fehr wenig. Oefterreich hingegen, welches weder auf der letzten Londoner, noch auf der Parifer Weltausftellung mit hervorragenden Leiftungen der öffentlichen Beurtheilung gegenüber geftanden, obwohl es, wie den Einheimifchen bekannt, fchon derzeit genug Firmen hatte, welche fich denen der übrigen Länder würdig an die Seite hätten ftellen können, hat in feinen ausgeftellten Objecten den grofsartigften Beweis feiner Leiftungsfähigkeit geliefert und zugleich das beredtefte Zeugnifs gegeben, dafs es dem Zeitgeifte und den Anforderungen der Mode durch das Harmonifche und Stilgerechte in den Formen, die Gediegenheit des Gefchmackes und die gröfste Sorgfamkeit in der Ausführung vollfte Rechnung getragen. Während der Franzofe fich an die Nachahmung und Vervollkommnung der Möbel feiner vergangenen Jahrhunderte hält und diefe in graciöfer und wahrhaft vollendeter Weife ausführt, hat Oefterreich einen Stolz darein gefetzt, Selbstftändiges zu fchaffen. So fanden wir in der öfterreichifchen Abtheilung einzelne vollſtändig eingerichtete Zimmer, deren Grundidee auf keine Copien franzöfifcher Vorbilder zurückgeht, fondern es find Originalideen, geiftiges Eigenthum der einzelnen Aussteller, welche weder der Laie beurtheilen, noch die Jury befonders auszeichnen konnte, fondern welche blos der Sachkundige richtig zu würdigen in der Lage ift und für den Kenner und Kunftfreund von aufserordentlichem Intereffe find. Es ift diefs eine Ufurpation von fremdländifchen Fabricaten, welche befonders hervorgehoben werden mufs, da fie, wenn auch mit grofsen materiellen Opfern ins Werk gefetzt, doch glänzend beweift, was die öfterreichische Induſtrie zu leiften im Stande ift. Den befonderen Vorzug, welchen, wie fchon einmal erwähnt, das grofse Publicum den Franzofen in diefem Fache bisher zuerkannt hat, wird ihnen von der jetzigen Zeitperiode an aber nur mehr für einige Specialitäten bleiben, in welchen fie auch bis jetzt noch unerreicht find: fo z. B. in ihren herrlichen Gobelins und den dazu gehörigen Geftellen, welche durch ihre wahrhaft beftrickende Schönheit das Auge jedes Befuchers feffelten und mit gerechter Bewunderung erfüllten. Auch hier wird die Einzelbefprechung unfer Vorhergefagtes bekräftigen, und fo beginnen wir denn mit der altrenommirten Firma Fourdinoir, welche auch diesmal, wie zu erwarten, ihren Ruf bewährte. Obwohl der Glanzpunkt ihrer Objecte ein der letzten Parifer Ausstellung entnommenes Bett ift, an welchem nur einige unmerkliche Veränderungen vorgenommen wurden, fo bleibt es dennoch ein wahres Prachtftück in Ausführung und Farbenzufammenftellung. Ferner 20 Anton Fix. zwei reiche Fenfterdecorationen, welche, obwohl fehr effecttvoll, doch durch die nicht ganz harmonifche Vereinigung der Farben auf das Auge des Befchauers ftörend wirkten. Was Ausführung, Application und Paffementrie betrifft fo ift fpeciell letztere bei fämmtlichen Objecten am meiften erwähnenswerth, da fie beinahe alles im Pofamentriefache Gebotene übertrifft. Ihr zur Seite ganz würdig, nur in einer anderen Gefchmacksrichtung, fteht Roudillion aus Paris, bei welchem jedes einzelne Möbelftück einer genaueren Befchreibung würdig wäre; feine Ausftellung ift einzig, was Farbenfinn und getreue Nachahmung alter Formen betrifft. Hervorzuheben find ein Pouff mit Sammtbrocat und Oliv- Atlas, eine Portière mit auf havannabraunen Atlas geftickten orientalifchen Motiven, eine zweite Portière von olivgrünem Plüfch und ein Sultan mit aus Seidenftoff appliquirter Bordure von wahrhaft meifterhafter Zuſammenftellung der durchaus matten Farben. Im Gegenfatze zu diefer in ruhigen Farben gehaltenen Ausstellung fteht jene, von vielen Seiten als nicht vollkommen oder zu wenig ftilvoll angefeindete des Herrn Henri Penon aus Paris. Man betrachte nur den verhältnifsmässig kleinen Raum zu dem, was darin dem Auge und der Phantafie geboten wird, und man mufs fagen, dafs diefes mit wirklich poetifchen Gefühlen durchgeführte Arrangement das einzige Object der franzöfifchen Abtheilung ift, welches von dem fo oft gefehenen Schablonenmäfsigen, das heifst dem Zufammenwürfeln einzelner Möbelftücke, abweicht und eine vollkommen durchdachte Idee zeigt, deffen Gelingen nicht dem Zufalle überlaffen war. Die in fo grellen und doch harmonifch wirkenden Farben appliquirte Wanddecoration wäre allein fchon genügend, um obige Firma zu erkennen, indem diefe darin einzig dafteht. Löwy und Worms aus Paris haben ebenfalls ein Prachtexemplar eines Bettes im Stile Louis XVI. exponirt, in deffen Kopf- und Fufstheilen fich Gobelins in zarten Farben befinden, eingerahmt von reich vergoldeter Tifchler- und Bildhauerarbeit. Die Hauptfarben der Decoration find blau und grau mit prachtvollen Borduren( Handftickereien) nebft Verwendung von fehr paffend dazu gewebten Gobelins. Von Möbeln bemerken wir zwei kleine Fauteuils, ebenfalls Louis XVI., deren Stickereien in jeder Hinficht gefchmackvoll find; ferner zwei gute Imitationen grofser antiker Fauteuils mit vorzüglich in Ton und Deffin nachgeahmtem Sammtbrocat. Krieger aus Paris zeigt uns nebft mehreren anderen hübfchen Gegenftänden eine auf gelbe Leinwand mit zarten Blumenborduren geftickte Fenfterdecoration, verziert mit äufserft gefchmackvoller Paffementrie, welche jedoch im Verhältnifs zum werthlofen Grundftoff zu koftfpielig ift; ferner ein der jetzigen Gefchmacksrichtung vollkommen angepasstes Bett aus Nufsholz mit einem Baldachin auf vier Säulen, deffen Inneres von rothem Atlas mit fehr hübfcher Application und befonders netter Tapezirerarbeit ausgefchmückt ift, während durch die beinahe verfchwenderifch angebrachte Paffementrie der Effect des Ganzen erhöht wurde. Marzaroz& Riballier bringen nur einzelne Mufterftücke gepolsterter Möbel, darunter ein Fauteuil, ausgezeichnet durch feine befonders gefällige Form; derfelbe ift aus fchwarzem Holz und mit braunem Ton in Ton gearbeiteten Sammt brocat bezogen. Ein anderer Fauteuil im Stile Louis XV. mit fehr gefälligen Conturen ift wegen feiner fchönen Vergoldung und ftilgerechter Application aus fchwarzem Sammt mit Goldfäden auf rothem Atlas, bemerkenswerth. Ein Gefammtbild der franzöfifchen Möbelinduftrie und ihrer Leiftungen im Decorationsfache war uns zur Beurtheilung geboten durch das franzöfifche Commiffionshaus, welches in Vereinigung vieler erfter Firmen Frankreichs durch die Herren Portois, Blum et Comp. ausgeftattet wurde. Durch ein Entrée gelangen wir rechts in einen Salon Louis XIII., in welchem Vorhänge, Möbel und Teppiche aus Aubuffon find, deren Farben und Zeichnung, obwohl in der Gefammtwirkung recht hübfch, nur leider wider alles Erwarten von dem allgemein und oft Gefehenen gar nicht abweichen; und doch liefse fich ohne dem Stile ungetreu zu werden, fo manches Neue machen. Tapezirarbeiten und Decoration. 21 Links treten wir in ein Speifezimmer Louis XIII, welches im Totaleindruck fich als das gelungenfte von fämmtlichen Räumen repräfentirt. Schon im Stile felbft liegt eine Gediegenheit und Eleganz, welche einen inneren Raum fehr wohnlich machen. Die Lamperien, das Buffet, die Tifche und die Stühle find aus fchwarzem Holze, die Wände mit Imitationen von altem Leder, die Stühle von rothem Leder mit Application und die Vorhänge von dazu paffendem Tuch. Im Hintergrunde fehen wir ein Rauchzimmer in maurifchem Stile in Verbindung mit einem Wintergarten, dasfelbe hat eine ganz gute decorative Wirkung, jedoch bleiben die Form der Möbel, fowie die Ausführung weit hinter dem Uebrigen zurück. Indem wir hiemit die Reihe der franzöfifchen Ausfteller beenden, wollen wir nun zum Schluffe des Berichtes übergehen auf Oefterreich. Oefterreich. Abgefehen von jenen Schwierigkeiten, mit welchen die öfterreichifchen Fabrikanten in den letzten Jahren, theils durch Ueberhäufung mit Aufträgen, theils durch die fortwährend anhaltenden, die Erzeugung und den Fortfchritt hemmenden Arbeiterverhältniffe, gearbeitet haben, haben diefe gewiſs das Erftaunlichfte geleiftet. Den eminenteften Beweis dafür bietet uns der durch patriotifchen Ehrgeiz auf wahrhaft zauberhafte Weife entstandene Hofpavillon! Wir finden keinen anderen Ausdruck, als zauberhaft, im Verhältniffe zu der gegebenen Zeit zur Herftellung eines Objectes, würdig der Wiener Induſtrie und zugleich würdig, um als Ausftellungsobject und Richtfchnur der Wiener Tapezirarbeiten angenommen zu werden. Der inneren Ausfchmückung unterzogen fich die Herren J. Haffa& Sohn, F. H. Schenzel, M. Orley und A. Fix. Wir wollen der allgemeinen Anerkennung nicht noch unfere fpecielle hinzufügen, fondern nur im Verlaufe bei den einzelnen Herren die von ihnen eingerichteten Zimmer erwähnen; wir beginnen daher fofort mit der Collecttivausftellung der Wiener Tapezirer, bei welcher fich die Einflüffe der obigen Bemerkungen am erften Blick erkenntlich machten durch das Nichtbetheiligtfein von fo mancher bedeutenden Firma, welche unter günftigen Verhältniffen gewifs noch vieles Schöne gebracht hätte. Herr Heinrich Backe, k. k. Hoftapezirer, ftellte ein completes Schlafzimmer aus mit Plafond- und Wanddecoration in imitirtem Stuck, die Wandflächen mit dem gleichen Stoff, wie die darin ftehenden Möbel befpannt. Die Einrichtung befteht aus einem Bette, Spiegel, Wäfch und Wafchkaften, Nachtkäftchen und einem Tifche nebft einer Chaife longue und zwei Fauteuils, die mit befonderem Fleifse ausgeführt find. Die Stoffe der Sitzmöbel und der Bettvorhänge find, um eine kleine Unterbrechung in der grünen Grundfarbe, welche fowohl bei den Käften, Wänden und Möbeln durchgeführt ift, zu zielen, mit leicht hingeworfenen Blumenfträufschen und Schmetterlingen geftickt, durch welche ein recht hübfcher Effect gefchaffen wurde und vielfeitige Anerkennung fand. Was jedoch den praktiſchen Gebrauch, das ift als Schlafzimmer für eine Dame, betrifft, fo dürfte das viele intenfive Grün im Verhältniffe zur Gefichtsfarbe, und fei diefe auch noch fo blühend rofig, nur zu bald feine Mängel zeigen. erHerr Bamberger gehört zu jenen Fabrikanten, welche fich nicht begnügten, blos Hübfches und Gefchmackvolles auszuftellen, fondern er richtete fein Hauptaugenmerk auf die Darftellung einer neuen Art von Decoration, und zwar indem er ein completes Rauchzimmer ausführte in Copien ungarifcher Rohproducte, fo zum Beispiele die gewöhnliche Rohrdecke zum Befpannen der Wände, eingerahmt mit einer hübfchen Goblinbordure, Tabakblätter und Blüthen darftellend. Auch der Teppich ift in ähnlicher Weife ausgeführt; ja felbft bei der Paffementrie wurde, fo weit es eben möglich war, der Tabak und deffen Blüthe als Motive benützt; diefelbe ift mit befonderem Gefchmack und Fleifs ausgeführt ( von den Herren Luckfchanderl und Chwalla). Was die Formen der Sitzmöbel betrifft, fo finden wir dafelbft ein Stück, welches feiner originellen und zugleich 22 Anton Fix. praktiſchen Art wegen gewifs viel Nachahmung finden wird; dasfelbe beſteht aus zwei Chaifes longues und zwei Fauteuils, um ein kleines Mittelftück gruppirt, welches zum Ablegen von Büchern, Rauchrequifiten etc. etc. benützt werden kann, während jedes einzelne Stück auch ganz frei im Zimmer geftellt werden kann. Die Ausftellung des Herrn Lorenz Fifcher befteht abermals in einem Schlafzimmer, welches fich durch günftige Zufammenftellung der Farben und fehr präcife Ausführung für den praktifchen Gebrauch vorzüglich eignet. Sofort beim erften Anblick findet man einen einheitlichen Gedanken bis in's kleinfte Detail durchgeführt, und zwar erkennt man in den Formen beinahe deutlich die Hand des Zeichners einer fchon früher erwähnten Firma. Das Ganze erreichte jedoch leider nicht den Effectt, welchen der Schöpfer diefer koftfpieligen Idee wahrfcheinlich erwartete. Die Bettftelle und Käften, fowie auch die übrigen Möbel, find nämlich aus Nufsholz verfertigt und, anftatt der fonft gebräuchlichen Intarfien, mit Handftickereien auf lichtblauem Tuch von befonders zarter Ausführung eingelegt. Vorhänge und Möbel find von blauem Tuch mit hübfcher Application. Herrn Alexander Pollak's Ausftellung war in Betreff der Art und Weife des Arrangements des Inhaltes und felbft der Firmatafel fo durch und durch franzöfifcher Natur, dafs fie uns lebhaft an eine Collecttion franzöfifcher Importartikel erinnerte. Die Firmen Carl Stein und Ifidor Jarey haben zwar mit ziemlich werthvollen Stoffen ihre Ausftellung gefchmückt, können aber jedoch keineswegs zu den Gefchmackvollften gerechnet werden. Ausserdem müffen wir noch Herrn F. H. Schenzl erwähnen; derfelbe erfcheint zwar nicht im Kataloge als Ausfteller, jedoch finden wir die Firma im Hofpavillon, wo er das Zimmer der Frauen Erzherzoginen, fowie zwei Zimmer für die Begleitung derfelben ausfchmückte, fowie auch bei der Ausftellung des Herrn Heinrich Dubbel durch gefchmackvolle Montirung einzelner Möbelftücke, fo genügend vertreten, um einen Begriff feiner Leiftungsfähigkeit zu erhalten. Otto Schmidt brachte Fragmente eines fchon einmal und zwar im öfterreichischen Muſeum mit bedeutend gröfserer Wirkung ausgeftellten Herrenzimmers im Renaiffance- Stile; trotzdem aber gehörte feine Ausstellung zu jenen Objecten, welche muftergiltig waren, was Zeichnung, Zufammenftellung der Farben und Aus führung betrifft. J. Haffa& Sohn, welcher im Hofpavillon die Tapezirarbeiten des Zimmers Ihrer Majeftät beiftellte, hatte auch in der Hauptgallerie nebft einem reich und fchön gefchnitzten Paradebett, welches fowohl in Zeichnung als Ausführung als Unicum daftand, einzelne Möbelftücke, welche ihrer pikanten Formen wegen einen ganz befonderen Reiz ausübten, wenn felbe auch nicht dem heutigen allgemeinen Gefchmacke entnommen find. Den Schlufs bildet ein egyptifches Boudoir vom Berichterstatter felbft, welcher auch im Kaiferpavillon das Zimmer Seiner Majeftät ausfchmückte - - Ohne mein Object weiter zu befprechen, will ich nur die fo oft an mich geftellte Frage ventiliren: warum gerade ein egyptifches Gemach? Antwort darauf zu geben, ift mir felbft fehr fchwer, aber abgefehen von dem Reiz der zu befiegenden Schwierigkeit, war es mir einerfeits darum zu thun, etwas zu fchaffen, was- und davon war ich im Voraus überzeugt nicht fo leicht ein Anderer auch ausftellen werde, und anderfeits beabfichtigte ich, durch die minutiöfen und bis in's kleinfte Detail gehenden Ausführungen nach meinen eigenen Zeichnungen einen Begriff von der weittragenden Bedeutung eines Decorateurs zu geben, deffen Hauptaugenmerk es fein foll, gemüthliche, wohnliche, aber auch vollkommen harmo nifche Räume zu fchaffen, welche zugleich den Bedürfniffen des darin Wohnenden entſprechen. Ob und in wie weit es mir gelungen, diefe Idee durchzuführen, überlaffe ich dem öffentlichen Urtheile. Ungarn war, wie beinahe in allen Kunftinduftrie- Artikeln, auch im Möbelund Decorationsfache nicht fehr reichhaltig vertreten; wenn diefṣmal ausnahms Tapezirarbeiten und Decoration. 23 weife der nationale Stolz oder ein kaufmännifches Intereffe die einzelnen Ausfteller veranlafst hat, Möbel im eigenen Lande zu erzeugen oder in Wien angefangene Arbeiten in Peft fertig zu machen, fo ift es doch bekannt, dafs der gröfste Theil der hübfchen und befferen Möbel für gewöhnlich von Wien bezogen wird, und dafs von allen Kronländern nach Ungarn, refpective Peft am meiften abgefetzt wird und zwar nicht allein für Möbel, fondern auch für alle übrigen zur Decoration gehörenden Gegenftände, als Stoffe, Poffementrie etc. Zu den hervorragenden Vertretern gehört in erfter Linie Herr J. C. Hoffmann aus Peft, welcher in einem Pavillon einige recht hübfche Phantafiemöbel ausftellte, zu deren Montirung jedoch zumeift Wiener Fabricate benützt find, als Stoffe von Carl Giani und Poffementrie von Luckichanderlund Chwalla. Kramer Samuel aus Peft eine in Nufsholz gefchnitzte, fehr nett gearbeitete Garnitur, mit rothbraunem Tuch bezogen. Herold Johann aus Peft eine in fchwarzem Holz gearbeitete, mit Perlmutter eingelegte und braunem Atlas bezogene Saloneinrichtung, deren Tapezirung übrigens noch manches zu wünſchen übrig läfst. Hiemit wäre unfer Bericht eigentlich fchon zu Ende, allein noch müffen wir zweier wichtiger Factoren gedenken, ohne welche die Decoration und Tapezirung nicht gedacht werden kann, da fie fich eben gegenfeitig ergänzen. Es find diefs die Stoffe, Stickereien und die Poffementrie. Was wären viele der ausgeftellten Objecte ohne das Relief, welches entweder das Eine oder das Andere oder beide vereint im harmonifchen Zufammenwirken ihnen gab! Für die beiden erften Fächer müffen wir den Herrn Carl Giani als Möbelftoff- Fabrikanten und Kunftfticker erwähnen. Derfelbe wufste durch feine grofse Sachkenntnifs, feinen ausgezeichneten Gefchmack und im Bewufstfein, dafs er fein Fach beherrscht, fo in den Gedanken der Ausfteller einzugehen, fo verfchiedenartige Stoffe zu weben, dafs wir ob diefer Mannigfaltigkeit geradezu erftaunten, während uns feine Stickereien entzückten, und wir glauben nicht zu viel zu fagen, wenn wir behanpten, dafs mit wenig Ausnahmen faft jedes öfterreichifche Object unferes Faches von feinen Fabricaten Gebrauch machte. Ebenfo trat uns im Poffementriefache faft wo wir hinblicken die Firma Luckfchanderlund Chwalla mit ihren eminenten Leiftungen entgegen, welche einen Vergleich mit den franzöfifchen Fabricaten nicht mehr zu fcheuen brauchen, fondern, da fie auf gleicher Höhe mit ihnen ftehen, von nun an auch concurriren können, was vor uns fchon faft fämmtliche fachmännische Befucher der Ausftellung anerkannten. Mit dieſen Ausführungen glauben wir nun den vollſtändigften Beweis für unfere die Fabricate Oefterreichs einleitenden Worte geliefert zu haben, und es kann daher, nachdem wir in diefem Artikel auf der Höhe unferer Zeit ftehen, nur mehr eines geringen Impulfes bedürfen, um den Import franzöfifcher Artikel zu verhindern und dem Exporte freie Bahn zu brechen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. LEDER. ( Gruppe VI, Section 1.) BERICHT von S. GOLDSCHMIDT, Chef der Firma Jacob S. Goldfchmidt, Mitglied der Handelskammer, Präfident der erften böhmifchen Lederinduftrie- Gefellfchaft in Prag. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI, 1873. TH LEDER. ( Gruppe VI, Section 1.) S. Bericht von GOLDSCHMIDT, Chef der Firma Jacob S. Goldfchmidt, Mitglied der Handelskammer, Präfident der erften böhmifchen Lederinduftrie- Gefellfchaft in Prag Bei den letzten Weltausftellungen in London und Paris waren die Berichterftatter über die Gruppe Leder zugleich Mitglieder der Jury. Die eingehenden Studien, die fie in diefer Eigenfchaft in der anregenden Gefellſchaft hervorragender Fachgenoffen als Collegen machen konnten, ja machen mussten, fetzten fie in den Stand, Details zu berühren, welche jenen, denen officielle Belege nicht zugänglich find, fremd bleiben müffen. So waren in den Fragebogen der Jury für die Wiener Weltausstellung Angaben über Art und Gröfse des Betriebes verlangt, woraus fich vielleicht wenigftens theilweife eine Statiſtik der Ledererzeugung hätte herftellen laffen, wenngleich folche Angaben da, wo Furcht vor Erhöhung der Einkommensteuer herrfcht, nicht fehr verlässlich find. Ich fchicke diefe Bemerkung voraus, um den Standpunkt zu kennzeichnen, von dem ich bei meinem Berichte ausgehen musste, der fich mehr auf den Rang, den die Erzeugniffe ganzer Länder unter einander und auf die Fortfchritte der Lederinduftrie feit der Weltausftellung in Paris im Jahre 1867, als auf die Würdigung der Leiftungen Einzelner befchränkt. Uebrigens ift die eingehende Prüfung und Würdigung diefer Leiftungen auch eine Sache der Jury und nicht des Berichterftatters. Meine Behelfe find auf den fehr unvollſtändigen, officiellen Generalkatalog und auf die Kataloge der einzelnen Staaten, fowie auf felbft gemachte Notizen befchränkt, und fo kann es leicht kommen, dafs ich eine oder die andere der vorzüglichften Leiftungen mit Stillfchweigen übergangen habe und verwahre ich mich im Vorhinein, wenn dergleichen vorgekommen fein follte, vor dem Vorwurfe der Parteilichkeit. Betrachten wir nun die Refultate der Ausftellung. Quantitativ fowie qualitativ den gröfsten Antheil hatte Deutfchland an der Gruppe VI, die Zahl der Ausfteller, 191, war fogar gröfser als die der öfterreichiſchen. Lobend mufs die Art der Aufftellung erwähnt werden, die trotz der Fülle des Materiales und der Enge des zugewiefenen Raumes fehr zweckmäſsig 1 2 S. Goldfchmidt. angelegt war. Es war ein glücklicher Griff, zum Obervorftand der Gruppe Herrn J. C. H. Lietzmann aus Trier, einen bewährten Fachmann, zu ernennen und ift es nur zu bedauern, dafs das Arrangement diefer Gruppe nicht auch in den anderen Ländern fo bewährten Kräften anvertraut wurde; es wäre dann wohl nicht fo viel dabei zu rügen gewefen. Wenn auch in der öfterreichiſchen Abtheilung die Aufftellung weder nach Sonderung der Sorten, noch nach der geographifchen Eintheilung, fondern nur nach der, Anficht" des leitenden Architekten durchgeführt wurde, fo bot doch der Mitteltract ein hübfches Bild: wenn es auch nicht nöthig gewefen wäre, die Ausftellung der Saffianfabrikanten fo wie jene der berühmten öfterreichifchen Schuhund Handfchuh- Fabrication fo zufammenzudrängen, um die troftlofe Leere der übrigen Räume diefer Gruppe beffer zur Anfchauung zu bringen. Zu bedauern ift es, dafs fich auch hier der Dualismus geltend gemacht hatte, fo dafs die ungarifche Lederinduftrie in der ungarifchen, die kroatifche und flavonifche dagegen wieder in die betreffende Ländergruppe unter die anderen Erzeugniffe eingereiht war, fo dafs die öfterreichiſche Lederinduftrie an drei verfchiedenen Orten gefucht werden musste. Geradezu traurig fah dagegen die Aufftellung der Gruppe VI des Königreiches Italien aus. Zwifchen eng aneinander ftehenden Holzgerüften fich durchzwängend, fah der Befchauer eine Anzahl ohne jede Ordnung über- und durcheinander gehängter Felle und Häute, denen oft fogar die Bezeichnung der Ausfteller fehlte, fo dafs durch diefe Art der Aufftellung ein praktiſcher Nutzen weder für den Ausfteller, der doch bekannt zu werden wünſcht, noch für den Befucher, der fich mit dem Ausgeftellten vertraut machen will, entſtehen konnte. Der Zahl der Ausfteller nach zunächft kam die franzöfifche Ausstellung, deren gefchmackvolle Zufammenftellung anerkannt werden musste, wenn auch der Totaleindruck dadurch gefchwächt war, dafs durch die in demfelben Raume aufgeftellten prachtvollen Wägen der Ueberblick geftört war. Ausfchliesslich der Gruppe VI gewidmet war der derfelben zugetheilte Raum blofs in der belgifchen Abtheilung und machte dadurch den angenehmen Eindruck eines abgefchloffenen Ganzen. In der ruffifchen Abtheilung bot fich das Ausgeftellte in fchmucklofer, aber zweckmäfsiger Weife auf Tifchen dem Befucher dar. Die Ausftellungen der übrigen Länder waren in den einzelnen, denfelben zugewiefenen Räumen fo angebracht, wie es die geringe Zahl der ausftellenden Ledererzeuger geftattete und wird nur der Eigenthümlichkeit halber bemerkt, dafs die fchwedifche Lederausftellung nicht in dem Induſtriepalafte, fondern in der Agriculturhalle untergebracht war, wo fchwerlich Jemand Leder hinter den ausgeftellten Pflügen fuchte. Wenn ich nun auf den eigentlichen Gegenſtand diefes Berichtes zur Beurtheilung der ausgeftellten Lederforten übergehe, glaube ich, um fyftematifch vorzugehen, zuerft das gebotene Material in zwei Hauptforten theilen zu müffen, in jene, wo der Zweck bei der Fabrication dahin geht, möglichft feftes, wenig dehnbares Leder zu erzeugen, und in folche, wobei im Gegentheil ein möglichft weiches und mildes Product zu liefern angeftrebt wird. Zu den erften wäre Sohlleder, fowohl gefchwitztes als gekälktes, als auch Riemen- und Zeugleder zu rechnen, zu der zweiten Alles, was zu Oberleder für Schuhe und Stiefel, fowie für den Bedarf der Riemer, Sattler und Buchbinder, und als Futter für Schuhmacher und Hutmacher beftimmt ift. Zwifchen gefchwitztem, als dem eigentlichen Sohlleder und dem gekälkten, wozu fowohl Knoppernterzen als Lohterzen ,,, Vaches" und in weiterer Beziehung Riemen- Zeugleder, fowie überhaupt alle in Loh gegärbten Leder gehören, mit Ausnahme des Sohlleders, befteht der principielle Unterfchied in der Art, wie die Enthaarung der rohen Haut bewerkstelligt wird. Leder. 3 Bei dem erften werden die Haare lofe gemacht durch die Einwirkung einer künftlich geleiteten Fäulnifs, bei der zweiten durch Einlegen in Kalkmilch. Um wiffenfchaftlich zu präcifiren, müfste man fagen: die zu Sohlleder beftimmte Haut wird enthaart unter der Einwirkung der fauligen Gährung auf ihre Eiweifskörper, die Eiweifskörper werden dabei möglichft erhalten. Die zu Vaches- Terzen oder auch Oberleder beftimmte Haut wird enthaart unter der Einwirkung des Kalkhydrats auf ihre Eiweifskörper; diefe Eiweifskörper werden durch Kälken und Reinmachen der Haut mehr oder weniger entzogen. Für die Beurtheilung des Sohlleders ift es nothwendig, dasfelbe in drei verfchiedene Gruppen zu theilen, nämlich nach den Gerbeftoffen. Es kann mit ungarifchen Knoppern oder Valonea( Ackerdoppen) verfetztes Leder, wie es hauptfächlich in Oefterreich, Italien und Griechenland gearbeitet wird, weder mit dem in Eichen- oder Fichtenrinde verfetzten, wie es Frankreich, Deutfchland, die Schweiz, Schweden, Dänemark und Rufsland liefert, noch mit dem mit Extracten gar gemachten, wie es England und Amerika ausftellte, verglichen werden, fondern es mufs jede diefer Gattungen feparat in ihren Refultaten beurtheilt werden, wenn man überhaupt objectiv vorgehen will. Es würde eine müfsige Arbeit fein, hier auf eine Unterfuchung einzugehen, was beffer ift, ob in Knoppern oder in Eichenlohe gegerbtes Sohlleder. Es ift diefs ein Streit, der fchwer auszutragen ift, da die Vorzüge der einen oder der anderen Gerbeweife kaum unanfechtbar in der Praxis nachzuweifen find. Es handelt fich hier auch nur um das, was wirklich erreicht wurde und nicht um das, vom theoretifchen Standpunkte aus hätte erreicht werden können. Der Gerber arbeitet zu feinem Vortheile und für den Bedarf feiner Kunden. Ift das, was feine Kunden verlangen, in möglichft guter Qualität geboten und hat er feinen Nutzen dabei, fo ift eben erreicht, was erreicht werden follte. Es ift hier noch ein Umftand zu berücksichtigen, der oft den intelligenteften Gerber von radicaler Umwandlung feiner Arbeitsweife zurückhalten mufs. Es iſt diefs die aufserordentliche Zähigkeit, mit der die Kundfchaft, in letzter Inftanz alfo der Schuhmacher, an altgewohnter Waare hängt. So ift in Niederöfterreich, Ungarn, Polen, Mähren und Schlefien kaum anderes, als in Knoppern gegerbtes Leder zu verkaufen, wogegen in Böhmen, mit Ausnahme eines kleinen Theiles an der mährifchen Grenze, faft ausfchliefslich in Eichenlohe gegerbtes Leder für Männer- und in Fichtenlohe gegerbtes für Frauenfchuh- Sohlen gefucht wird. Es mufs hier überhaupt für Böhmen eine Ausnahme gemacht werden. Der Lederhändler und Schufter hängt hier nicht fo feft wie in anderen Ländern am Althergebrachten und ift zweckmäfsigen Neuerungen zugänglicher. Als vor 22 Jahren der Schreiber diefes als der Erfte franzöfifches geklopftes Leder nach Böhmen einführte, fo war diefs bald fo beliebt, dafs es trotz des höheren Preifes die in das Knoppernleder verdrängte, und fo kommt es, dafs diejenigen Gerber, Oefterreich in Eichenlohe gegerbtes oder dem ähnliches Leder erzeugen, ihren Markt hauptfächlich in Böhmen fuchen und finden. Was das Gerbematerial, Knoppern und Valonea betrifft, fo fei hier bemerkt, dafs die Knoppern durch den Stich einer Gallwespe( cinips quercus calicis) entftandenen Auswüchfe der Eichel, der Sommer- und Wintereiche( quercus pedunculata L. und quercus robur L.) find. Valonea( Ackerdoppen) oder orientalifche Knoppern dagegen find die Kelche der Eichel der Ziegenbart- Eiche,( quercus aegilops L.), welche in Kleinafien, Griechenland und den Infeln des Archipels häufig wächft. Während Knoppern das altgewohnte Gerbematerial der öfterreichifchen Sohlleder- Fabrikanten find, wurden hier die erften Verfuche mit Valonea zu gerben im Jahre 1842 gemacht. Erft im Jahre 1858, bei einer vollſtändigen Mifsernte der Knoppern, wo der Centner Knoppern auf 30 fl. zu ftehen kam, während Valonea I* 4 S. Goldfchmidt. nur 18 fl. koftete, wurde die Verwendung der letzteren allgemein, hörte jedoch im Herbfte 1859 bei günftigerer Knoppernernte fofort wieder auf. Es ift diefs hauptfächlich dem Vorgehen Triefter Händler zuzufchreiben, die nur geringe Sorten importirten, die felbftverſtändlich den Gerbern nicht conveniren konnten, und fo war diefer Artikel vom Jahre 1859 bis 1867 faft vollftändig wieder aufser Gebrauch gekommen. Als im Jahre 1867 wieder ein bedeutender Ausfall in der Knoppernernte entftand, wurde durch Wiener Händler, die fich mit grofsen Importeuren direct in Verbindung fetzten und nur gute Sorten einführten, die Aufmerksamkeit der Gerber wieder auf diefen Artikel gelenkt und feitdem kam die Valonea fo in Aufnahme, dafs nach und nach die Knoppern immer mehr dadurch verdrängt werden. Der Beweis hiefür ift, dafs, als im Jahre 1871 eine fo reichliche Ernte von Knoppern gemacht wurde, dafs heute, im Jahre 1873 noch grofse Vorräthe davon lagern, der Import von Valonea ein nicht viel verringerter blieb, trotzdem die Ernte in Valonea eine weit fchwächere war, wodurch die Preife derfelben bedeutend in die Höhe gingen. Eine volle Ernte von Valonea wird für Kleinafien auf 34.000 Tons, die vom Archipel auf ungefähr 10 Percent diefes Quantums gefchätzt, wovon wohl 120.000 bis 200.000 Centner in Oefterreich confumirt werden. In Trieft pflegt jetzt ein Stock von 50.000 bis 90.000 Centnern vorräthig zu fein. Ein eigenthümlicher Umfchwung vollzieht fich in der öfterreichifchen Sohlleder- Gerberei feit einigen Jahren. Während in Deutſchland die grofsen Sohlleder- Fabrikanten an dem Syftem der Sohlleder- Gerberei, dem Abhaaren durch Schwitzen fefthalten, ja die Halbfohlleder- Gerberei, wo die Häute mit Zuhilfenahme von Kalk enthaart werden, als etwas ihnen nicht Ebenbürtiges anfehen, gehen die öfterreichiſchen Gerber immer mehr von der Pfundleder- Erzeugung, dem Schwitzfyftem, ab und wenden fich der Terzenleder- Fabrication, alfo dem Kälken, zu. Es mag diefes daher kommen, dafs man nach und nach die Ueberzeugung gewann, dafs ein gar zu fprödes Leder nicht dem Zwecke entſpricht und ein etwas elaftifcheres vorzuziehen ift. Anderfeits wird die Erzeugung dadurch etwas befchleunigt, dafs Terzenleder keine fo lange Fabricationsdauer wie Pfundleder benöthigt, ein Umftand, der bei dem hohen Zinsfufse in Oefterreich nicht zu unterfchätzen ift. Einen mächtigen Einfluss hierauf hat der Uebergang der Erzeugung von Militärfchuhen aus der eigenen Regie des Staates in das Monopol der Heeresausrüftungs- Gefellſchaft von Skene& Conforten gehabt. Da es, fo lange das Aerar Militärfchuhe erzeugen liefs, nicht geftattet war, hiezu anderes als gefchwitztes Pfundleder zu verwenden, konnten die Gerber immer auf ficheren Abfatz rechnen. Nachdem aber der Heeresausrüftungs- Gefellfchaft erlaubt wurde, aufser anderen Sohlleder- Sorten auch Knoppernterzen zu verwenden, fiel der fefte Abfatz weg, daher auch für die Erzeuger der Grund, fich einer länger dauernden und fchwierigeren Manipulation zu unterziehen. Das Refultat des Gewichtsergebniffes bei Terzen dürfte zwifchen 50 bis 52 Pfund für je 100 Pfund frifche Haut, je nach der Schlachtung der rohen Häute fchwanken. Aufserordentliche Gewichtsergebniffe, wie felbe manche Ausfteller auswiefen, dürften eben Ergebniffe aufsergewöhnlich guter Schlachtung und aufsergewöhnlichen Aufwandes von vorzüglichem Gerbeftoffe gewefen fein, find aber kaum als Norm anzunehmen. Bei Pfundleder pflegt das Gewichtsergebnifs einige Percente höher als bei Terzen zu fein. Im Allgemeinen hat die Fabrication von Sohlleder in Oefterreich feit 1867 bedeutend zugenommen. Nicht allein dafs die beftehenden Fabriken faft fämmtlich ihren Betrieb erweiterten, fo entftanden in Brünn eine und in Wien zwei neue gröfsere Fabriken. Hier ift befonders Max Grünfeld in Brünn hervorzuheben, Leder. Οι 5 eine Firma, die in der kurzen Zeit ihres Beftandes durch die Vorzüglichkeit ihrer Erzeugniffe fich einen ehrenvollen Ruf verfchaffte, dann Albert Katfcher in Wien mit ebenfalls beliebtem Fabricat. Es werden jetzt in Wien wöchentlich circa 2500 bis 2800 Häute, in Brünn 1900 bis 2100 zumeift inländifcher Schlachtung zu Sohlleder verarbeitet. Von den älteren Fabrikanten ift Jofef Kainz in erfter Reihe zu erwähnen, deffen Fabricat eine Specialität für die Wiener Schuhmacher bildet, welches felbe nicht leicht entbehren können. Aehnliches leiften Jofef Salzer und Franz Setzer. Es kann mit Befriedigung conftatirt werden, dafs die öfterreichiſche Sohlleder- Fabrication feit 1867 erhebliche Fortfchritte fowohl in Hinficht auf Qualität des Fabricates als in jener der Zurichtung gemacht, was auch allgemein von auswärtigen Fachmännern lobend anerkannt wurde. Die Wiener und Brünner Fabriken, fowie die von Carl Lebwohl in Nikolsburg, der Pfundleder von allgemein anerkannter Güte ausftellte, zeichnen fich nach beiden Richtungen vortheilhaft aus, wenn auch nicht unerwähnt bleiben mag, dafs der künftliche Anftrich, durch welchen manche Ausfteller ihr Fabricat zu verfchönern glaubten, vielleicht den Laien, aber nie den Fachmann täufchen kann. Es ist hier noch ein Artikel zu erwähnen, der mehrfach und in guter Qualität ausgeftellt war. Es ift diefs das Ufo- Schweizer Sohlleder genannte, geklopfte Pfundleder. Schreiber diefes veranlafste in den fünfziger Jahren die erften Verfuche mit dem Klopfen des Pfundleders, um dasfelbe durch beffere Appretur im Handel einzuführen, da fich das confumirende Publicum in Böhmen mit Vorliebe dem gehämmerten ausländifchen Sohlleder zuwandte. Als derfelbe im Jahre 1860, der Erfte in Oefterreich, einen Berendorf'fchen Klopfhammer aufftellte, wurde diefe Art der Zurichtung fo beliebt, dafs die meiften Fabrikanten dergleichen Mafchinen kommen liefsen und fich zugleich bemühten, ihr Fabricat fchon in der Gerberei geeignet dazu zu machen. - Unter den beften Erzeugern diefer Sorte find aufser Sigmund Flefch & Comp. noch Jacob Gerlach Söhne in Wien, Adolf Flefch und E. Bloch Söhne in Brünn zu nennen. Ein weit completeres Bild der öfterreichifchen Sohlleder- Fabrication hätte. die Ausftellung gegeben, wenn nicht die oberöfterreichifchen Lederer, wie dort die Sohlleder- Gerber heifsen, fich faft zur Gänze fern gehalten hätten; auch die fteierifchen hatten fich wenig betheiligt. Die Collectivausftellung der Kärntner Gerber, unter welchen Eduard Janefch zu nennen, erwähnend, kommen wir zu den Triefter und Görzer Fabriken, die fich in Gerbung und Zurichtung der italienifchen Fabricationsweife anfchliefsen. Bei Cæfare Tofi in Görz, Fratelli Aquaroli in Sagrado, Domenico Defeppi in Trieft fanden wir diefen Typus genau wiedergegeben. Die ungarifche Sohlleder- Fabrication war auf der Ausftellung ebenfalls fehr wenig vertreten, und wäre hier die Pefter und Agramer Actienfabrik und Francesco Palefe& Comp. in Fiume hervorzuheben. Indem wir hier den Bericht über die Oefterreich eigenthümliche Gerbeweife fchliefsen, müffen wir noch die grofse Fabrik von Franz Schmidt in Krems erwähnen, deren Fabricationsweife den Uebergang von der Knoppern- zu der Eichen- Lohgerberei bildet und Adolf Schmidt in Boffan, als den einzigen, der aus Ungarn in Eichenlohe gegerbtes Sohlleder ausftellte. Wir kommen nun zur Ausftellung der Vorarlberger Gerber, die fich dadurch auszeichnen, dafs fie fich ganz ihren geographifchen Nachbarn in Gerbung und Appretur nähern. Jedenfalls müffen wir ihnen das Verdienft vindiciren, die Erften gewefen zu fein, die in Oefterreich Sohlleder in Eichenlohe gerbten. Der bedeutendfte darunter ift Ferdinand Kurrer in Bregenz, der auch Sohlleder und Vacheleder von guter Gerbung ausftellte. 6 S. Goldfchmidt. Aus Böhmen waren nur mit Fichtenlohe gegerbte, fogenannte Lohterzen ausgeftellt, wie felbe in diefem Kronlande für leichtere Arbeiten verlangt werden. Es wird hier weniger auf befondere Appretur, als auf Feftigkeit der Häute gefehen, wefshalb auch hier die Zurichtung nicht jene Vollkommenheit erreicht, welche wir zum Beiſpiel bei den Vacheledern von Jofef Pöfchl Söhne in Rohrbach, deren Zurichtung in allen Sorten wirklich vorzüglich ift, lobend bemerkten. Wir müffen hier Jofef Hönig in Auffig erwähnen, der in Böhmen die Terzengerberei aus Wildhäuten mit grofsem Erfolge einführte. Heute wird ein grofser Theil, ja vielleicht der gröfste Theil der nach Hamburg eingeführten, grüngefalzenen Rio de Janeiro- Häute in Böhmen zu Terzen verarbeitet. in Von Kratzenleder- Fabrikanten hatte nur Johann Franz Klinger Reichenberg ausgeftellt, aber diefe Sorte Gerberei in hervorragenderWeife vertreten. Was nun Gefchirrleder betrifft, fo haben Pöfchl in Rohrbach, Schmidt in Krems und Jofef Seykora Söhne in Adlerkofteletz Bemerkenswerthes ausgeftellt. Die fertigen Riemen waren durch mehrere Fabriken faft durchgehends in guter Herrichtung vertreten, fo dafs auch hier ein Fortfchritt feit 1867 conftatirt werden kann. Wenn wir die Ausstellung jener Länder verfolgen, die zumeift Knoppern und Valonea als Gerbeftoff verwenden, fo finden wir Italien am ftärksten vertreten. Wie fchon Eingangs bemerkt, unzweckmäfsig ausgeftellt, war es fchwer das Einzelne zu finden. Severino Sachetti in Bologna, Zamboni in Verona ftellten hübfches Sohlleder, Marcello Cafarini in Genua fchönes, etwas dunkelfarbiges Vacheleder, Pietro Delluca in Turin Vaches und fchwarze Zeugleder von hübfcher Gerbung und Appretur aus. Hervorzuheben find auch Fratelli Durio in Turin, deren dem Schweizer Sohlleder ähnliches Fabricat in Oefterreich bereits beliebt geworden ift. - Eine befondere Erwähnung verdient die Ausftellung von Nicola Baluffi & Sohn in Chiaravalle, Provinz Ancona. Diefelben ftellten unter Anderem eine fehr hübfch zugerichtete, leichte Sohlenhaut aus, von fatter Gerbung, welche fich im Ausfehen durchaus nicht von befferen Fabricaten Italiens unterfchied und brachten ein Atteft ihrer Commune bei, worin amtlich beftätigt wird, dafs diefe Haut in 25 Tagen gegerbt wurde. Es fehlten aber alle Andeutungen, ob die anderen ausgeftellten Häute diefer Firma ebenfalls nach diefem Verfahren zubereitet oder nach gewöhnlicher Art gegerbt waren, da das äufsere Anfehen ein gleiches war. Es fehlten übrigens auch alle Angaben über die Koften des Verfahrens und ebenfo über das Gewichtsergebnifs. Es wäre diefs um fo wünſchenswerther gewefen, da ohne über diefe Punkte unterrichtet zu fein, der Werth diefer Neuerung nicht zu beurtheilen ift. In der griechifchen Ausftellung fanden wir blofs das Erzeugnifs von Emanuel Saluftro in Syra, ähnlich dem Bolognefer, aber weicher; in der türkifchen Vacheleder von Perikles Vouros in Conftantinope!, dem franzöfifchen nachgemachte und einige andere Sorten, die nur für den fpeciellen Gebrauch des Landes gefertigt, fich der Beurtheilung entziehen. In der egyptifchen Abtheilung befand fich ein Röllchen fchwarzes und braunes Gefchirrleder nach franzöfifcher Art zugerichtet ohne Bezeichnung des Ausftellers. Wir kommen nun zu der zweiten Gruppe der Soh! leder- Fabrication, in der Eichenlohe faft ausfchliefslich den Gerbeftoff bildet und beginnen mit der Ausftellung des deutfchen Reiches. Die Ausftellung der deutfchen Sohlleder- Fabrikanten bot ein ziemlich vollſtändiges Bild der ganzen Fabricationsweife vom Beften bis zum Schlech teften und lag darin der befondere Vortheil, Jeden, der ausftellen wollte, zu gelaffen zu haben. Leder. 7 Wie es zu erwarten war, hat Trier die bedeutendfte Collection geliefert und feinen alten Ruf bewährt. Feft und voll, ohne alle künftliche Appretur hingen dort die Sohlleder- Hälften in decorativer Weife ausgeftellt und zeigten ihre wahre Güte in den einzelnen darunter liegenden Ausfchnitten. Wird von einem guten Leder fatte Gerbung verlangt, fo haben diefe Leder eine folche. Die Textur ift gleichmässig und zeichneten fich einige Sohlenfchnitte dadurch aus, dafs oft dunkle Streifen den Schnitt durchfetzten. Es ift diefs die Folge des in den erften Farben zugefetzten Eifens. Diefer Schnitt, befremdend für den Nichtkenner, wird in Deutfchland gerne gefehen und bedingt ein feftes, gefchloffenes Sohlleder. Es ift diefs Zufetzen von Eifen keine Neuerung in der Sohlleder- Fabrication, fondern wir finden diefs fchon in den älteren Werken über Gerberei erwähnt. Es ift hier unter den Guten fchwer, den Namen des Beften zu nennen. Dem Ausgeftellten nach der Erfte wäre hier F. A. Ladner zu nennen, dem fich ebenbürtig die Anderen anfchloffen. A. Pies, J. W. Schmelzer, Thomas Varain& Sohn, Müller Vanvolxen, J. Dillinger, P. Van volxen, J. Klauck, S. Haas, R. Müller, J. P. Oberconz, H. Simon, Jofef Simon M. Beres; es find lauter Namen von bekannt gutem Klange, die fich hier zufammenfanden. Befonders hervorzuheben ift auch Nels in Prüm. Haben die Gerber an der Mofel Vorzügliches geliefert, fo find jene am Rheine nicht hinter ihnen zurückgeblieben. Nennen wir zuerft P. J. Harff in Köln, F. H. Kaumann in Ehrenbreitenftein, H. Schmidt- Dumont in Wefeling. Ihnen fchliefsen fich die anderen mit geringen Ausnahmen an. Die fchlefifchen Gerber haben fämmtlich gutes Fabricat ausgeftellt; eben fo gut ift die Ausftellung der Gerber von Buxtehude( Hannover) mit der altrenommirten Fabrik von Wachenfeld an der Spitze. Fortfchritte in der Fabricationsmethode find bei den deutfchen SohllederGerbern nicht zu verzeichnen, fie halten alle an ihrem altbewährten Principe feft. Fortfchritte in der Appretur finden wir bei Nels in Prüm, Harff in Köln.. Denen zur Seite ftehen Friedrich Bartfch Söhne in Striegau und Andere mit gewalztem Leder. Von füddeutfchen Gerbern find zu erwähnen Elias Kohn in Nürnberg und Chriftian Prechtel& Comp. in Forchheim mit geklopftem Sohlleder in heimifchen Häuten. Von Elfäffer Fabrikanten ftellten blofs F. G. Herrenfchmidt Söhne in Strafsburg nach franzöfifcher Art gegärbtes und gehämmertes Leder aus. Die Vacheleder- Gerberei Deutfchlands hat ebenfalls eine hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht, fowohl was die Gerberei, als was die Appretur betrifft und wird die letztere in den grofsen Fabriken immer mehr mit Zuhilfenahme von Mafchinen, befonders Walzvorrichtungen betrieben. Von vorzüglichem Vacheleder fanden wir zuerft das Fabricat von F. G. Herrenfchmidt Söhne in Strafsburg, die Vache- Liffée nach Parifer Art zugerichtet brachten, ferner von Louis Zix in St. Johann, R. A. Korn in Saarbrücken, Gebrüder Fahr in Pirmafenz und F. J. Burghardt in Gemünden. In Riemenleder haben die deutfchen Gerber ebenfalls viel Gutes ausgeftellt. Wir erwähnen unter Anderen H. K. Dienftbach in Unter- Liederbach und A. Kahen, Leidesdorf in Mühlheim am Rhein. Der Letztere mit verfchiedenen Arten gefchmierter Leder für Mafchinenfabriken. Etwas Neues haben J. H. Bleuenheuft's Nachfolger in Aachen in Pumpenleder ausgeftellt: diefelben präpariren die ganzen Häute in einer eigenen Art und machen diefelben dadurch dichter und widerftandsfähiger. Von fertigen Mafchinenriemen war in der XIII. Gruppe auch Manches ausgeftellt, was von dem Auffchwunge diefes Fabricationszweiges zeigte. Hier find unter Anderen hervorzuheben: Carl Beringer in Stuttgart, J. J. Schleyer in Reutlingen, Gebrüder Kraft in Fahrnau und Gebrüder Honore in Leipzig, 8 S. Goldfchmidt. welche geleimte Lederriemen ausftellten, nebft einer Mafchine, die die grofse Spannung zeigte, welche diefe Riemen aushalten können. Helles Gefchirrleder, fowie fchwarzes hatten Schleyer in Reutlingen und Jacoby in Weifsenfels; auch in der Collectivausftellung der Fabrikanten in Mühlheim an der Ruhr fanden fich fchöne Erzeugniffe diefer Art. Ein bemerkenswerther Zufall ift es, dafs faft der ganze Fabricationszweig der deutfchen Brandfohlleder- Gerberei auf der Ausftellung nicht vertreten war. Die grofsen Berliner Gerbereien find hauptfächlich auf diefen Artikel eingerichtet und werden dort aufser inländifchen Häuten auch Wildhäute, zumeift Ceara, verarbeitet. Die zur Fabrication nöthige Eichenlohe wird gröfstentheils aus Böhmen bezogen, von wo jährlich 80.000 bis 100.000 Centner nach Berlin gehen. Auch in anderen Städten Nord- Deutfchlands wird diefer Artikel ftark gearbeitet, befonders aber in Hannover und Braunfchweig. Das Berliner Brandfohl- Leder ift jedoch das beliebtefte und erreicht ftets die höchften Preife. Wir kommen nach Frankreich, wo wir ebenfo, wie im deutfchen Reiche, die beften Namen vertreten finden: N. Galien& Comp. in Longjumeau, Durand frères in Paris, A. Peltereau in Chateau. Renauld und Andere haben Vorzügliches ausgeftellt, fowohl in Sohlleder als Vache und den hohen Rang der franzöfifchen Gerberei und Appretur auf das befte bewährt. Alegatière fils in Lion- Vaife ftellte Sohlleder mit gerafpeltem Kaftanienholz gegerbt aus, welche Gerbemethode fchon auf der Parifer Ausftellung 1867 Aufmerkfamkeit erregte. So fchön auch die erzielten Producte waren- Refultate in Bezug auf Preis und Gewicht find uns unbekannt fo kann die Idee, den Gerbegehalt des Holzes anftatt den der Rinde zu benützen, doch nicht als Neues gelten. In den Memoires de l'academie des fciences vom Jahre 1738 finden wir einen Auffatz des berühmten Naturforfchers Buffon, worin derfelbe über von ihm veranlafste Verfuche, mit Eichenholz anftatt mit Rinde zu gerben berichtet. Mit welcher Aufmerkfamkeit und Sorgfalt diefe Verfuche damals gemacht wurden, mag daraus hervorgehen, dafs Buffon erwähnt, dafs der Splint, alfo das Werthlofere am Holze mehr Gerbeftoff enthält als der Kern. Ganz vermifsten wir in der franzöfifchen Ausftellung die Gerberei mit Garrouille, die im Süden Frankreichs die eigenthümliche Stellung hat, die die Fichten- Lohgerberei in Böhmen einnimmt, nämlich nur für den Localbedarf eingerichtet zu fein. Garouille ift die Rinde der Wurzeln der Zwergeiche( Quercus coccifera L.) wird als Gerbeftoff nur für Vacheleder verwendet und gibt ein feftes, dunkelbraunes Leder. Die ausgeftellten Riemenleder, fowie die Sattler- und Gefchirrleder waren ebenfalls von befonderer Schönheit. Befonders grofsartig hatten Scellos Domange aus Paris Riemen und Riemenleder ganz abgefondert in der Mafchinenhalle aufgeftellt. Im Allgemeinen in Gerbung und Zurichtung bemerkenswerth war befonders ein Riemen für grofse Transmiffion zu beachten, der aus lauter fchmalen Streifen beftand, die der Breite nach fo zufammengefügt waren, dafs der Schnitt der einzelnen Streifen die Breite des Riemens ergab. Es laffen fich fo Riemen von beliebiger Breite und Stärke zufammenfetzen, die eine grofse Haltbarkeit haben mögen und doch in ihren einzelnen Theilen aus fchwachem Leder, eventuell Abfällen beftehen. Wenn wir auf das Nächftliegende und auch Nächftbedeutende übergehen, fo finden wir Belgien mit feiner hervorragenden Lederinduftrie, die in zweckmäfsigfter Weife ausgeftellt war. Die Bedeutung Belgiens in feinem Leder- und Häutehandel und den befonderen Reichthum des Landes an vorzüglichen Gerbeftoffen mögen folgende Daten kennzeichnen, die wir der deutfchen Gerberzeitung entlehnen. Es wurden importirt in den Jahren Leder. von England ): دو 97 La Plata Frankreich Uruguay Kilogramm roher Häute. 1868 1869 1870 • • • 1,482.540 12,993.534 2,217.827 2,053.028 13,192.987. 13,073.336 . • 1,800.596 1,538.448 5,811.987 6,202.205 4.788.247 5,115.948 Dabei wurden jährlich noch importirt circa von Frankreich England vom Zollverein Kilogramm fertiger Leder. Dagegen wurden Eichenrinde exportirt: nach England Frankreich د, dem Zollverein 350.000 48.000 88.000 1869 1870 8,661,981 9,044.975 1871 9,071.568 2,465.242 2,271.081 1,643.978 3,405.965 3,419.626. 3,322.744 9 Kilogramm. Den gröfsten Antheil an der Sohlleder- Fabrication Belgiens dürfte Stavelot, Provinz Lüttich, haben. Wir fanden jedoch diefen grofsen Fabricationsort für Sohlleder nur durch einen, aber vorzüglichen Ausfteller, Antoine Maffenge, vertreten, fo wie überhaupt die Betheiligung an der Ausftellung von Seite der belgifchen Gerber keine fehr lebhafte war, doch konnte das Ausgeftellte dem Beften anderer Länder an die Seite geftellt werden. Wir erwähnen hier noch befonders V. Cherequefosse in Turnai mit Vacheleder, Jos. Devex in Herve mit deffen bekanntem Kratzenleder und E. Colson in Huy mit Mafchinen- Riemenleder und fertigen Mafchinenriemen. Die Ausftellung der fchweizer Gerber blieb hinter jener von 1867 weit zurück. Während damals die fchweizer Sohlleder- Fabrication in befonders hervorragender Weife vertreten war, hatte hier einer der erften und gröfsten Fabrikanten, J. Wunderly in Meilen, feine Anmeldung zurückgezogen, auch die Gerber der franzöfifchen Schweiz waren ganz fern geblieben. Es ift diefs um fo mehr zu verwundern, als der Hauptexport der fchweizer Sohlleder nach Oefterreich, fpeciell nach Böhmen, gerichtet ift. Aus Schweden waren blofs von drei Gärbern Wild- Sohlleder ausgeftellt, welches fich in der Gerbung dem deutfchen nähert und auch recht hübfch appretirt war. Norwegens drei Ausfteller hatten Aehnliches geliefert, auch Dänemark, wo der Gruppe VI wenigftens ein anftändiger Raum an einer freien Wand gegönnt war, hatte nicht viel mehr Repräfentanten feiner Sohlleder- Gerberei, doch find diefelben ihren nordifchen Nachbarn mindeftens gleichzuftellen; befonders erwähnenswerth ift hier M. J. Ballin in Kopenhagen. Etwas Neues ftellte die Kopenhagener Lederfabrik in einem kleinen Käftchen faft verfchämt aus, nämlich einen Verfuch, aus zu Pulver verkleinerten Lederabfällen künftliches Leder zu erzeugen. So viel das Aeufsere zeigte, war es eine Mifchung von Kautfchuk mit Lederftaub. Ueber die Haltbarkeit könnte nur ein Tragverfuch entfcheiden, jedoch fchien auch der Preis der ausgeftellten Sohlen zu hoch, um der Sache eine grofse Verbreitung in Ausficht zu ftellen. Rufsland war mit feiner Sohlleder- Fabrication faft gar nicht vertreten. Was die erblichen Ehrenbürger und Lieferanten des Kriegsminifteriums, Gebrüder Malkiel in Welionach, als Sohlleder für Militärzwecke ausgeftellt hatten, wird wahrfcheinlich vorfchriftsmäfsig gearbeitet fein, entzieht fich aber vielleicht eben dadurch 10 S. Goldfchmidt. der Beurtheilung nach hierländifchen Begriffen von gutem Sohlleder. Hübfches Vacheleder war von Stanislaus Pfeiffer in Warfchau ausgeftellt. Wir kommen nun zur dritten Gruppe der Extractgerberei, haben aber bei der geringen Zahl der englifchen Lederausfteller nur zwei Firmen, die Sohlleder überhaupt und nur eine, P. und E. Evans in Briftol, die Sohlleder als Specialität ausftellten, keinen Anlafs zu vergleichen. Das von oben Genannten ausgeftellte Sohlleder war in Durchgerbung und Appretur vorzüglich. Als ein befonderes Kunftftück im Fache der Gerberei mufste die ausgeftellte Hippopotamus-( Nilpferd-) Haut angefehen werden, die in der felbft diefer Art Häute feltenen Stärke von faftdrei Zoll an allen Stellen vollſtändig durchgegerbt war. Es ift die Theilnahmslofigkeit der englifchen Lederinduftrie um fo befremdender, als doch der Handelsverkehr Englands mit Oefterreich auch in Leder ein enormer und jedes Jahr fteigender ift. Was die Lederfabrication und ihre Ausdehnung in England betrifft, fo können wir zu einem annähern den Begriffe der Gröfse des gefchäftlichen Verkehrs kommen, wenn wir hören, dafs auf dem Londoner Markt der Verkehr in überfeeifchen rohen Häuten allein folgende Ziffern erreichte: 1871: 226.402 Ochfen- und Kuhhäute, 8103 füdamerikanifche Pferdehäute, 6,054,863 Kyps- und Büffelhäute; 1872 390.936 Ochfen- und Kuhhäute, 6231 füdamerikanifche Pferdehäute und 7,001.989 Kyps- und Büffelhäute. Um eine deutlichere Idee der ungeheuren Bedeutung des Londoner Marktes für den Verkehr in überfeeifchen rohen Häuten zu geben, fügen wir eine ftatiftifche Vergleichungstabelle I des Londoner Häutemarktes bei, welche die Bewegung auf demfelben in den letzten fieben Jahren ziffermäfsig nachweift und welche wir dem Jahresberichte der Herren F. Schmitz& Comp. in London entnehmen. Von den englifchen Colonien waren Leder ausgeftellt, welche fchon des halb Beachtung verdienen, da folche nicht ohne grofsen Einfluss auf die ganze europäiſche Lederfabrication bleiben werden. Wenn wir aus ftatiftifchen Berichten, die uns vorliegen, erfehen, dafs die Garleder- Einfuhr Englands im Jahre 1861: 5,219.000 Pfund betrug, dagegen bereits im Jahre 1871 auf 17,589.699 Pfund im Werthe von 1,094.643 Pfund Sterling und im Jahre 1872 weiter auf 27,929.014 Pfund im Werthe von 1,795.883 Pfund Sterling ftieg, welches in dem letzten Jahre eine Zunahme von 10,339.315 Pfund im Werthe von 701.240 Pfund Sterling ergab; dafs ferner daran auftralifches Sohlleder im Jahre 1871 mit 9015 Ballen, 1872 dagegen fchon mit 13.823 Ballen, was an 500.000 halbe Häute ausmacht, participirt, wenn wir ferner hören, dafs im Jahre 1871: 248.963 Stück, im Jahre 1872 dagegen 517.000 Stück gegerbte Kypfe zumeift von Bombay eingeführt wurden, dafs weiter in den acht öffentlichen Auctionen, die in London im Jahre 1872 abgehalten wurden, 7,828.909 Stück in Oftindien gegerbte Schafund Ziegenleder verkauft wurden, aufser den gewöhnlichen jeder Auction folgenden Privatverkäufen, fo gewinnen diefe, zumeift nur als Decorationen an den Seitenpfeilern verwendet gewefenen Leder ein grofses Intereffe und laffen fehr bedauern, dafs eine eingehende Prüfung auch fchon defshalb ohne Erfolg gewefen wäre, da Provenienz und Erzeugungsort unbekannt geblieben. Durchwegs icheint aber darauf die englifche Gerbe- und Zurichtungsweife einen mächtigen Einflufs gehabt zu haben. Was Amerika betrifft, fo waren die Vereinigten Staaten von mehreren Fabrikanten vertreten, welche zumeift in Eichenlohe nach amerikanifcher Art gegerbtes Sohlleder ausgeftellt hatten, worunter das von Thomas Schorr in New Orleans befonders gut gegerbt war. Auch Hemlock, deffen Ausfuhr nach Europa jedes Jahr fteigt und wovon befonders im Jahre 1872 in Nord- Deutfchland viel umgefetzt wurde, war vertreten. Leder. 11 Welche bedeutende Rolle das Hemlock leder im vergangenen Jahre ſpielte, kann man daraus erkennen, dafs gegen Ende des Jahres 1871 in Liverpool ein Stock von 300.000 Hälften beftand, zu dem im Laufe des Jahres 1872 noch circa 600.000 Hälften importirt wurden und trotzdem waren Ende 1872 die Lager in Liverpool zur Gänze geräumt, alfo im Jahre 1872 an 900.000 Hälften verkauft. Durch das liebenswürdige Entgegenkommen des kaiferlich brafilianifchen Ausftellungscommiffärs Herrn von Saldanha kam mir das vorzügliche Werk des Herrn Joaquim Manoel de Macedo, Notions de choreographie du Brefil zu, welchem ich entnehme, dafs im Finanzjahre 1870 und 1871, nämlich vom 1. Juli 1870 bis 30. Juni 1871 die Exportation von Brafilien in rohen Häuten betrug 12,442.007 Kilo in gefalzenen Häuten und 9,021.440 Kilo in getrockneten. Diefe Ziffern kennzeichnen am beften die Wichtigkeit diefes mit allen Naturproducten reich gefegneten Landes für die Lederinduftrie. Nach den freundlichen Erläuterungen des Herrn von Saldanha ift es befonders die Provinz Minas de Geraes im Innern des Landes, wo die Viehzucht am meiften blüht. - Indem wir hier unferen Bericht über die Sohl- und Vacheleder- Gerberei, foweit felbe auf der Wiener Weltausftellung vertreten war, fchliefsen, können wir nur unfer Bedauern darüber ausfprechen, dafs wir gar kein ftatiftifches Material haben, die Zahl der Häute, die Europa diefer Induftrie liefert, auch nur annäherungsweife anzudeuten. Wir fügen defshalb eine Tabelle II über den Verkehr in rohen überfeeifchen Häuten, die in den Haupthäfen Nordeuropas 1872 eingeführt wurden, bei. Wenn wir bedenken, welche coloffale Maffe von Hornvieh nur in den Städten Europas gefchlachtet wird, wo zumeift fchwerere Häute fallen, die zu Oberleder nicht geeignet find, welche alfo alle diefem Zwecke zugeführt werden, fo kommt eine fo riefige Ziffer heraus, dafs die Bedeutung der Sohlleder- Fabrication in nationalökonomifcher Beziehung erft ins rechte Licht tritt. Wir kommen nun zu dem zweiten Theil unferer Aufgabe, zu dem Berichte über zugerichtete, gefärbte und lackirte Leder. Bevor wir diefelbe erfüllen, erlauben wir uns einen kurzen Ueberblick über ( Anilin-) Steinkohlentheer- Farben und deren Verwendung in der Lederfärberei einzufchalten. Die Fabricationsweifen der verfchiedenen Lederforten find in dem vorzüglichen Berichte des Herrn Carl Denninger in Mainz über die Londoner Weltausstellung vom Jahre 1851 ausführlich befchrieben, und die Färberei mit Theerfarben ift die einzige principielle Neuerung feit jener Zeit. Was nun die Darftellung diefer Farben anbelangt, fo werden fie hauptfächlich aus drei im Theer enthaltenen Körpern gewonnen, nämlich aus dem Benzol C6H6, dem Naphtalin C₁0H, und der Carbolfäure C6H6O. Während man aus der Carbolfäure direct Farben erzeugen kann, mufs man das Benzol erft in Anilin CH, N, das Naphtalin in Naphtylamin C10 H, N umwandeln, um es zu diefem Zwecke verwenden zu können. Diefes gefchieht bei beiden Körpern in der Weife, dafs man fie durch die Einwirkung der Salpeterfäure erft in Nitrobenzol und Nitronaphtalin, und diefe wieder durch die Einwirkung von Wafferftoff in statu nascendi in Anilin und Naphtylamin umwandelt. Die für die Lederfärberei wichtigften Farbftoffe find die Farben aus der Carbolfäure: die Pikrinfäure, das Corallin und die unter den Namen des Phenylbraun bekannten braunen Farbftoffe. Zweitens die Anilinfarben, zu denen die verfchiedenen Sorten des Anilinroth, Anilinviolet, Anilinblau und Anilingrün zählen, welche je nach ihrer Darftellung und chemifchen Conftitution nicht nur verfchiedene Nuancirungen erzielen laffen, fondern auch durch verfchiedene Löslichkeitsverhältniffe fich charakterifiren. Drittens gehören hieher die fogenannten 12 S. Goldfchmidt. Naphtalinfarben( Farben aus Naphtylamin). Es find diefs das Naphtalingelb oder Manchefterblau. Das Naphtalinroth, das Naphtylblau und Naphtylbraun finden bis jetzt noch keine Verwendung in der Lederfärberei. - Nach diefer kurzen Betrachtung der bei der Lederfärberei verwendeten Farben wenden wir uns zu dem befonderen Theile unferer Aufgabe, der Betrachtung der zugerichteten, gefärbten und lackirten Leder. Vor Allem fei erwähnt, dafs wir in der öfterreichifchen Abtheilung der Gruppe VI zwei Fabriken vertreten fahen, die uns die Farbenpracht der Anilinfärbe reien auf Leder in gelungener Ausführung vorführten. Es war dies die altbekannte Fabrik von A. H. Süfs Söhne in Wien, welche aus 423 Fellen verfchiedener Farben, die Schattirungen eines Regenbogens zufammengeftellt hatte, welche finnreiche Anordnung in decorativer Hinficht eine Zierde der öfterreichifchen Lederausftellung bildete. Auch die anderen Erzeugniffe der Fabrik waren in zweckmäfsigfter Anordnung zur Schau geftellt, um die Vielfeitigkeit der Leiftungen zu zeigen. Die zweite war die ,, Erfte böhmifche Lederinduftrie- Gefellfchaft in Prag" ( vormals Ludwig B. Goldfchmid), deren früherer Befitzer und jetziger leiten. der Verwaltungsrath der Erfte war, der bereits 1862 Anilinfärberei auf Leder in Oefterreich einführte. Die Erzeugniffe der Fabrik zeichnen fich durch Reinheit der Farben und der Zurichtung, die faft durchwegs Mafchinenarbeit ift, aus. Specialität der Fabrik ift das Färben von englifchen gefpalteten Schaffellen, obgleich auch andere Sorten gefärbt werden, wie diefs die ausgeftellten färbigen Saffiane und Handfchuh- Leder bewiefen. Die Erzeugung von lackirten Schaffellen fowie von grofsen Häuten wird ebenfalls betrieben. Von gefärbt lackirten Fellen hatten Anton Lipp& Söhne in Wien eine hübfche Collection, fowie Franz Riekh in Graz lackirte Felle und Häute in bekannt guter Qualität ausgeftellt. Von gefärbtem Leder ift hier noch die Ausftellung von Jacob Pilinsky in Wien der fchönen Farben und forgfältigen Zurichtung halber zu erwähnen. Die Collectivausftellung der Wiener Handfchuhleder- Fabrikanten fchlofs fich, was die Färberei betrifft, würdig den oben genannten an. Die Leiftungen der Wiener Glacéleder- Erzeuger find zu bekannt, um noch hervorgehoben werden zu müffen. Wir erwähnen hier Chriftian Arwart, Leopold Ullrich und Gebrüder Strafser. Ebenbürtig vom Standpunkte der Gerberei find die Leiftungen von Jofef Budan und J. U. Benker in Prag und H. M. Eckstein in Lieben. Ferner find zu erwähnen F. Mehlfchmiedt und S. Schönberger in Prag und von mährifchen Ausftellern Peter Nowak fen. in Trebitfch. Von fämifch gegerbtem Leder für Handfchuhleder- Fabrication war manches Hübfche, jedoch nichts befonders Hervorragendes ausgeftellt. Wenn wir nun von den verfchiedenen farbigen Fellen und Häuten, wo die Kunft des Färbens, zu den fchwarzen und braunen Nüançen übergehen, wobei die des Zurichters hauptfächlich hervortritt, fo müffen wir zuerft in hervorragender Weife die Wiener Saffianleder- Fabrication hervorheben. Es ift hier feit dem Jahre 1851 in der Weife ein Umfchwung eingetreten, dafs die feit der erften Weltausftellung in London bekannt gewordenen oftindifchen Schaf- und Ziegenfelle, die früher allein verwendeten türkifchen, walachifchen fiebenbürger- und ungarifchen Ziegen- und Schaffelle ftark in den Hintergrund gedrängt haben. Zur Verbreitung diefes Artikels hat der Umftand beigetragen, dafs durch das Emporblühen der deutfchen Lacklederfabrcation die fonft zu genarbten, fchwarzen, für Damenfchuhe verarbeiteten, leichten, rohen Kalbfelle eine vor theilhaftere Verwendung gefunden hatten und zweckmäfsig durch die billigeren, feinnarbigen, oftindifchen Ziegenfelle erfetzt wurden, in deren Zurichtung man bald fo grofse Fortfchritte gemacht hatte, dafs die Wiener Erzeuger mit denen anderer Länder wetteifern können. Speciell in diefem Artikel hatte H. Gerhardus und Hafsek& Hoffmann in Wien vorzüglich fchöne Fabricate ausgeftellt. Wir erwähnen hier auch Leder. 13 E. und A. Pollak in Wien, die Söhne des um die öfterreichifche Lederfabrication hochverdienten Adam Pollak. Sowohl zugerichtetes Ziegenleder als auch glatte und gezugte fchwarze Häute, fowie eingewalkté Vorfüfse hatte Jacob Foges in Wien gebracht, der das Verdienft hat, die Gerberei und Zurichtung der rothen Juchten in Oefterreich eingeführt zu haben, von welchem Artikel er fchöne Proben vorlegte. Bernard Weifs& Sohn in Wien hatte eine grofse Collection verfchiedener Lederforten ausgeftellt, die erwähnt zu werden verdient, fowie Lucas Harthaufer's Juchten- Imitation und Johann Krätzer's verfchiedene Felle und Häute. Uebergehend zu jenen Sorten, die zumeift nach Gewicht verkauft werden, müffen wir vor Allem die Ausftellung von Jofef Seykora Söhne in Adlerkofteletz erwähnen, die fich befonders durch die vorzügliche Zurichtung aller ausgeftellten Artikel auszeichnete. Die eingewalkten Schäfte, welche den ruffischen erhebliche Concurrenz machen dürften, erregten allgemein die Aufmerkſamkeit der Sachverſtändigen. H. Bergmann Sohn& Comp. in Neubydžov, die befonders fchwarz gezugte Häute und zugerichte Spalthäute als jene Artikel ausgeftellt hatten, in denen die öfterreichifchen Gerber unübertroffen find, rivalifirten mit den obigen. Den Beiden folgen in Böhmen David Kreitner in Hohenbruck. D. Löwit& Sohn und J. Kohn Sohn in Pilfen. Für Mähren fteht in erfter Reihe Adolf Flöfch in Brünn, F. Klein in Schönberg und Ignaz& Emanuel Höck in Iglau. Von braunen Kalbfellen hatte befonders Friedrich Göbel in Wien, deffen Erzeugniffe zu den beliebteften des Wiener Platzes gehören, feinen alten Ruf bewährt. Anton Lafsnik in Cilly hatte befonders fchöne, braune Kuh- und Kalbleder ausgeftellt, fchwarzgenarbte Kalbfelle W. Pollak in Raudnitz und Miromil Breuer in Elbeteinitz. Die grofsen Kalbfell Gerbereien in Roveredo find bekannt und werden hier die braunen und fchwarz gewichsten Kalbfelle von P. Noriller in Roveredo befonders erwähnt. Was die ungarifche Ausftellung betrifft, fo finden wir zumeift die bereits in der erften Abtheilung Genannten wieder. Die Pefter Actien- Lederfabrik hatte gezogenes Kuh- und Kalbleder in hübfcher Appretur ausgeftellt, fowie auch Adolf Schmidt in Boffan, der als neue Erfindung das Modell einer Mafchine brachte, welche den Zug auf Oberleder erzeugen foll. S. Wertheimer in Peft hatte zugerichtete Schaf- und Ziegenleder nach Art der Wiener ausgeftellt. In der kroatifchen Abtheilung hatte die Agramer Lederfabrik fehr hübfches gewichstes Kalbleder zur Anficht gebracht. Die Ausftellung des deutfchen Reiches befprechend, haben wir zuerft Mayer, Michel& Denninger in Mainz und Freiburg zu beachten. Gegründet 1798, wurden in den vier Etabliffements diefes Haufes im Jahre 1871: 916.638 Ziegenund Schaffelle, 437.716 Kalbfelle und 7476 Häute verarbeitet und erreichte die Production einen Werth von 3,200.000 Gulden füddeutfcher Währung. Die Mannigfaltigkeit der Erzeugniffe, die faft alle Zweige der Lederinduftrie umfasst, und der Weltruf des Etabliffements enthebt uns der Mühe bei diefer Ausftellung in Details einzugehen. Auf allen bisherigen Weltausftellungen mit den höchften auzgezeichnet, hat die Firma auch diefsmal ihren alten Ruf bewährt. Auf die Erzeugung von lackirten Ledern, Wichs- und Kidkalbfellen befchränkt, gilt Aehnliches bei Cornelius Heyl in Worms, gegründet 1834; erreichte der Werth der Production 1871: 3,241.122 Gulden. Es folgt nun Dörr& Reinhard in Worms mit den gleichen Artikeln vorzüglicher Ausführung; 1839 gegründet, wurde im Jahre 1871 ein Umfatz von 2 Millionen GulPreifen den erreicht. 14 S. Goldfchmidt. Der Qualität der erzeugten Waare nach, wenn auch nicht in der Gröfse des Umfatzes folgt dem die Lackleder- Fabrik von L. Melas& Comp. in Worms. Seit 1857 beftehend, hat diefes Etabliffement fehr bedeutende Fortfchritte gemacht und zählt zu den beften in Deutfchland. Die jüngfte unter den füddeutfchen Fabriken ift L. Schlöffer& Comp. in Worms, die fehr fchöne lackirte und gewichfte Kalbfelle ausgeftellt hatte. Erft 1871 gegründet, wurde, wenn befonders die kurze Zeit des Beftehens in Anfchlag gebracht wird, Vorzügliches geleiftet. Wir haben, um die Reihe der grofsen Lackleder- Fabriken in Worms zu vervollſtändigen, der Wormatiage fellfchaft für Lederfabrication zu erwähnen, die 1871 einen Umfatz von 2,255.000 fl. machte. Als die erfte und gröfste Leder- und Lackirfabrik Baierns finden wir die Actiengefellfchaft für Lederfabrication. vormals Ignaz Mayer, in München. Gegenwärtig ift befondere Specialität der Fabrik die Erzeugung von genarbten lackirten Wagenverdeck- Häuten und von gelbem Sattlerleder. In der Fabri cation der lackirten Verdeckhäute ift felbe in Deutfchland noch unübertroffen. Schöne Fabricate in lackirten Verdeckhäuten hatten ferner ausgeftellt: Adolf Günther in Kaufbaiern, A. Rühl& Comp. in Eckrad und J. M. Moellen in Popfingen. Farbiges Lackleder, ein befonders fchwierig zu erzeugender Artikel, brachten in guter Qualität Carl Rehm in München und Theodor Linfe in Popfingen. Schwarz genarbte, gefchmierte Wagenverdeck- Häute, mit welchen Deutfchland noch zumeift Oefterreich verfieht, wo diefer Artikel noch wenig fabricirt wird, waren gröfstentheils durch die Collectivausftellung der Fabrikanten in und bei Mühlheim an der Ruhr vertreten, wo diefer Zweig der Lederinduftrie feinen Hauptfitz hat. Die aufserordentlich thätigen und intelligenten Gerber der dortigen Gegend haben fich diefe Specialität fo zu eigen gemacht, dafs eine Concurrenz mit denfelben äufserft fchwierig fein dürfte. Zu den beften gehören Heinrich Coupienne, Friedrich Richter& Comp. und Guftav Schürmann. Gefärbte Lederwaaren waren höchft brillant vertreten durch Hering& George in Strafsburg, G. Zingrafin Bonnames und von Carl Bettelhäuferin Mainz mit einer grofsen Collection diverfer Leder in fchöner Ausführung. Carl Simon Söhne in Kirn an der Nahe hatten fchöne gefärbte oftindifche Ziegenleder fowie Gebrüder Hausmann in Frankfurt farbige Ziegen- und Kalbfelle ausgeftellt. In fchwarzen Ziegenledern hatte Wilhelm Simon in Kirn fehr fchöne Waare. Die bedeutende Berliner Farbenleder- Fabrication war blofs durch Löwenthal& Waldow, aber von diefen in hervorragender Weife vertreten. Die von denfelben ausgeftellten Ledertapeten zeugten von befonderem Gefchmack. Die Fabrication von Kalbkidleder dürfte wohl in Deutfchland am ftärksten in Europa und zwar gröfstentheils für den Export nach England und Amerika betrieben werden. Die Centralpunkte diefer Induftrie find bis jetzt München und Dresden, von wo fie fich fowohl nach Süd- wie Nord- Deutfchland ausbreitete. Die Menge der Erzeugung dürfte nicht viel geringer fein als die der lackirten Kalbfelle. Auf der Ausftellung war felbe hauptfächlich vertreten durch Bromberger & Seiler, Auguft Rücker in München und die Dresdner Lederfabrik, vormals Robert Bierling der Vierte, doch hatten auch andere Vorzügliches geleiftet, befonders die früher genannten Wormfer und Mainzer Lackirfabriken, die faft alle diefen Artikel jetzt erzeugen. In alaungaren Schaffellen für Handfchuhe war manches Schöne ausgeftellt. Wir nennen hier als vorzüglich M. Geifthöfel in Ham an der Lippe, J. Röckl in München, Johann Ludwig Ranninger& Söhne in Altenburg und G. Jahn in Brandenburg. F. A. Umenhofer in Brandenburg hatte fchöne Felle für feine Uhren- Blasbälge; von Alaun- Schafleder für Schuhmacher hatten Ch. Dörr in Grüneberg und Albert Gräbner in Raguhn fchöne Mufter aufgelegt. S Leder. 15 Die bekannte Fabrik von Heinrich Bierling in Gera hatte eine fchöne Collection von verfchiedenartigem fämifchgaren Leder gebracht, fowie Carl Wildprett in Augsburg fchönes Pergament. Zu fchwererem Leder übergehend, haben wir zu bemerken, dafs die FahlLederfabrication fehr fchwach vertreten war. Wolf Rothe in Walsrode, Franz Kuchler Söhne in Paffau, H. C. Kleeberg in Uelzen und Friedrich Käs in Backnang, Heinrich Reger& Comp. in Kinzelsau dürften mit zu den beften gehören. Von Javahäuten hatte Franz Hartmayer in Neckar- Steinach und Auguft Söhlmann& Comp. in Linden in fchweren Maftkalb- Fellen wohl das Befte. Braune Kalbfelle waren von vorzüglicher Befchaffenheit und je nach Wunfch und Liebhaberei der befonderen Kundfchaft bald fefter, bald milder im Griffe ausgeftellt. Zu den Beften gehören: Guftav Müller und Franz Müller in Bensheim, V. v. Wafilowsky in Ober- Mofel, W. Pretorius& Comp. in Alzey und C. W. Roth in Haufen. Noch müffen wir hier einen jungen und kleinen Fabrikanten mit in die erfte Reihe ftellen, fowohl was Gerbung als auch Zurichtung anbelangt; es ift diefs Oswald Feldmann in Oederan. haben. Von Cylinder- Kalbfellen dürfte Meifsner in Mitweida das Befte gebracht Gewalkte kalblederne Schäfte und Vorfchuhe hatten Charles Simon in Barr, Hefs& Comp. in Pfungstadt, fowie Franz Fifcher in Offenburg, der aus mit den Haaren gegerbten Kalbfellen gewalkte Vorfchuhe ausgeftellt hatte. Zu Schuhleder zugerichtetes Rofsleder, wovon fehr viel ausgeftellt war, ift fchon defshalb ein bemerkenswerther Artikel, weil er eine Specialität Deutfchlands und der nordifchen Länder ift, während er in Oefterreich fehr wenig und in Italien und Frankreich faft gar nicht gearbeitet und verbraucht wird. Zu den beften Ausftellern diefes Artikels gehören Lewald Söhne in Fürth, Julius Völker in Eifenberg, A. Seehaufen in Arentfe, F. Brettmeyer& Kotfch in Zerbich, Z. Spier in Wikrath und Auguft Fänger in Berlin. Munk und Neuhaus in Hamburg hatten eine ganze Rofshaut ausgeftellt, welche zeigte, wie die einzelnen Theile, wie Schäfte und Vorfchuhe etc. herauszufchneiden find. Es war nämlich immer an der betreffenden Stelle die Zurichtung für den einzelnen Gegenftand ausgeführt, ohne denfelben von der ganzen Haut zu trennen. Sogar gewalkte Vorfchuhe waren in Verbindung mit der Haut gelaffen. Der Zahl der Ausfteller nach, wenn auch nicht der Maffe des in diefen Lederforten Gebotenen, kommt nun Italien. Auch hier verhinderte die unzweckmäfsige Ausftellung eine eingehende Prüfung der einzelnen Sorten. Der gröfste Ausfteller und faft der einzige, der feine mannigfachen Erzeugniffe in geordneter Weife zur Schau ftellte, war Severino Sachetti in Bologna mit diverfem Oberleder und Kalbfellen guter Zurichtung. B. Modena in Reggio brachte braune und fchwarze Kalbfelle, wovon fich befonders die braunen durch ihre Milde auszeichneten; ebenfo die Maftkalb- Felle von Pietro Delucca& Comp. in Turin und G. Mecciorin& Comp. in Padua, fowie jene von Gebrüder Narizzano und Gherfi in Genua. Ueberhaupt fcheint die Kalbfell- Gerberei in Italien weitere Fortfchritte gemacht zu haben, als die anderen fonft zu Oberleder verwendeten Sorten, obgleich auch von Kuhleder und Kypfen manches Hübfche zu fehen war. Von zugerichteten Ziegenleder hatte Carlo Marti in Mailand eine fchöne Sammlung der verfchiedenartigen Zurichtungsweifen, fowie Luigi Arnaud on in Turin hübfche gefärbte Leder. Wir wenden uns nun nach der franzöfifchen Abtheilung, wo wir zuerft die grofsen Parifer Lederfabrikanten vertreten finden. Gewohnt, in der Hauptftadt des Luxus für einen Kundenkreis zu arbeiten, der felbft wieder die höchften Preife erzielt, wenn er das Vollendetefte leiftet, wie diefs z. B. bei den Parifer Wagen- und Sattlerwaaren- Fabriken der Fall ift, brauchen diefe grofsen Etabliffements ohne 16 S. Goldfchmidt. ängftliche Rückficht auf den Koftenpreis eben nur dahin zu ftreben, das Befte zu liefern, um eines ficheren Abfatzes gewifs zu sein, und fo find fie auf jene hohe Stufe der Vollkommenheit gekommen, die wir auf der Ausstellung an ihnen bewunderten. Es ist hier fchwer, dem Einen oder dem Andern den Vortritt zuzuerkennen, da faft nur die erften Firmen Frankreichs vertreten waren. A. Houette& Comp. mit lackirten Kalbfellen; René Pillais mit lackirten Fellen verfchiedener Art; L. Soyer& T. Sueur& fils mit genarbten, lackirten Wagenverdeck- Ledern; Bayvet frères mit farbigen Saffianen und Saffianimitationen; Baffet& Comp. mit Chevres dorés, ein Artikel, in dem die Parifer Fabrikanten noch unerreicht find; L. Lefaulnier, der einzige, der zugerichtetes Rofsleder ausftellte und J. Ottenheim mit eingewalkten Schäften. Le Paillard mit Cylinder- und Kardenleder und endlich Roullier& Comp., der als Gegenfatz zu feinen Collegen, die nur das Befte und Feinfte brachten, fogenanntes Cuir factice ausftellte, aus Falz- uud Spaltabfällen, die, zufammengeklebt und unter dem Drucke einer hydraulifchen Preffe gebracht, einen Artikel geben, der von den Fabrikanten billiger Schuhwaaren als Erfatz für Brand- Sohlleder und zu Abfätzen gekauft wird und der doch auch diefs gut erzeugt, während Verfuche deutfcher Fabrikanten, diefen Artikel nachzumachen, fich als unbrauchbar erwiefen. Von alaungaren Fellen hatte H. Dufort fchöne Glaçefelle und auch die bekannte Handfchuhleder- Fabrication von Annonay war durch B. Rouveux& Rouveux ainé gut vertreten. Wir können nicht alle Namen nennen, die Vorzügliches geleiftet, da wir fonft faft die Lifte der Ausfteller wiedergeben müfsten. Wir möchten nur als Beiſpiel der Nachahmung eine der Urfachen erwähnen, welche es möglich machte, Frankreichs Lederinduftrie auf die hohe Stufe zu bringen, auf der fie fich gegenwärtig befindet. Es fcheint uns diefs die ftreng durchgeführte Theilung der Arbeit zu fein. Während bei uns auch der kleine Gerber alle Artikel arbeitet und der gröfsere Fabrikant Gerber, Zurichter, Färber und womöglich auch Detaillift fein möchte, ift dort die Theilung der Arbeit gröfstentheils fo durchgeführt, dafs der Gärber feine Waare in lohgarem Zuftande an feinen Commiffionär fchickt oder felbe zu Markte bringt, von wo fie der Zurichter direct oder indirect durch den Lederhändler bekommt und felbe erft nach deffen Angabe für den Bedarf fertig macht. Der Zurichter ift defshalb meiftentheils für Specialitäten eingerichtet und erlangt durch die fortwährende gleiche Befchäftigung eine Meiſterſchaft, die er nie erreichen könnte, wenn feine Thätigkeit fich auf alle Zweige der Zurichterei erftrecken würde. Wie alt diefe Art der Arbeitstheilung in Paris war, erfieht man aus den Statuten der Tanneurs und Corroyeurs aus dem Jahre 1345, der Peauffiers vom Jahre 1357 und der Megiffiers vom Jahre 1407, wo bis ins kleinfte Detail einem jeden feine beftimmt abgegrenzte Thätigkeit vorgefchrieben wird. Der Bourfier, Säckler, durfte allein lederne Hofen machen, aber dem Peauffier ftand das Recht zu, felbe zu wafchen, der Chamoifeur durfte feine Felle nicht beim Fleiſcher kaufen, fondern musste felbe vom Megiffier nehmen, der die Wolle abmachte, jedoch blofs in Alaun, und nicht in Fett gerben durfte. Die Statuten der Gerber und Zurichter von Paris vom Jahre 1345 enthalten 44 Paragraphe, wovon 16 das Verhältnifs der Gerber und 28 das der Zurichter als zweier abgefonderter Genoffenfchaften behandeln. Wie ftreng auf gute Qualität des Leders gefehen wurde, beweift die Beftimmung, dafs alles Leder von fachverständigen Gefchworenen, welche die Gärber unter fich ftets auf zwei Jahre wählten, gebracht und von denfelben geprüft und abgeftempelt werden mufste. Wurde das Leder nicht für gut befunden, fo mufste es noch einmal in die Grube verfetzt werden, konnte es dadurch nicht mehr verbeffert werden, fo wurde es verbrannt und der Gerber mufste eine Strafe bezahlen, die im Wiederholungsfalle verfchärft wurde. Bei den Corrogeurs wurde in ähnlicher Weife allmonatlich durch Gefchworene Umfchau gehalten. Leder. 17 In der nächften Nähe der franzöfifchen Lederausftellung fand fich die belgifche, deren vortreffliches Arrangement fchon früher erwähnt wurde. Hier bewährten die zumeift fchon von früheren Ausftellungen bekannten Fabriken ihren alten Ruf, und bewiefen, wie fehr fie fich bemühten, ihren Nachbarn gleichzukommen. Die lackirten Wagen-Verdeckhäute von E. B. Verboekhoven und E. Schovaers& Collet& Comp. in Brüffel find eben fo gut, wie deren andere Fabricate. Die Société anonyme de Quadrecht in Genf hatte eine grofse und fchöne Collection verfchiedenartig zugerichteter Kuh- und Kalbleder, A. Sibaert Peel in Courtray fehr fchöne Schäfte, J. Lebermuth& Comp. Wichs- Kalbfelle und zugerichtete Ziegenleder, R. Sto ht in Brüffel genarbte Ziegenfelle, fo wie Glacéfelle in fchwarz und doré, in welcher Sorte er eine Specialität in Belgien ift. Hervorzuheben find ferner: Quittmann& Comp. in Brüffel mit der gröfsten Sammlung in der ganzen Lederausftellung von den verfchiedenartigft gefärbten und appretirten Ziegen- und Schafledern, letzteres fowohl in gefpaltenen, als auch ungefpalteten Fellen, und F. A. Schmitz& Comp. in Kockelberg bei Brüffel mit ähnlichen Sorten. Sehr fchwach hatten fich die Niederlande betheiligt; doch hatte S. Schagen in Amfterdam zugerichtete Rofsleder ausgeftellt, welche zu den fchönften gehörten. Die Schweiz, die ihren Bedarf von Oberleder zumeift vom Auslande bezieht, fo Fahlleder aus Württemberg, befonders aus Reutlingen, wo fich die Oberleder- Gerber ganz für den Schweizer Bedarf eingerichtet haben, und das Hauptcontingent für die beiden Züricher Ledermärkte liefern, war blofs durch drei Ausfteller vertreten, die braunes und fchwarzgewichstes Kalbleder ausftellten, von denen das von Franz Feffe in Laufanne den guten deutfchen Fabricaten an die Seite geftellt werden kann. Die nordifchen Königreiche waren in diefen Sorten ebenfalls fchwach vertreten. Dänemark hatte zumeift Rofsleder ausgeftellt, welches alles Lob verdient. Ganze und gefpaltene Rofshäute hatte Ludwig Seligman in Veile, gefchnittene und gewalkte rofslederne Vorfchuhe Jofef Engelbrecht in Kopenhagen gebracht. E. E. Jorg onfen in Kopenhagen ftellte Handfchuh- Leder fowohl, als Glace, als auch lohgargegerbt aus, wovon befonders die lohgaren dänifchen Lamm- und Schaffelle fchön waren; jedoch find auch die Glaceleder, fowohl weifse als gefärbte, lobend zu erwähnen. Schweden hatte fowohl braunes als fchwarzes Fahlleder, als auch Rofsleder und Kalbleder gefchickt, die in Gerbung und Zurichtung anerkennenswerth waren, was auch von den ausgeftellten fämifch gegerbten Häuten und Fellen von J. G. Buhre in Stockholm gilt. G. S. Johannesfon in Stockholm hatte fchöne Rofsleder Schäfte und fchwarzgenarbtes Kuhleder und A. W. Lundin in Stockholm braune Kalbfelle, die gröfste Sammlung J. G. Karlberg in Wenersburg gebracht, der lohgare und Glace- Kalbleder ausftellte. Wir kommen nun zu Rufsland, deffen berühmte Juchtenfabrication durch Theodor K. Savin in Oftafchkoff in hervorragender Weife vertreten war, befonders in feiner, leichter Waare für Buchbinder und Tafchnerzweke. Was fonft befonders in rothen Juchten zu fehen war, war nicht geeignet, befondere Fortfchritte nachzuweifen. Zu erwähnen ift ferner Abraham Ernft Horwitz in Wifchny Wolotfchock mit Juchten, Rofs- und Kidleder, Stern Friedlander in Moskau mit fchwarzen und weifsen Juchten, und Moriz Stern dafelbft mit hübfchem Kalbleder. Der zweite Artikel, in dem fich die Lederfabrication in Rufsland verdienterweife einen guten Ruf erworben hat, fanden wir faft ausnahmslos durch deutfche Namen vertreten. Es ift diefs die fchon lange bekannte und beliebte Fabrication 2 18 S. Goldfchmidt. von gut gefchnittenen und gewalkten Schuh- und Stiefel- Obertheilen, die fchon in London und Paris in vorzüglicher Weife vertreten war. Wie fchon auf den früheren Ausftellungen war auch hier N. Th. Hübner in Petersburg der erfte, diefem folgen S. Behne, B. Zietemann, H. W. Gronberg, A. Müller, E. Bergmann, S. Frimont, Theodor Hantfch und Peter Waffilieff dafelbft. Die Ausfteller aus Warfchau, Adolf J. Bauernfeind mit Kalbleder, fowohl braun als fchwarz, S. Fröhlich und Stanislaus Pfeiffer mit Kalbfellen und Rofsleder, und endlich Carl J. Lampe mit verfchiedenartig appretirten Ziegenfellen, ftehen ihren Collegen in Deutfchland nicht nach. Die gefärbten Leder aus dem Kaukafus in der ruffifchen Abtheilung zeigten in Farbe und Zurichtung den urfprünglichen Typus der afiatifchen Völker, die fich mit dem einmal Erreichten begnügen, ohne den Fortfchritt zu fuchen. Wie fchon bemerkt, hatte fich die englifche Lederinduftrie, die auf der Pariler Ausftellung fo glänzend vertreten war, faft ganz von der Wiener ferngehalten. Wir fanden hier nur John Dixon& Son in London mit fchönen, verfchieden genarbten lackirten Wagen-Verdeckledern und lohgaren Spalthäuten Newton Gough & Comp. in Manchefter mit zugerichtetem Oberleder, und John S. Deed& Sons in London als den einzigen Vertreter der englifchen Farbenleder- Fabrication. Ein kleiner offener Schrank enthielt das Ganze, was Portugal in diefer Gruppe zur Ausftellung beigetragen. Callao Venoe in Olivaes hatte ein rothes Ziegenfell und lohgare Schaffelle, Henrique& Agard in Belem lichte Kalbfelle und Jofe Lamas& Comp. in Liffabon etwas Allanuleder ausgeftellt. Spaniens Ausftellung war in einem ziemlich verfteckten gefchloffenen Schranke derart aufgeftellt, dafs man die Namen der Ausfteller nur aus dem Kataloge, das von denfelben Ausgeftellte aber einzeln nicht unterfcheiden konnte. Was aber zu fehen war, reizte nicht zu eingehenden Forfchungen. Wenn wir nun zu dem Often übergehen, fo haben wir zuerft Rumänien zu erwähnen mit einer kleinen Zahl von Ausftellern, die für den Bedarf ihres Landes arbeiten, und zumeift fchwarz gezogenes Kuhleder nach jener Weife zurichten, in der die öfterreichifchen Gerber fich auszeichnen, aber ohne fich mit diefen ver gleichen zu können, jedenfalls aber fchon durch diefen Verfuch das ehrenvolle Beftreben zeigen, wenigftens im eigenen Lande concurrenzfähig zu werden. Dann folgt Griechenland mit Juchten nach ruffifcher Art gegerbt und zugerichtet und bunten Ledern, welche aber in Farbe und Zurichtung zu wünſchen übrig laffen. Die Lederausftellung der Türkei war in der Hauptgallerie als Decoration der Wandfläche benützt. Was auf den Tifchen ausgeftellt war, war theils fo, wie es eben im Lande gebräuchlich, und theils anfcheinend franzöfifchen Vorbildern nachgeahmt. Zu erwähnen find blofs die Fabricate der kaiferlichen Fabrik in Conftantinopel, und jene von Perikli Vouros dafelbft, befonders die erfte mit einer grofsen Collection der verfchiedenartigften Erzeugniffe. Als die erfte Schauftellung diefer Art kann die Sammlung von gemusterten Ledern gelten, welche in der japanefifchen Abtheilung zu fehen war. Ohne auf die Art der Gerbung einzugehen, über deren Weife uns genaue Nachrichten fehlen, war an diefen Fellen befonders der aufserordentliche Gefchmack in den Deffins, und die Reinheit der Ausführung zu bewundern, die die meiſten Arbeiten diefes intelligenten Volkes auszeichnen. Die amerikanifche Abtheilung enthielt von Oberleder faft nichts, nur Visconfin Seather Company hatte gewichstes Oberleder und dergl. Spaltfeiten ausgeftellt, die ihrem Zwecke entſprechen, ebenfo die imitirten Ziegenleder von H. G. Ely& Langen in New- York. Brafilien hatte verfchiedens Leder ausgeftellt, worunter die von Jofé Feydyt Söhne in Rio de Janeiro, in Mimofarinde gegerbt, fich durch gefällige Leder. 19 Farbe auszeichneten. Ift diefe Farbe das Ergebnifs des Gerbemateriales, fo wäre folches für manche Zwecke fehr zu empfehlen. Die anderen, fowohl lackirten als gefärbten Leder, liefsen Manches zu wünſchen übrig. Bemerkenswerth waren die von Dr. Herman in Rio Grande da Sul ausgeftellten Möbel aus geprefstem Leder. Die Preffung des Leders war eine aufserordentlich fcharfe und die ausgeprägten Arabesken durchaus im edlen Stile gehalten. Wie wir erfahren, hat Herr Dr. Herman diefe Induftrie dort eingeführt und fich dadurch gewifs ein grofses Verdienft erworben. Es wäre wünſchenswerth, wenn Näheres über die Art des Verfahrens bekannt würde. Vom Cap der guten Hoffnung hatte der bekannte rührige öfterreichifche Conful Adler in Elifabethport Mufter von lohgarem Schaf- und Ziegenleder eingefchickt. Wenn wir nun aus dem bisher Gefagten ein Refumé ziehen wollen über die Leiftungen der Lederfabrication jener Nationen, die in hervorragenderer Weife auf der Wiener Weltausftellung vertreten waren, und über ihre Fortfchritte feit der Weltausstellung in Paris, fo fehen wir, dafs bei der Sohlenleder- Gerberei doch jene das Befte erzeugen und auch wahrfcheinlich das günftigfte Refultat erzielen, die am zäheften an der alten Methode der Sauer- oder Grubengerbung fefthalten, wie diefs die guten deutfchen und belgifchen Gerber thun; dafs dagegen das fchönft Appretirte jene liefern, die die beften Mafchinen dazu haben wie die Franzofen. Nur die öfterreichifchen Gerber haben theilweife eine principielle Aenderung ihrer Fabricationsweife unternommen. So fonderbar es auch klingen mag, fo hat die Lederinduftrie die Fortfchritte, die feit 1867 gemacht, nicht fich felbft, fondern der verbefferten Hilfsmafchine, alfo der Mechanik zu verdanken, welche Fortfchritte wir in dem verbeffertem Klopfhammer, der Ausftofsmafchine und anderen Hilfswerkzeugen von Berendorf in Paris in den Walzwerken von Ebeling& Schwarzenbach, ferner in den diverfen Mafchinen von Frei in Wien und Anderen ausgeftellt fahen. Was von der Sohlenleder- Gerberei gefagt wurde, gilt auch von der Oberleder- Gerberei, wenn auch hier mit Ausnahme. In der Zurichterei wurden verfchiedene Verbefferungen eingeführt und auch hier hat die öfterreichifche Lederinduftrie die bedeutendften Fortfchritte gemacht, wenn auch vielleicht nur darum, weil fie den weiteften Weg zu machen hatte, ihre vorgefchrittene Concurrenten einzuholen. In der Kuhleder- Zurichtung ift die öfterreichifche Lederfabrication ihren Collegen mindeftens ebenbürtig, wenn fie auch wohl ungünftigere Gewichtsrefultate erzielt, als die franzöfifchen und belgifchen Gärber, die auch hier noch an der fauren Gährung fefthalten. Ebenfo dürfte fie in der Zurichtung von Ziegenledern der deutfchen wenigftens nicht nachftehen, auch in dem Hauptfortfchritte der Färberei; in der Anwendung der Anilinfarben ift die öfterreichifche Lederinduftrie ebenfalls nichts zurückgeblieben. Eigenthümlich ift es, dafs es noch manche Artikel gibt, die in Oefterreich noch faft gar nicht erzeugt werden, obgleich alle Factoren dazu vorhanden find und Spaltmafchinen hier fchon länger und in ausgedehnterem Mafse verwendet werden als in Deutfchland; es find diefs Wagenverdeck- Leder und Rofsleder in der Verwendung als Schuhleder. Worin die öfterreichifche Lederinduftrie fich mit keinem ihrer Nachbarn meffen kann, was um fo auffallender ift, als uns die Natur mit den Rohmaterialien befonders begünftigte, das ift die Lackleder- Fabrication. Unfere rohen Kalbfelle gehen trotz des Ausfuhrzolles nach Deutfchland und Frankreich, und kommen trotz des hohen Einfuhrzolles fabricirt wieder herein, ja, man könnte fagen wir fchicken die rohen Kalbfelle und die Lohe hinaus, da die Ausfuhr der letzteren ebenfalls eine enorme ift, blofs um unferen Nachbarn mit dem Arbeitslohne tributär zu bleiben. 20 S. Goldfchmidt. Wir haben nun noch die verfchiedenen Verfuche, radicale Aenderungen und Verbefferungen in der Gerberei einzuführen, zu erwähnen, die auf der Ausftellung vertreten waren, wenn diefs auch nur flüchtig gefchehen kann, da die Manipulationsweife und die Refultate befonders des Gewichtsergebniffes und der Haltbarkeit nicht angegeben waren. Soweit uns bekannt ift, waren diefs blofs die fchon früher erwähnten Sohlleder von N. Baluffi& Sohn, ferner von H. Gramm in Ludwigsluft, Leder mit Mineralfalzen präparirt, dann von Rambacher in Antoing, kleine Riemenproben und endlich Sohlleder mit dem Miller'fchen Extract gegerbt. Der Miller'fche Extract, aus der canadifchen Fichte ( pinus canadienfis) erzeugt, gerbte nach Angabe das ausgeftellte Sohlleder in sechs Monaten und die ausgeftellte Walrofshaut in acht Wochen. Noch haben. wir des Extractes aus Kaftanienbaum- Holz vom Aime Koch et Comp. zu erwähnen. Wenn wir nun diefe wenigen Verfuche, zu ändern und zu beffern, deren Refultate noch dazu fraglich find, gegen die grofse Maffe derer halten, die noch faft genau an dem alten Verfahren hängen, das wir fchon in dem älteften Werke über Gerberei, welches 1708 von Desbillets, Mitglied der königlichen Akademie der Wiffenfchaften in Paris, erfchien, befchrieben ift, fo dürfen wir wohl behaupten, dafs das Gerbergewerbe eines der confervativften ift, da es kaum ein zweites geben dürfte, in dem im Verlaufe von mehr als anderthalbhundert Jahren die Chemie nicht eine radicale Umwälzung hervorgebracht hat; es ift diefs um fo mehr zu ver wundern, als die praktiſche Chemie auf allen Gebieten der Induftrie fo riefige Fortfchritte gemacht hat und gerade hier, wo es fich um rein chemifche Proceffe handelt, ein fo weites Gebiet menfchlichen Wiffens und Wirkens unbeachtet liefs. Es wurden zwar die verfchiedenartigften Verfuche gemacht, aus der thierifchen Haut, durch Einwirkung anderer Stoffe als Vegetabilien fchneller oder beffer dem lohgaren ähnliches Leder zu erzeugen, aber immer fcheiterten diefelben an der Unrentabilität in Bezug auf den Koftenpreis oder das Gewichtsergebnifs oder an der geringeren Haltbarkeit des Fabricates, und die hervorragendften unter den Freunden des Fortfchrittes auf dem Gebiete der Gerberei mufsten ihre Verfuche oft mit dem Verlufte ihres Vermögens büfsen; und warum follte es doch unmöglich fein, diefen Gerbftoff auch auf anderem Wege als aus Vegetabilien zu bereiten und durch Verbindung mit der thierifchen Haut Leder zu erzeugen? Wohl wird man einwenden, dafs fich fchon bedeutende Chemiker mit der Analyfe folcher Stoffe befchäftigt, dafs fchon fehr intelligente Gerber diefes Verfahren gefucht und ihre Verfuche theuer gebüfst haben, ohne praktiſche Erfolge zu erzielen. Was aber dem Einen nicht gelang, dem nur die Theorie, und dem Anderen, dem nur die Praxis geläufig, follte diefs unmöglich fein, wenn die Theorie mit der Praxis, wenn der Chemiker mit dem Gerber vereint einem gleichen Endziele zuftreben? - Die Gerberei ift ein Gewerbe, deffen Refultate auf der Einwirkung gewiffer Stoffe auf die thierifche Haut, beruhen, diefe zu finden, wäre die Aufgabe des Chemikers. Diefe Einwirkung fo zu leiten, dafs ein möglifchft praktiſches Refultat gewonnen wird, wäre die Aufgabe des Gerbers. Dem Einzelnen ift bis jetzt die Löfung der Aufgabe auf anderem als dem bisherigen Wege, beffer, billiger oder fchneller Leder herzuftellen, nicht gelungen. Wäre es nicht dem mächtigen Hebel der Affociation möglich, was dem Einzelnen nicht gelang? Sollte es nicht möglich fein, durch einen Verein der dabei am meiften intereffirten Lederfabrikanten eine Verfuchsftation. für Gerberei zu gründen, wonach Anftellung eines bewährten Chemikers und eines tüchtigen Gerbers, die vereint arbeiten würden, Verfuche gemacht werden könnten, ohne zugrofse Koften für den Einzelnen, eine complete Umwälzung des bisherigen Gerbeverfahrens auf wiffenfchaftlichem und praktifchem Wege herbeizuführen, und zugleich ein Inftitut zu gründen, wo alle neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Hilfsmafchine für die Leder. 21 Gerberei geprüft werden könnten, womit gleichzeitig eine Bildungsanftalt für angehende Gerber zu verbinden wäre, die tüchtige und gebildete Gerber fchaffen würde, die wiffenfchaftlich und praktifch ausgebildet, neuen Ideen zugänglich, auch die Fähigkeit haben würden, felbe praktifch zu verwerthen. Sollte diefe Idee zweckmäfsig ins Leben gerufen werden, fo dürfte wohl bei einer nächsten Weltausftellung der Bericht über die Ledererzeugung anders lauten als bisher, wo es in jedem Berichte hiefs, es wird beffer zugerichtet, es wird fchöner gearbeitet als früher, aber heute wird noch gegerbt wie vor hundert Jahren, und heute wie vor hundert Jahren gilt, um gut zu arbeiten, der Grundfatz: Viel Zeit und viel Lohn. Die als Lohproben ausgeftellten Rinden gehören in die Gruppe II, die uncomplete Sammlung von Vallone a und Knoppern in dem Pavillon des Welthandels gleichfalls. Was fonft an Gerbematerialien der exotifchen Länder ausgeftellt war, hat für unfere Verhältniffe wenig Werth. Unverſtändlich in ihrer Form, felbft in Namen oft nicht richtig angegeben, kennen wir deren Wirkung nicht und waren auch nicht im Stande, folche auf der Ausftellung zu unterfuchen. Wenn wir fomit auf die Berichterstattung über ausgeftellt gewefene Gerbematerialien verzichten müffen, fo können wir doch nicht umhin, bei der grofsen Bedeutung, welche diefe Erfindung für die gefammte Lederinduftrie hat, auf das von der königlich preufsifchen Staatsforft- Verwaltung ausgeftellt gewefene Modell des Jofef Maitre' fchen Dampfentrindungs- Apparates und auf die Proben von mit demfelben gewonnenen Rinden und insbefondere auf die beigegebene Brochure des Profeffors Dr. C. Neubauer in Wiesbaden aufmerkfam zu machen. Bereits auf der Parifer Weltausftellung war der Maitre'fche Apparat ausgeftellt und erregte gerechtes Auffehen, jedoch in fehr verfchiedener Richtung. Während die Einen darin eine complete Umwälzung des bisherigen Schälverfahrens erblickten, hielten Andere die Erfindung für reinen Schwindel. In richtiger Würdigung der Wichtigkeit der Sache liefs die königlich preufsifche Regierung zu Wiesbaden eine genaue Prüfung derfelben anftellen, deren Ergebnifs das erwähnte Werk ift. Es heifst: Die Schälung von Eichenrinden zu jeder Jahreszeit, vermittelft Dampf nach dem Syftem von J. Maitre. Im Auftrage der königlich preufsifchen Regierung zu Wiesbaden forfttechnifch, chemifch und durch Gerbverfuche geprüft von Dr. C. Neubauer, Profeffor in Wiesbaden, W. Wohmann, kaiferlicher Forftmeiſter zu Metz und C. A. Lotichius, Lederfabrikanten zu St. Goarshaufen am Rhein. Wiesbaden C. W. Kreidl's Verlag. Die Refultate diefer Unterfuchungen, welche namentlich bezüglich der chemifchen Unterfuchung viel Intereffantes und Neues bieten, ftellen feft, dafs I. die chemifchen und praktifchen Refultate bezüglich des GerbeftoffGehaltes der Eichenrinden fich in Uebereinftimmung befinden, dafs nämlich die Qualität des Leders dem durch chemifche Unterfuchungen feftgeftellten GerbeftoffGehalte der Rinden entfpricht; 2. der Gerbftoff- Gehalt diefer Rinden während der verfchiedenen Jahreszeiten keinen fo erheblichen Schwankungen unterliegt, dafs diefelben bei der Lederfabrication in die Wagfchale fallen; 3. der Gerbftoff- Gehalt durch das Schälbarmachen der Rinde durch Dampf nach den chemifchen Unterfuchungen fowohl als nach den Gerbverfuchen, namentlich auch von dem im Winter gefällten und im darauffolgenden Frühjahre gefchälten Holze, keine Einbufse erleidet; fomit 4. die Dampf- Schälmethode nach diefen Richtungen hin für die Lederfabrication keinen Bedenken unterliegen kann. Die mit Dampf gefchälten Rinden gegerbten, mit ausgeftellten Leder waren fehr fchön gegerbt. 22 S. Goldfchmidt. Statiftifche Vergleichungstabelle I des Londoner Häutemarktes. La Plata Rio Grande Brafilifche Import Auftralifche Cap Diverfe Südamerikanifche Oftindifche Totale trocken gefalzen trocken gefalzen trock. gefalz. gefalzen gefalzen trock.gefalz. Pferdehäute Kips u.Büffel Jahr 1866 3.988 1867 2.700 1868 110.796 1.829 83.145 47-772 35.510 60.721 2.597 24.339 1869 - 50.707 1.284 1870 2.738 38.992 6.046 1871 1.049 34.739 4.018 28.877 86.457 20.823 2.835 656 1872 3.198 85.126 7.626 28.013 230 297.265 35.908 5271 503.059 4.256 195.025 36.339 20.950 377.925 2.100 128.697 39.236 18.626 276.316 94.286 61.191 6.233 242.578 60.017 71.849 12.886 281.820 59.305 84.300 II.145 216.035 65.705 89.116 123.029 401.813 24 269 2,755-472 15.663 3,275.603 55.927 3,296.817 12.810 3,854.320 12.020 5,326.218 9.327 5,782.103 6.504 7,142.176 Stock am 31. December 1866 14.926 17.682 37.097 2.381 295 72.381 5.824 443.621 1867 IOO 1.037 15.178 2.046 152 18.513 70 185.997 1868 24.405 I.155 6.521 8.892 1.396 5.309 47.678 3.095 358.750 1869 3.528 - II.410 4.802 451 1870 989 1.000 2.060 597 10.233 2.773 5.988 1871 400 5.499 4.395 1872 1.175 8.951 2.792 10.704 187 3.320 20.191 23.640 13.273 24.150 I.200 327.326 - 624.684 I.224 351.924 1.507 492.III Ver1871 1.638 käufe u. 1872 3.598 Tranfit 30.240 6.078 89.450 7.626 21.420 28.013 656 - 61.149 81.204 65.143 84.281 16.946 226.402 119.896 390.936 8.103 6,054.863 6.221 7,001.989 TABELLE II des Verkehres überfeeifcher Häute exclufive Kypshäute und an den Haupt- Häutemarkten Nordeuropas im Jahre 1872. Leder. Totale des Einganges 1872. ab der verbliebene Beftand am 31. Stück 3,888.913. Dec. daher im Jahre 1872 verkauft Stück 3,784.583. 104.300. Import 1872 La Plata Rio Grande trocken gefalzen trocken gefalzen Diverfe Nebenforten, exclufive Kips Total Stock am 31. Dec. 1871 verblieben Einfuhr 1872 in London 42.J12 238.951 1.048 • 3.198 85.126 7.626 9.743 28.013 99 99 Liverpool 24.233 313.264 650 46.727 41.288 123.029 236.055 333.133 246.992 620.929 Briftol u.Nebenhäfen " 150.696 130.299 280.995 Havre. 2) 174.930 བ་ ས Antwerpen 238.130 " 9 31 " Hamburg. 5.000 Totale des Imports 1872. Stock am 31. Dec. 1872 verblieben. 487.603 1,807.645 199.395 m. trock. LaPlata 714.213 13.010 25.076 106.000 31.000 175.000 53.334 483.654 68.805 281.688 13.617 361.000 1,056.677 724.818 1,004.046 678.000 3,888.913 in London Liverpool 1.175 2.672 500 3.320 9.469 4.495 12.641 Briftol und Nebenhäfen Havre 500 500 - 1.000 14.235 II.200 m. trock. LaPlata 4.647 30.082 Antwerpen 7.016 37.870 346 306 3.074 48.612 " Hamburg 7.500 7.500 Totale der Stockes 23.923 51.245 346 806 28.010 104.330 23 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. LEDER. S. ( Gruppe VI, Section 1.) Bericht von GOLDSCHMIDT, Chef der Firma Jacob S. Goldfchmidt, Mitglied der Handelskammer, Präfident der erften böhmifchen Leder induftrie- Gefell fchaft in Prag. RAUHUND KÜRSCHNERWAAREN. ( Gruppe VI, Section 3.) Bericht von J. MAX HIRSCH, öffentlicher Gefellfchafter der Firma Hirfch und Eidam in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. ( I not goD) VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefasst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. LEDER. ( Gruppe VI, Section 1.) S. Bericht von GOLDSCHMIDT, Chef der Firma Jacob S. Goldfchmidt, Mitglied der Handelskammer, Präfident der erften böhmifchen Lederinduftrie- Gefellfchaft in Prag. Bei den letzten Weltausftellungen in London und Paris waren die Berichterftatter über die Gruppe Leder zugleich Mitglieder der Jury. Die eingehenden Studien, die fie in diefer Eigenfchaft in der anregenden Gefellſchaft hervorragender Fachgenoffen als Collegen machen konnten, ja machen mufsten, fetzten fie in den Stand, Details zu berühren, welche jenen, denen officielle Belege nicht zugänglich find, fremd bleiben müffen. So waren in den Fragebogen der Jury für die Wiener Weltausftellung Angaben über Art und Gröfse des Betriebes verlangt, woraus fich vielleicht wenigftens theilweife eine Statiſtik der Ledererzeugung hätte herftellen laffen, wenngleich folche Angaben da, wo Furcht vor Erhöhung der Einkommensteuer herrfcht, nicht fehr verlässlich find. Ich fchicke diefe Bemerkung voraus, um den Standpunkt zu kennzeichnen, von dem ich bei meinem Berichte ausgehen musste, der fich mehr auf den Rang, den die Erzeugniffe ganzer Länder unter einander und auf die Fortfchritte der Lederinduftrie feit der Weltausstellung in Paris im Jahre 1867, als auf die Würdigung der Leiftungen Einzelner befchränkt. Uebrigens ift die eingehende Prüfung und Würdigung diefer Leiftungen auch eine Sache der Jury und nicht des Berichterftatters und kommt diefelbe in der Prämiirung vollkommen zum Ausdruck. Meine Behelfe find auf den fehr unvollständigen, officiellen Generalkatalog und auf die Kataloge der einzelnen Staaten, fowie auf felbft gemachte Notizen befchränkt, und fo kann es leicht kommen, dafs ich eine oder die andere der vorzüglichften Leiftungen mit Stillfchweigen übergangen habe und verwahre ich mich im Vorhinein, wenn dergleichen vorgekommen fein follte, vor dem Vorwurfe der Parteilichkeit. Betrachten wir nun die Refultate der Ausftellung. Quantitativ fowie qualitativ den gröfsten Antheil hatte Deutfchland an der Gruppe VI, die Zahl der Ausfteller, 191, war fogar gröfser als die der öfterreichifchen. Lobend mufs die Art der Aufftellung erwähnt werden, die trotz der Fülle des Materiales und der Enge des zugewiefenen Raumes fehr zweckmässig 2 S. Goldfchmidt. angelegt war. Es war ein glücklicher Griff, zum Obervorftand der Gruppe Herrn J. C. H. Lietzmann aus Trier, einen bewährten Fachmann, zu ernennen und ift es nur zu bedauern, dafs das Arrangement diefer Gruppe nicht auch in den anderen Ländern fo bewährten Kräften anvertraut wurde; es wäre dann wohl nicht fo viel dabei zu rügen gewefen. Wenn auch in der öfterreichifchen Abtheilung die Aufftellung weder nach Sonderung der Sorten noch nach der geographifchen Eintheilung, fondern nur nach der Anficht des leitenden Architekten durchgeführt wurde, fo bot doch der Mitteltract ein hübfches Bild: wenn es auch nicht nöthig gewefen wäre, die Ausftellung der Saffianfabrikanten fo wie jene der berühmten öfterreichifchen Schuhund Handfchuh- Fabrication fo zufammenzudrängen, um die troftlofe Leere der übrigen Räume diefer Gruppe beffer zur Anfchauung zu bringen. Zu bedauern ift es, dafs fich auch hier der Dualismus geltend gemacht hatte, fo dafs die ungarifche Lederinduftrie in der ungarifchen, die kroatische und flavonifche dagegen wieder in die betreffende Ländergruppe unter die anderen Erzeugniffe eingereiht war, fo dafs die öfterreichiſche Lederinduftrie an drei verfchiedenen Orten gefucht werden musste. Geradezu traurig fah dagegen die Aufftellung der Gruppe VI des Königreiches Italien aus. Zwifchen eng aneinander ſtehenden Holzgerüften fich durchzwängend, fah der Befchauer eine Anzahl ohne jede Ordnung über- und durcheinander gehängter Felle und Häute, denen oft fogar die Bezeichnung der Ausfteller fehlte, fo dafs durch diefe Art der Aufftellung ein praktiſcher Nutzen weder für den Ausfteller, der doch bekannt zu werden wünſcht, noch für den Befucher, der fich mit dem Ausgeftellten vertraut machen will, entſtehen konnte. Der Zahl der Ausfteller nach zunächft kam die franzöfifche Ausstellung, deren gefchmackvolle Zufammenftellung anerkannt werden musste, wenn auch der Totaleindruck dadurch gefchwächt war, dafs durch die in demfelben Raume aufgeftellten prachtvollen Wägen der Ueberblick geftört war. Ausfchliefslich der Gruppe VI gewidmet war der derfelben zugetheilte Raum blofs in der belgifchen Abtheilung und machte dadurch den angenehmen Eindruck eines abgefchloffenen Ganzen. In der ruffifchen Abtheilung bot fich das Ausgeftellte in fchmucklofer, aber zweckmässiger Weife auf Tifchen dem Befucher dar. Die Ausftellungen der übrigen Länder waren in den einzelnen, denfelben zugewiefenen Räumen fo angebracht, wie es die geringe Zahl der ausftellenden Ledererzeuger geftattete und wird nur der Eigenthümlichkeit halber bemerkt, dafs die fchwedifche Lederausftellung nicht in dem Induftriepalafte, fondern in der Agriculturhalle untergebracht war, wo fchwerlich Jemand Leder hinter den ausgeftellten Pflügen fuchte. Wenn ich nun auf den eigentlichen Gegenftand diefes Berichtes zur Beurtheilung der ausgeftellten Lederforten übergehe, glaube ich, um fyftematisch vorzugehen, zuerft das gebotene Material in zwei Hauptforten theilen zu müffen, in jene, wo der Zweck bei der Fabrication dahin geht, möglichft feftes, wenig dehnbares Leder zu erzeugen, und in folche, wobei im Gegentheil ein möglichſt weiches und mildes Product zu liefern angeftrebt wird. Zu den erften wäre Sohlleder, fowohl gefchwitztes als gekälktes, als auch Riemen- und Zeugleder zu rechnen, zu der zweiten Alles, was zu Oberleder für Schuhe und Stiefel, fowie für den Bedarf der Riemer, Sattler und Buchbinder, und als Futter für Schuhmacher und Hutmacher beftimmt ift. Zwifchen gefchwitztem, als dem eigentlichen Sohlleder und dem gekälkten, wozu fowohl Knoppernterzen als Lohterzen ,,, Vaches" und in weiterer Beziehung Riemen- Zeugleder, fowie überhaupt alle in Loh gegärbten Leder gehören, mit Ausnahme des Sohlleders, befteht der principielle Unterfchied in der Art, wie die Enthaarung der rohen Haut bewerkstelligt wird. Leder. 3 Bei dem erften werden die Haare lofe gemacht durch die Einwirkung einer künftlich geleiteten Fäulnifs, bei der zweiten durch Einlegen in Kalkmilch. Um wiffenfchaftlich zu präcifiren, müfste man fagen: die zu Sohlleder beftimmte Haut wird enthaart unter der Einwirkung der fauligen Gährung auf ihre Eiweifskörper, die Eiweifskörper werden dabei möglichft erhalten. Die zu Vaches- Terzen oder auch Oberleder beftimmte Haut wird enthaart unter der Einwirkung des Kalkhydrats auf ihre Eiweifskörper; diefe Eiweifskörper werden durch Kälken und Reinmachen der Haut mehr oder weniger entzogen. Für die Beurtheilung des Sohlleders ift es nothwendig, dasfelbe in drei verfchiedene Gruppen zu theilen, nämlich nach den Gerbeftoffen. Es kann mit ungarifchen Knoppern oder Valonea( Ackerdoppen) verfetztes Leder, wie es hauptfächlich in Oefterreich, Italien und Griechenland gearbeitet wird, weder mit dem in Eichen- oder Fichtenrinde verfetzten, wie es Frankreich, Deutfchland, die Schweiz, Schweden, Dänemark und Rufsland liefert, noch mit dem mit Extracten gar gemachten, wie es England und Amerika ausftellte, verglichen werden, fondern es mufs jede diefer Gattungen feparat in ihren Refultaten beurtheilt werden, wenn man überhaupt objectiv vorgehen will. Es würde eine müfsige Arbeit fein, hier auf eine Unterfuchung einzugehen, was beffer ift, ob in Knoppern oder in Eichenlohe gegerbtes Sohlleder. Es ift diefs ein Streit, der fchwer auszutragen ift, da die Vorzüge der einen oder der anderen Gerbeweife kaum unanfechtbar in der Praxis nachzuweifen find. Es handelt fich hier auch nur um das, was wirklich erreicht wurde und nicht um das, was vom theoretifchen Standpunkte aus hätte erreicht werden können. Der Gerber arbeitet zu feinem Vortheile und für den Bedarf feiner Kunden. Ift das, was feine Kunden verlangen, in möglichft guter Qualität geboten und hat er feinen Nutzen dabei, fo ift eben erreicht, was erreicht werden follte. Es ift hier noch ein Umftand zu berücksichtigen, der oft den intelligenteften Gerber von radicaler Umwandlung feiner Arbeitsweife zurückhalten mufs. Es iſt diefs die aufserordentliche Zähigkeit, mit der die Kundfchaft, in letzter Inftanz alfo der Schuhmacher, an altgewohnter Waare hängt. So ift in Niederösterreich, Ungarn, Polen, Mähren und Schlefien kaum anderes, als in Knoppern gegerbtes Leder zu verkaufen, wogegen in Böhmen, mit Ausnahme eines kleinen Theiles an der mährifchen Grenze, faft ausfchliefslich in Eichenlohe gegerbtes Leder für Männer- und in Fichtenlohe gegerbtes für Frauenfchuh- Sohlen gefucht wird. vor Es mufs hier überhaupt für Böhmen eine Ausnahme gemacht werden. Der Lederhändler und Schufter hängt hier nicht fo feft wie in anderen Ländern am Althergebrachten und ist zweckmässigen Neuerungen zugänglicher. Als 22 Jahren der Schreiber diefes als der Erfte franzöfifches geklopftes Leder nach Böhmen einführte, fo war diefs bald fo beliebt, dafs es trotz des höheren Preifes das Knoppernleder verdrängte, und fo kommt es, dafs diejenigen Gerber, die in Oefterreich in Eichenlohe gegerbtes oder dem ähnliches Leder erzeugen, ihren Markt hauptfächlich in Böhmen fuchen und finden. Was das Gerbematerial, Knoppern und Valonea betrifft, fo fei hier bemerkt, dafs die Knoppern durch den Stich einer Gallwespe( cinips quercus calicis) entftandenen Auswüchfe der Eichel, der Sommer- und Wintereiche( quercus pedunculata L. und quercus robur L.) find. Valonea( Ackerdoppen) oder orientalifche Knoppern dagegen find die Kelche der Eichel der Ziegenbart- Eiche,( quercus aegilops L.), welche in Kleinafien, Griechenland und den Infeln des Archipels häufig wächft. Während Knoppern das altgewohnte Gerbematerial der öfterreichischen Sohlleder- Fabrikanten find, wurden hier die erften Verfuche mit Valonea zu gerben im Jahre 1842 gemacht. Erft im Jahre 1858, bei einer vollſtändigen Mifsernte der Knoppern, wo der Centner Knoppern auf 30 fl. zu ftehen kam, während Valonea I* 4 S. Goldichmidt. nur 18 fl. koftete, wurde die Verwendung der letzteren allgemein, hörte jedoch im Herbfte 1859 bei günftigerer Knoppernernte fofort wieder auf. Es ift diefs hauptfächlich dem Vorgehen Triefter Händler zuzufchreiben, die nur geringe Sorten importirten, die felbftverſtändlich den Gerbern nicht conveniren konnten, und fo war diefer Artikel vom Jahre 1859 bis 1867 faft vollſtändig wieder aufser Gebrauch gekommen. Als im Jahre 1867 wieder ein bedeutender Ausfall in der Knoppernernte entftand, wurde durch Wiener Händler, die fich mit grofsen Importeuren direct in Verbindung fetzten und nur gute Sorten einführten, die Aufmerkſamkeit der Gerber wieder auf diefen Artikel gelenkt und feitdem kam die Valonea fo in Aufnahme, dafs nach und nach die Knoppern immer mehr dadurch verdrängt werden. Der Beweis hiefür ift, dafs, als im Jahre 1871 eine fo reichliche Ernte von Knoppern gemacht wurde, dafs heute, im Jahre 1873 noch grofse Vorräthe davon lagern, der Import von Valonea ein nicht viel verringerter blieb, trotzdem die Ernte in Valonea eine weit fchwächere war, wodurch die Preife derfelben bedeutend in die Höhe gingen. Eine volle Ernte von Valonea wird für Kleinafien auf 34.000 Tons, die vom Archipel auf ungefähr 10 Percent diefes Quantums gefchätzt, wovon wohl 120.000 bis 200.000 Centner in Oefterreich confumirt werden. In Trieft pflegt jetzt ein Stock von 50.000 bis 90.000 Centnern vorräthig zu fein. Ein eigenthümlicher Umfchwung vollzieht fich in der öfterreichifchen Sohlleder- Gerberei feit einigen Jahren. Während in Deutſchland die grofsen Sohlleder- Fabrikanten an dem Syftem der Sohlleder- Gerberei, dem Abhaaren durch Schwitzen fefthalten, ja die Halbfohlleder- Gerberei, wo die Häute mit Zuhilfenahme von Kalk enthaart werden, als etwas ihnen nicht Ebenbürtiges anfehen, gehen die öfterreichifchen Gerber immer mehr von der Pfundleder- Erzeugung, dem Schwitzfyftem, ab und wenden fich der Terzenleder- Fabrication, alfo dem Kälken, zu. Es mag diefes daher kommen, dafs man nach und nach die Ueberzeugung gewann, dafs ein gar zu fprödes Leder nicht dem Zwecke entspricht und ein etwas elaftifcheres vorzuziehen ift. Anderfeits wird die Erzeugung dadurch etwas befchleunigt, dafs Terzenleder keine fo lange Fabricationsdauer wie Pfundleder benöthigt, ein Umftand, der bei dem hohen Zinsfufse in Oefterreich nicht zu unterfchätzen ift. Einen mächtigen Einfluss hierauf hat der Uebergang der Erzeugung von Militärfchuhen aus der eigenen Regie des Staates in das Monopol der Heeresausrüftungs- Gefellſchaft von Skene& Conforten gehabt. Da es, fo lange das Aerar Militärfchuhe erzeugen liefs, nicht geftattet war, hiezu anderes als gefchwitztes Pfundleder zu verwenden, konnten die Gerber immer auf ficheren Abfatz rechnen. Nachdem aber der Heeresausrüftungs- Gefellfchaft erlaubt wurde, aufser anderen Sohlleder- Sorten auch Knoppernterzen zu verwenden, fiel der fefte Abfatz weg, daher auch für die Erzeuger der Grund, fich einer länger dauernden und fchwierigeren Manipulation zu unterziehen. Das Refultat des Gewichtsergebniffes bei Terzen dürfte zwifchen 50 bis 52 Pfund für je 100 Pfund frifche Haut, je nach der Schlachtung der rohen Häute fchwanken. Aufserordentliche Gewichtsergebniffe, wie felbe manche Ausfteller auswiefen, dürften eben Ergebniffe aufsergewöhnlich guter Schlachtung und aufsergewöhnlichen Aufwandes von vorzüglichem Gerbeftoffe gewefen fein, find aber kaum als Norm anzunehmen. Bei Pfundleder pflegt das Gewichtsergebnifs einige Percente höher als bei Terzen zu fein. Im Allgemeinen hat die Fabrication von Sohlleder in Oefterreich feit 1867 bedeutend zugenommen. Nicht allein dafs die beftehenden Fabriken faft fämmtlich ihren Betrieb erweiterten, fo entstanden in Brünn eine und in Wien zwei neue gröfsere Fabriken. Hier ift befonders Max Grünfeld in Brünn hervorzuheben, Leder. 5 eine Firma, die in der kurzen Zeit ihres Beftandes durch die Vorzüglichkeit ihrer Erzeugniffe fich einen ehrenvollen Ruf verfchaffte, dann Albert Katfcher in Wien mit ebenfalls beliebtem Fabricat. Es werden jetzt in Wien wöchentlich circa 2500 bis 2800 Häute, in Brünn 1900 bis 2100 zumeift inländifcher Schlachtung zu Sohlleder verarbeitet. Von den älteren Fabrikanten ift Jofef Kainz in erfter Reihe zu erwähnen, deffen Fabricat eine Specialität für die Wiener Schuhmacher bildet, welches felbe nicht leicht entbehren können. Aehnliches leiften Jofef Salzer und Franz Setzer. Es kann mit Befriedigung conftatirt werden, dafs die öfterreichifche Sohlleder- Fabrication feit 1867 erhebliche Fortfchritte fowohl in Hinficht auf Qualität des Fabricates als in jener der Zurichtung gemacht, was auch allgemein von auswärtigen Fachmännern lobend anerkannt wurde. Die Wiener und Brünner Fabriken, fowie die von Carl Lebwohl in Nikolsburg, der Pfundleder von allgemein anerkannter Güte ausftellte, zeichnen fich nach beiden Richtungen vortheilhaft aus, wenn auch nicht unerwähnt bleiben mag, dafs der künftliche Anftrich, durch welchen manche Ausfteller ihr Fabricat zu verfchönern glaubten, vielleicht den Laien, aber nie den Fachmann täufchen kann. Es ift hier noch ein Artikel zu erwähnen, der mehrfach und in guter Qualität ausgeftellt war. Es ift diefs das Ufo- Schweizer Sohlleder genannte, geklopfte Pfundleder. Schreiber diefes veranlafste in den fünfziger Jahren die erften Verfuche mit dem Klopfen des Pfundleders, um dasfelbe durch beffere Appretur im Handel einzuführen, da fich das confumirende Publicum in Böhmen mit Vorliebe dem gehämmerten ausländifchen Sohlleder zuwandte. Als derfelbe im Jahre 1860, der Erfte in Oefterreich, einen Berendorf'fchen Klopfhammer aufftellte, wurde diefe Art der Zurichtung fo beliebt, dafs die meiften Fabrikanten dergleichen Mafchinen kommen liefsen und fich zugleich bemühten, ihr Fabricat fchon in der Gerberei geeignet dazu zu machen. Unter den beften Erzeugern diefer Sorte find aufser Sigmund Flefch & Comp. noch Jacob Gerlach Söhne in Wien, Adolf Flefch und E. Bloch Söhne in Brünn zu nennen. Ein weit completeres Bild der öfterreichifchen Sohlleder- Fabrication hätte die Ausstellung gegeben, wenn nicht die oberöfterreichifchen Lederer, wie dort die Sohlleder- Gerber heifsen, fich faft zur Gänze fern gehalten hätten; auch die fteierifchen hatten fich wenig betheiligt. Die Collectivausftellung der Kärntner Gerber, unter welchen Eduard Janefch zu nennen, erwähnend, kommen wir zu den Triefter und Görzer Fabriken, die fich in Gerbung und Zurichtung der italienifchen Fabricationsweife anfchliefsen. Bei Cæfare Tofi in Görz, Fratelli Aquaroli in Sagrado, Domenico Defeppi in Trieft fanden wir diefen Typus genau wiedergegeben. Die ungarifche Sohlleder- Fabrication war auf der Ausftellung ebenfalls fehr wenig vertreten, und wäre hier die Pefter und Agramer Actienfabrik und Francesco Palefe& Comp. in Fiume hervorzuheben. Indem wir hier den Bericht über die Oefterreich eigenthümliche Gerbeweife fchliefsen, müffen wir noch die grofse Fabrik von Franz Schmidt in Krems erwähnen, deren Fabricationsweife den Uebergang von der Knoppern- zu der Eichen- Lohgerberei bildet und Adolf Schmidt in Boffan, als den einzigen, der aus Ungarn in Eichenlohe gegerbtes Sohlleder ausftellte. Wir kommen nun zur Ausstellung der Vorarlberger Gerber, die fich dadurch auszeichnen, dafs fie fich ganz ihren geographifchen Nachbarn in Gerbung und Appretur nähern. Jedenfalls müffen wir ihnen das Verdienft vindiciren, die Erften gewefen zu fein, die in Oefterreich Sohlleder in Eichenlohe gerbten. Der bedeutendfte darunter ift Ferdinand Kurrer in Bregenz, der auch Sohlleder und Vacheleder von guter Gerbung ausftellte. 6 S. Goldfchmidt. Aus Böhmen waren nur mit Fichtenlohe gegerbte, fogenannte Lohterzen ausgeftellt, wie felbe in diefem Kronlande für leichtere Arbeiten verlangt werden. Es wird hier weniger auf befondere Appretur, als auf Feftigkeit der Häute gefehen, wefshalb auch hier die Zurichtung nicht jene Vollkommenheit erreicht, welche wir zum Beiſpiel bei den Vacheledern von Jofef Pöfchl Söhne in Rohrbach, deren Zurichtung in allen Sorten wirklich vorzüglich ift, lobend bemerkten. Wir müffen hier Jofef Hönig in Auffig erwähnen, der in Böhmen die Terzengerberei aus Wildhäuten mit grofsem Erfolge einführte. Heute wird ein grofser Theil, ja vielleicht der gröfste Theil der nach Hamburg eingeführten, grüngefalzenen Rio de Janeiro- Häute in Böhmen zu Terzen verarbeitet. Von Kratzenleder- Fabrikanten hatte nur Johann Franz Klinger in Reichenberg ausgeftellt, aber diefe Sorte Gerberei in hervorragenderWeife vertreten. Was nun Gefchirrleder betrifft, fo haben Pöfchl in Rohrbach, Schmidt in Krems und Jofef Seykora Söhne in Adlerkofteletz Bemerkenswerthes ausgeftellt. Die fertigen Riemen waren durch mehrere Fabriken faft durchgehends in guter Herrichtung vertreten, fo dafs auch hier ein Fortfchritt feit 1867 conftatirt werden kann. Wenn wir die Ausftellung jener Länder verfolgen, die zumeift Knoppern und Valonea als Gerbeftoff verwenden, fo finden wir Italien am ftärksten vertreten. Wie fchon Eingangs bemerkt, unzweckmäfsig ausgeftellt, war es fchwer das Einzelne zu finden. Severino Sachetti in Bologna, Zamboni in Verona ftellten hübfches Sohlleder, Marcello Cafarini in Genua fchönes, etwas dunkelfarbiges Vacheleder, Pietro Delluca in Turin Vaches und fchwarze Zeugleder von hübfcher Gerbung und Appretur aus. Hervorzuheben find auch Fratelli Durio in Turin, deren dem Schweizer Sohlleder ähnliches Fabricat in Oefterreich bereits beliebt geworden ift. - Eine befondere Erwähnung verdient die Ausftellung von Nicola Baluffi & Sohn in Chiaravalle, Provinz Ancona. Diefelben ftellten unter Anderem eine fehr hübfch zugerichtete, leichte Sohlenhaut aus, von fatter Gerbung, welche fich im Ausfehen durchaus nicht von befferen Fabricaten Italiens unterfchied und brachten ein Atteft ihrer Commune bei, worin amtlich beftätigt wird, dafs diefe Haut in 25 Tagen gegerbt wurde. Es fehlten aber alle Andeutungen, ob die anderen ausgeftellten Häute diefer Firma ebenfalls nach diefem Verfahren zubereitet oder nach gewöhnlicher Art gegerbt waren, da das äufsere Anfehen ein gleiches war. Es fehlten übrigens auch alle Angaben über die Koften des Verfahrens und ebenfo über das Gewichtsergebnifs. Es wäre diefs um fo wünſchenswerther gewefen, da ohne über diefe Punkte unterrichtet zu fein, der Werth diefer Neuerung nicht zu beurtheilen ift. In der griechifchen Ausftellung fanden wir blofs das Erzeugnifs von Emanuel Saluftro in Syra, ähnlich dem Bolognefer, aber weicher; in der türkifchen Vacheleder von Perikles Vouros in Conftantinopel, dem franzöfifchen nachgemachte und einige andere Sorten, die nur für den fpeciellen Gebrauch des Landes gefertigt, fich der Beurtheilung entziehen. In der egyptifchen Abtheilung befand fich ein Röllchen fchwarzes und braunes Gefchirrleder nach franzöfifcher Art zugerichtet ohne Bezeichnung des Ausftellers. Wir kommen nun zu der zweiten Gruppe der Sohlleder- Fabrication, in der Eichenlohe faft ausfchliefslich den Gerbeftoff bildet und beginnen mit der Ausftellung des deutfchen Reiches. Die Ausftellung der deutfchen Sohlleder- Fabrikanten bot ein ziemlich vollſtändiges Bild der ganzen Fabricationsweife vom Beften bis zum Schlechteften und lag darin der befondere Vortheil, Jeden, der ausftellen wollte, zugelaffen zu haben. Leder. 7 Wie es zu erwarten war, hat Trier die bedeutendfte Collection geliefert und feinen alten Ruf bewährt. Feft und voll, ohne alle künftliche Appretur hingen dort die Sohlleder- Hälften in decorativer Weife ausgeftellt und zeigten ihre wahre Güte in den einzelnen darunter liegenden Ausfchnitten. Wird von einem guten Leder fatte Gerbung verlangt, fo haben diefe Leder eine folche. Die Textur ift gleichmässig und zeichneten fich einige Sohlenfchnitte dadurch aus, dafs oft dunkle Streifen den Schnitt durchfetzten. Es ift diefs die Folge des in den erften Farben zugefetzten Eifens. Diefer Schnitt, befremdend für den Nichtkenner, wird in Deutfchland gerne gefehen und bedingt ein feftes, gefchloffenes Sohlleder. Es ift diefs Zufetzen von Eifen keine Neuerung in der Sohlleder- Fabrication, fondern wir finden diefs fchon in den älteren Werken über Gerberei erwähnt. Es ift hier unter den Guten fchwer, den Namen des Beften zu nennen. Dem Ausgeftellten nach der Erfte wäre hier F. A. Ladner zu nennen, dem fich ebenbürtig die Anderen anfchloffen. A. Pies, J. W. Schmelzer, Thomas Varain& Sohn, Müller Vanvolxen, J. Dillinger, P. Vanvolxen, J. Klauck, S. Haas, R. Müller, J. P. Oberconz, H. Simon, Jofef Simon, M. Beres; es find lauter Namen von bekannt gutem Klange, die fich hier zufammenfanden. Befonders hervorzuheben ift auch Nels in Prüm. Haben die Gerber an der Mofel Vorzügliches geliefert, fo find jene am Rheine nicht hinter ihnen zurückgeblieben. Nennen wir zuerft P. J. Harff in Köln, F. H. Kaumann in Ehrenbreitenftein, H. Schmidt- Dumont in Wefeling. Ihnen fchliefsen fich die anderen mit geringen Ausnahmen an. Die fchlefifchen Gerber haben fämmtlich gutes Fabricat ausgeftellt; eben fo gut ift die Ausftellung der Gerber von Buxtehude( Hannover) mit der altrenommirten Fabrik von Wachenfeld an der Spitze. Fortfchritte in der Fabricationsmethode find bei den deutfchen SohllederGerbern nicht zu verzeichnen, fie halten alle an ihrem altbewährten Principe feft. Fortfchritte in der Appretur finden wir bei Nels in Prüm, Harff in Köln. Denen zur Seite ftehen Friedrich Bartfch Söhne in Striegau und Andere mit gewalztem Leder. Von füddeutſchen Gerbern find zu erwähnen Elias Kohn in Nürnberg und Chriftian Prechtel& Comp. in Forchheim mit geklopftem Sohlleder in heimifchen Häuten. Von Elfäffer Fabrikanten ftellten blofs F. G. Herrenfchmidt Söhne in Strafsburg nach franzöfifcher Art gegärbtes und gehämmertes Leder aus. Die Vacheleder- Gerberei Deutfchlands hat ebenfalls eine hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht, fowohl was die Gerberei, als was die Appretur betrifft und wird die letztere in den grofsen Fabriken immer mehr mit Zuhilfenahme von Mafehinen, befonders Walzvorrichtungen betrieben. Von vorzüglichem Vacheleder fanden wir zuerft das Fabricat von F. G. Herrenfchmidt Söhne in Strafsburg, die Vache- Liffée nach Parifer Art zugerichtet brachten, ferner von Louis Zix in St. Johann, R. A. Korn in Saarbrücken, Gebrüder Fahr in Pirmafenz und F. J. Burghardt in Gemünden. In Riemenleder haben die deutfchen Gerber ebenfalls viel Gutes ausgeftellt. Wir erwähnen unter Anderen H. K. Dienftbach in Unter- Liederbach und A. Kahen, Leidesdorf in Mühlheim am Rhein. Der Letztere mit verfchiedenen Arten gefchmierter Leder für Mafchinenfabriken. Etwas Neues haben J. H. Bleuenheuft's Nachfolger in Aachen in Pumpenleder ausgeftellt: diefelben präpariren die ganzen Häute in einer eigenen Art und machen diefelben dadurch dichter und widerftandsfähiger. Von fertigen Mafchinenriemen war in der XIII. Gruppe auch Manches ausgeftellt, was von dem Auffchwunge diefes Fabricationszweiges zeigte. Hier find unter Anderen hervorzuheben: Carl Beringer in Stuttgart, J. J. Schleyer in Reutlingen, Gebrüder Kraft in Fahrnau und Gebrüder Hornre in Leipzig, 8 S. Goldfchmidt. welche geleimte Lederriemen ausftellten, nebft einer Mafchine, die die grofse Spannung zeigte, welche diefe Riemen aushalten können. Helles Gefchirrleder, fowie fchwarzes hatten Schleyer in Reutlingen und Jacoby in Weifsenfels; auch in der Collectivausftellung der Fabrikanten in Mühlheim an der Ruhr fanden fich fchöne Erzeugniffe diefer Art. Ein bemerkenswerther Zufall ift es, dafs faft der ganze Fabricationszweig der deutfchen Brandfohlleder- Gerberei auf der Ausstellung nicht vertreten war. Die grofsen Berliner Gerbereien find hauptfächlich auf diefen Artikel eingerichtet und werden dort aufser inländifchen Häuten auch Wildhäute. zumeift Ceara, verarbeitet. Die zur Fabrication nöthige Eichenlohe wird gröfstentheils aus Böhmen bezogen, von wo jährlich 80.000 bis 100.000 Centner nach Berlin gehen. Auch in anderen Städten Nord- Deutfchlands wird diefer Artikel ftark gearbeitet, befonders aber in Hannover und Braunfchweig. Das Berliner Brandfohl- Leder ift jedoch das beliebtefte und erreicht ftets die höchften Preife. Wir kommen nach Frankreich, wo wir ebenfo, wie im deutfchen Reiche, die beften Namen vertreten finden: N. Galien& Comp. in Longjumeau, Durand frères in Paris, A. Peltereau in Chateau. Renauld und Andere haben Vorzügliches ausgeftellt, fowohl in Sohlleder als Vache und den hohen Rang der franzöfifchen Gerberei und Appretur auf das befte bewährt. - Alegatière fils in Lion- Vaife ftellte Sohlleder mit gerafpeltem Kaftanienholz gegerbt aus, welche Gerbemethode fchon auf der Parifer Ausftellung 1867 Aufmerkfamkeit erregte. So fchön auch die erzielten Producte waren- Refultate in Bezug auf Preis und Gewicht find uns unbekannt fo kann die Idee, den Gerbegehalt des Holzes anftatt den der Rinde zu benützen, doch nicht als Neues gelten. In den Memoires de l'academie des fciences vom Jahre 1738 finden wir einen Auffatz des berühmten Naturforfchers Buffon, worin derfelbe über von ihm veranlafste Verfuche, mit Eichenholz anftatt mit Rinde zu gerben berichtet. Mit welcher Aufmerkfamkeit und Sorgfalt diefe Verfuche damals gemacht wurden, mag daraus hervorgehen, dafs Buffon erwähnt, dafs der Splint, alfo das Werthlofere am Holze mehr Gerbeftoff enthält als der Kern. Ganz vermifsten wir in der franzöfifchen Ausftellung die Gerberei mit Garrouille, die im Süden Frankreichs die eigenthümliche Stellung hat, die die Fichten- Lohgerberei in Böhmen einnimmt, nämlich nur für den Localbedarf eingerichtet zu fein. Garouille ift die Rinde der Wurzeln der Zwergeiche( Quercus coccifera L.) wird als Gerbeftoff nur für Vacheleder verwendet und gibt ein feftes, dunkelbraunes Leder. Die ausgeftellten Riemenleder, fowie die Sattler- und Gefchirrleder waren. ebenfalls von befonderer Schönheit. Befonders grofsartig hatten Scellos Domange aus Paris Riemen und Riemenleder ganz abgefondert in der Maſchinenhalle aufgeftellt. Im Allgemeinen in Gerbung und Zurichtung bemerkenswerth war befonders ein Riemen für grofse Transmiffion zu beachten, der aus lauter fchmalen Streifen beftand, die der Breite nach fo zufammengefügt waren, dafs der Schnitt der einzelnen Streifen die Breite des Riemens ergab. Es laffen fich fo Riemen von beliebiger Breite und Stärke zufammenfetzen, die eine grofse Haltbarkeit haben mögen und doch in ihren einzelnen Theilen aus fchwachem Leder, eventuell Abfällen beftehen. Wenn wir auf das Nächftliegende und auch Nächftbedeutende übergehen, fo finden wir Belgien mit feiner hervorragenden Lederinduftrie, die in zweckmäfsigfter Weife ausgeftellt war. Die Bedeutung Belgiens in feinem Leder- und Häutehandel und den befonderen Reichthum des Landes an vorzüglichen Gerbeftoffen mögen folgende Daten kennzeichnen, die wir der deutfchen Gerberzeitung entlehnen. Es wurden importirt in den Jahren Leder. 9 1868 1869 1870 von England 1,482.540 2,217.827 2,053.028 La Plata 2: 12,993.534 13,192.987 13,073.336 Frankreich د, 1,800.596 1,538.448 5,811.987 17 Uruguay 6,202.205 4.788.247 5,115.948 Kilogramm roher Häute. Dabei wurden jährlich noch importirt circa von Frankreich England vom Zollverein Kilogramm fertiger Leder. Dagegen wurden Eichenrinde exportirt: 350.000 48.000 88.000 nach England Frankreich dem Zollverein Kilogramm. 1871 9,071.568 2,271.081 1,643.978 3,419.626 3,322.744 1869 1870 8,661,981 9,044.975 2,465.242 3,405.965 Den gröfsten Antheil an der Sohlleder- Fabrication Belgiens dürfte Stavelot, Provinz Lüttich, haben. Wir fanden jedoch diefen grofsen Fabricationsort für Sohlleder nur durch einen, aber vorzüglichen Ausfteller, Antoine Maffenge, vertreten, fo wie überhaupt die Betheiligung an der Ausftellung von Seite der belgifchen Gerber keine fehr lebhafte war, doch konnte das Ausgeftellte dem Beften anderer Länder an die Seite geftellt werden. Wir erwähnen hier noch befonders V. Chere quefosse in Turnai mit Vacheleder, Jos. Devex in Herve mit deffen bekanntem Kratzenleder und E. Colson in Huy mit Maſchinen- Riemenleder und fertigen Maſchinenriemen. Die Ausstellung der fchweizer Gerber blieb hinter jener von 1867 weit zurück. Während damals die fchweizer Sohlleder- Fabrication in befonders hervorragender Weife vertreten war, hatte hier einer der erften und gröfsten Fabrikanten, J. Wunderly in Meilen, feine Anmeldung zurückgezogen, auch die Gerber der franzöfifchen Schweiz waren ganz fern geblieben. Es ift diefs um fo mehr zu verwundern, als der Hauptexport der fchweizer Sohlleder nach Oefterreich, fpeciell nach Böhmen, gerichtet ift. Aus Schweden waren blofs von drei Gärbern Wild- Sohlleder ausgeftellt, welches fich in der Gerbung dem deutfchen nähert und auch recht hübfch appretirt war. Norwegens drei Ausfteller hatten Aehnliches geliefert, auch Dänemark, wo der Gruppe VI wenigftens ein anftändiger Raum an einer freien Wand gegönnt war, hatte nicht viel mehr Repräfentanten feiner Sohlleder- Gerberei, doch find diefelben ihren nordifchen Nachbarn mindeftens gleichzuftellen; befonders erwähnenswerth ift hier M. J. Ballin in Kopenhagen. Etwas Neues ftellte die Kopenhagener Lederfabrik in einem kleinen Käftchen faft verfchämt aus, nämlich einen Verfuch, aus zu Pulver verkleinerten Lederabfällen künftliches Leder zu erzeugen. So viel das Aeufsere zeigte, war es eine Mifchung von Kautfchuk mit Lederftaub. Ueber die Haltbarkeit könnte nur ein Tragverfuch entfcheiden, jedoch fchien auch der Preis der ausgeftellten Sohlen zu hoch, um der Sache eine grofse Verbreitung in Ausficht zu ftellen. Rufsland war mit feiner Sohlleder- Fabrication faft gar nicht vertreten. Was die erblichen Ehrenbürger und Lieferanten des Kriegsminifteriums, Gebrüder Malkiel in Welionach, als Sohlleder für Militärzwecke ausgeftellt hatten, wird wahrfcheinlich vorfchriftsmäfsig gearbeitet fein, entzieht fich aber vielleicht eben dadurch 10 S. Goldfchmidt. der Beurtheilung nach hierländifchen Begriffen von gutem Sohlleder. Hübfches Vacheleder war von Stanislaus Pfeiffer in Warfchau ausgeftellt. Wir kommen nun zur dritten Gruppe der Extractgerberei, haben aber bei der geringen Zahl der englifchen Lederausfteller nur zwei Firmen, die Sohlleder überhaupt und nur eine, P. und E. Evans in Briftol, die Sohlleder als Specialität ausftellten, keinen Anlafs zu vergleichen. Das von oben Genannten ausgeftellte Sohlleder war in Durchgerbung und Appretur vorzüglich. Als ein befonderes Kunftftück im Fache der Gerberei mufste die ausgeftellte Hippopotamus-( Nilpferd-) Haut angefehen werden, die in der felbft diefer Art Häute feltenen Stärke von faft drei Zoll an allen Stellen vollſtändig durchgegerbt war. Es ift die Theilnahmslofigkeit der englifchen Lederinduftrie um fo befremdender, als doch der Handelsverkehr Englands mit Oefterreich auch in Leder ein enormer und jedes Jahr fteigender ift. Was die Lederfabrication und ihre Ausdehnung in England betrifft, fo können wir zu einem annähernden Begriffe der Gröfse des gefchäftlichen Verkehrs kommen, wenn wir hören, dafs auf dem Londoner Markt der Verkehr in überfeeifchen rohen Häuten allein folgende Ziffern erreichte: 1871: 226.402 Ochfen- und Kuhhäute, 8103 füdamerikanifche Pferdehäute, 6,054,863 Kyps- und Büffelhäute; 1872: 390.936 Ochfen- und Kuhhäute, 6231 füdamerikanifche Pferdehäute und 7,001.989 Kyps- und Büffelhäute. Um eine deutlichere Idee der ungeheuren Bedeutung des Londoner Marktes für den Verkehr in überfeeifchen rohen Häuten zu geben, fügen wir eine ftatiftifche Vergleichungstabelle I des Londoner Häutemarktes bei, welche die Bewegung auf demfelben in den letzten fieben Jahren ziffermäfsig nachweift und welche wir dem Jahresberichte der Herren F. Schmitz& Comp. in London entnehmen. Von den englifchen Colonien waren Leder ausgeftellt, welche fchon des- halb Beachtung verdienen, da folche nicht ohne grofsen Einfluss auf die ganze europäiſche Lederfabrication bleiben werden. Wenn wir aus ftatiftifchen Berichten, die uns vorliegen, erfehen, dafs die Garleder- Einfuhr Englands im Jahre 1861: 5,219.000 Pfund betrug, dagegen bereits im Jahre 1871 auf 17,589.699 Pfund im Werthe von 1,094.643 Pfund Sterling und im Jahre 1872 weiter auf 27,929.014 Pfund im Werthe von 1,795.883 Pfund Sterling ftieg, welches in dem letzten Jahre eine Zunahme von 10,339.315 Pfund im Werthe von 701.240 Pfund Sterling ergab; dafs ferner daran auftralifches Sohlleder im Jahre 1871 mit 9015 Ballen, 1872 dagegen fchon mit 13.823 Ballen, was an 500.000 halbe Häute ausmacht, participirt, wenn wir ferner hören, dafs im Jahre 1871: 248.963 Stück, im Jahre 1872 dagegen 517.000 Stück gegerbte Kypfe zumeift von Bombay eingeführt wurden, dafs weiter in den acht öffentlichen Auctionen, die in London im Jahre 1872 abgehalten wurden, 7,828.909 Stück in Oftindien gegerbte Schafund Ziegenleder verkauft wurden, aufser den gewöhnlichen jeder. Auction folgenden Privatverkäufen, fo gewinnen diefe, zumeift nur als Decorationen an den Seitenpfeilern verwendet gewefenen Leder ein grofses Intereffe und laffen fehr bedauern, dafs eine eingehende Prüfung auch fchon deshalb ohne Erfolg gewefen wäre, da Provenienz und Erzeugungsort unbekannt geblieben. Durchwegs fcheint aber darauf die englifche Gerbe- und Zurichtungsweife einen mächtigen Einflufs gehabt zu haben. Was Amerika betrifft, fo waren die Vereinigten Staaten von mehreren Fabrikanten vertreten, welche zumeift in Eichenlohe nach amerikaniſcher Art gegerbtes Sohlleder ausgeftellt hatten, worunter das von Thomas Schorr in New Orleans befonders gut gegerbt war. Auch Hemlock, deffen Ausfuhr nach Europa jedes Jahr fteigt und wovon befonders im Jahre 1872 in Nord- Deutſchland. viel umgefetzt wurde, war vertreten. Leder. 11 Welche bedeutende Rolle das Hemlock leder im vergangenen Jahre ſpielte, kann man daraus erkennen, dafs gegen Ende des Jahres 1871 in Liverpool ein Stock von 300.000 Hälften beftand, zu dem im Laufe des Jahres 1872 noch circa 600.000 Hälften importirt wurden und trotzdem waren Ende 1872 die Lager in Liverpool zur Gänze geräumt, alfo im Jahre 1872 an 900.000 Hälften verkauft, Indem wir hier unferen Bericht über die Sohl- und Vacheleder- Gärberei, oweit felbe auf der Wiener Weltausftellung vertreten war, fchliefsen, können wir nur unfer Bedauern darüber ausfprechen, dafs wir gar kein ftatiftifches Material haben, die Zahl der Häute, die Europa diefer Induſtrie liefert, auch nur annäherungsweife anzudeuten. Wir fügen hier deshalb eine Tabelle II über den Verkehr in rohen. überfeeifchen Häuten, die in den Haupthäfen Nordeuropas 1872 eingeführt worden find, bei. Wenn wir bedenken, welche coloffale Maffe von Hornvieh nur in den Städten Europas gefchlachtet werden, wo zumeift fchwerere Häute fallen, die zu Oberleder nicht geeignet find, welche alfo alle diefem Zwecke zugeführt werden, fo kommt eine fo riefige Ziffer heraus, dafs die Bedeutung der Sohlleder- Fabrication in nationalökonomifcher Beziehung erft ins rechte Licht tritt 12 S. Goldfchmidt. Statiſtiſche Vergleichungstabelle I des Londoner Häutemarktes. La Plata Rio Grande Brafilifche Import Auftralifche Cap Diverfe Südamerikanifche Oftindifche Totale trocken gefalzen trocken gefalzen trock. gefalz. gefalzen Jahr 1866 3.988 1867 2.700 1868 110.796 1.829 83.145 47.772 230 1869 60.721 2.597 50.707 1.284 1870 2.738 38.992 6.046 1871 1.049 34.739 4.018 24.339 28.877 86.457 20.823 2.835 656 1872 3.198 85.126 7.626 28.013 gefalzen trock.gefalz. 297.265 35.908 5271 503.059 35.510 4.256 195.025 36.339 20.950 377.925 2.100 128.697 39.236 18.626 276.316 94.286 61.191 6.233 242.578 60.017 71.849 12.886 281.820 59.305 84.300 II.145 216.035 65.705 89.116 123.029 401.813 Pferdehäute Kips u.Büffel 24.269 2,755.472 15.663 3,275.603 12.020 55.927 3,296.817 12.810 3,854.320 5,326.218 9.327 S, 782.103 6.504 7,142.176 Stock am 31. December 1866 14.926 17.682 37.097 2.381 295 72.381 5.824 443.621 1867 1868 IOO 1.037 15.178 2.046 152 18.513 70 185.997 24.405 1.155 6.521 8.892 1.396 5.309 47.678 3.095 358.750 1869 - 3.528 - II.410 4.802 451 1870 989 1.000 2.060 597 10.233 2.773 5.988 20.191 23.640 I.200 327.326 - 624.684 1871 400 5.499 4.395 2.792 187 1872 I.175 8.951 10.704 3.320 13.273 24.150 1.224 351.924 1.507 492.III Ver- 1871 1.638 käufe u. Tranfit 1872 3.598 30.240 6.078 89.450 7.626 28.013 21.420 656 65.143 61.149 84.281 81.204 16.946 226.402 119.896 390.936 8.103 6,054.863 6.221 7,001.989 TABELLE II des Verkehres überfeeifcher Häute exclufive Kypshäute und an den Haupt- Häutemärkten Nordeuropas im Jahre 1872. Leder. ab der verbliebene Beftand am 31. Dec. daher im Jahre 1872 verkauft Totale des Einganges 1872 Stück 3,888.913. 66 104.300. Stück 3,784.583. La Plata Rio Grande Import 1872 trocken gefalzen trocken gefalzen Diverfe Nebenforten, exclufive Kips Total Stock am 31. Dec. 1871 verblieben Einfuhr 1872 in London 42.112 3.198 99 " Liverpool 24.233 238.951 85.126 313.264 Briftol u.Nebenhäfen وو 16 وو 150.696 1.048 9.743 7.626 28.013 650 46.727 130.299 41.288 123.029 236.055 333.133 246.992 620.929 280.995 Havre. 99 وو 174.930 199.395 m. trock. LaPlata 68.805 281.688 " " Antwerpen 238.130 3 99 " 27 Hamburg. 5.000 714.213 106.000 13.010 31.000 25.076 175.000 13.617 361.000 724.818 1,004.046 678.000 Totale des Imports 1872. Stock am 31. Dec. 1872 verblieben 487.603 1,807.645 53.334 483.654 1,056.677 3,888.913 in London I.175 3.320 4.495 وو Liverpool 2.672 500 9.469 12.641 Briftol und Nebenhäfen 99 500 500 - 1.000 Havre وو 14.235 II.200 m. trock. LaPlata 4.647 30.082 " Antwerpen 7.016 37.870 346 306 3.074 48.612 وو Hamburg 7.500 7.500 Totale der Stockes 23.923 51.245 346 806 28.010 104.330 13 RAUHUND KURSCHNERWAAREN. ( Gruppe VI, Section 3.) Bericht von J. MAX HIRSCH, öffentlicher Gefellfchafter der Firma Hirfch und Eidam in Wien. Die Wichtigkeit und weittragende Bedeutung der Pelzfelle als Handels artikel und deren vielfeitige Verwendung zu Zwecken der Kürfchnerei trat anlässlich der Wiener Weltausftellung mehr als je hervor. Deutlich fprach hiefür der leicht erfichtliche Umftand, dafs beinahe alle europäifchen und überfeeifchen Staaten Pelzwerk ausgeftellt haben. In der Abtheilung des mit Pelzthieren reich gefegneten Rufsland fowohl, als in der des füdlichen Italien, in Amerika und in Japan, in den Colonien Englands und Frankreichs, überall fahen wir Pelzwerk, theils als Landesproduct in rohem Zuftande, wenn auch weniger vertreten, theils als fertige Kürfchnerwaare, diefe jedoch in grofser Menge und Mannigfaltigkeit. Pelzfelle find eben ein Urproduct der ganzen bekannten Erde, feit undenklichen Zeiten zum Nutzen und zur Zierde der Menfchen verwendet, als natürlicher Schutz gegen Kälte, wie zur Verherrlichung fürftlicher Pracht, zum Schmuck des Kriegers, wie auch als fchönfter Ausputz fertiger Wintertoiletten. Das Emporblühen des Handels mit Pelzwerk und den wachfenden Verbrauch desfelben in Oefterreich und fpeciell in Wien finden wir erfchöpfend dar geftellt in der fachmännifchen Abhandlung des Herrn Georg Katzmayer:„ Pelzwaaren- Erzeugung und Rauhwaaren- Handel", enthalten in dem vom Herrn Profeffor Dr. W. F. Exner redigirten Werke:„ Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen Oefterreichs". Um nun zu fehen, inwieweit die Wiener Weltausftellung ein Bild wiedergab von der Production der Pelzfelle und von deren Verbreitung über die Erdfläche, von dem internationalen Handel mit demfelben und dann von der Verfchiedenartigkeit der Verwendung und von der Art der Verarbeitung derfelben, fo wollen wir uns mit diefen Fragen des Weiteren befchäftigen. umfomehr als der fonft fo ausgezeichnete öfterreichifche Bericht über die Weltausftellung 1867 das ganze Gebiet nicht beachtet hat. Hier fei es auch gleich gefagt, dafs wir einer eigentlich orientirenden Darftellung des Handels mit Pelzfellen auf der Ausftellung nicht begegneten, obzwar diefer ein fehr namhafter, ja die ganze Erde umfaffender ift, da doch jeder Erdtheil Pelzthiere und beinahe jedes Land wieder Specialitäten producirt, welche bis zu ihrer fchliefslichen Verwendung durch den Kürfchner diefem fehr oft und in grofsen Mengen von den entfernteften Weltgegenden zugemittelt werden, was gewifs eine grofse Handelsbewegung involvirt. J. Max Hirfch. Rauh- und Kürfchnerwaaren. 15 Die Veranfchaulichung diefes Welthandels durch eine überfichtlich geordnete, ftatiſtiſch erläuterte Zufammenftellung der verfchiedenen Pelzthier- Gattungen war umfo gewiffer zu erwarten, afs viele grofse deutfche( Leipziger) und auch manche Wiener Häufer ftets mit allen exiftirenden Pelzfellen fortirt find; dennoch vermifsten wir mit Bedauern eine derartige lehrreiche, grofse Ausstellung, die gewifs alle Fachleute freudig begrüfst hätten und welche auch dem Laien von Intereffe gewefen wäre, denn er hätte bei Namhaftmachung des Urfprunges der Felle fich die Mühen und Gefahren vergegenwärtigen können, mit denen die Jagd der Millionen von Pelzthieren verbunden ift, und er hätte der Kürfchnerinduftrie gewifs erhöhte Aufmerkfamkeit zugewendet für die oft erftaunliche Umwandlung des meift unanfehnlichen rohen Felles zum fchönften fertigen Pelzftück. Wohl fanden wir, wenn auch zerftreut, in der Ausftellung viele der zur Verarbeitung gelangenden Pelzfelle und werden auf diefe wie auch auf die vielen fchönen Kürfchnerwaaren zurückkommen, wir halten es aber auch in dem Rahmen diefes Auffatzes paffend, zu bemerken, woher und in welcher Menge die verfchiedenen Pelzfelle kommen und wohin fie hauptfächlich ihre Richtung nehmen, wobei wir bezüglich der amerikanifchen Waaren die an deren Verkaufsftellen, d. i. bei den Londoner Auctionen amtlich notirten Verzeichniffe zur Grundlage nehmen und ferner uns auf die Autorfchaft des beftens verfirten und hiefür mafsgebendften Rauhwaaren- Händlers Herrn Heinrich Lomer in Leipzig ftützen, dem wir auch viele intereffante Daten und Rückblicke auf den Handel mit Pelzwaaren und deren Verbrauch in den vergangenen Jahrhunderten verdanken. Diefe erftrecken fich wohl weniger auf den europäiſchen Handel, da es darüber keine Aufzeichnungen gibt; bekannt ift nur, dafs Deutfchland bereits im erften Decennium des XVII. Jahrhunderts mit Rufsland und mit Schweden Pelzhandel trieb, welcher gegen Ende des vorigen Jahrhunderts an Dimenfionen gewann; von da ab nahmen ruffifche Waaren ihren Weg überall hin über Breslau und Leipzig und namentlich letztere Stadt verftand es, der Binnenplatz für den europäiſchen Markt zu werden; England kaufte hier ruffifches Pelzwerk und exportirte dahin amerikanifches, Mitteleuropa dirigirte feine Producte nach diefer Stadt, wo fich Käufer und Verkäufer von allen Weltgegenden zufammenfanden und da beide Theile ihren Nutzen gewahrten, fo gedieh der Leipziger Messhandel zu voller Blüthe und entfaltet fich von Jahr zu Jahr fortfchreitend. Den Verbrauch von Pelzwaaren in Europa betreffend, läfst fich annehmen, dafs er fchon in frühefter Zeit ein bedeutender war; England und Frankreich importirten fchon vor 250 Jahren von ihren amerikanifchen Befitzungen Pelzfelle, und von Deutfchland wie auch von Oefterreich wiffen wir, dafs das Kürfchnergewerbe da uralt ift; wir wiffen auch, dafs in der Vorzeit Pelzthiere allerwärts hauften, deren Felle zur Pelzbereitung verwendet wurden. Wohl mufsten gröfsere Raubthiere, als Bären, Luchfe, Wölfe, der fortfchreitenden Cultur weichen und es gibt jetzt in Europa in gröfseren Mengen nur noch Füchfe, Marder, Iltiffe und wilde Katzen, doch wird der Ausfall an eigenen Producten durch ruffifche, fchwediſche und dann auch amerikanifche gedeckt. Mit der durch beffere Communicationen ermöglichten leichteren Befchaffung fremdländifcher Waaren, mit dem überall anwachfenden National- Reichthum und mit der fteigenden Beliebtheit, deren fich Pelzwerk als beftes und dauerhafteftes Winterkleid erfreute, entwickelte fich auch der Verbrauch von Rauhwaaren und da es namentlich Amerika ift, welches hievon das mafsgebendfte Contingent zu Markte ftellt, und weil in fpecieller Berücksichtigung der Wiener Weltausstellung wir bei dem weit gröfsten Theile der fertigen Kürfchnerwaaren amerikaniſches Pelzwerk angewendet fahen, fo wollen wir uns vorerft mit Amerikas Pelzproduction und mit feinem Rauhwaaren- Handel befchäftigen. Der amerikanifche Pelzhandel läfst fich bis zum Anfang des XVII. Jahrhunderts zurück verfolgen; bereits im Jahre 1608 betrieb eine grofse franzöfifche 16 J. Max Hirfch. Gefellſchaft in Canada fchwunghaften Pelzhandel, welcher bald unternehmende englifche Coloniften von New- York anlockte; diefe dehnten ihre Jagdftreifungen und ihre Handelsbeziehungen immer weiter nach Norden und nach Weften aus, bis allmälig, in dem Verhältnifs, als der franzöfifche Theil Amerikas an England fiel, der Handel ganz in ihren Händen concentrirt ward. Doch fchon zur Zeit, als Frankreich in Amerika noch mächtig war, bereits hundert Jahre vor der Einverleibung Canadas, befafsen die Engländer in den unermesslich grofsen, weftlich hinter der Hudfons- Bay gelegenen Territorien die ergiebigften Jagdftrecken und gefchützt durch ein unbefchränktes Monopol gründete fich im Jahre 1670 die noch heute ehrenvoll und thatkräftig beftehende Hudfonsbay- Compagnie, welche mit raftlofer Energie die Ausbreitung ihres Handels in diefen von vielen wilden Stämmen bewohnten, uncultivirten und communicationslofen Gebieten anftrebte und erreichte. Die gefchäftliche Gebarung diefer mächtigen Compagnie ift heute noch die gleiche wie vor 200 Jahren; in ihren Territorien, fo grofs wie beinahe ganz Europa, kennen die Eingebornen kein Geld, fondern fie erhalten für ihre Jagdbeute als Gegenwerth mehrentheils nützliche und wohl auch folche Gegenftände, die ihnen Freude machen, fo u. A. Gewehre, Munition, Kleider, Meffer, Pfeifen, Tabak, Spiegel, Glasperlen u. f. w., deren Werth fowie der der Waaren, welche die Indianer bringen, in einem Taufchtarif feftgeftellt ift; darin ift wohl auch das Werthverhältnifs von Branntwein zu Pelzfellen beftimmt, doch macht es der Humanität der Compagnie alle Ehre, dafs fie diefes verderbliche, aber von den Indianern über Alles gefchätzte Taufchmittel in der Regel gar nicht, und ausnahmsweife nur dann anwendet, wenn fie durch das gleiche Mittel von Concurrenten dazu gezwungen wird. Die derart erhandelten Felle gelangen, meift reell und mit Verftändnifs fortirt, im Januar, März und September eines jeden Jahres in London zur Auction und werden da von Engländern, Franzofen, Ruffen, Deutfchen und zum Theil auch von Amerikanern gekauft. Seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, denen auch die befonders reichen Oregon- Jagdgebiete zufielen, mehrte fich die Concurrenz, welche die Hudfonsbay- Compagnie immer zu beftehen hatte; feitdem wird der Pelzhandel bis an die Grenzen des Hudfonsbay- Territoriums fehr fchwunghaft betrieben, indem New- Yorker grofse Häufer und Compagnien durch ihre Agenten theils mit den Indianern direct verkehren, theils die von Kleinhändlern gefam melten Waaren zufammenkaufen. Die Production Canadas und der Vereinigten Staaten ift eine fehr bedeutende, läfst fich jedoch nicht fo wie die der Hudfonsbay- Compagnie genau beziffern; denn während diefe ihre Waaren( circa 35.000 Büffelhäute ausgenommen, welche in Amerika verkauft werden) nur nach London verfchifft, fie nur da in ihrem Waarenhaus alljährlich verauctionirt und die Menge fich aus ihrer Waarenlifte feftftellen läfst, fo kann diefs bei den übrigen amerikanifchen Waaren bezüglich ihrer totalen Menge nicht gefchehen; ein Theil derfelben bleibt eben zur Verarbeitung im Lande, ein Theil gelangt in verfchiedene fefte Hände nach Europa, und zwar mehrentheils nach Leipzig und ein Theil, wohl der gröfste, wird nach London dirigirt, um da nach dem Beiſpiel der Hudfonsbay- Compagnie im Auctionswege verkauft zu werden, jedoch nicht concentrirt in einem Haufe, fondern je nach der Gefchäftsverbindung der Verfrachter bei mehreren mitunter fehr hervorragenden Maklern, wie C. M. Lampfon& Comp., Marcus& Comp., Culverwell, Brooks& Comp. u. m. A. Das bei diefen verfchiedenen Auctionen unter den Hammer gebrachte Waarenquantum überragt in vielen Artikeln das der Hudfonsbay- Waaren, fo in Bifam, Schuppen, Skunks, Seeottern, Füchfen, und hat fich namentlich in den letzten Jahren vergröfsert; diefs hat feinen Grund in den Zufuhren aus Alaska, dem früheren Ruffifch- Amerika, deffen Producte nun in London zum Verkauf gelangen, während fie ehedem, vor der Abtretung diefes Gebietes, ihren Weg über St. Peters Rauh- und Kürfchnerwaaren. 17 burg nahmen und uns durch die ruffifch- amerikaniſche Pelzcompagnie zugemittelt wurden. Das Quantum der Waaren variirt jedoch fo häufig als deren Werth; während erfteres von der Gunft des Winters abhängt, beſtimmt den letzteren die Kaufluft und die Nachfrage, wohl auch oft, aber nicht immer, der Ueberflufs oder der Mangel an Stücken. Und um nun den unerfchöpflichen Reichthum Amerikas an Pelzfellen, fowie deren oft verfchiedenen, aber immer bedeutenden Werth ziffermäfsig zu veranfchaulichen, und um zu fehen, wie enorm umfangreich der Handel mit diefen Producten und deren Verbrauch in Europa ift, fo bringen wir hier das Verzeichnifs über Menge und Werth der amerikanifchen Waaren, die in den letzten zehn Jahren von der Hudfonsbay- Compagnie und von dem übrigen Amerika in London eingeführt worden find, ferner das fchätzungsweife anzunehmende Quantum der jährlich direct nach Leipzig gelangenden Waaren. Als beachtenswerthen Beleg für den Auffchwung der Gefchäfte der Hudfonsbay- Compagnie wie auch für die grofsen Preisfluctuationen, gleichzeitig ein intereffanter Beitrag zur Gefchichte der Preife, ftellen wir die von Herrn Heinrich Lomer angegebenen Einfuhrliften und Preife von Waaren der HudfonsbayCompagnie aus den Jahren 1729 und 1829, verglichen mit den Ergebniffen des Jahres 1872, an die Spitze. Quantum und Werth der in den Jahren 1729, 1829 und 1872 von der Hudfonsbay- Compagnie eingeführten Waaren: 1729 1829 nur Früjahr 1872 Stücke höchfter Preis Stücke höchfter Preis DurchStücke fchnittsPreis Zobel 12.480 fl.5Nerze 13 82.268 fl. 8.35 59.207 fl. 16- 14.479 وو 2- 39.226 8.وو Ottern 340 " 2:25 IO.860 27 1313.782 21"" Füchfe, rothe 130 " 5.50 1.602 " 4.75 7.699 وو 5- weifse " 443 99 4.25 2.804 وو 5- " -Kreuz - 16 461 23.50 2.027 " 1499 -Silber 186 77 8754° » 120- " 9 -Kitt. 96 4.800 13 -75 3.792 I- 75 Vielfrafse. 330 " 5.5° 381 29 3:35 1.656 8- Wölfe 140 27 12.65 1.358 " 12:50 2.790 " 5.50 Biber 62.160 per Pfd. fl. 3:25 gleich St. circa fl. 4:25 30.248 per Pfund 165.031 St. 6- fl. 5 bis 2212 gleich St. circa fl. 7 bis 30 2 18 J. Max Hirfch. Durchschnittliches Quantum und Werth der amerikaniſchen Waaren, welche jährlich direct nach Leipzig gelangen. Gattung Werth Stücke fl. kr. Bären 1.000 15.000 Bifam 1,000.000 450.000 Biber 10.000 50.000 Füchfe, rothe. 15.000 60.000 Kreuz. 500 6.000 Silber. 50 " 3.000 Kitt 2.000 3.000 Gris 10.000 15.000 27 Iltiffe virgin. 2.000 30.000 Luchfe 1.000 5.000 Luchskatzen 2.000 2.000 Nerze 20.000 100.000 Opoffum 20.000 6.000 Ottern 4.000 60.000 See Ottern. 200 20.000 Schuppen 150.000 Skunks Zobel 150.000 100.000 150.000 5.000 50.000 Rauh- und Küríchnerwaaren. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1863. HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. 10.968 20 - 219.360 - Bären Bifam 7.294 356.544 1,896.104 2,252.648 3.674 40 901.059 20 Biber 113.151 8.770 121.921 3 50 426.723 50 Dachfe. 1.370 I.256 2.626 - 40 1.050 40 Füchfe, rothe 6.461 39.307 45.768 5 50 251.724 - Kreuz 13 1.899 I.241 3.140 20 62.800 Silber 569 345 914 120 109.680 Blau. 303 303 12 3.636 Weifs 3.359 1.650 5.009 3 15.027 Kitt. 17 5.532 5.209 10.741 2 21.482 - Gris. 17 14.977 14.977 I 5° 22.465 50 Iltiffe virgin.. 6.044 2.971 9.015 16 135.240 Luchfe. 4.566 3.237 7.803 6 5° 50.719 50 Luchskatzen. 5.124 5.124 2 25 II.529 - Nerze 43.878 32.719 76.597 5 Opoffum 66.821 66.821 - 30 Ottern. 13.331 See- Ottern 106 Schuppen 3.812 Seehunde. Skunks 6.923. 225 475.970 450 8.231 1.908 91.948 20.254 12 331 150 382.985 - 20.046 30 243.048 49.650 479.782 8.681 93.856 I 25 597.727 50 9 78.129 I 93.856 Vielfrafse. 1.425 Wölfe. 3.915 I.III Zobel 79.975 20.510 Chinchillas 37.676 I.425 7 5.026 100.485 37.676 9.975 4 50 22.617 IO 1,004.850 2 75.352 2* 19 Bären Bifam 20 J. Max Hirfch. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1864. Hudfonsbay Compagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. 11.876 20 - 237.520 - 7-754 4.122 509.342 2,329.919 2,839.261 38 1,078.919 18 Biber 145.683 10.529 156.212 3 25 507.689 - Dachfe I.123 1.815 2.938 - 35 Füchfe, rothe 5.736 28.396 34.132 6 Kreuz 27 1.788 I.457 3.245 19 1.028 30 204.792 61.655 Silber 17 586 443 Blau. 78 150 1.029 228 14 IIO - 113.190 3.192 Weifs 12.258 1.215 13.473 3 40.419 Kitt. 2.409 4.655 7.064 2 Gris. 15.243 15.243 I 50 Iltiffe virgin. 5.392 2.594 7.986 15 - Luchfe. 4.876 2.269 7.145 Luchskatzen 3.373 3.373 2 - 7 50 14.128 22.864 50 119.790 53.587 50 6.746 Nerze 61.444 38.427 99.871 4 50 449.419 50 Opoffum 115.979 115.979 - 25 28.994 75 Ottern. 15.406 6.017 IO 21.423 50 224.941 50 See- Ottern 149 423 Schuppen. 1.279 488.506 572 130 489.785 I 74.360 489.785 - Seehunde 4.056 8.231 8 50 12.287 104.439 50 Skunks 2.332 136.122 138.454 - 95 131.531 30 Vielfrafse. 1.320 1.320 8 - Wölfe 7.995 Zobel II2.373 Chinchillas 22.819 42.645 7.995 4 135.192 9 42.645 2 10.560 31.980 - - 1,216.728 - - 85.290 Rauh- und Kürfchnerwaaren. Import amerikaniſcher Rauhwaaren in London im Jahre 1865. 21 HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. Bären: Bifam 7.017 416.207 2,189.054 2,605.261 4.177 II.194 18 - 201.492 - 45 1,172.367 45 Biber 117.699 6.960 124.659 3 50 436.306 50 Dachfe 1.544 1.628 Füchfe, rothe 8.613 31.550 3.172 40.163 - 25 793 5 50 220.869 50 Kreuz " 1.857 I. III 2.968 18 53.424 Silber " 444 404 848 90 76.320 Blau. " 32 224 256 14 3.548 Weifs " 4.805 2.151 6.956 3 50 24.346 Kitt. " 3.126 4.091 7.217 2 14.434 - Gris " II.023 II.023 I 5° 16.534 50 Iltis virgin. 5.287 1.427 6.714 17 - 114.138 Luchfe. 5.388 1.666 7.054 Luchskatzen 2.251 Nerze. 60.277 17.676 2.251 77.953 8 2 5 - Opoffum Otter - 13.597 See- Otter. 125 134.000 5.387 435 134.000 18.984 - IO - 560 120 Schuppen. 2.850 541.529 544-379 - Seehunde I.421 10.039 II.460 IO - Skunks 1.504 102.760 104.264 - Vielfrafs I.203 42 I.245 8 Wölfe 5.933 656 Zobel 124.739 Chinchillas 16.977 41.492 6.589 141.716 9 - 2 41.492 - 25 56.432 4.502 389.765 33.500 189.840 67.200 95 517.160 05 95 114.600 99.050 80 9.960 4 5° 29.650 50 1,275.444 82.984 - 42 22 J. Max Hirfch. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1866. HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. Bären Bifam 8.622 320.412 1,305.339 1,625.751 3.318 II.940 15 179.100 - - 60 Biber 145.829 5.044 150.873 4 975-450 60 603.492 Dachfe. 1.076 1.126 2.202 - 40 880 80 Füchfe, rothe 7.876 23.375 31.251 เก 5 156.255 - Kreuz 29 1.933 1.302 3.255 15 48.525 Silber 519 477 966 70 67.620 Blau. 29 34 434 468 13 6.084 - Weifs " 5.900 4.243 IO.143 3 50 35-500 50 Kitt 99 5.138 3.353 8.491 2 Gris " 12.832 12.832 Iltis virgin. Luchfe Luchskatzen Nerze 4.585 I.741 6.326 I 50 IIO.705 17 50 16.982 19.248 - 16.499 5.728 22.227 5 - III.135 - 1.405 1.405 2 51.328 Opoffum - 7.057 58.375 5 218.799 218.799 - 2.810 291.875 - 20 Otter See- Otter. 18.366 85 2.152 20.518 IO - 186 271 IIO - Schuppen. 3.320 284.574 287.894 - 90 43.759 205.180 29.810 - 259.104 60 80 Seehunde. 1.845 13.571 15.416 II - 169.576 Skunks 2.767 73.873 76.640 I - 76.640 Vielfrafs 904 Wölfe. 12.583 Zobel 142.510 Chinchillas 32 343 7.695 83.960 936 7 50 7.020 - 12.926 3 50 150.205 83.960 8 50 1,276.742 50 45.241 I 85 155.326 - Rauh- und Kürfchnerwaaren. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1867. 23 HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. Bären Bifam 7.410 3.753 411.911 2,488.521 2,900.432 II.163 13 145.119 - 55 1,595.237 60 Biber 182.109 9.328 191.437 4 25 813.607 25 Dachfe 504 6.172 6.676 - 45 3.004 20 Füchfe, rothe 20.656 57.915 78.571 3 75 294.641 25 Kreuz " 2.612 1.904 4.516 14 63.224 Silber " 840 721 1.561 65 101.465 Blau 99 42 1.308 I.350 12 - 16.200 Weifs " 5.396 3.873 9.269 3 25 30.124 25 Kitt 29 4.374 13.369 17.743 75 31.050 25 Gris. 99 42.205 Iltiffe virgin.. 4.855 3.900 42.205 8.755 18 I - 42.205 157.590 Luchfe 35.918 12.101 48.019 4 - 192.076 Luchskatzen. 8.743 Nerze . 58.202 25.740 8.743 83.942 I 50 13.114 50 5 25 440.695 50 Opoffum 275.592 275.592 - 20 Ottern. See- Ottern 15.257 148 3.888 19.145 9 55.118 40 172.305 613 761 IOO 76.100 Schuppen. 9.432 530.410 539.842 75 404.881 50 Seehunde 2.091 Skunks 2.536 6.451 147.212 149.748 8.542 12 5° 106.775 - 75 II2.311 Vielfrafse. 756 465 I.221 7 - 8.547 Wölfe 6.313 3.995 Zobel 124.707 25.914 10.308 150.621 4 50 46.386 9 1,355.589 Chinchillas - 67.109 67.109 I 75 II7.440 75 Bären Bifam 24 J. Max Hirfch. Import amerikaniſcher Rauhwaaren in London im Jahre 1868. HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. 6.691 3.330 IO.021 15 - 150.315 - 618.489 2,520.660 3,139.149 - 45 1,412.617 05 Biber 146.744 6.221 152.965 4 50 688.342 50 Dachfe. 1.551 5.511 Füchfe, rothe 26.489 45.170 7.062 71.659 3 50 - 35 Kreuz " 7 4.980 1.409 6.389 IO Silber F 1.213 842 2.055 60 - 2.471 70 250.806 50 63.890 123.300 Blau. - 753 " 753 13 - 9.789 - Weifs 2.527 79 54° 3.067 3 75 II.501 25 Kitt 5.898 9.652 15.55° I 5° 23.325 Gris 28.862 28.862 I 25 36.077 50 Iltiffe virgin. 6.298 2.589 8.887 18 50 164.409 50 Luchfe. 76.473 9.641 86.114 3 50 301.399 - Luchskatzen. Nerze 73.473 Opoffum Ottern. See- Ottern - 5.758 27.823 101.296 5 169.472 169.472 5.758 I 25 7.197 50 506.480 - - 25 42.368 16.966 123 3.244 20.210 IO 50 212.205 Schuppen. 21.162 Seehunde. 2.141 1.090 323.299 64.448 1.213 90 109.170 Skunks 6.067 92.712 344.461 66.589 14 98.779 I - 75 258.345 75 - 932.246 98.779 Vielfrafse 1.104 Wölfe 7.794 Zobel 106.254 Chinchillas 129 5.055 20.184 70.053 I.233 6 75 8.322 75 12.849 4 2 25 54.608 25 126.438 II - 1,390.818 - 70.053 I 75 122.592 75 Rauh- und Kürfchnerwaaren Import amerikaniſcher Rauhwaaren in London im Jahre 1869. HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. Bifam Biber 157.415 Bären 8.412 3.515 II.927 15 404.125 2,886.000 3,290.125 - II.229 168.644 5 - 178.905 - 45 1,480.556 25 - 843.220 Dachfe. 1.702 3.502 Füchfe, rothe 20.255 53.813 5.204 74.068 3 25 - 40 2.081 60 240.721 Kreuz 5.090 77 2.295 7.385 8 50 62.772 50 Silber 1.412 1.286 " 2.698 60 161.880 Blau. 122 79 332 454 14 6.356 Weifs 12.083 22 2.505 14.588 2 75 40.117 Kitt. 6.588 " 9.604 16.192 I - 16.192 Gris. - وو 28.159 28.159 - 90 Iltiffe virgin. 7.451 4.990 12.441 14 25.343 10 174.174 Luchfe. 68.362 12.029 80.391 2 75 221.075 25 Luchskatzen. 6.992 Nerze. 74.218 Opoffum Ottern. 12.530 See- Ottern 217 Schuppen. 4.825 24.485 154.460 4.192 2.293 383.525 388.350 6.992 98.703 4 I 6.992 394.812 154.460 16.722 14 - 25 -38.615 234.108 2.510 90 - 90 Seehunde 1.671 126.062 127.733 14 225.900 349.515 1,788.262 - Skunks. 6.517 105.100 III.617 I 5° 167.425 50 Vielfrafse I.445 - I.445 6 25 9.031 25 Wölfe. 9.309 3.295 12.604 4 Zobel Chinchillas 80.709 25.521 138.459 50.416. 106.230 12 50 1,327.875 - 138.459 I 50 207.688 50 25 Bären Bifam 26 J. Max Hirfch. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1870. HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. 12.224 16 50 201.696 - 8.214 4.010 288.344 3,400.250 3,688.594 122.985 62.598 185.583 40 1,475.437 60 Biber 5 25 974.310 75 Dachfe. 2.167 4.358 6.525 40 Füchfe, rothe 13.022 36.744 49.766 4 2.610 199.064 Kreuz 99 3.305 3.321 6.626 9 Silber 16 867 I.412 2.279 65 - Blau. 29 47 2.172 2.219 59.634 148.135 - 13 50 29.956 50 Weifs 99 4.602 3.456 8.058 4 - 32.232 - " Kitt. 4.949 Gris. - " 7.891 26.368 12.840 I 20 26.368 I - 15.408 26.368 - Iltiffe virgin. Luchfe Luchskatzen Nerze Opoffum Ottern. See- Ottern 7.941 4.015 II.956 15 37.407 II.451 48.858 3 8.538 8.538 I - 27.586 33.944 61.530 4 50 179.340 146.574 8.538 276.885 - 144.170 144.170 - 25 36.042 50 10.965 Schuppen 72 1.678 Seehunde 684 Skunks. 6.902 7.197 2.431 440.150 94.790 107.198 18.162 15 272.430 Vielfrafse. 1.418 Wölfe Zobel Chinchillas 30 5.834 4.646 51.423 32.317 104.100 2.503 85 441.828 95.474 16 114.100 1.448 10.480 4 50 212.755 I 441.828 1,527.384 2 228.200 - 6 8.688 47.160 83.740 14 104.100 1,172.360 I 25 130.125 Rauh- und Kürfchnerwaaren. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1871. HudfonsbayCompagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. Bären Bifam 8.409 4.089 450.912 3,863.000 4.313.912 fl. kr. fl. kr. 12.498 20 - 249.960 - Biber Dachfe. Füchfe, rothe 1.735 6.978 186.889 49.942 236.831 2.432 40.327 50 2,156.956 5 50 1,302.570 50 - 4.167 - 45 47.305 4 50 1.875 15 212.872 50 Kreuz 79 2.553 3.222 5.775 II 63.525 - Silber 29 678 1.430 2.108 65 137.020 Blau. IO " 3.215 3.225 15 48.375 Weifs 1.805 1.785 3.590 4 50 16.155 Kitt. 99 3.081 7.872 10.953 I 50 16.429 50 Gris. - 27 26.838 26.838 I 50 40.247 - Iltis virgin. 6.729 4.340 II.069 18 - 199.242 - Luchfe. Luchskatzen 19.390 12.481 31.871 3 50 III.548 50 10.156 10.156 - 50 5.078 - Nerze . 31.903 23.332 55.235 6 Opoffum - 87.000 87.000 - 14 Otter 13.093 7.010 20.103 18 See- Otter. 79 Schuppen. 3.265 Seehunde. 7.928 3.814 528.985 87.780 3.893 90 - 331.410 40 34.800 361.854 350.370 - Skunks 3.273 103.025 Vielfrafs 1.848 417 532.250 95.708 18 106.298 2 2.265 7 I - 532.250 - 1,722.744 212.596 - 15.855 - Wölfe 6.668 4.588 II.256 4 50 50.652 - Zobel 55.241 30.512 85.753 Chinchillas _ 58.600 58.600 4 3 14 50 1,243.418 50 3 - 175.800 - 27 28 J. M. Hirfch. Import amerikanifcher Rauhwaaren in London im Jahre 1872. Hudfonsbay. Compagnie Das übrige Amerika Totale Werth pr. Stück ö. W. Gefammtwerth öfterr. Währ. fl. kr. fl. kr. 13.557 24 325.368 Bären Bifam 8.408 5.149 704.789 3,238.596 3.943.385 - Biber 165.031 55.425 220.456 6 - Dachfe. 1.862 4.425 6.287 - Füchfe, rothe 7.699 69.122 76.821 5 Kreuz 99 2.027 4.495 6.522 14 60 2,366.031 50 1,322.736 3.143 50 384.105 91.308 - - Silber " 54° 1.942 2.482 120 - Blau. 99 36 3.592 3.628 27 297.840 97.956 Weifs 29 2.804 911 3.715 5 18.575 Kitt. " 3.792 10.649 14.44I I 75 Gris 99 28.667 28.657 I 75 ન ન 25.271 75 50.149 75 Iltis virgin. 7.059 Luchfe. Luchskatzen Nerze Opoffum 34.289 - 3.651 14.835 8.740 7 50 10.710 22 5° 240.975 49.124 - 368.430 - 8.740 - 60 • 39.226 94.809 134.035 8 5.244 1,072.280 Otter 13.782 See- Otter. Schuppen. 59 3.968 Seehunde. Skunks Vielfrafs Wölfe 142.700 5.873 4.337 456.179 II.825 141.791 153.616 21 142.700 - 50 71.350 19.655 21 412.755 4.396 150 - 659.400 460.147 I 25 575.183 75 3,225.936 2.621 1.656 2.790 Zobel. Chinchillas 59.207 494 1.525 32.653 91.860 16 204.813 207.434 3 50 726.019 2.150 8 - 17.200 4.315 5 5° 23.732 50 - 1,469.760 92.960 92.960 3 75 348.600 Rauh- und Kürfchnerwaaren. 29 Es wurden demnach in den letzten zehn Jahren von Amerika in London eingeführt und dort im Auctionswege verkauft: 8,494.080 verfchiedene Felle von der Hudfonsbay- Compagnie, 36,477.644 Felle von dem übrigen Amerika, zufammen 44,971.724 Felle im Werthe von 73,499.311 fl. 68 kr.; aufserdem gelangen jährlich direct nach Leipzig circa 2,342.750 diverfe Felle im Werthe von circa 1,175.000 fl., und es kann mit Hinzuziehung des im Lande felbft zurückbehaltenen und dort verarbeiteten Theiles der Gefammtwerth der amerikanifchen Pelzproduction auf mehr als ein Drittel des Werthes der Producte der ganzen übrigen Welt veranfchlagt werden. Der Verbrauch von Pelzwerk in Amerika ift ein grofser und befchränkt fich nicht allein auf einen namhaften Theil eigener Producte, fondern es wird auch viel ruffifches und deutfches Pelzwerk, ferner von England fertige Kürfchnerwaare importirt; die Beliebtheit einer Gattung von Pelzwerk in Amerika ift immer von nachhaltiger Rückwirkung auf den europäiſchen Markt; bedingt die dortige Mode ein Landesproduct, fo wird davon ein grofser Theil guter Waare zurückbehalten und der Reft hat in London hohe Preife, oder handelt es fich um ein europäiſches oder ruffifches Pelzwerk, fo werden darin grofse Einkäufe bewerkstelligt, was die Waare immer vertheuert; fo galt dies im Laufe der letzten 10 Jahre von deutfchen. und öfterreichifchen Marder- und Iltifsfellen, von fchwarzen Perfianer und Aftrachanfellen und von Nerzen, in der jüngften Zeit aber vom Biber- Seehund und Luchs. Ruffifche Fehen, welche ehedem zu Hunderttaufenden für Amerika gekauft wurden, find dort feit einigen Jahren vernachläffigt und weil Fehenbäuche für leichte Futter dennoch gleichmässig ftark begehrt find, ift feit drei Jahren der abnorme Umftand eingetreten, dafs Fehenrücken, der bei weitem beffere Theil des kleinen Fellchens, im Verhältnifs viel billiger find, als Fehenbäuche. Nächft Amerika ift Rufsland der wichtigfte Factor in der Verforgung der übrigen Welt mit Pelzfellen; feine Production überragt quantitativ die Amerika's und begegnen wir da nebft einer Menge der allerwerthvollften Thiergattungen einer erftaunlichen Anzahl von minder koftbaren Pelzthieren, deren Felle aber wegen. der grofsen Menge und des billigen Preifes in der ganzen Welt verwendet werden. Namentlich in dem fonft fo unwirthlichen Sibirien find die dem Gedeihen der Pelzthiere förderlichen, ja unentbehrlichen Elemente reichlich vorhanden; rauhes Klima, wafferreiche, fruchtbare, gebirgige und bewaldete Landftrecken bringen die meiſten Pelzthiere hervor; wir finden im Nordoften Sibiriens die theuerften Zobel, ferner Ottern, Füchfe, Bären, Wölfe und Millionen von Eichhörnchen( unter der Benennung Fehe allbekannt), füdlicher und im Weften diefelben. Thiergattungen mit minder guten Fellen, aber in den Barabafteppen Hunderttaufende der beften Hermeline. In dem an der Grenze des europäifchen und des fibirifchen Rufsland gelegenen kleinen Orte Irbit kommen die meiſten diefer Waaren fchon im Februar zu Markte und gelangen da in ruffifche und deutfche Hände; ein Theil wird nach Kiachta, einem fibirifch- chinefifchen Grenzorte zur Einfuhr nach China, ein Theil nach Leipzig befördert, um von da den Weg durch die Welt zu machen, und ein Theil bleibt im Lande, um den Confumenten zugeführt zu werden. Doch von viel gröfserer Wichtigkeit für den ruffifchen wie für den internationalen Pelzhandel ift Nischny Nowgorod im Herzen Rufslands, der bedeutendfte Mefsplatz der Welt, der Sammelpunkt mehrerer Hunderttaufende von Fremden. Nischny Nowgorod ift der Regulator des ruffifchen und afiatifchen Pelzhandels; hier ftrömen die verfchiedenften Waaren von und nach allen Weltgegenden zu und ab, fowohl der Reft der fibirifchen Collection, als die Producte Rufslands, Perfiens, der Bucharei und Tatarei( meift Lammfelle), ferner europäiſche und amerikanifche Waaren im Gefammtwerthe von circa zehn Millionen Gulden werden hier umgefetzt. 30 J. Max Hirfch. Von diefer Haupt- Verkehrsader gelangen ruffifche und andere fremdländifche Producte in grofsen Karawanenzügen( welche wieder Thee zurückbringen) nach Kiachta für China; von hier wird der ganze grofse ruffifche Markt verforgt, und auch für deutfche, englifche und amerikaniſche Rechnung wird hier nicht wenig eingekauft. Die Production Sibiriens und Rufslands fpecificirt anzuführen, wäre fehr weitläufig und verzeichnen wir nur die im jährlichen Durchfchnitt vorkommende Menge der wichtigften, meift exportirten Pelzgattungen, wobei fich erftaunlich hohe Ziffern ergeben. Es kommen jährlich zum Verkauf: Zobel, circa 100.000( darunter Felle bis 200 fl. per Stück) Fehen, " 7,000.000 Hermeline, " 400,000 Weifse Füchfe, 60.000 " Rothe 100.000 29 " Silber" " 3000 See- Ottern " Marder " 7 Nerze " 300 200.000 50.000 Der Verbrauch von Pelzwerk in Rufsland ift den klimatifchen Verhältniffen und der dort herrfchenden Mode zufolge ein fehr bedeutender; aufser dem gröfsten Theil feiner eigenen, confumirt Rufsland auch eine namhafte Menge amerikaniſcher Producte, fo Biber, Schuppen, Skunks, virginifche Iltiffe und Füchfe, ferner norwegifche Marder, Füchfe, Luchfe, und von mitteleuropäiſchen Waaren viele Füchfe, Ottern, Marder, welch' letztere dort mehrentheils gefärbt werden, wie überhaupt ruffifche Kürfchner Meifter in der Kunft des Pelzfärbens find; es werden da nicht nur viele Schaffelle bunt und fchwarz gefärbt, fondern auch den verfchiedenften Gattungen von Fellen, häufig felbft den feinften, wenn diefe hell gefprengt oder fahl find, eine gleichmäfsige dunkle Farbe aufgetragen, was der Kürfchner„ blenden" nennt; derart geblendete Pelzwaaren, wie: Biber, Marder, Zobel u. f. w., find von den echtfarbigen fchwer zu unterfcheiden und werden in Rufsland fehr häufig angewendet, doch wird durch das Blenden die Weichheit und Dauerhaftigkeit des Haares arg gefchädigt. Die ruffifchen Pelzwaaren- Arbeiten find in der Regel gut, aber es wird wenig Neues gefchaffen, und da in Rufsland Pelzwerk vorzugsweife ein Bedarfsund nur infoferne Luxusartikel ift, als der Reichere wohl einen koftbareren Pelz, aber in der althergebrachten Form kauft, fo kann von einer Entwicklung des Gefchmackes keine Rede fein. Schön und correct gemacht find nur Pelzfutter, ermöglicht allein durch den Umftand, dafs alle Pelzgattungen in grofser Menge gebraucht werden, wobei das Zuſammenfortiren egaler Felle ohne Mühe gefchehen kann, und da meift mehrere Futter einer Gattung zugleich gemacht werden, fo fetzen rufiffche Kürfchner die verfchiedenen, in Farbe und Haar ungleichen Partien des Felles jede für fich zufammen und erhalten dann gleichmäfsige Futter von Rücken, Bäuchen, Köpfen, Pfoten des betreffenden Felles. Aufser den Pelzgattungen, die überall zu gleichen Zwecken, für Futter und Befatz, verwendet werden, verarbeiten die Ruffen( und nur noch die Schweden) Rennthier- und gemeine Seehund- Felle zu ganzen Pelzröcken, mit der Pelzfeite nach Aufsen. Auf die anderen Productionsländer übergehend, begegnen wir in Europa ganz anderen Pelzthieren; hier gibt es keine Bifam, Biber, Skunks oder Schuppen, und was von Zobel oder Nerzen vorkommt, find meift kleinere fchwächere Felle von viel geringerer Qualität; nur noch im hohen Norden, auf Grönland und Island, in Schweden und Norwegen gibt es blaue und weifse Füchfe und die hier vorkommenden Luchfe und Vielfrafse find ihrer Güte und fchönen Zeichnung wegen fehr gefchätzt. Rauh- und Kürfchnerwaaren. 31 Die fonftigen Pelzproducte diefer nordifchen Staaten kommen in ganz Europa vor, haben aber den Vorzug befonderer Gröfse und eines feinen, kräftigen Haares; diefelben werden zum geringen Theile im Lande felbft verarbeitet, fondern meift nach Rufsland ausgeführt, wogegen wieder ruffifche, amerikaniſche und deutfche Waaren, als: Hermelin, Zobel, Biberfeehunde, Bifame, Füchfe, Steinmarder, Iltifs und namentlich viel braun gefärbte franzöfifche Kaninchenfelle eingeführt werden. Pelzwerk wird da in den Städten und auf dem Lande weniger als Modeoder Luxusartikel denn als praktiſcher Gegenftand getragen, und werden meift billige Waaren, diefe jedoch in grofser Menge abgefetzt. Einen grofsen Reichthum an Pelzfellen bergen die mitteleuropäiſchen Staaten bis in die Türkei und bis auf wenige Ausnahmen begegnen wir überall denfelben Gattungen, freilich in den unterfchiedlichften Qualitäten. Bei allgemeiner Betrachtung der wichtigften Pelzthiere findet man jährlich: Edelmarder, circa 140.000 Stück Werth d. Z. circa 12. fl. pr. Stück. Steinmarder, " 250.000" " " ን Füchfe, 250.000 " ንን " " " 9 9.99 2.50" وو " " Iltiffe, 400.000 " " 9 " " 3.12 99 99 Hauskatzen, Kaninchen, " 500.000 6,000.000 .. ንን " " I. 27 " 9 " Hievon liefern die Schweiz, Baiern, Tirol und Steiermark die meiſten und beften Edelmarder und Luchfe, Bosnien, Serbien, Kroatien, Steiermark die beften Steinmarder und Iltiffe, Holland, Schleswig- Holftein, Baiern, Salzburg und Steiermark die beften Katzen; von hervorragender Bedeutung als Handelsartikel und für den grofsen Verbrauch find die Kaninchenfelle, von denen, zu Zwecken der Kürfchnerei braun gefärbt, Frankreich und Belgien circa 3 Millionen in den Verkehr bringen; Oftpreufsen und Galizien präpariren jährlich circa 2 Million weifse Kaninchenfelle, welche theils als Imitation von echtem Hermelin verarbeitet werden; nicht minder wichtig für Pelzbereitung find Lamm- und Schaffelle, von denen zu diefem Zwecke Oefterreich, Deutfchland, die Türkei, Italien, Spanien und Frankreich jährlich circa 2 Millionen liefern. Von allen diefen Producten wird nur ein Theil im eigenen Lande verarbeitet, und gelangt, was nach Deckung des eigenen Bedarfes überflüffig erfcheint, in der Regel zur Oftermeffe nach Leipzig und vertheilt fich von da nach allen Richtungen. Der Verbrauch von Pelzfellen in Mitteleuropa ift ein fehr bedeutender und zum Theil in dem factifchen Bedarf als unerfetzliches Schutzmittel gegen Kälte begründet, in vielen Gegenden auf die verfchiedenes Pelzwerk bedingenden Landestrachten zurückzuführen und in den grofsen Städten trägt das Wohlgefallen an Pelzwaaren viel, bei den feinen Pelzgattungen das Meifte zu dem grofsen Verbrauch derfelben bei, immer aber ift und bleibt hiebei ein zeitlich eintretender kalter Winter der mafsgebliche Factor. Von den meift confumirenden Staten brauchen an wichtigen Pelzfellen: England viel amerikanifche und fibirifche Zobel, Otter, Hermelin, Biber, fchwarze Katzen, Kaninchen und für eigenen Bedarf, wie für den Export nach Amerika gut % des ganzen Quantums von Pelz- Seehunden. Frankreich verarbeitet viel fchwarz gefärbte Perfianer und Aftrachaner Lammfelle, ruffifche Fehen, Futter von weifsen Kaninchen und Fehenbäuchen, Skunks und eine grofse Menge von Edel- und Steinmardern und amerikanifchen Zobeln, von denen es meift lichte Felle kauft, die dann fchön gefärbt werden; Italien und Spanien fchliefsen fich bezüglich der Gattungen gangbarer Pelzartikel Frankreich an, brauchen aber nicht fo viel als diefes; Deutfchland verwendet fehr viel Bifam, Edel- und Steinmarder und die meiſten Iltiffe, Nerze, Ottern, Füchfe, Schuppen und Kaninchen, und Oefterreich verbraucht aufser einem grofsen Theil feiner eigenen reichen Production fehr viel Bifam, Schuppen, Skunsk, Nerze, Hermelin, Kaninchen; 32 J. Max Hirfch. Wien fpeciell confumirt viel Edelmarder, amerikaniſche und fibirifche Zobel, Seeottern, Biber und Bifam und in Ungarn gehören fchwarze Perfianer Befatze auf Herrenröcke und dergleichen Mützen zur Nationaltracht, überdiefs werden da die reichen Magnatencoftume mit den edelften Fellen, Marder, Nerze, Zobel, befetzt. Wir fchreiten nun, nachdem wir die ebenfo bedeutende als weitverzweigte Production von Pelzfellen, den Millionen betragenden Handel mit denfelben, fo wie deren Verbrauch in den verfchiedenen Ländern in grofsen Zügen angeführt, zur Befprechung der in der Weltausftellung zur Anfchauung gebrachten Rauhund Kürfchnerwaaren, und beginnen, die grofsen Räume des Induftriepalaftes von Weft nach Oft verfolgend, mit Amerika, welches die Ausftellung mit Pelzwaaren fpärlich befchickt hatte. Ein New- Yorker Kürfchner brachte eine kleine, aber gewählte Collection fertiger Pelzgegenftände für Damen von Scalskin-, Hermelin-, Greber- und Nerzfellen, letztere von befonderer Güte; die Ausstattung diefer Waaren war eine luxuriöfe diefs, fo wie die bei einzelnen Stücken keineswegs fparfame Verwendung der Felle erklärt die hohen Preife und gleichzeitig den Umftand, dafs Amerikaner, trotz der Leiftungsfähigkeit dortiger Kürfchner, ihre PelzwaarenEinkäufe gerne in Europa beforgen. - Von Landesproducten zeigte Brafilien neben einigen Leoparden, Tigerkatzen, Ameifenbären, Dachfen und Ottern, wohl der Seltenheit wegen, einige Exemplare von ganz verkümmerten, glatten Wafchbär- Fellen, die nur in Nord- Amerika gut und zahlreich vorkommen. England hatte zu unferem Bedauern von fertigen Kürfchnerwaaren nichts ausgeftellt; hingegen fanden wir da zwei Firmen, deren prachtvoll gefärbte Schafund Ziegenfelle noch von Niemand übertroffen find; die Gröfse und Wollreichheit der englifchen Schaffelle, welche die Engländer vorzüglich kräftig im Leder zu präpariren, und welchen fie reine, feurige Farben in allen Schattirungen zu geben verftehen, eignen diefe Felle ganz befonders für Thür-, Bett- und Tifchvorlagen, als welche fie überall gefucht find; noch viel fchöner in Farbe find die Ziegenfelle, die meift zu Pofamenteriezwecken verwendet werden. In der Abtheilung der englifchen Colonien bemerkten wir in Weftafrika eine Auswahl der von dort in den Handel gelangenden Affenfelle, vom Cap der guten Hoffnung unter einigen wenig beachtenswerthen Fellen einige der allerfchönften Pelz- Seehunde und von Queensland eine Collection der dort in grofser Menge vorkommenden Opoffum, welche auch als fertige Decken, wohl unregelmässig zufammengefetzt, ausgeftellt waren; ferner hat eine Firma von Melbourne einige dort gangbare Damengarnituren von naturellen Opoffum-, Känguruh- und Emuvogel- Fellen zur Anfchauung gebracht, welche in Form und Ausftattung, dem ordinären Pelzwerk entfprechend, ziemlich primitiv gearbeitet waren; intereffant wegen des verwendeten Felles war eine Garnitur vom Federfell des Kiwi- Vogels, Privateigenthum einer auftralifchen Dame. Frankreich hat den friedlichen Wettkampf auf dem neutralen Boden der Ausstellung mit fertigen Pelzwaaren beinahe ganz gemieden und fpeciell wegen Vergleichung der namentlich in Paris florirenden Phantafie- Kürfchner arbeiten mit den von anderen Grofsftädten ausgeftellten, ift diefs zu beklagen. Wir fahen da bei einem Rauhwaaren- Händler, der auch Kürfchnerwaaren erzeugt, eine grofse Anzahl von Pelzfellen, welche Kürfchner und Hutmacher verwenden; diefe Ausftellung zeigte uns in einzelnen Exemplaren den ungeheuern Reichthum der Natur an den verfchiedenften Pelzthieren, wie fie naturell und gefärbt im Handel vorkommen neben dem prächtigen Silberfuchs bemerkten wir die koftbare Seeotter, neben dem zartgrauen Chinchilla den fchwärzeften fibirifchen Zobel, Füchfe von den Pyrenäen neben fchön geblendeten Steinmardern - Rauh- und Kürfchnerwaaren. 33 und Schuppen und aufser diefen und vielen anderen Fellen für Kürfchner noch eine reiche Collection von franzöfifchen, für Hutmacher in allen Nuancen gefärbte Kaninchen. Doch vermifsten wir bei diefer Ausftellung den richtigen Standpunkt des Rauhwaaren- Händlers, der am mafsgebendften nach feinem Sortiment beurtheilt wird, denn nach älteften Ufancen werden z. B. Bifam, Feh per 100 Stück, amerikanifche Zobel, Marder, Nerze, Iltiffe, Hermeline per 40 Stück, fibirifche Zobel per 20 Stück, Affen, Biber, Perfian etc. per 10 Stück gehandelt; ein richtiges Sortiment von zubereiteten Waaren ift das untrüglichfte Merkmal eines umfangreichen Handels, denn um 100, 40, 20 oder 10 Stück ganz gleicher Felle, refpective viele folche gleiche Packete zu erhalten, mufs man immer vorerft eine bedeutende Menge der betreffenden Felle haben. Verdienftlich bleibt diefe Ausftellung immerhin durch die Mühe, fo viele Pelzgattungen vorzuführen, wobei jedoch die Verlegung des Urfprunges mancher Thiere in einen anderen Welttheil unangenehm berührte, fo z. B. waren fibirifche Zobel als von Europa ftammend, Alaska- Silberfuchs von Afien, Kamtfchatka- Zobel von Amerika kommend u. f. w. nominirt. Derfelbe Ausfteller brachte einige Damenpelze und Muffe, bei denen fehr gute Felle verwendet waren. Noch fanden wir in Frankreich einige kleine Fufsteppiche und Fufsfchämel von galonirten Fuchsfchweifen, die weder neu noch fchön waren, und bei einem Ausfteller aus Bayonne ein kleines Sortiment ungarifcher und Bearner Lammfelle, welche vorzüglich zubereitet waren. In Italien ift in Folge der wenig ftrengen Winter für Kürfchnerei ein eng begrenztes Feld; fchweres Pelzwerk wird da gar nicht gebraucht, theueres fehr wenig, am gangbarften für Herrenpelz- Futter find fchwarze Aftrachan, Fehen und Fehenbäuche, und Damen lieben weifses Fellwerk von hellbrauner, mehr gelblicher Zobelfarbe. Ein Ausfteller aus Turin fuchte diefer Gefchmacksrichtung gerecht zu werden und brachte die verfchiedenften Felle, als Füchfe, Marder, Kaninchen, ferner Muffe von Greben, fchön und lebhaft braun gefärbt; aufserdem find in Italien noch einige von der Handelskammer zu Avelino gefandte, fehr fchön gefärbte Schafund Ziegenfelle, die aber im Leder zu hart waren, zu verzeichnen, wie auch eine gut naturalifirte Tigerdecke. Einen viel günftigeren Standpunkt haben die Kürfchner in Dänemark, deren ausgeftellte Arbeiten ganz vorzüglich waren; wir fahen da zwar mehrentheils nur Decken und naturalifirte Thierteppiche, welch' letztere von ganz befonders fchönen, meift heimifchen Fellen angefertigt, aber gar einfach montirt, während Erftere mit viel Fleifs und Gefchmack zufammengefetzt waren; fchön und angenehm waren da Bettdecken von Eidergans- Fellen und ganz vorzüglich gearbeitet, mit Nähten, wie von zarter Frauenhand, einige Futter von Iltifs und von Fehen, die wir aber als theuer bezeichnen müffen. Von grönländifchen Landesproducten hatte die dänifche Regierung einige fehr fchöne Felle von weifsen und blauen Füchfen, Rennthieren, Eisbären und Seehunden ausgeftellt. Noch mehr als in Dänemark find die Verhältniffe der Entwicklung der Kürfchnerei in Schweden und Norwegen günftig; nicht allein befitzen diefe Länder Reichthum an eigenen Producten, fondern Pelzwerk ift da, wie wir bereits erwähnten, auch beliebt, und viele Fremde, welche die grofsen Städte befuchen, machen da gerne Einkäufe. In der Ausstellung diefer Staaten haben wir vor Allem die des„ Norwegifchen Jägerei- und Fifchereivereines" als eine fehr intereffante und verdienftliche zu verzeichnen; wir hatten da Gelegenheit, die aufserordentliche Feinheit und Reinheit der Felle, deren Ruf fo verbreitet ift, zu bewundern, und in der That waren die ausgelegten blauen, weifsen und rothen Füchfe, Eisbären, braune 3 36 J. Max Hirfch. und waren alle gleich vorzüglich gearbeitet, wie auch die verwendeten Felle die allerbeften waren. Wir fahen da eine grofse Menge von Herren- und Damenpelzen, Muffe und naturalifirte Thierteppiche, und unter den vielen fchönen von Zobel-, Marder-, Hermelin, Chinchilla und anderen Fellen verfertigten Sachen, jedes Stück wie gegoffen, als befonders bemerkenswerth eine elegante Damenmode- Jacke mit dem fchönften Schwarzfuchs befetzt, einen Muff von den dunkelften fibirifchen Zobeln. Herrenpelze mit amerikanifchem Zobel und mit Seeotter befetzt; in ihrer Gefammtheit gereichen diefe Waaren nächft dem Ausfteller der Wiener Kürfchnerei zur gröfsten Ehre und bekunden eine weit vorgefchrittene Induftrie. Sie fanden Rivalen nur an der noch viel umfangreicheren Ausftellung der Firma J. P. Hirfch& Eidam, deren Erzeugniffe wir zum mindeften als ebenbürtige bezeichnen müffen. Hier fanden wir in gröfster Auswahl die von den koftbarften, wie auch von den gewöhnlichften Pelzfellen in verfchiedenartigfter Verwendung verfertigten Gegenftände, alle mit minutiöfer Genauigkeit, folid und gefchmackvoll gearbeitet, darunter befonders hervorzuheben: eine grofse Mantille aus fibirifchen Zobelfellen mit Hermelin gefüttert, das werthvollfte Stück in der öfterreichifchen Pelzabtheilung eine in diefer Zufammenftellung ganz neue und fehr elegante Polonaife von perfifchen Breitfchwanz- Fellen mit Silberfuchs- Nacken befetzt, ein Herren- Reifemantel mit Edelmarder gefüttert und mit Seeotter befetzt, ein Herrenrock von beftem Sealskin mit fchwarzem Perfianer gefüttert, Herrenpelze mit Zobel und mit Nerz gefüttert. Von Commerzartikeln, wie fie diefes Haus für den Export erzeugt, fahen wir Bifam, Fuchs- und Fehenmuffe, Aftrachanpaletots, Fuchskörbe von Pelzftücken, Reifemützen u. f. w., welche bei billigen Preifen folid und correct gearbeitet waren. Aufser den vielen Pelz- Bekleidungsgegenftänden brachte diefelbe Firma eine reiche Collection von Pelzmofaik- Teppichen, Wagendecken und naturalifirten Thierteppichen, welche, auf einem freiftehenden Kaften in der Mitte der Pelzwaaren- Abtheilung gut arrangirt, nicht allein durch das farbenreiche Bild die Aufmerkfamkeit der Befucher auf fich lenkten, fondern auch durch die fchöne, unverdroffene Arbeit voll befriedigten; wenn wir auch hier vor allen diefen guten Stücken eines hervorheben follen, fo verdient diefs namentlich ein grofser Teppich, der, von Zobel und Marderkopf- Theilen, untermifcht mit Sealskinftreifchen, in Deffin zufammengefetzt, eine fehr angenehm wirkende, ruhige Farbenmifchung darftellte. Eine nicht minder befriedigende Leiftung mit feiner zwar kleinen, aber durchaus fchöne Stücke enthaltenden Ausstellung bot Herr E. Hofmann, deffen Arbeiten eine fehr verftändige Verwendung der Felle, vereint mit dem vorzüglichften Gefchmack, bekundeten; die Muffe hatten tadellofe Formen, die Adjuftirung war eine fehr elegante und in diefer Beziehung zeichneten fich befonders zwei Decken von Fehen und von amerikanifchem Luchs aus. Höchft intereffant war auch die gröfsere Ausftellung des Herrn Franz Neumann, welche eine Menge von Herren- und Damen- Pelzbekleidungen enthielt, wie auch das Modell eines Nordpol- Fahrers in feinem Wintercoftume, wie es von Wafchbär- Fellen angefertigt ift, ferner einen riefig grofsen, viel bewunderten Königstiger und einen Teppich, deffen Medaillon das gelungene Wiener Stadt wappen, in Pelzmofaik ausgeführt, bildete. Zum Theil von feinen Pelzfellen in verfchiedener Weife angefertigte Gegenftände ftellte Herr Auguft Schwarz aus; wir fahen da in grofser Auswahl Herren- und Damenpelze, Muffe und Kragen, wie fie für den gewöhnlichften Gebrauch angefchafft werden, bis zur eleganten Theatermantille mit Weifsfuchs befetzt, ferner theils montirte, theils unausgefertigte Leoparden-, Löwen-, Bären-, Wolf- und Fuchsfelle, mit denen zwei hohe Wände ausgiebig decorirt waren, was nicht wenig zur Hebung des guten Eindruckes, den die öfterreichifche Pelzabtheilung machte, beitrug. Rauh- und Kürfchnerwaaren. 37 Befcheiden bewerkstelligte Herr Anton Sluinsky feine Ausstellung, aber was er zur Anfchauung brachte, zeigte den erfahrenen Meifter feines Faches, wie denn auch fämmtliche Gegenstände vortrefflich gearbeitet waren; ganz befonders fielen da prächtige Kalpak mit Reiherbufch, Kopfbedeckungen für ungarische Magnaten und für öfterreichifche Generale der Cavallerie, ferner Bettvorlagen und Fufskörbe auf, welche von bunt gefärbten Lammfellen präcis zufammengefetzt, die fchönften Blumen und verfchiedene Landeswappen treu darftellten. Schliefslich kommen wir zur Ausftellung des Herrn J. Wopalensky, deffen vortrefflicher Gefchmack fich an den ausgelegten Waaren, namentlich bei den viel bewunderten eleganten Damenhütchen, glänzend bewährte; reizend fchön in der Montirung waren drei kleine Teppiche, je einer von weifsem, blauem und von Silberfuchs, ferner ein prachtvoller Muff von fibirifchen Zobeln und eine Decke von Weifsfuchs. Den hier befprochenen Vorzügen diefer Collectivausftellung, welche eine folche Fülle des Vollkommenften bot, wie fie vereint noch nie gefehen ward, wollen wir aber auch beifügen, dafs bei einigen ausgeftellten Pelzen in dem Bemühen, vorzüglich Schönes zu bringen, die Futter von Zobel, Bifam, Schuppen künftlich ausgelaffen waren; durch diefe mühfame langwierige Arbeit wird jedes Fell bedeutend länger und fchmäler, fein Rückenftreif tritt intenfiver hervor und gibt fo den vielen an einander gereihten Fellen eine ſchönere, markirtere Zeichnung; doch oft werden durch die vielen Nähte folche Futter fteifer, das Fell wird eher angeftrengt als gefchont und die viele Arbeit vertheuert den Gegenftand. So wollen wir beiſpielsweife erwähnen, dafs wir in der öfterreichifchen Abtheilung in einem Kaften zwei mit Schuppen gefütterte Pelze fahen, von denen der auf gewöhnliche Art gefütterte 80 fl., der andere aber, der ein ausgelaffenes Futter hatte, 250 fl. koftete, welche Preisdifferenz in den unnöthig vermehrten Herſtellungskoften zu fuchen ift. Freilich trifft diefe Bemerkung nur einzelne Stücke; im Allgemeinen zeichnete fich diefe grofse Collectivausftellung dadurch aus, dafs die Preife der Waaren bei ihrer Vorzüglichkeit und trotz der keineswegs günftigen Arbeitslöhne äufserft mäfsige waren, was dadurch erklärlich fein dürfte, dafs feines Pelzwerk, wie es meift ausgeftellt war, in Wien, wenn auch fehr beliebt, doch nicht fo gang und gäbe ift, wie z. B. in Rufsland oder in Frankreich; will nun der Wiener Kürfchner dennoch grösseren Abfatz erzielen, und weil es ihm nur zu oft widerfährt, dafs wie immer befchaffene Pelzwaaren, feien fie auch von deutfchen oder amerikanifchen Fellen angefertigt, wenn fie nur von Rufsland oder Frankreich kommen, feinen beften Erzeugniffen vorgezogen werden, da gewöhnlich alles Pelzwerk von Rufsland, alles Faſhionable von Frankreich ftammend betrachtet wird, fo mufs er mit dem geringften Nutzen verkaufen, wie denn auch Fremde fehr häufig die billigen Preife der fchönen und foliden Wiener Pelzwaaren anerkennen. Zu den anderen Objecten in der öfterreichifchen Pelzabtheilung übergehend, verzeichnen wir noch die von einem Wiener Separatausfteller gebrachten wenigen, aber ziemlich gut gearbeiteten Waaren, dann die von einem Prager Kürfchner ausgeftellten Pelze, Muffe und kleinen Phantafiegegenftände, welche mit viel Fleifs und Gefchicklichkeit gemacht waren; namentlich ein Reifepelz mit gallonirtem Schuppenfutter, nahm fich vortrefflich aus, kann aber nicht praktiſch genannt werden, da er kaum den Anforderungen der Dauerhaftigkeit, die man an einem Schuppenpelz ftellt, entſprechen dürfte. Ferner brachte ein bedeutender Kürfchner aus Galizien, der in Krakau und Lemberg etablirt ift, eine grofse Menge der verfchiedenften Pelzwaaren, wie fie dort erzeugt und getragen werden. An diefen Erzeugniffen konnte man deutlich erkennen, dafs deren Abfatz in Galizien nicht an Mode oder befondere Gefchmacksentwicklung gebunden feida ftreicht fchon kalter nordifcher Luftzug, und der warme Pelz wird zum Bedürfnifs. 38 J. Max Hirfch. Wir fahen da wohl defshalb auch fehr viele ordinäre, dem Minderbemittelten paffende Gattungen, fowohl für Männer als für Frauen; theilweife waren auch Modeftücke ausgelegt, denen aber das Bemühen, fie möglichft billig und für Jedermann erreichbar herzuftellen, anhaftete, wodurch die Schönheit des verwendeten Felles beeinträchtigt war. Gut und fauber gearbeitete Stücke gab es unter den Muffen, welche dort im Allgemeinen gröfser als in Wien gemacht werden; auch haben wir zu bemerken, dafs hier Pelzforten zu Zwecken verwendet waren, denen wir fie in fonft keinem Lande dienftbar gemacht fahen, z. B. Vielfrafs als Futter in Männerpelze, Opoffum als Damen- Pelzfutter u. f. w. Recht verdienftlich war die Ausftellung einiger Brünner Kürfchner, deren Gegenftände forgfam und von guten Fellen gemacht waren; die Form der Muffe und Krägen entſprach den Wiener Erzeugniffen, nur die Ausftattung mancher Stücke liefs weniger geübten Gefchmack erkennen. Ein Pelzfärber aus Pilsen brachte bunt gefärbte öfterreichifche Schaffelle zur Anfchauung, welche wegen ihrer Billigkeit als Erfatz für englische Schaffelle zum Theil im Lande verwendet, und auch nach Deutfchland exportirt werden; doch wie die Felle an Gröfse und Wollreichheit den englifchen nachftehen, fo erreicht auch die Farbe lange nicht die Reinheit und den Glanz derfelben. Schliefslich zeigten zwei Troppauer und ein Bielitzer Kürfchner die Producte ihres Fleifses in einigen Männerpelzen und Damenmuffen, die theilweife fehr gut gearbeitet waren. Von den in Ungarn ausgeftellten Pelzwaaren, dabei einige Damengegenftände wenig forgfam gemacht, erregten ein blaufammtener, mit Gold verfchnürter und mit fchmalen Edelmarder- Streifen correct befetzter Magnatenmantel, und namentlich die vielen Bunda viel Interreffe; es find dies Pelze ohne Tuchüberzug von Lammfellen, welche mit der Wolle nach innen, dem Leder nach Aufsen getragen werden und in ganz Ungarn Nationaltracht der Bauern find; die Aufsenfeite, mit bunten Stickereien reich verfehen, ift je nach den Diftricten, wo folche Bunda getragen werden, braun, fchwarz oder weifs, und foll das Leder immer weich präparirt fein, was an den ausgeftellten Stücken nicht der Fall war. Nicht minder intereffant geftaltete fich die Ausftellung des Pefter Rauhwaaren- Händlers L. W. Heidelberg, welcher in vortrefflichem Sortiment heimifche Producte: Füchfe, Edelmarder, Steinmarder, wilde Katzen, Dachfe, Fifchottern u. f. w., wie fie im Handel vorkommen und theils im Lande verwendet, theils nach Deutfchland und Rufsland exportirt werden, zur Anfchauung brachte. Bei der Ausstellung Rufslan ds angelangt, hatten wir Gelegenheit, fowohl durch die Koftbarkeit der Felle ausgezeichnete, als durch die Art der Verwendung derfelben eigenthümliche, aber auch folche Waaren zu fehen, die unter dem Niveau des bisher Bemerkten ftanden. Vorzügliches leiftete die Firma Odno ufchefsky aus St. Petersburg; ein etwa 50 Centimeter langer Damenkragen von den fchönften, glänzend fchwarzen Füchfen, der den Werth von circa 4500 fl. repräfentirte, rief die Bewunderung aller Kenner hervor, die ausgelegten Futter im Preife von 1500 bis 6000 fl. von Steinmarder, virginifchem Iltifs, Zobel, Schwarzfuchs, waren nach ruffifcher Manier immer von den gleichen Partien der Felle, von Rücken, Pfoten, Köpfen, fehr correct und im brillantem Sortiment zufammengefetzt, und auch die fertigen kleinen Damengegenftände, Muffe und Krägen, darunter welche von Seeotter- Fell, wie fie nur in Rufsland getragen werden, waren zum Theil von fchönen Pelzfellen, doch in Bezug auf Form und Ausftattung nichts weniger als gefchmackvoll. Die von der Firma Petroff, Gregor& Medwejeff aus St. Petersburg ausgeftellten fertigen Damenpelze hatten als Futter die nur nach Rufsland gelangenden, fonft im Handel felten vorkommenden weifsen chinefifchen Ziegenfelle, welche fehr angenehm weich und warm find; die Façon diefer langen, weiten Pelze zeugt von dem confervativen Gefchmack ruffifcher Damen, da bei uns Pelze Rauh- und Kürfchnerwaaren. 39 in diefer Gröfse für die Strafse feit 10 Jahren aufser Mode find und nur mehr für die Reife getragen werden. Vortrefflich gearbeitet und praktifche Verwendung des Materiales bekundend war das galonirte Futter von Schwarzfuchs- Schweifen, welches nebft zwei guten Futtern von Zobelkehlen und Pfoten Herr Bjelkin aus Moskau brachte. Wenig lobenswerth, wenngleich fehr umfangreich, war die Ausftellung eines Kürfchners aus Riga; hier fahen wir Wiener und deutfche Erzeugniffe untergeordneten Ranges und in England gefärbte Schaffelle als ruffifche Kürfchnerwaare präfentirt, und die eigenen Erzeugniffe, mehrentheils von ordinären Fellen, waren gar nicht gut gearbeitet, dabei die Preife fehr hoch. Originell zwar, aber primitiv in der Ausführung waren die von einem Archangeler Haus gebrachten Gegenftände, darunter ein dort getragener Kaftan von Rennthier- Fellen, eine unförmlich grofse, fchwere Haube von Vielfrafs, dann Muffe und Krägen von Wildenten-, Möven und Hermelinfellen. Von Kürfchnerwaaren wollen wir noch die von Herrn Baranofsky aus St. Petersburg ausgeftellten Schaffelle und Schaffell- Pelze wegen ihrer ganz vorzüglichen Zurichtung bemerken; diefe Pelze, der Landestracht gemäfs mit kurzen Leibern und faltigen Schöfsen, waren im Leder fchwarz und grau, in der Wolle bunt gefärbt, das Leder fo fein und fchmiegfam präparirt, dafs es einen Tuchüberzug vollkommen erfetzt. Auch mit verfchiedenen Gattungen feiner reichen Fellproduction hat Rufsland die Ausftellung befchickt. Das Gouvernement Irkutsk ftellte eine grofse Collection dort vorkommender Pelzfelle zur Schau: rothe, blaue, Kreuzund Silberfüchfe; Kolinsky Fehen in unterfchiedlichen Qualitäten und prachtvolle Zobel; ebenfo brachte Herr Ladislaus Kletfchkofsky einzelne Exemplare von Fellen aus dem Gouvernement Archangel: rothe, blaue und weifse Füchfe, Fehen, grofse weifse Hafen, Vielfrafse und vorzüglich fchöne Hermeline. In der Türkei begegneten wir bei einem Kürfchner aus Conftantinopel einigen recht gefchmackvoll gemachten Damen- Pelzgegenftänden, meift von Grebenfellen, die viel am fchwarzen Meere vorkommen; derfelbe brachte auch eine mit viel Gefchicklichkeit von türkifchem Hamfter, Wildenten und Greben zufammengefetzte Tifchdecke. Von verfchiedenen türkifchen Provinzen waren Halbfabricate eingefandt, Futter von Wildenten- Fellen, von türkifchen Hamſtern, von amerikanifchen und europäischen Füchfen, welche aber weder im Sortiment, noch in der Zurichtung oder in der Arbeit befriedigten; ferner eine grofse Menge von Marderfellen, die mehrentheils nach Oefterreich und Deutfchland exportirt werden. Für die rumänifche Ausftellung hatten mehrere Private ihnen gehörige Wölfe, Bären, wilde Katzen, wie sie in Rumänien gejagt und von dortigen Kürfchnern fehr gut naturalifirt wurden, beigeftellt; ferner fahen wir da einige Futter von Füchfen und von Marderabfällen, welche von Griechen und Serben gerne benützt werden. Sehr intereffant war die Ausftellung von Perfien. Aufser Lammfellen, welche einzig in ihrer Art und in der ganzen Welt verbreitet find und die in Originalballen zu Zehntaufenden über Rufsland, in letzterer Zeit auch über Trieft exportirt werden, waren andere Pelzfelle als perfifche kaum gekannt, da fie entweder im Lande felbft verwendet, oder in Rufsland, wohin fie eventuell gelangen, mit anderen gleichen Fellen vermengt werden und ihren Originalcharacter verlieren. Hier fahen wir nun aufser Schiraz( Lammfellen) auch perfifche Wildwaaren, dabei grofse, rauhe Steinmarder, an Farbe zwar hell, aber fehr fein und rauh in der Wolle; grofse, helle Füchfe, ähnlich den nordamerikanifchen oder tartarifchen Steppenfüchfen, doch viel gröfser und rauher als diefe; ferner fahen wir fehr fchöne Grebenfelle und grofse, gut ausgearbeitete Schwäne. Ganz befonders fchön in feiner Art war das einzige fertige Pelzftück, ein grofser Schafpelz ohne Tuchüberzug, das Leder, unübertrefflich gut zugerichtet, war von fammtartiger Weich 40 J. Max Hirfch. heit und fchön goldbraun gefärbt, die Wolle fein und dicht und fchön naturell dunkelbraun. In China fanden wir einige rohe und montirte Leopardenfelle, dann als Decoration eine zufammengefetzte Tafel von Wolfsfellen, welche fehr weich und dünnlederig zugerichtet und vorzüglich fchön genäht waren; gute Zurichtung und feine Näherei find überhaupt ein auszeichnendes Merkmal der chinefifchen Kürfchnerei; die in letzterer Zeit öfter im Handel vorkommenden, in grofser Kreuzform zufammengefetzten Tafeln von chinefifchen leichten Zobelfellen, welche auch vortrefflich geblendet find, bezeugen dies genügend, und wir bedauern lebhaft, dafs die wegen der originellen Formen fertiger Pelzgegenstände und wegen der vorzüglichen Arbeit fehr intereffanten chine fifchen Kürfchnerwaaren nicht vertreten waren. Japan endlich hat eine Menge der in feinen Gewäffern lebenden Seeottern, welche nach China, Rufsland und England exportirt werden, fowie einzelne Exemplare von kleinen, rauhen Bären- und von Marderfellen ausgeftellt, welch' letztere fehr klein und ftruppig find und mit den europäiſchen Edelmardern wohl Aehnlichkeit haben, ihnen qualitativ aber weit nachftehen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. UN FER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. LEDERWAAREN. ( Gruppe VI, Section 2.) Bericht von HERMANN LICHNOVSKY, Riemer und Sattler in Wien. KAUTSCHUKWAAREN. ( Gruppe VI, Section 4.) Bericht von ISIDOR SCHNEK, Gummiwaaren- Fabrikant in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. Anolds KVDI2CHOKYTKEZ 8 пор 2- BEKICHI LEDER WAAREN. ( Gruppe VI, Section 2.) Bericht von HERMANN LICHNOVSKY, Riemer und Sattler in Wien. Unter diefem Titel wird mancher der Lefer vielleicht eine ausführliche Darftellung des ganzen, keineswegs unbedeutenden Riemer- und Sattlergewerbes erwarten, da nach der officiellen Gruppeneintheilung eben im Allgemeinen Riemerund Sattlerwaaren hier eingereiht erfcheinen und in der That auch auf der Aus ftellung in den Höfen, Seitengallerien und der Hauptgallerie die Gefammtheit des ganzen Riemer- und Sattlergewerbes nach den Producten zufammenhängend und zufammengehörig ausgeftellt war. Ja felbft der Rohftoff oder das Halbfabricat kam in der 2. Section der VI. Gruppe häufig durch die einzelnen Ausfteller zur Anficht. Es ist keineswegs zu leugnen, daſs, wenn diefs eben nicht blos der Ausdruck der Unordnung in der Wiener Weltausftellung, nach welcher die verfchiedenften Artikel an den verfchiedenften Orten ebenfo wie das Nichtzufammengehörige nicht zufammengehörig ausgeftellt wurde, gewefen wäre, es iſt nicht zu leugnen, dafs gerade durch die Darftellung des Rohftoffes neben dem Halbfabricate und Ganzfabricate dem Befucher der Ausstellung der gröfste Nutzen. geboten worden wäre. Rechnen wir noch hinzu, dafs jedes Gewerbe feine eigenen Werkzeuge und Mafchinen ebenfo wie feine eigene Handhabung der Werkzeuge hat, fo würde, wenn diefs Alles nach den einzelnen Gruppen vertheilt zur Ausftellung gebracht und auch wirklich zufammenhängend ausgeftellt worden wäre, der belehrende und fördernde Zweck der Ausftellungen nur erhöht worden fein. Wir fahen in unferem Gebiete nur in der amerikaniſchen Abtheilung neben den ausgeftellten Riemerwaaren die Nähmaschinen, welche das dickfte und kernigfte Leder mit aufserordentlicher Leichtigkeit nähen und ſteppen, ausgeftellt. Wir werden darauf noch zurückkommen und haben an diefer Stelle eben nur zu erwähnen, dafs unfere Berichterstatter- Aufgabe bedeutend leichter ift, als es nach der Zahl der ausgeftellten Waaren oder gar nach dem Wunfche, wie die Waaren ausgeftellt werden follten und wie wir diefs foeben ausgefprochen haben, fcheinen mag. In erfter Richtung nämlich müffen wir das ganze Gebiet des Rohftoffes, der Häute und der verfchiedenen Lederforten von Vorneherein ausfcheiden, nachdem dasfelbe durch den erfahrenen Lederfabrikanten J. Goldfchmidt aus Prag eine fo umfaffende und belehrende Darftellung gefunden hat. Weiter hängt das Riemerund insbefondere das Sattlergewerbe, was Reifefäcke, Felleifen u. f. w. anbelangt, fo innig mit der Kurzwaaren- Erzeugung zufammen, dafs der Berichterstatter über 1* 2 Hermann Lichnovsky. diefes Gebiet auch die Betrachtung der ausgeftellten Sattler- und Tafchnerwaaren für fich in Anspruch genommen hat. Die zur Militärausrüftung gehörigen Riemzeuge und Sattlerproducte hat die officielle Gruppeneintheilung felbft ausgefchieden und der Gruppe XVI, Section 1, Heeresorganiſation, Truppenausrüftung u. f. w. zugewiefen. Wir verweifen daher auf diefe beiden Berichte ebenfo wie auf den Bericht der Gruppe VI, Section I, und fchränken unfere eigene Berichterstattung, wenn wir fo fagen dürfen, auf das bürgerliche Riemergewerbe ein. Dabei wollen wir uns fo kurz als möglich faffen und geben von Vorneherein die Ländereintheilung und Folge derfelben im Ausftellungspalafte auf und folgen in unferer Betrachtung zuerft den Meiftern des Riemergewerbes: den Spaniern und Italienern, dann den Ruffen, deren gewerbliche Thätigkeit ein vortreffliches Rohmaterial unterftützt; dann wollen wir den deutfchen und öfterreichifchen Ausftellungsobjecten unferer Branche unfere Aufmerkfamkeit zuwenden. Am Schluffe müffen wir der eigenthümlichen Erzeugungsweife und der Ausftellungsgegenstände der Amerikaner gedenken. Sie haben zuerft die Nähmaschine bei der Erzeugung ftarker Riemerwaaren verwendet und verwenden fie heute noch faft ausfchliefslich, die Handarbeit gänzlich damit verdrängend. Die Frage der Benützung der Nähmafchinen wurde übrigens allenthalben und auch bei uns in Oefterreich für das Riemergewerbe ernftlich in Erwägung gezogen, aber ift keineswegs zum Vortheile derfelben entfchieden worden. Spanien ift das Land der kunftvollften Riemerartikel und gewiffermafsen die Schule der höchftentwickelten Riemerei, was Kunftfertigkeit, Pracht und Glanz der Arbeit zumeift der Sättel und Reitzeuge anbelangt. Vielfach werden die Producte für Mufeen und Schulen als Mufter und Vorlagen auf dem Continente angekauft, und find in der That wahre Mufter für künftlerifche Motive bei einem Gewerbe, das, wenn auch keineswegs guten Gefchmack ausfchliefst, doch wegen feiner praktiſchen Ziele der Kunft wenig zugängig ift. Die Reitfättel von Garcia Dorado aus Valladolid ebenfo wie die Herren- und Damenfättel von Rodri guez Zurdo J. in Madrid zählten zu den fchönften der Ausftellung. Ein Einfpänner Cabriolet von braunem Naturleder war fo aufserordentlich glanzvoll gearbeitet, dafs nichts mit demfelben zu vergleichen und man in Verfuchung war, dasfelbe lieber in einem Muſeum aufbewahrt als dem Gebrauche zugeführt zu fehen. Viel gibt auch das Nationalcoftume, die zahlreichen Riemzeugbehänge der fpanifchen Pferde und Maulthiere dem Riemer zu thun und ift ficherlich diefs gerade die lebendige Förderung des ganzen, fo hoch entwickelten Gewerbes. Italien fteht mit feinen Riemerwaaren, Sätteln und Gefchirren den fpanifchen Erzeugniffen zunächft. Rom und Florenz leiften ganz Vorzügliches und zeigte ein Cabriolet von geprefstem Leder, welche Mühe und Sorgfalt man der Ausstattung zuwendet. Nicht allein derartige Prachtftücke, fondern auch die gewöhnlichen Gefchirre, wie fie Farlatti aus Genua, Mafetti aus Bologna und Andere ausgeftellt hatten, waren ganz vortrefflich und überaus forgfältig gear beitet. Rufsland wird in der Erzeugung von Gefchirren, Sätteln u. dgl. durch ein vorzügliches Rohmaterial und eine ganz eigenartige Bearbeitung desfelben aufserordentlich unterſtützt. Die für Riemzeug und Sattlerwaaren beftimmten Häute werden in einem eigenthümlich zugerichteten Fett fo lange gedreht und gewalkt, bis fie vollkommen gefättigt jedem äufseren Einfluffe widerftehen. Das fertige Leder ift fo erzeugt ganz unanfehnlich, ja faft ordinär, aber der daraus erzeugte Riemen und wenn er noch fo fchmal ift, ift von aufserordentlicher Feftig. keit und Dauerhaftigkeit und widerfteht der äufserften Anftrengung und Benützung. Die ruffifchen Pferdegefchirre werden daher auch aus lauter fchmalen Riemen zufammengefetzt und geben dadurch dem ganzen Zeug trotz des fcheinbar ordi Lederwaaren. nären Materiales ein aufserordentlich flinkes Anfehen. Dazu kommt freilich noch, dafs der ruffifche Sattler bei dem Luxus, den man in Pferdegefchirren und Sattlerwaaren liebt, Vergoldung und Verfilberung zumeift beim Gefchirr im reichen. Mafse verwendet. Schifchkin Athanafius und Stefan aus Moskau haben derar tiges Pferdegefchirr ausgeftellt, das allgemeine Anerkennung fand, ebenso wie die Sattlerwaaren bei Kalefchen und Phaëtons, wie fie in der Wagenhalle zu fehen waren. Was in diefer Richtung übrigens Kunftfertigkeit und hoher Gefchmack leiften können, das zeigte vor Allem Frankreich. Wenige mögen das franzöfifche Riemzeug beachtet haben, aber ficherlich ift Niemand die gelungene Ausstellung der franzöfifchen Wagen, Luxus- wie Reifewagen entgangen. Paris hat von jeher das Aufserordentlichfte in diefer Richtung geleiftet und wir verfuchen nicht, die einzelnen Objecte und ihre Ausftattung zu befchreiben, nachdem gewifs jeder Befucher der Ausftellung die Wagen von Mühlbacher, von Perrouffet& Samuel, die von Poitraffon, ebenfo wie von Riegel frères aus Paris im Gedächtniffe hat. Das franzöfifche Gefchirrzeug ift fchön gearbeitet, auch ganz dauerhaft und verlässlich, aber keineswegs die öfterreichiſchen Geſchirrzeuge übertreffend. In der deutfchen Abtheilung waren zumeift aus Breslau und Leipzig zahlreiche Riemerarbeiten ausgeftellt, die alle ein ganz vortreffliches Material auszeichnet, aber keineswegs ein befonderer Gefchmack. Sie find unendlich fchwer gearbeitet, ohne jede paffende Façon und überdiefs noch aufserordentlich theuer. Ein Breslauer Sattler hatte ein Bruftgefchirr, das zugleich Kummetgefchirr ift, ausgeftellt, von welchem man kaum den Zweck begreifen konnte, da kein Pferd darin zu gehen im Stande ift. Die Leipziger Waare ift weit bekannt und unbedingt die befte in Deutſchland und hatten Gebrüder Döring aus Leipzig Sättel und Reitutenfilien, ebenfo wie E. H. Zimmermann Gefchirre und Sattlerwaare ausgeftellt, die den Ruf der Leipziger Waare vollkommen gut repräfentirten. Das Gleiche ift von den deutfchen Wagen aller Art zu fagen; die Lederarbeit daran ift folid und forgfältig, aber der Schwung und die Eleganz fehlen felbft manchesmal bei den Wagen aus Berlin, obgleich diefe noch zu den beften des deutfchen Fabricates zählen. Die öfterreichifche Riemer- und Sattlerthätigkeit hat fich in den letzten Jahren, zumeift was Pferdegefchirre und Sättel anbelangt, derart entwickelt, dafs namentlich Wien den Ton allgemein angibt und was Gefchmack, Leichtig keit, ebenso wie Preiswürdigkeit und Solidität anbelangt, ganz unübertroffen dafteht. In Betreff von Nationalgefchirren hat von jeher Ungarn, insbefondere Peft ganz Vortreffliches geleiftet. Auch auf der Ausftellung trat die vorzügliche Arbeit, die zumeift in der Lederftepperei fich auszeichnet, ganz bedeutend hervor und war insbefondere ein Bauern- Bruftgefchirr von braunem Naturleder fehr gut und fauber ausgeführt. Den Ungarn kommt die Art ihrer Befpannung überhaupt gut zu ftatten und zeigt fich die Vortrefflichkeit, Leichtigkeit und Sicherheit derfelben in jedem einzelnen Stück. Kein Land übertrifft nach diefer Richtung das ungarifche Sattlergewerbe. Wir können es nicht leugnen, dafs die öfterreichifche gewerbliche Thätigkeit, insbefondere jene von Wien, in diefer Richtung manche glückliche Anregung empfangen hat. In der öfterreichifchen Wagenhalle waren Gefchirre und Sättel von den erften Firmen Wiens, dann von Troppau, Prag, Krakau u. f. w. ausgeftellt, die durch kein anderes Product an Eleganz und Solidität übertroffen wurden. In den letzten Jahren nimmt man zumeift bei Damenfätteln Gold und Silber vielfach in Anspruch, gravirt die einzelnen edlen Befchläge und verbindet fo einen aufserordentlichen Glanz mit dem fonft fo einfachen Product. Wir fehen hier ab von den einzelnen Namen, weil wir die meiften, die 4 Hermann Lichnovsky. Lederwaaren. wir nennen müfsten, auf gleich hohe Stufe ftellen können und dort, wo wir diefs nicht vermögen, wenigftens einer Kritik ausweichen wollen, die fchliefslich in dem Wunfche gipfelt, dafs man das Reclamewefen und die lärmmachenden Zeitungsankündigungen, die von einer gewiffen Seite fehr ausgenützt werden, aufgeben möchte. In unferem Gewerbe laffen fich Erfindungen ebenfowenig in grofsen Mengen machen, als einzelne neuerfundene Arbeitsbehelfe fich nicht rafch einbürgern laffen. Unter folchen Verhältniffen ift das Reclamewefen, wie wenig wir es fonft im wirthschaftlichen Verkehre verdammen möchten, doch nur fchädigend für das Renommée einer gut entwickelten gewerblichen Thätigkeit. Die Producte der öfterreichischen Riemer- und Sattlerinduftrie haben durch fich felbft einen guten Namen fich erworben und der Export von Wien nach Ungarn, den Donauländern, ebenfo wie von Wien und Prag nach Deutfchland ift keineswegs für die Erhaltung unferes guten Gefchäftes zu unterfchätzen. Was nun zum Schluffe die amerikanifchen Riemer und Sattlerwaaren anbelangt, fo müffen wir bedauern, dafs fowohl bei den im Betriebe ftehenden Mafchinen als in der Gruppe VI felbft ausgeftellten Waaren nur ganz einfeitig unfer Artikel vertreten war. Man wollte, fo fchien es wenigftens, zeigen, was die Nähmaschine auch dem ftärksten Riemenleder gegenüber zu leiften vermag. Und in der That waren die ausgeftellten Gefchirre insbefonders fehr fchön und dem Auge ganz wohlgefällig. Trotzdem wird fich bei unferen ſchwereren Wagen in den Gebirgsgebieten, wegen der fteilen Strafsen, die die Zugkraft allenthalben zu überwinden hat, die Mafchinennäherei nicht fobald einbürgern. Der Faden kann bei der Nähmafchine nicht mit Pech beftrichen werden, er ift dadurch fchon weniger haltbar, ganz abgefehen davon, dafs bei dem kleinften Rifs die Maschinennath leicht und fchnell trennt. Dann aber fault der nichtgepichte Faden, weil das Trocknen eines Gefchirres immer längere Zeit braucht und Schwierigkeiten macht, überaus leicht und erklärt den ganz abnormen Verbrauch an Gefchirrzeugen bei den amerikanifchen Wagen- und Pferdehaltern. Dort, wo das Riemzeug vor Näffe aber beffer gefchützt ift, wie bei Sätteln, entspricht die Mafchinennath bedeutend beffer und zeigte die Ausftellung nach diefer Richtung kunftvolle Lederfteppereien, mit denen wir ebenfowenig als die Deutfchen und Franzofen concurriren können. KAUTSCHUKWAAREN. ( Gruppe VI, Section 4.) Bericht von ISIDOR SCHNEK, Gummiwaaren- Fabrikant in Wien. d Obwohl die Kautfchukinduftrie zu den jüngsten Induftriezweigen zählt und erft der Jetztzeit ihre Pflege und Entwicklung verdankt, nimmt fie nichtsdeftoweniger einen erften Rang unter denfelben ein und erhält eine gewichtige Bedeutung, fowohl durch die mannigfaltige praktiſche Verwendung, welche die Kautfchukerzeugniffe überall finden, als auch durch den grofsen Umfchwung, der durch fie in faft allen Theilen des Handels und der Gewerbethätigkeit herbeigeführt wurde. Trotz diefer grofsen Verbreitung der aus Kautfchuk erzeugten Artikel ift bei uns die Abftammung und Herftellung diefes Stoffes aus dem Rohproducte noch wenig bekannt und mit Rückficht auf diefen Umftand, fowie zur Erläuterung der nachfolgenden Darftellungen der vielen aus Kautfckuk fabricirten Objecte wollen wir zunächst mit der Erklärung des Kautfchuks als Rohftoff beginnen. Das Kautfchuk( Gummi elafticum) kommt aus dem tropifchen Theile von Amerika, Afien und in geringerer Menge auch aus Afrika in den Handel und ift der eingetrocknete Milchfaft mehrerer Pflanzen( Siphonia elaftica, Siphonia Bra filienfis, Pao Seringa und anderer). Das oftindifche Kautfchuk von Singapore ftammt befonders von Ficuo elaftica in Affam. Das brafilianifche oder ParaKautfchuk ift die befte aller Sorten; ihr zunächft fteht die„ Negro- heads" genannte Sorte, ferner Guayaquil aus der gleichnamigen Provinz in Südamerika, Borneo in Oftindien, Madagascar in Afrika. Man gewinnt das Kautfchuk, indem man an die Bäume thönerne, in den verfchiedenften Formen gebildete Gefäfse anfetzt und in den Baum mit einer Spitzhacke unmittelbar über dem Gefäfse einen Einſchnitt macht. Der Milchfaft fammelt fich dann in dem Gefäfse und zwar liefern circa zwanzig Bäume einen Liter per Tag davon. Man kann während mehrerer Monate jeden Baum täglich einfchneiden( bei Para von Anfang Juni bis December), ohne dafs er zu Grunde geht. Ein Baum gibt jährlich 100 bis 150 Pfund Kautfchuk. In den gewonnenen Milchfaft taucht man in Amerika ungebrannte thönerne Flafchen, thönerne Schuhformen, Halbftiefel, hölzerne Leiften u. dgl., erhitzt diefe dann über einen langfam brennenden Feuer, bis der an der Form haftende Saft geronnen ift. Alsdann taucht man die Form wieder in den Saft, trocknet ihn und fährt fo fort, bis die Kautfchukfchichte etwa einen halben Zoll ftark geworden ift. Alsdann läfst man das Ganze noch einige Zeit an der Sonne trocknen, und zer 6 Ifidor Schnek. bricht endlich die hohlen Formen, fo dafs nach Entfernung der thönernen Scherben entſprechende Kautfchukgegenftände zurückbleiben, welche in folcher Geftalt in den Handel gebracht werden. Trotz mehrfacher Verfuche, die Kautfchukbäume in unfere Treibhäufer einzuführen, ift es doch nicht gelungen, aus folchen Pflanzen Kautfchuk zu gewinnen, fondern es bildete fich ftets nur ein klebriger Stoff( Vogelleim) an dem Einfchnitte, der nicht die entferntefte Aehnlichkeit mit Kautfchuk befafs. Es ift faft unmöglich, alle Artikel zu nennen, für die die heutige Induftrie das Kautfchuk zu verwenden weifs. Es erfetzt Holz, Horn, Leder etc. in vorzüg licher Weife und ift geradezu zu einem unentbehrlichen Handelsartikel geworden und diefs in überraschend kurzer Zeit. Lange Zeit, bevor man feine grosse Bedeutung einfah, wufste man keine andere Verwendung dafür, als die das Auslöfchen von Bleiftrichen damit zu vollziehen, bis man den hohen Werth, den das Kautschuk durch feine Elafticität befizt( es kann bis auf das Sieben oder Achtfache feiner Länge gedehnt werden), erkannte und fo einem neuen Induftriezweige die Bahn eröffnete. Es mufs uns zur Befriedigung dienen, hervorheben zu können, dafs es ein Oefterreicher war, welcher zuerft das Kautfchuk in der angegebenen Weife zu benutzen verfuchte und in Oefterreich einführte. J. N. Reithoffer war es, der im Jahre 1820 Kautfchuk nach Oefterreich brachte, dasfelben in dünne Fäden fchnitt und daraus Gewebe erzeugte, welche bald in Fankreich, England und Deutſchland Nachahmung fanden. Doch nicht lange liefs man es dabei allein bewenden; man ging weiter und fuchte auch noch durch eine andere Behandlungsweife praktiſche Refultate zu erzielen. Mackintosh in London war der Erfte, welcher die Auflöfung des Kautfchuks mittelft Chloroforms oder Steinkohlenbenzin vornahm, mit diefer Kautfchuklöfung Stoffe verfchiedenfter Art beftrich und diefelben als fogenannte wafferdichte Stoffe in Verkehr brachte. Der gröfste Auffchwung in der Kautfchukinduftrie datirt aber feit der Erfindung der Vulcanifirung desfelben. Das Vulcanifiren des Kautfchuks gefchieht durch Beimengung von Schwefel und anderen Stoffen in dem fogenannten Vulcanifirofen. Das Verhältnifs des Kautfchuks zum Schwefel und die Dauer der Erhitzung bedingen die Elafticität oder die Härte der gewonnenen Maffe. Auf diefe Weife werden die mannigfaltigften Artikel aus dem vulcanifirten Kautschuk erzeugt. Während die erften Guminifchuhe im Urzuftande, fowie fie durch Modelle vom Safte des Baumes gewonnen wurden, in Handel gebracht worden waren und fpäter aus Natur- Gummiplatten mit Leder- oder Guttapercha- Sohlen befetzt, koftspielig erzeugt wurden, werden jetzt Gummifchuhe aus vulcanifirtem Kautfchuk dauerhaft und glanzhaft in den fchönften Formen hergeftellt und haben faft in der ganzen Welt Verbreitung gefunden. Die Fortfchritte, welche die Kautfchukinduftrie feit der letzten Parifer Ausftellung gemacht hat, find höchft bemerkenswerth, fowohl durch die bedeutende Vervollkommnung der hier ausgeftellten Fabricate, als auch durch den grofsen Auffchwung, den diefer Artikel im Handel genommen hat. Zumeift find es die Erfindungen und Einführungen neuer Mafchinen für diefes Fach, welche bei maffenhaft geförderter Production und fortwährendem Aufbringen neuer Handelsartikel diefem Induftriezweige ein nie geahntes Emporblühen verfchafft haben. Die Kautfchukinduftrie zerfällt in drei Hauptabtheilungen, und zwar bildeten fich diefelben nach Mafsgabe der im Früheren angeführten Erfindungen zur Verwendung des Rohkautfchuks auch demgemäfs für die betreffenden Induftriezweige aus. Diefelben umfaffen: 1. Gummigewebe: Erzeugung elaftifcher Gewebe verfchiedenfter Gattung durch Verbindung von Kautfchukfäden mit Baumwoll- und Schafwoll- Garnen oder Seide. 2. Kautschuklöfung: Beftreichung verfchiedenartiger Stoffe mit der Kautfchuklöfung zur Erzeugung waffer- und luftdichter Stoffe. Kautfchukwaaren 7 3. Vulcanifirtes Kautfchuk: Erzeugung der mannigfaltigften Artikel für technische und andere Zwecke, welche wir nachfolgend näher befchreiben wollen. Die Vollkommenheit der Gummi- Webewaaren datirt von der Zeit, als die dazu verwendeten Gummifäden vulcanifirt werden. Hofenträger, Strumpfbänder und ähnliche Artikel wurden früher aus Natur- Gummifäden gearbeitet, was den Uebelftand hatte, dafs diefelben nur bei einem gewiffen Erwärmungsgrade ihre Elafticität beibehielten, während die aus vulcanifirten Gummifäden gearbeiteten ftets die gleiche Elafticität beibehalten. Und wir finden auch, dafs die auf der hiefigen Weltausftellung exponirten Hofenträger faft aller Länder nur mit vulcanifirtem Gummi gearbeitet find. Eine grofse Bedeutung haben auch die elaftifchen Schuheinfätze in den letzten Jahren erlangt, indem fie, mit dem Fortfchritte der Schuhfabrication fich in gleicher Höhe haltend, fortwährend durch Verbefferung in der Erzeugung nicht nur in Bezug auf die Qualität die früheren Leiftungen übertreffen liefsen, fondern auch durch die Vortheile der in Anwendung gebrachten Mafchinen äufserft mäfsige Preife ermöglicht find. Der genannte Artikel wird in England, Schweiz, Deutfchland, Italien, Oefterreich und Ungarn erzeugt; doch arbeitet faft jedes diefer Länder in einem befonderen Genre, und zwar erzeugt England zumeift gewebte Seidenelaftiques, die Schweiz und Italien folche aus Halbfeide, Deutſchland und Oefterreich Baumwolle und Alpacca. Die AlpaccaElaftiques waren bei der Parifer Weltausftellung im Jahre 1867 noch nicht vertreten und find erft in den allerletzten Jahren zu einem bedeutenden Handels, artikel geworden. Der Vortheil derfelben, gegenüber den gewebten, beſteht darin, dafs bei ihnen die in den Zwifchenlagen befindlichen Kautfchukfäden vor dem Einfluffe der Temperatur durch die mit Kautfchuklöfung beftrichenen Stoffe luftdicht fo gefchützt find, dafs fie nicht fo bald, wie es bei den gewebten der Fall ift, zu Grunde gehen können und fich daher namentlich für Schuhe, die zum Export beftimmt find, in vorzüglicher Weife eignen. Bei Gummi Webewaaren entfcheidet die gute Qualität der Gummifäden und namentlich die richtige Vulcanifirung derfelben über ihre Güte und Verwendbarkeit. Denn find die Fäden zu hoch vulcanifirt, nämlich entweder durch Beimengung von zu viel Schwefel oder durch allzu ftarke Erhitzung verarbeitet, fo verlieren fie nach kurzer Zeit die gehörige Elafticität, trocknen aus und brechen endlich ganz, wodurch das damit erzeugte Gewebe gänzlich unbrauchbar wird. Solche Fälle find in früheren Jahren, namentlich bei den nach franzöfifcher Methode gearbeiteten Gummifäden vorgekommen, daher ftets die englifchen, bei denen die richtige Vulcanifirung ftattfand, den Vorzug hatten. Sehr mannigfaltig find die Artikel, welche durch mit Kautfchuklöfung beftrichene Maffa als fogenannte wafferdichte Stoffe erzeugt und in den Handel gebracht werden. Diefe Artikel dienen theils als Bekleidungsstücke, wo fie durch die erwähnte Eigenfchaft Schutz gegen den Regen und überhaupt gegen äussere Feuchtigkeit bilden, theils werden fie für hygienifche und technische Zwecke verwendet. Wie fchon eingangs erwähnt, wurden die erften mit Kautfchuk beftrichenen Stoffe in England erzeugt, aber wir finden fie in erfreulich verbefferter Qualität und Form bei der hiefigen Ausftellung faft aller Länder exponirt. Der fo läftige Geruch, welcher fonft bei diefen Fabricaten faft unvermeidlich fchien, wurde durch Beimifchung chemifcher Subftanzen bei der Kautfchuklöfung faft ganz behoben, und ift diefs ein nicht zu unterfchätzender Fortfchritt der letzten zehn Jahre, wenn man bedenkt, dafs diefe Stoffe oft für Kinder oder Kranke als Bettunterlagen verwendet werden. den Den gröfsten Auffchwung haben in den letzten 10 Jahren die aus vulcanifirtem Kautfchuk erzeugten Artikel aufzuweifen. sound us Gummifchuhe, durch die grofse Concurrenz im Preife bedeutend gedrückt, haben trotz der mindern Qualität des Kautfchuks, welches dazu verwendet wird, doch fowohl durch die vorzügliche Lackirung, als auch durch die zumeift höchft 8 Ifidor Schnek. gefchmackvolle Ausftattung an fchönem Ausfehen gewonnen und werden namentlich in Oefterreich, Rufsland, England und Deutfchland maffenhaft erzeugt. In Waaren von Hartgummi find in erfter Linie die Kautfchukkämme zu nennen, welche durch fortwährende Verbefferungen in den letzten Jahren nahezu den höchften Grad der Vollkommenheit in der Erzeugung erreicht haben, fowohl bezüglich der Ausführung durch Gediegenheit der Arbeit, als auch bezüglich des Preifes. Wefentlich haben zum Auffchwunge diefes Artikels, die in letzter Zeit erfundenen finnreich conftruirten fogenannten Doublirmafchinen beigetragen, welche eine fparfame Verwendung des Materials ermöglichen. Durch diefe Maschinen können nämlich die verfchiedenften Façons von Kämmen aus einem Stücke Kaut. fchuk ohne Materialverluft erzeugt werden, indem durch einen Druck zwei Kämme immer zugleich erzeugt werden, welche Zahn an Zahn ausgeprefst werden. Es ift daher leicht erklärlich, dafs die Kautfchukkämme nach und nach die Hornkämme und felbft die Elfenbeinkämme verdrängen. Galanteriewaaren aus Hartgummi fanden wir wohl nur durch wenige Aussteller vertreten, jedoch in einer Vollkommenheit, dafs felbe die Bewunderung des Laien, fowie des Fachmannes anregen mufste. Wir kommen fpäter bei Besprechung der Ausftellungsobjecte nach Ländern auf diefe höchft intereffante Expofition zurück. Artikel für technifche Zwecke fanden wir in der verfchiedenartigften Weife, wenn auch nicht maffenhaft, aber doch in vorzüglichfter Qualität ausgeftellt. Und fo wie es faft keine Mafchine gibt, bei welcher nicht Kautfchuk, theils als Schlauch, theils als Dichtungsmaterial, als Zugkraft oder als Mittel, einen Stofs zu vermindern, in Anwendung gebracht wäre; fo finden wir mehrere neue Artikel in der finnreichften Weife für Specialitäten technifcher Zwecke conftruirt, die in mannigfaltigfter Art benützt werden. Guttapercha unterfcheidet fich wefentlich von Kautfchuk, denn obwohl Guttapercha aus einem dem Kautfchuk ähnlichen Milchfafte eines Baumes( Ifonandra Gutta Hooker) befteht, der in den tropifchen Ländern, namentlich auf Singapore und den benachbarten Infeln auf der Südfpitze von Malacca etc. etc. einheimifch ift, hat dasfelbe nicht die Eigenfchaft der Elafticität und ift auch nicht zur Vulcanifirung geeignet. • Im Urzuftande ift dasfelbe trocken und hart, wird aber bei einer Temperatur von 30 Grad formungsfähig. Zwar find die Hoffnungen, welche man feiner Zeit auf das Guttapercha gefetzt, nicht erreicht worden; dagegen findet dasfelbe eine höchft wichtige Anwendung und Verwerthung als Ifolirungsmaterial zu Telegraphen und in neuefter Zeit ein unentbehrliches und bis jetzt nicht erfetzbares Material zur Erzeugung des Kabels. Eine ebenso wichtige und nützliche Verwendung findet das Guttapercha für hygieniſche Zwecke als Guttapercha- Papier und Guttapercha Leinwand. Wir bringen nachfolgend eine Tabelle über die Ausfuhr von Kautschuk aus Para feit 15 Jahren, fo wie die Preisbewegung und den Vorrath in jedem Monate feit dem Jahre 1861 bis 1872 nach amtlichen Berichten. Es ift dadurch für den Fachmann fo mancher Anhaltspunkt zu Studien geboten, da wir einerfeits finden, wie bei dem erhöhten Bedarfe auch der Preis succeffive fich gehoben, und wie wieder anderfeits bei grofsen Vorräthen in Folge fchlechten Gefchäftsganges oder in Zeiten des Krieges etc. der Preis rafch gewichen ift. Siehe Tabellen Seiten 10 und II. Indem wir daran gehen, die Leiftungen der einzelnen Aussteller nach Ländern zu beurtheilen, können wir nicht unterlaffen, das Bedauern darüber auszudrücken, dafs fich mehrere der gröfsten und bedeutendften Kautschukfabriken Englands von der Ausftellung fern gehalten haben, wodurch fo manche Lücke in den exponirten Artikeln entftand. Kautfchukwaaren. 9 Brafilien, welches, wie fchon früher erwähnt, die beften Qualitäten von Rohkautfchuk producirt, war durch drei Ausfteller vertreten, welche verfchiedene Sorten von Kautfchuk ausftellten und die von der forgfältigften Behandlung diefes Artikels Zeugnifs gaben. Nord- Amerika war in Kautfchukwaaren durch einen Ausfteller aus Bofton Ruber Thor& Comp. vertreten. Es waren jedoch nur einige Paar Gummifchuhe, Telegraphendrähte mit vulcanifirtem Ueberzug hier ausgeftellt, was im Verhältniffe zu der in Amerika ziemlich entwickelten Kautfchuckerzeugung kein Bild der dortigen Induftrie bot. Beffer war die Hofenträger- Erzeugung von der The American Suspender & Comp. in New- York vertreten, welche Waare mit gut gearbeiteten Gummibändern und fchöner Ausftattung einen entfchiedenen Fortfchritt auswies. Wir finden hier die Theilung der Arbeit praktiſch durchgeführt, indem fich diefe Fabrik nur auf die Erzeugung der Gummibänder für Hofenträger befchränkt und die dazu gehörigen Vorder- und Hintertheile aus Leder in einem anderen Etabliffement anfertigen läfst, um fie dann zu fertigen Hofenträgern ausftatten zu laffen. England war, wie fchon früher erwähnt, im Verhältniffe zu der Entwicklung in diefem Induftriezweige fehr fchwach vertreten und fahen wir nur wenige Firmen an der Ausftellung betheiligt. W. Warne& Comp. in London, eine der gröfsten Fabriken in England, brachte Gegenftände aus rothvulcanifirtem Kautfchuk von fchöner und gleichmässiger Formung und Ausführung, vulcanifirte Gummifäden mit egalem Schnitte, in Ketten eingetheilt Schläuche und diverfe Gegenftände zu techniſchen Zwecken. Turna, Archibald& Comp. in Leiceſter ftellten Seiden- Elaftiques für Schuhe aus in fchöner Ausführung; Simon May& Comp. in Nottingham SeidenElaftiques in verfchiedenen Farben, fo wie geklebte Einfätze mit Platteneinlagen; B. Birnbaum in London Anzüge aus wafferdichtem Stoffe, welche mit Kautfchuklöfung beftrichen find. Diefe zeichnen fich durch höchft gefchmackvolle und elegante Ausfertigung als Bekleidungsstücke aus. Frankreich hat fich auch wenig betheiligt. Einen erften Platz unter den franzöfifchen Ausftellern nahm die Compagnie nationale A. Hutchinfon & Comp. in Loiret und Langlée bei Montargis ein, welche fowohl in Gummifchuhen als auch in wafferdichten Bekleidungen, fowie in Artikeln für techniſche Zwecke Vorzügliches leiftet und durch ein ziemlich reichhaltiges Sortiment feine Thätigkeit zur Anfchauung brachte. Fromage& Comp. in Rouen brachte elaftifche Hofenträger, Strumpfbänder und Gürtel in fchöner Ausftattung. Die Gummibänder zeichnen fich durch gelungene Farben aus. Die Strumpfbänder und Gürtel durch reiche und luxuriöfe Ausfertigung, wie fie eben nur auf dem franzöfifchen Markte, wo folch theuere Waare gefucht wird, gangbar ift. Italien war blos durch einen Aussteller vertreten, nämlich L.& V. Fratelli Saffi in Mailand, welche elaftifche Schuheinfätze ausftellten. Es find diefs zumeift halbfeidene gewebte Elaftiques, welche durch reine Arbeit und entſprechende Dehnbarkeit als ziemlich gelungene Waare bezeichnet werden können. 10 Ifidor Schnek. Ausfuhr von Kautfchuk Kautfchukwaaren. 11 aus Para feit 15 feit 15 Jahren. Jahr. Tons. 1857 1.670 1858 1.660 1859 2.155 1860 2.295 1861 1862 2.11O Directe und indirecte Zufuhr nach Liverpool feit 11 Jahren 1.488 2.475 1.275 1863 2.890 1864 1865 1866 1867 1868 1869 1870 3.495 1.590 3.695 4.160 1.890 1.880 4.300 1.968 4.785 5.211 4.725 : 871 Eftimirt 5.650 2.955 1.925 2.875 3.735 1.497 Preife von frifch fein Para und Negroheads im Laufe des Monates und Vorräthe am 7. jedes folgenden Monates aufgenommen. 1851 1862 1863 1864 1865 1866 1857 1868 1869 1870 1871 : 872 1.92 à 1.9 1.11/ 2à1 113 13 à 1.2 180 Fein 20 à 1.10 Jänner Februar Negrohead Vorrath tons Fein. Negrohead Vorrath tons 15 à 1.3 83 I.II à 20 10 à 1.32 380 2.1 à 2.12 1.101/ 4à1 103/4 1.23 à 1.4 122 à 13 1.72 à 1.8 1.2 à 1.21/ 2 260 600 405 1.72 à 1.6 1.0 à 1.1 345 1234 à 1.3 455 12/2 à 1.214 240 Fein März 112 à 1.3 555 1.6% à- 1.2 à 1.12 440 Negrohead. Vorrath tons IO à II 2012 à 1.11 1.10/ 2à1 103 1.2 à 1.22 455 19 à 22 1.11/ 2à1 1134 1.1034 à 1.11 1.10/ a1 10/2 10 à 14 1.2 à 12 490 150 295 22 à 20 20 à 21 22 à 132 14 à 12 165 20 á 220 400 21 à 20 10 à 12 55° 1.11 à 1.11 1.1 à 1.22 43° 1.11/ à1 11/2 1214 à 13 545 1.10 à 1.10/ 4 113 à 12/2 748 1.92 à 1.10 12 à 12% 630 1.61 à- 1.13 à 12 410 1.6 1.6 1.1 à 10/2 550 Fein April Negrohead Vorrath tons Mai Fein.. Negrohead Vorrath tons 11 à 122 Juni Fein... Negrohead. Vorrath tons 20 à 11 à 12/2 205 Fein Juli 1.0 à 1.1 640 555 1.10 à 18 0.112 à 0.11. 474 1.10 à 1.11 1.102 1.II à 1.O 535 1.103 à 1.11 1.12 à 595 - 183 à 19 122 à 124 10% à 488 Fein. 17 à 16 0.11 à 0.9/ 2 18 à 19 17 à 18 112 à 122 102 à 11/2 Vorrath tons 425 345 545 665 400 Fein 16 à 17 October Negrohead Vorrath tons November Negrohead. 0.9 à 0.10/ 2 360 20 à 21 1.11 à 1.112 11 à 12/2 1.12 à 1.3 460 34° 1.7 à 18 18 à 2012 1.12 12 475 Fein • Vorrath tons Fein 17 à 1.9 21 à 20 1.10/ 2 à 1.11 13 à II 318 December Negrohead Vorrath tons I O. II à - 310 0.10 à 0.1034 385 1 8 à 1.9 1.112 à 2012 1.104 à 103 1.62 à 1 7/2 1.22 à 13 1.1 525 1.61/ 2 à 1.7 à 1.12 455 1.7 à 1.10 40 2.7 à 2.8 II à 12 250 1.212 à 1.3 580 I.I a I.2 I.IO 250 70 Auguft Negrohead Vorrath tons Fein. Negrohead Vorrath tons September Negrohead. 1.118 à 1.10 II à O'11/ 2 360 515 1.92 à 1.11 O.II à II 515 1 2 à 1.22 700 1.102 1.11 1.2 à 1.2 1.103 à 20 1.11 à 1.112 0.11 à 12 1.14 à 1.22 1.22 à 124 630 715 1.0 à 1.I 480 1.72 à 173/4 1.9 à 1.10 0.10/ 2 à 11 1.11 à 1.112 1.9 à 192 1.6 à 1.72 122 à 13 698 1.9 à 1.9 I.II 150 2.8 à 3.1 2.4 1.72 à 1.9 1.22 à 1.3 1.11 à 1.10/ 2 1.4 à 1.3 2.12 à 2.3 1.22 à 1.32 300 140 1.102 à 2.4 130 2.8 à 2.3 20 à 1.8 145 2.3 à 2.5 1.8 à 20 160 2.42 à 2.52 1.9 à 2.42 1.3 à 1.6 85 24 à 2.2 1.6 à 130 2.32 à 2.2 2.4 à 2.1 2.52 à 2.72 1.7 1.5 1.4 à 1.5 55° 2.0 à 2.2 2.62 à 2.7% à 1.4 1.22 à 13 2.8 à/ I. 1.32 à 1.8 195 2.2 à 2.5 1.3 à 32 1.7 à 1.8 35 à 31 2.10 à 2 11 2.1 à 2 2 420 340 3.1 à 3.4 2.10/ 2à2 103 1.72 à 1.92 2.2 à 2.3 2 à 2/32 IC40 3/ à:/ 1 a 2/32 à 2/4 180 180 335 IIIO 2,42 à 27 1.6 à 1.7 1.32 à 1.42 32 à 34 1.934 à 1.92 375 200 455 2 101, à 210 2.23 à- 375 3/1 à 2/ 2/4 1255 1.9 à 1.6 IIO 2012 à 23 142 à 17 170 3.4 à 38 2.92 à 2.81% 2/11 I.IO à 21 335 635 22 à 1.11 890 2.22 à 2/3 2.3 à 22 1.9 à 1.6 1.7 à 152 1.5 3.7 à 38 281/2 à 2.10 2.1 à 22/2 235 265 700 385 53° 2.12 à 1.6 à 2.22 à 2 4 2.12 à 2.32 1.6 à 2.61/ 2 à 2.10 3.5 à 36 1.42 à 1.5/ 2 270 150 755 1.22 à 1.5 285 2.1 à - 655 2.12 à 26 2.3 à 21/2 23 à 2.2 2.10 à 2.10/ 2 30 à 35 1.6 à 1-5 280 2 42 à 1.4 16 à 660 245 20 à 22 520 2.3 à 22 à 20 2.10 à 2.94 2.9 à 3.0 1312 à 1.3 15 à 142 235 2.0 à - 340 955 2.52 à 2.12 17 à 113 à 1.5 270 2.0 à 2.7 1.6 à 1.11 300 2.5 à 1-11 à 230 2.5 à 2.4 1.11 à 1.10 395 2.31% à 2.0 19 à 172 345 2.12 à 2.0 1.5 a 1.4 120 2.1/ 2 à 2.3 1.42 à 1.6 440 2.0 à 2.2 2.81/ 2 2.10 1.22 à 1.3 1.22 à 1.32 30 320 2.42 à 2.2 2.3 à 2.5 I 24 à 1.4 1.7 à 1.52 75 2 1 à 2.0 205 2.6 à 2.4 135 20 à 21 1020 à 2.10 3.0 21 à 22/2 725 3.0 à 31 700 3.0 à 3.0% 1395 2.11 à 3/1 2.23 à 2/4 1325 2.12 à 3/1/2 2.312 960 3/1 à 2/11 2/3/2 à 2/21/2 960 2/10/2 à 2/8 2.3 à 3.3/ 22/ 21/ 2 à 2/1 650 2.10/ 2 à 3.1 3012 à 2.10 22 à 23 2.32 à 2.21/ 2 315 2.10 à 332 2.10, à 30 2/8 à 2/42 2 à 1/10 810 2/4 à 2/8 1,9 à 2/- 605 550 2.10 à 2.9 1.3 a 15 45 22 à 300 2.1 à 2.0 54° 33 à 35 2.10 à 2.11 281 à 28 2/61/2 à 2/81/2 1.42 à 1.5 2.1 2.2 2.0 à 195 235 625 I. II à 2.4 à 2.3 35 36 2.8 à 2.10 28 à 2/ 8/ à 2/10/2 1.6 à 12/2 155. 14 à 1.234 à 1.2 1.5 a 17 15 290 65 2.0 à 2.1 190 20 a- 970 2.0 à 1.10 1.72 à 1.6 215 1.10 à 172 1.52 à 1.42 1.42 à 1.2 IO ΙΟ 1232 355 1/11 à 2/ 510 2/72 à 2/2/2 450 12 Ifidor Schnek. Rufsland war wohl auch nur durch einen einzigen Ausfteller, aber von eminent hervorragender Bedeutung, vertreten. Es ift diefs die Firma: Ruffifchamerikanifche Gummiwaaren- Compagnie in St. Petersburg, welcher die höchfte Auszeichnung( Ehren- Diplom) von der internationalen Jury zu Theil wurde. Wir fanden hier die mannigfaltigften Artikel der Kautfchukfabrication in vollendetfter Weife ausgeftellt. Artikel für technifche Zwecke, chirurgifche Gegenftände, Gummibälle, Luftpolfter und Regenmäntel in exacter und präcifer Ausführung. Befonders find es die Kautfchuküberfchuhe, welche unfere Aufmerkfamkeit erregten, fowohl durch die gefchmackvolle Façon, als auch durch die Güte des dazu verwendeten vorzüg lichen Materiales. Gefchützt durch einen ziemlich hohen Eingangszoll ift diefe Fabrik, bis jetzt die einzige in Rufsland, im Stande, ihrem Fabricate die gröfste Sorgfalt zuzuwenden, und nicht nur das befte Rohproduct zu verwenden, fondern auch fich manchen Luxus in der technifchen Ausführung zu erlauben, welcher ihren aus. ländifchen Concurrenten aus natürlichen Gründen nicht geftattet ift. Immerhin ift es ein Verdienft der genannten Firma, die Kautfchukfabrication in Rufsland auf eine bedeutende Höhe gebracht und dem Artikel weithin im ruffifchen Reiche Verbreitung verfchafft zu haben. Deutfches Reich. Der verhältnifsmässig gröfste Auffchwung der Kautfchukfabrication in den letzten zehn Jahren ift in Deutfchland in auffallender Weife bei der Wiener Weltausftellung zu beobachten. Nicht nur die vermehrte Anzahl der neu entstandenen Fabriksetabliffements, fondern auch die erhöhte Production im Allgemeinen, fowie die reichen und gefchmackvollen Sortiments der verfchiedenften Artikel von Hart- und Weichgummi, von gewebter und geklebter Gummiwaare, zeigen es, dafs fich Deutſch land auf einer fehr beachtenswerthen Stufe der Entwicklung und des Fortfchrittes auf dem Gebiete der Kautfchukfabrication befindet. H. C. Mayer junior in Hamburg exponirte feine Fabricate in einer Weife, dafs fchon das Object als Ganzes zur Zierde der Wiener Weltausstellung beitrug, um fo mehr, als nicht nur die im Schranke felbft enthaltenen Fabricate, fondern befonders und in hervorragender Weife fchon das Aeufsere des Ausftellungsobjectes die auf künftlerifcher Höhe ftehende Vollkommenheit diefes Artikels darftellte. Jedem Befucher der Ausftellung mufste in der Rotunde die fchwarze glänzende Säule aus einem Stücke Hartgummi in's Auge fallen, welche vier Meter hoch war und 1 15 Meter im Durchmeffer hatte. Die rechts und links angebrachten Büften zeigten Humboldt und Liebig meifterhaft ausgeführt. Die Reliefs, Amerika, Afien, Afrika und das Hamburger Wappen, waren aus Broncehartgummi nach Thonmodellen, die runden Säulen mit fchwarzem Hartgummi fournirt und die übrige Fournitur beftand aus Marmorhartgummi. Die Schränke enthielten die verfchiedenften Artikel aus Hartgummi, von welchen wir als die bedeutendften: Gummikämme, Stöcke, Dofen und Etuis aus Hartgummi, Telegraphen- Ifolatoren hervorheben und aufserdem eine Anzahl der fchönften und gefchmackvollften Galanteriegegenstände. Letztere find in Hunderten von Muſtern vertreten und geben Zeugnifs von der ausgezeichneten Leiftung diefer Fabrik. Ueberdiefs werden von diefer Fabrik auch Platten von Hartgummi in den verfchiedensten Dimenfionen ſchwarz und färbig in den Handel gebracht, wodurch die Anfertigung der verfchiedenen Schmuck- und Galanteriegegenstände, welche in den letzten Jahren theils durch die Mode, theils durch den wahren Bedarf einen ungemeinen Auffchwung genommen haben, auf den Kleinbetrieb überge. gangen ift. Diefe Hartgummiplatten werden befonders zu vielerlei technifchen, electrifchen, chemifchen und chirurgifchen Zwecken verwendet. Kautfchukwaaren. 13 New York Hamburger Gummiwaaren Compagnie in Hamburg, ein neu entstandenes Etabliffement, brachte Kämme guter Qualität. Amerikaniſche Gummiwaaren Fabrik Mannheim ftellte gut gearbeitete Kämme und Schmuckgegenftände aus vorzüglichem Materiale aus. H. Roft& Comp. in Harburg. Gegenftände zu technifchen Zwecken aus. Weichgummi und Guttapercha. Letztere zeigen von richtiger Anwendung und Bearbeitung des paffenden Materiales. Gebrüder Levinftein in Berlin. Geklebte Gummi- Einfätze für Schuhe, welche durch ihre reine Ausführung zu den beften Arbeiten diefes Artikels gezählt werden können. Die Schweiz war durch zwei Ausfteller vertreten: A. Spielmann in Schaffhaufen und Wilh. Reiner in Aarau, welche beide gewebte Schuh- Elaftiques, zumeift Halbfeide und Seide, ausftellten. Ein Fortfchritt war bei der Expofition diefes Landes nicht zu bemerken. Oefterreich. Wie wir gleich Eingangs unferes Berichtes zu erwähnen Gelegenheit hatten, kann Oefterreich für fich den Ruhm in Anfpruch nehmen, die Wiege der Kautfchukinduftrie zu fein. Diefe Induftrie ift aber nicht in den Kinderfchuhen geblieben, fondern fich ftets auf der Höhe der Zeit haltend, in rührigem und unaufhaltfamem Fortfchritte zu einer erfreulichen Entwicklung gereift. Trotz der Ungunft der Verhältniffe und den bekannten Schwierigkeiten, mit denen die öfterreichische Induftrie im Allgemeinen zu kämpfen hat, hat Oefterreich den Kampf gegen die mittlerweile mächtig aufgetretene Concurrenz des Auslandes in Kautfchukwaaren aufgenommen und führt ihn fiegreich durch. Die öfterreichifche Ausftellung der Kautfchukinduftrie zeigte fo recht klar, dafs die Ausfteller diefer Branche das richtige Verftändnifs für das Wefen, den Zweck und die Bedeutung der Weltausftellung hatten, indem fie fich darauf befchränkten, die gewöhnliche marktläufige Waare allerdings in reichhaltigen Collectionen der verfchiedenften Abftufungen, Sorten und Qualitäten zu exponiren. Ganz im Gegenfatze zu ihren ausländifchen Concurrenten- welche eigens Waaren anfertigen liefsen, die wohl den Laien beftechen konnten, jedoch weniger für den reellen Bedarf zu verwenden waren fehen wir in der öfter reichifchen Abtheilung nur courante, aber durchaus folid gearbeitete Waare. - Vereinigte Gummiwaaren Fabriken Harburg- Wien vormals Menier-- J. N. Reithoffer. Diefe Firma, welche fowohl für ihr hiefiges Etabliffement, als auch für Harburg an zwei verfchiedenen Stellen exponirte, hat ein Sortiment der verfchiedenartigften, faft fämmtlicher in diefes Fach einfchlagender Artikel ausgeftellt. Die Kleidungsstücke aus Gummiftoft find gut gearbeitet und geruchlos, die Kämme und Galanteriegegenftände mit feiner Polirung, die Kautfchukfchuhe rein und fchön lackirt. Als Specialität fahen wir Schläuche von riefigen Dimenfionen zur Bewäfferung grofser Oekonomien, fo wie zur Entwäfferung der Niederungen mit 15 bis 18 Zoll Durchmeffer. Bemerkenswerth find auch die von diefer Firma ausgeftellten Kautfchuk Fufsmatten und Läufer in verfchiedenen Formen mit gefchmackvollen Deffins. Diefe Expofitionen beweifen deutlich den riefigen Fortfchritt diefes Artikels in den letzten Jahren. Die Erzeugung der beiden Fabriken Harburg. Wien beträgt jährlich: Technifche Waaren Schuhe Kleidungsstücke 1.565.000 Zollpfund 1,367.300 Paar 97.000 Stück Ifidor Schnek. Kantfchukwaaren. 14 Bälle und Ballons. Figuren Stoffe gummirt Kämme 1 Gummifäden 726.000 Dutzend 24.225 Dutzend 731.500 Ellen 541.700 Dutzend 39.540 Zollpfund. L. Stephan in Wien exponirte verfchiedene Kautfchukartikel für tech nifche Zwecke, Weichgummi und Specialitäten in Gutapercha, die von richtigem Verftändnifs der Anwendung des Materials zeigen und wobei befonders die Schläuche zu erwähnen find, die derfelbe bis 400 Fufs Länge erzeugt. A. M. Birnbaum in Teplitz ftellte ein reichhaltiges Sortiment von allen Gattungen Gummiwebwaaren aus, von welchen wir aber hauptfächlich die Hofenträger erwähnen, weil diefelben von diefer Firma in der vollkommenften und grofsartigften Weife in Oefterreich erzeugt werden. Man fieht es auf den erften Blick, dafs die Bänder auf mechanifchen Webftühlen erzeugt werden, da diefe Egalität und Reinheit der Arbeit in keiner anderen Art herzuftellen ift. Auch die Ausfertigung und Adjuftirung der Waare zeigt einen fo ausgebildet feinen Gefchmack, dafs es ganz erklärlich ift, wenn diefes Fabricat nicht nur in Oefterreich, fondern auch im Auslande den beften Abfatz findet. Hille& Hampel in Schönau exponirten Hofenträger meift billiger Sorten, die aber verhältnifsmäfsig gut gearbeitet find. Schneck& Kohnberger in Wien. Expofition von Alpacca und gewebte Schuh- Elaftiques von vortrefflicher Qualität und fehr fchöner Arbeit. Hier waren auch ganze Anzüge aus Kautfchukabfällen ausgeftellt, die bei ihrer Feftigkeit und Billigkeit, 3 Gulden ein Anzug, fich befonders für Arbeiter bei befchmutzenden Befchäftigungen eignen. Jof. Reithoffer's Söhne in Wien ftellten ein reiches Sortiment von gewebten und Alpacca-( geklebten) Schuheinfätzen aus, welche für den grofsen Confum berechnet, doch gut und haltbar erzeugt find. Wilhelm Nagel& Comp. Schuh- Elaftiques gewebt und Alpacca in guter Qualität und reiner Arbeit. Eduard Oberländer in Fünfhaus. Schuh- Elaftiques gewebt in höchft forgfältiger Ausführung. Wir müffen geftehen, bei der ganzen Ausftellung diefes Artikels nirgends eine fo mühfame Arbeit gefunden zu haben, wie fie von diefer Firma eigens für die Ausftellung gemacht wurde. Leider ohne Erfolg! Indem wir unferen Bericht nun fchliefsen, können wir nicht umhin, unfer Bedauern darüber auszufprechen, dafs bei der diefsmaligen Weltausftellung die fo wichtigen und zum rationellen Betriebe der Kautfchukfabrication unentbehrlichen Mafchinen gar nicht vertreten waren. Nur eine Firma: Fritz Kufsmaul Sohn in Bafel, ftellte Bandwebftühle zum Gebrauche der Gummiweberei aus. Den kleineren Induftriellen ift alfo nicht die Möglichkeit geboten worden, von den Fortfchritten der fo wichtigen Hilfsmafchinen Kenntnifs zu erlangen. Wir geben uns jedoch der Hoffnung hin, dafs mit dem Inslebentreten des Athenäums auch in der Beziehung eine fegensreiche Thätigkeit entfaltet werden wird. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 187 3. DIE GOLDSCHMIEDEKUNST. ( ARBEITEN IN EDELMETALL UND EDELSTEIN.) ( Gruppe VII, Section 1.) BERICHT VON JAKOB FALKE. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1875. 2787 DECK AND KETY DEV MIEX BEBICHI TH Grabbe ABC I VKBEILEN IN EDETWELVET DIE COFD2CHMIEDEKZ21 ST B CEMEKVI DIKECLIO DEK ME DEK METUNCELED 7221ETTOZC2- BEKICHI OELICIEPTEK VORWORT. Wenn der Verfaffer diefes Berichtes, einer allzufpäten Aufforderung folgend, der er fich dennoch nicht entziehen will, es unternimmt, noch fo lange Zeit nach Thorfchluss eine Darftellung von einem der intereffantesten und wichtigſten Zweige unferer und mit Recht Weltausftellung zu liefern, fo mag das - - als ein kühnes Unterfangen erfcheinen, als ein Unterfangen, das fich gar leicht felber mit dem Mifslingen ftrafen kann. Zwar find feitdem mancherlei Publicationen über die Weltausftellung erfchienen, die auch von feinem Gegenftande reden und feine Notizen ergänzen könnten, um ein ausgeführteres Bild zu verfaffen. Allein, da hier naturgemäfs die Perfönlichkeit des Berichterftatters, feine eigene Anfchauung, fein eigenes Urtheil nicht aufser Frage ftehen, fo zieht er es vor, auf die fremden Quellen Verzicht zu leiften und fich auf das zu verlaffen, was er felber gefammelt, beobachtet und im Gedächtniffe bewahrt hat. Die Darftellung wird fich freilich auf diefe Weife, ftatt des Detailberichtes, mehr in allgemeineren Zügen halten müffen; fie wird die bedeutende Erfcheinung einerfeits, das Typifche und Charakteriftifche andererseits herauszugreifen haben und manchen Namen unerwähnt laffen, der in einem ausgeführteren Bilde nicht fehlen dürfte. Möge fie aber darum der Wahrheit nicht ermangeln! DIE GOLDSCHMIEDEKUNST. ( ARBEITEN IN EDELMETALL UND EDELSTEIN.) ( Gruppe VII, Section 1.) Bericht von JAKOB FALKE. EINLEITUNG. Wenn wir es verfuchen, uns den reichen Stoff überfichtlich zurecht zu legen, den uns die Goldfchmiedekunft darbietet, fo treten uns der Fragen so viele entgegen, es zeigen fich uns der Wege, die wir einfchlagen können, mehrere, fo dafs wir einigermafsen in Verlegenheit find. Wir können dem geographifchen Gange folgen, den uns der Plan der Weltausftellung in der Reihenfolge der Länder vorfchreibt, von Often nach Weften oder von Weften nach Often. von der alten oder der Halbcultur zur modernen Cultur oder umgekehrt, das aber wäre ein fehr äufserliches und mechanifches Verfahren. Wir können ferner die Länder einzeln nach ihrer Bedeutung und Wichtigkeit in Bezug auf den in Rede ftehenden Gegenftand fchildern, eines nach dem andern und fie nach ihren Leiftungen mit einander vergleichen. Wir würden auf diefe Weife aber gar Vieles des Oefteren zu wiederholen haben und zugleich verhindert fein, uns zu einer höheren und allgemeineren Betrachtung des Gegenftandes zu erheben. Das wahre Ziel der Aufgabe fcheint uns vielmehr darin zu liegen, nicht fowohl die Länder und ihre Producte, als die Leiftungen der modernen, der gegenwärtigen Goldfchmiedekunft kennen zu lernen und in ihrem Werthe abzufchätzen, fie in ihrer Art, in ihrer Entftehung zu begreifen, fie mit Hilfe der Vergangenheit mit dem abfoluten Mafsftabe zu meffen, um zu fehen, was ihr fehlt, was ihr noththut, in welcher Richtung, auf welchen Wegen fie fortftreben mufs, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Darnach erft wird es möglich fein, was auch in Kürze gefchehen foll, den Standpunkt der verfchiedenen Länder zu vergleichen, um fchliefslich für uns, für Oefterreich, die Nutzanwendung für die Zukunft zu machen. Hieraus geht hervor, dafs wir nicht der Eintheilung nach den Ländern folgen können, fondern dafs wir uns unferen Stoff gegenftändlich zu zerlegen haben, und da ergibt fich die Scheidung von felber. In dem grofsen, weiten Gebiete, das wir allgemein mit dem Namen der Goldfchmiedekunft bezeichnen, das aber alle Arbeiten, oder richtiger alle Kunftarbeiten in edlen Metallen begreift, treten uns zwei grofse Gruppen entgegen, die Arbeiten in Silber und die Arbeiten in Gold. Beide find dem Stile und der Technik nach im Wefentlichen nicht gefchieden, aber doch dadurch getrennt, dafs die Arbeiten in Gold, 6 Jakob Falke. Einleitung. als in dem koftbareren Materiale, in der Hauptfache fich auf den Schmuck oder auf die kleineren Gegenftände befchränken, die gröfseren aber als Gefäfse und Geräthe dem Silber zufallen. Sie laffen fich daher in der Befprechung fehr wohl trennen, und das um fo leichter, als die Behandlung des Silbers in feiner Oberfläche eine Frage ganz für fich felber bildet. Zu diefen beiden Gruppen der Silberarbeiten und des Goldfchmuckes gefellt fich aber eine dritte, die fich eigentlich von der zweiten abzweigt. Zu dem Goldfchmucke treten als ornamentale Ergänzung die Edelfteine hinzu, welche andererfeits auch wieder zur Hauptfache werden und fich des Edelmetalls nur zur nothwendigen Faffung und Haltung bedienen. Diefe " Juwelierarbeiten", mit welchem Namen fie auch gefchäftlich fich von der eigentlichen Goldfchmiedekunft fondern, ohne fich doch ganz von derfelben zu löfen oder ihrer entbehren zu können, werden wir als dritte Gruppe zu befprechen haben. Wir beobachten die angegebene Reihenfolge.) nov idoited XIAOA[ us was msb doctus deiladored hot2 nedois asb and oz megen ab anu asis of sidebandsheimdalbic sib anu neb noge! demo galdelnie iw sib geWeb and do nogies as negegins sist mob mód w ba tiadasgelie ai aslamoginis silab ost eglenedioЯ asb ni gnullsflaunt's77 ab asi 196 au asb dago aga salid mono dos nos mov 1sbo nos do so nov diodolov 135I isb adnanbandedom 1950 al mabomus aurisdicH 19b sabo neils 195 07 sib emel enodai nodine odotinados a adoledus idet als 1 obeЯ ai asb tus gused ai legidol bou gebede doen niesule onź! astili doan oil bau anebas meb doen als meblich busfused nebede aslei agrada elis W sloibus nababy ins 1919 us zu diel baidov doisigus bau nedad aelodiebeiw us no sib Ifowol doin negeil as nineb ademisi anu tiedot adagh 195 lei bobom 15 negauis.I sib als subot sidi bau nebul ni sit nestadoluda de modi ai bau sled nedsbeimda8160 mob tim sisegnare Vob oliH simen nolieged us gaudesta 19liai A ni auditon di as idet di vedel us mu nollem us edatsM nouicida nemmedllous malum asdorfinot si nego nedolow us and solv dai doua eswaist dolgem as briw fine dosad negnalog us o Hotelsida mu asdoisigious obat menebeide web tugba nab 57 nedoom us and sib ut gaubaswasta sib dissoutenu 101 bad asb doza gaulisda sb idola iw aboved deg ausil gehes us dailbangay Bora eta aniwalab misbact notlow nedong meblado do gaubiano sib do dis ab bau nedad mendoissed fudabsimdolbic asb nema meb im nismsglls i anh 91990 nellate neibe ni astiasa sila gioi 19b0asiaA alls 19ds bau die al metodo es long laws and 1911 did taste an dosa indos 1sb2 mob bad ebied instid: A sib blo al astied A sib dab se dobab doobeda nebaidolsa dia nedbil I. Silberarbeiten. Die edlen Metalle haben als Material der Kunft und der Kunftinduftrie eine doppelte Eigenfchaft, einmal die plaftifche und fodann die malerifche. Sie find durch ihre Giefsbarkeit, Dehnbarkeit, Zähigkeit, durch ihre Fähigkeit, das höchfte und zartefte Relief in feinfter und vollendetfter Ausführung anzunehmen, in eminentem Sinne zur Plaftik geeignet; ebenfo aber wirken fie durch die Farbe, fowohl durch diejenige, welche ihnen eigenthümlich ift, wie durch diejenige, welche fie, fei es durch Veränderung, fei es durch Hinzufügung, anzunehmen geeignet find. Wir haben daher auch die Silberarbeiten von diefen zwei Seiten zu betrachten, in Bezug auf die Form, wie in Bezug auf die coloriftifche, Behandlung der Oberfläche, kurz gefagt, in Bezug auf die Farbe. Von erfterer reden wir zunächft. Formelle Behandlung und Geftaltung der Silberarbeiten. Es läfst fich nicht leugnen, dafs in beiden Beziehungen, in Bezug auf Form wie Farbe, die Silberarbeiten im XIX. Jahrhundert auf einen fehr niedrigen Standpunkt herabgekommen waren. Was zuerft die Form betrifft, fo ift die Gefchichte ihrer Veränderung und Umbildung feit dem XVI. Jahrhundert als ein fortwährender Rückgang, als eine ununterbrochene Verfchlechterung zu betrachten. Die wohl abgewogenen Gefäfsformen der Renaiffance, die guten Verhältniffe, die edlen Contouren, die feine und reiche wechfelvolle Gliederung, die getriebene Verzierung fowohl im Ornament wie in den Figuren, die niemals die Linien des Contours zerftört, fondern nur den Schwung derfelben erhöht oder fich unterordnet und in den Rhythmus einfügt alle diefe unfchätzbaren und zur Schönheit fo nothwendigen Eigenfchaften gingen fchon bis zum Ausgange des XVII. Jahrhunderts verloren. Diefes Jahrhundert hatte fich namentlich bei den gröfseren Gefäfsen noch eine gewiffe derbe Gefundheit bewahrt, wenn auch Feinheit und Reichthum entwichen waren; das XVIII. Jahrhundert aber, das im Geifte des Rococo felbft der Symmetrie abhold war, fetzte die gröfste Willkür an die Stelle. Unter den unregelmässigen, gefchwungenen und ausgefchweiften Linien, welche nicht mehr geftatteten, dafs eine Seite der anderen glich, ging unter, was noch Gutes aus der Renaiffance übrig war. Der Willkür und der launenhaften Geftaltung wurde freilich am Ausgang des XVIII. Jahrhunderts wieder ein Ende gemacht, aber was ftatt deffen kam, die nüchternen, fteifen, reiz- und phantafielofen Formen, welche der antikifirende Gefchmack einführte, war um nichts beffer. Die Imitation der Antike, die dazu noch eine falfch verftandene war, löfchte nur die freie Schöpferkraft aus. Als nach dem Sturz des Empire auch diefer Gefchmack wieder befeitigt wurde, da war es eigentlich mit der Goldfchmiedekunft fchon gänzlich am Ende der Formenfinn verloren, die Erfindung verfiegt, alle feinere Technik aus der Uebung gekommen und in Vergeffenheit gerathen. Aus der ganzen Zeit vom zweiten jahrzehent diefes Jahrhunderts bis auf die Erhebung des Gefchmacks in unferen 80 Jakob Falke. Tagen ift mir niemals ein Werk in edlem Metall zu Geficht gekommen, das künftlerifch fich anders als eine Lahmheit oder eine Verirrung dargestellt, ja das auch nur vom Standpunkt der Arbeit unfere befondere Aufmerkſamkeit erregt hätte. Indefs mufste fich doch die Goldfchmiedekunft während diefer Jahrzehnte in beftimmten Formen bewegen und fie that das auch. Diefe Formen- ich erinnere an die Leuchter, Becher, Kannen, Töpfe und fonftiges Silbergefchirr der Tafel waren anfangs allein diejenigen des Rococo, welche ohne alle Schöpferkraft wieder aufgenommen und mechaniſch fortgepflanzt wurden, ohne Leben, ohne Verſtändnifs für ihre Wefenheit. Es waren eben Formen, die geübt wurden in Ermanglung eigener und felbftgefchaffener. - Alsbald trat aber zu diefen überkommenen und verkommenen Bildungen eine neue Kunftart, die man als etwas, was der Zeit eigenthümlich war, mag gelten laffen. Diefs ift der Naturalismus. Wie in Verzweiflung und Rathlofigkeit hatte fich der Zeitgefchmack an die Blume gemacht und fie zum Ein und Alles feiner Ornamentation erkoren, und zwar überall dabei nur möglichft naturgetreue Nachbildung angeftrebt. Wo und wie fie fonft angebracht wurde, war gleichgiltig. Die Blume oder im weiteren Sinne die Pflanze blieb aber nicht blos Ornamentation, fie wurde Form, d. h. fie fetzte fich als Gefäfs oder Geräth an die Stelle der alten, wohlbegründeten naturgemäfsen Formen. Was aber mit den Blumen und Pflanzen gefchehen konnte, das war denn auch mit Thieren und Menfchen möglich, die naturaliftifch ganz in derfelben Art und in demfelben Sinne hinzutraten. Eulen, Füchfe und anderes Gethier wurden zu Gefäfsen, ihre Köpfe bildeten die Deckel, Palmen, welche Schalen trugen, während Neger oder fonft allerlei exotifches Volk den Stamm umtummelten, bildeten Tafelauffätze; Champagnerkühler oder Punfchbowlen beftanden aus hohlen Eisblöcken, über welche Seebären hinwegkletterten. Das war nach der formellen Seite der Zuftand der Dinge bei den Silberarbeiten vor dem Beginn der Reformbeftrebungen in der Kunftinduftrie: einerfeits abgelebte reizlofe Rococoformen, andererfeits- und in diefer Beziehung fuchte man befonders künftlerifche Aufgaben zu löfen naturaliftifche Gebilde. Die Frage ift nun, welche Veränderungen find feitdem eingetreten? Ift der Standpunkt zur Zeit der erften Weltausftellung von 1851 ein überwundener? Haben fich Gefchmack und Arbeit dem Befferen zugewendet? Und in welcher Richtung ift diefes gefchehen? Bei dem Verfuch, diefe Fragen mit voller Sicherheit durch unfere Weltausftellung zu beantworten, ftofsen wir allerdings auf einige Schwierigkeiten. Nicht alle Staaten hatten Silberarbeiten ausgeftellt oder hatten es wenigftens in genügendem Mafse gethan. Frankreich felbft, das diefen Kunftzweig unter feine bevorzugten und glänzendften rechnen kann, war eigentlich nur mit einem einzigen Ausfteller vertreten, mit diefem allerdings in höchft ausgezeichneter Weife. Aber diefer eine, Chriftofle in Paris, hatte die gewöhnlicheren Arbeiten der Mode und des Gebrauchs, wie fie in Frankreich in Uebung find, zu Haufe gelaffen und war nur mit exquifiten Gegenftänden erfchienen. So konnte man an ihm fehr wohl erkennen, was Frankreich zu leiften vermag, nicht aber, was in diefem Lande der herrfchende Gefchmack bei den in Gebrauch ftehenden Dingen ift. Ein deutlicheres Bild, welches die höheren und die gewöhnlichen Leiſtungen zugleich umfafste, gaben die Ausfteller Englands, unter denen Elkington in Birmingham und Hancock in London hervorragten. Noch klarer zeigte fich der Zuftand der Dinge erkennbar bei Deutfchland, das uns eine reiche, mannigfache, in gewiffer Weife felbft grofsartige Ausstellung von Silberarbeiten vor Augen führte. Ihr Eindruck und ihre Ueberficht wurden aber dadurch gefchädigt, dafs die Gegenftände aufserordentlich zerftreut aufgeftellt waren Diefer Umftand beeinträchtigte auch die fonft vortreffliche Collection der Silberarbeiten Dänemark's, das gerade in diefer Beziehung nicht unbedeutend erſchienen war. Auch Holland hatte ein paar Fabrikanten moderner Silberwaaren gefendet, Silberarbeiten. 9 die für das kleine, aber reiche Land einige Figur machten. Italien glänzte nur auf dem Gebiete des Schmuckes, ebenfo auch Portugal, dagegen Spanien und Belgien mit kirchlichen Gegenftänden. Am reichften war naturgemäfs Oefterreich erfchienen, doch wurden auch hier Erkenntnifs und Ueberficht durch die getrennte Aufftellung an gar verfchiedenen Orten zerftört. Neben die. fen modernen europäiſchen Staaten hatten dann noch die Türkei und Indien ihre Beiträge in orientalifcher Art geftellt, während Rufsland zwifchen Afien und Europa mit zahlreichen und bedeutenden Leiftungen eine befondere Stellung in national eigenthümlicher Art einzunehmen trachtete und auch einnahm. Unter diefen Umftänden war es leichter, fich eine Anfchauung von der Leiftungsfähigkeit zu machen oder von dem, was auf der Höhe gefchieht, als von dem Gros der Dinge ein richtiges Bild zu gewinnen. Indeffen mit einiger Combinationsgabe konnte man auch darüber nicht in Zweifel bleiben. So konnte man fich der Wahrnehmung nicht verfchliefsen, dafs in den Silberarbeiten trotz zehn- oder zwanzigjähriger Reformbeftrebungen der gefchilderte Zuftand der Dinge in formeller Beziehung keineswegs ein überwundener Standpunkt ift, dafs vielleicht noch die Maffe des gewöhnlichen Fabrikats einerfeits von Rococoformen oder wenigftens folchen, die abfolut nichtsfagend find, neben naturaliftifchen Bildungen beherrfcht wird. Andererfeits ift aber auch mit gleicher Entfchiedenheit anzuerkennen, dafs man die befferen künftlerifchen Aufgaben faft durchgängig in anderer, höherer Weife zu löfen fucht, fei es durch die Renaiffance, fei es durch griechifche Motive, fei es fonft in anderer Art. In diefer letzteren Beziehung herrfchte eine aufserordentliche Mannigfaltigkeit und folglich auch Unentfchiedenheit und Haltungslosigkeit, ein Charakterzug, der am deutlichften bei den englifchen Arbeiten zu Tage trat, während die öfterreichifchen- ich meine natürlich die befferen und kunftvolleren am meiſten einheitliche Richtung zeigten, und zwar auf dem Wege der Renaiffance. Fragen wir zunächst nach den gewöhnlichen, herkömmlichen und bedeutungslos gewordenen Formen, fo zeigten fie fich ganz insbefondere in Deutfchland und auch in den kleineren Staaten, fowie bei vielen öfterreichifchen Ausftellern zu Haufe, während die Armleuchter, Girandoles, Gefäfse für Speifen, Thee und Kaffee bei dem Parifer Chriftofle, foweit fie dem gewöhnlicheren Gebrauch angehörten, die beftimmtere Form der Stilarten des XVIII. Jahrhunderts angenommen hatten. Bei den beiden holländifchen Fabrikanten Boonebakker& Zoon in Amfterdam und van Kempen in Utrecht, Haag und Rotterdam waren in Vafen, Gefäfsen und Theegeräth die herkömmlichen Formen faft einzig und nur zum Theil von naturaliftifchem Ornament überdeckt; nur hier und da zeigte fich ein Anklang von befferer Richtung in Anftrebung eleganterer Bildung der Contouren, z. B. bei Boonebakker'fchem Theegefchirr mit Elfenbeingriffen. Wie die Holländer grofse Aufgaben anfaffen, werden wir später fehen. Ganz auf dem gleichen Standpunkt ftand unter den deutfchen Fabriken die von Jürft in Berlin, wenn fie auch nach Berliner Art antike Motive damit zu verflechten trachtete, während die dänifche Fabrik von Chriftefen in Kopenhagen zwar fich nicht von der jüngsten Vergangenheit und ihrer Art losgefagt hatte, aber doch dem Gefchirr durchwegs edlere und elegantere Linien zu geben trachtete. Wir werden später bei Gelegenheit des Schmuckes auch andere gute Seiten diefer Fabrik kennen lernen. Unter denjenigen Fabriken der ganzen gebildeten Welt, welche noch dem wildeften Naturalismus huldigen, ftehen die deutfchen obenan, und zwar war es auf der Weltausstellung felbft diejenige von Koch& Bergfeld in Bremen, welche ihn am ungemifchteften zum Ausdruck brachte. Ihr zur Seite ftellte fich aus Süddeutſchland Dominicus Kott in Schwäbifch- Gmünd mit Glasfchalen tragenden Eichbäumen, unter denen allerlei Jäger und Jagdthiere ihr Wefen trieben. Das Verkehrtefte, weil Anfpruchsvollfte, in diefer Richtung hatte aber wohl Bruckmann in Stuttgart gefendet, der die poefie- und reizvollen Zeichnungen 10 Jakob Falke. Schwind's zum Märchen von den fieben Raben in diefer naturaliftifchen Art zu Tafelauffätzen und Gefäfsen verwendet und noch dazu mit allerlei unpaffendem Zopfornament verfehen hatte. Dicke Eichbäume mit vergoldetem Laub und Vögeln darin tragen Glasfchalen, die wieder mit Rococo Ornament von vergoldetem Silber behängt find; der Stamm wurzelt in vergoldeter Silberplatte, die mit Fruchtkränzen behängt ift und auf drei Voluten als Füfsen ruht. Schon das ift finnlos genug; im hohlen Stamm aber oder um denfelben, im Gebüsch und Gewächs, das ihn umgibt, gehen im freien Relief die Scenen aus dem Märchen vor fich. Man kann wahrlich in der Meinung, etwas Gutes und Grofses zu fchaffen, nicht weiter irre gehen stribisl as sw mom ssib sin als Indeffen ftehen die deutfchen Arbeiten in diefer Art nicht ifolirt, die englifchen treten ihnen faft würdig zur Seite. Es klingt faft unglaublich, dafs die erften Namen Englands in ihrem Zweige Elkington und Hancock trotz aller nunmehr zwanzigjährigen Reformbeftrebungen in England dennoch es wagen, mit dem ganzen Gelichter der Thiergefäfse auf einer Weltausftellung zu erfcheinen, und ebenfo mit allen jenen gröfseren Gegenftänden, bei denen fich einfach eine Landfchaft oder ein Genrebild tafchenfpielerifch in ein Gefäfs oder einen Tafelauffatz umwandelt. Die Collectionen, welche beide genannten Firmen zur Ausftellung gebracht hatten, waren voll davon. bladed negaublic asdoli sdag Glücklicherweife waren das nicht die einzigen Gegenftände, welche die englifchen Silberwaaren vertraten. Nicht bloss gab es einen anderen Ausfteller, Shaw& Fisher, der in praktischem, insbefondere für den Theetiſch beftimmtem Geräth faft durchwegs hübfche und elegante Formen zeigte, ohne einem beſtimmten Stile zu folgen; auch jene grofsen Fabrikanten, insbefondere Elkington, der feine Stärke in Silber hatte, wie Hancock die feine in Gold- und Edelſteinfchmuck, führten jene naturaliftifchen Arbeiten doch nur im Gemisch mit anderen und glänzenderen Gegenftänden uns vor Augen." is Я wood Eben diefes Gemifch der Formen und Stilen aber ift wiederum charakteriftifch wie für die ganze neuere englifche Kunftinduftrie, fo insbefondere für die Silberarbeiten. Die grofse Ausstellung von Elkington war ein Mufter dafür, in der man alle Kunftart vereinigt fah, die auf diefem Gebiete verfucht wird. In dem Tafelgeräth, in den grofsen Gewinnftgegenständen oder Preisftücken für Wettrennen und Preisfchiefsen fah man neben dem Naturalismus zahlreich griechifche Motive, andere Beifpiele in den Formen des Rococo oder Louis XV., andere und mitunter fehr tüchtige Arbeiten, wie Vafen oder figurenreiche Schalen in der Weife der Renaiffance, andere mit indifchen oder felbft chinefifchen Motiven, letzteres namentlich in dem Falle wenn Email zur Ornamentation hinzutrat. goudsin ni gadi 195lled nov grabla mis oil sigios sb br nisdas Ebenfo konnte man in der Bildung und Zeichnung der Figuren, in der Behandlung des Reliefs verfchiedene Manieren unterfcheiden, davon namentlich die eine, fchwerer und fteifer, englifchen Urfprung verräth, die andere mit mehr Leichtigkeit und Grazie allerdings auch nicht ohne eine gewiffe Manierirtheit gar fehr an franzöfifchen Einflufs erinnert. Und diefes letztere ift nicht ohne beſtimmten Grund, denn als die Engländer ihre Schwäche in Sachen des Gefchmacks erkannten, haben fie zu ihren anderen Bemühungen auch franzöfifche Künftler herüberkommen laffen und fich ihrer bedient. So glänzte insbefondere Elkington fchon auf früheren Ausftellungen mit figurenreichen Arbeiten des bekannten Vechte und diefsmal waren es die Arbeiten eines anderen Franzofen, Morel Ladeuil, welche fich vor den übrigen fowohl durch ihre eigenthümliche Phyfiognomie, wie durch gröfsere Feinheit in Erfindung und Durchführung auszeichneten.is xidoand douba mus noflolimega me ndi Dadurch haben die gröfseren künftlerifchen Leiftungen in der Expofition Elkington's, die bedeutenderen Preisftücke und Tafelauffätze einen doppelten Charakter erhalten. Bei den einen befteht die Löfung in einer denkmalartigen Darftellung; es ift geradezu ein im Grofsen gedachtes Monument mit Hauptfigur • Silberarbeiten. 11 auf dem Poftamente, mit Reliefs und verfchiedenen Gruppen oder Figuren am Fufse und zu den Seiten, alles durch allerlei allegorifche Gedanken verbunden, wie fie eben bei Denkmälern in Uebung find. Der Unterfchied ift nur, dafs diefes Monument in Silber( oder einer ftellvertretenden Metall compofition) ausgeführt und, weil für die Tatel beftimmt, in kleinen entsprechenden Dimenfionen gehalten ift. Die andere Art hält daran feft, dafs das, was für die Tafel beſtimmt ift, auch als Gefäfs erfcheinen mufs, gibt demfelben eine entsprechend reiche Bildung und fügt ihm nach der künftlerifchen Intention weiteren, mehr oder minder bedeutungsvollen Schmuck hinzu. Jene Art, die monumentale, war bei Elkington vorzüglich durch einen grofsen Tafelauffatz, die„ Internationale Volunteerpreistrophäe" vertreten, eine Arbeit des Engländers Wilms, mit Hauptfiguren und Gruppen, mit Göttern und Göttinnen, Pferde- und Ochfengeſpann, Alles frei auf Piedeftal und Unterfatz geftellt. Die andere Art hatte ihr bedeutendftes Beiſpiel in der fogenannten„ Helikonvafe" von Morel- Ladeuil, welche in der Idee ihres reichen Beiwerkes die Verbindung von Poefie und Mufik verkörperte. Diefe Vafe, reich in der Compofition, fchön in der Profilirung, von dunklem Stahl mit Incruftationen in Gold, mit Figurenfchmuck in getriebenem Silber, fomit auch von Seiten der Technik überaus intereffant, war ohne Frage das ausgezeichnetfte Stück aller englifchen Goldfchmiedearbeiten, wenn nicht überhaupt die bedeu tendfte Leiftung unter allen ihres Gleichen auf der Weltausftellung. nov Was hier in England und zwar bei demfelben Ausfteller vereinigt erfcheint, diefe doppelte, fo verfchiedenartige Löfung gröfserer Aufgaben, findet fich bei den übrigen Staaten meiftens getrennt oder doch in vorwiegender Neigung nach der einen oder der anderen Art. Wer auf altem Standpunkt fteht, folgt der monumentalen Art, wer fchon durch die Principien der Gefchmacksreform mehr aufgeklärt erfcheint, ftrebt nach rationellerer Löfung in Art der Helikonvafe.ble modo Jene Methode findet noch durchgängig bei den kleineren Staaten ftatt. So ift ein Tafelauffatz bei dem Holländer van Kempen, der die Beft immung eines Ehrengefchenks hat, vollſtändig in der Form eines grofsen Mo numents gehalten, mit würfelförmigem Poftament und Seitenfiguren und einer krön enden weiblichen Figur fammt dem niederländifchen Löwen. Von dem Dänen Chriftefen in Kopenhagen war eine ähnliche Aufgabe in der Form eines monumentalen Brunnens mit vier Schalen gelöfet, dazu mit den Gottheiten des Meeres, Neptun und Galathea und Tritonen, nebft allegorifchen Figuren der Wiffenfchaften und der Künfte. glot pulls A 1919 adsl ayibrotin ni 9 In2 Diefelbe Art der Löfung ift durchaus vorherrfchend bei den grofsen künftlerifchen Aufgaben, die den Goldfchmieden Berlin's in letzter Zeit in ungewöhn lichem Mafse zu Theil geworden find. Die ruhmvollen Kriegser eigniffe, die Dankbarkeit gegen die fiegreichen Führer, die in glänzenden und koftbaren Ehrengefchenken ihren Ausdruck fand, haben eine Anzahl der grofsartigften Aufträge für die Goldfchmiedekunft hervorgerufen. Dafs fie fämmtlich in der gefchilderten monumentalen Art gelöfet worden find, darin liegt die Urfache theils in der Berliner Tradition, theils in dem Vorhandenfein zahlreicher wohlgefchulter Bildhauer bei faft gänzlichem Mangel fpecieller Künftler für die Kunftinduftrie. dad neb Diejenigen Berliner Goldfchmiede, welche vorzugsweife mit der Ausführung folcher Werke betraut worden find, waren einerfeits Sy& Wagner, andererfeits Vollgold& Sohn. Von Demjenigen, was fie auf die Weltausftellung in diefer Art gefendet hatten, wollen wir nur ein paar Gegenftände erwähnen. Der eine von Sy& Wagner bildet eine Erinnerung an die Schlacht von St. Privat. Es ift ein architektonifches Poftament mit freiftehenden Gruppen und allegorifchen Figuren. Ein anderer Gegenftand derfelben Fabrik ift dem Abend nach der Schlacht von Rézónville gewidmet: es ftellt den König felbft dar in einer Gruppe mit Bismarck, Moltke und Roon auf einem Poftament. Es ift alfo völlig Bildhauerarbeit im Kleinen. Dasfelbe gilt von einem dritten Silberdenkmal aus der Fabrik von Vollgold, welches mit der Boruffia auf einem Poftament 12 Jakob Falke. und drei freien Figuren zur Seite zur Erinnerung an die Stiftung des eifernen Kreuzes gefchaffen worden. Der vorwiegend plaftifche oder vielmehr bildhauerifche Charakter aller diefer Arbeiten aus Berlin zeigt fich auch darin, dafs ihre farbige Seite, die doch für Silber oder Metall wefentlich ift, fehr vernachläffigt worden, wenn auch nicht mehr fo, wie es früher in Berlin der Fall war. Wir werden darauf noch zurückkommen. In den übrigen gröfseren Silberarbeiten Berlin's, d. h. in dem, was Geräth oder Gefäfs ift, und als Schale, Leuchter, Kanne u. f. w. beftimmten Zwecken dient, machen fich noch zweierlei künftlerifche Stilarten geltend, insbefondere bei den genannten grofsen Fabriken. Einerfeits entdeckt man im Ornament wie in den Formen und auch in der Behandlung den Einflufs der berühmten antiken Gefäfse des Hildesheimer Fundes, die im Muſeum zu Berlin aufbewahrt werden, andererfeits macht fich gerade im Gegenfatz gegen antike Motive, die bisher in Berlin mehr als irgendwo anders in der Kunftinduftrie protegirt wurden, eine Hinneigung zur Renaiffance fichtbar, befonders zur deutfchen. Diefe Richtung zur deutfchen Renaiffance, ſpeciell mit den Vorbildern von Nürnberg und Augsburg, tritt aber noch bei weitem klarer hervor in den wenigen gröfseren Silberarbeiten, welche von Nürnberg aus auf die Weltausstellung gefendet waren. Wir meinen damit insbefondere zwei fehr kunftvolle Gegenstände, der eine von Kreling entworfen, der andere von Wanderer, beide von dem Silberarbeiter F. Winter in Nürnberg ausgeführt. Beide treten auch infofern in Gegenfatz gegen die Berliner Silbermonumente, als hier ähnliche Aufgaben nicht im Sinne der Bildhauerei, fondern im Geifte der Kunftinduftrie gelöfet find. Die Arbeit von Kreling, ein Tafelauffatz in Form eines grofsen Pocals auf reichgefchmücktem Poftament, bildet eine Erinnerung an das Jubiläum der berühmten Mafchinenfabrik von Cramer- Klett in Nürnberg und fchmückt fich in Figuren, Ornamenten und Infchriften in getriebener Arbeit mit einer Fülle von finnreichem Detail, das auf den Moment Bezug hat. Nicht das Gleiche kann man von der zweiten Arbeit fagen, die, übrigens in demfelben Alt- Nürnberger Stil gehalten, eine Art Schale oder Vafe man weifs eigentlich nicht recht was- darftellt und in der Zufammenftellung der Gedanken wie des künftlerifchen Details wenig Sinn und Ueberlegung verräth. Mit mehr Entfchiedenheit als irgendwo anders find es die öfterreichifchen Silberarbeiten, d. h. die neueren, befferen und vorragenden, welche dem Stil der Renaiffance in allerdings fehr freier Auffaffung folgen. Allerdings zeigte fich auch hier unter der Menge, namentlich aber bei denjenigen Arbeiten in imitirtem Silber Vieles von alter und gewöhnlicher Art und Manches, das den Naturalismus noch nicht abgeftreift hatte, aber alle Arbeiten, die etwas bedeuten follten, liefsen gereinigten Gefchmack und ein befferes und edleres Streben mit gefunderen Principien erkennen. Kein Tafelauffatz oder ähnlicher Gegenftand war in Art eines Monumentes gedacht und gefchaffen, vielleicht mit einziger Ausnahme des Ehrengefchenks von Seiten der Stadt Trieft für Tegethoff bei Klinkofch, deffen abfonderliche Jdee: Neptun, der hoch vom Felfen herab ein Schiff in's Meer fchleudert, auf Rechnung der Stadt Trieft kommt und nicht auf Rechnung des Fabrikanten. Alle gröfseren Gegenftände, die für den Schmuck und den Gebrauch der Tafel beftimmt waren, ftellten Vafen, Schalen und insbefondere auch flache Blumenvafen dar. Das hinderte nicht, dafs fie reichlich, oft nur zu reichlich von freien Figuren oder von figürlichem Relief Gebrauch gemacht hatten. Sollen wir aus der Menge guter und echt künftlerifcher Arbeiten Einzelnes namentlich herausheben, fo gedenken wir zuerft eines grofsen filbernen Tafelfchmucks nach den Entwürfen des Profeffors V. Teirich in der grofsen Collection von V. Mayer's Söhnen in Wien. Derfelbe beftand aus einem Auffatz nebft den dazu gehörigen entſprechenden Gegenftänden von Armleuchtern, Fruchtund Confectfchalen, alles in reinen Renaiffancemotiven klar und durchfichtig in Silberarbeiten. 13 edlen Linien und Verhältniffen, dazu mit angemeffenem Figurenichmuck durchgeführt. Was uns als nicht angemeffen an dem Auffatz auffiel, war die ifolirte Stellung figürlichen Schmuckes auf blank polirter fchwarzer Ebenholzplatte, wodurch fie nicht gehörig mit dem eigentlichen Gefäfs verbunden erfchienen. Ueber die Farbe, die dem Silber gegeben oder gelaffen war, werden wir auch fpäter zu fprechen haben. Aus dem gleichen Geifte, wie er im öfterreichifchen Muſeum der vorherrfchende ift, zeigten fich ähnliche Gegenftände in der Ausftellung von Granichftädten in Wien: Auffatz nebft Girandolen und Schalen, alles mit Figuren zierlich und finnig gefchmückt. Diefe Arbeiten waren in Erfindung und Modellirung Werke des Bildhauers O. König, der wie Teyrich Profeffor an der Kunftfchule des öfterreichifchen Muſeums ift. Alle diefe erwähnten Gegenftände find allerdings nicht auf directe Beftellung aus dem Publicum hervorgegangen, fondern aus Veranlaffung der Weltausftellung entftanden. Sie find alfo, genau genommen, nicht als Zeugen für den im Publicum herrfchenden, Gefchmack zu betrachten. Nichtsdeftoweniger find fie charakteriftifch und aus dem allgemeinen Gefichtspunkt beachtenswerth, einmal weil fie die Leiftungsfähigkeit ihrer Urheber bekunden, und fodann, welchen Weg, welche Art und diefsmal find es die richtigen die erften und beften Namen der Induftrie heute für nothwendig halten, wenn fie glänzen wollen. - - Die Fabrik von J. Klinkofch dagegen hatte nicht nöthig gehabt, fpeciell für die Ausftellung arbeiten zu laffen. Sie führte in reicher Collection vor Augen, was auf directe Beftellung aus dem Publicum hervorgegangen war. Dennoch liefs diefs im Wefentlichen keine andere Richtung erkennen, wenn diefelbe auch nicht ungemifcht war. Die grofsen Auffätze und andere Geräthe für die Grafen Chotek und Zichy, für den Baron Werthheim, der Tafelauffatz der Donauregulirungscommiffion, die Arbeiten für Todesco und Efterhazy, das alles bewegte fich einerfeits auf den Principien echter Silberarbeit innerhalb der Linien der Kunftinduftrie, andererfeits im Geifte der Renaiffance, wenn auch mit gar ver. fchiedenen Neigungen je nach dem Gefchmack des Urhebers oder des Eigenthümers. So neigten die einen( von Hanfen) zur Antike, andere mehr zu einer etwas freien oder barocken Spätrenaiffance, andere wieder näherten fich franzöfifcher Art; Einiges auch zeigte fich in orientalifcher Imitation gefchaffen. Das alles ift nicht zu verwundern, wenn man weifs, wie viel individueller, oft fehr wunderlicher Gefchmack bei der Entftehung folcher Arbeiten mitfpielt. Der Gefammteindruck, namentlich wenn man ältere und neuere Arbeiten verglich, war nur erfreulich. Wenn wir einige der Arbeiten in der Collection von Klinkofch, die allerdings, wie angedeutet, franzöfifchen Geift athmen, ohne Nachbildungen oder Nachahmungen zu fein, ausnehmen, fo zeigten fich alle befferen und vorragenderen Gegenftände der öfterreichifchen Silberinduftrie frei von jedem franzöfifchen Einfluffe. Das beftätigte die Ausftellung Frankreichs felbft, die in grösseren Silberarbeiten allerdings in Chriftofle nur einen einzigen Repräfentanten hatte, diefen aber umfaffend und charakteriftifch genug. Wie wir fchon oben angedeutet, hatte Chriftofle die gewöhnliche Tageswaare zu Haufe gelaffen und war im Ganzen nur mit edleren oder anfpruchsvolleren Gegenftänden erfchienen. Was davon für den Gebrauch der reicheren Tafel an Gefäfsen, Schalen, Girandolen oder fonftigen Gegenftänden beftimmt war, folgte den künftlerifchen Motiven des XVIII. Jahrhunderts, insbefondere jenen der zweiten Hälfte, welche durch den Gefchmack des letzten Kaiferthumes wieder in Mode gekommen find. Es bildeten diefe Gegenftände aber nur eine und die minder intereffante Seite der Collection von Chriftofle. Wie die Franzofen für den Bedarf ihrer Kunftinduftrie, immer nach Neuem trachtend, die Vergangenheit und Gegenwart aller Orten um Motive durchforfchen, fo trug auch diefe zweite Hälfte der Chriftofle Collection, welche mehr den Charakter des blofsen Luxus und der freien 14 Jakob Falke. Phantafie hatte, durchaus bunten und gemifchten Charakter. Da gab es vortreffliche Imitationen und freie Erweiterungen indifcher und japaniſcher Art; da gab es Gefäfse und Geräthe in fpätantikem Stil, zu denen insbefondere der fchon oben erwähnte Hildesheimer Silberfund angeregt hatte; da gab es reizende Arbeiten in reiner Renaiffance mit Laubwindungen, die auf das Zierlichfte durch. gebildet und ausgearbeitet waren; da gab es endlich Gegenftände in der mehr barocken oder fchweren Art des XVII. Jahrhunderts, insbefondere im Stil Louis XIII., der fich neben Louis XVI. in Mode behauptet.* 1 nov gullsh Diefer formellen Mannigfaltigkeit der Stilarten entſprach ein gleicher Reichthum an verfchiedenen Decorations- und Behandlungsweifen der Oberfläche. Jegliche Technik war hier vertreten, wie fie nur am Silber vorkommt und an einem Stück, einem Cabinetkaften, der als Paradeftück der Ausftellung fungirte, fogar alle mit einander. Auf diefe zweite malerifche oder farbige Seite der Silberarbeiten kommen wir noch später ausführlich zu fprechen. bonfins gouilsflaun ging Ein zweiter franzöfifcher Silberarbeiter, Emile Philippe in Paris, deffen Stärke freilich in Schmuckfachen befteht, kommt mit einigen Gegenftänden, insbefondere Caffetten, Salzfäffern und kleineren Geräthen für den Tifch auch hier in Betracht. Diefe Arbeiten, obwohl gering in ihren Dimenfionen, ftellen fich auf rein künftlerifchen Standpunkt. In Zeichnung wie in Ausführung höchft vollendet, reizend in der Erfindung, mit ihren Motiven in der beften Renaiffance ruhend, find fie fämmtlich kleine Cabinetftücke. In nov dinde sid Mit einem ähnlichen Standpunkt und ähnlichen Zielen fcheidet fich auch ein öfterreichifcher Fabrikant aus der Menge feiner induftriellen Genoffen aus. Wir meinen H. Ratzersdorfer in Wien. Seine Gegenftände: Pocale, Kryftallgefäfse, Caffetten und Schmuckkäftchen, Uhren, Schalen, reich verzierte Waffenftücke follen mehr dem Schmuck, dem feinften Luxus, als dem eigentlichen Gebrauche dienen. In den Formen fich an die Motive der Renaiffance, in ihren verfchiedenen Weifen vom XVI. wie vom XVII. Jahrhundert haltend, überdecken fie fich mit aufserordentlich reichem Schmuck fowohl in figürlichem und ornamentalem Relief wie mit translucidem Schmelz und Emailmalereien. Auch in der Vergoldung nehmen fie gewöhnlich alten Charakter an. ibigion 02 21mins Das Befondere, was diefe einzelnen Fabrikanten individuell anftreben, das erfcheint wie nationale Tendenz in der ganzen ruffifchen Goldfchmiedekunft. Wenigftens zeigte fie fich fo auf unferer Weltausftellung, wohin allerdings wohl mit Vorliebe und Abficht das Eigenthümliche und Befondere gefendet war. Diefe eigenthümliche Seite der fehr reich vertretenen ruffifchen Goldfchmiedekunft ift aber nur fcheinbar echt und nur fcheinbar national; es ift eine ganz moderne, bewufste und abfichtliche Einführung von künftlerifchen oder ornamentalen Motiven, die allerdings national find, aber einem ganz anderen Zweige der Kunft oder der Induftrie angehören. Sie treten daher ebenfo fehr gemifcht, wie hier in der Goldfchmiedekunft am unrechten Orte auf. assh ம sib Was Rufsland an wirklich nationaler Kunft fich bewahrt, das ift der Holzbau feiner Wohnhäufer fammt deren Verzierung mit bemalten, aus Holz aus gefägten Ornamenten. So einfach diefe in ihrer geometrifchen Art aus geraden Linien mit Durchbrechungen zu fein fcheinen, fo haben fie doch ihr Eigenthümliches, welches fich gerade fo in anderen Ländern nicht wieder findet. Auch das Holzgeräth des Haufes bietet viel Eigenes in derfelben Art. Diefes Ornament nun und diefe Formen des Geräths haben fich moderne Beftrebungen in Rufsland erkoren, um daraus einen nationalen Kunftftil zu fchaffen. Man fieht leicht, dafs das ein ziemlich unfruchtbarer, unbefriedigender, einfeitiger und verkehrter Verfuch ift, wenn man die höchft einfachen Formen und Motive aus ihrem fehr befchränkten Material auf alle Zweige der Kunftinduftrie ausdehnen will, zumal auf Zweige, die wie die Goldfchmiedekunft Feineres, Befferes, Reicheres zulaffen und verlangen. siswa bleib done gun olodalolomb visom o nelle asion asb bau auzu asalold asb so ob dem solow noise of Silberarbeiten. 15 Nichtsdeftoweniger ift die ruffifche Goldfchmiedekunft nach dem Zeugnifs der Ausftellung fchon fehr weit in diefem Verfuche gegangen. Die bedeutendsten Ausfteller: Owtfchinnikoff in Moskau, Poftnikoff in Petersburgu. A. hatten viele und zum Theil grofsartige Silberarbeiten in diefem Stile ausgeftellt, Samovars, Auffätze, Theegefchirr, Pocale u. f. w., welche in ganz glücklicher Uebertragung das bemalte Holzornament durch farbiges Email wiedergegeben hatten, Obwohl fo die Gegenftände in diefer Weife zum Theil eine fehr hübfche farbige Wirkung zeigten, gab fich doch das Verfehlten des Beginnens an den überaus fteifen Formen, gradlinigen Contouren, eckigen Henkeln und dem bandartigen Ornament leicht zu erkennen. ftratu no doon bang blog Diefen Stil zeigten aber nicht alle ruffifchen Silberarbeiten, noch war er unvermifcht in Anwendung. Bei Owtfchinnikoff fah man overfchiedenen Gegenftände, z. B. Auffätze oder, hohe Schalen, bei denen ruffifche Holzmótive und ganz naturaliftifche Bildungen förmlich abwechfelten, for dafs z. B. einer ruffifch geformte Schale auf naturaliftifchem, von Knaben umfpieltem Eichbaumen ruhte und diefer wieder in national geformtem Fufs wurzelte. Ein anderer Goldfchmied, Safikoff in Petersburg und Moskau, hatte fogar vorwiegend/ naturaliftifche Gegenstände zur Ausftellung gebracht, daneben aber auch einige fchöne Renaiffancepocale und eine Reihe griechifcher Gefäfse, bei denen die Formen der Terracottavafen mitfammt ihrer Decoration einfach auf Silber übertragen waren auch ohne Zweifel ein Irrthum Tied asid rob do as sobr Todlie Was die Ruffen hier anftreben, nämlich national zu fein, das waren die türkifchen und die indifchen Silberarbeiter in der 6That Jene wir fchliefsen die alten türkifchen Nebenländer ein nehmen allerdings in keiner Weife einen hohen Rang ein, weder in Bezug auf ihre Form und das ift noch ihre befte Seite noch in Bezug auf die Ausführung. Letztere ift fogar meiftens fehr untergeordnet. Was fie auszeichnet oder vielmehr kennzeichnet, ift die reiche Anwendung, die fie vom Filigran machen. Hiemit überziehen die ganze Gefäfse oder fetzen Schalen, Taffen u. f. w. daraus zufammen.ov gullofeunioW rolqur Weit beffer, vortrefflicher und origineller find die Silberarbeiten, welche von Indien zur Ausstellung gefendet waren. Wir haben hier zunächst die Gefäfse im Auge, Kannen, Vafen, Schalen, Flafchen und Flacons. Ihre Eigenthümlichkeit befteht eben fo fehr in den originellen, zum Theil fehr fchönen, fchlanken Formen, wie in der Verzierung, welche gewöhnlich das ganze Gefäfs( mit zierlichen Blumen und Ranken in getriebener und cifelirter Arbeit wie eine Decke überzieht. Decoration und Formen wären wohl für uns lehrreich und verwendbar. Anftatt der abgelebten Formen, die noch immer in Gebrauch ftehen, könnten fie dem e gewöhnlicheren Geräth neuen Reiz verleihen. Freilich wird die Menge der Stilarten, auf welche fich die heutige Silberwaaren- Fabrication Europa's bereits eingelaffen, dadurch nur noch um eine vermehrt werden. 19alu 19li ode: 19V anb o aiswal nodotiq bordsley asb gunfishV TUJ .molleft des Silbers. motion is e und alle Farbige Behandlung des Silbers. bus emel obiad 1950 20 90 100 gauritiam sib 19bow as a deduxtoyod olioT soboidotror sib sto ob doub a19dli2 Ift diefe bunte Mannigfaltigkeit der Stilarten, wie fie fich aus der vorangegangenen Darftellung ergibt, in formeller Beziehung charakteriftifch, fo begeg nen wir in der künftlerifchen, Behandlung der Oberfläche fowohl techniſch wie coloriftifch der gleichen Unsicherheit, dem gleichen Suchen und Streben und auch wohl gelegentlichem Umhertappen. Diefs foll aber nicht gerade als ein Tadel ausgefprochen fein, vielmehr dient es als ein Beweis, dafs die bisherigen meift verkehrten, felbft armfeligen Manieren ins Wanken gekommen find, dafs die Nothwendigkeit von wirklich Neuem und Befferem zur Ueberzeugung wird, und dafs, wenn zum Theil auch fuchend und irrend, doch mit einer gewiffen Entfchiedenheit neue Bahnen, betreten werden. A tab lus 9gio waitubal moto 117115 16 Jakob Falke. Reden wir zunächft von der eigentlichen Farbe oder Färbung des Silbers und fodann von den Hilfskünften wie Niello und Email, welche den edlen Metallen reichere coloriftifche Effecte hinzufügen. Es ift ein höchft auffallender Unterfchied zwifchen den älteren und den modernen Silberarbeiten, dafs jene durchweg vergoldet waren, diefe aber ebenfo der Regel nach nicht vergoldet find. Aus dem Mittelalter kann man fagen, find alle Silberarbeiten, die uns erhalten, vergoldet. Referent weifs fich in der That keiner irgend bedeutenderen Silberarbeit vor dem XVI. Jahrhundert zu erinnern, die nicht vergoldet wäre. Auch aus den Zeiten der Renaiffance find filberne, nicht vergoldete Gegenftände noch von äufserfter Seltenheit. Zum Beiſpiel alle die grofsen Zunft- und Prachtpocale aus dem Silberfchatz des Königs von Hannover ( jetzt im öfterreichifchen Muſeum ausgeftellt) find ausnahmslos vergoldet. Erft feit der Mitte des XVII. Jahrhunderts wird das blanke weifse Silber bei Kunft. arbeiten häufiger, gewinnt die Oberhand im XVIII. und tritt in faft ausfchliefslichen Gebrauch in der erften Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Ift diefe Veränderung ein äfthetiſcher Gewinn oder ein Rückfchritt? Wenn wir damit in Verbindung bringen, dafs der Kunftgefchmack in allen Zweigen gewerblicher Thätigkeit vom XVI. Jahrhundert bis zur Mitte des XIX. fich faft in ununterbrochenem Verfall befand, fo ift man wohl von vornherein geneigt, auch diefen Uebergang von der Vergoldung zum Silber nicht anders zu betrachten. In der That kann fich der blafse, kalte Ton des Silbers, fein ftechender Glanz mit dem Reize des Goldes nicht meffen und betrachten wir die Silbergefäfse decorativ, d. h. welche malerifche oder coloriftifche Wirkung fie auf Credenzen, auf Tifch und Tafel in ihrer Umgebung mit den übrigen Gegenftänden zufammen machen, fo müffen fie auch darin hinter dem Golde zurückſtehen. Das Gefühl, dafs der blofse Ton, die Naturfarbe des Silbers für den Effect fo koftbarer Gegenftände nicht ausreiche, hat fich auch der modernen Fabrikation aufgedrängt und wir begegnen daher bei den Gegenftänden unferer Weltausftellung verfchiedenen Methoden und Verfahrungsweifen, entweder dem Effect nachzuhelfen oder auch das Unangenehme, was im Silber liegt, zu dämpfen und aufzuheben. Der erftere Zweck verfolgt die Methode, das Silber weifs zu fieden, ein Verfahren, das in früheren Kunftperioden wohl niemals geübt worden ift. Nach unferer Anficht bedeutet es nichts weiter als eine Potenzirung gerade der unangenehmen Eigenfchaften des Silbers. Dennoch gab es viele Gegenftände diefer Art auf der Weltausftellung, die meiſtens mehr dem gewöhnlichen Gebrauche angehörten, doch auch andere, die Anfprüche erhoben. Zu diefen Letzteren find in erfter Linie zu zählen die fchon oben erwähnten naturaliftifchen Gefäfse von Dominicus Kott in Gmünd, die das Verkehrte ihrer Compofition noch durch das Verkehrte ihrer äufseren Behandlung erhöhten. Sie waren fo recht geeignet, zur Verurtheilung des Verfahrens den praktifchen Beweis vor Augen zu ftellen. Bei weitem die meiſten Silbergegenftände auf der Ausftellung hatten entweder die Mattirung oder die Polirung oder beide zufammen angewendet, um durch den Contraft die verfchiedenen Theile hervorzuheben. Es ift, wenn man will, das einfachfte und naturgemässefte Verfahren, die Oberfläche des Silbers zu behandeln, aber nicht die fchönfte und reizvollfte. Die Mattirung läfst das Silber in feiner natürlichen Erfcheinung wirken, die Polirung erhebt diefelbe zum ftrahlenden Glanze. An fich läfst fich weder gegen die eine noch gegen die andere Weife ein Einwand erheben und ebenfo wenig gegen ihre Verbindung, wenn fie richtig gefchieht, d. h. fo dafs die glatten Theile polirt werden, diejenigen, welche im Relief gehalten find, mattirt. Die polirten Gegenftände oder Theile zumal werden auf gefchmückter, lichtüberftrahlter Tafel immer einen reichen Effect machen. Es hatten daher auch alle europäifchen Völker, die in diefem Induſtriezweige auf der Ausftellung vertreten waren, davon Anwendung Silberarbeiten. 17 gemacht von dem gewöhnlichften Tifch- und Theegeräth bis zu Kannen und Schalen, Vafen und Girandolen. Es zeigte fich aber doch, dafs man verfchiedentlich und zumal bei bevorzugten künftlerifchen Arbeiten in zweierlei Weife daran Anftofs genommen hatte. Einmal waren es die Modelleure und Cifeleure, welche fich fagen mufsten, dafs ihre Arbeit, das Relief, fei es nun figürlich oder ornamental, in der natürlichen Erfcheinung des Silbers nicht zur Wirkung gelangt; dafs das Relief fchon den gewöhnlichen Glanz des Silbers nicht verträgt, wieviel weniger die Polirung. Andererfeits aber war man mit der Farbe des Silbers nicht zufrieden, weil fie zu wenig Effect zeigte, zu wenig coloriftifche Reize bot. Die Einen fuchten alfo, um die Modellirung klarer zu machen, den Glanz des Silbers zu brechen und gänzlich zu befeitigen; die Anderen fügten neuen Reiz durch Vergoldung hinzu, während jene fich zu ihrem Zwecke des Mittels der Oxydirung bedienten. Diefe zwei Richtungen oder Wege traten bei den bedeutenderen künftlerifchen Arbeiten klar hervor, und zwar im Ganzen fo, dafs jene, die Oxydirung, vorzugsweife in Oefterreich befolgt wurde, die andere, die Vergoldung, mehr in Deutſchland, wenigftens in den Hauptorten wie: Berlin, Nürnberg, München. Frankreich fchlug einen Mittelweg ein; die kleineren Staaten, wie Dänemark und Holland, begnügten fich bei ihren denkmalartigen Aufgaben, deren wir oben gedacht haben, mit der Mattirung, während England, wie es für dasfelbe heute charakteriftifch ift, diefe und andere Weifen in buntem Gemifch angewendet hatte. Die Oxydirung hat den Nachtheil, dafs fie das Silber in feiner Wefenheit tödtet, dasselbe grau, ftumpf, bleiern und fchwer macht. Es gibt zwar verfchiedene Mittelstufen vom lichten Grau bis faft zum Schwarzen, und diefe Mittelftufen zeigten fich auch in verfchiedener Anwendung bei den öfterreichiſchen Arbeiten, aber fie alle hatten dem gleichen und gemeinfamen Fehler nicht entgehen können. Das Silber mufs blank fein bis zu einem gewiffen Grade, fonft hört es auf. Edelmetall zu fein; die verfchiedenen künftlerifchen Anfchauungen, die malerifche und die plaftifche, müffen einen Ausgleich eingehen. Man darf die eine nicht wegen der anderen opfern. Am weiteften in der Oxydirung war in der öfterreichifchen Abtheilung der Tafelfchmuck bei Granichftädten gegangen. Derjenige unter den Oefterreichern, welcher noch am meiften von der Vergoldung Gebrauch gemacht hatte, war Klinkofch. In früheren Zeiten hatten die grofsen Berliner Silberfabrikanten ebenfalls alle Gegenstände unvergoldet gelaffen und bei ihren gröfseren plaftifchen Aufgaben fich mit der einfachen Mattirung begnügt. Das war diefsmal nicht mehr der Fall. Alle die denkmalartigen Auffätze, die zur Erinnerung an grofse Männer und grofse Thaten gefchaffen waren, hatten nicht ausfchliefslich, aber reichlich von der Vergoldung Gebrauch gemacht und fie contraftirend mit dem Silber in Wirkung gefetzt, ungefähr fo, wie es auf den jetzt in Berlin befindlichen antiken Gefäfsen des Hildesheimer Fundes gefchehen ift. Und wie bei diefen, wo die Zeit fchon mitgewirkt haben mag, war auch die Vergoldung fehr matt und fchwach, man möchte fagen, noch zaghaft gehalten. Kräftiger, aber auch nur in theilweifer Anwendung zur Erhöhung des malerifchen Gefammteffectes zeigte fich die Vergoldung bei den oben erwähnten Nürnberger Arbeiten, die nach Kreling und Wanderer aus dem Atelier von Winter hervorgegangen find. Wir können nicht umhin, in diefem Vorgehen einen Fortfchritt anzuerkennen. Nach dem Beiſpiele vergangener Kunftzeiten müffen wir es für berechtigt und wünfchenswerth erachten, wenn bei den Silberarbeiten von der Vergoldung ein weitaus reichlicherer und entfchiedenerer Gebrauch gemacht wird, als gegenwärtig gefchieht. Wir fagen das mit ganz befonderer Rückficht auf die öfterreichifchen Leiftungen, welche, wie wir anerkannt haben, ausgefprochene Verdienfte hatten, aber die malerifche oder coloriftifche Seite der Goldfchmiedekunft viel zu fehr aufser Acht liefsen. 2 18 Jakob Falke. Es gibt, ohne zur vollen Vergoldung greifen zu müffen, noch einen Weg, der dem Silber Glanz und Farbe, alfo fein Wefen läfst, und doch auch dem Relief fein Recht bewahrt, ohne zur ftumpfen Oxydirung greifen zu müffen. Diefen Weg hatten die Franzofen oder vielmehr Chriftofle bei vielen feiner fchönften und reizendften Arbeiten, namentlich auch bei folchen, die mit Laub und Figuren gefchmückt waren, eingefchlagen. Er befteht einfach darin, dafs man den Gegenftand vergoldet und die Vergoldung bis auf einen zarten, warmen Schimmer wieder abreibt. So bleibt das Silber in feiner Eigenthümlichkeit, verliert aber gänzlich den kalten und ftechenden Ton und erfcheint höchft angenehm für das Auge. Diefes Verfahren iſt aus künftlerifchem Gefichtspunkte im höchften Grade beachtenswerth. Auf diefe bisher erwähnten Verfahrungsweifen befchränkte fich im Allgemeinen die Behandlung der Oberfläche bei den modernen Silberarbeiten. Wir fehen dabei von der Cifelirung oder Gravirung als gemeinfamer Technik ab. In diefer rein technifchen Beziehung wäre nur das zu erwähnen, dafs das Treiben des Silbers bei künftlerifchen Gegenftänden zur Verzierung mit Ornament oder Figuren, das in alter Kunft allbeliebt und verbreitet war, heute eine verhältnifsmässig fehr feltene Procedur ift und in faft allen Fällen durch den Gufs und nachfolgende Cifelirung erfetzt wird. Die häufigfte Anwendung des Treibens gefchieht bei den kirchliehen Gegenftänden, auf welche wir noch in Kürze zu sprechen kommen werden. Doch haben wir vorher noch von einigen fpeciellen Decora tionsweifen des Silbers zu reden, die allerdings heute am häufigften bei den Schmuckarbeiten oder in der kirchlichen Kunft angewendet werden, jedoch uns auch in den nationalen Arbeiten und hier und da auch bei den modernen begegnen. Wir meinen insbefondere Niello und Email. Das Niello, die Ausfüllung ausgravirter Verzierungen auf der Silberplatte mit metallifcher Schwärze, gehört ebenfalls zu den technifchen Ornamentationsarten, welche, im Mittelalter und noch in der Frühzeit der Renaiffance viel geübt, heute aus der modernen Goldfchmiedekunft verfchwunden waren. Nur die nationale Kunft des Orients und Rufslands hat fie bewahrt. Von daher ftammten auch vor allem die Beiſpiele auf der Ausftellung. Es waren theils Waffen, insbefondere Dolchfcheiden, die mit niellirten Silberplatten belegt waren, vorzugsweife Arbeiten aus dem Kaukafus. Uebrigens kennen fie auch verfchiedene Provinzen des türkifchen Reiches. Der Effect in der Verbindung der polirten Schwärze mit dem Silber ift gut und fein, die Ausführung aber bei diefen orientalifchen Waffenftücken keineswegs fo vollendet und ausgezeichnet, wie bei den älteren Arbeiten, insbefondere Italiens. Die Zeichnung ift breiter und gröber gehalten. Auch die ruffifchen Niellen, die nach dem hauptfächlichften Fabrikationsort unter dem Namen der„ ,, Tula- Arbeiten" weltbekannt geworden, find keineswegs mehr das an Schönheit, Feinheit und Originalität, was fie einft waren. Jede Ausstellung und insbefondere die unfere, wo fie bei verfchiedenen Goldfchmieden in grofser Zahl erfchienen waren, zeigt den Rückfchritt vergröfsert, und zwar befteht diefer Rückfchritt darin, dafs die alte Weife aufgegeben wird und das Genre fich zu modernifiren, fich auf europäiſchen Fufs einzurichten trachtet. Die alten Arabesken, die fich in reizenden Zügen und Verfchlingungen fo hübfch über die blanke Silberfläche vertheilten, werden erfetzt durch Städte- Anfichten, Landfchaften oder gar Porträts, und was das Schlimmfte ift, es wird der Grund vergoldet, wodurch eine ganz ordinäre Wirkung ftatt der feinen und vornehmen Haltung entsteht. Zugleich verfchlechtern fich die Formen diefer kleinen, fonft fo zierlichen Gefäfse und Geräthe, fo dafs das Genre in jeder Beziehung finkt. Je mehr diefer Verfall in Rufsland eintritt, je mehr foll die europäiſche Fabrikation daran denken, das Genre für fich aufzunehmen und zu verwerthen. Es müfste freilich nach den alten Vorbildern gefchehen oder nach dem, was noch in echter Weife im Orient gefchaffen wird. Der Anfang ift auch bereits dazu Silberarbeiten. 19 gemacht und nicht blos in der kirchlichen Kunft. Allerdings, was auf der Ausftellung bei zwei öfterreichifchen Fabrikanten von niellirten Silbergegenftänden, meiftens kleinem Schmuck, zu fehen war, das erfchien keineswegs auf dem rechten Wege. Aber wenn die Technik einmal aufgenommen ift, fo ift es eine leichtere Sache, fie auf den guten Weg zu leiten. Neuere Arbeiten, die nach der Weltausstellung gefchaffen find und von denen alfo hier nicht zu reden ift, zeigen, dafs das Niello in Oefterreich Fortgang und guten Fortgang findet. Das Email gehört allerdings in feiner grofsartigften Anwendung, die es in den letzten Jahren erhalten hat, der Bronzefabrikation an, und andererfeits ift es der Schmuck, der mehr und mehr es auch für fich wieder benützt, indefs haben wir auch hier bei den Silberarbeiten davon zu reden. Zwar die eigentliche Fabrikation der europäiſchen Länder macht fehr wenig oder gar keinen Gebrauch davon, wenigftens bei allen Gegenftänden, die einen praktifchen Zweck haben. Selbft bei grofsen denkmalartigen Auffätzen, wo es fehr wohl angebracht wäre, trifft man es noch nicht. Was man fieht oder vielmehr auf der Ausstellung fah, das erfchien hier bei dem Silber als Ausnahme. Wir rechnen dahin einzelne, höchft reizende franzöfifche Gefäfse von Chriftofle, bei welchen das in Nachahmung chinefifcher Arbeiten heute in Mode gebrachte Email cloifonné mit grofsem Glücke auf Silber übertragen war. Wir rechnen ferner dahin ruffifche Silberarbeiten in ziemlicher Anzahl, eben jene, die in dem oben gefchilderten vermeintlichen nationalen Stile gehalten find und, weil fie gefärbte Holzornamente imitirten, auf Metall die entsprechenden Farben ganz fachgemäfs in Email herftellten. Wir rechnen endlich hierher die Luxusgeräthe des Wieners H. Ratzersdorfer, die vom Email einen höchft vielfeitigen Gebrauch machen, fowohl als gemaltes Email mit kleinen Figuren auf lichtem Grunde, wie translucide in vertieften Ornamenten, fowie auch endlich in opaker Art. Von der reichlichen. Anwendung, welche die kirchliche Goldfchmiedekunft vom Email macht, werden wir alsbald zu reden haben, ebenfo wie von dem Email auf Schmuckgegenftänden. Sonft gedenken wir nur noch einiger indifchen Silbergefäfse, welche ornamental mit translucidem Email verziert waren. Die Ausführung derfelben reichte aber bei weitem nicht an das hinan, was Indien in Email bei den eigentlichen Schmuckgegenftänden leiftet. Eine dritte Art der Decoration von Metalloberflächen, deren wir neben Niello und Email noch zu gedenken hätten, würde die taufchirte oder in cruftirte Arbeit fein, die Einlage eines Metalls in ein anderes durch Einfchlagen oder Auffchlagen. Obwohl die Unterlage ftatt des Edelmetalls heute gewöhnlich Stahl, Eifen oder Bronze ift, fo wird diefe Technik doch vorzugsweife vom Goldfchmied geübt, und darum fei ihrer auch an diefer Stelle, wenn auch nur mit kurzen Worten, gedacht. Diefe fo reizende, noch im XVI. Jahrhundert insbefondere in der Waffenfchmiedekunft fo viel geübte Technik ift oder war vielmehr aus der europäiſchen Kunft ganz verfchwunden und nur im Orient bewahrt. Aus dem Orient find daher auch auf unfere Weltausftellung die zahlreichften Beiſpiele gekommen, faft fämmtlich Waffen oder Rüftungsftücke von Stahl mit Gold eingelegt. Die fchönften und reichften hatte Indien ausgeftellt und darnach Perfien. Was aus dem Kaukafus und aus den verfchiedenen Provinzen der Türkei gekommen war, meift Klingen und Läufe von Flinten und Piftolen mit eingefchlagenen Silberfäden, das ftand fchon an Werth bedeutend zurück. Reizend und vollendet dagegen waren die Bronzegefäfse von Japan, welche über und über netzartig mit eingefchlagenen Silberfäden umzogen waren. Doch auch Europa hat die alte Technik bereits wieder aufgenommen und zum Theil mit grofsem Erfolge. Vereinzelt allerdings war eine öfterreichifche, fpeciell Wiener Arbeit, ein reich gefchnitzter Cabinetkaften, deffen Schiebladen mit taufchirten Platten( Silber in Stahl) verziert waren. Diefe Arbeit rührte fpeciell von Ratzersdorfer her. Der Kaften felbft mit allen Zeichnungen dazu 2* 20 Jakob Falke. war Erfindung des Profeffors Teirich am öfterreichifchen Muſeum und war für den kaiferlichen Hof gemacht. Ebenfo vereinzelt waren die ausgezeichneten taufchirten Ornamente von Gold in Stahl an einem englifchen Tafelauffatz bei Elkington, deffen fchon oben unter dem Namen der Helikonvafe gedacht worden ift. Dagegen traten die fpanifchen Arbeiten in diefem Genre bereits wie ein voller Induftriezweig auf, weit hinaus über den Standpunkt eines blofsen intereffanten Verfuches. Zwei Fabrikanten, Zuloaga, den wir bereits von der Parifer Ausftellung her kennen, und Teodoro Ybarzabel, vertraten ihn mit zahlreichen Gegenftänden. Es waren Prachtfchilde, Vafen und fonftige Gefäfse, Käftchen, Piftolen, Dolche, Degengriffe und mancherlei Gegenftände des Schmuckes, alles mit Gold und Silber in Eifen oder Stahl taufchirt und zum Theil in Verbindung mit getriebener Arbeit, wie bei den reich mit Figuren verzierten Schilden, deren ſchönftes Exemplar dem öfterreichifchen Muſeum geblieben ift. Die hohe Vollendung in der Ausführung, die Reinheit und Schönheit der Ornamente und Arabesken weifen auf eine intelligente Leitung hin und bekunden einen hohen Grad des Gefchmackes. Kirchliche Goldfchmiedekunft. Wir hatten uns die kirchliche Goldfchmiedekunft für eine befondere Befprechung aufgefpart. Das Motiv dafür liegt in den Zuftänden der Gegenwart. In früheren Zeiten folgte die kirchliche Kunft dem Stile der Zeit oder ging ihr auch unter Umständen voran. Das ift auch ganz in der Ordnung. Sie hat nichts Befonderes für fich, keine eigene Technik, keine eigenen Formen, es fei denn, dafs fie die allgemeinen Gefäfsformen für ihren Gebrauch zugerichtet oder ihnen Symbole unterfchoben hätte. Heute ift das nun zum guten Theile anders. Die kirchliche Goldfchmiedekunft hat fich in Stil und Form, felbft in der Technik, zum Theil fogar in den Fabrikanten vom civilen Handwerk gefchieden. Sie war es, welche die Reform des Gefchmackes auf ihrem fpeciellen Gebiete eigentlich begann, und fie wandte fich mit ihren Neuerungen dem Mittelalter zu, erft der Gothik, dann auch dem romanifchen Stil. Sie nahm die alten Formen wieder auf, mit den alten Formen aber auch die alte Technik, das Treiben des Silbers, das Filigran, das Niello, das Email in feinen verfchiedenen mittelalterlichen Arten. Dabei ift fie aber auch heute ftehen geblieben, während die Reform der civilen Goldfchmiedekunft durchaus nicht die Richtung auf das Mittelalter, vielmehr auf die Renaiffance und die antiken Vorbilder genommen hat, wie wir das bereits gefehen haben. So gehen alfo heute in der Goldfchmiedekunft zwei Wege und Stile neben einander, der mittelalterliche auf dem kirchlichen Gebiete, der der Renaiffance und der Antike auf dem civilen. Wie die kirchlichen Arbeiten der Goldfchmiedekunft auf unferer Ausftellung, obwohl fie übrigens durchaus nicht mit Vollständigkeit vertreten waren, uns lehren, gehen aber auch in ihr wieder zwei Wege neben einander, der alte und der neue. Der alte bewegt fich in den Formen des Rococo- oder des Jefuitenftils, in denjenigen Formen, die erft feit dem XVII. Jahrhundert ihre Entstehung erhalten haben und von denen eben die Reform fich zu befreien ftrebte. Diefer alten und glücklicherweife veralteten Art gehören alle Geräthe und Gefäfse von Monftranzen, Ciborien, Kelchen, Kreuzen u. f. w. an, welche, meift aus unedlem Metall oder imitirtem Silber gearbeitet, für den Gebrauch der ärmeren oder gewöhnlichen Pfarrkirchen gefchaffen werden. Die bei weitem gröfsere Zahl gehört ihnen an. Sie find noch befonders bei den öfterreichifchen Silberwaarenfabriken vertreten. mit theueren Gegenftänden auch bei den italienifchen. Silberarbeiten 21 Diesfeits der Alpen gehören alle befferen kirchlichen Silbergegenstände, alle diejenigen, welche mit einer gewiffen künftlerifchen Abficht gefchaffen worden, foweit fie für den katholifchen Gottesdienft beftimmt find, einem der mittelalterlichen Stile an. Davon machten auf der Ausftellung nur einige franzöfifche Arbeiten neben vielen mittelalterlichen die Ausnahme. Sonft folgten die belgifchen, die öfterreichifchen, die rheinifchen und weftphälifchen, die Münchener der gleichen Tendenz. Die höchft bedeutende kirchliche Goldfchmiedekunft des Rheinlandes war freilich nur in fehr unzulänglicher Weife vertreten. Unter den mittelalterlichen Stilen ift vorwiegend der gothifche in Uebung, doch hat auch der romanifche, insbefondere um feines Emails willen( Zellenfchmelz wie Grubenfchmelz), viele Freunde gewonnen. Aachener Goldfchmiede arbeiten in diefem Stil mit grofsem Glück und Gefchick. Der gothifche Stil wird im Allgemeinen bei allen befferen und bedeutenderen Leiftungen mit ebenfo grofsem Glanze wie entſprechender Richtigkeit geübt, und wie in Wien, wo unter anderen die Architekten Schmidt und Lippert den Goldfchmieden zu Hilfe kommen, fo gefchieht es auch anderswo. Es ift das Verftändnifs des gothifchen Stils jetzt fo weit durchgedrungen, dafs man fich nunmehr an die gleichen Vorbilder des Mittelalters hält, und nicht wie früher, an die fteinerne Ornamentation der Kirchen. Es gab aber auch Ausnahmen von diefer Regel auf der Weltausftellung, fo die für den billigen Bedarf gefchaffenen Geräthe der Rockenftein'fchen Fabrik in München, welche durchgehends das fchwere geometriſche Steinmafswerk mit Pfeilern, Säulen und Capitälen auf das Metall übertragen hatten. Da die kirchliche Goldfchmiedekunft in den einzelnen Ländern nur von wenigen Fabrikanten geübt wird, fo waren es auch nur einzelne, die fie auf der Ausftellung vertraten. Von Frankreich war es das Parifer Haus Pouffielque Rufand, welches eine aufserordentlich reiche und glänzende Collection zur Anfchauung gebracht hatte. Diefe Arbeiten, die alle Geräthe bis zu den grofsartigften Reliquiarien umfafsten, waren bei weitem vorwiegend mittelalterlich, und zwar erkannte man dabei das Beftreben, die Echtheit fo weit zu führen, dafs alle Eigenthümlichkeit der Zeichnung, die des Stils fowohl, wie die der Unbeholfenheit Nachahmung fand. Dennoch beeinträchtigte die überaus ftarke Vergoldung, welche allzubreiten Raum einnahm, den alterthümlichen Eindruck. Auch denjenigen Geiftlichen, welche noch nicht zum Gefchmacke für mittelalterliche Art durchgedrungen waren, hatte übrigens diefe Fabrik Rechnung getragen. Eine Anzahl Gefäfse und Geräthe in echten Zopfformen oder mit verzopften Ornamenten innerhalb reinerer Formen zeugte dafür. Die bedeutende rheinifche Goldfchmiedekunft hatte, fo viel uns davon erinnerlich, nur allein eine grofsartige filberne Monftranz in gothifcher Kirchenform von J. Simon in Trier auf die Ausftellung gefendet. Aus Weftphalen waren W. Rentrop und Arnold Künne zu Altena erfchienen, beide mit einer gröfseren Serie von Gegenftänden, davon die meiften mittelalterlich waren, obwohl weder die Gothik dabei befonders glücklich, noch Effect und Ausführung von befonderer Feinheit. Auch Belgien hatte nur einzelne Gegenstände gefendet, diefe aber mit befonderen künftlerifchen Anfprüchen, daher fie auch in der Kunftausftellung ihren Platz erhalten hatten. Die Fabrikanten waren A. Bourdon de Bruyne in Gent, der ein grofses romanifches Reliquiar in Sargform gefendet, reich emaillirt und mit freien Figuren, und J. Wilmotte fils in Lüttich. Letzterer zeigte ein frühromanifches Crucifix, etwa im Stil von 1100, die Chriftusfigur mit emaillirtem Schurz ganz in der fteifen unvollkommenen Art jener Zeit gehalten, fowie einen frühromanifchen Kelch mit Filigran und niederer Kuppe und noch einige wenige andere Arbeiten. Genügend zur vollen Ueberficht der Art und Leiftungsfähigkeit des Landes hatte allein auf diefem kirchlichen Gebiete Oefterreich oder vielmehr Wien ausgeftellt. 22 Jakob Falke. In feiner Ausftellung zeigten fich beide oben gefchilderte Richtungen klar und deutlich neben einander, die alte, welche fich in den Formen der Zopfzeit bewegt, insbefondere durch W. Bachmann und durch Herrmann vertreten, die andere durch Matzenauer, fowie durch Brix& Anders. Jene fucht den Effect durch blankes und weifses Silber, höchftens durch Vergoldung, diefe hat nebft den mittelalterlichen Formen auch alle edle Technik des Mittelalters aufgenommen, das Filigran, die getriebene Arbeit, das Niello, das translucide Email, den Zellenfchmelz und Grubenfchmelz und übt fie in höchft forgfältiger Weife. Die coloriftifche Wirkung, die auf folcher Technik beruht, pflegt noch durch Edelfteine erhöht zu werden. Nehmen wir nur hinzu, dafs die beften Kenner des Mittelalters unter den Architekten die Zeichnungen zu liefern pflegen, fo müffen wir diefen Zweig der öfterreichifchen Kunftinduftrie als zu den glän zenderen gehörig betrachten. Er fteht nicht hinter feinen Concurrenten in irgend einem anderen Lande zurück. II. Schmuckarbeiten in Gold und Silber. Wir zerlegen für unferen Bericht die Schmuckarbeiten in zwei Theile, in diejenigen, die lediglich aus Gold oder Silber beftehen oder bei denen das Metall die Hauptfache ift, und in diejenigen, bei denen es fich eben nur um den Werth und die Zuſammenfetzung der Edelſteine handelt. Wir geftehen, die Trennung ift etwas gewaltfam, aber der gegenwärtige Brauch kommt uns dabei zu Hilfe. Die Trennung findet bei den Gegenständen, zum Theil felbft im Gefchäfte ftatt. Einft war das nicht fo. Noch die Goldfchmiedekunft der Renaiffance ging in ihren Schmuckarbeiten darauf aus, mit Gold, Email und Edelſteinen einen zugleich plaftifchen und farbigen Effect zu erzielen und gerade in diefer Art. deren Eigenthümlichkeit in der Vereinigung diefer Mittel befteht, hat fie uns die reizendften Kunftarbeiten im Kleinen hinterlaffen. Mehr und mehr ift man in der Folgezeit darauf ausgegangen, die drei Beftandtheile zu trennen, das Gold und die Edelfteine jedes für fich im Schmuck wirken zu laffen, und das Email ftatt à des decorativen Schmelzes in Miniaturfchmelzmalerei zu verwandeln, welche mit kleinen figürlichen Scenen flache Gegenftände überdeckte. Wenn man von der kunftreicheren Ausbildung des Edelfteinfchliffes abfieht, die vielleicht nicht. wenig zu diefer Entwicklung beigetragen hat, fo mufs man im Allgemeinen diefe Trennung als einen Niedergang im Gefchmack betrachten. Für den eigentlichen Goldfchmuck, von dem wir hier zunächft reden, zeigte fich der Verfall noch in einer anderen Weife. Man hätte erwarten follen, dafs mit dem Aufhören der farbigen Verzierung die eminent plaftifche Eigenfchaft des Goldes nun erft recht hätte zur Geltung kommen follen, dafs nun der Schmuck hätte das Reliefornament, fei es in Laub, fei es in Figuren, zur höchften Vollendung ausbilden follen. Aber gerade das Gegentheil trat ein. Mit dem allgemeinen Sinken des Gefchmacks verlor fich auch diefe Seite der Kunft, und was am Ende im XIX. Jahrhundert übrig blieb, war der Goldwerth des Metalls und der goldene Schein. So erklärt fich die Eigenthümlichkeit des modernen Goldfchmucks, wie er vor wenigen Jahrzehnten faft einzig im Gebrauche ftand, einerfeits die Plumpheit und die Schwere der Formen, bei denen z. B. bei Armbändern die Mafse des verwendeten Goldes allein noch in Schätzung ftand, andererfeits die völlig glatte Behandlung der Oberfläche ohne alles Relief, ohne alle Arbeit. Allenfalls ein ebenfo plump in der Mitte eingefetzter Stein hatte auch weiter keine Wirkung und keinen Zweck, als den materiellen Werth zu erhöhen. Endlich konnte eine fo magere, armfelige Kunft doch nicht auf die Dauer genügen und man mufste nach irgend einer Form oder Geftaltung trachten. Da traten nun zwei durchaus moderne Motive zur Hilfe. Einmal war es der Naturalismus der Blumenliebhaberei, welche wenigftens Laub und Relief dem Goldfchmuck zurückgab, wenn, auch die Arbeit, der Freiheit der Natur entgegen, mechanifch mit Preffung hergeftellt wurde. Zum anderen ging auch die in den Galanteriegegenftänden herrfchende Art, einen Gegenftand unter der Form eines anderen darzuftellen, auf den Schmuck über. So drang das finnlofe Ornamen 24 Jakob Falke. tationsgenre der Riemen, Schnallen, Bänder, Schleifen, Manfchetten und was der gleichen mehr ift, auch in der Goldfchmiedekunft ein. Das Gemifch aller diefer Elemente bildete die Kunftart des Schmuckes, der Armbänder, Brochen, Ringe u. f. w. in den fünfziger Jahren diefes Jahrhunderts. Wie auf allen Gebieten der Kunftinduftrie, fo regte fich auch hiergegen die Oppofition. Sie kam aber diefsmal von anderer Seite und in anderer Art und nicht gerade in abfichtlicher Reform. Der neue Stil oder die neue Mode des Schmuckes, welche zunächft die Arbeit verfeinern, die Technik erweitern, die Formen veredeln follten, war der antike. Die antiken Schmuckgegenstände wurden faft zugleich von zwei Seiten als Vorbilder aufgeftellt, in Italien und in Frankreich, aber in verfchiedenem Sinne. In Italien galt es zunächft, die treue Wiedergabe des antiken Schmuckes in all' feiner Schönheit und Feinheit; in Frankreich handelt es fich dagegen um neue Formen für die Mode. Den griechifchen und etruskifchen Formen folgten ägyptifche und byzantinifche, und da auch die italienifchen Beftrebungen dem dortigen modernen Schmucke zugute kamen, fo war diefer bald aller Orten von antiken Motiven durchdrungen, ohne dafs die alten fchon darum befeitigt gewefen wären. Ift die Buntheit der Stilarten dadurch nur vermehrt worden, fo ift doch andererfeits der Einfluss des antiken Schmuckes nur vom gröfsten Vortheil gewefen. Sehr geringen Einflufs hat dagegen, ganz im Gegenfatz gegen die Silberarbeiten, der Renaiffancefchmuck gezeigt, doch hat er feine Traditionen, die wieder aufzuleben beginnen. Es ift das zunächft im nationalen Schmucke der Fall, der noch eine felbftftändige Stellung neben der Mode einnimmt. Die Weltausftellung gab uns über alles das genügenden Auffchlufs; man konnte gar leicht erkennen, welche Stellung die einzelnen Länder theils zu den gefchilderten Zuftänden des Modefchmuckes, theils zu den natio. nalen Traditionen einnehmen. Die Ausftellung der Schmuckgegenftände war höchft vielfeitig, ja allum. faffend; kein Zweig der Kunftinduftrie zeigte vielleicht weniger Lücken. Frankreich, Italien, England, Deutſchland, Oefterreich, Dänemark vertraten all' den modernen Schmuck und doch mit grofsen Eigenthümlichkeiten oder Varietäten. Noch mannigfaltiger faft zeigte fich der nationale Schmuck, zu dem von Europa insbefondere Norwegen, Portugal und Ungarn Beiträge geftellt hatten; aufserdem vor allem Indien, die malayifchen Infeln Hollands, China und Japan, NordAfrika von Aegypten bis Marokko. In Bezug auf den modernen Schmuck nahm Italien vielleicht die eigenthümlichfte Stellung ein durch die Richtung, welche die Nachahmung des antiken Schmuckes feinen Goldarbeiten gegeben hatte. In diefer fpeciellen Richtung waren diefelben die vorragendften auf der Weltausftellung, die erften Leiftungen des reinen Goldfchmuckes, die heute gefchaffen werden. Daneben glänzte Italien auch auf dem Gebiete des nationalen Schmuckes durch feine Filigranarbeiten. Frankreich, das, wie fchon angedeutet, auch feinerfeits Art und Formen des antiken Schmuckes adoptirt zeigte, war auch im Schmuck feinem fonftigen Charakter treu geblieben, Motive, Vorbilder, Ideen von aller Welt aufzunehmen und in fein Eigenes, in die Mode umzufetzen. So gab es faft keinen Schmuck anderswo, der nicht auch unter den franzöfifchen Arbeiten zu fehen gewefen wäre. Als Nachtreter Frankreichs in diefer feiner Art erfchien der reich vertretene deutfche Schmuck der füdweftdeutfchen Städte Hanau, Pforzheim, Stuttgart u. a. England imitirt wie Frankreich die Motive jeder Art und jedes Landes, aber ohne fie in eigener Weife zu überfetzen und zu verwandeln. Auch Dänemark, in deffen Kunftinduftrie fich feit Thorwaldfen eine antikifirende Richtung geltend macht, hatte in fchönen Beiſpielen Goldfchmuck in antiker Art zur Ausftellung gebracht, daneben aber auch nordifche Filigranmotive verwerthet. Bei Oefterreich überwog bei weitem der Edelfteinfchmuck vor dem verhältnifsmässig unbedeutenden Goldfchmuck. Diefs find die charakteriftifchen Züge der hauptfächlichften Fabriksländer des modernen Goldfchmuckes. Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 25 In Italien ift bekanntlich die antike Richtung des Goldfchmuckes durch die Goldfchmiedfamilie der Caftellani in Rom und Neapel begonnen worden. Diefe Familie behauptete darin auch den erften Platz auf der Weltausftellung; aber fie ftand durchaus nicht mehr allein. Nur waren die übrigen Fabriken, wie Belezza in Florenz und T werembold in Turin, noch zugleich mit Schmuck in anderer Art und insbefondere auch mit fpeciellen Juwelierarbeiten vertreten. Die Art des antiken Schmuckes beruht einmal auf den charakteriftifchen Formen, die fich dem Baue der Glieder, welche fie zu fchmücken haben, anfchmiegen, fodann auf der reichen Hinzufügung des Filigrans, fei es in Fäden, fei es in Körnern, mit welchen fammtartig die gekrümmten Flächen überdeckt werden. Diefes Filigran in gleicher Feinheit herzuftellen und mit gleicher Vollendung anzuwenden, das war die Hauptfchwierigkeit, welche zweifelsohne von keiner europäifchen Fabrik in gleicher Weife wie von Caftellani gelöft worden ift. Vielleicht hat auch keine die Erfüllung der Aufgaben in gleichem Mafse erftrebt. Eine dritte Eigenthümlichkeit des antiken Schmuckes befteht in der ornamentalen Hinzufügung kleiner Figuren, eine vierte endlich in der befcheidenen Anwendung von Email. Beides war in gleicher Weife von Caftellani gefchehen und zum Theil auch von Anderen, wie denn gerade die Verwendung des figürlichen Ornamentes eine Eigenthümlichkeit des italienifchen Goldfchmuckes war, den derfelbe faft allein befafs. Am vorzüglichften zeigten fich in diefer Beziehung die Arbeiten des bereits genannten Twerembold in Turin. Aber die italienifchen Goldfchmiede find bei der blofsen Nachahmung des antiken Schmuckes, fo ernft und fo künftlerifch fie diefelbe genommen haben, doch nicht ftehen geblieben. Sie haben die antike Art auf anderen Schmuckarbeiten, die Italien eigenthümlich find, weiter angewendet. Wir meinen damit die gefchnittenen Steine und die kleinen Mofaikbildchen in römifcher Art, deren Verwendung und Verwerthung zum Schmucke durch die Goldfaffung gefchieht. Diefe Faffung war bisher nach Art aller Montirungen der Juwelierarbeiten von ziemlich roher und plumper Art. Die italienifchen Goldfchmiede haben nun aber die antike Faffung mit gedrehten und gekörnten Fäden und fonftigen Motiven darauf angewendet und dadurch hat das ganze Genre als Schmuck aufserordentlich gewonnen. Franzöfifche und nordifche Goldfchmiede find ihnen darin gefolgt. Die Wiederaufnahme des antiken Filigrans war gerade in Italien um fo leichter möglich, als fich hier das Filigran traditionell erhalten hatte, und zwar im Volksfchmuck. Gegenwärtig wird das Filigran bereits wieder fabriksmäfsig betrieben daher wir auch an diefer Stelle davon reden wollen und fein Gebrauch hat fowohl den Bereich des Volksfchmuckes wie die Grenzen des Landes überfchritten. Gleich dem türkifchen Filigran benützt man auch das italienifche zu allerlei kleinen Geräthen von Körben und Behältern; die Hauptanwen dung ift aber zum Schmucke jeglicher Art für Haar, Hals, Bruft und Arme. Die Art der fpiralig gebogenen, an den Ausgangspunkt zurücklaufenden und dort befeftigten Fäden ift immer ziemlich die gleiche; die Motive find nicht zahlreich. Neuerdings hat man aber auch nicht ohne Glück Blätter und Blumen in Filigranfchmuck darzuftellen verfucht. Die Verfuche erfcheinen um fo gelungener, je weniger fie naturaliftifche Art anftreben. Das Material diefer Arbeiten ift durchgängig Silber, aber zum Schmucke meiftens vergoldet, was z. B. bei den nordifchen Arbeiten nicht der Fall ift. Die Hauptfabriksftätten find Turin und Genua, erfteres auf der Ausftellung durch M. Meyer( Beretta), letzteres durch Salvo vertreten. So reich die Ausftellung Frankreichs in Schmuckarbeiten war, fo hatte man doch den gewöhnlicheren Goldfchmuck zu Haufe gelaffen. In Folge deffen überragten einerfeits die fpeciellen Juwelierarbeiten, andererfeits zeigte fich die ausgeftellte Collection verhältnifsmäfsig frei von den fchlimmften populären Motiven, den Schnallen, Riemen, Manfchetten, Hufeifen, Pferdeköpfen und was 26 Jakob Falke. dergleichen fonft auf diefem Gebiete graffirt. Dagegen war, wie wir noch später fehen werden, viel Naturalismus gerade bei den Juwelen, wo er am wenigften hingehört. Der befte Goldfchmuck war in antikem Stile gehalten und in diefer Beziehung müffen die Arbeiten von Fontenay in Paris hervorgehoben werden. Als fonftige charakteriftifche Seiten des franzöfifchen Schmuckes gab fich einerfeits viel Farbe kund, andererfeits eine gewiffe Vielfeitigkeit, wenn nicht Allfeitigkeit. Die Vorliebe für eine farbige Haltung des Schmuckes zeigte fich nicht blos in reichlicherer Verwendung von Steinen, fondern auch in der Verbindung mit Email. Aus letzterer Ornamentation hatten einzelne Fabrikanten faft eine Specialität gemacht, fo Emil Philippe aus dem mehr decorativen byzantinifchen Zellenfchmelz, insbefondere bei Kreuzen und anderem religiöfen Schmuck, die Fabrik von Pavié und Pavillié dagegen von der Miniaturmalerei auf Emailgrund. Aehnlich waren die Arbeiten von Paul Manteau und Salleron, die von Letzterem befonders mit religiöfen Gegenftänden. Die andere charakteriftifche Eigenfchaft, die Vielfeitigkeit, fprach fich darin aus, dafs die franzöfifche Induftrie den Schmuck aller Welt bei fich einführt und imitirt. So fah man den italienifchen Cameenfchmuck mit antikifirenden Faffungen, die italienifchen Korallenarbeiten, felbft den indifchen und brafilianifchen Schmuck mit goldig oder opalifirend fchillernden Käferflügeln. Auch der buntfarbige, unechte türkifche Schmuck mit Emailfarben war nachgeahmt. Ueberhaupt bildete folcher unechter Schmuck mit Email, falfchen Steinen und falfchen Perlen einen nicht unbedeutenden Theil der franzöfifchen Schmuckcollection. Diefe Arbeiten wiffen mit grofsem Gefchick brillanten Effect zu machen und find nicht felten von fehr guter Zeichnung, von befferer oft als die echten Gegenftände, weil bei diefen der Modegefchmack regiert, bei jenen aber häufig die Imitation guter alter oder nationaler Vorbilder obwaltet. Ift in diefer Weife der franzöfifche Schmuck allumfaffend, fo ift doch der einzelne Fabrikant Specialift in einem einzelnen Genre oder erfchien doch mindeftens fo auf der Ausftellung. Im Gegenfatz fucht in England der einzelne Fabrikant allumfaffend zu fein. So zeigte fich Hancock von London, in Wien allerdings eigentlich der einzige englifche Ausfteller in modernem Schmuck. Seine Hauptftärke beruhte freilich in den reichen Juwelierarbeiten, auf die wir noch später zu fprechen kommen, aber auch fein Goldfchmuck war nicht minder zahlreich wie bedeutungsvoll. Alle Stilarten und Stilunarten, kann man fagen, die heute in Uebung find, waren in feiner Collection vertreten. Die feinften und vollendetften Arbeiten lagen neben den plumpften und gewöhnlichften. Antikifirende Zeichnungen griechifcher, etruskifcher, byzantinifcher und ägyptifcher Art mifchten fich mit ganz modernen, mit den Hauptftücken des Schnallen- und Manfchettenftils. Höchft fimpel und fchwerfällig gegliederte Armbänder contraftirten mit zierlichen Filigranarbeiten und vortrefflich ausgeführtem Zellenfchmelz. Was Grofsbritannien fonft noch von Schmuck gefendet hatte, war mehr abfonderlicher Art. Dahin rechnen wir einen fchottifchen Fabrikanten, Atchinfon in Edinburg, mit allerlei kleinen Silbergegenständen, deren Haupteigenthümlichkeit in Verwendung von Krallen und Vogelfüfsen beftand. Wir dürfen den Urfprung alfo wohl in den fchottifchen Hochlanden fuchen. Wie fchottifche Motive, fo hatte derfelbe Fabrikant auch altirifche Motive entlehnt, fowohl von den alten in Irland gefundenen Brochen, fowie von den Steinkreuzen mit ihrem fchlangenartig verfchlungenen Ornament. Um das eigentliche Genre des modernen Schmuckes mit dem Gemifch feiner verfchiedenartigen Elemente, wie wir dasfelbe oben gefchildert haben, kennen zu lernen, war keine Ausftellung lehrreicher als diejenige der Schweiz und ganz insbefondere diejenige Deutſchlands. Die Schweiz verfolgt mit ihrer Induftrie keine idealen Ziele. Es handelt fich bei ihr allein um das Gefchäft und die am leichteften und ficherften verkäuf Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 27 lichften Dinge. Sie folgt daher dem modifchen Gefchmacke, wie er von Frankreich ausgeht; ihn zu leiten und zu führen, felber neue Ideen zu geben, neue Bahnen zu zeigen, ift nicht ihre Sache. Die Schmuckarbeiten haben bei ihr eine folide Bafis, infofern als fie mit der Uhrenfabrikation in Verbindung ftehen, welche zur Decoration derfelben Techniker bedarf. Es fpielt daher auch in den Schweizer Schmuckarbeiten das gemalte Miniaturemail, wie es namentlich im XVIII. Jahrhundert Mode war, eine grofse Rolle. Auch fonft gehören die meiften Gegenftände der Art dem XVIII. Jahrhundert an, insbefondere dem Stil Louis XVI. Daneben macht fich auch der moderne Eklekticismus in höchft eigenthümlicher Weife bemerklich, indem den Gegenftänden felbft die entfprechende Bezeichnung des Stils ausdrücklich hinzugefügt ift. So lernen wir einen griechifchen, einen etruskifchen, einen ägyptifchen, einen affyrifchen Stil kennen, felbft einen amerikanifchen, der uns bis dahin unbekannt war und wohl erft in der Schweiz erfunden wurde. Man fieht, die Schweizer Induftrie weifs fich zu accommodiren. Alle Gegenftände find übrigens hübfch ausgeführt, Email und Gravirung, wie die verfchiedenen Farben des Goldes mit Gefchick behandelt. Was den Schweizer Schmuck im Kleinen charakterifirt, das gilt von demenigen Deutfchlands im Grofsen. Die Schmuckinduftrie Deutfchlands, obwohl fie nur in einem Theile des Landes und an ganz beftimmten Orten, insbefondere in Hanau, Offenbach, Pforzheim, Schwäbisch Gmünd, Stuttgart ihren Sitz hat, ift in keiner Weife zu unterfchätzen. Sie arbeitet im Grofsen für den Export und umzieht die Welt; fie fucht das Bedürfnifs der Mode zu befriedigen, wie fie gleichzeitig felbft der Fabrikation des nationalen Schmuckes fich zu bemächtigen trachtet. Sie affimilirt fich dem Gefchmacke der verfchiedenen Länder wie dem Schönheitsgefühle des Inlandes. Die künftlerifchen Leiftungen diefer Schmuckftädte waren allerdings bisher in keiner Weife bedeutend. Diefe Induftrie fuchte gleich der fchweizerifchen nichts zu erfinden, noch weniger neue Bahnen des Gefchmackes und der Kunft zu eröffnen. Sie folgte, wo fie fich nicht dem Landesgefchmacke anfchmiegte, lediglich dem Vorgange Frankreichs und erlaubte fich nur die Vorbilder, die fie von dort fich verfchaffte, beliebig zu verändern. Das Verfahren war ein nicht viel anderes als die gewöhnlichen Elemente, bald fo, bald fo, wie ein Kartenfpiel zu mifchen. Und viel anders ift es auch heute nicht, nur find eben beffere Elemente und beffere Motive, insbesondere durch die Imitation des antiken Schmuckes in diefen Kunftzweig eingedrungen. So find die künftlerifchen Beftandtheile diefes deutfchen Schmuckes von dreierlei Art: erftens find es die oben gefchilderten Motive, die wir mit der Bezeichnung des Manfchettenftils zufammengefafst haben; zweitens find es naturaliftifche Ornamente von Blumen, Laub und Ranken, und die dritten Beftandtheile haben die Nachahmung oder Modernifirung des antiken Schmuckes hervorgerufen. Diefer letzteren gehören auch alle die Kettchengehänge an, die heute auch da beliebt find, wo fie nicht hingehören. Von diefen drei Beftandtheilen ift es insbefondere der letztere gewefen, welcher einerfeits die Technik durch die Einführung des Filigrans erweitert hat, andererfeits überhaupt, weil die Originale ganz andere Anforderungen ftellten, die ganze Arbeit verfeinert, man kann fagen, das ganze Genre gehoben hat. Man muss das anerkennen, foviel man auch an dem, was uns die Weltausftellung von deutfchem Schmucke vor Augen führte, ausfetzen mag, fo fehr man Urfache hat, die wilde Vermifchung der verfchiedenartigen Motive, den Mangel an Originalität und Erfindung zu tadeln, fo fehr insbefondere dasjenige, was nach antiken Motiven gefchaffen wird, in jeder Beziehung hinter den Vorbildern zurückfteht. Man mufs einen relativen Fortfchritt zugeben fowohl in der Verfeinerung der Arbeit, wie insbefondere in der Erweiterung der Technik. Diefe hat nunmehr aufser dem bereits erwähnten, wenn auch in fparfamer Anwendung ftehenden Filigran auch mannigfach das Email hereingezogen; fie verwendet 28 Jakob Falke. Korallen, Cameen, Edelſteine und bedient fich des verfchiedenartigen Goldes zu coloriftifchen Effecten, die freilich keineswegs immer glücklich ausfallen. Diefe Verbindung des grünlichen und des rothen Goldes, deren Erfindung oder hauptfächlichfte Verwendung erft dem XVIII. Jahrhundert angehört, erfcheint uns überhaupt eine fehr gefährliche Ornamentation, deren man fich nur mit gröfster Vorficht bedienen follte. Wir haben fchon manchen Effect dadurch geftört gefehen. Es ift fchwer, aus der grofsen Menge der deutfchen Goldfchmiede, die auf der Ausftellung vertreten waren, einzelne herauszuheben. Der Werth hält fich ziemlich auf dem gleichen Niveau, doch pflegt der Eine mehr diefe, der Andere mehr jene Art und Richtung und darin ift auch der Eine glücklicher als der Andere. Von Hanau z. B. möchten wir vor allem Biffinger& Sohn wegen feinerer Arbeiten nennen; ihnen kommt zunächft in diefer Beziehung Steinhauer & Comp., doch find deren Zeichnungen unklarer und überhaupt minder gut. Diefen ftehen als Vertreter der fchlimmen Seiten moderner Art J. Backes, G. W. Schehl, C. Koch und Otto Weber& Comp. gegenüber. Letztere find insbefondere Vertreter des Manfchettenftils, während Ernft Schönfeld den Naturalismus allerdings in fehr verfeinerter Art betreibt. In Specialitäten find zu nennen: C. Kurr- Schüttner mit Korallen, Agaten, Malachiten, Mufcheln, aber mit unbedeutenden Faffungen; J. M. Krug mit kleinen Emails, Diehls mit Perlen und Steinen. Unter den Stuttgarter Fabrikanten erfcheint als die erfte und befte Firma Meyer& Pleuer, insbefondere mit franzöfifch- antikifirenden Arbeiten; Berg& Comp. dagegen ftehen auf der entgegengefetzten Seite. Auf diefer letzteren find auch die Gmünder Fabrikanten zu nennen: Otto& Comp. mit wildem Naturalismus, Gebrüder Kuttler in ähnlicher Richtung. In Pforzheim ftellen fich auf die beffere Seite Nützelberger, Gfchwind& Comp., deren Arbeiten, wenn auch verfehlt im Stil, um der feinen Faffungen willen zu loben find; Basler und Flendrich, fowie W. Mürle mit hübfchen Emails. A. Kiehne übt den Naturalismus wenigftens in fehr feiner Art. F. Becker, Haack& Nagler, A. Gerwig huldigen theils dem Manfchettenftil, theils dem Naturalismus, während G. Saacke und Maifchhofer, letzterer in Verbindung mit Korallen, vorzugsweife das veraltete Motiv bandwurmartiger Verfchlingungen zu Schmuckarbeiten benützen. Eine ähnliche Collectivausftellung wie die diefer deutfchen Schmuckfabrikanten befand fich auch in der öfterreichifchen Abtheilung. Diefe Collectivausftellung enthielt den gewöhnlichen Goldfchmuck, wir müffen leider fagen, den fehr gewöhnlichen, denn fo viel wir auch an den deutfchen Arbeiten auszufetzen fanden, diefe Art der öfterreichifchen machte noch einen weit ungünftigeren Eindruck. Es waren die Motive nicht blos der verkehrteften modernen Art, es fehlte nicht blos an aller Erfindung und Originalität, es ftand auch die Arbeit felbft an Feinheit und Mannigfaltigkeit der Technik hinter den deutfchen zurück. So fehr wir bei den öfterreichifchen Silberarbeiten das Beftreben nach wahrhaft künftlerifchen Leiftungen anerkennen mufsten, ebenfo fehr läfst diefe Art des Schmuckes nicht überfehen, dafs die reformatorifchen Bemühungen auf dem Gebiete der Kunftinduftrie noch nicht bis zu ihnen gedrungen find. Hier liegt noch ein Feld der Thätigkeit völlig brach. Doch waren diefs bei weitem nicht die einzigen Schmuckarbeiten, die in der öfterreichifchen Abtheilung ausgeftellt waren. Eine Anzahl Juweliere, die höchft koftbaren Edelſteinfchmuck dem Publicum vor Augen geführt hatten, bewiefen, dafs die Bedeutung des öfterreichifchen Schmuckes, wie wir noch näher fehen werden, auf einer anderen Seite liegt. Aufser diefen, zum Theil grofsartigen Bijouterien gab es aber auch noch mancherlei eigenthümlichen Schmuck, der wenigftens Beachtung verdient. Dahin rechnen wir z. B. niellirten Silberfchmuck von Luftig& Vidal, fowie von Markovitfch& Scheidt, bei denen freilich Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 29 die Art der Zeichnung in den Ornamenten keineswegs genügte; ebenfo rechnen wir dahin namentlich bei der erfteren Firma emaillirten und incruftirten Schmuck. Vor allem gehört hierher die Imitation des alten ungarifchen Schmuckes mit Steinen, Perlen und Email, fo dafs der Effect ein durchaus farbiger ift. In Wahrheit ift diefe Manier eine Tradition der Renaiffance und ihres Schmuckes, die fich bei dem ungarifchen Coftüm erhalten hat, heute erneuerten Beifall findet und von jenem befchränkten nationalen Gebiete auf ein allgemeineres Feld übergeht. Die Fabrikanten diefes Schmuckes find in Wien, wie die bereits genannte Firma von H. Ratzersdorfer oder zugleich in Peft anfäffig, wie die Gebrüder Egger. Man fah daher diefen Schmuck in der öfterreichifchen wie auch in der ungarifchen Abtheilung. Ein befonders fchönes Beiſpiel von reicherer Art ( Eigenthum des Grafen Edm. Zichy) hatte E. Biedermann in Wien zur Ausftellung gebracht. Einer der Wiener Goldfchmiede, Hermann Böhm, hatte aber auch eine exceffive Anwendung diefer Manier gemacht, indem er einen kolof falen runden Schild und eine grofse Axt nach ungarifcher Art in überaus reicher Weife damit überzog, fo reich, dafs die Gegenftände felbft als Prunkftücke finnlos waren und kein Vergnügen übrig blieb, als die Freude an der guten Arbeit des Details. Auch die dänifchen Schmuckarbeiten verbanden wie die öfterreichifchen nationale Elemente mit ganz modernen und fuchten jene für den modifchen Gebrauch zu verwerthen. In diefer gemifchten Art bot die Schmuckcollection des fchon genannten Kopenhagener Silberfabrikanten Chriftefen nicht geringes Intereffe. Es fanden fich in derfelben vortreffliche Imitationen antiken Schmuckes, welche wohl den italienifchen am nächften kamen und andere Goldarbeiten von Armbändern, Ohrgehängen, Hals- und Bruftfchmuck, welche altnordifche mit Glück zu modernifiren trachteten. Beide Arten machten fehr guten Eindruck, nur leider war diefer Eindruck durch eine Collection des gewöhnlichften Schmuckes im Schnallen- und Manfchettenftil wieder gefchädigt. Ein ähnliches Beftreben, nordifche Schmuckelemente zu modernifiren und für den allgemeinen Gebrauch zu verwerthen, fah man in der norwegifchen Ausstellung bei einem Goldfchmied von Chriftiania, Toftrup. Norwegen gehört zu den Ländern, wo fich im Bauernfchmuck das Silberfiligran feit Jahrhunderten erhalten hat. Die Motive desfelben, Rofetten, Knöpfe, bandartige Filigranverfchlingungen in frühmittelalterlicher Weife, dazu kleine klirrende Anhängfel mit Kettchen, verwendet Toftrup zu Diademen und anderem Kopffchmuck, zu Ohrgehängen, Halsbändern, Brochen, Ketten und Kreuzen, verbeffert und ftilifirt die Zeichnung und fchafft fo manch' reizendes effectvolles Stück, das oft in feiner Präcifion antiken Eindruck macht. Auch andere Artikel, wie Schalen, Leuchter, Körbe, die wir hier aber unberücksichtigt laffen, macht derfelbe Fabrikant aus Filigran. Das gleiche Gemifch, wie es bei dem Dänen Chriftefen zu fehen war, das Gemifch des modernften Schmuckes der verwerflichften Art mit wahrhaft reizenden Gegenftänden, konnte man auch in der Schmuckausftellung Rufslands wahrnehmen. Aber dasjenige, was wir hier das Reizende nennen, bewegte fich nicht in antiken Formen, fondern in einem fehr farbigen Genre und zum Theil auch in den Motiven der ornamentalen Holzarchitektur, die wir fchon bei den gröfseren Silberarbeiten Rufslands näher befprochen haben. Diefe Arbeiten, deren man zahlreiche Beiſpiele in den Collectionen von W. Adler und Otto Krumbügel in Moskau fah, durch ihr reizendes Email im Allgemeinen von höchft gefälligem Eindruck, litten doch an den fteifen Formen der Originalmotive, die fich hier im gefchmeidigen Golde faft noch mehr bemerklich machten, wie bei den Silberarbeiten. Bei weitem fchöner und anmuthiger war ein anderes Genre von Bijouterie bei Tfchitfcheleff, Goldarbeiter und Juwelier in Moskau: Schmuckgegenftände aus kleinen verfchlungenen Goldbändern, die zierlich durch einander laufen, alles farbig emaillirt mit Perlen, Diamanten und farbigen 30 Jakob Falke. Steinen, ausgezeichnet ebenfo durch den Effect wie durch die Freiheit und Feinheit der Zeichnung. Ihnen zur Seite ftanden andere Gegenftände mit zitternden Blumen, die Perlen und Diamanten trugen und bei jeder Bewegung glitzerten. Auch das naturaliftifche Genre mit aufgelegten Blumen, Zweigen und Blättern, in verfchiedenfarbigem Golde dargestellt, hatte in Rufsland feinen Vertreter gefunden, und zwar in dem bereits genannten W. Adler. Die Arbeiten waren wenigftens fein und zierlich und darum in ihrer Art nicht ohne Reiz. Kannte der moderne Schmuck bis in die letzten Jahre das Filigran nicht mehr, fo bildet es überall die Eigenthümlichkeit des nationalen Schmuckes. Wo fich ein folcher erhalten hat, da ift auch Filigran fein wefentlichfter Beftandtheil. So haben wir es fchon bei Italien gefehen, fo ift es im öfterreichifchen Gebirge, fo in den füdlichen Donauländern, fo in Holland, auf den Infeln der Nordfee, fo in Norwegen. Auf der Ausftellung war freilich diefer Schmuck nicht von überall her vertreten; fo fehlten durchaus die intereffanten holländifchen Arbeiten. In Norwegen wie in Jtalien hat das nationale Filigran unter Führung intelligenter Goldfchmiede bereits wieder moderne Bedeutung gewonnen. Ebenfo ift es in Portugal, das eine reiche und fchöne Collection goldenen und vergoldeten Filigranfchmuckes zur Ausftellung gebracht hatte, zierliche, feine, exacte Arbeiten, die den Beifall verdienten, den fie fanden. Zu der gleichen Bedeutung haben fich die Filigrane der Donauländer, wie die der Türkei noch nicht erhoben. Ueberhaupt find die heutigen Schmuckarbeiten der Türkei, wenigftens wie fie fich auf der Ausftellung darftellten, in keiner Weife von befonderem Werthe. Der unechte Schmuck hat wenigftens farbige Reize, aber er wird fo vielfach anderswo fabricirt und in die Türkei erft importirt, dafs man das Rechte vom Falfchen fchwer unterfcheiden kann. Mancherlei originelle Formen, wenn auch keineswegs feine Arbeit, zeigte der Schmuck der fyrifchen Frauen, zumal von den Stämmen des Libanon, auch derjenige jüdiſcher Frauen jener Gegenden und Paläftina's. Die Stirnbinden mit Gehängen, die Ohrgehänge waren befonders beachtenswerth. In gleicher Weife intereffirte durch feine eigenthümlichen Formen der Schmuck Aegyptens, auch zeigte fich die Arbeit, namentlich bei den goldenen Gegenftänden, nicht ohne Feinheit und Schönheit; die filbernen Halsketten, Armbänder u. f. w. waren dagegen viel eher plump und fchwer und grob im Filigran. Färbige Decoration von Email und Steinen bemerkte man fehr wenig dabei. Ein ganz anderes Genre von Schmuckarbeiten ift dasjenige vom öftlichen und füdlichen Afien, welches etwa mit Perfien beginnt. Hier gefellt fich zum Filigran die farbige Decoration, fei es durch Steine, fei es durch Email, in höchft ausgezeichneter Art. Zwar die perfifche Fabrikation fcheint in diefer Beziehung im Verhältnifs zur Vergangenheit bedeutungslos geworden zu fein. Dagegen fah man in einer Ecke der ruffifchen Ausftellung ganz vortreffliche Schmuckgegenstände aus Turkeft an, die insbefondere von den dort heimifchen Tur kifen eine reiche und ausgezeichnete Anwendung machten. Gerade um diefes Punktes willen waren jene auch fonft gut gearbeiteten Gegenftände höchft beachtenswerth. Auch von China und Japan waren unter den Schmuckgegenftänden nur die Filigranarbeiten von Bedeutung. Japan zeigte allerdings auch eine Anzahl Gegenstände unechten Schmuckes von Ringen, Knöpfen und fonftigen kleinen, zum Theil fchon für den europäiſchen Gebrauch gearbeiteten Dingen, die fich durch die Originalität der Erfindung, wie durch die Genauigkeit der Arbeit auszeichneten. Sie waren meift aus Kupfer oder Bronze, verfilbert und vergoldet, taufchirt oder auch emaillirt. Weit vorragender aber waren die Filigrane China's, fowohl die in Silber wie in Gold. Jene, die von Silber, waren nicht nur von äufserfter Feinheit des Fadens und mannigfacher Zufammenfetzung, fie hatten auch die Eigenthümlichkeit, dafs fie mitten in Filigran fich noch mit emaillirten Blumen fchmückten; eine Verbindung, die, wie es fcheint, heute allein in China Schmuckarbeiten in Gold und Silber. 31 in Uebung fteht. Künftlerifch noch vorzüglicher waren die Goldfiligrane, meift Schmuckgegenftände, wie: Brochen, Ohrgehänge, Armbänder, die, in gefchnitz ter Elfenbeincaffette eine Garnitur bildend, fchon für den europäifchen Gebrauch beftimmt erfcheinen. Ihrer künftlerifchen Art nach beftehen fie aus Filigranfcheiben oder Platten, auf denen im freien Relief und in ganz freier natürlicher Bewegung ohne alle Spur chinefifcher Bizarrerie Vögel und andere Thiere fich bewegen. Die Goldfäden, aus denen fie gebildet worden, find von feinfter Art. Zuweilen find auch die Platten aus dem gelben Hornftoff eines beſtimmten Vogelfchnabels gefchnitten, mit Reliefs verziert und mit Filigran gefafst. Diefe in ihrer Art höchft vollendeten Arbeiten zeichneten fich auch durch ihre grofse Billigkeit aus. Sie hätten der Induſtrie jedes Landes Ehre gemacht; in der chinefifchen Abtheilung fcheinen fie vom Publicum faft unbeachtet geblieben zu fein. Was von den Schmuckgegenständen China's und Japans, fowie des übrigen Orients gilt, die vorragende, oft einzige Bedeutung des Filigrans, das kann man von Indien und feinem Schmucke nicht behaupten. Allerdings fpielt auch hier das Filigran eine grofse Rolle, und es gibt in diefer Art Arbeiten von Silber, zum Volksfchmucke gehörig, namentlich Armbänder und Halsgehänge, von höchfter Feinheit. Ebenfo fah man unter dem malayifchen Schmucke, wie er von Java und Sumatra in der holländifchen Abtheilung ausgeftellt war, Goldfiligrane von gröfster Vollendung, wenn auch barocker in der Form als die indifchen. Aber der übrige Schmuck, den uns Indien zur Ausftellung gebracht hatte, namentlich derjenige in Verbindung mit Email und Edelſteinen, obwohl kaum ein Stück erften Ranges darunter war, überwog an Bedeutung die Filigranarbeiten. Keine Nation vielleicht liebt den Schmuck wie die indifche, keine weifs ihn aber auch, felbft den unechten, fo effectvoll zu geftalten, keine fetzt die Steine gleich gefchickt zu prächtiger Decoration zufammen, keine übertrifft fie in der Behandlung des transparenten Emails. Wir haben allerdings nicht auf unferer Ausftellung, fondern zu London- Goldarbeiten gefehen, die in reizenden Arabesken mit verfchiedenfarbigem, translucidem Email verziert waren, von einer Schönheit fowohl der Arbeit, des Gefammteffectes, wie der einzelnen Schmelzfarben, dafs fie in allen diefen Beziehungen den fchönften Arbeiten der Renaiffance an die Seite gefetzt werden konnten. Aber auch unfere Ausstellung zeigte in diefer Beziehung manches Vorzügliche und Beachtenswerthe, z. B. Armbänder oder Halsbänder, aus grünemaillirten Goldfcheiben beftehend, in deren durchfichtigen Schmelz wieder die zierlichften Goldornamente mit Jägern und Jagdthieren, Bäumen und Laub eingefetzt waren. Diefe beiden Seiten des indifchen Goldfchmuckes, das Email und die Verwerthung der Steine, zeichnen denfelben vor allen übrigen nationalen Arbeiten derfelben Art aus und empfehlen ihn am meiſten der modernen Goldfchmiedekunft zur Beachtung. Eine dritte Seite ift die eigenthümliche Goldtaufchirung auf Stahl, die zwar meiftens bei anderen Gegenftänden, zumal Waffenftücken, angewendet, aber auch zu Schmuckgegenftänden benützt wird - III. Schmuckarbeiten in Edelſteinen. Im Eingange zu unferer Befprechung des Goldfchmuckes haben wir die wohl allgemein anerkannte Behauptung aufgeftellt, dafs diefe Arbeiten feit den Zeiten der Renaiffance bis auf unfere jüngften Tage einen ununterbrochenen Rückfchritt gemacht haben. Man kann von dem fpeciellen Juwelenfchmucke wohl nicht das Gleiche fagen. Wenigftens ift der kryftallinifche Schliff der Edelſteine, ihre Politur und damit ihr Glanz und Farbenfpiel, alfo ihre Wirkung unleugbar durch die Art ihrer Bearbeitung und Zurichtung in den letzten Jahrhunderten erhöht worden. Wir nehmen das überhaupt als eine Erhöhung ihres Werthes an, auch des künftlerifchen, da ja in diefem Glanze und Farbenfpiele überhaupt ihr eigentliches Wefen ruht. Diefe Erhöhung und Vervollkommnung aber hat wieder eine andere Folge gehabt, deren Werth vielleicht zweifelhafter ift. Sie hat bewirkt, dafs die Steine, die fonft nur in Verbindung mit edlem Metalle und edler Arbeit auftraten und ein verzierendes Beiwerk waren, nunmehr felbftftändig und zur Hauptfache geworden find. Man fetzt fie für fich zufammen, fo dafs das Metall nur den Halt und die Verbindung abgibt und daher möglichft zu verfchwinden hat, oder fügt fie nicht um des Scheines, nicht um der gemeinſamen Wirkung willen in das Metall ein, fondern um den materiellen Werth zu erhöhen. Metallarbeit, Faffung haben alfo mehr oder minder ihre Bedeutung verloren. Die Kunft des Juweliers ift nach diefer Seite hin eine rohere geworden. Ift diefes im Allgemeinen richtig, fo gilt es noch insbefondere in Bezug auf die Diamanten. Je mehr fich der Diamant in den letzten Jahrhunderten durch die künftliche, raffinirte Schleifung aus der Tafelform in den gefpitzten Brillanten verwandelt hat, je mehr dadurch fein Feuer, fein Farbenfpiel erhöht worden, je mehr ift feine Faffung in den Hintergrund gedrängt, man kann fagen, unfichtbar geworden. Statt der fchwarzen Folie im Goldkaften, die man ihm noch im XVI. Jahrhundert gab, feinen Glanz zu vermehren, ift heute die Regel, ihn mit fo wenig farblofem Silber wie möglich à jour, alfo durchfichtig, zu faffen. Stein an Stein gedrängt, das ist heute die Art. Nun mufs er aber doch irgendwie auch fo in der Zufammenftellung mit feines Gleichen beftimmte Form annehmen und irgend künftlerifche Figur erhalten, denn nur der Solitär vermag allenfalls in einfamer Gröfse fich felbft zu genügen. Wie diefs heute gefchieht, wie dennoch künftlerifche Geftaltung gemäfs dem Gefchmacke der Zeit an ihn herantritt, das konnte man auf unferer Weltausftellung in vollauf genügender Weife wahrnehmen. In genügender Weife, fagen wir, denn in der That ift wohl noch keine Ausftellung fo reich und glänzend mit Brillantenfchmuck verfehen gewefen. Man hätte erwarten follen, dafs nach den zahlreichen Funden, die man insbefondere am Cap gemacht, der Diamant in Schätzung und Vorliebe gefunken fei. Aber eher das Gegentheil ift eingetreten. Den Schleifern in Amfterdam ift nur mehr Arbeit gekommen und mit vermehrter Arbeit ihr Lohn geftiegen. Das erneuerte Intereffe, welches jene Fundftätten diefem Steine zugewendet haben, hat auch der Vorliebe dafür erneuerten Schwung gegeben. Schmuckarbeiten in Edelſtein. Diejenigen Länder, welche auf der Weltausstellung vorzugsweife mit Brillantenfchmuck in die Concurrenz eintraten, waren England, Frankreich und Oefterreich; neben ihnen zeigte fich Italien mit glücklichen, aber materiell minder werthvollen Gegenftänden. Dafs eines diefer Länder eine beſtimmte künftlerifche Art, einen beftimmten Stil in der Geftaltung diefes Schmuckes allein oder völlig vorwiegend beobachtet hätte, kann man nicht fagen. Es zeigte fich auch darin die Zerriffenheit des modernen Gefchmackes und wie überall eine alte Manier neben den Anfängen einer neuen. Wenn man das Material und feine künftlerifche Art anfieht, die ganz beftimmte kryftallinifche Form, die Wirkung durch ewig wechfelndes Farbenund Lichterfpiel, fo follte man denken, dafs gerade diefe Eigenfchaften am allerwenigften paffend wären, um Naturgegenftände auch naturaliftifch, d. h. mit der zufälligen Form der Natur darzuftellen. Was kann noch eine Rofe fein, deren Blätter dicht und doch unregelmässig zufammengeftellt, aus lauter kleinen, eine gekrümmte Fläche bedeckenden Diamanten beftehen? In der That ift auch eine folche Blume weder als Rofe fchön, d. h. als Gebilde der Natur, noch ift fie geeignet, durch ihre Form die fpecififchen Eigenfchaften des Steines zu begünftigen; im Gegentheil, die Form ift ihrer Wirkung hinderlich. Nichtsdeftoweniger bildete ein folcher Naturalismus bei dem Brillantenfchmuck auf unferer Weltausftellung faft die hauptfächlichfte Kunftweife und insbefondere waren es die franzöfifchen Juweliere, welche fie übten. Wir nennen in diefer Beziehung vor allen die beiden Parifer Firmen Otterbourg und Mellerio( dits Meller). Bei erterem fah man folche Diamantrofen, die völlig wirkungslos waren, als ob die Lichtftrahlen fich gegenfeitig aufhöben. Beffer fchon war ein anderes Diadem derfelben Firma aus fternförmigen Blumen, weil die regelmässige Geftalt folcher Blumen mit der Wirkung der Strahlen in Harmonie fteht. Wir werden darüber fogleich noch näher zu fprechen haben. Jedoch muss man fagen, hatten fich jene Franzofen in ihrer erfinderifchen Art nicht auf fo einfache Motive befchränkt. Mellerio hatte z. B. bei einem koftbaren Schmuck zu einem Diadem das Motiv eines Pfauen benützt, der feinen brillantenbefetzten Schweif ausbreitet. Ein anderes Diadem beftand aus Blumendolden mit Farrenblättern dazwifchen, die Blumen dolden fo geftellt, dafs fie bei jeder Bewegung erzitterten und dadurch ftets erneuerte Strahlen hervorriefen. Ein Vogelflügel, von einem Pfeil durchbohrt, alles mit Diamanten bedeckt, nur die Spitze des Pfeiles von einem Rubin gebildet, diente als Broche. Ein fehr beliebtes Motiv war der Schmetterling, bei dem fich auch andersfarbige Steine mit den Brillanten naturaliftifch verwenden liefsen. Das Motiv der fteten Bewegung und Strahlung war mehrfach auch von einem dritten Parifer Juwelier, Boucheron, benützt worden, indem er Blumen mit Staubfäden gebildet und auf die federnden Staubfäden Diamanten gleich Thautropfen gefetzt hatte. Diefe Arbeiten waren unleugbar reizend in ihrer Art. Ein vierter, Rouvenat, hatte nicht ohne Glück den Paradiesvogel fich erkoren und den ganzen Vogel wie den goldenen Schwanz mit Diamanten befetzt und doch war in feiner Collection ein Diadem, mit grofsen Sternen in der Mitte, jenem noch überlegen. Wie fehr die Natur und ihre Nachahmung in diefen Dingen hauptfächlich ſpielen, zeigt ein heute aufserordentlich beliebtes Motiv des Schmuckes, das Gehänge von Kettchen oder fonftigen Anhängfeln, das fich bei dem Brillantfchmuck in einen Wafferfall verwandelt, der vielleicht gar aus einer Mufchel fliefst. Im Gegensatz zu den verhältnifsmäfsig zahlreich anwefenden franzöfifchen Juwelieren, war es von England eigentlich nur ein einziger Ausfteller, der für den Edelfteinfchmuck in Frage kommt; die Ausftellung desfelben war materiell aber um fo grofsartiger. Das ift Hancock von London. Der aufserordentlich reiche und koftbare Schmuck, den er für Lord und Lady Dudley im Laufe weniger Jahre gearbeitet hatte, war ihm für die Ausftellung zur Verfügung gestellt worden; darunter befand fich ein aufsergewöhnlich grofser Diamant, der Stern 3 34 Jakob Falke. von Südafrika genannt. Aber diefe Gegenftände waren nicht das Einzige, was Hancock an Brillantfchmuck dem Publicum vor Augen zu führen hatte. So grofs aber der materielle Werth von Hancock's Ausftellung war, fo wenig bedeutend war die Kunft, die an die Herſtellung diefer Schmuckarbeiten gewendet war. Prachtvolle Steine, prachtvolle Perlen, und unter den erfteren wie Diamanten, fo auch Amethyfte und Saphire von grofser Schönheit- das ift viel, aber es war eigentlich auch alles. Die Franzofen hatten felbft ihren naturaliftifchen Motiven nicht immer, aber doch meiftens noch Reiz und Gefälligkeit abzugewinnen gewufst; dem Engländer war das bei der gleichen Art nicht gelungen. In feinen natürlichen Rofen oder Aehren oder in dem veralteten Motiv der Schleifen und Bänder fah man wohl die Steine blitzen, aber man erkannte nicht mehr was Rofe, was Aehre, was Schleife fein follte. Auch diejenigen Gegenftände aus diefem Schmuck, insbefondere Diademe, welche nicht naturaliftifch gehalten waren, entbehrten doch einer klaren, beftimmten und fchönen Zeichnung, fo dafs fchliefslich der Effect, namentlich wenn der Schmuck auf dem Haupte fitzt, das er zieren foll, wohl blendend, aber unedel ausfällt. Zum beften in Bezug auf Zeichnung gehörte unter den Hancock'fchen oder Dudley'fchen Diademen eines, bei welchem die Spitzen mit länglichten Perlen gekrönt waren und ein anderes aus Korallen. Noch beffer war ein drittes Brillantdiadem mit fternartigem Motiv, das aber nicht zum Schmuck der genannten Dame gehörte. Was dem Engländer fehlte, die gefällige Zeichnung, das war am meisten bei den Italienern zu finden. Vorragend bei den italienifchen Goldfchmieden war allerdings, wie wir gefehen haben, der eigentliche Goldfchmuck, aber auch die Juwelierarbeiten boten grofses Intereffe. Manches Stück war von höchft anfprechender und liebenswürdiger Compofition. Wir erinnern z. B. in der Collection von Twerembold in Turin an den ebenfo finnig wie decorativ hübfch componirten Kopffchmuck, die Nacht in der Geftalt eines geifselfchwingenden und fackeltragenden Genius, deffen Fackel von einem grofsen Diamanten ftrahlte, den andere Diamanten, die an zarten, kaum fichtbaren Goldfäden befeftigt waren. fternartig umgaben. Schon diefe Art, die Diamanten wie frei fchwebend und doch in federn der Bewegung auf der Schneide zarter Goldbänder zu befeftigen, ift ein fehr glücklicher Gedanke. Die italienifchen Juwelierarbeiten boten mehr dergleichen, was zum Nachdenken und zur Beachtung anregte, z. B. ein Solitär in fchwarz emaillirter Mufchel oder eine grofse Perle, die in einer Diamantmufchel fafs. Jenes Verfahren, die Diamanten getrennt auf der Schneide eines Goldbandes zu befeftigen, war befonders hübfch bei einem Halsbande angewendet, das aus gröfseren und kleineren, in diefer Weife mit Diamanten befetzten Sternen gebildet war. Auch in der Zufammenftellung verfchiedenfarbiger Steine zeigten die italienifchen Juwelierarbeiter gelungene Gegenftände. Sie machten überhaupt, obwohl fie nicht zahlreich waren und an materiellem Werthe hinter anderen zurückftanden, doch den Eindruck, dafs die Nation für folchen Schmuck eine natürliche Begabung befitzt und mit inftinctivem Gefühl in diefen Dingen fehr fein und forglich zu Werke geht. - Was Italien feinem natürlichen Gefchick verdankte es bewährt diefes übrigens nicht auf allen Gebieten der Kunftinduftrie- das leiftete O efterreich mit bewufster Kunft. Wir nennen Oefterreich als den vierten Staat unter denjenigen, die mit ihrem Juwelengefchmeide das vorragende Intereffe auf der Weltausftellung erregten, wollen es damit aber keineswegs auf den vierten Rang ftellen. Stand feine Fabrikation in dem gewöhnlichen Goldfchmuck hinter derjenigen Deutſchlands zurück, fo erhob es fich dagegen weit in den eigentlichen Juwelierarbeiten. Oefterreich hat auf diefem Gebiet auch noch feine Specialitäten, deren wir zuerft gedenken wollen. Das find die Granaten und die Opale. Jene freilich bei ihrem verhältnifsmäfsig geringen Preife vertreten nur ein ziemlich niederes Schmuckarbeiten in Edelſtein. 35 Genre; und fo war auch die Kunft, die an fie verwendet wurde, bisher eine ziemlich geringe. Die kleinen Steine wurden in Reihen zufammengeftellt oder umftanden in gedrängten Kreifen einen gröfseren, meift abgerundeten Stein, um fo durch die Maffe zu erfetzen, was dem einzelnen Stein an Kraft und Wirkung abging. Es konnte einem dabei die Wahrnehmung nicht entgehen, dafs der runde Schliff nicht glücklich ift und ein grofser runder Stein in der Mitte die Wirkung des Schmuckgegenftandes eher verringert, als erhöht. Viel hat fich feitdem der böhmifche Granatenfchmuck nicht geändert; doch konnte man auf der Ausstellung mit Befriedigung wahrnehmen, dafs die Gefchmacksreform, die heute überhaupt mit dem Schmuck begonnen hat, auch an ihm nicht vorübergeht. Viele Motive, die erft der jüngften Zeit angehören, namentlich Gehänge und antikifirende Formen laffen fich auch fchon bei den Granaten fehen. Wir nennen beifpielsweife die Arbeiten der Firma Neuftadt in Prag. Uebrigens find das Genre und feine künftlerifche Höhe überall ziemlich gleich. Die zweite Specialität der öfterreichifchen Juwelen ift der Opal, mit feinem reizenden Farbenfpiel und feinem milden Glanze ein höchft edler Stein. Es ift wohl anerkannt, dafs die ungarifchen Fundftätten die fchönften und beften Beifpiele liefern. Es ift daher auch nur billig, dafs die öfterreichifche Juwelierkunft ihn in bevorzugter Weife verwerthet. Die Milde feines ganzen Wefens verlangt offenbar auch eine entsprechende zierliche Faffung und verhältnifsmässig zarte Umgebung, wenn er mit anderen Steinen in Verbindung tritt. Perlen entsprechen ihm am meiften. Soll er mit Diamanten zufammengeftellt werden, fo darf es nur fo gefchehen, dafs fie ihn fchmal und zierlich umrahmen; treten fie breiter, kräftiger auf, fo tödten fie ihn. Von folcher Art, wo die Verbindung ganz richtig in diefer mafsvollen Weife gehalten war, fah man vortreffliche Beiſpiele in einer fchönen Schmuckgarnitur mit ausgezeichneten länglichen Opalen in der Ausftellung der Wiener Juwelenfirma V. Meyer's Söhne. Als Specialität mit Opalfchmuck erfchien die ungarifche Firma von L. Goldfchmidt. Eine reiche Collection von Stirnbändern, Halsbändern, Brochen, Ohrgehängen, Armbändern. Ringen u. f. w. bot eine Fülle fchöner Steine und fchöner Gegenftände. Im Gan zen waren auch hier die richtigen Principien eingehalten, fowohl in der Faffung wie in der Zuſammenftellung. Nur hier und da war fehlgegriffen, fo z. B. wenn der Opal cameenartig gefchnitten und zu Reliefporträts verwendet wird. Sowohl das ifirende wechfelnde Farbenfpiel, wie die Weichheit und leichte Brechlichkeit laffen ihn dazu vollkommen ungeeignet erfcheinen. Aber auch ohne diefe Specialitäten wäre Oefterreich fein Rang und fein Intereffe in Bezug auf den Juwelenfchmuck auf der Ausftellung gefichert gewefen. Nicht blos ein Ausfteller, wie bei England, fondern eine Reihe von Juwelieren führten uns Arbeiten vor Augen, die fich über das Gewöhnliche erhoben. Wir nennen: Kobeck& Aegidi, E. A. Köchert, E. Biedermann, Victor Meyer's Söhne, Grannichftädten und endlich H. Hartung. Zeigte uns die erftgenannte Firma den reichften Schmuck, fo möchten wir in Bezug auf edle und angemeffene Zeichnung an Köchert den Preis erkennen. Im Allgemeinen war in der Geftaltung diefer Bijouterien und namentlich der reichften der Naturalismus vorherrfchend, in der Art, dafs der ganze Schmuckgegenftand, z. B. das Diadem, einen einzigen Blüthenzweig oder einen Kranz bildete, fei es nun, daſs er ganz in Brillanten oder mit Hilfe anderer farbiger Steine, welche die Blüthen vorftellten, ausgeführt war. Diefes Motiv war befonders von Kobeck und Aegidi, fowie auch von Granichftädten geübt, bei jenen z. B. mit Rubinen unter Diamanten, bei Granichftädten in fehr zarter Weife zugleich mit Türkifen, welche einen Straufs Vergifsmeinnicht vorftellten. Man kann in diefem Falle fehr hübfche, zierliche, reizvolle Effecte erzielen, aber keine vollkommenen. Jene Arbeiten. vergeffen, dafs fie beftimmt find, einen anderen Gegenftand, den Frauenkopf zu verzieren, dafs fie ihn fchmücken, heben, verfchönern follen und dafs fie zu diefem Zwecke componirt fein müffen. Diefen Zweck fetzen fie aber aus den Augen, 36 Jakob Falke. wenn fie irgend einen dritten Gegenftand, eine Blume, einen Blüthenzweig, einen Kranz oder gar ein Thier nachbilden. Wenn fie damit Ziel und Zweck erreichen, fo ift das zufällig. Wir wollen jene Decorationsmotive nicht aus der Juwelierkunft, nicht von den Edelſteinen verbannen, aber fie müffen einer höheren Abficht untergeordnet werden, und es wird fich daraus ergeben, dafs fie eher ftilifirt und regelmässig zu behandeln find, als mit der Unregelmässigkeit der Naturnachahmung, die ohnehin fchwer in dem widerftrebenden eigenartigen Material zu erreichen ift. Es kommt noch hinzu, dafs die Edelſteine felbft ihrer kryftallinifchen Natur und Geftaltung nach auf eine mehr regelmässige, ftrengere künftlerifche Compofition des Schmuckes hinweifen und dafs auch die Art ihrer Wirkung das Gleiche verlangt. Und diefes letztere gilt ganz insbefondere vom Diamanten. Seine künftlerifche Wirkung befteht, wie fchon angegeben, in dem ewig wechfelnden Lichterfpiel, in dem Aufleuchten und ebenfo rafchen Verfchwinden der farbigen Blitze. Wollte man zu diefer Eigenfchaft auch noch die Zeichnung unruhig und willkürlich halten, fo würde der Effect aufhören, ein Effect der Kunft zu fein; es wäre ein Effect des unbeherrschten Zufalls. Es folgt daraus, dafs man richtiger handelt, die unruhigen, unficheren Strahlen gewiffermafsen in Zwang und Bann zu thun, ihnen beſtimmte Linien, fichere Richtung anzuweifen. Und diefs kann nur dadurch gefchehen, dafs man die Zeichnung, die Anordnung der Steine in gewiffer Regelmässigkeit hält, vor allem aber, indem man den fternartigen Charakter begünftigt und wiederkehren läfst. Ift das richtig für den Brillantfchmuck an fich, fo gilt es noch insbefon. dere in Bezug auf den Gegenfland, der damit gefchmückt werden foll. Ein fchöner, edler Kopf von regelmässiger Bildung verlangt einen Schmuck von gleicher Art; nur ein folcher, der ebenfalls in edler Form und fchönen Linien gehalten ift, wird ihn wahrhaft zieren, nur ein folcher wird die königliche Figur auch königlich fchmücken. Ein blos hübfcher, pikanter Kopf mit unregelmässigen Zügen enthält fich ohnehin beffer des grofsartigen bedeutungsvollen Schmuckes. Wer Gelegenheit hat, folche Beobachtungen zu machen, wird fich leicht von der Wahrheit überzeugen. Solcher Art der Compofition entſprachen von allen ausgeftellten Juwelierarbeiten am meiften( neben einigen italienifchen) diejenigen von E. A. Köchert, vor allem jene Brillantgarnitur nach den Zeichnungen von Th. Hanfen. Vielleicht hätten, um die Zeichnung klarer zu machen, was bei Brillanten doppelt nothwendig erfcheint, die Linien getrennter, die Oeffnungen noch weiter gehalten werden können. Diefelben Gegenstände waren aufserdem noch in zweierlei Weife gelungen, einmal in der gefchickten Verbindung von Perlen mit Diamanten, andererfeits in der richtigen Anwendung von Thierfiguren, in diefem Falle von Vögeln, ohne damit in den Charakter des Naturalismus zu verfallen und der Unregelmäfsigkeit Vorfchub zu leiften. Wir zweifeln nicht, dafs diefer Charakter des Edelfteinfchmuckes fich in nächfter Zeit mehr und mehr Bahn brechen wird, zumal er mit der ganzen Art der Reform des Gefchmackes in enger Verbindung fteht. Er wird freilich noch auf manchen Widerftand ftofsen, und zwar bei den Trägerinen felber. So lange unfere Damen ftatt des allein richtigen oder zuläffigen Gehänges fich eine einzelne Perle, einen einzelnen Stein an das Ohrläppchen ftecken, als ob er wie ein Pilz daraus hervorgewachfen wäre, fo lange find fie nicht auf der Höhe, um einen wahrhaft fchönen und edlen Schmuck verftehen und fchätzen zu können. Es ift aber zu hoffen, dafs das Gute Mode wird, wenn auch nur auf dem Wege der Neuheit und auf diefe Weife zur Herrfchaft gelangt. Sonft wäre für den Augenblick nicht viel Hoffnung vorhanden. Vergleichende Schlufsbetrachtung. Unfere bisherige Darftellung ergibt, dafs alle Goldfchmiedearbeiten der Welt, in welchem Material fie auch ausgeführt fein mögen, in Bezug auf ihre künftlerifche Art in zwei grofse Gruppen zerfallen: in die nationalen Arbeiten und in diejenigen der modernen Cultur. Diefs ift im Wefentlichen auch eine geographifche Scheidung, doch trifft letztere nicht ganz zu, da auch moderne Culturftaaten fich nationalen Schmuck bewahrt haben und zum Theil ihn zu moderniren trachten. Diefe bilden gewiffermafsen das Mittelglied, den Uebergang zwifchen den beiden grofsen Gruppen. Der nationale Schmuck ift heute fehr befchränkt in feiner Technik und bedient fich durchgängig durch alle Länder hindurch einer gemeinfamen technifchen Decorationsweife, ob nun in Silber oder Gold, des Filigrans. Es iſt das in ganz Afien der Fall, in Afrika, in allen Provinzen der türkifchen Herrfchaft. und in fehr vielen Ländern Europa's, felbft im äufserften Weften, in Portugal und im höchften Norden, in Norwegen, defsgleichen im Süden, in Italien. Diefe drei genannten Länder trachten auch bereits dahin, das Filigran wieder dem modernen Schmuck, von dem es aufgegeben war, zurückzugewinnen. Ift das Filigran allem nationalen Schmuck gemeinfam, fo gibt es doch auch Unterfchiede, und diefe beftehen einerfeits in der gröfseren und geringeren Feinheit, andererfeits in der Zeichnung der Ornamente, welche es zu bilden hat, obwohl auch diefe fehr viele gemeinfame Charakterzüge bieten. In erfterer Beziehung möchten wir als durch Feinheit ausgezeichnet, die chine fifchen, zum Theil die indifchen, die malayifchen, die italienifchen und allenfalls die portugiefifchen Filigranarbeiten hervorheben, in anderer Beziehung, um ihrer Originalität willen, ebenfalls die chinefifchen, fodann die italienifchen und die norwegifchen. In den meiften Fällen befchränkt fich die Decoration des nationalen Schmuckes auf das Filigran, in vielen treten Steine hinzu, wie in Perfien und Turkeftan, zuweilen Email wie in China; die volle Vielfeitigkeit des heutigen modernen Schmuckes, den Reichthum feiner zum grofsen Theil erft jüngftens wiedergewonnenen Technik zeigt nur die Goldfchmiedekunft Indiens. Sie bedient fich neben dem Filigran der getriebenen Arbeit, des Taufchirens, Niellirens und Emaillirens und weifs von Diamanten und farbigen Steinen einen äufserft effectreichen Gebrauch zu machen. Im modernen Europa erhebt fich kein Staat in der Goldfchmiedekunft fo über feine Concurrenten wie Indien über die anderen Länder des nationalen Schmuckes. Mag man in gewiffem Sinne Frankreich als Führer der Mode auch auf diefem Gebiete betrachten, fo gilt das doch nur in befchränkten Grenzen und im Allgemeinen auch nur für die gewöhnlicheren Gegenftände und die landläufige Waare. Je mehr die Goldfchmiedekunft der eigentlichen Kunft fich nähert und höhere Anfprüche erhebt, um fo mehr zeigt fich die Selbftftändigkeit und Eigenthümlichkeit der einzelnen Länder. Diejenigen, die dabei in Frage kommen, find Frankreich, England, Deutſchland, Oefterreich, Italien, neben ihnen - auf unferer Weltausftellung wenigftens Rufsland, Dänemark, die Schweiz, Holland und Belgien, letzteres allerdings nur mit kirchlichen Gegenftänden. - Wirklich tonangebend und die Mode führend erfcheint uns Frankreich nur in dem gewöhnlichen Schmuck, in der eigentlichen Handelswaare. Frank 38 Jakob Falke. reich ift es auch wohl, welches darin die antiken Motive eingeführt hat, obwohl es felber mag von Italien beeinflufst worden fein. Seine Nachtreter in diefer Handelswaare find die deutfchen Fabriksftätten, die fich zu gewiffer Vielfeitigkeit der Technik und Feinheit der Arbeit aufgefchwungen haben, in Erfindung und Zeichnung aber noch gänzlich unfrei find. Die grofsen Silberarbeiten Deutfchlands dagegen von Berlin, München, Nürnberg find völlig felbftftändig in ihrem Kunftcharakter, fehr verfchieden unter fich und doch in gleicher Weife allefammt unabhängig von Frankreich und verfchieden von franzöfifcher Weife. Andere gröfsere Silberarbeiten Deutſchlands, z. B. von Stuttgart, Bremen und anderen Orten, folgen noch dem Naturalismus und üben damit noch eine Weife, die bereits von Frankreich perhorrescirt wird. Ihre gewöhnlichen Gegenftände jedoch, Leuchter oder fonftiges Tifch- und Theegeräth, das formell nicht höhere Anfprüche erhebt, bewegt fich in herkömmlichen, abgelebten, zum Theil noch ftark vom Rococo durchwachfenen Formen. Auch Frankreich hat diefes Genre für feinen Hausgebrauch noch nicht abgeftreift, aber es erfcheint kluger Weife damit nicht mehr auf den Weltausftellungen. In demjenigen, was es der Völkerconcurrenz vor die Augen der Welt bringt, ftrebt es höhere Ziele an, doch fchwankt es dabei in feinen künftlerifchen Richtungen. Es liegt in feiner Art, dafs es nicht blos technifch, fondern auch ftiliftifch abfichtlich nach der Vielfeitigkeit trachtet. Während die gröfseren öfterreichifchen Silberarbeiten entfchieden die Tendenz der Renaiffance zu erkennen gaben, war etwas Aehnliches bei Frankreich nicht der Fall. Die grofse Ausftellung von Chriftofle- einer für viele zeigte zahlreiche, echt franzöfifche Gegenftände im Stil Louis XV. und Louis XVI., manche, die auf die Renaiff ance zurückgingen, viele in antikifirender Art, namentlich mit Benützung des Hildesheimer Fundes; andere endlich, welche chinefifche, japanefifche und indifche Imitation erkennen liefsen. Gemeinfam war nur allen diefen verfchiedenartigften Stilweifen eine Umwandlung oder Franzöfifirung in höchft modernem Geifte. Der Naturalismus fand allerdings auch noch feine Vertretung in Frankreich, und zwar gerade in den koftbaren Juwelierarbeiten, allerdings nicht in fo brutaler Weife wie in Deutfchland, fondern mit gewiffer franzöfifcher Feinheit und Mäfsigung. Nicht ganz, aber doch nahezu zeigten die Goldfchmiedearbeiten Englands, diejenigen in Metall wie die in Juwelen, diefelbe Vielfeitigkeit wie die Frankreichs, aber während auf die letzteren der franzöfifche Geift ein gemeinfames, wohl erkennbares Cachet gedrückt und fie fo zu feinem wahren Eigenthum gemacht hatte, blieben die englifchen Arbeiten getrennt und unvermittelt in ihrer Vielartigkeit. Man erkannte in der englifchen Ausftellung in den filbernen Tafelauffätzen, im Speife- und Theegefchirr, wie in Gold- und Edelſteinfchmuck den Reichthum des Landes und die Gröfse und den Umfang der Aufgaben, aber es war das Gute neben das Schlechte, das Fremdartigfte neben das Gewöhnliche geftellt, als ob kein Urtheil vorhanden fei über das, was gut oder fchlecht, was nachahmenswürdig oder zu vermeiden fei. Man fah Griechifches, Aegyptifches, Byzantinifches, Franzöfifches, Chinefifches, Japanefifches u. f. w., aber fehr wenig, von dem man fagen konnte: das ift englifch. Die langjährigen reformatorifchen Gefchmacksbeftrebungen in England haben aufserordentlich viel Anregung gewährt, aber wie auf anderen Gebieten, fo auch auf diefem noch keineswegs zur Klärung der Ideen geführt. Ganz anders ftehen die Dinge in Italien. Trotz der tiefen Verfunkenheit des Gefchmackes, welcher die gebildeten Claffen Italiens anheimgefallen waren, und ganz insbefondere auch die Kirche mit ihrem Bedarf an künftlerifchen und kunftinduftriellen Gegenftänden, trotz alledem hat fich in der italienifchen Induftrie viel gute Kunftarbeit traditionell erhalten, theils durch den Abfatz an die Fremden, theils durch das Schmuckbedürfnifs des Volkes. Beides ift der Goldfchmiedekunft zugute gekommen, hat ihr nicht blos immer einen eigenthümlichen Charakter bewahrt, fondern hat fich auch als gute Vorbedingung Vergleichende Schlufsbetrachtung. 39 für eine Erhebung diefes Kunftzweiges in unferen Tagen erwiefen. So fchlecht daher die italienifchen Silberarbeiten für die Kirche heute find und die welt- lichen Gegenftände, die auf der Ausftellung fo gut wie nicht vertreten waren, fcheinen kaum beffer zu feinfo eigenthümliche, fo gute, ja zum Theil ausgezeichnete Seiten bieten die italienifchen Schmuckarbeiten. In ihnen liegt die Stärke der heutigen italienifchen Goldfchmiedekunft. Sie iſt es, welche zuerft den antiken Schmuck wieder aufgenommen und, während Frankreich nur ein neues Motiv der Mode daraus machte, ihn in aller feiner Schönheit und Feinheit wieder zu erreichen trachtete. Mit diefem Goldfchmuck nimmt Italien vom rein künftlerifchen Staudpunkt aus den erften Platz ein unter allen Concurrenten. Es hat aber aufserdem feine eigenthümlichen Seiten im Filigran, in den gefchnittenen Steinen, im Mofaik und in Korallen und feine eigentlichen Juwelierarbeiten ftehen auch mit in erfter Linie. Auch Rufsland behauptet in der Goldfchmiedekunft eine eigenthümliche Stellung. Es will darin national fein, aber in diefem nationalen Charakter wiederum modern. Es will nicht der Mode folgen, fondern feinen eigenen Kunftftil haben und mit diefem allen modernen Forderungen genügen. Der Stil, von wirklich nationalen Elementen, die aber der Baukunft angehören, auf die Goldfchmiedekunft übertragen, ift daher nur ein angenommener, ein künftlich nationaler. Er ift daher nicht frei von Fehlgriffen, ja er ift verkehrt in feinem Grundprincip, und er mifcht fich mit verfchiedenen anderen Elementen. mit Naturalismus, mit Rococo und Antike. Diefs ift der Charakter der ruffifchen Goldfchmiedekunft und er gilt gleichmässig für die Arbeiten in Silber, Gold und Edelſteinen. Byzan tinifche oder afatifche Elemente find, wenn man von den Arbeiten aus dem Kaukafus abfieht, fehr wenig erhalten, und wo fie noch vorhanden find, wie in den Silberniellen von Tula, da find fie im Begriff, unter moderner Art zu Grunde zu gehen. Eine Haupteigenthümlichkeit diefer vermeintlich nationalen ruffifchen Goldfchmiedekunft befteht in der reichlichen Verwendung von Email und bei den Schmuckarbeiten von Edelſteinen. Daher bieten diefe ruffifchen Gegenstände durchgängig ein fehr farbiges Aeufsere dar, wozu viel Vergoldung tritt. Das bildet einen Hauptunterfchied von den modernen Silberarbeiten Europa's, bei denen Email und Vergoldung heute verhältnifsmäfsig felten find. Ganz auf modernem Standpunkt ftehen die kleineren unter den genannten Staaten Europa's, obwohl fie wieder verfchieden unter einander find oder ihre Hauptftärke in verfchiedenen Zweigen liegt. Die Schweiz hat ihre Stärke in den Schmuckgegenftänden von mehr currenter Art und diefe folgen franzöfifchen Vorbildern. Das reiche Holland fchmückt feine Tafel mit Silbergefchirr und auch diefes lehnt fich an die gewöhnliche franzöfifche Art an. Nur Dänemark hat mit vorwiegender Hinneigung zur Antike, die fich ebenfowohl im Schmuck wie im Silbergeräth ausfpricht, einen eigenthümlichen Charakterzug. Von allen Staaten zeigt Oefterreich am beften und deutlichften den Uebergang, in welchem fich heute der Gefchmack und insbefondere die Goldfchmiedekunft befindet. Die Reformbeftrebungen unferer Zeit haben vielleicht nirgends fo fefte und fichere Wurzeln gefchlagen, aber man fieht auch deutlich, wie tief und wie weit diefer Einflufs geht. Je mehr Intelligenz herrfcht, je entfchiedener ift der Einfluss, je gelungener find die Refultate. Es ift in der That eine Reform der Intelligenz, die von oben nach unten geht. Die Spitzen find davon ergriffen, die grofse Menge noch nicht. Es muss das Licht, wie die Morgenfonne, von den Höhen in die Thäler und auf die Flächen herabfteigen, mufs fie erleuchten und erwärmen. Die Ausftellung Oefterreichs in der Goldfchmiedekunft betheiligte fich an allen drei Zweigen, die wir befprochen haben, quantitativ vielleicht gleichmässig, aber qualitativ in fehr ungleicher Weife. Im Allgemeinen gemeffen, ftand der gewöhnliche currente Goldfchmuck weit hinter den beiden anderen Zweigen, den Silberarbeiten und dem Juwelenfchmuck, zurück. Damit foll aber nicht gefagt 40 Jakob Falke. fein, dafs diefe beiden tadelsfrei gewefen, aber fie zeigten doch fehr viel Gutes und diefes in hoffnungerweckender Weife für die Zukunft. Was fie Gutes hatten, das lag auf dem Wege der beabfichtigten Reform und bewegte fich auf dem kirchlichen Gebiete in den Stilen des Mittelalters, auf dem civilen in der Richtung der Renaiffance. Aber das Gute hatte überall fein Gegenbild neben fich. Was reich, vornehm war und für etwas gelten follte, das zeigte- obwohl keineswegs ausfchliefslich höchft vortreffliche Leiftungen fowohl für die Kirche wie für das Haus; was für den mittleren und den niederen Gebrauch beftimmt, das gab ordinären Geift und ordinäre Formen zu erkennen. - Man fieht daher leicht, wohin vor allem fich die Beftrebungen zur Hebung der Goldfchmiedekunft in Oefterreich richten müffen. Sie müffen vor allem den gewöhnlicheren Gebrauchsgegenstand, die gröfsere Production ins Auge faffen, und das gilt, weil das Bedürfnifs gleicherweife vorhanden ift, auch gleicherweife für den Bedarf der Kirche, des Haufes und der Perfon. Natürlich wird damit nicht behauptet, dafs das reichere und vornehmere Genre nunmehr vollendet fei und der Bemühungen nicht mehr bedürfe, aber die neuefte Tendenz in demfelben ift gut und wird von felber trachten, das zu ergänzen, was fehlt, oder diejenigen, die noch fchwankend find und irren, in ihre Bahn hineinzulenken. Ift das Bewufstfein, die Ueberzeugung einmal gekommen von dem, was noth thut, fo wird auch wohl gefchehen, was gefchehen mufs. Diefes aber fcheint uns vorzugsweife das zu fein, dafs fich die Goldfchmiedekunft von den eigentlichen Bildhauern und Architekten unabhängig ftelle, dafs fie fich ihre eigenen Künftler fchaffe, die das Material, feine Eigenfchaften, feine Fähigkeiten genau kennen und auch als erfinderifche Köpfe den höchften Anforderungen und Aufgaben gewachſen find. Das ift die eine Seite deffen, was noth thut; man kann fie heute fchon mit einiger Zuverficht den grofsen Goldfchmieden und Juwelieren felbft überlaffen. Wenn die Schule des öfterreichifchen Muſeums von ihnen richtig benützt wird, fo kann mit ihr diefer Seite des Bedürfniffes entfprochen werden. Aber für die Maffenproduction, für die Handelswaare, die veredelt werden. mufs, für die Benützung der Materialien, welche das Land in mancherlei fchönen, zum Theil billigen Steinen bietet, müffen die Beftrebungen tiefer und mehr in die Breite gehen. Um auch der Dorfkirche ein gut geformtes Gefäfs zu liefern, um den Goldfchmuck gefällig, fein, anfehenswürdig zu machen, um aus den Granaten, Topafen und anderen hübfchen und effectvollen Steinarten einen nicht blos billigen, fondern zugleich auch trefflichen, reizvollen Schmuck zu fchaffen, um die bisherigen techniſchen Verfahrungsweifen zu vervollkommnen, die alten, nun wieder belebten zu lehren und zu verbreiten, dazu find Fachfchulen nöthig, welche einerfeits die Hand in aller Weife bilden, andererfeits die Fähigkeit ver fchaffen, nicht blos die gute, gefchmackvolle Zeichnung zu verftehen, fondern fie auch zu liefern. Wenn auf diefe Weife durch praktifchen und theoretifchen Unterricht die ausgezeichnete Begabung des öfterreichifchen Volkes gerade auch für diefen Zweig der Kunftinduftrie aus dem Schlummer geweckt und zur vollen Thätigkeit gehoben wird, fo glauben wir, wird die öfterreichifche Goldfchmiedekunft im Stande fein, in jedem Zweige das Gleiche zu leiften und der Concurrenz der Welt die Spitze zu bieten. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. STAHL- UND EISENWAAREN. ( Gruppe VII, Section 2.) Bericht von F. W. HAARDT. ERZEUGNISSE AUS KUPFER, ZINK, BLEI, ZINN, NICKEL UND DEREN LEGIRUNGEN. ( Gruppe VII, Section 4.) Bericht von GUSTAV EDLEN V. ROSTHORN. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. STAHL- UND EISENWAAREN. ( Gruppe VII, Section 2.) Bericht von F. W. HAARD T.* Der öfterreichiſche Theil diefer Ausftellung erfreute fich eines ſpeciellen Pavillons, des fogenannten Eifenhofes, der alle inländifchen Metallwaaren in fich aufnahm, mit Ausnahme einiger gröfserer Expofitionen, die oft in Verbindung mit den anderweitigen Fabrikaten der betreffenden Ausfteller im angrenzenden Theile des Hauptgebäudes untergebracht waren. Die Induftriellen Oefterreichs hatten in allen Zweigen der gewerblichen Thätigkeit ein beftimmtes Gefühl der Solidarität an den Tag gelegt und durch eine faft allgemeine Betheiligung an der Ausftellung bewiefen, dafs fie fich der Pflicht bewusst waren, in diefem induftriellen Wettkampfe die Ehre des Landes zu wahren, und der ftaunenden Welt zu zeigen, was diefer fo vielfach verkannte Kaiferftaat zu leiften im Stande fei. Die Angehörigen der Metallwaaren- Branche waren für ihren Theil diefer Pflicht und Rückficht im vollften Mafse gerecht geworden; denn fie waren mit ihren Fabrikaten aus allen Theilen des grofsen Reiches herbeigekommen und keiner war zurückgeblieben, der nur irgendwie eine Beachtung auf induftriellem Gebiete in Anspruch nehmen kann. Der Eifenhof lieferte den vollgiltigen Beweis, dafs die allgemeine Theilnahmlofigkeit, die man auf den früheren Ausftellungen in London und Paris in diefen Artikeln zu beklagen hatte, nicht in der Inferiorität unferer Fabrikation, fondern in anderen Urfachen zu fuchen fei. Was die Betheiligung des Auslandes betrifft, mufs vorhergefchickt werden, dafs man auf den früheren Ausstellungen daran gewöhnt worden, in diefem Induftriezweige qualitativ und quantitativ England überall an der Spitze zu fehen; neidlos wurde ihm bisher die Palme zuerkannt. Es mufste * Die vorliegende Berichterstattung wurde durch den Umftand erfchwert, dafs dem Veлfaffer der Auftrag hierzu in Folge deffen, dafs, dem Vernehmen nach, die von einem anderen Sachverständigen übernommene Berichterstattung zurückgelegt wurde, erft nach erfolgtem Schluffe der Ausftellung zukam. Eine örtliche Erhebung und Vergleichung der Objecte und die Feftftellung des aus dem unmittelbaren Eindrucke fich Ergebenden ward hierdurch unmöglich, und mufste die Befprechung auf Grund von Privatnotizen und im Gedächtniffe verbliebener Wahrnehmungen erfolgen. Der Verfaffer glaubte diefs ausdrücklich bemerken zu follen, um dadurch das Vorhanden fein etwaiger Lücken zu entfchuldigen. I* 2 F. W. Haardt. daher überraschen, dafs diefsmal die Betheiligung Englands fo weit hinter jeder Erwartung zurückblieb. England hat den Nutzen reicher Auslagen auf den Weltausftellungen früher zu fehr wahrgenommen und auszunützen gewufst, als dafs feine diefsmalige Enthaltfamkeit nicht in ganz fpeciellen Urfachen gefucht werden follte. Wir find fehr geneigt, diefe Urfachen in den zahlreichen und andauernden Striks zu vermuthen, die gerade auf dem Gebiete der Stahl- und Eifen- Induftrie in England von fo nachtheiligem Einfluffe gewefen find. Diefer Induſtriezweig hängt faft ausfchliesslich von dem Fleifse und der Gefchicklichkeit, alfo mehr oder weniger von dem guten Willen der Arbeiter ab, da gerade in ihm die Handarbeit eine hervorragende Rolle spielt. Es wäre daher für die englifchen Induſtriellen eine zinstragende Auslage gewefen, wenn fie grofse Zuzüge englifcher Arbeiter zur Wiener Weltausftellung organifirt, und auf diefe Weife durch eigenen Augenfchein ihren Arbeitern Gelegenheit verfchafft hätten, wahrzunehmen, dafs es mit der traditionellen englifchen Ueberlegenheit fehr bedeutend abwärts geht, und dafs Rheinpreufsen und Elfafs, in manchen Artikeln auch Amerika und Oefterreich, gefährliche Concurrenten geworden find. Vielleicht hätte diefe Wahrnehmung und ihre Verbreitung auf heimischem Boden den englifchen Fabrikanten auf indirecte Weife reichlich entfchädigt für die Opfer, die jene Reifen verurfacht hätten. Gehen wir auf die einzelnen Abtheilungen diefes Induſtriezweiges über, fo ragte im Eifenhof zunächft als ältefter und ausgebreitetfter Induftriezweig Oefterreichs unfere Senfenfabrikation hervor. 090 Senfen. nobuss Der glücklich entworfene und durchgeführte Gedanke einer CollectivAusstellung ermöglichte ein vollſtändiges und überfichtliches Bild diefes wichtigen Artikels, der in früheren Jahrhunderten auf allen Märkten der Welt eine monopoliftifche Stellung behauptete, und diefe mit feinem Rohstoff, dem fteireifchen Stahle, redlich theilte, der feinerfeits fo weit der Himmel blau- wie es in alten Gefchäftsberichten heifst, diefelbe Verbreitung und Anerkennung fand. odom Es mufste auffallen, dafs fast von keinem anderen Lande Senfen und die dazu gehörigen Nebenartikel, als: Strohmeffer, Sicheln u. f. w., hier ausgeftellt waren. Wir möchten diefs faft als eine verdiente Huldigung betrachten, die man der fteierifchen Induſtrie dargebracht hat. Vielleicht wirkte dabei noch der fehr profaifche Grund, dafs man dem fremden Befchauer die Waare nicht ohne jene Fabriksmarke vorführen mochte, die auf den Weltmärkten allein die Verkäuflichkeit diefes Fabrikates fichert, die aber faft ausnahmslos unferen fteierifchen Werken entlehnt wurde, um damit das geringere auswärtige Fabrikat zu fchmücken. Die öfterreichiſche Senfen- Induftrie hat auch diefsmal ihren alten Ruf auf das Glänzendfte bewährt. In zahllofen Formvariationen, dem Bedarfe und den Anforderungen der verfchiedenen Abfatzgebiete entſprechend, zeigten die ausgeftellten Fabrikate in der Bearbeitung und Adjuftirung eine vollkommene Beherrfchung der Materie; auch Form und Farbe liefsen nichts zu wünfchen übrig. Wer diefen Artikel auf den früheren Ausftellungen eingehender gewürdigt hat, dem mufste fich hier fofort die Wahrnehmung aufdrängen, wie vortheilhaft unfere Senfenfabrikanten die Erfahrungen diefer Ausftellungen für fich auszunützen verftanden hatten, fo weit es das äufsere Anfehen ihres Erzeugniffes betrifft. Während fchon früher die auswärtigen, namentlich die franzöfifchen und englifchen Fabriken, beftrebt waren, die Senfen in ihrer äufseren Ausftattung durch Lackiren, Poliren, Patroniren, Bronziren dem Käufer vortheilhaft erfcheinen Stahl- und Eifenwaaren. 3 zu laffen, indefs unfere Senfen mit Verfchmähung diefer äufseren Zierathen ftets in ihrem Urzuftande in den Handel gebracht wurden, lieferte die diefsmalige Ausftellung den erfreulichen Beweis, dafs man auch hier den grofsen Vortheil nicht unterfchätzt hatte, der in der fchöneren, dem Auge wohlgefälligeren Ausftattung gelegen ift, indem, wenngleich diefe Zierathen zur Güte des Fabrikates nichts beitragen, fie doch bei dem weniger fachmännifch durchbildeten Käufer die Abfatzfähigkeit der Waare in hohem Grade fördern. Die Kärntner und Krainer Senfenfabrikation hatte allerdings noch an dem früheren Ufus feftgehalten und die Senfen fo ausgeftellt, wie fie aus dem Hammerwerke kommen, wahrfcheinlich um dem Käufer die Beurtheilung der Qualität zu erleichtern; aber es darf angenommen werden, dafs die diefsjährigen Erfahrungen hingereicht haben, auch in diefen Kronländern die Erkenntnifs zu bewirken, dafs der grofse Haufe der Käufer für eine äufsere elegante Ausftattung nur zu fehr empfänglich ift. Dafs die Qualität unferer Senfen, die Schneide, gegen das altgewohnte Renommée nicht zurückgeblieben war, dürfen wir wohl als felbftverftändlich vorausfetzen, da das Rohmaterial, nämlich das aus reinem Spatheifenftein mit Holzkohle erblafene Roheifen, welches hier zur Anwendung kommt, noch immer dasfelbe ift. Zum erften Male begegneten wir einer ausgedehnteren Anwendung des Beffemer- Stahl es zur Senfenfabrikation. Mit Befriedigung verdient es con ftatirt zu werden, dafs diefes Material dem bisher faft ausfchliefslich dazu verwendeten Gärbftahl und Gufsftahl das Vorrecht ftreitig macht. Es mufs aufrichtig gewünſcht werden, dafs die Verwendung des Beffemer- Stahles zur Senfenfabrikation fich bei uns verallgemeinere, da diefer Rohftoff eine ftets gleichartige Qualität, leichtere und bequemere Bearbeitung und billigeren Preis für fich hat, und gerade die Güte unferes Beffemer- Stahles in Folge unferes unübertrefflichen fteierifchen und kärntnerifchen Rohmateriales vom Auslande nicht fo bald erreicht werden dürfte. Neben der öfterreichifchen Ausftellung verdient von fremden Ausftellern auf dem Gebiete der Senfen- und Sichelfabrikation noch die Collection von James Füffel Sons& Comp. in Frome eine befondere Erwähnung, da fie allen Anforderungen einer fchönen und reinen Waare vollkommen entfprach. Die renommirten Senfenfabriken: Haueifen in Stuttgart, Auffer mann in Weftfalen, die franzöfifchen Firmen: Goldenberg, Talabot, Jackfon und Andere, die auf den Weltmärkten in diefem Artikel eine Rolle spielen, hatten fich an unferer Ausftellung nicht betheiligt. Obgleich aber die Gefchäftsleute der ganzen Welt darüber vollständig im Klaren find, dafs die beften Senfen aus der Steiermark, Niederöfterreich, Kärnten und Tirol kommen, fo ift doch als leidige Thatfache anzuführen, daſs unfere berühmten und uralten Senfenfirmen: Weinmeifter, Forcher, Zeilinger, Huber, Mofer, Pieslinger, Schröckenfuchs und Andere, den wenigften Gefchäftsleuten diefes Faches im Auslande bekannt find. Während diefe fehr wohl den Ruf der Marken: Halbmond, Krone, Kreuz, Pofthorn, Schwert, Glocke, Herz, Tannenbaum etc. etc. zu würdigen wiffen, hatten fie doch kaum jemals Gelegenheit, mit unferen Fabrikanten perfönliche Berührung zu pflegen. Es ift daher nicht zu verwundern, dafs der auswärtige Fabrikant, der mit demfelben Zeichen( Fabriksmarke) dienen kann, im perfönlichen Verkehre mit den fremden Abnehmern die Beftellungen davon trägt, und häufig unferen Fabrikanten das leere Nachfehen läfst. Die vor Jahrhunderten beftandene Uebung, den Käufer an fich herankommen zu laffen, eine Uebung, die man im Wefentlichen auch heute noch vielfach beizubehalten beftrebt ift, mufs den veränderten Verkehrs- und Gefchäfts 4 F. W. Haardt. verhältniffen weichen, und es verdiente wohl erwogen zu werden, ob eine directe Verbindung mit den ausländifchen Käufern( Eifenhandlungen) nicht dem bisherigen Modus der Verſtändigung mit einzelnen hierher kommenden Zwifchenhändlern vorzuziehen fei; jedenfalls können wir aus Erfahrung conftatiren, dafs es die grofsen ausländifchen Senfenfabriken nicht verfchmähen, die Käufer von Senfen überall aufzufuchen, oder auffuchen zu laffen, und auf diefe Weife für die Entgegennahme regelmäfsiger Beftellungen das Ihrige zu thun, während unfere Senfenfabrikanten häufig über Mangel an Abfatz, das heifst über Ausbleiben der Zwifchenhändler klagen. Sowohl die Qualität der Waare als auch die Ausdehnung diefes Fabrikationszweiges( es hatten fich über 100 renommirte Senfenfabriken an der Collectiv- Ausstellung betheiligt, eine Anzahl, die kein zweites Land in diefem Artikel auch nur annähernd aufzuweifen vermag) berechtigen vollkommen zur Annahme, dafs, wenn man es an den directen perfönlichen Beziehungen und Bemühungen nicht fehlen liefse, auch die Abftellung einiger alten Uebelſtände und unzeitgemäfsen Gewohnheiten ernftlich in Angriff nähme, Oefterreichs Ruf als erfte Senfen- Bezugsquelle auch im Abfatze feinen Ausdruck fände. Abgefehen von den vielen Feiertagen, die befonders in unferen alpinen Gegenden beftehen, und trotz eines Verluftes von jährlichen 5 bis 6 Percent der gefammten Arbeitskraft mit feltener Gewiffenhaftigkeit aufrecht gehalten werden, müsste auch das bisherige Verhältnifs von Arbeitgeber und Arbeitnehmer diefes Zweiges einer Reform an Haupt und Gliedern unterzogen werden. Das bisherige Syftem des Leihkaufes, das Dingen der Arbeiter auf ein ganzes Jahr mit grofsem Angeld und obligatem Trunk, fonft aber mit fehr geringer Baarlöhnung, müfste mit den Anfprüchen der neueren Zeit in beffere Uebereinftimmung gebracht werden. Wenn dem Arbeiter durch rationelle Accordarbeit ein lebendiges Intereffe an feinem eigenen Wohlergehen und dem gleichzeitigen Gedeihen des Werkes eingeflöfst würde, wenn man feiner Ausbildung, feinen Begriffen über den Stand der auswärtigen Productions- und Abfatzverhältniffe beffer zu Hilfe käme, würden die Arbeitsleiftungen ganz andere fein und unfere Concurrenzfähigkeit aufser Frage bleiben. Allerdings würde noch dazu gehören, dafs auch der Arbeitgeber feinen Hauptberuf in der Entwicklung feiner Fabrikation erblicke, nicht aber, wie diefs fo oft und vielfeitig der Fall ift, darin, dafs er als Schankwirth feinen Arbeitern einen grofsen Theil ihres Verdienftes gegen Getränke wieder abnehme, oder feine Hauptaufgabe darin fuche, die Erzeugniffe feiner Landwirthschaft durch Abgabe an feine Arbeiter, oft auf Koften feines Fabrikationsbetriebes, zu möglichst hohen Preifen zu verwerthen. Die Ausftellung felbft hat nicht wenig dazu beigetragen, unfere Ueberlegenheit neuerdings der ganzen Welt fo recht augenfällig zu demonftriren. Es handelt fich nur darum, dafs wir in richtiger Weife die Confequenzen daraus ziehen. Hierbei müffen wir auch das Princip der Affociation in allen denjenigen Fällen zu ernftlicher Erwägung empfehlen, wo es dem einzelnen Fabrikanten, fei es vermöge feiner örtlichen Lage, feiner Vermögensverhältniffe, feines Gefchäftsumfanges oder aus welch anderen Urfachen, nicht convenirt, für fich allein auf dem Weltmarkte aufzutreten. Werkzeug- Fabrikation. Unfere Werkzeug- Fabrikation, ein höchft beachtenswerther Zweig der Metallwaaren- Induftrie, hat fich in ihren hervorragenden Repräfentanten auch diefesmal die allgemeine Anerkennung erworben, und die ihr zugemeffenen Belohnungen redlich verdient. Ein grofser Theil unferer Ausfteller hat für feinen Theil bewiefen, dafs man mit den fteigenden Anforderungen der neueren Technik gleichen Schritt zu Stahl- und Eifenwaaren. 5 halten verfteht. Zu wünſchen wäre es nur, dafs auch die anderen Gewerbetreibenden diefes Faches bemüht fein wollten, diefen Anforderungen mehr als bisher gerecht zu werden und fich die Concurrenz- Erzeugniffe des Auslandes zu ernftlicher Nachahmung dienen zu laffen. Trotzdem, dafs uns ein ausgezeichnetes Rohmaterial zu Gebote fteht, ein Rohmaterial, welches noch vielfach von der ausländifchen Concurrenz aus Oefterreich bezogen wird, und wovon die erzeugten Fabrikate trotz doppelter Fracht und Zollvertheuerung wieder hieher zurückgeführt werden, haben wir die bedauerliche Erfcheinung zu verzeichnen, dafs unfere Einfuhrliften in diefem Artikel ein bedeutendes Mehr aufweifen. Die Ausstellung des deutfchen Zollvereines, unferes gefährlichften Concurrenten, zeigte in vielen Artikeln durch Reichhaltigkeit, Form und Güte eine Ueberlegenheit, die auszugleichen, eine erhöhte Anftrengung erfordert. Die Feilen von Mannesmann und von Corts in Remfcheid, die Meiffel und Hobeleifen von Braunfchweig und Arns, die Sägen von Wüfter, Dörken und Anderen, die Schneid- Werkzeuge, Zangen, Bohrer, Hämmer und Amboffe, die Zimmermannsgeräthe u. f. w. zeigen eine Beforgnifs erregende Tüchtigkeit. Dazu kommt, dafs die Concurrenzfähigkeit des deutfchen Zollvereines noch einen durchaus ebenbürtigen Zuwachs erhalten hat in den Werkzeug Fabriken des Elfafs, von Somborn, Goldenberg, Coulaux und Anderen, welche theilweife auch auf der Ausstellung würdig vertreten waren und deren Erzeugniffe vollkommen muftergiltig genannt werden mussten. In erfter Linie mufs die ega le und glatte Schmiedung der Zollvereinswaaren, nicht minder aber auch der reine und glatte Schliff als nachahmenswerthes Mufter aufgeftellt werden. In beiden Beziehungen hat die öfterreichiſche Fabrikation noch eine letzte Anftrengung durchzumachen. Die neuefte Schleifmethode, die fich von England aus im Zollvereine vielfachen Eingang verfchafft hat, findet auch bereits in Oefterreich Anwendung. So fchien die grofse Circularfäge, welche von der Firma Vogel& Noot, eine andere, welche von Martin Miller's Sohn ausgeftellt war, bereits auf den geraden Seitenflächen der Steine und nicht mehr auf der Kopffeite gefchliffen zu fein und auch die berühmte Feilenfabrik unferes Anton Fifcher( jetzt Egidi Kindberger Actiengeſellſchaft) hat neue Schleifmethoden in ihren Fabriken bereits eingeführt. In der öfterreichifchen Abtheilung boten die bekannten Firmen J. Weifs& Sohn, und Franz Wertheim ein umfaffendes Bild der gefammten Werkzeug- Fabrikation; befonders fand die Holzmontirung in Hobel, Hobelbänken, Sägegeftellen etc. die allgemeinfte Anerkennung. Die folide und exacte Arbeit, verbunden mit grofser Reichhaltigkeit und Preiswürdigkeit, laffen einen wefentlichen Fortfchritt gegen frühere Ausftellungen erkennen und erklären die Thatfache, dafs, fo namhaft auch in anderen Artikeln der Werkzeug- Branche der Import nach Oefterreich- Ungarn ift, in diefem Genre die auswärtige Concurrenz als befeitigt angefehen werden kann. Franz Neuner und In gleicher Weife hatten die Wiener Firmen Franz Zeitler ihrer Ausftellung von Werkzeugen für Drechsler, Spängler, Tifchler, Schmiede u. f. w. auch ein grofses und fchönes Enfemble von SchneideWerkzeugen der mannigfachften Art beigefügt. Bei unferer Werkzeug- Fabrikation ift der Umftand, dafs fie im Exporte nicht die verdiente Verbreitung findet, wefentlich auf die Thatfache zurückzuführen, dafs uns hier die exportirenden Commiffionshäufer fehlen, welche den Gewerbetreibenden anderer Länder einen grofsen Vorfchub leiften, indem fie durch das Anbieten und Einbürgern ihrer Erzeugniffe auf ausländifchen Plätzen die Induftriellen befähigen, ihren Betrieb ftetig auszudehnen, rationell zu entwickeln und der fremden Concurrenz ebenmäfsig fich zu entfalten. Im engften Zuſammen 6 F. W. Haardt. hange damit, fteht eine andere hochwichtige Erscheinung die der Theilung der Arbeit. - Was unfere Fabrikanten in einem und demfelben Etabliffement zu erzeugen genöthigt find, um für ihre anderen Fabrikate den Abfatz zu fichern, damit befchäftigen fich im Auslande eine Menge einzelner Fabriken und werden diefe dadurch felbftredend in die Lage verfetzt, ihre Specialität in jeder Beziehung auszubilden und dominirend zu machen. In der Remfcheider Abtheilung fanden wir z. B. fpecielle Ausfteller polirter Werkzeuge für Gold, Silber- und Weifsblech- Arbeiter, dann wieder Specialitäten für Schneidkluppen, für Bohrer, für Loch-, Draht- und andere Zangen, für Sägebogengriffe, Bohrdreher, für Schraubenfchneider und Winkelmeffer, für Blechfcheeren, für Feilkloben, kurz für jeden nennenswerthen und unter dem Syfteme des bequemen commiffionsweifen Vertriebes zur Bedeutung anwachfenden Einzel- Artikel. Auf einem Rayon von kaum zwei Quadratmeilen ftehen dem Fabrikanten wenigftens 100 gröfsere Commiffionshäufer, die in diefen Artikein alle fünf Welttheile regelmässig bereifen laffen und überall Filialen und Agenturen etabliren, zu Gebote. In den bedeutenderen Artikeln, als Feilen und Sägen u. f. w., auf die wir noch befonders zurückkommen, haben viele dortige Fabriken bereits eine Ausdehnung erlangt, dafs fie die Vermittlung eines Commiffionärs entbehren und felbft den Vertrieb in die Hand nehmen konnten. Unferen öfterreichifchen Fabriken ftehen folche Vermittlungen nicht zu Gebote. Die Vereinigung von Fabrikant und Commiffionär in einer Perfon macht die Kraft vielfach zerfplittern, was der Entwicklung unferer Induftrie nicht förderlich fein kann. Um fo anerkennenswerther erfcheint daher die von einzelnen Firmen erlangte hervorragende Stellung ihrer Fabrikation. Die Ausftellung des Zollvereines erfchien in Wien zum erften Male bereichert mit den Fabrikaten aus Elfafs Lothringen, die fich in jeder Beziehung würdig und ebenbürtig ihrem neuen Vaterlande anreihten. Die ausgeftellten Werkzeuge der Elfafs'fchen Fabriken excellirten in Form und Vollendung und auch in den Preifen waren diefelben nicht zurückgeblieben. Es erfcheint daher auch die Mittheilung vollen Glauben zu verdienen, dafs die Elfäfser Iduftriellen unter den neuen Verhältniffen für den Entgang des franzöfifchen Marktes fofort einen ausgiebigen Erfatz in den füd- und mitteldeutſchen Plätzen gefucht und gefunden haben und dort erfolgreich gegen die rheinifche und weftfälifche Concurrenz aufgetreten feien. Aufser Oefterreich und Deutfchland war die Werkzeug- Fabrikation nur fehr ungenügend vertreten und war auch auf diefem Gebiete England bedeutend zurückgeblieben. Die grofsen Firmen Ward& Payne, Spear& Jackfon, Taylor, Kenyon hatten durch gewohnte vollendete Arbeit das alte Renommée auch auf der Wiener Ausftellung gewahrt. Aber man konnte diefe Betheiligung nicht als eine der englifchen, insbefondere der Sheffielder Induftrie vollkommen entfprechende gelten laffen, und auch hier möchte die Vermuthung nicht unbe. gründet fein, dafs die häufigen Striks in der englifchen Werkzeug- Fabrikation auf die Betheiligung an der Wiener Ausftellung ihre nachtheilige Rückwirkung nicht verfehlt haben. Frankreich hatte uns in diefer Abtheilung faft gänzlich im Stich gelaffen. Von den wenigen Ausftellungen hatte die renommirte Firma Dandoy, Maillard Lucq& Comp. in Manbeuge die vollständigfte und beachtenswerthefte Collection gebracht. Diefe Firma hatte ihre Werkzeuge in der Mafchinenhalle mit ihren Preffen, Bohrmaſchinen, Scheeren, Schraubftöcken u. f. w. exponirt und durch die Reichhaltigkeit und faubere Arbeit ein vortheilhaftes Bild ihrer FabrikationsEinrichtungen und der Schulung ihrer Arbeiter dargeboten. Stahl- und Eifenwaaren. Mefferfchmied- Waaren und chirurgifche Inftrumente. 7 In Meffern und Scheeren blieb die Wiener Ausftellung hinter allen ihren Vorgängern weit zurück. England, welches diefe Partie früher zu feinen Glanzpunkten zählte, war nur durch wenige Ausfteller vertreten, unter denen man die berühmten Sheffielder Firmen gänzlich vermifste. Selbft aber bei den wenigen Ausftellern, die theilweife Kaufleute waren, fchien es nur darauf abgefehen, unter der Aegide der Weltausftellung einen möglichft einträglichen Detail verkauf zu betreiben. Diefer Rückficht waren auch die ausgeftellten Gegenftände angepasst, die vorwiegend aus Tafchenmeffern beftanden, während Tafel- und Deffertmeffer faft gänzlich fehlten. Befondere und lobende Erwähnung verdient indefs die Fabriksfirma Brookes& Crookes aus Sheffield, welche ihre ausgeftellten, muftergiltigen Erzeugniffe: Tafchenmeffer, Scheeren, Rafirmeffer und Etui- Ausftattungen, vorzugsweife dem Wiener Gefchmacke angepasst hatte. Frankreich hatte in diefen Artikeln gar nicht ausgeftellt und felbft in feinen fonft fo berühmten Specialitäten verdienten nur die chirurgifchen Inftrumente der Firmen Charrière Collin fen. Succ. und L. Mathieu eine beifällige Erwähnung. Auch Solingen war nicht in der Weife vertreten, wie man es von feiner ausgedehnten Fabrikation und der fonft fo ausgiebigen Betheiligung Preufsens hätte erwarten können. Nichtsdeftoweniger lieferte aber feine Collectiv- Ausftellung ein vollſtändiges Bild der dortigen Fabrikation, die in ihrer ganzen Arbeit, insbefondere in Form und Schliff Zeugnifs gibt von den grofsen Fortfchritten, welche diefe Induftrie in Solingen erfahren hat und die es in Verbindung mit den, im Vergleich zu den englifchen billigen Preifen begreiflich erfcheinen laffen, nicht nur, dafs Solingen im Welthandel eine grofse Rolle spielt, fondern auch Sheffield die Spitze bietet. Die füddeutfche Mefferfabrikation war durch die Collectiv- Ausftellung von Tuttlingen angemeffen vertreten und hatte eine fchöne, wenn auch weniger preiswürdige Handelswaare geliefert; der renommirte Heilbronner Fabrikbezirk, der in Mefferfchmiedwaare auf früheren Ausstellungen verdiente Anerkennung gefunden, hatte fich diefsmal vom Schauplatze fern gehalten. Eine prachtvolle Collection von Meffern war von Alexander Zawlajeff in Moskau geliefert worden. Wenn uns nicht von verlässlicher Seite der ruffifche Ursprung diefer Fabrikate beftätigt worden wäre, hätten wir verfucht fein können, die Klingen für englifche oder Solinger Erzeugniffe zu halten. Sowohl in Form als Schliff mufsten diefe Meffer den beften der Ausftellung angereiht werden. Eine wahrhaft ftaunenswerthe Leiftung hatte uns Japan dargeboten. Seine ausgeftellten Meffer und Säbelklingen zeugten von einer Vollendung, die von den erften Fachgenoffen als unübertroffen bezeichnet wurde. Allerdings fah man es diefen, in geringer Anzahl ausgeftellten Erzeugniffen an, dafs fie nicht fabriksmäfsig hergeftellt, fondern beinahe als Kunftproducte betrachtet werden mufsten; über den Preis und die fonftigen Verhältniffe diefes Induſtriezweiges hat man denn auch nichts Beftimmtes erfahren können. Offenbar war die Politur diefer Klingen durch fleifsige Bearbeitung mit Blutftein hevorgebracht, wozu man fich fonft überall der gewöhnlichen Schleifen bedient. Unwillkürlich wurde man durch die haarfcharfe Schneide und Spitze diefer Klingen und ihre forgfältige Bearbeitung an das japanifche Harakiri und die durch diefes bewirkte Blitzesfchnelle der Execution erinnert. Herr Ignaz Band 1, Mefferfabrikant in Steyer, hatte eine fchöne Collection feiner Erzeugniffe ausgeftellt und damit feinen guten Ruf, den er als einer der bedeutendften Mefferfabrikanten in der öfterreichifchen Gefchäftswelt geniefst 8 F. W. Haardt. bewährt, Man fah es diefen Fabrikaten an, dafs Herr Bandel grofse und erfolg. reiche Anftrengungen gemacht hatte, in Form, Schliff und Adjuftirung die Sheffielder und Solinger Erzeugniffe einzuholen. Herr Ignaz Rösler fen. in Nixdorf hatte in Tafchenmeffern und Scheeren eine fehr beachtenswerthe Mittelwaare geliefert, welche als folche auf den inund ausländifchen Märkten anerkannt und gefucht wird. Herr Rösler ift in diefem Genre den beften auswärtigen Fabriken vollkommen ebenbürtig, und feine Ausstellung liefs es deutlich erkennen, dafs er fich in der techniſchen Einrichtung feiner Fabrikation auf der Höhe der Zeit gehalten hat. Herr Carl Pfurtfcheller in Vulpmes war ebenfalls mit einer guten und preiswürdigen Handelswaare vertreten, und feine ausgeftellten Meffer liefsen auf eine grofse Sorgfalt fchliefsen, mit der diefe Fabrikation geleitet wird. Wenn es gelingt, unfere Schleifer ihrer bisherigen Arbeitsmethode zu entwöhnen und ihnen die rationellere Art der Sheffielder und Solinger Schleifer beizubringen, wäre eines der wefentlichften Hinderniffe befeitigt, welches den gröfseren Auffchwung unferer Mefferfabrikation aufhält. Während unfere Schleifer, auf oder über dem Schleiffteine fitzend, das Andrücken der Mefferklinge an den Stein mit dem Gewichte ihres Körpers unterftützen, fitzen die Schleifer des Auslandes vor dem Steine und vollziehen und reguliren den Druck der Klinge gegen den Stein mit den Knien, wodurch fie den zu fchleifenden Gegenftand weit beffer in der Gewalt und im Auge behalten und die Regelmässigkeit des Schliffs zu fichern in der Lage find. Von Seiten unferer Mefferfabrikanten wird diefer grofse Vortheil nicht verkannt und auch Herr Bandl foll bereits derartige Verfuche gemacht haben, an dem Widerspruch der Schleifer aber gefcheitert fein. Auf der Ausftellung zeigte es fich recht deutlich, dafs unfere Meffer in den feineren Sorten noch hinter den ausländifchen Fabrikaten zurückftehen, weil der Schliff nicht ebenbürtig ist. Der grofse Abfatz der inländifchen Erzeugniffe vollzieht fich daher auch nur in den mittleren und geringeren Sorten. Während dagegen im Auslande die Anwendung von getempertem Gufs ( fonte malléable) zur Herftellung von Efsgabeln ftets gröfsere Verbreitung findet, erfolgt die Anfertigung in Steier nach wie vor aus gutem Stahl, was hier vom Standpunkte der Qualität des Erzeugniffes lobend hervorgehoben zu werden verdient. Eine Specialität der steierifchen Messerfabrikation, der fog. Tafchenfeitel darf hier nicht mit Stillfchweigen übergangen werden, weil er einen namhaften Exportartikel nach dem Orient, nach der Nordküfte von Afrika und nach Perfien bildet, wo man diefes billige und doch qualitätsmäfsige Geräthe zu fchätzen gelernt hat. Der dazu verwendete gute fteierifche Stahl wird dem Tafchenfeitel bei feinem billigen Preife von fl. 18 per 1000 Stück- wohl die dauernde Alleinherrfchaft fichern. Auf der Ausstellung war auch nur Steier in diefem Artikel vertreten. - Eine weitere Specialität der fteierifchen Ausftellung bildeten die Maultrommeln, worin wir ebenfalls die ganze Welt verforgen. Bedauerlicher Weife ift der Verbrauch, im Rückgange begriffen. In Gefchäftskreifen ift man geneigt, den Grund diefer Erfcheinung dem unreellen Gebaren einiger Commiffionäre beizumeffen, welche fich durch Verfetzung der Nummern( indem fie nämlich 3er für 4er, 4er für 5er u. f. w. verpackten und verfchickten) unberechtigten Vortheil fchafften, und auf diefe Weife dem fremden Käufer das ohnehin nur geringen Nutzen bringende Gefchäft verleideten. - Die ausgeftellten chirurgifchen Inftrumente find zwar fchon in einer anderen Gruppe, jedoch nur vom wiffenfchaftlichen Standpunkte au gewürdigt worden. Wir können hier indefs den Artikel nicht mit Stillfchweigen übergehen, da wir in unferem Berichte mehr den commerziellen Standpunkt im Auge haben, die chirurgifchen Inftrumente in unferen Rahmen der Stahlwaaren Stahl- und Eifenwaaren. 9 gehören und eine weitere Verbreitung der Urtheile darüber befonders öfterreichifchen Ausftellern zum Vortheile gereicht, da ihre einfchlägigen Erzeugniffe unbedingt zum Exporte in gröfserem Mafsftabe geeignet find. Von den Ausftellern chirurgifcher Inftrumente nehmen die Fabrikanten aus Wien: Jof. Leiter, Rud. Thürriegel und J. Reiner, den erften Rang ein. Sie erreichen felbft ihre beften Concurrenten aus England, Amerika, Frankreich und Dänemark, da fie in Bezug auf Qualität, Reinheit und Exactität der Arbeit diefen in keiner Weife nachftehen. Die Form der einzelnen von ihnen ausgeftellten Inftrumente war gut und zweckmäfsig, möglichft glatt und einfach, frei von allen überflüffigen Verzierungen, welche ihre penible Verwendbarkeit beeinträchtigen und den Preis ohne Noth erhöhen. Gegenüber den franzöfifchen Fabrikanten zeigte fich bei den Wienern das Beftreben, den Mechanismus der complicirten Inftrumente möglichft zu vereinfachen; die von Leiter exponirten Inftrumente, deren Ausführung zu den fchwierigeren gehörten, z. B. Lithotryptoren( Steinbrecher), laffen erkennen, dafs zur Anfertigung derfelben entſprechende Arbeitsmafchinen verwendet worden und in feinem Etabliffement überhaupt die neueften technifchen Hilfsmittel thätig find. Leiter hatte auch zum Schutze gegen Oxydation und den Einfluss ätzender Säuren etc. feine Waaren auf galvanifchem Wege vernickelt. Aufser Amerika, wo das Vernickeln auch für andere blanke Waaren ganz allgemein ift, ftellte nur Dänemark( Hansen in Copenhagen) vernickelte chirur gifche Inftrumente aus. Aufser Wien waren auch Prag, Graz und Peft in diefen Artikeln mit preiswürdiger Waare vertreten. Der gröfste Theil der inländifchen Fabrikation diefer Inftrumente findet guten Abfatz im Lande felbft. Ueberdiefs ift der Export nach dem Orient nicht unbedeutend, und die ferbifche und rumänifche Regierung pflegt ihren ganzen Bedarf an folchen Inftrumenten für Militär- und Spitalszwecke durch die drei genannten Wiener Fabrikanten anfertigen zu lafsen, während die Türkei, neueftens auch Rufsland, zeitweilig fehr namhafte Aufträge hieher ertheilt. Selbft nach Deutſchland, Nordamerika und anderen Staaten findet ein regelmäfsiger Abfatz, befonders der Leiter'fchen Erzeugnifse ftatt, und es ift erfreulich, dafs unfere Fabrikanten die frühere monopoliftifche Pofition Frankreichs in diefem Artikel überholt haben, eine Erfcheinung, deren Ausgangspunkt man in der erften Londoner Ausftellung und den dort gefammelten Wahrnehmungen zu fuchen hat. Feilen und Sägen.. Mit der Entwicklung des Eifenbahnwefens und der dadurch bedingten Erweiterung der Mafchinenfabrikation hat der Bedarf und folgeweife die Fabrikation von Feilen und Sägen einen koloffalen Auffchwung genommen. Geftehen wir es offen, dafs Oefterreich in diefem Entwicklungsgange mit anderen Induftrieftaaten nicht gleichen Schritt gehalten hat. Eine nähere Prüfung unferer Importtabellen conftatirt denn auch die Thatfache, dafs von allen Fabrikaten diefer Art die Feilen und Sägen den gröfsten Import ausweifen. Bei unferem ausgezeichneten Rohmaterial und unferen ausgiebigen und vielfach noch unbenützten Wafferkräften wäre es daher eine lohnende Aufgabe, diefen Artikeln eine gröfsere Beachtung zuzuwenden, um die Mitbewerbung des Auslandes auf dem heimifchen Markte einzudämmen und allmälig ganz zu befeitigen. Den ausgeftellten Feilen von Anton Fifcher( jetzt Egidi KindbergerActiengefellfchaft, Zeichen: Anker), Braun in Vöcklabruck Bleckmann in 10 F. W. Haardt. Mürzzufchlag, A. Klinzer in Klagenfurt, Erzherzoglich Albrecht'fche Werke in Carlshütte, kann man einen grofsen Fortfchritt gegen frühere Ausstellungen nicht abfprechen. Ihre Erzeugniffe bekunden das ernfte Beftreben, auch in den feineren Sorten, den Schlichtfeilen, allen Anfprüchen gerecht zu werden, nachdem diefe Fabriken in den Baftard- oder Vorfeilen den Kampf mit der ausländifchen Concurrenz bereits mit dem günftigften Erfolge aufgenommen haben. Diefen Firmen fteht der Vortheil eigener Gufsftahl- Fabrikation zur Seite, und zwar eines Gufsftahles, der wie die gleichzeitig ausgeftellten GufsftahlProben zeigen, fich durch zähen und feinen Bruch auszeichnet und mit dem eine der Grundbedingungen hervorragender Leiftungsfähigkeit gegeben erfcheint. Wenn die öfterreichifche Feilenfabrikation in Schliff und Hieb ihre Anftrengungen fortfetzt, auch in der Härtung die ausländifchen Erzeugniffe einholt, dann wird ihr der Markt um fo eher gefichert fein, als der Confument in unferem bewährten Rohmaterial gröfseren Vortheil findet, da er diefe Feilen zu wiederholten Malen zum Aufhauen bringen kann, während die Feilen aus dem Zollverein, zu denen häufig nur untergeordnete Stahlforten, Cementftahl, Puddelftahl etc. verwendet werden, diefe Operation nicht im gleichen Mafse aushalten, und oft fchon nach dem erften Ausglühen( was bei jedesmaligem Aufhauen wiederholt werden mufs) vollſtändig ihren Stahlcharakter einbüfsen und keine Härte mehr annehmen. Allerdings hängt in Folge des Antheiles der Handarbeit an der Feilen Fabrikation fehr viel von der gröfseren oder geringeren Gefchicklichkeit der Arbeiter ab; aber was den auswärtigen Arbeitern gelungen ift, wird wohl auch den unferigen zu erreichen möglich fein. Im Auslande und namentlich in England und neueftens auch in RheinPreufsen wird übrigens eine neue Methode zum Schleifen der Feilen angewendet, die felbft auch minder befähigte Arbeiter zu verwenden geftattet. Auch die Feilen- Haumafchine des Engländers Dodges gelangt mehr und mehr zur Verwendung. Auch diefe Mafchine gewährt den wichtigen Vortheil, dafs fie von weniger geübten Händen bedient werden kann, und weit leiftungsfähiger ift, als die Menfchenhand. Während z. B ein gefchulter Feilenhauer bei gewöhnlichen Sorten kaum 60 Hiebe per Minute vollziehen kann, leiftet die Dodges- Mafchine fünf- bis fechsmal mehr. Da die Hauerarbeit der theuerfte und fchwierigfte Theil der Fabrikation ift, fo erklärt fich ungezwungen hiedurch allein fchon die wachfende Anwendung der Mafchinenarbeit. Dazu kommt aber, dafs der Hieb mit der Mafchine regelmäfsiger und widerftandsfähiger ift. Obgleich die Zähne für den erften Augenblick nicht die Schärfe der mit der Hand gehauenen Feilen aufweifen, fo gewähren fie doch dagegen den weit gröfseren Vortheil, dafs die Zähne ungleich dauerhafter und wirkfamer aushalten. Eine namhafte Verwohlfeilerung der Production bedarf nach dem Gefagten kaum der ausdrücklichen Erwähnung. Die Ausstellung felbft zeigte uns, namentlich in der weftfälifchen Abtheilung, fehr fchöne Feilen, die mit der Mafchine gehauen waren und den Beweis lieferten, dafs das frühere Problem der Feilhau- Mafchine durch gleich mässigen und richtiggeftellten Hieb feiner Löfung viel näher gerückt ift. In Sheffield find mehrere Feilenfabriken ausfchiefslich auf die Haumafchine eingerichtet, und auch in Remfcheid hat fich unter den Feilenfabrikanten eine Association gebildet, um diefe Hauverfuche in grofsem Mafsftabe durchzuführen. Bereits liegen günftige Refultate vor. In Oefterreich ist es wieder die erfte und gröfste Feilenfabrik: Anton Fifcher( Egidi Kindberger Actiengeſellſchaft), welche, gleichwie mit der neueren Stahl- und Eifenwaaren. 11 Schleifmaschine, fo auch die Verfuche des Feilhauens mit Maſchinen in gröfserem Mafsftabe durchgeführt und bereits fehr günftige Refultate aufzuweifen hat. Die Fifcher'fche Fabrik hat ferner die beften Schmiedemafchinen in ihren Werkstätten eingeführt, und fchmiedet nicht blos den Körper der Feile in Gefenken, fondern erzeugt in gleicher Weife die Angeln der Feile, wodurch überall die gröfste Gleichmässigkeit und Accurateffe in der Form der Feile erzielt wird. Allerdings hat es auch hier nicht an Schwierigkeiten der Einführung gefehlt, und die Mafchinen felbft, obfchon in England von den renommirteften Fabriken geliefert, bedurften hier mehrfacher Abänderungen und Verbefferungen, um auf dem heutigen Standpunkte anzukommen, wo die mit der Mafchine gehauenen Feilen bereits allen billigen Anforderungen entſprechen. Der gänzliche Umfchwung, der fich gegen frühere Perioden in der Verwendung der Feilen und daher auch in der Nachfrage, folgeweife in der Fabrikation felbft vollzogen hat, läfst die uralte und ehedem weltberühmte fteierifche Feilenfabrikation gewaltig in den Hintergrund treten. In früheren Zeiten, wo man von der Feile nur einen einfachen, wir möchten fagen, handwerksmäfsigen Dienft verlangte, war die fteierifche Feile( Bund- oder Strohfeile, weil fie in Bund verkauft, und in Stroh eingewickelt wurde) das begehrtefte Werkzeug diefer Art und auf allen Märkten der Welt gekannt und gefucht; aus diefer Zeit datirt auch das grofse und weitverbreitete Renommée der fteierifchen Marken( Zeichen), deffen gröfsere oder geringere Berühmtheit allein für den Verkauf und Preis mafsgebend war. Der Schloffer, Mefferfchmied oder fonftige Confument der fteierifchen Feile fchätzte in diefem Erzeugniffe nicht blos ein nach damaligen Begriffen und Bedürfniffen qualitätsmäfsig ausgezeichnetes Werkzeug, felbft die Feile im abgenützten, unbrauchbaren Zuftande lieferte ihm noch immer bis zum letzten Atom ein unübertreffliches Material, welches er zu Stahlartikeln, zu Meffern, zu Schneidarbeiten, zum Verftählen u. f. w. mit um fo gröfserer Vorliebe verwendete, als die Eigenfchaft des fteierifchen Stahles auch dem Mindergeübten feine Vorarbeitung, befonders im Schweifsen und Härten leicht machte, während andere Stahlgattungen ftets einen geübten Arbeiter erforderten. Auch heute haben die fogenannten fteie rifchen Feilen, d. h. die Bundund Strohfeilen, noch immer einen gewiffen Abfatz, aber nur noch nach folchen Ländern, wo die moderne Induftrie noch keine Wurzel gefafst hat, wo alfo der Huf- und Wagenfchmied, der Dorffchloffer und ähnliche Handwerker die einzigen Confumenten find. Diefs gilt namentlich von Italien, Spanien und der Levante etc. Aber felbft diefer Abfatz wird durch die deutfche Concurrenz wefentlich beeinträchtigt, da fie zu diefer Gattung von Feilen den ordinärften und billigften Stahl verwendet, daher in den Preifen vollständig concurrirt, und durch Anwendung beliebiger Fabriksmarken die Täufchung des letzten Käufers vollendet. Wir können daher das aus unferen gewerblichen Kreifen fo vielfach geftellte Verlangen nach einem gefetzlich geregelten internationalen Markenfchutz für unfere Induftrie nur als ein berechtigtes anerkennen. Aber mehr noch hat feitens der Induftriellen zu gefchehen. So z. B. ift der Vorgang in dem Remfcheider Fabriksbezirke, wo fich die bedeutendften und berühmteften Feilenfabri kanten als: Mannesmann, Kotthaus& Bufch, Honsberg, Greb und andere gemeinfam an die Spitze eines Commandit- Unternehmens geftellt haben, um fpeciell die Mafchinenhauerei nach Dodges' Patent im gröfserem Mafsftabe durchzuführen, den Steierer Feilenfabrikanten zur Nachahmung dringendft zu empfehlen. Die concentrirte Lage der fteierifchen Fabrikation ähnelt der gleich concentrirten Lage der Remfcheider Fabrikation, und erleichtert dadurch im hohen Grade die Errichtung gemeinfamer Anlagen für die Benützung aller Fabrikanten. Die genoffenfchaftliche Vereinigung der Steierer Induftriellen wäre aber auch nach anderen Richtungen von grofsem und nachhaltigem Nutzen. 12 F. W. Haardt. Noch vor einem Decennium war England in der Feilenfabrikation das unerreichte Mufterland und eine englifche Feile war gleichbedeutend mit dem Begriff eines in jeder Beziehung vollendeten Werkzeuges. Neidlos und ohne Widerrede galt diefes Urtheil als ein endgiltiges bei Freund und Feind und ficherte der englifchen Concurrenz überall, trotz ihrer durchgängig hohen Preife, den Sieg im Voraus. Die englifche Fabrikation fetzte ihr ganzes Beftreben darein, diefe gute Meinung zu bewahren; man verwendete zur Fabrikation ftets einen ausgezeich neten Stahl und die Arbeiter aller Abtheilungen diefer Fabrikation, als: Schmied. Schleifer, Hauer, Härter u. f. w., wetteiferten in demfelben Streben. Deutfcher Fleifs, Ausdauer und Gefchicklichkeit, im Gegenfatze zu den häufigen Störungen und Unterbrechungen in den englifchen Fabriks diftricten, haben diefes Urtheil aber ins Wanken gebracht, und wenn die Wiener Ausftellung allein für die Entfcheidung hätte mafsgebend fein follen, fo wäre man verfucht worden, den preufsifchen Fabriken A. Mannesmann in Remfcheid und Gottlieb Corts dafelbft den erften Preis zuzufprechen. Die von diefen Firmen zur Ausstellung gebrachte Collection bekundete die hohe Meifterfchaft, die dort bereits erreicht worden ift, und die der englifchen Concurrenz zum mindeften als vollkommen ebenbürtig erachtet werden mufs; in Form, Farbe und Hieb zeigten fich die Feilen diefer Firmen vollendet, und das weiterverbreitete gefchäftliche Renommée derfelben läfst die Voraus fetzung zu, dass auch die innere Güte der äufseren Form entſpricht. Die Firma A. Mannesmann gehört zu den älteften der Gegend, wurde ichon auf der erften Londoner Ausstellung mit der goldenen Medaille belohnt und erhielt auch auf allen folgenden Ausftellungen die erften Preife. Die Firma Corts ift jüngeren Datums, hat fich aber durch raftlofe Arbeit in kurzer Zeit einen ehrenvollen Ruf gefichert. Die Collectiv- Ausftellung von Remfcheid brachte auch noch von anderen Feilenfabriken fehr beachtenswerthe Mufter zur Vorlage, und lieferte den Beweis, welch grofse Ausdehnung die Fabrikation in dortiger Gegend und folgeweife, welche Wichtigkeit diefer Artikel erlangt hat. Auch die Elfafser Feilenfabriken hatten in der Ausftellung, gleichwie in ihren übrigen Werkzeugen, fehr verdienftliche Leiftungen aufzuweifen. Englands Veteranen im Gebiete der Feilenfabrikation hatten fich faft gar nicht betheiligt, und nur die bekannte Firma John Kenyon in Sheffield hatte durch eine muftergiltige Collection das alte Renommée ihres Haufes aufrecht erhalten. Die franzöfifchen Feilenfabriken von Ruf hatten faft gar nicht ausgeftellt; befonders vermifste man die berühmten und gefuchten kleinen Feilen für Uhrmacher, Chirurgen, Dentiften, worin Frankreich noch immer Meifter ift. Bei der Firma: J. E. Bleckmann in Mürzzufchlag verdient noch deren Ausstellung von Gufsftahl- Façonftücken( aus dem Tiegel direct in die betreffende Form gegoffen) eine befondere, anerkennende Erwähnung, weil diefer Stahlformgufs noch eine grofse Rolle zu fpielen berufen fein dürfte. Der Bleckmann'fche Stahlgufs zeigte fich fehr glatt und rein, und liefs dadurch auf eine grofse Sorgfalt in der Arbeit fchliefsen. Sägen bilden gleichfalls einen wichtigen Fabrikations- Artikel, deffen Import aus England und Rheinpreufsen nach Oefterreich- Ungarn noch immer in gröfserem Mafsftabe ftattfindet. Unter den öfterreichifchen Ausftellern zeichnete fich die altrenommirte Fabrik Martin Miller's Sohn in Wien durch vortrefflich gearbeitete Circularund Mühlsägen aus. Schliff und Bearbeitung zeugten von einer guten Einrich Stahl- und Eifenwaaren. 13 tung, und nach den äufseren Merkmalen zu fchliefsen, hatte man dazu einen Gufsftahl befter Qualität verwendet. Auch die Firmen J. Braun Söhne in Vöklabruck und Vogel& Noot in Wien hatten fehr beachtenswerthe Leiftungen vorgeführt. Die ausgeftellten Sägen, namentlich die grofsen Circularfägen diefer Firmen, gaben Zeugnifs davon, dafs man fich die neueften und bewährteften Richt- und Schleifmethoden, namentlich das Schleifen zwifchen den Flachfeiten zweier entgegengesetzt umlaufender Steine angeeignet hatte. Insbefondere hatte die Firma Vogel& Noot eine vollſtändige Collection ihrer Sägen und ihrer Spaten und Schaufeln exponirt, welche der weiteren Entwicklung diefer ftrebfamen jungen Firma eine fehr günftige Zukunft verfprechen. Es ift erfreulich, conftatiren zu können, dafs fie jetzt fchon nicht blos auf den inländifchen Märkten, fondern auch im Auslande einen guten Ruf fich zu erwerben gewufst hat, namentlich aber für militärische Zwecke einen fteigenden Abfatz findet.- Die Errichtung eines eigenen Stahl- und Eifenwerkes in Wartberg mit grofser und unverfiegbarer Wafferkraft, in Verbindung mit billiger Holzkohle und dem bewährten fteierifchen Rohmateriale, kann den Beftrebungen diefer Firma nur förderlich fein. Die wichtigen Species der Mühl- und Spannfägen war von unferen Ausftellern nur vereinzelt nach Gebühr gewürdigt worden, fanden dagegen in der deutfchen Abtheilung aus Remfcheid und dem Elfafs vielfeitige Vertretung. Im Auslande werden diefe beiden Gattungen Sägen aus eigens dafür hergerichteten billigen Gufsftahlplatten erzeugt, und ift dadurch eine wohlfeile Maffenfabrikation ermöglicht. In Oefterreich fcheinen die Walzwerke für diefe Stahlplatten noch nicht genügend eingerichtet zu fein; wenigftens geniessen unfere Sägenfabrikanten darin feitens der Walzwerke keine ausreichende Unterftützung. Hoffentlich wird die fortfchreitende Entwickelung unferer Sägenfabrikation und der daraus fich ergebende gröfsere Bedarf an folchen Stahlplatten unferen Walzwerken hinreichend lohnend erfcheinen, um die Herftellung folcher Platten fabriksmäfsig durchzuführen. England hatte feine Sägenfabrikation nur im befcheidenen Mafse zur Vertretung gebracht, obfchon fie auch heute noch von allen Fachmännern als die erste und bedeutendste der Welt anerkannt wird. Von renommirten Firmen verzeichnen wir die ausgeftellten Sägen von Taylor Brothers, Spear& Jackson, John Kenyon als vollkommen mustergiltig und den alten Rut ihrer Fabrikation aufrecht haltend. Nadeln. Die Nadelfabrikation unferes Landes wurde auf der Aufftellung von der Firma: M. W. Schlofs in Hainburg würdig vertreten. Die ausgeftellten Erzeugniffe diefer Fabrik entſprachen allen billigen Anforderungen. Es verdient dies um fo gröfsere Anerkennung, als die Fabrik unter den fchwierigsten Verhältniffen emporzukommen fuchen mufste. Vor etwa 30 Jahren, von dem damals hieher übergefiedelten Aachener Nadelfabrikanten Theodor Neufs gegründet, mufsten alle Arbeiter, alle Materialien von auswärts importirt werden. Inzwifchen hat fich am Fabriksorte felbft eine genügende Arbeitergeneration herangebildet, und die Anwendung der neueften Mafchinen fetzten den Fabrikanten in den Stand, feine Erzeugniffe den auswärtigen ebenbürtig herzuftellen. Allerdings ift es trotz unferes guten Rohmaterials noch nicht gelungen, auch in Bezug auf den zu verwendenden Stahldraht vom Auslande unabhängig zu werden, denn die Hainburger Fabrik ist noch immer genöthigt, das Material vom Auslande zu beziehen. Dies mag auch die Urfache fein, wefshalb diefe Fabrik 14 F. W. Haardt. in ihren Exportbeftrebungen nur geringe Fortfchritte machen konnte, vielmehr häufig den billigeren Preifen der deutfchen Nadelfabriken weichen musste. Der Hauptfitz der Nadelfabrikation im Allgemeinen ift feit Generationen Aachen( Rheinpreuſsen). Ein durchgebildeter und weitverzweigter Arbeiterftand, vortrefflich eingerichtete Etabliffements für die Erzeugung aller Hilfsmafchinen und Materialien, vollſtändig durchgeführte Theilung der Arbeit fichern diefer Gegend ein nur zu begreifliches Uebergewicht, befonders seitdem von der renommirten Firma Schleicher in Schönthal das Schleifen der Nadeln auf mechanifchem Wege, durch finnreich conflruirte Maſchinen eingeführt wurde. Diefe Maschinen find jetzt, nachdem das Patentrecht der Firma Schleicher abgelaufen, von allen Nadelfabriken in Deutſchland in Anwendung gebracht worden. Es konnte in Folge deffen der Lohn fürs Schleifen( früher die hauptfächlichste und fchwierigste Operation) auf die Hälfte herabgemindert werden. Gleichzeitig hat man auch durch Anwendung von Ventilatoren den schädlichen Stahlstaub befeitigt und dadurch die Bedingungen für den Gefundheitszustand der Schleifer wefentlich verbeffert. Die Branche der Nadelfabrikation war England( nur in befchränktem Mafse) vertreten. von Rheinpreussen und Die Erzeugniffe der altrenommirten Firma Ph. H. Pastor's Söhne in Burtscheid( Aachen) fanden in Folge ihrer befonders fchönen und forgfam durchgeführten Arbeit allgemeine Anerkennung. Auch machten sich die alten Aachener Firmen Leo Lammertz, Prinz& Comp. vortheilhaft bemerkbar. Wenngleich in Weftfalen die Nadelfbrikation sehr verbreitet ift, waren doch die ausgestellten Erzeugniffe aus Lündanfcheid und Altena von untergeordneter Bedeutung. Von der eigentlichen Stätte der Nadelfabrikation in Weftfalen, der Stadt Iserlohn, in welcher fich 10, mehr oder minder bedeutende Nadelfabriken befinden, war kein Ausfteller erſchienen. Von Redditfch, bekanntlich dem Hauptfitze der englifchen Nadelfabrikation, war auf der Wiener Ausftellung nur eine einzige Firma, nämlich H. Milward& Sons, vertreten. Von Nähmaschinen Nadelfabrikanten fahen wir nur die Erzeugniffe kleinerer Firmen, als: Woodfield, Avery& Sons in Redditsch. Die Herren Taylor in Birmingham, Hayes, Crosley& Comp. in London dürften als Commiffion äre mit ihrer Ausftellung nicht in Betracht zu ziehen fein. In Summa bot die englifche Ausstellung von Nähnadeln und NähmaschinenNadeln ein äusserft fchwaches und unvollkommenes Bild diefes Artikels, deffen Production und Export bekanntlich sehr belangreich ift. Aus Schwabach( Bayern), dem älteften Sitze der Nadelfabrikation, wo man fich jedoch vorzugsweife nur mit der Erzeugung der fogenannten Schmiednadeln, das find Schuhmacher-, Kürfchner- Nadeln etc., dann Stricknadeln befafst, machen fich in neuerer Zeit durch die Firma Städtler& Uhl lobenswerthe Bestrebungen geltend, in den befferen Sorten den Aachener Fabrikaten nachzukommen. Die Ausftellung der benannten Firma gab ein glänzendes Zeugnifs von den erzielten Erfolgen. Die Firma Wolff& Knippenburg, welche vor etwa 10 Jahren in Ichterhausen( Thüringen) die Nadelfabrikation eingeführt, und diefen Fabrikationszweig, dem Vernehmen nach, mit grossen pecuniären Opfern dafelbft heimifch gemacht hat, überrafchte uns mit einer Ausftellung, welche, was Vollftändigkeit anbelangt, den beften diefer Branche angereiht werden mufs, indem fie alle verschiedenen Qualitäten der Nähnadeln, wie auch der Nähmafchinennadeln umfasste. Der Nadelfabrikant, Herr F. Neuss aus Aachen, welcher in der MaſchinenAbtheilung ausgestellt hatte, verlieh feiner Ausftellung dadurch ein befonderes Intereffe, dafs er durch zwei feiner Arbeiterinen fogenannte Email- Pins( Stahl Stahl- und Eifenwaaren. 15 ftecknadeln mit Emailköpfen) vor den Augen des Publicums anfertigen liefs. Die Gewandtheit und Schnelligkeit, mit welcher diefe Manipulation vor fich ging, erregte gerechtes Erftaunen. Der Fabrikationstifch mit zwei Lampen und einem Blafebalg zur Erzeugung der Spitzflamme, welche von den beiden Arbeitenden felbft in Bewegung gefetzt wurden, war defshalb auch den ganzen Tag von der fchauluftigen Menge förmlich belagert. Die Fabrikation des Herrn Neufs umfasst das ganze Gebiet der Nähnadelbranche, fowie der Stahlftecknadeln mit Emailköpfen in den verfchiedenften Modellen. Wenn die Nähnadel- Fabrikation im Verhältniss zu den zahlreichen Fabriken und dem koloffalen Confum im Allgemeinen nur fchwach vertreten war, fo mag diefs wohl feinen Grund darin haben, dafs auf diefem Gebiete feit einer langen Reihe von Jahren keine nennenswerthen Verbefferungen ftattgefunden haben, alfo eigentlich Neues nicht zu bieten war. Form und Qualität blieben ftabil und auch Mode und Geschmack finden hier kein Feld für ihre Thätigkeit. Die fämmtlichen grösseren Fabrikanten find ohnediefs der Gefchäftsweltallfeitig bekannt und mit Auszeichnungen und Medaillen von früheren Ausftellungen genügend bedacht; fie fanden daher wahrfcheinlich keine Nothwendigkeit, fich noch ferner die grofsen, mit jeder Ausftellung verbundenen Opfer aufzuerlegen. Drahtgewebe, Nägel und Schrauben. Der Umftand, dafs unfere Drahtziehereien noch vorwiegend fteierifches und kärntnerifches Holzkohlen- Roheifen verarbeiten, fichert den daraus erzeugten Fabrikaten fortdauernd einen qualitätsmäfsigen Vortheil, der es erklärt, dafs der auswärtigen, unter billigeren Fabrikationsverhältniffen arbeitenden Concurrenz zu Trotz die früher nicht unbedeutende Einfuhr in diefen Artikeln nach Oefterreich- Ungarn faft gänzlich aufgehört hat. Während die Drahtziehereien felbft in dem Capitel des Hüttenwefens ihre Beurtheilung finden, verzeichnen wir hier die Firmen: Egidi KindbergerActiengeſellſchaft, Graf Egger, Graf Dubsky, Jof. Pöckh in Wiener- Neuftadt, Franz Burghard ebendafelbft, welche mit Drahtftiften, Nieten und Holzfchrauben in der Ausftellung angemeffen vertreten waren. Befonders war es die erftgenannte Gefellfchaft, welche durch ihre gute und faubere Arbeit einen neuen Beleg bot für die muftergiltige Leitung ihrer ausgedehnten und vielfeitigen induftriellen Unternehmungen. Die geftellten Preife gaben den vollgiltigen Beweis, dafs die öfterreichifche Fabrikation im Allgemeinen rationell und mit vortheilhaft arbeitenden Mafchinen betrieben wird. In dem Mafse, als die Drahtftiften- Fabrikation an Ausdehnung gewinnt, mufs die Erzeugung der gefchmiedeten Nägel das Feld räumen. Sie kann nur noch an denjenigen Orten fortbeftehen, wo Material, Arbeitslohn und Brennftoff billig find. Bei dem niedrigen Preife der gefchmiedeten Nägel kann man an die Schönheit der Arbeit nur mäfsige Anfprüche ftellen. Wir möchten es daher hier gewiffermafsen als Curiofum hervorheben, dafs Belgien, wo die Nagelfchmiederei in der Gegend von Lüttich und Charleroi unter dem Einfluffe des billigen Eifens und Brennftoffes noch fehr umfaffend betrieben wird, gefchmiedete Nägel ausgeftellt hatte, die durch die Schönheit der Arbeit einer jeden Mufealfammlung Ehre machen würden. Man hätte verfucht fein können, diefe Nägel als für die Ausstellung mit grofsen Vorrichtungen und Koften hergeftellt anzufehen, wenn man nicht wüfste, dafs in Belgien im Allgemeinen auf die correcte Schmiedung diefer Nägel grofser Werth gelegt würde, um auf diefe Weife die inferiore Qualität des dazu verwendeten Coaks- Eifens auszugleichen. 2 16 F. W. Haardt. Die öfterreichifchen Nägel diefer Art, namentlich die Fabrikate aus OberOefterreich, Steiermark und Kärnten, bieten wegen des dazu verwendeten Holzkohlen Eifens einen grofsen Vorzug. Einen hervorragenden Rang und eine ftetig zunehmende Bedeutung nehmen die gefchnittenen Nägel ein, die aus Blech- und Bandeifen maſchinenmäfsig erzeugt werden, und deren Production in Oefterreich gegenwärtig fchon auf mehr denn 10 Millionen Pfund veranfchlagt werden kann. Diefe Fabrikation hat ihren Hauptfitz in öfterreichifch Schlefien, Steier und Ober- Ungarn, und wird vorzugsweife durch das gute Holzkohleneifen gefördert. Wiederholte Importverfuche, namentlich von Belgien, fcheiterten bisher an den qualitätsmässigen Anfprüchen, die hier unter dem Einfluffe der gewohnten guten Waare ziemlich hoch gefpannt find, und die das Ausland nicht befriedigen kann. Die bedeutendfte Fabrik diefer Branche ift die der Homboker und Marienthaler Eifenwaaren- Induſtrie- und HandelsActiengeſellſchaft„ Moravia" in Olmütz mit einer Jahreserzeugung von 2000 Millionen Stück im Gewichte von etwa 30.000 Centner. Als eigenthümliche auf der Ausfteilung vertretene Specialität diefer Fabrik müffen die fogenannten Tacks, eine Gattung fehr kleiner und fehr fchön gearbeiteter Schuhnägel betrachtet werden, die aus beftem Holzkohlen- Blech mit amerikanifchen Mafchinen erzeugt werden. Dahin gehören ferner Sohlennägel oder fogenannte Mausköpfl, die auf eigenartigen Mafchinen aus Draht fabricirt werden. Sie find wegen ihrer grofsen Köpfe und verhältnifsmäfsig dünnen Schäfte als die beften diefer Art zu bezeichnen. Die Fabrik hat über 100 diverfe Mafchinen zur Nägelerzeugung mit 250 Arbeitern in Thätigkeit, und braucht 60 Pferdekräfte zu ihrem Betriebe; fie verfieht alle Märkte des Inlandes mit ihren Erzeugniffen und exportirt ihre Nägel auch nach Russland und den Donaufürftenthümern. Die erwähnten Schuhnägel- Specialitäten, welche keine andere Fabrik in Europa erzeugt, finden auch einen grofsen Abfatz nach Deutſchland. Die Firma Bulatti& Blaskopf in Budweis darf nicht mit Stillfchweigen übergangen werden, weil die von ihr ausgeftellten Blechnägel zu den fchönften diefer Gattung gehören, daher auf eine vorzügliche Einrichtung ihrer Mafchinen gefchloffen werden kann. Die bekannte Firma Brevillier& Comp. in Wien hatte befonders in Schrauben ihren alten Ruf neuerdings glänzend bewährt, da ihre ausgeftellten Holzfchrauben, fog. franzöfifche Schrauben( vis à bois) als vollendet gelten und mit den beften franzöfifchen den vollen Vergleich recht wohl aushalten können. Die Firma Brevillier& Comp. erzeugt in ihren grofsen Etabliffements zu Neunkirchen, aufser ihrem berühmten Weifsgufs( getemperten Gufs), auch noch Blechnieten und andere kleine Metallwaaren, die ebenfalls als muftergiltig angefehen werden können. An die Ausftellung diefer Firma reihte fich würdig jene von Hinterleithner& Comp. in Wien, deren Holzfchrauben und Drahtftifte ebenfalls einen weitverbreiteten Abfatz finden. Diefe Firma ftellte in ihren fonftigen Eifenwaaren, als: Nieten, Reiber, Fenſterbefchläge, Muttern u. f. w., ein vollständiges Enſemble jener kleinen Bedarfsartikel aus, welche den Eifenhandlungen unentbehrlich find. Es ift ein ehrendes Zeugnifs für die Strebfamkeit des Chefs diefer Firma, dafs er noch vor zwei Decennien zu den kleinen Handwerksleuten zählte, und jetzt zu den accreditirteften und renommirteften Grofsinduftriellen gehört; er befchäftigt in feinem Etabliffement 4-500 Arbeiter und die Artikel finden in allen Theilen der Monarchie einen geficherten Abfatz. Ein fchönes Affortiment von Schrauben war von der Firma Bauer& Juft in St. Pölten zur Ausftellung gebracht worden, und bekundete, dafs auch in diefer Fabrik die beften Apparate in Thätigkeit ftehen. Stahl- und Eifenwaaren. 17 Die Firma Anton Urban in Wien hatte grofse Schrauben für Eifenbahnfchienen, Bau- und andere gröfsere Zwecke ausgeftellt, die recht verdienftliche Arbeit nachwiefen. Ueberdies lieferte diefes Etabliffement alle Schienenbefeftigungs- und Verbindungsmittel, 1 refstheile für den Waggonbau, Winkelträger, Stifte, Splinten u. f. w. Sie ift darauf derartig vortheilhaft eingerichtet, dafs die auswärtige Concurrenz hier nicht ankommen kann. Drahtgewebe. In Drahtgeweben nahm die Firma Hutter& Schrantz in Wien eine hervorragende Stelle ein. Eine genaue Prüfung der ausgeftellten Erzeugniffe machte es begreiflich, dafs diefe Firma in ihrer Specialität den öfterreichiſch ungarifchen Markt vollſtändig beherrscht. Sowohl in Grofsartigkeit der Erzeugung, foweit die Gröfse und Feinheit der Drahtgewebe darauf fchliefsen läfst, als in vollendeter Arbeit überragte diefe Fabrik alle anderen auf der Ausftellung. Die grofse Mannigfaltigkeit ihrer Fabrikate liefs den Auffchwung, welchen diefes Etabliffement in wenigen Jahren genommen hat, recht augenfcheinlich hervortreten. In Metalltüchern für Papierfabriken werden nicht nur alle Confumenten des Kaiferftaates verforgt, fondern auch gröfsere Exporte nach Rufsland und Deutſchland ausgeführt. Ferner find die Drahtgewebe von Hutter& Schrantz in allen unferen Zuckerfabriken, Dampfmühlen, chemifchen Fabriken, Fabriken landwirthschaftlicher Mafchinen, Bergwerken, vorherrfchend, und finden neueftens auch in den zahlreichen Holzfchleifereien unferes Landes einen fteigenden Abfatz, in welch letzterer Specialität ihr bisher keine andere Fabrik beizukommen vermochte. Es mag als eine Probe ihrer grofsartigen und bisher noch nirgend erreichten Leiftung betrachtet werden, dafs ein ausgeftelltes Drahtgewebe für Holzfchleiferei eine Breite von 115 Zoll und auf den Breitezoll 250 Fäden zählte; Selbft die japanefifche Commiffion fand diefe Leiftung fo aufserordentlich, dafs fie die Waare für ihr Land erftanden hat. Hutter& Schrantz find auch feit Jahren die Lieferanten für den Bedarf der k. k. Armee. Das Ausland, namentlich Deutſchland, hatte ebenfalls in Drahtgeweben verfchiedene Mufter vorgeführt, die aber angefichts der Ausftellung der Herren Hutter& Schrantz fo geringfügig genannt werden mussten, dafs ihre nähere Befprechung hier füglich unterbleiben kann. Schlofferwaaren, feuerfefte Schränke, eiferne Möbel etc. Wenn man fich die Thatfache vergegenwärtigt, dafs die fabriksmäfsige Schlofserzeugung in vielen Ländern eine fehr grofse Ausdehnung erlangt hat, mufs man im Allgemeinen die Betheiligung diefer Fabriken an unferer Ausftellung als eine fehr ungenügende bezeichnen. In England, Frankreich, Deutſchland und Amerika ift diefer Fabrikationszweig in voller Blüthe, und fichert neben einer exacten Arbeit eine folche Billigkeit der Preife, dafs die Handarbeit dagegen nicht aufkommen kann. Es ift eine fonderbare Erfcheinung, dafs alle Verfuche, die bei uns zur fabriksmässigen Schlofserzeugung früher angeftellt wurden, regelmäfsig mifslungen find, und dafs das grofse Bedürfnifs in diefem Artikel bis in die jüngste Zeit durch handwerksmäfsigen Betrieb befriedigt wurde. Erft in letzterer Zeit wurde die Mafchine zur Erzeugung herangezogen. Auf der Ausftellung fehlte es nicht an vielversprechenden Anfängen, welche erwarten laffen, dafs auch in Oefterreich in Oefterreich die fabriksmäfsige Schlofserzeugung weitere Ausdehnung gewinnen werde. 2% 18 F. W. Haardt. Unfere erften Schloffermeifter, als: Albert Milde, C. Tagleicht, Biro, Wilhelm, Gfchmeidler, können mit ihren vollendeten Handarbeiten in Bezug auf die Form allerdings jeden Vergleich aushalten. Namentlich fand die reichhaltige Ausftellung von Albert Milde in Schlöffer-, Thür- und Fenſterbefchlägen, getriebenen Gittern, fchmiedeeifernen Stiegenfproffen, ihrer künftlerifchen Ausführung wegen, die allgemeinfte Anerkennung. Die rege Bauthätigkeit Wiens, die Opulenz, welche fich bei unferen Neubauten bemerkbar macht und die Bezahlung vollendeter Leiftungen zur Gewohnheit machte, haben hier unter der thätigen Anleitung unferer berühmten Architekten: Hanfen, Schmidt, Ferftl und anderer eine moderne Schule der Baufchlofferei gefchaffen, welche mit ihren ausgeftellten Arbeiten die Bewunderung aller Fachleute erregte. Es gilt diefes nicht blos von den Schlofferwaaren im engeren Sinne; es gilt diefes auch befonders von den getriebenen Arbeiten unferer Schloffermeifter in Befchlägen, Geländern und ähnlichen Leiftungen, wovon die ausgeftellten Arbeiten hervorragende Proben lieferten. Selbft die Krone, welche die Ausstellungsfpitze, die Laterne der Rotunde zierte, war aus einer Schlofferwerkftätte, derjenigen des Herrn J. Gfchmeidler, hervorgegangen, der auch die vielfach bewunderten Gitter an den Stiegenthüren der Rotunde geliefert hat, während die von allen Kennern gleichfalls gepriefenen Gitter am kaiferlichen Pavillon, am Jurypavillon, am öftlichen Ausftellungsflügel und anderen, aus den Werkstätten von Milde, Gridl und Tagleicht hervorgegangen waren. Für den grofsen Markt haben jedoch diefe Leiftungen nur eine fecundäre Bedeutung. Die eigentliche Schlofferwaaren- Induftrie war durch die„ Moravia", Homboker und Marienthaler Eifenwaaren- Induftrie und Handels- Actiengefellfchaft reichlich vertreten. Sie brachten eine grofse Auswahl von Schlöffern aller Gattungen und ihrer anderen Blechwaaren- Fabrikaten zur Ausftellung, die in Folge ihrer foliden Arbeit und billigen Preife einen ſtarken Handelsartikel bilden. Die Firma Carl Grundmann in Wien brachte ihre fabriksmässigen Erzeugniffe fertiger Schlöffer und einzelner Schlofsbeftandtheile zur Geltung, und ebenfo hatte Herr Eduard Gehring in Wien eine reichhaltige Collection von Patent- Möbelfchlöffern ausgeftellt; auch von anderen Seiten, namentlich von Hermann Jeitteles& Sohn in Prag, J. V. Floigl in Graz und anderen, find in guter Mittelwaare viel verfprechende Anfänge zu verzeichnen, die fabriksmäfsige Schlofserzeugung bei uns einzubürgern. Das Ausland hatte, wie bemerkt, in der Schlofsfabrikation nur wenig zur Anfchauung gebracht; namentlich fehlten aus England, Frankreich, Deutfchland jene grofsen Firmen, die auf den Weltmärkten den Ton angeben. Amerika hatte uns durch die W eftfield Lak Works Company einzelne Mufter vorgeführt, die durch ihre ſchöne und folide Arbeit anerkennenswerth erfchienen. Die Gröfse des Antheiles der Mafchinenarbeit war jedoch an ihnen nicht feftzuftellen. Nirgends wird die Solidität eines Schloffes höher gefchätzt als in Amerika, und es ift daher auch natürlich, dafs dort nur von Schlöffern der beften Qualität die Rede fein kann. Thatfächlich hat daher in Amerika die fabriksmäfsige Erzeugung fowohl von Thür-, als Koffer, Vorleg- und andern Schlöffern fehr grofse Dimenfionen angenommen. In der That eignen fich auch wenig Bedarfsartikel beffer, als diefe, für fabriksmäfsige Maffenerzeugung. Stahl- und Eifenwaaren. 19 . Feuerfefte Caffen. Sachgemäfs reiht fich dem eben behandelten Artikel die Fabrikation feuerfefter Caffen an. Diefer Zweig war auf der Ausftellung in den berühmteften Firmen diefes Faches aus allen Ländern angemeffen vertreten. Ueber die öfterreichifchen Matadore Wertheim& Comp., Friedrich Wiese ift hier wenig zu fagen, da ihre Leiftungen fo allfeitig anerkannt find, dafs es fchwer fallen dürfte, etwas Neues darüber zu bringen. Aufser den Caffen, feuerfeften Tifchen und Schreibpulten hatte die Firma Wertheim& Comp. im Eifenhof ein ganzes Zimmer feuerficher hergeftellt. Die Firma Polzer& Stern in Wien hatte fich ihren älteren Collegen. würdig an die Seite geftellt und ihre Arbeit liefs auf grofse Sorgfalt in der Ausführung der einzelnen Theile fchliefsen. Die Firmen: Becher& Hildesheim in Wien und V. Kanduth in Graz wurden von der Jury gleichfalls als verdienftlich und beifallswürdig anerkannt. Aus England hatte fich die renommirte Firma: Hobbs Hart& Comp., aus Frankreich: Pierre Haffner und N. Fichet, aus Berlin: St. Arnheim mit ihren bewährten Leiftungen an der Ausftellung betheiligt. Die Firma: S. Haffner erregte noch eine befondere Aufmerkſamkeit durch eine grofse Collection fabriksmäfsig erzeugter Schlöffer( Handelswaare), die in Preis und Ausführung allen Anforderungen entſprach. Eiferne Möbel. In eifernen Möbeln war die öfterreichifche Betheiligung eine fehr beachtenswerthe und eine Vergleichung mit der verhältnifsmäfsig gering vertretenen ausländifchen Concurrenz läfst den erfreulichen Schlufs zu, dass wir in Qualität, Gefchmack und Preis mit dem Auslande auf fremdem Markte erfolgreich in Mitbewerbung treten können. Der eigene Markt ift ohnehin unferem Gewerbsfleifse gefichert. Die vortheilhaft bekannte Fabrik von A. Kitfchelt's Erben in Wien hatte durch eine grofse Collection ihren alten, bewährten Ruf neuerdings behauptet; ihre Leiftungen ftellten fich in Eleganz und Solidität den beften diefer Gattung würdig zur Seite, und wurden mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet. Die Wiener Firmen: J. Dillmann& L. Fifcher, R. Mitzky& Sieber. R. Rigl& Comp. hatten ebenfalls recht verdienftliche Leiftungen aufzuweifen, welche von der Jury mit der Verdienftmedaille anerkannt wurden. Die Firma J. Schlefinger in Wien hatte das Gebiet der eifernen Gartenmöbel befonders cultivirt und fand, der foliden und gefchmackvollen Arbeit. wegen, vielfache Anerkennung. Unter diefer Rubrik darf die italienifche Firma: Fratelli Ghibellini in S. Giovanni nicht mit Stillfchweigen übergangen werden, da fie prachtvoll lakirte und ausgeftattete eiferne Bettftellen zur Ausftellung gebracht hatte, welche die Aufmerkfamkeit aller Befucher auf fich zogen. Diefe Collection war denn auch fofort an verfchiedene Befucher verkauft worden. 20 F. W. Haardt. Grobe Schmiedewaaren. Die Erzeugung grober Schmiedewaaren war vorzugsweife durch ſteierifche und böhmifche Ausfteller zur Anfchauung gebracht. In diefe Claffe fällt die Fabrikation von Amboffen, Schraubftöcken, Hämmer u. dgl., welche durch die Vordernberg Köflacher Montan- InduftrieGefellfchaft, durch Czimek und Andrieu in Graz, durch die Ausftellung von Metzeseifen( Ungarn) eine angemeffene Vertretung fand. Nagelfchmiede- Arbeiten waren durch die Erzherzogliche IndustrieVerwaltung in Tefchen, Joh. Globotfchnigg in Eisnern( Krain), Nagelfchmied Gefellfchaft in Lofenftein, Philipp Wiener in Prag, Adam Hönnel in Göllnitz, Mich. Streck& Söhne in Göllnitz, Walko& Schütz in Göllnitz in marktgängiger und preiswürdiger Waare vertreten. Obfchon die gefchmiedeten Nägel in den Drahtftiften einen überlegenen Rivalen gefunden haben, ift der Artikel doch noch immer fo vielfach verbreitet, dafs fich Taufende von Arbeitern damit ihren, wenn auch befcheidenen Unterhalt verdienen. Eine neue Concurrenz enfteht den Nagelfchmieden in der Herftellung der Hufnägel mittelft Maſchinen. Im Auslande hat diefe Erzeugungsweife bereits grofse Dimenfionen angenommen und auch in Oefterreich kann fie auf eine gröfsere Verbreitung rechnen, fofern es gelingt, die mehrfach dagegen beftehenden, in alten Gewohnheiten begründeten Vorurtheile zu befeitigen. Herr Schlefinger in Ottakring bei Wien hatte die auf feinen amerikanifchen Maſchinen erzeugten Hufnägel in aufserordentlicher Schönheit und Güte ausgeftellt. Hand in Hand mit der Nägelerzeugung durch Verwendung von Mafchinen geht auswärts die Fabrikation der Hufeifen mittelft Mafchinen. In Amerika, England und Deutſchland fchon vielfach im Gange, ftöfst fie in Oefterreich gleich der Erzeugung von Hufnägeln auf diefem Wege noch auf vielfache Hinderniffe. Schon vor mehreren Jahren wurden derartige Mafchinen auf dem ärarifchen Stahl- und Eifenwerke Eibiswald aufgeftellt und in Betrieb gefetzt, ohne dafs bis jetzt nennenswerthe Reſultate zu verzeichnen wären. Der Umftand, dafs in Oefterreich, namentlich in Böhmen, die Fabrikation der Stiefel eifen in ziemlich ausgedehnter Weife betrieben wird, und trotz verhältnifsmäfsig hohem Eingangszoll auch noch ein namhafter Import diefes Artikels hieher ftattfindet, gibt uns Veranlaffung, darauf aufmerkfam zu machen, dafs auch diefer Artikel im Auslande maſchinenmäfsig hergeftellt wird, und wir daher trotz der billigften Arbeitslöhne dennoch immer im Nachtheile bleiben, weil Handarbeit gegen die Mafchine fchwer aufkommen kann. Unter Anderen hatte Herr C. Lüftner in Prag eine vollſtändige Collection folcher Stiefeleifen im Eifenhof ausgeftellt, wie folche in der Gegend von Horowitz u. f. w. in grofsen Maffen erzeugt werden. Zieht man aufser den, nur ein kärgliches Auskommen gewährenden Arbeitslöhnen den billigen Eifenbezug und den billigen Brennftoff in Betracht, mufs man wohl, wenn dann noch ein Import mit einem Eingangszoll von fl. 2- Silber per Zollcentner ftattfindet, wie diefs thatfächlich der Fall ift, zugeben, dafs die Vortheile der auswärtigen FabrikationsMethode überwiegend find. In der That find die im Auslande im Betrieb ftehenden StiefeleifenMafchinen von einer aufserordentlichen Leiftungsfähigkeit; fie verarbeiten zu diefem Artikel Draht, der durch die felbftthätige Mafchine auf kaltem Wege in die Form der Stiefeleifen gebracht wird, während die öfterreichifchen Werkftätten Flach- oder Quadrateifen dazu verwenden, und diefs im warmen Zuftande verarbeiten. - Stahl- und Eifenwaaren. 21 Die dazu hier verwendeten Preffen bleiben weitaus hinter der Leiftungsfähigkeit der im Auslande in Verwendung ftehenden Mafchinen zurück; die Anwendung folcher Mafchinen follte alfo auch hier ernftlich ins Auge gefafst werden. Auf diefe Weife würde nicht blos dem Import diefes Artikels ein Ende gemacht, fondern wir würden, bei unferen natürlichen Vortheilen, fogar am Export theilnehmen können, und z. B. vermöge unfererer geographifchen Lage an der Befriedigung des ruffifchen Marktes hervorragenden Antheil gewinnen, da in Rufsland grofse Maffen folcher Stiefeleifen verwendet und vom Auslande bezogen werden. Die ruffifchen Formen find vielfach den in Galizien gangbaren ähnlich, alfo in ihrer Form der öfterreichifchen Erzeugung hinlänglich bekannt und geläufig. Um einen annähernden Begriff der Vortheile der Fabrikation mittelft Mafchinen zu geben, fei hier noch bemerkt, dafs ein einzelner Arbeiter mit der Mafchine täglich 400 Paar Stiefeleifen fix und fertig zu Stande bringt, während leiften die Handarbeit nur einen befcheidenen Bruchtheil diefer Ziffer zu vermag. - Unter die groben Schmiedewaaren rubriciren wir ferner die Aexte, Hacken, Beile, Schaufeln etc., wie folche im Inlande, namentlich in Steiermark, NiederOefterreich und Ungarn, in hinreichender Menge und zu verhältnifsmäfsig billigen Preifen hergeftellt werden, ohne aber den Import abwenden oder gar an einem Export theilnehmen zu können. Unfere Geräthe der vorbezeichneten Art leiden an einer unbehilflichen Form und laffen auch in der Qualität viel zu wünfchen übrig. In England und Amerika dagegen weifs man den Werth diefer Werkzeuge beffer zu würdigen, und verwendet auf deren Anfertigung mit Recht eine grofse Sorgfalt, damit fie fowohl durch ihre handfame, zweckentfprechende Form, als durch ihre Schneide den damit hantirenden Arbeitern die gröfsten Dienfte leiften. Die Wiener Ausstellung brachte in der amerikanifchen und englifchen Abtheilung reiche Collectionen folcher Geräthe zur Anfchauung, und fteht daher zu erwarten, dafs deren genauere Prüfung auch in unferen öfterreichifchen Fabrikanten und Arbeitern den Vorfatz gekräftigt hat, fortan auf die beffere Ausftattung ihrer Erzeugniffe eine gröfsere Sorgfalt zu verwenden. In gleicher Weife hatte auch eine Elfafser Firma eine fchöne Sammlung folcher Geräthe ausgeftellt, die in Form und Anfehen den amerikanifchen ziem lich genau nachgebildet waren. Der billige Preis, den wir gegen diefe ausländifchen Erzeugniffe für unfere Fabrikation geltend machen können, ift nicht allein entfcheidend. In dem Mafse, als auch bei uns der Werth der Zeit beffere Würdigung erfährt, wird fich auch unfer Arbeiter nach einem Werkzeuge umfehen, welches ihm bei geringerer Anftrengung und kürzerer Zeit mehr zu leiften geftattet, wie diefs thatfächlich bei den amerikanifchen und englifchen Geräthen der Fall ift. In den erwähnten Artikeln verdient die Hüttenberger Eifenwerks- Gefellfchaft in Klagenfurt aus dem Grunde befonderer Erwähnung und Anerkennung, weil fie die Schaufeln, Hacken, Hauen, Krampen, Steinkeile, Brechftangen, Hämmer, Pflugfchaaren etc. aus Beffemer- Stahl erzeugt, und dadurch eine ungleich gröfsere Solidität und Dauerhaftigkeit gewährleiftet. noch die Unter die groben Schmiedewaaren müffen wir fchliefslich Wagenachfen und Wagenfedern rubriciren, wie folche in anerkannt vorzüglicher Qualität und fchöner Arbeit durch: J. Heifer in Gaming, Gaismayer& Schürhackl in Scheibbs, Ferdin. Hüffel in Hainfeld, C. M. Faber in Eibiswald ausgeftellt waren und durch die Jury in hervorragender Weife ausgezeichnet wurden. 22 F. W. Haardt. Blechwaaren und Kochgefchirr. In der Herſtellung von Blechwaaren, worunter wir die Schlofferwaaren, alfo die Verwendung von fogenannten Schlofsblechen, hier nicht verftehen, werden die öfterreichifchen Gewerbetreibenden durch die ausgezeichnete Güte des fteierifchen und kärntnerifchen Eifens, welches unfere Feinblechwalzwerke faft ausfchliefslich verarbeiten, wefentlich unterſtützt. Diefe Bleche find daher auch anerkannt von einer Zähigkeit, die von keinem Concurrenzwerke übertroffen wird, und die fie zu allen weiteren Verarbeitungen in ausgezeichneter Weife geeignet machen. Vor Allem verdienen die Blechwalzwerke„ Union"," Styria", Stift Admont'fches Werk„ Trieben" einer lobenswerthen Erwähnung, da ihre ausgeftellten Producte, namentlich die polirten und decapirten( vom Zunder gereinigten Bleche) durch die gleichzeitig in vorgelegten fchwierigen Proben erfichtlich gemachte weitere Verarbeitung diefer Bleche den Beweis lieferten, dafs fie geradezu unverwüftlich genannt werden können. In gleicher Weife reihten fich die böhmifchen und mährifchen BlechWalzwerke an, namentlich diejenigen von Graf Affeburg in Böhmen, Graf Harrach in Mähren. Eine ausgedehnte Verwendung finden diefe feineren Bleche zur Erzeugung von Wirthfchafts- und Küchengefchirren, und hier war es die Induftrie von Brünn, die vor allem lobende Erwähnung verdient. Die fabriksmässige Erzeugung emaillirter Kochgefchirre wird dort in fchwunghafter Weife betrieben und verfteht man es auf diefen Gefchirren ein Email herzuftellen, wie es dauerhafter, fchöner und weifser von keiner Concurrenz geliefert worden ift. Die Firmen: Auguft Bartelmus& Comp., H. Cerwink a's Witwe, letztere auch in fchönen Gufsgefchirren, hatten in reichhaltigen Affortiments jedem Hausbedarf entſprechende Kücheneinrichtungen zur Ausftellung gebracht. Auch von A. M. Pleifchl in Wien war auf diefem Gebiete Lobenswerthes geleiftet, und wenn fein Email auch nicht die fchöne weifse Farbe trug, womit die Brünner Fabrikanten excellirten, fo rühmt man an ihm doch den befonderen Vorzug einer aufserordentlichen Haltbarkeit. Den Blechgefchirren reihte fich noch die grofsartig entwickelte Erzeugung gufseiferner emaillirter Küchengefchirre an, wie folche auf den Werken Sr. kaif. Hoheit des Herrn Erzherzog Albrecht in Tefchen, von Graf Waldftein, Märki& Göczmann, der Pilsener ActienGefellfchaft in bedeutender Ausdehnung betrieben wird. Auch in verzinnten Wirthschafts- und Küchengefchirren war durch die Firma Haardt& Comp. in Wien ein vollſtändiges Affortiment zur Ausftellung gebracht worden. Diefe Firma ftellt nach englifcher und franzöfifcher Art die Gefchirre aus fteierifchem Blech mit Mafchinen aus einem Stück ohne Falz oder Naht her, welche Fabrikationsmethode die ungleich gröfsere Dauerhaftigkeit und Schönheit der Form erzielt. Deutfchland hatte auf diefem Gebiete ebenfalls fehr beachtenswerthe Leiftungen zur Ausftellung gebracht, und liefs durch zahlreiche Betheiligung auf eine grofse, allgemeine Verbreitung diefer Fabrikation einen vollgiltigen Schlufs ziehen.- Befonders verdienen die Fabriken: Weifsmüller in Düffeldorf, Thiel in Lübeck, Philippi& Cetto in Stromberg, Knödgen, Mantel& Comp in Fraulautern wegen der Mannigfaltigkeit und Schönheit ihrer Fabrikate, fowohl in rohen als verzinnten und emaillirten Wirthfchaftsund Kochgefchirren, hier lobend erwähnt zu werden. Belgien befitzt ebenfalls einen auf diefem Gebiete wohlbegründeten, auch im Auslande anerkannten Ruf. Stahl- und Eifenwaaren. 23 Die Firmen Delloye Maffon& Comp., Tremoreaux& Comp. in Brüffel und Moll& Comp. in Goffelies hatten diefen Ruf durch tadellofe Erzeugniffe auf der Wiener Weltausftellung vollkommen bewährt. Der Altmeifter diefes Fabrikationszweiges, der Franzofe Jappi, der in diefer Branche Taufende von Arbeitern befchäftigt und auf allen Märkten der Welt als der Erfte gilt, hatte fich leider an unferer Ausftellung gar nicht betheiligt. Ebenfo hatten die grofsen en glifchen Fabriken hier jede Betheiligung unterlaffen. Eine weitere bedeutende Verwendung finden die fteierifchen Feinbleche, zur Erzeugung von lackirten Taffen, Holzkörben und ähnlichen Artikeln, wie folche von Herrn Carl Kronig in Wien in grofser Anzahl ausgeftellt worden waren. Herr Kronig gilt bekanntlich als der erfte und bedeutendfte Fabrikant in diefen Artikeln, und feine Erzeugniffe finden in allen Provinzen einen ftändigen Abfatz und gehen auch in ziemlich namhaften Partien ins Ausland. Herr Jofef Benke in Prag hatte in diefen Artikeln gleichfalls recht gefchmackvolle und reine Waare ausgeftellt. Die Firma W. Bachmann& Comp. in Wien hatte neben ihren chinafilbernen Erzeugniffen eine Collection von verzinnten Efslöffeln( aus fteierifchem. Eifenblech) ausgeftellt, und darin alle Sorten aufgenommen, die im In- und Auslande im Verkehr vorkommen. Die Eleganz und Reinheit diefer Waare, der billige Preis, bis zu 36 kr. per Dutzend, laffen es begreiflich erfcheinen, dafs diefe Efslöffel auf allen Märkten gefuchte Artikel find. Die Firma verforgt daher nicht blos das Inland mit diefem Artikel, fondern exportirt auch in grofsem Mafsftabe nach Deutſchland, Rufsland und Amerika. Die Fabrikation der blechernen lackirten Zuckerformen hat vorzugsweife in Brünn ihren Sitz und von dort aus werden faft alle Zuckerfabriken des Kaiferftaates verforgt. Auf der Ausstellung war diefer Artikel angemeffen vertreten. Eiferne Röhren gewinnen eine ftetig zunehmende Bedeutung durch die Verallgemeinerung ihrer Anwendung und den fortwährend fteigenden Bedarf. Wir können hier leider nur über ausländifche Fabrikate berichten, da Oefterreich auf diefen Artikel gar nicht eingerichtet ift, alfo auch nichts zur Ausstellung bringen konnte. Die früheren Fabrikationsverfuche, welche von Töpper in Scheibbs, Gebrüder Klein in Zöptau, Graf No ftitz in Böhmen in Bezug auf die Herftellung von Gasröhren vorgenommen wurden, mufsten gegenüber der erdrückenden englifchen Concurrenz aufgegeben werden, obfchon damals der Schutzzoll die vierfache Höhe des heutigen Zolles betrug. Der ganze Bedarf wird daher von auswärts, vorzugsweife von England gedeckt, wo diefe Fabrikation riefige Dimenfionen gewonnen hat. Auf der Ausstellung war daher der Artikel vorzugsweife nur von England, in geringerer Weife auch von Belgien vertreten. Es mag allerdings keine leichte Aufgabe fein, heute, wo unfer Markt vollſtändig in den Händen der ausländifchen Fabrikanten ift, und wo der Mangel eines fchützenden Zolles( die eifernen Röhren zahlen gegenwärtig einen geringeren Eingangszoll als das dazu verwendete Rohmaterial) jede Ermunterung zur Etablirung diefes Fabrikszweiges bei uns fehlen dürfte, für die Errichtung einer inländifchen Fabrik diefer Art das Wort zu führen. Aber an geeignetem, gut fchweifsbarem Eifen fehlt es nicht. 24 F. W. Haardt. Bau- und Ornamentguss. Während der gewöhnliche Eifengufs, namentlich der fogenannte Mafchinengufs, in einer anderen Gruppe bereits feine Beurtheilung gefunden, bleibt uns hier noch die Befprechung des wichtigen Gebietes des Bau- und Ornamentguffes übrig. Im Allgemeinen mufs conftatirt werden, dafs von allen Seiten die gröfsten Anftrengungen gemacht waren, um diefen Artikel würdig zu repräfentiren und. möglichft Vollendetes zu bieten. Selbft das entfernte und induftriell fo wenig entwickelte Brafilien hatte auf diefem Gebiete beachtenswerthe Verfuche gemacht. Rufsland und England hatten fich im Verhältniffe zu den anderen Staaten quantitativ weniger betheiligt, obgleich die ausgeftellten Objecte einen genügenden Beweis ihrer Leiftungsfähigkeit lieferten. Befonders erwähnenswerth war das von der Coalbrookdale Company ausgeftellte eiferne Gitter, welches als Umzäunung des englifchen Commiffionshaufes diente, und ein anderes, welches die englifche Abtheilung zierte und der fauberen Ausführung wegen allgemeine Anerkennung fand. Rufsland excellirte durch das von San Galli in Petersburg am Hofe der ruffifchen Ausftellung aufgeftellte Gitter mit Thor. In Folge feiner glatten und exacten Ausführung und feiner wahrhaft künftlerifchen Durchführung bildete es ein hervorragendes Stück der Ausftellung und erfreute es fich der ungetheilten Anerkennung aller Fachleute. Den Glanzpunkt der Gufswaaren- Ansftellung bildeten aber die Erzeugniffe von Frankreich, Deutíchland und Oefterreich. Was zunächft die franzöfifchen Erzeugniffe betrifft, fo wird Niemand. an den herrlichen Leiftungen von Durenne in Paris und der Société Val D'Osne vorübergegangen fein, ohne fich zu fagen, dafs es fchwer fei, etwas Schöneres und in der Ausführung Vollendeteres fchaffen zu können. Hier hatte der Former feine Künftlerfchaft gezeigt, hier waren ohne Cifeleur Figuren und Ornamente aus Gufseifen gefchaffen, welche faft ohne jede Nacharbeitung fo rein und glatt gegoffen waren, dafs man über diefen Fortfchritt in der GufseifenInduftrie nur Bewunderung ausdrücken konnte. Die ausgestellten Objecte, vor allen die Fontaine in der Mitte der Rotunde und die gufseifernen Gruppen, fowohl die bearbeiteten als diejenigen, an welchen noch die feinen Formnäthe zu fehen waren, liefern den Beweis, dafs das Gufseifèn bezüglich feiner Verwendbarkeit zu monumentalen Zwecken ebenfo gut wie Bronze zu verarbeiten ift, vor diefer aber den Vorzug hat, dafs es vermöge feiner gröfseren Dünnflüffigkeit die Form äufserft fcharf wiedergiebt und bei richtiger Behandlung und Zubereitung des Formfandes eine fo reine und glatte Oberfläche erhält, dafs aufser der Befeitigung des locker anhaftenden und mit einer Bürfte leicht zu entfernenden Sandes und der feinen Gufsnäthe weitere Nacharbeiten. völlig überflüffig werden, während beim Bronzegufs erft die äufsere Gufshaut entfernt werden und dann das Object durch den Cifeleur in langer und mühfamer Nacharbeit erft ein lebensfähiges Anfehen erhalten mufs. Ein guter Oelanftrich oder ein metallifcher Ueberzug fichern dem eifernen Gufsftück eine gleich lange Dauer als dem broncenen, das vielleicht das Zehnfache von dem des erfteren koftet. In der deutfchen Abtheilung war es vor Allem die gräflich StollbergWernigerode'fche Eifengiefserei in Ilsenburg, welche mit ihren gefchmackvollen und bedeutenden Leiftungen herrvorragte, und neuerdings, gleich wie auf den früheren Parifer und Londoner Ausftellungen, beredtes Zeugnifs ablegte von der intelligenten Leitung diefes Etabliffements, der Kunftfertigkeit der Arbeiter, fowie von der vorzüglichen Qualität des verwendeten Materials. Stahl- und Eifenwaaren. 25 Von dem kleinften Schmuckkäftchen bis zu den Tragfäulen des ausgefteliten grofsen Balcons fanden wir diefelbe Sauberkeit, denfelben feinen Gefchmack. Am meisten feffelte der feine Kunftgufs in Imitationen von alten Rüftungen, Schalen, Vafen, Tellern, Käftchen u. f. w., für welche meiftens berühmte Antiken, z. B. von Benvenuto Cellini, als Mufter und Modelle gedient hatten. Aber auch der Baugufs war bei diefem Etabliffement ftark vertreten, und die hübfchen Candelaber, Balcongitter, Treppen und Säulen verdienten Beifall und Anerkennung, der auch von der Jury durch Ertheilung des Ehrendiploms Ausdruck gegeben wurde. Der Ilfenburger Ausftellung gegenüber befanden fich die Erzeugniffe der gleichfalls berühmten Eifengiefserei Lauchhammer, die nicht minder Anerkennung fanden. Auf 10 gufseifernen Säulen, in Styl und Form gleich tadellos aus. geführt, ruhte ein grofser Balcon, der durch verfchiedene gefchmackvolle Gitter umgränzt war und den man auf zwei Wendeltreppen erftieg, deren eine bei einer bedeutenden Breite freitragend conftruirt war, während die andere auf einer Spindel ruhte. Unter diefem Balcon war der emaillirte Eifengufs diefes Werkes placirt, von dem namentlich der grofse, ungefähr 5 Fufs weite und ebenfo tief aus einem Stück mit kaum 4 Linien ftarker Wandung gegoffene Gährbottig die allgemeine Aufmerkfamkeit erregte. Auf dem Balcon befanden fich die feineren Erzeugniffe diefes Werkes, von denen vor Allem die aus Gufseifen hergeſtellten polirten Camine ins Auge fielen. Es find diefe Camine Specialitäten von Lauchhammer, und werden von keinem anderen Werke des Continents in Reinheit des Schliffs und der Politur überboten oder auch nur erreicht. Früher wurden diefe Camine faft ausfchliefslich aus England bezogen. Diefelben waren jedoch aus Schmiedeeifen, welches der Politur leicht fähig ift; jetzt aber ift die englifche Waare durch Lauchhammer verdrängt, weil die gufseifernen Camine ebenfo fchön als die fchmiedeeifernen find und bedeutend billiger zu ftehen kommen. Aufser den Caminen fielen befonders die Lauchhammer'fchen Reguliröfen auf, welche theils mit gefchliffener und bronzirter, theils mit gefchwärzter Oberfläche fauber und gefchmackvoll ausgeführt waren. Diefe Oefen bilden einen wichtigen Fabricationsartikel des genannter. Werkes, und find in Deutſchland allgemein als fehr zweckmäfsig anerkannt und verbreitet. Namentlich beim Heizen mit Steinkohlen erweifen fie fich als fehr vortheilhaft, weil fie nicht nur eine volldas ftändige Luftcirculation im Zimmer ermöglichen, fondern auch durch Auf- und Zumachen der Regulirfchraube die Temperatur nach Belieben zu regeln geftatten. Auch die aufserhalb des Gebäudes ausgeftellten Erzeugnine von Lauchhammer, namentlich ein eiferner Brunnen, mehrere Candelaber und Säulen, waren muftergiltig und gediegen ausgeführt. Die Verleihung des Ehrendiploms an diefes Werk gibt Zeugnifs, dafs auch die Jury feine Leiftungen als aufserordentliche anerkannte. Die Erzeugniffe der Eifengiefserei von Mägdefprung, einem kleineren. Eifenwerk mit Hochofenbetrieb, im öftlichen Theile des Harzes gelegen, befitzen namentlich im fogenannten Kunftgufs einen gewiffen Ruf, den diefes Werk auch auf der Ausftellung durch faubere und gefchmackvolle Arbeiten bewährt hatte. Die Ausstellung des königlich württembergifchen Hüttenwerkes Wafferalfingen war in Bezug auf den Bau- und Ornamentgufs feiner fonft fo hervorragenden Stellung in geringei em Grade gerecht geworden; feine hierher einfchlägigen Erzeugniffe waren wohl recht gefchmackvoll gruppirt, ftanden aber in der Ausführung den vorher erwähnten Werken nach. Kaiferslautern hatte befonders in Reguliröfen nach Meidinger's Patent eine ziemlich beachtenswerthe Arbeit geliefert. Der ausgeftellte Pavillon 26 F. W. Haardt. war in feiner Ausführung hinter den fonftigen Leiftungen diefes Werkes zurückgeblieben. Die Gewerkfchaft Hammerau, Afchthal und Hohen Afchau in Bayern hatte einige exact ausgeführte Eifengüffe zur Schau geftellt, welche Anerkennung fanden. Erwähnenswerth bleiben noch die Giefserei- Erzeugniffe der Karlshütte zu Dellinghaufen im Herzogthume Braunfchweig, weil diefelben in fo vorzüglichem und reinem Guffe ausgeführt waren, dafs fie allgemeine Anerkennung fanden. Namentlich die fehr praktifchen und fauber ausgeführten Regul.röfen find es, die alles Lob verdienen. Was nun unfere eigenen vaterländifchen Leiftungen auf diefem Gebiete betrifft, fo fchicken wir zunächft die Thatfache voraus, dafs fich hier erft in neuefter Zeit ein erfreulicher Fortfchritt in der Gufseifenbranche bemerkbar gemacht hat. Es fehlte nicht an grofsen und vielverbreiteten Eifengiefsereien, die Mafchinen und ordinären Gufs zweckentfprechend erzeugten, aber fo bald es fich um feineren Bau- und Ornamentgufs handelte, fo wandte man fich nach Frankreich, England und Deutfchland, weil man glaubte, dafs feinerer Eifengufs in Oefterreich nicht erzeugt werden könne. Diefes Verhältnifs hat aber in letzterer Zeit eine beachtenswerthe Wendung zum Befferen genommen. In dem Mafse, als man in den letzten Jahren mehr und mehr den grofsen Werth und Reichthum unferes vorzüglichen Eifenmaterials für die Technik erkannt hatte, und in dem Mafse, als fich Kunft, Architektur und Induftrie mächtig zu regen anfingen und man die Wichtigkeit und Verwendbarkeit des Gufseifens auch zu Bauzwecken erkannte, wurde auch bei uns die GufseifenInduſtrie rege und machte man bedeutende Anftrengungen, dem Auslande den Vorrang ftreitig zu machen. Inwieweit diefe fchon im Jahre 1873 erfolgreich waren, zeigte uns die Aus ftellung öfterreichifcher Producte. Als die hervorragendfte Leiftung auf diefem Gebiete mufs die Expofition der Meidlinger Giefserei des Herrn R. Ph. Waagner bei Wien betrachtet werden. Die in dem nördlich des Hauptgebäudes errichteten Pavillon ausgeftellten Objecte, fämmtlich in den Bereich des Bauguffes gehörig, müffen den beften Erzeugniffen des Auslandes zur Seite geftellt werden; denn die einzelnen Gegenftände als: Gitter, Balcone, Candelaber, Geländerftäbe, Treppen, Säulen etc., waren in fo reinem und fcharfem Guffe ausgeführt, und die Bearbeitung der complicirteren Stücke mit folcher Gefchicklichkeit durchgeführt, dafs man darüber nur Eine Stimme des ungetheilten Beifalls vernahm. Erfreulich ift es, dafs wir nunmehr im Bezuge diefer Artikel vom Auslande unabhängig find; mehr aber noch, dafs die Leiftungen des Waagner'fchen Etabliffemants auch bereits über die Landesgrenzen hinaus die verdiente Anerkennung finden, da namhafte Beſtellungen aus Italien, Rufsland, felbft aus Brafilien zur Ausführung kamen, neuerlich auch bedeutende Mengen feiner decorativen Erzeugniffe nach dem deutfchen Zollvereine, namentlich nach Süddeutſchland exportirt wurden. Hiebei wollen wir nicht unerwähnt laffen, dafs Waagner's Stalleinrichtungen, von denen er Mufter in feinem Pavilion ausgeftellt hatte, ihrer foliden, fauberen und praktiſchen Einrichtung und Ausführung wegen ebenfalls im In- und Auslande die ausgedehntefte Verwendung finden und einen grofsen wohlverdienten Ruf geniessen. Auch das in Conftruction und Ausführung gelungene, aus Gufs- und Schmiedeifen hergeftellte Palmenhaus wird den Befuchern der Ausftellung noch in freundlicher Erinnerung ftehen. Aufser der Waagner'fchen Ausftellung verdienen in der ehrenvollften Weife erwähnt zu werden: Die Herren Leopold Lindftedt in Wien, die Fürft Salm'fche Eifengiefserei in Blansko, die Schlick'fche Eifen Stahl- und Eifenwaaren. 27 Giefserei in Peft. Es waren unter den ausgeftellten Güffen Stücke, die den aufserordentlichen Fortfchritt der öfterreichifchen Gufseifen- Induftrie bethätigten und es zweifellos erfcheinen laffen, dafs der Bedarf an folchen Artikeln von. unferen Werken mindeſtens ebenfo gut und ebenfo billig befriedigt werden könne. Angefichts der Wichtigkeit diefer Frage möge es hier geftattet fein, der durch Verwendung des Gufseifens als Baumaterial gegenüber Zink, Holz und Stein fich ergebenden Vortheile zu gedenken. Handelt es fich zunächft um die vergleichsweife Tragfähigkeit des GufsEifens, fo finden wir, dafs die zuläffige Belaftung per Quadratcentimeter bei Gufseifen Granit " • Cement im Maximum " Sandſtein.. " 99 gutem Mauerwerk • Eichenholz 27 Buchenholz " Kieferholz " 9 circa 700 Kilogramm 99 45 " 9 27 9 " . » 30-55 " 29 25 99 66 19 60 99 " 99 5° 27 beträgt, wonach alfo das Gufseifen 15mal mehr als Granit, 28mal mehr als das befte Mauerwerk, 13mal mehr als der feftefte Sandftein, I Imal mehr als Eichenholz und 14mal mehr als Kieferholz zu tragen im Stande ift. Daraus folgt, dafs der Nettoquerfchnitt des Gufseifens bei gleicher Tragfähigkeit um die angegebenen Verhältnifszahlen geringer fein kann. Ein befonderer Vortheil bei Verwendung des Gufseifens liegt aber darin, dafs fich dasfelbe mit Leichtigkeit in alle möglichen Formen äufserft fcharf ausgiefsen läfst, und nach demfelben Modell grofse Mengen in verhältnifsmässig kurzer Zeit hergestellt werden können. Beim Gufs von Ornamenten hat man bisher vielfach das Zink dem Eifen vorgezogen und man findet Gefimfe, Confols, Balcons, Bekrönungen u. f. w. gewöhnlich aus Zink hergeftellt, obwohl kein in der Technik in Verwendung kommendes Metall in Berührung mit der äufseren atmoſphärifchen Luft in Folge feiner Oxydirung fo rafch der Zerftörung ausgefetzt ift, als Zink, das trotz allen Anftrichs kaum eine Dauer von 20 bis 25 Jahren überftehen möchte. Compacter gegoffene Zinkftücke mögen eine längere Dauer behaupten, aber auch an diefen nagt der Zahn der Zeit mit verhältnifsmäfsig rafcher Wirkung. Auch bleibt die Thatfache beftehen, dafs das Rohmateriale um das Vier- oder Fünffache theurer ift als Eifen. Dann ist auch darauf aufmerksam zu machen, dafs das dickflüffige Zink bei weitem nicht fo fcharfe und faubere Abgüffe liefert, als das dünnflüffige Eifen. Jene müffen, wenn fie fcharf und rein werden follen, cifelirt werden, während diefe fertig find, wenn fie aus der Form kommen. Erwähnen wir nur der feineren Erzeugniffe von Durenne, Waagner, Lauchhammer, Ilfenburg und Carlshütte, fo mufs wohl zugegeben werden, dafs der Zinkrohgufs mit dem Eifenrohgufs bezüglich der Schärfe eine Concurrenz nicht aushalten kann. Vergleichen wir Zink und Eifen betreffs ihrer Fähigkeit, in angeftrichenem Zuftande der Atmoſphäre zu widerftehen, fo finden wir zunächft beim Zink, dafs die Oberfläche desfelben vor dem Ueberzuge mit Oelfarbe künftlich oxydirt werden mufs, weil erfahrungsmäfsig auf dem metallifchen Zink keine Farbe lange haftet. Diefe Oxydfchichte trennt fich aber im Laufe der Zeit in Folge des Einfluffes der Temperatur und der Atmoſphäre vom Metall, wodurch felbftredend auch der Anftrich verloren geht. Beim Eifen ift es anders. Jedes metallifche Eifen überzieht fich mit einem Oxydhäutchen, fobald das flüffige Metall in den feften Zuftand übergeht. Diefes 28 F. W. Haardt. im Waffer unlösliche Oxydhäutchen ift aber mit dem Metall innig verbunden und fchützt dasfelbe zugleich vor weiterer Oxydation. Hieraus geht hervor, dafs ein Oelanftrich auf dem Eifenguffe bei weitem beffer halten mufs, als auf dem Zinkguffe. Es ist nach den oben angeführten Erfolgen auf der Wiener Weltausstellung anzunehmen, dafs diefer Induftriezweig in Oefterreich einen weiteren Auffchwung nimmt und eine Ausdehnung erfährt, welche dem Wohlftande unferes Landes von gröfstem Nutzen fein wird. ERZEUGNISSE AUS KUPFER, ZINK, BLEI, ZINN, NICKEL UND DEREN LEGIRUNGEN.* ( Gruppe VII, Section 4.) Bericht von GUSTAV EDLEN V. ROSTHORN. Um der befferen Ueberficht willen theilen wir diefe Materie in 2 Ab theilungen: 1. jene der Halbfabrikate; 2. jene der fertigen Waaren. Die Wiener Weltausstellung hat in Bezug auf die Metallerzeugung ein richtiges Bild der in den einzelnen Ländern gemachten Fortfchritte nicht gegeben; denn würde man nur von den ausgeftellt gewefenen Metallen und Metallwaaren auf den heutigen Stand diefer Induftriezweige fchliefsen, müfste Oefterreich unbedingt als das meift vorgefchrittene Land bezeichnet werden, während doch thatfächlich England, Frankreich und Belgien in vielen Metallerzeugniffen Oefterreich überragen. Die unrichtige Anfchauung, welche die Wiener Weltausstellung über Metalle und Metallwaaren veranlafste, erklärt fich eben durch die auffallende Enthaltfamkeit, welche England, Frankreich, Belgien und auch Deutſchland in Bezug auf die Befchickung der Ausftellung beobachteten. Welcher Grund hiebei mafsgebend war, kann nicht mit Beftimmtheit angegeben werden. Die Vermuthung geht dahin, dafs fremde Fabrikanten von der Ausftellung keinen befonderen Nutzen hoffen konnten, weil es die Verhältniffe kaum zuläffig erfcheinen laffen, dafs fremde Ausfteller von Metallwaaren einen Markt in Oefterreich gewinnen. Diefe Vermuthung gewinnt an Wahrfcheinlichkeit, wenn berücksichtigt wird, wie grofsartig z. B. Frankreich in Bronzearbeiten auf der Ausftellung vertreten war. Da, wo es vorwiegend auf Gefchmack und Kunftfertigkeit ankam, hat insbefondere Frankreich nicht gezögert, die Ausftellung auf das Reichlichfte zu befchicken in der Vorausficht eben, fich ein grofses Abfatzgebiet zu erringen. * Wenn der vorliegende Bericht lückenhafter erfcheint, als wir es im Intereffe des Gegenftandes felbft wünſchen, fo wolle das damit entfchuldigt werden, dafs wir den Auftrag zur Abfaffung desfelben fo fpät erhielten, dafs wir nur die Notizen zu benützen in der Lage waren, welche wir uns während den Berathungen der Jury gemacht hatten. 30 Guftav Edler v. Rofthorn. Kupfer als Halbfabrikat. Oefterreich- Ungarn. Die Ausstellung wurde von den meiften Befitzern von Kupferhämmern und Walzwerken der Monarchie befchickt, daher fie ein äufserft anfchauliches Bild über diefe hochentwickelte, von keinem Lande der Welt übertroffene Induftrie entrollte. Insbefondere find de Leiftungen der Firma Georg Zugmayer& Söhne in Waldegg als ganz ungewöhnliche zu bezeichnen. Ihre gewalzten und getieften Kupferwaaren erſchienen geradezu muftergiltig. Drei Gegenftände namentlich übertrafen alles von anderen Ländern Gebotene. Sie lieferten den Beweis fowohl von den vortrefflichen Einrichtungen der Fabrik, als von der aufserordentlichen Gefchicklichkeit der Arbeiter. Namentlich dies leztere Moment erfcheint uns fehr betonenswerth, denn die Betriebseinrichtungen, wie: Schmelzöfen, Walzwerke, Glühöfen und Dampffcheeren, kann fich wohl Jeder, der Luft und Geld dazu hat, fchaffen, aber Arbeiter, wie fie z. B. beim Schmieden einer grofsen Vacuumfchale nöthig find, finden fich nur fehr fchwer. Es ift eben ein Vorzug von lange beftehenden Fabriken, welche, wie die in Rede ftehende, in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreichen, dafs fie über einen tüchtigen Arbeiterftock verfügen, der fich durch zwei oder drei Generationen herangebildet hat. waren: Wir glauben diefer drei Objecte eingehender gedenken zu follen. Es ein Kupferblech von 2.8 Meter Breite, 10 Meter Länge und 2.5 Meter Dicke( 28 Quadratmeter Fläche). Es war diefs das gröfste Kupferblech der ganzen Ausstellung und näherte fich ihm nur jenes von Heckmann in Berlin, das allerdings 23 2 Quadratmeter hatte, aber bedeutend fchmäler war( 1.94 Meter Breite); - eine Kupferplatte von 2.7 Meter Breite, 55 Meter Länge, im Gewichte von 2614 Kilogramm ein bisher von keinem Ausfteller erreichtes Gewicht; eine Kupferfchale für einen Vacuumapparat von 5 Meter Durchmeffer. Aufser diefen drei befonders hervorragenden Schauftücken haben die Herren Georg Zugmayer& Söhne fehr fchön gearbeitete, gebogene Locomotiv-. Feuerkäftenplatten für Rohr- und Heizwand, dünne Emaillirbleche, getiefte Kupferfchalen in abfteigender Gröfse bis zur Schöpffchale, getriebene Kupferwaaren für Apparate zur Zucker-, Spiritus- und Bierfabrikation, Nieten, Stangen, getriebene Efsformen u. f. w. ausgeftellt. Alles aus beftem Materiale und von vorzüglicher Ausführung. Nicht unerwähnt können wir laffen, dafs Heckmann in Berlin zu dem in der Maſchinenhalle ausgeftellten fehr fchönen, höchft elegant gearbeiteten und vorzüglich conftruirten grofsen Vacuumapparate die beiden Kupferfchalen von der Firma Georg Zugmayer& Söhne bezogen hatte. Ch.& H. Chaudoir in Simmering bei Wien. Die Fabrik diefer Herren zählt zu den neueren Anlagen, ragt aber nichtsdeftoweniger durch vollendete Leiftungen hervor. Die ausgeftellten gröfseren und kleineren Kupferbleche, die Feuerkäftenplatten, die fertigen Locomotiv- Feuerkäften, wovon einer aus gerippten Platten beftand, die Schalen für Zuckerfabrikation und andere getiefte Schalwaaren gaben Zeugnifs von einer grofsartigen Betriebseinrichtung. Die ausgeftellten kleinen Kupferfchalen waren auf bisher nicht gebräuchliche Weife geftanzt und dürften, da fie billig herzuftellen find, zu einem bedeutenden Handelsartikel werden. Kupfer als Halbfabrikat. 31 Die Herren Ch.& H. Chaudoir haben das Verdienft, in Oefterreich die Erzeugung gezogener Röhren aus Kupfer und Meffing eingeführt zu haben. Die Ausftellung einer grofsen Anzahl von gezogenen Röhren in den verfchiedenften Dimenfionen bot hohes Intereffe. F. Ringhofer in Kamenitz( Böhmen) hat fchöne hartgewalzte Bleche von fehr anfehnlicher Länge und Breite ausgeftellt, defsgleichen eine Kupfer fchale, welche die tieffte der ganzen Ausftellung war; doch war ihr Durchmeffer geringer als jener der von Zugmayer& Söhne ausgeftellten Schale, Die Herren Johann Liebig& Comp. in Gutenftein, Brüder Ste rn berger in Windifch- Feiftritz( Steiermark), die Berg und Hüttenverwal tung in Brixlegg( Tirol) haben theils getiefte Kupferwaaren in verfchiedenen Gröfsen, theils Bleche, Stangen und Nägel, letztere für Schiffsbau, ausgeftellt. Es waren diefs durchgängig fehr verdienftliche Leiftungen, befonders wenn die nicht im grofsen Styl eingerichteten Anlagen in Betracht gezogen werden. Die Kupferhammerwerke Ungarns, als die königlich ungarifche Montandirection, die oberungarifche Waldbürgerfchaft in Iglo, Th. Edl& Th. Weifs bei Prefsburg, Paul Szontagh in Cfetek, Michael Fabricius in Hermannftadt brachten recht hübfche Kupferarbeiten, gröfsten. theils getiefte Schalen und Keffel. aber wenig Walzproducte. Deutfchland. An der Ausftellung haben fich alle bedeutenderen Firmen betheiligt. Berliner Kupfer- und Meffingwerke von C. Heckmann. Ein Kupferblech von 23 2 Quadratmeter Fläche, defsgleichen die wellenförmig gebogene Mantelplatte eines Locomotiv- Feuerkaftens zeugten von hoher Leifiungsfähig. keit. In noch höherem Mafse verdienen aber die fertigen Apparate und unter diefen insbefondere der grofse Vacuumapparat hervorgehoben zu werden. Das Kupferwerk der Mansfeld'fchen Kupferfchiefer bauen den Gefellfchaft in Rottenburg dagegen trat mit feinen fertigen und halbfertigen Erzeugniffen nicht befonders hervor; denn ein zufammengefetzter Locomotiv- Feuerkaften, eine Schale für Zuckerfabrikation, ein gewalztes Blech von befcheidenen Dimenfionen und verfchiedene ftarke Kupferftangen war Alles, was dem Befchauer geboten wurde. Die genannte Gefellſchaft betreibt diefe Arbeitsrichtung nur als Nebenfache, dagegen überragt fie die Kupferfchmelzwerke der ganzen Erde, da fie aus armem, aber filberhältigem Kupferfchiefer jährlich bei vier Millionen Kilogramm raffinirtes Rohkupfer erzeugt. F. A. Hefse's Söhne Kupferwalzwerk und Hammerwerk in Heddernheim bei Frankfurt a. M. Die Ausftellung bot fehr hübfche und fleifsig gearbeitete Erzeugniffe, befonders in kleinen Dimenfionen. Eine gerippte Locomotiv- Feuerkaften platte überrafchte durch vorzügliche Anarbeitung und Reinheit der Platten. Eine anerkennenswerthe Specialität diefer Firma find die geprefsten Kupfernieten mit forgfältiger Ausführung. Die Herren Aron Hirfch& Sohn in Halberstadt ftellten verfchiedene Kupfer- Erzeugniffe aus, von denen insbefondere die gezogenen Kupferröhren verfchiedener Dimenfionen erwähnenswerth find. Das Grünthaler, ehemals königlich fächfifche Kupferwerk von F. A. Lange ift durch gut gearbeitete Fabrikate vortheilhaft bekannt, defsgleichen Th. Martin's Kupferhammerwerk in Keslow bei Gleiwitz, welches getriebene HochofenWafferformen aus Kupfer ausftellte, die ein vorzügliches Material und fleifsige und genaue Arbeit bedingen. 3 32 Guftav Edler v. Rofthorn. Frankreich. J. J. Laveiffière& fils in Paris haben Frankreich in Meta llarbeiten in grofsartigfter Weife vertreten. Wer erinnert fich nicht, bei Eröffnung der Ausftellung am 1. Mai 1873 in der Rotunde die halbfertige Aufftellung diefes Haufes gefehen zu haben, die damals von dem unkundigen Publicum als eine Orgel betrachtet wurde? Allmälig wurde aus der vermeintlichen Orgel ein Feftungsbau, eingerahmt von aufrecht ftehenden Kupfer- und Meffingröhren, mit Kupferplatten gepanzert, der Fufsboden, die Treppe, das Dach, Alles mit Metallblechen belegt. Und um den feftung sähnlichen Eindruck zu erhöhen, ftarrte am Eingange die Mündung einer dräuenden Kanone dem Befchauer entgegen. Es gab unter den hier aufgefpeicherten Maffen von Metallen eine Menge von gewalzten und getieften Kupferwaaren, worunter zwei Schalen mit 3 Meter Durchmeffer. Ferner eine Sammlung von zwanzig Stück gebogenen reinen Kupferplatten für zwanzig verfchiedene Typen von Locomotiv- Feuerkäften. Am meisten Auffehen erregten die gezogenen Kupferröhren, welche die verfchiedenften Dimenfionen zeigten. Es fei hier jener gedacht, die bei einem Durchmeffer von 440 Millimetern 62 Meter Länge hatte. Es ift diefs wohl eine ungewöhnliche Leiftung, die ganz aufserordentliche Mafchinen, Vorrichtungen und Werkzeuge vorausfetzt. Diefe Firma hatte aufser Kupfer noch verfchiedene Legirungen ausgeftellt, wovon unten die Rede fein wird. Laveiffière imponirte nicht nur durch das Maffenhafte der Ausstellung. fondern noch mehr dadurch, dafs er angeblich im Jahre 1872 für 34 Millionen Francs Metallwaaren erzeugte und verkaufte. Diefe koloffale Ziffer gewährt einen Einblick in riefenhafte FabriksAnlagen. Ufines de Vedenes von Manhespère& fils in Lyon. Die Ausftellung bot ein gefälliges Bild von Kupferfabrikaten, worunter gebogene Locomotiv. Feuerkaftenplatten, getiefte Schalen, Böden, Becken für Zuckerfabrikation und Brennereien, Alles gut und fleifsig gearbeitet. Weniger rein waren die ausgewalzten Feuerkaften- Mantelplatten, welche bei öfterreichifchen LocomotivFabrikanten kaum zur Uebernahme gelangen dürften. Manche grofse Fabrikanten, wie: Eftivant frères in Givet, L. Letrange in Romilly, Baraguey Fougues, Raffin Durand, R. Cubain& Comp., waren auf der Ausftellung nicht vertreten. England. England, mit der gröfsten Metallinduftrie der Erde, war in Kupfer zwar fehr fpärlich, aber qualitativ vortrefflich vertreten. So vermifsten wir, um nur einige hervorragende Firmen zu nennen: Vivian Sons in Swanfea. Newton Keates& Comp. in Liverpool, Th. Stephenfon Metall Tube and Copper Roller& Comp. in Birmingham und viele Andere. Aufser den gewöhnlichen Erzeugniffen hatte The Brougth on Copper Comp. in Mancheſter fehr fchöne gezogene Kupferröhren von tadellofer Reinheit ausgeftellt; ferner aufserordentlich fchöne Druckwalzen von bedeutendem Durchmeffer. Es ift das ein Gebrauchsgegenftand für CattundruckFabriken, welcher in Oefterreich- Ungarn nicht erzeugt wird. Abgefehen von der äufserft fchwierigen Herftellung, fichert diefen Walzen der Umftand ein faft monopolartiges Vorrecht, dafs fie mit eingravirtem Deffein bezogen werden und man mit ihnen die Mufter der neueften franzöfifchen und englifchen Moden erhält. Kupfer als Halbfabrikat. 33 R. W. Winfield& Comp. in Birmingham lieferten in den façonnirten Kupfer- und Meffingröhren ein neues Fabrikat für ornamentale Zwecke, deffen Gefchmack vielfeitige Anerkennung fand. Eweritt Allen& Comp. in Birmingham ftellten gut gearbeitete gezogene Röhren und Keffe! aus. Rumänien war durch gut gearbeitete Kupferwaaren vertreten, welche Adolf Schmidt in Bukareft ausftellte. Die übrigen Länder, felbft Rufsland, welches durch die Ausstellung des Fürften Paul Demidoff vertreten war, brachten nichts Befonderes und können daher füglich unerwähnt bleiben. Zink. Walzproducte aus Zink ftellte nur die Donnersmark- Hütte nächft MährifchOftrau des Grafen Guido Henkelv Donnersmark aus. Die Ausftellung bot hohes Intereffe; wir fahen Bleche von riefigen Dimenfionen, dabei von einer Reinheit und Gleichförmigkeit, welche für ganz vortreffliche Betriebs- Einrichtungen fprechen. Die Firma Carl Diener& Comp. in Wien führte in ihrer Ausftellung viele und fehr hübfche Zinkornamente vor, die fich durch fchöne Zeichnung und reinen Gufs auszeichneten. Diefe Firma hatte, nebenhin bemerkt, die gefammte Dacheindeckung der Wiener Weltausftellung, infoweit fie aus Zink beftand, zur Ausführung übernommen, wofür angeblich 12 Millionen Kilogramm Zinkbleche erfordert wurden. Emil Defchler in Augsburg, dann L. Grado in Paris zeigten Schilder und Zinkornamente in reicher Auswahl. Blei. G. Winiwarter in Gumpoldskirchen bei Wien hatte eine reichhaltige Sammlung von Bleiblechen in den verfchiedenften Dimenfionen ausgeftellt. Unter denfelben nahm ein zwei Meter breites, fehr langes, fchön gewalztes Blech die Aufmerksamkeit befonders in Anfpruch. Auch die zahlreichen gezogenen Bleiröhren von den verfchiedenften Durchmeffern erfchienen in hohem Grade beachtenswerth. Bleibleche waren ferner noch von: Laveiffière& fils in Paris und von Aron Hirfch& Sohn in Halberstadt ausgeftellt. Eine befonders hervorragende Rolle in Blei- Erzeugniffen fpielt das Haus Monduit, Bechet& Comp. in Paris. Diefe Firma brachte in einem der Ausftellungshöfe die mit Blei eingedeckte Spitze eines Thurmes, nebft fehr ſchön modellirten, dazu paffenden Figuren zur Anficht. Diefe etwas koftfpielige Dachbedeckung für Kirchthürme fcheint befon ders in Frankreich fehr beliebt zu fein, denn Herr Monduit lieferte den Nach weis eines durchfchnittlichen Jahresumfatzes von 4 bis 5 Millionen Francs. Sehr fchöne, vollkommen runde und gleichförmige Schrote waren ausgeftellt von J. Rainer in Klagenfurt und Anton Moritfch in Padua. Diefe beiden Fabriken haben ein fehr ausgedehntes Gefchäft und verforgen die jagdluftigen Bewohner eines grofsen Theiles von Europa mit dem tödtlichen Blei. Die Bleiberger Union hatte im Kärntner Pavillon unter Gruppe I ausgeftellt, daher ihre Blei- Ausftellung hier nicht befprochen wird. 3* 34 Guftav Edler v. Rofthorn. Die anderen Metalle, als: Zinn, Nickel, Aluminium, waren als Halbfabrikate nicht ausgeftellt. Die Metallschläger von echtem und unechtem Gold und Silber, von Zinn und Kupferfolien und von Staniol hatten die Ausftellung ftark befchickt. Die erfte Stelle gebührt den rühmlichft bekannten Nürnberger und Fürther Fabrikanten, welche fich an der Collectiv- Ausftellung baierifcher Blattmetalle betheiligten. Aufser diefen hieran theilnehmenden fechzehn Induftriellen hatten Heinrich Brunbauer in München, Georg Ernft Schätzler und Jean Trump in Nürnberg, ferner Meffière und L. Lambert in Paris die Ausstellung gut befchickt. In gleicher Weife verdienen in Oefterreich hervorgehoben zu werden die Ausfteller: C. Falk& Comp., Johann Geifsler& Sohn in Wien. Metall- Legirungen als Halbfabrikate. Am meisten verbreitet find Metall- Legirungen aus Kupfer und Zink als Meffing und Tombak; dann Packfong( Neufilber) aus Kupfer, Zink und Nickel beftehend. Diefe Legirungen find, felbft bei gleichartiger Benennung, in ihrer Qualität verfchieden; in Bezug auf Dehnbarkeit und Farbe zeigen fie nämlich mehr oder minder grofse Abweichungen. Die öfterreichifchen Fabriken haben mit ihren Ausftellungs- Objecten die fremdländifchen in jeder Beziehung übertroffen. Sie boten in ihren Erzeugniffen eine ftaunenswerthe Mannigfaltigkeit. Die meiſten öfterreichifchen Fabriken hatten im Eifenhof ausgeftellt, näm lich: Actiengefellfchaft der Metallfabrik in Oed, vormals Gebrüder Rofthorn, Carl Klein in Reichraming, F. J. Habtmann& Eidam in Frauenthal( Steiermark), Schoeller& Comp. in Trieslinghof, Ch. H Chaudoir in Simmering, Meffingwerk Achenrain von C. Kulmiz in Tirol. Die anderen Fabriken, als: M. Hainifch in Nadelburg und Schoel ler& Comp. in Berndorf. hatten in der Hauptgallerie des Palaftes ausgeftellt. Diefe Fabriken erzeugen alle oben genannten Legirungen mit Ausnahme der Herren Schoeller& Comp. in Berndorf, welche nur Pakfong( Neufilber) ausgeftellt hatten. Die Ausftellungsobjecte beftanden in Blechen und Drähten. Von erfteren fah man die matte, gefchabte, gefchliffene, polirte und Federfcharte in den ver fchiedenften Dimenfionen von o'I Millimeter bis 15 Millimeter Stärke, von 100 Millimeter bis 1000 Millimeter Breite, alles ausgezeichnet durch grofse Reinheit, Glätte und Gleichförmigkeit. Defsgleichen fah man Meffing, Tombak, Pakfong und Kupferdraht in allen denkbaren Stärken von o'05 Millimeter bis 80 Millimeter, ferner Façondraht in Meffing, Tombak und Kupfer, vier fechs- und achteckige Stangen, aufserdem die verfchiedenartigften Façondrähte nach gegebenen Querfchnitten gezogen; endlich haarfeinen Draht zum Weben im Gewichte von 12 Kilogramm mit 7000 Meter Länge. Diefe Mannigfaltigkeit der Erzeugniffe wird durch den Begehr bedingt und machen die öfterreichifchen Fabriken alle Zugeftändniffe, um die Wünſche des Verarbeiters zu erfüllen, in deffen Vortheil es liegt, feine Erzeugniffe mit dem möglich kleinften Metallabfall herzuftellen. Wenn ein Spengler( Klempner) zum Beiſpiel meffingene Kaffee- Maſchinen von zwölf Sorten( eine bis zu zwölf Taffen) anzufertigen hat, fo erhält er Meffingbleche, die genau die Breite für diefe zwölf verfchiedenen Sorten von Kaffee- Mafchinen haben. Ebenfo wie die Wünſche des Spenglers werden die Anforderungen der vielen anderen Metallarbeiter bezüglich der Qualität und der Ausmafse nach Länge, Breite und Stärke der Bleche befriedigt. Metall- Legirungen als Halbfabrikate. 35 Diefs erklärt die in Oefterreich übliche grofse Mannigfaltigkeit der Metallerzeugniffe und hat zur Folge, dafs die Fabriken, welche faft alle Niederlagen in Wien halten, ein Sortiment von über Taufend verfchiedenen Erzeugniffen vorräthig haben müffen. Es erfchwert und vertheuert diefs allerdings die Production, doch kommt es theilweife wieder dem Exporte zugute, da einzelne noch an früheren Gewohnheiten hängende auswärtige Abfatzgebiete hiedurch mit erhalten werden. Die vorbenannten Fabriken Oefterreichs bedürfen im Jahre an 1½ bis 2 Millionen Kilogramm Kupfer und etwa 12 Million Kilogramm Zink. Das erftere, im Werthe von circa 2 Millionen Gulden, wird faft ausnahmslos vom Auslande bezogen; denn obwohl namentlich Ungarn fammt Nebenländern beiläufig die gleiche Menge von Kupfer erzeugt, kann diefes doch nicht zu Legirungen, fon dern nur unvermifcht verarbeitet werden. Die Legirungen erfordern ein weit reineres von Eifen, Schwefel, Phosphor und anderen Metallen und Metalloiden freies Kupfer, das mit kleinen Ausnahmen ( Domokos, Brixlegg) vom Auslande bezogen wird. Es find diefs auftralifche und amerikaniſche Kupferforten, vor allem aber das hochberühmte Mansfelder- Kupfer aus der preufsifchen Provinz Sachfen bei Eisleben. Vielleicht wird auch für Ungarn in Folge gröfserer Fortfchritte der Induftrie die Zeit kommen, wo es durch Raffinade feines Kupfers einen um zehn Gulden öfterreichifcher Währung höheren Preis für 100 Kilo erzielen kann, und wenn es auch nur die Hälfte feiner Production raffinirt, jährlich eine Million Gulden mehr Erlös dafür erhält. Der Verkaufswerth der Erzeugniffe der öfterreichifchen Fabriken, welche Meffing, Tombak, Pakfong in Blech und Draht erzeugen, worunter wir auch jene von Cornides& Comp., die nicht ausgeftellt hatten, zählen, beträgt zwi fchen 5 und 7 Millionen Gulden. Der Abfatz findet gröfstentheils im Inlande ftatt. Etwa an 12 Percent der erzeugten Mengen werden ausgeführt, und zwar nach Italien, dem Orient, nach Conftantinopel, Egypten und Oftindien. Die Ausfuhr nach Italien, welche früher nach Venedig, der Lombardei, dem Kirchenftaat, Neapel und Sicilien von Belang war, hat fich feit dem Verluft der Lombardei und Venetiens, dann dem Abfchluffe des öfterreichifch- italienifchen Handelsvertrages bedeutend vermindert, indem England und Frankreich, begünftigt durch billige Fracht zur See, von dem italienifchen Abfatzgebiete Befitz ergriffen haben.* Die Ausftellung von Halbfabrikaten von Metall- Legirungen war anderen Ländern nur fchwach befchickt. von * Die meiſten der oben benannten Fabriken wurden in früheren Jahrhunderten gegründet. Das Meffingwerk in Reichraming, gegenwärtig Carl Klein gehörend, früher Eifenwerk, war fchon 1604 zum Meffingwerk umgeftaltet. Das Meffingwerk Achenrain wurde 1653 von Andre Pranger und Carl Afchauer aus Innsbruck gegründet, war längere Zeit Staatseigenthum und gehört gegenwärtig dem Commercienrathe C. Kulmic. Die Frauenthaler Meffingfabrik in Steiermark, gegenwärtig im Befitz von Franz Jofef Habtman's Eidam, wurde 1714 von einem Freiherrn Zehentgrab gegründet und war lange Zeit Staatseigenthum. Alle diefe Fabriken erzeugten Gufswaaren oder gehämmerte Meffingbleche, da das Walzen vor 1765 nicht bekannt war. Die Metallwaarenfabrik zu Nadelburg wurde von der Kaiferin Maria Therefia 1756 gegründet, gelangte in den Befitz des Grafen Theodor Batthiany, dann im Jahre 1816 von deffen Erben auf Hainifch und ift gegenwärtig Eigenthum des Michael Hainifch. Der Gemal der grofsen Kaiferin Maria Therefia, Kaifer Franz I., liefs im Jahre 1765 Matthäus Rofthorn aus England kommen, damit er in Oefterreich die Metallknopf- Fabrikation und das Silberplattiren einführe. Rofthorn erbaute die erften Metallwalzwerke, auch das erfte Eifenwalzwerk in Oefterreich. Seine Söhne errichteten die Fabrik in Oed am Kaltengang, die gegenwärtig von feinen Enkeln betrieben wird. 36 Guftav Edler v. Rofthorn. England war durch die Broughton Copper Company in Manchefter und R. W. Winfield& Comp. in Birmingham vertreten. Beide brachten gezogene Meffingröhren, Winfield auch deffinirte und fehr hübfch und gleichförmig gewalzte Meffingbleche von aufserordentlicher Länge, bis über 50 Meter. Frankreich glänzte mit Meffingblech und Draht von J. J. Laveiffière& fils in Paris. Deutfchland war durch die Erzeugniffe von Aron Hirfch& Sohn in Halberstadt und D. Geitner's Argentanfabrik in Auerhammer gut vertreten. Auch die Firma H. A. Fürft& Comp. in Berlin hatte gut gewalzte Meffing- und Tombakbleche ausgeftellt. In leonifchen Waaren erwies fich die leonifche Fabrik der Ahrner Gewerkfchaft in Tirol der Collectiv- Ausftellung baierifcher Leonerdrähte in Fürth und Nürnberg vollkommen ebenbürtig. Metallwaaren. a) Gufs waaren. M. Hainifch in Nadelburg hatte eine fehr reichhaltige Sammlung von fchön und rein gegoffenen Meffingwaaren ausgeftellt. Es waren da Mörfer fammt Stöfser in den verfchiedenften Gröfsen, ebenfo Bügeleifen( Plätteifen), Glocken, Pipen, Hähne, Leuchter, alle denkbaren Verzierungen von Pferdegefchirren aus Meffing u. f. w. Eine ähnliche Sammlung hatte auch die Genoffenfchaft der Giefser in Wien ausgeftellt, darunter gegoffene Zinnmodeln von Jofef Pimpfinger. Diefe Modeln, welche eine ungemeine Abwechslung geftatten, werden vorzugsweife von Zuckerbäckern verwendet und hat fich Herr Pimpfinger einen folchen Ruf erworben, dafs feine Erzeugniffe nach Frankreich, England, Amerika u. f. w. ausgeführt werden. Sehr fchöne, fchon auf den Rang von Kunftarbeiten Anfpruch machende Meffingwaaren hatten Jofef Grüllmeyer und Ludwig Faber, beide in Wien, in Zinkgufs und in Galvanoplaftik ausgeftellt. b) Chinafilber.* In diefem bedeutfamen Induftriezweige ift in Oefterreich die Firma Schoeller& Comp. in Berndorf als die quantitativ bedeutendfte zu verzeichnen. Ihre Ausftellung zeigte die ganze Reihe von Vorrichtungen, um Efsbeftecke und Teller, Taffen und Schüffeln zu erzeugen. Ihre Fabrik ift in der Lage, täglich 1500 bis 2000 Dutzend Efsbeftecke vollkommen fertig herzuftellen. Aufser den in der Hauptgallerie ausgeftellten Erzeugniffen von Schoeller & Comp. in Berndorf befand fich auch in dem Gange um die Rotunde eine fehr gewählte Ausftellung von Kafee- und Theefervicen aus Chinafilber. Die Firmen Conraetz& Reuter, J. L. Herrmann; Guftav Simon. Rudolf Lackner, Wenzel Bachmann& Comp., fämmtlich in Wien, traten mit fchön geformten gefchmackvollen Erzeugniffen von Chinafilber auf. Das Chinafilber verdrängte nicht nur das Zinngefchirr vollſtändig, fondern auch felbft von Silber wird immer weniger Gebrauch für Tifchgeräthe gemacht. Chinafilber koftet beiläufig ein Drittel des Silbers, ift von diefem durch das Auge nicht zu unterfcheiden und wird, wenn es abgenützt ift, mit dem dritten Theile feines Ankaufspreifes von den Fabriken zurückgenommen. * Galvaniſch verfilberter Pakfong. Chinafilber. 37 Welch riefiger Umfatz in Chinafilber ftattfindet, möge daraus entnommen werden, dafs ein modern gut eingerichtetes Hôtel an 60.000 bis 100.000 Gulden auszulegen hat, um fich in diefem Artikel vollſtändig einzurichten. Auch in anderen Staaten ift diefer Induftriezweig von hoher Bedeutung, und es bedarf nicht mehr, als auf die vorzüglichen, allgemein bewunderten Erzeugniffe von Chriftophle& Comp. in Paris und Elkington& Comp. in London hinzuweifen. Aus Deutfchland trat die Firma H. A. Fürft& Comp. in Berlin mit ihren Chinafilberwaaren vortheilhaft hervor. Einen bedeutenden Fabrikationszweig in Oefterreich bildet die Anfertigung von verzinnten eifernen Löffeln, welche, in erftaunlicher Menge erzeugt, grofsen Antheil an unferem Exporte haben, und in den Ländern der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie unter der bäuerlichen Bevölkerung einen fehr gefuchten Gebrauchsgegenstand bilden. Wenzel Bachmann& Comp. in Wien, eine der erften Firmen diefer Branche, hatte eine fehr reiche und gefchmackvoll zufammengeftellte Sammlung folcher Löffel ausgeftellt, Schöne und höchft preiswürdige Erzeugniffe waren auch ausgeftellt von: Carl Koch& F, J. Schneider in Neudeck, F. A. Kerl's Erben, Franz H. Kolb in Platten, Carl Möfchl's Erbe in Neuhammer, fämmtlich in Böhmen, und von Victor Mohor in Wien. Spengler-( Klempner-) und Metalldruckwaaren. Mit Spengler- und Metalldruckwaaren hatte Oefterreich- Ungarn die Ausftellung fehr ftark befchickt, und zwar mit Waaren in Meffing, Tombak und Pakfong. Diefe Induftrie fpielt in Oefterreich eine grofse Rolle und werden namentlich die Erzeugniffe der Metalldrucker, wie deren durch die Firmen: Jofef Mühlhaufer& Ch. Patfch, Ferdinand Weifsmandl, Julius Punfchert, Jofef Utzt( fämmtlich in Wien) gut vertreten waren, nach allen Ländern, insbefondere aber nach dem Oriente ausgeführt. Unter den Spenglern find hervorzuheben; die Collectiv- Ausftellung der Spenglergen offenfchaft in Wien, Auguft Reifs' Witwe, Moriz Weiner und Georg Kutfchera in Peft. Aus Iferlohn waren fchön geprefste Meffingwaaren von Kifsling& Millmann und von Schmöle& Comp. ausgeftellt. Rufsland war mit Samovars vertreten. Metallknöpfe. Metallknöpfe mit Wappen und Buchftaben waren von Thalhammer& Welzl in Wien, A. F. Bagriot in Paris und von Ladislaus Münchheimer in Warfchau in fchönen Collectionen eingefendet. Die herrfchende Mode befchränkt die Anfertigung von Metallknöpfen auf Uniform- und Wappenknöpfe. Die Erzeugung von Knöpfen aus Metall, mit gefafsten imitirten Edelſteinen, wird in Oefterreich fehr fchwungvoll betrieben. Der Sitz diefer Induftrie ift in den Orten längs der böhmifch- fächfifchen Grenze: Gablonz a. d. N., Teplitz, Tyffa, Peterswald. Die Firma Weigend& Püfchner in Tyffa bot eine reichhaltige Sammlung von vielen hundert verfchiedenen Knöpfen diefer Art, welche einen fehr bedeutenden Ausfuhrartikel, insbefondere nach England, Rufsland und Amerika bilden. 38 Guftav Edler v. Rofthorn. Erftaunlich find die Mengen von Meffing- und Tombakblech und Draht, welche dafür und für die Anfertigung von falfchem Schmuck verbraucht werden. Böhmen allein bedarf dazu circa 200.000 Kilogramm im Jahre. Bronzeketten. Scheinbar unbedeutend, fpielt diefer aus Meffing- und Tombak draht angefertigte Artikel in unferen Ausfuhrliften eine namhafte Rolle. Gröfstentheils Uhrketten, werden diefe in der Façon mit derfelben Sorgfalt angefertigt, wie die echten Goldketten. Der jährliche Verbrauch an Meffing- und Tombakdraht in Oefterreich ift annähernd auf 30.000 Kilogramm zu veranfchlagen. Der Metallwerth beträgt kaum zehn Percent des Verkaufspreifes der Erzeugniffe. Diefe Bronzeketten werden nach Deutfchland, Rufsland, Frankreich und Amerika ausgeführt und beträgt der Verkaufswerth bei einer halben Million Gulden im Jahre. An der Ausstellung betheiligten fich die Wiener Firmen: Jean Bolzani, Adolf Ritter, Franz Bowensky, J. Seidl, Wilhelm Tobias, Franz Reiter u. f. w. Metallgewebe. Sehr dünn gezogener Meffingdraht wird wie Garn verwebt. Diefe Erzeug niffe, Metalltücher" genannt, finden häufige Verwendung bei der Papierfabrikation, bei Zuckerfabriken und bei Kunftmühlen. Befondere Aufmerkſamkeit erregten die ausgeftellten Erzeugniffe von Hutter& Schrautz in Wien. Diefe Gewebe zeichneten fich durch anfehnliche Gröfse( 3 Meter breit), durch Reinheit und Gleichförmigkeit aus. Auf eine Entfernung von nur wenigen Schritten fehen fie einem Baumwollftoffe täufchend ähnlich. Aufser diefer Firma führten Paul Kollerich in Peft, Georg Rothkäppl und Johann Meerkatz in Wien fehr verdienftliche Leiftungen vor. Für Metallgewebe werden in Oefterreich jährlich an 30.000 Kilogramm Meffingdraht verwendet. Die dünften Sorten werden bei Anfertigung von Briefpapier gebraucht. Die betreffenden Gewebe find fo zart, dafs der Quadratcentimeter 40 Kettenfäden zählt. Sehr Beachtenswerthes bot auch Hugo Neumann in Warfchau. Mundharmonika's. Für diefe Fabrikation werden in Oefterreich im Jahre circa 35.000 Kilogramm Meffing- und Packfongbleche verbraucht. Sie wird vorzugsweife in Wien betrieben und der gröfste Theil der Erzeugniffe nach Rufsland und Amerika ausgeführt. Die bedeutendften Fabrikanten: Wilhelm Thie, Filipp Brunnbauer, Franz Mayer, Leopold Pippifch, Johann Troppitz, Carl Pitfch, fämmtlich in Wien, hatten die Ausstellung befchickt. Metallrahmen. Einen fehr namhaften Fabrikationszweig bilden die Erzeugniffe von Metallrahmen für Cigarren- und Geldtafchen, ferner von Etuisbefchlägen und Charnierebändern. Es werden in diefen Artikeln an verfchiedenen Metall- Legirungen, Metallrahmen. 39 Meffing, Tombak, Pakfong im jährlichen Durchschnitte an 200.000 Kilogramm verwendet. Auch diefe Metallrahmen, welche gröfstentheils mit Leder und Holz montirt werden, find ein fehr bedeutender Ausfuhrartikel, insbefondere nach Amerika das überhaupt für eine Reihe von in den grofsen Induftriezweig der Metallwaarenfabrikation gehörigen Artikeln ein mächtiges Abfatzgebiet bildet, welches leider nur durch die hohen Eingangszölle verkümmert wird. Britanniametall.* Diefes Metall wurde in England zuerft eingeführt und bildet einen Hauptbeftandtheil des dort fo allgemein verbreiteten Theetifches in der Geftalt der Theekanne und Schwenkfchale. Von fchönerer, hellerer Farbe als das Zinn, wird diefes Metall, da es härter ift, nicht fo leicht befchädigt und da es fich mit wenig Mühe rein und glänzend erhalten läfst, bildet es einen mächtigen Rivalen des Chinafilbers. Emerich Kolbenheyer in Wien, eine der bedeutendften Firmen diefes Induftriezweiges, hatte eine reiche Sammlung von verfchiedenen Haushaltungsgegenftänden in fchöner, gefchmackvoller Form ausgeftellt, unter welchen ein aus einem Stück angefertigter Samovar( wohl die gröfste derartige Leiftung) befonders anzuführen ift. Aus England ftellten Shaw& Fifher in Sheffield, aus Deutfchland Gerhardi& Comp. in Weftfalen gut gearbeitete Britanniageräthe aus. Metallbuchftaben. Die Weltausftellung war von mehreren Erzeugern von Metallbuchftaben und Auffchriften in fehr bemerkenswerther Weife befchickt. Aus O efterreich hatten Hervorragendes zur Anficht gebracht: Michael Winkler und Alois Winkler in Wien. Aus Frankreich: P. L. Hugede in Paris. Aus Deutfchland: Koch& Bein in Berlin. Metallbettgeftelle. R. W. Winfield& Comp., dann Peyton& Peyton, beide Firmen in Birmingham, hatten eine zahlreiche Sammlung von hellglänzenden, hübfch verzierten Bettgeftellen aus Meffing und Tombak in gefchmackvollen Formen ausgeftellt. Aus Italien hatten Johann Pizzuto, Sanctus Pizzuto, Ludwig Cavallaro, fämmtlich in Palermo, Bettgeftelle aus Zink und anderen Metallen ausgeftellt, welche von guter, folider Arbeit und Gefchmack zeugten. Metallpatronen. Seit 1866 ift das Hinterladegewehr bei allen Armeen in Europa allmälig zur Geltung gekommen und find die Dreyfe'fche Papierpatrone mit Zündfpiegel und die Chaffepotpatrone mit Seidenumhüllung vollſtändig durch die Metallhülfe verdrängt worden. * Eine Legirung von Zinn, Kupfer, Antimon und manchmal auch mit Zufatz von Zink. 4 40 Guftav Ritter v. Rofthorn. Nachdem der Bedarf für fämmtliche Armeen Europa's binnen wenigen Jahren befchafft werden mufste, fo ift es natürlich, dafs die Metallfabriken, welche das Blech dazu liefern, in diefem Artikel ausgiebige Aufträge erhielten. Zur Erzeugung der Hülfen wurden viele Fabriken, mehrere auch als Staatsanftalten errichtet, und ift es befremdend, dafs die Wiener Weltausstellung nur von zwei öfterreichifchen Fabrikanten befchickt wurde. Es find diefs G. Roth in Wien und das Confortium Zboril in Simmering. Beide Ausfteller zeigten die mühfame Anfertigung der Hülfen durch die ganze Reihenfolge der Vorrichtungen vom Blech bis zur fertigen Hülfe. Jede folche Hülfe wird, um übernahmsfähig zu fein, an 30 verfchiedenen Stellen gemeffen und mufs 10 fcharfe Schüffe aushalten, ohne befchädigt zu werden. Es mufs daher das befte Material von Kupfer und Zink zur Legirung verwendet und die Anfertigung mit äufserft er Sorgfalt vorgenommen werden. G. Roth ift für eine Erzeugung von 200.000 Stück täglich eingerichtet, wofür 2500 Kilogramm Metallblech verbraucht werden. Das Confortium Zboril erzeugt etwa 50.000 Stück täglich. Die verfchiedenen Armeen haben nicht nur der äufseren Form, fondern auch dem Materiale nach verfchiedene Hülfen. Oefterreich- Ungarn, Italien, Schweden, Dänemark und die Schweiz verwenden Tombak; Deutſchland, Holland, Türkei, Spanien, Rufsland, England, Serbien, Rumänien, Frankreich, Belgien Meffing. Vom Jahre 1868 bis Ende 1873 find in Oefterreich für Patronenhülfen 2½ Millionen Kilogramm Metallbleche aufgearbeitet worden. Die Metallpatrone, die zuerft in Amerika während des Krieges zwifchen den Nord- und Südftaaten in Anwendung kam, hat fich nicht allein, weil fie beffer als die Papierhülfe, fondern auch billiger als diefe ift, eine fo rafche Verbreitung errungen. Die Papierhülfe ift nach einem gemachten Schufs unbrauchbar, die Metallhülfe kann oftmals und wie Verfuche zeigten, allerdings nur ausnahmsweife, bis 100 Male geladen und gefchoffen werden. Wenn auch bei der erften Anfchaffung die Hülfe fich auf etwa zwei Kreuzer öfterreichifche Währung ftellt, fo wird fie doch. da fich die Koften auf die Anzahl der daraus gemachten Schüffe vertheilt, ungleich billiger. Allerdings gilt diefs nur im Frieden, wo bei Uebungen und Manövern abgefchoffene Patronen gefammelt und wieder geladen werden. Nachdem aber glücklicherweife die Friedensjahre die Kriegsjahre nach den gemachten Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre um das Sieben. fache überwiegen, fo ftellt fich die Rechnung weitaus zu Gunften der Metall patrone. Eine grofse Menge von Meffing-, Tombak- und Pakfongblechen wird auch für Blasinftrumente, für Stecknadeln und Oefen verwendet. Da diefe Gegenftände in anderen Gruppen ausgeftellt waren, fo entziehen fie fich der Befprechung und Beurthtilung in diefem Berichte. Nach diefen einzeln befprochenen Metallwaaren erübrigen noch die taufenderlei Gegenftände für den Hausbedarf und den Luxus, als: die Bade- Apparate, Vogelkäfige, Feuerzeuge, Metallfchnallen, Dofen, Büchfen, Leuchter, Pferdegefchirrverzierungen, Toilettegegenstände u. f. w., von welchen faft alle Staaten Beiträge eingefchickt hatten. Auch der Orient, namentlich aber Japan und China, waren in diefer Abtheilung mit Arbeiten vertreten, welche die Signatur unendlicher Sorgfalt bei der Ausführung trugen. Metallpatronen. 41 Bei einem Ueberblicke über diefen Theil der Ausftellung erfüllt es uns mit Stolz, fagen zu können, dafs die öfterreichifchen Metallerzeugniffe von keinem fremden Lande übertroffen wurden, ja in vielen Artikeln diefes vielgeftalteten Induftriezweiges Oefterreich geradezu muftergiltig auftrat, fo dafs die Behauptung vollberechtigt erfcheint, dafs die Entwicklung in techniſcher Bezie hung und das vorhandene Materiale Oefterreich befähigen, auf dem Weltmarkte eine hervorragende Rolle zu spielen, wenn billige Verkehrswege und Handelsverträge ihn leichter zugänglich machen. 又 米 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG UNTER 1 8 7 3 REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. WAFFEN MIT AUSNAHME DER KRIEGSWAFFEN. ( Gruppe VII, Section 3.) Bericht von JOHANN NEWALD, Director der k. k. Forftakademie in Mariabrunn. METALL WAAREN. ( Gruppe VII, Section 4.) Bericht von CARL HAAS, Bronce waaren- Fabrikant in Wien. LAMPEN- UND BELEUCHTUNGS- APPARATE. Bericht von CARL COHN. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. WAFFEN MIT AUSNAHME DER KRIEGSWAFFEN. ( Gruppe VII, Section 3.) Bericht von JOHANN NEWALD, Director der k. k. Forftakademie in Mariabrunn. - So wie die Erfindung des Schiefspulvers und die daraus hervorgehende Verwendung der Feuergefchütze grofse und wichtige Reformen in der früheren Kriegsführung herbeigeführt haben, ergaben fich daraus zugleich eben fo weitgehende Veränderungen an den im Gebrauche geftandenen Schutz- und Angriffswaffen. Wenn wir einerfeits die hohe Ausbildung und Achtung berücksichtigen, in welcher der Bogen und die Armbruft als die ferntragenden Waffen jener Zeitftanden, und dagegen die untergeordneten Erfolge erwägen, welche die Feuergefchütze in der Periode ihres erften Auftretens, in Folge ihrer geringen Trefffähigkeit, der höchft fchwerfälligen Handhabung, ihrer langfamen Ladweife, der Unficherheit der Entzündung u. f. w. erzielten, fo müffen wir darüber ftaunen, wenn fich dennoch die Verwendung derfelben unaufhaltfam über ftets erweiterte Kreife ausbreitete, und fchliefslich nahezu alle Syfteme der Kriegs-, Prunk- und Jagdwaffen vollſtändig umänderte. Der Gebrauch der Plattharnifche, deren Blüthezeit die Periode von 1400 bis 1600 ift, fällt mit der Entwicklung der Feuergefchütze zufammen. Der Ritter glänzte ,,, de cap en pied", eine ftarre Bildfäule von Stahl. Eine gleiche Pflege und Aufmerkfamkeit wurde der Ausftattung und Rüftung des Pferdes zugewendet. Allein nicht blofs für den Kampf hatten diefe Rüftungen Bedeutung, ihre Träger waren damit angethan bei Aufzügen und Gelegenheiten des gröfsten Prunkes und der reichften Prachtentfaltung. Durch die künftlerifche Behandlung und ihre Ausftattung wurden nicht nur die Rüftungen, fondern eben fo fehr ihr Zugehör an Schildern, Schwertern, Streitkolben u. f. w. häufig wahre Luxusgegenstände. Die gröfsten Künftler ihrer Zeit lieferten Entwürfe und Zeichnungen oder betheiligten fich bei der Anfertigung folcher Waffenftücke, welche vielfach als Kunftwerke erften Ranges anerkannt werden müffen. Michelangelo cifelirte eine Rüftung für Julius von Medicis, Benvenuto Cellini, A. Dürer, Wilh. Sufenhofer in Innsbruck, Filipo Nigroli uud feine Brüder, Bernardo Civo, der Mailänder Hieronimo Spacini und Hans Lenker zu Nürnberg verdienen unter vielen Andern befonders genannt zu werden. Die allerdings fehr langfam fich vollziehende Entwicklung der Feuergefchütze, namentlich der Präcifionsgewehre, war zunächft Urfache, dafs von den vollen Rüftungen Stück für Stück abgelegt wurde, fo dafs fchliefslich nur der Kürafs und der Helm zurückblieben. Die Rüftungen und ihr Zugehör, welche durch zwei Jahrhunderte reiche Gelegenheit zur Entfaltung einer grofsen Kunftthätigkeit geboten hatten, find jetzt nur noch Gegenftände archäologifcher Studien und Zeugen einer höchft vollendeten Kunfttechnik, deren Gebiet zu beftehen aufgehört hat. I* 2 Johann Newald. Es würde viel zu weit führen, wollte hier in eine Aufzählung jener Prunkrüftun gen, Prachtfchilder, Schwerter, Streitkolben u. f. w. eingegangen werden, welche, als Perlen erften Ranges, die Zierden der betreffenden Sammlungen und Mufeen find. In dem Mafse, als durch das Zurücktreten der Harnifchrüftungen und ihres Zugehörs der Kunfttechnik ein ergiebiges Feld ihrer Thätigkeit entzogen wurde, wendete fich die Aufmerkfamkeit derfelben nunmehr jenen Waffenarten zu, welche als die ausgefprochenften Feinde der Harnifchrüftungen gerade die wichtigſte Urfache ihres Verfalles waren. Es find diefes in erfter Linie die Hand- Feuerwaffen verfchiedener Art und Beftimmung. An ihnen entfaltete fich eine neue Kunftthätigkeit und fchuf Gewehre, namentlich mit Radfchlofs- Einrichtung von der höchften technifchen Vollendung. Hinterlad- und Repetirfyfteme verfchiedener Einrichtung wurden conftruirt, Piftolen, Jagdgewehre, Hirfchfänger, Pulverhörner, befonders aber Säbel, Degen und Rappiergriffe wurden in einer künftlerifchen Vollendung angefertigt, welche wohl für lange Zeit als muftergiltig daftehen wird. Seit dem Schluffe des fiebzehnten Jahrhundertes tritt der eigentliche künftlerifche Einfluss auf die Waffenerzeugung mehr und mehr zurück, das wichtigfte Feld für die Entwicklung einer hervorragenden Kunftthätigkeit, die Harnifchrüftungen fammt Zugehör, war für immer verloren gegangen. Die Erzeugniffe des achtzehnten Jahrhundertes erheben fich nur felten über eine handwerksmäfsige Auffaffung ihrer Aufgabe. Die grofse Zahl von Waffenftücken, welche zur Ausrüftung der an Umfang fich rafch erweiternden Heere erforderlich war, machte eine fabriksmäfsige Anfertigung derfelben nothwendig, welche bald auch bei der Erzeugung von Jagd- und Scheibengewehren, Piſtolen, Hirfchfängern u. f. w. allgemein wurde. Erft die neuere Zeit wendet den Civilwaffen, darunter namentlich den Jagd- und Scheibengewehren, eine gröfsere Aufmerkfamkeit zu, und fucht ihnen eine künftlerifche Ausstattung zu geben, in fo weit eben die für eine folche Behandlung nur zu oft fehr ungefügigen Formen der modernen zahlreichen Hinterlad- Syfteme eine derartige beffere Richtung zulaffen. Ift es geftattet, die vorſtehenden Erwägungen mit einigen Worten auch auf die eigentlichen Gefchütze auszudehnen, fo werden wir auch bei diefen einen ähnlichen Verlauf beobachten können. Zahlreiche Gefchützrohre verfchiedener Gröfse, welche fich in Sammlungen, Arfenalen, in Schlöffern u. f. w. erhalten haben, zeigen, wie fehr man dahin ftrebte, denfelben durch die Anbringung von Wappenfchildern, Spruchbändern, Arabesken, figuralifchen Darftellungen u. f. w. eine Art künftlerifcher Ausftattung zu geben. Die heutigen Gefchützungethüme fchliefsen eine derartige Behandlung geradezu aus. Die Abficht der vorhergehenden Darftellungen geht zunächft dahin, den Standpunkt zu bezeichnen, von welchem bei der Berichterstattung über die ausgeftellten Civilwaffen ausgegangen werden will. Die Läufe der aus dem fechzehnten und fiebzehnten Jahrhunderte auf uns gekommenen Prachtgewehre find ebenfo forgfältig gearbeitet, als uns der Schaft und die übrigen Beftandtheile durch ihre künftlerifche Ausstattung im hohen Grade befriedigen. Die Schwert, Degen- und Dolchklingen aus Toledo, Madrid, Mailand, Paffau, Augsburg und Solingen u. f. w. pafsten, was ihre Güte und Verlässlichkeit anbelangte, vollſtändig zu ihren oft prachtvollen Griffen. Wenn wir fomit an die modernen Jagd- und Scheibengewehre, Piftolen, Hirfchfänger, Seitengewehre u. f. w. namentlich dann, wenn fie ihrer ganzen Ausftattung nach eigentliche Luxuswaffen find, neben der felbftverftändlichen Forderung einer forgfältigen und präcifen Arbeit, auch noch das Begehren nach einer künftlerifchen Durchführung derfelben ftellen, fo dürfte diefes Vorgehen vollständig begründet und gerechtfertigt erfcheinen. Waffen mit Ausnahme von Kriegswaffen. 3 Von mehreren Seiten wurden ältere Waffen und Armatursgegenstände zur Ausftellung gebracht, wodurch ein eingehenderes Studium diefes Induftrieund Kunftzweiges wefentlich gefördert und eine vergleichende Beurtheilung älterer Leiftungen mit jenen der Gegenwart fehr gut vermittelt wurde. Die im fpanifchen Annex aufgeftellten Rüftungen waren diefsfalls von hervorragender Bedeutung. Sie ftammen aus der Armeria real zu Madrid, und werden Kaifer Carl V., Philipp II., Don Juan d'Auftria und Philipp III. zugefchrieben. Die Rüftung des Letzteren erfcheint als eine Prachtrüftung im ganzen Sinne des Wortes. Als bedeutende Leiftungen müffen ferner die zwei Knaben rüftungen und ein runder Schild bezeichnet werden, fowie der maurifche Helm als eine Seltenheit erften Ranges hervorzuheben ift. Er wird Boabdil, dem letzten maurifchen, im Jahre 1492 entthronten Könige von Granada zugefchrieben. Von Intereffe find ferner vier ausgelegte Kugelgewehre, von denen drei fogenannte Schnapphahn- Schlöffer befitzen, wodurch die Zeit ihrer Anfertigung ziemlich genau conftatirt wird. Eine Reihe von Gewehren und Piftolen verfchiedener Form enthält der Schatz des Sultans; jedoch zeichnen fich diefelben mehr durch ihre Ausftattung mit Gold und Edelſteinen, als in Folge einer hervorragenden künftlerifchen Leiftung aus. Die Ueberzahl der Gewehre hat die bereits erwähnten Schnapphahn Schlöffer. Die diefem Schatze einverleibten Säbel, Dolche, Yatagane, Meffer u. f. w. von unvergleichlichem Reichthum in der Ausftattung der Griffe und Scheiden brauchen nur erwähnt zu werden. An orientalifchen Waffen befitzen die Sammlungen des tunefifchen Minifters Sidi Mouftapha Hasnadan und des Generals Houffein fehr beachtenswerthe Gegenftände. Sie find reich an Feuergewehren mit SchnapphahnSchlöffern. Der Umftand, dafs fich die orientalifchen Völker überhaupt als fehr gewandte Bogenfchützen auszeichneten, fcheint die Urfache gewefen zu fein, dafs bei denfelben Feuergewehre erft dann in Anwendung kamen, als diefelben bezüglich der Zündvorrichtung bereits wefentlich verbeffert waren. Defshalb kommt an orientalifchen Feuergewehren das Radfchlofs aufserordentlich felten vor. Die Einführung von Hand- Feuerwaffen wurde dort erft allgemeiner, als durch die fpanifchen und holländifchen Schnapphahn- Schlöffer der Uebergang zum franzöfifchen Batteriefchlofs vermittelt wurde. Neben fchön ausgeftatteten Säbeln, Yatagans und Dolchmeffern befindet fich in der Sammlung des genannten Minifters ein Schwert mit Elfenbein- Griff und Elfenbein- Scheide von vorzüglicher, wie es fcheint, europäiſcher Arbeit. Orientalifche Waffen von hervorragender Arbeit enthielt die Collection des Leonidas Paltazzi, ferner die Sammlung Posno in Kairo, die rumänifche Ausftellung u. f. w. Perfien hatte eine Reihe fehr fchöner Dolche, Säbel und Streitkolben reich und gefchmackvoll in Goldtaufia verziert; Indien eine Collection. ähnlicher Waffenftücke, Japan endlich eine Zahl von Schwertern von der bekannten Form ausgeftellt. Obwohl die Ueberzahl der orientalifchen Waffenftücke, namentlich der fogenannten Hieb- und Stichwaffen, als Kriegswaffen in die Berichterstattung einzureihen find, war eine Erwähnung derfelben hier doch nicht zu vermeiden. Abgefehen von der abweichenden Form orientalifcher Schwerter, Dolche, Säbel, ja felbft der Feuergewehre bezüglich ihrer verfchiedenen Beftandtheile, ift die Verzierung derfelben eine eigenthümliche. Das aus dem Koran abgeleitete Verbot, menfchliche Figuren plaftifch darzuftellen, hat bei den mohamedanifchen Völkern unverkennbar auf die Befchränkung in der Verwendung menfchlicher Figuren oder von Thierbildern bei ornamentalen Ausftattungen aller Art hingewirkt. Dafür erhielten Linienund Arabeskenornamente jene Ausbildung, welche an maurifchen und orien 4 Johann Newald. talifchen Kunftwerken durch ihre gefchmackvollen, ja geiftreichen Combinationen fo überrafchend wirken. Der Uebergang zu den modernen Jagd- und Luxuswaffen wird vermittelt durch eine kleine Collection, welche die Firma Mariano Alvarez zu Toledo, ausgeftellt hatte. Wir haben es hier mit Gegenftänden zu thun, die fich den ähnlichen vortrefflichen Arbeiten der Renaiffance würdig an die Seite ftellen. Einen runden Schild in getriebenem Eifen gearbeitet, die Figuren mit Goldgrund unterlegt, hat das öfterreichifche Mufeum erworben. Ein Rappier mit muftergiltig in Eifen gefchnittenem Griff wurde von dem ungarifchen Gewerbemufeum angekauft. Ein Schwert, deffen breite Parirftange eigenthümlich herabgebogen, und fammt dem Griff und dem Obertheil der Klinge mit maurifch- fpanifchen Verzierungen und Schriftzügen ausgeftattet erfcheint, ift die Nachbildung eines in der Sammlung des Marquis di Villafecca befindlichen Waffenftückes. Dasfelbe wird dem oben genannten maurifchen König Boabdil zugefchrieben, deffen Helm im fpanifchen Annex ausgeftellt war. Ein ganz ähnliches, dem Don Juan d'Austria zugefchriebenes Schwert, befindet fich in der Armeria real zu Madrid. Unter den zahlreichen von der Firma Placido Zuboago ausgeftellten, vortrefflich gearbeiteten, in Gold- und Silbertaufia ausgeftatteten QuinquaillerieGegenftänden befanden fich mehrere kleine Dolche, welche nicht unerwähnt bleiben können, fowie die von Theodor Ybarzabal ausgeftellten Jagdgewehre beachtenswerthe Leiftungen waren. Wie lange fich in Kunftleiftungen die Erinnerungen an eine grofse Vergangenheit erhalten, erhellt namentlich aus den fpanifchen Waffen- und Rüftungsgegenftänden. Die Anklänge an die Motive der maurifchen Kunftperiode Spaniens find trotz der mannigfaltigen Schickfale des Landes nicht erlofchen. Möge das gänzliche Verklingen im Intereffe der Kunft noch recht weit hinausgefchoben bleiben. Anklänge an die Kunftperiode der Renai ffance finden wir in der franzöfifchen Waffenausftellung wieder. Abgefehen davon, dafs fich die an den Feuerwaffen angebrachten Verzierungen und Ausstattungen vielfach und häufig auch heute noch auf Motive der Renaiffance zurückführen laffen, fehen wir ja allenthalben diefe glänzende Kunftperiode fich allmälig wieder Raum und Anerkennung verfchaffen. In Betreff der Waffenfchmied- Kunft ift in diefer Richtung zunächft auf die Collection der Firma Gaftinne Renette aus Paris hinzudeuten, welche einen nach fehr guten Renaiffancemuftern gearbeiteten Degengriff, fowie einige kurze Luxusfchwerter mit gefchnittenen Griffen enthielt. Jagd- und Luxuswaffen anbelangend, haben wir unter den franzöfifchen Ausftellern, aufser der genannten Firma, noch die Namen H. Fauré le Page, Lefaucheux, Roblin und A. Brun beizufügen. Sowie bei den Kriegs- Handfeuerwaffen die Percuffionseinrichtung durch zahlreiche Hinterlad- Syfteme verdrängt wurde, fehen wir auch bei den Jagdgewehren, wir mögen nun fchon Schrotgewehre oder die fogenannten Pirfchbüchfen in Betracht ziehen, verfchiedene Hinterlad- Syfteme in Anwendung. Es möge geftattet fein, das Wefen und die Einrichtung diefer Syfteme als bekannt vorauszusetzen. Die Ueberzahl der in der franzöfifchen Abtheilung ausgeftellten Gewehre war bezüglich künftlerifcher Ausstattung und präcifer Arbeit derart, dafs fie jeder Waffenfammlung zur Zierde gereichen würden. Sie laffen fich jedoch nur als Luxusgewehre auffaffen, denn die factifche Verwendung beim Jagdbetriebe, wo fie nur zu leicht Befchädigungen ausgefetzt wären, könnte in Berücksichtigung ihrer kunftvollen Ausführung nur bedauert werden. Neben Hinterlad- Gewehren von verfchiedener Einrichtung fahen wir auch mehrere Percuffions- Doppelgewehre, wahrfcheinlich jedoch ältere Arbeiten, ausgeftellt. Die Ausftattung der Schäfte durch gefchmackvolle Schnitzereien, die Waffen mit Ausnahme von Kriegswaffen. 10 5 Verzierungen an den Läufen, Schlöffern, Bügeln und dem übrigen Befchläge waren fehr beachtenswerthe, an mehreren Stücken geradezu höchft gelungene Leiftungen. Der Firma Roblin wurde der Titel eines k. k. Hof- Büchfenmachers verliehen. Es war Gelegenheit geboten, ein aus der Collection derfelben ftammendes Doppelgewehr zerlegen zu können. Die Sorgfalt und Präcifion bezüglich Anfertigung aller Beftandtheile, fowie die ganze Adjuftirung mufs als mufterhaft bezeichnet werden. Die Firma H. Fauré le Page hatte zwei Paar Scheibenpiftolen ausgeftellt, welche in jeder Beziehung als höchft vollendete Leiftungen hervorzuheben kommen. Es waren diefes Prachtwaffen im ganzen Sinne des Wortes, daher auch der dafür angefprochene Preis ein erheblicher. Ihren Abfchlufs erhalten die franzöfifchen Ausftellungen von Jagdgewehren, Piftolen und Revolvern durch eine von der Firma M. Gevelot veranlafste, fehr reiche Expofition von Patronen, Kapfeln u. f. w. für verfchiedene HinterladSyfteme fowie für die älteren Percuffionseinrichtungen. In Bezug auf die öfterreichifchen Ausfteller von Jagd- und Luxusgewehren und Waffen, unter denen wir ebenfo fehr alten, bewährten Firmen, fowie neuen Namen begegneten, haben wir felbftverſtändlich zunächft den Wiener Firmen unfere Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Wir fanden die Fabriken und Werkstätten von Leopold Gaffer, Johann Kaletzky, Stefan Mann, Wenzel Mafchek, Anton Mulacz und Johann Springer vertreten, unter denen die erftgenannte Firma namentlich der Erzeugung und Einrichtung von Revolvern aller Art ihre Thätigkeit zuwendet. Unter den fehr zahlreich ausgeftellten Revolvern bemerkten wir zwei Schauftücke von befonderer Schönheit. Sehr inftructiv war die Darftellung aller Revolverbeftandtheile von der Schmiede bis zur Ausfertigung, welches Bild, um das Innere der Einrichtung zu zeigen, durch ein fertiges, jedoch der Länge nach mitten durchgefchnittenes folches Waffenftück vervollſtändigt erfchien. Die Gaffer'fche Revolverfabrik und ihre Erzeugniffe verdienen darum eine befondere Beachtung, weil erftere eines der gröfsten und befteingerichteten Etabliffements diefer Art ift. Als eines Curiofums wollen wir hier auch auf den von Franz Bonteiner feparat ausgelegt gewefenen 21- läufigen Revolver eines der älteften in Wien angefertigten Exemplare diefer Waffengattung- aufmerksam machen. - Unter den genannten Wiener Firmen hatte Johann Springer befonders reich ausgeftellt. Zunächst wurde die Aufmerkfamkeit durch zwei Scheibenpiftolen gefeffelt, deren Befchläge, wie überhaupt die ganze Ornamentik, nach guten Muſtern entworfen und in correcter Weife ausgeführt find. Eine grofse Zahl von Doppelbüchfen, zum Theile Schrotgewehre, zum Theile fogenannte Büchsflinten, nach verfchiedenen Hinterlad- Syftemen eingerichtet, bald fehr reich, bald einfacher ausgeftattet, wurde von vielen Befuchern mit Auf merkfamkeit geprüft. Sämmtliche Eifenbeftandtheile befitzen eine gefchmackvolle Zeichnung, und ift die fchöne Arbeit fehr beachtenswerth. Durch eine kleine Anzahl von Kugelgewehren, fogenannten Pirfchftutzen, fand die Springer'fche Ausftellung einen guten Abfchlufs. Die Collectionen der Firmen Kaletzky, Mann, Mafchek und Mulacz, Doppelgewehre und Hinterlader- Scheibenbüchfen enthaltend, zeichneten fich durch eine ebenfo forgfältige als präcife Arbeit aus, und müffen die angefetzten Verkaufspreife als fehr mäfsig conftatirt werden. Wenden wir nunmehr unfere Aufmerkſamkeit der Fabrication von Jagdund Luxuswaffen in den weftlichen Ländern der öfterreichifchen Monarchie zu, fo gaben uns die zahlreichen und fchönen Ausftellungen Gelegenheit, einen wefentlichen Fortfchritt nachweifen zu können. 6 Johann Newald. Die Entwicklung in der Erzeugung von Jagdwaffen fteht felbftverſtändlich mit dem Stande des Jagdwefens und der Wildzucht eines Landes im innigften Zufammenhange. Nur bei geordneten Jagdverhältniffen ift ein Fortfchritt in der Jagdwaffen- Anfertigung denkbar. Es mögen örtlich in Bezug auf die Handhabung und Durchführung des Jagdgefetzes und der damit im Zufammenhange ftehenden Jagdpolizei- Normalien bald wefentliche, bald mindere Uebelftände obwalten, im grofsen Ganzen erfcheinen im Bereiche der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder das Jagdwefen und die Wildhege geordnet. Der Wildftand ift den Bodencultur- Verhältniffen angemeffen. Der Jagdbetrieb ift fachgemäfs. Die Rückwirkung folcher Zuftände auf die Erzeugung von Jagdwaffen aller Art, fei es in gröfseren Fabriken oder in einzelnen Werkstätten von mäfsigerem Umfange, ift unverkennbar eine gute. Die zahlreichen Ausftellungen verfchiedener Jagdwaffen, veranlafst von Fabriken oder Einzelfirmen aus den verfchiedenen öfterreichifchen Ländern, liefs diefsfalls einen fehr erfreulichen Auffchwung erkennen. Leider find wir nicht in der Lage in Bezug auf das Schiefsftand- Wefen ein gleich gutes Urtheil ausfprechen zu können. Das Schiefsen nach der Scheibe in den öfterreichifchen Ländern, vorzüglich in kleineren Orten mit grofser Lebhaftigkeit betrieben-hat im Laufe der letzten Periode an Umfang wefentlich abgenommen, daraus erklärt fich der Umftand, dafs in den Waffenausftellungen die fogenannten Scheibenrohre im Verhältnifs zu den Jagdgewehren fehr zurückftanden. Als Ausfteller von Waffen verfchiedener Art hatten wir aus den öfterreichifchen Ländern eine erhebliche Zahl von Firmen zu begrüfsen. Neben altbewährten Fabriken und Waffen- Werkftätten trafen wir manche neue Namen oder folche, welche, bisher nur in engeren Kreifen bekannt, nunmehr nachgewiefen haben, wie fehr ihre Erzeugniffe berechtigt find, eine allgemeinere Beachtung anzufprechen. Nach den einzelnen Ländern geordnet, haben wir aufzuzählen: A.V. Lebeda Söhne und J. Novotny in Prag, Guftav Fückert und Johann Fückert zu Weipert, ferner Johann Haberda zu Frauenberg in Böhmen, Carl Mayr in Brünn und J. Plafchil zu Napagedl in Mähren, die öfterreichifche Waffenfabriks Gefellfchaft in Steyer, Johann Unger in Graz und Joh. Erhart zu Marburg an der Mur in Steiermark, Johann Peterlongo in Innsbruck, Franz Umfahrer in Klagenfurt, endlich die Ferlacher WaffenfabriksGefellfchaft, durch eine gröfsere Zahl von Einzelfirmen vertreten. Die von Lebeda und Novotny ausgeftellt gewefenen Gewehre find Leiftungen, welche der bewährten Namen, die fie tragen, würdig find; namentlich enthielt die Collection Lebeda Doppelgewehre, welche ebenfo gefchmackvoll ausgeftattet, als präcife ausgefertigt waren. Zu erwähnen kommt ein von Novotny ausgeftellt gewefenes Doppelgewehr, an welchem die Syfteme Lefaucheux und Centralfeuer combinirt vorkommen, eine Einrichtung, der fich jedoch kaum eine praktiſche Bedeutung beilegen läfst. Johann Haberda aus Frauenberg hatte neben andern fchönen Gewehren fehr forgfältig gearbeitete Hinterlad- Scheibenftutzen ausgeftellt, deren Preife als fehr mäfsig zu bezeichnen find. Die fehr umfaffende Ausftellung der Waffenfabriks- Gefellſchaft in Steyer hatte neben Militärgewehren auch eine Zahl von Scheibenftutzen und Pürfchbüchfen, nach dem Syfteme Werndl eingerichtet und mit fehr mäfsigen Preisanfätzen bezeichnet, ausgelegt. So fehr bei den Stand- oder Scheibengewehren die Hinterladvorrichtungen mehr und mehr in Gebrauch kommen, ftofsen die Hinterlad- Pürfchbüchfen, namentlich bei Gebirgsjägern, noch auf ein grofses Mifstrauen. Es handelt fich bei Gebirgsjagden höchft felten um ein Schnellfeuer: der wenigen Schüffe, welche der Gebirgs Waffen mit Ausnahme von Kriegswaffen. 7 jäger aus feinem Pürfchgewehre anbringen kann, will er ficher fein, und vertraut dabei nur feinem alten Percuffionsftutzen, der beim Laden mit der gröfsten Sorgfalt behandelt wird. Eine befondere Aufmerkfamkeit haben wir der Firma Johann Erhart zu Marburg an der Mur, beziehungsweife ihrer Waffenausftellung, zuzuwenden. Die exponirten Gewehre zeichneten fich fämmtlich durch eine gefchmackvolle Ausftattung und fehr folide Arbeit aus. Johann Peterlongo aus Innsbruck, welcher in gleicher Weife als Waffenfabrikant und Händler in Betracht zu ziehen kommt, hatte eine Reihe fchöner Jagdgewehre, Scheibenrohre und Pürfchftutzen ausgeftellt. Unter ihnen zeichnete fich ein Damen- Salongewehr mit fehr gefchmackvoll ausgeftattetem Schafte befonders aus. - - An die zuletzt befprochenen Waffenausftellungen fchlofs fich in würdiger Weife jene der Firma Jofef Kirner in Peft an. Von vorzüglicher Arbeit war ein Paar Scheibenpiftolen Centralfeuer- Syftem mit Elfenbein ausgeftattet. Beachtenswerthe Leiftungen waren ein zweites Paar Scheibenpiftolen, Syftem Lefaucheux, eine Zahl von Doppelgewehren, ein Scheibenrohr, Syftem Andrs und ein Pürfchftutzen, ebenfalls Centralfeuer- Syftem. Von ungarifchen Büchfenmachern haben wir noch Eduard Hrazdil in Szegedin und Eduard Kadletz in Gran zu erwähnen. Es ift oben auf die Thatfache hingedeutet worden, dafs mit dem Stande des Jagdwefens und der Wildpflege eines Landes die Erzeugung von Jagdgewehren aller Art im innigften Zufammenhange ftehe. Italien bietet diefsfalls einen beredten Beleg. Es kommen lediglich drei Firmen zu verzeichnen, welche Jagdgewehre ausftellten, u. z. Alphons Izzo zu Neapel, Att. Ruberti in Mantua und Michelonia& Comp. in Mailand. Bezüglich der beiden Etabliffements, u. z. Bayet frères in Lüttich und Pondevaux zu St. Etienne handelt es fich, fowie dasfelbe auch von der Waffenfabrications- Gefellfchaft zu Ferlach gefagt werden kann, vorherrfchend um die Erzeugung von Handelswaare in gröfserer Menge und um mäfsige Preife, daher die Gewehre der drei betreffenden Ausftellungen auch nur von diefem Gefichtspunkte aus beurtheilt werden konnten. Zu den englifchen Waffenausftellungen übergehend, fanden wir in den Collectionen von Alfred Lancafter in London und P. Webley& Sohn eine Reihe von vortrefflich gearbeiteten Doppelgewehren, Pürfchftutzen und Revolvern, welche,- gleichfam Verzicht leiftend auf jede befondere Ausftattung, vorherrstehend durch ihre correcte Conftruction die Aufmerkfamkeit auf fich ziehen wollten. Aus den Vereinigten Staaten haben die Firmen: Peabody, Remington, Smith& Weffon und Colt lediglich Kriegs- Handfeuerwaffen zur Ausstellung gebracht, die jedenfalls als fehr beachtenswerth bezeichnet werden müffen. In wie ferne die von der Firma Georg Höper& Comp. zu Iferlohn exponirt gewefene Phosphorbronce bei der Waffenerzeugung eine allgemeinere Anwendung erwarten läfst, wird die Zukunft lehren. Mehrere ausgeftellt gewefene mit Montefiore- Levi und Dr. Künzel bezeichnete Gewehre, darunter eine Jagdbüchfe, befitzen aus diefem Metall angefertigte Beftandtheile. In Bezug auf eine künftlerifche Ausstattung, worauf wir bei Jagd- und Luxuswaffen einige Bedeutung legen müffen, dürfte fchon die Farbe des Metalls wenig zuträglich fein. Im Eingange des vorliegenden Berichtes wurde darauf hingewiefen, wie fehr durch das allmälige Verfchwinden der Harnifchrüftungen fammt ihrem Zugehör an Schildern, Streitkolben, Ausrüftungsftücken für das Pferd u. f. w. der Waffenerzeugung, diefelbe ebenfo als Gewerbe, wie in ihren künftlerifchen Beziehungen erwogen, ein ausgedehntes Gebiet ihrer Thätigkeit gänzlich ver loren gegangen ift. - - Als ipäter durch eine längere Zeitperiode jeder wehrhafte Mann bei feinem öffentlichen Erfcheinen das Schwert oder den Degen an der Seite führte, waren 8 Johann Newald. Waffen mit Ausnahme von Kriegswaffen. Griff und Korb derfelben Gegenftände für die Entwicklung einer eigenthümlichen reich belebten Technik- ja nur zu oft einer hervorragenden Kunftthätigkeit. Auch diefe Periode ift abgefchloffen und erlitt fomit in Bezug auf Civilwaffen die Waffenerzeugung eine abermalige erhebliche Befchränkung ihres Gefchäftsfeldes. Die Seitengewehre, welche in mehreren Ländern Civilbeamte zu ihrem Amtskleide oder zur Uniform tragen, können für diefen Rückgang unmöglich als ein Erfatz genommen werden, denn den modernen, fchablonengemäfs angefertigten Degen oder Säbeln läfst fich doch nur eine fehr untergeordnete Bedeutung beilegen. Auch die bei einigen Völkern in Uebung ftehende Sitte des Tragens von Seitengewehren zu ihrer Nationaltracht ift im Rückgange begriffen. Zahlreiche Prachtwaffen find die Zierde der Cabinette und Sammlungen vieler Regenten und grofser Herrfchaftsherren. In unferer Zeit dürften derartige Waffen nur felten mehr angefertigt werden- ja es fcheint, dafs das Verftändnifs für die Behandlung folcher Schauftücke entfchwunden ift, wie fich folches aus dem durch die Firma Mayer& Plener aus Stuttgart ausgeftellt gewefenen Ehrenfchwert ergeben dürfte. Der einft fo bedeutungsvolle Kreis erfcheint für die Civilwaffen dermalen auf die Jagdgewehre und Hirfchfänger, ferner auf die fogenannten Stand- oder Scheibenrohre und Piftolen eingeengt. Durch die Einführung der Hinterlad- Syfteme ift unverkennbar eine Art Unruhe und Unfertigkeit in die Erzeugung der Hand Feuerwaffen getragen worden. In dem Streben nach neuen Syftemen und Ideen fcheint man vielfach die Anforderungen, welche in Bezug auf Einfachheit der Gewehrconftruction, Leichtigkeit in der Handhabung, Sicherung gegen Unglücksfälle und Befchädigung des Schützen, Treffficherheit u. f. w. geftellt werden müffen, aus dem Auge verloren zu haben. Es ift aber bereits hervorgehoben worden, dafs mit dem Stande des Jagdwefens und der Wildpflege in einem Lande auch der Umfang in der Verwendung und fomit in der Anfertigung von Jagdwaffen aller Art im Zufammenhange fteht. Mit der Freigebung der Jagd ift eine Reduction des Wildftandes und endlich deffen gänzliche Vernichtung in der Regel verbunden. Jagdgewehre treten aufser Verwendung und werden Gegenftände von Alterthumsfammlungen. - Allein felbft in jenen Ländern, wo dem Jagdwefen eine fachgemässe Behandlung zu Theil wird, verliert dasfelbe mit der zunehmenden Bevölkerung und der Entwickelung der Bodencultur fort und fort an Bedeutung, fo dafs fich die Jagdausübung fchliefslich auf eine mäfsige Zahl von Berechtigten befchränken wird. Wie fehr das einft fo ausgebreitete und mit fo vieler Vorliebe gepflegte Schützenwefen und Preisfchiefsen nach der Scheibe, fei es mit dem Rohre oder mit der Piftole leider zum grofsen Nachtheile für die Wehrhaftigkeit des Volkes im Rückgange begriffen ift, wurde oben bereits angedeutet. Wenn wir zum Schluffe der vorliegenden Darftellungen unfer Dafürhalten dahin ausfprechen, dafs in Bezug auf die Erzeugung von Civilwaffen, wir mögen dabei lediglich die gewerbliche oder induftrielle Seite, oder auch das Feld für eine künftlerifche Thätigkeit in das Auge faffen- der Höhepunkt bereits überfchritten ift, fo dürfte uns von vielen Seiten die Zuftimmung nicht vorenthalten bleiben. - METALL WAARE N. ( Gruppe VII, Section 4.) Bericht von CARL HAAS, Bronce waaren- Fabrikant in Wien. Das reiche Materiale, welches wir zu bewältigen haben, und das Gold und Silberwaaren, als: Waaren für den Tafelgebrauch, Toillettegegenftände, Schreibtifcheinrichtungen und Decorationsgegenstände, dann die in der officiellen Gruppeneintheilung als, anderweitige Metallwaaren" bezeichnete Bronce, Statuen, Basreliefs, galvanifche Metallüberzüge u. f. w. enthält, foll Gegenftand der nachftehenden Zeilen fein. Es ift eben verfucht, das Zufammengehörige, befonders foweit es der Kunftinduftrie in ihrer Verwendung des Metalls als Stoff angehört, in einem Rahmen zufammenzufaffen. Daher wurde auch die ftrenge Trennung früherer Berichte zwifchen Gold oder Silberarbeiten, felbft wenn fie Geräthe des täglichen Gebrauches umfaffen, und der aus fogenannten unedlen Metallen gefertigten Gegenftände hier aufgehoben. Vom Standpunkte des Kunstgewerbes hoffentlich gerechtfertigt, da nicht der koftbare Stoff, fondern die kunftvolle Behandlung uns zumeift intereffirt. Wurde es doch unlängft und mit Recht berührt, dafs kunftfertigere Hände der Bronce- Induftrie zu Gebote ftehen, als der fonft fo tüchtigen Silberarbeit. Den Standpunkt der Beurtheilung erlaube ich mir mit wenigen Worten zu kennzeichnen. Mit den feltenften Ausnahmen haben wir Gegenftände zu verzeichnen, welche als höchftes Ziel einen Gebrauchsgegenstand des täglichen Bedürfniffes oder die anmuthige Verzierung der Wohnung in möglichft praktifcher und zugleich formell vollendeter Weife zum Vorwurfe des Schaffens genommen haben. Wenn wir auch begreiflicherweife nicht verlangen, dafs man vom einfachen Efsbefteck an überall kunftgewerbliche Phänomene anftrebe, fo ift doch auch oft im einfachften Geräth eben das richtige Mafshalten fchon ein Zeichen des ver ftändigen Urhebers und nur im harmonifchen Zufammenklingen der einzelnen Beftandtheile des vielgeftalteten Mikrokosmus unferes Hausrathes, foweit er hier in Betracht gezogen erfcheint, erkennen wir den fiegreichen Triumph der geläuterten Kunftanfchauungen unferer Zeit, wie fie namentlich bei uns allen Gebildeten durch das fegensreiche Wirken unferes Mufeums und die fo feinen und goldenen Lehren unferes unvergleichlichen Falke, längft zur Benützung offen liegen. Da die officiellen Berichte ebenfowohl dem Fachmanne als auch dem grofsen Publicum welches fich unterrichten will, als Fünrer dienen follen wurde eine kurze Ueberficht der Metalltechnik, foweit folche hier in Betracht kommt, vorausgefchickt. Der Fachmann möge diefe Zeilen übergehen, bei der Betrachtung der einzelnen Objecte und Länder ift deren Verftändnifs vorausgefetzt. Abgefehen vom hüttenmännifchen Procefs, mit welchem wir hier nichts zu thun haben, erhält der Metallarbeiter fein Material in den meiften Fällen in drei verfchiedenen zur Verarbeitung dienlichen Geftaltungen. Entweder als Rohmetall 10 Carl Haas. in gegoffenen, kleineren oder gröfseren Blöcken verfchiedener Form,( diefe dienen zum Gufs, fowohl rein als vermifcht( legirt) mit anderen Metallen), oder es wird das Metall bereits als gewalztes Blech oder drittens als durch Zieheifen gezogener oder auf Walzen gewalzter Draht in Bearbeitung genommen. Diefs ift der Standpunkt des heutigen Rohmaterials der Metalltechnik, während vor nicht langer Zeit das Blech erft durch Hammerarbeit hergestellt werden mufste, wie noch heute hie und da die Edelmetalle an entlegenen Stätten vom Arbeiter felbft aus dem fogenannten Zain in Blechform geftreckt werden, namentlich bei getriebener Arbeit. Es ift nicht zu leugnen, dafs das Herſtellen des Bleches zu getriebenen Arbeiten von Seite des Arbeiters demfelben die Möglichkeit gab, die Metalldicke dem Gegenftande anpaffend im Vorhinein zu verſtärken oder zu vermindern und fo das Reifsen der Platten durch diefe feine Kunftfertigkeit zu verhindern, was beim heute fabriksmäfsig dargeftellten Blech allerdings, öfters als gewünſcht wird, eintritt. Ein ebenfalls diefem Jahrhunderte angehöriger grofser Fortfchritt ift das fogenannte Metalldrücken auf der Drehbank. Ueber hölzernen oder metallenen Formen( Futter) werden zahllofe Gebrauchsartikel runder und ovaler Form nun mit Leichtigkeit in vielen Dutzenden in derfelben Zeit hergeftellt, welche durch die Treibarbeit mit dem Hammer kaum ein Stück fertig zu bekommen erlaubt hätte. Die courante Handelswaare hat denn auch hievon den ausgedehnteften Gebrauch gemacht. Faffen wir nun die obenangeführten drei Hauptformen nochmals zufammen, fo werden wir den Gufs aus Blöcken in der verfchiedenften Verwendung zu grofsem Gufse als Statuen, figuralifchem überhaupt, als Gefäfs, Gitter oder als Detail für härter benützte Theile in Anfpruch genommen fehen. Die Vollendung wird hier durch das nachträgliche Cifeliren mit Stahlpunzen, Feilen oder Abfchleifen der Fläche erreicht. Das Blech wird zum Drucken, Preffen oder fogenanntem Abfchlagen mit dem Hammer endlich zu flacher Arbeit in ausgedehntefter Weife in Gebrauch genommen. Die gleiche Vollendung erhält auch die getriebene, fogenannte Hammerarbeit durch die endliche Cifelirung. Letztere tritt hier in ihr vollftes Recht als formende künftlerifche Technik. In bedeutendem Mafse werden zufammengelöthete Blechftreifen zur Fabrication der fogenannten gezogenen Röhren in verfchiedenen Durchmeffern gebraucht. Der Draht zuletzt wird entweder in grofser Dimenſion als Stab gerade oder gebogen, als Stütze oder als Verftärkung, in feinerer Dimenſion zur eigentlichen Drahtarbeit, endlich in den feinften Fäden gezogen zu der uralten und heute noch beliebten Technik des Filigrans verwendet. Die Verzierung der Gegenftände wird aufser der fchon erwähnten Technik der Cifelirung vielfach durch Decoration mit eingeritzten Linien, zumeift durch den Grabftichel( Graviren) erreicht; felten wird Aetzung, hie und da die Guillochirmafchine hiezu gebraucht. Auch das Eindrücken des Bleches in vom Graveur vorbereiteten Stahlformen( Stanzen), das fogenannte Preffen, wird vielfach bei wiederkehrenden Ornamenten angewendet. Die Gravirung ift auch die vorbereitende Arbeit für das Nielliren( fogenannte Tula Arbeit), das Email und die Incruftation. Das Email ift eine der reizendften, weil färbigften Decorationsweifen des Metalls; Glasflüffe, durch Metalloxyde gefärbt, werden entweder in ausgehöhlten Vertiefungen eingefchmolzen( email champlevé, Grubenfchmelz), oder es werden auf dem Metallgrunde die Verzierungen aus fenkrecht auf die Fläche ftehenden Metallftreifen aufgelöthet und dann die Zwifchenräume mit Email ausgefüllt ( email cloifonné, Zellenfchmelz), oder endlich die Flächen werden ganz oder theilweife mit Email überzogen( Spiegelemail wie zu Bijouterien, Uhren etc. etc.). Hierauf bafirt auch das eigentliche Maleremail. Die Damascirung ift eine zweifache und fehr verfchiedene Technik. Das eigentliche Damasciren oder Taufchiren befteht in der Verzierung eines harten Metallwaaren. 11 Metallkörpers( Eifen, befonders vorgerichtetes Kupfer), welcher an der Oberfläche gerauht, gerieft wird mit aufgelegten Fäden eines weich gehaltenen Edelmetalles, Gold oder Silber. Diefe Fäden werden durch zweckmäfsigen Druck und Schlag in die feine Rauhigkeit der Oberfläche eingetrieben und dadurch haftend gemacht. Immer behält aber die Oberfläche des Ganzen die feine rauhe Textur. Das Incruftiren ift eingelegte Arbeit. In die durch den Grabftichel vertieft vorgeftochene Verzierung,( bei gröfseren Flächen wird auch Aetzung gebraucht) werden Gold- oder Silberfäden, nach Umftänden auch ausgefchnittene Bleche des felben Edelmetalls vorfichtig eingeklopft, und in der fchwalbenfchwanzartig gehaltenen Metallvertiefung durch das Ausbreiten in den untern Flächen haftend gemacht; die incruftirte Arbeit wird meift vollständig überfchliffen, fogar polirt; bietet alfo meift eine ganz glatte Textur. Die Schlufsarbeit bildet bei vielen Metallartikeln, abgefehen von den obenerwähnten Decorationsmitteln, die Vergoldung oder Verfilberung bei halb, edlen und das Weifsfieden oder Färben, beim Edelmetall, endlich zumeift bei beiden Gattungen, befonders bei Gebrauchsgegenständen das Glätten oder Poliren mit Stahl und Blutftein. Für Vergoldung und Verfilberung, überhaupt für Ueberziehung eines Metalls mit einem edleren oder in der Farbe günftigeren, wird heut zu Tage beinahe ausfchliefslich, und zwar, was namentlich die Vergoldung betrifft, in ungleich gefundheitszuträglicherer Weife als früher die Galvanoftegie oder galvanifche Contact- Vergoldung und Verfilberung in ausgedehnteftem Mafsftabe verwendet. Ein ganzer Induftriezweig, die fogenannte Chinafilberwaaren Fabrication verdankt der galvaniſchen Säule ihr Leben und hat die fogenannte Plattirung, wo auf unechtem Metall in grofser Hitze aufgebrachte Streifen Edelmetall gewalzt und als beliebig verdünntes Blech verwendet wurden, beinahe aufser Curs gefetzt. Allein auch für viele andere Zwecke dient heute die Galvanoplaftik felbft, das heifst die Herſtellung maffiver Niederfchläge in Hohlformen. Immer mehr Terrain erobernd, finden fich, dem Laien oft gar nicht erkennbare, zahllofe Anwendungen galvanoplaftifcher Details an Gefäfsen aus edlen und unedlen Metallen, wo die Feinheit und Schärfe des Niederfchlages die Cifelirung entbehrlich macht; in erfreulicher Weife zeigt fich auch ihre Anwendung bei der Reproduction älterer Kunftwerke fowohl, als in felbftftändig oft räumlich bedeutenden Schöpfungen. Um überfichtlich zu bleiben, haben wir die folgende Gliederung angenommen: Goldfchmiede- Arbeit in edlen und unedlen Metallen, Kunftgegenstände, Tafelauffätze und Gefchirre; Broncearbeiten und Bronce- Imitation, Arbeiten in Kupfer, Blei, Meffing etc.; Specialitäten in Email, Galvanoplaftik und feltene Metalle. Wir haben bei der Betrachtung der Erzeugniffe felbft die Ordnung eingehalten, wie folche im Induftriepalafte, vom Weftportale an betreten, zu finden war. Grofsbritannien. Unftreitig das Bedeutfamfte an kunftgewerblichen Arbeiten hat hier die Firma Elkington& Comp. in Birmingham ausgeftellt. Seit den früheren Ausftellungen, auf welchen das Haus fchon einen Weltruf erlangte, ift das mufterhafte Streben desfelben ein gleiches geblieben, und es hat mit aufmerkſamfter Sorgfalt Alles und Jedes in fein Bereich gezogen, was einer Metall- Kunftinduftrie würdig ift. Und wie fehr diefs gelungen und von welchem Nutzen die Beharrlichkeit nach einem hohen Ziele begleitet ift, zeigte die jüngfte Ausstellung. Durch die feit Jahren dauernde Mithilfe eines der bedeutendften lebenden Cifeleure, Morel- Ladeuil( Franzofe), ift eine bedeutfame Schulung entstanden welche den Erzeugniffen des Haufes in erfter Linie zu Gute kommt. 12 Carl Haas. Die Entwürfe der Formen werden von dem artiftifchen Leiter Herrn Willms überwacht und theilweife gefertigt, und wenn auch wie bei einem mit Fahnen befteckten Auffatz und einigem Gefäfs den Anforderungen fpecififch britiſcher Kund fchaft Rechnung getragen wurde, fo können wir nicht umhin, dem frifchen Geifte und dem gelungenen Streben, welches die ganze Anftalt durchweht, unfere vollfte Anerkennung zu zollen. Ein reizender Tafelauffatz von Morel in oxydirtem Silber mit damascirtem Eifen montirt, zeigt die eminentefte Technik. Die Erzeugniffe der Fabrik umfaffen das Tafelgeräth in weitefter Ausdeh nung und alle Luxuswaaren, welche die Bronce- Induftrie wie die GoldfchmiedeArbeit vertreten. So waren denn fehr gefchmackvolle Service, namentlich eines mit fogenannter Pompejanifcher Verzierung, einzelnes Vorzügliche an Humpen, Bechern, Fruchtfchalen und Schüffeln ausgeftellt, und meift in den gediegenften Formen durchgeführt. Entfchieden energifch und glücklich ift dem langweiligen Charakter entgegen gearbeitet, der den gewöhnlichen Silberarbeiten fchon durch die weifse Grundfarbe anklebt und zwar durch Oxydirung, vielfärbige Vergoldung und weife Benützung des Emails. In der Emailtechnik war die feit den letzten Ausftellungen von England und Frankreich rafch und gefchickt aufgenommene Technik der orientalifchen emaux cloifonnés vorzüglich vertreten. Es find folche in directer Nachahmung orientalifcher Vorbilder gehalten, übertreffen jedoch an Feinheit der Farbe und forgfältiger Behandlung der Zeichnung fchon beinahe die meiſten ihrer heutigen öftlichen Rivalen. Nur wäre zu rathen, mit mehr Energie auf kräftige Farbentöne auszugehen, die Modefarben weniger in den Kreis diefer edlen Technik einzubeziehen. Vorzüglich techniſch behandelt erfcheint auch getriebene Eifenarbeit an einem Prunkfchild. Der gleichen Durchführung wie an dem echten Silbergeräth begeg neten wir bei den mit galvanifchem Silber überzogen hergeſtellten Gebrauchswaaren. Genaue Erkundigungen bringen uns zugleich hier zur Widerlegung einer vielfach verbreiteten Anfchauung, dafs nämlich Elkington im Befitze eines ficheren Verfahrens fei, das galvanifche Silber in fo glänzender Textur niederzufchlagen, dafs das Poliren der Arbeit überflüffig und nur eine leichte Nachhilfe der Glättung mit der Hand des Arbeiters nöthig fei. Bis heute hat keine englifche noch continentale Verfilberung in folider Weife anderes als Mattfilber geliefert, welches gekratzt, gebürftet und dann mit Stahl und Blutftein polirt wird. Die fogenante glänzende Verfilberung, welche durch Beifügung einiger Tropfen Schwefelalkohol zur Silberlöfung entſteht, ift im Grofsen durchaus nicht verläfslich und auch in ihrem Erfcheinen höchft wechfelnd. Sie wurde zuerft von Smée in feinem bekannten Werke über Galvanoplaftik erwähnt. Hancocks& Comp. Die reiche Ausftellung diefer Firma zeigte Goldund Silberarbeiten der verfchiedenften Formen und Stile. Mitunter prächtige, eben nur in England mögliche Gegenftände, wie z. B. die fogenannte Tennyfonvafe zeigend, fand fich auch ein ausgedehnter Kreis von Tafelgefchirren, Kannen, Auffätzen etc. fowohl in echter als unechter Waare. Im Ganzen wohl zunächft auf den Verkauf berechnet, zeigt die fogenannte Chinafilber- Waare oft fehr Bemerkenswerthes, fo namentlich tüchtig gearbeitete Gefäfse mit Glanz und matt gebrannten Flächen. Im Ganzen wäre aber feiner Gefchmack dem Entwurfe zu wünſchen, und ift die künftlerifche Richtung des Ganzen ziemlich ftarr in echt englifchem Gefchmack befangen. W. J. Thomas, London, zeigte technifch gelungen gefertigtes, aber formell ziemlich unbedeutendes Tafelgeräth. Shaw& Fifcher brachte gute Verkaufswaare mitunter ältefter Façon, aber folid und tadellos gearbeitet. Metallwaaren. 13 In Broncegegenständen find vor Allen R. W. Winfield& Comp. zu erwähnen. Diefe grofse Anftalt erzeugt glatte und façonnirte gezogene Rohre in mitunter koloffaler Dimenfion, aufserdem aber auch vorzügliche Metallarbeit an Bettgeftellen, Candelabern, Lufter etc. Die Arbeit war tadellos und befonders gelungen das Behandeln des Metalls durch Mattbrennen und Hebung des Farbtones durch ausgezeichneten Metallfirnifs. Aehnlich gelungen ein Bettgeftell von Bronce von Peyton& Peyton, Birmingham. Specififch engliſch find die folid und gefchmackvoll gearbeiteten, aus Eifen in Verbindung mit Bronce hergeſtellten Von couranten BronceKaminftänder der Firma Feetham& Comp., London. waaren find namentlich die Arbeiten Betjeman and Sons, London, zu erwähnen. Aehnlich wie die bekannten Wiener Artikel, vergoldete Albumdeckel, Coupes, Vafen, mitunter in recht gelungener Verbindung mit Moſaik und gemaltem Email gehalten. Die berühmte Britanniametall- Fabrication Englands repräfentirten Shaw & Fifcher in Sheffield und R. Broadhead& Comp. ebendafelbft. Letztere namentlich exponirte meift gefällige und fehr handliche Formen. In finnreicher Weife find an Gegenständen, wie Kannen und Rechauds die Punkte, welche dem Feuer beim Gebrauche ausgefetzt find durch Porzellantheile gefchützt. Vorzüglich war auch die Verfilberung des Metalls. Von Intereffe waren die von John Neal in London gebrachten Proben in Stahl und Silberlegierung in Anwendung auf Mefferklingen und Gabeln. Das Metall foll der Oxydirung vollkommen widerftehen und läfst fich aufserdem gut vergolden. Der Ton der Pyro- Silver getauften Legirung ift etwas gelblich- grau. Die Galvanoplaftik war von Elkington und Franchi and Son würdig repräfentirt; namentlich Letztere ftellten eine reiche Suite von Reproduction nach älteren Kunftwerken aus, welche in anerkennenswerther Weife gefertigt waren. Nur wäre zu bemerken, dafs durch das entfchieden Moderne der brillanten Vergoldung, die oft abgenützte Textur der Oberfläche, namentlich bei Gegenftänden, welche älteren Originalen nachgebildet find, in unangenehmer Weife den Gefammteindruck beeinträchtigt. Elkington brachte reizende Schilde und Coupes fowie auch gelungene Erzeugniffe an Leuchtern etc. in maffivem Silberniederfchlag. Von grofser Wichtigkeit find die aus Platin gefertigten Gegenftände des Haufes Johnfon, Mathey& Comp. in London. Bei uns ganz ohne Vertretung, befchränkt fich die Platinfabrication auf welche England und Frankreich. Auch Deutſchland hat in Hanau eine Firma, diefe Specialität cultivirt, aufzuweifen. Die Silberfcheide- und Schwefelfäure- Apparate zeigten eine tadellofe Arbeit, und technifch mufs namentlich die Löthung hervorgehoben werden, welche nach Angabe ohne Gold gefertigt fein foll. Ein Barren- Palladium als Nebenproduct im Werthe von 48.000 fl. gibt einen Begriff des Werthes und Umfanges der Fabrication. England's Colonien. Indien. Indien ift das einzige Land des Orientes, welches, wenn auch mit Europa fchon 1500 Jahre vor unferer Zeitrechnung in Verbindung, durch glück liches Zufammentreffen äufserer Umftände feine ureigene Civilifation, foweit diefelbe fich im Kunftgewerbe Ausdruck verfchafft, ziemlich intact erhalten hat. Wenn auch theilweife arabifchen Einflüffen nicht widerftehend, ift doch eine fo durchgreifende Aenderung des Einheimifchen in Indien nicht fo allgemein nachzuweifen wie bei den Perfern und der muhamedanifchen Kunft überhaupt, und bei der ganz merkwürdigen Stabilität der Verhältniffe in Indien, wo heute noch die Arbeiter mit den primitivften Werkzeugen von Gefchlecht zu Gefchlecht die Modelle ihrer 14 Carl Haas. Ahnen wiedergeben und bei dem herrfchenden Kaftengeifte, der die Standeswahl unmöglich macht, fich immer neu ergänzen, ift die heutige Arbeit mit aller ihrer Vollendung der treue Spiegel uralter techniſcher und künftlerifcher Fertigkeit. Durch die wiederholten Ausftellungen haben fich die indifchen Kunstgewerbe bei uns auf einen hohen Rang gehoben und für manche Branchen geradezu als die Grundlagen einer vernünftigen Regeneration des abendländifchen Gefchmackes erwiefen. Ausdrücklich mufs jedoch noch bemerkt werden, dafs trotz der Continuität der Ueberlieferungen wir keineswegs einer erftarrten Kunft gegenüber ftehen, welche in geiftlofer Weife ererbte Vorbilder copirt, fondern dafs der heutige Hindu, in eigener Erfindung dem Geifte feiner heimifchen Kunft treu, deren Principien in unerfchöpflicher Mannigfaltigkeit verwendet. Lange wird es noch dauern, bis der eigentliche Arbeiterkreis Europas der vorzüglichen, wirklich künftlerifchen Handfertigkeit Indiens nachkommt. Wirklich vom Arbeiter ausgehend, durch beinahe lebenslängliche Uebung desfelben techniſch gehoben, und nicht auf die Zeichnung eines Zweiten wenn auch noch fo gewandten angewiefen, felbft dem Schöpfer des Werkes im vollften Sinne des Wortes entftammend, beruht eben der Reiz und Vorzug diefer Arbeiten auf der Freiheit, mit welcher fie erfunden und gemacht find. Wie diefs bei den meiften älteren Culturvölkern der Fall ift, fo finden wir auch hier, dafs, je älter die Mufter find, an welche fich eine Arbeit lehnt, defto einfacher auch ihre äufsere Erfcheinung ift. So finden wir namentlich Schmuck von hochalterthümlicher Form als einfachfte Spangen und Ringe, wie auch bei uns Gräberfunde der Vorzeit zeigen, heute noch vielfach dort in Gebrauch. Da die Ausftellung vom Staate aux befchickt war, fo ift es allerdings oft unmöglich gewefen, dem Erzeuger nachzuforfchen, und wir wollen daher nur nach localen Kunftftätten eine kleine Ueberficht verfuchen. Bemerkenswerth ift die grofse Ausdehnung, welche die Anwendung des Silbers zu Schmuck und Geräth gefunden hat. Namentlich zu einfachem Schmuck fcheint diefes Metall an vielen Orten dort geradezu allgemein verwendet zu werden. Die Formen, oft fehr primitiv an einander gereihte Ringe, maffive, ovale und runde Spangen, daneben Einzelnes, was geradezu an Merowingiſche Funde oder Karolingifche Arbeiten erinnert, fo namentlich einzelne Armfpangen mit viereckig gefafsten Smaragden. Aus dem Pundjab fahen wir Gefäfse, weitbauchig mit fchlankem Hals, oben fich trichterförmig erweiternd, in mancherlei Modificationen in Silber getrieben, die Fläche felbft mit mannigfaltigfter Verzierung fowohl cifelirt als auch gravirt; daneben auch für moderne Zwecke Theegefchirre mit riefigen Kannen, in eigentlich plumper Hauptform, aber noch mit reizenderAetzung und Gravirung ornamentirt. An den dort üblichen Wafferpfeifen, den Hooka's, fanden fich zahlreiche abwechslungsreiche Formen in Zinn ausgeführt; diefes, fchwarz gefärbt und mit weifs gelaffenem Silber in Sternen und fonftigem Blatt- oder Blumenornament befchlagen in einer der Taufchirung verwandten Technik. Ebendort auch zierlichfte SilberFiligranarbeiten in Blumen und Kugelform. Befonders aber neben eminent gearbeiteten Goldfiligrans prachtvoller reicher Goldfchmuck in Armbändern, Ohrringen und Halsgefchmeide, an welchem das geradezu edelfteinartige Email in wundervoller Farbe und Transparenz zu bewundern war. Gerade von diefem fo hervorragenden technifchen Zweige bot die heurige Ausstellung leider fo wenig, während die Londoner Ausftellung vor einigen Jahren geradezu wunderbare Arbeiten in emaillirtem Goldfchmuck zeigte. Auch aus Bombay und Umgebung war neben gewöhnlichem Landesfchmuck in antikifirenden Formen mit Filigran und gefchlagenem fchwämmeartigen Gehänge, Vieles in Gefäfsen aus Silber mit vorzüglicher Cifelirung, aber in den einfachften Hauptformen ausgeftellt. Die von hier gebrachten Goldfchmuck Gegenftände zeichneten fich durch prachtvolle dem ôr Moulû der Franzofen ähnliche Färbung aus, während andere Metallwaaren. 15 Erzeugungsorte, wie z. B. Ceylon feinen Filigranfchmuck im ungefärbten Blafsgold hielt. Hier waren die meiſterhaften Taufchirungen auf eifernen Kännchen und Schüffeln, Schmuckkäftchen und Vafen, Meffern und Scheeren aus Bedree zu finden. Die aufgefchlagenen Goldfäden find in reizendem Ornamente, wie ein Netz das Eifen umfpinnend, angebracht und dabei von einer Freiheit der Behandlung, welche das Mühevolle derfelben ganz vergeffen läfst. Ebenfo erregte die Billigkeit diefer Arbeiten geradezu Erftaunen. Taufchirte Schalen waren von 30 bis 40 fl. erhältlich, die in Europa nicht unter 300 bis 400 fl. gefertigt würden. Auch auf älteren und neueren Waffen, Beilen, Lanzenfpitzen, Säbeln, Dolchen und dergl. fowie an den prachtvollen Schutzwaffen und Rüftungsftücken, wie folche im Mittelpavillon zu fehen waren, fanden fich koftbare Beiſpiele taufchirter fowie inkruftirter Arbeiten, Aus Myfore fanden fich Gefäfse von Silber und Meffing von oft abenteuerlicher, oft fehr fchöner Form, deren Aufsenfeite mit gravirtem und gefchwärz tem Ornament bedeckt war. Einzelnes in der Technik höchft nachahmenswerth, fo z. B. eine quadratifch gehaltene Bänderverfchlingung, in der Mitte des Viereckes ftilifirte Blätter enthaltend, wo dann der Raum daneben mit Perlpunzen mattirt erfchien, die Ornamentblätter dagegen glattglänzend fich abhoben. Aus Madras waren wieder Gefäfse aus Meffing, die eingelegte Kupferornamente enthielten, die Verzierung ganz ausgefchnitten und dann mit Punzen befeftigt; theilweife fchien das Kupfer förmlich in ganzer Stärke mofaikartig eingefetzt. Der Effect war ein überraschend harmonifcher. Ebenfo fand fich auch Silber in ausgefchnittenen Blechftücken eingelegt, dann verhämmert und nachträglich cifelirt. Von minderer Wichtigkeit, mehr originell als fchön, war noch in grofser Mannigfaltigkeit manch' Geräth zum Hausgebrauch in Gufs und Treibarbeit, geglänzt und matt. Kaum eine der üblichen Metalltechniken war unvertreten, in den meiften aber eine vorzügliche Arbeit zu finden. Spanien. Das fchöne, leider durch den unfeligen Bürgerkrieg lahmgelegte Land war zwar nur fpärlich auf der Ausftellung vertreten, zeigte aber in dem Wenigen einen höchft beachtenswerthen Standpunkt einzelner Techniken. Vor Allem feien die Fabricate des Eufebio und Placido Zuloaga aus Eibar in Guipuzcoa erwähnt: Damascirungen in Silber und Gold auf Stahl und theilweife auch auf befonders gehärtetem Kupfer. In diefem Fache einen Weltruhm geniefsend, hat der Schöpfer der heutigen Fabrik durch unabläfsiges Studium und das glückliche Zufammentreffen, in feinen Söhnen bedeutfam künftlerifch befähigte Gehilfen zu finden, einem faft vergeffenen Zweige der Metalltechnik neues und fogar erhöhtes Leben eingeflöfst. Denn fagen wir es nur gleich, feine hervorragenden Arbeiten find beffer noch gemacht, als die meiften Renaiffancearbeiten derfelben Gattung. Es waren Schilder, Schalen, Schreibzeuge und Vafen ausgeftellt, welche zu den gediegenften Leiftungen der ganzen Gattung zu rechnen find. Von wirklich eminenter Arbeit ift auch eine mit getriebener Darftellung reich verzierte Schüffel zu erwähnen. Sogar Gegenftände des Kleinbedarfes, wie Manchettenknöpfe, Brochen etc., find mit diefem Decorationsmittel verfchönert, das urfprünglich zumeift den Waffen ihren fchönften Schmuck verlieh. Eine kleine Schaar, meift ehemalige Gehilfen Zuloaga's, treibt mit mehr oder weniger Gefchmack, aber meift in fehr gelungener Technik, die Taufchirarbeit, und fo hat ein ganzer Gewerbezweig fich durch das rüftige Vorkämpfen eines Mannes neu belebt und entwickelt. 2 16 Carl Haas. Hier wäre zu nennen Soldevilla in Madrid mit taufchirten Waffen, Ybarzabal in Eibar mit einer Collection Rahmen und Becher als intereffante Specialität, Alvarez in Toledo, der die maurifchen Ornamente feiner Heimat mit Glück in diefem Gebiete verwendete. Eminent war der Prachtfchild mit getriebener Arbeit und zierlichen Inkruftationen aus der Fabrica de Toledo. Von Filigranarbeit war ein hübfches Beiſpiel an einer Vafe von F. G. Gomez in Salamanka ausgeftellt. Die fchwierige Form war mit Glück überwunden, die Technik namentlich im Löthen vorzüglich. Metallgufs gröfserer Dimenfion war wenig bemerkbar, am bedeutendften war derfelbe durch P. Ifaura in Barcellona vertreten, deffen gröfsere Broncekreuze, Leuchter u. f. w. eine kundige Arbeit zeigten. Die farbigen Verzierungen waren in kaltem( Firnifs) Email aufgetragen. R. Efpunes in Madrid ftellte Tafelgefchirr in banalen Formen und einige gelungene Vafen von verfilbertem Packfong, Moratilla ebendafelbft, Ordensketten, Kelche etc. aus. Portugal. Wir geftehen, dafs die Erwartung, mit welcher wir die Ausftellung diefes Landes betraten, eine Erwartung, welche auf dem in der letzten Parifer Ausftellung Gebotenen fufste, leider nicht in dem Mafse unferer Zuverficht fich erfüllte. Portugal, ein Land, in welchem glorreiche Traditionen diefer Technik beftehen, ein Land, dem lange Zeit das Gold Afrikas und die Juwelen Indiens und Brafiliens zu Gebote ftanden, das alfo eine hundertjährige Uebung in der edlen Goldfchmiede- Kunft befitzt, hatte in fehr kleinem Mafsftabe fich an unferer Ausftellung betheiligt. Von gröfseren Arbeiten, Schüffeln, Kannen etc. war nichts zu fehen und wenn nicht einige wenige Photographien aus der im palazzo de neceffidades zu Liffabon aufbewahrten Sammlung portugiefifcher Goldarbeiten älteren Datums vorhanden gewefen wären, man würde nicht daran glauben, dafs diefes Land in Paris die Monftranze von Belem, diefes Prachtftück kirchlicher Goldfchmiede- Arbeit, nebft fo vielem Hochintereffanten zur Anficht brachte. Wir wollen nicht glauben, dafs diefe glorreichen Traditionen ganz verklungen find, und fehen in dem Vorliegenden, dem Schmuckfache angehörige Gegenstände, wenigftens einen Zweig in blühendem Betriebe. Es waren zumeiſt Filigranarbeiten, die hier ausgeftellt waren, und zwar in vorzüglicher Technik, fowohl was die Linienführung als die Löthung betrifft, hie und da mit Glück an dort erhaltene maurifche Mufter fich anlehnend. Es waren da reizende Brochen, Armbänder und Ohrringe in Silber, Email und Gold. Die Verfertiger waren Geroninho und Silveira in Porto, einer altberühmten Stätte für Filigranarbeit, nationalen Schmuck überhaupt, und Monrao und Irma o in Liffabon. Einzelnes fo zierlich und zugleich modern elegant, dafs hier ein Schritt gefchehen fcheint, dem fo lange verpönten Filigran den Eintritt in die feine Gefellfchaft zu eröffnen; ein Schritt, der nur für Publicum und Techniker vom beften Erfolge wäre. Frankreich. Die Ausftellung Frankreichs war eine vorzüglich angeordnete und höchft lehrreiche. Von wirklich künftlerifchem Gefchmacke geleitet, gab fie ein faft vollftändiges Bild der heutigen Metalltechnik Frankreichs. In faft wunderbarer Weife erfchienen die koloffalen Hilfsquellen diefes grofsen Landes, welches nach fo blutiger, erfchöpfender Kriegszeit einen folchen Aufwand von geiftiger und materieller Kraft, unterftützt durch eine unverwüftliche Kundfchaft, zu Tage gefördert hat. Nur in einem Momente möchte man dem Kriege feinen Einflufs vindiciren, Metallwaaren. 17 es ift nämlich bei dem kurzen Zeitmafse mehr auf eine würdige Repräsentation auf der Ausftellung gefehen worden, als dafs an eine Verarbeitung der Confequenzen der vorhergehenden Ausftellung gedacht wurde. Diefe hatte die Einfichtigen durch ernftes Nachdenken zu dem Refultate gebracht, dafs im grofsen Ganzen auch hier dem grofsen Umfchwunge, den die Gefchmacksrichtung Europas erfahren, Rechnung getragen werden müffe. Gewifs hätten wir bei der hohen Intelligenz der hervorragenden Führer ein lehrreiches Bild neuer Schöpfungen im Sinne diefer, auf ftilvolle und geläuterte Form abzielender, modernen Kunftbewegung gefehen, während diefsmal eigentlich ziemlich unverändert, nur in Einzelheiten vorgefchritten, fich die immerhin impofante Ausftellung ähnlich der vom Jahre 1867 entrollte. Und daher kommt es, dafs namentlich, fo brillant alle diefe Broncen waren und fie waren es in der vollen Bedeutung des Wortes doch, nachdem der erfte bewältigende Eindruck vorüber war, den eigentlichen Kunftanforderungen kein vollkommenes Genüge geleiftet wurde. Es bleibt uns kein tieferer Eindruck, wir können unfer äfthetifches Gefühl nur aufgeregt, nicht befriedigt nennen. Wenigftens war diefs von der Allgemeinheit der Fall. Einzelnes war auch hier mufterhaft. Es ift das die Folge des ein feitigen Strebens nach Gefchmack und Effect, das die Mehrzahl beherrscht, getragen von einem äufserft glücklichen Können des Arbeiters, der die gewagteften Arbeiten unternimmt, um eben zu imponiren, zu blenden. Nichtsdeftoweniger ift für uns alles diefs von höchfter Wichtigkeit und unferen, auf dem beften Wege befindlichen Fabrikanten, namentlich vom technifchen Standpunkte aus, in eindringlichfter Weife das Studium derfelben zu empfehlen. Allen voran glänzen die beiden Namen Chriftofle und Barbedienne, fowohl durch die künftlerifche Anlage, als durch die impofante Entfaltung ihrer Ausftellung. Chriftofle hat vornehmlich das Tafelgefchirr und Geräth in wei tefter Ausdehnung fich zum Vorwurfe genommen, während Barbedienne auf die hohe Kunft ftreifenden Erzeugniffe, in prachtvollen Emails und mit Benützung des der Firma eigenthümlichen Verfahrens der mathematiſchen Reduction plaftifcher Gegenftände,„ procédé Colas", in Wiedergabe bekannter Meisterwerke der Vor- und Jetztzeit, feinen Schwerpunkt legt. Das Haus Chriftofle hat bekanntlich in Frankreich einem höchft wichtigen Induftriezweig, der Erzeugung des galvanifch verfilberten Tafelgefchirres, in reichfter Entfaltung Leben gegeben und durch die forgfältige Behandlung der Formen auch den äfthetiſchen Anforderungen hiebei befonders Rechnung getragen. Wir fchlagen gerade diefes Moment hoch an, da hier, wie leider oft zu fehen ift, nur zu leicht banale und geradezu häfsliche Geftaltungen den Markt beherrschen. Wenn auch hier nur an die prachtvollen Service, die Chriftofle der Stadt Paris geliefert( Ausftellung 1867, Paris), andeutungsweife erinnert werden kann, fo war doch auch diefes Mal eine reiche Auswahl oft wirklich reizender Formen in Kannen, Taffen, Bechern und Leuchtern vorhanden. Vollkommen auf der Höhe technifcher Entwicklung ftehend, fah man alle Metalltechniken hier vertreten und in Anwendung gebracht. Ebenfo ift dem wichtigen Elemente der Farbe fo weit als möglich Rechnung getragen, um das ftarre, glänzende Weifs des Silbers in möglichfter Befchränkung zu fehen. Die galvanifche Verfilberung wurde bei den Löffeln und Beftecken überhaupt mit Zuhilfenahme der neueften Entdeckungen gehandhabt. Durch einfache, mechanifche Vorrichtungen werden die Gegenftände im Silberbade in fortdauernder Bewegung erhalten, fo dafs jene dem Praktiker bekannten Unregelmäfsigkeiten des Niederfchlages vermieden werden. Anderfeits ift durch finnreiche Wägeapparate für die Beftimmung der für ein Couvert nothwendigen Silbermenge vorgekehrt. So ift es auch möglich, dafs die von der Firma Chriftofle gelieferten Beftecke eine genaue gleichbleibende und genügende 2* 18 Carl Haas. Menge Silbers zum Ueberzuge erhalten. Befonders hervorzuheben ift die Mannig faltigkeit der Formen für die gewöhnlichen Couverts, welche in einer Abwechslung von 33 Muftern erzeugt werden. In der Ausftellung waren an echter Silberwaare ein reizendes Silberfervice mit grüner Vergoldung; zunächst ein Prachtfervice für Kaffee, mit wirklich künftlerifch ausgeführter Decoration; die Metalltaffe, welche die Kanne trägt, auf ftilvollen Sphynxfiguren gelagert, ringsum auch die reich behandelte Untertaffe, Schalen mit Metall, welche mit Email umgeben find. Das Service, im Preife von 18.000 fl., fand einen inländifchen Käufer. In verfilbertem Packfong( Alfenide) ragten vor Allem zwei grofse, reich ausgeftattete Tafelfervice hervor mit grofsen Mittelftücken für Blumen nebft allem Nebenzugehör in Verbindung mit Kryftallglas. Das eine im Renaiffanceftile ruht auf zierlichenKinderfiguren, das andere, reicher gehalten, mit faft zu üppig wuchern dem Detail mit Verzierungen auf vergoldetem Grunde. Einzelnes an Tellern und Schüffeln in überaus zierlichem Blätterornament ift noch zu erwähnen, leicht erhoben auf vertieftem ebenfalls wieder vergoldetem Grunde. Die Decorationsweife ift als fehr gelungen zu betonen und empfehlenswerth zum Studium. Um einen kleinen Schatten in der äfthetifchen Wirkung hervorzubringen, fehlte auch die unvermeidliche Serviettenimitation auf einer Schüffel nicht. In enger Beziehung zu diefem Tafelgeräth waren auch eigentliche Schauftücke für Zimmerdecorationen zu fehen, von deren Fülle hier nur einer grofsen Vafe in Form einer antiken Amphora Erwähnung gethan fei, welche, von zwei Figuren umgeben und geftützt, das umgekehrte Verfahren zeigte. Die Flächen waren in mattem Silber gehalten und das reiche, halberhobene Beiwerk in zarte Vergoldung, das Ganze in feiner Empfindung antiker Originale. Von dem Hildesheimer Silber und dem, was Chriftofle nach den Originalen in galvanifchen Copien, deren fpäter gedacht werden wird, zur Ausstellung brachte, wurden mitunter in etwas gewagter Weife Umänderungen der Hauptmotive für heutige Zwecke in Service- Beftandtheilen verfucht. Noch fei fchliefslich bemerkt, dafs befonders kunftvolle Treibarbeit nicht" vertreten war, und Gufs- oder Galvanoplaftik in reichlichem Mafse zur Verzierung in Anwendung kamen. Das Wenige, welches hierher gehörig von Barbedienne ausgeftellt war, trug das Gepräge vollendetfter Ausführung; fo Silberleuchter, von Sevin gezeichnet, von Atarge cifelirt, eine merkwürdige, den beften Vorbildern entnommene Arbeit; grofse dreiarmige, verfilberte Bronceleuchter, Stil Louis XIV. in nobler, brillanter Weife gehalten. Ein Renaiffance- Weinfervice, in Silber ausgeführt, war zur Zeit nur durch feine ebenfalls vorzüglichen Modellftücke repräfentirt. In befcheidener Weife, aber tüchtig gearbeitet und in zierlichen Formen, war die kleine Expofition des Haufes Moulin aux in Paris gehalten. Eine Specialität in echtem und unechtem Metall bildeten die gefchmackvollen Gegenftände von Emile Philippe. Es waren reizende, kleine Sächelchen, Schmuckkäftchen, Flacons, Leuchter in Gold, Silber und Bronce ausgeführt. Meift an gröfseren Gegenftänden war das Ornament mit Zuhilfenahme der Aetzung hergeftellt, wo dann die erhoben gebliebenen Theile in reichfter Weife mit Gravirung und zwar in höchft beachtenswerther Art gegliedert waren. In den Kunftbroncen( bronces d'art) trat in geradezu impofanter Weife zuerft Barbedienne uns entgegen. Wenn der Stil den Menfchen macht, fo wäre man verfucht, zu fagen, die Art einer Ausstellungsmethode kennzeichnet die Intelligenz des Ausftellers. In der felbftbewufsten, vornehmen abgefchloffenen Weife der Barbe dienne'fchen Ausftellung fühlen wir es von vorneherein, mit einem Manne zu thun zu haben, welcher ein hohes Ziel vor Augen und vor feinem eigenen Können und Wollen Refpect hat. In feiner Weife an der Spitze feiner Branche ftehend, hat Barbedienne in jedem Artikel das ernfte Streben, vor Allem künftlerifche Metallwaaren. 19 Form zu zeigen. Franzofe durch und durch, hat er Manches freilich in zu pathetifchem Tone gehalten und der theatralifche Charakter der modernen franzöfifchen Kunft ift in Allem zu fpüren. Daneben aber bewundern wir die Energie und Hingebung des Mannes, der, in den Zeiten der Ungunft feft auf fein Ziel fchauend, trotz manchem Hemmnifs fo beharrlich vorgefchritten ift. Das Haus Barbedienne hat das Verfahren, Colas", die Vergröfserung oder Verkleinerung plaftifcher Gegenftände in mathematiſch genauer Weife, mittelft einer dem Storchenfchnabel ähnlichen, mechanifchen Vorrichtung acquirirt und liefert vollkommen getreue Nachbildungen claffifcher und moderner Statuen in Bronce in verfchiedenen Gröfsen. Ein merkwürdiges Stück diefer Art waren die Verkleinerung der Thüren Ghiberti's am Baptifterium von Florenz. Diefe Thüren, im Originale 7 Meter hoch, find hier in der Gefammtlänge von 3 Meter 50 Centimeter reproducirt und geben mit der Einfaffung in Bronce gegoffen, die Füllungen vergoldet, einen impofanten Gefammteindruck. Befonders bemerkenswerth waren: Die Copie der Statue des Auguftus, Original in Rom, in der natürlichen Gröfse des Originals, dabei ift der Preis von 12.000 Francs in Anbetracht der vorzüglichen Ausführung in Bronce keineswegs hoch zu nennen. Von Copien moderner Bildhauer, Clefinger's Zingara und Aizelin's Pfyche. Letztere nach einem Marmororiginal in fogenannter Bronce- ôr, das heifst vergoldeter und darnach platinirter Bronce ausgeführt. Daneben in echt franzöfifcher Auffaffung eine griechifche Statue und der Gefangene des Michel Angelo als Lampenträger verwendet. Aeufserft intereffant in der Gefammtwirkung war eine Folge von vier Kaminen fammt Auffätzen zur Decoration in Marmor und Bronce mit Email eingelegt. Man fah an zwei derfelben Emails in der Weife der fogenannten Limoges in vorzüglicher Ausführung von Save gemalt. Einer zeigte eine prachtvoll wirkende Einrahmung von platinirter Bronce in glänzendftem Schwarz. Ein brillanter Schrank von Ebenholz mit eingelegten und aufmontirten Broncedecorationen enthielt noch einige wahre Meifterwerke: fo eine Caffette von Bronce mit inkruftirten, theilweife erhabenen Gold- und Silberverzierungen in wirklich vollendetefter Weife von Attarge cifelirt, freilich bei dem Preife von 15.000 fl. eine für wenige Bevorzugte erreichbare Acquifition, dann eine fogenannte Coupe meduse und eine kleinere Coupe mûres, von dem Maulbeer- Ornament benannt, wahre Meifterwerke der Treibkunft, erftere mit vorzüglichen Gold- und Silberincruftationen. Es wäre noch Vieles zu verzeichnen, allein es genüge die Hinweifung auf das Gebotene, welches das Gefammtbild einer Mufteranftalt entrollt. Zunächft jenen feinen echten Metallincruftationen find die ganz vorzüglichen galvanifchen des Haufes Chriftofle zu erwähnen. In kleinen Verfuchen auf der letzten Ausftellung in Paris erfcheinend, hat diefe ganz befondere Specialität einen bedeutenden Auffchwung unter der gefchickten Leitung und der Ausdauer Chriftofle's erhalten. Gröfsere und kleinere Artikel, Candelabres, Coupes, Leuchter, Becher und dergl. mehr, im angenehmen rothbraunen Bronceton gehalten, zeigen feine, zierliche Ornamente in Silber oder Gold eingelegt. Das Verfahren ift jetzt bekannt und befteht in der Aetzung der Oberfläche des Gegenftandes durch Scheidewaffer an beftimmten, in dem Aetzfirnifs, womit das Ganze überzogen wird, ausgefparten Stellen; in die fo erhaltene Vertiefung wird auf galvanifchem Wege Silber oder Gold niedergefchlagen, welches feft haftend die Vertiefungen ausfüllt. Zuletzt wird die Oberfläche gefchliffen, das Kupfer und Silber in gleiche Ebene gebracht und durch Oxydirung mit verfchiedenen Säuren dem Kupfer eine paffende Farbe gegeben. Auch ein brillanter Kaften, an welchem der Erfinder, Architekt Roffigneaux, alle technifchen Errungenfchaften des Ateliers zufammengefafst zum Ausdrucke brachte, enthielt zahlreiche fehr gelungene Anwendungen diefer neuartigen Technik. 20 Carl Haas. Das Stilvollfte unter Allem war eine grofse im Antikftile gehaltene Vafe, gezeichnet von M. Reiber, in wirklich ftaunenerregender Weife durch Incruftation decorirt. Zu der Serie der eigentlich par excellence fo zu nennenden Broncefabriken übergehend, ift die Aufgabe wirklich fchwer. Eigentlich wären faft Alle zu nennen, denn auch die Minderen zeigen eine Gewandtheit der Technik, welche Erftaunen erregt; wir befchränken uns nur auf die dringende Hinweifung, dafs hier Jeder lernen konnte, natürlich nicht durch blinde Nachahmung, fondern verftändiges Forfchen nach den Urfachen der Erfolge. Die Erzeugniffe diefer ganzen Gruppe erftrecken fich von der grofsen Statue bis zum kleinen Handleuchter und dabei in der verfchiedenen Behandlung durch Färbung der Bronce, deren eigentlich eintöniges Anfehen durch Firniffe, Säuren, Vergoldung oder Verfilberung etc. manchmal durch combinirte Methoden erzielt wird, untereinander in wechfelvollen Gegenfatz gebracht.- Selbftverſtändlich hat auch die Intelligenz und der künftlerifche Gefchmack des Einzelnen, je nach feinen Intentionen, durch Heranziehen vorzüglicher Modelleure feinen Fachgenoffen Rivalität geboten. Wenn wir die echten Broncefabricationen betrachten, fo führt gewiffermafsen die bekannte Firma G. Deniére den Reigen an. Hervorzuheben find zwei weibliche Figuren in techniſch höchft gelungener Ausführung, faft lebensgrofs, mit dunkel ftahlgrüner Patina als Lampenträger; ein grofser Marmor. kamin im Stil Ludwig XV.; Kamingarnituren, Uhr, Candelaber und kleine Leuchter in verfilberter und oxydirter Bronce mit Einlage in Limogesemail; dann einzelnes Reizendes an Statuetten, fo namentlich eine Diana und viele Gegenftände in polirtem Meffing, einem heute modernen, wenn auch namentlich für feine Objecte nicht fehr künftlerifch anmuthendem Genre. Bagués Eugen zeigte eine Specialität hierin, er hat nämlich in taktvoller Weife den Kreis feiner Modelle namentlich in älteren Gegenftänden gefucht, deren gelungene Nachbildung das kalt Glänzende durch wohlthuende, gedämpfte Farben verhüllt. Boyers Broncen, Statuetten und Uhren, find gut, aber etwas theatralifch im Effect, dagegen Bouchon fehr tüchtige Kaminvorlagen in ſchönen Formen brachte. Cornu& Comp. zeigte in reicher Ausftellung diverfe Bronce in Verbindung mit Marmor und algier'fchem Onyx und brachte auch fehr Gelungenes in Emailverzierung an Garnituren. Houdebine Henri ift namentlich wegen der Auswahl feiner durchgängig guten Modelle, feiner gediegenen fchönen Vergoldung zu erwähnen. Aehnlich wie Cornu verbindet auch G. J. Lewy feine Bronceartikel mit Unterfätzen oder ganzen Hauptbeftandtheilen von grauen oder rothen Marmor; aufserdem waren von ihm hübfche kleine Geräthe von polirtem Meffing exponirt. Diefe letztere Specialität hat auch recht glücklich in der Ausftellung Auguft Lemaire vertreten. Wenn wir nun noch Raingo frères, deren Arbeiten im foliden Stil gehalten, ein befonders feines Mattgold zeigten, Servant mit feinem glücklich verwendeten Email champlevé und die wirklich delicat ausgeführten Thierftatuetten von Pautrot& Vallon erwähnen, fo ift das Wefentlichfte der Gruppe wohl angedeutet. Noch eines Stückes fchliefslich zu gedenken, führen wir die reizende Kinderfigur einen Hahn tragend an, mit welchen Louis Martin nach Cecioni's Modell ein köftliches Genreftück gefchaffen hat. Wefentlich verfchieden von den vorhergehenden find die Broncegüffe von Thiebault& fils in Paris. Es war diefs eine fehr lehrreiche, leider nicht ganz günftig aufgeftellte Sammlung von Güffen in grofsen und kleinen Exemplaren, deren Modelle meift von bedeutenden Bildhauern herrührten. Es war da ein reelles Streben ohne in befondere kokette Färbungen zu verfallen. Einen hohen Grad von Meifterfchaft im Giefsen und Formen bekun Metallwaaren. 21 deten Stücke, welche fo, wie fie aus der Gufsform kommen, aufgeftellt waren und dem Praktiker tiefen Einblick in die finnreich angelegten Gufscanäle und Abzüge eröffneten. Durch die auf dem fchwierigen Wege der Erfahrung erlangte richtige Herrichtung der Gufsform haben die Franzofen bis jetzt den erften Rang im Broncegufs der Jetztzeit bis heute behauptet. Die Broncefabrication hat fich felbft einen Rivalen herangezogen, auf welchen wir grofses Gewicht legen. Es ift die Bronceimitation, durch galvanifch broncirten Zinkgufs. Flink wie die Franzofen find, haben fie das Zink, welches zuerft in Deutfchland in Auffchwung kam, ergriffen, in feinen Eigenthümlichkeiten ftudirt, und heute fehen wir eine Reihe von Exponenten, deren Werke der Kenner felbft für Broncegufs halten würde, wäre nicht der billige Preis, der die Aufmerkfamkeit rege macht. Kaum den vierten Theil der echten Broncegüffe koftend, find diefe Werke fo recht danach angethan, mäfsigen Luxus im befcheidenften Haufe einzuführen. Hier ift ein weites Feld des Eingreifens und Studiums für die Fachleute offen. Im Allgemeinen unter fich auf ziemlich gleicher Stufe ftehend, wollen wir nur die Firmen Oppenheimer, Garnier, Blot, Lefebre erwähnen, welche das Befte an Statuetten, Candelabern, Uhren, Gruppen etc., und zwar in einer Vorzüglichkeit des galvanifchen Ueberzuges zeigten, welche geftattet, Vergoldung, Verfilberung, ja Vermeffingung in einer Stärke, welche das Poliren aushält, anzuwenden. Die Güffe felbft gefchehen faft durchgehends in zerlegbaren Meffingformen; das gefchmolzene Zink wird rafch eingegoffen und nach dem Erftarren der Oberfläche das dann innen noch Flüffige durch gefchickte Wendung der Form herausgegoffen.( Sturzgufs.) Unmittelbar darauf kann das faft fehlerlofe Stück aus der Gufsform in Arbeit genommen werden; letztere ift überdiefs eine geringe, da fich diefelbe auf ein leichtes Nachhelfen befchränkt. Das Hauptverdienft liegt in der richtigen und forgfältigen Vorbereitung der Metallmodelle. Es erfordert diefe Technik daher anfänglich ein nicht unbedeutendes Anlagecapital, erlaubt aber fabelhaft billige Erzeugniffe zu liefern. Bei einigen Ausftellern waren auch Meffingformen mit exponirt. In getriebenen Arbeiten haben wir vor Allen die uns fchon von den vorigen Ausftellungen wohl bekannte Firma Monduit Bechet& Comp. zu erwähnen. Man fah Fenfterverkleidungen, Dachauszüge und Spitzen in Bleiblech und Kupfer getrieben. Namentlich Letztere in eminenter Technik erregten unfere Bewunderung, während wir nicht glauben, dafs die Verwendung des fchweren Bleies je wirklich eine gröfsere Verbreitung, eben zu Dachornamenten oder Auszügen finden wird. Vom technifchen Standpunkte war die Arbeit jedoch mufterhaft. Wenn auch nicht in unfer Rayon gehörig, können wir doch nicht umhin, der zwei gröfsten Exponenten in Kunftgüffen aus Eifen, der„ Societé du Val d'Osne" und des grofsen Haufes Durenne in lobendfter Weife zu gedenken. Die Galvanoplaftik im gröfseren Mafsftab war in der ganzen Ausftellung überhaupt, am glänzendften durch Chriftofle in Paris vertreten. Seine in natürlicher Gröfse ausgeführten Thierftatuen, nach Modellen von Cain ausgeführt, boten hier zum erften Male Beiſpiele in gelungenfter Vollendung, wie die grofse Sculptur die Galvanoplaſtik ftatt des fo koftfpieligen Bronceguffes in ihre Dienfte ziehen kann. Diefe ganz runden Bildwerke, denen fich die Statue Milo von Kroton im franzöfifchen Commiffionsvorhof anreiht, find im Ganzen aus ein- höchftens zwei Stücken niedergefchlagen und durchaus folid. Von hohem Intereffe, da fie die getreuefte Wiedergabe der letzten Hand des Künftlers zeigten, ohne irgend eine fchablonenartige Nacharbeitung. Auf das dringendfte fei die Aufnahme folcher Technik im Intereffe der künftlerifchen Technik und der Wohlfeilheit bei uns empfohlen. 22 Carl Haas. Auch fonft war die Galvanoplaftik in der Gefammtausftellung Chriftofle's oft kaum kennbar von anderen Beftandtheilen verwendet. verwendet. So war die erfte getreuefte Wiedergabe des bekannten Silberfundes von Hildesheim, den die Kunftliebhaber bis jetzt nur in Gypsabgufs oder danach in Zinkgufs fich verfchaffen konnten, in forgfältigfter Ausführung durch eingehende Studien, nach den Originalen vorbereitet, zu finden. Candelaber und Leuchter in Silberniederfchlag und Kupfer waren bei Barbedienne und Chriftofle vorhanden. Sehr gefchickt benutzt und eminent behandelt waren die zahlreichen kleinen Spiegeln, Caffetten, Leuchter und Aehnliches, welche von Bertrand, dem genialen Nachfolger Gueton's und von Coffignon ausgeftellt waren. Auch gar manche der zierlichen Geräthe der vielbewunderten Ausftellung Philippe's waren auf diefem Wege hergeſtellt. Erwähnenswerth ift auch die ausgedehnte Anwendung der Vernickelung an den Sachen von L. Gaiffe. Leider ganz ohne Vertreter, waren diefe Gegenftände auch die ganze Zeit der Unterfuchung nicht zugängig. In vorzüglicher Weife waren die Platingefäfse in der Ausstellung der Firma Desmo utis, Quenneffen& Comp. in Paris gefertigt( unter Gruppe XIV ausgeftellt), nur fchienen fie im Metall etwas zu ftark gehalten; es ift die zweckentſprechend günftigfte Materialerfparnifs, bei dem hohen Preife des Platins bekanntlich eine der Hauptbedingungen ihrer Anwendbarkeit für technifche Zwecke. Was das Email anbelangt, begegneten wir in der franzöfifchen Abtheilung einer Ausbildung desfelben in technifcher und künftlerifcher Richtung, welche hierin Frankreich augenblicklich den erften Rang in Europa verleiht. Alle verfchiedenen Gattungen, welche die Kunftgefchichte zu den bedeutenderen, oft beinahe vergeffenen Techniken zählt, waren vertreten, und zumeift fo durchgeführt, dafs die fchwierige Herftellung als Nebenfache erfcheint. Seit die letzten Ausftellungen uns mit dem Zellenemail der Orientalen bekannt machten, haben die Franzofen auch diefe fehr heikle Gattung in Angriff genommen und ihre technifch- chemifche Vollendung hierin ift ftaunenswerth. Was Chriftofle an Vafen und Tellern, was Barbedienne in denfelben Artikeln, namentlich in einer 3 Fufs Diameter haltenden Tifchplatte, einen Goldfafan darftellend, leifteten, hat an Sorgfältigkeit der Arbeit und an Dichte des Emails feine Vorbilder längft übertroffen. Nur die fteinartige Confiftenz der orientalifchen Emails ift abhanden gekommen und wir fahen einen weicheren Flufs als Aushilfsmittel, um jene bewunderte Dichte des Schmelzes zu erhalten. In gleicher Vollendung fowohl bei dem eben Erwähnten, als auch bei zahlreichem Anderen, ift die Herftellung der Gruben- Schmelzarbeiten zu finden. Sowohl grofse Werke, wie die kleinften Nippes, zeigen deffen häufige Anwendung. Befonders hervorzuheben find noch die auch erft feit Decennien in Aufnahme gekommenen in der Weife der Limoufiner Emails gehaltenen Arbeiten. Am genaueften haben fich die von A. Pottier ausgeftellten Arbeiten an ihre Vorbilder gehalten, während Barbedienne, Laffe, Deniére etc. das Limogesemail in freierer Weife verwenden Italien. Die Erzeugniffe Italiens in diefer Gruppe haben keinen Auffchwung der Goldfchmied- Kunft in grofsen Werken derfelben aufgewiefen; würdig war nur die Bearbeitung des Edelmetalles zu Schmuckwaaren vertreten. Freilich ift diefs zunächft ein Verdienft der unübertrefflichen Caftellani's - in Rom, deren aufser allem Verhältnifs zur gewöhnlichen Schmuckwaare ftehen den Erzeugniffe auch hier wieder ihren gerechten Triumph feiern. Metallwaaren. 23 Sowohl Augofto Caftellani als fein Bruder Aleffandro halten die Tradition ihres Haufes unerfchütterlich feft und es find die Nachwirkungen ihrer bahnbrechenden Vorbilder auch fchon in den ftiliftifchen Beftrebungen anderer italienifcher Goldarbeiter zu erkennen. Augofto Caftellani ftellte unter Anderem nach im etruskifchen Stile gehaltenen Zeichnungen des Archäologen. Duca di Sermoneta, Schmuck und Dolchfcheiden aus, welche in wirklich bewundernswerther Weife fich den antiken Arbeiten diefer Art an die Seite ftellen können. Nicht minder vorzüglich hatte Aleffandro ausgeftellt. Seine Erzeugniffe find gröfstentheils von den Mufeen Europas erworben, um der jeweiligen localen Schmuckinduftrie als Mufter zu dienen. Darin finden wir die höchfte, aber verdiente Anerkennung. Anerkennenswerth hielten fich in ähnlichem Streben die GoldfchmuckWaaren Geraldini's in Rom und jene N. A. Belleza's. In gewohnt tüchtiger nationaler Weife zeigte fich die Filigraninduftrie Italiens, namentlich Genna's; Emilio Forti und Salvo& figli waren die Hauptrepräfentanten. Nur ift kein Fortfchritt zu bemerken und doch liefse fich auch hier noch viel durch reinere und ftilifirte Zeichnungen erreichen. Allerdings ftehen wir hier bei einer Technik, die im grofsen Ganzen beinahe die Vermittlung zur Hausinduftrie bildet, wie wir fie denn auch am national gefärbteften überall erkennen. Das Wenige, was uns von Geräthen zu Geficht kam, zeigt handwerkmäfsig tüchtige Bearbeitung, allein keinen befonderen Gefchmack, fondern mehr die gewöhnlichen Handelsformen. So die galvanifirten Fabricate Giache's in Mailand oder die eigenthümliche echt füdliche Anfchauung, einem decorativen Zweck mit den oft naivften Mitteln gerecht zu werden. So z. B. Conti in Udine, welcher die häufig zu findenden, einfeitig ausgeführten Kirchenornamente Oberitaliens in einigen technifch ganz gut gefertigten Stücken vorführte. Was ift das aber für eine Gefäfsbildung, welche dreifeitig im Aufriffe, an einer Seite kunftvoll cifelirte Metallplatten und an den zwei anderen Seiten das fchnöde rohe Holzgerippe zeigt, auf welcher die täufchend contourirte Blechplatte der Vorderfeite mit Nägeln befeftigt wird. Und in diefer Art haben wir Vafen, Reliquiarien, Leuchter etc. behandelt gefehen. Der Broncegufs ift wieder im lebhaften Betriebe. Zumeift im Hinblicke auf die Kunftfchätze des Landes und die Liebhaberei der Fremden find es Reproductionen italienifcher Kunftwerke. Namentlich Venedig hat in der Ausftellung der Firma Michieli& Comp. ein reiches Contingent geliefert. Nur fchade, dafs das meifte fchon dem Kreife der fpäteften Renaiffance angehört. Ein grofses Monument der Campagna, Gott Vater auf der von den vier Evangeliften geftützten Weltkugel, war zugleich ein Mufter, bis zu welch' grofsartigen Aufgaben die Fabrik gerüftet ift. Zumeift jedoch waren Leuchter, Schreibzeuge, kleine und gröfsere Schüffeln und Becken vertreten. Einzelnes oft vorzüglich gelungen und wohlthuend in abgedämpftem Tone gehalten. Udina Luigi in Venedig hatte Aehnliches geboten, nur waren die Abgüffe mit etwas zu wenig Sorgfalt in ihrer äufseren Erfcheinung gehalten. Dagegen waren von derfelben Firma gröfsere Büften und eine Vafe fo wie Candelaber vorhanden, welche in tüchtiger Weife vollendet waren. Noch forglofer behandelt war eine Figur eines ftürzenden Galliers von Antonio Lora in Vicenza. Als Gufs gut gelungen war für deffen äufsere Erfcheinung fo gut wie nichts gethan, und abfichtlich erwähnen wir diefes, denn das eigentlich verdienftlich gearbeitete Stück blieb dadurch ganz unbeachtet. Das Gelungenfte an Schärfe des Guffes ohne weitere Nacharbeit, alfo direct aus der Form kommend, was überhaupt die Ausftellung bot, waren die von De Poli in Trevifo ausgeftellten Kirchenglocken. Die aufsen ange 24 Carl Haas. brachten reizenden Ornamente und Figürchen waren in einer Beftimmtheit und Feinheit gekommen, wie fie bis jetzt unerreichbar fchien. Die eigentlichen fogenannten Broncearbeiten waren meift durch Gürtlerarbeit an kleinen Geräth- und Metall- Bettgeftellen vertreten. Begreiflich fordert das warme Klima Italiens in fanitärer Rückficht eine rege Betheiligung in der Verbefferung und Ventilation der Lagerftätte und es ift nur erfreulich, dafs, während früher franzöfifches und englifches Fabricat in eifernen Betten maffenhaft importirt wurde, nun auch die heimifche Induftrie ihre Anftrengungen macht, dem Bedarfe entgegen zu kommen. Von Anwendung befonderer Decorationsmittel wäre vor Allem der von Jofef Franz ofi in Mailand ausgeftellte ovale Schild mit getriebener Arbeit in Silber und incruftirten Ornamentenrändern in Silber und Gold zu erwähnen. Die Arbeit tüchtig, aber auch hier von einer gewiffen Läffigkeit, das Ganze den Eindruck eines alten Stückes machend. Email erfcheint fehr wenig verwendet, obwohl die Venetianer heute wieder in der Farbenbereitung vollkommen zu Haufe wären. Einzelnes untergeordnete fah man bei Michaeli. Dagegen hat im Fortfchritte gegen die letzte Ausftellung die Galvanoplaftik Italiens fich diefsmal ziemlich lebhaft betheiligt. Die Società galvanoplaftica in Florenz, Giuſeppe Zelli und Giuſeppe Pellas eben dafelbft, fo wie Fabbi in Bologna ftellten aus, und wenn auch hier die äufsere Erfcheinung mitunter ftiefmütterlich behandelt war, fo ift doch eine energifche und gewandte Technik bei Allem zu verfpüren. Sehr gelungen waren die grofsen Statuen der Società galvanoplaftica, welche an dem bekannten Galvanoplaftiker Chifenti eine tüchtige Beihilfe gewonnen hat. Die ausgeftellte Büfte war wohl etwas zu dünn im Niederfchlagen und ihre Zufammenfügung zu merklich. Pellas ftellte gröfstentheils Reproductionen in eintönig gehaltenem, fogenanntem oxydirten Silber aus. Sehr lobenswerth war fein Mercur. Von den galvanoplaftifchen Ateliers Süditaliens, welche im Anfchluffe an das feiner Zeit von Braun in Rom gegründete grofse Atelier entstanden fein dürften, war keines vertreten. Holland. Das reiche Holland befchäftigt fowohl zur Zier als zum Hausgebrauch eine Anzahl techniſch tüchtiger Werkstätten. Im erften Range fteht dort die grofsartige Silbergefchirr- Fabrik der J. M.& J. S. v. Kempen zu Voorfchoten in Südholland. Diefe Fabrik, zugleich eines der erften Etabliffements Europas für Silbergalvanoplaftik, arbeitet in allen Genren und hatte eine reiche Sammlung von Ehrengaben, Tafelauffätzen, Kannen und fonftigem Tafelgefchirr ausgeftellt. Wenn wir dem Technifchen daran auch das höchfte Lob ertheilen müffen, fo ift doch die künftlerifche Richtung des Ateliers noch nicht zur wirklichen Klärung gekommen und den ausfchweifenden Formen des Details, dem übertriebenen Hochrelief der Decoration noch in traditioneller Weife Rechnung getragen. Das Haus verwendet zur Herftellung feiner Sibergalvanoplaftik, der faft alle feineren Details angehören, eine elektromagnetiſche Mafchine, welche von einer vier Pferdekraft ftarken Dampfmafchine getrieben, diefelbe Kraft entwickeln foll wie 100 galvanifche Elemente des bekannten Syftems Bunfen, jedes von 40 Centimeter Höhe. Noch wüfter, in der Ornamentik aber ebenfalls gediegen gearbeitet waren die Arbeiten J. M. v. Kempen; die Ausftellung von Bonebacker& Zoon dagegen bot nur ganz gewöhnliche Silberarbeit. Metallwaaren. 25 " 9 Von befonderen Broncearbeiten ift uns auf der Ausftellung nichts zu Gefichte gekommen, dagegen waren in der Ausftellung der holländifchen Colonien einiges fehr Bemerkenswerthes auch aus unferer Gruppe zu finden. Namentlich von der Gefellſchaft natura artis magiftra" waren, in den grofsen Kreis indifcher und malayifcher Kunftthätigkeit gehörig, eine Reihe von Waffen und Werkzeugen von alterthümlicher Form, vielleicht auch älteren Urfprunges zur Anficht gebracht. Darunter Waffen von hoher Vollendung; wie denn die malayifchen Klingen, namentlich von unnachahmbarer Güte und Härtung bekannt, einen Beleg für befondere Kunftfertigkeit der Erzeugung geben. Beftimmt heute noch in Uebung, fanden fich Filigranarbeiten aus Sumatra. Sie werden dort in der Provinz Padang zu Cotta- Gedang neben dem Fort de Kock von Einheimifchen gemacht. Es find Silber- und Golddraht- Filigrans zum Schmucke und Gehäng verwendet, mitunter natürliche Früchte oder Thiere imitirend. Der Drath oft nicht einmal gewunden, fo dafs er glatt bleibt, um namentlich die blendende Weifse des Silbers hervordürfte. Trotz der zuheben, die auf eigenthümlichen Verfahren beruhen primitivften Werkzeuge waren die Arbeiten folid und nicht ohne einen gewiffen. Reiz. Einzelnes aus Java, befonders Dolchfcheiden zeugten von alter Kunftübung dafelbft und von Kenntnifs der Gravirung, Incruftirung und der Cifelirung. Das Ganze, wenn auch verwandt mit dem Indifchen, doch minder fein und künftlerifch. entwickelt, war doch hochintereffant als einziges Beiſpiel malayifcher Kunftfertigkeit. Dänemark. Wenn es noch eines Beleges bedürfte, wie wichtigen Einflufs die wahre Kunft auf alle von ihr abhängigen Gebiete äufsert, fo wäre die räumlich kleine Ausftellung des dänifchen Reiches ganz darnach angethan, diefs darzuthun. Thorwaldfen's, des grofsen Künftlers nachklingende Kunftanfchauungen, fowie feine Leiftungen find von feinem Volke mit Begeisterung aufgenommen worden und in Fleifch und Blut der Berufenen übergegangen, aber nicht in fklavifcher Imitation feiner Vorbilder, fondern in mafsvoller Verarbeitung der grofsen, einfachen Motive diefes begeisterten, genialen Schöpfers. Sowie die dortige Keramik die antiken Gefäfse als Blüthe einftiger Thonformerei als Ausgangspunkte ihrer Schöpfungen in gelungenfter Weife benützt, hat die Goldfchmiede- Kunft auf die originalen, alten Motive des Nordens mit richtigem Tact zurückgegriffen und die Technik dazu in der Weife der beften antiken Vorbilder gehalten. In diefer gelungenen Doppelwandlung der fonft fo häufig zu findenden banalen Beftrebungen der modernen Silber- und Goldfchmiede liegt aber ein hohes Verdienft des dänifchen Kunft- Handwerkes. An Technik und Form rühmlichft an der Spitze fteht Chriftefen in Kopenhagen. Seine grofse Ausftellung zeigte meift gewiffenhaft ftudirte, empfundene Formen und reizend combinirtes Ornament. Wenn wir auch gerade dem Hauptftücke derfelben, einem grofsen Tafelauffatze mit etwas fchwerem runden Fufsgeftelle, gegenüber, einige kritifche Bedenken über die gefuchte Compofition des Ganzen nicht unterdrücken können, waren doch Gefchirr und Geräth in fchönen Geftaltungen fonft reichlich vertreten. Befonders heben wir die Sorglichkeit hervor, mit welcher der harmonifchen Vollendung der auch ganz Wir fahen gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände Rechnung getragen wurde. Beftecke, Löffel und dergl., welche in reizender Form mit vorzüglichem Ornament gefchmückt, geradezu überrafchend wirkten. Dazu kam denn nun die Verwerthung altnordifcher Ornamente zu feinftem Filigran auf goldenen und filbernen Schmuckfachen. Alle Gattungen diefer Technik in einer eminenten Weife bis zum einften Kugelfiligran waren vertreten. Eine zweite Expofition Chriftefen's in der Rotunde ergänzte die Anfchauung über die Vorzüglichkeit feiner Leiftungen. Nicht verhehlen können wir aber, dafs 26 Carl Haas. Einiges darunter geboten war, deffen Grundidee verfehlt erfchien. So namentlich ein fatales Trinkhorn, auf deffen Krümmung ein kleiner Ritter gemächlich zu der am Deckel befindlichen Burg hinauftrabt. Etwas kühl war auch der dort befindliche, übrigens meiſterhaft gefertigte grofse Tafelauffatz. Solche grofse Silbergeräthe geben ohne Email und färbige Nuancen überhaupt beinahe ausnahmlos einen ermüdenden, froftigen Totaleindruck. " Die kleine Expofition von Jens Birch zeigte die Nachwirkungen diefes Strebens deutlich. Es machte den Eindruck, als ob wir denfelben Händen begegneten. So namentlich in mehreren feiner Filigranarbeiten. H. Oe. Dewfen dagegen verfolgt ähnliches Streben in felbftftändiger Ausbildung. Schon die Auffchrift feiner Vitrine nach Motiven aus dem dänifchen Alterthum der Broncezeit" zeigte, wo wir die Vorbilder feiner Werke zu fuchen haben. Und wir können uns mit diefer Art Archäologie im Principe nur einverftanden erklären. Wenn auch nicht abfolut gelungen in Allem und Jedem, wir verwahren uns z. B. gegen die, wenn auch noch fo echt alt erwiefene Form, wie fie der mittlere Auffatz feiner Ausftellung zeigt, deffen fchweres Becken auf einem kurzen, leuchterähnlichen Ständer mit maffiver Platte darunter ruht, fo ift doch in diefen einfachen Formen, in den ungekünftelten Profilen gewifs ein reicher, verwendbarer und dankbarer Motivenfchatz gehoben. In Henkelformen mit fuperber Gravirung war manches Ausgezeichnete zu finden. C. Holm's Broncegufs, eine Walkyrie, war techniſch minder gelungen, aber nett modellirt. Eine eigenthümliche Conception, in Verquickung der oben angedeuteten Richtung mit heutiger akademifcher Anfchauung, bot das Schmuckkäftchen von R. Jenfen, gefertigt nach einer Zeichnung des Profeffors Peters in Kopenhagen. Dafs auch Broncearbeiten dort in genügender Technik gefertigt werden, zeigte als einziges Beiſpiel die meiſterhafte Arbeit von G. W. Frydenlund& Sohn an deren Reflectoren und Lampenftändern. Norwegen. In ganz ähnlichem Streben wie bei den dänifchen Goldfchmieden fanden wir in der Rotunde die aus dem nordifchen Chriftiania ftammenden Arbeiten Toftrup's gehalten, wefshalb wir diefelben gleich hier anreihen. Er hat das Filigran mit Vorliebe als Haupttechnik acceptirt und zu Schmuck fowohl als Geräth in Anwendung gebracht und mit glücklichem Erfolg; es lag etwas Frifches, Urfprüngliches in den meiften feiner gröfseren und kleineren Arbeiten, um was ihn manche altbekannte Expofitionsfirma beneiden könnte. Auch hier fanden wir die gefchlungenen Bänder altnordifcher Runen als Decorationsmotiv, nur war eine gewiffe conftructive Feftigkeit und fymmetrifche Linienführung dazu gekommen, aufserdem aber auch zahlreiche nationaler Hausinduftrie entnommene Grundformen. Nur erfcheinen diefelben, wie z. B. die an den lebensgrofsen, in Haustracht ausgeftellten Figuren der fchwedifchen Expofition angebrachten Original- Bauernfchmuck- Gegenftände bewiefen, in fehr roher Form erhalten, und es ift eben ein Beweis der künftlerifchen Befähigung und des Verdienftes Toftrup's, aus diefen faft verblafsten Zügen den Reiz der urfprünglichen Grundidee herausgefunden zu haben. Deutſchland. In achtunggebietender Weife hat diefsmal das grofse deutfche Reich den Schauplatz betreten. Zum erften Male waren die vielen Theile fyftematifch zu einem Ganzen vereint und die Beurtheilung umfafst ein fo weites Feld, dafs es erlaubt fcheint, nur die marcanteften Eigenthümlichkeiten zu bezeichnen. Unver Metallwaaren. 27 rückbar blieben auch diefsmal die befonderen Begabungen einzelner Länder und Ländergebiete, wie ja dem Norden Reflexion und von dorther wiffenfchaftliche Abſtraction und dem Süden mehr künftlerifch geftaltende Phantafie eigenartig find. Erfreulich hat fich die Zahl der Kunstgewerbe vermehrt und an Willen zum Fortfchritte hat es hier gewifs am wenigften gefehlt; doch hat das mercantile Intereffe im grofsen Ganzen noch dem künftlerifch Stiliftifchen prädominirt. Merkwürdigerweife fehlte die eigentliche Vertretung der namentlich am Rhein fo blühenden und auch künftlerifch fo hoch ftehenden Kirchenwaaren. Erzeugung. Die altbekannten Firmen Sy& Wagner einft Hoffauer, und Vollgold & Sohn in Berlin behaupten wie fonft den erften Platz in eigentlicher gröfserer Goldfchmiede- Arbeit. Dem Gefchmacke nach möchten wir die Arbeiten der letzteren höher ftellen. Techniſche Fertigkeit ift beiden gleich geläufig. Reizend waren kleine, flach ornamentirte Teller in der Vollgold'fchen Ausftellung; auch die grofsen Candelaber find von fchönen Verhältniffen. Sy& Wagner imponiren durch die grofsen, nur zu monumental behandelten Prachtftücke. Das ift nicht mehr Kunstgewerbliches, fondern grofse Kunft in Verkleinerung, was diefe pathetiſchen Figuren anftreben und fo läfst diefe Richtung bei allem Verdienft und bei aller Sorgfalt der Ausführung, ja vielleicht befonders defshalb, eigentlich kalt. Ein neues Decorationsmittel war an einem Tafelauffatze, eingefügte landfchaftliche Anfichten darftellend. benützt. Goldplattirung auf Silber, durch gefchickte Gravirung theilweife erhalten, theilweile entfernt, geftattet färbige Effecte zu erzielen, welche mit Gefchick angewendet, einen die Gravirung in glücklicher Weife malerifch hebenden Erfolg zeigen. Die gröfste Gewandheit der technifchen Kräfte zeigte die Columna roftrata, Ehrengabe für Prinz Adalbert von Preufsen, und der grofse getriebene Schild; ebenfo mufs ein grofses Tafelauffatz- Stück in ovaler Form die mittlere Spitze in einen Becher auslaufend, rühmend erwähnt werden. Arnold Kümme in Altona ftellte Verdienftliches, namentlich in getrie bener Arbeit aus, befonders gut gearbeitet die faft lebensgrofse getriebene Büfte des deutfchen Kaifers. Ein hübfch gedachter Pocal und ein gut behandelter Kelch waren auch im Preife mässig zu nennen. H. Meyer& Comp. in Berlin, Koch& Bergfeld in Bremen, Frey& Söhne in Breslau, altrenommirte Häufer von beftem Klang, hielten ihren Ruf auch diefsmal aufrecht. Eine fpecielle Gruppe von anmuthigen Schöpfungen zeigen die füddeutſchen Arbeiten. Kreling's Zeichnungen in hingebender Weife bei Ch. Winter in Nürnberg, mit Beihilfe von Schülern der dortigen Gewerbefchule ausgeführt, treten hier in die erfte Linie. Das Naturaliftifche hie und da ift meift nur mäfsig auftretend. Reizend ift wieder die Blüthenftilifirung am oberen Ausgang des grofsen Kreling'fchen Pocals. Ebenfo vorzüglich desfelben Filigranvafe mit frei gebogenem Blumenftraufs. Das Schmuckkäftchen von Miller in München zeigte fein empfundene und bewegte Figuren in fehr tüchtiger Technik durchgeführt. Halbreiter in München ftellte unter Anderem einen glücklich erfundenen Pocal in netter Ausführung aus. Vortrefflich und folid gearbeitet müffen die Arbeiten von Wollenweber in München genannt werden, gröfstentheils in zierlichen Pocalen und Bechern beftehend. Schliefslich müffen wir noch der im Rococoftil gehaltenen Arbeit von Martin Mayer in Mainz lobend gedenken. Obwohl principiell nicht in den Rayon unferes Berichtes gehörend, müffen wir doch auf die glänzenden und induftriell höchft bedeutfamen Refultate der Coalitionen deutfcher Schmuckwaaren- Fabrikanten hier wenigftens hinweifen. Alles, was Arbeitseintheilung, verftändiges Benützen technifcher Hilfsmittel und Kunftgriffe, offenes Auge für das Bedürfnifs der Gegenwart betrifft, ift hier energifch angefafst worden. Hanau in Heffen, Pforzheim in Baden und Gmünd in Württemberg beherrfchen den deutfchen und auch zum Theil den öfterreichifchen 28 Carl Haas. fowie aufserdeutfchen Markt. Vortrefflich in der Gebrauchswaare, folid und leiftungsfähig in der kaufmännifchen Welt bekannt, müffen der heimatlichen Goldinduftrie diefe Plätze als Vorbild hingeftellt werden. Hier gilt rafches Zufammenhalten ohne egoiftifchen Separatismus, fonft werden wir überflügelt, auch auf noch behauptetem Terrain. Die Fabrication von galvanifirtem Pakfong war durch Münchmeyer& Comp. in Braunfchweig, A. Ritter& Comp., Batte& Fifcher in Lüdenscheid, Henninger& Comp., L. Bruck in Berlin, und Gerhardi& Comp. in Lüdenfcheid vorzugsweife vertreten. Befonders Neues oder Augenfälliges war nicht zu vermerken. Einzelnes Gelungenes in Tafelgeräth bot die Ausftellung des H. A. Jürft in Berlin. Der Broncegufs in gröfserem Stil war fpärlich vertreten. Eifen broncirt und galvanifirtes Zink ſpielen hier die Hauptrolle. Freilich, wo der Eifengufs. als wahrer Kunft gufs, wie auf der gräflich Stolberg'fchen Factorie in Ilfenburg betrieben wird, ift er gewiffermafsen ein Erfatz. Den Zinkgufs hat Berlin eigentlich eingeführt, und er wird dort auch noch fchwunghaft betrieben. Die Objecte find Bronce- Imitation und Bronce waaren zweiten Ranges für Schreibtifch- Einrichtungen, Nippesfachen etc.; gröfstentheils mit Lackbroncirung oder fogenanntem oxydirtem Silberüberzug fertig gemacht, find es Gegenftände, deren Werth in der billigen Maffenerzeugung befteht. Den erften Platz nimmt jedenfalls das neue Etabliffement von Ravené& Suttmann in Berlin ein. Vorzugsweife in Emaildecorations- Arbeiten hat die Anftalt, feit Kurzem beftehend, höchft Achtenswerthes geleiftet, und die eigentlich künftlerifch behandelte Broncewaare zuerft in Preufsen erzeugt. Möge diefes Streben von nachhaltigem Erfolg begleitet fein. Nächft diefen find Levin und befonders Grohe in Berlin hervorzuheben. Beide betreiben die Broncefabrication, indem fie für feine Details Galvanoplaftik verwenden, in grofsem Mafsftabe. A. Waagen& Comp. in Berlin boten elegante und nach künftlerifch behandelten Modellen ausgeführte Figuren in Gruppen, auch der Preis ift billig. zu nennen. Auch in der Expofition von J. Elfter in Berlin war eine kleine fein ausgeführte Büfte. Lenz in Nürnberg ftellte gute Güffe, aber leider in der äufseren Erfcheinung etwas vernachläffigte plaftifche Bildwerke aus Bronce und Silber aus. Ausnahmsweife die eingehaltene Ordnung verlaffend gedenken wir fchon hier der galvanoplaftifchen Arbeiten von Erhard& Sohn aus Württemberg, und Zimmermann. Es find ebenfalls für courante Waare berechnete Artikel. Eine Ausnahme machen die in der Kunsthalle gewefenen galvanoplaftifchen Reproductionen der Nürnberger Gewerbefchule, welche verfchiedenes Kunftgeräth in vorzüglicher Weife wiedergeben. Allerdings begegnet man auch bei den vorhergehenden Firmen hie und da der Wiedergabe eines künftlerifchen Objectes, allein nur fpärlich und die oft fehr willkürlich geftalteten Modelle dominiren. Daneben fabricirt nun Berlin in imponirender Maffe Zinkwaaren in Gufs und Blech. Namentlich für Beleuchtungszwecke, jedoch auch für feines Ornament in Zimmer und Gärten, Statuen, Vafen etc. Hier fowie im broncirten Eifengufs excelliren die grofsen Actienfabriken wie in Berlin, Lauchhammer etc. Viel handwerklich vorzügliches, viel Routine und Erfahrung zeigen fich, meift geht aber der eigentliche kunftgewerbliche Anspruch verloren. Sehr gut durchgeführt, erwähnen wir nur ein Beiſpiel aus vielen, war die Thurmfpitze nach einer akademifch ftilifirten Zeichnung durchaus aus Zinkblech getrieben und gelöthet.. Eine anmuthende Leiftung war auch die aus demfelben Materiale hergeftellte Herosfigur von Peters in Berlin, eine Leiftung, welche fich würdig gleich behandeltem franzöfifchem Erzeugnifs an die Seite ftellen kann. Ebenfo vorzüglich ein Manfardenfenfter desfelben Ausftellers. Eine durch ihren bedeutenden Export nach Oefterreich für uns wichtige Branche bilden die geprefsten Meffingbefchläge und Bordüren. Die Firma Metallwaaren. 29 H. D. Eichelberg& Comp. in Iferlohn hatte in ihrer Ausstellung vom einfachen Stab bis zur grofsartigften Bordüre in gefchmackvollen Muftern eine fehr intereffante Collection davon exponirt. Einen ebenfalls fehr tüchtigen Betrieb beweifen die für den Hausgebrauch fehr folid hergeftellten Druck-, Gufs- und Prefswaaren aus Meffing. Hier kann die Affociation in grofsen Fabriken nur günftig wirken, da das Material ein forglich ausgefuchtes ift und durch die raffinirte Benützung von allen Gattungen. Arbeitsmafchinen die Erzeugniffe eine bedeutende Wohlfeilheit erlangen, die dem Allgemeinen zu Gute kommt. Ein gleiches gilt für die allerdings nicht in unferm Rayon liegenden Lampenfabriken. Das Zinn rein und legirt wird ebenfalls ftark verarbeitet. Baffe& Fifcher fo wie Gerhardi& Comp. in Lüdenfcheid produciren fehr gelungene, auch galvanifch verfilberte Britanniawaare in Service und Dofen etc. Mehr in gröberen Artikeln, wie Krugdeckeln und Befchläge, Tellerarbeiten, jedoch immer in folider Weife, brachten badifche und baierifche Werkstätten. Und wer kennt nicht die grofse Maffe der vortrefflichen, den Weltmarkt beherrschenden Kinder- Spielwaaren aus Zinn, die in unferem alten Nürnberg erzeugt werden. Die fröhliche Weihnachtszeit kann davon erzählen. Endlich noch tritt der Zinnverbrauch in einer anderen Specialität zu Tage, in der Broncefarbe- Fabrication. Die feinen Farben der gröfstentheils um und in Nürnberg erzeugten Broncepulver find noch immer im Vorrang gegen die Fabrication anderer Länder. Ebenfo die dort in vorzüglichfter Weife fabricirten Metalldrähte namentlich in feinen und feinften Nummern. Von alledem bot die Ausftellung, gröfstentheils fyftematifch geordnet, fehr Lehrreiches. Schliefslich fei noch rühmend der eminenten Blattgold- und Silber- und Bronceblatt- Schlägerei, die im Weften Deutfchlands blüht, gedacht. Oefterreich. Ein frifches warmes Leben umfieng uns bei dem Betreten der diefsjährigen Ausstellung Oefterreichs und ungetheilt find die lobenden Stimmen über die Fortfchritte, welche unfer Land feit der letzten Ausftellung gethan. Wenn auch wir mit freudigem Herzen uns zu diefer Anfchauung bekennen, fo tritt doch um fo ernfter die Mahnung heran, fowohl in unparteiifcher Gefinnung das Vorhandene zu würdigen, als auch in entfchiedenfter Weife, gerade des unleugbaren Aufftrebens wegen, jede fchwache Stelle, jede erft noch zu löfende Schwierigkeit befonders. ins Auge zu faffen. So wie die Sache heute fteht, zeigt es fich, dafs gerade unfere öfterreichiſche Metall- Kunftinduftrie die meiſten Elemente aufzuweifen hat, um in fiegreicher Vollendung und zwar in gediegenfter Weife fich zu entfalten. Land und Leute find danach angethan. Die glückliche Verfchmelzung der Doppelnatur unferer füddeutſch empfindenden und doch auch kälterer Reflexion und Kritik gern zugethanen Bevölkerung ift in den Berufenen zu einer Ausgleichung der noth. wendigen Befähigungen gelangt, welche für den ernften Wettkampf, den doch die Weltausftellung zur hoffentlichen Folge haben wird, die glücklichfte Vorausbegabung ahnen läfsi. Nur vergeffe man nicht, dafs es eben ein Kampf fein wird und zwar ein Kampf mit gefchulten, gewandten Gegnern. Sehen wir nun dem gegenwärtigen Zuftande feft in das Auge und zeichnen wir mit wenigen Zügen, was uns Noth thut. Vor Allem der Künftler, Bildhauer und Zeichner, müffen fo wie in dem fo glücklich organifirten Frankreich fich der gewerblichen Thätigkeit in viel erhöhterem Mafse zuwenden. Heute fchon genügen die wenigen Kräfte nicht im Geringften mehr, und bei dem unleugbaren Fortfchritte unferer Metall- Kunftinduftrie ift hier nur zu bald ein grofser, entfcheidender Ausfall an Kräften zu 30 Carl Haas. befürchten. Die Arbeit felbft betreffend, ift die Ausbildung tüchtiger Cifeleure dringend zu befürworten. Wie viele junge Künftler, deren Talent ein mäfsiges ift, würden bei Ergreifung der doch echt künftlerifchen Laufbahn des Cifeleurs einen brillanten Erwerbszweig für die kümmerliche Exiftenz des mittelmäfsigen Künftlers eingetaufcht haben. Und unfer Publicum ift auf dem beften Wege, durch das Gebotene felbft fo wie überall die Aneiferung zur Erwerbung wirklich gefchmackvoller und künstlerischer Arbeiten, zu bekommen. Gerade hier ift ja die Beftimmung des intelligenten Induftriellen, dadurch zu wirken, dafs er den breiten Weg der Routine verlaffend, mit Energie und Bewufstfein fich den wahren Principien der heutigen fo bedeutungsvollen Kunft- Reformbewegung anfchliefst und im engen Bündnifs mit befähigten Künftlern gute Modelle und in forgfältiger Ausbildung tüchtiger Gehilfen gute Erzeugniffe fchafft. Dann braucht man keine Sorge zu haben, das Gute findet feinen Weg. Eines ift aber vor Allem zu betonen; der Fabrikant der Neuzeit mufs durch eigene Bildung feinen und den Standpunkt feiner Gehilfen heben; nicht allein das tägliche Brot ift es, um welches er fich bemüht, fondern die ihm gewordene Aufgabe, feinem Vaterlande durch feinen Fleifs und feine Gefchicklichkeit förderlich zu fein, mufs ihn zu raftlofem Streben anfpornen. Wir haben Jeder in feinem Fache eine culturgefchichtliche Miffion, und wenn der Berufene andere Bahnen wählt, mufs der Kunftinduftrielle wie er fein foll, in feinen Schöpfungen und in der Führung und Wahl feiner Gehilfen zur Ehre und zum Ruhme feines Vaterlandes mitzuwirken trachten. Die eigentliche Goldfchmiede- Kunft im gröfseren Stile war auf das würdigfte durch die brillanten Erzeugniffe von Klinkofch, Mayer's Söhne und Granichftätten, fowie Matzenauer vertreten. An fie reiht fich in feinen fpeciellen Leiftungen unübertroffen H. Ratzersdorffer an. Klinkofch hat einen fo gewaltigen Schritt nach vorwärts gethan, dafs wir dem intelligenten Chef diefes gröfsten unferer heimatlichen SilberwaarenAteliers unfere aufrichtige Bewunderung nicht verfagen können. Die Modelle der aufgeftellten Prunkgeräthe waren waren wirklich künftlerifchen Kräften anvertraut worden; die technifche' Behandlung iſt eine vorzügliche, die Cifelirung mit aufmerkfamftem Auge geleitet, ja von Fall zu Fall in fortfchreitender Ausbildung durch einheimifche und fremde Talente begriffen. In ebenfo verſtändiger Weife fuchte Klink ofch die banale kalte Form fowohl als den langweiligen Eindruck der weifsen Silberflächen zu vermindern und es ift von allen Mitteln, die leichte Oxydirung, Vergoldung u. f. w. bieten, oft in glücklicher Weife Gebrauch gemacht. Was noch hie und da in zu wuchernder, naturaliftifcher Form fich breit macht, wird bei dem zweifelsohne ftetig vorfchreitenden Streben der Fabrik bald verfchwinden. Möge die Fürforge fich auch bei dem grofsen Einfluffe, den diefes mit reichen Mitteln arbeitende ausgedehnte Gefchäft auf feine Kunden befitzt, im gleichen Mafse der Durchbildung der einfacheren Formen des mehr alltäglichen Geräthes zuwenden. Von ausgeftellten Gegenftänden erwähnen wir befonders die Service, welche für die Grafen v. Zichy und Choteck angefertigt wurden; den Tafelauffatz für Profeffor v. Engerth, einzelne gelungene gravirte Becher, und begrüfsen die Fortfchritte der Cifelirung in einem kleinen, reizenden Figürchen, Genius eine Fackel tragend. Dem glücklichen Einfluffe der im öfterreichifchen Mufeum blühenden Kunftgewerbe- Schule und deren vorzüglicher Leiter, begegneten wir in den beften Erzeugniffen der meiften Ausfteller. Granichftätten lieferte eine im edelften Gefäfsftil gehaltene Bowle nach einem Entwurfe Profeffor König's, in anmuthigfter Weife mit Flach- Bildwerk umzogen. Es find das fchöne, klare Geftaltungen, fern von jeder koketten Sentimentalität, in rein menfchlich anmuthender Form gebildet. Schöne kleine Candelaber zeigten fich neben grofsen dergleichen, welche im Aufbau fchwere, und in Metallwaaren. 31 dem figuralifchen Beiwerk moderne, mit eleganter Taille behaftete Figuren wiefen. Daneben war eine fehr gelungene niellirte Toilettegarnitur ausgeftellt. Matzenauer's Theefervice, nach einem Entwurfe Profeffor Wolaneck's, ift gut gedacht, nur würden wir der Ausführung mehr Sorglichkeit wünſchen. Das Uebrige war wohl gut gearbeitet, jedoch in den hergebrachten Formen. V. Mayer's Söhne ftellten unter anderem einen nach Profeffor Teirich's Entwurf gefertigten Tafelauffatz, in etwas ftrengem, kühlem Stile gehalten, aus. Das Ganze machte einen gediegenen Eindruck, und auch die technifche Ausführung ift fehr zu loben. Daneben waren reiche, in üppiger Verzierung prangende Candelaber und ein Toilettefervice, deffen Verzierung in höchft gelungener Weife angeordnete einfache Gravirungen bildeten. Das fonft noch von anderen Firmen exponirte Silbergeräth war meift Handelswaare, und es iſt nichts Befonderes davon zu erwähnen, fo dafs eigentlich ein kleiner Kreis erfcheint, innerhalb welchem fich die eigentliche Thätigkeit diefer fpeciellen Branche abfpiegelt. Die formellen Fortfchritte im Tafelgeräthe zeigen fich ebenfo ausgenützt bei der Fabrication verfilberter Waare und werden dort noch näher zu betrachten fein. Einen echten Goldfchmied im Sinne der mittelalterlichen Bedeutung des Wortes begegnen wir in H. Ratzersdorfer aus Wien. Seine Ausstellung zeigte techniſche Specialitäten in Hülle und Fülle, wie fie folchergeftalt vereint kein anderer Aussteller aufzuweifen hatte. Und zwar ift es ein Verdienft, von lange her datirend, was heuer zum erften Male auf einer Weltausftellung erfchien. Gröfstentheils die beften Zeiten der Goldfchmiede- Kunft liefern die Motive, nach welchen Ratzersdorfer, durch treue Hände unterſtützt, feine kleinen oft geradezu Meifterwerke zu nennenden Kunftwerke fchafft, und, den Liebhabern. Europas längst bekannt, ift es eine Ehrenfache gewefen, feine Ausstellung der Gefammtausftellung anzureihen. Die befondere Durchbildung, welche feine Prunkgegenftände bis zum kleinften in Email gefafsten Kryftallflacon herab auszeichnen, läfst nur in einem einzigen Punkte etwas zu wünſchen übrig; das Figuralifche ift öfters nämlich in monotoner Weife gehalten und entspricht feltener als das angewendete Ornament der Stilepoche, in welcher, meiftens glücklich charakterifirt, die einzelnen Gegenftände entworfen find. Aehnliches wie Ratzersdorfer hatte in der Ausftellung H. Böhm angeftrebt, jedoch mit befcheidenem Erfolge. Einzelnes davon, wie die Streitaxt und das Schild, find Verirrungen. Das Filigran wird an verfchiedenen Orten gepflegt. Hie und da, wie namentlich bei Reitfamer in Salzburg, localem Gebrauche entſprechend, lehnt es fich an Mufter des Barockftils in netter, feiner Weife. Giuſeppe Ghedina aus Cortina( Tirol) ftellte einen Blumenftraufs in mühevoller Arbeit aus. Wir hätten dort lieber landesüblichen Schmuck aus Silberdraht gefehen. Thorn in Afch und Franzensbad hatte eine kleine, für die Technik des Filigran's ganz intereffante Collection, die einen fchwunghaften Betrieb weift, und welchen wir nur das Zuviel im naturaliftifchen Ornament ausftellen möchten. Jeftowitz in Wien ftellte ein grofses Reliquienkreuz in verdorbenem ruffifchem Stile zur Schau. Die reizende Decoration des Silbers durch Niello ift in erfreulicher Weife als neuerlich im Auffchwung zu fignalifiren. So wie Granichftätten fein Toilettefervice, fo haben einzelne Goldarbeiter ihre zierlichen Ketten und Knöpfe, Medaillons und Kreuze verziert. Wir nennen hier Markovitfch& Scheid, Schwarz& Segner in Wien. Letztere haben das Niello fogar zu ganz erhabenen Arbeiten maffiv verwendet, eine etwas gewagte Neuerung. In ftilvoller Haltung fand fich das Niello verwendet bei der Decoration eines im Renaiffanceftile vom Architekten Avanzo componirten Schrankes in der Ausftellung von C. Haas in Wien. Während Frankreich und England befonders über einen Kundenkreis zu verfügen haben, welcher in der beneidenswerthen Lage ift, feinen Wünſchen 3" 32 Carl Haas. nach künftlerifch durchgeführten Geräth und Ziergegenftänden nicht nur äfthetiſch, fondern auch materiell den gröfsten Nachdruck zu verleihen, müffen wir bei den befcheidenen einheimifchen Verhältniffen dennoch darauf bedacht fein, das Mögliche in befter Form zu erftreben. Es ift in mehr als einer Richtung hochintereffant, die hier eingefchlagenen Wege zu verfolgen, und gerade in der minder auf koftbares Material als auf künftlerifche Durchbildung gerichteten Strömung des heutigen kunftverſtändigen Publicums findet fich für uns Oefterreicher die Möglichkeit der Durchbildung der oft mit verhältnifsmässig befcheidenen Mitteln arbeitenden einheimifchen Kräfte. Seit einigen Jahrzehnten ift die Metalllegirung von Kupfer, Zink und Nickel unter den romantifcheften Namen bekannt, zumeift jedoch ,, Pakfong" genannt, in allgemeinen Gebrauch für den Mittelftand gekommen, und feit der folgenreichen Entdeckung der galvanifchen Verfilberung begrüfsen wir darin eigentlich das Materiale, welches dem Bürgerthum verſtändigen Luxus zu bieten gefchaffen ift. Da gereicht es denn zu hoher Befriedigung, hier fagen zu können, dafs es gerade Oefterreich ift, das in diefem wichtigen Fache unbeftritten den erften Platz unter allen Staaten einnimmt. Unfer A. v. Schöller hat in feinen Fabriken, namentlich zu Berndorf einen Complex zur Erzeugung des Pakfongs in verfchiedenen Qualitäten gefchaffen, dem von der Bearbeitung und Legierung des Rohmateriales an, bis zu deffen Verwendung zu Blech, Draht und endlich zum Verbrauche in fertigen Waaren fowohl in Löffeln, Beftecken etc. bis zum reichen Tafelauffatz und Gefchirr überhaupt, keine andere Fabrik Europas in Grofsartigkeit der Anlage an die Seite zu fetzen ift Die Fabrik zu Berndorf z. B. ift in der Lage täglich 1500 Dutzend Löffel zu erzeugen. Die Modellnummern der verfchiedenen Façons sind dabei bis zu 30 Stück gelangt. Die techniſche Leitung ift hier eine muſterhafte und dem rationellen Betriebe ift dabei allein der relativ fo billige Preis der Artikel bei der inneren Güte und Solidität zuzufchreiben. Die Ausstellung zeigte die verfchiedenften dem Fachmann hochintereffanten Stadien der Erzeugniffe aus der Berndorfer Fabrik. Das bis zur Papierdünne gewalzte Pakfong, die feinft gezogenen Drähte, die rein und fcharf gekommenen Güffe, oft in complicirten Modellen, Alles war Zeuge der Meifterfchaft, mit welcher dort das fchwierige Material bewältigt wird. Wenn wir nun zu der fertigen Waare kommen, wie fie in der Vitrine der Rotunde ausgeftellt war, fo ift diefelbe allerdings techniſch ausgezeichnet zu nennen; aber es ift geradezu betrübend, dafs in dem weiten Kreife der Obforge, die gewifs eminenten Leiter der Fabrik dem eigentlichen kunftgewerblichen Beftreben fo wenig Berücksichtigung fchenken. Wir fanden nur die gewohnten banalen Formen und wenn auch hie und da ein Anlauf zum beffern zu spüren ift, fo wäre es doch wahrlich die höchfte Zeit, neben dem Nützlichen auch das Schöne zu pflegen. Ein reges Streben hiernach entwickelt fich in den Ausftellungen der anderen fogenannten Chinafilberwaaren- Fabrikanten. Conrätz& Reuter hatten Verdienftliches in Verarbeitung des rohen Pakfongs, namentlich aber folide und gut entworfene Tafel- und Luxusgeräthe in der Rotunde; noch zierlicher und feiner waren die Erzeugniffe von Hermann. Zwei Gruppen waren es, in welche diefelben zerfielen; eine derfelben zeigte die fogenannten plattirten Gegenftände, die andere die galvanifch verfilberten Erzeugniffe. Klinkofch& Mayerhoffer, die Vorgänger der heutigen Firma Klinkofch und Hermann waren diejenigen, welche am erfolgreichften vor einigen Jahrzehnten die Silberplattirung betrieben, und wenn auch, wie Eingangs erwähnt, diefer Induftriezweig beinahe im Erlöfchen ift, fo ift es doch höchlichft intereffant, denfelben auf der Ausftellung durch eine inländifche Firma gut vertreten zu fehen. Freilich war eben der Umfang diefer Technik gegenüber den Erzeugniffen derfelben Firma in galvanifirten Waaren beredter Zeuge der Befchränkungen in Metallwaaren. 33 deren Anwendung. Wir müffen den letzten unfere vollfte Anerkennung hinfichtlich der reizenden Formen und tadellofer Ausführung zollen. Eines mufs befonders hervorgehoben werden, und das ift der liebevoll durchgeführte originelle Tafelauffatz von E. Juch und von Rordorf modellirt, das Märchen vom Dornröschen illuftrirend. Wir find zwar keine Freunde von Tafelgeräthen, die keine Geräthe mehr find, aber wo fich eine Schöpfung fo liebenswürdig und gemüthlich entwickelt, wo fo augenfällig künftlerifches Schaffen uns entgegentritt, fenken wir gerne die kritifche Feder. Noch eine wackere Schaar von Namen, welche mehr oder weniger glücklich diefen Zweig vertritt, wäre zu nennen, fo z. B. Lackner, Bachmann, Novotny etc. In kleinen Pakfongwaaren, mitunter als Specialität, einzelne Artikel pflegend, fo z. B. Tabatièren zeigten fich erwähnenswerth, E. Exner& F. Zettel. Gehen wir nun zur Bronce- Induftrie über, fo finden wir befonders hier die bedeutendften Fortfchritte, welche wir in der Metallinduftrie Oefterreichs feit der letzten Ausftellung überhaupt zu verzeichnen haben. Abgefehen von der dortigen fpärlichen Vertretung überhaupt von öfterreichifcher Seite, welche leicht begreiflich diefsmal als„ zu Haufe" eine überreiche zu nennen ift, war auch mit Ausnahme weniger Namen das dort Gebotene in befcheidenem Mafse gehalten. Heute nun fehen wir die öfterreichifche BronceInduftrie den Weltmarkt erfolgreich betreten; wir fehen aber auch Leiftungen, welche diefelben als auf eigenen Füfsen ftehende bezeichnen, ja wir nehmen keinen Anftand es auszufprechen, die öfterreichifche Bronce- Induftrie kann fich bei gleich regem Streben und bei günftigen äufseren Verhältniffen in wenigen Jahren kühn neben die vielbewunderte franzöfifche ftellen; an innerem Werth, an Gediegenheit und mafsvoller Durchbildung können diefs einzelne Werke fchon heute. Diefe überraschenden Refultate find in erfter Linie wieder dem wohlthätigen Einfluffe des öfterreichifchen Muſeums zuzufchreiben, in zweiter, der Einficht und entgegenkommenden Opferwilligkeit unferer Induftriellen. Wenden wir uns den Erzeugniffen felbft zu, fo ift es eben die alte Garde, welche am rührigften den Kampf aufgenommen hat. Die im folgenden befprochenen Gegenftände waren zwar unter Gruppe X exponirt, gehören aber in jeder Beziehung zu unferem Materiale, daher wir diefelben ohne Zögern hier anführen. Hollenbach, der erften einer, ift zwar geftorben, aber fein Geift wirkt fort; und was feine Nachfolger heute ausgeftellt haben ift tüchtig und gefchmackvoll im Grofsen und Kleinen. Originell find die Formen feiner grofsen Candelaber deren Vergoldung eine mufterhafte zu nennen ift; die ftilvolle Zeichnung rührt von Profeffor Hannfen her. Reizend find die kleinen mit vorzüglichen von Chadt gemachten durchfichtigen Emails gefchmückten Caffetten nach Zeichnung des Architekten Riewel, Leuchter etc. Prachtvolle Lufter, deren Befprechung nicht unfer Reffort berührt, vervollkommnen den Gefammteindruck feiner Ausstellung. Dziedzinfki& Hannufch exponirten wenig, aber das Wenige zählt zu dem Beften der Ausftellung überhaupt. Der im Auftrage Seiner Majeftät des Kaifers ausgeführte Tafelauffatz von Stork entworfen, im figuralen Theile von König modellirt ift in vollendetfter Durchführung bis in das kleinfte Detail gearbeitet. Mit Recht wurde fchon bei Gelegenheit der Neu- Eröffnung des öfterreichifchen Muſeums im Jahre 1872, wo diefer damals noch nicht in allen Theilen vollendete Auffatz ebenfalls ausgeftellt war, von berufener Seite gefagt,„ eine in gleich vollendeter Weife durchgeführte Broncearbeit ift bisher nicht gemacht, ift vielleicht auch nie noch gefordert worden". Heute fteht das fchöne Werk vollendet vor uns, und wir beglückwünſchen die Schöpfer desfelben und den hohen Befitzer. In ähnlicher Durchführung ein von Stork gezeichneter Auffatz mit waffergiefsenden Genien. Auch fonft waren 3* 34 Carl Haas. einzelne durchaus mufterhafte Broncearbeiten von diefer Firma ausgeftellt, deren grofser Export fich überhaupt auf folide und gefchmackvolle Fabrication, namentlich der fogenannten„ glatten Garnituren", welche diefsmal nicht zu fehen waren, ftützt. J. Grüllemayer hatte in einer reichen Sammlung die verfchiedenften Erzeugniffe vereint; einerfeits die gewöhnliche Handelswaare in Gufs, Befchläge, Griffe, Schrauben etc. in präcifer und tüchtiger Weife gemacht, andererfeits feine Artikel für Salon und Zimmer. Einzelnes vielleicht fchwer und minder gelungen, waren doch auch von dem regen Streben zeugende Werke genug vorhanden. So nennen wir vor Allen die von Profeffor Haufer entworfenen Salontifchchen im antiken Stil, die reizenden als Springbrunnen eines Aquariums vortrefflich paffende kleine Statuette Amor mit Schwan von Profeffor König modellirt. Minder gelungen war ein grofser Ganymed mit Adler. Möchte doch der fo fichtbare, wohlthätige Einfluss guter Modelle, der augenblicklich den Erzeugniffen ihren höheren Werth gibt, hier wie anderenorts nie mehr verkannt werden. Vornehm aber im Ganzen etwas froftig repräfentirt fich ein reicher Tafelauffatz im antiken Stile nach Hannfen aus der Fabrik von Hagemayer. Die Vergoldung war auch hier meiſterhaft; die Cifelirung der Figuren jedoch etwas alltäglich gehalten. Ludwig Böhm zeigte eine reiche Ausstellung von Luxusfachen, zu den fogenannten Kurzwaaren gehörig. Die Arbeit fehr gediegen, aber etwas maffiv. Neben guten Caffetten, galvanoplaftifch hergeftellten Trinkhörnern etc. leider nur zu gut ausgeführte Modethorheiten, fo z. B. aus Mafchinenbeftandtheilen hergeftellte Garnituren etc. Wir haben hier den Schritt zu einer grofsen Claffe von Erzeugniffen gemacht, wo noch manch blühender Unfinn, manch gefchmacklofes zu finden, was aber da gut ift, ift ebenfalls auch originell und wir fehen wenigftens allerorts dabei das fchon oben erwähnte Streben nach felbftftändiger Erfindung und Geftaltung. Es find das die fogenannten Wiener Artikel. Indeffen mag zur Steuer der Wahrheit bekannt werden, dafs gerade auf diefem Gebiet die meiſte Reform vom kunftinduftriellen höheren Standpunkte aus nothwendig ift. Die forglichften und feinften Arbeiten hat Bechmann geliefert. Einzelnes davon ift geradezu vorzüglich. Die technifche Durchführung eminent. An ihn reiht fich was A. Klein an Broncewaaren erzeugt. Lerl& Söhne pflegen eine eigene Specialität in Gegenftänden mit reichem Türkisbefatz, durch kaltes Email gehoben. Im Ganzen extravagante Formen, aber von äufserft präcifer und eleganter Ausführung. Welfing brachte nette Artikel, Bronce in Verbindung mit gut ausgeführten Emails, phantaftifch aber anregend. Reich war die Ausftellung coulanter Waare von C. Lux, in ähnlicher Weife aber etwas nüchtern in den Formen, die der erften Productivgenoffenfchaft der Wiener Broncearbeiter. Die Arbeiten von F. Bufchmann zeigten gute Technik und in einer Garnitur, Standuhr nebft Candelaber auch eine gelungene Zeichnung; daneben aber wieder die beliebte möglichft naturgetreu dargestellte Jockeykappe als Schmuckhälter oder dergleichen. Aehnliche bösartige Conceffionen an die Modethorheit finden fich immer noch vielfach, nicht ohne Schaden für die oft gute Arbeit. So leidet z. B. die präcife Ausführung in J. Frank's grofsem Auffatz durch die monftröfe Conception und fo nett und handwerklich tüchtig auch die Arbeiten von A. Böhm, Kubitz, Weber, Kraulitz etc. find, fo leiden folche doch durch das geringe Mafs von Aufmerksamkeit auf reelle Erfindung der Gegenstände felbft. Noch erwähnen wir gelungene Vafen aus der Ausftellung von Ferdinand Mayr. Speciell intereffant war eine kleine Ausstellung von C. Hohmann, Giefser in Wien. Neben ganz vorzüglichem Kerngufs in Büften etc. war da auch eine 7 Loth fchwere Medaille zu bemerken, die ohne Modell geformt war. Es hatte nämlich der Former die Geduld und auch Gewandtheit im Formfande felbft die Höhlung für das Metall auszunehmen und fo für den Gufs vorzubereiten. Wenn Metallwaaren. 35 das nun auch an Spielerei ftreift, fo ift dagegen die nicht unwichtige Erfahrung zur Kenntnifs zu nehmen, wie viel dem gefchickten Former noch Mittel zur Herſtellung und Ergänzung einer fcheinbar verdorbenen Form zu Gebote ſtehen. Auch die Herftellung der mehr für gewöhnliche Gebrauchszwecke zu liefernden Bronce und Meffingwaaren war in zwar wenigen, aber in fehr tüchtigen Beiſpielen vertreten. Vorzügliches bot die grofse Ausftellung der Firma M. Hainifch in couranter Gufswaare fowohl, als auch die Dehnbarkeit und Trefflichkeit feiner Meffingbleche eine 19 Zoll hohe und 12% Zoll im Umfange haltende Vafe aus einem Blech auf der Drehbank gedrückt, zeigte. Uebrigens bot fich dem Fachmann eine reiche Ueberficht des bei uns zu findenden Materiales in der eigentlich nicht mehr hieher gehörigen Ausftellung des Eifenhofes, wo die weltbekannten Firmen C. H.& H. Chaudoir, Johann Liebig& Comp., C. Klein in Reichraming, Habtmann in Frauenthal an Gufs wie Blech die eminente Leiftung Oefterreichs in Kupfer-, Meffing- und Tombackwaaren als bekannte Stützen derfelben glänzend vertraten. Gehen wir zur Zinkinduftrie über, fo ift vor Allem des ebenfalls im Eifenhofe zu findenden grofsen Zink- Walzwerkes vom Grafen Henkel in MährifchOftrau zu erwähnen. Die feinften Bleche fowie die dünngezogenen Drähte waren Beweife des trefflichen Materiales und zugleich der forglichften Fabrication. Die intereffante Ausftellung von L. Faber gab ein Bild der ausgedehnten Verwendung des Zinkgufses zur Herftellung von Kunft- und fogenannten Galanteriewaaren. Es ift zugleich hier die weitefte Anwendung der Metallformen beim Gufs zur Geltung gekommen und fpeciell zur vollkommen glücklich gelöften Herftellung, jener oft wirklich reizenden Leuchter, Tintenzeuge, Tabakfchalen, Candelaber etc. in Bronce- Imitation verwendet, deren allgemeine Verbreitung das befte Zeugnifs für den induftriellen Werth derfelben ablegt. Wir fahen bei 13 verfchiedene Broncirungen in Anwendung, abgefehen von der foliden Verfilberung, Vergoldung oder Vernickelung, welche in fchönen Exemplaren zu finden war. Möge die Leitung diefes blühenden Etabliffements auf dem betretenen Wege vorfchreitend fort und fort immer ftrengere Anforderung an ihre Modelleure ftellen und es wird ihr an einer brillanten Entwicklung diefer fehr beachtenswerthen Fabrication gewifs nicht fehlen. Das Zinkblech in feiner Verwendung war vorzüglich gearbeitet in der Ausftellung von R. Geburth vertreten. Ein grofser Brunnen nach guter Zeichnung bot Gelegenheit zur Anwendung aller technifchen Handgriffe, Preffen, Drucken-, Fall- und Ziehmafchinen, Hammerarbeit und Gufs, und diefs Alles meifterlich gemacht. Wir können nur andeutungsweife des grofsartigen Verbrauches erwähnen, den das Zink in den grofsen Lampenfabriken von Dittmar, Brünner etc. findet, da diefe fpeciellen Beleuchtungsgegenstände in einem anderen Berichte ihre Würdigung finden. Von Bleiartikeln, foweit fie uns hier berühren, wären vor Allen die Erzeugniffe von Winiwarter zu nennen. Es ift gerade auf dem Felde folcher Einzelinduftrien, welche weniger an Concurrenz als andere Zweige zu fürchten haben, höchft lobenswerth, wenn man ein reges Vorfchreiten in technifcher wie mercantiler Beziehung, wie hier der Fall ift, conftatiren kann. Seine Bleche, Rohre und Drähte ftellen fich dem ausländifchen Fabricat vollkommen ebenbürtig an die Seite und haben es, unterſtützt von dem vorzüglichen einheimifchen Material, auch meift bei uns verdrängt. Von Specialtechniken haben wir der Galvanoplaftik zu gedenken. Vor Allem der Leiftungen der k. k. Hof- und Staatsdruckerei. Diefe Mufteranſtalt, welche die Vorkämpferin diefes neuen technifchen Verfahrens bei uns war, hat noch immer ihre Miffion im Auge und fo nebft Anderem trefflichem in diefem Fache auch, die erfte in Deutfchland und Oefterreich, vollkommenen Eifen- Niederfchlag 36 Carl Haas. zu einer Druckplatte verwendet, ausgeftellt. Galvanoplaftik in Kupfer wird in gröfserem, in der Metallwaaren- Fabrik des Referenten, welche zugleich als Atelier des k. k. Mufeums fungirt, zu der Reproduction von Kunftwerken der GoldfchmiedeKunft verwendet, aufserdem waren die galvanoplaftifch hergeftellten Becher, Schilde etc. aus L. Faber's Atelier mit grofser Präcifion ausgeführt. Auch fonft erfcheint diefe Technik in mehreren Fabriken und Buchdruckereien in lebhafter Anwendung, in grofsen Dimenfionen jedoch können wir uns bis jetzt mit den Franzofen nicht meffen, denen hierin der erfte Rang gebührt. Die Anwendung des Emails auf Metall ift vorwiegend in Wien vorkommend und von Ratzersdorfer und J. Chadt trefflich und von mehreren kleinen Anftalten für Juweliergebrauch genügend vertreten. Eine Neuerung war die von J. Chadt gefertigte Imitation von Lapislazuli an einigen Bechern und Schalen der Ausftellung von A. Klein, wie denn überhaupt die Werke diefes Altmeifters unferer Emailtechnik in den beften Broncewerken Hollenbach's, Hannufch' etc. als Verzierung eingefügt zu fehen waren. Email cloifonné war allein bei C. Haas zu finden. Specialitäten boten auch noch A. Batfche, ein origineller Künſtler in Aetzung, Gravirung, Cifelirung, Damascirung und Incruftation, kurz in allen möglichen Techniken erfahren, brachte er eine fehr intereffante Collection folcher Verfahren zur Anfchauung. Nur eine ftilvollere und höhere künftlerifche Behandlung des Figuralifchen ift dringend zu wünſchen, wie denn auch die fonft fehr gute Arbeit an dem von Wertheim exponirten, von Batfche ausgeführten eifernen Schreibkaften und die oft fehr gelungene Incruftation wie Damascirung durch die Sorglofigkeit des Figuralifchen im Totaleffect fich bedeutend abfchwächte. Uebrigens bleibt Batfche der Ruhm, der einzige bis jetzt in Oefterreich wirkende Vertreter der Metall- Incruftation in feinerer Arbeit zu fein, ungefchmälert. Rufsland. Die ruffifche Ausstellung zeigt vorwiegend einen gefchloffenen eigenthümlichen Charakter, den nationalen; auch unfere Gruppe fteht unter diefem Einfluffe, ja verdankt demfelben manchen ihrer Vorzüge. Auch die focialen Verhältniffe find dort darnach angethan, auf gewiffe Kunftinduftrien ihre Präponderanz auszuüben. Der koloffale Reichthum Einzelner, die Luft an Prunk und Pracht haben die Entftehung fowie Ausbildung der heute dort blühenden Gold- und Silberarbeiten hervorgerufen und unterſtützt. Daher die Menge filberner und goldener Prachtgefäfse zum religiöfen wie profanen Gebrauche. Leichtbegreiflich concentrirt fich diefe Art kunftgewerblicher Thätigkeit gröfstentheils auf die beiden Hauptbrennpunkte des Reiches Moskau und Petersburg. Vielfach hat fremder Einfluss und Kunftbegabung mitgewirkt, aber diefs fcheint überwunden und die heutigen Erzeugniffe der Ruffen ftehen achtunggebietend da. In ihrer religiöfen Gefäfsbildnerei hatten fie übrigens immer den Faden weftlicher Cultur und Technik gehalten. Heute werden fie durch neue und fehr zweckmäfsig angelegte Gewerbefchulen mit bereits vorgebildeten Gehilfen verfehen und haben reiches Materiale von Vorlagen zur Dispofition. Aufserdem aber hat das grofse Reich eine bedeutfame Fülle auf alte Cultur geftützter Kunftelemente in der fehr intereffanten Hausinduftrie feiner füdlich öftlichen Provinzen. Im Allgemeinen haben die Erzeugniffe Moskaus einen mehr an ältere Vorbilder erinnernden Typus, während allerlei fremde Einflüffe in Petersburg den dortigen Arbeiten einen modernen Charakter verleihen. Eine fonderbare Verkennung des jedem Material zugewiefenen Formen kreifes hat es übrigens mit fich gebracht, dafs in der Gefäfsbildnerei Rufslands fogar in der äufserlichen Decoration von Rahmen, Käftchen etc. aus Metall diejenigen Ornamente auftreten, welche an derartigem nationalem Holzbau und Holz Metallwaaren. 37 arbeit überhaupt als berechtigt und original uns bekannt find. So bewegen fich denn auch diefe fo farbenprächtigen Schalen und Taffen meift in den Profilen der vom Drechsler gelieferten ordinären Holzarbeit. Eines aber ift entfchieden zu lobén und das ift jenes ausgefprochene Streben nach farbiger Wirkung, welches durch Anwendung von Email-, Niello-. Glanz- und Mattvergoldung in Abwechslung mit weifser und oxydirter Silberfarbe ein äufserft gelungenes Gefammtbild liefert. Hierin fteht Rufsland allein da, und es wäre nur zu wünfchen, dafs auch bei uns diefes Streben Anklang fände. P. Outchinikoff in Moskau in feiner reichen Ausftellung zeigte mehr als einen Beweis diefer Eigenthümlichkeit. Namentlich feine Emails in Verbindung mit Gefäfs nnd Geräth find reizend. Als befonders heben wir die Emails cloifonnés hervor, welche in von der gewöhnlichen Uebung diefer Technik abweichender Weife, nicht abgefchliffen und dadurch mit ihrer Umgebung in gleicher Ebene erfcheinen, fondern in einer dem XV. Jahrhunderte entftammenden Abart das Email innerhalb erhobener Filigranfäden im Glanzflufs vertieft zeigen. Hievon ift vielfach Gebrauch gemacht. Die grofsen Trinkgefäfse und Schalen zeigen Gruben und Zellenfchmelz neben einander, in der naturaliftifcher und Erfindung jedoch ein nicht glückliches Vereinigen fogenannter Nationalform. Einem conventionellen Gebrauche enftammen auch die übrigens techniſch eminent ausgeführten Darftellungen einer Damaftferviette mit Brot auf einem Teller liegend. Die Arbeit, den Deffin des Leinenftoffes und deffen Falten nachzuahmen, ift hierbei mit erftaunlichem Fleifse gemacht, dem übrigens ein edleres Vorbild zu wünſchen wäre. Auch die in altberühmter Vollendung gelieferte Tula Nielloarbeit ift vorzüglich vertreten, nur entspricht es dem fchlichten und doch fo reizenden Eindrucke diefer Technik wenig, wenn, wie wir hier als Neuerung fehen, der Grund neben dem Niello vergoldet, und durch Ringelpunzen mattirt wird. Der Totaleffect wird entfchieden unruhig. Von J. B. Klebnikoff in Moskau waren fowohl recht gefchmackvolle Samovars und anderes Gefchirr als auch Cultusgeräth in gelungener Durchführung exponirt. Neben der unvermeidlichen Serviette waren Löffel und Beftecke überhaupt, in welcher in ganz gelungener Weife das Ornament durch Nielloarbeit hergeftellt war. Auch hier müffen wir der vorzüglichen Emails erwähnen, welche in oft wahrhaft anmuthigen Ornamenten das Gefäfs verzieren. Reizendes liefert in diefer Beziehung auch Tchit cheleff in Moskau in kleinen Zellenfchmelz- Taffen. Mattiffen in Moskau brachte in feinen Theekannen und Becken eine weitere Neuerung der Niellirung. Er hebt das Ornament, welches ganz mit Niello ausgefüllt ift, über die Fläche, die eine vertiefte und mattirte Vergoldung zeigt; für gewiffe Ornamentenkreife nicht unglücklich erfunden. Die grofse Ausstellung S.& V. Safik off in Petersburg zeigt einen Kreis höchft beachtenswerther Arbeit in Silber und Gold. Getriebene Arbeiten namentlich, doch auch cifelirten Gufs. Emails in ganz vorzüglicher Arbeit, emaillirte Kelche und Schalen und namentlich der europäiſchen Kunftreform- Bewegung entfprechend, Einzelnes, und zwar fehr Beachtenswerthes in den edlen Formen der Hochrenaiffance. Daneben wieder ein Theefervice aus Silber in antiker, pompejanifcher Weife concipirt, der Grund Vergoldung, die Ornamente und Figuren mit engen, horizontalen Niellolinien gleichfam deffinirt, fo dafs fie dunkel vom Goldgrund abftechen. Bei den niellirten Arbeiten wollen wir noch der Firmen W. Semenoff und A. Poftnikoff erwähnen, welche, namentlich die erfteren, an Schwärze und Glanz der Einlagen unübertroffen blieben. Die Broncearbeiten find weniger reichlich vertreten, und auch im gewöhnlichen Niveau mit anderen Ländern ftehend. B. Chopin brachte gut modellirte nationale Figuren und Reiterftatuetten in Broncegufs, Tfcherkeffen und ruffifche Bauern in allerlei Hantirungen. Merkwürdigerweife ift hier gar kein Gewicht auf eine reizende Farbenwirkung der Bronce gelegt. Sehr beachtenswerth war eine grofse Arbeit, Thürflügel für die Erlöferkirche zu Moskau aus 33 Stücken montirt in 38 Carl Haas. Broncegufs. Was fonft noch von Consolen, Candelabern und Aehnlichem vorlag, war direct von franzöfifchen Vorbildern herzuleiten. A. Morand und J. Spörhafe in St. Petersburg brachten Broncearbeit in Verbindung mit den koftbaren ruffifchen Mineralien Malachit und Lapis lazuli. Offen geftanden, konnten wir mit beftem Willen an Alledem nichts Gelungenes entdecken. Während ähnliche Zufammenftellungen in der franzöfifchen Abtheilung oft reizende Gefammtwirkung dnrch die fein abgeftuften Töne des Onyx und Alabafters erzielen, geben die harten Farbtöne namentlich des Malachites von Haus aus unkünftlerifche Grundfarben. Was in den füdlichen Provinzen und am Kaukafus producirt wird, fchliefst fich an den Reigen orientalifcher Kunftinduftrie, Einzelnes ift direct perfifch. Aus dem Dorfe Laitfch war eine ganze Reihe Kupfergefäfse, wie deren Vorbilder nur in Iran zu finden, nur roher gehalten, als Hausarbeit der mohamedanifchen Bevölkerung ausgeftellt. Das Ornamentale daran ift Gravirung, welche auf der verzierten Oberfläche das Kupfer im Schnitte blofslegt, wo fodann eine leichte Färbung der Gravirung, einen nielloartigen Eindruck gibt. Aus Tiflis waren fehr edelgezeichnete Filigranarbeiten und Silberarbeiten, getriebene Schüffeln, Flafchen in orientalifcher Form, nach offenbar alten Vorbildern gearbeitet, zu finden. Aus Saxin und Tiflis auch Nielloarbeit, aber in wenig bedeutender Weife. Von galvanoplaftifchen Arbeiten waren einige Reproductionen in der fogenannten„ Amateur- Ausftellung", und zwar von einem, der in Moskau befindlichen Gewerbefchule angehörigen Atelier, exponirt, die Arbeit gut, aber nichts Hervorragendes; während wir die hochintereffante Specialität der Eifenniederfchläge, namentlich in einem Schilde aus der Werkstätte der ruffifchen Staatsnoten- Druckerei auf das Rühmlichfte hervorheben müffen. Rumänien. Ueber die moderne Metall- Kunstinduftrie diefes Landes ift wenig zu fagen, da noch kein Beftreben dort befteht, hierin auf eigenen Füssen zu ſtehen. Import ift die Bafis feines Verbrauches, Cultusgeräth allein dürfte in foweit darin eine Ausnahme machen, als die byzantinifchen Vorbilder vielleicht noch getreuer dort nachgebildet werden als in dem doch mehr felbftftändigen, glaubensverwandten Rufsland. Das Intereffante, was unleugbar die Käften der rumänifchen Ausstellung enthielten, waren durchwegs ältere Arbeiten aus Klöftern und Staatsfammlungen. Vor Allem hochmerkwürdig jener uralte Goldfund von Petroffa, der an einer andern Stelle diefer Berichte feine Würdigung finden wird. Der Orient. Die Grundverfchiedenheit der orientalifchen Kunstgewerbe gegenüber den gleichartigen abendländifchen Beftrebungen, tritt, wo diefelben noch unberührt fich erhalten haben, auch auf unferer Ausftellung markant zu Tage. Es erfchien daher gerathen, hier ausnahmsweife mehr zufammenfaffend vorzugehen, und diefe ganze Gruppe in ihrer unleugbaren Wechfelwirkung zu betrachten. Auch fie zerfällt in zwei Abtheilungen, die der perfifchen, türkifchen, egyp tifchen und allenfalls noch der tunefifchen- marokkanifchen Ausftellung und in jene der chinefifch- japanifchen. Indien, das entwickeltefte Culturland diefer ganzen geographifchen Gruppe, ſteht fo felbftftändig da, dafs wir ihm den befonderen Platz neben England bereits gewahrt haben. Metallwaaren. 39 Zwei Elemente find hier mafsgebend: die ausgefprochene Begabung für das Flächenornament, theilweife aus religiöfen Rückfichten entftammend und dadurch genährt, fo namentlich die Vernachläffigung des figuralifchen Beiwerkes und die Hinneigung zur färbigen fatten Stimmung alles Beiwerkes. Tritt, hiedurch beftimmt, auch noch der Mangel einer eigentlich felbftftändigen, hohen Kunft in unferem Sinne, mit Ausnahme der Architektur, hinzu, fo ift die Präponderanz der kunftgewerblichen Arbeit ein Selbftergebnifs. Erft nach und nach lernen wir befonders an älteren Arbeiten die erftaunliche Technik, den Gefchmack und die Hingebung an die Arbeit kennen und fchätzen, der diefen Völkern eigen war und, jemehr fie unberührt geblieben, noch ift. Kunftgefchichte ift hier nicht die Aufgabe zu treiben; wir erwähnen nur, dafs wir die originalen perfifchen, egyptifchen und firifchen Formen als faft verfchollen betrachten müffen und heutzutage faft durchwegs den Modificationen begegnen, welche die arabifche Kunft mit den einzelnen Typen angefangen hat. Je nach der Begabung der Stämme hat fich denn ein oft von ihrer ftammverwandten Sippe fehr verfchiedenes Bild geftaltet, dem jedoch die Eingangs erwähnten Züge gewiffermafsen Familienähnlichkeit verleihen. Daher ift denn auch der Eindruck der verfchiedenen Ausftellungen des Orientes mit Ausnahme China's und Japans auf den erften Blick ein faft gleichartiger. Perfien. Uralt berühmt finden fich ziemlich reichlich die verfchiedenen Metallwaren Perfiens, welche im Laufe der Jahrhunderte nach Europa gelangten, in den Muſeen und Sammlungen der Liebhaber. Die fcharfen Klingen von Damascener Stahl aus Choraffan und Schiras haben eine der früheften und eminenteften Entwicklung der Stahlfabrication überhaupt zu vertreten und unerreicht von abendländifchen Verfuchen und Erfindungen ihren Ruf bis heute wohl erhalten. An ihrer künftlerifchen Ausfchmückung, meift an Griff und Klinge, haben faft alle Specialornamentirungen Uebung gehabt. Eine befondere Ausbildung und Pflege fand die Kunft des Gravirens als Vorbereitung der Incruftation oder Niello fowohl als auch ganz felbftändig verzierend, heute noch hat fich in Perfien und im anftofsenden Kaukafus die Technik mit dem Grabftichel in den meiften Fällen als einziges Verzierungsmittel der oft nicht unbedeutenden Flächen erhalten. Perfien ift zugleich eine der weiteften Etappen, wohin wir arabifche Kunft verfolgen können und wir fehen noch in den heutigen Arbeiten eine oft kaum zu zerlegende Mifchung einheimifch perfifcher, arabifch- türkifcher, ja felbft indifcher und chinefifcher Elemente. Bedeutend ift die heutige Metallinduftrie Perfiens nicht und was fie hauptfächlich fchafft, ift entweder die forgliche Nachbildung älterer, dort einheimifcher Waffen in Material und Form oder die Gefäfsbildnerei. Aus Bronce finden wir nicht unbedeutende Erzeugung von Schalen, Becken und Kannen, meift zum Zwecke des orientalifchen Badegebrauches. Hier ift auch noch von einer heutigen Induſtrie zu reden. Die wenigen Juwelierarbeiten, welche für landesüblichen Schmuck erzeugt werden, gehen zumeift aus den Händen perfifcher Juden hervor, welche auch den Handel mit edlen Steinen hauptfächlich betreiben. Im Allgemeinen ift es hier jedoch weniger die gefchmackvolle Ausführung als die Gröfse und der Werth der Steine, welche heutzutage beim Schmuck in Perfien in Betracht kommen. Orientale fchätzt überhaupt wenig den kunftvollen Schliff der Juwelen, fondern begnügt fich mit der relativen Seltenheit. Der Auf die Ausftattung der Wafferpfeife, des türkifchen Nargiléh, in Perfien Kaliun genannt, wird viel verwendet, und da lieferte namentlich Schiras die beften Arbeiten. An ihnen kommt fowohl Email als Steinbefatz und ebenfo Incruftation und Niello in Anwendung. Von Waffen war nicht viel und vor Allem wohl wenig Neueres zu finden, das Vorhandene aber meift vorzüglich. Befonders ein Schild mit genial entworfener Goldincruftation, Einiges an Säbelgriffen und anderen Waffen. Von Broncegefäfsen war eine reichliche Collection älteren Datums ausgeftellt. Es waren diefs gröfstentheils Vafen und Schalen, wie fie zur Aufbewah 40. Carl Haas. rung der Seife und Parfums zum Bade dienen, und heute noch nebft den bekannten kleinen Trinkfchalen zu Kirmanfchahan noch vorzüglich gefertigt werden. Die hier in Rede Stehenden waren aus Kupfer und einer Broncelegirung, in einfachen, edlen Hauptformen. Die äufseren Flächen theils verzinnt und dann gravirt, eine Technik, wie fie im Orient weit verbreitet erfcheint; theils die Bronce zeigend, gravirt, vielleicht auch vorgeätzt und dann nielloartig in den Vertiefungen mit Harzfarbe ausgefüllt. An diefen Verzierungen ift ein ganzer Curfus trefflicher Flächenverzierung zu ftudiren und durch die rafche Intervention des öfterreichifchen Muſeums, das die ganze Sammlung erwarb, ift uns hiezu nun ausreichende Gelegenheit geboten. Höchft intereffant war auch eine Räuchervafe mit durchbrochenen Verzierungen in anmuthigfter Form entworfen und meifterhaft ausgeführt. Auch Filigranarbeiten waren zu fehen, fcheinen jedoch nach fpäteften Muſtern gefertigt. Türkei, Egypten, Marokko, Tunis. Die bunte Pracht der türkifchen und der ihr verwandten egyptifchen, tunefifch- marokkanifchen Ausftellung bot im Grunde genommen nichts Hervorragendes und wenig Bemerkenswerthes gegenüber den eben befprochenen Gegenständen der perfifchen Gruppe. Was, in diefen weiten Gebieten producirt, heute eine induftrielle Bedeutung hat, ift in der Mehrzahl, nur in wenigen traditionell gefertigten Artikeln zum täglichen Bedarf dienend und den verfchiedenften, übrigens oft auch nicht eruirbaren kleinen LocalWerkstätten entftammend, vertreten. Noch am meiften fcheint die alte Treibtechnik in Anfertigung von Gefäfsen, Schalen und Platten fich an den meiften Punkten erhalten zu haben. Das Material felbft als Blech fcheint importirt zu fein. Von edlen Metallen ift Silber zahlreich zu Kannen und Taffen verwendet, und eine weit verbreitete Technik ift das Filigran zur Verzierung folcher Gegenftände fowohl, als auch in felbftftändiger Weife verwendet. Zumeift fcheinen die öftlich gelegenen Gegenden am fchwarzen Meere früher von der Nachbarfchaft Perfiens befruchtende Elemente empfangen zu haben, und heute in herkömmlicher Form zu arbeiten. Wenigftens wurden bei einigen der befferen Filigranarbeiten Sinope am fchwarzen Meere und deffen Nachbarfchaft als Verfertigungsort genannt. Uebrigens auch aus Salonich, am Südende Macedoniens, waren derartige ganz gute Arbeiten in Kaffeetaffen, Unterfätze von Eierbecher- Form, vorhanden. Conftantinopel erzeugt wohl auch Silberarbeit, doch ift das befonders Hervorgehobene rein in gewöhnlich europäiſcher Art gefertigt, und kann höchftens durch die barocke Grundidee, wie jene aus Silbergufs und Draht gefertigte Nachbildung einer Mofchee, flüchtige Aufmerkſamkeit erringen. Von wirklicher Kunftarbeit foll noch die Taufchirung der Waffen in dem alten Byzanz in Uebung fein. Dagegen wird am goldenen Horn ziemlich viel und auch ganz präcife Arbeit in getriebenen Becken und Wafchgeräthen nebft Tifchgefchirr in eigenthümlichen Platten und Schalen erzeugt Es waren ganz achtbare Dimenfionen durch Hammerarbeit an Metallvafen namentlich erzielt. Freilich wird diefe Handarbeit auch dort bald durch die Aufnahme des Metalldruckens auf der Drehbank erfetzt werden. Auch Bosnien liefert ganz intereffante derartige Gegenftände, befonders Lampen mit getriebenem, originellem Deckel. So fehen wir hier in einer Abweichung vom gewöhnlichem Gange gerade in der Hauptftadt die Erzeugung der zum Hausgebrauche dienenden Artikel ziemlich fchwunghaft betrieben, während die feineren Kunftgewerbe in localer Zurückgezogenheit und entlegenen Gegenden fich erhielten. Auch ift die Anfertigung jener' ebenfalls getriebenen verzierten und gravirten Becken und Schalen in mannigfacher Form und Herkunft vertreten, deren wir fchon bei Rufsland gedachten, und deren fchönfte Originale in Perfien zu fuchen find. Das Meifte, was Egypten als zu unferer Gruppe gehörig ausgeftellt hatte, zeigte wohl diefelben Grundzüge, und hat wohl auch feine Entstehung meift Metallwaaren. 41 auf dem Boden des türkifchen Hauptreiches gefunden. Es find gewiffermafsen hier die Abfätze der Wellenringe alter Culturftrömungen zu verzeichnen und es ift auch das Alte und Heutige, fo lange es in wirklich orientalifchen es die Formen gehalten erfcheint, vielfach vermengt. Auch hier waren Waffen, welche die meifte Kunftfertigkeit zeigten. Zumeift älterer Herkunft war aus der Sammlung Cöleftin Posno's in Kairo manches Treffliche in Silber und Eifen erhalten. Was fo ziemlich naiv gehalten dem nachgebildet wird in heutiger Zeit, kann fich doch eigentlich keine befondere Bedeutung erringen. Sehr intereffant waren Filigranarbeiten in der egyptifchen Gruppe. Es liefsen fich deutlich zwei befondere, vielleicht noch heute nachwirkende Schulen unterfcheiden. Die eine Aeltere, der der Preis gebührt, bildet die Hauptconturen der Ornamente aus ftarkem, theils glattem, theils halbkugelig gewalztem Draht, und füllt dann die Zwifchenräume durch feine Windungen, welche fehr gefchmackvoll angeordnet dem Charakter der Hauptbewegung folgen; von diefem aus zweigen fich fymmetrifch vertheilt, federnartige, dünne Drähte gegen die Hauptcontur ab, fich dort zufammenrollend und eine kleine Metallperle als Schlufsftein tragend. Es ift das die ftilvollfte Gattung der Filigrantechnik und es freut uns auch, auf eine in den Befitz des k. k. öfterreichifchen Mufeums übergegangene Kaffeekanne diefer Art als bleibendes Beiſpiel hinweifen zu können. Die zweite diefer Schulen formt ihre zarten Windungen aus regellofen Drahtbiegungen und verfolgt die Imitation modern orientalifcher Deffins, ähnlich den Stoffmuftern. Von heutiger Arbeit ift fonft wenig zu erwähnen, höchftens noch eine faft vier Schuh breite Meffingtaffe mit gutem Ornament gravirt, zeigte von Begabung des einzelnen Arbeiters. Was Tunis bot, war in wenigen Exemplaren vertreten; gewöhnliche Arbeit an Flafchen und Schalen in getriebenem Silber, Schmuck und Gehänge mitunter hübfche Form, aber in Details wie auch da, wo Filigrans angewendet erfcheinen, von regellofer Arbeit. Aus Marokko wäre fchliefslich nur eines Goldfchmuckes aus Timbutku zu erwähnen, allein derfelbe ift offenbar uralt, und dorthin verirrt; das Sonftige ift nur ethnographifch intereffant. China. Das wunderbare Land der Mitte war in unferer Gruppe auf der Weltausstellung leider nur in fehr wenigen Stücken vertreten. Diefe find ausreichend, uns zu zeigen, dafs wir uns einer uralten Technik gegenüber befinden, deren traditionellen Umfang und heutigen Werth wir ahnen, aber nicht beftimmen können. Dafs wir auch in dem Fache der Metallbearbeitung von den Chinefen noch Einiges lernen können, fteht feft. Und mit welch' primitiven Werkzeugen wird diefs Alles gemacht! Welches Mafs von Geduld und Fleifs mufs da verwendet werden! Wir unterfcheiden zwei verfchiedene Hauptgruppen, in welche fich die kleine Zahl der Objecte trennt. Die ältere Arbeit, wie die Broncen aus der Sammlung der Miffionaire und die heutige Erzeugung. Der Stil der älteren Sachen ift, wie diefs beim Email beobachtet wurde, den heutigen weit überlegen. Klare Hauptformen und ruhige Details kennzeichnen diefelben im Gegenfatz den gegenwärtigen überladenen und mafslos verfchnörkelten Formen. Einzelnes von wirklich feltener Präcifion und feinem Bronceton; eine Suite von in Shanghai erzeugten Weinkannen und Bechern aus Zinn und Cocosnufs im älteren Stil gehalten; Thierfiguren und Vafen meift mit frei erhobenem Ornament im Gufse, jedoch im Allgemeinen ohne die Schärfe der japanefifchen ähnlichen Arbeiten, bildeten den Stock der kleinen Ausftellung. In den Silberwaaren begegneten wir zwei wirklichen Erzeugern, während fonft eigentlich Commiffionsmitglieder exponirten, die Zollbehörde voran, Miffionaire und Confulatbehörden. Leeching und Yütfching aus Canton, erfterer mit ganz moderner Adrefskarte, fich als Gold and Silber fmith" ausweifend, hatten eine Reihe von " 42 Carl Haas. Schmuck, Tafel- und Luxusgeräthen exponirt. Verfuchen wir Einzelnes bei der Seltenheit der Artikel zu charakterifiren, Der Schmuck ift halb national, halb europäiſch gehalten. Das Material Gold und Silber theils cifelirt oder gravirt, theils in Filigran gehalten und als Mittelftücke oder auch als Umrahmung dortige beliebte Raritäten. So z. B. Tiegerklauen oder das gefchnitzte und gefärbte Horn aus dem Schnabel eines pfefferfreffenden Tunkans. Letzteres auch in eigenthümlicher Verwendung als Decoration in einer an den wirklichen bekannten riefenhaften Schnabel erinnernden, jedoch verkleinerten Form, fein gefchnitzt und geglättet, fowie gefärbt. Einmal fahen wir dasfelbe auf einer Kanne von feinem Filigran, wo dann eine aus Filigran gebil dete Figur mit gefchnitztem Beinantlitz, das Ganze wie im Triumph vor fich herführt. In origineller Weife fah man im Filigrandeffin des Kleides diefer Figur, bekannte Ornamente aus der Reihe jener in älteren Cloifonnéwerken chinefifchen Urfprunges vorkommenden fozufagen elementaren Verzierungen. So finden fich in ähnlichen Techniken in noch früheren Stadien deren Entwicklung, gemein fame eben dem Materiale und deffen Behandlung von felbft entſtammende Züge. Gehen wir noch einen Schritt weiter, fo finden wir Fächer ebenfalls aus Filigran gebildet. Ueberhaupt fcheint diefe Technik mit ihrer kleinen forgfältigen, etwas mühfamen Arbeit fo recht für den emfigen Fleifs der Chineſen Anziehungskraft zu befitzen. Diefe Fächer find aus feinftem gewundenem Draht, der in etwas willkürlichem Deffin die langen Felder einnimmt; unterbrochen durch gröfsere Zellen, welche durch ein durchfichtiges Email beiderfeits an der Vorund Rückfeite nur durch ein äufserft dünnes Blech getrennt, welches dem Email als Untergrund dient, ausgefüllt, die eigentliche Decoration vorftellen. Der Eindruck ift ganz eigenthümlich, und wenn wir auch nicht die frei angebrachten Emails hier haben, wie fie einft B. Cellini an einer Schale im Befitze Franz von Frankreichs bewunderte, fo ftehen wir doch nicht weit davon. Der Effect wird durch die häufige zufällige Durchlöcheruug des oberen Mittelbleches gehoben, da an folchen Stellen das ganze factifch durchfichtig wird und das Email wie ein à jour gehaltener Edelſtein blitzt. Die Gefäfse, Kannen und Taffen zum Thee find offenbar für europäiſche Bedürfniffe gemacht und haben, einige barocken Henkel ausgenommen, kein befon deres Intereffe. Unter den Meffinggefäfsen waren befonders erwähnenswerth Kannen, Becken und allerlei kleineres Geräth mit dicht gravirtem Ornament bedeckt, der Grund davor mit fchwarzem Lack ausgefüllt. Gröfsere Gegenftände waren nicht zu finden; die getriebenen Becken aus Kupfer, welche ausgeftellt waren, zeugten von der Reinheit des Metalls fowohl als der Gewandtheit des Treibens mit dem Hammer. An Zinnarbeiten waren nicht unfchöne Formen in Kannen zu fehen. Von originellem Effect fanden fich zwei kleine Zinnleuchter mit eingravirtem Deffin, aus Formofa ftammend. War es Zufall oder Mangel an Stoff, genug es war in den feltenften Fällen an irgend einem Metalle die rationelle Benützung einer Drehbank zu bemerken; während wir doch an japanefifchen Theebüchfen aus Zinn den dichten auf der Drehbank hergeſtellten Verfchlufs bewundern. Ebenfo konnten wir über Eifenbearbeitung nichts Genaues erfahren, obwohl dasfelbe in manchen Exemplaren als viel gebrauchtes Material fich verräth. Einzelnes hieher Gehörige diefer Ausftellung ftammt aus Japan, wurde daher hier nicht weiter berücksichtigt, fo die Sendung von Mr. Howell aus Hakodadi. Trotzem nun fteht doch die Gefammtwirkung der Ausftellung auf einem ganz anderen, viel höheren Standpunkte als die letzte Parifer Ausftellung hat vermuthen laffen. Dort gröfstentheils durch Amateurs- Collectionen zufammengebracht, haben wir heute in jedem Fache ein, wenn auch lückenhaftes, fo doch belebtes und viel richtigeres Bild der Entwicklung des merkwürdigen Volkes vor uns. Metallwaaren. 43 P Dank der Zähigkeit und dem Eifer unferer Vertretung dort, welche nach vielen Selbftaction vergeblichen Verfuchen endlich die chinefifche Regierung zur brachte, die unter hingebender Mitwirkung erleuchteter Männer, wir nennen nur unferen tüchtigen Conful Overbeck, das Material zufammen brachte. Als Nachtrag nur wenige Worte über die ausgeftellt gewefenen Emails. Es find faft durchgehends Cloifonné- Arbeiten und wir find alfo hier bei den Urbildern der heutigen Engländer und Franzofen angelangt, wie denn auch wohl im frühen Mittelalter die Cloifonnés auf orientalifchen Vorbildern fufsen. Es find ganz achtunggebietende Werke oft von räumlich bedeutendem Umfange, meift jedoch fchon aus fpäterer Zeit und in oft viel fchleuderifcherer Technik gefertigt, als die feit einigen Jahren von dorther in europäiſche Sammlungen gelangten älteren Stücke. Ueber die vorzügliche Haltbarkeit und den eigenthümlichen Farbenton der Emails ift nichts Neues zu fagen, da gerade in den letzten Jahren diefelben Vorwürfe in gediegener Weife öffentlich discutirt worden; eine andere Frage ift die, warum eigentlich die heutige Cloifonage eine fo viel geringere geworden. Wir glauben den Hauptgrund in der auf arcanifchem Wefen beruhenden Erzeugung derfelben zu finden, welche den Einzelnen der durch glückliche Zufälligkeiten, fowohl in der Wahl der Glasmaffe, als in dem local zu Gebote ftehenden Metalloxyd begünftigt, feine Erfahrungen in halb abergläubiger Weife als echter Alchymift zu verwerthen fucht und dadurch im Befitze von Recepten ift, die feinen Nachfolgern felten oder nie zu Gute kamen. Einen guten Theil trägt natürlich auch die jeweilige Nachfrage, welche zu gröfserem Betriebe folcher Specialitäten veranlafst, die unter mifslichen Verhältniffen zeitweilig fogar brach liegen.- Auffallender Weife waren diefe chinefifchen Emails viel theuerer als die japanefifchen gehalten. Japan. Japan gehört feinem neuerlichen Auftreten nach in die Reihe der modernen Induftrieftaaten. Es ift ein höchft beachtenswerthes Streben, das in der Ausstellung diefes kleinen öftlichen Vorkämpfers culturhiftorifcher Entwicklung überhaupt pulfirt. In Metallarbeiten eine altgeübte Technik mit vielfach anregenden Eigenthümlichkeiten zeigend, hat es leicht verftändlich in der Form den bizarren Typus afiatifcher Kunft überhaupt auch hierin zur Geltung gebracht. Nur fei es entfchieden betont, im Vielfachen zeigt fich ein entfchiedenes Streben auch in der Form in natürlicheren Geftaltungen fich zu bewegen, und bei der reformatorifchen Strömung, in welcher fich diefes merkwürdige Culturvolk überhaupt befindet, dürften in nicht zu langer Zeit die Grundprincipien europäiſcher Gefchmacksanfchauung auch dort zur Geltung kommen. Ob zum Vortheile diefer eigenthümlichen Cultur überhaupt, ift aber die Frage. Metalllegirung, vor Allem Metallgufs und gehämmerte Arbeiten traten in mannigfachfter Form uns entgegen, Vafen, Räuchergefäfse, Gebrauchsartikel in der gröfsten Mannigfaltigkeit und faft Alle hier verkauft. Von den in oft überrafchender Weife verfchiedenartigen Farben der Bronce, wie folche die Japaner durch Legirung fowohl, als auch durch nachträgliche Beizung hervorbringen, waren zwei Mufterfammlungen von geftreckten Barren und auf Vafen von übereinander gefchichtet vernieteten Ringen in wechfelnder Farbe vom Schwefelgelb durch Rothbraun und Grau bis zum tiefften Schwarzbraun in vielfach abgeftuften Tönen vorhanden. Die eine diefer Mufterfammlungen enthielt Legierungen von Gold und Silber mit Kupfer und ftammte von Nagashi in Yeddo, die zweite, welche von vorwiegend Kupfer mit anderen aber meift halbedlen Metallen gefertigt war, kam von Kanaya, einem Metallarbeiter in Kio- to. Leider wurde keine diefer Suiten von einer inländifchen Anftalt acquirirt, und es mufs das eingehende Studium diefer für die Bronce- Induftrie hochwichtigen Eine befondere Art Legirungen auf günftigere Momente verfchoben werden. feiner Legirung fei noch befonders erwähnt. Es wird dem gefchmolzenen 44 Carl Haas. Kupfer in gewiffem Verhältniffe Gold zugefetzt, und die gewonnene Verbindung einer wahrfcheinlich fchwefelhaltigen Beize ausgefetzt, welche bei einer gewiffen Goldhältigkeit dann eine dunkle, blaufchwarze, oberflächliche Färbung gibt. Alfo ein Vorgang ähnlich wie beim Niello. Die Legierung heifst Schijak dou, ift fehr beliebt und war auch mannigfaltig vertreten. Ein Vortheil in der Legirung bringt es auch mit fich, dafs die techniſch äufserft gelungenen gröfseren und kleineren Gufsvafen in den äufserften Details mit folcher Schärfe und Präcifion des Gufses erfcheinen. Im Allgemeinen in fchön braunen Broncefarben von verfchiedener Abftufung gehalten, zeigen die Flächen auch oft eine fehr gelungene Belegung von incruftirtem Metall, Silber oder Gold, welches in vorgravirten Vertiefungen eingelaffen wird. Eine Ausnahme machen zwei eiferne Leuchter, deren feine Linienornamente unter der Loupe das Silber eingefchmolzen, alfo wohl im gepulverten Zuftande früher aufgetragen und dann im Feuerflufs fixirt zeigt. Auf kleines Schmuckgeräth ift diefe Incruftation oft in 3 bis 4 Metallen durchgeführt und erzielt dadurch bedeutende Wirkung. Im Allgemeinen darf hier nicht unerwähnt bleiben, dafs die Montirung der Gefäfse meift mit weicher Bleilöthung bewerkstelligt ift, wie denn das Blei überhaupt auch in den Legirungen der Japanefen eine bedeutende Rolle spielt. Eigentliche Rückficht auf Feingehalt der Edelmetalle herrfcht nicht. Gold und Silber erfcheinen in den verfchiedenften Mengungen. Silber oft in einer fehr kupferreichen Legirung von 4 Silber zu 34 Kupfer verwendet, heifst Schibu- jzi. Die ausgeftellt gewefenen Silbergegenstände zeigten, dafs die Japanefen das Silber felten in der dem Metall eigenthümlichen Farbe anwenden, fondern fie geben demfelben durch leichte, wohl Schwefelbeizen, graue, tiefere und lichtere Töne; merkwürdigerweife war gerade das minder fein legirte Silber weifsgefotten geblieben. So weicht in ganz origineller Weife diefe japanefifche Metalltechnik von der europäiſchen ab. - Bei uns wird der Effect durch Vergoldung, Verfilberung oder künftliche Patinirung erftrebt, dort ſpielt meiftens die Legirung verfchiedener Metalle zur farbigen Wirkung die Hauptrolle. Intereffant war es, von den Japanefen felbft zu vernehmen, dafs die Behandlung des Silbers durch fchwärzende Legirung und Beizen hauptfächlich aus dem Grunde gefchehe, um, ohne durch den monotonen Eindruck des Weifs gelangweilt zu werden, in dem alfo gebrochenen Farbenton des Silbers, wie er hier vorlag, eine Möglichkeit zu finden, des Anblickes folcher Geräthe länger froh werden au können". " Welch eine gefteigerte Ausbildung künftlerifcher Anfchauung und gefunden Farbenfinns zeigt diefer dem Referenten gegenüber gelegentlich perfönlich gemachte Ausfpruch eines der japaniſchen Commiffäre, welcher hier einer dort herrfchenden Meinung Ausdruck gab. - Auf vielen Bijouterien bildet das obenerwähnte Schijak- dou den Fond der Platte, dann ift die Fläche mit feinen Goldfäden incruftirt. Den Rand bildete oft feines angeklopftes Goldblech. Auch die Japanefen unterfcheiden zwifchen eingravirten und mit Draht ausgefüllten Verzierungen und folchen, wo das Edelmetall auf einer mit der Feile gerauhten Fläche fixirt wird, kennen alfo ganz gut den Unterfchied von incruftirter und damascirter Arbeit. Leider war kein Stück in letzter Technik zu finden. - Die weitere Flächenverzierung zeigt uns das Email cloifonné; in ziem licher Ausdehnung, nur wie fchon auf der letzten Parifer Ausftellung bemerklich war, ift auch hier die heutige Technik in Linienführung wie Farbe zurückgegangen. Immerhin find aber die einfachften Mufter oft mit viel natürlichem Gefchick verwendet. Metallwaaren. 45 Dem räumlichen Umfange nach zeigen die chinefifchen Arbeiten allerdings eine hervorragende Gewandtheit im Bewältigen der Schwierigkeit grofse Schalenbecken etc. zu emailliren, allein in der Farbenftimmung mufs dem japanefifchen Gefäfse der Vorzug gegeben werden. Eine Eigenthümlichkeit des japanefifchen Emails ift das Vorwiegen der grünen Farbe im Grund und Deffin; während die Chinefen vorwiegend fich des Blau hiezu bedienen. Es wird übrigens die fchon faft verlaffene Technik des Emails erft feit wenigen Decennien dort mehr geübt, nachdem folche bis vor hundert Jahren im Betriebe war, und dann beinahe ganz verlaffen wurde. LAMPEN UND BELEUCHTUNGS- APPARATE. Bericht von CARL COHN. Man braucht nicht auf die Beleuchtung der Strafsen durch Kienholzfpäne und Pechleuchten zurückzugreifen, man braucht nicht des Fortfchrittes zu gedenken, welchen die Beleuchtungsmittel durch Talg in Gläfern und durch die Erfindung der Baumwoll- Dochte für Oelflämmchen erzeugt wurde, endlich auch nicht des ungeheuren Fortfchrittes im Beleuchtungswefen, welchen die Erfindung des Giefsens von Talgkerzen, das im Jahre 1760 zuerft verfucht wurde, und der Reformen der Oelbeleuchtung durch Argant, durch welche 1783 die grofse Periode der modernen Oelbeleuchtung eröffnet wurde, um genügend die Fortfchritte zu - beleuchten, welche unfer modernes Beleuchtungsfyftem darftellt. Die Weltausftellung des Jahres 1867 ift gewiffermafsen das Ende diefer Periode. Man konnte auf ihr das ganze Syftem unferes heutigen Beleuchtungswefens für Strafsen und öffentliche Gebäude, für das bürgerliche Gefchäft und die kleine Haushaltung fehen und ftudiren. Alles, was die Zeit allmälig entwickelt. hatte, alle möglichen Beleuchtungsmitteln, Talg, Wachs, Stearin, Paraffin, Spermacet u. f. w., alle Behelfe der Beleuchtung vom einfachften Leuchter bis zum vielarmigen Kronleuchter, von der kleinen Küchenlampe bis hinauf zur complicirten Moderateurlampe und endlich bis zur vielfach geftalteten Petroleumlampe, alles das war in reicher Auswahl und durch viele Länder und Fabricationsrichtungen zu fehen. Die letzte Reform der Petroleumlampen, die damals auftrat, die Erfindung der Rundbrenner, heute allgemein verwendet, war gleichfalls fchon vertreten. Nach diefen rafch nacheinander folgenden Fortfchritten und der Ausftellung im Jahre 1867 konnte man von Vornherein überzeugt fein, dafs die Wiener Weltausftellung wenig Neues wird bringen. In der That ift auch keine wefentliche Veränderung, kein befonderer Fortfchritt in dem ganzen Gebiete der Lampenfabrication feit den letzten fünf Jahren zu verzeichnen. Allenthalben hat fich wohl die decorative Ausftattung, der Gefchmack und die künftlerifche Vollendung in den einzelnen Beleuchtungsmitteln, Lampen, Lufter, Candelaber u. f. w. hoch entwickelt. Man ift auch auf diefem Gebiete dahin gelangt, dem künftlerifchen Bedarf unferer Zeit zu genügen. Wollten wir uns darüber verbreiten, fo könnten wir über die Ausftellungen Oefterreichs, Deutfchlands und Frankreichs die zumeift in künftlerifcher Beziehung und Decoration das Vollendetfte leiften und gebracht haben, gar vieles erwähnen. Aber diefe Seite des hier zu betrachtenden Gebietes, fällt mit der Broncewaaren-, Metall-, Porzellan- und Kunftinduftrie vollſtändig zufammen, und kann nur bei Betrachtung diefer Gebiete und im Zufammenhange 46 Carl Cohn. mit der kunstgewerblichen Richtung überhaupt, wie fie fich dabei Geltung verfchafft, betrachtet werden. Wir verweifen daher auf die darauf bezüglichen Referate, denn es gibt ebenfo wenig eine befondere Bronce- Kunftinduftrie für Lampen oder Lufters u. f. w., als es eine befondere Porzellan- Kunftinduftrie für diefe Gegenstände gibt. Weiter müffen wir bemerken, dafs die Erfindungen früherer Jahre, wie fie 1867 zur Ausstellung gebracht wurden, heute allgemein geworden, und in einzelnen Neugeftaltungen, für die Erfindung felbft wohl ohne Bedeutung, aber für die Benützung derfelben von ganz gutem Werthe fich entwickelt haben. Es ift natürlich, dafs wir bei unferem Referate uns auf Oefterreich, Deutfchland, Frankreich und England befchränken. Haben doch auch diefe Staaten allein Beachtenswerthes zur Ausftellung gebracht und ragen in Fabrication und Handel allein hervor. Frankreich und England verfenden von ihren Producten viel nach der Fremde, in Deutſchland ift es Berlin, das nach allen deutfchen Städten und Ländern, ebenfo nach den nordifchen Staaten Dänemark, Schweden und Norwegen feine fchönen und guten Producte verfendet. Auch dringen nach Oefterreich und den Donauländern deutſche Lampen und Beleuchtungsapparate in ziemlich bedeutenden Mengen. Es war fchwer, bei der Zurückhaltung der deut fchen Aussteller etwas über die Productionsfähigkeit zu erfahren. Nach den geringen Andeutungen aber, die uns zugekommen, find keineswegs die Exportziffer von 3 Millionen Stück, welche die preufsifchen Städte und darunter zumeift Berlin nach allen Ländern verfenden, zu hoch gegriffen. Auch in O efterreich nimmt die Lampenfabrication nach der Güte des Productes und der Schönheit der decorativen Ausftattung eine hochbedeutende Stelle ein, und dürfte die öfterreichifche Lampenfabrication zu den gröfsten und bedeutendften Europa's zählen. Wien, Peft und Prag nehmen für Oefterreich diefelbe Stellung ein, wie München und Berlin für Deutfchland, und richtet fich der Export Oefterreichs, wie die grofsen Zweiggefchäfte eines bedeutenden Wiener Haufes, deffen wir noch des Weiteren gedenken werden, fowohl nach Deutfchland, zumeift Süd- Deutfchland, dann in fehr bedeutender Weife nach den Donauländern, der Türkei und Griechenland. Auf der Ausftellung war Wien durch mehrere kleine Fabrikanten, die recht beachtungswerthe Beleuchtungsgegenstände zumeift aus Bronce, dann Kirchenlaternen, bei denen man allmälig gleichfalls einen befferen Gefchmack anzuftreben und auszudrücken verfucht, vertreten und durch die grofsen und weitberühmten Firmen von Rudolf Ditmar, Gebrüder Brünner in Wien, Scheller, Wolf& Comp. in Wien, zumeift durch Gaskandelaber und ihre prächtigen Gaseinrichtungen im Kaiferpavillon. Die Fabrik Rudolf Ditmar, diefes auch auf vielen anderen Gebieten des wirthfchaftlichen Lebens Oefterreichs hochverdienten Mannes, wurde 1841 gegründet, und wird heute in 16 grofsen Abtheilungen durch 200 Hilfsund Dampfmafchinen betrieben, und ruht auf einer bis ins Kleinfte durch geführten Arbeitstheilung. In den einzelnen Abtheilungen wird Alles erzeugt, was für die verfchiedenften Beleuchtungsmittel, als Petroleum- und Oellampen, die verfchiedenften Lufter und Candelaber nöthig ift, von der Bearbeitung und Zurichtung des Rohmateriales, bis zum vollendetften ornamentalen Kunftgufs in Bronce oder Zink. Die Leiftungsfähigkeit des Etabliffements ift heute auf 12 Millionen Lampen aller Art per Jahr gehoben, und geht der gröfste Theil derfelben nach allen europäifchen und vielen überfeeifchen Ländern. Neben der eigentlichen Fabrik befindet fich ein befonderes Kunftatelier für die Modellirung und für die Porzellanmalerei. Faft in allen gröfseren Städten Oefterreichs und Deutfchlands hat das Etabliffement befondere Niederlagen und Filialen in anderen Ländern. Gebrüder Brünner in Wien, die in höchft anziehender Weife in der Rotunde ausgeftellt hatten, arbeiten gleichfalls mit Dampfkraft und 250 Arbei Lampen- und Beleuchtungsapparate. 47 tern. Sie erhalten einen jährlichen Umfatz von 500.000 Stück und exportiren nach Italien, Rufsland, der Türkei und Walachei, nach Kleinafien und China. In Oefterreich haben fie in den gröfseren Städten Niederlagen und find hier, wie in der Fremde die Fabricate diefer Firma, nach beftem Ruf anerkannt, fehr beliebt. Deufchland war durch zahlreiche Ausfteller vertreten und zeigte die verfchiedenartige Ausbildung und Entwicklung der Lampeninduftrie in der faft nach allen Richtungen hin Ausgezeichnetes geleiftet wird. Am hervorragendften vertrat diefelbe die Berliner Lampen- und Broncewaaren- Fabrik, vormals C. H. Stowaffer& Comp. und Körner& Comp., mit vorzüglichen und äufserft gefchmackvoll adjuftirten Tifch- und Hängelampen. Die erftgenannte Firma ift heute mehr als hundert Jahre alt und hat einen Jahresumfatz von 631.000 Thaler und befchäftigt neben 41 höheren Beamten 428 Arbeiter. Körner& Comp. exportiren ihrer Erzeugniffe nach allen europäifchen Staaten, nach Amerika und den afiatifchen Ländern. Schöne Form und Zeichnung zeichnen ihre Producte befonders aus. Ueberhaupt läfst die gefammte Berliner Lampeninduftrie in Betreff der künftlerifchen Ausftattung nichts zu wünſchen übrig. Erwähnenswerth ift noch Wild& Weffel in Berlin, die jährlich 500.000 Petroleumlampen produciren und neben einer Dampfmafchine 425 Arbeiter befchäftigen. Auch die Stuttgarter haben durch Edmund Müller und Zimmermann Lampenfabricate beften Rufes nach Wien gefendet, ebenfo wie Heffen- Nafsau mit Auguft Kayffer aus Höchft am Rhein, der fchöne, fehr praktiſche Petroleumlampen, ausgeftellt hatte. Die Lampen für Mineralöle von Dr. Max Zängerle aus München, verdienten gleichfalls befondere Beachtung. Die Sicherheitslampen. wie fie diefer Ausfteller und Edmund Müller aus Stuttgart zur Anficht gebracht hatten, waren wohl fehr fchön und für ihre Zwecke fehr gut eingerichtet, aber zeigten nichts befonders Neues. Frankreich hat auf der Parifer Ausftellung 1867 eine Sammlung von Moderateur- und Petroleumlampen zur Ausftellung gebracht, hinter welcher, wie leicht erklärlich, feine Ausftellung in Wien weit zurückftand; aber es ift unzweifelhaft, dafs Frankreich auch auf diefem Gebiete für die gefammte übrige europäifche Induftrie die gröfste Anregung gegeben hat, und heute noch leiftet Frankreich bei einer Production, die im Jahre 1870 vier Millionen Stück diverfe Lampen betragen hat, fo Vorzügliches und Solides, dafs die im Haushalte fo läftigen Lampenreparaturen bei franzöfifchen Lampen niemals vorkommen. Dabei legen die franzöfifchen Fabrikanten auf die äufsere künftlerifche Ausstattung fo grofses Gewicht und verwenden fo ausgefuchte Sorge darauf, dafs faft jedes Stück zu einem Schmucke der häuslichen Einrichtung dienen kann. Freilich haben auch fie feit den letzten fünf Jahren für die innere Conftruction der Lampen nichts Neues gefchaffen und kann nur die reiche Erfindungskraft, die dauernde fchöpferifche Geftaltung der äufseren Form und die zierliche Ausführung des Ornamentes als Frankreich eigen und wieder auszeichnend bei den wenigen Ausftellern, welche Wien befucht haben, hervorgehoben werden. Die hervorragendften und erften Fabrikanten Schlofsmacher et fils, Lacarière frères, Belatour& Comp., Chabriè et Jean aus Paris, find weit durch ihre Erzeugniffe bekannt, und haben auch hier durch die reich decorirten Arm- und Kronleuchter, durch ihre fchönen Hängelampen und Candelaber, ihren Lampen mit Broncegufs oder Porzellan grofsen Beifall gefunden. England ift keineswegs in der Lampenfabrication fo hervorragend, dafs es einen Export beftreiten könnte. Winfild R. W.& Comp. erzeugt übrigens fehr fchöne Lampen und Gascandelaber, die in London gebraucht und auch nach anderen Städten Englands exportirt werden. Fild and Sons haben Blendlaternen für den Polizeidienft ausgeftellt, die in Conftruction und Ausführung fehr folid 4 48 Carl Cohn. Lampen- und Beleuchtungsapparate. find. Diefe Laternen werden an der Bruft befeftigt, fo dafs beide Hände frei bleiben. Ein kleiner, einen Zoll grofser Springdeckel verfchliefst den Reflector derart, dafs auch nicht der geringfte Schein zu bemerken ift. Wird der Deckel geöffnet, fo erhellt diefe Laterne einen grofsen Raum mit kräftigem Lichte. Gleich rafch und fchnell kann die Lampe wieder verdunkelt werden. Jeffreys Charles aus London hat grofse Reflexlampen, die ein ftarkes Licht auf einzelne Objecte werfen, auf welche fie eben zur Beleuchtung gerichtet werden. Sie ruhen auf Circularprismen und Metallfpiegeln, wie fie bei den Signalifirungslampei der Leuchtthürme benützt werden. Die Einrichtung ift fomit nicht neu, aber die Anwendung für kleinere Lampen und Handlampen kann für verfchiedene Zwecke ganz nützlich fein; es kam leider nicht dazu, diefe Lampen zu verfuchen. Bemerkenswerth unter den wenigen englifchen Ausftellern find die Lufter aus Meffing von Beft& Lloyd aus Birmingham, die recht gefchmackvoll ausgeftattet und praktiſch eingerichtet waren. Zu bedauern ift, dafs das Allerneuefte unter den Beleuchtungsmitteln nicht zur Ausftellung kam. Es ift diefs eine Lampe, die fowohl für Fettöle als Mineralöle verwendet werden kann. Auch können diefe Beleuchtungsapparate, als Lampen oder Lufter eingerichtet, fo angeordnet werden, dafs ihre Speifung mit Brennftoff durch ein Hauptrefervoir gefchieht, ähnlich wie bei den Gaslampen. Die Einrichtung der Brenner ift fehr forgfältig und neu, die Alimentation des Oeles derart, dafs ein Erfäufen des Dochtes nicht ftattfinden kann und das Verbrennen desfelben fo gering ift, dafs innerhalb dreier Monate kaum mehr als zwei Linien verkohlen. Sobald das Erfindungspatent dafür fichergeftellt fein wird, werden diefe Lampen auch in Handel kommen und möglicherweife eine totale Umgeftaltung unferer Zimmerbeleuchtung anregen. Auch eine neue Conftruction der Rundbrenner bei Petroleumlampen von Dittmar in Wien, um das nach der heutigen Conftruction immer fchiefe und verfchobene Aufdrehen des Dochtes zu verhindern, war von dem hervorragenden Fabrikanten nicht zur Ausftellung gebracht worden, obgleich es gar keine Frage ift, dafs diefe auch nach der Art der Dochteinführung fehr bequeme Conftruction bald die alten heutigen Mafchinen der Rädchen verdrängen wird. An ihre Stelle werden die bei der neuen Erfindung verwendeten Walzen treten. Doch ift die Erfindung noch Geheimnifs und nicht patentirt. Es ift nicht unfere Aufgabe, darüber weiter zu referiren. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG UNTER 1 8 7 3 REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, к. K. O. ö. PROFESSOR IN PRAG. BAUTISCHLEREI ( Gruppe VIII, Section 1.) Bericht von WILHELM FLATTICH, Architekt, Director der k. k. priv. Südbahn für Hochbau in Wien. MÖBEL TISCHLERARBEITEN. ( Gruppe VIII, Section 2.) Bericht von BERNHARD LUDWIG, Möbelfabrikant in Wien. KORK- UND KORBFLECHTER- WAAREN. ( Gruppe VIII, Section 4 und 5.) Bericht von CARL KOHN, Civilingenieur in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. HOLZ INDUSTRIE ( Gruppe VIII.) BAUTISCHLEREI ( Gruppe VIII, Section 1.) Bericht von WILHELM FLATTICH, Architekt, Director der k. k. priv. Südbahn für Hochbau in Wien. Der officielle Katalog der Wiener Weltausftellung, in welchem nahezu alle Branchen des Gewerbes, der Induftrie und Kunft durch eine grofse Anzahl Firmen vertreten find, enthält verhältnifsmäfsig wenig Namen Gewerbtreibender, welche Gegenftände der Bautifchlerei zur Ausftellung brachten. Der Grund diefer Erfcheinung liegt wohl darin, dafs Bautifchler- Arbeiten mit Ausnahme von Parquetten bisher felten exportirt wurden, folglich die Fabrikanten durch die Ausftellung keine neuen Abfatzquellen für ihre Fabricate erwarteten. Betrachtet man indeffen die Ausftellungsgebäude felbft, die grofse Reihe der im Parke von Privaten aufgeführten Gebäude, die unendliche Menge der Käften, in welchen Gegenftände ausgeftellt waren, fo ergibt fich ein riefiges Material, welches die Bedeutung und Wichtigkeit der Bautifchlerei repräfentirt. Eine Vergleichung der Bautifchlerei von heute mit jener zur Zeit der letzten Parifer Ausftellung zeigt keine befonderen Fortfchritte in der Behandlung des Materials und in der Zufammenfetzung der einzelnen Theile; dagegen kann conftatirt werden, dafs die Erfolge, welche die Architektur in den vergangenen Jahren in allen Staaten fich errungen hat, der Bautifchlerei einen mächtigen Vorfchub leifteten. Das Bedürfnifs aller Volksfchichten, der höchften fowohl als der niedrigften, nicht nur unter Dach und Fach fich aufhalten zu können, fondern in der Lebensweife angemeffenen Localen zu wohnen und diefe Locale in harmonifcher Weife auszuftatten, hat darauf geführt, das Studium der Bautifchlerei in Verbindung mit der Conftruction und architektonifchen Anlage der Gebäude auszubilden. Das Refultat diefes eingehenden Studiums der Architekten in Gemeinfchaft mit in ihrem Fache geübten Tifchlern ift das Zustandekommen von brauchbaren Plänen für die verfchiedenartigften Anlagen, welche den Schulen für die Heranbildung der ftrebfamen Jugend eine praktiſche Grundlage verfchafften. Ein 2 Wilhelm Flattich. weiterer Hauptvortheil, welchen die Bautifchlerei durch die Mitwirkung der Architekten erlangte, liegt darin, dafs die Proportionen und Gliederungen der einzelnen Theile nach architektonifchen Regeln gebildet wurden, wodurch die Gegenftände an und für fich einen gröfseren Werth erhalten als folche, bei denen der Form keine Beachtung gefchenkt wird. Die Vortheile, welche die Bewohner eines Haufes geniefsen, deffen Tifchlerarbeiten praktifch, dauerhaft und harmoniſch ausgeführt find, deffen Fenfter der Witterung trotzen, deffen Thüren gut fchliefsen, deffen Fufsböden weder mit klaffenden Fugen durchzogen, noch mit aftigen Erhöhungen befäet und deffen Wände an den Stellen, welche fich leicht abnützen, durch in paffender Form angebrachte Verkleidungen gefchützt find, find durch ausgeführte Bauten erkannt worden; man fühlte, dafs nicht jedes Holzmateriale tauglich, nicht jede Arbeit brauchbar ift und nicht jede Fenfter-, Thür- und Fufsboden- Anlage für jeden Fall pafst. Diefe Einficht verfchaffte den Arbeitern, welche ihr Gefchäft richtig und folide betreiben, den Vorzug und ermöglichte, Preife zu erhalten, welche den Leiftungen entſprechen, während in früherer Zeit häufig die beften Arbeiten mit der unfolideften concurriren mufsten und die erftere öfters durch die letztere verdrängt wurde. Das Verlangen nach folider Bautifchlerei wurde in den vergangenen Jahren ein fo allgemeines, dafs Maffenerzeugungen nicht nur von einfachen, fondern felbft mit nicht unbedeutendem Luxus ausgeftattete Tifchlerarbeiten nöthig wurden. Die Nothwendigkeit der Maffenerzeugniffe führte einerfeits auf die Anwen dung von Mafchinen zur Bearbeitung des Holzes, andererfeits auf die Anlage grofser Werkstätten ,,, Tifchlerfabriken", um den Anforderungen entſprechen zu können. Wie jedes Gewerbe, welches eine ausgedehnte Anwendung findet, fo erhält auch die Bautifchlerei durch die Maffenerzeugung die Mittel zu ihrem Emporkommen, indem fie derfelben nicht nur die nöthigen Summen zur reichlichen Bezahlung der Arbeiter, fondern auch die Mittel zur Ausbildung ihrer Schüler liefert. Die Tifchlerei, fpeciell die Bautifchlerei, liefert hiefür die fchlagendften Beweife; an Stelle der früheren Meifter, welche mit wenig Mitteln und wenig Gefellen arbeiteten, findet man heute vielfach Etabliffements, deren Adminiftration unter der Leitung von wiffenfchaftlich und techniſch gebildeten Männern fteht. Die Bautifchlerei befchäftigt fich der Hauptfache nach mit der Herftellung von Fenftern, Thüren, Verfchalungen und Fufsböden aller Art. Die Aufgabe der Fabrication befteht darin, das Material in folcher Weife zu verwenden und die einzelnen Theile derart zufammenzufügen, dafs die Gegenftände dem Werfen und Reifsen des Holzes nicht mehr unterliegen; Flächen werden defshalb entweder aus fchmalen, einzelnen Brettchen zufammengefügt, oder aus Rahmen und Füllungen gebildet. Der Werth der Tifchlerarbeiten hängt von der angewendeten Holzgattung, von der Art der Zufammenftellung der einzelnen Theile und von dem Plane, nach welchem die Gegenftände gefertigt find, ab. Tifchlerarbeiten, wie Fenfter und Thüren, welche bewegliche Theile erhalten, ftehen im engen Zufammenhange mit der Schlofferarbeit, welche die Beweglichkeit vermittelt; bei der Projectirung, owie bei der Beurtheilung folcher Tifchlerarbeiten ift das anzuwendende oder angewendete Syftem der Schlofferarbeiten genau zu erwägen. Die verfchiedenen Syfteme der Fenfter- und Thürenconftructionen, welche in verfchiedenen Ländern feit langer Zeit beftehen, haben fich im Allgemeinen bis heute erhalten; fie bafiren hauptfächlich auf der Art der Schlofferarbeiten. Während man in Oefterreich und Deutfchland für beffere Arbeiten einen grofsen Werth darauf legt, die Schlofferarbeiten, Schlöffer, Riegel und Fenfterverfchlüffe foviel Bautifchlerei. 3 als möglich unfichtbar zu machen, was durch Einſtemmen und Einlaffen gefchieht, verwirft man insbefondere in Frankreich diefes Syftem, fucht Einftemmungen und Schwächungen der Holztheile thunlichft zu vermeiden, indem die Schlofferarbeiten. fichtbar gelaffen werden. Die Nachtheile des franzöfifchen Syftems beftehen darin, dafs ftets beide Fenfterflügel geöffnet werden müffen, und dafs das Sichtbarlaffen der Schlöffer und Riegel an den Thüren, felbft wenn fie künftlerifche Formen erhalten, als nur aufgefchraubte Theile nicht immer in organifchen Zufammenhang mit der Thüre felbft gebracht werden können. Die verfchiedenen bisher angewendeten Conftructionen, welche fich auch in der Ausftellung vorfanden, find: Das in Oefterreich übliche Doppelfenfter, das franzöfifche Fenfter und das Schiebfenfter, welches hauptfächlich in England in Anwendung kommt. In Oefterreich ift bis auf die neuefte Zeit ein Doppelfenfter- Syftem zur Anwendung gekommen, deffen äufsere Fenfterflügel fich nach aufsen öffnen. Diefer Anlage kann der grofse Vortheil des wirklich beften Verfchluffes gegen Wetter und der grofsen Einfachheit der Conftruction, welche mit verhältnifsmäfsig geringen Koften herzuftellen ift, nicht abgefprochen werden; fie hat indeffen den Nachtheil, dafs die Architektur der Façaden durch das Wegfallen der Fenfterleibungen nothleidet, dafs die Scheiben der nach aufsen geöffneten Flügel durch Sturm leicht zerbrochen werden und die oberen Holztheile durch die Witterung nothleiden. In neuerer Zeit hat man in Wien diefes Syſtem verlaffen, und fich der Schönheit halber auf den gefahrvolleren Weg der Verfchliefsung der Oeffnungen mittelft zweier nach innen aufgehender Fenſter begeben, obwohl fich nicht leugnen läfst, dafs, ungeachtet aller angewendeter Hilfsconftructionen, befonders auf der Wafferfeite, Fenfter, welche nach innen aufgehen, wenn nicht ganz ausgezeichnete Arbeit geliefert wird, felten dicht fchliefsen. Die franzöfifchen Anlagen bieten in folchen Fällen mehr Sicherheit, weil der Efpagnolett- Stangenverfchlufs die Flügel an den Stellen des Uebergreifens zufammenprefst. Diefer Vortheil und die fabriksmäfsige Erzeugung von guten Schlofferarbeiten nach dem franzöfifchen Syfteme haben demfelben in Deutſchland, wo noch vielfach einfache Fenfter in Anwendung kommen, Eingang verfchafft, wodurch es möglich wurde, eine nicht unbedeutende Menge franzöfifcher Schlofferwaaren in Deutfchland abzufetzen. Schiebfenfter, wie fie in England angewendet werden, rechtfertigen fich durch die in jenem Lande üblichen dünnen Mauern. Der Nachtheil diefer Anlage befteht in dem fchlechten Verfchlufie gegen das Eindringen der Kälte in dem unangenehmen Schlottern der Flügel in Folge des Anprallens des Sturmwindes, welches nur bei ganz exacter Conftruction in Verbindung mit theuren Eifenconftructionen aufgehoben werden kann. Eine einheitliche Fenfterconftruction, wie fie in Frankreich befteht, hat den grofsen Vortheil, dafs die Induftrie der Schlofferwaaren gehoben wird. Zum Verfchluffe der Fenfteröffnungen gehören nicht nur die Fenfterflügel, fondern auch jene Einrichtungen, welche zur Abhaltung der Sonne, zur Ventilation und zum ficheren Verfchluffe der Räume nöthig find; hiedurch entftehen fo vielfeitige Anforderungen, dafs die Löfung des Problems unendlich erfchwert ift. Eine fo günftige Beurtheilung die franzöfifche Fenfteranlage mit dem Efpagnolett- Stangenverfchlufs auch findet, fo bleibt ihr doch der Nachtheil, dafs die Efpagnolettftangen bei Anwendung von Doppelfenftern die Bewegung der, in der Regel zwifchen beiden Fenſtern eingefetzten Rouleaux hinderlich ift, während anderfeits die Jaloufien, welche in Frankreich aufsen angebracht werden, grofse Unbequemlichkeiten nach fich ziehen. Im Princip dürfte das in Oefterreich übliche Doppelfenfter- Syftem, welches in neuerer Zeit fich feinen Weg felbft bis in die füdlichen Theile Italiens gebahnt 4 Wilhelm Flattich. hat, weil es, abgefehen von anderen Vortheilen, auch das läftige Schwitzen der Glasfcheiben verhindert, als das Befte erkannt werden; zu wünfchen bliebe nur noch die Erfindung der zweckmäfsigften und vollkommenen fchützenden Anlage der nach innen aufgehenden Doppelfenfter und die gleichmässige Beftimmung folider Verfchlüffe, um der Schlofferinduftrie beſtimmte Anhaltspunkte zu geben. Die Conftructionen der Thürflügel find in den verfchiedenen Ländern weniger verfchieden, als jene der Fenfterflügel; die gewöhnlichen Thüren bilden fich in allen Ländern aus Rahmen mit oder ohne angearbeiteten Profilen und eingefetzten Füllungen. Reichere Ausbildung erhält man durch vorftehende Profilirungen, welche am folideften als zweiter durchgehender Rabmen, häufig auch nur durch aufgenagelte Leiften gebildet wird. Die Fufsböden theilen fich in Böden, welche aus einzelnen fchmalen Bret. chen von beliebiger Länge zufammengefetzt werden, und in folche aus Parquetten. Insbefondere die erftere Gattung, welche aus hartem oder weichem Holze gefertigt werden kann, hat die früher allerorts üblichen Fufsböden aus verleimten tannenen Tafeln mit Recht verdrängt, da die Einflüffe des Schwindens, wenn auch nicht ganz aufgehoben, fo doch vermindert werden. Die Parquettenfabrication hätte durch die Bretchenböden ebenfalls Noth gelitten, wenn nicht der Luxus ihr anderfeits wieder aufgeholfen hätte, da die Bretchenböden billiger herzuftellen find. Die Anforderung der Architektur in der inneren Ausftattung der Locale erfordert bei reicherer Ausbildung auch decorative Behandlung des Fufsbodens, wie der Wände und der Decken, welcher nur die Parquetteninduftrie nachkommen kann. Bei Parquetten unterfcheidet man maffive, das heifst folche aus vollem Holz zufammengeftemmt, und fournirte, das heifst folche, bei denen die Oberflächen nach beliebiger Zeichnung aus Fourniren von verfchiedenen oder gleichen Holzgattungen auf eine tannene zufammengeftemmte Tafel aufgeleimt werden. Die Parquetten erfordern ftets eine befondere Zeichnung, bei ihnen wie bei der ganzen Bauinduftrie ift der Fortfchritt durch den Einfluss der Architektur deutlich fichtbar; man begnügt fich nicht mehr mit zufammengelegten Parquetten nach einem beliebigen Mufter, man verlangt Zeichnungen, welche der Decoration des Raumes entſprechen und mit Borduren paffend umrahmt werden. Die Menge der verfchiedenfarbigen Hölzer geftattet erfindungsreichen Männern den gröfsten Spielraum ihrer Phantasien. Im Vorangeführten find die verfchiedenen Syfteme der Tifchlerarbeiten kurz zufammengeftellt, einerfeits um einen Standpunkt zu gewinnen, welcher als Bafis für die Beurtheilung der Ausftellungsgegenftände dienen kann, anderfeits um jene Lefer, welche mit der Kenntnifs der Tifchlertechnik weniger vertraut find, in diefelbe einzuführen, damit erkannt werde, welche Anfprüche an eine folide Bautifchlerei im Allgemeinen zu ftellen find und welche Vortheile fie bietet. Es ift nicht zu verkennen, dafs Gebäude, welche mit folid und fauber aus. geführten Tifchlerarbeiten verfehen find, an Werth und Dauer ungemein gewinnen, während Gebäude, in welchen diefes Handwerk vernachläffigt ift, wie diefs leider nur zu häufig in Miethhäufern vorkommt, einem fchnellen Ruin entgegen gehen; hauptfächlich diefer Gefichtspunkt ift es, welcher die Wichtigkeit der Bautifchlerei vor Augen führt. Am meiften betheiligt an der Ausstellung mit Gegenftänden der Bautifchlerei haben fich Oefterreich- Ungarn, Deutſchland, Schweden und Norwegen; dem entfprechend werden im Folgenden die ausgeftellten Gegenftände von OefterreichUngarn, Deutfchland, Schweden und Norwegen in Betracht gezogen, woran fich ähnliche Gegenftände anderer Länder anfchliefsen follen. Bautifchlerei. 5 Oefterreich- Ungarn. Befonders hervorzuheben find die Arbeiten des Herrn Paulik, welcher in feiner Jugend die Architekturfchule befuchte, um fich jene Fertigkeit im Zeichnen und Projectiren anzueignen, welche den aus feiner Werkſtatt hervorgehenden Gegenftänden den erhöhten Werth des vollften Verſtändniffes beilegt. Paulik fertigte die Bautifchler- Arbeiten für den Jurypavillon und für den Kaiferpavillon, die Arbeiten des Empfangsfalons und jene der zwei Salons Ihrer Majeftäten des Kaifers und der Kaiferin. Die Tifchlerarbeiten des Salons des Kaifers find aus fchwarz gebeitztem Birnholz mit Vergoldung, jene des Salons der Kaiferin aus lackirtem, weichem Holz gefertigt. Wenn Paulik ein vollendeter Tifchlermeifter genannt werden kann, fo ift Herr Markert, der Leiter der bedeutendften Mafchinentifchlerei, insbefondere was Maffenproductionen anbelangt, der Vertreter der wahren Tifchlerfabrik für den grofsen Confum. Markert lieferte in der verhältnifsmäfsig kurzen Bauzeit den gröfsten Theil der Tifchlerarbeiten für die officiellen Ausftellungsgebäude und jene des Kaiferpavillons, infoweit fie nicht von Paulik hergeftellt wurden. Ebenfo bedeutend für die Parquettenfabrication, wie Markert für die Tifchlerarbeiten im Allgemeinen, find die Herren Leiftler, Barawitzka's Nachfolger und Huber. Leiftler und Barawitzka's Nachfolger haben die Parquetten für den Kaiferpavillon geliefert. Die Parquetten der Genannten find nicht nur in techniſcher Beziehung vollkommen, fie zeigen auch das Streben, der künftlerifchen Seite in jeder Beziehung Rechnung zu tragen. Höchft vollendet genannt zu werden verdient das von Herrn Dübel in Wien ausgeftellte Portal in mattem Nufsholz, deffen Architektur durch reiche Sculpturen gehoben wird. Sinnreich zufammengeftellt find die von Herrn Küttag in Wien ausgeftellte Glasthüre mit Vorthüre, welche in polirtem Nufsholz gefertigt und mit trefflicher Schlofferarbeit verfehen find; die verfchiedenen möglichen Stellungen der Vorthüre, welche auch geöffnet, eine tiefe Leibung bildet, und die Vollendung der Arbeit beweifen die vollſtändige Kenntnifs und das eingehende Studium des Verfertigers. Jeder Architekt, welcher die Arbeit prüft, wird fich die Ueberzeugung verfchaffen, dafs er es hier mit einem Manne zu thun hat, welcher die fchwierigften Probleme zu löfen im Stande ift. Hervorragend in der Anfertigung von Portalen ift Herr Martin Kien in Wien, welcher ein grofses Portal in polirtem, amerikaniſchem Nufsholz und Paliffanderholz zur Ausftellung brachte. Herr Kien ift auch der Verfertiger des, unter dem Namen„ zerlegbares Haus", vor dem Eingange in die Rotunde fituirten Gebäudes; das aus Riegelwänden hergeftellte Gerippe ift nach Kien's patentirtem Syfteme innen und aufsen mit Tafeln verkleidet, welche paffend in einander greifen; bei den äufseren Verkleidungen ift die nöthige Rückficht auf die Witterung nicht aufser Acht gelaffen; am Ende der Ausftellung konnte conftatirt werden, dafs das Gebäude während des fechsmonatlichen Beftandes keinen Schaden gelitten hat. Das gute Ausfehen des Gebäudes, die Leichtigkeit, es ohne grofse Koften zu verfetzen, laffen erwarten, dafs diefes Syftem für Landhäufer, welche meift nur während der wärmeren Witterung gebraucht werden, vielfach in Anwendung kommen wird. Es möge geftattet fein, an diefer Stelle die Bemerkungen des Herrn Kien über die von ihm conftruirten Häufer einzufchalten; er gibt Folgendes an: • 6 Wilhelm Flattich. ,, Die von mir gefertigten Wohnhäufer find aus imprägnirtem Holz zerlegbar conftruirt und mit jeder Fahrgelegenheit, Achfe, Bahn und Schiff, leicht transportabel, fie find feuerficher, luft- und wafferdicht zufammengebaut, fie find heizbar, folglich auch im Winter bewohnbar; diefe Gebäude find in wenigen Tagen abgetragen und wieder aufgeftellt, wefshalb fie fich zur Aufftellung auf nur gepachtetem Grunde eignen." Herr Kien übernimmt die Herftellung einfacher Häufer diefer Art, fammt Tapecierung der inneren Wände, fammt der Anftreicherarbeit um den Preis von 3- bis 4000 fl. nach den bei ihm einzufehenden Plänen; Gebäude mit grösserer Ausdehnung und reicherer Ausftattung erfordern natürlich einen höheren Preis. Das ausgeftellte Gebäude war mit lackirten Möbeln ausgeftattet, welche von Kien felbft erzeugt werden. Weiter hervorzuheben find die Tifchlermeifter: Herr Welfer, welcher eine Wandverkleidung mit guter Zeichnung und vortreffllicher Arbeit ausftellte; Herr Wenzel Reymann, welcher Fenfter mit Spaletten zu Jaloufien in vorzüglicher Arbeit und reinem Holze ausftellte; finnreich ift die hier angewendete Art der Oeffnung der Luftflügel; Herr Nedbal, welcher Thüren; Herr Wackenroder und Herr Keymar, welche Hausthüren im Renaiffanceftil ausftellten, von welchen insbefondere jene des Herrn Wackenroder bezüglich der Arbeit und der Zeichnung lobenswerth zu nennen find; Herr Carl Rüppel, welcher ausgezeichnete Jaloufien in verfchiedener Behandlung ausftellte; die Jaloufien find mit der Schloffer- und Tapeciererarbeit verfehen und dürften wohl allen Anforderungen entſprechen. Die Bretchen laffen fich leicht in jede beliebige Stellung bringen; die Jaloufien können in jeder Höhe feftgeftellt und auch ähnlich wie Plachen ausgefpannt werden. Es ift zu wünſchen, dafs Herr Rüppel feine vortrefflichen Arbeiten auch zu Preifen herftellen kann, welche ihm viele Beftellungen fichern. Erwähnenswerth find Herr Schwab, welcher Parquetten; Herr Schneider, welcher eine gerade Holztreppe mit Geländer, in Eichenholz rein gearbeitet, die Herren Loquay, Pollak, Schramm und Twarufchek, welche Jaloufien ausftellten; die Herren Schmidt& Sugg, welche eine Zimmerwand aus Holztäfelung in Verbindung mit einem franzöfifchen Kamin in deutfchém Renaiffanceftil ausftellten; diefe Arbeit, welche ftilvoll gehalten ift, zeigt, welch' reiches, folides Ausfehen Zimmerdecorationen durch Anwendung von Tifchlerarbeiten in Verbindung mit Bildhauer- Arbeiten erhalten können; der Vicepräfident der Jury für Holzinduftrie, Section III, Herr Dafatiel, aus deffen Werkstätte viele mufterhafte Gegenftände hervorgehen, hatte den Kaften für die Collectivausftellung der Zuckerinduftrie Oefterreich- Ungarn, von Eichenholz im Renaiffanceftil gefertigt, welcher fowohl durch feine folide und präcife Arbeit, als durch feine Gröfse fich auszeichnete, ausgeftellt. Es wäre zu wünfchen gewefen, dafs auch Herr Dafatiel ein Fenfter zur Ausftellung gebracht hätte, da er fich vielfach mit dem Studium der Conftruction der nach innen aufgehenden Doppelfenfter befafst hat. Dafatiel ift auch einer jener Meifter, welcher die in Wien längere Zeit üblichen, fchwachen Fenfterhölzer verliefs und ftärkere Dimenfionen einführte. Befonders erwähnt zu werden verdient noch die Baufabrik, welche dem ehemaligen Wisgrill'fchen Zimmergefchäfte, einem alten bis in die neueſte Zeit durch feine gediegenen Leiftungen und fein reelles Vorgehen höchft achtbaren Wiener Gefchäfte, feine Entstehung verdankt. Diefes Etabliffement, welches von der öfterreichiſchen allgemeinen Baugefellfchaft übernommen wurde, hat fich unter der Leitung des bekannten hervor. Bautifchlerei. 7 ragenden Induftriellen, Herrn Rudolf Dittmar, zu einem der gröfsten Anlagen für die Erzeugung von Zimmer-, Tifchler- und Schlofferarbeiten entwickelt. Die Stelle des Leiters der grofsen Fabrik ift dem früheren Adjuncten des Herrn Wisgrill, dem Zimmermeifter Herrn Franz Zimmermann, feit dem Jahre 1869 anvertraut, welcher auch das in ihn gefetzte Vertrauen in vollfter Weife gerechtfertigt hat. Die Fabrik hat, aufser verfchiedenen Privatanlagen in der Ausftellung, im Auftrage der egyptifchen Regierung die egyptifche Baugruppe, das Palais Seiner Hoheit des Vicekönigs von Egypten in dem kurzen Zeitraume eines Jahres hergeftellt, von welcher auch die Tifchlerarbeiten hier genannt zu werden verdienen. Die Leiftungen diefer Fabrik, fowie jene der angeführten Etabliffements, und fo manche, welche hier nicht erwähnt find, haben bewiefen, welche Menge von Arbeiten in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit durch die in Wien vorhandenen Kräfte bezwungen werden können. Wien hat durch diefe Leiftungen eine Probe abgelegt, welche der Stadt und den betreffenden Meiftern nicht nur ein Recht auf Anerkennung fichert, fondern auch ein Selbſtvertrauen erweckt, welches in der Folge noch manche fchöne Refultate liefern wird. Hervorragende Ausfteller aufserhalb Wien von Oefterreich und Ungarn find: Seine kaiferliche Hoheit Erzherzog Albrecht, welcher in einem eigenen Pavillon die, auf feinem Befitzthume in Schlefien erzeugten, vortrefflichen Tifchlerhölzer, Eichen-, Föhren- und Fichtenholz und fertige Tifchlerarbeiten, an welchen die Güte des Materiales auch dem Laien erkennbar war, zur Ausftellung bringen liefs; Teeg Rudolf aus Brünn, welcher ein gothifches Thor ausftellte; Dollinger Jofef aus Stockerau, welcher Fenfter und Thüren für den gewöhnlichen Gebrauch, fehr folid gearbeitet, Herr Alois Michel aus Peft, welcher ein fchönes Hausthor mit guter Zeichnung ausftellte. Firmen: Hervorragend und nennenswerth in der Parquetteninduftrie find die Centa A. J. von Cilli in Steiermark; Egger Johann von Villach in Kärnten; Knapp Franz von Littau in Mähren; Naglic Rudolf, Steinmetz Franz und die Parquettenfabrik des Baron Zois in Krain; Copony Martin in Kronftadt, welche fämmtlich Mufter von fchön gearbeiteten Parquetten nach üblichen Zeichnungen ausftellten. In einem eigenen Gebäude im Parke hat die Parquettenfabrik des Herrn Neufchlofs in Peft ihre Producte zur Ausftellung gebracht; die wirklich meifterhafte Waare war durch das in Holz in würdigem Stil ausgeführte Gebäude gut repräfentirt. Die Teplitzer Baugefellfchaft hatte Thüren und Fenſter mit den Befchlägetheilen, wie fie gewöhnlich erzeugt werden, in einem befonderen Pavillon ausgeftellt. Derartige Ausftellungen haben den Werth, allgemein bekannt zu machen, welche Anforderungen an gewöhnliche Beftellungen geftellt werden, wodurch eine Erleichterung im Gefchäftsbetriebe bei Abfchlüffen herbeigeführt wird. Es kann hier nicht unterlaffen werden, darauf aufmerkfam zu machen, dafs in Oefterreich- Ungarn, welches fo bedeutende Mengen Rohhölzer nach Deutſchland, Frankreich und Italien exportirt, durch die Anlage und Ausdehnung von Tifchler- und Parquettenfabriken noch bedeutende Summen jährlich gewonnen werden könnten; da die fertig gearbeitete Waare die Spefen der weiten Transporte auch leichter ertragen könnte, als die Rohrftoffe, fo dürfte fich der Export in der Folge vermehren. 8 Wilhelm Flattich. Deutſchland. Die Breslauer Actiengefellfchaft brachte ein eingerichtetes Speifezimmer mit Parquetten- Fussboden zur Ausftellung; die Lamperien waren wie die Möbel mit Ebenholz- und Metalleinlagen reich decorirt. Die reine und präcife Ausführung führte die Bedeutung der Werkſtatt vollſtändig vor Augen. Die eingelegten Borduren der Parquetten, welche tadellos pünktlich gefertigt waren, machten indeffen den Eindruck von nur patronirter Arbeit. Kuhn in Freiburg hatte ein patentirtes Fenfter zur Ausstellung gebracht, welches das Streben des Verfertigers zeigt, allen Anforderungen möglichft gerecht zu werden. In jedem Fenfterflügel ift ein zweiter Flügel zur Abhaltung des Schwitzens der Fenfterfcheiben eingefetzt; durch finnreich angebrachte, kleine Rinnen unter der Schlagleifte foll das Durchdringen des Regenwaffers vermieden werden; das durch die Rinnen unter der Schlagleifte und an den Seiten laufende Waffer wird durch eine Oeffnung unter der eifernen Wetterleifte ins Freie geleitet. Die Kehlleiften- Fabrik in Breigan brachte die verfchiedenften Gattungen Leiften zur Ausftellung. Etabliffements diefer Art verdienen hauptfächlich aus dem Grunde grofse Beachtung, weil fie einzelne Theile durch den Fabriksbetrieb billig herzuftellen in der Lage find und hiedurch zur Erniedrigung der Preife für Tifchlerarbeiten viel beitragen. Die Renaiffance- Actiengefellfchaft in Berlin hatte neben den Möbeln Lamperien etc. ausgeftellt; die Bedeutung diefer Gefellſchaft ift durch ihre Leiftungen, welche vielfach exportirt werden, bekannt. Ganz ausgezeichnet, fowohl bezüglich der Ausführung als bezüglich der Zeichnung, ift die von Herrn Türpe in Dresden ausgeführte Speifefalon- Wand mit Buffet in ausgefuchtem, fchönen Eichenholz. Die Vortrefflichkeit diefer Arbeit hatte ihr einen hervorragenden Platz in der Gallerie der Rotunde gefichert. Von der Parquetteninduftrie hatten fich hervorragend betheiligt: Die Illfelder Parquettenfabrik; Niederdorfer in München; Gentner in Schlefien; Schöttle, Gerfan und Weber in Stuttgart; die Parquettenfabrik in Ravensburg, von C. Sterkel& Blumer in Strafsburg. Anzuerkennen war die finnreiche Darftellung der Parquettenmufter in einen gemeinfchaftlichen Rahmen. Eine von Moor in Stuttgart ausgeftellte Wendeltreppe zeigte pünktliche Arbeit mit fchlechter Zeichnung; unerklärlich war insbefondere die abnorme Form der Wangen, welchen durch diefe Form ihre eigene Bedeutung verloren geht. Vollendet ausgeführt war die von Ziegler in Carlsruhe ausgeftellte Thür mit Karyatiden. Schweden und Norwegen. Die Ausftellungen von Schweden und Norwegen in der Holzinduftrie, fpeciell jene der Tifchlerarbeiten, zeigten deutlich den induftriellen Charakter; an allen Gegenständen war das fefte, feinfaferige, gleichförmige Material zu bewundern, welches die Waldungen jener Gegenden liefern. Ueberall traten die angefertigten Gegenstände in einer Weife hervor, welche Zeugnifs ablegen von dem Studium der Holzconftructionen felbft und auch der gefälligen Form, welche fie den Befchauern angenehm machen follen, um den Wunſch nach Befitz wachzurufen. Kein Land dürfte Aehnliches in diefer Induftrie erreicht haben; es findet fich keine Sucht nach prangendem Aeufsern, einfach, verftanden, ja man möchte Bautifchlerei. 9 fagen, billig fcheinen die Producte erzeugt, welche fowie das Rohmaterial mit Recht fich einen Platz im Welthandel zu fichern fuchen. Höchft beachtenswerth waren alle ausgeftellten Gebäude in ihrer ganzen Structur; es traten Conftructionen und Motive auf, welche einen harmonifchen, architektonifchen Eindruck machten, und was, nebenbei gefagt, eine Hauptfache ift, einfach und dauerhaft gefertigt werden können. Befonders nennenswerth find folgende ausgeftellte Objecte und Gegenftände Das fchwedifche Volks- Schulhaus von Dikmann in Stockholm, deffen innere Räume in zweckmäfsigfter Weife mit Holztäfelungen ausgeftattet waren, deren Formen wie auch jede des Aeufsern des Gebäudes durch Firnifsüberzug und aufgemalte Linien gehoben wurden. Bei der Anlage der Lamperien find in paffender Weife Rahmen für Bilder und Tafeln und Leiften für Huthaken etc. angebracht. In gleich zweckmäfsiger Weife waren die Einrichtungsgegenstände nach den neueften Erfahrungen zufammengeftellt. Ebenfo trefflich gearbeitet war das Reftaurationsgebäude von Strömman & Larfon in Göteborg, deffen Hauptform indeffen wegen der fchräg geftellten Giebeln, wodurch vielleicht der Charakter eines Schiffes gegeben werden follte, vom architektonifchen Standpunkte beanftändet werden könnten, wenn nicht diefe Form aus dem Grunde gewählt wurde, um mehr Schatten für die Veranda vor dem Gebäude zu gewinnen, oder um als Reklame für das Gefchäft zu dienen. Höchft originell war der Jagdpavillon von Bark& Wartburg in Göteborg, an welchem in den verfchiedenften Syftemen von Verfchalungen mit einfacher Malerei das Vollendetfte geleiftet ift, was auf der Ausstellung zu fehen war. Diefe Verfchalungen, welche durch Gliederungen von einander getrennt find, machen in Verbindung mit den Portalen und Fenftereinfaffungen einen vollkommen architektonifchen, ftabilen Eindruck, welchen hervorzubringen in Holzconftruction nicht immer gelingt. An diefe Bauten reihten fich das fchwedifche Fifcherhaus und der Pavillon von Jacobfen& Comp. in Fredrikftad, in welch' letzterem norwegifches Holz auf verfchiedene Art bearbeitet dargestellt ift; in dem erftgenannten war Schindelverkleidung in verfchiedener Behandlung ausgeführt, in dem letzteren war befonders die zierliche Ausführung der Balkongeländer hervorzuheben, bei welchen jede unangenehme Fuge durch vorftehende, ausgefchnittene Breter, gleich Spitzen, gedeckt war. Aufser den vorangeführten Bauten waren von Strömman& Larfon eine Reihe fchön gearbeiteter Tifchlerarbeiten, Thüren und Fenfter für den gewöhnlichen Gebrauch ausgeftellt, welche ebenfo wie die Bauten Zeugnifs ablegen von der grofsen Ausdehnung, welche der Handel mit Tifchlerwaaren und Hölzern diefer Länder erhalten hat und noch erhalten wird. Holzreiche Gegenden können durch die angeführten Gegenftände lernen, in welch' fruchtbringender Weife diefes Material verwendet werden kann, um nicht nur die Gegenftände des Bedürfniffes zu fertigen, fondern ein Product für den Handel, folglich Hilfsquellen für das Land zu fchaffen. Als ob die Schweden bei jedem Schritte ihr fchönes Holzmaterial den Befuchern der Ausftellung zum Kaufe anbieten, konnten fie auch nicht unterlaffen, die Käften, in welchen fie ihre fonftigen Waaren ausftellten, in paffenden, originellen, indeffen dem Holzftil entnommenen Formen auszuführen, und ohne Anftrich nur mit Firnifs überziehen zu laffen, um die Schönheit des Materials, gehoben durch zierliche Formen, zu zeigen. Die übrigen Staaten. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Aufser den von John Davis& Sons aus Philadelphia und Royer in Cincinnati ausgeftellten Wagen 10 Wilhelm Flattich. rädern, deren Speichen durch eiferne Ringe feft zufammengefchraubt find, und welche hiedurch ohne einen feften Mittelkörper eine ansnehmende Stärke erhalten und ebenfo die Räder mit feftem Mittelkörper von Weeks in New- York war nichts von Bedeutung zu finden, was fich übrigens aus der grofsen Entfernung des Landes erklärt. England. Die englifche Ausftellung befchränkte fich auf Möbel, bei welchen insbefondere Marqueterie eine Hauptrolle ſpielt. Bautifchler Arbeiten waren keine ausgeftellt. Portugal. Mit Ausnahme eines Schubfenfters in fchönem Lärchenholz war von Bautifchlerei nichts ausgeftellt; indeffen zeigten die trefflichen Schnitzereien, meift durchbrochene Arbeit für Säulenfüfse und eigenthümlich geftaltete Deckengefimfe, den Fortfchritt der Holzinduftrie auch in diefem Lande. Befonders zu erwähnen ift das Modell einer Kapelle von Eichenholz, welches in zierlicher Form vollkommen rein und verftanden ausgeftellt war. Parquetten waren ausgeftellt von Maivel& Magalhac aus Liffabon. Frankreich. Die Bautifchlerei in Frankreich, von welcher Eingangs die Rede war, war in den Räumen des Pavillons der franzöfifchen Ausftellungscommiffion vollständig in ihrer Anwendung dargestellt. Diefe Ausftellung zeigte, wie innig verbunden die Art der Anlage der Thüren und Fenfter und Lamperien mit der ganzen Ausstattung der Räume zufammenhängt; der grofse Fortfchritt der Induſtrie in Frankreich, wenn auch der Gleichförmigkeit Bahn gebrochen wird, gibt den Vortheil der befferen und reicheren Behandlung zu verhältnifsmässig geringen Koften. Die ausgeftellten Gegenftände waren tadellos in ihrer Durchführung und harmonifch in der Zeichnung, fie boten indeffen im Vergleiche zu den bekannten Arbeiten nichts Neues. Die Bautifchlerei Frankreichs ift feit langer Zeit in einem fehr vollendeten Zuftande, nicht nur in den gröfseren Städten, fondern auch über das ganze Land ausgebreitet, findet man Werkstätten, welche tüchtige Arbeit liefern. Das Eingangsthor zum franzöfifchen Pavillon war aus gefchnitztem Eichenholz von Frédéric Bertrand in Paris im Stile Ludwigs XIII. ausgeführt. Hervorragende Parquetten waren von Meyzo únial jeune in Sarlat ausgeftellt. Schweiz. Die Bautifchlerei der Schweiz, welche an dem Schweizer Kaffeehaufe und dem Schweizerhaufe zur Ausftellung gebracht war, bot nichts befonders Neues. Diefe Gebäude erhielten das Anziehende meift durch die Behandlung der Zimmerarbeiten, welche mehr oder weniger alten, beftehenden Gebäuden nachgebildet waren. Im Vergleiche zu den fchwediſchen Gebäuden zeigte fich hier weniger tiefes Studium, wohl in der Erwartung, die aller Orten fo beliebten fchweizerifchen Formen werden im Ganzen immerhin eine angenehme Wirkung hervorbringen, was auch wirklich der Fall ift. Wenn auch nicht zu verkennen ift, dafs bei den Gebäuden der Ernft der Conftructionen, welcher bei den fchwediſchen Bauten fo wohlthuend hervortrat, in einigen mangelt, fo ift diefs wohl dadurch zu entfchuldigen, dafs diefe Gebäude nur während kurzer Zeit zu dienen hatten und defshalb im Detail weniger ftreng behandelt wurden; immerhin war dem Reftaurationsgebäude der Charakter eines eleganten Kaffeehaufes und dem Schweizerhaufe jener der Gemüthlichkeit im vollften Mafse eigen. Zu conftatiren ift, dafs die beiden Gebäude Zeugnifs von der Gefchicklichkeit der Werkstätten lieferten, welche jede Anlage in der beften Weife auszuführen in der Lage find. Schöne Parquetten waren ausgeftellt von Rohn in Baden. Zu erwähnen ift die Interlakner Parquettenfabrik, welche das Schweizerhaus ausführte. Bautifchlerei. 11 Italien. Die Italiener, welche lange Zeit der Bautifchlerei keine befondere Achtung widmeten, haben eingefehen, dafs auch das füdliche Klima gute Fenfter und Thüren nöthig macht. Die ausgeftellten Gegenftände, welche meift aus feinfaferigem Lärchenholz gefertigt find, zeigten eine exacte Behandlung; feit die Vortheile des wärmeren Bodens in gefundheitlicher Beziehung erkannt wurden, hat auch die Parquettenfabrication fich Eingang verfchafft und waren tüchtige Arbeiten von Dal Tedesco Marco in Venedig, Brunelli in Trevifo und Ronco in Padua ausgeftellt. Zu erwähnen find noch die ausgeftellten Oliven- und Citronenhölzer von Monaco. Belgien. Im Pavillon der belgifchen Commiffion, welcher von der Firma Gebrüder Deviffer in Molenbeck- Saint- Jean bei Brüffel ausgeftellt war, wurde die belgifche Bautifchlerei repräfentirt; franzöfifche Anklänge mit englifchen Motiven vermifcht, kamen zum Vorfchein; hiermit foll übrigens kein Urtheil über die Bautifchlerei des Landes gegeben fein, da diefer Pavillon anfpruchslos, wohl auch ohne Detailpläne nur zu vorübergehenden Zwecken gebaut wurde, folglich nicht mafsgebend fein kann. Eine von Snyers Rang& Comp. in Brüffel ausgeftellte Wandverkleidung mit einem Buffet zeigte eine fehr forgfältige Arbeit; zu jedem Theil ift das paffend textirte Holz ausgefucht, was befonders anerkannt zu werden verdient. Von Bulens in Brüffel waren Jaloufien in der Art, wie fie in Paris häufig vorkommen, ausgeftellt.. Pelfeneer in Brüffel hat die Fachwerke gefertigt, welche die Gruppen der belgifchen Abtheilung trennten, eine Arbeit, welche deutlich zeigte, dafs auch in diefem Lande das Streben vorwaltet, die Formen, welche jeden Materialien entfprechen, zur Anwendung zu bringen. Vorzüglich gearbeitet und fchön in der Zeichnung waren die von Taffon & Wafher in Saint- Joffe- ten Noode bei Brüffel ausgeftellten Parquettenmufter. Als eine meifterhafte Arbeit, wenngleich mehr Bildhauer- Arbeit als Tifchlerarbeit, ift die von Goijers frères ausgeftellte, in reinem Eichenholz gefertigte Kanzel zu erwähnen, welche in der Rotunde ausgeftellt und zu dem billigen Preife von 10.000 fl. angeboten war. Diefe Arbeit ift ein wahres Meifterwerk der Holzinduftrie zu nennen, fie entfpricht ebenfo den Anforderungen der Kunft als jenen der Conftruction und Solidität. Rufsland. Das von Rufsland ausgeftellte Bauernhaus, deffen aufserordentlich gewählte Conftruction mit, man könnte fagen, nationaler Decoration, fowie einige in ähnlichem Stile ausgeführte Käften zeigten, welch bedeutenden Auf fchwung die Leiftungen der Bautifchlerei genommen haben; diefe Induftrie fcheint zur Verwerthung des dort fo reichlich vorhandenen Materiales einen ähnlichen Weg wie Schweden zu nehmen, welchen es auch wohl mit Vortheil verfolgen kann. Die dargeftellten Gegenftände zeigten das Verftändnifs der Conftruction, welcher in nationaler Weife künftlerifche Formen gegeben find. Türkei. Die türkifchen Bauten, zu welchen Theile verwendet waren, welche in der Türkei gefertigt wurden, zeigten, in welch' umfichtiger Weife dem Schwinden des Holzes Rechnung getragen wird. Die byzantinifchen Mufter, welche gewöhnlich zu Grunde gelegt werden, eignen fich allerdings vortrefflich zur Bildung fchmaler Füllungen; die Arbeit des Ineinanderfügens der vielen kleinen Füllungen ift bewunderungswürdig. Egypten. Die von Egypten ausgeftellt gewefenen Käften im maurifchbyzantinifchen Stil, welche gleichmäfsig in reinem Holz behandelt find, gaben Zeugnifs, dafs auch hier die Bedeutung der Tifchlerei erkannt ift. Es war zu erkennen, dafs eine einheitliche Behandlung der Käften die Ausftellung jeder Gruppe adelte, welche hievon Anwendung gemacht hat. Brafilien. Eine Zufammenftellung der verfchiedenften Hölzer von allen. erdenklichen Farben zierte die Ausftellung Brafiliens; wo das Material in folcher 12 Wilhelm Flattich. Bautifchlerei. Menge und Güte vorhanden ift, läfst fich für die Zukunft der Tifchlerei und Holzinduftrie das Befte hoffen. Die Holzausftellung felbft und ausgeftellte Mofaiktafeln deuteten auch an, dafs man den Werth diefes Materiales vollſtändig erkannt hat. Japan. Die ausgeftellt gewefenen japanefifchen Gartenhäufer etc., welche übrigens mehr in das Bereich der Zimmerarbeit gehören, zeigten eine bewunderungswürdige, exacte Arbeit, wie fie in Europa nur bei Tifchlerarbeiten zu finden ift. Das gleichförmige harte Holz, ähnlich unferem Lärchenholz, an welchem nahezu keine Aefte und Riffe zu fehen find, begünftigt allerdings die Ausführung der Conftruction. Die Arbeit erhöht ihren Werth aber, wenn man die Unvollkommenheit der Werkzeuge, mit denen fie geleiftet, beachtet. Wenn die Anführung felbft wichtiger Objecte in diefem Berichte überfehen wurde, was bei der grofsen Ausdehnung der Ausftellung wohl nicht zu vermeiden und vielleicht defshalb zu verzeihen ift, fo erfucht der Verfaffer diefe Entfchuldigung anzunehmen. Es war fein aufrichtiges Beftreben, nicht nur die Bedeutung der Bautifchlerei hervorzuheben, fondern auch durch Anführung der ihm bekannt gewordenen Namen bedeutender Männer die Anerkennung auszudrücken, welche fie fich durch ihre Leiftungen verdient haben. Die Maſchinen für die Bearbeitung der Hölzer, welche auch ermöglichen, die einzelnen Gegenftände einheitlich, fchnell und billig zu erzeugen, werden in der Folge eine der gröfsten Rollen in der Behandlung der Holzinduftrie ſpielen; durch die Bearbeitung mit Mafchinen erhält man die Abfälle in folcher Form, dafs fie felbft wieder zur Fabrication verwendet werden können, wodurch eine nicht unwefentliche Erfparnifs an Material erzeugt wird. Die Weltausftellung hatte auch in diefer Beziehung Fortfchritte aufzuweifen, welche von dem Befucher nicht unbeachtet geblieben find. Der Bericht des Herrn Profeffors Exner, welcher diefen Gegenftand behandelt, kann die Lücke ausfüllen, welche in diefer Beziehung in diefem Berichte offen gelaffen ift. MÖBEL TISCHLERARBEITEN. ( Gruppe VIII, Section 2.) Bericht von BERNHARD LUDWIG, Möbelfabrikant in Wien. Die Möbelinduftrie hat jederzeit auf induftriellen Ausftellungen einen hervorragenden Rang eingenommen und das Intereffe des Befuchers im höchften Grade erregt; fo auch auf der jetzigen; nur war es hier dem Befchauer fehr erfchwert, fich einigermafsen ein richtiges Bild und vergleichendes Urtheil von dem Fortfchritte, welchen man bei diefem Induftriezweige in letzterer Zeit errungen, zu verfchaffen. Erftens hinderte daran die ungleichmässige Vertretung mehrerer Staaten und Länder, welche im Verhältniffe zu anderen und ihrer Production bald zu viel hervor bald gar zu fehr zurücktraten; zweitens die Anlage der Ausftellung felbft und die überwiegende Gruppirung der Ausftellungsobjecte nach Rohftoffen, welche es zu Wege brachte, dafs man bald in fämmtlichen Gallerien und gedeckten Annexen Möbel fand, und drittens die durchwegs ungeeignete Katalogifirung der Ausftellung. Doch wir fuchten uns, alle diefe Uebelftände womöglich übergehend, unfer Material zufammen und wollen darnach unfere Rundfchau bei dem Lande beginnen, welches eine beinahe 300jährige hoch entwickelte Induftrie aufzuweifen hat und dadurch bis vor kurzer Zeit zur Beherrfcherin fämmtlicher halb- und ganzcivilifirter Länder wurde, fozufagen den Ton angab, oder die Mode fchuf, nämlich bei Frankreich. Frankreich. Es hatte wie immer auf allen Weltausftellungen fo auch hier Brillantes zur Anfchauung gebracht, nur war der Fortfchritt in der Möbelinduftrie ein kaum bemerkbarer. Diefs läfst fich jedoch fehr leicht dadurch erklären, dafs für ein Land, das auf einer fo hohen Stufe der Entwicklung angelangt, wie Frankreich, die Erfindungen in der Technik fowie in der Kunft feltener erfcheinen und übrigens auch die kurz aufeinander folgenden Weltausstellungen den Induftriellen grofse Opfer auferlegten, deren Rückwirkungen fich auch in Wien äufserten und umfo mehr, je weiter ein Land von der Ausftellung felbft entfernt ift und daher mit der Entfernung auch zu gröfseren Koften genöthigt wird. Sehr häufig wurde auch der richtige Zweck der Ausftellung dadurch verfehlt, dafs man bei Anfertigung von Ausftellungsobjecten nicht mehr an das Verkaufen und an die praktifche Verwendung derfelben dachte, fondern fie mit allen erdenklichen Künfteleien und Zierraten ausfchmückte, um fo den Gegenftand fo theuer und abfurd als möglich zu machen. Daher kommt es auch, dafs wir in der franzöfifchen Abtheilung viele bekannte Paradeftücke wiederfanden, welche uns fchon auf früheren Ausftellungen begegnet waren und eben defshalb nicht an Mann gebracht werden konnten. Was die fpeciellen Expofitionen der einzelnen Firmen betrifft, fo hatten folgende Hervorragendes geleiftet: Fourdinois( Paris) brachte ein befonders fchönes, mit der gröfsten künftlerifchen Technik in Nufsholz ausgeführtes Cabinet im Renaiffanceftil, ebenfo ein vergoldetes Bett mit fchwarzem Grunde und reich 14 Bernhard Ludwig. 10 lo decorirtem Baldachin. Beide Objecte waren fchon auf der Parifer Weltausftellung vom Jahre 1867 erfchienen. Rondillon E. S.( Paris) führte uns in verfchiedenen Möbeln die Anwen- dung mehrerer Stilarten nach ihrer technifchen Fertigkeit und Manieren vor, worunter befonders ein Kaften mit plaftifch gefchnitzten Intarfien, ein Ebenholzkaften, Tifche von Ebenholz mit Elfenbeineinlagen, ebenfo vergoldete Tifche mit Marmorplatten, Marmorkamin mit Holzauffatz, Seffel, Fauteuils und mehreres Andere zu erwähnen find. Sämmtliche Holzarbeiten wie Decorationen zeugten von einem feinen ftiliftifch durchgebildeten Gefchmack und traten vortheilhaft aus der gewöhnlichen franzöfifchen Manier hervor. Krieger( Paris) ftellte ein Himmelbett von Nufsholz, reich gefchnitzt, im Renaiffanceftil mit fehr gefchmackvoller Tapezierung von rothem Atlas, verfchiedene vergoldete Spiegelrahmen mit Confols und einige Sitzmöbel im Stile Louis XVI. aus. Diefem gegenüber fanden wir eine Collection kleiner und gröfserer Möbel von Diehl( Paris), welche nebft verfchiedenen ehemaligen Parifer Ausftellungsobjecten einige gelungene Stücke aufzuweifen hatte, aber im Grofsen und Ganzen die franzöfifche Hauptrichtung und ihre Verirrungen im vollen Lichte zeigte. Die Luft nach Prunk und oberflächlichem Glanze ohne Stil und Berechtigung in Verwendung der einzelnen Hilfsmittel wie: Bronce, Elfenbein, Porzellan u. f. w. war hier ausgeprägt. Penon Henry( Paris) zeigte uns nochmals Bruchftücke von der Parifer Weltausstellung 1867, beftehend aus gefchnitzten Lamperien, Decorationen, Möbeln aus Ahornholz und einem Theil von einer Stiege aus Nufsholz mit reichgefchnitztem Geländer und Thür, dann reiche und gefchmackvolle Decorationen. Levy& Worms( Paris) ftellten ein vergoldetes Bett, die Füllung von fchönem Gobelin, einen fchwarz gebeitzten Birnholz- Kaften mit etwas ftörenden Marmorfüllungen, einen chinefifchen Kaften, mehrere Fauteuils im deutfchen Renaiffanceftile und Anderes mehr aus. Guéres frères( Paris) brachten gefchmackvolle Nufsholz- Möbel mit künftlerifch ausgeführten Schnitzereien, worunter ein Bücherkaften, ein Buffet und ein Uhrkaften im Renaiffanceftile befondere Erwähnung verdienen; ebenfo waren auch die Möbel mit Bronceverzierungen künftlerifch durchgeführt. Nebenan ftand eine Thür mit Wanddecoration aus carton pierre vom Bildhauer Hardouin( Paris), welche zu den gefchmackvollften diefer Art auf der Ausftellung gehörte. Gallais( Paris) ift Specialift in lackirten Möbeln und Phantafiearbeiten, welche er mit befonderem Verftändniffe und Gefchmack cultivirt. Goekler( Paris) brachte ein Bett und Spiegelkaften von Tuja und fchwarz gebeitzten Birnholz- Schnitzereien zur Anficht, welche Gegenftände er noch als Andenken der Parifer Ausftellung 1867 bewahrt. Noch wollen wir deffen Bibliothek im Renaiffanceftil von fchwarz gebeitztem Holze erwähnen. Hunfinger& Wagner's( Paris) Ebenholz- Möbel mit Elfenbeineinlagen waren weniger fchön zu nennen. Eine befondere Specialität waren die zerlegbaren und gefchmackvollen Seffel von Vanloy( Paris), ebenfo die Lederfeffel und Fauteuils von Eliaers ( Paris) und mehreren anderen Firmen, wie Jules Houry, A. Lanneau, Loremy, Grifey& Comp.( Paris) u. f. w., welche den Beweis liefern, wie ausgedehnt und vielfeitig die Möbelinduftrie in Frankreich ift. Und nur die vielfältigen, künftlerifch ausgebildeten Hilfsmittel in allen Zweigen der Induftrie machten es ihnen möglich, eine fo mannigfache Abwechslung in diefer Fabrication zu erzielen. Die Preife find im Verhältniffe zu Oefterreich bei den befferen Arbeiten fehr hoch und wären diefelben hier wohl fchwerlich an Mann zu bringen, wenn nicht die Sucht nach ,, fremden Erzeugniffen" den Franzofen zumeift Käufer zuführen würde. Möbel- Tifchlerarbeiten. 15 England. Das Land, welches Frankreich in der Höhe der künftlerifchen und technifchen Ausführung der Möbelfabrication am nächften fteht, ja in manchen Fällen es übertrifft, ift England, nur ift fein Ruhm ein viel jüngerer, als der Frankreichs. Es war auf der erften Weltausftellung in London 1851, wo die Engländer bemerkten, dafs fie in der Möbelfabrication weit zurück feien, und zwar waren es öfterreichifche Firmen, wie: Leiftler, Gröger und einige Andere, welche befondere Aufmerkfamkeit in diefer Richtung erregten. Bei der Wiener Weltausftellung theilte fich die Möbelfabrication Englands, dem Stile nach, in zwei Hauptrichtungen: in die Gothik, welche man hier wohl ,, englifch" nennen darf, weil fie in diefer Weife noch von keinem anderen Lande producirt wurde; zur Verwendung kommt dabei gröfstentheils lichtes Holz mit bunten Malereien, Majoliken u. f. w. Dann huldigen die Engländer in neuerer Zeit der Renaiffance und kommen damit in Form und Anwendung der techniſchen Mittel häufig mit dem franzöfifchen Gefchmacke in Berührung; doch cultiviren fie dabei die Intarfien mehr und find auf einer techniſch- ftiliftifch höheren Stufe angelangt, als die Franzofen. Mit den Intarfien thaten fie wohl hier und da des Guten zu viel und fuchten womöglich Alles in Flächen zu verwandeln, um fie dann mit verfchiedenen Materialien einlegen zu können; fo z. B. kamen Capitäler, Voluten und andere der Natur nach plaftifch fein follende Theile mit der gröfsten Kunftfertigkeit und Mühe mit Intarfien verziert vor, dagegen hatte man verfucht, wichtige Flächen, welche mit Intarfien auszufüllen gewefen wären, durch Gravirungen plaftifch zu machen, was keineswegs richtig ift. Die vorzüglichften Objecte fanden fich bei Jackfon& Graham( London), welche eine reiche Collection von Möbeln ausftellten. Diefelben waren mit der gröfsten techniſchen Kunftfertigkeit und in allen möglichen Holzgattungen ausgeführt, worunter fich befonders ein kleiner Schmuckfecretär auszeichnete, welcher in der Ausführung, Farbe und Zeichnung reizend war. Ferner eine Bibliothek von Ebenholz mit Elfenbeineinlagen und bunten Steinen verziert, deren unterer Theil jedoch auch fchon ein Ausftellungsobject auf der Parifer Ausftellung gewefen. Mehrere Tifche fielen befonders auf, wovon die Platten an Gefchmack und technifcher Ausführung mit kleinen Kunftwerken zu vergleichen wären. Aufserdem mufs ich eine Bibliothek, nach Angabe und Zeichnung von Oven Jones erwähnen, welche der Zeichnung und Farbe nach eine Art ,, Zukunftsmöbel" genannt werden kann, da man bei dem Anfchauen derfelben eine ganz neue Richtung erkannte, die förmlich nervös machte. Was die Arbeit felbft anbelangt, war fie auch bei diefem Stücke mit einer meifterhaften Technik durchgeführt. Holland& Sons( London) ftellte einen reich mit Holzmarqueterie eingelegten und mit Bronce verzierten Tifch auswelchen, wir fchon in der Londoner und Parifer Ausftellung gefehen hatten; eine Bibliothek, welche jedoch zu ihren bunten Büchereinbänden ein ruhigeres Gehäufe und eine weniger auffallende Vergoldung erfordert hätte. Die von Settingholz mit Elfenbein eingelegten Toilettemöbel von Walter ( London) waren trotz der techniſch guten Ausführung in künftlerifcher Beziehung mifslungen, da die Elfenbeineinlagen, wovon die Gravirungen theils grün und roth gefärbt waren, ohne Wirkung blieben; dagegen hatte Collinfon and Lock ( London) Möbel in altenglifchen Formen ausgeftellt, ohne fich dabei von der Gefchmacksrichtung eines anderen Landes leiten zu laffen; es waren diefs: Fauteuils, Seffel, Etagères und andere Gegenftände. Ebenfo brachte Morant, Boyd& Blanford( London) Efchenmöbel mit Füllungen von Fayencen, im antiken englifchen Charakter. Cooper& Holt( London) hatte ein im englifchen Gefchmacke gehaltenes Buffet, einen Servirtifch mit eingelegten und gemalten Füllungen exponirt, welche im Ganzen durch ihre Farbe einen angenehmen Eindruck hervorbrachten. 2 16 Bernhard Ludwig. Gillow& Comp.( London) präfentirte einen Buffetfchrank von NaturBirn und Ebenholz mit Tujafeldern eingelegt. Derfelbe war alt englifch, gefchmackvoll gezeichnet, die technifchen Hilfsmittel künftlerifch verwendet und präcis ausgeführt. Die Seffel von Clark& Sons( London) will ich noch wegen ihrer Preiswürdigkeit und gefchmackvollen Ausführung erwähnen. Was die äufsere Form und Arbeit der Claviere betrifft, fo fanden wir zu unferem Befremden, dafs von England in diefem Artikel nichts Befonderes aus geftellt wurde, wie diefs übrigens auch nach einer anderen Richtung hin betrachtend der Referent über Mufikinftrumente hervorhebt. Italien. An England können wir der künftlerifchen Reihenfolge wegen, nur die Erzeugniffe Italiens anreihen. Dasfelbe hat auch in Möbeln und Holzfchnitzereien alle feine Kraft angewendet, um würdig des Ruhmes feiner alten hoch entwickelten Induftrie der Glanzperiode der reichen Patricier auf der Wiener internationalen Weltausftellung zu erfcheinen, und es gelang ihm auch fo ziemlich im Grofsen und Ganzen. Man fah wieder, wie die Kunft fich mit der Induſtrie vereinigen kann und im Gewerbe fortgepflanzt, in neuer Geftaltung zu erfcheinen vermag. Die alten Traditionen, auf welchen das Kunft- Handwerk in Italien fufst, theilen fich bei der Möbelfabrication in drei Hauptrichtungen: In Holzfchnitzereien und Möbel mit plaftifchen Verzierungen; in Intarfienarbeiten mit gravirtem Elfenbein, Perlmutter, buntem Holze Marmor u. f. w. und in moderne italienifche Arbeiten mit Verwendung der verfchiedenften Materialien. Was die erfte Kategorie anbelangt, fo waren es vorherrfchend italienifche Renaiffance- Schnitzereien, welche mit eminenter Technik, fowie gefchmackvoller Anordnung und künftlerifch richtiger Verwendung ausgeführt erfcheinen. Obenan ftand Frullini( Florenz) mit feinen vortrefflichen Holzfchnitzereien, womit er Kamine, Sitzmöbel, Rahmen, Füllungen, Friefen, Lifenen u. f. w. decorirte. Eine koloffale Kaminverkleidung, ausgeftellt von Befarel( Venedig) fiel durch ihren, im Vereine mit Rahmen und Confolen, künftlerifch ausgeführten figürlichen Schmuck auf. Die Bibliothek, Rahmen und Lampenträger aus Nufsholz, von Morini( Florenz) exponirt, waren mit gefchmackvollen Zeichnungen und vortrefflicher Behandlung des Materiales ausgeführt. Bartolozzi( Siena) hrachte ein reich gefchnitztes Bett von Nufsholz, deffen Ornamentenanordnung ein befonderes künftlerifches Verſtändnifs verrieth. Noch zu erwähnen haben wir ein Himmelbett mit ornamentirten Säulen, von Truci( Florenz), fowie Salvatoves Spiegelkaften, mit auf Goldgrund gemalten Füllungen. Bei der bewundernswerthen Technik der Italiener war es kein Wunder, wenn hie und da Uebergriffe ftattfanden. Nichts kann leichter zu Irrthümern führen als die höchft entwickelte Technik. So fahen wir eine kleine gefchnitzte Etagère, welche ihrer Gebrechlichkeit wegen unbrauchbar und unter einen Glaskaften gehörte, fowie eine Schmuckcaffette mit Schnitzereien, welche fich jedoch gleich dem Befchauer, mit einem Glasfturz überdeckt, präfentirte; überhaupt wurden Rahmen und mehrere andere Gegenftände in derfelben unpraktiſchen Weife hehandelt. In der zweiten Kategorie, italienifche Intarfien" hatte Gatti( Rom) das Hervorragendfte geleiftet. Seine Arbeiten zeigten, bei Verwendung der verfchiedenften Materialien, als Ebenholz, Elfenbein, Perlmutter, Lapis lazuli, Malachit u. f. f. eine richtig künftlerifche Auffaffung. Die ausgeftellten Objecte beftanden in Rahmen, Schatullen, Schmuckkäften und diverfen anderen Nippfachen und waren mit einer exquifiten Präcifion ausgeführt. Möbel- Tifchlerarbeiten. 17 Von Pazzi( Rom) war ein Ebenholz mit Elfenbein eingelegter Kaften zur Anficht gebracht, welcher fowohl wegen Zeichnung und Gravirung, fowie der Technik in der Tifchlerarbeit zu den befferen italienifchen Erzeugniffen diefes Genres gehörte. Civita( Florenz) exponirte ein Cabinet von Ebenholz in italienifcher Frührenaiffance mit reizenden Pietra dura- Füllungen und Broncefiguren, ebenfo auch zwei kleine Salonkäften nach mehreren Zeichnungen, und Gomez ( Venedig) vier Seffel, ein Cabinet von Ebenholz mit Füllungen von lapis lazuli und anderen edlen Marmorgattungen, mit Figuren, die vier Jahreszeiten darftellend, und Karyatiden von antiker Bronce; leider entbehrten diefe für das Auge fo wohlthuenden Objecte in Bezug der Tifchlerarbeit die folide Ausführung, was bei Gegenftänden von folchem Werthe umfo mehr zu bedauern ift. Es erübrigt uns noch, von der dritten Kategorie, als den modernen italienifchen Arbeiten, zu berichten, welche mit den verfchiedenften Materialien, jedoch felten mit Verſtändnifs und in keinem Falle ftilvoll durchgeführt wurden. Es fchien, als ob die zu diefer Kategorie gehörigen Induftriellen noch nicht die Quelle ihrer Vorfahren, welche fo viel mafsvoll künftlerifch Schönes fchufen, entdeckt hätten. Erwähnenswerth find von diefen, durch die präcife Ausführung der Tifchlerarbeit: Meget's( Mailand) Möbel eines vollſtändigen Schlafzimmers aus Paliffanderholz mit Bronceverzierungen, deren künftlerifche Anordnung jedoch viel zu wünſchen übrig liefs. Daran reihte fich ein Schlafzimmer von Bertoloti ( Mailand) von Mahagoniholz mit Perlmutter, Elfenbein und Meffingeinlagen, das fehr mittelmäfsig in der Ausführung und ftillos in der Zeichnung gehalten war. Ferner ein Billard Lurafchi's( Mailand) und ein vergoldetes gefchnitztes Bett von Levara( Turin), wobei Zeichnung und Ausführung wie bei vielen Anderen wenig Anfpruch auf den guten italienifchen Künftlerruf machen dürften. Wenn wir alfo die ganze italienifche Möbelexpofition überblicken, fo müffen wir, mit wenigen, dafür aber eminenten Ausnahmen conftatiren, dafs bei Nachahmung ihrer guten Vorbilder und Erfindungen neuer Motive viel gefündigt wurde, weil ihnen das tiefere Studium und die Erkenntnifs des wahrhaft Schönen an denfelben fehlte; fie ahmen blofs nach und füllen damit die Kaufläden der Antiquare, ohne das Verftändnifs und die Gediegenheit der technifchen fowie künftlerifchen Ausführung ihrer Vorfahren beizubehalten. Deutfchland. Wenn wir uns nun der Möbelfabrication des deutfchen Reiches zuwenden, fo müffen wir gleich geftehen, dafs die Leiftungen Berlins auf der Wiener Weltausftellung weit hinter den Provinzftädten, wie: Dresden, Köln, Carlsruhe, Hamburg etc. zurückblieben, und gerade Berlin hätte, wenn auch nicht mit Kunftwerken brilliren, fo doch feinen Ruf mit Exportwaare behaupten könen. Wir fanden überdiefs, dafs fich mit geringer Ausnahme Deutfchland in diefer Induftrie noch keine Selbftftändigkeit gefchaffen, da wir in den meiften, von ihnen exponirten Arbeiten Zeichnungen und Motive, oder auch directe Copien von franzöfifchen Muftern erkannten. Obzwar man dem Erzeugniffe einen gewiffen Fortfchritt nach der Parifer Weltausftellung nicht ganz abfprechen kann, fo hat fich doch im Allgemeinen bis heute noch keine beſtimmte Stilrichtung in diefer Fabrication Bahn gebrochen. Dennoch conftatiren wir mit Vergnügen vorerft die einzelnen Firmen, welche eben im Streben nach Befferem mit ihren Objecten eine erfreuliche Aus nahme machten. An der Spitze ftand Dresden mit der von Friedrich ausgeftellten Col lection von Ebenholz- Möbeln, worunter ein Cabinetfchrank im Renaiffanceftile mit folchem Fleifse und Reinheit der Arbeit ausgeführt wurde, dafs er in diefer 2* 18 Bernhard Ludwig. Weife zu den gediegenften der ganzen Branche gezählt zu werden verdient; er würde jedoch durch das Hinweglaffen der blauen Emailöffnungen an Einheit der Zeichnung bedeutend gewonnen haben. Ebenfo hatte Türpe( Dresden) die fehr gefchmackvolle Wanddecoration eines Speifefaales mit Buffet in Renaiffance von Nufsholz, nach Zeichnungen Semper's jun. ausgeftellt, welche die, von ihm noch exponirten Boulemöbel, fowie eine, durch Schnitzereien in einen kleinen Gemüfegarten verwandelte Credenz, vortheilhaft überragten. Von Sto evefandt& Kollmar( Carlsruhe) war eine Credenz in Renaiffance von Nufsholz, gut in der Zeichnung und Ausführnng, ebenfo ein Bücherkaften, Confol, Tiſch und Seffel ausgeftellt worden. Die präcis gearbeitete Bibliothek von Himmelheber ebendafelbft machte durch die ruhige Farbe des amerikanifchen Nufsholzes einen angenehmen Eindruck. Wollbrandt( Hamburg) exponirte eine im gothifchen Stile von Nufsholz techniſch gut ausgeführte Herrenzimmer- Einrichtung, deren Stillöfung eine glückliche und zweckmäfsige genannt werden kann. Als einer guten Leiftung ift auch der Bibliothek von Mahr( Hamburg) zu erwähnen. Die Intarfienarbeiten nach hübfchen Zeichnungen von Plambeck ( Hamburg), beftehend in Tifchplatten, Füllungen und anderen Verzierungen, gehörten zu dem Beften, was von diefem Genre vom deutfchen Reiche ausgeftellt wurde. Die reichhaltige Collection Intarfienmöbel von Völkert( Heidelberg) war mit Präcifion gearbeitet, nur wäre mehr Architektur und ftiliftifche Anordnung der Interfien wünfchenswerth gewefen. Nach guten Zeichnungen in Frührenaiffance waren die fchön vergoldeten Spiegelrahmen und Confols von Pallenberg( Köln) angefertigt, ebenfo das Fauteuil aus fchwarzem Holze. Den mit Schnitzereien überladenen fchwarzen Salonfchrank von König( Köln) wäre eine vollſtändigere Vertheilung derfelben fehr zu Statten gekommen. Breslau war durch eine Actiengeſellſchaft für Möbel, Parquetten und HolzBauarbeiten vertreten; fie exponirte ein vollſtändiges Speifezimmer von Nufsholz mit Metall eingelegt. Die Tifchlerarbeit würde fich ohne der mifslungenen Schnitzerei, wenn das Ganze mit mehr gefundem Sinn und Stil gezeichnet wäre, viel beffer repräfentirt haben. Dagegen waren die von derfelben Firma ausgeftellten Parquetten nach fchönen, ftilvoll richtig angewendeten Zeichnungen ausgeführt. Dasfelbe galt auch von dem fchönen Ebenholz- Schranke in alter Renaiffance von Schönicke( Danzig), deffen Füllungen in ihrer Form wahrhaft reizend ausfahen. Die von Fifcher( Hamburg) exponirten Speifezimmer- Möbel aus Eichenholz gehörten zu den beften Arbeiten Deutſchlands; die gefchmackvolle decorative Verwendung des Materials war dabei befonders zu erwähnen. Heinrich( Mainz) hatte ein Buffet aus Nufsholz im Renaiffanceftile mit etwas Goldverzierungen zur Anficht gebracht, deffen zwei tanzende Herkuleffe eine zum Tragen des Gebälkes geeignetere Stellung verlangt hätten. Auch bei dem, von Degelbeck( Nürnberg) ausgeftellten Buffet, welches durch feine angewendeten Hilfsmittel, an die frühere Kunftperiode Nürnbergs erinnerte, fehlte leider die richtige und gefchmackvolle Verwendung derfelben. Die reich gefchnitzte Credenz aus Nufsholz, von Pohl( Berlin), war wenig zweckentfprechend und war auch mit Ornamenten nach Lynard, zu überladen. Die Actiengeſellſchaft Berlins exponirte Bruchftücke von Lamperien und Vertäfelungen in verfchiedenem Holze, eine Credenz, einen Tifch und Seffel aus Eichenholz im Renaiffanceftile, deren technifche Arbeit gut zu nennen war. Von der Stuttgarter Actiengefellfchaft und Parquettenfabrik waren Objecte ausgeftellt, von gebeiztem Birnholze mit Elfenbeineinlagen und mehrere andere Luxusmöbel, die, ihrer Art und Weife nach, franzöfifchen Urfprungs fein dürften. Dagegen zeigten Niederhöfer's Söhne( Edenkoben) durch Exponirung einer fchwarzen Bibliothek im Renaiffanceftile, dafs fie fich von der unvermeid. lichen Nachahmung franzöfifcher Mufter, emancipirt haben. Auch Heigl Möbel- Tifchlerarbeiten. 19 ( München), mit feinen guten Tifchlerarbeiten, verdient erwähnt zu werden. Die fonft anerkannte Firma F. Wirth's Söhne( Stuttgart), lieferte mit einem in plaftifcher Schnitzerei verzierten Buffet den Beweis, dafs ihr jedes feinere Verftändnifs, betreff des Reliefs, abhanden gekommen. Wir kommen nun zum Schluffe unferes Berichtes über Deutfchland zu derfelben Anficht zurück, die wir bei Beginn desfelben ausgefprochen, dafs es gerade in einem fo öffentlichen Wettftreite, wie die Weltausftellungen im Allgemeinen find, fich bitter rächt, wenn Städte wie Berlin, Breslau, Köln, Mainz, Stuttgart etc. für ihre Möbelinduftrie keine andere Grundlage haben, als die, welche fie fich durch Aneignung fremden geiftigen Eigenthums oder Nachahmung befonderer Extravaganzen gelegt haben. Dänemark. Wohlthuend ift daher der Gegenfatz, den uns das kleine fleifsige Dänemark in diefer Hinficht bietet. Hier finden wir eine beftimmte Stilrichtung, auf Grundlage künftlerifcher Beftrebungen Thorwaldfen's bafirend, in Verbindung mit einfach bürgerlichem Sinn, bei Verwendung derfelben. Befonders hervorzuheben haben wir in diefer Richtung ein Sitzzimmer von Rönne( Kopenhagen), deren reizende pompejanifchen Einlagen von bunten Hölzern, fowie einfache und gefchmackvolle Ausführung einen angenehmen Eindruck machten. An diefen reihte fich Hanfen( Kopenhagen) mit einem Speifezimmer aus Nufsholz in demfelben Genre, welches mit befonderem Verſtändniss gezeichnet und gearbeitet war. Lund( Kopenhagen) brachte einen Kaften und Spiegel aus Ebenholz und Schildpat mit Reliefverzierungen in Altfilber zur Anficht, wobei die Zeichnung und Ausführung eine vollkommen präcife zu nennen war. Auch Gebrüder Jenfen's ( Kopenhagen) Bücherkaften aus Nufsholz mit Birnholz- Einlagen, welche an manchen Stellen als plaftifche Schnitzarbeit hervortraten, war, trotzdem die Nachahmung den franzöfifchen Originalen nicht ganz gleichkam, dennoch als gelungen zu betrachten. Rufsland hatte fich befonders mit den Möbeln feines Kaiferpavillons hervorgethan, welche von Stange( Petersburg) geliefert wurden. Indem die ruffifche Fabrication national geblieben, hat fie den richtigen Weg eingefchlagen, und waren die Möbel fowohl techniſch wie künftlerifch fehr fchön ausgeführt. Sie waren nur infofern nicht ganz ruffifches Product, als ihre eigene Arbeitskraft noch nicht die, für das künftlerifch producirende Handwerk nothwendige techniſche Fertigkeit erreicht hat, und fie fich daher mit franzöfifcher Arbeitskraft helfen mufsten. Die Möbel des Empfangfalons beftanden aus einem Tifch von braunem Eichenholz mit rothem Tuch überfpannt und hohen gefchnitzten Seffeln. Die des Speifezimmers waren ebenfalls von braunem Eichenholz, die Seffel mit braunem Leder und Stahlnägeln tapeziert; auch fiel ein äufserft gefchmackvoller Ofen darin auf. Eine, dem Auge wohlthuende Abwechslung, boten die Möbel des Schlafzimmers, aus weifsem Ahornholze, und fanden wir darin ein breites Bett, einen Wafchkaften, Nachtkaften, Toilettetifch, Fauteuils, Seffel und eine zur Aufbewahrung des Bettgewandes beftimmte Truhe mit Metallbefchlägen, welche aber mit ihren Dimenfionen für unfere Wohnungen nicht zu empfehlen wäre; fämmtliche Möbel waren in altruffifchem Genre präcife durchgeführt. Schweden und Norwegen lieferte aufser der Bautifchlerei von Bark& Warburg wenig Bemerkenswerthes. Ebenfo hatte fich Belgien an der Expofition von Möbeln fehr fchwach betheiligt, und hat nur die Firma Sugers Barg& Comp.( Brüffel) ein Buffet und Seffel ausgeftellt. Von der Schweiz haben wir aufser einen Waffenfchrank aus Nufsholz im Renaiffanceftile, wenig ftilvolle Arbeit zu verzeichnen; die Uhrkaften- Induftrie Enyers Ba 20 Bernhard Ludwig. fowie die Möbel in ihrer eigenen naturaliftifchen Manier werden fich, wenn fie anders fortbeftehen wollen, fehr bald einer künftlerifchen Reform unterwerfen müffen. Auch das fchöne Monaco zahlte feinen Tribut mit einigen kunftvollen Galanterie- Arbeiten, die jedoch leider nicht ihr eigenes Erzeugnifs repräfentirten, fondern von Paris bezogen wurden. Spanien hatte aufser einer ganz baroken Wiege und einigen Käften, nichts Befonderes in diefer Branche gebracht. Amerika war, Claviere und Piano abgerechnet, in der Möbelinduftrie gar nicht vertreten. Dagegen können wir den Leiftungen Parvis( Kairo), Egypten vertretend, die Anerkennung nicht verfagen. Sie zeigten uns, wie dankbar die fchönen arabifchen Motive für Decorationen find, wenn fie mit Verftand verwendet werden. Unübertrefflich waren die Lackarbeiten Japans von Mufafhiya in Tokio und Sakabe Kumadjéro. Perfien und Indien hatten aufser ihren reizenden Galanterie- Arbeiten, in Möbeln wenig ausgeftellt und es ift defshalb nichts Bemerkenswerthes darüber zu berichten. Die mit fantaftifchen Schnitzereien und Einlagen verzierten Möbelarbeiten Chinas, boten uns wenig Lehrreiches und haben von jeher ihren Zweck dadurch erfüllt, dafs fie nur für Raritätenfammler fich eigneten. Wir kommen nun, nachdem wir die Erzeugniffe aller Länder, welche in diefer Branche exponirt hatten, befprochen, zu denjenigen unferer Heimat, zu der Möbelfabrication Oefterreich- Ungarns. Bevor wir jedoch auf eine eingehende Befprechung derfelben im Allgemeinen, fowie auf die Leiftungen Einzelner übergehen, fühlen wir uns verpflichtet, einige Erörterungen über die Verhältniffe vor der Weltausftellung und deren Einflufs auf die Qualität wie Quantität der ausgeftellten Objecte vorauszufchicken, um ein möglichft getreues Bild diefer Induftrie anderen Staaten gegenüber, zu bringen. Es war natürlich Pflicht jedes wahrhaften Oefterreichers, je nach feiner geiftigen oder materiellen Kraft, fo viel und fo gut, als nur möglich auszuftellen; auch musste, wenn anders die Weltausftellung einen praktifchen Nutzen fchaffen follte, auf eine allgemeine Betheiligung Rückficht genommen werden. Ein grofser Factor kam uns einerfeits dabei zu Hilfe, nämlich der, dafs wir ja in der Heimat und es in Folge deffen nicht fo grofser Opfer bedurfte, um unfere Erzeugniffe der Welt vor Augen zu führen. Anderfeits war es auch die nach vielen Agitationen endlich zu Stande gekommene Collectivausftellung, welche, den eigentlichen Zweck einer Weltausftellung vor Augen habend, es auch dem kleinften Gewerbsmanne ermöglichen follte, feine Erzeugniffe felbft auf den Markt zu bringen. Diefe hatten nun erfreulicher Weife den richtigen Standpunkt einer heutigen Weltausftellung begriffen, und fich nicht zur Herstellung aufsergewöhnlicher Artikel verleiten laffen, die ihnen über ihre Kräfte gehende Opfer auferlegt hätten und welche auch, im Handel gar nicht an Mann zu bringen, ihr eigenes Fabricat nicht repräfentirt hätten. Dagegen konnte im gegebenen Falle die Collectivausftellung es nicht verhindern, dafs vieles Mittelmäfsige zur Anficht gebracht wurde. Einige gröfsere Fabriken aber benützten die grofsartige Ueberhäufung durch die zur Organifirung der Ausftellung unbedingt nothwendigen Arbeiten, als auch die dadurch entstandene Arbeitercalamität und Preiserhöhung als Vorwand, fich nicht an der Ausftellung zu betheiligen, oder wenigftens nicht in dem Maafse, als fie es zur Repräfentation ihrer Firma bedurft hätten. Um nun den Unterfchied zwifchen unferen und den Leiftungen anderer Länder richtig beurtheilen zu können, mufs auch noch die Preisfrage in Betracht gezogen werden; und es find wahrhaft ftaunenswerthe Refultate, die wir in diefer Möbel- Tifchlerarbeiten. 21 Hinficht zu unferen Gunften anführen können; es wird beiſpielsweife für die befferen italienifchen, franzöfifchen und englifchen Arbeiten derfelbe Preis in englifchen Pfunden bezahlt als bei uns hier, für verhältnifsmäfsig gleiche Fabricate mit vieler Mühe in Gulden erzielt werden kann. Es ift diefs leider ein Factum, das fich nicht mit Gewalt ändern läfst; hier kann nur das ausdauernde Beftreben, gediegene und beffere Leiftungen preiswürdig herzuftellen, Solidität und Pünktlichkeit der Ausführung übernommener Aufträge u. f. w. Löfung bringen; nur in diefem Falle können wir uns den Welt. markt und damit die Quellen öffnen, welche England und Frankreich auf diefe Stufe gebracht haben. Da nun Ungarn fich einmal auf der Wiener Weltausftellung als eigener Staat repräfentirte, fo wollen wir auch deffen Leiftungen in diefem Induftriezweige feparat und vor den öfterreichifchen befprechen. In erfter Reihe nennen wir da die gediegenen Möbel von Kramer( Peft), welche aus einer Speifezimmer- und Salongarnitur beftanden; nur konnte man fich bei der, auf der oberen Fläche in Relief gefchnitzten, mit einer Glastafel überdeckten Tifchplatte nicht recht heimifch fühlen, weil fie dadurch den eigentlichen Zweck verfehlte; die Zeichnung und Ausführung war, mit Ausnahme der Seffel, welche zu überladen erfchienen, gut. Zerkowitz( Peft) brachte eine Credenz aus Nufsholz, worin man das Streben nach Stil und den Willen nach Befferem erkennen konnte. Die Credenz und die Schlafzimmer- Möbel von Gungl( Temesvar) verriethen, dafs er feine Studien in Wien dazu gemacht; die Ausführung war annehmbar. Beachtenswerth war noch: Thék, Schmelka, Sax, Zfolmay, Sipos u. A. m ,, welche ihre Leiftungen zur Anficht gebracht hatten. Da wir nun zu den einzelnen Erzeugniffen der öfterreichifchen Möbelfabrication auf der Wiener Weltausftellung übergehen, gereicht es uns zum Vergnügen, unter all dem Gebotenen doch manches wahrhaft Schöne gefunden zu haben und darüber berichten zu können. So hatte Michel( Wien) einen, von Profeffor Storck im italienifchen Renaiffanceftile reizend gezeichneten Juwelenfchrank von Ebenholz ausgeftellt; die Aufsenfeite mit braunem Birnholz, die Innenfeite mit Elfenbein eingelegt, deffen Ausführung in der Tifchlerarbeit, fowie der von Schindler( Wien) gelieferten Schnitzereien, meiſterhaft zu nennen war. Dübell( Wien) exponirte unter Anderem eine Salonthüre von Nufsholz und Palifanderholz, welche in Zeichnung und Ausführung tadellos, ohne die vergoldeten Gypsfiguren als Bekrönung noch edler ausgefehen hätte. Techniſch fchön waren deffen Möbel zu einem Speifezimmer von Nufsholz und Tuja mit leider verfchwindenden Ebenholzeinlagen, ein Schreibtifch, fowie eine Collection Sitzmöbel, zu welchen der gut gewählte Stoff mit der präcifen und gefchmackvollen Ausführung der Tapezierarbeit von Schenzel( Wien) herrlich pafste. Von Schönthaler( Wien), welchen man, nebenbei bemerkt, wohl als erften Reformator in der jetzigen Möbelinduftrie bezeichnen kann, war eine Collection gefchnitzter und eingelegter Möbel zur Anficht gebracht, welche für uns wohl nicht mehr neu waren, in ihrer ruhigen Schönheit aber jedes kunftfinnige Auge feflelten. Brillant in ihrem Arrangement fiel die Expofition von Haffa& Sohn ( Wien) auf, worin neben fchön vergoldeten und altverfilberten Sitzmöbeln ein grofses Himmelbett von maffivem Nufsholz im Rococoftile als Hauptftück hervor* Einen draftifchen Beweis für diefe oben angeführte Bemerkung liefern beiſpiels- weife die Preife für die gewifs künftlerifch fehr fchön ausgeführten Salonmöbel fammt Wändeund Plafonddecoration des neuen k. k. Opernhaufes, wo für die Salons Seiner Majeftät des Kaifers, Ihrer Majeftät der Kaiferin und der Herren Erzherzoge ein Preis von 22.000 fl. öfterreichiſcher Währung gezahlt wurde, während für den von uns, in unferem Berichte in der englifchen Abtheilung befprochenen Kaften, mit den zweifelhaften Einlagen ein Preis von 2600 Pfund Sterling, das ift 26.000 fl. öfterreichiſcher Währung in Silber verlangt wurde 22 Bernhard Ludwig. ragte, welches nach fchwungvollen Zeichnungen gefchnitten und technisch rein gearbeitet als Unicum in diefem Genre auf der Weltausftellung zu betrachten war. Nebenan fanden wir ein kleines, reizendes Damenboudoir von Fix ( Wien), welches mit Benützung maurifcher Motive einen ganz angenehmen Eindruck machte. Wenn man die einzelnen phantaftifchen Möbel mit den herrlichen Stoffen von Giani( Wien) und den gefchmackvollen Pofamenteriearbeiten, fowie der luxuriöfen Kleinigkeiten bis zur Feuerzange herab betrachtete, fo dachte man unwillkürlich an den leidigen Wiener Börfenfturz", der graufam die Illufionen manch' reizenden Frauenkopfes über den Befitz desfelben zerftörte. F. O. Schmidt( Wien) hatte Bruchftücke feines, früher im Muſeum ausgeftellten, prachtvollen Zimmers zur Anficht gebracht. Der Anblick diefes Kamins mit der fortlaufenden Wanddecoration in Frührenaiffance, gab Zeugnifs von dem feinen Gefchmacke und richtigen Verſtändnifs feines Exponenten. Von Albert& Sohn( Wien) war ein fchön gezeichneter und fleifsig ausgeführter Schreibkaften mit Bibliothek von Nufsholz in Renaiffanceftil ausgeftellt. Auch die Möbel Wahl's& Söhne( Wien) zeigten das Beftreben nach befferen Leiftungen in Stil und Arbeit. Bei Roderich's Credenzen wäre weniger Reichthum an Schnitzerei, dagegen mehr Stil und Zeichnung wünſchenswerth gewefen. Bemerkenswerth waren Kien's( Wien) Möbel in feinem zerlegbaren Haufe und ein Portal für einen Kaufladen von Nufsholz; Beides war fehr gut gearbeitet. Ebenfo die zerlegbaren Möbel Mannftein's, fowie auch deffen unzerlegbare, beftehend in einer Credenz, einem Spieltifch und Seffeln von Mahagoniholz, welche befonders durch ihre Gröfse dominirten; nur wäre denfelben eine vorfichtigere Verwendung der verfchiedenen Mahagoniholz- Gattungen anzuempfehlen gewefen. Wir brauchen wohl nur den Namen" Thonet" zu nennen, um jedem Laien die Vortheile ins Gedächtnifs zu rufen, welche durch das Inslebentreten der gebogenen Holzmöbel dem Publicum geboten wurden. Thonet's Söhne hatten auch bei diefer Ausftellung den Beweis geliefert, wie fehr fie fich bemühten, alle Hilfsmittel anzuwenden, um ihre Arbeiten fo viel als möglich gefchmackvoll und falonfähig zu machen. In der Collectivausftellung der Wiener Tifchler fanden wir ein Schlafund Speifezimmer von Kramer ausgeftellt, deffen Ausführung präcis zu nennen war. Ludwig Rich.( Wien) exponirte ein Ebenholzcabinet mit gefchmackvollen Elfenbeineinlagen in italienifcher Renaiffance fammt Tifch und Seffeln, nur waren die Zeichnungen zu der äufseren Conftruction nach unten zu ſtark gehalten. Gruber( Wien) brachte mehrere Speifezimmer Möbel von Nufsholz mit ganz fleifsiger Tifchlerarbeit zur Anficht, an welchen jedoch richtigere Verhältniffe in der Zeichnung, fowie weniger und beffer modellirte Schnitzerei, dem maffenhaften Reichthum derfelben vorzuziehen gewefen wären. Der Verfuch Oerley's( Wien) mit einer Herren- Zimmereinrichtung von Nufsholz mit fchwarzen Intarfien gehörte wohl noch nicht zu dem Gelungenften, war aber im Ganzen nett gearbeitet. Schottenhammel( Wien) hatte eine ganz hübfche, fchwarze Arbeit ausgeftellt, beftehend in einem Schreibtisch und Bücherkaften. Auch die beiden gefchmackvollen Billards von Seifert und Zizula ( Wien) find zu erwähnen, nur die von Erfterem daran angebrachten Schildpatfüllungen machten einen unruhigen Eindruck; beide waren mit gut ausgeführten Schnitzereien von Schindler verziert. Zaufal's( Wien) Schlafzimmer von Nufsholz und Tujafüllungen in Renaiffance war in feiner Ausführung gut zu nennen. Kuttag( Wien) ftellte eine Salonthür, mit finnreicher mechanifcher Verwandlung aus; leider läfst fie fich, durch die dadurch bedingte Mauerftärke felten verwenden. Möbel- Tifchlerarbeiten.* 23 Auch Kraus& Sohn( Wien) zeigte durch die Exponirung einer Schlafzimmmer- Einrichtung von Nufsholz mit gravirten und gemalten Ornamenten, dafs er fich einer ftiliftifchen Richtung, welche für unfere Zeit paffend ift, angefchloffen hat. Fuchs( Wien) brachte ein hübfches und zweckmäfsig ausgeführtes Muftercomptoir von Eichenholz zur Anficht und Martinek's( Wien) Nähmafchinenkäften waren auch ganz fchön gearbeitet. Auch die gefchmackvolle Rauchzimmer- Einrichtung von Bamberger ( Wien) ift zu verzeichnen, nur hätte man bei Decorirung desfelben, von der Imitation primitiver Schilfmatten für Teppich und Wandfüllung, Umgang nehmen follen. Irmler( Wien) hatte einen Waffenfchrank, Tifch und Seffel von Eichenholz ausgeftellt, welche nach ftilvollen Zeichnungen von Graf( Wien ausgeführt wurden. Dagegen wäre bei der von Stein( Wien) exponirten SpeifezimmerEinrichtung von Bux- und Ebenholz, eine beffere Zeichnung wünſchenswerth gewefen. Backé( Wien) ftellte eine grün lackirte Schlafzimmer- Einrichtung und Möbel eines Speifezimmers von Eichenholz im Renaiffanceftile aus, deren Ausführung und Arrangement gefchmackvoll war. Frankl's( Wien) Schlafzimmer- Möbel, vom ungarifchen Efchenholz fielen weniger durch gute Form, als durch die unharmonifche Znfammenftellung der Farben, auf; die Verwendung des fchönen einheimifchen Holzes ift anerkennenswerth, doch hätte fich der Exponent zur Erzeugung der Möbel einer kunftfinnigeren Firma bedienen follen, damit die fo intereffante Textur diefes Holzes beffer zur Geltung gebracht worden wäre. Schliefslich ein Schlafzimmer von Soulek ( Wien) in Nufsholz, deffen Architektur beffer für die Façade eines RingftrafsenPalais als in eine Wohnung pafste. Aus den Provinzen fanden wir ganz anerkennenswerthe Leiftungen, befonders wenn man bei ihrer Beurtheilung die Verhältniffe des Arbeiters und Abnehmers derfelben, betrachtet. So hatte unter Anderen Röhrs( Prag) eine Collection Möbel ausgeftellt, beftehend aus Käften, Tifchen und Fauteuils von Nufsholz im Renaiffanceftile, deren Zeichnung und Tifchlerarbeit gut zu nennen war; die Tapezierung wäre weniger zu loben. Ferner wurde von Kufska( Odrau, Schlefien) ein Confol mit Spiegel aus fchwarzem Eichenholze nach Zeichnungen von Graf exponirt. Eine Credenz von Brachtl( Troppau) war etwas zu reich in der Zeichnung gehalten, fonft aber präcife gearbeitet. Feeg( Brünn) brachte eichene, im gothifchen Stile ausgeführte Möbel zur Anficht. Wünfchenswerth wäre dabei. die Vermeidung des wenig paffenden Stiles. Was die Vergolder betrifft, fo haben aufser den Franzofen, welche in der Technik wie in der künftlerifchen Ausführung den höchften Rang einnehmen, blofs die Oefterreicher Hervorragendes geleiftet und verdienen hier Kölbl& Threm's( Wien) Arbeiten in erfter Reihe genannt zu werden. Es waren diefs zwei Wanddecorationen mit Spiegel, Confol und Vorhangftangen, welche bis ins kleinfte Detail meifterhaft gearbeitet, auch in einem kleineren Raume, eine noch gröfsere Wirkung hervorbringen dürften. Die vergoldeten Salonmöbel der Gebrüder Járay( Wien) machten einen angenehmen Eindruck, nur liefsen die Zeichnungen zu den einzelnen Möbeln und Rahmen in ihrer Conftruction Manches zu wünfchen übrig. Auch die Rahmenfabrik Ulrich's( Wien) fiel durch eine Collection. gefchnitzter und glatter Holzrahmen auf, deren Zeichnungen theilweife gut zu nennen waren; auch follten zwei verdoldete Spiegelrahmen ihren Platz ausfüllen, erzielten jedoch durch ihre fchlechte Vergoldung, fowie durch die, über diefelben angebrachte, gefchmacklofe Decoration gerade das Gegentheil. Ein koloffaler in derben Formen von Bühlmeyer( Wien) ausgeführter Kaminauffatz, zeigte von vortrefflicher Technik in der Vergoldung. Dagegen war bei Tauffig's( Wien) Spiegelrahmen weder Stil noch richtiges Verhältnifs zu finden. Bei Kinfky's Rahmen, liefs fich das Streben nach Befferem erkennen. 24 Bernhard Ludwig. Auch die Leiftungen Mallmann's( Wien) Schrodt's( Wien) und noch einiger anderer Firmen waren nennenswerth. Endlich fei noch des Mobiliars im Kaiferpavillon gedacht, welches im Verhältnifs zu der kurzen Zeit, die den Fabrikanten von der künftlerifchen Leitung des Baues zur Anfertigung desfelben geftattet wurde, als vollkommen gelungen betrachtet werden kann. Da es mir nicht gut zuläffig fcheint, als Berichterstatter über meine eigenen Ausftellungsobjecte zu berichten, fo erlaube ich mir nur einige Punkte anzuführen, welche mir bei dem Entwurf derfelben als Leitfaden dienten. Meine Abficht war, Arbeit und Zeichnung nicht allzufehr aus dem Rahmen der gewöhnlichen Erzeugniffe meiner Fabrik hervortreten zu laffen, und follten auch diefelben nach Beendigung der Ausftellung noch zu verkaufen fein; defshalb mufste vor Allem Preiswürdigkeit die Grundbedingung dazu bilden, fodann eine dem Zweck entſprechende Conftruction zum Verbrauche derfelben, fowie Einfachheit in der Architektur und womöglich richtige und gefchmackvolle Anwendung der von mir fchon längere Zeit cultivirten Intarfienarbeiten; wie diefes Ziel von mir gelöft wurde, mufs ich Anderen zur Beurtheilung überlaffen. Ferner erlaube ich mir noch der Detail arbeiten aus meiner Fabrik in Suben, Oberöfterreich, und deren Verbindung mit Fachſchulen Erwähnung zu thun. Der Zweck diefer Collection war die fyftematifche Darftellung der Lehr- und Lernmethode, mit welcher die Gefangenen in Suben in möglichft kurzer Zeit einen kunftinduftriellen Zweig der Holzinduftrie erlernen, der fie nach Abbüfsung ihrer beftimmten Strafe in die Lage verfetzt, fich einen genügenden und reellen Lebensunterhalt zu verfchaffen. Und nun wollen wir, um das Bild zu vervollſtändigen, noch einige Daten über die zu diefem Induftriezweige erforderlichen Rohmaterialien, Fourniere, Werkzeuge, Hilfsmafchinen, Erfindungen und Verbefferungen zur Bereitung von Halbfabricaten beifügen. Was das Rohmaterial betrifft, fo hat Frankreich in feiner wildwachfenden Pappel ein ausgezeichnetes Blindholz, welches für die Möbelinduftrie die beften Eigenfchaften in fich vereint und der franzöfifchen Fabrication anderen Ländern gegenüber grofse Vortheile bietet. Auch verwenden fie bei werthvolleren Arbeiten Eichen und fchlichtes Mahagoniholz. Zu ihren Fournieren verbrauchen fie gröfstentheils dunkle Hölzer, wie Nufs-, Eben-, Icaranda- und Mahagoniholz. England hat wieder directe Holzquellen an feinen Colonien und der billige Waffertransport macht es ihnen möglich, die beften Hölzer, wie Mahagoni, Nufsfchwedifches und amerikaniſches Nadelholz als Blindholz zu verwenden. Hingegen finden wir, dafs fie zur äufseren Decoration im Gegenfatz zu Frankreich und Oefter reich mehr lichte Farben, wie: Eichen. Efchen-, Setting-, ungarifche Eſchen, amerikaniſches Olivenholz u. f. w., lieben. Dagegen hat das deutfche Reich in feinem Norden ein wildes Föhren- oder Kieferholz, welches ebenfalls ein vortreffliches Material für Blindholz abgibt, und durchſchnittlich auch als folches verwendet wird; für die äufsere Ausfchmückung kommt wieder Nufs-, Mahagoni, Palifander-, Kirfch-, Eichen-, Efchen- und Birkenholz in Anwendung. Belgien fchliefst fich in diefer Hinficht mehr Frankreich an, während Rufsland, Schweden, Norwegen und Dänemark fich England nähern. Oefterreich hat trotz feiner reichen Forftproducte doch nicht das zu Blindholz für die Möbeltifchlerei paffende Rohmaterial wie Frankreich und England; die öfterreichifchen Holzarten find meiftens zu hornig und hart in ihrer Structur. Nur Böhmen macht hierin mit feinem fchönen Fichtenholze eine Ausnahme. Doch wird diefes feiner guten Eigenfchaften wegen gröfstentheils zu Inftrumentholz verwendet und ins Ausland exportirt, wodurch es durch den daraus erzielten hohen Preis der Möbelfabrication im Allgemeinen unzugänglich wird. Möbel- Tifchlerarbeiten. 25 Bei den Fournieren und den dabei ins Auge fallenden Farben ift das im eigenen Lande producirte Nufsholz, verbunden mit afiatifchem Nufsflader, vorherrfchend, welchen fich zunächft Eichen-, Efchen-, fchwarz gebeitztes Birn-, Palifander-, Mahagoni- und Ebenholz anfchliefsen. Was die Erzeugung der zur äufseren Decoration der Möbel in Verwendung kommenden Fourniere betrifft, fo finden wir, dafs durch das Schneiden mit Meffern anftatt mit Sägen ein bedeutender Fortfchritt in der Herſtellung derfelben zu verzeichnen ift, deren Hauptfitz bis jetzt Paris war und dort einen bedeutenden Handelsartikel diefes Induftriezweiges bildete. Später wurden die betreffenden Maſchinen auch in Amerika, England, Schweiz und Deutfchland und in neuefter Zeit auch in Oefterreich eingeführt. Die gröfsten Refultate hatten in diefem Artikel auf der Wiener Weltausftellung unftreitig Bartel's Söhne aus Hamburg aufzuweifen, welche die beften Leiftungen von mit Meffer und Säge gefchnittenen Fournieren exponirten. Auch mehrere öfterreichifche Firmen hatten fchöne Fourniere zur Anficht gebracht, wie Schmid, Sengen aus Wien und Hammer& Sohn aus Graz und mehrere Andere. Refumiren wir nun am Schluffe unferes Berichtes die Refultate der öfterreichifchen Möbelfabrication auf der Weltausftellung, fo finden wir, dafs ein allgemeines Streben und Ringen nach Vervollkommnung in künftlerifcher wie technifcher Richtung zu verzeichnen ift; nur übertrifft die letztere in vielen Fällen die erftere, indem häufig die technifch tadellos ausgeführten Arbeiten durch unverftanden ftillofe Zeichnung verdorben wurden. Forfchen wir nach der Urfache diefer Erfcheinung, fo ift fie wohl leicht zu finden, aber fchwer zu beheben; es ift vor allem Anderen das Zeichnen, die Empfindung für wahrhaft Schönes und Gutes, welches volksthümlich werden und feine Grundlage in der Volksfchule erhalten foll, wie das Alphabet. Wir find weit entfernt, aus jedem Gewerbsmanne einen Architekten und Künftler zu machen, allein es foll und mufs Aufgabe der Volksfchulen werden, den richtigen Begriff und das Gefühl für alles Schöne zu erwecken und zu läutern, den moralifchen Ehrgeiz, diefen gewaltigen Hebel des menfchlichen Geiftes anzuregen, um jenen Grad von Volksbildung zu erreichen, der für das künftlerifche Gedeihen des Gewerbes unumgänglich nothwendig ift; dann wird es für den Künftler ein Leichtes fein, feine guten Ideen verkörpert zu fehen. Ganz abgefehen davon, dafs man von dem Architekten nicht verlangen. kann, dafs er in allen Branchen der Induftrie heimifch fei, fo wird die Sorge um das Gelingen irgend eines Projectes, zu deffen Ausführung er fich mit einem kunftverftändigen Induftriellen verbunden hat, durch das Entgegenkommen desfelben um Vieles vermindert, und die Opfer, welche mancher Induftrielle für mifsglückte Ideen eines Künftlers( wovon die Ausftellung viele Beiſpiele aufzuweifen hatte) zu ertragen gezwungen war, werden, wenn er die Arbeit früher zu beurtheilen gelernt, wenn nicht ganz, fo doch zum grofsen Theile wegfallen. Es ift nicht zu leugnen, dafs in Oefterreich die Regierung in kurzer Zeit grofsartige Anftrengungen zur Hebung der Kunftinduftrie gemacht hat, fo zwar, dafs durch Errichtung des k. k. Muſeums für Kunft und Induftrie und dank der tüchtigen Leitung desfelben die Früchte fich fchon trotz feines kurzen Beftandes in Taufenden von Ausftellungsobjecten in der öfterreichifchen Abtheilung direct oder indirect nachweifen liefsen. Auch den vielfältigen und aneifernden Beftrebungen des niederöfterreichifchen Gewerbevereines müffen wir unfere vollfte Anerkennung zollen. Weiters werden Fachſchulen für die Zweige der Holzinduftrie nöthig werden. Aber leider finden wir im Herzen des Reiches nicht eine einzige fpecielle Fachschule für Tifchler und deffen einfchlägige Induftrie, weder die Genoffenfchaft noch die Regierung haben bisher für diefes Fach in 26 Bernhard Ludwig. Möbel- Tifchlerarbeiten. Wien etwas gethan, und wir werden doch ftündlich bei dem Gebrauch der gewöhn lichften Möbel daran erinnert, fowie uns auch ein Blick in die VIII. Gruppe der öfterreichifchen Abtheilung vollſtändig den Beweis geliefert hat, mit welchen Opfern und Mühe die technifchen Arbeiten hergeftellt wurden und mit wie ungleich geringeren Koften eine viel gefchmackvollere Arbeit erzielt würde, wenn ein richtiges Verſtändnifs bei Verwendung des Materials und eine zweckmäfsige ftilgerechte Zeichnung als Grundlage dabei dienen würde. Um nun diefen Uebelftand zu beheben, wäre es unumgänglich nothwendig, dafs bei dem in den Volksfchulen beginnenden Zeichenunterrichte auf die Stiliftik Rückficht genommen und felbe fyftematiſch, wie bei den verfchiedenen Schriftarten, z. B. Current-, Latein-, Block u. f. w. gelehrt werden foll, und zwar in Verbindung mit zweckmäfsigen ornamentalen Zeichnenvorlagen, denen kurz gefafste, auf die ftiliftifche Richtung derfelben Bezug habende Erläuterungen beigefügt würden; der Mangel diefes Unterrichtes bildet auch den Krebsfchaden der Kleininduftrie und es ift kaum möglich, für das Kleingewerbe in der Möbelfabrication eine andere Löfung ihrer bisherigen Verhältniffe zu fchaffen, als durch Gründung von fpeciellen Fachfchulen und zweckmäfsigen Mufterwerkftätten. verbunden mit technologifchen Sammlungen. Um aber diefe Lücken bis zum Heranziehen der jüngeren Generation theilweife auszufüllen, müfsten die Fachfchulen den beftehenden Verhältniffen angepasst und der jetzigen Generation von Arbeitern Rechnung tragen, um fich von da aus mit kräftigen Pulsfchlägen bis in die entfernteften Provinzen zu verpflanzen Und fo wollen wir denn am Schluffe unferes Berichtes der Hoffnung Raum geben, dafs die hier ausgefprochenen Anfichten ihren Zweck erreichen und anregend und fördernd, wie die Weltausftellung im Grofsen und Ganzen, fo auch hier im Kleinen, auf das Gewerbe wirken möchten und dafs durch das einmüthige Vorgehen der dazu berufenen Kreife jenes Ziel erreicht werde, welches für die fernere Entwicklung der Möbelfabrication Qefterreichs unerlässlich ift. KORK WAAREN. ( Gruppe VIII, Section 4.) Bericht von CARL Ko O H N, Civilingenieur in Wien. Der Kork ift ein natürliches Nebenproduct des Holzes und findet fich in grofsem Reichthum an der fogenannten Korkeiche( Qercus suber L.) Er erzeugt fich, wie eine Schichte vom Stamme gefchält wird, in kräftigem Wachsthum in 6 bis 10 Jahren von Neuem und wird auf diefe Art gewiffermafsen gezüchtet. Wird der Baum nicht gefchält, fo wirft er felbft feine äufsere Hülle ab, aber geht dabei früh zu Grunde. Er bildet bei dem ftets wachfenden Bedarf der verfchiedenften Induftriezweige nach Korkwaaren heute fchon einen nicht mehr unbedeutenden Handelsartikel und fehen wir die verfchiedenften Staaten, in deren Gebieten die Korkeiche gedeiht, grofse Sorgfalt auf diefelbe verwenden und von anderen Staaten, in denen Klima und Bodenbefchaffenheit fich dafür eignen, ganz bedeutende Verfuche der Anpflanzung der Korkeiche. Es handelt fich übrigens in diefem Berichte nicht darum, die Pflege der Korkeiche, die Abarten derfelben darzuftellen, oder die Art und Kunft der Entkorkung der Bäume zu befchreiben. Es handelt fich vielmehr darum, die HauptProductionsorte zu kennzeichnen, foweit es möglich ift, die Qualität, ebenso wie die Fabricate, zu welchen der Kork verwendet wird, näher kennen zu lernen. Die bekannteften Korkwaldungen, wo die Korkeiche in grofsen Ausdehnungen vorkömmt, liegen in den füdeuropäiſchen Ländern, namentlich in Spanien und Portugal. Frankreich befitzt einige Anlagen im Süden des Landes und grofsartige Waldungen in Algier. Die franzöfifchen Befitzungen fchliefsen hier eine Waldfläche ein, die über eine halbe Million öfterreichifche Joch der feinften Korkeichen trägt. Die Schälung derfelben hat fchon im Jahre 1870 über 100.000 Tonnen im Werthe von zehn Millionen Francs ergeben. Die Einnahme fteigert fich bei dem wachfenden Bedarf namentlich Europas um jährlich nahezu 15 Percent. Die Korkeichen- Zucht im Süden Frankreichs felbft aber ift noch zu unbedeutend, um mit ihrem Producte im Handel eine befondere Rolle zu fpielen und befriedigt nur den nächft gelegenen provinciellen Bedarf. Die bedeutendften Korkeichen- Waldungen hat in Europa, wie fchon erwähnt, Spanien und Portugal. Es gedeiht in ihnen aber auch das vorzüglichfte und feinfte Korkproduct. Die hochfeinen Korke finden fich in Catalonien, Arrenas de Mar, Barcelona und Sarogoffa. Die fpanifche Regierung hat in den letzten Jahren die Korkausfuhr aus diefen Provinzen verboten, um die leicht zu beftreitende und ganz ergiebige Erzeugung von Korkwaaren im Lande felbft zu erhalten. Diefe feinen Korke werden zu Platten und Sohleneinlagen gefchnitten, zu Pfropfen für die Champagne und für die chemifchen Laboratorien und Apotheken des ganzen Continentes zugerichtet. Es wird dafür der fogenannte Sammtkork verbraucht. Auch für Hutfutter, wie es England in bedeutenden Quantitäten verbraucht, wird diefe feine Korkforte verwendet. 28 Carl Kohn. In den übrigen Provinzen, Valencia, Murcia, Andalufien, Granada, Eftramadura, Alt- und Neu- Caftilien gedeiht wie in noch mehreren anderen Provinzen Spaniens eine Korkeiche, deren Korkproduct von geringerer Qualität ift. Die Regierung hat daher hier die Ausfuhr der Rohkorke niemals gehindert, da kaum die Arbeitskoften, wenn fie im Innern des Landes verarbeitet werden follten, verbunden dann mit den Handelskoften, im Preife eines Productes fo geringer Qualität und doch eigentlich nebenfächlicher Bedeutung rückerstattet werden können. Die Quantitäten Rohkork, welche die genannten Provinzen Spaniens alljährlich zum Export bringen, werden auf ein und eine halbe Million Centner gefchätzt, wovon Frankreich allein ein Drittheil confumirt. Auf der Wiener Weltausftellung war Spanien durch fünfzehn Ausfteller, welche im Korkhandel zu gleicher Zeit bedeutende Namen haben, repräfentirt und dem Producte nach fowohl durch Rohkorke als auch alle Arten von Korkftöpfeln. Italien hat die Korkzucht und die Korkeiche mit grofser Sorgfalt zu cultiviren verfucht, obwohl keine eigentlichen gefchloffenen Waldungen dafelbft beftehen. Die Korkarbeiten werden dagegen in Italien: in Genua, Mailand, Neapel fehr emfig gepflegt und zeigte die Weltausftellung in den Arbeiten von fieben Ausftellern den einfachften Flafchenftöpfel und fchöne aus Kork erzeugte Bilder und Land-, fchaften. Auch eignet fich der italienifche Kork durch feine Dichtigkeit zu den feinften Arbeiten. Auch Oefterreich pflegt im Küftenlande und zumeift in Dalmatien, wo die Korkeiche in ganzen Waldungen vorkommt, die Korkzucht mit ganz umfaffender Sorgfalt und hat man in den letzten Jahren fleifsige Verfuche gemacht, den Ertrag diefer Waldungen zu erhöhen. Es ift diefs für Oefterreich umfo wichtiger als feit der Verwendung der Korkpfropfen zum Verfchluffe der Bier-, Wein- und Branntwein- Fäffer der Bedarf in grofsartiger Weife geftiegen ift und überwiegend heute noch durch fpanifchen Kork gedeckt wird. Die Erzeugung der Stöpfel und Pfropfen wird zum grofsen Theile in Oefterreich felbft betrieben. Zumeift im Erzgebirge, in der Stadt und Umgebung Platten wird die Erzeugung und Verfertigung von Korkwaaren fehr eifrig gefördert und hat fich das" Comité zur Beförderung der Arbeit im Erz- und Riefengebirge", das feit dem traurigen Nothftande der fünfziger Jahre in den erwerbslofen Bezirken der Gebirge eine ganz fegensreiche Thätigkeit entfaltet hat, grofse Verdienfte erworben. Die zur Weltausftellung von vier Fabrikanten aus Platten gefandten Erzeugniffe zeichneten fich durch ihr fchönes Material, ihren glatten Schnitt und ihre grofse Billigkeit aus. Ausserdem hatten noch drei Wiener Korkwaaren- Fabrikanten gute und fchöne Waare ausgeftellt. Die Korkinduftrie, wie fie zum gröfsten Theil auf die Erzeugung von Pfropfen und Sohlenplatten, alfo Producte der einfachften Art befchränkt ift, wird durchgehends und überall als Hausinduftrie und mit den einfachften Werkzeugen betrieben. Alle bisherigen Verfuche, Kork mittelft Mafchinen zu verarbeiten, haben noch zu keinem praktifchen Refultate geführt. Auf allen Weltausftellungen find Mafchinen zum Kork-, zunächft zum Stöpfelfchneiden zur Anficht gebracht worden. Sie arbeiteten auch recht fchön, konnten aber nirgends in der Hausinduftrie oder als felbftftändige Unternehmung zur Geltung gelangen. Und infolange man kein fchneidehaltendes Material haben wird, welches dem Kork Widerftand zu leiften vermag, fo lange wird man genöthigt fein, Kork mit der Hand und dem einfachen Meffer zu fchneiden, wobei man das Meffer nach jedem Schnitt am Schleifftocke durch einen einfachen Strich fchärfen kann. Nur Amerika, durch feine theuere Arbeitskraft gezwungen, hat an 60 Korkwaaren- Fabriken eingerichtet, die Mafchinen- Stopfen und andere Korkwaaren im Werthe von 22 Millionen Dollar jährlich produciren. Das Product ift weniger fchön, aber billig und läfst die Arbeitskraft der Menfchen frei. Man würde allein 4000 Arbeiter brauchen, um blofs den Bedarf an Stopfen für New- York zu befriedigen. Korkwaaren. 29 Wie fo der Kork feine einfache aber beſtimmte Verwendung in dem Bedarfe der Welt findet, fo werden auch die Korkabfälle ausgiebig ausgenützt. Der fchlechtefte, poröfe und zerklüftete Kork wird für die Netzfifcherei als Schwimmkork verwendet und dazu verarbeitet; die kleinften Abfälle werden gebrannt und geben eine intenfiv fchwarze Farbe. KORBFLECHTER WAAREN. ( Gruppe VIII, Section 5.) Bericht von CARL KOH N, Civilingenieur in Wien. Die Korbflechterei ift ein uraltes Gewerbe und reicht in die Anfänge der menfchlichen Gefchichte zurück. Palmblätter, Schilf, Ruthen, verfchiedenartige Pflanzenfafern und gefpaltene Hölzer dienten der Arbeit, um Körbe und andere Behälter daraus zu erzeugen. Das erfte Buch Mofes fpricht fchon von Körben, worin gebackenes Brod und fonftige Nahrungsmittel aufbewahrt wurden. Auch heute find die Producte der Korbflechterei, zumeift Körbe, fowohl in der bürgerlichen Haushaltung als im Gewerbe und Handel in einer fo'vielfeitigen und reichen Verwendung, dafs das gefammte Korbflechter- Gewerbe einen keineswegs zu unter fchätzenden Factor in der Volkswirthfchaft aller Staaten und Völker bildet. Material findet fich an allen Orten dafür, die Werkzeuge dazu find von geringer Zahl und grofser Einfachheit und kann defshalb gerade die Erzeugung von Korbflechtwaaren allenthalben als Hausinduftrie betrieben und ärmeren Gegenden ebenfo wie fchwächeren Arbeitskräften immer eine Quelle des Einkommens werden. Je mehr die grofse Induftrie und das Mafchinenwefen die Menfchen und ihre Arbeit beherrfchen, defto forgfältiger müffen diefe Zweige der Arbeit und des menfchlichen Bedarfes gepflegt werden, denn es wird immer Kreife und Arbeitskräfte geben, welche die grofse Induftrie und Mafchine nicht gewinnen kann. Defshalb wird es auch hier wie in allen anderen Zweigen der Hausinduftrie nöthig, dafs der Staat oder beffer die Gemeinden und Vereine fich der Pflege derfelben durch Gründung von Arbeitsfchulen oder anderen Lehr- und Erziehungsbehelfen annehme. Auch liegt in der Korbflechterei ein grofses Kunftmoment und ift die Ausbildung des Formenfinnes und Gefchmackes von ganz beftimmter Wichtigkeit. Die Kunft, das Flechtmaterial zu färben, zu beizen und zu lackiren, macht wieder ein gewiffes Mafs von ch emifchem Wiffen dem Arbeiter nöthig. Es war daher von hohem Intereffe, fowohl die Erzeugniffe des Korbflecht- Gewerbes unferer Tage, wie fie in der Gruppe XXI.,„ Producte der Hausinduftrie" zu fehen waren, ebenfo wie Arbeiten aus früheren Jahrhunderten in den additionellen Ausftellungen zu fehen. Man konnte da die verfchiedenften Arbeitsarten, die verfchiedenartigften Formen für die verfchiedenartigften Bedürfniffe finden, bei denen allenthalben die aufserordentlichfte Nutzbarkeit und vielfeitigfte Verwendbarkeit herortrat. Die Form hat fich dabei, nur nach dem Zweck des Geflechtes verfchieden, faft allenthalben gleich erhalten. Das Material iſt je nach der Gegend, in denen die Geflechte erzeugt werden, wohl fehr verfchieden, aber je in einer Gegend durch lange Zeit immer dasfelbe. Dagegen. aber wechfelt fowohl die Zweckmäfsigkeit der Arbeit als die Kunft der Behand 30 Carl Kohn. lung des Stoffes. Und hier ift allenthalben der Fortfchritt durch die Jahrzehnte zu bemerken; nur die der modernen Cultur fernftehenden Völker, einige Colonien Englands, Frankreichs, Portugals u. f. w. behaupten heute noch die Arbeit ihrer Väter und Urväter und ahmen fie gleich nach. Freilich find viele diefer Arbeiten durch Uebung, Bedarf und Inftinct geleitet, auch durch ein aufserordentlich günftiges Material unterſtützt, dafs man kaum, wie wir weiter unten zeigen, etwas Vollkommeneres fchaffen kann. Ein Moment aber ift es, welches das ganze Korbflechter- Gewerbe in feiner Nutzbarkeit und Verwendung und das Product desfelben, insbefondere die Körbe und Korbwaaren durchdringt und deren ungeheure und vielfeitige Verwendbarkeit erklärt. Die bürgerliche Haushaltung, der Handel, das Gewerbe und insbefondere die Transportunternehmung verwenden taufendfach verfchieden die Korbwaaren wegen ihres geringen Gewichtes bei voluminöfer Faffungskraft, Stärke, Dauerhaftigkeit und Elafticität des Rohftoffes. Und fo dient der Korb und die Korbwaare als Emballage, als vielfach verfchiedenartiger Behälter und als eines der wichtigften Geräthe der Haushaltung. Auf der Weltausftellung war die Korbflechterei durch 58 Ausfteller aus 12 Staaten vertreten und durch eine zahlreiche Menge einzelner Objecte, welche diefelben zur Anficht vorlegten. Am ftärksten war Deutſchland mit 19 Ausftellern und zumeift Rohrgeflechten, Oefterreich durch 15 Ausfteller und überwiegend Korbflecht- Waaren, Rohr- und Korb- Galanteriewaaren und Italien durch 8 Ausfteller, welche Holz, Korb und Rohrgeflechte zur Ausftellung brachten, vertreten. Wie wir bereits erwähnt haben, richtet fich die Wahl des Materiales der Korbflechterei immer nach der Oertlichkeit, wo Körbe und ähnliche Gegenstände verfertigt werden. Zumeift werden Weidenruthen, gefchält und ungefchält, dann Schilf, Binfen, gefpaltene Eichen- und Kaftanienruthen und alle noch im frifchen Zuftande bearbeitet. Die Werkzeuge, welche der Korbflechter bei Arbeiten welcher Qualität immer braucht, find: Ein kurzes Schnitzmeffer, ein Ruthenfpalter, ein Klopfeifen oder Flechtenfchläger und eine Spitzahle. Mit diefen einfachen Werkzeugen, werden auf dem europäifchen Continent die vielfachen verfchiedenen Gattungen Korbwaaren ebenfo hergeftellt, wie in China und Japan die zierlichen Gefpinnfte über Schachteln und Käftchen und wie bei den Karaiben die Geflechte, welche von folcher Feftigkeit und Dichtigkeit find, dafs fie zum Wafferfchöpfen und Tragen benützt werden. Portugal hatte folche Korbwaaren, Matata genannt, ausgeftellt. Es find viereckige Körbe mit verticalen Wänden, deren Endftäbe durch den Boden hervorragen und gewiffermafsen die Füfse des Geflechtes bilden. Das Material ift zumeift Schilfrohr oder befteht aus Latanenftielen, welche mit aufserordentlicher Feftigkeit zufammengeflochten werden. Auch Brafilien hat aus Rio de Janeiro Körbe aus Palmenbaft( Palma coccifera) ausgeftellt, die gleichfalls wafferdicht und für die Aufbewahrung der Mundvorräthe beſtimmt find. Ihrer Geftalt nach find fie theils cylinderförmig, theils rund oder viereckig. Das Färben der gefchälten Ruthen oder gefpaltenen Hölzer, welche für Flechtwerke beftimmt find, gefchieht durch das Kochen derfelben in Alaun, zu welchem Brafilholz zugefetzt wird, um blau, Pinasholz, um roth, Gelbholz oder Indigo, um grün zu färben, die fchwarze Farbe wird gewöhnlich durch HatmacherSchwärze, die braune Farbe durch eine Löfung aus grünen Nufsfchalen erzeugt. Die anzufertigenden Objecte werden nach Zeichnungen, aber vollſtändig frei und ohne Formen und Hilfsmafchinen erzeugt. Es richtet fich darnach und nach der damit gegebenen Schwierigkeit der Arbeit in überwiegender Weife der Preis der Korbflecht- Waaren. Höchft intereffant war nach all' diefen Momenten die Ausftellung der öfterreichifchen Korbflechter, an der fich fieben der erften Wiener Firmen und die einzelnen Provinzen betheiligten. Man fand hier die einfachften Körbe, Korbflechterwaaren. 31 die fchönften und reich ausgeftatteten Korbgeflechte und Korbgalanterie- Waaren in aufserordentlich kunftvoller Arbeit und zarter Vergoldung. Ordinär eingeflochtene Feldflafchen und andere ähnliche Utenfilien bis hinauf zum feinften Parfumfläschchen, Flechtwerke, weifs und glänzend wie Elfenbein, waren hier ausgeftellt. Die Arbeiten der Hauptftadt zeichneten fich vor Allem durch Eleganz und Gefchmack aus, verbunden mit grofser Solidität der Arbeit. Aus Haindorf in Böhmen waren vollständige Korbgarnituren zur Ausftellung gebracht, welche durch gute Arbeit und mässigen Preis alle Anerkennung fanden. Was die Billigkeit der öfterreichifchen Korbwaaren anbelangt, fo boten in der That die Krainer und küftenländifchen Korbwaaren, freilich ordinäre Sorte, aber gut und feft gearbeitet, das Aufserordentlichfte. Fünf in einander gefteckte Henkelkörbe waren um I fl. 50 kr. zum Verkaufe angeboten. Mehrere fremde Befucher, zumeift Norddeutfche, haben Verbindungen mit den Erzeugern angeknüpft und folche Waare beftellt. Das mag ein beachtenswerther Wink dafür fein, dafs unfere Korbwaaren leicht einen gröfseren Abfatz nach Aufsen hin finden können, als diefs bis heute der Fall ift. Deutfchland war durch feine erften Firmen mit fchönen Rohrmöbeln, Strohgeflechten und Strohftühlen und zahlreichen anderen feinen und mittelfeinen Waaren vertreten. Befonders fchöne Arbeiten aus lackirtem Rohr waren aus Huben in Brandenburg, aus Hamburg und Mainz ausgeftellt. Nürnberg hatte äufserft zierliche Puppen und Kinderwagen aus Stroh- und Rohrgeflecht, deren Preife auch verhältnifsmäfsig nicht zu hoch waren, zur Ausftellung gebracht. Aus Kopenhagen fah man geflochtene Stühle und Bänke von aufserordentlicher Feftigkeit. Auch Stockholm hatte folche Möbel zur Ausftellung gefchickt. England war nur durch eine einzige Londoner Firma und da fehr ungenügend vertreten. Dagegen hatte es aus Britifch Indien fchöne Matten und Körbe und zierlich geflochtene Fächer, aus Indore Körbe ausgeftellt, die durch ihre befondere Ornamentik und Verzierung ganz befonders auffielen. Frankreich hatte die Ausftellung faft gar nicht mit feinen bekannten billigen und ausgezeichneten Korbwaaren befchickt. Ein einziger Parifer Ausfteller hatte, zur VIII. Gruppe gehörig, Gitterwerk ausgeftellt. Dagegen fah man in den zahlreichen franzöfifchen Originalemballagen aller Art und Form, was Frankreich in dem Korbflecht- Gewerbe zu leiften vermag. Eine befondere Specialität der franzöfifchen Korbflechter find die Packkörbe aller Gröfsen in viereckiger Form und aus ungefchälten Weidenruthen. Auch die franzöfifchen Obft- und GrünzeugKörbe, ebenfo die Körbe, deren fich der Fifchhändler bedient, find durch ihre dem Zweck augepafste Form bekannt und gefucht. Man findet in aller Herren Länder franzöfifche Körbe und es geht nach Sibirien, nach Auftralien, Perfien und anderen Länder und Welttheile ein Export der franzöfifchen Korbinduftrie alljährlich in vielen Hunderttaufenden von Deckel- und Emballagekörben. Sah man doch auf der Ausftellung perfifche Güter und Güter anderer Länder in franzöfifchen Korbemballagen. Man mufs fich der Parifer Ausftellung erinnern, wo Frankreich vom ordinären Aufternkorb bis zum feinftgeflochtenen, mit Emailfchildern ausgeftatteten Schmuckkäftchen feine Korbwaaren- Induftrie mit allen dazu nöthigen ftatiftifchen Daten ausftellte, um zu begreifen, was die franzöfifche Arbeit auf diefem Gebiete bedeutet. Italien hat aus Modena fchöne Holzgeflechte und aus Mantua weifse und gefärbte Korbwaaren, aus Capri beachtenswerthe Holzgeflechte für Hüte, aus Venedig dichtgeflochtene Matten, wie fie in den italienifchen Häufern gebraucht werden, dann fchöne Körbe und Obftträger aus weichen Binfen zur Ausstellung gebracht, welche die altbewährte Tüchtigkeit der italienifchen Arbeit von Neuem zeigten. Wir haben die einzelnen Gegenftände nicht befchrieben, wir haben nur den Charakter der einzelnen nationalen Gruppen der Ausftellung zu kennzeichnen verfucht, was in der That vollkommen genügt. 32 Carl Kohn. Korbflechterwaaren. Im Verhältniffe zur Parifer Weltausftellung 1867 war die Ausftellung der Korbwaaren in Wien in der That eine fehr mangelhafte und mittelmäfsige. Auch laffen fich die Fortfchritte des Flechtwerkes an einzelnen Objecten fehr fchwer beftimmen. Der Rohftoff und die Zubereitung desfelben ift feit Jahrzehnten unverändert geblieben; die Art und Weife der Arbeit defsgleichen, die Luxuswaaren aber folgen dem Gefchmack und find fo wandelbar und unberechenbar wie diefer. Eine Arbeit, welche in überwiegender Weife als Hausinduftrie zur Geltung kommt, ift überhaupt fehr ftetig und wenig wandelbar. Es braucht Jahrzehnte, bis eine Veränderung, ein Fortfchrittt bemerkbar wird. Soll er rafch und mit Vortheil erreicht werden, dann hat nur die Organifirung der Lehre und der Ausbildung für das Gewerbe, wie wir fie oben angedeutet haben, die Macht dazu. C C C TMW- Bibliothek 00209199 AA 02