OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. TAPETEN UND BUNTPAPIER. ( Gruppe XI, Section 2.) Bericht von DR. WILHELM FRANZ EXNER, Profeffor der mechanifchen Technologie an der Forftakademie in Mariabrunn, k. k. Regierungsrath. SCHREIB-, ZEICHEN- UND MALER- REQUISITEN. ( Gruppe XI, Section 3.) Bericht von IGNAZ NAGEL, Beamter der commerciellen Direction der k. k. priv. Südbahn in Wien. BUCHBINDEREI, CARTONNAGE UND MASCHINEN FÜR BUCHBINDER. ( Gruppe XI, Section 4.) Bericht von CONRAD BERG, Verlags- Buchhändler und Buchbinder in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. TAPETEN UND BUNTPAPIER. ( Gruppe XI, Section 2.) Bericht von DR. WILHELM FRANZ EXNER, Profeffor der mechanifchen Technologie an der Fortakademie in Mariabrunn, k. k. Regierungsrath. Die Weltausftellung hat ihre Aufgabe, ein treues Bild des dermaligen Zuftandes der Production und des Verkehres der Güter zu liefern, in Beziehung auf das fpecielle Fach: Tapeten- und Buntpapier nicht erfüllt. Bei der gröfsten Genügfamkeit wenn man fich felbft mit einer nur halbwegs vollſtändigen Darftellung diefer Induſtrie, wie fie die letzte Parifer Univerfalausftellung geboten hat, befcheiden möchte unfere heurige Expofition hätte uns, fo lange wir von diefem Zweige menfchlicher Betriebfamkeit fprechen, nicht befriedigen können. Einzelne charakteriftifche Züge für diefes und jenes Productionsgebiet - das ift Alles, was uns der Praterpalaft zur Schau brachte. Die Aufgabe des Reporters wäre eine leichtere, feine Vertrauenswürdigkeit eine erhöhte, wenn er ein erfchöpfendes Buch zu lefen und für das grofse Publicum kurz zu paraphrafiren hätte. Wir fanden aber in der Sammlung von Handfchriften, Urkunden und Büchern in der grofsen zeitgenöffifchen Bibliothek, als welche die Weltausftellung aufgefafst werden mag, nur eine Monographie über die polychrome Ausstattung der Papierfläche, welche ganze Abſchnitte nicht ent hielt, z. B. jenen über Mafchinen und Werkzeuge zur Tapetenfabrication, welche das Capitel Farbftoffe gar nicht von unferem Gefichtspunkte aus behandelte, und welches felbft in jenem Abſchnitte, deffen erfchöpfende Vollständigkeit uns am wünfchenswertheften gewefen wäre, nur einzelne Paragraphe darbot. Viele Blätter find herausgeriffen, auf den vorhandenen fehlen Zeilen, andere find verftümmelt, viele verdruckt. Der Abfchnitt, von dem wir fprechen, ift die Schilderung des fertigen Productes. Mühfam und freudenlos ift die Befprechung eines dermafsen verftümmelten Werkes. Man wird uns einwenden, die Reporterpflicht beftünde eben darin, Fehlendes zu erfetzen, die Bruchftücke zu einem harmonifchen Ganzen zu vereinigen und zur Befchauung fertig zu machen. Das hiefse in unferem Falle, bei der Gruppe XI, Section 2 zu einem Stück Hand, zu mehreren Stücken eines Fufses und zu einem Ohr mit etwas Backenknochen die übrigen Theile eines Standbildes formen. Ich brauche wohl nicht zu fagen, dafs ich diefs zu unternehmen nicht beabfichtige. Ich habe über die Schwierigkeit oder die Unmöglichkeit auf Grundlage der in der Ausftellung gemachten Wahrnehmungen einen zufammenhängenden I* - 2 Dr. Wilhelm Franz Exner. ordentlichen Bericht über die heutige Tapeteninduftrie und Buntpapier- Erzeugung zu liefern genug gefagt, und will nicht noch umftändliche Klagen über die Art der Aufftellung, mangelhafte Katalogifirung jetzt hinzufügen. Diefer Jammer herrfchte eben in jeder anderen Gruppe der Weltausftellung auch, und könnte füglich als Generaleinleitung aus den Einzelberichten herausgehoben werden. Die allergröfsten Gebrechen in diefer Richtung werde ich mir erlauben bei Gelegenheit der Detail- Befprechung hervorzuheben. Die Tapetenfabrication, das ift die auf mafchinellem Wege wandelnde Tapeteninduftrie, macht allenthalben, wo fie bereits entftanden ift, Fortfchritte, ohne irgendwo die Tapeten- Handmodeldruckerei vollſtändig zu verdrängen. Diefer feit dem Entſtehen der Tapetenwalzen- Druckmafchine fich entwickelnde Procefs hat keine Unterbrechung erlitten. Die Weltausftellung würde uns das zwar nicht lehren, wenn wir es nicht ohnehin wüfsten. Sie beftätigt immerhin an einzelnen Objecten die bekannte Thatfache. Die bedeutende amerikanifche Tapeten fabrication war auf der Praterausftellung nicht erfchienen, ja auch die englifchen Firmen, welche fowohl in Beziehung auf Quantum der Production als Niedrigkeit des Preifes Horrendes leiften, waren nicht vertreten. Auf der Parifer Ausftellung verblüfften die Engländer durch ihre Leiftungen die auf folches nicht vorbereiteten Concurrenten vom Feftlande. Diefsmal verfchmähten fie es ihre Suprematie zur Geltung zu bringen. Nur ein Symptom ihrer Exiftenz, von Vielen unbeachtet, von den Meiften nicht gewürdigt, wollen wir hier erwähnen, da wir ja leider keine Gelegenheit mehr haben werden auf England zurückzukommen. Bei der Expofition des berühmten Mufterzeichners Owen Jones war eine Suite Hand- und Mafchinendruck- Tapeten ausgeftellt. Letztere waren weitaus überwiegend. Billige und koftbare in bunter Abwechslung; mattfarbige franzöfifche Deffins, naturaliftifche und gefchnörkelte, viel mehr aber als folche vorzüglich gezeichnete ftiliftifche Tapeten, die ihre urfprüngliche Beftimmung als Surrogat edler gewebter Wandbekleidung nicht verleugnen. Alle Manieren der technifchen Behandlung fanden fich in diefem Cahier vor, fo zwar, dafs man fich einerfeits neuerdings über die Productivität Owen Jones verwundern mufste und andererfeits erkennen konnte, dafs die englifche Tapeteninduftrie Alles macht, was man nur verlangen kann. Owen Jones fcheint einen fehr grofsen Einflufs auch auf die Tapetenerzeugung zu nehmen, und diefs erklärt mir die auffallende Verbefferung der billigen einfachen Tapeten, die jedem aufmerkfamen Befucher Londons in den letzten Jahren auffallen mufste. Bis in die Souterrainräume der Hotels und in die Manfarde des Privathaufes dringt die gefchmackvolle fimple Mafchinentapete vor. Auf im Holländer gefärbtes Papier ein paar Farben durch Walzendruck gebracht, bilden den tadellofen Schmuck der Wohnräume felbft des minder bemittelten Londoners. Einige Tapeten der Owen Jones'fchen Sammlung hat der gefeierte Verfaffer der Grammar of ornaments offenbar blofs, um feine Vielfeitigkeit zu demonftriren, zur Schau geftellt; fie werden zu feinem Renommé wohl kaum beitragen, ja ein Anderer als Owen Jones dürfte fie kaum riskiren vor dem Urtheil Sachverständiger. Eine unftreitig ins Fach der Tapete gehörige Specialität mufs hier noch erwähnt werden. Es find diefs die von Pavy's Felted Fabrik erzeugten„ Japaneſe curtains& tapiftry",( Niederlagen: 51 Oxford Street London und 71 Upper ftreet, Islington, Fabrik 13 und 15 Hamfell Street, Falcon Square London) fälfchlich in der Gruppe V der englifchen Section exponirt. Die Japaner vermögen aus ihrem Bruffonetiapapier, Dank der langen Fafer und der filzähnlichen Structur* eine Menge von Dingen zu machen, zu welchen * Ich habe fchon im Jahre 1863 auf den für das japanifche Papier charakteriftifchen bartförmigen Rifs aufmerkfam gemacht. Tapeten und Buntpapier. 3 unfer europäiſches Papier gänzlich ungeeignet ift. Die Widerftandsfähigkeit des japanifchen Papieres gegen das Abbiegen ift eine ungleich gröfsere, als bei unferen Papieren. Das japaniſche Papier eignet fich daher vortrefflich zu Vorhängen, Draperien, Möbelüberzügen, Bettgehängen Blenden, Tapezierarbeiten überhaupt und zu anderen decorativen Zwecken. Man mufs nur das erfte Staunen über den Vorfchlag, eine Draperie aus Papier zu machen, überwinden und bei ruhiger Ueberlegung wird die Möglichkeit einer folchen Verwendung und die dabei zu erzielende Oekonomie einleuchtend fein. Unfere Vorfahren waren gewifs nicht minder frappirt, als ihnen zum erften Male der Vorfchlag begegnete, die gewebte Wandtapete oder das hölzerne Getäfel oder den Gobelin durch Papier zu erfetzen. Pavy's Fabrik hat fich nun offenbar dem von den Japanern gegebenen Beiſpiele folgend, darauf geworfen, mit Zuhilfenahme der der modernen Tapetentechnik zu Gebote ftehenden Effecte die Brocate von Lyon, die Repfe, Woll und Seidendamafte von Paris und Roubaix, den Mühlhausner Cretonne, die bedruckten. Zitze und andere zur Decoration dienende Stoffe in einem dicken, nicht brüchigen Papier zu imitiren. Die Papierprobe, welche ich mir verfchaffte, enthielt HolzHanf und Baumwoll- Fafer. Das Papier ift zumeift gauffrirt, hat auf beiden Seiten einen verfchiedenen Deffin, ift mitunter auf der rechten Seite reich vergoldet, und ift auf einige Diftanz von gewebten Stoffen nicht zu unterfcheiden. Bei Vorhängen Draperien und dergl. find die Ränder mit gefältelten Streifen aus demfelben Stoffe eingefafst und überhaupt die Behandlung eine ähnliche wie bei Geweben. Der Faltenwurf ift allerdings nicht fo reich, doch bemerkt das Auge diefs erft gewöhnlich, wenn der Beobachter durch andere Umftände die Täufchung inne wird. Die Idee, welche diefer Fabrication zu Grunde liegt, ift keineswegs neu; fo haben wir Möbelüberzüge aus lederimitirenden Tapeten fchon wiederholt bei früheren Ausftellungen gefehen; nur die Ausbildung der Idee in allen ihren Confequenzen, die glückliche Wahl der Deffins, die vortreffliche Technik find ein Verdienft Pavy's. Der kaum im Bau vollendete Jurypavillon, welcher noch fo feucht war, dafs die in demfelben ftändig befchäftigten Beamten viel unter diefem Umftande litten, enthielt einen Salon, welcher von Pavy mit feinem„ Patentfilz" decorirt war. Eine glänzendere Probe der Dauerhaftigkeit konnte das Fabricat nicht leicht ablegen. Die Ausftattung des Salons war eine völlig gelungene. Entfcheidend für die Verwendbarkeit des Pavy'fchen Stoffes ift der Preis. Ein Paar Vorhänge, welche Cretonne oder Wollenftoff vorftellen, koftet vollständig adjuftirt 6 bis II Shilling, ein Preis, der um Weniges die Koften der bloffen Tapeziererarbeit überfteigt. Luxuriöfe Seidenbrocate um den Preis von 100 bis 200 Gulden für ein Fenfter, kommen in der Imitation auf 5 bis 15 Gulden zu ftehen. Freilich ift die Dauerhaftigkeit gewifs weit mehr als 20 Mal fo gering bei diefen Imitationsftoffen. Es mag richtig fein, dafs diefe Papiervorhänge Contagien weniger fefthalten als gewebte Stoffe, dafs jene leichter vom Staube zu reinigen find und durch Rauch minder leiden; gewifs ift dafs man mit jenen leichter den Schwankungen der Mode folgen kann, und dafs man endlich bei ihnen das Wafchen und Spannen unferer weifsen Vorhänge erfpart. Bei dem Mangel an intereffanten Neuigkeiten ift wohl diefe ausführliche Befprechung hier gerechtfertigt. Freilich bietet fie keinen vollgiltigen Erfatz für eine ernfte Discuffion der dermaligen Leiftungen eines Jeffrey, Horne& Marsdon, Scott& Cutbertfon, Potter, Heywood, Higginbottom& Comp., Woollams, Land, Cooke, Kilie& Lochead u. f. w., welche fammt und fonders der Wiener Einladung widerftanden. Während in England der Walzendruck fo vorherrfcht( auch Pavy's Vorhangftoffe find mit Maſchinen gefertigt), dafs die Medeldruckerei dagegen von verfchwindender Bedeutung ift, fcheint fich in Frankreich das Verhältnifs beider Herftellungsmethoden nicht fo rapid zu Gunften der Mafchinenarbeit zu entwickeln. Von den fünf Jahren feit der Parifer Ausftellung find durch den Krieg wohl 4 Dr. Wilhelm Franz Exner. drei für die Entwicklung der meiften Induftriebranchen ganz verloren gegangen und man mufs fich billig wundern, dafs die Mehrzahl der Tapetenfirmen aufrecht dafteht. Die zwei grofsen Mafchinen- Tapetenfabriken Leroy und Gillou fils& Thorailler, über welche wir im Parifer Ausstellungsberichte und in dem Buche: die Tapeten- und Buntpapier- Induftrie, Weimar 1869, umftändliche Nachrichten veröffentlichten, find unfere Gäfte gewefen und haben die Producte ihrer Fabriken in einem Hofeinbau entfaltet. Die Mehrzahl der ausgeftellten Bahnen( Rollen) waren uns wohlbekannt. Das öfterreichifche Muſeum für Kunft und Induftrie befitzt die beften Mufter diefer Fabriken durch meine Vermittlung vom Jahre 1867 her. Der Fortfchritt, den die Mafchinentapete in ihrer Concurrenz mit der Handdruck- Tapete macht, ging indeffen auch aus diefen Expofitionen hervor. Die furchtlofe Anwendung von fatten, tiefen Farben, welche man anfänglich der Mafchine nicht zumuthen konnte, die ftets delicater und fubtiler werdende Zeichnung auch bei den Deffins, die man der Walze anvertraut, rauben der Modelldruckerei von Tag zu Tag mehr von ihrem bisher privilegirten Territorium. Ifidore Leroy ftellte heuer ein Décors mit Figuren( im Mittelfeld zwei Frauengeftalten, in den beiden Seitenfeldern Engelgruppen, aufserdem Fruchtkörbe und dergl. mehr) exécuté à la mécanique aus, das techniſch gewifs tadellos war. Gillou Sohn und Thorailler haben mehrere Arbeiten, bei denen Hand- und Mafchinenarbeit zufammenwirkten, exponirt. Ein Stück davon war wohl geeignet, Auffehen zu erregen. Eine Teppichimitation von täufchender Naturähnlichkeit. Die Veloutage ift dabei auf die höchfte Stufe gebracht. Die Firma producirte diefsmal neuerdings die bekannte Decoration mit den von Dumont meifterhaft gemalten Hafen. Die beiden Firmen find wohl auch heute noch in Beziehung auf Grofsartigkeit des Betriebes die erften in Paris, und fomit von den bedeutendften in der Welt. Auch fie machen Anläufe zur Befferung in den Deffins, ich will fagen, zur Abwendung von der Phantafie und von der grob- naturaliftifchen Tapete. Sie werden das franzöfifche, Genre" aufgeben, hiezu ihre fortfchreitende Technik und fie bleiben die Meifter in ihrem Fache. Die Parifer Luxustapeten- Manufactur war in Wien hinlänglich vertreten. Einige der älteften Häufer fehlten freilich, wie Desfoffé, welcher allerdings auch 1867 nicht ausftellte, und fich, wie es demnach fcheint, nicht mehr um den Lorbeer, der bei Expofitionen zu erringen ift, kümmert. Diefe Firma cultivirte in den erften fechziger Jahren die Herftellung von Hiftorien- und Genrebildern mittelft Modeldruck. Wir fchmeichelten uns, diefe Mode fei aufgegeben. Wir hofften, dafs man figuralifche und landfchaftliche Darftellungen, nur infoferne man fie ornamental verwendet, in Zukunft zulaffen, und darauf verzichten werde, ein Surrogat für Wandgemälde zu liefern. Die technifchen Hinderniffe find und bleiben unüberwindlich. Auch des Plaidoyer eines vielerfahrenen und gefchätzten Tapetendeffinateurs( Friedrich Fifchbach. Deutfche Zeitung vom 10. September 1873) vermag uns nicht umzuftimmen. Wir faffen die„ gedruckten" Tapetenbilder als eine Verirrung auf, ebenfo wie die geftickten Portraits und dergleichen mehr und bedauern, dafs die, wie uns fchien, endgiltig aufgegebene Verirrung in Wien wieder auftauchte. Die ausgezeichnete Tapetenmanufactur von Hoock frères in Paris hat uns mit der Darstellung einer Hoffcene in einem Park überrascht. Der ganzen Darftellung hilft es wenig, dafs fie grau in grau durchgeführt wurde. Die Bahnen paffen nie genau, die Formen find hart, wie die Schattirung in Tönen. Das Befte davon ift noch die Architektur, welche die Bilder umrahmt. Die Wappen mit Lilien fcheinen uns nicht nur als zeitgemäfser Schmuck für jene Architektur, fondern auch als Signatur für die Zeitftrömung in Frankreich vor der Ausftellung 1873 dienen zu können. Entworfen ift das ganze Panneau von dem Künſtler DumontDie von demfelben Meifter für 1867 componirte Decoration im Stil Louis XIV. hatte vielmehr Berechtigung und war auch weit beffer gelungen. Die Skizze Tapeten und Buntpapier. CT 5 hiezu war übrigens auch dem Publicum der Wiener Weltausftellung nicht vor enthalten, denn Dumont erfchien als Ausfteller in der Gruppe XII und hatte dabei auch jenen Entwurf zur Anficht gebracht. Die übrigen Objecte der Firma Hoock machen dem alten Rufe des Haufes alle Ehre und namentlich die ,, Articles de ftile", wenn fie es auch nicht immer ganz buchftäblich genommen. find, fanden unferen vollen Beifall. Mehr noch als Hoock mit feinen grauen Hofleuten und Parkfernfichten machte die Seide- und Goldglanz ausftrahlende Expofition des P. Balin Auffehen, welche an bevorzugter Stelle in der Hauptgallerie Platz gefunden hatte. Balin hat eine reichhaltige Suite äufserft luxuriöfer Wandbekleidungs- Mittel gebracht. Geprefste Ledertapeten und imitirte Ledertapeten mit Deffins aus der beften Zeit, echte Seidentapeten, bedruckte Seide, bedruckte, billige Gewebe und Papiertapeten. - Wenn es uns auch bedünkt, dafs die Behandlung eines e dlen Materiales mit einem Druckmodel doch immerhin übers Ziel gefchoffen ift und die eben fo ift möglichen niedrigften Preife noch viel zu hoch find für ein Surogat dagegen das Bedrucken billiger Stoffe oder das Aufziehen des bedruckten Papiers auf Gewebe eine Technik, die volle Berechtigung hat. Herr Balin fagt felbft:„ Le deffous de ce papier eft remplacé par une cretonne ou tout autre étoffe bon marché, lorsque une plus grande souplesse eft désirable", und wir glauben, dafs man ihm beipflichten mufs. Nach dem von Balin ent wickelten edlen Luxus möchten wir fchliefsen, dafs er heute wirklich in theuren Artikeln, fowohl was Gefchmack als Technik anbelangt, allen anderen franzöfifchen Tapetenfirmen voranfchreitet, in Wien hat er fie gewifs alle gefchlagen. Lhoeft Paul in Lüttich mag hier im Anfchluffe an Balin abgehandelt werden, da auch diefe Tapetenfabrik gewebte, mit Modeln bedruckte Stoffe exponirte. Die Firma Lhoeft bediente fich jedoch hiezu nicht koftbarer, fondern nur ganz ordinärer Gewebe, einer Art von ungebleichter Leinwand oder Jute, und erzielte hiebei mit einfachen Deffins ganz hübfche Refultate. Diefer Artikel zur inneren Auskleidung von hölzernen Häufern, Gartenpavillons und dergl., wie es fcheint, beftimmt, mag auch zum Comfort in folchen Räumen wefentlich beitragen. Der Artikel fand, wie ich annehmen mufs, zu wenig Beachtung; freilich waren gerade diefe Objecte in der fonft anziehenden Expofition Lhoeft's nicht fehr auffällig placirt. Lhoeft hat, obwohl deffen Etabliffement eines der älteften ift, es beſteht feit 1789, nie an einer Ausftellung Theil genommen und hat fich in Wien bei diefem erften Debut als fehr leiftungsfähig erwiefen. Auiser den gewöhnlichen Papiertapeten und dem oben befprochenen neuen Artikel hat er auch Stoff- und Lederimitationen, die in Belgien überhaupt fehr gepflegt werden ( namentlich von Dulud, der in Wien fehlte) und endlich fehr gut gauffrirte Mufter zur Anficht gebracht. Lhoeft war uns eine angenehme, neue Bekanntfchaft.* Obwohl wir hier in der Befprechung der franzöfifchen Ausfteller die Erwähnung einer belgifchen Firma eingefügt haben, fo ift diefs nur eine Unregelmäfsigkeit in Bezug auf die politifchen Landesgrenzen, an die wir uns ja bei der Anordnung des Stoffes nicht fklavifch zu halten brauchen. Im Wefen ift die belgifche Tapeteninduftrie eben am meiften verwandt, ja fie ift identifch mit der franzöfifchen. Fahren wir nun in der Befprechung der franzöfifchen Abtheilung fort, fo haben wir noch eine Fabrik von Modeldruck- Tapeten zu erledigen, es ift diefs jene von F. Follot. Diefe Firma brillirte durch ihre Veloutés. Nicht nur ein in vollendeter Feinheit ausgeführtes Panneau von orangegelber Farbe, fondern auch * Lhoeft war der einzige belgifche Ausfteller der 2. Section Gruppe XI, infofern wir von der Spielkarten expofition von Daveluy- d'Elsoungne abfehen. Die Mafchinentapeten von Rutten in Meftricht bekamen wir leider auch diefsmal nicht zu fehen. 6 Dr. Wilhelm Franz Exner. eine reiche Suite von verfchiedenfarbigen, nicht deffinirten Scheerwoll- Tapeten feffelten uns. Technifch war diefe Ausftellung fehr beachtenswerth, namentlich für die deutfchen und öfterreichichen Fabrikanten, welche, wie man wohl annehmen darf, in diefem Artikel noch immer die Parifer als ihre Lehrer betrachten müffen. Der franzöfifche Katalog führt in diefer Section wohl noch mehrere Firmen auf, welche aber nach unferer Auffaffung hier nicht in Betracht kommen. Es find diefs entweder Zimmermaler oder Lithographen. Die Rollvorhänge für Fenster will ich aber am Schluffe meines Berichtes in einem eigenen Capitel abhandeln. Dagegen enthielt die Gruppe XII, graphifche Künfte, mehrere Ausftellungen, die wohl einer kurzen Erwähnung an diefer Stelle gewürdigt werden müffen, da fie im engften Zufammenhange mit der Tapetenbranche ftehen. Jene Künftler, welche fich mit der Erfindung von Tapetendeffins vorwiegend befaffen, haben fich ziemlich zahlreich eingefunden. Soll ich hier nochmals fagen, was hundert und hundert Mal über die Parifer Deffinateure gefagt wurde. und von competenten Perfönlichkeiten? Nicht überflüffig dürfte es dagegen fein, zu bemerken, dafs es ein Fehlfchlufs wäre, aus jener Abtheilung der Gruppe XII, die wir als Tapetendeffins herausheben, über den heutigen Zuftand der Parifer Schule zu urtheilen. Alle diefe Deffins, die uns mit ihrer reizenden Detailbehandlung, mit ihrer einfchmeichelnden Eleganz trotz unferer befferen Einficht von den richtigen Principien der Wohnungsdecoration fo fehr feffeln, unter denen fich aber hie und da auch fehr ftilreine. edle Entwürfe befinden, gehören fammt und fonders mit verfchwindend wenig Ausnahmen der Periode vor dem Kriege an. Jedem Fachmanne find die von Potter, Snape, von Royer mittelft Walze, die von Riottot& Pacon, von Dumonceau& Fleury, von Rob.& Bernh. Sieburger mittelft Model ausgeführten Deffins von Boucherat wohl bekannt; Dumont's Farbenfkizze haben wir fchon früher erwähnt, durch ihn ift auch Zuber in Rixheim, der als Ausfteller fehlt, mit einem reizend componirten Décors in den Praterpalaft eingeführt;- auch die von Troublé vorgeführten Compofitionen theils naturalifchen theils ftiliftifchen Gepräges, welche wir von Gillou fils& Thorailler, Leroy Joffe, Dumonceaux, Riottot u. A. zumeift ,, à cilindre" in den letzten fechziger Jahren ausgeführt fahen, konnte man in jeder Tapetenhandlung finden. - Die mächtigfte Rivalin der franzöfifchen Tapeteninduftrie erſchien in der Wiener Ausftellung in ganz unerfreulicher Weife verzerrt, zerftückt und verdunkelt. Wenn man den Inftallateuren der deutfchen Commiffion einen Preis ausgefetzt hätte, das allerdings nicht fehr reiche Material zur Darstellung der Leiftungsfähigkeit Deutfchlands in feiner Wirkung zu vernichten die betreffenden Organe hätten nichts Gröfseres leiften können. Der deutfchen Tapeteninduftrie, die ich fo fehr fchätze bin ich fchuldig, ein Uebriges von diefem Mifsftande zu fagen: - So hat man erftens einen Theil der Tapeten in dem Separatbau, der die Gruppe XI zum gröfsten Theile enthielt, untergebracht, einen anderen Theil in der Gallerie 8B in der Gruppe VIII. Dann hat man fowohl dort als da auf die Beleuchtung keine Rücksicht genommen. Im Annex waren die Tapeten in grellem, fenkrecht auffallendem Lichte, viel zu hoch für den Befchauer, in der Gallerie als Hintergrund von Möbeln in fpärlich beleuchteten Räumen poftirt. Auf die Umgebung, die Farbe der benachbarten Gegenftände und Flächen wurde nun gleichfalls gar keine Rückficht genommen. Dafs unter folchen Umftänden von einer Gefammtwirkung und von einem zur Geltung kommen der ganzen Induftrie keine Rede fein kann, ift einleuchtend; dais aber auch das Intereffe der einzelnen Ausfteller fchwer gefchädigt wurde, ift begreiflich Einzelne Ausfteller zogen es vor fich gänzlich vom Schauplatze zurückzuziehen; man kanns ihnen wahrlich nicht verargen. Ueberdiefs war auch A Tapeten und Buntpapier. 7 fchon die Betheiligung der Firmen keine impofante, denn die Tapetenfabrikanten haben bei der herrfchenden Methode des Vertriebes ihrer Producte kein fo vitales Intereffe an den Ausftellungen als eben andere Induftrien. Alles diefes zufammengenommen, führte die fchon bei den einleitenden Bemerkungen hervorgehobenen Uebelftände in der deutfchen Abtheilung auf den Calumationspunkt und wahrhaft mit fauerer Miene gehe ich daran, die Ehre der deutfchen Tapeteninduftrie an der Hand des in der Ausftellung Gebotenen zu„ retten". Die gröfsten Etabliffements Deutfchlands: Flammersheim in Köln und Engelhard in Mannheim, deren Abwefenheit in Paris wir fchon lebhaft bedauerten, liefsen fich auch nicht verleiten nach Wien zu kommen, wo fie fo viele Freunde und Kundfchaften haben. Von tonangebenden Firmen waren nur C. Hochftätter & Söhne und C. Herting in Einbeck( bei Hannover) erfchienen.** Bemerkens werth war noch aufserdem die Betheiligung der kleinen Fabriken von G. Hitzfchold in Dresden, Stolberg& Comp. in Hannover und W. Schmidt in Colmar. Die feit dem Jahre 1846 beftehende Fabrik von C. Hochftätter& Söhne brachte zwei Decorationen, von denen eine Auguft Hochftätter, die andere Fr. Fifchbach gezeichnet hatte. Letztere im hellen blauen Grundtone ift charmant componirt, nur fcheinen mir die Borduren etwas überreich ausgefallen zu fein. Eine andere Decoration vervielfältigt den Reichsadler. Im Allgemeinen kann man wohl die Hochftätter'fchen Leiftungen als den Typus jener der mittleren und kleinen deutfchen Fabriken, die fich dem beffernden Einfluss der architektonifchen Beftrebungen der Gegenwart hingegeben haben, anfehen. Ohne in der Technik an die erften Parifer Firmen hinanzureichen, leiften diefe Etabliffements Zufrie denftellendes und Anftändiges. Der Fortfchritt in den Deffins im künftlerifchen Sinne, die zunehmende Emancipation von Paris ift unverkennbar. In technifcher Beziehung ift ein wefentlicher Fortfchritt im Allgemeinen nicht erkennbar. Der Abfatz ift ein befriedigender. Herting hat uns wieder verfchiedene Anwendungen des von ihm cultivirten Metallglanzes gezeigt. Wir haben fchon bei anderen Gelegenheiten den ftrebfamen Fabrikanten vor einem Zuviel in der fehr verwendbaren Technik des Metallglanzes gewarnt. Und richtig hat Herting auch diefsmal wieder etwas zu viel des Guten gethan, z. B. in dem Panneau mit neun Blumenfträufsen. Dagegen wollen wir gerne anerkennen, dafs diefe Herting'fche Manier in anderen Stücken wie z. B. den Borduren von ftilifirten Cactusblüthen auf pompejanifch rothem Fond einen herrlichen Effect macht; fie gehören zu dem Beften, was wir gefehen haben. Die Fortfchrittsmedaille hat fich Herting jedenfalls ehrlich verdient. Die minder belangreichen Fabriken haben fich fehr anftändig aus der Affaire gezogen, fo G. Hitzfchhold in Dresden und Stolberg& Comp. in Hannover mit fchönen gauffrirten Tapeten( letztere Fabrik pflegt mit Verftändnifs und Erfolg den altdeutfchen Stil und macht auch feine Borduren), V. Schneider in Colmar mit einem Panneau von pompejanifch rothem Grunde, eine fchwebende Frauengeftalt, fogenannte„ Porzellanimitation"(?) für Speife- und Badezimmer u. f. w. Alles andere verdient wohl nicht lobend hervorgehoben zu werden. Von Holzimitationen, mit welchen fich in Deutfchland viele Fabriken befaffen, war auch Mancherlei zu fehen, Gutes und Schlechtes. * Welche ftiefmütterliche Behandlung die Papiertapete überhaupt feitens der deutfchen Commiffion zu leiden hatte, beweift auch unter Anderem, dafs in der, fo weit ich urtheilen kann fonft fehr gut gefchriebenen Einleitung zum deutfchen Kataloge die Papiertapeten mit dem Satze abgethan find: ,, Papiertapeten insbefondere werden in Heffen, Rheinland, Franken und Thüringen verfertiget." Welch' rührende Einfachheit! In dem einleitenden Kopf zur Gruppe XI find die ,, Tapeten" aber ganz unbeachtet geblieben. Wenigftens konnte da keine Unrichtigkeit unterlaufen. ** Herting war der einzige deutfche Ausfteller 1867. 8 Dr. Wilhelm Franz Exner. Alexis Scheden fack jun. unterhält in Sondershaufen eine feit 1800 beftehende kleine Werkftätte für Tapeten zur Holz- und Marmorimitation. Einzelne von ihm zur Ausftellung gebrachte Mufter find recht gut, Einzelnes dagegen zeugt von mangelndem Naturftudium oder unzulänglicher Gefchicklichkeit. Imitationen müffen täufchend fein, fonft verlieren fie gänzlich ihre ohnehin problematifche Berechtigung. Die Markftrahlen bei dem Scheden fack'fchen Eichenholz find riefig, ich fah nie Aehnliches. Dennoch find trotz diefem oder jenem Gebrechen diefe anspruchslofen Meifter noch immer rühmlicher, als wenn eine jüngere und gröfsere Unternehmung uns mit folchen Dingen heute noch tractirt, wie von Moock in Crefeld. Unter der Verficherung, dafs feine Papiertapeten von natürlichem Holze abgeprefst feien, bietet uns diefe Firma das abgethane und abgefchmäckte HolzwürfelMufter, das uns durch feine Unfterblichkeit zur Verzweiflung bringt. Diefe auf eine Ecke geftellten, neben einander gelagerten Würfel, möglichft plaftifch dargeftellt, über die man fortwährend zu ftolpern meint, wenn fie im Parquet dargestellt find, als Wanddecoration! Kann es etwas Anheimelnderes geben? Man wird fich in refpectvoller Ferne von den Wänden halten. Könnten wir doch hiemit alle Zeichenlehrer der Welt befchwören, auf diefes aus dem regulären Sechseck durch drei Radien entſtehende Würfelbild für immer zu verzichten. Von Seidenarbeitern und Kürfchnern aber fahen wir auf der Wiener Weltausftellung diefes finnige Ornament" verwendet. Geradezu fchauerlich war aber, und vielleicht das entfetzlichfte in ,, Gothik", der Salon und das Cabinet, welches ein ficherer B. Boos in Baisweil bei Kaufbeuren( Baiern) nach Wien zu fenden für gut fand. Die deutfche Coinmiffion hat damit gewifs einen Fehlgriff gethan, fo etwas zur Ausftellung zuzulaffen. Mitleid erwecken ift ja doch nicht Aufgabe der Ausftellungen. Diefer Herr Boos macht auch Naturholz- Tapeten". Wenn er fich doch darauf befchränkte! Diefer Artikel, von Vielen neuerdings wieder auf den Markt gebracht, hat, obwohl eben fo oft auch wieder vom Markte verfchwunden, doch eine gewiffe Berechtigung und Zukunft. Aber nein, Herr Boos will mehr leiften. Er bietet feine acht Arbeiter auf und erzeugt in Oelfarben- Druck auf Papier, alfo wafchbare„ holzartige Zimmerverzierungen" und vereinigt diefe zu einem gothifchen Cabinet, ftellte fich in Gruppe XIX auf der Weltausftellung und rechnete auf Ehre und Gewinn. Der Mann fetzte den Preis mit 200 Reichsthaler, alfo auch noch fehr hoch an. Er wird wohl bitter enttäufcht fein. Solche Erfcheinungen wurzeln im mangelhaften Unterricht. Derartig geleitete Werkstätten foll es nirgends geben, auch in Baisweil bei Kaufbeuren nicht. Es bleibt uns nun kein Raum mehr von den ziemlich guten Holz- und Marmortapeten Oudin's zu fprechen. Was die Deffinzeichner anbelangt, fo find diefe in Deutſchland leider noch lange nicht eine fo gefeierte, begehrte und gut bezahlte Gefellſchaft wie in Paris. Die Architekten beforgen die meiſten Original deffins für deutfche Fabriken. Es ift mir ein Vergnügen, bei diefer Gelegenheit der Leiftungen von Gropius, Heyden und Anderer in dankbarer Anerkennung zu gedenken. Gröfsere Fabriken halten eigene Zeichner oder beftellen auch bei Malern und Künftlern überhaupt Deffins. Die Frage ift unentfchieden, welche Methode die beffere ift, ftändig angeftellte Zeichner oder Beftellung von Deffins ab und zu bei felbftändigen Künftlern. Ich möchte um fo weniger Partei ergreifen, als die Ausftellung kaum Anhaltspunkte für eine Entfcheidung bot. Wohl liefs aber die Gruppe XII darüber das Urtheil zu, dafs die Qualification der verfchiedenen Ateliers für kunftgewerbliche Entwürfe über ein fehr verfchiedenartiges Capital an Genialität und Schulung * Der ganze Umfatz diefes Gefchäftes betrug 1873: 3500 Thaler, wie viel ift davon Gewinn, und mit wie viel participirt daran ein Arbeiter? Tapeten und Buntpapier. 9 disponiren. Unter den drei bis vier Ausftellern diefer Kategorie, welche die Prätenfion machen die Tapeteninduftrie zu unterſtützen, ragte Fr. Fifchbach, jetzt Lehrer an der königlichen Akademie in Hanau, auffallend hervor. Seine Productivität an guten Entwürfen ift eine wahrhaft erftaunliche. Er hat eine helle Schaar von Kindern feiner Mufe in der Ausftellung verfammelt. Hochftätter, Joft, Herting und viele Andere drucken Tapeten nach feinen Deffins, er felbft gibt ein Album für Wohnungsdecoration heraus, und verlegt lithographirte Plafondrofetten, Blätter und andere Decorationsmittel. Friedrich Fifchbach in allen Gaffen und nirgends etwas Banales, Reizlofes. Man dankt feine Production der Aufnahme von Ideen und Eindrücken während feines Wiener Aufenthaltes, und wir würden bedauern, ihn in Hanau fich gänzlich ausgeben zu fehen. Ein Künftler von folcher Schaffensluft mufs in einem Kunftcentrum leben, wo er auch ftets lernt und nicht blofs immer lehrt. Das Kapitel der Händler ſpielt in der Tapetenbranche keine kleine Rolle. Die Händler find nämlich nicht blofs Kaufleute, fie nehmen einen Einflufs auf die Production felbft. Durch ihren engeren Beruf im fortwährenden Verkehr mit dem Bedarf, genau bekannt mit der Abfatzfähigkeit der Producte, greifen fie felbft ein, beftellen eine Zeichnung bei diefem oder jenem Künftler, laffen die Tapete in diefer oder jener Fabrik ausführen, welche am meiften gerade für die Durchführung des Entwurfes geeignet ift, und fetzen dann die Tapete, auf welche fie eigenthumsberechtigt find, in den Handel. Solche Kaufleute haben, wie gefagt, einen Einfluss auch auf die Fabrication, der nicht zu unterfchätzen ift. Hiezu kommt noch, dafs die eben befprochene Stellung des Händlers oft auch kleinere Fabrikanten einnehmen, oder umgekehrt, dafs der Händler ein kleines Atelier befitzt. Ob nun der Händler oder der Fabrikant vorwaltet, wer möchte diefs entfcheiden? Nach diefer Erwägung mufs man zu dem Schluffe kommen, dafs die Ausfchliefsung der Händler von einer Weltausstellung fchwerlich ein unanzweifelbar begründetes Princip involviren würde. Die Weltausftellung foll alle Richtungen der menfchlichen Arbeit zur Geltung bringen laffen. Ganz verfehlt fcheint es uns aber, einmal zur Ausftellung zugelaffene Firmen, wenn fie fich felbft als Händler bekennen, für ihre Ehrlichkeit zu beftrafen, und von der Concurrenz um eine Prämie auszufchliefsen, wie es gefchehen ift. Wie viele Firmen find eben Händler pure et fimple, haben nicht einmal jenen oben gefchilderten Einfluss und jenes Verdienft die Provenienz der Waare läfst fich nicht nachweifen, und fie werden prämiirt. Händler mit Tapeten, wie Ph. Haas in Wien, Rommel in Berlin, Jean Jo ft in Offenbach am Main und Frankfurt, Lucius in Wien, verdienen unfere volle Anerkennung, wenn fie auch, wie die beiden letzten bei C. Hochftätter nach Fifchbach'fchen Deffins mit Modeln von C. Bufs arbeiten laffen. Es war eine Ungerechtigkeit, wie ich glaube, die Händler aus- zufchliefsen. Ich wende mich nun einem bisher unberührt gebliebenen Theile des deutfchen Tapetengewerbes zu, nämlich jenem, der innerhalb der öfterreichifchen Reichsgrenzen feine Stätte aufgefchlagen hat. Die Expofition öfterreichifcher Tapetenfabricate war an einem Punkte vereinigt. Abgefehen von diefer Concentration kann man jedoch der Aufftellung in einem fpärlich erleuchteten eingedeckten Hofe" wenig Rühmliches nachfagen. Die an fich löblichen Anftrengungen unferer heimifchen Firmen hätten durch richtigere Inftallation viel wirkfamer gemacht werden können. " Das ältefte und wohl heute noch bedeutendfte öfterreichifche Tapeten. gefchäft ift jenes von Spoerlin& Zimmermann in Wien. Es fei mir geftattet in der Befprechung des gegenwärtigen Zuftandes des öfterreichifchen Tapetengewerbes innezuhalten und auf das hinzuweifen, was über die Gefchichte diefes Induftriezweiges aus Anlafs der Wiener Weltausftellung bekannt gemacht wurde. 10 Dr. Wilhelm Franz Exner. Die öfterreichifche Abtheilung der Wiener Weltausftellung zeichnete fich bekanntlich auch dadurch aus, dafs fie in Durchführung des Programms für die additionelle Ausftellung: Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen, ein hochintereffantes, reichhaltiges hiftorifches Material fammelte, das bei der Berichterftattung nicht unbenützt bleiben follte. Das unter dem Titel:„ Beiträge zur Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen Oefterreichs" bei Braumüller verlegte, von der Generaldirection herausgegebene Werk enthält ein Kapitel: Papierinduftrie, verfafst von dem bekannten fleifsigen Fachmanne Ignaz Nagel. Er hat mit unvergleichlichem Fleifse und mit wahrer Liebe zur Sache auch die erften authentifcher Nachrichten über die öfterreichifche Tapetenmacherei gefammelt. Bei diefer Gelegenheit mufste er der Verdienfte Spörlin's gedenken und die Erfindung des Irisdruckes befprechen. Die additionelle Ausftellung ehrte das Andenken Spörlin's, indem fie in die Gallerie berühmter Oefterreicher das Porträt Spörlin's aufnahm. Sowie diefe additionelle Ausftellung unter ihren 5000 Objecten nicht Eines enthielt, das für die technifche Entwicklung ohne Bedeutung gewefen wäre, fo war aber auch kein Zweig der öfterreichifchen Production ohne Zeugniffe aus den letzten hundert Jahren feiner Gefchichte geblieben, ein Umstand, der freilich der grofsen Maffe der Befucher entging und auch von„ Berufenen" aus Unkenntnifs, oder Oberflächlichkeit verkannt wurde. Für das Kapitel Tapeten, mufsten alfo auch werthvolle Belege zur Gefchichte vorhanden fein, foll mein Lob der additionellen Ausftellung berechtigt erfcheinen. Und fo war es auch. Eine Suite von Tapeten aus den erften zwei Decennien hatte Herr Victor Zimmermann, der gegenwärtige Chef der obgegenannten Firma zur Verfügung geftellt. Die vom Kaiferreich in alle Theile Europas getragene Mode, grufeligen Angedenkens, war auch in diefen Tapetenmuftern zu erkennen. Die erften Anfänge des Irisdruckes gewifs fehr merkwürdige hiftorifche Objecte, an denen die fchon damals erlangte technifche Sicherheit bemerkenswerth ift, waren vertreten. Das Modell des Irisdruck- Apparates und die von Spörlin& Rahn verbefferte Vorrichtung zur Aufpreffung der Model auf das Papier war vorhanden. Welcher Contraft zwifchen den im Jahre 1809 gedruckten Spörlin'fchen Tapeten, damals wohl die einzigen, die in Oefterreich erzeugt wurden, und den heute ausgeftellten Wanddecorationen derfelben Firma, die wohl ebenfo, wie jene vergilbten alten Mufter damals, auf der Höhe der Zeit ftehen. Die oftgenannte Firma hat zwei, wie ich glaube, von Ferdinand Lieb in Wien gezeichnete Decorationen ausgeführt, welche der Hauptfache nach fehr gelungen find. Die Lambris bei der Decoration im deutfchen Renaiffanceftile fcheinen mir etwas zu wuchtig und maffig, die gewundenen Säulen nicht gerade unentbehrlich zu fein. Der Eindruck, den das Ganze machte, war ein fehr guter, die materielle Arbeit vortrefflich und zwar fowohl die Veloutés als die Drucke. Eben fo günftig mufs das Urtheil über die Decoration im italienifchen Stil lauten. Für weit wichtiger als die Decoration halte ich indeffen die ausgeftellt gewefenen Mufterbücher, welche ein fehr erfreuliches Bild von der Thätigkeit der Firma geben, die es bis zu einem Confum von jährlich 250.000 Pfund Papier gebracht hat. Robert und Bernhard Sieburger in Prag, eine Firma, welche fo wie die früher befprochene auch im Auslande, einen, in nicht unbeträchtlichem Export zum Ausdruck kommenden guten Namen befitzt, hat ebenfalls einen bedeutenden Aufwand gemacht und grofs ausgeftellt. Mit Recht wählte die Firma ihre Eiſen bahn- Karte zum Mittelpunkte der Expofition. Es find diefe Eifenbahn- Karten eine Specialität der Prager Fabrik, auf die fie mit Recht ftolz ift. Keine zweite Fabrik macht diefen Artikel in folcher Vollendung, felbft ihre franzöfifchen Concurrenten nicht. Wir billigen fehr die Pflege diefes, ein gefundes Bedürfniss befriedigenden Productes. Ich habe mich fchon vor vielen Jahren, wo der pecu Tapeten und Buntpapier. 11 niäre Erfolg diefes Unternehmens noch in Frage ftand, fehr warm für diefe Richtung ausgefprochen. Sieburger exponirte ferner mehrere harmoniſch zufammengeftellte Zimmerdecorationen und zwar einen Salon, ein Schlaf-, ein Herren- und ein Speifezimmer, fämmtlich von guter Zeichnung und netter Ausführung. Die fonft ausgeftellt gewefenen Rouleaux zeigten natürlich die bekannten, rühmlichen Beftrebungen der Fabrik, welche eine Production von einer halben Million Rollen im Jahre, das ift zu einem Umfatz von 250.000 fl. erreicht hat. Die Arbeiterzahl ift fowohl bei Spörlin als bei Sieburger die einer mittelgrofsen Fabrik nach aufseröfterreichischen Begriffen( 200 Arbeiter). Mit der Einführung der Mafchine in die Tapeteninduftrie will es jedoch in Oefterreich nicht recht vorwärts gehen. Wenn auch Spörlin& Zimmermann einige Druckmafchinen und Sieburger eine Foncirmafchine und ein paar Gauffrirmafchinen und dergl. mehr verwendet, fo kann man von einem mafchinellen Betriebe bei uns doch eigentlich nicht reden. Die kleinen jüngeren Etabliffements in Oefterreich haben darin einen Vorfprung, aber auch das ift lange noch nicht befriedigend. Thatfache ift, dafs wir mit dem Bezug billiger Tapeten übel daran find. Transport, Zoll und Zwifchenhändler vertheuern uns das ausländifche Product um 50 Percent, die inländifchen Fabriken haben keine Freude an der billigen Waare, weil fie nicht recht darauf eingerichtet find, und fo fteht der allgemeinen Einführung der Tapete in Oefterreich ein unüberfteigliches Hindernifs im Wege und die Herren Zimmermaler walten unumfchränkt. Mit guten und koftbaren Decorationen find wir hingegen, wie die Ausftellung neuerdings bewies, wohl verforgt und hat in diefem Niveau die Tapeteninduftrie fehr glückliche Anftrengungen gemacht und eine anerkennenswerthe Haltung angenommen. Die Firma Piette hat in der Wahl der Deffins dem franzöfifchen Namen entfprechend gehandelt. Abgefehen davon war die Ausftellung diefes Etabliffements eine geradezu überraschende. Ich habe wiederholt mir verfichern müffen, dafs es eine öfterreichifche Fabrik ift, die fo plötzlich auftaucht und fich mit Prätenfion an die Seite der Patricier in diefem Gefchäfte ftellt. Allen Ernftes mufs verfichert werden, dafs die Ausftellung Piette's reichhaltig, mannigfaltig und was befonders erfreulich, vielfach Spuren von mafchinellem Betriebe zeigend war. Dagegen mufs der Wahrheit gemäfs auch hervorgehoben werden, dafs die Expofition fehr verfchiedenartige Artikel und neben fehr guter auch fehr fchlechte Waare enthielt. Da die Piette'fche Fabrik eine von den wenigen Tapetenfabriken ift, die ich nicht durch perfönliche Anfchauung kenne, und da ich nicht in der Lage war, jetzt felbft nach Podbaba zu reifen, fo wandte ich mich in einem höfli chen Schreiben an Herrn P. Piette um nähere Daten über das Etabliffement, das mein Intereffe fo fehr erregt hatte. Die Antwort auf meinen Brief war keine fehr ermuthigende und glaube ich Herrn Piette einen Dienft zu leiften, wenn ich diefelbe nicht publicire, wozu ich allerdings berechtigt wäre. Gewifs ift, dafs die Decoration in dem von Roffigneux fo glücklich gepflegten Néogrèque( Zeichnung von Dumont) eine ganz beachtenswerthe Leiftung war und dafs die impofanten Mufterbücher eine erftaunliche Productivität bekundeten. Nachdem wir der Firma Lucius fchon oben freundlich Erwähnung gethan haben und hier noch ausdrücklich die fehr gelungene pompejanifche Decoration in die Erinnerung zurückrufen, haben wir nur noch von der Melcher' fchen Expofition zu fprechen. Carl W. Melcher, der dermalige Befitzer der verdienten Firma Lechleitner, hat eine aus feiner Werkstätte hervorgegangene complete Decoration im altdeutfchen Stile exponirt, welche bis auf die verunglückten Lambris fehr beftechend war, und dem Haufe alle Ehre macht. Die etwas forglofe Placirung beeinträchtigte offenbar den Erfolg. Damit wäre die Revue über unfere vaterländifchen Leiftungen beendet, wenn wir nicht noch eines im Verborgenen blühenden Veilchens zu gedenken hätten. Der von Herrn Dr. Emil Hardt im Hinblick auf den Beruf Oefterreichs, den Handel mit dem Orient befonders zu pflegen, gegründete Cercle orientale enthielt auch mehrere 12 Dr. Wilhelm Franz Exner. Empfangsräumlichkeiten, welche trotz der zuvorkommenden Liebenswürdigkeit des Hausherrn ebenfo zu wenig gewürdigt wurden, als das ganze fehr zeitgemässe Unternehmen. Diefe Salons waren überaus anziehend ausgeftattet. Mit gefchickter Benützung orientalifcher Motive und genauer Kenntnifs der morgenländifchen Kunft hatte im Auftrage Hardt's der Architekt Montani die Deffins zu den Tapeten entworfen. Die Firma Klobaffer in Wien beforgte die Ausführung. Die Tapete mit tiefrother Grundfarbe und ftilifirten Rofen, Granatblumen und Tulpen war von prächtiger Wirkung. die Vertheilung von Gold und Farbe vortrefflich gelungen. Wir können nun wohl heute ebenfo wie im Jahre 1867 den Schlufs ziehen, dafs die öfterreichifche Tapeten- Induftrie in Beziehung auf Ausdehnung und Leiftungsfähigkeit eine würdige Tochter der deutfchen Manufactur fei, Deutfchland braucht fich unferer Rivalität nicht zu fchämen. Die kurzen nachfolgenden Notizen werden beweifen, dafs die übrigen Länder Europas nur wenige Etabliffements für diefes Fach befitzen, welche auf Beachtung von einem univerfellen Standpunkte aus Anfpruch machen können. Dafür gab die Wiener Weltausftelluug ein getreues Bild des factifchen Verhältniffes. Die eine oder andere kleine Werkstätte mag ganz wohl eine locale Bedeutung haben. Wir gehören nicht zu denjenigen, welche einen„ Patriotismus"(!) billigen, der fo weit geht, zu wünſchen, dafs in dem refpectiven Vaterlande jede Induſtrie getrieben werde, und damit diefs überhaupt möglich fei, der Exiftenz jeder Induftrie, die nicht ganz lebensfähig ift, durch thurmhohe Zollfchranken ein gefichertes Terrain zu fchaffen fei. Wenn z. B. Rufsland nach den dort herrfchenden natürlichen Verhältniffen nicht berufen ift, Tapeten zu produciren, fo foll es eben diefelben aus dem Weften Europas beziehen, und gegen andere Producte umtaufchen. Die Tapetenmanufactur ift freilich ein Gewerbe, welches fo ziemlich auf jedem Boden gedeihen kann. Sind Papier, Farbe und Arbeiter wirklich an einem Orte gleichzeitig theurer als an einem anderen, fo kann die Erfindung des Deffins alle diefe ungünftigen Umstände wett machen. Ich laffe nun einige Bemerkungen folgen, welche der Richtigkeit der obigen Vorausfetzung wenigftens nicht zuwiderlaufen. Schweden hatte zwei bemerkenswerthe Ausfteller von Tapeten, von denen einer auch in Paris auffiel. C. G. Mineur in Stockholm pflegt das Genre der Lederimitation mit viel Glück. Das Carton cuir repouffé, kann von folcher Widerftandsfähigkeit hergeftellt werden, dafs es als Möbelüberzug, nicht blofs zur Bekleidung der Wandflächen dient. Derartige Möbel waren in Paris zur Schau geftellt. In Wien zeigten Mineur und Andere recht gelungene Imitationen von Stuccaturverzierungen. Worin die eigene Erfindung" befteht, welche Herr Mineur für fich reclamirt, vermag ich nicht zu entdecken. Ich finde keinen Unterfchied zwifchen den Mineur'fchen Erzeugniffen und jenen diefer Art von Dulud, Balin, Seegers etc. " Die bedeutendfte Firma in Schweden ift wohl C. A. Kåberg in Stockholm. Vier Panneaux, von denen zwei ftiliftifche, zwei naturaliftifche Deffin hatten, ganz fauber ausgeführt, präfentirten die wohlrenommirte Fabrik neuerdings in vortheilhaftem Lichte. Kåberg hat fein Abfatzgebiet im Norden Europas und hält fich nicht nur gegen die deutfche Concurrenz, fondern vergröfsert ftets feine Production, deren dermaliger Werth fich per Jahr dreimal fo hoch ftellt, als anno 1867. Die Arbeiterzahl ift 90, im Jahre 1872 erzeugte die Fabrik 340.000 Rollen Tapeten. Von den in Wien ausgeftellten Tapeten gefiel mir befonders die blaue, auch die Borduren verdienen Beifall, wenn fie gleich nicht ganz richtig verwendet waren. Die Objecte diefer Firma find in das Eigenthum des k. k. Handelsminifteriums übergegangen. In dem meifterhaft redigirten ftatiftifchen Theile des officiellen Kataloges von Schweden findet fich indeffen eine etwas ungenaue Angabe. Es heifst dort, in Schweden erzeugten 15 bis 20 Fabriken im Jahre 1871. A Tapeten und Buntpapier. 13 I Million Rollen Tapeten. Nach meinen Informationen beftehen in Schweden und Norwegen überhaupt nur 7 Fabriken, und zwar 3 in Stockholm, I in Gothenburg und 3 in Chriftiania, letztere haben zufammengenommen 60 Arbeiter, alles Andere find kleine Werkstätten, welche je einige Arbeiter befchäftigen. Ich corrigire diefen an fich unwichtigen Irrthum, weil ein Laie fonft der Tapeteninduftrie Skandinaviens eine zu grofse räumliche Bedeutung geben könnte. Von den Norwegern hat auch eine Chriftiania'er Firma ausgeftellt. Frölich& Sohn brachten einige einfache Tapeten von anftändiger Ausführung. - Die ruffifche Induftrie hat in manchen Richtungen, geleitet durch weife Regierungsmafsregeln, einen überrafchenden Auffchwung genommen. Ueber den bedeutenden Stand der Papierinduftrie, die grofsartigen Anläufe zur Verwendung des Holzftoffes für diefelbe wird wohl an anderer Stelle berichtet, aber auch ich mufs hier feftftellen, dafs die Tapeteninduftrie Rufslands wenn man von der Ausdehnung des grofsen Reiches abfieht eine ganz erhebliche ift. In Wien war fie nur durch zwei Ausfteller vorgeführt. Einer von diefen, Rieks( nicht Riks, wie im ruffifchen Kataloge fteht) in Helfingfors, hat eine fehr fchöne Tapete von orien talifchem Typus gebracht. Alles übrige waren matte Leiftungen in franzöfifchem " goût". Das Etabliffement macht indeffen grofse Fortfchritte. Anno 1858 gegründet, befchäftigte es 1867: 85 Arbeiter, heute faft die doppelte Anzahl, erzeugte im obgenannten Jahre 235.000 Rouleaux und jetzt über 800.000 jährlich. Wenn ich nicht irre, fo ift die Vetter'fche Fabrik in Warfchau, die ältefte in Rufsland( 1830), welche in Paris recht hübfch ausftellte, nicht im gleichen Tempo fortgefchritten. Die von den Gebrüdein Gaetchy aus Mühlhaufen, im Jahre 1840 gegründete Tapetenfabrik hat fich an den letzten Ausftellungen nicht betheiligt. Dasfelbe gilt von der grofsen Fabrik der Compagnie Canné. Alexander Lepefchkine hat in Moskau ein neues Etabliffement im vorigen Jahr gegründet, über welches wir unfer Urtheil indeffen zurückhalten wollen. Dänemark hat keine Tapeten ausgeftellt. Ungarn hätte die geringe induftrielle Begabung und die mangelhafte Schulung in diefer Richtung nicht auffallender bethätigen können als durch die an bevorzugter Stelle zur Schau gebrachte ,, artiftifche Papiertapeten- Decoration" des Ignacz Aldáfi in Budapeft. Wir erwähnen diefes gräuliche Machwerk, bei dem die Vafe als Ornament die Hauptrolle fpielt, nur defshalb, um uns vor der Recrimination zu fchützen, wir wären geneigt, die technifchen Leiftungen des Auslandes jenfeits der Leitha zu überfehen. Wir empfehlen den Ungarn, der argen Vernachläffigung des technifchen Unterrichtes feit 1866 ein Ende zu machen. Italien, Spanien und Portugal haben zwar eine Tapeteninduftrie, die der letztgenannten Länder ift nicht einmal geringfügig, war aber der Einladung nach Wien nicht gefolgt. Dagegen haben uns die Japaner in ihrer ernften Abficht, uns recht gründlich über ihren Gewerbefleifs zu unterrichten, auch Tapeten mitgebracht. Sie find nach unferen Begriffen fchlecht. Dauerhaft vielleicht, dem Nationalgefchmacke entfprechend gewifs, aber trotzdem oder defshalb entfetzlich im Deffin und kindifch in der Art der Herftellung. Die Proceduren bei Erzeugung der japanifchen Tapeten erinnern an einzelne Methoden unferer BuntpapierMacherei und Buchbinderei. So fehr wir fie um Accurateffe, Findigkeit und technifche Vollendung in der Verarbeitung von Holz und manchen Metallen, ja auch des Papieres felbft beneiden müffen, ihre Decoration des Papieres wird uns nicht von unferem Wege ablenken. Die japaniſche Tapetenmacherei und die amerikaniſche Fabrication find die gröfsten Extreme. Verwendet jene fchüchtern Schablone und Model als Superlativ der technifchen Hilfsmittel, fo benützt New- York den Handdruck faft nicht mehr, und wir werden nicht viel irre gehen, wenn wir annehmen, dafs Chrifty oder Robert& Greves in einem Tage fo viel Papier durch 14 Dr. Wilhelm Franz Exner. die Walzenmafchine laufen läfst, als ganz Japan in einem Jahre zu Tapeten confumirt. Die Buntpapier Induftrie war vollſtändiger und beffer vertreten als jene der Tapete. Die Zerriffenheit der Fachausstellungen kam dabei weniger in Betracht, da es aufser der öfterreichifchen und deutfchen Buntpapier- Induftrie eine namhafte Production nicht gibt. Die deutfchen Ausfteller waren in einem Separatbau, die öfterreichifchen in dem fchon oben erwähnten eingedeckten Hofe, der die ganze Gruppe XI beherbergte, vereinigt. In den übrigen Länderfectionen fand fich aber nur der eine oder andere Ausfteller vor. Die Buntpapiere wurden zumeift in Mufterbüchern exponirt, nur Knepper und ein paar deutfche Ausfteller machten hievon eine Ausnahme. Von den fremden Staaten konnten nur Japan und Rufsland meine Aufmerkfamkeit erregen. Die bekannte Verwendung von Metallglanz cultiviren die Japaner nach wie vor. Ihre Buntpapiere find ein eigenthümliches Machwerk, das nur der Curiofität halber gekauft werden mag. Uebrigens haben die Eigenthümlichkeiten des japanifchen Gefchmackes und der Technik gerade bei diefem Producte verhältnifsmäfsig wenig Gelegenheit zur Geltung zu kommen und es ift alfo felbft die Curiofität nicht fehr bedeutend. Intereffant ift nur für den Technologen, dafs die Japaner einige Methoden in der Herftellung der Papiere haben, welche auch wir ftark anwenden, Methoden, die das hoch cultivirte Infelvolk offenbar feit fehr langer Zeit betreibt. Die Japaner und Chinefen haben fie früher erfunden, höchft wahrfcheinlich, als wir, obwohl die Buntpapier- Technik auch bei uns eine fehr alte ift. Sehr rühmlich waren die Leiftungen Jean Schoumoff's aus Moskau, rühmlich infoferne, als er die üblichen deutfchen Erzeugniffe gut nachahmte. Namentlich die Cattunpapiere waren gelungen, die übrigen Sorten von mittlerer Qualität. In Frankreich exiftirt eine eigentliche Buntpapier- Erzeugung nicht. Alles was an farbigen und Phantafiepapieren in diefem Lande erzeugt wird, bringt man auf litho, oder typographifchem Wege hervor., Diefe Verfahrungsweifen fpielen in unferen Buntpapier- Fabriken erft in jüngfter Zeit eine mehr beachtenswerthe Rolle. Der Hauptfitz des Buntpapier- Gewerbes in Deutfchland ift Afchaffenburg, wo allein 700 Arbeiter in diefem Zweige menfchlicher Betriebfamkeit befchäftigt find. Die zwei gröfsten Firmen, welche einft ein Haus bildeten: Alois Deffauer und Actienge fell fchaft für Buntpapier und Leimfabrication zeigten durch reiche Suiten ihre Superiorität in diefem Fache. Erftere Firma ift das Stammhaus, gegründet 1810, befchäftigt an 300 Arbeiter und verfügt über eine Dampfkraft von 85 Pferdeftärken. Es legt einen grofsen Werth auf fabriksmässigen Betrieb und find die Leiftungen der Streichmafchine fehr zufriedenftellend. Die mittelfeinen Holzpapiere, Kleiftermarmore, Markgrafen-, Kibitz-, Granit- und Holzflufs- Marmore, die Cattunpapiere, Doppel- Glanzpapiere und Cartons find Specialitäten, welche diefes Etabliffement, nebft den übrigen Handelsforten mit befonderem Glücke cultivirt. Neue technifche Erfindungen von Belang weift diefes Etabliffement allerdings eben fo wenig auf, wie überhaupt die ganze Branche feit den letzten fünf Jahren, indeffen verdient dasfelbe ficherlich die ihm verliehene Fortfchritts- Medaille vollkommen. Die Tochterfirma, welche fich 1850 von dem Mutterhaufe ablöfte und feit 1859 Actiengefellſchaft ift, macht ihrer Provenienz alle Ehre. Ebenfalls 300 Arbei ter( Erzeugung 1872: 30.200 Riefs), ebenfalls Dampfkraft, ebenfalls Erzeugung aller handelsüblichen Sorten. In Marmoren entdeckten wir einige abfcheuliche Mufter, dagegen entzückten uns Moiréepreffungen, fehr fchöne MetallphantafiePapiere, Cattunpapiere und dergl. mehr. Gegen die Anfertigung der Stoffimitationen, die nun einmal dem Publicum gefallen und von demfelben bezahlt werden, ift es umfonft, zu predigen, aber eine Tapeten und Buntpapier. 15 Mahnung möchten wir ausfprechen, welche fich zunächft auf die ,, Phantafiepapiere" bezieht: Künftlerifche Deffins! Gerade weil die Deffauer's in diefer Richtung jedes Jahr Befferes leiften, knüpfen wir hier die Betrachtung für andere kleine Werkftätten an. Warum follen denn die fogenannten„ Phantafie papiere" von dem all gemeinen kunftgewerblichen Fortfchritte ausgefchloffen fein. Gibt es für fie keine Revolution in der ornamentalen Kunft, keinen Kampf gegen das Banale und althergebrachte Einerlei? In der Buntpapier- Macherei mufs ja nicht der entfetzlich gefchmacklofe Trödel erhalten bleiben und immer wieder erzeugt werden, welcher die Spottbezeichnung„ Katarrhzettel- Papier" erlangt hat. Eine andere alte verdiente Fabrik ift die von Theodor Kretzfchmar in Dresden und Bodenbach( 1825 bis 1852 Oehsner& Comp.). Diefes Etabliffement ift modern eingerichtet mit Streich- und Foncirmafchinen, befchäftigt 59 Arbeiter, und erzeugt 6- bis 8000 Riefs bunttürkifche Stoffimitationen, Theepapiere, Gelatinepapier, fehr gleichmässige Uni's. Diefs und die Benützung von Quachemalerei bei dem Gewerbe machte die Kretzfchmar'fche Expofition zu einer mannigfaltigen, intereffanten und verdienftlichen. Ich befchränke mich auf die Nennung diefer drei Namen, weil fich an diefelben die beften Leiftungen knüpfen, mufs aber conftatiren, dafs noch mehrere andere Ausfteller erfchienen waren, die tüchtig produciren, und dafs überhaupt in Deutfchland kein Mangel an fleifsigen Werkstätten für diefen Artikel ift. Ausdrücklich bemerken muss ich jedoch, dafs ich die Luxuspapiere, Bouquetpapiere, künftlichen Blumen aus Papier, Gratulationskarten und dergl. mehr als nicht in das Gebiet meines Referates gehörig betrachte, ebenfowenig als die Papier wäfche, welche nebft obigem Artikel in die 2. Section der Gruppe XI mehrerer Specialkataloge aufgenommen erfcheint. Die Papierconfection mag eine berufe nere Feder behandeln. Dagegen fällt unzweifelhaft in mein Reffort: Gold- und Silberpapier. Die Metallpapiere von Leo Hänle in München haben einen Weltruf. Eine feit 1841 beftehende Fabrik, welche 600 Arbeiter befchäftigt mit zwei Dampfmaſchinen, erzeugt für das ganze aufserdeutſche Europa die unechten glatten und geprefsten Gold-, Silber-, Zinn- und Kupferbronze- Papiere und Borten. Bezüglich der Deffins verweife ich auf meine obigen Bemerkungen über die Phantafiepapiere -wenigftens einzelne Artikel können folche Betrachtung provociren. Die Technik dagegen ift muftergiltig, fo lange nicht mehr Maſchinen in diefe Branche eingeführt werden. Die internationale Jury verlieh diefer Firma das Ehrendiplom und wir können diefs nur billigen. Im Allgemeinen auf gleicher Höhe mit dem eben befprochenen Unternehmen fteht wohl jenes der Gebrüder Kathan in Augsburg( 300 Arbeiter, 1871 16.000 Riefs). Die Leiftungen Baierns find in diefem Artikel unbeftritten und es hat kein anderes Land verfucht, hiefür eine Concurrenz zu fchaffen, Von den öfterreichifchen Buntpapier- Fabriken find nur zwei, diefe aber in eminentem Grade bedeutend. Es find diefs Wilhelm Knepper& Comp. und Spoerlin& Zimmermann. Erftere Firma hatte eine brillante Ausstellung arrangirt. Nebft mehreren Mufterbüchern war ein grofses Wandtableau zufammengeftellt, in welchem fächerförmig hochglänzend lackirte Buntpapiere gruppirt waren. Eine für die Ausftellung fpeciell angefertigte neue Art von Marmor mit metallglänzenden Flocken machte einiges Auffehen. Es fcheint jedoch, als ob die Firma diefe Waare nicht auf den Markt zu bringen gefonnen fei, denn eine Beftellung auf eine Suite diefer Papiere, die in meiner Gegenwart bei den Vertretern der Fabrik gemacht wurde, wurde nicht acceptirt. Das Arrangement und der Inhalt der Knepper'fchen Ausftellung waren. vortrefflich und ftellten eine Probe der bekannten Leiftungsfähigkeit der Firma dar. Spoerlin& Zimmermann legten einige Mufterbücher der bekannt guten Waare auf, fchienen jedoch nicht ambitionirt zu haben, mit diefem Artikel in den Vordergrund treten zu wollen, in dem fie fich mit ihren Tapeten fo fehr behaupteten. 2 16 Dr. Wilhelm Franz Exner. Eine in diefer Vollkommenheit neuen Artikels müffen wir noch gedenken. Es find die Leder, Pergament- und Schieferimitationen von Dawidowfky, welche die P. A. Krufs' fche Fabrik in Liebenau bei Graz erzeugt. Die LederImitationen haben fich befonders als Hut- und Galanterieleder bewährt. Der Erfolg diefes jungen Unternehmens war auf der Ausftellung ein durchfchlagender. Die Neuigkeiten von 1867: Kuhlmann's Kryftallifationspapiere und die Alabafterpapiere waren auf der Ausftellung nicht erfchienen, letztere nur hie und da noch in einem einzelnen Mufter zu fehen. Sie find offenbar aus der Mode gekommen. Eine Waare, die mit der Tapeten- und Buntpapier- Induftrie im engften Zufammenhange fteht, mag, obwohl bei der Wiener Weltausstellung in Gruppe V eingeordnet, hier noch eine flüchtige Befprechung finden. In Gruppe V wird die Berichterstattung wohl kaum derfelben gedenken. Es ift das der Roll vorhang ( Stores). Diefer Artikel, häufig auch von Tapetenfabriken erzeugt, immer aber von Tapetenhandlungen geführt, war auf der Wiener Ausftellung ausgiebig nur von deutfchen Ausftellern zur Schau geftellt. Handwerksmäfsiger Betrieb ohne künftlerifche Weihe charakterifirt im Allgemeinen den Artikel und macht es dem Holzrouleaux und anderen Surrogaten leicht, ihn zu verdrängen. Ohne Trauer werden wir die Stores fchwinden fehen, wenn fie unfer Auge nicht dauernd zu erfreuen verstehen. Die Phantafie und Feinheit der Franzofen machte fich bei der Wiener Ausftellung in diefem Zweige der zeichnenden Künfte nicht befonders auffällig. Die erften Firmen fehlten, zwei Ausfteller find indeffen zu erwähnen. A. Lieto in Nizza hat unter Anderem eine finnberückende tropifche Landfchaft auf den transparenten Stoff gezaubert, die Palmen und die Ueppigkeit der Pflanzennatur find ihm herrlich geglückt. A. Bach in Paris hat uns einige Blumenftücke angeboten, die, als wir fie fahen, fchon etwas gebleicht waren. Beide Ausfteller malen aus freier Hand auf Cambridgeftoff. Von den deutfchen Ausftellern nimmt Carl Rifchbieter in Deffau den erften Rang ein.* Abgefehen von der gothifchen Glasmalerei, die ein Roll. vorhang vorftellt( welche Abfurdität!) find fämmtliche Ausftellungsobjecte gelungen. Charmant ift ein Vorhang mit Deffin im Gefchmacke der Renaiffance und jener, welcher in delicater Manier den maurifchen Stil tractirt. Zwei Vorhänge find naturaliftifch behandelt. Trotz meinem Lob möchten wir doch dem jungen ftrebfamen Fabrikanten empfehlen, feine Zeichner zu ernften Kunftſtudien anzuhalten. In weit höherem Mafse hätte diefe Bemerkung Schlottmann& Petzke in Berlin zu beherzigen. Auch diefes Haus brachte eine Glasmalerei auf Baumwollen- Stoff, ein Gnadenbild, noch obendrein darftellend Blumenbouquets, unrein und hart, ein entfetzlich componirtes allegorifches Tableau, deffen Bedeutung ich nicht enträthfeln konnte, zwei giftgrüne Stores mit ,, Hundemedaillons", eine zopfige Vafe und wie die fchablonirten und gemalten Vergehen gegen den guten. Gefchmack alle noch geheifsen haben mögen. Die Stores. von Ferdinand Achilles& Comp. in Berlin, welcher ein ziemlich bedeutendes Gefchäft( etwa halb fo grofs an Umfang wie Rifchbieter's) befriedigten uns ebenfalls nicht, noch weniger jene von Sieburger und Piette. Ueberblicken wir nun zum Schluffe das ganze Gebiet unferes Berichtes, fo kommen wir zu folgenden Conclufionen: In der ganzen grofsen Induftrie, welche die Aufgabe hat, die Papierfläche decorativ zu verzieren, und diefs mit Ausfchlufs der Litho- und Typographie bewerkstelligt, ift kein epochemachender technifcher Fortfchritt feit dem Jahre 1867 * 1871: 10.000 Dutzend Rouleaux, 100 Arbeiter. Tapeten und Buntpapier 17 zu verzeichnen. Die kunftgewerbliche Bewegung der Gegenwart hat auch ihren Einfluss auf diefes Kunstgewerbe geübt und übt ihn ftetig fort, ohne noch jene Stufe der Vollendung, der Vollkommenheit erreicht zu haben, die uns völlig befriedigen würde. Die Mittelmässigkeit herrfcht noch vor, künftlerifche Vollendung der Deffins ift in der Minorität der Fälle zu verzeichnen. Die mafchinellen Verfahrungsweifen gewinnen täglich an Terrain, ohne den Handbetrieb fühlbar zu verdrängen. Die Leiftungen der Farbenchemie kommen auch diefem Gewerbe zu Gute, ohne dafs die fortfchreitende Entwicklung der Anilinfarben- Induftrie, welche bei ihrem Auftreten die flüchtige Mode wefentlich influenzirte, eine dauernde Alteration der ewig geltenden Gefetze der Kunft hatte herbeiführen können.* Blofs der koloffale Auffchwung der Holzftoff- Erzeugung hat eine directe Bedeutung für alle Gewerbe erlangt, die Papiere verarbeiten. Die Productionsmenge wächft in allen Ländern. * Die Expofitionen der Mafchinen und der chemifchen Induftrie( Gruppe XIII und III), welche in den Rahmen anderer Berichte fallen, haben leider nichts enthalten, was für unfere Induſtrie von directem Lehrwerthe wäre. In der Maſchinenhalle waren blofs eine nach neuem Syftem arbeitende Foncir- und eine Satinirmaschine( Bürftapparat) von Grahl& Heehl in Dresden, die ich empfehlen kann, und ferner Tapetendruck- Model und Walzen von G. Katsmeyr& Sohn in Augsburg( bekannte Firma für diefen Artikel) exponirt. 2* SCHREIB-, ZEICHEN- UND MALER- REQUISITEN. ( Gruppe XI, Section 3.) Bericht von IGNAZ NAGEL, Beamter der commerciellen Direction der k. k. priv. Südbahn in Wien. Ein Blick in die vergleichende Productionsftatiftik der bedeutenderen europäifchen Induſtrieländer zeigt uns, welch riefigen Auffchwung die Papierfabrication feit einem Jahrzehent genommen, welch' immenfen Umfang der Papierconfum erreicht hat. Diefe aufserordentliche Productionsvermehrung verdankt die Papierinduftrie allerdings in erfter Reihe den allgemeinen Fortfchritten der Civilifation, der Ausdehnung des Unterrichtes über ftets neue und weitere Kreife, der täglich wachfenden Bücher- und Zeitungsliteratur, welche unzählige Quantitäten von Schreib- und Druckpapier confumirt. So grofse Maffen des genannten Materials indefs auch dem weiten Reiche der Literatur und der Tagespreffe zufliefsen, fie werden überboten von jenen, die das unendliche Meer der Papierwaaren- Induſtrie, der Papierconfection verfchlingt. Nach approximativer Schätzung werden von den circa 18 Millionen Centnern Papier, die beiläufig 2000 Fabriken erzeugen, ungefähr 10 Millionen Centner zu Handels- und Induftrie-, zu Schul- und Bureau- und anderen nicht literarifchen Zwecken verwendet. Es würde zu weit führen, hier auch nur einen kleinen Theil der Artikel bezeichnen zu wollen, die dem puren oder theilweifen Papiermaterial ihr Entftehen verdanken. Nur andeutungsweife fei der immenfe Vebrauch an Papier und Pappe für die Gefchäftsbücher- und Enveloppen-, für die Spielkarten- und Tapeten-, für die Cartonnage- und Papiermaché- Fabrication erwähnt, fei an die Thatfache erinnert, dafs in Japan und China häufig Gefchirre und Gefäfse, Kleidungsstücke und Möbel und unzählige andere Dinge aus Papier verfertigt, dafs in Frankreich aus Steinpappe Ornamente für Gebäude, aus asphaltirtem Papier Röhren für Gasund Wafferleitungen, in Amerika Kochgefchirre und Eifenbahn- Räder aus Papier hergeftellt werden. Gab auch die Ausftellung keinen richtigen Begriff von der Leiftungsfähigkeit der einzelnen Länder in der Papierfabrication felbft, fo bot fie doch eine feltene Gelegenheit für die Beobachtung, zu wie viel Taufenden von Objecten diefes Material benützt werden kann; wie viele andere Stoffe und Materialien es zu erfetzen im Stande ift. Wir wollen im Folgenden die bedeutendften Artikel, wie fie die Ausftellung beachtenswerth zeigte, darftellen und daran die Schreib- und Zeichenrequifiten reihen. 萬 Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 19 Papierconfection. Papierwäfche. In den oftafiatifchen Ländern wird Papier fchon längere Zeit als Bettwäfche verwendet. Diefs mag auf die Idee geführt haben, dasfelbe Material zur Anfertigung von Leibwäfche zu verwenden. In Amerika allein werden jährlich circa 15 Millionen Stück Papierkrägen producirt. In Deutfchland wurde diefer Artikel durch die Firma A.& C. Kaufmann in Berlin eingeführt, welche nun mit Hilfe von circa 500 meift weiblichen Arbeitern täglich 300.000 Stück verfchiedene Papierwäfch Artikel erzeugt, und theils in Deutfchland, theils in Amerika abfetzt. Die von diefem Haufe ausgeftellten Krägen, Manfchetten und Chemifetten zeichneten fich durch befondere Weifse aus; die an den Wäfchftücken befindlichen Stickereien waren fchwer von wirklichen zu unterfcheiden; die Spitzengarnituren müffen als gelungen bezeichnet werden. Ebenfo haben Henning& Defeler, dann Martin Schlefinger und Jeenike in Berlin hübfche Papierwäfche gebracht. Aus Frankreich bemerkten wir nur einen Ausfteller, Paul Belville ( Paris), der hübfche Krägen und Manfchetten vorgelegt hatte. Aus den übrigen Staaten war nichts vorhanden, doch ift nicht zu zweifeln, dafs auch in anderen Ländern derlei Induftrien beftehen; fo hat beispielsweife Gelabert in Barcelona Formen zu feiner Papierwäfche eingefendet. Auch in O efterreich hat fich diefer Induftriezweig feit einigen Jahren eingebürgert, ohne jedoch bis daher eine befondere Bedeutung erlangt zu haben, obgleich die von Franz Müller in Wien ausgeftellte Wäfche, namentlich die farbigen Wäfchftücke, ihrer eleganten Ausführung, ihrer Farbenähnlichkeit wegen alles Lob verdienen. Müller's Erzeugniffe haben noch den befonderen Vorzug, dafs fie nichi mit der Haut nachtheiligen Subftanzen gefärbt find. Cigarrettenpapier. Einen weit gröfseren Verbrauch an Papier als der vorgenannte Artikel, weift die Fabrication von Papierhülfen und Cahiers für Cigarretten aus. Früher faft nur auf Frankreich und Spanien befchränkt, hat die Cigarrettenfabrication fich in letzterer Zeit nach Oefterreich, Rufsland, ja fogar nach dem Orient verbreitet. In Frankreich und Spanien, wo fich die Cigarrette einer befonderen Beliebtheit erfreut, ift die Bereitung von Cigarrettenpapier und Papiercahiers zu einem nicht unbedeutenden Manufacturzweig, der Handel mit Cigarretten ein anfehnlicher Artikel geworden. Frankreich verforgt nicht nur fein eigenes Land, einen Theil von Deutſchland, einen grofsen Theil des Orientes mit Cigarrettenpapier in Heftchen, fondern hat bedeutenden Abfatz nach überfeeifchen Ländern, fogar nach Brafilien und Perfien. Die franzöfifchen Cigarrettenpapiere find in der Regel fehr dünn, fehr weich und fehr rein gearbeitet, die Enveloppirung ift eine höchft gefchmackvolle, der Preis äufserft billig. Auf der Ausftellung waren vier Firmen mit den fchönften Producten diefer Branche erfchienen, unter denen Hatterer In. Mc. Veuve& fils obenan fteht und deren perfifches Reisftroh- Papier eines der vorzüglichften Producte diefer Gattung iſt. Houbelon in Paris wufste dem Product ein fehr hübfches Aeufsere zu verleihen. Vaudoit père& fils Clairmont ferrand hatte nebft feinen eleganten Cahiers eine höchft ingenieufe Cigarrettenmafchine ausgeftellt. die jedoch einer näheren Prüfung forgfältig entzogen war. Spanien befitzt in der Manufacturftadt Alcoy eine Anzahl von Fabriken, die grofse Mengen von Cigarrettenpapier erzeugen. Das fpanifche Papier unterfcheidet fich durch feine Confiftenz, Zähigkeit und Feftigkeit, dann durch feine meift eigenthümliche Farbe: braun, gelb etc. fowie durch feine leichte Verbrennbarkeit vortheilhaft von allen übrigen Fabricaten. Rafael Santanjo's Erzeugniffe 20 Ignaz Nagel. in Alcoy fcheinen den Muſtern nach zu den beften ihres Faches zu gehören. Jofé Riber hatte vorzügliche Producte von Blumen-, Documenten- und Cigarrettenpapier exponirt. Aufser den Genannten waren noch einige Ausfteller diefes Faches, doch war es fchwer, deren Namen nach dem Katalog zu eruiren. In Oefterreich ift der Name Knepper's eng verknüpft mit der Cigarrettenpapier- Erzeugung. Er war es, der zuerft im Jahre 1856 den Artikel in Oefterreich einführte und bis zu feinem Tode cultivirte. Im fteten Kampfe mit den tüchtigften Concurrenten Frankreichs, hat es zuerft im Inlande, dann im Orient Boden gewonnen und die Fabrik fendet heute trotz der Ungunft der Verhältniffe viele Taufende von Schachteln nach allen Theilen der europäiſchen und aſiatiſchen Türkei, nach Amerika, nach China, fogar nach Spanien, das doch felbft die beften Cigarrettenpapiere macht. Sowohl die obgenannte Fabrik als die von Jac. Schnabl & Comp. in Wien hatten in der Ausftellung Proben ihres Fleifses, ihres Strebens nach Befriedigung der feltenften und mannigfaltigften Anfprüche, aber auch ihres guten Gefchmackes abgelegt. Die Productionsmengen jeder diefer Fabriken dürfte fich auf circa 30 Millionen Cigarrettenbücher oder 1200 Millionen Blätter belaufen. Auch Jac. Schnabl& Comp. hat bedeutenden Export nach dem Orient, nach der Levante etc. und befchäftigt ftets gegen 200 Perfonen in diefem Fabricationszweige. Indeffen hat der fragliche Induftriezweig in neuerer Zeit einen bedeutenden Stofs erlitten durch den immenfen Zoll, welchen die Fürftenthümer auf die Einfuhr diefer Waare legen, durch die Errichtung von eigenen Fabriken in Serbien, Rufsland und in der Türkei; durch den Gefchmack an Cigarren; durch Verwendung des nicht façonnirten Cigarrettenpapiers, namentlich aber durch die Concurrenz der Cigarre, deren Confum täglich in Zunahme begriffen ift und jenen der Papiercahiers anfehnlich vermindert. In Qefterreich allein beträgt die Zahl der im Jahre 1872 erzeugten Cigarrettenhülfen 38 Millionen Stücke*, in Rufsland dürfte die Zahl von 500 Millionen nicht zu hoch gegriffen fein. Ebenfo werden in Deutſchland grofse Quantitäten Cigarretten fabricirt, und theils im Inlande verraucht, theils exportirt. • Eifenbahn Fahrkarten und Telegraphenrollen. Um fich einen Begriff von der Erzeugungsmenge diefer Objecte zu machen, genüge, dafs die beiden öfterreichifchen Ausfteller Victor Popp und E. Zawadil in Wien allein, der erftere 30 Millionen, letzterer 60 Millionen Fahrkarten nach Edmondfon'fchem Syftem per Jahr produciren, obgleich von den circa 233.988 Kilometern Eifenbahnen der Erde nur 11.899, daher circa 5 Percent, auf Oefterreich- Ungarn entfallen. An Telegraphenrollen für die öfterreichiſch- ungarifchen Staats-, Privat- und Eifenbahn- Telegraphenanftalten werden in Oefterreich jährlich circa eine Million Rollen verbraucht, die im Inlande erzeugt werden, was im Verhältnifs zu der Gefammtfumme der 39.924 Telegraphenmeilen den Confum von circa 15 Millionen folcher Rollen in der Welt ergibt. Ausgeftellt fanden wir nur Telegraphenrollen von der norddeutfchen Papierfabriks- Actiengeſellſchaft Köslin, die auch Eifenbahn- Fahrkarten, und zwar beide Objecte ganz entfprechend verfertigt, fowie ausgezeichnete, fefte und fehr glatt gefchnittene Rollen von Paolo Pigno in Mailand. So bedeutend diefe Mengen erfcheinen, fo verfchwindend klein find fie gegenüber den Maffen von Papier, welche zu Brief- und Depefchencouverten erforderlich find. Briefcouverte. Die Zahl der durch die Poft beförderten Briefe und Bandfendungen auf der Erde im Jahre 1870 wird auf 5072 Millionen Stück gleich 1,434.986 Zollcentner veranfchlagt. Die Zahl der Depefchen auf der ganzen * Zur Verfertigung diefer Anzahl Cigarrettenhülfen verbrauchen die k. k. Tabakfabriken 600.000, zu Enveloppen 600.000, zu Schnupftabak 7,000 000, zur Verpackung von Rauchtabak, Cigarren und zu anderen Zwecken 70 Millionen Bogen Papier per Jahr. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 21 Erde fchätzt Wagner im Jahre 1871 auf 67 Millionen, wovon auf Nordamerika und England allein 12 5 Millionen entfallen, was in Summa nach Hinzurechnung des Verbrauches an Briefcouverten einer Anzahl von 5159 Millionen Couverts entfpricht. Die Herbeifchaffung folcher Maffenproducte kann natürlich nur mit Aufwand aufsergewöhnlicher Mittel ermöglicht werden. Die im Jahre 1842 von Macquet in Paris und 1845 von de la Rue in London erfundenen Mafchinen reichten nicht aus, um dem Bedarf zu genügen. Erft die in neuerer Zeit von de la Rue, fowie die von Poirier in Paris vervollkommneten, dann die von Antoine in Paris erfundenen Mafchinen, entſprechen für den Moment dem koloffalen Confum in diefem Artikel. In der Mafchinenhalle war aufser der letztgenannten nur noch eine Firma, Geiger& Heffer in Cannftatt, mit Couvertmafchinen erfchienen. Die Mafchine der letzteren ift auf Dampfbetrieb eingerichtet und fehr folid gearbeitet. Ihren Zweck, die eingelegten Papierausfchnitte zu falzen und zu kleben, erfüllt fie mit vieler Accurateffe. Die grofse Sorgfalt und Solidität in der Ausführung, die Möglichkeit, verfchiedene Formate ohne viele Mutationskoften auf derfelben arbeiten zu können, find die höchft fchätzenswerthen Eigenfchaften diefer Mafchine, denen als Mängel die Nothwendigkeit zweier Perfonen zur Bedienung, fowie der unverhältnifsmäfsig hohe Preis von 800 bis 900 Thalern gegenüberstehen. Die Mafchine Antoine's legt die gefchnittenen Blätter felbft ein, falzt und gummirt diefelben und fchichtet fie zwifchen zwei Eifenwänden, aus denen fie ohne Aufenthalt der Mafchine leicht entfernt werden können; dadurch entfällt eine Arbeiterin zur ausfchliefslichen Bedienung diefer Mafchine. - Der Nachtheil diefer Mafchine liegt in der Verwendung von Meffing- ftatt foliden Stahlplatten; in dem Schmutzen der Couverts und dem dadurch bedingten öfteren Reinigen der Excenter; der koftfpieligen Mutation bei vorzunehmender Formatänderung, Fehler, die in der Conftruction der Mafchine liegen und mit der Zeit befeitigt werden dürften. Der Preis der Mafchine, 1800 Francs, ift bei dem Umftande, als fie nur wenig Bedienung erfordert, ein äufserft billiger. Die Leiftungsfähigkeit beider Mafchinen wird von den Erzeugern auf 2500 per Stunde angegeben. Aufser den vorgenannten hat Antoine noch eine Couvertfchneide- Mafchine ausgeftellt, die indefs auch zum Schneiden von Pappendeckel, Leder etc. verwendet werden kann, und je nach Format von 500 bis 1000 Francs koftet. Unter den vom Auslande ausgeftellten Couverten müffen wir vor Allem die Cowan's and Sons zu Edinburg ihrer correcten Falzung und ihres herrlichen Papieres wegen erwähnen; nach diefen die Couverte der Gebrüder Hofffümmer in Düren, die mit 76 Arbeitern und 1 Dampfmafchine mit 4 Pferdekraft ein fchwunghaftes Gefchäft in diefem Artikel betreiben, den fie fehr gut fabriciren. Beftehorn in Afchersleben liefert jährlich 400 Millionen Couverts; die ausgeftellten Mufter waren fehr gut. Auch Kraufe in Berlin, Schmidt in Elberfeld und Mayer in Ehrenbreitftein brachten hübfche Couvertmufter, von denen fie viele Millionen jährlich erzeugen. Als eine der bedeutendften Firmen diefer Branche gelten die vereinigten heffifchen Papier- und Papierwaaren- Fabriken in Caffel. Aufser vielen anderen Artikeln diefer Gattung liefern fie mit 25 Couvertmaſchinen wöchentlich 2 Millionen Briefcouverts diverfer Gattungen für den grofsen Confum.* Von den hervorragenderen Couvertfabriken Oefterreichs hat nur die von D. R. Pollak& Söhne in Wien die Ausftellung, und zwar theils mit Confections caffetten, theils mit Couverten befchickt. Auch diefes Gefchäft( feit 1836 beftehend) betreibt die Couvertfabrication im grofsen Stile und beherrfcht nicht nur einen *) Die erfte Couvertfabrication in Deutfchland datirt vom Jahre 1847; heute find 200 Mafchinen thätig, die täglich 4 Millionen Stück liefern. 22 Ignaz Nagel. Theil des heimifchen Marktes, fondern concurrirt mit Erfolg auf fremdem Gebiete. Die Fabrik befchäftigt gegenwärtig 24 grofse Couvertmafchinen, 12 kleine CouvertKniffmafchinen und 6 Schneidemaschinen und Preffen, die zufammen ein Quantum von 200.000 Couverten per Tag liefern. An Confections caffetten werden jährlich 30.000 Stücke erzeugt. Die Fabricate können, den ausgeftellten Muftern nach zu urtheilen, den beften der ausländifchen angereiht werden. Die Firma wurde mit der VerdienftMedaille ausgezeichnet. Papierdüten, Säcke, Beutel etc. Nicht nur die Papierinduftrie im Ganzen und Grofsen, auch die einzelnen Papierwaaren- Branchen erweitern täglich ihr Gebiet. Die Verfertigung von Papierdüten und Kapfeln, Beuteln und Säcken mit und ohne Etiquetten zur Verfendung von Waarenmuftern aller Art als: Samen, Getreide, Mehl, Specereien etc. aus Papier, Pergamentpapier, Papyrolin etc. bildet jetzt einen eigenen, fehr ausgedehnten Fabricationszweig. Die bereits genannten vereinigten heffifchen Papier- und PapierwaarenFabriken, die mit ihren vier Papierfabriken eine Buchdruckerei, Lithographie und Präge- Anftalt in Allendorf an der Werra verbinden, erzeugen 214 Millionen Düten etc., 4 Millionen Kapfeln und 20.000 Stück diverfe Cartonnagen per Woche, welche Artikel fie, mit gefchmackvollen Etiquetten verfehen, in der gröfsten Mannigfaltigkeit und den Anfprüchen der Neuzeit entfprechend, herftellen. Behrens in Hannover, dann Gonnermann& Ude in Eberftadt, Aubell in Augsburg, Israel Wanfried befaffen fich in hervorragender Weife mit diefem Artikel, der in grofsen Mengen erzeugt und verfendet wird. Ahrens& Comp., Liebenau, find die Erften, welche diefen Gefchäftszweig in Oefterreich gründeten und die die Erzeugung von Papierfäcken( in 30 verfchiedenen Sorten Kapfeln, Beuteln, in grofsem Mafsftabe mit 80 Arbeitern) betreiben. Die ausgeftellten Objecte find geeignet, die mannigfachften Anfprüche der Gefchäftswelt zu befriedigen. Ebenfo lieferte C. Huber in Graz, dann Willner in Teplitz recht gefällige und mannigfache Artikel diefer Branche. Gröfsere Sicherheit als die genannten aus Papier verfertigten Behältniffe gewähren die von Lemppenau in Stuttgart und Neuftädter in München, welche die genannten Objecte aus Papyrolin erzeugen, das wegen feiner Dauerhaftigkeit fich befonders zu Envelopen für Werthfendungen eignet. Das Material, auch Papierfhirting genannt, beſteht aus einer Vereinigung des Papiers mit einem feinen lockeren Baumwoll- Gewebe. Die Erfindung ftammt aus London, wo Henry Chapmann 1843 dafür patentirt wurde. Die Verbindung des noch naffen Papiers mit der Leinwand gefchieht in der Regel auf der Papiermafchine. Das Papyrolin eignet fich durch feine Haltbarkeit befonders zu Plänen, topographifchen Arbeiten, Adrefskarten auf Colli etc. Einen grofsen Fortfchritt auf diefem Gebiete zeigen die Producte von Albert Eckstein in Wien aus vegetabilifchem Pergament, aus ungeleimtem Papier durch Behandlung mit Schwefelfäure entſtehend. Diefer von Haine in London ( 1853) erfundene und von de la Rue in London verbefferte, auch in Deutſchland fehr gefchätzte Artikel hat durch Eckstein in Wien eine mannigfache Verwendung und Verbefferung gefunden. Die aus der Eckstein' fchen Fabrik hervorgehenden Surrogate der thierifchen Blafe find zu Couverts und Envelopes wegen ihrer Widerftandsfähigkeit gegen Näffe und ihres patentirten Verfchluffes halber befonders geeignet; ebenfo zum Verfchluffe von Conferven; als Wurfthäute find fie den thierifchen Blafen und Därmen wegen Fernhaltung des Schimmels bei Weitem vorzuziehen; die aus dem genannten Stoffe verfertigten Eisfäckchen, ebenfo Perganfep( fchwarze Charpie) fanden feinerzeit grofse Anerkennung. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 23 In Deutfchland hat fich Brandegger in Ellwangen mit diefem Artikel einen Namen gemacht; doch befchränkt fich deffen Fabricat faft nur auf Wurftdärme. Ebenfo intereffant als das Eckstein'fche Pergamentpapier ift das von Krufs ausgeftellte Papierleder. Blieben auch die den japanefifchen Muftern nachgeahmten Erzeugniffe ziemlich weit hinter dem Original zurück, und geht auch, namentlich den zu Hutleder beſtimmten Surrogaten jene Weichheit und Gefchmeidigkeit. namentlich aber jene Poröfität ab, die die japanefifchen Producte vermöge des geeigneteren weicheren Rohmaterials auszeichnet, und ift auch deren leichte Zerreifsbarkeit ein grofser Nachtheil für ihre allfeitige Verwendbarkeit, fo ift das Streben Krufs', jenes Product hier einzubürgern und zu verbreiten, ein höchft lobenswerthes zu nennen. Ebenfo lobenswerth ift die Bemühung Lerch's in Krafsney bei Reichenau, Papiergarn und Papierbänder in diverfen Proben zur Blumenfabrication und dergl. herzuftellen, und diefes Fabricat in vorzüglicher Qualität zu verfertigen. Luxus und Phantafiepapiere. Nicht zufrieden mit der Rolle, die die nüchterne Gefchäfts- und Utilitätsinduftrie ihm angewiefen, überfchreitet das Papier die Grenzen des Alltäglichen, und betritt das Reich des Luxus und der Phantafie in Geftalt von Blumen und Blättern, von reich verzierten Liebesbriefen, Karten, Bonbonnieren und Cartons, präfentirt fich als glänzende Etiquette, als Orden, als Lichtmanfchette, als Fächer und Bouquethalter, als Tellerpapier und Serviette, und Taufende von Menfchenhänden find heute in allen civilifirten Ländern damit befchäftigt, die prachtvollften Blumen und Knospen aus Papier hervorzuzaubern, die an Schmelz und Farbe die natürlichen faft übertreffen, um Spitzen und Franfen, um Silber- und Goldborden, um Glanz- und Lackpapiere, kurz um die zahlreichen Luxusartikel aus Papier zu erzeugen, die einer Menge von gewöhnlichen Dingen zum Schmuck, zur Zierde dienen und die das Auge des Befchauers erfreuen. Der Annex des deutfchen Reiches enthielt eine, wenn auch nicht fehr vortheilhaft arrangirte, doch reiche Sammlung diefer Artikel. Noch vor zwei Decennien war Frankreich und namentlich Marion, Bertout und Nouvelle in Paris Alleinherrfcher auf dem weiten Gebiete der Luxuspapier- Induftrie. nunDondorf in Frankfurt, Hagelberg, Schäfer& Scheibe, dann Hellriegel in Berlin, fowie Meifsner& Buch in Leipzig müffen als die Schöpfer diefer vielzweigigen und heiklen Induftriebranche in Deutfchland bezeichnet werden. Nur der aufserordentlichen Pflege und Sorgfalt, die fie vom Beginne dem neuen Productionszweige zuwandten, ift deffen Gedeihen, deffen mehrige Ausdehnung zu verdanken. Jeder der genannten Ausfteller repräfentirt ein eigenes Genre, in dem er Ausgezeichnetes leiftet. So produciren Schäfer& Scheibe verzierte Briefbogen und Karten, Cotillonorden, Reliefs und Kunftdruck- Bilder in reichfter Ausftattung, mit bewundernswerthem Gefchmacke. Hellriegel erzeugt mit 273 Arbeitern für 200.000 Thaler Luxuspapiere, Gratulationskarten etc. herrlichfter Gattung. Vollmer's Luxuspapier für Galanterie- und Confifeurwaaren find reich, mannigfaltig und hübfch; einen reizenden Anblick aber gewähren feine eben fo kunft als gefchmackvoll gefchnittenen und fein ausgeftatteten Teller- und Bouquetpapiere, Atlas- und Crepemanfchetten. Meissner & Buch in Leipzig( früher Bartfch& Comp.) find Meifter in lithographifchen ,. Buntdruck- und Prägearbeiten für Cartonnagen und dergl. und zählen ihre ebenfo mannigfaltigen als kunftvoll durchgeführten Erzeugniffe zu den fchönften Leiftungen auf diefem Gebiete. Allein die obigen find wie erwähnt nur die Gründer diefes Kunft- Induftriezweiges, deren Streben nicht nur Anerkennung, fondern auch Nachahmung fand. Eine der jüngeren Firmen, Ed. Büttner& Comp. in Berlin, verfertigt Luxusbriefe, Buntdruck- Bilder zu Cartonnagen, namentlich aber Cotillonorden in fo effectvoller Form und phantafie- 24 Ignaz Nagel. reicher Abwechslung, wie fie felten ähnlich gefunden werden, und trotz feines kurzen Beftehens( 1872) befchäftigt das Haus 300 Arbeiter und verbraucht jährlich 7000 Rifs Papier. Oskar Müller in Leipzig( 1871) verarbeitet ebenfalls jährlich II Ballen diverfe Papiere, 28 Grofs Goldborden und 450 Centner Pappen zu Cartons u. A. Als reizende Specialität müffen wir die ausgeftellten Fenftergardinen aus Seidenpapier, die Spiegelfchleier, Fenftervorfätze, Lampenfchleier, Lichtmanfchetten und Lampenfchirme bezeichnen, die wie aus zarten Stoffen gewebt und mit den feinften Spitzen befetzt fchienen. Ebenfo hatte Prantl in München reizende originelle Lampenfchirme, auf beiden Seiten verwendbar, ausgeftellt. Hennig& Defeler in Berlin hatten nebft Luxuspapieren für Photographen und Conditoren prachtvolle Papierfächer und Wäfche. Auch fie befchäftigen 180 Arbeiter. Sehr hübfch waren auch die Papierfächer von Werner& Schumann. Ihre Specialität fcheinen Buchftaben aus lackirtem Stoffe. Ortlieb aus Strafsburg fchneidet hübfche Blumen aus Papier. In Metallpapieren, namentlich Goldund Silberborden und anderen Cartonnageverzierungen, fowie Bronzefarben dürfte Hänle in München einer der vorzüglichften und bedeutendften fein( 600 Arbeiter), fowie Hartwig's( Offenbach) Fabricate aus Leder und Papiermaché, geprefste Ornamente unftreitig zu den beften Producten diefer ganzen Branche gehören. Heiglin in München verlegt fich faft ausfchliefslich auf Confection in Trauerpapieren und Couverts, die er in grofsen Mengen und gut erzeugt, während Afchenbrenner in München Mannigfaltiges und Originelles in geprefsten Bilderrahmen lieferte. Noch eine Menge anderer Firmen hatten elegante und gelungene Producte diefes Genres gebracht; wir müffen uns jedoch verfagen, fie alle namentlich anzuführen; was wir jedoch erwähnen müffen, ift, dafs diefe Gefchäftsbranche glänzend vertreten war, und dafs in Deutfchland ein Gefchmack, eine Thätigkeit auf diefem Felde herrfcht, die ihm einen der erften Plätze in der betreffenden Branche anweift. O efterreich war auf diefem fpeciellen Gebiete nur fchwach vertreten, aber das Wenige, was die Ausftellung brachte, bekundet das Streben, nur Befferes und Gediegeneres zu liefern. Die Expofition der Brüder Ofterfetzer in Wien zeigte Lampenfchirme, Bouquethalter, Spitzen- und Tellerpapiere, die fehr viel Gefchmack und Fertigkeit in der Behandlung des einfachen Papierftoffes bedingen. Das durch die genannte Firma im Jahre 1861 begonnene, und mit vieler Mühe in Oefterreich eingeführte Gefchäft erzeugt nunmehr Producte, die im Inlande fehr beliebt geworden, und auch im Auslande- trotz der grofsen Concurrenz- ftarken Abfatz finden. Die Vitrinen von F. Halik und W. Kutfchera in Wien enthielten fehr hübfche gelungene Papierblumen und Bouquets, die Expofition von Guftav Schuler in Teplitz gefchmackvolle Prägearbeiten und Papierverzierungen in Gold und Silber, und G. Jelinek in Wien hatte recht fauber gearbeitete Bilderrahmen und gutes Albuminpapier zur Ausftellung gebracht. Wenn auch nicht in allen der vorgenannten Zweige, aber im Grofsen und Ganzen find die Refultate, welche die öfterreichiſche Papierwaaren- Induftrie aufzuweifen hat, fehr günftige zu nennen; die Einfuhr an genannten Artikeln ift eine höchft geringe, während die Ausfuhr fich in den letzten Jahren bedeutend gehoben hat. Die erftere betrug im Jahre 1872: 427.035 fl. die letztere 2,577.784 fl. Schreibmaterialien. Papier. Die Bemühungen unferer und der Papierfabrikanten anderer Staaten zur Herftellung eines allen Anforderungen und Bedürfniffen entſprechenden Schreibmaterials find an anderer Stelle eingehend gewürdigt worden. Hier sei nur erwähnt, dafs diefe einmüthigen Strebungen als vom beften Erfolge * E. Twerdy die Papierinduftrie, Bericht über Gruppe XI. Section 1. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 25 begleitet bezeichnet werden müffen. Die deutfchen und viele öfterrreichifche Schreib- und Poftpapiere werden von den gleichartigen Producten des Auslandes kaum übertroffen, ja von vielen Ländern nicht erreicht. Die Ausftellung brachte Proben von glatten und gerippten, linirten und carrirten, matten und hochfatinirten Papieren in allen Feinheits- und Stärkegraden, in weifsen, blauen und bunten Stoffen aller Farben und Nuancen. Allein der Gefchmack, die Mode verlangt nunmehr auch vom Papier mehr als Reinheit, Glanz und Glätte. Die in Dingen des guten Gefchmackes und der eleganten Präfentation von Objecten vorangehenden Franzofen haben, von dem Gedanken geleitet, dafs der günftige Eindruck, den ein fchönes Papier auf den Empfänger eines Briefes mache, durch eine ornamentale Ausstattung erhöht werden müffe, feit Langem nicht nur zu Gratulationsbriefen, Adreffen und dergl., auch für die Privatcorrefpondenz die mannigfaltigft gezackten, geprefsten und geprägten, fowie mit Ornamenten gefchmückten Luxusund Phantafiepapiere verwendet. Monogramme und Wappen. Sei es nun, dafs diefe von den Franzofen Marion, Bertout u. A. mit Kunftfinn gepflegte Gefchmacksrichtung durch fchlechte Erzeugniffe Anderer verdorben wurde, fei es, dafs die fo häufig wechfelnde Mode, die Sucht nach Neuem, die Vorliebe für die erwähnten Phantafiepapiere abfchwächte, Thatfache ift, dafs die feit Jahren von exclufiven Kreifen adoptirte Sitte. Einladungen, Menus, Vifites, Briefpapiere und Couverts mit Namenszügen oder Wappen zu fchmücken, auch in weiteren Kreifen Eingang fand, und das Monogramm, die zarte Blume, die oft fehr burleske, aber einfache Figur, die grofsen, bunten Bilder aus den feineren Briefpapieren verdrängte. Es mufs daher diefer Umfchwung als ein wohlthätiger, die neuere Gefchmacksrichtung als eine edlere bezeichnet werden, obgleich nicht geleugnet werden kann, dafs auch ein grofser Theil diefer Objecte keinen Anfpruch auf künftlerifchen Werth machen darf. Aus einem Vergleiche der meiften Producte diefer Art mit den weifsen und in Farben ausgeführten Monogrammen und Wappen Wyon's und Sulman's in London, mit den fchönen Monogrammen von Macquet in Paris und mit den pracht vollen Wappen und Monogrammen von Syré& Neffe in Wien wird man leicht den Unterſchied zwifchen Kunft- und Induftrieproducten erkennen. Zu den beften Die Ausftellung brachte nur wenig aus diefer Branche. Arbeiten find diejenigen des erwähnten Hofgraveurs Wy on in London zu zählen, der fehr fchöne Graveurarbeiten mit reinen Prägeabdrücken geliefert hat. Seine Wappen- und Monogrammabdrücke find unftreitig zu den gelungenften Bronzeprägungen zu rechnen. Rymton und Prince aus Genf hatten Abbildungen von für Uhren und Schmuck beftimmte Monogramme ausgeftellt, die wunderfchön waren; Azzik Domenico aus Piacenza auf Kupferplatten erzeugte forgfältig gearbeitete Monogramme und Wappen. Unter den öfterreichifchen Firmen ragen, als die vorzüglichften Erzeugniffe producirend, die Firmen Syré& Neffe und Theyer& Hardtmuth vortheilhaft hervor. Die von Syré& Neffe exponirten, reichhaltigen Monogramme- und Wappentableaux enthielten eine Menge von aufserordentlich gelungenen Präge und Graveurarbeiten diefes Genres, die genial und fchwungvoll in Zeichnung und correct in der Ausführung, allen Anspruch auf die Bezeichnung Kunftproducte haben. Die Farben befafsen noch nach fechsmonatlicher Expofition ihre erfte Frifche, das Gold- im Gegenfatze zu einer - feinen vollen Glanz, und die einzelMenge von Preffungen anderer Erzeugniffe nen Figuren hoben fich fcharf von einander ab. Den Theyer'fchen fonft gefchmackvollen Arbeiten mangelte theilweife correcte Zeichnung, und in der Ausführung jene Sorgfalt und Aufmerkſamkeit in der Behandlung der Details, welche die früher erwähnten Arbeiten fo befonders auszeichnen. Aufser den erwähnten, mit Monogrammen verzierten Briefpapieren erfchienen auf der Ausftellung als Novität die unter der Benennung Papierconfectionen 26 Ignaz Nagel. von den beiden letztgenannten Firmen eingeführten Briefpapiere und Couverts mit den verfchiedenartigften Figuren, Blumen und Vignetten verziert, die in eleganten Cartons in den Handel gebracht, fich einen weit ausgedehnten Markt errungen haben. Diefe Papierconfectionen, die fich durch Originalität und Schönheit vor allen anderen derlei Erzeugniffen auf das Vortheilhaftefte auszeichnen, werden von der Firma Theyer& Hardtmuth fabriksmäfsig erzeugt, während jene der Firma Syré& Neffe, welche mehr für ein kunftfinniges Publicum berechnet find, der höheren Preisanlage wegen einen exclufiveren Abnehmerkreis haben. Wir müffen bemerken, dafs die Papierconfectionen der Firma Theyer& Hardtmuth grofsentheils lithographifch ausgeftattet find, während die Papierconfectionen von Syré& Neffe aus deren Kunftpräge- Anftalt hervorgingen. Stahlfedern. So klein und unfcheinbar die Stahlfeder an und für fich ift, fo wichtig ift die Rolle, die fie als Schreibmaterial und als Handelsartikel fpielt. Enorm find die Quantitäten, welche jährlich in Birmingham von diefem Artikel erzeugt werden, enorm die Summen, welche für das Erzeugnifs nach England fliefsen. Nur über wenige Verbrauchsartikel herrfchen fo verfchiedene und irrige Meinungen im Publicum, als über diefes Schreibinftrument. Wir erachten es daher als nicht überflüffig, in einem Berichte über Schreibmaterialien diefe Anfichten zu berichtigen und die beſtehenden Irrthümer anfzuklären. Das Haupt- Rohmaterial, aus welchem Federn fabricirt werden, bildet der Stahl. Diefer Stahl muis von der feinften Sorte und durchaus gleichmäfsig im Korn fein, und es ift und bleibt Stahl das Hauptmetall, aus dem Federn verfertigt werden, indem kein anderes Metall und keine Metall- Legierung eine folche Ela fticität und Dauerhaftigkeit befitzt, wie der Stahl. Die fogenannten Gutta- Percha-, Cement-, Aluminium-, Kupferfedern, und wie fie fonft alle heifsen mögen, find nicht aus Gutta- Percha, Aluminium, Kupfer etc. gemacht, fondern aus Stahl, was auch immer die Ankündigungen fagen mögen. Der zur Federnfabrication zu verwendende Stahl wird in Blechform gewalzt und ift es dabei von der gröfsten Wichtigkeit, dafs die Walzen, die in ihrer Arbeit begreiflicher Weife bei einem Metalle wie Stahl einen koloffalen Widerftand finden, genau und feft auf einander laufen, und auch nicht ein Jota abweichen, denn ein Unterfchied in der Stahlblech- Dicke von auch nur 2 bis 3 Percent ift genügend, um eine Feder merklich härter oder weicher zu machen. Welche Aufmerkfamkeit diefe Arbeit des Walzens erfordert, mag die Thatfache erklären, dafs eine Stahlfedern- Blechdicke durchfchnittlich den hundertften Theil eines Zolles beträgt, und dafs alfo 2 bis 3 ja felbft 40 und noch mehr Percente in einer Blechdicke einen winzigen, mit dem blofsen Auge nicht mehr wahrnehmbaren, aber bei der Feder doch wichtigen Unterfchied machen. Je ftärker das Blech, defto dauerhafter die Feder, das heifst defto länger behält der Stahl feine Federkraft, defto länger widerfteht die Feder den äufseren, fchädlichen Einflüffen; aber je ftärker das Stahlblech, defto ftärker nützen fich die zur Fabrication nöthigen Werkzeuge aus, denn Stahl mufs Stahl verarbeiten. Fabrikanten dünner und fich fchnell abnützender Federn erfparen fomit an Menge des Stahlbleches, fowie an Erneuerung und Reparatur ihrer Werkzeuge, was bei den Herftellungskoften fchwer ins Gewicht fällt und auch grofsentheils den dem Laien oft unbegreiflichen Preisunterfchied bei fertigen Federn verfchiedener Fabrication erklärt. Ift der Stahl gewalzt und das Blech genau für die anzufertigende Feder paffend ausgefucht, fo wird zunächft mittelft einer Mafchine die Form der Feder in flachen Blättchen ausgefchlagen; eine ziemlich einfache Arbeit, die aber doch grofse Aufmerkfamkeit und Gewiffenhaftigkeit erfordert, indem die in der Mafchine arbeitenden Werkzeuge ftets haarfcharf gefchliffen erhalten werden müffen( was oft in der Stunde mehrere Mal Nachhilfe erheifchen kann), indem fonft der wichtigfte Theil der Feder, die Spitze, fehr leicht leidet. Die Feder ftellt bis jetzt nur ein ganz einfaches Stahlplättchen vor, welches nun als zweiten Procefs in anderen Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 27 Mafchinen die zur Regulirung der Elafticität nothwendigen Löcher( Lückchen) oder Seitenfpalten bekommt. Die Federplättchen find noch immer ziemlich hart, und müffen nun, um die nächften Proceffe zu paffiren, ausgeglüht, das heifst weich gemacht werden. Nachdem diefs gefchehen, wird den Plättchen der felten fehlende Name oder eine Verzierung eingeprägt und erft dann bekommen fie in einer weiteren Mafchine die aufgebogene, kielförmige Form. Die Feder ift nach diefer Procedur noch ganz weich, fo dafs fie wie Blei hin- und hergebogen werden kann, und mufs jetzt gehärtet werden. Diefer Procefs geht in fogenannten Härtenöfen( Muffles), wo die Federn beinahe bis zur Weifsglühhitze erhitzt werden, vor fich. Die Abkühlung gefchieht in Oel, welches die Qualität des Stahles weniger beeinträchtigt als Waffer. Die fo gehärtete Feder ift äufserft fpröde und läfst fich mit den Fingern zerbröckeln. Der Stahl ift wieder harter Gufsftahl geworden, den die härtefte Feile nicht angreift und dem nun, um Elafticität zu erlangen, die heikliche Procedur des Temperirens bevorfteht. Durch längeres Erhitzen kann bekanntlich der harte Gufsftahl wieder weich und bleiartig gemacht werden, wobei er bei fteigender Hitze zuerft eine leichte gelbliche, dann nach einander eine goldgelbe, purpurrothe, blaue, lichtblaue, grünliche und zuletzt, wenn wieder weich, eine weifse Farbe annimmt. Es ift, wie wenn das kurze Korn des Gufsftahles nach und nach eine geftreckte, faferartige Form annehme und dadurch die Elafticität gewänne. Diefes Nachlaffen oder Temperiren der Federn gefchieht in Trommeln über einem gelinden Feuer und ift am beften dem Röften des Kaffee's zu vergleichen. Die Federn werden fo lange geröftet, bis fie eine tiefblaue Farbe angenommen haben, in welchem Status der Härte der Stahl die dauerhaftefte Elafticität befitzt. Die Feder bedeckt nunmehr eine Art härtere, fprödere Rinde, Epidermis, welche an den Spitzen und oberhalb des Spaltes da, wo die Hauptaction der Feder beim Schreiben fitzt, durch Schleifen entfernt wird. Die Feder gewinnt dadurch bedeutend an Elafticität. Erft, nachdem die Feder gefchliffen, was bei den mittleren und befferen Sorten ftets der Fall ist, wird fie gefpalten und zwar wieder auf einer neuen Mafchine, deren Einrichtung im Principe der Scheere zu vergleichen ift. Ein richtiger gerader Spalt ift eine der Hauptbedin gungen einer guten Feder. Die Feder wäre nun fo ziemlich fertig; um aber zum Gebrauche tauglich zu werden, mufs fie erft von den noch anhängenden Schlacken gereinigt und gefcheuert werden; die Spitzen müffen ihre fcharfen, kratzenden und in das Papier einfchneidenden Kanten verlieren. Diefs gefchieht durch tagelanges Scheuern in verfchiedenen Ingredienzien, und je länger diefs fortgefetzt wird, defto fanfter und angenehmer geht die Feder, defto glänzender weifs wird fie. Weifs ift die Grundfarbe jeder fertigen Stahlfeder, und die verfchiedenen Farben, in denen der Artikel im Handel vorkommt, find eben lediglich und nichts Anderes als Farben, welche je nach dem dazu verwendeten Lacke oder gal vanifchem Metallüberzuge variiren, die aber mit der eigentlichen Qualität der Feder fchlechterdings nichts zu fchaffen haben. Ein Lacküberzug fchützt natürlich die Feder gegen fchnelleres Roften, ebenfo galvaniſche Metallüberzüge, und von diefen find leicht verftändlich die aus edlen Metallen, namentlich Gold, am zweckdienlichften. Federn, die ein fo koftbares Gewand bekommen, find auch ftets befonders forgfältig angefertigt. Sehr viel hängt allerdings in diefem Artikel von einer guten Waare, noch mehr von der richtigen Wahl der Feder ab. Erfte Bedingung ift, dafs eine gehörige dicke Schreibunterlage, kein zu fchlechtes Papier und eine gute flüffige Tinte benützt wird. Ift die Feder für den Schreibenden zu hart oder zu fpitzig, fo mufs eine weichere, refpective ftumpfere Sorte gewählt werden; läfst die Feder Striche * Federn, denen keine Firma aufgeprägt ift, fondern nur eine allgemeine Bezeichnung wie: Correfpondenzfeder, Schulfeder, Patentfeder etc., gehören zu den geringften Erzeugniffen denen der betreffende Fabrikant defshalb feinen Nameu nicht geben mag. 28 Ignaz Nagel aus, oder läfst fie Tinte fallen, fo ift fie für den Schreibenden zu elaftifch, oft auch zu ftumpf. Es liegt ferner viel daran, ob die Feder fehr horizontal oder fehr aufrecht gehalten wird, in welch' erfterem Falle eine Feder mit abwärts gebogenen, in letzterem eine Feder mit geradftehenden Spitzen gewählt werden mufs; ebenfo verhält es fich, ob an einem horizontalen Tifche oder an einem fchrägen Pulte gefchrieben wird. Federn mit aufwärts ftehenden Spitzen taugen in der Regel nicht viel. Wie aus Obigem erfichtlich, erfordert die fragliche Fabrication viel Sorg falt, tüchtig gefchulte Arbeiter und ganz befonders gut conftruirte Hilfsmafchinen. Diefs mag auch die Urfache fein, wefshalb fich die Stahlfedern- Fabrication faft nur auf Frankreich und England, und auch hier nur auf Birmingham befchränkt. Deutfchland hat nur eine, Oefterreich ebenfalls eine, die übrigen europäiſchen Staaten haben unferes Wiffens gar keine, Amerika foll zwei Stahl- SchreibfederFabriken haben. Schwierig wie die Herftellung ift die Befriedigung der Ansprüche des Publicums in diefem Artikel. Es exiftiren mindeftens taufend diverfe Nummern derfelben, und auch diefe Zahl genügt noch nicht, um alle Wünſche zu erfüllen. Als Fortfchritt mufs es bezeichnet werden, dafs die Fabrication diefen Wünſchen Rechnung trägt. Federn für zarte und fchwere Hände, für fehr dünne, feine, wie für rauhe, ftarke Papiere, fowie für Pappendeckel, für Correfpondenz- und Buchführung, für Rond und Schnellfchriften, für autographifche und kalligraphifche Arbeiten, für die feine, faft aller Schattenftriche entbehrende englifche und amerikaniſche, wie für die hebräifche und griechifche Schrift werden nun in allen Härtegraden hergestellt. Ebenfo irrige Meinungen wie über die Fabrication beftehen über die Erfindung der Stahl- Schreibfedern. Sicher ift, dafs fie eine Erfindung unferes Jahrhunderts, und dafs England ihre Urfprungftätte ift. Dafs James Perry, wie bisher häufig behauptet worden, ihr Erfinder fei, wird nun allgemein beftritten. Sorgfältige Recherchen, die wir in Birmingham angeftellt, ergaben, dafs ein Meffingarbeiter in Sheffield der Erfte war, welcher auf die Idee kam, Schreibfedern aus Stahl zu machen, und dafs ein Spängler, Namens Skipper in Sheffield, folche Federn nachher in gröfseren Mengen verfertigte. Sein Sohn führte diefe Idee weiter aus, und zwar, wie es in der betreffenden Quelle heifst, vor nahezu fünfzig Jahren. Ein in Birmingham befchäftigter Stahlfeder- Arbeiter erinnert fich genau, im Jahre 1816 in einer Hauptftrafse Sheffields an einem Fenfter die Anzeige gelefen zu haben:„ Hier werden Stahlfedern zu fechs Pence das Stück reparirt." In Birmingham war es ein gewiffer Spittle, der Stahlfedern, aber mit der Hand, verfertigte. Nach ihm waren es die Brüder John& William Mitchell, die vor circa fünfundvierzig Jahren Stahlfedern im Grofsen, d. h. mittelft Mafchinen fabricirten. Später trat dann Perry, der 1830 ein Patent für die erfte Stahlfeder erhielt, und dann Guillot auf, welch' Letzterer die Fabrication bei Mitchell gelernt hatte. Seit diefer Zeit haben fich in Birgmingham II bedeutende Fabriken etablirt, die wochentlich circa 140.000 Grofs Stahlfedern erzeugen. Eine der gröfsten und leiftungsfähigften Fabriken ift jene von Jofef Gillot and Sons, deren Erzeugniffe der Lefer auf der Ausftellung gefehen, und wegen ihres höchft gefchmackvollen Arrangements, fowie wegen ihrer glänzenden Polituren bewundert haben dürfte. Gillot erzeugt fehr folide Waare, und find deffen Buch-, Lithographie-, und Autographiefedern befonders beliebt. Die ausgeftellten bunten und damascirten Federn zeugen von vielem Gefchmack und von der Kunft, welch' reizende Form man der kleinen Feder zu verleihen vermag; einen praktifchen Nutzen haben diefelben nicht. C. Brandauer war der zweite Repräfentant der englifchen Stahl- Schreib federn- Fabrikation auf der Ausftellung. Ein Deutfcher von Geburt, koftete es Brandauer viele Anftrengungen, um fich einen Gefchäftsboden und einen Kundenkreis in England zu erkämpfen. Heute zählt die Firma zu den geachtetften, Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 29 deren Producte, die mit weniger Prätenfion auftreten, zu den folideften und brauchbarften diefer Gattung. Eine mit 12 Spalten verfehene Feder lieferte den Beweis, wie oft bei forgfältiger Behandlung des Stahles der fo fchwierige Proceſs des Spaltens ausführbar ift. Als eine praktifche Novität diefer Fabrik müffen wir die„ Manyfold- Pen" bezeichnen, die für Lineamente und Zierfchriften, weil mehrere Striche in einem Zuge machend, von grofsem Werthe ift. Einen grofsen Federnvorrath hatte D. Leonardt& Comp. aus Birmingham vorgelegt. Bei der Schwierigkeit, ftets genaue Mittheilungen über die einzelnen Fabriken zu erhalten, müffen wir uns auf die Wiedergabe jener Daten befchränken, die uns zu Gebote ftehen, ohne für deren Richtigkeit einftehen zu können. So erfuhren wir, dafs Gillot jährlich 1 Million, Leonardt 750.000, Brandauer 500.000 Grofs Stahlfedern producirt. Leonard, feit 1848 in Birmingham etablirt, fabricirt feit 1867 nebft Stahlfedern auch Federhalter, Federfchachteln, u. f. w. Deffen Fabrik arbeitet mit 455 meift weiblichen Perfonen, und wird durch zwei Dampfmafchinen mit 110(?) Pferdekraft betrieben. Als eine Specialität wird uns die urfprünglich als Signirfeder conftruirte Stahlfeder bezeichnet, welche wegen ihrer Eignung zu breiten Strichen nun im Orient häufigen Abfatz findet. Eine gute Feder, wenn zu glattem Papier benützt, dünkt uns Leonard t's Univerfalfeder mit zum Papier gebogener Spitze, mittelft der fich fehr feine Striche erzielen laffen. Weniger praktiſch däucht uns deffen Referve-( beffer Refervoir-) Feder; nach kurzem Gebrauche wird das Refervoir unrein, der Zuflufs ftockt und da die Reinigung fich fchwer bewerkstelligen läfst, ift die Feder unbrauchbar. Nach den eigenen Angaben fabricirt die Firma 4000(?) verfchiedene Sorten Federn, was wir indeffen bezweifeln müffen. Englands Stahlfedern- Fabrication leidet momentan unter der Vertheuerung deş Rohmateriales, der Kohle und der Arbeitskraft, welche überdiefs nicht mehr jene Stetigkeit befitzt, wie fie ihr bis vor kurzem nachgerühmt wurde. Deffen ungeachtet werden in Birmingham jährlich circa 7 Millionen Grofs Federn erzeugt, und in alle Welt verfendet. Sollen wir den eigenthümlichen Charakter der englifchen Feder kennzeichnen, fo müffen wir betonen, dafs fich diefelbe für kräftige Schriften, kräftiges Papier befonders eignet, und daher kommt es, dafs man in England meift folide und ftarke Federn aus beftem Materiale und mit grofser Sorgfalt fabricirt. Sowie die englifche Stahlfedern- Fabrication fich auf Birmingham befchränkt, ift jene Frankreichs auf Boulogne fur Mer localifirt. Der Bezug des Stahles aus Sheffield, verfchiedener Mafchinen und Werkzeuge aus anderen englifchen Orten, vielleicht auch der Verbrauch englifcher Kohle erklärt diefen Umftand, wie er anderfeits die Schwierigkeiten erklärt, mit denen diefer franzöfifche Fabricationszweig kämpft, deffen Etabliffements feit Jahren auf drei befchränkt geblieben. Der Krieg, welcher Frankreich heimgefucht, hat auch diefer Branche grofse Nachtheile gebracht, unter denen der Abbruch aller Gefchäftsbeziehungen und Erhöhung der Arbeitslöhne nicht die geringften find. Und dennoch ift auch hier das Erzeugungsquantum feit 1866 von 2,660.000 auf 3,500.000 Grofs im Jahre 1872 geftiegen. Elegant und gefchmackvoll wie die meiſten franzöfifchen Expofitionen war auch die ihrer Stahlfedern. Aus der erften Fabrik Frankreichs, der von Blanzy, Poure& Comp. war eine eben fo prachtvolle als reichhaltige Sammung von Stahlfedern und Federhaltern ausgeftellt; feiner Schliff, exacte Adjuftirung, gefällige Präfentation und folide Arbeit kennzeichnen die erfteren Producte, grofse Mannigfaltigkeit fowohl bezüglich der Mufter als des Materiales, feine, gefchmackvolle Ausführung die letzteren. An Stahlfedern erzeugt die genannte Firma jährlich 2,400.000 Grofs, an Federhaltern 120.000 Grofs, deren erftere einen Werth von 1,500.00 0 Francs, die letzteren einen folchen von 380.000 Francs repräfentiren; 180 Arbeiter und 720 Arbeiterinen bilden das Arbeitsperfonal; 30 Ignaz Nagel. die Triebkraft beträgt 120 Pferdekräfte, die jährlichen Arbeitslöhne 600.000 Francs. P. F. Lebeau, der zweite franzöfifche Exponent, arbeitet mit geringeren Mitteln, erzeugt aber nichtsdeftoweniger recht hübfche, wenn vielleicht auch etwas geringere Waare als vorgenannte Firma; feine mehrfpaltigen Federn find befonders bemerkenswerth. Die Summe feiner Stahlfedern- Erzeugniffe beträgt 800.000 Grofs per Jahr. Sehr viele der franzöfifchen Federn werden, um ein fchönes Deffin zu erzielen, erft gefärbt und nachträglich gefchliffen, um als letzten Procefs das Spalten durchzumachen, was die Federn verfchönert, aber nicht verbeffest. Trotzdem man in Frankreich fich des feineren Papieres zur Correfpondenz bedient, confumirt das Land meift harte, fpitzige Federn. Als Specialität diefer Branche gilt G. Bac in Paris, der fich ausfchliefslich mit der Erzeugung von Federhaltern, Tintenzeugen, Feder- und Streufand- Büchfen befafst, und fich ein Renommé in diefen Artikeln fowie in der Verfertigung metallener Oefen erworben hat. Ueber die Leiftungsfähigkeit der Fabrik ftehen uns keine Daten zur Verfügung. Die deutfche Stahlfedern- Firma war nicht auf der Ausftellung erfchienen; dagegen war die öfterreichifche Stahlfedern- Fabrik von Carl Kuhn& Comp. in Wien reich und glänzend vertreten. Eine grofse Menge Federn der diverfeften Sorten von allen Härte- und Breitegraden, in den variabelften Farben, mit ein und mehrfachen Spitzen, von gröfserer oder geringerer Biegung, kurz jedem Bedürfniffe und jedem Verwendungszwecke Rechnung tragend, ward hier zur Anfchauung gebracht, und gab ein gefälliges Bild von der prunklofen, aber foliden Strebfamkeit der genannten Firma, die fich durch Einführung der Stahlfeder in Oefterreich ein befonderes Verdienft erworben. Eine anerkennenswerthe Idee lag in der Darftellung der verfchiedenen Fabricationsproceffe durch Vorführung der Stahlbleche in den einzelnen Stadien der Stahlfeder- Fabrication, fowie in der Veranfchaulichung der Federhalter- Production vom gefchnittenen Holzblock bis zum polirten Federftiel. Ueber die Productionsmenge der hiefigen Fabrik, welche 40 Arbeiter befchäftigt, konnten wir keine genügenden Daten erlangen; wir wiffen nur, dafs das Erzeugnifs, welches theils im Inlande, theils in Deutfchland, Rufsland, Rumänien und Griechenland Abfatz findet, ein fehr folides, kräftiges ift, und die Kuhn'fche Feder an Elafticität von keiner anderen übertroffen wird. Die Summe aller in den angeführten Staaten erzeugten Stahlfedern beträgt circa 10 Millionen Grofs per Jahr, die aus 1600 Tonnen Stahl gewonnen werden. Goldfedern. Der erfte Verfuch, Federn mit folchen Spitzen zu verfehen, welche den ätzenden Einflüffen der Tinte widerftehen, datiren vom Beginne diefes Jahrhunderts, und wurde zuerft in England gemacht. Glas, Schildpatt, Bein wurden, mit Metallfpitzen verfehen, zu Federn benützt; diefe rohen Verfuche bewährten fich nicht, trugen aber den Keim einer nützlicheren Erfindung in fich. John Ifaak Hawkins, ein in England lebender Amerikaner, machte Schildpattfedern, an die er Diamant- oder Rubinfpitzen löthete; bald darauf gelang es ihm, Goldfedern mit Spitzen von Iridium und Osmium* herzuftellen. Die Goldfeder in ihrer jetzigen Vorzüglichkeit und Vollendung ift das Product von F. Mordan in London, das fich einen Weltruf erworben, den es auch in der diefsjährigen Ausftellung bewährt hat. In Amerika wurde die Goldfeder 1840 durch einen Uhrmacher Levi Brown eingeführt, und ift diefelbe nun zu einem fehr beliebten Schreibinftrument geworden. Der befte Goldfedern- Fabrikant ift unftreitig Leroy Fairchild& Comp. in Newyork. Sein Ausftellungskaften barg einen reichen Schatz von Goldfedern, Feder- und Bleiftifthaltern, goldgefafsten Kautfchukhaltern u. f. w. Aufser * Osmium und Iridium finden fich in den Platina- Erzen; beim Schmelzen derfelben entweicht ein Theil des Osmiums als Osmiumfäure und hinterläfst eine Legirung in Geftalt von Hanffamen- Körnern, welche mit einem Hammer in kleine Splitter gefchlagen, und dann mittelft Schnellloth an die Spitze der Goldfeder gelöthet werden. Diefe Osmiumfpitzen haben den Vortheil, dafs fie durch Säuren nicht angegriffen werden und der Oxydation widerftehen. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 31 den Genannten hatten Morton James& Johnfon Ephraim beffere Sorten Aluminiumfedern mit Goldfpitzen, Brown J. A.& Comp. folche mit Diamantfpitzen, fowie Specialitäten in Bleiftift- und Federnfchiebern in Aluminium Perlmutter etc. ausgeftellt; Neals S.& Comp. in London brachte fehr hübfche Porte Crayons in Gold, Pyro, Silber, Elfenbein, Stachelfchweinhorn etc., Schletter in Birmingham Feder- und Bleiftifthalter aus Perlmutter und Schidplatt. Leonardt& Comp. in Birmingham ftellte hübfche Crayons aus, die von Whiley in Birmingham angefertigt find. Die von Maurice de Leon( London) und Lohay Louis Jofephe( Paris) ausgeftellten Federhalter mit Refervoir( Porte de l'encre) erfüllen den Zweck, dem fie dienen follen, nicht, da die Tinte fich bald in dem Cylinder anfetzt, und den ferneren Austritt der Flüffigkeit hemmt, während das Reinigen des Refervoirs faft unmöglich ift. Tinte. Von Allen Schreibmaterialien, die uns die Gegenwart in fo vollkommener und mannigfaltiger Weife darbietet, kann keines fich auf ein fo langes Dafein berufen als die Tinte. Die Tinte, deren man fich in der Vorzeit bediente, beftand indefs nur aus Kohle oder Ofenrufs. Die Tinte der Römer aus Kohlenftaub mit Gummi oder Leim, in Effig zerlaffen, präparirt, war eine fehr gute, wie diefs die in Herculanum und Pompeji ausgegrabenen Handfchriften beweifen. Der gelehrte Engländer Blagden meint, die Erfindung der älteften, chemifch zufammengefetzten Tinten fei fchon im IX. Jahrhunderte gemacht worden, aber erft in den Handfchriften des XIII. und XIV. Jahrhunderts fei Vitriol bemerkbar; noch im Anfange des XV. Jahrhunderts blühten in Böhmen unter König Wenzel Rufstinten- Kochereien, die indefs fpäter gänzlich durch chemifche Tinten verdrängt wurden. In der neueren Zeit, und zwar ungefähr bis zum Jahre 1830, war die fogenannte Gallustinte die einzige allgemein verbreitete Schreibflüffigkeit für Schule und Haus. Da es in der Natur keine fchwarze im Waffer lösliche Farbe gibt, welche fich für fchöne fchwarze Tinte eignen würde, fo war der in den Galläpfeln im Vergleiche mit anderen gerbftoffhaltigen Vegetabilien reichlich vorhandene Gerbftoff in Verbindung mit Eifen das einzige Schreibmittel, welches feiner Billigkeit halber häufig angewendet wurde. Eines fo guten Rufes fich indefs auch die Galläpfel- Tinte erfreute, fo entſpricht diefelbe doch den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr. Profeffor Runge, eine in der Tintenfabrication erfahrene Autorität, behauptet, dafs felbft eine nach den genaueften chemifchen Grundfätzen aus Galläpfel, Eifenvitriol und Gummi dargestellte Flüffigkeit noch immer keine Tinte gi t, wie fie fein follte, die nämlich keinen Bodenfatz, keinen Schimmel bildet, fchwarz aus der Feder fliefst, feft am Papier haftet, durch Säuren keine Veränderung erleidet, und, was das Wichtigfte ift, die Stahlfedern nicht angreift. Einer unferer renommirteften Tintenfabrikanten bekräftigt diefes Urtheil und fagt, dafs keine Fabrik eine Gallustinte liefern kann, welche fchwarz aus der Feder fliefst. Ift die Gallustinte in dem Tintenglafe foweit gekommen, dafs fie fchwarz fliefst, fo bildet fich auch fchon ein Niederfchlag, und wenn man foviel Gummi zufetzen wollte, dafs der Niederfchlag fich nicht abfetzen könnte, fo würde man eine Tinte erhalten, mit der man wegen Dickflüffigkeit nicht fchreiben könnte. Einen wefentlichen Fortfchritt brachten die Jahre 1830 bis 1835, in welchen die fogenannte Alizarintinte erfchien. Wir fagen fogenannte, weil fie von Alizarin nichts als den Namen befitzt, den man ihr defshalb beigelegt, um Nachahmer ,. deren es in diefem Artikel immer die Menge gegeben, auf eine falfche Fährte zu führen. Das Product ift nichts als eine verbefferte Gallustinte, die indefs der früheren Gallustinte defshalb vorzuziehen ift, weil fie, blaugrün aus der Feder fliefsend, in Kurzem dunkelfchwarz erfcheint, viel flüffiger ift als Gallustinte, und deren Beftandtheile durch Zufatz von fchwefelfaurem Indigo als leichtlöslichem Farbftoffe dem Niederfchlage viel weniger ausgefetzt find, als die früher genannte 3 32 Ignaz Nagel. Tinte. Ein grofser Nachtheil diefer Tinte ift der, dafs fie die Stahlfedern leichter angreift, und wenn, wie diefs bei der heutigen Fabrication fehr oft der Fall, das befchriebene oder zum Copiren verwendete Papier ftark chlorhältig ift, bald nachgilbt. Nichtsdeftoweniger ift die genannte Tinte eine der beften Schreibflüffigkeiten. Das Verdienft, diefelbe in Oefterreich eingeführt zu haben, gebührt Leon hardy, das Verdienft ihrer Verbefferung Popp& Comp. in Prag. Durch deren ftets gleich gutes Fabricat fand diefelbe in Oefterreich eine faft allgemeine Verbreitung. Es wird mit diefer Tintenforte viel gefündigt, viel Nachahmung getrieben die den Ruf des Fabricates fchädigen. Der früher nur auf grofse Handlungshäufer befchränkte, feit dem Jahre 1840 aber allgemein gewordene Ufus, Gefchäftsbriefe zu copiren, hat zur Darstellung einer neuen Tintenforte, der Copirtinte geführt, bei der leichte Copirfähigkeit die erfte, Haltbarkeit, Unveränderlichkeit der Farbe die weiteren Bedingungen find. Bis zum Jahre 1860 wurde diefe Tintengattung zumeift aus dem Auslande bezogen oder in fchlechten Nachahmungen hier fabricirt. Um diefe Zeit verfandte die Tintenfabrik von Julius Hofmaier( nun Heinrich Roedl) in Prag, Mufter von Copirtinten, welche bis auf den Umftand, dafs fie nicht fchwarz, fondern violett waren, alle erforderlichen Eigenfchaften in fich vereinigte. Diefe aus Blauholz extrahirte, mit diverfen chemifchen Subftanzen verfetzte Tinte hat den feltenen Vorzug, dafs fie jener ätzenden Säuren ermangelt, die den Papierleim zer fetzt, die Feder angreift und in der Schrift nach einiger Zeit jenen roftigen Stich bewirkt, der fich auch auf die Copie überträgt. Ein weiterer Vortheil ift deren Billigkeit und Verdünnungsfähigkeit, falls fie zu anderen als Copirzwecken verwendet wird, fowie deren gute Confervirung nach längerer Aufbewahrung. Die intenfiv fchwarze Documenten- Doppelcopirtinte diefer Firma ift der vorbefchriebenen aus dem Grunde vorzuziehen, weil fie gleich fchwarz fchreibt, fchwarz bleibt, und fchöne fchwarze Copien liefert. Seit Erfindung der Anilinfarben wurde der Tintenmarkt noch um ein Product, die Anilintinte vermehrt, welche aus wafferlöslichen Anilinfarben erzeugt, fich durch grofse Dünnflüffigkeit auszeichnet, bisher jedoch meift nur in farbigen Fabricaten wie brillant, violett, und blau erzeugt wurde, weil es fchwierig ift, eine im Waffer lösliche Anilinfarbe herzuftellen. Auch diefe Tinten erfreuen fich der fchönen Farben halber einer grofsen Beliebtheit. Zur Ausfertigung von wicheigeren Schriftftücken, wie für Acten, kaufmännifche Correfpondenz und Buchführung follte man jedoch nur Tinten von bewährten Firmen nehmen, weil die fchlechteren Gattungen in der Regel fehr bald verblaffen und das Gefchriebene in kurzer Zeit unleferlich wird. Die vielfach im Handel vorkommenden Tintenpulver find abgedampfte Tintenproducte, deren Erzeugung infoferne von Wichtigkeit ift, als fie für die Reife, fowie für den Export, um den Transport des Waffers zu erfparen, fehr vortheilhaft find. Die Ausftellung war mit Tinten reichlich befchickt. Sogar aus Brafilien und den Vereinigten Staaten waren verfchiedene Sorten eingelangt, über die wir jedoch, wie über die vielen Tinten anderer Länder kein Urtheil abgeben können, da eine Unterfuchung in vielen Fällen nicht geftattet, Mufter nicht zu erhalten und ein Einblick in die Jury- Protokolle nicht zu erlangen war, ein eingehendes Urtheil über Tinten aber nur dann möglich ift, wenn man diefelben einer längeren Beobachtung unterziehen kann. Die beften vorhandenen Tinten waren: Aus England: Alizarin- und Copirtinten von H. C. Stephens in London, die den beften Ruf geniefsen; die fehr hübfche Schreibtinte von William Lyons in Manchefter. Aus Frankreich: von Antoine père& fils, Paris, deffen Encre violette noire eine der fchönften fchwarzen Copirtinten auf der Ausftellung war, die fün Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 33 Copien auf einmal ermöglicht; ebenío ift feine tieffchwarze unauslöfchliche Tinte wunderfchön, nur etwas fcharf; feine blaue Tinte leichtflüffig haltbar und gut, dabei fehr gefällig,* Encre Persane, Encre Syrienne, Encre noire triple, Encre blene, von Maurin in Paris, die alle als gute Tintenforten bezeichnet werden müffen; die violettfchwarze Copirtinte von Gardot in Dijon gut und flüffig fchreibend; Eugene Roy in Paris hatte die wunderbarfte grüne Tinte gefendet: Pleffy Mathieu fehr hübfche farbige Tinten. Aus der Schweiz: Die Tinten von Brunnfchweiler& Sohn in Sct. Gallen, aus denen wir die Superior Copirtinte und eine fchöne Carmintinte hervorheben, während Dr. Merk in Frauenfeld eine intenfiv rothe Copirtinte darftellt, die prächtig copirt und dauerhaft fcheint, fowie feine Anilintinte eine liebliche Färbung befitzt. Aus Italien, das diefe Ausstellung quantitativ und qualitativ am reichlichften befchickte, von den Firmen Toffoli Luigi figli in Padua Copirtinte von fchöner, fchwarzer und fchwarzblauer Farbe; von Maranefi& Mafetti in Bologna, der fchöne und gute Schreib- und Copirtinte; eine concentrirte fchwarze von der italienifchen Regierung mit Decret belobte, dann eine blaufchwarze Schreib und Copirtinte, von Giuſeppe Ferretti in Trevifo, die beide als ausgezeichnete Fabricate bezeichnet werden müffen; tieffchwarze Schreib- und Copir-, dann Carminund grüne Tinten von Guoc chi in Mailand, leicht fliefsend und fchönfarbig; Copirtinte, die fehr blafs fchreibt, aber fchön fchwarz wird, fowie fympathetiſche Tinte von Guerine in Florenz, erftere fehr empfehlenswerth; gute Copirtinte von Dellachà in Moncaglieri bei Turin; gute, flüffige, röthlich- fchwarze Tinte von Margini in Reggio; gute Tinte ohne fchädliche Subftanzen von Panzarafa in Cafale; eine fehr gute fchwarze, rein copirende Tinte unter dem Namen Inchioftro felfineo von Grattini Serafino in Bologna; eine gute röthlich fchwarze Copirtinte unter der Bezeichnung Inchioftro communicativo von Romani Aug. in Fano; eine gleichfalls gute Tinte diefer Gattung von Colombari Serafino in Vincenza; eine fchwarze, gut aus der Feder fliefsende Schreib- und Copirtinte von Fabbi& Comp. in Bologna-** Aus Spanien: Eine fehr fchöne tieffchwarze Schreib- und Copirtinte von Alcaras in Madrid. Aus Schweden: Eine forgfältig bereitete leichtflüffige Zeolin-, Schreib- und Copirtinte grünlicher Farbe aus der technifchen Fabrik von Barnängen in Stockholm. Aus Norwegen: Eine fogenannte franzöfifche Schreibund Copirtinte von Holmens in Criftiania, fchreibt röthlich und wird fehr hübfch. fchwarz. Aus Dänemark: Eine fehr hübfche Blauholz- Tinte, die leicht aus der Feder fliefst, violett fchreibt und hübfch fchwarz wird, von Röming in Kopenhagen. Aus Belgien: Violette Tinte von angenehmer, dem Auge wohlthuender Farbe von van der Velden aus Lüttich; dann diverfe, gut zubereitete fchwarze und farbige Tinten von Planche in Brüffel. Aus Deutfchland: Beyer Ed. in Chemnitz, bekannte vorzügliche Tintenerzeugniffe, die fich eines guten Rufes erfreuen; fchöne fchwarze und farbige Tinten von Reinh. Fetzer in Berlin, deren Depefchentinte nach dem aufliegenden Album befonders gut zu fein fcheint; Ledertinte, Schreib-, Copir- und Luxustinten von Rapp in Ulm.*** Aus Rufsland: Schwarze Comptoirtinte, ganz blafs fchreibend und fchwarz werdend, von Lankowsky und Liccop aus Mitau; gute, erft etwas blaffe, in tiefes Schwarz fich verwandelnde, dann röthliche Schreibtinte, die tief fchwarz und glänzend wird, von Kadiffon in Warfchau, vorzügliches Präparat * L. Antoine in Paris hat eine der befteingerichteten Tintenfabriken in Frankreich und befchäftigt in diefem Artikel, fowie in Leim, Siegellack und Oblatenfabrication 40 Arbeiter. ** Wir haben der nachftehenden Producte eingehender gedacht, weil viele derfelben von der Jury gänzlich unbeachtet geblieben, woran unferes Erachtens der begleitende italienifche Commiffär die Hauptfchuld trägt. *** Ueber die übrigen Tinten des deutfchen Reiches haben wir kein Urtheil, da wir weder Einficht noch Mufter erlangen konnten. # 3* 34 Ignaz Nagel. Aus Oefterreich haben aufser dem bereits erwähnten Roedel in Prag, Gebrüder Müller in Peft, Andreazzi Hartmann& Mittler in Wien, Dr. Thenius in Wiener- Neustadt den verfchiedenartigften Anforderungen entfprechende Tinten zur Ausftellung gebracht; zu den beften fehr beliebt en Tinten mufs der fogenannte Reformextract, eine tieffchwarz fchreibende und Verdünnung durch Waffer vertragende Tinte von Ferd. Fritfch in Wien, dann deffen flüffiger Tufch fowie concentrirter Carmin und aufgelöfter Grünfpann für architektonische Arbeiten gezählt werden. An Merktinten und Zeichentinten find hervorzuheben: die von Black wood& Comp. in London( Ictoline), die von Bonds John in London, fowie die von Dr. Jacobfohn in Berlin, der nebft einer aufsergewöhnlich fchönen rothen Merktinte auch hübfche Anilinfarbe ausgeftellt hatte. Zum Schluffe mufs noch eines hieher gehörigen Artikels, nämlich eines Tintenfaffes erwähnt werden, das als„ Magic Inkftand" bezeichnet und von dem behauptet wird, dafs es mit Waffer gefüllt ohne Zufatz einer Tintenflüffigkeit hinreiche, um durch zehn Jahre täglich zehn Seiten zu fchreiben. Diefes Tintenfafs wurde in der englifchen Abtheilung der Ausftellung verkauft und feit Schlufs derfelben in den Handel gebracht. Die Wahrheit ift, dafs fich auf dem Boden des Tintenfaffes ein mit einer Tintentinctur getränktes Beutelchen oder ein Schwamm befindet, der an das eingefüllte Waffer eine dunkle Flüffigkeit, aber nur dann abgibt, wenn mit der Feder ftark auf dasfelbe gedrückt wird, aber auch in diefem Falle ift die Flüffigkeit von zweifelhafter Farbe; bei gewöhnlichem Eintauchen der Feder ift die Tinte blafs wäfferig, das„ Magifche Tintenfafs" ein Humbug. Siegellack. In England und Frankreich, welche Länder in erfter Reihe berufen find, den überfeeifchen Bedarf an Siegellacken zu decken, wird die Fabrication diefes Artikels trotz der Nürnberger Concurrenz und trotz des allgemeinen Gebrauches der gummirten Briefcouverte und der Siegelmarke, noch immer äufserft fchwunghaft betrieben. Die englifchen Fabriken haben vor Allem den Vortheil, dafs fie der Bezugsquelle des Hauptbeftandtheiles, des Schellacks am nächften find, dafs fie diefen und die übrigen Rohftoffe auf dem Weltmarkte nach Bedarf und Gefchmack wählen können, und dafs ihre Zinnober und Farben feit jeher von erften Chemikern und Technikern tadellos präparirt werden, dafs mit einem Worte alle für die Erzeugung eines fchönen und guten Siegellackes erforderlichen Bedingungen in reichem Mafse vorhanden find. Die englifchen Erzeugniffe auf der Ausftellung rechtfertigten denn auch die gute Meinung, welche man von den dortigen Lacken in der Regel hat. Die Siegellacke, die Hill in London in langen Stangen vorlegte, dann die Brieflacke von Stephens, J. C.& J. Field in London und von Lyons in Manchefter zeichneten fich durch ihre helle Farbe und Reinheit im Bruche, das fchwarze Siegellack von Lyons durch feinen befonderen Glanz aus. Frankreich liefert fehr fchöne Lacke in allen Farben, adjuftirt diefe zier lichen netten Stangen, unterſtützt von der Kunftfertigkeit der Cartonnagefabrikanten, in eleganten Etuis, die wiederum mit reizenden Etiquetten, lachenden, heiteren Farbendruck- Bildern, verfehen werden und fteht in der Erzeugung von Luxuslacken jedenfalls unerreicht da. Einen fprechenden Beweis für das Gefagte bot die Expofition von Toiray- Maurin in Paris, der in der Bereitung und Adjuſtirung feiner Siegellacke einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht hat, während Bergerés Expofition( Paris) meift nur mittelfeine Waare bot. Boyer's Siegellacke zeigen von forgfältigerer Bereitung wie die vorgenannten. Von den italienifchen Siegellacken verdient nur das von Ottavianello& Söhne in Rom erwähnt zu werden. Im deutfchen Reiche fteht Nürnberg durch Maffenproduction befferer Waare in der Siegellackfabrication obenan. Durch einen billigeren Bezug Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 35 von fchönem Zinnober begünftigt, hat es fich durch feine beliebten SiegellackFormen durch eine gute Mittelwaare und billige Preife einen ziemlich grofsen Markt für diefes Bureaumaterial erobert und fowohl Oefterreich als Frankreich in billigen Sorten erfolgreiche Concurrenz gemacht. Elias Held Erben in Nürnberg, ein feit 1778 beftehendes Gefchäft, erfreut fich längft eines guten Rufes in diefem Artikel, der durch die eingefandten Producte nur gewinnen konnte. In 80 verfchiedenen Farben lagen Siegellacke von befter Bereitungsweife und in den gefälligften Formen vor; die der Firma gewordene Auszeichnung mufs eine wohlverdiente genannt werden. Nebft diefem hatte Bergeré J. in Valendár a. R. mittelfeine, Rothe in Lübeck fehr hübfche Siegellacke ausgeftellt, die ihrem Charakter als currente Handelswaare ganz gut entſprechen. Von dem Frictions Siegellack van der Molen's( Geldern) halten wir nicht viel. Recht gutes, theilweife den franzöfifchen Fabricaten imitirtes Siegellack, hatten Kadifohn in Warfchau und Liljanoffin Petersburg ausgeftellt. Das Wachs tropft nicht, ift aber gut flüffig, prägt fich fchön aus, und hält fehr gut, das Product befitzt fo ziemlich alle von einem Siegellack gewünſchten Eigenfchaften. Thalheim's( Riga) Lacke find minderer Qualität. Die öfterreichifche Siegellack- Fabrication hatte lange Zeit zu kämpfen, bis fie auf dem Standpunkte anlangte, den fie heute einnimmt, und der es ihr möglich machte, die ausländifche Concurrenz faft gänzlich aus dem Felde zu fchlagen, die heimifchen Bedürfniffe felbft zu befriedigen. Namentlich waren und find es theilweife heute noch die Cursfchwan kungen, dann der hohe Zoll, welcher den Bezug von ausländifchen Rohmateria lien erfchwerte. Der inländifche Zinnober hat trotz mancher anderer guter Eigenfchaften nicht jenes Feuer, welches das deutfche und englifche Product in fo reichem Mafse befitzt, und das für die Herftellung feiner Siegellacke erforderlich ift. Trotzdem find, wie gefagt, fremde, namentlich Nürnberger Producte faft gänzlich aus Oefterreich verdrängt worden. Wer die fchönen Lacke, die A. F. Richter in Wien zur Ausftellung brachte, genauer unterfucht, wird fich diefe Veränderung erklären können. Deffen Product hat glänzende helle Farben, fchöne Prägung, ift feft und rein im Bruche, brennt und fliefst fehr fchön, ohne zu rauchen, kurz das Product ift von befter Qualität. Gutes und fchönes Siegellack verfertigt auch Schönwald in Peft, der auch aufserhalb Ungarn Abfatz hat. Nebft den genannten verdienen Andreazzi, dann Hartmann& Mittler in Wien für beffere Waare in allen Farben, fowie Klein in Prag, alles Lob für ihre Ausstellung. Mehloblaten wurden eingefendet: von Hill in London, Schmidt in Nürnberg und Eder& Sohn in München. Maurin in Paris hat auch in diefem Artikel vorzügliche Waare. Zeichenrequifiten. Blei und Farbenftifte. Bezüglich näherer Mittheilungen über die Entstehung und Vervollkommnung des Bleiftiftes bis zu feiner gegenwärtigen Vollendung auf unferen diefsfallfigen Bericht über die Parifer Ausftellung vom Jahre 1867 verweifend, müffen wir uns heute darauf befchränken, nur jene Punkte zu erörtern, die fich auf den jetzigen Stand der Bleiftift- Fabrication und auf die in der Ausftellung zu Tage getretenen Momente beziehen. Leider both die Ausftellung nur wenige Anhaltspunkte zur Befprechung der Bleiftift Fabrication und der Fortfchritte auf diefem Felde. England fowohl als die erften franzöfifchen Fabriken haben die Ausftellung gemieden, und gewinnt es faft den Anfchein, als ob fie einen Vergleich mit Deutfchland gefcheut hätten. Seit dem Verfiegen der Cumberland- Gruben und feit der Verwendung des Graphites aus den von Alibert entdeckten Gruben in Batougol Ignaz Nagel. in Sibirien zu Bleiftiften, hat eine Veränderung in der Fabrication befferer Bleiftifte Platz gegriffen. Die beften Zeichenftifte werden nicht mehr in England, fondern in Stein bei Nürnberg gemacht. Diefs ift wenigftens das allgemeine Urtheil, welches aus den Zufchriften der erften Künftler Deutfchlands und Frankreichs, wie Cornelius, Kaulbach, Ingres, Horace Vernet, Ifabey etc. zu lefen ift, die alle erklären, dafs Faber's Polygrades- Bleiftifte, aus dem Alibert'fchen Graphit erzeugt, die beften feien und alle neueren Producte erfetzen oder übertreffen. Es läfst fich nach dem auf unferer Ausftellung Vorgeführten nicht behaupten, dafs andere als techniſche Verbefferungen in der Bleiftift- Fabrication feit dem Jahre 1867 gemacht worden wären, aber die Ausftellung conftatirte abermals die Thatfache zur Evidenz, dafs Faber's Streben auf die Veredlung feiner Erzeugniffe gerichtet ift; diefe Erzeugniffe find durchwegs Mufterfabricate. Dafs Faber's Vorwärtsftreben nicht ohne Einfluss auf feine deutfchen Gefchäftsgenoffen bleibt, zeigten die Producte von Schwanhäufer( vormals Grofsberger& Kurz) in Nürnberg. Die Erzeugniffe diefer Firma zählen zu den vorzüglicheren, und es mufs das Bemühen, in diefem Fache das möglichft Befte zu leiften, anerkannt werden. In der Farbftift- Fabrication hat die genannte Fabrik allen anderen Fabriken. den Rang abgelaufen und keine zweite Fabrik hat einen fo ftarken Verfandt in folchen Stiften. Ihre Oelkreide- Stifte werden in 48 verfchiedenen Farben und Nuancirungen geliefert; ihre Verwendung ift namentlich zu geometriſchen und topographifchen Arbeiten, zu Werkstätt- Zeichnungen in den Mafchinenfabriken fehr zu empfehlen. Nicht unerwähnt können wir an diefer Stelle die guten Patentftifte von Haus in Nürnberg fowie die Porte- Crayons und Künftlerſtifte von Reber in Nürnberg laffen, welch' Letzterer allein jährlich 10.000 Grofs diefer fchönen Waare verfertigt. In Oefterreich befteht trotz des ausgezeichneten inländifchen Rohmaterials und anderer für die Fabrication günftiger Bedingungen nur eine Bleiftift- Fabrik von Bedeutung, jene von L.& C. Hardtmuth, die in Budweis( Böhmen) ihren Sitz hat. Die fehr rührige Firma, welche 500 Arbeiter befchäftigt und mittelft Dampfmaschine jährlich 300 Millionen Dutzend Bleiftifte, Paftelle etc. im Werthe von 500.000 fl. erzeugt, beftrebt fich, den gefteigerten Anfprüchen an das fo wichtige Schreib- und Zeichenproduct möglichft gerecht zu werden, und erftreckt fich ihr Abfatzgebiet nach Deutſchland, Frankreich, Italien und Rufsland. Jofef Dixon Crucible Company, Jerfey- City in New- York, nennt fich eine Firma, die mit Graphitftücken und Bleiftiften auf der Ausftellung erfchien. Der ausgeftellte Graphit war von fehr fchöner Farbe, feft und haltbar, die daraus gefertigten Bleiftifte in acht Härtegraden find von guter Qualität. Schiefertafeln, elaftifche Tafeln und Schulhefte. Das Haupt ftreben unferer Zeit ift dahin gerichtet, den Unterricht zu verbeffern, die Lehrmittel zu vermehren und fo nutzbringend als möglich zu geftalten. Die vielen Schulhäufer auf dem Ausftellungsraume gaben Zeugnifs davon. Eines der zahlreichften Momente in der Maffe der ausgeftellten Unterrichtsmittel bilden die vielen Schreib-, Rechen- und Zeichenhefte, die Menge von Schreibund Rechentafeln. So lagen in der American Rural School Schiefertafeln, deren Rahmen zur Anleitung für Schreib- und Rechenunterricht dienen, während eine Vorrichtung am Kopfe Zeichenvorlagen enthielt. In der fächfifchen Unterrichtsabtheilung fand man Schreib- und Rechentafeln aus lackirter Pappe mit eingedruckten Linien; die Schrift oder Zeichnung kann mit einem feuchten Lappen befeitigt, und das Heft wieder benützt werden. Diefe Hefte von Wagner& Niezel in Dresden gehören zu den billigften und praktifchften Schulgegenftänden. Höchft elegant ausgeftattet waren die von Kugler in Nürnberg ausgeftellten künftlichen Pergament- und Schiefertafeln. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 37 Auch diefem Schreibmaterial hat Faber feine Aufmerkfamkeit gewidmet; in feiner Fabrik in Geroldsgrün werden Schiefertafeln für alle Schul-, Haus- und Comptoirzwecke aus beftem Material und in elegantefter Form hergeftellt und zu Taufenden nach allen Richtungen verfendet. L.& C. Hardtmuth verbinden mit ihrer Bleiftift- Fabrik eine folche für elaftifche Schreib- und Rechentafeln, die fich als praktiſch bewährten und eines fehr guten Abfatzes erfreuen. H. F. Hauptmann in Linz hatte ein reiches Sortiment von elaftifchen Rechen, Schreibtafeln etc. ausgeftellt; die gleichfalls gut zu nennen find. Krufs in Graz künftliches Schieferpapier für Brieftafchen und dergl. nebft künftlichen Schieferftiften. Sehr anerkennenswerthe Beiträge zu diefen Unterrichtsmitteln haben Ignaz Fuchs in Prag und A. Löwi& Comp. in Wien mit ihren mannigfachen hübfchen und billigen Schulthecken geliefert. Zeichenpapier. Obgleich es nicht Aufgabe diefes Berichtes ift, Papiere in feine Befprechung zu ziehen, fo fei doch der Vollständigkeit wegen hier auf die beften ausgeftellten Producte diefer Gattung hingewiefen. Unter diefen ftehen die herrlichen Papiere von Blanchet frères& Kleber, Canfon& Montgolfier, dann die Société anonyme des Papeteries du Marais in Frankreich obenan; Saunders in Dartford, England, folgt unmittelbar; in Deutſchland find J. W. Zaunders in Gladbach, Gebrüder Hoefch, H. A. Schöller Söhne, dann Hoefch& Schleicher in Düren die erften Fabrikanten diefer Branche; in Oefterreich find die Fiumaner, Ebenfurther, Neufiedler, dann die Schlöglmühler Fabricate als die beften bekannt. Albert Eck ftein in Wien hat foeben diefes Zeichenmaterial um ein neues, gutes Product, nämlich durch ein für Zeichenzwecke eigens präparirtes vegetabilifches Pergamentpapier, vermehrt, das für Zeichnungen, kartographifche und topographifche Aufnahmen um fo verwendbarer ift, als die betreffenden Arbeiten durch Näffe keinen Schaden leiden. Für Schulzwecke ift diefes Zeichenmaterial wegen feines Widerftandes gegen Radirgummi, feiner Feftigkeit und Billigkeit wegen ganz befonders geeignet. Pauspapier. Von diefem für Zeichner höchft wichtigen Verbrauchs material haben ausgeftellt: die vorerwähnte Firma Canfon frères& Montgolfier ihr rühmlich bekanntes Papier végétal, in gewohnter Güte und Feinheit; Gebrüder Leichtlin in Carlsruhe, ebenfalls eine der renommirteften und älteften Firmen diefer Branche( feit 1823 beftehend), präparirtes Pauspapier von ausgezeichneter Qualität; Emil Holtzmann in Speyer vorzügliches, Schleicher& Schüll in Düren fehr gutes Pauspapier; Rheiner& Vogel in Schwelm bei Elberfeld gute Paus- und Transparentpapiere; Jof. Schönwaffer in Neufs ( Rheinprovinz), als Specialift für Bereitung von vortrefflichem vegetabilifchem Pergamentpapier bekannt, und fchliefslich Diehm in Ettlingen ein 144 Meter breites fchönes Product, fowie auch Bormann Nachfolger in Berlin unter feinen Malerrequifiten Pauspapiere exponirte. Malerrequifiten. Obgleich England in der Malerkunft nicht den erften Rang einnimmt, o wird doch felbft von den in diefer Branche fehr competenten Franzofen zugegeben, dafs die englifchen Malerfarben andere derlei Fabricate weit übertreffen. Um fo bedauerlicher iſt es, dafs die englifchen Erzeuger diefer Producte der Ausftellung gänzlich fern geblieben find. Aus Frankreich, das nach England die beften Malerfarben producirt, waren nur zwei Ausfteller: Les fils de B. M. Paillard, Succ. und Bourgeois aîné aus Paris erfchienen, welch' Letzterer hübfche Aquarell- und Paftellfarben fabricirt. Die Hauptforce diefes Gefchäftes richtet fich auf die Darftellung giftfreier 38 Ignaz Nagel Farben, worin es Erfolgreiches geleiftet hat. Das erftgenannte Haus, 1788 von Lambertye gegründet, und 1842 an die gegenwärtige Firma übergegangen, ift nicht nur einer der älteften, fondern auch würdigften Repräfentanten diefes Faches in Frankreich. Seine Thätigkeit erftreckt fich auf die Da ftellung von Paftell-, Aquarell- und Oelfarben, ferner auf die Präparation feuchter Farben für Freskomalerei, auf Farben in Schalen für Miniaturmalerei, fowie für Photographie, auf die Bereitung von Lacken, Maler- Leinwand und Malerpinfeln und neuerer Zeit auf die Verfertigung von Portecrayons. Sowohl die matten als transparenten Oelfarben diefer Firma find wunderfchön; feine Carmin- und Indigofarben von einer Kraft und einem Feuer, wie fie felten gefunden werden. Eine Specialität diefer Firmen find fehr gute Kreideftifte. Eines befonderen Rufes erfreuen fich die Oelfarben wegen ihrer leichten Trocknungsfähigkeit und Haltbarkeit. Von fehr fchönem Colorit find die feuchten Farben, mit befonderer Sorgfalt zubereitet die Aquarellfarben von Brunnfchweiler& Sohn in St. Gallen. Auch Dr. Merk in Frauenfeld hat folide haltbare Farben eingefendet. Die Vereinigten Staaten fandten Zwei Glaskäften mit Malerfarben, wovon der eine Chas. Mofer& Comp. in Cincinnati gehörend, eine reiche Aus wahl von Oelfarben in grofsen Tubes enthielt; die Farben waren aus gutem Material, höchft forgfältig zubereitet und hatten fich trotz ihres Alters von circa acht Monaten fehr gut confervirt. Der Kaften Janentzky's( Philadelphia) enthielt trockene Malerfarben in allen Farben und Nuancen, dem Anfcheine nach fehr hübfch, der Unterfuchung aber nicht zugänglich. Eine vollständige Sammlung von vorzüglichen Malerrequifiten enthielt die Ausstellung von H. Bormann Nachfolger in Berlin, der ein fpecielles Material magazin für Künftler hält und die Fabrication diefer Materialien im Grofsen betreibt. Die Tufch- und Aquarellfarben von Aumüller in München find eine allgemein bekannte gute Waare; als ausgezeichnet müffen die Oelfarben von Kreul in Nürnberg bezeichnet werden. Dr. Jung aus Arnftadt debutirte mit einer Sammlung hübfcher Kinderfarben. A. Martin in Stuttgart ift wegen feiner guten Malerfarben vortheilhaft bekannt. Ebenfo Wagner- Günther in Hannover, der fchöne Farbencaffeten mit feinen Waaren, befonders technifchen Farben brachte. In Oefterreich geniefsen Anreiter's Aquarellfarben einen guten Ruf, den fie durch die ausgeftellten fchönen Producte neu begründet haben. Auch die gleichen Producte von Komarek in Pilfen waren gut präparirt. Sehr verdienftlich hatte Neumann in Wien ausgeftellt; als befonders gut müffen deffen Honigfarben wegen ihrer Haltbarkeit und Ausgiebigkeit bezeichnet werden, und ift zu bedauern, dafs die Producte Neumann's von der Jury gänzlich ignorirt wurden. A. Maurer hatte nebft feiner Malerleinwand feine Oelfarben für Künftler ausgeftellt, die wirklich unter die vorzüglichften Fabricate diefer Branche zu zählen find. Zu den werthvollften Collectionen von Malerfarben der verfchiedenartigften Gattungen mufs die japanefifche gezählt werden. Der einheimifche Ocker und Zinnober ift berühmt, deffen Behandlung macht ihn zu einem echten Kunftmaterial. Tufche. Die Bereitung der echten chinefifchen Tufche ift trotz der zahlreichen Mittheilungen in technologifchen Zeitfchriften und Werken noch immer ein Geheimnifs, das auch durch die neueften Ausftellungen nicht enthüllt worden ift. Sicher ift nur, dafs fich die Chinefen zur Herftellung ihrer Tufche des Kienrufses( Chinn Me oder Kinn- Mak), des Leimes und gewiffer ätherifcher Oele bedienen und dafs vielen derfelben wohlriechende Subftanzen beigemengt werden. Die Vorzüge der Tufche hängen hauptfächlich von der Bereitung des Rufsschwarzes ab. Das Rufsfchwarz zu Primaforten wird durch langfame und forgfältige Verbrennung gewiffer Oele gewonnen. Das Gefäfs( die Lampe), mittelft deffen die Verbrennung vorgenommen wird, und in dem fich ein Binfendocht befindet, ift oval und derart conftruirt, dafs während der Verbrennung des Oeles. faft jeder Luftzutritt ausgefchloffen ift und der durch den Verbrennungsprocefs Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten. 89 entſtehende Rufs fich an den Wänden des genannten Gefäfses anlegen mufs. Aus diefem Rufse wird die fogenannte Nanquintufche bereitet. Die fernere Bereitungsweife befteht darin, dafs man in ein mit Rufs gefülltes irdenes Gefäfs eine kochende Auflöfung von Leimwaffer giefst, die beiden Subftanzen durch Umrühren gut vermifcht, dann erkalten läfst, und wenn die Maffe hinreichend feft geworden, mit dem Formen beginnt. Die Formen find in länglich viereckigen Platten von hartem Holz gefchnitten, die mit Zeichnungen( Marke, Firma etc.) eingravirt find. Auf diefe Weife bilden fich kleine Stangen, die man an der Luft trocknet, worauf die an denfelben eingedrückten Zeichnungen mit Farben, meift jedoch mit Gold bemalt werden. Die beften Tufchforten, zu denen nur geruchlofer, vollkommen gereinigter Leim verwendet, und denen Sefamöl oder irgend ein Balfam beigefetzt wird, erkennt man an dem Glanze ihres Bruches, dem feinen Korne und an ihrer leichten Zerreibbarkeit und Ausgiebigkeit; der Geruch ift niemals ein richtiges Erkennungsmittel, weil auch nachgeahmte, fchlechte Fabricate oft dasfelbe Aroma haben. Die meiſten der ausgeftellten chinefifchen Tufche waren nicht Primawaare und ermangelten der vorzüglichen Eigenfchaften, welche fonft diefen Fabricaten in fo hohem Grade eigen find. Die Bereitung der japanefifchen Tufche ift wenig verfchieden von der oben befchriebenen. Der Lampenrufs fammelt fich an einem über der Lampe angebrachten Deckel und wird dann mit vorzüglichem Leim, aus Ochfenhaut bereitet, verfetzt. Das zum Speifen des Dochtes verwendete Oel ift entweder fehr feines Rübfamen- oder beffer Sefamöl. Das Kneten der Maffe gefchieht mit den Händen in einem mit doppelten Wänden verfehenen kupfernen Troge. Die Maffe wird ebenfalls in hölzernen Formen geformt, und auf warmer Afche zwifchen Papierlagen langfam getrocknet; zu den feinften Sorten wird als Parfum Borneokampher, wovon das Pfund circa 100 fl. koftet, oder Safflorextract genommen. Trotz der fehr forgfältigen Bereitungsweife und des fehr hohen Preifes fteht der japanefifche Tufch weit hinter dem chinefifchen zurück. Ein von der chinefifchen Commiffion ausgeftelltes grofses Tableau mit Tufchen war der Unterfuchung des Berichterstatters nicht zugänglich, doch fcheint es beffere Fabricate enthalten zu haben, da es das Jurymitglied diefer Claffe für fich acquirirte. Die übrigen ausgeftellten Mufter waren von keiner befonders guten Qualität. Die fogenannte Schreibtufche wird aus gewöhnlichem Kienrufs und Leim bereitet, und ift zum Zeichnen nicht zu verwenden. Eine der feltenften Sammlungen von Tufchen hatten Gebrüder Leichtlin aus Carlsruhe zur Anfchauung gebracht. In Frankreich fowohl als auch in Deutfchland werden gleichfalls Tufche. angefertigt, allein die Verfuche zur Nachahmung der echten chinefifchen Tufche haben bisher nicht zu dem gewünſchten Refultate geführt, was umfomehr zu bedauern ift, als die befte echte chinefifche Tufche nur felten zur Ausfuhr gelangt. Paillard aus Paris und Bormann Nachfolger hatten unter ihren Malerrequifiten auch Tufche vorgelegt. Malerpinfel. Für diefen in vollendeter Weife nur fchwer herzuftellenden Artikel hat die diesjährige Ausstellung nur wenig Anhaltspunkte zu Vergleichen geboten. Weder England noch Frankreich hatten fich wenn wir von der kleinen Collection Pinfel abfehen, denen Paillard einen Winkel in feinem Malerrequifiten- Kaften einräumte an diefer Ausftellung betheiligt. - Und doch ift Frankreich oder eigentlich Paris der erfte Platz, die Schule für diefen Fabricationszweig; Beweis deffen die Lieferung von Taufenden von feinen Pinfeln nach London, das felbft fehr viele und tüchtige Pinfelmacher aufweift, fowie die Anzahl von 2000 Arbeitern, die fich mit diefem Artikel befchäftigen, deffen jährlicher Umfatz circa 3 Millionen Francs beträgt. Auch das erfte deutfche Haus Meunier in München fehlte. Dagegen zeigte das von der Firma C. G. Beifsbarth in Nürnberg ausgeftellte Tableau von Malerpinfeln eine Reihe der verfchiedenartigften Pinfel vorzüglicher Qualität. Die feit 30 Jahren beftehende, ebenfo thätige als ftrebfame Firma hat fich einen 40 Ignaz Nagel. Schreib-, Zeichen- und Malerrequifiten guten Ruf in diefem Artikel erworben und verfendet ihre durch 110 Arbeiter erzeugten Producte, deren Erzeugungswerth fich im Jahre 1871 auf 120.000 fl. belief, nach allen Richtungen, namentlich nach überfeeifchen Ländern. Neben der vorgenannten betreiben Gebrüder Gonnermann in Nürnberg die Pinfelfabrication im Grofsen( mit 167 Arbeitern), und wie aus ihrer Expofition erfichtlich, mit fchönem Erfolge. Ihre Pinfelcollection enthielt eine Auswahl fehr hübfcher Fabricate zu mäfsigen Preifen. Der dritte im Bunde war Schufter& Behlen mit Pinfeln für fpecielle Zwecke, nebft welchen fie auch gute Malerpinfel liefern. Mit einer faft completen Sammlung von Pinfeln waren die betreffenden Käften der chinefifchen und japanefifchen Abtheilung ausgeftattet. Die in China ausgelegten Albums, auf Reispapier gemalt, beweifen, dafs den dortigen Künftlern ein fehr gutes Material zu Gebote fteht, und dafs fie auch in der Pinfelfabrication viel Gefchick befitzen. In Wien, dem Sitze der öfterreichifchen Malerkunft, der Mufeen und Inftitute für bildende Kunft, dem Wohnorte fo vieler Maler, Decorateure, Architekten und Photographen, befafst fich auffallender Weife noch immer Niemand mit der fabriksmässigen Erzeugung diefes gewifs lucrativen Artikels, und find unfere kunftbetreffenden Confumenten noch immer auf den Bezug ausländifcher Fabricate angewiefen. Maler Leinwand. Auch von diefem Malermateriale war nur wenig zur Ausftellung gebracht worden, und das Befte unter diefem Wenigen war unftreitig das Product von Anton Maurer in Wien. Die in neun verfchiedenen Sorten, und zwar in einer Breite von 44 bis 26/4, demnach in einer Breite, wie fie in diefem Artikel felten vorkommt, fabricirte Leinwand ift fchon in der Webe als höchft gelungen und tadellos zu bezeichnen; überdiefs fühlt fich diefelbe fehr weich an, und was ein Hauptvorzug fie ift dünn und gleichmässig grundirt. Auch die von diefer Firma ausgeftellten Schultafeln und ölgrundirten Hintergründe für Photographen waren fehr zweckentfprechend gearbeitet. Die Fabrik exportirt fehr viel von diefem Artikel, befonders nach Amerika. Die guten Düffeldorfer Producte diefer Branche fehlten; Wurm in München hat Vorzügliches geliefert. Bekanntlich liefert Frankreich die beften Maler- Leinwanden. Ihre Appretur ift bis jetzt von keinem anderen Producte erreicht worden. Auch in diefem Artikel liefert Paillard Vorzügliches. Mit guter Waare erfchien Altmann in Turin; mit Sorten von theils befferer theils minderer Qualität Serafino Frattini in Bologna. Reispapier. Als in diefe Branche gehörend, müffen wir des Reispapieres aus der chinefifchen Abtheilung erwähnen. Dasfelbe ftammt indefs weder von der Reispflanze, noch befitzt es eigentliche Papierconfiftenz. Es ift eine fchwammige, brüchige, fchneeweifse, oblatenähnliche Maffe, welche aus dem Marke einer, befonders auf der Infel Formofa wachfenden Pflanze gewonnen wird, die in die den Doldenpflanzen naheftehende Familie der Araliaceen gehört, und Aralia papyrifera Hook heifst. Diefes Reispapier hat die Eigenfchaft, dafs die darauf gebrachten Farben fehr brillant und fammtweich erfcheinen, wefshalb es fich zur Malerei und Fabrication künftlicher Blumen befonders eignet. Wenn auch in den hier befprochenen Induftriezweigen keine aufserordentlichen, epochemachenden Erfcheinungen zu Tage getreten find, fo kann doch nicht geleugnet werden, dafs auf allen Gebieten diefer ausgedehnten und vielverzweigten Gruppe das einmüthige Streben herrfcht, der ihr zugewiefenen grofsen Aufgabe, die Kunft und Induftrie, den Handel und Verkehr zu fördern, in möglichfter Weife gerecht zu werden. BUCHBINDEREI, CARTONNAGEN UND MASCHINEN FÜR BUCHBINDER. ( Gruppe XI, Section 4.) Bericht von CONRAD BERG, Verlags- Buchhändler und Buchbinder in Wien. Seit die bildungsfähigen Völker des Erdballs die künftlichen Mittel erfonnen hatten, den flüchtigen Gedanken durch die Schrift feftzubannen, fpielt das Buch eine fo hochwichtige als fegensvolle Rolle auf Erden. Die Form des Buches aber hat manche Wandlungen erlebt, ehe der Geift der Zeiten felbes des oft fo edlen Inhaltes würdig fich entfalten lehrte. Vom mit Keilfchrift bedeckten Obeliske, dem Runenftabe, der Papyrusrolle, den mit Wachs überzogenen und mit Griffel befchriebenen Tabletten der Alten bis zu dem im prachtvollíten Einbande prangenden Album, welches den Toilettetifch einer Salondame der Neuzeit fchmückt, blieb der Begriff des Wortes Buch fich gleich, nur die Form hat fich verändert. Das Buch ift der raftlos wandernde Bote, der aus dem unerfchöpflichen Füllhorn des menfchlichen Geiftes ftets neue, unfchätzbare Gaben der dankbaren Menfchheit überbringt und eine Bibliothek von Meifterwerken ift theils eine Apotheke für heilbedürftige Seelen, theils ein Arfenal des Geiftes zu nennen, in welchem deffen Siegestrophäen und unbefiegbare Waffen aufgefpeichert find. Wie wichtig fchon unfere Vorfahren in altersgrauen Zeiten den Werth diefer Geiftesfchätze erkannten, beweift die Sorgfalt, womit die erften Bücherfchreiber, meift hochgelehrte Mönche, ihre theils felbft verfafsten Werke, theils die von fremden Autoren ins Lateinifche oder Deutfche übertragenen Werke niederfchrieben und mit finnigen, nicht felten mit meifterhaft gezeichneten und gemalten Vignetten und Initialen auszufchmücken wufsten; noch mehr aber der complete, meift mit Spangen von Eifen oder Kupfer verfehene Pergamenteinband, der Jahrhunderten trotzte und noch heute den echten Bibliophilen wahre Hochgenüffe bereitet. Damals freilich war ein folch' riefiges Buch, welchem vielleicht mehrere fleifsige Mönche den gröfsten Theil ihrer Muſseftunden oft lebenslange geopfert hatten, ein Unicum und wohl werth, vor dem nagenden Zahn der Zeit, den Motten und anderen Bücherfeinden möglichft befchützt zu werden Wir glücklichen Kinder der Neuzeit find folcher fchwerer Sorge für die Bücher, unfere geiftigen Schätze, längft überhoben. Die Schnellpreffe liefert ein 42 Conrad Berg. Buch, an welchem ein raftlos fleifsiger Mönch wohl fünf Jahre lang gefchrieben hätte, in einem Tage in mehreren taufenden von Exemplaren, wir geben denfelben ihrem Inhalte entſprechend mehr oder minder koftbare Einbände und wenn folch ein Buch, und wäre es auch ein Meisterwerk, zufällig zu Schaden käme oder verloren ginge, jede Buchhandlung vermag uns den Verluft zu erfetzen und binnen wenigen Tagen haben wir wieder das erfehnte Geifteskind, unfer liebgewohntes Buch. Mit dem Fortfchreiten der Cultur fteigert fich das Beftreben geiftiger Mit theilung in dem Mafse, als das Volk nach geiftiger Nahrung lechzt und fo ift der Büchermarkt ein Weltbedürfnifs geworden. So geiftig tief verfumpft ift wohl kaum ein Bewohner der elendeften Waldhütte im Gebiete eines civilifirten Staates, dafs nicht irgend ein Buch geiftlichen oder weltlichen Inhaltes ihm Troft in feiner Einfamkeit gewähren würde, fei es eine Bibel, ein Gebetbuch, ein Liederbuch oder ein Volkskalender, er nimmt es gewifs in Stunden der Krankheit oder der Mufse zur Hand und wie er darin blättert und fein vielleicht im Lefen wenig geübter Blick mühfam die Worte entziffert, fällt allmälig ein Strahl des geiftigen Lichtes in fein verdüftertes Gemüth und er findet in dem Buche einen theilnehmenden Freund, einen willkommenen Tröfter und wohlwollenden Rathgeber. Der Buchbinder ift fo zu fagen der Kleidermacher des Geiftes und wie im gewöhnlichen Leben das Sprichwort lautet„ Kleider machen Leute", fo ift es auch auf Bücher anzuwenden. So manches, oft köftlichen Inhaltes übervolles Buch wird von dem Kaufluftigen nicht beachtet, weil der Einband fchlecht, wohl gar gefchmacklos ift, während ein daneben liegendes Büchlein fehr dürftigen Inhaltes Gnade findet, weil es mit Goldfchnitt und Maroquineinband prahlt und man einer Dame eine elegante Spende zugedacht hat. Dank dem Zeitgeifte aber, find den wahren Rittern des Geiftes fowohl, als deren minder berufenem Trofse bereits auch in Rückficht auf äufsere Erfcheinung entſprechende Conceffionen gemacht worden. Die Werke der Claffiker aller Nationen prangen längst ichon in Prachtbänden in den Auslagekäften der Buchhandlungen und fo winzig ein Poet auch fein mag, der auf eigene Koften feine Lieder drucken liefs, er fcheute die Mehrauslage gewifs nicht, feinem Werkchen einen Einband beforgen zu laffen, der nicht felten dem Lefer beffer gefällt als der Inhalt des ganzen Büchleins. Gewifs, jedem gebildeten Befucher der Wiener Weltausftellung fielen defshalb, trotz der zahllofen Menge von Kunft- und Naturproducten, die in der Rotunde, den Transepten und zahlreichen Pavillons aufgefpeichert war, die gröfstentheils brillant ausgeftellten Schätze der Buchbinder- Kunft auf, und wohl mancher Bücherfreund fchenkte fchon des geiftreichen Inhaltes mancher Werke wegen den von den diefsfälligen Arbeitern diverfer Nationen mehr oder minder gefchmackvoll beforgten Einbänden volle Aufmerkfamkeit. Die Siegespalme gebührt unftreitig den in unferem Fache unübertreffli chen Leiftungen Englands. Lebhaft zu bedauern ift der Umftand, dafs nur ein britiſcher Exponent in diefem Fache fein Vaterland vertrat; doch es war gewifs ein Würdiger! Jofef Zähnsdorf in London hat im edelften Sinne des Wortes bewiefen, was England in diefem Artikel zu leiften vermag. Doch dort ift auch für den kunftfinnigen Gefchmack mit Eleganz, äufsere Schönheit mit dauerhafter Solidität verbindenden Buchbinder der befte Platz. Der reiche Engländer ift gewöhnlich ein Freund grofser und koftbarer Bücherfammlungen; für den entſprechenden Einband eines Werkes zahlt er den namhafteften Preis. Jede vortheilhafte Erfindung, die dem Buche oder dem Lefer irgend einen praktiſchen Nutzen gewährt, wird in England freudig acceptirt und man fcheut für den diefsfalls nöthigen Apparat keine Koften. Das vortreffliche englifche Papier und die fo finnig conftruirten, als nett und exact arbeitenden Mafchinen gewähren dem englifchen Buchbinder bedeutende Arbeitserleichterung. Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 43 Befonders die dort übliche, ftreng eingehaltene Theilung der Arbeit bietet unfchätzbare Vortheile und fo wird es unferen englifchen Gewerbsgenoffen leicht, tadellofe, den rigorofeften Anforderungen vollkommen entſprechende Arbeit zu liefern. Der englifche Buchbinder weiht den einfachen Büchern, Prachtbänden und Gefchäftsbüchern gleiche Sorgfalt, jeder Arbeiter übernimmt einen Theil der diefsfälligen Arbeit. Das Falzen und Heften beforgen in England durchgehends Frauenhände und weil der männliche gut gefchulte Arbeiter eben nur jenen Theil der Buchbinder- Arbeit zu leiften hat, in welchem er als zumeift gefchickt fich bewährt, kann das Gefammtrefultat der Arbeit nur das Günftigfte fein. Zähnsdorf, höchft verdienter Weife mit der Fortfchrittsmedaille bedacht, exponirte fowohl einfach gebundene Bücher wie Prachtbände. Der Kenner mufs geftehen, dafs das einfach gebundene Buch ebenfo forgfältig und zweckmäfsig gearbeitet ift wie der überrafchendfte Prachtband. Befonders rühmenswerth zeigten fich zwei Exemplare von Dorée's Prachtbibel in Maroquin de Levante gebunden mit färbiger Ledermofaik und reicher Vergoldung aus freier Hand. Die Pracht der Farben- Zufammenftellung, der edle Stil der Zeichnung, die meifterhaft ausgeführte Handvergoldung ftempeln diefe Bände zu wahren Kunftwerken. Die übrigen Einbände Zähnsdorf's find nach alten Modellen gearbeitet, theils in Chagrin und Schweinsleder mit blind geprefsten Ornamenten, theils in polirtem Maroquin gebunden, mit Prefs- und Handvergoldungen gefchmückt. Gefchäftsbücher waren von englifcher Seite nicht ausgeftellt, doch fei hier erwähnt, dafs auch in diefer Arbeit, wie die Parifer Ausftellung 1867 zeigte, an eleganter Einfachheit, Solidität und Gebrauchsbequemlichkeit England das Befte leiftete. Frankreich. Den zweiten Rang behauptet wohl Frankreich. Wie faft jeder, wenn auch noch fo geringe Gewerbs und Kunftfleifs- Artikel, den Frankreich bietet, feiner Nettigkeit und Eleganz wegen den franzöfifchen Urfprung nicht verkennen läfst, fo ift diefe Bemerkung vorzugsweife auf die Erzeugniffe dortiger Buchbinderei anzuwenden. Frankreichs Expofition können wir schon eingehender befprechen, da felbe wohl auch nicht fehr ftark, doch jedenfalls mehr vertreten erfchien als die Englands. Frankreich hat einfache Bücher, von in Papier gebundenen angefangen, dann Prachtbände von verfchiedener Ausftattung, Gefchäftsbücher und PhotographieAlbums ausgeftelllt. Wie weltbekannt, hat Frankreich in diefem Fache die bedeutendften Firmen aufzuweifen, als deren gröfste unftreitig Alfred Mame& fils in Tours zu nennen ift. Ehe wir die Ausftellungsobjecte einzelner Firmen beleuchten, fei es uns vergönnt, im Allgemeinen zu fagen, dafs Frankreich im grofsen Ganzen in der Buchbinder- Arbeit England durchaus würdig zur Seite steht. Mag es in Frankreich auch einzelne Firmen geben, deren Arbeiten minder minutiös und exact fcheinen als die der englifchen, werden doch gröfstentheils in Frankreich eben fo fchöne Buchbinder- Arbeiten geliefert wie in England und das franzöfifche Buch befticht meift durch feine, faft coquet zu nennende Zierlichkeit Wie in England ift auch in Frankreich die Theilung der Arbeit wohlthätig fördernde Gefchäftsfitte. Der franzöfifche Buchbinder arbeitet meift in Chagrin und Maroquin de Levante; auf den Schnitt des Buches verwendet er die gröfste Sorgfalt, worin er es auch zur höchften Vollkommenheit gebracht hat. Faft kein Goldfchnitt wird in der Buchbinder- Werkstätte gemacht; das Buch kommt, nachdem es gefalzt, geheftet, gefchlagen und befchnitten ift zum Goldfchnitt- Verfertiger, deren es in Paris ziemlich viele gibt, die ganz felbftftändig arbeiten, aufser den Gold- und anderen Schnitten mit keinerlei Arbeit fich befaffen und daher natürlich hierin die höchfte Kunftfertigkeit gewonnen haben. In Frankreich 44 Conrad Berg. werden alle Arten des Bücherfchnittes verfertigt, man marmorirt in allen Deffins, macht rothe und blaue Schnitte, entweder glatt oder mit zierlichen Vergoldungen, Arabesken, Kreuzchen, Sternchen etc. darauf, die mit Handftempeln ausgeführt find; ferner Goldfchnitte, die unterhalb des Goldes marmorirt find, fo dafs die Marmorirung erft fichtbar wird, wenn man das Buch in fchiefer Lage aufblättert. Befondere Sorgfalt verwendet der franzöfifche Arbeiter auf cifelirte Schnitte, ausgefchabte und gemalte Schnitte. Seit circa zwei Jahren ift in Paris eine neue Art von Schnitt üblich und zwar eine Marmorirung, die mit Goldadern durchzogen ift. Charlot in Paris ift der Erfinder diefer neuen Schnittart, theilt aber feinen Fachgenoffen die Art und Weife der Fabrication nicht mit. Mame& fils, deren Ausftellungsobjecte das reichfte Lob aller Sachverftändigen ernteten, verdienen eine eigene Befprechung. Armand Mame, Vater des dermaligen Chefs der Firma Alfred Mame, etablirte Anfangs diefes Jahrhundertes eine Buchdruckerei, die bis zum Jahre 1845 einen derartigen Auffchwung nahm, dafs Alfred Mame, der zu jener Zeit der alleinige Eigenthümer derfelben war, die Arbeitslocalitäten bedeutend vergrössern mufste. Er verfah den Neubau mit weitläufigen Ateliers und ftellte dafelbft die ausgezeichnetften Maſchinen auf, die wohl heute kein zweites Gefchäft aufzuweifen hat. Einige Jahre fpäter, als die clericalen Kreife Frankreichs heftige Gegenftrömungen der Zeitverhältniffe zu ftören drohten, wurde das Bedürfnifs, fich dem heiligen Sitze durch Annahme des römifchen Ritus fefter anzufchliefsen, allgemein fühlbar. Die Geiftlichkeit, durch die Verfchiedenheit der kirchlichen Gebräuche in den zahlreichen Kirchenfprengeln in Verlegenheit gefetzt, erfehnte die Anordnung diefsfälliger Generalnormen, um der Einheit der katholifchen Religion auch in formeller Weife entſprechenden Ausdruck zu wahren. Diefer Wunſch, im Einklange mit den Gefühlen des heiligen Vaters, ward erhört, und die Diöcefen Frankreichs, welche feit längerer oder kürzerer Zeit befondere Kirchen gebräuche eingeführt hatten, kehrten mit Genehmigung der Ritusverfammlung zum einheitlichen römifchen Ritus zurück. Diefe Rückkehr erheifchte eine riefige Anzahl liturgifcher Bücher und das Haus Mame übernahm mit aller Energie und Thatkraft, unterſtützt von den ihm zu Gebote ftehenden reichen Preffen und anderen Druckereibehelfen, die diefsfälligen Lieferungen, indem es gleichzeitig ein koloffales Atelier für die nöthigen Buchbinderarbeiten eröffnete. In manchen Gemeinden erheifchte der Moment der Annahme des römifchen Ritus den Bezug von 100.000 Exemplaren neuer Gebetbücher. Solchem aufserordentlichen Bedarfe konnte nur ein Etabliffement entſprechen, welches riefige Ateliers für Buchdruck und Buchbinderei, zahlreiche koftbare Mafchinen und vor Allem viele und tüchtige Arbeitskräfte ins Treffen führen konnte. Mame befchäftigt in feinem Etabliffement über 1000 Perfonen, wovon über 700 ausfchliefsend Buchbinderei betreiben. Mame's Bücher find elegant gebunden, gefchmackvoll und folid gearbeitet und ftaunenswerth billig, Vorzüge, die nur durch die unbeftreitbare Unübertrefflichkeit der Fabricationsmittel und durch den koloffalen Gefchäftsverkehr diefer Firma erklärlich find; beträgt doch der pecuniäre Gefchäftsumfatz des Haufes Mame fechs Millionen Francs. - Die Buchbinderei beansprucht drei weitläufige Säle, aufser den Magazinen, wo die Vorräthe von Leder, Sammt, Seide, Pappendeckel und anderen Rohftoffen zu den fo verfchiedenartigen Gefchäftsgebrauche, fowie auch die koloffalen Vorräthe von gebundenen Büchern aufgefpeichert find. In zweien diefer Säle beforgen weibliche Arbeitskräfte das Falzen der Bogen, das Heften der Bände und das Anbringen der Stahlftiche und Bilder. Im dritten Sale werden von mehr als 400 männlichen Arbeitskräften die zahlreichen Operationen ausgeführt, welche die Vollendung der Buchbinderarbeit bedingen, als: Fabrication der Deckel und Rücken, Marmoriren, Goldfchnitte machen, Präparation des Leders, Vergoldung Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 45 mittelft Preffe und aus freier Hand etc. etc. Einer Unzahl kleiner Handleiftungen, welche das fchwierige Gefchäft der Buchbinderei erfordert, will ich nicht erwähnen, denn wo von der Firma Mame die Rede ift, verfteht fich deren treffliche Ausführung von felbft; find ja doch alle Arbeiter mit den aufserlefenften Werkzeugen verfehen und vertraut mit dem Gebrauche vorzüglich conftruirter Mafchinen, nebftbei find fie überaus tüchtig und daher leicht im Stande, jede beftellte Arbeit möglichft fchnell und doch tadellos zu leiften. Mame liefert Bände in der befcheidenen Hülle von Schafleder, ebenfo gediegen und nett gearbeitet, wie folche in fo gefchmackvoller als reicher Gewandung von Chagrin, Sammt, Maroquin, Elfenbein u. f. w., mit den feinften Cifelirungen in koftbaren Metallen gefchmückt. Reiche Einbände feinfter Art werden nach von M. Giacomelli eigens für diefen Zweck gezeichneten Muftern angefertigt. Die Grofsartigkeit des Etabliffements Mame's zu bezeichnen, genügt die Angabe, dafs aus deffen Buchbinderei täglich 2000 fertige Bände hervorgehen. Mame's Leiftungen wurden bisher auf allen Ausftellungen mit den erften Preifen ausgezeichnet. P. M. Lortic in Paris hat Luxus- und Prachtbände in reichfter Auswahl geliefert. Seine Bände, meift in polirten Maroquin de Levante gebunden, mit färbigen Ledermofaiken und reichen Handvergoldungen gefchmückt, find von ausgezeichneter Schönheit. Seine Arbeiten zählen unftreitig zu den mühfamften diefer Art, doch laffen diefelben nicht felten die nöthige Reinheit vermiffen, befonders die Vergoldungen erfchienen bei einigen Bänden, fogar in geraden Linien unrein. Lortic zählt fich wohl zu den Erften feines Faches und wähnt Alles, was nicht von ihm ausgeftellt fei, nicht der Beachtung werth, doch dürfte das wohl ein etwas eitler Wahn fein, denn er hat noch manche Schwierigkeiten zu überwinden, bis er zu dem Ziele kommt, welches Mame in feinen Prachtbänden längst erreicht hat. Wenn man Prachtbände von Mame und Lortic eingehend verglich, zeigte fich klar, dafs Letzteren doch die subtile Feinheit der Arbeit fehlt, fowohl in der Bindart des Buches, als in Bearbeitung des Leders und der Correctheit der Handvergoldungen. Die Gefchäftsbücher von Ducroquet V.& fils in Paris excelliren durch fehr fchöne Raftrirung und Leichtigkeit der Auflegung, er verwendet zur Fabrication des Buchrückens Kautfchuk, ftatt Leim, eine Verbefferung, welche fein Vorgänger Robert im Jahre 1843 erfonnen hat. Ducroquet hält aber für nöthig, trotz der Anwendung von Kautfchuk noch extra zu heften, was früher bei den fogenannten„ Kautfchukrücken ohne Naht" nicht gebräuchlich war. Toiray- Maurin G. C. in Paris hat gleichfalls vortrefflich gebundene Gefchäftsbücher ausgeftellt. Dauerhaftigkeit und Solidität, Ermöglichung des flachen Auflegens der dickleibigften Bücher find die Cardinaltugenden feiner Arbeiten und fcheinen das Hauptziel feines Gefchäftsftrebens zu fein. Gefchäftsbücher müffen ebenfo einfach als zweckentfprechend gebunden fein und Toiray hat diefe Aufgabe höchft ehrenvoll gelöft. Im Allgemeinen ift Frankreich bezüglich der Fabrication von Gefchäftsbüchern nicht minder ehrenvoll zu erwähnen wie z. B. Wien, doch den Standpunkt, den England in diefem Fachzweige einzunehmen berechtigt ift, haben wohl beide noch nicht erreicht. W. Marx in Paris, hauptfächlich Fabrikant von Photographie- Albums, hat auch Leder- Galanteriewaaren ausgeftellt, die in den Berichten der Gruppe X gehören. Was deffen Albums betrifft, deren Fabrication zur Buchbinderei gehört, hat Marx jedenfalls Gediegenes exponirt. Die Albumblocks find dauerhaft gearbeitet und die einzelnen Blätter mittelft Ledereinfätzen zweckmässig verbunden. Die Decken, theils in Maroquin mit Mofaik und Vergoldungen gebunden, gröfstentheils aber mit Bronce-, Silber- oder Emailbefchlägen verfehen, find fo gefchmackvoll in der Zeichnung, wie correct in der Ausführung. Man kann 46 Conrad Berg. Marx mit Zuverficht als den Fabrikanten der beften und fchönften Photographie Albums in Paris bezeichnen. Oefterreich war, wie faft in allen Fächern der Kunft und Induftrie, fo auch im Gewerbefache der Buchbinderei ftark vertreten. Leider war den Induftriel len diefes Faches ein fehr fchlechter Platz angewiefen, und die Mehrzahl der Befucher der Weltausftellung liefs fich durch einen Blick in den gedeckten Hofraum von dem Betreten desfelben zurückfchrecken; daher kam es,' dafs diefer befcheidene Punkt der Weltausftellung, obwohl er mitunter fo fehenswerthe, als Oefterreichs Kunft- und Gewerbefleifse zur Ehre gereichende Schätze barg, fehr fpärlich befucht war und während in der Rotunde und den Galerien oft vor einer Ausftellung unbedeutender Handelsartikel, ja nicht felten zwecklofer Spielzeuge und Schnurrpfeifereien die Maffen der Schauluftigen fich ftauten, herrfchte in dem der Buchbinderei geweihten Raume ein förmlicher Bibliotheksfrieden. Nur felten würdigten einige des Drängens in der Hauptgalerie müde Perfonen die Buchbinder gruppe Oefterreichs eines flüchtigen Befuches und auch diefe kamen meift mit theilnahmslofen, vom Befchauthaben zahllofer Ausftellungsobjecte bereits abge ftumpften Blicken. Kein Arrangement irgend einer Gruppe bot ein fo confufes Bunterlei der verfchiedenften Artikel wie eben die XI. Gruppe: Klauen, Kämme, Schachteln, Blumen, Papiere, Tapeten, ordinäre Cartonnagearbeiten, Bürften, Knöpfe etc. etc. befanden fich da in der gewifs nie erwarteten Gefellſchaft von koftbaren Büchern. Auch das Arrangement der Aufftellung war ein total verfehltes. Auf einer Seite ftand ein Riefenobject: ein ganzès Haus als Vordergrund und hinter und neben diefem wieder kleine, unanfehnliche Käftchen und Sächelchen. Der gedeckte Hofraum hatte noch nebenbei fehr fchmale Eingänge, vier Fufs breite Thüren; der Hauptgrund, der die Menge vom Befuche desfelben abhielt, war aber der, dafs die gedeckten Hofräume fünf Stufen tiefer lagen. Die Ausfteller haben volle Urfache, lebhaft zu beklagen, dafs man für die riefige Summe, die fie der Expofition geopfert hatten, ihnen ftatt der gehofften moralifchen Intereffen, nur Aerger und Enttäufchung bereitet hat. Die eigentlichen Buchbinder- Arbeiten wurden kaum gefehen und mancher geehrte Lefer diefes Be richtes dürfte kaum fich erinnern, wo die öfterreichiſche Gruppe XI ihren Platz hatte. Oefterreich ift in der Buchbinderei feit den letzten Jahren bedeutend vor gefchritten. Den unfchätzbaren Werth der geiftigen Nahrung hat Oefterreichs Bevölkerung wohl längft erkannt, doch leider herrfcht bei uns noch nicht wie in England und Frankreich im Allgemeinen die Vorliebe für koftbare Bücherfamm lungen und daher erblüht dem Buchbinder hier feltener als dort die Gelegenheit, Prachtbände zu liefern. Das grofse Publicum Oefterreichs will durchaus nicht einfehen, dafs ein vollkommen gut und dauerhaft, nach der ftrengen Regel der Buchbinder- Kunft gebun denes Buch theurer fein müffe, als ein folches, wenn es von minder geübter Hand und mit geringerem Fleifse bearbeitet wird. Deutſchland liefert Einbände zu fabelhaft billigen Preifen. Wohl hat das Buch meiftens eine fchöne, en relief geprefste, mit reichen Vergoldungen gefchmückte Leinwand Decke, doch die innere wefentliche Structur des Buches ift fo vernachläffigt, dafs fie dem Publicum nie genügen könnte, wenn felbes dafür das richtige Verftändnifs hätte. Es wird wohl von einigen Firmen dahin gearbeitet, dem Publicum fchöne und zugleich folide Einbände zu liefern und wir wünfchen vom Herzen, dafs diefes edle Streben günftigen Erfolg haben möge. Man hört in Oefterreich fo häufig die Klage, dafs man trotz des unleugbaren Fortfchrittes der Kunft, ein gut und elegant gebundenes und dauerhaftes Buch doch nicht bekommen kann. Diefe Klage ift ungerecht, geliefert kann ein folches Buch wohl werden, aber die diefsfällige Arbeit wird nicht bezahlt Ift es nicht ein am Kunft- und Gewerbefleifs Oefterreichs begangenes Unrecht, wenn das wirklich intelligente, kunftfinnige Publicum, welches Bücherfammlungen Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 47 und koftbare Einbände zu fchätzen weifs, die Prachtbände meift aus Frankreich bezieht oder dort beforgen läfst? Man findet den dortigen Preis nicht zu hoch, würde aber für ein in Oefterreich ebenfo fchön und dauerhaft gebundenes Buch denfelben Preis für viel zu theuer erklären. Der in Oefterreich fchlecht bezahlte Buchbinder foll noch überdiefs gleichzeitig allen Arbeiten feines Faches gerecht werden, er foll in jeder Richtung tüchtig fein! - Das iſt nicht möglich, denn faft kein Gewerbe hat fo viele und fo verfchiedene einfchlägige Facharbeiten als das der Buchbinderei. Dem öfterreichiIchen Buchbinder fteht auch das zur Herftellung einer fehlerfreien Arbeit unumgänglich nöthige Materiale kaum zu Gebote. Es iſt z. B. eine kaum glaubliche, aber leider verbürgte traurige Wahrheit, dafs unfer Pappendeckel viel zu wünſchen übrig läfst. Ihm fehlen Feftigkeit, Härte und Egalität, welche Vorzüge der franzöfifche Pappendeckel im vollften Mafse befitzt; allerdings koftet derfelbe etwas mehr als der öfterreichifche, und dafs wir diefes wichtige Material nicht in gewünſchter Güte haben, mag der billige Preis, wofür man die Bücher gebunden wünfcht, erklären. Die in Oefterreich und auch in Deutfchland fabricirten Deckel geftatten keine fo reine Prefs- und Handvergoldung anzubringen, wie folche in England und Frankreich üblich; der Pappendeckel ift zu weich und zu fandig. Der ordinärfte Deckel, welchen englifche und franzöfifche Buchbinder zur Fabrication gewöhnlicher Hausbücher verwenden, ift immer noch feiner und glatter als unfere feinfte Pappendeckel- Sorte. Doch auch die öfterreichifchen Buchbinder trifft mit wenig Ausnahmen ein grofser Theil der Schuld hinfichtlich der Hemmung des Gewerbefortfchrittes. Wir haben Meifter aufzuweifen, die noch heute mit rührender Pietät ihre Arbeit genau fo fertigen, wie ihr Grofsvater oder Gefchäftsvorgänger fie zu leiften pflegte. Die glänzendften Leiftungen Englands oder Frankreichs vermögen diefe in Ehren grau gewordenen Zöpfe nicht aus dem gewohnten Geleife zu bringen; fie fehen ein, dafs fie weit, fehr weit zurückgeblieben find, während Andere im Sturmfchritte mit dem Zeitgeifte vorwärts eilten; aber fie fagen mit dem naiven Trotze eines fchmollenden Kindes: Wir wollen Frankreich und England nicht nachäffen! Die Wahrheit zu fagen: wir find zu alt geworden, wir wollen nichts mehr lernen! deffen fchämen fie fich, und Oefterreichs Glück ift es, dafs junge, rüftige Männer die Ehre des Gewerbeftandes energifch zu wahren beginnen, und der junge Gefchäftsmann fchon längft einfieht, dafs dem Geifte der Neuzeit gemäfs der Meifter nie aufhören darf, zu lernen, denn der Vortheil feines Gefchäftes bedingt es und die Concurrenz fchreitet, dem trotzigen Ignoranten hohnlachend, rüftig vorwärts. Wenn wir auch mit Recht behaupten können, dafs die öfterreichifche Buchbinderei vorzugsweife in Wien in den letzten drei Jahren bedeutende Fortfchritte gemacht hat, müffen wir doch pflichtgetreu bekennen, dafs wir noch fehr viele Schwierigkeiten zu bewältigen haben, ehe wir uns mit den franzöfifchen Engroffiften unferes Faches zu meffen wagen dürften! Es fei hier noch erwähnt, dafs es in England und Frankreich durchwegs Gefchäftsgebrauch ift, das Buch erft dann mit Leder zu bekleiden, wenn die beiden Decken( Pappendeckeln) bereits am Buchblock befeftigt find. Der Block wird bis zum Goldfchnitte fertig gemacht. Das Buch wird nämlich, nachdem es geheftet und der Rücken mittelft einer Mafchine, die ihm gleichzeitig den Falz gibt, abgerundet wurde, befchnitten. Die vorher je nach der Buchgröfse genau gefchnittenen Deckel werden an der einen Seite mit Löchern verfehen und an den Binden des Rückens befeftigt; dann erft bekommt der Goldfchnittmacher das Buch in die Hände und kann fich dann bei Beforgung des Schnittes genau nach den Deckeln richten. Nach Vollendung des Goldfchnittes wird das bekleifterte Leder über den Block gezogen und eingefchlagen. Nur bei folchem Vorgange ift Gleichheit zu erzielen und das fertige Buch zeigt fich fcharfkantig, regel4 48 Conrad Berg. recht gefchnitten. Bei uns verfährt man fchneller. Decke und Goldfchnitt werden ganz feparat verfertigt und der fertige Block wird dann in die Buchdeckel eingehängt. Diefes Verfahren erfchwert wefentlich das Zuftandebringen einer exacten, in allen Theilen gleichen Arbeit und felten ftimmen durch diefe Separatfabrikation Decke und Goldſchnitt dem Blicke wohlthuend zufammen. Dasfelbe gilt von dem Capital. Bei dem in Frankreich gebundenen Buche ift gewöhnlich das Capital weibliche Handarbeit; es wird am fertigen Goldfchnitte mit bunter roher Seide in zwei, drei, auch vier Farben förmlich angewebt, während das in Wien von Mafchinen gelieferte Capital an den beiden abgefchnittenen Enden mehr oder weniger ausfranft. Mag ein in Oefterreich gebundenes Buch noch fo exact und regelrecht ausgeführt fein, das Capital, anfcheinend des Buches geringfter Theil, ift die Achillesferfe der ganzen Arbeit und der Sachverſtändige erhebt gegen die beanfpruchte Tadellofigkeit der Arbeit gerechten Proteft. Unter den öfterreichifchen Ausftellern ift Franz Rollinger's Gefchäftsbücher- Fabrik in Wien vorzugsweife rühmlichft zu erwähnen. Obwohl diefe Firma faft hauptfächlich mit der Fabrikation von Gefchäftsbüchern fich befafst, liefert fie auch Prachteinbände jeder Art, gleich gefchmackvoll als gediegen gearbeitet Rollinger's Ausftellung liefert den ehrenvollen Beweis, dafs die Buchbinder arbeit in Wien nicht gegen die Leiftungen der Ausfteller anderer Weltftädte zurückgefetzt zu werden verdient und dafs man auch hier fehr wohl den Anforderungen der Zeit und der veredelten Bildung des Gefchmackes Rechnung zu tragen verfteht. Rollinger's Gefchäftsbücher find fo zu fagen weltbekannt; ihre gefchmackvolle Einfachheit und zweckentfprechende Solidität empfiehlt fie den meift praktiſch denkenden Kaufleuten und wohl fchwerlich dürfte ein in Ehren ergrauter Buchhalter, oder ein im Handelsfache prakticirender Jüngling wo immer dem Gotte Mercur im Olymp und feinem Chef auf Erden treu dienen, der nicht fchon in ein von Rollinger gebundenes Buch mehr oder minder namhafte Summen oder Correfpondenzcopien einfchrieb. Rollinger verwendet bei feiner Gefchäftsbücher- Fabrikation ftets das befte Material und die Arbeit ift bis in das feinfte Detail eine höchft folide. Ein Gefchäftsbuch ift durchaus nicht beftimmt, durch höchfte Eleganz zu imponiren; fchlichte Nettigkeit und Dauerhaftigkeit, handliche Form und leicht zu bewerkstelligende Flachlegung der Blattfeiten find die Hauptbedingungen, die der Gefchäftsmann diefsfalls zu ftellen berechtigt ift, und Rollinger weifs diefe Grundbedingungen vollkommen zu erfüllen. Er verleiht feinen Bänden durch leicht gehaltene, theils glatte, theils erhabene und emaillirte Bronceverzierungen, Ecken u. f. w. eine gefällige äufsere Hülle, Papier und Raftrirung find vorzüglich, letztere ift mit nahezu unübertrefflicher Genauigkeit ausgeführt. Die Bücher laffen fich leicht flach auffchlagen, ein für den Buchführer hochfchätzenswerther Vorzug. Auch die anderen Einbände Rollinger's find fo folid als elegant gearbeitet; meift in englifcher und franzöfifcher Manier gehalten, ftehen die Arbeiten Rollinger's den gedachten Mufterbildern würdig zur Seite und find nach diefen unftreitig die beften. Rollinger wurde höchft verdienter Weife mit dem erften Preis, der Fortfchrittsmedaille, aus gezeichnet. Leopold Groner in Wien liefert hauptfächlich Prachtbände und Diplom decken, alfo eigentlich mehr Kunftleiftungen als Buchbinderarbeit. Seine Ausftellung zeigte uns leider kein einziges Buch; fie beftand in Diplomenveloppen fammt dazu gehörigen Caffetten mit reichen Bronce- und Emailbefchlägen. Sehr anerkennenswerth find die Zeichnungen und Befchläge. Erftere entwirft Groner's Bruder, ein tüchtiger Architekt, und letztere liefert der Bronce- Arbeiter Rofchmann. Beider Leiftungen find wahre Meifterwerke. Wie die Zeichnungen, edel gedacht, finnig und ftilvoll entworfen, verdienten auch die Bronce und Email Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 49 arbeiten, ihrer Reinheit und trefflichen Ausführung wegen, die Fortfchrittsmedaille, was von der Jury auch anerkannt wurde. Die Lederdecken find, wie das bei Groner, einem Meifter feines Faches, fich von felbft verfteht, eben fo elegant als rein und exact gearbeitet. Die blindgezogenen Linien und Arabesken, wie die gefchickt angebrachten tadellos ausgeführten Handvergoldungen erhöhen in würdiger Weife den Effect der vortrefflichen Arbeit. Groner hat fich, und zwar mit vollem Rechte, im Fache der edleren Buchbinderei einen bedeutenden Ruf errungen. Groner erhielt ebenfalls die Fortfchrittsmedaille. Conrad Berg's Arbeiten verdienen die gleiche Aufmerksamkeit, umfomehr als gerade er im Buchbinderei- Fache in Wien namhafte Fortfchritte gemacht hat. Berg befitzt einen eigenen Verlag von Gebetbüchern in vielen Sprachen und bindet diefelben in den verfchiedenartigften Weifen vom fchlichteften und billigften Einbande bis zum koftbarften, theuerften Prachtbande. Er verwendet zu feinen Buchbekleidungen: Chagrin, Kalbleder, Maroquin de Levante, Seide, Sammt, Schildkrot, Elfenbein, Perlmutter, Bronce, Silber, Gold etc. Seine Einbände, ftets nach den neueften und beften Muftern entworfen, find in jeder Hinficht gediegen gearbeitet, feine Goldfchnitte wohl die beften nach den franzöfifchen. Er liefert cifilirte und gemalte Schnitte, ebenfo gefchmackvoll als minutiös ausgeführt, und manche feiner Prachtbände find Meifterwerke ihrer Art. Seine Ausftellung war wohl die einzige, die dem Befucher einen vollen Ueberblick hinfichtlich der Detailarbeiten der Buchbinderei gewährte. Man fah einen Buchblock geheftet und befchnitten, dann einen folchen mit Goldfchnitt verfehen, daneben derlei Blöcke mit den verfchiedenen Arten des Goldfchnittes, vom einfach glatten bis zu dem mit den reichften Ornamenten verfehenen, ausgefchabte und gemalte Schnitte. So zeigte fich dem Befchauer das Buch zuerft in naivftem Negligée und liefs ihn Schritt für Schritt, fich zeitgemäfs luxuriös bekleidend, die Myſterien der Buchbinder Kunft belaufchen. Vorzüglich fchön find die Gebetbücher nach antikem Gefchmacke, theils in Chagrin mit blind geprefsten Ornamenten, theils in glatten Juchten; roth, gelb und fchwarz mit Moſaikarbeit und Hand- und Prefsvergoldung. Die Gruppe X brachte im Gebiete der Ledergalanterie- Arbeiten viele Artikel mit Ledermofaiken. In diefem Fache macht fich ein erheblicher Unterfchied zwifchen der franzöfifchen und fpeciell Wiener Mofaikarbeit bemerkbar. Der Franzofe fchabt das Leder fo dünn wie Seidenpapier, fchneidet felbes nach vorliegender Zeichnung aus und klebt die fo gewonnenen Arabesken, Figuren etc. dem ebenfalls mit Leder bekleideten Buche auf und vergoldet fchliefslich die Conturen. Der Wiener Ledermofaik- Arbeiter verfährt anders; er legt das Leder nicht auf wie der Franzofe, fondern er legt es ein. Er fchneidet nämlich die Zeichnung auf dem Leder, womit das Buch bekleidet wird, mit Hilfe zarter, meifelartiger Inftrumente aus, verfährt ebenfo mit dem zur Mofaik beftimmten aus einer oder mehreren Farben beftehenden Leder und füllt fo die zuerft ausgefchnittene Zeichnung mit den diverfen verfchiedenartigen Ledertheilen aus. Es gibt nur fehr wenige Arbeiter, die es im Fache der LedermofaikFabrikation zur Vollkommenheit gebracht haben. Berg's Expofition hat in diefer Richtung Vorzügliches geleiftet. Ein von ihm exponirtes Gebetbuch in Grofs octav und eine Diplomdecke in Quartformat konnten diefsfalls als glänzendfter Beweis dienen. Erfteres war in braunes Chagrinleder gebunden, en relief gear beitet, die etwas tiefer liegenden Borduren und Mittelftück desfelben in gelben und fchwarzen Juchten eingelegt; die Diplomdecke in tiefbraunem Maroquin de Levante, gleichfalls en relief behandelt, hatte die tiefer liegenden Felder und ein Monogramm, als Mittelftück, mit braun in braun in Kalbleder eingelegter Mofaikarbeit. Beide Ausftellungsobjecte find nach fuperben Zeichnungen entworfen und ** 50 Conrad Berg. die Arbeit derfelben kann mit Fug und Recht als eine der gelungenften und beften diefer Art bezeichnet werden.* Die Kunft und Gewerbemufeen von Wien, Berlin, Moskau, Nürnberg, Brünn und Reichenberg waren die Käufer der Artikel Berg's und einige der gedachten Mufeen machten Nachbeftellungen. Adolf Lachnik in Olmütz hat gefchmackvoll ausgeftattete und gut gearbeitete Diplomdecken geliefert. Selbe find im franzöfifchen Genre in Chagrin gearbeitet, mit bunter Ledermofaik und Handvergoldung. Obwohl jeder Sachverständige auf den erften Blick und ohne ein Buch in die Hand genommen zu haben, erkennen mufste, dafs die Arbeit eine gediegene und von Meifterhand ausgeführte fei, hat man Lachnik doch die geringfte Aus zeichnung gegeben. Es ift eine fchreiende Ungerechtigkeit, die höchft verdienftvolle Arbeit eines tüchtigen Induftriellen mit dem geringften Preife auszuzeichnen, umfomehr als manche Ausfteller unferer Branche Verdienftmedaillen erhielten, deren Arbeiten mit denen Lachnik's nicht im Entfernteften fich meffen konnten. Franz Kritz in Wien hat Bücher exponirt, die befonders ehrenvoll befprochen zu werden verdienen, da fämmtliche zahlreich von ihm gelieferte Bücher vom Falzen bis Falzen bis zur letzten Handanlage er allein fix und fertig gemacht. Seine Bände bewähren eine befonders im Vergolden gefchickte und geübte Hand. Er exponirte gefchmackvoll gebundene Werke von Claffikern, worunter die Rückenvergoldung eines in gelbes Kalbleder gebundenen Werkes mit grofsem Fleifs und ftaunenswerther Reinheit ausgeführt ift. Einen von Kritz gelieferten Prachtband hat das k. k. Mufeum in Wien angekauft, jedenfalls der fchlagendfte Beweis von der Leiftungsfähigkeit des Meifters. Diefer Band, wie noch zwei andere in Grofsoctav find mit bunter Ledermofaik, fehr correcten Linien und Bogenvergoldungen aus freier Hand von wunderschöner Ausführung. Kritz hätte wohl die Fortfchrittsmedaille verdient. A. Löwy& Comp. in Wien lieferte Gefchäftsbücher, Schulrequifiten und Cartonnage- Arbeiten, fämmtlich im Wiener Strafhaufe gefertigt. Die Verdienfte Löwy's dürfen nicht unbeachtet bleiben. Seine Gefchäftsthätigkeit dient nämlich gleichzeitig der Humanität. Im Jahre 1867 etablirte er im Gefangenhaufe eine kleine Buchbinder Werkstätte mit drei Mafchinen und befchäftigte dazumals fünf Sträflinge. Jetzt hat er dafelbft bereits 20 Mafchinen im Gange und über 50 Sträflinge betheiligen fich am Gefchäftsbetriebe. Zahlreiche, fehr ehrenvolle Dankfchreiben der Strafhaus- Verwaltung beweifen mehr als genügend, mit welch' raftlofer Thätigkeit und Umficht Löwy fein Ziel verfolgt und die Ausstellungsobjecte, durchwegs folid und nett gearbeitet, verdienen volle Anerkennung. Er ftellte fich die Aufgabe, die Sträflinge nach ihren Leiftungsfähigkeiten zu befchäftigen und da ihm nicht felten ganz tüchtige Arbeiter zu Gebote ftehen, ift feine Fabrikation eine mannigfaltige und fo liefert er, da er in neuefter Zeit auch eine Raftriranftalt eingerichtet hat, Gefchäftsbücher, Schreibtheken für Schulen, Couverte, Papierfäcke für Specereihandlungen, Partezettel und Cartonnage- Arbeiten. Seine Gefchäftsbücher, handlich conftruirt und leicht aufzufchlagen, find gut raftrirt und deren Materiale und Structur find empfehlenswerth. So fichert Löwy dem fleissigen und halbwegs gefchickten Sträfling nicht nur einen fchätzenswerthen Erwerb, der demfelben, wenn er das Strafhaus verläfst, zu Gute kommt, fondern er macht aus ihm mit der Zeit einen tüchtigen Arbeiter, der, frei geworden, im Stande ift, fein Brod auf redliche Weife zu verdienen und ein geachteter Handwerksmann zu werden. * Da der Herr Berichterstatter über feine Ausftellung nicht referiren wollte, hat die Redaction obiges Urtheil über Berg's Buchbinder- Arbeit von anderer fachmännischer Seite eingeholt. Die Redaction. Buchbinderei, Cartonnagen und Maſchinen für Buchbinder. 51 Schon defshalb verdient Löwy die ehrenvollfte Anerkennung jedes treu meinenden Staatsbürgers und es ift im Intereffe der Menfchheit zu wünſchen, dafs das im Strafhaufe gegründete Atelier blühen und gedeihen und in jeder Hinficht wohlthätige Früchte für die Zukunft reifen möge. J. Steinbrenner in Winterberg( Böhmen) hat nur Gebetbücher ausgeftellt.- Diefelben in Schafleder, Chagrin, Sammt oder Atlas gebunden und einige mit Elfenbein- Decken gefchmückt, find fehr folid und gefchmackvoll gearbeitet. Steinbrenner, der aufser der Buchbinderei auch eine Buchdruckerei und Broncewaaren- Fabrik betreibt, befchäftigt in diefen diverfen Anſtalten 130-150 Arbeitsleute. Er befitzt aufserdem einen eigenen Verlag von Gebetbüchern, die er felbft druckt und bindet und auch die dazu nöthigen Metallbefchläge erzeugt. Die für drei Gefchäftszweige billig gewonnenen Arbeitskräfte und der riefige Umfatz der maffenhaft producirten Waare ermöglichen Steinbrenner fabelhaft billige Preife zu ftellen und defshalb hat er unftreitig das gröfste derartige Etabliffement in den öfterreichifchen Provinzen. Seine Bücher find, wie erwähnt, durchwegs folid gebunden und wenn man die Maffenfabrikation in Anbetracht zieht, find auch feine Goldſchnitte überraschend fchön. Steinbrenner liefert wohl keine Prachtbände, doch fein Hauptziel ift Billigkeit und in diefer Hinficht vermag keine Firma mit ihm zu rivalifiren. Von den übrigen Ausftellern ift noch Friedrich Grottendick zu nennen, der zwar meift einfache, aber nach den ftrengften Regeln der Kunft gebundene Bücher exponirte. Dafs die Fabrikation von Photographie- Albums in Wien im höchften Flor fteht, hat man dem in diefem Gefchäftsartikel Aufserordentliches leiftenden Meifter Eduard Becher zu verdanken. Diefer fo ftrebfame und gefchickte Meifter unferes Faches gründete im Jahre 1857, beinahe mittellos, eine kleine Buchbinderei und verlegte fich dabei faft ausfchliefsend auf die Fabrikation von PhotographieAlbums. In jeder Beziehung fachgewandt, gelang es ihm, fein Gefchäft in verhält nifsmässig kürzefter Frift derart in Schwung zu bringen, dafs gegenwärtig feine Fabrikate als die beften, folideften und gleichzeitig billigften diefer Art nach allen Richtungen der Welt verfendet und überall als vorzüglich anerkannt werden. Es iſt eine längft allgemein bekannte Thatfache, dafs Becher's PhotographienAlbums faft in jedem Schaufenfter der zahlreichen Galanteriewaaren- Handlungen Wiens zu finden find. Selbft die Lederwaaren- Fabriken beziehen gröfstentheils ihren diefsfälligen Bedarf von Becher, weil fie nicht im Stande wären, derlei folid und gefchmackvoll gebundene Bücher zu dem verhältnifsmäfsig fo billigen Preife herzuftellen. Er verwendet bei feinen Arbeiten bis in die kleinften Details das allerbefte Material. Sein Atelier befchäftigt durchschnittlich 40 Perfonen, ift fehr praktiſch eingerichtet, die Maſchinen aller Gröfsen und zu den verfchiedenartigften Verrichtungen, welche die Albumfabrikation erheifcht, höchft zweckmäfsig conftruirt, werden von fleifsigen und gefchickten Händen bedient und durch auserlefene, menfchliche Arbeitskräfte wirkfam unterſtützt und fo vermag Becher den zahllofen Beftellungen zu genügen, womit In- und Ausland ihn raftlos beehren. Aufser den internen 40 Arbeitern befchäftigt er aber auch noch deren viele aufser Haufe. Lithographen, Maler, Bronce- und Emailarbeiter, Vergolder, Graveure, Bildhauer etc. liefern nach Becher's Angabe ihm ihre Arbeiten und mit Hilfe diefer von Kunftfleifs befeelten Schaaren ift er nach jeder Richtung hin concurrenzfähig. Er liefert, beiſpielsweife erwähnt, ein Album für 50 Photographien, in feinftes Juchtenleder gebunden, mit eleganten maffiven und doch zart gearbeiteten Broncedecken, Schlofs und Mittelftück, fehr fchönem echten Goldfchnitte für den billigen Preis von 3 fl. 50 kr. Becher's Albums haben die fehr fchätzenswerthe Eigenfchaft, dafs, wenn fie mit Photographien gefüllt find, gleichviel ob mit 50 oder 200 und noch mehr, fie doch ihre Form unverändert bewahren und felbft am Goldfchnitte 52 Conrad Berg. die Ueberfüllung kaum bemerkbar erfcheint, während bei fo vielen Albums anderer Firmen fich der Block hebt und die Decke wölbt, was, abgefehen von dem fchlechten Ausfehen, auch geringe Dauerhaftigkeit bewirkt. Becher's Expofition zeigte uns nicht nur einfache und en gros Bücher, fondern auch eine Serie von Prachtbänden, theils mit Bronce und Email, theils mit getriebenen Silberauflagen, feinfter Cifelirung und vergoldeten gravirten Befchlägen, fämmtlich nach reizenden Zeichnungen vorzüglich ausgeführt und fomit bewährte fich Becher in den feinften Arbeiten feines Faches als ebenfo tüchtig, wie in den Leiftungen für das En- gros- Gefchäft. Ungarn, bekanntlich überreich an Producten der Agricultur und an Rohftoffen, ift im Fache der Induftrie verhältnifsmäfsig arm; demungeachtet blühen auch dort einige Firmen unferes Gefchäftszweiges, die mit edlem Stolze mit jenen der induftriellften Länder wetteifern dürfen. Befonders verdient die in der ganzen öfterreichifchen Monarchie ehrenvoll bekannte Firma Carl Louis Posner in Peft im reichften Mafse volle Aufmerk. famkeit und rühmlichfte Anerkennung. Schon zur Zeit der Parifer Weltausftellung im Jahre 1867 fpendeten die Berichterstatter den Ausftellungsobjecten Posner's unbedingtes Lob und Posner hat auch auf dem Wiener Preis- Turnierplatze bewiefen, dafs er diefes aufsergewöhnliche Lob redlich verdiente und durch fortgefetztes ehrenvolles Streben noch zu fteigern verftand. Er exponirte diefsmal in zwei Abtheilungen, nämlich Objecte feiner Hauptfabrikation, Gefchäfts- und Handelsbücher, und Erzeugniffe der Kunft- Buchbinderei. Posner verdankt lediglich feiner unausgefetzten, raftlofen und energifchen Thätigkeit, feiner Gefchäftskenntnifs und Umficht den Sieg über die irrigen Vorurtheile feiner Landsleute, dafs mit Wien, wo Alles beffer und billiger geliefert werde, nicht zu concurriren fei und Ungarn hat volle Urfache, auf einen Induſtriellen, wie Posner, ftolz zu fein. Er hat nicht nur das erfte und bedeutendste Buchbinder- Etabliffement in Ungarn, er fcheute auch nicht Opfer und Mühe, den Anforderungen der Neuzeit, betreffend: Lithographie, Druckerei und Raftrirarbeiten zu entsprechen und ift auch auf diefem Felde der Erfte. Sein Etabliffement befchäftigt immer 125-150 Arbeiter, feine Mafchinen find die beften, nach den neueften und zweckmäfsigften Syftemen conftruirt und daher find auch feine Arbeiten, die er mit Gefchmack und Sachverständnifs zu liefern verfteht, ohne Ausnahme gediegen und preiswürdig. Posner's Gefchäftsbücher enthalten alle Vorzüge, die man von derlei Fabrikaten verlangen kann. Bis in die kleinften Details vom beften Materiale gefertigt, entſprechen fie den rigoröfeften Anforderungen der Kaufmanns- Welt, das Papier ift von feltener Güte, die Raftrirarbeit, deren Posner auch einige Mufterbögen exponirte, find tadellos correct, die feinften Linien, in vier bis fechs Farben dicht nebeneinander laufend von unübertrefflicher Reinheit. Die Bücher felbft find mufterhaft gebunden, laffen fich fo leicht als graziös flachlegen und deren äufsere Ausstattung ift fo folid als entſprechend. Befonders bemerkenswerth find die in Juchten- oder Schweinsleder gebundenen Hauptbücher mit blinden Preffungen am Deckel und Rücken, deren folide Einfachheit dem Sachverständigen zumeift freundlich ins Auge fällt. Die ausgeftellten Photographie- Albums, Diplomdecken etc. können den beften diefsfälligen Arbeiten des In- und Auslandes ebenbürtig zur Seite geftellt werden, fowohl in Hinficht auf Solidität der Leiftung, als auf gefchmackvolle Ausstattung derfelben. Um fo ehrenvoller für Posner ift der Umftand, da er die betreffenden Zeichnungen felbft entwirft, und das kleinfte Object feiner Fabrikation nur nach feiner Angabe geliefert wird. Wohl gehören die von Posner ausgeftellten Lithographien und DruckereiArbeiten nicht in das Bereich unferer Gruppe, doch fei es mir vergönnt, der Buchbinderei, Cartonnagen und Maſchinen für Buchbinder. 53 Wahrheit gemäfs anzuführen, dafs auch in diefem Fache Posner das Gediegenfte leiftet und allen gerechten Anforderungen glänzend entſpricht. Sein Atelier hat in jeder Branche ganz vortrefflich gefchulte Arbeiter, darunter folche die fchon 20 und mehr Jahre bei ihm befchäftigt find. Posner errang, wie bei allen bisherigen Ausftellungen, fo auch bei der Wiener Weltausftellung erfte Preife und zwar zwei Fortfchrittsmedaillen, was diefer fo verdienftvolle als ftrebfame und intelligente Gefchäftsmann wohl verdient. Sigmund Beer in Peft exponirte ebenfalls Gefchäftsbücher und verdient auch alles Lob. Sie find folid und dauerhaft gebunden, fehr gut raftrirt und auch die Decken, meift en relief mit Ledermofaik und Handvergoldung, empfehlen fich als tüchtige und preiswürdige Arbeiten. Jofef Geller in Peft hat fowohl einfache Bücher, als Prachtbände aus geftellt, welche nicht nur die Kunden zu befriedigen vermögen, fondern auch des Fachkenners vollen Beifall verdienen. Seine einfachen Bücher, fogenannte Halbleder- Bände find tadellos zweckmäfsig gearbeitet. Zwei Miffale in rothem Chagrinleder, das eine mit Prefs-, das andere mit Handvergoldung, find wohl nicht als Kunftproducte zu bezeichnen, doch folid und fchön gearbeitet geben fie Zeugnifs von dem Walten einer Meifterhand. Befonders hervorzuheben ist eine Decke„ ,, für eine Conceffionsurkunde beftimmt"; fie ift in Schweinsleder gearbeitet, hat blinde Verzierungen und ein fehr nett entworfenes Mittelftück in Bronce und Email. Bewundernswerth ift die fehr correct ausgeführte Blindverzierung, weil felbe keineswegs mit Mafchine geprefst, fondern mittelft eines kleinen Handftempels erzeugt wurde; eine fehr mühevolle Arbeit, die auch nur eine Meifterhand leiften kann. وو Geller ift ein ausgezeichneter Arbeiter, der in feinem Fache Vorzügliches leiftet, Routine und Gefchmack mit tüchtiger Gefchäftskenntnifs vereint, hat er fich in Ungarn einen Namen guten Klanges erworben. Deutfchland war, feiner Leiftungsfähigkeit entfprechend, gut vertreten, es erfreut fich ja auch hinsichtlich billig gelieferter Einbände eines vortheilhaften Rufes. Die dort ausgeftatteten Bücher meift in Leinwand gebunden, mit en relief Preffung und Prefsvergoldungen, oder einfach glatten Decken mit Goldverzierungen und marmorirten Schnitten find auf den Büchermärkten der ganzen civilifirten Welt heimifch. Leipzig allein befitzt zahlreiche Buchbindereien, einige derfelben fogar mit Dampfbetrieb, die faft ausfchliefslich nur billige Einbände liefern. Deutfchland erfchien auf der Wiener Weltausftellung durch 16 Exponenten ver treten, deren bedeutendfte wir eingehender befprechen wollen. J. C. König& Ebhard in Hannover, eine für die Fabrikation von Gefchäftsbüchern fehr bedeutende Firma, leiften ebenfo Gediegenes als Preiswürdiges. Ihre Bücher finden weithin in Holland, Portugal, Griechenland, ja fogar in Südamerika dankbare Käufer. Das zur Arbeit verwendete, ausgezeichnete Material begründete den ehrenvollen Ruf diefer Firma, die verdienter Weife mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. J. F. Knipp in Offenbach brachte die Fabrikation von PhotographieAlbums in Deutfchland zur hohen Blüthe. Die von ihm ausgeftellten Bücher find mit Rücksicht auf gediegene Arbeit und guten Gefchmack den bereits rühmlich erwähnten Leiftungen E. Becher's, unferes Wiener Gefchäftscollegen, würdig zur Seite zu ftellen. Knipp befleifst fich, nur die gefchmackvollften, ftilgerechteften Zierrathen für feine Arbeiten zu wählen. Seine en gros Preife find mäfsig. Seine Prachteinbände find durchgehends nach Entwürfen renommirter deutfcher Architekten ausgeführt und die Structur des gebundenen Buches, wie deffen äussere Ausftattung, in verfchiedenen feinen Metallen ausgeführt, ftehen im harmonifchen Einklange und entſprechen den ftrengften Anforderungen der Fachkenner. Er exponirte auch ziemlich gelungene Ledergalanterie- Arbeit, deren Erwähnung der 54 Conrad Berg. Gruppe X zufällt. Knipp wurde ebenfalls gerechter Weife mit der Fortfchrittsmedaille prämiirt. G. Kanzler in Paffau gebührt fchon wegen der überrafchenden Billigkeit feiner Arbeiten löblichfte Erwähnung. Er brachte über 500 Gebetbücher zur Ausftellung, theils in Leinwand und Leder, theils in Sammt und Seide gebunden, darunter einige in koftbareren Decken von Elfenbein und Perlmutter. Diefe letzt erwähnten Bände find der minder gelungene Theil feiner Ausftellungsobjecte, denn mit der fo reichen Ausftattung von Elfenbein etc. kann die eigentliche Buchbinder- Arbeit Kanzler's nicht entſprechend gleichen Schritt halten, weil ihm die nöthigen Arbeitskräfte fehlen. Die Fabrikation feiner einfacher ausgeftatteten Gebetbücher aber verdient alles Lob. Italien hat einige fehr gelungene Buchbinder- Arbeiten geliefert. So hat Tartagli Gaetano in Florenz ein Album ausgeftellt, welches, in Ledermofaik und Handvergoldung im antiken Stile gehalten, vortrefflich ausgeführt ift. Vezofi M. in Turin leiftete nicht minder Gelungenes. Das von ihm ausgeftellte Album, in Leder en relief gebunden, mit einem zierlichen Monogramm,„ Handvergoldung", ebenfalls im antiken Stile gehalten, mit weifs moirirten Seidenvorfätzen, welche mit fehr feinen Goldlinien gefchmückt find, ift eine ebenfo gefchmackvoll als gediegen gelieferte Arbeit. Auch eine von felbem Meifter exponirte Diplomdecke in Ledermofaik mit Vergoldung wäre rühmlich zu bezeichnen, wenn die Zufammenftellung der Farben eine günftigere wäre. Die Schweiz vertrat die Firma Benziger Gebrüder in Einsiedeln, welche nebft einer grofsartigen Buchbinderei auch eine ebenfo bedeutende Buchdruckerei und lithographifche Anftalt befitzt. Benziger hat feinen eigenen Verlag von nahezu 300 Gebetbüchern in vielen Sprachen und in den verfchiedenartigften Einbänden ausgeftellt. Seine Bücher, meift in Papier, Leinwand, Spalt und Chagrinleder gebunden, mit geprefsten Haut- relief- Verzierungen und Vergoldungen, werden zu fabelhaft billigen Preifen geliefert. Da es dort üblich, viele Kinder zur Arbeit zu verwenden, was bei Entlohnung der Arbeitskräfte die Regiekoften bedeutend vermindert und der Gefchäftsumfatz ein riefiger ift, läfst fich die Billigkeit der Bände leicht erklären. Die Firma hat grofsartige Filialen in New- York und Cincinnati. Prachtbände liefert Benziger ebenfowenig, als überhaupt feinere Arbeit; die ausgeftellten Bücher aber find trotz der billigen Preife fehr gut gebunden und empfehlen fich durch fchlichte Solidität. Rufsland hat feit der jüngften Parifer Ausftellung fehr erhebliche Fortfchritte gemacht und feine Exponenten beweifen, dafs fie den Anforderungen der Neuzeit vollkommen zu entfprechen im Stande find. Befonders von Gefchäftsbüchern lagen gediegene Leiftungen vor, namentlich jene von Freiberg Adolf in Riga imponirten durch fchlichte Eleganz, Dauerhaftigkeit, vorzügliche Raftrirung und leichtes Flachlegen. Man fieht, dafs Rufsland berufen fcheint, in kürzester Zeit im ehrenvollften Bunde mit den geiftig meift fortgefchrittenen Culturftaaten zu ftehen, denn in dem Mafse als der Büchermarkt eines Landes fich hebt, veredelt fich auch deffen Volk. Spanien und Portugal haben gleichfalls feit der letzten Ausstellung namhafte Fortfchritte gemacht; vorzugsweife Portugal hat im Fache der Buchbinderei überraschend gediegene Arbeiten ausgeftellt. Lisboa& Comp. in Liffabon lieferte Prachtbände, die an Eleganz und kunftfinniger Ausführung mit den beften Leiftungen der in diefem Fache renommirten Länder wetteifern. Belgien hat nur von Buchhändlern gelieferte Bücher exponirt.- Es ift bedauernswerth, dafs die belgifchen Buchbinder, die doch fo glänzende Proben Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. - 55 ihres Kunftfleifses bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung gaben, fich nicht an dem Wiener Wettkampfe der Induftriellen betheiligt hatten. Damals waren ihre Arbeiten die rühmlichften Zeugniffe eines gewaltigen Fortfchrittes und wir wiffen recht gut, dafs Belgien im Fache der Buchbinderei Gediegenes zu leiften vermag. Es liefert den Büchermärkten aller europäiſchen Grofsftädte fowohl einfache Bücher, wie Prachtbände, deren Schönheit und Solidität mit englifchen und franzöfifchen Arbeiten diefes Genres concurriren kann und man darf faft mit Gewissheit annehmen, dafs Belgien feit dem Jahre 1867 noch gröfsere Fortfchritte im Fache der Buchbinderei gemacht hat. Wir hoffen baldigft, vielleicht fchon auf der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 belgifche Fabrikate unferer Gruppe preisgekrönt zu fehen. Schweden war durch drei Exponenten ehrenvoll vertreten. F. Beck und P. Herzog in Stockholm liefern fehr gute BuchbinderArbeiten. Die lithographifche Actiengeſellſchaft in Norrköping hat folid und gefchmackvoll gebundene Contobücher ausgeftellt. - Die Türkei hat bei der Parifer Weltausftellung fchätzenswerthe Proben der in jüngfter Zeit gemachten Fortfchritte im Fache der Buchbinderei geliefert. Die Wiener Weltausftellung vermochte leider nicht diefsfalls fernere Beweife zu liefern, denn die wenigen ausgeftellten Bücher entzogen fich, als gar zu primitive Arbeiten, jeder Kritik. Von den übrigen Staaten Europas hat nur noch Dänemark einige ziemlich gut gebundene Bücher ausgeftellt. Egypten lieferte nichts Nennenswerthes. Amerika erfchien im Fache der Buchbinder Arbeit nur durch zwei Firmen vertreten. Die Ausftellung im Jahre 1867 in Paris hat wohl gezeigt, dafs unfere Gewerbsgenoffen jenfeits des Oceans Buchbinder- Arbeiten zu leiften vermögen, die mit den Erzeugniffen der beften Firmen Europas rivalifiren können. Die von Amerika zur Wiener Weltausftellung gelieferten Bücher find wohl kaum zu tadeln, doch läfst die diefsfällige Arbeit manche Feinheiten des Gefchmackes und Genauigkeit der Ausführung vermiffen, die den früheren Leiftungen amerikanifcher Buchbinder- Kunft einen fehr günftigen Erfolg verfchafften. Nur A. Sandfort in Cleveland hielt mit den von ihm ausgeftellten, folid und zweckentfprechend gebundenen Gefchäftsbüchern das Sternenbanner Grün- Erins fiegreich aufrecht. Seine Bücher find im einfach edlen Stile gehalten und von einer Dauerhaftigkeit, als gäbe es darin die Schulden aller Völker des Erdballs für die Ewigkeit zu buchen. China und Japan ftehen, obwohl die wenigen von ihnen ausgeftellten Bücher einen feit den letzten Jahren gemachten Fortfchritt nicht verkennen laffen, doch im Fache der Buchbinderei auf der möglichft niederen Stufe, was bei diefen unftreitig fehr kunftfinnigen, gewerbsfleifsigen und gebildeten Nationen beinahe überrascht. Sie wenden fich mit entfchiedener Vorliebe den Galanterie- Arbeiten zu. Japan hat wohl einige Buchdecken ausgeftellt, und zwar aus Holz mit reizender Mofaikarbeit und aus geprefster Papiermaffe, eine Art Papiermaché. So fchön und fleifsig diefe auch gefertigt find, zählen fie doch nicht zu den Gewerbsleiftungen unferer Gruppe und find mehr als Galanterie- Arbeit zu befprechen. 5 56 Conrad Berg. Buchbinderei- Mafchinen. Bei faft allen Induftriezweigen ift heutzutage die Verwendung von Mafchinen nahezu pflichtgeboten. Die raftlos fich mehrende Concurrenz erheifcht möglichft fabriksmäfsigen Betrieb, und forgfältige Haushaltung mit Zeit und Arbeitskraft, was nur durch zweckmäfsige Verwendung von gut conftruirten Mafchinen erzielt werden kann. Wir wollen den für Buchbinder- Zwecke beftimmten und ausgeftellt gewefenen Mafchinen einige Worte widmen Sehr bedauerlich ift der Umftand, dafs England in diefer Richtung nicht vertreten war und Frankreich nur ein einziges Object und zwar eine Befchneidmafchine ausgeftellt hatte. Dagegen waren Oefterreich( Wien) und Deutfchland um fo glänzender vertreten. Schneidmafchinen werden bekanntlich nach vielfachen mehr oder minder präcifen Conftructionen erzeugt. Die befte derartige Mafchine hat Poirier, eine renommirte Firma von Paris, ausgeftellt, die alle bisher dagewefenen fowohl an Eleganz der Conftruction wie an Präcifion ihrer Leiftung hinfichtlich der Gleichheit des Schnittes und Schnelligkeit der Arbeit übertrifft. In den meiften deutfchen und öfterreichifchen Buchbindereien fehr beliebt find die Mafchinen von Carl Kraufe in Leipzig. Er conftruirt in vorzüglichfter Güte: Vergolderpreffen, Befchneidmafchinen, Rückenmafchinen, Walzwerke etc. Die von ihm exponirte Befchneidmafchine neuefter Conftruction ift ganz von Eifen mit genau fenkrechter Mefferführung, excentrifcher Bewegung, mit Zugfchnitt und ftellbarem Tifche verfehen. Als überzeugendfter Beweis für die Trefflichkeit der Leiftung diefer Mafchinė dürfte die Conftatirung der Thatfache genügen, dafs einige taufend Exemplare derfelben in acht verfchiedenen Gröfsen in Deutfchland, Oefterreich, in der Schweiz und in Rufsland von den Buchbindern und Papierfabrikanten dankbar benützt werden. Dank diefem bedeutenden Abfatze vermag Kraufe die billigften Preife zu ftellen, und es koftet z. B. die kleinfte diefer Mafchinen mit einer Schnittlänge von 495 Millimeter in der Breite und 130 Millimeter Höhe nur 135 Thaler preufsifch Courant. Kraufe exponirte ferners eine Vergolderpreffe, gleichfalls ganz von Eifen mit prismatifch ftellbarer Tiegelführung, eine ausgezeichnet conftruirte Mafchine, die bereits von faft allen gröfseren Buchbindereien mit Vorliebe verwendet wird. Er liefert diefelbe in 9 verfchiedenen Gröfsen; deren kleinfte bietet eine Druckfläche von 189 bis 235 Millimeter und koftet nur 130 Thaler. Seine Mafchinen find nicht nur in ihrer Totalität vortrefflich conftruirt, fondern auch im Gufs und in der Arbeit der einzelnen Theile gediegen. Kraufe hat als einer der tüchtigften Mechaniker in diefem Fache bereits einen Weltruf erlangt, fämmtliche von ihm ausgeftellten Mafchinen wurden angekauft. Er liefert alle feine Mafchinen in gleicher Güte, fo zum Hand- als zum Dampfbetriebe conftruirt. Gebrüder Heim in Offenbach haben ebenfalls fehr gut conftruirte Mafchinen für Buchbinderei gebracht und verdienen dankbares Lob. Jeanrenaud, frühere Firma Henke in Wien, exponirte fehr folid und doch zart gebaute Mafchinen für Buchbinderzwecke; befonders erwähnenswerth find feine Balancirpreffen, für die fchon fein Vorgänger bedeutenden Abfatz fand. Aufser den angeführten Mafchinen werden noch manche andere in Buchbinder- Werkstätten verwendet und befanden fich auch unter den diefsfälligen Ausstellungsobjecten; doch werden folche nur zu fehr einfachen Verrichtungen gebraucht und verdienen daher keine nähere Befprechung. Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. 57 Cartonnagen. Diefes Gewerbsartikels hat feiner Niedlichkeit und netten, reinlichen Fabrikationsweife wegen theilweife der Dilettantismus fich bemächtigt und nicht felten befaffen fich zarte Damen und galante Herren in ihren Mufseftunden mit der amüfanten Herftellung zierlicher Bonbonnièren und Nippesgegenstände, fich felbft zum Vergnügen und für Freunde und Bekannte zur froh begrüfsten Spende. Doch auch dem Gewerbfleifse liefert diefer zartefte Zweig vom Stamme der Buchbinderei eine reiche Einnahmsquelle, befonders in der jetzigen Zeit, wo mit dem allfeitigen Raffinement auch dem Luxus ein weites Feld offen fteht. Wohl keine Arbeit erheifcht mehr Gefchmack und Eleganz, als eben die Cartonnage- Arbeit und fo behaupten auch in diefer die Franzofen den erften Rang. In Paris befchäftigt diefer Gewerbezweig über 2500 Arbeiter, welche bei 400 Fabrikanten in permanenter Verwendung ftehen und der Totalertrag der diefsfälligen Erzeugniffe läfst fich mit mehr als 10 Millionen Francs jährlich beziffern. Der Franzofe verfteht die Kunft, den geringften Artikel durch Verleihung einer höchft gefchmackvollen Umhüllung leicht verkäuflich zu machen. Paris verfertigt Bonbonnièren im Preife von 10 Francs bis 100 Francs per Stück in Maffen und es ift durchaus nichts Seltenes, dafs Cartons zu diefen Zwecken mit 2000 Francs bezahlt werden. Die verfchiedenen Artikel von CartonnageArbeiten, welche Paris vorzugsweife liefert, aufzuzählen, wäre faft unmöglich, wir begnügen uns, die befonders brauchbaren und daher gefuchten zu erwähnen. Paris liefert die fogenannten Cartons de Bureaux und Cartons de Magafins; erftere, zur Aufbewahrung und Eintheilung von Acten, Correfpondenzen und dergl. dienend, find dem Bureau- und Kanzleibeamten unentbehrlich. Diefe Cartons werden meift mit grünem Papier bekleidet und haben Abfalldeckel, wohl auch mehrere Fächer. Letztere werden in den Verkaufsläden zur Aufbewahrung von Weifswaaren, Cravaten, Tüchern u. f. w. verwendet, find äufserft praktiſch und fehr nett gearbeitet. Es ift unbegreiflich, dafs derlei Cartons in Oefterreich bisher keine Nachahmung fanden; die hier üblichen ftehen in Bezug auf ihre äufsere Erfcheinung unendlich nach. Eine andere Sorte von Cartons zur Verpackung von Kunftblumen, Seide, Sammt und dergl. findet in Paris ebenfalls grofsen Abfatz. Zu den nützlichften und daher meift begehrten Artikeln diefer Art zählen die Cartonnagen für Apotheken, Oblatenfabrikanten etc. etc. In zahllofen Formen und höchft gefchmackvoller Ausführung finden wir die Hüllen für Chocolade, Bonbons, Parfumerien und Schmuck waaren. Zu bedauern ift, dafs wir nicht Gelegenheit hatten, die Grofsartigkeit der franzöfifchen Leiftung in diefem Gefchäftszweige in mehreren gröfseren Collectionen kennen zu lernen. Die bedeutendften franzöfifchen Firmen diefer Branche haben nicht ausgeftellt und nur Chevalier& Comp. in Paris lieferten fehr gediegene Arbeiten. Es gelang diefer Firma auch vollkommen, zu beweifen, was Frankreich in diefem Fache zu leiften vermag. Die von ihr exponirten Körbchen, Bonbonnièren etc. machten verdienterweife Senfation; befonders fchön find die Etuis in Form von rohen Baumftämmen, die der Natur getreu en miniature reizend nachgebildet find. England war in diefem Fache nicht vertreten, obwohl es in demfelben feit mehreren Jahren namhafte Fortfchritte gemacht haben foll. Umfo zahlreicher waren die Vertreter Oefterreichs. Dafs Wien aber hinfichtlich der Fabrikation von feinften Cartonnagen weit zurück ift, ift bekannt. Man fchenkt eben dem Artikel zu wenig Aufmerkſamkeit. Das zeigte fich deutlich bei der 58 Conrad Berg. Buchbinderei, Cartonnagen und Mafchinen für Buchbinder. Ausftellung. War die Waare des einen Exponenten gefchmackvoll, dann war fie nicht gut oder doch ungleich gearbeitet, und war die des anderen hinfichtlich der Fabrikation entſprechend, hatte man wieder unglückliche Mufter gewählt. Ueberhaupt ift die fortwährende Jagd nach neuen Muſtern dem Gedeihen diefes Artikels durchaus nicht förderlich, weil man bei der Wahl derfelben nicht lange überlegt, ob felbe auch gefchmackvoll und zweckentfprechend find, fondern eben nur froh fcheint, neue Waare auf den Markt bringen zu können. So entstehen eine Unzahl von derlei Artikeln, die theils dem Zwecke nicht genügend entfprechen, theils als unförmliche Machwerke dem guten Gefchmacke Hohn fprechen und felten Käufer finden. Nennenswerth find die Ausftellungsobjecte der Firmen Potfchta& Fürftenfeld, Noa& Kallberg und F. J. Schadek, fämmtlich in Wien. Die Arbeiten derfelben find ziemlich gefchmackvoll, gut und preiswürdig ausgeführt, vorzüglich Phantafiecartonnagen, Nippesgegenstände und Papiermaché- Arbeiten. Die Firma J. M. Hefs in Mährifch- Schönberg leiftet das Bedeutendfte in Erzeugung von Büchfen und Schachteln für Apotheker, Parfumeurs etc. Gute und nette Arbeit bei fehr billigen Preifen haben ihren fehr namhaften Ruf begründet. Deutfchland war durch einige Firmen in würdiger Weife vertreten. G. Adler in Buchholz( in Sachfen) hat ein fehr bedeutendes Gefchäft in Cartonnagen und findet feinen gröfsten Abfatz in Deutfchland felbft, wie in England und Amerika, wohin er feine feineren Waaren exportirt. Die vereinigte Heffifche Papier und Papierwaaren- Fabrik befafst fich ebenfalls und zwar ziemlich energifch mit der Erzeugung von Luxuscartonnagen und liefert neuerer Zeit fehr gut und elegant gearbeitete Cartons für Comptoirs und Magazine, wie felbe in Frankreich üblich. Aus Italien hat Fagioli Gaetano aus Piacenza recht folide Cartonnagen ausgeftellt; feine Artikel entfalten reiche Phantafie und find gefchmackvoll ausgeführt. Belgien war nur durch einen, aber den bedeutendften Fabrikanten in diefem Fache vertreten: J. B. Poiffonnier in Brüffel. Seine Artikel, meift im franzöfifchen Gefchmacke entworfen, find fehr finnreich ausgeführt, finden defshalb auch lebhaften Abfatz. Die von ihm exponirten Cartons zur Emballage von Shawls, Tafchentüchern Bijouterien etc. werden in enormen Maffen weithin verfendet. Errata: Pag. 42, Zeile 22 von oben foll es heifsen fchlicht ftatt fchlecht.