TMW- Bibl WA 87/4 D ) STI WA 8714 BERICH OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE STEINWAAREN. ( Gruppe IX, Section 1.) BUCHERE BERICHT VON HEINRICH WOLF. INDUSTR k. k. Bergrath und Chef. Geologe an der k. k. geologifchen Reichsal Technologisches Gewerbe-#** WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1877. 4 ло 11 DIE STEINWAAREN. ( Gruppe IX, Section 1.) Bericht von HEINRICH WOLF, k. k. Bergrath und Chef- Geologe an der k. k. geologischen Reichsanstalt. 4 Einleitende Worte. Den vorliegenden Bericht abzufassen, der in Folge der vielfachen Befchäftigung des Verfaffers aufserhalb Wien's ziemlich verspätet erfcheint, ift überhaupt nur dadurch möglich geworden, dafs dem Verfaffer zahlreiche Daten zur Verfügung ftanden, die derfelbe während feiner Thätigkeit als Juror der Wiener Weltausftellung 1873 in der Abtheilung für Stein und Cementwaaren gefammelt hatte. Diefe Sammlung wäre allerdings erfolgreicher geworden, wenn dem Verfaffer fchon damals bekannt gewefen wäre, dass ihm auch die Berichterstattung für diefe Gruppe werde übertragen werden. Dem defignirten officiellen Berichterstatter, der zugleich als Juror fun. girte, würden die Ausfteller alle Auskünfte bereitwillig ertheilt haben, zudem damals die meiften derfelben in Wien anwefend waren. Im letzten Monate der Ausftellung jedoch, in welchem der Verfaffer um die Uebernahme diefer Aufgabe erfucht wurde, waren die Preife bereits zuerkannt, die Mehrzahl der fremden Ausfteller war von Wien abgereift, die Ausfteller überhaupt hatten kein Intereffe mehr, dem fchriftlichen Anfuchen um Mittheilung diefer oder jener Daten nachzukommen und die geftellten Anfragen blieben daher gröfstentheils unbeantwortet. Die Objecte, welche Gegenftand diefes Berichtes find, waren über den ganzen fo ausgedehnten Ausstellungsraum verftreut, und unter den Gruppen: I. Berg. und Hüttenwefen, II. Land- und Forstwirthschaft, VII. Metallinduftrie, IX. Stein, Thon- und Glaswaaren, XIII. Mafchinenwefen und Transportmittel, XVII. Marinewefen, XVIII. Bau- und Civil- Ingenieurwefen, XXIII. Kirchliche Kunft, XXIV. Objecte der Kunft früherer Zeiten, XXV. Bildende Kunft, XXVI. Erziehungs, Unterrichts- und Bildungswefen eingetheilt. Unter folchen Verhältniffen war es ganz unmöglich, unmittelbar fich eine vollständige Ueberficht über das ausgeftellte Material zu verfchaffen. Es mufste eine folche durch wirkliche Aufnahme der Gegenftände und Auffuchung derfelben in allen Winkeln des Platzes mühfam conftruirt werden. Trotz diefer I* 4 Heinrich Wolf. Mühewaltung, welcher die letzten 14 Tage der Ausftellung gewidmet waren, kann der Berichterstatter nicht mit Beftimmtheit behaupten, Alles aufgefunden zu haben, was ausgeftellt war. Die durch diefe Zufammenftellungen gewonnene Ueberficht ergab, dafs die Objecte, welche zur Schau gebracht wurden, in zwei grofse Abtheilungen einzutheilen find, und zwar: A. Steinmaterial( Gruppe der natürlichen Steine) und B. Verbindungsmaterial( Gruppe der künftlichen Steine). Diefe Hauptabtheilungen laffen fich, je nach dem beabfichtigten Zwecke, den der Ausfteller mit feinem Objecte verband, zur leichteren Ueberficht in folgende kleinere Unterabtheilungen bringen: A. Gruppe der natürlichen Steine. 1. Ausftellungen von Baumaterial als Lehrfammlungen zur Darstellung des Reichthums eines Landes, Bezirkes etc., exponirt durch Inftitute oder Corporationen, alfo von Nichtproducenten; 2. Baufteine, ausgeftellt von den Producenten; 3. Steine und Mofaikarbeiten in mehr künftlerifcher Ausführung; 4. Mühlfteine und Schleiffteine, Smirgel, diverfe. B. In der Gruppe der Verbindungsmaterialien find zu nennen: 1. Asphalt, 2. Gips, 3. Cement, 4. künftliche Stein- und Cementwaaren, 5. Smirgelwaaren. Die nachfolgenden Zeilen enthalten den Bericht über die Gruppe der natürlichen Steine, geordnet nach den Ländern, wie die Expofitionen im Ausstellungsraume felbft, und zwar in der Richtung von Weften gegen Often, fich an einander reihten. Natürliche Steine. 1. BAUMATERIAL ALS LEHRSAMMLUNG. ( Ausgeftellt von Nichtproducenten.) Nordamerika. Von der Northern Pacific Railway, der Cincinnati Rockport and South- Western Railway: Granite, rothe Sandfteine etc. Vom Staate Ohio, Utah und Alabama waren Sandfteine, Granite, kryftallinifche Kalke, Thone ausgeftellt, welche deren Verwendbarkeit als Baumaterial bekundeten. Aufser diefen waren noch manche Objecte aus Granit und Kalk fichtbar, ohne Firma- und Nummerbezeichnung, welche aber fchönen Schnitt und feine Politur zeigten. Von den amerikanifchen Staaten betheiligten fich noch Brafilien, Uruguay und Venezuela an der Einfendung von Mufterftücken zur Information. Spanien. Aus Spanien ftellten aus die Bergfchule von Logroño und die Provinzial Commiffion von Burgos: Marmormufter, Magnefitwürfel, Steinwaaren. 5 dann gefchnittene und gefchliffene Marmorplatten; die Provinzial- Commiffion von Lugo fandte Granite und Schiefer. Das Inftituto Balear de segunda Enseñanza in Palma auf den Balearen fandte eine Anzahl Marmorarten, wofür es mit der Verdienftmedaille ausgezeichnet wurde. Frankreich hatte aus feinen Mittelmeer Provinzen Algier, Conftantine und Oran, unter Mitwirkung der dortigen Bergbehörden, eine ziemlich ausgedehnte Collection von nahe 100 Mufterftücken, bestehend aus Marmoren, Dolomit für Weifscement, hydraulifchem Kalke, Puzzolanerde, Gips, Sandſtein, Trachyt, Porphyr, Granit. Serpentin etc. etc. als Matériaux de Conftruction in rohem Zuftande gefandt. Diefe Collection unterfchied fich von den vorher angeführten diefer Art dadurch, dafs fie gute Fundzetteln mit Angabe der Formationen, aus welchen diefe Stücke entnommen waren, hatte, und dafs aufserdem für die in der Provinz Oran vorkommenden Materialien in einer Tabelle deren Widerftandsfähigkeit gegen das Zerdrücken( rückwirkende Feftigkeit) überfichtlich zufammengeftellt war( Verdienftmedaille). Italien nahm wohl in der Vorführung feiner Steinfchätze unter allen Ländern den erften Rang ein. Die rege Theilnahme von Privaten, Corporationen und der Regierung in der Einfendung und umfichtigen Zufammenftellung der zahlreichen und verfchiedenartigften Muſterſtücke zeigt wohl, welch hohen Werth man in diefem Lande der Steininduftrie, namentlich im decorativen Theil, zuwendet. Bedauerlich war nur der kärglich zugemeffene Raum, welcher für die Schauftellung diefer Objecte zur Verfügung ftand. Italien hätte für feinen Theil den 2-3fachen Raum, den es thatfächlich occupirte, bedurft, um Alles zur richtigen und genufsreichen Anfchauung zu bringen. Es mussten die Objecte über, unter und dicht neben einander, ohne irgend dem Auge einen Ruhepunkt zu geftatten, aufgeftapelt werden. Ebenfo wirkte das ungleiche Format ſtörend. Die reine und nette Ausführung der einzelnen Muſterſtücke in Schnitt, Schliff und Politur, namentlich bei den Decorationsmaterialien aus Marmor, zeigt, dafs Italien den hiftorifch hohen Rang, welchen es in Bezug auf derlei Steinarbeiten gegenüber anderen Ländern einnimmt, noch immer feft behauptet. Unter den Ausftellern, welche den Reichthum des Landes an verfchiedenartigem Steinmaterial vorwiefen, ragte vor Allem das königliche Minifterium für Ackerbau, Induftrie und Handel hervor. In mehr als 1000 Nummern waren die Stein-, Erd- und Thonarten, je nach dem Zweck, dem fie dienftbar find, in zwei Hauptgruppen getheilt, und zwar in die der Baumaterialien und in die der Decorationsmaterialien. Unter den Baumaterialien fanden wir Fettkalk, hydraulifchen Kalk, Gips, Puzzolane, Sand, Ziegelthone, feuerfefte Thone, Asphalt und Baufteine in Würfeln von 10 und 20 Centimeter Kantenlänge aus Kalken, Kalktuffen. Travertin, vulkanifchem Tuff, Peperin, Sandfteine, Trachyte, Laven. Granit, Gneifs etc.; daran fchlofsen fich Fabricate wie Ziegel, Terracotten, Thon- und Steinröhren. Unter letzteren heben wir befonders die gebohrten Wafferleitungsröhren aus Serpentin der Brüder Zaccheo in Nonio( Kreis Novara) hervor. In der zweiten Gruppe der Decorationsmaterialien waren alle jene Steine vereinigt, welche feinen Schnitt, Schliff und Politur annehmen, wie Syenit. Granit, Porphyr, auch Serpentin, Cipollin etc. 6 Heinrich Wolf. Diefer Abtheilung waren wieder angefchloffen: Ornamente aus Terracotta, Fufsbodenplatten aus künftlicher Breccie in verfchiedenen Farben, künftlicher Marmor etc. Name wie Fundort des Gefteins und der Erdarten waren auf der Rückfeite felbft angegeben und auch in einem eigenen Kataloge von den Pro fefforen Ponzi und Mafi überfichtlich zufammengeftellt. Diefe Sammlung wurde mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet. Da diefelbe in duplo vorhanden war, fo blieb eine derfelben durch Taufch gegen ungarifche Mineralien der geologifchen Landesanftalt in Peft. Die Handelskammer von Catania auf Sicilien brachte die Granite, Marmore, Kalke etc. des Landes in 6-5 Centimeter grofsen quadratifchen, gefchnit tenen und gefchliffenen Platten in ca. 300 Stücken zur Anfchauung. Ferner waren vollſtändig zufammengeftellt die Kiefel- und Kalkfinterbildungen aus den Thermalquellen des Eruptivgebietes von Sicilien. Ebenfo vollſtändig vertreten waren in diefer Sammlung die Eruptiv- und Trümmergefteine des AetnaGebietes. Diefe beiden letzten Gruppen umfafsten ebenfalls nahezu 300 Stück. Von Einzelausstellern find in erfter Linie zu nennen: Biondetti Gaspare e figlio wegen der faft vollſtändigen Mufterfammlung von Marmoren. aus Rufsland, Griechenland, Spanien, Tirol, Sicilien und den verfchiedenen anderen Provinzen Italiens, als Beweis, dafs in deffen Laboratorium zu St. Vito in Venedig diefe Marmorforten verarbeitet wurden. Es waren ebenfalls bei 300 Stück gefchnittene und gefchliffene Platten von 20 und 12 Centimeter Seitenlänge. Diefem Ausfteller wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Hervorragend waren auch die von Dr. Alceo Feliciani in Rom vorgelegten Mufter der Baufteine des antiken Rom's. Es waren prachtvoll gefchnittene und polirte Lumachellen, Travertine, Porphido rosso, Verde antico, Granite, Syenite, alle Sorten der alten griechifchen Baufteine. Sämmtliche Stücke, ca. 800, waren Platten von 14 und 8 Centimeter Seitenlänge. Diefe höchft. intereffante und inftructive Lehrfammlung ward durch die Verdienftmedaille aus. gezeichnet. Erwähnenswerth in diefer Abtheilung der Steinmaterialien find noch jene 100 4zölligen Würfel, die der Ingenieur Dr. Carlo Barcelloni Corte in Belluno ausftellte eine vollſtändige Sammlung der Marmore von Südtirol und der alpinen Theile der Provinzen Verona, Vicenza und Belluno mit genau bezeichneten Fundorten. - Schweden hat durch feine geologifche Landesanftalt die fchwediſchen Fels- und Bodenarten in rohen, behauenen Handftücken und in gefchliffenen Exemplaren zur Ausstellung gebracht. Die Handftücke( 223) waren zugleich Belegftücke für die geologifche Karte des Landes und nach dem geologifchen Alter geordnet. Die gefchliffenen Stücke( 176) waren Würfel von o im. Kantenlänge in prachtvollem Schnitt und Schliff. Ueberhaupt waren alle fchwedifchen SteinArbeiten durch eine exacte Ausführung ausgezeichnet. In diefer Sammlung waren vertreten die Granite von Hufoud fta ,, Malmö, Oernsköldsock und Lisjö, welche nun vielfach nach Rufsland, Deutfchland und auch nach Frankreich exportirt werden. Hyperite und Porphyre von Elfdal, welche zu kleineren Luxusarbeiten Urnen, Vafen, Briefbefchwerern verarbeitet werden. Diorite, Serpentine, Phonolithe, Topfftein, Gneifs von Weftgothland, Marmor von Claeftorp, Kolmarden, Sala, Singó, welche zu aritektonifchen Zwecken verarbeitet, Sandfteine von Lilla Hals in Oft Steinwaaren. 7. Gothland, von Roslagen, von Storsjö, von Gothland, welche zu Treppenftufen, Thür- und Fenftergewänden, Sockelplatten, Schleif- und Mühlfteinen verwendet werden. Sämmtliche Stücke waren mit der genauen Formationsangabe verfehen. Der für diefe Sammlung ausgegebene Katalog weifet vielfach die fpecififchen Gewichte der Gefteine, ihre wafferauffagende Kraft, fowie deren Ver wendungen nach, und führt auch die monumentalen Bauten des Landes an, welche aus diefen Materialien zur Ausführung gelangten. Wurde mit der Fort fchrittsmedaille ausgezeichnet. Deutfches Reich. Das Deutfche Reich bot nur für feine neu erworbenen Provinzen Elfafs- Lothringen im Elfafser Bauernhaufe und im deutfchen Adnexe eine Zuſammenftellung der Steinarten, meift in 6zölligen Würfeln oder in Rohftücken dar. Es find daraus hervorzuheben die Gipfe von Woltenheim, Willgotheim im Strafsburger Kreis, von Zimmersheim im Mühlhaufer Kreis. Die Liaskalksteine von Polter, die Jura- Kalksteine von Queulen im Metzer Kreife für die Cementfabrication; die Buntfandfteine und Vogefenfandfteine( Trias f.) und Quarzitfandfteine von Mockweiler, Waffelnheim, Bühl und Sierk, für Mühl-, Schleif- und Pflasterfteine. Die Granite von Wind ftein, Krut, Rufs. Die Syenite und Grünfteine von Markirch, Belfofs. Die Porphyre von Rufs, Urbach und Burbach. Die kryftallinifchen Kalke von Rappoltsweiler Die rothen, grünen, weifsen und fchwarzen Marmore von Rothau, Schirmek und Rufs. Diefe Gefteine, welche fich auch für Decorationszwecke eignen, waren fcharf behauen, theilweife auch in fchön gefchliffenen und polirten Exemplaren ausgeftellt. Diefer in mehr als 300 Stücken beftehenden, wohlgeordneten Samm lung( in Gruppe II und IV eingetheilt) wurde von der Jury der Gruppe XX ,, Das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und feinen Geräthen" mit anderen im elfäfsifchen Bauernhaufe aufgeftellten Gegenftänden die Verdienftmedaille zuerkannt. Andere ähnliche Sammlungen lagen aus dem Deutfchen Reich nicht wieder vor, man müfste nur die einzelnen Handftücke, welche die bergakademifche Mineralien- Niederlage zu Freiberg ihren übrigen Sammlungen zu Unterrichtszwecken eingereiht hatte, hieher rechnen wollen oder jene fünf unregelmässigen Blöcke von Keuperfandftein und Mufchelkalk aus Mittelfranken von Hohenlandsberg und Nordheim, welche wegen der Bezeichnung:„ Aus dem Fürftenthum Schwarzenberg", in die öfterreichifche Abtheilung, Gruppe XVIII, im Hofe 14 B, verftellt waren. Oesterreich zeigte durch die von der k. k. geologifchen Reichsanftalt durchgeführte Zufammenftellung der nutzbaren Mineralftoffe aus den alten erbländifchen Provinzen und theilweife auch aus Ungarn in fyftematiſcher Formationsfolge nach den Hauptgebirgsfyftemen innerhalb der Monarchie, dem hercynifchen, dem karpathifchen und dem alpinen Gebiete gruppirt, die Reichhaltigkeit und die Güte des in diefen Landestheilen vorhandenen Materiales. In mehr als 800 Nummern waren die Baufteine, die Mühl- und Wetzfteine, die Dachfchiefer, hydraulifchen Kalke als Rohftein und im verarbeiteten Zuftande, die feuerfeften Thone, die Glasquarze und andere Zufchlagsmateria lien, fowie die Erdfarben in fyftematifcher Folge aufgeftellt. Die fämmtlichen 8 Heinrich Wolf. Baufteine waren in dem gleichen Maafse von 6 Zoll Kantenlänge. Die zu Decorationszwecken geeigneten, Schliff und Politur annehmenden Gefteine, wie Granite, Syenite, Porphyre, Marmor, waren in diefer verfeinerten Bearbeitung ausgeftellt. An diefer Collection betheiligten fich nicht nur die erften Firmen unferer Steininduftrie, wie Cloetta& Schwarz in Sta. Croce, der Nachfolger von Robert, Baron Löwenftern in Ober- Alm bei Salzburg, die Strafsen- und Brückenbaugefellfchaft in Wien, die Schärdinger Granitgewerkfchaft, die Wiener Union. Baugefellfchaft, fondern auch die grofsen Transportunternehmungen der Süd- und der Staatsbahn, der Nordwestbahn, der Rudolfs Bahn etc. etc. Bei der Verfchiedenheit in der Ausführung und Bearbeitung der eingefendeten Stücke ift es natürlich, dafs diefe Sammlung keinen fo gefälligen Detaileindruck machte, wie die ähnlichen von Schweden oder von Italien. Dagegen gebührt derfelben entfchieden der Vorzug in der Durchführung der geographifchen Zufammenfaffung des ein und derfelben Formation angehörigen Materiales und wegen der Beigabe von Daten über Verwendungsart, Productionsmengen und Preife in dem für diefe Sammlung ausgegebenen Specialkataloge. Da diefe Sammlung fchon bei der Anlage die Beſtimmung hatte, das nach Schlufs der Ausftellung von in- und ausländifchen Firmen zur Dispofition bleibende gleichartige Material in fich aufzunehmen und in den Räumen der geologifchen Reichsanftalt aufgeftellt zu werden, fo war derfelben fchon von vornherein der bleibende Charakter aufgedrückt, welcher in der Art der Zufammenftellung feinen Ausdruck fand. Die Sammlungen der k. k geologifchen Reichsanftalt waren hors concours. Aus den nördlich und öftlich gelegenen Theilen der Monarchie waren befonders bemerkenswerth in der Collectiv- Ausstellung der Baumaterialien der Bukowina die prächtigen Gipsmarmore, welche bei dem Bau der erzbifchöflichen Refidenz in Czernowitz benützt wurden, die übrigen Baufteine, Cementsteine und die vollständige Zuſammenftellung des im Lande für die Strafsenbefchotterung benützten Materiales. Die Ausstellungs- Commiffion in Brody brachte mehrere I Kubikfufs haltende Würfel von Gips und Marmor dann gebrannte Kalke und Gipfe aus dem ihrer Wirkfamkeit unterliegenden Rayon. Eine befondere Aufmerkfamkeit erregte die Collectiv- Ausftellung mährifcher Baufteine, auf Veranlaffung des Executiv Comité's der AusftellungsCommiffion in Brünn zufammengeftellt durch Ottokar Burkhart. Von mehr als 30 Fundorten waren 2 zolldicke Platten von 6 Zoll Kantenlänge, meift fehr nett gearbeitet und gröfstentheils gefchliffen und polirt, ausgeftellt. Ein lithographirter Katalog gab die nöthigen Erläuterungen über Bezugsort. Verwendungsart, Preis und Gewicht pr. Kubikfufs. Es feien hier erwähnt die Granite von Deutfch- Konitz, von BöhmifchRudoletz, Pöltenberg, Rokotin, Trebitfch. Die eocenen Sandfteine, von Buchlowitz, Koritfchan, Střzilek, von Pradlisko, Pafchowitz bei Ungarifch- Brod. Die Jurakalke von Nikolsburg, Latein, Střzilek. Die Devonkalke von Weifskirchen, Rittberg, Grügau. Die kryftallinifchen Kalke von Rofchtin, Čechtin, Czelechowitz. Bafalte und Tuffe von Rautenberg und von Raafe. ( Diefer Sammlung ward die Verdienftmedaille zuerkannt.) Aus den füdlich und weftlich der Donau liegenden Provinzen betheiligten fich die Actienge fell fchaft für Forft induftrie mit der Ausstellung der Steinwaaren. 9 nutzbaren Gefteine des Bezirkes Waidhofen a. d. Ybbs in Niederösterreich, darunter rothe, weifse, zum Theil geäderte Marmore von Peuthenberg bei Scheibbs. Das Mufeum Francisco Carolinum in Linz fandte die Marmore Oberösterreichs in übergrofsem Format im gefchliffenen Zuftande von circa 30 Fundftellen, und zeigte fomit den Reichthum des Landes an fchönem Schnitt und politurfähigem Marmor aus der Trias- und Jura formation der nördlichen Kalkalpen. Erhielt die Verdienftmedaille. In gleicher Weife exponirte das Landesmufeum in Laibach die Baufteine von Krain, meift Marmorforten aus der Kreide des Karftgebietes, der Kohlenformation und der Trias der füdlichen Alpen. Auch diefe Sammlung erhielt die Verdienftmedaille. Die Vordernberger Radmeifter- Communität, die Adelsberger Grottenverwaltung, das Confortio Agrario Trentino betheiligten fich in analoger Weife an der Schauftellung von Mufterftücken aus den ihrem Thätigkeitsbereich unterftehenden Gebieten. Die Collectiv- Ausftellung der Ackerbaugefellfchaft in Görz. beftehend in 20 Stück kubikfufsgrofsen Würfeln aus Seekreide, Sandfteinen der Eocenformation und in Marmor aus der Kreideformation des Karftes erhielt das Anerkennungsdiplom. Die Gemeinde Pirano in Iftrien fandte 16, I Quadratfufs meffende Platten von den Kreidekalken des Karftes. Diefe Platten, in vier Felder getheilt, zeigten in jedem Felde eine andere Bearbeitung des Gefteines bis zum vollkommenen Schliffe. Diefe fehr nette Arbeit ward mit dem Anerkennungsdiplom belohnt. Die Handelskammer in Rovigno in Iftrien gab die Vorkommniffe ihres Bezirkes an Steinmufter in 200 Stück 3zölligen Würfeln und brachte ferner Asphalte, hydraulifche Kalke etc. zur Ausftellung. Die Gemeinde Pola, fowie die Realfchule zu Spalato in Dalmatien fandten als Materiali di conftruzione Breccien von Muje, gefleckten Marmor von Coemina, Kreidekalke und Asphalte von Trauz etc. etc. Aus der Bocche di Cattaro fandten die Herren Rade Popović und Andrea Andrič 9 Stück Marmor in verfchiedenen Farben aus dem Nummulitenkalk der Bocche. Ungarn. Aus Ungarn brachten die Donau- Dampffchifffahrtsgefellfchaft und die Direction der Auguft Herzog v. Sachfen Coburg'fchen Güter eine Zufammenftellung der auf ihren Dominien vorkommenden Baumaterialien. Erftere ftellte die als Baufteine verwendbaren Kalk- und Sandfteine der Liasformation bei Fünfkirchen in Ungarn nebft einer geologifchen Sammlung aus. Letztere brachte die Boden- und Steinarten von den Gütern Murany,' Edeleny, Fülek, Derénsceny, welche faft fämmtliche Formationen umfafsten, in 6zölligen Würfeln zur Anfchauung. Es waren hauptfächlich: Bafaltlaven, Trachytlaven, Bimsfteine und vulkanifche Tuffe; ferner Gneifs, Glimmerfchiefer, Thonfchiefer, Dolomite, Kalke, Rothfandfteine etc. etc. Diefe Stücke mit genauen Fundzetteln und theilweifer richtiger Formationsbezeichnung dienten zur Darstellung der Nebenzweige der Urproduction in den Forft- und Waldterritorien. Rumänien. Die fürftliche Regierung von Rumänien fandte Marmore von Gor a, Valeca, Mehedintz, Muscel; Granite von Mehedintz, blaugraue 10 Heinrich Wolf. und gelblichgraue Kalkmergel von Dambrovitza, die zu lithographifchen Steinen verwendbar find; Pflasterfteine vom Granit zu Prahova, kryftallinifchen Gips von Muscellu, Schleiffteine aus dem Karpathen- Sandfteine von Bacaur, Handmühlfteine aus Gneifs von Baltiano. Die ganze Collection zeigt jedoch in Form wie Anordnung den unentwickelten Stand der Bau- und Stein- Induftrie des Landes. Griechenland fandte eine grofse Anzahl von Baufteinen, in Blöcken gefchnitten, gefchliffen und polirt, namentlich Marmore in allen Farben, Conglomerate, Breccien, Sandfteine, Trachyte und Trachytlaven. Letztere werden zu Handmühlfteinen verwendet. Unter diefen Stücken verdienen hervorgehoben zu werden wegen der grofsen Dimenſionen, in welchen gleichartige Stücke zu erhalten find: der Marmor von Skyro, von der Infel Balakfa, von Dimariftica, Spira, Lacédémone etc. etc., die theilweife auch fchon in antiker Zeit in Verwendung waren. Egypten fandte Alabafter von Syout, rothen und gelben Marmor von Benifoueff, lithographifche Steine von Valleé l'egarement, Nummulitenkalke von Tourrah als Baufteine. Indien fandte durch fein geologifches Aufnahmsamt unter der Direction des Herrn Ouldham Gips, von Oftato or und Skalkar am Himalaya, Schiefer von Kangrar, Serpentine, Kalkfteine von Edeyengoody, Sandfteine von Munoleh, Quarzite von Moorunhal etc. etc. Diefe mit anderen nutzbaren Mineralftoffen in Handftücken vorgelegten Steinmufter zeigten von einer grofsen Sorgfalt in der Auswahl der Stücke, doch begnügte man fich in den meiften Fällen mit der petrographifchen Bezeichnung, ohne die Formationsreihe näher zu benennen, aus welcher diefe Stücke entnommen waren. Japan brachte fchön gefchnittene Mufterfteine von Granit, Syenit von Rauhwacken, von Bimsfteintuffen, Kalktuffen, weifsem Marmor von Hitachi Inaba, Harima und zeigte auch hier wie bei allen anderen Ausftellungs- Objecten feine Ueberlegenheit in der manuellen Fertigkeit bei Bearbeitung diefes Materiales gegenüber allen öftlichen Völkern. Neuseeland, der öftlichfte Theil unferer Erde, von welchem Gegenftände zur Weltausftellung gelangten, fandte von eigentlichen Steinen nur Weniges, doch war es vertreten durch Marmor von Colingwood in der Provinz Nelfon, gewöhnliche Kalksteine von Upper- Malvern in Canterbury, Phonolith von Hillsborough in Canterbury, den Sandſtein von Caftle Hill, den Trachyt von Banks-Peninfular. Ebenfo waren feuerfefte Thone und Quarzfand für Glas und als Zuſchlagsmaterial exponirt. Diefe nur fehr wenigen Gegenftände zeigten jedoch in der Art ihrer Darftellung, dafs die weftliche Cultur im fernften Often feften Fufs gefafst. Steinwaaren. 11 2. BAUSTEINE, STEINMETZARBEITEN. ( Baumateriale, ausgeftellt von Producenten.) Amerika. Bearbeitetes Steinmaterial für Bauzwecke war aus den amerikaniſchen Ländern nur von einigen Firmen aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika eingefandt worden; doch war es häufig nicht erkennbar, welcher der im Katalog angeführten Firmen die exponirten Gegenftände gehörten. Meyers A. G., Directeur der Bureaux zur Förderung amerikaniſcher Induftrie, zeigte Würfel kryftallinifcher Marmorforten, roh und gefchliffen, fowie fchön gefchliffene Platten von dichtem Gips. Es follte hiedurch aufmerkfam gemacht werden, dafs Amerika Steine für Luxusarbeiten und für die KunftInduftrie, die es bisher grofsentheils noch aus Italien und Frankreich importirt, felbft befitzt. J. Mc. Dermott& Comp. exponirten eine reiche Auswahl von Baufteinen aus den verfchiedenen Staaten Nordamerika's. Unter diefen Baufteinen ift der rothe Sandftein der meift angewendete und verbreitetfte. Diefe Firma erzeugt feit dem Brande von Chicago die Sandfteinquader mittelft Mafchinenarbeit; nur hiedurch wurde es möglich, den Kubikfufs um 50-75 Cent. zu liefern. Mit der Verdienftmedaille ausgezeichnet. England war in der Gruppe der Baumaterialien( Steinwaaren im Allgemeinen) nur durch Schiefer in allen feinen Anwendungen vertreten. Die Vorzüge der englifchen Schiefer find längft allfeitig anerkannt. Ihre leichte Spaltbarkeit, bis herab zu o 5mm ftarken Platten, und die durchwegs ebene Schieferung und verhältnifsmäfsig grofse Widerftandsfähigkeit begründen ihren Export faft nach aller Herren Ländern. Es ift nicht zu leugnen, dafs diefe Vorzüge nicht allein im Material felbft liegen, fondern, dafs ein gut Theil davon auf der Art der Gewinnung der Rohplatten und in der Methode der weiteren Bearbeitung beruht. Die Gewinnung ift eine durchweg bergmännifche, welche das Rohmaterial, im frifcheften Zuftande, unbeeinflufst noch von den verändernden Einwirkungen der Atmoſphärilien, zur mafchinellen Verarbeitung bringt. Ueberall, wo diefelbe Methode der Bearbeitung und Gewinnung des Schiefermaterials im übrigen Europa eingeführt wurde, find auch die englifchen Schiefer vom localen Markte verdrängt. Unter den Firmen aus England ragten hervor: Die Welsh Slate Com pany in London mit ihren Schiefererzeugniffen in allen Dimenfionen bis zu 3 langen, 2 breiten und nur o 08m ftarken Platten. Aufser den Dachfchiefern waren die vorzüglichften Erzeugniffe: Bodenplatten, Billardplatten, Platten für Cifternen und für Säurebottiche in chemifchen Fabriken. Diefe Gefellfchaft befchäftigt an 800 Arbeiter bei einer Dampf- und Wafferkraft von mehr als 300 Pferden, welche Mafchinen zum Spalten, Sägen, Hobeln, Bohren, Glätten und Poliren der Schiefer bedienen.( VerdienftMedaille.) Die Cwmorthin Slate Company zu Port- Madoc in Nordwales fandte ähnliche, für den Export beftimmte Erzeugniffe mit gleich vorzüglicher Arbeit. Diefe Firma ftellte einen Kamin aus, der mit Schiefern fournirt war, auf welchen mittelft Lack prachtvolle Marmorarten nachgeahmt waren, die von natür 12 Heinrich Wolf. lichem Marmor nur dadurch zu unterfcheiden waren, dafs die Politur des letz teren niemals jene Frifche und Feuer der Farbe zeigt, welche mit dem künft lich aufgetragenen Lack zu erzielen find. Die Preife folcher kunftvoller Imitirungen laffen jedoch eine ernsthafte Concurrenz mit den Fabricaten aus natürlichem Marmor kaum erwarten.( Diefe Firma erhielt ebenfalls die Verdienftmedaille.) Die Pen- Yr- Orfedd Slate Quarry Company zu Carnarvon in Nordwales fandte aufser rothen und graufchwarzen Dachfchiefern, Platten für Pflafterungen, für Billarddecken, für Cifternen, für Säurebottiche etc. etc. Erhielt das Anerkennungsdiplom. J. W. Greaves von Port Madoc in Nordwales und W. Turner in Carnarvon hatten ebenfalls die currenten Artikel in Schieferwaaren eingefendet. Portugal, obgleich fehr reich an Marmor, kryftallinifchen Kalken und Sandfteinen, zeigte von feinen exportfähigen Steinwaaren verhältnifsmäfsig doch fehr wenig. Bekannt find die Productionsorte Montes Claros, Eftrem oz, nicht minder die fchönen Marmorforten der Umgebung von Liffabon, aus welcher wegen der verfchiedenen Farben und der vorzüglichen Qualität des Materiales Exportwaare namentlich nach Brafilien geliefert wird. Es beftehen in Liffabon Fabriken mit ca. 100 Steinfägen, welche theils mit Dampf, theils mit Wafferkraft betrieben werden und an 30.000 Kbm. an Quadern und anderen Werkftücken im Werthe von 2 Mill. Francs erzeugen.. Herr Joaquim Antunes dos Santos in Liffabon ftellte diefe verfchiedenen Marmorforten( Platten in Rahmen, 13 Stück) mit Preisangaben pr. kubifchen Meter aus. Der Durchfchnittspreis ftellt fich auf 198 fl.( Verdienftmedaille.) Prato Antonio zeigte nebft Breccien und Marmor auch Schieferwaaren in vorzüglicher Arbeit. Die Gefellſchaft für die Gewinnung der Marmore von Eftremo fandte Marmorplatten und Quader, welche nach Liffabon um 158 fl. um 158 fl. pr. kubifchen Meter geliefert werden und ebenfalls Exportartikel nach Brafilien bilden.( Anerkennungsdiplom.) Die Vallongo Schiefer- und und Marmor quader- Compagnie ftellte vorzügliche Schieferwaaren, darunter eine Schieferplatte, 4" lang, 2.2™ breit, aus den Brüchen bei Gallina, montirte Gefäfse für Säuren, und Dachfchiefer aus den Brüchen von Telhado, Soalho, Bilhar; ferner mit Schiefer belegte Kamine mit prachtvoller Marmor- Imitation um den ftaunend billigen Preis von 180 fl. aus. Von den erwähnten Imitationen zeigte zahlreiche Mufter Herr Ennes Francisco in Vallongo auf 10 Centim. breiten, 15 Centim. langen und Imm dicken gefchliffenen Schiefertafeln. In fehr lebhaften frifchen Farben ift das Geäder der edlen Marmorforten naturgetreu auf dem Schiefer aufgetragen, welche dann, mit Lack überzogen, abfolut darüber täufchen, ob man natürlichen, gefchliffenen und polirten Marmor oder eine Imitation vor fich hat. Herr Ennes erhielt für die Vervollkommnung der Schiefertechnik die Verdienftmedaille. Frankreich ift reich an grofsen Steinbrüchen, befonders in Marmor Diefe wurden fchon von den Cäfaren, welche nicht nur Italien, Griechenland, Egypten, fondern auch Gallien nach fchleif und politurfähigem, farbenprächtigem Material durchfuchen liefsen, eröffnet, um das damalige prunkvolle Rom zu fchmücken. Steinwaaren. 13 Man fchätzt, dafs mindeftens ein Zehntel der Luxusbauten des alten Rom's aus. gallifchem Steinmateriale beftand. Nach der Zerftörung Rom's verfielen auch die Brüche der antiken Welt, mit ihnen auch die des damaligen Galliens. Einige franzöfifche Städte, wie: Niemes, Toulouſe, Arles, Aix, Marfeille, Vienne etc. etc. bewahren aus jener Zeit noch Fragmentemonumentaler Bauten. Das erftehende Chriftenthum fchmückte feine Kirchen mit dem koftbaren Materiale der Tempel und Paläfte des der Zerftörung und Plünderung überantworteten heidnifchen Rom's. Die Brüche blieben verfallen bis in die Blüthezeit des Mittelalters im wo fie damals wieder XIII. bis XV. Jahrhundert. Namentlich Italien war es, theilweife in Betrieb gefetzt wurden. In Frankreich ergriffen Franz I. und Heinrich II. die Initiative zur Auffuchung und Wiedereröffnung der von den Römern einft benützten Brüche, um Material zur Ausfchmückung ihrer eigenen Reſidenzen zu erlangen. Heinrich IV. und Louis XIV. fetzten die erweiterte Anwendung diefer edleren Gefteinsforten in den Paläften von Verfailles, Louvre ,. Tuillerien, Trianon, Mally, Meudon und Fontainebleau fort. Während der durch die letztgenannten Monarchen eröffneten Bauperiode wurden getreu dem Motto: L'ètat est moi" die Brüche auf Koften des Staates. betrieben und die Concurrenz durch Private unterdrückt. Alle Bedürfniffe, die etwa Privatbauherren an edlen Marmorarten hatten, find vom Staate befriedigt worden, da derfelbe Befitzer der Vorräthe war, die fchliesslich Napoleon I. erfchöpfte. Diefe alten Brüche lieferten die unter den folgenden Namen bekannten. Marmorforten: Sarrancolin, Campane, Blanc de St. Beat, Departement Pyrenäen. Griottes, Departement Herault. Rouge antique, Departement Aude. Languedoc, Vert des Alpes. Giand antique, Departement du Nord. Jaune de St. Beaume, Departement du Vâr. Brocatelle et Jaune du Jura. Brèche di Alep.( Bouche du Rhône.) Diefe feit Louis dem XIV. nicht benützten Brüche wurden auch nach Erfchöpfung der daraus gewonnenen, unter ftaatlicher, vielmehr königlicher Verwahrung geftandenen Vorräthe vom Staate nicht wieder in Betrieb gefetzt. Die Privat- Induftrie fcheute fich, die Communicationswege in den induftrielofen Bergen wieder herzuftellen, und fo wurde der in Frankreich doch ziemlich grofse Bedarf an Luxusmarmor durch mehr als 40 Jahre, feit unter Napoleon I. wieder eine Bau- Epoche begonnen hatte, mit fremdem, meift italieni fchem Materiale befriedigt. Die vorzüglichften eingeführten fremden Sorten waren: la Brèche violette de Serravezza le Bleu fleuri le Bleu turquis le Jaune de Sienne وو le Portor de la Spezzia le Portor de le Levante. 99 Der Marmorhandel wurde in diefer Periode nicht fehr rationell betrieben und die Waaren durch den Zwifchenhändler, der fich zwifchen den Stein 14 Heinrich Wolf. bruchbefitzer, den Fabrikanten und den Arbeiter drängte, wefentlich vertheuert. Dem Haufe Dervillé& Comp. ift es feit dem Jahre 1840 durch allmälige Vergröfserung der Gefchäfte gelungen, den Zwifchenhandel zwifchen der Erzeugung des Rohmateriales und der Fertigftellung der zu confumirenden Waare zu befeitigen. Diefem Haufe ift es auch gelungen, die alten verlaffenen Steinbrüche wieder dem Betriebe zuzuführen und noch neue Lagerftätten koftbaren Materials für Decorationszwecke zu entdecken. Diefe Firma erzeugt nun nach vielfältig mifslungenen Verfuchen fünf. zehn verfchiedene Sorten von franzöfifchem Marmor, welche nicht nur im Hausgebrauch, fondern auch für innere und monumentale Ausfchmückung Verwendung finden. Diefe Firma fandte Rohblöcke des fchönen Gefteines Sarrancolin bei dem Badeorte Bigone in den Hochpyrenäen, von 3-4 Kbm. Inhalt. Preis: 800 Francs pr. Kbm. à Paris. Von diefem Gefteine find die 30'5" hohen Säulen, Monolithe, an der grofsen Stiege der Neuen Oper in Paris und die 16 Säulen im Neuen Louvre. Le Griotte vive bei Carcaffone im Departement du Herault findet vorzüglich feine Verwendung bei Ausfchmückung oder Verkleidung der Innenräume, wie im Sitzungsfaal des gefetzgebenden Körpers, der Neuen Oper, bei grofsen Handelsfirmen zur Anfertigung anderer Luxuswaaren, wie fie Barbe dienne, Paillard, Cornu, Deniere und Andere in Wien zur Ausstellung brachten. Der Preis variirt je nach der Qualität von 650-800 Francs pr. Kbm à Paris. Le blanc statuaire de St. Béat bei dem Badeorte Luchon in Haut- Garonne ift der einzige weifse franzöfifche Marmor, welcher mit dem Marmor von Carrara bei Sculpturarbeiten einigermafsen in Concurrenz tritt. Die Bafen und Capitäler zu den Säulen aus Sarrancolin in der Neuen Oper zu Paris und hunderterlei Sculpturarbeiten, darunter le premier miroir von Baryault, fowie einige Statuen in der franzöfifchen Abtheilung der Kunsthalle find aus diefem Marmor. Derfelbe wird um 800 Francs pr. Kbm. abgegeben. Le Languedoc bei Carcaffone, Departement Herault. Diefer Marmor ift vielfach verwendet in Marſeille, ferner in der Kirche Skalci in Venedig, S. Martino in Neapel, S. Anunziata in Genua, zu vielen Säulen im Neuen Louvre, am Place Napoleon III.; jene des Brunnens S. Michele im Parke Monceau find von diefem Marmor. Preis 550 Francs pr. Kbm. à Paris. Le vert des Alpes bei Barcelonette, Departement Bas- Alpes, auch Vert de Maurin genannt, ein in der äufserlichen Erfcheinung dem Serpentin fehr ähnlich fehender Marmor, ift ebenfalls vielfach verwendet in der Neuen Oper, im Neuen Louvre, in Weſtminſter zum Grabdenkmal des Prinzen Albert: wird fehr begehrt für England und Belgien. Der Preis ift 800 Francs pr. Kbm. Von den anderen Brüchen koftet pr. Kbm. à Paris: La Griotte Campan bei Carcaffone, Departement Herault. Le rose bei Carcaffone, Departement Aude Marie- Jane bei Luchon. Breche d'Alep, Bouches de Rhône Jauné St. Beaume, Departement du Vâr. Rofe Enjugeraie, Departement du Sarthe. Grand Antique, Departement du Nord. Saint Anne Noir francais Le Hergies • • . 650 Francs . 650 . 700 • . 55° • 55° . 450 29 י י " " • 400 " $ 450 " $ 300 77 . 300 99 Die letzteren drei Sorten werden gebraucht für wohlfeilere Waaren, wie Blumenftänder, Tifch- und Kaftenplatten und billige Kamine, und find haupt. Steinwaaren. 15 fächlich geeignet, mit den fehr billigen gleichartigen Producten aus Belgien zu concurriren. Die franzöfifche Marmor- Induftrie ift hauptfächlich concentrirt im Departement du Nord, Languedoc und Pyrenäen. Die feinere Ausarbeitung zur Luxuswaare und deren Montirung mit Ebenholz, Bronze etc. erfolgt in Paris, welche Stadt auch in diefer zum Theil höchft originellen, gefchmackvollen Arbeit bisher den erften Rang behauptete. Die Firma Dervillé& Comp., welche fich fo grofse Verdienfte um die Entwicklung der Stein- Induftrie in Frankreich erwarb, befitzt fechs Fabriken, welche mit Dampf- und Wafferkraft reichlich ausgeftattet find, zu Honduin, Hon, Hergies, Pont Sambre, Jeumont und Valenciennes, dann Waarenhäufer in Paris, Marfeille, Bruxelles, Portier, Cette und auch in NewYork für den amerikaniſchen Bedarf, welcher in den letzten Jahren ein ftets fteigender wird. Dervillé erhielt die Fortfchrittsmedaille. Von anderen Firmen hatte noch Herr Favrè Parifer Baufteine in der Gröfse von 2 Kbm. in der franzöfifchen Agriculturhalle ausgeftellt. Die Herren Civet fils& Comp. in Paris fandten Quader aus Kreidefandftein und Kalken, ferner eine Collection Mufterfteine, welche die Mannigfaltigkeit des Materiales bezeugten, worüber diefe Firma verfügt. Eine zur Vertheilung gelangte Brofchüre gab Auskunft über die Lagerungsverhältniffe der gewinnbaren Steinbänke, über das Gewicht pr. kubifchen Meter, über die rückwirkende Feftig. keit und über jene öffentlichen Bauten, bei welchen die vorgelegten Mufterfteine, für Säulen, Statuen, Kamine und diverfe ornamentale Arbeiten Verwendung fanden. Diefer, nebft Dervillé eine der erften Firmen Frankreichs, wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Die Vereinigten Gefellfchaften der Dachfchiefergruben zu Rimogne in den Ardennen hatten durch ihre Vertreter, Gebrüder Rother in Bingen am Rhein, ihre Chloritfchiefer von ausgezeichneter Qualität und fehr grofser Haltbarkeit in einem eigenen Pavillon zur Anficht gebracht. Diefe Gefellfchaft hat grofse, mit Mafchinen betriebene Werkstätten, in welchen nicht nur die Schablonenfchiefer, fondern auch Fufsbodenplatten, Platten für chemifche Fabriken u. a. m. gefchnitten und gehobelt werden. In diefem Pavillon waren aber nicht nur die grüngrauen Ardennenfchie. fer, fondern auch rheinifche fchwarze Schiefer und die englifchen violetten Schiefer zu einer effectvollen Dachdeckung, welche Herr Schieferdeckermeifter Schwabe in Wien ausführte, benützt. Die Vertreter diefer Gefellſchaft verftanden es, durch eine zweifache Ausftellung von der Jury der Gruppe IX die Verdienftmedaille und von der Jury der Gruppe XVIII das Anerkennungsdiplom zu erringen. Schweiz. Die Schweiz war vertreten durch das Cantonsbauamt in Schaffhaufen, welches Baufteine, Sandſteinwürfel in der Gröfse von I Kbf.' und durch Herrn Bavier Simon in Chur, welcher Tifchplatten von Bündtner Marmor und von Serpentin fandte. Es waren reine, nette Arbeiten. Herr Bavier erhielt das Anerkennungsdiplom. Nicht unerwähnt dürfen auch die Schweizer Arbeiten der Haus- Induftrie in Serpentin bleiben. Es find diefs die Töpfe und Keffel für den Hausgebrauch, welche im Canton Teffin fehr verbreitet sind und theilweife auch wegen ihrer Billigkeit in das angrenzende Italien ausgeführt werden. Patocchi Jofef in Bignasco fandte Töpfe und Keffel in allen Dimen fionen, wie fie auf offenen Feuerherden in den von grofsen Verkehrswegen entfernten Gebieten noch in Verwendung ftehen. 16 Heinrich Wolf. Diefer Serpentin liefse fich mit den neueren Mitteln der Technik wohl noch beffer verwerthen. Italien. An eigentlichen Baumaterialien fandten die italienifchen Producenten nur Weniges, während für die decorative Ausftattung von Innenräumen die italienifchen Firmen durch ihr Auftreten, en mafse" allen übrigen Ländern imponirten, abgefehen von den zahlreichen Genre arbeiten, welche als Statuetten, nicht wie fichs gebührte, in der Kunfthalle, fondern in dem ohnehin zu beengten, der Induftrie zugewiefenen Raume fich breit machten. Derlei Arbeiten werden in der nächften Abtheilung befprochen werden. Marmor, als Handels- und Exportartikel, liefert wohl Italien aus feinen alten berühmten Brüchen in den apuanifchen Alpen bei Carrara, Mafsa, Seravezza in alle Welttheile, und nimmt in diefer Richtung den erften Rang ein. Der Exportwerth betrug im Jahre 1872 an 10 Millionen Lire( 9,960.000). Die Firma Binelli fratelli war die einzige, welche Rohblöcke von Marmor als Handelsartikel einfandte, u. z. von den verfchiedenen Varietäten: I. den reinen Statuenmarmor, welcher blendend weifs ift und höchft feine mikrokryftallinifche Structur befitzt; 2. den mit feinen dünnen, dunkleren Adern durchzogenen weissen Marmor ( ftatuario venato); 3. den Bardiglio, einen mit feinen zickzackförmigen dunklen Adern durchzogenen, nicht mehr reinweifsen Marmor, aber von höchft feinkörniger Structur und gleich dem Statuenmarmor leicht bearbeitbar, von taubengrauer Färbung; 4. den Ordinario, welcher wegen feines gröberen Kornes, gröfserer Härte und unreinerer Farbe nicht mehr zu Statuen verwendet werden kann, fondern zu Tifch- und anderen Belegplatten verfchnitten und fo in den Handel gebracht wird. Diefe Firma fandte Blöcke von 2.5 Meter Länge, I 25 Meter Breite und Io Meter Dicke. Die Steinarbeiten von Pegraffi Salefio e figli in Verona in dem Oolith von Volargne im Etfchthale, und jene der italienifchen Gefellfchaft für hydraulifchen Kalk und Cement in Bergamo, welche gebohrte Steinröhren für Wafferleitung aus demfelben Materiale und auch Zimmeröfen aus Serpentin ausftellte, wurden durch Auszeichnungen anerkannt. Analog wurde die Giunta fpeciali di Trapani für die Exponirung von fchwarzen und gelben Marmoren mit einem Anerkennungsdiplom belohnt. An Deck- und Pflafterplatten waren von der Giunta mineraria di Torino, den Brüdern Fontana und der Firma Ganna Severino in Luferna Gneifsplatten in wirklich riefigen Dimenfionen ausgeftellt, mehr um die Qualität und Gleichartigkeit des Materiales, welches für die Längen- und Breitendimenfionen in verhältnifsmässig fehr dünnen Platten ganz ebenflächig bricht, zu zeigen, als die wirkliche Handelswaare zu exponiren. Es waren Platten von 7:35 Meter Länge, 140 Meter Breite un o 18 Meter Dicke neben anderen von 4'7 Meter Länge, 2.5 Meter Breite und nur o'02 Meter Stärke zu fehen. Von eigentlichen Dachfchiefern und Schreibtafeln aus Culm- oder Liasfchiefern waren aus Italien nur von Lavagna bei Genua Repräfentanten eingefandt durch die Firma Repetto Gaspare. Diefe Firmen erhielten ebenfalls Anerkennungsdiplome. Schweden- Norwegen leiftet Vorzügliches in Bearbeitung der harten Steine, wie: Porphyre, Granite, Syenite. Diefs zeigten fchon die Mufterfteine, welche von der geologifchen Landesanftalt ausgeftellt waren. Steinwaaren. 17 Die Monolithe, welche für Grabdenkmäler beftimmt, aus grobkörnigem Syenit mit fleifchrothen Orthoklas, grünlichgrauem Quarz von Kullgren in Uddevalla eingefandt waren, fo auch ein Taufbecken aus Porphyr von der königlichen Domäne Ladegaard föen, und die Arbeiten aus der Strafanft alt in der Akerhusfeftung in Chriftiania, beftehend in Stiegenftufen, Sockeln, kleineren Grabmonumenten, Vafen von Granit, welche fich aufserdem noch durch grofse Billigkeit bemerkbar machten, zeigen eine Reinheit der Arbeit, die in gleichem oder ähnlichem harten Gefteine durch andere Länder nicht in folcher Vorzüglichkeit zur Anficht gebracht wurden. Schweden Norwegen behauptet in diefer Art Exportwaare gegenwärtig den erften Rang unter allen übrigen Ländern. J. Kullgren erhielt die Fortfchrittsmedaille, die übrigen Ausfteller Anerkennungsdiplome. Dänemark. Aus Dänemark waren an natürlichen Baufteinen nur jene aus den Steinbrüchen von Faxoe auf Seeland eingelangt. Es waren Gefimsftücke aus Sandftein, und Grabmonumente von Marmor. Obgleich nicht zu entnehmen war, wer der Ausfteller diefer Einfendung gewefen, ob irgend eine Gemeinde oder eine andere Corporation, fo wurde doch ein Anerkennungsdiplom, unter der Ortsbenennung Faxe. dem Ausfteller diefer Gegenftände zugefprochen. Belgien befitzt eine bedeutende Stein- Induftrie für Decorationszwecke und in Gegen. ftänden für den Hausgebrauch, welche meift diefelben Fabrikanten betreiben, die als franzöfifche Ausfteller ihre Gefchäfte yon Paris aus leiten, oder auch umgekehrt, belgifche Fabrikanten, die ihre Commandite nicht nur in Brüffel, fondern auch in Paris haben. Muſterſtücke in der Breite von o 75 Meter und Höhe von 15 Meter, bei 002 Meter Stärke waren ausgeftellt von Puiffant frères. Darunter war der tieffchwarze und politurfähige Kalk, bekannt unter dem Namen„ Marmor von Namur, fpeciell bezeichnet als Noir de Golzines, in der Gemeinde Boffière. aus Die übrigen, mehr communen Sorten, welche die Concurrenz mit denen Südfrankreich für Decorationszwecke nicht befiegen können, dagegen aber allgemeinere Verwendung und ihren Vertrieb auch nach Deutfchland und England finden, find: Bleu de Saulme, Gemeinde Saulme; St. Anne, Gemeinde Luftin; St. Remybleu, Gemeinde de Rochefort; Imperial( roth mit weifsen Flecken), Gemeinde Vodélée; Bleu Belge( fchwarz mit weifsen Striemen), Gemeinde de Bouffioulx, Pr. de Hainaut; Griotte, Gemeinde Vodélée, Provinz Namur; Brêche de St. Gerard etc. etc. Ferner find der Sandftein von St. Gerard, die Breccie von Wailfart, beide aus der Kohlenformation in der Provinz Namur fehr ftark verwendete Materialien; ebenfo der fogenannte Granit, ein fchwarzgrauer Marmor, deffen körniges Ausfehen von den zahlreichen Crinoidenftielen stammt, die fich als weifser Kalkfpath von der dunkleren Grundmaffe deutlich abheben und ihm den Namen verliehen. Puiffant frères erhielten die Verdienftmedaille. 2 18 Heinrich Wolf. Die Firma De Jaiffe Devroye aus Mazy- Golzines in der Provinz Namur zeigte die verfchiedene Bearbeitung eines Rohblockes vom Bruche bis zur feinften Politur. Die Ausftellung diefer Firma in der Hauptgallerie, eine Vafe auf einem 15 Meter hohen Piedeftal aus Noir fin mit Goldverzierung, zeigt unübertroffene Reinheit der Arbeit( Verdienftmedaille). Ebenfo find zu erwähnen die Firmen: Vincent fils( Verdienftmedaille), A. Lintello in Brüfsel( Anerkennungsdiplom), F. Tainfy, successeur de A. J. Leclercq( Verdienftmedaille). Deutfches Reich. Das Deutfche Reich war fehr vorzüglich vertreten und auf dem Ausftellungsplatze gut fituirt, und zeichnete fich nicht fo durch Zerfplitterung feiner Gegenstände, die in ein und diefelbe Gruppe gehörten, aus. Es zeigte eine grofse Anzahl von bearbeiteten Steinen, die auch in anderen Induftrieen, als im Baufache, Anwendung finden. Es verdienen hervorgehoben zu werden: Maximilian Pougnet zu Landroff in Lothringen, mit riefigen Sandfteinblöcken( Kohlenfandftein) von 3 Kubikmeter Inhalt, grofsem Brunnentrog und Sandfteinplatten. Franz Ritterrath in Trier, mit feinen Säulen aus Sandftein, 4 Meter hoch, o7 Meter Querfchnitt und mit Platte von 3.50 Meter Länge, 2.0 Meter Breite und o 25 Meter Dicke. E. Rothfchild in Stadtoldendorf( Braunfchweig), mit feinen Tiſchplatten, Gefimsftücken und Stiegenftufen aus Rothfandftein( Dyas). C. A. Merkel zu Halle an der Saale, für feine Quaderfandftein Producte, deren Hauptabfatzgebiet Berlin ift. Die Steingewerkfchaft Haidhof und Granitgewerkschaft Nabburg in Bayern, mit Pflafter-, Rand- und Rinnfteinen aus Granit. C. Kulmiz in Saarau, Schlefien, wegen feines gleichmäfsig feinkörnigen Granits, wovon Platten 4.80 Meter lang, 2.70 Meter breit und nur 0 18 Meter dick, ferner Säulenfchäfte von 56 Meter Höhe und von 0.80 und 0 60 Meter. Querfchnitt vorlagen. Der Solenhofer Actienverein, welcher die Pflafter- und Malztennenplatten aus den oberjuraffifchen Kalkmergeln und Lithographiefteine, von 20 Meter Länge, 1'40 Meter Breite geätzt, exponirte( Fortfchritts medaille). Ehrhardt Ackermann in Weifsenftadt( Fichtelgebirg), zeichnete fich durch Reinheit in der Bearbeitung harter Steine, wie Syenit, Granit und Porphyr, aus. Er ftellte einen Obelisk und zwei Fontainefchalen aus rothem und fchwarzem Granit, Säulenfchäfte, Taufbecken, Grabpyramiden etc. und eine Suite Mufterſtücke von den auf feinen Werken bearbeiteten Gefteinen aus. Für die vorzügliche Bearbeitung, Reinheit des Materiales, Billigkeit der Producte und ausgedehnten Betrieb erhielt Ackermann die Fortfchrittsmedaille. L. W. Grimm in Schwarzenbach am See( Fichtelgebirge), welcher den rothen Granit zum Schubert- Denkmal in Wien lieferte, fandte ebenfalls Säulen und Tifchplatten mit eingelegter Arbeit. Die weftphälifche Marmorwerks- Actiengefellfchaft zu Allagen bei Soeft lieferte aus ihren Brüchen in den devonifchen und den Kohlenkalken des Rheins die 34 grofsen Säulen, am Ausgange der Rotunde zu dem Pavillon, welcher die Collectiv- Ausftellung der rheinifchen Seidenfabrikanten umfchlofs. Eine kleine Collection gefchliffener Handftücke von den verfchiedenen Brüchen ergänzte diefe Expofition. Für ausgedehnten Betrieb, und für zweckmäfsige Einrichtung des mafchinellen Betriebes in Schleif-, Schneid- und Polirarbeit ward diefer Firma die Verdienftmedaille zugefprochen. Steinwaaren. 19 In Schieferwaaren, Dachfchiefer, Pflafterplatten zeichneten fich die Leheftener Collectiv. Ausftellung und die Schieferbau ActienGefellfchaft Nuttlar a. d. Ruhr aus. Erftere durch das gleichmässig dünnfpaltbare Material für Dachfchiefer( Verdienftmedaille). Letztere durch die Bearbeitung der Schieferfteine zu Billard-, Piffoir- und Tifchplatten. Der Speck ftein, der in Deutfchland bei Göpfersgrün im Fichtelgebirge. in gröfserer Menge gefunden wird, liefert Exportartikel von auf der Drehbank geformten Waaren wie: Gasbrenner, Spindeln für Spinnereien etc. Ausfteller waren: Lauboeck und Hilpert zu Wunsiedel in Bayern, Ernft Schwemmer und J. v. Schwarz in Nürnberg. Letzterer brachte nicht nur Gasbrenner, fondern er fuchte auch Figuren und Vafen darzuftellen( Anerkennungsdiplom). Oefterreich hat durch feine in der letzten Zeit durchgeführten Eifenbahnbauten und namentlich durch den Auffchwung der architektonifchen Bauten in Wien bedeutende Fortfchritte in der Stein- Induftrie gemacht Waren fchon früher die erften Steinmetzen Wien's für kunftvollere Arbeiten eingerichtet und mit Schleifereien verfehen, um den localen Bedarf zu decken, und hatten fich die Herren: Juftin Robert in Ober Alm bei Salzburg und Cloetta & Schwarz in St. Croce bei Trieft mit den von ihnen errichteten Schneid-, Sägewerke und Schleifereien für den Export gerüftet, fo fchienen doch diefe gröfseren Werke dem riefigen Auffchwunge, den die Bauluft in der Periode 1868-1873 nahm, nicht zu genügen, und Actiengeſellſchaften entftanden, welche den Baumaterialienmarkt zu beherrfchen fuchten, und zwar durch beffere Ausnützung der natürlichen Lagerftätten und rationelle Einrichtung in der Gewinnung der Rohmaterialien, durch mafchinellen Betrieb. Solche Unternehmungen find: die Actiengefellfchaft für Strafsenund Brückenbau, welche vorzüglich die Exploitirung der grofsen Granitfteinbrüche in Mauthaufen und Neuhaus a. d. Donau zur Bafis ihrer Thätigkeit wählte; ferner die Schärdinger Granit- Actienge fellfchaft, die niederöfterreichifche Steingewerkfchaft, die Olmützer Schieferbergbau-, dann die erfte öfterreichifch fchlefifche Schieferbaugefellfchaft, die böhmifche Actiengefellfchaft für Baumaterialien in Prag, die Perlmo ofer Portland Cement Actiengefellfchaft etc. etc. Alle diefe Gewerke hatten theils felbftftändige Pavillons oder ftellten in fonft effectvoller Weife in den Gallerien und Höfen aus. - Vor Allem war hervorzuheben: Der Pavillon der Strafsen und Brückenbaugefellfchaft, in welchem der ganze Betrieb, in Zeichnung und Tabellen, dargestellt war. Die Producte, durchaus Arbeiten in Mauthaufener und Neuhaufer Granit, waren Obft- und Gypswalzen, Säurebehälter, Canalzüge, Pferdemufcheln, Grabmonumente, Quadern aller Art, Pflafter- und Randfteine. Auch wurde das Spalten grofser Blöcke, mit Bohrung zahlreicher tiefer Bohrlöcher mittelft der Burleigh'fchen Mafchine am Ausftellungsplatze gezeigt, welches die Vortheile gegenüber der bisherigen Methode, mittelft Schrämen und Keilen zu fpalten, erweifen follte. Die nachträglichen Erfahrungen haben jedoch ergeben, dafs durch diefe Neuerung zwar ſchneller gröfsere Blöcke gefpalten werden können, aber die Koften der Arbeit unverhältnifsmäfsig theurer feien. Es wurden erzeugt ebenflächige Platten von 0.25 Meter Stärke, 5 Meter Länge und 3 Meter Breite. Für ausgedehnten Betrieb, Einführung neuer Gewinnungsmethoden etc. ward diefer Gefellfchaft die Fortfchrittsmedaille zugefprochen. Die Firma Cloetta& Schwarz in Trieft, welche einen grofsen Export nach Conftantinopel, Salonichi, Smyrna, Alexandrien, Cairo mit den fo aus2* 20 Heinrich Wolf. gezeichneten Karftkalken von St. Croce betrieb, und einen bedeutenden Confum in neuerer Zeit auch in Wien zu decken hatte, occupirte einen freien Raum hinter dem Kärntner Pavillon und zunächft dem Pavillon der Strafsen und Brückenbaugefellſchaft. Als Unicum zeigte fie einen Rohblock von tadellofer Reinheit und Gleich artigkeit des Steines von St. Croce, in einer Länge von 12 Meter und von nur 0.8 Meter Breite; ferner eine Säule von 12 Meter Höhe, deren Capital, Bafe und Sockel aus verfchiedenen Gefteinen combinirt war. Das Capital, wie die Bafe, war aus lichtem Rudiftenkalke von St. Croce, erfteres rein behauen, fein geftockt, letztere gefchliffen. Die Säule felbft und das Poftament waren aus dem hell- und dunkelgrau gefleckten Marmor von ReppenTabor( Fiorito di Tabor genannt), der Mittelfockel jedoch beftand aus der hellfleifchrothen Kreidebreccie von Buccari. Die tieffchwarzen Marmore von Reppen eignen fich zu Gefimfen, Einfaffungsleiften, Tifchplatten etc.; eine Platte von 4 Quadratmeter und von nur 0.04 Meter Dicke, rein gefchliffen und polirt, zeigte die Schönheit und Reinheit diefes Materiales. Cloetta& Schwarz errangen fich für ihren Export und für grofsen Betrieb mit Dampffchneiderei, Schleiferei und Dreherei die Fortfchrittsmedaille. Die Böhmifche Actiengefell fchaft für Baumaterialien hatte in der Quergallerie, 11. Abtheilung, einen Kamin aus rothem filurifchem Marmor, Pflasterplatten diverfer filurifcher Marmore der Umgegend Prag's, in gefchliffenem Zuftande, Saturationskalk, dann Cement und Cementplatten ausgeftellt. Die fonft guten Materialien, namentlich des Cementes, welcher bei den Probearbeiten auf dem Ausftellungsplatze nur eine fehr unaufmerkfame Behandlung erfuhr, liefsen den erzielbaren Effect nicht recht erkennen. Für grofsen Betrieb wurde diefer Gefellſchaft die Ehrenvolle Anerkennung zu Theil. Die Oefterreichifche Bergbahngefellfchaft hatte die von Robert gegründeten Marmorwerke zu Ober- Alm bei Salzburg von deffen Erben, dem Baron v. Löwenftern übernommen und ftellte die verfchiedenen Marmorforten der Adnether Brüche aus. Es find diefs der dichte, gelb bis grauliche weifse Kalk des Kirchenbruches von Adneth( weiſser Jura); der gelblich bis fleiſch und rofenroth gefärbte, und auch durch die eingefchloffenen Verfteinerungen, welche in Kalkfpath umgewandelt find, weifs gefleckte Kalk des Bruches St. Urbano; der feurigrothe mit fchwarzen Ringen durchzogene Marmor des Lienbacher Bruches, welcher fich für Schmückung der Innenräume fo fehr eignet; die dunkelroth bis braunen feinmufchligen Bruch zeigenden Marmore aus dem Motzau, Langmoos- und Schneelbruche, welcher zu Stiegenftufen, Säulen, Thür- und Fenstereinfaffungen, Podeftplatten und Ballluftern hauptfächlich verwendet wird, dann der fogenannte Domberger Scheckmarmor, welcher mit rother dichter Grundmaffe einem grofsen Korallenriff feine Entstehung verdankt, deffen cylindrifche Verzweigungen, in Kalkfpath umgewandelt, im Querſchnitte die weifsen runden Flecken im rothen Grunde erzeugen, worin die Benennung Scheckmarmor und Tropfmarmor begründet erfcheint. Alle diefe Marmore find fehr milde, laffen fich gut hobeln, drehen und bohren, nehmen auch leicht eine fchöne und dauerhafte Politur an, fo dafs fie zu den feinften ornamentalen Luxusarbeiten verwendet werden können. Die Hauptproduction der Ober Almer Fabrik liegt jedoch in der Herftellung der fogenannten Mofaikfufsbodenplatten, welche wegen des glänzend feinen Schliffes und der Politur unter dem Namen ,, Glasmofaik" ausgeftellt waren. Aus den vorhin erwähnten, verfchieden gefärbten Marmoren werden die Abfälle weiter verkleinert, und durch Cement, welchem die natürliche Färbung Steinwaaren. 21 der verwendeten Steine gegeben wird, wieder gebunden und in die Plattenformen geprefst, welche nach einiger Zeit abgefchliffen und egalifirt werden. Es läfst fich nach eingefandter Zeichnung jedes Farbenmufter ausführen, jedoch befchränkt fich der Fabriksbetrieb für currente Waare auf 4 Mufter, u. z: und die Steine weifs find, I. 2. 3. 4. wo der Grund weifs 94 99 " " 9 64 roth fchwarz roth 99 " 99 99 " fchwarz und weifs find und 99 " 99 99 99 Von diefer Fabrik waren ausgeftellt: Fufsbodenplatten, Wandverkleidungen, Podeftplatten, Stiegenftufen, Säulen, Piffoirplatten, Ofenfockeln etc. etc. Herr Franz Goriup in Görz fandte Breccienmarmorplatten in der Stärke von 2 Centimeter, welche mit der Handfäge gefchnitten waren. Herr Wilhelm Köchl ftellte den Brixener Granit, eigentlich den von der Franzensfefte in einem nett gearbeiteten Würfel in der Gröfse von I Meter Kan tenlänge aus, deffen eine Fläche gefchliffen und polirt war. Diefer Granit, eigentlich ein Centralgneifs, wurde hauptfächlich bei den Viaducten und Brücken- Objecten der Pufterthalerbahn verwendet. Herr Luzzato in Aleffandria brachte die Breccienmarmore aus den Brüchen von Grifignano und Rovigno in Iftrien zur Anfchauung, die vorzüglich als Stiegenftufen Verwendung finden. Ferner aus dichtem Karftkalk 2 Säulen: a) 4 Meter hoch und o 45 Meter Durchmeffer; b) 5 Meter hoch und o'54 Durch meffer. Diefem wie dem vorgenannten Ausfteller Goriup wurden Anerkennungsdiplome zuerkannt. Herr Giovanni Meneguzzi in Arco, Südtirol, brachte den doitigen juraffifchen Oolith in einem Säulencapital und in mechanifch gebohrten Wafferleitungsröhren zur Ausftellung. Diefe Röhren, von 4-16 Centimeter innerem Durchmeffer und mit 4-6 Centimeter Wandftärken, halten durchschnittlich einen Wafferdruck von 5 Atmoſphären aus, und werden pr. laufenden Meter in vorgenannter Dimenfion zum Preife von o 76-3.36 fl. Silber loco Fabrik geliefert. Gröfserer Wafferdruck erfordert gröfsere Wandftärken und bedingt höhere Preife. Für die vorzüglich reine Arbeit an dem Capitäl und für die grofse Erzeugung von Wafferleitungsröhren aus vorzüglichem Materiale wurde diefer Firma die Verdienftmedaille zuerkannt. Herrn Anton Ohrfandl in Klagenfurt gebührt das Verdienft, die mehr als locale Bedeutung des fchon den Römern bekannten Pörtfchacher Marmors erkannt und zur Geltung bei den Bauten in Wien gebracht zu haben. Von diefem weifsen, feinkörnig kryftallinifchen Kalke, welcher in verfchiedene, jedoch immer lichte Färbungen, wie die Pfirfichblüthe und in die des Taubengrauen übergeht, war eine reiche Collection verfchiedener Gegenftände, ausgeftellt. Aber auch von dem Treffener( Krafsthaler) kryftallinifchen Marmor, weifs bis blaugrau von Farbe, und von dem rothen, erft neu entdeckten Altendorfer Bruch waren rohe und verfchieden bearbeitete Werkſteine, Säulen, Grabmonumente, Pflasterplatten etc. ausgeftellt. Für die Einführung der Marmor Induftrie in Kärnten erhielt Herr Ohrfand die Verdienftmedaille. Herr Stanislaus Starowiejski von Krosno in Galizien brachte eine Kamingarnitur aus Sandſtein von Odczykow, eine Schale vom Krzeszowicer Porphyr und zwei Vafen von fchwarzem Dembniker Marmor zur Ausftellung. Für die reine und nette Arbeit erhielt er das Anerkennungsdiplom. Herr Johann Steinhäufer in Laas( Südtirol) brachte aus den, dem Carrara Primaforte( Statuenftein) fehr nahe ftehenden, aber ihn in der Dauerhaftigkeit übertreffenden La afer Marmor zwei Kamine, Tifchplatten und Fufsbodenplatten zur Ausftellung. 29 Heinrich Wolf. Das Vorurtheil, welches die Wiener Bildhauer gegen die Verwendung diefes Steines als Statuenftein ftatt jenes von Carrara hegen, ift von den Münchener Bildhauern längft überwunden. Auch in Wien dürfte eine energifche Unternehmung diefem Steine volle Geltung zu verfchaffen wiffen. Herr Steinhäufer erhielt die Verdienftmedaille. Herr Torrelli Giulio in Rovereto( Südtirol) ftellte 56 Marmorforten aus dem Jura Südtirol's und des Etfchgebietes zwifchen Trient und Verona, in prachtvollem Tableau, auf einem Sockel von Rosso di Trento und einem bruno di Caftione aus. Diefe Stücke waren Quadrate von 20 Centimenter Stärke, eine Seite gefchliffen und polirt, wobei die Wirkung der Farbentöne der verfchiedenen Sorten, gut ftudirt, zur vollen Geltung gelangte Herr Torrelli erhielt die Verdienftmedaille. Aus Südtirol wurden noch kryftallinifche Marmore, mehr oder weniger ähnlich dem Laafer, von den Gebrüdern Schmidinger aus Göflan und von Herrn Georg Mutfchlechner ein Marmor von Ober Burgftein im Thale Tauzers, einem Seitenthale des Pufterthales, ausgeftellt. Von letzterem Punkte waren Blöcke und Stiegenftufen, Gefimsftücke verfchiedener Dimenſion und Bearbeitung vorgelegen. Für Exploitirung diefes neuen Materiales ward Herrn Mutfchlechner die Verdienstmedaille zuerkannt. Die Dachfchiefer- Induftrie Oefterreichs, welcher in den jüngften Jahren eine bedeutendere Aufmerkfamkeit zugewendet wurde, und welche bisher nur mit geringem Capital, und meift nur von den Grundbesitzern( einzelnen Bauern) im Tagbruche betrieben wurde, erhebt fich allmälig auf jene Stufe, die die gleichen Induftriezweige am Rhein, in Belgien, Frankreich und England feit langem innehaben. Bekannt find die zahlreichen Brüche, welche zwifchen Olmütz und Troppau und weiter in diefer Richtung gegen Jägerndorf in Oefterreichifch- Schlefien, in mehreren Zügen des Culmfchiefers( der unteren und unproductiven Kohlen formation angehörig) angelegt find. Diefe concentriren fich mehr und mehr in fefter Hand. Man unterfcheidet, den Lagern nach, einen unteren Klotz oder Blockfchiefer, deffen Schieferungs- und Spaltungsflächen mit der Schicht oder Ablagerungsfläche nicht parallel find, d. h. eine falfche Schieferung durch Seitendruck hervorgebracht zeigen. Dann unterfcheidet man einen hangenderen Stockfchiefer, welcher zwar parallel der Schichtung fpaltet, aber in dickeren Schichten bricht. Eine dritte Varietät bildet endlich der fogenannte Blattelfchiefer, welcher ebenfalls parallel der Schichtung, aber vollkommen ebenflächig in fehr dünne Platten ſpaltet. Diefe letztere Varietät ift diejenige, welche dem englifchen Schiefer zunächft fteht und in der Qualität und Ebenflächigkeit die rheinifchen und belgifchen Schiefer überholt. Von den verfchiedenen Ausftellern verdienen hervorgehoben zu werden: Die erfte öfterreichifch- fchlefifche Schieferbruchgefellfchaft des A. Alfcher, J. Hanel& Comp. in Eckersdorf und Freihermersdorf bei Dorftefchen nächft Troppau. Diefe zeigten eine complete Sammlung lackirter Dachfchiefer und Schieferfteine in allen Muftern, wie Tifch- und Billardplatten, Piffoireinfaffungen, Pflafterplatten und kleinere Gegenftände wie Briefbefchwerer etc., zu verhältnifsmäfsig fehr billigem Preife wie z. B. Schieferplatte, 10 Fufs lang, 4 Fufs breit, I Zoll dick, um 35 fl. An Dachfchiefern waren Schuppen, Quadratfteine und englifche Rechtecke in den verfchiedenen Dimenfionen ausgeftellt. Die Maſchinenfchneiderei und Schleiferei geftattet, billige Preife zu ftellen. Steinwaaren. 23 Die Schieferbergbau- Actien gefellfchaft Olmütz hat das Verdienft, den Abbau der Schieferfchichten mittels Stollen zu bewerkstelligen, wobei durchaus in derfelben Schieferlage beffere Qualitäten erzielt werden, als mittels oberflächlichem Tagbau. Mit ihrem mafchinellen Betriebe in der Förderung, Wafferhaltung, ferner beim Zurichten und Hobeln der Schiefer ift fie im Stande, mehr als 250.000 Quadratklafter Dachfchiefer im Laufe eines Jahres zu gewinnen. Vorzüglich auf den Export eingerichtet, erzeugt fie ihre Schiefer in jenen Formen, die in anderen Ländern üblich find, wie englifche, belgifche, franzöfifche und böhmifche Schuppen, Schablonen und Quadratfchiefer, fowie englifche Rechtecke. Sie erzeugt Tifchplatten, rund gefchweift, von I fl. 50 bis 5 fl. pr. Stück, Fenfterparapetverkleidungen, Fenftereinfaffungen, alle Sorten Schriftplatten etc. Herr Carl Weifshuhn bei Wald- Olbersdorf in Oefterreichifch- Schlefien, nahe an der preufsifch- fchlefifchen Grenze, zeigte in einem geologifchen Profile die Lagerung und die Mächtigkeit der Schiefer in der Culmformation, wobei die einzelnen Lagen der Schiefer mit den darin vorkommenden Verfteinerungen fehr inftructiv ausgeftellt waren. Die Erzeugniffe diefes Herrn beftanden ebenfalls in verfchiedenen Sorten Dachfchiefer, nebft Tifch und Bodenplatten, fämmtlich von guter Qualität. Die vorgenannten Ausfteller wurden fämmtlich mit der Verdienftmedaille ausgezeichnet. Ungarn mit feinen Nebenländern. Das Oft Reich unferer Monarchie, deffen Bewohner erft in den Städten und Orten gröfseren Verkehres von der Lehmhütte zum Ziegelhaus, und erft in Ausnahmsfällen zum Steinpalaft vorfchreiten, hat noch eine wenig entwickelte Stein- Induftrie, diefe befchränkt fich auf die Hauptftädte. Gleichwohl haben die Grofsgrundbefitzer wie: Prinz Auguft von Sachfen- Coburg- Gotha oder die königlich ungarifchen Domänen in ihren landwirthschaftlichen und forftlichen Ausftellungen denfelben als Anhang auch die auf diefen Gütern vorkommenden nutzbaren Gefteine in mehr oder weniger gelungener Bearbeitung zur Anficht beigegeben. Bekannt feit langem find die rothen Marmorbrüche des Jura von Piske und Tokod bei Gran. Die Pefter Bauten zeigen die zahlreiche, faft ausfchliefsliche Verwendung diefes Gefteines als: Balconplatten, Stiegenftufen, Podeftplatten etc. Die Firma Anton Gerenday hat fich faft ausfchliefslich die Exploitirung diefes Materiales gefichert, und deren Arbeiten find nicht nur im Lande, fondern auch auswärts durch die verfchiedenen Ausftellungen gut bekannt geworden. Diefelben befchränken fich nicht auf die oben erwähnten currenten Artikel, fondern es waren allerdings auch fogenannte Ausftellungs. Effectftücke in genügender Anzahl exponirt. Wir erwähnen eine Marienftatue aus Carrara auf einem Piedeftal von rothem Pisker Marmor, ein Taufbecken von grauem Dognaczker Marmor, und Anderes. Diefer Pisker Marmor zeigt die im Juramarmor überall herrfchende nierenartige, dunklere Umgrenzung eines lichteren, reineren Kalkkernes derfelben Grundfärbung. Diefe dunklere Umgrenzung zeigt in deren Maffe den Kalk mehr durch Thon erfetzt, und hiedurch weicher als der umfchloffene hellere Kern. Die Witterungseinflüffe bewirken bald ein Erbleichen der Schliffflächen an diefen Stellen, und die fortgefetzte Verwitterung ein Ausbröckeln diefer dunkleren Umfchliefsungsmaffe, und hiedurch ein Vortreten des lichteren Kernes, ähnlich den Aftknorren im abgenützten Fichtenbrett. Diefem Umftande ift es zuzufchreiben, dafs am Wiener Platze der Pisker Marmor durch den Trientiner Marmor verdrängt wurde, welchem die erwähnten Uebelftände in bedeutend geringerem Maafse zukommen. Herr Gerenday erhielt die Verdienftmedaille. 24 Heinrich Wolf. Die Neufohler Steinbruchgefellfchaft, repräfentirt durch Adolf Weiís, exploitirte Sandſteine von gleichmäfsig feinem Korne, welches die Verwendung derfelben auch zu Schleiffteinen geftattet. Diefe Eigenfchaften waren an einem Rohblocke fichtbar, welcher 7 Meter Länge, einen Querfchnitt von o 6 Meter Kantenlänge zeigte. Der Preis per Kubikfufs zu 1 fl. 50 loco Bruch, zu I fl. 80 in Peft, erlaubt die Verwendung als Bauquader. Diefe Gefellſchaft erhielt das Anerkennungsdiplom. Die Staatsbahngefellfchaft, welche in höchft umfangreicher Weife in einem Pavillon die auf den ihr eigenthümlichen Domänen beſtehenden Induftrien und deren Producte zur Darstellung brachte, exponirte auch die Materialien der IX. Gruppe, und zwar Tifchplatten und Treppenftufen aus. dem dichten Kalke von Oravicza; Votivtafel, gefchliffen und polirt von dem Marmor in der Anina; Platten aus kryftallinifchem weifsen Marmor von Dognacska und eine gefchliffene Syenittafel von ebenda etc. etc. Die Preife berechnet die Gefellſchaft pr. Quadratfufs Stiegenpodeftplatten, in gleicher Bearbeitung glatte volle Vorlegftufen bis Peft bis Wien für Balconplatten, von einer Seite bearbeitet, mit einfachem Gefimfe 2 fl. 70 99 99 " " 2 2 20 " " 30 29 66 2 2 2 2 2 fl. 86 26 99 " 9 46 2, 76 3- 20 3- 36 mit Rundftab freitragende Stiegenftufen, die untere Fläche rauh, gefpitzt, mit Rundftab und Plattel Der Staatsbahngefellfchaft wurde von den Juroren der Gruppe IX die Verdienftmedaille zuerkannt. Herr Guftav Mofer, zu Warasdin in Croatien, brachte ein vorzügliches Bildhauermaterial von Vinica, nächft der Bahnftation Friedau in Steiermark, in einem Blocke, von 2 Meter Höhe und o 7 Meter Querfchnitt, zur Anfchauung. Es ift ein Foraminiferenkalk, ähnlich dem Margarethener Kalk, welcher unter dem Namen„ Margarethener Sandftein" von den Bildhauern verwendet wird. Der Stein von Vinica( fprich Vinitza) ift jedoch dichter und noch feinkörniger, daher für Bildhauer noch beffer geeignet. Herr Mofer erhielt das Anerkennungsdiplom. Obwohl Ungarn an mehreren Punkten Dachſchieferlager in älteren Formationen befitzt, werden diefe doch noch nicht ausgebeutet. Nur der Liasfchiefer, welcher die kleinen Karpathen an deren Weftfeite in der Nähe von Prefsburg flankirt, wird bei Marienthal, unweit Neudorf, von einer Gewerkfchaft ausgebeutet. Wegen feines höheren Kalkgehaltes gegenüber allen älteren Dachfchiefern befitzt er jedoch gegen Witterungseinflüffe nicht die gleiche Widerftandsfähigkeit. Die Marienthaler Schiefergewerkfchaft weifs diefen natürlichen Eigenfchaften, welche einer allgemeineren Verwendung im Baufache hinderlich find, durch Verwendung ihres Materiales zu Rechentafeln für Schulen, womit fie einen ausgedehnten Export erzielt, Rechnung zu tragen. Sie erzeugt auch gefchliffene und polirte Tifchplatten, Sockelfteine, gehobelte und gefchliffene Pflafterplatten. Diefer Gefellfchaft wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Die übrigen Länder Europa's konnten der Natur der Sache nach in dem gleichen Genre von Producten hinter Ungarn nur zurückſtehen. Aus Russland hat Herr Jofef Manfel von Smilow bei Schidlovetz im Gouvernement Radom Canalrinnen, Bottiche, Futtertröge, Thür- und Fenfterverkleidungen, Steinwaaren. 25 Brunnengrände, ferner Platten von 5 Meter Länge, 180 Meter Breite und nur o'15 Meter Dicke von feinkörnigem Sandftein ausgeftellt. Diefe Sandfteine find auch für Bildhauerarbeiten fehr geeignet. Der Ausfteller erhielt die Verdienftmedaille.. Rumänien. Aus Rumänien ftellte Herr Barbu Bellu, von Besdadu, einen Lithographirftein aus, welchem gefchliffen, das fürftliche Wappen, mit einem rumänifchen Texte begleitet, eingravirt war. Herrn Barbu Bellu wurde das Anerkennungsdiplom zugefprochen. Türkei. Aus der Türkei endlich waren durch Herrn Flamm in Tultfcha a. d. Donau Quadern von fchwarzem Marmor und Platten von rothem Sandſteine, wahrfcheinlich von den Balkangehängen, und ein Mofaiktifch ausgeftellt. Auch diefem Herrn wurde das Anerkennungsdiplom zugefprochen. Central- Afien. Aus Central- Afien hatte Dr. Leitner antike und moderne Steinwaaren ausgeftellt( Verdienftmedaille). Japan. Von Japan waren aus dem Arfenal von Jokumské Baumaterialien aller Art( inclufive Cement), darunter vorzüglich reine Arbeiten in Granit und Marmor ausgeftellt. Auch diefer Expolition ward die Verdienftmedaille zuerkannt. 3. STEIN WAAREN ( von mehr oder minder künftleriícher Ausführung). Ich trenne diefe Gruppe von den anderen Steinwaaren, welche eigentlich Baumaterialien find, ab, weil fie nicht mit demfelben Maafse gemeffen werden können, obgleich die Preife: Anerkennung, Verdienft- oder Fortfchrittsmedaille die gleiche Auszeichnung wie in der vorhin abgehandelten 2. Abtheilung diefes Berichtes andeuten. Die in diefer 3. Abtheilung zu befprechenden Producte dienen zur Ausfchmückung und Ameublement der Wohnräume, zur Schmückung von Monumentalwerken etc.; fie erfordern eine mehr akademifche, künftlerifche Ausbildung des Producenten, des Arbeiters. Es ift das Kunstgewerbe, welches hier als Producent auftritt. Diefes Moment wurde auch dadurch anerkannt, dafs zu den drei vorhin genannten Auszeichnungen hier auch folche für guten Gefchmack verliehen werden konnten. Wenn wir die Länder alle die Revue paffiren laffen, wie fie im Prater vertreten waren, fo fehen wir, dafs auch in der Gruppe der Steinarbeiten die Kunftinduftrie und das Kunftgewerbe in Frankreich die breitefte und folidefte Bafis bis heute behaupten, und dafs das franzöfifche Kunstgewerbe insbesondere das viel ältere italienifche mit Ausnahme der fogenannten Florentiner Mofaikarbeiten weit überholte. Abgefehen von Frankreich fehen wir die Beftrebungen auch in Oefterreich und in Deutſchland danach gerichtet, der Kunstinduftrie auf diefem Gebiete eine weitere gröfsere Bafis zu fchaffen. 26 Heinrich Wolf. England und danach Amerika rangiren erft hinter den letztgenannten Ländern. Rufsland jedoch fteht ganz beifeite, und nur in einem Zweige behauptet es den allererften Rang auf dem ganzen Erdenkreife, und diefer Zweig ift die Edelfteinmofaik, welche nur durch die kaiferlichen Fabriken eines fo grofsen Reiches auf diefe Stufe gehoben werden konnte. Diefelben find jedoch nicht auf den Erwerb angewiefen, fondern haben nur der Kunft allein ihre Thätig. keit zu weihen. Auch Indien und Japan zeigen in den exponirten Gegenständen eine kunftvolle Kleininduftrie; von China jedoch, obgleich diefem Lande vielleicht ein höherer Rang in der Anfertigung von Nippfachen aus Stein zukommt, war nichts Geordnetes aufzufinden. In den einzelnen Ländern find folgende bemerkenswerthe Leiftungen hervorgetreten: Amerika. W. R. Hani om& Sohn brachten Verkleidungen, Tifchplatten etc. aus Champlainmarmor und dem rothen Marmor von Vermont, welche mit Mafchinen bearbeitet waren( Anerkennungsdiplom). Spanien. Nolla Miguel é hijos in Valencia brachten Mofaikbodenplatten in prachtvollen Muftern; es wurde ihnen die Fortfchrittsmedaille zuerkannt. Vicente Eftrada in Barcelona fandte Mofaiktafeln, dann einen Kamin von weifsem kryftallinifchen Marmor mit Füllungen von fchwarzem Marmor, wodurch ein fehr hübfcher Effect erzielt war, in fehr netter Bearbeitung ( Verdienftmedaille). Schweiz. Hubert Freiherr v. Stücker brachte Sculpturen in Breccienmarmor, Caffetten, Toilettefpiegel mit Alabafterverzierungen und anderen kleinen Nippfachen zur Ausftellung. Ihm wurde das Anerkennungsdiplom zu Theil. Frankreich. In erfter Linie kommt Eugene Cornu& Co. zu ftehen, welcher die vorzüglichften Marmorforten Italiens, Frankreichs, Algiers zu den verfchiedenften Ameublementftücken, die Armirung derfelben mit Bronze und Email, in den verfchiedenften Stylarten combinirt, ausftellte, und damit grofsen Effect hervorbrachte. Diefe Firma zeigte die reichfte Ausstattung an Kaminen zu Preifen von 6-10.000 Francs, Säulen, Candelabers, Uhrgehäufe, Lufter etc. Eugene Cornu& Co. war hors concours. Ausserdem waren Gleiche Richtung vertraten die Firmen Dervillé& Co., Loichemolle, Dupuis, Parfoury& Lamaire( Verdienftmedaille). Maliano& Favier für algerifche Onyxplatten( einem aus warmen Quellen abgefetzten Travertin), mit der Anerkennung belohnt. G. Hermann in Paris bekam für die Bearbeitung befonders harter Steine und der daraus gefertigten Gegenftände wie: Vafen von Bergkryftall, Porphyr, Granit und deren Armirung mit Bronze, die Verdienftmedaille. Varangoz in Paris, für gefchnittene und gefchliffene Prismen aus Berg. kryftallen zu Lufterfteinen, erhielt ebenfalls die Verdienftmedaille. Steinwaaren. Italien. 27 Die kunftvollen Objecte von der Fabrica Vaticano in Blumenmofaik von unvergleichlicher Schönheit, ferner die Arbeiten in pietra dure( Edelſteinmofaik) aus der Galleria reale in Florenz zeigen die vollendetfte Technik. Nicht minder auch die Arbeiten von Pietro Bazzanti e figlio in Steinfchmuck und in Mofaiken antiker Form, dann die Serpentinvafen des Cavaliere Moglia Luigi in Rom und die Arbeiten des Torrini Giocondo in Florenz, eine Figur aus Achat, drei Tifchplatten aus Marmormofaik und ein Landfchaftsbild in Mofaik. Alle die Genannten erhielten für ihre kunftvollen Objecte die Fortfchrittsmedaille. Die Medaille für Guten Gefchmack ward zuerkannt: Dem Andreoni Giuſeppe in Pifa; den Brüdern Beccuci in Florenz; dem Cecchi Carlo in Pifa, für ihre Arbeiten in Alabafter. Die Verdienftmedaille ward zuerkannt: für Mofaikarbeiten dem Bonanno Luigi in Rom, dem Cav. Emanueli Giovanni in Mailand für einen Kamin von Marmor di Port d'oro mit Füllungen von Cararra und Malachit, und einen Salonfpringbrunnen aus 4 Wafferfpeiern( Schildkröten), in deffen Becken ein Fifcherknabe angelt; dem Francolini Tito in Florenz, für ein Reliefbild in hartem Stein( aus der Kunfthalle übertragen); dem Galandi Luigi in Rom für Mofaikarbeiten; defsgleichen dem Orlandini Leopoldo in Florenz; dem Piazza Giacomo in Volterra, für Arbeiten in Alabafter; dem Scheggi Cefare e fratelli in Settinano, für Vafen mit Unterfatz aus Serpentin( zum Preife von 2400 fl.); dem Ferdinand Vichi in Florenz, für feine Säulen, Vafen und Statuetten in Serpentin und Marmor, für 12 Tifchplatten mit Intarfien von Porphyr und fchwarzem belgifchen Marmor( von Namur). Anerkennungsdiplome wurden zuerkannt: dem Caponetti Antonio in Neapel, für die fehr netten Arbeiten an Kaminen von Carrara, deren Fufs aus Port d'oro und deren Füllungen aus Holz waren; dem Eugeni Felice in Rom für Schnitzereien in Bergkryftall; dem Gianoli G. B. in Sondrio, für Arbeiten in Serpentin; dem Manefchi Filippo in Rom, für Mofaik; dem Peduzzi Renato in Mailand für Kamine und Sculpturen aus Carrara; dem Rocchi Carlo in Florenz, für einen Kamin aus Carrara, im Style des 16. Jahrhunderts; dem Scappini Giovanni in Florenz, für Arbeiten in pietra dura; dem Taddei Luigi in Venedig. für Mofaikarbeiten; dem Taddeini Bartolomeo in Volterra für Alabafterarbeiten; dem Ugolini Giovanni e Antonio Mazzanti, für kleine Mofaikarbeiten; dem Zamolo Giovanni in Venedig, für Kamine aus Sienamarmor mit Cariatiden von nero antiquo und Säulen von Verde antiquo. Schweden, welches eine eigentliche Kunftinduftrie an Steinwaaren nicht befitzt, debütirte jedoch mit ganz originellen Schmuckſteinen, welche in Goldfaffung, als Chemifetteknöpfen, Stecknadeln, Ohrgehängen und an Fingerringen Verwendung fanden, wegen deren Neuheit viele Liebhaber und Käufer fich einftellten. Es waren diefs die kleineren zierlicheren Verfteinerungen aus den filurifchen Kalken, die in vorzüglicher Erhaltung die Naturhifto riker unter den Ausftellungsbefuchern fehr inter effirten. Der Ausfteller Herr J. W. Klintberg erhielt ein Anerkennungsdiplom. Belgien hatte feine Exportfähigkeit in diverfen Artikeln gezeigt, und war vertreten durch A. Lintelo in Brüffel, welcher aus Marmor du Namur alle Arten Uhrgehäufe und Käften, Vafen, Etagères mit Malachit Intarfien und Metallfournirung in vor 28 Heinrich Wolf. züglich reiner Arbeit vorftellte; durch F. Tainfy, successeur de A. J. Leclercq in Brüffel, welcher mehrere Kamine aus verfchiedenen Marmoren in ganz vorzüglicher Arbeit zu Preifen von 1000-6000 fl. brachte und durch Puiffant frères, mit seinen Kaminen von fine rouge Griotte. Gefimsanfätzen von Pierre du Namur, von Carrara blanc claire, combinirt mit Pierre du Namur, und Vafen aus letztgenanntem fchwarzen Marmor. Die Genannten erhielten die Verdienftmedaille. Deutsches Reich. In diefer Abtheilung( der Steinarbeiten für innere Hauseinrichtung und Decoration) waren aus dem Deutfchen Reiche nur wenige Firmen mit hervorragenden Leiflungen auf dem Weltausftellungsplatze erſchienen. In erfter Linie zu nennen find: Die Actiengefellfchaft zu Zöblitz im fächfifchen Erzgebirge, welche die dortigen vorzüglichen Serpentinlager einer höheren Verwerthung zuzuführen fucht. Die erzgebirgifchen Serpentine, welche in den kryftallinifchen Schiefern eingelagert find, in deren Fortfetzung längs der bayerifch- böhmifchen Grenze wieder ähnliche Serpentinlager in der Gegend bei Marienbad erfcheinen, eignen fich vorzüglich zur decorativen Ausftattung wegen ihrer leichteren Bearbeitung und ihrer guten Politurfähigkeit, fowie wegen ihres reicheren Farbenwechfels, welcher von Lichtlauchgrün bis in dunkles Stahlgrün mit den verfchiedenartigften Nuancirungen in Dunkelkirfchroth und Braun verläuft, und aufserdem durch die zahlreichen Granaten, welche der Grundmaffe eingelagert, in ihrer Zerfetzung als dunklere Flecken darin erfcheinen, und die den Effect, befonders in lichterer Grundmaffe erhöhen. Die Ausstellungs- Objecte diefer Gefellſchaft beftanden in prachtvoller Serpentin Mofaik auf Vafen, Chatullen, Tifchen, dann in Kaminen, Meublements etc. Diefer Gefellfchaft wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Die Gebrüder Pfifter in München hatten Kamine von Carrara, dann Fufsbodenplatten aus Marmor von Spezzia und Port d'oro, dann von Prato in Toscana ausgeftellt, welche in den Hallen des Römifchen Bades zu Wien ihre Verwendung fanden. Es ward das Anerkennungsdiplom gewährt. J. W. C. Reyer& Co. in Hamburg hatten Kamine und Tifchchen aus italienifchen und belgifchen Marmoren ausgeftellt, ebenfo Roth von Hamburg. Beiden wurde das Anerkennungsdiplom zuerkannt. M. L. Schleicher in Berlin hatte eine nette, rein gearbeitete Collection von Alabaftervafen, Kaminen von Marmor, Port d'oro und aus Lumachello, dann. Säulen aus Marmorbreccien, Wafferbecken etc. ausgeftellt. Vollkommen neu waren die von derfelben Firma mit Maſchinenfchnitt und Hobel erzeugten 4-5 Meter langen und 2-3 Centimeter breiten Marmorleiften, und dann Bilderrahmen, welche für Zimmerdecoration einen neuartigen, billigen Schmuck ermöglichen. Wegen grofsem Vertrieb der Erzeugniffe und wegen diefer Einführung neuer Decorationsmittel wurde diefer Firma die Fortfchrittsmedaille zuerkannt. Oefterreich. und Wenn wir von jenen currenten Bildhauer- und feineren Steinmetzarbeiten abfehen, wie fie die Votivtafeln und Denksteine unferer Friedhöfe zeigen die durch ein eigenthümliches Reglement vom Ausstellungsplatze ausgefchloffen waren, welches aber von Kundigen doch umgangen werden konnte, fo blieb für decorative Arbeiten in Stein nur ein fehr reducirtes Gebiet für uns in Oefterreich übrig, welches aber genügend gut vertreten war. Steinwaaren. 29 Unter jenen Leiftungen, welche hervorgehoben zu werden verdienen, gehören die des Jofef Horner in Linz für zwei Votivtafeln in Marmor mit nett gearbeiteten Reliefs.( Anerkennungsdiplom.) Ferner von Franz Lichtblau in Saubsdorf in Oefterreichiſch- Schlefien ( Grabmonumente aus dem grauen kryftallinifchen Marmor); von Jofef Franke in Grofs- Kunzendorf( ein Taufbecken aus gleichem Marmor); von Albert Förfter in Zuckmantel( nette, gute Arbeit aus fchlefifchem Marmor an einem Tifch mit Fufs aus einem Stück); ferner von Fabian Hochftim in Krakau ( Toilettegegenftände aus Dembnicker Marmor und Mienkinaer Porphyr, welche nett gearbeitet waren); dann von Conftantin v. Orlowski aus Brzozdowce in Galizien( Tifchplatten, Vafen, Leuchter etc. aus dem Gyps des Dnieftergebietes) ,, dann von Jofef Schroth aus Saubsdorf( Brunnen mit Vafe und Mufchel aus fchlefifchem Marmor). Allen diefen wurde das Anerkennungsdiplom zuerkannt. Andrea Francini in Wien brachte in der Rotunde einen fehr gefchmackvollen Kamin aus Carrara( clair blanc) mit einem Unterfatz aus grauem Marmor, mit reicher Decorirung, zur Ausftellung. Es wurde ihm die Verdienftmedaille zuerkannt. Carlo Vanni's Nachfolger, welcher auch den Kamin im Kaiferpavillon lieferte, brachte aufserdem einen Kamin aus grünem Marmor( verdi di prato), dann vier Säulen und Vafen von Serpentin, zwei Kamine von Carrara, kleinere Büften und verfchiedene andere Artikel und Nippfachen aus Carrara und Alabafter in gefchmackvoller Ausführung zur Anfchauung. Ihm wurde die Verdienft. medaille zuerkannt. Anton Wafferburger in Wien hat mit feiner gothifchen Grabcapelle, rechts vom Südportal der Rotunde, in der Elifabeth Avenu entfchieden den erften Rang in Vorführung ftylvoller Objecte zu erringen verftanden. Der Entwurf hiezu war Friedrich Schmidt, die Detail- Ausarbeitung deffen Schüler Karl Schaden, die Ausführung, fo weit fie den figuralifchen Theil betraf, die vier Cardinaltugenden darftellend, Luis le Grain und die ornamentale Ausarbeitung Jofef Pokorny übertragen. Die übrigen zum architektonifchen Aufbau nöthigen Verfatzftücke waren im Atelier Wafferburger felbft gearbeitet, und zwar die Aufgangsftufen fammt Fries aus Mauthaufener Granit. Die fechs Säulen waren aus dem fleifchrothen Granit des fächfifchen Erzgebirges. Diefes Material war rein gefchliffen und polirt. Das Material für den ornamentalen und weiteren gothifchen Ausbau der Capelle war von dem neuen, in der Bildhauerei fo beliebt gewordenen Mokritzerftein aus Krain gearbeitet. Der Sarkophag jedoch, das Hauptftück des ganzen Ausftellungs- Objectes, durfte wegen des vorhin erwähnten eigenthümlichen Reglements nicht aufgeftellt werden, wenigftens fo lange, bis die Ausftellung officiell gefchloffen war. Dann erft wurde derfelbe auf den Platz gebracht und aufgeftellt, damit ein completes Bild diefes Objectes aufgenommen werden konnte. Herr Wafferburger erhielt für diefes Object die Fortfchrittsmedaille. Nicht unerwähnt darf hier bleiben die Kanzel für die neue Fünfhaufer Kirche, welche in der Rotunde aufgeftellt war. Der Entwurf von Friedrich Schmidt( gothifch) wurde ausgeführt in Mokritzerftein durch Franz Schönthaler. Diefes Object reiht fich dem vorbefprochenen, von Wafferburger ausgeftellten würdig an. Jedoch wurde das eine von der Jury für kirchliche Kunft und das andere von der Jury für Stein waaren beurtheilt. An beiden Objecten konnte man fehen, wie das hauptfächlich verwendete Material es ermöglicht, des Bildhauers Kunft zur vollen Geltung zu bringen. Es ift der Mokritzerftein ein tertiärer Foraminiferenkalkstein, und nicht ein Sandftein, wie ihn die Bildhauer und Steinmetze in Wien fälfchlich benennen. Volle würdige Befprechung erfuhren beide Objecte in dem 30 AC Heinrich Wolf. Bericht für kirchliche Kunft von Hanns Petfchnig, auf welchen ich hiemit verweife. Hier fei nur noch erwähnt, dafs dem Herrn Franz Schönthaler für feine ftylvolle Arbeit die Fortfchritts medaille zuerkannt wurde. Ungarn hatte nur fchwache Verfuche für Decorirung von Innenräumen mit Steinarbeiten aufzuweifen. Es betheiligten fich: Bernaschek Adolf in Kronftadt mit einer Tifchplatte aus Steinmofaik; Depold Lajos in Peft in Nachahmung venetianifcher Mofaik; Gebrüder Krifto folly in Peft ebenfalls mit Moſaikarbeit. Von hervorragenderer Bedeutung waren die Objecte des Herrn Hofhaufer Ludwig in Peft, welcher einen Kamin von weifsem kryftallinifchem Dognacska- Marmor in hübfcher Ausführung zur Schau ftellte. Defsgleichen find hervorzuheben die Büften und Säulen aus Carrara und Alabafter( darunter die Büfte Andráffy's), welche von Herrn S. Pettanú( Pezzano) exponirt waren. Den beiden Letztgenannten, Hofhaufer und Pezzano, wurden Anerkennungsdiplome zuerkannt. Russland. Wenn wir von der Ausfchmückung des ruffifchen Kaiferpavillons mit Altar und Tifchen aus weifsem kryftallinifchem Marmor durch Maderni& Ruggio abfehen, wofür die Verdienftmedaille zuerkannt wurde, fo waren aus Rufsland keine weiteren Objecte aus weicherem Steinmateriale, wie folches für Sculpturen und in der Plaftik in Anwendung ift, ausgeftellt. Man müfste nur die von Herrn Ilazka Sachita aus Pervufchin im Gouvernement Orenburg exponir. ten, aus Steinfalz gedrechfelten und gefchnitzten Candelaber, Leuchter etc. einbeziehen wollen. Dagegen find die Arbeiten in harten Steinen beffer und vorzüglicher zur Darstellung gelangt, als es jedem anderen Lande möglich wäre. Die kaiferliche Fabrik für Mofaik in Peterhof mit ihrem Director Jeffinovics und dem Meifter Kokovin, dann die kaiferlichen Manufacturen in Jekaterinenburg und in Kolyvani leifteten das rühmlichfte und effectvollfte in Arbeiten aus harten Steinen, welche am Ausftellungsplatze überhaupt zu fehen waren. Diefe Fabriken verarbeiten nur ruffifche Materialien, welche in den Bergwerken des Urals und Sibiriens gefunden werden und an die Fabriken abzulie. fern find. Es find keine eigentlichen Handels- und Verkaufsartikel, welche hier producirt werden, fondern die Producte find meift zu Gefchenken beftimmt, welche die ruffifche Kaiferfamilie an andere Höfe oder an auszuzeichnende Perfonen vertheilt. In den drei genannten Fabriken arbeiten an 160-200 Perfonen. Die Gegenstände waren nicht nur in der Rotunde, fondern auch in der Gallerie aufgeftellt. Man fah eine Vafe von graubraunem Porphyr auf einem Piedeftal von grünem Granit; eine folche von Rhodonit( Kiefelmangan) auf einem Piedeftal von Marmor mit Jaspis- Intarfien aus der Fabrik von Kolyvani. Von der Fabrik in Peterhof einen Juwelenfchrank aus Malachitmoſaik; einen Tifch von fchwarzem Marmor mit eingelegten Trauben aus Edelſteinmofaik; eine Caffette mit eingelegten Früchten, worunter die Kirfchen durch Carneol, die Birnen durch Jaspis, die Pflaumen aus Chalcedon, die Trauben durch Amethyft, die Oliven durch Topas, die Stachelbeeren durch weifsen Carneol und die Blätter durch Nephrit dargestellt waren; ferner eine Caffette mit Blumenmofaik, in welcher die Glockenblumen durch Lazurftein, die Nelke durch Steinwaaren. 31 Milchopal, das Vergifsmeinnicht durch Türkis, die Stengel durch Jaspis, die Blätter durch Nephrit und ein das Bild vervollſtändigender Schmetterling durch Jaspis und Rhodonit dargestellt wurde. Neben diefen Gegenftänden waren noch viele diverfe Schmuck- und Toilettegegenftände exponirt. Diefe hervorragenden Leiftungen wurden mit dem Ehrendiplom ausgezeichnet, dem einzigen, über welches die Jury der Gruppe IX verfügen konnte. Die kaiferlichen Fabriken, welche nicht für Handelswaare forgen, gaben jedoch der Privat- Induftrie die Vorbilder und die Anregung, diefe Lücke auszufüllen, und wir fehen in der That unter den verfchiedenen Firmen, welche Es ift C. Höffdiefen Gefchäftszweig vertreten, eine befonders hervortreten. rich in Petersburg mit feinen Arbeiten aus Mofaik und in Malachit, in der Mofaik aus Rhodonit, Lazulith, Labrador, Onyx, Amethyft, Rauchtopas, Nephrit, Chrysopras, Korallen, Jaspis und Aventurin. Unter vielen Nipp- und ToiletteGegenständen waren 7 Spieltiſche aus Serpentin mit Lazulith- und Malachit- Intarfien in fchöner Conception bemerkbar. Höffrich erhielt die Verdienft. medaille. Aufserdem ward aus Rufsland noch folgenden Firmen für ähnliche Arbeiten das Anerkennungsdiplom zuerkannt: Herrn Johann Spörhafe in Petersburg, für fournirte Arbeiten in Malachit und für verfchiedene Gefäfse aus Nephrit, Chalcedon etc. etc.; Herrn Johann Stebak off in Jekaterinenburg( Gouvernement Perm), für Toilette- Artikel von Rhodonit, Bergkryftall, Amethyft, Onyx; Herrn Kortfchakoff- Siwitzky in Kameni- Brod( Gouvernement Kiew), für Tiíchplatten und Labradorblöcke. Es feien hier noch erwähnt die Nephritgefäfse und gefchnitzten Graphitgegenstände, welche Herr Joh. Peter Alibert aus Mont Batugol in Sibirien in der Gruppe I exponirte, und wofür ihm die Verdienftmedaille zuerkannt wurde. Türkei. Die Türkei war vertreten durch Andrias in Conftantinopel, welcher einen Kamin für ein bürgerliches Wohnhaus aus grofs- kryftallinifch- parifchem Marmor, dann den Achmed brunnen, der eigentlich nicht zur Vollendung gelangte, ausftellte. Die Jury hatte ihm die Verdienftmedaille zuerkannt. Dragomanovich in Corfu brachte zwei Kamine von gelbem Marmor der dortigen Gegend zur Ausftellung, welchen, ihrer netten Arbeit und des billigen Preifes wegen( 200 Francs pr. Stück), das Anerkennungsdiplom zu Theil wurde. Perfien. Aus Perfien waren aus der kaiferlichen Sammlung eine Anzahl von Nephritgefäfsen, und von dem Handelshaufe Ziegler& Co. in Tabris fechs Schaalen und fechs Taffen aus Speckstein von Khoraffan ausgeftellt, welche wegen ihrer netten Sculpturen im nationalen Style die Anerkennung errangen. Indien. Aus Indien hatte Herr H. G. Keene in Agra kunftvolle Speckſteinfchnitzereien, dann Taffen und Chatouillen und zierlich gearbeitete Luftgitter aus weiſsem und rothem Sandftein ausgeftellt. Ihm wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Ghulam Abad im britifchen Punjab brachte Nephritchatouillen mit eingelegtem Edelsteinzierath in reiner, netter Arbeit( Anerkennungsdiplom). Der Secretär des Local- Comités zu Lahore im Punjap fandte nebft Armringen, gefchmackvoll gefchnitzte Degengriffe aus Nephrit und noch 32 Heinrich Wolf. andere Schmuckgegenftände aus Achat, Chalcedon etc. Es wurde ihm die Verdienftmedaille zuerkannt. Ebenfo fandte der Secretär des Local- Comités der nordwestlichen Provinzen Schmuckgegenftände in netter Ausführung aus Achat, Chalcedon, Halsketten von Nephrit, Flurplatten und zierliche Luftgitter. Es wurde ihm ein Anerkennungsdiplom zuerkannt. Japan. Aus Japan waren auch in diefem Genre ganz vorzügliche Arbeiten vorhanden. Zeigte fchon die grofse Dioritplatte mit dem ausgemeifselten Schilfrohr, welche im Gartenplan des japanefifchen Haufes neben dem Bächlein an einem Baume gelehnt ftand, und dann in den Befitz der Wiener Gartenbaugefellſchaft überging, die grofse Technik auch in der Sculptur, fo zeigten die in der japanischen Galerie ausgeftellten aus einem Stück Diorit gefchnitzten, in einanderhängenden Ringe und die verfchiedenen Tufchzeuge aus Serpentin, dann die Schmuckarbeiten aus Bergkryftall, welche ein Herr Aracoura von Jeddo ausftellte, und dann die aus den kaiferlichen Sammlungen stammenden Objecte der Plaftik und der Hauseinrichtungen in gefchnitztem, gedrechfeltem und gefchliffenem Zuftande aus den verfchiedenften Gefteinen, wie weifsem. rothem und gelbem Marmor, dunkelgrauen Numulitenkalken, Conglomeraten etc., welche Fortfchritte die öftliche Civilifation in kunftvoller Steinarbeit gemacht hat. Diefen beiden Ausftellern wurde die Verdienftmedaille zugefprochen. 4. MAHL, SCHLEIF UND WETZSTEINE, DANN SMIRGEL UND SMIRGELWAAREN. Diefe Abtheilung der Steinwaaren war nicht auf der Ausftellung durch alle Länder befchickt. Nur diejenigen Länder, welche in vorragender Weife die manuelle Arbeitskraft auf die Maschine übertragen haben, befchickten diefelbe. Die Mahlfteine fanden zumeift ihre naturgemäfse Aufftellung in den landwirthschaftlichen Abtheilungen der einzelnen Länder und waren fcharf gefondert von den Schleif und Wetzfteinen, dem Smirgel und den Smirgelwaaren, die fich mehr der Maſchinen Abtheilung und den Metall- Induftriezweigen anfchloffen. Mit diefer Sonderung ift dargethan, dafs die Fabrication der Mahlfteine owohl, als auch die der Schärfungsfteine als felbftftändige Induftriezweige fich nur da entwickeln konnte, wo die anderen Induftrieen eine folche Ausdehnung erlangten, dafs fie fich nicht mehr mit der Herftellung ihrer Hilfswerkzeuge befaffen konnten. Darum fehen wir, dafs von Ländern, wo nur die Hand- und Bauernmüllerei herrfchend ift, keine Mahlft eine, und dafs in Ländern, wo die Mafchinenfabrication und mechanifchen Induftrieen nicht auch für den Export fähig find, die Bearbeitung der Schärfungsgefteine noch nicht den engen Horizont der Haus- Induftrie und des Kleingewerbes verlaffen hat. Wir fahen von England, welches fein Mehl fertig importirt oder mit Stahlwalzen erzeugt, und für feine Cementmahlerei nur franzöfifche oder belgifche Steine bezieht, keine Mahlfteine in der Ausftellung. Defsgleichen nicht von Amerika. Dagegen war von Frankreich der Ausftellungsplatz mit Mühlfteinen faft überfchwemmt, da die Kunftmüllereien Deutfchlands und Oefterreich- Ungarns gegenwärtig noch gröfstentheils franzöfifche Mühlft eine beziehen. Sich diefem Import zu entziehen, machten Deutfchland und OefterreichUngarn fchon feit längerer Zeit Anftrengungen, indem diefe Länder die Fabri Steinwaaren. 33 cation der Mühlfteine nach franzöfifcher Art bei fich einzubürgern fuchten und das Rohmaterial hiezu, die Carreaux von La Ferté sous Jouarre direct beziehen, oder auch durch heimifchen Quarz zu erfetzen fuchen. Oefterreich Ungarns Beftrebungen in diefer Richtung find jedoch von gröfserem Erfolge begleitet, da es unterſtützt ift durch den heimifchen Süfswaffer. quarz, welcher als Nachwirkung der grofsen Trachyt- Eruption in Ungarn erfcheint, der, ganz analog jener in der Dordogne und Maine in Frankreich, lange dauernde Ausftrömungen heifser Quellen folgten, welche viel Kiefelfäure gelöft enthielten und beim Erkalten an der Oberfläche abfetzten. Je näher dem Aufftrömungspuncte der Quellen, defto dichter, opaker find die Quarzmaffen, und je entfernter von diefem Aufftrömungspuncte fchliesslich diefe Kiefelfäure in einzelnen Tümpeln abgefetzt wurde, um fo weniger dicht und opak, d. h. poröfer wird folcher Abfatz. Gleichzeitig nehmen in fich auf und bedecken diefe Kiefelfäure- Niederfchläge die verfchiedenen Gräfer und Pflanzenrefte und andere Gegenftände, die an der Oberfläche wuchfen und sich vorfanden; sie werden dadurch noch poröfer und zur Verwendung als Mühlfteinquarz geeigneter. Diefe Süfswafferquarze belegte man nun mit eigenen Namen, um fie fchon hiedurch zu unterfcheiden, und nannte die erftere dichtere Varietät Hydroquarzit und die andere, wegen der Ablagerung an niedereren, verfumpften Stellen und der Aufnahme von Sumpfgräfern und anderen Pflanzen und hiedurch bedingten poröferen Zuftände, Limno quarzit. Es fcheint, dafs bei den Franzofen diefe letztere beffere Varietät durch den langjährigen und ausgedehnten Betrieb fchon ganz ausgebeutet ift, oder nur mehr in fehr kleinen Stücken zu haben ift und nun durch die derbere Varietät vertreten werden mufs. Die Carreaux fowohl, als wie die fertigen Mühlfteine, die aus Frankreich am Wiener Platze zu fehen waren, fchienen diefe Anfchauung zu unterſtützen. Um fo grösser war das Erftaunen der Fachleute, als ich dem ungarifchen Quarzit, den fie feine Nationalität nicht anerkennen wollten und die fie nur als franzöfifchen zu betrachten wufsten, in der Weife zur Anerkennung verhalf, indem ich an den Durchfchnitten der Pflanzen: Phragmites Ungeri, der Typha Ungeri und des Glyptostrobus europaeus erwies, dafs diefe den ungarifchen Limno quarzit en eigenthümlich und in franzöfifchen Süfswafferquarzen, wie fie am Platze vorlagen, nicht erweisbar feien, während die andere Gruppe der Süfswafferquarze, welche der Ausflufsftelle der einftigen Quellen näher liegen, die ungar ifchen fowohl, als die franzöfifchen, die Hydro quarzit genannten Varietäten in der Qualität fich gleich ftehen. Infofern als die öfterreichiſch- ungarifchen Mühlfteinfabrikanten das Verftändnifs erlangen werden( welches fie aber gegenwärtig noch nicht befitzen), die Limno quarzit genannten Varietäten mit den Pflanzenreften aufzufinden und vorherrfchend zu verwenden, infofern werden fie ftets ein befferes Fabricat liefern können, als es den Franzofen mit ihrem Materiale noch möglich ift. Bei der Verwendung diefes Materiales ift nämlich darauf zu ſehen, dafs die Einfchlüffe von Phragmites und Typha mit ihrer Querfchnittsfläche parallel zur Mahlfläche und die Längenachfe diefer Pflanzenrefte parallel zur Drehungsachfe des Läufers ftehen. Solche Hydroquarzite und Limnoquarzite aus Niederfchlägen von einftigen Kiefelfäure führenden heifsen Quellen find in Ungarn an vielen Puncten innerhalb der Region des Eruptionsgebietes der Trachyte gefunden worden und noch zu finden. Ich nenne nur in dem centralen Eruptionsftocke von Kremnitz- Schemnitz die Süfswafferquarze von Hlinik( auch Geletnek genannt), und Wlcy Potok, von Lutilla, Deutfch- Litta und Szlaska; im Eperies- Tokajer Trachytgebiete die Süfswafferquarze von Erdöbenye, Basko, Fony und Sárospatak, und in dem grofsen Trachytzuge am Südrande der Karpathen zwifchen 3 34 Heinrich Wolf. dem Vihorlat und dem Gutin an der Siebenbürgergrenze, die Umgegend von Beregh. Hiebei ziehe ich die Vorkommniffe in dem grofsen fiebenbürgifchen Trachytzuge des Munczel und des Hargitta gebietes längs der rumänifchen Grenze noch gar nicht in Betracht. Alle diefe Lager ftehen noch faft uneröffnet zur Unterſtützung und WeiterEntwicklung unferer Mühlfteinfabrication zur Verfügung, und ich zweifle nicht, dafs wir in Oefterreich- Ungarn hiedurch die volle Emancipation vom franzöfifchen Materiale in nicht zu ferner Zeit erlangen werden. Mit den dargelegten Verhältniffen über den Werth unferes inländifchen Materiales als Geologe, und über das Vorkommen derfelben von der geologifchen Landesaufnahme her; durch Autopfie vollkommen vertraut, konnte ich diefelben als Juror am Ausftellungsplatze im Hofe 14 A der ungarifchen Abtheilung an einem Mühlfteine, welcher von der Uj- Bánya er Mühlftein Actiengefellfchaft ausgeftellt war, den übrigen Jurymitgliedern demonftriren, welche diefen Stein nur aus Carreaux, von La Ferté erzeugt, fich vorftellen konnten. Ich reclamirte mit Erfolg für die Uj Bányaer Gefellfchaft aus die fem Anlaffe die Fortfchrittsmedaille. Herr Roger, einer der bedeutendften Fabrikanten franzöfifcher Mühlfteine und Befitzer von Steinbrüchen in La Ferté, welcher feine Expofition" hors concours" erklärte und als Experte anwefend war, hatte fo viel Wahrheitsliebe, meine Beweife anzuerkennen und zuzugeftehen, diefe Steine der Uj- Bányaer Gefellfchaft feien von keinem Carreaux aus La Ferté gefertigt. Erft nach deffen Erklä rung ftellten fich die Mitglieder der Jury, die Herren v. Cohaufen und van der Wyngaert, welche die ärgften Zweifler waren, zufrieden. Ich habe die Vorgänge bei Beurtheilung des inländifchen Mühlfteinmateriales hier im Detail miteingeflochten, um die Ausfagen zu illuftriren, welche von dem Berichterstatter für Mühlfteine Hrn. van der Wyngaert im Wiener Weltausftellungsberichte des Deutfchen Reiches für die Gruppe IX, redigirt von Herrn v. Cohaufen m Hefte 10, Seite 416 und 417, erftattet find. Es fei diefe Ausfage vollinhaltlich hieher gefetzt. Nach einer kurzen Bemerkung, dafs man früher aus ungarifchem Rohmateriale keine guten Mühlfteine erzeugen konnte, fährt der Berichterstatter fort: ,, Es war mir daher um fo angenehmer, diefes Mal in der Ausstellung folche vorzügliche, aus ungarifchem Süfswafferquarz zufammengefetzte Mühlfteine vorzufinden, als der in unferer Jury als Experte fungirende franzöfifche Mühlfteinfabrikant( Herr Roger), fowie das öfterreichifche Jurymitglied( Herr Wolf) fie unbedingt für aus der beften Maffe von La Ferté fous Jouarre zufammengefetzt erklärten und erft dann zu einer anderen Ueberzeugung gelangten, als ich fie auf die in den ungarifchen Stücken vorkommenden Petrefacte aufmerkfam machte, eine Erfcheinung, die bei den franzöfifchen Steinen niemals vorkommt". Nach dem Vorgeführten ift es wohl erfichtlich, dafs auch Berichterstatter von der Eitelkeit fo weit getrieben werden, um fich mit fremden Federn fchmücken zu können ,,, die Wahrheit umzuftülpen". Nebft dem vortrefflichen Material der Süfswafferquarze kommt in den Trachytgebieten Ungarns und Siebenbürgens auch der zellige, blafige und drufige Trachyt vor. Es find eigentlich Laven, die fo, wie die am Rhein, für die Bauernmühlen und gewöhnliche Müllerei fehr gefuchte Mahlfteine liefern. Oefterreich ob und unter der Enns befitzt das ebenfalls fehr beliebte Mühlfteinmaterial aus dem kryftallinifchen Sandftein von Wallfee und Perg an der Donau. Diefer Sandftein entſteht aus den groben Meeresfand- Ablagerungen von reinem Quarzfand, der fich aus dem Quarz der kryftallinifchen Gefteine( Granit, Gneifs und Glimmerfchiefer) am Grunde der mitteltertiären Ablagerungen gebildet und am Rande derfelben zufammengefchwemmt wurde. Steinwaaren. 35 Erft fpäter ward diefer Sand unter der Decke des Schlieres( eines kalkreichen Thones) durch Infiltration des Kalkgehaltes aus dem Schlier, der als Kalkfpath fich abfetzte, zu Sandftein gebunden, der dann dem kryftallinifchen Sandftein von Fontainebleau vollkommen gleicht. Das Bindemittel diefes Quarzfandfteines, der Kalkfpath, reibt fich beim Mahlen fchneller ab und die fcharfen Quarzkörner treten, die Fruchtkörner beffer angreifend, ftärker hervor. Diefe Eigenfchaften begründen die Beliebtheit diefes Materiales. Böhmen und das angrenzende Sachfen befitzen in dem unteren Quaderfandftein. welcher oft fehr kiefelreiche, fefte Lager enthält, fehr gut verwendbares und für allerlei Mahlgüter zweckentfprechendes Material. Ich mache bei diefer Gelegenheit die Mühlfteinfabrikantenauf den Quarzitfandftein an der Bafis der böhmifchen Braunkohlenformation aufmerkfam, der fich zwifchen Eger und Teplitz an vielen Punkten findet und hinfichtlich feiner Härte den ungarifchen und franzöfifchen Süfswafferquarzen nahezu gleichkommt, denn diefer Braunkohlenquarzit( fo nennen ihn die Geologen) ift ebenfalls ein Product des am Grunde der tertiären Ablagerungen längs des Erzgebirges zufammengefchwemmten Quarzfandes, deffen Zwifchenräume hier nicht etwa durch Infiltration von Kalk aus den Tagwäffern ausgefüllt find, fondern durch Infiltration der Kiefelfäure, welche in den zahlreichen Thermalwäffern aus der Tiefe empor kam, verftopft wurden und ihn zu einem feften Quarzit gebunden haben. Als Schleif und Wetzsteine waren verwendet die rothen Sandfteine der Vogefen und des Elfaffes, Böhmens und des Dnieftergebietes in Podolien; die Kreide und Eocenenfandfteine aus den Vorbergen der Weftalpen Italiens, der Schweiz, Vorarlbergs, der Oftalpen Oefterreichs ob und unter der Enns, und den Vorbergen der Karpathen bis nach Rumänien hinein. In Smirgel und Smirgelwaaren prävalirte Deutſchland allein, da fich die Firma Pfung ft in Frankfurt a. M. den alleinigen Verkauf des Rohfmirgels von der Naxos- Union gefichert hat. An der Ausftellung in diefer Abtheilung der Gruppe IX haben fich betheiligt und find hervorzuheben: Amerika. Herr J. E. Mitchell in Philadelphia hatte mit Mafchinen erzeugte Schleif-, Wetz- und Abziehfteine( Oelfteine) gebracht. Die Rohfteine find aus den verfchiedenen Staaten Amerika's. Sehr gute Steine find jene vom Whiteving am Lake Hurou und von Maffillon in Indiana, von Borea am Blake river. Heri Die vorgelegenen Schleiffteine hatten 03-07 Meter Durchmeffer. Mitchell erhielt ein Anerkennungsdiplom. J. Mc. Dermott& Comp. von Cleveland, Ohio brachte eine grofse Anzahl gedrehter Schleiffteine für Trockenfchliff aus den verfchiedenften Geftei nen Amerika's. Diefer Firma ward die Verdienftmedaille zuerkannt. England war vertreten durch eine Firma, welche in der additionellen Ausftellung des Welthandels und in der allgemeinen englifchen Abtheilung feine Schärfungsfteine exponirte, und zwar Thomas Hazeon& Comp., welche die beften natürlichen Schärfungsmaterialien mit deren commerziellem Namen in Rohftücken und theilweife bearbeitet vorführten. Wir fahen die Oelfteine von Wafhita in Arkanfas, feine, faft dichtweifse Quarzitfandfteine, die Oelfteine aus Canada, ganz ähnlicher Art, die perfifchen Steine, dann die türkifchen aus KleinAfi en, die dunklen( rouge- bleu) und lichten( rouge- whit), die Steine aus Peru, aus Frankreich und Deutfchland. Die letzte Sorte befteht nach dem vor3* 36 Heinrich Wolf. gelegenen Mufter aus verkieftem Holz, über deffen Vorkommen Weiteres nicht zu erheben war. Frankreich sandte blos Mahlfteine theils aus maffivem Quarz für Cementmahlerei, theils aus Carreaux von Süfswafferquarz zufammengefetzt für Müllerei. Von den Ausftellern war Roger fils& Co. wegen feiner Theilnahme an der Jury hors concours. Von diefer Firma waren vorhanden ein maffiver Mahlftein für Cement, dann drei Paar aus Carreaux gefertigte mit weicherem Herzftück für Gries, Weizen- und Roggenmahlerei. Defsgleichen fandte Alexander Fauqueux in Lyon aus Steinen von La Ferté drei Paar fehr fchön, bei guter Auswahl der Carreaux, gut gearbeitete Steine für Griesmahlerei, dann für Weizen und Roggen und auch für Cement. Bailly& Comp. in La Ferté fandte ebenfalls drei Paar Mühlfteine aus fehr poröfem Quarz, hier fah man oft fehr kleine Carreaux verwendet, fo dafs zwei Reihen derfelben vom Herzftück gegen die Peripherie hin nöthig und mit Cement verbunden wurden. Dupety, Theurey- Gueuvin, Bouchon& Co. in La Ferté fandte ebenfalls drei Paar Mahlfteine mit befonders netter Armirung. Die drei letztgenannten Firmen errangen die Fortfchrittsmedaille. Die Firma Gaillard aîné, Petit& A. Halbou in La Ferté fandte nur einen Mühlftein, aber in ganz vorzüglicher Qualität. Erhielt die Verdienftmedaille. Defsgleichen die Firma J. Moulin in Épernon, Departement Eure et Loire, für zwei Paar Mahlfteine ohne Herzftück, und für ein Paar Mahlfteine mit Herzftück. Das hiezu verwendete Material ift aber weniger gut als jenes von La Ferté, die Steine jedoch nett und zweckmäfsig gearbeitet. Chaffaing Peyrot& Comp. in Domme, Departement Dordogne, fandte vier Mahlfteine, wofür ihm das Anerkennungsdiplom zu Theil wurde. Es hatten noch einige Firmen aus Frankreich die Expofition befchickt, welchen aber keine Auszeichnung zuerkannt werden konnte. Italien fteht in der Mühlfteinfabrication fehr weit zurück. Was an künftlichen, nach franzöfifcher Art conftruirten Mahlfteinen zu fehen war, zeigt ein noch ungenügendes Verſtändnifs diefer Arbeit. Dagegen waren die anderen Mahlfteine aus heimifchem Materiale, in einem Stücke, gut gearbeitet. Ceschina e Busi in Brescia brachten einen Mahlftein von weifsem, feinkörnigem Granit, einen von rothem Quarzfandfteine, einen von Puddingftein, dann zwei Schleiffteine aus Sandfteinen der Kreideformation. Es wurde ihnen das Anerkennungsdiplom zuerkannt. Ferrata e Vitali in Brescia ftellten fünf Sorten Mahlfteine aus, welche den Brüchen im Valle Camonica und dann bei Bergamo und Como entnommen waren. Die Steine waren mit franzöfifcher Schärfung verfehen. Es waren darunter Kreidefandfteine, ein Verrucano und ein Puddingftein aus Quarz und Jaspiskiefeln, welcher nach Art der franzöfifchen aus Carreaux zufammengefetzt war. Die fehr billigen Preife von 400 Francs bis abwärts zu 120 Francs pr. Paar, fichern diefer Firma einen grofsen Vertrieb ihrer Steine, der bis Dalmatien und Egypten reicht. Namentlich find die kleinen Handmühlfteine für Reisfchälung fehr gefucht. Ferrata e Vitali befchäftigen an 200 Arbeiter, fie erhielten ein Anerkennungsdiplom. An Schleif- und Wetz ft einen fahen wir folche von vorzüglicher Härte und fchöner Arbeit von Taddei Cipriano in Palazzago bei Bergamo; von Steinwaaren. 37 der Firma M. Chiodelli e Donadoni in Nembro war eine grofse Collection Nembrofchleiffteine, in je 24 Nummern nach den verfchiedenen Gröfsen geordnet, zu fehen. Nach der vorgelegenen Preislifte liefert diefe Firma die mit Choix rayex bezeichneten Steine von Nr. 1, erfte Qualität 240 Stück, zu 475 Francs, Nr. 24 700 Stück zu 130 Fr.; die Pierre tenders Nr. 1, erfte Qualität. 240 Stück zu 125 Fr., Nr. 24 700 Stück zu 65 Fr. Den zwifchenliegenden Nummern 2-23 entſprechen Preife, welche ebenfalls zwifchen den angegebenen Grenzwerthen inneliegen. Diefer Firma ein Anerkennungsdiplom zuerkannt. wurde Belgien war nur durch eine Firma Daffonville de Saint- Hubert aus der Provinz Namur vertreten. Es waren acht Mahlfteine aus La Ferté Carreaux gefertigt, wovon die Bodenfteine auf runden Herzftücken aufgefetzt waren. Für die fonft fehr gut gearbeiteten Stücke und für die fehr zweckmäfsigen Cementmahlfteine aus dem dunklen belgifchen Süfswafferquarz ward Herrn Daffonville von der Jury der Gruppe IX zuerkannt die Verdienftmedaille, welche fchliefslich vom PräfidentenRathe in eine Fortfchrittsmedaille umgewandelt wurde, wozu wohl nur die effect. volle Aufftellung diefer Firma, in einer der Gallerien des Hauptgebäudes, den Anftofs gegeben haben mag. Deutfches Reich. Das Deutfche Reich hatte fehr viele Mühlfteine nicht nur aus den heimifchen Gefteinen, von denen namentlich die unteren Quaderfandfteine, dann die Lavengefteine des Rheines zu nennen find, fondern auch eine bedeutende Menge Kunftmühlfteine aus franzöfifchen La Ferté Steinen zur Ausstellung gebracht. Auch ein Verfuch, aus heimifchem Quarz nach franzöfifcher Methode Mah!- fteine künftlich zufammenzufügen, war zu fehen. Es ward hier jener Feuerftein verwendet, der hie und da an den Geftaden der Oftfee aus den Schichten der oberen Kreide ausgefpült und am Rande des Strandes von den Wellen zufammengehäuft wird. Die Geftalt diefer Steine ift ftets eine unregelmäfsig runde, linfen-, kugel- und walzenförmige. In diefen Formen find die einzelnen Steine unter einander nicht gut bindungsfähig, fie müffen defshalb erst in eckige Stücke zerfchlagen werden. Dann find fie aber niemals mehr fo grofs, um aus wenigen Stücken einen Mahlftein zufammenfetzen zu können; ferner ift der Feuerftein zu derb, niemals porös und ftets von dunklen Farben. Man wird daher wohl mit Mühe und Aufmerkfamkeit brauchbare Mahlfteine aus den Feuerfteinen herftellen können, ein bevorzugtes Material kann derfelbe jedoch niemals für die Mühlfteinfabrication liefern. Von den Ausftellern des Deutfchen Reiches ift zunächft Lueders und Kubon in Dresden zu nennen, welche vorzügliche franzöfifche Mühlfteine brachten. Diefe hatten Herzftücke aus Quaderfandftein und der Läufer hatte ftatt der Cementdecke eine Eifendecke, an welche der Oberring angegoffen und die Näpfe für das verftellbare Balancirgewicht eingelaffen waren. Für diefe Neuerung, welche durch Zeichnungsvorlagen erläutert war, ward die Fortfchrittsmedaille zuerkannt. Es war aber auffallend, mit welch' kleinen Carreaux diefe Mahlfteine erzeugt wurden. Bei einem Durchmeffer von 126 Meter nahm das Herzftück 0.73 Meter und die übrigens fehr fchönen Carreaux nur 0 53 Meter vom Durchmeffer in Anfpruch, und innerhalb diefer o 53 Meter waren zwei bis drei allerdings mit Schmatzen ineinandergreifende Reihen von La Ferté- Steinen eingefügt. Bei den in Oefterreich gefertigten Steinen gibt es nur eine Carreauxfchichte, die bis an 38 Heinrich Wolf. das Herzftück durchgreift. Möglich dafs die Eifendecke, die entfchieden einen befferen Schutz dem Läuferfteine gewährt, es geftattet, folche winzige Steine mit Vortheil zu verwenden. Carl Goltdammer in Berlin hatte drei Paar Mühlfteine mit fehr drufigen Herzstücken von gleichem Stein ausgeftellt. Die Carreaux waren in einer durchgreifenden Reihe angeordnet, oder in zwei Reihen, wenn das Herzftück 50 Centimeter hatte. Ihm wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. A. Fauqueux und Behrlé in Renchen im Grofsherzogthume Baden brachten ein Paar Mahlfteine für Korn und ein Paar für Gemifchtes auf den Platz. Die Carreaux waren durchgreifend bis ans Herzftück, nette Arbeit.. Erhielten ebenfalls die Verdienftmedaille. Carl Mosqua in Hildesheim brachte eine Menge der verfchiedenartigften Mahlfteine aus den verfchiedenften Steinforten nebft franzöfifchen Mahlfteinen für Weizenmahlerei Wir fahen Mahlfteine aus Keuperfandfteinen, Steine für Holzfchleifereien, Reis- und Weizenfchälftcine, für Hartgummifchliff etc. etc. Herr Mosqua erhielt ebenfalls die Verdienftmedaille. Von Friedrich Wilhelm Schulze in Berlin waren zwei franzöfifche Mahlfteine von vorzüglichem Steinmaterial in reiner, netter Bearbeitung eingefandt. Auch hier wurde die Verdienstmedaille zuerkannt. Fr. S. Schroeder und Gebrüder Beutler in Havelberg fandten zwei Mahlfteine, welche aus den Feuerfteinen von Rügen zufammengefetzt waren. Obgleich die einzelnen Stücke fehr klein und die Farben derfelben fehr wechfelnd, daher der ganze Mahlftein dunkler und lichter gefleckt erfchien, fo hat ihnen die Jury doch wegen der netten Arbeit und wegen der Anwendung vater. ländifchen Materiales zur Erzeugung von franzöfifchen Mahlfteinen die Verdienftmedaille zuerkannt. Friedrich Wegner in Stettin fandte drei Paar Mühlfteine, welche, bis auf das Herzftück durchgreifende Carreaux zeigten. Es lagen dabei die Mufterſtücke des verwendeten Quarzes aus La Ferté, an welchen die Qualität des verwendeten Materiales beffer unterfucht werden konnte. Auch diefer Firma wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Das Anerkennungsdiplom erhielten: Carl Franke in Keffelsdorf bei Löwenberg in Schlefien, für Graupenmahlfteine aus Quarderfandftein. Die Gebrüder Kraufe in Quedlinburg, für franzöfifche Steine, wovon zwei mit Kalkherz und einer Reihe Carreaux, dann zwei mit Quarzitherz, an welches aber zwei Reihen kleinerer Carreaux angefügt waren. W. G. Heim von Oberenfingen in Württemberg, für Mahlfteine, für Kopp-, Schleif- und Schälfteine aus Sandſteinen von gleichmässigem Mittelkorn. Julius Scholz in Breslau für Roggenftein und C. Schönfelder& Co. in Brieg für das an nicht fehr guten Steinen angewendete neue Syftem der Balancirbefchwerung. Es waren noch eine ganze Reihe von Mühlfteinen aus allen Theilen des Deutfchen Reiches eingefandt, welche jedoch nicht geeignet fchienen, um die Producenten mit einem Anerkennungsdiplom auszuzeichnen. Die Mühlfteinfabrication fteht im Deutfchen Reiche nicht auf der gleich hohen Stufe wie in Oefterreich, dagegen befitzt jenes in der Fabrication der Schärfungsgefteine einen entfchiedenen Vorrang gegenüber dem gleichen Productionszweige in Oefterreich. Wir erwähnen die Schleiffteine aus rothem Sandfteine von Keller frè. res und jene von Louis Weyer& Co. in Zabern aus Elfafs- Lothringen, welche fich durch ihr gleichmässig feines Korn und durch ihre feine Ausarbeitung auszeichnen. Es waren Steine bis zu 2.6 Meter Durchmeffer bei einer Stärke von nur 0:35 Meter ausgeftellt. Beiden Firmen wurde die Verdienftmedaille zuerkannt. Steinwaaren. 39 C. M. K. Ankenbrand zu Eltmann in Bayern erhielt für drei Schleiffteine aus Flyfchfandfteinen mit 2'4-26 Meter Durchmeffer, welche gut gearbeitet waren, das Anerkennungsdiplom Die gleiche Anerkennung errang die Steinhauergewerkfchaft in Büdingen für drei Schleiffteine. In Smirgel und Smirgelpräparate zeichneten fich aus die Firmen: Julius Pfung ft in Frankfurt a. M., welcher fich von der Naxos- Union den alleinigen Bezug des Rohfmirgels für Deutfchland, Oefterreich und Frankreich gefichert hat. Derfelbe beträgt mindeſtens 30.000 Centner, der ganzen Production auf Naxos. Pfung ft erzeugt 22 Sorten gekörnte Prima und 6 Sorten gefchlämmte Waare und verwendet für die verfchiedenen Wetz- und Abziehfteine keine Thonund Kautfchukbindemittel. Die Verdienftmedaille ward ihm zuerkannt. Defsgleichen errangen Merkelbach, Stadelmann& Comp. in Grenzhaufen bei Coblenz, dann H. H. Rischmeyer& Comp. in Hamburg für ihre ausgezeichneten Smirgelpräparate, beftehend in Wetz und Schleiffteinen und Polirftäben, letzterer hauptfächlich für feine vielfeitigen Fabricate und Schärfemittel für Uhrmacher und Graveure, aus Arkanfas, Levantiner und oftindifchen Oelfteinen, womit er grofsen Export erzielt, die Verdienftmedaille. aus Das Anerkennungsdiplom für verfchiedenartige Schärfepräparate Smirgel, Glas und Bimsftein erhielten S. Oppenheim& Comp. zu Hainholz in Hannover, Schumacher'fche Fabrik zu Bietigheim in Württemberg, Schle. finger& Comp. zu Harburg, und Georg Vofs& Comp. zu Deuben in Sachfen. Oefterreich. In Oefterreich einer der Erften, welche die Mühlfteinfabrication überhaupt förderten, ift Jofef Ofer in Krems, welcher zugleich zuerft beftrebt war, inländifches Material für franzöfifche Mahlfteine zu verwendenSchon vor mehr als 15 Jahren fahen wir ihn, den Gangquarz in den kryftalJinifchen Schiefern der Umgebung von Zwettl zu feinen Steinen verwenden. Jedoch konnte diefes Material, welches feiner kryftallinifchen Ausbildung wegen fpröde und nicht fo zähe und hart ift, als wie die durch Quellen an der Oberfläche der Erde abgefetzte und ausgebreitete Kiefelerde, und welches beim Schärfen des Steines die Kanten der Luftfurchen leicht abfpringen läfst, keine allgemeine Verwendung finden. Ofer felbft ging von der Benützung diefes Quarzes ab, und benützt nun wieder La Ferté- Steine. Selbft praktifcher Müller, kennt er viel beffer die Bedürfniffe der Müllerei, und ift ftets bedacht, Verbefferungen zu erfinden, ohne dabei den materiellen Nutzen für fich in erfter Linie zu ftellen. Wir fahen an einigen feiner Steine für den Balancier ftatt 4, 10 Einfätze, welche durch den ganzen Stein durchgriffen. Wir fahen an feinen Bodenfteinen die Mittel- oder Herzftücke verfenkt, fo dafs diefe gar nicht zur Abnützung kommen und fohin nicht zur Verunreinigung der Mehle beitragen können. Eine weitere neue Einführung waren die konifchen Auflagefteine. Da über deren Werth noch keine praktiſche Erprobung Auskunft gab, ftiefs die Zweckmäfsigkeit diefer Neuerung auf Bedenken. Ofer hatte aufserdem noch Holzftofffteine aus den Brüchen von Wallfee und Perg a. d. Donau ausgeftellt. Ihm gebührte und er erhielt die Fortfchritts medaille. Diefelbe Auszeichnung erhielt auch die Firma Jofef Schwartz& Sohn in Wien, welche, capitalskräftig und mit kaufmännifchem Sinne ausgeftattet, die Verhältniffe und Bedürfniffe des Marktes im weiterem Umkreife kennt und zur Befriedigung derfelben fich entſprechend einzurichten verfteht. So wurde diefe 40 Heinrich Wolf. Firma Mitbefitzer von Steinbrüchen in La Ferté, von ungarifchen Trachyt- und Quarzbrüchen am Granfluffe bei Hlinik( flavifch und deutfch, ungarisch aber Geletnek genannt) und bei Szlaska. In der Fabrik zu Penzing werden faft ausfchliesslich nur franzöfifche Mahlfteine verfertigt, während in jener bei Hlinik vornehmlich der poröfe, zellige Trachyt, welcher in der ungarifchen Landmüllerei fehr beliebt ift, verarbeitet wird. Schwartz& Sohn konnten in der Eigenfchaft als franzöfifche, öfterreichiſche und ungarifche Fabrikanten erfcheinen, und in diefen drei verfchiedenen Abtheilungen als Preisbewerber auftreten. Schwartz & Sohn hatten 6 Paar Mahlfteine und Proben von ungarifchem und franzöfifchem Quarze exponirt. Die Verdienftmedaille erhielten die Gebrüder Ifrael, welche ihre Fabriken in Währing bei Wien, in Gratz, in Hoffnung bei Zwickau in Böhmen, dann in Jonsdorf bei Zittau in Sachfen etablirt haben und fich internationale Mühl- und Schleifftein- Fabrikanten nannten. Sie fuchten diefen fich felbft gegebenen Titel zunächft dadurch zu rechtfertigen, indem fie als Specialität die Mahlfteine als Modell im verjüngtem Mafsftabe, I Fufs Durchmeffer, aus allen möglichen Gefteinen, die in den verfchiedenften Ländern in der Mülierei Anwendung finden und fanden, in einem eigenen Pavillon zu Ausftellung brachten. Diefe hatten als blofse Ausftattungsftücke für die Jury keinen Werth, fie prämiirte aber die reine Arbeit an den Cementmahlfteinen, an den Koppfteinen aus Quaderfandftein, die Reisfchäl- und Graupenfteine und die neue Balancirbefchwerung. Mufterhafte Arbeit lieferten in franzöfifchen Steinen Johann Hübner und Carl Opitz in Pardubitz in Böhmen, die die Erften waren, welche diefen Fabricationszweig in Böhmen einführten. Auch wurden noch die Mahlfteine aus dem kryftallifirten Sandſtein von Wallfee a. d. Donau, ausgeftellt durch Johann Mayr& Comp. in Inzersdorf bei Wien, mit der Verdienftmedaille ausgezeichnet. Das Anerkennungsdiplom ward zuerkannt den Brüdern Pichler in Floridsdorf bei Wien, für ihre franzöfifchen Steine und den Walfeeerftein für Glafurmalerei. Eine grofse Reihe von Ausftellern aus den Provinzen konnte bei der Preisvertheilung nicht berücksichtigt werden. An Schleiffteinen aus den eocänen und den Kreidefandfteinen der Voralpen lieferten Beachtenswerthes: Ifidor Braun zn Vöcklabruck in Oberösterreich, durch die Güte des Materials, welches bei ganz gleichmäfsigem Korn Schleiffteine von mehr als 2 Meter Durchmeffer bei nur 0 2 Meter Stärke anzufertigen geftattet, und Franz Perda in Hadersfeld bei Krizendorf a. d. Donau in Niederöfterreich, in feinen verfchiedenen Sorten Schleiffteinen gleicher Kategorie. Beide erhielten die Verdienftmedaille. Das Anerkennungsdiplom wurde noch zuerkannt dem Joh. Troll von Schwarzach in Vorarlberg, für feine Wetzfteine für Senfen und Sicheln aus dem feinkörnigen dunklen Sandſtein der Bregenzer Ache, welche grofse Beliebtheit bei den Landwirthen in Deutſchland und der Schweiz fich errangen und Heinrich Lewicki in Wien für feine künftlichen Schleif- und Polirfteine, für Trocken. nnd Nafsfchleiferei, fowie für feine Abzieh- und Wetzfteine und Rutfcher aus Smirgel. Ungarn war nur mit wenigen Firmen vertreten. Aufser Schwartz& Sohn, welche auch hier mit ihren Hlinikerfteinen fich geltend machten, hatte die Uj- Bánya er Gefellfchaft ihr vortreffliches Material vorgeführt, welches in der vorausgefchickten Steinwaaren. 41 allgemeinen Befprechung eine Würdigung fand. Diefe Gefellſchaft erhielt, wie fchon erwähnt, die Fortfchrittsmedaille. Ausserdem brachte das Agentur- und Commiffionsgefchäft Geittner& Raufch in Peft unter der Ueberfchrift ,, Bars- Geletniki- Malomkö Gyar- és Förak tár" Mahlfteine von drufigem, rothem und grauem Trachyt, dann einen unausgeführ ten Quarzmühlftein, um das vortreffliche zur Verfügung stehende, aber in der ungarifchen Kunftmüllerei noch nicht allgemein anerkannte Material zu zeigen. Geittner& Raufch hatten auch in Vertretung von Brzorád& J. Rezsö in Sárospatak im Zempliner Comitat 8 Sárospatakerfteine von fehr drufigem Quarz in drei Qualitäten, welche im Preife von 160-200 fl. bei einem Durchmef fer von 36 Zoll und von 340-380 fl. bei einem Durchmeffer von 60 Zoll gelie fert werden, ausgestellt. Aus der eigenen Fabrik in Peft brachten Geittner& Raufch 6 Paar La Ferté- Mahlfteine zur Ausftellung, wobei Herzftücke aus Sandftein, Kalkstein und Trachyt Anwendung fanden. Die Carreaux waren in einer durchgreifenden Reihe bis an das Herzftück und die vorgelegten behauenen Würfel aus den verarbeitenden Quarzen zeigte die Qualität der verwendeten Steine. Für diefes Fabricat ward die Verdienftmedaille zuerkannt. Rumänien. Von Rumänien fahen wir Gneifsmahlfteine für Handmühlen von Gornju Baltiano in Baldeni und Schleiffteine aus Karpathenfandftein von der Gemeinde Bacaur ausgeftellt. Wir erwähnen diefs nur, weil diefe Materialien in folcher Bearbeitung fchon zur anthropozoifchen Zeit, als man anfing die Körner zu quetfchen und zu reiben, Verwendung fanden, und weil von dort nichts Anderes vorlag. Russland war repräfentirt durch Cäfar Skoryna in Warfchau und durch Drzevetski aus Kremenetz in Volhynien. Erfterer hatte ein paar franzöfifche Mahlfteine gebracht, der Andere einfache Steine aus heimifchem Materiale. Die Fabrication der franzöfifchen Mahlfteine zeigt, wenn nicht andere Firmen in Rufsland Befferes machen, wovon aber auf der Ausftellung Nichts zu fehen war, dafs diefer Induftriezweig in Rufsland noch eine lange Bahn der Entwicklung zu durchlaufen hat, um der agricolen Bedeutung diefes Reiches zu entſprechenHerrn Skory na ward ein Anerkennungsdiplom zu Theil. Von allen übrigen Ländern des Oftens und des Südoftens lag nichts vor, was einer Preisertheilung würdig erkannt worden wäre, denn die vorgefundenen Steine befchränkten fich auf die primitiven Handmühlen, welche für den Bedarf jeder Mahlzeit in Bewegung gefetzt werden. Wir fahen folche Handmühlfteine aus Rauhwacke und aus Trachyttuffen von Flamm in Tultfcha im Donauvilajet der Türkei, und von Dr. Leitner aus Kabul und der Bokhara, vorgeführt. 4 42 Heinrich Welf. SCHLUSSWORTE. In den vorftehenden Blättern wurde die Gruppe der natürlichen Steine in vier Abtheilungen befprochen. In der erften Abtheilung waren jene natürlichen Vorkommniffe vorge. führt, welche die Einzelnftaaten, die fich an der Ausftellung betheiligten, in ihren wiffenfchaftlichen Inftituten und Mufeen zu Unterrichtszwecken vereinigt haben. Hier fanden wir, dafs Schweden durch feine geologifche LandesAnftalt das Vorzüglichfte leiftete; an diefes reihen fich die Materialien, welche Oefterreich durch die geologifche Reichsanftalt ausftellte; an diefe fchliefst fich Italien mit der Ausftellung feiner Stein, Erd- und Thonarten durch das königliche Minifterium für Ackerbau, Induftrie und Handel an, und nun folgte erft Frankreich mit der von feinen Bergbehörden in den Provinzen Algier, Conftantine und Oran zufammengeftellten Sammlung der nutzbaren Gefteine diefer Provinzen. Von Deutfchland, England und Rufs land ward in diefer Richtung nichts organifirt. Nur aus dem fernen Indien war durch das dortige geologifche Aufnahmsamt eine grofse Reihe der nutzbaren Minerale und Gefteine ausgeftellt, welchen aber die wiffenfchaftliche Durcharbeitung und Gruppirung mangelte. In der zweiten Abtheilung, jener der Baufteine und Steinmetzarbeiten, ausgeftellt von den Producenten, finden wir, dafs aufser Deutfchland und Oefterreich- Ungarn, welche alle Steinarten exponirten, nur noch jene Länder ausftellten, welche mit ihrem Export andere Länder überragen. So fahen wir aus England in diefer Abtheilung nur die Schiefer in allen Sorten; von Frankreich nur die Rohblöcke der edleren farbenreichen Marmorforten; von Italien die Arbeiten in Alabafter und Carraramarmor; von Schweden die Arbeiten in Granit und Syenit. Deutfchland erfcheint mit feinen heimifchen Marmoren und Schiefern und Oefterreich mit feinen Karftfteinen längs der iftrifchen und dalmatinifchen Küfte, fowie mit feinem Granit von Mauthaufen und feinen fchlefifchen Schiefern nach dem Often und Norden exportfähig. In der dritten Abtheilung: Steinwaaren von mehr oder minder künftlerifcher Ausführung, welche zum Schmuck der Wohnräume oder zu monumentalen Ausführungen dienen, ragen über die andern Länder hervor: Rufsland mit feiner Edelſteinmofaik und der Bearbeitung fehr harter Steine überhaupt, in den kaiferlichen Fabriken; Italien mit feiner Marmormofaik, wie fie in der Fabrik des Vaticans in Rom und der königlichen Fabrik in Florenz betrieben wird; Frankreich mit feinen im reinften Zopfftyl durchgeführten Meublements in Stein und Bronze; Deutfchland mit feiner Serpentinmofaik und vielfeitigen kunftvollen Anwendung des Serpentins durch die Zöblitzer Actien gefellfchaft; Oefterreich mit feiner ftylgerechten reinen Durchführung der Steinmetz- und Bildhauerarbeiten in den monumentalen gothifchen Kunftwerken. In der vierten Abtheilung der Steinwaaren, den Mahl- und Schärfungsgefteinen, fahen wir Frankreich und Oefterreich- Ungarn, unterftützt durch eigenes, vortreffliches Material bei der Fabrication der Mahlfteine, um die Palme ringen, welche mit der Zeit Oefterreich- Ungarn bleiben mufs. Deutfchland nahm dagegen, foweit die Länder am Ausftellungsplatze vertreten waren, unter diefen in der Erzeugung der Schärfungsgefteine, befonders durch feine Smirgelpräparate, den erften Rang ein. Steinwaaren. 43 Somit fchliefse ich den gegenwärtigen Bericht, der fo vielfach durch meine anderweitigen Befchäftigungen auswärts von Wien unterbrochen wurde, und defshalb fo fpät zum Abfchlufs gelangte. Ich fchliefse ihn( April 1877), ohne den vorgefteckten Rahmen diefes Berichtes, welcher auch die Verbindungsmaterialien, wie Afphalt, Gyps, Cement und Cementwaaren umfchliefsen follte, auszufüllen, weil in Folge diefer Verfpätung ein getreues Bild des Induftriezwei ges der Cement Fabrication, wie es fich in der Ausftellung zeigte, gegenüber den feither errungenen Fortfchritten in Deutſchland und Oefterreich als zu veraltet erfcheinen würde. Das neue Erproben der Kräfte der Concurrenten aus England, Frankreich, Deutſchland, Oefterreich- Ungarn auf dem Tummelplatze Paris im Jahre 1878 wird die Gelegenheit geben, in einem dann abgefafsten Berichte, wenn der Berichterstatter in einem Juror für diefes Fach noch vor dem Beginne der Ausftellung gefunden wird, getreu und wahrheitsgemäfs von dem errungenen Range ein Bild der weiteren Entwicklungsfähigkeit diefer Induftrie in Oefterreich Ungarn aufrollen zu können. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE THONWAAREN- INDUSTRIE. ( Gruppe IX, Section 2.) BERICHT VON DR. EMIL TEIRICH, Mitglied der internationalen Fury. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF UND STAATSDRUCKEREI. 1873. D VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausstellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE THONWAAREN- INDUSTRIE. ( Gruppe IX, Section 2.) Bericht von DR. EMIL TEIRICH, Mitglied der internationalen Jury. Die keramifche Induſtrie, deren Leiftungen auf der Wiener Weltausftellung in nie gefehen vollkommener Weife vereint zu ftudiren waren, hat eine Beurtheilung von zwei wefentlich verfchiedenen Gefichtspunkten zu erfahren. Reihen ihre rein techniſchen Verfahrungsweifen fie in das Gebiet der chemifchen Gewerbe, fo zählt fie, ihrer hervorragend äfthetifchen Seite wegen auch zu den wichtigften Zweigen des Kunftgewerbes. Die Kunft der Form und der Farbengebung hat von Uralters her den gleichen Antheil an dem Zuftandekommen des Thongefäfses gehabt, wie das Studium des vorkommenden chemifchen Proceffes, der übrigens zumeift bedingend auf die Decoration wirkt, die von ihm alfo bis zu gewiffem Grade abhängig erfcheint. Der Chemismus, welcher in diefer Induftrie ein fo entfcheidendes Wort zu fprechen hat, kann, foweit er fchon das natürliche Rohmateriale betrifft, uns die Grundlage einer Eintheilung der einzelnen Zweige der keramifchen Induſtrie bieten und uns zum Leitfaden durch das Labyrinth des übergrofsen Gebietes dienen, das wir hiemit betreten. Es ist eigenthümlich und auch fchon hervorgehoben worden, daís die Beftandtheile und Zerfetzungsproducte der älteften Formationen der Erdrinde in der Thonwaaren- Induftrie die fpätefte Verwendung fanden. Es find diefs vor Allem die Feldfpathe und Kaoline, das Material für die relativ junge, aber weit fortgefchrittene moderne Porzellan- und Fayencetechnik, im Gegenfatze zu dem unreinen Töpferthone der Alluvialfchichten, der feit undenklichen Zeiten zum irdenen Hausgeräthe geformt, zum Ziegel gefchlagen wird. Je nach den Eigenfchaften der verwendeten Rohmateriale und dem verfchiedenen Feuergrade, dem wir fie ausfetzen, erhalten wir: Den poröfen, nur gefinterten Scherben, alfo die Ziegel- und Terracotta- Erzeugniffe, dann die glafirten Thonwaaren, alfo das gewöhnliche Töpfergefchirre, die Majolica, die Fayence, das Steingut. I 2 Dr. Emil Teirich. Ein Zweig der keramifchen Induftrie, der ganz befondere Bedingungen zu erfüllen hat, der zum Theile nichts gemein hat mit den Zwecken der anderen, ift zweitens die Fabrication feuerfefter Producte, die wir daher auch getrennt behandeln wollen. Drittens erfcheint der dichte, halbgefchmolzene Scherben des Steinzeuges und der Wedgewoodwaare, fowie endlich des Porzellans. Je entwickelter aber eine Induftrie ift, je mehr fie fich nach allen Richtungen auszudehnen fucht und ihre Verfahrungsweifen verfchmilzt, den Kreis ihrer Hilfsmittel erweitert, defto fchwieriger wird es, ihre Erzeugniffe in einen engen, fchematifch begrenzten Rahmen zu claffiren, und es mufste auch hier ab und zu von dem ftrengen Fefthalten der Eintheilung abgewichen werden, um nicht vielfach Gleichartiges zu trennen. Die Gefammtzahl der Ausfteller von Thonwaaren ift eine bedeutende zu nennen, denn fie erreicht die Höhe von nahezu 500. Nachfolgende Zufammenftellung gibt ein Bild hierüber, fowie über die von der Jury zuerkannten Auszeichnungen. Hiervon erhielten Zahl Name des ausftellenden Landes der EhrenAusfteller. diplome. AnerkenMedaillen. nungsdiplome. - Belgien Brafilien China.. Dänemark Deutſchland IOO Egypten 729702 3 England 13 Frankreich 32 23 Griechenland 3 Japan 26 I Indien 17 Italien 55 I Kaukafus IO Marokko Monaco. Niederlande Nordamerika Oefterreich Portugal Rufsland Schweden Schweiz I I 7 3 79 9 4 I 2 4 • • • • Spanien Türkei Tunis. Ungarn Summe. 5 I I 838780 IO I I 27 I I I 8 II 103 217 I HHH I I 2 2322300 38 I I 9 74 6 I 15 2 615 I 5 492 12 152 115 Dafs vorftehende Zahlen to gut wie gar keinen Werth für die Beurtheilung des Standes unferer Induftrie in den einzelnen Ländern haben, fällt fchon bei Die Thonwaaren- Induftrie. 3 deren flüchtigfter Durchficht auf und es ift recht bedauerlich, dafs namentlich einige Länder in der Befchickung der Ausftellung weit hinter ihrer Leiftungsfähigkeit zurückgeblieben find. Es gilt diefs beifpielsweife von England, das zwar aufserordentlich Schönes fandte, von deffen Induftriellen fich jedoch relativ zu wenige zu einer Befchickung unferer Ausftellung entfchloffen hatten. Noch mögen hier einige Worte über die Art und Weife ihren Platz finden, in der zumeift Thonwaaren ausgeftellt wurden. Ganz abgefehen von der Schwierigkeit, dort vergleichende Studien zu machen, wo alle zufammengehörigen Objecte räumlich fo weit aus einander gerückt wurden, wie diefs zumeift hier der Fall war, haben die Ausfteller es im Allgemeinen an den nothwendigften Daten fehlen laffen, um Auffchlufs über das Wiffenswerthefte ihrer Fabrication zu geben. Vor Allem fehlte es aber an der Angabe der Verkaufspreife, die eines der wichtigſten Momente bei Beurtheilung eines induftriellen Productes abgeben. Aufserdem glauben wir, dafs es im Intereffe eines jeden Ausftellers liegen müfste, dasjenige auch für das Auge des Laien fofort erfichtlich zu machen, was er als neu und eigenthümlich der befonderen Beachtung empfiehlt und wenigftens in allgemeinen Umriffen die entfcheidenden Kennzeichen feiner verbefferten oder abgeänderten Fabrication zu geben, um deren Verdienft gebührend würdigen zu können. Intereffelos, weil nicht angeleitet, geht fo aber das grofse Publicum an den wichtigften und hervorragendften Leiftungen vorüber und der Nutzen einer Ausftellung wird für den Ausfteller und den Befucher illuforifch. Noch immer vergeffen die meiſten Induftriellen ihre Mitarbeiter, jene Kräfte, denen oft einzig und allein die Profperität ihrer Unternehmung, oder zum mindeſten und viel häufiger, das Gelingen ihrer Ausftellung zuzufchreiben ift. Faft möchte man glauben, dafs diefsmal fogar die Abficht des Verfchweigens folcher Namen vorlag, denn durch die Einführung der Mitarbeitermedaillen, von deren Exiſtenz doch jeder Induftrielle unterrichtet ſein mufste, wurde jedem zufälligen Vergeffen gewifs vorgebeugt. Es ift wahr, dafs der Jury, namentlich von franzöfifchen und englifchen Firmen Mitarbeiter behufs Prämiirung namhaft gemacht wurden, aber diefs genügt in folchem Falle nicht völlig und wir möchten das Vorgehen von Th. Deck in Paris empfehlen, der auf einer fchön ausgeftatteten Gedenktafel eine ftattliche Reihe feiner Collaborateurs aufführte und diefelben auch dem grofsen Publicum bekannt gab. Wenn wir im Folgenden, von Bekanntem ausgehend, vielleicht etwas zu weit zurück gegriffen haben in die Gefchichte der Entwicklung der Induftrie, die wir behandeln wollen, fo mag die Beobachtung uns zur Entfchuldigung dienen, dafs das grofse Publicum, als deffen Führer und Leitfaden diefe wenigen Zeilen auch zu dienen haben follen, einer etwas zufammenhängenden Darftellungsweife bedarf. Dem Fachmanne dürfte eine Wiederholung des vielleicht fchon öfter Gehörten wenigftens nicht ftörend fein. ZIEGEL UND TERRACOTTEN. Die Ziegel- und Terracotta- Erzeugung ist nicht nur unter den keramifchen Künften die ältefte, fondern ihr Anfang und Uebung reichen zurück bis in die vorhiftorifche Zeit, aus der gerade die Refte diefer menfchlichen Thätigkeit uns ab und zu als wichtigfte Documente über das Leben und Wirken unferer Vorfahren aufbehalten blieben. Es fcheint, dafs die erften Anfänge der Thonwaaren- Induftrie in der Töpferei zu fuchen find und nicht, wie etwa leichter zu vermuthen wäre, in der Verwendung des Thones zu ftructiven Zwecken, wenigftens nicht in gebranntem Zuftande. Den erften Gefäfsbildungen, rohen, dickwandigen, unbeholfenen und fchiefgedrückten Formen, entstanden ohne Zuhilfenahme der Töpferfcheibe oder 1* 4 Dr. Emil Teirich. fonftiger mechanifcher Hilfsmittel fehlt bei den einzelnen Völkern jede Stilrichtung, fo dafs nur fchwer die älteften keltifchen oder griechifch- italienifchen Gefäfse von einander unterfcheidbar find. Funde alter Thongefäfse, beiſpielsweife die in unferen Torfmooren, verfucht man circa 4000 Jahre zurück zu datiren. Die anthropologiſche Gefellſchaft ftellte unter den Refultaten der Unterfuchung des Atterfees( Oberöfterreich) Thongefäfse mit ganz bemerkenswerther Ornamentik aus der Broncezeit aus. Unterdeffen hat der gebrannte Thon in der Form des Ziegels gleichfalls bereits Verwendung gefunden. An den egyptifchen und affyrifchen Baudenkmalen finden wir nicht nur gut gebrannte, und darum bis auf unfere Zeit erhaltene, fondern auch decorirte, oder wenigftens mit Charakteren und eingeprefsten Zeichen aller Art verfehene Ziegel und Thonplatten. Es fcheint aber, als ob zuerft die Chinefen die Terracotta zur Verzierung der Aufsenfeite der Häufer verwendet, alfo zuerft diefes Materiale der Architektur dienftbar gemacht haben. Die mehrfach durchforfchten Schutthügel des Euphratthales bergen die älteften Refte der Thonwaaren- Kunft. Grofse Thonfarkophage, bedeckt mit Schutt und Topffcherben, theils unglafirt, meift aber mit grüner Glafur überzogen, liegen zu Taufenden aufgehäuft in diefen alten Begräbnifsftätten. Sie gleichen in ihrer eigenthümlichen Ornamentation Leichenwindeln, ausgeführt in Thon. Hier fieht man die intereffante Verwendung des gebrannten Ziegels, welcher in Form des Pfeilers die Wände aus ungebrannten Luftziegeln ftützt, welch' letztere merkwürdigerweife vor dem Zerfallen durch Jahrtaufende gefchützt blieben. Die Kunft des Wölbens war den Chaldäern fchon bekannt und theilweife find heute noch die Gewölbdecken an den Ruinen von Wurka erhalten. Auch glafirte Thonarbeiten fanden fich dafelbft vor, fo die fehr intereffante Anwendung von thönernen Nägeln mit glafirten Köpfen, welche rund und etwa 6 Zoll lang in die Mauern aus ungebrannten Luftziegeln behufs Schutzes derfelben dicht neben einander eingetrieben waren. Eine Decoration der Mauern in mofaikähnlicher Weife mit glafirten Platten wird gleichfalls an einigen Orten gefunden, die chronologifche Ordnung aller diefer Funde aber vorzunehmen, ift äufserft fchwierig und, wenn verfucht, ftets zweifelhaft. Eine andere eigenthümliche Conftruction diefer älteften, uns aufbewahrten Baudenkmale aus gebranntem Thon ift die fogenannte Topfmauer, die auch heute ihrer decorativ verwendbaren zelligen Aufsenfläche und ihrer befonderen Leichtigkeit wegen manchmal in Verwendung kommt. Das Ausstellungsobject der Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugefellfchaft zeigte ein Topfgewölbe als überhöhte Kuppel. In ähnlicher Weife wendet man dort, wo leichte oder decorirte Gewölbedecken gewünſcht werden, namentlich in England, vielfach diefe Töpfe von runder oder fechseckiger Form an. Die Technik des Bildens plaftifcher, architektonifcher Gegenftände wurde jedenfalls auch damals fchon geübt. Statuetten und Votivtafeln aus Terracotta mit aufgeprefsten Basreliefs fehr eigenthümlichen Stiles von höchft naivem Charakter zählen mit zu dem Gefundenen. Höhere Bedeutung hat die griechifche Keramik fchon in ältefter Zeit. Schon in Homer's Gedichten findet fich ein Gebet, das die Töpfer fprachen, ehe fie an das Einfetzen ihrer Erzeugniffe in den Brennofen fchritten, und die Erfindung der Töpferfcheibe, einer der älteften Maſchinen der Menfchheit, wird der mythifchen Perfon des Talos, Neffen des Dædalos, zugefchrieben. Die erften und hervorragendften Künftler Griechenlands, ein Phidias, ein Polyklet, fertigten ihre Modelle in Thon, und ein griechifches Sprichwort fagt:„ Der rechte Mann zeigt fich dann am beften, wenn ihm der Thon unter die Nägel kommt." Bald entwickelt fich gewiffermafsen aus der gemeinſamen Urform der eine oder andere Zweig diefer Kunft zu kräftigerem, felbftftändigem Gedeihen und es Die Thonwaaren- Induftrie. 5 entfaltet fich auf hellenifchem Boden und in Etrurien die Gefäfskunft zu einer herrlichen Blüthe und grofsen Verbreitung. Waren die erften Gefäfse fchon, wenn auch in roher Weife bemalt, fo zeigen fie auch in der Maffe felbft fich durch Wahl beftimmter Thonforten mit Abficht fchwächer oder intenfiver gefärbt, und war diefe charakteriftifche Farbe des Thones um fo leichter zu erhalten, als das angewandte Feuer beim Brennen der Gefäfse ein fehr fchwaches blieb. So entstand eine Töpfervorftadt von Athen. Das geeignete Materiale wurde oft weit herbeigeholt und hochgefchätzt war der Thon vom Hügel Kolias. Alle Töpfererzeugniffe der Griechen zeichnen fich durch grofse, ganz auffallende Leichtigkeit aus, die fpäteren, als die griechifche Gefäfsbildnerei ihren Höhepunkt erreichte, auch durch befondere Politur und einen matten Glanz, der als Unterfcheidungsmittel von den vielfach in den Handel gebrachten Imitationen, befondere Beachtung verdient. Tragen fchon die älteften Gefäfse Spuren eines Henkelanfatzes, fo bemächtigt fich fpäter die Plaftik der Töpferei und beginnt mit der Decoration des plumpen Gebildes. An den tyrhennifchen Vafen fchon tritt das plaftifche Ornament auf; bald folgt die Nachbildung von Thiergeftalten, es tritt ein Syftem in die Anordnung der Decoration und diefe plaftifche Töpferei erreicht um den Beginn unferer Zeitrechnung auf den griechifchen Infeln ihren Höhepunkt. Die Einführung der damals fchon altbekannten Töpferfcheibe in die Thonwaaren- Induftrie der Hellenen hatte eine völlige Aenderung der Stilrichtung in diefer Kunft zur Folge. Es verändert fich mit der vervollkommneten künftlerifchen Geſtaltung der Gefäfse aber auch deren Rohmaterial, es wird feinkörniger, dichter, es erhält glattere Oberflächen und einen ftärkeren Brand. Nun tritt auch fchon die Glafur hinzu und mit dem erhöhten künftlerifchen Werthe der Producte in Modellirung und Zeichnung geht Hand in Hand die Vervollkommnung der Technik durch Anwendung farbiger Glafuren, Engoben und fonftiger Kunftfertigkeiten. Das Streben nach Erzielung eines gleichförmigen Orangetones der gebrannten Waare führt zu den fchönften Folgen. Wir find nun der Zeitperiode nahe gerückt, in der die hellenifche Keramik ihren Höhepunkt erreichte. Ihr entftammen die herrlichen mit allem Aufwande der Technik ausgeführten Vafen und Amphoren, die unfere Sammlungen fchmücken und aus deren bilderreicher Decoration wir, wie in einem aufgefchlagenen Buche, die fchätzbarften Auffchlüffe über das antike Leben, über die Religion und Sitte der Griechen lefen. Den älteren Gefäfsen mit fchwarzer Zeichnung auf rothem oder rothgelbem Grunde folgt zur Zeit des Höhepunktes diefer Kunft ein Umfchwung in der Anwendung der Glafur und Farbe, und es erfcheinen die Figuren nun hell, gewiffermafsen aus dem fchwarzen Grunde ausgefpart. Parallel mit diefer Kunftrichtung der griechifchen Keramik lauft eine zweite, von der erfteren wefentlich verfchiedene, die Kunft der vielfarbigen Töpferei. Die glasartige Schmelzglafur wird erfetzt durch einen leicht flüffigen, bei geringer Erwärmung fchon auffchmelzbaren, lackartigen Ueberzug, der meift mehr oder weniger aus einem wachsähnlichen Körper und tingirenden Erdfarben beftanden zu haben fcheint, welche Compofition faft ausnahmsweife auf weifsem, durch einen Bolusüberzug gegebenen Grunde aufgetragen wurde. Die intereffante Ausftellung Dänemarks zeigte moderne Nachbildungen aller diefer althellenifchen Gefäfsformen, oft von fehr gelungener Art; auch einige italienifche Thonwaaren- Fabrikanten haben fich hierin, freilich mit weit weniger Erfolg, verfucht. Gleichzeitig in der Periode der Blüthe der hellenifchen Gefäfsbildnerei aus dem gebrannten Thone fehen wir diefes Rohmaterial immer häufiger zu decorativen Zwecken benützt und namentlich an Bauwerken aus nachperikleifcher Zeit finden wir gebranntes Bauornament, meift ähnlich bemalt wie die letztgenannten Vafen, in vielfacher Anwendung. Zuerft foll diefs in Korinth gefchehen fein. Aber nicht nur zur ornamental decorativen, fondern auch zur figuralen Plaftik wurde, wie 6 Dr. Emil Teirich. fchon Eingangs erwähnt, die Terracotta damals verwendet. Farbige Terracotten fchmückten die Balken und fonftigen Theile des noch archaiftifchen Tempels von Metapont. Die Wände des Palaftes des Königs Maufolus in Halikarnaffus waren allerdings nur aus ungebranntem Ziegelmateriale ausgeführt, aber immer rein geglättet und wahrfcheinlich mit enkauftifchem Firnifs überzogen. Jedenfalls fand die polychrome Behandlung des gebrannten Bau ornamentes ftatt. Oft finden wir die glatten Glieder des Gefimswerkes, theils auf der Töpferfcheibe erzeugt, theils gezogen und mit Ergänzungsformen bemalt. Semper nennt die Terracotta in ihrer häufigen Anwendung zur Bekleidung der Balken und Säulen fchon des griechifchen archaiftifchen Tempels, den eigentlichen Vermittler zwifchen dem alten und neuen Stile und leitet das korinthifche Steincapital geradezu aus dem Töpferftile ab. Nach Italien gelangte die Kunft der vollendeten Töpferei aus Griechenland. Eine enorme Verbreitung wurde damit der Thonwaaren- Induftrie gegeben, denn das weltbeherrschende Rom trug diefe Technik nicht allein zurück wieder in den Orient, nach Kleinafien und Egypten, es verpflanzte fie bis an die Küfte der Nordfee, bis in die germanifchen Wälder. Die Töpferfcheibe gibt dem römifchen Gefäfse feine Grundform, aber der Plaftiker fetzt mit bildender Hand Henkel daran und ein Reliefornament, zu deffen rafcherer Herftellung er fpäter fich des gravirten Stempels, der auszudrückenden Form bedient. Ift das Werk vollendet und foll es gebrannt werden, fo vergifst der Künftler felten, zuletzt noch feinen Namen der weichen Thonmaffe einzuprägen. Glafur wird felten gegeben und fcheint nur wenig gelungen gewefen zu fein, aber der Luftre römifcher Waaren, wie jener der fogenannten famifchen Terracotta, ein reiner, rofenrother, warmer Farbenton, war prächtig und genügte. Auch hier findet fich Bemalung, doch nie ein Einbrennen derfelben. In der Stilrichtung folgt die römifche Töpferei den griechifchen Formen. Aus frühefter Zeit datiren die römifchen Terracotten, welche dem Todtencult gewidmet waren. Grofse, farkophagähnliche Afchenbehälter, Ampeln und Lampen, Thränenkrüge und Urnen finden fich faft in jedem der geöffneten römifchen Gräber; fonftige Terracotten, Darftellung aus dem Thierleben, Figuren und dergl. in vielen Exemplaren unter den ausgegrabenen Reften von Pompeji. Unterdeffen hat der Ziegelbau fich völlig eingebürgert und der gebrannte, künftliche Stein fich feine dauernde und fpäter fo unendliche Wichtigkeit in der Baukunft gefichert. Die Conftruction der Gewölbe wurde neu erfunden, der Ziegel decorirt und mit ornamentalen Terracottaftücken vereint zu Bauzwecken verwendet. Wo die, fiegreich an die Peripherie der damals gekannten Welt vordringenden römifchen Legionen vorübergehend oder dauernd Halt machten, wo eine römifche Colonie entftand, dorthin wurde auch die römifche Thonwaaren- Induftrie getragen und Ziegeleien gegründet, die das Material zur Befeftigung des verfchanzten Caftrums gaben. So läfst fich beiſpielsweite die Entftehung der heutzutage gröfsten Ziegelei der Welt, der zu Inzersdorf am Wienerberge, auf die Epoche der Gründung Wiens als römifches Lager durch die Legionen pia, fidelis und gemina zurückführen. Mannigfaltige Gefäfse und römifche Ziegel werden jetzt noch alljährlich bei den fortfchreitenden Abgrabungen dort gefunden und tragen das Zeichen der genannten Legionen. Es würde trotz der eingehaltenen fkizzenhaften Darftellungsweife dennoch zu weit führen, wollten wir hier, von den erften Anfängen beginnend, der Entwicklung und des Aufblühens der alten Thonwaaren- Induftrie bei anderen Culturvölkern ebenfo gedenken wie bei den hellenifchen und italienifchen. Gewifs ift, dafs China fchon lange vor der claffifchen Zeit Thonfiguren mit Göttergeftalten modellirte und brannte, dann aber auch in der Gefäfsbildnerei Die Thonwaaren- Induftrie. 7 Bedeutendes leiftete. Ein gleiches gilt von den Indiern, ja die Anfänge diefer Kunft laffen fich verfolgen bis in die Urwälder von Mexico und der füdamerikanifchen Völker. Wie fo manche Kunftfertigkeit aber, fo gerieth auch die claffifch antike Thonwaaren- Technik in Verfall, um erft wieder in Italien zu Ende des XIV. Jahrhundertes und fpäter in anderen Ländern zur neuen Blüthe zu erwachen. Nur wenige Beiſpiele von der Verwendung des Backſteines als Rohbau find uns aus alter Zeit bekannt. Die gröfsten Bauten der Römer fowie deren Wohnhäufer waren wohl aus Ziegeln gemauert, aber meift verputzt. Das Theatrum castrense und der Tempio del Dio redicolo bei Rom find folche, auf uns überkommene Ziegel- Rohbauten mit Terracotta- Gliederungen. Von einem antik claffifchen Ziegel- Rohbauftil kann daher nicht die Rede fein; ftets bot der gebrannte Thon in leicht handlicher Form zu einer minder koftfpieligen, dem Effecte nach aber mit der Stein- oder Marmorarchitektur gleich werthigen Bauweife die Hand. Anders wurde es, als im Mittelalter die Thonwaaren- Induftrie Oberitaliens neuerdings erblühte und der Ziegel als Erfatz des Baufteines angewendet wurde. Anfänglich nur befcheiden hinter den Kalkmörtel gebunden, trat er fofort in feine Rechte, als der kunftfertige Italiener des Mittelalters die trefflichen Eigenfchaften des Materiales kennen und würdigen lernte. Die Sucht der Künftler der fpäteren Gothik und der Frührenaiffance nach neuen Verfahrungsweifen und nach einer Bereicherung der ihnen zu Gebote ſtehenden Rohmaterialien kam ihm bei feinem Kampfe um Selbftftändigkeit wefentlich zu Statten. Das Gleiche gilt von anderen Stoffen, von anderen technifchen Verfahrungsarten, mit denen das gleichzeitige Kunft- Handwerk Italiens fich bereicherte, die es entweder dem claffifchen Alterthume, geftützt auf etwa noch fortlebende Traditionen, entnahm, oder die es in eigener genialer Conception zu erdenken wufste. In Venedig, dem Mailändifchen, vornehmlich aber in der Aemilia, blühte der Ziegel- Rohbau und hinterliefs uns eine Reihe von Prachtbauten, reich, faft überreich decorirt mit Thonornament, das, dem Rohftoffe und feinen ſpecififchen Eigenfcharten volle Rechnung tragend, bei allen Gliederungen der Architektur, meift ftrenge im Stil gehalten, ausgeführt wurde, was übrigens nicht ausfchlofs, dafs auch Steinornamente mit im Ziegel- Rohbau verwendet wurden. Bolognas Bauten, wo grofse, aus Ziegeln aufgeführte Säulen reiche Sandftein- Capitäle tragen, find hievon ein Beiſpiel. Zur höchften Entwicklung gelangte, die Verwendung der Thonwaare zu den Zwecken der Architektur in den Klofterhöfen und Kirchenfaçaden. Das reizendfte Bauwerk und das bekanntefte, die Höfe der Certofa bei Pavia, mit den hervorfpringenden figuralen Medaillons( eine treffliche Nachbildung hievon im South- Kenſington- Muſeum in London) entftammt diefer Epoche und das in fpät gothifcher Zeit erbaute Ospedale maggiore in Mailand, ein Werk Filaretes, entwickelt in feinen zierlich gegliederten gothifchen Fenſtern die reichfte und elegantefte Architektur, die aus diefem Materiale gedacht werden kann. Der Palazzo Bevilacqua in Bologna, der Palazzo della Scrofa in Ferrara find berühmte Bauwerke, in denen die Backſtein- Architektur bereits eine felbftftändige, aber der Ausdrucksweife des Materiales entſprechende Form gefunden hat. Auch hier findet man nicht felten und namentlich an den älteren Bauwerken bunte Bemalung der Terracotta- Ornamente. Aber nicht nur den Zwecken der Architektur wurde der gebrannte Thon dienftbar gemacht, auch die Kleinkunft bemächtigte fich diefes leicht zu behandelnden plaftifchen Materiales. Abgefehen von deffen Verwendung in der nationalen Töpferei, die dem Thongefchirre zur allgemeinften Verwendung verhalf, find uns viele Ausführungen von Kunftgegenftänden aus jener Zeit erhalten: Kamine, Vafen, Grabplatten 8 Dr. Emil Teirich. vorzüglich fchön modellirte Porträtbüften und Medaillons. Das öfterreichifche Muſeum felbft ift im Befitze einiger gut ausgeführter Stücke diefer Art. Die Glafur, welche auf dem Töpfergefchirre längft fchon im Wefentlichen die heutige Zufammenfetzung als eine Blei- oder Zinncompofition angenommen hatte, fie wurde nun auch künftlerifch, im Verein mit Farbe und als Email verwendet, die Majolica entſteht, die Robbias liefern nun auch der Architektur ein reizendes Decorationsmittel und die Thonwaaren- Induftrie tritt hiemit in ein Stadium der Vollendung, das anderen Ortes befprochen werden mufs. Blicken wir nach dem Norden Europas, nach Nord- Deutſchland und England, fo hat mit dem XIII. Jahrhunderte auch dort der Ziegel- Rohbau bereits feften Fufs gefafst. Die englifche Gothik macht faft ausfchliefsend von ihm Gebrauch. Günftig war ihm der Mangel an Baufteinen jener flachen, dem Meeresboden nur langfam entrückten Landftriche und jedenfalls auch die Schwierigkeit, der unaufhörlich nagenden, falzig feuchten Seeluft eine genügend wetterbeftändige Kalkmörtel- Schichte als Verputz entgegenzuftellen. Der gebrannte Thon hat feine Stabilität bewahrt. Unverwittert und feft ftehen heute noch die Monumentalbauten des Mittelalters ebenfo wie das fchlichte Haus des Bürgers. Auch hier hat fich eine Backſtein- Architektur des Mittelalters ausgebildet und Werke gefchaffen, die heute noch Kunde geben von dem Stande der Thonwaaren- Induftrie jener Zeit, welche im Allgemeinen in Deutſchland, Frankreich, Holland und England die gröfste Pflege und Entwicklung fand, wenn auch gerade der hier zu befprechende Zweig der Ziegel- und Terracottaerzeugung eine geringere Bedeutung darin einnahm als in Italien. Es gelangte eben die Technik glafirter ordinärer Thonwaare, wie fie in dem altdeutfchen Ofen ihr Prototyp findet, die Fliefen und Majolica- Erzeugung und die des Steingut- Gefchirres, in die Blüthe. Eine fchöne Anwendung der Terracotta findet fich in den Fufsboden- Beleg. platten der mittelalterlichen Kirchen, Ritterburgen und Wohnhäufer, die ornamentirt und fcharf gebrannt, ja oft in verfchiedenen Farben hergeftellt und zu Muftern vereinigt wurden. Die Belegplatten der Kirche in Bebenhaufen u. f. w. geben uns heute noch Beiſpiele hievon. Die Stilepoche der Renaiffance beeinflufst in fichtlicher Weife die Thonwaaren- Fabrication in Deutſchland und Frankreich, benützt fie aber weniger für die Zwecke der Architektur als das Mittelalter. Der eigentliche Einfluss der Renaiffance in Deutfchland äufsert fich auf die Gefäfsbildnerei, die Werke der Kleinkunft, auf die glafirte Thonwaare. Die Anwendung der Terracotta- und Rohbau- Architektur, aus welcher überhaupt ftets nur der Impuls zu Fortfchritten diefes Zweiges der ThonwaarenInduftrie ausgehen kann und zu erwarten fteht, ift in der modernen Zeit faft möchte man annehmen allenthalben in mächtiger, ftetiger und neuer Entwicklung begriffen. - - Seit den letzten Jahren ift auch Oefterreich hierin einen Schritt vorwärts gegangen, einen Schritt, der es freilich noch nicht fofort in die Reihe mit England und Nord- Deutfchland brachte, der aber grofs genug war, um zur berechtigten Annahme zu führen, es werde auch in diefem Zweige der Induftrie bald ebenfo den genannten Rivalen nachgeeilt fein, wie auf anderen Gebieten des menfchlichen Könnens und Wiffens. Die Ziegel- Rohbau- Architektur, ohne die wir uns nun und nimmer eine gedeihliche Entwicklung der Terracotta- Induftrie zu denken vermögen, hat in dem letzten Jahrzehent geradezu Bedeutendes geleiftet. Das techniſch Vollkommenfte zeigt uns die Ziegel- und Thonwaaren- Induftrie in Nord- Deutfchland und deren Verwendung in der Berliner Architektur. Die neuen Gebäude der Bank und Münze, der Bahnhöfe, der Synagoge, das Krankenhaus auf der Landsberger Chauffée, viele Villen im Thiergarten, dann aber auch der Neubau der Königsberger Univerſität und vor Allem die kürzlich Die Thonwaaren- Induftrie. 9 eröffnete Paffage von den Linden nach der Behrenftrafse, find treffliche Ausführungen, über deren architektonifch künftlerifchen Werth eine Discuffion zuläffig fein mag, die aber vom Standpunkte der Thonwaaren- Fabrication hier zu Lande gewifs noch Unerreichtes leiften. Nicht weniger trefflich find die Ausführungen in England, denen man dort allenthalben begegnet. England ift unbeftreitbar das Land der Thonwaare, es hat die Technik vervollkommnet und gewifs auch in der allerhäufigften und vielfältigften Anwendung erprobt. Hier find wir fo recht in das Centrum der Rohbau- und Ziegelarchitektur gerathen. Der praktiſche Engländer weifs eben die Vortheile diefer Bauweife völlig zu würdigen, er erkennt den Werth und die Billigkeit des Rohbaues für feine Wohnhäufer und Induftriebauten und fchätzt die herrliche Verwendbarkeit der Terracotta als Decorationsmittel. Die zwei gröfsten und bekannteften Bauten Londons, die koloffale Albert- Hall und das South- Kenfington- Muſeum mögen hier in Erinnerung gebracht fein. Nicht minder baut man in Amerika faft ausfchliefsend ohne Verputz und weifs die dort faft ausnahmsweife mit Mafchinen erzeugten Ziegel mit erftaunlich dünnen Fugen und grofser Präcifion zu vereinen. In Wien ift die Anwendung diefer Bauweife eigentlich erft feit circa zwanzig Jahren verfucht worden. Ein fchlimmerer Anfang als mit dem Baue des Arfenales und der Franz- Jofefskaferne um 1851 konnte kaum gedacht werden, und fo war es eigentlich der Monumentalbau der neuen Lerchenfelder Kirche, von dem die Anwendung der Terracotta als Decorationsmittel des Roh- Mauerwerkes erft fo recht datirt. Um diefe Zeit fällt denn auch die Einführung der Mafchinen in die Ziegelinduftrie. Aus den, urfprünglich den Zwecken der Landwirthschaft dienenden Drainröhren- Preffen, entſtand die heutige Ziegelmafchine. Beide kamen in England zuerft, anfänglich aber mit wenig Erfolg in Betrieb. Die rafch zunehmende Entwicklung der grofsen Städte, der Centren des Verkehres eines weitverzweigten Eifenbahn- Netzes, der neu erwachte und durch die verfchiedenen Weltausftellungen vielfach angeregte Sinn für Communalbauten u. f. f., er vermehrte faft allerorts die Bauthätigkeit und erhob viele Baugewerbe zur Fabrication. Zu letzteren zählt vor Allem die Ziegelerzeugung. Die fteigenden Anforderungen an diefe Induftrie fanden diefelbe allerorts zumeift ganz unvorbereitet. Die primitivfte Gewinnung des Thones, deffen Formen ohne Berücksichtigung fpecififcher Eigenfchaften gehandhabt wurden, dann aber vor Allem das Brennen der Steine, welches unvollkommenes, ungleiches Materiale und maffenhaften Ausfchufs gab, und wegen der nothwendigen Mitverwendung des Holzes zum Brande fehr koftfpielig war, alle diefe Theile der Ziegelerzeugung bedurften einer Verbefferung, denn nur wenig unterfchieden war bis dahin der bei der Ziegelerzeugung beobachtete Vorgang von jenem, der den Juden zur Zeit der Pharaonen fo vielen Kummer in Egypten machte. Der Mangel an den nöthigen Arbeitskräften zwang zuerft zur Aufftellung der Mafchine und ift vorzüglich jetzt das Motiv ihrer rafcheren Verbreitung, die fie zufehends gewinnt. Vielfache Verfuche, meift abzielend auf Continuität des Betriebes oder doch wenigftens theilweife Benützung der abgehenden Wärme aus den Brennöfen, führten bis vor Kurzem zu keinem nennenswerthen Refultate, weder in Oefterreich noch anderen Orts. Erft Friedrich Hoffmann in Berlin gebührt das, in neuefter Zeit ihm mit vollem Unrechte beftrittene Verdienft, die Frage des Ziegelbrennens wenigftens im Principe erfchöpfend gelöft zu haben. Es gefchah diefs durch Anwendung der Grundfätze der Siemen'fchen Regeneratorfeuerung in möglichft einfacher Weife auf das Brennen von Ziegeln und Kalk. Hoffmann's Ofen fand die rafchefte Aufnahme in allen Ländern, er brachte zudem einen Umfchwung hervor im ganzen Syfteme der Ziegelerzeugung, er 10 Dr. Emil Teirich. machte fie fo recht zur Fabrication. Unvergleichlich war der neue Ziegel beffer als der frühere und dabei mit einem Aufwande von Brennftoff gebrannt, der mindeftens 50 Percent unter demjenigen ftand, welcher in Oefen alter Conftruction zu verbrennen nöthig war. Freilich ift das Anlage capital zur Herftellung eines folchen Ofens ein gröfseres und zwingt deffen Continuität zur ununterbrochenen Production, für welche Abfatzquellen offen gehalten fein müffen. Das Affociationswefen, welches allerdings nicht felten die verdorbene Blüthe fchwindelhafter Actiengeſellſchaften getragen hat, bemächtigte fich diefer Induftrie, wandte ihr die nöthigen Capitalien zu und erhob fie namentlich in Oefterreich und fpeciell in Wien zu einer Entwicklung, die fie, wenigftens mit Rückficht auf Maffenproduction und Grofsartigkeit des Betriebes, nirgends fonft zu erreichen vermochte. Dabei fchritt man auch hier in der Verbefferung der Qualität vor. Führte fchon der Arfenalbau zur Erzeugung der erften Verblendfteine aus gefchlämmtem Thon und zur Einführung paffend profilirter Ziegel, um dem Maurer deffen Behauen zu erfparen, fo hob fich die ganze einfchlägige Thonwaaren- Induftrie mit der Errichtung der Thonwaaren- Fabrik zu Inzersdorf am Wiener Berge, welche im Vereine mit einem zweiten kleinen Etabliffement in der Nähe Wiens die neu erblühende Wiener Architektur kräftigft unterſtützte. Die gebrannte Thonwaare im Vereine mit dem Ziegel- Rohbau gewann, wenn auch langfam, fo doch ftetig an Terrain. Die gothifchen Kirchen und das akademifche Gymnafium Schmidt's, vor Allem aber die befondere Sorgfalt, die zuerft Architekt Hanfen der Anwendung diefer Bauweife zuwandte und in feiner evangelifchen Schule, der griechifchen Kirche, dem Heinrichshof, dem Mufikvereins- Gebäude zum Ausdruck brachte; dann endlich Ferftel's Neubauten des öfterreichifchen Muſeums und des chemifchen Laboratoriums der neuen Univerfität bürgerten diefelbe ein und trugen nicht wenig zur Hebung der öfterreichifchen Terracotta- und Ziegelinduftrie bei. Ehe die, über Oefterreich gerade während der Weltausftellung hereingebrochene, financielle Krife auch in diefer Induftrie einen Rückfchlag oder wenigftens einen momentanen Stillftand hervorrief, mochten die Wiener Ziegeleien allein, das heifst jene Etabliffements, die vorzugsweife ihre Producte nach der Hauptftadt abfetzen, eine Fläche von circa 2500 öfterreichifchen Joch occupirt und an 15.000 Arbeiter befchäftigt haben. Das hiebei engagirte Capital dürfte auf 18 bis 20 Millionen Gulden zu veranfchlagen fein und beträgt derzeit die jährliche Production an Ziegeln für den Wiener Markt rund 450 Millionen Stück. Welcher koloffalen Menge von Mauerwerk entſpricht diefes enorme Quantum von Ziegeln, deren Dimenfionen faft die gröfsten unter den überhaupt üblichen find. Noch heute ift das Ziegelmafs durch ein Landesgefetz auf II. 54.2% Wiener Zoll( 290. 140.65 Millimeter) normirt. Hoffen wir, dafs die Einführung des metrifchen Mafses die völlige Reorganiſation unferes etwas veralteten Baugefetzes nach fich ziehen wird, als deffen Grundlage wohl nur das norddeutſche Normal- Ziegelmafs( 250. 120. 65 Millimeter) wird angenommen werden können. Mit Einführung diefes wefentlich reducirten Mafses wird der Ziegelfabrication ein erneuter Impuls gegeben werden. Namentlich ſteht zu erwarten, dafs die mannigfaltigen Schwierigkeiten bei der Erzeugung von Mafchinenfteinen( von der noch heute üblichen enormen Gröfse) fortfallen und zu Gunften eines befferen Fabricates werden zu beheben fein. Dann wird aber auch das theilweife ganz ungerechtfertigte Vorurtheil gegen den Mafchinenziegel hier ebenfo fchwinden, wie es anderen Orts bereits gefchwunden ift, wo die Mafchinenarbeit alle Handarbeit fchon verdrängt hat. Uebrigens find die Fortfchritte, welche die Einführung der Mafchinenarbeit in die Ziegelinduftrie in den letzten fünf Jahren gemacht hat, ganz bedeutende. Seit 1864, wo auf den berühmten Werken Heinrich Drafche's die erfte Hertel'fche Ziegelpreffe in Oefterreich zur Thätigkeit kam, hat fich diefes Syftem, hie und da Die Thonwaaren- Induftrie. 11 etwas modificirt, vielleicht auch in den Details verbeffert, im Wefentlichen erhalten. und völlig eingebürgert. Mafchinenziegel, die aus allen Theilen der Monarchie zur Ausstellung gelangten, zeigten die rapide Vermehrung der Mafchinen für die Zwecke der Ziegelerzeugung feit der Parifer Ausftellung, zu welcher Zeit in ganz Oefterreich höchftens 5 Mafchinen in Thätigkeit waren, während heute deren Zahl über hundertfünfzig betragen dürfte. Wir müffen es uns hier verfagen, auf die Befprechung der heutigen Ziegelmafchine einzugehen und wollen hier als weiteren Fortfchritt in diefer Induftrie nur noch die Verallgemeinerung des Hoffmann'fchen Ringofen- Syftemes in Oefterreich hervorheben, das fich binnen Kurzem auf der ganzen Welt den Ruf der beften, bis heute allein praktifchen für die Maffenproduction errungen hat. Bleibt etwas hiebei zu wünfchen übrig, fo ift es, dafs die Erkenntnifs der Trefflichkeit diefer Erfindung nicht mit einer fo fchnöden Beraubung des genialen Mannes verbunden gewefen wäre, dem wir fie verdanken. Die mehrfachen Nachbildungen, welche Hoffmann's Ofen beiſpielsweife durch P. Loeff erfahren hat, bieten gegenüber dem Originale zum Mindeſten keinen Vortheil. Ein Concurrent mit dem Hoffmann'fchen Ofen, der doch eigentlich das Siemens'fche Regeneratorprincip in ureinfachfter Geftalt repräfentirt, ift in den letzten Jahren, namentlich in Nord- Deutfchland, der Gasofen geworden, der befonders in der Menthheim'fchen Conftruction Gutes zu leiften fcheint. Die Ausftellung brachte Zeichnungen diefes relativ neuen, und allerdings noch nicht ganz ficher functionirenden Apparates, der fich beiſpielsweife in der königlichen Porzellanmanufactur in Berlin, dann aber auch auf mehreren Ziegeleien, vorzüglich aber in der Terrocotta- Induftrie zu bewähren fcheint. Während in Hoffmann's Ofen nur mit gewiffen Schwierigkeiten verfchiedene Temperaturen in den einzelnen Abtheilungen des continuirlichen Ofencanales zu erzielen find und ebenfo fchwer die genaue Hervorbringung einer gewiffen, gewünſchten Farbe des Brenngutes fällt, behebt der Gasofen zum gröfsten Theile diefe Schwierigkeiten und dürfte jedenfalls der Terracotta- Ofen der Zukunft werden. Als Ziegelofen glauben wir demfelben, gegenüber dem Hoffmann'fchen Syftem, ein weniger gutes Prognoftikon ftellen zu müffen. Complicirtere Bauweife- ein dann aber auch die Hauptnachtheil bei fo fehr beanspruchten Apparaten geringere Erfparnifs an Brennftoff, die Unmöglichkeit abfolut jeden folchen zu verwerthen, wie diefs der andere Ofen geftattet, das find die Nachtheile die dem Principe ankleben, und die daher durch weitere Erfahrungen gemildert, nie aber ganz umgangen werden können. - Eine wefentliche Aenderung im Betriebe der öfterreichifchen TerracottaFabriken feit der Parifer Weltausftellung ist kaum zu conftatiren, die beiden Wiener Firmen, welche diefe Induftrie vor Allem repräfentiren, arbeiten, wenn auch mit vermehrten Mitteln, fo doch in alt hergebrachter Weife fort. Einen Anlauf zum Befferen macht die Wienerberger Ziegelfabriksund Baugefellfchaft mit ihrem eben in der Ausführung begriffenen Bau einer durchaus modernen, auf dem Höhepunkt der heutigen Thonwaaren- Induftrie ftehenden Fabrik. Hoffen wir, dafs diefe Beftrebungen von Seite des bauenden Publicums auf Unterſtützung treffen, und dafs der Einflufs diefes Etabliffements auf die Bauweife Wiens bald wieder ein recht fühlbarer werde. Die Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugefellfchaft( früher Heinrich Ritter v. Drafche), ift für die öfterreichifche Ziegelinduftrie entfchieden tonangebend. Die Erzeugniffe ihrer grofsartigen Etabliffements, denen eine Area von 900 Joch behufs Thonausbeute zu Gebote fteht, zeichnen fich durch anerkannte Feftigkeit aus. Die enorme und Widerftandsfähigkeit gegen atmoſphärifche Einflüffe Erzeugungsfähigkeit von nahezu 200 Millionen Ziegeln im Jahr, die grofsartigen Einrichtungen zur Verfrachtung folcher Mengen, die Vorkehrungen zur Unterbringung eines Arbeiterperfonales von mehr als 8000 Seelen, die humanitären Anftalten der Gefellfchaft, die Errichtung des Arbeiter Kranken- und Unter 12 Dr. Emil Teirich. ftützungsvereines, des Penfionsinftitutes für die Beamten, die Erhaltung von Spitälern und Schulen für den Gebrauch der Arbeiterbevölkerung, alle diefe und noch manche andere intereffante Inftitutionen zeigen, wie die Leitung diefer Gefellſchaft fichtlich bemüht ift, ihre Etabliffements an die Spitze der modernen induftriellen Unternehmungen in jeder Hinsicht zu ftellen. Ihr Ausstellungsobject, ein Porticus als Abfchlufs des Kunfthofes, follte die Thätigkeit der Gefellſchaft illuftriren, welche dahin geht, den Roh- Bauftil in Oefterreich zu fördern und zu unterftützen. Im Stile der reinften italienifchen Renaiffance gebaut, waren an diefem grofsen Objecte alle Decorationsweifen durchgeführt, mit denen die moderne Thonwaaren- Induftrie dem Roh- Bauftile zur Verfügung steht. Eine reiche Sammlung der verfchiedenartigften von Hand und Mafchine geprefsten Ziegel aus gefchlämmtem und gefärbtem Thone, Form und Verblendfteine, Dachplatten jeder Sorte und Gröfse, Drainage- und WafferleitungsRöhren, Stallpflafter und Klinkerfteine etc. illuftrirten die mannigfache Thätigkeit der gefellſchaftlichen Fabriken. Befonders bemerkenswerth waren aber deren Terracotten, welche in den gröfsten Stücken ohne fichtliche Schwierigkeiten erzeugt werden und welche entfchieden durch Trefflichkeit der Modellirung und Behandlung des Thones fich vor allen übrigen Ausftellungen diefer Art auszeichneten. Die Giebelgruppe am Porticus aus weifsem Thon, die Reliefs an demfelben aus rother und endlich die vielen Figuren aus gelblicher, fteinähnlicher Maffe, zählten mit zu den beften Leiftungen auf der ganzen Ausftellung. Die Combination der rohen Terracotta mit der, in den letzten Jahren von der Gefellſchaft eingeführten Majolicatechnik, war an den Pilafterfüllungen des Ausftellungsobjectes zur glücklichen Durchführung gebracht. Anderen Ortes müffen wir diefe Technik eingehender befprechen. Die gefellfchaftliche Thonwaaren- Fabrik zu Inzersdorf verfieht faft ausnahmslos den Bedarf an Bauornament nicht nur von Wien, fondern faft von ganz Oefterreich, und exportirt von diefer Waare fogar alljährlich nicht unbedeutende Quantitäten. In Erwägung der grofsen Verdienfte, welche fich die Gefellfchaft um die bauliche Entwicklung Wiens erworben hat, wurde derfelben von der Jury das Ehrendiplom zuerkannt. Die Terracotta- Fabrik von V. Braufe wetter in Wagram bei Leobersdorf hat durch ihre diefsmalige Ausftellung ein anerkennenswerthes Streben nach vorwärts bekundet. Die vorgeführten Thonwaaren, meift figuralen Genres waren gut, wenn auch etwas ftumpf modellirt und aus fehr guter Maffe gebrannt, gleichfärbig im Ton und von anerkannter Güte. Weniger gelungen erfchien uns eine Suite von Bauornamenten, an denen doch der Mangel an ftilvoller Behandlung zu empfindlich wurde. Aufser der eigentlichen Ausftellungsgruppe zierten Braufewetter's Fabricate die Umgebung des Kaifer- und Jurypavillons und manche Theile des Parkes. Ein grofser, mit reichem ornamentalem und figuralem Schmuck verfehener Brunnen war das Befte, je aus der Fabrik hervorgegangene Werk. Die Preife für die Arbeiten find jedoch fehr hohe und die Anwendung diefer Thonwaaren zu Bauzwecken daher eine feltene, kaum nennenswerthe. In Erwägung aber der grofsen Verdienfte, welche die Gefellſchaft um die bauliche Entwicklung Wiens fich erworben hat, wurde derfelben von der Jury das Ehrendiplom zuerkannt. Aufser den beiden eben genannten Fabriken, welche fo ziemlich den ganzen öfterreichifchen Markt verfehen, ift kaum hie und da ein Beginn zur Erzeugung von Terracotten im gröfseren Mafsftabe gemacht worden. De Cente in Wiener- Neuftadt, deffen Hauptthätigkeit fich der Ofeninduftrie zugewendet hat, brachte die zu wiederholten Malen fchon gefehenen kleinen Figurengruppen nach den alten Modellen der aufgelöften Aerarial- Porzellanmanufactur, welche urfprünglich für Bisquit beftimmt, im unedleren Materiale auch viel vom Reize der feineren Modellirung eingebüfst haben. Der Thon, aus dem diefe Figuren hergeftellt find, ift übrigens eine fehr plaftifche, feine, gelbliche Maffe, aus der auch die grofse Porträtbüfte Sr. Majeftät modellirt war, die in höchft gefchmacklofer Weife zur Herme gemacht wurde. Die Thonwaaren- Induftrie. 13 Was in Oefterreichs Abtheilung hie und da an Terracotta- Waare ausgeftellt war, erhob fich kaum über das Mafs des Allergewöhnlichften; es waren diefs Erzeugniffe, die für die Entwicklung unferer Architektur ohne Bedeutung find und nur locale Verwendung finden können. Gewöhnlich find die Formen ftumpf und ohne Verſtändnifs modellirt, wie beifpielsweife der vom Fürften Schwarzenberg gebrachte Terracotta- Brunnen.. Unter den ungarifchen Ausftellern hatte W. Z folnay in Fünfkirchen einige gelungene Stücke gebracht, doch hat auch diefe Fabrication, welche neben jener des Steingutes betrieben wird, keine Ausdehnung noch gewonnen. Gute Ziegelerzeugniffe trafen wir aus allen Theilen der Monarchie, freilich oft fichtlich als Ausftellungsobject gearbeitet. Der Mangel an brauchbaren Verblendfteinen ist jedoch ein allgemeiner, nirgends aufser in Wien felbft werden diefe erzeugt, trotzdem dafs an manchen anderen Orten ein herrliches Rohmateriale zu Gebote ftünde. Unter den ausgeftellten Dachziegeln fanden fich mehrere mit Mafchinen erzeugte, dann aber zumeift auf der Handdrainröhren- Preffe hergeftellte. Namentlich Ungarn ift ein Abfatzgebiet für folche wellenförmige Dachziegel, die fich in den deutfch- öfterreichifchen Ländern keinen Eingang verfchaffen können. Urfprünglich eine Form, die den Niederlanden entftammte, ift fie geeignet, ein flaches, leichtes Dach zu geben und leitet das niederftrömende Regenwaffer fehr gut ab. Gegenüber den hierzulande gebrauchten Biberfchwänzen" haben diefe Ziegel auch noch den Vortheil, dafs fie durch Sturmwinde nicht leicht aufgehoben und zerbrochen werden können. Von den übrigen, oft etwas bizarren Formen unter den Dachplatten hat uns keine als befonders praktifch gefallen können. Auch dem fogenannten Kettenziegel von Freund und einer ähnlichen Idee eines zweiten Ausftellers, die Backſteine zu dübbeln oder durch fchwalbenfchweifförmige Einfatzftücke zu verbinden, können wir keine praktifche Verwendbarkeit zufprechen. Alles fchon dagewefen! Sehr feltene Fälle ausgenommen, wird ein damit hergeftelltes Mauerwerk zu koftfpielig, da die Fabrication paffend in einander gefugter Ziegel im Grofsen ftets fchwer überwindbare Hinderniffe in der Schwindung des Thones findet. Die Fabrication von Drainageröhren hat, nachdem die Landwirthschaft nicht mehr ihr einziges Heil in einer Drainage aller Böden fucht, nicht nur in Oefterreich, fondern allenthalben vielfach fich vermindert. England, deffen Terracotta- und Ziegelinduftrie eine fo bedeutende Ausdehnung und in mancher Richtung auch Vollendung erreicht hat, blieb uns die Nachweiſe über die in letzter Zeit gemachten, nicht unwefentlichen Fortfchritte, diefsmal fo gut wie fchuldig. Das Wenige, was Dulton and Watts in Lambeth an Terracotten ausftellte, reicht nicht an feine Leiftungen, die er beiſpielsweife mit der Amazonenvafe in London 1871 aufwies. Das, was er brachte, ift übrigens aus guter, fehr harter, wetterbeftändiger Maffe, nur etwas ftumpf ausgeformt, dagegen von einer nicht unangenehm gelblichen Farbe. Hinfichtlich der Modellirung ftanden feine, wie alle englifchen Erzeugniffe diefer Art, weit hinter den deutfchen und öfterreichifchen zurück. G. Jennings& Comp. in Lambeth, die bekannte Firma für fanitäre Waare, ftellte neben ihrem Steingut gleichfalls einige Stücke Terracotta, meift architektonifche Gliederungen, Capitäle und Aehnliches aus. Maffe und deren Behandlung war die gleiche, wie die eben vorhin befprochene. H. Dulton& Company in Lambeth, die Schwefterfirma der erften, brachte eine intereffante Collection der fogenannten blue metallic bricks oder Eifenziegel, ein äufserft dichtes Materiale, das dem der Münchner Pflafterplatten an die Seite zu ftellen ift. Der rothe, ftark eifenfchüffige Abraumthon der Staffordſhire- Gruben fintert durch geeignetes fcharfes Brennen in der Reductionsflamme des TerracottaOfens zu einer feften, klinkerartigen Maffe, deren Oberfläche das entftandene Eifen 14 Dr. Emil Teirich. oxydul Oxyd, eine blaufchwarze, oft matte Färbung verleiht. Die Gefchicklichkeit des Brenners, ein Kunftgriff bei der Erzeugung der Reductions flamme, ift das Wefen diefer Fabrication, die in den letzten Jahren in England wefentlich an Ausdehnung gewonnen hat. Wood and Ivery( Albion brick Works in Staffordſhire) brachten gleichfalls prachtvolle Stücke diefer Eifenziegel von bedeutender Gröfse, theilweife von ganz intereffanten Formen und zu fpeciellen Zwecken, wie z. B. Randſteine für Eifenbahn- Perrons, Gefimsverzierungen, Dachreiter, Firft- Deckplatten etc. Diefe Waare, welche im Roh- Bauftile eine fehr zweckmäfsige Verwendung finden kann, indem fie eine einfache und äufserft dauerhafte Deffinirung im Verbande mit anderen Ziegeln zuläfst, ift ohne Zweifel aus manchen öfterreichifchen Thonen gleichfalls leicht herzuftellen und würde einen Verfuch wohl lohnen. Erwähnen wir noch als einer Specialität der Ruftical- Terracotta der South Tyne Works, einer Imitation von Baumftämmen und Rinden, die zu diverfen Gartengeräthen verwendet erfcheinen. Die originelle Idee war mitunter ganz gut durchgeführt, was uns nicht hindert, den fehr zweifelhaften Werth folcher Ausführungen dahin geftellt zu laffen. Deutfchland hatte im grofsen Ganzen feine Terracotta- und Ziegelinduftrie fehr würdig repräfentirt. Zahlreiche Aussteller haben zum Theile ausgezeichnetes geleiftet, und Alles, was fie fandten, zeugte von guter Behandlung des allerdings meiſt trefflichen Rohmateriales, das man fich, dank der hier oft zu benutzenden Wafferfracht und der billigen Tarife der Bahnen, nicht fcheut, auch 50 bis 80 Meilen vom Fundorte entfernt, zu verarbeiten. Die Thone von Felten, Ullersdorf, von Lauban u. f. w. find berühmt und werden faft von allen Thonwaaren- Fabrikanten in gröfserer oder geringerer Menge wenigftens als Zufätze bezogen. E. March Söhne in Charlottenburg bei Berlin( aufser Preisbewerbung) ift unftreitig die hervorragendfte Fabrik von Terracotta- Waaren und Verkleidungsfteinen, wovon mannigfache Ausführungen, namentlich in Berlin und deffen Umgebung Zeugnifs ablegen. Die Behandlung der Maffe, deren Farbengebung und Modellirung ift faft immer eine genau ftudirte. Gut gefchulte Kräfte unter der Leitung des Eigenthümers ftehen dem Etabliffement zur Seite, welches auch in der Herftellung grofser Stücke Anerkennenswerthes leiftet. Das Ausstellungsobject felbft war ein Exedra im grofsen Halbkreis, beftimmt für eine Gartenanlage. Das Roth der auf der Rückwand ftehenden, reich verzierten Säulen, welche das bekrönende Gebälke tragen, war als fchwerere Farbe auf der hellgelben der Bafis nicht von befter Wirkung, aber Alles zeugte von fleifsiger, gewandter Ausführung und völliger Beherrschung des Materiales. Die Rückwand felbft war mit eingelegten Füllungsplatten und glafirten Fruchtkränzen decorirt. Erftere find trefflich gerathen und ein unfchätzbares Verkleidungsmateriale an Bauten, fowohl für die Aufsenfeiten als für die Innendecoration von Gängen, Veftibulen u. f. w. Das Ornament wird in die gelblich helle Thon- Grundmaffe eingedrückt, die entstandenen Vertiefungen mit dunklem Thone ausgefüllt und nach einiger Zeit, bis die Trocknung des Thones etwas vorgefchritten ift, durch Abfchaben der Platte geebnet, der überflüffige dunkle Thon entfernt, und fo der Deffin zum Erfcheinen gebracht. Die Schwierigkeit, beiden Thonforten, die fich hier zu vereinigen haben, gleiche Schwindung im Feuer zu geben, ift eine grofse, und auch March's Platten zeigten ab und zu Trennungsftellen des intarfirten Thones von der Grundmaffe. Die glafirten Fruchtkränze waren gut geftimmt und recht kräftig in der Farbe. Freilich ftehen wir auch hier erft vor den Anfängen einer Technik, von der es wünſchenswerth wäre, dafs eine häufigere Anwendung in der Architektur gemacht würde. Und eben darum freuten wir uns des freilich etwas zu feltenen Vorkommens derfelben auf dem Ausstellungsplatze. Wie fchön war nicht die Wirkung jener Reliefornamente aus gelblicher Terracotta mit blaugrün glafirtem Grund, welche als Deffinfüllungen an der Rückwand der Gartenbank angewendet wurden. Die Thonwaaren- Induftrie. 15 Im Mittelpunkte des Halbkreifes der Exedra ftand auf hohem Piedeftal die vorzüglich modellirte Geftalt der Germania in gelber, warmfärbiger Terracotta, eine anerkenneswerthe Leiftung in jeder Hinsicht. Noch wollen wir auf die Mofaik- Fufsboden- Plättchen aufmerkfam machen, welche, zum Deffin zufammengelegt, von fchöner Wirkung waren. March hat in den letzten Jahren gerade in diefem Zweige der Technik entfchiedene Fortfchritte gemacht. Nicht das gleiche Vorwärtsgehen illuftrirte das Object der alten und beftrenommirten Fabrik von Auguftin, jetzt La ubaner Actiengefellfchaft für Architektur, Thonwaaren und Kunftziegel- Fabriken. Zwar war auch hier die Qualität der ausgeftellten Ziegel und Bauornamente, die zu einem fchönen Verblend- Mauerwerke an dem ausgeftellten Porticus vereint waren, eine tadellofe wie wir fie von diefer alten Fabrik zu fehen gewohnt find, welche wefentlich mit dazu beitrug, in Deutſchland den Rohbau- Stil von Neuem einzubürgern und welcher die Architektur wohl zuerft feit 1854 ein richtiges Materiale hiefür verdankt, aber ein Fortfchreiten in der eingefchlagenen Bahn, namentlich aber eine Vervollkommnung der glafirten Terracotta- Waare zu Bauzwecken ift nicht zu conftatiren und die ganze Gefchmacksrichtung des Ornamentes hat eben feit den letzten Jahren auch nicht gewonnen. Hier wie fo oft, ja wie faft immer, tritt die merkwürdige Erfcheinung zu Tage, die auch beifpielsweife in der Bronce- und Möbelinduftrie eben auf der Weltausftellung zu beobachten war, dafs mit dem Uebergange eines Gefchäftes in die Hände einer Actiengeſellſchaft zwar deffen Betrieb erweitert, die techniſchen Verfahrungsweifen vielleicht ab und zu vervollkommnet werden, dafs aber die künftlerifche Seite der Induftrie vernachläffigt und auf Koften einer angeftrebten Maffenproduction von Mittelwaare hintangefetzt wird. Und doch wären folche Gefellſchaften eben durch die gröfseren ihnen zu Gebote ftehenden Mittel berufen, durch Heranziehen eminent künftlerifcher Kräfte tonangebend bei Hebung der äfthetifchen Seite unferer Kunftinduftrie zu wirken. Die Greppiner Werke, bekannter als jene von A. Stange in Bitterfeld, haben alle Anftrengungen gemacht, ihr Fabricat zur Geltung zu bringen, und eine grofsartige Säulendecoration im Zufammenhange mit Façaden- Rohbau zur Ausftellung gefandt. Sie haben damit den Beweis eines recht fleifsigen Fortarbeitens gegeben. Die ausgeftellte Fontaine mit badenden Kindergeftalten wollte uns zwar in Compofition und Modellirung weniger gefallen, war aber als Terracotta ein gelungenes Stück Arbeit. Auch hier war die verwendete Maffe hart gebrannt und dicht, von angenehm warmer Farbe. ganz Den Uebergang zur Steinzeug- Maffe bildet das dichte, ftark gefinterte Materiale, das Villeroy& Boch in Mettlach zu ihren Terracotta- Waaren verarbeiten. Die Modellirung, die verfchiedenen fteinähnlichen Töne des Materiales, die Vereinigung mehrfärbiger Maffen an einem Stück, an Medaillen und Wand- Verkleidungsplatten, an denen das Relief von verfchiedener Farbe als der Hintergrund gehalten ift, kurz die ganze hieher gehörige Ausftellung des ftrebfamften und bedeutendften aller deutschen Thonwaaren- Fabrikanten zeugte von befter Gefchmacksrichtung und einem eingehenden Studium des Materiales, das vorzüglicher nicht gedacht werden kann. Eine ganz fehenswerthe Collection von Terracotta- Figuren und Poftamenten, meift beftimmt zum Schmuck von Gärten und Veftibulen fandte C. L. Thorfchmidt& Comp. aus Dresden ein. Mit einer guten gelblichen Maffe von fehr reinem Farbenton war eine lobenswerthe Auswahl der Modelle und forgfältige Retouche der ausgeformten Figuren und Vafen etc. verbunden. Auch die im warmen Zuftande mit heifsen Lackfarben eingelaffenen Poftamente u. f. w., denen das Anfehen eines Bronce- oder Eifengufses gegeben war, fahen weit beffer aus, als diefs bei ähnlichen Imitationen fonft der Fall ift. J. Schwarz in Nürnberg brachte ein eigenthümliches Product von Terracotta, welcher fein gemahlene Speckſtein- Maffe, die Abfälle feiner Gasbrenner und 16 Dr. Emil Teirich. fonftigen Speckfte in- Induftrie, als Erfatz der Chamotte zugefetzt wird. Der Erfolg ift ein gelungener und wird unterſtützt durch Anwendung guter Modelle, meift antiker Nachbildungen und eine fehr faubere Arbeit. Diefe billigen Waaren, von einem eigenthümlich gleichförmigen, mattgelblichen Farbenton haben fich auch in Oefterreich bereits einen kleinen Markt erworben. Aufser den genannten Fabriken ftellte namentlich in Deutfchland eine grofse Reihe von Ziegelwerks- Befitzern auch die Anfänge einer Terracotta- Induftrie aus, die zumeift nebenher betrieben, fich auf die allereinfachften Bauornamente befchränkt. Da gewöhnlich ein tüchtiger Modelleur fehlt, trägt oft auch das Ornament den Stempel des Unverftandenen. Von den befferen Fabriken diefer Art fei die Dithmer'fche Ziegelund Thonwaarenfabriks- Actiengefellfchaft in Rennberg( Schleswig. Holftein) genannt, die recht gute rothe Verblendfteine und Bauornamente ausgeftellt hatte. Für jene Gegend, und die dortigen Bedürfniffe des Rohbau- Stiles, ift diefe Fabrik von Wichtigkeit und gutem Einfluss. Weniger gut war wohl Naumann's ( Plottendorf, Altenburg) Candelaber etc. gerathen, fowie die Verfuche mancher Anderer die hier füglich übergangen werden können. Ein eigenthümliches Genre der Terracotta- Induftrie vertraten drei Ausfteller Dänemarks, deren Erzeugniffe fich im Wefentlichften antiken Vorbildern fo eng als möglich anlehnten, oder, was mitunter genug fchlimm ausfällt, antike Formen in etwas willkürlicher Weife mit naturaliftifchen Motiven zu verfchmelzen fuchten. Die ganze Sammlung diefer Terracotten, welche aus einem fchwach gebrannten gelblichen oder rothen Thon von grofser Feinheit angefertigt find und deren Bemalung nicht eingebrannt, fondern mit Lackfarben hergeftellt ist, machte den Eindruck des Nüchternen, Kalten. Jedenfalls mufs das Streben diefer Induftrie darauf gerichtet fein, mit Emailfarben zu decoriren, und die Lackfarben, welche freilich ganz wefentlich die Fabrication erleichtern und vereinfachen, zu verbannen. Der lang renommirten Fabrik von P. Ipfen's Witwe in Kopenhagen gebührt unftreitig der Vorrang. Mit einer feltenen Präcifion malt der Künftler Angelonia dort die leichtflüffigen, farbenprächtigen Decors, griechifches, egyptifches und etruskifches Vafenornament. Aber auch ganz intereffante nordifche Motive werden verwerthet. Die Fabrik, welche auch figurale Terracotten, Statuetten u. dergl. nach guten Vorbildern, zumeift nach Thorwaldfen, erzeugt, fügte jeder derfelben gewiffenhaft den Namen des componirenden oder ausführenden Künftlers an, was zur Nachahmung empfohlen fein mag. Georg Heffe fowie V. Wendrich, beide gleichfalls in Kopenhagen, fchliefsen fich ganz der gefchilderten Richtung an, fie erreichen zwar nicht völlig die erftgenannte Firma, aber es find auch diefe Leiftungen, welche fich auf gelungene Imitation antiker Gefäfse beziehen, lobenswerth und verdienten bei uns folche Beftrebungen eine Nachahmung. Eine einzige Fabrik, die Sandbergaard Teglwerk von Meyer in Kolding, ftellte Formfteine zu Bauzwecken aus, gelblich weifs, fandig, aus leicht zerreiblicher Maffe plump geformt. Bei folcher Qualität will uns der Preis von 14 Rigsdaler für ordinäre und jener von 30 per mille franco Fabrik für Façonfteine ( 210. 100. 60 Millimeter) hoch genug erfcheinen. Die Niederlande und Holland repräfentirten vollſtändiger ihre bedeutende Ziegelinduftrie, welche namentlich der Bauunternehmer A. N. de Lint aus Delft in den verfchiedenften Muftern uns vor Augen führte. Meift waren es Ziegel von fehr kleinem Formate, das kein einheitliches ift und von 150 bis 170 Millimetern Länge einerfeits bei den Iffel und Friefifchen Steinen, dann aber zwifchen 180 und 200 Millimetern bei den Utrechter Typen fchwankt. Selten waren die Ziegel fehr präcife geformt, eine grobkörnige Sandfchichte, die fie umgibt, hindert diefs. Dabei ift die Farbe von Dunkelbraunroth bis ins Gelb ziehend und für den Werth Die Thonwaaren- Induftrie. 17 des Erzeugniffes und deffen Preis beftimmend. Im Uebrigen waren diefe Ziegel von vorzüglicher Qualität, fehr fcharf gebrannt und äufserft hart. Die Bruchfläche zeigte homogene Structur und find diefe holländifchen Backſteine von einer ganz befonderen Widerftandsfähigkeit bei Bauten in der falzigen Meerfluth. Wir laffen hier einige Preife der gewöhnlichen Ziegelforten folgen, welche mit jenen von van Henkeloom, einem zweiten Ausfteller, nur wenig differiren. F. L. Viffer in Workum brachte Dachziegel. Diefelben waren meift gewellt von fchwacher S- Form aus einem rothen Thon und von Hand, fchwer und wenig präcife, geformt. Auch in ihnen charakterifirt fich diefe Induſtrie in den Niederlanden als eine folche, die der Maffenproduction die Form opfert. Die Dachziegel werden meift aufgenagelt, feltener eingehängt. Sehr beliebt find fchwarz gedämpfte Platten, fogenannte Gesmoorde Haakpans zum Preife von 38 fl. und Gesmoorde holle Dakpans zu 22 fl. per mille. Die Preife gewöhnlicher Platten, welche durch einfache Deckung ein ziemlich leichtes Dach liefern, variiren bei Dimenfionen von 350 Millimeter auf 245 Millimeter bei einer Dicke von circa 30 Millimeter von 30 fl. bis 32 fl. Eine fchwarzbraun glafirte Sorte wellenförmiger Dachziegel koftet 40 fl. bis 62 fl. je nach der Qualität. Van Henkeloom& Comp. in Kampen bei Utrecht ftellte eine inftructive Collection der verfchiedensten marktgängigen Typen feiner eigenen Erzeugung aus. Meift waren es mit der Mafchine gefchlagene( nicht geprefste) Ziegel, und hat diefe Firma überhaupt in der ganzen Behandlung des Materials und durch eine ökonomifche Brennweife in verbefferten Oefen ein neues Leben in die althergebrachte Ziegeltechnik Hollands gebracht. Die Utrechter Typen z. B.: Utrechts Keuvrood machinaal( 220.105.50 Millimeter) koften per 1000 Stück II fl. 90 kr. öfterreichifcher Währung; Utrechts Gevelgraauw( Giebeifteine) 19 fl. 55 kr.; Utrechts Appelbloefem's foort 23 fl. 80 kr., alle von den erftgenannten Dimenfionen; Yffel Bovenfteen, befte ( 160.175.40 Millimeter) 4 fl. 90 kr.; Yffel Boerengraauw, befte( 160.175.40 Millimeter) 5 fl. 50 kr. bis 5 fl. 70 kr.; Friesfche gewone Geele( 170.80.40 Millimeter) 10 fl. 20 kr. Ordinäre billigfte Mauerziegel im gewöhnlichften Formate von 220.105.50 Millimeter werden mit 8 fl. 50 kr. bis II fl. 65 kr. verkauft. Aehnliche Sortimente und zu wenig abweichenden Preifen brachte die Mafchinenziegelei von Claafen& Plaat aus Velp bei Arnheim. Immer bleibt es hier wie in Belgien, ja in ganz Nord- Deutfèhland, wenn auch dort in geringerem Mafse, für die Ziegelfabrication charakteriftifch, dafs die Qualität des Materiales beim Verkaufe genau beftimmt und eine genaue Sortirung des Erzeugniffes nach Typen oder Marken vorgenommen wird, was in Oefterreich nur in feltenen Fällen gefchieht, und auch kaum früher gefchehen dürfte, fo lange unfere Baubehörde felbft keinen Unterfchied der Qualitäten zu machen weifs und die Verwendung eines Ziegelmateriales geftattet, das anderen Orts gar nicht mehr den Namen eines folchen erhält. Jedenfalls fteht die Sonderung und die Entstehung folcher diverfer Qualitäten in Holland im engen Zufammenhange mit dem dort üblichen Brennverfahren in grofsen fogenannten Luftbränden, die verfchieden ftark durchgebrannte Zonen haben. Im Allgemeinen find aber alle Ziegel dort, wie fchon erwähnt, fehr gut und fcharf gebrannt. Durch ein eigenthümliches Brennverfahren, welches geftattet, dafs durch fehr allmäliges Zuführen und Steigern der Hitze, der Ziegel in feiner ganzen innern Maffe ftark fintert, ohne dafs feine Oberfläche dabei ins Schmelzen geräth und eine Deformation eintritt, werden die Klinkerfteine fabricirt, die in den fteinarmen Gegenden der Marfchlande die Pflafterfteine zu erfetzen haben. Die fchon genannten drei Ausfteller brachten auch hievon ganz fchöne Sortimente, die je nach der Qualität und den Dimenfionen ftark im Preife variiren. So werden jetzt notirt: Geele Trottoir Klinkers( 200.95.50 Millimeter) per 2 18 Dr. Emil Teirich. 1000 Stück 18 fl.; Blaauwe harde Klinkers 26 fl.; Utrechter Typen je nach Farbe und Härte von 15-25 fl.; Gelbe Klinker, kleines Format( 150.70.40 Millimeter) 7 fl. Hier wie bei den Mauerfteinen fanden wir ftets den Mafchinenziegel um circa einen halben bis einen Viertelgulden höher notirt, als den von Hand erzeugten, ein Beweis, wie fehr dort die Anfchauungen über die Qualität des Mafchinenfteines von den bei uns landläufigen differiren, die entfchieden immer noch gegen den Mafchinenftein gerichtet find. Bei Besprechung der ausgeftellten Thonwaaren Hollands darf deffen Pfeifenfabrication nicht vergeffen werden, welche einen ganz eigenthümlichen und vielverbreiteten Induftriezweig darftellt, von dem uns Gödewagen in Guda fehr fchöne Mufter fendete. Alle diefe langröhrigen Holländer Pfeifchen, welche zu kaum glaublich billigen Preifen mit ganz erftaunlicher Präcifion auf der Mafchine erzeugt werden, find aus einem nur wenig poröfen, fehr dichten, weifslichgelben, kalkhältigen Thone geformt, demfelben, welcher der Delftwaare zu Grunde liegt. Auch glafirte Pfeifen hat Gödewagen ausgeftellt. Vergeblich fuchten wir Italiens Terracotta- Induftrie, wie fie von Alters her dort gepflegt wurde und fo herrliche Anwendung gefunden hatte, auf der Wiener Weltausftellung. Faft möchten wir glauben, dafs die ganze Technik allmälig in Vergeffenheit geräth, wenn wir nicht wüfsten, dafs Airaghi e Boni in Mailand Befferes zu leiften vermag, als er hier uns brachte. Bedauerlich ift die Uebung, durch Abfchleifen der Oberfläche der Figuren und Ornamente diefelben der wetterbeftändigen Oberfläche zu berauben und das Korn des Thones zu vernichten, die Form zu fchädigen. Solches gefchah mit der Venus, die fonft ganz gut modellirt war; fchlimmer aber noch ift es, wenn ein Anftrich des gelblichen, fteinähnlichen Materiales dazu dienen foll, rothe Terracotta zu imitiren, ein Verfahren, das nicht hart genug zu tadeln ift. Die Figuren Fifcherei, Bacchant und der Bernhardinerhund waren folcherweife verunftaltet. Schon während der Ausftellungszeit zeigte fich das Abblättern des rothen Anftriches an diefen Figuren Boni's. Gut modellirt waren feine Pilafterfüllungen im Renaiffanceftil. Unter dem Wenigen, das unfere Aufmerkfamkeit hier noch feffelte, nahmen die Erzeugniffe von T. Rondani in Parma einen relativ hervorragenden Platz ein. Einige Terracotten, Diaphragmen für elektriſche Batterien, diverfe Utenfilien für Filatorien, zum Theile mit einer leichtflüffigen Bleiglafur überzogen, find wenigftens regelrecht ausgeführt und zeugen von einer Fabrication in gröfserem Mafse. Ueberraschend albern und gefchmacklos war aber das aus einzelnen Keilftücken zufammengefetzte kegelförmige Säulenpoftament. A. Scappini in Civitavecchia imitirt griechifche Vafen mit netter Arbeit aber nicht recht gelungener Zeichnung. Chinaglia in Turin ftreicht feine fchlecht geformten Füllungen mit dicker, rother, wenig haltbarer Farbe an. Zu den ganz unbedeutenden Ausstellungen zählte auch jene von Angeletti e Biscarini in Perugia; fie zeigte nur gutes, fehr hart gebranntes Materiale, das mit einigem Verftändnifs trefflich verwerthbar wäre. Etwas beffer waren die Figuren von Piegaya in Lucca. Einige Ziegel, namentlich Dachplatten, wie fie in Italien fpeciell in Florenz üblich find, brachte Refigniani von Hand geformt, einige geprefste Dachziegel nach Art der Marfeiller, wie z. B. jene von E. Villain de Kergal in Brindifi boten wenig Aufsergewöhnliches. Einen guten Ueberblick über alle in Italien üblichen Baufteine, Dachziegel, Drainröhren u. f. w. gab die ziemlich vollſtändige Collection des Miniftero d'Agricoltura, Induftria e Commercio, leider ohne Angabe mancher wünſchenswerther Daten über die einzelnen Objecte. Meift find diefe Erzeugniffe übrigens äufserft billig, am preiswürdigften erfchienen uns aber darunter die koloffalen Orangenbaum- Töpfe von 4 Fufs im Die Thonwaaren- Induſtrie. 19 Durchmeffer, welche Squercina in Ponte da Brenta um 8 Francs das Stück liefert. Die mit färbigem Thon eingelegten, jetzt fchon durch die Einwirkung von Luft und Feuchtigkeit ganz zerftörten Fufsboden- Platten von A. Bettanzoni findcin erfter, gänzlich miſslungener Verfuch in diefer Richtung. Belgiens Terracotta- Induftrie war lediglich durch eine einzige Ausftellung vertreten. Es war die von A. Rodin& J. Van Rasbourg aus Ixelles. Einige recht flott, aber äufserft manierirt in Thon modellirte weibliche Charakterköpfe waren ganz im modern franzöfifchen Gefchmack gehalten und directe als Modell gebrannt worden. on Frankreich, das doch manches Gute uns hätte zu fenden vermocht, war diefsmal ganz zurückgeblieben und wies gar keinen Ausfteller auf. Wie wir fahen, beherrfchte diefes Feld im Prater diefsmal Deutſchland im Vereine mit Oefterreich; die Einfendungen aller übrigen Länder fanden wir von geringerer Bedeutung und nicht immer entſprechend dem jeweiligen Stande diefer Induftrie. FEUERFESTE ERZEUGNISSE. Dem Auffchwunge der grofsen Induftrie überhaupt, ganz vornehmlich aber der Eifeninduſtrie folgend, welche heute bei ganz enormen, früher nie gebrauchten Temperaturen, in ihren Siemens-, Beffemer- und Martinöfen arbeitet, und weiter angeregt durch die immer gröfseren Quantitäten, welche die Leuchtgas- Fabriken. an Chamotteretorten jährlich confumiren, hat fich in der Neuzeit die Erzeugung und namentlich die Vervollkommnung der feuerfeften Waaren wefentlich gehoben, an die man heute bedeutend gefteigerte Anforderungen betreffs Haltbarkeit und Dichte neben hoher Feuerbeftändigkeit ftellt. Der Typus eines feuerfeften Erzeugniffes ift heute noch immer und mehr als je, der englifche Dinasftein, der freilich als Original nicht zur Ausftellung gelangte. Vielfache Verfuche denfelben zu imitiren, liegen aber namentlich aus Deutſchland und Oefterreich vor. Hinfichtlich diefer Fabrication ftehen wir freilich auf dem Continente noch fo ziemlich auf dem Standpunkte des Taftens und Fühlens nach dem Rechten. Es fcheint ziemlich erwiefen zu fein, dafs der echte Dinasftein, deffen Rohmateriale ein feinkörniger, fehr reiner, darum höchft feuerbeftändiger QuarzSandftein ift, nur aus einem Agglomerat diefes gepochten Rohmateriales und zum Theile, je nach der beabfichtigten Qualität, aus einem Sande befteht, der als Verwitterungproduct des Felfens fich gleichfalls im Neaththale von Süd Wales vorfindet. Als Bindemittel foll lediglich circa I Percent Aetzkalk verwendet werden, mit dem man in Form von Kalkmilch die Quarzmaffe durchfeuchtet. Das halb feuchte Gemenge wird in Formen geprefst und getrocknet, wobei durch Aufnahme von Kohlenfäure der Aetzkalk bindet und dann fehr fcharf gebrannt. Sehr geringe Mengen eines, bei der angewandten hohen Temperatur gebildeten Kalkglafes, fritten die Quarzkörner zufammen. Vielfache Verfuche, in folcher Weife aus ähnlichem Geftein, welches fich unter Anderem auch in Oefterreich an verfchiedenen Orten vorfindet, Imitationen von Dinasſteinen zu erzeugen, find zum Theile gefcheitert, und hilft man fich, da ein Agglomeriren mittelft fo wenig Kalk, wie das englifche Recept angibt, meift die Hauptfchwierigkeit bietet, durch Zufatz von mehr Kalk und dem von fehr fettem feuerfeften Thon. Hiedurch leidet wefentlich die Feuerbeftändigkeit des Productes, dem nur der Name Dinasftein bleibt. 2* 20 Dr. Emil Teirich. Es ift gewiffermafsen heute Mode geworden, nach der Erzeugung folcher feuerfefter Steine zu ftreben, und Alles wird Dinasftein im Handel genannt, in deffen Maffe ein mehr oder minder reines Quarzpulver die Chamotte vertritt. Belgiens grofsartige Induftrie feuerfefter Producte war im Induftriepalafte relativ fchwach vertreten, obgleich vorzügliche Fabriken ihr Beftes fandten. Die Société de produits réfractaires de Saint- Ghislain, welche feit 1844 arbeitet, lieferte die vorzüglichften feuerfeften Quarz- und Chamottefteine, begünftigt durch ein ganz bedeutendes Vorkommen von feuerfeftem Thon, welcher in der Gegend von Andennes in unerfchöpflichen Maffen gefunden wird. Um diefen Mittelpunkt herum liegt die ganze belgifche Thonwaaren- Induſtrie gruppirt. Die ausgeftellten Mufter der gebräuchlichften diefer höchft plaftifchen Thone, die fich zu einer faft weifsen bis chamoix gefärbten Chamotte brennen, gaben ein recht anfchauliches Bild über das verwendete Rohmateriale. Von Quarzen fanden wir dreierlei Sorten verwendet, den reinen derben Quarzfels, dann ein grobes, graues Quarzconglomerat( Poudingue), das fich fchwach roth brennt, und endlich einen feinkörnigen, dichten Quarz- Sandſtein ( Quarzit) von hellgrauer Farbe, die fich nur wenig ins Röthliche bei fcharfem Feuer ändert. R. Keller aus Stolberg bei Aachen ftellte in Deutfchland fogenannte Dinasfteine aus dem gleichen Materiale aus. Unter den verwendeten Thonen, deren Farben vom hellften Grauweifs bis in das Schwarze oder dunkel Braunrothe variiren, werden die hellen Sorten von Sorée( blanche fine), die Terre de Matagne und St. François de Jamagne zu Chamotten am meiſten benützt. Die dunkel braunrothe Terre de Maibe, de Bavé, de Tahier, de Namur ( grife und ardoife) und die von Natoye find die fetteften, zur Bindung der Chamotte benützten Thone. Grofse Gasretorten von 550 bis 850 Kilogramm Gewicht, nach den verfchiedensten Syftemen gearbeitet, da bedeutende Quantitäten derfelben theilweife auch nach Frankreich, Deutfchland, Oefterreich- Ungarn, Rufsland etc. etc. exportirt werden, koften 70 bis 100 Francs, feuerfefte Ziegel von den verfchiedenften Formen, und von ganz befonders grofsen Dimenfionen, Hohöfen-, Wall- und Geftellfteine find ausgezeichnete Erzeugniffe diefer Fabriken. Alle diefe Producte find von Hand geformt und von anerkennenswerthefter Sauberkeit der Arbeit. Die Société anonyme des terres plaftiques et produits réfractaires d'Andenne, fowie Smal- Smal& Cie. hatten die inftructivften Mufter ihrer Roh- und Halbproducte( Chamotten) eingefandt. Die Preife diefer feuerfeften Thone, verladen im Waggon, variiren von 14 bis 20 Francs in ganzen Ladungen von 1000 Kilogramm, Chamotte von 28 bis 30 Francs, calcinirte Quarze 20 Francs. Die trefflichen Erzeugniffe von feuerfeften Ziegeln diefer belgifchen Fabriken find zudem von einer bei uns noch lange nicht erreichten Billigkeit. Gewöhnliche Chamottefteine werden mit 40 Francs, grofse Geftellfteine mit 50 bis 80 Francs per 200 Zollcentner verkauft. Die Gasretorte aus feuerfeftem Thon hat bereits die eiferne vollſtändig verdrängt, in ihr gipfelt gewiffermafsen die Induftrie des feuerfeften Thones. Die Unterfchiede in der Qualität der einzelnen Producte tritt nirgends fchärfer zu Tage als hier, am meiften aber hinsichtlich der technifchen Bearbeitung des Rohmateriales. Von diefer hängen die Dichte, alfo die Dauer und die Brauchbarkeit und die Gasverlufte der Retorte ab. Die belgifchen Erzeugniffe nahmen in diefer Hinficht unbedingt den erften Rang unter den ausgeftellten ein. Die Thonwaaren- Induftrie, 21 Die fchon genannte Société anonyme des terres plaftiques ct produits refractaires d'Andenne ftellte vorzüglich Intereffantes aus. Abgefehen von den gewöhnlichen feuerfeften Producten von fehr dicht und rein gearbeiteten, dünnwandigen Gasretorten und ihren anerkannt guten feuerfeften Ziegeln zum Preife von 35 Francs für 1000 Kilogramm, für Beffemer- und Siemensöfen, brachte die Fabrik Condenſationscylinder von I Meter Höhe auf 1 Meter Durchmeffer aus fteinzeugartiger Maffe zum Preife von 85 Francs das Stück, dann eine fehr fchön gearbeitete Salpeterfäure- Cascade für die Schwefelfäure- Fabrication zu dem fehr billigen Preife von 130 Francs. Ueberhaupt zeichnen fich belgifche feuerfefte Waaren durch befondere Billigkeit aus, die ihnen den weiteften Markt und einen ganz bedeutenden Export fichert. Alljährlich bezieht auch die Wiener Gasfabrik den gröfsten Theil ihrer Retorten aus Belgien. Smal- Smal& Comp., gleichfalls in der Provinz Namur gelegen, brachten Probeftücke enormer Hohöfen- Geftellfteine zur Anficht, die hart und feft von der Aufsenfeite, homogen und fcharfkörnig an der Bruchfläche fich zeigten. Noch feien erwähnt: Die Fabricate von de Lattre& Comp. zu Seilles bei Charleroi und eine kleine Sammlung von Zinkdeftillations- Retorten, erzeugt auf der hydraulifchen Preffe von J. N. Dor, dem Director der Fabriken zu Ampfin. Gröfsere Dauerhaftigkeit, refpective Dichte des Productes, Billigkeit und Schnelligkeit der Erzeugung find Vortheile diefes zwar neueren, aber fchon praktiſch vielfach erprobten Verfahrens zur Herftellung diefer Retorten. England hatte von feiner hervorragenden Induftrie in feuerfeften Thon waaren fo gut wie gar nichts gefendet. Die grofsartigen fchottifchen Fabriken waren ferne geblieben und die Dinasfteine von Glamorganfhire fehlten gänzlich. Die grofsen Diftricte von Stourbridge und Newcaſtle, die allein jährlich 120 Millionen Stück feuerfefter Ziegel erzeugen, waren nicht vertreten. Und doch ift Englands Import an folchen Waaren nach Oefterreich nicht unerheblich. und find namentlich deffen Dinasfteine für unfere modernen StahlSchmelzproceffe faft immer noch die einzig brauchbaren. Dulton& Watts brachten Proben ihrer Schmelztiegel aus fibirifchem und öfterreichifchem Graphit für die höchften Hitzegrade, und ftellten folche gebrauchte Stücke aus, die bereits 10 bis 15 Mal die Stahlfchmelzung beftanden hatten. Die Zuſammenfetzung derfelben variirt natürlich je nach der beabsichtigten Verwendung und wird vom Fabrikanten derfelben genau angepasst. Ueberhaupt verdrängt der Graphittiegel rafch alle anderen bisher gebrauchten Sorten von Thontiegeln und folche von Eifen. Gleichförmige Wandftärke, Dichtigkeit der Maffe und gutes Wärme- Leiftungsvermögen find die vorzüglichften Eigenfchaften von Dulton's Tiegelfabricaten. In gleicher Weife, und wohl von derfelben Qualität, wenn auch verfchieden in der Zufammenfetzung, find die bekannten Schmelztiegel von John Hynam in Deptford, welche namentlich zum Schmelzen von Gold und Silber treffliche Eignung zeigen. Faft unbegreiflich ift es, warum Oefterreich nicht ernftlich an die Fabrication der Graphittiegel gehen will. Das gröfste, zwingendfte Bedürfnifs danach liegt vor, treffliches Rohmateriale in Hülle und Fülle bleibt unbenützt. Erinnern wir nur an die in Gruppe I ausgeftellt gewefenen Graphite Böhmens, Mährens, Steiermarks und Niederöfterreichs. A. Genthe in Liechtenau bei Gföhl, Fürft Schwarzenberg in Schwarzbach( Böhmen), Eggert& Comp. in Mugrau ( Böhmen), Fr. Freiherr v: Kaiferftein in Raabs, Gewerkschaft Seegen Gottes" in Kunftadt( Mähren), Graf Twerke in Hochtauern Oberftein, die St. Lorenzer Graphitgewerkfchaft und der Kallwanger Bergbau in Leoben ( Steiermark), feien in bunter Reihe hier nur angeführt, um das Gefagte zu illuftriren. 29 22 Dr. Emil Teirich. Die meiften, oder viele diefer Firmen exportiren öfterreichifchen Graphit, der als Schmelztiegel nach Zahlung eines Eingangszolles von 25 kr. per 100 Pfund Zollgewicht wieder in fein Vaterland oft zurückkehrt. Namentlich feit den letzten Preisauffchlägen des Ceyloner Graphites hat fich diefer Export um ein Bedeutendes erhöht. Und trotz diefer Fülle des Rohmateriales, trotz dem trefflichen feuerfeften, plaftifchen Thone, der mit einen Hauptbeftandtheil der Combination einer Schmelztiegel- Maffe bildet, endlich trotz der Preisausfchreibungen unferes Gewerbevereins, ift Niemand zu bewegen, ernftlich an die Fabrication eines guten Tiegels zu gehen. Das allgemeine Bedürfnifs nach guter feuerfefter Waare hat namentlich in Deutfchland deren Production wefentlich gehoben, und das befondere Augenmerk auf die Imitation der Dinasfteine gelenkt. C. Kulmiz, der grofse oberfchlefifche Induftrielle, befchickte auch diefsmal mit den guten Erzeugniffen feiner Ida- und Marienhütte in Sorau. Der oberfchlefifche Bedarf an Chamotte wird von diefer wohleingerichteten und bedeutenden Fabrik grofsentheils gedeckt, welche auch nach Oefterreich importirt. Namentlich die öfterreichifch- fchlefifchen Eifen- und Coakshütten rühmen das Materiale diefes Etabliffements, das jährlich circa 370.000 Centner Thon verarbeitet. Haupt& Lange in Brieg benützen zur Erzeugung von Dinasfteinen den leicht zerreiblichen oberfchlefifchen Gneifs oder Quarzfchiefer und brennen. die erzeugten Steine in einem Mentheim'fchen Gasofen. Ihre Steine find zwar von gutem Ausfehen, doch zu wenig compact, und zeigen theilweife Sinterung; ein hoher Grad von Feuerbeftändigkeit dürfte ihnen kaum innewohnen. Noch wäre von den oberfchlefifchen Fabriken die gräflich v. Saurma'fche Chamotte und Thonwaaren- Fabrik zu nennen, die gleichfalls Dinasftein- Fabrication u. f. w. betreibt. Von dichter Maffe und den belgifchen Erzeugniffen am nächften ftehend, find jene von H. J. Vygen& Comp. in Duisburg am Rhein. Sie excelliren mit ihren bekannten, koloffal grofsen Hohöfen- Wallfteinen, fchönen Gasretorten, und vorzüglich gearbeiteten Graphit- Schmelztiegeln für Gufsftahl- Fabrication. Unbedingt ift diefes Gefchäft mit der Erzeugung eines dichten, wohlgeformten und fcharfgebrannten Materiales am weiteften vorgefchritten und Bedeutende Er arbeitet faft noch eleganter als die belgifchen Firmen. zeugungsfähigkeit, grofses Abfatzgebiet charakterifiren die Thätigkeit von Vygen& Comp. R. Keller in Stollberg bei Aachen. Es ift diefs eine der bedeutenderen. Fabriken ihrer Art, welche als Rohmateriale zur Erzeugung von Dinasfteinen den dichten Kohlen- Sandftein von weifsgrauer Farbe, ein ähnliches Materiale wie das von Andennes, benützt. Keller's Fabricate find von gutem Ausfehen und werden vielfach belobt. Von den rheinifchen Fabriken, welche auf der Ausftellung übrigens nicht vollzählig repräfentirt waren, wäre H. Schenkelberger bei Saarbrücken noch zu nennen. J. K. Geith in Coburg arbeitet nach wie vor treffliche, grofse HohofenGeftellfteine, und dichte Gasretorten aller Syfteme, die er in reichhaltiger Ausftellung vorführte. Seine Retorten find, um die Gasverlufte auf ein Minimum herabzudrücken, im Innern mit einer Bleiglafur verfehen. Einige feiner Gasretorten im Gewichte von circa 35 Centnern zählen zu den gröfsten bisher erzeugten. Die Steinberger Gewerkfchaft in Grofs- Almerode bei Caffel, von der, wenn wir nicht irren, nicht unbedeutende Quantitäten Chamottefteine in Oefterreich Verwendung fanden( Hohofen- Bau der Innerberger Gewerkschaft), hatte fchöne dichte Steine aus anerkannt gutem Materiale gebracht; auch die Frei Die Thonwaaren- Industrie. 23 herr von Waitz'fche Bergwerks- Verwaltung in Hirfchberg bei GrofsAlmerode arbeitet wefentlich für den Bedarf der umliegenden Eifenwerke. Die Stettiner Chamottefabrik früher„ Didier" hat unfere Ausftellung mit Chamottefteinen und Gasretorten befchickt, doch fteht ihr Fabricat den meiften vorgenannten Firmen an Dichte und Formung wohl zurück. Namentlich letztere wollten uns durchaus nicht befriedigen. Die Anwendung derfelben, ihre Einmauerung u. f. w. war durch ein Modell im Grofsen verfinnlicht. Die Fabrication der bekannten heffifchen Schmelztiegel war durch Gundlach& Sohn aus Grofs- Almerode ziemlich ſpärlich vertreten und Gebrüder Gundlach eben dafelbft brachten eine Suite von Graphit- Schmelztiegeln, feuerfeften Steinen u. dergl. befter Qualität. Es bleibt zu bedauern, dafs ein fo ausgedehnter Fabricationszweig fo fchlecht illuftrirt war. Zu Taufenden gehen die heffifchen Tiegel in die ganze Welt und weit übers Meer tragen fie den Ruhm ihrer Feuerbeftändigkeit. Ift auch der heffifche Tiegel heute fchon vielfach durch andere Fabricate, zum Theil von gröfserer Haltbarkeit, erfetzt, fo bildet er doch noch immer einen bedeutenden Induftriezweig in jener Gegend. Die baierifche, fpeciell die Paffauer Schmelztiegel- und Chamotte- Induftrie vertrat die bekannte und mit Recht renommirte Firma von J Kaufmann in Hafnerzell, die fehr elegante Graphit- Schmelztiegel gröfserer Dimenfionen brachte. Paffauer Tiegel zählen zu den beften und gefuchteften ihrer Art. G. Saxinger in Obernzell brachte gleichfalls ähnliche Tiegel zwar von minder gutem Ausfehen aber befter Qualität. Die Fabricate Saxinger's haben fich namentlich in Oefterreich in letzter Zeit rafch eingebürgert und haben zum Theile die von Kaufmann verdrängt. Die weniger bedeutenden Fabriken von Schwandorf und der Fürftenberger Kaolingewerkfchaft waren gleichfalls vertreten, und zeigten einen, wenn auch etwas langfamen Fortfchritt in ihrem Gefchäftsbetriebe. Deutfchland zählte in diefem Induftriezweige allein an zwanzig Ausfteller, die zum Theil felbft für den aufsereuropäifchen Markt, und nicht felten für den Export nach Oefterreich in mehr oder minder hervorragender Weife arbeiten. O efterreich felbft, fo reich an dazu geeignetem Materiale an dem eigentlich Deutfchland relativen Mangel leidet, zählt nur wenige Etabliffements, und zwar nur folche von geringerer Bedeutung, die wirklich brauchbares Materiale liefern. Die geologifche Reichsanftalt in Wien ftellte in ihrer verdienftlichen Sammlung nicht weniger als 82 Sorten feuerfeften Thones aus, mit denen nicht einmal die Reihe der bekannteften noch erfchöpft war. Steine für die höchften Temperaturen werden hier faft gar nicht erzeugt. Meift ift die Fabrication feuerfefter Producte ein Appendix anderer, ähnlicher Induftrien, oder find die Hüttenwerke genöthigt, fich ihren Bedarf felbft zu erzeugen. Nichts deftoweniger ift auch hier im Allgemeinen der Fortfchritt in diefer Fabrication feit den letzten Jahren ein ganz unverkennbarer. Mähren und Schlefien find, fo wenig auch noch die Durchforfchung diefer Kronländer nach feuerfeften Thonen vollendet ift, doch ziemlich reich an folchen, mehr oder minder trefflichen Lagern. Eines der vorzüglichften Thonlager, das von Blanfko in Mähren, wird vorzüglich von der Graf Salm' fchen Gewerkschaft ausgebeutet. Der Thon von Blanfko wurde in Oefterreich fo ziemlich zuerft zu refractären Erzeugniffen angewendet und hat fich feit jener Zeit ein ganz vorzügliches Renommée erhalten. Der Betrieb der Gruben, welcher auf bergmännifchem Wege gefchieht, vermag nicht den Bedarf zu decken. Der gewonnene Thon, von befonderer Weifse und Reinheit, bleibt fo auch nach dem Brande. Sein Preis ift ein enorm hoher und koften 100 Pfund desfelben in Wien I fl. bis I fl. 20 kr. Mayer in Blanfko verarbeitet das gleiche Material zu feuerfeften Ziegeln. 24 Dr. Emil Teirich. Schöne weifse Thone finden wir ferner bei Znaim, die V. Plankh in Krawfka zu einem guten, dichten, feuerfeften Ziegel verarbeitet, Gessner, Pohl& Comp. brachten, wenn auch in unvollkommener Ausführung Chamotte. fteine aus Müglitz, Graf Larifch feuerfefte Producte, Gasretorten, Ziegel etc. aus Polnifch- Euten bei Oftrau, wo J. M. v. Millers Erben& Hochftätter. die bedeutendfte Thonwaaren Induftrie in Verbindung mit ihrer chemifchen Productenfabrik betreiben, deren Specialität, das Steinzeug, anderen Ortes befprochen werden mufs, Die reichen Vorkommen von feuerfeften Thonen an den Ufern der Donau in der Umgebung von Krems in Niederöfterreich beuten die Fabriken von H. v. Drafche, dann die Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugefellfchaft und viele andere Firmen aus, die den Thon auf der Wafferftrafse beziehen. Ein bedeutender Handel wird in diefer Gegend mit der Ausbeute des feuerfeften Thones getrieben. Namentlich find es die Gruben von Ober- Fucha unweit der Donaulände, welche den fogenannten„ Tachet" liefern, ein etwas unreines, nicht fehr feuerfeftes und wenig plaftifches Materiale, das unter Anderem. auch das Rohmateriale für die Wiener Ofeninduftrie und die geringe SteinzeugManufactur abgibt, die in und um Wien in der Entftehung begriffen ift. Podufchka verwerthet die Wien zunächft gelegenen Fundorte von Krummnufsbaum. Die Wiener Gasretorten- Fabrik der Imperial Continental Gasaffociation, die eine recht gute Ausftellung ihrer Fabricate, leider nicht aus dem beften Materiale lieferte, dann de Cente und Burghart in Wr. Neuftadt, die Fabriken in Ternitz, die von Lederer& Neffeny in Floridsdorf u. f. w., welche vorzugsweife für den Wiener Markt arbeiten, verwenden theils die letzteren Thone und jene aus der Gegend von St. Pölten, oder beziehen ihre Rohproducte aus Blanfko in Mähren. Auch hier, namentlich von de Cente und Anderen wurde der Verfuch gemacht, Dinasfteine aus den bei Wiener- Neuftadt am Leithagebirge vorkommenden Quarziten und Quarzfindlingen herzuftellen. Die erzeugten Producte entfprechen nur zu geringem Theile den Anforderungen, welche englifche Steine auch minderer Qualität leicht zu befriedigen vermögen. Böhmens Reichthum an Kaolinen ift bekannt, doch find die grofsen Thonlager bei Carlsbad, Teplitz und Pilfen nur wenig ausgebeutet und nicht genügend noch nach feuerfeftem Materiale durchforfcht, fo feltfam diefs auch klingen mag. L.& C. Hardtmuth in Budweis erzeugt in feiner Thonwaaren- und Ofenfabrik auch gute feuerfefte Steine, J. D. Stark in Prag ftellte in feinem intereffanten Pavillon eine Reihe von folchen Fabricaten, meift zu chemifchen Zwecken aus. M. Goldfcheider's Erben von Werk Moldau bei Pilfen fandten einige ihrer noch wenig vollkommenen Erzeugniffe, Fürft Schwarzenberg feuerfefte Steine und Thone aus Wittingau. Auch aus Kärnten und Steiermark, wo mächtige Lager folchen werthvollen Naturproductes noch brach liegen, wo die grofse Eifeninduftrie doch genug Impulfe zur Erzeugung der nothwendigen Chamottefteine geben würde, und wo über Trieft ein lohnender Export zu hoffen wäre, ift diefe Induftrie noch in den erften Anfängen. Freilich hilft der Reichthum des Landes an Magnefit, Quarzit und Serpentin über den Mangel an künftlichem feuerfeftem Materiale leichter hinweg. Die Collectivausftellung der Montaninduftrie von Klagenfurt, die Baumaterialien- Sammlung Kärntens, weifen eine Reihe von feuerfeften Thonen auf, fo die von Liefcha und Fohnsdorf, Köflach u. f. w. Das Berg und Hüttenwerk Johannesthal in Krain ftellte mittelmäfsige Quarzfand- Ziegel und gute Thonmuffeln zur Zinkdeftillation nach fchlefifchem und belgifchem Mufter aus, J. Holzer zu Gersdorf in Kärnten gleichfalls feuerfefte Steine. Die Thonwaaren- Induftrie. 25 Ungarn hat in diefer Richtung gleichfalls noch fehr wenig gethan, um feine Naturfchätze, von denen uns die Sammlungen der k. ungarifchen geologifchen Reichsanftalt, und die des Chemnitzer Bergbau- Diftrictes Kunde geben, zu heben; das Gleiche gilt von Kroatien, Slavonien und dem ganzen Orient, der noch völlig abhängig von Oefterreich, Deutfchland und England bleibt. Erft in letzterer Zeit wurden wenigftens einige Lager.von feuerfeften Thonen in Kroatien entdeckt, unter denen jenes von C. v. Czegel ganz befonders vorzüglich zu fein fcheint. Die gräflich Potocki'fchen Gruben von Mirów bei Krakau in Galizien ftellten gleichfalls, und zwar einen fehr fchön weifsgrauen Thon und daraus fabricirte Ziegel aus. Frankreich hatte nur zwei Ausfteller in diefem Zweige der Induftrie aufzuweifen Bousquet& Comp. in Lyon brachten Gasretorten von bekannter vollendeter Fabrication; die Campagnie parifienne du gaz in Paris gute Retorten, feuerfefte Steine, die uns jedoch den belgifchen an Dichte und Güte nachzuftehen fcheinen. Es fehlt das fefte fchöne Anfehen der Waare, die voll von Haarriffen fich zeigte. Die Gefellſchaft arbeitet zumeift für eigenen Bedarf, ähnlich der Wiener Fabrik. Auch Frankreich bezieht einen grofsen Theil feines Bedarfes von Belgien, Deutfchland und England. Noch weit weniger cultivirt Italien, das übrigens Mangel an derlei geeigneten Rohproducten leidet, diefe Induftrie. Biagi und Settimelli in Florenz nebft zwei anderen Firmen, von deren Producten die Ausftellung jedoch nichts zeigte, mögen die einzigen Erzeuger feuerfefter Waare auf der appeninifchen Halbinfel fein. In Spanien, und zwar in recht verdienftlicher Weife, hat Pablo Cucurny in Barcelona die Fabrication feuerfefter Producte aus heimifchem Materiale begonnen und auf eine Höhe gebracht, die einen nicht unbedeutenden Export nach den franzöfifchen Häfen und jenen des Mittelmeeres bis Conftantinopel zuläfst. Gasretorten, feuerfefte Steine, Muffeln und Cupolöfen find feine Erzeugniffe, alle von anerkannter, vielfach belobter Qualität. Aus einem eigenthümlichen, ftark glimmerhältigen Thone erzeugt Zamora in Oporto feuerfefte Schmelztiegel, von denen man verfichert, fie hielten die höchften Temperaturen aus. Die Maffe ift fett und hält fehr gut die Form. Ja felbft in Brafilien beginnt diefe Induftrie Boden zu faffen, wenigftens ftellte die Fabrica de Luca National in Rio Janeiro Schmelztiegel und Muffeln aus, die in der Vorftadt St. Chriftofle der Hauptftadt aus dort gegrabenem Thone recht gut angefertigt find. Die gröfste und bedeutendfte Fabrik dafelbft ift jedoch die von Esberard, welche recht gelungene feuerfefte Muffeln und Tiegel anfertigt. Die Anregung zu diefer Fabrication, fowie zu jener der Diaphragmen ging von dem verdienten Profeffor de Capanema aus, dem Director des brafilianifchen Telegraphenwefens. Die übrigen Länder brachten in diefer Richtung fo gut wie gar nichts. Diefs wundert am meiften von Schweden, deffen Induftrie jährlich enorme Quantitäten refractärer Erzeugniffe confumirt, die, wenn auch England den Bedarf meift deckt, doch auch in anfehnlicher Menge im Inlande fabricirt werden. Die feuerfeften Waaren, deren Qualität durch eine äufserliche Befichtigung nur zum geringften Theile geprüft werden kann, eignen fich eben gar wenig zum Ausftellungsobjecte. Nichts deftoweniger waren durch die gefchehenen Einfendungen die modernen Beftrebungen in diefem Induftriezweige gut charakterifirt und unferen öfterreichifchen Fabrikanten vor Augen geführt worden. Im Allgemeinen fahen wir die Handarbeit dem Formen durch die Mafchine vorgezogen. Das Gemenge von Thon mit vieler Chamotte oder Quarzfand läfst fich eben durch Druck allein, felbft durch den einer hydraulifchen Preffe, nur ſchwer 26 Dr. Emil Teirich. comprimiren, während die modellirende, weiche menfchliche Hand ihm jeden Dichtigkeitsgrad zu geben vermag. Verfuche durch mechanifchen Schlag oder Stofs die Maffe zu comprimiren, find leider unferes Wiffens im Grofsen nicht angeftellt worden, wir glauben diefe müfsten zu günftigen Refultaten führen. Als Zerkleinerungsmafchine hat der Steinbrecher in Verbindung mit einem Walzwerk in den meiften Fällen das alte Pochwerk, ja felbft den Kollergang überflügelt und kommt nunmehr häufig zur Aufftellung. Im Uebrigen ift das Verfahren der Mengung mittelft Kollergänge jenem im Thonfchneider meift vorzuziehen, die Trocknung der erzeugten Fabricate vor dem Brennen, ja das Formen auf geheizten Fufsböden ift in England häufig üblich, in Deutfchland, z. B. bei Kulmitz gleichfalls in der Einführung begriffen. Das Brennen gefchieht dort in runden Steingut- Oefen, in Deutfchland neuerer Zeit in jenen von Hoffmann und den Gasöfen von Mentheim, welche wenigftens in der Grofsinduftrie fehr bald die alten runden oder länglichen Horizontalöfen verdrängen dürften. GLASIRTE, NICHT GESINTERTE THONWAARE. Ordinäre Töpferwaare, glafirte Terracotten, Majolica, Fayencen und Steingut- Erzeugniffe. Wieder mufs in vorhiftorifche Zeiten zurückgeblickt werden, will man den Gebrauch der Glafur als fchützenden Ueberzug oder als Mittel zur Decoration des gebrannten Thones verfolgen. Auch hier werden wir in Egypten und Phönicien, jenen Wiegenländern unferer abendländifchen Cultur, die erften Denkmale der alten Anwendung und Kunftfertigkeit in den Grabftätten, in dem Schutte der Tempel und an den Wänden der Ruinen finden. Eigenthümlich mag es erfcheinen, dafs die hellenifche Kunft fich diefes Decorationsmittel faft ganz entgehen liefs, während es im Orient von Kleinafien nach dem Weften hin in ftets ausgedehnterer Weife Verwendung und Ausbildung fand. Die aus ungebrannten Mauerziegeln hergeftellten Wände der Affyrer und Chaldäer waren mit glafirten Mofaikplatten geziert, ja oft ganz überzogen, Sarkophagdeckel und figürliche Geftalten, Amulete und Götzenbilder finden fich oft mit einer Glafur überzogen, welche der ordinären, grauen Bleiglafur mit Kupferfärbung im Wefentlichen identifch ift. Allem Anfcheine nach war übrigens China auch den Egyptern in diefer Kunft vorausgeeilt, nicht allein der Zeit, fondern auch der Vollkommenheit nach, in der dort wie in Japan das Glafiren des Thones geübt worden war. Wenig ift über die römifche und fpätgriechifche Glafurtechnik zu fagen. Sie blieb unvollkommen, wenig angewendet und kaum zu Kunftzwecken beachtet, nur den Zwecken der ordinärften Töpferei dienend. Vereinzelte Terracottaftücke, überzogen mit Bleiglafur, deuten allein auf Verwendung diefer Kunft in der Architektur. Erft im Mittelalter entwickelt fich diefer Kunftzweig zu fchöner Blüthe. Unterdeffen haben die Völker an der Nordküfte Afrikas und die Bewohner einiger Infeln des griechifchen Archipels die keramifchen Induftriezweige cultivirt und erftere bei ihrer Invafion nach Spanien im VIII. und fpäter wiederholt im XIII. Jahrhundert über diefes Land fammt ihren traditionellen Kunftformen gebracht. Stets diente zur Bafis diefer maurifchen Gefätsbildnerei eine mürbe, mehr oder minder gefärbte, poröfe Grundmaffe, die bei relativ fchwachem Feuer gebrannt wurde und deren Ueberzug eine dicke, verfchieden gefärbte und durchfichtige Glafur von niedrigem Schmelzpunkt ift. Die Thonwaaren- Induftrie. 27 Die Schwierigkeiten, welche die Eigenfchaften des Schwindens und Reifsens der Thone beim Trocknen und Brennen der Erzeugung gröfserer, ebener Flächenplatten entgegegenfetzen, die weiteren, welche entſtanden, als man verfuchte, folche Flächen auch noch mit einer gleichmäfsigen einfärbigen oder gar decorirten Glafur zu überziehen, bewogen zur Anwendung der Plaftik in der mittelalterlichen Kunfttöpferei und dem Beibehalten möglichft gleichfärbiger Stücke, die felten eine gröfsere Ausdehnung erhielten. In der Zeit vom XIII. Jahrhundert bis fpät in das XVII. hinein blühte in Mittel- und Süd- Deutfchland die Kunft der Töpferei, theilweife noch unter dem Einfluffe des romanifchen Stiles, entwickelt fich zur Blüthe in der Zeit der Gothik und bringt viele Entwürfe der fogenannten kleinen Meifter der deutfchen Renaiffance zur Ausführung. Die Architektur bemächtigte fich hier des Stoffes. In Deutfchland ift es die Ofenkachel, welche meift grün glafirt und mit Plaftik geziert wird. Auch das Einpreffen von Verzierungen und das Ueberziehen der Fläche mittelft einer leichtflüffigen, durchfichtigen Glafur, welche die Vertiefung ausfüllt und damit den Deffin dunkler vom Grunde abhebt, oder das Ausfüllen der Vertiefungen mit andersfärbiger Glafur als dem Grundton, wird geübt und findet fich an altdeutfchen und franzöfifchen Fufsboden- Platten und Wandfliefen in ähnlicher Weife, wie wir es an den Majolica tiles von Minton und Minton Hollins auf der Ausftellung fahen. Ueberhaupt bilden folche Platten einen Hauptzweig der Thonwaaren- Kunft, denn gar häufig werden fie zur Decoration der Flächen als Belag mit beftem Erfolge benützt. Unter fichtlich italienifchem Einfluffe arbeitet die Künftlerfamilie der Hirfchvogel in Nürnberg ihre Kacheln, Platten und Krüge. Nach und nach tritt auch hier noch die Schmelzmalerei hinzu, bleibt aber immer unvollkommen und roh. Es ftehen ihr zu wenige Farben und eine zu wenig verfeinerte Technik zu Gebote. Unterdeffen hatte Italien die Kunft erlernt, den gefärbten Thonfcherben mit einer weifsen, opaken Zinnglafur zu überziehen und einen vollſtändig deckenden Ueberzug der Grundmaffe zu geben. Man fagt, die fpanifchen Mauren wären. die Lehrmeifter gewefen und die Infel Majorca die Schule. Gewifs ift, dafs diefe von den Völkern des Orients fchon gekannte und an Pracht- und Nutzgefäfsen fchon immer angewandte Kunft um das Ende des XIV. Jahrhundertes in Italien auftauchte. Auch dort hatte man fchon lange den Mangel eines völlig deckenden Ueberzuges für den unfchön gefärbten Thongrund gefühlt und durch das Verfahren des Engobirens zu helfen gefucht. Das ungebrannte Thonftück wurde in eine aufgefchlämmte, dünnbreiige Maffe eines feinen, weifsen Thones getaucht, getrocknet und diefer matte Ueberzug durch Einbrennen fixirt. Erft darauf wurde eine färbige Glafurdecke gegeben. Fliefen und Bauornamente aus jener Zeit find an Kirchenfaçaden und an Innenräumen aufbehalten geblieben. Pefaro, eine Stadt in Umbrien, war wohl die Hauptftätte diefer Fabrication und das Centrum einer Thätigkeit, die aus den Kinderfchuhen des HandwerksBrauches unter dem Schutze der Sforza und Medicis zur Kunstinduftrie emporwuchs. Die Erzeugniffe derfelben find unter dem Namen Mezzamajolica allenthalben bekannt, vielfach von Kunftliebhabern gefchätzt und beliebt und darum von jeher und bis auf die heutige Zeit ein Gegenftand der fpeculativen Imitation, von der uns beifpielweife die italienifche keramifche Ausftellung Beiſpiele zur Genüge brachte. Luca della Robbia, der berühmte Florentiner Plaftiker, bemächtigte fich zuerft der für Italien neuen Kunft und überzog feine Reliefs mit jener opaken Zinnglafur als Bafis für feine übrige Farbenpalette, die, wenn auch nicht allzureich, fo doch namentlich für ornamentale Zwecke genügend war. Die Renaiffance übte damals ihren vollen Zauber auf die Kunftinduftrie Italiens. Unter ihrem mächtigen Einfluffe wuchs und entfaltete fich der Sinn für das Schöne, die Kraft einer unendlich fruchtbaren, künftlerifchen Conception 28 Dr. Emil Teirich. und eines bedeutenden technifchen Könnens. Die alten Handwerks- Bräuche wurden neu belebt, immer neue Verfahrungsweifen entdeckt und alle Kunftfertigkeit bis ins Feinfte und Letzte eingeübt und getrieben. Auch Robbia blieb bei der urfprünglich nur weifsen Glafur nicht ftehen, und bald trat er, als Cofimo von Medicis ihm die Decoration feines Schreibgemaches mit glafirten Thonplatten übertrug, an diefem allgemein bewunderten Werke mit färbigem Ueberzug der Platten hervor. Die vielfachen Ausführungen Robbia's, meift Medaillons, Brunnen und dergl., mit naturaliftifch bunten Fruchtkränzen umrahmt, find zumeift erhalten und ein häufiger Schmuck unferer Muſeen. Die Ausftellung zeigte uns die Weife des alten Italieners in einem trefflichen Majolicabrunnen aus der Inzersdorfer Fabrik bei Wien und in mehreren Medaillons bei Ginori und anderen Thonwaaren- Fabrikanten Italiens, unter denen Minghetti's Madonna und Farina's Toilettetifch am meiften in die Augen fielen. Robbia's Familie empfing als Erbtheil feine künftliche Technik, die fie ängftlich durch ein Jahrhundert bewahrte, immer die gleiche Weife und Art des Grofsvaters beibehaltend. Nach und nach aber verfchwindet die ftilgemäfse und befcheidene Behandlungsweife des Reliefs und der Farbe. Immer reicher wird die zu Gebote ftehende Farbenpalette. Die erfte Periode der eigentlichen echten Majolica ift von 1500 bis 1538 zu rechnen, bis 1574 blüht diefe Kunft unter Herzog Guidobaldo's II. Regierung und verfchwindet fpäter wieder vom italienifchen Boden faft ebenfo rafch als fie gekommen. Der von der Mezzamajolica ftammende metallifche Glanz der glafirten Oberfläche verfchwindet zur Zeit der Blüthe diefer Kunft, die maurifch- fpanifche Decorationsweife macht der reinen, freien Formenwelt der Renaiffancezeit Raum, und nur Maeftro Gubbio verfolgt noch weiter die Kunft, Metallglanz hervorzubringen, in der er auch wirklich ungemein Vollkommenes leiftet. Zahlreiche franzöfifche und italienifche Teller und Vafen erinnerten im Induftriepalafte an diefe Specialität des alten Meifters. So erfreut fich die Majolica bald allgemeiner Beliebtheit, entwickelt ihre Decorationsweife vom Ornament in das Figurale und vervollkommnet und variirt ihre Formen in dem Mafse, als der allgemeine Gebrauch folcher Gefäfse zunimmt. Die berühmten Künftlernamen Francesco Xanto, Orazio Fontana, Battifta Franco und Rafael dal Colle find mit diefer Technik unzertrennlich. Die allgemein als die gröfsten Kunftwerke ihrer Art betrachteten zwei Vafen in der Apotheke von Loretto find das gemeinfame Werk der drei Letztgenannten. Die Königin Chriſtine von Schweden wollte dafür bekanntlich das gleiche Gewicht in Gold bezahlen. Der Stil der Majoliken geht aber allmälig in den Barockismus über, die Herzoge von Urbino verlieren das Intereffe an diefer Kunft, die folcher Protection nicht entbehren kann und fie verfällt. Form, Malerei und Technik finken gleichmäfsig, wenn auch die Erzeugung, welche fpäter fchon faft zur Maffenproduction wird, noch fortfchreitet. Die Verfuche zu Neapel und zu Caftelli im XVII. Jahrhundert und die Beftrebungen zur Hebung diefer Kunft im Caftel Durante noch im XVIII. Jahrhundert blieben erfolglos. Während die Majolica folche Phafen der Entwicklung, der Blüthe und des Verfalles in Italien durchläuft, hat fich diefe Kunftfertigkeit unter Franz I. nach Frankreich durch die Berufung eines Mitgliedes jener berühmten Robbiafamilie nach Paris verbreitet. In Frankreich aber entwickelte fich die Technik der glafirten Thonwaare, wahrfcheinlich angeregt durch deutfche( Nürnberger) Vorbilder, um den Anfang des XVI. Jahrhunderts durch Bernhard Paliffy in einer ganz felbftftändigen Die Thonwaaren- Induftrie. 29 Richtung. Paliffy verfieht feine Gefäfse mit plaftifchem, meift dem Thier- und Pflanzenreiche direct entnommenem Schmuck, erfindet eine ziemlich reiche Scale ( meift gebrochenen) Schmelzfarben und bemalt nun in völlig naturaliftifcher von Weife feine Formen. Seine Glafur ift nicht haarriffefrei, aber von grofsem Luftre. Die Mode verfchlang bald ungemeine Quantitäten folcher Erzeugniffe. Die Familie Paliffy's arbeitete in gleicher Richtung fort, ihr folgten andere Künftler, die hinter das Geheimnifs der Technik gelangt waren. Nach und nach bürgert fich hier wie in Deutfchland das Steingut ein mit feiner dichteren, nahezu gefinterten Thonmaffe, welche die Formen der Majolica nicht felten imitirt. Mit der Vervollkommnung der künftlerifchen Ausftattung des Gefäfses zwang die Nothwendigkeit auf eine Verbefferung der Grundmaffe zu denken, an die ja immer gröfsere Anforderungen geftellt werden. Die Thone werden forgfältiger gewählt, man weifs folche von rein weifser Farbe zu finden und behandelt fie mit Gefchick und Fleifs. Kaum ift daher in der fpäteren Zeit die Fayence von dem Steingut- Gefchirre, wenigftens hinfichtlich der Formenbehandlung, zu trennen. Ein eigenthümliches Gefchirr erzeugten die Niederlande, Holland und später England. Es ift diefs die gefchätzte Delftwaare, nach deren Mufter noch heutzutage, namentlich in England, gearbeitet wird. Das rohe, noch ungebrannte Gefäfs erhält einen Ueberzug von anfänglich nur weifsem, fpäter und jetzt auch farbigem, in Maffe zu Brei aufgerührtem Thon( Engobe). Diefe letzte Schichte wurde erft bemalt und anfänglich meift mit blauen Ornamenten in ziemlich charakteriftifcher Weife. Geoffroy& Comp. in Gien brachten Imitationen folcher Delftwaare unter Anderem zur Ausftellung. Delft und deffen Umgebung war der Sitz diefer Fayence Induftrie, die fich nicht auf Gefäfse befchränkte, fondern in Fliefen, Wandbekleidungs- Platten u. f. w. noch manches Gute leiftete. Die moderne Delfter Thonwaaren- Induftrie fteht der alten entfchieden nach, aber immer ift diefer Diftrict noch das Centrum der bekannten und ausgedehnten Fabrication der holländifchen Tegeltjes oder Wandverkleidungs- Platten. Heute leiften die englifchen Fabriken in ordinär glafirter Thonwaare, Steingut Fabrication und Majolicatechnik wohl anerkannt das Vorzüglichfte. Einige Fabriken am Rhein, in Luxemburg und Frankreich ftehen ihnen am nächften. Das ganz befonders vorzügliche Materiale, welches England in dem„ Poole clay" und den Thonen aus den Graffchaften Staffordſhire, Cornwall und Devon vorfindet und das nur mit wenigem Verfatz von Cornifh- Stone, einem feldfpathhaltigen Geftein, die prächtigfte Grundmaffe liefert, gab zur Gründung feiner ausgedehnten und weltberühmten Thonwaaren- Induftrie den Anftofs. Eigentlich waren auf der diefsjährigen Ausftellung nur die Etabliffements von Staffordshire vertreten, dem allerdings bedeutendften ThonwaarenFabriksdiftricte Englands. Merkwürdig, wie fich diefe Induftrie gerade an einem folchen Orte, dem eigentlich die Hauptbedingung und Eignung hiefür fehlt, nämlich jener reine weifse Thon, der aus den füdlichen Graffchaften faft durchwegs mit grofsen Unkoften befchafft werden mufs, und der die Grundmaffe alles englifchen Porzellans und aller Fayence bildet, in einer fo ganz enormen und relativ rafchen Weife, entwickeln konnte. Denn, fo angenehm für die Fabrication die billige Staffordfhire Kohle ift, fo wenig günftig für die Erzeugung gerade der gewöhnlichften Waaren aus jener Gegend ift der über den Steinkohlen- Flötzen fich vorfindende ftark gefärbte Thon. Alle Etabliffements haben dort eine bedeutende Ausdehnung und arbeiten für den allgemeinen Bedarf Englands und der Colonien, alle faft mit für den Export. Trotz der, für unfere gewifs nicht verwöhnten Begriffe, enormen Preife. 30 Dr. Emil Teirich. welche die englifchen Fabrikanten zu fordern fich für berechtigt halten und welche namentlich für Decorationsftücke, für durch die Hand des Künftlers verfeinerte Waare gelten, hat fich der Gefchmack auch bei uns diefen Erzeugniffen der Kunftinduſtrie zugewendet und werden derlei Fayencen namentlich feit den letzten drei Jahren hier relativ ziemlich ftark und mit Erfolg importirt. Schon im Jahre 1871 betrug diefer Import bei 250.000 fl. bei einem Eingangszoll von durchfchnittlich 5 bis 6 fl. pro 100 Pfund Wiener Gewicht. Eine eigentliche Stilrichtung diefer englifchen Erzeugniffe anzugeben, ift nicht möglich. Im Allgemeinen leidet die für den Hausgebrauch beftimmte Fayence, alfo Teller, Schüffeln, kurz das Gefchirre jeder Art, an demfelben Uebel, mit dem die Gefäfsbildnerei überhaupt noch mehr oder weniger zu kämpfen hat, fei es in der Porzellan-, fei es in der Steingut- Technik. Immer wird noch oft in der Form gegen den Stil des Materiales felbft gefündigt, immer noch nicht die Decorationsweife durch Malerei dem geformten Gegenftande angepafste in keinem der beiden Fälle mitunter auf das nächftliegende praktifche Bedürfnifs Bedacht genommen. Der Zeitraum zwifchen der letzten Weltausftellung vom Jahre 1871 und heute ift wohl ein zu kurzer, um einen wefentlichen Umfchwung, um bedeutende Nuancirungen in diefer Induftrie conftatiren zu können. Nach wie vor geht das Streben der beften Fabrikanten darauf hinaus, nach alten Muſtern zu copiren, wenn auch oft fo, dafs gewiffe Formen und Farben der gewohnten Technik zurecht gelegt werden. Eine folche Sucht der Imitation macht die Ausftellung eines Minton, der Worcefter- Fabrik oder eines Copeland geradezu zu einem bunten Gewirre aller Stilarten und Ausführungsweifen der vergangenen Stilepochen, ohne dafs, wie gefagt, immer deren urfprünglicher Charakter gewahrt bliebe. Diefs bezieht fich auf die feine, in England mit den höchften Preifen bezahlten Luxuswaare. Eine andere, von allen Fabrikanten mit nur geringeren Variationen angenommene Richtung fpricht fich in jenen Fayencen oder Majoliken aus, die als allgemein übliche Decorationftücke vornehmlich zu gelten, die fich aus der Imitation der italienifchen Robbia und Paliffywaaren herausgebildet haben, und die fich bald mehr der einen, bald der anderen Technik hinneigend, meift aber von Paliffy's Naturalismus arg beherrfcht find. Diefen mildernd und überhaupt die ganze Stilrichtung veredelnd wirkte in letzterer Zeit der Orient auf die englifche und auch die franzöfifche Thonwaaren- Induftrie ein. Und das orientalifche Element ift neben den beiden fchon genannten italienifchen und altfranzöfifchen Decorationsweifen heutzutage wefentlich beftimmend für die künftlerifche Ausftattung aller keramifchen Producte. Diefs kann beim orientalifchen Stile natürlich nicht von der Formgebung gemeint fein, denn der Orient hört fofort auf, muftergiltig zu bleiben, wenn er beginnt, Plaftik zu treiben. Nur in der Decoration der Fläche ift er ein guter Lehrmeifter. Damit ift nicht gefagt, dafs nicht auch viele orientalifche Formen, namentlich in der englifchen Thonwaaren- Induftrie Verwendung finden. Die Ausftellung brachte hievon fogar Vieles, zeigte aber auch, wie vorfichtig und mafsvoll mit diefen Motiven zu wirthfchaften ift. Vorzüglich fanden wir an Decorationsftücken folche Mifsgriffe. In ihrer Eigenfchaft als Ziergegenftände ift es ziemlich fchwierig, allgemeine Grundfätze zur Beurtheilung jener Formen aufzuftellen, die nur felten an gewiffe Gebrauchszwecke gebunden find. Hier vermag auch nicht die Regel, es müffe die Nützlichkeit der Schönheit vorangehen, leitend für unfer Urtheil zu fein, wie diefs zum Theile wenigftens bei Gegenftänden des Hausgebrauches angeht. Zwar lehnen fich die Erzeugniffe der Majolica und Paliffy techniſch faft ftets an die Form eines Hausgeräthes an, Candelaber, Schüffeln und Aehnliches werden dargeftellt, aber nie mit der Intention, wirklich jemals als folche zu dienen. Die Credenz, der Kamin, das Wohnzimmer bleibt ihr dauernder Platz im Haushalte, Die Thonwaaren- Induftrie. 31 für den von Alters her diefe Ziergegenftände gedacht und componirt wurden. Durch ihre Farbenpracht follten fie wirken, Tifch und Schrank zieren und den Mangel an auszuftellendem Gold- und Silber- Prachtgeräthe im bürgerlichen Haushalte erfetzen. Ihr urfprünglicher Zweck ift ihnen bis heute geblieben, und ein Aufwand von künftlerifchem Fleifs wird diefen Thonwaaren zugewendet, weitaus gröfser und erfolgreicher als diefs bei Schaffung von Nutz und Hausgeräthen für den eigentlichen Gebrauch gefchieht. Eine tüchtige Schulung der englifchen Künftler, die Verwerthung eingehender Stilftudien könnte hier von enormem Einfluffe werden, und im Vereine mit der wirklich fehr weit vorangefchrittenen Technik ganz bedeutende Erfolge erzielen. Das vorzügliche, plaftifche und beim Brennen trotzdem gut haltbare Rohmaterial geftattet die Anfertigung der gröfsten Stücke, feine helle Farbe erleichtert die Glafur, der fie nie ein ftörender Untergrund wird. Die Emailfarben, im Wefentlichen diefelben, wie fie auf dem weichen Porzellan verwendet werden, find von feltener Kraft und Feuer, das Glas felbft, meift gleichförmig im Flufs, freilich nicht immer ohne Haarriffe und Fehlftellen. Die Farbe wird theils unter, theils über der Glafur verwendet. Vielfachen Erfolg hat das Umdruckverfahren vom lithographifchen Stein und Kupfer, namentlich für die currente Waare zu erzielen gewufst, doch ift die Benützung von Farben bei diefem Verfahren, welches dort ftets unter der Glafur angewendet wird, auf jene geringere Anzahl befchränkt, welche eben auch diefe Anwendung bei hoher Temperatur vertragen; alle anderen Farben müffen nach der Glafur von Hand in die fchwarz unterdruckten Contouren ausgefüllt und dem neuerlichen Muffelfeuer ausgefetzt werden. Auf deutfchen Erzeugniffen, auf den Producten der Rheinifchen Fabriken wird das Druckverfahren jedenfalls in vollkommener Art, mit einer reicheren, ja überreichen Farbenpalette geübt, und über die Glafur gedruckt, wodurch einerfeits ein bedeutend brillanterer Effect, anderfeits eine wefentliche Vereinfachung und Billigkeit erzweckt wird. Von Oefterreich, von unferer alten, leider zu früh zu Grabe getragenen Porzellanfabrik ging mit der Anftofs zur Verallgemeinerung und Vervollkommnung diefer Technik aus. Der frühere Chemiker diefer Anftalt, Franz Kofch, hat Vieles hinzugefügt, das Ganze der Technik wefentlich vereinfacht, gewiffermafsen fichergestellt. Die öfterreichifche Ausftellung brachte eine kleine, aber hoch intereffante Mufterfammlung feiner Umdrucktechnik auf der Glafur. Der englifche Fabrikant hilft fich mit dem Vordrucken ichwarzer Con touren und dem nachträglichen Auftrag der Farbe mit dem Pinfel von Hand, eine koftfpielige und zeitraubende Procedur, deren Erfolg beiſpielsweife die Technik Kofch's mit einem Male erzielt. Eine befonders häufige Anwendung findet das Umdruckverfahren auf die Herftellung fchön decorirter Wandverkleidungs Platten. Die Erzeugung diefer Waaren wird in Egland namentlich, dann aber auch in Frankreich, am Rhein, in Spanien und Italien mehr oder minder geübt, ganz abgefehen davon, dafs der heutige Orient, dem diefe ganze Technik der Fliefen ja entftammt, noch fortfährt, feine primitiven und zum Theile kaum mehr an die alte Formenfchönheit auch nur anklingende Plattendecorationsweife zu üben. In vielfacher Weife wurde das Umdruckverfahren als unkünftlerifch kritifirt und verworfen. Wir vermögen uns diefer Anficht nicht anzufchliefsen. Hier wie bei der directen Glafurmalerei kann die Hand des Künftlers, kann der Stempel der Orginalität dem decorirten Stücke gewahrt bleiben; wird doch die Zeichnung, wenn fie der Künftler directe auf den Stein zeichnet, mit minutiöfer Genauigkeit auf dem Bisquit wiedergegeben, ja Kofch und theilweife in neuerer Zeit Minton geht in feiner Technik hier fo weit, durch geeignete Behandlung des Umdruckes auf der Glafur die täufchendfte Aehnlichkeit mit einem paftofen Pinfelauftrag zu erzielen. 32 Dr. Emil Teirich. Wir fehen in dem richtig und mit Verſtändnifs angewandten Umdruckverfahren das einzige Mittel, guten Muſtern, wahren künftlerifchen Leiftungen die nöthige Verbreitung zu verfchaffen, und damit dem noch fehr verwilderten Gefchmacke des grofsen Publicums bildend an die Hand zu gehen. Die billigfte Waare kann auf diefe Weife mit gutem Zierath verfehen werden. Minton bringt diefsmal ein ganz neues Verfahren des Umdrukes von Metallplatten und ftellt einige, aber nur wenige, fehr gelungene Verfuche damit aus, welche namentlich die Präcifion der Contour und auch die Möglichkeit illuftriren, gröfsere Flächen folcherweife mit einer fatten Farbe überlegen zu können. Die Fabrication der Wand- und Fufsboden Verkleidungsplatten ift in England zu einem Handelsartikel von einer in Deutfchland und Oefterreich . noch ganz ungekannten Bedeutung geworden. Kaum ein Haus, und fei es das geringfte und befcheidenfte in London, mag ganz eines folchen Schmuckes entbehren, faft kein Vorhaus oder Küche, die nicht ganz oder theilweife mit diefem fchönen, dauerhaften und fo reinlichen Materiale verkleidet wäre. Von den in England derzeit erzeugten Platten, und nicht wenige Firmen befchäftigen fich damit, laffen fich drei Arten trennen, von denen eine, die Encauftic tiles, oder eingebrannten Ziegelfliefen zumeift aus einem oder mehreren durch die ganze Maffe gefärbten, fehr fein bearbeiteten Thonen auf trockenem oder naffem Wege erzeugt wird, indem man die vielfach gefärbten und deffinirten dünnen Thonfchichten neben einander auf eine Unterlage oder Zwifchenlage von gröberer aber nicht minder haltbarer Maffe bringt und mit diefer feft verbindet. Solche Platten, die jede Abnützung vertragen, ohne ihre Deffinirung einzubüfsen und von ungemeiner Dauer find, bilden das Materiale für die schönen Mofaik- Fufsböden, denen man in England allenthalben begegnet, und die beim Bau des South- Kenfington- Mufeums und dem Parlamentsgebäude wohl in ausgezeichneter Weife zur Verwendung gelangten. Die Oberfläche folcher Platten bleibt zumeift unglafirt. Durch frittenden Feldfpath- Zufatz( cornifh ftone) wird eine befondere Verdichtung des Materiales erzielt, und gehen diefe Fabricate eigentlich bereits in die Gruppe des Steinzeuges über, ohne dafs wir es uns verfagen dürften, fie in den Kreis unferer jetzigen Befprechung zu ziehen. Die auf trockenem Wege erzeugten Platten werden mittelft Mafchinen geprefst und find in England zumeift Handfpindel- Preffen hiezu in Verwendung, in Deutfchland hydraulifche. Die Schwierigkeiten, verfchiedenfarbige Thone mit einer Unterlage fo zu vereinen, dafs beim Brande kein Reifsen, keine Trennung erfolgt, und zugleich die Platten vollkommen eben und winkelig bleiben, ift von den englifchen Fabrikanten zumeift glänzend gelöft. Eine andere Art von Verkleidungsplatten, ebenfo häufig wie die erften, aber zu anderen Zwecken verwendet, find die Platten mit Reliefs( Emboffed tiles). Hier wird der Charakter der echten Majolica und der Paliffywaare, die opake oder translucide Glafur auf modellirtem Thonkörper freilich nicht immer präcife gewahrt. Die Modellirung ift zudem nicht felten fchlecht. Sehr fchönen Effect machen jene eingeprefsten Platten, auf denen eine höchft dünnflüffige Glafur die Tiefen mit dunklerer Schattirung durch Zufammenfliefsen ausfüllt, und fo die Modellirung zur vollen Wirkung in ähnlicher Weife wie bei den bekannten Porzellan- Lichtbildern bringt. Eine dritte Art endlich, die Majolica tiles, eigentliche Fayencen, werden auf trockenem oder naffem Wege aus möglichft weifsem Tone hergestellt, unter oder ober der Bleiglafur bemalt oder bedruckt. unter. Die gröfste Mannigfaltigkeit, die fchönften Zeichnungen finden wir hierMeift ift es der orientalifche und fpeciell der perfiche Stil, in dem die Die Thonwaaren- Induftrie. 33 allerprächtigften Flächendecorationen namentlich von Minton Hollins gebracht werden. Mannigfaltig ift die Anwendung diefer Platten in neuefter Zeit auch in der Möbeltechnik fpeciell Englands und Frankreichs, in deffen Ausftellung wir eine ganze Reihe von zum Theil höchft glücklichen Anwendungen folcher Art fanden. Die Möbel von Cooper& Holt, Morant, Boyd& Blanford, dann Jackfon & Graham und Anderen feien hier beifpielsweife nur genannt. Alle Principien einer richtigen Flächendecoration haben für die künftlerifche Behandlung der Fufsboden- und Wandverkleidungs Platten die vollfte Geltung. Die Wirkung des Plaftifchen durch Andeutung von Licht und Schatten ift demnach vor Allem zu vermeiden und dem Materiale volle Rechnung zu tragen, das hart und eben gedacht werden mufs. Ganz befonderes Gewicht ift in diefer Hinficht auf die Belagplatten der Fufsböden zu legen, nie dürfen diefe durch allzu grelle Farbengebung oder einen prononcirten Deffin aus ihrer doch mehr oder minder ftets untergeordneteren Lage hervorzutreten fcheinen. Ein gleichfarbiger, in gebrochenen Thönen gehaltener Grund wird daher gerade hier am richtigften gewählt werden müffen und den Vortheil bieten, ein und diefelben Plattenmufter in verfchieden decorirten Räumen verwenden zu können, ohne deren Harmonie zu ftören. Nur in feltenen Fällen wird aus diefem Grund die Wiederholung eines und desfelben Deffins auf jeder Platte von guter Wirkung fein, es fei denn an Borduren oder bei Anordnung von Mittelrofetten. Immer aber mufs der ganzen Compofition die nöthige Ruhe gewahrt beiben. Anders wird natürlich die Wahl der Fufsboden- Bekleidung ausfallen, wenn es gilt, einen langen Corridor zu belegen oder den Boden eines Warmhaufes zu zieren. Anders auch wird die Bekleidung der Badftube zu wählen fein und noch ganz anders die Fliefen, beftimmt die Hausfaçade zu decoriren. Da es bei Behandlung von grofsen Flächen namentlich darauf ankommt, dafs deren Ornamentirung, von einer gewiffen Ferne aus gefehen, noch gut und einheitlich geftimmt in Wirkung bleibt, fo ift Grund und Zeichnung genau abzuwiegen und die Linien und Formen der letzteren derartig zu wählen, dafs in der Entfernung nicht gewiffe Theile der Zeichnung auf Koften anderer zurücktreten und verfchwinden. Eine decorirte Platte, die, wenn für fich und in der Nähe betrachtet, eine ganz gefällige Deffinirung zeigt, kann ganz leicht bei Verwendung mit ihres Gleichen an gröfseren Flächen fich als ganz verfehlt in der Zeichnung zeigen. Diefs Alles tritt mehr noch an der Wand als auf dem Fufsboden zu Tage. Gewifs ift, dafs die meiften Fehler hiebei daraus entſtehen, dafs dem Ornament auf der Platte, oder auch nur an gewiffen hervorragenden Theilen desfelben, eine beſtimmte Richtung gegeben wird, die beim Aneinanderreihen der einzelnen Flächenelemente gewiffe Linien dem Auge vorfchreiben, denen zu folgen es unwiderftehlich genöthigt wird. Wände mit ausgefprochener verticaler Streifung find ebenfo unangenehm und ftörend wie folche, an denen die Diagonalen mit allen Gegenftänden im Wohnraume fich kreuzen oder bei denen Horizontale das Auge nach einem Verfchwindungspunkt zu führen fuchen. Im Allgemeinen genügt das Flachornament des Orientes, wie wir es nicht allein an den Wänden der alten Mofcheen und fonftigen Bauten angewendet finden, fondern wie es in gleich trefflicher und in unfere Induſtrie übertragbarer Weife an den textilen Erzeugniffen dort zu finden ift, den geftellten Anforderungen. Die englifchen Fabrikanten haben diefs richtig erkannt und der orientalifche Stil, vor Allem das perfifche Ornament beherrscht zum grofsen Theile ihre FlächenDecorationsweife, während deutfche Fabriken in relativ fehr elenden Formenkram gerade in diefem Induftriezweige verfallen. Die Platten von Villeroy& Boch leiden manchmal unter der fchlechten Zeichnung ebenfo fehr wie faft alle jene von Frings aus der Sinziger Fabrik. Kommt hiezu noch der Uebelftand einer viel geringeren Präcifion bei Wiedergabe diefer an fich fchon werthloferen 3 34 Dr. Emil Teirich. Compofition, fo geht auch fofort die Ueberlegenheit englifcher Fabricate hieraus hervor. Die Erzeugung glafirter Stubenöfen fchliefst fich directe an die Plattenfabrication an. Hievon freilich finden wir weder aus England noch Frankreich etwas zu berichten; kehren wir nach Haufe zurück und halten wir im Vaterlande des Kachelofens Rundfchau, in Deutſchland. Die deutfchen Leiftungen auf diefem Gebiete find zum Theile mufterhaft. Schon im Mittelalter war diefs der Fall und die deutfche Renaiffance übte auch hier ihren bedeutfamen, der freien Formentwicklung fo günftigen Einflufs. Nächft Deutfchland war es die Schweiz, in der die Töpferei und befonders die Ofenfabrication fich hob. Schon in einem aus dem Jahre von 820 datirten Plane des Klofters von St. Gallen finden fich Kachelöfen angedeutet, doch find die älteften uns bekannten und erhalten gebliebenen jene, die Hefner Alteneck aus dem Brandfchutte des Klofters Tannberg fammelte. Der Ofen wird faft zum wichtigsten Möbel des deutfchen Haufes, er beansprucht den beften und vornehmften, oft auch den gröfsten Platz im Zimmer. Die Gefchichte der Familie ſpielt fich an feiner Seite ab, er dient zum Kochen und feine lange anhaltende, freundliche Wärme macht den Wohnraum den Tag über zu einem behaglichen. Rings herum auf feinem Sockel läuft die Sitzbank und hinter dem mittleren Aufbau und zwifchen der Wand ift der Platz als Schlafftelle benützt. Was Wunder, wenn ein fo wichtiges Stück auch mit Sorgfalt erzeugt, mit allem Schmuck verfehen wird! Nürnberg, die alte Stätte deutfchen Gewerbefleifses, war berühmt feiner Töpferei wegen, und noch bis auf den heutigen Tag fehen wir dort die Erzeugung von Kachelöfen, freilich zumeift nur fklavifche Imitation guter altdeutfcher Mufter, betrieben. Zumeift finden wir den altdeutfchen Ofen mit einer grünen Kupfer- oder dunklen Braunftein- Glafur, beide natürlich bleihältig, überzogen. Der Aufbau ift in der beften Zeit diefer Technik ftets ein architektonifcher gewefen, was wir hier fofort im Gegenfatz zu unferem modernen, vornehmlich öfterreichifchen Ofenftile hervorheben müffen. Dort durchziehen kräftige Gefimfe Kopf und Bafis des breiten Unterbaues, der auf vielfach geftalteten, mehr oder minder reich modellirten Füssen ruht. Ein fchmaler, gleichfalls gefimsbekrönter Oberbau ftellt fich auf diefen hohen Sockel. Ueberreich ift oft der ornamental plaftifche Schmuck des Ofens. Karyatiden, Füllungen aller Art mit Mufcheln und Thiergeftalten in Hauterelief, reiche Gliederungen der einzelnen Theile werden angewendet. Faft immer weifs der deutsche Meifter die architektonifche Form dem plaftifchen Materiale unter feinen Händen anzupaffen. Mit dem Ende des XVI. Jahrhundertes beginnt aber eine zweifache Veränderung im deutfchen Ofenftile. Es überwuchert die plaftifche Zierath und die Glafur wird polychrom, mit malerifcher Behandlung. So lange nicht der Barockftil fein ärgftes Unwefen im Rococo treibt, hält trotzdem die Töpferfchule an der traditionellen, immer doch mafsvollen plaftifchen Ausdrucksweife feft. Der grünen und braunen Glafur folgte eine weiſse, die Gelegenheit zur bunten Bemalung der Bildwerke gibt, die oft auf blauen Grund, gleich der Robbiawaare gefetzt werden. Namentlich die Schweiz ift reich an folchen Oefen. Nicht allzulange währt jedoch der Höhepunkt diefer Kunft. Bald verblafst die reiche Palette des Künftlers, und im XVIII. Jahrhunderte ift ihr Farbenfchmuck auf Weifs und Blau bereits reducirt. Noch verdanken wir dem Rococoftile mitunter, und das namentlich in Frankreich, welches die Ofentechnik ohnedem aus Deutſchland importirt hatte, gute, von richtigen künftlerifchen Principien geleitete Formen, meift aber weifs glafirt, mit eingefetzten gemalten Füllungen, oft mit reicher Vergoldung. Die Luftfchlöffer in Frankreich und die ihnen nachgebildeten Deutfchlands enthalten viele Mufter diefer Art. Die Thonwaaren- Induſtrie. 35 Diefe waren die Vorgänger unferes heutigen Ofens. Hat fich gewiffermafsen in der Hausinduftrie, in der Bauernftube, der alte deutfche Kachelofen mehr oder minder in etwas urfprünglicherer Form erhalten, fo ift doch zu Anfang unferes Jahrhundertes die Ofentechnik in erfchrecklicher Weife degenerirt. Und diefs gilt namentlich von Oefterreich und Süd- Deutfchland. Im Norden hat es wenigftens in den letzten Jahren nicht an Beftrebungen gefehlt, dem lange fühlbar gewordenen, und dem Architekten geradezu unerträglichen Mangel an guten Ofenformen abzuhelfen. Dort ift der Kachelofen im Gebrauch und gibt als folcher leicht die Gelegenheit zum richtigen, verſtändnifsvollen Aufbau. Bei uns zu Haufe ift in diefer Richtung erft feit ganz kurzer Zeit, erft als die Architektur ihre modernften Prachtbauten fchuf und fie harmonifch und ftilgerecht auch im Innern zu decoriren hatte, der Ruf nach Verbefferungen in diefer Induſtrie laut geworden. Aber nicht allein die abgefchmackte, geradezu erbärmliche Form unferes fogenannten fchwedifchen Ofens zwingt zur Klage, nein, diefelbe ift mindeftens ebenfo gerechtfertigt über die Technik, das Fabricat als folches. Nur mit ganz feltenen Ausnahmen traf man in der öfterreichifchen Ausftellung auf einen Ofen, der nicht ganz ftillos in der Form war, ftets aber ift, mit ganz feltenen Ausnahmen die Glafur mangelhaft, voll von Haarriffen, und die einzelnen grofsen Stücke, aus denen der Ofen zufammengefetzt wird, bieten fo grofse Schwierigkeiten der Erzeugung, dafs nur ausnahmsweife gerade Flächen, paffende Stofsfugen erzielt werden können. Sprechen wir aber gar nicht von den Heizgarnituren, von den elenden meffingverkleideten Thürchen, mit denen folche Oefen bei uns verfehen werden! Alles fchlecht, unfolid und gar nicht zweckentfprechend. Jedermann klagt hierüber, die Abhilfe wäre fo leicht, aber niemand denkt ernftlich daranzugehen. Der norddeutſche Kachelofen ift hierin dem befprochenen Begufsofen weit voraus. Während letzterer aus einer mehr oder minder feuerfeften aber mifsfärbigen Maffe geformt, getrocknet und dann mit einer hellen, weifsen Thonmaffe engobirt, und hierauf erft mit einer Bleiglafur überzogen wird, ift die Fabrication der Kacheln bei erfterem viel fubtiler. Nach dem Ausformen aus gut gefchlämmtem, aber nicht feuerfeftem Materiale, einem an kohlenfaurem Kalk reichen Thon, wird die Kachel gebrannt und allerfeits meift auf Schleifmafchinen abgefchliffen. Nun erft erfolgt der Ueberzug mit der Schmelzfarbe, einem weifsen zinn- und bleihältigen Email. Die Accurateffe, mit der beim Zufammenfchleifen und Setzen der Kacheln verfahren wird, ift geradezu eine erftaunliche. Im Allgemeinen find die Formen und die Ornamentik der norddeutſchen Oefen beffer als die der unferen, oft ift der Stil derfelben ein edler, faft antikifirender, immer aber leiden diefelben an einer Trocken- und Nüchternheit, die damit noch nicht behoben ift, wenn hie und da ein farbiges Friesband die monoton weifse Ofenfläche durchzieht. Auch das Ornament, welches feltener und dann höchftens weifs glafirt, meift aber mit einer erdigen, gelblichen oder bräunlichen Wachsfarbe überzogen wird, trägt nur wenig zu einem erfreulicheren Anblick bei, den man nur an einigen fogenannten Kaminöfen, einer gelungenen Verfchmelzung des Ofens mit einem mehr oder minder reich gezierten Kaminftücke, zu geniefsen vermag. Die Heizgarnituren find meift aus Gufseifen, gut in der Form und dauerhaft. Sieht man von den ganz ordinären, braunen oder gefprenkelten fogenannten Porphyröfen ab, fo fpielt im ganzen Grofsen die Farbe noch eine zu feltene Rolle in der Erzeugung guter, feiner Oefen. Nur durch deren Anwendung im Vereine mit einem motivirten architektonifchen Aufbau ift wahrhaft Gutes zu produciren. Freilich wird der ordinäre Ofen vorläufig hieraus keinen Nutzen zu ziehen vermögen, aber durch die Veredlung der ganzen Stilrichtung in der Ofenfabrication, welche, wenn auch nicht unbedingter Weife, fo doch am natürlichften und 3* 36 Dr. Emil Teirich. einfachften von der feinen Waare ausgehen muſs, wird auch das billige Product gewinnen. Im Allgemeinen kann für Oefterreich nur die Einführung des norddeutfchen und fo recht eigentlich nationalen Kachelofens in verbefferter Form aufs Wärmfte empfohlen werden. Sehen wir rafch durch, was Oefterreich zur Ausftellung brachte. Da war einmal vor allen Anderen De Cente in Wiener- Neuftadt, der einen grofsen Raum der Rotunde mit den verfchiedenartigften, weifsen, faft durchgehends Emailöfen gefüllt hatte. Das Email felbft ift ftets riffig, die Oefen zumeift nach dem in Oefterreich üblichen, fogenannten fchwedifchen Syftem conftruirt. Wie wenige der Formen find darunter gelungen; was nützt da ein von Hanfen's Schülern gezeichneter, mit einigem antiken Zierath aufgeputzter Ofen, wenn die ganze Richtung durch all' die anderen Ausftellungsobjecte fcharf genug charakterifirt wird. Viele unferer Induftriellen fcheinen überhaupt zu glauben, und diefer Anfchauung begegnen wir öfter, fich ein Verdienft um Hebung des Gefchmackes zu erwerben und Anerkennung zu verdienen, wenn fie ab und zu nach Skizzen eines hervorragenden Künftlers ein einziges Object, etwa zum Zwecke einer Weltausftellung, arbeiten und zu enormen Preifen verkaufen. Damit ift nichts, oder nur wenig gefchehen. Wird nicht die ganze Richtung der Fabrication veredelt, fo dafs ein richtiges Gefühl jeden Arbeiter durchdringt und eine Garantie für die ftilvolle Ausführung jedes Details im letzten Gehilfen gefunden wird, fo find derlei fporadifche Verfuche nichts als Kunftftücke ohne weiter greifenden Einfluss. Auch De Cente könnte Befferes in künftlerifcher Richtung leiften, um fo mehr, als er ja doch wenigftens die gröfsten Schwierigkeiten der Technik recht gut und feit Langem fchon überwunden hat. Sein grofses Gefchäft, fein bedeutendes Abfatzgebiet und die Würdigung feiner langjährigen Bemühungen um die Ofenfabrication in Oefterreich hat uns veranlafst, ihn als erfte und hervorragendfte Firma zu nennen, während eigentlich die Ofenfabrik von W. J. Sommerfchuh in Prag die erfreulichfte Leiftung auf diefem Gebiete aufzuweifen hatte. Sommerfchuh's Verdienft liegt in der wirklich gelungenen und ziemlich vollendeten Fabrication von Email- Kachelöfen nach norddeutfchem Mufter, fein Kaminofen mit grauer Decoration, fowie auch fein Kamin waren recht gute Erzeugniffe, mit denen fich in Oefterreich kein anderes meffen kann. Was die zwei faft lebensgrofsen orientalifchen Geftalten eigentlich unter den Oefen woll. ten, wurde uns nicht klar, da wir Herrn Sommerfchuh die Gefchmacklofigkeit nicht zutrauen, etwa Kamine damit zieren zu wollen. Freilich als fchwierige Stücke der Fabrication verdienten fie alle Beachtung. In eine Kritik des Emails, in einen Vergleich desfelben mit den Erzeugniffen von Seidl in Dresden etwa einzugehen, können wir uns erfparen, bis alle Schwierigkeiten zur Vermeidung der Kühlriffe von der Fabrik werden überwunden fein. In färbigen Oefen, und nur folche hat er ausgeftellt, leiftet Bernhard Erndt in Wien entfchieden Gutes. Sein grofser brauner Ofen mit färbigem, buntem Ornament, im Renaiffanceftil componirt, liefs wenig zu wünſchen übrig. Er war uns von der Parifer Ausftellung her wohlbekannt und hätten wir nur fehr gewünſcht, Erndt hätte uns eine neuere Leiftung vorgeführt. Aehnlich gut waren die anderen Erzeugniffe feines Etabliffements, dem Wien die einzig brauchbaren bunten Oefen verdankt. Unbegreiflich ift es daher, dafs fich der Gefchmack feines verdienftvollen Leiters bis zu jenem orientalifchen(?) mit Oelfarben grell bemalten Ofen verirren konnte, der das hübfche Enfemble feiner Ausftellung geradezu verunzierte. Nicht diefelben Erfolge hat in der Emailglafur- Technik der Namensvetter des Erfteren, Franz Erndt, aufzuweifen. Mit folcher Gefchmacklofigkeit, gepaart mit technifcher Unvollkommenheit, war es immerhin gewagt, eine Ausstellung zu Die Thonwaaren- Induftrie. 37 befchicken. Ein fürchterlich modellirter, mit Gold zur Hälfte überzogener weifser Barockofen und ein grauer und blauer Majolica- Ofen waren Zeugen einer verfehlten Fabrication. J. Ginzelmayer in Wien arbeitet gute, weifse, currente Waare althergebrachter Art und brachte auch mehrere Kamine in roher Terracotta, die nicht fchlecht in Zeichnung und Modellirung gehalten waren. Auch die Erzeugniffe der Ofenfabrik von H. Jelinek in Pilfen, durchwegs currente, weifse Waare in allen Gröfsen, allerdings von der bekannten landläufigen Form, aber recht verdienftlich gearbeitet, zeugten von gemachten Fortfchritten, was man, wenigftens nicht in gleichem Mafse, von der relativ grofsen zweiten Ofenfabrik des E. Dubsky in Wittenau fagen kann. Wie fchlecht waren da doch die Kamine ausgeführt, deren rother Thonfcherben durch einen liniendicken Anftrich von häfslicher Farbe gedeckt waren. Hier thäte etwas mehr Modellirkunft und eine gebildetere Gefchmacksrichtung dringend noth: C. Mayer in Blansko, Gebrüder Schütz in Olomoucan, Schadler in Linz, A. Sa maffa in Laibach bekundeten mehr oder minder das Streben nach Befferem, vervollkommnen aber doch nur fehr langfam ihr Verfahren und kleben zu fehr an den mehrfach gerügten Formen, von denen fich die Bialaer Ofenfabrik des Görg v. Kupke zu emancipiren fucht, indem fie den Berliner Kachelofen imitirt. Zwar find es fogenannte Begufskacheln, die fie herftellt, voll von Haarriffen, nicht genau couleurt und auch nicht präcife genug gefchliffen und gefetzt, aber immerhin und namentlich unter den fchwierigen Verhältniffen einer Fabrication in Bielitz dürfen wir folchen Beftrebungen unfere Anerkennung nicht verfagen. Wenn nur auch in dem rohen Thonwaaren- Ornament mehr Feinheit der Modellirung erzielt worden wäre! Nicht in gleicher Weife gelungen waren endlich die Oefen von A. Kummerer in Eger, der in ähnlicher Richtung arbeitet. Hier find wohl noch viele techniſche Schwierigkeiten zu überwinden, ehe an eine ernfthafte Erzeugung gedacht werden kann. Beffer war ein ausgeftellter weifser, ovaler Ofen und KachelSparherd. S. Andrik in Tamásfalva und A. Kerekes illuftriren mit ihren ausgeftellten Porphyröfen die Leiftungen einer, wir möchten faft fagen, ungarifchen Hausinduftrie und fallen eigentlich den andern Ausftellern gegenüber aufserBetracht. Was von neuen Ofenconftructionen zu fehen war, dürfte kaum viel Verbreitung finden und zur Nachahmung empfohlen werden, obwohl wir die Beftrebungen, Befferes in diefer Richtung zu leiften, gerne anerkennen und würdigen wollen. Nennen wir daher Chowanietz in Friedek und J. Kugler in Klofterneuburg, von denen der Erftere fich bemühte, einen Füllofen für Holz zu conftruiren, während der Zweite den Mängeln einer zu langfamen und ungleichförmigen Erwärmung durch feine Ventilationsöfen abzuhelfen fuchte. Ueberblicken wir noch einmal die Reihe der Ausftellungsobjecte unferer Ofenfabrikanten, fo werden wir das eingangs Gefagte beftätigt finden und mit dem Wunfche fchliefsen, es möge bald ein neuer Geift diefe intereffante, wichtige und lucrative Induftrie durchziehen. Reiche Früchte könnte hier übrigens die Kunftanftalt des öfterreichifchen Mufeums tragen, wenn fie es unternehmen würde, die Ofenfabrication ebenfo zu unterſtützen, wie fie es unternahm, die Thonwaaren- Induftrie Znaims( Mähren) durch gute Vorbilder wieder zu beleben. Diefe Induftrie, feit Langem bereits als Hausinduftrie in jener Gegend eingebürgert, begünftigt durch treffliche, weiſse Thonlager, von denen die der Herrfchaft Brenditz die bekannteften und reinften find, fand durch das Mufeum die kräftigfte Unterſtützung und nur diefer vermögen wir es zuzufchreiben, dafs die beiden Ausfteller, F. Slowak und A. Klammerth, angelehnt an die guten, der Sammlung des öfterreichifchen Mufeums entnommenen Mufter von alter Delfter und franzöfifcher Waare, wirklich beffere Bahnen eingefchlagen haben. 38 Dr. Emil Teirich. Namentlich der zweite Ausfteller, fchon bekannt feit der letzten Mufealausftellung in Wien vor zwei Jahren, gibt fich mit Erfolg viel Mühe, Fabrication und künftlerifche Ausftattung der Waare zu heben. Manches ift darin erreicht. Slowak und Klammerth ftellten Krüge, Flafchen, Teller, Vafen, Fruchtfchalen u. dergl. theils für den directen Gebrauch, theils zu decorativen Zwecken aus, für welch' letztere die Ausführung, namentlich die Malerei doch noch allzu wenig durchgebildet ift. Meift decoriren beide blau auf weifs. Die Glafur ift gelblichweifs, von einem angenehm warmen Farbenton. Läfst das öfterreichifche Muſeum diefe Induftrie nicht aus dem Auge und verfchliefsen fich nicht die Fabrikanten, wie es mitunter den Anfchein hat, der Erkenntnifs der Mängel, die unleugbar ihrem noch zu rohen Fabricate ankleben, fo kann mit den jetzigen Anfängen in Znaim für dauernde Zeiten der Keim zu einem grofsen, in jeder Richtung bedeutenden keramifchen Diftrict gelegt fein. Gefchirre für den Hausgebrauch werden in Znaim in bedeutenden Mengen, mit einer eigenthümlich dunkelbraunen Glafur, die meift fchwarz decorirt ift, und von befonderer Güte hergeftellt. Der fchon genannte Klammerth, dann Franz Jordan, J. F. Slowak, L. Lauer und C. Moeft ftellten von der genannten Waare mitunter recht gelungene Stücke aus, von denen die aus letzterer Fabrik gelbliche Glafur mit braunrother Streifung oder fonftiger Deffinirung trugen. Die mährifche Thonwaaren- Fabrication wurde endlich noch durch die Gebrüder Schütz in Olomoucan vertreten, die recht gutes Steingut aus den trefflichen Flöhauer und Liboyer Thonen erzeugen und auch Proben von letzteren ausftellten. Ein geeigneteres Materiale zu folchen Zwecken kann kaum gedacht werden. Das Streben der Aussteller, diefe Thone durch gute Verarbeitung zu verwerthen, mufs anerkannt werden. Die farbige Decoration ihrer Gefchirre, vom äfthetifchen Gefichtspunkte mitunter wenig lobenswerth, war aber techniſch intereffant. Graf Stadnitzky brachte endlich Hannagefchirre, von denen wir auch einige Mufter bei den Figurinen fanden, welche die mährifche Landescommiffion in den Nationaltrachten aufftellten. Diefe, fowie die fehr inter effante Collection der ungarifchen, flavonifchen und kroatifchen Töpferwaaren bildeten einen fehr inftructiven und anregenden Theil unferer Ausftellung. Vieles unter den bunt durcheinander gewürfelten Muftern war direct verwerthbar, Manches erinnerte in feiner Grundform an gute Ueberlieferung, an ftarres Fefthalten an hundertjährigen Formen. Hie und da find Spuren des orientalifchen Einfluffes entfchieden bemerkbar. Diefe Spuren find das Donauthal hinauf und im Stromgebiete der Save weiter zu verfolgen als im Gebirge. Es find diefs eben unverkennbare Refte der Invafion der Türken, Ueberbleibfel jener Zeit, wo fich vor den Mauern Wiens der Halbmond aufgepflanzt und Alt- Ofen der langdauernde Sitz des Pafchawefens war. Alle diefe Gefäfse zeugen von einem unverkennbaren Sinn für Farbe, und ihre Polychromie, nicht felten gut verftanden, ift trotz der fehr befchränkten Farbenpalette, die den bäuerlichen Keramikern zu Gebote fteht, in ihrer vielfachen Nuancirung eine äufserft bunte. Die böhmifche Steingut- Induftrie vertrat L.& C. Hardtmuth in Budweis in erfter Linie. Freilich können wir uns nicht verhehlen, dafs wir gerade von diefem bedeutenden Steingut- Gefchäfte eine erbaulichere Ausftellung gewünſcht und erwartet hätten. Das Meifte war ganz mittelmäfsige Handelswaare, weiſse, ordinäre Teller, Gefchirre für den Hausgebrauch mit landläufigen Decorationen durch Druck und Handmalerei. Auch einige Verfuche zu Weiterem waren nicht ganz geglückt und fo können wir uns beifpielsweife mit den chinefifchen Tellern auch nicht einverftanden erklären. Nichts deftoweniger hat die Fabrik Hardtmuth's, die auch in anderen Induftrien Bedeutendes bekanntlich liefert, eine nicht zu unterfchätzende Bedeutung Die Thonwaaren- Induftrie. 39 und erweitert den Kreis ihrer Thätigkeit feit jüngfter Zeit durch die Einführung der Ofenfabrication. Nur wenig war die öfterreichifche und fpeciell die böhmifche Fayence aus ihrem Verfteck hinter den böhmifchen Wäldern herausgetreten und doch find dort bedeutende Etabliffements, wie das von F. Nowotny und Anderen in voller Thätigkeit nicht nur für den inländifchen Markt, fondern auch für den Export, namentlich nach Rufsland und dem Orient. Die bekannte und mit Recht fehr beliebte Carlsbader Waare, innen weifs, aufsen dunkelbraun, glafirte Krüge, Schalen und Schüffeln, brachte Vincenz Kraus. Gar fehr contraftirte diefe Ausftellung mit jener der lebhaft kupfergrün glafirten ordinären Waare Oberöfterreichs, die von Fötinger in Gmunden herrührt, aber gar nicht ſchlecht gearbeitet ift. Ueberhaupt regt fich in dem kleinen Seeftädtchen, dem Schlüffel unferes herrlichen Salzkammergutes, ein Kunftleben en miniature, das fich als Hausinduftrie in den verfchiedenften Zweigen des Kunſtgewerbes zeigte. Franz Schleifs in Gmunden brachte eine Art Bauernmajolica, blau, grün und braun- violett, nach Art der holländifchen Delfter Waare, roh gemalte Krüge und Schüffeln, die freilich hinfichtlich Glafur und Auftrag noch Vieles zu wünſchen übrig liefs, die aber den Grund bilden könnte zu einer befferen Erzeugung. Leider fcheint der Ausfteller, feinen Preifen nach zu urtheilen, fchon der Anficht zu fein, bereits jetzt wenn auch nur befcheidenen äfthetiſchen Anfprüchen genügt zu haben, und ift diefs der Fall, dann wäre ihm freilich fchwer mehr auf die rechte Bahn zu helfen. Eine intereffante, für Oefterreich bedeutende Induftrie ift jene des nördlichen Böhmens in der Umgebung von Teplitz bis gegen Bodenbach, wo die Thone von Hohenftein, Prefchen und Parchen zu der bekannten Siderolithwaare ausgebeutet werden. Unterſtützt durch die äufserft billige Duxer Kohle und reichliche, billige Frauenarbeit, kann eben dort eine Billigkeit des Fabricates erzielt werden, die unter den jetzigen Verhältniffen Wunder nimmt. Thon von Prefchen ftellte F. Fifcher aus. Diefes fchöne Materiale ift in Wagenladungen von 200 Zollcentnern zum Preife von 35, 45 und 80 fl., je nach Qualität zu beziehen. Schöner Quarz in Stücken von 60 bis 70 fl. ab Station Auffig a. d. Elbe. Die Fabrication, meift fehr primitiver Art, mit wenigen Hilfsmitteln verfehen, liefert theils glafirte Thonwaare, theils aber, und wohl zumeift folche, die mit einem Bernftein- und Kopallack überzogen find, der als Bindemittel für alle denkbaren Farben gilt. Die Einfachheit und Leichtigkeit des Proceffes, der an und für fich der Phantafie gar keine Grenzen fetzt, unterftützt hier aber auch ein Ueberwuchern derfelben, eine Stillofigkeit und forglofe Compofition, wie fie in keinem keramifchen Induftriezweige zu finden ift. Wie mafsvoll, wie edel find in diefer Richtung die dänifchen Fabricate ähnlicher Art! Meift erzeugen Oefterreichs Fabriken naturaliftifche, nicht felten wie an manchen Stücken von E. Eichler in Dux, gut modellirte figurale Gegenftände; Tintenzeuge, Cigarrenhälter, Afchenfchalen, Vafen, Blumengefchirre etc. find Erzeugniffe, die zu Taufenden in allen Fabriken hergeftellt werden, wobei jede irgend eine Specialität verfolgt. So hat W. Schiller& Sohn in Obergrund, eine der bedeutendften diefer Firmen bei Bodenbach, fich ganz dem orientalifchen Gefchmack ergeben und lackirt nun munter die chinefifchen und japanefifchen Waaren mehr oder minder vom Originale abweichend und der Fantafie freies Spiel laffend. Gerbing's Witwe, ebendafelbft das ältefte Gefchäft diefer Art, hat nicht ausgeftellt, ebenfo fehlen uns einige Fabriken Auffigs und die von Parchen, dagegen bringt die fchon genannte Firma Eichler gute Stücke mit grüner antikifirender Bronce gefchmückt und fchlug nur feine ganze Ausftellung durch ein fchreckliches Mittelftück, einen erbärmlich modellirten Blumenftänder, der, fürch terlicher Gefchmack! mit der weifseften Silberbronce einfärbig gedeckt war. Selbft 40 Dr. Emil Teirich. wenn man die Abficht hatte, diefe neue„ Farbe", welche eigentlich aus Lack und gepulvertem Glimmer befteht, vorzuführen, hätte diefs. doch etwas paffender gefchehen können. Conrath& Hauptmann in Teplitz, eine der jüngeren Firmen, haben hie und da ein nicht fchlecht nach antiken Modellen geformtes Vafenpaar gebracht, meift grün oder kaffeebraun broncirt oder glänzend und mattfchwarz decorirt. A. Tfchinkel in Eichwald, deffen gelbglafirtes, mit Gold reich ausgeftattetes Siderolithgefchirr die fchlimmfte Form und Modellirung zeigte, ftellte nichtsdeftoweniger damit einen Typus der Erzeugniffe der ganzen öfterreichifchen Siderolithfabrication aus. Auch hier rufen wir den Einflufs und die Thätigkeit des öfterreichifchen Muſeums an, dem hier wohl der befte und weitefte Spielraum zu deren Entfaltung gelaffen wäre. Hoffen wir, dafs durch die Gründung eines Lehrcurfes für Keramik, die jetzt eben im Zuge ift, vor Allem diefer Induftrie aufgeholfen wird, die ihres bedeutenden Exportes nach Holland, dem Orient und vorzüglich nach Amerika für Böhmen von befonderer Wichtigkeit ift. In Ungarn, das fo unendlich reich an trefflichem Materiale ift, kann die Fayence- Induftrie keinen feften Fufs noch faffen. Die unerquicklichen focialen Verhältniffe, die dem Deutfchen Leben und Gefchäftsbetrieb erfchweren, regen zu keinem Anfange von diefer Seite an, und das ungarifche Volk ift derzeit noch zu wenig induftriell, die Arbeitskräfte zu wenig gefchult, als dafs fo rafch aus eigener Initiative Bedeutenderes, namentlich in einem Kunftgewerbe geleiftet werden dürfte. W. Zfolnay in Fünfkirchen ift entfchieden der einzige Fabrikant, der mit Verſtändnifs arbeitet und eine grofse Production zu leiten vermöchte, wenn nicht manche widrige Verhältniffe die Entwicklung des nicht ungünftig gelegenen Etabliffements verhindern möchten. Recht gelungen waren deffen Imitationen ungarifcher nationaler Gefäfse, Krüge, Teller u. f. w. Dabei entwickelt Zfolnay eine gewiffe Vielfeitigkeit in feinen Erzeugniffen So brachte er eine Art verglühtes Gefchirr, meift zu decorativen Zwecken, auf dem fehr naturaliftifch gemalte eingebrannte Blumen und fonftige Pflanzen, wenn auch in wenig aufprechender Weife ausgeführt, zu fehen waren. Auch recht gelungene Proben von aufgedruckten Decors ftellte diefer fehr rührige Fabrikant aus, deffen Etabliffement wir das befte Gedeihen wünſchen. Eine Sammlung von fehr gutem ordinären Töpfer- und Steingut- Gefchirr fanden wir aus der Gegend von Klaufenburg in Siebenbürgen. J. Ladányi fowie F. Kálmán ftellten folche Gefchirre aus, Erfterer mit einer eigenthümlich blaugrünen, Letzterer mit blauer Glafur, zum Theile grofse Stücke. Eine ganz fpecielle Art von, wenigftens im Feuer faft unverwüftlichem, grobem Gefchirr bringt D. Lukács aus Nádudvár. Kannen, Krüge und Schüf feln von grofsen Dimenfionen aus einer dunkelfchwarzgrauen, ftark graphithältigen Thonmaffe, die etwas gefintert ift und ohne Glafur verwendet wird. Durch Poliren werden auf dem matten Grunde phantafievolle, mitunter ganz fchöne Ornamente und Schnörkel aufgetragen und erfcheinen fo im fchwachen Glanze auf der dunkelgrauen Fläche. Das Gefäfs ift fertig und wird für wenige Kreuzer verkauft. In folcher Weife wären die Beiſpiele aus der nationalen Induftrie der öfterreichifchen Länder leicht zu vermehren und ftets wäre Gelegenheit vorhanden nachzuweifen, wie in diefer ganzen Induftrie fich die uralten Motive und Formen fo ziemlich rein und intact erhalten haben. Die Anwendung der glafirten Thonwaare in der Architektur, die Imitation der alten Majolicatechnik Robbia's war allein in Oefterreich auf der Ausftellung anfchaulich gemacht. Die Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugefellfchaft in Wien hat an ihrem grofsen Ausftellungsobjecte die mannigfaltige decorative Verwendbarkeit des glafirten Bauornamentes illuftrirt. Medaillons, Lefenenfüllun gen, Friefe, Capitäle und fonftige Gliederungen ihres Porticus zeigten diefe für Oefterreich ganz neue Technik, welche erft feit kaum drei Jahren in der gefell Die Thonwaaren- Induftrie. 41 fchaftlichen Thonwaaren- Fabrik zu Inzersdorf geübt wird. Die Anfertigung der Reliefmedaillons( Büften berühmter Künftler) für die Aufsendecoration des öfterreichiſchen Muſeums gab hiezu den erften Anlafs. Weiter fortgefchritten fahen wir fchon die Technik am Neubaue des chemifchen Laboratoriums der Univerfität in Wien und endlich trat die Fabrik auf unferer Weltausftellung mit einer überaus reichen, für die angeftrebten Zwecke mehr als ausreichenden Farbenpalette hervor, die fie namentlich an den Lefenenfüllungen, fowie an dem fchönen, vom Profeffor V. Teirich entworfenen Majolicabrunnen entfaltete. Jedenfalls wird es nothwendig werden, zur entſprechenden Ausnützung der Farben einige gut gefchulte Maler für den Auftrag zu acquiriren, der ftellenweife noch zu wünſchen übrig läfst. Dagegen contraftiren die Wiener Erzeugniffe in der vortheilhafteften Weife mit jenen anderer Länder hinfichtlich der geforderten Preife, die wirklich fo geftellt find, dafs die Architektur die vollfte und uneingefchränktefte Anwendung von diefer neuen, fchönen Technik zur Innen- und Aufsendecoration machen kann. Das Verdienft, den theoretifchen Theil des eben befprochenen Emailverfahrens bearbeitet zu haben, ja die eigentliche Urheberfchaft desfelben ift dem Chemiker F. Kofch zuzufchreiben, welcher für die Wienerberger Gefellſchaft durch die letzten Jahre hindurch ununterbrochen thätig war. Aufser den fchon befprochenen Emails ftellte Kofch noch eine weitere Palette aus, die wir an den beiden grofsen Medaillons am Porticus der Inzersdorfer Fabrik wieder finden. Die treffliche Arbeit Profeffor Laufberger's, von dem die Malerei auf den einzelnen Platten, welche die Medaillons zufammenfetzen, herrührt, ift leider bei der grofsen Höhe, in der diefelben angebracht find, viel zu wenig zu würdigen. Was die Emails felbft betrifft, fo laffen diefelben an Pracht der Farbenwirkung nichts zu wünſchen übrig. Sie bieten ferner den grofsen Vortheil eines leichten, einfachen Auftrages und eines gleichförmigen, fehr fchönen Einfchmelzens. Was Deutfchland in der Ofenfabrication leiftet und auf die Ausftellung fendete, ift, wenn nicht immer vorzüglich, fo doch zumeift gut. Ch. Seidel in Dresden dürfte ebenfofehr hinfichtlich der Güte des von ihm erzeugten Fabricates, als auch, was deffen künftlerifche Formgebung anbelangt, wohl an der Spitze der deutfchen Fabrication ftehen. Sein Email auf den Kacheln ift in Schmelz und Luftre tadellos, rein gefloffen und dünn im Auftrag. Die Setzarbeit war von erftaunlicher Präcifion, die Farbe der einzelnen Kacheln abfolut gleichwerthig. Mehrere weifse Oefen, an denen die Decoration theilweife durch das Druckverfahren hergeftellt wurde, ein grauer Kaminofen im italienifchen Renaiffanceftil, wie wir ihn ähnlich im Gebäude unferes Ingenieurund Architektenvereins finden, ein brauner, mit blauen und gelben Blumen decorirter Zimmerofen und endlich jener im Rococoftil gehaltene feladongrüne Majolicaofen waren hervorragende, fehr bemerkenswerthe Leiftungen. Die feit kaum zehn Jahren beftehende Fabrik hat fich ein bedeutendes Renommée erworben, und namentlich durch Einführung des farbigen Emails in die moderne Ofenfabrication fich bedeutenden und wohlverdienten Ruf erworben. und Ihr zunächft fteht wohl, was Formgebung anbelangt, die Meifsner OfenChamotte waaren- Fabrik, beffer bekannt unter dem Namen Teichert, ein faft ebenfo altes Ofengefchäft, welches uns weifs glafirte Oefen mit Steinzeug- Glafur fandte, in denen das Streben bekundet wird, aus dem Rahmen des nüchternen norddeutſchen Ofenftiles in eine gefündere und freiere Richtung einzutreten. Freilich können wir die Verhältniffe des einen Ofens mit den beiden offenbar viel zu kräftig gehaltenen Karyatiden nicht loben, dafür war aber gerade an diefem Stück die weifse Farbe fehr gelungen. Teichert's Begufsöfen waren leider theilweife ftark haarriffig und techniſch daher als weniger gut gelungen anzufehen. Schöne Emailglafur gab die Thonwaaren- Fabrik der Magdeburger Bau und Creditbank ihren Kacheln, Flufs und Auftrag fowie Glanz waren vorzüglich. Auch diefes Gefchäft, vormals O. Duvigneau, hat, gleich fo vielen 42 Dr. Emil Teirich. Anderen, die jüngfte Gründungszeit in eine Actiengeſellſchaft verwandelt, und nicht immer zum Beften der künftlerifchen Seite der Production, die nicht nur in diefem Induſtriezweige, fondern noch weit mehr in manchem anderen gelegentlich folcher Umwandlungen, Rückfchritte machte. Aehnliches fanden wir zudem an einem erfchrecklich gelb und fchwarz decorirten Ofen von Lübke& Hornemann, die fonft, was SchmelzkachelFabrication anlangt, wahrhaftig Gutes geleiftet haben. Hier wie fo oft fchadet die elende Formgebung und die oft befprochene Gefchmacksrichtung, deren ausgefahrenes Geleife fo fchwer zu verlaffen fein mufs. Die Stettiner Ofenfabrik, vormals Keppler, erzeugt einen fchön weifsen Schmelz, der an den Kanten nur etwas zu ftark zufammenläuft. Hierin fteht die erftgenannte Magdeburger Fabrik wohl höher, doch war hier die Setzarbeit eine der Vollendetften unter allen ausgeftellten Arbeiten. Der ausgeftellt gewefene braune Kaminofen war technifch eine vorzügliche Leiftung, die der Fabrik manches Kopfzerbrechen gekoftet haben foll; ja felbft mit feinem künftlerifchen Aufbau könnte man fich eher einverstanden erklären als mit dem ihm zur linken Seite ftehenden, weifsen Kachelofen mit Zinnenbekrönung und den bunt gemalten Rittern. Solche Verbrechen am guten Gefchmack follten wohl nicht fo ungeftraft bleiben können. Die Oefen von Villeroy& Boch in Dresden find aus engobirter, feuerfefter Maffe mit Steinzeug- Glafur hergeftellt und höchft verdienftliche fchöne Fabricate diefes überhaupt hochftehenden Etabliffements, das nunmehr nach etwa 20jährigem Beftande, in jeder Hinsicht Treffliches brachte. Eine Suite von recht gut und einfach decorirten Wandbelags- Platten aus demfelben Materiale wie die Ofenkacheln ift fehr hübfch ausgelegt. Ein hervorragendes Product derfelben Firma find Fufsboden- Platten, deren wir anderen Ortes gedenken. Schroeder in Potsdam arbeitet eine gute Glafur und ift im Setzen von befonderer Präcifion. Weit mehr als den in der Farbe arg vergriffenen Majolicaofen, deffen erftes beffer ausgefallenes Exemplar, ein Gefchenk des Landrathes Friedenthal an den Kronprinzen von Preufsen, wir im Kronprinzen- Palais zu Berlin zu fehen Gelegenheit hatten, konnten wir von der Fabrik zu Tfchaufchwitz erwarten, deren Emailöfen ganz gute, ja befte Mittelwaare abgeben. Der erwähnte Ofen gab keinen allzugünftigen Begriff von den Fortfchritten, welche diefes Etabliffement in letzter Zeit, feit es Actiengeſellſchaft wurde, machte. Erwähnen wir nur flüchtig noch der Oefen von Seiller in Baireuth, deren Kacheln etwas ungleich in der Farbe find, dann jener weniger guten, mit matter und zu dick aufgetragener Glafur von J. F. Schmidt in Weimar und der befferen von Fr. W. Schmidt in Nürnberg. Schmidt in München, eine bedeutende Ofenfabrik, hatte einen ganz verunglückten, fchlecht blau glafirten und durch die kalte Verfilberung vollends ungeniessbar gemachten Ofen im Zopfftile ausgeftellt, der Steinmetz's Zimmerdecoration in der Rotunde ruinirte. Viel gelungener waren die Nachahmungen altdeutfcher Oefen, welche von den Firmen aus Nürnberg gefandt wurden. Fleifchmann ftellte zwei bunt decorirte, altdeutfche Kachelöfen aus, verdienftlich nach alten Muftern copirt, mit reicher figuraler Plaftik und Architektur. Die Fabrik geniefst ihrer Specialität in Nachbildung archäologisch intereffanter Gegenftände wegen, ein gewiffes Renommé. Fleiſchmann hatte auch anderen Ortes in mehreren Ausführungen Töpferarbeiten nach Hirfchvogel und anderen alten deutfchen Meiftern, meift Krüge, darunter die fogenannten„ Apoftelkrüge", und dergl. mit Glück imitirt und ausgeftellt. Lunz brachte einen recht gut modellirten, altdeutfchen, grün glafirten Kachelofen, ebenfo Schmidt aus Nürnberg. Auch diefe Beiden arbeiten wefentlich nach alten Vorbildern und imitiren meift Oefen der alten Nürnberger und Augsburger Meifter. Die Thonwaaren- Induftrie. 43 Im grofsen Ganzen gewährte die Ofenfabrication Deutfchlands ein fehr befriedigendes Bild und die Beruhigung, dafs ernftlich Gutes angeftrebt wird. Dabei freilich mufs nie vergeffen werden, die künftlerifche Auffaffung zu beffern, und darf die fchöne Form nicht über der Technik vernachläffigt fein. Sehr lobenswerth war faft durchgängig die Arbeit des Setzens ausgeführt, ein heikles und gefchulte Arbeitskräfte vorausfetzendes Gefchäft. Was endlich gleichfalls die deutfchen Oefen vornehmlich von jenen Oefterreichs auszeichnet, das ift deren gut gearbeiteter Feuerungsapparat, die gut fchliefs baren, foliden, meift gufseifernen Thüren, Röfte u. f. w., welche mit unferen elenden und leicht verbrennbaren Meffing- Ofenthürchen gar nicht an Schönheit und Dauerhaftigkeit in Vergleich zu ziehen find. So fahen wir beispielsweife Oefen und Ofenbeftandtheile von dem königlich württemberg'fchen Hüttenwerke Wafferalfingen, der Graf StollbergWernigerod'fchen Factorei zu Ilfenburg, der Königshütte zu Lauterberg am Harz und manchen anderen renommirten Eifenwerken nach guten Modellen. in höchft präcifer Weife und zu billigen Preifen ausgeftellt. Die deutfche Fayence- Induſtrie hatte fich durch mehrere, und zwar der bedeutendften Fabrikanten vertreten laffen, ohne wirklich Hervorragendes gebracht zu haben. Die Billigkeit der Waare ift allerdings erftaunlich, die Einführung des Druckverfahrens als Decorationsmittel hat den Schmuck, felbft der ordinären Waaren, wefentlich reicher gemacht, ift aber zu einer gefährlichen Waffe gegen den guten Gefchmack in den Händen des Fabrikanten geworden. Villeroy& Boch in Dresden und Mettlach lieferten hierin noch das Befte; die Fayencemaffe ift gut, die Formen beffer als bei Anderen und namentlich das lithographifche Druckverfahren, welches das Aufdrücken matter Flächen fo leicht zuläfst, wird in ausgedehntefter Weife und doch meift mafsvoll verwendet. Eine Neuigkeit ift Boch's antike Bronce, die er auf der Steingut- Maffe einbrennt, und mit welcher recht fchöne Erfolge zu erzielen find. Auch in weichem englifchen Porzellan arbeitet, wenn auch nur nebenher, diefe in der vielfeitigften Richtung thätige Firma. Villeroy& Boch find derzeit entfchieden die gröfsten ThonwaarenProducenten Deutfchlands. Der jährliche Werth ihrer Erzeugniffe beläuft sich in den vereinigten Fabriken zu Wallerfangen, Mettlach, Septfontaine und Dresden auf beinahe 21 Millionen Gulden jährlich. Hauptfächlich find es Steingut- Service und die berühmten Mettlacher Platten, in denen der Schwerpunkt des Gefchäftes liegt. Wir hatten eben bereits Gelegenheit, die Dresdener Ofenfabricate diefer Firma anerkennend zu erwähnen und müffen bei der Befprechung der Platten und Steinzeug- Induftrie nochmals auf deren hervorragende Leiftungen zurückkommen. Vollkommene mechanifche Einrichtungen, vorzüglich gefchultes Arbeiterperfonale und eine tüchtige Leitung find diefem ausgedehnten Gefchäfte eigen, deffen Kundenkreis fich nicht auf Deutfchland allein befchränkt. Im Gegentheile, Boch's Fabricate find im Auslande vielfach beliebt und bekannt. Die ausnehmend guten Leiftungen diefer Firma wurden auch durch Zuerkennung eines Ehrendiploms gewürdigt. F. A. Mehlem in Bonn brachte feine bekannten, viel verbreiteten Wafchgarnituren und Blumentöpfe, Beides mitunter herzlich gefchmacklos, zumeift auf chromolithographifchem Wege decorirt. Zwei grofse, weifse Vafen gehörten zu den fchönften Ausführungen der Fabrik. Faft wäre man, wie bei manchem anderen Fabrikanten, verfucht zu glauben, fowie bei gewiffen Büchern fei auch hier das Weifse das Befte. Vorftehender Tadel der künftlerifchen Seite der Erzeugniffe diefer bekannten Firma trifft mehr oder minder alle deutfchen Ausfteller von Fayencen. Selten nur hatte man das Glück, auf eine auch nur annähernd ftilgerechte Decoration zu ftofsen. Meift herrfcht fowohl in der Gefäfsform als namentlich in der farbigen. Decoration ein ganz wüftes Durcheinander vor, dem die Leitung durch Künftler 44 Dr. Emil Teirich. hand völlig mangelt. Hinfichtlich der Fabrication fteht die Bonner Fabrik mit auf der erften Stufe und reiht in die beftgeleiteten, fehr gut eingerichteten Etabliffements Deutſchlands. Die deutfche Fayence- Induftrie arbeitet vielfach für den Export, manchmal in eigenthümlichen Specialitäten, wie diefs z. B. die Steingut Fabrik Damm in Afchaffenburg thut, deren Befitzer( Marzell) ungeheure Mengen von türkifchen Kaffeefchalen zu Spottpreifen, in bunten Farben glafirt, nach dem Oriente liefert. Eine weitere Specialtät der Steingut- fowie Porzellanfabrication Deutfchlands ift die Erzeugung von Zifferblättern für die Uhreninduftrie der halben Welt, befonders aber für Baden. Uechtritz& Faift aus Schramberg in Württemberg brachten hievon eine Probe. Schlimmeres in Form und Zeichnung ist nicht zu denken. Hierin ift noch abfolut kein Fortfchritt zu erkennen und doch wäre mit einem Dutzend guter Zeichnungen der ganzen Induftrie geholfen. Einige der grün glafirten Steingut- Service derfelben Fabrik, meift höchft naturaliftifch in der Form, find übrigens ganz gut gerathen. Auch diefe letztere Fabrication wird als Specialität behandelt und im Grofsen getrieben. Die Preife diefer Fabricate find faft durchgehends billige, die Maffe meift fehr gut und dicht, fogenanntes Halbporzellan. B. Schaible& Comp. in Zell am Harmersbach brachten weifse, anfpruchslofe Fayencen aus ihrer erft kürzlich errichteten Fabrik, grün und gelb decorirt, von untergeordneter Bedeutung. Von ordinär glafirten Töpferwaaren nationalen Urfprunges hatte Deutfchland Weniges und nur Lückenhaftes gefandt. Wie dankbar wäre doch die Aufgabe gewefen, aus den deutfchen Gauen die fo höchft verfchiedenen und hochintereffanten Typen der landläufigen Thonwaaren- Induftrie zufammenzutragen, in der fich fo manche Eigenthümlichkeit des Volkslebens fpiegelt, die oft fo innig mit Brauch und Sitte des Landbewohners im Zufammenhange fteht. Fleifchmann's Kunftanstalt plaftifcher Gegenstände hatte nur wenige, aber theilweife recht gute Nachbildungen altdeutfcher Gefäfse aus der Blüthezeit der Nürnberger Töpferkunft ausgelegt. Beffer als die fklavifche Imitation diefer, in vieler Hinficht etwas roh behandelten Gefäfse, hätte uns ein Durchbilden der alten Formen, ein Zugrundelegen derfelben für moderne Schöpfungen gefallen. Fleifchmann's Streben bleibt nichtsdeftoweniger ein Verdienftliches, und wäre es noch weit mehr, wenn die Wahl der ängftlich nachgebildeten Originale eine forgfältigere wäre. F. Müller aus Kamenz( Sachfen) machte uns mit den dort gebräuchlichen, braunen Kochgefchirren und Milchgefäfsen bekannt. W. Lampé& Comp. in Mecklenburg- Schwerin brachten neben befferer Steingut- Waare auch Gegenftände des fpeciellen Hausgebrauchs der Gegend. H. Wiek in Marburg( HeffenNaffau) ftellte eine fehr charakteriftifche ordinäre Thonwaare, rothbraun und grün glafirt aus, eine Art von Bauernmajolica. Auch die fchon genannten Uechtritz& Faift brachten eine ganze Reihe von ordinärfter Fayence für den Gebrauch der ländlichen Bevölkerung, zum Theil dem öfterreichifchen Gefchmacke Rechnung tragend. Hätte nicht eine gewiffe Neugierde und, faft möchten wir fagen, Pietät uns getrieben, zuerft Umfchau im engeren und weiteren Vaterlande zu halten, wir hätten Oefterreichs Induftrie und die Deutſchlands dem Range nach erft in dritter Linie zu betrachten gehabt. Vielleicht ift unfer Urtheil über die heimifche Induftrie aber günftiger aus. gefallen, weil wir Englands herrliche Leiftungen dabei noch nicht ganz nahe ins Auge fafsten, weil wir nur erft einen flüchtigen Blick auf die künftlerifch mitunter bedeutenden Arbeiten Frankreichs machten. Schon im äufseren Arrangement imponirt Englands Fayence- Induftrie im Verein mit deffen Porzellanausftellung im Induftriepalafte. Welche Fülle des Die Thonwaaren- Induſtrie. 45 reitzvollften Studienmateriales, das wir hier nur flüchtig betonen und leider nicht eingehender würdigen können. Welche Variationen in der Technik, welche Durchbildung der Formen! Doch beginnen wir mit dem Hervorragendften: Mintons in Stocke upon Trent( Staffordſhire) haben diefsmal mehr und Hervorragenderes ausgeftellt als je. In vieler Hinficht ist ihr Wiener Debut ein glänzendes geworden. Diefs gilt vor Allem hinfichtlich ihrer Fayencetechnik, in der fie unerreicht daftehen. Mintons haben durchaus keine fogenannte currente Waare gebracht, ja fie erzeugen eine folche eigentlich gar nicht. Stets geht ihr Streben dahin, die künftlerifche Decoration in den Vordergrund zu ftellen und jedem Stück ihrer Fabrication den Stempel der Individualität aufzudrücken. Die Mannigfaltigkeit ihrer Technik, das Complicirte mancher Verfahrungsweifen erfchwert zudem in unglaublicher Weife die getreue Wiederholung einer und derfelben Waare. Wie rafch geht, wenigftens auf einige Zeit, nicht ein oder das andere Verfahren verloren. So konnte beifpielsweife gerade während der Weltausftellung keine Beftellung auf die fo fehr gefchätzte neue Plumcoloured- Waare aufgenommen werden, da die Fabrik momentan aufser Stande war, ähnliche Nuancen wie die ausgeftellten nochmals zu erzeugen. Die Proceffe und chemifchen Vorgänge in der keramifchen Induftrie find eben höchft fubtile, von taufendfältigen Zufälligkeiten beeinflufste Vorgänge, die fich in ihrer Wefenheit oft noch völlig einer fcharfen Controle durch die Theorie entziehen. Faft reizvoller, jedenfalls aber auch vom commerciellen Standpunkte bedeutender als die Porzellanausftellung war jene von Minton's Fayencen und Majoliken mit all' ihren weit veräfteten Genres, welche mehr oder minder vollkommen von dem Etabliffement geübt und verfucht werden. Der Körper der Minton'fchen Waare ift entweder weifs, vielfach fchwach gelblich gefärbt, oder, wie diefs bei vielen feiner Waaren der Fall, verwendet er durch die Maffe gefärbte Thone, mit denen er die fchönften Erfolge durch Combination erreicht. Wir erinnern an einige Stücke auf dunkel Siena bis chokoladebraunem, fehr dichtem Körper, fo an die trefflichen Teller von Moufille's Hand mit prächtig naturaliftifchen Blumen- und Vogelgruppen in brillanten, neuen Deckfarben keck fkizzirt und flüchtig, aber mit grofsem Effecte ausgeführt. Weniger gut gelungen find ihm die gröfseren, flach gehaltenen, langgeftreckten Gefäfse, die mit allzu grofsem Blattwerk in höchft unübersichtlicher Weife geziert find. Alle diefe Malereien find unter einer äufserft glänzenden Glafur aufgetragen, welche das Feuer derfelben ganz wefentlich erhöht. Schöne und bedeutend grofse Stücke find zwei modellirte Vafen, weifs, grau und gold decorirt von befter Wirkung. Ausgezeichnet und in techniſcher Hinficht befonders bemerkenswerth fanden wir zwei Blumentöpfe in derfelben braunen Maffe mit griechifchem Palmettenornament geziert, das mittelft eines durchaus neuen Umdruckproceffes decorirt wurde. In diefem Falle werden Stahlplatten gravirt und dienen zum Druck. Nur mit diefem Verfahren ift der gleichförmige und fatte Farbenauftrag möglich, der diefe Stücke charakterifirt. Die Details diefes Verfahrens, mit dem Minton diefsmal zuerft hervortrat, find noch Fabriksgeheimnifs. Im Uebrigen wendet Minton das in England übliche Umdruckverfahren von der Kupferplatte oder dem Stein recht häufig an. Was Minton's Ausftellung vor allen anderen auszeichnete und neben der ganz vorzüglichen Modellirung faft aller feiner Erzeugniffe diefen den höchften Reiz verlieh, das war die Pracht und Fülle feiner Farbenpalette, die er uns auf jeder Ausftellung reicher und vollkommener vorführt. Es bedarf eines eingehenden Studiums, die einzelnen Farbentypen, mit denen Minton vorzugsweife und zum Theile ganz allein arbeitet, genau kennen und würdigen zu lernen. Greifen wir darunter einige der auffallendeften heraus und übergehen wir dabe die vielen 46 Dr. Emil Teirich. Varianten der gewöhnlichen Farbenfcala, welche fich mehr oder minder bei allen englifchen Fabrikanten faft als typifch herausgebildet hat. Hier fallen vor Allem die perfifchblauen Gefäfse auf, mit denen Minton im Jahre 1871 gewiffermafsen zum erften Male den Markt betrat, obgleich zur felben Zeit auch andere englifche und franzöfifche Fabrikanten einem Verfahren nachftrebten, das fchon lange vorher eifrig gefucht und nicht gut gefunden wurde. Schon feit dem Alterthume ift Perfien der Sitz einer eigenthümlichen keramifchen Induftrie, welche fchon im Mittelalter für den Export arbeitete und ein Hauptlager ihrer Erzeugniffe auf der griechifchen Infel Rhodus hielt. Von hier aus gelangten die, meift auf einem eigenthümlich blauen Grund mit bunten Blumen reizend und ftilvoll gezierten Gefchirre in den abendländifchen Handel. Die Imitation folcher Waaren, angeregt durch die hohen Preife, welche Liebhaber dafür zu bewilligen geneigt waren, gelang anfänglich gar nicht und fcheiterte vorzüglich an der Zufammenfetzung der Grundmaffe, welche in einem eigenthümlich fandigen und etwas poröfen Thon befteht. Vornehmlich waren es die Franzofen, welche dem Perfifchblau aur die Fährte gelangten. Adalbert v. Beaumont und Colinot, fowie Gebrüder Deck in Paris arbeiteten mit Erfolg darin, und endlich kam das Geheimnifs nach England, wo es in wenigen Fabriken gekannt und als folches noch bewahrt wird. Minton hat heute in England das Perfifchblau in Mode gebracht und ganz vorzüglich reine Fabricate erzielt. Auf einer ganzen Reihe von Gefäfsen aller Art finden wir diefe fchöne Farbe angewendet und es ift nur zu bedauern, dafs es noch nicht gelungen, derfelben, welche auf dem eigens combinirten Thone fehr leicht flüffig und ziemlich dick aufgetragen wird, die üble Eigenfchaft des Abfpringens zu benehmen, an der zum grofsen Verdruffe der Fabrikanten auch die beiden zunächft zu nennenden Glafuren leiden. Minton's arbeiten, wie wir hören, eben jetzt an Befeitigung diefes Uebelftandes. Von grofsem Feuer waren die Proben einer gelben Glafurfarbe( Imperial chinefe yellow), welche vom Citronengelb durchs Goldige und in die Orangefarbe fpielt und meift an glatten Gefäfsformen, oft zeifiggrün geftreift, verwendet wird. So decorirte Gefäfse, deren Reiz eben nur in der befonderen Pracht der Farbe liegt, gleichen nicht felten gewiffen Kürbisarten, die wir ab und zu als Zier vor den Fenftern unferer Landbewohner finden. Von hohem Intereffe waren für den Coloriften die Gefäfse mit einem dunkeln Purpurblau überzogen, das einen kupferfarbigen Schein und fchwierige Zeichnung trägt. Es ift diefs das fchon Eingangs erwähnte Pflaumenblau( Plum colour), die dritte Novität Minton's. Die fo glafirten Gefäfse haben einen ganz eigenthümlichen Charakter des Unvollkommenen, Unfertigen, den einer, wir möchten fagen, naiven Technik, fie bezaubern aber durch das prächtige und faft räthfelhafte ihres farbigen Ueberzuges. Mehrere, meift kleinere Vafen diefer Art und fonftige Gegenftände finden fich unter der Ausstellung Mintons und fonft wohl nirgends, fie erinnern lebhaft an manche, jedoch feltene Sèvresftücke aus alter Zeit. Noch können wir es uns nicht verfagen, auf das prächtige, fchön abgeftimmte Maulbeerroth( mulberry purple), das Mazarinblau, das fogenannte Bleu de roi, und Cantonblau aufmerkfam zu machen, welche neben den mehr gebrochenen Farbentönen, dem Dovegrau, Unic violett, Pompadourroth, Pinc colour, Seladongrün, Perfifch türkis, Mayolicatürkis und wie fie alle heifsen mögen, theils als alt eingebürgerte Nuancen, theils als Modefarben Anwendung finden. Eine Reihe vorzüglicher Ausführungen fielen unter der Ausftellung Minton's fofort auf, fo zwei grofse Gartenvafen mit Widderköpfen, mit waffergrünem und blauem Grunde, zwei braune Vafen mit Weifs, Grau und Gold decorirt, dann jene Vafen von Störchen getragen und mit trefflich modellirten Puttengeftalten geziert. Viele Gartenftühle und dergl. wären hier noch zu nennen und hervorzuheben. Die Thonwaaren- Induftrie. 47 Auch diefsmal brachte das Etabliffement die fchon feit der Ausstellung 1871 her bekannten Sgraffiatoarbeiten, fo vier trefflich ausgeführte Teller auf ,, chocolate coloured body", der mit einer helleren, ja mit zwei Schichten anders gefärbter Thone überzogen ift. Im trockenen Zuftande wird durch Einritzen und mehr oder minder tiefes Herausnehmen mittelft eines Griffels nach Bedarf die eine oder andere Schichte entblöfst und deren Färbung wirkfam gemacht. Die ganze Zeichnung deckt hierauf die Glafur. So befcheiden die Mittel find, mit denen der Künftler hier nur zu arbeiten vermag, fo eigenthümlich und intereffant find die erzielten Effecte mit diefer Technik, die der italienifchen Renaiffancezeit entftammt und von der noch heut zu Tage, namentlich die nationalen Töpfer viele Anwendung zu einer allerdings meift ganz anfpruchslofen Gefäfsdecoration machen. Erinnern wir uns endlich noch an die fehr fchönen Service, namentlich Teller, dann aber auch einiger Nippes, zumeift in cream colrured- Waare ausgeführt, und von Coleman's gewandter Hand mit flüchtig und fkizzenhaft gezeichneten Genrebildchen und Thiergeftalten zierlich und reizvoll decorirt. Auch von der eigenthümlichen Imitation der Henri- deux- Waare, von der uns diefsmal Minton mehrere Stücke vorführte, fei hier noch Erwähnung gethan. Meift find diefe Gefäfse, welche eben nur als Curiofitäten gelten können und eigentlich mit zu den undankbarften Producten des Thonkünftlers zählen, gelblichweifs im Grund gehalten und darauf mit farbigen Thonen eine Art von Intarfiatur hergeftellt. Wir haben es hier mit einer feltenen und lange nicht geübten Technik zu thun, die fozufagen verloren gegangen war. Nur wenige alte Exemplare folcher Gefäfse zieren die Sammlungen unferer Amateurs. Die meiften Originale find im Baron Rothfchild'fchen Befitze in Paris. Das Ornament wird in den Grundton eingeprefst, die entstandenen Vertiefungen mit andersfarbiger Maffe gefüllt und fo fortgefahren. Durch Hinzufügen plaftifcher, meift fehr reizvoller und ftilgerechter Ornamente, figürlicher Darſtellungen und der durchfichtigen Glafur als Ueberzug werden diefe, meift im kleinen Mafsftabe nur ausgeführten Stücke zu wahren Bijoux der Keramik. Minton verfteht es vorzüglich, fich an diefe alte Technik anzulehnen, wenn er ihr auch nicht alle Effecte noch abgewinnt. Erft gegen Ende der Ausftellung completirte Minton feine Sammlung von Henry- deuxWaare durch das gröfste je erzeugte Stück diefer Art, durch ein Schild mit Umrahmung, beftimmt an die Wand gehangen zu werden und eine Uhr, fowie ein Aneroidbarometer zu tragen. Es ift diefe letzte Einfendung als ein Meifterftück in jeder Richtung zu bezeichnen. Jedenfalls zeugen diefe Imitationen von einer ungemein delicaten Hand des Anfertigers Charles Toft. Die Preife, welche hiefür jedoch gefordert werden, fcheinen uns aber trotz alledem enorm hoch gegriffen. Minton's Wandverkleidungs- Platten haben Weltruf und hätten, wäre nicht auch hier der fehr hohe Preis im Wege, eine allgemeinere Verwendung auch am Continente gefunden. Zum gröfsten Theile find Minton's Platten mit flachem Reliefornament verfehen und mit all' den reizenden Farben gefchmückt, die der Fabrik zu Gebote ftehen. Die gewählten Mufter wechfeln fehr und hat die Ausftellung diefsmal wieder mehrere neue Deffins gebracht und gezeigt, dafs namentlich der orientalifche Stil cultivirt wird. Nach wie vor ift der vorzügliche Keramiker Léon St. Arnoux der Director und die Seele des ganzen grofsartigen Gefchäftes, das feines Gleichen nirgends findet und in dem mit Recht von Jahr zu Jahr ein unverkennbarer Fortfchritt zu conftatiren ift. Der Firma wurde das Ehrendiplom von der Jury zuerkannt. Nächft Minton haben die englifchen Fabrikanten relativ viel zu wenig von glafirter Thonwaare in unferem Sinne gefandt. Wie fchön und prächtig vollkom men war in diefer Richtung Englands Ausftellung im Jahre 1871. 48 Dr. Emil Teirich. Wedgewood's Fabrik, deren Specialität diefe Art von Waaren ohnedem nicht ist, hat nur einige Stücke nach Art der Paliffywaare gebracht, ohne darin befonders Neues zu zeigen. Auch diefsmal brachte Leffore feine keck dahin geworfenen, aber reizend frifchen Genrebildchen auf Cream- coloured- Tellern und Platten, die allerdings fo ganz nur dem echt franzöfifchen Gefchmacke zu entsprechen vermögen, die aber von einer aufserordentlichen Technik des Malers zeugen. Leffore ift, wenn er auch ftilgerechte Arbeiten zu liefern nicht vermöchte, in der Compofition von einer Frifche und Anmuth, die auf der ganzen Ausftellung in ähnlicher Weife kaum gefunden werden konnte. Auch in der Fabrication von Henry- deux- Waare verfucht fich die Firma, wenn auch mit etwas weniger Erfolg als Minton. Ein Schachbret mit Figuren war in diefem Stile übrigens recht gut durchgeführt. Der Ausftellung Wedgewood's gegenüber wird das Urtheil fchwer- gewifs zählte fie mit zu den allerbeften ihrer Art, gewifs war auch hier die Technik auf ähnlich hoher Stufe ftehend wie bei Minton und doch wurde die Freudigkeit des Befchauens in uns nicht geweckt, wenn hie und da die berechtigte Kritik zu conftatiren vermochte, wie denn doch ein völlig einheitliches Zufammenwirken von künftlerifchem Gefchmack und technifchem Können vermifst wird. Jedenfalls fchadet der modernen Firma das Andenken an die grofsen Leiftungen der Vorfahren, die heute entfchieden nur mehr annähernd wieder erreicht werden. George Jones in Stoke upon- Trent und Brown Weft head, T. C. Moore & Comp. von Hanley repräfentiren, namentlich erftere, vollständig die moderne englifche Marktwaare in Majoliken und fogenanntem Paliffygenre, deren Fabrikanten zumeift hier nichts ausgeftellt haben. Einige Stücke des erfteren haben die Befucher der Ausftellung von 1871 bereits kennen gelernt, fo den knieenden Negerknaben als Träger eines runden Tifches und Anderes. Arbeiten, fowie namentlich jene zwei Vafen, decorirt mit. Scenen aus dem Sommernachts- Traum auf Gueridons, waren gut in Form und Farbe. Nur liefs hier, wie auch fonft nicht felten, der Flufs des Emails zu wünſchen übrig. Die Leiftungen Ludovici's als Maler und Decorateur möchten wir hervorheben, und unter diefen eine Vafe mit einer fitzenden Mädchengeftalt, umrahmt von Schilfpflanzen, gut im Colorit, keck in Zeichnung, das Ganze auf hellblauem, freilich etwas fleckigem Grunde, befonders nennen. Auch an anderen Malereien, fo beiſpielsweife der Haremfcene, zeigt fich das Talent Ludovici's, während vieles Andere zu dem weniger Gelungenen zählte. Im Allgemeinen charakterifiren fich G. Jones' Ausführungen durch einen noch fehr ungebändigten Naturalismus, wie er fich eben in diefe Induftrie von Anbeginn eingefchlichen und darin gewiffermafsen für den Fabrikanten fchon unausweichlich geworden ift. Ganz dasfelbe gilt von den Erzeugniffen der zweitgenannten Firma, die zumeift Porzellanwaaren ausgeftellt hatte. Eines ihrer auffälligften Stücke in Fayence war die grofse Fontaine, gut im Aufbau und mafsvoll in der Compofition. Auch hier fanden wir einige flott gemalte Panneaux, unter denen uns beiſpielsweife eine auffchwebende weibliche Geftalt, wenngleich recht fchleuderifch gemalt, in gutem Andenken fteht. - John Mortlock in London ift nicht felbft Fabrikant fein Einfluss auf die Verbreitung und Hebung der Thonwaaren- Induftrie Englands ift aber nicht zu unterfchätzen, indem er wefentlich thätig durch den Vertrieb namentlich der feinften Waaren fördernd wirkt. Seine Ausftellungsfchränke bargen fo auch die Erzeugniffe der beften englifchen Fabriken von Minton angefangen und manche Ausführungen diefer verdanken ihr Entftehen der Anregung Mortlock's. A. B. Daniell and Son, fowie Pellat and Wood, beide in London, arbeiten gleichfalls als Agenten englifcher Fabriken. Ihre Ausftellungen, meift zufammengewürfelt aus den Erzeugniffen verfchiedener Häufer, gaben ein gutes Bild der heutigen currenten englifchen Waare. Hier wäre es wohl am Platze, nochmals des Umftandes zu erwähnen, der den englifchen Mayoliken u. f. w. den Die Thonwaaren- Induftrie. 49 europäifchen Markt, wenn nicht verfchliefst, fo doch nur langfam zugänglich macht. Die geforderten Preife haben eben eine Höhe, an die fich unfere continentalen Begriffe noch lange nicht gewöhnt haben, und welche durch die etwas fehr abgerundete Umrechnung der Soveraigns in Gulden bei Feftftellung der Anfätze auf der Weltausftellung um nichts vermindert wurden. Es wäre an der höchften Zeit, dafs fich unfere heimifche Induftrie, der in unferem gefegneten Vaterlande ein unerfchöpflicher Reichthum der geeigneteften Rohmaterialien zu Gebote fteht, endlich diefem ġewifs äufserft lucrativen Gefchäftszweige zuwenden würde, dem in Deutſchland zum mindeften der gleiche Erfolg wie in England bevorfteht. Wir haben dabei ganz befonders eine Specialität des englifchen Thonwaaren- Marktes im Auge, die Wand- und Fufsboden- Verkleidungsplatten, von denen mehrere, wenn auch nicht alle bedeutenden Firmen Mufter fandten. Dafs Maw& Comp. darunter fehlte war recht bedauerlich. Hier war es vorzugsweife die Ausstellung von Minton Hollins& Comp. in Stockeupon Trent, die den Eindruck der reichften Mannigfaltigkeit und des beften Gefchmackes auf uns machte. Wir hatten die Erzeugniffe feines neu erbauten Etabliffements vor uns, das mit allen bekannten mafchinellen und fonftigen Werksvorrichtungen arbeitet und trefflich geleitet ift. Es würde zu weit führen auf die Details diefer Induftrie neuerdings einzugehen, die fich bereits faft alle Verfahren der modernen englifchen Keramik eigen und dienftbar gemacht hat. Unverkennbar ift für die Gefchmacksrichtung hier der Einflufs des Orients mit dem Owen Jones und Readgrave uns durch ihre trefflichen Publicationen fo recht eigentlich bekannt gemacht haben. Die richtige Würdigung diefes Stiles, als des wahren Typus einer Flächendecoration, hat bei Minton Hollins die reichften Früchte getragen. Die perfifchen Blumenornamente mit ihrem herrlich combinirten, den Raum fo trefflich füllenden Rankenwerk, find frei behandelt und fchön ins Moderne überfetzt. Die meiften der ausgeftellten Platten, fowohl der bedruckten, als auch der fogenannten Emboffed und Majolica tiles find als vorzügliche Fabricate zu bezeichnen. Es würde leider den gebotenen Raum für diefe kurze Befchreibung überfchreiten, wollte man eingehender die einzelnen Deffins charakterifiren, die äufserft fchönen, und was hervorzuheben ift, in grofsen Flächen ganz gleichtonigen Farben würdigen. Eine fchöne Wirkung machte jene Suite von Platten mit eingeprefster figuraler und ornamentaler Zeichnung. Die Schattenpartien der Deffins werden in der Platte vertieft und das Ganze mit einer leichtflüffigen, verfchieden gefärbten Glafurmaffe fo reichlich überzogen, dafs die Vertiefungen davon ausgefüllt, die erhabenen Stellen jedoch nur leicht gedeckt werden, wodurch die beabfichtigte Modellirung zum Vorfcheine gelangt. Eine hübfche Decoration gaben auch die reizend gezeichneten, mittelft Druckverfahren übertragenen kleinen Genrebildchen. Minder gelungen, namentlich in der Compofition, wollten uns die beiden Kamine erfcheinen, deren einer, zwar prächtig gemalt, auf grofsen Platten, das Leben der Aphrodite darftellend, der andere, beftimmt für ein Jagdzimmer, Thiere und Jagdfcenen in NussbaumholzRahmenwerk eingepafst zeigte. Im grofsen Ganzen befriedigte die Ausfüllung Hollins' ganz ausnehmend. Zwar minder mannigfaltig, aber ähnlich gut waren Robert Minton Taylor's Platten aus Fenton bei Stoke upon Trent, bei denen, in grofsen Flächen zufammgefetzt, die hohe Gleichförmigkeit zarter Nuancen überraschte. Auch hier gute Mufter, gefchmackvolle Wahl der Farben. Weniger hervorragend nach den Ausftellungen diefer beiden Specialiſten in diefem Fache erfchien die leider nicht fo vollſtändige Collection von Platten von Minton& Comp., deren wir bereits erwähnten, meift in Blumenornament in Relief geziert, und Copeland's grofse, gemalte Wand- Verkleidungsplatten 50 Dr. Emil Teirich. Simpfon& Comp. in London, deffen ganze Ausftellung in das englifche Commiffionshaus verlegt wurde, wohin fie einen mit Majolicaplatten verkleideten Kamin geliefert hatten, war damit eigentlich fo gut wie gar nicht repräfentirt. Das, was diefe relativ junge Firma in der Decoration folcher Platten zu leiften vermag, und das den Befuchern der letzten Londoner Ausftellung wohl noch im beften Gedächtniffe fein wird, läfst nur bedauern, dafs wir hier nicht mehr von deren Arbeiten zu fehen bekamen. Wir halten Simpfons Decorationsatelier in London für eines der vorzüg. lichften und bedeutendften. An die meiften Fortfchritte in der modernen Fayencetechnik Frankreichs knüpft fich der Name von Th. Deck in Paris, der einen mehr oder minder directen Einflufs bei jeder neuen Errungenfchaft diefes Induftriezweiges nachweislich genommen hat. Denn raftlos und felbftthätig vorwärts ftrebend, ift er theils durch Anregung neuer, theils durch glückliche Vollendung fchon angebahnter Verfahrungsweifen zu ganz vorzüglichen Refultaten gelangt. Man könnte Deck, deffen Fabrication freilich dem Umfange nach ohne jede grofse Bedeutung ift, in feiner künftlerifchen und technifchen Richtung den Minton Frankreichs nennen. Namentlich um Einführung und Imitation der orientalifchen Fayencen hat fich Deck die gröfsten Verdienfte erworben. Gefchmackvoll und edel in feinen Formen, verfügt er über eine Pracht der Farben wie kein Anderer. Durch Ueberfangen derfelben mit einer äufserft brillanten, ftark alkalinifchen Glafur erhöht er noch ganz wefentlich deren Feuer und Wirkung. Die Mannigfaltigkeit des Ausgeftellten erfchwert ein detaillirtes Eingehen auf die einzelnen hochintereffanten Leiftungen, unter denen ein grofses Prachtftück, eine Jardinière nach dem Entwurfe Reiber's vor Allem durch feine Dimenfionen auffiel. Auch hier waren die Motive dem orientalifchen Stile entnommen und die Ausführung im Detail ganz ausgezeichnet fchön. Mit dem ganzen Enfemble der Compofition können wir uns freilich nicht fo ganz zufrieden erklären. Deck ift perfönlich in feiner Fabrik als ausübender Künftler thätig. Er entwirft namentlich ornamentale Gegenftände und lehnt fich dabei faft immer an den perfifchen Stil an, der, wie wir fchon bemerkten, auf diefer Weltausstellung in allen Induftriezweigen faft in Mode gekommen ift. Treffliche Kräfte find in Deck's Atelier zudem thätig, unter denen wohl Anker als Porträt- und Genremaler den erften Rang einnimmt. Wer erinnert fich nicht feiner trefflichen Porträt- und Studienköpfe, die mit einem Effect behandelt find, der felten nur in gleicher Vollendung erreicht wird. Nicht minder reizend find Legrains Putten, die Genrebildchen trefflicher Compofition von Renvier, die grofsen Hiftorienbilder von Gluck u. f. w. Auch Deck wurde mit dem Ehrendiplome ausgezeichnet, das ihm wohl um fo eher zukommt, als er es durch perfönlichen Fleifs und emfiges Studium, als unbedeutender Gehilfe beginnend, in relativ wenigen Jahren zum Rufe eines der bedeutendften Induftriellen gebracht hat. In ganz anderer Richtung arbeitet E. Collinot in Paris, der uns eine äufserft gut zufammengeftellte Suite von perfifchen und japanefifchen Imitationen brachte, von denen die grofsen Wand- Verkleidungsplatten mit dem paftofen Emailauftrage wirklich fehr überrafchten. Die äufserft fchwierige Bewältigung grofser Emaillagen und vorzügliches Einfchmelzen derfelben ift technifcherfeits, die guten, wirklich im Geifte des Orientes ftudirten Decorationsweifen von künftlerifchem Standpunkte fehr anerkennenswerth. Auch hier wurden faft durchgehends orientalifche Motive bei der Compofition benützt. Die grofsen Panneaux, fogenannte Cloifonnée- Emails, bei denen das dick und überhöht aufgetragene, ftark zinnhältige Email in kleinen Flächen von der umgebenden Contour zurückweicht und erft auf diefem, gewiffermafsen fo modellirten weifsen Untergrund der Auftrag der anderen Farben erfolgt, Die Thonwaaren- Induftrie. 51 gaben prachtvolle Wanddecorationen ab. Der Quadratmeter folcher Platten wird jedoch mit 450 Francs berechnet, jener mit Malerei, fous couvert" mit 350 Francs. Unter den vielen, mitunter coloffalen Vafen und ähnlichen Gefäfsen heben wir noch einige hervor, an denen ein fchön gelungenes Craquelé erzeugt war. Arbeitet ſchon Collinot faft nur nach einer Richtung fort, fo gilt diefe Einieitigkeit in weit höherem Mafse noch von L. Parvillée in Paris, der wahrhaft Unübertreffliches in der Decorationsweife des orientalifchen Stiles leiftet. Seine Studien an Ort und Stelle, fein volles Eindringen in die Behandlungsweife des Ornamentes zeigte fich an jedem feiner ausgeftellten Stücke, die alle von ihm felbft entworfen und mit Beihilfe feiner Söhne ausgeführt werden. Meift find es Teller, Platten, dann aber auch Krüge u. f. w., die mit grofser Präcifion ein ganz opakes, dick aufgelegtes Email ziert, deffen Trennungsftellen tief herausgenommen erfcheinen. Er fowohl wie Collinot benützen die Eigenfchaft der ftark zinnhaltigen Emails, fich von der Contour zurückzuziehen, um ihre fchwarz umfahrenen Deffins. rein und gegen den dicken Emailauftrag relativ vertieft zu erhalten. Während Collinot jedoch vorher mit weifs em Email gewiffermafsen den Grund legt, ja das Relief faft modellirt, um erft darauf die Farbe zu fetzen, malt Parvillée fofort mit durch und durch gefärbtem Email. An fehr vielen chinefifchen Fayencen, namentlich den aus Kiukiang ftammenden Vafen fanden wir genau dasfelbe Verfahren angewendet, das Parvillée benützte. Die für feine Arbeit übrigens geforderten Preife halten wir für enorm hoch. Während die drei erftgenannten vorzüglich unter Benützung orientalifcher Motive arbeiten, wenn auch jeder in anderem Sinne, befchäftigt fich, gleich jenen in Italien, eine Reihe von Fabrikanten mit der Imitation der altitalienifchen und franzöfifchen Majoliken und Fayencen. Vor Allem imponirt unter diefen Geoffroy& Comp. in Gien, der 800 Arbeiter in feinem wohlgeleiteten Etabliffement befchäftigt. Vorzüglich find es die altitalienifchen Urbinowaaren, dann die altfranzöfischen Fayencen von Rouen, dunkelblau, auch untermifcht mit Roth auf hellem, blau grünlichem Grunde, die Fayencen von Mouftier und die denfelben ähnlichen von Delft, die mit manchem Gefchick, en gros, ja oft directe mittelft lithographifchem Umdruck reproducirt werden. Geht hiebei auch der eigentlich künftlerifche Werth zum Theile verloren, fo ift doch eine folche Verwerthung muftergiltiger alter Formen recht erwünſcht. Freilich unterläuft bei der Auswahl der Originale auch hier nicht felten ein grober Verftofs. In ähnlicher Richtung arbeitet eine Reihe anderer, zum Theile recht ftrebfamer kleinerer Firmen. So imitiren Soupireau& Fournier vorzugsweife italienifche Urbinowaaren, zum Theil auch altfranzöfifche Ausführungen. Wir heben unter dem Ausgeftellten einen im italienifchen Stile gehaltenen Ofen als den einzigen feiner Art im Induftriepalais hervor, und meinen, dafs ab und zu ein Verfuch, in folcher Weife zu decoriren, auch ganz erwünfcht wäre. Keinen rechten Erfolg vermögen wir uns aber von der Anwendung der Fayenceplatten nach alten, gleichfalls italienifchen Motiven an der Decke des Hotels Menier in Paris zu denken, von der einzelne Stücke, dann aber die Zeichenfkizze der ganzen Anordnung zu fehen waren. F. Laurin in Bourg la Reine brachte Majoliken und Fayencen, meift nach eigenen Compofitionen und in einem mehr naturaliftifchen Genre gehaltene Vafen, Schüffeln und dergl. in fehr flotter, oft allzu forglofer Behandlung. Seine Blumen, Blattpflanzen, Vögel etc. auf einem eigenthümlich taubengrauen Fond intereffiren, ohne dafs ihnen eigentlicher Kunftwerth zugefprochen werden kann. Von gröfserer Bedeutung ift A. Barbizet in Paris, der die alten Paliffywaaren nachahmt und mit einer eigenthümlich monotonen Farbenfcale behandelt. 4* 52 Dr. Emil Teirich. Eine grofse Tifchfchüffel, Grotefkfiguren moderner Arbeit, waren an fich ganz gut modellirt und glafirt, geben aber, in gröfseren Mengen, wie auf der Ausstellung zufammen betrachtet, ein etwas unerfreuliches, faft leichenfarbiges Bild. Th. Sergeant verfolgt denfelben Weg, auch er hatte einige gute Stücke aufzuweifen, fo feine im Scharffeuer gebrannten blauen Vafen u. f. w. In der Erzeugung von modernen Fayencen, von Tifchgeräthen u. f. f. nimmt H. Boulanger's Fabrik in Choify le Roi, was Ausdehnung des Fabriksbetriebes angeht, wohl den erften Rang ein. Hier wurden zum erften Male im Grofsen die Hilfsmittel der Technik zur Maffenerzeugung inFrankreich herangezogen, hier hat die mechanifche Arbeit fich in der letzten Zeit vollſtändig Bahn gebrochen, fo dafs die feit etwa fünf Jahren beftehende Fabrik heute ganz concurrenzfähig mit allen anderen dafteht. Ein Dutzend Teller, mittelft Umdruckverfahrens decorirt ift da mit 3.50 Francs zu kaufen. Die moderne Erzeugung Boulanger's von currenter Waare bezieht fich hauptfächlich auf Teller, von denen mehrere Sortimente in landläufiger Weife decorirt, neben einigen Wafchgarnituren zur Ausstellung gelangten. Ausserdem aber befchäftigt fich das Etabliffement mit der Erzeugung feinerer Fayencen, die dann wieder den beliebten alten Muftern der fpäteren Renaiffancezeit nachgebildet werden. Einige orientalifche Gefäfse mit goldumfäumten Cloifonnédecors hatten nicht die Feinheit anderer, z. B. der von Denk in Wien ausgeftellten. Noch fei des grau in grau gemalten, gelb umränderten Tifches gedacht, der von Goftiaux ausgeführt, im Mittelfeld die Vifion Fauft's darftellt. In die Randdecoration find die widerlichen Blocksberg Scenen verflochten. Als Fayencemalerei war diefe Platte fowie manche andere recht gelungen. Im gröfsten Gegenfatze zu den billigen Preifen Boulanger's fteht wohl die decorirte Fayence von E. Rouffeau in Paris, ein angeblich neues Genre, das als folches wenigftens bezahlt werden foll. Es find diefs Teller und Service, die auf gelblichem, recht warmem( cream coloured) Fond, bunte, ziemlich keck, aber auch etwas roh gezeichnete Vögel, Infecten etc. in ganz naturaliftifcher Weife tragen. Die ganze Decorationsweife erinnert lebhaft an die von Coleman, deren wir bei Minton gedachten. Rouffeau, lediglich Decorateur, fowie J. Houry in Paris oder Schlofsmacher, welche die Fayence und Porzellanmanufactur in ihrem Zufammenhange mit der Möbel- und Bronce- Induftrie zur Anfchauung brachten, boten trotz der Mannigfaltigkeit des Gebotenen wenig fehr Hervorragendes. Nichts deftoweniger hat die Lampenfabrication Schlofsmacher's eine grofse Bedeutung erlangt und viele feiner Erzeugniffe wandern jährlich nach Oefterreich. Hie und da fanden wir bei beiden letztgenannten Firmen einige wirklich recht gefchmackvolle und anmuthige Stücke. Das Gefammtbild der Thonwaaren- Induftrie Italiens, welches im Wefentlichen fich auf Imitation der alten Majoliken und Fayencen bezieht, und nur wenig Bedeutendes in der modernen Richtung aufzuweifen hat, ift ein ziemlich befchränktes. Gewöhnlich fchliefst fich der Erzeuger allzuenge an feine Mufter an, er imitirt mit vielem Verftändnifs die alte Technik, aber mit allen ihren Unvollkommenheiten, mit allen Schwächen. Ein Weiterftreben, eine Vervollkommnung auf Grundlage der altererbten Kunfttraditionen ift nur felten bemerkbar. Dabei mangelt meift der gute Gefchmack in der Wahl diefer alten Vorbilder- nicht alles Alte, auch aus befter Zeit, ift gut. Einer der originellften Fayencefabrikanten ift gewifs Farina& Comp. in Faenza, der alten Stätte diefer Induftrie. Einige gut mit Sgraffiato gezierte Gegenftände waren recht verdienftliche Werke. Der röthliche Thonfcherben wird engobirt und bleibt das Ornament nach Fortnehmen des Grundes weifs auf blafsroth ftehen. Zwei grofse Platten mit Die Thonwaaren- Induſtrie. 53 Medaillons in der Mitte, mehrere Vafen waren zur Illuftration des hübfchen Verfahrens ausgeftellt. Dabei bringt Farina auch noch eine neue Decorationsweife. mit an, die freilich dem Stile zuwiderläuft. Auf die weifse Engobage zeichnet er mit einem rothen Farbftift vor der Glafur Porträts und Ornamente, welche ganz den Eindruck einer Kreidezeichnung machen und deckt das Bild mit der Glafur. Ein Toilettetifch in Majolica war recht gelungen, gut in Modellirung und Farbe. Recht verftändig war die Anwendung des Metallluftre auf einigen Tellern, worunter beifpielsweife jener mit einem Porträtkopf, der von einer mehrfachen Reihe Pfauenaugen umgeben war, erwähnt fein mag. Giovanni Spinacci in Gubbio verfteht es freilich, feinen Luftrefarben mehr Glanz und Feuer zu geben als Farina, bleibt hinter diefem aber zurück in der Wahl feiner Vorbilder. Während Erfterer meift freier componirt, imitirt Letzterer fklavifch. An zwei grofsen, bemerkenswerthen Vafen und einigen Tellern mit befonders gelungenem Roth erſchien leider die blaue Farbe weniger gut gefloffen. Mindeſtens gleichwerthig, wo nicht beffer, war die Ausftellung von Angelo Minghetti& Sohn in Bologna. Diefe Firma legt das Hauptgewicht auf die Nachbildung der Robbiawaare und der Majoliken fpäterer Zeit. Ein grofses Medaillon, die heilige Familie darftellend, mit gut modellirtem Fruchtkranz, deffen Farben auch gut geftimmt waren, verdient trotz feiner etwas rohen Ausführung erwähnt zu werden. Eine koloffale Vafe, in fehr bunter und bemalter Majolica, war äufserft reich mit ftark outrirten, plaftifchen Figurendarftellungen geziert, anerkennenswerth hinfichtlich der techniſchen Ausführung und der zwar unvollkommenen, aber relativ zu andern Leiftungen doch immerhin nennenswerthen Modellirung. Eine kleine dofenförmige Vafe mit braunvioletter Engobage zeigte eine gute Anwendung der Sgraffiato- Technik. Torquato Caftellani in Rom brachte Bauernmajoliken in der Manier alter Urbiner Meifter. Auf einer Engobage von weifsem Thon wird die Mineralfarbe aufgetragen, die Glafur aufgefetzt und mit einem Male eingebrannt. Alle Uebelſtände eines folchen Verfahrens, namentlich aber die ftets matten Farbentöne, welche die Verwendung gepulverter Mineralien anftatt künftlich bereiteter Metallfarben nach fich zieht, zeigten fich an diefen Erzeugniffen, die nur einen gewiffen Reiz naiver Urfprünglichkeit fich bewahrt haben. Wir haben während der Betrachtung der genannten vier Ausftellungen die im Mittelpunkte des Raumes etablirte grofsartige Gruppe der Producte von Lorenzo Ginori in Doccia bei Florenz, umkreift. Das Gefammtbild, welches diefe Ausftellung bot, war ein entfchieden günftiges. Ginori arbeitet mit grofsen Mitteln und hatte viel gebracht. Seine Farbenpalette ift reich, feine Arbeiter find gefchult, aber der Charakter feiner ganzen Ausftellung vermochte oft nicht zu befriedigen. Wenn Ginori fich nicht direct an die Werke alter Meifter anlehnt, fo verfällt er meift in einen wüften Naturalismus, deffen Prototyp das Mittelftück feiner Aufftellung, die grofse Vafe mit dem von Benaffai gemalten Prairienbrand, bildete. Dabei ftört noch die überaus glänzende, firnifsartige Glafur, welche alle feine Fayencen tragen. Ginori arbeitet nach der Weife der alten Urbiner Meifter feit 1848, wo er das Verfahren wieder erfand, auf der Emailfchicht direct zu malen. Der gebrannte Scherben wird mit einer zinnhältigen weifsen Emailmaffe überzogen, auf diefe fofort gemalt, etwas verglüht und dann in die bleihältige OberflächenGlafur getaucht. Mit einem Male wird fchliefslich Alles zufammen eingebrannt. Auch die grofsen Porträts in Robbia- Manier, welche Ginori doch vielfach früher fchọn mit Erfolg imitirte, imponirten nur durch ihre Gröfse. Wie fchon erwähnt, waren feine Vafen, Gefäfse und Teller nach Art der Urbiner Meifter das Befte unter dem Gebrachten. Gewöhnlich entbehrt die Modellirung, befonders die der figuralen Theile, eines gewiffenhaften Studiums. 54 Dr. Emil Teirich. Wir legen an Ginori, deffen Fabrik eine alt begründete, feit 1735 ift, vielleicht einen ftrengeren Mafsftab als an andere Ausfteiler, die mit befcheidenen Kräften arbeiten; einem folchen Mafsftab aber vermag er auch nicht völlig gerecht zu werden, denn wir glauben einen Fortfchritt zu vermiffen, wenn wir uns den Eindruck gegenwärtig halten, der uns von feiner Ausftellung in Paris im Jahre 1867 geblieben ift. Die Jury hat nichts deftoweniger dem Etabliffement das Ehrendiplom zuerkannt. Die Fabrication von Majolica Wandbekleidungs- und Fufsboden- Platten, welche im füdlichen Italien die ausgedehntefte Anwendung finden, war hier faft gar nicht vertreten. Tajani bei Salerno fandte eine ganz unbedeutende Suite feiner bekannten Platten, die, bei einem beiſpiellos billigen Preife von circa 15 Centimes per Stück von 150 Millimeter im Quadrat, trotz ihrer fehr rohen und primitiven Ausführung relativ befriedigen müffen. Bedauerlich ist es, dafs auch die Ausftellung des Miniftero d'Agricultura, Induftria& Commercio keine reichhaltigere Sammlung folcher Fliefen uns brachte. Nur wenige Muſterſtücke aus Salerno und Neapel mit fehr unvollkommener Bemalung, theils frei, theils geometriſch ornamentirt, dann einige Platten, Florentiner Arbeit, auf denen das Deffin mittelft Patrone aufgetragen ift, veranfchaulichten diefe Technik. Aus Verona find zudem einige recht intereffante, meift braun glafirte Ofenkacheln mit mittelalterlichen Reliefornamenten gefandt worden, welche dort von mehreren heimifchen Töpfern für den Bedarf von beinahe ganz Oberitalien erzeugt werden. Hiemit könnten wir nun füglich unferen Rundgang durch Italien fchliefsen, denn was uns noch zu fehen übrig blieb, war zumeist ein trauriges Bild eines Verfalles der einft fo blühenden Thonwaaren- Induftrie des Landes. Ab und zu trafen wir wohl noch auf beffere Ausführungen, Reminifcenzen gleich, aus guter alterZeit. Antonibon& Sohn aus Nove bei Vincenza brachten unter Anderem einen Majolica- Rahmenfpiegel, der unfer Intereffe in Anspruch nehmen konnte, hart dabei gaben uns zwei koloffale, fehr dünne Platten mit übrigens herzlich fchlechter Decorirung einen Begriff von der Kunftfertigkeit Galvani's aus Pordenone in der Behandlung grofser Maffen. Statten wir endlich noch der Ausftellung Terniani's aus Faenza einen Befuch ab, um zu fehen, wie diefe ältefte der beftehenden Majolicafabriken, welche die gräfliche Familie, wie wir hören, nicht ohne Opfer im Betriebe erhält, auf abfchüffiger Bahn vom guten alten Wege abweicht. Zwei grofse, ovale Platten von Calzi mit Figuren reich bemalt, davon eine mit braunem Grundton, zeugten auch hier von einer gewiffen Technik, die, beffer verwerthet, Lobenswerthes erreichen liefse. Der Tifch mit achtzig Majolicatellern, für welchen von Terniani der befcheidene" Preis von 13.000 fl. gefordert wird, dürfte unverkauft geblieben fein. Der Name Devers aus Turin, deffen Hauptverdienft in der Malerei auf Majolica und Steingut liegt, und der manches gute Stück ausgeftellt hatte, fei hier noch genannt. Eine intereffante und reich decorirte Majolicafchüffel nach einem alten Holzmodell, Eigenthum des Conte Baldo, geprefst, ift ebenfo hervorzuheben. Im Allgemein genommen war es mit der Gefchirrfabrication Italiens für den Hausgebrauch äufserft elend beftellt. Einige wenige Stücke der fogenannten Bauernmajolica, aber keine der intereffanteften, gaben nicht im Entfernteften ein richtiges Bild jener nationalen Töpferei, wie fie heut zu Tage mit Erfolg noch von den Töpfern des flachen Landes in Süd- und Mittelitalien getrieben wird. Hier wäre es leichte Sache der italienifchen Commiffion gewefen, mindeftens eine ebenfo fchöne Collection zufammenzubringen, wie jene, die Caftellani im Jahre 1871 in London ausftellte und dem South- Kenfington- Muſeum widmete. Einige Vafen und Krüge mit rothem Grund ftellte die Societé Pefarefe aus, Benucci lieferte gleichfalls Die Thonwaaren- Induſtrie. 55 ordinäres, zum Gebrauche des Landvolkes beftimmtes Töpfergefchirr, aber ohne irgend ein Intereffe für folche rohe Erzeugniffe abgewinnen zu können. Eine fehr modernifirte Paliffywaare, bei der in der Farbengebung wenig. ftens der Naturalismus des alten Genres noch weit übertroffen wird, erzeugt die Societé induftrielle et artiftique de Monaco. Neben einer Reihe der heterogenften Induftrien, wie der Parfumedeftillation, der Marmorimitation und Holzintarfiatur, betreibt die Gefellſchaft auch die Erzeugung der genannten Thonwaare, ohne dafs ein eigentlich praktifcher Gebrauch diefer Paliffygefäfse denkbar wäre. Meift find es Vafen, Fruchtfchalen und Nippes, ganz bedeckt mit Blumen und Blättern, die im zarten Hochrelief modellirt und mit fehr brillanten Emailfarben bei ganz niederer Temperatur decorirt find. Ja einige Farben, wie beispielsweife gewiffe Roth fchienen geradezu nur Lackfarben zu fein, die auf kaltem Wege aufgetragen werden, nachdem gewiffe andere Nuancen durch Aufbrennen fixirt find. Die ganze Fabrication, wenn man die relativ unbedeutende Erzeugung alfo benennen darf, gefchieht von freier Hand und ift zumeift Frauenarbeit. Ein Herr Fifcher und deffen Frau leiten diefen Zweig der gefellſchaft. lichen induftriellen Thätigkeit und bekunden dabei einen anerkennenswerthen Gefchmack. Die Preife diefer Gegenftände find zudem mässig. Schweden war durch feine zwei gröfsten Fabriken repräfentirt, die von der Actiengeſellſchaft Rörftrand und jene von den Intereffenten der Fabrik zu Gustavsberg. Namentlich die erftere, die ältere feit 1726 betriebene Fabrik, weift einen entfchiedenen Fortfchritt in der Behandlung ihrer Fayencen und Majoliken auf, in denen der tüchtige Decorateur Jacobfon ein eigenes Genre gefchaffen hat, indem er fich an die alte Paliffywaare anlehnt. Eine ganz fpecififche Haltung in der das Grün völlig dominirt, ift diefen Fayencen eigen. Ein grofser, recht gut componirter Ofen und zwei ihm zur Seite ftehende, mehr als 6 Schuh hohe Candelaber waren äufserft gelungene Prachtftücke der ganzen keramifchen Ausstellung, und würden von noch gröfserem Effecte gewefen fein, wenn nicht die umgebenden Vafen und Gefäfse aller Art in derfelben grünen und braunen Farbe ftörend gewirkt hätten. In Bewältigung grofser Maffen hat die Fabrik viel geleiftet. Ein dunkelblaues, mit Gold decorirtes Gefchirr von guten Formen, dem alten, reichen Sèvresporzellan nachgebildet, verdiente alle Aufmerkſamkeit und ift eine der beften Arbeiten der Fabrik. Guftavsberg fteht diefer erfteren Fabrik, welche auch ein vorzüglich fchönes, weiſses und mafsvoll decorirtes Siderolithgefchirr ausftellte, das mit zu den allerbeften Erzeugniffen feiner Art zu zählen ift, wenigftens auf dem Gebiete der Fayencen, entfchieden nach; es verlegt eben den Schwerpunkt feiner Thätigkeit auf die Behandlung des Porzellans und der Parianmaffe. Hier wie dort wird das englifche Porzellan erzeugt und hiezu zum gröfsten Theile auch englifches Rohmateriale verwendet. Bedauerlich ift es, dafs gerade letztere Fabrik, welche, gut organifirt und günftig gelegen, alle Bedingungen der Profperität in fich trägt, nicht mehr vorwärtsfchreitet, ja faft hinter den früheren eigenen Leiftungen zurückzubleiben fcheint, jedenfalls aber fich von Rörftrand überflügeln liefs. Die vorzüglichen adminiftrativen und humanitären Anftalten, welche von den äufserft umfichtig geleiteten Actiengeſellſchaften ins Leben gerufen wurden und welche die heilfamften Erfolge und Einflüffe auf die Arbeiterbevölkerung aufzuweifen haben, machen die beiden genannten Fabriken ebenfo intereffant, wie die vollkommenen Fabrikseinrichtungen, mit welchen diefelben ausgeftattet find. Von Schwedens fonftiger grofser Ofeninduftrie war in dem Induftriepalafte nichts zu fehen. Wir bedauern diefs lebhaft, hat doch der fchwedifche Ofen feit Langem fchon den Ruf eines trefflichen Fabricates zu erlangen gewufst, zu einer Zeit, wo Weftmann neues Leben in diefen Induftriezweig brachte.- Meift find diefe Oefen aus Fayencekacheln zufammengefetzt, deren weifse Grundmaffe mit 56 Dr. Emil Teirich. einer durchfichtigen Bleiglafur gedeckt wird; doch find auch Begufsöfen und emaillirte Kacheln im Gebrauche. Das Materiale zu den feineren, weifsen Fayenceöfen liefern vorzüglich die Gruben von Högenäs, jenes für Begufs- und Emailkacheln die von Upfala, wo ein fehr kalkhaltiger, eifenfchüffiger Thon( Mergel) hiezu Verwendung findet. Holland und die Niederlande machen gleich Spanien, den ausgedehnteften Gebrauch von glafirten Thonkacheln oder Fliefen zur Wand- und Bodendecoration. Hier hat fich die alte Delfter Glafur techniſch bis auf die neuefte Zeit erhalten, wenn auch jede ihrer guten Kunfttraditionen verloren gegangen ift. Die Decoration aller diefer Wandverkleidungs- Platten ift äufserft roh und ftillos. Dabei gebietet diefe Fabrication blofs über eine ganz geringe und matte Farbenfcala. Die technifchen Unvollkommenheiten erklären fich zum gröfsten Theile aus der geringen Sorgfalt, mit der gewöhnliche Töpfer folche Platten herftellen, und den niedrigen Preifen, zu denen fie verkauft werden. So koften Ravenftein's Platten mit ihrer allerdings unangenehmen, braunvioletten Decoration 8 bis 12 Cents das Stück von 125 Millimeter im Quadrat; die weifsen Platten, von de Lint gebracht( Tegeltjes genannt), bei variablen Gröfsen von 130 bis 225 Millimeter im Quadrat 37 bis 45 fl. per Taufend; die von L. Viffer bei 170 Millimeter im Quadrat koften ungefähr dasfelbe. Die Grundmaffe aller diefer Wandverkleidungs- Platten ift ein fandiger Mergelthon, der fich fchwach gelblich brennt und fehr hart und feft wird. Die nachfolgend verzeichneten Sorten find die gangbarften; die in holländifchen Gulden angegebenen Preife gelten per 1000 Stück. Witte Muurtegeltjes 130 Millimeter im Quadrat koften 10 bis 30fl. Diefe fchön weifsen Wandverkleidungs- Platten, von denen auch eine grössere und befte Sorte mit den Dimenfionen von 190 X 130 Millimeter und 10 Millimeter Dicke zum Preife von 45 fl. erzeugt wird, find durchwegs ungefchliffen und an den Kanten abgefafst. Häufiger als diefe finden wir aber diverfe gefchilderte zum Preife von 40 fl. bei einer Gröfse von 130 Millimeter in Verwendung. Sie tragen meift einen weifsen Grund, auf dem mit einer einzigen Farbe diverfe plumpe Verzierungen kunftlos mit freier Hand gemalt find. Aehnlich diefer Sorte find dann die Paar'fchen landfchapte Tegeltjes, welche gewöhnlich violette oder blaue, mit wenigen Strichen in conventioneller Weife behandelte Landfchaftsbildchen tragen. Auch diefe find Handmalerei. Bruin gemarmerde koften 35 fl. und imitiren recht gut einen braunen Marmor; befonders beliebt aber find Schilpad Tegeltjes zum Preife von 32 fl., tiefbraun, fchildpattartig gemustert. Wie fchon erwähnt, ift die Malerei auf diefen Platten durchgehends mit der freien Hand erzeugt; P. W. van de Weijer in Utrecht ftellte dagegen folche aus, an denen das Umdruckverfahren vom lithographifchen Stein, von der Kupferplatte oder von einer Hochätzung in fehr primitiver Weife verfucht wird. Im grofsen Ganzen findet diefes mechanifche Decorationsverfahren bis jetzt nur wenige und unvollkommene Verwendung felbft in dem grofsen Etabliffement der Gebrüder Raveftein in Utrecht, welche alljährlich einige Millionen folcher Tegeltjes erzeugen. Kleine Platten werden noch billiger hergeftellt; alle find aber haarriffefrei, nicht gefchwunden, und geben ein fehr brauchbares Materiale ab. Hat die Schweiz auch keine Thonwaaren- Induftrie von hervorragenderer Bedeutung heute mehr aufzuweifen, fo wäre doch Gelegenheit gewefen, wenigftens die guten Ofenkacheln zu zeigen, welche mitunter von vorzüglicher Schönheit, beispielsweise an den Ufern des Zürcher Sees, dann aber auch in der Weftfchweiz erzeugt werden. Von All' dem hat die Schweiz nichts gefandt, und nur die bekannte Firma Ziegler in Schaffhaufen ftellte ihr dunkelbraun glafirtes Kochgefchirr befter Qualität aus. Das Gefchäft ift ein bedeutendes und verforgt einen grofsen Theil Die Thonwaaren- Induftrie. 57 des Landes mit feinem Bedarf. Wafferleitungs- Röhren und glafirte Dachziegel ( fogenannter Marfeiller Typus) werden gleichfalls von guter, fteinartiger Maffe erzeugt und mit der Braunftein- Glafur überzogen. Eine der allerbeften Ausstellungen und dem von uns mehrfach hingeftellten Ziele der Ofentechnik am allernächften waren zwei grofse fchöne Kachelöfen von L. Bonafede bei Petersburg. Rufsland, deffen Kunftinduftrie unter Zuhilfenahme feiner alt traditionellen, äfthetifchen Richtung überhaupt ein erfreuliches Bild auf der Ausftellung bot, brachte uns auch nahezu die beften Oefen, nach den Zeichnungen von Monighetti. Leider waren diefe fchönen Stücke in dem fogenannten ruffifchen Kaiferpavillon untergebracht, der ftets verfchloffen und nur den Begünftigten zugänglich war. Der eine Ofen war rund, der andere von einem eigenthümlich complicirten Aufbau, beide reich decorirt mit rothen und grünen Reliefornamenten auf weifsem Grund, altruffifchen Kachelmuftern in freier Weife nachgebildet. Nicht weniger gut waren die im gleichen Stile gehaltenen Vafen, Schüffeln und Teller in Fayence, welche das ftimmungsvoll eingerichtete ruffifche Appartement fo fchön zieren halfen. Wir können nur Bonafede, deffen Fabricate lange fchon des beften Rufes fich erfreuen, zu diefem neuen, ganz beachtenswerthen Erfolge beglückwünfchen und die von ihm eingefchlagene Richtung zur Nachahmung warm empfehlen. Ein ganz gut ausfehendes Kochgefchirr, meift diverfe Töpfe und Schüffeln, brachte C. Tybulfky aus Tímélew, Gouvernement Radom, das mit feiner braunen Glafur an unfer Bunzlauer Gefchirr erinnert. Einige Gefäfse waren mit Eifen montirt und fo in zweckmäfsiger Weife haltbarer gemacht. Die Töpferarbeit an allen diefen Waaren contraftirt vortheilhaft mit allen anderen Arbeiten aus ähnlichen Gegenden, wie denn überhaupt der ruffifche Arbeiter feltener in eine folch' fchleuderhafte Nachläffigkeit verfällt wie beispielsweife der in Italien. Eine befondere Anerkennung verdient endlich noch das Mufeum von St. Petersburg, welches prächtige Ueberrefte einer leider vergangenen Blüthezeit byzantinifcher Töpferei von der Ausfchmückung der Mofchee von Samarkand, aus dem XIV. und XV. Jahrhundert, ausftellte. Die ganze Pracht der blauen und grünen, leichtflüffigen, orientalifchen Emails überzieht die mufterhaft modellirten, mit reichem Flächenornament gezierten, meift durchbrochenen Fenfter- und Thürumrahmungen. Es gehören diefe reichen Decorations details einer Architektur, die an jene der Alhambra erinnert, mit zu den fchätzenswertheften Arbeiten des orientalifchen Stiles. Vollkommener hat Spanien feine Fayencen und fpeciell Azulejas ausgebildet. Pickmany Comp. in Sevilla ift die bedeutendefte Steingutfabrik des Landes, die nach englifchen und franzöfifchen Muftern mit heimifchen Kräften thunlichft viel zu leiften fcheint. Weift die Ausftellung Pickman's auch feit 1867 einen gewiffen Stillftand in der ganzen Richtung auf, fo fallen hier gewifs die befonderen Schwierigkeiten ins Gewicht, die das Fortarbeiten unter den obwaltenden politifchen Verhältniffen und bei einem eben auch nicht der induftriellen Arbeit befonders holden National charakter wohl wefentlich erklären. Ordinäre, bedruckte Service nach modernen Muftern, einige ziemlich rohe, landläufige Gefchirre mit einer matten Metalluftre- Decoration, endlich ein Paar grofser, im maurifchen Stile bunt decorirter Vafen mögen erwähnt fein. Die fpanifchen Ziegelfliefe, welche einen wesentlichen Zweig der Hausinduftrie des Landes repräfentiren, find die Ueberbleibfel jener altberühmten maurifchen Technik, welcher wir die Alhambradecorationen als vornehmftes und ewig muftergiltiges Werk verdanken. Soto y Tello in Sevilla brachte in feiner Weife ziemlich treu imitirte Alhambrafliefe, beſtimmt zur Reftauration des Originales, mit deren Durchführung 58 Dr. Emil Teirich. er betraut ift. Die Alhambra- Ornamente, die Soto ausgeftellt, find Wandverkleidungen, beftehend aus einer Art Mofaik, deffen einzelne Theile die verfchiedenften Prismen oder Dreieck- Formen und dergl. zeigen, welche ftets einfärbig, aber mit ganz entfchieden gehaltenen Farbentönen emaillirt find. Grün, Weifs, Blau und Schwarz finden wir hiebei am häufigften verwendet. Dafs die Fugen zwifchen den einzelnen Mofaiktäfelchen nicht völlig paffen, kann bei der etwas rohen Technik, die hier überhaupt zur Anwendung gelangt, nicht Wunder nehmen. Er wird, angeregt durch das gute Vorbild, feiner Aufgabe gerecht, verfällt aber in feinen übrigen Arbeiten in die gröfste Stillofigkeit. Man ftaunt diefe fchrecklich mit Landfchaftsbildern bekleckften Thonplatten an, und bewundert die Widerftandsfähigkeit des Fabrikanten fowohl wie feiner Kunden gegen jeden befferen Einfluss auf die eingefchlagene Richtung bei Betrachtung der unendlich roh decorirten ornamentalen Verkleidungsplatten. Weitaus beffer waren die beiden Füllungen mit den überlebensgrofsen Bruftbildern von Petrus und Paulus behandelt, die auf zufammengefügten Azulejos ziemlich correct gemalt waren. Novella y Garcés in Valencia brachte emailirte, zum Theile mit Reliefornament verfehene Platten, nicht felten gute Muſter bei recht verdienftlicher Ausführung. Ebenfowenig wie gewiffe Verirrungen der beiden bisher genannten Fabrikanten ift die originelle Idee von Novellay Garcés zu billigen, wenn er Teppichund Stickmufter zu imitiren trachtet, indem er die Platten mit kleinen Canevacarreaux verfieht, deren Grund er vertieft, und diefe fo entftandenen Lücken mit Emailmaffe füllt. Der erzielte Effect ift eigentlich vom technifchen Standpunkte kein fchlechter und wäre nur zu wünfchen, dafs diefes Verfahren zu Anderem als der Reproduction ftilwidriger Mufter feine Verwendung fände. Flache bemalte Fliefen verkauft Novella zum Preife von 25 Centimes, die mit Reliefs gezierten mit 37 Centimes per Stück von 200 Centimeter im Quadrat. Die letztgenannten Stickmufter- Imitationen koften 125 Francs per Stück und find relativ theuer zu nennen. Noch hat Coca, Befitzer der Fabrik Cailos in Valencia, derlei Azulejos ausgeftellt, die meift roher decorirt und in zwei oder drei Farben, welche mittelft Schablonen aufgetragen werden, gehalten find. Der weifse Grund des Emails tritt überall hervor und trägt ein dunkelgelbes und fchwarzes oder ein blaues Ornament. Der Preis einer folchen Platte ift 17 Centimes. Ausserdem fanden wir hier Azulejos, welche von Hand mit Blumenornamenten, meift Rofenbouquets, bunt, aber mit eigenthümlichen, glanzlofen Farben decorirt waren. Solche werden zum Preife von 80 Centimes in den Handel gebracht. Aufser den drei genannten Fabrikanten hat fich niemand zur Einfendung weiterer Azulejas gefunden, trotzdem eine Maffe von kleinen Meiftern in der Gegend von Sevilla, Valencia und Barcelona fich mit deren Erzeugung befafst. Alle diefe Azulejos und glafirten Platten, welche durchaus von Hand bemalt find, bilden einen wefentlichen Exportartikel Spaniens, und wurden fogar Verfuche gemacht, auch unferen öfterreichifchen Markt denfelben zu eröffnen. Die Billigkeit folcher Platten, welche 200 Millimeter im Quadrat meffen, ift erftaunlich und nur zu begreifen, wenn man die ungeheuere Ausdehnung diefer Induftrie kennen lernt, welche, fowie in Holland, viele Taufende von fleifsigen Händen auch am häuslichen Herde befchäftigt. Im Durchfchnitte liegt deren Preis per Stück zwifchen 32 bis 6 Kreuzern öfterreichifcher Währung. Warum von diefen fo wichtigen Producten des fpanifchen Töpfergewerbes nicht wenigftens eine Collectivausftellung veranstaltet wurde, ift recht fehr aufgefallen. Wie fchön wäre folcherweife eine wichtige Hausinduftrie des Landes zu einem anfchaulichen Bilde zu vereinen gewefen! Einige intereffante Poterien, welche durchwegs den nationalen Charakter tragen, waren die von Capo auf den Balearen, ein zum Theil unglafirtes, Die Thonwaaren- Induſtrie. 59 reich durchbrochenes Thongefchirr mit mannigfacher aufgelegter plaftifcher VerDiefe Gefäfse dienen theils zum zierung, wie Blumen, Rofetten, Knöpfchen etc. Schmucke des Wohnraumes, haben aber auch als Kohlenbecken, für Verflüchtigung von Parfums u. f. f. ihre praktiſche Verwendbarkeit. Diefe, fowie die rothen Bauerngefäfse von Eftremadura, welche mitunter ganz gute Formen tragen und mit einer höchft dünnen Bleiglafur überzogen find, hat unfer öfterreichifches Muſeum erworben. Portugal, deffen Auftrefen auf der Ausftellung überhaupt ein ganz würdiges und anerkennenswerthes war, hat auch von feiner modernen Fayence- Induftrie Proben gefandt, die wir vor allem bei J. Barlou aus Liffabon fanden. Angefichts der wirklich lobenswerthen Leiftungen von Baftos in der Porzellantechnik verftimmt Barlou's Fabrication durch elende Formgebung. Die Fabrik ift eine der bedeutenderen, gute Mufter werden durch den englifchen und franzöfifchen Import ftets vor Augen geführt, und doch nicht zum Vorbild genommen. Die gemalten fowie die bedruckten Fayencen, meift currente Marktwaare, waren doch fehr bedenklich fchlimm decorirt. Mehr Intereffe erweckten Mafra's nationale Fayencen von Caldas und deffen Paliffywaaren, welche mit guter Glafur verfehen, nur in der Farbe etwas roh erfchienen. Ein grofser Fifchkorb und einige andere Stücke der übrigens ziemlich reichhaltigen Ausftellung des Fabrikanten waren ganz verdienftliche Leiftungen. Hier trafen wir auch wieder die bekannten Stiergeftalten, die zu Taufenden auf den Märkten von Liffabon verkauft werden, alle nach demfelben Typus modellirt und meift mit einer fchwarzbraunen Bleiglafur überzogen. Das urfprüngliche Modell diefes jetzt typifch gewordenen nationalen Symbols ift unftreitig auf römifche Broncen zurückzuführen. Eine eigenthümliche Thonwaaren- Induftrie ift jene, welche in Porto im grofsen Mafsftabe geübt wird und ihre Erzeugniffe im ganzen Lande vertheilt. Es ift diefs die Fabrication kleiner Thonfigürchen im Nationalcoftüme, die oft recht gut modellirt, gebrannt und fchliefslich mit Lackfarben bunt bemalt find. Eine Actiengefellfchaft unter der Direction von Antonio Bafto ftellte diefe netten, oft recht gelungenen und charakteriftifchen Figürchen aus, die in ganz unglaublichen Quantitäten zum Preife von 2 bis 4 fl. per Stück auf den Markt kommen. Auch von fonftigen nationalen Töpfergefchirren hatte Portugal Proben gefandt, unter denen wir das mattfchwarze, oft fehr fchön geformte Gefchirr mit einem flüchtig eingravirten Ornamente hervorheben, an dem geradezu antike Profile zu entdecken waren. Es ftammt aus Gaia und ähnelt in ganz auffallender Weife den fchwarzen, mit glänzendem Ornamente gefchmückten Erzeugniffen der bäuerlichen Induftrie von Klaufenburg in Siebenbürgen. Manche andere Gefäfse aus der Gegend von Porto erfreuen durch ihre originelle Profilirung, ihre fpecififche Farbengebung, worunter namentlich wieder eine braunroth glafirte Sorte von Bauerngefchirr auffällt, das in Evora gebraucht wird. Nicht ganz vollständig haben die Länder des Orientes ausgeftellt. Die perfifchen Fayencen und die von denfelben beeinflussten rhodifchen Waaren moderner Manufactur fehlten in der verdienftlichen Collection der Gebrüder Ziegler in Tabris. Es wäre eben intereffant und wünſchenswerth gewefen, folche Fayencen, die heute die Motive zu den beften Ausführungen noch abgeben, welche nur ein Minton, Deck oder Collinot auf der Ausstellung vorführten, neben diefelben zu ftellen. Es würde fich bei aller den Orientalen eigenthümlichen Gefchicklichkeit in der Behandlung der Flächenverzierung zeigen, um wie viel weiter zum Theile wenigftens unfere Künftler die dem Orient und ſpeciell perfifchen Stile entnommenen Motive aus- und durchgebildet haben. 60 - Dr. Emil Teirich. Leider reichen die heutigen Arbeiten der Perfer eben nicht an jene vielbewunderten der vorigen Jahrhunderte mehr heran. Eine dauernde politifche und finanzielle Mifswirthschaft nicht wenig aber auch ein fchlechter europäiſcher Einflufs haben den guten, alten Stamm heimifcher Werkleute in feiner Fortbildung geftört, in falfche Bahnen gedrängt. Die herrlichen decorativen Arbeiten der berühmten Mofcheen bleiben unvollendet oder verfallen, das Können fowohl als die Luft zu ähnlichen Arbeiten ift gröfstentheils gefchwunden. - Heute ift Kafchan noch der Sitz einer beachtenswerthen Thonwaaren. Induftrie, die aber nur wenig mehr für den Export zu fchaffen hat. Ein befferes Bild von einer heimifchen Induſtrie gab nur die ziemlich reichhaltige Sammlung von Gefchirren indifchen Urfprunges. Theils find die ausgeftellt gewefenen Stücke Eigenthum des India- Muſeums in London, wie wir fie bereits auf der Expofition von 1871 kennen gelernt haben, theils find diefe von den einzelnen Landescomités zufammengetragen oder von heimifchen Arbeitern über der Letzteren Anregung eingefandt worden. Faft alle unter diefen zierlich geformten, mit feinen Profillinien umfäumten Gefäfse verrathen ihren gemeinſamen Urfprung aus der Metallotechnik, die in Indien von Alters her eine fo eminente Ausbildung und Bedeutung erlangt hat. Ihr find die fchön gefchwungenen, leicht zerbrechlichen Henkel der Gefäfse, die langen, dünnen Hälfe der Krüge entnommen, ja felbft das hie und da gemalte Ornament erinnert an die Motive, welche wir an den taufchirten Silberarbeiten Indiens in vollendeterer Weife durchgebildet finden. Wenn die hier fkizzirten hervorragenden Eigenfchaften der indifchen Poterien nicht fo ganz in die Augen fpringend an manchen der ausgeftellten Gegenftände erfichtlich waren, fo liegt diefs zu nicht geringem Theil an einer Corruption und einem Verfall des indifchen Handwerkes, der in den letzten Jahren ganz unleugbar gerade die civilifirten Theile des Landes durchfeucht hat. Dem entgegenzuwirken und in fehr richtiger Würdigung des unfchätzbaren Reichthums, der in der nationalen Hausinduftrie des Orientes geborgen liegt, hat die englifche Regierung durch Entfendung des Directors Hunter und Gründung der Madras fchool of Arts gefucht, deren Hauptaufgabe in der Heranbildung eingeborner Jünglinge zum Kunft- Handwerke befteht. Die erzielten Refultate find, dank der überaus eifrigen Bemühungen des leitenden Directors bereits vollſtändig befriedigende. Eine Sammlung guter Modelle ift angelegt, eingeborne Lehrmeifter find herangebildet worden und die vom Madras Committee ausgeftellten Arbeiten der Zöglinge erweifen mitunter recht tüchtige Leiftungen. Das Streben nach Erhaltung altindifcher Kunftdenkmale führte fo zur Nachbildung der Ornamentik alter Hindutempel durch die genannte Schule in Terracotta und war von folchen Ornamenten eine Anzahl zur Anficht gebracht. Aufser diefen waren fchön gezierte Alkarazas und andere Gefäfse ausgeftellt. Mancherlei glafirte Gefäfse, die recht gut den indifchen Charakter verdeutlichten, dann fchön durchbrochene Fenftergitter( Moncharabie genannt), dann einige Fliefen, brachte das North Weft Provinces Local Committee. Alle diefe Poterien, meift aus der Umgebung von Umroha ftammend, find zweifärbig und zwar gelb und braun oder blaugrün und weifs glafirt. Die Farben find meift fehr brillant, zum Theile jedoch voll von Haarriffen; die Modellirung mitunter weniger fein als an anderen indifchen Arbeiten. Eine Collection ordinären, nationalen Kochgefchirres und diverfer Gefäfse, beftimmt zu einem für uns mitunter fchwer verftändlichen Hausgebrauch, rührten von fünf heimifchen Töpfern aus Scind, Haiderabad und Kurrachee her, den bekannten Poteriediftricten Indiens. Sie repräfentirten die marktgängige Waare. Es find diefs gelbglafirte, mit Weifs decorirte Fenftergitter, perfifchblaue, violette und blaugrüne, leicht und flüchtig bemalte Gefäfse. Das Deffin ordnet fich aus Blumen und Rofetten meift fymmetrifch an. Die Thonwaaren- Induftrie. 61 Die Baroda- Arbeiten, fchwarze Gefäfse mit eingelegtem Silberornament verriethen am deutlichften ihren Urfprung an der Metallotechnik. Hier wie an den taufchirten, flafchenförmigen Gefäfsen find grofse Blumen das decorative Motiv. Eine ähnliche Art der Verbindung der Thonwaare mit metallifchem Zierath zeigten die braunfchwarzen Gefäfse von Punjab und Azimgurh, woran meift fchuppenförmige Einlagen von Silberdrath zu finden waren. Faft übereinftimmend mit diefer Technik fanden wir unter der fehr reichhaltigen, aber wenig bedeutenden Sammlung von diverfen Thongefchirren, welche die Türkei fandte, fchwarze Gefäfse von Ruftfchuk, aus einem durch die ganze Maffe gefärbtem Thon, der auch vielfach zur Erzeugung der echten fchwarzen Pfeifenköpfe verwendet wird, deren Imitation durch Dämpfen des Stückes beim Brennen übrigens von den Fabrikanten Conftantinopels ganz gut verftanden wird. Die Ruftfchuk Gefäfse find meift von guten, feinen Formen, die wohl der Antike entlehnt find und fich traditionell erhalten haben mögen. Der Scherben ift glänzend polirt, fehr dünn und durch einen aufgeprefsten Perlenftab oder ein ähnliches fortlaufendes Motiv profilirt. Ihren Hauptreiz aber erhalten diefe Gefäfse durch die im feuchten Zuftande aufgeprefsten kleinen Silberplättchen und Silberpunkte, die zu Rofetten in recht fchöner Vertheilung angeordnet find. Im Uebrigen zeigt fich an den meiften türkifchen Thonwaaren ein trauriger Verfall der Technik fowohl, als der Gefchmacksrichtung. Der Sitz der alttürkifchen Thonwaaren- Induftrie, ja auch der heutigen, find vorzüglich die Dardanellen. Dort blühte einft die berühmte Fabriksftätte Kutaja ( Kutahia), berühmt ihrer prächtigen Wandverkleidungs- Platten und architekturalen Fayencen wegen, von denen die alten Mofcheen noch reiche Ueberbleibfel enthalten. Die heutige Ausstellung der von der Regierung neuerdings feit einiger Zeit in Betrieb gefetzten Fabrik ift intereffant der alten, noch immer nicht ganz erlofchenen guten Motive wegen, mit denen fie die Decoration ihrer Fliefen vornimmt und nach denen fie Fläschchen und Schalen formt, aber doch noch von gar geringem Werth. Nichou, der am gleichen Orte die Thonwaaren- Induftrie im gröfseren Stile betreibt, machte Fortfchritte in deren Ausbildung gegenüber feinen Mitausftellern. Blaugrün glafirte, langhalfige Krüge mit Reliefs und Vergoldung roh geziert, die blauen Platten( Teller), genannt Nichané, die gedeckten Jourtfchalen, diverfe Sahans oder Wafferkrüge, alfo durchaus currente Waare wurde von ihm ausgeftellt. Ganz ähnlich wie diefer arbeitet einer der vielen Achmed's in KaleiSoultanié und Nichané bei Bruffa, von denen die fchon erwähnten Efsgefchirre und Haushaltungs- Geräthe für die ganze Türkei geliefert werden. Huffein auf den Infeln bei Tchanakalé zählte mit zu den wenigen türkifchen Fabrikanten, die ein fichtliches Streben nach fauberer, verſtändiger Arbeit kundgeben. Im Allgemeinen zeichnet fich die ganze Thonwaaren- Induſtrie an den Dardanellen durch eine äufserft glänzende und farbenprächtige Glafur aus, welche namentlich an jenen ausgewählten Stücken hervortritt, welche Hamdy Bey ausgeftellt und dem öfterreichifchen Muſeum überlaffen hat. Aehnlich meift in der grünen Glafur dem Dardanellengefchirr find die oft in den originellften Formen ausgeführten Blumenftänder und Gefäfse von Trapezunt. Diefe, wie faft alle türkifchen Gefäfse charakterifiren fich durch die Unmöglichkeit, eine Reinigung derfelben von Innen vorzunehmen, und fcheint diefe Eigenfchaft im Zufammenhange mit Sitten und Gebräuchen diefer Völker des Orientes zu ftehen, von denen man im grofsen Ganzen glaubt, dafs die rituellen Wafchungen nicht immer mit der nothwendigen Gründlichkeit vorgenommen werden. Zunächft feffelten das Intereffe die Gefäfse aus Yemen, den Küftenländern des rothen Meeres und von Arabien. Es find diefs die Gulleh, Djerreh und Scherbe, die Bardak und Testis aus dem Euphratthale, oft von charakteriftifchen, an die 62 Dr. Emil Teirich. antiken Formen erinnernden Profilen, theils direct auf den Scherben glafirt, theils engobirt, zuweilen als Bisquit gelaffen. Die Stadt Tfchanakalé in den Dardanellen vereinigt den gröfsten Theil der Töpfereien des Diftrictes, und zwar unter einem einzigen Dache. Früher in verfchiedenen Werkstätten vertheilt, wurden die Töpfer aus der Stadt gewiefen und bezogen eine Art Schupfen, der in Abtheilungen getheilt für alle zufammen gleichzeitig zur Stätte der Fabrication wird. Von einer folchen im eigentlichen Sinne des Wortes kann nun freilich keine Rede fein. Stets arbeitet der Meifter allein in feinem einzigen Raume, in dem alle feine Manipulationen vorgenommen werden. Dort wird der Thon mit den Füfsen vorgeknetet, dort geformt, wobei die Töpferfcheibe beinahe nie in Benützung gelangt, dort wird in höchft primitiver Weife die Waare noch in dem kleinen Backofen gebrannt und glafirt. Kleine Knaben find gewöhnlich die einzigen Gehilfen des Meifters und bewunderungswürdig ift deren affenartige Behendigkeit und Gefchicklichkeit namentlich beim Auftrage der Glafuren und der Bemalung der Gefäfse, wobei eine Drehung des auf die flache Hand geftellten Gegenftandes hinreicht, um mit der anderen, den Pinfel führenden, eine Kreislinie darauf zu befchreiben, wie wir diefs mit Hilfe der Töpferfcheibe zu thun gewohnt find. Der gänzliche Mangel an mechanifchen Hilfsmitteln, die Rohheit jedes der angewandten technifchen Verfahrens mufs natürlich an dem fertigen Producte zum Ausdruck gelangen. Die Glafur ift darum meift riffig, fleckig, durch Aneinanderfchmelzen zweier Gefchirre im Ofen oft befchädigt. In folcher Weife arbeiten über zwanzig Meifter vereint unter einem Dache für den Bedarf eines grofsen Theiles der Türkei, in welcher das Dardanellengefchirr allenthalben beliebt ift. Die nachträglich und auf kaltem Wege höchft nachläffig applicirte Vergoldung der glafirten Gefäfse gefchieht nicht von Seite des Töpfers, fondern erft in den Verkaufsläden des Gefchirrhändlers. Schon einmal wurde der Beftrebungen der türkifchen Regierung gedacht, durch die Fabrik Kutaja belebend auf die Thonwaaren- Induftrie des Landes zu wirken, und es iſt ein Verdienft Edhem Pafcha's, anregend in diefer Richtung gewirkt zu haben. Diefelbe Abficht leitete fie bei Gründung der Kunft- und Handwerker- Schule von Janina, in der die Zöglinge zu praktiſcher Arbeit angeleitet werden follen. Das, was wir von folchen Arbeiten zu fehen bekamen, war ziemlich troftlos und ftand unter dem Niveau des vielen Mittelmässigen der übrigen Ausfteller. Es fcheinen fowohl die geeigneten Lehrkräfte als auch der rechte Ernſt zu fehlen. Einige weifse(?) Fayenceteller, einige fchwache Verfuche einer farbigen Decoration darauf war Alles, was die Thätigkeit der Schule zu illuftri ren hatte. Ein Induftriezweig endlich, welcher die gröfste Bedeutung für die Umgebung von Ruftfchuk und Conftantinopel hat, ift die Fabrication der Pfeifenköpfe aus einem fehr fetten, ziemlich feuerbeftändigen, grauen Thone, der nach dem Formen, das ftets mit freier Hand gefchieht, oft durch eingravirtes Ornament oder durch Aufpreffen mittelft kleiner Model decorirt wird. Das Brennen gefchieht bei fehr fchwachem Feuer, das nur die Farbe des Materiales in Roth ändert und nun erft wird durch Poliren und Schleifen die Oberfläche geglättet, wozu man eine wachsartige Maffe benützt, die in den poröfen Thonkörper eingerieben wird. Die kalte Vergoldung wird zuletzt aufgetragen. Salich in Conftantinopel hatte die gröfste und befte Collection von folchen Pfeifen eingefandt. Er dürfte der hervorragendefte Erzeuger diefer Waare für den Export fein. Namentlich waren feine rothen Pfeifen, oft von recht guter Form und mit reicher Vergoldung verfehen, bemerkenswerth ob der Präcifion, mit der fie gearbeitet. Aufser diefen wurden von ihm die fchwarzen Köpfe von Ruftfchuk imitirt. Die Thonwaaren- Induftrie. 63 Aehnliche fchwarze Pfeifenköpfe fanden wir in der Sammlung von Mehmed Effendi aus Bagdad und fchön gearbeitete fchwarze mit eingelegtem Silberornament von Mustapha in Adrianopel, reich vergoldete, befonders grofse Köpfe von Hamdi Effendi in Conftantinopel ausgeftellt. Häufig genug werden übrigens auch glafirte Pfeifenköpfe erzeugt. Meift find folche dann grün oder gelb wie jene von Anaftafe in Diarbekir, der namentlich Nargilehs in fchöner Blumenform brachte. Hat auch der Tfchibukkopf im Wefentlichen feine Form beibehalten, fo variiren die Modelle doch in einer ganz mannigfaltigen Weife und find theilweife wirklich recht gefchmakvoll aus geführt. Die Preife aller diefer Fabricate find in den letzten Jahren übrigens enorm geftiegen und ift die Fabrication als folche in keiner Weife eigentlich fortgefchritten. Was die Türkei an Thonwaaren ausftellte, gab ein lebhaft buntes kaleidofkopifches Bild, ein farbiges Durcheinander, dem von vorne herein die fachkundige, ordnende Hand fehlte. Durch den Mangel eines Specialkataloges, der durch die geradezu unverftändliche Form noch verfchärft wurde, in welcher der türkifche Generalkatalog abgefafst ift, ging für das grofse Publicum der Werth des Ausgeftellten faft verloren. Nicht Jedermann findet Zeit, tagelang ordnend unter den Hunderten von Ausftellern herumzukramen, von denen viele nur ein einziges Gefäfs ohne irgend eine Befchreibung oder nähere Bezeichnung eingefandt haben. Wir haben doch nachgerade genug Weltausftellungen erlebt, um folch' grobe, principielle Fehler vermeiden zu können. Roher und plumper noch als die türkifchen Poterien ift das wenige von den verfchiedenften Seiten zufammengetragene tunefifche Gefchirr, das fich in der Collectivausftellung von Morpurgo vorfand. Zumeift waren es unglafirte, aber auch ganz fchmucklofe, flafchenförmige Gefäfse, eine Art Alkarazas, zur Wafferkühlung beftimmt. aus einem dichten, gelblichweifsen Thon. Glafirt waren in der kunftlofeften Weife einige originell geformte, hochhalfige Oellampen. Die Glafur felbft ift eine dunkel kupfergrüne. Einige wenige und äufserft primitiv gehaltene Fliefen liefsen kaum eine gewiffe Compofition des aufgemalten Ornamentes erkennen, und waren fo in ihrer Art ziemlich das wenigft Gute auf der ganzen Ausftellung. Von weit mehr Form- und Farbenfinn zeugten dagegen Viele die, von mehreren Ausftellern herrührenden Gefäfse aus Marokko. derfelben waren fchüffel- oder vafenförmige Prunkgefchirre in buntefter Weife, aber oft nicht ohne eine beffere Gefchmacksrichtung emaillirt. Die grellroth, grün, blau und gelb auf weifsem, engobirtem Grunde gemalten Deffins waren grofsentheils Flachornament und fcheinen der textilen Kunft, dem Teppich, entnommen zu fein. Die deckende Glafur war fehr glänzend und gut gefloffen. Wie fchon erwähnt, boten diefe Gefäfse einiges Intereffe und differiren völlig von allen übrigen, vom Oriente gebrachten Poterien. An ihnen war, wenn auch mitunter arg verfehlt, noch. hie und da die Linienführung der Antike zu verfolgen, deren Formen eigenthümlicher Weife ganz ohne Einfluss auf die türkifche Töpferkunft geblieben find. Noch mehr nahm es Wunder, unter dem Wenigen, was Griechenland fandte, fo felten Reminifcenzen an die Töpferkunft der Antike zu finden. Nur ein Ausfteller, Carmine Botazas, ein Töpfer aus Korfu, brachte einige meift vafenförmige, zwar roh, aber nach guten Schablonen geformte Gefchirre aus blafsgelbem fcharf gebranntem Thon. Eine meift einfärbige, höchft ordinäre, grüne oder dunkelgelbe Bleiglafur überzog diefe wenig hervorragenden Erzeugniffe einer vernachläffigten Hausinduftrie. Anders verhält es fich mit der Thonwaaren- Induftrie Egyptens. Zwar wären hier deren Erzeugniffe, unter welchen nur wenige glafirte Gegenftände ausgeftellt fich fanden, eigentlich nicht zu befprechen, doch läfst fich in diefem Falle, wie fchon manchmal früher, eine Trennung der Terracotta- Arbeiten von jenen, welche Glafuren tragen, nicht denken, ohne alle Ueberfichtlichkeit diefes Berichtes zu vernichten. 64 Dr. Emil Teirich. Das ganze Arrangement und Alles, was die egyptifche Abtheilung füllte, ift Eigenthum des Vicekönigs und von diefem eingefandt worden. Wir erhielten demnach eine Collection auserwählter, fehr fchön gearbeiteter und als charakteriftifch anerkannter Gefäfse, die nach Schlufs der Ausftellung als Gefchenke des Khedive an unfer öfterreichifches Muſeum übergegangen ift. Hier fanden wir zum Theile die alt ererbte Decorationsweife durch eingravirtes Linienornament wieder, welche die Gefäfse Altegyptens, fo häufig zeigen, oder einen fortlaufenden, in fchwachem Relief aufgeprefsten Perlenftab, fternförmige Zeichnungen und fo fort, gewöhnlich aus einfachen fich wiederholenden Motiven beftehend. Die dichte, feine Maffe der Nilablagerungen ift von äufserfter Plafticität und geftattet eine dünne Bildung der Gefäfswand. Viele der fo angefertigten Gegenftände, oft von ganz eigenthümlichen, fchwer verftändlichen Formen, zeigten deutlich Spuren einer im trockenen Zuftande vor dem Brande vorgenommenen Bearbeitung mit dem Meffer und eine freilich rohe Sculptur. Das nicht befonders fcharfe Feuer, dem alle diefe Poterien ausgefetzt werden, verändert die maufegraue Farbe des Rohmateriales in eine mehr oder minder braunrothe, die durch eine nachträgliche Politur wefentlich an Glanz gewinnt. Ueberhaupt vertritt diefe nachträgliche Appretur des fchwach gebrannten Thones in recht fchöner Weife die Glafur. Schalen aller Formen, doch nie in gröfseren Dimenfionen, wie denn überhaupt die meiften der ausgeftellten Poterien mehr einer Sammlung von Nippés ähnelten, dann Kaffeefchalen, Lampen und vor Allem ein Paar prächtige Candelaber bildeten neben den Pfeifenköpfen, welche jenen der Conftantinopolitanifchen Fabrikanten ähneln, in ihren vielfachen Varianten das Gros der ausgeftellten Objecte. Wir können mit Recht zufrieden damit fein, dafs diefe fehr intereffante Sammlung Wien erhalten geblieben ift. Das Befprochene und die fehr vollſtändige Sammlung des himmlifchen Reiches China und jene von Japan, denn die beiden letzteren haben ihre Porzellaninduftrie und zum Theile auch die Fayencewaaren fehr gut zur Anfchauung gebracht, gaben uns ein Bild der Werke der Hausinduftrie des Orientes, der fich jene der angrenzenden Länder Oefterreichs anfchliefst. Eine ziemlich grofse Reihe von grofsen vafenförmigen Gefäfsen, mit einem eigenthümlichen, ftark zinnhältigen Email decorirt, in Kiukiang( China) erzeugt, war über und über mit einem feinen, aber etwas verworrenen Deffin überzogen, der in Etwas an die modernen, in der Zeichnung wenig klaren perfifchen Teppichmufter erinnert. Die Zeichnung ift mit fchwarzen Linien umfahren und die Zwifchenräume mit dem blafs rofenrothen, fchwefelgelben, himmelblauen oder meergrünen Zinnemail dick ausgelegt, fo dafs fich, wie wir es bei Collirot oder Parvillé fahen, eine Art Relief der Emailfläche bildet. Das Ornament, in das manchmal fratzenartige Geftalten oder Drachenköpfe mit eingeflochten find, ift ein fymmetrisch angeordnetes, wenn die ganze Fläche damit decorirt wird. Es iſt jedoch nicht felten der Fall, dafs der ganze Fond des Gefäfses blofs roth oder, wie diefs fehr häufig gefchieht, fchwefelgelb emaillirt wird, über den fich dann ein einfeitiges, gewöhnlich dickäftiges, kleinblätteriges, aber grofsblumiges Rankenwerk quer dahinzieht, ohne durch eine Achfe in zwei fymmetriſche Theile zu zerfallen. Die von der Ranke getragenen, meift fternförmigen Blumen oder Rofetten fitzen feltfamer Weife ftets ohne Stiel auf derfelben. Eine Anzahl verfchiedener Thonwaaren aus anderen Diftricten bot weniger Intereffantes. Weifs glafirte Götzenbilder und Thiergeftalten, 3 bis 6 Zoll hoch, plump und ftumpf modellirt, mit braunem, grobem Emailauftrag gefleckt, werden in Shanton erzeugt. Aus Shangai fand fich ein eigenthümliches, dünnwandiges, rothes, aber unglafirtes Gefchirr vor, das an jenes aus Egypten erinnerte, und welches für den Hausgebrauch erzeugt wird. Solche Gefäfse exportirt China nach Japan. Eine ähnliche Waare erzeugt man auch in Chefoo, woher auch eine dunkelgraue mit fchönem Metallluftre verfehene, aber offenbar ordinäre Die Thonwaaren- Induftrie. 65 Theekanne ftammte. Die ganze Sammlung diefes hochintereffanten Gebrauchsgefchirres war übrigens zu wenig vollſtändig, um einen richtigen Ueberblick über die Mannigfaltigkeit der Form und Farbengebung zu verfchaffen, die in folcher ordinärer Waare mehr als in dem conventionell decorirten Porzellain zu finden ift. Nicht fo reich als in Chinas Abtheilung fanden wir die Fayencetechnik Japans durch prächtige Ausführungen repräfentirt. Und doch nimmt gerade die Fayence hier wie dort, wir glauben diefs mit voller Berechtigung behaupten zu können, einen künftlerifch weit höheren Rang ein, als das Porzellan. Gilt diefs nicht von der Form desfelben, fo doch ganz ficher von der coloriftifchen Behandlung der Stücke, in denen fich der ausgebildete Farbenfinn des Orients, deffen Talent für Flächenverzierung ausfpricht. Wir haben fchon im Vorftehenden auf den Zufammenhang vielfach hingewiefen, der zwifchen den orientalifchen Formen und Farbenfchatz und den europäifchen Fabrikanten befteht, die viele und reichliche Anlehen bei ihren entfernten Collegen oft und namentlich in der Neuzeit machten. Und fo bleibt nun nur wenig mehr über die Originale jener vielen Imitationen zu fagen übrig, denen wir vor Allen auf unferem Rundgang durch England und Frankreich begegneten. Das Prototyp der japanifchen Fayence ift die, aus dem Departement von Kagofima gefandte, unter dem Namen Satfumagefchirr bekannte Waare. Die Formen diefer Gefäfse, welche als die beften und am feinften decorirten gelten, find relativ gut zu nennen. Die Farbe ift meift ein Schwefel- bis Eigelb als Grund, auf dem bunte Blumen in regelmässiger Vertheilung angeordnet find, oder der mit feinen, oft recht fchönlinigen Ornamenten überftrickt erfcheint. Die angewandten Emails find zinnhältig, opak und zeigen alle guten und fchlechten Eigenfchaften derfelben, unter Anderem auch manche Haarriffe. Von befonderer Zierlichkeit fanden wir einige Theeſervice mit fehr matter Malerei. Satfumagefchirr war von jeher und ift noch heute fehr hoch im Preife gehalten. Aehnlich gefchätzt und charakteriſtiſch für die japanefifche Fayencetechnik ift die Awata waare, fo genannt nach dem Quartier Awata der Stadt Kioto, dem Orte ihrer Erzeugung. Der Scherben ift gelblich weifs und fehr hart, die bunte Decoration der ausgeftellten Theefervice, Schüffeln und Becken erinnert etwas an modern europäiſche Ausführungen. Eine fehr fleifsige Imitation, namentlich der echten Satfumawaare, ftellte Sampeï, ein junger Fabrikant in Awadji- Sima, Departement Miodo, aus. Die Porzellanthon- Maffe wird mit einer bleihältigen, meift von Haarriffen ziemlich freien Glafur überzogen und diefe bemalt. Die Wahl der Farben und die Ausführung der Malerei übertrifft faft die der Originale. Die Erzeugung diefer Gefäfse datirt erft aus den zwei letzten Jahren. Eine Sorte von graulich decorirtem Gefchirr für den Hausgebrauch wird im Departement Miné unter dem Namen Bank o yaki- Waare erzeugt, und hat ihren Namen von ihrem Erfinder. Es ift ein ordinäres Fayencegefchirr voll Haarriffen, ziemlich roh mit Blumen und Figuren decorirt, in braunweifslichem Farbenton. Einige ebenfalls fo verzierte Theekannen von weifslichem Bisquit von ganz befonderer Feinheit, ftammen aus demfelben Departement. Die Erzeugung von Götzenbildern und kleinen Grotefkfiguren, Statuetten u. f. w. aus glafirtem Töpferthon geht in China und Japan ins Maffenhafte. Aus Hiogo und Toukouoka wurden folche eingefandt. Die Arbeit an diefen Figuren, fowie an den gleichzeitig ausgeftellten grau glafirten ordinären Gefchirren ift ziemlich roh. Wie das ermattete Auge am grünen Anger gefund fich fieht und labt, fo fieht unfer Kunstgewerbe, das erft feit Kurzem zur Erkenntnifs feiner eigenen Schwäche gekommen ift, deffen Productionskraft innerlich erlahmt, deffen Ziele verrückt find, nicht felten auf jene urfprüngliche, unverdorbene Richtung hin, welche wir in der nationalen Hausinduftrie mehr oder minder rein, getreu nach uralten 5 66 Dr. Emil Teirich. Kunfttraditionen und althergebrachten Verfahrungsweifen geübt und bewahrt finden. An den oft bäuerifch rohen, aber durch und durch gefunden Formen diefer Erzeug. niffe des häuslichen Fleifses will unfere erfchlaffte, fchaffensmüde Phantafie fich Rath erholen. - - Faft find es nur mehr die Länder des Orients im weiteften Sinne des Wortes, in welchen die Hausinduftrie unverfälfcht nach alten Traditionen arbeitet denn. unfere heimifche und moderne Induftrie ift wenig dankbar für die geholten Vortheile, und unerbittlich verdrängt fie mit dem billigen Maffenproduct ihrer Mafchinen und Oefen die Hausinduftrie aus ihrem taufendjährigen Reiche. Schritt für Schritt folgt ihr die Mode, die graufame Mutter, die ihre eigenen Kinder vertilgt und mit ihr verfchwindet der Stil aus dem Kunstgewerbe. Die Mode ift der ewige Wechfel; das Haus und die gewerbliche Thätigkeit im ftillen Inneren desfelben, fie vertreten hartnäckig das confervative Princip. Wir haben von der Wiener Weltausftellung gehofft, dafs fie uns ein reiches Bild der nationalen keramifchen Kunftfertigkeit, vorzüglich des Orientes alfo, bieten werde. Wir dachten es uns als wichtige Aufgabe der fpeciellen Landes commiffionen, hierin fammelnd, jedenfalls aber vermittelnd aufzutreten und jedermann hätte ihnen Dank hiefür gewufst. Es kam jedoch anders. Die Hausinduftrie war nur äufserft lückenhaft vertreten gewefen und ein richtiges Bild, namentlich für denjenigen, welchem die Erfahrungen von vorneherein noch fehlen, war aus dem zerriffen Ausgeftellten kaum zu conftruiren. Wir haben es verfucht, den Induſtriepalaft von Weften nach Often durchwandernd, das Wefentlichfte hervorzuheben, wobei wir jene Fabriken felbft erwähnen mufsten, die zwar nicht im gröfseren Mafse Thonwaaren für den Handel erzeugen, diefe jedoch den localen Verhältniffen anpaffen und die fich alfo die Producte einer, meift nebenher noch florirenden Hausinduftrie directe zum Vorbilde nehmen. Manche Ausfteller erfuhren daher eine Befprechung und Erwähnung, ohne dafs deren Leiftungen von befonderem Werthe vom Standpunkte der Technik oder der Kunft, welchen wir hier einzunehmen hatten, gewefen wären. Zur Charakteriſtik der ganzen Induftrie eines Landes, an der folche aber oft wefentlichen Antheil nehmen, mufste das Augenmerk der Befucher der Weltausftellung auf fie gelenkt werden. STEINZEUG. Die Induftrie des Steinzeuges mag von jeher parallel mit der von irdenem Gefchirr und der Fayence gelaufen fein. Freilich fehlen hierüber Daten, die nicht weiter als in die Zeit des XIV. Jahrhunderts diefe Technik verfolgen laffen, welche damals an denfelben Orten am Rhein, in Belgien und Holland, dann aber auch von den Nürnberger und böhmifchen Töpfern geübt worden war. Es iſt begreiflich, dafs die Schwierigkeit des Brennens bis zur ſtarken Sinterung der ganzen Maffe von den alten Thonwaaren- Erzeugern nur felten völlig zu überwinden war. Erft die neuere Zeit brachte Leben in diefen Zweig der ThonwaarenInduftrie. Die Erfindung der Salzglafur, welche in die Mitte des XVII. Jahrhundertes fällt, gab der ganzen Technik einen neuen Auffchwung und eine veränderte Richtung. Auch auf diefem Zweige der Thonwaaren- Induftrie erklimmt bald die englifche Fabrication eine bedeutende Stufe, namentlich in der Erzeugung der falzglafirten Waare. Den höchften Culminationspunkt erreicht diefe Technik aber durch die epochemachende Erfindung Jofiah Wedgewood's, der feiner Maffe den höchften Grad von Feinheit bei genügender Plafticität zu geben wufste, und fie zu künftlerifchen Zwecken geeignet machte. So fehr feine Thonwaare von demjenigen Producte fich unterfcheidet, das heute unter dem landläufigen Namen Die Thonwaaren- Induftrie. 67 Steinzeug in den Handel geht, fo reiht fich, dem Chemismus nach, feine Maffe dennoch darunter. Wedgewood hatte, wie faft jeder Erfinder, feine Vorgänger in den Brüdern David und Philipp Elers, welche Deutfche waren, die nach England mit dem Prinzen von Oranien um 1688 kamen, in dem heute fo berühmten Diftricte von Staffordſhire ihre Thätigkeit als Thonwaaren- Fabrikanten begannen, und ebenfo wie in Italien und Deutfchland, angeregt von dem Verlangen, das importirte chinefifche Porzellan zu imitiren, manche Erfindung in der Erzeugung halbgefchmolzener, fteingutartiger Maffen machten. So ift ihnen die erfte Zufammenfetzung jenes fchwarzen, halbverglaften Gefchirres zuzufchreiben, das, aus ftark eifenfchüffigem Thon erzeugt, fpäter von Wedgewood zu feiner berühmten ,, Egyptianwaare" verfeinert wurde. Jofiah Wedgewood's Leben und Wirken( 1730 bis 1795) war ein für Englands Thonwaaren- Induftrie unendlich wichtiges und mit Recht begrüfst uns fein Standbild vor dem Bahnhofe in Stoke upon Trent als Vater diefer Landesgegend, welche den bezeichnenden volksthümlichen Namen ,, The Potereies" trägt. Wedgewood's Jafperwaare, in deren Erzeugung feine Technik culminirte, befteht im Wefentlichen nach feinen eigenen Aufzeichnungen aus circa fechs Theilen Schwerfpath, drei Theilen feinen weifsen Thon, einem Theil Quarz und einem Viertel Theile von kohlenfaurem Baryt. Bei fcharfem Feuer gebrannt nähert fich diefe Maffe wefentlich dem Porzellan, ift hart genug, um einen feinen Glanz zu zeigen, und ganz befonders geeignet zur Färbung mit gewiffen Metallfarben in gebrochenen Tönen, wie diefs Wedgewood namentlich in Blau und Seladongrün ausführte. Nach Wedgewood's Tode fetzten feine Erben die Erzeugung diefer Specialität fort bis auf den heutigen Tag, und wiewohl die eingefchlagenen Verfahrungsweifen feither vielfach bekannt geworden find, ohne eigentliche Concurrenz. Auch in diefem Jahre ftellte die Firma Jofiah Wedgewood and Sons eine reiche Collection der Waare aus, die ihren Namen trägt, in den mannigfachften Formen, meift weifs in Basrelief decorirt auf gefärbtem Untergrund ohne Glafur. Einen wefentlichen Fortfchritt in diefer Richtung hat übrigens das Etabliffement in neuerer Zeit nicht aufzuweifen, denn es fehlt feinen Erzeugniffen der fo unendlich delicate Auftrag, die Feinheit in der Modellirung, welche die alte Wedgewoodwaare vor Allem kennzeichnet. Das grofse perfönliche Intereffe und die Mitwirkung der Hand des grofsen Vorfahrens an jeder Arbeit feiner Fabrik läfst fich jetzt eben durch die beften Künftler, welche die Wedgewood's heute befchäftigen, nicht vollſtändig erfetzen. In ähnlicher Weife wie Wedgewood's Maffe müfsten, als hieher gehörig, eigentlich die Erzeugniffe in Parian zu befprechen fein. Seit kaum 30 Jahren, eingeführt durch die Mintons, Copeland und Mountford nach England, haben feither die herrlichen Eigenfchaften des Materiales ihm eine allgemeine Beliebtheit in der Verwendung zu plaftifchen Werken verfchafft, trotzdem dafs das Verhalten desfelben, beim Brande, in ganz bedeutender Weife zu fintern, gewiffe Schwierigkeiten dem Fabrikanten bereitet. Vor dem Bisquitporzellan hat eben die Parianmaffe den Vortheil einer warmen, dem antiken pentelifchen Marmor ähnlichen, diaphanen Structur und gelblichen Farbe, die eben für die Modellirung des Nackten fich unvergleichlich eignet. Wie kalt und trocken find nicht beiſpielsWeife die fonft trefflich modellirten fchwedifchen Bisquitfiguren im Vergleiche zu den herrlichen, wie vom Hauche des Lebens getroffenen Geftalten aus Copeland's Parian. Im Wefentlichen befteht die Grundmaffe aus fehr ftark mit Feldfpath verfetztem Kaolin. Sie fintert lange bevor das Bisquit gar gebrannt ift und erweicht durch und durch. Die Schwierigkeit, unter folchen Verhältniffen das Verziehen und gänzliche Zufammengehen der Gegenftände im Feuer zu verhüten, 5* 68 Dr. Emil Teirich. find bedeutend und erfordern vielfache Erfahrung in diefer Richtung. Unter dem von England Ausgeftellten fand man aber geradezu Parforceftücke einer fchwierigen Ausführung. Der gelblich warme Ton des englifchen Parian ift lediglich eine Folge des Brennens im Oxydationsfeuer. Indem bei ungehindertem Luftzutritt gebrannt wird, oxydirt fich die kleine Eifenmenge im Thon zu rothbraunem Oxyd, während das Reductionsfeuer unferes Bisquitofens nur Eifenoxydul Salze entſtehen läfst, welche den Grund zu jener kalten, grünlich oder bläulich weifsen Farbe des Bisquits legen. Es war die Einführung der Parianmaffe ein grofses Verdienft Copeland's, der fie als ,, ftatuary biscuit" zuerft in vollkommener Weife anwandte und auch heute noch das Befte und Delicatefte darin leiftet. Seither hat fich deffen Erzeugung, die anfänglich Geheimnifs blieb, auch auf dem Continent verbreitet und in vielen Fabriken wird mehr oder minder gutes Parian erzeugt. Eine Neuigkeit, welche am beften nach Wedgewood's gefinterten Maffen zu reihen und auch zu befprechen wäre, brachte Villeroy und Boch aus Mettlach. Aehnlich wie bei den Henry- deux- Gefchirren legt diefer mehrfarbige Thone in eine, meift hellere Grundmaffe ein, aus welcher Vafen, Teller, meift aber Ziergeräthe geformt find. Die angewandte Technik, auf mechanifchem Wege das Einlegen des Ornamentes auf beliebig gekrümmten Flächen vorzunehmen, ift derzeit noch Geheimnifs der Fabrik, wie denn überhaupt das ganze Verfahren erft einige Monate alt ift und die Erftlingsarbeiten nach demfelben fofort die Ausftellung befuchten. Eigentlich ift die Technik nichts als eine Vervollkommnung und Ausdehnung jener Methode, nach denen in Mettlach die bekannten Fufsboden- Platten erzeugt werden. An den erwähnten Gefäfsen aus„ neuer Maffe" ift das Ornament mit grofser Präcifion, oft in den feinften Linien ausgeführt, und im grofsen Ganzen gut in Zeichnung, welche zumeift dem Renaiffanceftile angehört. Das Verdienft der Einführung diefes Verfahrens gebührt einem talentvollen und fehr ftrebfamen Künftler des Etabliffements. Eine eigenthümliche Maffe, welche in neuefter Zeit in immer grösseren Mengen zu den fchon erwähnten Fufsboden- Platten verwendet wird, fchliefst fich an das neue Steinzeug- Gefchirre in ihrer Zufammenfetzung an. Es find diefs jene, die von Boch und Villeroy in Mettlach, dann in neuerer Zeit auch von Frings& Comp. in Sinzig am Rhein zu Fufsboden- Tafeln u. dergl. mit beftem Erfolge verarbeitet werden. Namentlich erftere Fabrik brachte uns davon eine reiche Ausstellung älterer und neuerer Mufter, zum Theil von grofser Schönheit. Im Wefentlichen befteht die Maffe aus einem fchwer finternden Thone, welcher in feinen einzelnen Theilen durch Feldfpathflufs zufammengekittet ift. Dünne Schichten verfchieden gefärbter Thone werden neben einandergelegt, durch eine gröbere Hintermaffe vereinigt und auf die gewünſchte Plattendicke gebracht. Das Ganze gefchieht unter hydraulifchem Druck in halbfeuchtem Zuftande. Gebrannt werden diefe Steine im Porzellanfeuer in Kapfeln. Weniger reich, und auch minder vollkommen in der Farbengebung und namentlich weitaus fchlechter in der Zeichnung find die Platten der viel jüngeren, erft drei Jahre alten Fabrik von Sinzig; doch ift auch hier das Material von gleicher Vorzüglichkeit und einer enormen Härte, die erlaubt, Stahlfunken daraus zu ziehen. Die angewandten Farben find zumeift etwas matt und an den deutfchen Fabricaten übrigens viel weniger brillant als die in England hervorgebrachten. Auch die Zeichnung, die ganze Ornamentirung, entspricht nicht immer allen Anforderun gen, die wir an eine ftilvolle Flächendecoration zu ftellen berechtigt find. Dabei find an den deutfchen Fabricaten die Conturen noch lange nicht von jener Präcifion wie an den englifchen, die freilich auch im Preife höher gehalten find, als jene. Immerhin wäre es wünſchenswerth in diefer Richtung auch fortzufchreiten und jene exacte Arbeit der Engländer zu copiren. Die Thonwaaren- Induftrie. 69 Güte. Aufser den beiden genannten Fabriken befchäftigt fich in Deutfchland keine mit deren Erzeugung, weder in nennenswerther Quantität noch in gleicher Die nöthigen mafchinellen Einrichtungen, die Schwierigkeit der Thonzufammenfetzung, welche bei verfchiedenfter Färbung doch gleiche Härte im höchften Feuer erhalten müffen und gleichförmig dabei zu fchwinden haben, um fich nicht von einander zu trennen, Alles das find Bedingungen, welche nur fchwer zu erzielen find und die grofse Erfahrung und ein eingehendes Studium der zu verarbeitenden Thone erheifchen. Auch in diefer Induftrie wurde von Boch der Verfuch gemacht die Gasfeuerung einzuführen. Die Schwierigkeiten. welche hiebei zu überwinden find, müffen bedeutende fein, da wie verlautet, vorderhand trotz mannigfacher Opfer kein günftiges Refultat erzielt werden konnte. Nicht in derfelben Weife, doch auf ähnlichem Wege erzeugen die Engländer ihre fogenannten Enkauftik tiles, welche ihre Verwendung, fowie die Mettlacher Platten weniger zur Wandverkleidung als zum Fufsboden- Beleg finden. Leider ift die Ausftellung von manchen hervorragenden Plattenfabrikanten nicht befchickt worden, fo blieb ihr Maw& Comp. ferne, der nach Minton wohl die befte Waare, jedenfalls aber auch bedeutendere Mengen als erftere davon erzeugt. Die jüngften Verfuche im South- Kenfington- Muſeum haben die Vortrefflichkeit der Minton'fchen Fabricate gezeigt. Auf dem Fufsboden der Eingangshalle an den Tourniquets war, nachdem Hunderttaufende von Befuchern fie betre ten hatten, keine Spur der Abnützung feiner Platten zu fehen, fie haben fich nicht glatt gefchliffen und haben die aller anderen Fabriken überdauert. Minton Hollins& Comp. erzeugen heute in ihrer feit zwei Jahren im Betriebe ftehenden neuen Plattenfabrik zu Stoke upon Trent Millionen von Enkauftik tiles, deren Hauptmaffe aus Cornifh und Devonkaolin und einem feldfpathhaltigen Geftein, dem fogenannten Cornifh- Stone befteht. Unftreitig ift die Präcifion der Arbeit, die Nettigkeit des Deffins von den Deutfchen noch. lange nicht erreicht. Während dort hydraulifche Preffen angewendet werden, um die halbfeuchte pulverige Maffe zu comprimiren, wenden die englifchen Fabriken nur Spindelpreffen hiezu an, ähnlich jenen, die in dem Maſchinenraume der Ausstellung ftanden. Meift find die verwendeten Thone gelblichweifs und rothbraun gefärbt, doch waren auch viele andere Farben auf den ausgeftellten Platten zu fehen, welche jedoch alle die Bedingung hoher Feuerbeftändigkeit zu erfüllen haben. Gute Effecte werden erzielt, wenn die fo eingelegten Platten mit einer Glafur überzogen werden, welche den etwas matten Erdfarben erhöhtes Feuer verleiht. Robert Minton Taylor ift gleichfalls Specialift in der Erzeugung folcher eingelegter Platten. Beide Firmen erzeugen neben diefen auch noch die bekannten Majolicaplatten, die anderen Orts zu erwähnen find. Hier fei nur auch noch deren Mofaikwürfel gedacht, die in ähnlicher Weife, wie die Enkauftik tiles auf kleinen Spindelpreffen aus faft ganz ftaubtrockener Maffe geprefst und fofort in Kapfeln gebrannt werden. Solche Mofaikwürfel bilden das Material zu dem fogenannten permanent Fresco, von dem eine der allerbedeutendften Ausführungen am grofsen Friefs der Albert- Halle in London zu fehen ift. Es war vorzüglich das Verdienft von Herbert Minton, das Verfahren von Proffer angewendet und vervollkommnet zu haben. Nur durch Proffer's Methode der Preffung der Thone auf trockenem Thone ift deren Schwindung, welche jede Platte beim Trocknen erleiden mufs, zu umgehen, und die Möglichkeit geboten, einen fehr fetten, plaftifchen Thon zu verarbeiten. Auf dem angedeuteten Wege gelingt es eben Platten herzuftellen, welche wie aneinander gefchliffen erfcheinen, die fcharfkantig und völlig eben und, was mit die Hauptfache ift, von abfolut genau gleicher Gröfse find. Natürlich vertheuert die koftfpielige Zubereitung des Thones und die forgfältige Fabrication das Product. Zu Imitationen der glafirten Enkauftik tiles wurde 70 Dr. Emil Teirich. demnach bald gefchritten. Die Thonplatte wird mit dem Deffin bedruckt und glafirt. Um die Täufchung vollſtändiger zu machen, werden auch die Seiten der Platten mit Farbe fo behandelt, dafs die Dicke des eingelegten färbigen Thones daran fcheinbar erfichtlich ift. Auch folche Platten, welche natürlich nur zu Wandbekleidungen oder den in England vielfach beliebten Blumen- Jardinièren dienen können, waren ausgeftellt. Zwei Ausfteller Spaniens, wo die Wandverkleidungs- Platten feit den Zeiten der maurifchen Cultur ftets eine bedeutende Anwendung zu architektonifchen Zwecken fanden, haben auch die Fabrication der enkauftifchen Platten dort eingeführt. Nolla in Valencia erfreut fich in diefer Fabrication bereits feit längerer Zeit eines begründeten Rufes. Im wefentlichen erzeugt er Mofaiktäfelchen in ähnlicher Weife wie die Engländer, wenn auch nicht ganz fo präcife und bei Weitem nicht fo gelungen in der Farbe, welche oft, wie beispielsweife fein Blau, arg fleckig wird. Nichts deftoweniger bilden Nolla's Mofaik- Fufsböden einen Exportartikel Spaniens nach den füdlichen Häfen, und finden vor Allem in Italien und den füdamerikanifchen Ländern ein grofses Abfatzgebiet. Das Einlegen verfchiedener Thone in eine Platte behufs deren Deffinirung fcheint noch Schwierigkeiten zu verurfachen, wenigftens übt Nolla diefes Verfahren nur felten und nur zur Herftellung kleiner Eckftücke für die Borduren feiner Mofaikpflafter. Eine zweite Fabrik, die von Llevat Reus in Catalonien arbeitet in ähnlicher Weife. Ihre auf wenige Farben, wie Weifs, Gelblich, Braun- und Schwarz befchränkten Platten find jedoch vollkommen gleichtönig und recht forgfältig gearbeitet. An Härte werden fie von den Erzeugniffen Nolla's entfchieden übertroffen. Dort, wo es gilt, Thongefäfse von befonderer Feftigkeit und Undurchdringlichkeit herzuftellen oder wo dem Einfluffe eines kräftigen chemifchen Agens Widerftand geleiftet werden mufs, dort findet die ordinäre Steinzeug maffe eine zweckmäfsige und höchft fchätzenswerthe Anwendung. Mit den erhöhten Anforderungen unferer chemifchen Induftrie ftieg daher ebenfo die Erzeugung der Steinzeug- Gefäfse und Apparate, wie mit dem Fortfchreiten der modernen Bautechnik. Immer koloffaler werden die Säurenkrüge, die Condenfationsapparate für die Säurenfabrication, die Durchmeffer der Rohrleitungen, welch' letztere namentlich in jüngfter Zeit fehr häufig und mit allerbeftem Erfolge die gemauerten Abzugscanäle erfetzen. Befonders find es die Eifenbahnen, welche zu ihren kleineren Durchläffen grofse Quantitäten von Röhren alljährlich confumiren und welche beiſpielsweife in Oberfchlefien eine nicht unbedeutende Induftrie mit deren Erzeugung befchäftigen. Die Glafur folcher Steinzeug- Waaren variirt meift mit den gebrauchten Rohmaterialien. Nicht felten findet man anftatt der haltbaren und eigentlich für das Steinzeug ſpecififchen Salzglafur eine bleihältige verwendet, die bei niederer Temperatur aufgebrannt wird. Durch Auftrag leichtflüffiger mit brauner Farbe auffchmel. zender Thone wird zudem oft eine tiefbraune, beim ordinären Steinzeug beliebte Farbe ertheilt. Solche Ueberzüge werden leicht riffig und fetzen den damit verfehenen Gegenstand dem leichteren Verderben aus. Der gewöhnlichfte Fehler, den viele der ausgeftellten Steinzeug- Waaren zeigten, liegt in der zu geringen Temperatur, bei der die Sinterung der Maffe vorgenommen wird, deren Kern dann porös und unverbunden bleibt. In dem richti gen und gleichförmigen Brande, der gerade hinreicht, die ganze Materialftärke des Gefäfses zu durchdringen, ohne andere Theile deffelben fo zu erweichen, dafs eine Deformation eintritt, liegt die Hauptfchwierigkeit diefer Fabrication, welche im Uebrigen nur wenig Befonderes bietet. England dürfte heutzutage die gröfste Anwendung von Steinzeug- Waaren machen. Grofsartig eingerichtete Etabliffements befchäftigen fich entweder ledig Die Thonwaaren- Induſtrie. 71 lich mit der Fabrication folcher Producte oder vereinen damit die Erzeugung feuerfefter Steine. Dort wurde übrigens auch die äfthetiſche Seite der SteinzeugInduftrie ausgebildet und manche trefflich modellirte Krüge, Schalen und fonftige Gefäfse fanden wir unter der Ausftellung von Dulton& Watts in Lambeth, welche unftreitig die hervorragendfte Firma in der Behandlung des Steinzeuges ift. Ihre grofsen Fabriken find faft durchgehends ausgezeichnet eingerichtet und ift dort namentlich die Bearbeitung des Thones auf mechanifchem Wege, auf der Drehbank u. f. w. im ausgedehnteften Mafse eingeführt. Die Hauptftärke der Fabrication liegt hier in den Erzeugniffen von falzglafirten Gefäfsen für die chemifche Induftrie, Röhrenleitungen für die Bewäfferung und Beriefelung, Abortfchläuchen u. f. w., die alle in den gröfsten Dimenfionen und mit anerkennenswerther Präcifion erzeugt find. Röhren vom gröfstem Diameter find trefflich gearbeitet, fehr fchön rund erhalten, und mit angeprefsten, nicht erft fpäter angefetzten Muffen verfehen, wozu in England allgemein Mafchinen und zwar der verfchiedenften Conftruction verwendet werden. Die von Dulton benützte prefst zuerft die Muffe und daran fofort das Rohr. Die Säurepumpen Dulton's mit Thonventilen und Asbeftpackung find wohl die vorzüglichften ihrer Art und haben wahrlich einem dringenden Bedürfniffe abgeholfen. Eine grofse Verbreitung und Anwendung verfchaffte Dulton feiner Briftolwaare, die im Wefentlichen aus einer fein bearbeiteten Steinzeug- Maffe erzeugt und nach dem Trocknen mit einer etwas bleihaltigen, oft fehr verfchieden zufammengefetzten Glafur durch Eintauchen überzogen wird. Hiebei ift man im Stande, durch theilweifes Tauchen in hellere und dunkler gefärbte Glafurmaffen verfchiedene recht warme Farbentöne zu erzielen. Die Waare wird gebrannt bei gleicher Temperatur, wie die mit Salzglafur, doch darf das Feuer die eingebauten Stücke nicht berühren. Ein eifriges Streben, immer neue Verwendung für das fehr treffliche Materiale zu finden, ift bei Dulton unverkennbar. Von weniger Bedeutung als Handelswaare, wenn auch mitunter nicht ohne befonderem Reiz find die decorativen Stücke, namentlich manche Gefäfse, Krüge etc., die Dulton erzeugt. An und für fich fchon verträgt die Maffe fchwerer eine feine Modellirung, immerhin könnten aber namentlich die Figuren auf diefen Gefäfsen beffer durchgebildet fein. Recht hübfch machten fich die eingravirten Ornamente und die flüchtig unter der Salzglafur angelegten blauen und braunen Töne. Einige Reliefplatten, welche beftimmt find, zur Decoration, als Füllungen für Möbel, Cabinette etc. zu dienen, waren recht gut und warm in der Farbe. Die Anwendung von Thonwaare in der Möbelinduftrie als Decorationsmittel nimmt fichtliche Fortfchritte in England. Eine andere Art des Steinzeuges ift die fogenannte Claretwaare, die im Wefentlichen durch Zufatz von Farben in die Maffe felbft erzeugt wird. Die Färbungen, welche der enormen Hitze des Steinzeug- Ofens ebenfo fehr zu widerftehen haben, wie der Einwirkung der Kochfalz- Dämpfe find wenige. Alle erleiden faft eine Veränderung. Braun und Graugrün ift leicht zu erreichen und von guter Wirkung. Dulton erzeugt diefe Specialität erft feit wenigen Jahren und ftellte einige fehr fchöne Stücke davon aus. Ein ähnliches Fabricat, nur weniger ausgebildet nach feinen verfchiedenen Richtungen, bringt H. Doulton& Comp. gleichfalls in Lambeth, das eigentlich zum Theile unglafirte, fehr hart gebrannte und ihres hohen Eifengehaltes wegen ftark finternde Klinkermaffe ift, die denn auch wirklich, ähnlich den Münchner Trottoirfteinen, zu folchen, dann aber auch zu Canalröhren u. f. w. verarbeitet wird. Es ift diefs die fogenannte terro metallic oder blue Staffordſhire- Waare, die feit einigen Jahren fich vielfach Eingang in der englifchen Bautechnik zu verfchaffen wufste. In derfelben Weife arbeitet Wood& Ivery in Staffordſhire, deffen wir bereits gelegentlich der Befprechung der Ziegel- und Terracotta Induftrie zu gedenken hatten. Diefe Erzeugniffe fowie die fchon genannten 72 Dr. Emil Teirich. Münchner Pflafterplatten, welche in ähnlicher Weife aus einem ftark eifenhältigen und darum leicht finternden Thon in Maffen hergeftellt werden, bilden eigentlich den Uebergang vom Steinzeug zum Klinker und von diefem zum ungefinterten Ziegel und Terracotta- Materiale. Paul Eckhardt in Grofsheffelohe bei München war der einzige Ausfteller in diefer, für fteinarme Gegenden hochwichtigen Induftrie, der München und mancheandere baierifche Stadt ein gutes Trottoir verdankt. Bedeutende Fortfchritte hat Deutfchland in der Erzeugung von. Steinzeuggefchirren für die Zwecke der chemifchen Fabriken vornehmlich gemacht. Immer gröfser werden die Anforderungen an den Fabrikanten, hinfichtlich der Präcifion feiner Arbeit und der Ausdehnung, welche er feinen Gefäfsen zu geben. vermag. Eine der hervorragendften Ausftellungen diefer Art brachte uns Fikentfcher aus Zwickau in Sachfen. Gefäfse aus trefflicher Maffe, mit guter Salzglafur verfehen, von ganz enormen Dimenfionen, Röhren von grofsen Durchmeffern und die immer mehr in Aufnahme kommenden Dunft- und Rauchfänge für Locomotivfchupfen, waren beachtenswerthe Leiftungen. Eines der renommirteften Gefchäfte diefer Art ift das von Geith in. Coburg, welches Ausgezeichnetes in jeder Hinsicht liefert; Naumann in Plottenburg( bei Altenburg) brachte Röhren etc. in kleineren Dimenfionen. Bedauerlich ift es, dafs die eigentlichen Bitterfelder Fabrikanten der Ausftellung ferne geblieben find. Dort wird eben die Steinzeug- Induftrie lebhaft betrieben, unterſtützt durch ein vorzügliches Materiale. Nur Jahn, eine der jüngsten. Firmen, brachte Rinnfteine und Röhren etc. mit Salz- oder leichtflüffiger Thonglafur. Weit ausgedehnter ift der Gefchäftsbetrieb von Gebrüder Nordmann in Treben und Hafelbach( Altenburg), der geradezu koloffale Röhren und Säurebecken von guter Arbeit ausgeftellt hat. Erwähnen wir endlich noch die Erzeugniffe der Clarahütte, die Apparate für Wiefenbewäfferung und die zur Sperre der Zweigleitungen nöthigen Ventilgehäufe als Specialität. Durchwegs gute Waare hatten die Rheinifchen Thonwaaren- Fabriken. gebracht, denen trefflicher Rohftoff zur Verfügung steht. Schade, dafs das einzige, aber fchön gearbeitete, in der Maffe fehr gute Stück von Gerz& Söhne in Höhr bei Coblenz, ein Kaminauffatz, beim Transport in Brüche ging. Die verwendete graue, äufserft dichte Maffe und die fchöne Ausführung macht den Wunſch rege, mehr von diefer allerdings nicht fehr grofsen Fabrik zu fehen. Thewaldt, gleichfalls aus Höhr im Naffau'fchen, verarbeitet in einem kleinen Etabliffement. feinen guten Thon zu weifslichem Steinzeug, das chemifch- pharmaceutifchen. Zwecken zu dienen hat. Auch die Erzeugniffe von Gebrüder Knödgen in Baumbach bei Coblenz, ein fehr dichtes, hellbraunes Salzglafur- Gefchirr, Krüge u. f. w., verdienen ihrer Qualität nach eine lobende Erwähnung. In Deutſchland erhält das Steinzeug- Gefchirr hie und da eine etwas künftlerifche Decoration, die zumeift der alten Weife des Mittelalters nachgebildet. ift. Bekannt find die Krüge und Kannen von V. Merkelbach in Grenzhaufen im Naffau'fchen, der feit Langem fchon die Fabrication folcher Gefäfse aus grauer, falzglafirter Steinzeugmaffe treibt, und ihnen mitunter keine zu fchlechten Formen gibt. Gewöhnlich find die Zeichnungen darauf durch eingravirte Linien begrenzt und die Flächen mit Blau unter der Salzglafur, ähnlich jenen von Dulton bemalt. Einige der ausgeftellten gröfseren Stücke fanden mit Recht allen. Beifall ihrer guten Form und Ausführung wegen. Auch A. Saeltzer in Eifenach brachte die, den Befuchern der Wartburg wohlbekannten Krüge und Humpen nach gut altdeutfchen Motiven, die als Erinnerung an einen intereffanten Ausflug von den Reifenden gerne trotz der ungerechtfertigt hohen Preife mitgenommen werden. Weniger gut in Form und Ausführung wollten uns endlich die Gefäfse, Reliefplatten und Figuren von H. Jannafch in Bernburg( Anhalt) gefallen. Die Thonwaaren- Induſtrie. 73 Die verwendete Maffe von weifsgelbem, falzglafirtem Thon ift unterdeffen trefflich und wird von demfelben Etabliffement in ausgedehnterer Weife zu WafferLeitungsröhren, Kühlfchlangen und fo fort verarbeitet, die ein fehr ftarkes und dichtes Ausfehen haben. In Belgien, gleichfalls den Bedürfniffen der chemifchen Induftrie folgend, hat die Steinzeug- Fabrication, namentlich jene mit Salzglafur neuerliche Fortfchritte gemacht, die uns freilich nur die Société anonyme des Terres plaftiques& produits réfractaires d'Andenne vor Augen führte. Cylinder von I Meter Durchmeffer bei eben fo viel Höhe, aus fehr gutem, feftem Materiale, zur Säureaufbewahrung; Ziegel aus Steinzeug behufs Herftellung von Salzfäure- Condenſationsthürmen, endlich als Meiſterſtück eine thönerne Kühlfchlange von fehr fchöner Arbeit und ein Tellerapparat für die Schwefelfäure- Fabrication wären hier zu erwähnen. Zudem find die Preife billig und, wie fchon bemerkt, die Arbeit vollendet. Die Fabrik, welche durch ihre feuerfeften Erzeugniffe weltbekannt wurde, ift trefflich geleitet. Oefterreich hat bis in die letztere Zeit nur wenig bedeutendere Leiftungen diefer Art aufzuweifen gehabt. Die Anfänge, welche die Königsaaler Fabrik mit der Einführung diefer Induftrie nothgedrungen machte, fie blieben lange ohne eigentlichen Nachfolger. Erft jetzt, in den letzteren Jahren, haben einige Etabliffements die Erzeugung falzglafirter Waare aufgenommen, ohne dafs man diefen jüngeren Gefchäften immer das Befte nachrühmen kann. Die Zufammenfetzung der Maffe ift noch immer viel zu wenig ftudirt. Es fehlt ihr an durchgehender Sinterung und nicht felten find es lediglich Imitationen von Steinzeugwaaren, feuerfefte Producte mit leichtflüffigen Glafuren, welche hier unter dem Namen Steinzeug fabricirt werden. Lederer& Neffeny in Floridsdorf bei Wien ift eine diefer jüngeren Fabriken, welche fich übrigens einen gröfseren Wirkungskreis erworben hat. Schornfteinauffätze, Futtertröge, Röhren find deren vorzüglichfte Producte, aus denen eine Fontaine zu arrangiren jedenfalls bizzar genug war. Macht letzteres Object auch keine äfthetifche Wirkung, fo zeigt es doch manche gute Seite der Fabrication, und mag daher als Illuftration derfelben nicht allzu ftrenge beurtheilt werden. Schäffner, gleichfalls in Floridsdorf bei Wien, treibt, wenn auch mit geringeren Mitteln und nicht ganz demfelben Erfolg, eine ähnliche Fabrication, deren Abfatzgebiet fich mit der Zeit wohl wefentlich noch vergröfsern wird. Die beiden vorgenannten Fabriken arbeiten vorwiegend für den Wiener Baubedarf und find die einzigen, welche daher genöthigt werden, auch hinficht. lich der Formgebung hie und da den Wünfchen eines Architekten nachkommen zu müffen. In brillantefter Weife hat die Hrufchauer Fabrik von Miller's Erben& Hochftetter ihre falzglafirte Waare ausgeftellt. Ein Säurekrug von ganz enormen Dimenfionen und trefflich gearbeitet, dann ein reichhaltiges Sortiment der fchwierigften Gefäfs- und Röhrenformen waren da zu fehen, ziemlich das Allerbefte auf der ganzen Ausftellung. Die gräflich OettingenWallerstein'fche Fabrik zu Königsaal hat gleichfalls in der Maffe fowohl als Präcifion der Arbeit Ausgezeichnetes geleiftet und ihren alten Ruf glänzend bewährt. Von vorzüglicher Schönheit und befonderer Güte fanden wir die reiche und grofse Ausftellung des öfterreichifchen Vereines für chemifche und metallurgifche Production in Auffig an der Elbe. Ein grofser SäureCondenfationsthurm, vollſtändig montirt, und eine aus achtzehn Gefäfsen beftehende Salpeterfäure- Batterie, gleichfalls zufammengeftellt, erwiefen die vorzügliche, präcife Fabrication und fchöne dichte, mit gleichförmiger Salzglafur überzogene Maffe, die im fcharfen Feuer trefflich geftanden hat. 74 Dr. Emil Teirich. Einige kleinere Fabriken, fo die von Moft auer in Eger und manche andere ftellten meift unbedeutendere Gegenftände aus und befchränken fich gewöhnlich auf die Erzeugung von Wafferröhren, Abortfchläuchen und Aehnlichem in kleineren Dimenfionen. Von grofser Bedeutung, namentlich für das nördliche Böhmen, ift die Erzeugung der fteinernen Mineral- Wafferkrüge, die bei Bilin und Karlsbad betrieben wird, und ganz erftaunliche Quantitäten zu billigften Preifen an die Brunnenverwaltungen abgibt. Solche Krüge, aus weifsgrauer Maffe, die fich im Oxydationsfeuer aufsen etwas roth färbt, find ftets mit Salz glafirt. DAS PORZELLAN. Die europäifche Porzellaninduftrie hatte zur Zeit ihres Entftehens nur japanifche und chinefifche Vorbilder, aus denen der, bei Einführung des neuen Stoffes herrfchende Rococoftil anfänglich abfolut nichts zu machen wufste. Keine alte Tradition, kein Kunftftil als Vorgänger, diente zum Anfchluffe an Beftehendes. Die erften Porzellangefäfse, die nach Europa kamen und nur koftbare Prunkftücke, aber keineswegs Gebrauchsgegenstände waren, blickten fremd in die fie umgebende europäiſche Formenwelt. Bekanntlich war der Apothekerlehrling Böttcher in Meifsen der Erfinder des fogenannten rothen Porzellans um 1705 und des harten weifsen vier Jahre fpäter. Er ift der Begründer der Meifsner Fabrik, die von Seite des Staats durch den Kurfürften von Sachfen im Jahre 1710 errichtet wurde. " Acht Jahre später unterzeichnete Carl VI. am 27. Mai 1718 zu Laxenburg ein ausfchliefsliches kaiferliches Privilegium, durch welches die drei Inhaber, der Holländer du Paquier, der ehemalige Werkmeifter Stenzel der Meifsner Fabrik und ein Kunftarbeiter, Conrad Hunger, berechtigt wurden, die durch ungemein heimliche Wiffenfchaft, Mühe, Sorge, Fleifs, Gefahr und Unkoften, ohne dafs das Aerar im geringften etwas dazu vorfchiefsen durfte, erzeugte, feingemalte, gezierte und auf allerhand Art fabricirte Porzellanmajolica und indianifches Gefchirr, Gefäfs und Gezeug, wie folche in Oftindien und anderen fremden Ländern gemacht werden, allein zu erzeugen und fowohl im Grofsen als im Kleinen in den gefammten Erbländern zu verkaufen". Die Wiener Fabrik begann demnach mit Privatmitteln zu arbeiten, zeigte fich jedoch bald unrentabel und ging im Jahre 1744 unter Maria Therefia's Regierung in die Hände des Staates über. Trotz vieler Mängel, die diefem Inftitute anhafteten, trotz der geringen Rentabilität feines gefchäftlichen Betriebes. ift deffen erfolgte Auflaffung im Jahre 1865 tief zu beklagen. Die Wiener Fabrik war die Pflanzftätte der öfterreichifchen keramifchen Induftrie, das Wiener Porzellan hatte nicht nur einen eigenen, ganz originellen Stil gefchaffen, der dem gewundenen Schnörkelwefen des Rococo einen Damm entgegenfetzte, fondern leiftete in der Decoration der Flächen geradezu Bedeutendes durch Gründung einer Porzellan- Malerfchule ebenfofehr, wie durch Einführung neuer technifcher Verfahren. Eine Reihe der beften Kräfte waren fo herangezogen worden, Kunft und Kunftfinn waren in der Entwicklung begriffen, die Saat früherer Weltausftellungen begann auch in Oefterreich zu keimen und Wiens aufftrebende Architektur hob und pflegte alles Kunftgewerbe; man fah, es müffe ein Centrum, eine Pflanzftätte des künftlerifchen Strebens gefchaffen werden, und man gründete nach dem Vorbilde des South- Kenfington- Muſeums das öfterreichifche für Kunft und Induftrie, aber man hob faft zu gleicher Zeit die öfterreichifche k. k. Porzellanmanufactur auf, zu einer Zeit, wo fie fo recht erft ihre fegensreiche und eine tonangebende Thätigkeit unter dem Einfluffe der günftigeren Gefchmacksrichtung hätte beginnen können. Für wenige Hundert Gulden wurden die koftbarften Formen und Modelle an einige Steingut- und Thonwaaren- Fabrikanten hingeworfen, und was noch Die Thonwaaren- Induſtrie. 75 mehr ift, die tüchtig gefchulten Kräfte zerfplittert, die unter dem Einfluffe einer faft anderthalb Jahrhunderte dauernden gefchäftlichen Thätigkeit und den alten Kunfttraditionen, wenn auch durch fchlechte Leitung nicht richtig ausgenützt, doch das Materiale zu einer äufserft erfpriefslichen Thätigkeit hätten abgegeben.. Freilich wird der begangene Fehler, wenn auch nur ftillfchweigend, zugegeben und man trifft eben jetzt Anftalten zur Gründung einer keramifchen Verfuchsftation als Appendix des öfterreichiſchen Muſeums. Hoffen wir, dafs die richtigen Kräfte dort herangezogen werden, denn wir werden hier bald fehen, dafs die öfterreichiſche Gefäfsbildnerei derfelben dringend bedarf. Das gleiche Schickfal der Auflöſung hätte beinahe das um 1738 vom Marquis de Fuloy gleichfalls aus Privatmitteln in dem Schlofs zu Vincennes errichtete und 1750 nach Sèvres verlegte Etabliffement getroffen, das erft zu jener Zeit vom Staate durch die Fermiers généraux" übernommen wurde. Der Kataftrophe von 1870 konnte diefe alte und vielberühmte Fabrik nicht widerftehen, fie fank faft gänzlich in Trümmer und begrub darunter Schätze, die zum Theile nicht wieder gefördert worden find. Aber mit feltener Energie und in richtiger Erkenntnifs der Nothwendigkeit des Fortbeftandes eines fo hochwichtigen Kunftinftitutes arbeitete man an der Reconftruction der zerftörten Fabrik, die auf der diefsjährigen Ausftellung wieder mit neuen Erzeugniffen aufzutreten vermochte. England machte fich den damaligen vorübergehenden Vorfall von Sèvres zu Nutzen und nahm die beften Kräfte der Fabrik mit Freuden auf. So fahen wir im Jahre 1871 bei Minton fchon aufser St. Arnoux noch Leffore, Mouffile und andere Künftler erften Ranges thätig. Dort freilich wird nach Böttcher's Erfindung nicht gearbeitet. England verwendet zu feinen Ausführungen die Grundmaffe des weichen Porzellans, das, unabhängig von dem harten und ganz verfchieden von deffen Zufammenfetzung, fchon in Italien um 1581 bekannt war und fpäter um 1671 durch einen Dr. Dwight in Fulham eingeführt wurde. Die Sucht, das importirte chinefifche Product imitiren zu können, führte auf die Entdeckung des weichen Porzellans viel früher als auf die des harten. Kaolin, das ausgewafchene Verwitterungsproduct des Feldfpaths in faft chemifcher Reinheit, und das Muttergeftein desfelben, der Feldfpath felbft, beide in den verfchiedenften Mifchungsverhältniffen geben die Grundmaffe des harten Porzellans und erfordern zur Anregung ihrer Verbindung zu einem neuen eigenthümlichen Körper eine der höchften Temperaturen, die in unferer Induftrie Verwendung finden. Bei folcher Hitze fintert die Mifchung zu einer rein weifsen, kryftallinifchen, allen Agentien höchft widerftandsfähigen Maffe, die den Temperaturswechfel erträgt und von bedeutender Härte und Klang ift. Die Glafur befteht im Wefentlichen aus den Stoffen der Grundmaffe, aber in geänderten Verhältniffen. Sie erfordert faft die gleiche Temperatur wie das Bisquit zum Brennen, und da nur wenige Farben bei folcher Temperatur Stand zu halten vermögen, wird es meiftens nöthig, ober der Glafur erft zu malen und die Farbe an der Muffel einzubrennen. Viel complicirter ift die Zufammenfetzung dęs weichen Porzellans. Eine Reihe von mehr oder minder feuerbeftändigen Thonen, Kaolinen von kalkhältigen Maffen, werden meift zu einem Gemenge verarbeitet, das fich durch einen Zufatz von phosphorfaurem Kalk gewöhnlich in Form von Knochenafche charakterifirt, welch' letzterer Zufatz die Schmelzbarkeit erhöht, die Maffe diaphan und milchig weifs macht. " 9 Solches weiches" Porzellan ift dann freilich leichter zu brennen, erfordert geringere Hitze und legt namentlich der plaftifchen Decoration die geringften Schwierigkeiten in den Weg. Die Glafur, ftets zinn- oder bleihältig, befteht zudem aus Quarz, Kali und Natron. Sie fchmilzt leicht, geftattet einen Farbenauftrag fowohl am Bisquit, als nach dem Glafiren und nimmt die aufgetragenen Emailfarben fo 76 Dr. Emil Teirich. gut auf, dafs diefelben faft in die Glafurmaffe eingefunken erfcheinen, während fie beim harten Porzellan meift etwas erhaben ftehen bleiben. Die Dauerhaftigkeit des weichen Porzellans ift eine geringere, die Glafur und Decoration eine weniger haltbare, aber die Leichtigkeit und relative Billigkeit von deffen Erzeugung haben ihm feine Stellung gefichert und namentlich in England wohl dauernd befeftigt. Die alte Sèvresfabrik, urfprünglich in St. Cloud um 1695 etablirt, arbeitete mit weichem Porzellan bis zur Einführung der Böttcher'fchen Erfindung, von welcher Zeit die Anwendung der weichen Maffe verfchwindet. Dr. John Dwight gründete die erfte Fabrik weichen Porzellans in Fulham 1671 die Fabriken in Bow und die in Chelſea folgten ziemlich fpät um 1730, aber der gröfste Auffchwung der englifchen Porzellaninduftrie datirt von der Aufdeckung der Kaolinlager von Cornwall durch William Cookworthy um 1755, dem Gründer der Briftolfabriken, welche lange Zeit tonangebend in diefer Induftrie geblieben find. Unterdeffen gewann auf dem Continente die Erfindung Böttcher's trotz ängftlicher Bewahrung des Geheimniffes rafche Verbreitung und erfreute fich eines befonderen Schutzes aller regierenden Fürften. Ringler, ein Arbeiter der Wiener Fabrik, gründete 1740 die Fabrik zu Höchft bei Mainz, zehn Jahre fpäter fabricirt fchon Kaufmann Wegeli nach Art der Höchfter Fabrik Porzellan in Berlin und legt den Grund zur heutigen königlichen Berliner Porzellanmanufactur, die neu regenerirt, auf der diefsjährigen Ausftellung noch immer anerkennenswerthe Leiftungen vor Augen führte. Friedrich II. verwandelte 1763 die Fabrik in Staats eigenthum. Um 1747 wird die Fabrik in Neudeck gegründet und fiedelt 1758 nach Nymphenburg über als königliches Etabliffement. Baron Ivan Antinowitfch richtet die Fabrik in St. Petersburg ein, welche 1765 durch Olfonfieff vergröfsert und erweitert wird. Keine Induftrie erfreute fich je fo hohen Schutzes, wie die des Porzellans, keiner ftanden zur rafchen Entwicklung folche Mittel zu Gebote, und überblickt man die erzielten Leiftungen, fo mufs zugegeben werden, dafs für den relativ kurzen Beftand diefer Induftrie in Europa viele und bedeutende Errungenfchaften in techniſcher und künftlerifcher Hinficht zu verzeichnen find. Weiter, viel weiter müfste aber trotzdem die Porzellaninduftrie fortgefchritten fein, hätte nicht gerade hierin eine Geheimnifskrämerei geherrfcht, die eine Mitwirkung von Aufsen her faft zur Unmöglichkeit machte. So gefchah, wenigftens im erften Jahrhunderte ihres Beftandes, die Entwicklung der Etabliffements von Innen heraus, denn nur die wenigen, unmittelbar damit in Verbindung geftandenen Kräfte, konnten fich mit Erfolg an einer Ausbildung der künftlerifchen und technifchen Verfahrungsweifen verfuchen. Die letzte Weltausftellung zu London im Jahre 1871, auf welcher die keramifche Induſtrie in einer bis dahin nie gefehenen Ausdehnung vertreten war, wies bereits im grofsen Ganzen genommen, trotzdem fie ein richtiges und abgefchloffenes Bild eigentlich nur von der englifchen Porzellanmanufactur geben konnte, einen wefentlichen Fortfchritt gegen 1867 nach. Diefer Fortfchritt ift abermals zu conftatiren, er ift deutlich zu fehen an der grofsen Ausbildung, welche die Technik der Porzellaninduftrie erhielt, und faft noch mehr, follte man meinen, an dem allerdings nur allmäligen Verlaffen des alttraditionellen Formenkrames und dem Streben nach reineren, künftlerifchen, dabei aber den Anforderungen des Gebrauches entſprechenden Modellen. In eigenthümlicher Weife geht hier die bildende Kunft mit der Technik Hand in Hand, ftets in reger Wechfelwirkung auf einander. Die eigene geiftige Armuth, die allgemeine Corruption des Gefchmackes und der Richtung des Kunftgewerbes bis in die Mitte diefes Jahrhunderts und der Widerwille, den berechtigten Einfluss des Künftlers in der Induftrie gelten zu laffen, führte den Fabrikanten, getrieben von der Unerfättlichkeit der Mode, die immer Neues verlangte, die ftete Nahrung brauchte, zur Umfchau nach bequemen Vorbildern. Die Imitation des Alten begann, freilich erft unvollkommen, weil das Die Thonwaaren- Induſtrie. 77 Verſtändnifs der alten Formenwelt fehlte, weil kein Kunftfinn bei der Auswahl nichts denfelben zur Seite ftand und weil die Technik zur Reproduction nicht ausreichte. So aber wurde wenigftens das Studium guter alter Vorbilder eingeleitet. Das Streben nach einer, auch heute noch nur allzuhäufig beliebten fklavifchen Nachbildung folcher Gegenftände, führte zur Wiederaufnahme alter, längft in Vergeffenheit gerathener Fabricationsproceffe und zur Entdeckung neuer. Minton in England, Ginori in Florenz und auch unfer Landsmann Fifcher in Herend gehen beiſpielsweife in folcher Weife vor. Die Ausftellung zeigte daher eine grofse Zahl von Porzellanen aus den verfchiedenften Stilepochen, die Formenwelt des Orients wird geplündert, aber felten nur wahrhaft verftanden und dem modernen Gefchmacke affimilirt. Aber auch hierin ift ein Fortfchritt unverkennbar und beifpielweife find die Compofitionen Binn's von der Worceſter Company im japanifchen Stile, was man im Allgemeinen auch gegen diefe Gefchmacksrichtung fagen möchte, doch fehr verftanden und ein Beiſpiel von dem Hineinleben des Künftlers in eine Stilrichtung, ohne in eine geiftlofe Imitation zu verfallen. Jedenfalls ift die techniſche Seite der Porzellaninduftrie heute weiter ausgebildet als die äfthetifche, wenn auch eine wefentliche Bereicherung der letzteren feit 1871 nicht ftattgefunden hat, ja kaum ftattfinden konnte. Uns möchte es zudem bedünken, dafs es vielleicht gerathener wäre, nicht allzu vielerlei Arten der Technik in einem Etabliffement, mitunter nicht ohne mancherlei Schwierigkeiten, einzuführen, und dafür lieber Specialitäten zu cultiviren, deren man vollſtändig Herr wird und auf deren technifche und künftlerifche Durchbildung und Vollendung die ganze, ungetheilte Kraft gelegt wird. Die Sucht nach immer Neuem führt zudem nicht felten auf Abwege. Greifen wir fofort ins Volle, da ift wieder die Worcefter- Company mit ihren Terracotta- Imitationen in Porzellan. Verdient es fchon in gewiffen Fällen Tadel, einem unedleren Stoffe in der Induftrie die Rolle eines feinen anzuweifen, wozu ihm jede Eigenfchaft fehlt, fo ift es bitter zu beklagen, wenn man fich beifallen läfst, die guten Eigenfchaften des Porzellans zu mafkiren und diefem reizenden Stoffe die Rolle der ordinären gebrannten Erde, der Terracotta, ſpielen zu laffen. Der Gedanke an die überwundene Schwierigkeit des matten, höchft gleichförmigen, braunen Auftrages über die Fleifchtheile kann hiefür nicht entfchädigen und die wirklich anerkennenswerth gute Modellirung der Stücke läfst nur bedauern, dafs der fchön durchbildeten Form nicht auch der Reiz des trefflichen Materiales zu Gute kommt. Die Sucht der Imitation führt aber weiters auch zu Fehlern, welche ihren Grund darin finden, dafs hartem Porzellan die Decorationsweife des weichen, der berühmten Pâte- tendre von Sèvres zugemuthet wird. Die Natur des zu behandelnden Stoffes fträubt fich dagegen, der Chemismus der ganzen Fabrication ſteht dem entgegen. Es iſt unmöglich die Farbenpalette, welche unter der Bedingung des geringeren Hitzegrades, des leichten Flufsmittels und der auffaugenden Unterlage des weichen Porzellans die Anwendung der herrlichften Halbtöne und die Verfchmelzung der Uebergänge zuläfst, auf das harte Porzellan zu übertragen. Der Künftler ift durch die erforderliche, enorme Feuerbeftändigkeit feiner Farben befchränkt, diefelben bleiben auf der Oberfläche der Glafur ftehen und zarte Uebergänge find kaum oder nur mit Aufwand aller Technik möglich. Ein unfruchtbares Bemühen! Ein Effect der Farbe, eine Wärme und Sattigkeit der Töne, wie fie der Fayence eigen ift, bleibt aus denfelben Gründen dem Porzellan überhaupt unerreichbar. Warum alfo immer und immer wieder Majolicas in Porzellan copiren, warum nicht einen richtigen decorativen Stil desfelben verfolgen und durchführen. Die öfterreichifche Ausftellung zeigt beifpielsweife bei Fifcher in Herend folche gequälte Malerei auf Hartporzellan, welcher die Sèvreswaare zum Vorbilde diente. Einen ehrenvollen Platz in der Porzellanfabrication nimmt Oefterreich ein. Wie in England dem Einfluffe des South- Kenſingthon- Mufeums ein wefentlicher .78 Dr. Emil Teirich. Fortfchritt in der künftlerifchen Behandlung des Porzellans zuzufchreiben ift, fo hat bei uns das öfterreichifche Muſeum für Kunft und Induftrie ein unleugbares Verdienft um die Verbefferung der Gefchmacksrichtung. Diefs gilt ebenfo von der Bronce- und Möbelinduftrie als von der Poterie. Auch unfere moderne Porzellaninduftrie beginnt das Streben der alten Wiener Fabrik endlich wieder aufzunehmen, das alte chinefifche Formenwefen auszurotten und den Stil des Porzellans, wenigftens jenen der Gebrauchsgegenstände zu regeneriren. Die Formen der anderen Zweige der Thonwaaren- Induftrie können uns hierin zum Vorbilde dienen. Grofse Variationen, ganz neue, bisher noch nicht angewandte Gefäfsprofile für das Gefchirr zum häuslichen Gebrauche werden wir freilich nicht in grofsen Mengen finden. Es iſt zudem ganz eigenthümlich, wie in den verfchiedenften Ländern manche Gefäfsformen fich unabhängig von einander und doch fo vollſtändig ähnlich durch die Hausinduftrie zu entwickeln vermochten, um endlich als anerkannt praktifch und dem Zwecke völlig entfprechend, mit erftaunlicher Confequenz durch Jahrhunderte unverändert forterhalten zu bleiben.. Diefs ift natürlich mehr der Fall, wo die Segnungen unferer überfeinerten Civilifation noch nicht durch das Gefchenk der Mode die natürliche Kunftrichtung aus ihren Bahnen gedrängt haben, wo nicht eine fpeculationsfüchtige Fabrication an der Verderbnifs des Gefchmackes arbeiten konnte. Von dort her aber müffen wir unfere Urformen holen, an denen dann freilich nur weniges durch Verfeinerung der Profillinie, durch Modellirung und Anfatz des Henkels zu ändern fein wird, wenn nicht wieder die Beftimmung des Gefäfses ganz oder theilweife der Form geopfert werden foll, wenn die Eigenfchaften des ficheren Aufbewahrens und Entleerens von feften oder flüffigen Körpern die Tragbarkeit und handliche Geftalt, wenn die leichte Reinhaltung oder die Stabilität des Gefchirres nicht leiden foll. Beim Nutzgefäfs- das fehen wir bleibt für den Künftler kaum viel mehr als die Fläche zur Anbringung feiner Decors. - Anders verhält fich's mit dem Ziergeräth. Hier mag gröfsere Freiheit gelten, hier fallen manche Schranken für die Phantafie des Decorateurs. Aber auch hier möchten wir glauben, dafs ein Allzuviel fchaden könnte. Meift fehlen unfere Künftler darin, dafs der ganze Körper des feinen Porzellans mit der farbigen Decoration gedeckt und damit deffen fpecififche, gute Eigenfchaften maskirt werden und verloren gehen. So fehr daher die farbige Decoration des Porzellans gewünſcht werden mufs, fo darf diefelbe, glauben wir, doch nie fo weit gehen, den ganzen disponiblen Raum zu occupiren. Stets foll der natürliche Ton des Materiales auch als der wirkliche Träger des Ornamentes zur Geltung kommen. In diefem Sinne wären dann freilich die über und über bemalten Fayencevafen eines Ginori ebenfo verwerflich wie gewiffe Porzellangefäfse, die z. B. Denk ganz mit einer Imitation von Champ- levée Email überzogen hat, fo fehr wir auch das Verdienftliche der gelungenen, höchft fubtilen Ausführungsweife anerkennen müffen. Wir kommen hiebei auf die Terracotta Imitation von Worceſter zurück die wir bereits tadelnd erwähnten und müffen als Beiſpiel einer ähnlichen Verirrung die ganz übergoldeten Henkel und Gefäfse von Fifcher und Mieg oder die grofse Vafe der kaiferlich ruffifchen Manufactur anführen. Hier wird der ganze Charakter des Thongefchirres verleugnet und die Illufion einer Goldoder Broncemontirung angeftrebt, wobei natürlich natürlich der beftehende innere Zufammenhang der Theile geleugnet ift. Die moderne Anfchauungsweife differirt, wie wir mit Vergnügen conftatiren konnten, bereits entfchieden mit der alten, das Porzellangefäfs wird doch fchon feltener lediglich zum Träger eines Bildes, einer, mit allen Mitteln der Emailtechnik ausgeführten Malerei benützt, fondern es verfolgt in dem Aufbau feiner mehr gegliederten Form den Selbftzweck, es betont in der Contour fchon das innerfte Wefen. Die Thonwaaren- Induftrie. 79 Damit ist freilich noch nicht gefagt, dafs Fehler in diefer Richtung nicht mehr häufig genug begangen werden. Die Ausftellung wimmelt noch von Beiſpielen diefer Art, von Gefäfsen der unbrauchbarften Formen, aber geziert in der planlofeften Weife mit Landfchaften, Blumenftücken, Hiftorienbilder und Porträts. Einem wilden Naturalismus ift dabei Thür und Thor geöffnet, ftilvolles Ornament findet fich felten vor, das rein decorative Flächenornament hat noch immer nicht feine ausfchliefsliche Anwendung gefunden, das plaftifche tritt noch allenthalben auf. Erfreulicher ift im Allgemeinen aber das Fortfchreiten in der Anwendung der Farbe zur Decoration des Gebrauchsporzellans, das Aufgeben der verzopften Sucht nach rein weifsen Stücken, die ein Kunftftück der Fabrication ftets find, aber vom Kunftwerk nicht felten weit entfernt ftehen. Betrachten wir beispielsweife die Theile des Theeſervices, welche uns die Berliner königliche Manufactur als Neueftes bringt. Die Modellirung iſt in der harten Maffe zum Erftaunen fein durchbildet, die Formen find fcharf geblieben im Brande, die Glafur hat die delicateften Formen, die zarteften Reliefs gefchont, aber mit ihrem kalten Weifs zugleich den ganzen Effect getödtet. König Ludwig von Baiern, über deffen befondere Beftellung erft vor wenig Monaten diefe Ausführung vorgenommen wurde, thäte gut, der Farbe ihr Recht einzuräumen und das weifse Stück durch feine Münchner Künftler weiter decoriren zu laffen. Freilich bietet ihm dazu der gewifs unglück lich gewählte Zopfftil des Ganzen wenig gute Gelegenheit. Als eine Klippe für den Porzellanfabrikanten hat fich noch immer die Anbringung der Glafur gezeigt, die namentlich auf dem englifchen Porzellan von einem ausgezeichneten, oft aber fehr ftörenden, für die Decoration der Gefäfse aufserft fchädlichen Einfluffe ift. Das Glanzlicht fchädigt das Ornament am meiften dort, wo die plaftifche Verzierung angewendet wurde und die Reflexwirkung fich mehrt. Diefe letztere zu erhöhen, bemühen fich einzelne Fabrikanten auch noch mit einer profufen Anwendung eigenthümlicher Emails und Luftres, die namentlich auf plaftifchen, figuralen Darftellungen ganz unbedingt eine verwerfliche Richtung bezeichnen. Ein fo vorlautes, rücksichtslofes Hervordrängen der eigenthümlichen Technik und ein völliges Zurückdrängen der Form ift entfchieden unftatthaft. Die Bellek Company und andere mehr verfallen in diefen Fehler, wenn fie, um mit ihrem eigenthümlichen Luftre zu brilliren, Alles damit überziehen. Namentlich findet diefer Ueberzug auf Parianmaffe ftatt; er ift eine Imitation der alt maurifchen Technik der Metallluftres, wenn auch hier nicht foweit gegangen wird wie im Orient. Die modernfte Wiederaufnahme diefer gefärbten Metallluftres verdanken wir dem Franzofen Brianchon. Jetzt ift es eine Reihe von Fabriken, welche das Verfahren kennen und üben, durch Auftrag leicht reducirbarer Metalllöfungen ( Gold, Wismuth, Cobalt etc.) im Gemenge mit einer Terpentin oder Oelforte und nachheriges fchwaches Brennen die verfchiedenartig gefärbten Luftres zu erzeugen, aber auch in diefem Jahre war Brianchon's Ausftellung die reichfte, und zeigte eine neuerliche Bereicherung feiner Farbenfcala um mehrere fchöne Mitteltöne. In gleichem Sinne wird gefehlt bei Anbringung der Vergoldung. Wir haben diefe Anwendung beim Ueberzuge ganzer Gefäfse oder ganzer Theile derfelben bereits gerügt, aber felbft wo nicht fo weit darin gegangen wird, fieht man zu grofse Flächen mit glänzend polirtem Gold überzogen; ein Vorgang der ganz unfehlbar die Form des Gefäfses vernichtet. Beffer verwendbar wäre hier eine matte Vergoldung, die aber, fo wenig haltbar eine folche überhaupt herftellbar ift, noch dadurch leidet, dafs beim geringften Gebrauche die hervorragenderen Theile der Form fich glänzend poliren, womit dann alles verdorben ift. Beifpiele diefer falfchen Art der Decoration fanden fich auf der Ausftellung in Menge, namentlich in der öfterreichifchen und deutfchen Ausftellung. 80 Dr. Emil Teirich. Ein erft in der jüngften Zeit wieder ftark in Aufnahme, namentlich in England gekommenes Verfahren der Decoration, welches die fchönften Effecte erreichen läfst, ift der Pâte fur- pâte Auftrag, urfprünglich eine chinefifche Erfindung, fpäter, aber fchon vor längerer Zeit, mit Erfolg von Sèvres imitirt und von dort durch den Modelleur- Salon im Jahre 1871, nach der Aufhebung der Fabrik, in Minton's Atelier übertragen. Auf einem matt gefärbten Untergrund wird nach Herftellung des Stückes im rohen, ungebrannten Zuftande ein plaftifches Ornament oder Figuren in der Weife aufgetragen, dafs man die ungefärbte Grundmaffe in Waffer auffchlämmt und mit dem Pinfel in dünnen Lagen auf eine farbig emaillirte Fläche aufträgt. Nach dem Brande verfchmilzt das aufgelegte Ornament, und war die aufgetragene Maffe nicht allzu dick geformt, fo wird beim auffallenden Lichte die Zeichnung des Auftrages fich fo geben, dafs die dickeren Stellen das Licht, die dünner Aufgetragenen, wo der farbige Untergrund durchfchimmert, die Schatten geben. Eine andere Specialität, aber wenig geübt, ift die Erzeugung der Pâte changeante, gleichfalls einer franzöfifchen Erfindung, die der Alles imitirende Minton nach England verpflanzte. Die bei auffallendem Lichte grauliche Maffe wird herrlich purpurroth bei Kerzenlicht. Zwei prächtige Candelaber und Tafelauffatz von Sèvres ausgeftellt, zeigen am fchönften diefen überrafchenden Effect. Freilich ift dergleichen techniſch hochintereffanten Verfahren begreiflicher Weife ein eigentlich künftlerifcher und decorativer Werth abzufprechen. Erfreulich find die gelungenen Ausführungen in Parianmaffe, welche namentlich in England fich als treffliches Materiale für plaftifche Werke bewährt hat, wie denn überhaupt die englifchen Fabriken in Auffindung der verfchiedenartigften Techniken fich gegenfeitig zu überbieten trachten. Parian ift eine ftark mit Feldfpath verfetzte, weiche Porzellanmaffe, meift durch den Brand zu fanften Tönen gefärbt und mit oder ohne Glafur angewandt. Die gelungenen figuralen Darftellungen in diefer„ Elfenbein- Maffe" erfreuen ftets durch die wohlthuenden warmen Reflexe des an den Kanten und Contouren diaphanen Körpers. Parian fo wie das Porzellanbisquit finden wir unter den ausge fteilten Objecten oft in ganz vorzüglicher Weife verwendet, um plaftifche Werke darzuftellen. Erinnern wir nur an die Bisquitfiguren der Fabriken Guftavsberg, Meifsen, Copeland, an einige franzöfifche und deutfche Fabriken, deren Nippes oft mit grofser Virtuofität aus matt gefärbtem Bisquit modellirt find. Eine reiche Ausftellung an Porcellan hat Frankreich arrangirt, wozu die alte Manufactur von Sèvres, die Lehrerin fo unzählig vieler Etabliffements der ganzen Welt, die meiſten Beiträge lieferte. Phönixgleich ift die Fabrik aus der Afche erftanden, zu den fie während des deutfch- franzöfifchen Krieges im Jahre 1871 gebrannt wurde. Man war raftlos thätig, um die Paufe unfühlbar zu machen, welche der Neubau der Fabrik nach fich ziehen musste, aber trotzdem gingen manche Künftler dem Etabliffement in der Zwifchenzeit verloren, die fich nach England begaben. Auf der Weltausftellung, im Kunfthofe, hat Sèvres eine ftattliche Zahl feiner neueren Producte aufgeftellt und einige Stücke der älteren Fabrication dazu, ganz abgefehen von der koloffalen weifsen Steinzeug Vafe, die den Befuchern der Parifer Weltausftellung bekannt fein dürfte. Drei der hervorragendften Stücke find die beiden in orientalifchem Stile gedachten Candelaber und ein Mittelftück als Kamin- oder Tafelauffatz dazu, von Forgeot alle drei in bedeutenden Dimenfionen gehalten, und aus einer grünlichen warmen Pafte modellirt, die nun auf die verfchiedenfte Weife durch Auftrag von farbigen Engobagen und Sgraffirung derfelben unter einer, etwas milchigen Glafur decorirt ift. Leider hält letztere nicht ganz gut, namentlich auf röthlicher Engobage( theilweife in Pâte changeante) und wird riffig. Die fpäter zugefügte Golddecoration der Gewänder, kurz, all' das ift herrlich ausgeführt. Die Thonwaaren- Induftrie. 81. Mindeſtens ebenfo vorzüglich und ruhmvoll find zwei grofse jaspisgrüne Vafen mit naturaliftifcher weifser Pâte sur- pâte- Decoration, als Blumen, Blättern und Vögeln, von fehr delicatem Farbenton. Weniger glücklich, obwohl hinfichtlich der technifchen Ausführung mit den anmodellirten Schlangenhenkeln bewunderungswürdig, ift die von Humbert gemalte Vafe Rimini I., eine Novität in der Imitation des Majolica- Effectes. Namentlich auf der hinteren Seite find die Conturen der Malerei viel zu hart geblieben. Eine dunkelblau marmorirte Vafe mit Broncehenkeln, und Golddecoration ift vorzüglich fchön in Farbe, weniger gelungen dagegen eine andere, reich modellirte Vafe, die einen Bachantenzug trägt, an der jedoch die blaue Glafur ebenfowenig gefallen kann wie die Formgebung. Noch wären zu erwähnen zwei Vafen, genannt Socibius, mit blauem verfchwimmendem Email von fchönem Effect, die einen gut braun in braun von Fragonarol gemalenen Puttenfries tragen, eine Elfenbein- Imitation, die uns weniger gelungen erfcheinen will, treffliche Imitationen chinefifcher brauner Vafen mit Blumenornament von Bulot& Merigot und viele ältere Vafen, die alle mehr oder weniger bekannt find. Gewifs ift, dafs Sèvres auch unter der neuen Direction von Robert nach dem höchft bedauerlichen Rücktritt Regnaults nicht zurückgegangen ift, aber die Führerfchaft in dem Mafse wie früher dürfte ihm doch verloren gegangen fein, es ift nicht mehr das Centrum der modernen Porcellaninduftrie; es hat fich heute diefe Fabrik gewiffermafsen auf den Ifolirfchämel geftellt und ift aufser Contact mit der laufenden Induftrie gekommen. Daher der fichtlich geringere Einfluss auf die Fabrication des Landes. Der berühmten Fabrik wurde das Ehrendiplom verliehen. Eine gefchmackvolle Ausftellung verdanken wir der äufserft thätigen Firma Hache& Pepin Lehalleur frères, deren Fabrik zu Vierzon treffliches Gebrauchsgefchirre arbeitet. Seine gezierten Porzellane im perfifchen Stile gut in Farbe und in der Maffe, feine feinen Decors auf Porzellan find fehr rühmenswerth. Eine ganze Suite von recht fchönen Servicen für Thee und Kaffee, Teller u. f. f. illuftriren vollſtändig die heutige modern franzöfifche Manufactur, die fich in den Details ja doch immer noch an die alte Sèvres- Induftrie anfchliefst, ab und zu aber von englifchem Einfluffe zeigt, wärend die Nachbarfchaft. mit Deutfchland, überhaupt in der keramifchen Induftrie, kaum zu errathen wäre. Die verarbeitete Porzellanmaffe zeichnet fich durch befondere Güte und Feinheit aus, ihre Behandlung gefchieht faft vollſtändig auf mechanifchem Wege, und es iſt ein Verdienft des techniſchen Leiters Ford, namentlich bei Erzeugung von Tafelfervicen zuerft die mechanifch angetriebene Oval- Drehfcheibe in Anwendung gebracht zu haben. Die Decoration gefchieht zumeist mittelft des lithographifchen Umdruckverfahrens unter der Glafur, welches mit ziemlicher Präcifion gehandhabt wird. Die Preife der gewöhnlichen Tifchfervice find billige. Die Firma wurde mit dem Ehrendiplome ausgezeichnet. Was D. Vion& Baury in Paris ausftellten, war wie immer meift figuraler Art, nicht felten recht verdienftlich modellirt und namentlich die Bisquitwaare bemerkenswerth, von der Büften und Statuetten in gröfserer Ausführung, fehr rein und fauber modellirt zu fehen find. Dafs die Formen mitunter ziemlich manierirte find, wird dabei Niemand Wunder nehmen. Im Uebrigen find es meift Nippes im modern franzöfifchen oder Rococogefchmacke, die bunt, aber mit matten Farben, dem alten Sèvres- oder Meissner Porzellan nachcolorirt find und mit unter zu naturaliftifchem Auftragen leiden. Das verwendete Porzellan ift von fehr guter plaftifcher Qualität und die Behandlung desfelben bei Herftellung grofser Gegenftände eine fehr gefchickte. So find die beiden grofsen Engelgeftalten in weifsem, mackellofem Bifquit vorzügliche Ausführungen. Brianchon wird, fo fehr wir feine Verdienfte um Wiedereinführung des Metallluftre in die Thonwaaren Fabrication anerkennen wollen, mit der Zeit langweilig. Er überzieht an Porzellan und Fayencen Alles ohne Wahl mit 6 82 Dr. Emil Teirich. feinem„ Nacre", ohne zu bedenken, wie vorfichtig gerade bei Verwendung fo exceptioneller Decorationsverfahren vorzugehen ift. Uebrigens conftatiren wir auch bei ihm einen Fortfchritt. Er hat einige neue Luftrefarben wieder gebracht, unter denen der graue und blafs rofenrothe Ton alle Anerkennung verdient. F. Woodcock in Paris bringt eine ganze Collection von Bisquitfabricaten, unter denen er die Blumen zu feiner Specialität gemacht hat und die er auch wirklich mit befonderer Virtuofität behandelt. Die Bisquitblumen werden nachträglich mit Lackfarben bunt bemalt und wie diefs fchon nicht anders denkbar, ganz naturaliftifch behandelt. Das Brennen der Bisquitwaare gefchieht in Muffeln, die mit Theer erhitzt werden. In ähnlicher Weife und ganz demfelben Artikel arbeitet Detemmerman in Paris, deffen Blumen uns faft noch feiner modellirt und zarter behandelt vorkommen als die von Woodcock. Auch hier wird oft die Illufion der Natur durch Auftrag von Lackfarben angeftrebt. Die vielen Etabliffements, die fich in Frankreich und fpeciell in Paris mit der Decoration befaffen, und die meift neben der Bronce- und Möbelinduftrie auch die der Thonwaaren betreiben, haben viel zu Wenige ausgeftellt. Eine ganze Reihe von Fabrikanten arbeitet diefe ,, Parifer Artikel" für den grofsen Export und liefert ihre zierlichen kleinen Möbel, Panneaux und Nippes in alle Welt. Auch hier in Oefterreich find diefe Artikel vielfach gekannt und werden gar oft dazu verwendet, wenigftens die Schaufenfter unferer Fabrikanten zu zieren. Unleugbar find alle diefe Erzeugniffe von einem leichten, auf den erften Blick faft ftets feffelnden Gefchmack und Reiz. Diefs gilt namentlich von ihrem Enfemble, das aufserordentlich befticht. Und doch vertragen alle diefe Arbeiten kaum eine wenn auch nur etwas fchärfere und eingehende Kritik des Details, das faft ftets roh behandelt, nicht im geringften durchgebildet erfcheint. Dasfelbe gilt auch von der technifchen Seite der Fabrication, die nicht immer als die folidefte fich erweift. J. Houry in Paris ift eine Firma, die in dem gefchilderten Genre arbeitet und mitunter reizende Dinge ausftellt. Die Porzellane und Fayencen, welche faft an allen Cabinets, Tifchchen, Vafen, Lampen u. drgl. eine profufe Anwendung finden, find durchwegs nach Angabe und Zeichnung von Charles Houry in verfchiedenen Fabriken theils ganz ausgeführt, theils in des letzteren Atelier wenigftens emaillirt und bemalt. Während bei Houry die Verbindung von Holz mit der Thonwaare am häufigften vorkommt, montirt Schlofsmacher diefelbe gewöhnlich in Bronce. Seine Specialität ift die Anfertigung der bekannten Moderateurlampen, die er denn auch in allen Stilarten und Gröfsen maffenhaft erzeugt. Auch er dekorirt die, von den Fabriken weifs gelieferten Porzellanfayencen durch feinen Maler Sieffert. Meift ift die Ausführung des Decors auf Porzellan bei Schlofsberg's Erzeugniffen beffer als die Broncearbeit. Eine Reihe anderer, zum Theile auch minder bedeutender Decorateure von Porzellan wäre noch zu erwähnen, welche natürlich ebenfo die Fayence mit in den Kreis ihrer Thätigkeit einbezieht. Die Arbeiten diefer Firmen ähneln einander zumeift fehr. Gewöhnlich find es flüchtig bemalte Modewaaren, oft von höchft bizarrer, felten correcter Zeichnung aber faft ftets gut in der Farbe gehalten und durch eine lebendige Art der Behandlung beftechend. Derlei fkizzenhaft decorirte Ziergefäfse und Nippes, dann aber auch Service haben fich namentlich bei uns in letzterer Zeit vielfache Freunde erworben und werden aus England fowohl wie aus Frankreich in nicht geringen Mengen importirt, da, wie die Ausftellung der öfterreichifchen Pozrellanmaler zeigt. es in Wien faft zur Unmöglichkeit gehört, auch nur annähernd gleich Gutes herſtellen zu laffen. Aber auch Deutſchlands Porzellanmalerei ift in diefen Leiftungen den Franzofen keineswegs gewachfen und verfolgt in feiner Porzellanmalerei, die abgefehen von den grofsen Fabriken doch als Hausinduftrie fo grofse Bedeutung an manchen Orten, fo in Thüringen erreicht hat, eine ganz andere Richtung. Die Thonwaaren- Induftrie. 83 Doch kehren wir nach Frankreich zurück und erinnern wir uns der Leiftungen eines E. Rouffe au in Paris, der einige recht gute Stücke im perfifchen Stile und mehrere weniger gelungene Verfuche im Auftrage der Pâte fur pâte neben vielen Fayencedecorationen ausftellte. Nennen wir weiter G. Thierry in Paris, der allerdings nur currente Waare, Kaffee und Speifefervicen bemalt und kaum hervorragendere Arbeiten auszuführen in der Lage wäre, dann Mademoifelle F. Caille, welche einige nicht übel decorirte Teller und Platten brachte und endlich Madame B. de Callias, welche wie erftere Dame ihren Dilettantismus an kleinen Gefäfsen, Nippes und dergl. ausübt, wobei der Mangel einer guten Zeichnung befonders in die Augen fällt. Zum Schluffe diefer Befprechung der Porzellaninduftrie Frankreichs ift noch Groffe in Paris zu nennen, der Erzeuger eines recht fchönen Porzellans für chemifche und pharmaceutifche Zwecke, nicht felten von ganz fchwierigen und ftets gelungenen Formen, grofse Abdampffchalen, Retorten mit fehr langen Hälfen, Wannen für den Gebrauch der Photographie und ähnliches Gefchirre, oft von bedeutender Feinheit zählen hiezu. Fafst man den Totaleindruck zufammen, den Frankreichs Porzellan und und deffen Decorationsweife auf uns heute macht, fo ift nicht zu leugnen, dafs eine gewiffe Mattigkeit der angewandten Mittel fich in den meiften Fällen, Sèvres nicht ausgenommen, verräth. Der Gefchmack, die herrfchende Mode neigt fich vollſtändig den gebrochenen, weichen und unentfchiedenen Farbentönen zu, eine Thatfache, die wir in allen Kunftinduftrien als ein Zeichen, wenn nicht fchon des beginnenden Rückfchrittes, fo doch eines unleugbaren Stillftandes anzufehen gewohnt find. Nur Mangel an Selbftvertrauen und gründlichen ftiliftifchen Studien. bringt den Decorateur zur charakterlofen Ornamentik und ftumpfen Farbengebung, bei der er, im Gefühle einer gewiffen Sicherheit gegen allzu auffällige Mifsgriffe, feine Unficherheit verbirgt. Viel kühner und bewufster tritt der englifche Künftler auf, und breitet die ganze Kraft feiner Palette vor uns aus. Dafs diefs mitunter zu weit geht, dafs die Contrafte feiner Farben nicht immer völlig im Gleichgewichte bleiben und die Harmonie, die Neutralifation der Töne öfter geftört wird, fällt im Allgemeinen nicht fo fchwer in die Waage, denn im Grofsen und Ganzen laffen fich die Engländer doch von ganz guten Stilprincipien leiten.. Wir erkennen diefs an der wefentlich häufigeren Anwendung der ftilifchen Ornamente an ihren Poterien und an dem wohlthätigen Einfluffe, den die orientalifche decorative Kunft, nicht fpeciell zwar die des orientalifchen Porzellans, fondern die der Fläche im allgemeinen, auf ihre Arbeiten hat. Aus England bringt Minton& Comp. in Stoke- upon- Trent diefsmal wie immer das Meifte, Befte und Intereffantefte. Faft möchte man glauben, dem Etabliffement fei nichts unerreichbar, denn alle feine Erzeugniffe find thunlichft vollkommen ausgeführt und die Gefchicklichkeit, mit der die Firma die beften künftlerifchen Kräfte heranzuziehen fucht, mit der fie ihre Modelle fich wählt, und aus aller Herren Länder zufammenträgt, verdient volle Anerkennung. Als technifcher Leiter wirkt noch immer Mr. St. Arnoux; Solon's Name, als der Meifter der Pâte fur pâte, wurde fchon genannt, Boullemier in feiner erftaunlich kecken Manier cultivirt mit fehr viel Farbenfinn das Genre und den figuralen Theil der Decoration. Ein Tellerfervice mit reizenden Kindergeftalten im Fonde, mit Goldpurpur gemalt, von ganz abfonderlich fchöner, felten erreichter Farbenpracht, ift fein Werk. Moufille arbeitet lediglich als Pflanzenund Thiermaler, aber in überraschend wirkungsvoller Weife, Henk und Longmore find Modelleure von grofsem Werthe für das Etabliffement. Erwähnen wir noch der trefflichen Leiftungen des Porträtmalers A. Green und der Landfchaften von Mitchel. Prachtftücke lieferte die South- Kenfington- Malerfchule( Marks) in den kleinen Porzellanbildern, darftellend die fieben Alter nach Shakespeare in ganz erftaunlich guter und präcifer Ausführung und mit trefflich geftimmten Farben. 6* 84 Dr. Emil Teirich. Die Ausstellung Minton's in Pâte fur pâte ift ganz. befonders reizend. Zwei flache Pilgerflafchen mit braunem Grunde und zwei herrlichen Kindergeftalten im Auftrage, find Meifterwerke, deren ähnlich gehaltene Schweftern bereits vor zwei Jahren die allgemeine Anerkennung fanden. Ein Hauptfortfchritt Minton's befteht in der Ausdehnung, welche er dem Pâte fur pâte Procefs in feinem Etabliffement gegeben hat. Eine Reihe von Gefäfsen, fchön in der Form und mitunter reizend geziert, durch meift fchwebende Geftalten, deren wallende Bekleidung Gelegenheit bietet, alle Reize diefer fubtilen Technik zu entfalten, war ausgeftellt. Der olivengrüne, dunkle Untergrund, den Minton jetzt den meiften feiner Gefäfse gibt, ift ganz geeignet, das Weiche der Pâte zur Geltung zu bringen. Um wie vieles härter, wenn auch nicht minder vollkommen ausgeführt, fteht nicht Weifs auf dem blauen Grunde der länglichen Caffette, deren fein ausgeführte Figurengruppen im übrigen alle anderen übertreffen. Als neu ift endlich auch noch der dunkle, intenfiv- fleifchrothe Untergrund für einige Ausführungen in Pâte fur pâte zu bemerken. Stücke von Bedeutung find jene, nach japanefifchen Motiven gefertigten kleinen Gefäfse mit verfchieden gefärbtem figuralem und conventionellem Ornament geziert, das auf dem urfprünglich weifsen Körper des Gefäfses mit durch und durch gefärbter Porzellanmaffe modellirt ift. In zweifach gefärbter Maffe find auch die Candelaber mit weiblichen tragenden Geftalten ausgeführt, deren Körper weifs, deren Gewandung feladongrün gehalten ift. Die Glafur deckt nachträglich beide. Die Grundmaffe ähnelt hier in ihrer Zufammenfetzung dem Parian, und ift deren Compofition ein Verdienft von Leafon, dem Bereiter der Mintonfchen Thonmaffen in Stoke. Ziemlich häufig wendet Minton das Druckverfahren an, namentlich an feinen Fayencen, dann aber auch zur Decoration des Porzellans, doch meift fo, dafs die vom litographifchen Steine abgenommene Contur fchwarz auf das Bisquit gedruckt, verglüht und glafirt wird, und nun erft mit den Emailfarben die Flächen bemalt werden. Bei der Weichheit der Glafur und der Anwendung leichtflüffiger Farben finkt der obere Auftrag fo beim Brennen ein, dafs der Effect der Decoration durch ein folches Verfahren nicht leidet. A. Reynholds ift der Leiter der ausgedehnten Druckerei des Etabliffements und er ift auch der Erfinder jenes neuen Verfahrens, von der Metallplatte zu drucken, deffen wir bei Befprechung der Fayencen Minton's erwähnt hatten. Das gröfste Stück, welches Minton's Porzellanausftellung aufweift( diefelbe occupirt vornehmlich die Mittelgruppe feiner Aufftellung) ift eine Vafe, bemerkenswerth der techniſchen Schwierigkeit wegen, die ihre Herftellung haben mochte, obgleich die ungleich fchwierigere Erzeugung noch gröfserer Stücke in hartem Porzellan namentlich von der Berliner und Meifsner Manufactur zu fehen ift. Noch möchten wir zweier kleiner Vafen gedenken, die mit Limogemalerei decorirt, an Feinheit zwar den ausgezeichneten Stücken von Worceſter nachftehen, die aber, wie wir glauben, von demfelben Künftler wie jene gemalt find. Minton cultivirt derzeit nur ganz felten diefes Genre. Eine Specialität Mintons, der er aber auch die weitefte Verbreitung verfchafft hat, ift fein Türkisblau, eine Farbe von fo delicater Zartheit und Reinheit im Ton, wie felten eine zweite. Dabei ift diefe Farbe nur dem weichen Porzellan zu appliciren, jeder Verfuch, fie auf hartem einzubrennen, mufs naturgemäfs fcheitern. Minton arbeitet mit diefer Farbe feit 1870, wo er nur fehr wenige zum Theil auch wenig gelungene Stücke davon brachte. Beffer fchon war deffen Auftreten 1871 zu London, wo diefe Erzeugniffe dasfelbe Auffehen hervorriefen, wie deffen Perfifchblau auf Fayence. Das Türkisblau wurde urfprünglich chinefifchen Cloifonnés nachgebildet, und auch auf die diefsjährige Ausftellung bringt Minton zwei grofse Vafen diefer Art. Meift wird das ganze Gefäfs mit Blau überzogen, dann gebrannt und hierauf erft mit weifser oder Die Thonwaaren- Induftrie. 85 bunter Farbe bemalt und deffinirt. Der Effect ift ein vorzüglicher und weitaus beffer als der des Pompadourroth, das ähnlich verwendet wird, und jedenfalls auch mit eine feiner feinften Farben darftellt. Ein fo zartes, milchiges Rofenroth, wie auf den beiden kleinen ausgeftellten Vafen dürfte kaum noch gefunden werden. Erwähnenswerth ift endlich noch ein Verfahren der Vergoldung des Porzellans, welches, wenn deffen Herftellung durch Verbefferung des techniſchen Proceffes billiger zu ftehen kommen wird, von bedeutendem Vortheile für das Nutzgefchirr fein kann. Um die Goldfchichte, welche bekanntlich nur allzuleicht vom glafirten Untergrunde abzuwifchen ift, auf welchem fie nur oberflächlich aufgetragen liegt, haltbarer zu machen, wird an den Stellen, welche Vergoldung erhalten follen, mit Flufsfäure die Glafur aufgerauht, und fo dem Golde ein fefter Boden gefchaffen, in dem es mit Sicherheit fteht. Aber auch neue Effecte find mit diefem Verfahren zu erzielen, wenn man die Vergoldung über die geätzte Fläche fortfetzt und dann poliert, wobei das tiefer liegende Gold auf dem Aetzgrund matt bleibt. Der Totaleindruck endlich, den Minton's Ausftellung macht, ift ein fehr lobenswerther. Abgefehen von der Mannigfaltigkeit der techniſchen Proceffe, die er, unermüdlich nach Neuem ringend, einbürgert und vorführt, ift deren künftlerifche Verwendung äufserft gefchickt. Wir befprachen bereits die ausgezeichneten künftlerifchen Kräfte, über die Minton verfügt, wir können aber hinzufetzen, dafs er geradezu aus der ganzen Welt feine Modelle und Zeichnungen fammelt und befchafft. Gewifs untadelhaft ftilvoll find wenige feiner Erzeugniffe, aber fie machen alle den wohlthuenden Eindruck eines in den richtigen aeſthetiſchen Grenzen gehaltenen Naturalismus, aus welchem am eheften vielleicht Moufille mit feinen Malereien heraustritt. Trivialität und ganz Unverftandenes wird aber auch an diefen Erzeugniffen niemals nachzuweifen fein. Immer mehr entledigt fich zuerft Minton, dann aber auch Worcefter des franzöfifchen Einfluffes, der von Sèvres mächtig geübt, feit den Zeiten Georg IV., wo das Sèvresporzellan zuerft nach England gelangte und dort die verdiente Werthfchätzung fand, bis in die jüngfte Zeit beftimmend auf die Stilrichtung wirkte. Wir haben fchon oft auf die gröfsere Selbftftändigkeit hingewiefen, mit der die englifchen Künftler eine eigene Richtung des decorativen Verfahrens einfchlagen. Was von der Farbe gefagt wurde, gilt auch, von der Form, die meift originell, nicht immer lobenswerth, aber doch nie geiftlos copirt erfcheint. Dafs diefe Sucht nach Emancipation, wefentlich unterſtützt durch den Charakter des englifchen Volkes und deffen unleugbare Vorliebe für das Aufsergewöhnliche und Bizarre, ab und zu auf Abwege führen mufs, ift felbftverſtändlich. Nur fo ift es auch zu erklären, wie die unfchönen eckigen Formen gewiffer japanefifcher und chinefifcher Gefäfse und Nippes von Minton, mehr aber noch von der Worcefter Fabrik nachgebildet werden konnten, wobei aufserdem hierauf ein Fleifs verwendet erfcheint, der wahrlich einer befferen Sache werth gewefen wäre. Doch wenden wir uns zu dem reich gefüllten Glasfchrank der letztgenannten Fabrik. Die Royal porcelain works in Worceſter, wohl eines der älteften englifchen Etabliffements, gegründet von Dr. Wall um 1751, alfo noch vor Wedgewood, ftellten unter der Leitung Mr. Binns, des artiftifchen Directors, eine Reihe der verfchiedenften Arbeiten aus, bei denen in ihrer Gefammtheit fchon fofort eine treffliche Formgebung und feine Ausführung des Modelles auffällt. Zwei grofse Vafen, die letzten Werke des bereits verftorbenen, in England hochgefchätzten Künftlers Bott, von denen wir bereits eine auf der Ausftellung im Jahre 1871 zu London fahen, find ganz ausgezeichnete Leiftungen der Limogemalerei, jener berühmten franzöfifchen Technik des XV. Jahrhunderts, weifs auf 86 Dr. Emil Teirich. dunkelfchwarzblau emaillirtem Grunde zu malen. Das Sujet für die figuralen Darftellungen als Friefe um den Bauch der Vafen find der altenglifchen Gefchichte entnommen und ftellen Schlachtfcenen aus der Epoche der normanifchen Invafion mit ganz befonderer Feinheit und Präcifion der Grifaillemalerei dar. Die Cartons zu den in Rede ftehenden Friesbildern find ein Werk von Maclife. Beachtenswerth, wenn auch nicht befonders fchön, ift die elfenbeinartige, matt glafirte Parianmaffe an den japanefifchen Gefäfsen, welche in grofser Zahl und durchwegs gut im Stile ihrer Originale, ganz felbftftändig componirt find. Dafs wir uns mit dem ganzen chinefifchen Stile des Porzellans nicht einverftanden erklären können, und es weitaus vorgezogen hätten, fo viel Talent und Gefchick auf die Ausführung gefälligerer, künftlerifch werthvollerer Formen verwendet zu fehen, kann nicht hindern, dafs wir der äufserft exacten Technik alle Bewunderung zollen, mit der diefe Gegenftände angefertigt find. An und für fich ift fchon die Maffe für den Körper der Gefäfse, eine gute Compofition von Hadley, ein äufserft reizvolles, warmes Materiale, das ganz die Wirkung des fchönften alten Elfenbeines macht. Die Modellirung, abgefehen von Einwendungen gegen den Stil überhaupt, ift trefflich, und vor Allem dort Bewunderung erregend, wo die Gefäfse mit doppelten Wänden angefertigt werden, von denen die äufsere in der zierlichften Weife durchbrochen ift und den Eindruck der Elfenbeinfchnitzerei macht. Solche Doppelwände haben befonders den Zweck, Gefäfse in der Hand halten zu können, auch wenn fie mit fehr heifsen Flüffigkeiten gefüllt find. Die Schwierigkeiten bei Herftellung einer fo delicaten Modellirung in ungebrannter, und daher äufferft leicht zerbrechlicher Porzellanmaffe find erftaunliche, und wurden zuerft in Sèvres zu Louis Phillip's Zeiten überwunden, wo derlei Gefäfse zuerft als Imitationen orientalifcher erzeugt wurden. Heute finden wir ähnliches bei verfchiedenen Ausftellern, wie beifpielsweife bei Fifcher in Herend, welcher fich eben diefe alten Sèvresarbeiten zum Theile zum Vorbilde nahm, wenn auch von geringerer Feinheit. Von der Verirrung, welche dem Porzellan zumuthet, die Rolle der Terracotta zu fpielen, indem es mit einer matten, braunen Erdfarbe überzogen erfcheint, haben wir bereits gefprochen. Uns fcheint zudem die, für die Gewinnung benützte blaue Glafurfarbe gleichfalls wenig gut zum Braun des Fleifches geftimmt, aber auch hier verdient die treffliche Modellirung der Figuren die lobendfte Erwähnung. Das ganze Genre mit feinem trüben Totaleindrucke dürfte, wie wir glauben, überhaupt fich wenig Freunde auf der Ausftellung erworben haben. Unter dem Vielen, das Worcefter als Beweis der hohen Gefchicklichkeit feiner Mitarbeiter brachte, gefiel als ganz befonders fein ein delicat modellirtes, kleines Kaffeefervice mit Türkifen, auf gemuftertem Goldgrund fehr effectvoll decorirt. So fchön die Wirkung folcher Stücke ift, fo wenig fteht dem Porzellan zu, gewiffermafsen die Goldfchmiede- Technik zu imitiren. Speciell für den Zweck eines Gefäfses ift zudem eine folche Decorationsweife, welche den praktifchen Gebrauch von vorne herein ausfchliefst, kaum zu empfehlen. Als technifche, präcife Leiftung find übrigens diefe Stücke„ jewel porcelain" von Bedeutung. Das ganze Service wurde vom Earl of Dudley zu fehr hohem Preife erworben. Eine Reihe von fehr gut ausgeführten, befonders in der Malerei gelungenen Stücken, Vafen, Taffen und anderen Gegenftänden, meift decorative Zwecke verfolgend, vervollſtändigte die Expofition, deren reich decorirte Porzellanfervice, Teller und dergl. von dem Einfluffe der tüchtigen artiftifchen Leitung Mr. Binn's Zeugnifs gaben, der eine Reihe äufserft gefchulter Kräfte zu vereinen wufste. So nennen wir hier Bejot für das japanefifche Genre, Callowhitte als Thierund Blumenmaler, Rufhton für Figuren, und könnten die Zahl diefer hervorragenden Künftler noch um einige vermehren. Das, was diefe Worceſter Fabrik diefsmal zur Expofition brachte, zeigte von einem ganz befonderen Fleifse und einer forgfältigen, umfichtigen Wahl der Vor Die Thonwaaren- Induftrie. 87 würfe. Wenn nicht immer das Richtige dabei getroffen wird, fo liegt viel Schuld an der Sucht ftets Neues zu bringen und der herrfchenden Gefchmacksrichtung, jeder momentan herrfchenden Mode des Londoner Publicums Rechnung zu tragen. Als dritter im Bunde unter den hervorragendften englifchen Firmen ift Copeland and Sons in Stoke upon Trent zu nennen. Das Streben nach der vorzüglichften Modellirung ift in allen Erzeugniffen diefer Firma anzuerkennen. Die ganz unübertroffenen Leiftungen derfelben in Parianmaffe haben wir anderen Ortes wiederholt zu würdigen gefucht und erwähnen hier nur noch, dafs auch fein Porzellanbisquit diefelben Vorzüge in der Formgebung aufweift. Die Sicherheit in der Behandlung des Figuralen veranlafst aber auch zur häufigften Anwendung desfelben bei allen Gelegenheiten als Decorationsmoment für Gefäfse, Jardinièren, Lampenvafen u. f. w. die meift nach Zeichnungen und Modellen von Abraham ausgeführt find. Ganz befonders fein find die Farben, welche Copeland auf feinem Porzellan anwendet, und die, wenn auch nicht immer gleich gut nuancirt wie die von Minton, doch ftets fehr rein im Ton und vorzüglich fchön und gleichförmig im Auftrage find. Die farbige Decoration der Arbeiten Copelands, fobald es fich nicht um das Ueberziehen ganzer Flächen handelt, befchränkt fich im Wefentlichen auf Blumenmalerei. Hürten ift einer der beften Maler diefes Genres. Lobenswerth ift endlich das Mafshalten bei Anbringung der Vergoldung, die ziemlich frei von jenen Fehlern ift, die wir gleich Eingangs als nur zu häufig vorkommend, zu tadeln hatten. Jedenfalls ift Müller, der Leiter der Vergolderarbeiten, von einem feinen Verftändniffe für die Anwendung diefes, fonft doch fo brauchbaren Zierathes für das Porzellan, begabt. Aufser den decorativen Gegenftänden bringt Copeland auch eine reiche Auswahl von fehr fchön gearbeiteten, Kaffee-, Thee- und Speifefervicen, die durch das ausgezeichnet feine und zart geformte Porzellan intereffiren, wenn darin auch fchon hinfichtlich der künftlerifchen Behandlung nichts von Bedeutung geleiftet wird. Auch einige PorzellanVerkleidungsplatten, fo namentlich ein Panneaux mit Blumenbouquets auf meergrünem Grunde find zu erwähnen, wie denn überhaupt nur die Decoration mit Pflanzenórnament bei Copeland verdienftlich erfcheint, während alle andere Malerei, namentlich des figuralen Theiles fchwach genug ift. Die ganze Ausftellung Copeland's macht einen freundlichen, eleganten Eindruck und erfreut, ohne die Kritik durch ein Verfolgen gewiffer bizarrer Richtungen herauszufordern. Ein felbftftändiges, bahnbrechendes Vorgehen, wie wir es bei Minton oder Worceſter fanden, ift nicht Copeland's Sache, der fich überhaupt gerne an die Erzeugniffe und die Technik der erftgenannten Firmen anlehnt. Einen guten Ueberblick über die Leiftungen der eben befprochenen drei Fabriken gab die Ausftellung von John Mortlock, welcher, felbft nur Händler, nicht unwefentliche Verdienfte um Hebung der englifchen ThonwaarenInduftrie fich erworben hat, indem er für den ausgedehnteften Abfatz, namentlich der befferen, künftlerifch durchgebildeten Arbeiten thätig war. Manche Anregung zu Neuem, Vollkommenerem ift fo von ihm ausgegangen und war er in doppelter Hinficht den Firmen, die er vertritt von Nutzen. Seine Vitrine zeigt uns eine ausgewählte Collection, unter der wir die beften der vorhin befprochenen Erzeugniffe, fowohl in Porzellan als auch in Fayence fahen. Jedenfalls wandert das Neuefte und Befte aus der Hand des Fabrikanten fofort in die Mortlocks. Eine andere Richtung fchlägt A. B. Daniell& Sohn ein, der mehr die currente Waare führt und hauptfächlich Coalport- Porzellan führt, deffen altbewährter Ruf fortdauert. Seit 1751 exiftirt die Fabrication diefes Porcellans. bei Brofely in Shropſhire und fchon um 1772 brachte Thomas Turner aus den damals fchon berühmten Worcefter Works die Kunft der Imitation des alt 88 Dr. Emil Teirich. chinefifchen Porzellans durch tiefblauen Druck. Rofe, der Gründer der Coalport Technik, war Turners Lehrling, gründete die Jackfield Pottery, vereinigte fpäter die beiden und vergröfserte diefe durch Einbeziehung der Swanfea Works. Noch heute ift John Rofe der gegenwärtige Befitzer der Fabriken von Coalport, ein hochgeachteter Induftrieller und Keramiker. Sein Porzellan ift trefflich, meift allerdings für den Hausgebrauch als currente Waare beftimmt. Das relativ Wenige, was Daniell, der zumeift diefes Coalportporzellan verfchleifst, brachte, ift zu ungenügend, um einen vollſtändigen Ueberblick über die Leiftungen des bedeutenden Gefchäftes zu gewähren. Auffallend ift eine eigenthümlich. decorirte Suite von Thee- und Kaffeefervicen, welche ein von Hand gemaltes und mit vieler Mühe und Sorgfalt ausgeführtes indifches Shawlmufter tragen. Dafs eine folche Decorationsweife unferen Begriffen einer Verzierung der keramifchen Producte bei Weitem nicht entſpricht, braucht nach all' dem bisher Gefagten wohl keiner weiteren Ausführung. Ebenfo wenig vermögen wir uns mit der Idee zu befreunden, aus Blumenkelchen Kaffee zu trinken, mögen fie auch noch fo naturwahr modellirt und colorirt fein. Wir heben hier gerade zwei der augenfcheinlichften Mifsgriffe der Coalportfabrik hervor, um daran den Wunfch zu knüpfen, es möge denn auch diefe mehr und mehr eine ftilvolle Decorationsweife adoptiren, was gerade hier am wichtigften wäre, da diefe Erzeugniffe ihrer Billigkeit wegen am weiteften in alle Schichten der Bevölkerung dringen, wo dort der gute Gefchmack auch in England feine Zufluchtsftätte ebenfowenig gefunden hat, wie bei uns zu Haufe. Wir übergehen die wenigen übrigen Ausfteller, von denen z. B. Pellat and Wood nichts von irgend einer Bedeutung brachte und deren Ausftellungen nicht einmal das Verdienft haben, ein richtiges Bild der currenten eng. lifchen Porzellanwaare zu geben, und wenden uns zu Dänemarks Porzellanen, welche gewiffermafsen zwifchen den englifchen und deutfchen Fabricaten ftehen. Bing und Gröndahl in Kopenhagen imponirten im Rundgange der Rotunde durch eine Ausstellung von wenigen Stücken, unter denen die beiden Engelgeftalten in Bisquit nach Thorwaldfen hinfichtlich der Feinheit in der Modellirung alles Lob verdienen. Es find diefs bedeutende Arbeiten und zeigen befonderes Gefchick in Behandlung grofser Maffen. Schade, dafs ihr Bisquit von einer fo kalten, kreidigen Farbe ift, ohne jede Spur des Warmen, Durchfcheinenden, welches uns in erhöhtem Mafse am Parian erfreut. Zwei Porträtbüften, gleichfalls aus weifser Bisquitmaffe gebrannt, laffen denfelben Mangel erkennen. Den Mittelpunkt der Ausftellung bildet eine, etwa 41 Fufs hohe Vafe von antiki firender, langgezogener Amphorengeftaltung mit unendlich flau gehaltenem Colorit. Der fchwefelgelbe Körper und blafsviolette Fufs würden übrigens noch fo ziemlich harmoniren, ftörte nicht das dunkle Architekturftück den Effect, welches mit einer ganz wirkungslofen, architektonifchen Goldumrahmung von dem gelben Grund faft unvermittelt fich abhebt. Zwar ist das Bild felbft, das Innere der Peterskirche zu Rom darftellend, fehr gut von Sörenfen gemalt und namentlich die Perſpective effectvoll heraus. gebracht, aber doch trägt die ganze Ausftellung den Charakter einer erftarrenden, trockenen Nüchternheit. Einen befferen Eindruck macht die Sammlung des Porzellangefchirres im Meifsner Gefchmack, eine Imitation eines beftehenden alten Services, im dänifchen Transept. Wären nur die Farben um etwas brillanter gehalten, aber die ganze Ausftellung macht faft den Eindruck des Ausgewafchenen. Dabei ift das Porzellan felbft, obwohl von befonderer Weifse, doch etwas zu fchwer und dick modellirt. Wir erwähnen diefer Uebelftände, ohne den trefflichen Erzeugniffen diefer alt renommirten Fabrik unfere volle Anerkennung zu verfagen, die wir namentlich auch der Imitation der alten Sèvres- Service, blau auf weifs über der Glafur decorirt, zufprechen. Das Porzellan felbft ift ein hartes. Die Thonwaaren- Induftrie. 89 Die königliche Porzellanmanufactur in Kopenhagen weift in ihrer diefsjährigen Ausftellung einen wefentlichen Fortfchritt auf gegen die Leiftungen der letzten Zeit. Offenbar verdankt fie dem Umftande, dafs fie in die Hände von Privaten feit etwa vier Jahren übergegangen ift, neue Impulſe. Ein fehr fchönes, fein gearbeitetes Service, weifs, mit zartem, blauem Deffin unter der Glafur, ein blumendecorirtes Service im Meifsner Gefchmack und ein anderes mit blauem Rand und einem herumlaufenden weifsen Lorbeerkranz find fehr tüchtige Leiftungen, die ebenfo eine gute techniſche Behandlung des aus England meift bezogenen Rohftoffes, fowie eine mafsvolle, ja felbft ftiliftifche Behandlung der Farbe, die überhaupt fehr rein und gut geftimmt an allen Waaren erfcheint, verrathen. Diefs zeigt fich auch im hohen Grade an der zweiten Ausftellung diefer Fabrik in der Rotunde. Das Druckverfahren findet bei der Decoration hier gar keine Verwendung. Weniger gut will uns die Modellirung der kleinen Bisquitfiguren gefal len, die in der Compofition gut, in der Ausführung aber nicht immer von aller Feinheit ift. In diefen Arbeiten, fo fcheint es, erreicht die moderne Kopenhagener Fabrication nicht mehr die Leiftungen Müller's, der um den Anfang unferes Jahrhundertes mit der Modellirung figuraler Gegenftände nach Meifsner Motiven dort begann, denen bald die, heute noch reproducirten Bisquitftatuetten nach Thorwaldfen's Werken, folgten. Ein Zug von Diftinction geht aber heute noch durch die ganze Fabricationsweife, der man nirgends ein fchleuderhaftes Arbeiten von marktgängiger Waare vorzuwerfen vermag. Das erzeugte Porzellan ift durchgehends von hochgradiger Feinheit und fchönem Anfehen. In manchem Sinne verwandt mit den Erzeugniffen der befprochenen Fabriken find die der Manufacture Imperiale de Porcelaines à St. Petersbourg in Rufsland. Die kaiferlichen Fabriken, welche namentlich in letzteren Jahren eine regere Thätigkeit entwickeln, haben eine ziemlich anfehnliche Collection gefandt, unter der fich wohl am meiften die, vom feltenften Rohmateriale begünftigte Steinfchleiferei, dann aber auch die Glasfabrik auszeichnet. Namentlich letztere hat durch Zurückgreifen auf national- ruffifche und byzantinifche Decorationsmotive recht fchöne Erfolge in manchen Richtungen erzielt. Weniger tritt diefs zu Tage an den Leiftungen der Porzellanmanufactur, der es jedenfalls an einer leitenden Stilrichtung fehlt und deren Erzeugniffe, bei fonft oft recht anerkennenswerthem technifchen Verfahren, nicht recht zu erfreuen vermögen. Die Fabrik arbeitet nicht fo eigentlich für den Verkauf, als faft ausfchliefsend nur für die Bedürfniffe des Hofes, worin vielleicht auch mit ein Grund der Erklärung für manche eigenthümliche Ausführung liegen mag. Sehr ſchön find die der Fabrik zu Gebote ftehenden Emailfarben, deren ganze Pracht Kraffowsky auf der grofsen Tifchplatte entfaltet, welche mit einem reichen Kranz der fibirifchen Flora geziert ift. In ähnlicher Weife find zwei grofse Vafen decorirt und zeigen fich hier die Farben als befonders brillant auf Hartporzellan. Eine koloffale Vafe mit Broncemontirung, von etwa 5 Fufs Höhe, ragt unter allen anderen Ausführungen hervor. Auf braunem, kupferrothem Grunde zieht fich um den Bauch der Vafe ein Kinderfries von Mironoff's Hand gemalt. Zwei grofse goldene Masken unter den Henkelanfätzen müffen für den Mangel, an fonftigem Reliefornament aufkommen. Wir haben bereits Gelegenheit gefunden, uns über eine folche Decoration zu äussern. Im Uebrigen befchäftigt fich die Fabrik mit der Erzeugung von Servicen und figuralen Darftellungen; eine Vafe mit Scenen aus der Aufhebung der Leibeigenfchaft in Medaillons grau in grau gemalt, ein Stück aus der Collection des bekannten ruffifchen Sammlers Kotfchubey, in byzantinifchem Stile gehalten, ift eine der beften Leiftungen hinfichtlich der Form und der angewandten ftilvolleren Ornamentik. Imitationen von altem Wiener und Meifsner Porzellan, Anlehnung an die Sèvrestraditionen find unverkennbar. Verfuche, die Pâte fur pâte auf dem harten 90 Dr. Emil Teirich. Porzellan anzuwenden, fcheiterten theilweife wenigftens an dem hiebei nothwendigen zu paftofen Auftrag, den das weiche Porzellan nicht erheifchen würde. Nicht zu verkennen ift das eifrige Streben des dermaligen Directors Schaufelberger, eines Schweizers, theils ftilvollere Mufter einzuführen, theils die tech nifchen Verfahrungsweifen auszubilden, wozu ja der Grund feit Langem gelegt ift. Erwähnt mag hier fein, dafs die Fabrik zum Theile nur ruffifchen Thon und zwar aus Gluchow verarbeitet. Spath und Quarz bezieht fie aus Finnland, mehr als die Hälfte ihres Kaolins ift engliſcher Thon, welcher auch feiner Billigkeit wegen dem heimifchen Producte vorgezogen wird. Sehr intereffant und reichhaltig war die prächtige Collection von Glaspaften und Emails des Chemikers der Fabriken des bekannten L. Bonafede. Die kaiferlich ruffifchen Fabriken wurden mit dem Ehrendiplom ausgezeichnet. Die gleiche Anerkennung wurde zudem den Fabriken von Berlin und Meifsen zu Theil. Die beiden Hauptausftellungen des deutfchen Reiches haben uns jedoch ziemlich kalt gelaffen und nicht fo recht erfreut, als wir gehofft. Namentlich den Leiftungen der Engländer und Franzofen ftehen die deutfchen Fabricate mit ihrer entfchiedenen Nüchternheit in Form und Farbengebung, wie fie ja überhaupt der norddeutfchen Kunft in allen ihren Zweigen anhaftet, ganz entfchieden zurück. Die königliche Porzellanmanufactur in Berlin, der wir die werthvollen Verfuche über die Einführung des continuirlichen Mentheim'fchen Gasofens in die Porzellantechnik verdanken, ift überhaupt thätig, gelegentlich ihrer Ueberfiedelung in den Neubau zu Charlottenburg fich mit allen modernen technifchen Hilfsmitteln zu verfehen. Hoffen wir eine recht gute Anwendung derfelben. Namentlich die Malerei leidet hier an grofsen Härten und ift ftellenweife zu tief gehalten. An allen Objecten vermiffen wir den rechten Schwung und Geift, ftets verliert fich die Ausführung in eine Miniaturmalerei, die ängftlich pinfelnd über dem Detail das Ganze der Compofition vergifst. Eine eigenthümliche Düftere charakterifirt die meift tief in der Farbe gehaltenen Gemälde. Einige, fonft ganz prächtige Vafen eine gelungene Tifchplatte von Loofchen wären wir geneigt hervorzuheben. Das Porzellan felbft hat an feiner alten Vorzüglichkeit nichts eingebüfst. Das fchon gelegentlich erwähnte Service für den König von Baiern, im Stile Louis XII., zeigt diefs. Dasfelbe ift mit aller Feinheit in flachem Relief modellirt, und harrt erft noch feiner farbigen Decoration. Wieder brachte die Fabrik die grofse ovale, bei vier Fufs lange Jardeniere in trefflichem weifsen Bisquit ,, das Werk der gewandten Modelleure Mantel und Fack, die uns von der Londoner Ausftellung im Jahre 1871 her noch in gutem Gedächtniffe fteht, wie denn überhaupt manches fchon Gefehene neuerdings vorgeführt wurde. Ein Grund zur Entfchuldigung eines folchen Vorganges, den wir übrigens bei fehr vielen anderen Etabliffements zu beobachten Gelegenheit fanden, mag in der fchon Eingangs erwähnten Ueberfiedlung der Fabrik in ihr neues Gebäude am Thiergarten zu finden fein. Die königlich fächfifche Porzellanmanufactur in Meifsen hat vor der Berliner Manches voraus. Schon das Fefthalten an den alten Modellen und der ganzen, allerdings etwas matten Technik des Vieux Saxe, diefes fich felbft copiren, verhindert ein zu empfindliches Abweichen vom richtigen Wege. Dafs diefer Stil der Renaiffance, in folcher Weife in der Porzellaninduftrie verwendet, nicht am rechten Platze ift, braucht wohl kaum wiederholt zu werden. Die koloffalen Vafen und Candelaber, nach Zeichnungen des verftorbenen Architekten Widmann, die Ahasverus der Weltausftellungen, fanden fich wieder ein. Eine Unzahl von Figürchen und genrehaft ausgeführten Sächelchen erinnert an die alte Zeit und es mag wohl auch ein ökonomifches Intereffe mitfpielen, wenn nach diefen alten Modellen die beim Publicum aber immer noch beliebten Die Thonwaaren- Induſtrie. 91 und leicht verkäuflichen Sachen erzeugt werden. Vorzüglich fchön find einige Ausführungen in Bisquit, worunter die Schilling'fchen Gruppen befonders vollendet und prächtig modellirt erfcheinen. Auch die fchon einmal gefehene Dianavafe ift wieder erfchienen. Ihre Malerei ift ziemlich reizlos und kalt geblieben, das ganze Stück macht einen wenig erfreulichen Eindruck. Unter den Tellern und Servicen fanden wir einiges Gute, fo die mit Wouvermann'fchen Bildern gefchmückten Rococcoteller und andere; das Befte, wenn auch wieder nicht neueften Datums, find die herrlichen Limoufiner Vafen, wahre Prachtftücke in der Ausführung, die jenen der königlichen Worcefterfabrik fich kühn an die Seite zu ftellen vermögen. Ueberall ftöfst man auf die guten Traditionen des älteften Stiles der deutfchen Porzellantechnik, die zum Theile latent, durch einen kräftigen Impuls von mafsgebender und befähigter Seite zur herrlichften Entfaltung nnd Belebung diefer Induftrie führen könnten, welche an Leuteritz als Modelleur und Müller als Maler jedenfalls vorzüglich verwendbare Kräfte hat. Die meift fehr bedeutenden deutfchen Porzellanfabriken, welche fich in den Händen von Privaten befinden, leiften faft gar nichts für Verbefferung des Gefchmackes in diefer Induftrie. Meift haben fie, vor Allem die technifche Seite ihres ausgedehnten Betriebes zu fördern, vor Augen, ftreben Maffenproduction, theilweife Export an, leiften aber faft gar nichts vom berechtigten, äfthetiſchen Standpunkte. Das fchöne Etabliffement von Thielfch& Comp. in Altwaffer bringt relativ noch das Befte; einige grofse, flache Schalen find von gelungener Ausführung. Weniger fprechen fchon die Erzeugniffe einer nicht minder grofsen Fabrik, der von Carl Krifter in Waldenburg, an, welche denn doch in ihrer Ornamentirung etwas beffer fein könnten. Vermag man doch auch im Centrum Schlefiens, gerade wegen der Leichtigkeit der Reproduction guter Zeichnungen mittelft des Umdruckverfahrens, fich einigermafsen ftilvolle Decorationsentwürfe zu verfchaffen. Kügemann in Nürnberg, mit feiner unbedeutenden, anfpruchslofen Induftrie, verdient feiner befcheidenen Decorationsweife wegen eine Erwähnung; Uechtritz& Faift in Schramberg führen uns dagegen wieder fo recht den ganzen Jammer der deutfchen, fpeciell Schwarzwälder Uhreninduftrie mit ihren Zifferblättern vor Augen. Ift es nicht niederfchlagend, wenn trotz ewigem Hinweifen auf das, was Noth thut, eine grofse deutfche Induftrie zu Grunde gerichtet wird durch die craffefte Gefchmacklofigkeit, durch den Mangel jedes künftlerifchen Empfindens. Die reiche Uhrenausftellung Deutfchlands weift faft keine Ausnahme von dem Gefagten auf. Nur rafche Umkehr kann da helfen, fonft wird es zu fpät, und Deutfchland verliert einen guten Theil feines Marktes. Kunstgewerbe- Schulen und Muſeen thut eure Schuldigkeit! Porzellan für chemifche und pharmaceutifche Zwecke erzeugt neben der königlichen Manufactur in Berlin, die fich vielfach damit befchäftigt und anerkannt Gutes darín leiftet, von vorzüglicher Qualität die Actiengefellfchaft für Telegraphenverkehr in Berlin und C. G. Schürholz in Plauen, erftere namentlich Stücke von fehr grofsen Dimenfionen; letztere Fabrik erzeugt aufserdem Bisquitfiguren zum Theil mit matter Bemalung, transparente Lichtbilder u. f. w. in mitunter recht guter Ausführung und Modellirung. Dafselbe gilt von Dreffel, Kifter& Comp. in Rudolftadt und Paffau, deren Figuren in grofsen Maffen zu billigen Preifen auch nach Oefterreich gehen. Die Figürchen, in der Modellirung gar nicht fo übel, find meift mit Farben matt bemalt, oft aber auch als Bisquit belaffen, das recht gut weifs und richtig gebrannt ift. Ganz an das franzöfifche Genre fich anlehnend in der Erzeugung von kleinen Porzellangruppen und Statuetten, meift lasciven Nuditäten, ift Macheleidt, Triebner& Comp. Seine Figürchen find übrigens nicht fchlecht modellirt und ein gewiffer Chic ift diefen Darftellungen nicht abzufprechen. Die deutfche Emailmalerei, foweit diefelbe nicht fchon durch die aus geftellten Porzellane der einzeln befprochenen Fabriken zur Vertretung gelangte, 92 Dr. Emil Teirich. hat ihren Sitz einerfeits in München, anderfeits in Thüringen, wo eine grofse Zahl kleiner Meifter, oft nicht ohne viel Gefchick currente Porzellanmalereien verfertigt, die wir auf den baierifchen Bierkrügen, auf Dofen, Hausaltärchen u. f. w. dutzendweife allenthalben finden. Die Kunft vererbt fich, und das namentlich in Thüringen, vom Vater auf den Sohn. Stets find es einige bekannte und fehr beliebte, theils genaue, theils ein für allemal variirte Copien nach den Bildern altitalienifcher Meifter, dann aber auch andere Sujets, oft eigener Compofition. Die angewandten Farben find meift recht gut, wie denn überhaupt die Technik bei folcher Maffenproduction zu einer gewiffen Sicherheit gelangt ift. Die Induftrie hat für das Land Bedeutung, fie wird gewiffermafsen meift als Hausinduftrie getrieben. Harras, Haag, weniger Ens& Greiner in Laufchau( SachfenMeiningen), die jedoch über 100 Perfonen mit Miniaturmalerei befchäftigen, verdienen Erwähnung. F. X. Thallmayer in München hat unferen Erwartungen nicht entfprochen. Als erftes Etabliffement diefer Art hätte er Befferes leiften follen. Ein im ,, Münchner" Renaiffanceftil decorirtes Service befriedigt gar nicht, es ift in Zeichnung und Farbe verfehlt. Die Copien nach der Münchner Schönheitsgallerie bereits fehr bekannt- find hart im Colorit. Solche Vernachläffigung der artiftifchen Seite diefer, fonft mit lobenswerthem Fleifse ausgeführten Arbeiten, ift gerade in München weniger verzeihlich als an den thüringifchen. C. A. Pfeil in Charlottenburg und Greiner, zwei der bekanntesten Emailfarbe- Fabrikanten, hatten eine recht vollſtändige, aber nichts wefentlich Neues bietende Suite ihrer Erzeugniffe ausgeftellt. So wenige Anftrengung die deutfche Fayence- Induſtrie in den letzten Jahren gemacht hat, um ihre künftlerifche Aufgabe zu löfen, fo fteht diefelbe fowohl in äfthetiſcher Richtung als hinfichtlich der Vervollkommnung ihres technifchen Betriebes, wenn wir die Privatinduftrie allein ins Auge faffen, entfchieden über der Porzellanmanufactur, die in O efterreich ganz unftreitig ein regeres Leben führt. Ja, hier findet gewiffermafsen das Umgekehrte ftatt, denn unfere heimifche Steingut- Erzeugung liegt arg danieder, und wir haben gefehen, wie wenig Gutes uns die Ausftellung in diefer Richtung zu bringen vermochte. Vor Allem war es wieder unfere böhmifche Porzellaninduftrie, welche, wenn auch lange noch nicht vollſtändig fo doch fehr gut repräfentirt war. Immer grössere Bedeutung gewinnt dort die Porzellanfabrication, die, zufammengedrängt in einen reich gefegneten Erdenwinkel, alles Rohmateriale für das Porzellan und den billigften und brauchbarften Brennftoff vorfindet, und günftiger fituirt ift, als die grofsartigften Thonwaaren- Diftricte Englands. Die Privatinduftrie Oefterreichs hat diefsmal erfreuliche Leiftungen des Fortfchrittes nachgewiefen, und war entfchieden in decorativer Hinficht beftrebt gewefen, den Anforderungen zu genügen, die nach dem Auflaffen der kaiferlichen Manufactur an fie geftellt werden mussten. Haas und Czizek in Schlaggenwald bereiteten fich für diefes Jahr theilweife mit ganz Neuem vor. Befonders find es die, nach Profeffor Haufers Entwürfen ausgeführten zwei grofsen Vafen mit Schale, die im Grundton weifs, doch mit buntem, in der Farbe etwas mattem, antikifirendem Renaiffance Ornament gefchmückt find. Den Körper der Vafe umzieht ein Fries mit Darftellungen von Nereiden, fehr bunt auf Goldgrund gemalt. Eine Suite von Porzellangefchirren, diverfen Zwecken dienend, mit einem meift einfeitigen, japanefifchen Motiven nachgebildetem Ornament, dann zwei Vafen mit bunter, pompejanifcher Decoration, zählen mit zu den beften Stücken der Porzellantechnik auf der Weltausstellung, wenn auch die Malerei als folche theilweife etwas zu wenig verftanden und nicht genug präzife zu fein fcheint. In gleicher Weife heben wir eine gute, grofse blaue Vafe im orientalifchen Stile mit Biumen decorirt hervor, und erwähnen zweier, durchſchnittlich fehr gut ausgeführter Service, wovon das eine blau, das andere Die Thonwaaren- Induftrie. 93 meergrün mit fehr zartem Goldornament geziert ift. Ueberall ift ein Streben nach Befferem bemerkbar und anzuerkennen, ein Streben, das die Firma fchon gelegentlich der vor zwei Jahren abgehaltenen Mufealaus ftellung bekundete. Fifcher und Mieg in Pirkenhammer( aufser Preisbewerbung) find die zweiten grofsen Repräfentanten der böhmifchen Porzellaninduftrie, welche, angeregt durch die Gründung einer keramifchen Verfuchsftation in Wien, die ihre Filialen wohl fo rafch als möglich in das Herz der Induftriediftricte entfenden müfste, wenn anders ein Refultat von folchen Beftrebungen zu erwarten fein foll, neue Impulfe erhalten wird, und die, geftützt auf ein aufserodentlich gutes, reichhaltiges Rohmaterialien- Lager, gewifs binnen Kurzem eine ganz wefentliche Ausdehnung erfahren dürfte. Die bedeutende Fabrication der vorgenannten Firma, welche zum Theile für den Export arbeitet, und in manchen Erzeugniffen fich fichtlich den Forderungen folcher Verhältniffe anzupaffen bemüht ift, hat fich redlich beftrebt. auch höheren Anfprüchen zu genügen und in Carrier eine Kraft gewonnen, die in gewiffer decorativer Richtung ebenfo Verdienftliches leiftet wie in techniſcher Richtung der erprobte ehemalige Leiter der bekannten Fabrik zu Klöfterle, der nun bei Fiſcher und Mieg feine reichen Erfahrungen jedenfalls beffer zu verwerthen im Stande ift. Carrier ift vor Allem Franzofe und dann Landfchafter und geübter Maler von Genrebildern, in denen er feine Nationalität nicht zu verleugnen vermag. Seine Pinfelführung ift eine flotte, feine Contouren nicht immer richtig, aber mit einem Zuge gewandt hingezeichnet. Die von dem fehr fruchtbaren, rafch arbeitenden Künftler decorirten Vafen u. f. w. find das Erfreulichfte an der Ausftellung von Pirkenhammer, die im Weiteren noch recht lobenswerthe antikifirende Gefäfse, Service und Aehnliches aus ihrem fehr fchönen, feinen Porzellan bringt, das wie wir glauben, das Befte Oefterreichs fein dürfte. Weniger gelungen erfcheinen uns die Verfuche der matten Vergoldung und Verfilberung, mit welcher ganzen Gefäfsen der Charakter der Metallotechnik gegeben werden foll. Abgefehen von der geringen Dauer diefes Ueberzuges, ift auch das Princip diefer Decorationsweife, wie bereits mehrfach ausgeführt, ein Verwerfliches. Einige, unter der Ausftellung diefer Fabrik befindliche Gegenstände, find in Wien felbft decorirt. Wahlifs, der Vertreter diefer und vieler anderen Firmen in Wien, bezieht weifses Porzellan und läfst dasfelbe hier bemalen. Einige Teller des beften feiner Decorateure, J. Zebifch, find recht fchön ausgefallen. Aber auch das chromolithographifche Umdruckverfahren des mehrerwähnten Chemikers Kofch wird durch Wahlifs in Wien geübt. Kofch ift völlig Herr feiner fchonen Technik, die wir nirgends in ähnlicher Vollendung wiederfinden. Alle Farben und vor Allem auch Gold und Silber druckt er auf die Glafur vom lithografifchen Stein ab. Die Pracht feiner Emails, die Schärfe und Präcifion feiner Conturirung befriedigen höchlich. Die Anwendung, welche von diefem Umdruckverfahren gemacht wird, ift leider eine noch etwas zu befchränkte Die Decoration von Tellern und Servicen, namentlich das Verfehen derfelben mit den fehr beliebten farbigen Monogrammen gefchieht auf diefe fehr billige Art. Wahlifs importirt alljährlich auch undecorirtes Porzellan und Steingut aus Deutfchland und England, welches feinen Schmuck in Wien erft erhält. Unter den Decorateuren und Malern auf Porzellan nimmt die Firma Albin Denk's Witwe in Wien eine hervorragendere Rolle ein. In einer fchön arrangirten Vitrine bringt fie nach den verfchiedenften Stilarten gemaltes Porzellan, meift kein Gebrauchsgefchirr. Auch hier treffen wir wieder auf Haufer's Entwürfe an zwei gelungenen Vafen mit griechifchem Renaiffance- Ornament. Zwei treffliche in der Farbe gut gerathene Vafen find die mit Blafsblau und Seladongrün gezierten, das Cloifonnée imitirenden, und zwei ebenfolche mit Alhambra- Ornament auf 94 Dr. Emil Teirich. olivengrünem Grunde, wobei uns freilich das Ornament felbft für die kleine Fläche zu grofs erfcheint. Der mittlere Teller will uns da beffer gefallen, das gut in der Farbe geftimmte Ornament ift fchön und ebenmäfsig auf der Fläche vertheilt. Weniger gut gelungen find die Imitationen alter Porzellane, fo der alten Wiener Waare Dunkelblau mit Goldrelief. Im Ganzen ift die Decorationsweife der hier ausgeftellten Porzellane, die mitunter alles Lob verdienen, durch das Streben gekennzeichnet, das coloriftifche Moment zu betonen und darum dem vielen, matt und kraftlos gehaltenen namentlich deutfchen Porzellane weitaus überlegen. Unter den Servicen fällt das mit mulberyrothem Saum und Golddeffinirung, Eigenthum des Erzherzogs Wilhelm, befonders auf. Wir vermögen demfelben jedoch keinen befondern Gefchmack abzugewinnen. Fifcher in Herend( Ungarn) ift feit den beiden letzten Weltausftellungen fich felbft treu geblieben, und copirt nach Thunlichkeit, aber ziemlich ohne Auswahl, Porzellane jeder Provenienz und jeden Stils. Die Fertigkeit, zu der er es hiebei, wenigftens in einzelnen Stilrichtungen gebracht hat, ift bemerkenswerth, fein Streben dem Originale mit Beibehaltung aller Schwächen und Unvollkommenheiten abfolut gleichzukommen, alfo ein ein Facfimile zu liefern. hat aber künftlerifch gar keinen Werth. Wie ganz anders ftudiren beispielsweife die Engländer den orientalifchen Stil und verwenden deffen Motive zu reizvollen, aber immer modernen, Schöpfungen. Was follen wir aber mit unvollkommen vieux Saxe- und noch minder gelungenen Sèvres- Imitationen beginnen, denen ja doch der Reiz des echt Alten genommen ift, jener hiftorifche, wenn auch oft vielleicht nur eingebildete Werth, den Sammler auf Antiquitäten überhaupt legen? Im Uebrigen hat Fifcher feit den letzten Jahren feiner Fabrication eine gröfsere Ausdehnung zu geben gewufst, und ift anzuerkennen, dafs er in Ungarn unter Verhältniffen zu arbeiten gezwungen.ift, die Alles dort Erzielte als doppelt verdienftlich erfcheinen laffen. Die alte, beftrenommirte gräflich Thun'fche Fabrik zu Klöfterle hat auch diefsmal techniſch fehr Vollendetes ausgeftellt. Die überaus fchwierigen Formen der Suppenterrinen und flachen koloffalen Fleiſch- und Fifchfchüffeln werden die Anerkennung jedes Fachmannes finden. Weniger gelungen ift das Bisquit. Ein blau mit Gold decorirtes Service und ein anderes mit buntem RenaiffanceOrnament auf fchwarzem Grund verdienen Erwähnung. Noch find alle diefe Leiftungen ein Verdienft des um die öfterreichifche Porzellanmanufactur fehr verdienten Directors, Venier, der namentlich fchon feit Langem als Ofenbauer und Pyrotechniker für die Einführung der Gasfeuerung thätig ift. Warum das Etabliffement nicht fo viel daran wendet, nach eigenen Zeich nungen zu arbeiten und die auf der Mufterausftellung gebrachten( und auch im Prater wieder erfchienenen) Decors von Haas& Czizek nach Haufer's Zeichnungen theilweife imitirt, ift uns nicht recht erklärlich. Um endlich alle öfterreichifchen Porzellanfabriken zu nennen, die auf der Ausftellung vertreten waren, fei auch der Ellbogner- Fabrik, der ActienGefellfchaft für Porzellan- und Steinkohlen Induftrie Erwähnung gethan, deren grau decorirtes Porzellan, chinefifche Vafen und fonftigen Imitatio nen kaum das Mittelgut erreichte, und die in Form und farbiger Decoration noch manches nachzuholen hat. Einige grofse Kübel, Abdampffchalen für chemifche Zwecke, Apothekergefchirr find weitaus beffere Leiftungen und auch das eigent liche Gebiet der Fabrication. Auch die Fabrik Dallwitz bei Carlsbad( Franz v. Ried 1) brachte, trotzdem auch fie die fchon erwähnten Mufter von Haas& Czizek fo gut als möglich zu imitiren trachtete, nichts Erfreuliches. Ift das Ellbogner Porzellan grau, fo ift diefes hier unfein und gelblich. Die Thonwaaren- Induftrie. 95 Die meiſten Erzeugniffe der Fabrik find gewöhnliche currente Waare, meift Service, Tifchgefchirre jeder Art u. f. w. Eine ziemliche Sammlung diverfer Decorationsmethoden und Ausführungsweifen zeigten uns die in gröfserer Auswahl an der Ausftellung betheiligten Porzellanmaler Wiens, die fich zum Theile zu einer Collectivexpofition vereinigt hatten. Wir müffen geftehen, dafs wir nur in geringem Mafse von diefen Leiftungen erbaut waren; wie wenig, wie fehr wenig Gutes, ift darunter. Die alte Technik der kaiferlichen Porzellanmanufactur ift jetzt, wenige Jahre nach deren Auflöfung, bereits im Verfalle, keine der alten Traditionen, die, wenn fie heut auch nicht mehr jene unumwundene Bewunderung finden würden, der fie fich zu Anfang unferes Jahrhunderts erfreuten, die aber doch einen guten, gefunden Kern einer tief künftlerifchen Auffaffung bargen, hat die alte Fabrik zu überdauern vermocht. J. Zafche nimmt unter den Wiener Miniaturmalern wohl den hervorragendften Rang ein, feine Technik erinnert an die fchon befprochene der Thüringer Maler, denen er auch in Wahl des Sujets nahe kommt. Meift find es Heiligenbilder auf Porzellan oder Metall, zum Theile nach guten alten Vorbildern der Wiener Gallerien, beftimmt, Hausaltärchen und dergl. zu zieren; auch die Blumenmalerei wird von ihm fleifsig geübt. Bekannt find feine Alpenblumen- Bouquets, die mehr ihres Colorits als der Compofition wegen genannt werden können Einige gute Teller, Nachbildungen alter Wiener Porzellans, zeugen von einem Streben Zafche's, gelegentlich auch mehr als das Gewöhnliche zu leiften. F. Hubl, jetzt Lehrer in einer neu errichteten Fachſchule für Porzellanmalerei bei Carlsbad, ein erft vor Kurzem aus der Kunftgewerbe- Schule des öfterreichifchen Muſeums gefchiedener Zögling derfelben, brachte einige decorirte Teller im Stile der Renaiffance, mit Putten geziert, die, wie faft alle auf der öfterreichifchen Ausftellung den Charakter der Geftalten des Laufberger'fchen Kinderfriefes am Vorhange des neuen Opernhaufes tragen. Compofition und Ausführung haben vollkommene Aehnlichkeit mit Laufberger's Manier und wir glauben auch nicht zu irren, wenn wir hie und da an Hubl's Tellern den Zug einer geübteren Hand als der feinen zu erkennen vermeinen. Auch diefe Bemalung des Efsgefchirres mit Figuren und Rankenwerk dort, wo die reine Fläche zur Aufnahme der Speife ausgefpart bleiben follte, läuft unferen Begriffen über ftilvolle Decoration zuwider. Das Service ift auf Beftellung des bekannten Teppichfabrikanten Haas angefertigt worden. Wenn Hubl, dem jedenfalls noch viele Studien zu machen bleiben, in feinem gewohnten Eifer fortarbeitet, fo ift künftig wirklich Bedeutendes von ihm zu erwarten. Miefsner, Porzellanmaler in Alt- Rohlau, brachte einen trefflichen männ lichen Kopf, gute Blumenmalereien; Breitenfelder Kindergeftalten, die freilich jenes Reizes entbehrten, den wir an franzöfifchen Ausführungen diefer Art zu finden gewohnt find. Verdienftlich find die Leiftungen von Kadletz, Heiligenbilder, Blumen und Imitationen von altem Wiener Porzellan. Roher in Contour und Farbe waren Jäckel's Heiligenbilder, die gegen die fehr feine Manier von Hille freilich ftark abftechen. F. Beck brachte fchwarzes, mit Gold decorirtes Service für Thee und Kaffee, Willert hart gemalte Blumen. Traurig fahen die Platten von Gefswald aus. Specialitäten von Porzellanblumen u. dergl., beftimmt zu der nicht feltenen Anwendung in der Marqueterie und Ledergalanterie- Arbeit, erzeugen Hille in feiner feinen Weife und G. Heinz, ohne darin wefentlich Bemerkenswerthes zu leiften. E. Weybora in Wien ftellte gut emaillirte Uhr- Zifferblätter und Schrifttafeln aus. J. Leth brachte eine ganz gelungene Reihe feiner eingebrannten Photo graphien. Er beherrfcht fein Verfahren jetzt zufehends mehr als früher, doch hat diefe, zudem nicht einmal befonders billige Art der Decoration des Porzellans 96 Dr. Emil Teirich, in Grau fo wenig Erfreuliches an fich und ift fo baar jedes anregenden Effectes, dafs deren Anwendung naturgemäfs ftets eine befchränkte bleiben dürfte. Carl Anger in Aich fandte Photographien auf Porzellan ein. Im grofsen Ganzen ift an neuen Decorationsverfahren aufser den fchon erwähnten Arbeiten von Kofch, die theilweife noch ihres Abfchluffes harren, nichts zu fehen gewefen. Erwähnen wir zum Schluffe noch der trefflichen Mufter von reintonigen Porzellan- und Fayencefarben, die der fehr verdiente Chemiker und Fabriksdirector Röfsler aus der Ellbogener chemifch- technifchen Fabrik einfandte und die fich getroft mit allen ähnlichen Erzeugniffen zu meffen vermögen. Seine Luftre- und Nacrefarben ſtehen den franzöfifchen in keiner Hinficht nach. Wohin wir in der öfterreichifchen Porzellaninduftrie blicken, überall begegnen wir einem eifrigen Streben, nicht immer auf dem rechten Wege, oft noch taftend, fchreitet die Fabrication vorwärts, die wir mit dem Wunſche begleiten, fie möge bei dem allgemeinen und grofsen Auffchwunge des Kunftgewerbes, der fich in der ganzen Ausstellung unferes Vaterlandes manifeftirte, nicht zurückbleiben. Italiens Porzellanmanufactur hatte in Ginori( Doccia) ihren einzigen und leider nicht den beften Vertreter. Die Decoration tritt nicht über das Mafs des gewöhnlichen Mittelgutes heraus. Die Maffe felbft ift zwar von anerkennenswerther Güte, aber kein heimifches Product, fondern wird von Limoges aus Frankreich, alfo importirt. Einige Imitationen alten Capo di monte Porzellans, mit feinem reichen figuralen Relieffchmucke und der bekannten minutiöfen Farbengebung find kaum als gelungen zu betrachten, jedenfalls aber fehr fchleuderifch behandelt. Mehrere Stücke, fo ein gröfserer Tafelauffatz und zwei Candelaber nahmen fich Meifsner Waare zum Vorbild, ohne diefer auch nur entfernt nachzukommen. Schon die Farbengebung ift hiefür zu wenig geftimmt, zu fcheckig geworden. Die Bisquitfiguren, mitunter nicht ohne Verdienft modellirt, find im Feuer nur zum Theile gerathen. Einige davon erhielten offenbar zu ftarke Hitze und fchmolzen ab. Wir hätten gewünſcht, Ginori's Ausftellung lobender erwähnen zu können. Er hat doch im Jahre 1871 zu London gefehlt und hätte feit der Parifer Ausftellung, wo er grofsen Beifall erntete, wohl etwas weiter fortfchreiten können. Bei Berücksichtigung der erfchwerenden äufseren Verhältniffe, unter welchen in manchen Ländern der Fabrikant erzeugt, find gewiffe Leiftungen noch anerkennenswerth, die fonft wohl unberücksichtigt bleiben müfsten. Diefs gilt auch von der einzigen, bedeutenderen Porzellanfabrik Vifta Alegre von Fereira Pintos Baftos& filho zu Ilhavo in Portugal, welche vornehmlich gegen den englifchen Import gerichtet, fich den englifchen Muftern auch nach Thunlichkeit anfchliefst. An den Thon- und Wafchfervicen ift diefs deutlich erfichtlich, die Decorationsweife monoton, aber mafsvoll, jedenfalls befriedigend. Die Porzellanmaffe felbft ift etwas dick und plump gearbeitet. Es werden neben der vorzüglichen Thonerde von Feira in diefer Fabrik auch englifche und franzöfifche Kaoline benutzt. Wo felbftftändige Decoration, wie an den beiden mattgezierten blauen Vafen verfucht wird, zeigt fich deutlich die Unzulänglichkeit der Kräfte. Das erzeugte Porzellan ift durchwegs ein hartes. Gehen wir nun an die Betrachtung deffen, was uns der Orient an Porzellanen brachte. Nur China und Japan, die Länder, in denen die Wiege diefer Induſtrie geftanden hat, betreiben diefelbe. Mehr oder minder unbeleckt von der Cultur des Abendlandes haben fich hier Sitten und Gebräuche erhalten, und mit ihnen im engften Zufammenhange das Hausgeräth. Das Gefäfs, als wichtigſtes darunter, mufste naturgemäfs feine althergebrachte Form und Decorationsweife, wenigftens ihrem innerften Wefen nach, unverfälfcht bewahren. Eine reiche und was noch mehr ift, wirklich inftructive Ausftellung der Porzellaninduftrie von China, wie fie vollſtändiger auf Weltausstellungen noch Die Thonwaaren- Induftrie. 97 nie gefehen wurde, verdanken wir den Bemühungen des öfterreichifchen Generalconfuls G. Ritter von Overbeck in Hongkong, der fich der recht mühevollen Aufgabe unterzog, durch Beiträge aus feinen eigenen reichhaltigen Sammlungen und jenen feiner Freunde ein recht lebendiges, wenn auch vielleicht hie und da noch immer lückenhaftes Bild der, modernen Induftrie Chinas zu geben. Wir haben bei mehreren Gelegenheiten bereits unfere Anficht über den chinefifchen und japanefifchen Stil in der Porzellandecoration ausgefprochen. Ein Blick auf die bauchigen, meift ziemlich plump modellirten und flüchtig bemalten Gefäfse aus China illuftrirte das Gefagte. So fehr beiſpielsweife die europäifche und moderne textile Kunft ihre Motive und beften Impulfe der FlächenDecorationsweife des Orientes zu entnehmen vermag, ebenfo fehr müffen wir bemüht fein, die, mit dem Porzellan als folchem gleichzeitig mit importirte chinefifche Stilrichtung aus ihrem lange ufurpirten Sitze wieder zu verdrängen. Im Wefentlichen hat fich die ganze Erfcheinung des modernen chinefifchen Porzellans gegenüber den alten Arbeiten kaum geändert. Die althergebrachten, traditionellen Formen und Decorationsweifen, welche fich in gewiffen Familien vererben und dadurch Jahrhunderte lang ſtationär bleiben, wiederholen fich auch heute noch, zum Theile nur angekränkelt durch die Sucht, ftets neue und durch das Bizarre des Gedankens überrafchende, und darum beliebte und gut bezahlte Exportwaare zu fchaffen. In der Collection des Erzbifchofs Gray fanden fich zumeift folche alte chinefifche Porzellane, mitunter von ganz befonderer Gröfse mit figuralen oder Blumenmalereien bedeckt, meift blau auf weifs, aber auch bunt decorirt. Im Allgemeinen find die Farbenfcalen, wenn auch jetzt nicht reichhaltiger als früher, fo doch jedenfalls der gröfseren Reinheit der angewandten Farben wegen brillanter. Am auffälligften ift diefs am Kobalt zu beobachten, deffen geringeres Feuer an altchinefifchen Vafen oft zum Kriterium, und meift dem einzigen neben den darauf mitunter vorkommenden Infchriften, eben ihres Alters wird. Ift es an und für fich fchon fchwierig, fich in der noch wenig von fachmännifcher Seite durchftudirten chine fifchen Poteriekunft in ihren vielfältigen Erfcheinungen zu recht zu finden, fo wird diefs wefentlich erfchwert durch die befondere Gefchicklichkeit der Chinefen in der abfolut getreuen Imitation ihrer Antiquitäten, meift berechnet auf Täufchung europäiſcher Käufer. Heute noch tragen die modernen chinefifchen Porzellandecorationen diefelbe Symbolik der Farbe an fich, die dem Befitzer den Dienft, dem das Gefäfs gewidmet ift, oder den Ort der Erzeugung herauszulefen geftattet. Eine genaue Kenntnifs der Metaphyfik der Chinefen würde dazu gehören, fich völlig in den verfchiedenen, wir wollen nicht fagen Stilarten, aber traditionellen Gefchmacks richtungen zurechtzufinden und eine richtige Claffirung der Porzellane einzelner Culturepochen und Provenienzen vorzunehmen. Diefe grofse Arbeit ift bisher nur äufserft lückenhaft gefchehen. Zum Glück ist es häufige Gewohn heit der chinefifchen Töpfer von jeher gewefen, ihre Gefäfse mit Schriftzeichen zu verfehen. Diefe, fowie die Form und Farbengebung dienen zu Kennzeichen der regierenden Dynaftien und damit der Stilepochen in diefer Induſtrie. Im grofsen Ganzen ift der Charakter der chinefifchen Gefäfse durch ihren Mangel an Profilirung beftimmt. Gewöhnlich ift die Form derfelben vafenförmig und erfcheint die Oberfläche in keiner Weife untertheilt. Der Malerei bietet diefer Umftand einerfeits die gröfste Freiheit, denn nirgends wird fie gewiffermafsen räumlich befchränkt, andererfeits aber, da jede Flächeneintheilung fehlt, wird die Anbringung eines ftilvollen, ja felbft eines auch nur fymmetrifchen Ornamentes wefentlich erfchwert. Wir finden demnach auch als ein Charakteriftikon der chinefifchen Ornamentation einen völligen Mangel an Symmetrie, eine einfeitige Anordnung des Deffins, ja eine fcheinbar vollkommene Sorglofigkeit des ausführenden Künftlers bei Wahl des Platzes für feine Decoration auf dem ihm zu Gebote ftehenden Raume. Unleugbar fchädigt diefs den Effect der ganzen Malerei 7 98 Dr. Emil Teirich. ganz entfchieden, es muss aber auch zugeftanden werden, dafs Gefäfse zu fehen waren, in denen trotz diefer abfichtlichen oder zufälligen Unordnung in der Anordnung des Ornamentes dennoch, vielleicht aus angeborenem, feinem, äfthetifchem Gefühle, der Künftler eine ganz fchöne Harmonie zwifchen Grund und Zeichnung, eine vollkommene Harmonie der Maffen herzuftellen gewufst hat. Die Plaftik der Chinefen, wie fie fich in der Thonwaaren- Induftrie auch fpiegelt, ift bekanntlich deren allerfchwächfte Seite und nicht im Stande, die menfchliche Geftalt richtig wiederzugeben. Eine plaftifche Decorationsweife wird man daher zumeift, und wohl auch mit Vergnügen vermiffen. Trotzdem wimmelt es von einer Unmaffe plaftifcher Darftellungen im grotesken Stile, der fich zumeift Thiergeftalten, fabelhafte Ungeheuer, zum Vorwurfe nimmt. Auch diefe haben eine wefentlich fymbolifche Bedeutung, die einerfeits in dem Cultus, anderfeits in dem Kaftengeifte und den Standesunterfchieden des Volkes wurzelt. Häufig finden wir Darftellungen des Drachen, des Attributes der höchften Staatsgewalt, wie folche auch von modernen Meiſtern, z. B. Pohing in Canton ausgeftellt waren. Der Hund des Fo, das heilige Pferd u. f. w., alle dienen neben ihrer mythifchen und fymbolifirenden Bedeutung auch zur Bezeichnung der Rangclaffen der chinefifchen Gefellſchaft. Unter den figuralen Darftellungen find bunt bemalte, meift ins Fratzenhafte verzerrte, kleine Götzenbilder, gewöhnlich in fitzender Stellung, die häufigften. Der Buddhismus gibt hiezu Motive genug. Am häufigften waren von altersher die Darftellungen des Obergottes, des Lao- tfe, dann des ehrwürdigen Greifes Cheou- lao, des Symboles der Langlebigkeit und des Pou- taï, des Gottes der Zufriedenheit. Seltener trifft man die Geftalten des Weifen Confucius und anderer Philofophen, häufig aber auch die der heiligen Jungfrau Jao- tcheou. Die Fabrication felbft des Porzellans wird in China unterftützt durch ein treffliches Material, das fich in den Kaolinen von vorzüglicher Reinheit und dem fchönften Feldfpath( petunfe) in unerfchöpflichen Maffen vorfindet. Von dem Commiffär der Duane in Kivonkia ift eine intereffante Rohmaterialien- Sammlung ausgeftellt worden. Viele Orte des Vorkommens wurden feit undenklichen Zeiten Centren der chinefifchen Töpferinduftrie und find es theils geblieben bis auf den heutigen Tag, theils verfallen und wieder verfchwunden, wie die alte Fabriksftadt King- te- chin, die Wiege des chinefifchen Porzellans, oder Jao- tcheou, der berühmte Poteriediftrict. Eine felbft auf die einzelnen Theile der Decorationsmalerei fich erftreckende Arbeitstheilung und das Uebergehen gewiffer traditioneller Verfahrungsweifen vom Vater auf den Sohn, mit einem Worte die Stetigkeit in einer jeden Hausinduftrie, bewirkten die Ausbildung gewiffer, charakteriftifcher Typen des chinefifchen Porzellans, welche jede einer beftimmten Familiengruppe eigen ift. Ein Blick auf die Ausftellung, fo wenig diefelbe in diefem Sinne auch geordnet war, liefs diefs mit Sicherheit erkennen. Dabei lebt der chinefifche Töpfer in einem ewigen Kampf mit felbft. gefchaffenen Schwierigkeiten bei der Erzeugung feiner Waare. Die angeborene grofse manuelle Fertigkeit der Chinefen fucht fich in jeder und immer neuer Form zur Geltung zu bringen. Grofse Sorgfalt wird der Vorbereitung der Porzellanmaffe zugewendet, dann aber mufs fie auch das Aeufserfte leiften. Nirgends findet man fo viele koloffale Vafen und fonftige Decorationsgegenstände aus Porzellan, die prächtig im Feuer beftanden haben. Der Scherben des gewöhnlichen Porzellans ift wohl meiftens ziemlich dick gehalten, ja oft ganz erftaunlich plump geformt, aber doch werden oft papierdünne Schälchen erzeugt, und nicht genug daran, auch noch mit Ornament durchbrochen; auch das genügte nicht. Man nahm eine eierfchalendünne Vafe, überzog fie mit blauer Kobalt- Glafurmaffe und fteckte fie in eine zweite, zierlich durchbrochene von ähnlicher Form hinein, fo, dafs nur am oberen Die Thonwaaren- Induftrie. 99 Rand die beiden Gefäfse fich tangiren. Beim Brande fchmelzen diefe an den Berührungsflächen zufammen, bilden einen Körper, und ein reizender und überrafchender Effect ift mit diefem fogenannten travail réticulé erzielt. Die zum Ausformen verwendeten Modellformen find nicht wie bei uns aus Gyps, fondern aus, an der Sonne getrocknetem, Thon gefertigt. Um fo wunderbarer ift uns die Präcifion und Schärfe, mit der die Profilirung oder das Relief erfcheint, da nur wenig später retouchirt wird. Die Glafur und die Farben werden faft ausnahmslos in einem einzigen Feuer eingebrannt. Die alten Farben beftanden faft lediglich aus gepulverten Mineralien, heutzutage arbeitet der fortgefchrittene chinefifche Porzellanmaler auch fchon mit chemifchen Präparaten, meift englifchen Importartikeln. Während einerfeits das Streben der Fabrikanten dahin gipfelt, eine möglichft gut verbundene, haarriffefreie Glafur zu erzielen, denkt fchon der andere feit Langem an die Erzeugung des Craquelé, des künftlich mit mehr oder weniger dichten Riffen verfehenen Glafurüberzuges, von dem namentlich einige fehr gut gelungene, weil fehr regelmässig gefprungene Proben an grofsen Vafen ausgeftellt waren. Diefe ganz feine Sprenkelung der Oberfläche, welche an die Zeichnung der Haut der Forelle erinnert( darum truité genannt), war von jeher eine beliebte Curiofität und ein Gegenftad der europäiſchen Imitationsfucht. Bekanntlich hat Sevres, Minton, Worceſter und Andere die Technik diefes Craquelé längft aufgefunden und auf der Ausftellung in fchönen Muftern gezeigt. Aus Kivonkia fandte Kopfa, der Commiffär der Duane, neben eigenen alten und neuen Hausgeräthen, auch Vafen, worunter fchöne, grauliche Craquelés von befonderer Gröfse( 4% Fufs Höhe) bemerkt zu werden verdienen. Durch Einreiben mit einer braunen, mehr oder minder dunkeln Farbmaffe und nachheriges Verglühen wird das Craquelé, namentlich an einigen chine fifchen Stücken, fehr ftark prononcirt. " Auch von dem berühmten travail au grain de riz" fah man Einiges unter den alten chinefifchen Arbeiten. Das Ornament, meift Blumen, wird vertieft in eine Porzellanplatte eingedrückt, und mit einer weifsen oder färbigen Glafurmaffe überzogen, die fich in den Vertiefungen verdichtet; eine Technik, die, wie wir fahen, bei Minton Hollins beifpielsweife zur Plattendecoration gebraucht wird. Ueberhaupt dürfte keine der modernen Decorationsweifen in der Porzellan- und Fayence- Induftrie Europas exiftiren, zu der nicht eine chinefifche Ausführung den erften Impuls gegeben hätte. An Pohin g's Gartenftühlen und grofsen Vafen finden wir den feladongrünen Grund, auf dem mit paftofem Auftrag ein weiſses Ornament plaftifch, faft mit dem Pinfel modellirt erfcheint. Wir ftehen vor denjenigen Arbeiten, die zur berühmten Pâte sur- pâte- Technik den erften Anlafs gaben. Pohing's Ausftellung gibt ein inftructives Bild der modernen chinefifchen Porzellantechnik, wie fie für den europäiſchen Markt arbeitet; runde, viereckige oder fechseckige Vafen, bunte Figuren, Gartenfitze und Kübel, Blumengefchirre und Service in buntefter Abwechslung finden wir in deffen Schaukaften. Zum erften Male treffen wir hier auf einer chinefifchen Ausftellung überhaupt auch die Namen einiger Fabrikanten. So brachte Jiit- ching Vafen mit Cloifonnédecoration, gut in Farbe und befferem Gefchmack, und Hsii aus Hankow, modernes Gefchirr für den Hausgebrauch, darunter Taffen und Schüffeln mit Korallenfchmuck, kleinen und grofsen Vafen, Craqueléwaare u. f. f. Sehr bemerkenswerth und von befonders fchöner Wirkung find die fogenannten Maroonvafen. Der weifse Körper derfelben ift über und über mit einer dicken, leicht flüffigen dunkel purpurro then Glafurmaffe überzogen, in der fich blaue Flimmer, ähnlich dem Aventurin ausgefchieden haben. Eine ähnliche Maffe, die wir unter den neueften Glaspaften der Verrerie imperiale de St. Petersbourg fanden, rührt von L. Bonafede, dem Director und Chemiker der kaiferlich ruffifchen Fabrik her. 7* 100 Dr. Emil Teirich. Am vollständigften unter den modernen Sammlungen aber ift die von R. v. Overbeck und dem Handelshaufe Carlowitz& Comp. ausgeftellte Suite von Porzellanen aus dem Diftricte von King- te- chin bei Kur- Koing. Das dort erzeugte Porzellan gilt für das Befte und rühren namentlich, die grofsen, oft 5 Fufs hohen Vafen von da her. Die Decoration des weifsen Gefchirres wird in Canton beforgt, und befaffen fich dort drei Decorateure oder Maler hiemit, ganz unabhängig von dem Erzeuger des Gefäfses. Kur- Koing ift ein dem Export geöffneter Hafen, aus dem das meifte Por zellan China verläfst, um den europäifchen Markt zu bekommen. Nahe verwandt und bis vor Kurzem auch oft genug völlig confundirt mit der Porzellaninduftre Chinas ift die des japanefifchen Reiches. In dem Augenblicke, wo wir diefe Zeilen fchreiben, ift Japan fchon nicht mehr dasfelbe, was es damals war, als fein eigenthümlicher Stil nach chinefifchen Traditionen entftand und bald felbftftändig und frei fich entwickelte und fortblühte. Heute ift Japan vom Schienenftrange bereits durchzogen und qualmende Dampfer liegen in feinen, der europäiſchen Civilifation weit geöffneten Häfen vor Anker. Und gierig und faft unerfättlich find die Japanefen in der Aufnahme und Aneignung aller Herrlichkeiten des Abendlandes. uns zu Hoffen wir, dafs diefer Eifer kein blinder fei, das nicht auch hier, wie beispielsweife in der Türkei, zu beklagen bleibt, die abendländifche Cultur habe nur nivellirend und nicht reinigend auf die beften, originellften und edelften Eigenfchaften der Völker in Kunft und Sitte gewirkt. Das Gute von nehmen, dieberechtigten Eigenthümlichkeiten der eigenenNationalität aber ängstlich zu bewahren, das meinen wir, müfste das erfte und Hauptaugenmerk Japans fein. Noch hat fich feine Porzellaninduftrie nicht allzuviel aus ihren alten Bahnen durch europäifchen Einflufs lenken laffen, aber es fteht zu erwarten, ja es zeigt fich jetzt fchon an den Arbeiten jener Meifter, die für den Export arbeiten, ein Abgehen von den alten Formen, eine Sucht der Imitation abendländifcher und nicht immer der beften Originale. Daran wäre freilich nun nicht allzuviel gelegen. Wir fchwärmen eben nicht befonders für japanefifche Vafenprofile und Porzellanmalerei und glauben, dafs ein Vorführen wirklich guter europäiſcher Mufter nur fördernd auf die ganze Induftrie einwirken könnte. Was uns aber beforgt macht, das ift die Schleuderhaftigkeit, die feit dem vermehrten Export in den Werkstätten einzureifs en beginnt und die Gefahr, dafs binnen Kurzem der echt japanefifche Stil zwar verloren, aber durch ein finn- und geiftlofes Mifchmafch erfetzt fein wird, das heutzutage unter europäifchem Einfluffe beiſpielweife die edle perfifche Teppichmanufactur zu vernichten droht. Unter dem, im japanefifchen Bazar verkauften, war eben mitunter fo elendes Fabricat, dafs wir zu folchen Befürchtungen wohl alle Urfache haben. Der Einflufs Chinas auf die Porzellaninduftrie Japans ift ein fichtlicher, aber auch hiftorifch erwiefener. Im XIII. Jahrhunderte zogen manche Japanefen über's Meer nach China, um dort in die Geheimniffe der Töpfer- Werkftätten zu dringen, Glafur und Vergoldung zu lernen. Heute wird in der Stadt Arita im Departement Saga die befte und feftefte Sorte von Porzellan im Grofsen erzeugt. Ueber 15.000 Menfchen befchäftigen fich mit diefer Induftrie, welche den Hauptbedarf des eigenen Landes fowie einen bereits lebhaft geworden Export befriedigt. Die aufserordentliche Feinheit der Maffe, die namentlich zu fehr dünnen Schalen verarbeitet wird, der diaphane, warme Farbenton des Scherbens, deffen befondere Härte, zeichnen diefe Qualität vor allen anderen aus. Es ift das berühmte Porzellan von Hizen, von dem wir fprechen und das unter diefem Namen allbekannt und gefchätzt ift. Die Decors find entweder blau( Kobalt) unter der Glafur oder bunt in der Muffel eingebrannt. Die oft vorkommende Vergoldung und Bronzirung des Die Thonwaaren- Induftrie. 101 Porzellans gefchieht auf kaltem Wege. Vafen von 1623 Meter Höhe und 0.495 Meter Durchmeffer find durch die Regierung von Saga eingefandt worden. Die Möglichkeit folch' ungeheuerer Ausführungen liegt in der Vorzüglichkeit des zu Gebote ftehenden Materiales, das den Anlafs zur Gründung diefes älteften Sitzes der japanefifchen Porzellaninduftrie gab. Japan ift äufserft reich an den beften Mineralien für die Thonwaaren- Induftrie. Bekannt find die Fundorte für Thone wie Owari, Oomi, Settfu Jamafhiro und das erwähnte Hizen. Prächtiger, blendend weifser Quarz findet fich in Hida, Kay, Mino, Kaga und Hokij in unerfchöpflichen Mengen, ein gelblich gefärbter in Hitachi. Schöne Orthoklafe fandten die Departements Satfuma und Mino ein; aus letzterem ftammt auch eine eigenthümliche Feldfpath- Breccie, die gleichfalls in der Fayencetechnik Verwendung findet. Der Reichthum an Mineralfarben zeigt fich in den Sammlungen der Bleiglanze von Bizen, Echin, Rikufen und Nijgata; Zinnerz findet fich in Satfuma und Suwo, Antimonerz in Ofumi, Jyo und Minafaki, und die vielfach angewandten kobalthältigen Mineralien in Mino, Uzen, Ife und Mikawa. Die ganze Ausstellung diefer Rohproducte war eine äufserft inftructive, in folcher Vollständigkeit in Europa noch nie gefehene. Sie war zudem auch noch durch Halbfabricate des Porzellans vervollſtändigt. Das Hizenporzellan wurde durch das Ehrendiplom ausgezeichnet. Von diefem, wie überhaupt von allem japanefifchen Porzellan wurden nur moderne Erzeugniffe eingefchickt. In Kioto der weftlichen Hauptftadt das Reiches, am fchönen Kogamo gelegen, fabricirt man im Quartier Godjizaka eine fehr gefuchte, weifse Porzellanforte mit Blau zumeift, dann aber auch mit Roth und Gold decorirt. Ihr fchliefst fich das Porzellan von Nagafaki an, blau bemalt unter der Glafur. Durch ein dunkleres, blaues Mittelfeld unterfcheidet fich von diefem im Allgemeinen die Kagawaare aus dem Departement Ifchikawa. Mehrere Stücke diefes charakteriftifch aber wenig fchön bemalten Porzellans, deffen feine minutiöle Decoration den ungemeinften Fleifs bekundet, waren ausgeftellt, darunter die mit Roth und Gold gezierten, fehr gefchätzten Arbeiten. Das meifte in Japan erzeugte Porzellan, deffen Decoration nicht unter der Glafur gefchieht, alfo die ganze Muffelarbeit, wird in Yeddo verrichtet, dem Sitz einer Genoffenfchaft von etwa fünfzig Malern, die ihre Kunft nach Thunlichkeit geheim halten. Der moderne europäifche Einflufs macht fich an den Arbeiten diefer Gilde fchon deutlich fühlbar. Meift find die Vafen und fonftigen Gefchirre weifs, auf gelbem Grunde geziert. Manche Teller mit Blumenornament und einige feine Schalen und Taffen mit Schilfdecoration find fehr fauber ausgeführt. Mit zu den beftbemalten zählen die aus der Stadt Seto im Departement d'Aidtfi herrührenden Porzellane. Grofse Stücke von den fchwierigften Formen, oft ftark durchbrochen, Vafen mit langgezogenen Hälfen, ein Kamin, grofse, 3 Schuh lange und 18 Zoll hohe Platten, vollkommen eben und gerade, mit guten Landfchaftmalereien, Hochgebirgs- Gegenden darftellend, dann endlich viele marktgängige Waare lagen von dort vor. Die kobaltblaue Farbe ift die häufigfte. Sie liegt unter der Glafur, auf die eine reiche Vergoldung durch den paftöfen Auftrag von Goldlack getragen wird. Durch Modellirung diefes Lackes werden ganze Darftellungen in Relief hergeftellt, deren Contouren hie und da mit wenigen Pinfelftrichen einer helleren Goldfarbe markirt find. Das Fabricat des Meifters Manfuke aus dem Departement Guifau illuftrirt die gewöhnliche Gebrauchswaare. Es find diefs die blau im Scharffeuer decorirten cylindrifchen Theetaffen. Im Allgemeinen ftellt fich das Porzellan Japans feiner Form, als auch der farbigen Ornamentirung nach, über jenes von China. Sein blaues Kobalt 102 Dr. Emil Teirich. fetzt fich zudem weit beffer mit dem grünlich weifsen Fond der Glafur in Harmonie, als auf dem weifsen Porzellan von chinefifcher Abkunft. Der Körper der Waare ift in Japan zudem meift dünner im Scherben, die figuralen Zeichnungen darauf ftellen in naturaliftifcher Weife gewöhnlich modern gekleidete Japanefen dar. Hin und wieder finden wir auch hier Craquelés, doch weniger gut als die chinefifchen und manche gut und fleifsig à jour gearbeitete Nippes oder felbft auch gröfsere Gegenftände. Nur wenige Stücke in der Ausftellung erinnerten an das glasartige, emaillirte Porzellan, das die höchfte Werthfchätzung erfährt. Der Körper desfelben verfchwindet hier völlig und verfchmilzt mit der Glafur zu einer feinen, diaphanen Maffe von vollſtändiger Homogenität und einer jaspisartigen, milchigen, grünlich weifsen Farbe. Die Imitation diefer Waare ift unferen modernen Fabrikanten noch nicht geglückt. Figuren, Blumen und fonftiges Pflanzenornament in höchft zartem Auftrage zieren diefe reizenden kleinen Gefäfse und tellerartigen Formen. Noch haben wir endlich einer Eigenthümlichkeit Japans, des lackirten Porzellans( lacquée burgautée), zu gedenken, das durch mehrere, ziemlich grofse Vafen repräfentirt war. Das Porzellan wird entweder als Bisquit oder nach dem Aufrauhen der Glafur durch Abfchleifen, mit dem fchwarzen, japanefifchen Lacke( Ouroufino- ki genannt) überzogen und mit einer dunkel perlmutterartig fchillernden Mufchelfchale( burgau), welche zum Theile auch noch künftlich gefärbt ift, mufivifch eingelegt. Die einzelnen Stücke der Einlage werden äufserft präcife zugefchnitten und gewöhnlich zu Landfchaftsbildern zufammengefetzt. Bunte Vögel und phantaftifche Thiere bilden die Staffage in der meift mit Waffer belebten Scenerie. Diefe Arbeiten find mit befonderer Gefchicklichkeit ausgeführt, die Bilder find nicht ohne Talent und mit feinem Gefühl für Vertheilung von Perlmutter und fchwarzem Grund componirt. Es hätte uns weit aus dem Rahmen unferes gedrängten Berichtes geführt, wenn wir es verfucht hätten, weiter in die Details der Technik und Decorationsweife unferer abendländifchen Thonwaaren- Induftrie einzugehen. Wir mufsten uns begnügen, felbft dort, wo ein erhöhtes Intereffe vorlag, nur flüchtig anzudeuten, nur den Stand der Induftrie zu markiren, um für ein tieferes Studium gewiffermafsen Fixpunkte des Ausganges zu fetzen. Es ift uns daher um fo mehr verfagt, uns mit der ferner liegenden orientalifchen Technik näher zu befchäftigen, deren fchönfte Erfolge, wie wir fahen, fich unfere europäiſchen Fabrikanten mit Fleifs und auch oft mit Glück zu Nutzen gemacht haben. Möge die abendländifche Cultur fich dem Oriente dankbar erweifen und ihm das Geliehene nicht nur unverfehrt, fondern veredelt wieder zurückerftatten, anftatt das ihm noch Verbliebene durch europäiſche Corruption zu verderben. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE GLASINDUSTRIE. ( Gruppe IX, Section 3.) BERICHT VON JAKOB FALKE UND LUDWIG LOBMEYR. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1875. KOB EVEKE BEBIC VORWORT. Es find wenige Zweige der Induftrie, welche in fo eminenter, fo klarer und beftimmter Weife wie das Glas die beiden Seiten zeigen, die künftlerifche wie die commerzielle. Eine Trennung des Berichtes nach diefen beiden Richtungen ift daher nicht nur möglich, fondern fogar wünſchenswerth, zumal wenn, wie es hier der Fall ift, beide Berichterstatter fich bewufst find, dafs, fo fehr auch ihre Studien und Beobachtungen von verfchiedenen Gefichtspunkten ausgehen, dennoch ihre Anfichten in allen Punkten übereinftimmen. Wenn fie in der Anordnung und Eintheilung ihres Stoffes verfchiedene Pfade befolgen, fo liegt das in der Natur der Sache und kann nur beitragen, die Vielfeitigkeit der Anfchauungen zu vermehren. I* I. ABTHEILUNG. KUNSTINDUSTRIELLER BERICHT von JAKOB FALKE. DIE GLAS INDUSTRIE. ( Gruppe IX, Section 3.) Bericht von JAKOB FALKE UND LUDWIG LOBMEYR. Einleitung. - Betrachtete man das Glas, wie es auf unferer Weltausstellung vertreten war, lediglich aus dem künftlerifchen Gefichtspunkte, fo zeigte fich eine grofse, höchft auffallende Lücke. Das franzöfifche Kunftglas wenn wir uns der Kürze halber diefes Ausdruckes bedienen dürfen war gar nicht vorhanden, oder fo gut wie gar nicht, denn was man davon fah, waren Specialitäten, die aufserhalb der Mode, aufserhalb des modernen Gefchmackes lagen. Alfo gerade der Staat, der gegenwärtig faft in allen Zweigen der Kunftinduftrie noch den erften Rang behauptet und ihn in allen Dingen zu behaupten glaubt, war mit diefem Zweige, einem der feinften und zierlichften von allen, ausgeblieben. Für die vergleichende Betrachtung der Dinge, wozu ja die Weltausftellungen in Scene gefetzt werden, war das allerdings aus dem geographifchftatiftifchen oder commerziellen Standpunkt ein höchft fühlbarer Verluft, der mit einiger Anftrengung vielleicht hätte verhindert werden können. Minder grofs und bedeutungsvoll ftellte fich die Lücke für die äfthetifche Betrachtung dar, da Frankreich, wenigftens nach den früheren Ausftellungen zu fchliefsen, kein befonderes künftlerifches Princip in der Glasinduftrie vertritt, fondern im Wefentlichen übt, was anderswo geübt wird, nur diefes zum Theil, insbefondere was die Malerei betrifft, feiner und fchöner darftellt. Die verfchiedenen Kunftprincipien, wie fie heute und zum Theil erft feit dem letzten Decennium in der europäiſchen Glasinduftrie herrfchen, konnten auf unferer Ausstellung vollſtändig erkannt werden. Die Hauptftaaten oder Haupt. ftätten der Fabrikation waren entweder glänzend oder doch wenigftens für die Lehre vollkommen genügend vertreten: es waren England, Oefterreich oder fpeciell Böhmen, Italien oder Venedig- Murano. Diefe drei erſchienen als die Vertreter der drei heute herrfchenden Hauptprincipien. Aufser ihnen hatte Deutfchland zur Glasausftellung einen nicht unbedeutenden Beitrag geftellt, der künftlerifch aber nur nachahmend fich verhielt oder, weil zu gewöhnlich in feiner Art, fich aufser Frage ftellte. Dasfelbe, namentlich das letztere, war auch bei Portugal der Fall, während Rufsland gleich Frankreich auch noch mit beachtenswerthen Specialitäten erfchienen war. Belgien, diefes für die Glasinduftrie fo höchft bedeutungsvolle Land, hatte fich nur mit praktiſchen, nicht aber auch mit künftlerifchen Glasgegenständen betheiligt, wie es auf der Parifer 8 Jakob Falke. Ausftellung von 1867 der Fall gewefen war. Den ganzen Orient, deffen ehemalige Glasinduftrie nur in Parifer Imitationen fich noch mit ihrem Werthe und ihrer Bedeutung ahnen liefs, vertrat in diefem Zweige allein das ferne Japan, übri gens nur mit wenigen Gegenftänden, und diefe hatten nur culturgefchichtliches, nicht auch künftlerifches oder commerzielles Intereffe. Es ift bekanntlich eine höchft auffallende Erfcheinung, dafs in jenen techniſch fo hoch entwickelten Ländern Oftafiens, China und Japan, die Glasfabrikation fo gut wie ganz und gar überfehen worden und nicht zur Entfaltung gekommen ift. Der Unterfchied jener drei Kunftprincipien des Glafes, welche fich in der englifchen, böhmifchen und venetianifchen Induftrie ausgefprochen finden, gründet fich auf die Bearbeitung und das Material. Zunächft fcheidet fich alles Kunftglas in zwei grofse Gruppen dadurch, dafs die eine geblafen, die andere gefchliffen, oder richtiger gefagt, geblafen und gefchliffen ift. In Wirklichkeit ift eigentlich alles Kunftglas geblafen, aber das eine erhält feine Form blos auf diefe Weife, bei dem anderen wird fie wefentlich alterirt und in feinem künftlerifchen Charakter erft beftimmt durch die nachträglich hinzutretende Schleifung. Infofern kann man das gefchliffene Glas dem geblafenen als ein wefentlich anderes aus dem künftlerifchen Gefichtspunkt gegenüber ftellen. Die venetianifche Induftrie vertritt nun das geblafene Glas, die englifche und böhmifche das gefchliffene. In dem letzteren aber liegt ein fernerer Unterfchied darin, dafs das eine, das englifche, fogenanntes bleihältiges oder Flintglas ift, das böhmifche aber nicht. Diefer Unterfchied im Material, der zunächſt nichts weiter zu bedeuten fcheint, als dafs jenes im Gewicht fchwerer ift als diefes, führt doch weiter auch zu künftlerifcher Verfchiedenheit, bedeutend genug, um wieder das böhmifche und das englifche, die vereint dem venetianifchen gegenüber ftehen, principiell zu fcheiden. Beide ahmen den Kryftall nach, aber indem das englifche Glas durch feine Compofition die Fähigkeit gewinnt, bei kryftallinifcher Schleifung fein Licht in Farben zu brechen, fteht es dem Diamant nahe, während das böhmifche Glas, das jene Fähigkeit nicht befitzt, fich mehr wie der reine, farblofe Bergkryftall verhält, aus deffen Nachahmung es auch hervorgegangen ift. Auf der Ausbeutung jener Fähigkeit auf der einen Seite und dem Mangel derfelben auf der anderen Seite beruht der künftlerifche Unterfchied des englifchen und des böhmifchen Glafes. Man kann fagen, als Kryftall- Imitation haben beide, das engliſche wie das böhmifche Glas, viel Verwandtes, das in der gemeinfamen Art der Bearbeitung, in der Schleifung, zum Ausdruck kommt; in den verfchiedenen Beftandtheilen aber find auch ihre künftlerifchen Verfchiedenheiten begründet und vorgebildet. Wenn man wollte, könnte man noch ein viertes Kunftprincip des Glafes aufftellen und diefes als das franzöfifche bezeichnen, nämlich die farbige Bemalung des Glafes. Diefe aber liegt nicht im Wefen des Glafes, fondern ift nur von dem Porzellan durch den franzöfifchen Gefchmack auf das Glas übertragen. Es ift nöthig für diefe Malerei, das Glas erft undurchfichtig zu machen, alfo ihm feine wefentlichfte Eigenfchaft zu nehmen. Man kann daher diefes Kunftverfahren auch nur als Decorationsart, nicht als Princip auffaffen. Dasfelbe gilt von verfchiedener anderer Decoration, fo von der Aetzung, die einen Erfatz für das gefchliffene oder gravirte Ornament bilden foll, oder von der Verzierung mit Emailfarben auf durchfichtigem Grunde, die von dem deutfchen Glafe der Renaiffancezeit, wie von dem orientalifchen geübt wurde. Wir werden ihrer jedoch nach Befprechung der drei Hauptprincipien zu gedenken haben. I. Das venetianiíche Glas. Italien hatte weiter keine für unferen Gefichtspunkt intereffanten Glasarbeiten auf die Weltausftellung gefendet, als was von Venedig, oder noch genauer, von feiner Infel Murano gekommen war. Einheitlich nach feiner Herkunft, trug es daher auch einheitlichen Charakter, fo mannigfach auch die Gegenftände nach ihrer Beftimmung fich darftellten. Unter den verfchiedenen Arten von Kunftglas, die heute die herrfchenden find, ift das venetianifche das ältefte und das jüngfte. Wir nennen es das ältefte, weil feine volle künftlerifche Ausbildung im XVI. Jahrhundert ftattfand, während die Art des böhmifchen und des englifchen Glafes erft im XVII. und XVIII. Jahrhundert zur Entwicklung kam, und wir bezeichnen es zugleich als das jüngfte, weil das, was wir heute fehen, erft feit fünfzehn Jahren wie aus dem Nichts wieder erftanden ift. Das venetianifche Glas, ja felbft feine Berühmtheit reichen allerdings weiter zurück als in die Zeiten der Renaiffance, aber es ift uns aus feiner mittelalterlichen Periode an Gefäfs und Geräth fo wenig erhalten, dafs es in Bezug auf Nachbildung und Verwerthung für die Gegenwart völlig bedeutungslos ift. Auch gehört die eigentlich künftlerifche Entwicklung und Blüthe erft dem XVI. Jahrhundert an. Da erft gelangte diefe Induftrie, mitgetragen von dem Schwunge der Renaiffance, zu jener Fülle edler, leichter und eleganter Formen, zu jener Gefchicklichkeit und Verfchiedenartigkeit der Technik, wie fie die Muranefer Glasarbeiten vom XVI. und XVII. Jahrhundert kennzeichnen. Die Blüthezeit ging noch in das XVII. Jahrhundert hinüber. Darnach trat ein Verfall ein, theils durch das Aufkommen des böhmifchen Glafes, theils durch die Veränderung der Mode, theils durch den Niedergang Venedigs, wie auch der Kunft felbft, deren Höhe diefen und andere Induſtriezweige gleicherweife gehoben hatte, wenn auch jedem feine eigenen Formen geblieben waren. Von da an fchwand die Gefchicklichkeit und Mannigfaltigkeit der Technik, die Feinheit und Leichtigkeit des Materials, die Eleganz der Formen. Die Contouren wurden derber, unkünftlerifcher, die Maffe dicker und plumper nach Art des böhmifchen Glafes, ohne das verfchwundene künftlerifche Element gleich diefem auf einem anderen Weg durch Schliff, Gravirung und Politur zu erfetzen. Endlich gingen felbft die Oefen ein und Murano hörte auf, ein Kunftglas zu fabriciren. Erft feit wenigen Jahren iſt es, dafs die Muranefer Oefen fo zu fagen wieder angezündet wurden, und diefe wenigen Jahre haben hingereicht, das Venetianer Glas nicht blos zu einer Kunftwaare zu machen, die mit den alten Vorbildern wetteifert, fondern fie haben ihm wiederum einen folchen Ruf, eine folche Bedeutung verfchafft, dafs es als eigene und felbftftändige Art in die Concurrenz der Welt eintritt. Vom Jahre 1859 erft datiren die patriotifchen Beftrebungen in Venedig, die alte Glaskunft wieder hervorzurufen und der finkenden Stadt einen blühenden Induftriezweig zurückzugeben. Die fchwierige Aufgabe, die ebenfo technifch wie künftlerifch und commerziell zu löfen war, unternahm vor allen Dr. Salviati mit Hilfe eines finnenden Technikers in der Glasmacherei, Lorenzo Radi, der die verloren gegangenen Weifen eine nach der anderen wieder zu gewinnen trachtete. Heute ift die Aufgabe gelöft. In Murano 10 Jakob Falke. ift eine neue, blühende Glasinduftrie wieder erftanden, alle die alten Techniken und Formen, die künftlichften felbft fehen wir wieder als neue Arbeit vor unferen Augen auf den Ausftellungen; fie erhalten Beifall und Ruhm und werden gekauft und ein ganzer Stock gefchickter Arbeiter findet lohnende Befchäftigung. Das ift das Refultat patriotifchen Strebens, beharrlichen Wollens und intelligenten Vorgehens. Die grofse Fabrik von Dr. Salviati ift mittlerweile in die Hände einer vorzugsweife englifchen Gefellfchaft übergegangen, jedoch unter der oberen Leitung ihres Gründers geblieben, und fo ift zu erwarten, dafs fie den künftlerifchen Standpunkt, den fie bisher eingenommen, nicht verlaffen, ihre künftlerifchen Ziele nicht aufgeben werde, Sie könnte es auch nur zu ihrem Nachtheile thun, denn in diefer ihrer künftlerifchen Art befteht ihre Eigenthümlichkeit, ihr Werth und ihre Bedeutung. Mit derfelben würde fie fich felber aufgeben. Diefe ihre künftlerifche Art ruht, wie es bei aller Kunftinduftrie fein follte, auf der Technik und der Befchaffenheit des Materials. Es ift das venetianifche Kunftglas oben als das vorzugsweife geblafene bezeichnet worden. Die Formen, welche dem in der Hitze weichen und fchwellenden Glafe die Hand des Arbeiters gibt, find die bleibenden, d. h. fie werden nicht erft durch nachträgliche Arbeit mit dem Inftrument, mit dem Rade verändert, verfeinert oder gegliedert. Das venetianifche Kunftglas ift alfo noch in ganz befonderem Sinne Handarbeit und fomit auch in bevorzugter Weife als eine Kunftleiftung zu betrachten. Je mehr bei ihm die Mafchine und die Schablone zurücktritt, umfomehr ift das einzelne Stück gleich einem Individuum anzufehen, was bei dem englifchen und dem böhmifchen Glafe nur von den anfpruchsvolleren Gegenftänden gilt. Das venetianifche Glas fetzt daher auch bei dem einzelnen Arbeiter mehr Intelligenz, mehr Formverſtändnifs, mehr eigenen Gefchmack, eigenes Gefühl voraus, als bei demjenigen Arbeiter, der nach der Schablone arbeitet. Der Gefchicklichkeit freilich bedarf auch diefer, der böhmifche und der englifche Arbeiter, und wie wir noch fehen werden, zuweilen in ganz eminentem Grade. Das Wefentliche des venetianifchen Glafes ift alfo die leichte, fchöne, elegante Form, wie fie unter der plaftifch bildenden Hand entſteht. Unterſtützt wird diefe Eigenfchaft durch die Ductilität, die Zieh oder Dehnbarkeit des Materials, das fich leicht den bildenden Händen fügt und fchmiegt, fowie durch feine Leichtigkeit bei grofser Zähigkeit und Elafticität, welche auch materiell der ideellen Leichtigkeit entspricht. Die Vereinigung beider gibt dem venetianifchen Glas feinen Hauptreiz. Bei folcher Entftehung, wo die Hand die Hauptrolle fpielt. kann das venetianifche Glasgeräth einen Umftand nicht vermeiden, der in vielen Augen als Nachtheil gilt. Während bei dem böhmifchen und dem englifchen Glafe die einzelnen Stücke, die zu einer Serie gehören, unterfchiedslos einander vollkommen gleich find, bieten die von Murano ftets kleine Verfchiedenheiten und Ungleichheiten; manche gröfseren und kunftvolleren Arbeiten enthalten in fich felber Unregelmässigkeiten, welche bei dem gefchliffenen Kryftallglas ganz hinwegfallen. Infofern erfcheinen jene Gegenftände felten völlig tadellos, aber gerade diefe kleinen Fehler documentiren fie als Arbeit der kunftvollen Hand im Gegenfatz zur Schablone oder Mafchine und machen fie dadurch dem Kunftfreund nur um fo lieber. Hiermit ift aber nur die eine Seite des venetianifchen Glafes, allerdings die wefentlichfte, wie fie fich in der Gefchichte gebildet und wie fie fich uns auf der Weltausstellung dargestellt hat, gefchildert. Der Arbeiter, einmal zum Künftler geworden, begnügt fich nicht damit, fondern fucht fein Gebiet zu erweitern, feine Gefchicklichkeit wie fein Material felbft zu Leiftungen zu zwingen, die infofern über das Mafs des künftlerifch Zuläffigen hinausgehen, als fie mehr wie Kunftftücke, denn wie Kunftwerke erfcheinen. Diefe Erweiterung des Gebiets findet in zweierlei Weife ftatt. Einmal wird der Künftler durch die Zähigkeit und Das venetianifche Glas. 11 Bildfamkeit des Materials veranlafst, den Gefäfsen überaus complicirte Formen zu geben, die Ständer der Trinkgefäfse oder fonftige Glieder feines Geräthes mit allerlei Nebenzierath zu fchmücken, das wohl feine Gefchicklichkeit erkennen läfst, aber keineswegs immer die Schönheit erhöht und noch dazu den Fehler begeht, die Arbeit äufserft heikel und brechlich erfcheinen zu laffen. Insbefondere durch diefe Uebertreibung wird dem venetianifchen Glafe der Charakter des Luxusgeräthes aufgedrückt, der fonft keineswegs mit ihm verbunden zu fein braucht. In befcheidener Art gehalten, eignet es fich für den allgemeinen Gebrauch fo gut wie ein anderes. Die zweite Art der Erweiterung befteht in der Hinzufügung der Farbe, welche das englifche und böhmifche Kryftallglas gerade in feinen fchönften und edelſten Arbeiten völlig ausfchliefst. Diefe Anwendung der Farbe gefchieht nun,* gröfstentheils nach den alten Vorbildern, in höchft mannigfacher und zum Theil fehr kunftvoller Art, aber faft durchgängig fo, dafs das Material des Glafes felbft fchon gefärbt ift, fei es in der Hauptmaffe des Gegenftandes, fei es in den Theilen, die ornamental hinzugefügt find. Die eigentliche, vor allem figürliche Malerei, wie fie der franzöfifche Gefchmack vom Porzellan auf opak gemachtes Glas, insbefondere auf das fogenannte Beinglas übertragen hat, ift vom richtigen venetianifchen Glafe principiell ausgefchloffen. Einzelne Beiſpiele und Verfuche bilden Ausnahmen. Nach echt Venetianer Art ift das Glasgeräth entweder in feiner ganzen Maffe farbig, fo dafs es bei durchfallendem Lichte mit dem Spiel feiner Farbe wirkt. Diefs gilt von verfchiedenen Farben, z. B. von dunklen Tönen in Roth, Blau und Grün, in bevorzugter Weife aber von dem Opalglas, das irifirend je nach dem Lichte höchft wechfelnde Farbenfpiele zeigt Oder und das ift der zweite Falles ift andersfarbiges Glas in die klare Grundmaffe durch den Schmelzungsprocefs eingelegt, fei es in Fäden, die das Glas fpiralig umziehen und fich durchkreuzen( reticulirtes oder Filigranglas), oder in Blumen und fonftigen einfachen Figuren( Millefioriglas). Drittens fetzt man dem Geräthe Flügel, Knöpfe, Rofetten oder fonftige Blumen aus transparentem wie opakem Glafe an, die meift in ziemlich naturaliftifcher Bildung gehalten find, obwohl gerade fie dem Material wenig angemeffen ift. Es ift das auch eine Decorationsweife, die vor Zeiten fchon der Decadenz des Muranefer Kunftglafes angehörte. -- - - Mit diefen Bemerkungen ift die Hauptmaffe des venetianifchen Glafes, wie es auf unferer Weltausftellung erfchienen, bereits gefchildert. Gefäfs und Geräth, faft alles mit dem Anfpruch, Kunftarbeit zu fein, bildeten den Hauptbeftandtheil. Die Namen der Ausfteller waren nicht zahlreich; da fie aber alle von derfelben Stätte der Induftrie gekommen und diefe Induftrie fehr einheitlich und eigenartig in ihrem Charakter ift, fo hätten der Namen mehrere und die Infel Murano hätte noch manchen anderen fenden können wohl die Menge vermehren, uns aber nicht neue Seiten diefer Induftrie erfchliefsen können. Das Etabliffement von Salviati allein umfafste fo ziemlich alle Zweige; nennen wir noch Lorenzo Radi, Antonio Fuga. Giovanni Fuga, die Gebrüder To fo mit ihren Luftern, fo ift auch alles umfafst, was die venetianifche Glasausftellung Lehrreiches darbot. Leider war ihr nur ein äufserft befchränkter Platz zur Entfaltung angewiefen, der zu äufserfter Gedrängtheit zwang und durch die Ueberfülle den Eindruck des Einzelnen fchädigte. Den vorwiegendften Theil der Salviati- Ausftellung bildeten die Gefäfse, fowohl Trinkgefäfse, wie Teller, Frucht- und Blumenfchalen, Vafen, Leuchter u. f. w. Wie fie den Reichthum der Formen zeigten, ebenfo den Reichthum der farbigen oder fonft der technifchen Decoration, wie Gefäfse oder Reihen von Gefäfsen, Garnituren, die durch ihre Einfachheit fich dem unmittelbaren Gebrauche empfahlen, ebenfo folche, die an Kühnheit, an Ueberkünftlichkeit, wenn man will, nichts zu wünfchen übrig liefsen. Die Gefchicklichkeit hat in diefer Beziehung trotz der kurzen Zeit wieder den höchften Grad erreicht. Selbft deutfche Weingläfer, z. B. die berühmten Römer, waren in dem milden Ton der 12 Jakob Falke. alten Originale vortrefflich wiedergegeben, im Allgemeinen weit beffer als die deutfchen und böhmifchen Nachahmungen, deren Grün meift zu ftechend und fcharf ausfällt. Das viel verwendete Opalglas zeigte fich von reichem, zum Theil in das tief Goldige übergehenden Farbenfpiel. Die reticulirten Gläfer waren in ihrem Netzwerk von einer Regelmäfsigkeit und Sicherheit, die mit derjenigen der alten Originale wetteiferte. Neben den Gefäfsen zeigten fich als zweites Genre von Gegenständen in eminenter Bedeutung die Glasluftres, und hier find als Specialiften neben der Fabrik von Salviati noch insbefondere die Fratelli Tofo zu nennen. Die alten Venetianer Luftres verdanken ihre Ausbildung wohl erft der zweiten Hälfte des XVI. und mehr noch der erften Hälfte des XVII. Jahrhunderts. Sie verbinden daher Eigenthümlichkeiten beider Perioden, einmal den edlen Schwung der Linien in ihrem Bau, der in den Windungen der Stäbe zum Ausdruck kommt, andererfeits die Zierde in farbigen Blumen, die nebft blitzenden Blättern an fchlanken Stengeln hervorfchiefsen. Sie find, wie fchon oben angedeutet, ein vorzugsweise im XVII. und noch häufig im XVIII. Jahrhundert verwendetes Ornament. Diefe Luftres, edel in der Form, effectvoll mit ihren Lichtreflexen und doch mafsvoll, paffen vortrefflich in künftlerifch eingerichtete Wohnungen, in die ernftere, wie in eine mehr heitere. Ihre Wiederaufnahme durch die Muranefer Fabriken ift daher nur zu billigen. Was die Ausftellung brachte, fchlofs fich auch meiftens den alten Muſtern an. Doch ift es auch hier gegangen, wie bei den Gefäfsen. Die gewonnene Gefchicklichkeit hat das Mafs überfchreiten laffen und zu Koloffalleiftungen geführt, die wir techniſch begründen mögen, die aber ihre Schönheit verloren haben. Mit der Koloffalität, mit dem Reichthum haben fie die Mäfsigung und die Klarheit der Linien verloren, die unter all den Glanzlichtern doppelt nothwendig erfcheint. Wir möchten zu diefen Leiftungen den fonft bewunderungswürdigen Kronleuchter von Salviati, das gröfste Stück feiner Ausftellung, zählen. Alle Luftres diefer Art find nach alter Weife für Kerzen berechnet, doch zeigte die venetianifche Glasausftellung auch andere, die fich der modernen Beleuchtungsart angefchmiegt hatten und für Gas beftimmt waren. Darunter waren als befonders fchön einige Luftres bei Salviati zu nennen, deren flache Schalen aus goldigem Opalglas gebildet waren. Wie ihr Effect fich bei wirklichem Gaslicht macht, war freilich bei der von aufsen kommenden Tagesbeleuchtung nicht zu beurtheilen. Als ein drittes Genre von Gegenftänden ftellen fich unferer Kritik die venetianifchen Spiegel dar, für unferen Standpunkt natürlich nicht wegen der Spiegelfläche, fondern wegen der Umrahmung, die ebenfalls aus Glas gebildet wird. Diefe ift von doppelter Art. Die alte, insbefondere böhmifche Weife, über welche fpäter bei der Befprechung des böhmifchen Glafes noch zu reden fein wird, bildet den Rahmen ebenfalls aus Stücken von Spiegelglas, die in beftimmter Form zugefchnitten und durch eingefchliffene Ornamente verziert find. Die andere Art belegt einen Holzrahmen mit Blättern und Blumen aus geprefstem oder mit Hand und Eifen gebildetem Glafe, welche fo verbunden und angenagelt werden, dafs fie in hohem Relief eine naturaliftifche Decoration bilden. Die Ausstellung bot viele und fehr künftliche Beifpiele davon, aber das Genre felbft ift weder künftlerifch fonderlich gut, noch praktifch, da es einerfeits ziemlich rohen Effect macht, andererfeits der Reinigung unüberwindliche Schwierig. keiten bereitet. Mit der Wiederaufnahme diefer überhaupt ziemlich fpäten Spiegel ift daher der Kunft kein befonderer Dienft geleiftet. Noch weniger gefchieht das, wenn Angelo Fuga das Gebiet des Glasgeräths mit gläfernen Möbeln erweitern will. Das Glas foll bei Seffeln das Holzgeftell erfetzen und wird im Uebrigen tapezirt und beftickt wie eben ein anderes Sitzmöbel. Solche Gegenstände, ebenfo wie feine Tifche von Spiegelglas, mit Ornamenten von geblafenem Glas umgeben, gehören als nouveautés um jeden Preis" nur in das Gebiet des Abfurden. 99 Das venetianifche Glas. 13 Ganz anders verhält es fich dagegen mit der Glasmofaik in Art der byzantinifchen Wandmofaiken, mit der en Reftauration und Nachahmung Salviati alle feine fo erfolgreichen Bemühungen zur Hebung der venetianifchen Glasinduftrie begonnen hat. Zwar, da es fich hier zunächft um Wandmalerei in grofsem, in hiftorifchem Stile handelt, fo gehört diefe Mofaik eigentlich eher in das Gebiet der reinen Kunft, als das der Induftrie; allein Salviati felbft trachtel, diefe Technik, die in ihrer jüngften, kaum zwanzigjährigen Exiftenz bis dahin nur in Kirchen oder Capellen Anwendung gefunden, nunmehr auch architektonisch decorativ in Paläften und Wohnungen zur Verwerthung zu bringen. Und allerdings ift es eine Decoration, ebenfo dauerhaft wie prachtvoll. Weder vermag der Glanz der Farben in gleicher Weife anders erreicht zu werden, noch können die Farben fich verändern, da fie die Maffe der Würfel, aus denen das Bild fich zufammenfetzt, durchdringen. Die Erweiterung, die Salviati diefer Technik nach den Beiſpielen auf unferer Weltausftellung zu geben trachtet, von dem kirchlichen auf das bürgerliche Gebiet, von dem Figürlichen auf das Ornamen tale, ift daher wohl berechtigt. Uebrigens kennt, wie zahlreiche Beiſpiele auf unferer Ausftellung zeigten, die Muranefer Fabrikation noch eine andere, mehr induftrielle Art der Glasmofaik, und das ift die letzte Seite der venetianifchen Glaskunft, welche wir zu befprechen haben. Schon die Alten, die Aegypter, Griechen und Römer, verftanden es, die verfchiedenen Edelfteine, die koftbaren wie die bunten HalbEdelſteine in gefärbtem Glafe zu imitiren und daraus gar verfchiedene Gegenftände zu bereiten. Die heutigen Muranefer ftehen kaum darin zurück. Sie benützen ihre Imitationen allerdings nicht oder wenigftens nicht in künftlerifcher Weife zu Intaglios und Gemmen, wie die Alten es gethan, dagegen vielfach zu decorativer Mofaik. Aus Glasplatten, die Aventurin, Lapislazuli und viele andere Steinarten nachahmen, fetzen fie in geometrifchen Muftern Platten zufammen, die als Tifchplatten dienen und in Kaften und Cabinets die Füllungen bilden. Solche Arbeiten waren fowohl von Salviati wie von anderen der genannten Fabrikanten ausgeftellt. Das ganze Genre ift vom künftlerifchen Gefichtspunkt aus nicht befonders hoch anzufchlagen. Es knüpft fich an eine Liebhaberei der Kunftfreunde, die erft feit der Mitte des XVII. Jahrhunderts Mode wurde und auch heute vom Modegefchmack nicht unabhängig ift. Als Nebenzweig mag man immerhin fich das gefallen laffen; um wahrhaft verdienftvoll und auch bleibend zu fein, follte fich die venetianifche Glasinduftrie vor allem an das halten, was in ihrer Art edel und gut und, wenn möglich, auch brauchbar ift. II. Das englifche Glas. Dem venetianifchen Glafe ftellen fich, wie das in der Einleitung aus einandergefetzt worden, das englifche und das böhmifche gemeinfam gegenüber, infofern als fie ihre letzte Form durch Schleifung erhalten. Ihr Glas ahmt den klaren farblofen Kryftall nach, während das von Murano nicht das gleiche Streben hat, ja ein natürlicher Farbenftich ihm fogar ganz wohlthuend ift. Jene beiden fcheiden fich aber unter fich wieder darin, dafs vermöge ihrer verfchiedenen materiellen Zufammenfetzung das englifche Kryftallglas das Vermögen hat, bei kryftallinifcher, insbefondere prismatifcher Schleifung das Licht gleich dem Diamanten in die Regenbogenfarben zu zerlegen, das andere aber weifs bleibt, wie das Licht des echten Bergkryftalls. Hierauf gründet fich die eine Seite der künftlerifchen Behandlung des englifchen Glafes, welche es in charakteriftifcher Weife von dem böhmifchen fcheidet. Als das böhmifche Kryftallglas in feine Blüthezeit trat, etwa um das Jahr 1700 oder alsbald darnach, da waren feine fchönften Leiftungen faft durchweg facettirt und zugleich in Art der echten Kryftallgefäfse mit tief eingravirten Orna menten umzogen. Diefe Verbindung wäre künftlerifch unmöglich gewefen, hätte die Facettirung das Licht in Farben zerlegt, weil man alsdann nichts von der Gravirung gefehen hätte. Als nun die Engländer für ihre Induftrie das Flintglas adoptirten, welches brillantere Effecte, erhöhten Glanz darbot, da liefsen fie die eingefchliffenen Ornamente fahren, und hielten fich an die andere Seite, an die farbige Lichtwirkung. Sowohl den Kryftall- Luftern, die, aus kryftallinifch geprefsten und gefchliffenen Stücken zufammengefetzt oder damit behängt, im XVIII. Jahrhundert in aufserordentlicher Beliebtheit ftanden, fowie auch dem Tafelgefchirr wufsten fie damit einen Glanz, eine blendende Wirkung zu geben, welche das böhmifche Geräth nicht erreichen konnte. Diefe decorative Seite des englifchen Kryftallglafes hat ihm zwar feinen Ruhm verfchafft, nichtsdeftoweniger war fie bis in die neuere Zeit eigentlich nicht zum Princip erhoben oder wenigftens nicht in ihrer vollen Kraft ausgebeutet. Es kamen dazu höchft plumpe, fchwere Formen des an fich fchon fchweren Glafes, fo dafs das englifche Glasgeräth in der erften Hälfte diefes Jahrhunderts, von der äfthetiſchen Seite betrachtet, keineswegs einen befriedigenden Anblick darbot. Es war Glanz und Schein, aber diefer nicht einmal auf die höchfte Potenz getrieben oder durch die Form des Gefäfses veredelt. Jene Eigenfchaft, die Strahlenbrechung und farbige Wirkung, ift nun allerdings in neuerer Zeit von den englifchen Glasfabrikanten auf's fchärffte ausgebildet worden, indem die aus dickem Glafe beftehenden Gefäfse ringsum mit gefchliffenen Kryftall- oder Diamantformen überzogen wurden, fo dafs fie vortrefflich geeignet waren, die gefchmückte Tafel noch mit faibigem Licht zu überftrahlen. Von diefem Standpunkt aus war das, was die englifche Glasfabrikation fchon auf früheren Weltausftellungen vorführte, untadelhaft. Aber alles diefes Geräth hatte einen Fehler, den, dafs die Formen um nichts ihre plumpe und fchwere Art verloren hatten. Nun ift es allerdings überhaupt fchwierig, Gefäfsen, deren Contouren durch winklige Einfchnitte ftets unterbrochen, gewiffermafsen zerhackt find, edle Geftaltung zu geben, aber bis zu einer relativen Vollendung kann doch auch diefes Ziel erreicht werden. Die Gegenftände, welche die engliſche Das engliſche Glas. 15 Glasfabrikation auf unfere Weltausftellung brachte, gaben offenbar auch diefes Beftreben zu erkennen und infofern offenbarten fie einen Fortfchritt des Gefchmacks im Vergleich zu den Gegenftänden auf der letzten Parifer Ausftellung. Es waren im Verhältnifs nur wenige englifche Glasfabrikanten, die auf der Wiener Ausftellung erfchienen waren: James Green, Pellatt& Wood, Daniel& Son, E. Moore& Co., aber fie zeigten alle die gleiche Tendenz. Der diamantirte Brillantfchliff war von allen gleichmäfsig geübt und in derfelben künftlerifchen Art, mit demfelben Ziele, möglichft farbige Effecte hervorzubringen. Die Anwendung befchränkte fich nicht blos auf Flafchen und Gläfer; Salzfäffer z. B. waren in höchft raffinirter Weife wie ein riefiger Brillant gedacht, aus welchem eine Vertiefung zur Aufnahme des Salzes ausgefchliffen war. Natürlich war die Wirkung in ftarkem Lichte eine aufserordentliche. Glasluftres waren nicht zahlreich vorhanden, aber unter ihnen erglänzte einer bei James Green, der überhaupt auf diefer Ausftellung als der erfte Vertreter des englifchen Glafes erfchien, von fabelhafter Pracht. Bei feiner koloffalen Gröfse aus zahllofen Brillantkryftallen zufammengefetzt, war er in der That von einem Effecte, mit dem fich nichts weiter vergleichen liefs. Aber vom Standpunkt eines feineren Kunftgefühls, vom Stand der Form und der Schönheit feiner Linien und Glieder bot er allerdings Schwächen genug. Das fpecififche Princip des englifchen Kryftallglafes war aber bei ihm auf die höchfte Potenz erhoben und infofern war diefer Lufter bei James Green fein vollkommenfter Repräsentant. Doch diefes fpecififche, auf die farbige Lichtbrechung berechnete Princip des englifchen Glafes, obwohl auf feiner eigentlichen Natur beruhend, bildet doch nur die eine Seite feiner Fabrikation, und zwar die minder edle. Die andere Seite, welche ebenfo von allen Fabrikanten geübt wird und auf unferer Weltausftellung mindeftens gleichbedeutend auftrat, nimmt das Glas als geblafenen Kryftall, fucht ihm nach den Muftern der kryftallenen Renaiffancegefäfse, der alten venetianifchen Gläfer oder auch der griechifchen Thonvafen möglichft elegante und edle Form zu geben, facettirt aber diefe Form nicht gleich dem Kryftall oder den älteren böhmifchen Arbeiten, fondern überzieht die ſpiegelglänzende Rundung mit eingefchliffenen, neuerdings auch mit geätzten Ornamenten. Eine Zwifchenart und es gab viele Beiſpiele davon auf der Ausftellung fucht auch diefe edleren und feineren Gefäfse mit diamantirter Muſterung im Brillantfchliff ganz oder theilweife in beftimmter Zeichnung zu überziehen, und man mufs geftehen, dafs der englifche Arbeiter in der Ausführung diefes Schliffes auf der äufserft dünnwandigen runden Fläche eine bewundernswerthe Gefchicklichkeit an den Tag legt. Dennoch find Art und Wirkung diefer Gläfer nicht als gelungen zu betrachten, da die kleinen Kryftallformen, welche auf diefe Weife erlaubt find, weder für fich in der Zeichnung Schönheit haben, noch eine farbige Wirkung zu erzielen im Stande find. Sie geben nur weifses Licht. - - Das Wefen der zweiten Hauptart fieht ganz von der farbigen Wirkung ab. Ihre künftlerifchen Eigenfchaften beftehen in der Schönheit der Gefäfsform, fowie in der Schönheit und Angemeffenheit des mit Gravirung oder Aetzung darauf angebrachten Ornamentes. Was den erften Punkt, die Form betrifft, fo find es bei den englifchen Fabrikanten gegenwärtig vorzugsweife die antiken Thongefäfse, welche als Motive benützt werden. Sie müffen freilich vielfach verändert werden, theils des anderen Materials, theils der verfchiedenen Art des Gebrauches wegen, aber im Allgemeinen ift diefs mit grofsem Glück gefchehen. Die englifche Glasausftellung zeigte in Flafchen, Kannen und Krügen( jugs) höchft ausgezeichnete und gefällige Formen, und keineswegs in einzelnen, vielmehr in zahlreichen Beiſpielen. Minder glücklich waren vielleicht die Trinkgefäfse, insbefondere die Weingläfer, welche, da ihnen die directen antiken Vorbilder fehlen, felbftftändiger erfunden werden müffen. Auch hiefür gibt es allerdings gute Mufter fowohl in den feltenen Gefäfsen der Renaiffance aus 16 Jakob Falke. echtem Kryftall, fowie in den Venetianer Gläfern. Aber weder die einen noch die anderen hatten den Engländern fonderlich zum Vorbilde gedient. Ihre Weingläfer unterfchieden fich von jenen gerade in dem feinften Punkte, nämlich in der Bildung des Stengels oder Ständers, welche im Gegenfatz gegen die reiche Gliederung bei jenen höchft einfach in gerader und gleicher Säule ohne Auffchwellung oder Verjüngung, ohne Abfätze, Wulfte und Glieder, entweder rund oder facettirt gehalten war. Bei den meiften englifchen Weingläfern machte daher der dünne Stengel den Eindruck allzugrofser Schwäche und Brechlichkeit und ftand wenig in Harmonie mit dem bauchigen, halbkugeligen Gefäfs, das er trug. Hatten die Formen diefer Art des englifchen Glasgeräths entfchiedene Tendenz zu den griechifchen Vafen, fo war im Gegentheil das Ornament, mit dem es verfehen war, ganz vorwiegend naturaliftifcher Art. Obwohl nun die Willkür und Zufälligkeit der naturaliftifchen Verzierungsweife mit den feinen, wohl abgewogenen, berechneten Linien der antiken Formen in nicht geringem Widerfpruch ftehen, fo war doch der offenbare Gegenfatz dadurch gemildert, dafs auf den englifchen Glasgefäfsen diefes Ornament nicht in fo fchwerer und aufdringlicher Weife auftrat, wie man es wohl anderswo fieht. Es war im Ganzen von fehr zierlicher Art und glich in den meiſten Fällen leichten Kränzen, die daran und darüber gehängt waren. Auch war die Ausführung äufserft zart und fein und mit grofser Mühe und Kunft hergeftellt. So war der Eindruck nicht gerade ein ftörender, und man konnte immer noch, auch vom Standpunkt des Gefchmacks aus, diefe Arbeiten als Zierden der englifchen Kunftinduftrie betrachten. Freilich hätte fich mit einer anderen ftilvolleren Art der Ornamentation noch Gelungeneres fchaffen laffen, und vielleicht um viel geringeren Preis als derjenige, der für diefe Gegenftände verlangt und in England auch bezahlt wird. Mit diefen zwei Arten und der bereits erwähnten Mifchlingsgattung find die künftlerifchen Leiftungen der englifchen Glasfabrikation, wie fie uns auf der Wiener Weltausftellung entgegentraten, erfchöpft. Verfchiedene Beiſpiele, auch mit dem Kryftallglafe Farbe zu verbinden, indem ein Glied, fei es Henkel, Fufs oder Kelch, in rothem oder grünem Glafe ausgeführt war, erfchienen eben nur wie Verfuche, ohne das Wefen der Sache zu ändern oder fich zum Range einer felbftftändigen Art aufzufchwingen. Ebenfo kann man das geprefste Glas, das uns von E. Moore& Co. in South Shields in zahlreichen Muftern vorgeführt wurde, wohl technifch, aber nicht künftlerifch als eine befondere Art betrachten. Es ist nur eine andere Methode, das diamantirte Brillantglas auf eine wohlfeilere Art herzuftellen. Das weiche, englifche Glas erleichtert die Preffung, und fo läfst fich in billiger Weife anfcheinend das gleiche Reſultat erzielen, aber auch nur anfcheinend, denn der Effect des geprefsten Glafes kommt doch in keiner Weife dem gefchliffenen gleich. Immerhin ift es ein nicht zu verachtender Erfatz für den billigen Bedarf. III, Das böhmifche Glas. Wir faffen mit diefem Worte als Gattungsbezeichnung das öfterreichische Glas zufammen und haben ficherlich ein Recht dazu, denn das böhmifche Glas ift heute nicht nur quantitativ und qualitativ durchaus vorwiegend in Oefterreich, es hat auch in der Gefchichte desfelben ftets Art und Charakter beftimmt, Ehren. und Anfehen in der Welt ihm errungen. Wir bezeichnen aber mit dem Ausdruck, böhmifches Glas" nicht blos die. Landesherkunft, fondern auch ein befonderes Genre, wie wir das bereits mit den Benennungen ,, venetianifches" und„ englifches Glas" gethan haben. Bei der heute fo beliebten, alle gefunden Begriffe und Unterfchiede verwirrenden Nachahmung, bei der Sucht, alles, was der Andere leiftet, auch machen zu wollen, ift heute das böhmifche Glas freilich über feine Art hinausgegangen und ftellt fich uns in gar mannigfachen Kunft- und Decorationsweifen dar. Dennoch ist es nicht gar fchwer, fein eigentliches Wefen, das ihm Gemäfse herauszufinden. Wir wollen es zunächft darauf hin, auf diefen Kern feines Wefens, betrachten, und darnach auch der anderen Decorationsweifen gedenken, welche man zum Theil wohl felbft höher anzufchlagen geneigt fein mag. Wir nehmen dabei wohl den abfoluten Standpunkt ein, doch wollen wir uns bemühen, allerfeits den gegebenen Verhältniffen gerecht zu werden. Wie der heutige Stand der böhmifchen Glasfabrikation ift, darüber kann nach dem, was auf der Weltausftellung zu fehen war, kein Zweifel fein. Das öfterreichifche Glas war quantitativ grofsartig aufgetreten, und was feine verfchiedenen künftlerifchen Seiten betrifft, fo konnte auch in diefer Beziehung fchwerlich irgend etwas vermifst werden. Die Mittel, fich ein allfeitiges und erfchöpfendes Urtheil zu bilden, waren ausreichend vorhanden. Das Verhältnifs, in welchem fich, wie bereits oben angegeben, das böhmifche Glas zu dem englifchen ftellt, führt uns zur Erkenntnifs feines eigentlichen Wefens und derjenigen Aufgaben, welche feiner Natur die gemässeften find. Das böhmifche Glas ahmt, wie das englifche den Kryftall, den echten Berg kryftall nach; es ftrebt nach feiner vollen Durchfichtigkeit, Klarheit, Reinheit und Farblosigkeit. Diefes Ziel, die Aehnlichkeit mit dem Kryftall, erreicht es infofern eher, als ihm mit feinem Vorbilde eine Eigenfchaft des englifchen Glafes mangelt, nämlich diejenige, das Licht fo brillant in Farben zu brechen. Durch diefen Mangel verfagt fich von felber dem böhmifchen Glafe die ganze eine Hauptfeite des englifchen Kunftglafes, welche wir als die wefentlichfte desfelben oben vorangeftellt haben, der diamantirte Brillantfchliff, der die englifchen Gefäfse überdeckt. Diefe Decorationsweife auf das böhmifche Kryftallglas übertragen wollen, ift von vornherein als ein verfehltes Verfahren zu erachten, weil man trotz aller Mühe und Anftrengung immer und nothwendig um des verfchiedenen Materials willen hinter den englifchen Muftern zurückbleiben wird, ja ihr eigentliches Wefen gar nicht treffen kann. Was die böhmifchen Fabrikanten von diefer Art an Tafelgeräth ausgeftellt hatten, bewies das fchlagend. Es war aber auch nicht viel; ein richtiges Gefühl, die Einficht der Unzulänglichkeit mag fie von Mehrerem abgehalten haben. Nur in einer Beziehung erſchien die Nachahmung der englifchen diamantirten Art nicht ohne Bedeutung, bei den Luftern nämlich; davon werden wir weiter unten zu reden haben. 2 18 Jakob Falke. Der Ausfchlufs des diamantirten Brillantfchliffes weift von felber das böhmifche Kryftallglas auf die andere oben befchriebene Kunftart, deren Wefen in der Schönheit und Eleganz der Form und in der Schönheit der eingefchliffenen oder gravirten Verzierungen befteht. Es entspricht diefe Art nicht blos der Natur des böhmifchen Materials, fondern fie hat auch ihre hiftorifche Berechtigung, denn von dem echten Kryftall und dem daraus gebildeten Geräth, wie es zu Ende des XVI. und im Anfange des XVII. Jahrhunderts zu Prag in fo ausgezeichneter Weife gefchaffen wurde, hat die glänzende Entwicklung der böhmifchen Glasfabrikation ihren Ausgang genommen. Die Kryftallfchleifer Rudolfs II. find die Lehrmeifter der Glasarbeiter geworden. Man kann die Nachwirkung diefes Urfprungs in der Gefchichte des böhmifchen Kunftglafes durch das XVII. und XVIII. Jahrhundert verfolgen. Werden auch mit dem Wandel des Gefchmackes durch Einführung der Facettirung und der geraden Linie die Formen fteifer, wird auch das Ornament verzopfter, fo bleibt doch das farblofe, kryftallreine Glas und die gleiche Manier der Verzierung mit eingravirten Arabesken oder Figuren. Noch im XVIII. Jahrhundert ift die Nachwirkung der alten Kryftallgefäfse und ihrer Art unverkennbar und bewahrt das Glas vor fo manchen Excentricitäten, denen andere Induſtriezweige in jener Zeit des entarteten Gefchmacks anheimfielen. Die fchlimmfte Zeit für die böhmifche Glasinduftrie in künftlerifcher Beziehung ift erft mit dem Beginn des XIX. Jahrhunderts gekommen, theils in Nachahmung des voraneilenden englifchen Glafes, von dem die plumpen Formen, das maffive Material auf das böhmifche übergingen, theils durch das weite Genre des gefärbten Glafes, theils endlich durch die franzöfifche Manier mit Malerei von Blumen und Figuren, welche das Glas zum Nebengänger des Por zellans machte. - Wie wir in den letzten Jahren das böhmifche Kryftallglas von dem gefärbten und bemalten abgefehen überkommen haben, fo beftand fein Verdienft für das Auge allein in dem weifsen Lichterfpiel, das durch Politur und durch Brechung der Oberfläche in eine bewegte Ebene hervorgerufen wurde. Dem Gegenftande eine gute, elegante Form zu geben, lag ganz aufserhalb aller Abficht. Man dachte gar nicht daran. Konnte man doch felbft Trinkgläfer anftatt des Fufses auf ein viereckiges Poftament ftellen, als ob es fich um kleine Monumente handelte. Dagegen ift nun endlich ein Rückfchlag erfolgt, wiederum nicht ohne Einfluss des englifchen Glafes und feiner zweiten, von uns oben gefchilderten Manier, der wir zeitlich wohl den Vorrang laffen müffen. Der Rückfchlag ift bei uns aber nach feiner Art felbftftändig geworden und unterfcheidet fich künftlerifch wefentlich von dem englifchen Vorgange. Die Vorbilder der neuen Art des böhmifchen Kryftallglafes find nicht oder nur in felteneren Fällen die antiken Thongefäfse, wie das Ornament nicht naturaliftifch ift; vielmehr dienen als Mufter und Motive ganz beftimmt die echten Kryftallgefäfse der Renaiffancezeit und insbefondere müffen wir denjenigen, die in der kaiferlichen Schatzkammer zu Wien aufbewahrt werden und durch Vermittlung des öfterreichifchen Muſeums der Induftrie zugänglich gemacht worden find, einen directen Einflufs zufchreiben. Die heutige böhmifche Glasinduftrie kehrt damit als Kunft zu ihrem Anfange zurück; man würde aber Unrecht thun, wenn man ihr nachfagen wollte, dafs fie fich lediglich imitirend verhalte. Sie läfst fich vielmehr von ihren Vorbildern belehren und fchreitet auf dem gleichen Wege vor. Indem wir daran gehen, dasjenige zu befprechen, was die böhmifche Induſtrie in diefer neuen Art auf der Weltausftellung felbft uns vor Augen führte, wird uns felbftverſtändlich eine gewiffe Referve in Bezug auf unferen Mitarbeiter an diefem Berichte auferlegt, dem Niemand mindeſtens einen Hauptantheil an diefer Reform des böhmifchen Glafes abfprechen wird. Indeffen würden Bericht und Auffaffung unvollständig fein, wollten wir nicht dasjenige, was die Firma J.& L. Lobmeyr in Verbindung mit Meyr's Neffe( W. Kralik) in Adolf ausgeftellt hatte, an den Platz einreihen, der ihm zukommt. M Das böhmifche Glas. 19 Diefe Reform des böhmifchen weifsen Kryftallglafes datirt etwa feit zehn Jahren und nimmt ihren Ausgang, geiftig wie formell, von der Refidenz, von Wien. Je feiner, je künftlerifcher fie ift, um fo mehr liegt es in der Natur der Sache, dafs fie vorgefchrittener erfcheint bei jenen Fabriken, welche in directer Verbindung mit der Refidenz ftehen, deren Häupter gewiffermafsen in ihrer künftlerifchen Atmoſphäre leben. So war in der That der Eindruck, den die böhmifche Glasinduftrie in diefer einen Beziehung auf der Weltausftellung darbot. Es foll das nicht als ein Vorwurf gegen Diejenigen gefagt fein, welche fich noch nicht oder weniger an diefer Reform betheiligt hatten. Es liegt, wie gefagt, in der Natur der Sache, dafs eine folche auf dem feinften Kunftgefühl beruhende Aenderung nur langfam vor fich geht, und langfamer und fchwerer dort, wo die Bedingungen nicht vorhanden find, fich folches Gefühl und folches Verftändnifs zu erwerben, oder wo die Kräfte fehlen, dem Verſtändnifs in Erfindung und Ausführung nachzukommen. Es ift auch Eines zu beachten und in Anfchlag zu bringen, und diefes gilt zumal von vielen böhmifchen Fabriken. Für gewiffe Claffen und gewiffe Länder oder Abfatzftätten arbeitend, glauben fie von den Bedingungen, die ihnen dort localer Gefchmack, Sitte, Wohlftand auferlegen, abhängig zu fein und darnach ftellen fich denn ihre Producte dar. Ohne Zweifel hat das feine Richtigkeit, und es hiefse Thörichtes verlangen, wollte man ein ficheres und einträgliches Abfatzgebiet durch den plötzlichen Wechfel der künftlerifchen Art in Frage ftellen. Allein die Richtigkeit ift doch auch nur relativ, denn in den meiften Fällen wird fich wohl finden, dafs jene localen Bedingungen des Gefchmacks, denen fie fich unterwerfen, nur Gewohnheit find und vielleicht erft von ihnen felber oder ihren Vorgängern gefchaffen wurden. Diefe Bedingungen werden fich alfo wieder mit klugem und bedächtigem Vorgehen durch die Induſtrie felbft ändern laffen. Es kömmt dazu, dafs es nicht blos die Induftrie ift, innerhalb welcher fich der Gefchmack in einem Wandel begriffen zeigt, fondern dafs dasfelbe auch mit dem Publicum der Fall ift, ja diefes jener vieler Orten vorausgeht. Daher kann es eines Tages kommen, dafs der Confument das Angebot feines gewöhnlichen Producenten zurückweift, weil die gleich gebliebene Waare feinem veränderten Gefchmack nicht mehr entspricht. Alsdann ift der Uebergang der Induſtrie auf die neue Richtung zu spät, denn ein anderer Producent, der klüger die verän derte Stimmung zu benützen verftand, ift an die Stelle getreten. Solches ift wohl fchon öfter gefchehen und darum der Fall auch wiederum möglich und keineswegs unwahrscheinlich. Nach dem oben Gefagten wird es demnach nicht als Vorwurf erfcheinen, wenn wir in Bezug auf das öfterreichifche weisse Kryftall glas von den einen oder anderen Fabrikanten angeben, dafs fie noch auf dem alten Standpunkt ftehen. Wir wollen eben nur conftatiren, wie heute der factifche Zuftand ift oder vielmehr wie er fich auf der Wiener Weltausftellung darftellte. Zu denjenigen, bei denen der angedeutete Wandel des Gefchmacks noch in keiner Weife platzgegriffen hat, gehört z. B. die Voitsberger Actienfabrik in Steiermark, ebenfo die böhmifche Fabrik von Jofeph Innwald in Deutfchbrod. Es gehören hierher auch die mit Landfchaften und Figuren ausgefchliffenen Jagdgläfer von L. Mofer in Carlsbad, die alle, fo viel Kunft der Gravirung fie zeigen, einen gemeinſamen Uebelftand haben, dafs fie die regelmäfsigen Linien und Flächen eines facettirten Gefäfses in unregelmäfsiger, fcheinbar ganz willkürlicher Weife zerstören. Aehnlich ift es mit Clemens Rafch in Ulrichsthal, bei dem auch die mit Kryftallgehängen und dergleichen behängten Blumenvafen in diefelbe Kategorie fallen doch einige feiner Arbeiten gehörten auch der neueren Richtung an. Andererfeits find wohl die Firmen von J.& L. Lobmeyr in Verbindung mit Meyr's Neffe, Schreiber& Neffen und H. Ulrich, alle drei unter dem directen Einfluffe der Refidenz ftehend, als diejenigen zu nennen, welche am entfchloffenften in den Neuerungen vorgehen, wenn auch in ungleicher Art und 2* 20 Jakob Falke. mit ungleichem Erfolge. Während J.& L. Lobmeyr vor allem das höhere und vornehmfte Luxusgeräth cultiviren, ftrebt die Firma Schreiber und Neffen vielmehr nach formeller Veredlung des mehr gewöhnlichen Geräths, das dem grofsen und weiten Bedarf des bürgerlichen Haufes beftimmt ift. H. Ulrich dürfte in diefer Beziehung etwa die Mitte einnehmen. Natürlich gilt das nur relativ nach der Hauptrichtung, denn wir finden fowohl bei J.& L. Lobmeyr billiges und einfaches Geräth in veredelter Form, fowie bei den beiden anderen feinere Luxus arbeiten. Die Gelegenheit des grofsen Kunftlebens in der Refidenz hat es mit fich gebracht, dafs hier ganz befondere künftlerifche Kräfte zur Mitwirkung herbeigezogen werden konnten. So hat fich für Schreiber und Neffen das Talent A. Haufer's bewährt, fowohl bei gröfseren Luxusvafen, wie bei einfacherem Tafelgefchirr. Die Firma J.& L. Lobmeyr zählt unter den erfindenden Kräften. in ihrer Ausftellung die erften und beften Namen, fo: Hanfen, Schmidt, Storck, Teirich, und für die figürliche Ornamentation noch befonders Laufberger, Eifenmenger, Bitterlich, Sturm u. A. In Folge der Verwendung diefer Künftler find denn auch die Leiftungen nicht blos in äfthetiſcher Beziehung auf der entfprechenden Höhe, fie find auch formell fehr vielfeitig, denn die Eigenart der Künftler hat fich in ihnen ausgeprägt. Wir haben zwar oben gefagt, dafs die eigentliche Richtung die der Renaiffance ift, aber fie fchliefst andere, fo gothifirende( von Schmidt) wie gräcifirende Vafen( von Hanfen) nicht aus. Von den Arbeiten in Art und Geift der Renaiffance, ſpeciell der alten echten Kryftallgefäfse fteht am höchften das Trink- und Deflertfervice für den Allerhöchften Hof nach den Entwürfen von J. Storck mit vergoldeten und emaillirten Montirungen von Ratzersdorfer, und gravirten, von Eifert ausgeführten Ornamenten. Diefe Gefäfse haben auch die glückliche Neuerung, dafs fie, im Gegenfatz gegen den gewöhnlichen matten Schliff der Ornamente, den in den Tiefen auspolirten Schliff, wie ihn die alten Kryftalle zeigen, wieder eingeführt. Diefe Manier verfeinert in aufserordentlicher Weife die Lichtwirkung der Kryftalle. Als eine glückliche Erweiterung ift auch die Wiederaufnahme der facettirten Gläfer und mancher anderer Formen zu betrachten, die insbefondere in der erften Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in Uebung waren und noch in diefer fpäten Zeit dem böhmifchen Glas ein echt künftlerifches Gepräge gaben. Auch die Verzierung mit geätzten farbigen Rändern und Bändern, mit welchen einige Services bei H. Ulrich viel Beifall gewannen, liefse fich, wenn fein und zierlich angewendet, glücklich verwerthen und erweitern. Es find aber auch noch andere Firmen zu nennen, die im Kryftallglafe dem Beiſpiele gefolgt find und den Weg der Neuerung betreten haben. So die gräflich Seilern'fche Fabrik in Jofefsthal und Galthof, die fich mit zierlichen Formen mehr an englifche Mufter angefchloffen zu haben fcheint, ebenfo W. Hofmann in Prag, der einen ganzen Tifch feiner und zierlicher Kryftallgefäfse mit gechliffenen Ornamenten aufgeftellt hatte, fo die Fabrik von Graf Harrach in Neuwelt, die, neben vielen grofsen Gegenftänden nach alter Art, manches Anmuthige im Kleinen darbot, fo Reich& Comp. in Wien, die ebenfo im Gemifch der alten Mode auch das Streben nach feineren Formen erkennen liefsen, fo endlich J. E. Schmid in Annathal, der manche glückliche Motive befonders in Henkeln zeigte. Man fah vollkommen klar, dafs die neue Tendenz Boden gewonnen hat und fich ausbreitet. Und nach dem kurzen Anfange haben wir alle Urfache, hiermit vollkommen zufrieden zu fein. Aber, wie fchon oben angedeutet, ift in der heutigen böhmifchen Glas induftrie das weifse, farblofe Kryftallglas durchaus nicht das einzige, welches fich der künftlerifchen Befprechung darbietet. Man würde Unrecht thun, das farbige Glas zu überfehen, wenn es auch in diefem Jahrhundert bisher keinen hohen Standpunkt eingenommen hat. Das böhmifche Glas. 21. Das mit Farbe verzierte böhmifche Glas theilt fich für unferen Standpunkt in zwei Arten: in das mit Farbe überfangene oder in der Maffe gefärbte Glas und in das mit Malerei verzierte; fagen wir kurz, in das gefärbte und in das bemaite Glas. Jene Art, die wir zuerft befprechen wollen, ift echt böhmifch, wenn nicht nach dem Urfprung, doch nach ihrer Weife. Schon die Venetianer hatten ihre Gläfer zum Theil in der Maffe gefärbt nach dem Beiſpiele der Alten, bei denen der in Glas imitirte Edelſtein einen Hauptzweig ihres künftlerifchen Glafes gebildet hatte. Das böhmifche gefärbte Kryftallglas wurde erft im XIX. Jahrhundert von Bedeutung, als es fich darum handelte, dem drohenden Uebergewicht des englifchen Glafes mit neuer Art Concurrenz zu bieten. Das böhmifche gefärbte Kryftallglas eroberte fich auch einen Platz auf dem Weltmarkt; es beftach und blendete durch feine Effecte die Augen, aber die Augen der Menge. Höhere Anfprüche des Gefchmacks vermochte es nicht zu befriedigen; fo viel Mühe man fich auch mit der Decoration gab, fo koloffal zuweilen die Dimenfionen der Gefäfse waren, fo vortrefflich die Farbe, fo künftlich der Schliff, welcher die Ornamentation herausgravirt hatte. Seine Blüthe fiel eben mit einer im Gefchmack verderbten Zeit zufammen, deren künftlerifche Leiftungsfähigkeit in der ganzen Induſtrie fehr gering war. Sie vermochte das ganze Genre niemals auf eine hohe Stufe zu erheben, hielt es vielmehr auf dem Standpunkt fehr gewöhnlicher Effecte. Heute ift das Genre, wenn möglich, noch tiefer gefunken. Die Fehler find einerfeits höchft plumpe, derbe und unfchöne Formen, andererfeits fehr gewöhnliche Zeichnung der Ornamentation und bei den weifsüberfangenen Gläfern ein viel zu harter Gegenfatz des kalten Weifs mit der wieder herausgefchliffenen dunklen Grundfarbe. - - Die Menge der Induftriellen, welche folche Waare fabriciren wir nennen unter den Ausftellern Stölzle's Söhne zu Nagelberg in Nieder- Oefterreich, Clemens Rafch in Ulrichsthal, Elias Palme, Gebrüder Kraufe, W. Hofmann, H. Ulrich ift ein Beweis, dafs das Genre noch heute von grofser commerzieller Bedeutung ift. Um fo mehr ift es wünfchenswerth, auch auf diefe Art die künftlerifchen Reformbeftrebungen zu lenken und ihr eine Richtung, einen Charakter zu geben, der fie einem befferen künftlerifchen Verſtändniss Stand halten läfst. Das gefärbte Kryftallglas mit feiner farbigen Glut fcheint uns auch durchaus dafür befähigt zu fein, und wir möchten nicht wünſchen, dafs es gänzlich aufgegeben würde, weil feine heutige Art vor einem befferen Gefchmack nicht beftehen kann. Es traten auf der Ausftellung auch mehrfach Verfuch in diefer Richtung hervor, z. B. bei H. Ulrich Tafelgefchirr, insbefondere Trinkgläfern, bei denen Laubkränze aus der Farbe ausgefchliffen waren, wie uns bedünkt, ein ganz richtiges Verfahren. Nur ift auch in diefem Falle darauf zu achten, den Gefäfsen möglichst gute und elegante Formen zu geben. Verfchiedene und zum Theil fehr bedeutende Verfuche in diefer Art fah man in der Ausftellung von J.& L. Lobmeyr in Verbindung mit Meyr's Neffe. Der Reinheit von Form und Zeichnung war die gleiche Sorgfalt zugewendet. Verſchiedentlich hatten auch alte venetianifche Mufter die Motive hergegeben, indem ftilifirte Ornamente in Emailfarben auf dunkelgefärbtem Glafe ausgeführt waren. Eine Serie ähnlicher Arbeiten mit weifsem Linienornament auf blauem Glafe befand fich auch in der Ausftellung von Reich& Comp. Mit diefer Art aber, die gewiffermafsen einen Uebergang bildet, kommen wir fchon zur zweiten Art des farbigen Glafes, zu den bemalten Gefäfsen. Das bemalte Glas, obwohl es von den verfchiedenen Fabriken ziemlich in aller Weife neben einander geübt wird, läfst fich künftlerifch wieder in zwei Arten zerlegen, in die eine, bei welcher die Bemalung blos decorativ und ornamental ift, und in die andere, welche förmlich Figurenbilder auf Glas herftellt. Letztere Art ift entfchieden franzöfifchen Urfprungs, dort in Frankreich noch am meiften geliebt und auch am meiften geübt, obwohl fie auf unferer Ausftellung 22 Jakob Falke. von franzöfifchen Fabrikanten nicht vertreten war. Die erfte Art des farbig decorirten Glafes, die rein ornamentale, hat viel mehr Eigenthümlichkeit bewahrt, als das foeben befprochene gefärbte Glas. Die Urfache liegt wohl darin, dafs fie fich befonders an die fogenannte altdeutfche Art der mit Emailfarben verzierten Trinkgläfer, welche vom XVI. bis zum XVIII. Jahrhundert in Uebung ftanden, angefchloffen hat. Eine grofse Anzahl der öfterreichifchen Glasfabriken cultiviren diefes deutfche Genre und verzieren ihre Arbeiten nach alter Weife mit Ornamenten, Wappen, Adlern, Einzelfiguren, Infchriften u. f. w. Man wird aber noch immer durchgängig einen doppelten Unterfchied zwifchen den neuen und den alten Gläfern finden: jene find erftens in der Maffe zu grün und zweitens in den Farben zu hart. Sollen unfere Imitationen den alten Vorbildern an künftlerifchem Reize gleichkommen, fo müffen fie nach einer milderen Harmonie trachten. Das alte deutfche Glas war, man kann fagen, mehr nicht entfärbt, als pofitiv gefärbt. Dasfelbe gilt von den fogenannten Römern; die modernen find ebenfalls in den meiften Fällen zu grün. Auf das Genre der altdeutfchen emaillirten Gläfer braucht fich aber das farbig decorirte Glas nicht zu befchränken, noch befchränkt es fich darauf. Die Ausftellung zeigte gar mannigfache Verfuche, es zu erweitern, theils in Verbindung mit gefärbtem Glas, theils in Verbindung mit Kryftallglas. So hatten die Gebrüder Kraufe in Steinfchönau die Alhambra- Ornamentation benützt, doch war die Wirkung der damit in Blau, Roth und Gelb überzogenen Gefäfse eine zu grelle. Beffer waren die fchon erwähnten blauen Gefäfse mit weifsem Linienornament bei Reich& Comp. und J.& L. Lobmeyr. Letztere hatte vielfach altvenetianifche Motive verwendet, diefs Genre neu zu beleben, fo das goldene Schuppenornament oder ein weifs und goldenes Flechtwerk. Auch farbenreiche indifche und perfifche Motive waren auf grofsen Glasvafen verfucht. Nicht minder intereffant war die Wiederaufnahme verfchiedener Verzierungsweifen des XVIII. Jahrhunderts, fo insbefondere jener fchwarzen Ornamente nebft kleinen Scenerien, welche die Arbeiten Schaper's in Nürnberg unter den Kunftfreunden berühmt gemacht haben. In all diefem erkannte man mit Vergnügen das Beftreben, neue und richtige Bahnen aufzufuchen und fo auch diefem Zweige der Glasinduftrie eine edlere Haltung zu geben. Nicht das Gleiche kann man von den mit Gemälden verzierten Gefäfsen fagen, welche man bisher als die höchften Kunftleiftungen der Glasinduftrie nach dem Beiſpiele der Franzofen zu betrachten pflegte. Das Genre, wie es ift, kann eigentlich nicht verändert, nur in der Malerei verbeffert werden. Sein Fehler ift feine. Existenz. Ein Gemälde auf transparentem Glas wird geftört in feiner Ruhe durch die Reflexe in feiner Umgebung; auf opakem Glas aber tödtet es die Eigen thümlichkeit des Glafes und ift blofse Nachahmung der Porzellanmalerei. Zudem widerftrebt ein anfpruchsvolles Bild auf dem Gefäfs dem Princip; es beeinträchtigt die Form und die berechtigte Decoration. Doch laffen wir das Princip. Die böhmifche Induſtrie hatte fich mit grofsen Figurenmalereien auf koftbaren, zum Theil koloffalen Vafen alle erdenkliche Mühe gegeben und viele hatten Grofses darin zu leiften verfucht. An ihrer Spitze fteht die Firma von A. Pelikan in Hayda, die viel hohe Kunft auf dem brechlichen Glafe treibt. Ihr zunächft fteht Grohmann& Comp. ebendort, welche insbefondere eine Reihe bunter Vafen mit den Bruftbildern fchöner Damen ausgeftellt hatte, dann aber auch mit Landfchaften, Vögeln u. f. w. Aehnliche Vafen mit Malereien in Köpfen und Bruftbildern zeigte J. Ahne in Steinfchönau. Auch die Gebrüder Kraufe führten uns Landfchaften vor, fowie Stelzig, Kittel und Comp.( beide in Steinfchönau) Genrefcenen und andere bunte Bilder auf Beinglas. So fehr man bei allen diefen Arbeiten Mühe und Kunft anerkennen mufs, fo leiden fie doch an dem gemeinſamen Fehler, dafs fie ihr Material nicht bedenken, dafs fie zu felbftſtändig Kunft find. Die Gemälde werden daher zu hart, zu kräftig, zu bunt. Es ift ganz derfelbe Fehler bei den Malereien auf Das böhmifche Glas. 23 Porzellan. Die Franzofen, deren Beiſpiel wir ja nur in diefem ganzen Genre folgen, handeln darin viel klüger. Sie halten alle diefe Gemälde viel duftiger und zarter, wodurch diefelben weniger aufdringlich erfcheinen und mit dem Material fich harmonifcher zu einer Gefammterfcheinung verfchmelzen. Hier allein ift der Punkt, der diefe bemalten Glasgefäfse für ein künftlerifches Auge erträglich macht. Wir glauben aber auch nicht, dafs fie noch eine lange Dauer haben werden. Der Gefchmack drängt dahin, jeden Gegenftand nach den innewohnenden Kunfteigenfchaften des Materials zu geftalten und zu fchmücken und nicht den Nachdruck auf eine fremde Kunftweife zu legen, die zur Hilfe herbeigezogen wird. In diefer Beziehung fcheint ein anderer höchft bedeutender Zweig der öfterreichifchen Glasinduftrie, der uns noch zur Befprechung obliegt, derjenige der Spiegel und Luftres, eine fehr glückliche Richtung einzufchlagen. Die Spiegel waren bisher von unferem Standpunkt aus eigentlich von gar keiner Bedeutung, denn die Glastafel, die ohnehin künftlerifch nicht in Frage kommt, war meiftens vom Auslande geliefert und der Rahmen war Schnitzer-, Tifchler- oder Vergolderarbeit. Neuerdings aber, wie man zu fo vielen alten Kunftweifen zurückkehrt, hat man auch die alten böhmifchen Spiegel mit Spiegelrahmen wieder aufgenommen. Das Genre ift zwar erft in der barocken Zeit entftanden, und diejenigen Spiegel, die uns von diefer Art aus alter Zeit erhalten worden und heute von Alterthumsfreunden und Kunftfammlern gefucht werden, find meift fehr verzopft in der Form des Rahmens, fowie einigermassen roh in dem eingefchliffenen Ornament. Nichtsdeftoweniger find fie decorativ von fehr guter Wirkung, und es war ein vollkommen richtiger Gedanke, fie wieder zu beleben und in ihrer Weife zu veredeln. Das war auf unferer Ausftellung mehrfach gefchehen, z. B. von Jofef Taufig& Comp. in Wien, fowie auch von der Firma J.& L. Lobmeyr, die fich für die Zeichnung der künftlerifchen Gefchicklichkeit Storck's bedient hatte. Wir werden fpäter fehen, dafs auch Frankreich ein paar vortreffliche Beiſpiele zur Ausftellung gefendet hatte. Ein anderes älteres Genre von künftlerifch verzierten Spiegeln, welches allein die Firma J.& L. Lobmeyr wieder aufgenommen hatte, war dasjenige mit Malereien unmittelbar auf der Spiegelfläche, wobei die Gegenftände frei in der Luft zu fchweben fcheinen. Im XVII. und XVIII. Jahrhundert liebte man es, reiche Blumenguirlanden in diefer Weife gewiffermafsen frei über den Spiegel zu hängen. Die Beiſpiele von Lobmeyr zeigten im oberen Halbrund fchwebende Genien, welche von Eifenmenger ausgeführt waren. Kehren die Spiegel zu alten Manieren zurück, fo find die Glasluftres eher gezwungen, fich davon zu entfernen, um den rechten Weg zu finden. Vorbilder find die alten Kryftallluftres mit angehängten prismatifch gefchliffenen Stücken, deren Aufgabe es ift, möglichst viel Lichter auszuftrahlen. Diefe Manier ift höchft vortrefflich für das englifche Glas, weil hier zu dem Licht noch das wunderbare Farbenfpiel hinzutritt, wie das oben fchon ausgeführt worden. Aber eben weil diefes Farbenfpiel dem böhmifchen Kryftallglafe fehlt oder bei weitem nicht in gleichem Mafse zu Gebote fteht, vermag der gleich geformte böhmifche Lufter niemals den Effect des englifchen zu erreichen und follte fich daher auf eine andere künftlerifche Bafis ftellen. Diefe andere Bafis ift die der fchönen Form, der eleganten Bildung fowohl des Hauptftammes, wie der Seitenarme, welche einen fchönen Schwung verlangen, fowie endlich ein gutes Verhältnifs der Theile unter einander. Diefe Seite wird von den englifchen Glasluftern vernachläffigt. Dafs fie von der böhmifchen Induftrie bereits begriffen worden, zeigten viele Beiſpiele in der zahlreichen und grofsartigen Ausftellung von Glasluftern, welche in diefem Sinne fowohl die englifchen, wie die franzöfifchen Luftres, deren z. B. Barbédienne eine Anzahl gröfserer Exemplare ausgeftellt hatte, entfchieden übertrafen. Sie übertreffen darin auch ihre älteren Vorbilder, welche, dem XVIII Jahrhundert angehörig, höchft felten um die Gefammtfchönheit bekümmert find, fondern fich mit dem Lichterfpiel begnügen. 24 Jakob Falke. Das böhmifche Glas. Freilich fah man in der öfterreichifchen Glasausftellung auch zahlreiche verfehlte Beiſpiele von fehr unfchönen Formen nach alter herkömmlicher Weife, und insbefondere bemerkte man faft durchgängig noch einen Fehler, auf den wir ausdrücklich aufmerkfam machen wollen. Es ift zwar nothwendig, dafs ein folcher Kryftalllufter durch Metall, durch Bronze feinen Halt, feine Form bekömmt, allein zu viel vergoldete Bronze fchädigt die Wirkung des Glafes und gibt ihm einen ganz falfchen Schein. Daran litten auch die grofsen Kronleuchter von Barbédienne. Will man äfthetiſch richtig verfahren, mufs man die Luftres ganz aus Bronze machen oder die Bronze fo viel als möglich zurücktreten laffen und auf die nothwendige Function befchränken. Das war auch bei den englifchen Kronleuchtern gefchehen. Viele Vergoldung fteht in keiner Weife gut mit dem Kryftallglas, dagegen machte eine Neuerung, die von J.& L. Lobmeyr verfucht war, die Verbindung von Kryftallglas mit dunklem Stahl ftatt der vergoldeten Bronze bei Luftern und Candelabern eine fehr gute und edle Wirkung. Sie verdient es, nicht blos Verfuch zu bleiben, fondern zu allgemeiner Anwendung zu gelangen. IV. Das deutfche, ruffifche und franzöfifche Glas. Was die Glasinduftrie fonft aufser Italien, England und Oefterreich auf der Weltausftellung zu zeigen hatte, das bot keine wefentlich neue Seite dar oder es befchränkte fich auf Specialitäten und Imitationen, die kaum über den antiquarifchen Standpunkt hinausgekommen find. Von den drei Ländern, die für unferen Gefichtspunkt, den äfthetiſchen, noch in Frage kommen, verhält fich Deutfchland wefentlich imitirend in modernem Sinne; es befitzt keinerlei Originalität, keine ſchöpferifche Kraft. Rufsland imitirte mit feinen intereffanteren Sachen ebenfalls, aber mehr in alterthümlicher Richtung, und die einzige Specialität, die von Frankreich aufser Spiegeln und Luftern zur Ausftellung gebracht worden, war auch nur Nachahmung. Das Meifte, was Deutfchland an folchen Glasarbeiten gefendet hatte bei denen der Gefchmack oder die Kunft in Frage kommt, befchränkte fich auf fehr gewöhnliche Tifchwaare. Eine Ausnahme machten eigentlich nur zwei Fabriken: die baierifche von Steigerwald's Neffe und die fchlefifche von Graf Schaaffgotfche zu Jofefinenhütte, welche höhere Ziele anftreben. Jene fucht diefelben durch die Zeichnung und den Reiz des Ornaments zu erreichen, das fie ftreng in Münchner Art hält, aber indem fie zu viel Nachdruck auf das Ornament oder vielmehr die Zeichnung legt, tritt das Glas mit feinen Eigenthümlichkeiten allzufehr zurück. Die fchlefifche Fabrik hält fich ganz innerhalb deffen, was heute Mode ift; fie fucht, ohne originell zu fein, das Feinfte und Befte zu leiften und auch dem vornehmften Tifch zu genügen. Sie nimmt daher ihre Vorbilder von allen Seiten, wo die Mode fie empfehlenswerth erfcheinen läfst. Sie bemalt ihre Geräthe mit Figurenbildern in franzöfifcher Art, fie zeigt uns äusserft zierliche Trinkgefäfse nach englifchem Mufter und imitirt felbft die Venetianer in ihren eigenften Weifen. So führte fie uns viel Hübfches und Gutes vor Augen, nur fehlte ihr in allem das Eine, das Letzte: Selbftftändigkeit, Originalität. Das ruffifche Glas zeigte auf der Ausftellung zwei verfchiedene Seiten. Eine Glasfabrik, Czesky in Polen, Eigenthum der Gebrüder W.& E. Hordliczka, bewegte fich vollſtändig in den bisherigen Pfaden des böhmifchen Kryftallglafes: koloffale Vafen und plumpe Gefäfse mit Diamantfchliff, Manches auch mit Farben in gewöhnlicher Weife. Im Gegenfatz fchlägt die kaiferliche Glasfabrik in Petersburg eine ohne Frage künftlerifche Bahn ein. Was fie als Vorbild benützt, ift aber nicht das englifche oder böhmifche Glas, fondern das geblafene Glas einerfeits der Venetianer, andererfeits des Orients. Von den venetianifchen Muftern hält fie fich aber nicht an diejenigen, welche es auf die fchöne, zierliche Form abgefehen haben, fondern an die älteren Mufter, welche fich mit Malerei in Emailfarben fchmücken. In diefem Genre zeigte die Petersburger Fabrik einige vortreffliche Arbeiten. Technifch tritt fie damit auch der altdeutfchen Art nahe, nur macht fie die Sachen feiner. Auch die geblafenen und mit Emailfarben verzierten orientalifchen Glasarbeiten, die heute freilich fo gut wie ausgeftorben find, verhalten fich techniſch nicht viel anders, nur find die Emailfarben in ziemlich dickem Relief aufgelegt. Sie haben der kaiferlichen Fabrik den Anftofs zu einem neuen Genre gegeben. Es find Gefäfse von dunklem grünen oder blauen Glafe, welche ftatt der orientalifchen Arabesken mit dem farbigen Ornament der Holzbauten in fehr kräftiger coloriftifcher Weife verziert find. Es 26 Jakob Falke. Das deutfche, ruffifche und franzöfifche Glas. ift hier eine ähnliche Uebertragung gefchehen, wie in der Goldfchmiedekunft. Die Formen diefer Gefäfse find meift fteif und gradlinig, und auch dafür find die Motive im Holz zu fuchen, in den hölzernen Gefäfsen, deren fich der ruffifche Bauer bedient. Das Genre ift fomit wohl intereffant und beachtenswerth, aber nicht allzu originell, noch befonders reizvoll. Hat die ruffifche Fabrik von den alten orientalifchen Glasgefäfsen das Motiv genommen, fo war das Intereffantefte, was Frankreich an Glas zur Wiener Weltausftellung gefendet hatte, eine directe, in den meiften Fällen ganz genaue Copie derfelben. Diefe orientalifchen Glasgeräthe, meift Mofcheelampen, feltener flafchenartige Gefäfse oder Schalen, find eine gefuchte, theuer bezahlte Antiquität. Diefer Umftand hat einen Parifer Künftler, Brocard, veranlasst, fie getreu nachzuahmen, und mit diefen Copien, die eine anfehnliche Vitrine füllten, ift er auf unferer Weltausftellung erfchienen. Die Gegenftände find in verfchiedener Beziehung intereffant. Einmal bieten fie in der Genauigkeit des ftark erhabenen Farbenauftrags techniſche Schwierigkeit, welche von Brocard vortrefflich überwunden erfcheint; fodann enthalten fie meift originelle und vorzügliche Formen und Ornamentationen, die verwerthbar find, und drittens fieht der Kunft. freund in ihnen genaue Copien feltener und zum Theil berühmter Gegenstände, die ihm fonft, weil im Privatbefitz, nicht zu Geficht kommen würden. Augenblick. lich ift das Hauptintereffe an diefen Gegenftänden noch das antiquarifche, aber es ift fchon öfter( z. B. bei den Fayencen) gefchehen, dafs das antiquarifche Intereffe fich in ein eminent induftrielles verwandelt hat. Bei der Lebhaftigkeit, mit welcher die Franzofen das Neue zu ergreifen pflegen, ift es auch hier möglich. Von den übrigen franzöfifchen Glasarbeiten wollen wir wenigftens noch einer Specialität gedenken, der matt und farbig geätzten Glastafeln von J. Dopter& Co. in Paris. Die Gefäfse in gefchliffenem Glafe der Verreries de la Loire et du Rhône zu Rive de Gien waren völlig unbedeutend, während St. Gobain wenigftens gutes Kathedralglas für farbige Fenftergemälde gebracht hatte. Die Luftres mit Kryftallglas bei Barbédienne, deren wir fchon oben gedacht haben, gehören mehr in die Bronze- Induſtrie, als in die Glasfabrikation, aber einige Spiegel mit Rahmen erregten noch unfere Aufmerkfamkeit. Zwar gab es darunter fehr Verfehltes, z. B. einen koloffalen Spiegel von Alexandre jeune in Paris, deffen Rahmen ganz naturaliftifch von farbigem Glafe gebildet war, mit Palmzweigen, die frei heraustraten, und mit verfilberten Bronzefiguren dazwifchen, die Luftres trugen. Es war eine Monftrofität, wie fie zuweilen dem franzöfifchen Gefchmack paffiren kann. Dagegen hatte eine andere franzöfifche Firma, Lorémy Grifey& Co., einige Spiegel mit Glasrahmen ausgeftellt, die, gleich ausgezeichnet in Conftruction und Ornament, mit zu den reizendften Arbeiten auf der Ausftellung gehörten. In reiner Renaiffance gehalten, waren fie wieder ein Zeichen, dafs auch auf diefem Gebiete die Franzofen zu einem edleren Gefchmack zurückkehren. Sie liefsen nur bedauern, dafs die franzöfifche Glasausftellung fo fehr dürftig ausgefallen war und insbefondere im modernen Tafelgeräth auch gar nichts geliefert hatte, was nur der Rede werth fich zeigte. II. ABTHEILUNG. COMMERZIELLER UND TECHNISCHER BERICHT von LUDWIG LOBMEYR. Nach dem Erfcheinen des Buches:„ Die Glasinduftrie, ihre Gefchichte, gegenwärtige Entwicklung und Statiftik", welches in Gemeinfchaft mit den Herren Dr. Albert Ilg und Wendelin Boeheim von mir im Verlage von W. Spemann in Stuttgart 1874 herausgegeben wurde, erhielt ich die ehrende Aufforderung, für den officiellen Ausftellungsbericht über die Glasinduftrie den commerziellen und technifchen Theil zu fchreiben. Es ift an und für fich wenig verlockend, von einer kaum vollendeten Arbeit einen Auszug zu liefern, überdiefs wäre es mir auch von grofsem Intereffe gewefen, die Anfichten und Urtheile eines Anderen über diefe wichtige Induſtrie zu vernehmen; nach eingehender Befprechung fühlte ich mich jedoch verpflichtet, dem Rufe nachzukommen, und in dem mir vorgezeichneten Bereich nochmals eine kurze Ueberficht über die bei der Wiener Weltausftellung 1873 gemachten Beobachtungen zu verfaffen, fie mit einigen mir nachträglich bekannt gewordenen Daten ergänzend. Ich folge der in meiner früheren ausführlicheren Darftellung gemachten Eintheilung und beginne mit Spiegel. - I. Spiegel. a) Gufsfpiegel. Der Qualität nach ftellen fich die Erzeugniffe der verfchiedenen Staaten in nachftehende Rangordnung: franzöfifche, deutſche, belgifche, englifche, öfterreichifche, endlich ruffifche. Die hervorragendften Fabriken für diefe Producte find Eigenthum der " Société des Manufactures de glaces et de produits chimiques de St. Gobain, Chauny, Cirey et Montluçon", welche Gefellſchaft aufser diefen benannten fran zöfifchen Fabriken noch zwei in Deutſchland, nämlich jene zu Stollberg bei Aachen und die zu Waldhof bei Mannheim befitzt. Sie fandte belegte und unbelegte Spiegeltafeln nur aus der letztgenannten Fabrik und diefs wahrscheinlich nur defshalb, weil eben diefe gegenwärtig Producte liefert, die von denen keiner anderen eigenen Fabrik oder einer anderen Unternehmung übertroffen werden. Belgien, welches erft feit 1820 die Spiegelfabrikation betreibt, diefelbe aber bisher auf das kräftigfte entwickelt hat, fo dafs es bereits mit feinen Erzeugniffen allen übrigen vorher genannten Staaten als gefährlicher Concurrent auf dem Weltmarkte entgegentritt, hatte einige vortreffliche Proben feiner grofsen Leiftungsfähigkeit auf diefem Gebiete gefendet. Als Novität auf den Weltausftellungen galt eine circa 7 Quadratmeter grofse, 15 Millimeter ftarke und ausgezeichnet reine Spiegeltafel, welche die ,, Société de Courcelles pour la fabrication de glaces" ausgeftellt hatte. Derlei ftarke Platten, welche nur circa 30 Percente theurer zu ftehen kommen, als gewöhnliche, eignen fich befonders für die Schaufenfter der Geldwechsler, Juweliere etc., welche auf eine erhöhte Sicherheit bedacht fein müffen. Die Engländer hatten nur unbelegtes Spiegelglas, und zwar für ihre Schaukäften gefendet, an welchem wir übrigens die bekannte Thatfache von neuem beftätigt fanden, dafs ihre hiefür verwendete Maffe weniger weifs und felten fo rein ift, als das fremde Spiegel- oder gar das eigene, nämlich engliſche Kryftallglas. Im Ganzen genommen, ift jedoch die Leiftungsfähigkeit der franzöfifchen, deutfchen, belgifchen und der englifchen Fabriken eine ziemlich gleich hoch entwickelte, der Unterfchied in den Erzeugniffen ein nicht fehr wefentlicher, und der Preis je nach den Qualitäten ein fo übereinftimmender, dafs für den Bezug der Waare meift nur entfcheidend ift, woher Fracht und Zoll billiger kommen. In Oefterreich wurden bereits im vorigen Jahrhundert auf der 1700 errichteten kaiferlichen Fabrik zu Neuhaus bei Fahrafeld nächft Pottenftein, und nach deren 1831 erfolgter Ueberfiedlung, in Schlöglmühl bei Gloggnitz in NiederOefterreich Gufsfpiegel erzeugt, die damals fehr angeftaunt wurden. Nach ihrer Auflaffung 1840 verfuchten es Georg Chriftof Abele's Söhne in Deffernik in Böhmen, fpäter Peter Ziegler zu Elifenthal, ebenfalls in Böhmen, diefe Fabrikation fortzufetzen, leider ohne nachhaltigen Erfolg. Erft 1869 wurde diefer Induftriezweig wieder, und zwar von Andreas Ziegler's Sohn in Stankau bei Bifchofteinitz in Böhmen mit Gefchick aufgenom men, und es zeigten bereits die Producte, welche diefe Firma diefsmal zur Aus Spiegel. 31 ftellung brachte, was Gröfse sowie fchöne Qualität betrifft, eine überraschende Leiftungsfähigkeit dieser Fabrik. Da A. Ziegler's Sohn feine Fabrikseinrichtungen ftetig vervollkommnet, fo läfst fich von der weiteren Entwicklung bis zu dem angeftrebten Ziele einer vollen Concurrenzfähigkeit mit dem ausländifchen Fabrikate nur das Günftigfte erwarten. In Rufsland wurde gewifs fchon Anfangs unferes Jahrhunderts, und zuerft ebenfalls als Staatsinduftrie, die Gufsfpiegel- Fabrikation betrieben; auch gelang es dort, fehr grofse Platten zu erzeugen, wie man aus Spiegeln, die dem damaligen Staatskanzler Fürften Metternich als Gefchenk zukamen und wegen ihrer nach den Begriffen jener Zeit gewaltigen Dimenfion en Auffehen erregten, erfichtlich wurde. Sie waren jedoch von fo fchwärzlichem und blafenreichem Glafe, dafs fie heutzutage für keinen Prachtfaal mehr geeignet erfcheinen würden. Auch die kaiferlich ruffifche Fabrik gab die Spiegelerzeugung wieder auf und erft in letzterer Zeit haben Amelung und Sohn in Lifette bei Dorpat in Liefland diefe Fabrikation neu aufgenommen. Sie erzeugen, nach den ausgeftellten recht gelungenen, doch nicht fehr grofsen Muftern zu urtheilen, ganz hübfche Spiegel, auch welche bis zu 700 Rubel das Stück. b) Geblafene Spiegel. Die erften Glasfpiegel, welche fchon von den Alten erzeugt wurden, waren unbelegte aus dunklem Glafe; fpäter erft kamen die geblafenen, belegten Spiegel in Frankreich und Deutfchland nach; es finden fich die früheften Angaben über diefe in Schriften des XII. Jahrhunderts und 300 Jahre fpäter erfcheinen die Spiegel Venedigs im Handel. Mit dem Verfalle der Glasinduftrie in Murano und in den Niederlanden erftarb die Spiegelfabrikation dort gänzlich. In Frankreich erfand Louis Lucas de Nehou, und nicht Abraham Thévar, wie es in manchen Büchern heifst, 1688 das Verfahren, Spiegel zu giefsen, welche Fabrikation fich nachträglich auch in anderen Staaten einbürgerte, die Erzeugung der geblafenen Spiegel in Frankreich völlig verdrängte, jene in Baiern und Böhmen immer mehr befchränkte. In Baiern ift heute nur mehr Lohberg bei Lam genannt, welche Fabrik noch grössere Tafeln für Spiegel bläft. Es beftehen dort noch circa neun Fabriken, die blos Spiegelglas, und circa fünf, welche, wie noch einige Hütten im übrigen Deutfchland, nebft gewöhnlichen Fenstertafeln auch Scheiben für Spiegel, doch nur für kleinere„ Zollfpiegel" oder die fogenannten„ Judenmafs- Spiegel" blafen. Nur in Böhmen behauptet fich diefe Induftrie immer noch in fehr umfangreicher Weife mit noch verhältnifsmäfsig gröfseren Platten, wird jedoch auch schon in ihren Erzeugniffen auf fortfchreitend kleinere Mafse und auf die JudenmafsSpiegel und mit ihrem Abfatze auf die öfterreichifchen Staaten, die Donaufürftenthümer, die Levante etc. befchränkt, wo derlei Waare, da fie leichter, weil dünner, billiger, weil auch halb und dreiviertelweifs geliefert wird, noch immer fehr gefucht ift. Schleifereien und Belegftätten für folche geblafene Spiegel gibt es nicht nur in Böhmen, fondern auch in Baiern, zumeift in der Oberpfalz und bei Fürth in fo bedeutender Menge, dafs manche öfterreichiſche Glasfabrik grofse Mengen, zum Beiſpiel J. D. Stark in Prag von den 100- bis 127.000 Stück folcher Tafeln, welche er jährlich erzeugt, den gröfsten Theil nach Baiern zum Raffiniren liefert. Es find diefs meift Scheiben von 27 bis 70 addirten Zollen und Jude nmafsSpiegel, welche noch dünner als jene gewöhnlichen Zollfpiegel find, auch nur in den Mafsen von 8" und 10" als einfache oder 10" und 16" als doppelte in Kift 32 L. Lobmeyr. chen zu 30 Stück und je 12 Kiftchen in einer Ueberkifte verpackt gehandelt werden. Auf der Weltausstellung waren mit geblafenen und zwar grofsen und kleinen Spiegeln durchgängig fchöner Qualität nur öfterreichifche Fabrikanten. erfchienen, von denen fich befonders die Glasfabrik der C. Graf Kinsky Erben zu Bürgftein und jene von Jakob Mallmann in Elifenthal in Böhmen noch durch die reichen Rahmen, mit welchen fie ihre Erzeugniffe ausgeftattet hatten, hervorthaten, und die Firma Joh. Ant. Ziegler's Söhne noch dadurch die Aufmerkſamkeit erregte, dafs fie die ganze Erzeugnifsweife geblafener Spiegel klar erfichtlich machte und fomit ihre Expofition zu einer um fo intereffanteren, weil lehrreichen. geftaltete. So alt auch die Spiegelerzeugung und felbft jene der Gufsfpiegel ift, die eigentliche grofse Entwicklung diefes Induftriezweiges fällt doch erft in die letzten Decennien, ja in die allerjüngfte Zeit, als es gelang, die Maffe billiger, freier von Blafen und überhaupt reiner zu fchmelzen, in den Mafchinen für das Giefsen und die Bearbeitung der Platten eine ungleich gröfsere Vollendung zu erreichen. Auf diefem Gebiete ift Frankreich ftetig vorangegangen, es hat diefe Induftrie durch eine Menge eigener Erfindungen und gegenwärtig durch eine rafche Einführung des Siemens'fchen Gasofens( von welchem noch ſpäter die Sprache fein wird) zu jener gewaltigen Bedeutung gebracht, die fie heute unbeftritten befitzt. Ein, man kann fagen, noch längerer Stillftand als beim Raffiniren der Fritte und der Erzeugung der Platten herrfchte auf dem Gebiete der Belegung. Erft in jüngfter Zeit wird der alten Verfpiegelung mit Zinnfolien und Queckfilber durch neue Methoden, zunächft durch die chemifche Silberbelegung entfchiedener das Feld ftreitig gemacht. Wohl fchon feit 1840 ift man in Frankreich, immer aber noch ohne durchgreifenden Erfolg bemüht, auch die Platinirung der Spiegel zu erzielen, ein Verfahren, welches am billigften kommen follte, da das Platin hier auf der Vorderfeite der Glasplatte aufgetragen den Spiegel bildet, das Glas alfo nur als Unterlage diente und defshalb nur auf einer Seite gefchliffen zu werden brauchte. Weiters fahen wir Verfuche mit Goldbelegung, die wohl Verfuche bleiben dürften, da gelbe Spiegel immer ein häfsliches Bild geben. Nach dem heutigen Stande der Dinge gewinnt die Silberbelegung, die weisser und fchöner ift, immer mehr an Verbreitung, nachdem fie immer dauerhafter hergeftellt wird, und man das früher nur zu häufig vorkommende nachträgliche Auftauchen brauner Flecken bereits zu vermeiden weifs. Die Quecksilber- Verfpiegelung wird hauptfächlich aus dem Grunde, weil fie bei der Verfendung und bei der Hantirung mit der Waare leichter zu befchädigen ift, als jene mit Silber, anfcheinend bald aufser Gebrauch kommen, was ſchon infofern fehr wünſchenswerth wäre, als fie für die dabei befchäftigten Perfonen fehr gefundheitsfchädlich ift. Einer grofsen Beliebtheit erfreuen fich in neuefter Zeit die Spiegeltafeln mit mehr oder minder reichen Verzierungen, theils ornamentale, theils naturaliftifche oder figurale, welche Verzierungen durch Aetzung mit Flufsfpathfäure ( Fluor hydrique) in 3, 4 und mehr Tieflagen in verfchieden feinem Matt und auch mit Glanzlichtern hergeftellt werden und ziemlich plaftifch erfcheinen. Ganz vorzüglich erzeugt man folche Aetzungen in Paris; auch von Belgien wurden einige fchöne derlei Arbeiten gefendet; nicht minder hatte Deutſchland durch zahlreiche gelungene Leiftungen diefes Genres gezeigt, dafs es auf diefem Gebiete nicht zurückbleibt. Solche Arbeiten werden jedoch nicht von den Spiegelfabrikanten felbft, fondern von einigen Unternehmungen, fogenannten Kunftanftalten, ausgeführt, welche, da diefelben tüchtige Zeichner u. A. m. brauchen, was fie leichter in den Städten finden, meift auch dort ihren Sitz haben. Spiegel. 33 Die Fabriken felbft befaffen fich jedoch auch mit der Erzeugung von rohen Gufsplatten, ungemufterten, geftreiften oder netzartig verzierten Scheiben für Oberlichter bei Dächern oder unterirdifchen Räumen, Billardplatten*), dann auch mit dem Giefsen von Dachziegeln oder zuweilen felbft fehr grofsen Glasftücken für optifche Zwecke wie: Leuchtthurm- Apparate, Signallampen für Seefchiffe u. dgl. Die franzöfifchen Fabriken von St. Gobain etc. hatten von letzteren ganz ausgezeichnete Leiftungen zur Schau gebracht, wie denn überhaupt Frankreich in der Erzeugung folcher optifcher Apparate gegenwärtig fo Vorzügliches leiftet, dafs es mit felben ziemlich alle feefahrenden Staaten verforgt. *) Derlei Billardplatten follen fich jedoch eben fo wenig als die fteinernen etc. bewähren, da bei Wärmewechfel fich die Feuchtigkeit der Luft am kalten Glafe oder Steine niederfchlägt und dadurch ein Nachlaffen der Spannung des Tuches herbeiführt, ein Uebelftand, der bei Holzunterlagen nicht in fo bedeutendem Grade eintritt. 3 II. Tafelglas. Alle nur einigermassen entwickelten Induftrieftaaten Europa's, dann Amerika, erzeugen geblafenes, nicht gefchliffenes Tafelglas. Zur gröfsten Bedeutung für den Weltmarkt hat es hierin das fo rührige Belgien gebracht. Es liefert Tafeln von guter, gleichmäfsiger und nicht theurer Qualität, verfendet fie nach allen Staaten in den Gröfsen und in der Verpackung, wie diefs jeweilig verlangt wird, ift rafch und verlässlich in der Ausführung, immer beftrebt, den Bedürfniffen der verfchiedenen Märkte mit wachfamem Auge zu folgen, ihnen thunlichft Rechnung zu tragen und die neueften Erfindungen und Verbefferungen auf diefem Gebiete fchnell einzuführen. Belgien erzeugt jährlich auf 197 Oefen über 20 Millionen Quadratmeter Tafeln im Werthe von 40, im Jahre 1873 felbft 50 Millionen Francs, wovon es nur an 5 Percent im eigenen Lande verbraucht. Frankreich, das nach den letzten Ausweifen vom Jahre 1872 für 22 Millionen Francs Tafelglas producirte und bisher im eigenen Lande verbrauchte, ja felbft die Verforgung der Colonien mit diefem Artikel zumeift Belgien überliefs, hat in jüngfter Zeit in der Tafelglasfabrikation grofse Anftrengungen gemacht und bietet letzterem auch fchon auf manchen Märkten des Auslandes beachtenswerthe Concurrenz. Die belgifchen Fabrikanten fchreiben diefs der billigeren Arbeitskraft in den Norddepartements Frankreichs, der hohen Entwicklung der dortigen chemifchen Fabriken, den geringeren Abgaben auf Salz, endlich dem Umftande zu, dafs Frankreich den„ Holzbedarf für die Verpackung" im eigenen Lande findet, während Belgien ihn vom Auslande holen mufs. Sie erwarten es ift diefs beachtenswerth eine wirkfame Abhilfe von der Aufhebung des Einfuhrzolles auf Kiftenholz" nach Belgien, und find darum neuerdings bei der Regierung eingefchritten. - - Die höchfte Verwerthung aller Capital und Arbeitskräfte führt zweifellos allein zur gröfsten volkswirthschaftlichen Blüthe des Staates, und es wäre defshalb ungleich nachtheiliger, jene Kräfte auch nur theilweife brach liegen zu laffen, als mäfsige directe Opfer zu bringen, um die Arbeit bedeutend zu fördern. Da wir den belgifchen Fabrikanten ficher zutrauen können, dafs fie eben fowohl die Urfachen eines Uebelftandes auf ihrem Gebiete zu erkennen, als auch die Mittel für deffen Abhilfe zu erwägen wiffen, fo können wir aus diefem Falle erfehen, wie felbft bei einer hochentwickelten Induftrie kleine, unfcheinbare Factoren zur Bedeutung gelangen können. Wir erfehen daraus aber gleichfalls, dafs bei entſprechender Rührigkeit und verftändiger Einleitung auch ein von einer Seite felbft lange behaupteter Markt von Dritten neu gewonnen werden kann, wie nicht minder, dafs fich die Induftriellen nie der behaglichen Zuverficht hingeben dürfen, das beherrschte Abfatzgebiet unbeftritten zu befitzen. Das fran zöfifche Tafelglas ift etwas weifser als das belgifche, unterliegt aber mehr dem ,, Irifiren" oder dem fogenannten„ Abftehen", das man, wie behauptet wird, in Belgien dadurch gänzlich befeitigte, dafs die Tafeln, wenn fie aus dem Streckofen kommen, in Waffer, dem man der Menge nach I bis 2 Percent Salzfäure oder eine andere mineralifche Säure beigemengt hat, getaucht und dann forgfältig gereinigt werden. Tafelglas. 35 Das englifche Product ift etwas grüner als das belgifche, namentlich die I. und II. Wahl ftärker, es ift aber auch theurer als franzöfifches oder belgifches. In England beftehen aufser der gröfsten Tafelglasfabrik der Welt" Chance Brothers& Co. zu Spon- Lane bei Birmingham" noch viele und fehr bedeutende Fabriken, demungeachtet genügen anfcheinend deren Producte nicht nur nicht für den Bedarf des Landes, da es jährlich an folchem Tafelglas, Lampenfchirmen und Cylindern für mehr als 9 Millionen Francs einführt, fondern auch feine Colonien meift mit fremden Erzeugniffen verforgen läfst. Deutſchland hatte von diefem gewifs wichtigften und nothwendigften Producte der Glasfabrikation eine reiche Auswahl gefendet, darunter Scheiben, die wie die belgifchen, man kann wohl fagen, über allen Bedarf grofs waren, und zumeist nur zeigen follten, was man nunmehr zu leiften vermag. Im Vergleiche der belgifchen mit deutfchen Producten ift zu bemerken, dafs die letzteren noch mit der Lungenkraft des Arbeiters, die erfteren aber, dem Vernehmen nach, durch Nachhilfe mit Gebläfen erzeugt wurden, die es auch fchwächeren Arbeitern ermöglichen, Röhren oder Walzen über 3 Meter lang und 0.65 Meter im Durchmeffer aufzublafen. Die deutfchen Tafeln find weifs, von fehr guter Qualität und, wenn auch nicht in Reinheit, gleicher Dicke und ebener Streckung den belgifchen ganz gleich zu ftellen, doch die öfterreichifchen übertreffend. Während man in allen anderen genannten Staaten nur eine Art Tafelglas erzeugt, nach I., II., III. und auch IV. Wahl fondert und darnach zu verfchiedenen Preifen verkauft, gibt es in Oefterreich noch immer„ Solin, Halbfolin, halbweifses und ordinäres Glas", welches an und für fich in der Maffe verfchieden zugerichtet, und dann, wie es ausfällt, meift unfortirt verkauft wird. Die beften Tafeln liefert Meyrs Neffe in Adolf, weitaus die meiften erzeugt die Firma J. D. Stark in Prag, allein diefe und die Tafeln aller anderen Fabriken find meift dünner, unreiner und nicht fo plan, als die ausländifchen, von welch' letzteren freilich nur wenige auf unferen Markt kommen, weil bei uns weit mehr auf den billigften Preis als auf die Güte der Waare gefehen wird. Verfuche, um beffere, nach belgifch- deutfcher Art erzeugte Waare hier zur Geltung zu bringen, die Abnehmer von dem alten Schocktarife nach den Additionszollen ab- und zur Annahme des rationelleren ausländifchen Tarifes nach dem Flächenmafse zu bringen, fchlugen, wie es die Actien- Gefellfchaft » Bohemia" zu Heiligenkreuz bei Břas in Böhmen zu ihrem Schaden erfahren musste, leider fehl. Was Ungarn und Rufsland an Tafelglas zur Ausftellung brachten, war, zum wenigften gefagt, nicht befferer Sorte als unfere gewöhnlichen, und was fie davon überhaupt fchaffen, dient nur für den localen Bedarf. In Farbentafeln zeigte die Firma M. A. Pelletier et fils in St. Juft s. Loire, dafs den Erzeugniffen Frankreichs auf diefem Gebiete die keiner anderen Nation gleichkommen. Es waren von Pelletier's Tafeln in allen Farbenabftufungen, einfachfarbige, überfangene, doppeltfarbige wie emaillirte von einer Schönheit und Gröfse vorhanden, die alle Bewunderung verdienten. Belgien beginnt diefen Artikel erft zu cultiviren. Deutfchland, welches hierin immer Anerkennenswerthes leiftete, hat nicht den ausreichenden Bedarf, um diefen Zweig mehr zu entwickeln, und nicht günftiger fteht es damit in Oefterreich, von wo wieder nur Meyr's Neffe ein ziemlich vollſtändiges Bild von der Leiftungsfähigkeit der Firma auch in diefem Zweige bot. Geftreift oder gefchuppt eingeblafene Tafeln werden, da deren Erzeugung nicht fonderliche Schwierigkeiten bietet- es erfordert hauptfächlich nur ein Einblafen der Tafelwalze in eine cannelirte Metallform ziemlich von jeder entwickelteren Tafelglasfabrik geliefert und waren auch in den verfchiedenen Abtheilungen zur Ausftellung gebracht. - Geblafene Tafeln, farbige ausgenommen, werden felten geätzt, fondern meift mit einer Art dünner Emailfarbe bemalt. Es find diefs jene Art Tafeln, 3* 36 L. Lobmeyr. welche, weil zuerft meift Mouffelinmufter darauf getupft wurden, noch heute, wenn fie auch mit den verfchiedenften anderen Verzierungen bemalt find, oft als Mouffelintafeln bezeichnet werden. Man erzeugt fie in vortrefflicher Güte in allen gröfseren Städten Frankreichs, befonders in Paris, ferner in Belgien, in grofser Anzahl auch in Deutfchland, wie in München, Berlin u. a. O., endlich auch in Wien, wofelbft fie übrigens bis jetzt nur mäfsige Anwendung finden. Frankreich und Belgien brachten auch Mufter von farbigen und weifsen Tafeln, in welche Streifen, Kreife und dergleichen ftreng geometrifche Zeich nungen mittelft Mafchinen eingefchliffen waren, welches Verfahren kaum als Fort fchritt zu bezeichnen fein dürfte, da das Aetzen eine viel freiere, feinere Behandlung der Zeichnung zuläfst und kaum theuerer zu ftehen kommt. - Cathedralglas. Als man im frühen Mittelalter begann bunte Kirchenfenfter herzuftellen, befand fich die Erzeugung farbiger Glastafeln noch fehr in der Kindheit. Man konnte damals und verftand es nach fehr, fehr langer Zeit nicht beffer- nur ungleich dickes, unreines, nämlich blafiges, theils trübes Glas zu Stande bringen, das freilich oft die tiefften und prachtvollften Farbentöne aufwies. Die nur kleinen Mafse, in welchen das Product erzeugt werden konnte, nöthigten die Verglafung aus unzähligen kleinen Stücken zufammenzufetzer, ein Umftand, der auf die hiezu gewählten Zeichnungen von entfcheidendem Einfluffe war. Man vervollkommte allmälig die Producte, vollends in unferem Jahrhundert war die Farbentafel- Fabrikation bedeutend vorgefchritten. Sie lieferte reine, völlig klare, grofse Scheiben, in der ganzen Maffe gefärbt, oder aus weifsem, nur mit einer Farbfchichte überzogenem Glafe, Ueberfangtafeln", von welch' letzteren die Farbe ftellenweife abgefchliffen werden konnte, wodurch eine freiere Behandlung der Zeichnung, das Vermeiden des kleinen Mofaiks und befonders der vielen Bleiverbindungen möglich und gebräuchlich wurde. In der letzteren Zeit die Weltausstellung 1867 in Paris zeigte viele derlei aus England gelendete Proben( wie von Hardmann& Co. in Birmingham) kam man felbft dahin, mittelgrofse Kirchenfenfter mit nur einer rohen, weiſsen Gufsplatte, übergrofse mit 2 oder 3 derlei Platten zu verglafen, und diefe nach Art der älteren Glasmalereien, mehr oder weniger in mufivifchem Charakter, zu bemalen, wobei freilich auf befondere Farbenpracht verzichtet werden musste, die in diefer Technik nicht zu erreichen ift. Schon zur Zeit, als man zu Glasbildern reinere, gröfsere Farbentafeln verwendete, trat in dem Stile der Malerei eine bedeutende Wandlung ein. Man ging von der moſaikartigen Behandlung des Ganzen, der ftreng contourirten flatuarifchen Zeichnung, welche die alten Kirchenfenfter zeigen, immer mehr ab und näherte fich ftets entfchiedener der Oelmalerei. Diefs gefchah insbefonders in neuerer Zeit feit der Wiederaufnahme der Glasmalerei. Franzöfifche Ateliers und die königliche Glasmalerei in München brachten es vor ein paar Jahrzehnten hierin zur Vollendung. Doch' t diefe Herrlichkeit vor dem Auge des Kunftrichters nicht Stand. Man hatte zwar fehr kunftvolle Glasmalereien erlangt, doch den zauberifchen, ja weihevollen Schimmer der alten Kirchenfenfter dafür eingebüfst. - Es zeigte fich fchliefslich, dafs dieter fchöne Effect zumeift dem unreinen Glafe zuzufchreiben ift, das die Alten verwendeten und verwenden mufsten, weil fie kein anderes zu erzeugen im Stande waren und wie ich Dr. A. Jele's Angaben entnehme- dürfte es zuerft der Engländer Covell gewefen fein, welcher ein dem alten ähnliches Glas, wiewohl in fehr befchränkter Weife, wieder erzeugte. Kathedralglas. 37 Später, um 1860, begann Dr. Salviati in Venedig ähnliches Farbenglas herzuftellen und erreichte, wie wir auch auf der Ausstellung zu fehen Gelegenheit hatten, mit feinen„ Butzenfcheiben" fehr befriedigende Reſultate. Wie Dr. Jele weiters erwähnt, verfuchten es Chance Brothers in Birmingham und Wifthoff& Comp. in Königsfteele bei Efsen in Preufsen derlei unebene ( eigentlich mit rauher, körniger, nicht ſpiegelnder Fläche verfehene) Tafeln mittelft Giefsens zu erzeugen; andere ftreckten die geblafenen Tafeln auf einen durch Aufftreuen von Gyps oder Sand uneben gemachten Streckziegel. Wir fahen derlei Mufter auch in der belgifchen Abtheilung von Andris- Lambert& Co. in Marchienne au pont, J. De Dorlodot& Co. in Lodelinsart und A. Tagniart in La Louvière, ferner als gegoffen bezeichnete von bedeutender Gröfse und eigentlich von zu grofser Gleichmässigkeit und Schönheit der Arbeit, von Wifthoff im deutfchen Annexe. Da derlei Glas meift nur für Kirchenfenfter gebraucht wird, nennt man dasfelbe in neuerer Zeit„ Cathedralglas". Es fabriksmäfsig, d. i. in grofsen Mengen zu erzeugen, dürfte bei dem immerhin befchränkten Bedarfe nicht ausführbar oder mindeſtens nicht lohnend fein. Um fo beachtenswerther bleibt daher ein Unternehmen, das vor einem Jahrzehnt von C. Neuhaufer in Innsbruck gegründet wurde und fammt der Glasmalerei, mit der es vom Beginne in engfter Verbindung ftand, fich zu einer in weiteften Kreifen gewürdigten Kunftanftalt erhob, nämlich die„ Tiroler Glasmalerei und Cathedralglas- Erzeugung zu Innsbruck." - - Man macht dort keine gewöhnlichen Farbentafeln, fondern nur Cathedralglas und zwar gegenwärtig in fo vielen Farbentönen und Verfchiedenheiten, dafs man diefelben in circa 700 Nummern claffificirt. Es werden nur geblafene Tafeln von geringer Dimenfion angefertigt, die man nach gewöhnlichen Begriffen möglichft unfchön, nämlich blafig, unklar, ungleich in der Dicke etc. zu erzielen ftrebt, indem man durch Einblafen in eigene Formen, unregelmässiges Auftreiben etc. fich der primitiven Technik des Mittelalters thunlichft zu nähern, möglichft gleich unvollkommene Producte zu erreichen fucht, wie diefs dem Zwecke zumeift entſpricht. Das Etabliffement hatte die reiche Sammlung feiner Farbmuster in dem Pavillon für Glasmalerei jenfeits des Heuftadelwaffers ausgeftellt, an welchem etwas abgelegenen Orte diefelbe leider nicht die verdiente Beachtung fand. Es ift fomit in Innsbruck ein Inftitut gefchaffen, das in feiner Art einzig daftehen dürfte, und von dem auch ficher zu hoffen ift, dafs dasfelbe feine erlangte Bedeutung immer mehr erhöhen wird. Ich erwähne hier zum Schluffe noch eines ziemlich neuen Inftrumentes zum Schneiden des Tafelglafes, welches Werkzeug Jofef Légrády in Ottakring bei Wien nebft vorzüglichen echten Schneide diamanten in verfchiedenfter Faffung zur Ausftellung brachte. Jenes ift ein kaum linfengrofses Rädchen aus fehr hartem Stahl, das in geeigneter Faffung befonders dem Laien das fichere Schneiden gewöhnlicher, wie dickerer, felbft zolldicker Tafeln ungemein erleichtert. Da fie weniger dauerhaft find als der Diamant, wird der Glafer wohl immer diefen vorziehen, wenn letzterer auch beim Gebrauche eine ungleich ficherere Hand erfordert. Aehnliche ftählerne Schneidwerkzeuge wurden fchon 1869 von J. P. Monge in Philadelphia erzeugt, und haben, da fie fehr billig kommen, bereits grofse Verbreitung gefunden. III. Hohlglas. a) Bouteillenglas. Zur Aufbewahrung und Verfendung von Mineralwäffern, Weinen, Bieren, Spirituofen u. dgl. werden folche Mengen weifser, grüner, brauner und anderer Flafchen gebraucht, dafs diefer Artikel zu grofser Bedeutung gelangt ift. Frankreich, England, Belgien und Deutſchland erzeugen diefe Bouteillen. durchſchnittlich vorzüglich, und neuefter Zeit ift endlich auch Oefterreich, das zwar längst davon quantitativ viel, qualitativ jedoch meift nur mindere als die ausländifche Waare fchaffte, mit folchem Flafchenglas auf den Markt gekommen, dafs fchöne ftarke Sorten nicht mehr wie vorher eingeführt zu werden brauchen. Es ift die ,, Oefterreichiſche Glashütten Gefellſchaft zu Auffig a. d. Elbe", welche ganz nach Siemens'fcher Art eingerichtet, die erften Schwierigkeiten des Beginnens- das Unternehmen datirt erft vom Monate März 1873- überwunden hat, und nun Producte liefert, die jenen von Siemens in Döhlen und Dresden, deffen Hüttenwerke man, was Präcifion fowohl in der Leitung als auch in der Arbeit und in der Lieferung betrifft, eine Mufteranſtalt nennen kann, kaum nachftehen und dazu noch etwas billiger im Preife kommen. Die Flafchen von unferen übrigen Fabriken find meift dünn im Glafe, die Hälfe nicht genug forgfam gearbeitet, felbft die Formen öfters zu tadeln. Es wäre von den öfterreichifchen Fabrikanten, welche fich mit folchen Erzeugniffen noch auf der Ausftellung einfanden, zuvörderft noch F. Platenka in Dubnian zu erwähnen, deffen Proben durchschnittlich recht befriedigten. Bei dem ungeheuren Bedarfe von derlei Bouteillen, namentlich in Böhmen, Steiermark und Ungarn, wäre es fehr zu empfehlen, dafs den Anforderungen, welche der Käufer an gute Waare zu ftellen berechtigt ift, bald vollfte Aufmerkfamkeit zugewendet werde, und dafs befonders auch die Siemens'fchen, fpäter ausführlicher zu erwähnenden Wannenöfen, welche für den Fabrikanten folcher Artikel von unvergleichlichem Vortheile find, bald weit mehr Anwendung fänden. b) Ordinäres Hohlglas. Dasfelbe war in den fremden Abtheilungen gar nicht, in den inländifchen anerkennenswerth nur von Proffinagg Hermann Georg, und Dr. Ludwig in OberLembach bei Maria- Raft in Steiermark, St. Kuhinka und Sohn in Neu- Antonsthal in Ungarn, ferner Palme Bonhad& Comp. in Zvecevo in Slavonien vertreten. Was davon in Oefterreich Ungarn erzeugt wird, dient meift für den Bedarf des Landes, zum Exporte nach den Fürftenthümern, dem Oriente etc. Es ist bis jetzt in Mengen höchftens in folche Länder auszuführen, wohin es gröfstentheils zu Schiff verfrachtet werden kann, da anders die Spefen diefe billige und meift voluminöfe Waare zu theuer machen. Nachdem es aber möglich werden wird auf den„ Siemens'fchen Wannenöfen" auch folche ordinäre Waaren weit billige, als bisher zu produciren, fo können diefelben in nächfter Zeit wohl eine weit gröfsere Bedeutung erlangen. Hohlglas. 39 Sic) Glattes Schleifglas. Diefes wird in Oefterreich z. B. von Meyr's Neffe in Adolf fo fchön und preiswürdig geliefert, dafs damit nach Amerika ein bedeutender Export erzielt und bis jetzt die Concurrenz der anderen Staaten vollkommen bewältigt werden konnte. Der fchöne Quarz, welcher manchen öfterreichifchen Fabriken zur Verfügung steht, würde es übrigens ermöglichen, dafs diefe glatten Artikel bei uns weit allgemeiner in eben fo ausgezeichneter Weife geliefert werden. Es waren allerdings nicht nur von der oben genannten Firma, fondern auch von J. Schreiber und Neffen in Wien, J. E. Schmid in Annathal, dann der Voitsberger Actiengeſellſchaft, den gräflich Seilern'fchen Glasfabriken in Jofefsthal und Galthof, von S. Reich& Comp. in Wien u. A. fchöne Producte ausgeftellt; doch fo fehr diefe Leiftungen auch anzuerkennen find, läfst fich doch der Wunſch nicht unterdrücken, dafs man diefen Fabrikaten eine noch vermehrte Aufmerkfamkeit zuwende, wodurch das Gefchäft damit, befonders der Export, noch einer bedeutenden Ausdehnung fähig wäre. Es handelt fich hier nicht allein um die Sorge für eine weifse und reine Glasmaffe, möglichft frei von" Blafen und Schlieren", fondern auch um gute, zweckmässige wie auch gefällige Formen, dann eine ftets gleichmässige und forgfältige Arbeit. Wir verwenden gegenwärtig zu Model für ordinäres Glas Thon oder auch noch Eifen, für Schleifglas meift Holz und auch, doch feltener- Eifen, Stahl oder Meffing. Ein Franzofe, Jean Baptift Lhote, liefs fich im Jahre 1870 ein Privilegium für 15 Jahre auf Glasmodel ertheilen, welche aus einem Rückftande in den Gasretorten, dem fogenannten" Carbon", angefertigt werden. Sie find allerdings vortrefflich, aber das Material dazu ift gar fchwer zu befchaffen. " Model aus Graphit", der jedoch hiefür einer eigenen Behandlung bedarf, dürften denen aus Carbon kaum nachftehen, und der Dauerhaftigkeit wie der Feinheit wegen, durch welch' letztere eben das Glas fchönen Glanz erhält, den Holzformen vorzuziehen fein. Im deutfchen Annexe waren einige glatte Glaswaaren zu fehen, von denen jene der Fabriken aus Elfafs- Lothringen mehr den franzöfifchen, die übrigen den böhmifchen Waaren naheftanden. Auch Frankreich und Belgien hatten einige Proben von derlei Gläfern gefendet, die zwar meift grau in der Maffe, aber fehr fchön in der Mache waren, und an welchen fich Manches lernen liefs, wie praktiſch geformte Gläfer geftaltet fein follen. Ein eigener Artikel find die feinen Uhrgläfer, welche zumeift und vortrefflich in Dreibrunnen bei Saarburg und dort nahezu für die ganze Welt erzeugt werden. d) Glaswaaren für chemifche, pharmaceutifche und derlei Zwecke, worunter ich auch folche für Parfumeure rechne. Hier find vor allem die gute Ausführung, das forgfältige Einfchleifen der Stöpfel, die zweckmäfsige und faubere Arbeit bei angefetzten Hälfen, Röhren, Pippen u. dgl. einer Beachtung zu unterziehen. Diefe unumgänglichen Vorzüge waren an zahlreichen franzöfifchen und an einigen deutfchen derlei Geräthen hervorgetreten, an denen man fah, dafs die Arbeiter mit dem richtigen Verſtändniffe an die Ausführung gefchritten waren. * 40 L. Lobmeyr. Zu Glaswaaren für chemifche Zwecke würde fich unfer Kalkglas meift noch beffer als das ausländifche Bleiglas eignen, da es widerftandsfähiger gegen manche Säuren etc. ift; leider fällt es bei uns oft fchwer, derlei Sorten in gewünſchter tadellofer und forgfältiger Ausführung zu erhalten, namentlich iſt es in Oefterreich mit dem Einbohren der Stöpfel noch immer weniger gut als anderwärts beſtellt. Das weichere Bleiglas eignet fich dagegen mehr für Parfumerie- oder derlei Fläschchen in fantaftifchen Formen oder mit eingeprefsten Schriften u. dgl. Immerhin leiftet man auch ſchon bei uns darin Befonderes, wie an den zahllofen Muftern von St. Kuhinka in Neu- Antonsthal und noch beffer an den bizarren Formen zu fehen war, welche Ignaz Hackl in Wien in einem kleinen Schranke ausgeftellt hatte. # e) Halbgefchliffenes Glas, Gafthausgefchirr etc. Zu diefen Artikeln dient dasfelbe Material wie zum glatten Schleifglafe. Da diefe Waaren für den einfachen Haushalt, für Gaftwirthfchaften und derlei Locale gebraucht werden, fo find fie Maffenartikel von eminenter Bedeutung ebenfo für den localen Bedarf wie für den auswärtigen Handel. Belgien allein erzeugt hievon jährlich für circa 8 Millionen Francs und meift nur für den Export; Frankreich beziffert feine Erzeugniffe an" demi criftal" auf jährlich 19 Millionen Francs. Dafs bei folchen Nutzgefchirren befferer, wenn auch nicht feinfter Qualität, auf praktiſche, gefällige Formen, die richtige Stärke, nämlich die zweckmäfsige Vertheilung der Glasmaffe und auf ftets egale Waare vom Käufer fehr viel Werth gelegt wird, fteht aufser Frage. Nicht minder ift es aufser Frage, dafs man im Auslande, wo man meift in Metallmodel arbeitet, die mehr koften und defshalb auch mit mehr Sorgfalt gearbeitet werden, für die entsprechenden Mufter ein befferes Verſtändnifs verräth, als durchſchnittlich bei uns; dafs man dort mehr auf Zeichnungen wie auf Anfchaffung von Modellen verwendet, endlich in emi. nenter Weife dafür forgt, dafs ein eingeführtes Mufter immer egal geliefert werde, heuer, wie es im vorigen Jahre war und wie es zuverfichtlich im nächsten Jahre fein wird. Dafs diefes für den grofsen Markt von ungemeinem Vortheile ift, läfst fich leicht begreifen, es zu erreichen ift allerdings den ausländifchen Fabrikanten meift leichter, als den unfrigen, da die Theilung der Arbeit, die bei ihrer Glasmaffe einzuführen möglich, mit unterem Glasfatze nicht zu erzielen ift. Es iſt im Auslande allgemein gang und gebe, dafs ein Arbeiter jahraus- jahrein immer nur gleichartige Gegenftände fertigt, während der öfterreichifche Glasbläfer alles, vom Kleinften bis zum Gröfsten, nach einander auszuführen hat, und felbft wenn letzterer auch im Allgemeinen tüchtiger als der ausländifche fein mag, im Einzelnen nie die andauernde Uebung erreicht, um es diefem, der darauf befonders gefchult ift, gleichzuthun. Trotzdem liefse fich bei uns noch weit mehr Gleichmässigkeit in der Arbeit erzielen, als man zumeift findet. In Gaſthaus-, namentlich Henkelgefchirr, müffen wir wieder nebft Meyr's Neffe in Adolf, J. Schreiber und Neffen in Wien als die hervorragendften bezeichnen, diefen zunächft ftehen S. Reich& Comp. in Wien und Johann Sorger in Ferdinandsthal. Nicht minder müffen wir mancher deutfchen Producte, namentlich der elfäfsifchen Fabriken erwähnen, dann der ungarifchen, welche von den für ihr Land beftimmten, meift etwas eigenthümlichen Artikeln ebenfalls fchöne Proben zur Schau ftellten.. Hohlglas, 30 mob dim den f) Lampenartikel. 41 In unferem Jahrhundert, das durch die Erfindung fo vieler billiger und überaus leiftungsfähiger Brennftoffe in der Beleuchtung fo grofse Fortfchritte machte, ſpielen auch die Lampenartikel in der Glasfabrikation eine bedeutende Rolle. Sind auch die Oel-, Ligroïne- und andere derlei Lampen nunmehr wieder ziemlich verdrängt, fo finden jetzt die Gas- und Petroleumlampen eine nahezu univerfale Anwendung und ungeheure Maffen von Petroleumbehältern, Cylindern, Kugeln, Schirmen, Rauchfchalen kommen als wichtige Gegenftände des Bedürf niffes in den Handel. Mehr als vielleicht bei manchen anderen Waaren zeigt fich bei diefen, dafs in Oefterreich und Deutſchland ebenfo für den eigenen Bedarf diefer Länder, wie für deren Export der billige Preis über die Qualität der Waare geftellt wird. Die franzöfifchen und englifchen derlei Erzeugniffe find die beften und, wenn auch koftfpieliger, doch kaum die theureren, weil fie fchöner und dazu ungleich dauerhafter find. Die öfterreichifchen Lampenartikel, und namentlich jene von J. Schreiber und Neffen, find, wenn auch von minderer als die eben genannten, doch von guter Qualität, darunter in Bezug auf Gröfse und gleiche fchöne Mache manche fehr anerkennenswerthe Leiftungen und dazu weit niederer im Preife gehalten. In neuefter Zeit liefern übrigens deutfche Fabriken in der Laufitz und Sachfen noch billigere, freilich auch entfchieden mindere Producte. Verzierte Lampenkugeln oder dergleichen werden in Frankreich mittelft Aetzung ebenfo fchön als preiswürdig gemacht, fo, dafs es mit diefen Artikeln den Weltmarkt immer mehr dominirt und die früher in Böhmen maffenhaft erzeugte Waare mit matten und polirten Schliffen völlig verdrängt. In neuefter Zeit haben J. Schreiber und Neffen und auch J. Zahn& Comp. in Wien das Aetzverfahren in gröfserem Mafsftabe eingeführt, und dadurch die irrige Meinung praktiſch widerlegt, dafs unfer Kalkglas fich für diefe Technik nicht gut eigne. g) Geprefstes Glas. Was in erfter Linie Frankreich, dann England und Belgien mit dem weichen Bleiglafe durch Preffung zu leiften vermag, kann in Oefterreich mit dem ftrengflüffigen Kalkglafe nicht erreicht werden. ich Jedoch auch in Frankreich, wo geprefstes Glas vor Jahrzehnten Mode. artikel war, hat dasfelbe an Bedeutung verloren, und wird wenigftens fehe hier von Lufterbehängen ganz abnur mehr auf kleinere Artikel wie: Salzbehälter, Kerzenfchalen, Brief befchwerer, Nippfachen oder derlei Maffen waare verwendet. In England mehr als in Frankreich und Belgien erzeugt man noch manche fehr dicke Gafthausgläfer und Wirthsgefchirr mittelft diefes Verfahrens, namentlich hat in letzterer Zeit E. Moore& Co. in South Shields eine neue Art gepressten Glafes auf den Markt gebracht, das mehr das fchwere gefchliffene Kryftallglas imitirt, jedoch im Vergleiche zum gewöhnlichen englifchen Glafe ausnahmsweife leicht und weifs, geradezu auffällig billig, aber auch wie man verfichert, fehr gebrechlich ift. h) Kryftall und Farbenglas. Da es fich in diefem Fabrikationszweige zumeift um Leiftungen handelt, welche bereits in das Gebiet der Kunftinduftrie gehören, fo erübrigen mir nur wenige Bemerkungen. 42 L. Lobmeyr. Belgien, das in der Spiegel-, Tafel- und Halbkryftallglas-, dann in der Weinbouteillen- Fabrikation fo dominirend auftritt, hat fich mit dem eigentlichen Luxusglafe ftets wenig befchäftigt; es betreibt vor allem Maffenproduction. England cultivirt das Kryftallglas, das es auch in unvergleichlicher Schöne liefert, nebenher nur wenig das transparente Farbenglas. Frankreich erzeugt nebft hübfchem Kryftallglafe die vollſtändigfte Scala des jetzt überhaupt vorkommenden Farbenglafes und ift damit Oefterreichs bedeutendfter Concurrent. Deutfchland producirt in einigen baierifchen und anderen Fabriken meift mittelfeine Waare, feinere Qualitäten namentlich von Farbenglas liefert nur die gräflich Schaffgotfch'fche Fabrik Jofefinenhütte bei Warmbrunn in Schlefien und St. Louis in Elfafs- Lothringen. In Oefterreich, und zwar fpeciell nur in Böhmen wurde von jeher auf den Fabriken von Meyr's Neffen fowohl Kryftall- als Farbenglas am vorzüglichften gefchmolzen, eine Menge matter und anderer Farben verdanken dem jetzigen Chef der Firma, Wilhelm Kralik sen., ihre Erfindung und man ift dort unausgefetzt beftrebt, den höchften Anforderungen der Zeit zu genügen. Ebenfo hat fich auf gleichen Gebiete die gräflich Harrach'fche Fabrik Neuwelt" ftets durch ausgezeichnete Leiftungen, befonders durch die Erzeugung herrlicher Rubingläfer und Artikel in anderen Ueberfangfarben, ferner von den venetianifchen nachgebildeten Faden-, Aventurin- und anderen Gläfern und auch mancher matter Glasfarben hervorgethan. Die Firma J. Schreiber und Neffen richtete dagegen ihr Hauptaugenmerk zumeift darauf, den Glasraffineuren, welche in der böhmifchen Glasinduftrie eine fo bedeutende Rolle spielen, befferes und billigeres Rohmaterial zuzuführen, und erreichte in diefem Streben nicht nur höchft Anerkennenswerthes, fondern ermöglichte damit in der Erzeugung von Maffenartikeln einen grofsen Auffchwung. Von den Fabrikanten, welche fich an der Ausstellung betheiligten, wären noch diefsfalls J. E. Schmid in Annathal, C. Bodenmüller& Comp. in Neuhurkenthal und nicht minder S. Reich& Comp. in Wien zu nennen, von denen der erftere durch das fchöne feurige Kryftallglas, Bodenmüller durch die feinen und fatten Töne feiner farbigen Waaren, und der letztere fowohl was die Kryftallals Farbengläfer betrifft, und zwar durch diefe um fo mehr, überraschte, als derfelbe mit gleich feinen eigenen Producten noch nie auf dem Markte erfchienen war. Es gibt in Oefterreich und befonders in Böhmen noch eine Menge Fabriken, welche fich nur mit der Erzeugung des Rohglafes, nämlich dem Schmelzen der Glasmaffe, und dem Blafen oder Preffen derfelben in Formen, wie fie die Raffineure verlangen, befaffen; das Schleifen, Graviren oder Vergolden aber diefen gänzlich überlaffen. Diefe und auch die übrigen Fabriken find meift des billigen Holzes wegen noch abfeits vom grofsen Verkehre in waldiges Terrain gelegt, doch fcheint fich hierin eine allmälige Wandlung vorzubereiten. Man wird nämlich von der Holzfeuerung allgemach abgehen, vom Walde immer unabhängiger werden, fich den Kohlen, den Torf- oder den Diftricten mit anderen foffilen Brennftoffen nähern, wahrfcheinlicher aber die Fabriken an Bahnen oder Wafferftrafsen legen, welche jene Materialien billig beizufchaffen vermögen und zugleich auch die anderen Vortheile des leichten und rafchen Verkehres bieten. Was fich in fchwer zugängliche Waldeinfamkeit zurückzog, wird fich wieder den eine leichte Verbindung begünftigenden Strafsen zuwenden, welche die fämmtlichen Exiftenzbedingungen beffer zu geftalten vermögen. IV. Die Glaskurzwaaren. Hauptfächlich in Nord- Böhmen, in den Bezirken Gablonz- TannwaldMorchenftern, betrieben, ift fie nicht uur durch ihre hohe Productionsziffer- man fchätzt fie auf drei Millionen Gulden- fondern auch dadurch von grofser Bedeutung, weil fie in jenen rauhen und bergigen Bezirken mindeſtens 10.000 Arbeiter befchäftigt und an 30.000 Menfchen ernährt, welchen dort, wo eben nur mehr wenig Landbau und Viehzucht möglich ift, kaum ein anderer gleich lohnender Erwerb zu befchaffen wäre." Lufterglas" als: Prismen, Tropfen und dergleichen wird zu so niederem Preife fonft nirgends in gleich fchöner Qualität erzeugt und bildet noch immer einen grofsen Ausfuhrartikel. Allerdings überragt das englifche derlei Product, befonders was die Vorzüglichkeit des Kryftallglafes betrifft, das öfterreichifche fehr bedeutend, doch find ficher die englifchen Preife um nicht Geringeres höher, fo dafs felbft noch in Grofsbritannien mit unferen Waaren continuirlich ein fehr grofses Gefchäft gemacht wird. Frankreich cultivirt fchon feit langem auch blos geprefste, nicht überfchliffene Behänge, und liefert darin neuerer Zeit gewiffe Formen bereits fo glatt und ſpiegelnd, dabei von fo fchönem Materiale, dafs diefer Artikel allerdings auch unfererfeits einige Beachtung verdient. Nippfachen wie: Briefbefchwerer, Thermometerfäulen, geometrifche Körper, kleine Flacons etc.; Mefferleger, Kerzenfchalen u. dgl.; Schmuckartikel, nämlich: Brochen, Perlen aller Art und Knöpfe, theils zum Befatze der Damenkleider, künftliche Edelſteine, Nadeln u. a. m.; endlich die mannigfachen Erzeugniffe der Glasfpinner werden in den genannten Bezirken Böhmens in überrafchend reicher Abwechslung und zu ftaunenswerth billigen Preifen erzeugt, was eben den koloffalen Abfatz diefer Producte fchaffte. Die hervorragendften dortigen Firmen hatten, zumeift durch Herrn Emil Müller in Gablonz veranlafst, in einer Collectivausftellung eine fo vollſtändige Sammlung ihrer Erzeugniffe gebracht, wie eine ähnliche im weiten Gebäude nirgends wieder zu finden war, und welche durch die zahllofen, meift hübfchen Mufter, wie durch die befonders im Verhältniffe zu den Preifen fchöne Ausführung der Waaren thatfächlich überraschte. Waren auch von Frankreich und England, felbft hin und wieder von Deutfchland, ähnliche Waaren fchönerer Qualität zu fehen, fo forderte man für folche auch vielfach höhere Preife. dafs hierdurch gerade die grofse Leiftungsfähigkeit unferer Bezirke für den Weltmarkt um fo zweifellofer erfichtlich wurde. Es ift die nachhaltigfte Förderung diefer Induftrie gewifs nur lebhaft zu empfehlen. Jules de Brunfaut in Wien brachte Glasfeide und mannigfache daraus erzeugte Artikel fo vollendeter Art, dafs er in diefem Zweige der Glasfpinnerei unübertroffen blieb. Zum Schluffe fei es mir geftattet, dasjenige kurz nachzuholen, was bei der gewählten Eintheilung nach Fabrikationszweigen nicht wohl einzufchalten war. Amerika, das fich mit eigenen Glaserzeugniffen auf der Ausftellung gar nicht einfand, hat doch durch eine ganz neue Erfindung:„ die SandgebläfeMafchine von B. C. Tilghman in New- York" auch auf unferem Gebiete nicht wenig Epoche gemacht. Mittelft eines ſtarken Gebläfes wird feiner, fcharfkantiger Sand durch eine nicht zu grofse Oeffnung auf das Glas getrieben, wodurch diefes ungemein rafch, und je nachdem der' Sand feinkörniger oder gröber ift, etwas mehr oder weniger fein matt wird. Um Zeichnungen zu erzielen, deckt man das Glas mit einer Schablone von Eifen, Guttapercha oder aus einem fonft geeigneten Stoffe, ja, wie behauptet wurde, felbft nur mit einer Wachs- oder Lackfchichte. Es war lediglich eine kleine Mafchine aufgeftellt, die recht unvollkommen arbeitete; die vorgezeigten anderwärts gemachten Proben waren jedoch überrafchend gelungen. Es fchien im erften Augenblicke, als wäre hier das Ei des Columbus wieder gefunden, fo einfach und fo wirkungsvoll zeigte fich die Sache; doch war man bei eingehenderer Prüfung weniger befriedigt. Man vermochte die Zeichnung nur ziemlich unrein, mit franfiger Contur herzuftellen, denn felbft die beften Patronen, vollends Lackfchichten, wurden eben fo gut angegriffen, wie das harte Glas und waren bald verdorben. Die eigentliche Gravirung, welche ein plaftifches Ornament liefert, kann das Sandgebläfe eben fo wenig wie das Aetzverfahren erfetzen. Aber auch dieses Verfahren ift dagegen noch ungemein vorzuziehen, da es eine viel freiere Ausführung, die Anwendung mehrerer Tieflagen, dann ein kräf tiges und feineres Matt abgeftuft bis zum hellen Glanze zuläfst. Ungeachtet fchon bald zwei Jahre vergangen find, feit jene Erfindung in Wien bekannt wurde, ift von einer Weiterentwicklung derfelben doch nichts mehr zu erfahren, ja die ganze Sache fcheint vielmehr wieder im Sande verronnen zu fein. Möglich, dafs es mit einer anderen, wohl unendlich mehr Auffehen erregenden Erfindung, die vor Kurzem in Frankreich auftauchte, dem„ Hartglafe" oder„ verre mallèable" ähnlich ergeht. Diefelbe hätte eigentlich in diefem Ausftellungsberichte keine Stelle zu finden, da fie erft Ende 1874 auftrat; doch bei der grofsen Bedeutung, welche fie jetzt zu haben fcheint, bei der Möglichkeit, dafs fie eine ungeahnte Umwäl zung auf diefem Induftriegebiete verurfacht, mag es wohl zu entfchuldigen fein wenn ich das bisher Bekanntgewordene hier kurz zufammenfaffe: Ein Private, Roger de la Baftie, der fich anfcheinend zu feinem Vergnügen auf feinem Schloffe Richmond bei Pont d'Ain, nahe der Schweizer Grenze, mit Chemie etc. befafst, nahm in allen Ländern in Oefterreich am 5. October 1874 Die Glas- Kurzwaaren. 45 ein Patent auf„ eigenthümliche Verfahrungsarten und Apparate zum Härten des flachen und façonnirten Glafes". Einige Zeit darauf, am 5. Jänner 1875 wurde in Wien von einem CivilIngenieur, Karl Pieper in Dresden, auf eine gleiche Erfindung,„ Vulcanglas" genannt, ein Patentgefuch überreicht, und auch in Wien mit Verfuchen, Glas zu härten, und zwar gleich mit Erfolg begonnen. Es ift aufser Zweifel, dafs es fich hiebei nicht um eine eigenthümliche Glasmaffe, überhaupt nicht um eine chemifche, fondern eine phyfikalifche Frage handelt, und dafs fich jede Glasmaffe härten läfst, wenn ein fonft hierzu geeignetes Stück beiläufig bis zum Weifsglühen erhitzt, dann rafch in ebenfalls ftark, aber um 300 bis 400 Grad weniger gehitztes Fett getaucht und darin langfam abgekühlt wird. Hiedurch fcheint eine folche Verfchiebung der Theilchen zu entſtehen, dafs das Glas wefentlich andere Eigenfchaften zeigt. So waren folche Stücke, die früher leicht mit dem Diamant zu fchneiden waren, nur mehr mit Kraft zu ritzen, aber unmöglich zu zerfchneiden; fie waren nur mit folcher Gewalt zu zerfchlagen, dafs man eine 30, 50-, ja 80fache Widerftandsfähigkeit gegen gewöhnliches Glas ausrechnete; fie waren gegen rafche Erhitzung und wieder rafche Abkühlung ungemein geringer empfindlich, das heifst dem Springen weniger ausgefetzt als urfprünglich; fie klangen wie Eifenblech u. f. w. Wurden derlei gehärtete Stücke wieder erhitzt und langfam nach der gewöhnlichen Methode abgekühlt, fo hatten fie auch die Eigenfchaften des gewöhnlichen Glafes zurückerhalten. - Wird folches Hartglas jedoch zum Brechen gebracht, und Tafeln, welche felbft nur mit mäfsiger Kraft auf den Boden geworfen wurden, brachen, wenn fie auf ein Sandkorn fielen fo bricht es nicht wie das gewöhnliche, es zerftäubt in unendlich viele Theile von meift nur einem Quadratmillimeter Gröfse. - Bisher ift es noch nicht gelungen, Flafchen oder andere Gegenstände von ungleicher Dicke, Henkelgläfer etc. zu härten; diefes letztere würde möglicher Weife die Anwendung an und für fich auf nur flache, die etwas fchwierige und immerhin gar nicht ungefährliche Manipulation fie auf nur kleine Gegenstände befchränken. Eine weitere Schwierigkeit läge darin, die Scheiben, wenn fie mit dem Diamant, fomit überhaupt nicht gefchnitten werden könnten, praktiſch zu verwenden, da man fie nicht immer in allen unzähligen Mafsen vorräthig halten, und auch nicht gewöhnliche Tafeln vorher einfchneiden, dann erft zum Härten fenden könnte; dazu fcheinen gröfsere Scheiben für diefs Verfahren gar nicht geeignet zu fein, mindeſtens dadurch trübe und uneben zu werden. Ein nicht geringeres Bedenken erregt jedoch die Eigenfchaft, dafs folches Glas, wenn es bricht, wie jene bekannten rafch gekühlten Glastropfen völlig zerällt, ja zerplatzt, dafs die Stückchen weit auseinander gefchleudert werden, alfo die in der Nähe Befindlichen leicht befchädigen können. Ift es nicht möglich, diefe Nachtheile zu befeitigen, fo dürfte das Hartglas bald viel kühler beurtheilt werden, als diefs noch heute allgemein der Fall ift. Diefe neue franzöfifche Erfindung mufs fich fomit wohl erft bewähren. Unbeftritten hervorragend bleiben jedoch manche andere franzöfifche Leiftungen auf unferem Gebiete, von welchen ich noch einige erwähne. Nirgends dürfte die Glaschemie wiffenfchaftlich fo eifrig betrieben werden, als in Frankreich und zwar auch von Staatswegen, und in manchen fchwierigen 46 L. Lobmeyr. Fragen fuchte man längft damit die Induſtrie zu fördern, was freilich auch die dortigen Fabrikanten wohl zu benützen verftanden. Eine höchft intereffante chemifche Errungenfchaft bilden unter Anderem die franzöfifchen künftlichen Edelſteine, namentlich jene von Charles Feil in Paris, welcher fie nach genauen Analyfen der echten Steine, alfo meift mit Thonbafen, bei fehr ftarkem Feuer fchmilzt, hie durch ungleich härtere, farbenprächtigere als die gewöhnlichen und den echten Steinen wieder bedeutend näher kommende Producte erzielt. Auch die Imitation der Perlen ift dort zu einer Kunft entwickelt, die felbft die volle Achtfamkeit des Kenners erheifcht, um nicht einer Täufchung zum Opfer zu fallen. Die feither mächtigfte Einwirkung auf die Glasfabrikation ging jedoch von Deutſchland aus, was ich mit nicht geringer Befriedigung niederfchreibe. Es ift die gründliche Umwandlung des Ofenbaues nach wiffenfchaftlichen Principien, worauf ich fogleich näher zu fprechen komme. Bis ins vorige Jahrhundert hinein kannte man nur jene einfachen Roftöfen, wie fie auch bei uns noch häufig vorkommen. Als man dann begann mit Kohlen zu heizen und genöthigt war, die Glashafen nach der Feuerfeite zu decken, entwickelte fich ein gröfserer nnd befferer Ofenbau; doch war der Fortfchritt nicht von fehr wefentlicher Bedeutung. Erft durch die auf wirklich wiffenfchaftlicher Bafis beruhende Einrichtung der ,, Gasheizung" von F. und H. Siemens in Dresden, durch ihre" Gasöfen mit Regenerativeinrichtungen“,„ Hafenöfen mit continuirlichem Betriebe", vollends ihre ,, Wannenöfen" läfst fich im Ofenbaue ein fo gewaltiger und epochemachender Fortfchritt erkennen, wie er auf diefem Gebiete noch nicht da war. Die Hauptergebniffe diefes Syftems find eine 40- bis 50percentige Erfparnifs an Brennmateriale, welches dazu auch von der fchlechteften Befchaffenheit fein kann, während man früher nur das befte brauchen konnte, Erfparung an Flufsmitteln, ununterbrochenes Arbeiten und Erzielung einer in folchem Umfange früher unmöglichen Maffenfabrikation. Solche Oefen erfordern zwar ein ungleich gröfseres Capital zur Anlage und überhaupt ein umfaffender eingerichtetes Gefchäft; fie ermöglichen aber auch eine um fo viel billigere Erzeugung der Waaren, dafs die Fabriken alten Syſtems auf die Dauer nicht mehr zu concurriren im Stande find, fie bedingen fomit auch auf diefem Gebiete den unvermeidlichen Uebergang zur Grofsinduftrie. Für den Werth diefer Neuerung fpricht am überzeugendften, dafs in weni gen Jahren bereits in allen die Glasinduftrie betreibenden Ländern diefe Glasöfen eingeführt wurden und diefe Wandlung immer weiter um fich greift. Was die öfterreichifche Glasinduftrie betrifft, fo ift fie augenblicklich durch die Ungunft aller Verhältniffe in fchwieriger Lage. Um fo mehr ift es die Aufgabe aller Berufenen, auf den ihnen zugewiefenen Gebieten Umfchau zu halten, ob wir darin die volle Bedeutung einnehmen, welche dem böhmifchen Glafe früher den Weltruf erwarb, was zu thun ift, um allenfalls diefe Stellung dauernd zu behaupten oder nöthigenfalls fie wieder zu erringen. Mit Abficht habe ich im Verlaufe meines Berichtes auf den Kampf der belgifchen mit den franzöfifchen Tafelglas- Fabrikanten hingewiefen, um darauf aufmerksam zu machen, was durch thatkräftiges Handeln gewonnen, was durch kleine Verfäumniffe verloren werden kann, und möchte ich nur allen unferen Induftriellen das thatkräftigfte Handeln angelegentlichft und nachdrücklichft empfehlen. Die Glaskurzwaaren. 47 Ueber Gefchichte und Statiftik habe ich nahezu ganz gefchwiegen, auch in dem übrigen Berichte mich möglichft knapp gehalten, um meine diefsmalige Arbeit nicht unerwünſcht umfangreich zu machen. Sie foll ja nur ein Auszug aus meinem jüngft erfchienenen, Anfangs erwähnten Buche fein, in welchem Jene, welche fich lebhafter für diefe Induftrie interef firen, namentlich in hiftorifcher und ftatiftifcher Beziehung, fo Ausführliches zu finden vermögen, wie es ihnen fonft nirgends geboten werden dürfte. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE KURZWAAREN- INDUSTRIE. ( Gruppe X.) BERICHT VON LUDWIG HARTMANN, J. WEIDMANN UND DR. C. TH. RICHTER WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K, K, HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1874* A KURZWAAREN. ( Gruppe X.) ARBEITEN AUS MEERSCHAUM, SCHILDPATT u. f. w., STÖCKE UND PEITSCHEN. ( Gruppe X, Section 1-4 und 6.) Bericht von LUDWIG HARTMANN, Drechsler in Wien. Bei aufmerkſamer Betrachtung der ausgeftellten Meerfchaum- und Bernftein Waaren kam man bald zur Ueberzeugung, dafs in der Fabrication und Behandlung der Rohproducte feit der Parifer Ausftellung 1867 ein wefentlicher Fortfchritt ftattgefunden hat. Nicht nur die Formen der gangbarften Artikel find viel fchöner als früher, fondern auch die Ausführung in allen Theilen ift viel exacter geworden, wodurch befonders die Exportfähigkeit derfelben wefentlich erhöht wird. Insbefonders in der Bearbeitung des Bernfteines ift man in Wien zu einer Vollkommenheit gelangt, welche die ausländifchen Concurrenten in Staunen verfetzte.- Objecte von Bernftein, wie fie die Wiener Fabrikanten zur Anfchauung brachten, find nie vorher erzeugt worden; und wenn folche auch mehr als Kunftgegenstände, denn als Handelsartikel betrachtet werden müffen, fo übten fie doch auf das grofse Publikum einen fo mächtigen Eindruck, dafs die wenigen analogen Ausftellungen von fremden Staaten faft unbeachtet blieben. Die Handelswelt aber erkennt ganz wohl, dafs befondere Fabrikseinrichtungen und Arbeitskräfte vorhanden fein müffen, um aus diefem empfindlichen Materiale derlei Formen zu erzeugen, und dafs Wien, als die Wiege diefer Induftrie, hierin den erften Rang behauptet und den Weltmarkt beherrschtDer Fortfchritt in der Behandlung des Meerfchaumes fowohl in glatten als gefchnitzten Formen liefs fich am auffallendften bei einem eingehenden Vergleiche mit den diefsfälligen Ausftellungsobjecten anderer Staaten wahrnehmen. Obfchon Paris im Jahre 1867 recht gut gearbeitete Meerfchaum- Waaren exponirte und befonders in gefchnitzten Formen die Wiener zu überflügeln drohte, fo fteht es doch heute weit zurück. Nur in Bernftein- Cigarrenfpitzen waren Stücke I* 2 Ludwig Hartmann. von vorzüglicher Arbeit aus Paris vorhanden, welche Schauftücke jedoch von der Hand eines dort arbeitenden Wieners ftammen. Die gefchnitzten Meerfchaumwaaren aus München beurkundeten eine noch gröfsere Unkenntnifs der Behandlung des Rohftoffes. Dagegen kamen die Ausftellungsgegenstände von Erlangen, welche jedenfalls die bedeutendften fremdländifchen waren, die aber meift von Wiener Arbeitern ſtammen, einer mittleren Wiener. Waare gleich. Die aus Preufsen ausgeftellten Bernftein- Schmuckgegenftände waren fehr fchön gearbeitet und ift hiebei befonders das Material ökonomifch und fachkundig verwendet. Dagegen hat Preufsen in Bernftein- Rauchrequifiten und Beftandtheilen hiezu, nach 1867 mehr erzeugt als jetzt, und wird in diefem Artikel durch die Wiener Concurrenz immer mehr zurückgedrängt. Der Confum an Meerfchaum- und Bernftein- Waaren hat fich von 1867 bis 1872 noch um 30 Percent gefteigert, und foll nach der allgemeinen Meinung feinen Höhepunkt erreicht haben, was wir jedoch negiren, obfchon der Bedarf mit Beginn des Jahres 1873 nachgelaffen hat. Aber man kann beftimmt annehmen, dafs diefer Rückgang durch die gegenwärtige allgemeine Gefchäftslage bedingt war, und dafs bei dem Wiedererwachen des Handels auch diefer Induftriezweig fich neu beleben werde. Auch lehrte die Erfahrung, dafs die Franzofen nach der Ausftellung 1855, bei welcher ihnen das erfte Mal Gelegenheit geboten war, fchöne Meerfchaum- Pfeifen maffenhaft zu fehen, den Pfeifen zu Liebe allgemein zu rauchen begannen, und es ift daher nicht unmöglich, dafs durch den gleichen Eindruck bei vielen Taufenden von Befuchern der Weltausftellung ein ähnliches Refultat erzielt werde. In Schildpatt bot Frankreich in Porte- monnaies und Cigarrentafchen, mit Gold und Silber eingelegt, ganz Vorzügliches. Alles überragend war freilich die franzöfifche Bijouterie- Arbeit. Erfreulich war es auch zu conftatiren, dafs Wien, welches noch 1867 nur unbedeutend in Schildpatt fabricirte, bei der gegenwärtigen Ausftellung mit fehr fchönen und convenablen Artikeln vertreten war. Befondere Aufmerkfamkeit erregten die glatten und gefchnitzten Fächer aus Schildpatt, die auch faft durchwegs vortrefflich waren. Auch Italien hatte fich mit einigen Kunftgegenständen feiner SchildpattSchnitzerei in die Reihe der Induftriellen geftellt. Die von Nürnberg ausgeftell ten plattirten Manfchettenknöpfe waren weniger gut und hübfch. In Hornarbeiten waren von den Wiener Drechslern fehr fchön gearbeitete Pfeifenrohre, Pfeifen- und Cigarrenfpitzen ausgeftellt, die noch keiner Concurrenz durch andere Staaten begegneten. Auch die bei Baden( nächft Wien) und Umgebung gepflanzten Weichfeln zu Pfeifenrohre waren befonders fchön und zahlreich vertreten, und zeigten einen wefentlichen Fortfchritt in der Cultur derfelben, in welcher nur Ungarn mit Erfolg concurrirte. Dagegen waren die von den Wiener Kammmachern exponirten Horn- und Schildpatt- Kämme wohl fehr gut gearbeitet, jedoch gegenüber den analogen Fabricaten aus Deutfchland in Horn und aus der Schweiz in Schildpatt nicht concurrenzfähig. Eben fo verhält es fich mit den von den Wiener Bürftenfabrikanten ausgeftellten Bürften und Pinfeln, die wohl gut gearbeitet und theilweife ganz vorzüglich find, jedoch immerhin nicht mit den bezüglichen Erzeugniffen Deutſchlands und Frankreichs rivalifiren können. In Knochen- und Elfenbein Artikeln kämpfte Deutfchland und Wien mit faft gleichem Erfolge, obfchon nicht zu leugnen ift, dafs in ElfenbeinArbeiten Berlin hervorragender ift, weil Wien für gefchnittene Artikel wenig Arbeiten aus Meerfchaum, Schildpatt u. f. w., Stöcke und Peitfchen. 3 co Arbeiter hat, und die jungen Meifter, in deren Händen diefe erft feit Kurzem auflebende Fabrication liegt, erft ihre Leute hinreichend ausbilden müffen, um erfolgreich in die Concurrenz treten zu können. Diefer Branche würden Fachfchulen bedeutend vorwärts helfen können. Das Material ift ein edles und für die Kunstinduftrie ein vielfach verwendbares. Nach England allein betrug die jährliche Einfuhr während der letzten Jahre 1,200.000 Pfund, für welche Quantität Elfenbein etwa 30.000 Elephanten erlegt werden müffen. Afrika, Oftindien, China und Nordamerika verbrauchen grofse Mengen diefes edlen Stoffes und zeigte die Ausftellung, wie wundervoll diefe Staaten das Material zu verwenden wiffen. Ganz Europa kann davon noch viel lernen. Perlmutterarbeiten, fowohl Galanteriewaare als Knöpfe, hatte Wien vorzüglich ausgeftellt, und find es befonders die Knöpfe, mit welchen die Wiener Fabrikanten den ganzen transmarinen Continent beherrfchen. In Spazierftöcken concurriren Deutſchland und Oefterreich, letzteres mit mehr Gefchmack und präciferer Ausführung der Arbeit, während Deutſchland durch jedenfalls fehr vortheilhafte Handelsverbindungen einen grofsen Export, befonders in Rohrftöcken unterhält. In billigen und doch fehr nett gearbeiteten Naturftöcken behauptet Wien den Rang vor Deutfchland. Die Naturftöcke für Regenfchirme, welche hier in Maffen erzeugt werden, befördern den Auffchwung der Regenfchirm- Fabrication wefentlich, und decken nicht nur den ganzen Bedarf des Inlandes, fondern werden auch nach Rufsland, der Türkei und den Fürftenthümern exportirt. An der Ausftellung von Peitfchen hatten fich England, Deutfchland, Oefterreich und Ungarn betheiligt. Die englifchen Arbeiten find vorzüglich, aber theuer. Die deutfchen find minder gut als die Wiener. Peft hatte vorzügliche Arbeit im nationalen Gefchmacke geliefert. Die Wiener Peitfchenfabrication hängt mit der Stöcke- Erzeugung zufammen, und wird bei der befonderen Entwicklung der letzteren einen noch grösseren Auffchwung in Zukunft nehmen. SonnenRegenfchirme hatten England, Deutfchland und Wien- fchirme England und Wien ausgeftellt- und zeichneten fich die Wiener Sonnenfchirme durch guten Gefchmack aus. Zum Schluffe fei hier noch bemerkt, dafs alle vorerwähnten Artikel( zumeift wie fie Oefterreich zur Ausftellung gebracht hatte), der Gegenftand einer befonderen Aufmerkfamkeit von Seite der auswärtigen Jurors waren, dafs fogar manche von ihnen von Seite ihrer Regierungen den fpeciellen Auftrag hatten, diefelben einem eingehenden Studium zu unterziehen. Diefs läfst jedenfalls fchon für die nächfte Zeit eine gröfsere Rührigkeit der auswärtigen Concurrenz erwarten und es erfcheint fonach hoch an der Zeit, mit der endlichen Errichtung von Fachfchulen für diefe Induftriezweige zu beginnen, deren Nothwendigkeit von Seite des hohen k. k. Handelsminifteriums wiederholt anerkannt wurde, und zu deren Erhaltung auch die Genoffenfchaft der Drechsler ihr Möglichftes beizutragen bereit ift. GALANTERIEWAAREN AUS BRONCE, LEDERUND TASCHNERWAAREN. ( Gruppe X, Section 5.) Bericht von J. WEIDMANN, k. k. Hof- Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Fabrikant in Wien. Das Material Bronce findet bis auf die heutige Zeit feine wefentliche Verwendung zum Kunftgufse in allen Dimenfionen, vom feinften Schmucke bis zum gröfsten Monumente, da deffen Bildungsfähigkeit, Härte, Elafticität, feine fich felbft fchützende Oxidation( Patina), die vorzügliche Eignung zur Vergoldung, Verfilberung, Färbung etc. fo glücklich fich vereint findende Eigenfchaften find, dafs die Kunft eher Gold und Silber hätte entbehren können, als Bronce. Für Kunft und kunftgewerbliche Werke, bei welchen es fich um feine Durchbildung und foliden Werth handelt, wird daher Bronce immer verwendet werden, während zu anderen Zwecken längft das Eifen und die anderen Metalle als geeigneter oder doch billiger kommend dafür eintraten. Was nun die Ausstellung anbelangt, fo haben wir nur zu erwähnen, dafs die Vertheilung der Objecte eine fehr zerfplitterte war und es fchwer war vom Ganzen eines Gebietes fich einen ficheren Ueberblick zu verfchaffen. Auch hatten die Staaten der Menge nach fehr ungleich ausgeftellt und kömmt für uns, da das Gebiet der grofsen Kunft einer anderen Gruppe( Gruppe VII) und einem anderen Berichte, auf deffen ausführliche Darftellung wir zu verweifen uns erlauben, zugewiefen ift, eigentlich nur Frankreich, Deutfchland und Oefterreich in Betracht. Wir halten uns auch ftricte nur an die in Gruppe X eingereihten Objecte und verweifen, wie fchon erwähnt, die in der öfterreichifchen Abtheilung vertreten gewefenen Fabrikanten, welche in Tafelauffätzen etc. bedeutende Leiftungen in Bronce aufweifen, auf Gruppe VII, wo fie wohl auch die Würdigung ihrer Verdienfte finden werden. Den franzöfifchen, deutfchen und englifchen Ausftellern gegenüber gilt dasfelbe, nur finden diefe fich auch öfters in mehreren Gruppen verzeichnet vor. Das, was fich nun im Allgemeinen bei jeder Arbeit in Bronce, alfo auch der Galanteriewaaren, als befonders zu würdigen herausftellt, läfst fich in drei Hauptmomente: ,, die Erfindung, Modellirung und Fertigmachung"( Gufs, Cifelirung etc.), einth eilen und zwar um fo leichter, als in unferem Zeitalter der Theilung der Arbeit diefe Verrichtungen in der Praxis auch meift je eines Anderen Beruf find. Die Anforderungen in jeder einzelnen Richtung find nämlich fo hoch geftiegen, dafs mehrere mit Erfolg auszuüben, heute um fo fchwieriger wäre, als wir weder Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 5 in der Blüthezeit einer Kunftepoche leben, noch die Talente befitzen, wie fie jene Zeiten gebaren. Die Erfindung eines kunftinduftriellen Gegenftandes, das ift, die Aufgabe: die Form eines Gegenftandes dem Zwecke, zu dem er beſtimmt, und dem Materiale, aus dem er verfertigt ift, angemeffen fchön zu geftalten, ift als erfte und wichtigſte Arbeit Aufgabe der Zeichner und werden namentlich Zeichner von architectonifcher Bildung in diefer Richtung wohl ftets die gröfsten Erfolge erzielen. Volle Kenntnifs der Technik, der Effecte jener Arbeitszweige, welche er verwendet, mufs man beim Zeichner für kunftinduftrielle Zwecke unbedingt vorausfetzen; zu verlangen jedoch, dafs derfelbe diefe Arbeitszweige felbft alle ausübe, wäre ebenfo widerfinnig, als würde man von einem Compofiteur für Orchefter das Spielen aller Inftrumente erwarten. Halten wir Rundfchau, wo auf die Compofition am meiften befonderes und ftetes Bemühen gerichtet ift, fo müffen wir im Allgemeinen und namentlich auch, was die Broncen betrifft, die Franzofen, welche, wie ja längst bekannt, ihre Haupterfolge ihren Deffinateuren verdanken, in erfte Reihe ftellen. Bei uns würdigten nur die erften Firmen diefes Hauptmoment, erreichten aber dann auch in Verbindung mit unferen tüchtigen Architekten Erfolge und erzielten in manchen Zweigen, wie der Glas-, Ledergalanterie-, Möbel- und felbft der Bronce- Induftrie Leiftungen von weitaus künftlerifchem Werthe, als die bezüglichen franzöfifchen Arbeiten. In jenen Zweigen des Kunstgewerbes aber, wo die Aufgaben des Entwurfes dem eigentlichen Baufach ferner ftanden und unfere Architecturen weniger verwendet werden konnten, war bei dem Mangel an gefchulten Fachzeichnern auch fogleich das Uebergewicht franzöfifcher, englifcher und anderer Arbeiten zu merken. Diefs ift beifpielsweife bei den PorzellanFayencen, Majoliken, Stoffmuftern etc. der Fall gewefen. Zurückkehrend zu den bei den Broncen zunächft wichtigen Erforderniffen, finden wir als zweites wefentlichftes derfelben das Modell. In diefem hat fich die geiftige Auffaffung des Entwurfes auszufprechen und findet demnach der Ausführende genug der künftlerifchen Vorwürfe, welche meift noch durch die Rückfichtnahme auf die Beftimmung des Gegenftandes, fowie auf die Art des Materials und der Ausführung wefentlich beeinflusst werden. Die Vorzüglichkeit der Modelle gibt nun wieder bei den Leiftungen der Parifer Bronce Induftrie den Hauptausfchlag. Es fanden fich unter denfelben eine grofse Anzahl, welche, wären fie nicht ihrer Dimenfionen wegen unter Gruppe X Kurzwaaren eingereiht worden, in der Kunfthalle hätten exponirt werden können. Diefe Figuren und Gruppen, deren Hauptbeftimmung nur die ift, zu decoriren, und die immer die Hauptfache bilden, felbft wenn fie bei einem Leuchter, einer Uhr etc. angeordnet find und denen Architektur und Ornament nur als Folie dienen, diefe find es, welche den derartigen Arbeiten der Franzofen den Hauptreiz verleihen, und welche denfelben den Vorrang auf dem Weltmarkte und den Triumph auf allen Ausftellungen verfchafften. Man denke fich z. B. bei den franzöfifchen Broncen alles Figuralifche weg oder nehmen an, wir hätten ebenfo tüchtige Modelleure, wie die Franzofen, fo wird man die Ueberzeugung erlangen, dafs man mit dem übrigen Beiwerk das Rivalifiren fchon unternehmen könnte. Aber eben mit tüchtigen Modelleuren wird es im Allgemeinen bei uns noch lange fein Bewenden haben, denn wenn auch das öfterreichifche Muſeum den von der Akademie lange unbeachtet helaffenen Mangel an zu kunftinduftriellen Aufgaben herangebildeten Bildhauern abzuhelfen fucht, fo liegen die Hinderniffe auch darin, dafs fich unfere Bildhauer lieber der einträglicheren Bau- und Decorationsarbeit widmen, dafs unfere Fabrikanten wegen Mangel an genügendem Abfatz die guten Modelleure nicht entſprechend honoriren können und dafs der Deutfche überhaupt weniger Sinn und im grofsen Ganzen auch den Kunftfinn nicht hat für folche Luxusgegenstände. 6 J. Weidmann. Wo den Franzofen ihre Figurenmodelleure nicht beiftehen können, z. B. bei den Luftern, fieht man auch fogleich, dafs die Leiftungen von denen der Concurrenten übertroffen werden. Endlich zur dritten, der fertigmachenden Arbeit, vorzugsweife dem Cifeliren kommend, läfst fich aus oben Erwähntem fchon folgern, dafs dort, wo am meiften erzeugt und am beften gezahlt wird, in Paris, auch diefe manuelle Fertig. keit am ausgebildetften vorhanden ift und durch den traditionellen Ruhm und angeborenen Kunftfinn getragen wird. Wenn wir bei Besprechung der Leiftungen der einzelnen Länder vorzüglich im Auge behalten, was dort zu lernen, was bei uns zu verbeffern ift, fo fchliefsen wir uns hiebei nur den Reformbeftrebungen an, denen fich eine Anzahl von bedeutenden Fachmännern feit Jahren mit Erfolg widmet, um Künftler und Publicum auf den rechten Weg zu führen und glauben damit unfern Bericht beachtenswerther zu geftalten, als es durch Anführung zweifelhafter ftatiftifcher Daten oder einer detaillirten Befchreibung einzelner vorzüglicher Objecte der Fall geworden wäre. Zur bleibenden und nutzbringenden Erinnerung an bedeutende Leiftungen. würde auch die ausführlichfte Befprechung nicht den Werth einer graphifchen Publication haben und wollen wir bei diefer Gelegenheit unfer Bedauern ausdrücken, dafs unferes Wiffens noch keine Einleitungen getroffen find, um einer folchen würdigen Publication, wie felbe gelegentlich der Londoner und Parifer Ausftellung erfchien, entgegenfehen zu können. Die franzöfifchen Broncen. Jedermann, auch der Laie in Kunftfachen, wird nach Befichtigung der in der Hauptgallerie ausgeftellten Parifer Broncen bleibend den Eindruck empfangen haben, einer Kunftinduftrie gegenübergeftanden zu fein, der langjähriges Mühen als Bafis und feiner Gefchmack als Führer dienten und deren Erzeugniffe von vorzüglichen technifchen Kräften ausgeführt wurden. Der Kenner ift natürlich mit jenem, was meift im franzöfifchen Wefen liegt und fich vorzugsweife in oft allzufreiem und unorganifchem Hinarbeiten auf blofsen momentanen Effect äufsert, nicht einverftanden, er bewundert aber doch meift den Schwung, die Fantafie, die in der Erfindung liegt; öfter noch wird er durch Farbe und Wirkung befriedigt, noch öfter aber überrafcht ihn das Gefchick, mit dem diefe letzteren über Mängel in der Erfindung hinweghelfen müſsen. Immerhin begegnet man bei den franzöfifchen Broncen felten dem Kindifchen oder Gefchmacklofen, was keineswegs gering anzufchlagen ift. Die franzöfifchen, richtiger Parifer Broncen dienen in erfter Linie zur Decoration, daher die grofse Anzahl von figuralen Compofitionen meift allegorifchen Vorwurfes, die in mehreren Gröfsen vorhanden nur zu diefem einen Zwecke erfunden und angefertigt wurden. Eine grofse Zahl fucht dem in Frankreich durch den Gebrauch der Kamine entstehenden allgemeinen Bedürfniffe, diefe mit einer Standuhr, Leuchtern, Vorfätzen etc. zu zieren, zu entsprechen. Der Aufgabe, zu decoriren, wird nun mit grofser Sorgfalt, Berechnung und Zuhilfenahme der verfchiedenften Materialien und Effecten zu entsprechen gefucht, die Compofition fo angeordnet, dafs die Maffenvertheilung und Silhouette von den verfchiedenften Standpunkten eine günftige ift; die Färbung der Bronce wird meift nuancirt und matt gewählt und da die Franzofen im Allgemeinen jetzt nach ihrer Weife vom XVIII. Jahrhundert bauen und decoriren, fo laffen fich auch ihre Broncen, welche die Innenwände zu zieren haben, überall leicht und ftimmungsvoll einfchmiegen. Die verhältnifsmäfsige Billigkeit diefer decorativen Broncen, welche eine natürliche Folge des grofsen Abfatzes ift, wird von einigen Parifer Fabrikanten noch weiter gefördert, indem fie ftatt echtem Materiale Zink verwenden, das an feiner Oberfläche galvanifch verkupfert wird. Es mufs hiebei natürlich auf die Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 7 Feinheit und Solidität einer cifelirten Bronce- Arbeit verzichtet werden, doch wird anderfeits durch diefes Verfahren in Folge der leichteren Anfchaffbarkeit der Gegenstände die Verbreitung des Kunftfinnes in weiteren Kreifen gefördert. Auch die Art der Ausstellung der franzöfifchen Broncen war eine ganz Vorzügliche, denn ihre offenen, aber mit Plafonds verfehenen Abtheilungen erhielten das Licht concentrirt auf die Objecte und die Vermeidung von Gläfern oder Spiegeln benahm die Veranlaffung zu Lichtzerftreuungen, Reflexen, falfcher oder blendender Beleuchtung. Selbft im Mittelgang war das wenige vorhandene Licht für die einzelnen Abtheilungen noch vollkommen ausreichend. Diefe Ausftellungsweife bot zudem in gefchäftlicher Beziehung den Vertretern der Ausfteller und dem Publicum die gröfste Bequemlichkeit und mag felbe, was Leichtigkeit des Abfchluffes und Billigkeit der Herftellung betrifft, als Inftallationsweife für Broncen oder für Gegenftände wie Majoliken, Fayencen etc. als beachtenswerth empfohlen werden. Uns auf Gruppe X befchränkend, erwähnen wir nur, dafs die figurale Richtung vorzüglich repräfentirten: Marchand, Paillard- Romain, Thiebaut & fils, welche Gegenftände in gröfserer Ausführung brachten und Blot& Drouard, Denière, Haudebine, Ranvier& Comp. und Sufse frères mit folchen in gefuchteren kleineren Dimenfionen. Die Wiedergabe von Vögeln und anderen Thieren in wohl meift fehr naturaliftifcher Weife vertraten Pantrot & Vallon und Peyzot. Von Perrot waren hübfche Schreibtifch- Geräthe, von Bagues, Domange- Rollin, Lefèbre, Lewy Morizot Oppenheimer, Ranvier& Comp., Vullierme- Burgiard etc. jene bekannten und gefuchten Objecte wie Uhren, Candelabres, Leuchter, Kamin- Vorfätze, Blumenftänder etc. in mannigfachfter Form und verfchiedenfter Art der Ausführung vorhanden. Schliefslich wollen wir den franzöfifchen Beleuchtungsapparaten und dabei wieder fpeciell den Luftern eine befondere Beachtung widmen( wie wir dasfelbe betreffenden Ortes auch mit den englifchen, deutfchen und öfterreichi fchen Leiftungen diefer Art thun wollen), weil uns die hiebei zu erfüllende Aufgabe fchon durch ihr häufiges Vorkommen als eine fo wichtige erfcheint, dafs der Luxus nur in der Art der Löfung derfelben liegt und weil kein Material hiezu geeigneter ift und allgemeiner angewendet wird als die Bronce. Die exponirt gewefenen Lufter halten wir für den fchwächften Theil der franzöfifchen kunftinduftriellen Bronce- Arbeiten, was wohl darin liegen mag, dafs es bei diefen, wo das Figuralifche fehlt oder doch fehr untergeordnet ift, befonders ftörend wirkt, wenn Zierrath und Glasftücke ohne Sinn für den Charakter des Hängenden, für Silhouette, für fich zeichnende Linien etc. aneinander gehäuft find. Das grellfte Beiſpiel hievon gab wohl ein Lufter bei einem der tüchtigſten Parifer Broncefabrikanten, deffen Haupttheil drei Säulen bildeten, deren Schäfte marmorirt waren und auf deren vergoldeten Capitälen fich Schnörkel aufftützten, an denen das Ganze hing. Befonders unglücklich fanden wir gerade die für gröfsere, reiche Räume gedachten und prunkend ausgeführten Lufter, da fie entweder fo voll von dicht aneinander angebrachten Glasprismen und Glasplatten waren, dafs das Sehenlaffen der Conftructionstheile, die doch immer von Metall find, ganz aufgegeben ift und nur auf Glitzern und Flimmern reflectirt wird oder aber, wenn bei Luftern von Bronce die Schnörkel fo willkürlich überladen und unharmonifch aneinander gedrängt find, dafs der Gefammteindruck weit davon bleibt, als ein künftlerifcher bezeichnet werden zu können. Eine mafsvolle Combination von Glas und Bronce, welche geeignet ift, den Lichteffect zu erhöhen und ftatt die Broncelinien zu beeinträchtigen, fie in ihrer Wirkung zu unterſtützen( wie diefs z. B. in unferem neuen Opernhaufe betreffs des Lufters dafelbft in gelungener Löfung zu finden ift), diefe fuchte man unter allen ausgeftellt gewefenen franzöfifchen Luftern gröfserer Dimenfion vergeblich. 8 J. Weidmann. Barbedienne& Comp. hatten zwei grofse Lufter ausgeftellt, die fich durch die Verwendung des Emails von den eben erwähnten zwei Luftertypen übrigens gut unterfchieden. Einer davon hatte das Email auf Reifen angebracht, die wieder durch ein Spangenwerk in reizender Weife mit einander verbunden waren und zeigte deffen Verwendung in, wie wir fanden, ganz muftergiltiger, gefchmackvoller Art, während wir beim zweiten fowohl Entwurf als Emailverwendung als weniger gelungen erachteten. Jene Lufter, welche in gewöhnlicheren Dimenfionen für die Salons- und Arbeitsräume unferer Wohnungen beftimmt find, zeigen meift die Arme für die Flammen im äufseren Kreife und bleiben diefe Theile fefthängend, indefs im Inneren eine Lampe mit Glasfchirm angebracht ift, welche fich herabziehen läfst und deren Gegengewicht meift ein kugelförmiger Körper bildet, durch welchen die Ketten gehen, an denen die Lampe hängt. Diefe Conftruction fand nun in den Expofitionen von Buffet& Comp., Chabrie& Jean, Gagneau frères, Graux, Lacarrière frères, Delatour & Comp., Schlofsmacher, Tardieu etc. in der mannigfaltigften Weife ihre künftlerifche Löfung. Paillard- Romain hatten unter ihren zahlreichen prächtigen Objecten auch einen Lufter von Bronce mit gemalten Gläfern von charmanter Wirkung und fchönen Details. Der Reiz diefer Lufter fcheint zu fteigen bei Abnahme der Dimenfion, denn von Boudoirluftern, Ampeln, Blumenfchalen etc. fanden wir bei Denière, Servant, Sufse frères ganz gefchmackvolle und originelle Leiftungen. Hier wollen wir auch der aus gefchmiedetem Eifen verfertigten Veftibulelampen gedenken, welche Zierden abgaben den Ausftellungen der Bronce fabrikanten Denière, Bagues, Lacarrière frères, Delatour& Comp. Aus der von uns in Obigem gegebenen, aus unferer Anfchauungsweife hervorgegangenen Betrachtung hat man erfehen, dafs fich diefelbe wohl meift nur mit der Erfindung der Form der ausgeftellten franzöfifchen Broncen befchäftigte; es bleibt uns daher noch zu erwähnen, dafs die technifche Ausführung derfelben in allen Richtungen der mitverwendeten Materialien und Hilfsverfahren zur Erzielung der beabfichtigten Wirkung, wie die Cifelirung, Emailirung, die Färbung, Vergoldung etc., als eine ganz virtuofe bezeichnet werden mufs. Wir müffen geftehen, dafs uns in Oefterreich vorzüglich diefe letzten zum Erfolge fo wichtigen Bedingniffe fehlen und noch lange fehlen werden, daher es uns auch wohl nicht fo bald gelingen wird, in gröfserem Umfange und nicht wie bisher in nur fpärlichen Ausführungen, die wohl oft das tüchtigfte Können darlegten, ein Rivalifiren mit den franzöfifchen Leiftungen in Bronce- Induftrie aufnehmen zu können. Oefterreich. Wie die franzöfifchen Broncen ihre Entstehung und ihren Markt in Paris haben, fo bafirt die öfterreichifche Bronce- Induftrie auf der Thätig. keit in Wien. Die Grofsftädte bilden nämlich als Sammelpunkte die Elemente zum Schaffen folcher kunftinduftrieller Werke und bergen vorzugsweife jene Kreife, in denen Intereffe und die Mittel vorhanden find, fich diefelben zu erwerben. Die Parifer Broncen repräfentirten fich nicht allein durch ihre Zahl und die ihnen allen in mehr oder minder gleichem Grade eigenen Vorzüge, wie originelle Erfindung, gute Ausführung, Färbung etc. in fo impofanter Weife, fondern namentlich auch, weil diefelben gefchlofsen exponirt waren und mindere Leiftungen fern blieben. Bei den Wiener Broncen, die der Menge nach nebft den franzöfifchen am ftattlichften vertreten waren, wohl meift in Folge deffen, weil die Ausftellung in loco ftattfand, charakterifirten fich ziemlich auffallend zweierlei Arbeitsrichtungen. Während nämlich unfere erften Firmen längft in Verbindung mit unferen bewährteften Architekten und Modelleuren ftilgerecht und fchön erfundene und vorzüglich ausgeführte Arbeiten brachten, von denen einige fogar höher geftellt werden müffen, als die bezüglichen franzöfifchen, wandelt eine grofse Zahl unferer Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 9 Bronce- Arbeiter in Galanterie- Artikeln noch immer jene Wege, gegen welche alle erfahrenen Kunft- Schriftfteller fchon vor Jahren gelehrt und gefchrieben haben und welche feither das ftehende Thema für die tüchtigen Federn von Lübke, Teirich, Bucher, Ilg etc. geben, um den Gefchmack des Publicums zu beffern und die Reform auf dem Gebiete der Wiener Bronce- Artikel zu fördern. Leider zeigte unfere Ausftellung durch fo viele kleine Bronce- Arbeiten, dafs jenes ernfte Mahnen von wenig Erfolg begleitet war, und wird man es uns, der guten Abficht wegen, wohl verzeihen, wenn wir hier durch einige markante Beiſpiele beizutragen fuchen, die grofse Ausdehnung jener Schaffensweife. einzufchränken und die Rückkehr zur künftlerifchen Form, anpaffend dem Zweck und dem Materiale des Gegenftandes, anzuregen. Bei zahllofen Wiener Artikeln in Nippes, Rauchrequifiten. Schreibtifch Garnituren, Neceffaires etc. ift es nämlich allgemein Gebrauch, einen Einfall in Bronce auszuführen, der beinahe niemals mit der Beftimmung des Gegenftandes oder mit dem Materiale feines Vorbildes auch nur im leifeften Zufammenhange fteht, bei dem die Form zur Nebenfache, das Neufein, das vermeintlich Witzige zur Hauptfache geworden ift. Wir fanden z. B. ein Taubenhaus als Tabakbewahrer, unten die Hundshütte zu den Zündhölzchen beftimmt, die Tauben halb fo grofs wie der Hund; einen Ziehbrunnen als Cigarrenbehälter, oder auf einer unfchön con ftruirten Bronceplatte einen natürlichen Gartenzaun in Bronce imitirt, deffen Thüre mit der Infchrift: Entrée défendue, aufgehend das Bild der Geliebten birgt u. f. w., und das Alles von erfteren Fabrikanten gebracht. Wir müffen uns leider geftehen, dafs alle diefe Arbeiten mit ihrem fpielenden, gedankenbaren Wefen, bei denen figuralen Details möglichft aus dem Wege gegangen ift, oder wo deren vorhanden, felbe doch fehr mangelhaft ausgeführt find, wo das ausgefchnittene Blech mit oft in Oelfarbe naturaliftifch darauf gemalten Blumen und der gebogene Draht Hauptrollen fpielen, alle diefe Refultate verfehlten Bemühens, deren Farbe faft immer Gold ift, um möglichft aufzufallen, nicht vorhanden wären, wenn das Publicum bis heute noch nicht Gefallen an ihnen fände. Ein Publicum erziehen verftehen wenig Fabrikanten. Wie wäre es fonft z. B. möglich, dafs eine ebenfalls von einer der erfteren Firmen ausgeführte, aus zwölf Objecten in Oxydfarbe beftehende Schreibtifch- Garnitur, die 31 hellverfilberte Pintfchköpfe mit rothen Augen darauf vertheilt zeigt, ausgeftellt werden konnte und noch dazu ein gut und leicht verkaufbarer Artikel ift. Solche Abfonder-. lichkeiten müffen über das Fehlen eines reellen oder künftlerifchen Werthes des Gegenftandes hinweghelfen und ift die Neuheit oder Mode meift das einzige Motiv ihrer Wahl. Die Ausführung ift dabei oft eine fehr nette, was freilich defshalb weniger zu fagen hat, weil Allem, was zu cifeliren wäre, fei es ornamental oder figural, möglichft ausgewichen ift. Die Farbe ift beinahe immer Gold oder Silberoxyd, ohne Rückficht, wie fich diefs im Gebrauche, befonders bei Schreibtifch Geräthen, in Bälde geftaltet. Indem wir nun zur Anführung der Leiftungen hervorragender Fabrikanten fchreiten, kommen wir nach unferer rücksichtslofen, aber nothwendigen Beurtheilung jener, befonders die Wiener Artikel charakterifirenden Specialität in Broncewaaren zurück zu der erfterwähnten guten Richtung, welche Oefterreich auf der Wiener Ausftellung ganz vorzüglich repräfentirte. Wir bemerken dabei nur, dafs Broncen rein figuralen Vorwurfes und nur decorativen Zweckes, wie es deren eine fo grofse Anzahl unter den Parifer Arbeiten gab, bei uns in ähnlicher Art nicht vorkommen und dafs wir in Betreff der prächtigften Leiftungen wieder auf den Bericht der Gruppe VII, Metallinduftrie verweifen müffen, welcher faft das ganze Gebiet der Bronce- Arbeit erfchöpft hat. Die gröfste Mannigfaltigkeit in den ausgeftellt gewefenen Broncen zeigte fich vor Allem bei der Firma Dziedzinski& Hanufch, welche Oefterreichs Bronce- Induftrie fchon auf der Parifer Ausftellung fo würdig vertrat und die 10 J. Weidmann. feither raftlos ftrebte, durch tadellofe Ausführung von Entwürfen erfter Künftler unfere kunstgewerbliche Induftrie in gefunder und ftilvoller Richtung zu fördern. Wir fanden dort meiſterhaft ausgeführte Spiegelrahmen, Uhren, Leuchter, Lampen. Ständer, Schreibtisch- Garnituren, einen reichgefchnitzten Schreibtisch mit emaillirten Bronce- Einlagen etc. Weiters können wir der alten und renommirten Firma Auguft Klein in Galanterie- Broncewaaren Erwähnung thun und unfere vollfte Anerkennung ausdrücken betreffs des bei ihren Erzeugnissen allfeitig herrfchenden Gefchmackes, der Vielfeitigkeit der Erfindung und der Schönheit und Vorzüglichkeit der technifchen Ausführungen in Email, Verfchneidung, Gravirung etc. Die Verwendung von Bronce überwog bei den Arbeiten obiger Firma entfchieden jene von Leder, die Bronce war aber auch dort, wo fie nur als Montirung vorkam, ftets in gefchmackvollfter und exactefter Art ausgeführt. Gefchmackvolle Arbeiten in Galanterie bronce- Artikeln fanden fich noch bei Ludwig Böhm, Hollenbach's Witwe, Grüllenmeyer, Faber, Bechmann, Lux. Bei den beiden letztgenannten Firmen, welche techniſch ganz Vorzügliches leiften, findet man fchon die Eingangs erwähnten Sonderbarkeiten, wie Schreibtisch- Garnituren für Artilleriften, ganz aus Kanonen und Kugeln beftehend, für Seeleute, für Freunde der Ritterzeit Tintenfafs, Petfchaft etc., alles mit Burgzinnen und Schiefsfcharten. Den zwölf zu einer folchen Garnitur gehörigen Gegenftänden wird auf diefe Weife zu einer Zufammengehörigkeit zu verhelfen gefucht, welche ohne den auf jedem Stücke angebrachten emaillirten Epheublättern, Delphinen, Sphinxen, Drachen, halben Pferden étc. fich durch Uebereinftimmung in fonftigen künftlerifchen Formen wohl kaum bemerkbar gemacht hätte. Bergmann hatte eine grofse durch Waffer getriebene Standuhr und zwei Hänguhren ausgeftellt, deren Gehäufe ganz in Bronce in fehr fleifsiger Weife ausgeführt waren und bei denen uns nur die Zeichnung für zu wenig dem Charakter des Materials angemeffen erfchien. Standuhren in Bronce, die bei den Franzofen einen fo viel erzeugten und guten Verkaufsartikel bilden, da der Gebrauch der Kamine dort einen fo allgemeinen Anlafs der Verwendung gibt, findet man bei uns meift nur in einzelnen koftbaren Exemplaren, wie deren bei A. Klein, bei Dziedzinsky& Hanufch, der Productivgefellfchaft der Wiener Bronce- Arbeiter zu fehen waren. Da bei uns die Kamine nicht gebräuchlich find, fo fuchen wir den feften Stützpunkt im Nagel an der Wand und bildete fich dadurch die undankbare Aufgabe der hängenden Uhrkäften heraus, die, nebenbei bemerkt, in künftlerifcher Löfung trotz dem vielen Vorhandenen auf der Ausftellung noch viel zu wünſchen übrig liefsen. Die Beleuchtungsgegenstände der Wiener Bronce- Arbeiter endlich gehören zu deren beften Leiftungen und übertreffen vorzugsweife an Stilreinheit und überladungsfreier Form entfchieden jene aus Paris, Birmingham und dem deutfchen Reiche. Bei den meiften, feit Jahren entstandenen, grofsen Neubauten, unter welchen fo viele Paläfte und öffentliche Gebäude find, zeichneten die betreffenden Architekten auch die decorativ die decorativ fo wichtigen Beleuchtungsgegenstände und entwickelte fich fo durch die vielen, unter gutem Einfluss ausgeführten Aufträge diefer Zweig unferer Bronce- Induftrie befonders günftig. Nur in jenen currenten Artikeln, die fertig gewählt werden und wo die Billigkeit den Ausfchlag gibt, können unfere Gaslufter und Gasarm- Fabrikanten mit den Birminghamer und deutfchen Erzeugniffen noch nicht concurriren; es ift aber auch da die Ausficht vorhanden, dafs, wenn das Gas billiger wird, an Verbreitung zunimmt und namentlich allgemeiner in Wohnräumen Verwendung findet, durch den vergröfserten Abfatz fich auch die Preife unferer Artikel diefer Art niedriger ftellen werden. Die beiden Firmen Dziedzinski& Hanufch und Hollenbach's Witwe, welche mit Ausnahme von Broncefchmuck in allen Aufgaben der BronceInduftrie durch tüchtige Leiftungen vertreten waren, hatten auch eine grofse Zahl 著 Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 11 von Luftern von einfachfter aber immer künftlerifcher Form, bis zu jenen reichfter Compofition, zu welchen die erfterwähnte Firma auch das Email und Glas in paffendfter Weife verwendete, ausgeftellt. Wir müffen hier auch die fo allgemein und mit Recht bewunderte Ausftellung der Lobmayer'fchen Glaswaaren erwähnen, weil fie Candelaber und Lufter enthielt, bei welchen die mitverwendete Bronce ebenfo glücklich im Ent wurfe, wie vorzüglich in Modell und Ausführung erfchien. Von den Firmen, welche fich vorzugsweife mit der Fabrication von Gasbeleuchtungs- Apparaten befchäftigten, waren auf der Wiener Weltausftellung Hoerner& Dantine, Grüllemayer, Scheler, Wolff& Comp. durch höchft beachtenswerthe Leiftungen vertreten und trugen diefelben mit bei zu dem im Ganzen fchönen Erfolge, welchen die öfterreichifche Bronce- Induftrie fich errang und zu den wefentlichen Fortfchritten, welche fie feit der Parifer Ausftellung machte. Wie oben erwähnt, fehen wir demnach aus vielen Wiener Broncearbeiten, dafs die Möglichkeit und auch die Bedingungen, Vorzügliches zu leiften, wohl vorhanden find, dafs eine derartige Leiftungsfähigkeit bei uns jedoch nur einzelne Firmen und nicht, wie bei den Parifer Artikeln, die gefammte Bronce- Induftrie aufzuweifen hat. Wir möchten demnach, in wenig Worte gefafst, nur wünſchen, dafs unfere guten Arbeiten allgemeiner und billiger, unfere billigen Erzeugniffe aber, befonders was Gefchmack anbelangt, beffer würden, wobei freilich auch das Publicum das Seine thun mufs, foll diefer Induftriezweig in Wien fich auf künftlerifch gefundem Wege fo weiter entwickeln und mächtig werden, wie er es nach feinen Leiftungen auf der Wiener Ausftellung in Ausficht ftellte. England, beffer Birmingham, war, ausgenommen die weltberühmte Firma Elkington& Comp. die wegen ihrer zahlreichen und koftbaren Leiſtungen in edlen Metallen und Schmuck in Gruppe VII gereiht ward, in Broncewaaren vorzüglich nur durch Beleuchtungsapparate vertreten. Dasfelbe war der Fall bei den Broncen aus dem deutfchen Reiche, wo ebenfalls aufser durch die Expofition von Ravené und Süfsmann unfere Aufmerkfamkeit vorzüglich durch die vielen Beleuchtungsgegenstände in Anspruch genommen wurde. Diefs und die ziemlich gleichartigen Conftructionen derfelben, und das allerorts erfichtliche Rivalifiren der Birminghamer Fabrikanten mit jenen der Berliner Actiengeſellſchaften beftimmt uns, die Ergebniffe unferer Betrachtung betreffs Beider unter Einem und noch vor Anführung der fonftigen Leiftungen des deutfchen Reiches auf dem Gebiete der Bronce- Induftrie hier vorausgehen zu laffen. An den zahlreich ausgeftellten Luftern beider Nationen bemerkten wir vor Allem, dafs fie beinahe durchwegs für Gas conftruirt waren und dafs diefes dort auch fehr allgemein in Wohnräumen Verwendung finden mufs, weil die Lufter meift durch Gegengewichte, deren je nach Arm- Anzahl und Ausftattung 3 bis 8 vorhanden waren, equilibrirt wurden, wodurch das Licht tiefer geftellt und fo am Arbeits- oder Lefetifch der Familie beffer ausgenützt werden kann. Wenn nun diefe Gegengewichte durch ihr Vorkommen gerade an dem Orte, wo andere Conftructionen am fchlankften find und durch die Veränderlichkeit ihrer Stellung wohl einerfeits die künftlerifche Löfung erfchweren, fo mufs doch zugegeben werden, dafs die Verwendung von gewöhnlichen einfetzbaren Lampen noch ungünftigere Refultate aufwies und dafs die Handhabung und der Lichteffect eines herabziehbaren Gaslufters gegen einen für Kerzen angenommenen weitaus vortheilhafter ift. Haben wir demnach nur einmal billiges Gas und felbes allgemeiner in den Wohnungen eingeführt, fo wird oberwähnte Conftruction gewiſs die meiftgewählte fein und dürfte es dann auch gelingen, den künftlerifchen Theil der Aufgabe noch vollkommener zu bewältigen. 12 J. Weidmann. In künfterifcher Beziehung fanden wir an den Birminghamer wie deutfchen Luftern unverkennbar und überwiegend franzöfifchen Einflufs und ift diefs um fo bemerkenswerther, da die Engländer ihre mittelalterliche Richtung, die gerade in der Metallinduftrie fehr fchöne Arbeiten aufwies, und die Berliner ihre antikifirende ftrenge Richtung aufgaben und beide nun in ihrer Handelswaare barocke Motive aufnahmen, wohl vorzugsweife um im Hinblick auf den grofsen Export die Verkäuflichkeit diefer Bronceartikel zu fördern. Bezüglich der techniſchen Ausführung, wie Gufs, Cifelirung, Vergoldung, Färbung etc. ftehen die Birminghamer Fabricate im Allgemeinen auf einer höheren Stufe, als jene des deutfchen Reiches und ift diefs namentlich der Fall bei den reizend und originell erfundenen und in reinfter dem Material in Conftruction und Behandlung gelungen angepafster Art ausgeführten Luftern von Ratcliff& Tyler, welch' letztere auch ziemlich die einzigen Vertreter jener fpecififch englichen, oft polychrom behandelten Metallwaaren find, die aufser Lande, wo nun dem Renaiffanceftile ftets mehr gehuldigt wird, weniger Beachtung und Verwendung finden. Am reichften vertreten war die bedeutende Firma Winfield& Comp. durch an Erfindung und Ausführung gleich vorzügliche Lufter und wollen wir hier auch an deren viele Arbeiten aus Bronceröhren wie der Bettftellen, Fauteuils etc. erinnern. Chas Phillip, Blews& Sons, Beft& Lloyd, fowie Partridge& Comp. waren durch viele oft fehr reiche und meift techniſch vorzüglich ausgeführte Arbeiten in Bronceluftern vertreten. Vom deutfchen Reiche find es meift Actiengefellfchaften aus Berlin, welche der Wiener Weltausftellung eine grofse Anzahl von Luftern felbft gröfster Dimenfion für Theater etc. und in mannigfaltigfter Form fandten. Man konnte bei diefen Objecten auch die Mitverwendung des Glafes wahrnehmen, was bei den Birminghamer Luftern nicht der Fall war. Die glänzendften Leiftungen zeigte uns die Actiengeſellſchaft, vormals Walker in Berlin, dann kamen die Lufter der Actiengefellfchaft, vormals Spinn& Sohn in Berlin, die Objecte der Actiengeſellſchaft, vormals Schäfer& Haufchner in Berlin, welche die Leiftungsfähigkeit der Berliner Fabrikanten in currenten Artikeln darthun und die Schwierigkeit für unfere Fabrikanten, in diefen die Concurrenz mit Berlin und Birmingham beftehen zu können. Aus Berlin fandte noch Kramme Lufter von reichem, wohl etwas kleinlichem Detail, aber vorzüglich fchöner und reiner Metallarbeit. Aus Mainz waren von einer Actiengefellfchaft für Gasapparate einige fchön mit Glas combinirte Lufter und ftilvoll gehaltene mächtige Gascandelaber exponirt. Was aufser Luftern und Beleuchtungsgegenständen von kleinen Broncen vorhanden war, ift bald berichtet, insbefondere da den hierunter verftandenen Gegenständen die Selbftftändigkeit fehlt, um befonders zu intereffiren. Selbft die reichhaltige Ausftellung von Ravené und Süfsmann aus Berlin in emaillirten Broncen liefs bei aller Vorzüglichkeit in der technifchen Ausführung, Farbenftimmung, Gravirung etc. in den Entwürfen die franzöfifchen Vorbilder erkennen. So war z. B. ein Tabakftänder nach der franzöfifchen Zeitfchrift ,, L'art pour tout" ausgeführt, hier und in derfelben Gruppe auf gleiche Art entftanden, bei einem Wiener Galanteriewaaren- Händler zu treffen. Sehr gelungen fanden wir bei Ravené& Süfsmann eine Collection von emaillirten Thürgriffen. Waagen& Comp. in Berlin hatten gute Candelaber, Statuetten und Thiergruppen ausgeftellt, die jedoch ebenfalls durch ähnliche franzöfifche Arbeiten ihre Vorbilder erhielten. Von Herxter in München waren einige nette Statuetten genreartigen Vorwurfes vorhanden. Schliefslich wollen wir noch der Eigenthümlichkeit Erwähnung thun, dafs uns das deutfche Reich keine jener Nippesgegenstände, welche in der öfterreichiſchen Abtheilung eine fo auffällige Rolle fpielen, in Bronce fandte, dafür aber eine grofse Anzahl meift zu beftimmten praktifchen Zwecken dienende Artikel, sehr nett in Eifen gegoffen uns vorführte. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 13 Wenn diefe Arbeiten, deren Zimmermann in Hanau, das Harzer Bergwerk in Mägdefprung, Meves Nachfolger etc. ganz gelungene Güfse an Form und Reinheit ausgeftellt hatten, auch wegen ihres Materiales in Gruppe VII gereiht wurden, fo fchienen fie uns doch durch die Analogie mit jenen in Bronce ausgeführten, in Gruppe X gereihten Galanterie artikeln erwähnenswerth. Das Entfprechen einer beftimmten Anforderung wird dabei Hauptfache, Werth durch das Material oder dekorative Wirkung zur Nebenfache, wofür auch der populärfte Orden, das eiferne Kreuz, als Beiſpiel dienen kann. Italien. Die Italiener, in der Behandlung des Marmors noch immer die Erften der Welt, waren diefs wie bekannt zu ihrer Zeit auch als Modelleure und Cifeleure von Kunftbroncen. Heute componiren die Franzofen nicht nur in einer Weife, die weit über dem Genrehaften, Naturaliftifchen der Italiener fteht, fondern fie find auch als Cifeleure gegenwärtig die gebildetften und technifch gewandteften. Im Befitze fo vieler Meifterwerke, befonders aus der Renaiffancezeit, bethätigen fich die italienifchen Kunfthandwerker in Bronce längft nicht mehr mit bedeutendem Erfolge im Erfinden. Ihre heutigen Werke find faft nur Reproductionen, die aber meift mit feinem Kunftverſtändniffe und grofser manueller Gefchicklichkeit. angefertigt find. Viele diefer Arbeiten verlieren hiedurch an jener decorativen Verwendbarkeit, welche beiſpielsweife die franzöfifchen Broncen auszeichnet. Für Thürklopfer, fchwere Kerzenleuchter, riefige Candelaber oder Kaminvorfätze, Gitter, etc. können doch wohl nur Mufeen als Käufer angenommen werden. Die Farbe der reproducirten Broncen ift nach Obigem wohl vorher zu beftimmen, es ift jene, welche die Patina' der Originale möglichft genau imitirt. Helle Vergoldungen, wie bei den unferen oder die vielen Nuancen in der Farbe, wie bei den franzöfifchen Broncen, mangeln an den italienifchen vollſtändig. Die bedeutendften Exponenten auf der Wiener Weltausftellung waren Michieli und Udina Luigi in Venedig, die übrigens in Gruppe VII ausgiebig gewürdigt worden find. Wir können nur der Anfchauung beipflichten, dafs die italienifche Kunftinduftrie der Kleinbronce wenig Bedeutung hat. Es erübrigt uns nur noch, einiger Leiftungen in Bronce zu gedenken, welche fich als Arbeiten einzelner Firmen jener Länder repräfentirten, welche wir in Bezug auf Bronce Induftrie in Obigem nicht befonders anführten, weil das Vorhandene auf der Wiener Weltausftellung uns weder in kunftinduftrieller Richtung eigenthümlich, noch als Handels- oder Exportartikel des betreffenden Landes von Bedeutung fchien. So waren z. B. die ausgeftellten Objecte des in Petersburg etablirten Franzofen Chopin im Charakter der Parifer Arbeiten angefertigt und nur bei drei Luftern die Verbindung mit gefchliffenen ruffifchen Steinen, Trauben bildend, neu, wenn auch nicht nachahmenswerth. Schebanoff in Moskau hatte nette kleine Gegenftände gebracht. Sonftige ruffifche Broncen, fehr naturaliftifch aber lebendig aufgefafste Genreftatuetten nationaler Vorwürfe waren nicht als Handelsbroncen induftrieller Richtung exponirt, fondern als Kunftbroncen bei den Gemälden im Pavillon des Amateurs und entziehen fich daher der vorliegenden Beurtheilung. Belgien hatte Bronce nur in der Halbgallerie und zwar nur als Montirungsbeigabe zu Porzellan für Lampen, Blumentöpfe etc. durch Lelorrain Claude aus Brüffel vertreten. Seine Fabrikanten, wie die fo mancher anderer Länder, dürften eben im Bewufstfein der Leiftungen der Franzofen es vorgezogen haben, lieber nicht zu erfcheinen. Jene Länder oder Fabrikanten, welche ihre Eigenthümlichkeit in den Grenzen, die Schönheitsgefühle, Stil etc. ftellen, zu wahren wiffen, haben vor Jenen, 14 J. Weidmann. deren Thätigkeit unfelbftftändig ift, unter allen Umftänden den Vortheil voraus, dafs ihre Arbeiten jederzeit Intereffe erwecken und ihr Streben Antheil finden wird, während Letztere bei einer Gelegenheit wie eine Weltausftellung einen Induftriezweig nicht vertreten können, da es unklug wäre, neben den Originalen mit Copien zu kommen. Diefs gilt nun von Japan und China in keiner Weife. Wir verweifen auf den Bericht Gruppe VII, Section 4, wo die fchönen und originellen Arbeiten diefer Länder ausgiebig gewürdigt find. Wenn wir in unferem Berichte über Kunftbronce und Kunftgüffe Frankreich den Vorrang zufprechen mussten, fo erfüllt es unfer Nationalgefühl mit Stolz, dafs wir in dem gegenwärtig zu befprechenden Induftriezweige Oefterreich, das heifst Wien als Erfindungsftätte aller Originale nennen dürfen, ohne den Vorwurf von Parteilichkeit fürchten zu müffen. Dafs fie die Wiener Lederwaaren- Induftrie auch nicht annähernd erreichen können, fcheinen die meiften fremden Firmen wohl gefühlt zu haben, da fie, die Deutfchen ausgenommen, fehr fchwach vertreten waren. Als gefährliche Concurrenz werden uns ftets Frankreich und Amerika genannt, welche Unmaffen von Lederwaaren zu aufserordentlich billigen Preifen liefern follen. Wo blieben fie während der Weltausftellung? Sie waren nicht erfchienen, weil ihre Arbeiten der Qualität nach eben fo wenig wie nach dem Preife derfelben concurriren können, und ihr Handel nur unter dem Schutze der hohen Zölle ihrer Länder lebensfähig ift. Oefterreich zunächft ftellte das gröfste Contingent, das deutfche Reich durch die fogenannten Offenbacher Artikel; Frankfurt am Main, München, Berlin hatten Mufter gefandt. Frankreich wies 4 bis 5 Ausfteller auf, welche jedoch weniger eigentliche Ledergalanterie- Waaren verfertigen, als vielmehr das Leder nur als nebenfächliche Hülle in Form von Koffern, Caffetten für ihre fehr fchön, gut und zierlich gearbeiteten Toilette- Artikel verwenden. England, Italien und Rufsland hatten je einen Ausfteller gefchickt, Amerika und alle übrigen Länder die Ausftellung gänzlich gemieden. - Faffen wir die Momente der Erzeugung von Lederwaaren zufammen, fo beginnt diefe zunächft mit dem Zu- Papier- bringen, das heifst Aufzeichnen der Idee. Bis vor zwei oder drei Jahren führte man einen Einfall fchlecht und recht fogleich in Leder aus, wiederholte und verwarf den Gegenftand fo lange, bis er die gewünſchte Vollkommenheit erreicht hatte eine nutzlofe Zeit- und Geldverfchwendung, die leider auch noch jetzt bei fehr vielen Fabrikanten vorkömmt. Die Idee ift entweder Eigenthum des Zeichners, oder wie meiſtens des Fabrikanten, wenigftens foweit es Technik und Rückficht auf die Bedürfniffe des Publicums betrifft. Am meiften geeignet zum Mitarbeiter bei diefem Induſtriezweige ift der Architekt, da er den Gedanken ftilgemäfs zum Entwurfe bringt, und diefen für die Werkstätte verwendbar darftellt. Wenn er richtig arbeiten foll, wird er fich über praktiſche Ausführung feiner Pläne Verſtändnifs und Fachkenntnifs angeeignet haben. Bei nachfolgender Maffenproduction wird dann wohl noch verbeffert, vereinfacht, den Forderungen des Käufers, der Erleichterung des Arbeiters angepafst. Durch eben diefe Maffenerzeugung, fo wie durch die Concurrenz der übrigen Fabrikanten, die, wenn fich ein Mufter als gut bewährt, felbes ebenfalls fogleich aufnehmen, wird der Preis durch längere Zeit erzeugter Gegenftände fo billig, dafs er nirgends mehr erreicht werden kann, und als Mufter gewiffermafsen Monopol ift, wie die meiften englifchen es find. Zur Ausführung felbft find- ich fpreche hier von allgemein gangbaren Artikeln und nicht von fogenannten Prachtftücken, welche bei vielen Fabrikanten leider mehr Goldfchmied- Arbeit als Lederwaare find Leder, Seide, Bronce und andere Beftandtheile nöthig. Hier einfchalten will ich nur einige Worte über das bei der Lederwaaren- Fabrication hauptfächlich verwendete Leder. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 15 Gewöhnlich ift die erfte Frage des Käufers, ob das verwendete Leder echter Juchten fei und der Frage folgt das fofortige Riechen zur angebotenen Waare Allerdings wird hierin mancher Schwindel getrieben. Was heifst nicht alles Juchten! Da nennt man Schaf-, Lamm-, Kalbleder, englifchen Juchten u. f. w. Viele diefer imitirten Juchten werden mit Birkenöl parfumirt und riechen abfcheulich, wenn auch nicht nach Juchten. Jedoch auch echter ruffifcher Juchten ist von grofsem Schönheit- und Werthunterfchied und fchwankt imPreife um circa50 Percent. Der befte Juchten und einzig für feine Lederwaare verwendbar ift der von Savin in Petersburg, der auch durch die Jury auf der Wiener Weltausftellung durch die Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Man unterfcheidet den fogenannten Malia, gefalzten, glatten und Werhock- Juchten. Ich erwähne hier felbftverftändlich nur die von Lederwaaren- Fabrikanten verwendeten Sorten und nicht die übrigen noch exiftirenden z. B. Natur-, Stiefeljuchten u. f. w. Maliajuchten geht nach dem Gewicht und wird per Centner verkauft, ift fpitz( im verfchobenen Rechteck) carrirt und wird meift geglättet( was hier in Wien gefchieht) zu minder feinen Artikeln verwendet. Gefalzter Juchten, der fo wie Malia nach dem Gewicht in Handel kömmt, ift gewöhnlich im Quadrat carrirt; felber ift, da er durch das Wegfalzen überflüffig dicker Theile leichter geworden, ziemlich theuer und wird für feine Waare geglättet oder im Naturzuftande verwendet. Der in Rufsland glatt gearbeitete Juchten wird von den Wiener Lederarbeitern durch Befeuchten und Walken noch glatter und glänzender gemacht, und gibt eine fehr feine Sorte, die in letzter Zeit für fogenannte weiche Waare fehr modern geworden ift. Auch diefer wird nach dem Gewicht verkauft, ift von den drei Gattungen der theuerfte und exiftirt wie alle übrigen in verfchiedener Gröfse und Stärke. Werhockjuchten wird nach dem Werhock, einem ruffifchen Flächenmaffe, berechnet; ein Fell hat 25 bis 45 Werhocks. Auch er ift verfchiedener Stärke. Er wird felten geglättet und meift für gröfsere Caffetten und für Tafchnerwaaren im Naturzuftande verwendet. Derfelbe hat fehr fchöne, fpitz carrirte Narben von befonderer Reinheit. Eine Gattung Juchten, die in Wien fchon feit Jahren nicht mehr benützt wird, ift der fogenannte Chagrinjuchten. Es iſt diefs nur reiner Naturjuchten, was immer für einer Gattung( meiftens Malia); der zuerft roth gefärbt, dann gleich Schaf, Bock- oder Gaisleder chagrinirt, das heifst mit einer eifernen Rolle gekörnt wird, alfo künftliche Narben erhält. Diefe fchlechtefte und billigfte Gattung wird noch von Offenbacher, Berliner und Parifer Fabrikanten verwendet. Hier füge ich eine Täufchung bei, die von einigen Wiener Tafchnern ftark benützt wird. Da nämlich, wie erwähnt, Juchten nach dem Gewicht gefchätzt und feine bedeutende Stärke für Reifefäcke u. dergl. von grofsem Vortheil ift, fo verwenden fie dünnen, fchwachen Juchten, den fie mit Schafleder zufammen cachiren, ungefähr wie man gewöhnliches Holz mit feinem Holze fournirt. Die Arbeit fieht dann ganz gut aus, das Leder fcheint dick und ift um 20 Percent billiger als reelle Waare. Aufser Juchten werden noch verarbeitet: Lamm-, Gais-, Bock-, Kalb-, Seehund-, Crocodil- Leder, Pergament, fowie Schaf- und Spalt- Leder für Futter. Alle diefe Ledergattungen kommen gröfstentheils, wenigftens die für feine Waare verwendbaren, aus Mainz, Frankfurt, Paris etc. Das Hauptmaterial alfo, das Leder, mufs aus fremdem Lande gebracht werden, mit Zoll und Spefen belaftet und zeitweife zu hohem Courfe an den Fabrikanten gelangen, um fpäter als vollendeter Wiener Galanterie- Artikel wieder hin; auszuwandern. Dasfelbe gilt von der allgemein als Futter verwendeten Moirée françaife und antique, die in Wien gar nicht erzeugt wird. Kommen wir nach diefer Abfchweifung zur Ausführung zurück. Nach der Zeichnung werden vom Werkführer, in gröfseren Fabriken von einem Mufterarbeiter die Zufchneide- und Arbeitsmodelle angefertigt, der 2 16 J. Weidmann. Zufchneider fchneidet hierauf das erforderliche Material zu, welches dann an die verichiedenen Arbeiter, Vergolder u. f. w. zur Ausführung übergeht. Von den vielen kleinen Beftandtheilen, welche zu jedem einzelnen Gegenftande nöthig find, zu fprechen, mangelt uns hier der Raum und würde die Geduld des gütigen Lefers allzufehr in Anfpruch nehmen. Wollen wir die verfchiedenen Wiener Lederwaaren eintheilen, fo nennen wir als erfte und Hauptgattung die fogenannte weiche Waare, die feit den letzten Jahren den Wiener Markt beherrfcht. Es find diefs Portemonnaies, VifitkartenEtuis, Brieftafchen u. f. w., welche ganz weich, nur aus Leder ohne jeden Metallbeftandtheil als höchftens einem Schlöfschen angefertigt find. Diefe Gattung ist die fchwierigfte in der Erzeugung, da fie keine Hilfsmafchine geftattet, fondern allein durch die Hand des Arbeiters aus einem Stück Leder geformt werden mufs. Viele Arbeiter, viele Hände und nur wenig gute, wie fchwer ift da die Ausführung einer grofsen Lieferung in gleicher Qualität, und eben diefe Gattung wird hauptfächlich für den Export nach Amerika, England u. f. w. verfertigt. Rahmenarbeit ift bedeutend älter als die weiche Arbeit. Portemonnais, Cigarren- Etuis u. f. w. in Bronce, oder anderen Metallrahmen gefafst find die ältefte, aber noch immer begehrte Sorte. Sie find bedeutend leichter zu erzeugen, da der Rahmen fchon die Hauptform bildet und auch Klötze und andere Hilfsmittel hiebei verwendbar find. Dazu gehören auch die einft in Maffen erzeugten und auch heute noch gefuchten Handfchuh- und Sacktuch- Soufflets. Holzarbeit ift gewöhnlich die der Gröfse nach imponirendfte Gattung. Darunter verfteht man Caffetten in allen Formen, zu allen möglichen und unmöglichen Zwecken; Käftchen, zuerft aus Holz gebaut, dann mit Leder überzogen. Auch gewiffe Sorten von Mappen gehören zu diefer Gattung. Der Arbeiter hiezu mufs gefchickt fein, die Arbeit erfordert Aufmerkfamkeit, Reinlichkeit. Da diefer Artikel jedoch nicht in Maffen erzeugt wird, fo genügen in der Regel die hierin geübten Arbeiter, werden aber doch theurer als andere bezahlt. Albumarbeiter und Buchbinder laffen wir hier, als zur Gruppe XI gehörig, unerwähnt. Dafs Tafchner- und Ledergalanterie- Arbeiter in einem Berichte genannt werden, hat darin feinen Grund, dafs hochfeine Waaren wohl nur in Ledergalanteriewaaren- Fabriken, welche auch mehrere Tafchnergefellen befchäftigen, erzeugt werden, während unfere eigentlichen Tafchner entweder nur für Kaufleute von diefen gegebene Beftandtheile montiren, alfo eigentlich keine felbftftändigen Fabrikanten find oder nur mittelmäfsige Waare erzeugen. Die zur Waare nöthigen Bronce, Holz- und andere Beftandtheile werden von erften Fabrikanten theilweiſe im Haufe erzeugt. Viele Hilfsarbeiter werden auch aufser dem Haufe befchäftigt, wovon jeder einzelne eine gewiffe Arbeit am meiften eingeübt hat, die er an die verfchiedenen Wiener Fabrikanten und auch viel für den Export zur Nachahmung der hiefigen Mufter liefert. Gehen wir nun nach diefer Einleitung auf die Ausftellung felbft über und wenden wir uns da zuerft nach Oefterreich. Eine ftattliche Gallerie voll Wiener Lederwaaren ift dem Lefer erinnerlich. Den erften Eindruck machte das lebhafte Roth des Juchtens, dann wurde unfer Auge beinahe ermüdet durch die immer wiederkehrenden Porzellaneinlagen auf Caffeten, Mappen, Albums etc., wobei in erbarmungswürdiger Weife die Kindergruppen von Klimfch und die Wand- und Plafondgemälde des Wiener Opernhaufes geplündert wurden. Nebft den figuralifchen Einlagen erfchienen auch fehr viel Blumen, welche ftark naturaliftifch behandelt und wie die Figuren fehr fteif ausfahen. Porzellaneinlagen find ziemlich alt und waren fchon vor zwei Jahren wenig mehr gangbar, wurden aber wegen Mangel an Neuem wieder auf den Markt gebracht und Kaufleute befonders hatten fie en maffe ausgeftellt. Sie beftechen das Auge durch die minutiöfe Art der Malerei; im Intereffe der Kunft wünſchten wir fie aber geeigneter verwendet und ftiliftifcher ausgeführt. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 17 Dem zunächft ftanden Ledermofaiken, welche allerdings einen fehr alten Urfprung haben, durch ihre jetzige Art der Erzeugung aber, die zwar eine unrichtige ift, den Eindruck von Neuem machten. Man legt ein genarbtes Leder, glattes, lichtes Kalbleder, nach den Hauptconturen der Zeichnung und bemalt es dann. Wir fanden unter diefen Arbeiten manch' werthvolles Werk von Künftlern guten Namens. Eine zweite Art Ledermofaik in Verbindung mit Bronce, wie wir felbe häufig bei Wappenarbeiten fanden, ift weit richtiger und von fehr gutem Effect, aber nur für ftilifirte und ornamentale Vorwürfe verwendbar. Sehen wir nun von den fogenannten couranten Artikeln, Wappen- und Monogrammmofaiken, welche manche Ausfteller brachten, ab, fo finden wir nur noch wenige Specialitäten, welche wir bei Befprechung der einzelnen Ausftellungen zu würdigen haben. Vor allen Wiener Fabrikanten diefer Branche ift Auguft Klein( nicht zu verwechfeln mit Moriz Klein) derjenige, welcher mit wirklicher Ausdauer, Energie und mit grofsen perfönlichen Opfern den Wiener Artikel für den Welthandel reifte. Hat ihm auch der nun verftorbene Girardet den Weg gezeigt, fo ift es doch Auguft Klein, der zuerft diefe Wiener Specialität in der Welt verbreitete. Er ift nicht nur ein tüchtiger Fabrikant, fondern auch von hervorragendem Unternehmungsgeift, was feine grofsen Niederlagen in Paris, London und Petersburg, welche er kaum mit grofsem pecuniären Erfolge etablirte, beweifen. Wirft man ihm auch heute vor, dafs er auf feinen Lorbeeren ruhe, und bot feine Ausftellung auch nichts auffallend Neues, fo zeigte fie doch nur Gutes, Vollkommenes, Mannigfaches in Farbe und Form. Vermifst man auch ziemlich die eigentliche Lederwaare in feiner Expofition und fieht man vorwiegend Bronce und anderes Material vertreten, fo darf man nicht vergeffen, dafs Klein eben Bronce und Lederwaaren- Fabrikant ift und in letzter Zeit die erftere Induftrie bevorzugt hat. Erfte Zeichner und Architekten ftanden ihm zur Seite und faft jedes Stück ift vorzüglich in Entwurf und Ausführung. Greifen wir aus feiner reichen Sammlung von Prachtftücken einige befonders werthvolle heraus, fo ift diefs vor Allem das ftilvoll gehaltene Miffale, dem Abte Helfersftorfer gehörig, welches fich durch fchönes Email auszeichnet. Hübfche Werke find auch zwei Albums, eines Eigenthum der Erzherzogin Gifela, das andere des Erzherzogs Rainer, letzteres mit Limofiner Email geziert. Auch einige Sammetcaffetten, mit Edelfteinen und Unter feiner kleinen Emailblättern gefchmückt, fahen fehr gefchmackvoll aus. Waare fanden wir einen, wenn auch nicht neuen, fo doch durch ihn allein und gut vertretenen Artikel, nämlich von fchwarzem Leder in lichtes Leder eingelegte Silhouetten. J. Weidmann* ift einer der bedeutendften Fabrikanten von Ledergalanterie- und Tafchner- Waaren, deffen hervorragende Ausftellung durch die Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Seine gröfseren Ausftellungsobjecte, worunter viele Enveloppes und Prachteinbände, fielen befonders durch ihren reinen Stil auf. Die Sammlung kleiner Waaren bildete ein Unicum durch Verfchiedenheit in Formen und Farben, was um fo höher zu fchätzen, als jeder einzelne Gegenftand in feiner eigenen Fabrik erzeugt wird. Befonders anerkennenswerth waren feine Ledermofaiken, Originale von Makert, Profeffor Sturm, Lach u. f. w., fowie Monogramme und Wappen in Lederprägung. von Rofenberg und Gebrüder Rodeck hatten grofse Collectionen Lederwaaren ausgeftellt. Erfterer, der einen riefiger. Platz am Eingang der Rotunde inne hatte, begnügte fich übrigens damit, zehn bis zwölf Mufter auszu ftellen und von Schaufenfter zu Schaufenfter, deren er acht hatte, regelmäfsig, wenn auch abwechfeind in Form und Farbe, zu wiederholen. Wir fanden nichts Neues, aber durchaus feinftens und vorzüglich gearbeitete Waare. * Der Herr Referent wollte nicht über feine Ausftellung berichten. Wir haben uns oben eingefügtes Urtheil von erfahrener Seite eingeholt. Die Redaction. 2* 18 J. Weidmann. Rodeck, der weit vielfeitiger ausftellte, brachte viel fchöne Nippes, Kleinigkeiten, einzelne fehr ſchön gearbeitete grofse Stücke. Er allein hatte mehrere aus Leder geflochtene Arbeitskörbe verfchiedener Form. Seine reiche Sammlung von Wappen und Monogrammen in echten Steinen find wohl mehr Arbeit des Juweliers, nehmen fich aber fehr effectvoll aus. Beide Ausfteller find nur Kaufleute und erzeugen nicht felbft; wenn fie demnach Vorzügliches boten, fo dankt man diefs erftens ihrem geläuterten Gefchmacke, dann aber den tüchtigen Fabrikanten Moriz Zander, Thil, Zibulka etc., von denen fie ihre Lederwaaren beziehen, die aber leider aus Rückficht für ihre beftändigen Abnehmer bis jetzt jede felbftftändige Ausftellung vermieden. Moriz Klein ift gleichfalls Kaufmann, wogegen er zwar proteftiren wird, da er eine kleine Fabrik in eigener Verwaltung hat. Nachdem wir uns jedoch nur mit feiner Ausstellung zu befchäftigen haben, fo mufsten wir uns diefe Bemerkung geftatten, da der durchwegs gute, ja vorzügliche Theil derfelben ein Werk der Herren Pollak& Jappich war, welche ehemals Werkführer bei Auguft Klein waren, dort eine ausgezeichnete Schule, beinahe bis zum Nachtheile ihres damaligen Chefs genoffen und die es verftanden haben, in reinem Stile neue, fchön ausgeführte Stücke zu fchaffen. Unter Anderem fanden wir einen grofsen Kaften aus gefchnitztem Rindsleder, der eine vorzügliche Reproduction derartiger antiker Arbeiten ift. Weniger entſprach unferem Gefchmacke ein grofser Kaften von fchwarzem Holze, mit Juchten eingelegt und reich mit Bronce verziert. Schön find auch die Federcaffetten, obwohl felbe bei Lederwaare nichts zu thun haben. Auch einige reich ausgeftattete Säcke waren ausgeftellt von neuer, aber, wie wir glauben, höchft unglücklicher Form. Auch brachte er eine Sammlung von Silhouetten, aber nicht wie Auguft Klein in Leder eingelegt, fondern der leidigen Concurrenz zu Liebe blofs auf lichtem Leder gedruckt. Diefs gefchieht auf fehr einfache Weife. Mit der Laubfäge wird die Form aus einem Stücke dicken Meffingbleches gefchnitten, diefelbe dann mit Schwärze überzogen und endlich auf das lichte Kalbleder geprefst. Allerdings ift diefes Verfahren billig, der fo bedruckte Gegenftand aber von minderem Werth. Einige Arbeiten, aus feiner eigenen Fabrik ftammend, meift Damen- und Gürteltafchen, waren mit fehr reicher, complicirter, färbiger Ledereinflechtung oder auch Einflechtung aus Pfauenfeder Kielen verfehen, erinnerten aber unferer Anficht nach zu fehr an kroatifche Hausinduftrie. Im Uebrigen fand man bei feiner Expofition noch mancl.' fchön gearbeiteten Gegenftand, wenn auch Gemeingut der Wiener LederwaarenFabrication. Johann Etz, ebenfalls nur Kaufmann und nicht Fabrikant, hatte in der Rotunde ausgeftellt. Auch er hatte gleich den Anderen Schönes und Gutes gebracht. Neu und ſpeciell nur bei ihm fanden wir Albums, Mappen, Käftchen aus weifsem Pergament mit gemalten Blumen, was fehr gut ausfah. Jacques Löw, Fabrikant, hatte hauptfächlich grofse, mit Leder überzogene Holzgegenftände gebracht, meift in barocken Formen, die uns daher nicht genügen. Nichtsdeftoweniger find feine Leiftungen um fo höher zu fchätzen, da er als Taubftummer ein ziemlich grofses Gefchäft felbftftändig leitet. F. Neuber, Klein's Söhne, Heinrich Schobelt etc. brachten hübfche courante Waare. Wunder& Kölbl waren durch Ledermofaiken vertreten, welche zumeift nur Copien bekannter Bilder und nicht durchwegs fchön in Farbe waren. Weit beachtenswerther fanden wir hingegen feine Einbände mit Handvergoldung, welche unferes Wiffens in der X. Gruppe nur er allein gebracht hatte und die zur Beurtheilung eigentlich in die XI. Gruppe gehören. Man möge uns hier eine kleine Abfchweifung erlauben. Mufeen und Gewerbefchulen empfehlen auf's Wärmfte ähnliche antike Büchereinbände mit Handvergoldung zur Nachahmung. Nichtsdeftoweniger fanden wir in der ganzen Ausftellung von Wiener Lederwaaren nichts Aehnliches. Diefs mag wohl darin feinen Grund haben, dafs mehr Einbände gefordert Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 19 werden, die als Decorationsftücke im Salon aufgelegt werden, während fich jene Bände mehr für die Bibliothek eignen. Auch find die Koften fo hoch, dafs man prachtvolle, plaftifch ausgeftattete Werke, welche dem Gefchmacke des kaufenden Publicums beffer entsprechen, viel billiger ausführen kann. F. Nowotny& Söhne ift einer der bedeutendften Fabrikanten billiger Lederwaare für den grofsen Export und hat uns auch feine couranten Mufter in reicher Auswahl gezeigt. Ignaz Lukfch bereicherte uns mit einem neuen Artikel, den er privilegiren liefs. Es find diefs Portemonnaies, Kartenetuis etc. aus einem gelblichen Kalbleder, auf welchem Holzflader in dunklerem Braun gedruckt ift. Wir finden es nun wohl begreiflich, wenn theures Material durch billigeres imitirt wird, halten es jedoch für widerfinnig, billiges Material, wie hier das Holz ift, durch das bedeutend theurere Leder zu imitiren. Es ift diefs eben wieder ein Beispiel jener Abfonderlichkeiten, zu denen manche Fabrikanten die Zuflucht nehmen, um Neues und Bizarres zu liefern, denn fo wie wir hier Holz durch Leder imitirt fahen, fo fanden wir bei einem anderen Fabrikanten in derfelben Gruppe umgekehrt Leder durch Holz nachgeahmt. Eduard Becher hatte fehr fchöne Albums ausgeftellt. Die grofse Zahl der Wiener Ausfteller in diefem Induftriezweige erlaubt es nicht, jeden Einzelnen zu befprechen. Wir haben uns defshalb auf die Erften, Vorzüglichften befchränkt, find jedoch weit davon entfernt, behaupten zu wollen, dafs alle Uebrigen nicht auch faft durchwegs Gutes geleiftet. Wenn wir, um gleich im Lande zu bleiben, auf die Wiener Tafchnerwaaren- Induftrie übergehen, fo kommen wir auf die fchon früher erwähnte Bemerkung zurück, dafs das Vorzüglichfte von eingerichteten Säcken und gefchmackvollen Damentafchen in den Ausftellungen des Leder- Galanteriewaaren- Fabrikanten Auguft Klein, fowie der Lederwaaren- Händler Rofenberg, Rodeck und Etz zu fehen war. In dem Hofeinbau der Gruppe VI, wo die eigentlichen Tafchner ausgeftellt hatten, bemerkten wir eine grofse Pyramide von Koffern und einfachen Säcken. Ein Theil davon hatte feinen Urfprung in Hermann Kramer's Fabrik, eines unferer beften Tafchner. Wenn man ihm auch nicht nachfagen kann, dafs er hochfeine Waare oder mit grofsem Aufwand ausftellte, fo waren die Gegenftände doch alle gut und folid gearbeitet und wir find überzeugt, dafs er nur aus gefchäftlichen Rückfichten nicht mehr Reichthum entwickelte. Aus demfelben Grunde vermifsten wir einen anderen, vorzüglichen Tafchner, Habermann. Neben Kramer hatte Schittenhelm, der wohl in letzter Zeit auch nicht mehr felbft fabricirt, courante Waaren, Koffer und Tafchen, ausgeftellt. Gabrieli brachte Jagdartikel und war in diefem Fache ziemlich der Einzige. Demnächft am Beften vertreten waren Dürrmeyer, Würzel, Veitel etc. wenn man auch in all' dem Gebotenen den Wiener Artikel, der fich bei LederGalanteriewaaren fo charakteriftifch durch feine Feinheit kennzeichnet, nicht recht wieder findet. Ja fo manche Gefchmacksverwirrung erfchreckte uns geradezu. So hat ein Ausfteller Tafchen und Koffer gebracht aus fchwarzem Leder mit Pfauen. feder- Kielen, in überladener Weife nach den nichtsfagendften Zeichnungen geftickt, nach Art der Tiroler Gürtel. Ein Kofferfchlofs entdeckten wir in Form der Rotunde angefertigt Entfetzliche Begriffsverwirrung! Diefes Alles ift aber muftergiltig gegen das, was Herr Hochedlinger gefündigt. Man ftelle fich grofse Damenkoffer vor, aus Juchten, alfo einem theuren Materiale, mit Ornamenten in einer Weife und mit einer Verfchwendung beladen, dafs man nicht entfcheiden kann, ob das Zweckwidrige oder das Lächerliche vorherrfchend fei. Diefe Koffer find mit Meffing, Zinkblech und ftarken Nägeln kreuz und quer befchlagen, dazwifchen glitzern Platten von farbigem kryftallifirten Bleche, aufgenagelte blecherne Füllhörner, darunter, als fielen fie eben heraus, verfilberte und vergoldete Kreuzer, Spielmarken, färbige Glasfteine u. f. w. in malerifchfter Unordnung und endlich als höchftes Refultat menfchlichen Erfindungsgeiftes waren an den Seiten auf 20 J. Weidmann. genagelte Glasfpiegel vertheilt, worauf man papierne Figuren, wie felbe bei Gratulationskarten vorkommen, aufgeklebt hatte. Doch genug davon. Die Productivgefellſchaft der Tafchner hatte unter Anderem einen eingerichteten Sack ausgeftellt, der mit 1000 fl. notirt war. Er war gut, was Naht und techniſche Ausführung anbelangt, nur zu reich ausgeftattet, wie feiner Gefchmack es nicht wünſcht. Ueberhaupt ift es ein charakteriftifcher Zug unferer Tafchner, dafs fie glauben, das Beftechendfte zu leiften, indem fie nach irgend einer in der Regel nicht fehr werthvollen Zeichnung Pappendeckel ausfchneiden, unter das Aufsenleder kleben und die Contouren mit färbiger Seide abfteppen. Neue, originelle oder befonders praktiſche Formen, welche wohl in diefem Fache fehr fchwer zu erfinden find, waren auch auf der Wiener Ausftellung nicht; möchten aber alle Tafchner eine einfache, prunklofe, dem Zwecke entſprechende Richtung annehmen, wie es fchon Viele gethan, fo würden fie bedeutend Edleres erzielen, als durch diefe gewerblichen Spielereien. Was Ungarn gebracht, ift wohl meift Wiener Fabricat. So ftellte Posner aus Peft eine Sammlung fehr fchöner Albums aus, welche zu irgend einem beftimmten Zwecke gedient hatten und ihm von dem jetzigen Befitzer leihweife überlaffen wurden, und welche alle Erzeugniffe aus Ed. Becher's Fabrik in Wien find. Deutfches Reich. Wien zunächft wird wohl, fpricht man von Lederwaaren- Induftrie, am meiften Offenbach, in neuer Zeit auch Berlin, München, Stuttgart genannt. Offenbach ift bedeutend in feinen couranten, praktifchen Artikeln; die Waare ift bei billigem Preife doch gut und zweckmäfsig gearbeitet, befitzt aber bei Weitem nicht die raffinirte Zierlichkeit der Wiener Artikel. Hauptfächlich verlegen fich die Offenbacher auf Erzeugung kleiner, nothwendiger Gegenstände, als Vifitekarten- Täfchchen, Brieftafchen mit. grofsem Beutel für ihre lieben Thaler, fowie auch Unmaffen ganz einfacher Beutel zu ftaunend niederen Preifen. Die meiften gröfseren Fabrikanten erzeugen alle Beftandtheile ihrer Waaren im Haufe. Sie verarbeiten faft nur mittelmäfsige Lederforten und füttern ihre Artikel nicht wie wir mit Seide, fondern gewöhnlich mit Leder, was fie billiger und dauerhafter macht. Auch hier treffen wir faft durchwegs Wiener Mufter, wenn auch von früheren Jahrgängen und da und dort verändert, aber nirgends verbeffert. Jacob Mönch& Comp. ift wohl eine der erften Firmen dort, demzunächft dürften Bofen& Comp. ftehen, die aber nicht ausgeftellt hatten; Lehmann brachte hübfche weiche Waare aus Kalbleder, E. Knieppe hatte einige nette Albums ausgeftellt, Koch's Waaren gehören zu den beften Offenbachs. Holz warth& Löffel erzeugen die billigften Mufter, beiläufig wie in Oefterreich die Firma L. Nowak aus Prag. Man bekommt dort ein Dutzend Portemonnaies um 65 kr., das Dutzend zu I fl. 50 kr. gehört da fchon zu den Luxusgegenständen. Freilich ift Alles daran nur Papier und Leinwand, bei den beften Waaren Spaltleder und wird die Arbeit in Strafanftalten oder von Knaben und Mädchen erzeugt. Bofart, der nur Gegenftände mit Spielwerken ausgeftellt hatte, hat durch feine Formen, Lederthürme u. f. w. zur Gefchmacksverfeinerung in der Kunftinduftrie eben nicht beigetragen. Ihm zur Seite ftand ein zweiter Ausfteller der mit Leder überzogene, als Neceffaires dienende Bierkrüge, Drehorgeln mit einem mit Leder überzogenem Manne und Aehnliches brachte. Haas& Comp. hatten eine ziemlich reiche und gut fortirte Ausftellung, find jedoch Kaufleute und nicht Fabrikanten. Diefelben konnten demnach leicht Mannigfaltiges bringen, da fie die Ideen und verfchiedenen Fabricate von vielen Fabrikanten fammeln und fo verhältnifsmäfsig billiger mit fortirten Muftern verfehen fein konnten. Wer es weifs, was es heifst, ein neues Mufter in einer Fabrik einzurichten, und welchen Koftenaufwand diefs erfordert, wird uns gewifs recht geben. Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren. 21 Frankfurt am Main erzeugt genau dasfelbe Genre wie Offenbach und war durch Gebrüder Buck am bedeutendften vertreten. Vitus, Kullrich& Schluck aus Berlin brachten einige hübfche Albums. Ofterloh aus Rudolftadt hatte aus Natur- Schafleder geflochtene Körbchen, mit geprefsten Lederblumen geziert, ausgeftellt. Der Artikel ift billig, doch fcheint er uns mehr für Kinder paffend. Unftreitig der bedeutendfte deutfche Ausfteller, mindeftens der, welcher doch verfuchte, kunftinduftrielle Leiftungen zu bieten, war Efchenbach aus München. Wenn wir auch nur mit Wenigem, das er gebracht, ganz einverftanden find, fo merkte man doch das Beftreben, der Wiener Induftrie nachzukommen. Wir fahen bei ihm faft nur ganz grofse Stücke, z. B. einen mit Leder überzogenen Schreibtisch in natürlicher Gröfse, auf demfelben aber als Theil einer in Leder montirten Schreibtifch- Garnitur ein Stehpult, worauf ein Buch liegt, in welchem die Uhr angebracht ift. Diefs ift jedenfalls ein mehr komifches als künftlerifches Spiel mit Verhältniffen. Weit beffer gefielen uns feine Ledernippes, welche mofaikartig mit gravirtem, fchwarz und roth eingelaffenem Perlmutter eingelegt waren. Ein Paar Riefencaffetten aus Schweinsleder, die eine mit Eifen, die andere mit oxydirter Bronce befchlagen, imponirten durch ihren Umfang. Die meiften übrigen Ausfteller hatten ebenfalls Gutes gebracht, wenn auch in weniger reicher Auswahl. Von den Tafchnern ift ziemlich das Gleiche zu berichten, wie von denfelben aus Oefterreich. Das Befte, wenn auch gar nichts Hervorragendes, fanden wir auch hier bei den Leder Galanteriewaaren- Fabrikanten. Von den eigentlichen Tafchnern erwähnen wir Gebrüder Stockhaufen aus Offenbach. Frankreich war in der eigentlichen Leder- Galanteriewaaren- Induftrie nicht vertreten. Was wir fanden, waren meift Neceffaires, wobei aber wieder die in Paris fo gut und viel erzeugten Einrichtungsftücke die Hauptrolle ſpielten. M. Max brachte Photographie- Albums und einige Portefeuille- Artikel, welche in die Gattung der Offenbacher Waaren einzureihen find. Ebenfo ftellte Midocq. Schulz in Paris eingerichtete Caffetten aus, die aber unferer Anficht nach weder durch Qualität noch durch Zweckmäfsigkeit mit der feinen Wiener Waare concurriren können und als billige Artikel im Vergleiche mit den Wiener Fabricaten von Riederer& Mader zu theuer find. Walker ift wohl der befte Tafchner von Paris, feine eingerichteten Koffer find gut, ihr Glanzpunkt ift jedoch abermals die Einrichtung. Alle übrigen Mufter fcheinen Wiener Kinder zu fein, wenn fie auch durch langen Aufenthalt in der Fremde fich nicht eben zu ihrem Vortheil verändert haben. In derfelben Seitenrippe fanden wir in einem Wandkaften prachtvolle Einbände mit reicher Handvergoldung ausgeftellt. Sie ftammen aus verfchiedenen Zeiten und waren von mehreren Ausftellern, meift den jetzigen Privateigenthümern ausgeftellt. Diefe Sammlung bildet eine wahre Fundgrube für Mufeen, welche derartige Arbeiten mit Vorliebe fuchen. Eben folche nicht minder fchöne Arbeiten in Handvergoldung fanden wir in England. Ausserdem war die Lederwaaren- Induftrie dort nur noch durch einige Sohlleder- Koffer von altbekannter Solidität und mehrere fehr primitive Säcke vertreten. Italien und Rufsland, fowie die übrigen Länder brachten Nichts oder doch nichts Nennenswerthes. In China und Japan fanden wir keine eigentliche Lederwaaren- Induftrie, aber hie und da ein einfames, fackartig zufammengenähtes Täfchchen, gewöhnlich mit einem höchft einfachen Verfchlufs verfehen, als Tabakstafche dienend. Doch felbft diefe find nicht aus Leder, fondern blofs aus dem fehr zähen, feften, lederartig gekörnten, japanefifchen Papier verfertigt. KINDER- SPIELWAAREN. ( Gruppe X, Section 7.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k.o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Wenn wir in der Gefammtheit der Induftrie Fortfchritte aller Art in einem beftimmten Zeitraume kennzeichnen, fo vermögen wir ficher auch immer die Gründe und Veranlaffungen derfelben ficher zu ftellen. Bald ift es ein neuer Markt, alfo das Auftreten neuer Confumenten, bald ift es die Entwicklung der Technik, alfo eine Neugeftaltung der Production, bald endlich ift es das höhere geiftige Leben, die Kunft, mit welcher verbunden die Induſtrie neugeftaltet erfcheint. Bei jeder Induftrie, zumeift bei der Grofsinduftrie, welche unfer bedürftiges Leben jeden Augenblick berührt, ift diefs Alles am leichteften zu erkennen. Welch' andere Stellung aber nimmt das Gebiet der Spielwaaren- Induftrie ein! Wohl in keinem anderen Zweige der menfchlichen Arbeit trifft man eine gröfsere Mannigfaltigkeit an als in jenem, welcher die Kinderwelt in der Form von Spiel. zeug mit Gegenftänden der Anregung und Bildung für das wirkliche Leben verfieht. Das Reich der Natur fowohl, wie das Leben des Menfchen, feine Nahrung, Kleidung und Wohnung, feine nützlichen Befchäftigungen, kurz Alles, was der äufseren Wahrnehmung fähig und zur plaftifchen Geftaltung nur immer geeignet ift, bietet der Spielwaaren- Induftrie den Stoff für ihre Darftellungen. Erzeugt fie eine Welt im Kleinen, fo vereinigt fie für die Arbeit alle Gewerbe und alle Arbeitsrichtungen. Der Drechsler und der Tifchler, der Töpfer und Büchfenmacher, der Mechaniker endlich und der Schiffbauer, fie treten dabei mit ihrem beftimmten Berufe hervor, neben dem„, Aftelmacher", wie man in Böhmen den Holzzufchneider für den Spielwaaren- Schnitzer nennt, und der kaum 20 bis 30 kr. Tagelohn verdient, bis zu dém Schachtelmacher, der das Dutzend für 15 kr. abliefert. Und doch, der Markt diefer Induftrie ift fo eigenthümlich und wenn er im Raum die ganze Welt umfasst, in der Zeit ift er an die fchönen Tage des Jahres, an die Feier des Chriftfeftes, an den Namens- und Geburtstag der kleinen Confumenten gebunden. Freilich wird dann die Lieferzeit mit einem kategorifchen Imperativ dictirt. Für diefe Zeiten regt die Arbeit ihre Hände und der Abfatz ift ein ficherer. Dann forgt auch wieder immer die glückliche Ungefchicklichkeit und der kräftige Geftaltungstrieb aller Kinder, der in jungen Jahren fich nur in der Veränderung der Form zeigt, für die Unterſtützung der Spielwaaren Induſtrie. Und feit Jahrhunderten, ja felbft feit Jahrtaufenden mag es fo gewefen fein. Es war fo, als die Römer ihre Kinder befchenkten und am Namengebungstage Verwandte, Freunde und Sclaven den Kindern, Creffundia", Klapper zeug, oder ,, Gnorismata", Wiedererkennungszeichen zum Gefchenke gaben oder um den Hals hängten. Es war fo, als die Griechen Schildkröten, Hafen, Affenmütter mit ihren Jungen im Arm, welche in ihren hohlen Körpern klappernde Steinchen bargen, für ihre Kinder erzeugten. Liebten fie doch die Erzeugung Kinder- Spielwaaren. 23 folchen Spielzeuges, dafs Lucian felbft, wie er erzählt, Schafe, Ochfen und Pferde anfertigte. Und aus dem Leder machten fie Häufer und Schiffchen und mancher gute Vater mag wie König Agefilaus auf dem Steckenpferde feinen Kindern vorgeritten fein. Die Spielwaare ift heute zum Culturträger geworden und Spielzeug, zumeift deutfche s, war auf dem chinefifchen und japanefifchen Boden fchon vorräthig, ehe Krieg und Handelsverträge die Märkte Oftafiens Europa erfchloffen. Die Miffionäre, die nach Grönland zogen, ebenfo wie jene, die Afrika auffuchen, führten das Evangelium und Spielzeug mit, um durch das Vertrauen der Kinder die Eltern zu gewinnen. Es ift daher eine Induftrie, die nur fcheinbar anfpruchslos, im Grofsen aber eine Bedeutung hat, und zumeift im Productionsproceffe, vielleicht auch im Handel, mit keiner anderen verglichen werden kann. Und welche Bedeutung nimmt fie in Mitte unferer heutigen, Wiffenfchaft und Leben bewegenden, focialen Frage ein. Sie verträgt ebenfowenig einen hohen Arbeitslohn, als fie die Vertheuerung der Holzpreife verträgt. Sie iſt daher in einigen der hervorragendften Erzeugungsdiftricte in die Höhe der Gebirge, wo fich Holzreichthum und Armuth an Befchäftigung, man kann faft fagen glücklicherweife ergänzen, hinaufgedrängt worden. Und folgt diefer Bewegung die grofse Induftrie mit ihren höheren Löhnen, fo entzieht fie im Augenblick der Spielwaaren- Induftrie die Arbeitskraft. Als im böhmifchen Erzgebirge, jenem Hauptfitz der billigften Spielwaaren, welche die Welt producirt, die Baumwoll- Spinnereien eindrangen, verloren fich die Arbeiterinen aus den Spielwaaren- Werkstätten. Hier konnten fie nicht mehr wie 2 fl. per Woche verdienen, dort zahlte man 3 fl. Die Concurrenz auf dem Weltmarkte ift bei unferem Artikel eben an den billigften Preis gebunden. Dagegen fehen wir, gleichfalls wichtig für die angeregte fociale Frage, ebenfo wie für die ökonomifche Wiffenfchaft überhaupt, die eigenthümlichfte Gefchäftsbildung, welche wenigftens in dem grofsen Spielwaaren- Bezirk des böhmifchen Erzgebirg- Kammes, Ober- Leitensdorf, Katharinaberg u. f. w., fich ausgebildet hat. Hier ift jeder Arbeiter fein Gefchäftsherr, und wenn der eine nur Bäumchen fchnitzt, der andere fie malt, der eine Männchen oder Thiere, der wieder nur Häuschen fchnitzt, der andere fie mit Fenſtern verfieht und Rauchfänge oder die Kleider malt und die Gefichter, jeder ift felbftftändig und überläfst das halbfertige Erzeugnifs je nach der Beftellung an den anderen, bis endlich nach Vollendung der Zurichtung der letzte Arbeiter das fertige Product dem Händler, der auch der eigentliche anregende Unternehmer ift, überläfst; Glied reiht fich fomit an Glied und in der grofsen Kette ift auf Grund einer praktiſch gewordenen und nicht von der Theorie gefchaffenen Arbeitstheilung Jeder Arbeiter und Herr. Mag man daraus für manche andere Zweige unferes induftriellen Lebens die glückliche Anwendung machen. Die meiften ökonomifchen Geſetze verbreiten fich eben weniger durch die Theorie, als durch den Drang und Zwang des grofsen vollen Lebens. Wenn wir nach diefer Betrachtung, in der wir das Gebiet in feinem ficheren Charakter darzuftellen verfuchten, zur Betrachtung der Spielwaaren- Induftrie auf der Weltausftellung übergehen, fo müffen wir, um die Kürze und die Art der Darftellung des Folgenden zu erklären, auf den Bericht von Dr. Ferdinand Stamm: ,, Leben und Erziehung des Kindes bis zum fchulfähigen Alter"( der Pavillon des kleinen Kindes) Gruppe XXVI, Section I, verweifen. Dort ift das Spielzeug, wie es auf der Ausftellung von den verfchiedenen Nationen gezeigt wurde, des Weiteren befchrieben und find Gegenftände und Ausfteller zahlreich genannt. Nur die Induftrie, die Arbeit und Erzeugung der Kinder- Spielwaaren ift dort mit gutem Rechte fortgeblieben. In der Gruppe X aber erfcheint diefelbe und wir wollen uns in unferem Referate darauf befchränken, die drei grofsen fpielwaarenproducirenden Kreife zu kennzeichnen: Frankreich, und hier gilt fo recht der Satz: Paris ift Frankreich, Deutfchland mit der älteften Stadt des grofsen deut 24 Dr. Carl Th. Richter. fchen Gewerbes, Nürnberg und Umgebung, dann mit den Diftricten des Thüringer Waldes und des fächfifchen Erzgebirges, endlich Oefterreich, wo im Salzkammergute, im Grödener Thale von Tirol die aller Welt bekannten fogenannten Berchtesgadener Waaren erzeugt werden, und endlich den Kreis des böhmifchen Erzgebirges, wo eigentlich für die Entwicklung der Arbeit und die Charakteriſtik der billigen Erzeugung am meiften zu lernen ift. Dabei können wir eine Bemerkung nicht unterdrücken. Die Proteftantenverfolgung in Oefterreich hat aus Böhmen, Salzburg und Tirol in einer längftvergangenen, unglücklichen Zeit zahlreiche und treffliche Kinder- Spielwaaren- Arbeiter verdrängt, die dann bald in Nürnberg Nürnberger Tand", im Thüringer Walde und im fächfifchen Erzgebirge ihr Gefchäft fortfetzten. Heute noch ftehen die Arbeiter im böhmifchen Erzgebirge mit den Anrainern auf fächfifchem Grunde in inniger Verbindung und geht an die zahlreichen Namensvettern viel böhmifche Spielwaare, zumeift Drechslerwaare in unbemaltem Zuftande, für welche der Zwifchenverkehr zollfrei ift, hinüber nach Sachfen, während von dort wieder zur Completirung der Lager feinere Waare herübergefchickt wird. Es find eben ftammverwandte, heimatsvertraute Kreife, die fich in der Induftrie wiederfinden, nachdem fie fich, wenn auch knapp an der Grenze niedergelaffen, von ihrer alten Heimat getrennt haben. - Wie England feinen Charakter auch in den Spielwaaren, die es erzeugt, nicht verleugnet und zum grofsen Theil nicht Spielerei, fondern Spiele im ernſteften Sinne des Wortes producirt,-es hatte fich nur ein Ausfteller aus London eingefunden und derfelbe bezeichnet feine Ausstellung mit dem eben erwähnten ernſteren Worte, wie England dabei der Gewerbe und gewerblichen Vorrichtungen zumeift gedenkt, oder die Uebung der Sinne und der körperlichen Kräfte im Auge hat und fo den bei uns fehr mifsbrauchten Fröbel'fchen Erziehungsgrundfatz ,,, das Lernen zum Spiel zu machen", in der glücklichften Weife umgekehrt hat und das Spielen fchon zum Lernen macht, was es fein foll, fehen wir in Frankreich, das durch eine glänzende Ausftellung vertreten war, den Gedanken des Lernens im Spiel, der Erziehung in den Anfängen des Lebensalters nur felten berücksichtigt. Frankreich war durch die erften Parifer Firmen: Bontems B., Durinage F., Maifon Giroux, Jumeaux P. F., Maréchal& Buffart und Rémond J. A. vertreten. Alle brachten Toilette puppen, prachtvoll in der Ausftattung, fchön und präcife in der Arbeit, aber beſtimmt nur für Jene, die der Himmel mit reichen Glücksgütern gefegnet hat. Mag man in diefen Kreifen felbft dem Kinde fchon Pracht und Glanz, und da auch das Glänzendfte von Kindeshänden zerriffen wird, Verfchwendung einimpfen, die grofsen Kreife der Bevölkerung aller Herren Länder find vor folchen Spielwaaren gefchützt. Wir wollen dabei nicht verkennen, dafs die Köpfe der franzöfifchen Puppen Gefchmack und Schönheit der Form, Natürlichkeit und Lebendigkeit auszeichnet, felbft wenn fie nicht mit dem Mechanismus ausgerüftet find, nach welchem fie die Augen auf- und niederfchlagen oder durch einen Druck auf den Körper den Mund öffnen und Laute von fich geben. Hier kann die gefammte deutfche und öfterreichifche Spielwaaren- Induftrie nur lernen, denn wenn die Anforderungen berechtigt find, nach welchen heute fo früh als möglich dem kindlichen Geifte Formenfinn und Schönheit der Form eingeimpft werden foll, und fie find unzweifelhaft berechtigt, dann muss man auch trachten, das, was dem Kinde die erften Formbegriffe beibringt, das Spielzeug, insbefondere die Puppe, entſprechend formgerecht zu geftalten. Wie nach diefer Richtung hin in den Wachsköpfen oder jenen aus Pappe, find die Franzofen heute noch unübertroffen in der Erzeugung von Puppenkörpern und Köpfen aus Kautfchuk. Man kann nur wünfchen, dafs die Erzeugung von Spielwaaren aus diefem Stoff fich immer mehr verbreite und dem entfprechend fich billiger geftalte. Nichts treibt mehr den Thattrieb des Kindes in die Bahnen der Zerftörungsluft, als das Kinder- Spielwaaren. 25 leicht zerbrechliche Spielzeug. Lernt dabei das Kind feine Kraft und fein Bewufstfein üben, die wahrhaftig nicht zu früh entwickelt zu werden brauchen, fo lernt es eben auch zerttören und endlich vergeuden. Gleichbedeutend und dem Luxus der franzöfifchen Spielwaare entſprechend zeigte fich Frankreich wieder mit feinen fich bewegenden und fingenden Vögeln und feinen automatifchen Menfchen und Thiergeftalten. Die fingende Nachtigall, der tanzende und brummende Bär, das freffende Häschen, Dinge, die heute auch in Wien, Berlin und anderen Städten nachgemacht werden, das Trio der muficirenden Neger, die ihre Mufik mit Mienenfpiel begleiten, werden wohl jedem Befucher der Ausftellung aufgefallen fein. Den Namen des Spielzeugs mögen diefe Sachen verdienen. Den Charakter deffelben haben fie nicht. Und zum Glücke verficherte uns der Vertreter der Firma Bontems, dafs all' die Dinge mehr von Grofsen für Grofse, als für Kinder gekauft würden. Auch hat man es, was die Production anbelangt, der künftlichen Mechanik wegen hiebei in der That mit vereinzelten, freilich eigenthümlich gearteten Kunftwerken zu thun und nicht mit einem gewerb lichen Product oder gar dem Product einer Maffeninduftrie. Wahren Spielcharakter und im beften Sinne des Wortes hatten in der franzöfifchen Abtheilung nur die kleinen Puppenkäften, Wäfchcommoden und dergl. Wir können nicht leugnen. dafs wir allenthalben gerade diefen Gegenftänden mit befonderer Vorliebe gefolgt find. Nichts kann, fo fcheint es uns wenigftens, für die Heranbildung des Mädchenfinnes, den Sauberkeit, Ordnungsliebe und Reinlichkeit als erfte gute Eigenfchaften fchmücken, fo fehr beitragen, als das frühe Gewöhnen an den eigenen Schrank. die beftimmte Schublade für Küchenwäfche oder Kleidungsftücke u. f. w. Man fordert heute fehr viel vom weiblichen Gefchlechte, ja faft fo viel wie vom Manne. Aber die Erziehung des weiblichen Wefens liegt noch allenthalben fehr im Argen. Wenige Menfchen wiffen, dafs für das Mädchen mehr als für den Knaben das Spielzeug die erfte Erziehung bedeutet, weil man es eben durch das Spiel erziehen kann und weil das Mädchen auch viel länger fpielt, als der Knabe und in der That auch länger fpielen kann und foll, wenn es dabei lernt. Dafs wir von all' dem bei den mit Recht viel bewunderten und auf allen Gebieten der Arbeit fo tüchtigen Japanefen und Chinefen Nichts bemerkten, hat uns überrascht und das Wenige, was wir fahen, wie gierig auch die Raritätenfammler darauf ftürzten, wahrhaftig nicht erfreut. Zumeift das, was man Puppen nennt, die Figuren, nationalen Geftalten u. f. w., machten uns wenigftens einen fehr widrigen Eindruck, und fcheinen wenig geeignet zu fein, den Drang nach fchöner Form und Farbenharmonie zu unterftützen. Wir nehmen dabei nur die einzelnen Thiergeftalten aus, die nach ihrem Material ausgezeichnet, wir erinnern an die aus feiner Seide erzeugten Kätzchen u. f. w., auch in ihrer Pofition fehr luftig und wirkfam, in ihren Formen aber wie die chinefifche und japanefifche Zeichenkunft beengt und befchränkt erfchienen. Endlich können wir nicht leugnen dafs die Ueppigkeit mancher Scenerie, zumeift der chinefifchen Puppen, uns, wenn nicht bedenklich machten, fo doch wenigftens erftaunten. Doch fcheinen, wenigftens nach den Preifen, die man den europäifchen Käufern in Wien machte, die in China und Japan erzeugten Spielfachen nicht für die grofse Bevölkerung der Länder beftimmt zu fein. Für die arbeitet Deutfchland und Oefterreich und hat vor den englifchen Kanonen und vor dem Zwang zu Handelsverträgen der deutfche ,, Wurftel", die deutfche ,, Landfchaft", das deutfche, Küchengeräthe" die Häfen diefer Länder bereits erfchloffen. Und dennoch fpringt uns eine Wahrnehmung fehr deutlich in die Augen. Nirgends bei den Japanefen und Chinefen, nicht in ihren Kinderzimmern und nicht in ihren Ausftellungen, ebenfowenig unter den hundert Püppchen und Mannequins, nicht Pup pen, aber unzweifelhaft Vorbilder für Puppen, welche Indien ausgeftellt hatte, fand man das bei uns in Deutfchland und überhaupt auf dem Continente fo beliebte Soldatenfpiel und den Soldaten. Man hat fo oft mit - 26 Dr. Carl Th. Richter. Bedauern hervorgehoben, dafs man in Deutſchland, zumeift unter dem Nürnberger Tand, ebenfo in den Zehn- Kreuzer- Schachteln des böhmifchen Erzgebirges, dem Soldatenfpiel einen mehr als bedenklichen Raum gönne. Sollte es wirklich die Luft am Soldaten fein, welche den Kindern des gefammten civilifirten Continentes innewohnt und die der Spielwaaren- Fabrikant gefchäftsmäfsig auszunützen hat? Dann müfste dem japanefifchen und chinefifchen Kinde ebenfo, wie dem türkifchen Knaben, denn Kinder find ja überall gleich, diefelbe Luft innewohnen; und der japanefifche und chinefifche Spielwaaren Erzeuger müfste ebenfo munter Soldaten in Zinn und Blei giefsen oder aus Holz fchnitzen, wie der Nürnberger Fabrikant oder der Spielwaaren Händler aus dem Erzgebirge. Wir haben von jeher diefe Anficht für falfch gehalten, und immer bedauert, dafs man damit dem Culturberuf unferer Zeit und dem von der Philofophie gelehrten ewigen Frieden, eine fo fchlechte Ausficht in die Zukunft gibt. Wir haben aber auch niemals geglaubt, dafs es das Soldatenthum ift, welches unfere Kinder feit einem halben Jahrhunderte reizt, und wie die Dinge liegen, auch weiter reizen wird. Es ift die Armuth an Coftümen, der Mangel der Farbe, jedes Entfchwinden von Phantafie, welches das Kleid der europäiſchen Culturvölker kennzeichnet. Wir find einander Alle gleich, oder glauben es wenigftens, und gehen daher Alle im gleichen Kleid. Die Gleichheit des Kleides kann aber nur durch Einförmigkeit und Einfachheit für die Dauer erhalten werden. Der fchwarze Frack, der fchwarze Gehrock, der Cylinder haben die Wiedergeburt der Nation und ihrer Hantirung aus den Kinder- Spielfchachteln und aus der Spielwaaren- Erzeugung verdrängt und der regen und lebhaften Phantafie des Kindes den vielfarbigen, prächtig gefchmückten, coftümirten Soldaten gegeben. Auf den Bilderbogen erfcheint er, den Zwifchenraum der Zeit verdrängend, neben dem Roccoco- Coftüme und dem faltenreichen farbigen Coftüme der Apoftel. Tauchen wir felbft, wie wir gehen und ftehen, darin auf, fo erfcheinen wir auf den Bilderbogen wie in den Schaufenftern der Spielwaaren- Händler als Carricaturen, die man beliebig mit bunten Farben bedecken kann. Doch kehren wir zur Befchreibung der Ausftellung zurück und betrachten wir die deutfche Spiel waaren- Induftrie und jene von Oefterreich. Die deutfche Spielwaaren- In duftrie hat fich in drei Hauptgebieten zum Grofsbetrieb und für den Export entwickelt. Zu Nürnberg und Umgebung, von wo aus die deutfchen Spielwaaren durch Zwifchenhändler nach den entfernten Punkten des Weltmarktes geführt werden, dann in Thüringen, wo den Hauptfitz das kleine meiningen'fche Städtchen Sonneberg mit zahlreichen Dörfern in der Umgebung bildet, und Weiber und Kinder nun fchon feit mehr als hundert Jahren fchnitzen, hämmern und malen, und endlich in dem fächfifchen Erzgebirge. Uebrigens hat man auch in anderen Städten, zumeift wenn die hohe Kunft, Pracht und der Bedarf des Augenblickes in der Spielwaaren- Erzeugung hervortreten, die Spielwaaren Induftrie eingeführt. In kleiner Waare hat in den letzten Jahren auch Württemberg die Fabrication eingeführt, und einen ganz achtbaren Export bereits erzielt. Alle diefe Richtungen waren theils in der Gruppe VIII, theils mit den aufserordentlich fchönen Lehrfpielen architektonifcher, gefchichtlicher, geographifcher und phyfikalifcher Natur, wie fie Nürnberg und Fürth in vortrefflicher Weife erzeugt, in der Gruppe XXVI, Nummer I vertreten. Es find allenthalben Gefchäfte, die in den Anfang des Jahrhundertes zurückreichen und, in fortfchreitender Entwicklung das Neue erfaffend und Neues gebärend, die KinderfpielwaarenInduftrie der ganzen Welt beftimmen. Wir erinnern an Elias Greiner in Laufcha, gegründet 1820, an G. Söhlke in Berlin, gegründet 1819, an Samuel Kraus aus Rodach bei Coburg, gegründet 1820 u. f. w. Der Gefchäftsumfatz der einzelnen Firmen iſt oft 30- bis 50.000 Gulden oder 20- bis 40.000 Thaler. Der Gefammtumfatz des Meininger Oberlandes beträgt 4 bis 5 Millionen Thaler und 1871 gingen auf der Werrabahn 453.000 Centner Spielwaaren als Gut hin und her. 59 Percent davon Kinder- Spielwaaren. 27 waren fertige Waaren, und gingen nach den verfchiedenen Märkten, 41 Percent oder 187.000 Centner entfielen auf die Einfuhr von Hölzern, Rohftoffen und Hilfsmaterialien aller Art. Kennzeichnet diefs nach einer Richtung die Maffe, fo genüge es, um die Vielfeitigkeit der Induftrie begreiflich zu machen, dafs Sonneberger Firmen ihren Reifenden Mufterbücher bis 16.000 verfchiedene Nummern enthaltend mitgeben für ihre Reife durch die ganze civilifirte und uncivilifirte Welt. Reiche und arme Provinzen und Länder kaufen natürlich verfchiedene Waarenqualitäten, und fo ift die Erkenntnifs des Bedarfes ein gleichbedeutender Zweig im Gefchäfte, wie die Production felbft. Amerika, Java, Auftralien find die beften überfeeifchen Abnehmer, und kaufen, wie grofs der Export, nur theure Waare. In Europa ift England die befte Abfatzquelle der deutfchen Spielwaare. Rufsland bezieht überwiegend einen grofsen Theil feiner Luxus- Spielwaare aus Frankreich. Nürnberg und Fürth liefert heute eine unglaubliche Menge der verfchiedenartigften Waaren. In überwiegender Weife aber werden die kleinen Geräthfchaften und Gegenftände angefertigt, welche durchfchnittlich höher im Preife ftehen, als die gewöhnlichen Spielfachen. In Nürnberg werden die Eifenbahnzüge, Locomotiven, Waggons u. f. w., in 80 Klempner- Werkftätten die weltberühmten Blech Spielwaaren in grofsen Maffen producirt. Dann ftammen die Spiel fachen höherer Art wie Zauberlaternen, Schwimmvögel, Fifche mit magnetifchen Fangnadeln gleichfalls aus Nürnberg und Fürth. Die Zinngiefserei ift feit der aufserordentlichen Ausbildung der Thonwaaren- Fabrication allenthalben und auch in Nürnberg bedeutend zurückgedrängt worden. Die heute noch beftehenden zwanzig Zinngiefsereien in Nürnberg erzeugen jene Soldaten, die man auf der Ausftellung in ganzen Schlachten ausgeftellt fah; dann Uhren, Kinderfchmuck und Möbel, und verarbeiten dabei übrigens noch immer eine folche Maffe von Metall, dafs die gröfseren Etabliffements im Jahr durchfchnittlich 150 Centner Metall verbrauchen. Was übrigens Nürnberg und Fürth ausgezeichnet, das ift die Solidität der Waare, Schönheit und Richtigkeit der Zeichnung. Auch concurrirt Nürnberg in diefer Richtung ganz kräftig mit Berlin, Kaffel und München. Fürth fteht übrigens in einem gewiffen Abhängigkeitsverhältniffe zu Nürnberg, indem es meift für Nürnberger Häufer arbeitet. Die Spielwaaren- Region des Thüringer Waldes und des fächfifchen Erzgebirges ift jüngeren Alters als jene von Nürnberg, aber in den letzten JahrzehnHier werden ten zu gleicher handelspolitifcher Bedeutung emporgewachfen. gleichfalls auf einer glücklichen Arbeitstheilung ruhend, wobei eine Hand für die andere arbeitet, die unglaublich billigen menfchlichen Figuren und Thiergeftalten aus Holz mit Bäumen, Häufern, Ställen u. f. w. gefchnitzt, und in Schachteln ver packt. Hier werden die bekannten Gewürzfchränkchen, Salz und Mehlfäfschen, Schachteln jeder Gröfse, Klappern, Schnurren, Nufsknacker; im meiningen'fchen Städtchen Sonneberg dann auch noch Schiefertafeln, Griffel, Wetzfteine erzeugt, und bieten den thätigen Kaufleuten diefer Gegend, welche in den Nord- und Oftfeehäfen, in England und Frankreich, in den fkandinavifchen und amerikanifchen Ländern ihre Gefchäfte und Zweigniederlaffungen haben, die ftets begehrte und immer abfatzfähige Waare. Von Sonneberg ging auch die plaftifche Bildnerei, die Arbeit aus Papiermaché und Steinpappe aus, und arbeitet man heute neben den alten Zweigen des Gefchäftes hier wie im fächfifchen Erzgebirge in Leder, Kautfchuck, Porzellan, Glas u. f. w. Die öfterreichifche Spielwaaren- Fabrication, deren allgemeinen Charakter wir fchon früher gekennzeichnet haben, war gleichfalls auf der Ausftellung ganz bedeutend vertreten. Die Wiener Spielwaaren- Händler zogen vor Allem die Aufmerkfamkeit auf fich. Ferdinand Stamm hat in feinem Berichte bereits der hervor. ragendften Firmen gedacht. Wir erwähnen hier nur, dafs Wien keineswegs für Oefterreich wie z. B. Paris mit feiner Spielwaaren Erzeugung für Frankreich die gleiche Bedeutung hat. Der Werth der Parifer Spielwaaren beträgt im Durch 28 Dr. Carl Th. Richter. " fchnitte per Jahr 10 Millionen Francs, der von Wien mag kaum 200.000 Gulden betragen. Wien erzeugt überhaupt nur hochfeine Waare, wie der Generalftab des Kaifers von Oefterreich", die feine Kindercalefche", die Carl Kietaibl in Wien ausgeftellt hatte. Feine Puppen, dann die verfchiedenen Spielwaaren, die zu gleicher Zeit Unterrichtsmittel find, alfo Lefe-, Schreib-, Zeichnen- und Rechenfpiele werden hier erzeugt, und ift damit Wien ganz bedeutend anregend feit beiläufig 20 Jahren den eigentlichen Kinderspielwaaren- Diftricten vorausgegangen. Diefe Diftricte find, wie wir fchon früher angedeutet haben, das Salzkammergut und befonders das Grödener Thal in Tirol. Man zählt hier mehr als 300 felbftftändig befteuerte Erzeuger von Kinderfpiel-, fogenannte Berchtesgadener Waare. Das unftreitig wichtigfte Gebiet aber ift die Region des böhmifchen Erzgebirges. Die Kinderfpielwaaren- Erzeugung entftand hier wie wohl allenthalben aus der Drechslerei und foll in der Mitte des vorigen Jahrhundertes der verabfchiedete Cavallerie- Stabstrompeter Samuel Hiemann das erfte bedeutende Handlungshaus für Spielwaaren gegründet haben. Heute dehnt fich um die beiden Mittelpunkte, Oberleutensdorf und Katharinaberg, in weiten Kreifen die Spiel waareninduftrie aus, und befchäftigt als Dreher, Schnitzer, Papiermaché und Blecharbeiter und als Maler neben dem Hilfsgewerbe der Schachtelmacher und „ Aftelhacker", fchon an 3000 Perfonen. Das Charakteriftifche der böhmifchen Spielwaaren- Erzeugung liegt darin, dafs dem Drechsler die wichtigfte Arbeit zugewiefen ift. Hier fteht der ungemeinen Handwerk- Fertigkeit fchon die Mafchine zur Seite, die durch Wafferkraft getriebene Drehbank. In der Regel find die Drehtellen an Mühlwerken angebracht, und werden von deren Eigenthümern gegen einen Tageszins von zwei bis drei Kreuzern vermiethet. Durchfchnittlich treibt ein Wafferwerk zehn folcher Drehftellen, und find dabei nicht nur Männer, fondern auch Mädchen, die das Dreheifen gleich gewandt handhaben, befchäftigt. Hier nun werden neben den durch den Drechsler fertig gemachten Arbeiten, wie: Pfeifen oder Cigarrenfpitzen, Büchfen und Knöpfe, die fogenannten„ Reife" gedreht, welchen die böhmifche Spielwaaren- Induftrie ihre unglaubliche Rafchheit der Erzeugung und ihre unübertroffene Billigkeit verdankt. Es ift das Ei des Columbus. Man dreht 4 bis 5 Zoll ftarke hölzerne Scheiben von 12 bis 14 Zoll Durchmeffer nach gewiffen Modellen und fpaltet dann die Scheibe nach ihrer Peripherie. So viel Figuren in rohen Conturen gibt eine Scheibe als fie Stücke gibt. Wir fahen oft aus einer folchen Scheibe 50 Reiter, aus einer anderen ebenfo viel Pferde, Hunde, Hirfche und Ochfen fpalten. Ein Dreher bringt 15 Reifen im Tage zu Stande, was bei dem geringen Wochenlohne von drei bis vier, höchftens fünf Gulden die erftaunliche Billigkeit der böhmifchen Spielwaare erklärt. Von den Stücken, die felbftftändig auf die Drehbank kommen, wie z. B. die Bäumchen, wird als Tagewerk die Erzeugung von 700 Stück angenommen. Sechzig Stück, für deren Holz der Arbeiter fechs Pfennige zahlt, werden mit zwei Neugrofchen entlohnt. Dem Drechsler kommt nur der Boffirer an Wichtigkeit und Höhe des Erwerbes gleich. Diefer grofsartigen Ausbildung, verbunden mit der fchon erwähnten aufser ordentlichen Arbeitstheilung, fehlt nur noch ein, wir möchten fagen, focialer Behelf. Farben, Firnifs, Leim u. f. w., die die Spielwaaren- Induftrie in grofsen Mengen verbraucht, werden noch immer im Kleinen vom Detailhändler und fomit theuer bezogen. Eine Vereinigung zur Anfchaffung von Materialien im Grofsen und zu en- grofs- Preifen, ein Confum oder Rohftoff- Verein ift nicht gekannt, und ift trotz mancherlei Anregungen nicht begreiflich zu machen. Die Concurrenz und die Noth der Leute wird es vielleicht erzwingen. Sind nun die taufend verfchiedenen Sachen durch taufend verfchiedene Hände fertig gemacht, dann kommen die Leute zu den Liefertagen vom Gebirge herab, und bringen dem Händler, der eigentlich der die Arbeit beftimmende Unternehmer ift, ihre Waare. Der bringt Soldaten, der Andere Waffen, der Eine Bäume, der Andere Häufer und Hausgeräthe, Alles in Dutzenden oder in Schock zufammen Kinder- Spielwa aren. 29 gebunden. Eine Welt im Kleinen entwickelt fich dem finnigen Befchauer. Dann beginnt das Sortiren und Verpacken, eine kaum zu überfehende Befchäftigung, bei der zumeift Mädchen jahraus jahrein vollauf befchäftigt werden. Bedenkt man, dafs hier zumeift Spielwaaren erzeugt werden, von denen das Dutzend adjuftirter Schachteln einen bis acht Gulden koftet, fo ift der Werth der böhmifchen Spielwaaren- Erzeugung, der auf 300.000 Gulden gefchätzt wird, der Repräfentant einer ungeheuren Arbeit. England und Frankreich beziehen vom Erzgebirge nur die billigfte Waare, wo das Dutzend Schachteln im en grofs- Verkaufe 20 bis 60 Kreuzer koftet; Rufsland und die Donauländer find die Confumenten der feinen Waare. Amerika und Oefterreich felbft confumiren alle Sorten. Eine Welt kann der einfame Gebirgsbewohner fomit bei feiner Arbeit träumen. Er kann hinausziehen in aller Herren Länder und die Meere durchfchiffen, und in feiner engen armfeligen Stube die Luft nachträumen, die er den weifsen und fchwarzen Kindern der Erde, immer arbeitend und im Schweifse feines Angefichtes erzeugt für 20 bis 30 Kreuzer Taglohn! OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. PAPIER INDUSTRIE. ( Gruppe XI.) BERICHT VON EMIL TWERDY, Ingenieur und Papierfabrikant in Bielitz.. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. PAPIER UND PAPIERZEUG ( Gruppe XI, Section 1.) Bericht von EMIL TWERDY, Ingenieur und Papierfabrikant in Bielitz. Wenn die Weltausftellungen, durch Schauftellung der beften Leiſtungen menfchlichen Geiftes und Fleiſses die Macht und den Fortfchritt der Cultur zu unmittelbarer Anfchauung zu bringen, in vollendetfter Weife erreichen, eine Fülle von Anregungen und ein riefiges Belehrungsmaterial bieten; fo bafirt die fegensvolle Wirkung des letzteren doch hauptfächlich nur auf perfönlicher Wahrnehmung, ohne jene Univerfalität und den dauernden Werth zu erreichen, den fie durch die Zuhilfenahme eines Mediums gewinnt, das inmitten einer glanzvollen Umgebung nur ein anfpruchlofes Ausftellungsobject bildet. Wir meinen das Papier, das dem Wort und der Erkenntnifs, dem Geift und Gedanken zur weiteren Vermittlung an Andere, als guter Behelf dient. „ Träger Das Papier in feiner mannigfachen Form ift in Wahrheit ein der Cultur" und nimmt unter den Artikeln unferes Bildungsbedarfes einen eminenten Rang ein. Es ift das Mittel, um den flüchtigen Gedanken zu feffeln, die Thätigkeit des Geiftes dauernd abzufpiegeln, diefelbe Anderen zugänglich zu machen; ſpielt daher eine der wichtigften Vermittlerrollen im Ideenkreife der Menfchheit, deffen mannigfachfte Blüthen als Producte des Culturfortfchrittes das Wohl derfelben zu fördern berufen find. Neben der Wichtigkeit, welche das Papier in feiner Form als BriefSchreib-, Druck, Zeichenpapier etc. befitzt, und geiftigen Zwecken dient, kann auch die Induftrie desfelben nicht entrathen und abforbirt riefige Mengen in den verfchiedenften Arten von Pack-, Tapeten-, Seiden-, Blumen-, Bunt-, Photographiepapier etc. Die ftetige und erfreuliche Entwicklung des Lehr- und Erziehungswefens, die Ausbreitung des Handels, die Zunahme induftrieller Thätigkeit, der allgemeine Bildungsdrang und die Erhöhung der Volkswohlfahrt haben den Bedarf an Papier jeder Gattung fehr erheblich gefteigert und den mächtigen Auffchwung veranlafst, den die Papierinduftrie innerhalb der letzten fechs Jahre genommen. Ehe wir jedoch zur Befprechung der diefsbezüglichen Ausftellungsobjecte fchreiten, ift es nothwendig, die allgemeinen Verhältniffe der Papierinduftrie, die 2 Emil Twerdy. heutigen Forderungen des Papiermarktes, und die Fortfchritte in den Betriebsmitteln zu kennzeichnen, um die gebotenen Leiftungen gebührend zu würdigen. Das Rohmaterial. Hadern. Das wichtigfte und werthvollfte Rohmaterial der Papierinduftrie bildet heute, nach wie vor, die Baumwoll- und Leinenfafer in der Form von Hadern, ein Artikel, welcher fchon lange nicht mehr in hinreichender Quantität befchafft werden kann, und von welchem fich kaum behaupten läfst, dafs feine Qualität im Laufe der letzten Zeit irgend welche Verbefferung aufzuweifen hätte. Entgegen der Mehrzahl anderer Induftrie- Rohmaterialien, welche durch entfprechend forgfältige Behandlung, Pflege, Züchtung, dem Fabrikanten eine wefentliche Erleichterung in der Weiterverarbeitung bieten, entzieht fich das Hadernmaterial hartnäckig dem zweckfördernden Einfluffe des Confumenten, da es faft ausfchliefslich, als zu keinem weiteren Zwecke verwendbarer Abfall" feiner letzten, aber dennoch fo wichtigen Beftimmung zugeführt wird. Die Natur der Haderngewinnung, das„ Lumpenfammeln" bringt es mit fich, dafs die Hadern in wirrem Gemifch in die Hände des Händlers gelangen, von denen noch keineswegs alle fo forgfältig in der Sortirung und Claffificirung ihrer Waare vorgehen, dafs der Papierfabrikant nicht noch weitere grofse Mühe aufzuwenden hätte, um der Wirkung des angekauften Materiales annähernd ficher zu fein. Die moleculare Verfchiedenheit der, felbft als„ fortirt", gehandelten Rohwaare ift demnach eine fo bedeutende, dafs Fabrikanten halbwegs befferer Papiere gezwungen find, zum mindeſten eine Nachfortirung" vorzunehmen, und haben faft alle commerciell gut geleiteten Etabliffements die Gepflogenheit, den Werth der gekauften Rohwaare auf Grund gewiffer, der Qualität der einzelnen Sorten entſprechender Einheitspreife zu fixiren, wodurch es allein möglich ift, fich vor Täuſchung und eventuellem Schaden zu bewahren und der Calculation eine legalere, weil ftabile Bafis zu bieten. " Die aus der Natur der verfchiedenen Geſpinnftfafern fich ergebende Ungleichheit, die gröfsere oder geringere Reinheit und Weichheit, die Variationen in der Färbung etc. erfchweren die Homogenität felbft einer beſtimmten Sorte in fo erheblichem Mafse, dafs der Fabrikant auch bei grofser Aufmerkſamkeit der weiteren Behandlung nur fchwer auf vollkommene Gleichartigkeit der Stoffe rechnen kann. Diefer letztere Umftand fpielt bei den gefteigerten und oft ganz gerechtfertigten Anfprüchen der Papierconfumenten eine fo wichtige Rolle, dafs es oftmals trotz anfcheinend ganz gleichartigen Stoffes der complicirteften Combinationen in der Weiterbearbeitung bedarf, um Ausfehen und Qualität conftant zu erhalten. Diefe von den im Allgemeinen noch immer ziemlich primitiven Verhältniffen des Hadernhandels und der Natur des Materiales unzertrennbaren Mifsftände, potenziren fich durch den ferneren Umftand, dafs fich in unvermeidlicher Weife Lager von zur Fabrication einer beftimmten Specialität nicht taugliches Materials bilden, die nicht fowohl oft werthvolle Räume in Anspruch nehmen, und die Gefahr der Verunreinigung befferer Stoffe mit fich führen, als auch dem Fabrikanten durch den darin unnöthiger Weife angelegten Capitalaufwand direct fchaden. Fabriken, welche nicht mehr als eine Papiermafchine befitzen, werden dadurch von dem mehr und mehr als ausfchliefslich richtig anerkannten, wirthfchaftlichen Grundfatze ,, der Cultivirung einer Specialität" periodenweife abgedrängt, oder gezwungen, einen in feltenen Fällen vortheilhaften Zwifchenhandel ihres Abfallmateriales zu treiben. Ein fernerer Uebelftand des Hadernhandels befteht darin, dafs der Zufam. menflufs des Materiales hauptfächlich gerade in einer, dem Zwecke ungünftigen Zeit, nämlich im Winter erfolgt, wo viele Hände erft nach gefchehener lohnenderen Papierinduftrie. 3 80 Feldarbeit für das weniger lucrative Hadernfammeln disponibel werden, das Material feucht und defshalb doppelt unrein zum Weiterverkauf gelangt, die Ungleichförmigkeit des Ausgebotes einerfeits, und die des Materiales an fich anderfeits, zwingt den Fabrikanten, fein Betriebs capital in Anfchaffung grofser Lager zu exponiren, wie nicht minder die Fabriksanlage felbft dadurch um vieles voluminöfer wird, dafs grofse Lager- und Sortirräume, fowie Säuberungsapparate zur urwüchfigften Präparation des Rohftoffes bereit gehalten fein müffen. Die eben angeführten Uebelftände, als: Ungleichförmigkeit des Bezuges, der Preife und der Stoffe felbft, die daraus folgende Labilität einer Calculationsbafis, die fchwierige Verwerthung der Abfallftoffe, die erfchwerte Manipulation in der Mifchung zur Einhaltung gleicher Qualitäten, die Nothwendigkeit grösseren Capitalaufwandes durch Anfchaftung grofser Lager und entſprechender Räume, verbunden mit der Schwierigkeit, dem gefteigerten Verbrauche gemäfs, die nöthigen Quantitäten der Hadern zu befchaffen, haben es fchon lange als ein dringendes Bedürfnifs fühlen laffen, einen für die Papierfabrication gleichwerthigen Faferftoff aufzufinden, der fich wo möglich nicht theurer ftellt, und welchem die erwähnten Mängel in geringerem Grade anhaften. Es werden feit Jahren allfeitig grofse Anftrengungen zur Auffindung eines folchen„ Normal- Rohftoffes der Zukunft" gemacht, und find auf diefem Gebiete feit der lezten Weltausftellung fehr beachtenswerthe Refultate zu Tage gefördert worden, ohne dafs das grofse Problem vollständig gelöft worden wäre. Zu den wichtigften Hadernfurrogaten gehören: der gefchliffene Holzftoff, das Stroh und in neuefter Zeit die Cellulofe( auf chemifchem Wege erzeugter Holzftoff). Auf der Ausftellung waren aufserdem vertreten: Kartoffelftängel, Brennneffel, MaulbeerbaumRinde und Hanf, welche jedoch nur untergeordnete Bedeutung haben. Animalifche Surrogate werden gar nicht, mineralifche Stoffe nur als Füllmittel zur Vermehrung von Maffe und Gewicht des Papieres verwendet. Der gefchliffene Holz ft o ff. Die Erzeugung und Anwendung des gefchliffenen Holzftoffes hat feit dem Jahre 1867 einen grofsartigen Auffchwung genommen, die Holzftoff- Fabrication ift zu einem felbftändigen, blühenden Induſtriezweige geworden, der zwar im Principe keine wefentliche Aenderung, dagegen in den Details der Apparate manche werthvolle Vervollkommnung erfahren hat. Seit G. Keller den genialen Gedanken gefafst, und Heinrich Völter in Heidenheim demfelben durch zweckmäfsige Form der Apparate praktiſche Verwerthung gegeben, find Hunderte von Holzftoff- Fabriken errichtet worden, da fich die Verwendbarkeit des Stoffes immer deutlicher erwies und der Bedarf von Jahr zu Jahr wuchs. So würde beispielsweife Deutfchland fieben Millionen Centner Hadern zur Erzeugung feines Papierquantums nöthig haben, während es nur zwei Millionen Centner producirt. Der Abgang wird zum geringen Theile durch die Haderneinfuhr und hauptfächlich durch Surrogate, worunter Holzftoff die bedeutendfte Rolle fpielt, gedeckt. Der aufserordentliche Verbrauch an Holzftoff, welcher durch die bis 60 bis 70 Percent gehende Beimifchung zu den Hadernftoffen erklärt wird, weckte die Unternehmungsluft zahlreicher Intereffenten, welche in der Ausführung und Verbefferung der Schleifvorrichtungen dankbare Objecte ihrer Bemühungen fanden. Allen voran fteht jedoch Heinrich Völter in Heidenheim, der mit bewundernswerther Energie und Ausdauer den einmal gefafsten Gedanken verfolgte und ausbildete, und ihm gebührt das Verdienft, diefe Induftrie zu ihrer heutigen Vollkommenheit und Bedeutung gebracht zu haben. Die wünſchenswerthen Refultate: möglichft grofses Schleifquantum bei geringftem Kraft confum, fowie grofse Feinheit und Gleichartigkeit der nicht alizu kurzen Fafer, bilden das Ziel aller Vervollkommnung. Je feiner und gleichartiger die Fafer, defto fchwieriger ift fie im Papiere erkennbar, und defto mehr convenirt fie dem Papierfabrikanten. Die gebräuch. 4 Emil Twerdy. lichften Holzarten find: Fichte, Tanne und Aspe. Das Aspenholz gibt ein fehr fchön weifses, jedoch zu weiches Product, und erhält das Papier bei Mifchungsverhältniffen, wo Fichtenholz noch fehr glattes, klangiges Papier liefert, bei Anwendung von Aspe einen lockeren, fchwammigen„ Griff" und rauhes Ausfehen. Hin gegen kann man mit gleichem Kraftaufwand und gleichen Apparaten um 36 bis 40 Percent mehr Aspenftoff fchleifen als Fichte oder Tanne. Ein fehr beliebter Ausweg, der fowohl dem Schleifer als dem Papierfabrikanten dient, ift das Mifchen von Aspen- mit Fichtenholz, und zwar derart, dafs nach je 3 oder 4 oder 5 Fichtenholz- Klötzen, I Aspenholz- Klotz in die Bremskammern des Defibreurs eingelegt und die Mifchung fomit fehr intenfiv erhalten wird. Die wefentlichfte Bedingung zur Erzielung einer feinen und gleichmässigen Fafer ift bei guter Conftruction und Ausführung, fowie möglichfter Stabilität des Schleifapparates, ein guter, feinkörniger Schleifftein und fein oftmaliges Schärfen. Bei den meiften bisher ausgeführten Schleifapparaten mit horizontaler Achfe find mechanifche Steinfchärf- Vorrichtungen noch nicht in Anwendung gekommen, dagegen zeigt der von der Firma Th.& Fr. Bell ausgeftellte Apparat mit um eine fenkrechte Achfe rotirendem Stein die Anwendung einer folchen, und es fteht wohl zu erwarten, dafs der Schärfapparat in entſprechender Modification auch bei dem erftgenannten Syftem zur Anwendung gelangt. Um den Stoff rafch und ficher vom Stein abzufpülen, der dadurch wefentlich angriffsfähig erhalten wird, ift eine reichliche Menge unter Druck eingefpritzten Waffers nöthig, und werden zu diefem Zwecke bei guten Apparaten hinter jeder Bremskammer Spritzrohre eingefetzt. Leider trifft man noch vielfach mifslungene Imitationen Völter'fcher Apparate, welche fich mit einem einzigen Einfpritzhahn begnügen, und deren verfehlte Conftruction es aufserdem bedingt, dafs der Oberbau, diefer wichtigfte und complicirtefte Theil der Mafchine, bei jedesmaligem Wechfel des Steines demontirt werden mufs, ein Umftand, der bei der fchwierigen und oft nicht immer genauen Wiedermontirung leicht von nachtheiligen Folgen für den Betrieb begleitet fein kann, und als ein entfchieden grober Fehler bezeichnet werden mufs. Eine fernere Vervollkommnung der Defibreurs befteht in der Anbringung einer Stellvorrichtung, wodurch die, die Bremskammer bildenden Platten einen fehr genauen Anfchlufs an die Peripherie des Schleiffteines erhalten, und das Splittern des Schleifklotzes, mithin Stoffverluft vermieden wird. Das Anpreffen der Bremsplatten an den Schleifklotz erfolgt bei den neuen, guten Maſchinen nur mehr durch Wirkung von Hebeln, Rollen und Gewichten. Einen nicht minder wichtigen Einfluss auf die Qualität des Stoffes, als der Defibreur, nimmt die Conftruction und Behandlung der Raffinir- und Sortirapparate. Zur Ausfcheidung der groben Splitter werden Cylinder oder Schüttelfiebe angewendet, jedoch verdienen die letzteren, welche wie Knotenfänger fungiren, entfchieden den Vorzug vor den Cylindern, weil ihre Anfchaffung nicht nur billiger, fondern auch die Reinhaltung leichter möglich ift. Die eigentliche Scheidung des Stoffes in fertiges und in der Raffinirung zu unterziehendes Product erfolgt noch immer am beften durch ein Syftem von Cylindern, die mit verfchieden mafchigem Meffingdraht- Gewebe überfponnen find. Der Prima- Holzftoff, das heifst, derjenige, deffen Vorkommen im Papiere mit freiem Auge nicht erfichtlich ist, hat einen ungleich höheren Werth als die Secundawaare. Erftere kann mittelfeinen Druck-, Schreib-, Tapeten-, feinen Packpapieren fowie Affichen bis 60 Percent, fogar Cigarrettenpapieren bis 20 Percent zugetheilt werden, ohne dafs die Papiere an Güte verlieren. Secunda Holzftoff hingegen macht felbft durch geringe Beimifchung die Papiere auffallend rauh und brüchig, und findet defshalb nur zu ordinären Papieren Verwendung. Jeder Fabrikant kennt die enormen Calamitäten, welche ihm daraus erwachfen, wenn fchlecht fortirter Holzftoff zu feineren Papiergattungen verwendet wird, und der fertige Bogen ftatt des gehofften glatten, ein bürftenähnliches Ausfehen zeigt. Die Neue Papierinduftrie. 5 rungsfucht Reclame bedürftiger„ Erfinder" hat unter dem Vorwande erheblicher Krafterfparnifs die Weglaffung des Raffineurs vorgefchlagen, wovon jedoch im Intereffe des Holzfchleifers felbft nicht dringend genug abzurathen ift. Eine verlässliche Abdichtung der Ausgufs- Mundftücke der Sortircylinder ift zum Zwecke einer genauen Sortirung von nicht zu unterfchätzender Wichtigkeit. Am vollkommenften wird diefelbe dadurch erreicht, dafs ein mit Unfchlitt getränkter Hanfzopf an die gedrehte Abgufsflanfche durch in drehbare Meffinglafchen eingefetzte Stellfchrauben angeprefst wird, wodurch nicht nur ein vollkommen waffer- und ftoffdichter Ausfchlufs erreicht, fondern auch fehr geringe Reibung erzeugt wird, was fich von keinem anderen Dichtungsfyftem als: angefpannte Kautfchukgurten, Filze, Leder etc. behaupten läfst. Das Productionsverhältnifs der zwei Stoffqualitäten beträgt bei mangelhafter Anlage und Wartung der Apparate fogar 3: 1, fo dafs die Secundawaare 25 bis 20 Percent der Gefammterzeugung ausmacht. Dagegen läfst fich durch eine gute Anlage und zweck dienliche Manipulation, fowie durch wiederholtes Raffiniren diefes ungünftige Verhältnifs wefentlich günftiger geftalten, fo dafs nur 5 bis 7 Percent fogenannten Zweierftoffes entſtehen. Je gröfser die Sortir- Siebflächen find, defto genauer erfolgt die Ausfcheidung. Ein fehr günftiges Refultat ergibt eine Sortiranlage von 10 Quadratfufs Siebfläche für je einen, in 24 Stunden erzeugten Centner lufttrocken gedachten Stoffes. In der Conftruction der Sortircylinder hat man zu den mannigfachften Anordnungen gegriffen. Ein guter Cylinder mufs vor Allem leicht, und die das fortirende Drahtgewebe tragende Auflagefläche, nämlich der Cylindermantel derart befchaffen fein, dafs dem Durchlafs des Stoffes kein Hindernifs entgegensteht, dafs das Sieb keine Falten zieht und fich fehr leicht reinigen läfst. Die billigfte und vielfeitig angewendete Anordnung befteht in einem Gerippe von parallel zur Cylinderaxe laufenden, nach Aufsen konifch zugefpitzten, dünnen Holzftäben, auf welchen ein kräftiges Bodenfieb ruht, das dann das eigentliche Sortirfieb trägt. Eine andere und beffere Anordnung ift die von ebenfalls zur Achfe parallel laufenden Stäben, die jedoch von gefchmiedetem Rundeifen find, über welche dünne Metalldraht- Ringe, in Abftänden von einem Zoll gefpannt werden, welche direct das Sortirfieb tragen. Eine dritte Art befteht in einem gelochten Zinkblech- Unterboden, auf welchen das Sortir- Drahtgewebe aufgelöthet wird. Diefe Anordnung fchont die Siebe fehr, beansprucht jedoch grofse Cylinderdurchmeffer, da wegen des, zwifchen den Löchern des Unterbodens ftehenbleibenden, vollen Blechmateriales viel Durchgangsfläche verloren geht. Die am häufigften vorkommende Dispofition der Sortircylinder beſteht in deren ftufenweifer Aufftellung in hölzernen Käften, in welche der Holzftoff an der rückwärtigen Längsfeite einfliefst. Der das Gewebe paffirende, alfo fortirte Theil fliefst durch den offenen Seitenkranz ziemlich tief unten ab, während der gröbere, alfo nicht durch das Gewebe durchgehende Theil fich unterhalb des Cylinders in den Vorderraum des Kaftens drängt, von dem auffteigenden Cylinder durch Reibung in dünnen Schichten aufgenommen, durch mit Filz umwickelte Walzen abgenommen und wefentlich entwäffert durch einen Schaber in einen feparaten Vorkaften abgelegt wird. Der Vortheil diefer Anordnung befteht darin, dafs der Stoff unter geringem hydroftatifchen Drucke durch das Sieb gedrückt wird, nachtheilig hingegen ift der Umftand, dafs der fortirte Theil, als am Boden des Cylinders abfliefsend, immer noch Gelegenheit findet, fich mit dem aufsen befindlichen unfortirten, alfo gröberen Theil zu vermifchen, refpective zurückzutreten, und dafs der gröbere Stoff eine, die Vorderfeite des Cylinders eng umfchliefsende Wand bildet, welche grofse Reibung verurfacht und behufs der Weiterbeförderung vom Cylinder gehoben werden mufs. 6 Emil Twerdy. Die zur Stoffabnahme dienenden Filzwalzen haben das Unangenehme, Stofffafern in die Gewebemafchen einzuzwängen, welche dadurch verlegt werden und den freien Durchgang der Fafern hindern. Diefer mifsliche Umftand ift bei der von der Firma Th.& Fr. Bell in Kriens bei Luzern, Schweiz, ausgeftellten Sortiranlage durch eine fehr finnreiche Conftruction behoben, und verdient überhaupt die von diefer Firma exponirte Schleifereianlage eine eingehende Würdigung. Der von Th.& Fr. Bell ausgeführte Defibreur ift mit einem horizontal liegenden, um eine fenkrechte Achfe rotirenden Stein verfehen. Vier kräftige, eiferne Säulen tragen das eiferne Gerüft der Bremskammern. Die ftarke Defibreurfpindel wird ohne Verluft der Kraftübertragung durch konifche Räder von der Haupttransmiffion angetrieben. Es find acht Bremfen( Preffen) vorhanden, welche gleichmässig an der ganzen Peripherie des Steines, welcher einen Durchmeffer von 1470 Meter und eine Höhe von o 360 Meter hat, vertheilt find. Das Anpreffen gefchieht durch Wirkung von Hebel und Gewichten, Wafferftrahl- Rohre führen zu jeder Preffe. Eine zwifchen zwei Bremskammern angebrachte Schärfevorrichtung befteht in zwei rotirenden Fraifern, die an einer ftarken fchmiedeeifernen, fenkrecht ftehenden Schraubenfpindel mittelft Handkurbel beliebig hoch geftellt werden können, um die ganze Breite des Steines zu fchärfen. Das Gewicht der Schleifmafchine ohne Stein beträgt 7000 Kilogramm. Die Exponenten machen für ihr Syftem folgende Vortheile geltend: Solide und einfache Aufftellung, indem das Fundament in den Boden hineinkommt und die Mafchine frei ftehen kann; einfaches Getriebe mit geringem Kraftverluft; gleichmäfsiger Druck auf den Stein, daher geringere Reibung in den Achfenlagern, im Allgemeinen geringerer Kraftbedarf, alfo verhältnifsmässig gröfsere Production( 3 bis 3% Pferdekraft per 50 Kilos Stoff, trocken gedacht, in 24 Stunden); bequeme Bedienung der Mafchine bezüglich der Regulirung des Druckes durch Auflegen von mehr oder weniger Gewichten; zweckmässige Vorrichtung zum Schärfen des Steines während des Ganges der Mafchine. Der nebenftehende Raffineur ift ebenfalls auf kräftigem, auf dem Boden ftehenden eifernen Säulengerüfte gelagert, bei den vorhandenen, jedoch nicht montirten Steinen von 1320 Meter Durchmeffer und o 450 Meter Höhe ift nicht erfichtlich, ob der Läufer mit fefter oder balancirender Haue verfehen wird. Der Raffineur wiegt 1150 Kilo. Der Sortirapparat befteht aus fünf Cylindern,( wovon drei Stück ausgeftellt waren) von je o 600 Meter Durchmeffer und 1160 Meter Länge und wiegt circa 1500 Kilo. Der Entwäfferungscylinder hat einen Durchmeffer von o'900 Meter und eine Länge von 1200 Meter, fein Gewicht beträgt circa 500 Kilo, exclufive des Holzkaftens. Die drei erwähnten Sortircylinder ftehen mit ihren Achfen parallel zu einander, jedoch fo, dafs die Verlängerung der Achfe des erften, höher gelegenen Vorfortircylinders zwifchen die Achfen der beiden tiefer gelegenen, eigentlichen Sortircylinder trifft. Die Eigenthümlichkeit und der Vortheil diefer Anordnung befteht hauptfächlich darin, dafs der durch das Gewebe durchfliefsende Stoff nicht mehr auf den Boden des betreffenden Cylinders gelangt, fondern in einer innerhalb des Cylinders gelegenen Blechrinne aufgefangen und zum Abflufs gebracht wird. Die Tendenz des fortirten Stoffes, fich auf dem Boden des Cylinders mit dem unfortirten zu vermifchen, wie fie bei den älteren Einrichtungen vorherrfcht, wird hier unmöglich gemacht. Damit man für die Rinne Raum gewinnt, darf felbftverſtändlich kein Rofettenarm den inneren Raum behindern, und ift defshalb jeder Cylinder nur mit zwei gufseifernen Endkränzen verfehen, die mit ihren abgedrehten Peripherien auf Leitrollen gelagert find. Der obere Cylinder hat links und rechts je zwei Papierinduftrie. 7 Leitrollen, aufserdem geht fenkrecht unter der Achfe desfelben und parallel mit diefer eine Welle, auf welcher vier gröfsere Rollen aufgekeilt find, und die durch eine Riemenfcheibe von einer Transmiffion angetrieben wird. Die erften zwei, die Peripherien der Endkränze des oberen Cylinders tangirenden Rollen fungiren hier als Antriebs- und Tragrollen. Die anderen zwei Rollen legen fich feitlich links und rechts an die Peripherie der Sortircylinder an und dienen hier als Antriebs-, Trag. und Leitrollen. Die tiefer gelegenen Sortircylinder haben auf ihrer äufseren Längsfeite noch je zwei kleinere Leitrollen. Die Rinne des erften Cylinders erweitert fich nach ihrem Austritte aus dem Innern des Cylinders und überdeckt in ihrer Fortfetzung die beiden tiefer gelegenen Sortircylinder in einem fenkrechten Abftand von circa o 040 Meter, wodurch der Stoff links und rechts der ganzen Cylinderlänge nach auf das Sortirgewebe auffliefst, und kein Cylinder im Stoffe watet. Im Innern der Cylinder befindliche Spritzrohre reinigen continuirlich die Mafchen der Drahtgewebe, wodurch jedes Verfchmieren derfelben verhütet wird. Der Mantel jedes Cylinders befteht aus in der Entfernung von 105 Millimeter an der Peripherie parallel zur Achfe gelagerten, in die Endkränze eingefchraubten, fchmiedeeifernen Rundftäben, in welchen Metalldraht- Ringe in der Entfernung von einem halben Zoll von einander liegen, welche das Sortirfieb unmittelbar tragen. Die Cylinder find fehr fchön rund und laffen leichte Reinigung zu. Die Kraft zur Bewegung iſt eine wefentlich geringere als bei dem älteren Syftem. Der Entwäfferungscylinder hat Rofetten, die auf der mitten durchgehenden Welle feftgekeilt find, der Siebboden ift ähnlich denen der Sortircylinder, nur kräftiger. Die Abdichtung der Ausgufsflanfche erfolgt durch einen angegoffenen Rand, der in einer Nuth des Holzkaftens geht. Die ausgeftellt gewefenen Mafchinen, als: Schleifapparat, Raffineur, Sortirungs- und Entwäfferungscylinder find untereinander nicht verbunden, daher die Aufeinanderfolge der Einzeloperationen nicht erfichtlich ift; diefelbe erfolgt folgendermafsen: Von dem Defibreur wird der Stoff in einen Kaften geleitet, in welchem fich der fogenannte Späncylinder befindet, durch welchen die Späne zurückgehalten werden. Von da gelangt der Stoff auf den oberen Vorfortircylinder. Ein Theil desfelben geht durch und fliefst auf die unteren zwei Sortircylinder. Derjenige Stoff, welcher auch diefe paffirt, fliefst dem Entwäfferungscylinder zu, dagegen wird jener Stoff, welcher durch den Vorfortir- und die Sortircylinder nicht durchgeht, in einem unterhalb befindlichen Kaften, welcher mit einem Rührhafpel verfehen ift, gefammelt, und durch eine Pumpe, Syftem Perreaux, auf den Raffineur gehoben. Wird der Stoff gleich bei der Fabrik zur Papierfabrication verwendet, fo läfst man ihn aus dem Entwäfferungscylinder einfach in Setzkaften fliefsen, um ihn noch etwas mehr zu entwäffern. Wird der Stoff auf nicht zu grofse Entfernungen verfendet, fo läfst man ihn in einen Rührkaften laufen und dann auf die Stoffpreffe, von welcher er in Papierform mit circa 45 Percent Trockengehalt abgenommen und in Säcken verfendet wird. Diefe Stoffpreffe, welche ebenfalls ausgeftellt war, hat die Form einer kurzen Langfieb- Papiermafchine von 1300 Meter nutzbarer Breite, mit einer kupfernen Bruftwalze, Regifter-, Metalltuch- und Filz- Leitwalzen aus Meffing, zwei Saugapparaten, einer erften und einer Glattpreffe. Ein Ballen fo getrockneten Holzftoffes lag zur Anficht vor. Soll der Stoff jedoch auf gröfsere Entfernungen verfendet werden, fo wird er von der Stoffpreffe noch über einen Trockenapparat geleitet, der mit directer Feuerung geheizt wird, und welchen er mit 20 Percent Waffergehalt verläfst, da er fich fonft zu fchwer wieder auflöfen würde. An der ausgeftellt gewefenen Stoffpreffe war ein folcher Trockencylinder vorhanden, jedoch können nach Bedarf und Umfang der Production mehrere angebracht werden. Die directe Feuerung wurde gewählt, um das Brennmaterial beffer auszunützen. 8 Emil Twerdy. Das Gewicht einer Stoffpreffe beträgt circa 4800 Kilo, das eines Trockencylinders nebft Stuhlung und Leitwalzen aus Eifen circa 5000 Kilo. Mit einer Schleifmaschine, einem Raffineur, einem Sortirapparate, einem Entwäfferungscylinder, kann man nach Angabe der Ausfteller in 24 Stunden 7500 Kilogramm lufttrocken gedachten Stoff erzeugen. Eine Stoffpreffe genügt für 3 Schleifmaschinen. Th.& Fr. Bell haben bereits 78 Schleifmafchinen ausgeführt, und zwar: 34 für die Schweiz, worunter 12 Stück für die Fabrik Perlen bei Luzern mit 700 Pferdekraft, 20 für Frankreich, worunter 10 Stück nach Mandeure, 10 Stück nach Bellegarde, 7 für Baden, 3 für Württemberg, 2 für Baiern, II für Italien und I für Oefterreich. Diefe 78 Mafchinen erfordern für ihren Betrieb eine Gefammtkraft von über 3000 Pferdekräften. Von Holzfchleif- Apparaten ift ferner eine„ patentirte HolzzerfaferungsMafchine" von H. Völter und J. M. Voith in Heidenheim an der Brenz, Württemberg, ausgeftellt. Wie zu erwarten, ift diefe Mafchine in Conftruction und Ausführung gleich vorzüglich und bietet einige beachtenswerthe Verbefferungen. Das Syftem ift das von Völter urfprünglich aufgeftellte, mit einem verticalen Schleifftein. Ein fehr kräftiges, gufseifernes Geftell enthält die Stuhlung der Hauptlager, die Führung der fünf Prefskammern und die Lager der Prefsvorrichtung. Die Form der Ständer ift derart, dafs der Stein ohne Schwierigkeit herausund hereingebracht werden kann, und kein Theil der Mafchine, aufser einem leichten Blechdeckel losgefchraubt zu werden braucht. Die Prefskammern find verftellbar, legen fich genau an den Stein an, und hat jede Preffe ihren eigenen Wafferhahn. Die Preffung erfolgt durch ein an einer Kette hängendes Gewicht, die Kette ift um fämmtliche Rollen gefchlungen, woraus. der Vortheil erwächft, dafs die beim Auslöfen einer oder zweier Preffen frei werdende Kraft fofort von den übrigen Preffen aufgenommen wird, wodurch fowohl Kraft gefpart als auch zugleich ein regelmässiger, ftets fich gleich bleibender Gang der Mafchine erzielt wird. Die Gewichtsbelaftung wird continuirlich von der Mafchine felbft in Thätigkeit erhalten, fo dafs der Arbeiter beim Einlegen des Holzes blofs die Preffe und kein Belaftungsgewicht zu heben hat. Das Auslöfen des Zahnrades, welches durch den Eingriff in die Zahnftange die Preffung bewirkt, von der Kettenrolle, gefchieht durch eine fehr finnreich angeordnete Vorrichtung. Die Kettenrolle fitzt lofe auf der Welle des Zahnrades. Letztere ift hohl und enthält eine fchwache Spindel, die an dem vorderen vorftehenden Ende ein Schraubengewinde befitzt, und durch ein als Mutter fungirendes Handrädchen eine hin- und hergehende Bewegung erhält. Das andere Ende der Spindel hat eine feftgekeilte Frictions- Kuppelungsmuffe, welche in eine gleiche, an die Kettenrolle angegoffene eingreift. Soll Preffung erfolgen, fo wird durch einige Umdrehungen des erwähnten Handrädchens nach rechts die Spindel in die Kettenrolle eingekuppelt und die Zahnrad- Welle mitgenommen, foll foll hingegen die Preffe gehoben werden, fo wird durch einige Umdrehungen nach links die Spindel ausgekuppelt, und die Hebung der Zahnftange erfolgt mit Leichtigkeit. Das Aufheben des Gewichtes erfolgt durch einen fchwachen Riemen und Rädervorgelege. Die Prefskammern find allfeitig dicht gefchloffen, daher der Stoff nicht leicht verunreinigt werden kann. H. Völter hat vom Jahre 1852 bis Ende 1872: 360 Schleifapparate geliefert und zwar von 1852 bis 1859: 13 Mafchinen, 1860 bis 1866: 61 Mafchinen, 1867 bis 1872: 136 Mafchinen, zufammen 210 Mafchinen für Europa und 150 Mafchinen für Nordamerika. Von den patentirten Völter- Voith'fchen Apparaten find bereits 24 Stück im Betriebe. Von den 210 Apparaten arbeiten: in Deutfchland 77, Oefterreich 24, Schweden und Norwegen 53, Rufsland 16, Belgien 12, Frankreich 10, England 6, Schweiz 6, Italien 3, Dänemark 2 und Spanien I Stück. Die gröfsten, bis jetzt exiftirenden Holzzeug- Fabriken arbeiten mit Völter'fchen Maſchinen, wie z. B. Longed, Munkedal und Skärblacka in Schweden, fodann in Nordamerika, wofelbft folche mit je deren 18, 20 und 24, in ein und demfelben Papierinduftrie. 9 Locale ftehend, verfehen find und zum Theil gleichfam unbegrenzte Wafferkräfte befitzen, während jene fchwedifchen Fabriken je über circa 1000 Pferde ftarke Wafferkräfte disponiren. Ein weiterer Fortfchritt in der Holzftoff- Fabrication, den Völter in die Praxis eingeführt, ift das von Oswald Meyh in Zwickau erfundene und ihm patentirte Verfahren, das Holz vor dem Schleifen auf eine fehr einfache und wenig koftfpielige Weife' zu präpariren, dafs es einen zwar braun gefärbten, aber viel faferreicheren Stoff gibt, als der aus nicht präparirtem Holze ift, so dafs man daraus ohne allen Zufatz von Hadern ein Papier von bemerkenswerther Zähigkeit erhält. Seiner braunen Farbe wegen ift diefer Stoff jedoch nur zu Pappen, Einfchlag- und ordinären Tapetenpapieren verwendbar. Das den Herren C. A. Specker und Waisnix patentirte Holzftoff- Sortirungsverfahren, mittelft gelochter, blecherner Schüttelfiebe und mit Weglaffung des Raffineurs zu fortiren, war auf der Ausftellung nicht vertreten und hat bisher nur wenig Anklang gefunden. Die zur Erzeugung des Holzftoffes nöthigen Schleif- und Raffineurfteine fpielen in diefer Induſtrie eine wichtige Rolle, und erft feit kurzer Zeit befaffen fich mehrere Mühlftein- Fabriken mit der Herftellung auch diefer Sorten. Die eigenthümliche Structur des hiezu nöthigen Materiales fand fich nicht überall, wo fonft ganz brauchbare Mühlfteine gewonnen wurden. Sächfifche und fchweizer Steine werden fogar noch heute nach Schweden und Norwegen exportirt. Gebrüder Ifrael, Währing bei Wien, Wienerftrafse 3, hatten einige fehr fchöne Exemplare von Defibreurs und Raffineurs exponirt. Wir fchliefsen die Betrachtung der Holzft off- Induftrie mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung, dafs diefer Papier- Rohftoff wegen feiner einfachen Erzeugung, dem maffenhaften Vorkommen des Rohmateriales, und feiner Billigkeit einen bleibenden Werth in der Reihe der Hadernfurrogate behaupten wird. Der Vorwurf, dafs gefchliffener Holzftoff nur zu Mittelpapieren Verwendung finden kann, ift allerdings unwiderlegbar, nichtsdeftoweniger ift er das einzige Hadern- Erſatzmittel, um diefe Gattung Papiere, welchen eine fo wichtige volkswirtſchaftliche Bedeutung innewohnt, billig zu geftalten. Wir erinnern hier einfach an das Zeitungsund Bücherpapier, deffen Billigkeit fo wefentlich zur allgemeinen Zugänglichkeit wichtiger Bildungsmittel beiträgt. Das Stroh. In den reifen Stengeln der Getreidearten ift nebft den parallelen Fafern, woraus fie beftehen, hauptfächlich fogenannter Extractivftoff und eine wachs- oder harzartige Subftanz enthalten. Wird das Stroh mit alkalifchen Laugen auskocht, fo löfen fich jene fremden Stoffe auf, und die Halme erfcheinen dann leicht in biegfame, feine Fafern zertheilbar, wonach fie zur Papierbereitung tauglich find. Strohpapier wird in der That vielfach, theils mit, theils ohne Zufatz von Hadern verfertigt; ganz dünnes und feines Strohpapier ift, als fehr durchfcheinend, zu Copirpapier tauglich, fteht aber an Haltbarkeit dem aus Flachs bereiteten fehr nach. Strohpapier und Papier aus Hadern unterfcheiden fich in ihrer Textur und fonftigen Befchaffenheit fehr wefentlich von einander. In dem zur Papierbereitung erforderlichen Grade gemahlen, find nämlich, wie mikrofkopifche Unterfuchungen zeigen, die Strohfafern dünn, kurz und glatt, dagegen die Leinenfafern länger, dicker und flockig. Leinen gibt ein weiches, nicht leicht brechendes, wenig Feftigkeit gegen Zerreifsen durch Anfpannen, und wenig Klang befitzendes, im Riffe faferiges Papier, während Strohpapier, ungerechnet feine ftark hellgelbe oder bräunlich gelbe, felbft einer kräftigen Chlorbleiche nicht völlig weichende Farbe die Eigenthümlichkeit zeigt, dafs es zwar feft, fteif, hart und klingend ift, aber beim Zufammenfalten leicht bricht, und an geriffenen Rändern nicht faferig erfcheint. Hadernpapier ift, wenn es nicht geleimt worden, mehr oder weniger fchwammig, waffereinfaugend, Strohpapier aber dicht, fo dafs man ziemlich gut darauf fchreiben kann, ohne dafs es geleimt ift. Geringe Papierforten können 10 Emil Twerdy. daher ohne Schwierigkeit aus Stroh allein erzeugt werden, durch Zufatz eines Theiles Hadernzeug, wird ihre Haltbarkeit gegen das Brechen bedeutend vermehrt. Man zerfchneidet dafs Stroh auf einer Schneidemafchine in Stückchen von 5 bis 10 Millimeter Länge, und fondert durch Fegen auf einer GetreideputzMafchine die fchwereren, härteren Gliedknoten ab. Die fernere Behandlung befteht darin, dafs man es unter Anwendung von Dampf und einer Aetzlauge( auf 100 Pfund Stroh, 30 bis 50 Pfund frifchgebrannten Kalk und 1 bis 2 Pfund Pottafche) einige Stunden kocht. Die fodann folgende Umwandlung in Ganzzeug, und die fchliefsliche Verfertigung des Papieres ftimmt mit der Fabrication des Papieres aus Hadern ziemlich überein. 100 Pfund Stroh geben 60 bis 70 Pfund Papier. Kornftroh ift am härteften, darauf folgt Weizenftroh, dann Gerftenftroh, endlich Haferftroh. Verfetzt man Stroh mit Hadern, fo werden beide abgefondert zu Halbzeug gearbeitet, dann vermifcht und gemeinfchaftlich zu Ganzzeug gemahlen. Beffer ift, das Stroh- Halbzeug erft dann dem Hadern- Halbzeug zuzufetzen, wenn letzteres fchon in einigem Grade feingemahlen ift, weil das Stroh fich rafch zerkleinert. In der deutfchen Abtheilung ftellte Th. Nagel, Civilingenieur in Hamburg, Böckmannsftrafse 22, Mufter von Strohpapier aus, die auf einem von ihm erfundenen und bereits in die Praxis eingeführten„ Strohftoff- Gange" gemahlen find, und fagt Herr Th. Nagel hierüber Folgendes:„ Es ift mir gelungen, eine Art Kollergang mit fchwingenden Läufern zu conftruiren, welcher nicht nur allen an denfelben zu ftellenden Anforderungen genügt, fondern welcher fpeciell die Strohftoff- Fabrication in ein neues und viel günftigeres Stadium geführt hat. Der erwähnte Gang mahlt nämlich durchſchnittlich 75 Kilo gekochten Strohftoffes in circa 15 Minuten fertig, wozu ein Holländer für ein gleiches Quantum circa einer Stunde bedarf. Die ausgeftellten Fabricate find auf diefem Gange in der Fabrik der Herren Klinkrath und Martens in Otterndorf an der Elbe, Provinz Hannover, von gekochtem Strohftoff in 15 Minuten hergeftellt. Das hiezu verwendete Korn- und Weizenftroh ift dabei auf gewöhnliche Weife mit 10 Percent Kalk gekocht. Ebenfo vorzüglich eignet fich der neue Gang dazu, den Strohftoff für feinere Papiere zu mahlen, wie die ausgeftellten Proben bewiefen, welche aus dem mit kauftifcher Lauge gekochten Stroh hergeftellt find. Der auf einem folchen Gange gemahlene Stoff ift dabei weit faferiger, verfilzungsfähiger, als der mehr zerfchnittene, kürzer gemahlene Holländerftoff, wodurch Papiere und Pappen aus erfterem Stoffe fefter und haltbarer werden, aufserdem ift dabei circa 10 Percent weniger Stoffverluft verbunden, da die längeren Fafern weniger durch die Siebmafchen der Pappen- und Papiermafchinen verloren gehen. Ferner ift der Stoff homogener, es find die unanfehnlichen Knoten zerkleinert, wodurch das Fabricat beffer und fchöner wird, endlich braucht diefe Stoffmühle nur beiläufig die Hälfte der Kraft eines Holländers, nämlich nur circa 31 Pferdekraft. Da diefer Gang nun circa viermal mehr als der Holländer in gleicher Zeit fchafft, fo leiftet erfterer eigentlich achtmal mehr, als der gewöhnliche Holländer. Für die StrohpapierFabrication ift alfo der gewöhnliche Holländer zum Mahlen des Strohftoffes entbehrlich geworden; wo einmal Holländer vorhanden find, können diefelben zum leichten Nachmahlen des Stoffes, um den Stoffgang zu entlaften, benützt werden, oder auch als Mifchmafchine, um den gekollerten Stoff gut mit Waffer zu mifchen, verwendet werden, was übrigens auch direct in den Rührbottichen gefchehen kann." Der erfte Gang arbeitet laut Angabe des Erfinders in der Fabrik von Klinckroth und Martens in Otterndorf an der Elbe, mehrere andere find in Aufftellung begriffen. Es ift bedauerlich, dafs diefe vielverfprechende Mafchine nicht wenigftens durch ein Modell illuftrirt wurde. Die Verarbeitung des Strohes in der oben gefchilderten Weife gewinnt keinesfalls die gleiche Ausdehnung wie die anderer befferer Stoffe, da das Papier Papierinduftrie. 11 leines geringen Anfehens und feiner Brüchigkeit wegen, felbft als ordinäres Packpapier nicht beliebt ift. Die Billigkeit fteht ihm allerdings entfchuldigend zur Seite, wiegt aber die fonftigen miſslichen Eigenfchaften nicht auf. Strohpappen find ein brauchbarer, billiger Artikel und werden in bedeutend höherem Mafse begehrt als Papier. Der in oben befchriebener Art präparirte Strohftoff eignet sich durchaus nicht zur Verwendung für beffere Papierforten, und es galt daher, die Strohfafer, entkleidet der ihr anhängenden, ftörenden fremden Beftandtheile, als für feine Papiere tauglichen Stoff zu gewinnen. Vorerft handelte es fich darum, die dem Stroh anhaftenden löslichen Kohlenhydrate, Fette, Extractivftoffe etc. zu entfernen, und dann die weiche reine Fafer vollſtändig zu entfärben, das heifst, zu bleichen. Die Ausftellung zahlreicher Mufter gebleichten und ungebleichten Strohftoffes, fowie eine grofse Menge tadellofer mit Strohftoff gearbeiteter Papiere, zeigt die glückliche Löfung des noch vor kurzer Zeit für äufserft fchwierig gehal; tenen Problems. Unter den verfchiedenen Methoden der Strohftoff- Bereitung find die bekannteften die von Lahouffe, Thode und Deininger. Hector J. Lahouffe aus Lille hat fich acht Jahre mit Verfuchen befchäftigt, ehe er das ihm patentirte und nun am meiften verbreitete Verfahren fand. Sein Fabricationsfyftem ift folgendes: Das in Häckfelform zerfchnittene Stroh wird, nachdem es durch eine Reinigungsmafchine von Korn, Aehren und Knoten befreit worden ift, in einem kugelförmigen Apparat mit kauftifcher Lauge ausgelaugt. Nachdem das Stroh fich mit der Lauge gefättigt hat, wird der Ueberfchufs der Lauge in ein Refervoir abgelaffen, um bei der nächften Operation wieder verwendet zu werden, während das Stroh in einen cylindrifchen Kochkeffel gebracht wird, in welchem es vier Stunden lang unter einem Drucke von 22 Atmoſphären gekocht wird. Nach dem Kochen wird das Stroh im Apparate felbft mit warmem Waffer gewafchen, wodurch die Kiefelfäure, Pectin, Harz, färbige Subftanzen etc. entfernt werden. Ein Raffineur zertheilt die Fafern, worauf das Bleichen in Holftändern vorgenommen wird, und der Stoff zur Papierfabrication fertig ift. Die Anlage einer Strohftoff- Fabrik nach Lahouffe's Syftem erfordert drei Etagen. In der oberften wird das Stroh gefchnitten und gereinigt, in der zweiten gelaugt, in der unterften gefchehen die übrigen Operationen. Die Apparate und Mafchinen für die Minimalproduction von 20 Centner lufttrockenen Stoffes in 24 Stunden koften ab Maſchinenfabrik 20.000 fl. öfterreichifche Währung. Die Erzeugungskoften von 100 Pfund lufttrockenen Stoffes find folgende: 200 Pfund Stroh - kr. 2 fl. 26 " 20 Soda Chlorkalk 4" " 99 2 5° 27 " 9 Regie " Zufammen 3 99 II fl. 50 kr. Seit 1869 hat die Mafchinenfabrik Gebrüder Sachfenberg in Rofslau an der Elbe, Anhalt, die Lieferung fämmtlicher für den Continent beftimmter Apparate und Maſchinen für Strohftoff- Fabrication nach diefem Syfteme übernommen, und werden diefe Einrichtungen in Material und Ausführung gleich vorzüglich geliefert. Lahouffe hat bisher 38 Strohftoff- Fabriken, worunter manche mit zwei-, drei-, auch vierfachen Anlagen, eingerichtet. Diefelben vertheilen fich auf die verfchiedenen Länder wie folgt: Deutfchland II, worunter Kefferftein& Sohn in Cröllwitz bei Halle an der Saale mit einer vierfachen Anlage, Oefterreich 7, Spanien 5, England 4, Rufsland 3, worunter Ed. Rudolfi in Babin of bei Petersburg mit einer vierfachen Anlage, Frankreich 2, Italien 2, Dänemark 2, Schweden I, Holland 1. Die Strohftoff- Gewinnung nach Thode befteht in Folgendem: Das von Verunreinigungen, als Difteln, Winden etc. möglichft befreite Stroh wird in Häckfel 12 Emil Twerdy. zerfchnitten. Auf einer Reinigungsmafchine werden Staub, Sand und Knoten entfernt, hierauf der gereinigte Häckfel unter Dampfdruck in fphärifchen Keffeln mit cauftifcher Natronlauge gekocht, und die dadurch erhaltene unreine Strohmaffe durch mechanifche Wafchapparate von der Kocherlauge befreit. Die gewafchene Strohmaffe wird in eigenthümlich conftruirten Raffineurs einem einmaligen Mahlprocess unterworfen und dadurch vollſtändig, ohne irgend welche Strohflecke oder unvollkommen zermahlene Strohtheilchen zu hinterlaffen, in Stroh- Ganzftoff übergeführt. Die Wirkung diefer Raffineurs ift in neuerer Zeit durch eine patentirte Vervollkommnung an derfelben bedeutend erhöht worden, und wird hiedurch jede befondere Bedienung oder Beauffichtigung der Raffineurs vollſtändig befeitigt. Der Stroh- Ganzftoff wird in grofsen Holländern ohne Zuhilfenahme von Säure mit Chlorkalk- Lauge gebleicht und kann direct mit Lumpen- Ganzftoff vermifcht auf der Papiermafchine verarbeitet, oder durch eine Stoffpreffe in entwäfferten, verkäuflichen Zuftand gebracht werden. Durch Anlage des mechanifchen Wafchapparates von Lefpermont und des Eindampfofens von Porion können 75 bis 80 Percent der in den Kochern verwendeten Soda wieder gewonnen werden. Zum Kochen des Strohes werden 20 bis 23 Kilo Soda à 85 Percent Gehalt an kohlenfaurem Natron, oder 19 bis 2112 Kilo Soda à 90 Percent an kohlenfaurem Natron gebraucht, welches Quantum durch 13 bis 15 Kilo Aetzkalk cauftifch gemacht wird. Diefe Angaben beziehen fich auf 50 Kilo luftgetrockneter Strohmaffe. Zum vollſtändigen Bleichen diefes Quantums werden 10 bis 12 Kilo Chlorkalk von 318 Percent= 100 Grad nach Gay- Luffac gebraucht. Die Ausbeute beträgt 50 Percent des Gewichtes des reinen Strohhäckfels und ftellen fich 50 Kilo mit Rückficht auf die übliche Amortifirung auf 6 bis 614 Thaler. Zur Erzeugung von 2500 Kilogramm lufttrockenen Strohftoffes find circa 40 Pferdekraft zum Betriebe der Mafchinen erforderlich. Thode's Strohftoff- Gewinnungsverfahren, fowie die felbftthätige Einlaufvorrichtung an den Raffineurs find für Sachfen und Oefterreich- Ungarn patentirt. Eine dritte Methode der Strohftoff- Bereitung ift die von Auguft Deininger in Berlin. Deininger hat in anerkennungswerther Weife und wiffenfchaftlicher Form genaue Elementaranalyfen mit den bekannten Stroharten vorgenommen, um zu conftatiren, welches Quantum möglichft reinen Papierftoffes daraus gewonnen werden könne. Das Refultat diefer Unterfuchungen ergab, dafs aus Roggenftroh 58 bis 60, aus Weizenftroh 62, aus Haferftroh 56, aus Gerftenftroh 60 Percent Papierftoff gewonnen werden können. Deininger's Verfahren iſt folgendes: Das auf einer Häckfelmafchine zerfchnittene, von Körnern, Samen, Sand und Staub gereinigte Stroh, wird in den fogenannten„ Sprengungsapparat" gebracht, wo es unter Einwirkung von Dampf mit 5 Atmoſphären Spannung und 111, Pfund kauftifcher Soda auf 100 Pfund Strohftoff den eigentlichen Löfungs- und Zerfetzungsprocefs durchmacht. Der" gefprengte" Strohftoff wird in einem HalbzeugHolländer mit Wafchtrommeln ausgewafchen, zu Dreiviertel- Stoff gemahlen und in Zeugkäften abgelaffen. Um den Stoff zu bleichen, wird derfelbe aus den Zeug. käften in die Bleichholländer gebracht, und mit einem I Grad Beaumè ftarken Chlorwaffer gebleicht. 100 Pfund Stoff erfordern 20 Pfund Chlorkalk und 2 Pfund concentrirte englifche Schwefelfäure. Deininger gewinnt angeblich aus 100 Pfund Stroh 60 bis 70 Pfund lufttrockene, gebleichte Strohmaffe mit einem Koftenaufwand von 4 Thaler 12 Grofchen. So vielverfprechend und günftig auch diefe Angaben find, follen praktiſche Erfahrungen nicht ganz damit übereinftimmen und hat Deiningers Verfahren nicht jene Verbreitung und Anerkennung erfahren, wie die zwei erftgenannten Methoden. Auf der Ausstellung war Deininger mit Muftern von Strohftoff und daraus gefertigten Papieren vertreten. Die Cellulofe. Eine fo wichtige Stelle der gefchliffene Holzftoff in der Reihe der Hadernfurrogate einnimmt, findet feine Verwendung in Anbetracht der Papierinduftrie. 13 Papierqualitäten dennoch nur in befchränktem Mafse ftatt. Die allzukurze Fafer beeinträchtigt die Feftigkeit des Papieres, der Harzgehalt hindert die volle Wirkung felbft einer kräftigen Bleiche, die Fafern verfilzen fich nicht dicht genug, liegen mehr an der Oberfläche des Papieres, und befitzt auch diefes nicht genug Satinirfähigkeit, um gröfseren Anfprüchen zu genügen. Die Frage der Gewinnung ganz reiner Holzfafer gewann eine folche Bedeutung, dafs zahllofe Experimente angeftellt wurden, um diefes fo überaus wichtige Problem zu löfen. Es find heute bereits mehrere Methoden bekannt, Holzftoff auf chemifchem Wege zu erzeugen, aber wie immer bei neu auftauchenden Erfindungen, ftehen auch hier Zweifel und Mifstrauen der rafchen Anerkennung diefes neuen Stoffes und feiner fabriksmässigen Erzeugung hindernd im Wege. Wiewohl man längst darüber einig ift, dafs die Holzfafer durch Einwirkung von hochgefpannten Dämpfen und alkalifchen Laugen blofsgelegt wird, worauf das Bleichen unfchwer erfolgt, fo ftehen fich in der Detaillirung der mit dem Holze vorzunehmenden Proceffe die Anfichten der Erfinder oft diametral entgegen, und ift diefe Induftrie im Allgemeinen noch zu jung, um jenes Vertrauen zu erwecken, wodurch derfelben Prosperität erblühen kann. Es ist heute für Papierfabrikanten förmlich zur Modefache geworden, Cellulofe, wenn auch nur im experimentalen Wege, zu erzeugen, wofür die Ausstellung zahlreiche Belege in Form von kleinen Quantitäten Holzftoffes und einzelnen Papierbögen lieferte. Diefe Manie kann jedoch von jedem Intereffenten nur auf das freudigfte begrüfst werden, denn je vielfeitiger die Verfuche find, defto gröfser ift die Möglichkeit der Auffindung des rationellften Verfahrens. Nichtsdeftoweniger mufs conftatirt werden, dafs die Grofsinduftrie fich bereits diefes Gegenftandes bemächtigt und fehr achtbare Refultate zu Tage gefördert hat. Auf der Ausftellung find mehrere Fabricationsfyfteme, oder eigentlich die Erfolge derfelben zur Anfchauung gebracht, und ift nur zu bedauern, dafs keine Methode durch Vorführung von Mafchinen und Apparaten oder felbft nur von einem Modell erläutert erfchien. Auf diefem Gebiete waren repräfentirt: England durch Stoffmufter und Papiere von James Lee, Stoffmufter und Papiere von Mc. Nicoll, der auch feinen Verdampfungsapparat ausftellte, Frankreich durch ein Modell des methodifchen Wafchapparates von L. Lefpermont in Paris, Deutfchland durch Stoffmufter und Papier von A. Deininger, Bernhard Behrend in Cöslin, die Dalbker Papierfabrik Max Drefel, Oefterreich durch Stoffmufter der Gefellſchaft Papyrus, Syftem Prinz, Papiermufter von Graf Falkenhayn, Stoffmufter von Hiebl& Diamant, Stoffmufter und Papiere von G. Röder& Comp. in Marfchendorf. Das im Grofsen bisher am öfteften angewendete Verfahren iſt das von James Lee in Lydney, England. Den Mittheilungen feines Vertreters Herrn Ingenieur C. M. Rofenhain, Berlin, Auguftftrafse 26, entnehmen wir hierüber folgendes: James A. Lee hat bereits fechs Fabriken in England, fünf in Schweden und eine in Nordamerika eingerichtet, während fechs Fabriken in Deutſchland im Bau begriffen find. Die ausgeftellten Holzftoff- Proben waren aus den Fabriken: Wernbohl in Södermannland, Dalary bei Elmhult in Småland, Krontorp bei Bjernöborg in Wermland, Bruzaholm bei Ekesjö in Småland und Brokhult bei Söderköpping in Oeftergötland. Jede diefer Fabriken liefert per Woche 22 tons chemifchen Holzftoffes, für welche in England 30 Pfund per ton geboten werden. Das Verfahren James Lee's ift folgendes: Das von Borke befreite Holz, welches aus ganzen Stämmen oder Abfällen, mit Ausnahme von Hobel- oder Sägefpänen beftehen kann, wird auf einer Schneidmafchine zerkleinert. Die eingehendften Verfuche haben bewiefen, dafs man Holz nur gleichmäfsig durchkochen kann, wenn die Holzftücke von ganz gleicher Länge und Dicke find, und in möglichft zufammengeprefsten Schichten in den Keffel eingebracht werden, was durch den Lee'fchen Holzfchneider in ausgezeichneter 14 Emil Twerdy. Weife erreicht wird. Das gefchnittene Holz wird von der Schneidmafchine in Cylinder von gelochten Blechen gebracht, welche nach gefchehener vollſtändiger Füllung in einen horizontalen Kochkeffel gefahren werden, worin fie während des Kochproceffes verbleiben. Nachdem fo viele mit gefchnittenem Holze gefüllte Cylinder in den Kochkeffel eingefahren find, als derfelbe faffen kann, wird die Einfahröffnung verfchraubt, Soda in den Keffel gepumpt, und durch ein auf zwei Seiten des Keffels befindliches directes Feuer der Kochprocefs eingeleitet. Wenn die Flüfsigkeit im Keffel eine Temperatur erreicht hat, welche circa 10 Atmoſphären Druck entſpricht, was in 31 bis 4 Stunden ftattfindet, ift der Kochprocefs beendet, die Flüssigkeit wird herausgelaffen, der Keffel abgekühlt, und die mit gekochtem Holzftoff gefüllten Blechcylinder werden aus dem Keffel herausgefahren, um fchliefslich in ein mit horizontalem Rührwerk verfehenes Blechgefäfs entleert zu werden. Nachdem der Holzftoff in diefem Blechgefäfs, mit Waffer vermifcht, eine kurze Zeit gerührt worden ift, fliefst er in eine Wafchmafchine und hat auf derfelben dreizehn mit Meffingfieben verfehene, horizontale Wafchtrommeln in der Weife zu paffiren, dafs der reinfte Stoff immer mit dem klarften Waffer in Berührung kommt. Von der Wafchmafchine wird der ausgewafchene Stoff in zwei mit verticalem Rührwerk verfehene Holzbottiche gepumpt, von welchen er vermittelft eines endlofen Siebes zwifchen horizontal rotirende Walzen gelangt, und vom gröfsten Theil feines Waffers befreit wird. Der auf diefe Weife bis auf 50 Percent von Waffer befreite Holzftoff- Streifen wird dann von Trocken cylindern aufgenommen, vermittelft Rollen über eine Dampfleitung geführt und gelangt fchliefslich ganz trocken zu einer Schneidmafchine, welche ihn in das zum Verfandt geeignete Format fchneidet. Da die wenigften Papierfabriken durch ihre Geldmittel und ihre örtliche Lage im Stande find, eine eigene Holzftoff- Fabrik anzulegen, fo kann der Holzftoff als Verkaufsobject einen Werth nur beanfpruchen, wenn er leicht transportabel, das heifst in abfolut trockenem Zuftande geliefert wird. J. Lee ift bisher der einzige Fabrikant, welcher Maſchinen zur Herftellung von ganz trockener Cellulofe liefert. Von der zum Kochen des Holzes verwendeten Soda werden 75 Percent im flüssigen Zuftande wiedergewonnen. Der Gewinn an trockenem Holzftoffe beträgt circa 35 Percent von der aufgewandten lufttrockenen Holzmaffe, das heifst Holz, welches beiläufig zwei Monate im Walde gelegen hat. Zur Herſtellung von 20 Centner Holzmaffe find nöthig: 56 Centner lufttrockenes Holz, 15 Centner kauftifche Soda, von welcher 75 Percent wiedergewonnen werden, demnach der Verbrauch nur 334 Centner ift, ferner 40 Centner Steinkohlen, 18 Centner Kalk. Die Herftellungskoften von 100 Pfund ungebleichter Cellulofe betragen 4 Thaler 4 Silbergrofchen. Da man zum Bleichen des Stoffes per 100 Pfund Holzmaffe 35 Pfund Chlorkalk braucht, koftet ganz gebleichter Stoff 6 Thaler 10 Silbergrofchen. Anlagen unter 200 Centner Productionsfähigkeit per Woche werden nicht ausgeführt, dagegen liefert J. Lee Einrichtungen für 200, 400, 600, 800, 1000 und 2000 Centner Productionsfähigkeit per Woche. Die hiezu nöthige Betriebskraft beträgt 30 bis 65 Pferdekräfte. Der Wafferverbrauch für eine mittlere Anlage beträgt circa 70 Cubikfufs per Minute, die chemifche Befchaffenheit des Waffers ift ohne Bedeutung. Sämmtliche Mafchinen für eine Fabrik mit Dampfbetrieb, um wöchentlich in 6 Tagen à 24 Stunden 400 Centner trockenen gebleichten oder ungebleichten Holzftoff herzuftellen, koften ohne Emballage und Montage, franco, Dock London 10.059 Pfund Sterling. Betriebskraft 35 Pferde. Für 200 Centner Wochenproduction koften die Mafchinen für Dampfbetrieb 9324 Pfund Sterling. Papierinduftrie. 15 Zur Orientirung für Unternehmer fügt Herr Rofenhain eine kurze Ueberficht des Jahresverbrauches für Papier in verfchiedenen Ländern bei, und zwar verbraucht Deutfchland jährlich Oefterreich Frankreich Grofsbritannien Rufsland وو 3,200.000 Centner Papier. 1,260.000 99 2,590.000 3.300.000 670.000 99 " " " 77 Die ausgeftellt gewefenen Papiere enthalten bis 75 Percent Cellulofe und find zum Theil aus purer Holzmaffe dargestellt. John Mc. Nicol gewinnt Cellulofe nach Sinclairs Patent auf folgende Weife: Das Holz wird zuerft gefchnitten und hierauf in aufrecht ftehenden Keffeln unter einem Druck von 12 bis 13 Atmoſphären gekocht. Der hiezu nöthige Dampf wird in einem befonderen Dampferzeugungs- Apparat, der aus 24 fchmiedeeifernen Röhren befteht, erzeugt, kommt aus diefen Röhren in den gemeinfchaftlichen Dampffammler und von da mittelft Röhren in den Kocher. Diefer Dampferzeuger bietet durch feine eigenthümliche Conftruction eine grofse Sicherheit gegen Explo fionsgefahr. Er befteht aus heifsglühend gefugten Röhren, und betragen deren gröfste Durchmeffer nicht über 10 Zoll, die kleinften nicht unter 4 Zoll. Jeder Keffel wird vor der Inbetriebfetzung auf 500 Pfund Druck per Quadratzoll geprüft. Die Rohre laffen fich unfchwer demontiren, Schmutz und Niederfchläge können durch Kratzer leicht entfernt werden, der Rufs wird durch einen dünnen Dampfftrahl abgefegt. Der Holzkocher felbft ift eingemauert, erhält den Dampf von einem vertical in der Mitte auffteigenden, durchlöcherten Rohre, wird von oben geladen und unten entleert. Der mit Soda gekochte Stoff wird mittelft einer Preffe ausgeprefst, und entweder verfchickt, oder an Ort und Stelle im Holländer aufgeweicht, im Bleichholländer gebleicht und dem Papierftoff zugetheilt. Die Wiedergewinnung der Soda gefchieht mittelft eines eigenen Evaporateurs, welcher 80 Percent des urfprünglich gelieferten Quantums liefert. Nähere Angaben über diefes Syftem, ferner, ob und wie viel Fabriksanlagen bereits ausgeführt wurden, konnten nicht ermittelt werden. A. Deininger's in allen Ländern patentirtes Verfahren zur Gewinnung von Cellulofe aus Holz unterfcheidet fich in einigen Punkten fehr wefentlich von dem anderer Erfinder und bafirt auf folgenden Grundfätzen: Das Holz wird nur mit Dampf von vier Atmoſphären Ueberdruck behandelt, und bei niedriger Temperatur auseinander gefprengt. Das in dem Holze enthaltene Harz, der Farbftoff, das Eiweifs und ein Theil des Pflanzenleims werden gelöft, dagegen das Holz unter Zuhilfenahme einer fchwachen Lauge durch den ausgeübten Druck anseinander gefprengt, fo dafs die Fafer im Zellenbau unberührt und unangegriffen bleibt. Die einmal verarbeitete Lauge wird nicht wiedergewonnen, fondern als unbrauchbar verworfen. Das Deininger'fche für Stroh und Holz anwendbare Sprengverfahren ift nach den Verficherungen des Erfinders bereits von fieben Fabriken acceptirt und praktiſch durchgeführt worden, und find noch fünf andere im Bau begriffen. Das Holz wird vorher auf Mafchinen zerkleinert, wie felbe bei der Zündhölzchen- Fabrication üblich find, die Zerfetzung erfolgt in einem Sprengapparat, welcher aus einem circa 9 Fufs hohen, 5 bis 6 Fufs im Durchschnitt haltenden Keffel( für eine Tagesproduction von 10 Centner ausreichend) befteht. Diefer Keffel hat oben an der Kopffläche und unten an der Seite je ein Mannloch von circa 24 Zoll Oeffnung zum Füllen, refpective zum Entleeren. Oberhalb des Keffels ift ein Refervoir angebracht für das Anfetzen der Lauge, und ein Rohr verbindet diefes mit dem Sprengapparat. In dem Keffel ift ein doppelter gelochter Boden zum Auflagern des Rohftoffes und zum Durchlaffen der Flüffigkeiten angebracht. Bei dem nur vier Atmoſphären ftarken Drucke ift die Gefahr einer Explofion nicht zu befürchten. Die Bearbeitung des Holzes beginnt mit dem Anheizen des Sprengapparates, dem Luftleermachen desfelben und dem Eintretenlaffen der Lauge von zwei Grad Beaumais. Besondere Einrichtungen im Innern 2 16 Emil Twerdy. des Keffels unterſtützen alle diefe Operationen. Der Keffel ift mit einem Holzmantel verfehen und kann dort, wo kein Dampf zu Gebote fteht, auf directes Feuer gefetzt werden. Nach fechsftündiger Bearbeitung ift der Procefs als beendet zu betrachten. Nun wird das obere Ventil geöffnet und es beginnt ein einfacher Spülprocefs, worauf die gewafchene Maffe herausgenommen, geftampft und in einem Halbzeug- Holländer gemahlen wird. Für 100 Pfund Holz werden 1500 Pfund Dampf verbraucht nebft 18 Pfund kauftifcher Soda. Zum Bleichen des Holzes gehören 25 bis 30 Pfund Chlorkalk. Die Ausbeute beträgt laut Angabe des Erfinders 70 bis 75 Percent, die Selbftkoften 5 bis 5 Thaler. Wenngleich auch diefe Angaben viel günftiger find, als die anderer Erfinder, müffen jedenfalls erft mehrfeitige praktiſche Erfolge abgewartet werden, um diefe Methode als die empfehlenswerthefte bezeichnen zu können. L. Lefpermont in Paris befafst fich mit dem Kochen der Fafer felbft nicht, fondern hat nur einen Apparat zum Wafchen und zur Wiedergewinnung eines Theiles der verbrauchten Soda. Der ,, ununterbrochene methodifche Wafchapparat" hat zum Zweck, alle mit Laugen und anderen wäfferigen Flüffigkeiten verbundenen Faferftoffe und fonftigen Subftanzen auf eine folche Weife zu entwäffern, dafs die Flüffigkeiten, refpective Laugen in möglichft concentrirt bleibendem Zuftande gewonnen werden, daher auch bei der Trennung von Subftanz und Flüffigkeit Wafchwäffer möglichft wenig oder gar nicht zu gebrauchen. Seine Anwendung in der Papierfabrication bezieht fich daher auf die Trennung des Halbftoffes aus Hadern, Stroh und Holzfafern nach erfolgtem Kochen, um die alkalifchen Laugen möglichft concentrirt wieder zu gewinnen, und fie entweder in demfelben Zuftande wiederholt zu benützen, oder fie durch Verdampfung und Calcination gereinigt zum Wiederverbrauch verwendbar zu machen. Ganz befonders geht diefs die Stroh- und Holzftofffabrication auf chemifchem Wege an, wo fo grofse Mengen Aetzkalien im Ueberfchufs angewendet werden. Der Apparat beſteht aus einer von mit Sieben überzogenen Wafchtrommeln, welche der Stoff mit der Lauge nacheinander paffirt, wobei die durch die Trommeln vom Stoffe fich trennende Lauge in die Ausgufsröhren fliefst, welche wie die Trommeln beſtändig rotiren und in Canäle ausgiefsen, die in ein oder mehrere Refervoire münden. Ift die Abfcheidung der Lauge erfolgt, dann beginnt die Wafchung mit reinem Waffer, nach welcher der Stoff gereinigt hervorgeht. Wir entnehmen den diefsbezüglichen Mittheilungen Herrn A. Rudel's in feiner Zeitſchrift, dafs die Vorzüge diefes Apparates durch zahlreiche Anwendungen desfelben in Frankreich, England, Schweden, Belgien, Deutfchland, Oefterreich, Rufsland, Italien etc. auf das deutlichfte nachgewiefen find. Das Lefpermont'fche Verfahren iſt unftreitig das bis jetzt vollkommenfte aller Wafchmethoden, und hat für die gröfste Stroh- und Holzftofffabrication Bedeutung. Für die Papierfabrication ift das Ziel feiner Anwendung: Aus den Stroh-, Esparto, Holz- und anderen Faferftoffen das ganze zur Zerfetzung diefer Vegetabilien angewendete Quantum Alkali auszuziehen, und zu diefem Zwecke die möglichft geringfte Menge Waffer zu brauchen. Zufolge des hiebei ftreng beobachteten Principes der Gegenftrömung, wobei das reinfte Waffer dem reinften Stoffe begegnet, gefchieht der Procefs fo vollſtändig, dafs kein Stofftheilchen den nach einander folgenden Wafchungen ausweichen kann. Der methodifche Wafchapparat braucht nur fehr wenig Triebkraft und Aufficht, und erweift fich als umfo nützlicher, als der Preis des Alkalis höher ift. Ein Modell diefer Mafchine war von der Carolinenthaler Mafchinenbau Gefell fchaft, vormals Lüffe- Märky und Bernard in Prag, ausgeftellt, welche auch fowie Herr Dr. Rudel in Dresden weitere Auskunft ertheilen. Der Preis eines folchen Apparates mit gufseifernem Baffin ift 6000 Francs, ohne Baffin, welches dann an Ort und Stelle aus Cement hergeftellt wird, 5500 Francs. Papierinduftrie. 17 Guftav Röder& Comp. Mafchinenpapier- Fabrikanten in Marfchendorf, Böhmen, hatten Proben von aus Fichten und Aspenholz gewonnener Cellulofe ausgeftellt, welche nach eigenem patentirten Syftem erzeugt und in Ausfehen, Feinheit und Weifse geradezu tadellos find. Das patentirte Verfahren wird geheim gehalten, ift jedoch käuflich. Die von diefer Firma ausgeftellten Papiere enthalten unter anderen vorzüglichen Papieren auch feines Kanzleipapier, welches mit Beimifchung von 30 Percent Cellulofe hergeftellt ift, und welches fich in Bezug auf Reinheit, Weiſse und Glätte gar nicht von dem aus purem Hadernzeug fabricirten unterfcheidet. Der Preis von 100 Wiener Pfund der nach diefem Syftem hergeftellten Cellulofe ftellt fich inclufive der üblichen Amortifation auf 19 fl. öfterreichi fcher Währung, ift jedoch von einer Güte und Reinheit, wie felbe beftgebleichter Strohftoff nicht befitzt. Max Drefel, Papierfabrikant in Dalbke bei Bielefeld ftellte unter diverfen Papieren auch folche aus felbft erzeugtem chemifchen Holzftoff aus. Der beigelegten Erklärung ift zu entnehmen, dafs von 6000 Zollpfund Kiefernholz 1800 Pfund Stoff gewonnen werden können. Die Haupteigenſchaft diefer Cellulofe ift Zähigkeit, ihr Preis 9 fl. per 100 Zollpfund. Das Bleichen, Färben und Leimen erfolgt rafcher und billiger als beim Hadernftoff. Die norddeutſche Papierfabriks- Actiengeſellſchaft in Cöslin, Pommern, ftellte unter anderem auch aus chemifchem Holzftoff erzeugtes Papier aus. Details hierüber find nicht angegeben, das Papier felbft ift Packpapier von mittlerer Güte und Feftigkeit. Ueber die anderen auf der Ausstellung befindlich gewefenen Cellulofeproben konnten nähere Angaben nicht ermittelt werden, und fcheinen diefelben nur die Refultate von Laboratoriumsverfuchen zu fein, über deren Werth felbftverftändlich ein Urtheil nicht möglich ift. E. Diverfe Rohmaterialien. Die Maulbeerbaum Rinde. In der öfterreichifchen Abtheilung hat Herr Hector Ritter von Zahony, Papierfabrikant in Podgora bei Görz, nebft einem Sortiment vorzüglich ausgeführter Papiere auch folche, welche aus Maulbeerbaum Rinde gefertigt find, fowie letztere felbft im rohen, gefchälten und gebleichten Zuftande zur Anfchauung gebracht. Diefes durch feine Leiftungen hervorragende Etabliffement hat im Laufe des letzten Halbjahres 1500 Centner roher Rinde, welche 230 Centner lufttrockenen Baftes ergaben, gröfstentheils zu Briefcouvert- Papieren verarbeitet, deren Feftigkeit jener der Hanfpapiere nicht im Mindeften nachfteht. Die Verwendung der Rinde des Maulbeer- Baumes zur Papierfabrication ift von nicht zu unterfchätzender nationalökonomifcher Bedeutung, da hiedurch ein neues Materiale der Induftrie dienftbar gemacht wird, das bisher gänzlich unbeachtet geblieben ift und keinerlei Verwendung fand. Es gibt zweierlei Verfahren, um die zur Fütterung des Seidenwurmes nöthigen Blätter zu gewinnen. In ganz Mittel- und Süditalien, in Dalmatien und in einem Theile von Iftrien werden die Blätter vom Baume abgeftreift und dann den Würmern vorgeworfen, im Venetianifchen, dem Küftenlande und im Görzer Gebiete fchneidet man jedoch die ganzen einjährigen Zweige vom Baume und ftreift entweder erft im Haufe die Blätter ab, oder legt die ganzen Zweige auf die Betten der Raupen. Die abgefreffenen Zweige wurden nun bisher einfach als Brennmaterial verwendet, während fie jetzt mittelft einer fehr einfachen Vorrichtung durch Menfchenhände abgefchält werden und ohne im Mindeſten am Brennmaterialwerth zu verlieren, noch das ganz bedeutende Erträgnifs an Baft geben. Die Arbeit des Abfchälens ift vollkommen mühelos, und kann durch halberwachfene Kinder oder durch ältere arbeitsunfähige Leute vorgenommen werden. Eine Perfon kann mit Leichtigkeit 80 Pfund Baft in einem Tage fammeln und fich dadurch einen guten Verdienft fchaffen. Für den Fabrikanten zeigt fich die Ver2* 18 Emil Twerdy. arbeitung diefes Materiales fehr lohnend, denn der Centner lufttrockener Rinde koftet I fl. 50 kr. und entfällt demnach für den Centner vollkommen gebleichten Halbftoffes ein Preis von nicht ganz 18 fl., bei welchem man noch mit Vortheil Cigarrettenpapier zu 48 bis 52 fl. den Centner verkaufen kann. Herrn Ritter v. Zahony gebührt das Verdienft, durch Einführung diefes Induftriezweiges die Ertragsfähigkeit der in füdlichen Gegenden allenthalben mit Maulbeer- Bäumen bepflanzten Felder um ein Bedeutendes erhöht zu haben, was um fo mehr ins Gewicht fällt, als nur zu häufig durch Ungunft der Witterung oder durch das Auftreten einer Krankheit die Hoffnungen der Landleute auf das Erträgnifs der Seidenernte getäufcht werden, während der Ertrag aus dem ausgefchälten Bafte ihnen jedenfalls gefichert bleibt. Wenn die Verwerthung diefes vegetabilifchen Stoffes zu Zwecken der Papierfabrication auch nur locale Bedeutung hat, ift es immerhin von Werth und Intereffe, diefes bisher ganz unbeachtete Naturproduct in der Reihe der Hadernfurrogate mit Erfolg auftreten zu fehen. Die Brennneffel. In der ungarifchen Papierabtheilung hatte die Hermanetzer Papierfabrik J. B. Hüttner nebft verfchiedenen Sorten fehr fchöner feiner Papiere, Couvertpapier aus purem Brennneffel- Stoff, fowie fein melirtes Conceptpapier aus Hadern und einer Beimifchung von 50 Percent diefes Stoffes ausgeftellt. Die Brennneffel- Fafer ift gewonnen von den Gattungen Urtica urens und divica. Die Qualität der Waare ift überraschend gut, und glaubt der Ausfteller, dafs fich diefe bei weiterer Ausbildung der Stoffbereitung noch wefentlich beffer geftalten dürfte. Es ist wohl das erfte Mal, dafs die Brennneffel- Fafer in gröfserem Mafsftabe als Papier- Rohmaterial zur Verwendung kam, und entnehmen wir den freundlichen Mittheilungen des Herrn Ausftellers, dafs die in den, der Hermanetzer Papierfabrik nahen grofsen Waldcomplexen vorkommende, grofse Menge der Brennneffel dazu Veranlaffung gab. Die Brennneffel wird, wenn fie in der Blüthe fteht, grün eingefammelt, die Blätter und Blüthen mit der Hand gereinigt, und dann die Stengel an der Sonne, unter Zuhilfenahme von Waffer, womit man die. felben täglich drei oder vier Mal begiefst, fchwach geröftet und getrocknet. Die getrockneten Stengel werden zwifchen Walzen fo lange zerquetfcht, bis die Fafer zum Vorfchein kommt. Das darauf folgende Wolfen befreit die Fafer gänzlich von den Stengelreften, die fo gereinigte Fafer wird gekocht und im Holländer gebleicht. Die Anwendung von Chlorgas ift, als der Brennneffel- Fafer im hohen Grade fchädlich, zu vermeiden. Der gebleichte Neffelftoff wird nun entweder ohne jede Beimifchung zu Papier verarbeitet, wie das ausgeftellt gewefene Couvertpapier zeigte, oder mit einem beliebigen Zufatz von Hadernftoff gemifcht, wie aus dem ausgeftellt gewefenen weifsen Conceptpapier erfichtlich war. Der Herr Ausfteller ift der Meinung, dafs man bei weiterer Ausbildung des Verfahrens ein fehr feftes, reines und weifses Papier erzeugen kann. Die Rentabilität ist bei dem heutigen Stande der Papierpreife zu bezweifeln, felbft wenn man die Brennneffel ganz umfonft bekömmt, denn das Einfammeln und Putzen der Neffel ift im Verhältnifs zu dem Nutzquantum viel zu theuer. Hundert Pfund grüne Brennneffel geben geputzt und getrocknet circa 35 Pfund Stengel und diefe circa 134 Pfund Fafer. So ausfichtslos auch die Verwendung diefes Rohmateriales für den gegenwärtigen Stand der Papierfabrication ift, fo verdient es doch alle Anerkennung, dafs Verfuche auf diefem Gebiete gemacht, und die Refultate in fo freundlicher Weife den Fachcollegen zur Kenntnifs gebracht werden. Die Hermanetzer Papierfabrik ift ihrer vorzüglichen Leiftungen wegen eines der hervorragendften Etabliffements Ungarns. Kartoffelft engel. Gebrüder Spiro, Mafchinenpapier- Fabrikanten in Rothřecitz, Böhmen, haben eine Collection von aus Kartoffelftengeln gefertigten Pack- und Zuckerpapieren, fowie Proben diefes Stoffes in mehreren Stadien der Bearbeitung exponirt. Die Papiere find von bedeutender Feftigkeit, jedoch Papierinduftrie. 19 fcheint es, dafs fich diefer Stoff feines geringen Anfehens wegen nur zu ordinären Papieren eignet. Nähere Angaben über die Art der Behandlung des Stoffes, die Erzeugungskoften desfelben etc. konnten nicht ermittelt werden. Hiemit ift die Reihe der auf der Ausftellung zur Geltung gebrachten Rohftoffe gefchloffen und endigen wir die Betrachtung über diefelben mit dem Ausdruck der Genugthuung, dafs die feit der Parifer Ausftellung verftrichene Periode Wefentliches in Auffindung und Vervollkommnung der zur Papierfabrication tauglichen Rohftoffe geleiftet hat. Die Papierinduftrie darf mit Berechtigung erwarten, dafs auf dem eingefchlagenen Wege und an der Hand der Wiffenfchaft weitere Forfchungen ein Material ausfindig machen werden, welches überall und billig herzuftellen, auch aufserdem geeignet ift, den gefteigerten Anfprüchen an die Güte des Papieres zu genügen. Die Papierfabriks- Einrichtungen, Wir haben bei Befprechung der verfchiedenen Rohmaterialien das Hadern Halbzeug nicht als felbftftändiges Material behandelt, da es bei dem heutigen Stande der Dinge als zur Papierfabrication im engeren Sinne gehörig, betrachtet werden mufs. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, ob die Arbeitstheilung fo weit gehen wird, dafs auch Hadern- Halbftoff zum Gegenftande einer befonderen, vom eigentlichen Papiermachen unabhängigen Induftrie wird, und felbftftändig als Handelsartikel auftritt. Heute ift bei der Anlage einer Papierfabrik die Nothwendigkeit unausweichlich, eigenen Halbftoff aus Hadern zu erzeugen, und müffen die hierin erreichten Fortfchritte in der Reihe der in den Papierfabriks- Anlagen überhaupt gewonnenen aufgeführt werden. Es ift bereits Eingangs erwähnt worden dafs die käuflichen Hadern einer genauen Sortirung unterzogen werden müffen. Diefe erfolgt von Hand, und ift hierin keine Aenderung der hergebrachten Manipulationsweife zu verzeichnen. Schneidmafchinen. Die Hadern- Schneidmafchinen werden nun durchwegs mit rotirenden Trommeln gebaut. Jene Form, bei welcher zwei Meffer radial eingefpannt wurden, kommt mehr und mehr aufser Gebrauch, da die Wirkung des Schnittes von heftigen Erfchütterungen begleitet ift, die fich um fo ftörender erweifen, als die Hadernfchneider gewöhnlich in der oberften Etage des Fabriks gebäudes placirt werden, und defshalb felten ein hinreichend ftabiles Fundament erhalten. Die Hadernfchneider mit um die horizontale Axe rotirenden Trommeln haben einen bedeutend ruhigeren Gang, leiften mehr und nützen fich weniger ab. Gebrüder Sachfenberg, Schiffsbauer und Mafchinenfabrikanten in Rofslau an der Elbe, Anhalt, hatten eine Hadern- Schneidmafchine diefes Syſtems im Annex der deutfchen Mafchinenausftellung ausgeftellt. Die Mafchine ift ganz in Eifen und fehr folid ausgeführt, hat eine gefällige Form und bietet alle Vortheile diefer Anordnung. Die Meffer können leicht herausgenommen und nach dem Schärfen wieder befeftigt werden, letzteres gefchieht durch Schrauben und Keile. Die Zuführungswalze liegt parallel zur Trommelachfe, und erhält erftere den Antrieb durch einen Riemen. Die Mafchine liefert bei einmaligem Schneiden 8 bis 10 Centner per Stunde, bei zweimaligem Schneiden 5 bis 6 Centner, bedarf eines Kraftaufwandes von 3 bis 4 Pferdekräften und koftet 500 Thaler. Guillotine- Schneidemafchinen waren nicht ausgeftellt. Die Kochapparate. Diefelben werden jetzt faft nur kugelförmig gebaut und fanden fich zwei Exemplare auf der Ausftellung. Der Hadernkocher von Gebrüder Decker& Comp. in Canftatt, Württemberg, fafst 20 bis 25 Centner Hadern, ift kugelförmig, das Material Keffelblech auf 12 Atmoſphären probirt, fo dafs die Dampffpannung während des Betriebes 6 Atmoſphären erreichen darf. Im Inneren find Stäbe eingenietet zum Faffen der Hadern und befitzt der Apparat einen halbkugelförmigen durchlöcherten Zwifchen 20 Emil Twerdy. boden, einen Seiher zum Einlaffen des Dampfes und der Lauge, zwei angenietete hohle Drehzapfen, zwei angenietete Mannloch- Auffätze mit Deckel und Verfchlufs zum Füllen und Entleeren, ein Ventil zur Dampfzuführung, fo eingerichtet, dafs die Lauge nicht durch dasfelbe in die Dampfleitung und den Dampfkeffel zurücktreten kann, ein Zulafsventil für Lauge und Waffer, zwei Ablafshähne, einen Abdampfhahn, ein Luftventil, ein Sicherheitsventil, zwei eiferne Lagerftänder, fowie das Triebwerk mit doppelter Räderüberfetzung nebft den Riemenfcheiben. Der Hadernkocher der Gebrüder Sachfenberg hat die Form einer Kugel von 7 bis 8½ Fufs Weite und fafst 20 bis 25 Centner Lumpen oder 612 bis 7 Centner Stroh. Das Gewicht desfelben beträgt 105 Centner. Die Kugel dreht fich auf zwei gufseifernen Zapfen, welche gleichzeitig zum Ein- und Aus laffen von Dampf und Waffer dienen. Am äufseren Umfange der Kugel find diametral gegenüberftehend zwei gufseiferne Kränze zum Füllen und Entleeren, die durch Deckel verfchloffen werden. Im Innern befindet fich ein aus einzelnen Blechen beftehendes, gürtelförmiges Sieb in etwa drei Zoll Abftand vom Mantel. Der zwifchen Sieb und äufserem Mantel entſtehende, ringförmige Raum fteht mit jedem der beiden Zapfen durch ein an der inneren Fläche des Mantels anliegendes fchmiedeeifernes Rohr in Verbindung. Die einzelnen Bleche des Gürtelfiebes find zum Abfchrauben eingerichtet, um den ringförmigen Raum von Zeit zu Zeit reinigen zu können. Zwei Hähne dienen zum Ablaffen des Waffers aus diefem Raume. Zum befferen Umwenden der Hadern find an dem Siebmantel noch fechs Schienen angebracht. In die Zapfen führen, durch Stopfbüchfen gedichtet, zwei fefte Röhren, von denen das Einlafsrohr mit einem Sperrventile für Waffer, einem folchen für directen Dampf und einem Ventil für indirecten Dampf, das Auslafsrohr mit einem Auslafsventil für Dampf und Waffer, und einem Stutzen für ein Verbindungsrohr mit dem etwaigen Nachbarkocher verfehen ift. Der Betrieb gefchieht mittelft Riemen und doppeltem Rädervorgelege. Die Betriebsfcheibe macht per Minute 40 bis 45 Umdrehungen, was für die Kugel im Mittel gleich 09 Umdrehungen entſpricht. Die Kugel ift für eine Dampffpannung von 4 Atmofphären Ueberdruck conftruirt und wird mit dem doppelten Drucke probirt. Nach Beendigung des Koch- und Wafchproceffes wird der Kocher aufser Thätigkeit gefetzt, die beiden Deckel werden abgenommen und der Kocher abermals in Drehung gefetzt, um fich durch die Mannlochöffnungen mit geringer Nachhilfe felbftthätig zu entleeren. Bei dem Betriebe mehrerer Kocher wird die Einrichtung getroffen, dafs der nach Beendigung der Kochung entweichende Dampf des einen Kochers zum Vorwärmen des anderen benützt wird. Die Anzahl der Kochungen beträgt in 24 Stunden 2 bis 3 für Lumpen, 4 bis 6 für Stroh. Die Kocher werden in 4 Gröfsen, und zwar mit 7. 7, 8, 8% Fufs rheinifch Weite gebaut und faffen 16 bis 35 Centner Hadern oder 5 bis 10 Centner Stroh. Die Wafchvorrichtung befteht entweder aus tellerförmigen inneren oder gürtelförmigen Sieben. Gebrüder Sachfenberg haben bereits mehr als 200 Kocher ausgeführt. Der Vortheil der kugelförmigen Kocher befteht hauptfächlich darin, dafs felbe leichter und fchneller zu füllen und zu entleeren find als cylindrifche, dafs fie bei gleichem Volumen leichter find, daher weniger Betriebskraft benöthigen und dafs die Oberfläche bei gleichem Inhalt geringer ift als bei cylindrifchen Kochern, daher weniger Abkühlungsfläche haben und weniger Dampf brauchen. Die Holländer. Wafch- Bleich- und Halbzeug- Holländer find in der Ausftellung gar nicht, dagegen Ganzzeug- Holländer in einigen Eexemplaren vertreten gewefen. J. G. Landes in München exponirte eine in einem Stück fehr fchöne Holländerwanne, Wagner& Comp. in Cöthen- Anhalt einen completen gegoffene Holländer mit ebenfalls ganz eiferner Wanne. Die Conftruction des letzteren bietet nichts Neues. Papierinduftrie. 21 Grofses Auffehen hingegen erregte ein von der Karolinenthaler Maſchinenbau Gefellfchaft, vormals Lüffe Märky und Bernard in Prag ausgeftellten Ganzzeug- Holländer nach dem Syftem von Debié, Granger& Pasquier in Paris. Wir entnehmen dem von Dr. Alwin Rudel herausgegebenen ,, Centralblatt" auszugsweife folgende Erläuterungen: Alle Papierfabrikanten haben ficher die Ueberzeugung gewonnen, dafs die bis jetzt noch allgemein gebräuchliche Mafchine zur Bearbeitung des Ganzftoffes eine ihrem Zwecke fehr mangelhaft entſprechende ift. Wenn man fich die Aufgabe, welche die Operationen der Umwandlung von Geweben in feinft getheilte Fafern, die in der Papierfabrication mit dem Namen ,, Ganzftoff" bezeichnet werden, klar vorftellt, fo kann man das Trennen der verfchiedenen Gewebearten durch die Hand der Sortirerinen und Verkleinern der Stücke auf dem Sortirtifch mit Vor- und Nachfortirung, das Schneiden auf dem Hadernfchneider, das Entfafern der Hadern durch die Halbftoff- Mühle als durchaus zweckmäfsige und fyftematifch richtig auf einander folgende Arbeiten bezeichnen, für welche kaum jemals beffere Verfahrungsweifen gefunden werden dürften, weil die Zwifchenarbeiten der Reinigung durch das Stäuben( Wolfen), Kochen, Wafchen und Bleichen nur in dem Stadium richtig erfolgen können, in dem fich die Gewebe und Fafern in dem jeweiligen Grade ihrer Bearbeitung befinden. Bis zum Halbftoff mufs eben die Zerlegung der Gewebe bis zu Fafern durch das Schneiden, das Auflockern des Gefpinnftes und die Extraction der in den Fafern mehr oder weniger enthaltenen Subftanzen durch das Kochen, die Reinigung derfelben für die darauf folgende Bleichung durch das Wafchen gefchehen, und kann nur einerfeits in der Form des klein gefchnittenen Gewebes, anderfeits in der Form der Fafer ftattfinden. Ganz anders ift die Aufgabe bei der Umwandlung des Halbftoffes in Ganzftoff. Der Ganzftoff foll nicht allein eine fein getheilte, fondern auch zertheilte Fafer fein, das heifst, er foll eine Spaltung der ursprünglichen Dicke der Fafer in auch der Länge nach feineren Fäferchen fein. Denn diefe Zertheilung ift es, welche die feine Verfilzung des Papierblattes und damit die Feftigkeit desfelben, feine beffere Qualität, feine Reinheit in der Durchficht und gute Leimung zu einem guten Theile mit bedingt. Für die Operation der Spaltung der Halbftoff- Fafern in feinere Fafern kann kaum eine fchlechter dazu geeignete Vorrichtung gefunden werden, als es die deutfche, durch die Holländer verbefferte Cylindermühle ift. Nicht allein, dafs durch die gering dargebotenen Flächen an den Schienen des Cylinders und Grundwerkes, wo allein die Spaltung durch Reibung und Druck erfolgen kann, die Arbeit unendlich verzögert wird, fo gefchieht diefs auf Koften der gleichmässigen Zertheilung noch mehr durch die überwiegend grofse Menge hohler Räume fich der zwifchen den Schienen, in welche der Stoff beliebig fchlüpfen und Operation des Mahlens entziehen kann; es ift kein Zwang, fondern nur ein Zufall, welche und wie viel Fafern dabei zur Bearbeitung gelangen und daraus mufs ganz natürlicher Weife eine aufserordentliche Ungleichheit der Faferlängen und Feinheiten, aber auch eine ungehörige Zeitverfchwendung hervorgehen. Die Idee Kinglands in New York, die Patentmühle, ein aus gegoffenen, kreisrunden Eifenplatten mit eingelaffenen, feinen Schienen beftehendes Syftem ,. bei welchem diefe Platten den Bodenftein und Läufer der horizontal liegenden Mühlfteine erfetzen, auf die Papierfabrication zu übertragen, war jedenfalls eine fehr glückliche. Es läfst fich kein anderer Grund für die Abänderung der horizon. talen in die verticale Lage finden, als der, dafs Kingland eine Neuheit und wenigftens die Vermeidung der vollständigen Nachahmung der amerikaniſchen Mahlmühle fuchte, indem er diefe Mühle umftülpte. In Amerika und England fand fie auch zahlreiche Verbreitung, weil man dort keine fo verfchiedenartigen Stoffe mifcht und ganz befonders viel Baumwoll- Fafern verarbeitet. In Deutſchland und Frankreich hat fie nur in wenigen Fabriken dauernde Benützung gefunden und 22 Emil Twerdy. dies ganz befonders aus den beiden Gründen, weil fie erftens heterogene Stoffe nicht gleichmäfsig verarbeitet, zweitens weil die Kraft von 40 Pferdeftärken nur felten für diefe Mafchine vorhanden ift und eine kleinere als diefe die Leiftung wefentlich vermindert. Eine eingehende Berechnung über die effective Leiftung eines gewöhnlichen Holländers und einer Scheibenftoff- Mühle zeigt, dafs bei erfterem eine Pferdekraft 80 Pfund, bei letzterer eine Pferdekraft 125 Pfund Stoff in 24 Stunden liefert. Der Verluft an Kraft bei der gewöhnlichen Cylindermühle rührt von verlorner Reibung her. Horizontale Mahlgänge haben die geringften Reibungsverlufte, und Kingland hätte fich eigentlich das Umftülpen der Steine erfparen können. Eine horizontale Mühle liefert mit einem Kraftverbrauch von I Pferdekraft 160 Pfund Ganzftoff. Die geringe Leiftungsfähigkeit einer Cylindermühle war es, welche die Herren E. Debié, Granger& Pasquier zur Conftruction ihres vervollkommneten Syftems geführt hat. Diefes Holländerfyftem hat feit den fünf Jahren feines Beftehens eine folche Ausbildung erfahren, dafs die Kenntnifs desfelben nunmehr für jeden Papierfabricanten von Wichtigkeit ift. Die von den Herren Profefforen Lespermont und Sagebien am 12. September 1872 in der Papierfabrik zu Wizernes an einer Cylindermühle von einem Meter Walzendurchmeffer, 0.70 Meter Breite, 1000 Kilo wiegend, bei 180 Touren per Minute angeftellten Bremsverfuche ergaben: dafs zum Mahlen von Stroh und chemifchem Holzftoff 6 Pferdekraft, zum Mahlen feften Hadernftoffes 8, und bei Füllung des Troges voll mit Waffer ohne Stoff 10 Pferdekraft nöthig waren. Der koloffale Aufwand an Kraft zur Bewegung des Stoffes ift ganz erklärlich, da die Schienen der Walze die Function des Rades eines Dampffchiffes haben, welches mit Schnelligkeit grofse Laften im Waffer bewegt mit dem Unterfchiede, dafs hier die Laft, dort aber die flüffige Maffe bewegt wird. Bei Dampffchiffen ift bekanntlich ein grofser Kraftverbrauch und nur bis 25 Percent Nutzeffect. Die Schaufeln tauchen höchftens nur mit dem achten Theile des Radumfanges ein, während die Walze mit den Schienen faft bis zur Hälfte eintaucht, den Stoff in die Höhe fchleudert und ihn wieder nach vorn nimmt; denn der kleinfte Theil des von den Schienen gefafsten Stoffes geht über den Kropf oder Sattel und von da weiter im Troge herum. Die bei der neuen Stoffmühle ausgeführten Verbefferungen haben zum Hauptzwecke eine grofse Erfparnifs an Kraft in der Anwendung der Walze, bei voller Beibehaltung derfelben Art der Wirkfamkeit diefes Werkzeuges als Mahlapparat. Die erfte diefer Verbefferungen gründet fich auf die Beobachtung, dafs bei dem alten Verfahren die Walze zwei unterfchiedene Functionen auszuführen hat, welche für ein gutes Ergebnifs der Triebkraft geradezu entgegengefetzte Bedingungen der Gefchwindigkeit erheifchen. Diefe Functionen find die Speifung der mahlenden Flächen und der Mahlung felbft. Die erftere befteht in der Ertheilung einer regelmässigen und gleichmässigen Bewegung der im Troge befindlichen Stoffmenge und wird durch eine fehr geringe Gefchwindigkeit erlangt. Die zweite hat die allmälige Verminderung der Faferlängen während des Durchganges über das Grundwerk zum Zweck und verlangt dagegen eine fehr grofse Gefchwindigkeit. Unterfucht man die für jede diefer beiden Functionen aufgewandte Menge an Triebkraft, fo findet man, dafs in der älteren Stoffmühle diefe Triebkraft im Verhältnifs der Speifung zur nutzbar gemachten Arbeit beträchtlich ift. In der neuen Stoffmühle werden die beiden Functionen der Speifung und Mahlung durch zwei verfchiedene Mechanismen ausgeführt. Die erftere durch eine neue Vorrichtung, Elevator genannt, die zweite durch die alte Vorrichtung, die Walze. Die Walze ift auf dem oberen Theil des Troges mit dem Grundwerke erhoben und diefes etwas geneigt und vor der Walze derartig angebracht, dafs Papierinduftrie. 23 der Stoff in den Trog zurückfällt, ohne gegen die Haube geworfen zu werden. Um dabei das abfolute Freiwerden der Walzfchienen zu fichern, fteht der obere Theil des Grundwerkes um mehrere Centimeter über das Niveau des Stoffes heraus. Auffteigend vor dem Grundwerke ift eine ftark gebogene Fläche, welcher der durch die fpecielle Vorrichtung, die man Elevator nennt, aufgeführte Stoff regelmäfsig folgt. Der vor diefer gebogenen, fteil auffteigenden Fläche befindliche Elevator befteht aus einem Rade mit Schaufeln von I 200 Meter Durchmeffer und derfelben Breite wie die Walze, macht nur 14 Umdrehungen per Minute, wegen des tiefen Eintauchens der Schaufeln, welche nach der Bewegungsrichtung des Stoffes hin ftark gebogen find. Die Uebertragung der Bewegung erfolgt von der Walzenwelle aus, damit die relativen Bewegungen diefer beiden Theile des Apparates mit einander wechfelfeitig in Verbindung ftehen. Gleichmäfsig durch diefen Apparat hinaufgezogen, kommt der Stoff von felbft oben an und gelangt auf natürliche Weife zwifchen die Schienen der Walze und des Grundwerkes, um da wie in den älteren Mühlen gemahlen zu werden. Da die Walze nicht mehr den Zugang des Stoffes zu bewirken hat, fo ift es nicht mehr nöthig, dafs die Schienen fo ftark, wie früher hervorragen; diefs ift bis auf fünf bis fechs Millimeter verhindert. Der durch den Stoff der Walzenbewegung bereitete Widerftand ift demnach auf das Geringfte reducirt. und kann diefe Erfparnifs je nach dem Rauminhalt der Stoffmühlen und den verfchiedenen Bedingungen der Aufftellung zwanzig bis dreifsig Percent betragen. Die zweite Verbefferung, welche kein geringes Intereffe bietet, befteht in der neuen Anordnung des Bodens der Stoffmühle. Betrachtet man die gewöhnliche Form der Stoffmühl- Tröge, fo bemerkt man, dafs die dem Boden zunächft liegenden Stofffchichten eine viel langfamere Bewegung als die höheren Schichten haben, fo dafs die letzteren viel öfter die Walze paffiren als die erfteren. Die einzige Hilfe gegen diefen unangenehmen Vorgang ift das Aufrühren, und ift diefes nur ein fehr mangelhaftes Mittel. Befonders unregelmäfsig ift die Gefchwindigkeit der Stofffchichten am Boden und der Oberfläche, am auffteigenden Theile des Kropfes, welchen der Stoff zu erfteigen genöthigt ift, um das Niveau zu erreichen, wo in den älteren Mühlen durch die Walze die Auffchleuderung ftattfindet. Indem man diefen Kropf befeitigt und den Elevator bis auf den Boden des Troges eintauchen läfst, erreicht man eine faft abfolute Gleichartigkeit der Gefchwindigkeiten aller Stofflagen. Die Reibung am Boden kann allein noch den Gang der unterften Lagen ein wenig verlangfamen. Um diefen Uebelftand zu beheben. erhält der ganze Boden des Troges eine ununterbrochene Neigung vom Austritte des Stoffes unter der Walze an bis zu dem Punkte, wo der Elevator ihn von Neuem erfafst. Es beftand noch eine Ungleichheit des Mahlens durch die fehr verfchiedenen Bewegungen, welchen mit einer ziemlich gleichen Gefchwindigkeit die Stofffchichten nahe an der Mittelwand und der Aufsenwand folgen. Um diefe Unregelmässigkeit zu überwinden, wird das Uebermafs von Stoff benützt, den der Elevator beftändig vor die Walze bringt. Diefes Zuviel wird durch einen Canal an den äufseren Rand der inneren Mittelwand geführt, und findet fomit in ununterbrochener Weife und während der ganzen Zeit des Mahlens ein Querabflufs an verfchiedenen Theilen des Troges ftatt, der die vollkommene Vermifchung fichert. Diefe beiden letzteren Anordnungen liefern die wirkliche Löfung des Rührers, ohne jede Mithilfe eines mechanifchen Werkzeuges. Die ökonomifchen Ergebniffe beftehen in einer beträchtlichen Befchleunigung des Mahlens, daher Zeiterfparnifs und einem geringeren Kraftverbrauch auch, welcher faft nur 50 Percent von dem bei älteren Stoffmühlen benöthigten ausmacht. Die neuen Anordnungen bieten jedoch auch noch andere Vortheile von grofser Wichtigkeit. Seit mehreren Jahren hat fich die Anwendung von Grundwerken mit Schienen ohne zugefchliffene Schneide allgemein eingebürgert und ift diefe auch 24 Emil Twerdy. überdiefs durch den Vortheil einer grofsen Regelmäfsigkeit der Fabrication, der Vermeidung des Schärfens u. f. w. gerechtfertigt. Diefelbe Anordnung bei den Walzenfchienen zu treffen, war daher folgerichtig, aber die Dicke von drei bis fünf Millimeter im Maximum, welche fie am beften haben mussten, und das noth wendige Vorftehen derfelben, um das Ergreifen des Stoffes zu bewirken, gaben ihnen bei der alten Conftruction nicht die gehörige Feftigkeit. Bei der neuen hingegen, wo das Vorftehen diefer Schienen auf 5 bis 6 Millimeter und mehr vermindert ift, dürfen die Schienen ohneweiters ohne Schärfe und ganz dünn fein. Da der Elevator die Walze von der Arbeit der Speifung enthebt, fo wird der Durchmeffer der Walze von der Gröfse des Troges ganz unabhängig. Bei einer Vermehrung des Faffungsraumes ift man nicht mehr, wie bisher, genöthigt, auch den Durchmeffer der Walze und damit ihr Gewicht zu vergröfsern. Bei Vergröfse rung der Stoffmühle bleibt der Walzen- Durchmeffer derfelbe, nur erhält die Walze eine gröfsere Länge, um dadurch verhältnifsmäfsig die Production zu vermehren. Die Walzen erhalten demnach die möglichft kleinen Durchmeffer, um fie weniger koftfpielig zu machen. Der von der Karolinenthaler Mafchinenbau Gefellfchaft, vormals Lüffe Märky& Bernard, in Prag ausgeftellte Holländer hat einen aus Cement gebauten Trog; doch werden diefe auch in Gufseifen ausgeführt. Nähere Mittheilungen hierüber ertheilen H. Everling 26, rue cadet Paris, Dr. Alwin Rudel in Dresden und die genannte Karolinenthaler Mafchinenbau- Gefellſchaft. Von diefen Holländern find bereits 60 Stück im Betriebe, und zwar in 17 Fabriken Frankreichs, in 2 belgifchen, I baierifchen, 3 preuſsifchen, 3 öfterreichifchen, I italienifchen und I ruffifchen Papierfabrik. Die deutfchen Fabriken find: Friedrich in Eifenberg, die Eichberger Papierfabrik in Schlefien, C. A. Lutterkorth in Tilfit, H. A. Schöller Söhne in Düren. Die öfterreichifchen Fabriken, welche bereits mit folchen Holländern verfehen find, find: Die Papierfabrik an der Andritz bei Graz und die Papierfabrik in Freiheit, Böhmen. Annähernd ift der Preis der mechanifchen Theile für eine Mühle von 120 bis 160 Pfund Papierftoff- Inhalt 4200 Francs; der Preis des complet adjuftirten gufseifernen Troges 900 Francs. Die mechanifchen Theile einer Mühle mit 200 bis 240 Pfund Stoffinhalt koften circa 4500 Francs, der Trog circa 1000 Francs. Der Preis einer Wafchtrommel ift 500 Francs. Papiermafchinen. Von diefen find zwei Stück und ein Modell vorhanden gewefen. Die Papiermafchine von Efcher Wyfs& Comp. in Zürich ift für die München- Dachauer Actien- Papierfabrik beftimmt und für die Maffenproduction von Zeitungspapier eingerichtet, obzwar auch alle anderen Papierforten darauf gearbeitet werden können. Die gröfste Arbeitsbreite beträgt 1880 Millimeter für unbefchnittenes oder 1850 bis 1860 Millimeter für befchnittenes Papier. Die Mafchine ift bis auf Siebe, Filze und Riemen vollſtändig montirt, und, wie von diefer weltbekannten Firma vorauszufetzen, vorzüglich, folid und zweckmässig gebaut. Sie befitzt einen Sandfang mittlerer Länge von dreikantigen eingefetzten Holzleiften zufammengefetzt, drei in einer Ebene liegende Knotenfänger mit eingefetzten Metallplatten, auf welche der Stoff durch eine feitliche kupferne Rinne zugeleitet wird. Die Länge des Siebes beträgt 12.600 Millimeter( die Sieblänge gewöhnlicher Mafchinen machen Efcher Wyfs& Comp. nur 11.700 Millimeter). Saugapparate waren drei Stück mit Meffingbefchlag vorhanden. Die erfte und zweite Preffe bieten die diefer Firma eigenthümliche Conftruction mit fehr kräftigen Zapfen, feitlich gefchloffenen Lagerftändern und felbftthätiger Schaberbewegung. Sämmtliche Prefswalzen, das heifst fowohl diejenigen der Nafspreffen als diejenigen der folgenden Satinirpreffen find von Hartgufs und in ihren Dimenfionen ganz gleich gehalten. Es hat diefs den grofsen Vortheil, dafs, falls im Papierinduftrie. 25 Laufe der Zeit eine Satinir- Prefswalze zum Satiniren untauglich wird, diefelbe mit geringer Mühe für eine der Nafspreffen hergeftellt und verwendet werden kann. Die Zapfen der Walzen find in einem Stück mit diefen gegoffen, find aber weicher gehalten, worauf bei dem Giefsen forgfältig Rückficht genommen werden muss. Der Zapfendurchmeffer beträgt 110 Millimeter. Der Trockenapparat ift durch feine Gröfse bemerkenswerth, Derfelbe befteht aus drei unteren Trockencylindern von je 1220 Millimeter Durchmeffer, einem Filz- Trockencylinder von 1000 Millimeter Durchmeffer und zwei Filz- Trockencylindern von 460 Millimeter Durchmeffer, danach folgt ein oberer Cylinder von 1220 Millimeter Durchmeffer mit einem darauf liegenden Filz- Trocken cylinder von 460 Millimeter Durchmeffer. Nun kommt die fogenannte Feucht- Satinirpreffe, welche beftimmt ift, dem Papiere befondere Glätte zu ertheilen. Wenn fie richtig gearbeitet ift, fo ift ihre Wirkung fehr auffällig. Ihre Behandlung bedarf von Seite des Mafchinenführers Aufmerkfamkeit und Uebung, denn kommt das Papier zu feucht zwifchen die Prefswalzen, fo wird es fchwarz, kommt es zu trocken, fo wird die Wirkung der Preffung fehr vermindert. Nach der Feucht- Satinirpreffe folgt wieder ein unterer und noch ein oberer Trockencylinder von 1220 Millimeter Durchmeffer mit je einem Trockenfilz von 460 Millimeter Durchmeffer; im Ganzen alfo 6 Trockencylinder von 1220 Millimeter Durchmeffer, ein Cylinder von 1000 Millimeter Durchmeffer und fünf Cylinder von 460 Millimeter Durchmeffer. Hinter dem Trockenapparate fteht noch eine Satinirpreffe mit drei HartgufsWalzen, dann folgt das Schneidzeug und fchliefslich ein aufrechter Hafpel, welcher derart eingerichtet ift, dafs man mit einer Kurbelbewegung alle Arme gleichzeitig ftellen kann. Die Firma Efcher Wyfs& Comp. behauptet unter allen Maſchinenfabriken des Continentes, welche Papiermafchinen bauen, den erften grofsen Rang; diefelbe hat von 1841 bis Ende des Jahres 1872: 89 Papiermafchinen geliefert und zwar nach Oefterreich 25, nach Preufsen 20, nach Sachfen 10, nach Baiern 8, nach Italien 8, für die Schweiz 8, nach Württemberg 4, nach Baden 4 und nach Rufsland 2 Stück. Die geringfte Arbeitsbreite betrug 1270 Millimeter, die gröfste 2130 Millimeter, und zwar für die Papierfabrik Schlöglmühl. G. Siglin Berlin exponirte eine für die Actien- Papierfabrik Schlema bei Schneeberg in Sachfen bestimmte Papiermafchine von 64 Zoll engliſch Arbeitsbreite. Auch diefe Firma rechtfertigte den im Papiermafchinen- Bau wohlerworbenen Ruf durch äufserft exacte Ausführung. Der Stoff- Einlaufkaften und der Sandfang find nicht anmontirt, dagegen ift die Mafchine von den Knotenmafchinen ab vollſtändig zufammengeftellt. Es find zwei ftufenweis poftirte Knoten- Fangplatten vorhanden, fo dafs der Stoff einer zweimaligen Reinigung unterzogen werden kann. Es kann jedoch durch Anlage eines Ueberfteigrohres die Vorrichtung getroffen werden, dafs der Stoff fich theilt und die Hälfte die obere, die andere Hälfte die untere Knotenplatte paffirt. Diefe Vorrichtung ift jedoch an der Mafchine noch nicht angebracht. Das Sieb geht über zwei Saugapparate, die Ständer der erften und zweiten Preffe find, abweichend von der Form, an der früher befchriebenen fchweizer Mafchine, feitlich offen, was ein fehr bequemes Einziehen der Filze und Herausnehmen der Prefswalzen geftattet. Eine Vorrichtung zum feitlichen Bewegen der Schaber ift nicht vorhanden. Der Trockenapparat befteht aus vier Trocken cylindern von 1265 Millimeter Durchmeffer und einem Filz- Trockencylinder für den unteren Filz. Von den vier Cylindern liegen zwei oben, und zwei unten. Bei vier Cylindern ift die Dispofition von drei unteren und nur einem oberen Cylinder jener von zwei unteren und zwei oberen Cylindern entfchieden vorzuziehen. Das Papier erhält dadurch eine auf beiden Seiten gleiche Glätte und kann rafcher über den Apparat geführt werden. Hinter dem Trockenapparate ift eine Satinirpreffe, hinter diefer das Längenfchneidzeug und endlich ein aufrechter Haspel bekannter Conftruction. Eine fehr zweckmäfsige Neuerung an 26 Emil Tweray. der Schüttelpartie ift die Antriebsvorrichtung derfelben, diefelbe beansprucht wenig Raum und geftattet eine grofse Variation in der Zahl der Hübe. Bryans Donkin& Comp. in Bermondfey bei London ftellten ein Modell ihres Papiermafchinen Syftems aus, welches auch in Betrieb gefetzt werden konnte. Das Modell zeigt Stoffbüten mit Rührvorrichtung, eine Stoffpumpe und die complete Papiermafchine nebft Transmiffion. Hinter einem langen Sandfang find zwei neben einander liegende Knotenfänger mit gefchlitzten Platten angebracht. Der Saugapparat ift mit einer gelochten Metallplatte gedeckt, was jedenfalls fehr viel zur Schonung des Siebes beitragen mufs. Vor und hinter dem Saugapparat ift je ein Egouteur angebracht. Der Antrieb der Gautfch- und der Nafspreffe erfolgt durch Riemen von der Verlängerung der Welle der zweiten Preffe aus. Der Trockenapparat befteht aus acht Cylindern, wovon vorerft drei unten, zwei oben liegen, darauf folgt eine Feucht- Satinirpreffe, dann wieder zwei Cylinder unten und einer oben. Hinter dem Trockenapparate ftehen zwei dreiwalzige Satinirpreffen und ein liegender Hafpel mit Aufrollvorrichtung. Papiermafchinen- Beftandtheile. In der englifchen Abtheilung der Mafchinenausftellung war ein rotirender Knotenfänger von James Bertram and fons in Edinburgh, Schottland, ausgeftellt, der in feiner Art ganz neu ift. Jeder Papierfabrikant kennt die Unvollkommenheit und die hiemit verknüpften Mifsftände der üblichen Knotenmaschinen. Diefelben find in den meiften Fällen zu klein, nehmen, wenn mehrere vorhanden find, fehr viel Raum ein, verftopfen fich leicht und werden dadurch Urfache ungleichförmigen Stoffzufluffes und ungleicher Dicke des Papieres. Um den Stoff durch die Spalten durchzufpülen, läfst man die Platten auffchlagen, welche Erfchütterungen wieder den unbeabfichtigten Erfolg haben, dafs die Stoffknoten fich einzwicken oder gar durchdrängen. Bei geringer Aufmerkſamkeit kommt es wohl auch vor, dafs ein Ueber laufen des Stoffes ftattfindet, und eine Partie Papier ganz und gar verdirbt. Diefe Uebelftände, wenn nicht ganz zu vermeiden, fo doch zu mildern, ift der Zweck des genannten rotirenden Knotenfang- Apparates. 22 Der verbefferte rotirende Knotenfänger" von James Bertram and fons ( Vertreter A. Rack& Comp. Mafchinenbauer in Wien, Heugaffe 24) ift mit J.& R. Woods Patent- Saugeapparat verfehen, und bilet eine complete, für fich abgefchloffene Mafchine, welche den Stoff zugepumt erhält und knotenfrei an das Sieb abgibt. Die Mafchine ift durchaus in Eifen und Meffing ausgeführt, und kann ifolirt oder in die Papiermafchine eingefchaltet, arbeiten. Eine Centrifugalpumpe pumpt den Stoff in einen eifernen Kaften, in welchem fich der Knotenfänger befindet. Diefer befteht aus vier gefchlitzten Platten, welche, genau an einander gefügt, ein Prisma bilden, deffen Grundfläche, ein Quadrat, aus der Breite der Platten gebildet ift, während die Länge gleich der der Knotenplatten ift. Die Knotenplatten fitzen in einem drehbaren Rahmen, deffen Achfenenden hohl find. Das eine Ende der Achfe fteht mit einer Art Pumpencylinder in Verbindung, das andere hohle Ende bildet das Auslaufrohr für den geringften Stoff. Der Knotenfänger rotirt während des Ganges der Mafchine und ift ringsum von Stoff umgeben, dadurch rührt er letzteren continuirlich auf, fo dafs derfelbe angeblich weder Klumpen bilden noch die Oberfläche verftopfen kann. In dem vorhin erwähnten Cylinder geht ein Kolben und fchafft den innerhalb des Knotenfangs befindlichen gereinigten Stoff durch das andere Ende in einen Vorkaften, woraus der Stoff in einen zweiten Kaften fliefst, der unmittelbar vor dem Sieb der Mafchine liegt. Die Oberfläche der Knotenplatten beträgt 42 Quadratfufs, die ganze Mafchine nimmt im Verhältnifs zu diefer grofsen Arbeitsfläche wenig Raum ein, ift in allen Theilen gut zugänglich und läfst fich unfchwer reinigen. Die Mafchine Papierinduftrie. 27 koftet, ab Fabrik, 370 Pfund Sterling. Mit Waffer ftatt des Stoffes functionirt diefelbe fehr exact, aber fo grofs auch die Vortheile fein mögen, fo läfst fich dennoch nicht leugnen, dafs der Kaften nach einiger Zeit mit Knoten ganz gefüllt fein und bei feiner Entleerung auch viel guter Stoff verloren gehen wird. Der praktiſche Erfolg diefer Mafchine ift defshalb abzuwarten. Der rotirende Knotenfänger von Henry Watfon in Newcaftle on Tyne ( Vertreter Jul. Oberhoff, Getreidemarkt II, Wien) war nicht im Betriebe und beruht auf gleichem Principe. Die rotirenden Knotenfänger von Chr. Steinmayer und Chr. Wandel in Reutlingen, Württemberg, find nach einem von dem englifchen wefentlich anderen Syftem gebaut. Der rotirende Knotenfänger von Chr. Steinmayer befteht aus einem Cylinder, deffen Mantel mit feinen Schlitzöffnungen verfehen ift. Diefer Cylinder wird durch ein Getriebe, welches an beiden Cylinderenden angebracht ift, unter fortwährendem Schütteln langfam gedreht. In den Cylinder wird der Stoff durch Rinnen von beiden Seiten eingeleitet, derfelbe paffirt die Schlitzöffnungen, die Knoten dagegen bleiben zurück, und werden durch inwendig an den Cylinder angebrachte Stäbe mit in die Höhe genommen, worauf fie in eine inwendig aufgeklappte, nach einer Seite geneigte Rinne fallen. Ein oberhalb des Cylinders angebrachtes Spritzrohr fpritzt beftändig Waffer auf denfelben, um ihn rein zu erhalten und die in der Rinne angefammelten Knoten abzufpülen und wegzuführen. Als Hauptvorzüge des Apparates gibt der Ausfteller an der Cylinder reinigt fich fortwährend von felbft, dadurch bleiben die Schlitzöffnungen ftets gleich offen und bleibt die durchgehende Stoffmenge ftets diefelbe. Die Schlitzöffnungen können enger genommen werden, als bei Platten, da fie fich nie verftopfen. Die Knotenentfernung ift dadurch vollſtändiger. Die Mafchine nimmt bei grofser Durchgangsfläche wenig Raum ein. Die Mafchine ift mit Ausnahme der Getriebe ganz aus Meffing und Kupfer und fehr folid und gefällig ausgeführt. So finnreich auch diefes Princip ift, fo ift es dennoch unvermeidlich, dafs nicht auch guter Stoff mit den Knoten abgefpritzt und abgeführt wird; aufserdem wirkt noch der Umftand vertheuernd auf eine allgemeine Anwendung des Apparates, dafs für jede Schlitzweite ein anderer Cylinder eingefetzt werden mufs.- Gefchlitzte Knotenplatten find von Fr.& Th. Bell, C. Reif, Chr. Steinmayer und Chr. Wandel ausgeftellt worden und laffen diefelben in Bezug auf Egalität und Feinheit der Schlitze nichts zu wünſchen übrig. Die rotirenden Knotenfänger haben noch nicht allgemein Eingang gefunden, da die Anfichten über deren befte Conftruction noch zu widerfprechend find, defshalb ift die Anfertigung guter gefchlitzter Platten immer noch von grofser Wichtigkeit für jeden Papierfabrikanten. Die früher gebräuchliche Art der Zufammenfetzung einer Knotenplatte aus gehobelten Stäben, zwifchen welche zur Erzielung verfchieden breiter Durchgangsöffnungen Meffingringelchen von verfchiedener Dicke eingefchoben wurden, kommt immer mehr aufser Gebrauch, da die gröfseren Anfchaffungskoften ganzer gefchlitzter Platten reichlich durch den Gewinn an Zeit erfetzt werden, den das blofse Einlegen einer fertigen Platte gegenüber dem Einfügen der Ringe erfordert. Nicht nur, dafs das Zerlegen der Stäbe eine mühfame und zeitraubende Arbeit ift, werden die Ringe von minder gewiffenhaften Maſchinenführern leicht verwechfelt, wodurch eine Ungleichförmigkeit in der Breite der Durchgangs öffnungen entſteht, deren fchädliche Folgen im Papier nur zu fichtbar find. Schneidmafchinen. Diefe waren unter allen zur Papierfabrication gehörigen Mafchinen auf der Ausftellung am zahlreichften vertreten, und zwar ftellte Deutſchland hierin das ftärkfte Contingent. Die Papierfchneid- Mafchinen von Häckel& Comp., O. Ronniger, Auguft Fomm, Carl Kraufe, Gebrüder Schmiel in Leipzig, C. W. Schürmann in Elberfeld und Gebrüder Heim in 28 Emil Twerdy. Offenbach find alle von nur mittlerer Gröfse, und durchwegs für Kurbelbewegung und Bleuelftange eingerichtet, wodurch das Zurückdrehen des Handrades bei dem Rückgang des Meffers erfpart wird. Die conftructiven Unterfchiede find gering, vorzüglich ausgeführt und in der Form fehr gefällig ift die Mafchine der Gebrüder Heim in Offenbach. Diefelbe ift für Riemenbetrieb eingerichtet und mit felbftthätiger Ausrückung verfehen. Eine kleine Papierfchneid- Mafchine von Pierron& F. Dehaitre in Paris zeigt eine eigenthümliche Führung des Mefferfupports auf Leitrollen. Die Kurbelbewegung wird durch eine Bleuelftange unterhalb des Papiertifches auf einen Hebel übertragen. Der Tifch ift verftellbar und mit einem Mafsftab verfehen. Glätt Walzwerke, Kalander. Diefe waren fchwach vertreten, und zählen die ausgeftellten Exemplare in Bezug auf Walzenanzahl und Breite nur zur Mittelgattung. Die mit zwei Hartgufs- Walzen verfehenen Glätt- Walzwerke bieten nichts Neues, unter den mit Papierwalzen verfehenen find die von Gebrüder Heim und Efcher, Wyfs& Comp. in Leesdorf bei Wien ausgeftellten bemerkenswerth. Der Kalander der Gebrüder Heim ift fehr fchön ausgeführt, die Zuleitung des Papieres jedoch ohne Geradführung; dagegen liegt bei dem Kalander von Efcher, Wyfs& Comp. vor jeder Walze ein genau regulirbarer Filz, um das Papier ficher und ohne Gefahr des Faltenziehens einzuführen. Grofse Kalander mit fünf und mehr Walzen, mit feparater Betriebsmafchine, wie felbe jetzt ftark in Aufnahme kommen, waren nicht ausgeftellt. Siebe und Filze. Metalltücher für Papiermafchinen haben die Firmen H. Günther in Biberach, Steinmayer, Wandel in Reutlingen, Kufferath in Marienweiler bei Düren und Hutter& Schrantz in Wien ausgeftellt. In Filzen behauptet Frankreich den erften Rang und haben fich an der Ausftellung die beftbekannten Firmen: Charrier& Comp., Chrétien Me. Ve. Debouchaud, Mattard& Vérit& Comp., Weiller Labroufe& Sardou in Nerfac und Mattard& Bermier in Châteauneuf, fowie R. R. Whitehead Brothers in London betheiligt. Die Leiftungen der franzöfifchen Fabriken find weltberühmt und ftehen ohne Concurrenz da. Whitehead Brothers ftellten aufser Nafs- und Steigfilzen Trockenfilze aus Schaf und Baumwolle aus. Die Anfchaffung derfelben ftellt fich erheblich billiger als die der Schafwolll- Filze, jedoch ift ihr Gebrauch noch ein zu neuer, als dafs fich über ihren praktifchen Werth fchon etwas Beftimmtes fagen liefse. Die Subftituirung von Metalltüchern an Stelle der Trockenfilze hat fich nicht bewährt. Es braucht nicht erft erwähnt zu werden, dafs alle Verbefferungen an Mafchinen und Fabriksbedarf- Artikeln auch der Papierinduftrie zu Gute kommen und von intelligenten Fabrikanten gebührend gewürdigt werden. Zur rafchen Kenntnifs und Verbreitung derfelben trägt die Fachliteratur viel bei, wie diefer überhaupt ein grofser Theil des Fortfchrittes im Allgemeinen zu danken ift. Die Literatur des Papierfaches hat feit 1867 an vollſtändigen Werken wenig hervorgebracht und befchränkt fich mehr auf periodifche Schriften und Brochuren. Ein wefentliches Verdienft um die Fachliteratur hat fich Dr. Alwin Rudel in Dresden erworben, welcher feit 1849 auf diefem Gebiet unermüdlich für den Fortfchritt thätig ift, und in feinem„ Centralblatt für deutfche Papierfabrication" ein Organ unterhält, das als geiftiger Vereinigungspunkt aller Papierintereffenten dient. Diefe Zeitfchrift ift die ältefte ihrer Art auf dem Continent. Eine fernere neue erfreuliche Erfcheinung ift die Bildung von Vereinen zur Wahrung allgemeiner fachlicher Intereffen. Solche Vereine bilden fich nun faft in jedem Staate, und es ift mit Recht zu erwarten, dafs deren allfeitiges Zufammenwirken von wefentlich erfpriefslichen Folgen für das Vorwärtsfchreiten der Papierinduftrie begleitet ſein wird. Papierinduftrie. 29 Die ausgestellten Rohftoffe und Papiere. Es liegt in der Natur der Sache, dafs jenes Land, welches eine Ausftellung veranstaltet und die diefem nächftgelegenen Staaten in der betreffenden Gruppe relativ am ftärksten vertreten find und die Betheiligung entfprechend der gröfseren Entfernung fchwächer wird. Die Anzahl der ausgeftellten Objecte eines Landes ift demnach kein zuverläfsiger Mafsftab für die Beurtheilung des Umfanges und Entwicklungsgrades eines beftimmten Induftriezweiges. Die Papierausftellung in Wien bot nur bei Oefterreich- Ungarn und Deutfchland ein entſprechendes Bild des Standes der Papierfabrication, wogegen die anderen Länder fchwach, einige gar nicht vertreten waren. Oefterreich- Ungarn. Von 96 Maſchinenpapier- und 24 HolzftoffFabriken haben 53 Firmen, mithin circa 44 Percent, die Ausftellung befchickt, doch find hierin alle in Oefterreich- Ungarn fabricirten Papierforten vertreten. Diefe umfaffen das gefammte Gebiet der in Europa gebrauchten Papiere mit Ausnahme von Photographiepapier, welches auf der Ausftellung überhaupt nur von Frankreich exponirt wurde. Die Papiere einer Gattung unterfcheiden fich, namentlich bei Ausftellungsobjecten, wenig von einander, da deren Herftellungsweife faft überall die nämliche ift, und kommt, wenn es fich um ein ftrenges Urtheil über gleichnamige Waare handelt, wefentlich der Preis derfelben in Betracht zu ziehen. Hochfeine Papiere haben ausgeftellt: Die Fabriken: Schlöglmühl, Leidesdorf& Comp., Eichmann& Comp. in Arnau, Heinrichsthal in Mähren, Leykam- Jofephsthal, Elbmühl in Arnau vormals Lorenz Söhne, Rothneufiedl, G. Röder in Marfchendorf, Ritter von Zahony in Görz, Imft, Wattens und Abfam in Tirol und Meynier in Fiume. Die Erzeugniffe diefer Firmen bieten das Vollkommenfte, was die Papierinduftrie auf ihrer heutigen Entwicklungsftufe bietet und laffen die ausgeftellten Documenten., Wafferdruck, Noten-, Brief-, Kanzlei-, Feindruck- und Zeichenpapiere nichts zu wünſchen übrig. Das hervorragendfte Ausftellungsobject war das der Actiengeſellſchaft Schlöglmühl, welches fich in der Rotunde befand. Diefe Fabrik ift eine der bedeutendften Oefterreichs und liefert den Gefammtbedarf des Staates an Noten, Obligationen, Stempel, Briefcouverts etc. Die Fabrik befitzt 4 Papiermafchinen, worunter eine mit 84 Zoll Arbeitsbreite, wohl die gröfste Oefterreichs. Die Jahresproduction beträgt über 50.000 Centner. Für animalifche Leimung auf der Mafchine befitzt die Gefellſchaft ein eigenes Patent. Die ausgeftellten, in einem Bogen ftreifig, verfchiedenfärbigen Handpapiere waren Unica der Ausftellung und zeugen von der aufserordentlichen Sorgfalt der Erzeugung. Als Curiofum ift die aus einem Bogen gewickelte Papierrolle zu erwähnen, welche 822 Wiener Zoll breit, 54332 Fufs, gleich 24 deutfche Meilen lang ift und 84% Zollcentner wiegt. Die ausgeftellten zu einem Pfund Papier nöthigen Materialien find nur als Decoration anzufehen und haben abfolut keinen inftructiven Werth. Es würde zu weit führen, alle die zahllofen Variationen in Stoff, Format, Gewicht, Farbe und Appretur der ausgeftellten feinen Papiere der oben genannten Fabriken näher zu befprechen, und da die Erzeugniffe derfelben einander faft ganz ebenbürtig find, befchränken wir uns nur auf die Anführung von Befonderheiten. Der Verwendung von chemifch gelöftem Holzftoff zu Briefpapier, welches von G. Röd er & Comp. ausgeftellt wurde, ift bereits an anderer Stelle rühmend gedacht worden. 30 Emil Twerdy. Die Fabriken von Imft, Wattens und Abfam haben fchönes, gelbes, fatinirtes Saugpapier, die Elbemühl Frachtkarten- Copirpapier und fehr gutes Pauspapier aus felbft gefertigtem Strohftoffe ausgeftellt. Die Documenten- und Banknoten- Papiere der Fabrik Rothneufiedl find in ihrer Art ausgezeichnet. Mittelfeine Schreib- und Druckpapiere, Affichen-, Umfchlag und feine Packpapiere haben ausgeftellt: Die Actiengeſellſchaft in Pitten, die Actiengefellfchaft Cellulofe, die Actiengeſellſchaft Steyrermühl, Gebrüder Fialkowski& Twerdy in Bielitz, Kranz in Andritz, Ignaz Fuchs in Kamnitz, Pechlaner und Netzer in Hall, Blum in Bludenz, J. B. Hüttner in Hermanetz, die Papierfabrik in Nagy Szlabos, die Petersdorfer und Zernefter Papierfabrik und Luigi& Comp. in Roveredo. Die bedeutendften diefer Fabriken find die der Actiengeſellſchaften Pitten, Cellulofe und Steyrermühl, von denen jede 35.000 bis 40 000 Centner Papier jährlich erzeugt. Die Papiere find durchwegs mit 50 bis 60 Percent HolzftoffZufatz gearbeitet, die Appretur meift nur Mafchinenglätte. Die Papierfabrik Pitten und die der Actiengeſellſchaft Cellulofe gehörige Fabrik Therefienthal hatten in ihren Expofitionen Zeitungs- und Bücherpapier in fehr gut gewickelten Rollen bis 600 Pfund Gewicht, und ift ferner das prachtvolle Rofa- Löfchpapier der Pittener Fabrik befonders lobend zu erwähnen. Cigarrettenpapiere waren vorhanden: Von der Troppauer Fabrik, der Gefellfchaft Cellulofe, von Dr. Feuerft ein in Traun, Piette in Freiheit, Hektor Ritter von Zahony in Görz und von Weifer und Holzer in Saffow, Galizien. Die vorzüglich geleitete Troppauer Papierfabrik producirt ausfchliesslich Cigarrettenpapier, welches fich durch Reinheit und Egalität, leichte und geruchlofe Verbrennbarkeit ganz befonders auszeichnet. Die Farben der von derfelben Firma ausgeftellten Blumenpapiere find ebenfo mannigfaltig als fchön, rein und feurig. Piette, der die Seidenpapier- Fabrication in Oefterreich einführte, bewährte feinen alten Ruf wie immer. Die ebenfo guten Papiere von Zahony enthalten Maulbeerbaum- Rinde, was bereits an früherer Stelle Erwähnung fand. Zucker und ordinäre Packpapiere find exponirt von: W. Hamburger in Pitten, Actiengefellfchaft Pitten, F. Weifs in Mohrau, Dr. Müller in Troppau, Kieslings Erben in Hohenelbe, J. Spiro in Rothřečitz, Ig. Spiro in Krumau und der Ratfchacher Fabrik. Die Pack- und Zuckerpapiere bieten nichts Neues, des Kartoffelftengel- Papieres von Jacob Spiro ift bei den Rohmaterialien anerkennend gedacht worden. Pappen und Hadernzeug waren in ganz ausgezeichneter Qualität ausgeftellt von J. R. Purkert, in Weifskirchlitz bei Teplitz in Böhmen, und Franz Ohmeyer in Graz. Purkert's Saugpappen und Gewehrpfropfe find rühmlichft hervorzuheben. Die Prefsfpäne der Gefellſchaft Cellulofe aus ihrer Fabrik in Gumpoldskirchen und die von F. Hoffmann in Grätz bei Troppau find längft als vorzüglich anerkannt und auch die ausgeftellten Proben ausgezeichnet fchön. Von den ausgeftellten Strohpapieren und Pappen verdienen jene von Fürth& Gellert in Pilfen, H. Smekal in Dechtitz und der Prefsburger Actien- Papierfabrik volle Anerkennung, wogegen die Papiere von Lafk& Mehrländer in Wadowice, Galizien, Manches zu wünſchen übrig laffen. Gefchliffener Holzftoff und Holzdeckel waren durch fieben Ausfteller vertreten. I. V. Stenger's in Frohnleiten färbige Pappen und die Deckel von Braun& Eberhardt in Niederrochlitz erregen verdiente Aufmerksamkeit. Die Holzftoff- Proben laffen, als getrocknete Maffe, kein genaues Urtheil über Farbe und Feinheit zu. Chemifch gelöfter Holzftoff war nur in ganz kleinen Quantitäten vorhanden, und zwar in Muftern von Hiebl& Diamant, in Proben der Gefellfchaft„ Papyrus", in Muftern und Papieren der fchon genann Papierinduftrie. 31 ten Firma G. Röder und in einer Papierrolle von Falkenhayn. Letztere hat ein gelbes und unreines Ausfehen. Deutfchland. Von 322 Mafchinenpapier- Fabriken mit 465 Papiermafchinen, 69 Holzfchleifereien mit circa 20 Strohftoff- Fabriken haben fich 74 Firmen an der Ausftellung betheiligt. Von diefen entfallen 38 Ausfteller auf Papiere, 13 auf Holzftoff und Holzpappe, II auf Prefsfpäne und LumpenftoffPappen, 10 auf Strohpapier und Strohpappe und 2 auf gebleichte Strohmaffe. Die Zahl der Ausfteller beträgt darnach circa 18 Percent der fämmtlichen Producenten. Die Ausftellung bot doch ein treues Bild der hochentwickelten deutfchen Papierinduftrie, da fich die beften Firmen mit ihren Productten eingefunden hatten. Den Glanzpunkt der fonft in fehr einfacher und nüchterner Weife arrangirten Ausstellung bildete die Collectivausftellung der Papierfabriken in Düren. Die bewährteften Firmen und zwar: Gebrüder Hoefch, Felix Schöller, Emil Hoefch& Schleicher und Heinrich Auguft Schöller Söhne, repräfentirten in würdigfter Weife den alten Ruf der Dürener Papiererzeugniffe. Die Papiere find dem Gebrauchszwecke, dem Stoffe, dem Formate und den Farben nach fo mannigfaltig, dafs eine nähere Befchreibung weitaus den Rahmen diefes Berichtes überfchreiten würde. Es läfst fich im Allgemeinen conftatiren, dafs die feinen Brief, Documenten-, Kanzlei- und Zeichenpapiere zu dem Vorzüglichften gehören, das die Ausstellung überhaupt bot. 99 Eine fehr intereffante Collection von Papierwaaren, beftehend in: Düten, Kapfeln, Cartonnagen, Etiquetten etc. ftellten die Vereinten hefsifchen Papier und Papierwaaren- Fabriken" vormals G. Bodenheim& Comp. in Kafsel aus, welche diefe Specialität in vorzüglicher Weife und grofsem Erfolge cultiviren. Die Hanf-, Löfch- und Druckpapiere von C. F. Difcher in Berghaufen und Gebrüder Deneke in Raguhn, Anhalt, zeigen gute, jedoch nicht ungewöhn liche Ausführung, die Proben der Wafferdruck- Papiere der Wolfswinkler ActienPapierfabrik ausgezeichnete Reinheit und Schärfe. Die Dalbker Papierfabrik, Max Drefel, ftellte Papiere aus, wie bereits erwähnt, felbfterzeugter Cellulofe gefertigt, aus, und zwar in 18 diverfen Farben. Die Büttenpapiere find fo wie die Maschinenpapiere befonders zähe und fchön gefärbt. Die Schreibdocumenten, Velin- und feinen Druckpapiere von Brafelmann& Vorfter in Stenneet bei Eilpe in Weftphalenund Georg Drewfen in Lachendorf bei Celle in Hannover gleichen den Dürener Papieren an vorzüglicher Ausführung. Hervorzuheben find ferner noch die Handpapiere mit Wafferzeichen zu Werthpapieren der Eichberger Papierfabrik bei Hirfchberg in Schlefien und die fchönen Handpapiere von J. W. Landers in Gladbach bei Köln, wie nicht minder die verfchiedenen Qualitäten von Kupferdruck- Papieren der Schröderfchen Papierfabrik in Leipzig. Pergamentpapier ift durch die Fabrik von Carl Brandegger in Ellwangen, Württemberg vertreten, welche Rollen und künftliche Wurftdärme in ausgezeichneter Qualität erzeugt. Die vorkommenden Strohpapiere und Strohpappen boten nichts Neues, dagegen waren Prefsfpäne und Brandpappen durch vorzügliche Mufter vertreten, worunter jene von A. Kauffmann& Schumann in Hohleborn bei Schmalkalden, Hefsen, und die von Kade& Comp. in Sorau, Brandenburg, in erfter Linie zu nennen find. Die Holzftoff- Induftrie war zahlreich vertreten, die ausgeftellten Proben, meift in Form von Deckeln find im Ausfehen ziemlich gleichförmig und faft alle auf Apparaten nach Voelter's Syftem erzeugt. Voelter felbft hat fich durch Vorführung mehrerer Stoffproben von verfchiedenen Holzarten und daraus gefertigten Papieren an der Ausftellung betheiligt. 3 32 Emil Twerdy. Cellulofe war durch Mufter und Papiere der norddeutfchen Papierfabrik in Cöftlin, Auguft Deininger und Max Drefel vertreten. Erftere find feft, jedoch in der Farbe unanfehnlich, der beiden anderen ift bereits an anderer Stelle erwähnt worden. Gebleichte Strohmaffe wurde von C. A. Linke in Hirfchberg und C. Matthys& Pummerer in Paffau in tadellofen Proben zur Anfchauung gebracht. Frankreich. Von den franzöfifchen Fabrikanten haben nur 14 die Ausftellung befchickt, und zwar 13 mit Papieren, und eine Firma mit Proben von Cellulofe. So gering auch die Zahl der Exponenten war, gereicht die franzöfifche Papierausftellung dem Lande dennoch zur höchften Ehre, da die beften Firmen ihre berühmten Fabricate vorführten. Die Papiere waren in ganz gleichen gefchloffenen Käften, in einfacher aber höchft gefchmackvoller Weife ausgeftellt und gewährte deren Studium dem Fachmanne die höchfte Befriedigung. Die Société anonyme des Papetiers du Marais et de St. Marie brachte eine reiche Sammlung von Druck-, Lithographie-, Kupferdruck-, färbigem, Banknoten-, Acten- und Wafferzeichen- Papieren, Jacquard und Glättkarten, welche das Vollkommenfte ihrer Art find. Die Wafferzeichen find von unübertroffener Reinheit und Schärfe, die Stoffe abfolut rein, die Appretur prachtvoll. Blanchet frères& Kleber, Rives, Ifére, glänzten durch ihre weltberühmten Photographiepapiere, in weifser und mattgelber Farbe ausgeführt, fowie durch Zeichen und Büttenpapiere. Auf derfelben hohen Stufe der Vollkommenheit ftehen die Erzeugniffe von Lacroix frères Angoulême, Charente, die in Brief-, Druck-, Photographie- und Pergamentpapier beftehen, wie nicht minder den ausgezeichneten Brief- und Luxuspapieren der Firma Ch. Becoulet& Comp. und den Schreibpapieren von Bichelberger& Comp. in Etival und Clairfontaine, Vosges, das höchfte Lob zuzuerkennen ift. Die ehrwürdige Firma Canfon& Mongolfier in Vidalon les Annonay, Ardêche, dominirt, wie feit lange, heute noch den Weltmarkt mit ihren Natur und weifsen Zeichenpapieren, woran fich, was Reinheit und Appretur betrifft, die Documenten-, Photographie- und hochfeinen Druckpapiere würdig an fchliefsen. Die von fünf Fabrikanten ausgeftellten Cigarettenpapiere ftehen den beften diefer Art ebenbürtig zur Seite, und es ist nur zu bedauern, dafs fich die Betheiligung Frankreichs in der Gruppe„ Papier" quantitativ nicht bedeutender geftaltet hat. England. Auch die hochentwickelte, tonangebende Papierinduftrie Englands hat fich an der Wiener Ausstellung fchwach betheiligt, indem nur zwei Ausfteller mit Papieren und zwei mit Cellulofeproben aufgetreten find. A. Cowans and Sons, Papierfabricanten in Edinburgh, vertraten qualitativ in ausgezeichneter Weife den Ruhm der englifchen Papiere, und rangiren unter die erften Firmen des Landes. Die weifsen, färbigen, glatten, gerippten und gemusterten Briefpapiere find in grofser Mannigfaltigkeit vorhanden und unvergleichlich fchön appretirt. Die Leimung der Papiere gefchieht fo forgfältig, dafs das Papier den Weg von 14 englifcher Meile zurücklegt, ehe es den Trockenapparat verläfst. Eine Merkwürdigkeit ift die Nachahmung von altem Papier zur Reproduction alter Werke. T. H. Saunders in Dartford, Kent, brachten Büttenpapier, Werthpapier, Pergament-, Karten, Zeichen- und Schreibpapier in ebenfalls vollendeter Ausführung. Eine Specialität diefer Fabrik ift das durchfichtige Pergamentpapier. Papierinduftrie. 33 Die Cellulofeproben von James Lee und M. Nicol find fchon bei der Abhandlung über die Rohmaterialien eingehend befprochen worden. Rufsland hat in fehr anerkennenswerther Weife die Papierausftellung befchickt, und zeigt in feinen Erzeugniffen ein erfreuliches Bild des gewonnenen Fortfchrittes. Die eigenthümlichen Productionsverhältniffe diefes Reiches, welches durch einen koloffalen Schutzzoll feine Induftrie zu fördern fucht, ermöglichen den Beftand grofsartiger Werke, welche, wenn auch theuerer, fo doch faft ebenfo gut fabriciren als die weftlich gelegenen, höher entwickelten, fremdländifchen Induftriegebiete, wozu das überreiche Quantum des beften und billigen Rohmateriales wefentlich beiträgt. Unter den 8 Papierausftellern figurirten Fabriken von grofsartigem Umfange und vorzüglicher Leiftungsfähigkeit. Die kaiferlich ruffifche Staats- Papierfabrik in Petersburg ftellte Mafchinen- und Handpapiere mit Wafferzeichen aus, die ebenfo vollendet fchön find als die franzöfifchen. Die im Jahre 1818 gegründete Fabrik ift für die Fabrication von 100 Millionen Papierbogen jährlich eingerichtet. 17 Dampfmafchinen betreiben die Werke und 2800 Arbeiter find in der Papiermanufactur und bei 58 Schnellpreffen befchäftigt. Die Newa Schreibpapier- Fabrik Gebrüder Vargounin in Petersburg ftellten gute Schreib-, Druck- und Cigarettenpapiere aus, und verwenden gebleichte Strohmaffe nach Lahouffe's Syftem zu ihren Fabricaten. Der Werth der auf drei Mafchinen erzeugten Waaren beträgt jährlich 750.000 Rubel. Die Fabriken von Gagarin, Prinz Nicolaus in Jaroflaw, fowie jene von Sergujeff in Penfa erzeugen Schreib-, Druck- und färbige Papiere in fehr guter Qualität. Sergujeff's Jahresproduction erreicht den Werth von 800.000 Rubel. Ebenfo anerkennenswerth find die Druck, Schreib- und Cigarettenpapiere von Jean Ep ft ein in Sotfchewka bei Warfchau. Die Papiere waren durchwegs aus reinem Lumpenftoffe gefertigt, daher fehr feft. Holzftoff war durch drei Ausfteller vertreten, von welchen der bedeutendfte, die Actiengeſellſchaft in Tammerfors- Finnland, jährlich 28 000 Centner Stoff und 4000 Centner Holzpappe erzeugt. Italien. Die italieniſche Papierausftellung war fo ungünftig fituirt, dafs fie keinen befonders befriedigenden Eindruck hervorbringen konnte. Die knapp auf einander gehäuften Papiermufter machten es faft unmöglich die einzelnen Ausfteller genau von einander zu unterfcheiden. Es find dreizehn Fabriken mit Mafchinenpapier, drei mit Strohpapier, zwei mit Papieren aus Maulbeerbaum- Rinde und eine Fabrik mit Handpapier vertreten. Das Papierfortiment von Bernardino Nodari in Lugo, Vicenza, bietet durch gute fein apprettirte Brief-. Schreib- und Zeichenpapiere das bemerkenswerthefte der mit Unrecht fo unanfehnlich geftalteten italienifchen Papierexpofition. Hervor ragende Leiftungen find nicht zu conftatiren. Die Niederlande, welche fünfzehn Papiermafchinen befitzen, haben gar keine Mafchinenpapiere ausgeftellt, dagegen ift die rühmlichft bekannte Büttenpapier- Fabrication durch eine gute Firma repräfentirt. Van Gelder& Zonen in Amfterdam geniefsen ihrer fchönen Handpapiere wegen eines alten Rufes. Die Kupferdruck-, Schreib- Documenten und Werthpapiere fowie die färbigen Zeichenpapiere zu Kreidezeichnungen find von einer Reinheit, die nichts zu wünſchen übrig läfst. Z. G. Knipers& Comp. in Lecuwarden ftellten auf der Mafchine erzeugte Strohdeckel gewöhnlicher Sorte aus. Spanien und Portugal waren ebenfalls fchwach betheiligt und läfst fich aus den ausgeftellten Papieren auch nicht ein annähernd richtiger Schlufs auf 3* 34 Emil Twerdy. den wahren Stand der Papiermanufactur ziehen. Das unvortheilhafte Arrangement der italienifchen Papiere wiederholte fich hier in noch höherem Grade, fo dafs von den katalogifirten fechzehn fpanifchen und fieben portugiefifchen Collec tionen nur Wenige zu bemerken waren. Die Papiere der Firma Capdavila& Comp. in Barcelona, beftehend in Schreib- und Cigarrettenpapier find gut in Stoff und Appretur, jedoch nicht rein genug. Die fonftigen Cigarrettenpapiere boten nichts Ungewöhnliches. Die Schweiz erfchien leider nur durch eine einzige Papierfabrik betheiligt, deren Erzeugniffe jedoch des vollen Beifalles werth find. Die Brief-, Schreib- und Zeichenpapiere der Papierfabrik in Worblaufen ftehen den beften ihrer Art in nichts nach. Rumänien wiefs einen Ausfteller von färbigen Papieren aus. Schweden mit dreizehn und Norwegen mit fechs Papierfabriken haben gar kein Papier ausgeftellt, dagegen waren dreizehn Holzftoff- Fabriken mit Proben ihrer Erzeugniffe erſchienen. Es ift zu bedauern, dafs das berühmte fchwedifche Filtrirpapier, welches nur in Grycksbo, Dalarne fabricirt wird, und die eigenthümliche Bedingung braucht, mit chemifch ganz reinem Waffer gearbeitet zu fein und einmal zu gefrieren, nicht vertreten war. Die Holzftoff- Induftrie wird in Schweden und Norwegen im grofsartigften Mafsftabe betrieben. Der unerfchöpfliche Holzreichthum, die Zartheit der Holzfafer, welche fich nur unter fo hohem Breitegrade entwickelt und die unbegrenzten Wafferkräfte und billigen Wafferftrafsen unterſtützen diefe Induftrie in günftiger Weife. Die erfte Fabrik in Trollhättan, 1857 gebaut, blieb zehn Jahre lang die einzige im Lande. Anfangs 1873 gab es 27 Holzfchleifereien in Schweden und 20 in Norwegen. Einzelne Etabliffements, wie z. B. Langed, liefern bis 50.000 Centner Holzmaffe jährlich. In neuefter Zeit wird auch Cellulofe in grofsartigen Quantitäten erzeugt, und zwar beftehen in Schweden zwei Fabriken nach Sinclair's Syftem, fieben nach Lee's und eine nach Fry's Syftem. Der Werth der jährlich erzeugten Holzmafle und der Cellulofe beträgt über 5 Million Riksdaler. Nordamerika, Venezuela, Salvador, Brafilien, Monaco, Dänemark, Belgien und Griechenland haben gar nicht ausgeftellt. Die gröfste Bewunderung in der Wiener Weltausftellung erregten die von China und Japan ausgeftellten Papierarten. Bindfaden aus Papierftreifen gedreht, fo feft und fo glatt wie der befte Bindfaden aus Hanf; Fenfterpapier, welches mattes Glas vertritt und in der Kälte ein träger Wärmeleiter ift, alfo Fenfterfcheiben bildet, wie fie fich mit Eis bedecken oder anlaufen; Lederpapier, fo feft und elaftifch, das Jeder, welcher es zum erften Male fieht und unterfucht, für ein fremdartiges Leder hält; Theetaffen aus Papier, das ftark lackirt ift, und welches der heifsefte Thee im Gebrauche nicht angreift; Gewebe, an welchen die Kette Seide und der Schufs dünne zarte Papierftreifen find; Papier, dafs fich zu Schnupftüchern, weich und zart und feft, verwenden läfst; endlich Papier, das zu Tifchdecken gebraucht werden kann. Das Papier bildet demnach gewiffermafsen in Japan ein Mittelglied zwifchen unferem leicht zerreifslichen Papier und den feften Geweben. Die Wahl des Stoffes und dann die Zubereitung charakterifirt das Papier der Japanefen. Sie nehmen keine fchon gebrauchten Stoffe oder Hadern dazu, welche eine kurze, meiftens morfche Fafer enthalten, fondern frifche, lange Pflanzenfafern, wahrfcheinlich vorzugsweife die Fafer des fchönen feidenartigen Chinagrafes, Urtica nivea, die einen äufserft feften Papierfilz bildet. Diefe Fafern geben dem Papiere ohne Leim und ohne ftarke Preffung ein feftes Gefüge auch bei der bekannten dünnen Schichte, wodurch fich das feine chinefifche und japane Papierinduftrie. 35 fifche Papier auszeichnet. Für Fensterpapier oder zu Laternenwänden wird das Papier mit einer Flüffigkeit getränkt, die durchfcheinend macht, für den Gebrauch als Leder oder als wafferdichter Stoff wird es mit befonderen Harzen und Oelen vorgerichtet; für Gefchirre, in welche man kalte und heifse Flüffigkeiten giefsen will, wird die dicke Papiermaffe mit einem unvergleichlichen Lack überzogen, deffen Grundlage gefchlämmter feiner Thon ift. Die Anregungen, welche die Befucher der Wiener Weltausftellung in der japanefifchen Ausftellung erhielten, werden vielleicht auf die gefammte Papierfabrication eine umgeftaltende Wirkung haben, und die Verwendungsarten werden vielfeitige Nachahmung finden, wenn man es bei uns verftehen lernen wird, die verfchiedenften Stoffe der Papierfabrication dienftbar zu machen. Faffen wir die Charakteriſtik der einzelnen Papierausftellungen kurz zufammen, fo ergibt fich, dafs nur Oefterreich- Ungarn und Deutfchland quantitativ und qualitativ in ausgiebigfter Weife aufgetreten waren, Frankreich, England und Rufsland quantitativ fchwach dagegen durch ihre beften Erzeugniffe, China und Japan mit feltenen und vielfeitigen Producten vertreten waren, wogegen fich alle anderen Papierexpofitionen in hohem Grade lückenhaft erwiefen. An der Spitze der Papierinduftrie ftehen heute wie vor 1867 England, Frankreich, Deutſchland und Oefterreich. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. TAPETEN UND BUNTPAPIER. ( Gruppe XI, Section 2.) Bericht von DR. WILHELM FRANZ EXNER, Profeffor der mechanifchen Technologie an der Forftakademie in Mariabrunn, k. k. Regierungsrath. SCHREIB-, ZEICHEN- UND MALER- REQUISITEN. ( Gruppe XI, Section 3.) Bericht von IGNAZ NAGEL, Beamter der commerciellen Direction der k. k. priv. Südbahn in Wien. BUCHBINDEREI, CARTONNAGE UND MASCHINEN FÜR BUCHBINDER. ( Gruppe XI, Section 4.) Bericht von CONRAD BERG, Verlags- Buchhändler und Buchbinder in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. TAPETEN UND BUNTPAPIER. ( Gruppe XI, Section 2.) Bericht von DR. WILHELM FRANZ EXNER, Profeffor der mechanifchen Technologie an der Fortakademie in Mariabrunn, k. k. Regierungsrath. Die Weltausftellung hat ihre Aufgabe, ein treues Bild des dermaligen Zuftandes der Production und des Verkehres der Güter zu liefern, in Beziehung auf das fpecielle Fach: Tapeten- und Buntpapier nicht erfüllt. Bei der gröfsten Genügfamkeit wenn man fich felbft mit einer nur halbwegs vollſtändigen Darftellung diefer Induſtrie, wie fie die letzte Parifer Univerfalausftellung geboten hat, befcheiden möchte unfere heurige Expofition hätte uns, fo lange wir von diefem Zweige menfchlicher Betriebfamkeit fprechen, nicht befriedigen können. Einzelne charakteriftifche Züge für diefes und jenes Productionsgebiet - das ift Alles, was uns der Praterpalaft zur Schau brachte. Die Aufgabe des Reporters wäre eine leichtere, feine Vertrauenswürdigkeit eine erhöhte, wenn er ein erfchöpfendes Buch zu lefen und für das grofse Publicum kurz zu paraphrafiren hätte. Wir fanden aber in der Sammlung von Handfchriften, Urkunden und Büchern in der grofsen zeitgenöffifchen Bibliothek, als welche die Weltausftellung aufgefafst werden mag, nur eine Monographie über die polychrome Ausstattung der Papierfläche, welche ganze Abſchnitte nicht ent hielt, z. B. jenen über Mafchinen und Werkzeuge zur Tapetenfabrication, welche das Capitel Farbftoffe gar nicht von unferem Gefichtspunkte aus behandelte, und welches felbft in jenem Abſchnitte, deffen erfchöpfende Vollständigkeit uns am wünfchenswertheften gewefen wäre, nur einzelne Paragraphe darbot. Viele Blätter find herausgeriffen, auf den vorhandenen fehlen Zeilen, andere find verftümmelt, viele verdruckt. Der Abfchnitt, von dem wir fprechen, ift die Schilderung des fertigen Productes. Mühfam und freudenlos ift die Befprechung eines dermafsen verftümmelten Werkes. Man wird uns einwenden, die Reporterpflicht beftünde eben darin, Fehlendes zu erfetzen, die Bruchftücke zu einem harmonifchen Ganzen zu vereinigen und zur Befchauung fertig zu machen. Das hiefse in unferem Falle, bei der Gruppe XI, Section 2 zu einem Stück Hand, zu mehreren Stücken eines Fufses und zu einem Ohr mit etwas Backenknochen die übrigen Theile eines Standbildes formen. Ich brauche wohl nicht zu fagen, dafs ich diefs zu unternehmen nicht beabfichtige. Ich habe über die Schwierigkeit oder die Unmöglichkeit auf Grundlage der in der Ausftellung gemachten Wahrnehmungen einen zufammenhängenden I* - 2 Dr. Wilhelm Franz Exner. ordentlichen Bericht über die heutige Tapeteninduftrie und Buntpapier- Erzeugung zu liefern genug gefagt, und will nicht noch umftändliche Klagen über die Art der Aufftellung, mangelhafte Katalogifirung jetzt hinzufügen. Diefer Jammer herrfchte eben in jeder anderen Gruppe der Weltausftellung auch, und könnte füglich als Generaleinleitung aus den Einzelberichten herausgehoben werden. Die allergröfsten Gebrechen in diefer Richtung werde ich mir erlauben bei Gelegenheit der Detail- Befprechung hervorzuheben. Die Tapetenfabrication, das ift die auf mafchinellem Wege wandelnde Tapeteninduftrie, macht allenthalben, wo fie bereits entftanden ift, Fortfchritte, ohne irgendwo die Tapeten- Handmodeldruckerei vollſtändig zu verdrängen. Diefer feit dem Entſtehen der Tapetenwalzen- Druckmafchine fich entwickelnde Procefs hat keine Unterbrechung erlitten. Die Weltausftellung würde uns das zwar nicht lehren, wenn wir es nicht ohnehin wüfsten. Sie beftätigt immerhin an einzelnen Objecten die bekannte Thatfache. Die bedeutende amerikanifche Tapeten fabrication war auf der Praterausftellung nicht erfchienen, ja auch die englifchen Firmen, welche fowohl in Beziehung auf Quantum der Production als Niedrigkeit des Preifes Horrendes leiften, waren nicht vertreten. Auf der Parifer Ausftellung verblüfften die Engländer durch ihre Leiftungen die auf folches nicht vorbereiteten Concurrenten vom Feftlande. Diefsmal verfchmähten fie es ihre Suprematie zur Geltung zu bringen. Nur ein Symptom ihrer Exiftenz, von Vielen unbeachtet, von den Meiften nicht gewürdigt, wollen wir hier erwähnen, da wir ja leider keine Gelegenheit mehr haben werden auf England zurückzukommen. Bei der Expofition des berühmten Mufterzeichners Owen Jones war eine Suite Hand- und Mafchinendruck- Tapeten ausgeftellt. Letztere waren weitaus überwiegend. Billige und koftbare in bunter Abwechslung; mattfarbige franzöfifche Deffins, naturaliftifche und gefchnörkelte, viel mehr aber als folche vorzüglich gezeichnete ftiliftifche Tapeten, die ihre urfprüngliche Beftimmung als Surrogat edler gewebter Wandbekleidung nicht verleugnen. Alle Manieren der technifchen Behandlung fanden fich in diefem Cahier vor, fo zwar, dafs man fich einerfeits neuerdings über die Productivität Owen Jones verwundern mufste und andererfeits erkennen konnte, dafs die englifche Tapeteninduftrie Alles macht, was man nur verlangen kann. Owen Jones fcheint einen fehr grofsen Einflufs auch auf die Tapetenerzeugung zu nehmen, und diefs erklärt mir die auffallende Verbefferung der billigen einfachen Tapeten, die jedem aufmerkfamen Befucher Londons in den letzten Jahren auffallen mufste. Bis in die Souterrainräume der Hotels und in die Manfarde des Privathaufes dringt die gefchmackvolle fimple Mafchinentapete vor. Auf im Holländer gefärbtes Papier ein paar Farben durch Walzendruck gebracht, bilden den tadellofen Schmuck der Wohnräume felbft des minder bemittelten Londoners. Einige Tapeten der Owen Jones'fchen Sammlung hat der gefeierte Verfaffer der Grammar of ornaments offenbar blofs, um feine Vielfeitigkeit zu demonftriren, zur Schau geftellt; fie werden zu feinem Renommé wohl kaum beitragen, ja ein Anderer als Owen Jones dürfte fie kaum riskiren vor dem Urtheil Sachverständiger. Eine unftreitig ins Fach der Tapete gehörige Specialität mufs hier noch erwähnt werden. Es find diefs die von Pavy's Felted Fabrik erzeugten„ Japaneſe curtains& tapiftry",( Niederlagen: 51 Oxford Street London und 71 Upper ftreet, Islington, Fabrik 13 und 15 Hamfell Street, Falcon Square London) fälfchlich in der Gruppe V der englifchen Section exponirt. Die Japaner vermögen aus ihrem Bruffonetiapapier, Dank der langen Fafer und der filzähnlichen Structur* eine Menge von Dingen zu machen, zu welchen * Ich habe fchon im Jahre 1863 auf den für das japanifche Papier charakteriftifchen bartförmigen Rifs aufmerkfam gemacht. Tapeten und Buntpapier. 3 unfer europäiſches Papier gänzlich ungeeignet ift. Die Widerftandsfähigkeit des japanifchen Papieres gegen das Abbiegen ift eine ungleich gröfsere, als bei unferen Papieren. Das japaniſche Papier eignet fich daher vortrefflich zu Vorhängen, Draperien, Möbelüberzügen, Bettgehängen Blenden, Tapezierarbeiten überhaupt und zu anderen decorativen Zwecken. Man mufs nur das erfte Staunen über den Vorfchlag, eine Draperie aus Papier zu machen, überwinden und bei ruhiger Ueberlegung wird die Möglichkeit einer folchen Verwendung und die dabei zu erzielende Oekonomie einleuchtend fein. Unfere Vorfahren waren gewifs nicht minder frappirt, als ihnen zum erften Male der Vorfchlag begegnete, die gewebte Wandtapete oder das hölzerne Getäfel oder den Gobelin durch Papier zu erfetzen. Pavy's Fabrik hat fich nun offenbar dem von den Japanern gegebenen Beiſpiele folgend, darauf geworfen, mit Zuhilfenahme der der modernen Tapetentechnik zu Gebote ftehenden Effecte die Brocate von Lyon, die Repfe, Woll und Seidendamafte von Paris und Roubaix, den Mühlhausner Cretonne, die bedruckten. Zitze und andere zur Decoration dienende Stoffe in einem dicken, nicht brüchigen Papier zu imitiren. Die Papierprobe, welche ich mir verfchaffte, enthielt HolzHanf und Baumwoll- Fafer. Das Papier ift zumeift gauffrirt, hat auf beiden Seiten einen verfchiedenen Deffin, ift mitunter auf der rechten Seite reich vergoldet, und ift auf einige Diftanz von gewebten Stoffen nicht zu unterfcheiden. Bei Vorhängen Draperien und dergl. find die Ränder mit gefältelten Streifen aus demfelben Stoffe eingefafst und überhaupt die Behandlung eine ähnliche wie bei Geweben. Der Faltenwurf ift allerdings nicht fo reich, doch bemerkt das Auge diefs erft gewöhnlich, wenn der Beobachter durch andere Umftände die Täufchung inne wird. Die Idee, welche diefer Fabrication zu Grunde liegt, ift keineswegs neu; fo haben wir Möbelüberzüge aus lederimitirenden Tapeten fchon wiederholt bei früheren Ausftellungen gefehen; nur die Ausbildung der Idee in allen ihren Confequenzen, die glückliche Wahl der Deffins, die vortreffliche Technik find ein Verdienft Pavy's. Der kaum im Bau vollendete Jurypavillon, welcher noch fo feucht war, dafs die in demfelben ftändig befchäftigten Beamten viel unter diefem Umftande litten, enthielt einen Salon, welcher von Pavy mit feinem„ Patentfilz" decorirt war. Eine glänzendere Probe der Dauerhaftigkeit konnte das Fabricat nicht leicht ablegen. Die Ausftattung des Salons war eine völlig gelungene. Entfcheidend für die Verwendbarkeit des Pavy'fchen Stoffes ift der Preis. Ein Paar Vorhänge, welche Cretonne oder Wollenftoff vorftellen, koftet vollständig adjuftirt 6 bis II Shilling, ein Preis, der um Weniges die Koften der bloffen Tapeziererarbeit überfteigt. Luxuriöfe Seidenbrocate um den Preis von 100 bis 200 Gulden für ein Fenfter, kommen in der Imitation auf 5 bis 15 Gulden zu ftehen. Freilich ift die Dauerhaftigkeit gewifs weit mehr als 20 Mal fo gering bei diefen Imitationsftoffen. Es mag richtig fein, dafs diefe Papiervorhänge Contagien weniger fefthalten als gewebte Stoffe, dafs jene leichter vom Staube zu reinigen find und durch Rauch minder leiden; gewifs ift dafs man mit jenen leichter den Schwankungen der Mode folgen kann, und dafs man endlich bei ihnen das Wafchen und Spannen unferer weifsen Vorhänge erfpart. Bei dem Mangel an intereffanten Neuigkeiten ift wohl diefe ausführliche Befprechung hier gerechtfertigt. Freilich bietet fie keinen vollgiltigen Erfatz für eine ernfte Discuffion der dermaligen Leiftungen eines Jeffrey, Horne& Marsdon, Scott& Cutbertfon, Potter, Heywood, Higginbottom& Comp., Woollams, Land, Cooke, Kilie& Lochead u. f. w., welche fammt und fonders der Wiener Einladung widerftanden. Während in England der Walzendruck fo vorherrfcht( auch Pavy's Vorhangftoffe find mit Maſchinen gefertigt), dafs die Medeldruckerei dagegen von verfchwindender Bedeutung ift, fcheint fich in Frankreich das Verhältnifs beider Herftellungsmethoden nicht fo rapid zu Gunften der Mafchinenarbeit zu entwickeln. Von den fünf Jahren feit der Parifer Ausftellung find durch den Krieg wohl 4 Dr. Wilhelm Franz Exner. drei für die Entwicklung der meiften Induftriebranchen ganz verloren gegangen und man mufs fich billig wundern, dafs die Mehrzahl der Tapetenfirmen aufrecht dafteht. Die zwei grofsen Mafchinen- Tapetenfabriken Leroy und Gillou fils& Thorailler, über welche wir im Parifer Ausstellungsberichte und in dem Buche: die Tapeten- und Buntpapier- Induftrie, Weimar 1869, umftändliche Nachrichten veröffentlichten, find unfere Gäfte gewefen und haben die Producte ihrer Fabriken in einem Hofeinbau entfaltet. Die Mehrzahl der ausgeftellten Bahnen( Rollen) waren uns wohlbekannt. Das öfterreichifche Muſeum für Kunft und Induftrie befitzt die beften Mufter diefer Fabriken durch meine Vermittlung vom Jahre 1867 her. Der Fortfchritt, den die Mafchinentapete in ihrer Concurrenz mit der Handdruck- Tapete macht, ging indeffen auch aus diefen Expofitionen hervor. Die furchtlofe Anwendung von fatten, tiefen Farben, welche man anfänglich der Mafchine nicht zumuthen konnte, die ftets delicater und fubtiler werdende Zeichnung auch bei den Deffins, die man der Walze anvertraut, rauben der Modelldruckerei von Tag zu Tag mehr von ihrem bisher privilegirten Territorium. Ifidore Leroy ftellte heuer ein Décors mit Figuren( im Mittelfeld zwei Frauengeftalten, in den beiden Seitenfeldern Engelgruppen, aufserdem Fruchtkörbe und dergl. mehr) exécuté à la mécanique aus, das techniſch gewifs tadellos war. Gillou Sohn und Thorailler haben mehrere Arbeiten, bei denen Hand- und Mafchinenarbeit zufammenwirkten, exponirt. Ein Stück davon war wohl geeignet, Auffehen zu erregen. Eine Teppichimitation von täufchender Naturähnlichkeit. Die Veloutage ift dabei auf die höchfte Stufe gebracht. Die Firma producirte diefsmal neuerdings die bekannte Decoration mit den von Dumont meifterhaft gemalten Hafen. Die beiden Firmen find wohl auch heute noch in Beziehung auf Grofsartigkeit des Betriebes die erften in Paris, und fomit von den bedeutendften in der Welt. Auch fie machen Anläufe zur Befferung in den Deffins, ich will fagen, zur Abwendung von der Phantafie und von der grob- naturaliftifchen Tapete. Sie werden das franzöfifche, Genre" aufgeben, hiezu ihre fortfchreitende Technik und fie bleiben die Meifter in ihrem Fache. Die Parifer Luxustapeten- Manufactur war in Wien hinlänglich vertreten. Einige der älteften Häufer fehlten freilich, wie Desfoffé, welcher allerdings auch 1867 nicht ausftellte, und fich, wie es demnach fcheint, nicht mehr um den Lorbeer, der bei Expofitionen zu erringen ift, kümmert. Diefe Firma cultivirte in den erften fechziger Jahren die Herftellung von Hiftorien- und Genrebildern mittelft Modeldruck. Wir fchmeichelten uns, diefe Mode fei aufgegeben. Wir hofften, dafs man figuralifche und landfchaftliche Darftellungen, nur infoferne man fie ornamental verwendet, in Zukunft zulaffen, und darauf verzichten werde, ein Surrogat für Wandgemälde zu liefern. Die technifchen Hinderniffe find und bleiben unüberwindlich. Auch des Plaidoyer eines vielerfahrenen und gefchätzten Tapetendeffinateurs( Friedrich Fifchbach. Deutfche Zeitung vom 10. September 1873) vermag uns nicht umzuftimmen. Wir faffen die„ gedruckten" Tapetenbilder als eine Verirrung auf, ebenfo wie die geftickten Portraits und dergleichen mehr und bedauern, dafs die, wie uns fchien, endgiltig aufgegebene Verirrung in Wien wieder auftauchte. Die ausgezeichnete Tapetenmanufactur von Hoock frères in Paris hat uns mit der Darstellung einer Hoffcene in einem Park überrascht. Der ganzen Darftellung hilft es wenig, dafs fie grau in grau durchgeführt wurde. Die Bahnen paffen nie genau, die Formen find hart, wie die Schattirung in Tönen. Das Befte davon ift noch die Architektur, welche die Bilder umrahmt. Die Wappen mit Lilien fcheinen uns nicht nur als zeitgemäfser Schmuck für jene Architektur, fondern auch als Signatur für die Zeitftrömung in Frankreich vor der Ausftellung 1873 dienen zu können. Entworfen ift das ganze Panneau von dem Künſtler DumontDie von demfelben Meifter für 1867 componirte Decoration im Stil Louis XIV. hatte vielmehr Berechtigung und war auch weit beffer gelungen. Die Skizze Tapeten und Buntpapier. CT 5 hiezu war übrigens auch dem Publicum der Wiener Weltausftellung nicht vor enthalten, denn Dumont erfchien als Ausfteller in der Gruppe XII und hatte dabei auch jenen Entwurf zur Anficht gebracht. Die übrigen Objecte der Firma Hoock machen dem alten Rufe des Haufes alle Ehre und namentlich die ,, Articles de ftile", wenn fie es auch nicht immer ganz buchftäblich genommen. find, fanden unferen vollen Beifall. Mehr noch als Hoock mit feinen grauen Hofleuten und Parkfernfichten machte die Seide- und Goldglanz ausftrahlende Expofition des P. Balin Auffehen, welche an bevorzugter Stelle in der Hauptgallerie Platz gefunden hatte. Balin hat eine reichhaltige Suite äufserft luxuriöfer Wandbekleidungs- Mittel gebracht. Geprefste Ledertapeten und imitirte Ledertapeten mit Deffins aus der beften Zeit, echte Seidentapeten, bedruckte Seide, bedruckte, billige Gewebe und Papiertapeten. - Wenn es uns auch bedünkt, dafs die Behandlung eines e dlen Materiales mit einem Druckmodel doch immerhin übers Ziel gefchoffen ift und die eben fo ift möglichen niedrigften Preife noch viel zu hoch find für ein Surogat dagegen das Bedrucken billiger Stoffe oder das Aufziehen des bedruckten Papiers auf Gewebe eine Technik, die volle Berechtigung hat. Herr Balin fagt felbft:„ Le deffous de ce papier eft remplacé par une cretonne ou tout autre étoffe bon marché, lorsque une plus grande souplesse eft désirable", und wir glauben, dafs man ihm beipflichten mufs. Nach dem von Balin ent wickelten edlen Luxus möchten wir fchliefsen, dafs er heute wirklich in theuren Artikeln, fowohl was Gefchmack als Technik anbelangt, allen anderen franzöfifchen Tapetenfirmen voranfchreitet, in Wien hat er fie gewifs alle gefchlagen. Lhoeft Paul in Lüttich mag hier im Anfchluffe an Balin abgehandelt werden, da auch diefe Tapetenfabrik gewebte, mit Modeln bedruckte Stoffe exponirte. Die Firma Lhoeft bediente fich jedoch hiezu nicht koftbarer, fondern nur ganz ordinärer Gewebe, einer Art von ungebleichter Leinwand oder Jute, und erzielte hiebei mit einfachen Deffins ganz hübfche Refultate. Diefer Artikel zur inneren Auskleidung von hölzernen Häufern, Gartenpavillons und dergl., wie es fcheint, beftimmt, mag auch zum Comfort in folchen Räumen wefentlich beitragen. Der Artikel fand, wie ich annehmen mufs, zu wenig Beachtung; freilich waren gerade diefe Objecte in der fonft anziehenden Expofition Lhoeft's nicht fehr auffällig placirt. Lhoeft hat, obwohl deffen Etabliffement eines der älteften ift, es beſteht feit 1789, nie an einer Ausftellung Theil genommen und hat fich in Wien bei diefem erften Debut als fehr leiftungsfähig erwiefen. Auiser den gewöhnlichen Papiertapeten und dem oben befprochenen neuen Artikel hat er auch Stoff- und Lederimitationen, die in Belgien überhaupt fehr gepflegt werden ( namentlich von Dulud, der in Wien fehlte) und endlich fehr gut gauffrirte Mufter zur Anficht gebracht. Lhoeft war uns eine angenehme, neue Bekanntfchaft.* Obwohl wir hier in der Befprechung der franzöfifchen Ausfteller die Erwähnung einer belgifchen Firma eingefügt haben, fo ift diefs nur eine Unregelmäfsigkeit in Bezug auf die politifchen Landesgrenzen, an die wir uns ja bei der Anordnung des Stoffes nicht fklavifch zu halten brauchen. Im Wefen ift die belgifche Tapeteninduftrie eben am meiften verwandt, ja fie ift identifch mit der franzöfifchen. Fahren wir nun in der Befprechung der franzöfifchen Abtheilung fort, fo haben wir noch eine Fabrik von Modeldruck- Tapeten zu erledigen, es ift diefs jene von F. Follot. Diefe Firma brillirte durch ihre Veloutés. Nicht nur ein in vollendeter Feinheit ausgeführtes Panneau von orangegelber Farbe, fondern auch * Lhoeft war der einzige belgifche Ausfteller der 2. Section Gruppe XI, infofern wir von der Spielkarten expofition von Daveluy- d'Elsoungne abfehen. Die Mafchinentapeten von Rutten in Meftricht bekamen wir leider auch diefsmal nicht zu fehen. 6 Dr. Wilhelm Franz Exner. eine reiche Suite von verfchiedenfarbigen, nicht deffinirten Scheerwoll- Tapeten feffelten uns. Technifch war diefe Ausftellung fehr beachtenswerth, namentlich für die deutfchen und öfterreichichen Fabrikanten, welche, wie man wohl annehmen darf, in diefem Artikel noch immer die Parifer als ihre Lehrer betrachten müffen. Der franzöfifche Katalog führt in diefer Section wohl noch mehrere Firmen auf, welche aber nach unferer Auffaffung hier nicht in Betracht kommen. Es find diefs entweder Zimmermaler oder Lithographen. Die Rollvorhänge für Fenster will ich aber am Schluffe meines Berichtes in einem eigenen Capitel abhandeln. Dagegen enthielt die Gruppe XII, graphifche Künfte, mehrere Ausftellungen, die wohl einer kurzen Erwähnung an diefer Stelle gewürdigt werden müffen, da fie im engften Zufammenhange mit der Tapetenbranche ftehen. Jene Künftler, welche fich mit der Erfindung von Tapetendeffins vorwiegend befaffen, haben fich ziemlich zahlreich eingefunden. Soll ich hier nochmals fagen, was hundert und hundert Mal über die Parifer Deffinateure gefagt wurde. und von competenten Perfönlichkeiten? Nicht überflüffig dürfte es dagegen fein, zu bemerken, dafs es ein Fehlfchlufs wäre, aus jener Abtheilung der Gruppe XII, die wir als Tapetendeffins herausheben, über den heutigen Zuftand der Parifer Schule zu urtheilen. Alle diefe Deffins, die uns mit ihrer reizenden Detailbehandlung, mit ihrer einfchmeichelnden Eleganz trotz unferer befferen Einficht von den richtigen Principien der Wohnungsdecoration fo fehr feffeln, unter denen fich aber hie und da auch fehr ftilreine. edle Entwürfe befinden, gehören fammt und fonders mit verfchwindend wenig Ausnahmen der Periode vor dem Kriege an. Jedem Fachmanne find die von Potter, Snape, von Royer mittelft Walze, die von Riottot& Pacon, von Dumonceau& Fleury, von Rob.& Bernh. Sieburger mittelft Model ausgeführten Deffins von Boucherat wohl bekannt; Dumont's Farbenfkizze haben wir fchon früher erwähnt, durch ihn ift auch Zuber in Rixheim, der als Ausfteller fehlt, mit einem reizend componirten Décors in den Praterpalaft eingeführt;- auch die von Troublé vorgeführten Compofitionen theils naturalifchen theils ftiliftifchen Gepräges, welche wir von Gillou fils& Thorailler, Leroy Joffe, Dumonceaux, Riottot u. A. zumeift ,, à cilindre" in den letzten fechziger Jahren ausgeführt fahen, konnte man in jeder Tapetenhandlung finden. - Die mächtigfte Rivalin der franzöfifchen Tapeteninduftrie erſchien in der Wiener Ausftellung in ganz unerfreulicher Weife verzerrt, zerftückt und verdunkelt. Wenn man den Inftallateuren der deutfchen Commiffion einen Preis ausgefetzt hätte, das allerdings nicht fehr reiche Material zur Darstellung der Leiftungsfähigkeit Deutfchlands in feiner Wirkung zu vernichten die betreffenden Organe hätten nichts Gröfseres leiften können. Der deutfchen Tapeteninduftrie, die ich fo fehr fchätze bin ich fchuldig, ein Uebriges von diefem Mifsftande zu fagen: - So hat man erftens einen Theil der Tapeten in dem Separatbau, der die Gruppe XI zum gröfsten Theile enthielt, untergebracht, einen anderen Theil in der Gallerie 8B in der Gruppe VIII. Dann hat man fowohl dort als da auf die Beleuchtung keine Rücksicht genommen. Im Annex waren die Tapeten in grellem, fenkrecht auffallendem Lichte, viel zu hoch für den Befchauer, in der Gallerie als Hintergrund von Möbeln in fpärlich beleuchteten Räumen poftirt. Auf die Umgebung, die Farbe der benachbarten Gegenftände und Flächen wurde nun gleichfalls gar keine Rückficht genommen. Dafs unter folchen Umftänden von einer Gefammtwirkung und von einem zur Geltung kommen der ganzen Induftrie keine Rede fein kann, ift einleuchtend; dais aber auch das Intereffe der einzelnen Ausfteller fchwer gefchädigt wurde, ift begreiflich Einzelne Ausfteller zogen es vor fich gänzlich vom Schauplatze zurückzuziehen; man kanns ihnen wahrlich nicht verargen. Ueberdiefs war auch A Tapeten und Buntpapier. 7 fchon die Betheiligung der Firmen keine impofante, denn die Tapetenfabrikanten haben bei der herrfchenden Methode des Vertriebes ihrer Producte kein fo vitales Intereffe an den Ausftellungen als eben andere Induftrien. Alles diefes zufammengenommen, führte die fchon bei den einleitenden Bemerkungen hervorgehobenen Uebelftände in der deutfchen Abtheilung auf den Calumationspunkt und wahrhaft mit fauerer Miene gehe ich daran, die Ehre der deutfchen Tapeteninduftrie an der Hand des in der Ausftellung Gebotenen zu„ retten". Die gröfsten Etabliffements Deutfchlands: Flammersheim in Köln und Engelhard in Mannheim, deren Abwefenheit in Paris wir fchon lebhaft bedauerten, liefsen fich auch nicht verleiten nach Wien zu kommen, wo fie fo viele Freunde und Kundfchaften haben. Von tonangebenden Firmen waren nur C. Hochftätter & Söhne und C. Herting in Einbeck( bei Hannover) erfchienen.** Bemerkens werth war noch aufserdem die Betheiligung der kleinen Fabriken von G. Hitzfchold in Dresden, Stolberg& Comp. in Hannover und W. Schmidt in Colmar. Die feit dem Jahre 1846 beftehende Fabrik von C. Hochftätter& Söhne brachte zwei Decorationen, von denen eine Auguft Hochftätter, die andere Fr. Fifchbach gezeichnet hatte. Letztere im hellen blauen Grundtone ift charmant componirt, nur fcheinen mir die Borduren etwas überreich ausgefallen zu fein. Eine andere Decoration vervielfältigt den Reichsadler. Im Allgemeinen kann man wohl die Hochftätter'fchen Leiftungen als den Typus jener der mittleren und kleinen deutfchen Fabriken, die fich dem beffernden Einfluss der architektonifchen Beftrebungen der Gegenwart hingegeben haben, anfehen. Ohne in der Technik an die erften Parifer Firmen hinanzureichen, leiften diefe Etabliffements Zufrie denftellendes und Anftändiges. Der Fortfchritt in den Deffins im künftlerifchen Sinne, die zunehmende Emancipation von Paris ift unverkennbar. In technifcher Beziehung ift ein wefentlicher Fortfchritt im Allgemeinen nicht erkennbar. Der Abfatz ift ein befriedigender. Herting hat uns wieder verfchiedene Anwendungen des von ihm cultivirten Metallglanzes gezeigt. Wir haben fchon bei anderen Gelegenheiten den ftrebfamen Fabrikanten vor einem Zuviel in der fehr verwendbaren Technik des Metallglanzes gewarnt. Und richtig hat Herting auch diefsmal wieder etwas zu viel des Guten gethan, z. B. in dem Panneau mit neun Blumenfträufsen. Dagegen wollen wir gerne anerkennen, dafs diefe Herting'fche Manier in anderen Stücken wie z. B. den Borduren von ftilifirten Cactusblüthen auf pompejanifch rothem Fond einen herrlichen Effect macht; fie gehören zu dem Beften, was wir gefehen haben. Die Fortfchrittsmedaille hat fich Herting jedenfalls ehrlich verdient. Die minder belangreichen Fabriken haben fich fehr anftändig aus der Affaire gezogen, fo G. Hitzfchhold in Dresden und Stolberg& Comp. in Hannover mit fchönen gauffrirten Tapeten( letztere Fabrik pflegt mit Verftändnifs und Erfolg den altdeutfchen Stil und macht auch feine Borduren), V. Schneider in Colmar mit einem Panneau von pompejanifch rothem Grunde, eine fchwebende Frauengeftalt, fogenannte„ Porzellanimitation"(?) für Speife- und Badezimmer u. f. w. Alles andere verdient wohl nicht lobend hervorgehoben zu werden. Von Holzimitationen, mit welchen fich in Deutfchland viele Fabriken befaffen, war auch Mancherlei zu fehen, Gutes und Schlechtes. * Welche ftiefmütterliche Behandlung die Papiertapete überhaupt feitens der deutfchen Commiffion zu leiden hatte, beweift auch unter Anderem, dafs in der, fo weit ich urtheilen kann fonft fehr gut gefchriebenen Einleitung zum deutfchen Kataloge die Papiertapeten mit dem Satze abgethan find: ,, Papiertapeten insbefondere werden in Heffen, Rheinland, Franken und Thüringen verfertiget." Welch' rührende Einfachheit! In dem einleitenden Kopf zur Gruppe XI find die ,, Tapeten" aber ganz unbeachtet geblieben. Wenigftens konnte da keine Unrichtigkeit unterlaufen. ** Herting war der einzige deutfche Ausfteller 1867. 8 Dr. Wilhelm Franz Exner. Alexis Scheden fack jun. unterhält in Sondershaufen eine feit 1800 beftehende kleine Werkftätte für Tapeten zur Holz- und Marmorimitation. Einzelne von ihm zur Ausftellung gebrachte Mufter find recht gut, Einzelnes dagegen zeugt von mangelndem Naturftudium oder unzulänglicher Gefchicklichkeit. Imitationen müffen täufchend fein, fonft verlieren fie gänzlich ihre ohnehin problematifche Berechtigung. Die Markftrahlen bei dem Scheden fack'fchen Eichenholz find riefig, ich fah nie Aehnliches. Dennoch find trotz diefem oder jenem Gebrechen diefe anspruchslofen Meifter noch immer rühmlicher, als wenn eine jüngere und gröfsere Unternehmung uns mit folchen Dingen heute noch tractirt, wie von Moock in Crefeld. Unter der Verficherung, dafs feine Papiertapeten von natürlichem Holze abgeprefst feien, bietet uns diefe Firma das abgethane und abgefchmäckte HolzwürfelMufter, das uns durch feine Unfterblichkeit zur Verzweiflung bringt. Diefe auf eine Ecke geftellten, neben einander gelagerten Würfel, möglichft plaftifch dargeftellt, über die man fortwährend zu ftolpern meint, wenn fie im Parquet dargestellt find, als Wanddecoration! Kann es etwas Anheimelnderes geben? Man wird fich in refpectvoller Ferne von den Wänden halten. Könnten wir doch hiemit alle Zeichenlehrer der Welt befchwören, auf diefes aus dem regulären Sechseck durch drei Radien entſtehende Würfelbild für immer zu verzichten. Von Seidenarbeitern und Kürfchnern aber fahen wir auf der Wiener Weltausftellung diefes finnige Ornament" verwendet. Geradezu fchauerlich war aber, und vielleicht das entfetzlichfte in ,, Gothik", der Salon und das Cabinet, welches ein ficherer B. Boos in Baisweil bei Kaufbeuren( Baiern) nach Wien zu fenden für gut fand. Die deutfche Coinmiffion hat damit gewifs einen Fehlgriff gethan, fo etwas zur Ausftellung zuzulaffen. Mitleid erwecken ift ja doch nicht Aufgabe der Ausftellungen. Diefer Herr Boos macht auch Naturholz- Tapeten". Wenn er fich doch darauf befchränkte! Diefer Artikel, von Vielen neuerdings wieder auf den Markt gebracht, hat, obwohl eben fo oft auch wieder vom Markte verfchwunden, doch eine gewiffe Berechtigung und Zukunft. Aber nein, Herr Boos will mehr leiften. Er bietet feine acht Arbeiter auf und erzeugt in Oelfarben- Druck auf Papier, alfo wafchbare„ holzartige Zimmerverzierungen" und vereinigt diefe zu einem gothifchen Cabinet, ftellte fich in Gruppe XIX auf der Weltausftellung und rechnete auf Ehre und Gewinn. Der Mann fetzte den Preis mit 200 Reichsthaler, alfo auch noch fehr hoch an. Er wird wohl bitter enttäufcht fein. Solche Erfcheinungen wurzeln im mangelhaften Unterricht. Derartig geleitete Werkstätten foll es nirgends geben, auch in Baisweil bei Kaufbeuren nicht. Es bleibt uns nun kein Raum mehr von den ziemlich guten Holz- und Marmortapeten Oudin's zu fprechen. Was die Deffinzeichner anbelangt, fo find diefe in Deutſchland leider noch lange nicht eine fo gefeierte, begehrte und gut bezahlte Gefellſchaft wie in Paris. Die Architekten beforgen die meiſten Original deffins für deutfche Fabriken. Es ift mir ein Vergnügen, bei diefer Gelegenheit der Leiftungen von Gropius, Heyden und Anderer in dankbarer Anerkennung zu gedenken. Gröfsere Fabriken halten eigene Zeichner oder beftellen auch bei Malern und Künftlern überhaupt Deffins. Die Frage ift unentfchieden, welche Methode die beffere ift, ftändig angeftellte Zeichner oder Beftellung von Deffins ab und zu bei felbftändigen Künftlern. Ich möchte um fo weniger Partei ergreifen, als die Ausftellung kaum Anhaltspunkte für eine Entfcheidung bot. Wohl liefs aber die Gruppe XII darüber das Urtheil zu, dafs die Qualification der verfchiedenen Ateliers für kunftgewerbliche Entwürfe über ein fehr verfchiedenartiges Capital an Genialität und Schulung * Der ganze Umfatz diefes Gefchäftes betrug 1873: 3500 Thaler, wie viel ift davon Gewinn, und mit wie viel participirt daran ein Arbeiter? Tapeten und Buntpapier. 9 disponiren. Unter den drei bis vier Ausftellern diefer Kategorie, welche die Prätenfion machen die Tapeteninduftrie zu unterſtützen, ragte Fr. Fifchbach, jetzt Lehrer an der königlichen Akademie in Hanau, auffallend hervor. Seine Productivität an guten Entwürfen ift eine wahrhaft erftaunliche. Er hat eine helle Schaar von Kindern feiner Mufe in der Ausftellung verfammelt. Hochftätter, Joft, Herting und viele Andere drucken Tapeten nach feinen Deffins, er felbft gibt ein Album für Wohnungsdecoration heraus, und verlegt lithographirte Plafondrofetten, Blätter und andere Decorationsmittel. Friedrich Fifchbach in allen Gaffen und nirgends etwas Banales, Reizlofes. Man dankt feine Production der Aufnahme von Ideen und Eindrücken während feines Wiener Aufenthaltes, und wir würden bedauern, ihn in Hanau fich gänzlich ausgeben zu fehen. Ein Künftler von folcher Schaffensluft mufs in einem Kunftcentrum leben, wo er auch ftets lernt und nicht blofs immer lehrt. Das Kapitel der Händler ſpielt in der Tapetenbranche keine kleine Rolle. Die Händler find nämlich nicht blofs Kaufleute, fie nehmen einen Einflufs auf die Production felbft. Durch ihren engeren Beruf im fortwährenden Verkehr mit dem Bedarf, genau bekannt mit der Abfatzfähigkeit der Producte, greifen fie felbft ein, beftellen eine Zeichnung bei diefem oder jenem Künftler, laffen die Tapete in diefer oder jener Fabrik ausführen, welche am meiften gerade für die Durchführung des Entwurfes geeignet ift, und fetzen dann die Tapete, auf welche fie eigenthumsberechtigt find, in den Handel. Solche Kaufleute haben, wie gefagt, einen Einfluss auch auf die Fabrication, der nicht zu unterfchätzen ift. Hiezu kommt noch, dafs die eben befprochene Stellung des Händlers oft auch kleinere Fabrikanten einnehmen, oder umgekehrt, dafs der Händler ein kleines Atelier befitzt. Ob nun der Händler oder der Fabrikant vorwaltet, wer möchte diefs entfcheiden? Nach diefer Erwägung mufs man zu dem Schluffe kommen, dafs die Ausfchliefsung der Händler von einer Weltausstellung fchwerlich ein unanzweifelbar begründetes Princip involviren würde. Die Weltausftellung foll alle Richtungen der menfchlichen Arbeit zur Geltung bringen laffen. Ganz verfehlt fcheint es uns aber, einmal zur Ausftellung zugelaffene Firmen, wenn fie fich felbft als Händler bekennen, für ihre Ehrlichkeit zu beftrafen, und von der Concurrenz um eine Prämie auszufchliefsen, wie es gefchehen ift. Wie viele Firmen find eben Händler pure et fimple, haben nicht einmal jenen oben gefchilderten Einfluss und jenes Verdienft die Provenienz der Waare läfst fich nicht nachweifen, und fie werden prämiirt. Händler mit Tapeten, wie Ph. Haas in Wien, Rommel in Berlin, Jean Jo ft in Offenbach am Main und Frankfurt, Lucius in Wien, verdienen unfere volle Anerkennung, wenn fie auch, wie die beiden letzten bei C. Hochftätter nach Fifchbach'fchen Deffins mit Modeln von C. Bufs arbeiten laffen. Es war eine Ungerechtigkeit, wie ich glaube, die Händler aus- zufchliefsen. Ich wende mich nun einem bisher unberührt gebliebenen Theile des deutfchen Tapetengewerbes zu, nämlich jenem, der innerhalb der öfterreichifchen Reichsgrenzen feine Stätte aufgefchlagen hat. Die Expofition öfterreichifcher Tapetenfabricate war an einem Punkte vereinigt. Abgefehen von diefer Concentration kann man jedoch der Aufftellung in einem fpärlich erleuchteten eingedeckten Hofe" wenig Rühmliches nachfagen. Die an fich löblichen Anftrengungen unferer heimifchen Firmen hätten durch richtigere Inftallation viel wirkfamer gemacht werden können. " Das ältefte und wohl heute noch bedeutendfte öfterreichifche Tapeten. gefchäft ift jenes von Spoerlin& Zimmermann in Wien. Es fei mir geftattet in der Befprechung des gegenwärtigen Zuftandes des öfterreichifchen Tapetengewerbes innezuhalten und auf das hinzuweifen, was über die Gefchichte diefes Induftriezweiges aus Anlafs der Wiener Weltausftellung bekannt gemacht wurde. 10 Dr. Wilhelm Franz Exner. Die öfterreichifche Abtheilung der Wiener Weltausftellung zeichnete fich bekanntlich auch dadurch aus, dafs fie in Durchführung des Programms für die additionelle Ausftellung: Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen, ein hochintereffantes, reichhaltiges hiftorifches Material fammelte, das bei der Berichterftattung nicht unbenützt bleiben follte. Das unter dem Titel:„ Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen Oefterreichs" bei Braumüller verlegte, von der Generaldirection herausgegebene Werk enthält ein Kapitel: Papierinduftrie, verfafst von dem bekannten fleifsigen Fachmanne Ignaz Nagel. Er hat mit unvergleichlichem Fleifse und mit wahrer Liebe zur Sache auch die erften authentifcher Nachrichten über die öfterreichifche Tapetenmacherei gefammelt. Bei diefer Gelegenheit mufste er der Verdienfte Spörlin's gedenken und die Erfindung des Irisdruckes befprechen. Die additionelle Ausftellung ehrte das Andenken Spörlin's, indem fie in die Gallerie berühmter Oefterreicher das Porträt Spörlin's aufnahm. Sowie diefe additionelle Ausftellung unter ihren 5000 Objecten nicht Eines enthielt, das für die technifche Entwicklung ohne Bedeutung gewefen wäre, fo war aber auch kein Zweig der öfterreichifchen Production ohne Zeugniffe aus den letzten hundert Jahren feiner Gefchichte geblieben, ein Umstand, der freilich der grofsen Maffe der Befucher entging und auch von„ Berufenen" aus Unkenntnifs, oder Oberflächlichkeit verkannt wurde. Für das Kapitel Tapeten, mufsten alfo auch werthvolle Belege zur Gefchichte vorhanden fein, foll mein Lob der additionellen Ausftellung berechtigt erfcheinen. Und fo war es auch. Eine Suite von Tapeten aus den erften zwei Decennien hatte Herr Victor Zimmermann, der gegenwärtige Chef der obgegenannten Firma zur Verfügung geftellt. Die vom Kaiferreich in alle Theile Europas getragene Mode, grufeligen Angedenkens, war auch in diefen Tapetenmuftern zu erkennen. Die erften Anfänge des Irisdruckes gewifs fehr merkwürdige hiftorifche Objecte, an denen die fchon damals erlangte technifche Sicherheit bemerkenswerth ift, waren vertreten. Das Modell des Irisdruck- Apparates und die von Spörlin& Rahn verbefferte Vorrichtung zur Aufpreffung der Model auf das Papier war vorhanden. Welcher Contraft zwifchen den im Jahre 1809 gedruckten Spörlin'fchen Tapeten, damals wohl die einzigen, die in Oefterreich erzeugt wurden, und den heute ausgeftellten Wanddecorationen derfelben Firma, die wohl ebenfo, wie jene vergilbten alten Mufter damals, auf der Höhe der Zeit ftehen. Die oftgenannte Firma hat zwei, wie ich glaube, von Ferdinand Lieb in Wien gezeichnete Decorationen ausgeführt, welche der Hauptfache nach fehr gelungen find. Die Lambris bei der Decoration im deutfchen Renaiffanceftile fcheinen mir etwas zu wuchtig und maffig, die gewundenen Säulen nicht gerade unentbehrlich zu fein. Der Eindruck, den das Ganze machte, war ein fehr guter, die materielle Arbeit vortrefflich und zwar fowohl die Veloutés als die Drucke. Eben fo günftig mufs das Urtheil über die Decoration im italienifchen Stil lauten. Für weit wichtiger als die Decoration halte ich indeffen die ausgeftellt gewefenen Mufterbücher, welche ein fehr erfreuliches Bild von der Thätigkeit der Firma geben, die es bis zu einem Confum von jährlich 250.000 Pfund Papier gebracht hat. Robert und Bernhard Sieburger in Prag, eine Firma, welche fo wie die früher befprochene auch im Auslande, einen, in nicht unbeträchtlichem Export zum Ausdruck kommenden guten Namen befitzt, hat ebenfalls einen bedeutenden Aufwand gemacht und grofs ausgeftellt. Mit Recht wählte die Firma ihre Eiſen bahn- Karte zum Mittelpunkte der Expofition. Es find diefe Eifenbahn- Karten eine Specialität der Prager Fabrik, auf die fie mit Recht ftolz ift. Keine zweite Fabrik macht diefen Artikel in folcher Vollendung, felbft ihre franzöfifchen Concurrenten nicht. Wir billigen fehr die Pflege diefes, ein gefundes Bedürfniss befriedigenden Productes. Ich habe mich fchon vor vielen Jahren, wo der pecu Tapeten und Buntpapier. 11 niäre Erfolg diefes Unternehmens noch in Frage ftand, fehr warm für diefe Richtung ausgefprochen. Sieburger exponirte ferner mehrere harmoniſch zufammengeftellte Zimmerdecorationen und zwar einen Salon, ein Schlaf-, ein Herren- und ein Speifezimmer, fämmtlich von guter Zeichnung und netter Ausführung. Die fonft ausgeftellt gewefenen Rouleaux zeigten natürlich die bekannten, rühmlichen Beftrebungen der Fabrik, welche eine Production von einer halben Million Rollen im Jahre, das ift zu einem Umfatz von 250.000 fl. erreicht hat. Die Arbeiterzahl ift fowohl bei Spörlin als bei Sieburger die einer mittelgrofsen Fabrik nach aufseröfterreichischen Begriffen( 200 Arbeiter). Mit der Einführung der Mafchine in die Tapeteninduftrie will es jedoch in Oefterreich nicht recht vorwärts gehen. Wenn auch Spörlin& Zimmermann einige Druckmafchinen und Sieburger eine Foncirmafchine und ein paar Gauffrirmafchinen und dergl. mehr verwendet, fo kann man von einem mafchinellen Betriebe bei uns doch eigentlich nicht reden. Die kleinen jüngeren Etabliffements in Oefterreich haben darin einen Vorfprung, aber auch das ift lange noch nicht befriedigend. Thatfache ift, dafs wir mit dem Bezug billiger Tapeten übel daran find. Transport, Zoll und Zwifchenhändler vertheuern uns das ausländifche Product um 50 Percent, die inländifchen Fabriken haben keine Freude an der billigen Waare, weil fie nicht recht darauf eingerichtet find, und fo fteht der allgemeinen Einführung der Tapete in Oefterreich ein unüberfteigliches Hindernifs im Wege und die Herren Zimmermaler walten unumfchränkt. Mit guten und koftbaren Decorationen find wir hingegen, wie die Ausftellung neuerdings bewies, wohl verforgt und hat in diefem Niveau die Tapeteninduftrie fehr glückliche Anftrengungen gemacht und eine anerkennenswerthe Haltung angenommen. Die Firma Piette hat in der Wahl der Deffins dem franzöfifchen Namen entfprechend gehandelt. Abgefehen davon war die Ausftellung diefes Etabliffements eine geradezu überraschende. Ich habe wiederholt mir verfichern müffen, dafs es eine öfterreichifche Fabrik ift, die fo plötzlich auftaucht und fich mit Prätenfion an die Seite der Patricier in diefem Gefchäfte ftellt. Allen Ernftes mufs verfichert werden, dafs die Ausftellung Piette's reichhaltig, mannigfaltig und was befonders erfreulich, vielfach Spuren von mafchinellem Betriebe zeigend war. Dagegen mufs der Wahrheit gemäfs auch hervorgehoben werden, dafs die Expofition fehr verfchiedenartige Artikel und neben fehr guter auch fehr fchlechte Waare enthielt. Da die Piette'fche Fabrik eine von den wenigen Tapetenfabriken ift, die ich nicht durch perfönliche Anfchauung kenne, und da ich nicht in der Lage war, jetzt felbft nach Podbaba zu reifen, fo wandte ich mich in einem höfli chen Schreiben an Herrn P. Piette um nähere Daten über das Etabliffement, das mein Intereffe fo fehr erregt hatte. Die Antwort auf meinen Brief war keine fehr ermuthigende und glaube ich Herrn Piette einen Dienft zu leiften, wenn ich diefelbe nicht publicire, wozu ich allerdings berechtigt wäre. Gewifs ift, dafs die Decoration in dem von Roffigneux fo glücklich gepflegten Néogrèque( Zeichnung von Dumont) eine ganz beachtenswerthe Leiftung war und dafs die impofanten Mufterbücher eine erftaunliche Productivität bekundeten. Nachdem wir der Firma Lucius fchon oben freundlich Erwähnung gethan haben und hier noch ausdrücklich die fehr gelungene pompejanifche Decoration in die Erinnerung zurückrufen, haben wir nur noch von der Melcher' fchen Expofition zu fprechen. Carl W. Melcher, der dermalige Befitzer der verdienten Firma Lechleitner, hat eine aus feiner Werkstätte hervorgegangene complete Decoration im altdeutfchen Stile exponirt, welche bis auf die verunglückten Lambris fehr beftechend war, und dem Haufe alle Ehre macht. Die etwas forglofe Placirung beeinträchtigte offenbar den Erfolg. Damit wäre die Revue über unfere vaterländifchen Leiftungen beendet, wenn wir nicht noch eines im Verborgenen blühenden Veilchens zu gedenken hätten. Der von Herrn Dr. Emil Hardt im Hinblick auf den Beruf Oefterreichs, den Handel mit dem Orient befonders zu pflegen, gegründete Cercle orientale enthielt auch mehrere 12 Dr. Wilhelm Franz Exner. Empfangsräumlichkeiten, welche trotz der zuvorkommenden Liebenswürdigkeit des Hausherrn ebenfo zu wenig gewürdigt wurden, als das ganze fehr zeitgemässe Unternehmen. Diefe Salons waren überaus anziehend ausgeftattet. Mit gefchickter Benützung orientalifcher Motive und genauer Kenntnifs der morgenländifchen Kunft hatte im Auftrage Hardt's der Architekt Montani die Deffins zu den Tapeten entworfen. Die Firma Klobaffer in Wien beforgte die Ausführung. Die Tapete mit tiefrother Grundfarbe und ftilifirten Rofen, Granatblumen und Tulpen war von prächtiger Wirkung. die Vertheilung von Gold und Farbe vortrefflich gelungen. Wir können nun wohl heute ebenfo wie im Jahre 1867 den Schlufs ziehen, dafs die öfterreichifche Tapeten- Induftrie in Beziehung auf Ausdehnung und Leiftungsfähigkeit eine würdige Tochter der deutfchen Manufactur fei, Deutfchland braucht fich unferer Rivalität nicht zu fchämen. Die kurzen nachfolgenden Notizen werden beweifen, dafs die übrigen Länder Europas nur wenige Etabliffements für diefes Fach befitzen, welche auf Beachtung von einem univerfellen Standpunkte aus Anfpruch machen können. Dafür gab die Wiener Weltausftelluug ein getreues Bild des factifchen Verhältniffes. Die eine oder andere kleine Werkstätte mag ganz wohl eine locale Bedeutung haben. Wir gehören nicht zu denjenigen, welche einen„ Patriotismus"(!) billigen, der fo weit geht, zu wünſchen, dafs in dem refpectiven Vaterlande jede Induſtrie getrieben werde, und damit diefs überhaupt möglich fei, der Exiftenz jeder Induftrie, die nicht ganz lebensfähig ift, durch thurmhohe Zollfchranken ein gefichertes Terrain zu fchaffen fei. Wenn z. B. Rufsland nach den dort herrfchenden natürlichen Verhältniffen nicht berufen ift, Tapeten zu produciren, fo foll es eben diefelben aus dem Weften Europas beziehen, und gegen andere Producte umtaufchen. Die Tapetenmanufactur ift freilich ein Gewerbe, welches fo ziemlich auf jedem Boden gedeihen kann. Sind Papier, Farbe und Arbeiter wirklich an einem Orte gleichzeitig theurer als an einem anderen, fo kann die Erfindung des Deffins alle diefe ungünftigen Umstände wett machen. Ich laffe nun einige Bemerkungen folgen, welche der Richtigkeit der obigen Vorausfetzung wenigftens nicht zuwiderlaufen. Schweden hatte zwei bemerkenswerthe Ausfteller von Tapeten, von denen einer auch in Paris auffiel. C. G. Mineur in Stockholm pflegt das Genre der Lederimitation mit viel Glück. Das Carton cuir repouffé, kann von folcher Widerftandsfähigkeit hergeftellt werden, dafs es als Möbelüberzug, nicht blofs zur Bekleidung der Wandflächen dient. Derartige Möbel waren in Paris zur Schau geftellt. In Wien zeigten Mineur und Andere recht gelungene Imitationen von Stuccaturverzierungen. Worin die eigene Erfindung" befteht, welche Herr Mineur für fich reclamirt, vermag ich nicht zu entdecken. Ich finde keinen Unterfchied zwifchen den Mineur'fchen Erzeugniffen und jenen diefer Art von Dulud, Balin, Seegers etc. " Die bedeutendfte Firma in Schweden ift wohl C. A. Kåberg in Stockholm. Vier Panneaux, von denen zwei ftiliftifche, zwei naturaliftifche Deffin hatten, ganz fauber ausgeführt, präfentirten die wohlrenommirte Fabrik neuerdings in vortheilhaftem Lichte. Kåberg hat fein Abfatzgebiet im Norden Europas und hält fich nicht nur gegen die deutfche Concurrenz, fondern vergröfsert ftets feine Production, deren dermaliger Werth fich per Jahr dreimal fo hoch ftellt, als anno 1867. Die Arbeiterzahl ift 90, im Jahre 1872 erzeugte die Fabrik 340.000 Rollen Tapeten. Von den in Wien ausgeftellten Tapeten gefiel mir befonders die blaue, auch die Borduren verdienen Beifall, wenn fie gleich nicht ganz richtig verwendet waren. Die Objecte diefer Firma find in das Eigenthum des k. k. Handelsminifteriums übergegangen. In dem meifterhaft redigirten ftatiftifchen Theile des officiellen Kataloges von Schweden findet fich indeffen eine etwas ungenaue Angabe. Es heifst dort, in Schweden erzeugten 15 bis 20 Fabriken im Jahre 1871. A Tapeten und Buntpapier. 13 I Million Rollen Tapeten. Nach meinen Informationen beftehen in Schweden und Norwegen überhaupt nur 7 Fabriken, und zwar 3 in Stockholm, I in Gothenburg und 3 in Chriftiania, letztere haben zufammengenommen 60 Arbeiter, alles Andere find kleine Werkstätten, welche je einige Arbeiter befchäftigen. Ich corrigire diefen an fich unwichtigen Irrthum, weil ein Laie fonft der Tapeteninduftrie Skandinaviens eine zu grofse räumliche Bedeutung geben könnte. Von den Norwegern hat auch eine Chriftiania'er Firma ausgeftellt. Frölich& Sohn brachten einige einfache Tapeten von anftändiger Ausführung. - Die ruffifche Induftrie hat in manchen Richtungen, geleitet durch weife Regierungsmafsregeln, einen überrafchenden Auffchwung genommen. Ueber den bedeutenden Stand der Papierinduftrie, die grofsartigen Anläufe zur Verwendung des Holzftoffes für diefelbe wird wohl an anderer Stelle berichtet, aber auch ich mufs hier feftftellen, dafs die Tapeteninduftrie Rufslands wenn man von der Ausdehnung des grofsen Reiches abfieht eine ganz erhebliche ift. In Wien war fie nur durch zwei Ausfteller vorgeführt. Einer von diefen, Rieks( nicht Riks, wie im ruffifchen Kataloge fteht) in Helfingfors, hat eine fehr fchöne Tapete von orien talifchem Typus gebracht. Alles übrige waren matte Leiftungen in franzöfifchem " goût". Das Etabliffement macht indeffen grofse Fortfchritte. Anno 1858 gegründet, befchäftigte es 1867: 85 Arbeiter, heute faft die doppelte Anzahl, erzeugte im obgenannten Jahre 235.000 Rouleaux und jetzt über 800.000 jährlich. Wenn ich nicht irre, fo ift die Vetter'fche Fabrik in Warfchau, die ältefte in Rufsland( 1830), welche in Paris recht hübfch ausftellte, nicht im gleichen Tempo fortgefchritten. Die von den Gebrüdein Gaetchy aus Mühlhaufen, im Jahre 1840 gegründete Tapetenfabrik hat fich an den letzten Ausftellungen nicht betheiligt. Dasfelbe gilt von der grofsen Fabrik der Compagnie Canné. Alexander Lepefchkine hat in Moskau ein neues Etabliffement im vorigen Jahr gegründet, über welches wir unfer Urtheil indeffen zurückhalten wollen. Dänemark hat keine Tapeten ausgeftellt. Ungarn hätte die geringe induftrielle Begabung und die mangelhafte Schulung in diefer Richtung nicht auffallender bethätigen können als durch die an bevorzugter Stelle zur Schau gebrachte ,, artiftifche Papiertapeten- Decoration" des Ignacz Aldáfi in Budapeft. Wir erwähnen diefes gräuliche Machwerk, bei dem die Vafe als Ornament die Hauptrolle fpielt, nur defshalb, um uns vor der Recrimination zu fchützen, wir wären geneigt, die technifchen Leiftungen des Auslandes jenfeits der Leitha zu überfehen. Wir empfehlen den Ungarn, der argen Vernachläffigung des technifchen Unterrichtes feit 1866 ein Ende zu machen. Italien, Spanien und Portugal haben zwar eine Tapeteninduftrie, die der letztgenannten Länder ift nicht einmal geringfügig, war aber der Einladung nach Wien nicht gefolgt. Dagegen haben uns die Japaner in ihrer ernften Abficht, uns recht gründlich über ihren Gewerbefleifs zu unterrichten, auch Tapeten mitgebracht. Sie find nach unferen Begriffen fchlecht. Dauerhaft vielleicht, dem Nationalgefchmacke entfprechend gewifs, aber trotzdem oder defshalb entfetzlich im Deffin und kindifch in der Art der Herftellung. Die Proceduren bei Erzeugung der japanifchen Tapeten erinnern an einzelne Methoden unferer BuntpapierMacherei und Buchbinderei. So fehr wir fie um Accurateffe, Findigkeit und technifche Vollendung in der Verarbeitung von Holz und manchen Metallen, ja auch des Papieres felbft beneiden müffen, ihre Decoration des Papieres wird uns nicht von unferem Wege ablenken. Die japaniſche Tapetenmacherei und die amerikaniſche Fabrication find die gröfsten Extreme. Verwendet jene fchüchtern Schablone und Model als Superlativ der technifchen Hilfsmittel, fo benützt New- York den Handdruck faft nicht mehr, und wir werden nicht viel irre gehen, wenn wir annehmen, dafs Chrifty oder Robert& Greves in einem Tage fo viel Papier durch 14 Dr. Wilhelm Franz Exner. die Walzenmafchine laufen läfst, als ganz Japan in einem Jahre zu Tapeten confumirt. Die Buntpapier Induftrie war vollſtändiger und beffer vertreten als jene der Tapete. Die Zerriffenheit der Fachausstellungen kam dabei weniger in Betracht, da es aufser der öfterreichifchen und deutfchen Buntpapier- Induftrie eine namhafte Production nicht gibt. Die deutfchen Ausfteller waren in einem Separatbau, die öfterreichifchen in dem fchon oben erwähnten eingedeckten Hofe, der die ganze Gruppe XI beherbergte, vereinigt. In den übrigen Länderfectionen fand fich aber nur der eine oder andere Ausfteller vor. Die Buntpapiere wurden zumeift in Mufterbüchern exponirt, nur Knepper und ein paar deutfche Ausfteller machten hievon eine Ausnahme. Von den fremden Staaten konnten nur Japan und Rufsland meine Aufmerkfamkeit erregen. Die bekannte Verwendung von Metallglanz cultiviren die Japaner nach wie vor. Ihre Buntpapiere find ein eigenthümliches Machwerk, das nur der Curiofität halber gekauft werden mag. Uebrigens haben die Eigenthümlichkeiten des japanifchen Gefchmackes und der Technik gerade bei diefem Producte verhältnifsmäfsig wenig Gelegenheit zur Geltung zu kommen und es ift alfo felbft die Curiofität nicht fehr bedeutend. Intereffant ift nur für den Technologen, dafs die Japaner einige Methoden in der Herftellung der Papiere haben, welche auch wir ftark anwenden, Methoden, die das hoch cultivirte Infelvolk offenbar feit fehr langer Zeit betreibt. Die Japaner und Chinefen haben fie früher erfunden, höchft wahrfcheinlich, als wir, obwohl die Buntpapier- Technik auch bei uns eine fehr alte ift. Sehr rühmlich waren die Leiftungen Jean Schoumoff's aus Moskau, rühmlich infoferne, als er die üblichen deutfchen Erzeugniffe gut nachahmte. Namentlich die Cattunpapiere waren gelungen, die übrigen Sorten von mittlerer Qualität. In Frankreich exiftirt eine eigentliche Buntpapier- Erzeugung nicht. Alles was an farbigen und Phantafiepapieren in diefem Lande erzeugt wird, bringt man auf litho, oder typographifchem Wege hervor., Diefe Verfahrungsweifen fpielen in unferen Buntpapier- Fabriken erft in jüngfter Zeit eine mehr beachtenswerthe Rolle. Der Hauptfitz des Buntpapier- Gewerbes in Deutfchland ift Afchaffenburg, wo allein 700 Arbeiter in diefem Zweige menfchlicher Betriebfamkeit befchäftigt find. Die zwei gröfsten Firmen, welche einft ein Haus bildeten: Alois Deffauer und Actienge fell fchaft für Buntpapier und Leimfabrication zeigten durch reiche Suiten ihre Superiorität in diefem Fache. Erftere Firma ift das Stammhaus, gegründet 1810, befchäftigt an 300 Arbeiter und verfügt über eine Dampfkraft von 85 Pferdeftärken. Es legt einen grofsen Werth auf fabriksmässigen Betrieb und find die Leiftungen der Streichmafchine fehr zufriedenftellend. Die mittelfeinen Holzpapiere, Kleiftermarmore, Markgrafen-, Kibitz-, Granit- und Holzflufs- Marmore, die Cattunpapiere, Doppel- Glanzpapiere und Cartons find Specialitäten, welche diefes Etabliffement, nebft den übrigen Handelsforten mit befonderem Glücke cultivirt. Neue technifche Erfindungen von Belang weift diefes Etabliffement allerdings eben fo wenig auf, wie überhaupt die ganze Branche feit den letzten fünf Jahren, indeffen verdient dasfelbe ficherlich die ihm verliehene Fortfchritts- Medaille vollkommen. Die Tochterfirma, welche fich 1850 von dem Mutterhaufe ablöfte und feit 1859 Actiengefellſchaft ift, macht ihrer Provenienz alle Ehre. Ebenfalls 300 Arbei ter( Erzeugung 1872: 30.200 Riefs), ebenfalls Dampfkraft, ebenfalls Erzeugung aller handelsüblichen Sorten. In Marmoren entdeckten wir einige abfcheuliche Mufter, dagegen entzückten uns Moiréepreffungen, fehr fchöne MetallphantafiePapiere, Cattunpapiere und dergl. mehr. Gegen die Anfertigung der Stoffimitationen, die nun einmal dem Publicum gefallen und von demfelben bezahlt werden, ift es umfonft, zu predigen, aber eine Tapeten und Buntpapier. 15 Mahnung möchten wir ausfprechen, welche fich zunächft auf die ,, Phantafiepapiere" bezieht: Künftlerifche Deffins! Gerade weil die Deffauer's in diefer Richtung jedes Jahr Befferes leiften, knüpfen wir hier die Betrachtung für andere kleine Werkftätten an. Warum follen denn die fogenannten„ Phantafie papiere" von dem all gemeinen kunftgewerblichen Fortfchritte ausgefchloffen fein. Gibt es für fie keine Revolution in der ornamentalen Kunft, keinen Kampf gegen das Banale und althergebrachte Einerlei? In der Buntpapier- Macherei mufs ja nicht der entfetzlich gefchmacklofe Trödel erhalten bleiben und immer wieder erzeugt werden, welcher die Spottbezeichnung„ Katarrhzettel- Papier" erlangt hat. Eine andere alte verdiente Fabrik ift die von Theodor Kretzfchmar in Dresden und Bodenbach( 1825 bis 1852 Oehsner& Comp.). Diefes Etabliffement ift modern eingerichtet mit Streich- und Foncirmafchinen, befchäftigt 59 Arbeiter, und erzeugt 6- bis 8000 Riefs bunttürkifche Stoffimitationen, Theepapiere, Gelatinepapier, fehr gleichmässige Uni's. Diefs und die Benützung von Quachemalerei bei dem Gewerbe machte die Kretzfchmar'fche Expofition zu einer mannigfaltigen, intereffanten und verdienftlichen. Ich befchränke mich auf die Nennung diefer drei Namen, weil fich an diefelben die beften Leiftungen knüpfen, mufs aber conftatiren, dafs noch mehrere andere Ausfteller erfchienen waren, die tüchtig produciren, und dafs überhaupt in Deutfchland kein Mangel an fleifsigen Werkstätten für diefen Artikel ift. Ausdrücklich bemerken muss ich jedoch, dafs ich die Luxuspapiere, Bouquetpapiere, künftlichen Blumen aus Papier, Gratulationskarten und dergl. mehr als nicht in das Gebiet meines Referates gehörig betrachte, ebenfowenig als die Papier wäfche, welche nebft obigem Artikel in die 2. Section der Gruppe XI mehrerer Specialkataloge aufgenommen erfcheint. Die Papierconfection mag eine berufe nere Feder behandeln. Dagegen fällt unzweifelhaft in mein Reffort: Gold- und Silberpapier. Die Metallpapiere von Leo Hänle in München haben einen Weltruf. Eine feit 1841 beftehende Fabrik, welche 600 Arbeiter befchäftigt mit zwei Dampfmaſchinen, erzeugt für das ganze aufserdeutſche Europa die unechten glatten und geprefsten Gold-, Silber-, Zinn- und Kupferbronze- Papiere und Borten. Bezüglich der Deffins verweife ich auf meine obigen Bemerkungen über die Phantafiepapiere -wenigftens einzelne Artikel können folche Betrachtung provociren. Die Technik dagegen ift muftergiltig, fo lange nicht mehr Maſchinen in diefe Branche eingeführt werden. Die internationale Jury verlieh diefer Firma das Ehrendiplom und wir können diefs nur billigen. Im Allgemeinen auf gleicher Höhe mit dem eben befprochenen Unternehmen fteht wohl jenes der Gebrüder Kathan in Augsburg( 300 Arbeiter, 1871 16.000 Riefs). Die Leiftungen Baierns find in diefem Artikel unbeftritten und es hat kein anderes Land verfucht, hiefür eine Concurrenz zu fchaffen, Von den öfterreichifchen Buntpapier- Fabriken find nur zwei, diefe aber in eminentem Grade bedeutend. Es find diefs Wilhelm Knepper& Comp. und Spoerlin& Zimmermann. Erftere Firma hatte eine brillante Ausstellung arrangirt. Nebft mehreren Mufterbüchern war ein grofses Wandtableau zufammengeftellt, in welchem fächerförmig hochglänzend lackirte Buntpapiere gruppirt waren. Eine für die Ausftellung fpeciell angefertigte neue Art von Marmor mit metallglänzenden Flocken machte einiges Auffehen. Es fcheint jedoch, als ob die Firma diefe Waare nicht auf den Markt zu bringen gefonnen fei, denn eine Beftellung auf eine Suite diefer Papiere, die in meiner Gegenwart bei den Vertretern der Fabrik gemacht wurde, wurde nicht acceptirt. Das Arrangement und der Inhalt der Knepper'fchen Ausftellung waren. vortrefflich und ftellten eine Probe der bekannten Leiftungsfähigkeit der Firma dar. Spoerlin& Zimmermann legten einige Mufterbücher der bekannt guten Waare auf, fchienen jedoch nicht ambitionirt zu haben, mit diefem Artikel in den Vordergrund treten zu wollen, in dem fie fich mit ihren Tapeten fo fehr behaupteten. 2 16 Dr. Wilhelm Franz Exner. Eine in diefer Vollkommenheit neuen Artikels müffen wir noch gedenken. Es find die Leder, Pergament- und Schieferimitationen von Dawidowfky, welche die P. A. Krufs' fche Fabrik in Liebenau bei Graz erzeugt. Die LederImitationen haben fich befonders als Hut- und Galanterieleder bewährt. Der Erfolg diefes jungen Unternehmens war auf der Ausftellung ein durchfchlagender. Die Neuigkeiten von 1867: Kuhlmann's Kryftallifationspapiere und die Alabafterpapiere waren auf der Ausftellung nicht erfchienen, letztere nur hie und da noch in einem einzelnen Mufter zu fehen. Sie find offenbar aus der Mode gekommen. Eine Waare, die mit der Tapeten- und Buntpapier- Induftrie im engften Zufammenhange fteht, mag, obwohl bei der Wiener Weltausstellung in Gruppe V eingeordnet, hier noch eine flüchtige Befprechung finden. In Gruppe V wird die Berichterstattung wohl kaum derfelben gedenken. Es ift das der Roll vorhang ( Stores). Diefer Artikel, häufig auch von Tapetenfabriken erzeugt, immer aber von Tapetenhandlungen geführt, war auf der Wiener Ausftellung ausgiebig nur von deutfchen Ausftellern zur Schau geftellt. Handwerksmäfsiger Betrieb ohne künftlerifche Weihe charakterifirt im Allgemeinen den Artikel und macht es dem Holzrouleaux und anderen Surrogaten leicht, ihn zu verdrängen. Ohne Trauer werden wir die Stores fchwinden fehen, wenn fie unfer Auge nicht dauernd zu erfreuen verstehen. Die Phantafie und Feinheit der Franzofen machte fich bei der Wiener Ausftellung in diefem Zweige der zeichnenden Künfte nicht befonders auffällig. Die erften Firmen fehlten, zwei Ausfteller find indeffen zu erwähnen. A. Lieto in Nizza hat unter Anderem eine finnberückende tropifche Landfchaft auf den transparenten Stoff gezaubert, die Palmen und die Ueppigkeit der Pflanzennatur find ihm herrlich geglückt. A. Bach in Paris hat uns einige Blumenftücke angeboten, die, als wir fie fahen, fchon etwas gebleicht waren. Beide Ausfteller malen aus freier Hand auf Cambridgeftoff. Von den deutfchen Ausftellern nimmt Carl Rifchbieter in Deffau den erften Rang ein.* Abgefehen von der gothifchen Glasmalerei, die ein Roll. vorhang vorftellt( welche Abfurdität!) find fämmtliche Ausftellungsobjecte gelungen. Charmant ift ein Vorhang mit Deffin im Gefchmacke der Renaiffance und jener, welcher in delicater Manier den maurifchen Stil tractirt. Zwei Vorhänge find naturaliftifch behandelt. Trotz meinem Lob möchten wir doch dem jungen ftrebfamen Fabrikanten empfehlen, feine Zeichner zu ernften Kunftſtudien anzuhalten. In weit höherem Mafse hätte diefe Bemerkung Schlottmann& Petzke in Berlin zu beherzigen. Auch diefes Haus brachte eine Glasmalerei auf Baumwollen- Stoff, ein Gnadenbild, noch obendrein darftellend Blumenbouquets, unrein und hart, ein entfetzlich componirtes allegorifches Tableau, deffen Bedeutung ich nicht enträthfeln konnte, zwei giftgrüne Stores mit ,, Hundemedaillons", eine zopfige Vafe und wie die fchablonirten und gemalten Vergehen gegen den guten. Gefchmack alle noch geheifsen haben mögen. Die Stores. von Ferdinand Achilles& Comp. in Berlin, welcher ein ziemlich bedeutendes Gefchäft( etwa halb fo grofs an Umfang wie Rifchbieter's) befriedigten uns ebenfalls nicht, noch weniger jene von Sieburger und Piette. Ueberblicken wir nun zum Schluffe das ganze Gebiet unferes Berichtes, fo kommen wir zu folgenden Conclufionen: In der ganzen grofsen Induftrie, welche die Aufgabe hat, die Papierfläche decorativ zu verzieren, und diefs mit Ausfchlufs der Litho- und Typographie bewerkstelligt, ift kein epochemachender technifcher Fortfchritt feit dem Jahre 1867 * 1871: 10.000 Dutzend Rouleaux, 100 Arbeiter. Tapeten und Buntpapier 17 zu verzeichnen. Die kunftgewerbliche Bewegung der Gegenwart hat auch ihren Einfluss auf diefes Kunstgewerbe geübt und übt ihn ftetig fort, ohne noch jene Stufe der Vollendung, der Vollkommenheit erreicht zu haben, die uns völlig befriedigen würde. Die Mittelmässigkeit herrfcht noch vor, künftlerifche Vollendung der Deffins ift in der Minorität der Fälle zu verzeichnen. Die mafchinellen Verfahrungsweifen gewinnen täglich an Terrain, ohne den Handbetrieb fühlbar zu verdrängen. Die Leiftungen der Farbenchemie kommen auch diefem Gewerbe zu Gute, ohne dafs die fortfchreitende Entwicklung der Anilinfarben- Induftrie, welche bei ihrem Auftreten die flüchtige Mode wefentlich influenzirte, eine dauernde Alteration der ewig geltenden Gefetze der Kunft hatte herbeiführen können.* Blofs der koloffale Auffchwung der Holzftoff- Erzeugung hat eine directe Bedeutung für alle Gewerbe erlangt, die Papiere verarbeiten. Die Productionsmenge wächft in allen Ländern. * Die Expofitionen der Mafchinen und der chemifchen Induftrie( Gruppe XIII und III), welche in den Rahmen anderer Berichte fallen, haben leider nichts enthalten, was für unfere Induſtrie von directem Lehrwerthe wäre. In der Maſchinenhalle waren blofs eine nach neuem Syftem arbeitende Foncir- und eine Satinirmaschine( Bürftapparat) von Grahl& Heehl in Dresden, die ich empfehlen kann, und ferner Tapetendruck- Model und Walzen von G. Katsmeyr& Sohn in Augsburg( bekannte Firma für diefen Artikel) exponirt. 2* SCHREIB-, ZEICHEN- UND MALER- REQUISITEN. ( Gruppe XI, Section 3.) Bericht von IGNAZ NAGEL, Beamter der commerciellen Direction der k. k. priv. Südbahn in Wien. Ein Blick in die vergleichende Productionsftatiftik der bedeutenderen europäifchen Induſtrieländer zeigt uns, welch riefigen Auffchwung die Papierfabrication feit einem Jahrzehent genommen, welch' immenfen Umfang der Papierconfum erreicht hat. Diefe aufserordentliche Productionsvermehrung verdankt die Papierinduftrie allerdings in erfter Reihe den allgemeinen Fortfchritten der Civilifation, der Ausdehnung des Unterrichtes über ftets neue und weitere Kreife, der täglich wachfenden Bücher- und Zeitungsliteratur, welche unzählige Quantitäten von Schreib- und Druckpapier confumirt. So grofse Maffen des genannten Materials indefs auch dem weiten Reiche der Literatur und der Tagespreffe zufliefsen, fie werden überboten von jenen, die das unendliche Meer der Papierwaaren- Induſtrie, der Papierconfection verfchlingt. Nach approximativer Schätzung werden von den circa 18 Millionen Centnern Papier, die beiläufig 2000 Fabriken erzeugen, ungefähr 10 Millionen Centner zu Handels- und Induftrie-, zu Schul- und Bureau- und anderen nicht literarifchen Zwecken verwendet. Es würde zu weit führen, hier auch nur einen kleinen Theil der Artikel bezeichnen zu wollen, die dem puren oder theilweifen Papiermaterial ihr Entftehen verdanken. Nur andeutungsweife fei der immenfe Vebrauch an Papier und Pappe für die Gefchäftsbücher- und Enveloppen-, für die Spielkarten- und Tapeten-, für die Cartonnage- und Papiermaché- Fabrication erwähnt, fei an die Thatfache erinnert, dafs in Japan und China häufig Gefchirre und Gefäfse, Kleidungsstücke und Möbel und unzählige andere Dinge aus Papier verfertigt, dafs in Frankreich aus Steinpappe Ornamente für Gebäude, aus asphaltirtem Papier Röhren für Gasund Wafferleitungen, in Amerika Kochgefchirre und Eifenbahn- Räder aus Papier hergeftellt werden. Gab auch die Ausftellung keinen richtigen Begriff von der Leiftungsfähigkeit der einzelnen Länder in der Papierfabrication felbft, fo bot fie doch eine feltene Gelegenheit für die Beobachtung, zu wie viel Taufenden von Objecten diefes Material benützt werden kann; wie viele andere Stoffe und Materialien es zu erfetzen im Stande ift. Wir wollen im Folgenden die bedeutendften Artikel, wie fie die Ausftellung beachtenswerth zeigte, darftellen und daran die Schreib- und Zeichenrequifiten reihen. 萬 Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 19 Papierconfection. Papierwäfche. In den oftafiatifchen Ländern wird Papier fchon längere Zeit als Bettwäfche verwendet. Diefs mag auf die Idee geführt haben, dasfelbe Material zur Anfertigung von Leibwäfche zu verwenden. In Amerika allein werden jährlich circa 15 Millionen Stück Papierkrägen producirt. In Deutfchland wurde diefer Artikel durch die Firma A.& C. Kaufmann in Berlin eingeführt, welche nun mit Hilfe von circa 500 meift weiblichen Arbeitern täglich 300.000 Stück verfchiedene Papierwäfch Artikel erzeugt, und theils in Deutfchland, theils in Amerika abfetzt. Die von diefem Haufe ausgeftellten Krägen, Manfchetten und Chemifetten zeichneten fich durch befondere Weifse aus; die an den Wäfchftücken befindlichen Stickereien waren fchwer von wirklichen zu unterfcheiden; die Spitzengarnituren müffen als gelungen bezeichnet werden. Ebenfo haben Henning& Defeler, dann Martin Schlefinger und Jeenike in Berlin hübfche Papierwäfche gebracht. Aus Frankreich bemerkten wir nur einen Ausfteller, Paul Belville ( Paris), der hübfche Krägen und Manfchetten vorgelegt hatte. Aus den übrigen Staaten war nichts vorhanden, doch ift nicht zu zweifeln, dafs auch in anderen Ländern derlei Induftrien beftehen; fo hat beispielsweife Gelabert in Barcelona Formen zu feiner Papierwäfche eingefendet. Auch in O efterreich hat fich diefer Induftriezweig feit einigen Jahren eingebürgert, ohne jedoch bis daher eine befondere Bedeutung erlangt zu haben, obgleich die von Franz Müller in Wien ausgeftellte Wäfche, namentlich die farbigen Wäfchftücke, ihrer eleganten Ausführung, ihrer Farbenähnlichkeit wegen alles Lob verdienen. Müller's Erzeugniffe haben noch den befonderen Vorzug, dafs fie nichi mit der Haut nachtheiligen Subftanzen gefärbt find. Cigarrettenpapier. Einen weit gröfseren Verbrauch an Papier als der vorgenannte Artikel, weift die Fabrication von Papierhülfen und Cahiers für Cigarretten aus. Früher faft nur auf Frankreich und Spanien befchränkt, hat die Cigarrettenfabrication fich in letzterer Zeit nach Oefterreich, Rufsland, ja fogar nach dem Orient verbreitet. In Frankreich und Spanien, wo fich die Cigarrette einer befonderen Beliebtheit erfreut, ift die Bereitung von Cigarrettenpapier und Papiercahiers zu einem nicht unbedeutenden Manufacturzweig, der Handel mit Cigarretten ein anfehnlicher Artikel geworden. Frankreich verforgt nicht nur fein eigenes Land, einen Theil von Deutſchland, einen grofsen Theil des Orientes mit Cigarrettenpapier in Heftchen, fondern hat bedeutenden Abfatz nach überfeeifchen Ländern, fogar nach Brafilien und Perfien. Die franzöfifchen Cigarrettenpapiere find in der Regel fehr dünn, fehr weich und fehr rein gearbeitet, die Enveloppirung ift eine höchft gefchmackvolle, der Preis äufserft billig. Auf der Ausftellung waren vier Firmen mit den fchönften Producten diefer Branche erfchienen, unter denen Hatterer In. Mc. Veuve& fils obenan fteht und deren perfifches Reisftroh- Papier eines der vorzüglichften Producte diefer Gattung iſt. Houbelon in Paris wufste dem Product ein fehr hübfches Aeufsere zu verleihen. Vaudoit père& fils Clairmont ferrand hatte nebft feinen eleganten Cahiers eine höchft ingenieufe Cigarrettenmafchine ausgeftellt. die jedoch einer näheren Prüfung forgfältig entzogen war. Spanien befitzt in der Manufacturftadt Alcoy eine Anzahl von Fabriken, die grofse Mengen von Cigarrettenpapier erzeugen. Das fpanifche Papier unterfcheidet fich durch feine Confiftenz, Zähigkeit und Feftigkeit, dann durch feine meift eigenthümliche Farbe: braun, gelb etc. fowie durch feine leichte Verbrennbarkeit vortheilhaft von allen übrigen Fabricaten. Rafael Santanjo's Erzeugniffe 20 Ignaz Nagel. in Alcoy fcheinen den Muſtern nach zu den beften ihres Faches zu gehören. Jofé Riber hatte vorzügliche Producte von Blumen-, Documenten- und Cigarrettenpapier exponirt. Aufser den Genannten waren noch einige Ausfteller diefes Faches, doch war es fchwer, deren Namen nach dem Katalog zu eruiren. In Oefterreich ift der Name Knepper's eng verknüpft mit der Cigarrettenpapier- Erzeugung. Er war es, der zuerft im Jahre 1856 den Artikel in Oefterreich einführte und bis zu feinem Tode cultivirte. Im fteten Kampfe mit den tüchtigften Concurrenten Frankreichs, hat es zuerft im Inlande, dann im Orient Boden gewonnen und die Fabrik fendet heute trotz der Ungunft der Verhältniffe viele Taufende von Schachteln nach allen Theilen der europäiſchen und aſiatiſchen Türkei, nach Amerika, nach China, fogar nach Spanien, das doch felbft die beften Cigarrettenpapiere macht. Sowohl die obgenannte Fabrik als die von Jac. Schnabl & Comp. in Wien hatten in der Ausftellung Proben ihres Fleifses, ihres Strebens nach Befriedigung der feltenften und mannigfaltigften Anfprüche, aber auch ihres guten Gefchmackes abgelegt. Die Productionsmengen jeder diefer Fabriken dürfte fich auf circa 30 Millionen Cigarrettenbücher oder 1200 Millionen Blätter belaufen. Auch Jac. Schnabl& Comp. hat bedeutenden Export nach dem Orient, nach der Levante etc. und befchäftigt ftets gegen 200 Perfonen in diefem Fabricationszweige. Indeffen hat der fragliche Induftriezweig in neuerer Zeit einen bedeutenden Stofs erlitten durch den immenfen Zoll, welchen die Fürftenthümer auf die Einfuhr diefer Waare legen, durch die Errichtung von eigenen Fabriken in Serbien, Rufsland und in der Türkei; durch den Gefchmack an Cigarren; durch Verwendung des nicht façonnirten Cigarrettenpapiers, namentlich aber durch die Concurrenz der Cigarre, deren Confum täglich in Zunahme begriffen ift und jenen der Papiercahiers anfehnlich vermindert. In Qefterreich allein beträgt die Zahl der im Jahre 1872 erzeugten Cigarrettenhülfen 38 Millionen Stücke*, in Rufsland dürfte die Zahl von 500 Millionen nicht zu hoch gegriffen fein. Ebenfo werden in Deutſchland grofse Quantitäten Cigarretten fabricirt, und theils im Inlande verraucht, theils exportirt. • Eifenbahn Fahrkarten und Telegraphenrollen. Um fich einen Begriff von der Erzeugungsmenge diefer Objecte zu machen, genüge, dafs die beiden öfterreichifchen Ausfteller Victor Popp und E. Zawadil in Wien allein, der erftere 30 Millionen, letzterer 60 Millionen Fahrkarten nach Edmondfon'fchem Syftem per Jahr produciren, obgleich von den circa 233.988 Kilometern Eifenbahnen der Erde nur 11.899, daher circa 5 Percent, auf Oefterreich- Ungarn entfallen. An Telegraphenrollen für die öfterreichiſch- ungarifchen Staats-, Privat- und Eifenbahn- Telegraphenanftalten werden in Oefterreich jährlich circa eine Million Rollen verbraucht, die im Inlande erzeugt werden, was im Verhältnifs zu der Gefammtfumme der 39.924 Telegraphenmeilen den Confum von circa 15 Millionen folcher Rollen in der Welt ergibt. Ausgeftellt fanden wir nur Telegraphenrollen von der norddeutfchen Papierfabriks- Actiengeſellſchaft Köslin, die auch Eifenbahn- Fahrkarten, und zwar beide Objecte ganz entfprechend verfertigt, fowie ausgezeichnete, fefte und fehr glatt gefchnittene Rollen von Paolo Pigno in Mailand. So bedeutend diefe Mengen erfcheinen, fo verfchwindend klein find fie gegenüber den Maffen von Papier, welche zu Brief- und Depefchencouverten erforderlich find. Briefcouverte. Die Zahl der durch die Poft beförderten Briefe und Bandfendungen auf der Erde im Jahre 1870 wird auf 5072 Millionen Stück gleich 1,434.986 Zollcentner veranfchlagt. Die Zahl der Depefchen auf der ganzen * Zur Verfertigung diefer Anzahl Cigarrettenhülfen verbrauchen die k. k. Tabakfabriken 600.000, zu Enveloppen 600.000, zu Schnupftabak 7,000 000, zur Verpackung von Rauchtabak, Cigarren und zu anderen Zwecken 70 Millionen Bogen Papier per Jahr. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 21 Erde fchätzt Wagner im Jahre 1871 auf 67 Millionen, wovon auf Nordamerika und England allein 12 5 Millionen entfallen, was in Summa nach Hinzurechnung des Verbrauches an Briefcouverten einer Anzahl von 5159 Millionen Couverts entfpricht. Die Herbeifchaffung folcher Maffenproducte kann natürlich nur mit Aufwand aufsergewöhnlicher Mittel ermöglicht werden. Die im Jahre 1842 von Macquet in Paris und 1845 von de la Rue in London erfundenen Mafchinen reichten nicht aus, um dem Bedarf zu genügen. Erft die in neuerer Zeit von de la Rue, fowie die von Poirier in Paris vervollkommneten, dann die von Antoine in Paris erfundenen Mafchinen, entſprechen für den Moment dem koloffalen Confum in diefem Artikel. In der Mafchinenhalle war aufser der letztgenannten nur noch eine Firma, Geiger& Heffer in Cannftatt, mit Couvertmafchinen erfchienen. Die Mafchine der letzteren ift auf Dampfbetrieb eingerichtet und fehr folid gearbeitet. Ihren Zweck, die eingelegten Papierausfchnitte zu falzen und zu kleben, erfüllt fie mit vieler Accurateffe. Die grofse Sorgfalt und Solidität in der Ausführung, die Möglichkeit, verfchiedene Formate ohne viele Mutationskoften auf derfelben arbeiten zu können, find die höchft fchätzenswerthen Eigenfchaften diefer Mafchine, denen als Mängel die Nothwendigkeit zweier Perfonen zur Bedienung, fowie der unverhältnifsmäfsig hohe Preis von 800 bis 900 Thalern gegenüberstehen. Die Mafchine Antoine's legt die gefchnittenen Blätter felbft ein, falzt und gummirt diefelben und fchichtet fie zwifchen zwei Eifenwänden, aus denen fie ohne Aufenthalt der Mafchine leicht entfernt werden können; dadurch entfällt eine Arbeiterin zur ausfchliefslichen Bedienung diefer Mafchine. - Der Nachtheil diefer Mafchine liegt in der Verwendung von Meffing- ftatt foliden Stahlplatten; in dem Schmutzen der Couverts und dem dadurch bedingten öfteren Reinigen der Excenter; der koftfpieligen Mutation bei vorzunehmender Formatänderung, Fehler, die in der Conftruction der Mafchine liegen und mit der Zeit befeitigt werden dürften. Der Preis der Mafchine, 1800 Francs, ift bei dem Umftande, als fie nur wenig Bedienung erfordert, ein äufserft billiger. Die Leiftungsfähigkeit beider Mafchinen wird von den Erzeugern auf 2500 per Stunde angegeben. Aufser den vorgenannten hat Antoine noch eine Couvertfchneide- Mafchine ausgeftellt, die indefs auch zum Schneiden von Pappendeckel, Leder etc. verwendet werden kann, und je nach Format von 500 bis 1000 Francs koftet. Unter den vom Auslande ausgeftellten Couverten müffen wir vor Allem die Cowan's and Sons zu Edinburg ihrer correcten Falzung und ihres herrlichen Papieres wegen erwähnen; nach diefen die Couverte der Gebrüder Hofffümmer in Düren, die mit 76 Arbeitern und 1 Dampfmafchine mit 4 Pferdekraft ein fchwunghaftes Gefchäft in diefem Artikel betreiben, den fie fehr gut fabriciren. Beftehorn in Afchersleben liefert jährlich 400 Millionen Couverts; die ausgeftellten Mufter waren fehr gut. Auch Kraufe in Berlin, Schmidt in Elberfeld und Mayer in Ehrenbreitftein brachten hübfche Couvertmufter, von denen fie viele Millionen jährlich erzeugen. Als eine der bedeutendften Firmen diefer Branche gelten die vereinigten heffifchen Papier- und Papierwaaren- Fabriken in Caffel. Aufser vielen anderen Artikeln diefer Gattung liefern fie mit 25 Couvertmaſchinen wöchentlich 2 Millionen Briefcouverts diverfer Gattungen für den grofsen Confum.* Von den hervorragenderen Couvertfabriken Oefterreichs hat nur die von D. R. Pollak& Söhne in Wien die Ausftellung, und zwar theils mit Confections caffetten, theils mit Couverten befchickt. Auch diefes Gefchäft( feit 1836 beftehend) betreibt die Couvertfabrication im grofsen Stile und beherrfcht nicht nur einen *) Die erfte Couvertfabrication in Deutfchland datirt vom Jahre 1847; heute find 200 Mafchinen thätig, die täglich 4 Millionen Stück liefern. 22 Ignaz Nagel. Theil des heimifchen Marktes, fondern concurrirt mit Erfolg auf fremdem Gebiete. Die Fabrik befchäftigt gegenwärtig 24 grofse Couvertmafchinen, 12 kleine CouvertKniffmafchinen und 6 Schneidemaschinen und Preffen, die zufammen ein Quantum von 200.000 Couverten per Tag liefern. An Confections caffetten werden jährlich 30.000 Stücke erzeugt. Die Fabricate können, den ausgeftellten Muftern nach zu urtheilen, den beften der ausländifchen angereiht werden. Die Firma wurde mit der VerdienftMedaille ausgezeichnet. Papierdüten, Säcke, Beutel etc. Nicht nur die Papierinduftrie im Ganzen und Grofsen, auch die einzelnen Papierwaaren- Branchen erweitern täglich ihr Gebiet. Die Verfertigung von Papierdüten und Kapfeln, Beuteln und Säcken mit und ohne Etiquetten zur Verfendung von Waarenmuftern aller Art als: Samen, Getreide, Mehl, Specereien etc. aus Papier, Pergamentpapier, Papyrolin etc. bildet jetzt einen eigenen, fehr ausgedehnten Fabricationszweig. Die bereits genannten vereinigten heffifchen Papier- und PapierwaarenFabriken, die mit ihren vier Papierfabriken eine Buchdruckerei, Lithographie und Präge- Anftalt in Allendorf an der Werra verbinden, erzeugen 214 Millionen Düten etc., 4 Millionen Kapfeln und 20.000 Stück diverfe Cartonnagen per Woche, welche Artikel fie, mit gefchmackvollen Etiquetten verfehen, in der gröfsten Mannigfaltigkeit und den Anfprüchen der Neuzeit entfprechend, herftellen. Behrens in Hannover, dann Gonnermann& Ude in Eberftadt, Aubell in Augsburg, Israel Wanfried befaffen fich in hervorragender Weife mit diefem Artikel, der in grofsen Mengen erzeugt und verfendet wird. Ahrens& Comp., Liebenau, find die Erften, welche diefen Gefchäftszweig in Oefterreich gründeten und die die Erzeugung von Papierfäcken( in 30 verfchiedenen Sorten Kapfeln, Beuteln, in grofsem Mafsftabe mit 80 Arbeitern) betreiben. Die ausgeftellten Objecte find geeignet, die mannigfachften Anfprüche der Gefchäftswelt zu befriedigen. Ebenfo lieferte C. Huber in Graz, dann Willner in Teplitz recht gefällige und mannigfache Artikel diefer Branche. Gröfsere Sicherheit als die genannten aus Papier verfertigten Behältniffe gewähren die von Lemppenau in Stuttgart und Neuftädter in München, welche die genannten Objecte aus Papyrolin erzeugen, das wegen feiner Dauerhaftigkeit fich befonders zu Envelopen für Werthfendungen eignet. Das Material, auch Papierfhirting genannt, beſteht aus einer Vereinigung des Papiers mit einem feinen lockeren Baumwoll- Gewebe. Die Erfindung ftammt aus London, wo Henry Chapmann 1843 dafür patentirt wurde. Die Verbindung des noch naffen Papiers mit der Leinwand gefchieht in der Regel auf der Papiermafchine. Das Papyrolin eignet fich durch feine Haltbarkeit befonders zu Plänen, topographifchen Arbeiten, Adrefskarten auf Colli etc. Einen grofsen Fortfchritt auf diefem Gebiete zeigen die Producte von Albert Eckstein in Wien aus vegetabilifchem Pergament, aus ungeleimtem Papier durch Behandlung mit Schwefelfäure entſtehend. Diefer von Haine in London ( 1853) erfundene und von de la Rue in London verbefferte, auch in Deutſchland fehr gefchätzte Artikel hat durch Eckstein in Wien eine mannigfache Verwendung und Verbefferung gefunden. Die aus der Eckstein' fchen Fabrik hervorgehenden Surrogate der thierifchen Blafe find zu Couverts und Envelopes wegen ihrer Widerftandsfähigkeit gegen Näffe und ihres patentirten Verfchluffes halber befonders geeignet; ebenfo zum Verfchluffe von Conferven; als Wurfthäute find fie den thierifchen Blafen und Därmen wegen Fernhaltung des Schimmels bei Weitem vorzuziehen; die aus dem genannten Stoffe verfertigten Eisfäckchen, ebenfo Perganfep( fchwarze Charpie) fanden feinerzeit grofse Anerkennung. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 23 In Deutfchland hat fich Brandegger in Ellwangen mit diefem Artikel einen Namen gemacht; doch befchränkt fich deffen Fabricat faft nur auf Wurftdärme. Ebenfo intereffant als das Eckstein'fche Pergamentpapier ift das von Krufs ausgeftellte Papierleder. Blieben auch die den japanefifchen Muftern nachgeahmten Erzeugniffe ziemlich weit hinter dem Original zurück, und geht auch, namentlich den zu Hutleder beſtimmten Surrogaten jene Weichheit und Gefchmeidigkeit. namentlich aber jene Poröfität ab, die die japanefifchen Producte vermöge des geeigneteren weicheren Rohmaterials auszeichnet, und ift auch deren leichte Zerreifsbarkeit ein grofser Nachtheil für ihre allfeitige Verwendbarkeit, fo ift das Streben Krufs', jenes Product hier einzubürgern und zu verbreiten, ein höchft lobenswerthes zu nennen. Ebenfo lobenswerth ift die Bemühung Lerch's in Krafsney bei Reichenau, Papiergarn und Papierbänder in diverfen Proben zur Blumenfabrication und dergl. herzuftellen, und diefes Fabricat in vorzüglicher Qualität zu verfertigen. Luxus und Phantafiepapiere. Nicht zufrieden mit der Rolle, die die nüchterne Gefchäfts- und Utilitätsinduftrie ihm angewiefen, überfchreitet das Papier die Grenzen des Alltäglichen, und betritt das Reich des Luxus und der Phantafie in Geftalt von Blumen und Blättern, von reich verzierten Liebesbriefen, Karten, Bonbonnieren und Cartons, präfentirt fich als glänzende Etiquette, als Orden, als Lichtmanfchette, als Fächer und Bouquethalter, als Tellerpapier und Serviette, und Taufende von Menfchenhänden find heute in allen civilifirten Ländern damit befchäftigt, die prachtvollften Blumen und Knospen aus Papier hervorzuzaubern, die an Schmelz und Farbe die natürlichen faft übertreffen, um Spitzen und Franfen, um Silber- und Goldborden, um Glanz- und Lackpapiere, kurz um die zahlreichen Luxusartikel aus Papier zu erzeugen, die einer Menge von gewöhnlichen Dingen zum Schmuck, zur Zierde dienen und die das Auge des Befchauers erfreuen. Der Annex des deutfchen Reiches enthielt eine, wenn auch nicht fehr vortheilhaft arrangirte, doch reiche Sammlung diefer Artikel. Noch vor zwei Decennien war Frankreich und namentlich Marion, Bertout und Nouvelle in Paris Alleinherrfcher auf dem weiten Gebiete der Luxuspapier- Induftrie. nunDondorf in Frankfurt, Hagelberg, Schäfer& Scheibe, dann Hellriegel in Berlin, fowie Meifsner& Buch in Leipzig müffen als die Schöpfer diefer vielzweigigen und heiklen Induftriebranche in Deutfchland bezeichnet werden. Nur der aufserordentlichen Pflege und Sorgfalt, die fie vom Beginne dem neuen Productionszweige zuwandten, ift deffen Gedeihen, deffen mehrige Ausdehnung zu verdanken. Jeder der genannten Ausfteller repräfentirt ein eigenes Genre, in dem er Ausgezeichnetes leiftet. So produciren Schäfer& Scheibe verzierte Briefbogen und Karten, Cotillonorden, Reliefs und Kunftdruck- Bilder in reichfter Ausftattung, mit bewundernswerthem Gefchmacke. Hellriegel erzeugt mit 273 Arbeitern für 200.000 Thaler Luxuspapiere, Gratulationskarten etc. herrlichfter Gattung. Vollmer's Luxuspapier für Galanterie- und Confifeurwaaren find reich, mannigfaltig und hübfch; einen reizenden Anblick aber gewähren feine eben fo kunft als gefchmackvoll gefchnittenen und fein ausgeftatteten Teller- und Bouquetpapiere, Atlas- und Crepemanfchetten. Meissner & Buch in Leipzig( früher Bartfch& Comp.) find Meifter in lithographifchen ,. Buntdruck- und Prägearbeiten für Cartonnagen und dergl. und zählen ihre ebenfo mannigfaltigen als kunftvoll durchgeführten Erzeugniffe zu den fchönften Leiftungen auf diefem Gebiete. Allein die obigen find wie erwähnt nur die Gründer diefes Kunft- Induftriezweiges, deren Streben nicht nur Anerkennung, fondern auch Nachahmung fand. Eine der jüngeren Firmen, Ed. Büttner& Comp. in Berlin, verfertigt Luxusbriefe, Buntdruck- Bilder zu Cartonnagen, namentlich aber Cotillonorden in fo effectvoller Form und phantafie- 24 Ignaz Nagel. reicher Abwechslung, wie fie felten ähnlich gefunden werden, und trotz feines kurzen Beftehens( 1872) befchäftigt das Haus 300 Arbeiter und verbraucht jährlich 7000 Rifs Papier. Oskar Müller in Leipzig( 1871) verarbeitet ebenfalls jährlich II Ballen diverfe Papiere, 28 Grofs Goldborden und 450 Centner Pappen zu Cartons u. A. Als reizende Specialität müffen wir die ausgeftellten Fenftergardinen aus Seidenpapier, die Spiegelfchleier, Fenftervorfätze, Lampenfchleier, Lichtmanfchetten und Lampenfchirme bezeichnen, die wie aus zarten Stoffen gewebt und mit den feinften Spitzen befetzt fchienen. Ebenfo hatte Prantl in München reizende originelle Lampenfchirme, auf beiden Seiten verwendbar, ausgeftellt. Hennig& Defeler in Berlin hatten nebft Luxuspapieren für Photographen und Conditoren prachtvolle Papierfächer und Wäfche. Auch fie befchäftigen 180 Arbeiter. Sehr hübfch waren auch die Papierfächer von Werner& Schumann. Ihre Specialität fcheinen Buchftaben aus lackirtem Stoffe. Ortlieb aus Strafsburg fchneidet hübfche Blumen aus Papier. In Metallpapieren, namentlich Goldund Silberborden und anderen Cartonnageverzierungen, fowie Bronzefarben dürfte Hänle in München einer der vorzüglichften und bedeutendften fein( 600 Arbeiter), fowie Hartwig's( Offenbach) Fabricate aus Leder und Papiermaché, geprefste Ornamente unftreitig zu den beften Producten diefer ganzen Branche gehören. Heiglin in München verlegt fich faft ausfchliefslich auf Confection in Trauerpapieren und Couverts, die er in grofsen Mengen und gut erzeugt, während Afchenbrenner in München Mannigfaltiges und Originelles in geprefsten Bilderrahmen lieferte. Noch eine Menge anderer Firmen hatten elegante und gelungene Producte diefes Genres gebracht; wir müffen uns jedoch verfagen, fie alle namentlich anzuführen; was wir jedoch erwähnen müffen, ift, dafs diefe Gefchäftsbranche glänzend vertreten war, und dafs in Deutfchland ein Gefchmack, eine Thätigkeit auf diefem Felde herrfcht, die ihm einen der erften Plätze in der betreffenden Branche anweift. O efterreich war auf diefem fpeciellen Gebiete nur fchwach vertreten, aber das Wenige, was die Ausftellung brachte, bekundet das Streben, nur Befferes und Gediegeneres zu liefern. Die Expofition der Brüder Ofterfetzer in Wien zeigte Lampenfchirme, Bouquethalter, Spitzen- und Tellerpapiere, die fehr viel Gefchmack und Fertigkeit in der Behandlung des einfachen Papierftoffes bedingen. Das durch die genannte Firma im Jahre 1861 begonnene, und mit vieler Mühe in Oefterreich eingeführte Gefchäft erzeugt nunmehr Producte, die im Inlande fehr beliebt geworden, und auch im Auslande- trotz der grofsen Concurrenz- ftarken Abfatz finden. Die Vitrinen von F. Halik und W. Kutfchera in Wien enthielten fehr hübfche gelungene Papierblumen und Bouquets, die Expofition von Guftav Schuler in Teplitz gefchmackvolle Prägearbeiten und Papierverzierungen in Gold und Silber, und G. Jelinek in Wien hatte recht fauber gearbeitete Bilderrahmen und gutes Albuminpapier zur Ausftellung gebracht. Wenn auch nicht in allen der vorgenannten Zweige, aber im Grofsen und Ganzen find die Refultate, welche die öfterreichiſche Papierwaaren- Induftrie aufzuweifen hat, fehr günftige zu nennen; die Einfuhr an genannten Artikeln ift eine höchft geringe, während die Ausfuhr fich in den letzten Jahren bedeutend gehoben hat. Die erftere betrug im Jahre 1872: 427.035 fl. die letztere 2,577.784 fl. Schreibmaterialien. Papier. Die Bemühungen unferer und der Papierfabrikanten anderer Staaten zur Herftellung eines allen Anforderungen und Bedürfniffen entſprechenden Schreibmaterials find an anderer Stelle eingehend gewürdigt worden. Hier sei nur erwähnt, dafs diefe einmüthigen Strebungen als vom beften Erfolge * E. Twerdy die Papierinduftrie, Bericht über Gruppe XI. Section 1. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 25 begleitet bezeichnet werden müffen. Die deutfchen und viele öfterrreichifche Schreib- und Poftpapiere werden von den gleichartigen Producten des Auslandes kaum übertroffen, ja von vielen Ländern nicht erreicht. Die Ausftellung brachte Proben von glatten und gerippten, linirten und carrirten, matten und hochfatinirten Papieren in allen Feinheits- und Stärkegraden, in weifsen, blauen und bunten Stoffen aller Farben und Nuancen. Allein der Gefchmack, die Mode verlangt nunmehr auch vom Papier mehr als Reinheit, Glanz und Glätte. Die in Dingen des guten Gefchmackes und der eleganten Präfentation von Objecten vorangehenden Franzofen haben, von dem Gedanken geleitet, dafs der günftige Eindruck, den ein fchönes Papier auf den Empfänger eines Briefes mache, durch eine ornamentale Ausstattung erhöht werden müffe, feit Langem nicht nur zu Gratulationsbriefen, Adreffen und dergl., auch für die Privatcorrefpondenz die mannigfaltigft gezackten, geprefsten und geprägten, fowie mit Ornamenten gefchmückten Luxusund Phantafiepapiere verwendet. Monogramme und Wappen. Sei es nun, dafs diefe von den Franzofen Marion, Bertout u. A. mit Kunftfinn gepflegte Gefchmacksrichtung durch fchlechte Erzeugniffe Anderer verdorben wurde, fei es, dafs die fo häufig wechfelnde Mode, die Sucht nach Neuem, die Vorliebe für die erwähnten Phantafiepapiere abfchwächte, Thatfache ift, dafs die feit Jahren von exclufiven Kreifen adoptirte Sitte. Einladungen, Menus, Vifites, Briefpapiere und Couverts mit Namenszügen oder Wappen zu fchmücken, auch in weiteren Kreifen Eingang fand, und das Monogramm, die zarte Blume, die oft fehr burleske, aber einfache Figur, die grofsen, bunten Bilder aus den feineren Briefpapieren verdrängte. Es mufs daher diefer Umfchwung als ein wohlthätiger, die neuere Gefchmacksrichtung als eine edlere bezeichnet werden, obgleich nicht geleugnet werden kann, dafs auch ein grofser Theil diefer Objecte keinen Anfpruch auf künftlerifchen Werth machen darf. Aus einem Vergleiche der meiften Producte diefer Art mit den weifsen und in Farben ausgeführten Monogrammen und Wappen Wyon's und Sulman's in London, mit den fchönen Monogrammen von Macquet in Paris und mit den pracht vollen Wappen und Monogrammen von Syré& Neffe in Wien wird man leicht den Unterſchied zwifchen Kunft- und Induftrieproducten erkennen. Zu den beften Die Ausftellung brachte nur wenig aus diefer Branche. Arbeiten find diejenigen des erwähnten Hofgraveurs Wy on in London zu zählen, der fehr fchöne Graveurarbeiten mit reinen Prägeabdrücken geliefert hat. Seine Wappen- und Monogrammabdrücke find unftreitig zu den gelungenften Bronzeprägungen zu rechnen. Rymton und Prince aus Genf hatten Abbildungen von für Uhren und Schmuck beftimmte Monogramme ausgeftellt, die wunderfchön waren; Azzik Domenico aus Piacenza auf Kupferplatten erzeugte forgfältig gearbeitete Monogramme und Wappen. Unter den öfterreichifchen Firmen ragen, als die vorzüglichften Erzeugniffe producirend, die Firmen Syré& Neffe und Theyer& Hardtmuth vortheilhaft hervor. Die von Syré& Neffe exponirten, reichhaltigen Monogramme- und Wappentableaux enthielten eine Menge von aufserordentlich gelungenen Präge und Graveurarbeiten diefes Genres, die genial und fchwungvoll in Zeichnung und correct in der Ausführung, allen Anspruch auf die Bezeichnung Kunftproducte haben. Die Farben befafsen noch nach fechsmonatlicher Expofition ihre erfte Frifche, das Gold- im Gegenfatze zu einer - feinen vollen Glanz, und die einzelMenge von Preffungen anderer Erzeugniffe nen Figuren hoben fich fcharf von einander ab. Den Theyer'fchen fonft gefchmackvollen Arbeiten mangelte theilweife correcte Zeichnung, und in der Ausführung jene Sorgfalt und Aufmerkſamkeit in der Behandlung der Details, welche die früher erwähnten Arbeiten fo befonders auszeichnen. Aufser den erwähnten, mit Monogrammen verzierten Briefpapieren erfchienen auf der Ausftellung als Novität die unter der Benennung Papierconfectionen 26 Ignaz Nagel. von den beiden letztgenannten Firmen eingeführten Briefpapiere und Couverts mit den verfchiedenartigften Figuren, Blumen und Vignetten verziert, die in eleganten Cartons in den Handel gebracht, fich einen weit ausgedehnten Markt errungen haben. Diefe Papierconfectionen, die fich durch Originalität und Schönheit vor allen anderen derlei Erzeugniffen auf das Vortheilhaftefte auszeichnen, werden von der Firma Theyer& Hardtmuth fabriksmäfsig erzeugt, während jene der Firma Syré& Neffe, welche mehr für ein kunftfinniges Publicum berechnet find, der höheren Preisanlage wegen einen exclufiveren Abnehmerkreis haben. Wir müffen bemerken, dafs die Papierconfectionen der Firma Theyer& Hardtmuth grofsentheils lithographifch ausgeftattet find, während die Papierconfectionen von Syré& Neffe aus deren Kunftpräge- Anftalt hervorgingen. Stahlfedern. So klein und unfcheinbar die Stahlfeder an und für fich ift, fo wichtig ift die Rolle, die fie als Schreibmaterial und als Handelsartikel fpielt. Enorm find die Quantitäten, welche jährlich in Birmingham von diefem Artikel erzeugt werden, enorm die Summen, welche für das Erzeugnifs nach England fliefsen. Nur über wenige Verbrauchsartikel herrfchen fo verfchiedene und irrige Meinungen im Publicum, als über diefes Schreibinftrument. Wir erachten es daher als nicht überflüffig, in einem Berichte über Schreibmaterialien diefe Anfichten zu berichtigen und die beſtehenden Irrthümer anfzuklären. Das Haupt- Rohmaterial, aus welchem Federn fabricirt werden, bildet der Stahl. Diefer Stahl muis von der feinften Sorte und durchaus gleichmäfsig im Korn fein, und es ift und bleibt Stahl das Hauptmetall, aus dem Federn verfertigt werden, indem kein anderes Metall und keine Metall- Legierung eine folche Ela fticität und Dauerhaftigkeit befitzt, wie der Stahl. Die fogenannten Gutta- Percha-, Cement-, Aluminium-, Kupferfedern, und wie fie fonft alle heifsen mögen, find nicht aus Gutta- Percha, Aluminium, Kupfer etc. gemacht, fondern aus Stahl, was auch immer die Ankündigungen fagen mögen. Der zur Federnfabrication zu verwendende Stahl wird in Blechform gewalzt und ift es dabei von der gröfsten Wichtigkeit, dafs die Walzen, die in ihrer Arbeit begreiflicher Weife bei einem Metalle wie Stahl einen koloffalen Widerftand finden, genau und feft auf einander laufen, und auch nicht ein Jota abweichen, denn ein Unterfchied in der Stahlblech- Dicke von auch nur 2 bis 3 Percent ift genügend, um eine Feder merklich härter oder weicher zu machen. Welche Aufmerkfamkeit diefe Arbeit des Walzens erfordert, mag die Thatfache erklären, dafs eine Stahlfedern- Blechdicke durchfchnittlich den hundertften Theil eines Zolles beträgt, und dafs alfo 2 bis 3 ja felbft 40 und noch mehr Percente in einer Blechdicke einen winzigen, mit dem blofsen Auge nicht mehr wahrnehmbaren, aber bei der Feder doch wichtigen Unterfchied machen. Je ftärker das Blech, defto dauerhafter die Feder, das heifst defto länger behält der Stahl feine Federkraft, defto länger widerfteht die Feder den äufseren, fchädlichen Einflüffen; aber je ftärker das Stahlblech, defto ftärker nützen fich die zur Fabrication nöthigen Werkzeuge aus, denn Stahl mufs Stahl verarbeiten. Fabrikanten dünner und fich fchnell abnützender Federn erfparen fomit an Menge des Stahlbleches, fowie an Erneuerung und Reparatur ihrer Werkzeuge, was bei den Herftellungskoften fchwer ins Gewicht fällt und auch grofsentheils den dem Laien oft unbegreiflichen Preisunterfchied bei fertigen Federn verfchiedener Fabrication erklärt. Ift der Stahl gewalzt und das Blech genau für die anzufertigende Feder paffend ausgefucht, fo wird zunächft mittelft einer Mafchine die Form der Feder in flachen Blättchen ausgefchlagen; eine ziemlich einfache Arbeit, die aber doch grofse Aufmerkfamkeit und Gewiffenhaftigkeit erfordert, indem die in der Mafchine arbeitenden Werkzeuge ftets haarfcharf gefchliffen erhalten werden müffen( was oft in der Stunde mehrere Mal Nachhilfe erheifchen kann), indem fonft der wichtigfte Theil der Feder, die Spitze, fehr leicht leidet. Die Feder ftellt bis jetzt nur ein ganz einfaches Stahlplättchen vor, welches nun als zweiten Procefs in anderen Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 27 Mafchinen die zur Regulirung der Elafticität nothwendigen Löcher( Lückchen) oder Seitenfpalten bekommt. Die Federplättchen find noch immer ziemlich hart, und müffen nun, um die nächften Proceffe zu paffiren, ausgeglüht, das heifst weich gemacht werden. Nachdem diefs gefchehen, wird den Plättchen der felten fehlende Name oder eine Verzierung eingeprägt und erft dann bekommen fie in einer weiteren Mafchine die aufgebogene, kielförmige Form. Die Feder ift nach diefer Procedur noch ganz weich, fo dafs fie wie Blei hin- und hergebogen werden kann, und mufs jetzt gehärtet werden. Diefer Procefs geht in fogenannten Härtenöfen( Muffles), wo die Federn beinahe bis zur Weifsglühhitze erhitzt werden, vor fich. Die Abkühlung gefchieht in Oel, welches die Qualität des Stahles weniger beeinträchtigt als Waffer. Die fo gehärtete Feder ift äufserft fpröde und läfst fich mit den Fingern zerbröckeln. Der Stahl ift wieder harter Gufsftahl geworden, den die härtefte Feile nicht angreift und dem nun, um Elafticität zu erlangen, die heikliche Procedur des Temperirens bevorfteht. Durch längeres Erhitzen kann bekanntlich der harte Gufsftahl wieder weich und bleiartig gemacht werden, wobei er bei fteigender Hitze zuerft eine leichte gelbliche, dann nach einander eine goldgelbe, purpurrothe, blaue, lichtblaue, grünliche und zuletzt, wenn wieder weich, eine weifse Farbe annimmt. Es ift, wie wenn das kurze Korn des Gufsftahles nach und nach eine geftreckte, faferartige Form annehme und dadurch die Elafticität gewänne. Diefes Nachlaffen oder Temperiren der Federn gefchieht in Trommeln über einem gelinden Feuer und ift am beften dem Röften des Kaffee's zu vergleichen. Die Federn werden fo lange geröftet, bis fie eine tiefblaue Farbe angenommen haben, in welchem Status der Härte der Stahl die dauerhaftefte Elafticität befitzt. Die Feder bedeckt nunmehr eine Art härtere, fprödere Rinde, Epidermis, welche an den Spitzen und oberhalb des Spaltes da, wo die Hauptaction der Feder beim Schreiben fitzt, durch Schleifen entfernt wird. Die Feder gewinnt dadurch bedeutend an Elafticität. Erft, nachdem die Feder gefchliffen, was bei den mittleren und befferen Sorten ftets der Fall ist, wird fie gefpalten und zwar wieder auf einer neuen Mafchine, deren Einrichtung im Principe der Scheere zu vergleichen ift. Ein richtiger gerader Spalt ift eine der Hauptbedin gungen einer guten Feder. Die Feder wäre nun fo ziemlich fertig; um aber zum Gebrauche tauglich zu werden, mufs fie erft von den noch anhängenden Schlacken gereinigt und gefcheuert werden; die Spitzen müffen ihre fcharfen, kratzenden und in das Papier einfchneidenden Kanten verlieren. Diefs gefchieht durch tagelanges Scheuern in verfchiedenen Ingredienzien, und je länger diefs fortgefetzt wird, defto fanfter und angenehmer geht die Feder, defto glänzender weifs wird fie. Weifs ift die Grundfarbe jeder fertigen Stahlfeder, und die verfchiedenen Farben, in denen der Artikel im Handel vorkommt, find eben lediglich und nichts Anderes als Farben, welche je nach dem dazu verwendeten Lacke oder gal vanifchem Metallüberzuge variiren, die aber mit der eigentlichen Qualität der Feder fchlechterdings nichts zu fchaffen haben. Ein Lacküberzug fchützt natürlich die Feder gegen fchnelleres Roften, ebenfo galvaniſche Metallüberzüge, und von diefen find leicht verftändlich die aus edlen Metallen, namentlich Gold, am zweckdienlichften. Federn, die ein fo koftbares Gewand bekommen, find auch ftets befonders forgfältig angefertigt. Sehr viel hängt allerdings in diefem Artikel von einer guten Waare, noch mehr von der richtigen Wahl der Feder ab. Erfte Bedingung ift, dafs eine gehörige dicke Schreibunterlage, kein zu fchlechtes Papier und eine gute flüffige Tinte benützt wird. Ift die Feder für den Schreibenden zu hart oder zu fpitzig, fo mufs eine weichere, refpective ftumpfere Sorte gewählt werden; läfst die Feder Striche * Federn, denen keine Firma aufgeprägt ift, fondern nur eine allgemeine Bezeichnung wie: Correfpondenzfeder, Schulfeder, Patentfeder etc., gehören zu den geringften Erzeugniffen denen der betreffende Fabrikant defshalb feinen Nameu nicht geben mag. 28 Ignaz Nagel aus, oder läfst fie Tinte fallen, fo ift fie für den Schreibenden zu elaftifch, oft auch zu ftumpf. Es liegt ferner viel daran, ob die Feder fehr horizontal oder fehr aufrecht gehalten wird, in welch' erfterem Falle eine Feder mit abwärts gebogenen, in letzterem eine Feder mit geradftehenden Spitzen gewählt werden mufs; ebenfo verhält es fich, ob an einem horizontalen Tifche oder an einem fchrägen Pulte gefchrieben wird. Federn mit aufwärts ftehenden Spitzen taugen in der Regel nicht viel. Wie aus Obigem erfichtlich, erfordert die fragliche Fabrication viel Sorg falt, tüchtig gefchulte Arbeiter und ganz befonders gut conftruirte Hilfsmafchinen. Diefs mag auch die Urfache fein, wefshalb fich die Stahlfedern- Fabrication faft nur auf Frankreich und England, und auch hier nur auf Birmingham befchränkt. Deutfchland hat nur eine, Oefterreich ebenfalls eine, die übrigen europäiſchen Staaten haben unferes Wiffens gar keine, Amerika foll zwei Stahl- SchreibfederFabriken haben. Schwierig wie die Herftellung ift die Befriedigung der Ansprüche des Publicums in diefem Artikel. Es exiftiren mindeftens taufend diverfe Nummern derfelben, und auch diefe Zahl genügt noch nicht, um alle Wünſche zu erfüllen. Als Fortfchritt mufs es bezeichnet werden, dafs die Fabrication diefen Wünſchen Rechnung trägt. Federn für zarte und fchwere Hände, für fehr dünne, feine, wie für rauhe, ftarke Papiere, fowie für Pappendeckel, für Correfpondenz- und Buchführung, für Rond und Schnellfchriften, für autographifche und kalligraphifche Arbeiten, für die feine, faft aller Schattenftriche entbehrende englifche und amerikaniſche, wie für die hebräifche und griechifche Schrift werden nun in allen Härtegraden hergestellt. Ebenfo irrige Meinungen wie über die Fabrication beftehen über die Erfindung der Stahl- Schreibfedern. Sicher ift, dafs fie eine Erfindung unferes Jahrhunderts, und dafs England ihre Urfprungftätte ift. Dafs James Perry, wie bisher häufig behauptet worden, ihr Erfinder fei, wird nun allgemein beftritten. Sorgfältige Recherchen, die wir in Birmingham angeftellt, ergaben, dafs ein Meffingarbeiter in Sheffield der Erfte war, welcher auf die Idee kam, Schreibfedern aus Stahl zu machen, und dafs ein Spängler, Namens Skipper in Sheffield, folche Federn nachher in gröfseren Mengen verfertigte. Sein Sohn führte diefe Idee weiter aus, und zwar, wie es in der betreffenden Quelle heifst, vor nahezu fünfzig Jahren. Ein in Birmingham befchäftigter Stahlfeder- Arbeiter erinnert fich genau, im Jahre 1816 in einer Hauptftrafse Sheffields an einem Fenfter die Anzeige gelefen zu haben:„ Hier werden Stahlfedern zu fechs Pence das Stück reparirt." In Birmingham war es ein gewiffer Spittle, der Stahlfedern, aber mit der Hand, verfertigte. Nach ihm waren es die Brüder John& William Mitchell, die vor circa fünfundvierzig Jahren Stahlfedern im Grofsen, d. h. mittelft Mafchinen fabricirten. Später trat dann Perry, der 1830 ein Patent für die erfte Stahlfeder erhielt, und dann Guillot auf, welch' Letzterer die Fabrication bei Mitchell gelernt hatte. Seit diefer Zeit haben fich in Birgmingham II bedeutende Fabriken etablirt, die wochentlich circa 140.000 Grofs Stahlfedern erzeugen. Eine der gröfsten und leiftungsfähigften Fabriken ift jene von Jofef Gillot and Sons, deren Erzeugniffe der Lefer auf der Ausftellung gefehen, und wegen ihres höchft gefchmackvollen Arrangements, fowie wegen ihrer glänzenden Polituren bewundert haben dürfte. Gillot erzeugt fehr folide Waare, und find deffen Buch-, Lithographie-, und Autographiefedern befonders beliebt. Die ausgeftellten bunten und damascirten Federn zeugen von vielem Gefchmack und von der Kunft, welch' reizende Form man der kleinen Feder zu verleihen vermag; einen praktifchen Nutzen haben diefelben nicht. C. Brandauer war der zweite Repräfentant der englifchen Stahl- Schreib federn- Fabrikation auf der Ausftellung. Ein Deutfcher von Geburt, koftete es Brandauer viele Anftrengungen, um fich einen Gefchäftsboden und einen Kundenkreis in England zu erkämpfen. Heute zählt die Firma zu den geachtetften, Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 29 deren Producte, die mit weniger Prätenfion auftreten, zu den folideften und brauchbarften diefer Gattung. Eine mit 12 Spalten verfehene Feder lieferte den Beweis, wie oft bei forgfältiger Behandlung des Stahles der fo fchwierige Proceſs des Spaltens ausführbar ift. Als eine praktifche Novität diefer Fabrik müffen wir die„ Manyfold- Pen" bezeichnen, die für Lineamente und Zierfchriften, weil mehrere Striche in einem Zuge machend, von grofsem Werthe ift. Einen grofsen Federnvorrath hatte D. Leonardt& Comp. aus Birmingham vorgelegt. Bei der Schwierigkeit, ftets genaue Mittheilungen über die einzelnen Fabriken zu erhalten, müffen wir uns auf die Wiedergabe jener Daten befchränken, die uns zu Gebote ftehen, ohne für deren Richtigkeit einftehen zu können. So erfuhren wir, dafs Gillot jährlich 1 Million, Leonardt 750.000, Brandauer 500.000 Grofs Stahlfedern producirt. Leonard, feit 1848 in Birmingham etablirt, fabricirt feit 1867 nebft Stahlfedern auch Federhalter, Federfchachteln, u. f. w. Deffen Fabrik arbeitet mit 455 meift weiblichen Perfonen, und wird durch zwei Dampfmafchinen mit 110(?) Pferdekraft betrieben. Als eine Specialität wird uns die urfprünglich als Signirfeder conftruirte Stahlfeder bezeichnet, welche wegen ihrer Eignung zu breiten Strichen nun im Orient häufigen Abfatz findet. Eine gute Feder, wenn zu glattem Papier benützt, dünkt uns Leonard t's Univerfalfeder mit zum Papier gebogener Spitze, mittelft der fich fehr feine Striche erzielen laffen. Weniger praktiſch däucht uns deffen Referve-( beffer Refervoir-) Feder; nach kurzem Gebrauche wird das Refervoir unrein, der Zuflufs ftockt und da die Reinigung fich fchwer bewerkstelligen läfst, ift die Feder unbrauchbar. Nach den eigenen Angaben fabricirt die Firma 4000(?) verfchiedene Sorten Federn, was wir indeffen bezweifeln müffen. Englands Stahlfedern- Fabrication leidet momentan unter der Vertheuerung deş Rohmateriales, der Kohle und der Arbeitskraft, welche überdiefs nicht mehr jene Stetigkeit befitzt, wie fie ihr bis vor kurzem nachgerühmt wurde. Deffen ungeachtet werden in Birmingham jährlich circa 7 Millionen Grofs Federn erzeugt, und in alle Welt verfendet. Sollen wir den eigenthümlichen Charakter der englifchen Feder kennzeichnen, fo müffen wir betonen, dafs fich diefelbe für kräftige Schriften, kräftiges Papier befonders eignet, und daher kommt es, dafs man in England meift folide und ftarke Federn aus beftem Materiale und mit grofser Sorgfalt fabricirt. Sowie die englifche Stahlfedern- Fabrication fich auf Birmingham befchränkt, ift jene Frankreichs auf Boulogne fur Mer localifirt. Der Bezug des Stahles aus Sheffield, verfchiedener Mafchinen und Werkzeuge aus anderen englifchen Orten, vielleicht auch der Verbrauch englifcher Kohle erklärt diefen Umftand, wie er anderfeits die Schwierigkeiten erklärt, mit denen diefer franzöfifche Fabricationszweig kämpft, deffen Etabliffements feit Jahren auf drei befchränkt geblieben. Der Krieg, welcher Frankreich heimgefucht, hat auch diefer Branche grofse Nachtheile gebracht, unter denen der Abbruch aller Gefchäftsbeziehungen und Erhöhung der Arbeitslöhne nicht die geringften find. Und dennoch ift auch hier das Erzeugungsquantum feit 1866 von 2,660.000 auf 3,500.000 Grofs im Jahre 1872 geftiegen. Elegant und gefchmackvoll wie die meiſten franzöfifchen Expofitionen war auch die ihrer Stahlfedern. Aus der erften Fabrik Frankreichs, der von Blanzy, Poure& Comp. war eine eben fo prachtvolle als reichhaltige Sammung von Stahlfedern und Federhaltern ausgeftellt; feiner Schliff, exacte Adjuftirung, gefällige Präfentation und folide Arbeit kennzeichnen die erfteren Producte, grofse Mannigfaltigkeit fowohl bezüglich der Mufter als des Materiales, feine, gefchmackvolle Ausführung die letzteren. An Stahlfedern erzeugt die genannte Firma jährlich 2,400.000 Grofs, an Federhaltern 120.000 Grofs, deren erftere einen Werth von 1,500.00 0 Francs, die letzteren einen folchen von 380.000 Francs repräfentiren; 180 Arbeiter und 720 Arbeiterinen bilden das Arbeitsperfonal; 30 Ignaz Nagel. die Triebkraft beträgt 120 Pferdekräfte, die jährlichen Arbeitslöhne 600.000 Francs. P. F. Lebeau, der zweite franzöfifche Exponent, arbeitet mit geringeren Mitteln, erzeugt aber nichtsdeftoweniger recht hübfche, wenn vielleicht auch etwas geringere Waare als vorgenannte Firma; feine mehrfpaltigen Federn find befonders bemerkenswerth. Die Summe feiner Stahlfedern- Erzeugniffe beträgt 800.000 Grofs per Jahr. Sehr viele der franzöfifchen Federn werden, um ein fchönes Deffin zu erzielen, erft gefärbt und nachträglich gefchliffen, um als letzten Procefs das Spalten durchzumachen, was die Federn verfchönert, aber nicht verbeffest. Trotzdem man in Frankreich fich des feineren Papieres zur Correfpondenz bedient, confumirt das Land meift harte, fpitzige Federn. Als Specialität diefer Branche gilt G. Bac in Paris, der fich ausfchliefslich mit der Erzeugung von Federhaltern, Tintenzeugen, Feder- und Streufand- Büchfen befafst, und fich ein Renommé in diefen Artikeln fowie in der Verfertigung metallener Oefen erworben hat. Ueber die Leiftungsfähigkeit der Fabrik ftehen uns keine Daten zur Verfügung. Die deutfche Stahlfedern- Firma war nicht auf der Ausftellung erfchienen; dagegen war die öfterreichifche Stahlfedern- Fabrik von Carl Kuhn& Comp. in Wien reich und glänzend vertreten. Eine grofse Menge Federn der diverfeften Sorten von allen Härte- und Breitegraden, in den variabelften Farben, mit ein und mehrfachen Spitzen, von gröfserer oder geringerer Biegung, kurz jedem Bedürfniffe und jedem Verwendungszwecke Rechnung tragend, ward hier zur Anfchauung gebracht, und gab ein gefälliges Bild von der prunklofen, aber foliden Strebfamkeit der genannten Firma, die fich durch Einführung der Stahlfeder in Oefterreich ein befonderes Verdienft erworben. Eine anerkennenswerthe Idee lag in der Darftellung der verfchiedenen Fabricationsproceffe durch Vorführung der Stahlbleche in den einzelnen Stadien der Stahlfeder- Fabrication, fowie in der Veranfchaulichung der Federhalter- Production vom gefchnittenen Holzblock bis zum polirten Federftiel. Ueber die Productionsmenge der hiefigen Fabrik, welche 40 Arbeiter befchäftigt, konnten wir keine genügenden Daten erlangen; wir wiffen nur, dafs das Erzeugnifs, welches theils im Inlande, theils in Deutfchland, Rufsland, Rumänien und Griechenland Abfatz findet, ein fehr folides, kräftiges ift, und die Kuhn'fche Feder an Elafticität von keiner anderen übertroffen wird. Die Summe aller in den angeführten Staaten erzeugten Stahlfedern beträgt circa 10 Millionen Grofs per Jahr, die aus 1600 Tonnen Stahl gewonnen werden. Goldfedern. Der erfte Verfuch, Federn mit folchen Spitzen zu verfehen, welche den ätzenden Einflüffen der Tinte widerftehen, datiren vom Beginne diefes Jahrhunderts, und wurde zuerft in England gemacht. Glas, Schildpatt, Bein wurden, mit Metallfpitzen verfehen, zu Federn benützt; diefe rohen Verfuche bewährten fich nicht, trugen aber den Keim einer nützlicheren Erfindung in fich. John Ifaak Hawkins, ein in England lebender Amerikaner, machte Schildpattfedern, an die er Diamant- oder Rubinfpitzen löthete; bald darauf gelang es ihm, Goldfedern mit Spitzen von Iridium und Osmium* herzuftellen. Die Goldfeder in ihrer jetzigen Vorzüglichkeit und Vollendung ift das Product von F. Mordan in London, das fich einen Weltruf erworben, den es auch in der diefsjährigen Ausftellung bewährt hat. In Amerika wurde die Goldfeder 1840 durch einen Uhrmacher Levi Brown eingeführt, und ift diefelbe nun zu einem fehr beliebten Schreibinftrument geworden. Der befte Goldfedern- Fabrikant ift unftreitig Leroy Fairchild& Comp. in Newyork. Sein Ausftellungskaften barg einen reichen Schatz von Goldfedern, Feder- und Bleiftifthaltern, goldgefafsten Kautfchukhaltern u. f. w. Aufser * Osmium und Iridium finden fich in den Platina- Erzen; beim Schmelzen derfelben entweicht ein Theil des Osmiums als Osmiumfäure und hinterläfst eine Legirung in Geftalt von Hanffamen- Körnern, welche mit einem Hammer in kleine Splitter gefchlagen, und dann mittelft Schnellloth an die Spitze der Goldfeder gelöthet werden. Diefe Osmiumfpitzen haben den Vortheil, dafs fie durch Säuren nicht angegriffen werden und der Oxydation widerftehen. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 31 den Genannten hatten Morton James& Johnfon Ephraim beffere Sorten Aluminiumfedern mit Goldfpitzen, Brown J. A.& Comp. folche mit Diamantfpitzen, fowie Specialitäten in Bleiftift- und Federnfchiebern in Aluminium Perlmutter etc. ausgeftellt; Neals S.& Comp. in London brachte fehr hübfche Porte Crayons in Gold, Pyro, Silber, Elfenbein, Stachelfchweinhorn etc., Schletter in Birmingham Feder- und Bleiftifthalter aus Perlmutter und Schidplatt. Leonardt& Comp. in Birmingham ftellte hübfche Crayons aus, die von Whiley in Birmingham angefertigt find. Die von Maurice de Leon( London) und Lohay Louis Jofephe( Paris) ausgeftellten Federhalter mit Refervoir( Porte de l'encre) erfüllen den Zweck, dem fie dienen follen, nicht, da die Tinte fich bald in dem Cylinder anfetzt, und den ferneren Austritt der Flüffigkeit hemmt, während das Reinigen des Refervoirs faft unmöglich ift. Tinte. Von Allen Schreibmaterialien, die uns die Gegenwart in fo vollkommener und mannigfaltiger Weife darbietet, kann keines fich auf ein fo langes Dafein berufen als die Tinte. Die Tinte, deren man fich in der Vorzeit bediente, beftand indefs nur aus Kohle oder Ofenrufs. Die Tinte der Römer aus Kohlenftaub mit Gummi oder Leim, in Effig zerlaffen, präparirt, war eine fehr gute, wie diefs die in Herculanum und Pompeji ausgegrabenen Handfchriften beweifen. Der gelehrte Engländer Blagden meint, die Erfindung der älteften, chemifch zufammengefetzten Tinten fei fchon im IX. Jahrhunderte gemacht worden, aber erft in den Handfchriften des XIII. und XIV. Jahrhunderts fei Vitriol bemerkbar; noch im Anfange des XV. Jahrhunderts blühten in Böhmen unter König Wenzel Rufstinten- Kochereien, die indefs fpäter gänzlich durch chemifche Tinten verdrängt wurden. In der neueren Zeit, und zwar ungefähr bis zum Jahre 1830, war die fogenannte Gallustinte die einzige allgemein verbreitete Schreibflüffigkeit für Schule und Haus. Da es in der Natur keine fchwarze im Waffer lösliche Farbe gibt, welche fich für fchöne fchwarze Tinte eignen würde, fo war der in den Galläpfeln im Vergleiche mit anderen gerbftoffhaltigen Vegetabilien reichlich vorhandene Gerbftoff in Verbindung mit Eifen das einzige Schreibmittel, welches feiner Billigkeit halber häufig angewendet wurde. Eines fo guten Rufes fich indefs auch die Galläpfel- Tinte erfreute, fo entſpricht diefelbe doch den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr. Profeffor Runge, eine in der Tintenfabrication erfahrene Autorität, behauptet, dafs felbft eine nach den genaueften chemifchen Grundfätzen aus Galläpfel, Eifenvitriol und Gummi dargestellte Flüffigkeit noch immer keine Tinte gi t, wie fie fein follte, die nämlich keinen Bodenfatz, keinen Schimmel bildet, fchwarz aus der Feder fliefst, feft am Papier haftet, durch Säuren keine Veränderung erleidet, und, was das Wichtigfte ift, die Stahlfedern nicht angreift. Einer unferer renommirteften Tintenfabrikanten bekräftigt diefes Urtheil und fagt, dafs keine Fabrik eine Gallustinte liefern kann, welche fchwarz aus der Feder fliefst. Ift die Gallustinte in dem Tintenglafe foweit gekommen, dafs fie fchwarz fliefst, fo bildet fich auch fchon ein Niederfchlag, und wenn man foviel Gummi zufetzen wollte, dafs der Niederfchlag fich nicht abfetzen könnte, fo würde man eine Tinte erhalten, mit der man wegen Dickflüffigkeit nicht fchreiben könnte. Einen wefentlichen Fortfchritt brachten die Jahre 1830 bis 1835, in welchen die fogenannte Alizarintinte erfchien. Wir fagen fogenannte, weil fie von Alizarin nichts als den Namen befitzt, den man ihr defshalb beigelegt, um Nachahmer ,. deren es in diefem Artikel immer die Menge gegeben, auf eine falfche Fährte zu führen. Das Product ift nichts als eine verbefferte Gallustinte, die indefs der früheren Gallustinte defshalb vorzuziehen ift, weil fie, blaugrün aus der Feder fliefsend, in Kurzem dunkelfchwarz erfcheint, viel flüffiger ift als Gallustinte, und deren Beftandtheile durch Zufatz von fchwefelfaurem Indigo als leichtlöslichem Farbftoffe dem Niederfchlage viel weniger ausgefetzt find, als die früher genannte 3 32 Ignaz Nagel. Tinte. Ein grofser Nachtheil diefer Tinte ift der, dafs fie die Stahlfedern leichter angreift, und wenn, wie diefs bei der heutigen Fabrication fehr oft der Fall, das befchriebene oder zum Copiren verwendete Papier ftark chlorhältig ift, bald nachgilbt. Nichtsdeftoweniger ift die genannte Tinte eine der beften Schreibflüffigkeiten. Das Verdienft, diefelbe in Oefterreich eingeführt zu haben, gebührt Leon hardy, das Verdienft ihrer Verbefferung Popp& Comp. in Prag. Durch deren ftets gleich gutes Fabricat fand diefelbe in Oefterreich eine faft allgemeine Verbreitung. Es wird mit diefer Tintenforte viel gefündigt, viel Nachahmung getrieben die den Ruf des Fabricates fchädigen. Der früher nur auf grofse Handlungshäufer befchränkte, feit dem Jahre 1840 aber allgemein gewordene Ufus, Gefchäftsbriefe zu copiren, hat zur Darstellung einer neuen Tintenforte, der Copirtinte geführt, bei der leichte Copirfähigkeit die erfte, Haltbarkeit, Unveränderlichkeit der Farbe die weiteren Bedingungen find. Bis zum Jahre 1860 wurde diefe Tintengattung zumeift aus dem Auslande bezogen oder in fchlechten Nachahmungen hier fabricirt. Um diefe Zeit verfandte die Tintenfabrik von Julius Hofmaier( nun Heinrich Roedl) in Prag, Mufter von Copirtinten, welche bis auf den Umftand, dafs fie nicht fchwarz, fondern violett waren, alle erforderlichen Eigenfchaften in fich vereinigte. Diefe aus Blauholz extrahirte, mit diverfen chemifchen Subftanzen verfetzte Tinte hat den feltenen Vorzug, dafs fie jener ätzenden Säuren ermangelt, die den Papierleim zer fetzt, die Feder angreift und in der Schrift nach einiger Zeit jenen roftigen Stich bewirkt, der fich auch auf die Copie überträgt. Ein weiterer Vortheil ift deren Billigkeit und Verdünnungsfähigkeit, falls fie zu anderen als Copirzwecken verwendet wird, fowie deren gute Confervirung nach längerer Aufbewahrung. Die intenfiv fchwarze Documenten- Doppelcopirtinte diefer Firma ift der vorbefchriebenen aus dem Grunde vorzuziehen, weil fie gleich fchwarz fchreibt, fchwarz bleibt, und fchöne fchwarze Copien liefert. Seit Erfindung der Anilinfarben wurde der Tintenmarkt noch um ein Product, die Anilintinte vermehrt, welche aus wafferlöslichen Anilinfarben erzeugt, fich durch grofse Dünnflüffigkeit auszeichnet, bisher jedoch meift nur in farbigen Fabricaten wie brillant, violett, und blau erzeugt wurde, weil es fchwierig ift, eine im Waffer lösliche Anilinfarbe herzuftellen. Auch diefe Tinten erfreuen fich der fchönen Farben halber einer grofsen Beliebtheit. Zur Ausfertigung von wicheigeren Schriftftücken, wie für Acten, kaufmännifche Correfpondenz und Buchführung follte man jedoch nur Tinten von bewährten Firmen nehmen, weil die fchlechteren Gattungen in der Regel fehr bald verblaffen und das Gefchriebene in kurzer Zeit unleferlich wird. Die vielfach im Handel vorkommenden Tintenpulver find abgedampfte Tintenproducte, deren Erzeugung infoferne von Wichtigkeit ift, als fie für die Reife, fowie für den Export, um den Transport des Waffers zu erfparen, fehr vortheilhaft find. Die Ausftellung war mit Tinten reichlich befchickt. Sogar aus Brafilien und den Vereinigten Staaten waren verfchiedene Sorten eingelangt, über die wir jedoch, wie über die vielen Tinten anderer Länder kein Urtheil abgeben können, da eine Unterfuchung in vielen Fällen nicht geftattet, Mufter nicht zu erhalten und ein Einblick in die Jury- Protokolle nicht zu erlangen war, ein eingehendes Urtheil über Tinten aber nur dann möglich ift, wenn man diefelben einer längeren Beobachtung unterziehen kann. Die beften vorhandenen Tinten waren: Aus England: Alizarin- und Copirtinten von H. C. Stephens in London, die den beften Ruf geniefsen; die fehr hübfche Schreibtinte von William Lyons in Manchefter. Aus Frankreich: von Antoine père& fils, Paris, deffen Encre violette noire eine der fchönften fchwarzen Copirtinten auf der Ausftellung war, die fün Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 33 Copien auf einmal ermöglicht; ebenío ift feine tieffchwarze unauslöfchliche Tinte wunderfchön, nur etwas fcharf; feine blaue Tinte leichtflüffig haltbar und gut, dabei fehr gefällig,* Encre Persane, Encre Syrienne, Encre noire triple, Encre blene, von Maurin in Paris, die alle als gute Tintenforten bezeichnet werden müffen; die violettfchwarze Copirtinte von Gardot in Dijon gut und flüffig fchreibend; Eugene Roy in Paris hatte die wunderbarfte grüne Tinte gefendet: Pleffy Mathieu fehr hübfche farbige Tinten. Aus der Schweiz: Die Tinten von Brunnfchweiler& Sohn in Sct. Gallen, aus denen wir die Superior Copirtinte und eine fchöne Carmintinte hervorheben, während Dr. Merk in Frauenfeld eine intenfiv rothe Copirtinte darftellt, die prächtig copirt und dauerhaft fcheint, fowie feine Anilintinte eine liebliche Färbung befitzt. Aus Italien, das diefe Ausstellung quantitativ und qualitativ am reichlichften befchickte, von den Firmen Toffoli Luigi figli in Padua Copirtinte von fchöner, fchwarzer und fchwarzblauer Farbe; von Maranefi& Mafetti in Bologna, der fchöne und gute Schreib- und Copirtinte; eine concentrirte fchwarze von der italienifchen Regierung mit Decret belobte, dann eine blaufchwarze Schreib und Copirtinte, von Giuſeppe Ferretti in Trevifo, die beide als ausgezeichnete Fabricate bezeichnet werden müffen; tieffchwarze Schreib- und Copir-, dann Carminund grüne Tinten von Guoc chi in Mailand, leicht fliefsend und fchönfarbig; Copirtinte, die fehr blafs fchreibt, aber fchön fchwarz wird, fowie fympathetiſche Tinte von Guerine in Florenz, erftere fehr empfehlenswerth; gute Copirtinte von Dellachà in Moncaglieri bei Turin; gute, flüffige, röthlich- fchwarze Tinte von Margini in Reggio; gute Tinte ohne fchädliche Subftanzen von Panzarafa in Cafale; eine fehr gute fchwarze, rein copirende Tinte unter dem Namen Inchioftro felfineo von Grattini Serafino in Bologna; eine gute röthlich fchwarze Copirtinte unter der Bezeichnung Inchioftro communicativo von Romani Aug. in Fano; eine gleichfalls gute Tinte diefer Gattung von Colombari Serafino in Vincenza; eine fchwarze, gut aus der Feder fliefsende Schreib- und Copirtinte von Fabbi& Comp. in Bologna-** Aus Spanien: Eine fehr fchöne tieffchwarze Schreib- und Copirtinte von Alcaras in Madrid. Aus Schweden: Eine forgfältig bereitete leichtflüffige Zeolin-, Schreib- und Copirtinte grünlicher Farbe aus der technifchen Fabrik von Barnängen in Stockholm. Aus Norwegen: Eine fogenannte franzöfifche Schreibund Copirtinte von Holmens in Criftiania, fchreibt röthlich und wird fehr hübfch. fchwarz. Aus Dänemark: Eine fehr hübfche Blauholz- Tinte, die leicht aus der Feder fliefst, violett fchreibt und hübfch fchwarz wird, von Röming in Kopenhagen. Aus Belgien: Violette Tinte von angenehmer, dem Auge wohlthuender Farbe von van der Velden aus Lüttich; dann diverfe, gut zubereitete fchwarze und farbige Tinten von Planche in Brüffel. Aus Deutfchland: Beyer Ed. in Chemnitz, bekannte vorzügliche Tintenerzeugniffe, die fich eines guten Rufes erfreuen; fchöne fchwarze und farbige Tinten von Reinh. Fetzer in Berlin, deren Depefchentinte nach dem aufliegenden Album befonders gut zu fein fcheint; Ledertinte, Schreib-, Copir- und Luxustinten von Rapp in Ulm.*** Aus Rufsland: Schwarze Comptoirtinte, ganz blafs fchreibend und fchwarz werdend, von Lankowsky und Liccop aus Mitau; gute, erft etwas blaffe, in tiefes Schwarz fich verwandelnde, dann röthliche Schreibtinte, die tief fchwarz und glänzend wird, von Kadiffon in Warfchau, vorzügliches Präparat * L. Antoine in Paris hat eine der befteingerichteten Tintenfabriken in Frankreich und befchäftigt in diefem Artikel, fowie in Leim, Siegellack und Oblatenfabrication 40 Arbeiter. ** Wir haben der nachftehenden Producte eingehender gedacht, weil viele derfelben von der Jury gänzlich unbeachtet geblieben, woran unferes Erachtens der begleitende italienifche Commiffär die Hauptfchuld trägt. *** Ueber die übrigen Tinten des deutfchen Reiches haben wir kein Urtheil, da wir weder Einficht noch Mufter erlangen konnten. # 3* 34 Ignaz Nagel. Aus Oefterreich haben aufser dem bereits erwähnten Roedel in Prag, Gebrüder Müller in Peft, Andreazzi Hartmann& Mittler in Wien, Dr. Thenius in Wiener- Neustadt den verfchiedenartigften Anforderungen entfprechende Tinten zur Ausftellung gebracht; zu den beften fehr beliebt en Tinten mufs der fogenannte Reformextract, eine tieffchwarz fchreibende und Verdünnung durch Waffer vertragende Tinte von Ferd. Fritfch in Wien, dann deffen flüffiger Tufch fowie concentrirter Carmin und aufgelöfter Grünfpann für architektonische Arbeiten gezählt werden. An Merktinten und Zeichentinten find hervorzuheben: die von Black wood& Comp. in London( Ictoline), die von Bonds John in London, fowie die von Dr. Jacobfohn in Berlin, der nebft einer aufsergewöhnlich fchönen rothen Merktinte auch hübfche Anilinfarbe ausgeftellt hatte. Zum Schluffe mufs noch eines hieher gehörigen Artikels, nämlich eines Tintenfaffes erwähnt werden, das als„ Magic Inkftand" bezeichnet und von dem behauptet wird, dafs es mit Waffer gefüllt ohne Zufatz einer Tintenflüffigkeit hinreiche, um durch zehn Jahre täglich zehn Seiten zu fchreiben. Diefes Tintenfafs wurde in der englifchen Abtheilung der Ausftellung verkauft und feit Schlufs derfelben in den Handel gebracht. Die Wahrheit ift, dafs fich auf dem Boden des Tintenfaffes ein mit einer Tintentinctur getränktes Beutelchen oder ein Schwamm befindet, der an das eingefüllte Waffer eine dunkle Flüffigkeit, aber nur dann abgibt, wenn mit der Feder ftark auf dasfelbe gedrückt wird, aber auch in diefem Falle ift die Flüffigkeit von zweifelhafter Farbe; bei gewöhnlichem Eintauchen der Feder ift die Tinte blafs wäfferig, das„ Magifche Tintenfafs" ein Humbug. Siegellack. In England und Frankreich, welche Länder in erfter Reihe berufen find, den überfeeifchen Bedarf an Siegellacken zu decken, wird die Fabrication diefes Artikels trotz der Nürnberger Concurrenz und trotz des allgemeinen Gebrauches der gummirten Briefcouverte und der Siegelmarke, noch immer äufserft fchwunghaft betrieben. Die englifchen Fabriken haben vor Allem den Vortheil, dafs fie der Bezugsquelle des Hauptbeftandtheiles, des Schellacks am nächften find, dafs fie diefen und die übrigen Rohftoffe auf dem Weltmarkte nach Bedarf und Gefchmack wählen können, und dafs ihre Zinnober und Farben feit jeher von erften Chemikern und Technikern tadellos präparirt werden, dafs mit einem Worte alle für die Erzeugung eines fchönen und guten Siegellackes erforderlichen Bedingungen in reichem Mafse vorhanden find. Die englifchen Erzeugniffe auf der Ausftellung rechtfertigten denn auch die gute Meinung, welche man von den dortigen Lacken in der Regel hat. Die Siegellacke, die Hill in London in langen Stangen vorlegte, dann die Brieflacke von Stephens, J. C.& J. Field in London und von Lyons in Manchefter zeichneten fich durch ihre helle Farbe und Reinheit im Bruche, das fchwarze Siegellack von Lyons durch feinen befonderen Glanz aus. Frankreich liefert fehr fchöne Lacke in allen Farben, adjuftirt diefe zier lichen netten Stangen, unterſtützt von der Kunftfertigkeit der Cartonnagefabrikanten, in eleganten Etuis, die wiederum mit reizenden Etiquetten, lachenden, heiteren Farbendruck- Bildern, verfehen werden und fteht in der Erzeugung von Luxuslacken jedenfalls unerreicht da. Einen fprechenden Beweis für das Gefagte bot die Expofition von Toiray- Maurin in Paris, der in der Bereitung und Adjuſtirung feiner Siegellacke einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht hat, während Bergerés Expofition( Paris) meift nur mittelfeine Waare bot. Boyer's Siegellacke zeigen von forgfältigerer Bereitung wie die vorgenannten. Von den italienifchen Siegellacken verdient nur das von Ottavianello& Söhne in Rom erwähnt zu werden. Im deutfchen Reiche fteht Nürnberg durch Maffenproduction befferer Waare in der Siegellackfabrication obenan. Durch einen billigeren Bezug Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 35 von fchönem Zinnober begünftigt, hat es fich durch feine beliebten SiegellackFormen durch eine gute Mittelwaare und billige Preife einen ziemlich grofsen Markt für diefes Bureaumaterial erobert und fowohl Oefterreich als Frankreich in billigen Sorten erfolgreiche Concurrenz gemacht. Elias Held Erben in Nürnberg, ein feit 1778 beftehendes Gefchäft, erfreut fich längft eines guten Rufes in diefem Artikel, der durch die eingefandten Producte nur gewinnen konnte. In 80 verfchiedenen Farben lagen Siegellacke von befter Bereitungsweife und in den gefälligften Formen vor; die der Firma gewordene Auszeichnung mufs eine wohlverdiente genannt werden. Nebft diefem hatte Bergeré J. in Valendár a. R. mittelfeine, Rothe in Lübeck fehr hübfche Siegellacke ausgeftellt, die ihrem Charakter als currente Handelswaare ganz gut entſprechen. Von dem Frictions Siegellack van der Molen's( Geldern) halten wir nicht viel. Recht gutes, theilweife den franzöfifchen Fabricaten imitirtes Siegellack, hatten Kadifohn in Warfchau und Liljanoffin Petersburg ausgeftellt. Das Wachs tropft nicht, ift aber gut flüffig, prägt fich fchön aus, und hält fehr gut, das Product befitzt fo ziemlich alle von einem Siegellack gewünſchten Eigenfchaften. Thalheim's( Riga) Lacke find minderer Qualität. Die öfterreichifche Siegellack- Fabrication hatte lange Zeit zu kämpfen, bis fie auf dem Standpunkte anlangte, den fie heute einnimmt, und der es ihr möglich machte, die ausländifche Concurrenz faft gänzlich aus dem Felde zu fchlagen, die heimifchen Bedürfniffe felbft zu befriedigen. Namentlich waren und find es theilweife heute noch die Cursfchwan kungen, dann der hohe Zoll, welcher den Bezug von ausländifchen Rohmateria lien erfchwerte. Der inländifche Zinnober hat trotz mancher anderer guter Eigenfchaften nicht jenes Feuer, welches das deutfche und englifche Product in fo reichem Mafse befitzt, und das für die Herftellung feiner Siegellacke erforderlich ift. Trotzdem find, wie gefagt, fremde, namentlich Nürnberger Producte faft gänzlich aus Oefterreich verdrängt worden. Wer die fchönen Lacke, die A. F. Richter in Wien zur Ausftellung brachte, genauer unterfucht, wird fich diefe Veränderung erklären können. Deffen Product hat glänzende helle Farben, fchöne Prägung, ift feft und rein im Bruche, brennt und fliefst fehr fchön, ohne zu rauchen, kurz das Product ift von befter Qualität. Gutes und fchönes Siegellack verfertigt auch Schönwald in Peft, der auch aufserhalb Ungarn Abfatz hat. Nebft den genannten verdienen Andreazzi, dann Hartmann& Mittler in Wien für beffere Waare in allen Farben, fowie Klein in Prag, alles Lob für ihre Ausstellung. Mehloblaten wurden eingefendet: von Hill in London, Schmidt in Nürnberg und Eder& Sohn in München. Maurin in Paris hat auch in diefem Artikel vorzügliche Waare. Zeichenrequifiten. Blei und Farbenftifte. Bezüglich näherer Mittheilungen über die Entstehung und Vervollkommnung des Bleiftiftes bis zu feiner gegenwärtigen Vollendung auf unferen diefsfallfigen Bericht über die Parifer Ausftellung vom Jahre 1867 verweifend, müffen wir uns heute darauf befchränken, nur jene Punkte zu erörtern, die fich auf den jetzigen Stand der Bleiftift- Fabrication und auf die in der Ausftellung zu Tage getretenen Momente beziehen. Leider both die Ausftellung nur wenige Anhaltspunkte zur Befprechung der Bleiftift Fabrication und der Fortfchritte auf diefem Felde. England fowohl als die erften franzöfifchen Fabriken haben die Ausftellung gemieden, und gewinnt es faft den Anfchein, als ob fie einen Vergleich mit Deutfchland gefcheut hätten. Seit dem Verfiegen der Cumberland- Gruben und feit der Verwendung des Graphites aus den von Alibert entdeckten Gruben in Batougol Ignaz Nagel. in Sibirien zu Bleiftiften, hat eine Veränderung in der Fabrication befferer Bleiftifte Platz gegriffen. Die beften Zeichenftifte werden nicht mehr in England, fondern in Stein bei Nürnberg gemacht. Diefs ift wenigftens das allgemeine Urtheil, welches aus den Zufchriften der erften Künftler Deutfchlands und Frankreichs, wie Cornelius, Kaulbach, Ingres, Horace Vernet, Ifabey etc. zu lefen ift, die alle erklären, dafs Faber's Polygrades- Bleiftifte, aus dem Alibert'fchen Graphit erzeugt, die beften feien und alle neueren Producte erfetzen oder übertreffen. Es läfst fich nach dem auf unferer Ausftellung Vorgeführten nicht behaupten, dafs andere als techniſche Verbefferungen in der Bleiftift- Fabrication feit dem Jahre 1867 gemacht worden wären, aber die Ausftellung conftatirte abermals die Thatfache zur Evidenz, dafs Faber's Streben auf die Veredlung feiner Erzeugniffe gerichtet ift; diefe Erzeugniffe find durchwegs Mufterfabricate. Dafs Faber's Vorwärtsftreben nicht ohne Einfluss auf feine deutfchen Gefchäftsgenoffen bleibt, zeigten die Producte von Schwanhäufer( vormals Grofsberger& Kurz) in Nürnberg. Die Erzeugniffe diefer Firma zählen zu den vorzüglicheren, und es mufs das Bemühen, in diefem Fache das möglichft Befte zu leiften, anerkannt werden. In der Farbftift- Fabrication hat die genannte Fabrik allen anderen Fabriken. den Rang abgelaufen und keine zweite Fabrik hat einen fo ftarken Verfandt in folchen Stiften. Ihre Oelkreide- Stifte werden in 48 verfchiedenen Farben und Nuancirungen geliefert; ihre Verwendung ift namentlich zu geometriſchen und topographifchen Arbeiten, zu Werkstätt- Zeichnungen in den Mafchinenfabriken fehr zu empfehlen. Nicht unerwähnt können wir an diefer Stelle die guten Patentftifte von Haus in Nürnberg fowie die Porte- Crayons und Künftlerſtifte von Reber in Nürnberg laffen, welch' Letzterer allein jährlich 10.000 Grofs diefer fchönen Waare verfertigt. In Oefterreich befteht trotz des ausgezeichneten inländifchen Rohmaterials und anderer für die Fabrication günftiger Bedingungen nur eine Bleiftift- Fabrik von Bedeutung, jene von L.& C. Hardtmuth, die in Budweis( Böhmen) ihren Sitz hat. Die fehr rührige Firma, welche 500 Arbeiter befchäftigt und mittelft Dampfmaschine jährlich 300 Millionen Dutzend Bleiftifte, Paftelle etc. im Werthe von 500.000 fl. erzeugt, beftrebt fich, den gefteigerten Anfprüchen an das fo wichtige Schreib- und Zeichenproduct möglichft gerecht zu werden, und erftreckt fich ihr Abfatzgebiet nach Deutſchland, Frankreich, Italien und Rufsland. Jofef Dixon Crucible Company, Jerfey- City in New- York, nennt fich eine Firma, die mit Graphitftücken und Bleiftiften auf der Ausftellung erfchien. Der ausgeftellte Graphit war von fehr fchöner Farbe, feft und haltbar, die daraus gefertigten Bleiftifte in acht Härtegraden find von guter Qualität. Schiefertafeln, elaftifche Tafeln und Schulhefte. Das Haupt ftreben unferer Zeit ift dahin gerichtet, den Unterricht zu verbeffern, die Lehrmittel zu vermehren und fo nutzbringend als möglich zu geftalten. Die vielen Schulhäufer auf dem Ausftellungsraume gaben Zeugnifs davon. Eines der zahlreichften Momente in der Maffe der ausgeftellten Unterrichtsmittel bilden die vielen Schreib-, Rechen- und Zeichenhefte, die Menge von Schreibund Rechentafeln. So lagen in der American Rural School Schiefertafeln, deren Rahmen zur Anleitung für Schreib- und Rechenunterricht dienen, während eine Vorrichtung am Kopfe Zeichenvorlagen enthielt. In der fächfifchen Unterrichtsabtheilung fand man Schreib- und Rechentafeln aus lackirter Pappe mit eingedruckten Linien; die Schrift oder Zeichnung kann mit einem feuchten Lappen befeitigt, und das Heft wieder benützt werden. Diefe Hefte von Wagner& Niezel in Dresden gehören zu den billigften und praktifchften Schulgegenftänden. Höchft elegant ausgeftattet waren die von Kugler in Nürnberg ausgeftellten künftlichen Pergament- und Schiefertafeln. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 37 Auch diefem Schreibmaterial hat Faber feine Aufmerkfamkeit gewidmet; in feiner Fabrik in Geroldsgrün werden Schiefertafeln für alle Schul-, Haus- und Comptoirzwecke aus beftem Material und in elegantefter Form hergeftellt und zu Taufenden nach allen Richtungen verfendet. L.& C. Hardtmuth verbinden mit ihrer Bleiftift- Fabrik eine folche für elaftifche Schreib- und Rechentafeln, die fich als praktiſch bewährten und eines fehr guten Abfatzes erfreuen. H. F. Hauptmann in Linz hatte ein reiches Sortiment von elaftifchen Rechen, Schreibtafeln etc. ausgeftellt; die gleichfalls gut zu nennen find. Krufs in Graz künftliches Schieferpapier für Brieftafchen und dergl. nebft künftlichen Schieferftiften. Sehr anerkennenswerthe Beiträge zu diefen Unterrichtsmitteln haben Ignaz Fuchs in Prag und A. Löwi& Comp. in Wien mit ihren mannigfachen hübfchen und billigen Schulthecken geliefert. Zeichenpapier. Obgleich es nicht Aufgabe diefes Berichtes ift, Papiere in feine Befprechung zu ziehen, fo fei doch der Vollständigkeit wegen hier auf die beften ausgeftellten Producte diefer Gattung hingewiefen. Unter diefen ftehen die herrlichen Papiere von Blanchet frères& Kleber, Canfon& Montgolfier, dann die Société anonyme des Papeteries du Marais in Frankreich obenan; Saunders in Dartford, England, folgt unmittelbar; in Deutſchland find J. W. Zaunders in Gladbach, Gebrüder Hoefch, H. A. Schöller Söhne, dann Hoefch& Schleicher in Düren die erften Fabrikanten diefer Branche; in Oefterreich find die Fiumaner, Ebenfurther, Neufiedler, dann die Schlöglmühler Fabricate als die beften bekannt. Albert Eck ftein in Wien hat foeben diefes Zeichenmaterial um ein neues, gutes Product, nämlich durch ein für Zeichenzwecke eigens präparirtes vegetabilifches Pergamentpapier, vermehrt, das für Zeichnungen, kartographifche und topographifche Aufnahmen um fo verwendbarer ift, als die betreffenden Arbeiten durch Näffe keinen Schaden leiden. Für Schulzwecke ift diefes Zeichenmaterial wegen feines Widerftandes gegen Radirgummi, feiner Feftigkeit und Billigkeit wegen ganz befonders geeignet. Pauspapier. Von diefem für Zeichner höchft wichtigen Verbrauchs material haben ausgeftellt: die vorerwähnte Firma Canfon frères& Montgolfier ihr rühmlich bekanntes Papier végétal, in gewohnter Güte und Feinheit; Gebrüder Leichtlin in Carlsruhe, ebenfalls eine der renommirteften und älteften Firmen diefer Branche( feit 1823 beftehend), präparirtes Pauspapier von ausgezeichneter Qualität; Emil Holtzmann in Speyer vorzügliches, Schleicher& Schüll in Düren fehr gutes Pauspapier; Rheiner& Vogel in Schwelm bei Elberfeld gute Paus- und Transparentpapiere; Jof. Schönwaffer in Neufs ( Rheinprovinz), als Specialift für Bereitung von vortrefflichem vegetabilifchem Pergamentpapier bekannt, und fchliefslich Diehm in Ettlingen ein 144 Meter breites fchönes Product, fowie auch Bormann Nachfolger in Berlin unter feinen Malerrequifiten Pauspapiere exponirte. Malerrequifiten. Obgleich England in der Malerkunft nicht den erften Rang einnimmt, o wird doch felbft von den in diefer Branche fehr competenten Franzofen zugegeben, dafs die englifchen Malerfarben andere derlei Fabricate weit übertreffen. Um fo bedauerlicher iſt es, dafs die englifchen Erzeuger diefer Producte der Ausftellung gänzlich fern geblieben find. Aus Frankreich, das nach England die beften Malerfarben producirt, waren nur zwei Ausfteller: Les fils de B. M. Paillard, Succ. und Bourgeois aîné aus Paris erfchienen, welch' Letzterer hübfche Aquarell- und Paftellfarben fabricirt. Die Hauptforce diefes Gefchäftes richtet fich auf die Darftellung giftfreier 38 Ignaz Nagel Farben, worin es Erfolgreiches geleiftet hat. Das erftgenannte Haus, 1788 von Lambertye gegründet, und 1842 an die gegenwärtige Firma übergegangen, ift nicht nur einer der älteften, fondern auch würdigften Repräfentanten diefes Faches in Frankreich. Seine Thätigkeit erftreckt fich auf die Da ftellung von Paftell-, Aquarell- und Oelfarben, ferner auf die Präparation feuchter Farben für Freskomalerei, auf Farben in Schalen für Miniaturmalerei, fowie für Photographie, auf die Bereitung von Lacken, Maler- Leinwand und Malerpinfeln und neuerer Zeit auf die Verfertigung von Portecrayons. Sowohl die matten als transparenten Oelfarben diefer Firma find wunderfchön; feine Carmin- und Indigofarben von einer Kraft und einem Feuer, wie fie felten gefunden werden. Eine Specialität diefer Firmen find fehr gute Kreideftifte. Eines befonderen Rufes erfreuen fich die Oelfarben wegen ihrer leichten Trocknungsfähigkeit und Haltbarkeit. Von fehr fchönem Colorit find die feuchten Farben, mit befonderer Sorgfalt zubereitet die Aquarellfarben von Brunnfchweiler& Sohn in St. Gallen. Auch Dr. Merk in Frauenfeld hat folide haltbare Farben eingefendet. Die Vereinigten Staaten fandten Zwei Glaskäften mit Malerfarben, wovon der eine Chas. Mofer& Comp. in Cincinnati gehörend, eine reiche Aus wahl von Oelfarben in grofsen Tubes enthielt; die Farben waren aus gutem Material, höchft forgfältig zubereitet und hatten fich trotz ihres Alters von circa acht Monaten fehr gut confervirt. Der Kaften Janentzky's( Philadelphia) enthielt trockene Malerfarben in allen Farben und Nuancen, dem Anfcheine nach fehr hübfch, der Unterfuchung aber nicht zugänglich. Eine vollständige Sammlung von vorzüglichen Malerrequifiten enthielt die Ausstellung von H. Bormann Nachfolger in Berlin, der ein fpecielles Material magazin für Künftler hält und die Fabrication diefer Materialien im Grofsen betreibt. Die Tufch- und Aquarellfarben von Aumüller in München find eine allgemein bekannte gute Waare; als ausgezeichnet müffen die Oelfarben von Kreul in Nürnberg bezeichnet werden. Dr. Jung aus Arnftadt debutirte mit einer Sammlung hübfcher Kinderfarben. A. Martin in Stuttgart ift wegen feiner guten Malerfarben vortheilhaft bekannt. Ebenfo Wagner- Günther in Hannover, der fchöne Farbencaffeten mit feinen Waaren, befonders technifchen Farben brachte. In Oefterreich geniefsen Anreiter's Aquarellfarben einen guten Ruf, den fie durch die ausgeftellten fchönen Producte neu begründet haben. Auch die gleichen Producte von Komarek in Pilfen waren gut präparirt. Sehr verdienftlich hatte Neumann in Wien ausgeftellt; als befonders gut müffen deffen Honigfarben wegen ihrer Haltbarkeit und Ausgiebigkeit bezeichnet werden, und ift zu bedauern, dafs die Producte Neumann's von der Jury gänzlich ignorirt wurden. A. Maurer hatte nebft feiner Malerleinwand feine Oelfarben für Künftler ausgeftellt, die wirklich unter die vorzüglichften Fabricate diefer Branche zu zählen find. Zu den werthvollften Collectionen von Malerfarben der verfchiedenartigften Gattungen mufs die japanefifche gezählt werden. Der einheimifche Ocker und Zinnober ift berühmt, deffen Behandlung macht ihn zu einem echten Kunftmaterial. Tufche. Die Bereitung der echten chinefifchen Tufche ift trotz der zahlreichen Mittheilungen in technologifchen Zeitfchriften und Werken noch immer ein Geheimnifs, das auch durch die neueften Ausftellungen nicht enthüllt worden ift. Sicher ift nur, dafs fich die Chinefen zur Herftellung ihrer Tufche des Kienrufses( Chinn Me oder Kinn- Mak), des Leimes und gewiffer ätherifcher Oele bedienen und dafs vielen derfelben wohlriechende Subftanzen beigemengt werden. Die Vorzüge der Tufche hängen hauptfächlich von der Bereitung des Rufsschwarzes ab. Das Rufsfchwarz zu Primaforten wird durch langfame und forgfältige Verbrennung gewiffer Oele gewonnen. Das Gefäfs( die Lampe), mittelft deffen die Verbrennung vorgenommen wird, und in dem fich ein Binfendocht befindet, ift oval und derart conftruirt, dafs während der Verbrennung des Oeles. faft jeder Luftzutritt ausgefchloffen ift und der durch den Verbrennungsprocefs Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 89 entſtehende Rufs fich an den Wänden des genannten Gefäfses anlegen mufs. Aus diefem Rufse wird die fogenannte Nanquintufche bereitet. Die fernere Bereitungsweife befteht darin, dafs man in ein mit Rufs gefülltes irdenes Gefäfs eine kochende Auflöfung von Leimwaffer giefst, die beiden Subftanzen durch Umrühren gut vermifcht, dann erkalten läfst, und wenn die Maffe hinreichend feft geworden, mit dem Formen beginnt. Die Formen find in länglich viereckigen Platten von hartem Holz gefchnitten, die mit Zeichnungen( Marke, Firma etc.) eingravirt find. Auf diefe Weife bilden fich kleine Stangen, die man an der Luft trocknet, worauf die an denfelben eingedrückten Zeichnungen mit Farben, meift jedoch mit Gold bemalt werden. Die beften Tufchforten, zu denen nur geruchlofer, vollkommen gereinigter Leim verwendet, und denen Sefamöl oder irgend ein Balfam beigefetzt wird, erkennt man an dem Glanze ihres Bruches, dem feinen Korne und an ihrer leichten Zerreibbarkeit und Ausgiebigkeit; der Geruch ift niemals ein richtiges Erkennungsmittel, weil auch nachgeahmte, fchlechte Fabricate oft dasfelbe Aroma haben. Die meiſten der ausgeftellten chinefifchen Tufche waren nicht Primawaare und ermangelten der vorzüglichen Eigenfchaften, welche fonft diefen Fabricaten in fo hohem Grade eigen find. Die Bereitung der japanefifchen Tufche ift wenig verfchieden von der oben befchriebenen. Der Lampenrufs fammelt fich an einem über der Lampe angebrachten Deckel und wird dann mit vorzüglichem Leim, aus Ochfenhaut bereitet, verfetzt. Das zum Speifen des Dochtes verwendete Oel ift entweder fehr feines Rübfamen- oder beffer Sefamöl. Das Kneten der Maffe gefchieht mit den Händen in einem mit doppelten Wänden verfehenen kupfernen Troge. Die Maffe wird ebenfalls in hölzernen Formen geformt, und auf warmer Afche zwifchen Papierlagen langfam getrocknet; zu den feinften Sorten wird als Parfum Borneokampher, wovon das Pfund circa 100 fl. koftet, oder Safflorextract genommen. Trotz der fehr forgfältigen Bereitungsweife und des fehr hohen Preifes fteht der japanefifche Tufch weit hinter dem chinefifchen zurück. Ein von der chinefifchen Commiffion ausgeftelltes grofses Tableau mit Tufchen war der Unterfuchung des Berichterstatters nicht zugänglich, doch fcheint es beffere Fabricate enthalten zu haben, da es das Jurymitglied diefer Claffe für fich acquirirte. Die übrigen ausgeftellten Mufter waren von keiner befonders guten Qualität. Die fogenannte Schreibtufche wird aus gewöhnlichem Kienrufs und Leim bereitet, und ift zum Zeichnen nicht zu verwenden. Eine der feltenften Sammlungen von Tufchen hatten Gebrüder Leichtlin aus Carlsruhe zur Anfchauung gebracht. In Frankreich fowohl als auch in Deutfchland werden gleichfalls Tufche. angefertigt, allein die Verfuche zur Nachahmung der echten chinefifchen Tufche haben bisher nicht zu dem gewünſchten Refultate geführt, was umfomehr zu bedauern ift, als die befte echte chinefifche Tufche nur felten zur Ausfuhr gelangt. Paillard aus Paris und Bormann Nachfolger hatten unter ihren Malerrequifiten auch Tufche vorgelegt. Malerpinfel. Für diefen in vollendeter Weife nur fchwer herzuftellenden Artikel hat die diesjährige Ausstellung nur wenig Anhaltspunkte zu Vergleichen geboten. Weder England noch Frankreich hatten fich wenn wir von der kleinen Collection Pinfel abfehen, denen Paillard einen Winkel in feinem Malerrequifiten- Kaften einräumte an diefer Ausftellung betheiligt. - Und doch ift Frankreich oder eigentlich Paris der erfte Platz, die Schule für diefen Fabricationszweig; Beweis deffen die Lieferung von Taufenden von feinen Pinfeln nach London, das felbft fehr viele und tüchtige Pinfelmacher aufweift, fowie die Anzahl von 2000 Arbeitern, die fich mit diefem Artikel befchäftigen, deffen jährlicher Umfatz circa 3 Millionen Francs beträgt. Auch das erfte deutfche Haus Meunier in München fehlte. Dagegen zeigte das von der Firma C. G. Beifsbarth in Nürnberg ausgeftellte Tableau von Malerpinfeln eine Reihe der verfchiedenartigften Pinfel vorzüglicher Qualität. Die feit 30 Jahren beftehende, ebenfo thätige als ftrebfame Firma hat fich einen 40 Ignaz Nagel. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten guten Ruf in diefem Artikel erworben und verfendet ihre durch 110 Arbeiter erzeugten Producte, deren Erzeugungswerth fich im Jahre 1871 auf 120.000 fl. belief, nach allen Richtungen, namentlich nach überfeeifchen Ländern. Neben der vorgenannten betreiben Gebrüder Gonnermann in Nürnberg die Pinfelfabrication im Grofsen( mit 167 Arbeitern), und wie aus ihrer Expofition erfichtlich, mit fchönem Erfolge. Ihre Pinfelcollection enthielt eine Auswahl fehr hübfcher Fabricate zu mäfsigen Preifen. Der dritte im Bunde war Schufter& Behlen mit Pinfeln für fpecielle Zwecke, nebft welchen fie auch gute Malerpinfel liefern. Mit einer faft completen Sammlung von Pinfeln waren die betreffenden Käften der chinefifchen und japanefifchen Abtheilung ausgeftattet. Die in China ausgelegten Albums, auf Reispapier gemalt, beweifen, dafs den dortigen Künftlern ein fehr gutes Material zu Gebote fteht, und dafs fie auch in der Pinfelfabrication viel Gefchick befitzen. In Wien, dem Sitze der öfterreichifchen Malerkunft, der Mufeen und Inftitute für bildende Kunft, dem Wohnorte fo vieler Maler, Decorateure, Architekten und Photographen, befafst fich auffallender Weife noch immer Niemand mit der fabriksmässigen Erzeugung diefes gewifs lucrativen Artikels, und find unfere kunftbetreffenden Confumenten noch immer auf den Bezug ausländifcher Fabricate angewiefen. Maler Leinwand. Auch von diefem Malermateriale war nur wenig zur Ausftellung gebracht worden, und das Befte unter diefem Wenigen war unftreitig das Product von Anton Maurer in Wien. Die in neun verfchiedenen Sorten, und zwar in einer Breite von 44 bis 26/4, demnach in einer Breite, wie fie in diefem Artikel felten vorkommt, fabricirte Leinwand ift fchon in der Webe als höchft gelungen und tadellos zu bezeichnen; überdiefs fühlt fich diefelbe fehr weich an, und was ein Hauptvorzug fie ift dünn und gleichmässig grundirt. Auch die von diefer Firma ausgeftellten Schultafeln und ölgrundirten Hintergründe für Photographen waren fehr zweckentfprechend gearbeitet. Die Fabrik exportirt fehr viel von diefem Artikel, befonders nach Amerika. Die guten Düffeldorfer Producte diefer Branche fehlten; Wurm in München hat Vorzügliches geliefert. Bekanntlich liefert Frankreich die beften Maler- Leinwanden. Ihre Appretur ift bis jetzt von keinem anderen Producte erreicht worden. Auch in diefem Artikel liefert Paillard Vorzügliches. Mit guter Waare erfchien Altmann in Turin; mit Sorten von theils befferer theils minderer Qualität Serafino Frattini in Bologna. Reispapier. Als in diefe Branche gehörend, müffen wir des Reispapieres aus der chinefifchen Abtheilung erwähnen. Dasfelbe ftammt indefs weder von der Reispflanze, noch befitzt es eigentliche Papierconfiftenz. Es ift eine fchwammige, brüchige, fchneeweifse, oblatenähnliche Maffe, welche aus dem Marke einer, befonders auf der Infel Formofa wachfenden Pflanze gewonnen wird, die in die den Doldenpflanzen naheftehende Familie der Araliaceen gehört, und Aralia papyrifera Hook heifst. Diefes Reispapier hat die Eigenfchaft, dafs die darauf gebrachten Farben fehr brillant und fammtweich erfcheinen, wefshalb es fich zur Malerei und Fabrication künftlicher Blumen befonders eignet. Wenn auch in den hier befprochenen Induftriezweigen keine aufserordentlichen, epochemachenden Erfcheinungen zu Tage getreten find, fo kann doch nicht geleugnet werden, dafs auf allen Gebieten diefer ausgedehnten und vielverzweigten Gruppe das einmüthige Streben herrfcht, der ihr zugewiefenen grofsen Aufgabe, die Kunft und Induftrie, den Handel und Verkehr zu fördern, in möglichfter Weife gerecht zu werden. BUCHBINDEREI, CARTONNAGEN UND MASCHINEN FÜR BUCHBINDER. ( Gruppe XI, Section 4.) Bericht von CONRAD BERG, Verlags- Buchhändler und Buchbinder in Wien. Seit die bildungsfähigen Völker des Erdballs die künftlichen Mittel erfonnen hatten, den flüchtigen Gedanken durch die Schrift feftzubannen, fpielt das Buch eine fo hochwichtige als fegensvolle Rolle auf Erden. Die Form des Buches aber hat manche Wandlungen erlebt, ehe der Geift der Zeiten felbes des oft fo edlen Inhaltes würdig fich entfalten lehrte. Vom mit Keilfchrift bedeckten Obeliske, dem Runenftabe, der Papyrusrolle, den mit Wachs überzogenen und mit Griffel befchriebenen Tabletten der Alten bis zu dem im prachtvollíten Einbande prangenden Album, welches den Toilettetifch einer Salondame der Neuzeit fchmückt, blieb der Begriff des Wortes Buch fich gleich, nur die Form hat fich verändert. Das Buch ift der raftlos wandernde Bote, der aus dem unerfchöpflichen Füllhorn des menfchlichen Geiftes ftets neue, unfchätzbare Gaben der dankbaren Menfchheit überbringt und eine Bibliothek von Meifterwerken ift theils eine Apotheke für heilbedürftige Seelen, theils ein Arfenal des Geiftes zu nennen, in welchem deffen Siegestrophäen und unbefiegbare Waffen aufgefpeichert find. Wie wichtig fchon unfere Vorfahren in altersgrauen Zeiten den Werth diefer Geiftesfchätze erkannten, beweift die Sorgfalt, womit die erften Bücherfchreiber, meift hochgelehrte Mönche, ihre theils felbft verfafsten Werke, theils die von fremden Autoren ins Lateinifche oder Deutfche übertragenen Werke niederfchrieben und mit finnigen, nicht felten mit meifterhaft gezeichneten und gemalten Vignetten und Initialen auszufchmücken wufsten; noch mehr aber der complete, meift mit Spangen von Eifen oder Kupfer verfehene Pergamenteinband, der Jahrhunderten trotzte und noch heute den echten Bibliophilen wahre Hochgenüffe bereitet. Damals freilich war ein folch' riefiges Buch, welchem vielleicht mehrere fleifsige Mönche den gröfsten Theil ihrer Muſseftunden oft lebenslange geopfert hatten, ein Unicum und wohl werth, vor dem nagenden Zahn der Zeit, den Motten und anderen Bücherfeinden möglichft befchützt zu werden Wir glücklichen Kinder der Neuzeit find folcher fchwerer Sorge für die Bücher, unfere geiftigen Schätze, längft überhoben. Die Schnellpreffe liefert ein 42 Conrad Berg. Buch, an welchem ein raftlos fleifsiger Mönch wohl fünf Jahre lang gefchrieben hätte, in einem Tage in mehreren taufenden von Exemplaren, wir geben denfelben ihrem Inhalte entſprechend mehr oder minder koftbare Einbände und wenn folch ein Buch, und wäre es auch ein Meisterwerk, zufällig zu Schaden käme oder verloren ginge, jede Buchhandlung vermag uns den Verluft zu erfetzen und binnen wenigen Tagen haben wir wieder das erfehnte Geifteskind, unfer liebgewohntes Buch. Mit dem Fortfchreiten der Cultur fteigert fich das Beftreben geiftiger Mit theilung in dem Mafse, als das Volk nach geiftiger Nahrung lechzt und fo ift der Büchermarkt ein Weltbedürfnifs geworden. So geiftig tief verfumpft ift wohl kaum ein Bewohner der elendeften Waldhütte im Gebiete eines civilifirten Staates, dafs nicht irgend ein Buch geiftlichen oder weltlichen Inhaltes ihm Troft in feiner Einfamkeit gewähren würde, fei es eine Bibel, ein Gebetbuch, ein Liederbuch oder ein Volkskalender, er nimmt es gewifs in Stunden der Krankheit oder der Mufse zur Hand und wie er darin blättert und fein vielleicht im Lefen wenig geübter Blick mühfam die Worte entziffert, fällt allmälig ein Strahl des geiftigen Lichtes in fein verdüftertes Gemüth und er findet in dem Buche einen theilnehmenden Freund, einen willkommenen Tröfter und wohlwollenden Rathgeber. Der Buchbinder ift fo zu fagen der Kleidermacher des Geiftes und wie im gewöhnlichen Leben das Sprichwort lautet„ Kleider machen Leute", fo ift es auch auf Bücher anzuwenden. So manches, oft köftlichen Inhaltes übervolles Buch wird von dem Kaufluftigen nicht beachtet, weil der Einband fchlecht, wohl gar gefchmacklos ift, während ein daneben liegendes Büchlein fehr dürftigen Inhaltes Gnade findet, weil es mit Goldfchnitt und Maroquineinband prahlt und man einer Dame eine elegante Spende zugedacht hat. Dank dem Zeitgeifte aber, find den wahren Rittern des Geiftes fowohl, als deren minder berufenem Trofse bereits auch in Rückficht auf äufsere Erfcheinung entſprechende Conceffionen gemacht worden. Die Werke der Claffiker aller Nationen prangen längst ichon in Prachtbänden in den Auslagekäften der Buchhandlungen und fo winzig ein Poet auch fein mag, der auf eigene Koften feine Lieder drucken liefs, er fcheute die Mehrauslage gewifs nicht, feinem Werkchen einen Einband beforgen zu laffen, der nicht felten dem Lefer beffer gefällt als der Inhalt des ganzen Büchleins. Gewifs, jedem gebildeten Befucher der Wiener Weltausftellung fielen defshalb, trotz der zahllofen Menge von Kunft- und Naturproducten, die in der Rotunde, den Transepten und zahlreichen Pavillons aufgefpeichert war, die gröfstentheils brillant ausgeftellten Schätze der Buchbinder- Kunft auf, und wohl mancher Bücherfreund fchenkte fchon des geiftreichen Inhaltes mancher Werke wegen den von den diefsfälligen Arbeitern diverfer Nationen mehr oder minder gefchmackvoll beforgten Einbänden volle Aufmerkfamkeit. Die Siegespalme gebührt unftreitig den in unferem Fache unübertreffli chen Leiftungen Englands. Lebhaft zu bedauern ift der Umftand, dafs nur ein britiſcher Exponent in diefem Fache fein Vaterland vertrat; doch es war gewifs ein Würdiger! Jofef Zähnsdorf in London hat im edelften Sinne des Wortes bewiefen, was England in diefem Artikel zu leiften vermag. Doch dort ift auch für den kunftfinnigen Gefchmack mit Eleganz, äufsere Schönheit mit dauerhafter Solidität verbindenden Buchbinder der befte Platz. Der reiche Engländer ift gewöhnlich ein Freund grofser und koftbarer Bücherfammlungen; für den entſprechenden Einband eines Werkes zahlt er den namhafteften Preis. Jede vortheilhafte Erfindung, die dem Buche oder dem Lefer irgend einen praktiſchen Nutzen gewährt, wird in England freudig acceptirt und man fcheut für den diefsfalls nöthigen Apparat keine Koften. Das vortreffliche englifche Papier und die fo finnig conftruirten, als nett und exact arbeitenden Mafchinen gewähren dem englifchen Buchbinder bedeutende Arbeitserleichterung. Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 43 Befonders die dort übliche, ftreng eingehaltene Theilung der Arbeit bietet unfchätzbare Vortheile und fo wird es unferen englifchen Gewerbsgenoffen leicht, tadellofe, den rigorofeften Anforderungen vollkommen entſprechende Arbeit zu liefern. Der englifche Buchbinder weiht den einfachen Büchern, Prachtbänden und Gefchäftsbüchern gleiche Sorgfalt, jeder Arbeiter übernimmt einen Theil der diefsfälligen Arbeit. Das Falzen und Heften beforgen in England durchgehends Frauenhände und weil der männliche gut gefchulte Arbeiter eben nur jenen Theil der Buchbinder- Arbeit zu leiften hat, in welchem er als zumeift gefchickt fich bewährt, kann das Gefammtrefultat der Arbeit nur das Günftigfte fein. Zähnsdorf, höchft verdienter Weife mit der Fortfchrittsmedaille bedacht, exponirte fowohl einfach gebundene Bücher wie Prachtbände. Der Kenner mufs geftehen, dafs das einfach gebundene Buch ebenfo forgfältig und zweckmäfsig gearbeitet ift wie der überrafchendfte Prachtband. Befonders rühmenswerth zeigten fich zwei Exemplare von Dorée's Prachtbibel in Maroquin de Levante gebunden mit färbiger Ledermofaik und reicher Vergoldung aus freier Hand. Die Pracht der Farben- Zufammenftellung, der edle Stil der Zeichnung, die meifterhaft ausgeführte Handvergoldung ftempeln diefe Bände zu wahren Kunftwerken. Die übrigen Einbände Zähnsdorf's find nach alten Modellen gearbeitet, theils in Chagrin und Schweinsleder mit blind geprefsten Ornamenten, theils in polirtem Maroquin gebunden, mit Prefs- und Handvergoldungen gefchmückt. Gefchäftsbücher waren von englifcher Seite nicht ausgeftellt, doch fei hier erwähnt, dafs auch in diefer Arbeit, wie die Parifer Ausftellung 1867 zeigte, an eleganter Einfachheit, Solidität und Gebrauchsbequemlichkeit England das Befte leiftete. Frankreich. Den zweiten Rang behauptet wohl Frankreich. Wie faft jeder, wenn auch noch fo geringe Gewerbs und Kunftfleifs- Artikel, den Frankreich bietet, feiner Nettigkeit und Eleganz wegen den franzöfifchen Urfprung nicht verkennen läfst, fo ift diefe Bemerkung vorzugsweife auf die Erzeugniffe dortiger Buchbinderei anzuwenden. Frankreichs Expofition können wir schon eingehender befprechen, da felbe wohl auch nicht fehr ftark, doch jedenfalls mehr vertreten erfchien als die Englands. Frankreich hat einfache Bücher, von in Papier gebundenen angefangen, dann Prachtbände von verfchiedener Ausftattung, Gefchäftsbücher und PhotographieAlbums ausgeftelllt. Wie weltbekannt, hat Frankreich in diefem Fache die bedeutendften Firmen aufzuweifen, als deren gröfste unftreitig Alfred Mame& fils in Tours zu nennen ift. Ehe wir die Ausftellungsobjecte einzelner Firmen beleuchten, fei es uns vergönnt, im Allgemeinen zu fagen, dafs Frankreich im grofsen Ganzen in der Buchbinder- Arbeit England durchaus würdig zur Seite steht. Mag es in Frankreich auch einzelne Firmen geben, deren Arbeiten minder minutiös und exact fcheinen als die der englifchen, werden doch gröfstentheils in Frankreich eben fo fchöne Buchbinder- Arbeiten geliefert wie in England und das franzöfifche Buch befticht meift durch feine, faft coquet zu nennende Zierlichkeit Wie in England ift auch in Frankreich die Theilung der Arbeit wohlthätig fördernde Gefchäftsfitte. Der franzöfifche Buchbinder arbeitet meift in Chagrin und Maroquin de Levante; auf den Schnitt des Buches verwendet er die gröfste Sorgfalt, worin er es auch zur höchften Vollkommenheit gebracht hat. Faft kein Goldfchnitt wird in der Buchbinder- Werkstätte gemacht; das Buch kommt, nachdem es gefalzt, geheftet, gefchlagen und befchnitten ift zum Goldfchnitt- Verfertiger, deren es in Paris ziemlich viele gibt, die ganz felbftftändig arbeiten, aufser den Gold- und anderen Schnitten mit keinerlei Arbeit fich befaffen und daher natürlich hierin die höchfte Kunftfertigkeit gewonnen haben. In Frankreich 44 Conrad Berg. werden alle Arten des Bücherfchnittes verfertigt, man marmorirt in allen Deffins, macht rothe und blaue Schnitte, entweder glatt oder mit zierlichen Vergoldungen, Arabesken, Kreuzchen, Sternchen etc. darauf, die mit Handftempeln ausgeführt find; ferner Goldfchnitte, die unterhalb des Goldes marmorirt find, fo dafs die Marmorirung erft fichtbar wird, wenn man das Buch in fchiefer Lage aufblättert. Befondere Sorgfalt verwendet der franzöfifche Arbeiter auf cifelirte Schnitte, ausgefchabte und gemalte Schnitte. Seit circa zwei Jahren ift in Paris eine neue Art von Schnitt üblich und zwar eine Marmorirung, die mit Goldadern durchzogen ift. Charlot in Paris ift der Erfinder diefer neuen Schnittart, theilt aber feinen Fachgenoffen die Art und Weife der Fabrication nicht mit. Mame& fils, deren Ausftellungsobjecte das reichfte Lob aller Sachverftändigen ernteten, verdienen eine eigene Befprechung. Armand Mame, Vater des dermaligen Chefs der Firma Alfred Mame, etablirte Anfangs diefes Jahrhundertes eine Buchdruckerei, die bis zum Jahre 1845 einen derartigen Auffchwung nahm, dafs Alfred Mame, der zu jener Zeit der alleinige Eigenthümer derfelben war, die Arbeitslocalitäten bedeutend vergrössern mufste. Er verfah den Neubau mit weitläufigen Ateliers und ftellte dafelbft die ausgezeichnetften Maſchinen auf, die wohl heute kein zweites Gefchäft aufzuweifen hat. Einige Jahre fpäter, als die clericalen Kreife Frankreichs heftige Gegenftrömungen der Zeitverhältniffe zu ftören drohten, wurde das Bedürfnifs, fich dem heiligen Sitze durch Annahme des römifchen Ritus fefter anzufchliefsen, allgemein fühlbar. Die Geiftlichkeit, durch die Verfchiedenheit der kirchlichen Gebräuche in den zahlreichen Kirchenfprengeln in Verlegenheit gefetzt, erfehnte die Anordnung diefsfälliger Generalnormen, um der Einheit der katholifchen Religion auch in formeller Weife entſprechenden Ausdruck zu wahren. Diefer Wunſch, im Einklange mit den Gefühlen des heiligen Vaters, ward erhört, und die Diöcefen Frankreichs, welche feit längerer oder kürzerer Zeit befondere Kirchen gebräuche eingeführt hatten, kehrten mit Genehmigung der Ritusverfammlung zum einheitlichen römifchen Ritus zurück. Diefe Rückkehr erheifchte eine riefige Anzahl liturgifcher Bücher und das Haus Mame übernahm mit aller Energie und Thatkraft, unterſtützt von den ihm zu Gebote ftehenden reichen Preffen und anderen Druckereibehelfen, die diefsfälligen Lieferungen, indem es gleichzeitig ein koloffales Atelier für die nöthigen Buchbinderarbeiten eröffnete. In manchen Gemeinden erheifchte der Moment der Annahme des römifchen Ritus den Bezug von 100.000 Exemplaren neuer Gebetbücher. Solchem aufserordentlichen Bedarfe konnte nur ein Etabliffement entſprechen, welches riefige Ateliers für Buchdruck und Buchbinderei, zahlreiche koftbare Mafchinen und vor Allem viele und tüchtige Arbeitskräfte ins Treffen führen konnte. Mame befchäftigt in feinem Etabliffement über 1000 Perfonen, wovon über 700 ausfchliefsend Buchbinderei betreiben. Mame's Bücher find elegant gebunden, gefchmackvoll und folid gearbeitet und ftaunenswerth billig, Vorzüge, die nur durch die unbeftreitbare Unübertrefflichkeit der Fabricationsmittel und durch den koloffalen Gefchäftsverkehr diefer Firma erklärlich find; beträgt doch der pecuniäre Gefchäftsumfatz des Haufes Mame fechs Millionen Francs. - Die Buchbinderei beansprucht drei weitläufige Säle, aufser den Magazinen, wo die Vorräthe von Leder, Sammt, Seide, Pappendeckel und anderen Rohftoffen zu den fo verfchiedenartigen Gefchäftsgebrauche, fowie auch die koloffalen Vorräthe von gebundenen Büchern aufgefpeichert find. In zweien diefer Säle beforgen weibliche Arbeitskräfte das Falzen der Bogen, das Heften der Bände und das Anbringen der Stahlftiche und Bilder. Im dritten Sale werden von mehr als 400 männlichen Arbeitskräften die zahlreichen Operationen ausgeführt, welche die Vollendung der Buchbinderarbeit bedingen, als: Fabrication der Deckel und Rücken, Marmoriren, Goldfchnitte machen, Präparation des Leders, Vergoldung Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 45 mittelft Preffe und aus freier Hand etc. etc. Einer Unzahl kleiner Handleiftungen, welche das fchwierige Gefchäft der Buchbinderei erfordert, will ich nicht erwähnen, denn wo von der Firma Mame die Rede ift, verfteht fich deren treffliche Ausführung von felbft; find ja doch alle Arbeiter mit den aufserlefenften Werkzeugen verfehen und vertraut mit dem Gebrauche vorzüglich conftruirter Mafchinen, nebftbei find fie überaus tüchtig und daher leicht im Stande, jede beftellte Arbeit möglichft fchnell und doch tadellos zu leiften. Mame liefert Bände in der befcheidenen Hülle von Schafleder, ebenfo gediegen und nett gearbeitet, wie folche in fo gefchmackvoller als reicher Gewandung von Chagrin, Sammt, Maroquin, Elfenbein u. f. w., mit den feinften Cifelirungen in koftbaren Metallen gefchmückt. Reiche Einbände feinfter Art werden nach von M. Giacomelli eigens für diefen Zweck gezeichneten Muftern angefertigt. Die Grofsartigkeit des Etabliffements Mame's zu bezeichnen, genügt die Angabe, dafs aus deffen Buchbinderei täglich 2000 fertige Bände hervorgehen. Mame's Leiftungen wurden bisher auf allen Ausftellungen mit den erften Preifen ausgezeichnet. P. M. Lortic in Paris hat Luxus- und Prachtbände in reichfter Auswahl geliefert. Seine Bände, meift in polirten Maroquin de Levante gebunden, mit färbigen Ledermofaiken und reichen Handvergoldungen gefchmückt, find von ausgezeichneter Schönheit. Seine Arbeiten zählen unftreitig zu den mühfamften diefer Art, doch laffen diefelben nicht felten die nöthige Reinheit vermiffen, befonders die Vergoldungen erfchienen bei einigen Bänden, fogar in geraden Linien unrein. Lortic zählt fich wohl zu den Erften feines Faches und wähnt Alles, was nicht von ihm ausgeftellt fei, nicht der Beachtung werth, doch dürfte das wohl ein etwas eitler Wahn fein, denn er hat noch manche Schwierigkeiten zu überwinden, bis er zu dem Ziele kommt, welches Mame in feinen Prachtbänden längst erreicht hat. Wenn man Prachtbände von Mame und Lortic eingehend verglich, zeigte fich klar, dafs Letzteren doch die subtile Feinheit der Arbeit fehlt, fowohl in der Bindart des Buches, als in Bearbeitung des Leders und der Correctheit der Handvergoldungen. Die Gefchäftsbücher von Ducroquet V.& fils in Paris excelliren durch fehr fchöne Raftrirung und Leichtigkeit der Auflegung, er verwendet zur Fabrication des Buchrückens Kautfchuk, ftatt Leim, eine Verbefferung, welche fein Vorgänger Robert im Jahre 1843 erfonnen hat. Ducroquet hält aber für nöthig, trotz der Anwendung von Kautfchuk noch extra zu heften, was früher bei den fogenannten„ Kautfchukrücken ohne Naht" nicht gebräuchlich war. Toiray- Maurin G. C. in Paris hat gleichfalls vortrefflich gebundene Gefchäftsbücher ausgeftellt. Dauerhaftigkeit und Solidität, Ermöglichung des flachen Auflegens der dickleibigften Bücher find die Cardinaltugenden feiner Arbeiten und fcheinen das Hauptziel feines Gefchäftsftrebens zu fein. Gefchäftsbücher müffen ebenfo einfach als zweckentfprechend gebunden fein und Toiray hat diefe Aufgabe höchft ehrenvoll gelöft. Im Allgemeinen ift Frankreich bezüglich der Fabrication von Gefchäftsbüchern nicht minder ehrenvoll zu erwähnen wie z. B. Wien, doch den Standpunkt, den England in diefem Fachzweige einzunehmen berechtigt ift, haben wohl beide noch nicht erreicht. W. Marx in Paris, hauptfächlich Fabrikant von Photographie- Albums, hat auch Leder- Galanteriewaaren ausgeftellt, die in den Berichten der Gruppe X gehören. Was deffen Albums betrifft, deren Fabrication zur Buchbinderei gehört, hat Marx jedenfalls Gediegenes exponirt. Die Albumblocks find dauerhaft gearbeitet und die einzelnen Blätter mittelft Ledereinfätzen zweckmässig verbunden. Die Decken, theils in Maroquin mit Mofaik und Vergoldungen gebunden, gröfstentheils aber mit Bronce-, Silber- oder Emailbefchlägen verfehen, find fo gefchmackvoll in der Zeichnung, wie correct in der Ausführung. Man kann 46 Conrad Berg. Marx mit Zuverficht als den Fabrikanten der beften und fchönften Photographie Albums in Paris bezeichnen. Oefterreich war, wie faft in allen Fächern der Kunft und Induftrie, fo auch im Gewerbefache der Buchbinderei ftark vertreten. Leider war den Induftriel len diefes Faches ein fehr fchlechter Platz angewiefen, und die Mehrzahl der Befucher der Weltausftellung liefs fich durch einen Blick in den gedeckten Hofraum von dem Betreten desfelben zurückfchrecken; daher kam es,' dafs diefer befcheidene Punkt der Weltausftellung, obwohl er mitunter fo fehenswerthe, als Oefterreichs Kunft- und Gewerbefleifse zur Ehre gereichende Schätze barg, fehr fpärlich befucht war und während in der Rotunde und den Galerien oft vor einer Ausftellung unbedeutender Handelsartikel, ja nicht felten zwecklofer Spielzeuge und Schnurrpfeifereien die Maffen der Schauluftigen fich ftauten, herrfchte in dem der Buchbinderei geweihten Raume ein förmlicher Bibliotheksfrieden. Nur felten würdigten einige des Drängens in der Hauptgalerie müde Perfonen die Buchbinder gruppe Oefterreichs eines flüchtigen Befuches und auch diefe kamen meift mit theilnahmslofen, vom Befchauthaben zahllofer Ausftellungsobjecte bereits abge ftumpften Blicken. Kein Arrangement irgend einer Gruppe bot ein fo confufes Bunterlei der verfchiedenften Artikel wie eben die XI. Gruppe: Klauen, Kämme, Schachteln, Blumen, Papiere, Tapeten, ordinäre Cartonnagearbeiten, Bürften, Knöpfe etc. etc. befanden fich da in der gewifs nie erwarteten Gefellſchaft von koftbaren Büchern. Auch das Arrangement der Aufftellung war ein total verfehltes. Auf einer Seite ftand ein Riefenobject: ein ganzès Haus als Vordergrund und hinter und neben diefem wieder kleine, unanfehnliche Käftchen und Sächelchen. Der gedeckte Hofraum hatte noch nebenbei fehr fchmale Eingänge, vier Fufs breite Thüren; der Hauptgrund, der die Menge vom Befuche desfelben abhielt, war aber der, dafs die gedeckten Hofräume fünf Stufen tiefer lagen. Die Ausfteller haben volle Urfache, lebhaft zu beklagen, dafs man für die riefige Summe, die fie der Expofition geopfert hatten, ihnen ftatt der gehofften moralifchen Intereffen, nur Aerger und Enttäufchung bereitet hat. Die eigentlichen Buchbinder- Arbeiten wurden kaum gefehen und mancher geehrte Lefer diefes Be richtes dürfte kaum fich erinnern, wo die öfterreichiſche Gruppe XI ihren Platz hatte. Oefterreich ift in der Buchbinderei feit den letzten Jahren bedeutend vor gefchritten. Den unfchätzbaren Werth der geiftigen Nahrung hat Oefterreichs Bevölkerung wohl längft erkannt, doch leider herrfcht bei uns noch nicht wie in England und Frankreich im Allgemeinen die Vorliebe für koftbare Bücherfamm lungen und daher erblüht dem Buchbinder hier feltener als dort die Gelegenheit, Prachtbände zu liefern. Das grofse Publicum Oefterreichs will durchaus nicht einfehen, dafs ein vollkommen gut und dauerhaft, nach der ftrengen Regel der Buchbinder- Kunft gebun denes Buch theurer fein müffe, als ein folches, wenn es von minder geübter Hand und mit geringerem Fleifse bearbeitet wird. Deutſchland liefert Einbände zu fabelhaft billigen Preifen. Wohl hat das Buch meiftens eine fchöne, en relief geprefste, mit reichen Vergoldungen gefchmückte Leinwand Decke, doch die innere wefentliche Structur des Buches ift fo vernachläffigt, dafs fie dem Publicum nie genügen könnte, wenn felbes dafür das richtige Verftändnifs hätte. Es wird wohl von einigen Firmen dahin gearbeitet, dem Publicum fchöne und zugleich folide Einbände zu liefern und wir wünfchen vom Herzen, dafs diefes edle Streben günftigen Erfolg haben möge. Man hört in Oefterreich fo häufig die Klage, dafs man trotz des unleugbaren Fortfchrittes der Kunft, ein gut und elegant gebundenes und dauerhaftes Buch doch nicht bekommen kann. Diefe Klage ift ungerecht, geliefert kann ein folches Buch wohl werden, aber die diefsfällige Arbeit wird nicht bezahlt Ift es nicht ein am Kunft- und Gewerbefleifs Oefterreichs begangenes Unrecht, wenn das wirklich intelligente, kunftfinnige Publicum, welches Bücherfammlungen Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 47 und koftbare Einbände zu fchätzen weifs, die Prachtbände meift aus Frankreich bezieht oder dort beforgen läfst? Man findet den dortigen Preis nicht zu hoch, würde aber für ein in Oefterreich ebenfo fchön und dauerhaft gebundenes Buch denfelben Preis für viel zu theuer erklären. Der in Oefterreich fchlecht bezahlte Buchbinder foll noch überdiefs gleichzeitig allen Arbeiten feines Faches gerecht werden, er foll in jeder Richtung tüchtig fein! - Das iſt nicht möglich, denn faft kein Gewerbe hat fo viele und fo verfchiedene einfchlägige Facharbeiten als das der Buchbinderei. Dem öfterreichiIchen Buchbinder fteht auch das zur Herftellung einer fehlerfreien Arbeit unumgänglich nöthige Materiale kaum zu Gebote. Es iſt z. B. eine kaum glaubliche, aber leider verbürgte traurige Wahrheit, dafs unfer Pappendeckel viel zu wünſchen übrig läfst. Ihm fehlen Feftigkeit, Härte und Egalität, welche Vorzüge der franzöfifche Pappendeckel im vollften Mafse befitzt; allerdings koftet derfelbe etwas mehr als der öfterreichifche, und dafs wir diefes wichtige Material nicht in gewünſchter Güte haben, mag der billige Preis, wofür man die Bücher gebunden wünfcht, erklären. Die in Oefterreich und auch in Deutfchland fabricirten Deckel geftatten keine fo reine Prefs- und Handvergoldung anzubringen, wie folche in England und Frankreich üblich; der Pappendeckel ift zu weich und zu fandig. Der ordinärfte Deckel, welchen englifche und franzöfifche Buchbinder zur Fabrication gewöhnlicher Hausbücher verwenden, ift immer noch feiner und glatter als unfere feinfte Pappendeckel- Sorte. Doch auch die öfterreichifchen Buchbinder trifft mit wenig Ausnahmen ein grofser Theil der Schuld hinfichtlich der Hemmung des Gewerbefortfchrittes. Wir haben Meifter aufzuweifen, die noch heute mit rührender Pietät ihre Arbeit genau fo fertigen, wie ihr Grofsvater oder Gefchäftsvorgänger fie zu leiften pflegte. Die glänzendften Leiftungen Englands oder Frankreichs vermögen diefe in Ehren grau gewordenen Zöpfe nicht aus dem gewohnten Geleife zu bringen; fie fehen ein, dafs fie weit, fehr weit zurückgeblieben find, während Andere im Sturmfchritte mit dem Zeitgeifte vorwärts eilten; aber fie fagen mit dem naiven Trotze eines fchmollenden Kindes: Wir wollen Frankreich und England nicht nachäffen! Die Wahrheit zu fagen: wir find zu alt geworden, wir wollen nichts mehr lernen! deffen fchämen fie fich, und Oefterreichs Glück ift es, dafs junge, rüftige Männer die Ehre des Gewerbeftandes energifch zu wahren beginnen, und der junge Gefchäftsmann fchon längft einfieht, dafs dem Geifte der Neuzeit gemäfs der Meifter nie aufhören darf, zu lernen, denn der Vortheil feines Gefchäftes bedingt es und die Concurrenz fchreitet, dem trotzigen Ignoranten hohnlachend, rüftig vorwärts. Wenn wir auch mit Recht behaupten können, dafs die öfterreichifche Buchbinderei vorzugsweife in Wien in den letzten drei Jahren bedeutende Fortfchritte gemacht hat, müffen wir doch pflichtgetreu bekennen, dafs wir noch fehr viele Schwierigkeiten zu bewältigen haben, ehe wir uns mit den franzöfifchen Engroffiften unferes Faches zu meffen wagen dürften! Es fei hier noch erwähnt, dafs es in England und Frankreich durchwegs Gefchäftsgebrauch ift, das Buch erft dann mit Leder zu bekleiden, wenn die beiden Decken( Pappendeckeln) bereits am Buchblock befeftigt find. Der Block wird bis zum Goldfchnitte fertig gemacht. Das Buch wird nämlich, nachdem es geheftet und der Rücken mittelft einer Mafchine, die ihm gleichzeitig den Falz gibt, abgerundet wurde, befchnitten. Die vorher je nach der Buchgröfse genau gefchnittenen Deckel werden an der einen Seite mit Löchern verfehen und an den Binden des Rückens befeftigt; dann erft bekommt der Goldfchnittmacher das Buch in die Hände und kann fich dann bei Beforgung des Schnittes genau nach den Deckeln richten. Nach Vollendung des Goldfchnittes wird das bekleifterte Leder über den Block gezogen und eingefchlagen. Nur bei folchem Vorgange ift Gleichheit zu erzielen und das fertige Buch zeigt fich fcharfkantig, regel4 48 Conrad Berg. recht gefchnitten. Bei uns verfährt man fchneller. Decke und Goldfchnitt werden ganz feparat verfertigt und der fertige Block wird dann in die Buchdeckel eingehängt. Diefes Verfahren erfchwert wefentlich das Zuftandebringen einer exacten, in allen Theilen gleichen Arbeit und felten ftimmen durch diefe Separatfabrikation Decke und Goldſchnitt dem Blicke wohlthuend zufammen. Dasfelbe gilt von dem Capital. Bei dem in Frankreich gebundenen Buche ift gewöhnlich das Capital weibliche Handarbeit; es wird am fertigen Goldfchnitte mit bunter roher Seide in zwei, drei, auch vier Farben förmlich angewebt, während das in Wien von Mafchinen gelieferte Capital an den beiden abgefchnittenen Enden mehr oder weniger ausfranft. Mag ein in Oefterreich gebundenes Buch noch fo exact und regelrecht ausgeführt fein, das Capital, anfcheinend des Buches geringfter Theil, ift die Achillesferfe der ganzen Arbeit und der Sachverſtändige erhebt gegen die beanfpruchte Tadellofigkeit der Arbeit gerechten Proteft. Unter den öfterreichifchen Ausftellern ift Franz Rollinger's Gefchäftsbücher- Fabrik in Wien vorzugsweife rühmlichft zu erwähnen. Obwohl diefe Firma faft hauptfächlich mit der Fabrikation von Gefchäftsbüchern fich befafst, liefert fie auch Prachteinbände jeder Art, gleich gefchmackvoll als gediegen gearbeitet Rollinger's Ausftellung liefert den ehrenvollen Beweis, dafs die Buchbinder arbeit in Wien nicht gegen die Leiftungen der Ausfteller anderer Weltftädte zurückgefetzt zu werden verdient und dafs man auch hier fehr wohl den Anforderungen der Zeit und der veredelten Bildung des Gefchmackes Rechnung zu tragen verfteht. Rollinger's Gefchäftsbücher find fo zu fagen weltbekannt; ihre gefchmackvolle Einfachheit und zweckentfprechende Solidität empfiehlt fie den meift praktiſch denkenden Kaufleuten und wohl fchwerlich dürfte ein in Ehren ergrauter Buchhalter, oder ein im Handelsfache prakticirender Jüngling wo immer dem Gotte Mercur im Olymp und feinem Chef auf Erden treu dienen, der nicht fchon in ein von Rollinger gebundenes Buch mehr oder minder namhafte Summen oder Correfpondenzcopien einfchrieb. Rollinger verwendet bei feiner Gefchäftsbücher- Fabrikation ftets das befte Material und die Arbeit ift bis in das feinfte Detail eine höchft folide. Ein Gefchäftsbuch ift durchaus nicht beftimmt, durch höchfte Eleganz zu imponiren; fchlichte Nettigkeit und Dauerhaftigkeit, handliche Form und leicht zu bewerkstelligende Flachlegung der Blattfeiten find die Hauptbedingungen, die der Gefchäftsmann diefsfalls zu ftellen berechtigt ift, und Rollinger weifs diefe Grundbedingungen vollkommen zu erfüllen. Er verleiht feinen Bänden durch leicht gehaltene, theils glatte, theils erhabene und emaillirte Bronceverzierungen, Ecken u. f. w. eine gefällige äufsere Hülle, Papier und Raftrirung find vorzüglich, letztere ift mit nahezu unübertrefflicher Genauigkeit ausgeführt. Die Bücher laffen fich leicht flach auffchlagen, ein für den Buchführer hochfchätzenswerther Vorzug. Auch die anderen Einbände Rollinger's find fo folid als elegant gearbeitet; meift in englifcher und franzöfifcher Manier gehalten, ftehen die Arbeiten Rollinger's den gedachten Mufterbildern würdig zur Seite und find nach diefen unftreitig die beften. Rollinger wurde höchft verdienter Weife mit dem erften Preis, der Fortfchrittsmedaille, aus gezeichnet. Leopold Groner in Wien liefert hauptfächlich Prachtbände und Diplom decken, alfo eigentlich mehr Kunftleiftungen als Buchbinderarbeit. Seine Ausftellung zeigte uns leider kein einziges Buch; fie beftand in Diplomenveloppen fammt dazu gehörigen Caffetten mit reichen Bronce- und Emailbefchlägen. Sehr anerkennenswerth find die Zeichnungen und Befchläge. Erftere entwirft Groner's Bruder, ein tüchtiger Architekt, und letztere liefert der Bronce- Arbeiter Rofchmann. Beider Leiftungen find wahre Meifterwerke. Wie die Zeichnungen, edel gedacht, finnig und ftilvoll entworfen, verdienten auch die Bronce und Email Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 49 arbeiten, ihrer Reinheit und trefflichen Ausführung wegen, die Fortfchrittsmedaille, was von der Jury auch anerkannt wurde. Die Lederdecken find, wie das bei Groner, einem Meifter feines Faches, fich von felbft verfteht, eben fo elegant als rein und exact gearbeitet. Die blindgezogenen Linien und Arabesken, wie die gefchickt angebrachten tadellos ausgeführten Handvergoldungen erhöhen in würdiger Weife den Effect der vortrefflichen Arbeit. Groner hat fich, und zwar mit vollem Rechte, im Fache der edleren Buchbinderei einen bedeutenden Ruf errungen. Groner erhielt ebenfalls die Fortfchrittsmedaille. Conrad Berg's Arbeiten verdienen die gleiche Aufmerksamkeit, umfomehr als gerade er im Buchbinderei- Fache in Wien namhafte Fortfchritte gemacht hat. Berg befitzt einen eigenen Verlag von Gebetbüchern in vielen Sprachen und bindet diefelben in den verfchiedenartigften Weifen vom fchlichteften und billigften Einbande bis zum koftbarften, theuerften Prachtbande. Er verwendet zu feinen Buchbekleidungen: Chagrin, Kalbleder, Maroquin de Levante, Seide, Sammt, Schildkrot, Elfenbein, Perlmutter, Bronce, Silber, Gold etc. Seine Einbände, ftets nach den neueften und beften Muftern entworfen, find in jeder Hinficht gediegen gearbeitet, feine Goldfchnitte wohl die beften nach den franzöfifchen. Er liefert cifilirte und gemalte Schnitte, ebenfo gefchmackvoll als minutiös ausgeführt, und manche feiner Prachtbände find Meifterwerke ihrer Art. Seine Ausftellung war wohl die einzige, die dem Befucher einen vollen Ueberblick hinfichtlich der Detailarbeiten der Buchbinderei gewährte. Man fah einen Buchblock geheftet und befchnitten, dann einen folchen mit Goldfchnitt verfehen, daneben derlei Blöcke mit den verfchiedenen Arten des Goldfchnittes, vom einfach glatten bis zu dem mit den reichften Ornamenten verfehenen, ausgefchabte und gemalte Schnitte. So zeigte fich dem Befchauer das Buch zuerft in naivftem Negligée und liefs ihn Schritt für Schritt, fich zeitgemäfs luxuriös bekleidend, die Myſterien der Buchbinder Kunft belaufchen. Vorzüglich fchön find die Gebetbücher nach antikem Gefchmacke, theils in Chagrin mit blind geprefsten Ornamenten, theils in glatten Juchten; roth, gelb und fchwarz mit Moſaikarbeit und Hand- und Prefsvergoldung. Die Gruppe X brachte im Gebiete der Ledergalanterie- Arbeiten viele Artikel mit Ledermofaiken. In diefem Fache macht fich ein erheblicher Unterfchied zwifchen der franzöfifchen und fpeciell Wiener Mofaikarbeit bemerkbar. Der Franzofe fchabt das Leder fo dünn wie Seidenpapier, fchneidet felbes nach vorliegender Zeichnung aus und klebt die fo gewonnenen Arabesken, Figuren etc. dem ebenfalls mit Leder bekleideten Buche auf und vergoldet fchliefslich die Conturen. Der Wiener Ledermofaik- Arbeiter verfährt anders; er legt das Leder nicht auf wie der Franzofe, fondern er legt es ein. Er fchneidet nämlich die Zeichnung auf dem Leder, womit das Buch bekleidet wird, mit Hilfe zarter, meifelartiger Inftrumente aus, verfährt ebenfo mit dem zur Mofaik beftimmten aus einer oder mehreren Farben beftehenden Leder und füllt fo die zuerft ausgefchnittene Zeichnung mit den diverfen verfchiedenartigen Ledertheilen aus. Es gibt nur fehr wenige Arbeiter, die es im Fache der LedermofaikFabrikation zur Vollkommenheit gebracht haben. Berg's Expofition hat in diefer Richtung Vorzügliches geleiftet. Ein von ihm exponirtes Gebetbuch in Grofs octav und eine Diplomdecke in Quartformat konnten diefsfalls als glänzendfter Beweis dienen. Erfteres war in braunes Chagrinleder gebunden, en relief gear beitet, die etwas tiefer liegenden Borduren und Mittelftück desfelben in gelben und fchwarzen Juchten eingelegt; die Diplomdecke in tiefbraunem Maroquin de Levante, gleichfalls en relief behandelt, hatte die tiefer liegenden Felder und ein Monogramm, als Mittelftück, mit braun in braun in Kalbleder eingelegter Mofaikarbeit. Beide Ausftellungsobjecte find nach fuperben Zeichnungen entworfen und ** 50 Conrad Berg. die Arbeit derfelben kann mit Fug und Recht als eine der gelungenften und beften diefer Art bezeichnet werden.* Die Kunft und Gewerbemufeen von Wien, Berlin, Moskau, Nürnberg, Brünn und Reichenberg waren die Käufer der Artikel Berg's und einige der gedachten Mufeen machten Nachbeftellungen. Adolf Lachnik in Olmütz hat gefchmackvoll ausgeftattete und gut gearbeitete Diplomdecken geliefert. Selbe find im franzöfifchen Genre in Chagrin gearbeitet, mit bunter Ledermofaik und Handvergoldung. Obwohl jeder Sachverständige auf den erften Blick und ohne ein Buch in die Hand genommen zu haben, erkennen mufste, dafs die Arbeit eine gediegene und von Meifterhand ausgeführte fei, hat man Lachnik doch die geringfte Aus zeichnung gegeben. Es ift eine fchreiende Ungerechtigkeit, die höchft verdienftvolle Arbeit eines tüchtigen Induftriellen mit dem geringften Preife auszuzeichnen, umfomehr als manche Ausfteller unferer Branche Verdienftmedaillen erhielten, deren Arbeiten mit denen Lachnik's nicht im Entfernteften fich meffen konnten. Franz Kritz in Wien hat Bücher exponirt, die befonders ehrenvoll befprochen zu werden verdienen, da fämmtliche zahlreich von ihm gelieferte Bücher vom Falzen bis Falzen bis zur letzten Handanlage er allein fix und fertig gemacht. Seine Bände bewähren eine befonders im Vergolden gefchickte und geübte Hand. Er exponirte gefchmackvoll gebundene Werke von Claffikern, worunter die Rückenvergoldung eines in gelbes Kalbleder gebundenen Werkes mit grofsem Fleifs und ftaunenswerther Reinheit ausgeführt ift. Einen von Kritz gelieferten Prachtband hat das k. k. Mufeum in Wien angekauft, jedenfalls der fchlagendfte Beweis von der Leiftungsfähigkeit des Meifters. Diefer Band, wie noch zwei andere in Grofsoctav find mit bunter Ledermofaik, fehr correcten Linien und Bogenvergoldungen aus freier Hand von wunderschöner Ausführung. Kritz hätte wohl die Fortfchrittsmedaille verdient. A. Löwy& Comp. in Wien lieferte Gefchäftsbücher, Schulrequifiten und Cartonnage- Arbeiten, fämmtlich im Wiener Strafhaufe gefertigt. Die Verdienfte Löwy's dürfen nicht unbeachtet bleiben. Seine Gefchäftsthätigkeit dient nämlich gleichzeitig der Humanität. Im Jahre 1867 etablirte er im Gefangenhaufe eine kleine Buchbinder Werkstätte mit drei Mafchinen und befchäftigte dazumals fünf Sträflinge. Jetzt hat er dafelbft bereits 20 Mafchinen im Gange und über 50 Sträflinge betheiligen fich am Gefchäftsbetriebe. Zahlreiche, fehr ehrenvolle Dankfchreiben der Strafhaus- Verwaltung beweifen mehr als genügend, mit welch' raftlofer Thätigkeit und Umficht Löwy fein Ziel verfolgt und die Ausstellungsobjecte, durchwegs folid und nett gearbeitet, verdienen volle Anerkennung. Er ftellte fich die Aufgabe, die Sträflinge nach ihren Leiftungsfähigkeiten zu befchäftigen und da ihm nicht felten ganz tüchtige Arbeiter zu Gebote ftehen, ift feine Fabrikation eine mannigfaltige und fo liefert er, da er in neuefter Zeit auch eine Raftriranftalt eingerichtet hat, Gefchäftsbücher, Schreibtheken für Schulen, Couverte, Papierfäcke für Specereihandlungen, Partezettel und Cartonnage- Arbeiten. Seine Gefchäftsbücher, handlich conftruirt und leicht aufzufchlagen, find gut raftrirt und deren Materiale und Structur find empfehlenswerth. So fichert Löwy dem fleissigen und halbwegs gefchickten Sträfling nicht nur einen fchätzenswerthen Erwerb, der demfelben, wenn er das Strafhaus verläfst, zu Gute kommt, fondern er macht aus ihm mit der Zeit einen tüchtigen Arbeiter, der, frei geworden, im Stande ift, fein Brod auf redliche Weife zu verdienen und ein geachteter Handwerksmann zu werden. * Da der Herr Berichterstatter über feine Ausftellung nicht referiren wollte, hat die Redaction obiges Urtheil über Berg's Buchbinder- Arbeit von anderer fachmännischer Seite eingeholt. Die Redaction. Buchbinderei, Cartonnagen und Maſchinen für Buchbinder. 51 Schon defshalb verdient Löwy die ehrenvollfte Anerkennung jedes treu meinenden Staatsbürgers und es ift im Intereffe der Menfchheit zu wünſchen, dafs das im Strafhaufe gegründete Atelier blühen und gedeihen und in jeder Hinficht wohlthätige Früchte für die Zukunft reifen möge. J. Steinbrenner in Winterberg( Böhmen) hat nur Gebetbücher ausgeftellt.- Diefelben in Schafleder, Chagrin, Sammt oder Atlas gebunden und einige mit Elfenbein- Decken gefchmückt, find fehr folid und gefchmackvoll gearbeitet. Steinbrenner, der aufser der Buchbinderei auch eine Buchdruckerei und Broncewaaren- Fabrik betreibt, befchäftigt in diefen diverfen Anſtalten 130-150 Arbeitsleute. Er befitzt aufserdem einen eigenen Verlag von Gebetbüchern, die er felbft druckt und bindet und auch die dazu nöthigen Metallbefchläge erzeugt. Die für drei Gefchäftszweige billig gewonnenen Arbeitskräfte und der riefige Umfatz der maffenhaft producirten Waare ermöglichen Steinbrenner fabelhaft billige Preife zu ftellen und defshalb hat er unftreitig das gröfste derartige Etabliffement in den öfterreichifchen Provinzen. Seine Bücher find, wie erwähnt, durchwegs folid gebunden und wenn man die Maffenfabrikation in Anbetracht zieht, find auch feine Goldſchnitte überraschend fchön. Steinbrenner liefert wohl keine Prachtbände, doch fein Hauptziel ift Billigkeit und in diefer Hinficht vermag keine Firma mit ihm zu rivalifiren. Von den übrigen Ausftellern ift noch Friedrich Grottendick zu nennen, der zwar meift einfache, aber nach den ftrengften Regeln der Kunft gebundene Bücher exponirte. Dafs die Fabrikation von Photographie- Albums in Wien im höchften Flor fteht, hat man dem in diefem Gefchäftsartikel Aufserordentliches leiftenden Meifter Eduard Becher zu verdanken. Diefer fo ftrebfame und gefchickte Meifter unferes Faches gründete im Jahre 1857, beinahe mittellos, eine kleine Buchbinderei und verlegte fich dabei faft ausfchliefsend auf die Fabrikation von PhotographieAlbums. In jeder Beziehung fachgewandt, gelang es ihm, fein Gefchäft in verhält nifsmässig kürzefter Frift derart in Schwung zu bringen, dafs gegenwärtig feine Fabrikate als die beften, folideften und gleichzeitig billigften diefer Art nach allen Richtungen der Welt verfendet und überall als vorzüglich anerkannt werden. Es iſt eine längft allgemein bekannte Thatfache, dafs Becher's PhotographienAlbums faft in jedem Schaufenfter der zahlreichen Galanteriewaaren- Handlungen Wiens zu finden find. Selbft die Lederwaaren- Fabriken beziehen gröfstentheils ihren diefsfälligen Bedarf von Becher, weil fie nicht im Stande wären, derlei folid und gefchmackvoll gebundene Bücher zu dem verhältnifsmäfsig fo billigen Preife herzuftellen. Er verwendet bei feinen Arbeiten bis in die kleinften Details das allerbefte Material. Sein Atelier befchäftigt durchschnittlich 40 Perfonen, ift fehr praktiſch eingerichtet, die Maſchinen aller Gröfsen und zu den verfchiedenartigften Verrichtungen, welche die Albumfabrikation erheifcht, höchft zweckmäfsig conftruirt, werden von fleifsigen und gefchickten Händen bedient und durch auserlefene, menfchliche Arbeitskräfte wirkfam unterſtützt und fo vermag Becher den zahllofen Beftellungen zu genügen, womit In- und Ausland ihn raftlos beehren. Aufser den internen 40 Arbeitern befchäftigt er aber auch noch deren viele aufser Haufe. Lithographen, Maler, Bronce- und Emailarbeiter, Vergolder, Graveure, Bildhauer etc. liefern nach Becher's Angabe ihm ihre Arbeiten und mit Hilfe diefer von Kunftfleifs befeelten Schaaren ift er nach jeder Richtung hin concurrenzfähig. Er liefert, beiſpielsweife erwähnt, ein Album für 50 Photographien, in feinftes Juchtenleder gebunden, mit eleganten maffiven und doch zart gearbeiteten Broncedecken, Schlofs und Mittelftück, fehr fchönem echten Goldfchnitte für den billigen Preis von 3 fl. 50 kr. Becher's Albums haben die fehr fchätzenswerthe Eigenfchaft, dafs, wenn fie mit Photographien gefüllt find, gleichviel ob mit 50 oder 200 und noch mehr, fie doch ihre Form unverändert bewahren und felbft am Goldfchnitte 52 Conrad Berg. die Ueberfüllung kaum bemerkbar erfcheint, während bei fo vielen Albums anderer Firmen fich der Block hebt und die Decke wölbt, was, abgefehen von dem fchlechten Ausfehen, auch geringe Dauerhaftigkeit bewirkt. Becher's Expofition zeigte uns nicht nur einfache und en gros Bücher, fondern auch eine Serie von Prachtbänden, theils mit Bronce und Email, theils mit getriebenen Silberauflagen, feinfter Cifelirung und vergoldeten gravirten Befchlägen, fämmtlich nach reizenden Zeichnungen vorzüglich ausgeführt und fomit bewährte fich Becher in den feinften Arbeiten feines Faches als ebenfo tüchtig, wie in den Leiftungen für das En- gros- Gefchäft. Ungarn, bekanntlich überreich an Producten der Agricultur und an Rohftoffen, ift im Fache der Induftrie verhältnifsmäfsig arm; demungeachtet blühen auch dort einige Firmen unferes Gefchäftszweiges, die mit edlem Stolze mit jenen der induftriellften Länder wetteifern dürfen. Befonders verdient die in der ganzen öfterreichifchen Monarchie ehrenvoll bekannte Firma Carl Louis Posner in Peft im reichften Mafse volle Aufmerk. famkeit und rühmlichfte Anerkennung. Schon zur Zeit der Parifer Weltausftellung im Jahre 1867 fpendeten die Berichterstatter den Ausftellungsobjecten Posner's unbedingtes Lob und Posner hat auch auf dem Wiener Preis- Turnierplatze bewiefen, dafs er diefes aufsergewöhnliche Lob redlich verdiente und durch fortgefetztes ehrenvolles Streben noch zu fteigern verftand. Er exponirte diefsmal in zwei Abtheilungen, nämlich Objecte feiner Hauptfabrikation, Gefchäfts- und Handelsbücher, und Erzeugniffe der Kunft- Buchbinderei. Posner verdankt lediglich feiner unausgefetzten, raftlofen und energifchen Thätigkeit, feiner Gefchäftskenntnifs und Umficht den Sieg über die irrigen Vorurtheile feiner Landsleute, dafs mit Wien, wo Alles beffer und billiger geliefert werde, nicht zu concurriren fei und Ungarn hat volle Urfache, auf einen Induſtriellen, wie Posner, ftolz zu fein. Er hat nicht nur das erfte und bedeutendste Buchbinder- Etabliffement in Ungarn, er fcheute auch nicht Opfer und Mühe, den Anforderungen der Neuzeit, betreffend: Lithographie, Druckerei und Raftrirarbeiten zu entsprechen und ift auch auf diefem Felde der Erfte. Sein Etabliffement befchäftigt immer 125-150 Arbeiter, feine Mafchinen find die beften, nach den neueften und zweckmäfsigften Syftemen conftruirt und daher find auch feine Arbeiten, die er mit Gefchmack und Sachverständnifs zu liefern verfteht, ohne Ausnahme gediegen und preiswürdig. Posner's Gefchäftsbücher enthalten alle Vorzüge, die man von derlei Fabrikaten verlangen kann. Bis in die kleinften Details vom beften Materiale gefertigt, entſprechen fie den rigoröfeften Anforderungen der Kaufmanns- Welt, das Papier ift von feltener Güte, die Raftrirarbeit, deren Posner auch einige Mufterbögen exponirte, find tadellos correct, die feinften Linien, in vier bis fechs Farben dicht nebeneinander laufend von unübertrefflicher Reinheit. Die Bücher felbft find mufterhaft gebunden, laffen fich fo leicht als graziös flachlegen und deren äufsere Ausstattung ift fo folid als entſprechend. Befonders bemerkenswerth find die in Juchten- oder Schweinsleder gebundenen Hauptbücher mit blinden Preffungen am Deckel und Rücken, deren folide Einfachheit dem Sachverständigen zumeift freundlich ins Auge fällt. Die ausgeftellten Photographie- Albums, Diplomdecken etc. können den beften diefsfälligen Arbeiten des In- und Auslandes ebenbürtig zur Seite geftellt werden, fowohl in Hinficht auf Solidität der Leiftung, als auf gefchmackvolle Ausstattung derfelben. Um fo ehrenvoller für Posner ift der Umftand, da er die betreffenden Zeichnungen felbft entwirft, und das kleinfte Object feiner Fabrikation nur nach feiner Angabe geliefert wird. Wohl gehören die von Posner ausgeftellten Lithographien und DruckereiArbeiten nicht in das Bereich unferer Gruppe, doch fei es mir vergönnt, der Buchbinderei, Cartonnagen und Maſchinen für Buchbinder. 53 Wahrheit gemäfs anzuführen, dafs auch in diefem Fache Posner das Gediegenfte leiftet und allen gerechten Anforderungen glänzend entſpricht. Sein Atelier hat in jeder Branche ganz vortrefflich gefchulte Arbeiter, darunter folche die fchon 20 und mehr Jahre bei ihm befchäftigt find. Posner errang, wie bei allen bisherigen Ausftellungen, fo auch bei der Wiener Weltausftellung erfte Preife und zwar zwei Fortfchrittsmedaillen, was diefer fo verdienftvolle als ftrebfame und intelligente Gefchäftsmann wohl verdient. Sigmund Beer in Peft exponirte ebenfalls Gefchäftsbücher und verdient auch alles Lob. Sie find folid und dauerhaft gebunden, fehr gut raftrirt und auch die Decken, meift en relief mit Ledermofaik und Handvergoldung, empfehlen fich als tüchtige und preiswürdige Arbeiten. Jofef Geller in Peft hat fowohl einfache Bücher, als Prachtbände aus geftellt, welche nicht nur die Kunden zu befriedigen vermögen, fondern auch des Fachkenners vollen Beifall verdienen. Seine einfachen Bücher, fogenannte Halbleder- Bände find tadellos zweckmäfsig gearbeitet. Zwei Miffale in rothem Chagrinleder, das eine mit Prefs-, das andere mit Handvergoldung, find wohl nicht als Kunftproducte zu bezeichnen, doch folid und fchön gearbeitet geben fie Zeugnifs von dem Walten einer Meifterhand. Befonders hervorzuheben ist eine Decke„ ,, für eine Conceffionsurkunde beftimmt"; fie ift in Schweinsleder gearbeitet, hat blinde Verzierungen und ein fehr nett entworfenes Mittelftück in Bronce und Email. Bewundernswerth ift die fehr correct ausgeführte Blindverzierung, weil felbe keineswegs mit Mafchine geprefst, fondern mittelft eines kleinen Handftempels erzeugt wurde; eine fehr mühevolle Arbeit, die auch nur eine Meifterhand leiften kann. وو Geller ift ein ausgezeichneter Arbeiter, der in feinem Fache Vorzügliches leiftet, Routine und Gefchmack mit tüchtiger Gefchäftskenntnifs vereint, hat er fich in Ungarn einen Namen guten Klanges erworben. Deutfchland war, feiner Leiftungsfähigkeit entfprechend, gut vertreten, es erfreut fich ja auch hinsichtlich billig gelieferter Einbände eines vortheilhaften Rufes. Die dort ausgeftatteten Bücher meift in Leinwand gebunden, mit en relief Preffung und Prefsvergoldungen, oder einfach glatten Decken mit Goldverzierungen und marmorirten Schnitten find auf den Büchermärkten der ganzen civilifirten Welt heimifch. Leipzig allein befitzt zahlreiche Buchbindereien, einige derfelben fogar mit Dampfbetrieb, die faft ausfchliefslich nur billige Einbände liefern. Deutfchland erfchien auf der Wiener Weltausftellung durch 16 Exponenten ver treten, deren bedeutendfte wir eingehender befprechen wollen. J. C. König& Ebhard in Hannover, eine für die Fabrikation von Gefchäftsbüchern fehr bedeutende Firma, leiften ebenfo Gediegenes als Preiswürdiges. Ihre Bücher finden weithin in Holland, Portugal, Griechenland, ja fogar in Südamerika dankbare Käufer. Das zur Arbeit verwendete, ausgezeichnete Material begründete den ehrenvollen Ruf diefer Firma, die verdienter Weife mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. J. F. Knipp in Offenbach brachte die Fabrikation von PhotographieAlbums in Deutfchland zur hohen Blüthe. Die von ihm ausgeftellten Bücher find mit Rücksicht auf gediegene Arbeit und guten Gefchmack den bereits rühmlich erwähnten Leiftungen E. Becher's, unferes Wiener Gefchäftscollegen, würdig zur Seite zu ftellen. Knipp befleifst fich, nur die gefchmackvollften, ftilgerechteften Zierrathen für feine Arbeiten zu wählen. Seine en gros Preife find mäfsig. Seine Prachteinbände find durchgehends nach Entwürfen renommirter deutfcher Architekten ausgeführt und die Structur des gebundenen Buches, wie deffen äussere Ausftattung, in verfchiedenen feinen Metallen ausgeführt, ftehen im harmonifchen Einklange und entſprechen den ftrengften Anforderungen der Fachkenner. Er exponirte auch ziemlich gelungene Ledergalanterie- Arbeit, deren Erwähnung der 54 Conrad Berg. Gruppe X zufällt. Knipp wurde ebenfalls gerechter Weife mit der Fortfchrittsmedaille prämiirt. G. Kanzler in Paffau gebührt fchon wegen der überrafchenden Billigkeit feiner Arbeiten löblichfte Erwähnung. Er brachte über 500 Gebetbücher zur Ausftellung, theils in Leinwand und Leder, theils in Sammt und Seide gebunden, darunter einige in koftbareren Decken von Elfenbein und Perlmutter. Diefe letzt erwähnten Bände find der minder gelungene Theil feiner Ausftellungsobjecte, denn mit der fo reichen Ausftattung von Elfenbein etc. kann die eigentliche Buchbinder- Arbeit Kanzler's nicht entſprechend gleichen Schritt halten, weil ihm die nöthigen Arbeitskräfte fehlen. Die Fabrikation feiner einfacher ausgeftatteten Gebetbücher aber verdient alles Lob. Italien hat einige fehr gelungene Buchbinder- Arbeiten geliefert. So hat Tartagli Gaetano in Florenz ein Album ausgeftellt, welches, in Ledermofaik und Handvergoldung im antiken Stile gehalten, vortrefflich ausgeführt ift. Vezofi M. in Turin leiftete nicht minder Gelungenes. Das von ihm ausgeftellte Album, in Leder en relief gebunden, mit einem zierlichen Monogramm,„ Handvergoldung", ebenfalls im antiken Stile gehalten, mit weifs moirirten Seidenvorfätzen, welche mit fehr feinen Goldlinien gefchmückt find, ift eine ebenfo gefchmackvoll als gediegen gelieferte Arbeit. Auch eine von felbem Meifter exponirte Diplomdecke in Ledermofaik mit Vergoldung wäre rühmlich zu bezeichnen, wenn die Zufammenftellung der Farben eine günftigere wäre. Die Schweiz vertrat die Firma Benziger Gebrüder in Einsiedeln, welche nebft einer grofsartigen Buchbinderei auch eine ebenfo bedeutende Buchdruckerei und lithographifche Anftalt befitzt. Benziger hat feinen eigenen Verlag von nahezu 300 Gebetbüchern in vielen Sprachen und in den verfchiedenartigften Einbänden ausgeftellt. Seine Bücher, meift in Papier, Leinwand, Spalt und Chagrinleder gebunden, mit geprefsten Haut- relief- Verzierungen und Vergoldungen, werden zu fabelhaft billigen Preifen geliefert. Da es dort üblich, viele Kinder zur Arbeit zu verwenden, was bei Entlohnung der Arbeitskräfte die Regiekoften bedeutend vermindert und der Gefchäftsumfatz ein riefiger ift, läfst fich die Billigkeit der Bände leicht erklären. Die Firma hat grofsartige Filialen in New- York und Cincinnati. Prachtbände liefert Benziger ebenfowenig, als überhaupt feinere Arbeit; die ausgeftellten Bücher aber find trotz der billigen Preife fehr gut gebunden und empfehlen fich durch fchlichte Solidität. Rufsland hat feit der jüngften Parifer Ausftellung fehr erhebliche Fortfchritte gemacht und feine Exponenten beweifen, dafs fie den Anforderungen der Neuzeit vollkommen zu entfprechen im Stande find. Befonders von Gefchäftsbüchern lagen gediegene Leiftungen vor, namentlich jene von Freiberg Adolf in Riga imponirten durch fchlichte Eleganz, Dauerhaftigkeit, vorzügliche Raftrirung und leichtes Flachlegen. Man fieht, dafs Rufsland berufen fcheint, in kürzester Zeit im ehrenvollften Bunde mit den geiftig meift fortgefchrittenen Culturftaaten zu ftehen, denn in dem Mafse als der Büchermarkt eines Landes fich hebt, veredelt fich auch deffen Volk. Spanien und Portugal haben gleichfalls feit der letzten Ausstellung namhafte Fortfchritte gemacht; vorzugsweife Portugal hat im Fache der Buchbinderei überraschend gediegene Arbeiten ausgeftellt. Lisboa& Comp. in Liffabon lieferte Prachtbände, die an Eleganz und kunftfinniger Ausführung mit den beften Leiftungen der in diefem Fache renommirten Länder wetteifern. Belgien hat nur von Buchhändlern gelieferte Bücher exponirt.- Es ift bedauernswerth, dafs die belgifchen Buchbinder, die doch fo glänzende Proben Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. - 55 ihres Kunftfleifses bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung gaben, fich nicht an dem Wiener Wettkampfe der Induftriellen betheiligt hatten. Damals waren ihre Arbeiten die rühmlichften Zeugniffe eines gewaltigen Fortfchrittes und wir wiffen recht gut, dafs Belgien im Fache der Buchbinderei Gediegenes zu leiften vermag. Es liefert den Büchermärkten aller europäiſchen Grofsftädte fowohl einfache Bücher, wie Prachtbände, deren Schönheit und Solidität mit englifchen und franzöfifchen Arbeiten diefes Genres concurriren kann und man darf faft mit Gewissheit annehmen, dafs Belgien feit dem Jahre 1867 noch gröfsere Fortfchritte im Fache der Buchbinderei gemacht hat. Wir hoffen baldigft, vielleicht fchon auf der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 belgifche Fabrikate unferer Gruppe preisgekrönt zu fehen. Schweden war durch drei Exponenten ehrenvoll vertreten. F. Beck und P. Herzog in Stockholm liefern fehr gute BuchbinderArbeiten. Die lithographifche Actiengeſellſchaft in Norrköping hat folid und gefchmackvoll gebundene Contobücher ausgeftellt. - Die Türkei hat bei der Parifer Weltausftellung fchätzenswerthe Proben der in jüngfter Zeit gemachten Fortfchritte im Fache der Buchbinderei geliefert. Die Wiener Weltausftellung vermochte leider nicht diefsfalls fernere Beweife zu liefern, denn die wenigen ausgeftellten Bücher entzogen fich, als gar zu primitive Arbeiten, jeder Kritik. Von den übrigen Staaten Europas hat nur noch Dänemark einige ziemlich gut gebundene Bücher ausgeftellt. Egypten lieferte nichts Nennenswerthes. Amerika erfchien im Fache der Buchbinder Arbeit nur durch zwei Firmen vertreten. Die Ausftellung im Jahre 1867 in Paris hat wohl gezeigt, dafs unfere Gewerbsgenoffen jenfeits des Oceans Buchbinder- Arbeiten zu leiften vermögen, die mit den Erzeugniffen der beften Firmen Europas rivalifiren können. Die von Amerika zur Wiener Weltausftellung gelieferten Bücher find wohl kaum zu tadeln, doch läfst die diefsfällige Arbeit manche Feinheiten des Gefchmackes und Genauigkeit der Ausführung vermiffen, die den früheren Leiftungen amerikanifcher Buchbinder- Kunft einen fehr günftigen Erfolg verfchafften. Nur A. Sandfort in Cleveland hielt mit den von ihm ausgeftellten, folid und zweckentfprechend gebundenen Gefchäftsbüchern das Sternenbanner Grün- Erins fiegreich aufrecht. Seine Bücher find im einfach edlen Stile gehalten und von einer Dauerhaftigkeit, als gäbe es darin die Schulden aller Völker des Erdballs für die Ewigkeit zu buchen. China und Japan ftehen, obwohl die wenigen von ihnen ausgeftellten Bücher einen feit den letzten Jahren gemachten Fortfchritt nicht verkennen laffen, doch im Fache der Buchbinderei auf der möglichft niederen Stufe, was bei diefen unftreitig fehr kunftfinnigen, gewerbsfleifsigen und gebildeten Nationen beinahe überrascht. Sie wenden fich mit entfchiedener Vorliebe den Galanterie- Arbeiten zu. Japan hat wohl einige Buchdecken ausgeftellt, und zwar aus Holz mit reizender Mofaikarbeit und aus geprefster Papiermaffe, eine Art Papiermaché. So fchön und fleifsig diefe auch gefertigt find, zählen fie doch nicht zu den Gewerbsleiftungen unferer Gruppe und find mehr als Galanterie- Arbeit zu befprechen. 5 56 Conrad Berg. Buchbinderei- Mafchinen. Bei faft allen Induftriezweigen ift heutzutage die Verwendung von Mafchinen nahezu pflichtgeboten. Die raftlos fich mehrende Concurrenz erheifcht möglichft fabriksmäfsigen Betrieb, und forgfältige Haushaltung mit Zeit und Arbeitskraft, was nur durch zweckmäfsige Verwendung von gut conftruirten Mafchinen erzielt werden kann. Wir wollen den für Buchbinder- Zwecke beftimmten und ausgeftellt gewefenen Mafchinen einige Worte widmen Sehr bedauerlich ift der Umftand, dafs England in diefer Richtung nicht vertreten war und Frankreich nur ein einziges Object und zwar eine Befchneidmafchine ausgeftellt hatte. Dagegen waren Oefterreich( Wien) und Deutfchland um fo glänzender vertreten. Schneidmafchinen werden bekanntlich nach vielfachen mehr oder minder präcifen Conftructionen erzeugt. Die befte derartige Mafchine hat Poirier, eine renommirte Firma von Paris, ausgeftellt, die alle bisher dagewefenen fowohl an Eleganz der Conftruction wie an Präcifion ihrer Leiftung hinfichtlich der Gleichheit des Schnittes und Schnelligkeit der Arbeit übertrifft. In den meiften deutfchen und öfterreichifchen Buchbindereien fehr beliebt find die Mafchinen von Carl Kraufe in Leipzig. Er conftruirt in vorzüglichfter Güte: Vergolderpreffen, Befchneidmafchinen, Rückenmafchinen, Walzwerke etc. Die von ihm exponirte Befchneidmafchine neuefter Conftruction ift ganz von Eifen mit genau fenkrechter Mefferführung, excentrifcher Bewegung, mit Zugfchnitt und ftellbarem Tifche verfehen. Als überzeugendfter Beweis für die Trefflichkeit der Leiftung diefer Mafchinė dürfte die Conftatirung der Thatfache genügen, dafs einige taufend Exemplare derfelben in acht verfchiedenen Gröfsen in Deutfchland, Oefterreich, in der Schweiz und in Rufsland von den Buchbindern und Papierfabrikanten dankbar benützt werden. Dank diefem bedeutenden Abfatze vermag Kraufe die billigften Preife zu ftellen, und es koftet z. B. die kleinfte diefer Mafchinen mit einer Schnittlänge von 495 Millimeter in der Breite und 130 Millimeter Höhe nur 135 Thaler preufsifch Courant. Kraufe exponirte ferners eine Vergolderpreffe, gleichfalls ganz von Eifen mit prismatifch ftellbarer Tiegelführung, eine ausgezeichnet conftruirte Mafchine, die bereits von faft allen gröfseren Buchbindereien mit Vorliebe verwendet wird. Er liefert diefelbe in 9 verfchiedenen Gröfsen; deren kleinfte bietet eine Druckfläche von 189 bis 235 Millimeter und koftet nur 130 Thaler. Seine Mafchinen find nicht nur in ihrer Totalität vortrefflich conftruirt, fondern auch im Gufs und in der Arbeit der einzelnen Theile gediegen. Kraufe hat als einer der tüchtigften Mechaniker in diefem Fache bereits einen Weltruf erlangt, fämmtliche von ihm ausgeftellten Mafchinen wurden angekauft. Er liefert alle feine Mafchinen in gleicher Güte, fo zum Hand- als zum Dampfbetriebe conftruirt. Gebrüder Heim in Offenbach haben ebenfalls fehr gut conftruirte Mafchinen für Buchbinderei gebracht und verdienen dankbares Lob. Jeanrenaud, frühere Firma Henke in Wien, exponirte fehr folid und doch zart gebaute Mafchinen für Buchbinderzwecke; befonders erwähnenswerth find feine Balancirpreffen, für die fchon fein Vorgänger bedeutenden Abfatz fand. Aufser den angeführten Mafchinen werden noch manche andere in Buchbinder- Werkstätten verwendet und befanden fich auch unter den diefsfälligen Ausstellungsobjecten; doch werden folche nur zu fehr einfachen Verrichtungen gebraucht und verdienen daher keine nähere Befprechung. Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 57 Cartonnagen. Diefes Gewerbsartikels hat feiner Niedlichkeit und netten, reinlichen Fabrikationsweife wegen theilweife der Dilettantismus fich bemächtigt und nicht felten befaffen fich zarte Damen und galante Herren in ihren Mufseftunden mit der amüfanten Herftellung zierlicher Bonbonnièren und Nippesgegenstände, fich felbft zum Vergnügen und für Freunde und Bekannte zur froh begrüfsten Spende. Doch auch dem Gewerbfleifse liefert diefer zartefte Zweig vom Stamme der Buchbinderei eine reiche Einnahmsquelle, befonders in der jetzigen Zeit, wo mit dem allfeitigen Raffinement auch dem Luxus ein weites Feld offen fteht. Wohl keine Arbeit erheifcht mehr Gefchmack und Eleganz, als eben die Cartonnage- Arbeit und fo behaupten auch in diefer die Franzofen den erften Rang. In Paris befchäftigt diefer Gewerbezweig über 2500 Arbeiter, welche bei 400 Fabrikanten in permanenter Verwendung ftehen und der Totalertrag der diefsfälligen Erzeugniffe läfst fich mit mehr als 10 Millionen Francs jährlich beziffern. Der Franzofe verfteht die Kunft, den geringften Artikel durch Verleihung einer höchft gefchmackvollen Umhüllung leicht verkäuflich zu machen. Paris verfertigt Bonbonnièren im Preife von 10 Francs bis 100 Francs per Stück in Maffen und es ift durchaus nichts Seltenes, dafs Cartons zu diefen Zwecken mit 2000 Francs bezahlt werden. Die verfchiedenen Artikel von CartonnageArbeiten, welche Paris vorzugsweife liefert, aufzuzählen, wäre faft unmöglich, wir begnügen uns, die befonders brauchbaren und daher gefuchten zu erwähnen. Paris liefert die fogenannten Cartons de Bureaux und Cartons de Magafins; erftere, zur Aufbewahrung und Eintheilung von Acten, Correfpondenzen und dergl. dienend, find dem Bureau- und Kanzleibeamten unentbehrlich. Diefe Cartons werden meift mit grünem Papier bekleidet und haben Abfalldeckel, wohl auch mehrere Fächer. Letztere werden in den Verkaufsläden zur Aufbewahrung von Weifswaaren, Cravaten, Tüchern u. f. w. verwendet, find äufserft praktiſch und fehr nett gearbeitet. Es ift unbegreiflich, dafs derlei Cartons in Oefterreich bisher keine Nachahmung fanden; die hier üblichen ftehen in Bezug auf ihre äufsere Erfcheinung unendlich nach. Eine andere Sorte von Cartons zur Verpackung von Kunftblumen, Seide, Sammt und dergl. findet in Paris ebenfalls grofsen Abfatz. Zu den nützlichften und daher meift begehrten Artikeln diefer Art zählen die Cartonnagen für Apotheken, Oblatenfabrikanten etc. etc. In zahllofen Formen und höchft gefchmackvoller Ausführung finden wir die Hüllen für Chocolade, Bonbons, Parfumerien und Schmuck waaren. Zu bedauern ift, dafs wir nicht Gelegenheit hatten, die Grofsartigkeit der franzöfifchen Leiftung in diefem Gefchäftszweige in mehreren gröfseren Collectionen kennen zu lernen. Die bedeutendften franzöfifchen Firmen diefer Branche haben nicht ausgeftellt und nur Chevalier& Comp. in Paris lieferten fehr gediegene Arbeiten. Es gelang diefer Firma auch vollkommen, zu beweifen, was Frankreich in diefem Fache zu leiften vermag. Die von ihr exponirten Körbchen, Bonbonnièren etc. machten verdienterweife Senfation; befonders fchön find die Etuis in Form von rohen Baumftämmen, die der Natur getreu en miniature reizend nachgebildet find. England war in diefem Fache nicht vertreten, obwohl es in demfelben feit mehreren Jahren namhafte Fortfchritte gemacht haben foll. Umfo zahlreicher waren die Vertreter Oefterreichs. Dafs Wien aber hinfichtlich der Fabrikation von feinften Cartonnagen weit zurück ift, ift bekannt. Man fchenkt eben dem Artikel zu wenig Aufmerkſamkeit. Das zeigte fich deutlich bei der 58 Conrad Berg. Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. Ausftellung. War die Waare des einen Exponenten gefchmackvoll, dann war fie nicht gut oder doch ungleich gearbeitet, und war die des anderen hinfichtlich der Fabrikation entſprechend, hatte man wieder unglückliche Mufter gewählt. Ueberhaupt ift die fortwährende Jagd nach neuen Muſtern dem Gedeihen diefes Artikels durchaus nicht förderlich, weil man bei der Wahl derfelben nicht lange überlegt, ob felbe auch gefchmackvoll und zweckentfprechend find, fondern eben nur froh fcheint, neue Waare auf den Markt bringen zu können. So entstehen eine Unzahl von derlei Artikeln, die theils dem Zwecke nicht genügend entfprechen, theils als unförmliche Machwerke dem guten Gefchmacke Hohn fprechen und felten Käufer finden. Nennenswerth find die Ausftellungsobjecte der Firmen Potfchta& Fürftenfeld, Noa& Kallberg und F. J. Schadek, fämmtlich in Wien. Die Arbeiten derfelben find ziemlich gefchmackvoll, gut und preiswürdig ausgeführt, vorzüglich Phantafiecartonnagen, Nippesgegenstände und Papiermaché- Arbeiten. Die Firma J. M. Hefs in Mährifch- Schönberg leiftet das Bedeutendfte in Erzeugung von Büchfen und Schachteln für Apotheker, Parfumeurs etc. Gute und nette Arbeit bei fehr billigen Preifen haben ihren fehr namhaften Ruf begründet. Deutfchland war durch einige Firmen in würdiger Weife vertreten. G. Adler in Buchholz( in Sachfen) hat ein fehr bedeutendes Gefchäft in Cartonnagen und findet feinen gröfsten Abfatz in Deutfchland felbft, wie in England und Amerika, wohin er feine feineren Waaren exportirt. Die vereinigte Heffifche Papier und Papierwaaren- Fabrik befafst fich ebenfalls und zwar ziemlich energifch mit der Erzeugung von Luxuscartonnagen und liefert neuerer Zeit fehr gut und elegant gearbeitete Cartons für Comptoirs und Magazine, wie felbe in Frankreich üblich. Aus Italien hat Fagioli Gaetano aus Piacenza recht folide Cartonnagen ausgeftellt; feine Artikel entfalten reiche Phantafie und find gefchmackvoll ausgeführt. Belgien war nur durch einen, aber den bedeutendften Fabrikanten in diefem Fache vertreten: J. B. Poiffonnier in Brüffel. Seine Artikel, meift im franzöfifchen Gefchmacke entworfen, find fehr finnreich ausgeführt, finden defshalb auch lebhaften Abfatz. Die von ihm exponirten Cartons zur Emballage von Shawls, Tafchentüchern Bijouterien etc. werden in enormen Maffen weithin verfendet. Errata: Pag. 42, Zeile 22 von oben foll es heifsen fchlicht ftatt fchlecht. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. BUCHDRUCK. ( Gruppe XII, Section 1.) BERICHT VON LUDWIG LOTT, Leiter der Druckerei der ,, Preffe". WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1874. BE EKICHI BACHI BUCHDRUCK. ( Gruppe XII, Section 1.) Bericht von LUDWIG LOTT, Leiter der Druckerei der ,, Preffe". Hätte man uns die Aufgabe geftellt, nur die von Buchdruckern ausgeftellten Prefserzeugniffe in Gruppe XII und nur in diefer Gruppe unferen Betrachtungen zu unterziehen, fo würde der Bericht darüber nicht fchwer gefallen fein. Unfere Aufgabe beftand jedoch darin: über Buchdruck" zu referiren. 77 Wir mufsten daher Alles in Betracht ziehen, was zum Buchdruck gehört, gleichviel ob dasfelbe durch Buchdrucker, Buchhändler, Commiffionen oder durch Private zur Ausftellung gelangt war, und ob fich diefes in den Gruppen III( Farbe), VII( Metallinduftrie), XII( graphifche Künfte), XIII( Mafchinen), XVI( militärifches Erziehungs- und Unterrichtswefen), XXVI( Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen) in der Kunfthalle oder dem Pavillon der additionellen Ausftellung befand. Unfer Bericht foll in Kürze ein Bild geben von dem heutigen Stande der Buchdruckerkunft und den dazu gehörigen Branchen. Diefe Aufgabe war durch das Arrangement nach Ländern und nicht nach Gruppen eine fehr fchwere und zeichnete fich in diefer Beziehung die Londoner Ausftellung von 1872 gegen die Wiener Weltausftellung" fehr vortheilhaft aus. 99 Während in London Alles, was ins Buchdruckerfach einfchlägt, fo ziemlich neben einander ftand und das Vergleichen des einen Gegenftandes mit dem anderen fehr erleichterte, waren in Wien die ihrer Art nach zufammengehörenden Ausftellungsobjecte in dem ungeheuren Raume fo zerftreut, zerfplittert und zum Theile fo zwifchen ganz anderen Gegenftänden verfteckt, dafs man fie nur mit der gröfsten Mühe, nach langem Suchen auffinden konnte; ja dafs manche Gegenftände gar nicht zu finden waren, trotzdem fie in den Katalogen verzeichnet ftanden. Auch waren in London mehr Schnellpreffen und durch längere Zeitdauer im Gange als in Wien, wo auf Verlangen mehrere nur einige Minuten und ohne zu drucken in Bewegung gefetzt wurden. Dafs aber eine Mafchine und deren Leiftungsfähigkeit nur dann richtig beurtheilt werden kann, wenn man fie durch längere Zeit arbeiten fieht, ift eine bekannte Thatfache; ebenfo dafs man eine Mafchine bei leerem Gange fchneller laufen laffen kann, als wenn fie wirklich arbeitet. Ja die Erfahrung hat gelehrt, dafs mancher Maſchinenbauer die Zahl der auf feiner Schnellpreffe zu bedruckenden Bogen viel höher angibt, als der gefchicktefte Einleger einzulegen im Stande ift. I* 2 Ludwig Lott. Um unferen Bericht fo kurz wie möglich zu faffen, können wir nicht jeden Ausfteller und jeden ausgeftellten Gegenftand einer eingehenden Befprechung unterziehen. Diefes überlaffen wir den typographifchen Fachblättern, welche bereits fchon fehr detaillirte Berichte gebracht haben und theilweife noch bringen. Fachleute und Diejenigen, die es intereffirt, verweifen wir in diefer Beziehung auf die mit Objectivität und grofser Fachkenntnifs gefchriebenen Berichte des fchon im vierzigften Jahrgange in Braunfchweig erfcheinenden ,, Journal für Buchdruckerkunft", deffen Redacteur, Herr Theodor Goebel, ein Fachmann erften Ranges ift; auf die in Wien erfcheinende„ Oefterreichiſche Buchdruckerzeitung", deren Berichte durch acht hervorragende Wiener Gefchäftsleiter erftattet wurden, und auf die in Leipzig erfcheinenden„ Annalen der Typographie", deien Redacteur, Herr Carl B. Lorck, Mitglied der internationalen Jury war. Was den Bau und die Verbefferung der grofsen Schnellpreffen, der fogenannten Zeitungsdruckmaschinen, betrifft, mit denen wir uns auch etwas eingehender befchäftigen wollen, lieferte die Weltaus.tellung den Beweis eines wefentlichen Fortfchrittes und fie war reichlich damit verfehen. Ebenfo gab fie Zeugnifs von der vermehrten Anwendung der Papierftereotypie und der Vervollkommnung der Galvanoplaftik, der Zinko- und der Heliographie, während von der durch Johnson& Atkinfon 1872 in London ausgeftellten Automatiſchen Mafchine für den Gufs und das Fertigmachen von Lettern" und der von der Times- Office ausgeftellten Kaftenbein'fchen Setz- und Ablegemafchine keine Spur zu finden war. Auch die übrigen, fchon längere Zeit im Betriebe befindlichen Setzmaschinen waren nicht vertreten, obgleich deren Ankunft erwartet wurde. Den gröfsten Fortfchritt unter den Zeitungsdruckmaschinen zeigten die von der Rolle druckenden, die fogenannten„ Unendlichen." Von den bis jetzt exiftirenden fieben Arten folcher Unendlichen": ,, Walter." ,,, Victory."," Becker- Reifser-"," Marinoni."," Augsburger."," Bullock-" und„ Prefionian- Preffe" waren die fünf erfteren in Wien zu fehen, und zwar: die Victory-",„ Augsburger-" und" Marinoni- Preffe" in der Mafchirenhalle des Ausstellungsgebäudes; die" Becker- Reifser- Mafchine" im Pavillon der„ Neuen Freien Preffe" und die„, Walter- Preffe" fteht in zwei Exemplaren in der Druckerei der„ Preffe", Landftrafse, Gärtnergaffe Nr. 6 und Kollergaffe Nr. 3. Auf der„ Victory- Preffe" wurde eine Beilage zur„ Deutfchen Zeitung" und auf der„ Augsburger Unendlichen" ein Profpect der„ Mafchinenfabrik Augsburg" gedruckt, während die„ Marinoni- Preffe" nur die Papierrollen aufgehängt hatte, um bei leerem Gange zu zeigen, wie darauf gedruckt wird. Die„ Becker- ReifserMafchine" druckte die„ Internationale Ausftellungs- Zeitung", eine Beilage zur Neuen Freien Preffe". Auf den beiden, Walter- Preffen" wurden auf der einen die Morgen- und Abendausgabe der„ Preffe" und auf der anderen die verfchiedenen Ausgaben der officiellen Ausstellungskataloge gedruckt. " " Jede diefer Unendlichen" übte eine ganz befondere Anziehungskraft aus, denn überall, wo eine folche im Gange war, ftand das Publicum zufammengedrängt und bewunderte die rafche und genaue Arbeit derfelben. Der Walter- Preffe" gebührt jedoch vor allen der erfte Preis zuerkannt zu werden, denn nicht allein die Einfachheit ihres Baues und ihr fehr rafches Drucken( 144.000 Quadratfufs Papier können in einer Stunde auf beiden Seiten bedruckt werden), fondern vornehmlich der Umftand verdient hervorgehoben zu werden, dafs, fobald die ftereotypirten Cliché's auf den beiden Cylindern befeftigt find, fogleich fortgedruckt werden kann, ohne zurichten" zu müffen, und dafs vom Anfange bis zum Ende bei einer circa fechshundert Pfund wiegenden Papierrolle nicht allein nicht die geringfte Stockung eintritt, fondern auch nicht ein einziger Bogen Maculatur, ja nicht einmal ein Falz im Papier vorkommt. Die Erzeugungsländer diefer fieben ,, Unendlichen" find: Amerika( Bullock), Grofsbritannien( Walter, Victory und Preſtonian), Frankreich( Marinoni), Deutſchland( Augsburger) und Oefterreich( Becker- Reifser). Buchdruck. 3 So gut wir Deutfche den Ruhm der Erfindung der Buchdruckerkunft durch unfern Landsmann Guttenberg in Mainz uns nicht ftreitig machen laffen, fo gut die erfte Schnellpreffe, auf welcher die ,, Times" am 29. November 1814 in London zum erften Male gedruckt wurde, eine Erfindung der beiden Deutfchen König und Bauer war, fo gut gebührt der Ruhm der erften Anwendung des Druckens von der Rolle ebenfalls einem Deutfchen, einem Oefterreicher, und zwar dem für die graphifchen Künfte leider zu früh verftorbenen Director der k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Wien, dem Hofrath Alois Auer Ritter v. Welsbach. Denn fchon Ende der Fünfzigerjahre druckte man in der Staatsdruckerei von der Rolle und zwar auf einer ganzen Reihe von Schnellpreffen. Und da uns Deutfchen die Priorität fo mancher Erfindung von fremden Nationen ftreitig zu machen verfucht wird( was neuefter Zeit wieder bei Paul Pretfch der Fall ift), fo wollen wir hier Auer's Erfindung ausdrücklich als eine deutfche, eine öfterreichifche Erfindung betonen, die mittelft Patent vom 17. December 1858, Z. 25317-2852, privilegirt worden ift. Die Befucher des Pavillons der additionellen Ausftellung fanden dort ein von der k. k. Hof- und Staatsdruckerei ausgeftelltes Modell einer Schnellpreffe mit angehängter Papierrolle. Durch eine Kurbel konnte diefe Miniatur- Schnellpreffe in Bewegung gefetzt werden und gab diefelbe ein getreues Bild von Auer's Erfindung. Warum aber diefe wichtige Erfindung in der Staatsdruckerei wieder aufser Thätigkeit gefetzt wurde, wollen wir hier etwas näher erläutern. Bevor die Papierrolle an die Druckmafchine gehängt wurde, musste das Papier erft den Procefs des Feuchtens durchmachen, d. h. die Rolle ward an dem einen Ende eines eigens conftruirten Feuchtapparates aufgehängt, das Papier abgewickelt und über hohle, fiebartig durchlöcherte, mit Waffer gefüllte und mit Flanell überzogene Cylinder geleitet und am entgegengefetzten Ende des Apparates wieder aufgewickelt. Da aber beim Drucken von der Rolle die erfte Bedingung die ift, dafs das Papier feft gewickelt fei, und das fefte Wickeln des trockenen Papieres felbft den Papierfabriken Schwierigkeiten bereitet: fo kann man fich denken, dafs die Wickelung nicht feft fein kann, wenn die Rolle vor dem Drucken gefeuchtet werden mufs; denn ein naffes Papier, wenn es von Haus aus nicht befonders ftark ift und eine gute Fafer hat, hält die zum feften Wickeln nöthige Spannung nicht aus. Um zu drucken, wurde nun die gefeuchtete Papierrolle an die Schnellpreffe gehängt, das Ende des Papieres zwifchen zwei mit Tuch überzogenen, parallel liegenden Walzen hindurchgeführt und die Schnellpreffe in Bewegung gefetzt. Die beiden parallel liegenden Walzen und die durch das Papier mit ihnen in Verbindung ftehende Papierrolle drehten fich um ihre Achfe, führten das Papier um eine Bogenlänge vor, blieben dann fammt der Papierrolle ftillftehen und ein Meffer ſchnitt den Bogen ab, der mittelft Greifern und Bändern auf den Druckcylinder geführt wurde. Nachdem der Bogen bedruckt war, fetzten fich die beiden Parallelwalzen und durch fie die Papierrolle wieder in Bewegung, um, nachdem das Papier wieder um eine Bogenlänge vorgeführt ward, wieder ftill zu ftehen u. f. w. Durch diefes fich jede Bogenlänge wiederholende Stillftehen und wieder in Bewegung Setzen der Papierführungswalzen und der Papierrolle entftand ein fortwährend fich wiederholendes Zupfen und Zucken im Papier, und es gefchah häufig, dafs durch nicht vollſtändiges Abfchneiden der Bogen und durch ungleichmäfsiges Vorführen des Papieres durch die beiden nicht immer auf beiden Seiten gleichmäfsig auf einander paffenden parallelen Walzen, oder wenn das Papier auf einer Seite etwas dicker war, als auf der anderen Seite, die Bogen fchief abgefchnitten wurden, daher fchief auf den Cylinder kamen u. f. f., wodurch fehr viele Fehlbogen oder Maculatur erzeugt wurden. 4 Ludwig Lott. Eine andere Urfache, aufser der unverhältnifsmäfsig grofsen Erzeugung von Maculatur, wefshalb mit dem Drucken von der Rolle in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei wieder aufgehört wurde, war der Umftand, dafs die von der Rolle druckenden Schnellpreffen nur Schöndruck lieferten, d. h. den Bogen nur auf Einer Seite bedruckten, während zum Druck der zweiten oder Widerdruckfeite die Bogen wieder durch Menfchenhände auf die Druckcylinder geführt werden mussten, alfo durch das Drucken von der Rolle auch keine wefentliche Erfparnifs an Menfchenhänden ftattfand, auch die Einleger des Schöndruckes meiftentheils einen geringeren Lohn erhalten. Bei den jetzigen Unendlichen kann ein Zupfen und Zucken nicht ftattfinden, denn wenn die Rolle einmal in Bewegung ift, fo bleibt fie fo lange darin, bis der Gang der Mafchine abgeftellt wird. Und da, mit Ausnahme der„ Bullock-" und Victory- Preffe", bei denen das Papier noch nach alter Art vorher gefeuchtet werden mufs, die übrigen Unendlichen, die Walter- Preffe nachahmend, das Feuch ten des Papiers unmittelbar während des Druckens vollziehen und beide Seiten des Bogens unmittelbar hinter einander bedrucken, fo können fie auch ein viel fchwächeres Papier verarbeiten, als früher in der Staatsdruckerei möglich gewefen ift. Wenn fich die heutige Art des Druckens von der Rolle auch wefentlich und zu ihrem nicht geringen Vortheile von der damaligen in der Wiener Staatsdruckerei gebräuchlichen unterfcheidet, fo benimmt diefs dem Verdienfte Auer's dennoch gar nichts. Denn Auer's, Idee war es, die Schnellpreffe unmittelbar mit der Papiermafchine in Verbindung zu fetzen, das heifst: er dachte fchon damals an ein ununterbrochenes Abwickeln der Rolle. Diefe Behauptung wird beftätigt durch eine im Jahre 1859 in der k. k. Hofund Staatsdruckerei in Wien als Manufcript gedruckte Brofchüre:„ A. Auer's neuefte Erfindung des fogenannten Verbindungs- Apparates der Papierfabrications- Mafchine mit der Schnellpreffe", 80, 12 Seiten mit Abbildungen. In dem Texte unter der Abbildung: Die Druckpreffe in Verbindung mit der Papiermafchine" fagt Auer unter Anderem zum Schluffe: " Um die nun folgenden Operationen, und zwar das Zerfchneiden in einzelne Bogen, das Sortiren, Zählen, Verpacken und Verfenden im unbedruckten Zuftande zu erfparen, kann man das endlofe, auf den Hafpel aufgewickelte Papier unmittelbar mit der Druckpreffe, wie obige Abbildung zeigt, in Verbindung bringen, welch letztere ohne menfchliche Beihilfe nebft dem Bedrucken des Papiers das Zerfchneiden in einzelne Bogen fowohl vor als nach dem Drucke durch ihren eigenen Mechanismus felbft beforgt." Dafs diefe Idee, die Verbindung der Druck- mit der Papiermafchine, nicht verwirklicht wurde, wird Niemand wundern, der die Papier- und Druckmaschinen kennt. Bei den Druckmafchinen mufs dann und wann ftillgehalten werden, um Die Papiereinen„ Spiefs" hinabzudrücken, die Form zu wafchen u. dgl. m. mafchine darf aber niemals ftillftehen, wenn das zu erzeugende Papier nicht abreifsen foll. " 9 im unbedruckten Auer felbft fagt auch in dem oben Citirten: Zuftande zu erfparen, kann man das endlofe, auf den Hafpel aufgewickelte Papier unmittelbar mit der Druckpreffe in Verbindung bringen." Dafs aber auch diefes nicht verwirklicht wurde, liegt einzig und allein nur darin, dafs die Perfonen, denen die Ausführung übertragen war, diefer Aufgabe entweder nicht gewachfen waren oder fie nicht reiflich genug erwogen hatten. Wir können in diefer Hinficht dem Mafchinenfabrikanten Herrn G. Sigl, und namentlich deffen Ingenieuren, den Vorwurf nicht erfparen, dafs, nachdem fie fchon länger " Buchdruck. 5 als ein Decennium die Apparate für das Rollenpapier an die Schnellpreffen der Staatsdruckerei verfertigt, ihre Becker- Reifser- Mafchine" erft als eine Nachahmung anderer Maſchinen bauten, während fie berufen gewefen wären, die grofsen Ideen Auer's auszuführen und Oefterreich den Ruhm nicht nur für das Erfinden des Druckens von der Rolle zu wahren, fondern ihm auch noch den Fortfchritt zuzugefellen. Es geht uns nun mit den Unendlichen gerade wie mit den erften Schnellpreffen. Die Ideen unferer grofsen deutfchen Denker werden zuerft vom Auslande praktiſch verwerthet. " Wenn die Herren König und Bauer ihre Ideen erft durch die Unterftützung des Herrn Thomas Bensley und fpäter des Herrn Walter, Herausgebers der Times" in London, verwirklichen konnten, fo lag der Grund darin, dafs fie in ihrem Vaterlande nicht die Geldmittel dazu aufzutreiben im Stande waren. Dafs die ,, Unendlichen" jedoch auch erft wieder vom Auslande gebaut werden mufsten, bevor wir fie in ihre eigentliche Heimat verpflanzten, ift ein geiftiges Armuthszeugnifs für Diejenigen, die Auer's Idee hätten ausführen follen. Zur Zeit der Erfindung des Druckens von der Rolle war die k. k. Hof- und Staatsdruckerei in ihren Ausgaben nicht fo knapp bemeffen, als jetzt, denn bei dem damaligen Finanzminifter erhielt Auer geneigtes Gehör für feine Anträge und ftanden ihm die Mittel zu Gebote, feine Ideen auch zu verwirklichen. Hiemit foll kein Tadel gegen den jetzigen Finanzminifter ausgefprochen werden, denn nur zu gut ift uns bekannt, wie er für jeden Kreuzer dem hohen Abgeordnetenhaufe Rechenfchaft ablegen mufs. Aber mafsgebenden Orts follte man doch bedenken, dafs nicht jeder Kreuzer hinausgeworfen ift, der für die Kunft und das Kunstgewerbe ausgegeben wird. Die Thatfache fteht feft, dafs nicht allein das Aufblühen der Staatsdruckerei, die in den Fünfzigerjahren einen Glanzpunkt Oefterreichs bildete, dem Wirken Auer's zu verdanken war, fondern dafs das Aufblühen der ganzen graphifchen Künfte in Wien und Oefterreich mittelbar oder unmittelbar Auer's Verdienft ift: denn durch die Leiftungen der Staatsdruckerei wurden alle Druckereien veranlafst, vorwärts zu ftreben. Wie weit felbft grofse Buchdruckereien noch vor drei Decennien in Wien gegen Deutfchland zurück waren, ift daraus zu erfehen, dafs der Autor diefes Berichtes, als er im Jahre 1844 in die Buchdruckerei von Carl Gerold in Wien in Condition trat, nachdem er vorher bei Cotta in Stuttgart conditionirt hatte, einen ungeheuren Contraft vorfand. Bei Cotta wurden damals auf fechs Schnellpreffen und 18 eifernen Handpreffen die illuftrirten Ausgaben von Herder's Cid, die Prachtausgaben von Schiller und Goethe und von anderen Claffikern gedruckt. Bei Gerold dagegen fand er, aufser zwei eifernen Handpreffen, nur noch fünf Holzpreffen vor; von einer Schnellpreffe war da keine Rede. Erft das Jahr 1848 brachte die erfte Mafchine in diefe jetzt fo geachtet daftehende Officin. Und fo wie in diefer einen war der Zuftand in faft allen Buchdruckereien Wien's. Was Wien aber jetzt zu leiften vermag, davon hat die Wiener Weltausftellung glänzendes Zeugnifs abgelegt. Bevor wir diefe Leiftungen in ihren hervorragendften Productionen berühren, wollen wir noch die verfchiedenen Schnellpreffen, namentlich die fo hoch bewunderten grofsen Zeitungsdruckmaschinen, die fogenannten„ Unendlichen“, unter einander vergleichen. Diefes Siebengeftirn zerfällt in zweierlei Gruppen: a) in folche, die den zu bedruckenden Bogen von der Rolle abtrennen, bevor er gedruckt wird, wie diefs ehemals in der Staatsdruckerei gefchah, und 6) in folche, die den Bogen erft abfchneiden, wenn er vollſtändig, d. h. auf beiden Seiten bedruckt ift. Zur erften Gattung gehören:„ Bullock"," Becker- Reifser" und„ Marinoni", zur anderen:„ Walter"," Victory"," Augsburger" und" Preftonian". Wir haben oben gezeigt, warum die Vorrichtungen zum Drucken von der Rolle in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei wieder abgefchafft wurden. Aufser 6 Ludwig Lott. der geringen Erfparnifs an Menichenhänden war die hauptfächlichfte Urfache die grofse Menge von Maculatur, hervorgerufen durch das Zucken und Zupfen des Papieres und das nicht immer genaue Abfchneiden des Bogens von der Rolle. Wenn nun auch das Zupfen und Zucken durch das ununterbrochene Abwickeln des Papiers vermieden ift, fo tritt doch häufig der Fall ein, dafs gar mancher Bogen durch den Schnitt unvollständig von der Rolle getrennt wird, wodurch bei den Maſchinen, die den Bogen vor dem Drucke abfchneiden, der alte Uebelftand eintritt, dafs fich fo mancher Bogen in den Leitbändern verhafpelt, und nicht nur diefer, fondern noch mancher nachfolgende Bogen unbrauchbar wird und das Papier viele Falze erhält. Bei den Mafchinen, die den Bogen erft dann abfchneiden, wenn er fchon auf beiden Seiten bedruckt ift, wird das Papier ohne alle Bänderführung zwifchen den Druck und Typencylindern durchgeleitet, und geht erft dann, wenn der Bogen abgefchnitten ift, in Leitbänder über, die einen fchnelleren Lauf haben und fo den vorderen Bogen von dem ihm nachfolgenden abreifsen. Hiedurch wird einestheils ein fehr genaues Regifter erzielt, das heifst die eine bedruckte Seite pafst genau auf die andere, anderentheils kann nie ein Falz im Papier entftehen und wird foviel wie gar keine Maculatur erzeugt. In der zu druckenden Gröfse der Bogen find ,, Becker- Reifser"," Marinoni"," Victory" und" Walter- Preffe" ganz gleich, da jede ein Papierformat von 36 auf 48 Wiener Zollen oder 12 Quadratfufs bedruckt, während die„ Augsburger Unendliche" nur ein Format von 20 auf 29 Wiener Zollen oder 4 Quadratfufs bedrucken kann. Das zu leiftende Quantum, felbft bei den im Papierformate gleichen Mafchinen, ift aber bei allen ein verfchiedenes. Während die„ Becker- ReifserMafchine" mit ihren angehängten Falzmafchinen nur höchftens 4000 Bogen in der Stunde zu liefern vermag, ohne Falzmafchinen jedoch 6-7000 Bogen drucken kann, druckt und falzt die, Victory- Preffe" genau 6000 Bogen per Stunde. Für die ,, Marinoni- Preffe", welche leider in der Ausftellung nicht druckte, gibt der Erbauer derfelben die Leiftungsfähigkeit mit 9000 Bogen an. Unferes Erachtens kann fie jedoch nur gleichen Schritt mit der ihr nachgeahmten„ Becker- Reifser- Mafchine" halten. Die ,, Walter- Preffe" und die ihr nachgebildete, für kleines Format gebaute ,, Augsburger Unendliche" drucken jedoch jede 12.000 Bogen in der Stunde. Nach den Formaten und den Leiftungsfähigkeiten per Stunde ftellt fich folgendes Verhältnifs im Wiener Flächenmafs heraus: Becker- Reifser ohne Falzmafchine Bogengröfse Bogenanzahl Bedruckte Fläche 12 Quadratfufs 7.000 84.000 Quadratfufs " mit " 99 ንን 4.000 48.000 99 Victory Marinoni Walter Augsburger 99 99 " 95 6.000 72.000 " ohne " 99 " 9 7.000 84.000 27 29 " وو " 99 95 4 12.000 144.000 12.000 48.000 " 99 Hieraus ergibt fich, dafs der ,, Walter- Preffe", was Leiftungsfähigkeit betrifft, vor allen anderen während der Wiener Weltausftellung zu fehenden„ Unendlichen" unbedingt der Vorzug gebührt. Nachdem wir den am meiften vorgefchrittenen grofsen Zeitungsdruckmaſchinen unferen Tribut gezollt, gehen wir zu den anderen ausgeftellten Preffen über und beginnen mit den kleinften derfelben, den fogenannten Accidenzpreffen, welche theils durch Fufstritt, theils durch Dampf- oder Handbetrieb in Gang gefetzt werden. Diefe waren in neun Exemplaren vertreten. Hätten wir nicht eine liebe Bekannte darunter getroffen, fo wüssten wir wahrlich nichts Günftiges über fie zu fagen. Diejenigen, auf denen nicht gedruckt wurde, entziehen fich felbftverſtändlich unferem Urtheile. Das Auffallendfte an Buchdruck. 7 denjenigen, auf welchen gedruckt wurde, war, dafs fie fich mehr oder weniger durch Schmutz und Unreinlichkeit auszeichneten und dafs das darauf Gedruckte auch wenig empfehlenswerth war. Die eine, die wir fchon im Jahre 1872 in London bewunderten, und auf welcher damals ein Profpect von„ London: a Pilgrimage", Grofsquart, im Ausmafse von 92 auf 12 Wiener Zollen, mit 2 Holzfchnitten von Doré, prachtvoll gedruckt wurde, war in Wien in einem kleineren Formate vertreten. Es ift diefs die Univerfal- Druckmafchine von Coddington& Kingsley in London. Trotz der daran gemachten Verbefferungen zeigte fich diefelbe in Wien jedoch wenig einladend, da fie und der darauf druckende Arbeiter beinahe im Schmutz erftickt find. Gehen wir jetzt zu den gröfseren der gewöhnlichen Druckmaschinen über. Aufser der von G. Sigl in Wien gebauten und im Pavillon der„ Neuen Freien Preffe" aufgeftellten ,, Becker Reifser- Mafchine" hat Oefterreich nur zwei Buchdruck- Schnellpreffen ausgeftellt. Die von Ludwig Kaifer in Wien ausgeftellte Mafchine ift das gerade Gegentheil von der von J. Anger in Wien ausgeftellten; und wenn wir der letzteren einige Worte widmen, fo gefchieht diefs nur, um unfer Bedauern über ein Werk auszufprechen, das durch fchlechten Gufs und fchlechtes Machwerk die heimifche Mafchineninduftrie vor aller Welt geradezu verdunkeln musste. Wenn in einem Falle, können wir uns in diefem dem Urtheile der Jury nicht accommodiren. Waren fchon Gründe für die an letztgenannten Ausfteller erfolgte Preiszuerkennung vorhanden, fo hätte, unferem Dafürhalten nach, diefe von der Verleihung einer höheren Auszeichnung an Ludwig Kaifer begleitet fein follen. Die Kaifer'fchen Mafchinen befitzen einen folch' guten Ruf, dafs wir über das ausgeftellte Exemplar zu feiner Empfehlung eigentlich nichts weiter zu fagen brauchten; da aber Herr Kaifer mehrere wefentliche Verbefferungen daran angebracht, fo müffen wir diefe befonders hervorheben. Das Farbzeug ift derart eingerichtet, dafs man durch das verfchiedene Stellen desfelben bei jedem Bogen, bei jedem zweiten und jedem vierten Bogen Farbe geben kann und dafs dasfelbe ft ehen bleibt, wenn die Mafchine rückwärts gedreht wird. Wer da weifs, welche Unzukömmlichkeiten entſtehen, wenn durch das Rückwärtsdrehen der Mafchine durch den Ductorcylinder das ganze Farbzeug eine veränderte Stellung erhält, die Farbe felbft über den Ductorcylinder auf die Form tropft, der wird diefe Verbefferung zu würdigen wiffen. Nimmt man aber noch an, dafs diefe Mafchine, ftatt Eifenbahn- oder die complicirte Kreisbewegung zu haben, auf Schienen läuft, was befonders bei vorhandenem Dampfbetrieb vortheilhaft ift: fo wird man diefe neueften Verbefferungen und Erfindungen Kaifer's willkommen heifsen. Deutfchland war durch fünf Firmen vertreten. Die Herren König& Bauer in Oberzell bei Würzburg hatten eine Zweifarben Mafchine, eine Doppel- Tiegeldruckmafchine, eine Doppel- Schöndruckmaschine für Zeitungen und eine lithographifche Schnellpreffe ausgeftellt. Wenn wir fagen, dafs diefe Firma, deren Vorgänger die Erfinder der Schnellpreffen find, diefes Jahr ihre zweitaufendfte Mafchine vollendet hat, fo hätten wir zu ihrem Lobe eigentlich nichts mehr weiter hinzuzufügen. Ihre Verbefferungen an der Doppel- Tiegeldruckmafchine fordern jedoch, dafs wir ihr unfere befondere Anerkennung ausfprechen. Ihre Schöndruck- Zeitungs- Doppelmafchine mit nur einem Druck cylinder, Schneidwerk und Bogenausleger ift für Zeitungen mit nicht grofser Auflage fehr verwendbar. Das Syftem ift zwar nicht neu, denn es ift fchon in ihren vierfachen Maſchinen enthalten und wurde, wenn wir nicht irren, zuerft von Herrn Bragard, dem Obermafchinenmeiſter der Kölnifchen Zeitung, befürwortet. Sie druckt 3500 Bogen einfeitig in der Stunde. 8 Ludwig Lott. Dafs die Mafchinen der Herren König& Bauer als untadelhaft anerkannt find, beweift das Verzeichnifs der Buchdruckereien, die die erften zweitaufend Schnellpreffen erhalten haben. Diefes Verzeichnifs wurde am 6. September 1873 auf der zweitaufendften Schnellpreffe gedruckt. Die unter den Namen der Länder angegebenen Zahlen zufammenaddirt ergeben nicht 2000, fondern 2027 Schnellpreffen, während, wenn man die gelieferten Schnellpreffen jedes einzelnen Landes zufammenzählt, z. B. das Deutfche Reich nicht 1243, fondern nur 1235, Rufsland nicht 392, fondern 393, Oefterreich nicht 95, fondern 94 und die Schweiz nicht 93, fondern nur 66 Schnellpreffen erhielt, fich die Summe von nur 1992 Schnellpreffen herausftellt. So wenig aber diefes Verzeichnifs, das in der Eile verfasst zu fein fcheint, auf Richtigkeit Anfpruch hat, ebenfo war auch an der ausgeftellten Zweifarben- Mafchine zu tadeln, dafs auch fie in der Eile zufammengeftellt wurde und ihr Kleid kein ganz hochzeitliches war. Der Gufs war hie und da nicht ordentlich verputzt und waren die Lagerdeckel nicht parallel aufgefchraubt. Wenn durch folche untergeordnete Aeufserlichkeiten die Vorzüglichkeit der Mafchine, welche Cylinder- und rotirende Tifchfärbung hatte, auch nicht im Geringften beeinträchtiget wird: fo follten doch bei einem Ausftellungsobjecte diefe, wenn auch kleinen Unfchönheiten nicht vorkommen, zumal bei einer Fabrik, an deren Werken man fonft felbft mit der Lupe folche Unebenheiten nicht zu finden vermag. Klein, Forft& Bohn Nachfolger in Johannisberg am Rhein hatten zwei Buchdruck- Schnellpreffen, deren eine mit Eifenbahn- und die andere mit Kreisbewegung verfehen waren, und eine lithographifche Schnellpreffe ausgeftellt. Beide Buchdruck- Schnellpreffen waren mit doppeltem Greiferfyftem verfehen, um die Bogen ohne Bänder zwifchen dem Druckcylinder und der Form durchzuführen. Als Neuerung waren an den Druckcylindern Vorrichtungen angebracht, mittelft deren die Zurichtung oder die Oelbogen, ohne zu kleiftern, feftgehalten werden. Bei der Walzengiefsflafche war ftatt des einzufteckenden Kreuzes ein voller Anfatz aus Meffing angebracht, der fich fehr empfiehlt. Mafchinen diefer Fabrik, die in Wiener Buchdruckereien aufgeftellt find, werden von deren Befitzern fehr gelobt. Die„ Mafchinenfabrik Augsburg" in Augsburg hatte eine ein fache Schnellpreffe, eine Zweifarben- Mafchine und die fchon oben berührte " Unendliche" ausgeftellt. Alle drei Maſchinen waren mit dreifachen Riemfcheiben verfehen, um den Gang nach Belieben fchneller oder langfamer reguliren zu können. Die einfache Schnellpreffe war mit Selbftausleger und Bogenfchneider, die Zweifarben- Mafchine mit Tifch und Cylinderfärbung und verfchiebbarem Auslegetifch verfehen. Das auf der Unendlichen" gedruckte Verzeichnifs, nach welchem bis zum 1. Mai d. J. 787 Stück Schnellpreffen geliefert wurden, gibt Zeugnifs von der Beliebtheit der Mafchinen diefer Fabrik. " Aichele& Bachmann in Berlin hatten eine Schnellpreffe mit Eifenbahnbewegung, Selbftausleger und Papierfchneider ausgeftellt, über die wir nichts weiter fagen können, als dafs fie aus einer Verquickung verfchiedener Syfteme beftand und fchwerfällig war. Die vierfache Zeitungsdruckmafchine von C. Hummel in Berlin machte durch ihren ganz rohen Gufs, an den beinahe keine Feile gelegt war, und den auf der Mafchine haftenden Staub einen ungünftigen Eindruck auf uns. Da fie ftill ftand, konnten wir ihren Gang nicht beurtheilen. Die Betonung der Form der Erfcheinung ift den Franzofen ungleich geläufiger wahrlich zu ihrem Vortheile. - Zwei andere vierfache Zeitungsdruckmafchinen waren ausgeftellt von Alauzet Fils und Marinoni, beide in Paris. Diefe Reactionsmafchinen haben das mit einander gemein, dafs ihre Druckcylinder fo klein find, dafs fie fich über dem Buchdruck. 9 Schriftfatz zweimal umdrehen. Durch diefe Conftruction ift zwar der Gang ein kurzer und die Leiftungsfähigkeit eine erhöhte, und fo lange die nach jedesmaligem Drucke zu wafchenden Filze noch neu und elaftifch find, ift auch der Druck ein lesbarer; find aber die Filze durch öfteres Wafchen hart geworden und haben diefelben an Elafticität verloren, fo wird der Druck ftets ein fchlechter werden, denn durch das zweimalige Umdrehen des Druckcylinders erhält der Filz eine doppelte Schattirung, weil der Cylinder bei jedesmaliger Umdrehung eine andere Stelle des Satzes trifft. Enthält nun der Satz auch noch grofse Inferate oder Inferate mit grofsen und fetten Lettern, namentlich mit dicken, fchwarzen Einfafslinien, fo ift der Uebelftand noch gröfser, da die Stellen des Cylinders, die von diefen getroffen werden, bald auch die Schattirung davon erhalten. Trifft nun eine folche ftarkfchattirte Stelle des Cylinders die entgegengeſetze Seite des Satzes, fo mufs der Druck desfelben ausbleiben oder unvollkommen fein. Finden nun durch Unachtfamkeit der Einleger auch noch leere Durchgänge ftatt, fo dafs die Farbe auf den Filzen eine Krufte bildet, fo ift der Druck bald. nicht mehr zum anfehen. Der Autor diefes hat diefe Erfahrungen bei den früher in der Druckerei der„ Preffe" geftandenen Perreau'fchen dreifachen Mafchinen gemacht. Wenn auch der Druck beim Beginn desfelben ein annehmbarer war, fo wurde derfelbe doch nach und nach fchlechter, und endlich fo fchlecht, dafs nach Vollendung eines Theiles der Auflage frifche Filze aufgezogen werden mussten. Er kann daher nur folche Mafchinen zum Zeitungsdrucke empfehlen, wo die Cylinder bei einmaliger Umdrehung die ganze Druckfläche umfaffen. Alauzet Père in Paris hat zwei Schöndruckmafchinen und eine fogenannte Completmafchine ausgeftellt. Diefelben haben, wie alle franzöfifchen Mafchinen, Tifchfärbung. Die eine Schöndruckmafchine enthielt ein Numerirwerk von Derriey in Paris, was jedoch fo hoch conftruirt ift, dafs das Fundament der Mafchine, wie bei einer lithographifchen Schnellpreffe, um mehr als einen Zoll vertieft angebracht ift. Will man nun auf diefer Mafchine, die für befonders fchönen, namentlich Illuftrationsdruck eingerichtet fein foll, ftatt diefer Numerirung etwas Anderes drucken: fo mufs das Fundament, welches nicht erhöht werden kann, mit einer gehobelten Eifenplatte fo hoch ausgefüllt werden, dafs die Schrifthöhe erreicht wird. Ob diefs nun nicht ein gewagter Vorgang ift, erlauben wir uns nicht zu beurtheilen. Als wir diefe Bedenken dem Auffeher der Mafchine mittheilten, fchüttelte er die Schultern. Unferes Bedünkens ift die Mafchine nur für das Derriey'fche Numerirwerk gebaut und zu nichts Anderem. Die Completmafchine hat zwei Druckcylinder und folche Greifervorrichtung, dafs der Bogen vom Schöndruckcylinder nach vollendetem Drucke fogleich auf den Widerdruckcylinder übergeht. Damit fich diefe Cylinder nicht verfchmieren können, wird nach jedem Drucke ein Maculaturbogen eingelegt. Der einzige Vortheil folcher Completmaſchinen befteht nur in dem guten Regifterhalten, denn durch das Einlegen von Maculatur nach jedem Drucke wird keine Erfparnifs erzielt. Maulde, Geibel& Wibart in Paris haben aufser einer kleinen Accidenzpreffe ,,, Sans pareille" genannt, noch eine Schöndruckmafchine ausgeftellt, deren Cylinder ftatt der Auffangsgabel durch Zähne feftgehalten wird. Diefe eigene Erfindung der Fabrik zwingt den Cylinder zum alfogleichen Stillftand, wodurch das Anlegen der Bogen fehr erleichtert wird. Auch eine Verbefferung an den Puncturen ift angebracht, damit die Bogen nicht einreifsen können. Die an den Walzenlagern angebrachten Würfel, um die Walzen beim Stillftehen der Mafchine darauf zu legen, find gut, aber nicht unbedingt nothwendig, 10 Ludwig Lott. da alle franzöfifchen Walzenlager oben die Form haben, auf die man die Walzen legen kann. Der Farbetifch, aus einer grofsen Marmorplatte beftehend, ift ein grofser Luxus, und wir rathen jedem Buchdrucker, fich diefe Tifche nur aus Linden- oder Ahornholz anfertigen zu laffen, da Holz als fchlechter Wärmeleiter zur befferen Verreibung der Farbe viel eher geeignet ift, als Stein oder Eifen. Alauzet Fils in Paris hat aufser der oben befprochenen vierfachen Zeitungsdruckmafchine noch eine zweifache Schnellpreffe für Illuftrationsdruck ausgeftellt. Diefe Mafchine ift hinfichtlich ihrer Druckfläche und des Umfanges der Cylinder und der Vorrichtung zum jedesmaligen Maculatureinlegen der von P. Alauzet befprochenen Completmafchine ähnlich. Sie unterfcheidet fich nur dadurch, dafs fie durch Verftellung einiger Beftandtheile in ein paar Minuten aus einer Completmafchine in eine DoppelSchöndruckmafchine und umgekehrt verwandelt werden kann. Alle franzöfifchen Mafchinen find für das Auge hergerichtet, felbft die Schwungräder find abgedreht, fo dafs man nach ihnen die Mafchinen von Hummel und Anger gar nicht mehr anfehen kann. Dafs aus England fo wenig Buchdruck- Mafchinen ausgeftellt waren, ift zu bedauern. Aufser der Firma Hughes& Kimber, die durch ihren Wiener Agenten, Herrn Julius Schilling, eine„ Paragon-" und eine„ Wharfedale"- Maschine ausgeftellt hatte, fehlten alle Firmen, die in der vorjährigen Londoner Ausftellung fo reich vertreten waren. Was die Urfache ihres Fernbleibens ift, können wir nicht errathen, denn ihre Schnellpreffen find von der Art, dafs fie jeden Wettkampf eingehen können. Die ausgeftellte„ Wharfedale" ift wie die von allen anderen Fabriken gebauten gleichen Namens, die allein echte". Mit dieſen Mafchinen geht es wie mit dem Kölnerwaffer, von welchem jede Fabrik nur das allein echte" erzeugt. Das Eigenthümliche an diefer Mafchine ift, dafs ihr Cylinder nur vorwärts, nie rückwärts gehen kann; auch hat diefe Mafchine einen mechanifchen Ausleger, was bei den englifchen Mafchinen eine Seltenheit ift. Dafs diefe Mafchine ebenfo fauber und rein gearbeitet ift, wie alle Erzeugniffe diefer Firma, wollen wir nur nebenher bemerken. Die letzte der ausgeftellten Schnellpreffen ftammt aus der BuchdruckMafchinenfabrik von J. G. Eickhoff in Kopenhagen. Sie ist nach König& Bauer'fchem Syftem gebaut, ohne die Vorzüglichkeit des Originals zu erreichen. Befonders fiel der ganz rohe Rechen am Ausleger auf. - Von den übrigen Hilfsmafchinen und Utenfilien für Buchdruckerei mufste man das Ausgeftellte in allen Winkeln und Gruppen zufammenfuchen. So z. B. in Gruppe VII( Metallinduftrie) waren in der öfterreichifchen Abtheilung vertreten: Johann Hrufsa in Wien mit galvanoplaftifchen Arbeiten; Johann Weifs& Sohn in Wien mit Regalen, Schriftfetzkäften und anderen BuchdruckUtenfilien, die alle grofsen Beifall fanden. Franz Reh in Wien hatte eine Sammlung von Kartenfchneidemaschinen aufgeftellt, die fich durch Handlichkeit und faubere Arbeit auszeichneten, wefshalb auch alle angekauft wurden. In dem Annexe des Deutfchen Reiches waren in Gruppe XII neben einer grofsen Thurmuhr ein Säulenpantograph, eine Univerfal- Guillochirmafchine, eine Wellen- und Reliefmafchine und eine Liniirmafchine von S oldan& Steyert in Bornheim bei Frankfurt a. M. untergebracht. In der Maſchinenhalle fanden wir aufgeftellt: Fritz Jänecke in Berlin zwei Handpreffen, eine Perforir, eine Numerirmafchine und ein Giefsinftrument für Papierftereotypie; Handpreffen von Dingler in Zweibrücken; Papierfchneidemaschinen von Gebrüder Heim in Offenbach, und ein Giefsinftrument für Papierftereotypie und eine kleine Handpreffe von Ruft& Comp. in Wien. Buchdruck. 11 Hughes& Kimber in London hatten, aufser der oben befprochenen Schnellpreffe, eine Satinirmafchine und eine Glättpreffe für Photographen, eine Perforirmafchine und eine Paginir- und Numerirmafchine ausgeftellt. Aus dem Fache der Schriftgiefs erei waren ausgeftellt theils gedruckte Schriftproben, theils Lettern, Matrizen und Stahlftempel: Von den Firmen: Bruce's Son& Comp. in New- York; Stephenfon, Blake& Comp. in London und Reed& Fox in London; die Imprimerie nationale de Lisbonne in Liffabon hatte unter andern auch eine fehr fchöne grofse galvanoplaſtiſche Platte. C. Derriey in Paris hatte neben feinen berühmten Schriftproben und Stempeln eine ganze Collection von Numerirwerken verfchiedener Schriftkegel ausgeftellt, die jedoch alle eine gröfsere als Schrifthöhe hatten, fo dafs fie auf einer gewöhnlichen Schnellpreffe fchwerlich verwendet werden können, wefshalb auch unferes Bedünkens eine eigene Preffe mit tiefer liegendem Fundamente dazu gehört, gleich der oben befprochenen von Alauzet Père in Paris, oder dafs diefelben auf das Fundament einer lithographifchen Schnellpreffe gefchloffen werden müffen. Al. Haas'fche Schriftgiefserei in Bafel; Johann Enfchede& Sohn in Harlem. Aus Deutſchland brachte die königliche Geheime Ober- Hofbuchdruckerei( R. v. Decker) in Berlin reichhaltige Schrift proben von 1776 bis 1873. Wilh. Gronau's Buchdruckerei und Schriftgiefserei in Berlin, GravirArbeiten, Stempel und Schriftproben; Plefse& Lührs in Hamburg, Logotypen und Abbildung eines Schriftkaftens für Logotypen. Ueber das Unpraktiſche der Logotypen wurde fchon fo viel gefchrieben, dafs aufser Herrn Plefse, der von jeher für Logotypen fchwärmte, wohl fchwerlich ein Buchdrucker fich damit befaffen wird. Schriftgiefserei Flinfch in Frankfurt a. M.; Wilh. Wöllmer's Schriftgiefserei in Berlin; Sachs& Schumacher in Mannheim, Placatfchriften von Holz, Setzfchiffe und Schriftkäften. Aus Oefterreich waren vertreten die Firmen:„ Bohemia" ActienGefellſchaft für Papier- und Druckinduftrie( früher Gottlieb Haafe) in Prag; Carl Faulmann in Wien( ftenographifche Typen, Matrizen und Stempel, Schriftproben und Abdruck eines ftenographifchen Setzkaftens); Carl Fromme in Wien( unter anderen reichhaltigen Schriftproben eine gefetzte Firmatafel aus Inferateneinfafsung); Leopold Sommer& Comp.; k. k. Hof- und Staatsdruckerei; Poppelbaum& Bafsow; Rudhard& Pollak, und J. H. Ruft und Comp., fämmtlich in Wien. Rufsland: Jofef J. Lehmann in St. Petersburg; Hippolyt Orgelbrand& Metfcheslaw in Warfchau. Rumänien: Peftemangiogliu in Braila. Japan: Comité für den Orient und Oftafien Typen und galva. nifche Matrizen. Die Buchdruckerfchwärze und bunte Farben ( Gruppe III) waren vertreten durch die Firmen: Grofs britannien: A. B. Fleming& Comp. in Leith bei Edinburgh; Corneliffen& Talle in London; Denton& Juftum in London; D. Bewicke& Comp. in London. Frankreich: Ch. G. Hardy Milori in Paris; D. Corniquet in Paris; Prudon& Comp. in Paris. Italien: Vincenz Baffolini in Mailand. Deutfchland: Julius Hoftmann in Celle; Robert Gyfae in OberLöfsnitz Dresden; Gebrüder Jaenecke& Fr. Schneemann in Hannover; Albert Kaft in Stuttgart; Gebrüder Haenlein in Frankfurt a. M. 12 Ludwig Lott. O efterreich: F. Wüfte in Pfaffftätten bei Baden; Andès& Froebe in Simmering bei Wien. Wir gehen nun zu den Erzeugniffen der Buchdruckerpreffen über. So wie diefe in den weiten Räumen des Ausftellungspalaftes zerftreut waren, gaben fie ein Bild im Kleinen von der grofsen Zerftreuung und der weiten Verbreitung der fchwarzen Kunft über alle Theile der Erde; denn nicht nur Oefterreich- Ungarn, das Deutfche Reich und Europa, felbft die entfernteften Theile der Welt die Infel Mauritius im indifchen Ocean fowohl, als Hongkong und Shanghai in China und alle Theile von Amerika waren mit Erzeugniffen der Kunft Guttenberg's erfchienen. Die periodifche Preffe, welche nur von Amerika, Deutſchland und Oefterreich fehr ftark vertreten war, liefs ihren Umfang defshalb nicht ganz erkennen, weil die wenigften Ausstellungscommiffionen der Einladung nachgekommen waren, die Leiftungen der periodifchen Preffe bekannt zu geben. Von einigen Ländern, namentlich England, Frankreich, Rufsland, Norwegen, konnten wir gar keine Daten erhalten, und die übrigen Commiffionen fcheinen nur die täglich erfcheinenden oder politifchen Blätter ins Auge gefafst zu haben. Detaillirte Statiſtiken haben nur Portugal und die Schweiz verfafst, und die Zahlen, die diefe beiden kleinen Länder aufweifen, geben einen beiläufigen Begriff von dem unendlich weiten Wirkungskreife der periodifchen Preffe. - Wir wollen die Daten, fo weit fie uns zu Gebote ftanden, hier mittheilen. In der füdlichen Quergallerie 3 a war bei den portugiefifchen Ausstellungsobjecten aus Gruppe XII eine auf weifsen Atlas gedruckte ftatiftifche Tabelle aufgehängt, in welcher die periodifche Preffe vom Jahre 1641 bis 1872 dargestellt war. Indem wir die Zahlen von 1872 nachftehend wiedergeben, müffen wir die Verantwortlichkeit für diefelben der portugiefifchen Commiffion überlaffen; den anderen gröfseren Ländern, namentlich Oefterreich gegenüber, fcheint uns die Anzahl, namentlich der politifchen und literarifchen, fehr hochgegriffen, da die der politifchen allein die Ziffer der gefammten in Oefterreich erfcheinenden Zeitungen überragt. Im Jahre 1872 erfchienen in dem nur 1725 Quadratmeilen grofsen Portugal 1407 periodifche Blätter und zwar: 850 politifche, 261 literarifche etc., 41 für Handel, Gewerbe und Ackerbau, 26 für Medicin und Pharmacie, 40 juridifche und adminiftrative, 46 für Religion und Theologie, 9 militärifche, 47 für Theater, Kunft, Mode, 45 fatirifche, komifche und kritifche und 42 für Ankündigungen. Die nur 730 Quadratmeilen zählende Schweiz befafs im Jahre 1872 im Ganzen 412 Zeitungen und zwar 225 politifche, 31 Amts-, 36 religiöfe, 4 juriftifche Blätter, 12 Schulzeitungen, 9 Handels- und Gewerbe-, 6 naturwiffenfchaftliche, 19 allgemein wiffenfchaftliche, 18 land- und forftwiffenfchaftliche Blätter. 4 MilitärZeitungen, 18 Unterhaltungs- und illuftrirte Blätter, 5 Modejournale und 25 Anzeige- und Fremdenblätter. Wie unvollständig felbft die amtlichen Journalverzeichniffe find, erfieht man daraus, dafs in dem des Deutfchen Reiches nur 2064 Zeitungen aufgezählt werden. Bayern, Heffen und Württemberg find in diefem Verzeichniffe nicht mit einbegriffen. Nordamerika hatte im Jahre 1870 nicht weniger als 5858 Zeitungen und hat fich diefe Zahl bis jetzt auf beinahe 8000 erhoben. In der Gruppe XXVI hatte Herr Erneft Steiger, in vielen Bänden geheftet, eine grofse Sammlung von Zeitungen in allen nur erdenklichen Formaten veranstaltet, durch die man ein annäherndes Bild der amerikanifchen periodifchen Literatur gewann. Buchdruck. 13 Brafilien. Aus Rio de Janeiro lagen neun täglich erfcheinende Zeitungen vor. Frankreich. Ausser den von Ate. Marc& Comp. in Paris veranſtalteten Separatabdrücken des Journals, L'Illuftration", welche Anfichten der Wiener Weltausftellung brachten, lagen keine weiteren Zeitungen vor und konnten wir auch keine ftatiftifchen Daten erhalten. Italien befafs 1126 Journale; davon erfcheinen 1099 in italienifcher, 14 in franzöfifcher, 6 in englifcher, 2 in deutfcher Sprache und 5 in verfchiedenen Dialekten. Schweden hatte über 200 Journale, von denen der dritte Theil in Stockholm erfcheint. Dänemark hat ebenfalls über 200 Journale, von denen die Hälfte politifchen Inhaltes find. In Belgien hat beinahe jede Stadt ein eigenes Journal, und waren viele Zeitungen ausgelegt, die meiften in franzöfifcher und vlämifcher Sprache. Die genaue Anzahl konnten wir jedoch nicht in Erfahrung bringen. Die Niederlande und ihre Colonien zählen aufser 36 politifchen noch 200 nicht- politifche Journale, Wochen- und Monatsfchriften. Das Deutfche Reich zählt nach dem amtlichen Poft- Abonnementsverzeichnifs 2064 Journale. Davon erfcheinen 240 in Berlin, 162 in Leipzig, 44 in Hamburg, 44 in Dresden, 23 in Trier, je 22 in Breslau und Frankfurt a. M., 19 in Bremen, 16 in Cöln, je 13 in Königsberg und Mainz, je 12 in Braunschweig und Elberfeld u. f. w. Von den im officiellen Verzeichniffe nicht enthaltenen Ländern, als: Bayern, Württemberg und Heffen, fehlen uns leider die Angaben, doch mufs die Zahl der hieher gehörigen Blätter bedeutend fein, wenn man die grofse Thätigkeit der Preffe nur allein in Stuttgart in Betracht zieht. Die in Gruppe XXVI an zwei grofsen Wandflächen angehefteten Journale, von denen leider meiftens nur der Titel zu fehen war, gaben ein getreues Bild des Culturzuftandes, denn beinahe jedes Städtchen war durch eine Zeitung oder ein Wochenblatt vertreten. In Oefterreich, und zwar in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern, erfchienen laut dem amtlichen Poftverzeichniffe im 4. Quartal 1873 im Ganzen 827 Journale, und zwar 598 in deutfcher, 100 in böhmifcher, 49 in italienifcher, 42 in polnifcher, 24 in flovenifcher, 6 in ruthenifcher, je 2 in ferbifcher, griechifcher und hebräifcher und je I in franzöfifcher und rumänifcher Sprache. In Ungarn und Croatien erfchienen nach derfelben Quelle 291 Zeitfchriften, davon 184 in ungarifcher, 59 in deutfcher, 14 in flovakifcher, II in rumänifcher, 10 in croatifcher, 9 in ferbifcher, 2 in czechifcher und je 1 in griechifcher und italienifcher Sprache. Die Sammlung der öfterreichifchen Zeitfchriften, welche das k. k. HandelsMinifterium in dem Pavillon der additionellen Ausftellung an zwei grofsen Wandflächen veranſtaltete, lieferte den Beweis, dafs, trotzdem die meiſten täglich erfcheinenden Journale auf ordinärem Papier gedruckt werden, das Papier der öfterreichifchen Zeitfchriften im Allgemeinen doch ein befferes Ausfehen behalten hatte, als die Sammlung der im Deutfchen Reich erfcheinenden und im Annexe der 14 Ludwig Lott. deutfchen Ausstellung in Gruppe XXVI ausgeftellten. Diefe fchimmerten in allen Nuancen von Grau und Grün und legte jedes Blatt Zeugnifs ab von dem gröfseren oder geringeren Holzreichthum feines Papiers. Man konnte da recht deutlich fehen, wie die Einwirkung von Licht und Luft die künftliche Bleiche des Holz ftoffpapiers vernichtet, während die Papiere, deren Hauptbeftandtheil Hadern oder Espartogras war, fich viel fchöner weifs erhielten und grell gegen die Holzftoffpapiere hervorftachen. So war z. B. von den täglich erfcheinenden Zeitungen das öfterreichiſche Journal„ Die Preffe" in der öfterreichifchen Abtheilung noch im October ganz weifs, während alle andern vergilbt und grau waren. Nächft Oefterreich müffen wir noch eines deutfchen Fürftenthums gedenken, das weder zum Deutfchen Reich noch zu Oefterreich gehört: das Fürftenthum Liechtenft ein nämlich befitzt Eine Zeitfchrift und zwar das in Vaduz erfcheinende Liechtenſtein'fche Wochenblatt". Aus Rufsland konnten wir nur 64 Zeitfchriften conftatiren; davon erfcheinen 33 in ruffifcher, 20 in polnifcher, 5 in deutfcher, 4 in franzöfifcher und 2 in hebräifcher Sprache. Griechenland hatte eine Sammlung von 141 Zeitfchriften ausgeftellt und waren auch die Auflagen derfelben verzeichnet, von denen die höchfte 500 Exemplare betrug. Mit fehr wenigen Ausnahmen liefs der Druck derfelben viel zu wünschen übrig. Die meiften, 66, erfcheinen in Athen und zwar 61 in griechifcher, 3 in franzöfifcher, I in italienifcher und 1 in griechifcher und franzöfifcher Sprache. In der Türkei erfcheinen 51 Zeitfchriften und zwar 13 in türkifcher, je 9 in armenifcher und franzöfifcher, 7 in griechifcher, je 4 in bulgarifcher und italienifcher, 3 in englifcher und 2 in hebräifcher Sprache. Eine deutfche Zeitung hat fich bis jetzt, trotz wiederholter Verfuche, nicht erhalten können. Im Fürftenthume Rumänien erfcheinen 17 Zeitfchriften und zwar in rumänischer, ferbifcher und czechifcher, 2 in franzöfifcher und 1 in englifcher Sprache. Aus Obigem erfieht man die grofse Verbreitung der periodifchen Preffe über den ganzen Erdball und lernt die fechfte Grofsmacht kennen, die Guttenberg's Kunft gefchaffen hat. Was diefe Kunft auf dem gefammten geiftigen Gebiete leiftet, werden wir in kurzen Strichen in Nachftehendem darzuftellen verfuchen, wobei wir die Reihenfolge des officiellen Generalkataloges beibehalten. Nordamerika. Wenn auch die eigentlichen Buchdrucker nicht viel gefandt hatten, fo war doch eine folche Menge amerikaniſcher Buchdruck- Erzeugniffe vorhanden, dafs man bei eingehender Würdigung derfelben einen ftattlichen Separatbericht erftatten könnte. Aufser den in Gruppe XXVI ausgeftellten hatte die geographifche Gefellfchaft eine recht hübfche Sammlung von Lehrmitteln gebracht, die jedoch meift das Gewöhnliche nicht überragten, zudem waren viele derfelben nicht in Amerika gedruckt worden. Von den übrigen Ausftellern wollen wir nur diejenigen hervorheben, die eben auch Hervorragendes geleiftet. L. Graham's in New Orleans Accidenzund Ornamente- Druckproben geben Zeugnifs von der grofsen Reichhaltigkeit der Typen, welche diefe Druckerei nicht nur befitzt, fondern auch grofsentheils mit Gefchmack zu verwenden weifs. Oscar Harpel in Cincinnati hatte ein Druckprobenbuch:„ Harpel's Typograph", gebracht, welches eine Sammlung vieler und gefchmackvoll ausgeführter Druckfachen für den täglichen Verkehr in allen Farben enthielt. Einen Beweis, wie diefe regfame Firma jede Buchdruck. 15 Neuerung auf graphifchem Gebiete in ihren Kreis zu ziehen fucht, liefert das Porträt Guttenberg's in Stigmatotypie, das diefelbe mittelft einer von Fafol in Wien bezogenen und in der Druckerei des Journals„ Die Preffe" erzeugten Stereotypplatte vervielfältigt hatte. Eine galvanifche Platte in der Gröfse von 16 auf 21 Zoll von der Firma Schniedewend, Lee& Comp. in Chicago, welche Firma in dem officiellen Generalkatalog jedoch nicht genannt ift, war vorzüglich hergeftellt und nächft der von der„ Imprimerie nationale de Lisbonne" ausgeftellten Platte das Vorzüglichfte, was überhaupt auf diefem Gebiete zu fehen war. Georges Bruce's Son& Comp. in New York hatten eine reiche Sammlung fchöner Schriftproben dargelegt, deren Satz und Druck nichts zu wünfchen übrig liefsen. Diefe Firma befitzt eine grofse Auswahl von fogenannten Schreibfchriften, die gröfstentheils fehr fchön gefchnitten find. Die NationalbankNote Company in New York hatte eine Sammlung von Briefmarken, Banknoten und fonftigen Werthpapieren ausgeftellt, deren Einfachheit, Schönheit und künftlerifche Vollendung Zeugnifs geben von der hohen Stufe, auf der diefes Inftitut fteht. - Aus den Vereinigten Staaten von Venezuela hatten die beiden Buchhändler A. Rothe und Rojas Hermanos in Caracas einige Verlagswerke eingefendet, über die fich fonft nichts fagen läfst, als dafs fie eben da waren. Brafilien. Die Aus ftellungs commiffion diefes Landes hatte uns auch einige Bücher und fonftige Erzeugniffe der Buchdruckerpreffe gebracht, über die fich jedoch ebenfalls nicht viel fagen läfst. Die Typografia national hatte nur Gewöhnliches, die Typografia univerfal dagegen einige gut gedruckte Bücher geliefert. Grofsbritannien war im nördlichen Hofe 16 leider nur durch wenige Ausfteller vertreten und bot das Ausgeftellte keineswegs ein Bild der englifchen Preffe, die doch im Allgemeinen fo Vorzügliches leiftet, während in diefem Hofe beinahe nur alltägliche Marktwaare zu fehen war. Die Schriftproben von Stephenfon, Blake& Comp. und Reed& Fox in London, befonders fehr fchöne Antiquafchriften enthaltend, find fauber und rein gedruckt. Den auf Blech gedruckten und überlackirten Placaten, welche die Firmen Johnfon& Sons und Grant& Comp. ausgeftellt hatten, konnte man nicht anfehen, wo der Druck aufhörte und der Pinfel anfing. In der füdlichen Quergallerie 26 hingegen waren vier Ausfteller vertreten, deren jeder eigen in feiner Art ift. Grant& Comp. in London hatten neben Anderem ein Prachtwerk in Folio: ,, London a Pilgrimage", ausgeftellt. Die Illuftrationen, befonders aus dem Londoner Nachtleben, lieferte Guftav Doré, während der Text von dem gründlichen Kenner des Londoner Volkslebens, Blanchard Jerrold, beforgt wurde. Der Druck fowohl der Holzfchnitte als des Textes ift meifterhaft. Eine kleine Probe von Holzfchnitt und Druck des Werkes hatten wir fchon im Jahre 1872 zu bewundern Gelegenheit. Die Herren Grant& Comp. druckten nämlich damals in der Londoner Ausftellung auf der„ Univerfal PrintingMachine" einen Profpect diefes Prachtwerkes, der Zeugnifs ablegte von der Feinheit der Holzfchnitte und der Leiftungsfähigkeit der für Dampfbetrieb und Fufstritt eingerichteten und von Coddington& Kingsley in London erbauten kleinen Preffe. Die britifche und ausländifche Bibelgefellfchaft in London hatte Bibeln, das Neue Teftament und einzelne Theile der heiligen Schrift ausgeftellt, die in 204 verfchiedenen Sprachen und Dialecten gedruckt waren. Die Gefellſchaft hat feit ihrem Beftande( fie wurde 1804 gegründet) mehr als 70 Millionen Gulden für die Ueberfetzung, für den Druck, an dem beinahe jedes Land 2 16 Ludwig Lott. der Erde participirt, und für die Verbreitung von Bibeln, Neuen Teftamenten etc. ausgegeben. Die Religiöfe Tractat- Gefellfchaft in London hatte ihre from men Schriften, gleichfalls in allen möglichen Sprachen gedruckt, ausgeftellt. Den Schriften fah man es aber auch an, dafs die Gefellſchaft mehr auf Billigkeit als auf gutes Papier und faubern Druck zu fehen fcheint. Der Sonntagsfchul- Verein in London legte Zeugnifs ab von feiner fegensreichen Wirkfamkeit. Die vielen Unterrichtstafeln, von Terry in London gedruckt, könnten wegen ihrer bunten Mannigfaltigkeit recht gut als reichhaltige Proben für eine Fabrik bunter Buchdruckfarben gebraucht werden. Portugal. Die Firma Lallemant Frères in Lifs abon fcheint heute noch auf dem Standpunkte zu ftehen, auf dem Wien vor drei Jahrzehnten ftand, aber hoffentlich wird die Imprimerie nationale de Lisbonne auch dort fo fegensreich wirken, wie die k. k. Staatsdruckerei in Wien gewirkt hat. Was man in Fachblättern über die Lifs abonner Nationaldruckerei gelefen, das hat fie uns in der Weltausstellung vor Augen geführt. Das Herz mufste jedem Kunftfreunde und Kunftjünger fo zu fagen im Leibe lachen, der fich diefe Sammlung befah. Alles was vorhanden, war meifterhaft ausgeführt. Kein Kritiker hätte, felbft mit der Lupe bewaffnet, einen Fehler entdecken können. Eine grofse, fchön ausgeführte galvanifche Platte hatte auf der ganzen Weltausftellung nur Einen Nebenbuhler an der von Schniedewend, Lee& Comp. in Chicago verfertig. ten und von L. Graham in New Orleans ausgeftellten. Beide Platten waren fo fchön fcharf und tief, dafs man vielleicht einen Unterfchied nur dann hätte finden können, wenn beide neben einander gelegen hätten. Die ausgeftellten Stahlftempel, Matrizen, Guillochen, Linien und Typen, fowie das Probebuch, die Werthpapiere und Briefmarken, der Werk- und Mufiknotendruck gaben Zeugnifs von dem hohen Standpunkte, auf dem diefe Anftalt fteht. Von der räumlichen Ausdehnung und der Zahl der Preffen u. f. w. konnte man einen Begriff bekommen, wenn man die einzelnen, photographifch aufgenommenen Säle betrachtete. Spanien. Von den im Kataloge verzeichneten 21 Ausftellern haben wir nur einige wenige vorgefunden, und das von diefen in Vorlage Gebrachte entzieht fich einer Befprechung. Die bei der Firma G. Eftrada in Madrid verzeichnete Fachzeitung ,, La Typografia", die uns wohl etwas Befferes aus Spanien gebracht hätte, konnten wir nicht finden. Frankreich hat bewiefen, dafs es fchon mehrere Ausftellungen gehabt und in diefem Felde kein Neuling mehr ift. Schon die Anordnung war eine folche, wie fie fonft nirgends vorgekommen ift. Nicht allein war jeder Gegenſtand derart geftellt, dafs er fich gut präfentirte, fondern es war auch geftattet, ihn fo zu fagen in- und auswendig zu betrachten. Befonders gilt diefs von den in eigenen gegenüberftehenden Pavillons untergebrachten Werken der Firmen Hachette& Comp. in Paris und Alf. Mame& Sohn in Tours, die durch die Vollkommenheit der Ausstellungsobjecte und deren fürs Auge gefällige Anordnung fich vor allen anderen Ausftellern gerechten Ruhm erwarben. Diefe beiden rühmlichft bekannten Firmen hatten des Guten und Schönen fo viel gebracht, dafs wir, um es kurz zu faffen, fagen können, es gehörte mit zu dem Vorzüglichften, was überhaupt ausgeftellt war. .. Das Schönfte jedoch, was Hachette ausgeftellt hatte, waren Les Saints Evangiles" zwei Grofsfolio- Bände. Zu diefem Werke, unftreitig das gröfste Meiſterſtück, das jemals die Buchdruckpreffe erzeugt, wurden jahrelang Vorbereitungen getroffen. Für die bildlichen Darftellungen wurde von Hachette der durch feine gröfseren Reifen im Oriente und feine Kunftfertigkeit berühmte Bida eigens nach Paläftina gefandt, um die Aufnahmen an Ort und Stelle vorzunehmen. Buchdruck. 17 Nach deffen Rückkehr arbeiteten die beften Kräfte elf Jahre lang an der Her ftellung der Platten und im Jahre 1869 begann der Druck, den die berühmte Firma J. Claye in Paris beforgte. Es wurden hievon 150 numerirte Exemplare auf gefchöpftem feinem holländifchem Papier und 1500 auf ganz feinem franzöfifchem Velinpapier abgezogen. Jede Seite ift mit fich kreuzenden rothen Linien eingefafst, deren Enden fowohl in den Bund als in den Schnitt fich verlaufen. Das Regiſter diefer Linien ift fo exact, dafs nicht auf einer einzigen Seite auch nur die geringfte Abweichung zu finden ift. Trotzdem dafs die Velin- Exemplare 500 und die auf holländifches Papier gedruckten feinen Exemplare je 1000 Francs koften, durften die aufgelegten Exemplare vom Publicum nicht allein durchgeblättert werden, fondern es wurde noch eigens aufgefordert, fich die Schönheit diefes Werkes mit aller Mufse zu betrachten, was bei den meiften, namentlich deutfchen, öfterreichifchen, ungarifchen und italienifchen Gegenftänden nicht der Fall war, indem das Berühren derfelben durch angehängte Zettel geradezu verboten wurde. Die italienifche Abtheilung von Gruppe XII, in der die Gegenftände noch im October wie Kraut und Rüben durcheinander lagen, war fogar durch vorgefpannte Schnüre abgefperrt und konnten kaum wir, die Berichterstatter, Zutritt erlangen. Welchen Nutzen das Publicum und die Ausfteller durch eine folche Quarantäne haben können, vermögen wir nicht abzufehen. Um fo angenehmer wurde das Betrachten der Ausstellungsgegenstände dem Publicum in der franzöfifchen Abtheilung gemacht, namentlich durch die Vertreter der beiden obgenannten Firmen Hachette und Mame& Sohn. Hier wurden dem Befucher felbft Stühle zum Sitzen angeboten und damit geradezu zum längeren Studium der Prachtwerke aufgefordert. Mame& Sohn in Tours hatten des Intereffanten fo viel gebracht, dafs wir nur das Vorzüglichfte davon berühren können. Die Firma, die über 1000 Perfonen in der Buchdruckerei, Buchbinderei, Graviranftalt etc. befchäftigt, hatte nur eigene Producte ausgeftellt, die von A bis Z im eigenen Gefchäfte verfertigt waren. Von jedem Werke läfst Herr Mame ein Exemplar für feine eigene Bibliothek auf Pergament drucken, und waren von diefen Pergamentdrucken einige ausgeftellt. So z. B. eine Doré'fche Bibel, in welcher die Pracht der Holzfchnitte durch das äufserft glatte Pergament erft recht ins fchönfte Licht trat. Der gröfste Theil des Verlages ift religiöfen Inhaltes. Welche Maffen, z. B. von Gebetbüchern, gedruckt werden, kann man aus dem beifpiellos billigen Preife derfelben erfehen. Gebetbücher, die in Wien 60 bis 80 Kreuzer koften, verkauft Herr Mame um 40 Centimes= 17 Kreuzer öfterr. Währ. Ein von A. Gusmann erzeugter und durch die Hilfe des Herrn Mame entstandener Holzfchnitt:„ die Grablegung Chrifti" nach Tizian, ift mittelft zweier Schnitte gedruckt und fo die Tiefe der Töne und die Weichheit und Wärme des Stahlftiches imitirt. Die Kreuzlagen find durch diefes Verfahren in der fchönften Reinheit dargestellt. Ob fich diefes Verfahren Bahn brechen wird, wiffen wir nicht, denn dazu gehört erftens, dafs der Xylograph auch ein gefchickter Zeichner fei( was äufserft felten der Fall ift), und, dafs zweitens der Drucker ein minutiöfes Regifter halten mufs. Die ausgeftellte Probe, auf chinefifchem Papier gedruckt, zeugt fowohl von der Tüchtigkeit des Herrn Gusmann als von der des Druckers. Jedoch leidet diefe Manier trotz aller Schönheit als Holzfchnitt dem Stahl- und Kupferftiche gegenüber dennoch an mancher Härte. So grofs die Kunft des Herrn Gusmann auch ift, fo wird er mit dem fpröden Holz nie die Weichheit von Kupfer oder Stahl erreichen. Diefe Probe zeigt nur wieder deutlich, dafs der Holzfchnitt fein Feld nicht überfchreiten kann und defshalb auch nicht foll. Von den" Chefs d'oeuvre de la langue française" hatte Herr Mame auch einige auf Pergament gedruckte Bände zur Anficht gebracht, die an Schärfe des Druckes nichts zu wünſchen übrig liefsen. Die Collectiv- Ausftellung des„ Cercle de la librairie" zeichnete fich ebenfalls durch viel Schönes und Gutes aus. Wir wollen unter anderen 2* 18 Ludwig Lott. nur ein einziges Werk von Firmin Didot erwähnen. Es iſt diefs die franzöfifche Ausgabe von der goldene Efel". Auch diefe zeigt uns, ganz wie„ les Saints Evangiles" von Hachette, welche Sorgfalt und Koften von den Franzofen auf die Herftellung eines Prachtwerkes verwendet werden. Herr Didot hat die Illuftrationen zu diefem Werkchen nicht Einem Künftler übertragen, wie diefs fo häufig bei uns gefchieht, fondern hat jede einzelne Scene durch zehn bis zwölf Künftler entwerfen laffen. Die gelungenfte Arbeit wurde ausgefucht und für das Büchlein ausgeführt. Dafs diefes Verfahren Herrn Didot 60.000 Francs gekoftet hat, glauben wir recht gern, und dafs fich diefes Unternehmen erft durch mehrere Auflagen auszahlen kann, ift gewifs; dafs aber diefes Werkchen das Reizendfte ift, was wir in diefer Art gefehen, ift ebenfalls wahr, und es wäre zu wünfchen, dafs unfere deutfchen Verleger ihre franzöfifchen Collegen recht bald nachahmen möchten. Die Collectiv- Ausftellung der franzöfifchen Verleger und Drucker zeigte uns auch, wie das Arrangement einer Ausftellung zu fein hat, wenn fie Effect hervorbringen foll. Diefe Collectiv- Ausstellung bildete ein gefchloffenes Ganzes und mit Recht war für diefelbe ein Collectivkatalog erfchienen, deffen Druck die Firma J. Claye beforgt hatte. Sowie die Seiten bei„ les Saints Evangiles", die in derfelben Druckerei gedruckt wurden, war auch jede Seite diefes Kataloges mit fich kreuzenden rothen Linien eingefafst, deren Regifter übrigens nicht fo exact gehalten war als bei den Evangelien. Das Ganze machte jedoch durch den in das rothe Viereck paffenden Tondruck und die nochmalige, mittelft ftarken und feinen Linien hergestellte innere Einfaffung, ferner durch die gefchmackvolle Anordnung des Satzes einen recht guten Eindruck. Die franzöfifche Abtheilung in Gruppe XXVI war fo reichlich befchickt, dafs diefelbe ebenfalls einen eigenen Bericht verdiente. Was man am wenigften erwartet, war hier fehr reichhaltig und in vorzüglichen Exemplaren vertreten, die geographifchen Karten nämlich, und zeigt diefs, dafs die franzöfifche Regierung jetzt ein gröfseres Augenmerk auf den Unterricht in der Geographie geworfen hat, als es früher der Fall gewefen ift. Die Schweiz, die in der oben gegebenen Zeitungsftatiftik fo vortheilhaft hervorragt, hat fich auch auf dem Gebiete der übrigen Buchdruck- Ausstellung durch ftarke Betheiligung ausgezeichnet; ihre Collectiv- Ausftellung war durch 43 Firmen vertreten. Wenn man bedenkt, dafs in der Schweiz beinahe Alles auf der. Schnellpreffe gedruckt wird, da die wenigften Buchdrucker Handpreffen befitzen, fo mufs man geftehen, dafs die ausgeftellten Werke für grofsen Fleifs und Sorgfalt zeugen und dafs die Buchdruckereibefitzer mit den übrigen Induftriellen der Schweiz gleiches Tempo im Fortfchritte zu halten fuchen. Die Zufammenordnung der Collectiv- Ausstellung liefs freilich Manches wünſchen, namentlich hinderte das zu hohe Aufhängen der Accidenz Druckforten das genaue Betrachten derfelben. Sonft aber verdienen von den hier vereinigten namentlich die Firmen: Orell, Füfsli& Comp. in Zürich, H. R. Sauerländer in Aarau, die Genoffenfchaftsdruckerei in Zürich, J. Weftfehling in Winterthur, Huber in Fraunfeld und Haller in Bern erwähnt zu werden. Aufser der Collectiv- Ausftellung waren die Gebrüder Benziger in Einfiedeln, Buchdruckerei, Verlags- und Sortimentsbuchhandlung, mit ihrem ſtarken Verlag katholifcher Gebet- und Erbauungsbücher vertreten. Ihre Farbendrucke, aus drei und vier Farben beftehend, alle auf der Schnellpreffe gedruckt, waren nicht allein gut zugerichtet, fondern hielten auch alle gute Regifter. Die Arbeiten diefer Firma zeichnen fich durch gute Ausführung und fehr billige Preife aus, welche nur durch die Vereinigung beinahe aller graphifchen Künfte, verbunden mit eigener Buchbinderei, Graviranftalt etc., erzielt werden können. Buchdruck. 19 Der Specialkatalog der Schweiz, von J. W eftfehling in Winterthur gedruckt, zeichnete fich durch gleichmässigen Satz und Druck vortheilhaft vor anderen Katalogen aus. Wenn die Druckerei durch diefe Arbeit gezeigt hat, dafs fie etwas Tüchtiges leiften kann, fo gebührt der fchweizerifchen AusstellungsCommiffion auch ein Antheil an dem Verdienfte, denn nur durch ihre unermüdliche Thätigkeit und exacte Arbeit wurde die Druckerei in den Stand gefetzt, auch das Ihrige zu der fchönen Ausftattung beizutragen. Italien. Wir haben hier vor Allem das wüfte Durcheinander zu rügen, wodurch fich diefe Ausstellung vor den anderen hervorgethan hat. Alles lag kunterbunt in Haufen und verleidete damit ordentlich das genaue Befehen der Gegenstände. Wenn auch unfere Erwartungen nicht gerade hoch gefpannt waren, müffen wir dennoch geftehen, dafs, mit wenigen Ausnahmen, diefe unfere Erwartungen kaum erfüllt wurden. Mag fein, dafs auch die Unordnung, die dort herrfchte, uns hinderte, Befferes zu Geficht zu bekommen. Civelli in Mailand hat anerkennenswerthe Sachen ausgeftellt, unter welchen die„ Ghirlanda di Margarita" in Farbendruck und„ Dante's Göttliche Komödie" fich befonders auszeichneten. Vincenzo Bona in Turin zeigte durch feine ausgeftellten Werke, dafs er zu den rührigen Buchdruckern Italiens zähle. Die Buchdruckerei des MilitärStrafhaufes in Savona hatte ein Album ausgeftellt, das an Gefchmacklofigkeit feines Gleichen fucht. Wir konnten nicht erfahren, ob in diefer Druckerei nur Militärfträflinge arbeiten oder ob auch Nichtfträflinge dort befchäftigt feien. Die Einfaffungen diefes Albums waren nämlich derart gedruckt, dafs das eine Stück der Einfaffung eine blafsgrüne, das andere eine blafsrofa u. f. f. Farbe zeigte. Uns wunderte nur die Geduld, die auf diefe Arbeit verwendet worden ift, und wir zogen daraus den unmafsgeblichen Schlufs, dafs das Album nur durch Sträflinge hergeftellt fein könne. - Ein von der königlichen Buchdruckerei in Mailand( wenn wir nicht irren, eine ehemalige k. k. öfterreichiſche Staatsdruckerei) ausgeftelltes Formularbuch für Buchdrucker hob fich vortheilhaft aus den Maffen hervor. Die darin enthaltenen mathematifchen und Tabellenfätze gaben Zeugnifs, dafs der betreffende Setzer feiner Aufgabe gewachfen war. Alles Lob verdient auch der Drucker für den Farbendruck der Actien. Schweden und Norwegen war durch die Firma Norstedt& Söhne in Stockholm recht anftändig vertreten. Aufser 531 xylographifchen Abdrücken hatten fie noch Tegner's„ Frithjofsfage" und Herder's" Cid", beide mit Holzfchnitten illuftrirt, ausgeftellt, die alles Lobes würdig find. Die im fchwediſchen Schulhaufe ausgelegten Schulbücher waren Beweife, dafs die Firma Norftedt& Söhne auch diefen billigen Druckwerken alle Sorgfalt angedeihen läfst. Die ebenfalls im Schulhaufe ausgeftellten Liederbücher, gedruckt bei Elde& Comp. in Stockholm, und die Blindendrucke gehörten mit zu den fehenswerthen Zeugniffen, dafs auch im hohen Norden Guttenberg's Kunft eine getreue Pflegſtätte gefunden hat. Dänemark hatte mehr in Lichtdruck als im eigentlichen Buchdruck geliefert. Hervorzuheben find die von Luno Bianco in Kopenhagen ausgeftellten Bücher, deren Satz und Druck gut ausgeführt waren. Profeffor Waldemar Schmidt hatte Bücher mit Keilfchrift und Hieroglyphen ausgeftellt, die von F. H. Schultz in Kopenhagen fauber und rein gedruckt waren. Belgien hatte viel und mitunter recht Gutes ausgeftellt. Bruylant, Chriftophe& Comp. hatten neben einer reichen Auswahl von gewöhnlichen Werken auch einige Prachtwerke, und zwar in verfchiedenen Druckmanieren vorgelegt. Der Druck diefer Werke und der Holzfchnitte war ein guter.- 20 Ludwig Lott. Ch. Glaefen in Lüttich hatte mehrere architektonifche Werke; Van Velfen in Mecheln, aufser mehreren anderen Werken, die„ Principes de grammaire hebraïque" ausgeftellt. Eugène Guyot in Brüffel hatte eine grössere Sammlung von Druckwerken ausgeftellt, die auch meiftentheils ausftellungsfähig waren. Nur fchade, dafs Manches durch das zu hohe Aufhängen an der Wand fich einer genauen Befichtigung entzog; diefs galt namentlich von den Creditpapieren. Ad. Mertens' in Brüffel Album Doré'fcher Holzfchnitte war meifterhaft gedruckt. Frédéric Hayez in Brüffel hatte neben einer Anzahl gut gedruckter wiffenfchaftlicher Werke auch ein illuftrirtes Exemplar der belgifchen Verfaffung ausgeftellt, das einen guten Eindruck machte. - Die von Belgien ausgeftellten Drucke bewährten wieder die alte Erfahrung, dafs in denjenigen Ländern, die fchon feit geraumer Zeit einer freien Preffe fich erfreuen, der gefteigerten Production auch eine fortfchreitende technifche Vervollkommnung nachfolgt. Das Königreich der Niederlande hatte uns auch Vieles und mitunter recht Gutes gebracht. Wenn wir auch, da wir nur über„ Buchdruck" zu berichten haben, die eingefandten lithographifchen und Lichtdrucke nicht zu befprechen haben, fo müffen wir hier doch mit gutem Grunde eine Ausnahme machen und der Photolithographien des Dr. F. J. Affer in Amfterdam erwähnen. Dr. Affer brachte eine Sammlung von Copien alter Drucke, die fo vorzüglich waren, dafs von nun an manches alte koftbare Buch, dem einzelne Blätter fehlen, wieder complet gemacht werden kann, wenn nach einem zweiten Exemplar durch die Manier Affer's das Fehlende ergänzt wird. - E. B. ter Horft, Firma J. B. Wolters in Gröningen, hatte eine grofse Sammlung gebundener und brofchirter Werke ausgeftellt, die meift als gut. gedruckt bezeichnet werden müffen. A. W. Sy th off in Leiden hatte neben dem fchönen, Wörterbuch der Kunft und Wiffenfchaft" in zehn Bänden, auch noch viele und gut gedruckte Werke ausgeftellt; nur der Druck des ,, Gendenkbook van der Oorlog" liefs hie und da Manches zu wünſchen übrig. E. J. Brill in Leiden hatte fauber und rein hergestellte arabifche Drucke ausgeftellt. 99 - - Die Landesdruckerei" in Batavia hatte eine Anzahl Werke in den niederländifchen Landesfprachen ausgeftellt, deren Druck wohl viel zu wünfchen übrig liefs, die aber doch Zeugnifs ablegten von der weiten Verbreitung der Buchdruckerkunft. Das Deutfche Reich hatte für die meiften feiner Ausstellungsgegenftände eigene Annexe gebaut, die aber nicht immer den Ausftellungsobjecten von Nutzen waren. So war die Gruppe XII mit allen möglichen mufikalifchen, aftronomifchen Gegenftänden, Eifen- und Blechwaaren etc. fo unvortheilhaft als nur möglich untergebracht. Die meiſten Gegenftände, die an der Wand hingen, waren bis oben unter das Dach placirt, fo dafs Niemand im Stande war, diefelben zu befichtigen, viel weniger zu beurtheilen. Wenn die Deutfchen auch auf anderem Gebiete durch phyfifche und geiftige Ueberlegenheit die Franzofen befiegt, fo haben letztere auf der Wiener Weltausftellung doch unftreitig den Sieg über Deutſchland davon getragen und zwar nicht fo fehr durch beffere und hervorragendere Erzeugniffe, als vielmehr durch ihren Gefchmack und die treffliche Anordnung der ausgeftellten Gegenftände, nicht minder auch durch die Zuvorkommenheit, mit der fie das Publicum zum Befichtigen ihrer Objecte einluden. Denn abgefehen davon, dafs die Befchauer bei Hachette und Mame zum Sitzen eingeladen wurden, fo wurde nach Befichtigung des einen Objectes fogleich ein neues vorgelegt und auf die Eigenthümlichkeiten und Vorzüge desfelben aufmerkfam gemacht, fo dafs man an ihre Ausstellung ordentlich ftundenlang gefeffelt war. Dagegen hing oder klebte Buchdruck. 21 in den deutfchen Annexen beinahe auf jedem ausgeftellten Gegenftande, gleichviel ob Rohproduct oder fertige Waare, ob aus Papier, Holz oder Eifen beſtehend, ein grofsgedruckter Zettel, der vor der Berührung der Objecte warnte. Die Frage: ob durch diefen Vorgang das Intereffe der deutfchen Ausfteller gewahrt wurde, indem man das Publicum verhinderte, fich von der Güte der ausgeftellten Gegenstände zu überzeugen, überlaffen wir der deutfchen AusstellungsCommiffion zu beantworten. Warum fo viele geachtete Druckfirmen Deutſchlands auf der Weltausftellung fehlten, ift uns ein Räthfel. In den Schaufenftern beinahe jeder gröfseren Wiener Sortimentsbuchhandlung kann man mehr deutfche Firmen finden, als auf der Weltausftellung vertreten waren, und unter dem in diefen Schaufenstern Ausgeftellten befindet fich fo Manches, das im Prater auch an feinem Platze gewefen wäre. In der deutfchen Abtheilung verdient vor Allem die ,, Collectiv- Ausftellung der württembergifchen Buchhändler, Xylographen etc." in Stuttgart unfere Aufmerksamkeit. Die J. G. Cotta'fche Buchhandlung hatte nur Meifterhaftes ausgeftellt, da fie etwas Anderes auch nicht ausftellen konnte. Denn Alles, was aus ihrer Buchdruckerei hervorgeht, ift ftyl- und kunftgerecht, weil von A bis Z an Nichts gefpart wird, um Alles fo vollendet als möglich herzuftellen. Ihre Prachtausgaben fowohl wie ihre Cabinets- und Miniatur- Ausgaben der deutfchen Claffiker find zu bekannt, als dafs wir fie näher befchreiben dürften. Der Druck und der Verlag, fowie die xylographifche Anftalt von Eduard Hallberger find ebenfalls rühmlichft bekannt, fo dafs man auch darüber nur wenig zu fagen braucht. Sein Ueber Land und Meer" und die anderen gut gedruckten illuftrirten Lieferungswerke find beinahe in jeder Hütte zu treffen. Seine Doré'fche Bibel verdiente prachtvoll genannt zu werden, denn die Holzfchnitte auf feinftem Papier find mufterhaft gedruckt und ftehen den franzöfifchen nicht nach; auch der Druck des Textes liefse nichts zu wünſchen übrig, wenn er nicht etwas zu fcharf gehalten wäre, ihm fehlt die letzte Feile( auf die bei Cotta fo viel Gewicht gelegt wird), nämlich das Glätten in der Packpreffe. Wenn man die prachtvollen Doré'fchen Holzfchnitte mit Vergnügen betrachtet und dann den Blick auf den Text richtet, fo erhält das Auge einen ordentlichen Stich durch die ftark vortretende Schattirung. Wir haben leider die Bemerkung gemacht, dafs fo manches deutfche Prachtwerk fich viel beffer darftellen würde, wenn nicht an Geringfügigem gefpart werden möchte. Bei dem einen könnte das Papier und die Druckerfchwärze beffer fein, beim zweiten wurden Lettern oder Linien verwendet, die nicht mehr ganz fcharf waren, und das Dritte, das Alles hat, was dazu gehört, ift. wieder nicht geglättet u. f. f. In diefer Hinficht müffen wir uns die Franzofen und Engländer zum Mufter nehmen. Hallberger's xylographifche Anftalt lieferte ein Album von Holzfchnitten, deren Feinheit nichts zu wünſchen übrig liefs. Eine Stereotypplatte aus„, Ueber Land und Meer" war fcharf und tief. Eine grofse galvanifche Platte war fehr fchön, hatte jedoch einen Sprung. ,, Aus deutfchen Bergen", Verlag von A. Kröner in Stuttgart, war mit fchönen Holzfchnitten illuftrirt, der Druck derfelben war jedoch nicht fo fchön. Die Werke in ruffifcher und orientalifcher Sprache von Carl Grüninger in Stuttgart waren zwar gut gedruckt, doch theilweife mit altmodifchen Typen. J. B. Metzler's illuftrirte und mathematifche Werke waren gut gefetzt und gedruckt, die Illuftrationen, wie bei A. Kröner, von Clofs, liefsen an Feinheit der Ausführung nichts zu wünfchen übrig. Der Gefammteindruck der Stuttgarter Ausftellung war fo recht für das Herz eines Jüngers Guttenberg's gemacht und wird wohl Jeder Gelegenheit gefucht haben, diefe Expofition mehrmals befichtigen zu können. 22 Ludwig Lott. Im Verhältniffe zu Stuttgart fchien fich Leipzig in den Winkel geftellt zu haben. Die Firma F. A. Brockhaus, deren Verlag einer der verbreitetften ift und deren Druckerei im Drucke von Holzfchnitten fo Vorzügliches leiftet, machte durch das Arrangement ihrer Ausftellung nicht den Eindruck, den fie hätte machen follen. Ihre Bücher lagen auf einer Tafel, ftaubbedeckt drunter und drüber, und ihre Holzfchnitte, Landkarten etc. hingen an einer Wand theilweife fo hoch, dafs fie fich jeder Beurtheilung entzogen hätten, wenn fie uns nicht von andersher fchon bekannt gewefen wären. Alles Lob und grofses Verdienft erwarb fich diefe Firma durch den Druck der im Manz'fchen Verlage in Wien erfchie. nenen und aus dem rühmlichft bekannten Inftitute für Holzfchneidekunft von F. W. Bader in Wien hervorgegangenen grofsen Holzfchnitte„ Wien im Jahre 1873". E. A. Seemann in Leipzig hatte unter manchem Sehenswerthen auch mehrere Jahrgänge von Dr. C. v. Lützow's" Zeitfchrift für bildende Kunft" ausgeftellt, deren artiftifche Herftellung eine gute genannt werden mufs. Die Ausftellung der„ Königl. Geheimen Ober Hofdruckerei" ( R. v. Decker) in Berlin brachte uns, neben mehreren Prachtwerken, ihre Schriftproben, die den Zeitraum von 1767 bis 1873 umfaffen. Diefes eine Album zeigt uns die Thätigkeit und den Fortfchritt in der Schriftgiefserei während eines ganzen Jahrhunderts und wird gewifs von jedem Buchdrucker mit Intereffe durchblättert worden fein. Das Krönungswerk, zur Erinnerung an die 1861 erfolgte Krönung des jetzigen Kaifers der Deutfchen zum König von Preufsen, wurde auf Allerhöchfte Anordnung gedruckt. Die darin vorkommenden Abfonderlichkeiten werden unferes Erachtens nicht der Druckerei, fondern einem anderen höheren Einfluffe zuzufchreiben fein. Denn fonft wäre es nicht erklärlich, warum zu der römifchen Jahreszahl auf dem Titel nicht gothifche, fondern Fracturlettern genommen wurden, und dafs die innere Eintheilung des Satzes gegen alle Regeln verftöfst. Die typographifche Ausführung ift fonft eine tadellofe. Das Neue Teftament in Luther's Sprache iſt ein typographifches Unicum, das wohl nur in Bibliotheken Aufnahme finden wird. Die prachtvollen Holzfchnitte und Initialen find Meifterwerke der Xylographie und der Druck derfelben fowie der des Textes find ihnen ebenbürtig. Wilhelm Gronau, Buchdruckerei und Schriftgiefserei in Berlin. Die ausgeftellten dicken Bände Schriftproben legen Zeugnifs ab für die Reichhaltigkeit der Schriftgiefserei und die in Rahmen ausgehängten Accidenzen fprechen von dem guten Gefchmacke der Buchdruckerei, welche die Erzeugniffe der Schriftgiefserei erft recht zur Geltung bringt. Ein Beweis von der Tüchtigkeit beider Branchen diefer Firma liefert das ,, Touffaint- Langenfcheidt'fche Dictionnaire" mit feinen vielen eigenthümlichen Zeichen. Die Gebrüder Grunert in Berlin und G. Braun'fche Hofbuchdruckerei in Carlsruhe haben jede, aufser einigen Werken, Mufterbücher mit Druckproben ausgeftellt, von denen Manches fehr hübfch ift. Vier Hamburger Buchdrucker, die Herren Ferdinand Schlotke, G. J. Herbft, A. F. M. Kümpel und Pleffe& Lührs haben fich zu einer Collectiv- Ausstellung vereinigt, über die wir nicht viel fagen können. Sowohl die Farbendrucke von Schlotke, als die Accidenzen von Herbft waren zu hoch aufgehängt und entzogen fich daher der Beurtheilung. Die Accidenzen Kümpel's find gewöhnlicher Art und die Logotypen von Pleffe& Lührs nur für Preiscourante und Marktberichte verwendbar, auf deren Schönheit weniger Gewicht gelegt wird, als auf rafche Herftellung, fie werden von keinem praktiſchen Buchdrucker nachgeahmt werden. Wir hätten gewünſcht, dafs Herr Pleffe, den wir fchon vor langen Jahren als tüchtigen Stenographen kennen gelernt, fein typographifches Talent, gleich feinem ehemaligen Collegen in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Wien, Herrn Carl Faulmann, den Typen und dem Satze Buchdruck. 23 der ftenographifchen Zeichen zugewendet haben würde; ein Verdienft in diefer Sache wäre ein ungleich gröfseres als die Spielerei mit Logotypen. Die Bücher in orientalifchen und flavifchen Sprachen, die illuftrirten kunft. gefchichtlichen und wiffenfchaftlichen Werke und die Muftercollectionen von Actien und Werthpapieren der Buchhandlung und Buchdruckerei des Waifenhaufes in Halle machen theilweife Anfpruch auf künftlerifche Herftellung, fo namentlich die Holzfchnitte und der Druck derfelben in den Beiträgen zur Gefchichte der griechifchen Plaftik: Alles aber gibt Zeugnifs von der grofsen Ausdehnung diefes im Jahre 1698 gegründeten Gefchäftes. R. Falk in Berlin hatte Drucke von hochgeätzten Hand- und Mafchinenzeichnungen ausgeftellt, von denen nur die billigen Preife derfelben hervorgehoben werden können. Die Ausführung ift den Preifen angemeffen. S. Calvary& Comp. in Berlin haben ihre philologifche Bibliothek und einige andere wiffenfchaftliche Werke ausgeftellt. Das Meifte diefes Verlages ftammt aus Dräger's Buchdruckerei in Berlin und zeigt gleichmäfsigen Satz und Druck. Die L. Schellenberg'fche Hofbuchdruckerei in Wiesbaden hatte ein Mufterbuch mit Accidenzen ausgeftellt, bei denen der Druck auf hochfeinem Glanzpapier fehr fchön ausgeführt ift, während der Satz hie und da getadelt zu werden verdient. G. F. Manz in Regensburg hatte aufser feiner Real- Encyclopädie, die fich durch gleichmässigen Druck auszeichnet, auch verfchiedene religiöfe Werke ausgeftellt, namentlich ein" Mifsale romanum", das fich aber nicht über die Alltäglichkeit erhebt. Diefs gilt auch von feinen Holzſchnitten. Friedrich Puft et in Regensburg hatte neben Werken religiöfen Inhaltes auch xylographifche Farbendrucke ausgeftellt, welche zu den beften in diefem Genre gehören. Doch treten die von H. K nöfler in Wien für diefe Firma angefertigten, gegen die in eigener Druckerei erzeugten glänzend hervor. Wilh. Gottl. Korn in Breslau hat nur Werthpapiere ausgeftellt; einige davon recht fchön in Satz und Druck ausgeführt, andere dagegen im Satz zu fchwer und in der Farbe zu grell. B. F. Voigt in Weimar hatte neben feinem fonftigen reichhaltigen Verlage auch feinen Schauplatz der Künfte und Handwerke" ausgeftellt. Die typographifche Ausftattung des Voigt'fchen Verlages macht keine grofsen Anfprüche, fie ift eine alltägliche, während auf den Druck der Atlanten und Karten ungleich mehr Sorgfalt verwendet wird. Leonard Schwann in Neufs hatte viele Farbendrucke ausgeftellt, die gröfstentheils für ordinäre Gebetbücher und für Wallfahrtsorte beftimmt fcheinen. Die Schnitte für die verfchiedenen Farben find gröfstentheils zu hart gehalten, fo dafs fich jede Farbe für fich abgegrenzt darftellt und kein Uebergang von einer Farbe zur anderen ftattfindet, was umfomehr auffällt, als die Farben alle kräftig und rein auf der Schnellpreffe gedruckt find. Auch fcheint diefe Firma mehr mit Deck als mit Lafurfarben zu arbeiten; nur durch die letzteren allein kann aber ein allmäliger Uebergang von einem Tone zum anderen erzielt werden. Franz Saufen's Buchdruckerei in Mainz hatte Werke, in Druck und Einband Nachahmungen der alten Originale, ausgeftellt, ohne dafs der fchwarze und rothe Druck das Feuer und die Lettern die Schärfe der Originale erreicht hätten. Die königl. preufsifche Staatsdruckerei in Berlin hatte Proben von Buch-, Kupfer- und Steindruck, heliographifche Reproductionen, Graveur. und Guillochirarbeiten ausgeftellt, die die Bewunderung der Jünger Guttenberg's hervorriefen. Die Werthpapiere für den preufsifchen Staat fowohl, als auch für Private zeugten nicht allein von künftlerifcher Auffaffung, fondern fie zeichneten fich durchwegs durch edle Einfachheit und Anwendung der 24 Ludwig Lott. neueften Methoden aus. Für den Fachmann war befonders intereffant, dafs von einigen diefer Werthpapiere die einzelnen Plattenabdrücke auch ausgeftellt waren; ebenfo war das Verfahren der heliographifchen Reproductionen erfichtlich gemacht. Unter den in Gruppe XXVI ausgeftellten Unterrichtsgegenständen verdienen die Karten und Kartenwerke von Ifsleib& Rietzfchel in Gera umfomehr Beachtung, als diefelben nicht nur ihrer äufserft billigen Preife wegen als Volksbildungsmittel dienen, fondern auch Erzeugniffe der Buchdruckerpreffe find. Diefe rührige Gera'er Anftalt brachte einen Volksatlas von 24 Karten in deutfcher und fchwediſcher, und von 28 Karten in franzöfifcher Sprache; einen Specialatlas von Oefterreich- Ungarn; einen Neueften Schulatlas" in 44 Karten etc. Der„ Volksatlas" war Bahnbrecher zur Hebung des geographifchen Unterrichts in der Volksfchule. Derfelbe, 24 Karten enthaltend, erfchien 1867 um den fehr billigen Preis von 72 Silbergrofchen und erregte mit Recht allgemeines Auffehen. Schon nach Verlauf von einigen Monaten war die erfte Auflage vergriffen und es erfolgten nun infolge der Einführung desfelben in den Volksfchulen faft aller Staaten Deutfchlands jährlich drei bis vier Auflagen, jede zu 30.000 Exemplaren, fo dafs bis jetzt gegen 800.000 Exemplare in der ganzen Welt verbreitet find. Auch in Oefterreich- Ungarn ift derfelbe vom Cultusminifterium zur Einführung in den Volksfchulen empfohlen worden. Die Verlagshandlung erhielt von den im Jahre 1869 in Baden bei Wien verfammelten Lehrern ein Ehrendiplom für die Ausftellung ihrer Karten. O efterreich. Die graphifchen Künfte der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder waren im füdlichen Hofe 13a untergebracht. Vom Innern des Induftriepalaftes war diefer Hof nur durch je eine Seitenthür von den Quergallerien 12 a und 13 a aus zu betreten, da die Hauptthür durch einen der von der Kritik mit Recht verurtheilten fogenannten Pavillons abgefperrt war. Wefshalb gerade die graphifchen Künfte Oefterreichs, deren Meifter und Jünger fich zum erften Male in bedeutender Zahl an dem Wettkampfe der ganzen civilifirten Welt betheiligten, von der Generaldirection fo ftiefmütterlich behandelt wurden, ift uns und gewifs auch vielen Anderen bis heute noch nicht klar geworden. Taufende und Taufende von Befuchern des Induftriepalaftes betraten den felben entweder durch das Weftportal oder durch die Rotunde und durchftöberten tagelang alle Gallerien und Höfe, jedoch der Hof 13 a war für die weitaus meiften fpurlos verfchwunden, weil er, wie oben gefagt, von der Hauptgallerie aus durch eine Fontaine von Flachs und Hanf verrammelt war. Auch die von den Ausftellern angebrachte Tafel, die den Weg zur öfterreichifchen Ausftellung von Gruppe XII zeigte, erreichte nicht ihren Zweck der Strom des Publicums ging eben ftets gerade aus und die Meiften vermutheten hinter den Seitenthüren höchftens untergeordnete Gegenftände. Die graphifchen Künfte befitzen eben nicht fo eine Anziehungskraft wie der Schatz des Sultans, um deffen Ausftellung man an jedem Tage wohl zehnmal und öfter gefragt wurde. Der gröfste Theil der öfterreichiſchen Ausftellung war in dem Hofe 13 a, aber auf eine fehr fchöne und praktifche Weife vereinigt, nur die Erzeugniffe zweier Ausfteller wir wiffen nicht warum?-- machten eine Ausnahme: diefelben hatten den Ehrenplatz in der Rotunde erhalten. Den durch diefen vermeintlichen Vorzug zurückgefetzten, in den verrammelten Hof 13 a verwiefenen Ausftellern erwuchs jedoch gerade durch diefe Abfonderung ein nicht zu verachtender Vortheil, nämlich der, dafs ihre Ausftellungsgegenstände fo recht Augen und Herzen erfreuten, nicht aber durch Erinnerungen an den Schwindel und fein Ende in die Geifter und Seelen trübe Schatten warfen. Dagegen waren in der Gallerie der Rotunde die von allen Seiten freiftehenden grofsen Glaskäften der beiden bevorzugten Firmen, H. Engel& Sohn und L. C. Zamarski in Wien, gröfstentheils mit dem angefüllt, was noch am Tage der Eröffnung der Weltausftellung eine fehr Buchdruck. 25 grofse Anziehungskraft befafs, kaum einige Tage nach der Eröffnung aber von Vielen nur mit Wehmuth und Trauer betrachtet wurde: es waren nämlich die von ihrer fchwindelhaften Höhe herabgeftürzten Actien und dergleichen Werthpapiere. Hätte der Schutzpatron des 9. Mai, der heilige Gregor, dem mit Gewalt Einlafs fordernden Krache die Thüre gewiefen, ftatt ihm diefelbe zu öffnen, dann würden diefe Engel- Zamarski'fchen Glaskäften wohl ebenfo umlagert worden fein, als wie der Schatz des Sultans, fo aber ftanden die Armen da einfam und verlaffen wie verfallene Grabdenkmäler. Dagegen hatten die, ob mit oder ohne Abficht, in den Hof 13 a gerathenen Befucher und Befchauer eigentlich an ihren zwei Augen zu wenig, um Alles und Jedes genau befichtigen und betrachten zu können. Der Berichterstatter hat viele Perfonen getroffen, die in diefem Hofe öfters einfprachen und ihm das Geftändnifs ablegten, fie feien das erfte Mal zwar nur durch einen Zufall herein gekommen, fühlten fich aber durch das Gebotene und deffen zweckmäfsige Aufftellung fo angezogen, dafs fie mit Vergnügen immer und immer hieher kamen. Da die genannten zwei Firmen( beide, nebenbei bemerkt, fchon einige Zeit vor der Ausftellungseröffnung vereinigt und in eine Actiengeſellſchaft umge wandelt) von der Generaldirection derart gewerthet und gewürdigt wurden, dafs fie denfelben eigene Plätze zuwies, fo wollen wir ihnen neidlos den Vortritt laffen und ihre Erzeugniffe zuerft betrachten. Die k. k. Hoflithographie und Buchdruckerei von L. C. Zamarski hatte in einem grofsen, fchwarzpolirten, mit Gold reich gefchmückten und übrigens fchön gearbeiteten Glasfchranke viele Werthpapiere, namentlich Actien ausgeftellt, deren Ausführung gemeinfchaftlich der lithographifchen und BuchdruckPreffe zugefallen. Die Zeichnungen derfelben und die gefchickte Anwendung des Pantographs zeugten von Gefchmack und künftlerifcher Auffaffung und man fah es ihnen wenig an, dafs fie meiſtens in der gröfsten Eile hergeftellt werden mufsten. Die ausgeftellten Chromolithographien und typographifchen Farbendrucke, wovon aber ein Theil nicht mehr neu war( das von diefer Firma anfangs der Sechzigerjahre herausgegebene Haus- und Familienbuch hatte diefelben fchon gebracht), zeigten manches Schöne. Die mittelft Farben- und Prägedruck dargeftellten öfterreichifchen Ritterorden können als fehr fchön und gelungen bezeichnet werden. Auch andere Accidenzen, als: Adreffen und Gefchäftskarten, die meiſten davon ausgezeichnet, füllten diefen Schrank. Auf dem Aeufseren diefes verfchloffenen Schrankes lag ein einziges Buch, das in zwei Bänden in Wilhelm Braumüller's k. k. Hofbuchhandlung erſchienene Werk:„ Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen Oefterreichs von Profeffor Exner". Die Firma Zamarski verwandte alle nur mögliche Sorgfalt auf diefes Werk und beabfichtigte durch gleichmäfsigen Satz und Druck desfelben zu zeigen, was fie auch im Werkdrucke zu leiften im Stande fei. Dafs fie diefes erreichte, trotz der vielen Correcturen und Aenderungen im Texte während des Satzes, die fonft jeder Sorgfalt fpotten und die Arbeit verdoppeln und verdreifachen, und dafs das Werk dennoch rechtzeitig erfchien, ift um fo ehrenvoller für die technifche Leitung diefes grofsen und grofsartig eingerichteten Inftitutes. Wer in der Haft folche Erzeugniffe zu liefern im Stande ift, wird gewifs noch Befferes darbieten können, wenn ihm auch die dazu nöthige Raft vergönnt ift. Die Jury hat auch die Leiftungen des techniſchen Leiters diefer Anftalt dadurch anerkannt, dafs fie Herrn Albert Pietz die Mitarbeiter- Medaille verlieh. Die k. k. Hoflithographie und Buchdruckerei von H. Engel& Sohn in Wien hatte ihren Glasfchrank, der dem Zamarski's ähnlich war, gröfstentheils mit Actien, Caffafcheinen etc. etc. ausgefüllt. Die Ausführung derfelben liefs zwar hier und da Manches zu wünfchen übrig, auch fcheint ein grofser Theil davon nur auf der lithographifchen, ohne Beihilfe der typographifchen Preffe 26 Ludwig Lott. erzeugt zu fein. Doch waren recht hübfch ausgeftattete Sachen darunter, und würde diefe Firma gewifs auch nur Tadellofes geliefert haben, wenn man ihr die zu folchen Arbeiten nöthige Zeit zur Ausführung gelaffen hätte. Doch die Herren Gründer verlangten von den Druckereien, die fich hauptfächlich mit der Herftellung von Creditpapieren befafsten, dafs ihre Arbeiten fo rafch hergestellt würden, als die Zeitungsdruckereien ihre Journale herzuftellen pflegen. Dafs bei einem folchen Begehren vor allem nur darnach getrachtet werden musste, die Arbeit unter die Preffe zu bringen, ohne eine künftlerifche Ausführung abzuwarten und damit Zeit zu verlieren, leuchtet wohl Jedem, nicht nur dem Sachverftändigen ein. Dafs diefe Firma aber, wenn ihr Zeit und Mufse gegeben wird, auch wirklich Gutes und Schönes zu leiften vermag, davon gaben die für das Kaiferthum Japan angefertigten, auf violettem Grunde fchwarz gedruckten Briefmarken Kunde; nicht minder auch gaben dafür Zeugnifs die für die Befucher der Ausftellung aufserhalb des gefchloffenen Glasfchrankes ausgelegten, auf grünem Untergrunde braun und fchwarz gedruckten, künftlerifch vollendeten Gefchäftskarten. Auf der Rückfeite diefer Karten waren aufser dem Wiener Magiftrate und dem Finanzdepartement des Kaiferthums Japan in Youkahama, nicht weniger als 32 Banken und Geldinftitute als Referenzen aufgeführt, woraus der Schlufs gezogen werden kann, welch grofse Anzahl von Werthpapieren aus dem Inftitute H. Engel& Sohn hervorgegangen ift. So viel von den beiden Glasfchränken in der Rotunde. Wir kehren jetzt in den Hof 13 a zurück und betreten denfelben von der Aufsenfeite, um die Collectiv- Ausstellung des Gremiums der Wiener Buchdrucker zu befichtigen. Unmittelbar vor uns finden wir den Ausftellungskaften der k. k. Hofund Staatsdruckerei in Wien. Bevor wir aber den Inhalt diefes Kaftens felbft betrachten, wird es zweck- und fachgemäfs fein, wenn wir uns etwas eingehender mit dem Inftitute felbft befchäftigen. Die k. k. Staatsdruckerei war bis zum Jahre 1841 nichts mehr und nichts weniger als was die Jünger Guttenberg's ein„ Feuerzeug" nennen. Am 24. Jänner Von da an 1841 wurde Alois Auer zum Director diefer Staatsanftalt ernannt. begann diefelbe ein anderes Geficht anzunehmen. Im Jahre 1843 wurde die ,, k. k. Lottoamts- Druckerei", die„ k. k. Hofkammer- Lithographie", das„ k. k. Papierdepôt für die Staatsdruckerei und die Behörden" und der„ Aerarial- Druckfortenverfchleifs" mit der Staatsdruckerei vereinigt. Kaum vier Jahre nach der Ernennung Auer's trat die Staatsdruckerei fchon mit den erften fieben grofsen Tafeln:" Typenfchau des gefammten Erdkreifes" in der 1845 in Wien abgehaltenen öfterreichifchen Induftrie Ausstellung auf. Diefe Typen, deren Stempel und Matrizen alle in der Staatsdruckerei felbft erzeugt worden waren, und deren Abdruck fämmtliche Sprachenalphabete zur Anficht brachte, erregten mit Recht allgemeines Auffehen. Neben diefer„ Typen. fchau" hatte die Anftalt damals noch neun Tafeln in Placatformat ausgeftellt, nämlich„ Auer's Sprachenhalle oder das Vaterunfer in 206 Sprachen und Mundarten", alle mit lateinifchen Typen gedruckt. Im Jahre 1846 wurde in der Staatsdruckerei ein japanefifches Buch gedruckt. Es war diefs das erfte mit beweglichen Typen gedruckte japanefifche Buch nicht nur in Europa, fondern das erfte überhaupt, da die Japanefen felbft, fowie die Chinefen, nur mittelft Holztafeln bis auf unfere Tage gedruckt haben und zum Theile noch drucken. Wie fehr die Staatsdruckerei ihren Wirkungskreis fort und fort erweiterte, erhellt daraus, dafs das Perfonal derfelben, das im Jahr 1841 etwa 50 Perfonen. betrug, am Schluffe des Jahres 1847 aus mehr als 600 Köpfen beftand. Dafs das bewegte Jahr 1848 auf die ftetige Entwicklung der Staatsdruckerei, in wiffenfchaftlicher Beziehung, nicht ohne ftörenden Einfluss fein konnte, ift Buchdruck. 27 natürlich, doch trugen die Folgen diefes Jahres wefentlich zur räumlichen Erweiterung des Inftitutes bei. Die nächften zwei Jahre waren Jahre der gröfsten Anftrengung für die Staatsdruckerei. Die Bedürfniffe des Staates zur Beftreitung der Kriegskoften in Ungarn und Italien, zur Deckung des Ausfalles in den Steuern des aufftändifchen halben Kaiferftaates und für die Nachwehen des Jahres 1848 hatten eine fabelhafte Höhe erreicht. Die Staatsregierung mufste daher zu energifchen Mitteln greifen, und die Staatsdruckerei war genöthigt, ihren wiffenfchaftlichen Apparat zur Seite zu ftellen, um nur einen Auftrag über den andern von Seite des Staates ausführen zu können. Unverzinsliche Central- Caffe- Anweiſungen und mit 3 Percent verzinsliche Central- Caffe- Anweifungen, dann Reichsfchatzfcheine und Partial- und Hypothekar- Anweifungen, ferner Conventionsmünze. Obligationen und Ein- und Zweiguldenzettel, fowie Anweifungen auf die ungarifchen Landes- Einkünfte, des weiteren Treforfcheine für Italien, zuletzt Münzfcheine zu 6 und 10 Kreuzer u. f. w. nach Millionen und Millionen anzufertigen, war in diefen fchweren Zeiten die Aufgabe der Staatsdruckerei. Das Reichsgefetzblatt mufste in zehn Sprachen in einer Auflage von mehr als 30.000 Exemplaren gedruckt werden. So grofs war diefe Arbeit, dafs die Staatsdruckerei fie allein nicht zu bewältigen vermochte und mehrere Privatdruckereien am Drucke des Reichsgefetzblattes betheiligt werden mufsten. Das Inventar der Staatsdruckerei ftieg in diefen Jahren von 5 auf 40 Schnellpreffen und vermehrte fich um 20 lithographifche Preffen. Das Perfonal ftieg auf mehr als taufend Perfonen. Um diefs alles unterzubringen, mufsten auf drei Hoftracte Stockwerke aufgefetzt und auf einem leeren Hofraum ein fünf Stockwerke hohes Haus aufgeführt werden; der noch übriggebliebene leere Hofraum wurde zur Aufnahme der Schnellpreffen hergerichtet und mit einem Glasdache überdeckt. Grofs waren die Mühen gewefen, aber auch die Erfolge waren grofse. Im Jahre 1851 erntete die Staatsdruckerei, nach zehn Jahren, feit Auer die Leitung übernommen hatte, auf der Londoner Weltausftellung glänzende Ehren. Der von der internationalen Jury gefällte Spruch lautete dahin: dafs die kaiferliche öfterreichifche Hof- und Staatsdruckerei in Wien auf dem von ihr repräfentirten Kunftgebiete aus fchliefs lich und allein die " Grofse Rathsmedaille" verdiene, und wurde ihr diefes höchfte Ehrenzeichen unter Zuerkennung aller fünf Medaillen einftimmig ertheilt. Diefe Auszeichnung war um fo höher anzufchlagen, da fie der um fo viel älteren franzö fifchen Staatsdruckerei nicht zu Theil geworden ift, einer Anftalt, die von allen franzöfifchen Regierungen feit Jahrhunderten ftets aufs Sorgfältigfte gepflegt wurde, um fich als Mufteranſtalt in der Welt behaupten zu können. In der Parifer Welt- Induftrie- Ausftellung 1855 erhielt die öfterreichifche Staatsdruckerei die höchfte Auszeichnung: die grofse goldene Medaille. Die Staatsdruckerei, vorher nicht einmal jenfeits der fchwarzgelben Grenzpfähle bekannt oder genannt, hatte fich die Anerkennung und die Bewunderung der Gelehrten und der Gebildeten der ganzen Welt in kürzefter Zeit errungen; ift es da zu wundern, dafs fie durch fo ruhmreiche Erfolge dem Schickfale alles Grofsen verfiel? Ihr Director, der es vom einfachen Schriftfetzerlehrling bis zum k. k. Hofrath und zur Erhebung in den Ritterftand gebracht hatte, ward ein Gegenftand des gemeinen Neides und der Mifsgunft. Nur hatten fich die Feinde nicht überlegt, dafs alle Angriffe, die gegen Auer vorgebracht wurden, derjenigen Anftalt zu Schaden und Verderben gereichten, welche in trüben Tagen den Namen und den Ruhm Oefterreichs über die weite Welt getragen hatte. War doch die fo alte franzöfifche Staatsdruckerei, die bisher als Mufteranſtalt vorgeleuchtet hatte, durch die fo junge öfterreichifche tief in den Schatten geftellt worden! 28 Ludwig Lott. Zwar fo lange die k. k. Finanzminifter Philipp Freiherr v. Kraufs und Carl Freiherr v. Bruck oberfte Chefs der Staatsdruckerei waren, fand Auer für feine Anträge williges und ſchnelles Gehör, und erreichte die Anftalt unter Bruck die Höhe ihres Glanzes trotz aller feindlichen Gegenftrömungen. Nach dem Tode Bruck's aber, bei dem Eintritte neuer Finanzminifter und bei der bekannten Sparfamkeit unferes hohen Abgeordnetenhaufes, wurde die Staatsdruckerei von ihrem Wege zur Förderung der Künfte und Wiffenfchaften abgedrängt, und fo zu fagen zur ausfchliefslichen Lohnarbeit herabgedrückt. Die Kräfte, die zum Entwerfen und zur Ausführung von Kunftobjecten herangebildet oder herangezogen waren, deren Nutzen fich aber nicht ziffermäfsig nachweifen liefs, mufsten verabfchiedet werden. Die Staatsdruckerei, wenn fie nicht einen fo grofsartigen Reichthum an Stempeln, Matrizen, Lettern, Platten u. f. w. aus früheren Zeiten befäfse, wäre fchon lange von dem ehrenvollen Standpunkte herabgefunken, den fie auch noch heute einnimmt. In welch unerquickliche Lage die Staatsdruckerei durch den Abgang von Perfönlichkeiten, denen künftlerifche Entwürfe anvertraut werden können, manchmal verfetzt wird, wenn fie plötzlich eine Vorlage für ein neues Creditpapier oder dergleichen liefern foll, davon haben Diejenigen oft nicht die geringfte Ahnung, welche die Erzeugniffe der Staatsdruckerei vom künftlerifchen Standpunkte aus wegwerfend beurtheilen. Hätte die Staatsdruckerei für die Anfertigung folcher Entwürfe nur über einige tüchtige Kräfte zu verfügen, die einestheils Vorlagen vorarbeiteten und anderntheils jüngeren Nachftrebenden als Lehrer dienten, dann beftünde das Verlangen vollkommen zu Recht, dafs die in der Staatsdruckerei angefertigten Creditpapiere und andere Kunftfachen den Stempel einer gröfseren künftlerifchen Vollendung an fich trügen. Wie ift aber eine künftlerifch tadellofe Ausstattung möglich, wenn z. B. das hohe Abgeordnetenhaus heute befchliefst, dafs die ältere Staatsfchuld in neue Obligationen convertirt, oder dafs Appoints von Ein, Fünf und Fünfzig Gulden Staatsnoten emittirt werden, und der Herr Finanzminifter verlangt, dafs die Staatsdruckerei auch fchon morgen dem Befchluffe des Abgeordneten. haufes entſprechende Vorlagen mache und übermorgen für fo und fo viele Millionen Gulden Papiere abliefere, weil er das Geld nothwendig bedarf und mit Ungeduld den Befchlufs des hohen Haufes erwartet hat? Wie im Sprichworte:" Spare in der Zeit, fo haft du in der Noth!" gilt hier:" Zeichnet in der Zeit, fo habt ihr Entwürfe in der Noth!" Einem Reiter wird es nie gelingen, fein Pferd zum Vorwärtsfchreiten zu bringen, wenn er ihm auch die Schenkel noch fo ftark anlegt und zugleich die Zügel ftraff anzieht: erft dann, wenn er dem Pferde in den Zügeln Luft läfst und ihm die Schenkel anlegt, das heifst, wenn er dem Pferde die nöthigen Hilfen gibt, dann wird es auch feine Schuldigkeit thun. Leget der Staatsdruckerei die Schenkel der Sparfamkeit an, laffet ihr aber auch in den Zügeln etwas mehr Luft, das heifst, gebt der Direction derfelben mehr Selbstständigkeit, dafs fie durch langweilige und oft ohne das mindeſte Verſtändnifs handelnde bureaukratifche Bevormundung nicht zurückgehalten wird, macht allenfalls die Direction für ihr Gebaren verantwortlich; laffet die angefangenen und zum grofsen Theile weit vorgefchrittenen wiffenfchaftlichen Verlagswerke, zu denen die Platten fchon feit Jahren fix und fertig daliegen, und zu deren gänzlichen Vollendung keine weiteren Auslagen nothwendig find als für das Papier und die Drucklöhne, fertig ftellen und nicht veralten; laffet fie den reichen und reichhaltigen Verlag buchhändlerifch organifiren, damit die Sortimentsbuchhändler für deren Vertrieb etwas thun können, und das Inftitut wird nicht allein auf eigenen Füfsen ftehen können, fondern Früchte Buchdruck. 29 tragen, die den Wiffenfchaften und den Künften zugute kommen, ohne dafs der Staat gröfsere Opfer zu bringen hat. Die Staatsdruckerei wird dann ihrem Zwecke entsprechen, das heifst, fie wird, unterstützt durch reichhaltiges Inventar und durch die ihr noch immer zu Gebote ftehenden Kräfte, Unternehmungen fördern können, von denen der Nutzen zwar nicht immer gleich auf der Hand liegt, die aber für den Staat und deffen Bewohner von unendlichem Vortheile fein können, und die auszuführen den Privaten nicht leicht möglich find. Kreuziget fie aber auch nicht, wenn ein neu auftauchendes Problem nicht den gehegten Erwartungen entfprechend gelöft wird. Nur fo kann die Staatsdruckerei wieder werden, was fie einft war: die Mufteranſtalt für die graphifchen Künfte nicht nur in Oefterreich, fondern in der ganzen Welt. Wenn fie wieder vorangeht, dann können und werden die Privaten, auf deren Thätigkeit fie einft fo erfolgreich eingewirkt hat, auch ferner nicht zurückbleiben, nicht zurückbleiben dürfen. Will man aber der Staatsdruckerei diefe nothwendige Selbftftändigkeit nicht geben, fo ift es beffer, fie aufzulöfen, als dafs fie mit Rückficht auf ihren Beruf, fo zu fagen, nicht leben und nicht fterben kann. Vor Allem wolle man aber im Auge behalten, dafs das Inftitut der Staatsdruckereien doch einen guten Grund haben mufs, weil auch dort, wo noch keine beftanden oder beftehen, in neuerer Zeit folche gegründet wurden, und noch gegründet werden. Selbft das allgemein bekannte Sparfyftem Preufsens hinderte nicht, dafs, von den grofsen Erfolgen der Wiener Staatsdruckerei angefpornt, der Commiffionsrath Wedding feinerzeit nach Wien gefandt wurde, um die Einrichtung diefer Anftalt kennen zu lernen und feine Erfahrungen für die 1851 erichtete königlich preufsifche Staatsdruckerei zu verwerthen. Nachdem wir unfere Anficht über die k. k. Hof- und Staatsdruckerei hier ausgefprochen, wollen wir jetzt zur Betrachtung der von ihr hors concours ausgeftellten Gegenftände übergehen, die fich in einem tifchartigen Glaskaften und an der dahinter befindlichen Wand vereinigt befanden. Neben den Druckformen und Matrizen der meiften in der Staatsdruckerei gepflegten grap hifchen Kunftfächer, welche ausgeftellt waren, müffen wir vor allem zweier grofser und dicker Bände Erwähnung thun, in welchen durch Sammlung von Erzeugniffen der Anftalt der Reichthum und der Umfang der Staatsdruckerei am beften zu überfehen war. Der eine, die fremdfprachlichen Typen enthaltend, zeigte, dafs die Staatsdruckerei trotz dem ihr aufgenöthigten Sparfyftem auch unter der jetzigen Direction nicht ftehen bleibt, fondern dafs fie je nach Bedarf, ihren Letternreichthum durch neue Schnitte fortwährend bereichert. Der andere Band, die fämmtlichen graphifchen Kunftzweige enthaltend, war durch Abdrücke aus allen graphifchen Fächern der Anftalt zufammengeftellt, und man konnte daraus die vielfältigen Druckmanieren der Staatsdruckerei am beften kennen lernen. von Der eigentliche Bücherdruck war durch 40 der verfchiedenartigften Werke vertreten. Das eine für Braumüller in Wien gedruckte Werk: Ueber den einheitlichen Urfprung der Sprachen der alten Welt, Reinifch zeigte eine folche Maffe der verfchiedenartigften Schriftzeichen, dafs es allein fchon hinreichen würde, für den Typenreichthum der Staatsdruckerei Zeugnifs abzulegen. Andere hervorragende Werke waren: eine Grammatik der vulgär- arabifchen Sprache: ein malayifch- franzöfifches Wörterbuch und ein javanifch- franzöfifches Wörterbuch, beide von Abbé Favre; ein kalmückifches Märchenbuch mit deutfcher Ueberfetzung neben dem kalmückifchen Texte; eine Syntax der chinefifchen Sprache, für welche befonders viele neue chinefifche Schriftzeichen gefchnitten wurden. Der Mufiknotendruck war durch mehrere gut und fcharf gedruckte Werke vertreten, und zeigten die dazu verwandten Notentypen einen fchönen Schnitt. Als ein in feiner Art befonders fchönes Werkchen müffen 30 Ludwig Lott. wir Entlichers Fibel und erftes Lefebuch für Blinde bezeichnen. Dasfelbe kann mit Recht als das befte bisher erfchienene Buch für Blinde bezeichnet werden. Auf die in neuerer Zeit beendeten fünf Bände von„ Physiotypia plantarum Austriacarum", kommen wir bei der Firma Fr. Tempsky in Prag zurück. Die Mittheilungen der k. k. Central- Commiffion zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, Jahrgang 1872", und der erfte Band der„ Illuftrirten WeltAusftellungs- Zeitung" zeugten von dem Fleifse und der Gefchicklichkeit ihrer Drucker. Die übrigen reich vertretenen graphifchen Fächer müffen wir, als nicht zum , Buchdruck" gehörend, übergehen. An der Wand, rechts von der Staatsdruckerei, befand fich die Firma Carl Fromme in Wien, welche neben ihrem reichhaltigen Kalenderverlage, dann mehreren Werken und ihren gut gedruckten Schriftproben, auch ein Erzeug. nifs ihrer Schriftgiefserei, nämlich eine aus Einfaffungsftücken zufammengefetzte Firmatafel, ausgeftellt hatte. Beim Betrachten der letzteren konnte fich jeder Fachmann überzeugen, dafs der gute Ruf, den die Fromme'fche Schriftgiefserei in Wien geniefst, ein wohlverdienter fei. Der reichhaltige Kalenderverlag Fromme's ift allgemein bekannt. Ein Kalenderplacat, in Quodlibetform, aus zehn Formen und zwölf Drucken beftehend, legte Zeugnifs ab für den guten Gefchmack des Setzers und die Kunftfertigkeit des Druckers und des Stereotypeurs. Von den übrigen ausgeftellten Werken und Brofchüren, denen ebenfalls guter Gefchmack beim Satze der Titel und der in denfelben vorkommenden Ueberfchriften nachgerühmt werden mufs, wollen wir nur ein einziges hervorheben, das fich durch feine befondere Schönheit auszeichnete: es ift der für Faefy& Frick in Wien gedruckte„ Katalog der Gallerie Gfell". Nächft Fromme, unmittelbar hinter der Staatsdruckerei, waren die typographifchen Farbendruckbilder von Heinrich Knöfler's xylographifcher Anftalt und Kunftbuchdruckerei in Wien theils ausgelegt, theils an der Wand befeftigt. Herr Knöfler hat es vom Tifchlergefellen durch Fleifs und Mühe und durch den Befuch der Akademie der bildenden Künfte in Wien zum Maler, zum fehr gefchickten Xylographen und zum Befitzer einer nur mit Handpreffen arbeitenden Kunftbuchdruckerei gebracht, deren Erzeugniffe einzig in ihrer Art daftehen. Diefer Meifter arbeitet vorzüglich nur für den xylographifchen Farbendruck, bei dem ihm fein Malertalent und feine Fertigkeit im Zeichnen fehr zu ftatten kommen. Dafs der gröfste Theil feiner Erzeugniffe, alle in der Technik ausgezeichnet, zumeift kirchlichen und religiöfen Zwecken dienen, kommt daher, dafs ihm eben nur die kirchliche Kunft bisher einigen Lohn für feine Mühen abwarf. Es verfteht fich wie von felbft, dafs eine folche, wir wollen fagen ein feitige Richtung zugleich auch eine ein tönige werden mufs. Alle bunten Heiligenbilder leiden, wenn eine gröfsere Anzahl derfelben neben einander gelegt ift, an Eintönigkeit der Farben, weil gewiffe Farben wie blau, roth, grün u. f. w. allen Bildern gemeinfchaftlich find. Dafs Herr Knöfler jedoch auch andere als Heiligenbilder erzeugt, wenn ihm dazu ein Auftrag wird, davon konnte man fich an den von Zamarski in der Rotunde ausgeftellten typographifchen Farbenbildern mit Befriedigung überzeugen. Wie hoch man in Frankreich, das doch im Farbendrucke fo Vorzügliches leiftet, Knöfler's Kunftfertigkeit hält, geht daraus hervor, dafs Firmin Didot beim Befuche der Wiener Weltausftellung Knöfler auffuchte und ihm einen fehr ehrenvollen, reichlich lohnenden Poften in feinem berühmten Parifer Inftitute antrug, den aber Knöfler höflich ablehnte, wofür wir ihm an diefer Stelle den Dank im Namen Oefterreichs wohl ausfprechen dürfen, um das er fich durch diefe Ableh nung aufs Neue hochverdient gemacht hat. Was wäre das Los unferer Kunftgewerbe, wenn die tüchtigften Kräfte für die ohnehin auf Oefterreichs Künftler und Induftriellen übermüthig herabfehenden Fremden arbeiteten? Buchdruck. 31 Aufser vielen Initialen und Miniaturen für das Reifs'fche Miffale romanum hatte Knöfler auch verfchiedene Heiligenbilder, welche für Puftet in Regensburg waren angefertigt worden, ausgeftellt. Knöfler's Kunft beſteht hauptfächlich in der wunderbar fchönen Ausführung der Gefichter. Engelsköpfe, deren oft eine bedeutende Zahl auf Heiligenbildern vorkommt, oft kaum fo grofs als eine Linfe, find ebenfo tadellos ausgeführt, wie feine grofsen Madonnen. Von allen aus der xylographifchen Abtheilung diefes Inftitutes hervorgegangenen Bildern hat Knöfler die Gefichter und Hände felbft gefchnitten, während er die übrigen Theile der Ausführung feinen Mitarbeitern überläfst. Gegenüber von Knöfler hatte Heinrich Reifs in Wien fein berühmtes Miffale romanum", fein ,, Gebetbuch für Katholiken" und fein ,, Livre d'heures", beide von Mfgr. Mislin verfafst, und den für Hermann Paar gedruckten Kopf von van Eyck ausgeftellt. Herrn Reifs gebührt das Verdienft, den xylographifchen Farbendruck zuerft in Wien betrieben und damit einen Zweig der graphifchen Künfte ausgebildet zu haben, der fich allein in Wien zu einer ungeahnten Höhe und Blüthe entwickelt hat. Zwar hatte Profeffor Blafius Höfel, einer der tüchtigften und genialften Xylographen, von deffen Hand noch Vieles in den älteren Schriftproben Carl Fromme's zu finden ift, und der feinerzeit auch ein Privilegium für eine Kunftdruckerei erhalten hat, fchon in den Vierzigerjahren Blumen in xylographifchem Farbendruck erzeugt, doch war deffen Manier eine ganz andere als die von Reifs unter Mitwirkung Knöfler's und später Paar's ins Leben gerufene. Unferes Wiffens druckte Höfel feine Blumen von einem und demfelben Stocke und nur durch das verfchiedenartige Ausfchneiden des Rähmchens an der Handpreffe druckte er die verfchiedenen Farben; während Reifs zuerft den Contourftock fchneiden läfst, davon Abzüge macht und fo viele davon auf andere Holzftöcke durch Umdruck überträgt, als Farben gedruckt werden follen. Auf diefen Stöcken wird nun alles das weggefchnitten, was nicht zu der zu druckenden Farbe gehört. Durch diefe Manier gelingt es auch, dafs durch Uebereinanderdrucken mehrerer Farben, gleich wie beim Uebermalen, verfchiedene Töne entſtehen und dafs das Verlaufen der einen Farbe in die andere fo fchön erreicht wird. Die prachtvollen Initialen und Miniaturen des ,, Miffale romanum", lauter Nachbildungen der beften Arbeiten in den Handfchriften aus dem 13., 14. und 15. Jahrhundert, bilden den Glanzpunkt diefes einzig daftehenden Kunſtwerkes. Die erften Lieferungen desfelben wurden fchon auf den Weltausftellungen zu London und Paris mit Medaillen bedacht und trugen Herrn Reifs auch mehrere Orden ein. Zu bedauern ift nur, dafs es diefem Kunftwerke leider gerade fo geht, als vielen anderen, dafs nämlich feine Anlage eine würdige ift, das Ende aber dem Anfange nicht gleichkommt. Vom erften Bogen an bis über die Hälfte hinaus ift diefes Werk auf gutes, ftarkes, dem Zwecke entſprechendes Papier gedruckt, dagegen wurde für den Reft bis ans Ende, aus einer am unrechten Orte angebrachten Sparfamkeit, minder gutes und leichteres Papier genommen. Auch die Miniaturen, denen man im Anfange fo grofse Sorgfalt zugewandt hatte, da jede einzelne mit 12 bis 14 Farben gedruckt wurde, mufsten fich gegen das Ende zu mit weniger Farben begnügen. Der Druck des Textes ift dem der Initialen und Miniaturen nicht ebenbürtig; auch wird das Auge durch die zu fcharfe Schattirung des Textdruckes beleidigt. Doch trotz alledem und alledem kann Herr Reifs ftolz auf diefes Prachtwerk fein, und ftolz ift er auch darauf, diefs befagte der von ihm angeheftete Zettel, auf welchem folgende Worte ftanden:„ AnerkennungsDiplom nicht angenommen, entfchieden zurückgewiefen!" Die beiden Gebetbücher find mit einer Anzahl Miniaturen aus dem Miffale ausgeftattet und die Seiten mit farbigen Ornamenten eingefafst. Beiden gereicht aber zum Nachtheil, dafs der weifse Papierrand zu fchmal ift. Wenn fchon die 3 32 Ludwig Lott. gewöhnliche Gröfse der Gebetbücher überfchritten wurde, fo hätte man ganz gut ein um etliche Zoll gröfseres Papier nehmen können, wodurch die Schönheit diefer Gebetbücher nur noch wäre erhöht worden. Die Erfte Wiener Vereins- Buchdruckerei" hatte unmittelbar neben Reifs ausgeftellt. Diefe Druckerei ift eine fogenannte GehilfenDruckerei, das heifst, fie ift eine von Buchdruckergehilfen gegründete und auch von denfelben geleitete„ Genoffenfchafts- Druckerei ,,. Die Gründer diefer Druckerei, die fich die Pionniere von Rochdale zum Vorbild genommen, traten anfangs 1868 zufammen, bildeten einen Sparverein, fetzten die Theilnehmerzahl auf hundert feft, und beftimmten, dafs für jeden Antheil wöchentlich ein Gulden einzulegen fei. Auf diefe Weife hofften fie in fünf Jahren ein Capital von 25.000 Gulden zufammenzubringen, mit welchem dann eine Buchdruckerei ins Leben gerufen werden follte. Diefer Plan verwirklichte fich jedoch fchon früher; denn als im Jahre 1869 der Buchdruckereibefitzer M. Auer einem diefer Pionniere feine Buchdruckerei zum Kaufe anbot, brachte es diefer dahin, dafs Herr Auer fein Gefchäft dem Sparverein gegen einen Kauffchilling von 22.000 Gulden, zahlbar in zwölf halbjährigen Raten, käuflich übertrug. Mit dem im erften Jahre erfparten Gelde von ungefähr 5000 Gulden trat der Verein das Gefchäft muthig an. Dafs das junge Unternehmen, an deffen Erfolg felbft viele Theilnehmer zweifelten, von den Principalen fowohl als von den Gehilfen nicht mit freundlichen Augen betrachtet wurde, darf wohl erwähnt werden. Erftere fürchteten, dafs diefes Gefchäft die Schmutzconcurrenz befördern würde, letztere, theilweife von Mifsgunft und Neid geleitet, glaubten nicht allein nicht an deffen Erfolg, fondern beftrebten fich auch, ihm Schwierigkeiten zu bereiten. Sie traten, da ohnediefs kein Mangel an Arbeit war, entweder gar nicht in das Gefchäft ein, oder wenn fie im Gefchäfie ftanden, fuchten fie dasfelbe durch kleinliche Gehäffig. keiten gegen die Direction in Verruf zu bringen. Allein weder die Direction noch der Verwaltungsrath diefes Gefchäftes liefsen fich irre machen, und fo fteht heute die Erfte Wiener Vereins- Buchdruckerei als ein fchönes Beiſpiel der genoffenfchaftlichen Selbsthilfe da. Die Principale, von ihrem Mifstrauen geheilt, erkennen in dem Gefchäfte ein ebenbürtiges Unternehmen, und die Arbeiter, die mit an dem Reingewinne theilnehmen, machen jetzt auch keine Schwierigkeiten mehr. Die von diefer Druckerei ausgeftellten Gegenstände beftanden aus einigen Bänden der in diefem Gefchäfte gedruckten Witzblätter die Bombe" und der Floh", deren Zinkätzungen in Kreidemanier hübfch gedruckt waren; ferner aus ganz in Buchdruck ausgeführten Actien der Graz- Köflacher Eifenbahn, deren Satz und Druck Gefchmack bekundeten, und die den Stempel der Solidität an fich trugen; aus Jahresberichten der genannten Eifenbahn und einigen Werken und Broschüren, fowie verfchiedenen anderen Accidenzarbeiten. " 99 Waren die ausgeftellten Erzeugniffe diefes Gefchäftes auch nicht derart, dafs ihm die Jury eine Auszeichnung hätte zuerkennen müffen: fo hat fich doch die„ Erfte Wiener Vereins- Buchdruckerei" die Achtung und die ehrende Anerkennung des gröfsten Theiles der einheimifchen und fremden Buchdruckerwelt erworben. R. v. Waldheim's artiftifche Anftalt in Wien hatte auf zwei Seiten ausgeftellt: das eine Mal in der Collective des Wiener Buchdruckergremiums, das andere Mal in jener der öfterreichifchen Buch-, Kunft- und Mufikalienhandlungen. Am Anfange der linkfeitigen Wand, nächft der Staatsdruckerei, hatte diefe rührige Firma fowohl in tifchartigen Glasfchränken als an der dahinter befindlichen Wand Holzfchnitte ausgeftellt und zwar von der Zeichnung bis zu deren Vollendung, dann Abdrücke derfelben nebft galvanifchen und ftereotypirten Abklatfchen und deren Matrizen. Wir müffen betonen, dafs alle diefe Gegenftände meifterhaft ausgeführt waren. Für die gut eingerichtete Schriftgiefserei diefer Firma fprachen die gedruckten Schriftproben. Die an der Wand angehefteten Werthpapiere, auf der Buch Buchdruck. 33 drucker, in Gemeinfchaft mit der Stein- und Kupferdrucker- Preffe hergeftellt, zeichneten fich vor vielen anderen fehr vortheilhaft aus; es lag eine gewiffe folide Ruhe darin, die dem Auge wohlthat. Nur fchade, dafs fie zu hoch aufgehängt waren und fich dadurch der Beurtheilung zum Theil entzogen. Der Waldheim'fche Verlag ift ein anfehnlicher. Vor allem Anderen müffen wir die von Profeffor Teirich herausgegebenen„ Blätter für Kunftgewerbe" erwähnen, welche fich des gröfsten Beifalles unter den Fachmännern erfreuen. Die von dem früheren Befitzer diefes Gefchäftes, Profeffor v. Förfter, herausgegebene, dann unter v. Waldheim fortgeführte„ Oefterreichiſche Bauzeitung" lag in 37 Jahrgängen auf, deren Druck beinahe alle Manieren zur Anfchauung brachte, Kupfer- und Steindruck, Zinkgravirung und Zinkätzung, Xylographie etc. Die illuftrirten Werke, als:„ Gefchichte des Jahres 1848", das„ WeltausftellungsAlbum", fowie vieles Andere zeugten von der Sorgfalt, welche diefe Firma den Illuftrationen widmet. Die von v. Waldheim herausgegebenen Eifenbahn- Fahrpläne„ Der Conducteur", find praktiſch eingerichtet und dabei billig, fo dafs fie die anderen Concurrenz- Unternehmungen beinahe gänzlich aus dem Felde gefchlagen haben. " Neben der Erften Wiener Vereins- Buchdruckerei" hat die Schriftgiefserei von J. H. Ruft& Comp. in Wien ihre Erzeugniffe ausgeftellt. Vor allem fiel auf das Tableau, das aus Meffing- Stücklinien von Carl Fafol zufammengefetzt und bei R. v. Waldheim gedruckt war. Das fchöne Aneinanderfchliefsen diefer Linien liefs nichts zu wünſchen übrig. Von den übrigen reichhaltigen Schriftproben müffen wir befonders die Band- Einfaffung, gedruckt bei C. Gerold's Sohn, erwähnen. Mit diefer Band- Einfaffung hat die Firma Ruft& Comp. einen glücklichen Wurf gethan, da fogleich nach dem Erfcheinen der Probe fich die meiſten Buchdruckereien beeilten, in deren Befitz zu gelangen. Unmittelbar hinter Reifs hatte die Firma M. Salzer& Söhne, früher Carl Ueberreuter's Buchdruckerei und Schriftgiefserei in Wien, ausgeftellt. Neben einigen gut gedruckten Werken und befonders fchönen Tabellen fanden wir ein Tableau, deffen Satz und Druck wir befonders betrachten müffen. Der Satz verdient ein Meifterſtück genannt zu werden. Selbft Cicero dicke Linien waren der. art gebogen, dafs die Rundung nichts zu wünſchen übrig liefs, und die Anfchlüffe aller Linien waren derart, dafs man hätte glauben können, die Linien feien zufammengelöthet. Herr Johann Glafer hat durch den Satz diefes Tableaus aufs Neue dargethan, wie meiſterhaft er das fpröde Letternmaterial zu behandeln weifs. Den ebenfo meifterhaften Druck diefes Tableaus, der von einem und demfelben Satze durch verfchiedenartiges Unterlegen und Heben einzelner Zeilen, Linien, Einfaffungen u. f. w. 22 Formen bildete, hatte Herr Anton Mandl beforgt und damit grofse Ehren erworben. Nur das Eine blieb zu wünfchen übrig, dafs die Wahl der Farben, in denen eine gewisse Monotonie vorwaltete, eine glücklichere gewefen wäre. So meifterhaft der Satz aber auch war und fo fehr wir die Kunft des Herrn Glafer hervorheben müffen, wir können diefes Tableau und ähnliche Satzkunftftücke doch nur zu den fehr fchönen, aber unpraktifchen Arbeiten Carl Fafol's ftellen, auf die wir fpäter zu fprechen kommen. Die Buchdruckerei von Carl Finfterbeck in Wien, unmittelbar neben Salzer, brachte eine Anzahl von ihr gedruckter Bücher zur Ausstellung, welche gröfstentheils gut gefetzt und gut gedruckt waren, und Zeugnifs gaben, dafs fich diefe Druckerei vorzugsweife dem Bücherdrucke gewidmet habe. Bettelheim& Pick hatten an der Wand hinter Finfterbeck ein Tableau angebracht, die Namenschiffre Seiner Majeftät des Kaifers Franz Jofef I. in Initialien F. J. I. darftellend, das fo ausfah, als wären diefe Initialien aus lauter überund neben einander gelegten Vifitkarten dargestellt. Die Idee war nicht fo übel, die Ausführung blieb aber in Manchem zurück. Was vielen anderen AusstellungsGegenftänden zum Nachtheile gereichte, diefem Tableau brachte das zu hohe 3* 34 Ludwig Lott. Aufhängen nur Vortheil, da man dadurch verhindert war, die vielen Mängel fcharf ins Auge zu faffen. An der linken Ecke diefes Tifches befanden fich die Erzeugniffe von Friedrich Jasper in Wien. Diefe Firma hatte eine Anzahl der bei ihr gedruckten periodifchen Blätter, Werke, Brofchüren und Accidenzarbeiten ausgeftellt. Von der periodifchen Literatur müffen wir vor allem andern die„, Oefterreichifche Buchdrucker- Zeitung" nennen, deren Redacteur, Herausgeber und Drucker in Einer Perfon Herr Friedrich Jasper ift. Die Verdienfte, die fich Herr Jafper als Redacteur der Buchdrucker- Zeitung erworben, gehören auf ein anderes Feld; der Satz und der Druck diefer Zeitung find eines typographifchen Fach blattes würdig. Von den Werken und Broschüren müffen wir befonders das ftenographifche Werkchen von Carl Faulmann nennen. Dafs Herr Faulmann feine ftenographifchen Arbeiten mit Vorliebe der Buchdruckerei Jasper überträgt, ift ein ehrendes Zeugnifs für diefelbe. Aus den Accidenzen konnte man erfehen, dafs diefe Buchdruckerei eine ſchöne Auswahl von Typen befitzt und diefelben auch gut zu verwenden weifs. An der rechten Ecke des anderen Tifches, gerade hinter Jasper, befand fich die Ausstellung von J. C. Fifcher& Comp. Diefe Druckerei, eine derjüngeren in Wien, ging doch fchon in die zweite Hand über, als fie Herr Fifcher erwarb. Unter dem erften Befitzer lieferte diefes Gefchäft nur Alltagswaare und noch dazu um jeden Preis! Dafs es damit auch viele Arbeiten gab, die fogarunter dem Preife waren, ift zu begreifen, wie nicht minder, dafs diefe Druckerei, trotz ihrer Jugend und trotz Ueberfluffes an Arbeit, auf keinen grünen Zweig kommen konnte. Seit der Uebernahme des Gefchäftes durch Herrn Fifcher, der fogleich einen ftrebfamen, jungen Mann als Factor aufftellte, ift ein vollſtändiger Umfchwung eingetreten, wovon man fich auf den erften Blick überzeugte. Der Berichterftatter war ganz erftaunt, dafs diefe Buchdruckerei nach kurzer Zeit fchon im Stande gewefen, fo Vieles zur Ausftellung zu bringen, unter dem das Meifte fehensund betrachtenswerth war. Nur können wir leider nicht verfchweigen, dafs unter dem Vielen auch manches Tadelnswerthe fich befand. Befonders hätte die Feftfchrift des öfterreichifchen Muſeums und der damit verbundenen Kunftgewerbefchule, ein Band in Grofsquart, eine beffere Behandlung verdient. Von den vielen Holzfchnitten diefes Werkes waren nicht alle fo gedruckt, wie fie hätten gedruckt fein follen; der Satz des Textes, der aus Mediaevalfchrift hergeftellt war, hatte Ueberfchriften aus andern neueren Schriften u. f. w. Wenn wir jedoch einestheils in Rechnung bringen, dafs das Gefchäft erft in den letzten Jahren vor der Weltausftellung in Fifcher's Hände übergegangen ift; wenn wir anderntheils die leidigen Arbeiterverhältniffe in Betracht ziehen, unter denen felbft alte Gefchäfte mit einem Stamm gefchulter Arbeiter erheblich gelitten haben; wenn wir dann erwägen, dafs ein folch junges Gefchäft doppelt und dreifach unter dem Uebermuthe der Arbeiter zu kämpfen hatte, fo müffen wir billig den ausgeftellten Gegenftänden alles Lob zollen. Carl Fafol in Wien hatte von feinen in Stigmatotypie ausgeführten Kunftblättern zwei Gegenftände ausgeftellt, beide fowohl im Satze als in Abdrücken, und zwar das Porträt Guttenberg's und ein Früchtenftück. Diefe Stigmatotypien find aus lauter Punkten zufammengefetzt, von denen 576 Stück auf einen Quadratzoll Wiener Mafs gehen. Die Punkte haben viererlei Stärke und zwar ganz dicke, weniger dicke, feinere und ganz feine. Dafs der Satz diefer Stigmatotypien grofse Aufmerkſamkeit, Kunftfertigkeit und namentlich Geduld und Ausdauer erheifcht, kann man daraus ermeffen, dafs der Satz des Früchtenftückes, 1034 Zoll breit und 13 Zoll hoch, aus beiläufig 70.000 Punkten zufammengeftellt ist. So bewundernswerth diefe Arbeiten aber auch find, und fo grofses Auffehen diefelben in der typographifchen Welt gemacht haben, dennoch müffen wir bedauern, dafs Herr Fafol fich auf folch ein unfruchtbares Feld geworfen hat, Buchdruck. 35 anftatt dafs er feinen Gefchmack und Kunftfinn anderen praktiſchen typographifchen Arbeiten zuwendet, denn auf dem Felde der Stigmatotypie wird er fehr wenige oder gar keine Nachahmer finden. Würde er z. B. feinen fchon feit langen Jahren bekannten Gefchmack als Accidenz- und ganz befonders als Titelfetzer dadurch verwerthen, dafs er unter Beihilfe der vielen neueren Phantafie-, Band- etc. Einfaffungen Muft ervorlagen für Accidenzfetzer ausführte, worin nämlich für Titel, Umfchläge, Actien, Gefchäfts-, Verlobungs-, Ball, Einladungskarten u. f. w. mit und ohne Einfaffungen, dann für Rechnungen, Facturen, Wechfelblanquette etc. Vorbilder enthalten wären: fo würde, wir find deffen überzeugt, Fafol, unterstützt durch feine künftlerifche Auffaffung, eine fo grofse Abwechslung und eine fo reiche Mannigfaltigkeit zu Tage fördern, wie ſie aufser ihm kaum Jemandem gelingen dürften. Wie künftlerifch Herr Fafol ein ihm gegebenes Material zu verwenden verfteht, haben wir oben an dem aus Meffing- Stücklinien zufammengefetzten Tableau für Ruft& Comp. gefehen. Er würde fich durch die periodifche Herausgabe folcher Muftervorlagen nicht allein den Dank der Buchdruckereibefitzer und der nach vorwärts ftrebenden Setzer verdienen, fondern auch zur Hebung und Veredlung unferer Kunft viel mehr beitragen, als durch feine Stigmatotypien, die man bewundert, aber nicht nachahmt, weil die Punktirmanier der Gravirnadel damit doch nicht zu erreichen ift. Was wir hier über die mühfamen und künftvollen, aber dennoch nicht praktiſch zu verwerthenden Arbeiten Fafol's gefagt haben, gilt auch zum Theile für zwei andere kunftvoll erzeugte Setzerarbeiten, und zwar für das bei M. S alzer ausgeftellte Tableau Glafer's und für den von Carl Schneid, Setzer in R. v. Waldheim's artiftifcher Anftalt, aus Epheuranken, anderen Einfaffungsftücken und Linien hergeftellten Plafond. So kunftreich diefer Plafond auch gefetzt ift, und fo ähnlich er auch dem von Profeffor Teirich entworfenen und in deffen ,, Kunstgewerbe- Blättern" enthaltenen Plafond im Haufe Friedländer's fein mag, fo wird es doch Herrn Teirich oder einem andern Künftler gewifs niemals einfallen, einen ähnlichen oder andern Entwurf durch Verwendung von Einfaffungsftücken etc. herftellen zu laffen, fondern fie werden ihn entweder in Holz fchneiden oder in Zink ätzen laffen, wenn er auf typographifchem Wege vervielfältigt werden foll. Schneid's Plafond war leider nur im Satze ausgeftellt, ohne dafs auch Abzüge davon vorgelegen hätten. Wäre diefs der Fall gewefen, unfer Urtheil über diefe Verwendung des typographifchen Materials würde gewifs beftätigt worden fein. Herr Schneid fowohl wie Herr Glafer, fchon lange als künftlerifch ftrebende Jünger Guttenberg's bekannt, find auf der Wiener Arbeiter- InduſtrieAusstellung für ihre damals ausgeftellten kunftvollen Arbeiten beide mit Medaillen bedacht worden. Wir fpenden ihren mühevollen und künftlerifch ausgeführten Arbeiten bereitwillig, in Bezug auf die gefchickte Behandlung des Materials, das befte Lob, geftehen aber ebenfo freimüthig unfer Bedauern, fo viel Gefchick und Gefchmack, eine folche Unfumme von Fleifs und Ausdauer und folchen Aufwand von Zeit an eigentlich unfruchtbare Arbeiten verfchwendet zu fehen. Eduard Sieger, lithographifche Anftalt und Buchdruckerei in Wien. Diefe Firma verfteht es meifterhaft, die lithographifche und typographifche Preffe in Gemeinfchaft zum Drucken ihrer Erzeugniffe zu benützen. Doch hatte fie in ihrem fchön und überfichtlich geordneten Kaften leider wenig von diefer Gattung ausgeftellt und gehörte das Meifte zu den Erzeugniffen der lithographifchen Preffe; defto mehr fand man diefe Vereinigung in den grofsen Ausftellungsräumen zerftreut aufgelegt, als Gefchäftsadreffen und Preiscourante der Ausfteller. Dafs diefes Gefchäft aber auch dem Bücherdrucke befondere Aufmerkfamkeit widmet, davon konnte man fich in der Collectiv- Ausftellung der öfterreichifchen Buch-, Kunft und Mufikalienhändler überzeugen, wo hier und da manches fchöne bei Sieger gedruckte Buch ausgelegt war. 36 Ludwig Lott. Leopold Sommer& Comp. in Wien. Von diefer alten Firma, die früher nur aus Buchdruckerei und Schriftgiefserei beftand, wurde in neuerer Zeit auch die Lithographie in den Bereich ihrer Thätigkeit gezogen und defshalb die ohnehin grofsen Gefchäftsräume noch bedeutend erweitert. Wir hatten gehofft, diefelbe werde uns nur Gutes und Schönes bringen, doch das Gebotene war grofsentheils nur Alltagswaare. Von den ausgeftellten Werthpapieren war wohl Manches in Satz und Druck gut gehalten, bei mehreren waren jedoch zu fchwere Lettern angewandt und die bunten Farben zum Theil verblafst. Die im Satze ausgeftellten Notentypen waren nicht neu, fondern abgenützt. Der Druck der altund neuflavifchen Werke liefs Manches zu wünfchen übrig. Diefes Gefchäft, das, wie gefagt, früher nur für Buchdruck eingerichtet war und fich eines bedeutenden Rufes zu erfreuen hatte, fcheint fich jetzt mehr der Pflege der Lithographie zu widmen, in welcher Vermuthung wir auch durch mehrere fehr fchön ausgeführte Chromolithographien beftärkt wurden. Rollinger& Möfsmer in Meidling bei Wien. Die vielen ausgeftellten verfchiedenartigften Erzeugniffe der Buchdruckerpreffe diefer jungen Firma zählten zu dem Beften, was wir überhaupt auf der ganzen Ausftellung zu Gefichte bekamen. Der Satz der Titel und des Textes bei den Werken war gefchmackvoll und ftylgerecht. Ganz befondere Sorgfalt war dem Satze aller Accidenzen und Tabellen gewidmet und die Reinheit und Schärfe liefs nichts zu wünschen übrig, Alles, was diefe Firma geliefert, war nicht allein tadellos, fondern auch über alles Lob erhaben. Rollinger& Möfsmer wurden mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet. Dafs aber die Jury dem technifchen Leiter diefer Firma, durch deffen Gefchäftskenntnifs und unermüdliche Thätigkeit doch nur allein folch fchöne Erfolge erzielt wurden, nicht die Medaille für Mitarbeiter ertheilte, ift zu bedauern. Als eine Wiener Specialität müffen wir ferner noch betrachten die von Chriftof Reifs er in Wien, dem Chef der Druckerei der„ Neuen Freien Preffe", ausgeftellten Stereotypen fowohl in geraden Platten als auch in halber Cirkelform nebft den zu dem Guffe derfelben verwendeten Papiermatrizen. Die Papierftereotypie zum Drucke von Zeitungen wurde zuerft von der„ Times" in London während des Krimmkrieges eingeführt. In Oefterreich und Deutfchland war der Erfte Herr Auguft Zang in Wien, der für die Druckerei des Journals die Preffe" im Jahre 1862 die Papierftereotypie angewendet hat. Dadurch wurde diefe Druckerei in den Stand gefetzt, bei nur einmaligem Satze, die Preffe" auf zwei, drei oder vier Schnellpreffen gleichzeitig drucken zu können. Der„ Preffe" folgte zunächst die„ Vorftadtzeitung" und fo nach und nach beinahe alle Zeitungen in Wien und den Kronländern. Herr Reifser, der bei Gründung der ,, Neuen Freien Preffe" im Jahre 1864 noch ein Gegner der Papierftereotypie war, hat fich derfelben im Jahre 1866 ebenfalls zugewendet. Welch einen hohen Werth er jetzt darauf legt, konnte man aus der Art und Weife abnehmen, wie er feine Erzeugniffe ausgeftellt hatte, die, alle fcharf und tief, als fehr gelungen zu bezeichnen find. Nachdem wir fomit das Hauptfächlichfte der Collectiv- Ausftellung des Gremiums der Wiener Buch., Stein- und Kupferdrucker betrachtet haben, gehen wir zunächst zu den nicht zu diefer Collective gehörenden öfterreichifchen Buchdruckern über, um dann die Collective der öfterreichifchen Buch-, Kunft- und Mufikalienhändler zu befichtigen. Bohemia, Actiengeſellſchaft für Papier- und Druckinduftrie in Prag. Diefes alte Gefchäft, vor der Umwandlung in eine Actiengeſellſchaft die Firma Gottlieb Haafe's Söhne, hat fich eines fehr guten Rufes feit langem erfreut; war es doch das einzige Buchdruckergefchäft in Oefterreich, das vor Auer fchon Tüchtiges geleiftet hat. Die Schriftgiefserei diefer Firma war und ift in gewiffem Sinne noch heute die erfte in Oefterreich. Ihre Erzeugniffe verforgten nicht allein Buchdruck. 37 den gröfsten Theil aller Buchdruckereien in Oefterreich, es bezogen die Donaufürftenthümer, felbft Rufsland, Italien etc. von diefer Firma einen Theil ihres Bedarfes. Die Beftellung an Lettern und dergleichen waren ftets fo maffenhaft, dafs zur Ablieferung von neu einlaufenden Aufträgen gewöhnlich ein Termin von nicht unter fechs Monaten gegeben werden musste. Was diefe Schriftgiefserei aber auch zu leiften im Stande ift, wird aus folgender Thatfache erhellen: Zum Satze der verfchiedenen officiellen Ausftellungskataloge wurden benöthigt: 71 Centner Colonel, 20 Centner fette Colonel, 528 Pfund Petit, 238 Pfund fette Petit, 783 Pfund Garmond und 158 Pfund Cicero Antiqua, ohne die dazu gehörigen Quadraten.- Die meiften Schriftgiefsereien in Wien und Deutfchland waren im letzten Jahre vor der Ausftellung mit Aufträgen fo überhäuft, dafs fie an dem Gufs diefes grofsen Quantums Lettern fich nur zum kleinften Theile hätten betheiligen können. Die Schriftgiefserei der„ Bohemia" jedoch, die zwar ebenfalls fehr viel zu thun hatte, fetzte ihren patriotifchen Stolz darein, die gröfsere Hälfte diefes Quantums in einem Zeitraume von nicht ganz fechs Monaten zu liefern, die andere Hälfte, die erft Mitte Jänner 1873 beftellt wurde, lieferte fie fogar fchon in nicht ganz drei Monaten, fo dafs am I. April beinahe das ganze Quantum in den Händen des Beftellers war. Die Lettern, die in diefem Gefchäfte gegoffen werden, find gewöhnlich tadellos. Dafs dem fo ift, liegt nicht allein an der grofsen Sorgfalt, die dem Guffe und der Zurichtung gewidmet wird, fondern gröfstentheils daran, dafs diejenigen Arbeiter, welche die letzte Feile an die Typen zu legen haben, die fogenannten Fertigmacher, im fixen Lohn, nicht aber im Berechnen ftehen. Es wird Jedem, nicht nur dem Fachmanne, klar fein, dafs der Arbeiter, der nach dem Gewichte oder nach der Zahl der fertiggemachten Lettern entlohnt wird, fich nicht der gewiffenhaften Mühe unterziehen wird, jeden fehlerhaften Buchstaben aus feinen fertiggemachten Zeilen auszuftofsen, oder die Ziehklinge nur fehr behutfam zu handhaben u. dgl. mehr, vielmehr wird er in feinem eigenften Intereffe trachten, recht viele Lettern im Laufe der Woche fertig zu ftellen, um einen möglichft hohen Wochenlohn zu erzielen. Dagegen kann der Fertigmacher, der im fixen Lohne fteht, feiner Arbeit die gewiffenhaftefte Sorge widmen, weil es für ihn gleichgiltig ift, ob er am Schlufs der Woche um ein paar Pfund Lettern mehr oder weniger fertig gemacht hat. Durch das Fertigmachen der Lettern im Berechnen haben jedoch nicht allein die Fertigmacher, fondern auch die Schriftgiefsereibefitzer Vortheile; die erfteren durch Erzielung eines höheren Lohnes und die letzteren dadurch, dafs eben der berechnende Fertigmacher nicht fo viele fchadhaft gegoffene Buchftaben zum Umguffe wieder in den Schmelzofen wirft. Die Buchdruckereibefitzer aber, die folch tadelhafte Lettern erhalten, haben den Schaden zu tragen, wefshalb auch jedem Druckereibefitzer zu rathen ift, feine Aufträge hauptfächlich jenen Schriftgiefsereien zuzuwenden, in welchen die Fertigmacher um fixen Lohn arbeiten. Als Erzeugniffe der Schriftgiefserei hatte die„ Bohemia" in einem grofsen Schranke Stempel, Matrizen, Lettern, dann ihre reichhaltigen Schriftproben, galvanifche Platten und dergleichen mehr ausgeftellt. Die von ihr vorgelegten Erzeugniffe der Buchdruckerei waren aber leider nicht alle derart, als wir fonft von der alten Firma Gottlieb Haafe's Söhne zu fehen gewohnt waren. Vieles Schöne war älteren Datums. Um aber nicht ungerecht zu fein, müffen wir hier anführen, dafs die Kiften, in denen die auszuftellenden Gegenftände verpackt gewefen, beim Transporte nach Wien vom Regen gelitten hatten, wodurch Vieles ganz verdorben wurde. So mag es denn gekommen fein, dafs Manches gar nicht ausgeftellt werden konnte, das unter anderen Umftänden des alten Rufes der Firma vollſtändig würdig gewefen wäre. Von dem Ausgeftellten müffen wir ein Porträt Seiner Majeftät des Kaifers Franz Jofef I. in Farbendruck hervorheben. Diefes Porträt, entworfen von Julius Meifter, war durch den Druck auf der Buchdruckerpreffe von 18 geätzten Zink 38 Ludwig Lott. platten, von denen einige ausgeftellt waren, hergeftellt worden. Soviel Mühe man fich auch mit diefem Porträt gegeben hatte, es lieferte dennoch aufs Neue den Beweis, dafs durch Zinkplatten der xylographifche Farbendruck oder die Chromolithographie nicht fo leicht zu erreichen und zu verdrängen find. Ignaz Fuchs, k. k. Hofbuchdruckerei, Lithographie und MafchinenpapierFabrik in Prag, hatte aufser mehreren Mufterbüchern, worin Werthpapiere und fonftige Accidenzen enthalten waren, viele lithographifche Arbeiten ausgeftellt. Doch war alles Gebotene nur Durchfchnittswaare und die Leiftungsfähigkeit der Buchdruckerei liefs fich daraus nicht erkennen. Als einer Specialität müffen wir der fogenannten transparenten Gefchäftsadreffen gedenken. Rudolf M. Rohrer in Brünn hatte die Ausftellung mit Vielem bedacht. Am auffallendften waren die bei ihm erfchienenen Kalender, von denen er die Jahrgänge von 1863 bis 1873 ausgelegt hatte. Jeder diefer eilf Jahrgänge war in einer anderen, von den früher erfchienenen abweichenden Art ausgeftattet. Das hinderte jedoch nicht, dafs mancher Vorgänger von feinem Nachfolger nicht übertroffen wurde. Der Band Schriftproben, fowie auch die für die Ausftellung, befonders auf Cartonpapier gut gedruckten mercantilen und anderen Accidenzarbeiten zeugten von der guten Einrichtung diefes Gefchäftes. W. Burkart in Brünn hatte zwei Albums ausgeftellt, von denen das eine die gewöhnlichen, das andere die befferen und feineren Arbeiten enthielt. Auf den Satz wurde in diefem Gefchäfte viel Zeit verwendet, um ihn fo kunftfertig wie möglich erfcheinen zu laffen, wofür diefe Firma Lob verdient; doch gab es auch Manches, das zwar mühfam aufgebaut war, aber wenig oder keinen Gefchmack verrieth. Der Druck diefer Firma, die beftrebt ift, die lithographifche mit der Buchdruckerpreffe Hand in Hand gehen zu laffen, mufs durchgehends als ein guter bezeichnet werden. Gebrüder Stiepel in Reichenberg in Böhmen hatten viele Druckforten für das Gefchäftsleben, fowohl für das mercantile als für das induftrielle, ausgeftellt. Auch diefe Firma nimmt die lithographifche im Verein mit der Buchdruckerpreffe in Anfpruch, um ihre gut gedruckten und gut ausgeftatteten Erzeugniffe herzuftellen. Alfred Trafsler in Troppau hatte neben mehreren anderen Druckfachen auch die Jahresberichte des Gymnafiums und der Unter- und Oberrealfchule zu Troppau ausgeftellt, über die wir gern einen Schleier ausgebreitet hätten, um ihre typographifche Ausführung den Blicken der Befucher zu entziehen. Die lithographifchen Arbeiten diefer Firma überragen die typographifchen in keiner Weife. Wodurch die Jury bewogen wurde, diefer Firma das AnerkennungsDiplom und dem technifchen Leiter derfelben die Mitarbeiter- Medaille zuzuerkennen, wird wohl für immer eine ungelöfte Frage bleiben. Jofef Wimmer in Linz hatte nur zwei Bände ausgeftellt, welche die fauber gedruckten Proben feiner Typen und Cliché's enthielten; beide lieferten den Beweis, dafs diefe Buchdruckerei eine gut eingerichtete fein mufs. Carl Faulmann, Lehrer der Stenographie an mehreren k. k. UnterrichtsAnftalten in Wien, hatte früher als Schriftfetzer in der k. k. Hof und Staatsdruckerei mit den Typen, welche Auer für diefe Anftalt hatte fchneiden laffen, ftenographifchen Satz geliefert. Da aber diefe Typen aus vielen und verfchieden zufammenzufetzenden Strichen und Zeichen beftanden und daher fehr mühfelig zu fetzen waren: fo hat Carl Faulmann ein eigenes, einfacheres ftenographifches Typenfyftem entworfen, das nur aus ganzen Zeichen befteht, die wie andere Typen aneinander gereiht werden. Diefe feine Typen hatte Faulmann fowohl in einem Setzkaften ausgeftellt, als auch eine Satzprobe in ganzen Stücken vorgelegt. Durch diefe Vereinfachung hat fich Herr Faulmann bereits grofse Verdienfte um den ftenographifchen Druck erworben, doch hoffen und wünfchen wir, dafs derfelbe bei den bis jetzt gewonnenen Ergebniffen feiner Studien nicht ftehen bleiben werde, fondern noch weitere Vereinfachungen anftreben möge. Buchdruck. 39 Paar& Biberhofer, xylographifche Anftalt in Wien, hatte neben dem fchon oben bei Reifs genannten Kopf nach van Eyck auch Dürer'fche Trachtenbilder und mehrere Miniaturen für das Reifs'fche Miffale, fowie verfchiedene andere xylographifche Arbeiten fowohl für Bunt- als Schwarzdruck ausgeftellt. Diefe Arbeiten, von der Hand Heimann Paar's gefchnitten, verdienen eingehender betrachtet zu werden. Hermann Paar, ein noch junger ftrebfamer Mann, Schüler Ramsberger's und ehemaliger Mitarbeiter Knöfler's und Bader's, hat fowohl in den genannten Anftalten als auch felbftftändig viele Proben feiner Begabung abgelegt. Vermöchte Hermann Paar das Auge und die feinen Fleifchtöne im Gefichte fo ausdrucksvoll zur Darstellung zu bringen, wie es Knöfler in fo ganz ausgezeichneter Weife leiftet, dann würden feine Miniaturen für das Reifs'fche Miffale wohl als ebenfo vollkommen gelungen zu bezeichnen fein, wie die Knöfler'fchen; fo aber ftehen fie, aber nur in dem einen eben angedeuteten Punkte, denen Knöfler's nach. Dafs aber Paar, feitdem er die Schnitte für diefe Miniaturen vollendet, noch fehr bedeutende Fortfchritte gemacht hat, das konnte man an den neuen Erzeugniffen feiner Kunft mit Vergnügen wahrnehmen. - Durch die in Farben- Holzfchnitt vom xylographifchen Atelier von F. W Bader in Wien, von Hermann Paar ausgeführten fechs Blätter: ,, Trachtenbilder von Albrecht Dürer, aus der Albertina", wurde die Aufmerkfamkeit auf Paar gelenkt. Die„ Gefellſchaft für vervielfältigende Kunft" in Wien- die fich die ausfchliefsliche Pflege der vervielfältigenden Kunft zum Ziele ihrer Wirkfamkeit gefteckt hat fafste den Entfchlufs, Dürer's Dreifaltigkeitsbild im Belvedere in einem grofsen Farben- Holzfchnitte nachzubilden, mit welcher Arbeit Paar betraut werden follte. Bevor die Gefellſchaft an diefes wichtige und fchwere Unternehmen herantrat, befchlofs fie, zuerft einen Verfuch mit einem kleinen Werke zu machen, um die Kunft und die Leiftungsfähigkeit des Künftlers zu erproben. Die Wahl fiel auf das ,, Bildnifs eines Unbekannten" von Jan van Eyck. Das Bruftbild eines Greifes mit fpärlichem Haupthaar, im rothen, mit weifsem Pelzwerk verbrämten Rocke, das fich in der k. k. Bildergallerie im Belvedere zu Wien befindet und etwas über einen Schuh hoch ift, wurde photographifch auf etwa zwei Drittel der Gröfse reducirt und von Jofef Schönbrunner auf den Holzftock gezeichnet. Diefer Holzftock diente Paar als Grundlage zur Herftellung der übrigen Holzftöcke, mit denen das Blatt gedruckt wurde. Eine farbige Copie war nicht vonnöthen, da es Paar geftattet war, unmittelbar vor dem Originale zu arbeiten. Paar hat fich feiner Aufgabe mit voller Hingebung und raftlofer Befferung der Correcturen in den Fleifchtönen mit Gefchick entledigt; er überwachte auch den Druck, der in der Reifs'fchen Officin von A. Gradinger beforgt wurde. Dafs Herrn Paar, diefem ftrebfamen jungen Künftler, fein Werk gelungen ift, davon hat fich wohl Jedermann mit Freuden überzeugt, der entweder die Ausftellung Paar's befichtigt oder das Blatt in dem 5. Hefte des feit 1870 erfcheinenden ,, Album der Gefellfchaft der vervielfältigenden Künfte" gefehen hat. Die Collectiv- Ausstellung der öfterreichifchen Buch-, Kunft und Mufikalienhändler befand fich ebenfalls in dem Hofe 13 a. Von den in diefer Collective vertretenen Buchhändlern wollen wir zuerft die Erzeugniffe derjenigen betrachten, deren Verlag aus eigener Buchdruckerei hevorgegangen. Carl Gerold's Sohn, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei in Wien. Diefes beinahe feit hundert Jahren beftehende Gefchäft( es wurde im Jahre 1775 gegründet) hatte einen fehr anfehnlichen Theil feines reichen Verlages ausgeftellt, den wir leider nicht in der Lage waren, in feiner Gefammtheit betrachten zu können. Die grofsen Thüren der Wandfchränke waren durch die im Sommer 1873 herrfchende drückende Hitze gefchwunden und liefsen fich nicht öffnen, ohne die Gläfer in den Thüren zu zerbrechen. Dasjenige aber, was wir betrachten konnten, beftätigte vollkommen den guten Ruf, den diefes alte Gefchäft geniefst. Wir wollen nur eines einzigen Werkes ausführlicher gedenken. 40 Ludwig Lott. Der Illuftrirte Katalog der Ornamentenftich- Sammlung des k. k. öfterreichifchen Muſeums" mit Renaiffancefchrift gefetzt und( die Drucke aus der Renaiffancezeit nachahmend) auf eigens hiezu angefertigtes Chamoispapier prachtvoll gedruckt, kann ein Meifterwerk der Typographie genannt werden. In der Vorrede wird auch befonders hervorgehoben, dafs durch die aufserordentliche Sorgfalt, welche dem Drucke der in diefem Buche vorkommenden 54 Holzſchnitte gewidmet wurde, diefe erft recht zur vollen Geltung gelangt feien. Diefe vorzüglichen Holzfchnitte, auf den Stock photographirt und dann gefchnitten, ftammen aus dem Inftitute für Holzfchneidekunft von Fr. W. Bader in Wien. Die Harmonie, die in diefem Kataloge zwifchen Satz, Druck, Xylographie und Papier herrfcht, wurde auch feinerzeit bei Eröffnung des öfterreichifchen Muſeums von den Zeitungen nach Gebühr hervorgehoben. Aufser vielen anderen vorzüglichen Werken befitzt diefe Firma auch einen fehr reichhaltigen Verlag von Schulbüchern, befonders für Mittelfchulen, der fich durch gute Ausftattung und gleichmässigen Druck auszeichnet. Die Buchdruckerei diefer Firma hat, wie fchon oben über Auer's Einflufs auf die öfterreichifchen Buchdruckereien erwähnt wurde, erft feit dem Jahre 1848 fo riefige Fortfchritte gemacht und fteht befonders durch ihr folides Gebaren, gute Ausftattung und fchönen gleichmässigen Druck ihrer Erzeugniffe in allgemeiner Achtung. Um fo grofsartiger der Fortfchritt ift, umfomehr fühlen wir uns gedrungen, auch jenes Mannes zu gedenken, der fich um diefen Erfolg ganz befonders verdient gemacht hat es ift diefs der verftorbene Jofef Völk, früher Leiter des altberühmten Gefchäftes Gottlieb Haafe's Söhne in Prag. Bei der Uebernahme der Gerold'fchen Buchdruckerei beftellte Völk fogleich mehrere Schnell und gute eiferne Handpreffen; errichtete eine eigene Accidenzabtheilung mit fyftematiſch gegoffenen Lettern; liefs ferner eine Anzahl tüchtig gefchulter Arbeiter, fowohl Setzer als Drucker, von Prag kommen; ftellte Herrn Carl Kneifel, einen tüchtigen Drucker, der aufser in Prag auch in mehreren gröfseren Druckereien Deutfchlands conditionirt hatte, als Druckerfactor und die Herren Thierbächer und Hammater als Setzerfactore an. Dafs unter der Leitung eines fo bewährten Fachmannes, wie Völk war, im Vereine mit folch erprobten Männern, wie die eben Genannten find, die heute noch auf ihren Poften ftehen, ein einheitliches und gleichmäfsiges Schaffen Platz greifen mufste, bedarf nicht des Breiteren erörtert zu werden. Die Firma Carl Gerold's Sohn, die fich aufser Preisbewerbung erklärte, da Herr Friedrich Gerold Mitglied der internationalen Jury war, anerkannte und belohnte die raftlofe Thätigkeit ihres Druckerfactors Carl Kneifel dadurch, dafs fie fich bemühte, ihm die Medaille für Mitarbeiter zu verfchaffen. Bei der Ordensvertheilung am 1. Nov. 1873 erhielt Herr Kneifel auch das filberne Verdienftkreuz. L. W. Seidel& Sohn, Verlags- und Sortimentsbuchhandlung und Buchdruckerei in Wien, hatten einen anfehnlichen Theil ihres neueren Verlages, gröfstentheils militärifche Werke mit Karten und Plänen, ausgeftellt. Diefe Firma ift beftrebt, die Werke ihres Verlages bei guter Ausftattung dennoch fo billig als möglich herzuftellen, um fie dem für Bücher nicht gerne Geld ausgebenden militärifchen Publicum leicht zugänglich zu machen. Von den neueften Werken find befonders hervorzuheben: Diemmer, Vorträge über die Grundzüge der Strategie, 80 mit 33 Figuren und 8 Kartenfkizzen; Kuhn Franz, der Gebirgskrieg, 80 mit 21 Karten und Plänen; Swoboda Joh., die k. k. Militär- Akademie zu WienerNeuftadt, gr. Quart, mit 16 Tafeln in photographifchem Glasdruck, 19 Holzfchnitten und einem Plane in Kupferdruck. Die gröfste Verlags- und Sortimentsbuchhandlung, die jedoch keine eigene Druckerei befitzt, fondern ihren fehr reichen Verlag, auf deffen ſchöne Ausflattung fie befonderes Gewicht legt, nur in den hervorragendften Buchdruckereien herftellen läfst, ift Wilhelm Braumüller's k. k. Hof- und Uni Buchdruck. 41 verfitäts- Buchhandlung in Wien. Ihre in grofser Zahl ausgelegten Werke datiren alle aus der neueften Zeit und zwar aus den letzten fechs Jahren. Wie grofs diefer Verlag fein mufs, der alle Zweige der Wiffenfchaft umfafst, kann man fchon aus dem mitaufgelegten Verzeichniffe der medicinifchen Verlagswerke erfehen, das allein 42 Seiten in gr. 80 umfafst. Aus diefem Verzeichniffe kann man auch die bevorzugte Stellung kennen lernen, welcher fich die Wiener medicinifche Facultät erfreut. Unter den Werken für Anatomie befinden fich allein acht Werke Hyrtl's.„ Braumüller's Badebibliothek" zählt 42 Werke. Ebenfo reichlich find alle anderen medicinifchen Abtheilungen vertreten. Um mit wenigen Worten anzudeuten, mit welch grofser Sorgfalt Braumüller feine Verlagswerke ausftatten läfst, wollen wir von den ausfchliesslich auf der Buchdruckerpreffe erzeugten Werken ein einziges einer näheren Betrachtung unterziehen, nämlich:" Die defcriptive und topographifche Anatomie des Menfchen von Dr. C. Heitzmann". Erfter Band: Knochen, Gelenke, Bänder, Muskeln, Fascien, Topographie, Sinneswerkzeuge in 320 Abbildungen. Zweiter Band, erfte Lieferung: Eingeweide, Topographie in 100 Abbildungen. Das ganze Werk, zwei Bände, foll 600 xylographirte Abbildungen erhalten. Diefe Abbildungen( aus F. W. Bader's Inftitut für Holzfchneidekunft hervorgegangene, äufserft fchöne Holzfchnitte) ftammen von dem als Zeichner und Maler berühmten Verfaffer Dr. C. Heitzmann felbft her und heben fich durch Correctheit und vollendete Deutlichkeit befonders hervor. Jeder Zeichnung ift eine gedrängte Befchreibung der dargeftellten Partie beigefügt. Der Druck diefes Werkes wurde von Adolf Holzhaufen in Wien, den wir zu unferem Leidwefen auf der Ausftellung vermifsten, prachtvoll hergeftellt und verdient diefe Druckerei, die überhaupt allen Wiener Buchdruckereien mit gutem Beiſpiele vorangeht, für diefe Arbeit unfere vollfte Anerkennung. Faefy& Frick, k. k. Hofbuch- und Kunfthandlung in Wien, hatten neben vielem Anderen ihre fchön ausgeftatteten Wiener Wegweifer, in deutſcher franzöfifcher und englifcher Sprache und auch ihre bekannten illuftrirten Kataloge ausgeftellt, von denen wir den einen, der Gallerie Gfell, fchon bei Carl Fromme befehen haben. Die fchön geordnete Ausftellung diefer Firma machte einen fehr guten Eindruck. Rudolf Le chner, k. k. Univerfitäts- Buchhändler in Wien, hatte neben feinem fonftigen neueren Verlage eine Anzahl von Lefe-, Lehr- und Sprachbüchern ausgeftellt. Das„ Lefebuch für Volks- und Bürgerfchulen", herausgegeben von Binftorfter, Deinhardt und Jeffen, aus fieben Theilen beftehend, von denen mehrere fchon in fechfter Auflage erſchienen find, zeichnen fich ebenfo fehr durch hübfche Ausstattung und guten, fcharfen Druck aus, als befonders durch aufserordentliche Billigkeit. Die vielen im Texte vorkommenden Holzfchnitte find gut gefchnitten und auch gut gedruckt. Aus dem reichhaltigen Sprachbücher- Verlage, der allein 13 franzöfifche und 13 italienifche Werke aufweift, wollen wir nur das eine erwähnen, das durch feine Güte und Billigkeit eine aufserordentlich weite Verbreitung gefunden hat; es ift diefs J. B. Machat's franzöfifche Sprachlehre. Mit der vorliegenden 43. Auflage find von diefem praktifchen Werke nicht weniger als 130.000 Exemplare gedruckt worden. Der Druck aus R. v. Waldheim's artiftifcher Anftalt ift fcharf und gut, die Ausftattung ift des Buches würdig. Als eine befondere Specialität von Lechner's Verlag verdienen die vielen Kinderfchriften der bekannten Kindergärtnerin Louife Hertlein genannt zu werden. Die Gefchichte der Stadt Wien" von Carl Weifs, Archivar und Bibliothekar der Stadt Wien, gr. 80, mit zwei Plänen, zwei Anfichten und 80 in den Text gedruckten Illuftrationen, ift fehr fchön und elegant ausgeftattet; Satz und Druck von Carl Finfter beck find tadellos. Von dem grofsartigen Lager diefer Firma an Jugendfchriften bekam man einen Begriff, wenn man die von Rudolf Lechner in dem„ Pavillon des kleinen Kindes" zahlreich aufgelegten Bilderbücher, Kinderfpiele u. f. w. betrachtete. " 42 Ludwig Lott. Fr. Tempsky, Buchhändler in Prag, hatte neben einer Anzahl wiffenfchaftlicher Verlagswerke in deutfcher, lateinifcher und böhmifcher Sprache, welche alle fchön und typographifch gut ausgeftattet waren, zehn Bände„ Phyfiotypia plantarum auftriacarum" von Ettingshaufen und Pokorny ausgeftellt. Die erften fünf Bände( die Nummern 1-500 enthaltend) diefes in Naturfelbftdruck hergeftellten Werkes find in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei zu Wien fchon 1856 erfchienen. Seit diefer Zeit ruhte diefes einzig in feiner Art daftehende Prachtwerk. Obgleich die fämmtlichen Platten für das ganze Werk fchon feit Auer's Zeiten in der Staatsdruckerei fix und fertig dalagen, obgleich die Befitzer der erften fünf Bände auf die Fortfetzung warteten, obgleich die Staatsdruckerei als Verleger verpflichtet gewefen wäre, diefe Fortfetzung den Abnehmern der erften fünf Bände fo rafch als möglich zu liefern und obgleich zur gänzlichen Fertigftellung nur die Auslagen für das Papier und die Drucklöhne nöthig waren: fo konnte die Direction der k. k. Hof- und Staatsdruckerei dennoch nicht die Ermächtigung oder Erlaubnifs zur Vollendung diefes wiffenfchaftlichen Prachtwerkes erhalten. Erft als ein Privatmann, der Buchhändler Fr. Tempsky in Prag, um die Begünftigung einfchritt, diefes Werk auf feine Koften vollenden zu laffen, erhielt die Direction der Staatsdruckerei die Bewilligung, den Druck der Nummern, 501-1000 herzuftellen, und fo erfchienen 1873 nicht nur die Bände 6-10 bei Tempsky in Prag, fondern es ging auch das Verlagsrecht der erften fünf Bände an diefe Firma über. Hier zeigt fich wieder recht, wie fehr die eigentliche Beftimmung einer Staatsdruckerei verkannt wird. Solche Werke wie„ Phyfiotypia plantarum auftriacarum" werden äufserft felten und nur unter ganz befonders günftigen Umftänden von Privaten aufgelegt. Auch Herr Tempsky hätte es wohl unterlaffen, wenn ihm nicht die Platten, die alle fix und fertig da lagen, um einen geringen Preis wären zur Verfügung gestellt worden. Gerade folche Unternehmungen follen und müffen von Staatsdruckereien ausgeführt werden, die von einem Privaten, und fei er der gröfste Verleger, nicht fo leicht gewagt werden können, theils wegen der Koftfpieligkeit, theils weil viele Druckereien die dazu nöthigen mechanifchen Hilfs mittel gar nicht befitzen. Indem wir das übrige im Hofe 13 a noch Ausgeftellte, weil minder wichtig, übergehen, verfügen wir uns in die Kunfthalle, um die dort von Fr. W. Bader in Wien ausgeftellten Gegenftände zu betrachten. 77 Die von diefem berühmten Inftitute für Holzfchneidekunft ausgehängten xylographifchen Erzeugniffe würden in dem Hofe 13 a beffer zur Geltung gelangt fein, als in der Kunfthalle, wo fie, als Schwarzdruck, von der dort herrfchenden Farbenpracht in Goldrahmen zurückgedrängt erfcheinen mufsten. Fr. W. Bader hatte drei Anfichten von Weltausftellungsgebäuden, die beiden grofsen Schnitte: ,, Der Weltausftellungs- Platz" und die„ Totalanficht von Wien", ferner Gruppen aus verfchiedenen Richtungen der Xylographie ausgeftellt. Der„ Weltausftellungs- Platz", 95 Centimeter lang und 63 Centimeter hoch, gezeichnet von Petrovits, gedruckt bei Carl Fromme in Wien, dann Wien im Jahre 1873", 122 Centimeter lang und 77 Centimeter hoch, ebenfalls von Petrovits gezeichnet und bei F. A. Brockhaus in Leipzig gedruckt, beide Verlag des J. G. Manz in Wien, find wohl die gröfsten Holzfchnitte, die bis jetzt die Buchdruckerpreffe verlaffen haben. Wir müffen den beiden genannten Druckereien für diefe äufserft fchwierigen Leiftungen unfere volle Anerkennung ausfprechen. Die Schnitte an fich find zwar beide ebenfalls tadellos, doch können wir nicht umhin, dem Schnitte des Blattes:" Wien im Jahre 1873" unbedingt den Vorzug einzuräumen. Sowohl diefe Blätter, als auch befonders die Gruppen aus verfchiedenen Richtungen der Holzfchneidekunft legen Zeugnifs ab von der Kunftfertigkeit des Bader'fchen Inftitutes, von dem wir anderweitige Erzeugniffe fchon oben an mehreren Orten rühmlichft anzuerkennen in der angenehmen Lage waren. Buchdruck. 43 Bevor wir die Ausftellung der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder Oefterreichs verlaffen und zu Ungarn übergehen, müffen wir noch ein einzig in feiner Art daftehendes Ausftellungsobject betrachten; es ift diefs der„ Pavillon der Neuen Freien Preffe". In diefem Pavillon wurde die ,, Internationale Ausstellungs- Zeitung" gefetzt, ftereotypirt, gedruckt, gefalzt und auch expedirt. Dem Publicum war daher Gelegenheit geboten, den technifchen Vorgang bei der Herftellung einer grofsen Zeitung unter den heutigen Verhältniffen kennen zu lernen, und dafs das Publicum diefe Gelegenheit auch gern ergriff, hat man daraus erfehen können, dafs es Kopf an Kopf gedrängt die arbeitenden Mafchinen umftand. Diefer Pavillon war eingetheilt in einen Saal für die Setzer, in die Locale für die Stereotypie und die grofse„ Becker- Reifser- Mafchine" mit ihren angehängten vier Falzmafchinen, dann in den Raum für den Waffermotor und eine einfache Siegl'fche Schnell- und eine Handpreffe, ferner in einige Locale für Redaction, Expedition und den Chef der Druckerei. Das Ganze machte einen impofanten Eindruck, befonders durch die elegante Einrichtung. Wir haben uns defshalb fo lange in der öfterreichiſchen Abtheilung verweilt und haben die dort ausgeftellten Erzeugniffe der öfterreichifchen Buchdruckerpreffe einer eingehenden Betrachtung unterzogen, weil es das erfte Mal war, dafs man diefelben in einer folch ftattlichen Zahl neben einander ausgeftellt fand, und weil gerade die Buchdruckerpreffe in Oefterreich noch vor fo kurzer Zeit, mit fehr wenigen Ausnahmen, einen Standpunkt einnahm, der z. B. in Deutfchland fchon feit langem zu den überwundenen zählte. Sagte doch Gersdorf's Repertorium noch im Jahre 1857 bei der Befprechung des bei Braumüller in Wien erfchienenen Werkes Kennft Du das Land?" von Sebaftian Brunner, dafs diefs das erfte fchön gedruckte Buch fei, das aus Oefterreich komme". Wenn man nun die im Hofe 13 a ausgeftellten Gegenstände von Oefterreich's Buchdruckern und Buchhändlern betrachtete, und fich in Gedanken um kaum ein Menfchenalter zurückverfetzte, fo mufste fich Auge und Herz erfreuen an dem gewaltigen Umfchwunge, der da ftattgefunden hatte. Wenn wir alfo die öfterreichifchen Erzeugniffe ausführlicher und mehr im Einzelnen behandelt haben, als die anderer Länder, z. B. Deutſchlands, fo gefchah diefs nicht, um aus falfch verftandenem Patriotismus die deutfchen und anderen Erzeugniffe in den Hintergrund zu fchieben, was auch an und für fich ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Die Producte der deutfchen, franzöfifchen und englifchen Preffe geniefsen fchon feit langen Jahren mit vollem Rechte einen guten und grofsen Ruf, den wir felber neidlos anerkennen und hochfchätzen. Wir haben durch unfere Darftellung einzig und allein den grofsen Fortfchritt zu conftatiren gefucht, den die öfterreichifche Buchdruckerpreffe in dem verhältnifsmäfsig kurzen Zeitraume von 25 Jahren gemacht hat. Dafs es aber in Oefterreich auch noch Kunfttempel gibt, die keinen Fortfchritt aufweifen, das haben wir bei der Ausstellung von A. Trafsler in Troppau mit tiefem Bedauern gefehen. Wer wird es aber läugnen wollen, dafs die hervorragende Stellung, welche die öfterreichifche Buchdruckerpreffe jetzt einnimmt, hauptfächlich dem Wirken Auer's und feinem raftlofen Schaffen in der k. k. Hof- und Staatsdruckerei zu verdanken ift? In der That, wenn wir überfchauen, welchen weiten Weg mit energifchem Fortfchritt die öfterreichifche Typographie zurückgelegt hat, dann kommt man erft recht zur Ueberzeugung, dafs es auch nicht um einen Kreuzer fchade ift, der für die k. k. Hof- und Staatsdruckerei je verausgabt wurde. Wenn auch nicht eine jede von den grofsen Unternehmungen einer Staatsdruckerei den Nutzen fofort klingend in die Caffe abwirft, ja wenn in einem oder dem anderen Falle fogar mit Verluft mufs abgefchloffen werden, ift der Nachtheil, ift der Entgang wirklich fo bedeutend, als er in Ziffern fich ausdrücken läfst? Wir glauben nicht. 44 Ludwig Lott. Sind denn Staatsdruckereien wirklich dazu ins Leben gerufen worden, um namhafte Gewinne zu erzielen? Wir wiffen, dafs wenigftens die ältefte Staatsdruckerei, nämlich die franzöfifche, eingerichtet ward, um der Wiffenfchaft und Kunft alle diejenigen Dienfte zu leiften, die denfelben von privaten Druckereien nie geleiftet werden können. Nach diefer hohen Beftimmung einer Staatsdruckerei während der verhältnifsmäfsig wenigen Jahre feiner amtlichen Wirkfamkeit auch die k. k. Anftalt geleitet und gelenkt zu haben, wird der unfterbliche Ruhm Auer's bleiben. Mit welchen Ziffern will man denn die Ehren ausdrücken, die Oefterreich mit feiner k. k. Hof- und Staatsdruckerei erworben hat in jenen fchweren Tagen, als man in der ganzen Welt von dem unabwendbaren Verfall und Zerfall des Kaiferftaates überzeugt war? Wahrlich die Staatsdruckerei hat nicht nur damals den Beweis für die Lebenskraft glänzend geführt, fie hat Oefterreich durch ihre Erzeugniffe an Ruhm und Ehren reich gemacht. Ihre Wirkfamkeit hat aber noch anders die gröfsten Früchte getragen. Wir hoffen, dafs auf jedem Blatte diefes Berichtes die ruhmreichen Erfolge ihrer Thätigkeit mit eben fo greifbarer Deutlichkeit zu lefen find, als es die ausgeftellten Erzeugniffe der öfterreichifchen Typographie den einheimifchen und ausländifchen Befuchern und Beurtheilern gefagt haben. Defshalb haben wir zum Schluffe der öfterreichifchen Abtheilung nur den einzigen Wunfch, dafs, wer immer an mafsgebender Stelle zu fprechen hat, eine vaterländifche Pflicht zu erfüllen trachten wird, und zwar damit: die k. k. Hof- und Staatsdruckerei wieder zu dem zu machen, was diefelbe einft war: die Mufteranftalt für die graphifchen Künfte in Oefterreich und in der Welt. Indem wir jetzt zu dem Schwefterland Oefterreichs, zu Ungarn, übergehen, müffen wir vor allem Anderen hervorheben, dafs die ungarifche Ausftellungscommiffion die graphifchen Künfte beffer zu würdigen verftand, als die öfterreichifche Commiffion, denn die graphifchen Künfte Ungarns waren nicht in einen abgelegenen und abgefperrten Hof verbannt, fondern, wenn auch unter anderen Ausftellungsgegenständen, doch mitten in die Hauptgallerie verlegt. Man brauchte gerade kein aufmerkfamer Beobachter zu fein, um doch deutlich zu fehen, wie fich die magyarifchen Herzen hoben, von Stolz und Freude erfüllt, über ihre ungarifche Ausftellung. Dafs die Taufnamen der Ausfteller als: Antal, Béla, Géza, Károly, Lajos u. f. f., mit den nicht- ungarifchen Namen Grün, Müller, Posner, Rath, Schwarz u. f. w. in Verbindung ftanden, das verftiefs nicht im Mindeſten gegen das magyarifche Nationalgefühl; das Ausgeftellte vertrat ja doch die ungarifche Induftrie. Dafs auch die Ausfteller der graphifchen Künfte in Ungarn gröfstentheils Deutfche oder magyarifirte Deutſche waren, ift felbftverſtändlich. Doch das, was fie ausgeftellt hatten, erreichte nur felten den Grad der Vollendung, welcher den öfterreichifchen Ausftellungsgegenständen in ihrer grofsen Mehrzahl nachgerühmt werden kann. Auch müffen wir unfer Bedauern darüber ausfprechen, dafs uns, mit Ausnahme der königlichen Staatsdruckerei, alle anderen Ausftellungsfchränke hermetifch verfchloffen blieben. Wir konnten auch keinen der Herren von der ungarifchen Ausftellungscommiffion jemals treffen, der uns die Schränke geöffnet oder gewufst hätte, wo fich die Schlüffel befinden, fo dafs wir auf diefe Weife nur Dasjenige zu betrachten fo glücklich waren, was eben offen vor uns lag oder an die Wände geheftet war. Von vielen diefer Druckwerke konnten wir nur die Titel oder gar nur die Einbände fehen; von manch anderem nicht einmal diefe. So fahen wir in dem Schranke der Brüder Magyar in Temesvár, die fehr hübsch ausgeftattete Gefchäftskarten ausgelegt hatten, nur zwei Geigen. Die Ausftellung der königlich ungarifchen Staatsdruckerei zu Budapeſt war fehr günftig fituirt. Den grofsen Wandraum füllten gröfstentheils geographifche Karten, Poft- und Stempelmarken und andere Farbendrucke, die fich jedoch alle durch die Höhe, in der fie angebracht waren, und durch die davor Buchdruck. 45 ftehenden breiten Tifche mit Glaskäften der näheren Betrachtung und fomit einem eingehenden Urtheil entzogen. Eine Obligation des ungarifch- englifchen Anlehens war hübfch ausgeftattet; die Einfaffung und der Text waren harmonifch gut gefetzt, auch der Druck war ein guter. Caffafcheine mit Kupferdruck- Untergrund waren zu bunt hergeftellt. Es fchien uns, als follten fie die ungarifchen Landesfarben: ,, grün, roth und weifs", darftellen. Eine grofse Stereotypplatte, mittels Papiermatrize gegoffen, war fcharf und rein; der davon gemachte Abzug machte jedoch manchen Wunſch rege. Galvanifche Platten, Platten für Naturfelbftdruck und vieles Andere follten beweifen, dafs die königlich ungarifche Staatsdruckerei der Wiener Schwefteranſtalt ebenbürtig fei. Dafs diefs jedoch nicht der Fall ist, und dafs die ungarifche Staatsdruckerei ihre Kräfte viel zu fehr zerfplittert, um im Stande zu fein, etwas Einheitliches zu leiften, dürfte ihr wohl felbft bald klar werden. Carl Louis Posner's erfte ungarifche Raftriranſtalt, GefchäftsbücherFabrik, Buchdruckerei und Lithographie in Peft hatte ihre Ausftellung gehörig zur Geltung gebracht, doch wurde die Leiftungsfähigkeit der Buchdruckerei durch die Arbeiten der Raftriranftalt bedeutend verdunkelt. Ein auf der Buchdruckerpreffe erzeugtes Tableau machte einen guten Eindruck. Der Druck desfelben war lobenswerth, was von dem Satze desfelben jedoch nicht gefagt werden kann, da die Linien fammt und fonders keinen genauen Anfchlufs zeigten. Ein folches Tableau, von Herrn J. Glafer bei Salzer in Wien gefetzt, müfste ein Meifterund Mufterſtück der Typographie abgeben. Die Pefter Buchdruckerei Actiengefellfchaft hatte an den Seiten- und Rückenwänden ihres Glasfchrankes verfchiedene Actien ausgehängt, die aber nicht eben einen befonders guten Gefchmack bewiefen. Die Einfaffungen und der Text harmonirten felten, und wo diefs der Fall war, da traten wieder einzelne Partien des Unterdruckes zu fchwer auf. Eine grofse ftatiftifche Tabelle war gut gefetzt und auch gut gedruckt. Das Uebrige, befonders der Bücherdruck, entzog fich, weil verfperrt, unferer Betrachtung. Gebrüder Deutfch, Peft Wiener literarifche Kunftanftalt in Peft, hatte neben Anderem ein Gedenkblatt an die Wiener Weltausftellung 1873 ausgeftellt. Die allegorifchen Verzierungen desfelben waren auf der Steindruck- und die Porträts auf der Buchdruckerpreffe hergeftellt worden. Der Entwurf, von Kolarz, hätte jedoch eine beffere Ausführung verdient. Die Actie für die Ungarifche Escompte- und Handelsbank verfehlte dagegen nicht, in Satz und Druck einen guten Eindruck zu machen. Alexander Czéh in Raab, deffen verfchloffene Ausstellung wir ebenfalls nicht befichtigen konnten, hatte neben Anderem ein Probenbuch ausgeftellt, aus deffen fchön ausgeführtem Titel wir jedoch nicht wagen können, einen Schlufs auf die Proben felbft zu ziehen. Gebrüder Legrády( zu deutfch Pollak) in Peft. Von diefer Firma hofften wir manches Schöne vor Augen zu bekommen, doch war und blieb auch ihr Ausftellungsfchrank verfperrt, fo dafs uns in die hinter den prachtvollen Einbänden verborgenen Kunftfchätze leider kein Einblick vergönnt war. Die fichtbaren lithographifchen Arbeiten diefer Firma entziehen fich unferer Aufgabe, da wir nur über ,, Buchdruck" Bericht zu erftatten haben. Die noch übrigen Buchdrucker aus Ungarn und Croatien, deren AusstellungsSchränke in Gruppe XII fich ohne Schlüffel ebenfalls nicht öffnen wollten, und auch auf unfere wiederholten Anfragen keiner der Beamten und Auffeher wusste, in weffen Händen fich die Schlüffel befänden, müffen wir leider übergehen, um diefen Schlüffeljammer nicht bei jeder einzelnen Firma wiederholt in Erinnerung bringen zu dürfen. Wir können uns jedoch unter diefen Umftänden nicht der Frage erwehren, welchen( geheimen?) Zweck eine folch verfperrte Ausftellung eigentlich haben 46 Ludwig Lott. foll? Auch hier müffen wir wieder ausrufen:„ Gehet hin zu den Engländern und zu den Franzofen, und lernet, wie man ausftellen foll!" In Gruppe XXVI, nördliche Quergallerie 13 b, hatte das kön. ungarifche Minifterium für Cultus und Unterricht neben Plänen von Schulhäufern etc. auch grofse Sammlungen von Lehr- und Hilfsbüchern für Volks-, Mittel-, Fach- und Hochfchulen u. f. w. ausgeftellt, die jedoch nicht alle in Ungarn gedruckt waren. Die uns hier reichlich gebotenen typographifchen Erzeugniffe wurden jedoch von zwei ungarifchen Ausftellern weit übertroffen, und zwar von der fehr thätigen Buchhandlung Moriz Ráth in Peft und von der kön. ungarifchen Univer fitäts- Druckerei in Ofen. Moriz Ráth hatte in einem eigenen Schrank, deffen Inhalt wir auch befichtigen konnten, feinen reichhaltigen Verlag grofsentheils claffifcher Werke auf das Schönfte zur Ausftellung gebracht. Die typographifche Ausftattung diefer Werke kann in ihrer Mehrheit als untadelhaft und muftergiltig bezeichnet werden; aber es gebührt nicht den ungarifchen Buchdruckern die Ehre, diefelben hergestellt zu haben, denn die fchönften ftammen aus Adolf Holzhaufen's Buchdruckerei in Wien; einige andere, ebenfalls gut gedruckte Werke find aus der Officin J. C. Fifcher& Comp. in Wien, und nur ein kleiner Theil ift aus ungarifchen Buchdruckereien hervorgegangen. Die Erzeugniffe der kön. ungarifchen Univerfitäts- Druckerei in Ofen legten fämmtlich Zeugnifs ab, dafs diefe Druckerei zwar nicht fo flunkert, wie die kön. ungarifche Staatsdruckerei, dafs fie fich aber auf der Höhe des jetzigen Standpunktes der Typographie zu behaupten weifs. Rufsland. So gering auch die Zahl der ruffifchen Ausfteller war, grofs war dennoch die Maffe des Ausgeftellten. Die ruffifche Staatsdruckerei oder nach ihrem amtlichen Titel: die kaiferlich ruffifche Expedition zur Anfertigung der Reichspapiere in St. Petersburg, ift ein Staatsinftitut, das auf dem Standpunkte fteht, den einft die Wiéner Hof- und Staatsdruckerei unter den Finanzminiftern v. Kraufs und v. Bruck eingenommen hat. Dafs diefes ruffifche Staatsinftitut dem vollen Zwecke einer Staatsdruckerei entſpricht, und vor keinen Koften zurückfchreckt, wenn es gilt, Kunftverfuche anzuftellen, und diefe Verfuche felbft durch lange Jahre hindurch fortfetzt, bis das Ziel erreicht ift, foll durch ein einziges Beiſpiel erhärtet werden. Galvanifch erzeugte Kupferplatten können nicht zum Drucken aller bunten Farben verwendet werden, weil manche Farbe, fobald man fre auf Kupfer aufgetragen hat, einem chemifchen Proceffe unterworfen wird, der nach den verfchiedenen Beftandtheilen der Farbe auch ganz verfchiedene Wirkungen hervorbringt. Entweder es geht nur die Schönheit, das Feuer der Farbe, verloren oder es entſtehen ganz neue Verbindungen der Atome, das heifst, die Farbe wird entweder nur in den Tönen oder auch ganz in eine andere umgewandelt. Um nun diefem Uebelftande zu begegnen, verfuchte E. Klein, Ingenieur und einer der Abtheilungsvorftände der ruffifchen Staatsanftalt, die galvanifchen Kupferplatten noch mit einer Schicht von galvaniſchem Eifen zu überziehen. Diefe Verfuche, die im Jahre 1846 begannen, und durch ein volles Vierteljahrhundert hindurch fortgefetzt wurden, lieferten endlich ein folch günftiges Refultat, dafs die auf folchen Platten auf der Buchdruckerpreffe erzeugten Abdrücke eine Reinheit in den Tönen aufweifen, wie fie durch kein anderes Verfahren hervorgebracht werden kann. Die mittelft Pantograph, Relief- und Guillochirmafchine erzeugten Entwürfe waren in galvanifchen, mit einem Eifenüberzuge verfehenen Platten mitausgeftellt. Die ruffifchen Staatspapiere fowohl im Ganzen als in ihren einzelnen Theilen, die Unterdrucke, Wafferzeichen u. f. w. waren fo vollendet, dafs man fich nichts Schöneres und Harmonifcheres denken kann. Das eigentliche Urtheil über diefe Staatsanftalt liegt in dem Ausfpruche der Jury. Diefer lautet:„ Dafs die Buchdruck. 47 kaiferlich ruffifche Expedition zur Anfertigung von Reichspapieren durch ihre wahrhaft eminenten Leiftungen in photographifchen Hochund Tiefdruckplatten, durch die geiftreiche Combination von Heliographie und Galvanoplaftik und durch die mannigfachen wichtigen Anwendungen der verfchiedenen graphifchen Künfte zur Herftellung von Staats- und Werthpapieren fo tief eingreifende, bahnbrechende Erfolge erzielt habe, dafs fie der höchften Auszeichnung, des Ehrendiploms, würdig fei". Wir erinnern, dafs beinahe mit denfelben Worten die k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Wien auf der Londoner Weltausftellung im Jahre 1851 als die unbedingt erfte graphifche Anftalt war erklärt worden. Die Feinde Auer's und der k. k. Staatsdruckerei haben fomit nichts Anderes erreicht, als dafs Oefterreich eine Niederlage mehr zu verzeichnen hat. Ueber dem Sprüchlein: mit dem Grofchen zu fparen und die Ehre zu vergeuden, haben fie den Spruch vergeffen, dafs auch die Wiffenfchaft und die Kunft eine Macht ift. Salomon Lewental in Warfchau hatte meift gut gedruckte illuftrirte Werke ausgeftellt. Auch ein grofser Holzfchnitt, der fowohl im Stock als im Abzug vorlag, zeugte von der guten Behandlung, die diefe Firma dem Illuftrationsdrucke widmet. Nur wäre zu wünfchen, dafs den wirklich gut und rein gedruck. ten Illuftrationen neuere, fchärfere Lettern zugefellt würden. W. Golowin in St. Petersburg hatte Druckproben von Titeln, verfchiedenen Accidenzen, Illuftrationen, Mufiknoten u. f. w. ausgeftellt, von denen Vieles fehens- und betrachtenswerth war. Befonders müffen wir den Druck der Holzfchnitte hervorheben, von denen viele mit Verftändnifs von Licht und Schatten zugerichtet waren. Griechenland. Die Buchdruckerei von Coromela in der Provinz Attica hatte zwar Vieles, aber nichts befonders Ausftellungswürdiges gefandt. Alles Uebrige, was wir von griechifchen Drucken fahen, war viel weniger als gut zu nennen. Türkei. Die Centraldruckerei in Conftantinopel hatte verfchiedene Erzeugniffe ihrer Buch- und Steindruckerei ausgeftellt. Die Producte der Buchdruckerei, gröfstentheils in franzöfifcher Sprache, worunter auch das Journal„ La Turquie", waren lobenswerth. Die Erzeugniffe der Steindruckerei beftanden in Chromolithographien. Marco Pachu, Director der medicinifchen Schule in Conftantinopel, hatte 75 Werke in türkifcher Ueberfetzung ausgeftellt, die auf einem Haufen wie Kraut und Rüben auf der Erde lagen, und die man fich fürchten mufste in die Hand zu nehmen, weil ihr Aeufseres voller Staub und Schmutz war. Rumänien. Socecu& Co.( Sotfchek& Comp.) in Bukareft hatten verfchiedene Bücher ihres Verlages ausgeftellt, deren Ausftattung fowohl wie der Satz und Druck zu loben waren. Die Gehilfen Vereins- Druckerei in Bukar eft, deren Mitarbeiter lauter geborene Rumänen find, beftätigte den Ruf, den fie durch ihre guten Arbeiten und ihre gut geleitete Adminiftration geniefst, durch wirklich fchön gefetzte und fauber gedruckte Erzeugniffe ihrer Buchdruckerpreffen. Egypten. Die Buchdruckereien von Mourès& Comp. in Alexandrien, von Onzy in Cairo, und die Buchdruckerei in Bulak bei Cairo hatten ziemlich viele gut ausgeftattete Werke geliefert, an denen fowohl der Satz wie der Druck zu loben war. Auch in Gruppe XXVI fanden wir unter den Unterrichtsgegenständen manches Product der Buchdruckerpreffe, welches Zeugnifs ablegte von dem regen 4 48 Ludwig Lott. Geifte des Fortfchrittes, der in diefem türkifchen Vafallenftaate herrfcht und der gegen die türkifche Schlaffheit wohlthuend abfticht. w sali dombais China. Der k. und k. öfterreichiſch- ungarifche Generalconful Guftav Ritter v. Overbeck in Hongkong hatte nicht weniger als 1558 Gegenftände chinefifcher Boden-, Induftrie- und Kunftproducte gefammelt und zur Ausftellung gebracht. Unter diefen Gegenftänden befanden fich für Gruppe XII lithographifche Steine von Formofa und chinefifche Bücher und Typen aus der Druckerei und Schriftgiefserei der Londoner Miffions Gefellfchaft in Hongkong. bio S. A. Viguier, Hafenmeifter zu Shanghai, hatte einen„ Codex chinefifcher Charaktere zum Telegraphiren" ausgeftellt, auf den die Bemerkung gefchrieben war, derfelbe fei nach Schlufs der Ausftellung der k. k.( Hof-?) Bibliothek in Wien gewidmet. Diefes, aus der amerikanifchen MiffionsDruckerei in Tabellenform und in Plakatformat hervorgegangene Buch enthielt 6893 fchwarz- und rothgedruckte Zeichen. Da die Erzeugniffe der Miffions- Druckereien, deren Einrichtungen aus England und Amerika ftammen, von Engländern und Amerikanern ausgeführt werden, fo können diefelben zwar als gute bezeichnet werden, können aber nicht als eigentlich chinefifche Erzeugniffe in Betracht kommen, fie gewähren uns daher auch gar keinen Einblick in den heutigen Stand des Buchdruckes im Reiche der Mitte. Japan. Der Katalog der kaiferlich japanefifchen Ausftellung enthielt in Gruppe XII folgende Gegenftände: eine Druckplatte von Holz mit ausgefchnittenen Buchftaben; ein Meffer zum Ausfchneiden der Buchftaben; ein Ballen aus feingefchabten Bambusfafern, der ftatt der Buchdruckerpreffe benützt wird; ein gedrucktes Buch; colorirte Holzfchnitte; Kartenfpiele in Holzfchnitt; Photographien; ein Geftell für Photographien und eine Sammlung von Petfchaften aus Bergkryftall. Aufserdem, aber nicht im Kataloge verzeichnet, fanden wir noch einige galvanifche Matrizen und gegoffene Lettern, die zwar kein fchönes Ausfehen hatten, aber dennoch Zeugnifs ablegten von dem Streben nach vorwärts, das in Japan Platz gegriffen. Diefe Matrizen und Lettern follen von einem Japanefen herrühren, der nach Schlufs der Ausftellung in Wien zurückblieb, um fich in der Schriftgiefserei der Herren A. Meyer& Schleicher zu vervollkommnen. Auch foll bei diefer Firma von der japanefifchen Regierung eine vollſtändige Schriftgiefserei Einrichtung beftellt worden fein. Als wir diefen Bericht zur Correctur erhielten, brachte das„ Journal für Buchdruckerkunft" in feiner Nummer 41 vom 28. October 1874 eine Notiz, nach welcher ein Herr Joy, der Londoner Correfpondent der franzöfifchen„ Imprimerie", in feinem Monatsberichte vom April die Behauptung aufgeftellt, dafs die erften Druckmafchinen zwar von den Herren König uud Bauer erbaut, dafs diefe Herren aber nur die Handlanger gewefen feien, und das Verdienft der Erfindung diefer Maſchinen gebühre dem Befitzer der„ Times" in London, Herrn Walter, der die Idee feines Landsmannes Nicholfon weiter entwickelt habe. Obgleich diefe Frage nicht eigentlich in den Bericht über die Wiener Weltausftellung gehört, fo erachten wir es doch für unfere Pflicht, allen Uebergriffen gegen die verdienten deutfchen Männer mit Energie entgegen zu treten, und ihnen den Ruhm, den man denfelben ftreitig machen will, aufs Entfchiedenfte zu wahren. Da nun die typographifchen Fachblätter, die fich in erfter Linie mit diefer Frage zu befaffen haben, nur einen begrenzten Leferkreis, und zwar nur an den Fachgenoffen haben, fo müffen wir hier den Artikel der Buchdruck. 49 " Times" anfügen, in dem fie ihren Lefern Kunde gibt von der Aufftellung der erften mit Dampf betriebenen Schnellpreffe. " دو , The Times"- London, Dinftag, November 29, 1814. Unfere heutige Zeitung liefert das praktifche Refultat der gröfsten Verbefferung, die je die Buchdruckerkunft feit ihrer Erfindung erfahren hat. Der Lefer diefes Abſchnittes hält jetzt einen von den vielen taufend Abdrücken in der Hand, die vorige Nacht durch einen mechanifchen Apparat gedruckt wurden. Ein faft organifches Maſchinenfyftem ift erfunden und verfertigt worden, welches, während dadurch die befchwerlichften Anftrengungen des Druckens abgefchafft find, alle menfchlichen Kräfte an Schnelligkeit und Wirkfamkeit weit hinter fich zurückläfst. Um die Gröfse der Erfindung nach ihren Wirkungen würdig fchätzen zu können, erwähnen wir blofs, dafs, nachdem die Buchftaben gefetzt und in die fogenannte Form eingefchloffen worden find, wenig mehr für Menfchenhände zu thun übrig bleibt, als auf die Mafchine Aufücht zu haben. Sie wird blos mit Papier verforgt, trägt felbft die Farbe auf die Form auf, und legt das Papier auf die mit Farbe befchwärzte Form, druckt den Bogen ab und liefert ihn fo gedruckt in die Hände des Arbeiters; fogleich geht die Form wieder zurück, um von neuem wieder gefärbt zu werden, und dann wieder vorwärts, um dem folgenden Bogen den Druck zu geben. Das Ganze diefer complicirten Handlungen wird mit einer folchen Gefchwindigkeit und gleichförmigen Bewegung ausgeführt, dafs in einer Stunde nicht weniger als elf Hundert Bogen gedruckt werden. Dafs die Vervollständigung einer Erfindung diefer Art nicht als die Wirkung des Zufalles, fondern als das Reſultat mechanifcher Zufammenfetzungen, die der Geift des Künftlers methodifch geordnet hat, mit vielen Hinderniffen und grofsem Auffchube zu kämpfen hat, wird wohl leicht geglaubt werden. Unfer Antheil an diefem Ereigniffe befchränkt fich blofs auf die Anwendung diefer Erfindung auf unfer eigenes Gefchäft bedingungsmässig mit den Patentbefitzern; doch Wenige können fich vorftellen- fogar bei diefem befchränkten Antheile die verfchiedenen Täuſchungen und aufserordentliche Beforgnifs, die wir für eine fo lange Zeit gelitten haben. - Von dem Erfinder haben wir wenig zu fagen. Sir Chriftopher Wren's fchönftes Denkmal ift in dem Gebäude, welches er erbaute, zu finden; fo ift die fchönfte Lobpreifung, die wir dem Erfinder der Druckmafchine bringen können, in der vorhergehenden Befchreibung enthalten, welche wir fchwach haben bezeichnen können. Hinzufügen wollen wir jedoch, dafs der Erfinder König heifst, und dafs die Erfindung unter der Leitung feines Freundes und Landsmannes, des Herrn Bauer, ausgeführt worden ift." Diefe Beftätigung der ,, Times" ift die ehrendfte Anerkennung der Verdienfte der beiden Deutfchen König und Bauer. Wenn alfo heute, nach fechzig Jahren, Herr Joy die Welt eines Befferen belehren will, fo ift das entweder die Cultivirung des höheren Blödfinnes, oder es ift die Sucht, den Deutfchen, als ,, Feinde Frankreichs", den Ruhm ihrer Erfindungen ftreitig zu machen. Dagegen aber müffen wir hier um fo entfchiedener Verwahrung einlegen, als wir in diefem ganzen Berichte die ausgezeichneten Verdienfte der Franzofen um die graphifchen Künfte anerkannt haben. Haben wir Gerechtigkeit geübt, fo können wir diefelbe auch von Anderen verlangen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. ö. PROFESSOR IN PRAG. KUPFERUND STAHLSTICH- DRUCK. ( Gruppe XII, Section 2 und Gruppe XXV, d.) Bericht von LOUIS JAKOBY, Profeffor in Wien, Mitglied der internationalen Jury. LITHOGRAPHIE UND CHROMOGRAPHIE. ( Gruppe XII, Section 4 und Gruppe XXV, c.) Bericht von CONRAD GREFE. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. A CHK TILHOCKУБНІ THAT2 IE K LICH: DКОСК T: 2 КОЬВЕК KUPFER- UND STAHLSTICH- DRUCK. ( Gruppe XII, Section 2, und Gruppe XXV, d.) Bericht von LOUIS JAKOBY, Profeffor in Wien, Mitglied der internationalen Fury. Der Kupferftich und die ihm zugehörigen Disciplinen, welche zu beurtheilen die mir gewordene Aufgabe ift, zwingt mich noch heute, bevor ich im Geifte wieder die Räume, die ausfchliefslich der Kunft gewidmet waren, auffuche, zu dem Ende alle Theile der immenſen, nun vergangenen Ausstellung zu durchforfchen. Um die Früchte, die diefe Kunft erzeugt, aber recht zu verftehen, um ihre Einflufsnahme auf das praktiſche Leben klarer erkennen zu können, muss ich zuerft an ihre Blüthe in der Kunfthalle näher herantreten und mir Stamm und Wurzel durch die Gefchichte erklären laffen.. So wenig es hiebei auch meine Aufgabe ift, den Lefer zu einem fertigen Kupferftichkenner zu machen, ebenfo überflüffig fcheint es, hierin ein jedes Blatt die Cenfur individueller Kritik paffiren zu laffen. Die Ausftellung bot zu viel um das Einzelne für fich allein zu betrachten. Indem wir das Ganze beurtheilen, werden wir dem Einzelnen gerecht. Eine jede in diefen Räumen vertretene Kunftweife läfst den fie ausübenden Künftler aus vollem Herzen fagen: ich könnte und möchte nichts Anderes wie diefs! die Kunft des Kupferftiches aber ich will eben diefs! Die Zeiten find vorüber, in welchen der grofse Rubens fagen konnte, er wolle lieber mit Schwarz auf Weifs einen Titel auf ein gutes Buch ftellen, als mit Farben malen, weil folche Arbeit weniger zu Augen kommen könnte, jenes aber feinen Namen bei der ganzen denkenden und gelehrten Welt verewigen könnte! Diefer Ehrgeiz kann heut nicht mehr der Motor fein, aus diefem Kunftzweig eine Lebensaufgabe zu machen. Viele mechanifche Weifen und Erfindungen der Wiffenfchaft haben heut das grofse Verdienft, für Verbreitung und Popularität der Kunft zu wirken. Die Kunft des Stiches beansprucht in ihrem befcheidenen Gewand die Gunft, ihrer felbft wegen geliebt zu werden. Schon die heilige Schrift fpricht von den„ in Erz gegrabenen Tafeln des Gefetzes" und durch unzählige Reliquien der claffifchen Kunftepochen des Alterthums in unferen Mufeen auf Spiegeln, Ciften und andere Schmuckfachen gelangen wir zur Ueberzeugung, wie diefe Kunft nicht allein zur Verewigung von Gedanken gedient, fondern auch die Freude der Menfchen gewefen fei. Denfelben Zwecken der Verfchönerung und Verzierung von Schmuck und Geräthen dient fie auch 21 Louis Jakoby. durch die ganze Zeit des Mittelalters, bis fie fich in der Mitte des 15. Jahrhunderts gleichzeitig die Verbreitung und Vervielfältigung von Kunftwerken zur Aufgabe macht, indem der Künftler durch Ausfüllen feiner Arbeit mit Farbe und das Abdrucken auf Papier fie felbft vervielfachte. Diefe Abdrücke werden von uns gemeiniglich jetzt„ Stich" genannt und dienen feitdem zur Verfchönerung und Belebung unferer Wohnungen nicht allein, fie wurden uns Allen ein gewünſchtes Surrogat, das Schönfte und Befte, was die Kunft gefchaffen, in künftlerifch anderer Form unfer Eigen nennen zu können. Als die Kunft fich in Künfte verzweigte, der Architekt nur Architekt, der Maler nur Maler wurde und jeder Zweig herrifch feine eigne Ausbildung verlangte, da fing auch der Stich an, in der Anwendung vielfacher Mittel eine reichhaltige Entwicklung zu erfahren. Die Arbeiten von Malern und anderen nicht fpeciell in diefem Fach ausgebildeten Künftlern wurden immer feltener, die mechanifche Wiedergabe im Druck aber ganz anderen Händen überlaffen. So wurde der Kupferftich durch Jahrhunderte das ausfchliefsliche Mittel, Kunftwerke und künftlerifche Ideen taufendfach zu verbreiten. Wie alle anderen Künfte machte auch der Stich denfelben Weg vom erften unbefangenen Wollen, dem vollendetften Können bis zum hohlen Virtuofenthum und blofsen Handwerk durch. Ungefähr 50 Jahre nach dem Erfcheinen der erften gedruckten Stiche beginnt in der Schule Rafael's die felbftftändige Entwicklung durch Marc Anton. Das Vorbild des Letzteren, Albrecht Dürer, trachtete, mit dem Grabftichel zeichnend, nur feine Gedanken im Bilde zu vervielfältigen. Marc Anton, Rafael's Gedanken wiedergebend und fo des Taftens überhoben, vereinfachte die Weife und fing an, die Form plaftifch mit der Linie auszudrücken. Wenn Rafael bei der Vervielfältigung feiner Werke es paffender und bequemer gefunden, diefs durch Marc Anton machen zu laffen, fo ift diefe natürlichfte künftlerifche Empfindungsweife, fich auf und mit fremdem Material nicht wiederholen zu brauchen, noch bis heute der Grund, dafs die Arbeiten des Kupferftiches in ihrer bei Weitem gröfsten Zahl zweifache Schöpfungen find. Es war wohl zu natürlich, dafs die nach und nach wunderbar ausgebildete Technik des Grabftichels Maler und andere Künftler abfchrecken musste, fich feiner wie ehedem zu bedienen. Um fo bequemer war es, mit der Nadel auf der mit Firnifs überzogenen Kupferplatte zu zeichnen und die fo entftandene Zeichnung durch Scheidewaffer in das Kupfer vertiefen zu laffen. Faft in derfelben Zeit des XVII. Jahrhundertes, als der Stich in den Niederlanden und Frankreich feine höchfte Ausbildung erfuhr, feierten die fo entstandenen Kunftwerke in den wunderbaren Radirungen Rembrandt's ihre höchften Triumphe. Die willigere Radirnadel blieb im Gegenfatze zum Grabftichel, deffen Handhabung erft langwierige Studien vorausfetzt, das Werkzeug, mit dem auch in unferen Tagen noch der Maler es vorzieht, feine Werke felber zu vervielfältigen. Viele Kupferftecher benutzten die Radirnadel zu Vor- und Hilfsarbeiten. bei ihren Stichen, fo dafs es fchwer wird, die Trennung beider Weifen erkennen zu können. Verfuchten fie auch fchon vor G. F. Schmidt bis auf unfere Zeit die reizvollen Werke Rembrandt's neu erftehen zu machen, die gröfsere ruhigere Form ftiliftifcher Malerei hat fie ftets wieder zum Grabftichel greifen laffen. Um die Mitte desfelben XVII. Jahrhunderts bereicherte die Erfindung der Schab- oder Schwarzkunft die Weifen, Kunftwerke drucken zu können. Sie war die Negation des Schaffens, indem das Kunftwerk indirect aus dem Schwarz, in das die Platte durch feine Inftrumente gleichmässig verfenkt war, herausgelichtet wurde. Die Engländer und unter ihnen in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts Earlom, haben fich am meiften hierin hervorgethan. Die Anforderungen an den Stich, und durch die Verbreiterung der Bildung der Confum, wurden immer gröfser, fo dafs die Speculation, um mehr Abdrücke zu erzielen, Anfang diefes Jahrhunderts darauf verfiel, ftatt der Kupfer Stahl Kupfer- und Stahlftich- Druck. 3 platten zu verwenden. Die nothwendige Folge davon war, dafs die Künftler, um das fchwerer zu bearbeitende Metall bewältigen zu können, auf allerlei mechanifche Hilfsmittel verfielen. Einmal verbunden mit dem Mechanismus wurde der Künftler die Geifter, die er befchworen, nicht wieder los. Das Roullet, die Cinier und andere Mafchinen corrumpirten fein Auge und Gefühl. Er wollte es der Mafchine gleichthun und machte fchön in und an einander gefügte Linien, wo er Formen und Töne fchaffen follte. Wenige erhielten fich ihr künftlerifches Theil und ihr Name wird defshalb um fo glänzender in der Gefchichte diefer Kunft beftehen bleiben. Da endlich, vor ungefähr 20 Jahren rief die Wiffenfchaft diefem mechanifchen Treiben ihr Halt zu. Die Photographie machte nicht nur diefem feelenlofen unkünftlerifchen Thun Concurrenz, fie befiegte es und half der Kunft wieder zu ihrem Rechte. Das die Atmoſphäre reinigende Ungewitter richtete aber auch gleichzeitig viel Zerftörung an. Die Factoren zum Wiederaufbau, die Befteller waren entmuthigt und die ftaatliche Vorfehung blieb, ausgenommen in Frankreich, abfeits mit verfchränkten Armen ftehen. Eine Panique hatte die fchwachen und zweifelhaften Kräfte ergriffen und die Reihen gelichtet. Je mehr Liebe den Einzelnen für feine Kunft erfüllte, fein ganzes Sinnen in diefer eben aufgehen machte, je niedergefchlagener wurde er, fah er die Maffe, zu denen ja auch viele Künftler gehörten, das Kind mit dem Bade ausfchütten, der verblüffenden Neuheit zujubelnd, die Töne des Werkels andächtig für die Mufik nehmen, die allein Menfchen machen können, und der Kunft kaum noch einen Blick fchenken. - Die Leidenfchaft, mit der er gegen diefe Anfchauungen und ihre Einwirkungen ankämpfte, fonft ein Bürge für die innerliche Wahrheit feines Wollens, war ohnmächtig gegen die Alles überfluthende, von gefchäftlicher Reclame unterftützte Mode. Die Kunft des Kupferftiches wurde entbehrlich genannt und dem Künftler half kein Weh und Ach in den Zeitungen, ihm blieb alldem gegenüber nur die Refignation, abzuwarten, bis die Zeit folche Gefchmacksverirrung beffere. Ein folcher Zuftand konnte nicht lange dauern. Empfindung, Verſtändnifs, Gefchicklichkeit, alle Gaben, die den Menfchen zum Künftler machen, durften auch hier auf den endlichen Sieg ihrer Leiftungen bauen. Aber erft mit dem Erkennen der Unzulänglichkeit des phyfikalifchen Proceffes der Reproduction ftellte fich nach und nach auch wieder ein Zuwenden zur Kunft ein. Wie früher die Photographie den Mechanismus übertroffen und fo lahm gelegt hatte, fo entſtand jetzt eine Reaction gegen die Camera obfcura. Man fah fich nicht allein fatt an dem füfsen, ausdruckslofen Ton, erkannte nicht allein die Unwahrheit in der Wiedergabe von kalten oder warmen Farben und der dadurch bewirkten Unrichtigkeit der Modellation der Form bei bemalten Flächen, man fing auch an, das Erkennen des Gewebes der Leinwand, der Flecke und der Zerftörung in den Bildern eine Brutalität zu nennen. Man erkannte, dafs die lange identifch gehaltene Wiedergabe eine falfche fei, die feelenlofe mechanifche Reproduction nur eine neue Auflage erhalten habe und, um vor der Reproduction künftleriſch geniefsen zu können, diefe nur aber wieder künftlerifch entstanden fein müffe. Vor der erfreulichen Thatfache der Wiederbelebung diefer Kunft fahen wir uns auf der letzten Ausftellung. Vom Mechanismus befreit, fördert die Kunft wieder die Liebe und Freude des Befchauers. Von Fortfchritten ift in diefer wie ja auf dem Gebiete der ganzen bildenden Kunft nur bedingungsweife zu fprechen, rechnen wir die Befreiung von den mechanifchen Hilfsmitteln ab. Ein Kunftzweig, hier oder dort mehr gepflegt, 4 Louis Jakoby. wird mehr fich entwickeln und feinen beften Vorbildern, die, wie alle Sammlungen, Monumente und Gallerien zeigen, hinter uns liegen, nah und näher zu kommen trachten. Die eine Idealität erftrebende Kunftrichtung, von der Realiftik oder Naturaliftik abgelöft fein zu wollen, werden wir fo wenig Fortfchritt nennen, wie wir es nur als eine Phafe bezeichnen können, wenn Rafael und Michel- Angelo durch Velasquez oder Franz Hals in den Winkel gedrängt erfcheinen. Diefe Wandlungen des Gefchmacks find feit mehreren Hundert Jahren mehrmals bei den kunfttreibenden Nationen zu beobachten, und liegen wohl tief in der menfchlichen Natur begründet. Der Kupferftich feit feiner Ausbildung macht naturgemäfs denfelben Procefs durch wie die Malerei, der er fich eng anfchliefst und für die Verbreitung ihrer Objecte dient. Die ftiliftifche Richtung hat fich bis auf die neuefte Zeit ftets mehr des Grabftichels als Mittel der Ausdrucksweife bedient, während der naturaliftifchen die Radirnadel das bequemere und leichtere Material wurde. Von. einem Fortfchritt kann man deshalb nur infofern beim Kupferftich fprechen, als gerade die letzten Jahre befonders Aufklärung gefchaffen haben, was in den Bereich diefer Kunft gehört und worin fie durch nichts zu erfetzen ift. Die Feinheit und Klarheit in der Form, die variabelfte Charakteriſtik in der Behandlung des Stoffes wird heute nach fo vielen Verfuchen dem Kupferftich unbeftritten verbleiben. Steht er für Publication überhaupt nicht mehr allein da, fo braucht er anderfeits auch nicht mehr die oben. befprochenen Irr- und Abwege zu gehen, zu denen ihn der Stahlftich und die Speculation gedrängt hatten. Er kann heute wie zur Zeit feiner glänzendften Entwicklung das Kupfer allein benutzen und vermittelft der Galvanoplaſtik und der Verftählung eine durch keine Abnutzung der Platte befchränkte Anzahl von Abdrücken erlangen. Oefterreich, Deutfchland, Frankreich, England und Italien legen faft gleichzeitig Zeugnifs dafür ab, dafs allerorts die Künftler fich wieder in aller Freude und Begeisterung an die Arbeit gemacht. Numerifch am ftärksten aber Frankreich. Als könnte die wiederbelebte Kunft die Zeit nicht erwarten, ans Tageslicht zu treten, um die verlorene Zeit wieder einzubringen, fo fehen wir in allen diefen Ländern gleichzeitig die fchnell producirende Radirung als Vorkämpferin. Der vollendende und dadurch langfamer fchaffende Stich zeigt fich nur vereinzelt als Ueberkommnifs aller Getreuen, die Schwarzkunft, feit längft der Mechanik verfallen und im Ton zu verwandt der Photographie, hat nur noch in England alte Kämpen aufzuweifen. Frankreich, feit Gründung der Gobelins durch Ludwig XIV. an die Spitze geftellt, hat auch hier, feinen grofsen Traditionen getreu, den alten Ruf bewahrt, wenngleich Mandel im Stich bei der deutfchen, Unger in der Radirung bei der öfterreichifchen Abtheilung Qualitäten zeigten, die wir in der franzöfifchen nicht fanden. Je gröfser unfere Freude und die aufrichtige Bewunderung war, die uns in ihrer Mehrzahl die franzöfifche Ausftellung entlockte, je mehr bedauerten wir, die ausgezeichneten Leiftungen Henriquet- Dupont's zu vermiffen. Seit dem Jahre 1814 der Ausübung diefer Kunft hingegeben, ift jede Arbeit ein neues Lorberblatt für ihn geworden. Die Geiftesfrifche diefes Neftors der Kunft läfst uns glauben, der Kranz mit feinen ftets neuen Schöfslingen wolle fich nie fchliefsen. Aber auch nach bewährten Kräften, wie Bellay, Didier und Anderen fahen wir uns fo vergeblich um, wie wir bei Deutfchland den vortrefflichen Bürkner aus Dresden nicht fanden. Trotz folch' empfindlicher Lücken konnte die Ausftellung vom fachlichen Standpunkte aus doch nur mit höchfter Befriedigung angefehen werden. Die Stiche von Rouffeaux, Rofello, Bertinot, Gaillard und Anderen find ebenfo Zeugnifs ungefchmälerter Gefchicklichkeit, wie die Radirungen Kupfer- und Stahlftich- Druck. 5 von Rajon, Jacquemart, Flameng, Chaucherel etc. Reiz, Lebendigkeit und Feinheit in der Zeichnung zeigen. Oefterreich und Deutfchland vereint können nur einigermafsen ein Gegengewicht gegen das, alle anderen, dazwifchen liegenden Staaten erdrückende Frankreich bieten, trotzdem Weber in Bafel, die Belgier Biot, Danfe und auch Delboïte uns Proben fehr grofser Tüchtigkeit gaben. Holland hatte nur einen Vertreter, ebenfo wie aus Rufsland, das keine Vergangenheit in diefer Kunft hat, nur ein kleiner Rahmen mit Radirungen, das redliche Wollen zeigte, mitzuthun. Regt es fich ebenfo in Italien auch allerorts wieder, die eingefandten Kunftwerke haben fehr befcheidenen Raum nur beansprucht und zeigten uns nicht Juvara in Rom, Raimondi in Parma und einige wenige Andere, dafs fie den Sinn für das Schöne und die Gefchicklichkeit treu bewahrt, man müfste fürchten, dafs fie, wie in Spanien, den Faden nicht wieder fänden, um an die Vergangenheit anzuknüpfen. Was England betrifft, fo fühle ich mich nicht ficher in der Annahme, dafs die hier ausgeftellt gewefenen Kunftwerke ein Bild der heutigen Production vollständig gaben. So vorzüglich auch die Arbeiten von Stocks, Coufins in der Schwarzkunft unter Anderen erfchienen, fo reichhaltig auch die Ausgabe der Kenfington- Schule ift, man fragt fich unwillkürlich: ift das Alles, was von der durch Georg III. gegründeten grofsen Kupferftich- Schule übrig geblieben ift? Sind das die einzigen Nachkommen der Strange, Earlom, Woolet, Burnet, dann freilich gibt es in diefem Wettkampf nur die fchon vorhin genannten drei Staaten, die in Betracht kommen. - Ohne Berücksichtigung der fchon erwähnten Lücken und der Verzichtleiftung der Parifer Chalcographie du Louvre auf die Ausftellung, ftand Frankreich mit 69 Ausftellern und 182 Nummern gegenüber von Oefterreich mit 15 Ausftellern und 49 Nummern, Deutſchland mit 25 Ausftellern und 36 Nummern. Das Mifsverhältnifs ift zu grofs, als dafs es nicht der Mühe werth wäre, näher beleuchtet zu werden. Sieht man aber in den Schaufenstern unferer Kunfthändler gleichzeitig faft nur franzöfifche und englifche Stiche, fo wird es eine patriotifche Pflicht, die Sachlage zu erklären. Das Uebergewicht Frankreichs ift nur der forgfamften Pflege zu danken, welche die verfchiedenften Regierungen diefem Kunftzweige feit mehr denn 200 Jahren gewidmet, und der Eiferfucht, mit der ein berechtigtes Nationalgefühl über deffen Erhaltung wacht. Anfchauungen, als wäre diefe Kunft im Charakter der franzöfifchen Nation begründet, find ebenfo unwahr, wie der Einwand hinfällig ift, dafs fie heute überflüffig. Von Martin Schön und Dürer bis auf G. F. Schmidt und F. Müller ift das widerlegt, und es mufs doch mit unferer Begabung nicht fo fchwach beftellt fein, wenn wir trotz alledem heute weit beffer daftehen als Italien, das zwei Pflegftätten diefer Kunft in den Chalkographien zu Rom und Parma befitzt. Um Aufklärung zu bekommen, müffen wir wohl zunächft die Factoren ins Auge faffen, die hüben und drüben die Arbeiten entſtehen laffen. In Frankreich ift es durch die Chalcographie du Louvre zunächft die Regierung felbft, indem fie in diefem Inftitut jüngeren Kräften Ausbildung gibt, Bewährten aber in bedrängten Fällen ein nothwendiges Refugium bietet. Hiezu kommt die Stadt Paris, die franzöfifche Gefellſchaft für Kupferftich, vornehme Private, die ihre Porträts ftechen laffen, und die nicht hoch genug anzufchlagenden künftlerifchen Beigaben und Illuftrationen von Zeitfchriften. Wenn wir den Kunfthändler oder Verleger hiebei fehr fchwach betheiligt fehen, fo kann uns das weiter nicht verwundern. Vor fünfzehn Jahren noch war er ein fehr wefentlicher Factor. Der Kaufmann ift eben nicht Liebhaber, fondern als Kaufmann bedacht, feine Waare fchnell umzufetzen und dadurch den gröfstmöglichen Gewinn zu erzielen. Beides ift aber beim Kupferftich nur höchft felten 6 Louis Jakoby. noch der Fall. So lange der Kupferftich einziges Vervielfältigungsmittel war, kam es vor, dafs eine einzige glückliche Arbeit ihm ein Vermögen einbrachte. Heute, in dem Fieber nach fchnellem Gewinn fucht er aus dem Vertrieb von Bildern und Photographien einen paffenderen und einträglicheren Erwerbszweig zu machen. Selten nur beftellt er noch, bequemt er fich aber dazu, Arbeiten in Commiffionsvertrieb zu nehmen, fo gefchieht das unter fo drückenden Verhältniffen für den Künftler, dafs diefer auf den Kunfthändler, als den fonft gebräuchlichen Vermittler zwifchen ihm und dem Publicum, bald ganz wird verzichten müffen. Der Ausfall diefes Factors aber führte im Jahre 1868 in Paris zur Gründung erftgenannter Société de gravure. Was hat nun bei uns in Oefterreich, was in Deutſchland die ausgeftellten Arbeiten entſtehen gemacht?! Den fo fundirten alten und neuen Inftitutionen Frankreichs hat Deutfchland wie Oefterreich nichts Gleichartiges entgegenzufetzen. Man ift verfucht vom Zufall zu fprechen, wenn tüchtige Arbeiten das Tageslicht erblickt haben. In Deutſchland hat der Staat in fchüchternfter Weife hie und da einmal eine Subvention ertheilt, wodurch beispielsweife das„ Spofalizio" von Stang in Düffeldorf entftand, vortreffliche Arbeiten, wie die von Raab, Fr. Vogel, Burger, Zimmermann und Anderen in München wurden mit grofsen Opfern zu Ende gebracht, um willkommene„ Nietenblätter" für Kunftvereine zu werden. Willmann aus Carlsruhe tritt mit Beftellungen der Stadt Paris auf. Auch in Deutfchland treffen wir felten auf einen Verleger und ein fo bedeutender Künftler wie Mandel mufs unter den erfchwerendften Bedingungen feine Arbeiten dem Publicum zugänglich machen. Die Anftrengungen, die einft Schinkel und Beuth machten, diefe Kunft zu heben, indem fie jungen Kräften die Mittel zur Ausbildung boten, den Staat die Fürforge für eine vortreffliche Druckerei tragen liefsen, werden bald als ein ,, nur momentaner Auffchwung" bezeichnet werden können. Doch bleiben wir in unferen eigenen Grenzen, wir haben hier ein grofses Feld für unfere Wünſche. Ein Mifsverftehen künftlerifcher und national- ökonomifcher Intereffen hatte die Kunft des Kupferftiches bei uns faft ganz zu Grunde gehen laffen. Diefelben Autoritäten, die über jeglichen Mangel von Intereffe an bildender Kunft in Oefterreich jammerten, fcheuten fich nicht, dem Kupferftich die Exiftenzmittel zu verfagen, obgleich er doch in feiner Eigenfchaft als publicirende Kunft am meisten geeignet war, für Kunft im Allgemeinen Propaganda zu machen, fo dafs es endlich der allerhöchften Initiative vorbehalten blieb, die erlofchene Tradition wieder neu zu beleben. Eine Oafe ftehen in diefer Zeit die Arbeiten des braven Poft faft allein da. Das kaiferliche Oberftkämmerer- Amt trat anregend und befruchtend nach jeder Seite hin auf. Die grofsen Stiche von Doby und Klaufs wurden von ihm beftellt. Wir fanden auch in der Abtheilung für Kupferdruck die reichhaltige Sammlung der Schatzkammer in Radirungen unter der intelligenten Direction des Schatzmeifters C. Leitner publicirt und fehen in dem Stich des Stefansdomes ebenfo einem feltenen Specialiſten Gelegenheit gegeben, fein Talent enfalten zu können, wozu Bültemeyer in den früheren Arbeiten für die Bauzeitungen ein zu befchränkter Raum geboten war. Mit dem neuerwachten Leben in den übrigen Kunftzweigen war die Stagnation in den graphifchen Künften bei uns doppelt fühlbar geworden. Die in Paris neu gegründete Societé de gravure bot Anregung genug, Aehnliches zu verfuchen. Zu zwei beftehenden Kunftvereinen noch einen dritten zu gefellen, fchien um fo weniger rathfam, als deren Aufgabe, die Unterſtützung der Malerei, durch den mächtigen Auffchwung des Bilderhandels überflüffig geworden war. So entfchlofs fich denn der Vorftand des fogenannten älteren Kunftvereines Hofrath v. Wiefer, von der Gemeinnützigkeit diefes Unternehmens durchdrungen, diefen Verein in " Kupfer- und Stahlftich- Druck. 7 eine Gefellſchaft für vervielfältigende Kunft" umzuwandeln. Der Theilnahme der Genoffenfchaft der Wiener Künftler, die die Mitglieder der neugebildeten Gefellfchaft durch den freien Eintritt in ihre Ausftellungen heranzog, fowie der aufopferungsvollen Hingabe des Vorftandes der jungen Gefellſchaft, unterſtützt von der thätigen Sympathie der Freunde graphifcher Kunft, ift es zu danken, dafs nach kaum zweijährigem Beftehen heute fchon die Einnahmen fich vervierfacht haben. Das junge Unternehmen zeigt uns nun in feiner Ausftellung unter einer Fülle kleinerer Albumblätter, worunter viele anziehende, leichte Radirungen und fchon kleinere durchgebildete Stiche find, auch fchon in gröfserem Format in einem Stich Sonnenleitner's, von dem auch das Blatt nach Knaus ,, die jungen Kätzchen" herrührt, Proben feiner Leiftungsfähigkeit,-Proben, die fich den guten Arbeiten der franzöfifchen Ausftellung würdig an die Seite ftellen laffen. Bei dem ftetigen Wachfen feiner Mittel konnte fich auch das Programm des Vereines erweitern und die Inangriffnahme bedeutender Arbeiten gibt uns die erfreuende Zuverficht, dafs mit der Pflege diefes Kunftzweiges auch der Sinn für diefe und für die Kunft im Allgemeinen verbreitet werde. Können wir uns auch nicht des angenehmen Gefühls der Befriedigung erwehren, die Radirung Unger's bei uns ausgeftellt zu fehen, fo dürfen wir leider deffen verdienftvollen Verleger Seemann in Leipzig und A. W. Sythof in Leiden nicht mit in den Kreis der bei uns wirkenden, Arbeit hervorrufenden, heimifchen Kräfte einbeziehen. Nicht unerwähnt darf es bleiben, dafs feit Jahresfrift der Kunfthändler P. Kaefer in Wien einen Verlag von Kupferftichen unternommen und gleichzeitig eine Kunftdruckerei etablirt hat, die fchon zu einem brennenden Bedürfnifs geworden war. Wir erfehen nun aus diefer kurzen Revue, dafs wohl der Samen gefäet, das Pflänzchen aber der forgfamften Pflege noch bedarf. Die Kunft hat, um überhaupt zur Exiftenz zu gelangen, die befprochenen Factoren nöthig! Ebenfo, wollte man die von ihm abhängigen und beinflufsten Induſtriezweige aufser Acht laffen, wärę fie mit bleiernen Schwingen geboren. Sie kommt durch den Druck erft felber zur Erfcheinung und wird dadurch wieder von ihr abhängig. Stete und vielfeitige Uebung konnten nur zu fo glänzenden Re fultaten führen, wie fie Chardon aîné in der franzöfifchen Abtheilung uns präfentirte. Was Wunder, dafs neben einer fo hohen Entwicklung der Kunft fich, den Bedürfniffen derfelben angemeffen, einé Induftrie erzeugte, die heute nicht blofs uns, fondern die ganze Welt von fich abhängig und tributpflichtig gemacht hat: ich meine die Fabrication von Kupferdruck- Papier. Alle Anläufe dazu find bis jetzt bei uns entweder ungenügend ausgefallen oder gänzlich gefcheitert, und je mehr in den letzten Jahren diefe Kunft bei uns fich gehoben, je mehr müffen wir diefes nothwendigfte Materiale dem Auslande abkaufen und die Druckereien feiern fehen, wenn, wie bei der eben durchlebten Kriegsepoche der Transport auf Hinderniffe ftöfst. Auch Holland hat eine vortreffliche Fabrik in Amfterdam, van Geldern, und liefert ausgezeichnetes Schöpfpapier, das freilich fehr hoch im Preife ift. Gleichzeitig verwenden wohl alle Druckereien ein befonders zartes und für den Druck geeignetes Papier, das aus China und Japan bezogen wird. Der fehr unreine Zuſtand diefes Papieres hat wiederum in Frankreich zu der Erzeugung einer fehr brauchbaren Nachahmung geführt. Gegen den Bedarf von Papier ift der von Werkzeugen und Utenfilien verfchwindend gering.- In erfter Linie fteht da wieder in Frankreich die Fabrik von Renard, die leider nicht ausgeftellt hat. Faft alle Schweizer Fabriken, die Inftrumente für die Uhrenfabrication herftellen, liefern folche auch für den Kupferftich. Auch in England find verfchiedene Fabriken, die den Fachmann verforgen. C. Ward und Payne in Sheffield hatten ausgeftellt. 8 Louis Jakoby. Keine unferer Fabriken hat für derartiges Werkzeug Vorforge getragen, dafür wird bei uns durch Folger in Wien die Zubereitung von Kupferplatten fo vortrefflich geleiftet wie faft nirgendanderswo. Wir fahen nur Oefterreich, Frankreich und Deutfchland, die uns Erzeugniffe ihrer Druckereien vorftellten. Und obgleich von den vielen in Paris etablirten, nur zwei die Ausstellung befchickt haben, Chardon aîné und Dufacq& Comp. fo bekommen wir, da das Ausgezeichnete ftets der Ausdruck der Concurrenz ift, durch fie doch hinreichend ein Bild von ihrer grofsen Bedeutung und Tüchtigkeit. Trotzdem Deutfchland in verfchiedenen Kunft und Handelsftädten, wie Leipzig, Frankfurt u. A. Druckereien befitzt, fo fanden wir nur München durch zwei verteten, wovon befonders die von Felfing fehr anerkennenswerthe Leiftunftungen in der Specialität des Druckes von Radirungen aufzuweifen hat. Berlin war aber nur in feinen Druckereien bei der Kunftabtheilung zu erfehen, und Mandel's Stiche, von Becker gedruckt, laffen einen hohen Grad von Vollendung erkennen. Sehen wir uns nun nach den Druckereien in unferem Staate um, fo müffen wir mit tiefftem Bedauern unfere Schwächen eingeftehen. Wir fehen für ganz Oefterreich- Ungarn nur zwei functioniren, von denen die eine des Kunfthändlers Kaeser kaum älter als ein Jahr ift. Berücksichtigen wir, dafs die Ausbildung des Druckers nur allein durch den Künftler und die ununterbrochene Uebung gefchehen kann, und hören wir, dafs eine fo alte Druckerei wie die von Kargl durch Jahrzehnte kaum einen Gehilfen befchäftigen konnte, fo würden wir unbillig fein, wollten wir hier fcharf ins Gericht gehen. Ein Anderes ift es wohl mit der Ausftellung unferer Staatsdruckerei, die in demfelben Rahmen mit diefen Privatgefchäften vor die Oeffentlichkeit tritt. Sind hier die ernsthafteften Vorwürfe gerechtfertigt, fo wiffen wir nur nicht, an wen fie adreffiren. Ift es an die Leitung diefer Staatsanftalt, in deren Verwaltung ein fo immenfes Material und Capital des Staates fteckt, oder an die ihr vorgefetzte Behörde?! Gleichviel, ein Unterdrücken diefer gerechtfertigten Anklage wäre ein Vergehen. Ift das die Nutzniefsung folcher Mittel?! dann geftehe ich, ift die fparfamfte Verwaltung viel zu theuer. Der alte, vielgebrauchte Spruch, dafs Stillftand Rückfchritt fei, bleibt immer ebenfo wahr, wie, dafs Fortbildung materieller Gewinnft. Haben täufchende und koftfpielige Experimente feinerzeit die Reichsvertretung veranlafst, diefen gegenüber Normen vorzufchreiben, in denen diefe Anftalt fich zu bewegen habe, fo follte man doch die Erfindung von Flugmafchinen nicht mit den natürlichen Mitteln zur Fortbewegung verwechfeln und diefen die Füfse binden. Sollte die Staatsanftalt den Privaten nicht Concurrenz machen, fo ift man bei diefem Syftem dahin gekommen, dafs fie diefen ihre Kräfte entführen mufs, wenn fie überhaupt nicht feiern will. Alljährlich werden fehr bedeutende Mittel votirt, um der Ausbildung in Kunft und Induftrie förderlich zu fein. Beftehende Schulen werden erweitert, neue gegründet. Wer könnte wohl heute noch bei den Erfolgen auf diefem Gebiete fo befangen fein, zu behaupten, diefe Mittel wären nicht vortrefflich angewendet?! Mit vielen Opfern trachtet man, alte, vorzügliche Kunft- und Induſtriezweige wie Emaillen, Majoliken und was fonft immer wiederherftellen zu können, die Graphik läfst man muthwillig verkommen, obgleich man noch die Hand am Griff des Werkzeuges hat, und obgleich fie das leichtefte Mittel zur ethifchen Bildung der Maffen des Volkes ift. Wie weit müffen wir hinter Amerika zurückſtehen, das uns in mehreren grofsen Quodlibets der Staatsanftalt Mufter von Briefmarken, Stempeln, Werthpapieren und anderen Diplomen zeigt, bei denen die Prägnanz und Feinheit der Durchbildung im Stich und Druck Vorbilder fein könnten, wären fie ebenfo künftlerifch in der Anordnung und im Gefchmack. Wäre es denkbar, dafs gerade diefelben Objecte auf der Ausstellung Oefterreichs in fo fchwacher und unbedeutender Weife fich felbftftändig breit Kupfer- und Stahlftich- Druck. 9 machen dürften, wenn unfere Staatsdruckerei in wahrhaft des Staates würdiger Weife den Weg zeigte und fich nicht von Privatinftituten in Schatten ftellen liefse?! Ich glaube, dafs hier unfere fchwächfte Stelle ift. Bei den vorliegenden Mitteln kann aber auch am leichteften der Hebel angefetzt werden, um nicht allein diefe Anftalt fructificiren, fondern auch Ausgezeichnetes, Erfreuliches und den Staat Ehrendes leiften zu laffen. Es ist wohl hier am Platze, nach der Befchau und der Beurtheilung auch das zu erwähnen, was wir bei uns nicht gefehen. In der deutfchen und franzöfifchen Abtheilung nicht allein, auch in der der Schweiz fahen wir eine Kunftinduſtrie( ich weifs keinen paffenderen Ausdruck dafür), die wir bei uns vergeblich fuchen, von der wir nur im Handel die Bedeutung für uns in Oefterreich erkennen. Es find diefs kleine, religiöfe Darftellungen im Stich, die zum Cultus gehörig, eine aufserordentliche Verbreitung finden. Ich entfinne mich wohl vor mehreren Jahren eines, von hohen und erlauchten Namen unterzeichneten Programmes, das in patriotifchem Sinne abgefafst, uns in feiner Ausführung vom Auslande unabhängig gemacht hätte. Leider fcheint es bei dem Programme geblieben zu fein, und wir haben heute dem Verlag von Manz in Regensburg, Schulgen in Düffeldorf, Benziger in Einfiedeln( Schweiz), Mame& fils in Tours, Hachette& Comp. in Paris nichts Gleichbedeutendes gegenüberzuftellen. Durch manche Erkenntnifs bereichert gelangen wir zum Schluffe. Das einfache Zahlenverhältnifs, das numerifche Uebergewicht Frankreichs allein zwingt uns fchon, an eine Abhilfe zu denken. Wir haben erfehen, dafs das, was uns fehlt, nicht Mangel an Begabung ift. An dem fchnellen Erblühen und Umfichgreifen der„ Gefellfchaft für vervielfältigende Kunft" haben wir ebenfo erkannt, dafs diefe Kunft auch auf Theilnahme im Volke rechnen darf. Was uns fehlt, find die Kräfte und ihre ruhige, ftetige Fortbildung in Inftitutionen, die diefes Ziel unverrückt vor Augen behalten. Einft war es die Lithographie, jüngft die Photographie, die ihre falfchen Propheten erzeugten und dem Kupferftich den Boden entziehen wollten. Es mufs defshalb, wie in Frankreich feit mehreren hundert Jahren, Fürforge getroffen werden, dafs die Sache, von allen Erfindungen und Zeitftrömungen unbehelligt, ficher ihrer Wege gehe. Es ift hier nicht der Ort, ein Programm über das Wie und Was aufzuftellen. Schaffen wir ihr die Gelegenheit und die Kunft wird uns ihren Dank nicht fchuldig bleiben. LITHOGRAPHIE UND CHROMOGRAPHIE ( Gruppe XII, Section 4 und Gruppe XXV, c.) Bericht von CONRAD GREFE. Die Lithographie und insbefondere die Chromolithographie hat feit der letzten Parifer Weltausftellung nach jeder Richtung hin einen aufserordentlichen Auffchwung genommen. Sie hat auf dem eigentlich künftlerifchen Gebiete wahrhaft Bedeutendes geleiftet, hat wiffenfchaftliche, induftrielle und Unterrichtszwecke mit ihrer reichen Illuftrationskraft umfaffend gefördert und auch bereits in nationalöconomifcher Beziehung eine fo grofse Bedeutung errungen, dafs man berechtigt war, auf der Wiener Weltausftellung ein vollständiges und deshalb auch grofsartiges Bild ihrer Thätigkeit zu finden. Leider wurden diefe Erwartungen nicht im vollen Umfange erfüllt; zunächſt trat von vorneherein die Theilung der einzelnen Kunft- und Induftriezweige nach Staaten einem Gefammtbilde ihrer Leiftungen hindernd entgegen, dann zerfplitterten wieder einige Staaten die Wirkung ihrer lithographifchen Abtheilungen noch weiter, indem fie diefelben entweder nicht in einem felbftftändigen Raume als zufammenhängendes Ganze erfcheinen liefsen, fondern die Oel- und Aquarellgemälde- Imitationen als Wanddecoration verwendeten und die übrigen Zweige dem Buchhandel oder den Unterrichtsabtheilungen einverleibten, oder wenn diefe Zerfplitterung nicht vorkam und die Abtheilung beifammen blieb, verlegte man fie hie und da in abgelegene, fchwer aufzufindende Räumlichkeiten, und endlich ergab fich noch eine Hauptftörung aus dem Umftande, dafs England, diefe hochwichtige Productionsftätte für den künftlerifchen Theil der Chromolithographie, in diefer Beziehung gar nicht, und was ihre Illuftrations- und technifchen Zweige betrifft, nur höchft ungenügend vertreten war. Wir glaubten diefe Bemerkungen vorausfenden zu müffen, da die erwähnten Mängel nicht nur von den Befuchern im Allgemeinen oft gerügt, fondern auch von all jenen Fachmännern, welche die Lithographie im künftlerifchen oder gefchäftlichen Intereffe zum Gegenftande ihrer Studien und Beobachtungen Conrad Grefe. Lithographie und Chromographie. 11 machten, fcharf und rückhaltslos hervorgehoben und als dem eigentlichen Zwecke der Ausstellung im hohen Grade hinderlich bezeichnet wurden. Bevor wir nun an die Prüfung der einzelnen Abtheilungen gehen und verfuchen, aus diefen vielfach zerfplitterten Objecten eine Skizze des Gefammtbildes von dem gegenwärtigen Stande der Lithographie zu conftruiren, wollen wir uns die Aufgabe, welche diefer Kunftzweig im Ganzen und fpeciell die Chromolithographie bei ihrer jetzigen technifchen Ausbildung auszuführen berufen und in der Lage ift, ins Gedächtnifs rufen, und die Mittel prüfen, über welche fie bei Erfüllung derfelben verfügt. Mit den Gefammtnamen„ Lithographie" wird eine weit auseinander. gehende Gruppe von künftlerifchen und technifchen Arbeiten bezeichnet, die, bei der einfachften Schriftzeichnung beginnend, bis zur vollſtändigen Wiedergabe der gröfsten Meisterwerke der Malerei, und zwar fowohl in Form als Farbe reicht; zu diefe bedarf jener genügt ein tüchtig gefchulter Zeichner oder Kalligraph gereiftes künftlerifches Verftändnifs eine im Zeichnen fehr ausgebildete Hand und eine genaue Kenntnifs der Farbentöne und ihrer Zufammenfetzung aus den einzelnen Grundfarben. - - Das Gefammtgebiet der Lithographie ift in den letzten Jahren emfig und mit grofsem Erfolge bebaut worden und insbefondere jener Zweig ,, der im gewöhnlichen Leben„ Farbendruck" genannt wird, erfreute fich einer höchft forg. famen Pflege, einer fehr ausgiebigen Production und einer weitreichenden Beliebtheit; der Grund dazu ift wohl in dem Umftande zu fuchen, dafs die Farbenlithographie nicht wie der Kupferftich und die Photographie blofs die Form der Gegenstände und ihre Erfcheinung in Licht und Schatten, fondern nebft diefer auch ihre ganze Farbenwirkung, ja felbft die Eigenthümlichkeiten der Pinfelführung und das Impafto des Farbenauftrages mit unbedingter Treue wiederzugeben im Stande ift. Sie macht es bei der verhältnifsmäfsig grofsen Billigkeit ihrer Erzeugniffe jedem Haufe und jeder Familie möglich, Auge und Gemüth an dem Anblicke genauer Imitationen der beften Kunftwerke, die oft von den Originalen kaum unterfcheidbar find, zu erfreuen und zu bilden; fie fetzt die Wiffenfchaft in die Lage, ihre Werke mit den beften und fprechendften Illuftrationen zu erläutern; fie fchafft der Kunftinduftrie genaue Nachbildungen all' jener Schätze, welche die Muſeen aufgehäuft haben, und ift endlich eine treue Verbündete der modernen Schule, indem fie den Anfchauungsunterricht mit einer unerfchöpflichen Fülle von vorzüglichen und billigen Vorlagen verfieht. Manch' aufmerkfamer Beobachter der Weltausftellung wird uns vielleicht einwenden, dafs fehr viele von den ausgeftellten lithographifchen Arbeiten diefem Programme nicht entſprachen; er wird auf die flüchtige, fabriksmäfsige Erzeugung unbedeutender ,, Möbelbilder" und noch auf vieles andere Mangelhafte und Oberflächliche hindeuten und daraus den Schlufs ziehen, dafs auch die Farbenlithographie ftatt zur Vertiefung und Veredlung, nur zur Verflachung des geiftigen und fpeciell des Kunftlebens führt. Allein, obgleich uns gewifs fo gut als irgend Jemandem diefe Mängel ins Auge fielen, und obgleich wir vielleicht noch einige weitere Klagen beizufügen hätten, können wir doch unferen Ausfpruch, dafs die Lithographie und ſpeciell die Chromolithographie eine grofse und fchöne Aufgabe zu erfüllen berufen ift und auch zum grofsen Theile fchon erfüllt, nicht zurücknehmen. Es wird auch in diefem Kunftzweige fo gehen, wie im ganzen Kunftleben überhaupt: das Mittelmässige, Unreife und Schlechte wird zurückgedrängt werden und immer weniger Beachtung finden. Das Publicum wird allmälig unterfcheiden lernen und nur mehr das Gute und Gediegene kaufen und die Verleger fowie die Eigenthümer der lithographifchen Anftalten werden die Ueberzeugung gewinnen, dafs für die höheren Kunftzwecke die Unterſtützung gediegener Künftler fowie eines the o- retifch und praktifch forgfältig gefchulten Druckerperfonales unerlässlich ift. - 12 Conrad Grefe. Wir haben bereits angedeutet, dafs die höchfte künftlerifche Aufgabe der Chromolithographie in der treuen Wiedergabe vorzüglicher Gemälde, das heifst echter Kunftwerke befteht, und diefe Erkenntnifs hat fich auch feit der letzten Parifer Ausftellung in immer weiteren Kreifen Bahn gebrochen; bis dahin waren, was die Herftellung von Gemälden betrifft, meift nur Aquarelle nachgebildet worden. Nun fchritt man zur Wiedergabe von Oelgemälden moderner Meifter und jetzt wagt man fich bereits an Hauptwerke der gröfsten claffifchen Meifter- an Gemälde, wo die Feinheit der Farbentöne, die Tiefe des Colorits und der Schmelz der Lafuren grofse und fcheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenfetzen. Allein inzwifchen hatten fich auch tüchtige, ausgezeichnete Künftler diefem Kunftzweige zugewendet und die Technik den höheren Zielen desfelben entſprechend reformirt; bisher hatte man zumeift die einzelnen Farbenfteine mit fein gespitzter Kreide gezeichnet, eine ebenfo langweilige als mühfame Methode, die, ungeachtet der Verwendung zahlreicher Farbenfteine, doch niemals die volle Wirkung eines Oelgemäldes zu erreichen geftattete und dabei ebenfo ermüdend als geifttödtend auf den Zeichner wirkte. Man griff nun zu Tufch, Pinfel und Schabmeffer, als dem eigentlichen Handwerkzeug des Künftlers. Die Darftellung wurde freier und geiftreicher, felbft der Pinfelzug des Originals konnte mit ficherer Hand nachgebildet und fowohl die Kraft der Farbe, als der Reiz des Tones erreicht werden. Auch in Bezug auf den Druck, die Bereitung der Farbe und die Behandlung der Steine in der Preffe, ging man bedeutend vorwärts und, wenn diefe Entwicklung mit der obigen nicht ganz gleichen Schritt hielt, fo liegt die Urfache wohl darin, dafs die Lithographie immer noch den hochgebildeten praktiſchen Chemiker erwartet, der Farbe und Firnifs, Tufch, Kreide und Aetzmittel zum Gegenftande ernſter und eingehender Studien macht. Doch waren diefe techniſchen Fortfchritte in Verbindung mit denen auf künftlerifchem Gebiete bedeutend genug, um die obgenannten Schwierigkeiten zum gröfsten Theile überwinden zu können, und was noch in diefer Richtung zu thun ift, liegt unbedingt in den Grenzen der Möglichkeit; allein wenn es auf diefe Art auch erreichbar geworden ift, das fchönfte Gemälde täufchend ähnlich nachzubilden, fo zeigt es fich doch als unendlich fchwerer, davon die nöthige Auflage, das heifst eine gröfsere Anzahl gediegener Abdrücke herzuftellen, und hier treffen wir auf den eigentlichen wunden Punkt, an welchem die lithographifchen Anftalten aller Länder kranken. Es befteht nämlich ein empfindlicher Mangel an entſprechend ausgebildeten Druckern. Die jetzige Uebung befteht darin, dafs der nächftbefte Junge als gewöhnlicher Lehrling oder Aufleger beginnt und, die verfchiedenen Stadien des ordinären und Schwarzdruckes durchmachend, endlich beim Farbendruck anlangt, wo er bald, da Noth an Mann ift, zum drucken von eigentlichen Kunftblättern, an denen der Lithograph oft monatelang mit gröfstem Eifer gearbeitet hat, verwendet wird. Allerdings haben fich auch auf diefem Wege viele tüchtige, ja ausgezeich nete Arbeiter herangebildet und faft jede gröfsere Anftalt befitzt einen oder vielleicht auch einige derfelben, allein diefe reichen kaum aus, die vielen nöthigen Probedrucke herzustellen, während die Auflagen in den meiſten Fällen Arbeitern anvertraut werden müffen, denen jede theoretifche Vorbildung, jedes Verſtändnifs der Farbe, des Tones oder der Zeichnung abgeht und bei dem Mangel von entsprechenden Fachfchulen auch nothwendigerweife abgehen muſs. Fachfchulen, wo intelligente junge Leute, die wenigftens zwei bis drei Jahrgänge einer Mittelfchule abfolvirt haben, die nöthigften Kenntniffe der Farbe und ihrer Mifchung, des Aetzens und der Kreidebereitung, fowie eine, wenn auch geringe Ausbildung im Zeichnen, nebft dem praktifchen Unterrichte an den Hand- und Schnellpreffen erhalten können, find eine unbedingte Nothwendigkeit für die weitere Entwicklung der Lithographie, Lithographie und Chromographie. 13 nur durch fie wird man im Stande fein, ihre höchften Ziele zu erreichen und dabei eine Auflage, welche dem Probedrucke gleicht, herzuftellen. Es dürfte hier der geeignete Platz fein, einige Bemerkungen über die lithographifchen Druckmafchinen beizufügen: Was die Handpreffen betrifft, fo behauptet die mit einigen Verbefferungen ausgeftattete, fogenannte„ Sternpreffe" noch immer den erften Platz in den Druckereien, obgleich auch andere Syfteme auftraten und mit mehr oder weniger Erfolg verwendet wurden. Die Fortfchritte find in diefer Richtung feit 1867 von keiner allzugrofsen Bedeutung. Bei Weitem gröfser waren die Erfolge in der Conftruction von Schnellpreffen, welche jetzt beinahe von allen gröfseren Anftalten zum Theile mit Dampfbetrieb zur Herftellung von Maffenartikeln verwendet werden. Faft jede Mafchinenfabrik baut fie nach einer anderen Methode, und es läfst fich kaum mit Beftimmtheit fagen, welche die befte ift; in zwei wichtigen Punkten ift jedoch durchgehends eine entfchiedene Verbefferung erzielt worden, nämlich in der Möglichkeit eines genauen gleichmäfsigen Einlegens der Abdrücke durch das Syftem der Einftichpunkte und durch die verbefferten Vorrichtungen zum mehrmaligen Auftragen einer Farbe auf den Stein mittelft der Auftragwalzen während der Cylinder unbeweglich bleibt. Für die Verwendbarkeit der Schnellpreffe zum Drucke eigentlicher Kunftblätter find diefe Verbefferungen von grofser, ja wir möchten fagen, von entfcheidender Bedeutung. Durch fie ift die Schnellpreffe erft auf dem Punkte angelangt, wo ihre Benützung zu folchen Zwecken möglich wird, wo aber auch das Eingreifen des Künftlers und deffen Zufammenwirken mit dem Techniker unbedingt erforderlich ift, um die letzten Schwierigkeiten zu beheben. In diefer Beziehung ift noch wenig gefchehen; beinahe durchgehends begnügt man fich noch mit der von Paris ausgegangenen Methode, die Zeichnung der Farbenfteine durch gröfsere und kleinere Punkte mittelft Feder und Tufch oder auch mittelft kleiner Rouletten auszuführen, was nur eine etwas veränderte Auflage der früher erwähnten Zeichnung mittelft feingefpitzter Kreide ift und auch diefelben Nachtheile mit fich bringt. So viel in der Ausftellung bemerkt werden konnte, ift blofs in einer Wiener Druckerei, bei L. Sommer& Comp., ein bedeutenderer Verfuch gemacht worden, Steine, welche in wirklich künftlerifcher Weife behandelt waren, auf der Schnellpreffe zu drucken, ein Verfuch, deffen Refultat zwar noch Manches zu wünfchen übrig läfst, aber doch den Beweis liefert, dafs man fchon jetzt im Stande ift, auch wirkliche Kunftarbeiten mittelft der Schnellpreffe herzustellen, und diefs um fo mehr im Stande fein wird, wenn Künftler und Mafchinenbauer zu diefem Behufe zufammen arbeiten. Indem wir uns nun zur Betrachtung der einzelnen Länder und ihrer lithographifchen Leiftungen wenden, drängt fich zunächft die Frage auf, ob dabei die hiftorifche Entwicklung der Lithographie, refpective des Farbendruckes, oder die geographifche Reihenfolge der Länder im Induſtriepalafte mafsgebend fein foll; nach dem erften Principe würden wir mit Deutſchland, nach dem letzteren mit Amerika beginnen müffen; wir entfcheiden uns aus nahe liegenden Gründen für das Letztere. Nordamerika ift einer der ftärksten Confumenten von Oelgemälde Imitationen, vielleicht der dritte Theil aller in Europa erzeugten ,, Oeldruckbilder" wandert über den Ocean nach New- York, von wo fie durch einige grofse Specialgefchäfte über alle Staaten bis in die letzte Farm des fernen Weftens verbreitet werden. Allerdings befteht der weitaus gröfste Theil diefes Exportes aus fogenannten Möbelbildern", die meift einem höchft unbedeutenden Originale nachgebildet und zu fehr niedrigen Preifen verkauft, blutwenig wirklichen Kunftwerth befitzen; allein es ift denn doch immerhin ein Zeichen des Fortfchrittes, dafs fich in jenen neubegründeten Culturftätten bereits ein fo lebhaftes Bedürfnifs 14 Conrad Grefe. nach irgend einem künftlerifchen Schmucke geltend macht, denn diefen Pionieren der Kunft werden bald andere wirkliche und gehaltreichere Kunftwerke folgen. Auch darf aus diefen Bemerkungen nicht der Schlufs gezogen werden, als ob Amerika gar keine befferen Werke confumire; es braucht auch von diefen eine grofse Zahl, nur verfchwinden fie gegen die ungeheure Maffe des Unbedeutenden. Amerika deckt jedoch feinen Bedarf an Oeldruck Bildern nicht blofs aus Europa, es erzeugt auch felbft eine grofse Zahl derfelben und darunter Arbeiten die zu dem allerbeften gehören, was überhaupt auf diefem Gebiete gemacht wird. Die grofse lithographifche Anftalt von L. Prang& Comp. in. Bofton, mufs in diefer Beziehung in erfter Reihe genannt werden; aufser den alten, bereits bekannten Bildern, brachte fie auch einige neuere auf die Ausftellung, worunter insbefondere einige Seeftücke und Genrebilder von feltener Vollendung, fowohl was die Lithographie, als den Druck betrifft, fich auszeichneten. Es find wahrhaft geiftvolle Imitationen guter Gemälde! Auch die Bedürfniffe der öffentlichen Schulen, für die in Nordamerika, fowohl von Seite der Staaten, als durch patriotifche Bürger, aufserordentlich viel gefchieht, hat diefe Anftalt mit richtigem Verſtändnifs erfafst und fich wefentliche Verdienfte um fie erworben. Ueberfichtlich zufammengeftellte, fehr rein gravirte und in Farben gedruckte Tableaux von Thieren und Pflanzen( ausgeftellt in der amerikanifchen Schulabtheilung) lieferten den Beweis dafür. Die Anftalt von Duval& Hunter in Philadelphia, brachte gleichfalls ein gutes effectvolles Seeftück und mehrere trefflich ausgeführte kleinere Bilder; im Grofsen und Ganzen aber herrfcht noch die Abficht, durch grelle Contrafte zu wirken, allzufehr vor, und wird viel zu wenig Rückficht auf den künftlerifchen Werth der Originale genommen. - Die Schwarzlithographie war nur durch untergeordnete Arbeiten vertreten, durchgehends ift grofse Sorgfalt auf die technifche Ausführung verwendet, die Zeichnung und bei ornamentalen Arbeiten der Stil laffen dagegen Vieles zu wünfchen übrig. Die übrigen amerikaniſchen Staaten leiften in Bezug auf die Lithographie nichts was über gewöhnliche Illuftrationszwecke hinausginge, und da find es meift geologifche, botanifche, hie und da auch ethnographifche Werke, welche damit ausgeftattet find.- Rio Janeiro brachte z. B. in diefer Beziehung einige fleifsig ausgeführte anerkennenswerthe Arbeiten. Die englifchen Colonien: Canada u. f. w. hatten nichts ausgeftellt; ob auch nichts gemacht wird, wiffen wir nicht, möchten es jedoch kaum unbedingt verneinen. Von Amerika lenken wir den Schritt nach England und fanden, wie wir fchon oben erwähnt, den künftlerifchen Farbendruck vollständig unvertreten und auch den Illuftrations- und technifchen Druck nur in der Abtheilung für Buchdruck auf eine kleine Anzahl von Objecten befchränkt. Diefe Lücke mufs wahrhaft bedauert werden, denn der englifche Farbendruck, welcher von ganz befonders günftigen Verhältniffen getragen wird und in Folge deffen auch eine ebenfo reiche als gediegene Production zeigt, hätte den Fachmännern Gelegenheit zu lehrreichen Vergleichen und ernften, eingehenden Studien geboten; er entwickelte fich ganz naturgemäfs aus der englifchen Waffermalerei, für deren Pflege in London allein fünf Specialvereine beftehen, imitirte daher auch zunächft die feltenften oder vorzüglichften Aquarelle und machte es dadurch möglich, in jedem Salon, deffen Befitzer die fehr hohen Preife für die Originalwerke nicht bezahlen konnte oder wollte, wenigftens ein Album von Imitationen derfelben aufzulegen, welche nur gewiegte Kenner von ihren Vorbildern zu unterfcheiden vermochten. Eine weitere ebenfo natürliche Folge war die Imitation vorzüglicher alter Gemälde; in England, wo die claffifchen Studien noch mit grofsem Eifer gepflegt werden, fammelt man auch mit Vorliebe Gemälde alter Meifter; auf diefem Gebiete find jedoch noch weniger Perfonen in der glücklichen Lage, ein Lithographie und Chromographie. 15 Originalgemälde kaufen zu können und fo fuchte man denn auch in diefer Richtung durch den Farbendruck einem vorhandenen Bedürfniffe abzuhelfen, indem man ihre fchönften Werke fo treu als möglich imitirte. Der engliſche Farbendruck geniefst dabei den immenfen Vortheil, von einem unermesslichen, feft organifirten Welthandel getragen zu werden und in Amerika, wie in Indien, am Cap nicht minder, als in Auftralien, mit einem Worte, überall, wo der britifche Unternehmungsgeift feine Factoreien begründet hat, bereitwillige Aufnahme zu guten Preifen zu finden; einerfeits vertheilt fich dadurch die Auflage eines neuen Bildes rafch über die ganze civilifirte Welt und macht neuen Arbeiten Platz und anderfeits erlauben die hohen Preife, welche für vorzügliche Arbeiten bewilligt werden, die Verwendung ausgezeichneter Kunftkräfte, denen eine faſt unbegrenzte Zahl von Farbenfteinen zur Verfügung geftellt werden kann; die weitere Folge ift dann eine fehr forgfältige Ausführung und ein gefättigter Druck, der das kräftigfte Colorit, wie die zarteften Lafuren wiederzugeben vermag. Doch wir fprechen von Abwefenden! Das Wenige, was in der englifchen Abtheilung zu fehen war, befchränkte fich auf einige Illuftrations- oder techniſche Arbeiten, die zwar fehr folid gemacht find, fich aber nirgends über das gewöhnliche Niveau erheben. Was die Verwendung der Lithographie für technifche und induftrielle Zwecke betrifft, fo fteht unbeftritten Frankreich in erfter Linie, und zwar fowohl was die Quantität als die Qualität der Arbeiten betrifft. Das ganze weite Gebiet der alten und modernen Architectur, alle Zweige der Bautechnik und die damit im Zufammenhange ftehenden Gewerbe, die Tapeten-, Seiden- und Webmanufactur, kurz Alles, was in diefen Richtungen einer Erläuterung durch die zeichnenden Künfte bedarf, wird durch die Benützung der Lithographie und fpeciell der Farbenlithographie mit den vortrefflichften Vorlagen und Werken ausgeftattet. Dabei werden die verfchiedenen Methoden: die Gravirung, Feder- und Kreidezeichnung, Chromo- und Photolithographie mit dem richtigſten Verständniffe angewendet. Alles greift genau in einander; die Zeichnung ift forgfältig, die Farbe klar und richtig. Eine aufmerkfame Durchficht der ausgeftellten Objecte der Firmen Didot, Morel, Hachette, Rothfchild u. f. w. wird unferen Ausfpruch, der die unbedingte Anerkennung fowohl für die ausführenden Organe als die Herausgeber enthält, gewifs in jeder Beziehung rechtfertigen. Minder umfaffend und im Allgemeinen auch minder hervortretend ift die Imitation von Oelgemälden, obwohl auch in diefer Beziehung einzelne Leiftungen von Hangard Mange, Dupuy u. A. ausgeftellt waren, welche die eminentefte Technik mit dem forgfältigften Druck verbanden. Das altberühmte Atelier von Lemercier leiftet in Bezug auf den Schwarzdruck das möglichft Vorzügliche, und zwar in allen Manieren; die feinften gefchabten Töne fowie alle Künftlercapricen, welche bei Verwendung der Wifchkreide, des Pinfels, oder der Nadel zum Vorfchein kommen, find in vollfter Unmittelbarkeit wiedergegeben; die Abdrücke zeigen das tieffte, fammtartige Schwarz neben den zarteften Uebergangstinten, kurz, es gereichte dem Fachmanne zur gröfsten Befriedigung, die Expofition diefer Anftalt zu ftudiren. Ein in Paris vorzugsweife gepflegter Zweig des Farbendruckes beſteht in jenen Maffenartikeln, welche mittelft der Schnellpreffe für die Bedürfniffe des Verkehrs und der Induftrie, in unzähligen Nuancen geliefert werden, und zu deren lithographifchen Herftellung ausnahmslos das oberwähnte Punktirverfahren angewendet wird. Diefe Artikel beftehen in Blumen, Ornamenten, Heiligenbildern u. f. w. und find in ihrer Art faft durchgehends gut gemacht, wenn fie auch auf den Rang wirklicher Kunftwerke nicht den geringften Anfpruch haben; die Anftalten von Teftu& Mafsin, Baulaut ainé zeichnen fich in diefer Richtung vortheilhaft aus. Portugal war durch einige kleine Reproductionen älterer Werke vertreten, während Spanien blofs einige Illuftrationsarbeiten ausgeftellt hatte und auch kaum 2 16 Conrad Grefe. Anderes zu bieten haben dürfte, da die ewigen Bürgerkriege, wenig fördernd auf künftlerifche Unternehmungen einwirken dürften. Die Thätigkeit der Schweiz auf dem Gebiete der Lithographie ift in eigentlich künftlerifcher Beziehung nicht bedeutend; die künftlerifche Technik ift noch ganz unentwickelt, die Wahl der Originalgemälde unglücklich, und nur was die Erzeugung von Mafsenartikeln, und zwar ſpeciell religiöfen Genres, betrifft, tritt die grofse und alte Anftalt der Gebrüder Benziger in dem Wallfahrtsorte Einsiedeln bedeutfam hervor. Ausführung und Druck find nett, fleifsig und correct und erfüllen alle Anforderungen, welche an derartige Productionen billigerweife geftellt werden können, in genügender Weife. Der italienifche Farbendruck refpective deffen künftlerifche Seite, war zunächft, und zwar in höchft anerkennender Weife durch die Anftalt von Borzino Uliffes in Mailand, deffen Arbeiten zu den beften der Ausstellung zählten, vertreten; treffliche Wahl der Gemälde, mit befonderer Berücksichtigung der alten Meifter, äufserft forgfältige, von genauem Verſtändnifs des Originals durchdrungene Lithographie, fatte, klare Farbe und eine feltene Weichheit der Töne zeichnen fie fehr vortheilhaft aus; es ift eines der wenigen Ateliers, die eine künftlerisch ausgebildete Technik in Anwendung bringen und die Originalgemälde in jeder Beziehung vollkommen nachzubilden bemüht find. An diefs Atelier ſchliefst fich die Società olegrafica in Bologna, welche fich bisher ausfchliefsend die Reproduction älterer Meisterwerke, z. B. Francesca Francia, Guido Reni Domenichino u. f. w. als Ziel gefetzt hat und dasfelbe mit zahlreichen künftlerifchen Kräften und gutem Erfolge zu erreichen trachtet. Was aufserdem von Italien an lithographifchen Arbeiten ausgeftellt wurden bezieht fich zumeift auf wiffenfchaftliche und techniſche Zwecke, worunter die chromolithographifchen Tafeln zu dem Prachtwerke„ Le face el Monumenti di Pompeji", fowie einige andere ähnliche Arbeiten, von Richter und Genaro Dini in Neapel, fehr vortheilhaft hervortraten. Belgien war nur durch wenige, allerdings befriedigende Illuftrationsarbeiten vertreten, dagegen hatte Holland ein umfaffendes Bild feiner Thätigkeit auf dem Gebiete der künftlerifchen Chromolithographie entfaltet. Auch die Holländer widmen fich mit Vorliebe ihren alten, grofsen Meiftern, die fie mit vieler Pietät, wenn auch noch nicht immer mit dem beabfichtigten Erfolge nachbilden. Die lithographifche Ausführung zeugt nämlich von vielem Fleifs und grofser Geduld, läfst aber in Bezug auf das höhere Verftändnifs des Originales und die anzuwendende Technik vieles zu wünſchen übrig. Es ift eben ein fehr fchwieriges Unternehmen z. B. einen Rembrandt, diefen unübertroffenen Meifter des Helldunkels, oder einen Potter, bei welchem jeder Pinfelzug feine Bedeutung hat, auf diefe Art in Farbendruck wiederzugeben. Da reicht das genaue Nachzeichnen nicht aus; es mufs auch die Farbe, der Ton und die Stimmung des Bildes, fowie die Wirkung der auf einander folgenden Lafuren, denen compacte fatte Farben unterliegen, forgfältig ftudirt uud berechnet werden, damit die Copie einen wirklichen und nicht blofs einen annähernden Erfatz für das Original bietet. Doch abgefehen von diefen, allerdings etwas weit gehenden Anforderungen, find z. B. die Leiftungen der Amfterdamer Anftalt von Trefsling, fowohl was die Wahl der Originalbilder als deren Nachbildung betrifft, fehr lobenswerth; mindere Refultate erzielten die lithographifchen Anftalten von Amano und Boos in Amfterdam; doch hatten auch fie einige gute Bilder ausgeftellt. Die Schwarzdrucke der königlichen Steindruckerei in Haag find forgfältig und nett lithographirt, auch rein gedruckt, aber ohne befondere künftlerifche Bedeutung, dagegen ift ein Aetzverfuch von van Vorlag in Amfterdam, welcher durch fehr zart abgeftufte Linirung und Aetzung drei Grundfarben in eine fehr grofse Menge von gebrochenen Farbentinten zu verwandeln beftrebt ift, ein Vorgang, der zwar an fich nicht neu, doch in diefer ftrengen Syftematik noch kaum verfucht wurde, und für technifche und induftrielle Arbeiten fehr nützlich werden könnte, wie nicht minder Lithographie und Chromographie. 17 die photolithographifchen Arbeiten von A. S. Affer in Amfterdam, welche von den gleichfalls ausgeftellten, geätzten Druckfteinen erläutert wurden, im hohen Grade verdienftlich und beachtenswerth. Noch müffen wir hier ein grofses Werk über Java, welches im Auftrage des holländifchen Colonialminifters ausgeführt wurde und ein höchft intereffantes Bild diefer Perle unter den Sundainfeln fowohl in naturhiftorifcher als ethnographifcher und architektonischer Hinficht gibt, fehr anerkennend hervorheben. Wir gelangen nun mit unferen Betrachtungen zu dem Heimatlande des Erfinders der Lithographie und des Farbendruckes, zum deutfchen Reiche. Ein fehr bedauerlicher Mangel an Raum nöthigte die Commiffion, die ausgeftellten Objecte des letzterwähnten Kunftzweiges nicht nur arg zu zerfplittern, fondern auch jede ruhige Betrachtung durch die vor und zwifchen ftehenden mufikalifchen Inftrumente- anderer Terrainfchwierigkeiten gar nicht zu gedenken - faft unmöglich zu machen. Um einen Ueberblick aller ausgeftellten lithographifchen Arbeiten des deutfchen Reiches zu gewinnen, mufste nebft der Gruppe XII auch die Ausftellung des deutfchen Buchhandels, fowie die deutfche Unterrichtsabtheilung forgfältig durchforfcht werden. Was den eigentlichen Farbendruck betrifft, fo müffen vor Allem die Leiftungen zweier Anftalten hervorgehoben werden, und zwar jene von Guftav Seitz in Hamburg wegen ihren Imitationen der Werner'fchen Aquarellftudien und der von Wagner in Berlin, welche den herrlichen Studienfchatz von Hildebrandt reproducirte. Beide Werke gehören zu dem Vortrefflichften und Schönften, was bisher an Aquarellimitationen durch die Chromolithographie hervorgebracht wurde. Die Imitation von Oelgemälden. ift zwar durch zahlreiche Anftalten, aber nicht in gleich hoher Vollendung vertreten, einige davon, wie z. B. Troitfche& Gerold in Berlin, Brandes in Hannover und Weilandt in Düffeldorf, zeigen eine tüchtige Technik und in Folge deffen manches gut ausgeführte, mitunter fogar vortreffliche Bild. Im Allgemeinen jedoch laffen die meiſten Anftalten ein höheres, zielbewufstes, künftlerifches Streben fowohl bezüglich der Wahl der Gemälde, als der Art ihrer Durchführung vermiffen und befchranken fich meift darauf, mit vielem Aufwande von Fleifs und Genauigkeit gewöhnliche Exportbilder ohne höheren Kunstwerth nachzubilden. Wenn wir hier dem Bedauern Ausdruck geben mufsten, dafs einer fo hoch entwickelten Technik in der Regel keine entsprechenden Aufgaben geftellt werden, fo müffen wir dagegen dem, was Deutfchland an Illuftrationsarbeiten und darunter in erfter Linie zu poetifchen und wiffenfchaftlichen Zwecken ausgeftellt hatte, unfere vollfte, unbedingtefte Anerkennung zollen; in diefer Beziehung dürfte es den erften Rang unbeftritten einnehmen. Vorzügliche künftlerifche Kräfte widmen fich, was die Compofition betrifft, diefen Aufgaben und fehr aufmerkſame, forgfältig ausgebildete Lithographen übertragen diefelben auf die Steine; auch zahlreiche Werke mit induftriellen Mufterblättern, gut und forgfältig ausgeführt, wie nicht minder die verfchiedenften Vorlagsblätter und Erläuterungstafeln für Unterrichtszwecke lagen vor und gaben Zeugnifs von der grofsen Leiftungsfähigkeit der lithographifchen Anftalten und von der aufserordentlichen Unternehmungskraft des deutfchen Verlages. Der Grundzug, welcher die gefammte lithographifche Production Deutfchlands in diefen Richtungen charakterifirt, befteht nebft der obenerwähnten, echt künftlerifchen Bafis in einer äufserft forgfältigen, Alles belebenden Detailausführung, unter welcher allerdings in vielen Fällen der Gefammteffect leidet. Allein diefe forgfältige Ausführung hat einen grofsen Reiz und entſteht in den meiften Fällen aus der fehr gründlichen Fachbildung der Lithographen, denen wieder ein Stamm mit tüchtiger Schulbildung ausgerüfteter Drucker zur Seite steht. Diefe Gediegenheit der ausführenden Kräfte ift auch die Urfache, dafs man in allen lithographifchen Anftalten der Welt, felbft in England und Amerika, zahlreiche deutfche Lithographen und Drucker findet. 2* 18 Conrad Grefe. Unter den zahlreichen Verfuchen, welche in Deutfchland zur Verbefferung oder Vereinfachung der Chromolithographie gemacht wurden, würde der von Julius Greth in Berlin unternommene und Stenochromie benannte wohl die radicalften Folgen nach fich ziehen, vorausgefetzt, dafs er fich in der praktiſchen Verwendung bewähren follte, wofür freilich zur Zeit noch die Beweife ausftehen. Diefe Methode bezweckt durch ein eigenthümliches Verfahren, alle Grundfarben eines Bildes auf einen Stein zu zeichnen und auch auf einmal zu drucken; diefer Druck, welcher gewiffermafsen die Stelle der Untermalung eines Bildes einnehmen foll, würde dann nach dem Programme-mit 2 bis 3 Lafurfteinen vollendet werden. Die Sache ift jedenfalls intereffant und mufs im Auge behalten werden. Eine andere, bereits mehr bewährte Methode, die einzelnen Farbentöne auf Papier zu zeichnen und von diefem auf die Steine umzudrucken, wird bereits von mehreren Anftalten mit recht gutem Erfolge angewendet. - Wenn Frankreich durch feine grofsartigen lithographifchen Leiſtungen auf dem Gebiete der Technik und Induftrie, fowie durch die Schönheit und Gediegenheit feiner Schwarzlithographien, Deutfchland durch feinen Reichthum an Jlluftrationsarbeiten und die Vortrefflichkeit feiner Aquarellimitationen hervorragt, fo dominirt dagegen Oefterreich oder, richtiger gefagt, Wien, auf das entfchiedenfte durch feine Oelgemälde- Imitationen, und zwar fowohl durch ihre folide, von allen Hilfsmitteln der Technik unterſtützte Ausführung, wie durch die echt künftlerifche Tendenz, welche bei der Auswahl der nachzubildenden Gemälde vorherrfcht. Selbſtverſtändlich wurde diefe Abtheilung der XII. Gruppe am reichften und vollſtändigften befchickt und, da fie von guter Beleuchtung und fehr ausgiebigem Raume unterſtützt war, auch in der ehrgeizigen Opferwilligkeit der Ausfteller eine mächtige Förderung fand, geftaltete fie fich auch zu der am gefchmackvollften und überfichtlichften arrangirten; fie gewährte den Anblick einer kleinen Kunftausftellung. Was nun die ausgeftellten Arbeiten felbft betrifft, fo haben wir bereits darauf hingewiefen, dafs der Schwerpunkt derfelben in die Nachbildung von Oelgemälden fiel. Wir haben bei der Einleitung diefer Befprechung erwähnt, dafs fich die Chromolithographie an die gröfsten Werke der alten Meifter wagt und find bei Engländern, Franzofen, Italienern und Holländern mit mehr oder minder Erfolg diefen lobenswerthen Verfuchen begegnet; am weiteften gingen jedoch in diefer Richtung die Wiener Künftler und lithographifchen Anftalten, von denen beiſpielsweife die Firma Reiffenftein& Röfch das berühmte Gemälde von Tizian ,, Madonna mit den Kirfchen" aus der kaiferlichen Gallerie im Belvedere, in der Gröfse des Originales, alfo über 40 Wiener Zoll breit, chromolithographifch nachbilden liefs und fowohl durch den Eifer des ausführenden Künftlers wie durch die grofse Sorgfalt der Druckerei ein in jeder Beziehung zufriedenftellendes und unter allen Umftänden höchft verdienftliches Refultat erzielte. Sowohl diefe Anftalt, wie jene von Hölzel, Paterno, Haupt und Czeiger, Katzianer, dann das mit der grofsen neubegründeten Kunftanftalt von Leop. Sommer& Comp. vereinigte, artiftifche Atelier von Conrad Grefe, verfolgen fämmtlich die Richtung, fo viel als nur irgend möglich, die bedeutendften oder doch mindeftens fehr vorzüglichen Werke moderner oder claffifcher Meifter mittelft der Lithographie dem grofsen Publicum zugänglich zu machen. Viele diefer Leiftungen find von wahrhaft künftlerifchem Geifte durchdrungen und zeigen in jeder Beziehung eine feltene Vollendung. Die vereinigten Anftalten von Grefe& L. Sommer, fowie jene von Reiffenftein& Röfch vertraten auch die Aquarellimitation, durch mehr als 200 Blätter, und zwar erftere durch die grofsen Prachtwerke über die deutfchen Alpen, Egypten, Rofen u. f. w., letztere unter andern durch das hochintereffante Werk über die Balearen. Lithographie und Chromographie. 19 Der Schwarzdruck, infoferne es fich dabei um künftlerifche Leiftungen handelt, tritt allenthalben und fomit auch in Wien mehr und mehr gegen den Farbendruck zurück, woran wohl in erfter Linie der herrfchende Gefchmack die Schuld trägt. Was jedoch in diefer Richtung von Reiffenftein, Haupt und Anderen ausgeftellt war, zeigte eine gleich hohe Stufe technifcher Vollendung, wie wir fie bei Lemercier in Paris trafen. Grofse induftrielle Werke, wie wir fie in der franzöfifchen Abtheilung fo zahlreich fanden, oder literarifche Illuftrationsarbeiten, von denen Deutſchland fo Vieles und Reizendes bietet, waren in der öfterreichiſchen Abtheilung nur fehr fpärlich zu finden, weil eben die Anregung und der Unternehmungsgeift dazu fehlt; beffer ift es mit den wiffenfchaftlichen Illuftrationen und mit den Unterrichtsarbeiten. beftellt. Die Tafeln der geologifchen Reichsanftalt von Grefe und Haupt und die grofsen medicinifchen Werke der kaiferlichen Staatsdruckerei von Dr. Heizmann, das fchöne Werk über die Aroiceen von Reiffenftein& Röfch, die anthropologiſchen Tafeln von Gerhardt, fowie die Arbeiten für Unterrichtszwecke von Hartinger und Hölzel, nebft manchen Anderen zeugen von eifrigem Vorwärtsftreben und laffen ahnen, was unter günftigen Verhältniffen geleiftet werden könnte. Die kaiferliche Staatsdruckerei hat jetzt keinen eigenen Kunftverlag mehr und in Folge deffen auch wenig Neues ausgeftellt, was diefe Anftalt jedoch im Auftrag von privaten und öffentlichen Anftalten ausführt, ift in hohem Grade lobenswerth. Die übrigen rein techniſchen und mercantilen Zweige der Lithographie, inclufive der Autographie waren durch eine Anzahl Wiener und Provinzanſtalten in fehr anerkennenswerther Weife vertreten; nur entbehren die ornamentalen Arbeiten in vielen Fällen, fo zierlich und forgfältig fie auch ausgeführt find, in Bezug auf Stil und Compofition jener Ausbildung, welche fonft die Arbeiten anderer Wiener Kunftgewerbe zeigen. Das mit Oefterreich eng verknüpfte Ungarn hat, obgleich es eine Anzahl fehr ausgezeichneter Künftler befitzt, bisher das Feld der höheren Lithographie noch wenig verfucht; dagegen ihre übrigen Zweige mit einzelnen anerkennenswerthen Arbeiten vertreten. Derfelbe Charakterzug tritt übrigens immer marcanter hervor, je mehr man gegen den Often der alten Welt vorfchreitet; Rufsland befitzt zwar noch in Petersburg die tüchtig geleitete Anftalt von Braefe, welche ein in Zeichnung und Druck fehr gelungenes Bild ausftellte, nebft der Firma Glibow, die einige gut gezeichnete Illuftrationswerke brachte, es befitzt ferner zur Erzeugung von Kirchenbildern in Kiew eine ganz gute, jedoch von deutfchen und fchweizer Lithographen und Druckern eingerichtete und geleitete Anftalt und fchliesslich hat die lithographifche Anftalt von Tajan o in Warfchau einen trefflich ausgeführten Flügelaltar, nebft einigen guten Schwarzdrucken ausgeftellt; allein all' diefs ift denn doch ein geringes Refultat für ein fo grofses aufftrebendes Reich. Der Orient endlich war nur fporadifch durch einzelne Anftalten vertreten und auch diefe find nicht von Einheimifchen, fondern von Europäern begründet und geleitet, wie z. B in Alexandrien, ohne jedoch irgendwie eine hervorragende Stelle einzunehmen; die orientalifchen Sitten und Gewohnheiten widerftreben bis jetzt noch dem in Europa fo allgemeinen Bedürfniffe, fich mit Kunftwerken zu umgeben und fpeciell unfere figuralifchen Darftellungen find dadurch faft ganz ausgefchloffen. Vereinigen wir noch einmal im Geifte all' die im Weltausftellungspalafte zerftreuten Leiftungen der Lithographie, ergänzen wir fie auf demfelben Wege mit den nicht ausgeftellten, aber doch in der Kunftwelt bekannten, und ziehen wir dann eine Parallele mit ihren Standpunkte zur Zeit der letzten Parifer Weltausftellung, fo erkennen wir folgende Refultate. 20 Conrad Grefe. Lithographie und Chromographie.. Kräftiges Erfaffen der künftlerifchen Aufgabe der Lithographie und daraus refultirende grofse Production in Gemälde Imitationen, worunter zwar viele unbedeutende, aber auch eine fehr grofse Zahl höchft vorzüglicher von echt künftlerifchem Geifte durchdrungener Arbeiten fich befinden. Weiteres Fortfchreiten in der Erkenntnifs und Befriedigung der wiffen fchaftlichen, unterrichts- und induftriellen Bedürfniffe, und zwar hat diefer Fortfchritt in einigen Ländern bereits zu fehr bedeutenden Erfolgen im grofsen Mafsftabe geführt, während man in dem Uebrigen wenigftens einzelnes Tüchtige hervorbrachte und die Kräfte zu gröfserer Thätigkeit fammelte. Eine aus den fehr gefteigerten Verkehrsverhältniffen entſpringende maffenhafte Production für mercantile Zwecke. Einige wenige Verbefferungen an der Handpreffe, dagegen grofse Erfolge im Bau der Schnellpreffe. Nun mufs auf Grundlage diefer Fortfchritte mit dem Aufgebote aller geiftigen und technifchen Mittel rüftig weiter gearbeitet, die noch beftehenden Mängel klar erkannt und das Hauptaugenmerk auf die Heranziehung tüchtiger Künftler und die höhere Ausbildung des Druckerperfonales gerichtet werden, damit bei der nächften Weltausftellung in Philadelphia die Kunft der Steinzeichnung, fo wie der Druck derfelben diefe Ziele erreicht hat und frisch gekräftigt, dem alten ehrwürdigen Stamme der graphifchen Künfte: dem Kupferftich, in voller Ebenbürtigkeit zur Seite ftehen kann. Es war unfere Abficht, diefer Befprechung eine tabellarifche Ueberficht fämmtlicher bedeutender lithographifchen Anftalten der ausftellenden Staaten beizufügen und wir verfendeten defshalb an alle diefe Anftalten die entſprechenden Fragebögen, mit dem Erfuchen, fie ausfüllen und zurückfenden zu wollen; allein, ungeachtet wir diefem Erfuchen später eine abermalige Mahnung nachfendeten, gelangten doch kaum von der Hälfte der Eingeladenen Antwortfchreiben zurück. Da unter folchen Umftänden eine vollſtändige Ueberficht nicht zu geben, ein Bruchftück jedoch ohne Nutzen wäre, fo mufste diefe Idee aufgegeben werden, jedoch mit dem Vorbehalte, fpäter, wenn das fehlende Materiale etwa doch noch einlaufen follte, es in einer paffenden Form nachträglich zu veröffentlichen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, кK. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. GRAVEUR UND GUILLOCHIRARBEITEN. ( Gruppe XII, Section 3 und Gruppe XXV c.) Bericht von J. SCHWERDTNER Graveur in Wien. PHOTOGRAPHI E. ( Gruppe XII, Section 4.) Bericht von JOSEF LÖWY, k. k. Hof- Photograph in Wien. MUSTERZEICHNUNGEN UND DECORATIONSMALEREI. ( Gruppe XII, Section 6.) Bericht von F. LI LIEB, Profelor in Wien. WIEN DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. GRAVEUR- UND GUILLOCHIR- ARBEITEN. ( Gruppe XII, Section 14 und Gruppe XXV c.) Bericht von J. SCHWERDTNER, Graveur in Wien, Graviren, eingraben, vertiefen, einfchneiden, das heifst Zeichnen, eine Zeichnung oder Verzierung in einen Gegenftand vertieft einfchneiden, ift die ältefte aller Kunfthantirungen und die Mutter der Bildhauer- Kunft. Beinahe in jedem Menfchen wohnt der Trieb zu diefer Hantirung mehr oder minder, und es bedarf nur einer geringen äufseren Veranlaffung, um diefem Triebe zu folgen und nach Bedürfnifs mindeſtens den Verfuch im Graviren mit einem oftmals primitiven Werkzeuge zu wagen. So lange die Welt fteht, haben die Menfchen gravirt, und unfer Auge hat fich an gravirte Gegenftände fo gewöhnt, dafs wir täglich Hunderte von Malen mit Gravirungen in nahe Berührung kommen, ohne es zu bemerken. Ein Blick in unfere Mufeen und Sammlungen, welche Hausgeräthe, Waffen etc. längft verftorbener Culturvölker bergen, belehrt uns, dafs zu allen Zeiten der Menfch diefe Arbeit gekannt und ausgeübt, und wenn wir den Lauf der Jahrhunderte weiter verfolgen, fo bietet fich beinahe bei jedem Gegenftande Gelegenheit, um die Ausbildung in diefer Hantirung zu conftatiren. Noch ehe man fo weit gelangte, Geldzeichen von Leder zu machen, waren fchon eingegrabene Zeichen und Verzierungen am Hausgeräth, waren Markſteine u f. w. mit Eingrabungen oder Gravirungen verfehen. Die fpäter auftauchenden Münzen, erft gefchlagen, dann mit der Preffe geprägt, bezeugen den Fortfchritt im Graviren. Die alten Egypter, die Griechen und Römer, die Byzantiner u. f. w. haben uns Material in Menge für den Beweis des Gefagten überlaffen, und wir müffen ftaunen über die fortfchreitende Bewegung, wenn wir die Kunft des Gravirens von heute vergleichen mit den Arbeiten längst vergangener Jahrhunderte. Manche Kunfttechnik der Alten ift verloren gegangen, und ift als neue Erfindung nach Jahrhunderten erft wieder aufgetaucht. Wie hat der nimmermüde Schaffensgeift des Menfchen jede Gelegenheit benützt, um auch der Kunft des Gravirens neue Seiten abzugewinnen, den Byzantinern wird nachgerühmt, dafs fie die erften Emailarbeiten gemacht. - Diefe Emailirkunft, bis zum heutigen Tage mit der Metall- Kunftinduftrie vereint, entſtand nur aus dem Beftreben, vertiefte Zeichnungen oder Gravirungen beffer zu markiren, indem man diefelben mit einer dunkler gefärbten Maffe ausfüllte, als die Oberfläche des gravirten Gegenftandes war, und fomit eine gleichmäfsige Fläche gewann, welche die Zeichnung wie gemalt, aber unverwüftlich erfcheinen liefs. Anfangs waren diefe Emailirungen undurchfichtiger Farbenfchmelz, fpäter jedoch wurden diefelben durchfichtig gefertigt, wie mit färbigem durchfichtigen Glafe ausgefüllt. Der Reiz, welcher in diefen Farben lag, gab den Künftlern Gelegenheit zu einem Studium, das bis zum heutigen Tage mit Glück verfolgt worden ift. 1* 2 J. Schwerdtner. Die Emailarbeiten der Japaneſen, welche heute noch gerechtes Auffehen erregen, find in derfelben Manier( Zellenemail) gearbeitet und find in ihrer Art vollkommen. Aus dem Beftreben, Gravirungen mit Email auszufüllen, um die Zeichnung derfelben fichtbarer zu machen, entftand auch die taufchirte Arbeit, eine von den vielen Abzweigungen des Gravirens, welche fich jedoch nur darauf befchränkt, edle Metalle in unedle, z. B. Gold und Silber in Eifen, einzulegen. Diefes Verfahren wurde hauptfächlich zur Verzierung von Waffen angewendet und blühte im Mittelalter und zu Anfang der Renaiffance. Neben der Erzeugung der taufchirten Gravirung, blühte zur felben Zeit die getriebene Arbeit. Die getriebene Arbeit ift eine eigene felbftftändige Kunftfertigkeit, welche fich die Aufgabe geftellt, aus flachem Blech, gleichviel ob von edlem Metall oder von Eifen, Figuren en basrelief oder auch haut- relief mittelft des Hammers, und eines Werkzeuges, Punzen genannt, aufzutreiben. Man braucht nur bei diefen Arbeiten an Benvenuto Cellini zu denken, um den künftlerifchen Werth diefes Faches zu ermeffen. Ein neuer Zweig des Gravirens wurde im XV. Jahrhunderte von Johannes Guttenberg ins Leben gerufen, und zwar die Gravirung der OriginalLettern in Stahl für den Schriftgufs, und als Abzweigung entftand der heute in Gebrauch ftehende Farbdruckftempel mit feftftehenden, erhaben gravirten Lettern. Die folgende Abzweigung ift der Schriftgufs in Meffing für den Gebrauch der Buchbinder, um zufammengefetzte Schriften in Gold auf Buchdecken zu drucken. Bis zum XVII Jahrhunderte war die Gravirung von Petfchaften und die Steingravirung in den Händen der Goldfchmiede. Ein Siegel aus diefer Zeit ( 1610) im Befitze des Muſeums Francisco Carolinum in Linz hat folgende, dem Auge kaum fichtbare Schrift an der Randgravirung:„ Abraham Schwarz Goldfchmieder und Wappen Steinfchneider Conterfeter in Wax vnd Stackel" A. E. 60, nebenbei gefagt, die befte Arbeit im Siegelfache und noch heute muftergiltig. Bei Theilung der Arbeit ift nun in unferem Jahrhunderte, der Münz- oder Medaillen Graveur, der Cifeleur, der Goldgraveur für Bijouterie- Arbeit, der SiegelWappen und Schriftgraveur, der Graveur für Email und der Steingraveur, Arbeiter in einer Branche geworden, um den Anforderungen der Zeit gerecht werden zu können. Mit dem fortfchreitenden Luxus hat die Zeit auch noch Glasgraveure, Guillocheure, Graveure für Buchbinder, Stanzengraveure für Prägung von leichten Goldwaaren, Came engraveure( Mufchelcameen), Schrift- und Stempelgraveure Chablonengraveure und Metallographen gefchaffen, welche, der Kunftinduftrie angehörend, auch nur für Kunftinduftrie- Etabliffements thätig fein können, und dem herrfchenden Gefchmacke und der Mode ihre Arbeiten unterwerfen müffen. Durchfchritt man die Räume der Wiener Weltausftellung, fo konnte man leicht eine Menge von Gravirungen, welche theils der Kunftinduftrie unterthänig, theils befonderen Zwecken für den täglichen Gebrauch dienen, treffen, neben anderen, die reine Kunftwerke, und nur um der Kunft willen gefchaffen. Um nun die verfchiedenen Bewegungen und Veränderungen, welche nicht nur die herrfchenden Moden und der Luxus hervorbringen, genau verfolgen zu können, erfcheint es geboten, jede Gravirungstechnik für fich zu befprechen, um jede Veränderung genau conftatiren zu können. Seit den Ausftellungen in London und Paris hat fich fo Manches zu Gunften der Kunftinduftrie geändert und find die günftigen Refultate, welche die Ausftellungen hinfichtlich der Gefchmacksveredlung hervorgerufen, aufser allem Zweifel. Wenn nun noch der Einflufs hinzugerechnet wird, welchen die verfchiedenen Kunftgewerbe- Schulen auf alle Zweige der Kunftinduftrie ausgeübt haben, fo wird man wohl begreifen, dafs diefer Einfluss auch auf alle Zweige der Gravirung fich bemerkbar macht, und allfeitig das Streben Befferes zu leiften und mit der ftillofen Vergangenheit zu brechen, fühlbar ift; es daher nur einer gewiffenhaften Pflege des guten Gefchmackes bedarf, um noch höhere Ziele zu erreichen. Graveur- und Guillochirarbeiten. 3 Medaillengravirung. Bei Beurtheilung von Gravirungen, welche auf der Wiener Weltausftellung den Befucher zu feffeln im Stande waren, mufs wohl die vorerwähnte Methode die Abzweigungen, die verfchiedenen Techniken einzeln zu befprechen, als eine Nothwendigkeit angefehen werden. In erfter Linie follen die wirklichen Kunftleiftungen befprochen werden, welche des Künftlers eigene Compofition bedingen und, nur vom Gefchmack und der Technik abhängig, als Kunſtleiſtungen gelten können. Als Künftler, als Auserwählter erfcheint jedoch unter den Graveuren nur der Medailleur. Die Medaillen- Gravirung hat jedoch feit Jahren nur mehr eine geringe Zahl von Liebhabern nachzuweifen, welche Medaillen fammeln, daher die Vertreter diefer Kunft zumeift in den verfchiedenen Münzwerken der Staaten eine Anftellung fuchen müffen, um ihre leider zu wenig beachtete Kunft ausüben zu können. Männer von wirklichem Beruf find daher nur wenige zu verzeichnen, und die grofse Menge erfährt auch felten etwas von ihnen, da gröfsere Aufgaben zur Zeit felten geworden. Nur eine Weltausstellung in ihrer Kunftabtheilung ift im Stande, die Namen diefer Künftler dem Publium geläufig zu machen. Sowie durch die Vertheilung der Preismedaillen der letzten Parifer Ausftellung der Name H. Ponscarme in allen Welttheilen bekannt wurde, ebenio wird heute der Name eines jungen Wiener Künftlers, des Kammermedailleurs Jofef Tautenhayn, in alle Winde getragen, da ihm die Anfertigung der Medaillen für die Wiener Weltausftellung 1873, d. i. die Medaille für Kunft, die Fortfchrittsmedaille, mit dem wohlgetroffenen Porträt Seiner Majeftät für jede Aversfeite übertragen wurde. In diefen Ruhm theilen fich noch andere Künftler. Für die Anfertigung der Medaille für guten Gefchmack nach Zeichnungen von Profeffor Cäfar und Veyr wurde Leiffek aus Wien, die Medaille für Verdienft und die Mitarbeitermedaille Carl Schwenzer aus Württemberg übertragen. Die Leiftungen diefer Genannten entziehen fich jeder weiteren Kritik, indem ihnen die allgemeine Anerkennung fchon zu Theil geworden. Haben fie doch fchon einen Sieg errungen über ihre Collegen bei Gelegenheit des zur Anfertigung der Weltausstellungs- Medaillen ausgefchriebenen Concurfes, durch ihre Einfendung der modellirten Skizzen zu den nun ausgeführten Medaillen. In der öfterreichifchen Abtheilung der Kunsthalle haben nur J. Tautenhayn, A. Scharf und F. Leiffek ihre vorzüglichen Arbeiten ausgeftellt, und als Vertreter der Graveurfchule der k. k. Akademie der bildenden Künfte hat Profeffor Radnitzki feine grofse Prinz Eugenmedaille hinzugefügt. Man überblickt daher mit einem Male die Leiftungen eines Theiles der Medailleurkunft Wien's und kann mit leichtem Herzen diefer Schule zu ihren Erfolgen gratuliren, wenn man diefelben mit den Leiftungen der anderen Länder vergleicht. Dem Berichterstatter über Gravirungen wurde fein Amt dadurch erfchwert, dafs die Graveurarbeiten aller Länder erft aufgefucht werden mussten, daher ein Vergleich der ausländifchen Arbeiten mit den Leiftungen der öfterreichischen Ausfteller oft nahezu unmöglich gemacht war. Diefs war am fühlbarften bei Beurtheilung der ausgeftellten Medaillen. Da die Graveure für ihre Ausstellungen befonderes Licht verlangen, aber nicht immer der geeignete Platz unter ausgeftellten Bildern möglich ift, die Räume vor den Fenstern mit direct einfallendem Lichte nur verwendet werden können, fo wird es auch dem Arrangeur einer Ausftellung immer fchwierig fein, felbft mit beftem Willen den Wünfchen der Ausfteller gerecht zu werden. Mangel an Verſtändnifs und geringes Intereffe an Arbeiten, welche zur Befichtigung eines guten Auges bedürfen, haben diefe Arbeiten immer bei Seite gefchoben und dem Fache nicht jene Rückficht zugewendet, die es verdient. Zum Glück für die Kunft überhaupt hat fich jede Species feine Freunde erhalten und fo wurde auch die Medailleurkunft nicht unbeachtet in ihrem Winkel gelaffen, fondern von ihren Freunden, wie von Laien aufgefucht und bewundert. 4 J. Schwerdtner. Auch foll hier an diefer Stelle nicht unberührt gelaffen werden, dafs man bei der Beurtheilung der Medaillenarbeiten von Seite der Jury wie der Ausftellungs- Commiffionen nicht recht im Klaren war, ob der Medailleur in der Kunfthalle oder in der Gruppe XII, graphifche Künfte, untergebracht und beurtheilt werden foll. Wir fahen nämlich die fonft in Gruppe XII ausgeftellten Cameen- Gravirungen auch in der Kunsthalle( Italien), kunftvolle Flachgravirungen ebendafelbft, während diefe beiden Branchen in Frankreich und Deutfchland unter den Goldwaaren, in Oefterreich aber in der Gruppe XII erfchienen. Wir fahen in der Kunfthalle( Italien) Medaillen, ausgeftellt von H. Bianchi und Pierrone in Rom, welche der Beurtheilung der Gruppe XII unterworfen und mit dem Anerkennungs- Diplome ausgezeichnet wurden, während die Ausfteller anderer Länder mit der Kunftmedaille ausgezeichnet erfcheinen. Bianchi in Rom war einer der bedeutendften Architektur- Medailleure, welcher in Paris 1867 mit feinen auch hier ausgeftellten Arbeiten: Innere Anficht der Peterskirche und der Bafilika etc., die Aufmerkfamkeit der Befucher der Ausftellung auf fich lenkte. Die in einer entlegenen Ecke der Kunsthalle untergebrachte Kupferftich Ausftellung Englands hat auch die Medaillenausftellung von A. B. und J. J. Wyon und G. Adams und F. Morgan gaftlich aufgenommen. Von Erfterem fahen wir nicht nur vorzüglich gravirte Medaillen in grofser Anzahl mit Porträts, allegorifchen Figuren und Wappen, fondern auch diverfe Abdrücke der grofsen Staatsfiegel von England, die Königin Victoria zu Pferde, die Königin thronend zwifchen der Justitia und Religion; das Staatsfiegel von Canada und die beiden Abdrücke der Siegel Sr. k. Hoheit des Prinzen Wales. Diefe Siegel find im altgothifchen Stile gravirt, von aufserordentlicher Schönheit und fanden nicht ihres Gleichen auf der Ausftellung. Die beiden letztgenannten Medailleure zeigten diefelbe vorzügliche Schule. Das deutfche Reich hat fich verhältnifsmäfsig wenig an der Ausstellung betheiligt. Wir fahen nur von Schnitzfpahn, Profeffor in Darmstadt, fchöne Modelle von Gypsabgüffen und Medaillen in Bronce, und von Weigand in Berlin Medaillen in fchöner, reiner Arbeit, welche den erfteren Arbeiten nicht viel nachftehen. Belgien hat im Medaillenfache bedeutende Vertreter in der Kunfthalle in Charles Wiener, Lepold Wiener und Jaques Wiener, Letzterer mit vorzüglichen Architektur- Gravirungen das Auge des Befchauers feffelnd. E. Geerts hat neben Broncemedaillen auch Porträts in Marmor gemeifselt zur Ausftellung gebracht, welche erwähnt zu werden verdienen. Die Schweizer Abtheilung brachte die Arbeiten von Bowy, einige fchöne Modellirungen und die Reduction derfelben auf Medaillen mittelft der Mafchine. Frankreich war feinem Ruhme nach fchlecht und fchwach vertreten.. Alphee Dubois war dort der bedeutendfte Vertreter und hatte Abgüffe und Modellirungen und die Reduction auf Medaillen mit der Mafchine. Bei diefer Gelegenheit fei einer Erfindung gedacht, welche im Stande ift, einen ungeheuren Umfchwung in der Medaillengravirung hervorzurufen. Vor zehn Jahren wurde in Frankreich eine Mafchine erfunden, welche die bekannte numismatifche Reductionsmafchine und die Siegel- Bohrmaſchine vereinigte und fomit eine hart in Metall gegoffene Modellirung auf die Stahlftanze übertrug und die Stichelführung der Hand beinahe gänzlich entbehrte. Seit der letzten Parifer Ausftellung, auf der diefe Mafchine exponirt war, hat diefe Mafchinengravirung in vielen Staaten Eingang gefunden und wurden mir folgende Daten bekannt: Wyon in London, Alphee Dubois, F. Kertopy und E. Ferret in Frankreich, Bowy in der Schweiz. Schwenzer, derzeit in Wien, Schnitz fpahn in Darmſtadt, Schiller in Stuttgart bedienen fich mit Erfolg diefe Mafchine. Es ift dem Schreiber diefer Zeilen unbekannt, ob die kaiferli che Münz im Befitze diefer Mafchine ift; die Arbeiten der Wiener Medailleure aber find Hand Graveur, und Guillochirarbeiten. 5 67 arbeiten und werden nach der älteften Methode, nämlich in der Tiefe gravirt, in den feltenften Fällen auf Stahl erhaben gefchnitten. Es ift fomit nachgewiefen, dafs fich die Arbeiten der Wiener Schule noch immer als Kunftwerke beurtheilen laffen können, während die Arbeiten des Auslandes, fo vorzüglich fie auch fein mögen, nicht mehr als Gravirungen, fondern als Modellirungen beurtheilt werden müffen. Man wird hier einwenden, dafs, wenn die Modellirung eine rein künftlerifche Arbeit, die mit der Mafchine gefertigte Gravirung doch auch denfelben künftlerifchen Mafsftab verlange, da bis heute die Erlernung der Gravirungstechnik eine bedeutende Zeit und Uebung in Anfpruch nahm, und man neben Modellirung allerwärts dem Schüler immer die einzige claffifche Methode in der Tiefe zu graviren, beizubringen trachtete. Wenn die Mafchine auch diefe Technik, den letzten Reft von künftlerifcher Kraft, den Graveur zu verdrängen im Stande ift und die Mechanik an die Stelle diefer Technik tritt, fo ift der Medailleur von heute fehr zu beklagen, da es fich dann nimmer um die Begabung, fondern mehr um den Befitz der Mafchine handelt. Es wird die Einführung und Anwendung der Mafchine wohl noch lange in Oefterreich auf fich warten laffen und bis diefs gefchieht, erfreuen wir uns an den Refultaten unferer Kunftfchule und an den hervorragenden Arbeiten unferer Wiener Künftler, welche bis heute die claffifche Gravirung gepflegt und vertreten haben, und welche fich auch auf der Wiener Ausftellung gegenüber den ausländifchen Arbeiten eine hohe Anerkennung zu verfchaffen wufsten. Siegel-, Wappen- und Schriftgravirung. Die Gravirung von Siegeln und Schriften war bis zum XVIII. Jahrhunderte noch ein Privilegium der Goldfchmiede und es find uns Hunderte der vorzüglichften Arbeiten im Siegelfache vom XIV. bis zum XVIII. Jahrhunderte erhalten worden, welche Zeugnifs geben von dem gediegenften Gefchmacke und der vollendetften Durchführung. Viele diefer Meifter find bekannt, und es ist nicht Aufgabe diefer Zeilen, ihre Namen aufzuzählen, aber dem Freunde der modernen Siegel- Stechkunft mufs es auffallen, dafs feit der letzten Ausftellung in Paris fich eine auffallende Lücke in der Siegelgravirung zeigt. Die Siegespalme im Siegelfache wurde auf der Ausftellung in Paris dem nunmehr verftorbenen Graveur Birnböck in München ertheilt, welcher nicht nur die beften heraldifchen Arbeiten ausftellte, fondern auch in der Ausführung der kleinften Details eine unerreichbar gefchienene Technik zeigte. Befondere Aufmerkfamkeit erregte er durch die kaiferlich ruffifchen Staatsfiegel, und mit Birnböck dürfte wohl der genialfte Graveur im Wappenfache zu Grabe gegangen fein. Es fehlte wohl auf der Ausftellung in Wien nicht an Vertretern der SiegelStechkunft, diefelben reichen jedoch weder im Gefchmack noch in der Technik an Birnböck hinan. Diefs hat feine eigenen Urfachen. Das Siegeln der Briefe mit Lack kommt mehr und mehr aufser Gebrauch, und die Sucht, dem Publicum jede mögliche Bequemlichkeit zu bieten, hat zum Schaden der eigentlichen SiegelStechkunft eine Menge Surrogate erfunden, welche, da diefelben als Modeartikel angefehen werden, vom Publicum mit befonderer Vorliebe gebraucht werden. Als im Jahre 1840 durch ausländifche Luxus- Papierfabricanten die kleinen Papieroblaten mit Anfangsbuchftaben, Devifen etc. zu Markte gebracht wurden, da waren die erften Anfänge diefer Gattung Briefverfchliefser von Gelatine mit Gold bedruckt. Die Papierfabrication hat fich diefes Gedankens bemächtigt. und Stahlftempel mit Wappen, Buchftaben, Namen, Devifen, kleine Papieroblaten geprägt, diefe in Verkauf bei den Papierhändlern gebracht und fomit den Grundftein dazu gelegt, dafs heute in jedem Papiergefchäfte Graveurarbeit angenommen und beforgt wird zum Schaden diefes Gefchäftszweiges und zum Ruin der eigentlichen Siegelgravirung. Man darf nicht einwenden, dafs durch 6 J. Schwerdtner diefe Einführung den Graveuren neue Arbeit zugeführt wurde. Was damals an Stempeln für Papieroblaten angefertigt wurde und noch heute von den Graveuren für Siegelmarken gemacht wird, entzieht fich jedem künftlerifchen Mafsftabe. Die Papieroblaten wurden in Broncefarben mit verfchieden färbigem Unterdruck geprägt, welche Gattung Druck man Congrevedruck nennt. Der Luxus in diefen Prägungen ging fo weit, dafs man geprägte Vifitkarten( congreve oder weifs) von gravirten Stempeln anfertige und fomit den Vifitkarten- Kupferftich unterdrückte. Da brachte der Hofgraveur Singer in Wien, von einer Reife nach London zurückgekehrt, die erfte kleine Preffe zum Prägen des Papieres. Es fanden fich eine Menge Fabrikanten, welche folche Preffen erzeugten und fomit wieder die Graveure leider nicht würdig befchäftigten. Eine künftlerifche Ausführung ift für einen folchen Stempel weder möglich noch geboten, da das Haupthindernifs in der mangelhaften Ausprägung der Gravirung mittelft einer vom Stempel in Kupfer geprägten Matrize gefchieht, welche, da diefelbe genau in die Gravirung pafst, das Papier bei Einführung in den Stempel an der Contour der Gravirung abreifsen mufs, da das Papier keiner Ausdehnung fähig ift, um die Gravirung vollkommen auszuprägen. Auch wurden diefe Arbeiten immer fchlechter durch die fteigende Concurrenz honorirt, fo dafs fie, weil immer fchlechter angefertigt und der Bedarf durch vieles auf den Markt bringen gedeckt war, heute wenig mehr gefucht wird. Die Abnahme diefer Arbeit ift nahezu achtzig Percent. Bedeutende Vertreter im Preffen waren Wertheim, F. Wiefe, J. J. Bachrach und W. Zettl, welche noch heute den Markt beherrfchen und den Bedarf an Siegelpreffen decken. Als nun nicht nur in Oefterreich, auch im Auslande durch die Vorgänge der Jahre 1848 und 1849 der hohe und niedere Adel an Anfehen eingebüfst, war die nothwendigfte Folge, dafs die Aufträge zur Gravirung von Wappen immer weniger wurden und nur den vorzüglichften Vertretern diefer Kunft noch Gelegen heit geboten war, Ausgezeichnetes zu leiften. Es waren diefs die Hofgraveure Jauner und Radnitzki in Wien und Birnböck in München u. A. Die Arbeiten Jauner's aus diefer Zeit find bekannt und Birnbök's Arbeiten habe ich Eingangs erwähnt. Als nun im Jahre 1860 die Regierung den k. k. Poftämtern die Annahme von mit Gummi gefchloffenen Briefcouverts geftattete, hat zur felben Zeit Theodor Theyer( Firma Theyer& Hardtmuth in Wien) die erften Monogramme, in Farben gedruckt, in Wien eingeführt und gaben den Firmen H. Braun, Fried& Fiedler Gelegenheit, den Kupferftich im Graveur fache zu verwerthen. Die Ausstellung der Firmen Theyer& Hardtmuth gab den Beweis, was die öfterreichische Kunft induftrie auch in der LuxuspapierBranche leiftet. Es bedient fich faft Niemand mehr des Siegellacks, fondern es wird in der Anfertigung eigens componirter Monogramme in den verfchiedenften Formen und Arten Alles überboten, was die Franzofen und Engländer geleiftet. Die Einfuhr der franzöfifchen Luxuspapiere ift auf Null gefunken, und die Arbeiten der Firma Theyer& Hardtmuth find nicht nur in ganz Deutfchand, Belgien und Frankreich, fondern auch in Rufsland, England, Amerika überall zu finden. Zur Zeit als die Poftbehörde ungefiegelte Briefe anzunehmen fich entchlofs, hatten die Lithographen Siegelmarken erzeugt, welche auf dunklem Papier in Gold oder Silber bedruckt, allgemein Eingang fanden. Die Schriftgraveure, welche durch das Abnehmen der Arbeit für die Handpreffen- Fabrication gezwungen waren, an eine andere Arbeit zu denken, haben nun die Congrevemarken wieder zu Ehren zu bringen gefucht und erzeugten Siegelmarken von Papier in Siegellackroth, fpäter in fchönen Farben und in vorzüglicher Zeichnung und Schrift. Auf dem Wiener Platze lieferte Braun die fchönften Stempel, und Lithographiebefitzer Klein die fchönften Marken. Graveur- und Guillochirarbeiten. 7 Durch eine aufreibende Concurrenz ift die Siegelmarken Fabrication nun auch ichon in Mifscredit gerathen und man wollte nicht nur das Geld für die Marken, fondern auch die Zeit fparen, fomit verfuchten die Lithographen das Terrain wieder zu erobern, indem die gummirten Couverts am Verfchlufs mit der lithographirten Firma erfchienen. Da wurden mittlerweile die à la minute. Mafchinen von Paris gebracht, welche eine Umwälzung in der Erzeugung der Vifitkarten hervorriefen und ebenfo wie Vifitkarten auch die Arbeit des Firmendruckes beforgen konnten. Die amerikanifchen Druckmafchinen und Schnellpreffen beforgen nun den Adreffendruck auf Couverts und dadurch wurde abermals der Graveur und der Lithograph durch die Mode in den Hintergrund gedrängt. Mit der Ausübung der Siegelmarken Fabrication ging die Erzeugung von Selbftbefeuchtern in den fechziger Jahren erft bekannt- Hand in Hand. - Vordem bediente fich nicht nur die k. k. Poft, fondern alle anderen Aemter fogenannter Handftempel mit verfchieden eingerichteten Druckapparaten. Im Jahre 1854 wurden die Gemeinden und Pfarrämter Oefterreichs angewiefen, fich folche Farbftempel anfertigen zu laffen, um diefelben auf Heimatfcheine, Päffe, in Wanderbücher etc. einzudrucken, ftatt des bisher üblichen Siegeloblaten Abdruckes, welcher mit der Zeit unleferlich und unkenntlich wurde, omit wieder ein Theil der befferen Siegelgravirungs- Aufträge entfiel. Die Einrichtungen der vielen Bank- und Wechfelgefchäfte feit Errichtung der Creditanftalt bis zum heutigen Tage hat viele Graveure befchäftigt, welche fich beinahe ausfchliefslich mit diefen Comptoirartikeln befafsten. Auch hier fchritt man vorwärts, indem Numerateure, Datumftempel etc. eingeführt wurden. Das Ausland leiftete hierin Bedeutendes und hat der Arbeit in Wien fehr gefchadet. Die Wiener Arbeiten, welche vor der Berliner Concurrenz weichen mussten, waren beffer als diefe, daher in der Production theurer, werden aber wieder als folid zu Ehren kommen, da die ausländifche Arbeit eine Kritik nicht halten kann. ausHier an diefer Stelle mufs auch der Gravirungen und Mafchinen gedacht werden, deren fich fämmtliche Bahnen beim Betriebe bedienen. Ein bedeutendes Verdienft in der Conftructionsverbefferung der bei der Kartenausgabe in Verwendung ftehenden Mafchinen, Couponfteuer genannt, gebührt unftreitig der Wiener Firma Radnitzki& Schönwetter, k. k. Hofgraveure, welche für vierundzwanzig Bahnverwaltungen die Lieferung fämmtlicher Graveurartikel beforgen. Hier fei noch bemerkt, dafs die Ausftellungen fämmtlicher Poftanftalten die Graveurartikel als weit hinter diefen Fabricaten ftehend erkennen liefsen. Nur der Schweiz gebührt die Anerkennung, auch hierin Befferes zu leiften. Es iſt diefs ein ganz befonderer Zweig der Gravirung, welcher faft ausfchliefsend nur von diefer Firma ausgeübt wird und jede Concurrenz bis heute fiegreich aus dem Felde gefchlagen hat. Die in der Collectivausftellung der Graveure Wiens, Gruppe XII, ausgeftellten Couponfteuern gaben von dem Gefagten den Beweis und mufs nebenbei erwähnt werden, dafs bis jetzt keine zweite Firma genannt werden kann, welche, nie ruhend, den Bedürfniffen unferer Zeit durch möglichft einfache, ja, man möchte agen, kaum denkbare einfache Conftruction mit Vermeidung jeder ftörenden Reparatur diefe Arbeiten beforgt. Es ift Jedermann im Stande, ohne Vorbildung mit diefen Maſchinen zu arbeiten, und find die Gravirungen diefer Datumpreffen mit gewiffenhafter Schärfe und Reinheit gravirt, von vorzüglichftem Materiale gefertigt, die Schrift correct und fchön gezeichnet. Für diefe Arbeit wurde eine eigene Schulung der Arbeitskräfte nothwendig, denn diefelbe bedingt eine eigene technifche Gewandtheit. Das Atelier Jofef Radnitzki ift das ältefte in Wien und hat in Gravirung von Siegeln und Stanzen Bedeutendes bis heute geleiftet, an welche Arbeiten auch voller künftlerifcher Mafsftab angelegt werden kann. 8 J. Schwerdtner. Die in der Collectivausftellung der Graveure Wiens ausgeftellten Siegelgravirungen zeigten viele vorzügliche Arbeiten, trotz der ungünftigen Verhältniffe, und haben, vom heraldifchen Standpunkte beurtheilt, die Arbeiten Kleinert's, welcher Siegel im mittelalterlichen Stile ausgeftellt hatte, am meiften befriedigt. Hier ift eine empfindliche Lücke entftanden durch das Zurücktreten von der Ausftellung durch H. Jauner, k. k. Hofkammer- Graveur. und C. Braun. Die Siegelgravirung würde nicht nur durch diefe Künftler bereichert worden fein, fondern es wäre dem Auslande gegenüber der Beweis geliefert worden, dafs man in Wien weit Vorzüglicheres leiftet nach Gefchmack und Technik, als anderswo. J. Radnitzki, A. Hafelhofer, Refch,& Riek, H. Hölzel, C. Rigl, R. Mayer, Jofef Reywöger, K. Zeplichal und J. Zehngraf haben nicht nur Siegelgravirungen, fondern auch Gravirungen von Wappen und Monogrammen auf Knopfftanzen, Elfenbeinknöpfen, Albumplatten, Uhren, Silberbeftecken etc. zur Ausftellung gebracht und lieferten den Beweis von der Vielfeitigkeit ihres Talentes und ihres Gefchäftsbetriebes. Die Ausftellung des Auslandes befchränkt fich auf ausgeftellte SiegellackAbdrücke und find in der Ausftellung des deutfchen Reiches Carl Voigt, HofGraveur in Berlin und C. Stromann in München als hervorragend in ihren Leiftungen zu nennen. Peterfen, Hofgraveur in Braunfchweig, ftellte nebft hübfchen Gravirungen auch fehr hübfch gebohrte Siegel aus, welche erwähnt zu werden verdienen. A. Hafelhofer in Wien, Selbfterzeuger von Siegelmarken, hat auf der Ausftellung des deutfchen Reiches nur einen Concurrenten in diefem Fache, nämlich Eder& Sohn in München, welche aber von H. A. Hafelhofer weit überragt werden, da die Schriften diefer Herren veraltet und die Eintheilung der felben oft gefchmacklos ift. Auch in der Wahl der Farben werden die Arbeiten des Auslandes vom Inlande übertroffen. Die Schweiz hat gebohrte und gravirte Siegel, gefchmackvoll gearbeitet, zur Ausftellung gebracht. Auch Briefpapier Stempel diefer Firma find erwähnenswerth. Von Frankreich wurden gebohrte Siegel ausgeftellt, ohne die deutfchen Arbeiten zu übertreffen. England hat im Siegelfache Wyon mit feinen kunftvoll gravirten Staatsfiegeln und Gravirungen von Wappen und Monogrammen auf Uhren und auf Stempel für Briefpapier- Erzeugung, zum Vertreter diefer Kunft. Gravirung von Intarsien. Wir kommen zu einer in Oefterreich bis jetzt wenig betriebenen Technik, welche beinahe ausfchliefsend vom Auslande, zuerft in Italien, fpäter in England und Frankreich ausgeübt wurde. Es ift diefs die Gravirung der eingelegten Möbel. Was auf der Parifer Ausftellung von diefen obgenannten Ländern beinahe Privilegium war, wurde feit diefer Zeit auch ein in Oefterreich in's Leben gerufener Artikel, und es gebührt dem k. k. Muſeum für Kunft und Induſtrie die vollfte Anerkennung für die Unterſtützung, die es diefem Fache zuwendete. Wir fahen in der englifchen Abtheilung einen Schrank mit Auffatz, von welchem wir den Untertheil fchon auf der Ausftellung in Paris kennen lernten. Die Tifchlerarbeit ift eine vorzügliche, aber die Elfenbeinintarfien- Gravirung ift die fchönfte Arbeit aller bis jetzt gefehenen Gravirungen. Der ungenannte Künftler hat jahrelang an diefer Arbeit zugebracht, wovon erft auf der Ausftellung in Wien der Auffatz zu dem in Paris ausgeftellten Schranke hinzukam. Die ElfenbeinEinlage in Ebenholz, von welch' Letzterem der ganze Schrank gearbeitet ift, reich mit Gravirung verfehen, die Technik, die des beften Kupferftiches! Obwohl die Einlage des Elfenbeines keine befonderen Schwierigkeiten zeigt, fo können grofse Flächen doch erft durch die Gravirung zur vollen Wirkung kommen. Bei Betrachtung diefes Möbels kann man den wahren Kunftwerth einer Gravirung von Graveur- und Guillochirarbeiten. 9 Intarfien kennen lernen, denn der Werth des ganzen Stückes beſteht nur in feiner Zeichnung und der Gravirung, und wurde um den Betrag von fechzig Taufend Gulden verkauft. Neben diefem Objecte ftand ein Tifch mit eingelegten Buxholz- Ornamenten, welche mit eben folcher ftaunenerregenden Technik und Fertigkeit gravirt ift. Das etwas weiter nach vorne ftehende Cabinet ift mit Bux- und Elfenbeineinlage in fremde Hölzer gefertigt; Buxeinlage und Elfenbein von derfelben Meifterhand gravirt. In der Zeichnung und Einlage ift jedoch ebenfo wie im Ausfchneiden der Fourniren ein bedeutender Künftler zu erkennen. Es war unmöglich, die Namen zu erfahren. Einer nicht bekannten Technik foll hier auch gedacht werden. Diefe befteht darin, eine in Holz eingelegte Elfenbeingravirung mit Bronzefarbe einzulaffen, fo dafs die Zeichnung zu den verwandten Hölzern, in welche das Elfenbein eingelegt wurde, ftimmt und diefes felbft nicht mehr fchreiend wirkt. Ein Tifch und ein Kaften in diefer Behandlung waren in der englifchen Abtheilung ausgeftellt. Die in der franzöfifchen Abtheilung erfcheinenden Möbel von Ebenholz mit Elfenbeineinlage zeigten keine befondere Technik in der Grabftichel- Führung und erheben fich nicht über gewöhnliche gute Arbeiten in diefem Genre. Die Urfache, warum die franzöfifchen Arbeiten hinter den englifchen zurückbleiben, liegt nahe, wenn man weifs, dafs die Graveure in Paris, welche diefe Arbeit beforgen, in den verfchiedenen Tifchler- Werkftätten ihre Arbeiten machen nach Zeichnungen, welche ihnen vorgelegt werden. Diefe Graveure wandern von einer Werkstätte in die andere und arbeiten um geringen Lohn. Vor Jahren bekamen Wiener Firmen von Paris fertige Möbel mit folcher Gravirung, welche als muftergiltig angefehen wurden, obwohl die Technik keinen künftlerifchen Mafsftab vertrug. Man fah viel Uebung in der Stichelführung, aber die Zeichnung war in den meiften Fällen durch die Gravirung fteif geworden. Es fehlte da die Vermittlung der Töne vom Grabftichel und der Nadel; erftere ift fchwarz, die Nadelgravirung grau. Auch ift hier nothwendig zu erwähnen, dafs zu diefen Arbeiten nicht nur vorzügliche Zeichner, fondern auch gefchulte Ausfchneider gehören. Aber die Fabrication von Intarfienmöbeln, wie fie derzeit in Paris getrieben wird, ift zurückgegangen, wahrfcheinlich in Folge des Krieges und des Ausweifens der deutfchen Arbeitskräfte aus Frankreich, da nur vorzügliche deutfche Arbeiter diefe Arbeiten beforgten. In der italienifchen Abtheilung waren Möbel derfelben Gattung ausgeftellt gewefen mit Elfenbeingravirung. Freunde von alten Renaiffancemöbeln konnten hier finden, was ihr Herz erfehnt; aber anders urtheilte der Fachmann. Wir erblickten hier eine vorzügliche Nadelgravirung( eine Gravirung, welche mit der fcharfen Nadel ins Elfenbein geriffen wird). Die Elfenbein Einlage in das Ebenholz ift tadellos, ohne fichtbare Leimfuge. Die mit Medaillons und Köpfen gezierte Zeichnung ift vorzüglich und dem unbekannten Meifter gebührt alles Lob. Wir fahen auch auf Tifchlerarbeit von anderen Ausftellern diefelbe geübte Hand. Aber es ift eine merkwürdige Erfcheinung, dafs in der Ausftellung von Italien beinahe fämmtliche Elfenbein- Gravirung nur Nadelarbeit ift, während Frankreich und das deutfche Reich bei feinen Arbeiten in diefem Genre nur die Grabftichel Technik zeigt. Diefe Technik ift eben gänzlich überwunden und erfcheint unferer Zeit als Künftelei, nicht als Kunft. Bei den in Oefterreich ausgeftellten Möbeln ift dem befferen Gefchmacke fchon Rechnung getragen. Das Aufblühen der Intarfientechnik in Oefter reich ift zum grofsen Theile dem Einfluffe des k. k. Muſeums und dem Profeffor der Kunftgewerbe- Schule dafelbft, Jofef Storck, zu danken, welcher die Zeichnung für das im Auftrage Seiner Majeftät angefertigte Cabinet entworfen und die Arbeiten der verfchiedenen Kunfttechniker perfönlich überwacht hat. Diefes Cabinet wurde in dem Atelier für Kunfttifchlerei des Herrn Michel angefertigt und ist von 10 J. Schwerdtner. Ebenholz mit gravirter Holzeinlage von aulsen, innen aber mit gravirter Elfenbeineinlage ausgeftattet. Die Technik des Ausfchneidens mit künftlerifcher Anforderung wurde von M. Panigl in Wien( welcher auch gediegene Ausfchneidearbeiten nach Zeichnungen von Profeffor Storck in der Collectivausftellung der Graveure ausgeftellt), die Gravirungen von W. Baader und Schwerdtner geleiftet. Das Cabinet ift das fchönfte in Oefterreich nach diefem Genre angefertigte Möbel und wurde von Herrn Michel ausgeftellt. Die Ausfchneidearbeiten Panigl's haben in der Collectivaus ftellung bedeutende Erfolge errungen. Das k. k. Mufeum für Kunft und Induſtrie hat viele diefer Arbeiten angekauft. Eine Schatulle von Ebenholz mit Elfenbeineinlage in ausgezeichneter Technik ift hier befonders zu erwähnen. Diefe wurde von einem Privatmanne erftanden. Um die Hebung der Möbelinduftrie mit Intarfiengravirung hat fich noch manche andere Firma Verdienfte erworben. Bildhauer Franz Schönthaler in Wien hat auch in diefer Branche feinen Einflufs geltend gemacht und folche Arbeiten auf die Ausftellung gebracht, welche befondere Beachtung verdienen. Kunfttifchler Bernhardt Ludwig, welcher viele Jahre in Paris zugebracht, hat diefem Zweige feines blühenden Gefchäftes eine befondere Aufmerksamkeit gewidmet und feiner Ausftellung in fchwarzen Möbeln mit Intarfien mufs gerechte Anerkennung gezollt werden. Carl Bamberger in Wien, fein Gefchäft erweiternd, hat diefen Erzeugniffen auch Bahn gebrochen, indem derfelbe nicht mehr ausfchliefsend franzöfifche Arbeiten importirt, fondern feinen Bedarf in Wien durch die beften Firmen nach Zeichnungen verfchiedener Meifter anfertigen läfst. Die beiden letztgenannten Firmen erweiterten den Kreis der MöbelIntarfiengravirung dadurch, dafs fie nicht nur Einlagen in Elfenbein, fondern auch in Metallen, als: Kupfer oder Meffing in Ebenholz eingelegt anfertigen und fo zur Hebung des Gefchmackes beitragen. Ebenfo erwähnenswerth find die Arbeiten Gelner's in der Collectivausftellung, welcher einen Caffettedeckel in Elfenbein ausgefchnitten, die Laden eingelegt mit fchöner eigener Compofition und Gravirung ausgeftellt. Die Erfolge können nicht ausbleiben, fobald nur Gediegenes verlangt und der Mittelmäfsigkeit die Arbeit entriffen wird. Es iſt fomit die Gravirung von Intarfien auf dem beften Wege und hoffen wir, dafs die Vorbilder, welche England zur Ausftellung gebracht, für die inländifche Arbeit von Nutzen fein und heimifche Kräfte anfpornen werden, ebenfo Gediegenes zu leiften. Stein- und Glasgravirung. Eine ganz befondere Aufmerksamkeit foll der Gravirung von Steinen gewidmet fein, da Wien einige Vertreter diefer Branche des Gravirens befitzt, auf welche Oefterreich mit Recht ftolz fein kann. Befonders im heraldifchen Fache waren hervorragende Arbeiten in der Gruppe XII zu finden von Franz Gubik und deffen Bruder Anton, Erfterer mit künftlerifch und technífch durchgebildeten Arbeiten auf der Ausftellung erfchienen, Letzterer in Zeichnungen, Blumen etc im Kryftalle gefchliffen. Vorzügliches leiftend, theilten fich mit Obigen A. Nowak und F. Schetřil in die Aufträge des Publicums, der Graveure und der Juweliere. Die Arbeiten F. Gubik's find wegen ihrer technifchen Vollendung und aufserordentlichen Tiefe in der Gravirung, gepaart mit Reinheit des Schliffes, aus gezeichnet. Der Gefchmack in der Zeichnung ift mehr oder minder moderne Richtung in der Heraldik, welche nicht als muftergiltig in den Augen der gewiegten Heraldiker erfcheint, jedoch in der Zeichnung und Compofition edel und fchön ift Graveur- und Guillochirarbeiten. 11 Herr Schetřil, bekannt als Steingraveur in Wien, befafst fich noch nebenbei mit Perl- und Steinbohrerei, welche Arbeit früher nach Paris gefendet werden musste, und hat hierin keinen Concurrenten. Derfelben Richtung im Gefchmacke huldigen die übrigen Steinfchneider Wiens mit mehr oder weniger Glück. In diefer Arbeit haben fich die Preife wegen Mangels einer Concurrenz erhalten, da alle Steinfchneider als Künftler felbftthätig und allein arbeiten und für diefe fchwierige Kunft kein Nachwuchs herangebildet wird. Nicht allein in Wien, fondern auch in Deutſchland, in Frankreich, in England felbft ift der Steinfchneider Künftler ohne Mitarbeiter, mufs fich gewöhnlich felbft bilden, und durch jahrelange Mühe feine Technik zu gewinnen fuchen. In der Kunftabtheilung des deutfchen Reiches hat Herr Gube verdienftliche Steingravirungen und Cameen ausgeftellt auf Onyx und Carneol gefchnitten, welche mit den Arbeiten der hiefigen Künftler concurriren. In der Gruppe XII, Collectivausftellung der Graveure Wiens, hat auch Herr Dörflinger Cameen, auf Mufcheln und Steinen gefchnitten, ausgeftellt und liefert den erfreulichen Beweis, dafs er, obwohl alleiniger Vertreter in diefer Branche auf der öfterreichifchen Ausftellung, im Stande ift, der Concurrenz des Auslandes zu begegnen. Die auf der Ausftellung von Frankreich erfchienenen Cameengravirungen von den Herren Gayetaut, G. Biffinger, J. P. Barri find vorzügliche Arbeiten, welche in Wien feit Jahren lebhaften Abfatz fanden, ebenfo brachte die Collectivausftellung der Juweliere und Goldarbeiter von Hanau und Offenbach derlei Arbeiten, welche alle eine ziemlich gleiche Fertigkeit nachweifen, da die antike Richtung in diefem Fache nicht verloren gegangen und die naturaliftifche Richtung, welche verfuchsweife eingefchlagen wurde, wenig Berechtigung und Unterftützung fand. Die Ausftellung der Italiener in der Kunfthalle zeigte fehr fchöne Cameen und darf diefs nicht wundern, wenn man bedenkt, dafs die Wiege diefer Arbeiten in Italien ftand. Pio Siotto, Giuſeppe Landicina, Domenico Pafcoli find neben Anderen die vorzüglichften Vertreter der Cameengravirung. In der öfterreichifchen Abtheilung hat auch Herr Ertl aus Eger Stein und Glasgravirungen ausgeftellt, welche, da diefelben ein Graveur aus der öfter reichifchen Provinz gemacht hat, hier genannt werden follen. Die ausgeftellten Glasgravirungen zeigen eine gewandte Hand und ift nur zu wünfchen, dafs neben der vorzüglichen Technik auch die gefchmackvolle Zeichnung Hand in Hand gehe. Hier hat die Firma Lobmeyer durch einen kaiferlichen Auftrag unter Mit wirkung des Muſeums den einzig richtigen Weg des guten Gefchmackes gezeigt. Das von obgenannter Firma ausgeftellte Trink- und Deffertfervice( Eigenthum Sr. Majeftät) ift von Profeffor Jofef Storck entworfen und von Peter Eifert in Glas gefchliffen, die Zeichnung des Schliffes polirt. Diefe Arbeit hat auf der Wiener Weltausftellung alle Glasarbeiten übertroffen, welche vom Auslande ausgeftellt wurden. Die Glasfchleifereien von Meyer's Neffen, Jofef Conrath, W. Hoffmann haben alle ihre Anerkennung gefunden durch zahlreiche Ankäufe von den Muſeen, und die unbekannten Künftler mögen bei nächfter Gelegenheit mit eigener Ausftellung ihre Fortfchritte conftatiren. Das Ausland kann denfelben. fchon heute die Anerkennung nicht verfagen, da die ausgeftellten Glasgravirungen des Auslandes unferen Arbeiten nicht an die Seite geftellt werden können. Flachgravirung. Die Flachgravirung ift jene Technik des Gravirens, welche fich die Aufgabe ftellt, Gegenftände des Kunftgewerbes, welche glatte Flächen zeigen oder eine flache Verzierung bedingen, mit Gravirungen dem Auge gefälliger zu geftalten. Es ift diefs die verbreitetfte Technik des Gravirens, und deren Vertreter befchäftigen fich beinahe ausfchliefsend mit diefer Gattung. Der Bedarf und die Nachfrage ift feit Jahren in ftetem Wachfen begriffen, und zählte diefe Kunft 12 J. Schwerdtner. richtung viele Vertreter auf der Ausstellung, wie zumeift die Collectivausftellung der Graveure Wiens zeigte. - Herr Linzbauer sen. hat aufser getriebenen Albumplatten für Vervielfältigung durch Galvanoplaftik auch eine auf einer verfchiedenfärbig plattirten Goldplatte gravirte Landfchaft- Waldbachstrup bei Hallftadt, nach eigener Skizze angefertigt ausgeftellt, welche alle Arbeiten auf der Ausftellung, das Ausland nicht ausgenommen, überragt. Mit diefer neuen Methode werden die fchönften Farbeneffecte erzielt, und bedarf es nur des einen Schrittes, diefe Arbeit auch dem Publicum in der Form zugänglich zu machen, um derfelben einen noch höheren Werth beilegen zu können. Die Zeichnung und Gravirung ift von überraschender Wirkung und ftellen die Arbeiten der Schweiz und Italiens in Schatten. In der Collectivausftellung der Graveure Wiens hat C. Linzbauer jun., welcher neben Modellirung auch verdienftvolle Flachgravirung ausftellte, durch correcte Zeichnung fowohl, als fchöne Technik fich Anerkennung verfchafft. Defsgleichen die Arbeiten des Herrn Metz( collectiv), von welchen verfchnittene Albumplatten und eine Serie Initialen, erwähnt zu werden verdienen. Herr Carl Helmer( collectiv) hatte ein Album in eigener Conception mit plaftifchen Verzierungen aus Metall gefchnitten und gravirt, mit Figuren in Flachgravirung gebracht, welche Arbeit, neben Muftern von Flachgravirungen, durch gelungene Ausführung einen fehr fchönen Eindruck machte. Anton Raab hatte Flachgravirung auf Taffen etc. in guter Compofition in Abwechslung mit Guillochirarbeiten ausgeftellt und damit jene Anerkennung gefunden, welche diefe Objecte verdienten. M. Mager hat durch feine in Metall gravirten und mit der Laubfäge ausgefchnittenen Arbeiten: Albumdeckel, Monogramme etc. dem Fachmanne zu imponiren gewufst, indem jedes der ausgeftellten Objecte von aufserordentlichem Fleifse und Geduld Zeugnifs gab. Hier foll noch die Dicke des Metalls der ausgefchnittenen Grundornamente erwähnt werden, welche die Schwierigkeit diefer Arbeiten erhöhte. R. Priefter hatte neben verfchiedenen Flachgravirungen eine Silberplatte, gravirt mit dem Bildniffe des Kaifers Jofef II., den Pflug führend und in Schwarz emailirt ausgeftellt, welche Arbeit eine befondere Erwähnung verdient. F. G. Stöger hatte eine grofse Anzahl von Flachgravirungen, das ift Eck- und Mittelftücke für Albums in den verfchiedenartigften Muſtern gebracht, von denen einige befonders auffielen. Hier fei eine Methode erwähnt, welche nur Herr Stöger zeigte, nämlich blank polirtes Oxyd, worauf verfchnittene Silberornamente montirt waren. Diefe Methode hat eine gute Wirkung und empfiehlt fich von felbft. K. Martner hat eine riefig grofse Metallplatte, für einen Tifch beftimmt, zur Ausstellung gebracht, welche Monate lange Arbeit koftete, in der Technik bewundernswerth war, aber dennoch durch unglückliches Anbringen eines ausgefchnittenen und im Mittelfelde aufmontirten Monogrammes die ganze gute Wirkung zerftörte. C. Müller hatte einige gut gravirte Monogramme, theils auf Stahl für Papierdruck, theils auf Elfenbein Knöpfe gravirt, fehr befcheiden auftretend, ausgeftellt. Um die Arbeiten der Graveure in diefem Fache richtig beurtheilen zu können, mufs man nicht nur die Arbeiten in der Collectivausftellung, fondern auch die in der Gruppe VII befindlichen Bronce waaren verfolgen. Dorthin wurde die befte Arbeit unferer Graveure geliefert. Die in Wien anfäffigen Graveure waren durch überhäufte Aufträge gar nicht in der Lage, für ihre eigene Repräfentation Befferes zu leiften, als eben in der Gruppe XII zu fehen war. Ein Wunfch foll hier nicht unterdrückt werden, nämlich, dafs die Arbeiter in Flachgravirung fich mehr und mehr frei machen follten von baroken Ornamenten und ftilgerechtere Mufter ftudiren, es wird dann der Arbeit ein gröfserer künftlerifcher Werth beigelegt werden müffen, welcher jetzt in vielen Fällen noch mangelt und nur dort die Arbeit brauchbar erfcheinen läfst, wo nach guten Graveur- und Guillochirarbeiten. 13 Muftern gearbeitet wurde. Die Technik diefer Flachgravirung ift in den meiften Fällen bewundernswerth durch die Reinheit und Kraft der Stichelführung. An diefer Stelle fei noch einer Arbeit eines Ausländers erwähnt, welche bei uns in Oefterreich nicht vorkommt; es ift die Gravirung von Zinntellern mit der Nadel und dem Grabftichel vom Zinngiefser und Graveur Waltenberger in Aibling in Oberbaiern, welche als Mufter in der Behandlung diefes Metalles aufgeftellt werden können. Landfchaften in Ornamentrahmen, Figuren und Porträts nach Photographien find gleich vorzüglich gearbeitet und fanden keinen Concurrenten auf der Ausstellung. Die Flachgravirungen der Schweiz haben ihren alten berühmten Werth gezeigt, jedoch nur auf Uhren ihren Ruhm vollinhaltlich bewährt. Wir fahen gravirte Uhrdeckel in verfchiedener Flachgravirung mit Figuren, Landfchaften etc. mit bewundernswerther Reinheit des Stiches, aber ohne befondere Genialität in der Erfindung. Man fah den Ausftellern dafelbft an ihren Werken an, fie möchten gern zur Weltausftellung Befonderes leiften, konnten fich aber von der Chablone nicht ganz befreien, daher diefe Arbeiten auch nicht erwärmen konnten. Sie fahen fteif und ängftlich aus. Ein Porträt nach einer Photographie auf eine Uhr gravirt wäre wohl erwähnenswerth, wenn die Arbeit nicht denfelben ängftlichen Eindruck gemacht hätte. Es fei jedoch mit diefem Urtheile nicht das Verdienftvolle diefer Arbeit abgeleugnet. Die in den meiſten Fällen vorzüglichen Entwürfe von Uhrengravirungen waren fehr intereffant und zeugten von Fleifs und Studium. Die Genfer Firmen J. Sokoloff, Emil Briffand, Bonnet& Comp. theilten fich in obiges Verdienft. Wirklich Neues hat in Flachgravirung Rufsland zur Ausftellung gebracht, es waren diefs von unbekannter Hand auf Silber gravirte Porträts von Beethoven, Mozart und Kaifer Alexander für Albumdecken beftimmt und in gravirten Ornamenten Rahmen gefafst. Diefe Arbeiten waren fo vorzüglich, dafs man die Hand des geübten Kupferftechers eher vermuthet hätte, als die des Graveurs, und nur die Verficherung der Ausfteller, die Bilder feien von dem Graveur, konnte die erfte Vermuthung unterdrücken. Die in der Kunfthalle ausgeftellten Flachgravirungen Italiens find in Kupferftecher- Manier gravirte Porträts auf Gold, welche geniale Arbeit nur von diefem Lande ausgeftellt wurde und gerechtes Auffehen machte. Bei Flachgravirungen, welche grofse Flächen, wie Taffen etc. mit Ornamenten und architektonifchen Verzierungen zu decken haben, wird feit langer Zeit auch die Guillochirung, eine Mafchinenarbeit, zu Hilfe genommen. Die Engländer, welche blofs mit ftilgerechten Ornamenten ihre Taffen, Theekannen etc. verzieren, bedienen fich nur felten der Guillochirung, während die Franzofen und befonders die Schweizer das meifte Verftändnifs in Anwendung der Guillochirung zeigen. Die Guillochirmafchine ift eine englifche Erfindung und gelangte von dort nach Frankreich und der Schweiz, wo fie die mannigfachfte Verwendung fand, noch ehe fie in Deutfchland und Oefterreich bekannt wurde. Mit Anfang diefes Jahrhundertes wurde die Guillochirkunft am Wiener Polytechnicum gepflegt und Profeffor Altmüller fowie der noch jetzt lebende Profeffor Karmarfch zu Hannover erfanden Verbefferungen an diefer Mafchine. Während aber das Ausland fortwährend diefe Mafchinen verbefferte und diefelben praktifcher geftaltete, blieb man in Wien ftehen und vernachläffigte diefe Erfindungen. Es wurden keine Hilfsmafchinen angefchafft, keine Gehilfen herangebildet, die Ateliers daher auch nicht vergrössert. Die noch vor Jahren im Gebrauch ftehenden Mafchinen konnten nur kleine Gegenftände, Uhrgehäuſe etc. mit Mafchinengravirung verfehen, daher man vor Jahren auch auf Taffen Eintheilungen in kleine Felder vornehmen musste, um diefe Mafchinen verwenden zu können, während die Arbeiten des Auslandes grofse Flächen tadellos guillochirt bedeckten. 14 J. Schwerdtner. Um aber derlei Arbeiten concurrenzfähig zu machen, hat der Ausfteller And. Hart, der im Jahre 1865 Studien im Auslande gemacht, die Einrichtung von Mafchinen in feinem Atelier nicht nur immer verbeffert, fondern auch den Deffinograf, eine Mafchine, welche dem Jacquardfyftem annähernd nach conftruirt ift, nach Wien gebracht. Es wurde daher möglich auch in Wien nicht nur Befferes als bisher zu leiften, fondern auch im Gefchmacke vorwärts zu fchreiten, und fomit der Concurrenz des Auslandes begegnen zu können. Arbeiten diefer Guillochirmafchine in Verbindung mit Gravirung fahen wir in der Collectivausftellung der Graveure von A. Hart, C. Raab und wir wollen nochmals hinweifen auf die Leiftungen der Wiener Graveure in der Gruppe VII, wo bei der Ausftellung der Firmen: Berndorfer Metallwaaren- Fabrik und J. L. Herrmann und den Expofitionen der Chinafilberwaaren- Fabriken Wiens diefe Arbeiten beffer beurtheilt werden können. Die Schweizer Abtheilung zeigte Guillochinarbeiten von J. Müller in Biel mittelft Geradzug- Mafchine( ligne droit). Die Arbeiten der numismatifchen Mafchine werden bei den Berichten über Buchdruck und Lithographie beiprochen werden und verweifen wir darauf, wie auf den Bericht über Gruppe VII, Section 4, die wir oftmals erwähnten. Schriftftempel, Gravirung für den Schriftgufs. Als Vertreter der Schriftftempel- Gravirung für Buchdruckereien erfchien n Oefterreich nur Herr Brendler in der Collectivausftellung der Graveure, und waren feine Arbeiten in Schriftgufs fowohl in der Ausftellung der k. k. Hof- und Staatsdruckerei( hebräifche, firifche, chaldäifche, chinefifche, japanefifche und türkifche Schriften zum Zufammenfetzen), als auch in anderen Ausftellungen von Schriftgufs und Buchdruckerlettern in der Gruppe XII zu finden. Eine grofse Concurrenz des Auslandes in Verfendung fertiger Lettern hindert den Auffchwung diefer Arbeit in Oefterreich, obwohl die Schriften durchwegs rein und fauber gearbeitet, an Correctheit der Schriftzeichnung den ausländifchen Arbeiten nicht nachftehen, fondern diefelben übertreffen. Diefes Schriftftempelfach hat in den letzten Jahren einen bedeutenden Auffchwung nachzuweifen, obwohl der Nachwuchs in diefer Branche, was Schulvorbildung anbelangt, Manches zu wünſchen übrig liefse. Die von den Berliner Firmen, deutfches Reich Gruppe XII, ausgeftellten Mufter können fich mit der Arbeit der Oefterreicher nicht meffen und es darf diefs Niemand Wunder nehmen, weil viele in Oefterreich bekannte Firmen des Auslandes auf der Ausftellung nicht erfchienen find. Es genüge hier, zu con ftatiren, dafs eine fortfchreitende Bewegung fichtbar ift in diefer Branche, welche auf die Güte und Ausftattung unferer Buchdruckforten einen wefentlichen Einfluís ausübt, da die mittelmäfsige wie die vorzügliche Arbeit der taufendmaligen Vervielfältigung durch den Schriftgufs unterworfen ift. Das deutfche Reich, Frankreich, Portugal, Rufsland, Schweden, die Schweiz haben Ausftellungen von Schriftftempeln gebracht, aber keinen wefentlichen Fortfchritt im Gefchmacke noch in der Technik gezeigt. Anders verhält es fich mit dem Schriftgraveur für kaufmännische Zwecke und den Hausbedarf; diefe Arbeit wird erhaben gefchnitten, meift in Gufsmeffing ausgeführt und find meiftens für Selbftbefeuchtungsmafchinen oder für den Buchbinder zur Anfertigung von Golddruck- Schriften auf Bücher beftimmt. In England fahen wir Selbftbefeuchtungsmafchinen, welche mit gepressten, zufammengefetzten Lettern, wie im Satzkaften des Buchdruckers, die Namen der Firmen abdrucken. Es ift diefs eine Neuerung, welcher man jedoch keine befonders praktiſche Seite nachrühmen kann, da die eingeklemmten Buchftaben leicht herausfallen und wieder zufammengefetzt werden müffen. Die Anfertigung diefer Stempel ift eine Arbeit des Graveurs geworden, denn es befaffen fich eine Menge Firmen beinahe ausfchliefsend mit diefen Comptoirartikeln. Graveur- und Guillochirarbeiten. 15 Die Collectivausftellung der Graveure zeigt bei vielen ihrer Ausfteller diefe Arbeit, und wird diefelbe als Hauptartikel von den Hofgraveuren Radnitzki& Schönwetter, Zeplichal, A. Hafelhofer, J. Aichberger, F. Kurt, R. Mayer vertreten. Aufser der Collictivausftellung find die Vertreter diefes Handelsartikels, wozu er in den letzten Jahren gemacht wurde, Ausfteller Lindner, Alemann, Schöll, Hecht und Zehngraf, wovon letzterer fehr billige Preife notirt. Die Arbeiten diefer Herren fuchen die Concurrenz des Auslandes mit befferer Arbeit hintanzuhalten und bedienen fich meiftens im Inlande gefertigter Mafchinen. Dabei fei noch erwähnt, dafs alle in Wien und in Oefterreich lebenden Siegelund Wappengraveure diefen Artikel neben anderen Gravirungen fertigen, da trotz der mehrfeitigen Arbeitstheilung diefes Fach vom Siegelfache nicht getrennt werden kann. Gravirung für Buchbinder- und Ledergalanterie- Arbeit. Als Vertreter von Gravirungen für Buchbinder- und Ledergalanterie- Arbeit erfchienen in der Collectivausflellung der Graveure J. Aichberger, T. Kurt und Hans Denk. Die beiden erften Firmen befchäftigen fich zumeift mit diefer Arbeit, welche eine bedeutende Anftrengung erfordert, um der ausländifchen Concurrenz begegnen zu können. Als Grund warum diefe Arbeiten in Wien noch nicht concurrenzfähig find, ift die geringe Gefchicklichkeit der Inländer nicht anzunehmen, fondern der geringe Bedarf auf dem Wiener Platze. Leipzig, die Stadt der Buchhändler und Verleger, war daher das geeignetfte Terrain zur Vervollkommnung diefer Graveurarbeit. Mit den Anforderungen der Zeit, die Ausftattung eines Buches durch den Buchdrucker immer fchöner zu machen, ging das Beftreben der Buchhändler Hand in Hand, die Decken ihrer Verlagswerke immer gefchmackvoller und fchöner zu geftalten. Eigene Zeichner haben fich diefer Ausftattung angenommen, und wir fehen an den ausgeftellten Verlagswerken, wie weit die deutfche Buchbinder- Kunft, die aller Länder überflügelt. Der Golddruck mit Figuren und Ornamenten, mit Sinnfprüchen, Devifen und Allegorien auf den Prachtausgaben von den deutfchen Dichtern find beinahe Jedermann bekannt, und es erübrigt nur, jener Künftler zu gedenken, welche diefe Buchbinder- Stanzen graviren. Gerhold in Leipzig, G. F. Lafchky in Berlin erfcheinen als die Hauptvertreter diefer Kunft in der Ausstellung des deutfchen Reiches. Hafert und Schiller in Stuttgart haben nicht ausgeftellt, aber auf den Prachtwerken von E. Hallberger in Stuttgart erfcheinen ihre Namen auf ihren Leiftungen. Gerhold in Leipzig ift die bedeutendfte Firma und wird mit den fchönften Aufträgen beehrt. Um aber fo Vorzügliches zu leiften, wie Gerhold's Ausftellung zeigte, müfsten auch bedeutende Anftrengungen gemacht werden. Aber nicht allein die künftlerifche Leiftung diefer Firma ift zu erreichen, fondern, wenn das Inland diefe Arbeit ebenfo erzeugen wollte, müfsten die bei Gerhold in Verwendung ftehenden Hilfsmaſchinen eingeführt werden. Die Guillochirmafchine, die Fraismafchine, die Hobelmafchine, Oval- und Kreiswerke, welche dort benützt werden, find für den Graveur in Wien noch unbekannte Dinge. Die ausgeftellten Hochpräge- Stanzen für Buchbinder find theils gehobelt, theils gedreht, gebohrt und erft zuletzt gravirt und guillochirt. Es exiftirt derzeit kein Graveur Wiens, welcher fich einer Hilfsmafchine bediente, wie Herr Gerhold und Andere im Auslande es thun. Es entſtehen fortwährend Verbefferungen an diefen Mafchinen, daher es den Wiener Graveuren noch lange unmöglich fein dürfte, mit dem Auslande in die Schranken zu treten. Was die Handarbeit an diefen Arbeiten leiftet, kann jederzeit auch in Wien gefördert werden. 2 16 J. Schwerdtner. Die Buchhändler Wiens, welche Werke verlegen, müfsten in diefer Richtung nur einige Opfer bringen, und durch Beftellungen in Wien die Graveure in die Lage verfetzen, diefen Artikel auch hier, wie in Leipzig, Berlin und Stuttgart liefern zu können. So lange aber diefe ihren Bedarf im Auslande decken, wird diefes Fach hier zurückbleiben und wird fich nie entwickeln können. Gerhold hat, um den Bedürfniffen der Buchbinder nachzukommen, auch ein Sortiment von zufammenfetzbaren Buchftaben von Meffing für Golddruck auf Bücher ausgeftellt. In diefem Fache find wir concurrenzfähig, das erfahen wir in der Collectivausftellung, wo neben den Buchbinder- Werkzeugen( Fileten) auch vorzüglich gearbeitete Schriften ausgeftellt waren, mit welchen Export getrieben wird. Diefelben find aus freier Hand gravirt und nicht gegoffen oder überarbeitet. Da nun einmal von Mafchinen gefprochen worden, will ich nicht unerwähnt laffen, dafs auch der Siegel- und Schriftgraveur des Auslandes fich einer Mafchine zum Bohren und Guillochiren der Siegel bedient. Es find eine Menge diefer Arbeiten von den Ausländern ausgeftellt worden, welchen keine Wiener Arbeiten entgegengeftellt werden konnten. In jeder Stadt Deutſchlands, der Schweiz, Englands, Frankreichs, Amerikas ift bei einem oder dem anderen Graveur eine folche Mafchine aufgeftellt, welche wunderfchöne Gravirung liefert. Warum in Wien diefe Arbeit nicht Eingang findet, ift dem Fachmann kein Geheimnifs. Derlei Siegel mit zwei Buchftaben und Rand mit guillochirtem Grund koftet 12 bis 2 Thaler. Siegel mit Firmen von 4 Thaler aufwärts. Die Gefchäftsleute des Auslandes wollen fchöne Siegel, die Gefchäftsleute Oefterreichs meift nur billige Siegel, und fomit läfst man bei Beftellung eines gebohrten Siegels - wenn ein folches Verlangen vorkommt!? es im Auslande anfertigen, und erfpart fich eine theuere Mafchine. Wohl verpackt wartet eine folche Mafchine für Siegelbohrung auf eine beffere Zeit feit vielen Jahren in dem Atelier eines Wiener Graveurs, welcher diefelbe wegen Mangel an Aufträgen wieder beifeite geben musste. Gravirung von Chablonen und metallographifche Arbeiten. Die Chablone, eine Graveurarbeit, welche auf verfchiedene Weife, und zwar entweder mit dem Stichel, dem Aetzen, der Laubfäge oder mittelft eines, wie ein Stemmeifen geformten Inftrumentes gefertigt wird, hat in der Collectivausftellung der Graveure fowohl, als auch aufser derfelben ihre Vertreter gefunden. Herr Luzanski hat durch feine Ausftellung fo ziemlich alle Verwendungsarten der Chablone gezeigt und mit Herrn M. Praffer die Collectivausftellung durch diefe Arbeiten bereichert. H. Schifchka, Firma Dinkler's Nachfolger, hat die Concurrenz in diefer Richtung zur Anfchauung gebracht durch feine verdienftvollen Arbeiten, und ift der einzige öfterreichifche Ausfteller, welcher eingeſetzte Buchstaben ftatt gravirten bei Selbftbefeuchtungs- Mafchinen und Handftempeln zur Ausftellung brachte. Die letztere Arbeit, eine wahre Geduldprobe, hat in der Schweizer Abtheilung der Wiener Weltausftellung einen Concurrenten gefunden, welcher fogar einen Preis für die Nachahmung feiner Arbeit ausgefetzt hat. Diefe Arbeit war für Cattundruck beftimmt. So intereffant diefe Arbeit ift, erfcheint fie wegen der aufserordentlichen Mühe, die fie forderte, wenig beachtet und wird, wegen ihrer ,, Künftlichkeit" nie als ein Product der Kunft gefchätzt werden, da jeder gute Holzfchnitt dasfelbe leiftet. Herr Schifchka hat daher wohl daran gethan, nur die praktiſche Seite diefer Arbeit zu zeigen, und ift ihm diefs auch vollkommen gelungen, da feine Arbeit den gravirten Stempeln Concurenz gemacht hat. Die Ausländer, befonders die Deutfchen graviren die Chablonen auf Kupferblech. Sie befitzen auch Einrichtungen, wo die Chablone fabriksmäfsig durch Prägung und Durchfchnitt erzeugt wird, diefelben dienen jedoch demfelben Zwecke, wie die in Oefterreich Graveur- und Guillochirarbeiten. 17 von Meffing- oder Zinkblech erzeugten, welche alle mit der Hand gefertigt werden und ift der Unterfchied nicht merklich. In Frankreich beftehen Etabliffements, welche fich nur mit Anfertigung von Chablonen befaffen, und ihre Agenten bereifen die Welt. um die Waaren an Mann zu bringen. Trotz diefer Concurrenz gibt es in Wien aufser den obengenannten Herren noch eine Menge Graveure, welche Chablonen erzeugen, und die Firmen L. Lindner, R. Mayer, F. Schöll, Zehngraf und Hecht, welche die Bedürfniffe des Kaufmannes an Graveurarbeiten decken, führen diefen Artikel meift eigener Erzeugung. Die Ausftellung des deutfchen Reiches, Gruppe XII, zeigte Chablonen für den Haushalt, für den Handel, für den Kaufmann und Chablonen für Kinder als Spielzeug, alle auf Kupfer gravirt oder durchgeätzt. Email und Emailgravirung. Ein weiterer Zweig der Gravirung bildet die Kunft des Gravirens für Email und die Emaillirung felbft. Wie eingangs erwähnt, ift diefe Technik fehr alt, wurde im vorigen Jahrhundert befonders cultivirt. In unferer Zeit ift die Kunft fehr vernachläffigt worden. Die Bijouterie- Arbeiten Oefterreichs mit Email bringen nur meiftens Handelsartikel als: Manchetten- und Hemdknöpfe, Bracelets, Ringe und Madaillons. Diefe Arbeiten entbehren jeder eigentlichen künftlerifchen Richtung und hängen vollſtändig vom Gefchmacke des Kaufmannes ab, welcher als Vermittler zwifchen Erzeuger und Confumenten fteht. Selbftftändigkeit und gediegener Gefchmack in der Zeichnung wie im Email ift daher felten zu finden, da die Chablone hier ihr Unwefen treibt. Zu keiner Zeit herrfchte eine folche Eintönigkeit in den Producten der Bijouterie, als diefs heute der Fall. Die herrfchende Mode und eine ängftliche Sorgfalt bei Bijouteriarbeiten, dem Emailleur wegen Zeitaufwand und Umftändlichkeit möglichft aus dem Wege zu gehen, fchadet diefen Arbeiten mit wenigen Ausnahmen fehr, fo dafs das Email nur mehr als Deckungsmittel befchränkter mittelmäfsiger Ausführung und zur Hebung des Effectes für fchlechte Steine dienen mufs. Aber auch diefe Arbeiten werden mit ängftlicher Vermeidung jedes Farbenwechfels nur mehr in Schwarz durchgeführt. Wäre nicht die Haft, mit der folche Arbeiten vom Emailleur ausgeführt werden müffen, würde der Emailleur nicht oft von dem Graveur abhängig fein ( denn nicht alle Emailleure find Graveure), fo würde durch das künftlerifche Zufammengehen zweier Factoren noch Gutes gefchaffen, aber durch Chablonenarbeiten find oft die talentvollften Arbeiter ihren Aufgaben entrückt worden. Es wäre jedoch ungerecht zu behaupten, dafs das oben Gefagte auf einen Rückfchritt in diefem Fache hinweife. Die Emaillirkunft hat in den letzten Jahren die gröfsten Fortfchritte nachzuweifen, befonders in der Behandlung des Emails auf unedlem Metall. Die ausgeftellten Arbeiten haben ein ganz klares Bild der Emailleurkunft gezeigt. Hier mufs in erfter Reihe der Arbeiten für kirchliche Kunft gedacht werden, mit welchen Herr Jofef Chadt in Wien die Ausstellung bereicherte und von denen der Berichterftatter über diefes Gebiet des Weiteren ſpricht. Aber nicht diefe Arbeiten allein find es, die ihm den erften Rang einräumen. Wir fahen bei der Ausstellung des Herrn Auguft Klein Gegenftände der Kunftinduftrie, welche von Chadt gefertigt waren. Hier zeigt fich ein Fortfchritt in der Nachahmung von Lapis lazuli, der Emailfchmelz auf Becher, Teller ect., fo dafs das Auge des Befchauers getäufcht, derfelbe diefe Objecte für Lapis lazuli halten kann. Um die Eintönigkeit zu vermeiden, hat Herr Chadt auf diefen Gegenständen Länder mit fortlaufenden Rennaiffance ornamenten in vielfärbigem Translucide Email angebracht und damit diefe Objecte zu kleinen Kunftwerken gemacht. Auch begegnen wir Limoufiner Emailarbeiten von dem Kunstgewerbefchüler Mach unter technifcher Leitung Chadt's gefertigt nach Zeichnungen von den Profefforen Laufberger und Storck, welche die ausgeftellten Limochen aller Länder 2* 18 J. Schwerdtner. an edler Zeichnung und vorzüglicher Technik übertreffen. Auch hier war es das k. k. Muſeum für Kunft und Induftrie, welches die Gelegenheit bot, fo Ausgezeichnetes zu leiften und hat die letztere Arbeit hier eine heimifche Stätte gefunden. Eine Ausftellung von Limoche hatte Frankreich aufzuweifen, welche beftechende Arbeiten enthielt, jedoch nicht im Stande war, obige Arbeiten in den Schatten zu ftellen. Die Collectivausftellung der Graveure Wiens hat in der Graveur- und Emaileurkunft eine Anzahl hervorragender Vertreter. Im Bijouteriefache mag hier die Ausftellung von Carl Edler( hors concours) erwähnt werden, da diefe Firma die ältefte in Wien ift, die diefe Arbeit in feinften Juwelierarbeiten cultivirt. Eine Anzahl der fchönften eleganteften Knöpfe und fonftige Emailarbeiten auf edlem Metall, neben der Ausftellung aller Emailforten haben uns über die Leiftungsfähigkeit diefer Firma aufgeklärt. In derfelben Branche für Juwelierarbeit ftellte eine bedeutende Expofition die Firma Gebrüder Sporer aus, und hat keine Koften gefcheut, um feine ausgedehnte Thätigkeit zu documentiren. Ohrgehänge, Bracelets, Brochen, Medaillons, Wappen für Albums etc. fertig montirt waren da zu fehen und es war daher ein Vergleich der inländifchen Thätigkeit mit dem Auslande möglich. Der Kunftinduftrie dienend hat die Ausstellung J. Rofchmann gezeigt, wie weit es die Technik des Gravirens Hand in Hand mit der Emaillirung gebracht hat, wenn man erwägt, dafs alle diefe Objecte aus unedlem Metall gefertigt werden. Die Farbenfchmelze von Rofchmann wurden auch vom Auslande gewürdigt. Seine Technik im Ausfchneiden, Verfchneiden und Montiren konnte man jedoch nur genügend bewundern, wenn man die Ausftellung des Hofbuchbinders Herrn Leopold Groner befah, welcher feine prachtvollen Bucheinbände und Albumdecken mit den Arbeiten des Herrn Rofchmann nach Zeichnungen des Architekten C. Groner verzieren läfst. Theile der Aufträge des Hofbuchbinders Groner bildeten die Ausftellung Rofchmann's. - Ferdinand Lehmann jun. reiht fich mit feinen Arbeiten, befonders mit feinem fchönen und durchfichtigen Farbenfchmelz auf unedlem Metall, an die Ausftellung des Obigen an, und Monogramme, Wappen etc. bilden die Expofition diefer Firma. J. Zapf, einer unferer ftrebfamften Emailleure, ein noch junger Mann, welcher feine künftlerifche Ausbildung auf der Kunftgewerbe- Schule des k. k. Mufeums gewann, hat vortreffliche Emailgravirungen in zahlreichen Muftern, figuralifche und ornamentale Arbeiten auf Silber und Bronce, translucide Emailarbeiten, Taffen mit Imitation von Lapis lazuli und Onyx inftructiv befchrieben. zur Ausftellung gebracht und Ankäufe des k. k. Mufeums, wie die Anerkennung Aller belohnten das Streben diefes Künftlers, welcher in die Fufstapfen des Altmeifters Chadt bei fortgefetztem Fleifse zu treten berufen fcheint. Hetzel hat nur mit fünf Stück translucider Emailarbeit die vier Evangeliften und Chriftus als Mittelftück die Ausftellung bereichert, und den Beweis geliefert, dafs auch für Technik die beften Kräfte vorhanden find. In translucide Email hat Hetzel, der nur figuralifche Arbeit ausgeftellt, auch keinen Concurrenten auf der ganzen Ausftellung gefunden und, wie erwähnt, nur der Ausftellungskaften Auguft Klein birgt ähnliche Arbeiten von Chadt. Jedenfalls hätte Hetzel eine gröfsere Wirkung mit feiner Arbeit erzielt, wenn er diefelbe auf einem Miffale deckel, umgeben von Gravirung und Emaillirung, ausgeftellt hätte, wozu wohl die Zeit gemangelt haben. In Emailarbeiten glänzte die Ausftellung Rufslands und nur hier konnte man den ganzen Erfolg, den die Emaillirkunft erringen kann, klar vor Augen fehen; die Gegenftände, auf welchen die Emailarbeiten und die Gravirung angebracht find, haben zumeift glatte Formen, welche durch das Schleifen des gefchmolzenen Emails bedungen wird. Hier tritt nun der Goldfchmied und der Silberarbeiter in den Hintergrund und räumt dem Graveur und dem Emailleur alle Ehren ein, die da zu holen. Hier mufs auch noch erwähnt werden, dafs der ruffifch- byzantinifche Stil wohl auch durch feine Farbenpracht, welche derfelbe bedingt, viel dazu beiträgt diefen Arbeiten folchen Reiz zu verleihen, doch möchte ich behaupten, dafs in Graveur- und Guillochirarbeiten. 19 Wien diefe Arbeit ebenfo gut und fchön gefertigt werden kann, wenn diefelbe verlangt wird. Auch das durchfichtige fchöne Roth ift in Wien ebenfo zu finden, als es in Rufslands Ausstellung zu fehen war, und wenn man die Preife erwog, welche für die ruffifchen Arbeiten verlangt und bezahlt wurden, kann ich gegen. über den hiefigen Preifen die obige Behauptung aufrecht erhalten. Die kirchlichen Emailarbeiten und Malereien auf Email waren fehr verdienftvolle Arbeiten, welche auf Anerkennung gerechten Anfpruch machen konnten. Die Firmen A. Poft rikoff, J. P. Klebnikoff und P. Owtfchinikoff haben das unbeftrittene Verdienft, viele Anregung mit ihren Ausftellungen gefchaffen zu haben. Die Niello- Arbeiten( ruffifch Email- Schwefelfilber) find als vorzügliche Arbeiten bekannt, aber fanden, da die Gravirung in der Zeichnung oft recht mittelmäfsig war, nur als techniſche Arbeiten Anklang. Auch Oefterreich fteht in diefer Beziehung mit fortfchreitender Technik da und die Ausstellung, namentlich der Firmen Markovits& Scheid und Cleeberg etc. brachte fchöne derlei Arbeiten. Frankreich hat auch Emailarbeiten für kirchliche Kunft durch Herrn Pouffielque Rufand, Paris, auf die Ausstellung gebracht und mit diefen Arbeiten einen ganz vorzüglichen Eindruck gemacht, jedoch die Wiener Arbeiten nicht übertroffen. Undurchfichtiges Roth in fchöner Farbe ift das Verdienft diefer Ausstellung. Die meifte Anerkennung für Arbeiten in Email gebührt der Firma Barbedienne in Paris, und Elkington& Comp. in London. Der Berichterstatter über Gruppe VII, Section 4, hat ihre Leiftungen umfaffend dargestellt. Taufchirte Arbeiten, das ift Gold- und Silbereinlagen in Eifen, waren in der Collectivausftellung der Graveure Wiens vertreten durch Herrn W. Nowak und Herrn Jofef Rutte. Diefe Ausftellung war infoferne intereffant, als fie die einzige derartige Arbeit auf die Ausftellung brachte. Nowak, einer unferer verdienftvollften Waffengraveure, hat eine Chatouille reich mit Ornamentengravirung in Eifen eingelegt mit plaftifchen verfchnittenen Goldfiguren in fchönfter Technik ausgeftellt; ihm zur Seite ftand fein verdienftvoller Concurrent Herr Rutte mit ähnlicher Arbeit, welche, da diefelbe zu fpät einlangte, von der Jury nicht mehr beurtheilt werden konnte. Die eigentliche taufchirte Arbeit, Ornamente von Gold und Silber flach in Eifen eingetrieben, ift in aufserordentlicher Technik von Spanien auf die Ausftellung gebracht worden. Zwei Firmen theilten fich in das Verdienft, die Proben von taufchirten und inkruftirten Arbeiten gezeigt zu haben und verweifen wir auch dafür auf den Bericht, Gruppe VII, Section 4. Die in taufchirter Arbeit ausgeftellten Arbeiten werden wohl dazu beitragen, diefer Technik jene Aufmerkfamkeit auch in Oefterreich zuzuwenden, welche bisher noch Unerreichtes erreichbar macht. An tüchtigen Kräften ift auch hierin kein Mangel. Stanzengravirung. Die Stanzengravirung, eine der wichtigften Arbeiten der GoldfchmiedeKunft und eine der fchwierigften techniſchen Arbeiten im Graveurfache, welche fich zu jeder Zeit Anerkennung zu verfchaffen wufste, war in der Collectivausftellung der Graveure durch die Herren Auguft Kleeberg und A. Beer vertreten. Kleeberg, einer unferer talentvollften Graveure, welcher im Bijouteriefache fchon feit Jahren thätig ift, hatte fich auch mit Erfolg auf die Gravirung von Medaillen verlegt, in letzterer Zeit jedoch eine Luxusftöcke- Fabrik ins Leben gerufen, welche die Goldfchmiede- Kunft mit der Gravirung und eigenen Prägeanftalt vereint, und kam daher in die Lage, fein volles Können und feinen künftlerifch gebildeten Gefchmack zu zeigen. Diefe Firma wurde mit der Medaille für 20 J. Schwerdtner. guten Gefchmack und mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet und die zahlreichen Beftellungen und Ankäufe zeigen den Erfolg für fein thätiges Wirken. Eine vorzüglich gearbeitete Albumdecke, eine emaillirte Schale und diverfe gravirte und emaillirte Arbeiten, wie eine Serie feiner Emailftanzen und Medaillenftanzen, ebenfo Stanzen für Bijouterie bildeten feine Ausftellung. Der zweite Vertreter für Stanzengravirung ift der in Wien bekannte Graveur A. Beer, welcher fich eine eigene Prägeanftalt eingerichtet hat, um feine kleinere Medaillenarbeiten für Wallfahrtsorte felbft anfertigen zu können. Stanzen für Bijouterie, für Knopffabrication, Medaillenftanzen mit Porträts, geprägte Crucifixe in allen Gröfsen etc. bildeten die Ausftellung und es bedarf nur noch der Erwähnung, dafs Herr Beer feine Arbeiten in Prägung exportfähig gemacht und taufende Dutzend feiner geprägten Arbeit nach Jerufalem liefert, welche dort verkauft werden. Hermann Strobl, ein Schüler der Nürnberger Kunftfchule, feit zwei Jahren in Wien, hat mit feiner Ausftellung ein vielfeitiges Talent nachgewiefen. Will Strobl jedoch die günftigen Erfolge feiner Ausftellung ausnützen, fo gehe er den betretenen Weg der Medailleurkunft muthig vorwärts. Seine Arbeiten in diefem Fache, befonders im Porträtfache, wurden anerkannt und fichern ihm den Erfolg. Die Stanzengravirung für Bijouterie hat hier in Wien aufser den Obgenannten wenige Vertreter und es ift zu befürchten, dafs für diefe fchwierige Arbeit, welche viel Zeit, Mühe und Geduld erfordert, fchwer ein Nachwuchs herangebildet wird. In der Ausstellung der Schweiz begegnen wir einigen folchen Arbeiten, welche mufterhaft und fleifsig gearbeitet find und von der Firma C. Richard in Genf zur Ausftellung gebracht wurden. In der Gruppe XII neben den Collectivausftellern der Graveure hat Herr J. Chriftlbauer Arbeiten feiner Prägeanftalt ausgeftellt, welche, da diefelben für ausgeftellte Graveurarbeiten angefehen würden, durch den Reichthum in der Expofition auffallen mufsten. Herr Chriftlbauer, Mechaniker und tüchtiger Prägemeifter, zeigt in feiner Ausftellung alle Stadien der Hilfsarbeiten für den Medailleur und Stanzengraveur. Original- Tiefgravirungen fahen wir in Stahl ausgehoben vor unferem Auge, erhabene Graveurarbeiten neben eingedruckten Stanzen. Von Modellirungen gegoffene Stanzen, diefelben eingedrückt in Stahl für die Prägung. Medaillenftanzen auf mechanifchem Wege ohne Anwendung einer Mafchine verkleinert. Gut und fcharf geprägte Medaillen, Metalladreffen und geprägte Siegel bildeten diefe Ausftellung, welche den Beweis lieferte, dafs wir noch lange der Graveurmafchine für Medaillen entbehren können, denn Chriftl bauer's Talent unterſtützt den Graveur in jedem vorkommenden Falle. Eine Bemerkung fei jedoch erlaubt; Chriftlbau er würde mehr Anerkennung gefunden haben, hätte er feine ausgeftellten Objecte inftructiv befchrieben. Die Ausftellung der Prägeanftalt W. Pittner in der Mafchinenhalle, hat fich auf die Prägung der von dem Münzgraveur Herrn A. Scharff fehr verdienftvoll gravirten Ausftellungsmedaillen und Münzen befchränkt und gab dem Befucher der Ausftellung Gelegenheit, Medaillen und Münzen mittelft der Prägemafchine erzeugen zu fehen. Eine Ausstellungsmedaille wurde auch von der Firma V. Chriftefen aus Kopenhagen, von F. Schmalfeld, in der Mafchinenhalle auf der gewöhnlichen Preffe geprägt. Auch J. Chriftlbauer hatte eine Prägepreffe dort aufgeftellt, auf welcher Souvenirs der Ausftellung geprägt wurden. Noch erübrigt des Graveurs A. Redler in Wien zu gedenken, welcher kurze Zeit Chattons und Gallerien, für die Steinfaffung von den Juwelieren und Broncefchmuck- Fabrikanten, von einer Walze geprefst, ausftellte und zeigte durch feine Ausstellung, dafs man auch in Wien diefe Technik übt. Die Collectivausftellung der Goldarbeiter in Pforzheim zeigte Chattons und Gallerien, Auffätze etc. durch den Ausfteller Chr. Haulik, Goldarbeiterftanzen Graveur- und Guillochirarbeiten. 21 für Ohrgehänge, Brochen etc. von C. Krieger ebendafelbft in fehr fauberer Arbeit. Aufser diefen Arbeiten hat nur die Ausstellung der Schweiz noch gediegene Stanzenarbeit ausgeftellt, welche meiftens mit der Mafchine angefertigt und für Prägung von Emailarbeiten und Bijouterie beſtimmt waren. Die rege Theilnahme von Seite der Graveure, um das Zuftandekommen der Collectivausftellung der Graveure Wiens zu ermöglichen, mufs hier um fo höher gefchätzt werden, als es gerade unter Collegen, die fich bis dahin gar nicht kannten, ungemein fchwierig war, ein Verftändnifs herzuftellen. Die Graveure Wiens haben aber durch die Befchickung der Ausftellung das verdienftvollfte Materiale zur Beurtheilung aller Abzweigungen des Gravirens gefchaffen. Diefs wurde auch allgemein anerkannt und lobend erwähnt. Zahlreiche Prämiirung und viele Ankäufe von den Mufeen find der Beweis für den Kunstwerth der ausgeftellten Arbeiten in jedem Genre. Bedenkt man, welche riefige Opfer vom Graveur als Ausfteller verlangt wurden, als er mit Arbeiten für die Ausftellung des Kunstgewerbes überhäuft war, fo dafs es allen Theilnehmern gleich fchwer fallen mufste mit vorzüglichen Kunftproducten ihre eigene Ausftellung zu bereichern, fo mufs das Gebotene um fo mehr überraschen. Die Lücken in der Ausftellung von Gravirungen find als nicht vorhanden anzufehen, da ein grofser Theil befonders hervorragender Künſtler die Ausftellung nicht befchickte, welche durch ihre Arbeiten, die ebenfo bekannt als vorzüglich find, diefe Lücken wohl ausgefüllt hätten. Wir kommen daher zu dem Schluffe, dafs es an vorzüglichen Vertretern jeder Technik in Wien nicht fehlte. Würden die Aufträge, welche gröfsere künftlerifche Bildung erfordern, nicht fo felten fein, fo würde man nicht erft die vorzüglichften Arbeiter fuchen müffen. Das k. k. Mufeum für Kunft und Induſtrie hat durch feine Ausftellung und der durch das k. k. Muſeum beftellten Arbeiten, eine Menge Namen bekannt gemacht, welche bis dahin unbekannt waren. Herr Hofrath Eitelberger, welcher fich um die Kunft des Gravirens eifrig bemüht, um diefelbe zu heben, hat eine permanente Ausstellung moderner Graveurarbeiten neben den Ausftellungen anderer Arbeiten ins Leben gerufen, was als ein Erfolg der Wiener Collectivausftellung ausgelegt werden mufs. Könnten fich die Graveure auch noch entfchliefsen, durch gemeinfames Vorgehen diefe Kunft moralifch zu heben, das Bewufstfein zu ftärken, dafs der Graveur auch unter die Künftler zu zählen, eine Fachfchule ins Leben zu rufen, wo die älteren Meifter ihre Erfahrungen verwerthen konnten, würde auch bei den Schülern die Ueberzeugung Eingang finden, dafs das Graviren kein Handwerk fei, welches fich ohne befonderes Talent erlernen laffe. Die jetzt fo arg gefunkene Kalligraphie follte wieder an der Fachſchule neben den Begriffen von techniſcher Chemie gelehrt werden; nur fo müfste der Nachwuchs eine bedeutend beffere Stellung einft einnehmen können, als fich die Vertreter diefer Kunft heute rühmen können. PHOTOGRAPHIE. ( Gruppe XII, Section 4.) Bericht von JOSEF LÖWY, k. k. Hof- Photograph in Wien. EINLEITUNG. Wenn es noch irgend Jemanden gegeben haben follte, der den aufserordentlich hohen Werth der Erfindung des Lichtbildes, die tiefeingreifende Bedeutung der Photographie für den Culturfortfchritt nicht erkannt hätte, oder leugnen wollte, der mufste auf unferer grofsen Weltausftellung gründlich belehrt und bekehrt werden. Nicht nur, dafs die Photographie als graphifche Kunft durch die Expofitionen der ausübenden Fachmänner impofant vertreten war, und man hier die hohe Stufe der Vollendung, die fie bereits erreicht, ihre ehrenvolle Aufgabe und ihr erfolgreiches Wirken im Dienfte der Schönheit erkennen konnte, war fie auch als Hilfsmittel bei allen anderen Kategorien der Ausftellungsgegenstände, bei allen Gruppen der Ausftellung zu finden, und documentirte dadurch ebenfo ihre univerfelle Wichtigkeit wie ihre ausgedehnte Anwendung. - Welch' erfpriefsliche und werthvolle Dienfte hat die Photographie den Ausftellern nicht geleiftet! Viele, welche den geforderten und gehofften Raum nicht erhalten konnten, liefsen einfach die Gegenftände, welché fie nicht in natura ausftellen konnten, photographifch abbilden und vervollftändigten fo ihre Ausstellung. Andere fanden es angemessen, neben ihren Objecten ein photographifches Bild der Fabrik, der Werkstätten, aus welchen die erzeugten Gegenftände hervorgegangen waren, neben letzteren anzubringen; wieder Andere hatten fich Photographien ihrer ausgeftellten Gegenftände zum Zwecke des Vertheilens der Reclame- anfertigen laffen, ja wohl wenige Ausfteller gingen heim. ohne fich ein Andenken an die Ausftellung überhaupt, wie von ihrer fpeciellen Expofition von der Photographen- Affociation( von deren Thätigkeit ich später zu fprechen noch Gelegenheit nehmen werde) erworben und mitgenommen zu haben. Die Albums mit Photographien von Gold-, Silber- und Juwelierarbeiten, Broncegegenftänden, Möbeln und dergl., welche mehrere englifche und franzöfifche Firmen auflegten, repräfentirten wahre Prachtwerke. Der Orient und Indien konnten durch die Photographie ihre merkwürdigften Baudenkmäler und Götzen. ihre Volkstypen und Handwerks- Geräthe vorführen, Ausftralien wollte durch eine ganze Serie Landfchafts- Photographien, worunter manche herrliche Scenerie, wahrfcheinlich die Luft zur Auswanderung dahin erwecken. Im Militärwefen und Ingenieurfache waren Karten und Pläne ausgeftellt, welche durch Photo- Lithographie oder Photo- Zinkographie ausgeführt waren, felbft Werke der bildenden Kunft waren durch Photographien vertreten; ich erinnere nur an die Reproduction der Gemälde des belgifchen Malers Wiertz, Photographie. 23 In hervorragender Weife haben verfchiedene Zweige der Wiffenfchaften die Photographie als Darftellungsmittel auf der Ausftellung benützt, namentlich die Naturwiffenfchaft, welche kein bequemeres und geeigneteres Lehr- und Veranfchaulichungs- Hilfsmittel hätte finden können; auch die Anatomie und die Chirurgie hat fich in manchen Fällen durch die Lichtbilder vertreten laffen. Die Ausftellung zeigte uns, wie fchon Eingangs erwähnt, durch viele Proben, wie die Photographie fchon jetzt in alle Verhältniffe des menfchlichen Lebens gedrungen ift, allen Wiffenfchaften, Künften, Induftrien und Gewerben fich dienftbar macht; dafs aber noch ein grofses, weites Feld für fie zu erobern ift, dafs fie in alle genannten Gebiete noch viel tiefer eindringen mufs, foll dabei nicht geleugnet werden; wir können aber aufser Sorge fein, bei den grofsen Protectoren, welche die Photographie in der Kunft und Wiffenfchaft hat, fchreitet fie von Tag zu Tag einer höheren Stufe der Vollendung entgegen und bei dem mächtigen Einfluffe, den fie jetzt fchon ausübt, den aufserordentlichen Vortheilen, die fie jetzt fchon bietet, durch die jetzt endlich in ausgedehnterem Mafse praktiſch verwertheten Druckverfahren, die fich durch Billigkeit, Dauerhaftigkeit und fchnelle Erzeugung der Bilder auszeichnen, wird fie fich den Eingang bald und ficher auch dort erzwingen, wo ihr Nutzen jetzt noch überfehen wird. Die Zeit dürfte nicht allzufern fein, in welcher die Photographie gleich wie das Zeichnen und Modelliren in den Schulen gelehrt wird, und unfere Nachkommen werden ebenfo fchwer begreifen können, wie man fich früher ohne die Photographie behelfen konnte, als wir uns wundern, dafs es Culturvölker vor der Erfindung der Buchdrucker- Kunft gegeben hat. Meine Aufgabe ift, im nachftehenden Specialberichte weniger die Photographie zu befprechen, wie fie als Hilfs- und Erläuterungsmittel in den verfchiedenen Ausftellungszweigen vorkam, als vielmehr zu unterfuchen, wie diefelbe als Selbftzwek, als graphifche Kunft auf der Ausftellung vertreten war; die Expofitionen der Photographen der verfchiedenen Länder durchzugehen, und die Beftrebungen, Verfuche, Eigenheiten, die Refultate, Fortfchritte und Errungenfchaften, die fich da ergaben, zu notificiren. Bezüglich der Anordnung fei bemerkt, dafs die Reihenfolge der Länder eingehalten wurde, wie man fie, wenn man die Ausftellung vom Weftportale bis zum Oftende durchfchritt, vorfand. Da der Bericht nicht allein für Fachmänner, fondern für das allgemeine Publicum beftimmt ift, fo war ich bemüht, vom exclufive Fachlichen abfehend, demfelben eine allgemein verftändliche Form zu geben; auch fchien es mir aus demfelben Grunde nicht überflüffig, einen gedrängten hiftorifchen Rückblick vorangehen zu laffen. Die erften Verfuche, haltbare Lichtbilder herzuftellen, wurden von Davis in England( 1802) und Niepce in Frankreich unternommen, blieben jedoch ohne nennenswerthen Erfolg. Der letztere verband fich 1829 mit Daguerre und zehn Jahre fpäter, während welcher Zeit Niepce ftarb, war das Problem foweit gelöft, dafs man die Bilder der Camera obscura fixiren konnte, und zwar gefchah diefs durch Daguerre auf einer Silberplatte; zu Ehren des Erfinders wurde fein Verfahren Daguerrotypie genannt. Die Erfindung machte natürlich ungeheueres Auffehen und verbreitete fich fchnell über ganz Europa. Um diefelbe Zeit erfand ein Engländer Fox Talbot eine Methode, Bilder mittelft Chlorfilber auf Papier zu erzeugen. Die Methode befchränkte er darauf Zeichnungen zu vervielfältigen und zwar legte er unter einen Kupferftich oder eine Zeichnung ein mit Chlorfilber präparirtes Papier, und indem dasfelbe dem Lichte ausgefetzt wurde, blieben die durch die Contouren und Striche der Zeichnungen gefchützten Stellen der präparirten Unterlage weifs, wogegen fich die übrigen Stellen fchwärzten; auf diefe Weife erzeugte er Negative, welche wiederum auf lichtempfindliches Papier gelegt, dem Originale getreue Copien 24 Jofef Löwy. gaben. Durch diefe Frfindung trat die Photographie in die Reihe der vervielfältigenden Künfte. Talbot erfetzte fpäter auch die Daguerre'fche Silberplatte durch das mit Jodfilber getränkte Papier, um in der Camera obscura Negative zu erzeugen; der Rauhheit des Papiers wegen blieben die Erfolge mangelhaft, Niepce de St. Victor verfuchte diefem Uebelftande abzuhelfen, indem er als Bildträger für Negative eine mit Eiweifs überzogene und mit Jodfilber empfindlich gemachte Glasplatte ftatt des Papiers anwandte. Erft nach Erfindung der Schiefs- Baumwolle wurde durch Archer& Frig 1851 das eigentliche Negativ- Collod. Verfahren eingeführt, welches bis jetzt die Bafis des photographifchen Proceffes bildet. Von diefem Zeitpunkte angefangen machte die Photographie rafche Fortfchritte; man lernte die nöthigen Chemikalien in gröfserer Reinheit und Lichtempfindlichkeit darftellen, man benützte beffere Apparate, worunter namentlich die von Profeffor Petzval berechneten und von Voigtländer ausgeführten Porträt- und Landfchafts- Objective; das rauhe Chlorfilber- Papier für Pofitive wurde durch das feine Eiweifspapier erfetzt und die anfänglich unfchönen Farbentöne der Bilder wurden durch die Goldton- Bäder verbeffert. In letzterer Zeit wurde namentlich in Wien, um künftlerifch wirkungsvollere Porträts zu erzeugen, die Negativ- Retouche eingeführt und vielfeitig angewendet. Dafs die Einrichtung eigener zweckmäfsiger Ateliers, in welchen die Beleuchtung nach Bedarf regulirt werden kann, beim Fortfchritt in der Photographie keine geringe Rolle spielte, ift jedenfalls erwähnenswerth. Durch diefe fteten Vervollkommnungen ift der Silberdruck heute auf eine fo hohe Stufe gelangt, dafs eine noch höhere Entwicklung kaum denkbar ift; man wird defshalb fein Augenmerk und Beftreben auf die verfchiedenen, feitdem aufgetauchten anderen Verfahrungsarten für die Vervielfältigung richten müffen, welche hauptfächlich das Ziel haben, eine fchnellere und billigere Herſtellung photographifcher Bilder, verbunden mit gröfserer Dauerhaftigkeit derfelben, zu erreichen. Zu diefen Verfahrungsarten rechnen wir: Kohlenbilder, Emailphotographien, Photoxylographien, Photolithographien und Zinkographie, Galvanographie, Woodbury- und Lichtdruck, deren Proceffe wir hier in Kürze anführen und fchicken wir voran, dafs die merkwürdigfte Eigenfchaft der chromfaueren Salze darin befteht, dafs fie unter dem Einfluffe des Lichtes organifche Körper oxydiren; eine mit einem Chromfalz verfetzte Gelatinlöfung wird durch die Lichtwirkung unlöslich; auf diefer Erklärung beruhen zum Theil die nachfolgend befprochenen Verfahren. Kohlendruck. Um Papier zu diefem Verfahren zu präpariren, überzieht man es mit einer Löfung von Gelatine, Albumin oder Gummi mit Zufatz von etwas chromfaurem Salze; nach dem Trocknen belichtet man im directen oder zerftreuten Sonnenlichte hinter einem Negativ, nach der Belichtung wird auf das Papier eine Schichte typographifcher Tinte recht gleichmäfsig mittelft eines Ballens oder einer Rolle aufgetragen, und das alio behandelte Bild in Waffer getaucht; hier laffen alle diejenigen Theile, welche nicht von dem Lichte getroffen wurden, den fetten Körper fahren, während die anderen fo viel davon zurückhalten, als der gröfseren oder geringeren Lichtwirkung an den betreffenden Stellen entſpricht, die färbende Subftanz kann übrigens auch gleich der chromirten Gelatine zugefetzt werden, man hat dann nur nöthig, das fo behandelte Papier tüchtig auszuwafchen, die Zwifchenoperation des Einfchwärzens mit fetter Farbe fällt dann weg, man nennt diefes Verfahren das Kohlecopir- Verfahren; in der Anfangsperiode waren deffen Hauptvertreter: Poitevin, Garnier, Salmon und Pouncy. Eine wefentliche Verbefferung wurde von Blair angebahnt, welcher zuerft die Beobachtung machte, dafs fo präparirtes Papier, von der Rückfeite belichtet, die unlösliche Schichte viel inniger mit dem Papier verbindet. Emailphotographie, auf Glas oder Porzellan eingebrannte Bilder. Eine Mifchung von Eiweifs oder Gummi, Zucker und zweifach chromfaurem Photographie. 25 Kali auf Papier oder Glas aufgetragen, verliert durch Belichtung ihre Klebrigkeit; fand die Belichtung unter einem Negativ ftatt, fo wird, wenn man die Schichte mit feinem Farbenpulver einftreut, diefes Pulver nur an den nicht belichteten Stellen haften; man erhält folglich ein neues Negativ; war die Vorlage ein Pofitiv, fo wird auch der Abdruck ein Pofitiv, in allen Theilen dem Originale gleich. Wo das Licht voll einwirken konnte, wird nämlich die Schichte ganz hart und trocken und das Pulver gleitet über fie hinweg, nur die vor dem Lichte gefchützten Stellen bleiben klebrig und nehmen das Farbenpulver reichlich an, während in den Halbtönen die Schichte einen der Durchfichtigkeit diefer Töne genau entſprechenden Theil ihrer Klebrigkeit verliert, und daher mehr oder weniger Farbe annimmt; wird nun ein Farbenpulver, das aus Porzellan oder Emailfarbe befteht, und mit einem Flufsmittel verfetzt ift, auf eine mit obiger Schichte überzogene und belichtete Platte gebracht, fo kann das fo erhaltene Bild auf Glas, Porzellan oder Email eingebrannt werden. Derartige Bilder können auch auf Holz übertragen, und wie jede andere Zeichnung vom Xylographen gefchnitten werden. Photolithographie und Photozinkographie. Wie die mit chromfaurem Kali verfetzte Leim- oder Gummifchichte hat auch Asphalt die Eigenfchaft, feine Löslichkeit unter der Einwirkung des Lichtes zu verlieren; diefe Eigenfchaft wird benützt, um photographifche Ueberdrücke auf Stein oder Metall zu erzeugen. In Benzin gelöfter Asphalt wird gleichmäfsig auf Stein oder Metall gebracht, nach dem Trocknen unter einem Negativ belichtet, und die dann noch löslichen Stellen mit dem Löfemittel Benzin etc. wieder entfernt, wodurch das eigentliche Bild( Pofitiv) blofsgelegt wird; diefes Bild wird fodann geätzt und ift druckfähig. Das Verfahren eignet fich hauptfächlich für lineare Zeichnungen, doch ift auch fchon fehr Bemerkenswerthes und Schönes in Mitteltönen erreicht worden. Sehr günftige Refultate erhält man, wenn man von einer LichtdruckPlatte auf Umdruckpapier fette Abzüge macht, und diefe fodann auf einen Stein oder eine Zinkplatte überträgt und ätzt. Galvanographie. Die bei dem Kohlenverfahren angewandte Schichte von Leim und chromfaurem Kali zeigt nach der Belichtung und im feuchten Zuftande ein in den Lichtern erhabenes und in den Schatten vertieftes Bild, das heifst ein fehr genaues, dem Lichtbilde entfprechendes Relief. Wird diefes Relief mittelft Guttapercha oder einer anderen plaftifchen Maffe abgeformt, die Form durch Einftauben mit Graphit leitend gemacht, fo kann auf galvanoplaftifchem Wege ein Niederfchlag erzielt und eine auf diefe Weife gewonnene Platte wie eine gravirte Kupferplatte gedruckt werden. Woodburydruck. Woodbury benützte zu feinen Drucken ein ChromGelatinrelief, und machte von diefem mittelft einer hydraulifchen Preffe einen Abdruck in weichem Metall; das auf diefe Weife erhaltene Cliché wird mit gefärbter Gelatine übergoffen, Papier aufgelegt, in eine eigens hiezu conftruirte Preffe gebracht; nach dem Erftarren kann das nun fertige Bild von dem Cliché abgezogen werden. Albertty pie( Lichtdruck. Preffendruck). Nachdem es gelungen ift, durch Anwendung von Druckerfchwärze, welche die Garantie vollſtändiger Haltbarkeit bietet, photographifche Bilder ſchnell und billig zu vervielfältigen, läfst fich die Behauptung mit voller Berechtigung aufftellen, dafs diefer Zweig des Kunftdruckes für Kunft und Wiffenfchaft, Handel und Gewerbe ein ganz unentbehrlicher und unerfetzlicher Factor geworden ift. Es gibt kein anderweitiges Verfahren, welches Abbildungen fo vollkommen darzuftellen und fo getreu wiederzugeben im Stande wäre. Der erfte, welcher in diefem Zweige Vollendetes in die Oeffentlichkeit brachte, war Hof- Photograph Albert in München. Die bei dem Albert'fchen Verfahren beobachtete Manipulation ift folgende: Eine Glasplatte wird mit einer Schichte aus Leim, Albumin und chromfauerem Kali zufammengefetzt, überzogen, an einen vom Tageslicht gefchützten 26 Jofef Löwy. Ort gebracht und getrocknet, und hierauf von rückwärts, das heifst durch die Glasfeite belichtet, Leim und Albumin in Verbindung mit chromfaueren Salzen werden durch die Wirkung des Lichtes unlöslich, es findet demnach eine fehr fefte Verbindung diefer erften Leimfchichte mit der Glasfläche ftatt, auf diefe erfte Schichte, welche gleichfam die Unterlage für das zu empfangende Bild bildet, erfolgt nun ein zweiter Aufgufs für die eigentliche Bildaufnahme, ebenfalls von Leim und chromfauerem Kali, die Platte wird neuerdings natürlich mit Ausfchlufs von Tageslicht getrocknet, und hierauf unter einem gewöhnlichen Negativ je nach der Kraft desfelben und der Stärke des Lichtes länger oder kürzer dem Tageslicht ausgefetzt; nach hinlänglicher Belichtung wird die Platte von allem nicht reducirten Chromfalze durch öfteres Wafchen mit Waffer befreit, und ift druckfähig, es find nämlich alle jene Stellen im Waffer unlösbar geworden, auf welche das Licht durch das Negativ einwirken konnte, und dadurch geeignet, wenn man die Platte mit einer Schwärzerolle übergeht, fette Farbe anzunehmen, während die übrigen durch das Negativ vom Lichte gefchützten Stellen löslich geblieben oder doch wenigftens geneigt find, Feuchtigkeit anzunehmen und demzufolge beim Einwalzen mit der Schwärzerolle die Farbe abftofsen; die Platte mufs defs-halb während des Druckes wie ein lithographifcher Stein durch leichtes Ueberfahren mit naffem Schwamm immer etwas feucht gehalten werden. Die gröfste Manipulationsfchwierigkeit war, die Druckplatten dauerhaft herzuftellen, das Befeftigen der Schichte ift jedoch fchon fo gut gelungen, dafs die Druckplatten eine unbegrenzte Anzahl von Abdrücken ermöglichen. Erwähnen mufs ich noch, dafs diefe verfchiedenen Proceffe fich nur auf die Darftellung und Vervielfältigung von Pofitiven beziehen, für die Gewinnung der Negative blieb der Jodfilber- Procefs bis jetzt noch immer beibehalten, doch werden auch das Einftaubverfahren und der Kohlendruck zur Vervielfältigung der Negative mit Erfolg benützt. Die Photographie als graphifche Kunft auf der Weltausftellung. Wenn ich nun auf die Betrachtung der Photographie als graphifche Kunft auf der Weltausftellung übergehe, fo glaube ich vor Allem bemerken zu müffen, dafs trotz der reichen Betheiligung von Seiten der Photographen und des vielen Schönen und Gediegenen, welches hier vertreten war, doch die Expofition fo manchen Landes nicht die gegenwärtige wirkliche Höhe der Photographie in demfelben repräfentirte. Vertreten waren von fämmtlichen vorher erwähnten Verfahren in überwiegendfter Weife natürlich der Silberdruck, nach ihm der Lichtdruck, Heliogravuren und photographifche Umdrücke, Kohlendrucke, eingebrannte und Emailphotographien. Intereffant war es auch, zu beobachten, wie jeder Staat durch feine eigenthümlichen Verhältniffe in Bezug auf Kunftwefen, Induftrie oder durch feine mehr oder minder reichen Naturanlagen speciell auf einzelne Zweige der photographifchen Kunft mehr oder weniger fördernd wirkte, anderfeits, wie durch den Einflufs bedeutender Fachmänner das eine oder andere photographifche Fach befonders hervorragend zur Geltung gebracht wurde, wie z. B. in Deutfchland die Reproductionen von Gemälden und Zeichnungen, durch die ausfchliefslich diefem Fache gewidmeten Beftrebungen einzelner Photographen, fowie durch die Einflufsnahme und das Entgegenkommen der Künftler felbft; in Frankreich die verfchiedenen Druckverfahren durch die Betheiligung hervorragender Chemiker und Gelehrter( befonderen und bedeutenden Einflufs nahm die Société française de Photographie à Paris) und durch die Förderung der Kunftverleger, in Oefterreich das Porträtfach durch die unermüdlichen Anftrengungen einiger tüchtiger Photographen es gerade im Bildnifs zu einer befonders künftlerifchen Photographie. 27 Vollkommenheit zu bringen; in Italien haben die grofsartigen Bauten, und Denkmäler alter Kunft, fowie die herrlichen Landfchaften hauptfächlich auf die Cultivirung des architektonifchen und landfchaftlichen Faches eingewirkt, wozu auch der ftets immenfe Fremdenzuflufs befondere Aufmunterung gab. Beginnen wir nun unfere Wanderung. Amerika zeigte durch die ausgeftellten Porträts und Landfchaftsbilder, dafs aiefes Land der Photographie eifrige Pflege angedeihen läfst, und mit den Beftrebungen Europas gleichen Schritt einzuhalten fich bemüht; im Porträtfache waren namentlich die Bilder von W. Kurtz( New- York) fehr bedeutend und hervorragend, fie zeigten ebenfo excellente Technik, als künftlerifch feinen Gefchmack, waren aufserordentlich fchön in Ton und Beleuchtung; derfelbe hatte auch fehr bemerkenswerthe Porträts ohne Negativretouche ausgeftellt. Für Fachmänner und Freunde der Photographie war es lohnend, feine Bilder einer eingehenden Befichtigung zu unterziehen, da Kurtz durch fein empfundene Abtönung und Stimmung des Hintergrundes reizende Effecte zu erzielen verftand. Recht hübfche Porträts in fchöner Beleuchtung, zum Theil in Rembrandt Manier, hatte James Landy ( Cincinnati) ausgeftellt; derfelbe brachte auch recht hübfche, mit Humor aufgefafste Kinderbilder. W. R. Howell( New- York) fandte gute Damenporträts in ganzer Figur mit gut gewählten Hintergrund; auszuftellen war an denfelben nur die etwas zu abfichtlichen und coquetten Stellungen und die unnatürlich arrangirten Faltenwürfe. Durch gute Porträts waren noch Henry Rocher( Chicago) und Leon van Loo( Cincinnati) vertreten. Im Landfchaftsfache thaten fich vor Allen Thomas Houfe worth& Comp. Muybridge& C. E. Watkins, fämmtliche aus San- Francisco hervor; die Bilder waren meift in grofsen Formaten, fehr klar und fcharf, meift fchöne und dankbare Motive, von hübfcher Wirkung und fchönem Ton. Charles Bierftadt und Anthony& Comp.( beide aus New- York) hatten gelungene Stereofkopbilder, hauptfächlich Anfichten des Niagarafalles eingefandt; zu bedauern ift, dafs Aufnahmen von bedeutenden Brücken- und Bahnbauten gänzlich fehlten. Ich kenne viele folche Bilder aus dem Kunfthandel, und weifs, dafs diefelben namentlich von Ingenieuren fehr gefucht find. Wirkungsvolle, hübfche Reproductionen plaftifcher Werke( Reliefs von Thorwaldfen) hat Unnevehr( New- York) und gelungene mikrofkopifche Photographien Henry Richman( Cincinnati) gebracht. Alle genannten Photographien waren durch Silbercopien hergeftellt und keines der anderen Verfahren repräfentirt, obwohl wie ich weifs diefelben dort fchon vielfach Eingang gefunden haben. Ich glaube auch hier eine neue Art transparenter Glasbilder erwähnen zu follen, zu deren Herftellung die Photographie eine Vermittlerrolle ſpielt; es werden nämlich Photographien mittelft Gelatinfchichte oder Ueberdruck auf einer Glasplatte erzeugt und diefelbe dann unter einem Sandftrahl des Tilgman'fchen Sandgebläfes( der neuen fo grofses Auffehen erregenden amerikanifchen Erfindung) gebracht, wodurch das Bild alsbald in der feinften Nuancierung und Reinheit in dem Glafe vertieft( eingeritzt) erfcheint. Diefe transparenten Glasbilder haben eine wundervolle Wirkung und eignen fich zur Ausfchmückung der Salons etc. Ich bin überzeugt, dafs diefe Methode in der Glasinduftrie vielfältig und mit Vortheil Anwendung finden wird. Brafilien war durch Henfchel und Benque( Rio Janeiro) ver treten, welche hübfche Porträts und Vergröfserungen ausgeftellt haben. England. Obgleich die photographifche Ausftellung Englands durchaus nicht den Anfpruch auf Vollständigkeit machen konnte, und manche der erften Vertreter diefes Faches, wie Woodbury und Andere durch ihre Abwefenheit 28 Jofef Löwy. glänzten, konnte man aus dem Vorhandenen dennoch auf die bedeutende Höhe und Gediegenheit der Leiftungen in diefem Lande fchliefsen. Bemerkenswerth war das Streben der einzelnen Photographen nach einer gewiffen Originalität und eigenthümlichen Auffaffung entgegen den häufig fo fchablonenhaften Arbeiten der Photographen anderer Länder. Soweit fich die Eigenheit auf die Wahl ungewöhnlicher Darftellung bezieht, möchte ich ihnen nicht in allen Fällen das Wort reden, dafür glaube ich fie infoferne unbedingt loben zu können als fie fich in der Bemühung ausfpricht, zu jedem Motive, fei es Figuren- oder Landfchaftsbild, die geeignete Tonung und Beleuchtung zu finden ein Stimmungsbild hervorzubringen. - Solche Stimmungsbilder von feinfter Empfindung und der reizendften Wirkung konnte man in der englifchen Abtheilung finden, und fie zeigten fo recht den engen Anfchlufs und Zufammenhang der Photographie an die Kunft. Hervorragende Aufmerkſamkeit erregten die Bilder der Mrs. Julia M. Cameron( Freſhwater Bay Isle of Wight) und von Wortley Colonel Stuart( London); erftere hatte Köpfe und Figurenftudien ausgeftellt, in welchen fie im Arrangement und Wirkung Bilder alter Meifter( namentlich Leonardi) nachzuahmen verfuchte; fo eigenthümlich und in mancher Beziehung malerifch diefelben waren, fo möchte ich doch ihre Bildniffe von Darvin, Herfchel, Taylor, in Rembrandtmanier vorziehen; es find diefs directe grofse Aufnahmen; die fchönen Wirkungen derfelben find durch die Beleuchtung erzielt, und dabei weder Negativ- noch Pofitivretouche angewendet; leider ift das Photographifch- Technifche etwas vernachläffigt. Wortley erzeugt ein anderes Genre von Studienköpfen, ich möchte diefelben ftiliftifch gehalten nennen. Es find diefs beinahe lebensgrofse Bruftbilder in künftlerifcher Auffaffung ohne jede Retouche, nicht fehr fcharf in der Aufnahme, hiedurch aber wie durch die berechnete Simmung befonders malerifch wirkend, derfelbe Ausfteller hat auch Stimmungslandfchaften gebracht, in welchen jedoch die unruhig gehaltenen Wolken ftörend wirken. Schöne Porträts in gröfserem Format hat Marshal Wone( Douglas) eingefandt, Levis Abel( London) war durch recht hübfche Kinderporträts vertreten, die Londoner Stereofkopic und Photographic Company( London), bekanntlich eine der verdienftvollften Unternehmungen, war durch eine intereffante Collection Porträts von Berühmtheiten in Cabinet-, Vifit- und Stereofkopformat vertreten, in fchöner reiner Ausführung, dann durch excellente Stereoskope von Landfchaften mit malerifcher Staffage, welche diefen Bildern befonderen Reiz und natürliches Leben verliehen. Im Landfchaftsfache besonders hervorragend, am bedeutendften in diefem Gebiete in der Ausftellung waren die Stimmungsbilder von Robinfon& Cherrill( Tunbridge Wells). Diefe Bilder waren nicht nur durch die äufserfſt anziehenden Motive, fondern auch durch die aufserordentlich fchöne technifche Ausführung und wirklich wunderbare Beleuchtung im hohen Grade feffelnd, namentlich war eine Landfchaft in Abendstimmung darunter, von welcher fich der Befchauer fchwer trennen konnte: fie machten auf denfelben einen ähnlichen Eindruck, wie die Werke der poefievollften Landfchaftsmaler. Brownrigg( Dublin) und Beasley jun.( London) brachten ebenfalls gute Landfchaftsbilder, letzterer erzeugt fie mittelft Trockenplatten. Als Specialität zeigte fich Haes Frank( London), durch Photographien von Thieren aus dem Londoner zoologifchen Garten( Vergröfserungen) für Schulzwecke beftimmt und hiezu fehr geeignet; ebenfalls für Lehrzwecke beftimmte Photographien, fchöne Reproductionen von Kunftwerken hatte das South Kenfington- Muſeum( London) ausgeftellt. Schliefslich ift noch zu erwähnen, eine grofse Perfonengruppe, eine Zeichnung mit Benützung der Photographie im Formate der grofsen englifchen Stahlftiche, welche Lachlan Mc. Lachlan ( Manchefter) einfandte. Photographie. 29 Auch in der englifchen Abtheilung war mit Ausnahme des letzt genannten Bildes, welches in Autotypie( Pigmentdruck) ausgeführt ift, nur der Silberdruck vertreten, für den Fachmann ebenfo auffallend als bedauerlich, da in England manche der neueren Druckverfahren fchon zu einer bedeutenden Höhe der Vollkommenheit gebracht wurden und von dorther ebenfo intereffante als lehrreiche Proben hätten gefandt werden können. Spanien und Portugal waren nur fehr unbedeutend vertreten, und fcheint die Photographie auf keiner befonderen Stufe zu ftehen. Von den zwei Madrider Photographen Alviach& Comp. und E. Julia hat erfterer nur paffable Cabinetporträts ausgeftellt, während letzterer unfchöne Vergröfserungen brachte, dagegen ift aus Portugal wenigftens ein tüchtiger Photograph( Amateur) zu erwähnen, Carlos Relvas( Oporto), der fich ebenfo durch Vielfeitigkeit, als durch bedeutende künftlerifche Leiftungen auszeichnete, feine Porträts ebenso wie die Genrebilder, die Thierftudien, die Landfchaften und Architecturen waren gefchmackvoll im Arrangement, refpective gut gewählt und von tüchtiger technifcher Durchführung. Von den Architecturen ift namentlich das Innere des Klofters von Sta. Maria de Belem( Liffabon) als vorzüglich ausgeführt hervorzuheben. Auch die Sonnenaufnahmen des Obfervatoriums in Liffabon waren bemerkenswerth. Frankreich. Die Expofition der franzöfifchen Photographen zeichnete fich vor Allem durch günftiges Arrangement, dann aber durch Vielfeitigkeit und Trefflichkeit aus. Man fah, dafs fich die Franzofen auf allen Gebieten der Photographie umthun, dafs fie fich mit allen Verfahrungsarten und Proceffen eifrig befchäftigen, dafs fie aber auch höchft anerkennenswerthe Erfolge erringen. Ihre ausgeftellten Photo-, Litho- und Zinkographien, ihre Helio-( Galvano-) Gravuren ftanden unerreicht da, ihre Kohle- und Lichtdrucke waren dem Beften von anderen Ländern ausgeftellten gleich. Anderfeits konnte man aus der franzöfifchen Photographenausftellung erfehen, welch' grofsen Wirkungskreis und vielfältige Anwendung die Photographie auf den Kunft-, wiffenfchaftlichen, technifchen und induftriellen Gebieten fich bereits zu verfchaffen gewufst hat, und wie ihr die neuen fchnellen Vervielfältigungsarten( deren Einführung bei uns in Oefterreich fo viel Mühe und Opfer koften, und dabei noch mit Widerfachern zu kämpfen hat) fo treffliche Dienfte leiften. Im Porträtfache war Reutlinger's( Paris) Collection von grofsen Porträts, Köpfen, Studien und Genreftücken die hervorragendfte; die meiſten Bilder zeichneten fich durch fchöne effectvolle Beleuchtung und angenehmen feinen Ton, welcher hauptfächlich durch Anwendung einfacher tief geftimmter Hintergründe und Vermeidung überflüffiger Staffage erzielt wurde, aus. - Das Arrangement der Stellungen und der Toiletten fo wichtig in der Porträtphotograhie verriethen feines Formgefühl und verftändigen Gefchmack. Die Porträts von A. Lumiére( Lyon) wirkten durch fchönen, warmen braunen Ton; diefer Photograph verfteht es auch, die nicht immer günftige Beleuchtung feiner Porträts durch gute Negativretouche zu verbeffern. Walery Graf Oftorog,( Paris) hatte fehr wirkungsvolle Porträts und Naturftudien in Cabinet- und Vifitkarten- Format( Camée und gelatinirte) ausgeftellt; diefelben machen fehr hübfchen Effect. Ein neues Genre von Porträts fucht A. Bernoud( Lyon) einzuführen; derfelbe erzeugt die Bildniffe in Medaillonform, bei welchen der Namenszug des Porträtirten( durch doppeltes Copiren) zugleich erfichtlich ift. Bernoud befafst fich auch noch immer mit den fchon vor mehreren Jahren aufgetauchten, aber nicht fehr in Verwendung gekommenen Miniaturporträts auf Vifitkarten; die ausgeftellten Proben waren mit Feinheit und Gefchmack ausgeführt. 30 - Jofef Löwy. Geymet& Alker waren durch hübfche Porträt- Emailbilder, dann durch eine italienifche Landfchaft mittelft Verglaspulver dargeftellt- von ungewöhnlicher Wirkung vertreten. Auch Mathieu Deroche hatte vorzügliche Email- und eingebrannte Bilder, hauptfächlich Porträts eingefandt, ebenfo W. D. Alexandre und G. Comte de Roydeville. Alle diefe Bilder waren von fchöner, reiner und effectvoller Ausführung, konnten aber dennoch nicht auf befondere künftlerifche Bedeutung Anfpruch erheben. Das Landfchaftsfach im gröfseren Formate war leider nur fchwach vertreten, einige der bedeutendften Vertreter diefes Faches fehlten. Von den ausgeftellten Bildern find vor Allem die fehr fchönen Landfchaften, namentlich höchft ftimmungsvolle Waldpartien zu nennen, welche Harrifon( Asnières) eingefandt hatte, es ift wohl Jedermann die äufserft gelungene vergrösserte Landfchaft aufgefallen, die in ihrer fchönen Wirkung den Eindruck einer von excellenter Künftlerhand ausgeführten Kohlenzeichnung machte; Harrifon bekundet in feinen kleineren directen Aufnahmen( für welche er ein fehr gefälliges Format gewählt hat) aufserordentlich feine Empfindung in der Wahl feiner Motive, zu deren vorzüglicher Ausführung ihn feine bedeutende Technik wirkfam unterſtützt. Ferrier& Lecadre( Nachfolger von Bingham) waren durch wenige, aber vorzügliche Reproductionen von Gemälden vertreten; diefe Herren beftreben. fich fichtlich den hervorragenden Ruf ihres Vorgängers auf diefem Gebiete auch für fich zu bewahren. Auch das Haus Goupil, von dem ich weiter unten noch fpreche, hatte einige treffliche Gemälde- Reproductionen ausgeftellt. Wir kommen nun zu den excellenten Proben der verfchiedenen Arten von Phototypie; da that fich namentlich Rouffelon( maifon Goupil, Paris) durch Porträts und Architekturen in grofsen Format, mittelft Heliogravure, Kupferdruck in unübertrefflicher Reinheit und Zartheit der Töne erzeugt, hervor. Diefe Drucke waren von den Photographien kaum zu unterfcheiden und verdienten bei der bekannten Schwierigkeit, mit welcher die Ausführung einer Heliogravure verbun den ift und bei den vielen mifslungenen Verfuchen in diefer Richtung, die eingehendfte Beachtung. Einige von diefer Firma aufgelegte Albums zeigten in ihren höchft intereffanten Blättern, in welch' ausgedehntem Mafse diefelbe von der Heliogravure Gebrauch macht. Ebenfo waren die gleichfalls von Goupil ausgeftellten Kohledrucke in ihrer wundervollen Vollkommenheit wahrhaft überrafchend; fie übertrafen an Zartheit und Tiefe weitaus den gewöhnlichen Silberdruck und zeigten fo, welche Zukunft dem Kohleverfahren noch vorbehalten ift. Lefmann& Lourdel( Paris) hatten ebenfalls vorzügliche Bilder in Photo- Zinkographie ausgeftellt, die an Schärfe und Reinheit nichts zu wünſchen übrig liefsen und fich jeder Radirung zur Seite ftellen konnten. Ferner hatten Amand Durand und Baldus grofse Collectionen fehr guter Heliogravuren eingefandt, erfterer meift leichtere lineare Gegenftände, letzterer auch Naturaufnahmen mit vollen und Mitteltönen in fehr gelungener Ausführung. Fleury Hermagis brachte Reproductionen von Stahl und Kupferftichen auf photo- lithographifchem Wege in Sepiaton, fowie Kohledrucke in vorzüglicher Schönheit. G. Fortier hat Photo- Lithographien mit Anwendung verfchiedener Farben auf mattem Zeichenpapier, Papier de Chine und Seide ausgeführt, und gute Wirkungen darin erzielt. Die Photo- Polychromien des L. Vidal( Marfeille) zeigen eine neue höchft intereffante Anwendung der Photographie. In der Aufnahme verfchiedener fehr intereffanter mikrofkopifcher Gegenftände zeigte fich Jules Girard als fehr tüchtig. Im Stereofkopfache waren die bedeutendften und weltbekannten Photographen E. Lamy, J. Levy& Comp., auch J. Lachenal, Favre& Comp. vertreten, erfterer durch eine Sammlung intereffanter Anfichten auf Papier in Photographie. 31 vorzüglicher Schärfe und Reinheit ausgeführt, die beiden letzteren durch eine reichhaltige und fehr fchöne Collection von Glasbildern. Erwähnen wollen wir noch ein Tableau, welches die photographifche Gefellfchaft in Paris ausftellte und welches durch Bilder aus verfchiedenen Zeitabſchnitten einen Ueberblick über die Entwicklung der Photographie von ihren erften Anfängen bis zu ihrer heutigen hohen Stufe gab, und zeigte, welchen bedeutenden Einfluss die Gefellfchaft auf die Entwicklung der Photographie nahm. Von der Schweiz waren recht gute, ichöne Porträts und hübfche Genrebilder ausgeftellt durch Gebrüder Täfchler und Täfchler Signer( St. Gallen); bei beiden ift fchöne, natürlich einfache Auffaffung und hübfcher Ton der Bilder bemerkenswerth; auch die ausgeftellten Porträts von Ganz( Zürich) waren fehr fchön. Schade, dafs diefe anerkannte Firma nicht Mehreres ihrer vorzüglichen Leiftungen exponirt hatte; bedauerlich ift es, dafs die Aufftellung der Bilder höchft ungünftig und zu hoch war, es war kaum möglich, felbe ordentlich zu befichtigen. Auffallend und beinahe unbegreiflich ift es, dafs das Landichaftsfach fo unbedeutend vertreten war. Der einzige Charnaux( Genf) hatte eine Reihe hübfcher Landfchaften ausgeftellt, worunter jene in gröfserem Format als befonders gelungen zu bezeichnen find; man follte kaum denken, dafs in folch' pittoreskem Lande, wo jährlich Taufende von Menfchen hinwandern, um fich an der fchönen, herrlichen Natur Augenweide und Genüffe zu verfchaffen, fich bis jetzt kein bedeutenderer Landfchaftsphotograph gefunden hat. Von Italien haben einige bedeutende Photographen die Ausftellung befchickt, aber leider waren die Bilder zu fehr zerftreut, zu wenig überfichtlich exponirt, als dafs man ein klares Bild der Leiftungen Italiens durch diefelben erhalten konnte. Im Porträtfache ift hervorzuheben Anton Sorgato( Venedig), er brachte verfchiedene Porträts in grofsen Aufnahmen, recht wirkungsvoll und hübfch in Ton, techniſch und künftlerifch gut, auch feine Genrebilder, darunter befonders das Bild„ Die Heimkehr von der Ernte", waren fehr bemerkenswerth; ferner Gebrüder Vianelli( Venedig) mit ihrer Collection Porträts in grofsen Aufnahmen, alle in vorzüglicher Technik, aber nicht alle günftig in Pofe und Beleuch tang; nennenswerth im Porträtfach find noch die Leiftungen der Gebrüder Alinari und Michael Schemboche( beide in Florenz) und Angiolini& Comp.( Bologna). Bedeutender und beffer war das Architektur- und Landfchaftsfach vertreten, für welches das fchöne Italien fo mannigfaltige und dankbare Motive bietet; in erfter Reihe ift hier der rühmlich bekannte Photograph Carl Naya( Venedig) zu nennen, deffen kleinere Bilder, wie auch die ganz grofsen directen Aufnahmen fich purch fehr fchöne Beleuchtung, kräftigen, warmen Ton und ungemeine Schärfe auszeichnen; eine hübfche Wirkung machte das Bild der„ Marcusplatz in Venedig" in Mondbeleuchlung darftellend. Eine ähnliche Sammlung guter Anfichten von Venedig mit und ohne Mondbeleuchtung hatte Peter Bertoja( Venedig) gebracht. Jacob Roffetti( Brescia) fandte eine Anficht der Kirche in beträchtlicher Gröfse( 2 Meter Breite), felbe ift aber aus mehreren Stücken zufammengefetzt. Gebrüder Alinari( Florenz) exponirten eine etwas kleinere Abbildung des Gilbertithores, ferner waren noch hübfche Anfichten der Peterskirche und des Kolloffeums in fehr grofsem Format ausgeftellt von Cuccioni's Witwe( Rom), dann mehrere Albums mit Anfichten von verfchiedenen Photographen, jedoch wenig Beachtenswerthes darunter; aufrichtig gefagt, ich hätte mir von der Ausftel lung Italiens im photographifchen Landfchaftsfache viel mehr und Befferes erwartet. 3 32 Jofef Löwy. Von Schweden hatten ausgeftellt G. Joop& Comp., W. Lundberg, M. Jofephfon, alle aus Stockholm, recht hübfche, nett arrangirte Porträts in guter Ausführung. Eurenius& Qvift( Stockholm) brachten eine Anzahl guter Porträts, eine Collection Nationaltrachten( colorirt) und mehrere Blätter grofser directer Aufnahmen, innere Anfichten einer Ausftellung darftellend, in fehr guter techniſcher Ausführung, und aus Norwegen waren gebracht gute Porträts in kleinem und mittelgrofsem Format von L. Szacinski( Chriftiania), eine Reihe guter landfchaftlicher Bilder in hübfcher Ausführung von Selmer( Bergen). Dänemark. An der photographifchen Expofition Dännemarks haben fich wohl mehrere Photographen betheiligt, hervorzuheben find aber nur Budtz, Müller& Comp., Hofphotographen( Kopenhagen), durch die recht hübfchen Porträts in verfchiedenen Gröfsen. ferner Hanfen, Schou und Weller( Kopenhagen) im Porträtfache und durch ihre Collection dänifcher Nationaltrachten; fchliefslich J. Peterfen( Hofphotograph) durch eine Anzahl guter Porträts. Ferner hatten exponirt: C. Peterfen( Kopenhagen) eine Collection hübfcher Statuen von Thorwaldfen, L. Nielfen, Anfichten von Kopenhagen und Umgebung, S. Nielfen( Slagelfe) verfchiedene Mikrophotographien. Niederlande. Auch die Niederlande hatten die Ausftellung mit guten Photographien befchickt, und zwar zumeift mittelft Druckverfahren ausgeführte. M. B. Verveer( Haag) figurirte durch eine zahlreiche Collection Porträts( meift grofsen Formates) in Lichtdrucken, in welchen er fehr bedeutende Fertigkeit in der Technik, nicht minder auch künftlerifche Auffaffung bekundet; das an die Retouche gewöhnte Auge wird zwar durch manche der ganz ohne diefes Hilfsmittel ausgeführten Köpfe anfangs befremdend berührt werden, bei eingehender Befichtigung aber wird dasfelbe durch die Schönheit und anderweitige künft lerifche Ausführung vollkommen ausgeföhnt. Binger& Chits( Harlem) exponirten ein Album mit Copien fchöner Bilder und Zeichnungen mittelft Lichtdruck erzeugt, welche fich durch hübfche Ausführung und gute Technik auszeichneten, bemerkenswerth dabei war der bei den Bildern angewendete feine, nicht fehr glänzende Ueberzug, der wohlthuend wirkte. Von Mr. C. J. Affer( Amfterdam) war eine grofse Sammlung von Repro ductionen von Holzfchnitten und Stichen, in fehr guter Photolithographie vorhanden, er ftellte gleichzeitig die bezüglichen Matrizen und Steine aus; bei beiden fieht man feine bedeutende Routine und Technik; auffallend war, dafs die Drucke nicht fo fchön und rein waren, als man nach den Steinen fchliefsen konnte; erwähnenswerth ift noch die reichstypographifche Einrichtung( Haag), die Verfchiedenes in Photolithographie und Photozinkographie brachte, und mehrere Anfichten in gewöhnlichen Silberdrucken von F. S. v. Kolkow ( Gröningen). Belgiens Ausftellung war achtenswerth und zeigte, dafs auch dort die Photographen dem Fortfchritte huldigen und fich ernftlich mit den neueren Druckmethoden befchäftigen. J. Maes und Géruzet frères( Brüffel) brachten hübfche Porträts, einige davon in Kohledruck, fehr fchönen und kräftigen Tones mit fchönen Weifsen; erfterer auch Reproductionen nach Zeichnungen und Stichen in recht guten Lichtdrucken; das belgifche Kriegsdepôt hatte ausgeftellt eine bedeutende Anzahl verfchiedener Karten in Photolithographie in reiner, fcharfer und guter Ausführung; von bedeutendem Intereffe waren ferner die vergröfserten Photographien des Mondes von Adolf Neyt( Gent), dann eine grofse Collection gut ausgeführter Reproductionen gröfseren Formates der bekannten Wierz'fchen Gemälde von J. Fierlandtes( Brüffel). Photographie. 33 In Belgien wird übrigens viel mehr und mitunter noch Tüchtigeres geleiftet, als die kleine und unvollständige, wenn auch, wie gefagt bemerkenswerthe Ausftellung darthun konnte. Deutfchlands Photographen haben die Ausstellung quantitiv, wie qualitiv gut befchickt, leider war das Arrangement der Bilder ein höchft mangelhaftes, das heifst, es beftand eigentlich gar kein Arrangement, fondern die Photographien wurden, wo fich eben an der Wand ein Platz fand, gleichviel, ob hoch, ob niedrig, ob zugänglich oder nicht zugänglich, zwifchen und über Clavieren, Geigen, Metallwaaren und Ausftellungsgegenständen aller Art aufgehängt. Vieles dadurch natürlich viel zu hoch, um gut befichtigt zu werden, das Meifte in höchft ungünftiger Beleuchtung. Es wird leider eben von manchen Seiten der Photographie noch immer nicht die erforderliche und verdiente Rückficht gezollt und ihr Einfluss auf die Veredlung des Gefchmackes, ihr Werth für die Kunft und Induftrie nicht genügend gewürdigt. Im Porträt- und Genrefache ragte die berühmte Firma Löfcher& Petfch ( Berlin) hervor, ihre im Handel bekannten und fehr beliebten Genrebilder kleinen Formates haben fchon lange die Aufmerkfamkeit der Fachleute und Kunftliebhaber erregt, diefsmal brachten fie auch Genrebilder in Grofsformat( directe Aufnahmen) mit aufserordentlich künftlerifcher Auffaffung; ihre Porträts find von gleicher Vorzüglichkeit, und können manchem Fachmanne als Beiſpiel und Lehre dienen, wie man trotz einfacher und ruhiger Stimmung und bei Beobachtung feiner Linien und Töne doch Effectvolles erreichen kann; ferner haben Hanfftängl, Franz und Edgar( München), Bieber( Hamburg), Th. Prüm( Berlin), Robert Eich ( Dresden) recht hübfche Portrits und Genrebilder in verfchiedenen Gröfsen in vorzüglicher technifcher Ausführung und feinem Gefchmacke exponirt, nicht minder anerkennenswerthes und von gutem Erfolge begleitetes Streben zeigen auch die Porträts von J. C. Schaarwächter( Berlin) und die Genrebilder von Brafch ( Berlin). Carl Auguft Teich( Firma Hanfftängel in Dresden) behauptete wieder feine eigene Richtung in Porträts auf Ammoniumpapier zu copiren; die Bilder waren fehr fchön arrangirt, die Retouche derfelben zeigte feines, künftlerifches Verſtändnifs und Gefchmack, zwei Bilder mit Landfchaftshintergrund waren fchön componirt, jedoch von eigener Art der Durchführung, welche fich nicht für Maffenproduction eignet, und etwas durch den jetzt nicht mehr gewohnten blauen Ton befremden; hübfche, vergröfserte Porträts waren von Hanfftängl( München), Benque& Kindermann( Hamburg) ausgeftellt. Im Landfchaftsfache zeigte fich ganz befonders das gegenwärtige rege Leben und Schaffen der deutfchen Photographen, es wird in diefer Richtung fehr Vieles geleiftet, da der Handel und Export darin grofse Ausdehnung erlangt hat; leider fteht nicht Alles darin Erzeugte auf einem hohen künftlerifchen Niveau. Johannes Bernhard( Partenkirchen, Baiern) hatte eine grofse Collection vortrefflicher Landfchaftsbilder, Studienblätter für Maler eingefandt, diefelben waren techniſch gut ausgeführt, meift von fchönen, mit gutem Verſtändnifs gewählten Standpunkten aufgenommen; eine bedeutende Sammlung verfchiedener Landfchaften und Architekturen brachten auch G. M. Eckert und Franz Richard ( beide aus Heidelberg), Johann Nöhring( Lübeck), G. Koppmann( Hamburg). Julius Mofer fen.( Berlin) war durch eine Anzahl hübfcher Stereofkopbilder repräfentirt. Was das eigentliche Feld anbelangt, in welchem fich Deutfchland in der Photographie feit Langem hervorthat und wirklich Excellentes leiftete, ich meine in der Reproduction von Kunftwerken, fo fei vor Allem bemerkt, dafs die Ausftellung in diefer Beziehung nicht fo reich und vollkommen befchickt war, als man gewünſcht und gehofft hatte. Die erfte und hervorragendfte Stellung in diefem Zweige nimmt nach wie vor der baierifche Hofphotograph Albert( München 3* 34 Joief Löwy ein, der ja auch der Erfte war, der den Lichtdruck in grofsem Mafsftabe in Anwen dung brachte, und deffen grofser Erfolg mit den Blättern nach Zeichnungen von Kaulbach und anderen Meiftern fchon allgemein genügend anerkannt ift. Seine Lichtdrucke find aber auch fo vorzüglich und haben fich jetzt fchon fo vervollkommnet, dafs bei der Durchficht feiner in der Ausstellung ausgeftellten Albums es felbft dem Fachmanne fchwer war, diefelben von den Silberdrucken zu unterfcheiden. Eine gute Idee, welche von feinem Gefchmacke zeugt, ift es auch, dafs er die Lichtdrucke direct auf Carton druckt, und ich hoffe auch, dafs man mit der Zeit von dem Firniffen der Lichtdrucke gänzlich abkommen wird. Nächft Albert ift Fr. Bruckmann( München), Deutfchlands bedeutendfter Verleger in photographifchen Reproductionen, zu nennen; er brachte wohl nur eine kleine Auswahl aus feiner vortrefflichen Sammlung, wahrfcheinlich in der Vorausficht, dafs feine Photographien ohne diefs jedem Gebildeten bekannt find; feine ausgeftellten Woodburydrucke waren vorzüglich, und zeigten eine Tiefe und Kraft in Ton, ganz ähnlich wie fie bei den Eiweifsbildern zum Vorfchein kommt. Der Dritte, gleich vorzügliche Rivale Franz( Edgar) Hanfftängl aus der Kunftftadt München hat nebft den oben fchon erwähnten Porträts eine vortreffliche Collection photographifcher Reproductionen nach Oelgemälden( feine Specialität) in vorzüglicher Ausführung gebracht. Zu bedauern ift es, dafs aus Berlin, wo fo Vieles und Bedeutendes in diefem Fache reproducirt wird, namentlich von der Photographengefellſchaft dafelbft dann von Milfter etc. nichts exponirt war, nur Guftav Schauer( Berlin) fand fich mit einigen Bildern ein. Höchft Anerkennenswerthes in Thieraufnahmen war von dem bekannten Specialiſten Heinrich Schnäbeli, k. Hof- Photograph( Berlin) ausgeftellt; man fieht ftets an diefen Bildern, dafs er die Eigenthümlichkeit der Thiere genau ftudirt hat und deren Gewohnheiten und Launen gut kennt; befonders fchön find feine componirten Bilder; fie zeichnen fich durch malerifche und lebendige Auffaffung aus. Von Dr. Stein( Frankfurt am Main) waren gute und intereffante Photographien ausgeftellt, die ins Gebiet der Anatomie und Chirurgie fchlagen; über die Art der Ausführung und den dabei angewandten Apparat komme ich noch fpäter zu sprechen. A. Leisner( Waldenburg, Schlefien) hatte fehr fchöne Bilder auf Porzellan und Email in recht klarer Ausführung und von fchönem Ton eingefandt. Im Lichtdruck war Deutfchland am ftärksten und beften vertreten. Albert's Thätigkeit darin habe ich fchon oben erwähnt; nach ihm zeigte fich am hervor ragendften darin J. B. Obernetter( München), der Lichtdrucker par excellence feinem guten, praktiſchen und ficheren Verfahren ift es zu danken, dafs der Lichtdruck immer mehr Anhänger findet; feine ausgeftellten Bilder zeigen, dafs er jeder Gröfse und jeden Genres Herr wird, und feine prompten und fchnellen Lieferungen haben fchon manchen Widerfacher( welche Neuerung hat fie denn nicht?) eines Befferen belehrt; aufserdem find noch fehr achtenswerte und gute Gemofer Leiftungen darin von Römmler& Jonas( Dresden) und von ( München) zu nennen. Der Kohledruck war vorzüglich vertreten durch A. Braun( Dornach) derfelbe hatte meift grofse Bilder, Reproductionen alter Zeichnungen und Stiche in höchft gelungener Ausführung eingefandt. Oefterreich war felbftverftändlich quantitativ der reichlichft vetretene Staat, und qualitativ konnte fich deffen photographifche Ausftellung ohne Scheu mit den Expofitionen fremder Länder meffen; einer der befónderen Vorzüge der öfterreichifchen Ausftellung war das durch die Herren Profeffor Hornig und v. Melingo mit grofser Umficht, Ueberfichtlichkeit, Gefchmack und Verſtändniss geleitete Arrangement. Photographie. 35 Da in Oefterreich wie in allen übrigen Ländern Europas der Schwerpunkt des photographifchen Betriebes zumeift in der Haupt- und Refidenzftadt liegt, fo hat auch auf der Ausftellung Wien weitaus dominirt, und die gröfsten Fortfchritte zur Schau gebracht; in Wien hat fich fchon, als die Photographie fo zu fagen noch auf den Kindesbeinen war, ein grofses Intereffe für diefelbe bethätigt, und manche bedeutende Förderer diefer Kunft, wie Profeffor Petzval, Voigtländer, Bibliothekar Martin, Pretfch u. A. find aus diefer Stadt hervorgegangen und haben in jeder Hinsicht aufmunternd gewirkt. Von allen Gebieten der Photographie wurde in Wien von jeher das Porträtfach am eifrigften cultivirt, Publicum und Photographen haben fich hierin löblich unterſtützt; das grofsftädtiſche, rege, gefellige und gefellſchaftliche Leben die anmuthigen, fchönen und ftets grofsen Gefchmack in der Toilette entwickelnden Damen, die intereffanten und allfeitig beliebten Schaufpielerinen und Schaufpieler in meift fehr dankbaren Coftümen haben den Photographen grofsen Impuls zur fteten Vervollkommnung des Porträtfaches gegeben, wie der bald blühend in Schwung gekommene gegenfeitige Austaufch von Photographieporträts und der Sammlung derfelben in zierlichen Albums diefem Fache reichliche Befchäf tigung gab; anderfeits wurde diefe Vorliebe durch die eifrige und redliche Bemühung der Photographen, immer Neues und Vorzüglicheres zu bieten, auf die günftigfte Weife genährt. Da an der Spitze mancher Ateliers Männer von tüchtiger techniſcher Bildung und künftlerifchem Wiffen ftanden, bürgerte fich eine gefchmackvolle, malerifche Auffaffung ein, die Retouche wurde mit Verſtändnifs benützt, und auf forgfältige, gewiffenhafte Ausführung fowie elegante Ausftattung das gröfste Augenmerk gerichtet; fo hat fich, man könnte fagen, eine Wiener Schule gebildet, die durch manche ihrer Jünger auch nach Aufsen hin fördernd wirkte, und für Wien die Porträtphotographie zu einer Specialität erften Ranges empor hob; wo immer diefelbe auf den Ausftellungen erfchien, hat fie fich als folche hervorgethan, und allfeitige Anerkennung erworben. Die Wiener Porträtftudien find fo ein Handelsartikel geworden, der in alle Länder der Welt verfendet wird, und durch die Sammler, Künftler und felbft Photographen eifrige Abnehmer findet. Hof- Photograph Ludwig Angerer war der erfte, der ein grofses Atelier für Porträtphotographien in Wien eröffnete, und durch feine tüchtigen Leiftungen nicht nur die Aufmerkſamkeit des Wiener wie des auswärtigen Publicums auf fich zog, fondern auch vielen Fachmännern als Vorbild diente. welch' letztere ihm bald mit Eifer und theilweifem Erfolge nachftrebten. Auf der Ausftellung waren Ludwig und Victor Angerer durch gute Porträts und Landfchaften, durch fehr gelungene Interieurs und durch eine Anzahl der bekannten Blätter mit Abbildungen von Gegenftänden alter Kunftinduftrie aus dem Muſeum vertreten. Ludwig Angerer hatte auch verfchiedene fchöne Lichtdrucke ausgeftellt, welche bedauern laffen, dafs er fich mit diefem Verfahren nicht mehr befchäftigt. Das Porträtfach wurde durch das fpätere Einwirken mehrerer anderer tüchtiger Photographen wie Jagemann, Rabending, Luckhardt, Dr. Szekely, Gertinger, Perlmutter( Adéle), J. Löwy u. A. immer forgfältiger und künftlerifcher cultivirt, und kam dadurch wie auch durch die Einführung der Negativretouche zu fteigender Bedeutung und Beliebtheit. Was die einzelnen Ateliers betrifft, fo werden in denfelben in der Praxis verfchiedene Beftrebungen verfolgt, deren verfchiedene Erfolge man denn auch in der Ausftellung beachten konnte. Hof Photograph Herr Fritz Luckhardt zeigte fich namentlich in Damenporträts in ganzer Figur als Meifter in feinem Fache. Die mife- en- fcéne, das Arrangement der Perfonen und ihrer Toiletten, die Wahl des Beiwerkes, in welchem er grofse Mannigfaltigkeit entfaltete, fowie die Wahl der Hintergründe verriethen feines künftlerifches Verftändnifs und die technifche Durchführung war von einer 36 Jofef Löwy. Vorzüglichkeit, wie fie wenig andere feiner Collegen erreicht haben; fehr charakteriftifch waren die von diefem Photographen ausgeftellten grofsen Künftlerköpfe theils in Rembrandt'fcher, theils in gewöhnlicher Beleuchtung. Mit feinen gemalten hübfchen Stereofkopporträts hat er einen glücklichen Wurf gethan, hoffentlich gelingt es ihm, das Publicum für diefes Genre zu animiren, jedenfalls wird er die Photographen zur Nacheiferung anfpornen. Auch Gertinger brachte gelungene Künftlerporträts, ganze Figuren und Bruftbilder in directen grofsen Aufnahmen, aufserdem eine Collection- Porträts in Cabinet- und Vifitformat, welche fich durch gutes Arrangement und vorzügliche Technik bemerkbar machten. Dr. Szekely's reich befchickte Ausstellung fchlofs fich der vorgenannten vollkommen ebenbürtig an, auch er verbindet feinen künftlerifchen Gefchmack mit techniſcher Tüchtigkeit. Perlmutter( Adéle) hat durch die exponirten Bilder felbft die Fach. männer überrafcht; die Köpfe intereffanter Perfönlichkeiten, directe grofse Auf nahmen in höchft wirkungsvoller Beleuchtung, unterſtützt durch fehr freigebig angebrachte Retouche, machten bedeutenden Effect; auch die kleinen Aufnahmen waren gefchickt und wirkungsvoll. Rabending zeigte fich in verfchiedenen Richtungen tüchtig; Porträts, Interieurs, Perfonen zu Pferd und zu Wagen, Künftlerfiguren etc.; die letzteren, Coftumebilder hiefiger Künftler, waren namentlich dadurch intereffant, dafs fie in directem Sonnenlichte mit gut gewählter, natürlicher Staffage aufgenommen waren. Ausserdem waren von ihm fchwarze photographifche Porträts in der Manier der Chromophotographie ausgeftellt, die wir wohl als einen vorläufig nicht ganz geglückten Verfuch anfehen können. Ziemlich reich war auch das Atelier J. Löwy im Porträtfache, erfter Affiftent L. v. Krakow, vertreten, wovon namentlich die directen grofsen Aufnahmen durch fchöne Wirkung fich bemerkbar machten; bei diefen wie bei den kleinen Porträts war das Beftreben herauszufühlen durch einfache, und ruhige Stimmung und Vermeidung alles überflüffigen Beiwerkes eine angenehme Wirkung zu erzielen. Ganz einfache, aber dennoch fehr wirkungsvolle Stimmung zeigten Jagemann's kleine und grofse Porträts, von welchen auch die geläuterte künftlerifche Auffaffung und das feine Formverſtändnifs zu loben war; eine Sonderftellung nimmt derfelbe gegenüber den anderen Photographen noch immer dadurch ein, dafs er die Negativretouche fehr mafsvoll anwendet. Nicht übergehen können wir auch die recht hübfchen Porträts von Stockmann, dann die reichhaltige und intereffante Collection Wiener Damen- und Studienköpfe aus Czihak's Verlag; C. Matzner's Genrebilder mit hübfchem, paffendem landfchaftlichem Arrangement, die grofsen Porträts und gut arrangirten Gruppen von Carl Kroh fowie die Porträts der Hof- Photographin Rofa Jenik, Jofef Hoffmann, Othmar v. Türk, Jofef Ungar und Xaver Maffak. Aus den Provinzen ift im Porträtfache vor allen G. Sebaftianutti( Trieft) hervorzuheben; er hatte eine reichhaltige Sammlung fchöner, kleiner und grofser Porträts ausgeftellt, fämmtliche hübfch aufgefafst und wirkungsvoll. Sebaftianutti machte fich in verfchiedenen Richtungen bemerkbar, auf die ich noch zurückkomme; ihm reihte fich beftens J. B. Rottmayer( Trieft) an mit feinen recht hübfchen, malerifch wirkungsvollen Genreporträts in Rembrandt- Beleuchtung, ferner hatten recht gute Porträts ausgeftellt G. Klöfs( Peft, A. Red( Linz) Beer( Klagenfurt). In Vergröfserungen war zwar nicht viel, aber manches Treffliche zu fehen, die gröfste Serie war von J. Löwy in der additionellen Ausftellung exponirt, Gertinger hatte fehr hübfche Bilder mit und ohne Retouche gebracht; von Rottmayer( Trieft) waren zwei grofse Knieftück- Bilder und ein grofses Gruppenbild( Kinderporträts) fehr fcharf, in fchönem Ton und guter Retouche vorhanden. Franz Scholz( Wien) hatte Vergröfserungen mit etwas zu vieler Retouche exponirt, auch Sebaftianutti( Trieft) hatte einige gelungene Vergröfserungen Photographie. 37 eingefandt. Chromophotographie- Porträts waren durch Kofitz( Prefsburg) in fehr kräftigem und naturwahrem Colorit vertreten. Die Landfchaftsphotographie hat fich erft feit einigen Jahren zu einer gröfseren Bedeutung in Oefterreich emporgefchwungen; früher befchränkte fich diefelbe faft nur auf die Aufnahmen verfchiedener Anfichten des vielbereiften Salzkammergutes, in neuerer Zeit hat aber das Landfchaftsfach reichlichen und dankbaren Stoff durch die vielen und intereffanten Bahnbauten, fowie die grofsartigen Achitekturfchöpfungen in Wien erhalten. Unter den Photographen, welche diefe Richtung mit befonderem Nachdrucke und Erfolg pflegten, ftanden die Ateliers Dr. Heid, Löwy( technifcher Leiter Max Jaffé) Victor Angerer obenan. Die Expofition des Erftgenannten, Dr. Heid, beftand aus einer reichen Auswahl äufserft gelungener intereffanter, landfchaftlicher Scenerien, worunter befonders die grofsen Aufnahmen der Steinbrüche der Wiener Baugefellſchaft und der Anfichten aus Vordernberg hervorzuheben find. Löwy hatte einige Blätter feiner Aufnahmen von Bahnbauten der Nordweft- Bahn und der Carlsftadt- Fiumaner Strecke exponirt, aufserdem noch Wiener Anfichten und grofse directe Aufnahmen der Votivkirche und der neuen Fünfhaufer Kirche, Statuen etc. Max Jaffé feparat das Veftibul der Oper und des Muſeums fehr fchön in grofsen directen Aufnahmen. Victor Angerer brachte ein Album mit vortrefflichen Wiener Anfichten, darunter mehrere Interieurs und fuperbe Anfichten aus Steiermark und Carl Haak auch eine Serie vorzüglicher Anfichten Wiens, ebenfolche brachte auch die Firma Frankenftein& Comp. Baldi( Salzburg) rückte den Befchauern das herrliche Gebirgspanorama diefes Landes, von vortrefflich gewählten Standpunkten aus aufgenommen und in fehr hübfcher Ausführung vor, Johann Reiner ( Klagenfurt) prächtige Anfichten aus Kärnten, G. Klöfs( Peft) mehrere fehr gelungene Aufnahmen von Fabriken etc. F. Jantfch( Reichenberg) verfchiedene Anfichten. Aeufserft gelungen und fchön waren die grofsen Aufnahmen und Interieurs der Kirche in Steinamanger, fowie einige darin befindliche Deckengemälde von Franz Knebel( Oedenburg) und verfchiedene Landfchaften von F. Friedrich( Prag). Von Friedrich Bopp( Innsbruck) war eine fehr intereffante Collection Basreliefs und alter Rüftungen in grofsen, fchönen Aufnahmen ausgeftellt. Ebenfo hochintereffant und vorzüglich in der technifchen Ausführung waren die Landfchaften und Volkstypen, von der Polarexpedition des Johann Grafen Wilczek, einige Aufnahmen darunter mittelft Tanin- Trockenplatten gemacht, und die trefflichen Bilder aus China und Japan vom Hof- Photographen Wilhelm Burger( beide aus Wien). Freiherr v. Still fried exponirte eine bedeutende Collection fowohl kunftlerifch als techniſch vorzüglicher Landfchaften und Anfichten aus Japan. Als eminenter Specialift zeigte fich L. Schodifch in Thieraufnahmen; diefe Bilder die beften diefes Genres auf der Ausftellung zeugten von feiner Empfindung und Auffaffung. Franz Antoine exponirte eine Collection fehr fchöner Photographien aus feinem Werke( die Cupreffinengattungen); die Pflanzen find aufserordentlich gut zur Darstellung gebracht, ferner zeigte er Reproductionen von Stichen- und Handzeichnungen, vortreffliche Kohlendrucke in verfchiedenen Farbentönen. Carl Haack( Wien) excellirte in Mikrofkop- Photographie, derfelbe brachte auch eine Anzahl fehr guter Reproductionen von Gemälden, älterer und neuerer Meifter. Erwähnenswerth find noch die Stillleben( Aufnahmen von todtem Geflügel) von Julius Schindler( Wien), die Aufnahmen von Blumen und Infecten von Friedrich( Prag) und verfchiedene Aufnahmen von Mafchinen Skutta( Wiener Neuftadt). von Carl Die Photographie in ihrer Anwendung auf induftriellem Gebiete zeigte fich in Oefterreich gering vertreten, man beginnt jedoch auch diefes Feld 38 Jofef Löwy. mehr und mehr zu cultiviren, wozu hoffentlich die vermehrte und allgemeine Einführung des Lichtdruckes und anderer Druckverfahren hilfreich Hand leiften wird. In Heliogravuren und Photolithographien zeigten das k. k. militärgeographifche Inftitute in Wien, die eminenteften und hervorragendften Leiftungen auf der Ausftellung; diefs wurde auch von der Jury durch die Ver leihung des Ehrendiploms anerkannt Schon feit Langem find die Leiftungen diefes Inftitutes in Karten, auf photographifchem Wege erzeugt, bekannt, diefsmal brachte es jedoch felbe in einem fehr grofsen Format und in einer bisher noch nirgends erreichten Reinheit der Ausführung; die Reproductionen( Copien von Stahl- und Kupferftichen, Landfchaften, Köpfe etc.) in Heliogravure mittelft Galvanoplaftik erzeugt, find überrafchend, die Abzüge zeigen eine Tiefe und Kraft und eine érftaunliche Reinheit und Wirkung, von den beigelegten Originalen nicht zu unterfcheiden. Die mitausgeftellten Steine und Kupferplatten waren überaus trefflich. Hauptmann Joh. Schopf( Wien) brachte auch recht bemerkenswerthe Photolithographien, nämlich verfchiedene Pläne und Spitzenmufter. Der vielfeitige, gediegen technifch gebildete und äufserft ftrebfame Jul. Leth( Wien) hatte eine bedeutende Collection Emailphotographien, PhotoLithographien, Xylographien und Phototypien, alle in vorzüglicher, fchöner Aus führung ausgeftellt. Der Lichtdruck war vertreten durch Ludwig Angerer, wie fchon oben erwähnt, von dem ebenfalls fchon genannten Sebaftianutti( Trieft), welcher in diefem Fache reichlich und mannigfaltig ausgeftellt hatte, ich erinnere an die mit aufserordentlicher Feinheit und Zartheit wiedergegebenen Porträts, die verfchiedenen reizenden Anfichten von Schlofs Miramare, in kleinerem und recht grofsem Formate, darunter auch einige vortrefflich aufgenommene Interieurs. Löwy( Wien), der fich erft feit Kurzem mit dem Lichtdrucke befchäftigt, brachte einige Anfichten aus Japan nach Matrizen von Baron Stillfried, einige Wiener Anfichten, fo wie mehreres auf photolithographifchem Wege Erzeugte; zugleich demonftrirte derfelbe das Druckverfahren durch eine in der Ausftellung aufgeftellte Preffe praktiſch vor dem Publicum; endlich war noch Alexander Beczedes( Gran) durch recht hübfche Landfchaftsbilder und fehr gute Repro ductionen von Stichen, mittelft Lichtdruck erzeugt, vertreten. Wir fehen, dafs fich Oefterreich mit Eifer auch den neueren photographifchen Verfahren zuwendet, es wird wohl auch der jetzt noch unbeachtet gebliebene Kohledruck und Woodbourydruck hoffentlich bald Eingang finden, und überhaupt die Photographie in allen ihren Zweigen mit Ernft und Beachtung aller wichtigen Neuerungen gepflegt werden. Die rührige photographifche Gefellſchaft wird es an Anregung, Initiative und Unterſtützung ihrerfeits gewifs nicht fehlen laffen, vielleicht läfst fie fich beftimmen, nach den Beiſpielen der photographifchen Gefellſchaften in Paris und London periodifche photographifche Ausftellungen zu veranstalten, zu welchen es jetzt wohl an geeigneten und paffenden Localen in Wien nicht fehlt, und welche gewifs fowohl in Bezug auf die Photographen als auf das Publicum zu den erften Förderungsmitteln diefes Kunftzweiges gehören; an Intereffe und lebhafter Theilnahme hiefür dürfte es wohl auf beiden Seiten nicht fehlen. Ungarn. Die photographifche Ausftellung Ungarns war gerade nicht fchwach befchickt, dennoch können wir nur Einiges hervorheben; mehrere der bedeutenderen Photographen hatten unter Oefterreich, als Mitglieder der photographifchen Gefellfchaft ausgeftellt, und wurden auch dort genannt. Hervorragend in der ungarifchen Abtheilung war das Porträt und Genrefach repräfentirt, in letzterem lernten wir namentlich in Profeffor Koller( Biftritz, Siebenbürgen) einen äufserft tüchtigen Vertreter kennen, der in diefem Zweige kaum von irgend einem Anderen übertroffen wird. Seine Bilder, in denen er meiftens Scenen aus dem Siebenbürger Dorfleben fchildert, zeichnen fich vor Allem durch eine natürliche, malerische und Photographie. 39 lebendige Gruppirung aus, und find auch in techniſcher Hinficht tadellos ausgeführt; indem er für feine Darftellungen ftets charakteriftifche Typen und getreue Coftüme wählt, haben diefe Bilder entfchieden auch ethnographifchen Werth und Intereffe. Die Chromophotographien Profeffor Koller's, die fchönften der Ausftellung, laffen nicht minder den feinfühligen Maler erkennen; diefelben leiden auch nicht, wie fonft gewöhnlich, durch unnatürliche, affectirte Farbe, fondern find im Gegentheile fehr harmoniſch und fein in ihrer Wirkung. Eine fehr fchöne und fchwierige Aufgabe hatte fich Michael Rupprecht ( Oedenburg) geftellt, er brachte nämlich Kinder in ihren Spielen und Beluftigungen, in den verfchiedenften Gruppen, welche in ihrer Natur und Ungefuchtheit, in ihrem lebendigen, frifchen Humor, wie durch ihre gelungene Ausführung ihre anfprechende Wirkung auf Niemanden verfehlten; namentlich wer die Schwierigkeit von Kinderaufnahmen kennt, wird diefe Bilder befonders zu würdigen wiffen. Eduard Ellinger( Peft) hatte hübfche Porträts eingefandt, worunter zwei fchöne, in Aquarell übermalte Bildniffe Prinz Ludwigs von Baiern und Prinzeffin Gifela; mit recht guten Porträts waren weiters Béla Gevay, Franz Kozmata, Albert Doktor, Ignaz Schrecker( alle in Peft) vertreten. Im Landfchaftsfache war aus Ungarn wenig exponirt. Carl Diwald( Peft) brachte hübfche Karpathenlandfchaften in guter Auffaffung und guter Technik. Elias Plohn( Hödmezö- Váfárhely) und Max Stern( Trentfchin) zeigten recht gute landfchaftliche Aufnahmen. Rufsland. Ziemlich lebhaftes Intereffe boten die Photographien aus Rufsland, und man konnte aus denfelben erfehen, dafs auch in diefem Reiche fo ziemlich alle Zweige der Photographie gepflegt werden. Im Porträtfache ift zuerft Carl Bergamafco( Petersburg) zu nennen, welcher fehr fchöne Cabinetporträts, die fich durch gefchicktes Arrangement, höchft wirkungsvolle Beleuchtung und tiefen kräftigen Ton auszeichneten, ausftellte; der prächtige Effect, durch welchen die Bilder Bergamafco's auffallen, ift durch fehr dunkle Hintergründe, weifse Lichter und fchöne, harmonifch verbindende Mitteltöne erzeugt; denfelben reiht fich würdig an Johann Mieczkowski( Warfchau), deffen Porträts, grofse directe Aufnahmen, wenn auch künftlerifch nicht immer glücklich aufgefafst, doch alle von tüchtiger technifcher Vollendung zeugten; fehr fchön waren feine Kohlebilder und kaum vom Silberdruck zu unterfcheiden. Auch Koftka& Mulert ( Warfchau) hatten gute directe Aufnahmen groiser Porträts ausgeftellt. Denier und Johann Hoch( beide aus St. Petersburg) hatten Bilder ohne Negativretouche( durch Anwendung doppelter Negativs copirt) eingefandt. Die Lichter auf diefen Bildern zeigten fich durch diefes Verfahren weiſser, aber auch etwas härter. Im Landfchaftsfache und Lichtdrucke hatten Dutkewicz und Fajans( beide in Warfchau) manches Bemerkenswerthe ausgeftellt. Im hohen Grade intereffant war die Ausftellung der kaiferlich ruffifchen Expedition zur Anfertigung von Staatspapieren, in ihren Karten und Plänen und anderen Objecten, in welchen die bedeutende Leiftungsfähigkeit der Heliographie ( Director der bekannte Scamoni) wie der Galvanoplaftik erfichtlich war; diefelbe hatte ein ebenfo bemerkenswerthes als lehrreiches Ausftellungsobject geliefert. Griechenland war durch Peter Moraitis( Athen), einen fehr tüchtigen Landfchaftsphotographen, vertreten;. er brachte eine bedeutende Collection grofser Aufnahmen von landfchaftlichen, architektonifchen Anfichten und Denkmälern Griechenlands in fehr fchöner Auffaffung und vorzüglicher Technik. Aus der Türkei lernten wir einen fehr bedeutenden, tüchtigen und viel feitigen Photographen in P. Sebah( Conftantinopel) kennen; derfelbe brachte verfchiedene grofse landfchaftliche und architektonifche Anfichten von Conftantinopel und Egypten in fehr fchöner Auffaffung und vollendeter Technik; auch die 40 Jofef Löwy. exponirten Interieurs und das grofse Panorama von Conftantinopel aus mehreren Aufnahmen zufammengefetzt find vorzüglich gemacht, aufserdem zeigte er noch recht hübfche Porträts und mehrere Bilder in Lichtdruck und Photolithographie in vortrefflicher Ausführung. Egypten. Eine fehr hübfche Collection von verfchiedenen und vortrefflichen Photographien war in dem egyptifchen Bau des Khedive vom Photographen Schöfft( Kairo) ausgeftellt. Schöfft hatte vom Vicekönig den ehrenden Auftrag, Land und Leute Egyptens in Photographien zur Anficht zu bringen, und er hat diefe Aufgabe fehr entſprechend gelöft. Die von ihm gebrachten Genrefiguren und Gruppenbilder in directen grofsen und kleinen Aufnahmen waren fehr malerifch und charakteriftifch aufgefafst und in vorzüglicher Technik ausgeführt, von gleicher Vorzüglichkeit waren auch die grofse Anzahl feiner Aufnahmen der egyptifchen Bauten und der neuen dortigen Fabriksanlagen, fowohl Interieurs als Exterieurs. Die Thätigkeit der Wiener Photographen- Affociation für die Weltausftellung 1873. Es bedarf wohl keines befonderen Hinweiſes, dafs der Photographie bei den grofsartigen internationalen Ausftellungen eine ganz befonders wichtige und umfangreiche Aufgabe zufällt. Durch die Photographie ift es möglich, beffer und verftändlicher als durch alle Befchreibungen und Statiftiken für fpätere Zeiten ein lebendiges, anfchauliches Bild der Gefammtausftellung, wie der taufendfältigen Einzelheiten derfelben zu gewinnen; die Photographie ermöglicht es Jenen, welche nicht in der Lage find, eine Ausftellung zu befuchen, fich dennoch ein ziemlich klares Bild von ihr zu machen; die photographifche Nachbildung ift für die meiften Ausftellungsgegenftände, namentlich für viele Producte der Induftrie, des Mafchinenwefens, der Künfte die geeignetfte und wirkfamfte Reclame; die Photographie kann uns den beften Ausftellungsbericht, fie kann uns das fchönfte und werthvollfte Andenken an die Ausftellung verfchaffen. Bei den bisherigen Parifer und Londoner Weltausftellungen hat aber die Photographie die ihr zufallende Aufgabe nicht in entſprechender Weife erfüllt. Bei der letzten Parifer Ausftellung wurden bekanntlich einem einzigen Photographen, Pièrre Petit, fämmtliche photographifche Arbeiten übertragen; derfelbe hatte fich weder für das grofse Unternehmen genügend vorbereitet, noch war er in anderer Beziehung der Riefenaufgabe gewachfen, und überdiefs wurden ihm von Seite der damaligen Ausftellungscommiffion noch mancherlei Hinderniffe in den Weg gelegt. Die Folge davon war, dafs trotzdem Herr Pièrre Petit fpäter noch mit Subunternehmern fich in Verbindung fetzte, die Gefammtheit der Aufnahmen nur ein höchft lückenhaftes Bild der Ausstellung bot, und namentlich viele Ausfteller nicht die gewünſchten Photographien ihrer Expofition und Objecte erhalten konnten. Bei Inangriffnahme unferer Weltausftellung wurde gleich zu Beginn der Aufgabe, welche die Photographie auf derfelben erfüllen follte, ein befonderes Augenmerk zugewendet. Der Herr Generaldirector Seine Excellenz Baron Schwarz- Senborn brachte die Frage, in welcher Weife die photographifchen Arbeiten in Bezug auf die Ausftellung ausgeführt werden follten, vor die Wiener photographifche Gefellſchaft und erfuchte diefelbe, ihm Vorfchläge in diefer Beziehung zu unterbreiten; im Schofse der genannten Gefellſchaft traten zwei Vorfchläge zu Tage: der eine dahin gehend, die Betheiligung der Ausftellungsaufnahmen allen Photographen zugänglich zu machen, der andere, von mir ausgehende, vertrat die Anficht, dafs durch Vereinigung einer Anzahl von Fachmännern die Aufgabe ficherer, fyftematifcher und Photographie. 41 zweckentiprechender gelöft werden könne; der letztere Vorfchlag fand die Zuftimmung des Herrn Generaldirectors, und in Ausführung desfelben traten die Herren Frankenftein& Comp.( technifcher Leiter: Frankenftein), Oskar Kramer( technifcher Leiter: Jägermayer), Klöfz( technifcher Leiter: von der Lippe), J. Löwy( technifcher Leiter: Jaffé) unter dem Namen„ ,, Wiener. Photographen- Affociation für die Weltausftellung 1873" zufammen. وو Diefe Affociation begann fich fofort dem grofsartigen Werke und ihrer wichtigen und fchwierigen Aufgabe entſprechend zu rüften; fie zog für einige Specialfächer bewährte Hilfskräfte herbei, wie z. B. E. Lamy, Paris, für Stereofkopen, Schnaebeli in Berlin für Thieraufnahmen und Obernetter in München für Lichtdruck. Auf dem Weltausftellungs- Platze, und zwar am Ufer des Heuftadel- Waffers, wurde ein ftockhohes, eifernes, englifches Haus mit 10 Fenſtern Front errichtet, welches fich neben der wechfelreichen Architektonik der gegenüberftehenden orientalifchen Bauten ziemlich fchmucklos repräfentirte, aber dafür durch die Einfachheit und Zweckmäfsigkeit der Conftruction und durch äufserft praktiſche Eintheilung feiner Räume fich auszeichnete. Ebenerdig befanden fich die vier Ateliers der vier Chef- Operateurs mit vier Remifen für die acht mit je zwei Dunkelkammern und allen zu photographifchen Aufnahmen nöthigen Requifiten aufs Praktiſchefte ausgeftatteten Wägen, dann das Bureau zur Entgegennahme von Aufträgen; im erften Stocke befanden fich die Wohnungen der befchaftigten Photographen und ihrer Hilfsarbeiter; im Ganzen zählte das Haus 20 Piècen. Das gefammte Arbeitercorps der Wiener Photographenaffociation auf dem Weltausftellungs- Platze betrug zwifchen 40 und 50 Mann, aufserdem nahm das Copiren, Färben, Cachiren und Retouchiren der Bilder, welches in den eigenen Ateliers der Mitglieder beforgt wurde, eine fehr grofse Anzahl von Leuten in Anfpruch. Die Aufnahmsarbeiten der Affociation begannen gleichzeitig mit den erften Vorarbeiten zu den Bauten auf dem Weltausftellungs- Platze und die 150. Aufnahmen der verfchiedenen Stadien im Baue der Rotunde, des Induftriepalaftes etc. gehören zu den intereffanteften und lehrreichften Blättern der ganzen Ausftellungscollection und leiten gewiffermafsen die Gefchichte der Ausftel lung ein. Von Eröffnung der Ausftellung an bereiteten das anhaltend fchlechte Wetter, fowie die Unfertigkeit der Inftallirungsarbeiten viele Hinderniffe und Unannehmlichkeiten, trotzdem wurden fchon damals viele Aufnahmen gemacht, die Thätigkeit der Photographen fteigerte fich bei der Ende Juni eintretenden günftigeren Witterung und zum Schluffe der Ausftellung betrug die Anzahl der äufseren Aufnahmen von Gebäuden und inneren Totalanfichten in Quart-, Cabinet- und Vifitformat ungefähr 1700, in Grofsfolio 250, in Stereofkop 500, von Kunftwerken ( Bilder und Statuen) 380, von Privatbeftellungen, meift in Grofsfolio und Quart, circa 820; von den meiften der Aufnahmen wurden je 3 bis 6 Quart-, 6 bis 10 Cabinet- und 10 bis 15 Vifitnegativs gemacht und hiedurch dem Kunsthandel in kurzer Zeit circa 1/2 Million Bilder zugeführt; die Vervielfältigung in Silberdruck und Lichtdruck war natürlich eine maffenhafte. Diefe Refultate geben gewifs ein glänzendes Zeugnifs für die tüchtige Organiſation und aufserordentlich rege Thätigkeit der Photographenaffociation ab; dafs trotzdem die pecuniären Ergebniffe weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben find, daran find wohl zunächft die gleich bei Beginn der Ausftellung eingetretenen höchft mifslichen Geldverhältniffe, fowie der im Allgemeinen fchwache Befuch der Ausftellung und fchliefslich noch der Umftand Schuld, dafs die von der General direction in Ausficht genommene und verfprochene Inftallirung eines umfangreichen Vertriebes der Photographien auf der Ausftellung zu fpät und höchft mangelhaft in Scene gefetzt wurde, fo dafs die Affociation fchliefslich genöthigt war, felbft und auf eigene Koften in den inneren Räumen Verkaufstifche. aufzuftellen und Verkäuferinen zu engagiren 42 Jofef Löwy. Wie aber das Princip der Affociation von Fachmännern zur Bewältigung der Riefenaufgabe, welche eine grofse Ausftellung an die Photographie ftellt, fich bewährt hat, und ob bei künftigen derlei Anläffen von diefem Principe abgegangen oder dabei geblieben werden folle, darüber geben wohl die vorher erwähnten Refultate, der Vortheil für das Publicum alles die Ausftellung Betreffende in einer Hand vereinigt zu finden, fowie die Thatfache am beften Antwort, dafs noch auf keiner früheren Ausftellung die photographifchen Aufnahmen fo vollftändig und einheitlich durchgeführt, alle Beftellungen fo prompt geliefert worden find, und dafs die Gefammtheit der Bilder, welche die Affociation ausführte, die Weltausftellung 1873 in ihrer Gänze vom Beginne bis zu Ende repräfentirt und illuftrirt und dadurch gewiffermafsen ein Monument derfelben für alle Zeiten bildet. Photographifche Apparate und Geräthfchaften An photographifchen Objectiven war auf der Ausftellung leider nur Weniges vorhanden, und unter diefem Wenigen gar nichts Neues zu bemerken, zudem befanden fich diefe Objective wie auch die anderen Apparate meift in gefchlof. fenen Käften, und waren daher einer Unterfuchung und Probe nicht zugänglich. Darlôt, Hermagis, Derogy( aus Paris) hatten verfchiedene Objective eingefandt, die Rathenower optifche Induftrie- Anft alt, vormals Emil Bufch brachte eine Anzahl derfelben, alle waren jedoch nach den bisher bekannten Principien für Porträts- und Landfchaftsaufnahmen conftruirt; die Matadoren in diefem Fache Voigtländer( Braunfchweig) und Dallmayer ( London) fehlten auffallender und bedauerlicher Weife gänzlich. Von photographifchen Cameras, Stativen, Zelten etc. war etwas mehr vor zufinden; fo hatten Anthony E. und H. T.( New- York) verfchiedene grofse und kleine Cameras, auch folche für Stereofkopaufnahmen und Multiplicators in recht zweckmässiger und folider Ausführung ausgeftellt. Die letzt erwähnten Cameras fcheinen in Amerika fehr ftark in Anwendung zu fein, felbe find auch für Maffenerzeugung kleiner Bilder fehr praktiſch und empfehlenswerth. Die American Optical Company ftellte auch eine bedeutende Anzahl gut gearbeiteter Cameras und Stative aus, die Blasbälge bei den Cameras waren zum Theile aus Guttapercha, theils aus Leder gemacht, letztere würde ich der Solidität wegen vorziehen. George Hare( London) hatte eine gröfsere Expofition meift neuerer Apparate hiehergebracht, feine verfchiedenen Cameras und Stative( kleine und grofse) machten fich durch fehr folide und nette Ausführung bemerkbar. Bei der Ausftellung des Photographen Carlos Relvas( Oporto) fand ich ein fehr praktiſches, finnreiches Einlagebret für grofse Cameras; auf diefem Brete waren vier verfchiedene Landfchaftsobjective in verfchiedener Brennweite derart angebracht, dafs man felbe durch einfache Drehung wechfeln konnte, fo dafs der Photograph das ihm für den aufzunehmenden Gegenftand geeignetfte Objectiv durch einfache Drehung feftftellen kann, und fich dadurch das Auf- und Abfchrauben verchiedener Objective erfpart. Aus Deutſchland betheiligte fich an der Ausftellung Dr. Stein( Frankfurt am Main) durch Beftandtheile und Proben feines intereffanten Heliopictors, eine Art felbftthätigen photographifchen Apparates, namentlich für wiffenfchaftliche Zwecke beftimmt. Dr. L. Harnecker( Wriezen an der Oder) durch einen Vergröfserungsapparat mit Benützung künftlichen Lichtes; A. Stegmann( Berlin) durch mehrere Cameras und Stative in den üblichen Formen. Mofer( Berlin) ftellte unter Anderem eine neuartige Vorrichtung, Vitofkop genannt, welches in der Art der Stereofkoprevolver zur Befichtigung einer grofsen Anzahl von Vifit karten Bildern dient. Photographie. 43 Wien war durch die hervorragendften Firmen für photographifche Bedarfsartikel vertreten. Ich erwähne vor Allem die Ausftellung von Stativen und Cameras des Anton Goldmann; feine grofse Camera für 5 Zoll Objectiv zeichnete fich durch fehr forgfältige und nette Ausführung in neuefter Conftruction aus; felbe ift mit Meffingprisma, Central- Stelltrieb zu haarfcharfer Einstellung, doppelt beweglicher Vifirfcheibe ohne Contrefchraube eingerichtet. Das Verfchieben der Objective ift höchft einfach und zweckmäfsig mittelft Trieb eingerichtet; ebenfo praktiſch war fein ausgeftelltes Salonftativ conftruirt, die vier Füfse ruhen auf Rollen, das Stativ kann mittelft Trieb gehoben und gefenkt, gleichzeitig auch nach jeder Lage dirigirt werden, aufserdem ift noch eine Sperre angebracht, durch welche Statif mit Kammer auf jeden beliebigen Punkt feftgehalten werden kann. Weiters waren von demfelben Ausfteller noch fehr hübfch gearbeitete kleinere Cameras für Vifit-, Cabinet- und Stereofkops mit neuartigem Mechanismus exponirt, bei den Caffetten fämmtlicher Cameras find die als praktiſch anerkannten Silberecken angewendet. Alle genannten Arbeiten zeichneten fich bei grofser Eleganz durch Solidität und Feftigkeit aus. Auch F. Köhler hatte Cameras, Stative und Zelte in verfchiedenen Gröfsen und in fehr folider, fchöner Arbeit ausgeftellt. Die allfeitig wohlbekannten Firmen Oskar Kramer, A. Moll und Auguft Angerer waren durch Cameras, Stative, Möbel und Hintergründe für photographifche Ateliers, Chemikalien und fonftige einfchlägige Bedarfsartikel vertreten. A. Moll's Expofition zeichnete fich durch Vielfeitigkeit, Reichhaltigkeit und fehr gefchmackvolles Arrangement aus. Trapp und Münch ftellten Mufter ihrer Eiweifspapiere nebft Bilderproben auf denfelben aus. Die in Wien erzeugten Bedarfsartikel, namentlich die feinen Tifchlerarbeiten, erfreuen fich übrigens feit jeher bei allen Fachmännern des In- und Auslandes befonderer Anerkennung und Beliebtheit. MUSTER- ZEICHNUNGEN UND DECORATIONSMALEREI. ( Gruppe XII, Section 6.) Bericht von F. LIE B Profeffor in Wien. Es liegt nicht in unferer Abficht, den hier folgenden Bericht auf die unter diefer Gruppe exponirenden Mufterzeichner und Decorations maler allein zu befchränken, vielmehr haben wir es uns zum Ziele gefetzt, auch die in den ausgeftellten Stoffen erfichtlichen Zeichnungen als zum Fache gehörig mit in denfelben einzubeziehen und fo in ganzen Ländergruppen zufammenfaffend unfer Urtheil auszufprechen. Wenn wir uns dadurch den Bericht complicirt, zum Mindeften vergrössert haben, fo waren die Beweggründe dazu mannigfacher Natur. Vor Allem durften wir nicht ftillfchweigend an fo vielem, gerade durch die Ausführung im Stoffe zu erhöhtem Werthe gelangtem Materiale vorübergehen, ohne darüber eine Aeufserung zu thun, und dann würden wir, die ausgeftellten Skizzen der Mufterzeichner allein im Auge behaltend, nur ein unvollkommenes Urtheil über manches Land fällen. Gerade durch das Gefammtftudium war einzig möglich, Fort- oder Rückfchritt, Gefchmacksrichtung oder Verirrungen zu conftatiren. Ein Einzelbericht über die zum grofsen Theile fpärlich vertretenen Mufterzeichnungen zu geben, wäre gleichzeitig eine Ungerechtigkeit, denn bei folchem Bedarfe, bei folchen Kraftanftrengungen, wie fie Weltausftellungen erzeugen, können gerade die gediegenften Künftler am wenigften für ihre ſpeciellen Expofitionen etwas thun Was wir aber hier nicht genug tadeln können, das ift die traurige That ache, dafs nur ein kleiner Theil von Fabrikanten deffinirter Stoffe fo intelligent und liberal war, die Autoren ihrer Mufter zu nennen. Selten genug, wir müffen diefs mit Bedauern hervorheben, waren die Künftler genannt, deren Genie der Fabrikant feine Erfolge verdankte. Mangelhafte Kataloge ftanden eincm umfichtigen, rafchen Auffinden diefer meift verfteckten Gruppe gleich fehr im Wege. Endlich war das Arrangement der diverfen Ländercommiffionen, was diefe Gruppe, fpeciell diefe Section betrifft, ganz ausnehmend fchlimm gewählt. Lange mufste man fuchen, bis man jenen fernen Winkel fand, welcher den graphifchen Künften überlaffen war; hatte man ihn aber einmal entdeckt, dann konnte man ruhig feinem Studium obliegen, unge ftört von der grofsen Menge, welche fingende Vögel, concertirende Virtuofen, Kofthallen und Mufikbanden, nebft unzähligen anderen Zerftreuungen nicht vergeblich anlockten. Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 45 Eben fo ftill, verborgen, im engen Kreife raftlos wirkend, wie die diefer Kunft Geweihten durch's Leben zu gehen beftimmt find, in Mitte des tofenden Getriebes der grofsen Haupt- und Fabriksftädte, fo ftill verborgen ftanden ihre Werke im Gedränge der gröfsten aller bisherigen Ausftellungen. Der weitaus gröfsere Theil ihrer. Leiftungen war aber, wie fchon bemerkt, in den Käften der prunkvoll, im fchönften Lichte, an breiter Avenue, im Kranze der Rotunde ftrahlend, ausftellenden Fabrikanten zu fehen, den Erzeugniffen der felben erhöhten Werth und gefteigerte Anziehungskraft verleihend. Ob auf einer künftigen Weltausftellung alle diefe Mängel behoben fein werden, ob dem fchaffenden Geifte in dem hier behandelten Fache einft diefelben Autorrechte blühen werden, wie diefe bereits in anderen Branchen geiftiger Thätigkeit beftehen, wer weifs diefe Frage zu beantworten?- Die wachfende Intelligenz, der Zeitgeift wird es durchfetzen; möge es recht bald fein! Die Arbeiten des Decorations malers entziehen fich noch mehr der Berichterstattung, fie find localer Natur, und Wenige fanden die Zeit, in den Räumen des Praters in Skizzenform zu exponiren, und fo fehlten Viele, die Beften unter ihnen, und darum war auch die Zahl der Ausfteller diefer Section ver fchwindend klein. Bei den vielen Bauten, welche die Jetztzeit aufweift und welche in ihrer luxuriöfen Ausftattung eine enorme Steigerung der Nachfrage, eine erhöhte Thätigkeit erzeugen, mag wenig Zeit zur Verfügung der einzelnen Kunftbefliffenen geblieben fein. In diefelbe Gruppe, refpective Section, mit den Muſterzeichnern rangirt, theilen fie auch das gleiche Schickfal in Bezug auf die angewiefenen Räume mit denfelben. Wir wollen nunmehr von Weften nach Often den Riefenbau durchfchreiten und die Bitte an den geneigten Lefer richten, uns mit Aufmerkfamkeit zu folgen. Jede Subjectivität fei ftreng vermieden und nur die Thatfachen wollen wir fprechen laffen. Wenn wir, vor dem Weftportale anlangend, unferen Fufs auf den Kampfplatz jener der Kunft und Induftrie huldigenden Nationen des Erdballes fetzten, fo gelangten wir nach kurzer Wanderung zum Könige der hier behandelten Gruppe, zu dem ebenfo als Compofiteur wie als Publicift des gediegenften Werkes der letzten Decennien gleich berühmten, als hochverdienten Oven Jones, deffen Expofition inmitten feiner Werke am Haupteingange der grofsen Längengallerie links, fo einzig am Platz, wie an Gediegenheit des Ausgeftellten, ihn wie immer von feinen Collegen auszeichnet. In keinen Winkel geftellt, ward ihm aufser diefer exceptionellen Stellung auch die höchfte Auszeichnung, das Ehrendiplom zu Theil und neidlos, von den Verdienften wie vom Genie diefes Heroen überzeugt, ftehen wir hier vor deffen nicht für unfere Spanne Zeit allein bemeffenen Werken. Man befchuldige uns nicht der Flüchtigkeit, wenn uns die Worte fehlen, das hier Gebotene in langathmigen Gemeinplätzen zu befchreiben, wie es überhaupt nahezu unmöglich ift, mit Worten fo klar zu zeichnen, dafs Form und Farbe vor das geiftige Auge unferer Lefer trete. Hier wie in der Folge müffen wir uns der Unmöglichkeit in diefer Hinficht fügen und können nur unfere Schuldigkeit thun, auf Leiftungen aufmerksam zu machen, welche genannt zu werden verdienen und es einem graphifchen Werke über die Weltausstellung oder den diefsbezüglichen Publicationen der einzelnen Ausfteller überlaffen, die wenigen Worte unferer feits würdig zu illuftriren und im Gedächtniffe der Befucher bleibend zu erhalten. Und fo wollen wir denn auch vom Altmeifter nur fagen, dafs zu feinen Meifterftücken herrliche Teppichmufter über grofse Salons gehören, welche in ihrer Haupteintheilung an Schönheit der Linien ihres Gleichen nicht finden, was aber befonders den guten Eindruck der Farbe erzeugt, ift Ruhe und Harmonie in derfelben. Haben die englifchen Teppiche einen guten Ruf, fo ift er nicht allein in der Qualität, fondern hauptfächlich im Deffin und in der Farbe begründet, welche 46 F. Lieb. Vortheile leuchtend fich heute von dem gleichen Fabricate Frankreichs abheben. Es ift eben das Flachornament, welches hiezu allein geeignet ift. Der meift etwas erníte Stil, das Hervortreten, vollends gar die Imitation der Plaftik ftreng vermeidend, wurde von Oven Jones auf das Herrlichfte in feiner Art vertreten. Durch all diefe etwas ftumpf bunten Töne geht ein einziger, durchklingender Hauptton, wohlthuend, ohne Störung durch das Ganze, alle diefe zart geftimmten Töne fügen fich zu einem ergreifenden Accorde. Bei Oven Jones kommt diejenige Gefchmacksrichtung zur Geltung, welche heute in England die herrfchende und nahezu national eigenthümlich geworden ift. Man emancipirte fich mit anerkennungswerthem Muthe, vom franzöfifchen Gefchmacke, der muthwilligen, reizend launifchen, modernen franzöfifchen Renaiffance, und wenn man auch mitunter und mit vielem Verdienfte, wir müffen diefs zugeben, einzelne Stoffe mit folchen Ornamenten verziert fieht, fo fpricht es dem englifchen Blute, der englifch vornehmen Lebensweife des Engländers, feinem ernften Charakter, dem deutfchen am ähnlichften, doch mehr zu, auch in feiner Umgebung Aehnliches ausgefprochen zu fehen. Wenn er franzöfifchen Gefchmack auch fchätzt, fo kommt er heute doch felten mehr zur Geltung und darum wird es nicht überrafchen, wenn wir die Thatfachen erwähnen, dafs heute franzöfifche Zeichner in England aufser Curs gefetzt find und wenig mehr in Paris beftellt wird. Frankreichs Zeichner, jedenfalls durch die ausftellenden Fabrikanten leb haft in Anspruch genommen, waren in auffallend geringer Zahl vertreten, und wenn die Summe des Gebotenen nur ein Schatten ift gegen frühere Ausftellungen in ihrer Capitale oder in London 1862, ja fogar heute geringfügig genannt werden mufs, fo fehlen doch nicht gewiffe Erinnerungszeichen ehemaliger Alleinherrfchaft auf dem Gebiete diefer induftriellen Kunft. Wenn wir auch manches Gute und Schöne vorfanden, fo müffen wir doch mit Bedauern fagen, dafs es wohl im Intereffe Frankreichs gewefen wäre, Sorge zu tragen, dafs gerade die hier befprochene Branche der Kunft beffer in der Wiener Weltausftellung hätte vertreten werden follen. Aber unter der kleinen auserlefenen Schaar wollen wir auch mit doppelter Anerkennung jener Namen gedenken, welche fich mit befonderem Kunftfinn ihrer Aufgabe entledigten. Gonelles frères und Antoine Berru's Shawlzeichnungen ftehen, wie überhaupt Frankreichs Shawlzeichnungen, bisher noch unerreicht da. Adau's Möbel- und Teppichzeichnungen, wenngleich fie faft fpeciell franzöfifchem Stile huldigen und eine gewiffe Schwäche in anderen Stilarten zeigen, find doch von reizender Wirkung. Dumont glänzte mehr durch Photographie früherer Leiftungen, welche bei ähnlichen Gelegenheiten exponirt waren; feine ausgeftellten Thiergruppen in Stilleben- Form find matt und wirkungslos. Diefer noch vor einem Decennium fo hoch berühmte Künftler fcheint unter das Rad der Zeit gekommen zu fein. Es ift feine Schuld, wenn wir ihm hier unrecht thun; wir hätten weit Grofsartigeres von ihm erwartet. Von den Decorationsmalern und Zeichnern mufs der erfte Rang Herrn Prignot für feine ausgeftellten Decorationen zuerkannt werden, welche an Schönheit der Verhältniffe, an Reichthum der Compofition und Eleganz der Zeichnung alles Aehnliche auf diefem Gebiete übertreffen. Die im Ausftellungspalafte zur allgemeinen Anficht aufgelegten Blätter find beftimmt zur Publication eines Werkes, welches theilweife fchon erfchienen, demnächft vollſtändig herausgegeben werden wird und welchen wir einen zahlreichen Kundenkreis unter den hervorragenden Künftlern verheifsen. Dubuiffon's Decorationsfkizzen find gediegen und intereffiren Kenner durch ihre ausgefprochen kühne Perfpective. Aufnahme von prachtvollen decorirten Räumlichkeiten, in Frankreich beftehender Kunft- Baudenkmäler, wie fie Denelle in aquarellirten Blättern ausgeftellt hatte, erregten mit Recht allgemeine Bewunderung. Wer wollte leugnen, dafs eine Menge der reizendften Stoffmufter, Teppiche Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 47 und Stickereien der franzöfifchen Abtheilung angehörten, allein ein gewiffer Zug von Monotonie im Stil liefs das Gemüth nicht recht warm werden. Stets diefelben bunten Ornamente mit Blumen, Figuren reizendfter Mache, aber gleichen modernen, franzöfifchen Stiles, und wo man davon abgeht, fehlt das rechte Studium. Die Gobelins allein ftehen unerreicht da, mögen fie auch manche Fehler haben. Die Tapeten müffen wir bedauernd ablehnen. So wenig Gutes hat Frankreich noch nie gebracht, denn wir müffen offen geftehen, aufser den Imitationen von Stoffen und Leder, welche ein Fabrikant, Ballin, brachte und welche wir vom Standpunkte der Fabrication hier nicht zu befprechen berufen find, ftand Frankreich nahezu arm da. Oefterreich war an Siegen und Ehren reich. Seine Stoffe, Teppiche, feine Tapeten, die vielen ausgeftellten Kunftinduftrie- Artikel waren grofsentheils in nicht minder pracht- und gefchmackvollen Pavillons und Schränken ausgeftellt, fo dafs man oft nicht wufste, folle man dem Gehäufe oder dem Inhalte den Vorzug geben. Ein unbeftreitbarer Fortfchritt ift gefchehen, eine Concurrenzfähigkeit conftatirt, welche man fich am wenigften in Oefterreich felbft erwartete, und diefs Gefühl der Stärke wird auch jene Sicherheit verleihen, welche einen fteigenden Auffchwung garantirt. Mannigfaltigkeit im Stile, Reichthum in Form und Farbe waren gepaart mit Gediegenheit der Ausführung und kennzeichneten vortheilhaft die Leiftungen Oefterreichs. Aber es waren auch die Kräfte darnach gewählt, welche eine folche Stel lung gegenüber Frankreich und England fichern mufsten. Die erften Künftler wurden der Induftrie zur Stütze, zu Führern, und wahrhaftig, Oefterreich verfügt über eine nicht geringe Zahl derfelben. Faft fämmtliche Profefforen des öfterreichifchen Muſeums und andere Künftler waren mit den verfchiedenen Induftriellen Hand in Hand thätig im grofsen Kampfe. Diefen, vereint mit einer in fo erftaunlich kurzer Zeit erreichten Gefchmacksläuterung, welche das genannte Muſeum auf die verfchiedenen Induftriebranchen ausübte, ihnen feine Sammlungen, feine Bibliothek in der liberalften Weife zur Verfügung ftellte, vereint mit einem angeborenen Kunftfinn der Bevölkerung Wiens, ift es vornehmlich zu danken, dafs der öfterreichifche Kunftinduftrielle würdig feinen Gäften die Hand reichte, die fie ftaunend und anerkennend drücken konnten. Ein wohlthuendes Selbftbewufstfein wird die Mutter künftiger, gröfserer Thaten werden. Wann hat jemals ein Induftrieller ein folches Riefenterrain fo würdig ausgefüllt wie Philipp Haas& Söhne? Wer kann diefer Expofition Grofsartigkeit, Gefchmack und Mannigfaltigkeit abfprechen? Sie wird einzig daftehen im Gedächtniffe der Befucher diefer Weltausftellung. Oder hatten die vorhergehenden, vier grofsen Expofitionen, welche abwechfelnd in Paris und London ftattfanden, ein reizenderes Object aufzuweifen, als das der Leineninduftriellen Oberleitner aus Mährifch- Schönberg, welches vom erften Tage feiner Eröffnung bis ans Ende der Ausftellung ungefchwächte Anziehungskraft auf die Befucher aus allen Richtungen der Windrofe ausübte? Giani, welcher an vier Punkten der Ausftellung feinen Erzeugniffen Geltung verfchaffte, ift ein zu bekannter Ausftellungsveteran, als dafs wir uns einer breiteren Auseinanderfetzung befleifsen müfsten, um feine Verdienfte zu conftatiren. Die Collectivausftellung der Wiener SeidenwaarenFabrikanten, die Ausstellungen der Firmen Franz Leitenberger, Kosmanos, Bakhäufer, Hlawatfch und Is bary, Küfferle, Sporlin und Zimmermann, Auftin, Alber, Wolff, Dambök& Faber, Drächsler und vieler Anderer bekunden fortgefchrittenen Gefchmack in der Zeichnung auf ihren Erzeugniffen. Die Mufterzeichner Wiens vereinigten fich zu einer recht reichhaltigen Collectivausftellung und wurden mehrfach ausgezeichnet. Gröfseren Raum für 4 48 F. Lieb. diefelben in Anspruch zu nehmen, fteht dem Berichterstatter, welcher zugleich Obmann derfelben ift, will er nicht der Parteilichkeit befchuldigt werden, nicht zu. Wir überlaffen diefs ruhig dem allgemeinen Urtheile. Die Decorationsmalerei war in den Ausftellungsräumen wohl fchwächer vertreten; allein wer Wiens Anftrengungen kennt, der Schauluft der Gäfte in den unzähligen, öffentlichen und Privatlocalen, das Möglichfte zu bieten, der wird es begreiflich finden, dafs da an eine Ausftellung von Skizzen und Entwürfen nicht gedacht werden konnte, und müffen wir, wie fchon Eingangs erwähnt worden, auf deren Leiftungen in den vielen Prachtbauten, wie an den öffentlichen Localitäten aufmerksam machen. Uebrigens fällt das allgemeine Urtheil über diefen Kunftzweig Oefterreichs, beffer gefagt Wiens, nicht zu deffen Ungunften aus, ja es gibt wohl keine Hauptftadt, welche hierin mehr excellirte. Wir fcheiden mit dem ruhigen Bewufstfein von Oefterreich, nicht zu viel über dasfelbe gefagt zu haben, und den Raum, wie die Ausdauer der geneigten Lefer für unfer Heimatland nicht ungebührlich in Anfpruch genommen zu haben. Deutfchland, das einft fo viel Getheilte, fteht heute als ein Ganzes vor uns, und wir müffen feine Erfolge auf der diefsmaligen Weltausftellung auch ganz allein feinem Zufammengehen zufchreiben. Wie kindifch nahmen fich diefe Mignonländchen auf den bisherigen Weltausstellungen aus. Kein Land in allen Induſtriezweigen abgerundet als Ganzes vor uns, jedes einzelne ein Verfuch, feine Dafeinsberechtigung uns plaufibel zu machen, hier nordifch kalter Gefchmack in der Kunft, dort füdlich durchglühter Kunftfinn, Induftrie- Armuth hier, Grofsinduftrie allein dort. Heute ſteht wie auf politifchem Gebiete ein ehrfurchtgebietendes, gefchloffenes Ganze vor uns. Grofsinduftrie mit Kunftinduftrie, nächternes nordifches Studium mit füdlicher Phantafie gepaart. Und wenn wir bedenken, dafs diefes Land noch vor Kurzem mit feinen beften Kräften, feinem edelften Blute ganze Landftriche feindlichen Bodens düngte, fo müffen wir volle Anerkennung dem jungen Deutſchland zollen, wenngleich wir heute dem ganzen Deutfchland( auf kunftinduftriellem Gebiete unferer Branche) die Spitze mit Erfolg geboten haben. Ich bin überzeugt, unter ruhiger Entwicklung, wenn der Ruf nach Blut und Eifen längft verhallt, wenn Krupp's Feuerfchlünde die Hirtenflöte nicht mehr übertönen, wird diefes Land jede Concurrenz beftehen. Seine Bürger find genügfam, feine Söhne ebenfo muthig und intelligent, als betriebfam. Betrachten wir die Expofitionen der verfchiedenen Induftriellen, fo find die Zeichnungen im Allgemeinen bei unferem öfterreichifchen Fabricate beffer. Aber in einzelnen Branchen, z. B. in Leinendamaften, zeigen die Deutfchen einen vorgefchritteneren Gefchmack, als die Mehrheit unferer Erzeugniffe gleicher Branche. Und Ehre diefen Fabrikanten, welche kein Schwinden ihres Namens fürchteten, indem fie ruhig die Autoren der Zeichnungen namhaft machten, wie diefs, leider als Ausnahme, in liberalfter Weife Carl Giani in Wien und eine kleine aber intelligente Schaar Anderer von jeher gethan. Sie haben dabei den Vortheil, dafs fich gerne der befte Kreis von Künftlern unter ihre Fahne fchaart; dafs jeder das Möglichfte leiftet und nicht anders kann, mufs er ja doch mit feinem Namen dafür einftehen. Deutfchlands Tapeten find heute die erften der Welt, und Engelhart in Mannheim hat das alleinige Verdienft, dafs es fo gekommen. Seine Zeichnungen find die beften, fein Colorit das gefchmackvollfte. An der Spitze der deutfchen Mufterzeichner fteht Friedrich Fifchbach, der fich übrigens durch eine ganz eigenartige reiche Ornamentationsweife charak terifirt. Uebrigens ift die Zahl der deutfchen Zeichner eine Legion. Jeder Architekt, jeder Profeffor des Freihandzeichnens, alles macht fich der Induftrie dienftbar. Alles fchaart fich um fie. Kälter läfst fich die norddeutfche Decorationsweife an, theilweise überfetzt fie zu viel Griechenthum ins nordifche Nebelgrau; fie erinnert Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 49 mich an fehr viele italienifche Veranden in Berlin, an welchen der wuchernde bunte Wein des Südens fehlt. Theilweife ift fie erft im Werden, denn bisher war Norddeutſchland noch immer zu fehr von feiner Arrondirung in Anfpruch genommen. Weitaus anfprechender, reicher an Muth und Wärme im Colorit, mannigfaltiger in den Stilarten und Formen erblickten wir Süd- Deutfchland vertreten; nur fei hier mein Bedauern ausgedrückt, dafs wahrfcheinlich zufällig in die hübfche Zimmerdecoration eines Münchners ein ultramarinblauer Ofen mit Silberornament gerieth, welcher mehr den Eindruck einer Kanzel in einer Dorfkirche als den eines Ofens macht. Seidenwaare und Möbelftoffe, wie die Teppiche, wo fie façonnirt vorkommen, Stickereien in Bunt und Weifs, Vorhänge, kurz Alles, was zur Textil- Kunstinduſtrie gehört, fteht zumeift auf hoher Stufe, und kennzeichnet fich durch ernftes Stilftudium, welches immer das Rechte trifft, wozu der Stoff fich eben eignet. Wir wiederholen es nochmals, und können diefs nicht oft genug thun: Deutſchland ift uns Oefterreichern ein gefährlicherer Concurrent als alle anderen Länder der Erde. Die Schweiz und Italien wiefen in Gruppe XII von Mufterzeichnungen nichts auf, obwohl man annehmen musste, dafs nicht alle die vielen Deffins, die man in ihren Ausftellungen fah, ausnahmslos von franzöfifchen Künftlern herrühren. Mehr Gefchmack in den Deffins der Weifswaaren, Vorhänge, Störes und Weifsftickereien als die Maifon blanche in Paris hatte die Schweiz nicht aufzuweifen, auch bot das genannte, weltberühmte Parifer Haus eine koloffale Menge der fchönften Deffins, als dafs ein anderes Land im gleichen Genre mit Erfolg hätte auftreten können. Allein, näher betrachtet, ward die Ausführung in vieler Hinficht in der Schweiz präcifer, vor Allem reiner in der Zeichnung gehalten. Wir erinnern an den figuralifchen Theil der franzöfifchen Störes, welche nahezu ans Fra nhafte grenzten, fo leichthin waren die Gefichtszüge und Körperdetails gehalten. Die Zeichnungen aber auf den Schweizer Bändern waren geradezu von überrafchender Schönheit und reizendem Colorit. Italiens Seidenwaaren erregten die allgemeine Aufmerkfamkeit, wie überhaupt diefes Land bei Künftlern und Kunftliebhabern mit Recht die ungetheilte Bewunderung erregte. Auf dem kleinftmöglichen Terrain war das Beftmögliche zufammengedrängt, und doch konnte man nicht leicht etwas überfehen, denn Alles feffelte unwiderftehlich und hielt den Befchauer gebannt. Rufsland bot eine Fülle des eben fo Schönen wie Charakteriftifchen. Indem diefes Land in feinen Zeichnungen, namentlich in der Textilinduftrie einen eigenen Stil verfolgt, bot fich eine vollkommene, erfrifchende Quelle des Schönen dem müden Auge des Befchauers dar. Eine glückliche Wahl des bizantinifchen Ornamentes geftattete ebenfowohl reiche Farben- Zufammenftellung, wie gelungene und ftilgerechte Anwendung der Edelmetalle in den Geweben, während ihre Leinenftickereien die beften Motive hiefür verarbeiten. Waren da die Formen auch roh und eckig, fie zogen doch eigenthümlich an, und indem fie den füdflavifchen Stickereimuftern fich im Charakter fehr näherten, bildeten fie doch eine Eigenart, welche nicht genug eingehalten wurde, und wir müffen es zur Ehre Rufslands geftehen, es war in feltenen Ausnahmen der Fall, da war aber auch der Gefchmack ein fchlechter. Die Silber- und Goldwaaren zeigten in ihren Zeichnungen gleichfalls in keinem anderen Lande eine beffere Wahl, einen entfchiedenen, eigenthümlichen Stil. Die in Rufsland ausgeftellten Mufterzeichnungen aber zeugten von bedeu tendem Gefchmacke und find es gewifs nicht jene Quellen, aus denen die ruffifchen Induftriellen fchöpften. Einen traurigen Eindruck machte Griechenland und man wendete fich mit Bedauern von einem Lande ab, um welches nur die Erinnerung an die fernfte 4 ፨ 50 F. Lieb. Vergangenheit noch einen fchwachen Nimbus flicht. Eine Wüfte auf kunft induftriellem Gebiete. Eben fo traurig ftimmte das Suchen nach ehemaliger orientalifcher Pracht. Was neu war, war nicht gut und das wenige Gute war eben alt. Wo find die Märchen von orientalifcher Pracht? Sie find eben zu Märchen geworden. Troftlos blickt das Auge auf einen Tand von ftillofen Verzierungen. Egypten und die Türkei, weniger Indien, huldigen dem Gefchmacke à la Franca. Die finnlofeften Schnörkel find willkürlich ohne organifche Ordnung, finnlos an einander gepatzt, die fchönen Linien verfchwunden. Die orientalifchen Zeichner haben eben die nationale Richtung in demfelben Grade verloren, als diefe die ruffifchen Collegen zu finden fuchten und theilweife fchufen. Sie hatten die beften Motive an ihren alten Stoffen und Teppichen, durften nur darnach langen, aber fie wollten fich modernifiren und indem noch in jedem Blutstropfen der Türke fteckt, mufste gewaltfam gegen alle innere Ueberzeugung der Franzmann hinein. Und fo wurde denn ein Baftardftil der mifsrathenften Art erzeugt, der bei den kunftfinnigeren, noch lange nicht allen Gefchmackes baren, gebildeten Ständen nur Zurückweifung und Ekel erzeugte. Bei entfernteren Diftricten, z. B. den Erzeugniffen Bagdads, merkte man fchon weniger den unheilvollen Wahn der Nachahmung, wenn gleich ein Fortfchritt, eine Verfeinerung des Gefchmackes eben fo vergeblich gefucht wird. Meine Befürchtungen, mein Bangen um das fernere Beftehen des fo poefie reichen, rein orientalifchen Gefchmackes, wurden einigermafsen zerftreut durch die Verficherungen des liebenswürdigen Chefs der orientalifchen Abtheilung, dafs er bei feiner Regierung ein Fefthalten am guten alten Stile aus innerer Ueberzeugung lebhaft zu befürworten, fich zur Lebensaufgabe machen wolle. China und Japan brachte in Stoffen nur Mittelmäfsiges; mit den dort noch in Verwendung ftehenden Webevorrichtungen kann es nur Wunder nehmen, dafs es noch möglich war, Solches zu leiften. Stickereien diefer Länder, namentlich Chinas, fowie andere Kunftinduftrie Artikel, erregten ungetheilte Bewunderung. Sie find noch von keinen fremden Einflüffen angekränkelt und wenn auch kein Fortfchritt möglich ift, fo ift er eben fo überflüffig. Das Gebotene könnte unmöglich beffer fein, als es eben ift. Wir find fomit bis zum Oftportale des Riefenbaues gelangt, unter deffen Dach die Producte der gefammten Völker aller uns bekannten Länder unferes Erdballes Raum fanden. Es fei geftattet, dafs wir noch, bevor wir vielleicht auf lange fcheiden, einen vergleichenden Rückblick auf vergangene Ausftellungen machen, wobei wir von alten Bekannten fprechen und indem wir Vergleiche anftellen wollen zwifchen Vergangenheit und Gegenwart, naturgemäfs einen Blick in die Zukunft thun, und unfere Meinung darüber ausfprechen, was noth thut für fernerhin. Es reicht wohl beim grofsen Theile unterer geneigten Lefer in die Knabenzeit, bei anderen in die Jünglings-, beim kleinften Theile in die Manneszeit zurück, die Erinnerung an die letzte Wiener Induſtrieausftellung im polytechniſchen Inftitute, welche im Jahre 1845 abgehalten wurde. Sie kehrten nach Bedürfnifs in einigen Jahren wieder oder gar nicht mehr, wie diefs bei uns der Fall war. Ich möchte fie eigentlich die Vor boten der Weltausftellungen nennen, zu welchen zum erftenmale im Jahre 1852 die Engländer die Völker der Erde einluden, fich gegenfeitig zu meffen im grofsen Wettkampfe. Sprachlos vor Erftaunen ob der Riefenidee ftanden wir damals und in Bewunderung aufgelöft da. Wer ahnte auch zu jener Zeit, dafs diefe Expofition eigentlich ein Kinderfpiel fein wird, gegen jene, welche wir 21 Jahre später im eigenen Lande in Scene fetzen werden. Und diefes, heute in Sydenham ftehende Glashaus genügte hinreichend, um Alles unterzubringen, was fich anmeldete. Viel Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 51 Intereffantes, viel Komifches liefse fich da erzählen, aber wir haben heute die Kinderfchuhe vertreten und wollen auch nicht zu weit vom Ziele abweichen und bei der Sache bleiben. England wurde auf dem hier behandelten Gebiete gefchlagen, total zurückgeworfen. Frankreich ftand damals alleinherrfchend da, in Mode und Gefchmack, reich an guten Zeichnern, im Zenith feiner beften Leiftungen verblüffte es feine Gegner und rifs fie mit fich fort. England fühlte feine Abhängigkeit und diefs bittere Gefühl gebar den Wunfch, aus fich zu werden, was es nur mit Hilfe fremder Kräfte geworden. Ja mehr noch anzuftreben, als fein Nachbar bot, durch ernftes Studium der nationalen Schätze und Hilfsquellen, durch Creirung von Schulen, Mufeen und anderen Bildungsftätten. Und es gelang, mühfam Schritt für Schritt, mit beiſpiellofer Zähigkeit wurde Terrain gewonnen, behauptet und endlich auf neu errungener Bafis ein Fortfchritt erzielt, der unfere volle Anerkennung verdient. Das neu errichtete Kenfington- Muſeum warb um die verborgenen reichen Schätze im vereinigten Königreiche. Kirchen und Klöfter, Gruften und Schlöffer, Staub und Moder gebaren dem Lichte des kunftgewerblichen Auffchwunges die lieblichften, herrlichften, fo lange verborgen gewefenen Schätze, die heute noch kaum erreichten Kunftwerke des Mittelalters bis zur grauen Vorzeit Albions. Ein unberechenbar werthvolles Handbnch für jeden, ernftes Studium anftrebenden Künftler, die Grammatik der Ornamente, von Oven Jones, unferem heute fo wohlverdienten, ausgezeichneten Altmeifter, ins Leben gerufen, gab der ganzen Richtung ein ficheres Steuer, einen unfchätzbaren Lootfen. Die Expofition univerfelle in Paris 1855 zeigte Frankreich noch unübertroffen allen Nationen der Erde gegenüber, man hatte eben Sinn für Prachtentwicklung auf zum gröfsten Theile noch rein naturaliftifcher Bafis. Wo find die herrlichen Tapeten eines Delicourt, des Matadors unter den damaligen Tapetenfabrikanten? Seine Decorationen, feine Blumentapeten, fie werden jedem unpartheiifchen Befucher der Ausftellung unauslöfchlich im Gedächtniffe bleiben, und find heute noch von Niemandem erreicht worden. - Möbelftoffe und Teppichzeichnungen in wunderbarer Weife vertreten, würden, wenn fie auch den heutigen Anfchauungen nicht mehr ganz entfprechen, doch in der Technik ein eben fo grofses Auffehen erregen, wie damals und mit Recht. Frankreich hatte heute, gelinde gefagt, nichts fo Gutes exponirt. Welche Erfolge feines Strebens konnte England feit den wenigen Jahren feiner Reorganiſation auf kunftinduftriellem Gebiete erreicht haben? Kaum dafs man die erften Regungen wahrnahm. Die erften Schritte waren gethan, und es waren glückliche zu nennen. Kleine Schritte, aber fichere; wenige, aber hervorragende Leiftungen kamen fchon zur Geltung. Oefterreich lag damals noch im Argen. Man mifsverftehe hier nicht; die Induſtrie, die Kunft, der Handel im Allgemeinen bleibt in diefem Berichte aus dem Spiele, aber die Mufterzeichnungen und die decorative Kunft, namentlich die Erfteren, befchränkten fich in Bezug auf guten Gefchmack oder vollends gar auf Stilgefühl, auf fo verfchwindend kleine Punkte, dafs es fchwer hielte, wollten diefelben unter dem argen Plunder durchleuchten. Ebenfo erging es faft ausnahmslos den anderen, heute fo glanzvoll vertretenen Staaten auf diefem Gebiete. In jener Zeit erfchollen, vereinzelt zwar, aber doch nicht vergeblich die erften Rufe nach Veredlung des Gefchmackes, nach Bildung des Kunftfinnes und des Stilgefühles. Da öffnet eine neue Weltausftellung in London 1862 ihre Pforten, und fchon tritt ein weit verfchiedenes Bild vor unfer Auge. Frankreich bietet noch gehobenen Hauptes dem Nachbarlande die Spitze. Englands Fortfchritte aber erweifen fich klar, und treten in manchem Fache fogar mit Vortheil Frankreich gegenüber. Der kirchliche Stoff fei hier angeführt, jedoch durchaus nicht als vereinzelter Sieg verzeichnet. Deutſchland ftrebt nach Befferem, Rufsland ift noch zurück. 52 F. Lieb. Und Oefterreich? Es verfucht die erften Schritte aus dem Labyrinthe ver fumpften Gefchmackes. Die vereinzelten Rufe, fie hatten Wiederhall gefunden, der Drang zum Befferen, er hatte fich verallgemeinert. Es handelte fich aber hier mehr als in allen anderen Ländern, verlorene Zeit einzubringen, Verfäumtes nachzuholen. Seine Webe- Induftrie, einft fo mächtig, hatte viel Terrain verloren, und mufste nothwendig ganz aufhören, wenn nicht in kurzer Frift eine beffere Strömung in die Gefchmacksrichtung kam. Und nicht fpäter durfte diefer Entfchlufs reifen, wir waren nahe daran, von den beiden mächtigen Gegnern Frankreich und England gänzlich erdrückt zu werden. Das, was England feiner Zeit gethan, war auch unfer Streben, zu erreichen, und fo entſtand unter dem mächtigen Schutze eines Familiengliedes unferes Kaiferhaufes, des Erzherzogs Rainer, mit dem um Oefterreichs jetzige Blüthe fo hoch verdientem, raftlos thätigen Director v. Eitelberger an der Spitze, das heute muftergiltige öfterreichifche Mufeum für Kunft und Induftrie. Junge, gediegene Kräfte fchaarten fich rafch um den begabten Führer, Hof und Adel, Bürgerthum und Künftlerfchaft gaben reich und mit Begeisterung ihr Beftes, was fie hatten. Die Bibliothek, in wenigen Jahren zur reichften zählend, öffnete ihre Schätze jedem, der ernftem Studium fich weihen wollte. Dem ernften Wollen fehlte auch nicht das Können, und fo darf es Niemand Wunder nehmen, wenn fchon 1867 bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung ein Riefenfchritt gethan war, der uns den vorgefchrittenften Staaten, befonders in kunftgewerblichen Artikeln, nahezu gleichftellte, ja fowie feiner Zeit England, Frankreich gegenüber, nun Oefterreich den beiden Stand hielt. Viele Verdienfte um die Hebung des Gefchmackes in Mufterzeichnung, Decoration und anderen kunftgewerblichen Zeichnungen erwarben fich Oefterreichs Architekten: Hanfen, Ferftl, Schmidt, Stork u. A. und halfen redlich mit am grofsen Werke. Doppelt ruhmvoll waren Oefterreichs Siege auf der Parifer Ausftellung, wenn man bedenkt, dafs es, noch aus taufend Wunden blutend, die ihm die ,, Bruderhand" gefchlagen, auffchnellte mit einer Elafticität, die eben nur ihm eigen ift. In den Mufterzeichnungen war fchon eine anerkennenswerthe, fichere Richtung, ein ernftes Studium der Stilarten unverkennbar ausgedrückt. Und wenn England hierin fchon grofs daftand und wenn es einen Vortheil voraus hatte, fo war es die Zeit, und wenn gegen diefe Oefterreich etwas in die Wage zu legen hatte, fo war es feine füdliche Phantafie, fein angeborener Gefchmack, der feinem rafch wachfenden Reichthum, feiner Liebe zum Luxus entſprofs. Frankreich behauptete wie früher feinen Platz, aber auf demfelben Standpunkt, ein Vorwärtsfchreiten war nur in einer Stilart, der franzöfifchen Renaiffance befonders im Stil Louis XVI, bemerkbar, welche Vorliebe für diefen noch heute dominirt, und in welchem es noch heute grofs dafteht. Ernfteres Stilftudium machte fich auch an deutfchen Producten in diefer Ausftellung bemerkbar, obfchon auch da eine etwas kühle Auffaffung des Griechifchen, welche am grellften fich in feiner Decorationsweife, wo diefe nordifchen Urfprunges war, manifeftirte. In den Zeichnungen der Stoffmufter war an deutfchen Fabricaten ein Fortichritt zu verzeichnen. Rufsland fchlug jene Stilrichung, welche es auf der gegenwärtigen Ausflellung auch auszeichnet, foeben ein, war jedoch noch nicht recht ficher und flark mit veraltetem Gefchmacke durchgefetzt. Italien ftrebte befferen Gefchmack an, und hielt fich mehr als früher an die guten Vorbilder feiner Heimat. Die Türkei, Perfien und Oftindien, mehr und mehr fich dem Occident öffnend, gingen von einer Ausftellung zur anderen mehr und mehr zurück. Die finnlofeften Schnörkel des Abendlandes aufnehmend und feine eigene, reizend poetifche Originalität verleugnend, ift, wie fchon früher gefagt, nur mehr auf der heutigen Weltausftellung das Alte, Unverfälfchte gut zu nennen. Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 53 Dafs China und Japan in den Motiven zu ihren kunftgewerblichen Producten, namentlich Stoffen und Stickereien, heute daftehen, wo fie vor 21 Jahren waren, liegt in ihren Gefetzen wie in ihrer ganzen Natur, bewahrt fie aber auch vor dem Schickfale der letztgenannten Länder. Möchten fie nie verfuchen, fremde Elemente aufzunehmen! Eine Ausftellung, in welcher alle Länder der Erde fich in allen Stilarten, felbft wenn mit gleichem Glücke verfuchen würden, brächte ficher jeden Gebildeten zur Verzweiflung. So feien denn zum Schlufsworte einige Bemerkungen geftattet. Sollen die hier behandelten Branchen der Kunstgewerbe in ihrer Entwicklung gefördert werden, fo ift eine Pflege der nach dem Mufter des Kenſingtonmufeums in allen Ländern, welche auf der Höhe der Zeit ftehen, bereits errichteten Muſeen die erfte Bedingung. Die an denfelben befindlichen Bibliotheken find den heimifchen Künftlern in liberalfter Weife zugänglich zu machen, durch Publicationen der periodifch ausgeftellten, oder im Befitze der Mufeen befindlichen Kunftfchätze ift in Wort und Bild die möglichfte Verbreitung zu verfchaffen. Mit den Muſeen müffen Schulen verbunden fein, welche fich die ernfte Pflege der kunftgewerblichen Fächer zur Aufgabe ftellen, aber zugleich mit den Induftriellen in regem Contacte ftehen. Dafs diefs in Oefterreich glücklicherweife Alles fchon vorhanden, ift auch die Urfache, warum wir fo eclatante Erfolge aufzuweifen heute in der Lage find. Sind diefe Bedingungen erfüllt, dann fteht dem Fortblühen kein Hindernifs im Wege und wir dürfen nicht fürchten, aus dem Kreife der vorgefchrittenften Nationen verdrängt zu werden. Dann wird die Induftrie blühen und in ihrer Blüthe liegt Segen für das Land, welches fie pflegt. Verbannt fei das Unkraut der Selbftüberhebung und der Anmafsung. Wo die Kunft nicht mit reinen Händen gepflegt wird, da ift das frühe Siechthum der gerechte Lohn, und früher oder später rächt fich die Blindheit. Der Adel aber und das wohlhabende Bürgerthum ift in erfter Linie berufen, diefs Kunstgewerbe zu pflegen,„ von Oben kommt die Bildung", von Oben mufs die Unterſtützung kommen. Decke feine Bedürfniffe heute noch in Frankreich, wer arm genug an Patriotismus oder Intelligenz ift, er richtet fich felbft. Die wahrhaft gebildeten Stände, hoch und nieder, fanden bereits und finden noch im Lande mehr und mehr, von Jahr zu Jahr, was ihr Herz fich wünſcht. Sie mögen den Schlufsftein fügen in das Gebäude, deffen Glanz den ihrigen vermehrt. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. BIER, MALZ, SOWIE MASCHINEN UND APPARATE FÜR BRAUEREIEN UND MÄLZEREIEN. ( Gruppe IV, Section 3.) Bericht von GUSTAV NOBACK, Brauerei- Ingenieur und Affocié der Brauerei- Mafchinen- Fabrik Brüder Noback& Fritze in Prag. ANDERE GEGOHRENE FLÜSSIGKEITEN. ( Gruppe IV, Section 3.) Bericht von DR. EDUARD SCHMID T. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1874. BIER, MALZ SOWIE MASCHINEN UND APPARATE FÜR BRAUEREIEN UND MÄLZEREIEN. ( Gruppe IV, Section 3.) Bericht von GUSTAV NOBACK, Brauerei- Ingenieur und Affocié der Brauerei- Mafchinen- Fabrik Brüder Noback& Fritze in Prag. Es gibt wenig Induftriezweige, welche während der letzten Decennien fo bedeutende Fortfchritte gemacht haben, wie gerade die Bierbrauerei. Hand in Hand mit diefem Fortfchritte vollzog fich ein Auffchwung, der vor Allem darauf hinwirkte, dafs aus dem früher empirifch betriebenen Bierbrauerei- Handwerke eine mächtige und bedeutungsvolle Induftrie geworden ift. Die Brau- Induſtrie verdient einestheils durch die grofsen Werthe, welche diefelbe in volkswirthfchaftlicher Beziehung der Circulation zuführt, anderntheils durch die Steuererträgniffe, welche fie dem Staate indirekt einzuheben ermöglicht, eine weit gröfsere Beachtung, als derfelben bisher gefchenkt wurde. Ich habe bereits in meinem Berichte über Bier etc. auf der Parifer Weltausftellung 1867 die Gelegenheit ergriffen, durch ſtatiſtiſche Daten ein möglichft getreues Bild über diefen Gegenftand zu entwerfen, und werde nicht unterlaffen auch in den nachfolgenden Blättern an der Seite von Zahlen Alles das zu berühren, was an Beachtenswerthem die Wiener Weltausftellung brachte. Die grofse Zunahme des Bierconfums in jenen Ländern, wo die Bierbrauerei als eingebürgertes Gewerbe fchon feit Jahrhunderten betrieben wurde, fowie die Einführung diefes Erwerbszweiges in folche Länder, wo diefem erft ein Boden gefchaffen werden mufste, wie in Italien, Rufsland, Süd- Amerika etc. etc. übten eine höchft günftige Wirkung auf die gefammte Landwirthschaft und auf die vielen der Bierbrauerei dienenden Gewerbs- und Handelszweige. Die anfehnliche Zahl von 14 fpecialiftifchen Fachzeitfchriften für die Bierbrauerei nehmen einen wefentlichen Antheil an der fchnellen Verbreitung von bedeutungsvollen wiffenfchaftlichen, theoretifchen und praktifchen Wahrneh mungen auf dem Gebiete der Mälzerei, des Sudproceffes und der Gährung, fowie der Erfahrung in Verbefferungen der baulichen Anlage und Mafchineneinrichtung von Bierbrauereien. Von diefen Fachzeitfchriften erfcheinen jetzt 8 in deutfcher Sprache, 3 in englifcher, 2 in franzöfifcher und 1 in böhmifcher. I* 2 Guftav Noback. Nachdem bereits feit geraumer Zeit bei einzelnen landwirthfchaftlichen Anftalten und Akademien, Specialcurfe für Bierbrauer eingeführt waren, find feit einigen Jahren felbftftändige Brauerfchulen errichtet worden, von welchen allein in Deutfchland und Oefterreich der Zahl nach acht beftehen. Wenn man bedenkt, dafs kein zweiter Induftriezweig exiftirt, bei welchem fowohl während der Erzeugung des Productes, wie auch beim Verfandt desfelben fo viele Factoren wie Temperatur, Witterungs- und klimatifche Verhältniffe gewichtigen Einflufs nehmen, als bei der Bierbrauerei, fo wird man mit Befriedigung conftatiren können, in welch' günftigem Verhältniffe es durch den neuerlichen Fortfchritt bei dem Baue und der Einrichtung von Bierbrauereien, fowie im Betriebe derfelben gelungen ift, fich möglichft zu emancipiren. Der hier angedeutete Umftand bewirkt es, dafs die Ausftellung von Bier mit viel mehr Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten verknüpft ift, als diefs bei allen übrigen Ausftellungsobjecten der Fall ift. Hiedurch wird der Erfolg oft in Frage geftellt. In diefen Verhältnifsen ift es wohl auch hauptfächlich zu fuchen, dafs die Betheiligung der hervorragendften Bierländer bei der Ausftellung eine nicht fehr grofse gewefen ift; fo vermiffen wir die gröfsten und älteften Brauereifirmen von Bayern, Norddeutſchland und England, während wieder eigenthümlicher Weife ferne Länder, wie Schweden und Norwegen, fowie Italien und die britifche Colonie Neu- Seeland beachtenswerth vertreten waren. Die Anzahl der Bierbrauereien, welche fich bei der Ausftellung betheiligten, geftaltet fich folgendermafsen; aus: Oefterreich- Ungarn 61 Deutſchland 26 Frankreich Schweiz Schweden und Norwegen 9 Belgien Grofsbritannien und Colonien. 8 Brafilien Italien Rufsland 5 Dänemark 3 Rumänien. . 3 322 2 I I. Bevor auf eine Befprechung der einzelnen Länder übergegangen wird, mufs noch der erften internationalen Brauerverfammlung gedacht werden, welche während der Wiener Weltausftellung vom 16. bis 21. Juni abgehalten wurde. Diefe führte Brauereibefitzer, Braumeifter und Brauerei- Intereffenten aus allen Theilen Europas und Amerikas in der erheblichen Zahl von 740 Theilnehmern zufammen.* Bei Gelegenheit diefer erften internationalen Brauerverfammlung wurden eine Anzahl, theils das wiffenfchaftliche, theils das praktiſche Gebiet der Bier brauerei berührende Vorträge gehalten, in welchen einige der wichtigſten fachlichen Fragen befprochen, wurden. Die, in die bedeutendften und grofsartigften Bierbrauereien der Umgebung Wiens unternommenen Excurfionen, fowie mehrere gefellige Zufammenkünfte der Fachgenoffen, trugen wefentlich zu einem regen perfönlichen Verkehre und damit verbundenen Austaufch der Erfahrungen und Meinungen bei. Die bei der Ausftellung vertretenen Bierbrauereien haben fich in verfchiedener Form betheiligt; ein Theil und zwar fpeciell zwei grofsartige Unternehmungen hatten feparate Pavillons angelegt und eingerichtet; andere waren repräfentirt in den Reftaurationsanlagen und der gröfste Theil war in der öftlichen und weftlichen Agriculturhalle zu finden. Der Zahl nach die meiften Brauereien hatten das für die Jury zur Beurtheilung beftimmte Bier in einen Eiskeller nächft dem Praterſtern gefandt, welcher * Bei diefer Gelegenheit erfchien auch das Werk: ,, Die Bierproduction in OefterreichUngarn, im deutfchen Reich, in Grofsbritannien und Irland, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Schweden und Norwegen, Rufsland und Nordamerika von Guftav Noback. Prag. Quai 16. Bier, Malz etc. 3 mit gröfster Bereitwilligkeit von Herrn Faber zur Verfügung geftellt wurde. Eine geringe Anzahl von ausgeftellten Bieren wurde in der Ausftellung felbft, und zwar in den beiden Agriculturhallen, von der Jury probirt. Diefe waren meift Flafchenbiere, welche entweder durch Pafteurifiren, grofses Alter, oder durch hohe Gradhältigkeit mit fehr ftarkem Hopfengehalt und trotz eines monatelangen Verweilens in den heifsen Ausstellungsräumen zu einer Beurtheilung fich eigneten. Oefterreich Ungarn. - Bei dem grofsen Ruf, deffen fich die öfterreichischen Biere und zwar fpeciell die Wiener fowie die böhmifchen erfreuen, war vorauszufehen, dafs gerade die Wiener Weltausftellung Gelegenheit bieten wurde für Ausbreitung desfelben zu einem wahren Weltruf. Die in Oefterreich- Ungarn gangbaren Biergattungen laffen fich ihrem Charakter nach, das ift, nach Farbe, Stärke, Hopfengehalt, Mouffée, Vollmundigkeit und Gefchmack claffificiren in: Wiener, Böhmifche und folche, welche mit kleinen Abweichungen in ihren Eigenfchaften zwifchen diefen beiden Gattungen ftehen. In Rückficht auf diefe Charaktere mufs hier bemerkt werden, dafs in Böhmen, Mähren und Schlefien mit geringer Ausnahme faft alle Brauereien ein Bier ähnlich dem böhmifchen erzeugen. Dasfelbe hat einehelle und lichte Farbe, ift aus 10- bis 121/ 2- percentigem Würzen gebraut, reich an Hopfen fowie Mouffée, und befitzt einen andauernd haftenden Schaum. Das Pilsner Bier aus dem bürgerlichen Brauhaufe ift als paffender Repräfentant der böhmifchen Biere hinzuftellen und alle ftreb famen Brauer trachten, ein diefem berühmten Biere gleiches herzuftellen. In den übrigen Kronländern von Oefterreich- Ungarn wird meiftens ein Product mit dem Charakter des Wiener Bieres gebraut, nämlich ein ftärkeres Bier aus II- bis 14- percentigen Würzen in höherer Farbe( von dunklem Goldgelb angefangen), vollmundig mit mehr füfslichem Gefchmacke, weniger hopfenreich als das böhmifche Bier. Auf dem Weltausftellungs- Platze war Gelegenheit geboten, durch die verfchiedenen Reftaurationen praktifche Studien über die Wiener und die böhmifchen ( fpeciell die Pilsner) Biere zu machen. Während bei der Parifer Weltausstellung die Dreher'fche Bierbrauerei Gelegenheit gab, in dem feparat errichteten Reftauratiospavillon dem Publicum feine Producte vorzuführen, war es bei der diefsjährigen Wiener Weltausftellung die Liefinger Actien- Bierbrauerei( ehemals Löwenthal& Faber), welche in einer ausgedehnten Reftaurationsanlage von Beginn der Ausftellung angefangen unter grofsem Zufpruch des Publicums ihr Bier ausfchenkte. In gleicher Weife wie die Liefinger Bierbrauerei haben auch das bürgerliche Brauhaus in Pilfen und die Actien Bierbrauerei in Pilfen vom Beginne der Ausftellung in ihren umfangreichen, eigens erbauten Reftaurationsanlagen ihre Producte dem Publicum dargeboten. Dasfelbe that die erfte Kärntner Actien- Bierbrauerei in Silberegg. Erft mehrere Monate nach Ablauf der Ausftellungseröffnung wurden Bierreftaurationen, in denen die Producte der St. Marxer Bierbrauerei von A. J Mautner & Sohn und der Dreher'fchen Etabliffements dargeboten wurden, errichtet. Im Monate Auguft eröffnete die fürftlich Kinsky'fche Bierbrauerei zu Chotzen an verfchiedenen Punkten Reſtaurationen und noch später acquirirte die Leitmeritzer Actien- Bierbrauerei Elbfchloss einen Pavillon zu gleichen Zwecken. A. Dreher hat einen feparaten Pavillon ausführen laffen, welcher lediglich den Zweck hatte, den Befuchern ein genaues Bild vorzuführen über die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand der in feinem Befitz befindlichen Brauereien. Zu diefem Zwecke war das Innere des gefchmackvoll ausgeführten, mit den Enblemen der Bierbrauerei gezierten Pavillons mit den Bildern der vier Dreher'fchen 4 Guftav Noback. Brauereien in Schwechat, Steinbruch, Micholup und Trieft gefchmückt. Eine Reihe ftatiftifcher Zufammenftellungen über die in den erwähnten Etabliffements. zur Verwendung gelangten Rohmaterialien, der daraus erzeugten Biermengen und für diefe entrichteten Steuerbeträge geben ein überfichtliches Bild der wahrhaft riefigen Ausdehnung der Dreher'fchen Bierbrauereien. Zur Vervollſtändigung des Gefammteindrucks waren Proben der theilweife vom Aussteller producirten Rohmaterialien, wie: Gerfte, Hopfen, Kohle etc. mit Transportgefäfsen und adjuftirten Bierflaschen für Export-, Lager- und Märzenbier zu Gruppen vereinigt im Dreher'fchen Pavillon aufgeftellt. Die Dreher'fche Bierbrauerei zu Kleinfchwechat bei Wien, welche im Jahre 1836 von dem 1863 verftorbenen Befitzer Anton Dreher mit einer Production von 26.560 Eimer übernommen wurde, erfuhr einen fo erheblichen Auffchwung, dafs fie unter dem Befitze des jetzt lebenden Herrn Anton Dreher, welcher im Jahre 1870 das Erbe feines Vaters antrat und mit grofser Thatkraft fowie Fachkenntnifs perfönlich dem grofsartigen Unternehmen vorfteht, eine jährliche Bierproduction von 716.160 Eimer während der Betriebs campagne vom 1. October 1871 bis 1. October 1872 erreichte. Seit einer Reihe von Jahren ift der als Fachmann weit bekannte Herr A. Deiglmayr Centraldirector der Dreher'fchen Bierbrauereien. Die Gefammtproduction von Bier in den Dreher'fchen Bierbrauereien und die entrichtete Steuer geftalten fich in der Campagne 1871 bis 1872 folgendermafsen: Brauerei Schwechat. Steinbruch Micholup Trieft Steuer Eimer fl. kr. 716.160 264.440 1.377-748 430.373 64.440 51.205 68.526 225.240 4644 48 43 96 47 Summa. 1,096.245 2,101.889 33 Ueber die Ausdehnung der Dreherfchen Brauereien ift Näheres der nachftehenden Tabelle zu entnehmen. Brauerei Produc- Malz- Kühltion 1871 tennen- fchiffbis 1872 Fläche Fläche in in in Eimern Klftr. Gährkeller LagerkellerKlftr. Anzahl Faf Fafsungsder Gährsungsraum in bottiche Eimern raum in Eimern In Verwendung ftehende Arbeiterzahl Schwechat. Steinbruch. Micholup Trieft 716.160 6.000 264.440 3.000 16234 64.440 35° 48 51.205 557 1639 74 000 520.000 733 55° 30.640 17 1.000 261 90 4.000 30.000 48 60 152 Bier, Malz etc. 5 In ähnlicher Weife wie Dreher brachte das Etabliffement der Firma A. J. Mautner& Sohn gleichfalls durch die Errichtung eines eigenen Pavillons ein umfaffendes Bild über die verfchiedenen, jedoch verwandten und gemeinfam von diefem Ausfteller betriebenen Induftriezweige der Bierbrauerei und Mälzerei fowie Prefshefen- und Spiritusfabrication. Die in collectiver Form im Innern des Mautne r'fchen Pavillons vorgeführten Ausftellungsgegenstände find: ftatiftifche Tabellen über die feit dem Beftande des Unternehmens( 1840). erzeugten Mengen von Bier, Spiritus und Prefshefe, fowie die hiefür erfolgten Steuerzahlungen; Tableaux über die in Verwendung ftehenden Motoren, Hilfsmaſchinen, Apparate und Arbeitskräfte, fowie Rohmaterialienverbrauch. Hieran fchliefst fich eine Anzahl von Modellen, der in den Mautner'fchen Etabliffe. ments angewandten Kühlapparate für Bierwürze, Lagerkeller mit Obereis, fowie Maifch- Deftillirapparate. Die Mautner'fche Bierbrauerei, welche nur einen Theil der unter der Firma A. J. Mautner& Sohn beftehenden Etabliffements ausmacht, ift der Bierproduction nach die zweitgröfste der Umgebung von Wien und producirte im Jahre 1871 bis 1872: 503.000 Eimer Bier. Aufser diefer erheblichen Bierproduction wurden noch in der Mautner'fchen Prefshefen- und Spiritusfabrik erzeugt: 31.700 Centner Prefshefe und 7,175.532 EimerPercente Spiritus nach Tralles. In treffendfter Weife zeigt die nachftebende Tabelle, wie rapid die Production von Bier, Spiritus und Prefshefe in den Mautner'fchen Etabliffements feit dem Jahre 1840 ftieg und welcher wahrhaft koloffaler ProductionsUmfang im Jahre 1872 erreicht wurde. Bier niederösterr. Jahr Eimer Spiritus Eimer- Percente nach Tralles Prefshefe Zollcentner 1840 36.000 1846 54.026 627.400 724 1852 81.040 1,311.800 3.806 1858 133.530 3,795.450 9.274 1864 22 1.200 3,807.790 13.279 1870 478.000 6,540.827 25.292 1871 1872 5 18.000 7,006.207 27.048 31.700 503.000 7,175.532 Die Collectivausftellung im Pavillon von A. J. Mautner& Sohn vereinigt alle Ausftellungsobjecte der nachftehenden Unternehmen diefer Firma: Brauhaus und Prefshefen- Fabrik St. Marx bei Wien; Malzfabrik zu Göding in Mähren; Mälzerei, Prefshefen- und Spiritusfabrik in Simmering bei Wien; Mälzerei in Floridsdorf bei Wien. Die Liefinger Actien- Bierbrauerei war aufser im eigenen ReftaurationsPavillon auch noch in der öftlichen Agriculturhalle durch das in diefer Abtheilung finnreichfte und hübfchefte Ausstellungsobject vertreten. Diefs war nämlich eine künftlerisch ausgeführte, durchdachte Gruppe, welche, trophäenartig arrangirt, mit einem lebensgrofsen Gambrinus geziert, die Bierbraukunft repräfentirte. Aquarellbilder der Liefinger Brauerei, fowie mit Etiquetten und Kapfeln adjuftirte Flafchen von Liefinger Lager-, Märzen- und Exportbier, ferner Hopfenranken und Gerftenähren gaben dem Ganzen einen entſprechenden Charakter. Die anerkannte Qualität des Liefinger Bieres hat demfelben ein dauerndes Abfatzgebiet in Italien, im Orient, in Indien und in Südamerika verfchafft. Diefe Brauerei, welche im Jahre 1839 gegründet wurde, erzeugte im Jahre 1870 508.200 Eimer Bier. In der öftlichen Agriculturhalle fanden wir alle jene öfterreichiſchen Brauer, welche fich bei der Ausftellung betheiligten, infoferne vertreten, als diefelben die verfchiedenften Gruppen und Trophäen, Schränke und Pyramiden von Bierfäfschen, und Flafchen theils gefchmückt mit Hopfen und Gerfte, theils verziert durch die Enbleme der Bierbrauerei vorführten. Die Mannigfaltigkeit, fowie der 6 Guftav Noback. Luxus, mit welchem diefe Expofitionen ausgeführt waren, konnten nicht verfehlen, einen angenehmen und freundlichen Eindruck auf den Befucher diefer Abtheilung zu machen. Der um das Brauereiwefen verdiente Herr J. Götz, Brauereibefitzer zu Okocim in Galizien, brachte, um den Fortfchritt im Brauwefen darzuftellen, aufser Vorlagen verfchiedener Brauereien, einige intereffante Zeichnungen von Brauereien kleinerer Form und primitivfter Einrichtungsweife, fowie feines eigenen Etabliffements mit gröfserem Betriebsumfange und Maſchineneinrichtung, ferner mehrere fehr alte Werke über Bierbrauereien. Alle Brauereien, welche in diefer Weife fich betheiligten, fandten aufserdem noch ihr Product theils in Gebinden, theils in Flafchen nach den Depotkellern, in welchen die Beurtheilung der Bierqualität von Seiten der Bierjury vorgenommen wurde, während nur ein Theil von Brauern lediglich Sendungen nach den Jurykellern machte, ohne auf dem Weltausftellungs- Platze felbft repräfentirt zu fein. Diefsbezüglich wird auf die nebenftehende Tabelle der Bierausfteller von Oefterreich- Ungarn verwiefen. Die Vorzüglichkeit der öfterreichifchen Biere hat nicht blofs eine erhebliche Steigerung des Bierconfums im Lande felbft herbeigeführt, fie bewirkte auch eine refpectable Zunahme des Bierexportes nach dem Auslande. Die Bierbrauereien Oefterreich- Ungarns find in Bezug auf Beifchaffung der Rohmaterialien in einer günftigen Lage, denn Gerfte in beften Qualitäten wird in genügenden Mengen producirt und Hopfen der feinften Qualität cultivirt. Diefe zwei Factoren, verbunden mit dem in faft allen bedeutenderen und angefeheneren Brauereien eingeführten rationellen Betrieb, haben einen erheblichen Antheil an dem Aufblühen der öfterreichifchen Bierinduftrie. Nicht minder einflussreich war die Zuneigung ofterreichifcher Brauer zu der Einführung des rationellen Fortfchrittes bei der Anlage und Einrichtung der Bierbrauereien. Die in Oefterreich- Ungarn eingeführte Bierfteuer wird nach dem Volumen des gebrauten Bieres( refpective der gehopften Würze auf den Kühlfchiffen) und nach der Stärke, das ift nach dem percentualen Extractgehalt erhoben. Der Steuerfatz beträgt nach dem Gefetze vom 25. April 1869 per niederösterreichifchen Eimer( à 42% Mafs) einfchliefslich des früher feparat berechneten aufserordentlichen Zufchlages per einen Sacharometer- Grad 10 Neukreuzer, fo dafs zum Beiſpiele für 1 Eimer 10 Percent gehopfter Würze I Gulden oder für 1 Eimer 15 Percent gehopfter Würze I Gulden 50 Kreuzer Steuer gezahlt werden etc.* Die durch den öfterreichifchen Bier- Befteuerungsmodus bedungene Einführung des Sacharometers hat infoferne eine Bedeutung für den Brauereibetrieb, als durch die nothwendige Anwendung diefes höchft wichtigen Inftrumentes felbft in der kleinften Land- Bierbrauerei der einfache Brauburfche gezwungen ift, mit diefem Inftrumente umzugehen und auf diefe Weife deffen Handhabung kennen lernt. Was für die Schifffahrt der Compafs ift, das ift für die Brauerei der Sacharometer. Wie bei allen Ländern, in denen feit einer langen Reihe von Jahren die Bierbrauerei eingeführt ift, fo verhält es fich auch in Oefterreich- Ungarn. Die Anzahl der betriebenen Brauereien nimmt mit jedem Jahre ab, während gleichzeitig die Bierproduction zunimmt. Diefer Umftand ift darin begründet, dafs die kleinen Bierbrauereien einer Concurrenz der gröfseren, fabriksmäfsig betriebenen weichen müffen, welche letztere mehr und mehr die Bierfabrication in ihren Etabliffements concentriren. Ein Blick auf das Verhältnifs der Bierbrauereien, deren Production, fowie Steuererträgnifs im Jahre 1872, dürfte von Intereffe fein.( Die Jahrgänge beziehen fich auf die Zeit vom 1. September bis letzten Auguft, in diefem Falle alfo vom 1. September 1871 bis 31. Auguft 1872.) * Für nachftehende gefchloffene Städte wird noch ein feparater Zufchlagsbetrag berechnet: für Wien 1 Gulden 8/10 Neukreuzer von jedem erzeugten niederöfterreichifchen Eimer; dagegen für Prag, Brünn, Linz, Graz, Laibach, Lemberg und Krakau von jedem SacharometerGrade 410 Neukreuzer. Bier, Malz etc. 7 Kronland Niederöfterreich " "" Aussteller A. Dreher A. J. Mautner& Sohn Actienbrauerei 32 " "" " Jg.& Jac. Kuffner دو 23 A. Prinzel's Erben W. Burian C. v. Cammel Standort der Brauerei Klein- Schwechat St. Marx Liefing Brunn Hütteldorf Ottakring Döbling Melk Klofterneuburg Grufsbach Vertreten am Ausstellungsplatze Pavillon Dreher Pavillon Mautner öftliche Agriculturhalle und eigene Reftauration öftliche Agriculturhalle " دو د, دو دو دو öftliche Agriculturhalle " Oberösterreich Böhmen " " Gebrüder Hatfchek Leopold Braun Bürgerliches Brauhaus Actienbrauerei 29 Linz Pucheim دو دو دو Pilfen Pilfenetz Krumau Peterhof öftliche Agriculturhalle und eigene Reftauration öftliche Agriculturhalle und eigene Reftauration öftliche Agriculturhalle und diverfer Ausfchank in der Mafchinenhalle im fürftlich Schwarzenbergfchen Pavillon " 99 Fürft Schwarzenberg Wittingau 27 " " " 7 99 32 97 99 33 " دو د, دو Graf Thun Bürgerliches Brauhaus Dr. W. v. Rufs Bürgerliches Brauhaus 27 31 Graf Salm دو Karl v. Unger 33 Fürft Kinsky " " Brüder Tfchinkel J. Schary Prinz Schaumburg- Lippe Korb v. Weidenheim Hamburger, Singer& Co. Winterberg Chinonitz Bodenbach Saaz Schönpriefen Leitmeritz Hainspach Klein- Rohofec Chotzen Tfchifchkovitz Prag Böhmifch Skalitz Bezdiekaw Liboczan bei Saaz Olmütz Napajedl Rzeczkovitz "" "" 27 J. v. Münzberg Mähren Graf Stockau 29 M. Wiener Sal. Braun دو دو Graf Harrach F. Müller " J. Lamberg "" M. Zifferer " Schlefien Erzherzog Albrecht Tefchen " Graf Larifch Bürgerliche Brauerei Jarofchau Janovitz Fufsdorf Ungarifch- Oftrau Vierzighuben Karwin Troppau دو دو Jurykeller Jurykeller öftliche Agriculturhalle öftliche Agriculturhalle öftliche Agriculturhalle feit Auguft diverfe Reftaur. Tfchinkel's Collectivausft. öftliche Agriculturhalle "" " د, دو دو öftliche Agriculturhalle Kofthalle öftliche Agriculturhalle öftliche Agriculturhalle und eigene Collectivausftellung öftliche Agriculturhalle Em. Neumann R. Springer "" Galizien دو Joh. Götz Erzherzog Albrecht Radwanitz Olbersdorf " د, Okocim öftliche Agriculturhalle Wieprz ad Seybufch öftliche Agriculturhalle und Krakau Kraficzin Brody Graz eigene Collectivausftellung öftliche Agriculturhalle " 21 öftliche Agriculturhalle Trzetrzewinski& Comp. Tenczyneck " F. John " 3 Fürft Sapieha Bukowina A. Mayer Steiermark F. Schreiner Gebrüder Reininghaus Steinfeld 39 39 Judenburger- Braugef. Farrach Kober Göfs 33 Kärnten Actienbrauerei Silberegg Gebrüder Kosler Krain Tirol Vorarlberg Ungarn Trieft Maffei Baldeffare Jos. Spieler A. Dreher " 99 دو د, " 2 97 39 Leopoldsruhe bei Laibach Rovereto Hohenems Peft Trieft eigener Reftaurationspavill. öftliche Agriculturhalle Pavillon Dreher دو 80 Kronländer Niederösterreich Oberöfterreich Salzburg Guftav Noback. Anzahl der Bierbrauereien Bierproduction in Eimern 4,736.653 Steuerbetrag in Gulden ö. W. 6,084.556 1,567.226 443-997 Böhmen Mähren Schlefien Galizien Bukowina. Steiermark Kärnten Krain Küftenland Tirol und Vorarlberg Ungarn Siebenbürgen Kroatien und Slavonien. Serbifch- banater Militärgrenze Kroatifch- flavon. Militärgrenze Zufammen I12 269 1,382.567 67 389.532 956 7,815.816 7,995.317 249 1,848.434 1,993.650 65 245 453.122 861.273 506.884 1,005.984 15 72.773 76 943.288 83.616 1,247.381 137 185.759 221.369 ΙΟ 88.440 119.295 3 2.780 14.670 133 263.329 296.243 252 1,136.306 1,337.658 23 47.290 54.409 8 45.692 51.523 16 32.918 37.557 2636 20,305.952 23,061.365 Aus folgender Tabelle, welche umfaffende Daten über die Jahre 1844 bis 1872 enthält, ift erfichtlich, dafs die Anzahl der Brauereien während der angegebenen Periode fich von 3019 auf 2636 oder um 383 verminderte, das ift um 116 Percent, während in der gleichen Zeit die Biererzeugung von 8,328.307 auf 20,305.952 oder um 11,977.645 Eimer ftieg, das ift um 143.8 Percent. Die Zunahme der Biererzeugung geftaltete fich nicht in allen Kronländern in gleichem Verhältniffe; die bedeutendfte Steigerung ift bei Niederöfterreich, Böhmen, Mähren und Schlefien zu bemerken; bei den meiften Kronländern war die Bierproduction theils fehr gering geftiegen oder Schwankungen unterworfen, theils auf gleicher Höhe geblieben. Diefe Tabelle enthält auch die Bierfteuer- Einnahme während der vorerwähnten Jahrgänge und zwar bei der Biererzeugung auf dem flachen Lande, fowie in den gefchloffenen Städten. Es mufs hier erwähnt werden, daſs ſpeciell für Niederösterreich bei der Einfuhr in gefchloffene Städte( Wien) noch eine Verzehrungsfteuer erhoben wurde. Diefe betrug im Jahre 1872 1,290.721 Gulden öfterreichifcher Währung. Bringen wir die gefammte Bierproduction aller Kronländer von OefterreichUngarn( 1872), nämlich 20,305.952 Eimer= 1,221,199.953 28 Liter, in einen Vergleich zu der Einwohnerzahl von 35,644.858, fo entfällt auf den Kopf der Bevölkerung ein Quantum von 23 Mafs oder 34'5 Liter producirten Bieres. Nachdem in gedrängter Kürze die allgemeinen Daten der Bierproduction Oefterreich- Ungarns erläutert wurden, gelangen wir zur Befprechung der einzelnen Kronländer. Bier, Malz etc. Anzahl der Brauereien Bierproduction in niederösterreichifchen Eimern Steuerbetrag in Gulden Oefterr. Währ. Kronland 1844 1857 1861 1866 1872 1844 1857 1861 1866 1872 1844 1857 1861 1866 1872 381 Salzburg Böhmen Mähren 415 Schlefien 94 82 Niederösterreich 162 125 133 126 II2 1,606.929 2,991.580 2,190.217 2,982.896 4,736.653 Oberösterreich 219 280 290 269 889.983 747.857 1,002.228 1,382.567 74 76 76 67 259.316 280.440 319.951 389.532 1051 1047 1036 1026 956 3,356.565 4,489.334 4,280.634 5,134.774 7,815.816 309 295 267 249 1,106.731 969.173 1,282.371 1,848.434 86 65 - 2,094.106 2,936.635 3,886.977 6,084.556 - 996.228 622.988 846.632 1,194.379 1,567.226 - 923.722 211.827 182.580 291.495 453.122 - Galizien 293 310 296 245 520.831 609.292 615.438 861.273 374 765.878 Bukowina 21 19 17 15 Steiermark 142 138 134 118 76 352.802 Kärnten 338 227 209 199 137 Krain 31 30 28 20 ΙΟ 149.989 43.637 36.409 42.083 28.321 470.768 450.380 497.477 943.288 184.314 170.565 143.016 185.759 76.216 48.362 33.469 88.440 72.773 181.521 317.111 371.610 443 997 3,142.534 4,787.151 5,780.874 7.995.317 774.692 1,077-594 1,415.215 1,993.650 148.279 204.842 334.679 506.884 364.582 581.093 601.070 1,005.984 25.468 37.852 25.629 83.616 329.538 608.281 641.790 1,247.381 183.606 164.372 221.369 - 129.038 53.351 60.344 40.307 119.295 Küftenland ohne Trieft 9 13 333 5 3 3 4.860 7.709 4.443 2.305 2.780 3.009 5.310 5.704 14.670 Tirol und Vorarlberg 116 141 147 142 133 127.749 270.076 Ungarn Siebenbürgen Kroat. u. Slavon. Serbifch- banater Militärgrenze Kroatifch flav. Militärgrenze Zuſammen exclufive Ungarn, Kroatien, Slavonien etc. 413 330 275 252 94 94 93 93 27 27 28 23 20 16 14 8 32 221 19 16 Siebenbürgen, exclufive Ungarn, Kro554.157 64.051 72.703 282.008 288.085 263.329 640.949 803.022 86.309 1,136.306 299.817 300.781 331.452 691,691 679.450 813.392 296.243 1,337.658 42.532 70.795 83.681 atien, Lombardei etc. 71.226 61.211 39.995 47.290 41.258 59.634 40.264 54.409 52.946 29.039 32.764 45.692 73-387 32.303 32.868 51.523 39.000 16.934 13.534 32.918 - 3019 3389 3242, 3095| 2636 8.328.307 12,296.474 11,078.870 13,597.450 20,305.952 146.047 15.067 17,032.700 12,804.481 15,739.603 23,061.365 12.340 37.557 9 10 Guftav Noback. Niederösterreich, Oberösterreich und Salzburg. Von diefen drei Kronländern fteht Niederöfterreich fpeciell mit den Bierbrauereien von Wien und Umgebung hoch oben. Der gewaltige Auffchwung, den wir bei den Wiener Brauereien bemerken und der damit zufammenhängende grofse Bierverbrauch fällt erft in die Reihe der letzten Jahrzehnte. Die fechs ihrer Production nach bedeutendften Bierbrauereien von Wien und Umgebung find folgende: Standort Klein- Schwechat St. Marx Liefing Brunn. Hütteldorf Ottakring Bierproduction 1872 in Eimern 718.950 503.200 483.800 331.200 312.218 286.260 Den Haupteinfluss auf das riefenhafte Wachfen der Bierbrauereien Niederöfterreichs hat ohne Zweifel die Refidenz Wien geübt. Der Weltruf, den fich die Wiener Biere errungen haben, veranlafste nicht blos einen Verfandt derfelben nach einzelnen Kronländern, fondern führte auch einen Export über die Grenzen nach allen Theilen des Auslandes herbei. Oberösterreichs Bierinduftrie hatte nicht eine fo günftige Zunahme der Bierproduction aufzuweifen. Vom Jahre 1844 bis 1868 war diefelbe dort fehr fchwankend und fiel fogar im Jahre 1868 nicht unerheblich. Diefs mag wohl darin feinen Grund haben, dafs die Bierbrauereien in der Umgebung Wiens mit ihrem Producte, als ftarke Concurrenten auftretend, eine Erhöhung der oberöfterreichifchen Biererzeugung nicht aufkommen liefsen. Aufserdem tritt in Oberöfterreich als Concurrent gegen den Bierverbrauch, der Obftmoft auf, indem in jenen Jahren, wo das Obft gedeiht, alfo viel und billiger Moft zu haben ift, der Rückgang des Bierconfums merklich wird. Am flachen Lande find diefe Verhältniffe befonders vorwiegend. Alle jene Bierbrauereien, welche in der Periode von 1860 bis 1872 mehr als 20.000 Eimer Bier erzeugten, find aus der umftehenden Tabelle erfichtlich. Standort Bierproduction 1872 in Eimern Zipf Linz Eggenberg Luftenau Enns 100.900 75.840 42.040 38.760 20.820 Salzburg bietet in feinen Bräuereiverhältniffen ähnliche Erfcheinungen dar, wie Oberöfterreich; die Verhältniffe der Bierproduction waren dort fehr fchwankend. Die Anzahl der beftehenden Bierbrauereien blieb fich von 1860 bis 1867 gleich und begann von diefer Zeit an fich zu vermindern. Unter den im Jahre 1872 beftandenen Bierbrauereien waren nur zwei, welche über 20.000 Eimer Bier producirten. Diefe find die in Kaltenhaufen, 94.500 Eimer und jene in Riedenburg mit 26.800 Eimern. Böhmen. Die Bierbereitung ift ein in Böhmen fchon feit dem XIV. Jahrhundert ausgeübtes Gewerbe. Schon vor mehreren Jahrhunderten wurden ähnlich wie in Baiern, fo auch in Böhmen an mehreren Orten Biere gebraut, die durch ihren eigenen Wohlgefchmack fich eines weit über das Land felbft hinausreichenden Rufes erfreuten. Es wurden damals fowohl Weizen- wie GerftenmalzBiere gebraut. Böhmens Bierinduftrie ift fehr begünftigt durch die im Lande in Bier, Malz etc. 11 genügender Menge vorhandene ausgezeichnete Braugerfte, fowie durch den berühmten Saazer Hopfen; ferner ift Böhmen frei von jenen einflussreichen Concurrenzen des Bierconfums, nämlich von der Production eines billigen Weines und Obftmoftes. Die Biererzeugung in Böhmen ift um 4,461.013 Eimer, alfo 132.09 Percent, während der letzten 29 Jahre geftiegen, nämlich von 3,356.565 Eimer auf 7,817.578 Eimer. Die Zahl der Bierbrauereien fiel von 1051 auf 956, das ist 9 Percent. Die nachstehende Tabelle gibt eine intereffante Ueberficht der Bierbrauereien im Jahre 1871. Kreis Brauereien nach ihrer Befitzeskategorie Brauereien überhaupt Private Art der BetriebsBeEinnützung richtung Handbetrieb Budweis 52 27 Bunzlau 49 42 I Chrudim 38 Czaslau Eger. Jicin 27 72 58 94 41 57 34 Königgrätz 44 24 Leitmeritz 64 38 Pilfen.. 91 60 Pifek. 77 Prag 132 00 сл Saaz 56 Tabor. 93 25532 7814480 4985 37 2 20 I - J I 2 9 I I 8 798 23380 to 92430 12 31 3 T 21 I - 13 33. 31 36 - 2 II 27 I 2 5 22 21 51 4 5c 28 66 I I 6 7 4 16 54 89 38 75 I 1003 7936 II IO 13 IO 4 Hauptftadt Prag 44 41 543 2396403 323 3+ 223 33330 12 29 I 794 3542 2 49 44 34 70 92 40 31 I 43 19 45 13 51 36 55 3 88 24 36 96 7 125 31 25 53 I 76 4 25 41 68 7513 83 51 I 92 41 Landesfumme 947 664 3 II 97 93 45 34 331 616 51 896 Mehr als zwei Drittel der in Böhmen im Jahre 1872 beftandenen Brauereien find im Privatbefitz, während die übrigen theils Actienunternehmungen, Gefellſchaften, Stadtgemeinden, Klöftern, Fonden und Stiftungen angehören Nahezu zwei Drittel der beftehenden Brauereien wurden nicht von den Befitzern betrieben( waren nämlich verpachtet). Die in Böhmen producirten und auch vom confumirenden Publicum am meiften bevorzugten Biere find fehr licht in der Farbe, reich an Kohlenfäure und leicht. Es läfst fich der Charakter der in Böhmen beliebteften Biere am beften bezeichnen, wenn auf das Pilsner Bier des bürgerlichen Brauhaufes hingewiefen wird; dasfelbe ift fehr licht in der Farbe, hell im Ausfehen, hopfenreich, ftark mouffirend und weinartig im Gefchmack; es ift weniger ftark als die Wiener, baierifchen oder englifchen Biere und hat defshalb einen erfrifchenden und belebenden Einfluss auf den Organismus.* Bei diefer Gelegenheit mufs eines intereffanten Umftandes gedacht werden. Seit mehreren Jahren ift die Bemerkung zu machen, dafs in den meiften Bier * Meiner Erfahrung nach werden die dem Pilsner ähnlichften Biere in Chriftiania erzeugt und von dort aus ihres Renommées wegen in anfehnlichen Mengen exportirt, befonders nach Brafilien. Die Vortrefflichkeit des Bieres aus der Pilfner bürgerlichen Brauerei ift der tüchtigen Leitung des Oberbräuers Blöchel zu verdanken. 12 Gufiav Noback. producirenden Ländern Europas vom Brauen dunkler Biere auf die Bereitung lichterer ftufenweife übergegangen wird. Zur Unterſtützung der gemachten Bemerkung, dafs in Böhmen hauptfächlich fchwächere Biere aus 10-, II- und 12gradigen Würzen bereitet und confumirt werden, wird auf die nebenftehenden Daten hingewiefen.( Tabelle Seite 13) Die dort angeführten Zahlen machen es am fchlagendften erfichtlich, dafs 10grädige Biere( refpective Würzen) in weit gröfserem Mafsftabe in böhmifchen Brauereien erzeugt werden, als andere Qualitäten. Es find unter 5,772.941 Eimer 3,461.264 Eimer aus 1ogradigen Würzen bereitet worden, was dem bedeutenden Satz von 60 Percent gleichkommt. Das Verhältnifs, mit welchem die II- und 12gradigen Biere an der Erzeugung participiren, ift folgendes: von II Grad wurden 1,268.073 Eimer, 12 27 99 " 364.018 gebraut. Auffallend erfcheint es, dafs die Gefammtmenge von Bieren 13-, 14, 15und 16gradiger Würze in ganz Böhmen nur 119.955 Eimer betrug; gerade diefe Bierqualitäten find es, welche z. B. in den Wiener und Pefter Brauereien im umgekehrten Verhältniffe, nämlich hauptfächlich gebraut werden. Diejenigen Brauereien, welche mehr als 70.000 Eimer Bier brauten( 1872) find folgende: Bierproduction 1872 in Eimern. Standort Pilfen( Bürgerfchaft). ( Actiengeſellſchaft) " Turn Poftelberg Wittingau " 241.856 150.240 88.660 75.1 20 73.820 70.000 Bodenbach Die bedeutendfte Steigerung der Biererzeugung weift das bürgerliche Brauhaus zu Pilfen auf. Dasfelbe wurde im Jahre 1842 gegründet, und hat fich durch die feit jener Zeit fich ftets gleichbleibende Qualität feines Productes einen Weltruf erworben. Die hervorragenden Eigenfchaften des Pilsner Bieres aus dem bürgerlichen Brauhauife, wie: Kohlenfäure- Reichthum, Reinheit und Feinheit des Gefchmackes und fehr lichte Farbe des Ausfehens, haben die Veranlaffung gegeben, dafs eine grofse Zahl der Bierbrauereien Oefterreichs fowie des Auslandes fich neuerer Zeit beftrebt, ein ähnliches Product zu erzeugen. Mähren und Schlefien. Der Bierbrauerei- Betrieb hat auch in diefen beiden Ländern einen grofsen Fortfchritt aufzuweifen. Es ift mit Befriedigung zu conftatiren, dafs während der letzten Jahre dafelbft durch die Zunahme des Bierconfums bei der ländlichen, fowie bei der Arbeiterbevölkerung der Genufs von Branntwein theilweife eingedämpft wurde. Mähren hat in einer Richtung den günftigften Boden für die Bierinduftrie, da nämlich die vortrefflichfte Braugerfte in dem fruchtbaren Landftriche( genannt die„ Hanna"), der fich um Olmütz, Profsnitz und Kremfier ausdehnt, in bedeutenden Quantitäten producirt wird. Im Rayon diefes Diftrictes wurden zur Verarbeitung der Gerfte für Braumalz während der letzten Jahre mehrere grofse Malzfabriken in Profsnitz, Olmütz, Kremfier, Kojetein etc. angelegt, welche hauptfächlich für den Export nach dem Auslande arbeiten. Die vier bedeutendften Brauereien Mährens find nach dem Ausweife der Bierproduction im Jahre 1872 folgende: Olmütz mit 65.248 öfterreichifchen Eimern, Tiefchetitz" 47.520 " " Napajedl 29 43.100 " 9 99 Nennovitz " 42.860 " " Bier, Malz etc. Kreis Im Jahre Anzahl der im Betriebe geftandenen Brauereien Statiftifcher Nachweis der Biererzeugung in Böhmen. für die Jahre 1868 und 1869. Menge des erzeugten Bieres und zwar zu 9 Grad 10 Grad 11 Grad 12 Grad 13 Grad 14 Grad 15 Grad 16 Grad Anzahl in Eimern ZufamBeiläufiger Werth diefer Entfallende Bierquanti Verzehrungstäten fteuer men fl. kr. fl. kr. Prag Budweis. Czaslau Chrudim. 133 7.800 420.072 283.645 36.186 II.088 46 56.400 222.865 4.490 21.320 77 29.886 227.025 68.793 4.318 473 IIO 19 130 840 748.901 305 934 3,669.614 90 804.947 19 1,376.703 215.304 39 330.625 1,587.000 345.361 48 39 99 103.343 118.195 2.671 80 224.388 1,009.746 Eger. 241.957 36 109 175.227 208.183 39.850 16.805 2.175 I2 442.252 2,122.809 60 Jitfchin 448.407 76 Jungbunzlau Königgrätz 1868 43 30.704 151.221 53.596 3.908 52 96 245.841 167.304 5.305 90 126 80 239.599 1,078.195 50 249.895 20 270 270 419.212 1,886.454 447-799 36 44 4.122 157.201 94.588 24.916 1.790 3 24 282.644 Leitmeritz 1,271.898 303.935 80 70 II.172 487.853 208.448 6.262 38.180 1.156 1.775 1.860 756.706 Pilfen. 3,253.835 80 810.236 50 95 94.342 260.560 134.948 63.256 553.106 Pifek 81 137.334 Saaz 145.861 4.180 62 4.915 317.438 80 492 1.000 17.720 288.385 Tabor. 102 23.353 151.941 50.418 1.884 Hauptftadt Prag. 45 160 11.008 53.640 103.134 Summa 998 575.620 3,100.412 1,362.587 308.685 772 35.324 90.098 29 116 92.640 420.594 3,429.257 20 584.843 30 1,297.732 50 289.595 54 2,102.970 443.388 24 228.484 941.354 8 238.618 98 17.080 40 1,721.643 Prag 94 565 19 989 1.900 313.026 5,553.856 26,749.213 58 5,913.375 20 392.084 10 133 16.836 508.97: 250.974 18.808 II. IOO 60 Budweis 53 39.168 806.749 3,953.070 10 843.370 17 Czaslau 73 14.672 236.162 244.359 27.253 67.442 19 052 357 180 330.369 1,486.660 50 365.588 19 4.530 862 40 Chrudim. 40 1.800 107.561 119.315 2.439 500 80 Eger Jitfchin 107 167.358 142.140 36.911 17.928 I 946 003 50 58 333.816 231.695 1,554.316 80 333.202 90 1,042.627 50 245-793 6 466.286 2,238.172 80 462.575 90 43 II.900 182 184 52.276 8.288 Jungbunilau Königgrätz. Leitmeritz Pilfen. Pifek 1869 50 3.310 291.817 110.789 3.510 45 3.888 199.465 78.087 26.926 68 18.420 510.813 173.415 12.215 308 24.870 I 20 380 94 99.832 265.481 145.150 93.894 2.240 1.130 80 I 450 78 150.093 142.974 2.444 Saaz 59 4.124 338.628 87.156 1.420 13.360 254.648 1,145.916 409.426 1,842.417 308.794 1,389.573 742.693 607.677 296.931 262.630 24 424.308 84 324.042 28 Tabor. IOI 26.470 142.785 60.645 3.074 Hauptftadt Prag 44 1.760 47.924 56.216 138.574 40 328 23.382 3.963 140 446.411 3,193.579 90 3,767.597 40 1,336.189 50 2,232.055 775 989 60 636.884 28 286.081 9 462.471 21 16 233.318 961.370 16 239.237 20 40.512 5.640 120 314.128 1,727.704 272.811 25 Summa 988 559.631 3,461 264 1,268.073 364.018 66.576 44.471 7.080 1.828 5,772.941 27,871.449 66 6,005.986 21 13 14 Guftav Noback. Neben der Zunahme der Biererzeugung im k. k. Schlefien ift auch noch befonders des bedeutenden Bierverfandtes nach dem benachbarten Galizien und Preufsifch- Schlefien zu gedenken. Die drei Brauereien, welche ihrer Production nach obenan ftehen, find folgende:( 1872) Tefchen mit 72.640 Eimer, Karwin" 57.411" 9 Troppau 56.805 " 29 Galizien und Bukowina. Die Bierbrauereien haben in diefen Ländern keineswegs einen folchen Auffchwung der Production erreicht, wie man diefes im Vergleich zu anderen Ländern erwarten follte. Es find wohl einzelne rationell geleitete Bierbrauereien in ihrer Production erheblich geftiegen, indem fie die in mittlerweile eingegangenen kleinen Landbrauereien erzeugten Biermengen abforbirten; von einem Aufblühen der Bierinduftrie im Allgemeinen ift jedoch nichts zu bemerken. Ein Umftand, welcher in diefer Richtung hemmend in den Weg tritt, iſt das noch in Ausübung befindliche Propinationsrecht. Als Charakteriſtik für den Kleinbetrieb in Galizien führen wir noch an, dafs in den Jahren 1871 und 1872, 125 Brauereien beftanden, welche Oberzeugbier bereiteten. Die bedeutendften Bierbrauereien brauten im Jahre 1872 folgende Biermengen: Okocim Wieprz ad Saibufch Lemberg( K. Kifelka) 65.600 Eimer, 61.080" 33.175 27 Steiermark, Kärnten, Krain, Küftenland, Tirol und Vorarl berg. Von diefen Kronländern Oefterreich- Ungarns tritt Steiermark bezüglich der Bierproduction hervor. Im Zufammenhange mit dem Aufblühen der Induftrie Steiermarks, befonders der Eifeninduftrie, fteht auch die Steigerung der Bierproduction; diefelbe hat während der letzten Jahre einen bedeutenden Auffchwung erreicht. Graz und Umgebung befitzen die ihrer Production nach bedeutendften Bierbrauereien Steiermarks. Jene vier, welche ihrer Erzeugung nach obenan ftehen, waren im Jahre 1872 folgende: Graz( F. Schreiner) Steinfeld Wagram Graz( J. Japl). " 193.600 Eimer 178.000 167.800 37.180" 99 Die erhebliche Zunahme der Bierproduction ift hauptfächlich mit dadurch hervorgerufen, dafs vom Grazer Gebiete aus der Bierexport nach dem benachbarten Ungarn, ferner nach Krain, Iftrien, dem Küftenlande und Trieft und von da nach dem Oriente in refpectabler Weife betrieben wird. Die von uns fchon oft gemachte Bemerkung über das Eingehen kleiner Bierbrauereien und die bedeutende Productionsfteigerung gut fituirter und rationell geleiteter Bierbrauereien bezieht fich auch auf diefe Ländergruppe. So find gröfsere Actienbrauereien in letzterer Zeit ins Leben gerufen worden zu Silberegg in Kärnten und Judenburg( Farrach) in Steiermark. Beide Brauereien find zeitgemäfs angelegt und eingerichtet und werden bei der intelligenten Leitung gewifs ein umfangreiches und ausgiebiges Abfatzgebiet finden. In Krain werden die meiſten Brauereien in fehr mässigem Umfange betrieben. Eine rühmliche Ausnahme hievon macht das im grofsen Mafsftabe fabriksmäfsig betriebene Etabliffement der Herren Gebrüder Kosler in Laibach, deren Product Bier, Malz etc. 15 fich aufser in Krain auch ein bedeutendes Abfatzgebiet in Trieft, dem Küftenlande, Italien und dem Oriente verfchafft hat. Diefe erft feit einigen Jahren beftehende Brauerei erzeugte im Jahre 1872 45.440 Eimer Bier. In den übrigen Ländern ift keine Steigerung der Bierproduction zu bemerken. Diefs dürfte feinen Grund hauptfächlich darin haben, dafs dort ein guter billiger Wein producirt wird, zu deffen Genufs fich die Bevölkerung mehr hinneigt, auch find die klimatifchen Verhältniffe dafelbft der Bierbereitung nicht günftig. Ungarn, Siebenbürgen, Kroatien, Slavonien und die Militärgrenze. Die Maffenproduction guten und billigen Weines in Ungarn und Siebenbürgen hat einen unverkennbaren Einfluss auf die Bierinduftrie geübt, denn in beiden Ländern hat die Bierproduction einen nur unerheblichen Auffchwung und zwar nur während der letzten Jahre aufzuweifen. Auch in diefen Ländern find es die grofsen rationell eingerichteten Bierbrauereien, welchen die Mehrproduc tion zukommt. Die Umgebung von Peft ift der Hauptfitz der im grofsartigen Mafsftabe arbeitenden Brauereien, welche allein über die Hälfte des in Gefammt- Ungarn und Siebenbürgen, erzeugten Bieres produciren. Es find diefs nachftehende Etabliffements mit ihrer Biererzeugung vom Jahre 1872: Peft( A. Dreher) mit " ( Actiengeſellſchaft) mit. 273.400 Eimer . 243.900 Kroatien, Slavonien, ferner die Militärgrenze( und zwar die SerbifchBanater, fowie die Kroatifch- Slavonifche) weifen ein mäfsiges Steigen des erzeugten und zur Verfteuerung gelangten Bieres nach. Die in diefem Ländergebiete beftehenden Brauereien werden nur im kleinen Umfange betrieben. Eine Ausnahme hievon macht die Bierbrauerei in Pancfowa, welche im Jahre 1872 33.860 Eimer Bier producirte. Nachdem die Bierproductions-Verhältniffe der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie angeführt und in gedrängter Kürze befprochen wurden, wollen wir die Aufmerkſamkeit noch auf die Verhältniffe der Bier- Ein- und Ausfuhr lenken. Es ift aus folgender Zufammenftellung erfichtlich, dafs die Bierausfuhr die Biereinfuhr um ein fehr Bedeutendes überragt. Die Biereinfuhr betrug im Jahre 1872: 9.359 Zollcentner. Die Ausfuhr weift eine bedeutende Steigerung nach, und zwar betrug diefelbe 1859: 37.587 Zollcentner und erhob fich im Jahre 1872 auf 440.766 Zollcentner. Aus diefer auf das nahezu Zehnfache geftiegenen Menge des exportirten Bieres läfst fich wohl am beften die zunehmende Beliebtheit öfterreichiſcher Biere im Auslande erkennen. Ausfuhr und Einfuhr von Bier in Zollcentner.* Einfuhr 1859 14.238 1865 1866 1868 10.060 6.293 1867 5.889 7.596 8.808 1869 1871 1872 8.007 9.359 Ausfuhr 1859 1865 1866 1867 1868 1869 1871 1872 37.587 183.203 174.355 290.010 388.433 403.550 488.526 440.766 * I öfterreichifcher Eimer Bier à 42' Mafs ift mit einem Sporcogewicht von 120 Pfund Wiener Gewicht 134'4 Zollpfund angenommen. 2 16 Guftav Noback. Bier in Centnern Sporco* a) in Flafchen und Krügen ohne Rückvergütung der Steuer Schätzungswerth in Gulden Gein fammtGulden menge öfterr. Währung Süddeutſchland Bierausfuhr in Oefterreich. Ungarn Werth im Jahre 1871. Vertheilt fich nach oder über Türkei Sachfen Preussen Zufammen nach Deutſchland Russland Moldau und Walachei Sonſtige Grenzen Schweiz Fremde italie. nifche Staaten 15 2.782 41.730 195 222 152 569 15 1.414 363 87 317 17 b) in Fäffern gegen Rückvergütung der Steuer 5 474.511 2,372.555 100.224 86467 13.453 200144 1.086 17.886 41.376 77.296 132.151 4.572 ohne Rückvergütung der Steuer.. II.I02 55.510 644 2.961 529 4.134 793 457 186 846 13 246 4.427 * 1 öfterreichifcher Eimer Bier à 42%, Wiener Mafs hat ein Sporcogewicht von 120 Pfund gleich 134'4 Zollpfund. Trieft Fiume und anVenedig dere Häfen Menge der Einfuhr aus oder über Biereinfuhr nach Oefterreich- Ungarn im Jahre 1871. Bezeichnung EinfuhrZollBier zoll der ertrag Menge fl. kr. a) in Flafchen und Krü2 Zufammen aus Deutſchland Ctr. Netto 20 5 362 7.240 1.810 63 81 206 35° I II Bier, Malz etc. b) in Fäffern Ctr. Sporco 6 I 50 7.645 45.870 10.194 5.250 943 1.318 7.511 I 3 34 66 46 gen. * Für Bier, welches die auf den Grenzflüffen verkehrenden Schiffsleute zu ihrem Gebrauche mit fich führen, ift kein Eingangszoll, wohl aber die gefetzliche Verzehrungssteuer von 84 Neukreuzer für den Zollcentner fporco und überdiefs ein 20- percentiger Zufchlag zu diefer Steuer zu bezahlen. ** Darunter 2543 Centner zolfrei als Schiffs bier und 18 Centner Zoll- und Verzehrungssteuerfrei. 17 18 Guftav Noback. Ueber die Richtung, nach welcher die Bierausfuhr und von welcher die Biereinfuhr erfolgte, führen Näheres umftehende Zufammenftellungen an.( Seite 17 und 18.) Ein Gefammtbild der Bierinduftrie- Verhältniffe von Oefterreich- Ungarn bezüglich der Gröfse fowie des Umfanges fämmtlicher im Betriebe geftandener Brauereien, der in denfelben angewandten Gährungsmethoden( Ober- und Untergährung), ferner über die erzeugten Biermengen und die hiefür eingegangene Verzehrungssteuer wird durch das nebenftehende Tableau* in ausführlicher Weife gegeben. Das deutfche Reich. Preufsen. Der in Preufsen fowie überhaupt in ganz Norddeutſchland eingeführte Befteuerungsmodus bei Brauereien, nämlich: Malzfteuer nach Gewicht, und zwar per I Zollcentner 20 Silbergrofchen, gibt genügende Anhaltspunkte, um mit ziemlicher Genauigkeit die dafelbft producirten Biermengen aus den in officiellen Daten angegebenen Malzfteuer- Einnahmen beftimmen zu können. Bisher war es Gepflogenheit, bei officiellen Daten über Bierproduction Norddeutſchlands anzunehmen, dafs aus einem Zollcentner Malz 150 Berliner Quart Bier durchfchnittlich bereitet werden. Diefe Annahme, feit mehreren Jahrzehnten gebräuchlich, ift als ganz veraltet zu bezeichnen. Der beim Brauereibetrieb felbft in den kleinften Landbrauereien fich Bahn brechende Fortfchritt hat es fchon längft dahin gebracht, dafs durchſchnittlich ein gröfseres Quantum Bier aus I Zollcentner Malz bereitet wird. Ohne für den gefammten Durchfchnitt der Malzverwendung in den Brauereien Norddeutſchlands zu hoch zu greifen, kann angenommen werden, dafs I Zollcentner Malz 175 preufsifche Quart oder 200 4 Liter Bier ergibt. Wie in allen Ländern, fo begegnen wir auch in fämmtlichen Provinzen Preussens einer fteten Zunahme der Bierproduction. Das Erträgnifs der Braumalz- Steuer in Preufsen ergab im Jahre 1870: 2.568.053 Thaler und erhob fich nach drei Jahren, das ift im Jahre 1872 auf 3,234.166 Thaler, ift demnach gewachfen um 666.113 Thaler oder um 55% Percent. Die nachftehende Tabelle bringt über die Braumalz- Steuer einzelner Provinzen Preufsens während der Jahre 1870, 1871 und 1872 nähere Daten: Erträgnifs der Braumalz- Steuer in Preufsen. Provinzen Oft- Preufsen. Weft- Preufsen Brandenburg Pommern 1870 1871 Thaler 1872 170.507 92.596 187.539 213.421 102.619 по.165 480.692 567.600 690.768 74-775 84.414 96.841 Pofen Schlefien Sachfen. Schleswig- Holftein Hannover 59.407 64.603 70.496 328.120 366.032 401.268 317.120 412.693 442.716 77.899 79.924 95.089 122.882 138.892 150.828 Weftphalen 200.724 217.763 231.763 Heffen- Naffau. 203.591 235.702 260.034 Rhein- Provinz 396.899 424.860 470.777 Zum Thüringer Verein gehörende Landestheile 42.841 48.618 Zufammen 2,568.053 2,931.259 3,234.166 * Diefe Zufammenftellung fowie die weiter vorne gebrachten Daten find den Ergebniffen dei Verzehrungsfteuer entnommen. Bier, Malz etc. 19 Da, wie vorhin bemerkt, 20 Silbergrofchen Steuer für jeden Zollcentner verbrauten Malzes gezahlt werden, fo erhält man die Quantitäten des verbrauten Malzes, indem man die betreffenden Poften der Malzfteuer- Einnahmen obiger Tabelle um die Hälfte erhöht. Die folgende Zufammenftellung ergibt das in fämmtlichen Provinzen Preufsens verarbeitete Braumalz in den Jahren 1870, 1871 und 1872. Oft- Preufsen. Weft- Preufsen Provinzen 1870 255.760% 1871 281.30812 1872 320.13112 138.894 153.928 165.24712 Brandenburg 721.038 851.400 1,036.152 Pommern. 112.1621/ 2 126.621 145.26112 Pofen 89.1101/ 2 96.90412 105.744 Schlefien Sachfen Schleswig- Holftein Hannover. 492.180 549.048 601.902 475.680 619.0391/ 2 664.074 116.84812 119.886 142.6331 184.323 208.338 226.242 Weftphalen 301.086 326.64412 347.64412 Heffen- Naffau 305.38612 353.553 Rhein- Provinz 595.3482 637.290 390.051 706.16512 Zum Thüringer Verein gehörende Landestheile 64.26112 Zufammen 3,852.0791 72.927 4.396.8881 4,851.249 In einer fehr erheblichen Weife fteigerte fich die Zunahme des während der letzten drei Jahre verbrauten Malzes in Brandenburg, nämlich von 721.038 Zollcentner auf 1,036.152 Zollcentner, alfo um 315.144 Zollcentner oder um 44 Percent. Diefe Thatfache wird hauptfächlich herbeigeführt durch die fehr bedeutende Zunahme der Bierproduction in Berlin( unter Brandenburg mit einbezogen). Es geftaltete fich im Jahre 1871 in Berlin der Eingang an Malzfteuer, die daraus folgende Menge des verbrauten Malzes, fowie die erzeugte Bierquantität nachftehend: 1871 Berlin Malzfteuer in Thalern Menge des ver- brauten Malzes in Zollcentnern 364.503 546.7541 Bierproduction in Quart 95,682.03712 in Litern 109,569.601-8 Nach diefer Zuſammenftellung entfällt auf den Kopf der Bevölkerung in Berlin circa 137 Liter producirten Bieres. Die von der Steuerbehörde veröffentlichten genaueren Nachrichten über die Berliner Brauereien im Jahre 1871 ergeben folgende Verhältniffe: Es waren im Jahre 1871 überhaupt 49 Brauereien im Betriebe, welche zufammen 364.403 Thaler Braumalz- Steuer gegen 296.565 Thaler in 1870 gezahlt haben, mithin um 67.938 Thaler mehr. Zur Bierbereitung wurden von 22 baierifchen Bierbrauereien 361.577 Centner Gerftenmalz( 1870, 274.325 Centner) verwendet, von 14 Weissbier- Brauereien 145.768 Centner Weizenmalz( 1870, 129.983 Centner), von 7 Braun- und Bitterbier- Brauereien 34.567 Centner Gerftenmalz ( 1870, 34.403 Centner), von 6 Kunftbier- Brauereien 5515 Centner( 1870, 3332 Centner). Der gefammte Malzverbrauch aller Brauereien betrug hiernach 547.427 Centner gegen 442.043 Centner im Jahre 1870. Diefe Ziffern laffen erkennen, dafs, während der Mehrverbrauch an Malz in den Weifs-, Braun, Bitter- und Kunftbrauereien verhältnifsmäfsig in nur geringem Maſse geftiegen ift, der Betriebs 20 Guftav Noback. umfang in den baierifchen Brauereien denjenigen des Vorjahres um faft ein Dritttheil überftiegen hat. Der Abfatz der Berliner Brauereien nach aufserhalb ift nicht von Bedeutung, da der locale Confum fo ftark ift, dafs die Brauereien denfelben kaum haben decken können. Ueberdiefs wird auch der auswärtige Abfatz durch die verhältnifsmässig hohen Transportkoften erfchwert. Die Einfuhr von Bier von aufserhalb ift nicht unbedeutend gewefen; Berlin bezog im vorigen Jahre aus dem Regierungsbezirke Potsdam circa 102.797 Tonnen, aus dem Regierungsbezirke Frankfurt 3.332 Tonnen, aus dem Königreiche Sachfen 12.984 Tonnen, aus Baiern 2.248 Tonnen, zu denen noch 398 Tonnen Porter und Ale aus England, Hamburg etc. hinzutreten. Der gefammte Bierimport ftellt fich fonach auf 121.669 Tonnen gegen 102.217 Tonnen in 1870; ift alfo nicht unerheblich geftiegen. Die Weifsbier- Brauerei hat letzterer Zeit zugenommen; die Verwendung von Braumalz hiezu, die im Jahre 1865 bereits 142.823 Centner betrug, war nach und nach bis zum Jahre 1868 auf 113.867 Centner zurückgegangen. Seitdem hat fich aber der Betriebsumfang der Weifsbier- Brauereien erheblich vergröfsert, und find von demfelben 1869 131.425 Centner, 1870 155.310 Centner, 1871 161.084 Centner Malz verfteuert worden. Die Productionszunahme von 1868 bis 1871 beträgt alfo 415 Percent. Dagegen ift für Braun-, Bitter- und Kunftbiere( meift obergährig) eine erhebliche Abnahme der Verwendung von Braumalz zu conftatiren; diefelbe betrug 1865 noch 47.300 Centner, ging 1868 auf 31.594 Centner, 1869 auf 34.069 Centner, 1870 auf 19.674 Centner zurück und hat im letzten Jahre 1871 nur noch 18.702 Centner umfafst, fo dafs alfo zwifchen 1868 und 1871 eine Abnahme der Production um 40 8 Percent hervorgetreten ift. Die Anzahl der jetzt in Berlin beftehenden Actien- Bierbrauereien ift eine überaus grofse und wuchs diefelbe hauptfächlich dadurch in den letzten drei Jahren fo rapid, weil viele in Privathänden befindliche Bierbrauereien in Actienunternehmungen umgewandelt wurden. Aus nachftehender Zufammenftellung erfieht man, dafs die dreizehn in Berlin beftehenden Actien- Bierbrauereien im Jahre 1872 347-598 Centner Malz verarbeiteten, ein Actiencapital von 9,240.000 Thaler und Hypotheken im Betrage von 3,539.550 Thaler in fich vereinigten. Divid. Brauerei Thaler Malzverbr. Actiencapital Hypotheken Centner Thaler 1872 Malzverbr. in Percenten des Anlage- CapiPercent tals berechnet 1) Tivoli 2) Union 69.960 47.289 1,500.000 1,000.000 3) Böhmifche • 36.152 600.000 4) Königftadt 5) Bock 6) Moabit. • 29.280 800.000 22.110 • • • 700.000 597.800 336.000 194.000 416.000 300.000 98 3:33 634 3.54 ΙΟ 4'55 81/6 2'4I 8 2'21 21.262 550.000 150.000 7) Societät 20.142 550.000 248.750 8) Friedrichshain 20.100 9) Schultheis 19.260 10) Patzenhofer. 17 204 500.000 500.000 350.000 250.000 192.000 9988 812 3.04 6 2.52 6 2.68 6 2.78 100.000 IO 3.82 II) Schöneberg. 12) Adler 17.145 540.000 200.000 3 2.32 16.778 650.000 300.000 3 I- 77 13) Berg. 10.916 1,000.000 255.000 - 0.87 Summa 347.598 9.240.000 3.539.550 Ende 1872 find noch weitere vier Actien- Bierbrauereien zu regiſtriren, und zwar eine ganz neu angelegte und drei Privat- Weifsbier- Brauereien, umgewandelt in Weifsbier- Actienbrauereien. Bier, Malz etc. 21 obaDie Anzahl der in Preufsen betriebenen Brauereien ift aus nachftehender Zufammenftellung für das Jahr 1871 erfichtlich. 1871 Gewerbliche Brauereien Davon waren im Betriebe Nichtgewerbliche Brauereien Preufsen, und zwar: Oft- Preufsen 367 326 68 Weft- Preufsen 118 IIO Brandenburg 562 537 14 ( darunter Berlin) ( 49) ( 49) (-) Pommern 199 187 84 Pofen.. 216 184 Schlefien 1161 1085 2 Sachfen. Schleswig- Holftein Hannover 815 749 49 379 368 392 469 431 427 Weftphalen Heffen- Naffau Rheinland. Thüringifche Gebiete 1126 1016 1544 720 668 6 2071 1828 135 123 Zufammen 8326 109 7598 6 2727 Zur Ergänzung diefer Ueberficht ift noch zu bemerken, dafs auch eine fteuerfreie Bereitung von Bier in Kochkeffeln etc. ftattgefunden hat; es find zu diefem Behufe von den Bierfteuerbehörden 27.983 Erlaubnifsfcheine im Jahre 1871 ertheilt worden, auf Grund deren die fteuerfreie Haustrunk- Bereitung für 136.997 Perfonen ftattgefunden hat. Der Hauptfache nach kommen hiebei in Betracht: Oft- Preufsen mit 23.645 Perfonen, Pommern mit 12.924 Perfonen, Provinz Sachfen mit 3.481 Perfonen, Schleswig- Holftein mit 48.482 Perfonen, Hannover mit 6.406 Perfonen, Weftphalen mit 2.260 Perfonen, Mecklenburg mit 36.217 Perfonen. In allen übrigen, vorſtehend nicht befonders genannten Gebieten Nord- Deutſchlands ift die fteuerfreie Bierbereitung ohne Erheblichkeit gewefen. Die amtlichen Nachrichten über den Betrieb der Brauereien in Preussen gewähren ein treffendes Bild von dem Zuftande des Grofs- und Klein- Brauereigewerbes. Während erfteres in fortwährendem Zunehmen begriffen, ift letzteres immer mehr zurückgegangen. Der Zuftand der kleineren Brauereien in den Städten, noch mehr aber derjenigen auf dem Lande, welche nur für den localen Bedarf betrieben werden, ift veraltet und mangelhaft. Abgefehen von den geringen Betriebsmitteln, über welche die Befitzer meiſtens nur zu verfügen haben, fehit denfelben auch das Intereffe, durch Verbefferungen ihre Brauereien zu heben, da fie mit den gröfseren, intelligent betriebenen Anftalten doch nicht concurriren können. Die kleineren Brauereien gehen daher langfam ein. Was dagegen die gröfseren Etabliffements betrifft, fo werden keine Capitalien gefcheut, diefelben auf das grofsartigfte einzurichten, mit den beften Geräthen und techniſchen Vorrichtungen zu verfehen, mit grofsen zweckmäfsigen Lagerkellereien in Verbindung zu fetzen und die Production fortwährend zu fteigern. In Anbetracht der gröfseren Rentabilität diefer rationell eingerichteten Brauereien ift deren Zahl in ftetem Steigen gewefen. Nach den veröffentlichten ftatiftifchen Erhebungen betrug die Zahl der in Preufsen( exclufive jedoch der beim Thüringifchen Zoll- und Handelsvereine einrechnenden Gebietstheile) im Betriebe befindlichen Brauereien nach Mafsgabe ihres Betriebsumfanges: Malzverarbeitung über 2000 Centner 1000 bis 2000 وو 99 99 499 349 1871 1870 1869 363 333 307 414 100 bis 1000 3484 3618 3614 99 " و" von 100 Centner und darunter 3143 3332 3521 22 Guftav Noback. Stellt man die für 1871 und 1869 vorſtehend angegebenen Zahlen einander gegenüber, fo zeigt fich bei denjenigen Brauereien, welche über 2000 Centner Braufchrot verarbeiteten, eine Zunahme der Zahl um 56 oder 18 2 Percent, ebenfo bei den Brauereien, welche zwifchen 1000 und 2000 Centner Braumalz verfteuerten, um 85 oder 18-2 Percent. Anders und günftiger ftellte fich dagegen das Verhältnifs bei den kleinen Gewerbsanftalten. Die Zahl derjenigen, welche 100 bis 1000 Centner verbrauchten, hat um 130 oder 3.6 Percent, derjenigen, welche 100 Centner und weniger einbrauten, um 378 oder 10 7 Percent abgenommen. Die Gefammtzahl der im Betriebe befindlichen gewerblichen Brauereien, welche 1869 noch 7856 betrug, ift in 1870 auf 7722, in 1871 fogar auf 7489 zurückgegangen, hat fich alfo im Verlaufe von 3 Jahren um 367 oder 4'7 Percent vermindert. Dafs hiebei lediglich das Eingehen der kleineren Betriebsanftalten in Betracht kommt, zeigen die vorftehenden Ziffern. Haben wir vorftehend die Brauereien nach ihrem Betriebsumfange für den ganzen Staat berücksichtigt, fo dürfte es jedenfalls von Intereffe fein, auch zu fehen, wie fich das Verhältnifs der Grofsbrauereien zu den kleinen Betriebsanftalten in den einzelnen Provinzen ftellt. Die nachfolgende Ueberficht enthält Näheres hierüber. In den verfchiedenen Provinzen Preufsens wurde befonders vor einer Reihe von Decennien die Bierbrauerei als ein kleines Nebengewerbe der Landwirthfchaft betrieben. Mit der Zunahme des Bierconfums und der Anlage gröfserer ausgedehnterer Bierbrauereien, welche rationell angelegt und mit vortheilhaften Brauerei- Arbeitsmafchinen ausgerüftet wurden, ift die gefammte Bierbrauerei aus der Reihe der kleinen Gewerbe ausgetreten und zu einer felbftſtändigen, bedeutungsvollen Induftrie herangewachfen. Im Jahre 1831 beftanden in Preufsen noch 16.027 Bierbrauereien. Diefe verminderten fich bis zum Jahre 1865 auf 7426, alfo um nicht weniger als um 8601, das ift um 116 Percent. Am auffallendften war diefe Verminderung auf dem Lande, denn hier fiel die Anzahl von 9002 auf 3652 Brauereien, dagegen in den Städten von 6047 auf 3774 Brauereien. Zahl der Brauereien, welche an Braumalz verfteuerten: über 2000 Ctr. über 1000-2000 Ct. über 100-1000 Ctr. 100 Ctr. u. weniger 1871 1870 1869 1871 1870 1869 1871 1870 1869 1871 1870 1869 23332 52 Oft- Preufsen 17 17 13 44 37 Weft- Preufsen 24 22 19 15 Brandenburg 69 65 66 5r 20 16 13 17 21 IO 9 9 14 13 84 68 Pommern Pofen Schlefien Sachfen SchleswigHolftein Hannover 45 44 48 45 484 96 6 34 27 15 44 92 195 203 217 70 84 56 63 67 II 14 9 48 296 276 268 147 149 161 20 79 79 83 71 77 80 IO 107 116 109 53 55 62 67 534 572 571 422 415 439 59 441 455 471 196 214 199 39 40 64 55 14 II 24 26 IO 23 28 95 22 18 15 25 223 Weftphalen 25 20 36 31 Heffen- Naffau 34 31 33 34 29 Rheinprovinz 40 32 27 97 82 Zufammen 363 333 307 499 439 151 144 148 194 211 220 159 152 152 226 242 268, 383 369 347 572 619 710 25 266 275 268 334 329 242 82 844 914 913 847 893 939 414 3484 3618 3614 3143 3332 3521| 3| 3332 Mit der Zunahme der Bierproduction in Preufsen find in letzterer Zeit Malzfurrogate beim Brauereibetriebe eingeführt worden. Nach officiellen Daten, welche auf Grund des Eingeftändniffes der Brauer durch die Behörde gefammelt Provinzen 1871 1872 in Quart in Litern in Quart in Litern in Quart in Litern 1870 Bier, Malz etc. Oftpreufsen Westpreussen 44,758.08712 24,306.450 51,254.404 2 27,834-357.6 Brandenburg. 126,181.650 144,496.015.2 Pommern 19,628.43712 Pofen 15.594-33712 Schlefien 86.131.500 22,477.365 17,857.744 2 98,632.872 Sachfen. 83,244.000 95,326.272 Schleswig- Holstein. 20,448.487% 2 23,416.439 4 Hannover 32,256.525 36,938.329 2 Weftphalen 52,690.050 60,337.634'4 Heffen- Naffau. 53.442.637 61,199.454.6 Rhein- Provinz 104,185.987% 119,307.839 4 49,228.98712 26,937.48712 30,847.271 4 148,995.000 22,158.675 16,958.28712 96,083.400 108.331.9121 20,980.050 36,459.150 57,162.787% 61,871.775 III, 525.750 56,374.223 4 56,023.0122 64,164.352-6 170,620.560 28,918.31212 32,115.599 181,326.600 207,644.860.8 25,374.848.4 19,419.661.8 IIO, 029.219.2 25,420.76212 29,110.404.6 18,505.200 21,191.097.6 124.055.515.8 24,025.154 4 41,750.935 2 65,459.557.8 70,852.021 2 127.712.916 105.332.850 116,212.950 24,960.8621/ 2 120,621.160.8 133,080.429.6 28,583.753 4 39,592.350 45,338.896.8 60,837.787% 69,667.957.8 68,258.925 78,166.220.4 123,578.96212 141,515.566.2 Zum Thüringer Verein. gehörende Landestheile II, 245.762 r2,878.004-6 Total 674,113.912771,956.731-8 12,762.225 769.455.487% 14,614.570.8 881,136.455 4 848,968.575 972,190.299.6 23 24 Guftav Noback. wurden, wuchfen die in Preufsen während des Jahres 1869 verwendeten BraumalzSurrogate bis zu folgenden nicht unerheblichen Mengen: 77.381 Centner Zucker und Syrup( wovon etwa 98 Percent aus Kartoffelftärke), 8.326 493 " Reis und Stärke. Die Ausgiebigkeit diefer Surrogate beim Bierbrauen ift eine folche, dafs ein Aequivalent von 234.000 Centner Malzfchrot erreicht wurde und hiedurch den Brauereien ein Steuererfparnifs von circa 150.000 bis 160.000 Thaler erwachfen ift. Diefe Verhältniffe veranlafsten die Regierung, ein neues Reichs- Biergefetz mit Surrogatfteuer einzuführen. Dasfelbe ift am I. Jänner 1873 in Wirksamkeit getreten und fchreibt folgende Sätze vor: I. von Getreide( Malzfchrot) wie bisher 2. Reis( gemahlen oder ungemahlen) 3. Stärke, Stärkemehl( mit Einfchlufs des Kartoffelmehles) und des Stärkegummi( Dextrin) • 4. von Zucker aller Art( Stärke-, Trauben, u. f. w. Zucker), fowie von Zuckerauflöfungen 5. von Syrup aller Art* - Thaler 20 Silbergrofchen per Centner - 20 " 27 99 " I" I 20 I IO 27 , " 17 Eine ausführliche Gefammtüberficht der Bierproduction in Preufsen und deffen Provinzen während der Jahren 1870, 1871 und 1872 gibt die vorftehende Tabelle. Bei einer Bevölkerung von 24,693.066 Einwohnern Preufsens entfällt im Jahre 1872 bei der Bierproduction von 848,968.575 Quart oder 972,190.299.6 Liter per jeden Einwohner ein Bierquantum von 34% Quart oder 39% Liter. Sachfen. Im Königreiche Sachfen wird die Bierbrauerei in anfehnlicher Weife betrieben, insbefondere zeichnet fich Dresden durch die erhebliche Zahl der dafelbft beftehenden grofsen Actien- Bierbrauereien aus. Es beftanden im Jahre 1871, 757 Bierbrauereien in ganz Sachfen, von welchen 699 im Betriebe waren. Das Steuererträgnifs( per I Centner Braumalz 20 Silbergrofchen), das verarbeitete Braumalz- Quantum, fowie das bereitete Bier haben eine erhebliche Steigerung aufzuweifen. In einer 12jährigen Periode von 1860 bis 1872 ftieg das Braumalz- Steuererträgnifs von 329.901 Thaler auf 514.065 Thaler, vermehrte fich alfo um 184.164 Thaler oder 56 Percent.( Siehe nachftehende Tabelle.) In Dresden und deffen unmittelbarer Nähe beftehen feit einer Reihe von Jahren vier Actien- Bierbrauereien, und zwar: Waldfchlöfschen, Feldfchlöfschen, Felfenkeller und Reifewitz, welche bei einer rationellen und intelligenten, technifchen und commerziellen Leitung einen fehr flotten Betrieb erzielten und eine fehr reichliche Verzinfung für die Actionäre abwarfen. In mehreren Jahren erreichte die Verzinfung der einzelnen Brauereien nicht weniger als 24-28 Percent. In allerletzter Zeit wurden noch zwei beftehende Privatbrauereien in Actienbrauereien umgewandelt und eine neue angelegt. Dresdens Bierbrauereien treiben einen refpectablen Bierexport nach allen Theilen Deutfchlands, fowie auch über deutfche Häfen nach überfeeifchen Ländern. Bezüglich der Biereinfuhr nach Sachfen ift zu bemerken, dafs insgefammt während * Diefes Gefetz gilt für das innerhalb der Zolllinie liegende Gebiet des deutfchen Reiches mit Ausfchlufs der Königreiche Baiern und Württemberg, des Grofsherzogthums Baden, Elfafs- Lothringens, des grofsherzoglich fächfifchen Vordergerichtes Oftheim und des herzoglich coburg- gothaifchen Amtes Königsberg. Malz SteuerJahr Erträgnifs in Thaler Bier, Malz etc. Verfteuertes Malz in Centner Bierproduction in Quart in Liter 1860 329.901 494.85112 86,599.01212 1861 333.001 499.50112 87,412.76212 99,168.240.6 100,100.100.6 1862 354.417 531.62512 93,034.46212 106,537.750 2 1863 376.270 564.405 98,770.875 113,106.762 1864 396.701 595.0511 104,134.01212 119,248.320.6 1865 448.083 672.12412 117,621.78712 134,693.749.8 1866 463-594 695.391 121,693.425 139.356.356 4 1867 439.133 658.6991 115,272.41212 132,003.379.8 1868 443-525 665.28712 116,425,31212 133,323.615 1869 472.736 709.104 124,093.200 142,104.441.6 1870 466.837 700.25512 122,544.71212 140,331.202'2 1871 514.065 771.09712 134,942.06212 154.527.939 25 des Jahres 1872, 79.354 Centner Bier importirt wurden, und entfallen hievon 78.569 Centner auf Bier von Oefterreich, 698 Centner von Hamburg und der Reft auf Oftfee- Häfen. Der Biereingang vertheilt fich auf folgende HauptZollämter: Pirna Schandau Zittau Marienberg 27.875 Centner 12.370 9.874 7.181 99 وو 99 Leipzig Eifenftock. Dresden Annaberg 6.926 Centner 5.890 5.887 99 3.030 " 99 Das gefammte im Königreiche Sachfen während des Jahres 1871 von 699 im Betrieb befindlichen Bierbrauereien verarbeitete Malzquantum von 771.097% Zollcentner läfst einen genaueren Schlufs auf die erzeugte Biermenge ziehen. Die aus diefem Malzquantum erzeugte Biermenge beträgt 134,942.0621/ 2 Quart oder 154,527.939 Liter. Bei der Einwohnerzahl in Sachfen( 2,556.244) entfällt eine Menge von 601 Liter producirten Biers per Kopf der Bevölkerung. Lauenburg, Lübeck, Heffen( Provinz Ober- Heffen), Mecklenburg, Sachfen- Weimar, Oldenburg, Braunfchweig, SachfenMeiningen, Sachfen- Altenburg, Sachfen- Coburg- Gotha, Anhalt, Schwarzburg Rudolftadt, Schwarzburg- Sondershaufen, Reufs ä. L. und Reufs j. L. In den genannten Herzogthümern und Landestheilen Norddeutfchlands hat die Bierbrauerei eine Steigerung erfahren, während gleichzeitig die Anzahl der Bierbrauereien fich verminderte. Es ift diefs eine Thatfache, welcher wir bei vielen Ländern begegnen und welche darin ihren Grund hat, dafs die in kleinem Mafsftabe betriebenen Brauhäufer durch gröfsere, rationell angelegte und kaufmännifch geleitete Bierbrauereien, welche den Bierabfatz mehr an fich zu feffeln in der Lage find, verdrängt werden. Die Anzahl der Bierbrauereien, welche 1871 in genannten Ländern beftanden, zeigt nachftehende Tabelle. Aufser in den gewerblichen Brauereien des in der Tabelle verzeichneten norddeutfchen Gebietes wurde noch auf Grund der von den Steuerbehörden ertheilten Erlaubnifsfcheine Bier in Kochkeffeln etc. fteuerfrei bereitet. Im Jahre 26 Guftav Noback. 1871 wurden fpeciell für 33.217 Perfonen in Mecklenburg folche Erlaubnifsfcheine zur fteuerfreien Haustrunkbereitung ertheilt. 1871 Gewerbliche Davon waren Nichtgewerbl. Brauereien im Betriebe Brauereien Lauenburg 25 23 Lübeck 29 29 3 Heffen( Provinz Ober- Heffen) 335 200 ΙΟ Mecklenburg 173 168 437 Sachfen Weimar 262 231 134 Oldenburg 177 163 9 Braunschweig 106 93 Sachfen- Meiningen 5 326 • 309 73 Sachfen- Altenburg Anhalt 120 107 50 Sachfen- Coburg- Gotha Schwarzburg- Rudolftadt Schwarzburg- Sondershaufen Reufs ä. L. Reufs j. L. 228 201 88 87 2 2 148 128 173 72 62 12 56 42 7 94 78 Die nachftehende und die auf Seite 27 folgende Tabelle geben näher an, mit welchem Theil jedes der angeführten Länder an Malz- Steuereinnahmen participirt. 1870 1871 1872 Länder Thaler Thaler Thaler Lauenburg 2.453 2.729 12.952 Lübeck 9.190 10.213 0.471 Heffen( Provinz Ober- Heffen) 35.054 35.266 198.952 Mecklenburg 46.854 47.121 49.574 Sachfen- Weimar 56.082 62.584 65.325 Oldenburg 16.866 17.790 15.286 Braunschweig 45.428 46.694 52.390 Sachfen Meiningen 47.727 49.327 57.985 Sachfen- Altenburg 35.256 38.249 40.349 Sachfen- Coburg- Gotha 57.274 60.742 64.830 Anhalt Schwarzburg- Rudolftadt Schwarzburg- Sondershaufen Reufs ä. L. 30.565 31.451 33.259 19.763 21.717 24.693 13.577 14.995 16.787 7.328 7.333 7.987 Reufs j. L. 24.305 26.459 28.814 Eine auffallende Steigerung ift beim Eingang der Steuerbeträge im Jahre 1871 und 1872 bei Heffen zu bemerken. Diefe hat lediglich darin ihren Grund, dafs bis zum Jahre 1872 nur die Provinz Ober- Heffen allein der Steuergemeinfchaft angehörte, während die Daten im Jahre 1872 fich auf das Grofsherzogthum Heffen beziehen. Bier, Malz etc. 1870 1871 1872 Länder Centner Centner Centner Lauenburg 3.67912 4.09312 4.428 Lübeck 13.785 15.3192 15.70612 Heffen( Provinz Ober- Heffen) 52.581 52.899 298.428 Mecklenburg 70.281 70.68112 74.361 Sachfen- Weimar 84.123 93.876 97.987% Oldenburg 25.299 26.685 22.929 Sachfen- Coburg- Gotha Braunfchweig Sachfen- Meiningen Sachfen- Altenburg Anhalt Schwarzburg- Rudolftadt Schwarzburg- Sondershaufen 68.142 70.041 78.585 71.59012 73.99012 86.977 52.884 57.373% 60.523% 85.911 91.113 97.245 45.84712 47.17612 49.8881/ 2 29.64412 32.5752 37.039 20.3651 22.492 25.180 Reufs ä. L. Reufs j. L. • 10.992 36.4571 10.99912 II.985 39.68812 43.221 27 Unter Berücksichtigung des Satzes, dafs aus einem Zollcentner Malz 175 Quart oder 200 4 Liter Bier gebraut werden, geftaltet fich die Bierproduction der einzelnen Länder in den Jahren 1870, 1871 und 1872 folgendermassen: Länder 1870 1871 1872 Liter Liter Liter Lauenburg Lübeck 737-371-8 2,762.514 820.337.4 3,070.027.8 887.371 2 3,147.582-6 Heffen( Provinz Ober- Heffen) 10,537.232 4 10,600.959.6 59,804.971 2 Mecklenburg 4,084.312 4 14,164.572.6 14,901.944 4 Sachfen- Weimar 16,858.249 2 18,812.750 4 19,636.695 Oldenburg Braunfchweig 5,069.919.6 5.347.674 4,694.971.6 13,655.656.8 14,036.216 4 15,748.434 Sachfen- Meiningen Sachfen- Altenburg Sachfen- Coburg- Gotha Anhalt Schwarzburg- Rudolftadt Schwarzburg- Sondershaufen Reufs ä. L. 14,346.736 2 14,827.696 2 17,430.291 10,597.953 6 II, 497.649 4 12,128.909.4 17,216.564 4 18,259.045 2 19,487.898 9,187.839 15,454.170.6 9,997.055 4 5,940.757.8 6,528.130.2 7,422.715.8 4,081.246.2 4,508.396.8 5,046.172.2 Reufs j. L. 2,202 796.8 7,306.083 2,204.299.8 7.953-575 4 2,401.894 2 8,661.488.4 Werden die Bevölkerungszahlen mit eben angegebenen producirten Biermengen verglichen, fo erhalten wir in nachftehender Tabelle die näheren Zahlenverhältnisse der auf einen Kopf der Bevölkerung entfallenden Mengen producirten Bieres. 28 Länder Guftav Noback. 1872 Kommt auf Bevölkerung einen Kopf Bier in Liter Lübeck 52.158 60 Heffen( Provinz Ober- Heffen) 852.843 70 Mecklenburg 654.879 221/2 Sachsen- Weimar 286.183 68 Oldenburg 314.788 15 Braunfchweig 311.715 501/2 Sachfen- Meiningen 187.844 Sachfen Altenburg 142.122 93 85 Sachfen- Coburg- Gotha 174.339 II2 Anhalt 203.354 49 Schwarzburg- Rudolftadt 75.523 98 Schwarzburg- Sondershaufen 77.191 75 Reufs ä. L.. Reufs j. L. 89.032 27 45.094 192 Mecklenburg und Oldenburg ftehen mit 2212 und 15 Liter per Kopf der Bevölkerung am niedrigften. Luxemburg. Die von der Luxemburger Handelskammer herausgegebenen ftatiftifchen Daten erweifen zur Genüge, dafs die Brauerei bezüglich der in einheimifchen Unternehmen producirten Biere in Zunahme begriffen ift. Die Luxemburger Bierbrauereien verbrauchten vom Jahre 1868 bis 1870 nachftehende Malzmengen und bereiteten daraus die nebenftehenden Quantitäten Bier.* Bierproduction Jahr Malz in Kilogramm in Tonnen in Litern 1868 1,127.450 33.900 3,864.600 1869 1,414.500 42.500 4,845.000 1870 1,557.45° 46.800 5.335.200 Nach den Verkehrsüberfichten des Zollvereines wurden an Bier in den Jahren 1869 und 1870 folgende Mengen aus Luxemburg exportirt: * Da Luxemburg zur Zeit zum Gebiete des deutfchen Zollvereines gehört, wird es an diefer Stelle befprochen. Jahr Bier, Malz etc. Export nach Belgien Frankreich in Centner in Centner 1869 4586 Zufammen in Centner 1184 577° 29 1870 2081 I2I 2202 Es entfallen nach diefen Daten auf jeden Kopf der Luxemburger Bevölke rung 261 Liter producirten Bieres. Baiern. Auf dem Continente ift Baiern dasjenige Land, welches in Bezug auf die erzeugten Biermengen in den Vordergrund geftellt zu werden verdient. Die in den Bierbrauereien Baierns fchon feit langer Zeit eingeführte Methode der Untergährung, durch deren Anwendung man auch bei Verbreitung weniger ftarker Würzen ein erfrifchendes, wohlfchmeckendes und gefundes Bier erlangt, hat der baierifchen Gährmethode einen weitgreifenden Ruf verfchafft, fo dafs heute mit Ausnahme der Porter- und Ale- Brauereien faft alle übrigen Etabliffements von Ausdehnung und Bedeutung mit der von Baiern herftammenden Untergährung arbeiten. Die Hauptplätze eines ausgedehnten und umfangreichen Brauereibetriebes in Baiern find hier vor Allem München, Nürnberg und Augsburg, dann Erlangen, Kulmbach etc. Die in Baiern eingeführte Malzfteuer wird vom Volumen( Schäffel) des zur Schrotmühle gelangenden Malzes erhoben.** Die Anzahl der in Baiern beftehenden Bierbrauereien, nämlich im Jahre 1872, 5217, ift als eine fehr grofse zu bezeichnen; diefes Verhältnifs ift hauptfächlich darin begründet, dafs aufser den grofsen Bierbrauereien von München, Nürnberg etc. auch noch eine fehr erbebliche Zahl ganz kleiner Bierbrauereien auf dem flachen Lande beftehen und nur als landwirthschaftliche Nebengewerbe im befcheidenen Mafsftabe betrieben werden. Ueber die Zahl der Brauereien in Baiern, fowie deren Gefammtproduction während der Jahre 1859 bis 1872 gibt die nachftehende Tabelle nähere Daten. Zahl der Brauereien Werth der Production Jahr 1859/60 5.123 1860/61 5.122 1861/62 5.417 Bierproduction 10,343.415 Eimer 7,934.157 10,672.578 52,316.516 Gulden. وو 99 1862/63 5.424 II.878.698 99 53,510.172 54,973.104 60,945-723 99 99 1863/64 5.518 12,494.133 30 66,779.412 1864/65 5.548 1865/66 5.871 1866/67 5.145 12,935.230 13,667.744 12,137.462 " 65,881.027 รา 75.042.533 29 71,691.744 1867/68 5.091 II, 800.805 99 69,949.000 1868/69 5.105 12,632.595 99 84,044.214 99 1869/70 5.137 11,803.549 99 68,245.459 1871 5.177 1872 5.217 13,457-326 15,788.601 - 93 99 29 erhoben. ( 10,103.805 Hektoliter). ** Seit 31. Mai 1872 wird in Baiern per 1 Hektoliter die Malzfteuer mit 2 fl. 20 kr. 30 Guftav Noback. Bei der Beurtheilung der während der Jahre 1859 bis 1872 in Baiern producirten Biermengen tritt ein ganz eigenthümliches Verhältnifs in den Vordergrund; es ift wohl im Vergleich zur Bevölkerung die Bierproduction in Baiern eine fehr bedeutende zu nennen, eine erhebliche Steigerung ift jedoch bei diefer Bierproduction in dem Mafse, wie in den meiften anderen Bier producirenden Ländern, nicht zu bemerken. Das gröfste Bierquantum, nämlich 13,667.744 Eimer, wurde im Jahre 1865 und 1866 gebraut. Diefelben Schwankungen, welche während der eben verzeichneten Jahre bei der Bierproduction fich bemerkbar machen, find auch bei der Anzahl der im Betriebe geftandenen Brauereien wiederzufinden. Die in Baiern producirten Biergattungen find: Schankbier, Lagerbier, Luxusbier und Weifsbier; die Menge, welche von jeder diefer Biergattungen in den Jahren 1859 bis 1872 erzeugt wurde, fowie das verbrauchte Malzquantum ift aus nachftehender Tabelle erfichtlich. Jahr Anzahl der betriebenen Brauereien Malzverbrauch in baier. Schäffeln Production verfchiedener Biergattungen in baierifchen Eimern Schankbier Lagerbier Luxusbier Weifsbier Summa 81.444 440.789 10,343.415 76.679 478.323 7,934.157 82.788 482.323 10,672.578 108.952 487.200 11,878.698 1859/60 5.123 1,539.577 4.467.269 5,053.913 1860/61 5.122 1,376.296 3,194.556 4,184.599 1861/62 5.417 1,622.907 4,963.519 5,143.948 1862/63 5.424 1,803.517 5.455 097 5,827.449 1863/64 5.518 1,897-734 5,619.932 6,143.325 271.498 459.378 12,494.133 1864/65 5.548 1,986.915 5,789.768 6,337-395 272.960 535.107 12,935.230 1865/66 5.871 2,082.910 6,024.806 7,152.233 100.622 390.083 13,667.744 1866/67 5.145 1,822.311 5,460.559 6,185.191 125.470 366.242 12,137.462 1867/68 5.091 1,758.190 5,277-374 5.985.036 120.032 418.343 11.800.805 136.418 352.032 12,632.595 114.493 324.226 11,803.549 194.127 373.760 13,457.326 1868/69 5.105 1,827.302 5,696.285 6,447.860 1869/70 5.137 1,749.386 5.398.450 5,966.380 1871 5.177 1,934.448 6,263.987 6,625.452 In welcher Weife im Jahre 1872 die verfchiedenen Regierungsbezirke Baierns fich an der Biererzeugung betheiligten, zeigt nachftehende Tabelle. Unter den im Jahre 1872 betriebenen 5217 Bierbrauereien befanden fich 379 Communebrauereien. Die angeführte Zufammenftellung bezieht fich auf Baiern's fieben Regierungsbezirke diesfeits des Rheins; die Rheinpfalz, welche als Malzauffchlag per Jahr 100.000 fl. Averfum zahlt, ift nicht mit inbegriffen. In den Malzauffchlags- Betrag von 9,617.126 fl. 12 kr. find jene Sätze mit inbegriffen, welche von 220 Branntwein- Brennereien, 72 Germfiedereien, 32 Hefenfabriken, 152 Effigfabriken und 121 Malzfabriken entrichtet wurden. Wie bereits erwähnt, befinden fich die berühmteften Bierbrauereien Baierns und gleichfalls des deutfchen Reiches in München, und ſteht dort die grofsartige Brauerei von Gabriel Sedlmayer( Spatenbräu) an umfangreichem und ausgedehntem Betrieb obenan. Biererzeugung derfelben nach Hektoliter Bruttoertrag des Malz verbrauch und zwar: Malzauffchlages diefer Brauereien nach Hektoliter Schenkbier Lagerbier Luxusbier Weifsbier Gulden Kreuzer Anzahl der im Betriebe ftehenden Bierbrauereien und zwar: Selbftftändige mit Angabe der Zahl der hierunter begriffenen Actienbrauereien Communebrauereien RegierungsBezirk Malz, Bier etc. Oberbaiern 537 1,267.459 1,663.676 1,169.603 196.073 22.687 2,957.404 20 Niederbaiern. 549 5 582.110 458.413 654.766 4.000 Oberpfalz. 475 87 436.643 519.873 482.872 478 3.600 1.178 1,358.256 1,018.833 40 40 Oberfranken. 830 II3 476.213 518.653 .426.775 484 666 I, III.223 40 Mittelfranken 843 16 710.178 670.130 730.219 138.800 33.496 1,657.092 Unterfranken. 578 158 300.960 365.577 304.782 13.313 702.160 Schwaben 1.026 - 674.992 690.728 845.165 3.174 184.624 1,574.981 20 Summa 4.838 379 4,448.555 4,887.950 4,614.182 356.322 246.251 IO.379.951 40 3 31 32 Guftav Noback. Der Malzverbrauch von fechs der gröfsten Bierbrauereien Münchens geftaltete fich in den fünf letzten Jahren bis 1872 folgendermassen: Malzverbrauch in baierifchen Schäffeln während der Brauereien von Sudjahre 1871/72 1870/71 1869/70 1868/69 1867/68 Gabr. Sedlmayr 68.715 Ludw. Brey, z. Löwen* 40.963 52.677 43.094 54.038 51.244 41.405 43.903 50.920 35.689 Jos. Sedlmayr * 26.736 22.742 24.574 26.960 25.716 M. Pfchorr, zum Hackerbräu 19.846 18.639 15.067 15.020 12.499 G. Pfchorr, zum Pfchorrbräu 19.420 16.300 14.132 13.657 13.513 Geb. Schmederer, zum Zachelbräu 12.610 II.302 13.066 II.202 12.933 In München beftehen aufser den eben angeführten fechs gröfsten Bierbrauereien noch weitere zwölf, zufammen achtzehn, von denen fünfzehn in Privatbefitz find, zwei( die königliche Braunbier- Brauerei und die königliche WeissbierBrauerei) vom Staate betrieben werden und eine( Franziscanerbrauerei am Lehel) im Befitze des Klofters ift. Das gefammte Quantum Malz, welches die eben erwähnten Bierbrauereien Münchens im Sudjahre 1871 bis 1872 verbrauten, betrug 221.657 Schäffel 4 Metzen I Viertel gleich 492.572 73 Hektoliter. In den letzten neun Jahren, endend mit 1872, verhielt fich die Menge des in den Brauereien Münchens verarbeiteten Malzes folgendermafsen: Jahr Verbrautes Malz Schäffel Metzen Viertel 1863/64 228.844 1864/65 237.526 1865/66 249.156 1866/67 199.720 2 1/2 1867/68 182.296 I I 1868/69 197.235 4 1869/70 202.766 I 31/2 1870/71 200.306 3 312 1871/72 221.657 4 I Der Gefammt- Bierexport aus Baiern betrug circa 400.000 Eimer; hieran participiren allein die Münchner Bierbrauereien für die Ausfuhr ins Inland und ins Ausland mit circa 270.000 Eimer. Die oben angegebenen fechs gröfseren Bierbrauereien Münchens haben nachftehende Biermengen exportirt: * Jetzt Actien- Bierbrauerei. 1871 Malz, Bier etc. Bierexport Eimer Mafs Löwenbräu( ehemals Brey) Gabr. Sedlmayr 75.669 12 72.811 Jos. Sedlmayr. 38 46.186 M. Pfchorr. 51 31.857 Geb. Schmederer 2852 14.511 G. Pfchorr 4 11.892 53 33 In Nürnberg wird, wenn auch nicht in fo ausgedehntem Mafse wie in München, fo doch in einem ganz anfehnlichen Umfange die Bierbrauerei betrieben. Der Malzverbrauch in Nürnberg's 22 Bierbrauereien erfuhr eine anfehnliche Steigerung. Diefelbe betrug von 1864 bis 1872 23.874 Schäffel; in den einzelnen Jahren geftaltete fich das Verhältnifs wie folgt: Jahr 1864 1865 1866 1867 Schäffel Malz 59.001 66.099 64.318 59.077 Jahr 1868 1869 1870 1871 Schäffel Malz 65.474 68.045 68.963 81.600 Die vier bedeutendften Bierbrauereien Nürnbergs find: die Henninger'fche, die von Tucher'fche, die Lederer'fche und die Reiffche; es verarbeiteten diefelben vom 1. Juli 1871 bis 1. Juli 1872 nachftehende Malzquantitäten: Bierbrauereien Henninger Heinrich. Freiher v. Tucher Lederer Gebrüder Reif Johann Georg Malzquantum in Hektolitern. 40.516 32.302 14.639 13.870 Was die Bierausfuhr nach dem Auslande betrifft, fo nimmt Nürnberg eine hervorragende Stelle ein'; diefe geftaltete fich im Jahre 1871 von Seite der bedeutendften Brauereien wie folgt: Bierbrauereien Henninger Heinrich Freiher v. Tucher Reif Johann Georg Ins Inland Eimer 70.383 1/60 41.08433/ 60 22.18148/ 60 Ins Ausland Eimer. 8.28834/ 60 4.05445/ 60 3.10634/ 60 In Augsburg wird die Bierbrauerei in einer verhältnifsmäfsig fehr grofsen Anzahl von Etabliffements betrieben; es beftehen dort 72 Brauereien, welche während der letzten fechs Jahre folgende Malzmenge confumirten. Jahr 1866/67 1867/68 1868/69 Schäffel Malz 75.505 68.495 66.050 Jahr 1869/70 1870/71 1871/72 Schäffel Malz. 72.573 69.014 74.744 Die drei grofsen Städte Baierns: München, Nürnberg und Augsburg befafsen in der Betriebsperiode 1871/72 nachftehende Anzahl von Brauereien, welche folgende Malzmengen confumirten: Städte München Nürnberg Augsburg Anzahl der Brauereien 18 22 72 Malzverbrauch in Schäffeln 221.657 81.600 74.744 3* 34 Guftav Noback, Diefe drei Städte confumirten demnach 378.001 Schäffel Malz, was von dem in ganz Baiern confumirten Malzquantum nicht weniger als 19 Percent ausmacht. Indem noch darauf aufmerfam gemacht werden mufs, dafs Baiern erheblich mehr Hopfen producirt, als die Brauereien felbft confumiren und bei gutem Ausfall der Gerftenpreife ein verhältnifsmäfsig nicht hoher Gerften- Import zur Deckung des Bedarfes von Braugerfte erforderlich ift, wird auf die Beftimmung der Bierproduction per Kopf der Bevölkerung übergegangen. Die Bevölkerung Baierns in fieben Regierungsbezirken mit Ausfchlufs der Pfalz( jenfeits des Rheins), welche bei den vorftehenden Malzverbrauchs Ueberfichten nicht mit einbezogen worden ift, beträgt 4,198.355 Einwohner; die Bierproduction war im Jahre 1872 10,103.805 Hektoliter, fo dafs auf jeden Einwohner ein Quantum von 240.6 Liter producirten Bieres entfallen. Württemberg. In Bezug auf Bierproduction fteht Württemberg feinem Nachbarlande Baiern würdig zur Seite, die officiellen Liften über Bierbrauerei weifen eine rapide Steigerung auf. Die in Württemberg eingeführte Steuer wird für Malz erhoben und beträgt per 1 Simri(= 23 Zollpfund) Malz 24 Kreuzer*. Aus dem verfteuerten Malzquantum läfst fich durch Schätzung die erzeugte Biermenge mit ziemlicher Genauigkeit beftimmen. Die Zahl der im Jahre 1871/72 in Württemberg in Betrieb gewefenen. Brauereien ift 2510; diefelben verarbeiteten circa 6,077.159 Simri Malz. In welch rapidem Verhältniffe die Bierbrauerei Württembergs geftiegen ift, zeigt die nachftehende Tabelle am deutlichften: Etats- Jahr vom 1. Juli Steuer- Summe fl. Verfteuertes Malz- Quantum in Simri 2,004.203 1,760.931 Verfteuertes MalzQuantum in Pfund en 46,096.669 1852/53 1853/54 1854/55 801,681 43 704.372.15 709.114 31 40,501.413 1,731.120 39,815.760 1855/56 802.124 23 2,005.311 46,122.153 1856/57 1,216.981.9 3,042.452 69.976.396 1857/58 993.518.37 2,408.795 55.402.285 1858/59 1,080.516 14 2,701.290 62,129.670 1859/60 1,228.945-8 3,072.336 70,663.728 1860/61 959.350.22 2,398.376 65.172.648 1861/62 1,316.596.17 3,291.491 75.704.293 1862/63 1,443.814.36 3,609.536 83,019.328 1863/64 1,553.862.11 3,884.656 89.347.088 1864/65 1,621.102: 36 4,052.756 93,213.388 1865/66 2,022.364 42 5,055.912 116,285.976 1866/67 1,925.948.31 4,814.871 IIO, 742.033 1267/68 1,584.205 9 3,960.513 91,091.799 1868/69 1,843.454* 39 4,189.670 96.362.410 1869/70 2,210.479 25 5.023.817 115,547.791 1870/71 2,036,306.39 4,627.970 106,443.310 1871/72 2,917.035.52 6,077.158 139.774.734 * Vom 1. Jänner 1872 an bezahlt 1 Centner ungeschrotenen, trockenen, wie eingefprengten Malzes, einfchliefslich eines Steuerzuschlages von 20 Percent, 2 fl. 5 kr. Malzfteuer, wobei jedoch vom Brutto- Centner ohne Unterfchied der Art der Verpackung 2 Pfund Tara bei der Steuerberechnung abgehen ein Steuerfatz, der gleichbedeutend ift mit 24 Kreuzer per Simri und 20 Percent Zufchlag.( 1 Simri 22'15 Liter oder 23 Zollpfund Malz, 8 Simri= 1 Württemberger Schäffel). - = Malz, Bier etc. 35 Aus vorſtehenden Daten ift zu erfehen, dafs die verbrauten Malzmengen vom Jahre 1852 bis 1872 eine Steigerung von 4,072.955 Simri oder von 203 Percent erfahren haben. Es ift diefe fehr bedeutende Steigerung des Bierbrauereibetriebes in Württemberg um fo mehr hervorzuheben, als dort dem Bierconfum eine anfehnliche Concurrenz erwächft durch den preiswürdigen Wein- und Obftmoft. Während die Biereinfuhr nach Württemberg vom Jahre 1861/62 bis 1871/72 Schwankungen aufweift, hat die Bierausfuhr während derfelben Zeit eine anfehnliche Steigerung erfahren. Die eingehobenen Beträge für Uebergangsfteuer und die rückgezahlten Steuervergütungen geben hiefür genaue Anhaltspunkte. Einfuhr Ausfuhr Jahr Uebertrags- Steuern auf eingeführtes Bier Rückgezahlte Steuer- Vergütungen fl. kr fl. kr. 1861/62 14.956 9 25.819 1862/63 18.551 42 26.751 48 1863,64 16.349 IO 27.501 1864/65 16.795 II 32.833 1865/66 25.824 3 23.568 1866/67 21.642 52 36.906 1867/68 15.192 55 33-707 1868/69 12.406 19 42.758 1869/70 14.728 17 46.411 1870/71 12.538 39 47.506 1871/72 21.306 43 64.611 59 58 324658285 13 9 17 51 Nach diefen Daten ftieg die Bierausfuhr in den bezeichneten II Jahren um 150 Percent. Die Bierproduction in Württemberg läfst fich auf Grund des verfteuerten Malzquantums näher beftimmen. Mit Rückficht auf die Annahme, dafs für die Bereitung von 200 Liter Bier I Zollcentner Malz durchſchnittlich verwendet wird, geftaltet fich die Biererzeugung in Württemberg folgendermassen: Malz- Quantum in Zollcentnern 460.966.69 405.014 13 398.157 60 Jahr 1852/53 1853/54 1854/55 1855/56 461.221 53 1856/57 699.763 96 1857/58 554.022 85 1858/59 621.296.70 1859/60 706.637 28 1860/61 651.626.48 1861/62 757.042 93 1862/63 830.193.28 1863/64 893.470.88 1864/65 932.133.88 Bierproduction in Hektolitern 923.777.25 811.648 32 797.907.83 924.287.95 1,402.326.98 1,110.261 79 1,265.078.59 1,416.101 11 1,305.859 47 1,517.124 3 1,663.707.33 1,790.515.64 1,867.996.30 36 Guftav Noback. 1,162.859.76 1,107.420 33 910 917 99 963.624.10 Jahr 1865/66 Malz- Quantum in Zollcentnern Bierproduction in Hektolitern 1866/67 3,330.370.96 2,219.270 34 1867/68 1868/69 1869/70 1870/71 1871/72 1,825.479.65 1,931.102'70 2,315.577.73 2,133.123.93 2,801.085.67 1,155.477.91 1,064.433 10 1,397.747 34 Wir fehen aus diefer Zufammenftellung diefelbe Steigerung der Bierproduction, wie beim Malzverbrauch, nämlich mehr als 200 Percent. Bei der Einwohnerzahl Württembergs von 1,818.484 und bei der Production von 2,805.085 67 Hektoliter entfallen per Einwohner 154 Liter producirten Bieres. - Im Grofsherzogthum Baden befteht als Beftreuerungsmodus für den Brauereibetrieb die Braukeffel- Steuer. Von 1000 badifchen Mafs( 1 Fuder) gleich 1500 Liter Keffelaiche( Waffer) werden II fl. 40 kr. Steuer erhoben. Auf Grund diefes Steuerfatzes geftaltet fich die entrichtete Steuer- Accife für fertiges Bier nach den badifchen Verhältniffen derart, dafs für jede 1000 Mafs 1500 Liter fertiges Bier ein Steuerbetrag von circa 18 fl. 13 kr. entfällt. Nach amtlicher Erhebung hat im Grofsherzogthum Baden die Bier- Accife im Jahre 1872 fl. 1,292.344 30 kr. betragen und würde diefer Betrag nach obiger Annahme eine producirte Biermenge von circa 932.455 70 Hektoliter repräfentiren. Die nachstehende Tabelle zeigt die anfehnliche Steigerung der Bierfteuereinnahme, fowie der damit in directem Zufammenhange ftehenden Bierproduction des Grofsherzogthums Baden während der Jahre 1862 bis 1872: Steuererträgnifs Jahr Bierproduction in Hektoliter fl. kr. 1862 480.721 1863 496.904 71 43 395-937.83 408 852.61 1864 543.064 49 446.833.73 1865 616.720 54 507.437.96 1866 661.048 42 543.910-87 1867 570.622 30 469.508.19 1868 739.346 608.333.89 1869 822.687 36 676.907.36 1870 893.448 - 1871 1872 30 70 990.391 1,292,344 735.129 01 814.893.80 932.455 70 Wie aus diefer Zuſammenftellung erfichtlich ift, ftieg die Bierproduction in Baden vom Jahre 1862 bis 1872 um 536.517 97 Hektoliter das ift um 136 Percent. Wird diefe Bierproduction mit der Einwohnerzahl Badens( 1,461.428) verglichen, fo entfallen auf den Kopf der Bevölkerung nach den letzten Daten 63 Liter producirten Bieres. Elfafs Lothringen. Die Bierbrauerei ift in Elfafs- Lothringen mit einer Braukeffel Raumfteuer belegt. Es find zwei Steuerfätze eingeführt, und zwar für jeden Hektoliter Braukeffel- Raum bei der Bereitung von ftarkem Bier ein Malz, Bier etc. 37 Steuerfatz von 2 Francs 40 Centimes und für fchwaches( dünnes) Bier 60 Centimes. Der Hauptfitz der Elfäffer Bierbrauerei ift in Strafsburg und deffen Umgebung. Die dort beftehenden in grofsartigem Mafsftabe betriebenen Bierbrauereien haben ihr Haupt- Abfatzgebiet nach Frankreich. Die neueſten Daten geben an, dafs in Elfafs- Lothringen 812.454 Hektoliter Bier erzeugt wurden. Die Bevölkerung hiefelbft beträgt circa 1,638.546 Einwohner; es entfallen demnach per Kopf circa 48 Liter producirten Bieres. Wie andeutungsweife fchon früher bemerkt wurde, find nur einige der bedeutendften Bierbrauereien aus dem deutfchen Reiche auf der Ausftellung vertreten gewefen. Befonders hervorgehoben zu werden verdienen die nachftehenden deutfchen Bierausfteller. Die Staats- Bierbrauerei der landwirthfchaftlichen Akademie zu Weihenftephan* bei Freifing nächft München führte Flafchenbier, und zwar Export-, fowie Lagerbier vor, welches als das ältefte auf der Ausftellung vertretene zu bezeichnen fein dürfte. Dasfelbe ift im November 1871 gebraut, am 6. Mai 1872 in Flafchen gefüllt und wurde bei der Prüfung von der Jury Ende Juni als ganz ausgezeichnet anerkannt. Diefes Flafchenbier, welches während fechs Monate der Ausftellungsdauer in den heifsen Räumen der deutfchen Agriculturhalle geftanden hatte, war beim Schluffe der Ausftellung alfo in einem Alter von zwei Jahren- an Ausfehen klar und rein, im Gefchmacke vortrefflich. Das Weihenftephaner Flafchenbier war pafteurifirt, ein Umftand, welcher jedenfalls fehr wefentlich zur grofsen Haltbarkeit beigetragen hat. Das Pafteurifiren, welches von Seiten fämmtlicher Brauer die gröfste Beachtung verdient, ift fo viel bekannt zuerft in gröfserem Mafsftabe und zwar bereits feit mehreren Jahren in diefer Brauerei Deutſchlands mit beften Erfolgen eingeführt worden. - -- Die Georg Pfchorr'fche Bierbrauerei zu München ftellte gleichfalls Flafchenbiere aus, die fich durch Stärke, Alter und Reinheit des Gefchmackes befonders auszeichneten. Diefer Ausfteller exportirt fein Flafchenbier in anfehnlichen Mengen nach den meiften überfeeifchen Plätzen. Die Overbeck'fche Brauerei zu Dortmund brachte Exportbier und führte mehrere Flafchen vor, welche zweimal die Linie paffirt haben, was durch verfchiedene von deutfchen Confulaten herrührende Beglaubigungsfchreiben documentirt wurde. Die Qualität diefes Productes war tadellos. Die Rheinifche Bierbrauerei in Mainz, fowie jene von Juftus Hildebrand in Pfungstadt brachten Producte vor die Jury, welche ihrem Charakter nach dem Wiener Biere gleichftanden und als vortrefflich anerkannt wurden. Beide Etabliffements exportirten anfehnliche Mengen ihrer Producte nach Frankreich, Belgien etc. Die Bierausfteller des deutfchen Reiches find nachftehender Tabelle zu entnehmen. * Profeffor Dr. Lintner, Leiter der Weihenstephaner Braufchule, welcher beim Fortfchritte im Brauwefen in hervorragender Weife betheiligt ift, verdient an diefer Stelle wegen feiner höchft anerkennungswerthen Leiftungen ganz befonders hervorgehoben zu werden. 38 Guftav Noback. Deutfches Reich. Land Aus fteller Standort Land Aus fteller Preufsen Actienbrauerei„ Moabit" Berlin Sachfen- Altenburg Kühnemann H.( Dr. G. Berliner WeifsbierbrauereiKühnemann) Kahla " Actiengefellfchaft " Brandenburg Grünthal Standort 16 " " Sachfen SchleswigHolftein 99 Heffen- Darmftadt " 7 " Th. Krepper( Alb. Krepper) Burg bei Magdeb. Louis Müller Overbeck Peter( Wilhelm Overbeck, geh. Commerzienrath, Robert& Dr. Overbeck) Actienbrauerei Rofs& Comp. Hinfelmann D. H. Hildebrand Juftus( Juftus & Wilhelm Hildebrand, Juftus Ulrich) Rhein'fche Bierbrauerei Jung's Bierbrauerei( Cafpar Jung) Dr. Schneider's Brauakademie Ribnik Worms 11 Schütz, Amtsrath Boftelmann H. H.( Claus O. und Joh. Heinr. Boftelmann) Baiern Hamburg Landwirthfchaftl. Akademie Weihenstephan Dortmund Feldfchlöfschen Dresden " Teufelsbrücke bei Kl. Flotteck Neumünfter 99 Narr'fche Bierbrauerei( Profeffor Dr. Paul& Adolf Narr) Bierbrauerei zum Pfchorr ( Georg Pfchorr) München Zirndorf bei Nürnberg 99 Weiz Heinrich Speyer 12 Herlting Simon Culmbach Pfungstadt Mainz " 2 Batfchis Philipp Nürnberg Württemberg Fuchs Chrift.( Chr. Fuchs Grofs Steinheims & A. Wenz) Stuttgart " Straub Theodor Ehingen Bier, Malz etc. Grofsbritannien und Irland. 39 Die Betheiligung englifcher Brauer war eine verhältnifsmäfsig fehr geringe zu nennen, befonders wenn man die in England in wahrhaft grofsartigem Mafsftabe betriebene Bierinduftrie berücksichtigt. So fehlen beifpielsweife die gröfsten Bierbrauereien der Welt gänzlich; nämlich jene von London fowie die von Burton- on- Trent. Die Bierbrauereien von W. Younger& Comp in Edinburgh, fowie die Anglo Bavarian Brauereigefellſchaft zu Shepton- Mallet in Somersetſhire brachten Indian Pale Ale, fowie Strong. und Export- Ale in Flafchen wie in Fäffern. Die englifchen Biergattungen fchwankten in ihrer Farbe zwifchen dem Pilfner und Wiener Biere, waren aus circa 16 bis 18 Percent Würzen bereitet und hatten einen eigenthümlich fpecififch englifchen Hopfengefchmack. Diefer ftark hervortretende Geruch und Gefchmack von Hopfen wird den meiften englifchen Bieren dadurch gegeben, dafs im Verfandtfafs dem Biere eine entſprechende Menge trockenen Hopfens zugegeben wird. Diefs foll nach Meinung englifcher Brauer confervirend wirken. Die renommirte Brauerei von W. Younger& Comp. ftellte aufser oben erwähntem Ale auch Porter und zwar Strout aus, welches eben wieder den fpecififch englifchen Hopfengefchmack hat und feiner Qualität nach ausgezeichnet zu nennen ift. Nicht ohne Intereffe war es, in der Ausftellung englifcher Colonien Bierausfteller vorzufinden. Es war diefs in der Neu- Seeländifchen Abtheilung. Es ftellten M. Ehenfield aus Auckland, Maurice Jo el aus Dunedin und Whitfon& Sons aus Dunedin ihre Producte aus. Alle drei Ausfteller brachten Ale theils in Flafchen, theils in Fäffern, welches in Farbe und Gefchmack mit englifchem Ale wohl Aehnlichkeit hatte, jedoch durch den Transport und das Paffiren der Linie etwas in der Qualität gelitten zu haben ſchien. Nachftehende ftatifche Daten mögen als einige Erläuterung folgen, um die Grofsartigkeit fowie Ausdehnung der englifchen Bierinduftrie zu charakterifiren. In keinem Lande der Erde wird feit einer langen Reihe von Jahren die Bierbrauerei in fo grofsartigem* und ausgedehntem Mafsftabe betrieben, wie in England; erft im letzten Decennium find die grofsen Bierbrauereien von Wien und München den bedeutendften Etabliffements diefer Art von England nahegekommen. Bei dem umfangreichen Brauereibetrieb Englands mufs einer Eigenthümlichkeit gedacht werden, welche in keinem anderen Bier producirenden Lande vorgefunden wird. Es ift diefs die ausfchliefsliche Anwendung von Obergährung für die Bereitung der englifchen Biere( Porter und Ale). Alle übrigen Länder haben für den Braubetrieb die von Baiern herftammende Untergährung eingeführt. Vom Anfange diefes Jahrhundertes bis 1829 wurden in England nachftehende Mengen Bier producirt. Vom ftarken Bier Vom fchwachen Bier Zufammen Jahr I n B r re a 1 S 1801 4.735.574 1,691.955 5,427.529 1811 5.902.903 1,729.312 7,632.215 1825 6,501.000 1,480 260 7,981.260 1827 6,542.062 1.539.720 8,081.782 1829 6,559.210 1,630.516 8,189.726 * Die Bierbrauerei der Herren Trumann, Henbury& Comp. braut täglich 3000 barrels und jährlich circa 550.000 barrels, per Tag 7020 Wiener Eimer, per Jahr 1,287.000 Wiener Eimer ( fiehe Brewers- Journal Band VI, Seite 149). 40 Guftav Noback. Auch in Grofsbritannien und Irland finden wir, wie nachftehende Tabellen nachweifen, eine fehr bedeutende Zunahme des confumirten Bieres und der für deffen Erzeugung verwendeten Malzquantitäten. Confumirtes Bier in Barrels Jahr end end England Schottland Irland Zufammen mit 31. März 1871 22,750.650 99 5. Januar 1851. 99 5. Januar 1826 989.138 14,057.514 487.672 8,209.088 353.519 1,597.023 25.336.811 580 589 15.125.775 Confumirtes Malz in Bushels. Jahr end end England Schottland Irland Zufammen mit 31. März 1871 47.090.482 6,514.496 4.331.256 57.936.234 99 5. Januar 1851 5. Januar 1826 34.423.490 4.639.159 1,682.103 40,744.752 29.572.74 3,925.847 2.706.862| 36,205.450 Es ftieg laut vorſtehender Tabellen die Bierconfumtion im vereinigten Königreiche vom Jahre 1851 bis 1871 um 10,211.036 Barrels, demnach alfo um 67% Percent. Die Confumtion von Malz fteigerte fich während derfelben Periode um 17,191.482 Bushels, welches Quantum 42 Percent repräfentirt. Da der Percentfatz zwifchen der Steigerung des Bierconfums mit dem Malzconfum nicht einmal nahezu Schritt gehalten hat, fondern der letztere in geringerem Mafse ftieg, fo mufs die Vermuthung ausgefprochen werden, dafs entweder durch Einführung rationeller Braumethoden Malzerfparniffe erzielt wurden, oder dafs während des eben angebenen Zeitabſchnittes gröfsere Mengen von etwas weniger ftarkem Biere bereitet worden find.( Surrogatverwendung hatte gleichfalls Einflufs). Während der letzten Jahrzehnte hat in Grofsbritannien und Irland die Verwendung von Zucker( hauptfächlich für Porterbereitung) eine erhebliche Zunahme aufzuweifen.( Siehe Tabelle.) Auf Schottland, wo meiftens nur Ale bereitet wird, entfällt nur ein fehr geringfügiger Theil des Zuckerverbrauches. Steuerbetrag für verbrauchtes Malz Zuckerverbrauch in Centnern Jahr endend mit Jahr endend mit 31. März 1857 77 1858 5,690.950 5,326.023 31. December 1856 19.822 1857 19.720 1859 5,412.777 1858 33.945 " 1860 6,648.881 27 1859 34.521 1861 6,208.813 1860 92.415 29 1862 5,866.302 1861 78.710 " 27 1863 5.389.908 1862 84.376 " " ** SFER:## 1864 6,092.736 1863 80.292 1865 6,394.553 1864 38.333 79 1866 6,421.260 1865 55.292 29 1867 6,816.385 1866 145.437 27 1868 6,302.419 1867 381.930 1869 6,527.708 1868 351.742 1870 6,483.612 1869 342.678 99 1871 6,978.371 1870 270.873 29 Malz, Bier etc. 41 Aufser der anfehnlichen Malzfteuer, welche im vereinigten Königreiche erhoben wird( fiehe vorftehende Tabelle über den Steuerbetrag für Verbrauch des Malzes vom Jahre 1857 bis 1871), werden noch anfehnliche hohe Taxen von den Brauern und von den Mälzern erhoben. Eine intereffante Ueberficht für die 15 Jahre von 1857 bis 1871 gibt die nachftehende Tabelle über das verfteuerte Malz, das fteuerfrei bereitete Malz, das exportirte Malz, fowie über das für den heimifchen Verbrauch verbliebene Malz. Jahr endend mit Verfteuertes Malz Steuerfreies Malz Exportirtes Malz Im Lande verbrauchtes Malz 31. December I n Bushels 1856 37,980.041 4.912.147 1,313.064 41,579.124 1857 40,298.513 5,668.948 1,421.992 44.545-469 1858 41,605.665 5,049.321 1,549.213 45,105.773 1859 44,219.300 5,288.428 1,761.439 47.746.289 1860 38,952.513 4.598.636 1,797.099 41,754.050 1861 44,141.422 3,793.192 1,284.514 46,650.100 1862 41.118.172 4,069.883 1,499.447 43,688.608 1863 46.269.842 4,679.819 1,876.856 49,072.815 1864 48.544.125 4.837.742 1,584.889 51,796-978 1865 48,946.497 4,716.608 1,916.976 51,746.129 1866 52,281.223 4: 348.100 2,184.449 54.444.874 1867 47.891.818 4,221.700 1.672 801 50,440.717 1868 49,703.931 4,633.895 1,668.737 52,669.089 1869 49.400.262 4,967.665 1.799.588 52,568.339 1870 53,175.482 5,510.896 1,910.764 56,775.614 Seit dem Jahre 1870 bis inclufive 1872( endend mit 31. December) ftieg wiederum die Gefammtmenge des bereiteten Malzes fehr erheblich, nämlich um 4.703.988 Bushels, während der Export von Malz in derfelben Zeitperiode gefallen ist, und zwar um 128.967 Bushels. Es ift überhaupt die Bemerkung zu machen, dafs der Malzexport von Grofsbritannien und Irland feit dem Jahre 1859 keine erhebliche Steigerung erfuhr, ja fogar in manchen Jahrgängen während diefer Zeit fiel. Diefs hat feinen Grund darin, dafs eben England nicht genug Braugerfte im eigenen Lande producirt und in Folge deffen gezwungen ift, gröfsere Mengen von Gerfte zu importiren.( Der Gerftenimport 1863 betrug 18,421.352 Bushels.) Umftehende Tabelle weift höchst wichtige Daten nach über die Bewegung beim Malzverbrauch in Grofsbritannien und Irland; ebenfo über den Zuckerverbrauch. Die nachftehende Zufammenftellung gibt ein Bild über die Ausbreitung der Brauerei in den verfchiedenen Theilen von Grofsbritannien und Irland. 42 Guftav Noback. Tabelle der verfteuerten Malz- und Zuckermengen, des exportirten Malzes, fowie des einheimifchen Malzconfumes in den Jahren( endend 31. December) 1870, 1871 und 1872. England und Wales. Malz Malz für Brennereien und Export fteuerfrei Total Bush.. In Brauereien verwendeter Zucker etc... Schottland. Malz verfteuert. Malz für Brennereien und Export fteuerfrei Total Bush.. In Brauereien verwendeter Zucker etc.. Irland. Gefammtmenge des verfteuerten und fteuerfreien Malzes in Bushels Exportirtes Malz in Bushels Verblieb für einheimifchen Verbrauch Malz in Bushels 1870 1871 1872 1870 1871 1872 1870 1871 1872 432.580 47,339.742 45,123.969 51,558.658 479.866 447-311 456.461 47,819.608 45,571.280 52,015.119 307.205 245.121 241.673 1,143.023 412.386 350.499 936.658 1,054.336 115.604 1,691.207 72.210 1.421.254 42.151 1,446.086 45,764.139 43.774.925 50 153.823 364.262 375.101 46,128.401 44,150.026 50,568.133 245.121 241.673 307.205 414.310 2,660.202 2.728.574 3,864.122 3,571.520 6,524.324 6,300.094 4.273 20.706 2,957 615 175.803 67.020 212.579 4,176.694 4-544 7,134.309 3.814 196.509 279.599 40.502 230.760) 656 271.918 2.463.693 2,448.975 2.686.353 3,864.122 3.571.520 4,176.038 6,327.815 6,020.495 6.862.391 4.544 3.814 4.273 Malz verfteuert Malz für Brennereien und Export fteuerfrei Total Bush.. In Brauereien verwendeter Zucker etc.. Vereinigtes Königreich Summa. Malz verfteuert Malz für Brennereien und Export fteuerfrei Total Bush. In Brauereien verwendeter Zucker etc.. 3,175.538 2,871.554 2,791.809 1,166.908 1,165.170 1,449.129 4,342,446 4,036.724 4,240.938| 21.479 25.266 - 23.048 46.328 62.893 3,152.490 23.048 46.328 62.893 25.348 2,825.226 2.728.916 1,166.908 1,165.170 1,449.129 4,319.398 3,990.396 4,178.045 21.479 25.266 25,348 53,175.482 50,724.097 57,308.082 5,510.896 5,184.001 6,082.284 58,686.378 55,908.098 63,390.366 453.286 1,341.874 115.604 1,910.764 479.406 391.001) 1,195.565 1,347.989) 72.210 42.807 1,747.181 1,781.797 270.873 271.483 336.367 51,380.322 49,049.126 55,569.092 395.292 5,111 791 6,039.477 56.775.614 54,160.917 61,608.569 270.873 271.483 336.367 England Brauern Schankwirthfchaften Verkaufs- und Ausschanksberechtigung Verkaufsberechtigungen ohne Ausschank Schankwirthfchaften Verkaufs- und Ausschanksherechtigungen Verkaufsberechtigungen ohne Ausschank Anzahl von Malz, Bier etc. Personen mit BierverkaufsLicenzen 43 Anzahl jener welche eigenes Bier brauen Pers. mit BierverkaufsBushels Malz verbraucht von vorstehend Personen mit Bierverkaufs- Licenzen ficenzen Brauern Schenkwirthfchaften mit Verkaufsund Ausschanksberechtigungen mit Verkaufsberechtigungen ohne Ausschank Aylesbury. Banger. Barnftaple. Bath Bolton 40 1.106 14 1.095 667 77 59 Birmingham 3 487 47 764 13 863 1.333 492 Brighton 63 Briftol Cambrigde Canterbury Cardiff Carlisle 25 03516 50 1.767 2.044 880 715 639 983 61 950 680 56 1.258 339 54 43 1.743 1.113 157 7143465H 71 170 40 13 137 391 I 36 75 411 93 14 46 36 48 64 15 40 1.414 218 12 Carmathen 5 1.182 1Ο 4668044521 838 1.185 7.87 994 8 I2 199 196 6 65 69 13 927 408 95 19 I2 I 809 3 Chefter 60 1.205 638 Colchefter. " Coventry 87 48 904 541 83 983 386 Derby. 23 1.408 634 34 Exeter 16 776 153 19 Gloucefter Halifax Hereford Hull Ipfwich Kingfton Lancafter Leeds. Leiceſter 70 23 514 67 1.121 16 1.072 62503 726 46 767 705 62 82 1.035 1.407 681 262 73049277 37 259 70 149 85 40 822 246 954 304 329 56472231 016351252600 amo 56 49 337.253 56.404 13.883 668 - 36.586 21.666 17.553 76.112 12 5.570 2.600 480.671 270.258 89.464 51.977 7.737 474-305 477.375 242 555.605 244.196 259.465 1.312 I2 455.765 9.098 12.422 29.131 419.472 124.761 14.189 14.881 296.980 164.482 25.362 8.003 566.747 4.972 4.527 42 292.816 223.219 41.95J 121 159.122 58.465 11.486 67.575 TT I 12.377 77.695 134 15.087 I 358 353 62.560 14.439 1.876 30 06 420.932 69.802 26.410 6.012 6 199.530 207.694 40.349 527 4 204.756 235.030 83.640 456 335 181 16 +6 4 199.055 101.690 2.258 3.743 410.248 100.591 58.955 6.273 177 280 161 499 III +2 4 785.484 123.668 42 094 3.384 73.345 77-748 8.763 992 421 977 87 326 27 993 661 35 18 611 597 25 938 424 49 Lichfield 41 1.032 837 59 Lincoln 80 917 478 40 Liverpool Lynn 80 2.026 591 08 32 1.168 459 38 Maidſtone. 64 1.692 1.399 90 823H 42 51499 0 00 00 0 95 13 65 34 I2 9 12 642 I I 397 537 94 426 703 242 340 53 8 I 43 18 20 30 Manchefter IO2 Newcastle. 1.375 3.523 667 72 1.698 181 161 272 68 Northampton 28 944 668 99 43 337 Norwich.. 24 1.374 429 30 Nottingham 18 668 396 Oxford 48 Plymouth 33 83 964 512 1.077 Portomouth 33936 28 12 38 617 95 168 534 34 263 16 32 I 250 I.142 64 74 123H∞ 327 38 88 Reading 63 1.070 914 65 19 15 63200+0 1373 34276 26318024527868 in 2 265.646 28.692 1.588 456 139.690 36.691 3.458 858 883.632 4.602 22.157 8.363 161.035 214.920 133.412 1.562 I2 541.878 326.304 217.384 1.013 8 88.657 167.823 48.385 1.075 680 506 14 4.032.305 200.918 107.857 5.379 8 204.511 154.203 19.716 5.434 I 967.348 24.218 380 160 204.378 675.478 21.889 6.981 429 11.816 29.960 4.665 3 1.638.358 129.028 64.137 1.401 421.643 66.083 22 125 3 597.491 333.428 455.746 74.522 1.128 38.375 12.896 3.571 348 2 II 129.924 359.847 260.771 115.674 3.891 64.353 8.219 2.395 3 134.370 74.696 4.362 6.284 14 6 525.885 639.6c9 59.998 61.466 4.538 61.678 36.464 2.075 Ripon. 37 Salisbury 24 74 Sheffield Shrewsbury. Southampton 68 1.116 Stafford. 27 Stamford I.130 464 50 1.565 1.334 602 5 909 1.168 61 I.201 677 120 189 42 82 253 14 311 70 19 129 ΙΟΙ IO 263 720 Stourbridge. I I Sunderland Swanfea. Tannton 1.290 74 2.246 24 1.387 45 731 973 892 75 461 551 57 Truro 20 588 212 . Ware Warrington 68 1.126 870 57 1.683 1.610 152727 06848025376 45 78 IO 536 238 .5 56 70 5° 28 461 320 392593 151.816 74.220 151.388 944.189 36.182 474.036 3.121 211 186.404 17.661 17.505 3.192 150.172 46.305 2.015 39.930 979 73° 30.877 2.134 74 446 97 13 28 1.247 890 19 81 7 3 276.092 213.377 78.167 401.338 88 839 42.996 1.179 130.011 428.692 30.976 2.729 206.620 2.415 24.112 4.234 740 158 160 166.785 100.321 18.335 299 47 19 58 391 Welshpool. IO 685 160 Weymouth 32 508 258 45 Worcester 12 793 462 65 255 437 94 HOONAA 43 45 24 90 4173H 265.190 30.482 6.521 848 I 75.137 65.284 9.853 170 562.183 785.193 24.174 16.266 5.689 170.393 23.893 1.944 99 I 48.223 76.757 11.645 199 I2 IO 745 326 York 47 1.515 3371 41 237 51 26 3 287.401 30.563 39.482 76.326 288.010 95.657 2.643 2,664 46.600 3.157 34.606 489 14 60 Total Country 2.417 63.784 40.667 2.892| 20.079 9.228| 438| 24,674.765| 7.017.422 2,668.999| 268.137 London 95 6.119 3.821 188 9 6,264.758 12.970 292.777 35.537 Total England 2.512 69.903 44.488| 3.080| 20.09319.288 447| 33.939.52317,030.392| 2,961.776| 303.675| 44 Guftav Noback. Schank Schottland Brauer wirthfchaften Schankwirthe, Mafs in bushels welche felbft Bier brauen confumirt von confumirt von den brauenden SchankBrauern wirthen Aberdeen. Campeltown 931 23 61.335 151 Dumfries 5 494 6 12.943 22.434 Dundee 4 1.309 31 14.915 82.099 Edinburgh 29 1.162 1,010.499 Elgin 444 12 19.253 Forft William 27 Glasgow 9 2.160 342.964 Greenock 9 1.862 I 76.906 1.858 Haddington 10 799 II 65.164 34.187 Inverneſs 35° 9.460 Linlithgow 3 1.313 3 28.978 2.537 Oban 68 Orkiney 48 2 517 Perth 516 19 512 38.360 Poolewe Shetland Skye Styrling Stornoway 28 32 I 23 44 - 7 743 8 178.335 29.309 29 Thurlo 51 Wick I 83 238 Total Scotland 79 12.644 123 1,731454 301.372 Irland Athlone Bandon. Belfaft Carlow. Coleraine Cork Dublin Dundalk Galway Limerick Londonderry. Sligo Waterford. Wexford 788865T534348+ 956 I.204 1.486 1.156 1.013 I.293 II 1.012 1.583 749 1.613 19.813 49.062 57.802 366.865 14.759 405.096 2,019.154 190.617 13.253 13.448 1.034 19.453 993 16.376 1.338 185.781 4 675 I 31.761 1.516 Total Ireland 80 16.105 I 3,403.240 1.516 Malz, Bier etc. 45 Britifche Colonien. Von den britifchen Colonien wird in Auftralien, und zwar in Victoria, die Bierbrauerei nach englifcher Methode in einer berückfichtigungswerthen Weife betrieben. In Grofsbritannien und Irland beftanden vom 1. October 1869 bis 30. September 1870 laut vorftehender Tabelle im Ganzen 2671 Brauereien; der gefammte Malzconfum diefer, fowie der weiteren brauberechtigten Perfonen wird durch nachstehende Tabelle veranfchaulicht. 1870 Brauberechtigte Perfonen Malzverbrauch Anzahl in Bushels Brauer 2.671 39,074.217 Schankwirthschaften 98.652 7,333.280 Perfonen mit Verkaufs- und Ausfchanksberechtigung 44.488 2,961.776 Perfonen mit Verkaufs-, jedoch ohne Ausfchanksberechtigung 3.080 303.674 Total 148.891 49,672.947 Die in England erzeugten Biere, Porter und Ale, gehören zu den ftärksten Biergattungen, die überhaupt gebraut werden. Diefe werden aus Würzen von 15 bis 24 Percent Gehalt bereitet und unter dem Namen:" Doppelt Porter," ,, Extra- Porter,"" Stout," ferner ,, Oftindien- Ale,"" Bitter- Ale,"" Mildes Ale" in Verkehr gebracht. Ein geringer Theil des gebrauten Bieres wird aus Würzen von circa 12 Percent Extract bereitet und unter dem Namen von„ leichtem" oder Tifchbier confumirt. Während die verfchiedenen Ale- Gattungen in ihrer Farbe und im Ausfehen lichtgelb bis goldfarbig, fowie klar und rein find, fo find die Porter- Biere von einer fo ganz dunkelbraunen Farbe, dafs von einem Durchfcheinen gar keine Rede fein kann. Nach älteren officiellen Daten wird für Grofsbritannien und Irland angenommen, dafs aus I Quarter( 8 Bushels) Malz 314 Barrels Bier gebraut werden. Die neueften officiellen Daten geben an, dafs im Durchfchnitt 2 Bushels Malz ( oder 50 Pfund Zucker) benöthigt werden, um I Barrel Bier zu bereiten. Die grofse Stärke, die bedeutende Hopfenzugabe, fowie das lange Ablagern von Porter und Ale führen eine günftige Haltbarkeit diefer Biergattungen beim längeren Seetransport nach fernen überfeeifchen Plätzen herbei. Der Bierexport aus Grofsbritannien und Irland betrug im Jahre 1871 die ganz anfehnliche Menge von 483.120 Barrels im Werthe von 1.853.733 Pfund Sterling.( Siehe nächfte Tabelle.) Nach Ländern Quantität in barrels Werth in Pfund Sterling Rufsland 4.253 16.131 Deutſchland 5.168 18.613 Belgien. 3.714 13.432 Frankreich 10.152 34.149 China Japan 4.209 21.472 2.421 12.454 Vereinigte Staaten: öftliche Häfen 29.446 147.010 weftliche Häfen 6.956 34.185 99 99 Fremde Colonien Weft- Indiens. 16.080 82.503 Peru 11.965 63.998 Chili 7.107 35.223 46 Guftav Noback. Nach Ländern Quantität in barrels Werth in Pfund Sterling Brafilien 13.267 71.903 Uruguay 2.388 12.447 Argentinifche Conföderation 5.342 26.846 Canarifchen Infeln 8.531 25.327 Gibraltar II.432 38.198 Malta 6.742 22.152 Britifche Befitzungen in Süd- Afrika Britifch Indien: Bombay 15.669 64.777 59.264 165.929 Madras 24.354 69.050 " " Bengal 66.365 214.574 " Straits- Colonien 3.287 13.133 Ceylon Hong- Kong Auftralien Britifch- Nord- America 8.589 30.199 7.417 28.717 80.511 324.021 II.941 50.542 Britifch Weft- Indien, Island und Britiſch Guiana 28.013 106.243 Uebrige Länder 28.537 IIO.505 Summe 483.120 1,853.733 Im Jahre 1866 beftanden in Victoria 86 Bierbrauereien, welche 8,926.286 Gallons Bier brauten. Diefes Verhältnifs fteigerte fich derartig, dafs im Jahre 1871 bis 1872 126 Brauereien ein Quantum von 13,061.145 Gallons Bier erzeugten. Bei der Einwohnerzahl von 30,838.210 des vereinigten Königreiches entfällt bei der confumirten Menge von 25,336.811 Barrells Bier per Kopf 26 Gallons - 118 Liter. Werden die einzelnen Theile, nämlich England, Schottland und Irland mit einander verglichen, fo ergibt fich ein Bierconfum per Kopf der Bevölkerung: In England In Schottland In Irland. 33 Gallons= 149 Liter 9.82 9.25 11 = " 44.61 42 99 " 9 = Belgien. In der weftlichen Agriculturhalle, und zwar in einem Hofeinbaue ftellten zwei Brauer, und zwar J. B. Charlier in Gand und Robiliard Flafchenbiere aus. Erfterer brachte zwei Gattungen ,, bière lupulineufe" und ,, Uytzet des Flandres", letzterer fechs verfchiedene Biergattungen in Flafchen; es waren beide Biergattungen ziemlich klar, hatten jedoch alle den ganz eigenthümlichen milchfäuerlichen Beigefchmack, welcher fämmtlichen belgifchen Bieren in Folge Anwendung von viel Rohfrucht beim Maifchen, fowie durch die übliche Selbftgährung eigen ift. Die Bierbrauerei ift ein von Altersher in Belgien eingebürgertes Gewerbe. Die Zahl der dortigen Brauereien hat, bei gleichzeitiger Steigerung der Biererzeugung, abgenommen. Es verringerte fich die Anzahl der Bierbrauereien während einer vierzehnjährigen Periode, nämlich vom Jahre 1852 bis 1865, um 273. Die Bierproduction fteigerte fich während derfelben Zeitperiode in mäfsigem Verhältniffe; es wurden im Jahre 1852 3,192.232 54 Hektoliter Maifchraum verfteuert, im Jahre 1865 3,638.722 17 Hektoliter, alfo im letzten Jahre um 446.489 63 Hektoliter mehr. Die nachftehende Tabelle gewährt genauen Einblick in die Anzahl der Bierbrauereien und den verfteuerten Maifchraum: Provinzen Anzahl der Brauereien 1852 Verfteuerter Raum der Braugefäfse Hektoliter Lit. Anzahl der Brauereien 1856 Verfteuerter Raum der Braugefäfse Hektoliter Lit. Anzahl der Brauereien 1860 Verfteuerter Raum der Braugefäfse Hektoliter Lit. Anzahl der Brauereien 1865 Verfteuerter Raum der Braugefäfse Hektoliter Lit. Anzahl der Brauereien 1871 Verfteuerter Raum der Braugefäfse Hektoliter Lit. Antwerpen 289 Brabant Weftfland. 495 Hennegau Oftflandern 477 506 641.690 507.140 333.667 93 275 479 901.071 95 441 350.513 76 485 76 453 Lüttich Limburg Luxemburg 216 58 Namur 217 43 514 149 158.777 99 118 109.968 05 168 41.757 39 54 147.644 28 184 325.349 75 272 880.834 53 451 376.175 92 474 524.268 69 433 693.398 80 560 99 119.951 39 97.411 86 172 126 39.074 59 53 321.223 02 257 359.094 28 982.488 58 427 1,053,384 372.080 60 457 524.392 98 426 747.877 46 547 128.861 41 III 99.361 13 47.302 66 360.793 69 98 1,042.086 37 425.079 99 155 563.698 38 764.076 65 152.562 106.148 36 435.652 69 603.147 25 634.758 59 50 - 120.797 83 91.123 91 54 147.013 75 185 157.412 20 179 51.317 54 163.412 45.265 22 49 - 128.557 60 Totale 2.886 3,192.232 54 2.692 3,203.479 78 2.726 3,381.000 04 2,613 3,638.772 17 3,462.183 15 47 Malz, Bier etc. 48 Guftav Noback. Nach den in Belgien beftehenden Gefetzen wird beim Bierbrauen eine Steuer vom Raume der Maifchgefäfse erhoben. In früherer Zeit betrug diefer Maifchraum- Steuerfatz per I Hektoliter I Francs 48 Centimes und wurde durch das Gefetz vom 18. Juli 1860 auf 4 Francs per 1 Hektoliter erhöht. Bezüglich der Angaben über die Bierproduction in Belgien wird bemerkt, dafs bei den offiziellen ftatiftifchen Arbeiten* ftets angenommen wird, dafs eine doppelte Quantität von Bier erzeugt werde, als Hektoliter Maifchraum verfteuert wurden. Auf Grund diefer officiellen Daten foll in Belgien ein Quantum von circa 7,000.000 Hektoliter Bier producirt werden.** Der Import fremden Bieres nach Belgien ift geftiegen, während der Export des heimifchen Bieres gefallen ift. Import von Bier in Belgien. in Gefäfsen( Hektoliter) in Flafchen Im Jahre 1851 512 6.144 1852 584 7.014 93 21 1853 669 7.560 1854 75° 8.997 1855 902 10.821 : : 1856 1.945 17.945 : 1857 1.812 21.738 " " F 1858 2.311 27.735 : " 1859 4.180 50.157 1860 6.442 77.302 Export von Bier in Belgien. in Gefäfsen( Hektoliter) in Flafchen Im Jahre 1851 732 49.050 1852 1.586 1853 1.483 23.027 59.663 " 1854 2.729 4.710 " 29 1855 2.747 3.480 27 1856 2.858 1.230 : : " 1857 3.629 5.114 " 1858 2.177 5.376 27 " 1859 1.291 4.960 1860 I.222 " 7 " 5.149 Der Import von Bier nach Belgien in den Jahren 1869, 1870 und 1871 geftaltete fich wie folgt: Gefammtimport im Jahre 1869 38.372 Hektoliter 27 77 27 1870 36.179 1871 39.129 25.600 Hektoliter 1870 26.347 1871 32.741 ** " " Import vom Zollvereine im Jahre 1869 دو 27 Bei der oben angegebenen Bierproduction von circa 7,000.000 Hektoliter kommen in Belgien mit 4,829.320 Einwohnern auf einen Kopf der Bevölkerung 145 Liter. * Expofé de la fituation du royaume publié par le miniftre de l'intérieur. ** Diefe officielle Annahme fcheint etwas zu hoch gegriffen zu fein. Malz, Bier etc. 49 Die übrigen Staaten Europas. י Frankreich. In der franzöfifchen Agriculturhalle waren drei Ausfteller von Bier vorhanden von diefen ift als beachtenswerth die Bierbrauerei der„ Société des cave du roy à Sèvres bei Paris" hervorzuheben. Diefelbe hatte einen gefchmackvoll arrangirten Schrank mit Flafchenbier ausgeftellt. Das Bier hatte fich klar erhalten, war in der Farbe den hellften Wiener Bieren gleich und dem Gefchmacke nach zu urtheilen, aus vierzehnpercentiger Würze bereitet. Frankreich hat während der letzten Jahre im Bereiche der Bierbrauerei Fortfchritte gemacht und ist nur fehr zu bedauern, dafs bedeutendere Unternehmungen, wie jene der Herren Tourtel in Tantonville, des Herrn Velten in Marfeille und andere mehr an der Ausftellung fich nicht betheiligten. Sehr bedeutende Mengen der beften und billigften Weingattungen, welche in Frankreich auf den ausgedehnteften Gebieten cultivirt und producirt werden, haben den Bierverbrauch nicht in der Ausdehnung und in dem Mafse aufkommen laffen, wie man bei der ftarken und wohlhabenden Bevölkerung diefes Landes hätte erwarten können. Die Bierproduction ftieg nach und nach, obgleich das Biertrinken bei dem vorhandenen Ueberflufse an gutem und billigem Weine als ein immerhin koftfpieligeres Genufsmittel betrachtet werden mufs. Nachftehende Zufammenftellung belehrt über die Steigerung der Production von Bier vom Jahre 1851 bis 1860: Hektoliter Bezahlte Abgaben Francs Im Jahre 1851 wurden verfteuert 4.449.000 für 9,633.000 " 1852 " 27 1853 9. " " 1854 29 " " 1855 "" 4.523.000 5.047.000 4.959.000 5,871.000 29 99 ,. 99 9,834.000 10,847.000 10,647.000 12,995.000 " " 1856 6,449.000 " 97 15,054.000 1857 1858 97 " " " " 1859 1860 " 7,088.000 9,807.000 6.700.000 99 16,511.000 وو " 15,909.000 15,678.000 " " 29 6,571.000 99 15,241.000 In Frankreich werden hauptfächlich zwei Bierqualitäten erzeugt, nämlich ftarkes oder Lagerbier und fchwaches oder Schankbier. Es richtet fich auch hiernach die Höhe der Malzfteuer, welche nach dem Rauminhalt des Braukeffels berechnet wird Die Erzeugung von ftarkem Bier beträgt das 34 bis 2½ fache des Dünnbieres. Es geftaltete fich die Biererzeugung im Jahre 1867 folgendermassen: Starkes Bier Schwaches Bier • " 5.284.845 Hektoliter 2,242.832 " Zufammen 7,527.677 Hektoliter. In Rückficht auf die Territorialverminderung Frankreichs, welche naturgemäfs auch die Ziffern der erzeugten Biermengen herabminderte, kann jetzt in Frankreich die Menge des gebrauten Bieres mit circa 7,000.000 Hektoliter angenommen werden. Der Bierverbrauch in Paris hat fich ganz anfehnlich gefteigert; derfelbe betrug im Jahre 1854 166.490 Hektoliter; von diefem letzten Quantum war weniger als die Hälfte in Paris gebraut, während der Reft theils aus franzöfifchen, theils aus fremdländifchen Brauereien eingeführt wurde. Der Bierimport nach Frankreich ftieg vom Jahre 1853 mit 7000 Hektoliter bis 1864 auf 43.144 Hektoliter. Der Export franzöfifcher Biere betrug im Jahre 1865 30.730 Hektoliter. 4* 50 Guftav Noback. Da Strafsburg und Umgebung von früher her ein grofses Bierabfatzgebiet in Paris hatte, fo dürfte in den letzten Jahren der Import von diefem Platze aus nach Frankreich fehr bedeutend geftiegen fein. Die gröfsten Bierbrauereien Frankreichs befinden fich in der Umgebung von Paris, Tantonville, Marfeille und Lyon. Nach der Einwohnerzahl Frankreichs von 36,103.000 entfällt bei der Bierproduction von circa 7,000.000 Hektoliter eine Menge von 19½ Liter Bier auf einen Einwohner. Schweiz. Zwei Bierbrauereien, und zwar Max Fifcher& Comp. zu Reichenbach bei Bern, fowie Louis Roffian in Faido( Canton Teffin) fandten Flafchenbiere, welche guter Qualität waren und im Ausfehen zwifchen dem Wiener und Pilsner Biere ftanden. Italien. Obgleich das milde Klima von Italien einer Einführung der Bierbrauerei mehrfache Hinderniffe in den Weg legt, fo bricht fich doch mit Hilfe des techniſchen Fortfchrittes diefer Induftriezweig mehr und mehr auch in diefem Lande Bahn. Es brachten fünf Bierbrauereien Italiens ihre Producte zur Ausftellung, und zwar Camillus Bonzani in Bologna. Neffoli& Pezzi in Ravenna, Michael Siniscalco in Salerno, Filipp Metzger& Comp. in Afti und Johann Ritter in Chiavenna und Sondrio. Sämmtliche Biere waren in Flafchen, von denen die aus Bologna und Afti wohl ziemlich licht in der Farbe und rein von Gefchmack waren, in ihrem Extractgehalt fehr hoch ftanden und an englifches Ale erinnerten. - Ganz licht- ähnlich dem böhmifchen Biere in der Farbe und auch leichter waren die Gattungen von Chiavenna, Ravenna und Salerno. Dänemark. Die Brauereibefitzer J. C. Jacobfen& Comp. in Carlsberg bei Kopenhagen fandten eine Collection von Flafchenbieren zur Ausftellung, welche eine ganz befondere Beachtung verdiente. Diefe Biere waren- foviel nämlich bekannt die einzigen auf der Ausftellung vertretenen, bei deren Bereitung zum Kochen der Maifche wie auch der Hopfenwürze indirecter Dampf angewendet wurde. Um die Haltbarkeit diefes Bieres zu conftatiren, brachte der Ausfteller eine gröfsere Anzahl von Flafchen, welche zweimal den Aequator paffirt hatten. Eine Partie der Flafchenbiere war nämlich wie durch Beglaubigungsfchreiben documentirt wurde nach Rio- Janeiro gefandt und von dort wieder retour, während die zweite Partie die Reife nach China und retour durchmachte. Die Qualität beider hart auf die Probe geftellten Bierfendungen war tadellos. Das Bier hatte wohl ein beim gröfseren Alter unvermeidliches Geläger, welches jedoch ziemlich feft als Satz am Flafchenboden haftete. Die Farbe war dem Wiener Biere gleich, der Gefchmack rein und gut. - Während in früherer Zeit in ganz Dänemark nur leichtes, obergähriges Bier, welches ganz jung confumirt wurde, erzeugt worden ift, wurde feit dem Jahre 1845 durch Jacobfen die Bereitung von untergährigem Lagerbier eingeführt. Die ganze Erzeugung von Lagerbier in Dänemark beläuft sich jetzt auf ein Quantum von circa 140.000 Hektoliter. Die Hälfte hievon entfällt auf die Jacobfenfche Bierbrauerei in Kopenhagen. Die Bierproductions- Quantitäten von Dänemark laffen fich nur annäherungsweife beftimmen, da Dänemark eines von jenen wenigen europäifchen Ländern ift, welche bei der Bierproduction keinerlei Steuern erheben. Schweden und Norwegen. Die Bierbrauerei von Schweden und Norwegen war durch neun Ausfteller vertreten, welche alle lediglich Flafchenbier ausftellten. Sowohl die Hamburger wie die Nürnberger Actiengeſellſchafts- Brauerei In Städten Standort Malz, Bier etc. 51 zu Stockholm brachte Flafchenbier, welches feiner Qualität nach mit dem baierifchen BierAehnlichkeit hatte, nur etwas ftärker vergohren zu fein fchien als folches. Die Brauereibefitzer Tulldahl, Landskrona und A. B. Wallis, Dybock Ifta d hatten unter den Namen„ Pale Ale" und" baierifches Bier" ihr Product in Flafchen vorgeführt. Während die Producte der eben angeführten fchwedifchen Bierausfteller ihrem Ausfehen, ihrem Gefchmacke und überhaupt der Qualität nach dem baierifchen Bier nahe ſtehen, fo ift durch die norwegifchen Bierausfteller der Beweis geliefert, dafs in diefem Lande die Bereitung von ganz lichtem, ftark vergohrenem, dem Pilsner fehr ähnlichem Biere üblich ift. Um über Schweden Anhaltspunkte der Bierproduction zu erlangen, mufs der Weg der Schätzung betreten werden, weil dort, wie in nur wenigen Ländern Europa's, eine Bierfteuer bisher noch nicht befteht. Das gefammte in Schweden producirte Bierquantum wird von unterrichteter officieller Seite per Jahr mit circa 20,000.000 Kannen einfachen Bieres und circa 500.000 Kannen Porter und Ale angegeben. Da eine fchwediſche Kanne gleich 2.617 Liter ift, fo beträgt alfo die jährliche Biererzeugung in Schweden circa 523.000 Hektoliter. Ueber die Anzahl der in Schweden in den Jahren 1866 bis 1870 in den Städten fowie auf dem Lande betriebenen Bierbrauereien, ferner über die in denfelben befchäftigte Arbeiterzahl enthält nachftehende Tabelle Näheres: 1866 1867 1868 1869 1870 Brauereien Arbeiter Brauereien Arbeiter Brauereien Arbeiter 242 1 181 242 1.178 230 1.114 218 1.119 229 1.028 Brauereien Auf dem Lande 37 108 III 37 28 91 28 93 24 89 Zufammen Brauerei für Porter 279 1.289 279 1.289 258 1.205 246 1.212 253 1.117 I - - Stockholm hat 18 Brauereien mit einer jährlichen Production von circa. 10 Millionen Liter. Aus diefer Zufammenftellung ift erfichtlich, dafs in den Jahren 1866 bis 1870 die Anzahl der im Betriebe gewefenen Bierbrauereien von 279 auf 253 oder um 26 gefallen ift, während gleichzeitig die Bierproduction fich fteigerte. Aufser dem im Lande felbft producirten Biere wird, wie umftehende Tabelle zeigt, Porter, Ale und Bier importirt und auch exportirt. Einfuhr: Ausfuhr: Bier Porter 1861 29.245 Bier 22.368 I 129 1862 26.600 37.542 794 1863 37.224 37.583 2.885 1864 29.755 20.890 5.256 1865 39.375 32.044 403 1866 29.721 42.340 24 1867. 32.772 28.884 240 1868 22.663 30.109 813 1869 18.210 45.392 934 1870 19.126 23.971 43.898 Arbeiter Brauereien Arbeiter 52 Guftav Noback. Schweden liefert eine gute, für Brauereizwecke vollkommen geeignete Gerfte, welche in ziemlich ausgedehntem Mafse für Mälzereien und Brauereien hauptfächlich nach England exportirt und theilweife auch nach Norwegen gefandt wird. Ausfuhr und Einfuhr von Gerfte und Malz in den Jahren 1861 bis 1870 in Zollcentnern: Ausfuhr: Einfuhr: 1861 560.727 47.220 1862 580.179 83.060 1863 357.639 29.538 1864 433.256 93.112 1865 642.785 38.982 1866 572.638 36.277 1867 297.230 180.709 1868 302.785 323.475 1869 499.386 129.824 1870 893.454 42.158 Von den fünf Bierausftellern Norwegens fallen vier auf Chriftiania. Die Frydenlund's Brauerei zu Chriftiania fowie die von O. N. Forfeth& Comp., ferner E. C. Duborgh und die Chriftiania- Brauerei führten Exportbier und Export Ale vor. Dasfelbe that die Dahl'fche Bierbrauerei zu Drontheim. Diefe norwegifchen Biere zeichneten fich durch lichte Farbe, grofsen Glanz, Klarheit, ftarkes Mouffée und reinen Gefchmack aus. Sie gehören ihrem Charakter nach zu 13- bis 16percentigen, verhältnifsmäfsig ftark vergohrenen Bieren. Im Jahre 1870 waren in Norwegen 34 Bierbrauereien im Betriebe, in welchen 700 Arbeiter befchäftigt wurden. Diefe erzeugten circa 25,000.000 Liter Bier. Während in Schweden die Bierbrauerei( mit Ausnahme einiger grofsen Etabliffements in Stockholm) in einer gröfseren Anzahl Betriebsftätten mäfsigen Umfanges betrieben wird, findet man in Norwegen und zwar fpeciell in Chriftiania, gröfsere BrauereiEtabliffements, welche ihr Product unter Anderm auch nach Brafilien exportiren. Zur Unterstützung der eben ausgefprochenen Anficht wird auf die Zahl der in Schweden fowie Norwegen beftehenden Brauereien und der in denfelben befchäftigten Arbeiter hingewiefen. In Schweden kommen durchſchnittlich auf je eine Bierbrauerei 4 bis 5 Arbeiter, während in Norwegen fich das Verhältnifs auf 20 bis 21 Arbeiter fteigert. Die Bierproduction geftaltet fich in Rückficht auf die Einwohnerzahl per Kopf der Bevölkerung folgendermassen: Land Schweden Norwegen Einwohnerzahl 4.158.757 1.701.478 Bierproduction in Enthält per Kopf Litern in Litern 52.340.c00 25,000.000 1212 14% 2 Niederlande. Obgleich die Bierbrauerei der Niederlande auf der Ausftellung nicht vertreten war, unterlaffe ich nicht, einige beachtenswerthe Daten über die Bierbrauerei dafelbft zu bringen. Wie überall, fo ift auch der Bierverbrauch in Holland geftiegen und zwar fowohl durch Erhöhung der Bierproduction im Lande, wie auch durch erhebliche Zunahme der Einfuhr fremden Bieres. Die auf verfchiedene Provinzen Hollands vertheilte Anzahl von Bierbrauereien( im Ganzen 560), fowie der Rauminhalt der Maifchbottiche in denfelben, welch letzterer nach holländifchen Gefetzen als Mafsftab für die Braufteuer dient, find aus nachftehender Tabelle näher erfichtlich: Provinzen Nordbrabant Gelderland. Südholland. Nordholland Zeeland Utrecht Friesland Oberijffel. Groningen Drenthe Limburg Malz, Bier etc. Anzahl der Brauereien 53 Rauminhalt der Maifchbottiche in Litern 192 395.440 34 93.260 26 139.870 13 140.930 20 63.547 13 64.873 3 3.850 IO 35.849 24 50.271 1.109 I 224 Summe.. 560 468.097 1,457.096 Von den angeführten Brauereien arbeiten 15 nach dem baierifchen Syftem, die übrigen 545 noch nach der alten holländifchen Methode; 39 Brauereien verfteuern fich nach Mafsftab des Malzverbrauches, die übrigen 521 nach dem Maifchraum, welche Befteuerungsmodalitäten für den Brauer facultativ find.( Niederländifcher Staatscourant 10. Auguft 1871, Nr. 186.) Die erwähnten 39 Brauereien haben im Jahre 1872 rund 5,174.000 holländifche Pfund, die 521 Brauereien aber 15,683.200 holländifche Pfund Malz verarbeitet, demnach verbrauten fämmtliche 560 Brauereien ein Malzquantum von 20,857.200 holländifche Pfund. Nach holländifchen Verhältniffen ift anzunehmen, dafs aus je 100 Kilogrammen Malz durchfchnittlich 650 Liter Bier erzeugt werden; es entſpricht demnach das im Jahre 1872 verbrauchte Malzquantum von 20,857.200 holländifchen Pfunden( 1 holländifches Pfund gleich 1 Kilogramm) einem Bierquantum von 1.355.718 Hektoliter. Der Steuerfatz berechnet fich bei Befteuerung nach Malzverbrauch mit 3½ Centime für jedes Kilogramm Malz und bei Befteuerung nach Maifchraum mit I Gulden holländifch Courant für je 1 Hektoliter Maifchraum. Die Verzehrungsfteuer für Bier hat im Jahre 1872 rund 730.000 holländifche Gulden ergeben. Der Hauptconcurrent für die Einfuhr des Bieres als Volksgetränk in Holland ift bisher der Genever gewefen, deffen Genufs, wie zu erwarten ist, mit der Zunahme der Bierbrauerei mehr und mehr zurückgedrängt werden wird. Einer der Berichte der Handelskammer in Amfterdam, deren Urtheil hier gewiſs mafsgebend fein dürfte, äufsert fich über das Aufblühen der Bier- Induftrie Hollands in folgender Weife: Bier - ንን Wenn es fich ziemte, für einen Induftriezweig mehr Vorliebe zu hegen, als für andere, dann dürfte es wohl geftattet fein, fich ganz befonders über die zunehmende Blüthe unferer Brauerei zu freuen. Wenn das Biergutes, kräftiges das Volksgetränk werden und den Genever verdrängen foll, fo wird man das, von einem allgemeinen Standpunkte aus betrachtet, auf welchem wir hier uns befinden, als ein erfreuliches Zeichen anfehen können. Die drei hier beftandenen Brauereien befanden fich im günftigften Zuftande, fahen ihren Abfatz nicht allein in unferen oftindifchen Befitzungen, fondern hauptfächlich im Inlande zunehmen und konnten nicht genug produciren, fo dafs viele Aufträge unausgeführt bleiben mussten." Die Biereinfuhr nach Holland hat fich fehr bedeutend gehoben; diefelbe betrug 1846: 106.200 Liter und erhob fich bis zum Jahre 1870 auf 2,933.000 Liter, ift alfo während 24 Jahren auf das 27% fache geftiegen. Die Bierausfuhr aus Holland( meiftens nach den Colonien Java und Surinam) erweift eine Steigerung. Es geftalteten fich die Bierausfuhr und die Biereinfuhr wie folgt: im Jahre Deutfch. land 54 im Jahre 1868 1869 1870 Guftav Noback. Hollands Ein- und Ausfuhr von Bier Einfuhr in Litern 1,836.000 1,788.000 2,933.000 Hievon wurden aus dem Zollvereine eingeführt: im Jahre 1868.... " 27 1869. 1870. Einfuhr von Belgien England o anderen Ländern Belgien Frankreich Ausfuhr in Litern 1,713.000 1,794.000 2,294.000 1,246.000 Liter 1,366.000 2,933.000 27 Ausfuhr nach Java Surinam i n. L i t CD r 1871 861.000 76.000 314.000 7000 197.000 3000 n 703.000 265.000 107.000 1872 761.000 80.000 332.000 4000 152.000 1000 1,009.000 230.000 63.000 Ueber jene Plätze, durch welche die ftärkfte Einfuhr fowie auch Ausfuhr ftattfand, gibt nachftehende Tabelle Näheres an: Einfuhr Ausfuhr in Litern im Jahre über über über Rotterdam Amfterdam Maaftricht über Reft Arnheim 1871 634.000 60.000 1872 474.000 93.000 44.000 48.000 10.000 5.000 1871 87.000 962.000 63.000 1872 40.000 1,045.000 144.000 Bei einer Bierproduction von 1,355.718 Hektoliter und bei der Einwohnerzahl von 3,652.070 in den Niederlanden entfallen auf den Kopf der Bevölkerung 37 Liter producirten Bieres. Russland. Das ruffifche Reich hat drei Bierausfteller aufzuweifen. Der Brauereibefitzer Jean Durdin aus St. Petersburg hat Fafs- und Flafchenbier ausgeftellt; dasfelbe ift licht und fteht in der Farbe zwifchen dem Wiener und böhmifchen Biere. Die Qualität war gut und zeichnete fich durch reinen Gefchmack aus. Diefes Unternehmen, welches im Jahre 1839 ins Leben trat, fteigerte alljährig feinen Betrieb und gehört heute zu den gröfsten Bierbrauereien von St. Petersburg. Die Moskauer Bierbrauerei von Kornéïeff, Gorfchanoff& Comp., welche fich mit der Erzeugung von Meth, Bier nach baierifchem und öfterreichischem Verfahren, fowie Porter befafst, führte nur ihr letzteres Fabricat in Flafchen vor. Der Porter hatte grofse Aehnlichkeit mit echt englifchem, es war jedoch der charakteriftifche Hopfengefchmack, welcher durch das dry hoping in England herbeigeführt wird, nur wenig vorherrfchend. anderen Ländern Malz, Bier etc. 55 Franz Lutoslawski, Brauereibefitzer in Drozdowo, ftellte Bier in Flafchen ganz eigenthümlicher, den Gläfern für confervirte Früchte ähnlicher Form aus. Das Bier, welches, dem Gefchmacke nach zu urtheilen, aus 14 bis 16 Percent Würzen bereitet ift, hatte in Farbe grofse Aehnlichkeit mit den Wiener Bieren, nur war dasfelbe füfslicher im Gefchmacke. Die wohl im ruffifchen Specialkatalog verzeichnete und renommirte Brauerei von J. Dauder& Comp.( Auguft Kennert) zu Riga war trotz alles Suchens nicht aufzufinden. Der Brauereibetrieb in Rufsland hat feit einigen Jahren fehr anfehnliche Fortfchritte gemacht, und ift es zu bedauern, dafs die grofsartigen Etabliffements, wie die Kalinkin- Brauerei, fowie die Bavaria- Actienbrauerei in St. Petersburg, ferner die Golthaer Actienbrauerei bei Odeffa und die Actienbrauerei in letztgenanntem Orte fich leider nicht betheiligten bei der Weltausstellung. Der im ruffifchen Reiche für Bierbrauerei eingeführte Befteuerungsmodus ift ein folcher, dafs durch die Steuerergebniffe Rückfchlüffe über die erzeugten Biermengen mit vollkommener Genauigkeit nicht gemacht werden können. Der im europäifchen Rufsland eingeführte Bierbefteuerungs- Modus ift der einer Raumfteuer, und zwar werden im Sudhaus der Pfannenraum, fowie der Maifchbottichraum per einen ruffifchen Vedro mit 6 Kopeken verfteuert. Da nun erfahrungsgemäfs nach den in Rufsland obwaltenden BrauereiBetriebsverhältniffen per 1 Vedro fertigen Bieres circa 12 bis 14 Kopeken an oben erwähnter Raumfteuer entfällt, fo laffen fich die erzeugten Biermengen auf Grund der eingegangenen Steuerbeträge annäherungsweife beſtimmen. Das europäiſche Rufsland weift eine ftete Steigerung der Bierproduction auf. Die Hauptplätze, an denen die Bierbrauerei zur Zeit in gröfserem Umfange betrieben wird, find St. Petersburg, Riga, Moskau, Odeffa und Warfchau. In St. Petersburg, dem Sitze fehr bedeutender und umfangreicher Bierbrauereien, wurden während der letzten Reihe von Jahren nachftehende Mengen Bier verfchiedener Qualität producirt: Bierproduction in St. Petersburg. Jahr 1865 1866 1868 1869 1870 1871 Bierproduction in ruffifchen Vedro 1,714.800 2,407.400 2,512.900 2,675.400 2,884.600 2,932.600 Im gefammten übrigen europäiſchen Rufsland wurden, mit Ausfchlufs von St. Petersburg und der dort erzeugten bereits eben angegebenen Biermenge, folgende Quantitäten producirt: Im Jahre 1863/64 99 94 1867/68 27 29 1869/70 99 99 1870 71 5,588.991 Vedro 6,128.416 وو 6,884.520 79 7,122.384 27 In richtiger Erwägung, dafs die Production eines guten und gefunden Bieres das einzige nachhaltige Mittel gegen das in Rufsland ftark verbreitete Branntweintrinken ift, bietet die ruffifche Regierung Vieles auf, um die Erweiterung der beftehenden und die Errichtung neuer Bierbrauereien zu fördern.* Sehr intereffant find die Daten über die Steigerung der Bierproduction und das gleichzeitige Fallen der Spirituserzeugung im gefammten europäiſchen Rufsland. * Von der Brauerei- Mafchinenfabrik Brüder Noback und Fritze in Prag wurden letzterer Jahre grofse Brauereibauten in Riga, Wilna, Dubno, Olwiopol bei Odeffa und in St. Petersburg ausgeführt. 56 Guftav Noback. Jahr 1863/64 1867/68 1869/70 Bierproduction in Vedro Branntwein- Production in Vedro 7,697-745 24,239.000 8.640.000 9,740.000 22,854.419 22,347.202 In Rufsland wird im Vergleiche zu anderen Ländern des Continentes verhältnifsmäfsig viel Porter und Ale confumirt. Der Porter wird theils von England direct importirt und auch im Lande felbft producirt. Die Porterbereitung in Rufsland nahm in beachtenswerther Weife zu. Die beiden nachftehenden Tabellen enthalten hierüber ausführlichere Daten. Porter und Aleproduction in Rufsland. Im Jahre 1860 14.720 Vedro " 1865 32.880 " 1869 77.540 " 1870 98.614 Einfuhr von Porter und Ale von England nach Rufsland. Import in englifchen Barrels Werth in englifchen Pfund Sterling Jahr 1853 1863 1864 1865 1871 4.866 3.359 3.403 3.238 4.253 15.902 12.075 12.914 II.777 16.131 Die in Rufsland beſtehenden Bierbrauereien gröfseren Umfanges bereiten hauptfächlich ftarke Biere aus Würzen von 13 bis 16 Percent. Die in diefen Unternehmungen eingeführte Braumethode fteht in ihren Manipulationen zwifchen der baierifchen und öfterreichifchen. Die Bereitung von lichten, hellen Bieren hat fich in allen bedeutenderen gut geleiteten Etabliffements eingebürgert. Da die Bierproduction Rufsland's 1,195.092 Hektoliter beträgt und fich diefes Quantum auf circa 63,658.934 Einwohner* vertheilt, fo kommt auf jeden Kopf der Bevölkerung 187 Liter producirten Bieres. In Rufsland wird aufser Bier noch in ganz erheblichen Quantitäten Meth gebraut und befaffen fich mit Erzeugung diefes Getränkes nicht blos viele der beftehenden Bierbrauereien, fondern auch eine Anzahl ſpecieller kleiner MethBierbrauereien. Rumänien. Brauereibefitzer Oppler aus Bukareft führte fein Product in Fafs und in Flafchen vor, und zwar Märzen- fowie Lagerbier. Beide Gattungen, in Farbe dunkler wie Wiener Biere, haben bei geringer Hopfengabe einen fehr füfsen Gefchmack. Extractgehalt und die Stärke laffen auf 16- bis 18percentige Würze fchliefsen. Amerika. Vereinigte Staaten.** Schon feit mehreren Jahrhunderten wird in Amerika die Bierbrauerei betrieben. Im Jahre 1620 wurden bereits Brauer von England nach Virginia gefchickt, im Jahre 1637 wurde dort die erfte Bierbrauerei gebaut und zehn Jahre später beftanden in Virginia bereits 6 Bierbrauereien. Im * Die Bierproduction und Einnahme im Königreich Polen find hier nicht inbegriffen. ** Obgleich keine Brauerei der Vereinigten Staaten fich bei der Ausftellung betheiligte, fo halte ich es doch für fachgemäfs, einige Daten über die dortigen Bier- Productionsverhältniffe anzuführen und diefs um fo mehr, da der Auffchwung der Bierbrauerei in diefem Lande ein hochft beachtenswerther ift. Malz, Bier etc. 57 März des Jahres 1663 wurde von einem Herrn Winthrop aus Connecticut der Royal Society in London Bier vorgefetzt, welches aus Mais bereitet war. Es iſt nachgewiefen, dafs amerikaniſche Brauer fchon vor langer Zeit Mais( Indian corn) verbraut haben und vermuthet man, dafs zu diefer Verwendung von Mais mehrere in Amerika eingeborne Indianerftämme Veranlaffung gegeben haben, welche künftliche beraufchende Getränke aus Mais bereiteten. Im Jahre 1677 kam in Amerika ein Verbot heraus, dafs nur lediglich Gerftenmalz zum Bierbrauen verwendet werde und dafs die Anwendung von Zucker und Melaffe gänzlich verboten ift. Die Brauereien nahmen in ganz Amerika zu, und im Jahre 1774 begann man Porter und Ale zu brauen. Im Jahre 1801 wurde von Anderſon in Philadelphia das erfte Patent genommen für Verwendung von Mais zum Bierbrauen. Im Jahre 1810 wurde bereits nach Amerika fremdes Bier importirt und zwar 185.000 Gallons; im felben Jahre wurde eine gleiche Quantität von Bier und Cider exportirt. Es entstanden grofse Bierbrauereien in derfelben Zeit zu Philadelphia, New- York und Baltimore und producirten damals die in den Vereinigten Staaten beftehenden 132 Brauereien 182.692 Barrels Bier. Im Jahre 1815 befchlofs der Congrefs eine Werthabgabe von 6 Percent des in den Vereinigten Staaten gebrauten Bieres. Hierauf entstanden in verfchiedenen Staaten neuerdings viele Bierbrauereien und waren 1860: 1269 Brauereien mit einem Totalcapital von 14,750.000 Dollar im Betriebe und producirten Bier im Werthe von 21,310.933 Dollar. In der letzten Reihe von Jahren ift die Bierbrauerei in den Vereinigten Staaten Amerikas zu einem der bedeutendften und verbreitetften Induftriezweige herangewachfen. Das dort feit April 1864 eingeführte Steuerfyftem, die Markenfteuer( man zahlt per Fafs[ Barrel zu 31 Gallons] 1 Dollar Steuer), macht es möglich, einen genauen Schlufs auf die erzeugten Biermengen machen zu können. Die Mengen der in den Vereinigten Staaten confumirten Malzgetränke betrugen: im Jahre 1865... 1866.. 3,657 111 Fafs( Barrels) 5,115.140" 5,819.345 5,685.663 99 1867.. 1868 99 1869.. 5,866.400 99 " 1870. 6,081.520 " 1871. 7,087.826 19 1872 8,009.969 99 29 Das Betriebscapital der Brauereien in den Vereinigten Staaten( per Fafs 10 Dollar gerechnet) beläuft fich auf 56,856.630 Dollar. Diefelben befchäftigten 7.107 Menfchen, exclufive Küfer, Fuhrleute etc.; zu 3 Bushel per Fafs gerechnet, werden 17,056.899 Bushel Malz confumirt. An Hopfen wurden confumirt( 212 Pfund per Fafs) 13,214.0821 Pfund. Die Regierung bezog als Bierfteuer und Taxen aus diefem Zweige der Induftrie ein Einkommen im Betrage von 6,420.663 Dollar. Demnach ftellt fich das Gefammtcapital, welches in Brauereien direct oder indirect angelegt ift, exclufive von Schmieden, Küfern und dergl., auf 105,052.053 Dollar. Nachftehende Tabelle gibt die erzeugten Biermengen, die erhobene Steuer, fowie Taxen( Specialfteuer) vom Jahre 1863 bis 1872 an. Wie bedeutend die Anzahl der Bierbrauereien in den Vereinigten Staaten geftiegen ift, fieht man aus dem Vergleich zwifchen 1860 und 1872. Während diefer zwölfjährigen Periode ftieg die Zahl der Bierbrauereien von 1269 auf 3041, vermehrte fich alfo um 1772 Etabliffements oder um 139.7 Percent. Die Steigerung der Bierproduction, welche die Vereinigten Staaten aufzuweifen haben, ift eine wirklich riefenhafte zu nennen. Im Jahre 1863 wurden 1,558.083 Barrel und im Jahre 1872: 8,009.969 Barrels Bier gebraut und ver 58 Guftav Noback. fteuert, fo dafs während einer nur neunjährigen Zeitperiode die Bierproduction um 6,451.886 Barrel oder um 414 Percent ftieg. Bierproduction Jahr in Barrels Bierfteuer in Dollars Specialfteuer in Dollars Bierfteuer im Ganzen in Dollars 1863 1,558.083 41 1864 2,223.719 73 1865 3,657.181 06 1866 5,115.140 49 1,558.083.41 2,223.719 73 3,657.181.06 5.115.140 49 70,850.41 66,289.41 1867 5,819.345 46 5,819.345 46 77.747105.412 23 238.155 14 1,628.933.82 2,290.009 41 2,734.928.06 5.270.552.72 6,057.500.63 1868 5.685.663.79 5,685.663.79 270.205.22 5.955.868.92 1869 5,866.400 98 5,866.400.98 233.478.56 6,099.879.54 1870 6,081.520.54 6,081.520 54 237.606.36 6,319.126.90 1871 7,087.8267,087.826712.1747,800.0001872 8,009.9698,009.970.02 248.528.44 8,258.498.46 Die nachftehende Tabelle zeigt die Anzahl der im Jahre 1871 beftandenen Bierbrauereien fowie den Umfang der erzeugten Bierquantitäten in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Alabama Gebraut wurden im Ganzen Barrels 22 Zahl der Brauereien 3 Arizona 8 1.000 Arkanfas Californien 4 192 126 183.363 Colorado 17 3.157 Connecticut 22 55.049 Dacotal 4 604 Delaware 2 3.526 Diftrict Columbia. I2 II.355 Florida 2 Georgia. 4 6.143 Idaho.. 13 1.393 Illinois 199 496.720 Indiana 139 127.963 Jowa Kanfas Kentucky Louiſiana II7 91.074 33 23.805 45 93.927 15 58.207 Maine 4 7.844 Maryland 44 90.593 Maffachuffets. 54 463.018 Michigan 152 129.492 Minneſota IOO 65.276 Miffouri.. Montana Nebrasca. III 305.763 28 4.195 17 15.219 Nevada.. 28 8.178 New Hampſhire New Yerfey New Mexico New York 4 72.815 83 545.661 5 418 410 2,357.214 N. Carolina Ohio. Oregon Pennſylvania. Rhode Island S. Carolina Tenneffee Texas.. Malz, Bier etc. Zahl der Brauereien I 268 24 348 4 2 59 Gebraut wurden im Ganzen Barrels 36 685.469 6.094 886.584 14.930 1.323 5.506 30 II.032 Utah Vermont 8 1.851 6 742 Virginia.. Washington Terr.. West Virginia Wisconsin. 7 7.504 13 3.078 18 14.709 227 225.201 Wyoming IO 564 2.785 7,087.826 Diefelben werden claffificirt, wie folgt: Brauereien, die unter. 500 Barrels produciren 1,151 " " 1.000 2.000 99 27 402 319 י; 99 29 3.000 " , 167 4.000 " 27 " 99 84 " 5.000 " 77 64 10.000 161 " " 77 99 15.000 71 99 99 " " 20.000 27 99 " 99 79 " 25.000 22 " 77 30.000 II " 38 " " 35.000 6 27 59 " 99 40.000 IO 99 27 وو 77 45.000 19 " 50.000 99 052 77 60.000 6 27 " " 99 70.000 99 I " " 80.000 I " 27 " 99 " 90.000 I 29 2 100.000 " 7 " " " Neue Brauereien, d. i. folche, die überhaupt nicht im Betriebe find 171 2.684 Nach der letzten Volkszählung beläuft fich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf 38.547.229 Einwohner und die Bierproduction von 1872 betrug 8,009.969 Barrels à 31 Gallons*= 248,309.039 Gallons= 11,261.180 Hektoliter; es kommt demnach auf einen Kopf der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Nord- Amerika** ein Bierquantum von 29 Liter. Ein anfehnlicher Import von Bier und Ale nach den Vereinigten Staaten Amerikas findet, wie aus nachftehender Tabelle erfichtlich ift, von England aus ftatt. * I Gallone gleich 4.543 Liter. I Barrel gleich 2'34 Wiener Eimer à 42 Mafs. ** Die obigen Tabellen find dem ,, Amerikanifchen Bierbrauer" 1 Gallone gleich 3.200 Wiener Mafs. entnommen. von Schwarz 60 Guftav Noback. Jahr Barrels Werth in Pfund Sterling 1853 33.338 124.226 1863 7.644 33.053 1864 9.779 43.411 1871 36.402 181.195 Brafilien. Ferreira& Comp. in Pernambuco ftellten zwei Gattungen von Flafchenbier aus: nämlich helles, lichtes( cerveja bianca) und ein bockbierartiges( national preba); ferner Leidan, gleichfalls in Pernambuco, gewöhnliches. Flafchenbier. Die Biere hatten unverkennbar gelitten und konnte ein Urtheil auf die urfprüngliche Qualität aus diefem Grunde nicht gefällt werden. Um einen genauen Einblick in den Umfang und die Bedeutung der Bierbrauerei in allen hier befprochenen Ländern zu erlangen, wurde die neben. ftehende Tabelle zufammengeftellt( Seite 61). Wir erfehen aus diefer, dafs die Biererzeugung, auf den Kopf der Bevölkerung reducirt, fich in folgender Weife dem Range nach geſtaltet: Bierproduction per Kopf der Bevölkerung in Liter. Staaten Baiern 240% Württemberg 1541 Belgien. 145 Grofsbritannien und Irland JI8 Baden. 63 Sachfen. 6012 Uebrige Länder Norddeutfchlands Elfafs- Lothringen Preufsen 48 Niederlande Oefterreich- Ungarn • Vereinigte Staaten Frankreich Norwegen und Schweden. Rufsland 48 3912 37 341/2 29 1912 1412 121/2 13/4 Anmerkung. Sämmtliche Angaben mit Ausnahme von Rufsland, Schweden und Norwegen beziehen fich auf 1872. In diefer Zufammenftellung erfcheint für Oefterreich- Ungarn die Bierproduction per Kopf der Bevölkerung verhältnifsmässig gering. Diefs hat darin feinen Grund, dafs die verzeichnete Ziffer von 34% Liter per Kopf als eine Durchschnittsziffer anzufehen ift von den viel, fowie auch weniger Bier producirenden Ländern Oefterreich- Ungarns. Die nachftehenden Zuſammenftellungen geben ein klares Bild über die Bierproduction per Kopf der Bevölkerung in fämmtlichen Kronländern OefterreichUngarns, fowie über die Betheiligung derfelben an der Gefammt- Bierproduction. Kronländer Salzburg Niederöfterreich Oberösterreich Böhmen Mähren Schlefien Steiermark Kärnten Tirol und Vorarlberg Liter per Kopf der Bevölkerung 152.76 143 14 Liter per Kopf der Bevölkerung Kronländer Krain. Galizien II 43 9.62 113 07 Bukowina 8.42 92'02 Ungarn mit Siebenbürgen 5.41 60.14 Serbifch- banatifches Gebiet 4'21 52.93 Kroatifch- flavonifches" 1 49.92 Kroatien und Slavonien 3.01 33.08 Küftenland 0-60 18.04 * Mit Ausfchlufs der Pfalz und deren Einwohner. Gefammt überficht. Gröfse der Bierproduction und Verhältnifs per Kopf der Staaten Bevölkerung Bevölkerung Bierproduction in Litern Kommt pr. Kopf in Lit. circa Antheil der Bierfteuer an den Gefammteinnahmen in Percenten Gefammteinnahme Bierfteuer Ertrag Antheil in Percenten Oefterreich- Ungarn NordPreufsen deutfchSachfen. land Uebrige Länder 2,556.244 4,116.551 Baiern Süd35,644.858 1.221,199.953 34% 317,195.040 fl. ö. W. 24,693.066 972,190.299 39% 172,918.937 Thaler 12,648.594 154.527.939 60% 20,206.842 200,298.994 482 4,198.355 1.010,380.500 240% 24,257.694 fl. ö. W. 2,234.166 Thaler 8.28 1.87 " 514.065 4.06 99 669.654 3:26 وو 99 deutfchWürttemberg. 1,818.484 280,508.567 154 99 Baden land 1,461.428 Elfafs- Lothringen 1,638.546 93,245-570 63 81,245.400 48 87,144.606 fl. Süd. W. 10,379.951fl.Südd. W. 22,430.472 IO, 171.411 II 8 2,917.035 1,292.344 79 130 12.6 " 99 Grofsbritannien und Irland 30,838.210 3.568,259.103 118 Belgien 4,829.320 Frankreich. 36,103.000 Niederlande 3.652.070 Schweden und Norwegen 4.158.757 1,701.478 700,000.000 145. 700,000.000 19 135,571.800 37 52,340.000 121/2 25,000.000 142 72,229.000 Pfd. St. 179,292.000 Francs 1.738,467.393 88,526.832 holl. fl. 6,978.371 Pfd. St. 13,848.732 Francs 9.66 7.72 - 49 730.000 holl. fl. 082 Rufsland. 63,658.934 Vereinigte Staaten 38,547.229 I 19,509.200 134 1.126, 118.000 29 359,101.231 Dollars 7,800.000 Dollars 2 17 Anmerkung. Sämmtliche Angaben, mit Ausnahme von Rufsland, Schweden und Norwegen, beziehen fich auf 1872. * Mit Ausfchlufs der Pfalz und deren Einwohner. Malz, Bier etc. 61 62 Kronländer Guftav Noback. An dem Gefammtquantum des erzeugten Bieres participirt in Percenten Böhmen 38.49 Niederösterreich 23.33 Mähren 9.10 Oberösterreich 6.81 Ungarn mit Siebenbürgen 5.60 Steiermark 4.64 Galizien 4.24 Schlefien 2.23 Salzburg I'92 Tirol und Vorarlberg 1.30 Kärnten 0.91 Krain. 0.44 Serbifch banatifches Gebiet. 0.39 Kroatifch- flavonifches " Bukowina 0.36 Kroatien und Slavonien 0.23 Küftenland Ο ΟΙ Wird der Bierfteuerertrag mit den Gefammteinnahmen der angeführten Staaten verglichen und in Percentfatz ausgedrückt, fo ergibt fich eine höchft intereffante Zahlenreihe, aus welcher in fchlagendfter Weife die anfehnliche Betheiligung der Bierfteuer an den Staatseinnahmen erfichtlich ift. Antheil der Bierfteuer an den Gefammteinnahmen in Percenten Staaten Württemberg 13.0 Baden 126 Baiern 11.8* Grofsbritannien und Irland 9.66 Oefterreich- Ungarn. 8.28 Belgien 7.72 Sachfen 4.06 Uebrige Länder Norddeutfchlands. 3.26 Vereinigte Staaten 2.17 Preufsen 1.87 Niederlande 0.82 Rufsland Schweden und Norwegen Elfafs- Lothringen Malz. Oefterreich Ungarn. Eine anfehnliche Zahl der Bierbrauereien, welche auf der Ausftellung vertreten waren und zwar fpeciell jene, die in der öfterreichifchen Agriculturhalle verfchiedenartige Trophäen, die Bierbrauerei verfinnlichend, vorführten, brachten fozufagen als Staffage aufser Gerfte und Hopfen auch Mufter von Malz eigener Erzeugung. Obgleich diefe Proben nicht als Ausftellungsobjecte anzufehen waren, fo find fie doch beachtenswerth für den Fachmann gewefen. Malz als Handelswaare wurde ausgeftellt von mehreren Fabrikanten und zwar aus Oefterreich Ungarn, aus Baiern und aus England. * Mit Ausfchlufs der Pfalz und deren Einwohner. Malz, Bier etc. 63 Von den Malzausftellern Oefterreichs find die meiften aus Mähren, welche die wegen ihrer Qualität weithin berühmte Hanagerfte verarbeiten. Sowohl die Güte diefes Rohproductes, wie die bei der Erzeugung angewandte Sorgfalt führten es herbei, dafs die ausgeftellten Malzproben fich die allgemeine Anerkennung erwarben. Mit der Zunahme der Malzfabrication als felbftftändiger Induftriezweig ift die Erzeugung verfchiedener Malzqualitäten eingeführt worden. Es ftellten in Hinficht hierauf einige Malzfabriken Malz aus, welches durch den verfchiedenen Grad des Abdarrens von einander abwich, und zwar folches für bömifche, refpective Pilfener Biere circa 40 Grad Réaumur abgedarrt, jene für Wiener mit circa 60 Grad Réaumur und die für bairifche mit circa 70 Grad Réaumur. Da die Gerften ernte in Oefterreich- Ungarn ein weit gröfseres Quantum ergibt, als der Bedarf ift, fo beträgt je nach Ausfall des Ernte Ertrages der Export der im Inlande producirten Gerfte zwifchen 2 bis 5 Millionen Centner per Jahr. Diefer Umftand, fowie die Nachfrage nach dem feiner vorzüglichen Qualität wegen bekanntem öfterreichifchen Malze, hat ein Aufblühen diefes rentablen landwirthfchaftlichen Induftriezweiges in mehreren öfterreichifchen Kronländerr herbeigeführt. Durch den grofsen Auffchwung der Bierinduftrie auf dem Continente treten viele Brauer Deutfchlands, Italiens, der Schweiz, Belgiens und Hollands als Käufer öfterreichifchen Malzes auf. Die Verhältniffe, welche den öfterreichifchen Malzfabriken eine bleibende Rentabilität fichern, find einestheils die genügenden Mengen vortrefflichen Rohmaterials, welche für mäfsige Preife im Lande felbft vorhanden find, und anderentheils der Umftand, dafs beim Malzexport in Folge des während der Umwandlung von Gerfte in Malz eine Gewichtsverminderung von durchſchnittlich 20 Percent entſteht, um welch gleichen Satz die fämmtlichen Fracht- und Speditionsfpefen beim Malzverfandt gegenüber dem Gerftenexport geringer ausfallen. Von den auf der Ausftellung vertretenen Malzausftellern OefterreichUngarns find befonders hervorzuheben: Gebrüder Hamburger& Singer in Profsnitz, Hamburger, Singer & Comp. in Olmütz, Hana- Malzfabrik in Kremfier, L. C. Nožička& W. Umgelter in Brünn, M. Kaufmann in Brünn, Gebrüder Kubelka in Klofter Hradifch, F. Morgenstern& Sohn in Brünn, Gebrüder Hatfchek in Linz, M. Bergwein in Leitmeritz, Jofef Fifcher in Bruck an der Leitha. In der fehr intereffanten Collectivausftellung des Herrn Erzherzogs Albrecht fowie in dem mufterhaft und grofsartig arrangirten Pavillon des Fürften Schwarzenberg befanden fich gleichfalls Malzproben, welche zu jenen befter Qualität zu zählen find. Deutfchland. Die in der deutfchen Agriculturhalle ausgeftellten Malzproben trugen in ihrer Qualität den Charakter des bairifchen Malzes an fich. Diefe waren in ihrer Qualität gut und fchienen nach der Farbe und dem Röftgefchmacke zu urtheilen, mit wenigen Ausnahmen bei mindeftens 70 Grad Réaumur abgedarrt zu fein. Dr. C. Schneider aus Worms ftellte eine Collection von Malzproben fowie Mufter von Bierproben aus. England. Zwei englifche Malzausfteller brachten Producte, die ein richtiges Bild der in Englands Brauereien zur Verarbeitung gelangenden Malzqualitäten gaben. Sowohl das weifse Alemalz, wie das braune und fchwarze Portermalz waren tadellofer Qualität. Das für englifchen Porter zur Verwendung gelangende ,, blown malt" ergibt einen intereffanten Vergleich mit den übrigen Malzgattungen, Dasfelbe verräth äufserlich in Farbe und Ausfehen der Malzhülfen nichts Befonderes; umfomehr überraschend ift defshalb die ftark braune Farbe des 5 64 Guftav Noback. inneren Mehlkörpers eines jeden Malzkornes, welche mit einem ftarken Röftgefchmack verbunden ift. Diefe Malzgattung wird derart bereitet, dafs kurz vor dem Abräumen das fertig gedarrte Malz vermittelft einer Giefskanne mit Waffer befprengt wird. Die Malzhülfen ziehen in heifsem Zuſtande fchnell Näffe an fich und theilen diefe dem Mehlkörper mit; hiernach erfolgt eine entsprechende Temperaturerhöhung durch ftarkes Anheizen, worauf dann das intenfive Bräuen und die damit zufammenhängende Röftproductbildung im Malze herbeigeführt wird. Während die Malzausfteller der Zahl nach verhältnifsmäfsig gering waren, fo wurde jedem Fachintereffenten Gelegenheit geboten, ausgebreitete Studien über Gerfte zu machen, denn nahezu jedes Land hatte Gerfte verfchiedener Gattungen ausgeftellt, und fo konnte man die nicht unintereffante Beobachtung machen, dafs jene Länder, in welchen die Bierbrauerei ausgebildet ift und auf hoher Stufe fteht, auch die ihrer Qualität nach befte und fchönfte Gerfte produciren. Es läfst fich hieraus mit Berechtigung conftatiren, dafs die auf hoher Stufe ftehende Bierbrauerei intenfiv rückwirkt auf die Landwirthfchaft bezüglich der Cultur einer ftärkemehlreichen, milden und dünnhülfigen Braugerfte. Zur Illuftration diefer Thatfache braucht nur hingewiefen zu werden auf die vortrefflichen Gerftegattungen mehrerer öfterreichifchen Kronländer fowie einzelner Gegenden Deutfchlands und Englands. Der Verfaffer diefes Berichtes hatte auf der Ausftellung Gelegenheit, eine in ihrer Art wahrfcheinlich einzige grofse Sammlung von intereffanten Gerftenproben aus der ganzen Welt und zwar aus den verfchiedenften Ländern Europas, Amerikas, Afrikas und Auftraliens anzulegen. Mafchinen und Apparate, fowie Gegenftände für die Anlage, Einrichtung und den Betrieb der Bierbrauereien und Mälzereien. Oefterreich- Ungarn. Mit dem grofsen Auffchwung der Bierinduftrie, welcher nicht nur in Oefterreich- Ungarn, fondern in faft allen Ländern Europas fich bemerkbar macht, haben mehrere fpecialiftifche Induftriezweige und Berufsbranchen fich herausgebildet, welche hauptfächlich den Bierbrauereien und Malzfabriken dienen. So finden wir auf der Ausftellung Ingenieure und Techniker, fowie Mafchinenfabriken und Ateliers für Anfertigung phyfikalifcher und chemifcher Inftrumente vertreten, welche ihre Thätigkeit auf das Gebiet des Baues und der Einrichtung von Bierbrauereien und Mälzereien gerichtet haben. In beachtenswerther Weife betheiligten fich auf diefem Gebiete der induftriellen Thätigkeit, aufser einer ziemlichen Anzahl Exponenten von Oefterreich- Ungarn, auch noch folche von Deutſchland und England. Die Ausftellung der Brauerei- Mafchinenfabrik Brüder Noback und Fritze in Prag, welche Letztere fich als Specialität mit der Einrichtung von Brauereien und Malzfabriken befchäftigt, umfafste die wefentlichften Mafchinen und Apparate einer Bierbrauerei. Diefelbe befand fich in der öftlichen Halle und gewährte fowohl durch ein überfichtlich abgefchloffenes Arrangement fowie durch die zeitweife erfolgende Thätigkeit der hauptfächlichften Mafchinen einen genauen Einblick in den Fortfchritt beim Baue von Mafchinen und Apparaten für Malzfabriken und Bierbrauereien. Die Ausftellung diefes Etabliffements umfafste folgende Objecte: Eine 12pferdige horizontale Hochdruckdampfmafchine, eine horizontale. doppelwirkende Wafferpumpe, Kippwagen für Transport von Gerfte und Malz ein grofses Mufterplateau von gewebten und gewalzten Draht- Darrhorden, eine Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 65 Gerften- Sortir- und Putzmafchine, eine Malz- Entkeimungs- und Putzmafchine, Schneckentransporteur ganz aus Eifen, für Gerfte und Malz, verbefferte Malzquetfchen in zwei Gröfsen, ein completes Patent- Maifchwerk, felbftthätiger Vormaifchapparat, Centrifugalpumpen für Maifche und Würze, transportable Bierpumpen( Bierwerkel) in zweierlei Conftructionen, Theil eines eifernen Kühlfchiffes, Patent- Roftftäbe, Gerftenquellftock- Ventile, fowie Ventile und Schieber eigenthümlicher Conftruction für Braupfannen, fowie Maifch- und Läuterbottiche. Die 12pferdige horizontale Hochdruck- Dampfmafchine, mit während des Ganges ftellbarer Expanfion, fammt Regulator und Keffel- Speife- Pumpe fowie die horizontale doppelwirkende Kaltwafferpumpe zur Förderung gröfserer Waffermengen find fehr folid gebaut und zeichnen fich in ihrer Conftruction dadurch aus, dafs eine leichte Zugänglichkeit zu den verfchiedenen Theilen ermöglicht ift. Die von Brüder Noback& Fritze ausgeftellten Kippwägen für Transport von Gerfte und Malz find ganz aus Eifen verfertigt, beftehen aus einem eifernen Korb, welcher vermittelft fchmiedeeiferner Achfe in feinem Schwerpunkt zwifchen zwei hohen, leichten, eifernen Rädern fo aufgehängt ift, dafs ein Kippen momentan und felbft auf dem befchränkteften Platze leicht möglich ift. Die von Brüder Noback.& Fritze zur Ausführung gelangenden DoppelMalzdarren waren durch eine fehr grofse in detaillirter Weife augseführte Zeichnung vorgeführt. Um die hiebei angewandten Horden im Original erfichtlich zu machen, ftellte die genannte Firma eine Muftertafel von 4 Meter X 2 Meter in einem Rahmen gefpannt aus. Eine gröfsere Anzahl von Belegen über die vortrefflichen Refultate, welche mit den bereits in mehr als 120 Exemplaren ausgeführten Doppelmalzdarren des Syftems Brüder Noback& Fritze erzielt wurden, liegen vor, und ift aus diefen erfichtlich, dafs folgende Vortheile befonders Beachtung verdienen. Geringe Raumerfordernifs, Brennmat erialerfparnifs, Verwendung eines jeden Brennmaterials, fowie Möglichkeit eines fchnellen Abdarrens, leichte Regulirung der Temperatur fowie des Luftzuges und Erzielung eines tadellofen Malzes durch alle diefe Umftände. Die Gerfte n- Sortir- und Putzmafchine zerfällt ihrer Conftruction nach in einen kleinen conifchen Verputz cylinder, welcher die Abfcheidung von Befenreifern, Sack- Bindfäden und ihrer Gröfse nach ähnliche Verunreinigungen, herbeiführt, dann den grofsen Sortircylinder, welcher die Gerfte in drei Sorten fcheidet und den Ventilator, der die Befeitigung von Staub fowie Grannentheilchen bewirkt. Um eine Verbreitung von Staub nächft diefer Sortir, und Putzmafchine zu vermeiden, ift diefelbe mit einem Blechmantel gänzlich gefchloffen. Die Malz- Entkeimungs- und Putzmafchine von Noback& Fritze in Prag befteht aus einem cylindrifchen Keimabreiber und dem grofsen Sortircylinder. Die Trennung der Keime vom Malz gefchieht durch ein nachhaltiges Reiben des frifchen von der Darre kommenden Malzes vermittelft eiferner Stifte. Die Conftruction diefer Mafchine mufs als einfach und in ihren einzelnen Theilen als leicht zugänglich bezeichnet werden. Der Schnecken- Transporteur, welcher in einer Länge von fünf Meter ausgeftellt war, ift ganz aus Eifen, was jedenfalls den Vorzug einer fehr grofsen Dauerhaftigkeit gewährt. Von eifernen Transporteuren nach diefem Syftem führte die genannte Fabrik die fehr erhebliche Länge von 950 Fufs nebft vier DoppelMalzdarren allein in der berühmten bürgerlichen Brauerei zu Pilfen aus. Derfelbe befitzt eine entsprechend grofse Rinne aus Eifenblech, in welcher fich auf gedrehten Wellen mittelft Druckfchrauben befeftigte eiferne Transporteurfchaufeln, nach der Linie einer Schraube arrangirt, bewegen. Zwei von Brüder Noback& Fritze ausgeftellte Malzquetfchen, die grofse für Mafchinenbetrieb, find ganz von Eifen ausgeführt und, um Verftaubung des werthvollen Malzmehles zu verhüten, durch einen Blechmantel ganz gefchloffen. 5* 66 Guftav Noback. Die Menge des zu quetfchenden Malzes, fowie die Feinheit des Schrottes läfst fich durch angebrachte Stellfchrauben fchnell und leicht reguliren. Das von gleicher Firma ausgeftellte Patent- Maifchwerk umfafst einen eifernen Maifch- fowie den eifernen Läuterbottich, welche auf einem combinirten eifernen Säulengeftelle in gleicher Höhe derart fituirt find, dafs vom Maifchbottich die Maifche in die tiefer liegende Maifchpfanne und aus dem Läuterbottich die Würze durch den Grant in die tiefer liegende Würzpfanne von felbft abfliefsen können. Diefe Gruppirung der Bottiche ermöglicht es, dafs während des mehrftündigen Abläuterns( welches fich nicht forciren läfst) durch das felbftftändige Abfliefsen der Würze in die Pfanne der Betrieb einer Würzepumpe gänzlich entfällt. Die zum Betriebe der Maifch- und Treberaufhackmafchine dienenden Transmiffionswellen find unterhalb der Bottiche auf einem eifernen Trägergeftelle gelagert und vermitteln die Bewegung auf genannte Mafchinen durch FrictionsKeilräder. Die Aus- und Einrückung diefer Keilrädchen erfolgt mittelft Handrädchen auf Schraubenfpindeln. Es gewährt diefe Art des Antriebes den Vortheil, dafs weder Riemen noch Zahnradüberfetzungen erforderlich find. Durch eben folche Keilrad- Transmiffion werden auch die erforderlichen Vorgelegswellen der Centrifugal- Maifch- und Würzepumpen von der erwähnten Hauptwelle aus in Bewegung gefetzt. Ein weiterer Hauptvortheil diefer Maifchwerks- Dispofition befteht auch darin, dafs die fonft üblichen, den Bau vertheuernden unterirdifchen TransmiffionsCanäle entbehrlich find, und der Raum unterhalb der Bottiche mit der leicht zugänglichen und überfichtlich gelagerten Transmiffion die Comunication im Sudhaufe frei hält. Der Unterfchied der von Brüder Noback& Fritze ausgeftellten Maifchmafchine gegenüber den gewöhnlichen Conftructionen liegt insbefondere darin, dafs durch die Anwendung der Wechfelräder ein vollkommenes Durchmaifchen und nicht wie bei den meiften Maifchmaſchinen nur eine rotirende Bewegung der gefammten Maifche im Bottich erzielt wird. Auf dem Maifchbottichrand befindet fich ein felbftthätiger Vormaifch- Apparat, beftehend aus einem kupfernen Waffercylinder, in deffen Innerem ein flaches Durchgangsrohr, zick- zack gebogen, eingelöthet ift. Durch diefes letztere fällt das zum Maifchen beftimmte Malzfchrot. Während des Paffirens fpritzt durch feine Oeffnungen kaltes, laues oder warmes Waffer aus dem oben erwähnten Cylinder zum Malzfchrot und ergibt auf diefe Weife, ohne dafs die mindefte Verftäubung von Malzmehl eintritt, eine Vormaifche, welche direet dem Maifchbottich zufliefst. Die von Brüder Noback& Fritze in Prag ausgeftellte, zu dem PatentMaifchwerk gehörende Treberaufhackmafchine ift ihrer Conftruction nach ganz neu und erfüllt ihren Zweck infofern vollkommen, als das Durcharbeiten der Treber nach dem Abläutern der erften Würze mit den fchraubenförmig und zugleich fchaufelartig geformten Aufhackmeffern in einer gründlichen Weife vollführt wird. Auf die durch die Aufhackmafchine vollkommen aufgelockerten und durcheinander gearbeiteten Treber wird aus dem mit der Mafchine verbundenen, felbftthätigen Aufgufsapparat( Anfchwänzmafchine) das heifse Anfchwänzwaffer in Geftalt von feinen Strahlen gleichmäfsig vertheilt. Die am Boden des Läuterbottichs befindlichen kupfernen Läuterböden find, um das Ablaufen der Würze möglichft zu befchleunigen, mit einer fehr grofsen Anzahl gleichmäfsig vertheilter feiner conifcher Löcher verfehen. Unterhalb diefes Bodens wird die klare Würze durch vier Rohre dem Grant zugeführt, von welchem fie in die tiefer liegende Würzepfanne abfliefst. Eiferne Treppen und Perrons vermitteln die Communication zwifchen den Bottichen und den Pfannen, fo dafs bei der grofsen Ueberfichtlichkeit diefes Patentmaifchwerkes die Arbeit im Sudhaufe fich in exactefter Weife nur durch Verwendung einer einzigen Perfon ausführen läfst. Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 67 Die Centrifugalpumpen, welche zu diefem Maifchwerk gehören und die von Brüder Noback& Fritze bei allen Brauerei- Einrichtungen, wo Mafchinenkraft zur Verfügung steht, für das Pumpen von Maifche und Bierwürze in Verwendung kommen, haben gegenüber anderen Pumpen die befonderen Vortheile: 1) der grofsen Leiftungsfähigkeit, 2) der leichten und fchnell möglichen Reinigung, 3) der geringen Raumerforderniffe, 4) der grofsen Dauerhaftigkeit. Aufser diefen Centrifugalpumpen, welche die genannte Firma in drei verfchiedenen Gröfsen ausftellte, brachte diefelbe noch zwei andere Syfteme von Pumpen für Bierbrauereien in je zwei Exemplaren, nämlich zwei meffingene Kolbenpumpen mit Kugelventilen für Handbetrieb zur Förderung von Maifche, Würze und Waffer. Eine derfelben ift an eine gufseiferne Standfäule befeftigt, auf welcher das Zug- fowie Kolbengeftände montirt ift; die andere Pumpe ift direkt mit dem Steigrohr verbunden. Anderer Gattung find die transportablen Pumpen( Bierwerkel) und haben hauptfächlich den Zweck, das vergohrene Bier aus den Gährbottichen in die Lagerfäffer, Fuhrfäffer etc. fo fchnell und fo leicht als möglich zu fchaffen. Diefe waren in zwei Arten vertreten und zwar folche mit Hebelbewegung, fowie mit Schwungrad und Kurbelbewegung, welch' letztere auch für Mafchinenbetrieb einzurichten find. Beide find doppelt wirkend. Ein Kühlfchiff- Theil von cira fünf Quadratmeter fammt Ventilen von Metall für den Ablauf der gehopften Würze, fowie des Kühlgelegers und des Wafchwaffers aus fünf Millimeter ftarkem Eifenblech verfertigt mit 160 Millimeter hohen aufgebogenen Rädern und mit verfenkten Nieten auf T- Eifen genietet, befitzt gehobelte Stofskanten der einzelnen Bleche, fo dafs die innere Fläche des Kühlfchiffes eine vollkommen flache und ebene ift. Diefes zeichnet fich durch folide und höchft exacte Arbeit aus. Zwei Planrofte von verfchiedener Gröfse mit Patent- Roftftäben waren noch der Ausftellung von Brüder Noback& Fritze beigegeben. Die Form des Roftftabes ift eine eigenthühmliche. Auf einem fchmalen Roftträger find in Reihen floffenartige Prismas angegoffen, durch welche Anordnung die zum Brennmaterial gelangende Luft in viele Ströme zertheilt und auf diefe Weife eine gleichmässige und intenfive Verbrennung, fowie auch eine lange Erhaltung der einzelnen Stäbe herbeigeführt wird. Die Mafchinen- und Metallwaaren- Fabrik von V. Prick in Wien hatte eine Sudhaus Einrichtung mit einer Sudgröfse von 150 Eimer ausgeftellt, beftehend aus einer kupfernen gefchloffenen Pfanne mit Kettenrührer fammt daneben befindlichem ftehenden Röhren- Condenfator mit hochftehendem Maifchbottich und niede rig ftehendem Läuterbottich. Die beiden eifernen Bottiche find mit Doppelböden verfehen, um, falls die Nothwendigkeit herantreten follte, durch Dampfeinftrömung einen Wärmeverluft hintanzuhalten. Die Maifchmafchine befteht aus einem verticalen und liegenden Rührer und wird von unten angetrieben, während die im niedrig ftehenden Läuterbottich befindliche Aufhackmafchine den Antrieb durch conifche Zahnräder von oben erhält. Durch die tiefe Situirung des Läuter-* bottichs gegenüber der Pfanne wird das Pumpen der Würze während des langwierigen Abläuterns nothwendig. Die bei diefem Sudwerke befindlichen Pumpen find meffingene Kolbenpumpen. Eine ftehende Dampfmafchine von circa zehn Pferdekräften ift als Motor beigegeben. Aufserdem befand fich unter der Prick'fchen Ausstellung ein Bier- Kühlapparat, ein gläferner Gährbottich, eine Malzquetfche, Bierwerkel, fowie diverfe kupferne Rohrleitungen, Meffinghähne und ferner kupferne Normal- Hohlmafse nach metrifchem Syftem. Der von V. Prick ausgeftellte Patent- Bierkühlapparat gehört zu der Gattung der Gegenftrom- Röhren- Kühlapparate.* Derfelbe zerfällt feiner Wefenheit nach in drei Theile: 1) Kühlrohrcomplex, 2) Eis und Wafferkaften, 3) Eiswaffer Pumpe. * Der erfte derartige Gegenftrom- Kühlapparat ganz ähnlicher Conftruction war auf der Londoner Ausftellung 1852 von Pontifex ausgeftellt. 68 Guftav Noback. Der Kühlrohrcomplex befteht aus fechs oder mehr Kühlrohrfträngen; jeder folcher, aus Gufseifen angefertigt, befitzt in feinem Innern eine gröfsere Anzahl fchwacher kupferner Röhren, welche derart durch Anbringung von Kapfeln vereinigt find, dafs in letzteren das Eiswaffer fliefst, während in den kupfernen Röhrchen, die von eben erwähnten Eiswaffer umgeben find, das zu kühlende Bier circulirt. Die Einftrömungen fowohl für das Eiswaffer wie für das zu kühlende Bier find an entgegengefetzten Seiten eines jeden Kühlrohrftranges angebracht. Während das Bier, von den höher liegenden Kühlfchiffen kommend, die je nach der Gebräugröfse verfchiedene Anzahl von Kühlrohrfträngen paffirt, wird durch Anwendung einer Centrifugalpumpe das aus dem Eiskaften kommende Eiswaffer gezwungen, mit grofser Gefchwindigkeit unter Gegenftrömung den ganzen Apparat zu durchfliefsen. Die an jedem Kühlrohrftrang angebrachten Verfchlüffe dienen dazu, die fämmtlichen Bierleitungsrohre für gründliche Reinigung gehörig zugänglich zu machen. Die unter der Prick'fchen Ausftellung befindliche Malzquetfche, ganz aus Eifen, befitzt Quetfchwalzen mit gleichem Durchmeffer und ift wie diefs bei allen gröfseren für Mafchinenbetrieb beftimmten Malzquetfchen, erforderlich um Verftaubung zu befeitigen, gefchloffen Ein viereckiger gläferner Bottich, aus circa fünf Linien ftarken Tafeln zufammengeftellt, ruhte in einer gufseifernen Fufsplatte und wurde durch Winkeleifen- Gerippe zufammengehalten. Die Gebrechlichkeit diefes Materiales documentirte fich durch mehrere Riffe und Sprünge, welche fchon bei der Zufammenftellung des gläfernen Bottichs entftanden. Die Bierwerkel find nach Conftruction rotirender Pumpen in Meffing ausgeführt und ruhen auf einem eifernen, mit Rädern verfehenen Geftelle. Gallauner& Stabenow in Prag ftellten unter mehreren, hauptfächlich für Zuckerfabriken beftimmten Ausftellungsobjecten einen Bierkühlapparat aus, deffen Conftruction auf Gegenftrömung bafirt ift. In einem Cylinder von circa 21 Fufs Durchmeffer und 4 Fufs Höhe befindet fich eine fehr grofse Anzahl kupferner Röhren; in diefen fliefst das abzukühlende Bier, während das Eiskühlwaffer durch Gegenftrömung zwifchen diefen Röhrchen und der Wand des ftehenden Cylinders circulirt. Je nach der Gröfse des abzukühlenden Bierquantums können I bis 2 oder 3 folcher cylindrifcher Apparate mit je circa 80 Quadratfufs Kühlfläche aufgeftellt werden. Gebrüder Ringhoffer in Prag fandten zur Ausstellung einen Kaftenkühlapparat; die Rohre desfelben find aus verzinntem Kupfer, flach und im Querschnitt oval und werden paarweife durch Kapfelverfchlüffe an den Stirnfeiten des Kaftens mit einander vereinigt. Kaftenkühlapparate, welche in der Wefenheit dem eben erwähnten fehr ähnlich waren, wurden ferner ausgeftellt von R. Nitfche in Olmütz, Schwinghakel in Laibach, fowie von einigen aufs eröfterreichifchen Fabrikanten. R. Nitfche hatte neben feinem Kühlapparate eine kleine Pichmafchine, bei welcher unmittelbar oberhalb des cylindrifchen Coaksofens die Düfe, durch welche die heifse Luft ausftrömt, fich befindet und auf welche die zu pichenden Gefäfse placirt werden. Der Ventilator fowie deffen Vorgelege befinden fich dicht am Coaksofen. Im Pavillon von A. J. Mauthner& Sohn befanden fich Modelle eines Gegenftromapparates, wie folcher vor einer langen Reihe von Jahren in der Bierbrauerei zu St. Marx von obgenannter Firma eingeführt wurde, ferner das Modell eines Lagerbierkellers mit Obereis, bei welchem auf vortheilhafte Anwendung von Ventilationszügen befonders Rückficht genommen wurde. M. Hatfchek und H. Hollefreund brachten durch zwei in der öftlichen landwirthfchaftlichen Maſchinenhalle vertretene Mafchinenfabriken Zeichnungen eines Brau Apparates ihres Syftemes. Aus diefen Zeichnungen fowie weiteren Mittheilungen über diefen Brau Apparat ift zu entnehmen, dafs bei dem Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 69 felben hermetisch verfchliefsbare Maifchapparate und Filtrircylinder zur Verwendung gelangen und dafs alles Kochen von Maifche und Hopfenwürze mit Dampf unter Anwendung einer Luftpumpe vorgenommen werden foll. Mehrere Etabliffements aus den verfchiedenen Kronländern Oefterreichs, befonders folche für Fabrication von landwirthschaftlichen Mafchinen und Geräthen führten Putz- und Sortirmafchinen für Gerfte und Malz, fowie Malzquetfchen etc. vor, welche weder in Conftruction noch in Ausführungsweife etwas Befonderes darboten. Der Verfaffer diefes Berichtes( Guftav Nobak in Prag, Quai 16) betheiligte fich bei der Ausstellung durch das Arrangement eines umfaffenden Tableau's von Plänen einer grofsen Anzahl durch ihn in den verfchiedenften Ländern und unter den vielfältigften Vorbedingungen zur Ausführung gebrachter Bierbrauerei- und Malzfabriks- Anlagen. Diefes Plantableau, welches fich in der öftlichen Agriculturhalle befand, hatte dem Fachintereffenten beachtenswerthe Daten geboten. Die aus den in detaillirtem Mafsftabe ausgeführten Plänen( der Zahl nach 42) erfichtlichen Malztennen find durchwegs auf eifernen Säulen, theils auf Gurten, theils auf eifernen Trägern eingewölbt. Die Sohle derfelben liegt circa 2 bis 3 Meter unter der Erde und in zwei Fällen find wegen befchränkten Raumes zwei Tennen übereinander angelegt; überall find in den Umfaffungsmauern zweierlei Gattungen von Ventilationscanälen angebracht, welche in Entfernungen von circa 4 bis 5 Meter fich wiederholen. Die eine Gattung der Züge beginnt im Malztenn engewölbe und ift kaminartig in der Umfaffungsmauer bis über das Mälzereidach geführt, während die zweite etwa o 5 Meter über dem Malztennenpflafter beginnt und gleich über dem Hofraum ausmündet. Durch erftere wird die dunftige, confumirte und warme Luft abgeführt, durch letztere frifche Luft zugeführt. Sämmtliche hier erwähnte Ventilationscanäle werden durch leicht handzuhabende Droffelklappen regulirt oder abgefchloffen. Die Lufterneuerung findet in Folge der anfehnlichen Höhendifferenz zwifchen der Ausmündung des unteren und oberen Ventilationszuges in felbftthätiger gleichmässiger Weife gründlich ftatt. Die Doppelmalzdarren find mit einem ftehenden Heizapparat verfehen, der in feinem oberen Theil, welcher bei ftarkem Heizen viel intenfive Hitze auszuhalten hat, eine eigenthümlich ausgeführte Chamottdecke befitzt. Diefe Darren erhalten in den Fällen, wo ein ganz lichtes, helles Malz wie für die böhmifchen und Wiener Biere bereitet werden foll, den eben berührten Heizapparat, während für die Erzielung von dunklerem Malz aufserdem noch ein fchlangenförmiges Heizrohr in der Sau angebracht wird. Im letzteren Falle nimmt die vom Schlangenheizrohre herrührende und direct wirkende ftrahlende Wärme Einflufs. Die Sudhaus- Anlagen find bei allen Plänen anftofsend und zwar in directer Verbindung mit der Mälzerei fo ausgeführt, dafs fämmtliche Feuerungen: u. z. der Malzdarre, der Pfannen und des Dampfkeffels, in einem gemeinſamen Heizgang vereinigt find. Diefer Umftand vereinfacht die Manipulation mit den Heizmaterialien fowie mit der Afche und läfst eine leichte Ueberwachung in Bezug auf Feuer gefährlichkeit zu. Was nun die Gruppirung der übrigen Brauereibetriebsräume, wie Kühlhaus, Gährkeller, Lagerkeller etc. betrifft, fo herrfchen bei fämmtlichen Plänen zwei verfchiedene Anordnungsweifen vor. Bei den Plänen von verfchiedenen durch den Ausfteller ausgeführten Bierbrauereien unter 15.000 Hektoliter jährlicher Production find direct anfchliefsend an das Mälzerei- und Sudhaus- Gebäude fowohl das Kühlhaus, der darunter liegende Gährkeller wie der Lagerkeller dermafsen ausgeführt, dafs in einem zufammenhängenden Gebäude alle diefe Räume vereinigt find. Bei Anlagen mit gröfserer Bierproduction, wie bei den Actienbrauereien in Pilfen, Prerau, Smichov, Staab, Schlackenwerth u. f. w., finden wir Trennung in zwei Hauptcomplexen vor. Hier find nämlich in einem Gebäudecomplexe Mälzerei, Malzdarre, Sud-, Keffel- und Mafchinenhaus vereinigt, während ein zweiter Gebäudecomplex die übrigen Räume, wie: Kühlhaus, Gährkeller mit Eis, 70 Guftav Noback. Lagerkeller mit Eis, fowie Gefäfsfchupfen und Binderei etc., zufammenfasst. Zwifchen diefen beiden liegt der geräumige Hof, auf welchem in einer leicht controlirbaren Weife die Zufuhr von Gerfte und Brennmaterial, fowie die Abfuhr fertigen Bieres vor fich geht. Sobald die Bierbrauerei- Anlagen einen gewiffen Umfang erreicht haben, ift es rathfam, das Anhäufen der einzelnen Localitäten in einem grofsen Gebäude zu vermeiden. Diefe Trennung und Ifolirung macht im Intereffe aller der Ventilation und des Luftzuges bedürftigen Räume eine freiere Lage möglich und wird in Rücksicht auf die Befeitigung der Feuersgefahr günftige Wirkung äussern. Indem die Mälzerei und Darre mit dem Sudhaufe in einem Complexe ausgeführt werden, find alle die Räume vereinigt, in denen Brauereimanipulationen erfolgen, welche mit höherer Temperatur zu thun haben und welche hauptfächlich auf Mafchinenkraft Anfpruch machen. Jene Brauerei- Betriebsräume, welche für das Kühlen, Gähren und Ablagern des Bieres ein analoges Bedürfnifs, nämlich das der niedrigen Temperatur haben, werden gleichfalls nach den Plänen des Ausftellers in einem Gebäudecomplex vereinigt ausgeführt. Alle Gährkelleranlagen befitzen Eisabtheilungen, welche in einigen Fällen nach dem Syftem des überhöhten Stirneifes, in anderen nach jenem des Obereifes angebracht find. Durch die Anlage folcher Eisgährkeller ift es möglich, den Brauereibetrieb auch auf die warmen Sommermonate auszudehnen und auf folche Weife das in den Etabliffements befindliche Gefammtcapital durch einen continuirlichen Betrieb rationeller auszunützen. Das für den Kühlapparat wie für den Schwimmer erforderliche Eis ift dem in Eismagazinen untergebrachten Eisvorrathe zu entnehmen. Solche EishäuferConftructionen find gleichfalls unter diefer Planausftellung vertreten. Um ein unnützes Schmelzen des Eifes durch den Einflufs der äufseren Temperatur fowie der Erdwärme zu verhindern, find Ifolirungen in der Umfaffungswand und am Boden durch Luftfchichten fowie durch mit Afche gefüllte Zwifchenräume angebracht. Unter den Lagerkeller- Plänen befinden fich gleichfalls zwei Syfteme, nämlich folche mit überhöhten Stirneis- Abtheilungen, fowie mit oberhalb der Lagerkeller angebrachten Obereis- Räumen. Sämmtliche Gähr- und Lagerkeller find mit einer grofsen Anzahl Ventilationszügen verfehen, wie diefe weiter vorn bei den Malztennen befprochen wurden; nur befitzen dieselben in diefem Falle weit gröfsere Dimenfionen, um eine rapidere Wirkung herbeizuführen. Aufser den hier befprochenen Plänen und Zeichnungen für Anlage und Einrichtung von Bierbrauereien befanden fich noch zwei Zeichnungen des Civilingenieurs Carl Völkner in Prag im Pavillon der additionellen Ausstellung I und II. Diefe in detaillirter Weife ausgeführt, ftellten eine Doppelmalzdarre und eine Maifchmafchine, wie folche vom Ausfteller angelegt und eingerichtet werden, dar. Ferner befanden fich noch zwei fkizzenhaft gehaltene Entwürfe von Brauereiprojecten auf der Ausftellung: eines davon unter der überfichtlich geordneten land- und fortwirthschaftlichen Collectivausftellung von Böhmen, das zweite unter Gruppe XVIII im eingedeckten Hof des Hauptgebäudes. Deutſchland. Von der Chemnitzer Mafchinenbau- Gefellſchaft, vormals A. Münnich& Comp., fah man neben einer Sudhaus- Einrichtung die wefentlichften Maschinen und Gegenftände für Bierbrauerei- Einrichtungen vertreten. Diefe Sudhauseinrichtung ift für ein Gebräu von 100 Hektoliter beftimmt und befteht aus eifernem Maifchbottich, eifernem Läuterbottich, einer runden Maifchpfanne mit kupfernem Boden und eifernen Seiten, fowie einer eifernen Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 71 Würzepfanne. Die beiden letzteren find mit eifernen Hauben und Dunftrohren verfehen. Die Bottiche ftehen auf einem eifernen Gerüft, auf welchem gleichzeitig die Transmiffion für den Antrieb der Maifch- und Treber Aufhackmafchine, fowie die Frictionsvorgelege zu den beiden Centrifugal pumpen für Maifche und gehopfte Würze angebracht find. Im Maifchbottich, auf deffen Rand ein Cylinder Vormaifchapparat angebracht ift, befindet fich die Maifchmafchine mit einem horizontalen und einem verticalen Rührer aus fchraubenförmig verfetzten Meffern beſtehend. Maifch- und Aufhackmafchine werden durch conifche Frictionskupplungen in Gang gefetzt. Der Maifch fowie der Läuterbottich find, um ein felbftthätiges Abfliefsen nach den Pfannen zu ermöglichen, höher als letztere aufgeftellt. Eine liegende 30pferdige Dampfmafchine mit Expanfion und Regulator befindet fich neben dem Sudwerke. Der Frictions aufzug von derfelben Firma befteht aus der Hauptwelle, welche in zwei eiferne Böcke gelagert ift und auf welcher fich die Antriebsriemenfcheibe fowie ein kleines Fricttionskeilrad befindet. Durch den Eingriff eines grofsen Frictionskeilrades, welches fich fammt Gurttrommel auf einer liegenden fchwingenden Welle befindet, wird der Aufzugsfahrftuhl in Bewegung gefetzt. Die Malzfchrotmühle befitzt zwei Quetfchwalzen, welche ungleich grofse Durchmeffer haben. Während die gröfsere direct durch die Riemenfcheibe ange trieben wird, wird die zweite während des Quetfchens von felbft mitgenommen. Ein Bierwerkel ift, wie mehrfach ausgeführt, feiner Conftruction nach eine doppelt wirkende Kolbenpumpe mit Meffingklappen. Unter diefen Ausftellungsobjecten befinden fich ferner noch Malzwägen zum Kippen, ein Stück Transporteur ganz aus Eifen, zwei Läuterbodenplatten aus Eifenblech fowie aus Kupfer, ferner ein Stück eines eifernen Kühlfchiffes. Der von gleicher Firma ausgeftellte Wende- Apparat nach A. v. Schlemmer wird feine befondere Erwähnung finden bei der Befprechung des Modells. A. Neubecker in Offenbach am Main brachte zwei Bierwürze Kühlapparate, wovon einer nach dem Syfteme der Gegenftrömung, der zweite mit Anwendung des Eiskaftens und mit flachen Rohren conftruirt ift; ferner felbftthätig wirkende Vormaifchapparate in verfchiedenen Gröfsen, fowie Läuterböden aus Kupfer mit Schlitzen. Der Bierwürze- Kühlapparat unterfcheidet fich von mehreren anderen ähnlichen derartigen Conftructionen mit Gegenftrömung dadurch, dafs fämmtliche Kühlrohre in einem Rahmen in verticaler Stellung befeftigt find. Diefer Rahmen ift vermittelft Drehzapfen an feinen Enden in Lagerböcke gelegt, fo dafs der ganze Kühlrohrcomplex, welcher je nach Menge des abzukühlenden Bieres mehr oder weniger Kühlrohre befitzt, leicht durch Drehung in horizontale Richtung gebracht werden kann. Zur Entleerung und Reinigung diefes Gegenftrom- Kühlapparates find vom Aussteller felbftthätige Ventile angebracht, welche fich öffnen und die Entleerung des Apparates herbeiführen, fobald derfelbe umgedreht wird. Der Gegenftromkühler ift aus verzinntem Kupfer und Meffing angefertigt, befitzt 18 grofse Kühlrohre und in jedem derfelben befinden fich 16 ovale Bierlaufröhren mit fternförmiger Anordnung. Zum Betriebe diefes Apparates gehört ferner noch ein Eiswafferkaften und eine Eiswafferpumpe mit grofser Leiftungsfähigkeit. Die felbftthätigen Vormaifchapparate des Ausftellers find nach einem der in England fchon feit längerer Zeit gebräuchlichen Cylinder Vormaifchapparate ähnlichen Syftemes ausgeführt und laffen fich durch Löfung einer Verfchraubung und Kuppelung fo öffnen, dafs der mit Malzfchrot und Waffer in Berührung kom mende Apparattheil gereinigt werden kann. L. A. Riedinger in Augsburg. Die von diefem Etabliffement ausgeführten Schrotmühlen mit Mefsapparat find gleichzeitig mit folchen ähnlicher Conftruction feit einer Reihe von Jahren in den Bierbrauereien Baierns eingeführt. Bevor das zum Schroten beftimmte Malz zu den Quetfchwalzen gelangt, mufs es einen Mefsapparat paffiren; diefer ſteht in directer Verbindung mit einem Zählapparat, 72 Guftav Noback. welcher die Menge des paffirten Malzes angibt. Um das Einbringen von nicht gemeffenem Malz zu den Quetfchwalzen oder den Eingriff in das Zählwerk zu verhindern, find alle oberhalb der Schrotwalzen befindlichen Theile vermittelft eines gufseifernen Gehäuſes vollkommen gefchloffen. Diefe Schrotmühlen werden von derfelben Firma auch mit Gewichtsapparat angefertigt. Die Pichmafchine von Schramm& Dill in Hersfeld fowie Steinhaufer in Ehingen weichen in ihrer Conftruction nicht fehr wefentlich von einander ab. Beide befitzen cylindrifche Coaksöfen, auf deren Roft Coaks verbrannt wird. Ein Gebläfe oder Ventilator fchafft Luft durch das Coaksfeuer, welche erhitzt gleichzeitig mit den Verbrennungsgafen durch die mit einem Abführungsrohr verfehene Ofenhaube in das zu pichende Gefäfs geleitet wird. Hiebei liegen bei Steinhaufer's Conftruction die kleinen zu pichenden Fäffer direct über dem Ofen auf einer mit einem Teller verfehenen Düfe, während für gröfsere Gefäfse, wie bei Schramm& Dill die heifse Luft in einem Knierohre in die neben dem Coaksofen auf einem Geftell ruhenden Lagerfäffer geleitet wird. Kleyer& Beck in Darmftadt und König in Speyer waren durch ihre Sortir und Malz- Putzmafchinen ebenfo wie mehrere andere Fabrikanten landwirthfchaftlicher Mafchinen aus Deutſchland vertreten. Die Kühlfchiffe von F. Ergang in Magdeburg, fowie Schmidt aus Halle find von Eifenblech. Die einzelnen Blechtafeln des Erfteren find auf Flacheifen genietet, die des Letzteren auf T- Eifen. Das Eifenwerk Lauchhammer brachte ein Kühlfchiff aus Gufseifen. Dasfelbe beſteht aus gufseifernen Platten, die an den vier Seiten Winkel befitzen, vermittelft welcher durch Anwendung gewöhnlicher Schrauben die einzelnen Platten, welche durch Gummi- Einlagen gedichtet find, zum ganzen Kühlfchiff vereinigt werden. Durch Zunahme des Eisverbrauches in Bierbrauereien haben alle jene Mafchinen, welche die Aufgabe befitzen, Eis fabriksmäfsig in gröfseren Maffen billig herzuftellen, eine gewiffe Wichtigkeit für die Bierinduftrie. In Rückficht hierauf ift auf die Eismafchinen von Vaas& Littmann in Halle, fowie von der Actiengeſellſchaft für Fabrication von Eismafchinen in Nordhaufen hinzuweifen. Beide Maſchinen arbeiten mit Ammoniak nach dem bereits hinlänglich bekannten Carré'fchen Syfteme, welches näher kennen zu lernen die früheren Weltausftellungen bereits Gelegenheit boten. Mit Erfolg find folche Eismaschinen angewendet worden, um direct kalte Luft zu machen, refpective in wärmerer Jahreszeit die Luft fo abzukühlen, dafs fie mit niedriger Temperatur den Gähr- und Lagerkellern zugeführt wird. Der Malzdarr- Wende- Apparat von A. v. Schlemmer in Hochheim bei Mainz, welcher in kleinem Mafsftabe bei einer Malzdarre im Modell ausgeführt ift, arbeitete zeitweife, angetrieben durch die in der landwirthschaftlichen Mafchinenhalle befindliche Transmiffion. Auf beiden Darrhorden wird vermittelft desfelben eine Bewegung in der Malzfchichte durch mechanifche Arbeit hervorgebracht. Der Wender auf der unteren Horde, welcher im Malz von bereits vorgetrocknetem und später ganz trockenem Zuftande arbeitet, unterfcheidet fich in einzelnen Theilen feiner Conftruction von jenem Wender der oberen Darrhorde. Beide befitzen eine Hauptachfe, an deren Enden kleine Zahnräder angebracht find, welche in zwei Zahnftangen, die in zwei parallel liegenden Wänden der Malzdarre eingelaffen find, laufen. Auf der unteren Darrhorde befinden fich an eben erwähnter Welle hafpelartige Flügel aus Flacheifen mit Borften oder Federkieltheilen verfehen, welche in das Malz eingreifen. Der Antrieb diefes Mechanismus, welcher für beide Horden aufserhalb des Darrenraumes liegt, gefchieht mittelft Ketten. Auf der oberen Horde befinden fich an der Welle Meffer oder fpatelartig geformte Arme, welche fchraubenförmig neben einander verfetzt find. Der von Schlemmer'fche Malzdarr- Wende- Apparat hat fich bereits den Weg in den Brauereibetrieb gebahnt. Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 73 Einige feit mehreren Jahren ins Leben getretene Gefchäfte, ſpeciell für Rohftoffe und Materialien des Brauereibedarfes wie Alfred v. Vacano in Wien und Prösdorf& Koch in Leipzig, ferner verfchiedene andere Firmen brachten Collectionen von diverfen Spunten, Stöpfeln, Glas- Bierflafchen, fowie Vorrichtungen zum Wafchen, Füllen, Stöpfeln und Adjuftiren von Bierflaschen. Holz- und Eifenlack für Bierbrauereien waren vertreten durch die beiden Mannheimer Fabriken von Ino Werner und Carl Steiner. Noch zu erwähnen find die Drahthorden- Mufter von Herrmann in Dresden, fowie die Filterpreffen von Dehne in Halle, welch letztere für Hefe und Geleger anwendbar find. Seitdem die Wiffenfchaft ihre Thätigkeit auch auf das Feld der Bierbrauerei ausgedehnt hat, find eine Anzahl Apparate und Inftrumente erfonnen und angefertigt worden, welche für gährungstechniſche Unterfuchungen von grofser Bedeutung find, und die fich mit beften Erfolgen bereits in die Praxis ein bürgerten. Die königlich landwirthfchaftliche Centralfchule zu Weihenstephan, mit welcher die bekannte Brau- Fachfchule verbunden ift, welche unter fpecieller Leitung des um die Bierbrauerei- Fortfchritte hochverdienten Profeffors Dr. Lintner fteht, ftellte eine Collection folcher zymotechnifcher Apparate und Inftrumente aus. Diefe gelangen im Weihenftephaner Laboratorium zur Verwendung und werden in der mechanifchen Werkstätte der Zeitfchrift des baierifchen Bierbrauers" zu München angefertigt. 77 Folgende Inftrumente und Apparate verdienen ganz befonders hervor gehoben zu werden: Apparat zur Beftimmung des Alkoholgehaltes im Biere auf dem fogenannten directen Weg, das heifst durch Deftillation, beftehend in einer tubulirten gläfernen Retorte, welche in einem kupfernen Oelbade erhitzt wird und einem gläfernen Kühlapparate, der die entwickelten Dämpfe nach der Condenſation zu Weingeift unmittelbar in das vorgelegte 50 Cubikcentimeter faffende Pyknometer führt. Das Erhitzen mittelft des Oelbades erleichtert die Deftillationsoperation auf das Wefentlichfte, fo dafs fie ohne befondere Fertigkeit in folchen Arbeiten in kürzefter Zeit und mit gröfster Sicherheit, fowohl was das Refultat der analytifchen Beftimmung, als die Eventualität des Misslingens betrifft, ausführbar wird. Für die Ausführung der Bieranalyfe dient der Metz'fche Apparat. Derfelbe befteht in einfachfter Form aus einem 500 Cubikcentimeter faffenden markirten Kolben, einem nach ſpecififchem Gewichte getheilten, fehr grofsen Aerometer mit dünnem Scalenrohr, deffen Theilung die fpecififchen Gewichte von etwa o'016 bis 1035 umfafst, und die vierte Decimale noch mit völliger Sicherheit abzulefen geftattet. Weiters gehört zu der Probe ein Meffingkeffelchen für das Einfieden, Entgeiften des Bieres. Dasfelbe enthält an der Seitenwandung rings umher einen Abfatz eingedrückt, bis zu welchem gefüllt es gerade den dritten Theil der darin abzudampfenden 500 Cubikcentimeter fafst. Apparat zur Extractbeftimmung auf directem Wege, durch Gewichtsbeftimmung des trockenen Extractes in Subftanz, beftehend aus kupfernem Oelbade mit Thermoftaten( Wärmeregulator für Gasdifpofition) und Thermometer. Das Oelbad ift mit Haltern zur Aufnahme. vier Trockenröhren( fogenannten Trockenenten) zu gleicher Zeit von verfehen. Colorimeter für Bier zur Beftimmung der Farbentiefe desfelben. Das einfache Inftrument bezeichnet den Grad der Farbe eines Bieres mit derfelben Präcifion wie zum Beiſpiel das Thermometer die Wärme angibt. Dasfelbe beſteht aus einem Glasgefäfse, das ähnlich wie die bekannten Braufepulver Gläfer durch eine verticale Scheidewand in zwei gefonderte Fächer getheilt wird. Das eine diefer Fächer wird mit dem zu prüfenden Biere gefüllt, das andere mit einer Marke verfehene, bei welcher es gerade 100 Cubik centimeter fafst, bis zu derfelben mit Waffer befchickt. Aus der dem Apparat beigegebenen Quetfchbahn 74 Guftav Noback. Bürette läfst man nun vorfichtig fo lange fogenannte Zehntel- Normal- Jodlöfung zu dem Waffer zufliefsen, bis die Farbe der Mifchung möglichft mit derjenigen des Bieres übereinftimmt. Die in folcher Weife auf die hundert Cubikcentimeter Waffer verbrauchten Cubikcentimeter Jodlöfung bezeichnen die Farbentiefe des betreffenden Bieres mit einer grofsen Genauigkeit. Die Vorrichtung hat daher bereits auch an vielen Orten ihren Weg in die Praxis gefunden. Das zum Fixiren der Bürette dienende Stativ charakterifirt fich durch eine befondere Solidität, fördert die Auslöfung und Reinigung der Bürette wefentlich und fetzt diefelbe keiner Gefahr leichten Zerbrechens aus. Viscofimeter für Bier.( Vollmundigkeitsmeffer). Ebenfalls ein höchft einfaches Inftrumentchen, über das bis jetzt noch keine ausführlichere Publication vorliegt und das fich gleichwohl einer befonderen Theilnahme der Praktiker erfreut, wie es denn auch fchon vielfach in Bierbrauereien als Hilfswerkzeug benutzt wird. Dasfelbe ift dafür beftimmt, die Vollmundigkeit des Bieres zu meffen und befteht aus einer befonders conftruirten Pipette mit enger Ausflufsmündung, die auf einem entſprechenden Stativ mit Porcellanfufs befeftigt ift. Das Saugrohr diefer Pipette ragt nach Innen bis nahe auf den Grund des Bauches derfelben. Durch diefe Anordnung ift die beim Austropfen der Pipette faugende Flüffigkeitsfäule während der ganzen Dauer desfelben immer die gleiche; es fliefst demnach am Anfange wie am Ende gleich viel Flüffigkeit in derfelben Zeit aus, was bei einer gewöhnlichen Pipette nicht der Fall ift. Um die Zeit, die für das Austropfen eines beftimmten Volumens aus dem Viscofimeter erfordert wird, anzugeben, bedient man fich der Secundenuhr und ift dem Inftrumente hiefür ein markirtes Kölbchen beigefügt. Man füllt das Viscofimeter mit Bier oder Würze nahezu vollſtändig, bringt es oben mit dem Finger gefchloffen auf fein Stativ über das leere eben genannte Kölbchen und zieht nun den Finger zurück, während man in demfelben Augenblicke den Stand des Secundenzeigers der Uhr beobachtet. Die Pipette tropft nun aus und man notirt fich die Zeit, die von der geprüften Flüffigkeit für ihren Ausflufs, refpective des Volumens im Kölbchen bis zur Marke, in Anfpruch genommen wird. Vergleicht man hienach verfchiedene Biere und Würzen mit einander, fo finden, fehr wefentliche und regelmäfsige Unterfchiede ftatt. Das eine Bier fliefst fchneller aus, das andere langfamer, je nachdem es weniger oder mehr Vollmundigkeit befitzt. Ein vollſtändiger Apparat zur Ermittlung der Extractausbeute aus dem Malze, beftehend aus einem kupfernen Wafferbade mit Thermoftat und Thermometer. Diefes Bad nimmt einen kleinen kupfernen Maifchkeffel für etwa 50 Gramm Malzfchrot auf, welche für die Probe mit 200 Cubikcentimeter Waffer eingemaifcht werden und wobei ein zweites Thermometer als Maifchfcheit dient. Für die Beftimmung der Extractausbeute aus dem Malze, eine Frage, die in neuerer Zeit um fo wichtiger geworden ift, als man bereits vielfach den Preis des Malzes nach der Extractausbeute beftimmt, wie man das Malz nach dem Extractgehalte kauft, find gegenwärtig namentlich die zwei nachfolgenden Methoden in Gebrauch: 1. Nach der Proportionalität zwifchen Waffer und Extract in der Maifchwürze; 2. Extractbeftimmung aus dem Abfchwächungsgrade, welchen die Würze beim Verdünnen mit einer beftimmten Menge Waffer erleidet oder fogenannte Methode aus zwei Filtraten. Apparat zur Zuckerbeftimmung in der Würze und dem Biere. Die Zuckerbeftimmung in dem Biere und namentlich in der Würze wird in neuerer Zeit immer häufiger in den Brauereien angewendet; auch fie ift kein hie und da einmal ausgeführter, rein wiffenfchaftlicher Laboratoriumsverfuch mehr, vielmehr fucht man fchon vielorts an der Hand derfelben fein Sudverfahren u. f. w. zu überwachen und zu leiten. Die Wichtigkeit derfelben für die Praxis leuchtet auch Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 75 leicht ein, wenn man bedenkt, dafs es ja namentlich der Zuckergehalt der Würze ift, welcher fpäter der Gährung verfällt, und dafs das Verhältnifs zwifchen Zucker und Dextrin in der Würze kein conftantes ift und ganz von dem Sudverfahren abhängt. Der Apparat umfafst: Ventilbürette auf Stativ mit Porcellanfufs und verfehen mit beweglichem Kochring zum Aufftellen der Porcellanfchale. Die Bürette ift fo conftruirt, dafs fie fich beim Drehen um ihre Längsachfe öffnet, wodurch die Handhabung äufserft bequem und ficher wird. Vollpipette zu zehn Cubikcenti meter zum Abmeffen der für die Beftimmung dienenden alkalifchen Kupferlöfung, fogenannten Fehling'fchen Löfung. Apparat zur Dextrinbeftimmung in der Würze und dem Biere. Die Wichtigkeit der Frage nach der Menge im Bier und der Würze enthaltenen Dextrins, hat Theorie und Praxis fchon lange befchäftigt; indefs erft in neuerer Zeit hat fich eine exacte Beftimmungsmethode dafür eingeführt, und von hierab datirt auch erft eine klare Einficht in die bezüglichen Verhältniffe, welche übrigens bereits vielfache Früchte getragen hat und weiters Auffchlüffe von der gröfsten Bedeutung für die praktiſche Brauerei verſpricht. Apparat zur Prüfung des Hopfens. Der Apparat befteht aus einem Glas kolben, durch deffen Stöpfel ein eigenthümlich conftruirtes Trichterrohr eingefügt ift, welches theils die bequeme Zufügung von Salzfäure zu dem wäfferigen Hopfenauszuge( von 10 bis 20 Dolden) neben Zink ermöglicht, theils als Sicherheitsrohr wirkt, wenn die Kalilauge, in welcher man den entbundenen Schwefelwafferft off auffängt, durch das Entbindungsrohr zurückft eigen wollte. Das genannte fchräg abfteigende Entbindungsrohr taucht in einem darüber gefteckten mit vier Kugeln verfehenen Abforptionsapparat, welcher eben mit der Lauge befchickt ift. Diefe Form zwingt das entweichende Wafferftoffgas durch die Flüffigkeit langfam durchzuglucken, wodurch die vollständigfte Abforption des vom Wafferftoff mit entführten Schwefelwafferftoffs bedingt wird. Man kann durch das Arrangement der ganzen Vorrichtung die Gasentbindung leicht fo reguliren, dafs fie gleichförmig und nicht irgendwie ftürmifch oder ungenügend voranfchreitet, und hat die Gewissheit, dafs nicht die geringfte Spur etwaig gebildeten Schwefelwafferftoffs der Abforption enfgehen kann, und ist weiters ein Zurückſteigen der Lauge in das Entbindungsgefäfs unmöglich gemacht. Galvanifches Weckthermometer für Darren etc. Diefe Vorrichtung wird man fich am leichteften vergegenwärtigen, wenn man fich ein Gefäfsbarometer vorftellt mit grofsem, aber hermetiſch gefchloffenem und mit Luft gefülltem Gefäfse, wodurch das Innere des Apparates alfo nicht mit der Athmofphäre communicirt. Dasfelbe enthält aufserdem in feinem Gefäfse einen immer in das Quecksilber eingetauchten Platindraht eingefchmolzen. Ein anderer, gleichfalls eingefchmolzener Platindraht perforirt die obere Kuppe des Barometerrohres und ragt ein Stück weit in die Toricelli'fche Leere über dem oberen Stand des Quecksilberfäule hinein, ohne für gewöhnlich das Queckfilber zu berühren. Wird nun aber die Luft in dem unteren Gefäfse erwärmt, fo dehnt fie fich natürlich aus, und infolge deffen fteigt die Queckfilberfäule im anderen Schenkel in die Höhe. Die Erwärmung läfst fich alfo fo weit treiben, dafs das Queckfilber das untere Ende des oben eingefchmolzenen Drahtes berührt. In demfelben Momente fchliefst fich die elektrifche Leitung, welche an die beiden Platindrähte angefügt ift, und ein eingefchaltetes Läutwerk beginnt feine Thätigkeit. Die Leitung war eben bis dahin durch das Vacuum unterbrochen und wird nun durch das die Platindrähte verbindende Quecksilber hergeftellt. Die königlich baierifche landwirthfchaftliche Centralfchule legte aufser diefer Sammlung neuer zymotechnifcher Apparate und Inftrumente noch mehrere Pläne in gröfserem Mafsftabe einer Mälzerei, fowie eines Brauerei- Sudhaufes und von Gähr und Lagerkellern vor. Diefe, fowie eine höchft vollkommene Sammlung von ausgeftellten Gerftenvarietäten, dienen als Unterrichtsvorlagen in der Weihenftephaner Brauer Fachfchule. 76 Guftav Noback. England. Obgleich in den Bierbrauereien Englands weit früher der Mafchinenbetrieb und mit diefem mehrfache Brauerei- Arbeitsmafchinen eingeführt wurden, als diefs in gleichen Etabliffements des Continentes der Fall war, fo haben die in diefem Lande beftehenden Fabriken von Mafchinen und Apparaten für Bierbrauereien und Mälzereien fich gerade fo wie Englands Bierbrauereien verhältnifsmäfsig fehr gering an der Ausftellung betheiligt. Mafchinen für Putzen und Sortiren von Gerfte waren unter den GetreideReinigungsmafchinen der englifchen Firmen Hornsby& Sons, Ranfoms& Sims, Robey, Penney& Comp., welche als Fabrikanten landwirthfchaftlicher Mafchinen bekannt find, vertreten. Die Kühlapparate von W. Lawrence& Comp. in London find nach dem Bodelot'fchen Princip aus Kupfer angefertigt. Diefelben beftehen aus einer von der Gröfse des abzukühlenden Würzequantums abhängigen Anzahl über einander gelegener und mit einander verbundener kupfernen Rohre. Während innerhalb derfelben das Kühlwaffer einen langen Weg nehmend von unten nach oben auffteigt, fliefst die Würze aus einer oben angebrachten Vertheilungsrinne auf das oberfte Kühlrohr und läuft von diefem über fämmtliche darunter liegende Rohre, diefe fchleierförmig umfchliefsend, abwärts, fo dafs nach Art der Gegenftrömung der Temperatursaustaufch zwifchem dem Kühlwaffer und der abzukühlenden Bierwürze ftattfindet. Ein felbftthätiger Vormaifchapparat derfelben Firma befteht aus einem kleinen, kupfernen, viereckigen Kaften mit einem feitlich unten angebrachten fchnabelförmigen Auslauf. Im Innern desfelben befindet fich ein mit feinen Löchern verfehenes Waffer- Spritzrohr. Durch diefes gelangt während des Paffirens des aus einem Schüttrohr zulaufenden Malzfchrotes in Form vieler feiner Strahlen die erforderliche Menge Waffer, und bildet, eine Verftaubung von Malzmehl verhindernd, eine gleichmäfsige Vormaifche. Der Gegenftrom- Bierkühlapparat von Brotherhood& Hardingham in London war, um die Conftruction zu verdeutlichen, durch einige wenige Zellen vertreten. Eine jede folche Zelle ftellt ein gufseifernes viereckiges Rohr von circa fechs Fufs Länge und circa vierzölligem quadratifchen Querfchnitt vor, welches durch einen feitlichen Stutzen mit der nebenliegenden Rohrzelle verbunden wird, und in deffen Inneren je vier kupferne Rohre, an beiden Enden gut eingedichtet, fich befinden. Während innerhalb diefer Kupferrohre das Bier fliefst, circulirt in dem zwifchen der Wandung letzterer und dem viereckigen Rohre beftehenden Raume das Kühlwaffer. Behufs Reinigung der Kühlrohre ift ein Capfelverfchlufs angebracht, welcher gleichzeitig die Communication von einem Bierrohr ins andere möglich macht. Eine vom Ausfteller beigegebene eigenthümlich conftruirte Dampfpumpe treibt das Kühlwaffer mit entsprechend grofser Gefchwindigkeit durch den Appa rat und bewirkt fo die Gegenftrömung. Schliesslich ist noch die Eisbereitungs- Mafchine von Siebe& Weft in London zu erwähnen, welche nicht, wie die weiter vorn angeführten, mit Ammoniak, fondern mit Aether arbeitet. Da diefe bereits auf früheren Weltausftellungen vertreten war und öfters in Fachjournalen befprochen wurde, unterbleibt eine Befprechung derfelben auf diefer Stelle. Amerika. In der amerikanifchen landwirthschaftlichen Mafchinenhalle befindet fich in Modellform ein Darrapparat von Jofef Gecmen ausgeftellt, auf welchem das Abdarren unter Anwendung von Mafchinen oder Menfchenkraft ftattfindet. Das Mafchinen und Apparate für Bierbrauereien. 77 Darrengehäufe ift in den Grundrifs Dimenfionen erheblich kleiner als bei beftehenden Malzdarren und fchliefst in fich einen ftehenden Luftheizapparat, hierüber fieben übereinander befindliche Reihen muldenartiger Rinnen, die das zu darrende Grünmalz aufnehmen und aus gefchlitzten Hordenblechen angefertigt find. Oberhalb derfelben wird der Darrraum von einem Kuppelgewölbe gefchloffen, von welchem aus die feuchte Luft wie gewöhnlich vermittelft eines Dunftfanges, in deffen Mitte das eiferne Rauchabzugsrohr fich befindet, entweicht. Jede der oben erwähnten fieben übereinander befindlichen Reihen wird aus fechs muldenförmigen, neben einander liegenden Darrrinnen fo gebildet, dafs, um ein totales Umkippen einer jeden einzelnen Rinnenreihe möglich zu machen, entſprechende Zwifchenräume entſtehen. Diefes Kippen erfolgt in fyftematifcher Weife durch einen aufserhalb des Darrraums liegenden und durch Kurbel in Thätigkeit gefetzten Mechanismus derart, dafs nach einander jede tiefer befindliche Rinnenreihe in Folge des Umkippens der darüber befindlichen Rinnen mit Malz gefüllt wird. Auf diefe Weife paffirt das, durch einen Schüttkaften der oberften Reihe zugeführte Grünmalz, durch die von unten kommende warme Luft mehr und mehr der Feuchtigkeit beraubt, nach einander fämmtliche Reihen diefer muldenartiger Darrrinnen, um fchliefslich beim Umkippen der unterften Reihe über eine ſchiefe Ebene aus dem Darrraum in einen Malzrumpf, der auf dem Boden fich befindet, zu fallen. GEGOHRENE FLÜSSIGKEITEN. Bericht von DR. EDUARD SCHMIDT, Civilingenieur, Mitglied der Fury. Allgemeines. Unter der grofsen Gruppe IV befanden fich auf der diefsjährigen Weltausftellung naturgemäfs auch die Producte aus den gegohrenen Flüffigkeiten, welche von nahezu 1200 Ausftellern aus allen Ländern der bewohnten Erde in mitunter vorzüglicher Qualität eingefandt wurden und die gewifs wichtig genug find, um im vorliegenden Bericht einen Platz zu beanfpruchen. - - Die Erzeugung von Alkohol im weiteften Sinne hat in den meiften Ländern eine verfchiedene Grundlage und Bedeutung: andere Rohftoffe andere Zwecke eine verfchiedene Befteuerung; Umftände, welche fämmtlich für die Richtung, in welcher die Erzeugung ftattfindet, von grofser Bedeutung find. Vor Allem ift die Beziehung, in welcher die Branntwein- und Spiritusbrennereien zur Landwirthschaft und fpeciell zur Viehmaftung und Bodenbereicherung fteht, eine äufserft wichtige. Durch die Extraction des Alkohols läfst fie alle durch die Gährung nicht veränderten Nährstoffe der Getreidegattungen, der Kartoffel etc. als Schlempe zurück. Daraus folgt, dafs, wenn durch das gewonnene Product( Alkohol) die aufgelaufenen Koften zurückbezahlt werden, die Rückftände koftenfrei erhaltene Futterftoffe find, deren Production in den Vordergrund tritt, während der Alkohol die Stelle einer Nebenproduction einnimmt. Diefe Thatfache ift wohl die Veranlaffung zu der koloffalen Production in den meiften europäifchen Ländern, welche noch durch die Fortfchritte der mechanifchen und chemifchen Technologie erhöht wird. Einige ftatiftifche Belege werden hierüber die beften Auffchlüffe geben.( Siehe Tabelle Seite 79.) Die Rohftoffe, aus welchen die verfchiedenartigen Sorten von Branntwein und Spiritus erzeugt und ausgeftellt wurden, laffen fich in drei Kategorien eintheilen: 1. In die ftärkmehlhaltigen, wozu alle Getreide Arten, der Mais und die Kartoffel etc. gehören. 2. In die zuckerhaltigen, wozu die Zuckerrüben, die Melaffe, der Rohrzucker- Syrup und die verfchiedenen Kernfrüchte und Beeren gehören. 3. In jene, welche die Gährung bereits durchgemacht und fertig gebildeten Alkohol enthalten, wie Wein, Weingeläge, Bier, Cider. Gegohrene Flüffigkeiten. Statiftik 79 19 über die verft euerte Spirituserzeugung in Belgien, Frankreich, Norddeutſchen Bunde, Oefterreich- Ungarn, England und Italien.* Länder Jahre Activ gewefene Fabriken in den Städten auf dem Lande Summe Verfteuerte Quantitäten Alkohol in Hektoliter à 80 Percent Tralles SteuerEinnahme Belgien Frankreich 10jähriger Durchfchnitt von 1862 bis inclufive 1871 15jähriger Durchschnitt von 1857 bis inclufive 1871 647.200 1,464.700 Norddeutfcher Bund. vom Jahre 1870 I.542 7.348 8.890 2.578.000. Thaler 12,624.000 Oefterreich. vom Jahre 1871 bis 1872 1.492 42.481 43.973 979.582 Gulden ö. W. 7,685.000 Ungarn vom Jahre 1871 bis 1872 989 86.506 87.495 718.674 6,290.910 vom Jahre England. 1871 bis 1872 vom Jahre Italien 1872 459.000 60.000 Branntweine, Spiritus. Die Deftillate aus diefen verfchiedenartigen Stoffen waren auf der Ausstellung in mehr oder weniger concentrirtem Zuſtande als Branntweine( bis 52 Percent Tralles) oder als Spiritus( bis 95 Percent) vorhanden; theils ganz rein, theils mit geringeren oder höheren Mengen von jenen * Diefe letzte Ziffer, obwohl officiellen Urfprungs, ift jedenfalls viel zu nieder gegriffen. 6 80 Dr. Eduard Schmidt. fpecifiich riechenden Oelen imprägnirt, welche man gewöhnlich Fufel nennt, wenn ihr Geruch und Gefchmack widrig, und Aroma, wenn er uns angenehm ift. Wir fanden fie als Cognac, Rum, Arrak, Kornbranntwein und als Rüben-, Melaffen, Kartoffel-, Mais- und Getreide- Spiritus vertreten.- Nur eine Sorte haben wir mit Bedauern vermifst, nämlich den Mineralfpiritus, welcher bekanntlich indirect aus Steinkohlen erzeugt wird und fchon auf der Londoner Ausftellung im Jahre 1862 Auffehen erregte. Man erhält ihn, indem man das ölbildende Gas aus den Steinkohlen auf Schwefelfäure einwirken läfst und die Mifchung mit Waffer verdünnt und deftillirt. Man hat fich diefer intereffanten wiffenfchaftlichen Entdeckung Berthelot's in Belgien und Frankreich bemächtigt und bereits Spiritus von grofser Reinheit ohne Zucker und Gährung erzeugt. Es fcheint jedoch, dafs die Darftellungsweife eine bisher zu koftfpielige ift; follte das Problem praktiſch gelöst werden, fo wird in diefem Induftriezweige ein aufserordentlicher Umfchwung eintreten müffen. Es ift eine bekannte Thatfache, dafs je nach den verwendeten Rohftoffen das erhaltene Product verfchiedene charakteriftifche Eigenfchaften( Fufel oder Aroma) befitzt, welche bei der Deftillation auftreten und zum Theil feinen Handelswerth beftimmen. Diefs ift befonders bei Branntweinen der Fall, welche als Gegenftand des Genuffes Verwendung finden, wo das Angenehme des Geruchs und Gefchmacks von grofsem Einfluffe ift. Es wird z. B. der Cognac aus Wein einen höheren Preis haben, als jener aus Trebern der Rum, Arrak, Slibowitz, das Kirfchwaffer, der Kornbranntwein einen höheren als jener aus Kartoffeln oder Melaffe erzeugter. Bei gleichen Eigenfchaften wird jedoch immer ein ftärkerer Cognac, Rum oder Kornbranntwein etc. einen höheren Werth haben als ein fchwächerer. - - Beim Spiritus aber, welcher in fehr ausgedehnter und mannigfaltiger Weife aus Rüben, Getreide, Kartoffeln gewonnen wird und zum Bereiten von Liqueuren und Effig, zum Verfetzen der Weine,- zu Parfümerien,- zu technifchen Zwecken und pharmaceutifchen Präparaten verwendet wird, kommt fein Gehalt an Alkohol in erfter Linie und dann feine Reinheit in Betracht. Er wird daher in befonderen mit Rectificatoren und Dephlegmatoren verfehenen Apparaten alkoholreicher, von den fremden übelriechenden und gefundheitsfchädlichen Fufelölen und Säuren befreit und heifst dann gereinigter oder rectificirter Sprit. Heutzutage befteht die Aufgabe der Spiritusfabrikanten darin, durch Verwendung von neueren Deftillationsapparaten, wie wir folche in der Ausftellung repräfentirt fanden, fämmtlichen, in den abgegohrenen Maifchen enthaltenen Alkohol fogleich in möglichft concentrirtem Zuftande von und über 90 Percent Tralles mit dem geringften Koftenaufwande zu erhalten; wobei die Fufelöle fo weit entfernt wurden, dafs kaum Spuren davon in folchem Spiritus verbleiben und deffen Abftammung, nämlich die verwendeten Rohftoffe, daraus nicht mehr zu erkennen find. Die befte und einfachfte Methode zur Reinigung des Branntweines unter 55 Percent Tralles befteht in der Anwendung von harzfreier, frifch ausgeglühter Holzkohle mittelft Digeftion und Filtration und nochmaliger Deftillation. Hochgradiger Spiritus wird von der Kohle jedoch nicht entfufelt. Um den Alkoholgehalt in Branntwein oder Spiritus zu ermitteln, bedient man fich eines Alkoholometers, der die Mafs- oder Volumpercente anzeigt. Der in Oefterreich und Deutfchland gefetzlich eingeführte ift das Volumpercent- Alkoholometer nach Tralles, welches bei uns für die Normal- Temperatur von 12 Grad Réaumur und in Deutfchland für 125 Grad Réaumur conftruirt ift. In Frankreich bedient man fich des Centefimal- Alkoholometers nach Gay- Luffac für die Normaltemperatur von 15 Grad Celfius, welches nahezu dem von Tralles entſpricht, oder man gibt den Alkoholgehalt noch nach Graden des Aräometers von Beaumé oder Cartier an. Gegohrene Flüffigkeiten. - 81 In England dient der Proof- fpirit( Probefpiritus) von o'9186 fpecififches Gewicht( bei 60 Grad Fahrenheit= 12 44 Grad Réaumur) zur Berechnung der Steuer für die Gallone Spiritus. Derfelbe ift Over proof, wenn man ihm Waffer zufetzen, oder Under proof, wenn man ihm Waffer entziehen muſs, um ihn auf die Stärke des Probefpiritus zu bringen, welche jener von 565 Percent Tralles entSpricht. Aufser der Beftimmung in erfter Linie des Alkoholgehaltes ift fowohl für den Spirituserzeuger als für den Käufer auch die Ermittlung der Anwefenheit von Fufelölen von Wichtigkeit. Es fehlt bis jetzt ein einfaches chemifches Erkennungsmittel und in der Praxis bedient man fich einfach der Geruchsorgane, welche nicht immer verlässlich find. Zweckmäfsiger ift es, den Spiritus auf der inneren Fläche eines Glafes auszubreiten und das Verdunften desfelben durch Einblafen zu befördern. Das bleibende Phlegma zeigt dann den charakteriftifchen Fufelgeruch, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwiſcht. Profeffor Otto hat eine fichere Methode zur fchnellen Ermittlung des Fufelöls gefunden. Er benützt zu diefer Prüfung eine graduirte Glasröhre, giefst in diefe 5 Cubik Centimeter Spiritus und dann 10 Cubik- Centimeter Aether ein und vermifcht und fchüttelt damit 15 CubikCentimeter deftillirtes Waffer, indem er die Röhrenmündung mit dem Daumen fchliefst. Der Aether nimmt die Fufelöle auf, fcheidet fich nach oben ab und wird dann mittelft einer Röhre( Pipette) abgefaugt und in eine Porcellanfchale abgegoffen. Durch Ausbreiten des Aethers über die innere Fläche verdunftet derfelbe rafch und hinterlässt eine wäfferige Flüffigkeit, welche den ganzen Geruch des Fufelöles zeigt. War der Spiritus rein, fo ift der Rückftand geruchlos. Nachdem wir die Wichtigkeit, die Gewinnung und Werthbeftimmung von Branntwein und Spiritus ins Auge fafsten, müffen wir in Bezug auf Qualität hinzu. fügen, dafs Oefterreich ſpeciell in diefen Productionszweigen einen wirklichen Fortfchritt bekundete und im Allgemeinen eine Concurrenz nicht zu fcheuen hat. Liqueure. Diefe Gattungen von Spirituofen waren in einer fo zahlreichen und theilweife neuen, fehr vortheilhaften Weife wie in keiner der früheren Ausftellungen vertreten. Bisher waren uns blofs die franzöfifchen und holländifchen Liqueure. bekannt, denen der Vortritt vor anderen gebührte und die fich eines Weltrufes erfreuten; aber neu und intereffanter waren für uns die Erzeugniffe von Ländern, wie Brafilien, Griechenland und Monaco, wo unter der Gunft der klimatifchen Verhältniffe Pflanzen und Früchte gedeihen, aus deren Säften mit Spiritus Liqueure bereitet werden, welche, mit Waffer vermifcht, zur Erfrischung der abgefpannten Nerven genoffen werden und die an Feinheit des Aromas und Lieblichkeit des Gefchmackes alles bisher Bekannte übertreffen. Dafs unter der grofsen Menge viele fchlechte Erzeugniffe, von ungeniefsbaren Stoffen bereitet, vorkamen, darf nicht Wunder nehmen. Die verfchiedenen Liqueure auf der Weltausftellung laffen fich in drei Claffen theilen: Erftens in die Crêmes, welche am meiften Zucker enthalten und wegen ihrer Dickflüffigkeit auch Huiles genannt werden. Zweitens in die eigentlichen Liqueure, die weniger füfs und etwas alkoholreicher als die Crêmes find, und drittens in die fogenannten Doppel- oder einfachen Schnäpfe oder Aquavite, welche gar nicht und nur fehr wenig mit Zucker verfetzt find. Die Materialien, welche zur Erzeugung diefer verfchiedenen Claffen von Liqueuren verwendet werden follen, find vor Allem völlig fufelfreier Branntwein oder Sprit, Früchte und Pflanzenftoffe oder die daraus gewonnenen Oele, welche zum Aromatifiren derfelben verwendet werden, Zucker zum Verfüfsen und weiches Waffer zum Auflöfen und Verdünnen und jeweilig Farbftoffe zum Färben der Liqueure. 6* 82 Dr. Eduard Schmidt. Die beften und feinften Liqueure werden ftets nur durch Deftillation der aromatifchen Pflanzenftoffe mittelft Waffer, oder verdünnten Spiritus bereitet. Die einfachere Herftellung der Liqueure auf kaltem Wege, mittelft ätherifcher Oele in Sprit gelöft, wird niemals ein fo feines und liebliches Fabricat liefern wie jenes aus Deftillaten, weil die im Handel vorkommenden ätherifchen Oele durch Alter verändert oder gefälfcht find. Ferner werden auch gewiffe Liqueure und Schnäpfe aus Tincturen allein bereitet, welche aus aromatifch bitteren Pflanzenftoffen mittelft verdünnten Spiritus durch Maceration oder Digeftion ausgezogen. werden. Der Spiritus löft neben den aromatifchen Oelen auch die bitteren und färbigen, die fogenannten Extractivftoffe auf, welche als concentrirte Tinctur filtrirt mit der erforderlichen Menge von Sprit, Waffer und Zuckerlöfung vermifcht wird. Sehr häufig benützt man die concentrirten Tincturen als Zufatz bei der Darftellung von Liqueuren aus Deftillaten oder ätherifchen Oelen, um denfelben einen kräftigeren Gefchmack und eine angenehme Bitterkeit zu verleihen. Die Liqueure aus Fruchtfäften, Ratafias genannt, werden durch Zerquetfchen oder Ausdrücken der Früchte, durch Vermifchen der Säfte mit Sprit und Verfetzen mit Zuckerfyrup erhalten. Diefe verfchiedenen Liqueure fpielen, hervorgerufen durch die feit Jahren wachfende Confumtion, eine bedeutende Rolle. Einige darunter haben fich eine nationale Gunft erworben, während andere durch ihre fchädlichen, ja heillofen Wirkungen zum Glücke mehr verfchwinden und deren Genufs verboten werden mufste, wie feiner Zeit der Abfynth in der franzöfifchen Armee Algeriens. Effige. Von Effigen fand fich auf der Ausftellung ebenfalls eine grofse Auswahl, die in Betracht zu ziehen und in drei Claffen einzutheilen find: Erftens die Weineffige, welche blofs in weinreichen Ländern erzeugt werden und die als Speife- Effige vor Allem den Vorzug des reinen Gefchmacks und Aromas haben. Zweitens die Branntwein- oder Spiritus effige, die jetzt wohl die verbreitetften und durch die Schnellfabrication in grofsem Mafsftabe erzeugt werden. Man verwendet dazu Rohfpiritus oder Branntwein, welcher mit Effig und Waffer auf 6 Percent bis 8 Percent Tralles verdünnt und der Einwirkung der warmen Luft bei einer möglichft gleichmäfsigen Temperatur von 26 Grad bis 30 Grad Réaumur in geeigneten Apparaten( welche man Effigbilder nennt) ausgefetzt, zu Effig wird. Bei gutem Betrieb foll man von 200 Quart Spiritus von 50 Percent Tralles 1750 bis 1800 Quart Effig erhalten, von dem eine Unze 30 Gramm kohlenfaures Natron neutralifirt. Man kann bei diefer Fabrication Rohfpiritus ganz gut verwenden, weil die vorhandenen Fufelöle bei der Gährung vollkommen oxydirt und in Säuren und Aetherarten umgewandelt werden, welche den Effig aromatifiren. Drittens Malz-, Getreide- und Bier effige. Die Fabrication aus diefen Subftanzen hat keine Bedeutung mehr mit Ausnahme in England und Nordamerika, wo die hohe Befteuerung des Alkohols die Effigfabrication aus diefem Körper zur Unmöglichkeit macht, und man auf die Verarbeitung von Getreiden mit Malz oder von fauer gewordenem Bier angewiefen ift. Diefe Effige haben einen unangenehmen faden Gefchmack und werden oft, wenn zu Speifen verwendet, künftlich aromatifirt. Ausserdem wird feit einigen Jahren in England, mehr aber in Frankreich, aus Zuckerrüben Effig in grofser Menge erzeugt, der als billiger zu induftriellen Zwecken verwendet wird, dabei aber von ganz angenehmem Gefchmack ift. Die Ausstellung der gegohrenen Flüffigkeiten. Was an den angeführten Spirituofen und Effigen von Ausftellern der einzelnen Länder gefandt wurde, fo waren fie in folgender Anzahl vertreten: H Gegohrene Flüffigkeiten. Amerika Vereinigte Staaten II Belgien 13 Venezuela . Brafilien England IO Holland 25 27 Deutfchland 157 3 Oefterreich 195 Portugal 36 Ungarn. 119 Spanien. 5° Rufsland 39 Britifch Indien 8 Rumänien 27 Frankreich. 60 Frankreich Colonien 108 Griechenland Tunis. 6 I Schweiz 22 Marocco I Italien. 153 Egypten 2 Monaco I Türkei 54 Schweden. 24 China* I Dänemark. 18 Japan** I 531 Zufammen II72 83 Amerika fandte Proben von Sprit aus Mais-, Korn- Branntwein und mit Wachholderbeeren( Gin) verfetzt, dann Whisky. Letzterer als fpecififches NationalGetränk wird in Nordamerika aus Gerftenmalz und Mais bereitet, welches einen eigenthümlich empyreumatifchen Geruch und Gefchmack befitzt. Wie grofsartig die Production und Confumtion von Whisky dort fein mufs, davon liefern uns die Ausfteller Gaff& Comp. von Aurora in Indiana einen Mafsftab. Diefe Firma erzeugte allein feit 1843, alfo feit dreifsig Jahren, III, 672.000 Gallonen= 8,933.760 öfterreichifche Eimer, wofür fie die Summe von III, 500.000 Dollars an Steuern bezahlte. Magenliqueure, darunter der aromatifche Cocktail- Bitter, ift dort fehr beliebt, indem man ihn als Zufatz zu allen möglichen Mifchungen von verfchiedenen mouffirenden und nicht mouffirenden Weinen mit Orangenfäften und zerkleinertem Eis verwendet. Von den elf Ausftellern können wir nur die Firma J. Gibfon Son& Comp. von Philadelphia für ihren Kornbranntwein und Whisky, welche die VerdienftMedaille erhielt, und Charles Lediard von New- York für ihren Cocktail- Bitter hervorheben. Venezuela. Hier finden wir den klimatifchen Verhältniffen entſprechend Branntweine aus dem Safte des Zuckerrohrs, aus Bananen, aus Mais, aus der Kaffeefrucht und Liqueure aus Apfelfinen und aus Honig erzeugt. Von den zehn gelieferten Proben konnte fich unfer Gaumen nur mit entfufeltem Zuckerrohr- Branntwein aus der Plantage Urbina bei Petare befreunden. Brafilien. Wie wir bereits an anderer Stelle bemerkten, haben wir aus diefem Lande eine Auswahl Spirituofen vorgefunden, welche als Genufsmittel zu den feinften und lieblichften gehören, die wir bis jetzt kennen gelernt haben. Die Subftanzen, aus welchen Branntwein und Spiritus erzeugt werden, find hauptfächlich Rohrzucker, Reis, verfchiedene frifche Früchte und Weine. Die daraus gewonnenen Deftillate find gröfstentheils von fehr reinem Gefchmack und geben mit den feinen aromatifchen Pflanzenftoffen und Fruchtfäften des Landes Liqueure, welche nichts zu wünſchen übrig laffen. Die Effige werden aus Wein erzeugt und find als gut zu bezeichnen; übrigens fanden wir auch Effige aus Spiritus von minderer Qualität. Unter den 27 Ausftellern, welche von der Jury ausgezeichnet wurden, heben wir befonders hervor: Einen Deftillirapparat. ** Reisbranntwein, Reiseffig und Alkohol. 84 Dr. Eduard Schmidt. Die Firma Machado& Cuffon zu Rio de Janeiro, welche für ihren Weingeift, ihre feinen Liqueure, Cognacs und Weineffig die Fortfchrittsmedaille erhielt. Die Firma A. P. Fereira& Comp. zu Pernambuco erhielt für ihre diverfen Früchtenliqueure, Genèvre und Weineffig die Fortfchrittsmedaille. Die Firmen J. P. Faro Bagley& Melville aus Rio de Janeiro erlangten für ihre Crêmes- Liqueure aus Fruchtfäften und aus frifchen grünen und reifen Orangenfchalen( Curaçaos) die Verdienftmedaille. - England war fehr fchwach vertreten. Die Firma Dunville& Comp. hatte alten irländifchen Whisky ausgeftellt, wofür ihr von der Jury die Verdienftmedaille zuerkannt wurde. Die Robur Diftillery Company von London hatte einen Robur Liqueur F. Wyndham& Comp. von London einen Eierliqueur,- Goodall& Backhoufe von Leeds ein Bitterbranntwein und Yuille von Glasgow Ratafias und andere Mageneffenzen, ferner Henley& Son von London, Cyder und Effige ausgeftellt-Alles in Allem unglückliche Verfuche auf dem Gebiete des guten Gefchmackes. - Portugal erzeugt vorzüglichen Weingeift aus Wein und aus deffen Rückftänden( Lager- und Treber- Branntweine), welche durch nochmaliges Rectificiren einen feinen Weinfprit liefern, der zum Alkoholifiren ihrer hauptfächlich für den Export beftimmten Weine dient; ferner Spiritus aus Zuckerrohr, Melaffe, aus Früchten, namentlich viel aus Feigen, welche jedoch von untergeordneter Qualität find. Unter den Crêmes und Liqueuren find jene aus Fruchtfäften: Orangen, Ananas, Cedrate die feinften und als neue Art ein Milchliqueur von Herrn Th. G. Robert aus Liffabon zu bezeichnen, welcher fehr mild fchmeckt und, wie man behauptet, viel Abfatz findet. Unter den 24 Ausftellern von Spirituofen können wir die Firmen Bello& Comp. aus Liffabon für ihre Crêmes, E. A. Nasci mento aus Sonta für eine Auswahl Liqueure und Aquavite,-J. A. F. Chaves aus Faro für ihren Feigenfpiritus von 75 Grad Tr. und für Früchtenliqueure, das Mufée des Colonies Portugaifes für Branntweine und A. D. The muda aus Coimbra für feine Liqueure hervorheben. - - Aufser diefen haben zwölf Ausfteller Effige aus rothen und weissen Weinen und diverfen Früchten von mitunter guter Qualität und aromatifchem Geruch gefandt. Spanien. Diefes von der Natur fo begünftigte Land hat durch die politifchen Verhältniffe fo fehr gelitten, dafs auf induftriellem Gebiete grofse Fortfchritte nicht zu verlangen find; dennoch war die Section C der Gruppe IV von 48 Ausftellern befchickt. Aufser gutem Weingeift fanden wir die Branntweine aus Trebern etc. ftark fufelig. Was die Liqueure anbelangt, fo fcheint Spanien einen vorwiegenden Gefchmack für alle möglichen Anisfchnäpfe zu haben, welche meiftens durch Auflöfen des ätherifchen Anisöls in Spiritus und durch Zufatz einer möglichft concentrirten Candiszucker Löfung erzeugt werden. In Flafchen gefüllt, werden einige Aniszweigchen hineingefteckt, an welchen der Zucker herauskryftallifirt und der Inhalt das Anfehen eines kryftallifirten oder gefrornen Liqueurs erhält. Als fein aromatifche Nationalliqueure kann man ihren Chinchon und den grünen und gelben Monferratina bezeichnen. Die Preife find im Verhältniffe fehr billig, von einem bis zwei Pefetas per Flafche. Unferes Wiffens wurden von der Jury nur Medaillen der Firma Pratfy Julian aus Madrid und an Vinda dell Pascual ehijos aus Madrid zuerkannt. Von Effigen war nichts ausgeftellt. Britifch- Indien. Die Subftanzen, aus welchen dort Spirituofen erzeugt werden, find Rohrzucker- Syrup, Reis, Datteln und Feigen. Von den fieben Aus Gegohrene Flüffigkeiten. 85 ftellern können wir nur die Albion Diftillerie bei Calcutta und die Firma Carew& Comp. von Shahjehanpore für ihren vorzüglichen Rum hervorheben. Was ihre landesgebräuchlichen oder nach europäifchen Muftern imitirten Liqueure anbelangt, fo find fie als ganz abfonderlich fchmeckend zu verwerfen. Das Comité von Bengalen hat verfchiedene Speife- Effige, aus Rohrzucker und Dattelfaft, fowie aus anderen Früchten erzeugt, ausgeftellt und damit auf europäiſche Confumenten wohl nicht reflectirt. Seit Frankreich die Verheerungen der Traubenkrankheit empfunden und zuweilen auch fchlechte Getreide- Ernten hatte, mufste es bedacht fein, neue Quellen aufzufchliefsen, um den Entgang an Alkohol aus andern Stoffen feinen Erforderniffen entſprechend zu erfetzen, was ihr bisher nur unvollftändig gelang, da Frankreich noch von Belgien und Deutfchland bedeutende Quantitäten von Spiritus importirt. Dubrunfaut und nach ihm Champonnois waren die Erften, welche das werthvolle Material der Zuckerrüben zur Spiritusfabrication, begünftigt durch mäfsige Steuern, verarbeiteten. Die Rüben liefern einen fehr hohen Ertrag an Alkohol von der Bodenfläche und werthvolle Futterrückftände, fo dafs es vortheilhafter wurde, diefelben auf Spiritus anftatt auf Zucker zu verarbeiten. Gegenwärtig beträgt der in Frankreich erzeugte Spiritus aus Rüben mehr als den vierten Theil( von 84 Percent oder 3/6) der Gefammtproduction aus allen anderen Subftanzen, wie Wein und Weinrückstände, Cider, Melaffen und ftärkemehlhaltige Subftanzen zufammengenommen. Was die Qualität des aus Rüben, fowie aus anderen Subftanzen gewonnenen franzöfifchen Spiritus anbelangt, fo ift diefer in Folge der grofsen Fortfchritte in der Technik der Spiritusfabrication als der vorzüglichfte bekannt. Leider fanden fich auf der Ausftellung nur wenige Proben vor, darunter bei der Collectivausftellung der Landwirthfchafts- Gefellſchaften des Departements Herault und du Gard, welchen von der Jury für ihre Weine, Weingeift, Spiritus und Effige das Ehrendiplom zuerkannt wurde. Nebft dem Spiritus fpielen in Frankreich die Weinbranntweine von Cognac und Armagnac im weftlichen und die ebenfalls aus dem Weingeläge erzeugten Weinfprits( 36) im füdlichen Frankreich eine bedeutende Rolle. Die Erfteren( die Cognacs) werden aus den weifsen Weinen der Departements Charente und Charente inférieure und je nach der Lage und Befchaffenheit des Bodens die fines und petites Champagnes, dann die erften und zweiten Bois genannt, durch Deftillation gewonnen, und auf eine Stärke von 60 bis 65 Percent Tr. gebracht. Die Weinbranntweine, genannt Armagnacs, von 52 Percent Alkohol werden von den drei Departements Landes, Gers und Lot et Garonne, geliefert und ftehen dem Cognac in Güte nach. Die verfteuerten Quantitäten, welche aus einem 15jährigen Durchfchnitte erhoben wur den, entſprechen einer Jahresproduction von 275.000 Hektoliter Cognac und von 130.000 Hektoliter Armagnac, was durchſchnittlich zu 300 Francs per Hektoliter gerechnet einen Werth von 121,500.000 Francs repräfentirt. Die Letzteren, die Weinfprits von 84 Percents Alkohol, auch genannt, werden im Süden Frankreichs im Departement du Gard und Herault, hauptfächlich in und um Montpellier aus Wein- und Weinrückftänden gewonnen, jedoch ift uns die Productionsfähigkeit von dort nicht bekannt, ift aber ebenfalls von Bedeutung. Diefe Deftillate zeichnen fich durch Reinheit des Gefchmackes und feines Bouquet aus, und fanden fich befonders eine Anzahl Firmen, welche vorzügliche Mufter ausftellten und von der Jury prämiirt wurden. Wir nennen als die beften die Firmen d'Auffy von St.- Jean- d'Angély- Bellot H. von Cognac, Dubois Emanuel und Dubois frères von Blanzac, die Société des Diftilleries von Jonzac, Schönberg zu Cognac. Die Primawaare davon geht nach England und Amerika. Das Meifte wird im Lande genoffen. Die franzöfifchen Liqueure erfreuen fich eines Weltrufes und nimmt deren Confumtion fortwährend zu. Paris und Bordeaux erzeugen das Köftlichfte, 86 Dr. Eduard Schmidt. aber auch an anderen Orten werden ganz feine Liqueure fabricirt und ftehen in der Gunft des Publicums; wir verweifen nur auf die Chartreufe und Benedictine. Mit Verdienftmedaillen ausgezeichnet wurden für eine grofse Auswahl feinerer Crêmes und Liqueurs die Firmen M. Brizard& Boger von Bordeaux, Cufenier& Cie. von Paris, P. Dandicolle& Gaudin von Bordeaux, A. Lamart fils von Calais, Legrand von Paris, für feinere Liqueure,„ La Benedictine", Marchand frères von Paris, G. Rochat von Lyon. Nicht unerwähnt dürfen wir die Fabrication des amerikanifchen„ Bitter" laffen, welcher vor einigen Jahren aus den Vereinigten Staaten Amerikas eingeführt, jetzt aber aus Frankreich, als viel feiner, nach dorthin bedeutend exportirt wird. Die Subftanzen, welche dazu verwendet werden find Enzianwurzeln, Wermuthkraut, entmarkte Pomeranzenfchalen und etwas frifche Pomeranzenblüthen, aus welchen eine Tinctur von 40 Percent Alkohol bereitet und mit Zucker verfetzt wird. Schliefslich müffen wir auch des Wermuths gedenken, welcher im füdlichen Frankreich aus Wermuthkraut mit Wein, dem man 5 bis 6 Percent Weinfprit und ungefähr 10 Percent Muscatwein hinzufetzt, bereitet wird. Die jährliche Production von Wermuth foll bei 300.000 Hektoliter betragen, wovon die Hälfte von Bordeaux und Cette exportirt wird. Die Preife der franzöfifchen Weinbranntweine und Liqueure variiren je nach dem Alter und der Feinheit des Bouquets von 3 bis 12 Francs per Flafche. Effige. Frankreich ift in der glücklichen Lage, feine Speife- Effige gröfstentheils aus Wein in vorzüglichfter Qualität nach dem verbefferten Verfahren Pafteur's in der Umgebung von Orleans, Montpellier und Nimes erzeugen zu können und damit trotz der hohen Preife von 30 bis 60 Francs per Hektoliter einen bedeutenden Export zu erzielen. Die franzöfifchen Effige haben neben dem allen Weineffigen eigenthümlichen ätherartigen und erfrifchenden feinen Gefchmack die Eigenfchaft, ftets klar zu verbleiben und nie kahmig zu werden, und foll diefs nach Pafteur's Beobachtungen durch Erwärmen des Weines vor der Effigfabrication, fowie des einmal fertigen Effigs erzielt werden. Die von Laroque aus Bordeaux fowie von den landwirth fchaftlichen Gefellfchaften von Montpellier und Nimes ausgeftellten Effige waren ausgezeichnet fein und wurden von der Jury prämiirt. Algerien und die franzöfifchen Colonien find durch 108 Ausfteller in der Section C der Gruppe IV vertreten. Durch die Entwicklung der Weincultur und Landwirthschaft im Allgemeinen, durch eine reiche Production an Getreide und an zuckerhaltigen Subftanzen hat die Spiritusfabrication in Algerien den geeigneten Boden für ein gewinnbringendes Gewerbe gefunden, wo der Abfatz des Productes durch klimatifche Verhältniffe und durch Urbarmachung einer jungfräulichen Erde bedingt war. Die Coloniften fowie die Armee, bereits im Mutterlande an den Genufs alkoholifcher Getränke gewöhnt, haben in Algerien einen fo mafslofen Mifsbrauch mit betäubenden Liqueuren, namentlich von Abfynth gemacht, dafs fie fich damit mehr als durch das Fieber gefchadet haben und die Regierung veranlafst wurde, diefes Getränk, nämlich den Abfynth, zu verbieten. Durch Schaden klug geworden, verlegte man fich auf die Erzeugung tonifch ftimulirender Aquavite und Liqueure, welche mit Ingredienzen von Quinquina, Enzian, Kalmus, Orangenfchalen, Alkohol und Zucker unter dem Namen ,, afrikanifcher Bitter"( Amer africain) in Philippeville von der Firma Picou in fehr grofsem Mafsftabe fabricirt wird. Zum Entfchalen der nöthigen Orangen bedient man fich einiger Mafchinen, von denen jede im Tage 4 bis 5000 Orangen fchält. Diefe entmarkten Schalen werden mit 60 Percent Sprit digerirt und als Tinctur bis zur Deftillation aufbewahrt. Die Stoffe, aus welchen man in Algerien Branntwein und Spiritus gewinnt, find in erfter Linie Weine und deren Rückftände, die dort fehr billigen Feigen Gegohrene Flüffigkeiten. 87 ( Opuntia ficus indica), die Zuckerhirfe( Sorghum faccharatum), deren reichen Zuckerfaft man durch Preffen und mittelft Maceration gewinnt, ferner Mais und Gerfte. In neuefter Zeit hat Mr. Rivière von Crescia eine Art Mispel( Eryobotria japonica) zur Erzeugung von Kirfchwafferfurrogat mit Vortheil verarbeitet. Diefe Frucht fchliefst in ihrem faftigen Fleifche grofse Kerne ein, welche den bitteren, blaufäurehaltigen Gefchmack und Geruch der Kirfchen haben. Man überläfst die zerquetfchten Mispeln in grofsen Bottichen während 5 bis 6 Monate der Gährung und erhält als Deftillat von 100 Kilos Frucht 21 bis 22 Liter Mispelbranntwein von 22 bis 24 Grad Beaumé. Die in Algerien erzeugten Weinbranntweine, Sprits und Liqueure ſtehen den franzöfifchen im Allgemeinen weit nach; dennoch können wir lobend hervorheben die Firmen L. Bouillonel von Bône im Departement Conftantine für feine Bitterfchnäpfe und feineren Liqueure, L. Fournier& Comp., welche die bedeutendften Spiritus-( 3/6)-Fabrikanten in Algerien find, fowie W. G. Picou von Philippeville der gröfste Liqueurift des Landes ift. Er erzeugt jetzt jährlich bei 1,700.000 Bouteillen Bitterbranntwein( Amer africain) à I Francs 40 Centimes. und 3,000.000 Bouteillen diverfe Liqueure von 2 Francs aufwärts bis 5 Francs. Weineffige erzeugt man in Algerien nach dem Verfahren von Orleans in vorzüglicher Qualität aus weifsen und rothen Weinen, deren Preis je nach der Stärke von 25 bis 50 Centimes per Liter variirt. Bedeutend ift die Firma Courvoifier in Algier. Die Colonien von Martinique, Guadeloupe, Guyana, Réunion, Oceanien und Franzöfifch- Indien erzeugen nur Rum und Tafia aus Rohrzucker- Saft und Syrup von mehr oder minder guter Qualität, und glauben wir den Rumforten von Martinique und Réunion vor den anderer Colonien den Vorzug geben zu können. Die anderen Deftillate aus Sorgho- Reis und Früchten find Spirituofen, denen man fich möglichft ferne halten foll. Monaco hat in Allem, was feinen Gefchmack anbelangt, fich ausgezeichnet, und folgerichtig auch mit feinen neuen Liqueurs„ Gallia", aus aromatifchen Stoffen zufammengefetzt, von welchen man etwas mit Waffer vermifcht als Erfrifchung oder rein nach dem Kaffee nimmt. Schweiz. Die Schweiz erzeugt nicht hinreichend Branntwein oder Spiritus für den eigenen Bedarf und bezieht von Deutſchland, Oefterreich und Frankreich jährlich circa 70- bis 80.000 Hektoliter Sprit; dagegen exportirt fie nicht unbedeutend von ihren nationalen Schnäpfen und Liqueuren, wie Kirfch, Abfynth, Magenbitter aller Art. Ihre Superiorität in diefen drei bezeichneten Sorten ift allgemein anerkannt und follen davon jährlich 40- bis 50.000 Zollcentner hauptfächlich nach Amerika exportirt werden. Von den 22 Ausftellern wurden von der Jury ausgezeichnet die Firmen: Henny& Comp. von Fleurier in( Neuenburg) für ihre Extraits d'Abfynthe mit der Verdienftmedaille, Affolter aus Chur für feine Doppelbitter, die Kirfchwaffer Gefellfchaft aus Zug, Zimmermann aus Zürich für Liqueure und R. Züan aus Chur für Kirfchwaffer und Bitter mit Anerkennungsdiplomen. Italien hatte unter den 153 Ausftellern von Spirituofen der Section C nur acht, welche Branntweine, Rum und rectificirten Spiritus fandten, die zum gröfsten Theil aus Treftern, dann aus Mais, Sorgho und auch aus Cactus opuntia und Morus papyrifera erzeugt wurden. Wir geftehen, dafs wir in diefem Artikel etwas Befferes erwarteten und die Urfache nur in dem neuen Befteuerungsmodus vom Jahre 1870 zu finden fein dürfte, wodurch ein Import, daher eine Concurrenz zur Unmöglichkeit wird. Wir müffen daher das von der Jury abgegebene Urtheil, wonach den Firmen Pozzoli aus Como und Anfelmi& Maraffi aus Neapel Verdienftmedaillen zuerkannt wurden, als ein höchft liberales bezeichnen. 88 Dr. Eduard Schmidt. Die Liqueurfabrication ift jetzt in Italien von Bedeutung und war auf der Ausstellung fehr zahlreich vertreten. Das Vorzüglichere wird mit den einheimifchen Fruchtfäften und aromatifchen Pflanzenftoffen in Piemont und der Lombardie erzeugt. Einen grofsen Handels- und Exportartikel bildet in diefen Provinzen auch der Wermuth, welcher mit dem weifsen Wein von Afti unter Zufatz von einigen Percent Sprit und bitteren. Kräutern bereitet und in Qualität mit dem franzöfifchen Wermuth rivalifirt. Die Jury hat 28 Fabrikanten von Liqueuren und Wermuthweinen die Verdienftmedaille zuerkannt. Speife- Effige werden von vorzüglicher Qualität im Modenefifchen und Lombardifchen aus Wein bereitet und können wir in erfter Linie die Firma Gianfranceschi aus Bardolino, Belluci Tofi aus Modena, Bornia Fratelli aus Trevifo und Giufti aus Modena empfehlen. Schweden und Norwegen. In Schweden war die Branntweinbrennerei bis vor 20 Jahren blofs ein Nebenzweig der Landwirthschaft und erft feit diefer Periode wurden gröfsere mit Dampf betriebene Brennereien, deren es jetzt 5- bis 600 gibt, angelegt. Das Gefetz für dieſe beſtimmt, dafs täglich mindeftens 200 Kannen 523 Liter und nicht mehr als 1200 Kannen Normalftärke ( 50 Percent Volumprocent Alcohol) bei der Temperatur von 15 Grad Celfius erzeugt werden dürfen, und dafs der Betrieb nicht länger als 7 Monate im Jahre ( von Jänner bis April und von October- December inclufive) geftattet wird. Diefe Beftimmungen wurden im Intereffe des kleinen Landbaues getroffen. Die jährliche Branntweinproduction beträgt von 1862 bis 1871 alfo im Durchfchnitt jährlich 14.390.000 Kannen= 376.600 Hektoliter und ftieg im Jahre 1872 auf 407.000 Hektoliter von der Normalftärke von 50 Percent, wofür an Steuer 11,719.494 Rdr. gleich 6, 680.011 fl. öfterreichifcher Währung in Silber bezahlt wurden. Als Rohftoff wurden bis zum Jahre 1868 nur Getreide und Kartoffeln verwendet, während von da ab auch Rennthierflechte in Folge der intereffanten Verfuche des Profeffors Stenberg in Stockholm in ziemlich grofsem Mafsftabe verarbeitet werden. Die Ausbeute von Branntwein variirt je nach der Qualität der Flechten zwifchen 6 und 9 Kannen( 157 bis 23.5 Litres) Normalftärke vom Centner Flechten. Es follen im Durchschnitte jährlich circa 300.000 Kannen Branntwein aus Rennthierflechten erzeugt werden, welches Quantum bei fchlechten Kartoffelernten viel gröfsere Proportionen annehmen wird, da das Land von diefem Rohftoffe unerfchöpfliche Mengen befitzen foll. Aufser dem im Lande erzeugten Branntwein werden noch jährlich circa 25.000 Hektoliter an Cognac, Rum und Arrac eingeführt, welche zum Theil zur Fabrication des berühmten fchwedifchen Punfches verwendet werden, der aus Rum oder Arrac, Waffer, Zucker und etwas aromatifchen Tincturen bereitet und viel nach dem Auslande exportirt wird. Unter den 24 Ausftellern von gegohrenen Flüffigkeiten waren nicht weniger als 18, die ihren Punfch zu 75 kr. bis I fl. per Flafche den Confumenten zu empfehlen wussten. Die Proben von Branntwein und Spiritus find als ganz mittelmäfsig in der Qualität zu bezeichnen. Effige werden nur aus Branntwein erzeugt und find als Speife- Effige für unfere Gaumen nicht wählbar. Dänemark erzeugt hauptfächlich aus Kartoffeln und aus Getreide Branntwein und Spiritus, mitunter von guter Qualität, gröfstentheils aber fufelig. Die einheimifche Production genügt auch in diefem Lande nicht und werden aus Deutſchland Spiritus, aus Frankreich Cognac und von den Colonien Rum und Arrac zur Bereitung eines dem fchwedifchen ähnlichen Punfches eingeführt. Gegohrene Flüffigkeiten. 89 Unter den 19 Ausftellern müffen wir volles Lob der Aalborger Spritfabrik für ihren 96 gradigen Sprit und ihre Aquavite fpenden, was auch von der Jury durch die Fortfchrittsmedaille anerkannt wurde; dann der Firma J. E. Sörenfen ebenfalls für vorzüglich reinen Sprit( welche jedoch aufser Concurs war); ferner hat die Firma J. A. Anthony aus Kopenhagen für feine Liqueure und Punfch auch die Fortfchrittsmedaille erhalten. Die Firmen J. Minni& Söhne aus Kopenhagen für Liqueure und Punfch, P. F. Heering für einen vorzüglichen Kirfchliqueur, C. Lundh für Aquavite und C. A. Been für Kirfchliqueur und Punfch wurden mit der Verdienftmedaille ausgezeichnet. Belgien erzeugt hauptfächlich aus Kartoffeln und Getreide und in neuerer Zeit aus Rüben Branntwein und Spiritus, welcher dem franzöfifchen an Reinheit ziemlich nahe kommt. Ferner werden dort billige Liqueure und WachholderbeerenBranntwein fabricirt, welche jedoch zu wünfchen übrig laffen. Von den 13 Ausftellern können wir nur die Firma De Gens aus Tirlemont für ihren Branntwein, Vandevelde aus Gand für Liqueure und Schoofs für feine Auswahl von Liqueurkörpern( Extraits) hervorheben. Holland ift das Land, wo im Verhältnifs zu feiner Einwohnerzahl am meiften Spirituofen confumirt werden, was durch die klimatifchen Verhältniffe fowol, als wegen des fchlechten Trinkwaffers bedingt wird. Die Holländer waren die Erften in Europa, die fich mit der Zubereitung von Liqueuren befafsten, worin fie es feit langer Zeit zu einer grofsen Vollkommenheit brachten, und wozu ihnen ihre Colonien die beften aromatifchen Stoffe lieferten. Holland hat bei 500 gröfsere Spiritusfabriken und Brennereien, wovon die Hälfte in Schiedam fich ausfchliefslich mit der Erzeugung ihres weltbekannten Schiedamer Genèvre( Wachholderbeeren- Branntwein) befchäftigt. Als Rohproducte werden hauptfächlich Kartoffeln und Getreide, mitunter Krapp, in neuefter Zeit auch Rüben verwendet und daraus vorzügliche Deftillate erzeugt. Die Liqueurfabrication ift eine fehr bedeutende und hat ihren guten alten Ruf trotz der franzöfifchen Concurrenz in diefem Artikel zu bewahren verftanden. Es exportirt von feinen Liqueuren und noch mehr von feinem Genèvre nach allen bewohnten Ländern der Erde. Von 25 Ausftellern wurde eine reiche Auswahl an feinen Liqueuren, Genèvre, Spiritus und auch Arrac und Rum aus ihren Colonien hieher gefandt. Der Vortritt vor Allem gebührt wohl der rühmlichft bekannten, 200 Jahre alten Firma Wynand Focking in Amfterdam, welche für ihre feinen Liqueure auf allen grofsen Ausftellungen mit Auszeichnungen erfter Claffe prämiirt wurde. Hier wurde ihr blofs die V. M. zuerkannt. Grofses Lob verdienen auch die Firmen Catz& Sohn zu Pechel in Friesland A. J. Hoffmann zu Woerden L. Bols Erben zu - Amfterdam, welchen für ihre Liqueure die F. M. und an die Firmen P. Hoppe zu Amfterdam für Spiritus und Genèvre an Laurent für Liqueure und Punfch an M. P. Poller zu Rotterdam für Liqueure, und an Zuylekon, Levert & Comp. zu Amfterdam für Liqueure, für Amyl- Alkohol und methylifirten Alkohol die V. M. von der Jury zuerkannt wu.de. Deutfchland. Seit dem Uebergange von einem ländlichen wirthfchaftlichen Nebengewerbe zur Grofs- Induftrie hat die Branntwein- und Spirituserzeugung im deutfchen Reiche einen fo grofsen Fortfchritt gemacht, dafs es in Quantität und Qualität mit den erften Spiritus erzeugenden Ländern Europas rivalifirt, ja in Bezug auf die Quantität diefelben weit überragt. Im Jahre 1870 beftanden im Norddeutfchen Bunde( alfo Baiern, Württemberg, Baden und Elfafs Lothringen ausgenommen) gröfsere Fabriken 1542- auf dem Lande 7348, im Ganzen alfo 8890. Die kleineren Brennereien haben in den letzten Decennien ftetig abgenommen und find durch umfangreiche Fabriken mit Dampfbetrieb erfetzt worden. Diefel 90 Dr. Eduard Schmidt. ben verarbeiteten im Jahre 1870 rund 6,150.000 öfterreichifche Metzen Getreide und 34.395.000 Metzen Kartoffel, mit einer Steuer von circa 12 Millionen Thaler ohne der koloffalen Mengen von Melaffen zu gedenken, bezüglich deren uns keine genauen Zahlen zur Verfügung ftanden. Der Export von Spiritus hat bei diefer grofsen Production auch bedeutend zugenommen, was aus der Steuerrückvergütung, die im Jahre 1870 über 3,000.000 Thaler betrug, zu erfehen ift. Aufser dem Norddeutfchen Bunde werden im Süden und Weften des Reichs aufser obgenannten Rohftoffen auch die Weinrückstände, dann verfchiedene Früchte, wie Aepfel, Birnen und Kirfchen etc. zur Branntweingewinnung verwendet. Auf die Ausftellung felbft übergehend, fo wurde diefelbe in grofser Auswahl mit Kornbranntwein, rectificirten Spriteffenzen, Liqueuren und Effigen von 157 Ausftellern, worunter zwei grofse Collectivausftellungen, befchickt. Mit Bedauern müffen wir bemerken, dafs die eingefandten Proben nicht dem Rufe entſprachen, deffen fich die fpirituofen Erzeugniffe Deutſchlands zu erfreuen hatten. Wir wollen keinen Tadel ausfprechen, aber ein allgemeines Lob können wir darüber nicht anftimmen. Zu den beften können wir die Bank für Sprit und Productenhandel in Berlin zählen, welche jährlich an 140.000 Hektoliter feine rectificirte Sprits von 95 Percent Tr. und Branntweine erzeugt und von der Jury die F. M. erhielt; dann J. F. Höper junior in Hamburg für rectificirten Sprit von 95 Percent Tralles und andere Spirituofen die V. M., Carl Friedenthal von Breslau für rectificirten Kartoffelfprit von 97 Percent Tr. die F. M. erhielt. Erwähnen müffen wir noch die Firmen A. Burger in Dresden für ihren Kartoffelfprit von 95 und 97 Percent Tr. und W. Stengel in Leipzig für rectificirten Kartoffelfprit von 96 und 97 Percent Tr. Liqueure und Schnäpfe werden in grofsen Quantitäten und zu fehr billigen Preifen erzeugt, welche gröfstentheils im Lande felbft confumirt, zum Theil auch nach Amerika exportirt werden. Unter den vielen Liqueurfabrikanten können wir als von der Jury ausgezeichnet hervorheben die Firmen J. F. Nagel von Hamburg und A. G. Tönnies & Comp. von Magdeburg, welche beide für ihre feinen Liqueure mit der F. M.- Friedrich Lamp von Stuttgart für Getreidekümmel, S. Berfuch von Elbing für Magenliqueure- Louis Ackermann von Berlin für feine Liqueure- Friedrich Lehment von Kiel- Seidel& Comp. von Breslau Saniter& Weber von Rostock- Hehnes Wtw. von Hamburg, J. S. Keiler von Danzig Georg Brofche von Berlin- J. W. Peters von Hamburg- C. A. Kochlman von Frankfurt M. J. Fleifchmann von Afchaffenburg- Lauterbach von Bayreuth Friedrich Seber von Wiesbaden für Liqueure mit der V. M. Dann A. Jülg von Riegelbach- Friedrich Kiefer von Eichftäten- W. King von Lauterbach Landauer& Macholl von Heilbronn und Löwenwirth Aberle von Gutach diefe fünf für Kirfchwaffer mit der V. M. endlich H. W. Drerup von Borghorft für Punfche ebenfalls mit der V. M. - - - - - -- - Die Effige Deutſchlands werden gröfstentheils aus Branntwein erzeugt, und können als Speife- Effig nicht angepriefen werden. Als Malzwein Effig liefert die Firma Jofef Poiger von Straubing das Befte und erhielt die F. M.- Eine ebenfalls gute Qualität Weineffig wird von G. Neumann aus Würzburg, von Neu. fchäfer in Ludwigshafen und vom landwirthfchaftlichen Verein in Baiern erzeugt. Oefterreich hat als vorwiegender Agriculturstaat in Folge einer bequemen Befteuerungsweife und anderer günftigen Umftände eine fehr umfangreiche Branntwein- und Spiritus- Brennerei, welche hauptfächlich als ländliches Nebengewerbe, aber auch in grofsen Fabriken mit Dampfbetrieb florirt. Merkwürdigerweife haben fich hier im Gegenfatz zu Deutſchland die Anzahl der Brennereien im letzten Jahrzehent von 28.000 auf 48.970 vermehrt. Von diefen find blos 1492 gröfsere Etabliffements, welche in Niederösterreich( um Wien) Gegohrene Flüffigkeiten. 91 dann in Mähren, Böhmen, Galizien und Schlefien ihren Standort haben; die übrigen 47.478 befinden fich mehr in den Alpenländern. Die verfteuerten Quantitäten beliefen fich im Jahre 1871-72 auf 1,565.000 Hektoliter, umgerechnet auf 80 Percent Tr., wovon ein Theil nach der Schweiz und über Trieft nach der Levante exportirt wird. Leider ift feit dem Jahre 1870 unfer beftes Abfatzgebiet„ Italien" durch den dort neu eingeführten Steuermodus auf Spirituofen für uns verloren gegangen. - Von Rohfubftanzen werden in Oefterreich circa 70 Percent mehlige Stoffe ( Getreide, Kartoffeln und Mais), dann 25 Percent Rübenmelaffen und 5 Percent Weinrückstände und diverfe Obftforten auf Branntwein verarbeitet. Die Qualität unferer Kornbranntweine, fowie unferer rectificirten Sprits kann als eine hochfeine bezeichnet werden. Geradezu epochemachend waren in diefer Beziehung die ausgeftellten Deftillate Oefterreichs, welche eine Concurrenz mit dem Auslande nicht mehr zu fcheuen haben. Bemerkenswerth ift noch, dafs wir in unferen bedeutenden Getreidebrennereien eine fehr vorzügliche Prefsoder Kunfthefe erzeugen, welche einen wichtigen Handelsartikel ausmacht und in allen Ländern Europas Abfatz findet. Die feinere Liqueurfabrication hat in den letzten Jahren einen erheblichen Fortfchritt in Folge der Verwendung von reinem fufelfreien Spiritus und gewählteren aromatifchen Subftanzen gemacht, und bildet heute fchon einen namhaften Exportartikel nach Ungarn, dann den Donaufürftenthümern, Rufsland etc. In gröfseren Mengen werden feinere Liqueure in Wien, Graz dann in Dalmatien, Böhmen, Mähren und Schlefien erzeugt. Effige werden allenthalben in Oefterreich durch Kleingewerbe mitunter in ganz guter Qualität aus Wein und Obftmoft, in den Fabriken aber vorzüglich aus Branntwein durch die Schnelleffig- Fabrication erzeugt. Oefterreich war in der Section C der Gruppe IV unter allen Ländern am ftärksten vertreten. 195 Ausfteller hatten fich auf dem friedlichen Kampfplatze eingefunden, und einen eclatanten Sieg davongetragen. Der Raum geftattet uns nur, jene Namen hier zu verzeichnen, welche von der Jury mit Medaillen ausgezeichnet wurden. An der Spitze jedoch müffen wir den Erften und Beften unter Allen anführen, der fich aufser Concurs erklärte, nämlich: Se. k. k. Hoheit Erzherzog Albrecht, welcher von feinen Domänen in Schlefien und Galizien hochfeine Roh- und rectificirte Sprits und eine grosse Auswahl vorzüglicher Liqueure einfandte. Die Fortfchrittsmedaillen erhielten die Firmen Riemerfchmidt Anton von Wien für rectificirten Kartoffel- und Melaffen- Spiritus die Collectivausftellung der Spiritusraffinerien und Liqueurfabrikanten von Troppau( Schlefien) für Sprits, Liqueure und Effige Weifsberger Jofef von Kolin in Böhmen für rectificirten Spiritus die Collectivausftellung der Wiener Spirituofenfabrikanten und zwar fämmtliche 26 Ausfteller für feine Liqueure, Aquavite und Effige Luxardo Girolamo von Zara für feinfte Maraschino- Liqueure. - - Die Verdienft- Medaille erhielten die Firmen J. Cafali's Neffe von Wien Eppinger für feine Liqueure- Bauer Cafimir von Wien für feine Liqueure Fünk HeinWolf A. bei Wien für rectificirten Getreide- und Melaffen- Spiritus rich von Graz für vorzügliche Liqueure und Effige Daldello A. von Spalato für feine Maraschino- Liqueure - -Bäck Wilhelm von Grofs- Meferitfch für Liqueure - - - und Spirituofen- Tomafi Alois von Gaya in Mähren für Liqueure und Effige- Mautner Ad. und Ig. und Sohn von Wien für Spiritus und Prefshefe- Springer Max bei Wien für Spiritus und Prefshefe Haack A. von Graz für Liqueure Grofs Jacob von Biala in Galizien für Spirituofen- Baczevski's Wtw. und Söhne von Lemberg für Liqueure und andere Spirituofen Cosmacendi Anton von Zara für vorzügliche Liqueure- Fick von Wien( F. M.) für Liqueure Lord J.& Comp. von Wien für Liqueure und Spirituofen- Fraenkel Adolf -- - 92 Dr. Eduard Schmidt. - & Söhne von Biala für Liqueure und Spirituofen- Fünk Ed. von Graz für Liqueure- Mikolafch Julius von Lemberg für abfoluten Alkohol, Liqueure, künftlichen Rum und Cognac Popper Adolf in Pilfen für rectificirten Spiritus- Nedwied W.& Sohn von Schlan in Böhmen für Liqueure- Fürth Veit& Sohn von Budweis für Liqueure- La Ferme zu Sölnitz in Böhmen für Liqueure- landwirthfchaftlicher Verein von Vorarlberg für Kirfch- und EnzianLiqueure Kliner& Comp. von Brünn für Liqueure Tfchugguel Ludwig von Bozen für Kräuter- und bittere Magen- Liqueure. - - Zu bemerken ift, dafs die Firma Drioli Francesco von Zara, welche vorzügliche Maraschinos ausftellte, fich aufser Concurs erklärte, und dafs in Spiritus und Spirituofen fehr Anerkennungswerthes gezeigt wurde von den beiden Firmen Kufner bei Wien und in Lundenburg, von Fifchel's Söhne in Prag und von der Przemysler Spiritus- Raffinerie. - Für ganz vorzügliche reine Weineffige mit der F. M. prämiirt müffen wir dem Stifte Göttweih zu Furth in Niederöfterreich das höchfte Lob fpenden Ferner haben die Firmen Huber Ulrich von Prag- Gögl Zero von Krems die Collectivausftellung der Znaimer für Effige und eingemachte Gurken- Etzelt Rudolf in Wien Mages Carl in Wien- und Scherer L. W. von Stockerau fowol für Wein- und Sprit- Effige und Effigeffenzen theils Medaillen, theils die vollfte Anerkennung der Jury erhalten. Ungarn. Was wir über Branntweinbrennereien bereits von Oefterreich gefagt, bezieht fich im Allgemeinen auch auf Ungarn; nur wird hier diefelbe als Nebenzweig des Landbaues noch in viel ausgedehnterem Mafsftabe und gröfstentheils in der primitivften Weife betrieben, während der günftige Boden und die klimatifchen Verhältniffe zur Anlage von grofsen Spiritusfabriken mit befferen Zubereitungsmethoden befonders auffordern follten. - Die Gefammtzahl der im Betriebe geftandenen Brennereien in Ungarn und feinen Nebenländern war in der Campagne 1871/72 nicht geringer als 87.495, wovon nur 989 gröfsere Dampf- Spiritusfabriken beftanden, welche zufammen nur circa 1,200 000 Hektoliter 8opercent. Spiritus verfteuerten. In diefen wurden von Rohftoffen Kartoffeln, Mais, diverfe Getreideforten und in neuerer Zeit von Einigen auch Zuckerrüben verarbeitet, und es wird da ohne Rückficht auf Ver luft an Material nur die Production möglichft grofser Mengen Alkohols aus dem der Verfteuerung unterliegenden Maifchraum angeftrebt. Auch hat man in Ungarn in den gröfseren Fabriken das fogenannte„ Neue Verfahren"( nämlich Kochen des Mais oder Getreidefchrots mit verdünnter Schwefelfäure, bis die Zuckerbildung ftattgefunden Neutralifation mit kohlenfaurem Kalk, dann Vergährung und fchliesslich Deftillation) eingeführt, welches geradezu als verwerflich zu bezeichnen ift, weil der Vortheil eines gröfseren Ertrages an Alkohol vom Gährraum durch den Verluft der Schlempe als Viehfutter gewifs nicht aufgewogen wird, und das gewonnene Product felbft( der hochgrädige Sprit) ftets einen herben Gefchmack und widrigen Geruch erhält, und daher billiger abgegeben werden mufs, als der mit Malz erzeugte. - Es ift ferner zu bedauern, dafs Ungarn bei feiner umfangreichen, ja kolof falen Weinproduction nicht eine beffere Verwerthung des Weines( der oft um 2 bis 4 fl. per Eimer zu haben ift) durch Deftillation und eine rationellere Behandlung der Weinrückftände anftrebt, und damit in die Lage käme, dem franzöfifchen Weingeift, refpective dem Cognac, eine vielleicht erfolgreiche Concurrenz zu machen. Dagegen wird in Ungarn, namentlich unter der flavifchen und walachifchen Bevölkerung die Erzeugung von Obft-, befonders Zwetfchkenbranntwein,„ Slivowitz" genannt, fchwunghaft, obwol noch in fehr primitiver Weife betrieben. Der von dem Bauer erzeugte Branntwein hat felten über 10 Percent Alkoholgehalt und wird durch nochmaliges Deftilliren auf 15 bis 20 Percent Stärke gebracht und in eichenen Fäffern abgelagert. Die Cultur der Zwetfchke, befonders in Süd Gegohrene Flüffigkeiten. 93 ungarn, ift unftreitig von landwirthschaftlicher und commercieller Bedeutung und der zum Theil daraus gewonnene Naturbranntwein auch ein im Lande beliebter Genufsartikel; aber in den cultivirten Ländern Europas wird man vergebens damit einen Abfatz fuchen. Unferes Wiffens wurde Slivowitz auf keiner der Weltausftellungen weder vom grofsen Publicum noch von der Jury goutirt. Der Liqueure und der Imitationen von Cognac, Rum etc. fowie der Effigfabricate können wir aufser einzelnen Ausnahmen nur mit Wehmuth gedenken und im Intereffe der Menfchheit wünſchen, dafs ähnliche Gebräue nie zum Vorfchein kommen möchten. Von den 119 Ausftellern find die als von der Jury prämiirten hervorzuheben: Die Generalpachtung der Herrfchaft Gran- Nana, refpective die Firma Al. Schoeller& Comp. zu Leva, für hochfeinen 95percentigen Sprit aus Rüben und 90percentigen aus Mais mit der Fortfchrittsmedaille; die Gfchwind t'fche Actiengefellfchaft zu Peft für hochfeine rectificirte Sprits und grofse Auswahl von Liqueuren mit der Fortfchrittsmedaille. Die Firmen Kraufs Mayer von Peft. für vorzüglichen Getreidefpiritus und Prefshefe, Fifcher Jof. von Prefsburg für Spirituofen, Friedenthal Carl von Peft für Spiritus und Liqueure, Kenyeres Carl von Kronftadt für eine Auswahl von feinen Spirituofen aus frifchen Früchten ( Ratafias), J. Lenk's Söhne von Oedenburg für Liqueure und Effige, Neumann Gebrüder von Arad für Roh- und rectificirten Spiritus, A. Hubek's Witwe von Prefsburg für Franzbranntwein und Liqueure, Stern Ignaz von Peft für Spiritus und Prefshefe, Schlichting' fche Spiritus Fabriks Actiengeſellſchaft von Temesvár für rectificirten Sprit, Temesvarer Spiritus- Brennerei- und RaffinerieActiengefellſchaft für 86 percentigen und 90percentigen Spiritus und Jof. Zwack & Comp. in Budapeft für Liqueure und Slivowitz erhielten fämmtlich die Verdienftmedaille. - Befonders zu bemerken find Herrn Schnabl's Julius von Oravitza diverſe Sorten und Jahrgänge von reinem Gebirgsflivowitz, welcher jedoch als Juror aufser Preisbewerbung ftand. Rufsland. Die Erzeugung von Branntwein und Spiritus mufs in einem nahezu an 80 Millionen Einwohner zählenden Reiche, welche theils durch die klimatifchen Einflüffe, theils aus Hang zu einer übermäfsigen Confumtion alkoholifcher Getränke hinneigen, eine ganz aufserordentliche Ausdehnung haben, worüber wir verlässliche Daten nicht erhalten konnten. - Die Rohftoffe, welche bei den Brennereien verwendet werden, find vorzugsweife Getreide und Kartoffeln nebft geringeren Quantitäten anderer Stoffe, wie Rübenmelaffe, Obftforten, isländifches Moos etc. Der Detailhandel mit. Branntwein ift einer befonderen Befteuerung unterworfen; ausgeführt wird nur fehr wenig aus Podolien und den füdlichen Provinzen nach der Türkei. In Folge der Anlage gröfserer Spiritusfabriken mit verbefferten Apparaten und reineren Deftillaten hat fich auch die Liqueurfabrication entwickelt, welche dem Confum nicht genügt, und werden noch immer grofse Quantitäten vom Auslande importirt. Die Production von Meth ift eine ziemlich bedeutende; jene von Effigen dagegen eine unzureichende, zumeift durch Kleingewerbe betrieben, welche noch viel zu wünſchen übrig läfst. Von 37 Ausftellern, welche ihre Deftillate einfandten, können wir als, bemerkenswerth hervorheben die Firmen: Angel D. von St. Petersburg für rectificirten Alkohol und Liqueure, Apraxin e Victor zuAlexandrowsk für Alkohole, deftillirt von Malz mittelft eines neu erfundenen Brennapparates, Bafchmakoff A.& S.( Firma: Keller& Comp.) für Getreide-, Kartoffel- und Lichenfpiritus, fowie für feine Liqueure, Beckman& Comp. zu St. Petersburg für Kornbranntwein, rectificirten Spiritus und Liqueure, Carali Stephan zu St. Petersburg für 94 Dr. Eduard Schmidt. Sprit und Liqueure, Dechariot A. von Moskau für Bitter- und Süfsliqueure, Froriep Joh. zu Dorpat für Kümmelbranntwein und Spiritus, Korff( Baronin) von St. Petersburg für Branntweine und Liqueure, Kornéieff, Gorfchanoff & Comp. von Moskau für Branntwein und Liqueure, Petroff Bafil von St. Petersburg für rectificirte Sprits und Liqueure, Potocki( Graf Alfred) zu Ouladovka in Podolien für hochfeine Sprits, Stritter Alex. von St. Petersburg für Spiritus und Liqueure. Endlich ift Herr Vinaver Nathan von Warfchau für feinen vorzüglichen Meth lobend zu erwähnen. Griechenland. Wenn man auch über die Fortfchritte der gewerblichen Erzeugniffe Griechenlands, nach ihrer Befchickung der Weltausftellung zu urtheilen, keine hohe Meinung haben kann, fo mufs man ihrer Fabrication von Liqueuren die vollfte Anerkennung zollen; befonders jener, welche aus frifchen Fruchtfäften bereitet werden und unter dem Namen Ratafias bekannt find. Die vorzügliche Befchaffenheit der Früchte, welche unter dem herrlichen Himmel Griechenlands gedeihen, geben den damit bereiteten Liqueuren einen fo feinen aromatifchen Gefchmack und Geruch, dafs wir nur einen Vergleich mit jenen Brafiliens und Monacos machen können. Für Männergaumen fchmecken diefe Ratafias oder andere Liqueure crêmes vielleicht zu füfs, weil wir gewohnt find, Liqueure nur unvermifcht zu geniefsen, aber unter der heifseren Zone nimmt man davon Etwas im Waffer zur Erfrischung der abgefpannten Nerven. Unter den reichlich ausgeftellten Affortiments erwähnen wir als von befonders lieblichem Aroma die Cremês von Melonen, Ananas und Erdbeeren der Firmen M antzarino Kolendis von Kephalonien und G. Solon& Pavlides von Athen, welche beid die Fortfchrittsmedaille für ihre Liqueurecrêmes, Wermuth und aus Wein g onnenen Cognac erhielten. - Ferner Euftach. Kokkinos von Korfu, A. Proconis von Kephalonien und Evangelos Louzis von Kephalonien, welchen ebenfalls für fehr feine Liqueurecrêmes die Verdienftmedaille von der Jury zuerkannt wurde. Es ift zu bemerken, dafs die Section C nur von fieben Ausftellern befekt wurde, und dafs man in Griechenland Branntwein von circa 50 Percent T. les nur aus Wein und aus Trebern in ganz reiner Qualität und billig erzeugt. Zeuge die Firma Apoftolopoulo, welche loco dort mit einem bis vier Francs die Flafche Cognac verkauft. Sehr billig find auch die Liqueure, welche wir von den erftgenannten Firmen mit zwei bis drei Francs per Flafche bezeichnet fanden und welche wir unferen Zuckerbäckern aufs Befte empfehlen können. - Türkei. Von 54 Ausftellern wurden Branntweine- hauptfächlich aus Wein und Trebern, weniger aus anderen Früchten und auch Weineffige eingefandt, welche als Producte des ländlichen Kleingewerbes für den Confum des civilifirten Europas nicht beftimmt fein können und gewifs nur im Lande ihren Abfatz finden. Egypten und Tunis. Aus dem erfteren Lande wurden fowohl Weingeift, Branntwein und Rum, als auch eine Probe von Effig- aus letzterem von Herrn von Morpurgo Branntweine und Effige von untergeordneter Qualität ausgeftellt. In jenen Ländern fehlt eben das Wiffen, um ihre mannigfaltigen Rohftoffe beffer zu verwerthen. Rumänien zieht auf einem günftigen Boden maffenhaft den Pflaumenoder Zwetfchkenbaum, deffen zuckerhaltige Früchte mindeſtens zur Hälfte zur Erzeugung von Branntwein verwendet werden, welcher als nationaler Schnaps. unter dem Namen Rakie im Lande confumirt wird. Es wurde von 27 Ausstellern eine reiche Auswahl diefes eigenthümlich aromatifchen Deftillates geboten, worunter fich einige von befferer Qualität durch forgfältigere Behandlung und Gegohrene Flüffigkeiten. 95 Ablagerung befanden, im Allgemeinen jedoch den gleichartigen Producten Ungarns nachftehen. Einzelne Verirrungen auf dem Gebiete der Liqueur- und Wermuthfabrication find entfchieden verwerflich, ebenfo der aus Getreide und aus Weintrebern hergestellte Spiritus. Japan. Die k. japaniſche Regierung hat uns unter Anderem auch den Beweis geliefert, dafs fie in der Erzeugung von gegohrenen Flüffigkeiten fchon Beachtenswerthes leiftet. Als Rohproduct wird hauptfächlich der billige Reis verwendet, aus welchem wir Branntweine, dann rectificirten Spiritus und Effig ausgeftellt fanden, welche zwar nicht tadellos, aber doch forgfältig bereitet waren. China hat nur einen, nach unferen Anforderungen, höchft primitiven Brennapparat ausgeftellt. Schlufsfolgerungen. Wenn wir den Gefammteindruck fchildern follen, den die Producte der gegohrenen Flüffigkeiten auf der vorjährigen Weltausftellung hervorgebracht haben, fo gelangen wir zur Ueberzeugung, dafs die Spiritusfabrication mehr und mehr den Standpunkt der Grofsinduftrie in Folge der wachfenden Confumtion einzunehmen beftrebt ift, und dafs wir diefem Umfchwunge auch die Fortfchritte zu verdanken haben, welche wir bei vielen der ausgeftellten Deftillate wahrzunehmen Gelegenheit fanden. Heute ift die Erzeugung von nahezu fufelfreiem Wohfpiritus von 90 Percent bis 95 Percent Tralles in den bedeutenderen Etabliffements an der Tagesordnung und von rectificirtem Sprit von 95 bis 98 Percent Tralles als nahe der Grenze des Erreichbaren zu bezeichnen. In diefer Richtung haben wir die erfreuliche Wahrnehmung gemacht, dafs die Ausfteller Oefterreichs fich ganz befonders und am meiften auszeichneten. ords Was die Branntweine von circa 50 Percent Tralles und darunter anbeIsangt, welche wegen ihres fpecififchen Aromas als beliebte Genufsmittel Verwendung finden, fo müffen wir in erfter Linie den franzöfifchen Cognac, dann den m, Arrak, Slivowitz etc. als vorzüglich der Mehrzahl nach, dagegen alle Nachahmungen refpective Fälfchungen als verwerflich bezeichnen. י Als neu und von volkswirthfchaftlicher Bedeutung müffen wir die Verwendung von Rohftoffen bei der Branntwein- und Spirituserzeugung hervorheben, welche die Brotfrüchte und Kartoffeln erfetzen und bisher zum grofsen Theil oder ganz nutzlos verloren gingen. Als befonders intereffant können wir die Deftillate Ivon der Mispel( Eryobotria japonica) und von einer Art Feigen( Opuntia ficus indica) aus Algerien anführen; aus Italien jene von Cactus opuntia, von Morus papyrifera und von Sorgho. Aus Schweden die Rennthierflechte, aus welcher man feit ein paar Jahren fchon circa 800.000 Liter Branntwein bereitet- ein Rohftoff, von welchem Schweden und Norwegen unerfchöpfliche Quantitäten befitzen, und der die bis jetzt verwendeten theueren Kartoffeln zu erfetzen Lerufen ift. Es fcheint uns Pflicht der Regierungen zu fein, folche Verfuche, befonders zu Zeiten der Theuerung von Brotfrüchten und Kartoffeln, durch geringere Befteuerung zu encouragiren und überhaupt die Alkoholgewinnung unabhängig von der Art und Weife der Steuererhebung zu machen, indem man das Product ( Deftillat) allein befteuert. Wo die Steuer vom Gährraum erhoben wird, können manche Rohftoffe, fo z. B. die Zuckerrübe, nicht mit gleichem Vortheil wie Kartoffeln oder gewiffe Getreideforten verarbeitet werden, wenn auch alle anderen 9 Verhältniffe dafür günftig wären. Auf die zahllofen ausgeftellten Liqueure übergehend, fo können wir darunter neue Erfcheinungen verzeichnen, welche in Bezug auf Gefchmack und 96 Dr. Eduard Schmidt. Gegohrene Flüfsigkeiten. Bouquet Nichts zu wünſchen übrig laffen. Wir meinen damit die Crêmes und Liqueure, welche in Brafilien, Griechenland und Monaco aus den feinften aromatifchen und lieblich fchmeckenden Pflanzenftoffen und Fruchtfäften bereitet werden, und den Gaumen der Feinfchmecker eine angenehme und billigere Abwechslung mit den bis jetzt allein dominirenden franzöfifchen und holländifchen Liqueuren bieten werden. In Bezug auf die Liqueure und Schnäpfe anderer Länder konnten wir bei mehreren einen Fortfchritt infofern wahrnehmen, als möglichft reiner Spiritus und beffere Materialien in Verwendung kommen und das richtige Verſtändnifs platzgreift, dafs man nur aus Deftillaten feine Liqueure erzeugen kann. Leider haben wir auch viele Verirrungen zu notiren und wünſchen im Intereffe der Confumenten, dafs fie in der Folge für immer damit verfchont werden. Effige zur Bereitung von Speifen, tadellos wie die franzöfifchen und italienifchen, haben wir nur eine befchränkte Anzahl vorgefunden. Unzweifelhafte Fortfchritte hat Oefterreich in der Bereitung von Speife- Effigen aus Wein gemacht, und können manche auf der Ausstellung mit den beften Erzeugniffen von Orleans in Parallele geftellt werden. Die weitaus gröfste Anzahl von Effigen war aus Branntwein oder Spiritus für induftrielle Zwecke erzeugt, und fanden wir darunter mehr qualitätmässige und billigere Producte, als wir bisher auf den Ausstellungen kennen gelernt haben. Als intereffant müffen wir noch eines Rübeneffigs gedenken, der einen ganz angenehmen Gefchmack und Geruch, daher einen Fortfchritt in diefer Fabrication bekundete. Zum Schluffe müffen wir unferen Bericht dahin refumiren, dafs wir auf der diefsjährigen Weltausftellung eine noch nie geahnte Quantität von gegohrenen Flüffigkeiten vorgefunden und darunter namentlich in der Spiritusfabrication bedeutende Verbefferungen und nachahmungswürdige Neuerungen conftatiren, welche wir den Landwirthen und nicht minder den Regierungen zum weiteren Studium empfehlen. Statiftik der Bierbrauereien für die Erzeugungsperiode 1871 bis 1872 das ift vom 1. September 1871 bis letzten Auguft 1872. Zahl der im Betriebe geftandenen Bierbrauereien, in welchen Gefammtzahl nach dem Steuerfatze per Eimer und Saccharometergrad)| An Verzehrungsfteuer wurde vorgefchrieben I. bei der Erzeugung b) in den gefchloffenen Städten für niederöfterreichifche Eimer Gulden c) über die Zollgrenze niederöfterreichifche Eimer II. bei der Einfuhr d) in die gefchloffenen Städte e) über Abzug der bei der Ausfuhr aus gefchloffenen Städten rückvergüteten Steuer im Ganzen für niederöfterreichiAusfuhr über die Zolllinie gegen Steuer- Rückvergütung Entfallender DifferentialSteuer 5) für niederöfterreichifche Eimer für niederfche Eimer Gulden per Eimer öfterreichifche Eimer Gulden à 42 ( Rubrik a, b, c, d, nach Abzug Mafs Gulden niederöfterreichiReftitutionsBetrag fche Eimer von e) Gulden Poftnummer 4,587.153 1,479.818 443.997 7,537.825 V10 kr. " 670.250 75.840 1,497.403 87.408 305 2.961 I fl. 8/10 kr. 1,280.477 1,290.721 88/10 kr. 102.825 90.692 " د" 408.504 457-492 93 1.762 5,914.610 1,385.528 389.625 7,817.578 7,284.585 1,567.226 443.997 7,995.317 38.632 43.537 359 400 59 7 I 56.044 56.830 1,946.824 " 43.960 46.826 5 453.122 506.884 16 دو 726.698 812.5456) " 134.575 193.439 935 9) 44/10 kr. 8.336 3.700 83.616 د, 43 1,848.439 453.138 853.872 72.816 1,993.650 506.884 1,002.284 3.961 511 4.721 572 83.616 6.511 6.937 910* 061 246.060 " 2 337.320 5 943.293 1,247.381 221.369 " 5 110.709 " 6.970 8.586 I 185.764 88.441 221.369 20 25 ΙΟ 119.295 6.147 46 " 2.826 " 1,586.159 2,628.474 688 6.805 1,401.761 184.398 2,339.105 289.369 6.371 494 1,280.477 1,209.959 70.518 1,290.721 1,219.638 71.083 III.161 124.000 94.392 264.017 20,219.947 14.670 296.243 22,776.517 118.923 2.690 8.606 148.705 3.508 I I 123456789022 I 233.857 10) 273.912 12.839 106.348 17,777.821 11.956 2,442 126 20,119.973 2,656.544 232.815 268.559 1.042 5.353 GefammtPoftnummer zahl der Brauereien in der Betriebsperiode erzeugt wurde der volle Gufs betrug die ganzjährige Steuer betragen hat OberzeugUnterzeugUnterzeugOber- und 25 25 50 75 IOO 150 200 IOO 500 IOOO 2000 3000 4000 5000 7000 unter über unter über bis bis 25 300 IOO 100000 50 75 IOO 150 200 300 500 1000 2000 3000 4000 5000 7000 IOOOO der in der Erzeugungsperiode 1871/1872 im Betriebe geftandenen Bierbrauereien IO II 1234567890123 I 1870/1871 A. Im Reichsrathe vertretene Königreiche und Länder. Niederösterreich Oberöfterreich Salzburg Böhmen. Bier niederöfterreichifche Eimer G u 1 d e n 115 109 265 277 34 32 46 II 60 153 42 67 67 3 52 9 522 321 I 5 6 I 1 959 251 51 899 52 99 37° 198 229 51 7 IO I 248 31 IOO 58 44 Mähren Schlefien Galizien Bukowina Steiermark Kärnten. 46 16 I 66% 62 3 27 21 7 6 4 2 255 125 17 55 77 43 5 35 63 104 58 14 2 81 76 24 43 150 7 69 4) 61 114 20 52 4 2 I II 9 I I 7 I 21 4242H 5 I 4 30 29 I 41 I I 7 80260680 15 16 15 6 II 6 1) 27 48 34 27 22 25 21 BC 31 I12 10 kr. 2) IO 13 5 II 6 7 69 147 93 88 68 IOI 186 153 16 29 34 27 18 26 23 9 7 7 5 29 49 50 36 16 II 17 45 6 17 نةة 35 269 " 9 67 " a) auf dem flachen Lande nach dem Steuerfatze per Eimer und Saccharometergrad 5) 4,066.403 1,306.727 389.532 für niederöfterreichifche Eimer Gulden 956 د" 7,407.312 64 249 1,804.474 " ΙΟ 65 "" 16 245 " I I 3 3 . 3 I 3 I5 " 72.773 I I 4 II II 22 39 25 21 15 I I I 8 53 IO 32 +3 4 4 11 3) 13 76 697.228 " 3 4 2 137 " 3 ΙΟ " Krain. I I I 3 د, Küftenland( ohne Trieft und Umgebung) 3 3 3 2 138 132 I 115 13 31 25 33 19 7 4 II I 133 5 Tirol und Vorarlberg Summe. 2.390 143 2.022 173 574 934 395 318 89 IO 8 Im Vergleiche mit den Ergebniffen der Erzeugungsperiode 1870/1871 per 164 2.000 226 603 984 372 321 88 8 9 95 44 248 198 378 278 207 152 211 282 339 2.337 64 226 271 424 279 206 152 225 271 272 2.390 21 ergibt fich in der Erzeugungsperiode 1871/1872{ weniger mehr • 21 53 53 29 50 23 I 2 4 . 50 3 I 20 . 3.09 I II 07 " 296.243 17,457.007 15,283.730 2,173.877 10,951.714 16,667.578 2,284.136 185.759 81.470 2.780) 263.329 14.670 28 23 23 46 I 14 • 53 B. Ungarn und feine Nebenländer. 14 Ungarn mit Siebenbürgen • 15 Croatien und Slavonien Summe. Im Vergleiche mit den Ergebniffen der Erzeugungsperiode 1870/1871 per. { mehr ergibt fich in der Erzeugungsperiode 1871/1872 weniger 13 252 10 kr. 23 871.036 47.290 13 275 918.326 1,025.149 54.439 1,079.588 10 kr. 265.270 312.509 265.270 312.509 12 277 625.590 716.108 637.340 789.595 I 292.736 363.480 2 372.070 477.086 32 6 9 T 38 62 . . 3 2 I 38 65 45 4 24 58 57 0555 40 29 29 8 5 4 2 ΣΗ 14 2 34 33 IO 50 21 18 88 15 I 14 2 16 57 I 13 I5 I 14 7 .2 12 2 16 00 . 2 I 3 256 58 161 33 121 II2 6 3 4 2 21 20 3 15 8 277 58 191 36 136 120 60 175 42 142 II3 II 4F 3 2 6 4 I 4 st 9 • 7 I 3 2 6 6 2 4 1,136.306 47.290 1,183.596 1,262.930 1,337.658 54.439 1,392.097 1,505.703 23.689 23.689 33.556 28.591 14 15 45 28.591 79.334 113.606 9.867 39.787 11.196 2 2 3 IT 2 20 ° I I 5 4 5 555 538 . T T I I 8 45.672 51.523 45.672 51.523 I 2 I 16 32.918 37 557 32.918 37-557 2 2 I I 24 78.580 89.080 78.590 89.080 I 4 - 27 67.311 66.486 67.311 66.486 2 3 I 11.279 22.594 II.279 22.594 . I 3 3 2 3 84 265 294 420 316 219 167 229 289 353 2.636 18,454.523 20,120.382 91 289 332 479 305 228 165 240 280 285 2.694 15,975.631 17,450.172 1,851.429 2,039.101 2,940.983 3,128.700 6.805 6.371 2 68 2,477.892 2,670.210 494 1,280.477 1,209.959 70.518 1,290.721 1,219.638 71.083 III.161 124.000 94.392 106.348 21,482.133 24,257.694 257.546 19, 108.062 2,374.071 21,692.162 2,565.532 266.371 302.503 308.346 II 9 7 24 38 I I 59 9 58 187.672 187.717 12.839 11.956 8.825 5.843 C. Militärgrenze. 16 Serbifch- banater Gebiet 17 Croatifch- flavonifches Gebiet Summe 9 18 27 16 00 C 8 Im Vergleiche mit den Ergebniffen der Erzeugungsperiode 1870/1871 per mehr 725 24 6 9 6 4268 3368 16 I . . I I I 3 2 I 5 . 8 . I5 ergibt fich in der Erzeugungsperiode 1871/1872 weniger 2 9 9 2 2 5 Hauptfumme. 2.694 201 2.226 209 726 1.060 405 321 Im Vergleiche mit den Ergebniffen der Erzeugungsperiode 1870/1871 per. ergibt fich in der Erzeugungsperiode 1871/1872 weniger 233 2.184 277 753 I.105 386 325 § mehr 42 19 28+ 94 IO IO 90 I2 18 4 655 32 68 27 45 4 2 8 1) Darunter 11 von 10.000 bis 50.000 fl., 7 von 50.000 bis 100.000 fl., 3 von 100.000 bis 200.000 fl., 5 von 200.000 bis 300.000 fl., 3 von 300.000 bis 500.000 fl. und 2 von 500.000 bis 1,000.000 fl. 2) Darunter 4 von 10.000 bis 12.000 fl., 15 von 12.000 bis 16.000 fl. und 16 von 16.000 bis 150.000 fl. 3) Darunter 8 von 10.000 bis 20.000 fl., I zwifchen 20.000 und 40.000 fl., I zwifchen 40.000 und 80.000 fl. und 3 über 100.000 fl. 4) Darunter 22 Steinbier- Erzeuger. 5) Einfchliefslich des aufserordentlichen Zufchlages. Gefetz vom 25. April 1869. 7) Darunter 10.955 fl. für die Bierausfchank in Iftrien und den dazu gehörigen quarnerifchen Infeln. 6) Nebft dem Steuerfatze ift noch ein Zufchlagsbetrag zu berechnen und einzuheben für Wien 1 fl. kr. von jedem erzeugten niederöfterreichiſchen Eimer zu 422 Wiener Mafs; dagegen für Prag, Brünn, Linz, Graz, Laibach, Lemberg und Krakau von jedem Saccharometergrade 410 Neukreuzer einfchliesslich des aufserordentlichen Zufchlages. Gefetz vom 25. April 1869. 8) Aufser Betrieb waren in Niederösterreich 13, in Oberösterreich 26, in Salzburg 1, in Böhmen 78, in Mähren 34, in Schlefien 16, in Galizien 14, in der Bukowina 5, in Steiermark 11, in Kärnten 28, in Krain 6, in Tirol und Vorarlberg ro, in Ungarn und Siebenbürgen 105, in Croatien fammt Slavonien 7, zufammen 354 Brauereien. Der Ertrag fcheint bei den Pachtungen einbezogen. 9) Die diefsfälligen Mengen und Beträge werden mit Ausnahme von Wien nicht befonders nachgewiefen. 10) An Steuer- Reftitution für das über die Zolllinie ausgeführte Bier wurde im Jahre 1872 in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern 296.104 fl. und in Ungarn mit Siebenbürgen 14.867 fl. gezahlt. Eingegangen find in Niederösterreich 3, in Böhmen 2 und in Schle fien 4. 16 17 A D 333 C C TMW- Bibliothek 0020920 5 00