OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. ö. PROFESSOR IN PRAG. KUPFERUND STAHLSTICH- DRUCK. ( Gruppe XII, Section 2 und Gruppe XXV, d.) Bericht von LOUIS JAKOBY, Profeffor in Wien, Mitglied der internationalen Jury. LITHOGRAPHIE UND CHROMOGRAPHIE. ( Gruppe XII, Section 4 und Gruppe XXV, c.) Bericht von CONRAD GREFE. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. A CHK TILHOCKУБНІ THAT2 IE K LICH: DКОСК T: 2 КОЬВЕК KUPFER- UND STAHLSTICH- DRUCK. ( Gruppe XII, Section 2, und Gruppe XXV, d.) Bericht von LOUIS JAKOBY, Profeffor in Wien, Mitglied der internationalen Fury. Der Kupferftich und die ihm zugehörigen Disciplinen, welche zu beurtheilen die mir gewordene Aufgabe ift, zwingt mich noch heute, bevor ich im Geifte wieder die Räume, die ausfchliefslich der Kunft gewidmet waren, auffuche, zu dem Ende alle Theile der immenſen, nun vergangenen Ausstellung zu durchforfchen. Um die Früchte, die diefe Kunft erzeugt, aber recht zu verftehen, um ihre Einflufsnahme auf das praktiſche Leben klarer erkennen zu können, muss ich zuerft an ihre Blüthe in der Kunfthalle näher herantreten und mir Stamm und Wurzel durch die Gefchichte erklären laffen.. So wenig es hiebei auch meine Aufgabe ift, den Lefer zu einem fertigen Kupferftichkenner zu machen, ebenfo überflüffig fcheint es, hierin ein jedes Blatt die Cenfur individueller Kritik paffiren zu laffen. Die Ausftellung bot zu viel um das Einzelne für fich allein zu betrachten. Indem wir das Ganze beurtheilen, werden wir dem Einzelnen gerecht. Eine jede in diefen Räumen vertretene Kunftweife läfst den fie ausübenden Künftler aus vollem Herzen fagen: ich könnte und möchte nichts Anderes wie diefs! die Kunft des Kupferftiches aber ich will eben diefs! Die Zeiten find vorüber, in welchen der grofse Rubens fagen konnte, er wolle lieber mit Schwarz auf Weifs einen Titel auf ein gutes Buch ftellen, als mit Farben malen, weil folche Arbeit weniger zu Augen kommen könnte, jenes aber feinen Namen bei der ganzen denkenden und gelehrten Welt verewigen könnte! Diefer Ehrgeiz kann heut nicht mehr der Motor fein, aus diefem Kunftzweig eine Lebensaufgabe zu machen. Viele mechanifche Weifen und Erfindungen der Wiffenfchaft haben heut das grofse Verdienft, für Verbreitung und Popularität der Kunft zu wirken. Die Kunft des Stiches beansprucht in ihrem befcheidenen Gewand die Gunft, ihrer felbft wegen geliebt zu werden. Schon die heilige Schrift fpricht von den„ in Erz gegrabenen Tafeln des Gefetzes" und durch unzählige Reliquien der claffifchen Kunftepochen des Alterthums in unferen Mufeen auf Spiegeln, Ciften und andere Schmuckfachen gelangen wir zur Ueberzeugung, wie diefe Kunft nicht allein zur Verewigung von Gedanken gedient, fondern auch die Freude der Menfchen gewefen fei. Denfelben Zwecken der Verfchönerung und Verzierung von Schmuck und Geräthen dient fie auch 21 Louis Jakoby. durch die ganze Zeit des Mittelalters, bis fie fich in der Mitte des 15. Jahrhunderts gleichzeitig die Verbreitung und Vervielfältigung von Kunftwerken zur Aufgabe macht, indem der Künftler durch Ausfüllen feiner Arbeit mit Farbe und das Abdrucken auf Papier fie felbft vervielfachte. Diefe Abdrücke werden von uns gemeiniglich jetzt„ Stich" genannt und dienen feitdem zur Verfchönerung und Belebung unferer Wohnungen nicht allein, fie wurden uns Allen ein gewünſchtes Surrogat, das Schönfte und Befte, was die Kunft gefchaffen, in künftlerifch anderer Form unfer Eigen nennen zu können. Als die Kunft fich in Künfte verzweigte, der Architekt nur Architekt, der Maler nur Maler wurde und jeder Zweig herrifch feine eigne Ausbildung verlangte, da fing auch der Stich an, in der Anwendung vielfacher Mittel eine reichhaltige Entwicklung zu erfahren. Die Arbeiten von Malern und anderen nicht fpeciell in diefem Fach ausgebildeten Künftlern wurden immer feltener, die mechanifche Wiedergabe im Druck aber ganz anderen Händen überlaffen. So wurde der Kupferftich durch Jahrhunderte das ausfchliefsliche Mittel, Kunftwerke und künftlerifche Ideen taufendfach zu verbreiten. Wie alle anderen Künfte machte auch der Stich denfelben Weg vom erften unbefangenen Wollen, dem vollendetften Können bis zum hohlen Virtuofenthum und blofsen Handwerk durch. Ungefähr 50 Jahre nach dem Erfcheinen der erften gedruckten Stiche beginnt in der Schule Rafael's die felbftftändige Entwicklung durch Marc Anton. Das Vorbild des Letzteren, Albrecht Dürer, trachtete, mit dem Grabftichel zeichnend, nur feine Gedanken im Bilde zu vervielfältigen. Marc Anton, Rafael's Gedanken wiedergebend und fo des Taftens überhoben, vereinfachte die Weife und fing an, die Form plaftifch mit der Linie auszudrücken. Wenn Rafael bei der Vervielfältigung feiner Werke es paffender und bequemer gefunden, diefs durch Marc Anton machen zu laffen, fo ift diefe natürlichfte künftlerifche Empfindungsweife, fich auf und mit fremdem Material nicht wiederholen zu brauchen, noch bis heute der Grund, dafs die Arbeiten des Kupferftiches in ihrer bei Weitem gröfsten Zahl zweifache Schöpfungen find. Es war wohl zu natürlich, dafs die nach und nach wunderbar ausgebildete Technik des Grabftichels Maler und andere Künftler abfchrecken musste, fich feiner wie ehedem zu bedienen. Um fo bequemer war es, mit der Nadel auf der mit Firnifs überzogenen Kupferplatte zu zeichnen und die fo entftandene Zeichnung durch Scheidewaffer in das Kupfer vertiefen zu laffen. Faft in derfelben Zeit des XVII. Jahrhundertes, als der Stich in den Niederlanden und Frankreich feine höchfte Ausbildung erfuhr, feierten die fo entstandenen Kunftwerke in den wunderbaren Radirungen Rembrandt's ihre höchften Triumphe. Die willigere Radirnadel blieb im Gegenfatze zum Grabftichel, deffen Handhabung erft langwierige Studien vorausfetzt, das Werkzeug, mit dem auch in unferen Tagen noch der Maler es vorzieht, feine Werke felber zu vervielfältigen. Viele Kupferftecher benutzten die Radirnadel zu Vor- und Hilfsarbeiten. bei ihren Stichen, fo dafs es fchwer wird, die Trennung beider Weifen erkennen zu können. Verfuchten fie auch fchon vor G. F. Schmidt bis auf unfere Zeit die reizvollen Werke Rembrandt's neu erftehen zu machen, die gröfsere ruhigere Form ftiliftifcher Malerei hat fie ftets wieder zum Grabftichel greifen laffen. Um die Mitte desfelben XVII. Jahrhunderts bereicherte die Erfindung der Schab- oder Schwarzkunft die Weifen, Kunftwerke drucken zu können. Sie war die Negation des Schaffens, indem das Kunftwerk indirect aus dem Schwarz, in das die Platte durch feine Inftrumente gleichmässig verfenkt war, herausgelichtet wurde. Die Engländer und unter ihnen in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts Earlom, haben fich am meiften hierin hervorgethan. Die Anforderungen an den Stich, und durch die Verbreiterung der Bildung der Confum, wurden immer gröfser, fo dafs die Speculation, um mehr Abdrücke zu erzielen, Anfang diefes Jahrhunderts darauf verfiel, ftatt der Kupfer Stahl Kupfer- und Stahlftich- Druck. 3 platten zu verwenden. Die nothwendige Folge davon war, dafs die Künftler, um das fchwerer zu bearbeitende Metall bewältigen zu können, auf allerlei mechanifche Hilfsmittel verfielen. Einmal verbunden mit dem Mechanismus wurde der Künftler die Geifter, die er befchworen, nicht wieder los. Das Roullet, die Cinier und andere Mafchinen corrumpirten fein Auge und Gefühl. Er wollte es der Mafchine gleichthun und machte fchön in und an einander gefügte Linien, wo er Formen und Töne fchaffen follte. Wenige erhielten fich ihr künftlerifches Theil und ihr Name wird defshalb um fo glänzender in der Gefchichte diefer Kunft beftehen bleiben. Da endlich, vor ungefähr 20 Jahren rief die Wiffenfchaft diefem mechanifchen Treiben ihr Halt zu. Die Photographie machte nicht nur diefem feelenlofen unkünftlerifchen Thun Concurrenz, fie befiegte es und half der Kunft wieder zu ihrem Rechte. Das die Atmoſphäre reinigende Ungewitter richtete aber auch gleichzeitig viel Zerftörung an. Die Factoren zum Wiederaufbau, die Befteller waren entmuthigt und die ftaatliche Vorfehung blieb, ausgenommen in Frankreich, abfeits mit verfchränkten Armen ftehen. Eine Panique hatte die fchwachen und zweifelhaften Kräfte ergriffen und die Reihen gelichtet. Je mehr Liebe den Einzelnen für feine Kunft erfüllte, fein ganzes Sinnen in diefer eben aufgehen machte, je niedergefchlagener wurde er, fah er die Maffe, zu denen ja auch viele Künftler gehörten, das Kind mit dem Bade ausfchütten, der verblüffenden Neuheit zujubelnd, die Töne des Werkels andächtig für die Mufik nehmen, die allein Menfchen machen können, und der Kunft kaum noch einen Blick fchenken. - Die Leidenfchaft, mit der er gegen diefe Anfchauungen und ihre Einwirkungen ankämpfte, fonft ein Bürge für die innerliche Wahrheit feines Wollens, war ohnmächtig gegen die Alles überfluthende, von gefchäftlicher Reclame unterftützte Mode. Die Kunft des Kupferftiches wurde entbehrlich genannt und dem Künftler half kein Weh und Ach in den Zeitungen, ihm blieb alldem gegenüber nur die Refignation, abzuwarten, bis die Zeit folche Gefchmacksverirrung beffere. Ein folcher Zuftand konnte nicht lange dauern. Empfindung, Verſtändnifs, Gefchicklichkeit, alle Gaben, die den Menfchen zum Künftler machen, durften auch hier auf den endlichen Sieg ihrer Leiftungen bauen. Aber erft mit dem Erkennen der Unzulänglichkeit des phyfikalifchen Proceffes der Reproduction ftellte fich nach und nach auch wieder ein Zuwenden zur Kunft ein. Wie früher die Photographie den Mechanismus übertroffen und fo lahm gelegt hatte, fo entſtand jetzt eine Reaction gegen die Camera obfcura. Man fah fich nicht allein fatt an dem füfsen, ausdruckslofen Ton, erkannte nicht allein die Unwahrheit in der Wiedergabe von kalten oder warmen Farben und der dadurch bewirkten Unrichtigkeit der Modellation der Form bei bemalten Flächen, man fing auch an, das Erkennen des Gewebes der Leinwand, der Flecke und der Zerftörung in den Bildern eine Brutalität zu nennen. Man erkannte, dafs die lange identifch gehaltene Wiedergabe eine falfche fei, die feelenlofe mechanifche Reproduction nur eine neue Auflage erhalten habe und, um vor der Reproduction künftleriſch geniefsen zu können, diefe nur aber wieder künftlerifch entstanden fein müffe. Vor der erfreulichen Thatfache der Wiederbelebung diefer Kunft fahen wir uns auf der letzten Ausftellung. Vom Mechanismus befreit, fördert die Kunft wieder die Liebe und Freude des Befchauers. Von Fortfchritten ift in diefer wie ja auf dem Gebiete der ganzen bildenden Kunft nur bedingungsweife zu fprechen, rechnen wir die Befreiung von den mechanifchen Hilfsmitteln ab. Ein Kunftzweig, hier oder dort mehr gepflegt, 4 Louis Jakoby. wird mehr fich entwickeln und feinen beften Vorbildern, die, wie alle Sammlungen, Monumente und Gallerien zeigen, hinter uns liegen, nah und näher zu kommen trachten. Die eine Idealität erftrebende Kunftrichtung, von der Realiftik oder Naturaliftik abgelöft fein zu wollen, werden wir fo wenig Fortfchritt nennen, wie wir es nur als eine Phafe bezeichnen können, wenn Rafael und Michel- Angelo durch Velasquez oder Franz Hals in den Winkel gedrängt erfcheinen. Diefe Wandlungen des Gefchmacks find feit mehreren Hundert Jahren mehrmals bei den kunfttreibenden Nationen zu beobachten, und liegen wohl tief in der menfchlichen Natur begründet. Der Kupferftich feit feiner Ausbildung macht naturgemäfs denfelben Procefs durch wie die Malerei, der er fich eng anfchliefst und für die Verbreitung ihrer Objecte dient. Die ftiliftifche Richtung hat fich bis auf die neuefte Zeit ftets mehr des Grabftichels als Mittel der Ausdrucksweife bedient, während der naturaliftifchen die Radirnadel das bequemere und leichtere Material wurde. Von. einem Fortfchritt kann man deshalb nur infofern beim Kupferftich fprechen, als gerade die letzten Jahre befonders Aufklärung gefchaffen haben, was in den Bereich diefer Kunft gehört und worin fie durch nichts zu erfetzen ift. Die Feinheit und Klarheit in der Form, die variabelfte Charakteriſtik in der Behandlung des Stoffes wird heute nach fo vielen Verfuchen dem Kupferftich unbeftritten verbleiben. Steht er für Publication überhaupt nicht mehr allein da, fo braucht er anderfeits auch nicht mehr die oben. befprochenen Irr- und Abwege zu gehen, zu denen ihn der Stahlftich und die Speculation gedrängt hatten. Er kann heute wie zur Zeit feiner glänzendften Entwicklung das Kupfer allein benutzen und vermittelft der Galvanoplaſtik und der Verftählung eine durch keine Abnutzung der Platte befchränkte Anzahl von Abdrücken erlangen. Oefterreich, Deutfchland, Frankreich, England und Italien legen faft gleichzeitig Zeugnifs dafür ab, dafs allerorts die Künftler fich wieder in aller Freude und Begeisterung an die Arbeit gemacht. Numerifch am ftärksten aber Frankreich. Als könnte die wiederbelebte Kunft die Zeit nicht erwarten, ans Tageslicht zu treten, um die verlorene Zeit wieder einzubringen, fo fehen wir in allen diefen Ländern gleichzeitig die fchnell producirende Radirung als Vorkämpferin. Der vollendende und dadurch langfamer fchaffende Stich zeigt fich nur vereinzelt als Ueberkommnifs aller Getreuen, die Schwarzkunft, feit längft der Mechanik verfallen und im Ton zu verwandt der Photographie, hat nur noch in England alte Kämpen aufzuweifen. Frankreich, feit Gründung der Gobelins durch Ludwig XIV. an die Spitze geftellt, hat auch hier, feinen grofsen Traditionen getreu, den alten Ruf bewahrt, wenngleich Mandel im Stich bei der deutfchen, Unger in der Radirung bei der öfterreichifchen Abtheilung Qualitäten zeigten, die wir in der franzöfifchen nicht fanden. Je gröfser unfere Freude und die aufrichtige Bewunderung war, die uns in ihrer Mehrzahl die franzöfifche Ausftellung entlockte, je mehr bedauerten wir, die ausgezeichneten Leiftungen Henriquet- Dupont's zu vermiffen. Seit dem Jahre 1814 der Ausübung diefer Kunft hingegeben, ift jede Arbeit ein neues Lorberblatt für ihn geworden. Die Geiftesfrifche diefes Neftors der Kunft läfst uns glauben, der Kranz mit feinen ftets neuen Schöfslingen wolle fich nie fchliefsen. Aber auch nach bewährten Kräften, wie Bellay, Didier und Anderen fahen wir uns fo vergeblich um, wie wir bei Deutfchland den vortrefflichen Bürkner aus Dresden nicht fanden. Trotz folch' empfindlicher Lücken konnte die Ausftellung vom fachlichen Standpunkte aus doch nur mit höchfter Befriedigung angefehen werden. Die Stiche von Rouffeaux, Rofello, Bertinot, Gaillard und Anderen find ebenfo Zeugnifs ungefchmälerter Gefchicklichkeit, wie die Radirungen Kupfer- und Stahlftich- Druck. 5 von Rajon, Jacquemart, Flameng, Chaucherel etc. Reiz, Lebendigkeit und Feinheit in der Zeichnung zeigen. Oefterreich und Deutfchland vereint können nur einigermafsen ein Gegengewicht gegen das, alle anderen, dazwifchen liegenden Staaten erdrückende Frankreich bieten, trotzdem Weber in Bafel, die Belgier Biot, Danfe und auch Delboïte uns Proben fehr grofser Tüchtigkeit gaben. Holland hatte nur einen Vertreter, ebenfo wie aus Rufsland, das keine Vergangenheit in diefer Kunft hat, nur ein kleiner Rahmen mit Radirungen, das redliche Wollen zeigte, mitzuthun. Regt es fich ebenfo in Italien auch allerorts wieder, die eingefandten Kunftwerke haben fehr befcheidenen Raum nur beansprucht und zeigten uns nicht Juvara in Rom, Raimondi in Parma und einige wenige Andere, dafs fie den Sinn für das Schöne und die Gefchicklichkeit treu bewahrt, man müfste fürchten, dafs fie, wie in Spanien, den Faden nicht wieder fänden, um an die Vergangenheit anzuknüpfen. Was England betrifft, fo fühle ich mich nicht ficher in der Annahme, dafs die hier ausgeftellt gewefenen Kunftwerke ein Bild der heutigen Production vollständig gaben. So vorzüglich auch die Arbeiten von Stocks, Coufins in der Schwarzkunft unter Anderen erfchienen, fo reichhaltig auch die Ausgabe der Kenfington- Schule ift, man fragt fich unwillkürlich: ift das Alles, was von der durch Georg III. gegründeten grofsen Kupferftich- Schule übrig geblieben ift? Sind das die einzigen Nachkommen der Strange, Earlom, Woolet, Burnet, dann freilich gibt es in diefem Wettkampf nur die fchon vorhin genannten drei Staaten, die in Betracht kommen. - Ohne Berücksichtigung der fchon erwähnten Lücken und der Verzichtleiftung der Parifer Chalcographie du Louvre auf die Ausftellung, ftand Frankreich mit 69 Ausftellern und 182 Nummern gegenüber von Oefterreich mit 15 Ausftellern und 49 Nummern, Deutſchland mit 25 Ausftellern und 36 Nummern. Das Mifsverhältnifs ift zu grofs, als dafs es nicht der Mühe werth wäre, näher beleuchtet zu werden. Sieht man aber in den Schaufenstern unferer Kunfthändler gleichzeitig faft nur franzöfifche und englifche Stiche, fo wird es eine patriotifche Pflicht, die Sachlage zu erklären. Das Uebergewicht Frankreichs ift nur der forgfamften Pflege zu danken, welche die verfchiedenften Regierungen diefem Kunftzweige feit mehr denn 200 Jahren gewidmet, und der Eiferfucht, mit der ein berechtigtes Nationalgefühl über deffen Erhaltung wacht. Anfchauungen, als wäre diefe Kunft im Charakter der franzöfifchen Nation begründet, find ebenfo unwahr, wie der Einwand hinfällig ift, dafs fie heute überflüffig. Von Martin Schön und Dürer bis auf G. F. Schmidt und F. Müller ift das widerlegt, und es mufs doch mit unferer Begabung nicht fo fchwach beftellt fein, wenn wir trotz alledem heute weit beffer daftehen als Italien, das zwei Pflegftätten diefer Kunft in den Chalkographien zu Rom und Parma befitzt. Um Aufklärung zu bekommen, müffen wir wohl zunächft die Factoren ins Auge faffen, die hüben und drüben die Arbeiten entſtehen laffen. In Frankreich ift es durch die Chalcographie du Louvre zunächft die Regierung felbft, indem fie in diefem Inftitut jüngeren Kräften Ausbildung gibt, Bewährten aber in bedrängten Fällen ein nothwendiges Refugium bietet. Hiezu kommt die Stadt Paris, die franzöfifche Gefellſchaft für Kupferftich, vornehme Private, die ihre Porträts ftechen laffen, und die nicht hoch genug anzufchlagenden künftlerifchen Beigaben und Illuftrationen von Zeitfchriften. Wenn wir den Kunfthändler oder Verleger hiebei fehr fchwach betheiligt fehen, fo kann uns das weiter nicht verwundern. Vor fünfzehn Jahren noch war er ein fehr wefentlicher Factor. Der Kaufmann ift eben nicht Liebhaber, fondern als Kaufmann bedacht, feine Waare fchnell umzufetzen und dadurch den gröfstmöglichen Gewinn zu erzielen. Beides ift aber beim Kupferftich nur höchft felten 6 Louis Jakoby. noch der Fall. So lange der Kupferftich einziges Vervielfältigungsmittel war, kam es vor, dafs eine einzige glückliche Arbeit ihm ein Vermögen einbrachte. Heute, in dem Fieber nach fchnellem Gewinn fucht er aus dem Vertrieb von Bildern und Photographien einen paffenderen und einträglicheren Erwerbszweig zu machen. Selten nur beftellt er noch, bequemt er fich aber dazu, Arbeiten in Commiffionsvertrieb zu nehmen, fo gefchieht das unter fo drückenden Verhältniffen für den Künftler, dafs diefer auf den Kunfthändler, als den fonft gebräuchlichen Vermittler zwifchen ihm und dem Publicum, bald ganz wird verzichten müffen. Der Ausfall diefes Factors aber führte im Jahre 1868 in Paris zur Gründung erftgenannter Société de gravure. Was hat nun bei uns in Oefterreich, was in Deutſchland die ausgeftellten Arbeiten entſtehen gemacht?! Den fo fundirten alten und neuen Inftitutionen Frankreichs hat Deutfchland wie Oefterreich nichts Gleichartiges entgegenzufetzen. Man ift verfucht vom Zufall zu fprechen, wenn tüchtige Arbeiten das Tageslicht erblickt haben. In Deutſchland hat der Staat in fchüchternfter Weife hie und da einmal eine Subvention ertheilt, wodurch beispielsweife das„ Spofalizio" von Stang in Düffeldorf entftand, vortreffliche Arbeiten, wie die von Raab, Fr. Vogel, Burger, Zimmermann und Anderen in München wurden mit grofsen Opfern zu Ende gebracht, um willkommene„ Nietenblätter" für Kunftvereine zu werden. Willmann aus Carlsruhe tritt mit Beftellungen der Stadt Paris auf. Auch in Deutfchland treffen wir felten auf einen Verleger und ein fo bedeutender Künftler wie Mandel mufs unter den erfchwerendften Bedingungen feine Arbeiten dem Publicum zugänglich machen. Die Anftrengungen, die einft Schinkel und Beuth machten, diefe Kunft zu heben, indem fie jungen Kräften die Mittel zur Ausbildung boten, den Staat die Fürforge für eine vortreffliche Druckerei tragen liefsen, werden bald als ein ,, nur momentaner Auffchwung" bezeichnet werden können. Doch bleiben wir in unferen eigenen Grenzen, wir haben hier ein grofses Feld für unfere Wünſche. Ein Mifsverftehen künftlerifcher und national- ökonomifcher Intereffen hatte die Kunft des Kupferftiches bei uns faft ganz zu Grunde gehen laffen. Diefelben Autoritäten, die über jeglichen Mangel von Intereffe an bildender Kunft in Oefterreich jammerten, fcheuten fich nicht, dem Kupferftich die Exiftenzmittel zu verfagen, obgleich er doch in feiner Eigenfchaft als publicirende Kunft am meisten geeignet war, für Kunft im Allgemeinen Propaganda zu machen, fo dafs es endlich der allerhöchften Initiative vorbehalten blieb, die erlofchene Tradition wieder neu zu beleben. Eine Oafe ftehen in diefer Zeit die Arbeiten des braven Poft faft allein da. Das kaiferliche Oberftkämmerer- Amt trat anregend und befruchtend nach jeder Seite hin auf. Die grofsen Stiche von Doby und Klaufs wurden von ihm beftellt. Wir fanden auch in der Abtheilung für Kupferdruck die reichhaltige Sammlung der Schatzkammer in Radirungen unter der intelligenten Direction des Schatzmeifters C. Leitner publicirt und fehen in dem Stich des Stefansdomes ebenfo einem feltenen Specialiſten Gelegenheit gegeben, fein Talent enfalten zu können, wozu Bültemeyer in den früheren Arbeiten für die Bauzeitungen ein zu befchränkter Raum geboten war. Mit dem neuerwachten Leben in den übrigen Kunftzweigen war die Stagnation in den graphifchen Künften bei uns doppelt fühlbar geworden. Die in Paris neu gegründete Societé de gravure bot Anregung genug, Aehnliches zu verfuchen. Zu zwei beftehenden Kunftvereinen noch einen dritten zu gefellen, fchien um fo weniger rathfam, als deren Aufgabe, die Unterſtützung der Malerei, durch den mächtigen Auffchwung des Bilderhandels überflüffig geworden war. So entfchlofs fich denn der Vorftand des fogenannten älteren Kunftvereines Hofrath v. Wiefer, von der Gemeinnützigkeit diefes Unternehmens durchdrungen, diefen Verein in " Kupfer- und Stahlftich- Druck. 7 eine Gefellſchaft für vervielfältigende Kunft" umzuwandeln. Der Theilnahme der Genoffenfchaft der Wiener Künftler, die die Mitglieder der neugebildeten Gefellfchaft durch den freien Eintritt in ihre Ausftellungen heranzog, fowie der aufopferungsvollen Hingabe des Vorftandes der jungen Gefellſchaft, unterſtützt von der thätigen Sympathie der Freunde graphifcher Kunft, ift es zu danken, dafs nach kaum zweijährigem Beftehen heute fchon die Einnahmen fich vervierfacht haben. Das junge Unternehmen zeigt uns nun in feiner Ausftellung unter einer Fülle kleinerer Albumblätter, worunter viele anziehende, leichte Radirungen und fchon kleinere durchgebildete Stiche find, auch fchon in gröfserem Format in einem Stich Sonnenleitner's, von dem auch das Blatt nach Knaus ,, die jungen Kätzchen" herrührt, Proben feiner Leiftungsfähigkeit,-Proben, die fich den guten Arbeiten der franzöfifchen Ausftellung würdig an die Seite ftellen laffen. Bei dem ftetigen Wachfen feiner Mittel konnte fich auch das Programm des Vereines erweitern und die Inangriffnahme bedeutender Arbeiten gibt uns die erfreuende Zuverficht, dafs mit der Pflege diefes Kunftzweiges auch der Sinn für diefe und für die Kunft im Allgemeinen verbreitet werde. Können wir uns auch nicht des angenehmen Gefühls der Befriedigung erwehren, die Radirung Unger's bei uns ausgeftellt zu fehen, fo dürfen wir leider deffen verdienftvollen Verleger Seemann in Leipzig und A. W. Sythof in Leiden nicht mit in den Kreis der bei uns wirkenden, Arbeit hervorrufenden, heimifchen Kräfte einbeziehen. Nicht unerwähnt darf es bleiben, dafs feit Jahresfrift der Kunfthändler P. Kaefer in Wien einen Verlag von Kupferftichen unternommen und gleichzeitig eine Kunftdruckerei etablirt hat, die fchon zu einem brennenden Bedürfnifs geworden war. Wir erfehen nun aus diefer kurzen Revue, dafs wohl der Samen gefäet, das Pflänzchen aber der forgfamften Pflege noch bedarf. Die Kunft hat, um überhaupt zur Exiftenz zu gelangen, die befprochenen Factoren nöthig! Ebenfo, wollte man die von ihm abhängigen und beinflufsten Induſtriezweige aufser Acht laffen, wärę fie mit bleiernen Schwingen geboren. Sie kommt durch den Druck erft felber zur Erfcheinung und wird dadurch wieder von ihr abhängig. Stete und vielfeitige Uebung konnten nur zu fo glänzenden Re fultaten führen, wie fie Chardon aîné in der franzöfifchen Abtheilung uns präfentirte. Was Wunder, dafs neben einer fo hohen Entwicklung der Kunft fich, den Bedürfniffen derfelben angemeffen, einé Induftrie erzeugte, die heute nicht blofs uns, fondern die ganze Welt von fich abhängig und tributpflichtig gemacht hat: ich meine die Fabrication von Kupferdruck- Papier. Alle Anläufe dazu find bis jetzt bei uns entweder ungenügend ausgefallen oder gänzlich gefcheitert, und je mehr in den letzten Jahren diefe Kunft bei uns fich gehoben, je mehr müffen wir diefes nothwendigfte Materiale dem Auslande abkaufen und die Druckereien feiern fehen, wenn, wie bei der eben durchlebten Kriegsepoche der Transport auf Hinderniffe ftöfst. Auch Holland hat eine vortreffliche Fabrik in Amfterdam, van Geldern, und liefert ausgezeichnetes Schöpfpapier, das freilich fehr hoch im Preife ift. Gleichzeitig verwenden wohl alle Druckereien ein befonders zartes und für den Druck geeignetes Papier, das aus China und Japan bezogen wird. Der fehr unreine Zuſtand diefes Papieres hat wiederum in Frankreich zu der Erzeugung einer fehr brauchbaren Nachahmung geführt. Gegen den Bedarf von Papier ift der von Werkzeugen und Utenfilien verfchwindend gering.- In erfter Linie fteht da wieder in Frankreich die Fabrik von Renard, die leider nicht ausgeftellt hat. Faft alle Schweizer Fabriken, die Inftrumente für die Uhrenfabrication herftellen, liefern folche auch für den Kupferftich. Auch in England find verfchiedene Fabriken, die den Fachmann verforgen. C. Ward und Payne in Sheffield hatten ausgeftellt. 8 Louis Jakoby. Keine unferer Fabriken hat für derartiges Werkzeug Vorforge getragen, dafür wird bei uns durch Folger in Wien die Zubereitung von Kupferplatten fo vortrefflich geleiftet wie faft nirgendanderswo. Wir fahen nur Oefterreich, Frankreich und Deutfchland, die uns Erzeugniffe ihrer Druckereien vorftellten. Und obgleich von den vielen in Paris etablirten, nur zwei die Ausstellung befchickt haben, Chardon aîné und Dufacq& Comp. fo bekommen wir, da das Ausgezeichnete ftets der Ausdruck der Concurrenz ift, durch fie doch hinreichend ein Bild von ihrer grofsen Bedeutung und Tüchtigkeit. Trotzdem Deutfchland in verfchiedenen Kunft und Handelsftädten, wie Leipzig, Frankfurt u. A. Druckereien befitzt, fo fanden wir nur München durch zwei verteten, wovon befonders die von Felfing fehr anerkennenswerthe Leiftunftungen in der Specialität des Druckes von Radirungen aufzuweifen hat. Berlin war aber nur in feinen Druckereien bei der Kunftabtheilung zu erfehen, und Mandel's Stiche, von Becker gedruckt, laffen einen hohen Grad von Vollendung erkennen. Sehen wir uns nun nach den Druckereien in unferem Staate um, fo müffen wir mit tiefftem Bedauern unfere Schwächen eingeftehen. Wir fehen für ganz Oefterreich- Ungarn nur zwei functioniren, von denen die eine des Kunfthändlers Kaeser kaum älter als ein Jahr ift. Berücksichtigen wir, dafs die Ausbildung des Druckers nur allein durch den Künftler und die ununterbrochene Uebung gefchehen kann, und hören wir, dafs eine fo alte Druckerei wie die von Kargl durch Jahrzehnte kaum einen Gehilfen befchäftigen konnte, fo würden wir unbillig fein, wollten wir hier fcharf ins Gericht gehen. Ein Anderes ift es wohl mit der Ausftellung unferer Staatsdruckerei, die in demfelben Rahmen mit diefen Privatgefchäften vor die Oeffentlichkeit tritt. Sind hier die ernsthafteften Vorwürfe gerechtfertigt, fo wiffen wir nur nicht, an wen fie adreffiren. Ift es an die Leitung diefer Staatsanftalt, in deren Verwaltung ein fo immenfes Material und Capital des Staates fteckt, oder an die ihr vorgefetzte Behörde?! Gleichviel, ein Unterdrücken diefer gerechtfertigten Anklage wäre ein Vergehen. Ift das die Nutzniefsung folcher Mittel?! dann geftehe ich, ift die fparfamfte Verwaltung viel zu theuer. Der alte, vielgebrauchte Spruch, dafs Stillftand Rückfchritt fei, bleibt immer ebenfo wahr, wie, dafs Fortbildung materieller Gewinnft. Haben täufchende und koftfpielige Experimente feinerzeit die Reichsvertretung veranlafst, diefen gegenüber Normen vorzufchreiben, in denen diefe Anftalt fich zu bewegen habe, fo follte man doch die Erfindung von Flugmafchinen nicht mit den natürlichen Mitteln zur Fortbewegung verwechfeln und diefen die Füfse binden. Sollte die Staatsanftalt den Privaten nicht Concurrenz machen, fo ift man bei diefem Syftem dahin gekommen, dafs fie diefen ihre Kräfte entführen mufs, wenn fie überhaupt nicht feiern will. Alljährlich werden fehr bedeutende Mittel votirt, um der Ausbildung in Kunft und Induftrie förderlich zu fein. Beftehende Schulen werden erweitert, neue gegründet. Wer könnte wohl heute noch bei den Erfolgen auf diefem Gebiete fo befangen fein, zu behaupten, diefe Mittel wären nicht vortrefflich angewendet?! Mit vielen Opfern trachtet man, alte, vorzügliche Kunft- und Induſtriezweige wie Emaillen, Majoliken und was fonft immer wiederherftellen zu können, die Graphik läfst man muthwillig verkommen, obgleich man noch die Hand am Griff des Werkzeuges hat, und obgleich fie das leichtefte Mittel zur ethifchen Bildung der Maffen des Volkes ift. Wie weit müffen wir hinter Amerika zurückſtehen, das uns in mehreren grofsen Quodlibets der Staatsanftalt Mufter von Briefmarken, Stempeln, Werthpapieren und anderen Diplomen zeigt, bei denen die Prägnanz und Feinheit der Durchbildung im Stich und Druck Vorbilder fein könnten, wären fie ebenfo künftlerifch in der Anordnung und im Gefchmack. Wäre es denkbar, dafs gerade diefelben Objecte auf der Ausstellung Oefterreichs in fo fchwacher und unbedeutender Weife fich felbftftändig breit Kupfer- und Stahlftich- Druck. 9 machen dürften, wenn unfere Staatsdruckerei in wahrhaft des Staates würdiger Weife den Weg zeigte und fich nicht von Privatinftituten in Schatten ftellen liefse?! Ich glaube, dafs hier unfere fchwächfte Stelle ift. Bei den vorliegenden Mitteln kann aber auch am leichteften der Hebel angefetzt werden, um nicht allein diefe Anftalt fructificiren, fondern auch Ausgezeichnetes, Erfreuliches und den Staat Ehrendes leiften zu laffen. Es ist wohl hier am Platze, nach der Befchau und der Beurtheilung auch das zu erwähnen, was wir bei uns nicht gefehen. In der deutfchen und franzöfifchen Abtheilung nicht allein, auch in der der Schweiz fahen wir eine Kunftinduſtrie( ich weifs keinen paffenderen Ausdruck dafür), die wir bei uns vergeblich fuchen, von der wir nur im Handel die Bedeutung für uns in Oefterreich erkennen. Es find diefs kleine, religiöfe Darftellungen im Stich, die zum Cultus gehörig, eine aufserordentliche Verbreitung finden. Ich entfinne mich wohl vor mehreren Jahren eines, von hohen und erlauchten Namen unterzeichneten Programmes, das in patriotifchem Sinne abgefafst, uns in feiner Ausführung vom Auslande unabhängig gemacht hätte. Leider fcheint es bei dem Programme geblieben zu fein, und wir haben heute dem Verlag von Manz in Regensburg, Schulgen in Düffeldorf, Benziger in Einfiedeln( Schweiz), Mame& fils in Tours, Hachette& Comp. in Paris nichts Gleichbedeutendes gegenüberzuftellen. Durch manche Erkenntnifs bereichert gelangen wir zum Schluffe. Das einfache Zahlenverhältnifs, das numerifche Uebergewicht Frankreichs allein zwingt uns fchon, an eine Abhilfe zu denken. Wir haben erfehen, dafs das, was uns fehlt, nicht Mangel an Begabung ift. An dem fchnellen Erblühen und Umfichgreifen der„ Gefellfchaft für vervielfältigende Kunft" haben wir ebenfo erkannt, dafs diefe Kunft auch auf Theilnahme im Volke rechnen darf. Was uns fehlt, find die Kräfte und ihre ruhige, ftetige Fortbildung in Inftitutionen, die diefes Ziel unverrückt vor Augen behalten. Einft war es die Lithographie, jüngft die Photographie, die ihre falfchen Propheten erzeugten und dem Kupferftich den Boden entziehen wollten. Es mufs defshalb, wie in Frankreich feit mehreren hundert Jahren, Fürforge getroffen werden, dafs die Sache, von allen Erfindungen und Zeitftrömungen unbehelligt, ficher ihrer Wege gehe. Es ift hier nicht der Ort, ein Programm über das Wie und Was aufzuftellen. Schaffen wir ihr die Gelegenheit und die Kunft wird uns ihren Dank nicht fchuldig bleiben. LITHOGRAPHIE UND CHROMOGRAPHIE ( Gruppe XII, Section 4 und Gruppe XXV, c.) Bericht von CONRAD GREFE. Die Lithographie und insbefondere die Chromolithographie hat feit der letzten Parifer Weltausftellung nach jeder Richtung hin einen aufserordentlichen Auffchwung genommen. Sie hat auf dem eigentlich künftlerifchen Gebiete wahrhaft Bedeutendes geleiftet, hat wiffenfchaftliche, induftrielle und Unterrichtszwecke mit ihrer reichen Illuftrationskraft umfaffend gefördert und auch bereits in nationalöconomifcher Beziehung eine fo grofse Bedeutung errungen, dafs man berechtigt war, auf der Wiener Weltausftellung ein vollständiges und deshalb auch grofsartiges Bild ihrer Thätigkeit zu finden. Leider wurden diefe Erwartungen nicht im vollen Umfange erfüllt; zunächſt trat von vorneherein die Theilung der einzelnen Kunft- und Induftriezweige nach Staaten einem Gefammtbilde ihrer Leiftungen hindernd entgegen, dann zerfplitterten wieder einige Staaten die Wirkung ihrer lithographifchen Abtheilungen noch weiter, indem fie diefelben entweder nicht in einem felbftftändigen Raume als zufammenhängendes Ganze erfcheinen liefsen, fondern die Oel- und Aquarellgemälde- Imitationen als Wanddecoration verwendeten und die übrigen Zweige dem Buchhandel oder den Unterrichtsabtheilungen einverleibten, oder wenn diefe Zerfplitterung nicht vorkam und die Abtheilung beifammen blieb, verlegte man fie hie und da in abgelegene, fchwer aufzufindende Räumlichkeiten, und endlich ergab fich noch eine Hauptftörung aus dem Umftande, dafs England, diefe hochwichtige Productionsftätte für den künftlerifchen Theil der Chromolithographie, in diefer Beziehung gar nicht, und was ihre Illuftrations- und technifchen Zweige betrifft, nur höchft ungenügend vertreten war. Wir glaubten diefe Bemerkungen vorausfenden zu müffen, da die erwähnten Mängel nicht nur von den Befuchern im Allgemeinen oft gerügt, fondern auch von all jenen Fachmännern, welche die Lithographie im künftlerifchen oder gefchäftlichen Intereffe zum Gegenftande ihrer Studien und Beobachtungen Conrad Grefe. Lithographie und Chromographie. 11 machten, fcharf und rückhaltslos hervorgehoben und als dem eigentlichen Zwecke der Ausstellung im hohen Grade hinderlich bezeichnet wurden. Bevor wir nun an die Prüfung der einzelnen Abtheilungen gehen und verfuchen, aus diefen vielfach zerfplitterten Objecten eine Skizze des Gefammtbildes von dem gegenwärtigen Stande der Lithographie zu conftruiren, wollen wir uns die Aufgabe, welche diefer Kunftzweig im Ganzen und fpeciell die Chromolithographie bei ihrer jetzigen technifchen Ausbildung auszuführen berufen und in der Lage ift, ins Gedächtnifs rufen, und die Mittel prüfen, über welche fie bei Erfüllung derfelben verfügt. Mit den Gefammtnamen„ Lithographie" wird eine weit auseinander. gehende Gruppe von künftlerifchen und technifchen Arbeiten bezeichnet, die, bei der einfachften Schriftzeichnung beginnend, bis zur vollſtändigen Wiedergabe der gröfsten Meisterwerke der Malerei, und zwar fowohl in Form als Farbe reicht; zu diefe bedarf jener genügt ein tüchtig gefchulter Zeichner oder Kalligraph gereiftes künftlerifches Verftändnifs eine im Zeichnen fehr ausgebildete Hand und eine genaue Kenntnifs der Farbentöne und ihrer Zufammenfetzung aus den einzelnen Grundfarben. - - Das Gefammtgebiet der Lithographie ift in den letzten Jahren emfig und mit grofsem Erfolge bebaut worden und insbefondere jener Zweig ,, der im gewöhnlichen Leben„ Farbendruck" genannt wird, erfreute fich einer höchft forg. famen Pflege, einer fehr ausgiebigen Production und einer weitreichenden Beliebtheit; der Grund dazu ift wohl in dem Umftande zu fuchen, dafs die Farbenlithographie nicht wie der Kupferftich und die Photographie blofs die Form der Gegenstände und ihre Erfcheinung in Licht und Schatten, fondern nebft diefer auch ihre ganze Farbenwirkung, ja felbft die Eigenthümlichkeiten der Pinfelführung und das Impafto des Farbenauftrages mit unbedingter Treue wiederzugeben im Stande ift. Sie macht es bei der verhältnifsmäfsig grofsen Billigkeit ihrer Erzeugniffe jedem Haufe und jeder Familie möglich, Auge und Gemüth an dem Anblicke genauer Imitationen der beften Kunftwerke, die oft von den Originalen kaum unterfcheidbar find, zu erfreuen und zu bilden; fie fetzt die Wiffenfchaft in die Lage, ihre Werke mit den beften und fprechendften Illuftrationen zu erläutern; fie fchafft der Kunftinduftrie genaue Nachbildungen all' jener Schätze, welche die Muſeen aufgehäuft haben, und ift endlich eine treue Verbündete der modernen Schule, indem fie den Anfchauungsunterricht mit einer unerfchöpflichen Fülle von vorzüglichen und billigen Vorlagen verfieht. Manch' aufmerkfamer Beobachter der Weltausftellung wird uns vielleicht einwenden, dafs fehr viele von den ausgeftellten lithographifchen Arbeiten diefem Programme nicht entſprachen; er wird auf die flüchtige, fabriksmäfsige Erzeugung unbedeutender ,, Möbelbilder" und noch auf vieles andere Mangelhafte und Oberflächliche hindeuten und daraus den Schlufs ziehen, dafs auch die Farbenlithographie ftatt zur Vertiefung und Veredlung, nur zur Verflachung des geiftigen und fpeciell des Kunftlebens führt. Allein, obgleich uns gewifs fo gut als irgend Jemandem diefe Mängel ins Auge fielen, und obgleich wir vielleicht noch einige weitere Klagen beizufügen hätten, können wir doch unferen Ausfpruch, dafs die Lithographie und ſpeciell die Chromolithographie eine grofse und fchöne Aufgabe zu erfüllen berufen ift und auch zum grofsen Theile fchon erfüllt, nicht zurücknehmen. Es wird auch in diefem Kunftzweige fo gehen, wie im ganzen Kunftleben überhaupt: das Mittelmässige, Unreife und Schlechte wird zurückgedrängt werden und immer weniger Beachtung finden. Das Publicum wird allmälig unterfcheiden lernen und nur mehr das Gute und Gediegene kaufen und die Verleger fowie die Eigenthümer der lithographifchen Anftalten werden die Ueberzeugung gewinnen, dafs für die höheren Kunftzwecke die Unterſtützung gediegener Künftler fowie eines the o- retifch und praktifch forgfältig gefchulten Druckerperfonales unerlässlich ift. - 12 Conrad Grefe. Wir haben bereits angedeutet, dafs die höchfte künftlerifche Aufgabe der Chromolithographie in der treuen Wiedergabe vorzüglicher Gemälde, das heifst echter Kunftwerke befteht, und diefe Erkenntnifs hat fich auch feit der letzten Parifer Ausftellung in immer weiteren Kreifen Bahn gebrochen; bis dahin waren, was die Herftellung von Gemälden betrifft, meift nur Aquarelle nachgebildet worden. Nun fchritt man zur Wiedergabe von Oelgemälden moderner Meifter und jetzt wagt man fich bereits an Hauptwerke der gröfsten claffifchen Meifter- an Gemälde, wo die Feinheit der Farbentöne, die Tiefe des Colorits und der Schmelz der Lafuren grofse und fcheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenfetzen. Allein inzwifchen hatten fich auch tüchtige, ausgezeichnete Künftler diefem Kunftzweige zugewendet und die Technik den höheren Zielen desfelben entſprechend reformirt; bisher hatte man zumeift die einzelnen Farbenfteine mit fein gespitzter Kreide gezeichnet, eine ebenfo langweilige als mühfame Methode, die, ungeachtet der Verwendung zahlreicher Farbenfteine, doch niemals die volle Wirkung eines Oelgemäldes zu erreichen geftattete und dabei ebenfo ermüdend als geifttödtend auf den Zeichner wirkte. Man griff nun zu Tufch, Pinfel und Schabmeffer, als dem eigentlichen Handwerkzeug des Künftlers. Die Darftellung wurde freier und geiftreicher, felbft der Pinfelzug des Originals konnte mit ficherer Hand nachgebildet und fowohl die Kraft der Farbe, als der Reiz des Tones erreicht werden. Auch in Bezug auf den Druck, die Bereitung der Farbe und die Behandlung der Steine in der Preffe, ging man bedeutend vorwärts und, wenn diefe Entwicklung mit der obigen nicht ganz gleichen Schritt hielt, fo liegt die Urfache wohl darin, dafs die Lithographie immer noch den hochgebildeten praktiſchen Chemiker erwartet, der Farbe und Firnifs, Tufch, Kreide und Aetzmittel zum Gegenftande ernſter und eingehender Studien macht. Doch waren diefe techniſchen Fortfchritte in Verbindung mit denen auf künftlerifchem Gebiete bedeutend genug, um die obgenannten Schwierigkeiten zum gröfsten Theile überwinden zu können, und was noch in diefer Richtung zu thun ift, liegt unbedingt in den Grenzen der Möglichkeit; allein wenn es auf diefe Art auch erreichbar geworden ift, das fchönfte Gemälde täufchend ähnlich nachzubilden, fo zeigt es fich doch als unendlich fchwerer, davon die nöthige Auflage, das heifst eine gröfsere Anzahl gediegener Abdrücke herzuftellen, und hier treffen wir auf den eigentlichen wunden Punkt, an welchem die lithographifchen Anftalten aller Länder kranken. Es befteht nämlich ein empfindlicher Mangel an entſprechend ausgebildeten Druckern. Die jetzige Uebung befteht darin, dafs der nächftbefte Junge als gewöhnlicher Lehrling oder Aufleger beginnt und, die verfchiedenen Stadien des ordinären und Schwarzdruckes durchmachend, endlich beim Farbendruck anlangt, wo er bald, da Noth an Mann ift, zum drucken von eigentlichen Kunftblättern, an denen der Lithograph oft monatelang mit gröfstem Eifer gearbeitet hat, verwendet wird. Allerdings haben fich auch auf diefem Wege viele tüchtige, ja ausgezeich nete Arbeiter herangebildet und faft jede gröfsere Anftalt befitzt einen oder vielleicht auch einige derfelben, allein diefe reichen kaum aus, die vielen nöthigen Probedrucke herzustellen, während die Auflagen in den meiſten Fällen Arbeitern anvertraut werden müffen, denen jede theoretifche Vorbildung, jedes Verſtändnifs der Farbe, des Tones oder der Zeichnung abgeht und bei dem Mangel von entsprechenden Fachfchulen auch nothwendigerweife abgehen muſs. Fachfchulen, wo intelligente junge Leute, die wenigftens zwei bis drei Jahrgänge einer Mittelfchule abfolvirt haben, die nöthigften Kenntniffe der Farbe und ihrer Mifchung, des Aetzens und der Kreidebereitung, fowie eine, wenn auch geringe Ausbildung im Zeichnen, nebft dem praktifchen Unterrichte an den Hand- und Schnellpreffen erhalten können, find eine unbedingte Nothwendigkeit für die weitere Entwicklung der Lithographie, Lithographie und Chromographie. 13 nur durch fie wird man im Stande fein, ihre höchften Ziele zu erreichen und dabei eine Auflage, welche dem Probedrucke gleicht, herzuftellen. Es dürfte hier der geeignete Platz fein, einige Bemerkungen über die lithographifchen Druckmafchinen beizufügen: Was die Handpreffen betrifft, fo behauptet die mit einigen Verbefferungen ausgeftattete, fogenannte„ Sternpreffe" noch immer den erften Platz in den Druckereien, obgleich auch andere Syfteme auftraten und mit mehr oder weniger Erfolg verwendet wurden. Die Fortfchritte find in diefer Richtung feit 1867 von keiner allzugrofsen Bedeutung. Bei Weitem gröfser waren die Erfolge in der Conftruction von Schnellpreffen, welche jetzt beinahe von allen gröfseren Anftalten zum Theile mit Dampfbetrieb zur Herftellung von Maffenartikeln verwendet werden. Faft jede Mafchinenfabrik baut fie nach einer anderen Methode, und es läfst fich kaum mit Beftimmtheit fagen, welche die befte ift; in zwei wichtigen Punkten ift jedoch durchgehends eine entfchiedene Verbefferung erzielt worden, nämlich in der Möglichkeit eines genauen gleichmäfsigen Einlegens der Abdrücke durch das Syftem der Einftichpunkte und durch die verbefferten Vorrichtungen zum mehrmaligen Auftragen einer Farbe auf den Stein mittelft der Auftragwalzen während der Cylinder unbeweglich bleibt. Für die Verwendbarkeit der Schnellpreffe zum Drucke eigentlicher Kunftblätter find diefe Verbefferungen von grofser, ja wir möchten fagen, von entfcheidender Bedeutung. Durch fie ift die Schnellpreffe erft auf dem Punkte angelangt, wo ihre Benützung zu folchen Zwecken möglich wird, wo aber auch das Eingreifen des Künftlers und deffen Zufammenwirken mit dem Techniker unbedingt erforderlich ift, um die letzten Schwierigkeiten zu beheben. In diefer Beziehung ift noch wenig gefchehen; beinahe durchgehends begnügt man fich noch mit der von Paris ausgegangenen Methode, die Zeichnung der Farbenfteine durch gröfsere und kleinere Punkte mittelft Feder und Tufch oder auch mittelft kleiner Rouletten auszuführen, was nur eine etwas veränderte Auflage der früher erwähnten Zeichnung mittelft feingefpitzter Kreide ift und auch diefelben Nachtheile mit fich bringt. So viel in der Ausftellung bemerkt werden konnte, ift blofs in einer Wiener Druckerei, bei L. Sommer& Comp., ein bedeutenderer Verfuch gemacht worden, Steine, welche in wirklich künftlerifcher Weife behandelt waren, auf der Schnellpreffe zu drucken, ein Verfuch, deffen Refultat zwar noch Manches zu wünfchen übrig läfst, aber doch den Beweis liefert, dafs man fchon jetzt im Stande ift, auch wirkliche Kunftarbeiten mittelft der Schnellpreffe herzustellen, und diefs um fo mehr im Stande fein wird, wenn Künftler und Mafchinenbauer zu diefem Behufe zufammen arbeiten. Indem wir uns nun zur Betrachtung der einzelnen Länder und ihrer lithographifchen Leiftungen wenden, drängt fich zunächft die Frage auf, ob dabei die hiftorifche Entwicklung der Lithographie, refpective des Farbendruckes, oder die geographifche Reihenfolge der Länder im Induſtriepalafte mafsgebend fein foll; nach dem erften Principe würden wir mit Deutſchland, nach dem letzteren mit Amerika beginnen müffen; wir entfcheiden uns aus nahe liegenden Gründen für das Letztere. Nordamerika ift einer der ftärksten Confumenten von Oelgemälde Imitationen, vielleicht der dritte Theil aller in Europa erzeugten ,, Oeldruckbilder" wandert über den Ocean nach New- York, von wo fie durch einige grofse Specialgefchäfte über alle Staaten bis in die letzte Farm des fernen Weftens verbreitet werden. Allerdings befteht der weitaus gröfste Theil diefes Exportes aus fogenannten Möbelbildern", die meift einem höchft unbedeutenden Originale nachgebildet und zu fehr niedrigen Preifen verkauft, blutwenig wirklichen Kunftwerth befitzen; allein es ift denn doch immerhin ein Zeichen des Fortfchrittes, dafs fich in jenen neubegründeten Culturftätten bereits ein fo lebhaftes Bedürfnifs 14 Conrad Grefe. nach irgend einem künftlerifchen Schmucke geltend macht, denn diefen Pionieren der Kunft werden bald andere wirkliche und gehaltreichere Kunftwerke folgen. Auch darf aus diefen Bemerkungen nicht der Schlufs gezogen werden, als ob Amerika gar keine befferen Werke confumire; es braucht auch von diefen eine grofse Zahl, nur verfchwinden fie gegen die ungeheure Maffe des Unbedeutenden. Amerika deckt jedoch feinen Bedarf an Oeldruck Bildern nicht blofs aus Europa, es erzeugt auch felbft eine grofse Zahl derfelben und darunter Arbeiten die zu dem allerbeften gehören, was überhaupt auf diefem Gebiete gemacht wird. Die grofse lithographifche Anftalt von L. Prang& Comp. in. Bofton, mufs in diefer Beziehung in erfter Reihe genannt werden; aufser den alten, bereits bekannten Bildern, brachte fie auch einige neuere auf die Ausftellung, worunter insbefondere einige Seeftücke und Genrebilder von feltener Vollendung, fowohl was die Lithographie, als den Druck betrifft, fich auszeichneten. Es find wahrhaft geiftvolle Imitationen guter Gemälde! Auch die Bedürfniffe der öffentlichen Schulen, für die in Nordamerika, fowohl von Seite der Staaten, als durch patriotifche Bürger, aufserordentlich viel gefchieht, hat diefe Anftalt mit richtigem Verſtändnifs erfafst und fich wefentliche Verdienfte um fie erworben. Ueberfichtlich zufammengeftellte, fehr rein gravirte und in Farben gedruckte Tableaux von Thieren und Pflanzen( ausgeftellt in der amerikanifchen Schulabtheilung) lieferten den Beweis dafür. Die Anftalt von Duval& Hunter in Philadelphia, brachte gleichfalls ein gutes effectvolles Seeftück und mehrere trefflich ausgeführte kleinere Bilder; im Grofsen und Ganzen aber herrfcht noch die Abficht, durch grelle Contrafte zu wirken, allzufehr vor, und wird viel zu wenig Rückficht auf den künftlerifchen Werth der Originale genommen. - Die Schwarzlithographie war nur durch untergeordnete Arbeiten vertreten, durchgehends ift grofse Sorgfalt auf die technifche Ausführung verwendet, die Zeichnung und bei ornamentalen Arbeiten der Stil laffen dagegen Vieles zu wünfchen übrig. Die übrigen amerikaniſchen Staaten leiften in Bezug auf die Lithographie nichts was über gewöhnliche Illuftrationszwecke hinausginge, und da find es meift geologifche, botanifche, hie und da auch ethnographifche Werke, welche damit ausgeftattet find.- Rio Janeiro brachte z. B. in diefer Beziehung einige fleifsig ausgeführte anerkennenswerthe Arbeiten. Die englifchen Colonien: Canada u. f. w. hatten nichts ausgeftellt; ob auch nichts gemacht wird, wiffen wir nicht, möchten es jedoch kaum unbedingt verneinen. Von Amerika lenken wir den Schritt nach England und fanden, wie wir fchon oben erwähnt, den künftlerifchen Farbendruck vollständig unvertreten und auch den Illuftrations- und technifchen Druck nur in der Abtheilung für Buchdruck auf eine kleine Anzahl von Objecten befchränkt. Diefe Lücke mufs wahrhaft bedauert werden, denn der englifche Farbendruck, welcher von ganz befonders günftigen Verhältniffen getragen wird und in Folge deffen auch eine ebenfo reiche als gediegene Production zeigt, hätte den Fachmännern Gelegenheit zu lehrreichen Vergleichen und ernften, eingehenden Studien geboten; er entwickelte fich ganz naturgemäfs aus der englifchen Waffermalerei, für deren Pflege in London allein fünf Specialvereine beftehen, imitirte daher auch zunächft die feltenften oder vorzüglichften Aquarelle und machte es dadurch möglich, in jedem Salon, deffen Befitzer die fehr hohen Preife für die Originalwerke nicht bezahlen konnte oder wollte, wenigftens ein Album von Imitationen derfelben aufzulegen, welche nur gewiegte Kenner von ihren Vorbildern zu unterfcheiden vermochten. Eine weitere ebenfo natürliche Folge war die Imitation vorzüglicher alter Gemälde; in England, wo die claffifchen Studien noch mit grofsem Eifer gepflegt werden, fammelt man auch mit Vorliebe Gemälde alter Meifter; auf diefem Gebiete find jedoch noch weniger Perfonen in der glücklichen Lage, ein Lithographie und Chromographie. 15 Originalgemälde kaufen zu können und fo fuchte man denn auch in diefer Richtung durch den Farbendruck einem vorhandenen Bedürfniffe abzuhelfen, indem man ihre fchönften Werke fo treu als möglich imitirte. Der engliſche Farbendruck geniefst dabei den immenfen Vortheil, von einem unermesslichen, feft organifirten Welthandel getragen zu werden und in Amerika, wie in Indien, am Cap nicht minder, als in Auftralien, mit einem Worte, überall, wo der britifche Unternehmungsgeift feine Factoreien begründet hat, bereitwillige Aufnahme zu guten Preifen zu finden; einerfeits vertheilt fich dadurch die Auflage eines neuen Bildes rafch über die ganze civilifirte Welt und macht neuen Arbeiten Platz und anderfeits erlauben die hohen Preife, welche für vorzügliche Arbeiten bewilligt werden, die Verwendung ausgezeichneter Kunftkräfte, denen eine faſt unbegrenzte Zahl von Farbenfteinen zur Verfügung geftellt werden kann; die weitere Folge ift dann eine fehr forgfältige Ausführung und ein gefättigter Druck, der das kräftigfte Colorit, wie die zarteften Lafuren wiederzugeben vermag. Doch wir fprechen von Abwefenden! Das Wenige, was in der englifchen Abtheilung zu fehen war, befchränkte fich auf einige Illuftrations- oder techniſche Arbeiten, die zwar fehr folid gemacht find, fich aber nirgends über das gewöhnliche Niveau erheben. Was die Verwendung der Lithographie für technifche und induftrielle Zwecke betrifft, fo fteht unbeftritten Frankreich in erfter Linie, und zwar fowohl was die Quantität als die Qualität der Arbeiten betrifft. Das ganze weite Gebiet der alten und modernen Architectur, alle Zweige der Bautechnik und die damit im Zufammenhange ftehenden Gewerbe, die Tapeten-, Seiden- und Webmanufactur, kurz Alles, was in diefen Richtungen einer Erläuterung durch die zeichnenden Künfte bedarf, wird durch die Benützung der Lithographie und fpeciell der Farbenlithographie mit den vortrefflichften Vorlagen und Werken ausgeftattet. Dabei werden die verfchiedenen Methoden: die Gravirung, Feder- und Kreidezeichnung, Chromo- und Photolithographie mit dem richtigſten Verständniffe angewendet. Alles greift genau in einander; die Zeichnung ift forgfältig, die Farbe klar und richtig. Eine aufmerkfame Durchficht der ausgeftellten Objecte der Firmen Didot, Morel, Hachette, Rothfchild u. f. w. wird unferen Ausfpruch, der die unbedingte Anerkennung fowohl für die ausführenden Organe als die Herausgeber enthält, gewifs in jeder Beziehung rechtfertigen. Minder umfaffend und im Allgemeinen auch minder hervortretend ift die Imitation von Oelgemälden, obwohl auch in diefer Beziehung einzelne Leiftungen von Hangard Mange, Dupuy u. A. ausgeftellt waren, welche die eminentefte Technik mit dem forgfältigften Druck verbanden. Das altberühmte Atelier von Lemercier leiftet in Bezug auf den Schwarzdruck das möglichft Vorzügliche, und zwar in allen Manieren; die feinften gefchabten Töne fowie alle Künftlercapricen, welche bei Verwendung der Wifchkreide, des Pinfels, oder der Nadel zum Vorfchein kommen, find in vollfter Unmittelbarkeit wiedergegeben; die Abdrücke zeigen das tieffte, fammtartige Schwarz neben den zarteften Uebergangstinten, kurz, es gereichte dem Fachmanne zur gröfsten Befriedigung, die Expofition diefer Anftalt zu ftudiren. Ein in Paris vorzugsweife gepflegter Zweig des Farbendruckes beſteht in jenen Maffenartikeln, welche mittelft der Schnellpreffe für die Bedürfniffe des Verkehrs und der Induftrie, in unzähligen Nuancen geliefert werden, und zu deren lithographifchen Herftellung ausnahmslos das oberwähnte Punktirverfahren angewendet wird. Diefe Artikel beftehen in Blumen, Ornamenten, Heiligenbildern u. f. w. und find in ihrer Art faft durchgehends gut gemacht, wenn fie auch auf den Rang wirklicher Kunftwerke nicht den geringften Anfpruch haben; die Anftalten von Teftu& Mafsin, Baulaut ainé zeichnen fich in diefer Richtung vortheilhaft aus. Portugal war durch einige kleine Reproductionen älterer Werke vertreten, während Spanien blofs einige Illuftrationsarbeiten ausgeftellt hatte und auch kaum 2 16 Conrad Grefe. Anderes zu bieten haben dürfte, da die ewigen Bürgerkriege, wenig fördernd auf künftlerifche Unternehmungen einwirken dürften. Die Thätigkeit der Schweiz auf dem Gebiete der Lithographie ift in eigentlich künftlerifcher Beziehung nicht bedeutend; die künftlerifche Technik ift noch ganz unentwickelt, die Wahl der Originalgemälde unglücklich, und nur was die Erzeugung von Mafsenartikeln, und zwar ſpeciell religiöfen Genres, betrifft, tritt die grofse und alte Anftalt der Gebrüder Benziger in dem Wallfahrtsorte Einsiedeln bedeutfam hervor. Ausführung und Druck find nett, fleifsig und correct und erfüllen alle Anforderungen, welche an derartige Productionen billigerweife geftellt werden können, in genügender Weife. Der italienifche Farbendruck refpective deffen künftlerifche Seite, war zunächft, und zwar in höchft anerkennender Weife durch die Anftalt von Borzino Uliffes in Mailand, deffen Arbeiten zu den beften der Ausstellung zählten, vertreten; treffliche Wahl der Gemälde, mit befonderer Berücksichtigung der alten Meifter, äufserft forgfältige, von genauem Verſtändnifs des Originals durchdrungene Lithographie, fatte, klare Farbe und eine feltene Weichheit der Töne zeichnen fie fehr vortheilhaft aus; es ift eines der wenigen Ateliers, die eine künftlerisch ausgebildete Technik in Anwendung bringen und die Originalgemälde in jeder Beziehung vollkommen nachzubilden bemüht find. An diefs Atelier ſchliefst fich die Società olegrafica in Bologna, welche fich bisher ausfchliefsend die Reproduction älterer Meisterwerke, z. B. Francesca Francia, Guido Reni Domenichino u. f. w. als Ziel gefetzt hat und dasfelbe mit zahlreichen künftlerifchen Kräften und gutem Erfolge zu erreichen trachtet. Was aufserdem von Italien an lithographifchen Arbeiten ausgeftellt wurden bezieht fich zumeift auf wiffenfchaftliche und techniſche Zwecke, worunter die chromolithographifchen Tafeln zu dem Prachtwerke„ Le face el Monumenti di Pompeji", fowie einige andere ähnliche Arbeiten, von Richter und Genaro Dini in Neapel, fehr vortheilhaft hervortraten. Belgien war nur durch wenige, allerdings befriedigende Illuftrationsarbeiten vertreten, dagegen hatte Holland ein umfaffendes Bild feiner Thätigkeit auf dem Gebiete der künftlerifchen Chromolithographie entfaltet. Auch die Holländer widmen fich mit Vorliebe ihren alten, grofsen Meiftern, die fie mit vieler Pietät, wenn auch noch nicht immer mit dem beabfichtigten Erfolge nachbilden. Die lithographifche Ausführung zeugt nämlich von vielem Fleifs und grofser Geduld, läfst aber in Bezug auf das höhere Verftändnifs des Originales und die anzuwendende Technik vieles zu wünſchen übrig. Es ift eben ein fehr fchwieriges Unternehmen z. B. einen Rembrandt, diefen unübertroffenen Meifter des Helldunkels, oder einen Potter, bei welchem jeder Pinfelzug feine Bedeutung hat, auf diefe Art in Farbendruck wiederzugeben. Da reicht das genaue Nachzeichnen nicht aus; es mufs auch die Farbe, der Ton und die Stimmung des Bildes, fowie die Wirkung der auf einander folgenden Lafuren, denen compacte fatte Farben unterliegen, forgfältig ftudirt uud berechnet werden, damit die Copie einen wirklichen und nicht blofs einen annähernden Erfatz für das Original bietet. Doch abgefehen von diefen, allerdings etwas weit gehenden Anforderungen, find z. B. die Leiftungen der Amfterdamer Anftalt von Trefsling, fowohl was die Wahl der Originalbilder als deren Nachbildung betrifft, fehr lobenswerth; mindere Refultate erzielten die lithographifchen Anftalten von Amano und Boos in Amfterdam; doch hatten auch fie einige gute Bilder ausgeftellt. Die Schwarzdrucke der königlichen Steindruckerei in Haag find forgfältig und nett lithographirt, auch rein gedruckt, aber ohne befondere künftlerifche Bedeutung, dagegen ift ein Aetzverfuch von van Vorlag in Amfterdam, welcher durch fehr zart abgeftufte Linirung und Aetzung drei Grundfarben in eine fehr grofse Menge von gebrochenen Farbentinten zu verwandeln beftrebt ift, ein Vorgang, der zwar an fich nicht neu, doch in diefer ftrengen Syftematik noch kaum verfucht wurde, und für technifche und induftrielle Arbeiten fehr nützlich werden könnte, wie nicht minder Lithographie und Chromographie. 17 die photolithographifchen Arbeiten von A. S. Affer in Amfterdam, welche von den gleichfalls ausgeftellten, geätzten Druckfteinen erläutert wurden, im hohen Grade verdienftlich und beachtenswerth. Noch müffen wir hier ein grofses Werk über Java, welches im Auftrage des holländifchen Colonialminifters ausgeführt wurde und ein höchft intereffantes Bild diefer Perle unter den Sundainfeln fowohl in naturhiftorifcher als ethnographifcher und architektonischer Hinficht gibt, fehr anerkennend hervorheben. Wir gelangen nun mit unferen Betrachtungen zu dem Heimatlande des Erfinders der Lithographie und des Farbendruckes, zum deutfchen Reiche. Ein fehr bedauerlicher Mangel an Raum nöthigte die Commiffion, die ausgeftellten Objecte des letzterwähnten Kunftzweiges nicht nur arg zu zerfplittern, fondern auch jede ruhige Betrachtung durch die vor und zwifchen ftehenden mufikalifchen Inftrumente- anderer Terrainfchwierigkeiten gar nicht zu gedenken - faft unmöglich zu machen. Um einen Ueberblick aller ausgeftellten lithographifchen Arbeiten des deutfchen Reiches zu gewinnen, mufste nebft der Gruppe XII auch die Ausftellung des deutfchen Buchhandels, fowie die deutfche Unterrichtsabtheilung forgfältig durchforfcht werden. Was den eigentlichen Farbendruck betrifft, fo müffen vor Allem die Leiftungen zweier Anftalten hervorgehoben werden, und zwar jene von Guftav Seitz in Hamburg wegen ihren Imitationen der Werner'fchen Aquarellftudien und der von Wagner in Berlin, welche den herrlichen Studienfchatz von Hildebrandt reproducirte. Beide Werke gehören zu dem Vortrefflichften und Schönften, was bisher an Aquarellimitationen durch die Chromolithographie hervorgebracht wurde. Die Imitation von Oelgemälden. ift zwar durch zahlreiche Anftalten, aber nicht in gleich hoher Vollendung vertreten, einige davon, wie z. B. Troitfche& Gerold in Berlin, Brandes in Hannover und Weilandt in Düffeldorf, zeigen eine tüchtige Technik und in Folge deffen manches gut ausgeführte, mitunter fogar vortreffliche Bild. Im Allgemeinen jedoch laffen die meiſten Anftalten ein höheres, zielbewufstes, künftlerifches Streben fowohl bezüglich der Wahl der Gemälde, als der Art ihrer Durchführung vermiffen und befchranken fich meift darauf, mit vielem Aufwande von Fleifs und Genauigkeit gewöhnliche Exportbilder ohne höheren Kunstwerth nachzubilden. Wenn wir hier dem Bedauern Ausdruck geben mufsten, dafs einer fo hoch entwickelten Technik in der Regel keine entsprechenden Aufgaben geftellt werden, fo müffen wir dagegen dem, was Deutfchland an Illuftrationsarbeiten und darunter in erfter Linie zu poetifchen und wiffenfchaftlichen Zwecken ausgeftellt hatte, unfere vollfte, unbedingtefte Anerkennung zollen; in diefer Beziehung dürfte es den erften Rang unbeftritten einnehmen. Vorzügliche künftlerifche Kräfte widmen fich, was die Compofition betrifft, diefen Aufgaben und fehr aufmerkſame, forgfältig ausgebildete Lithographen übertragen diefelben auf die Steine; auch zahlreiche Werke mit induftriellen Mufterblättern, gut und forgfältig ausgeführt, wie nicht minder die verfchiedenften Vorlagsblätter und Erläuterungstafeln für Unterrichtszwecke lagen vor und gaben Zeugnifs von der grofsen Leiftungsfähigkeit der lithographifchen Anftalten und von der aufserordentlichen Unternehmungskraft des deutfchen Verlages. Der Grundzug, welcher die gefammte lithographifche Production Deutfchlands in diefen Richtungen charakterifirt, befteht nebft der obenerwähnten, echt künftlerifchen Bafis in einer äufserft forgfältigen, Alles belebenden Detailausführung, unter welcher allerdings in vielen Fällen der Gefammteffect leidet. Allein diefe forgfältige Ausführung hat einen grofsen Reiz und entſteht in den meiften Fällen aus der fehr gründlichen Fachbildung der Lithographen, denen wieder ein Stamm mit tüchtiger Schulbildung ausgerüfteter Drucker zur Seite steht. Diefe Gediegenheit der ausführenden Kräfte ift auch die Urfache, dafs man in allen lithographifchen Anftalten der Welt, felbft in England und Amerika, zahlreiche deutfche Lithographen und Drucker findet. 2* 18 Conrad Grefe. Unter den zahlreichen Verfuchen, welche in Deutfchland zur Verbefferung oder Vereinfachung der Chromolithographie gemacht wurden, würde der von Julius Greth in Berlin unternommene und Stenochromie benannte wohl die radicalften Folgen nach fich ziehen, vorausgefetzt, dafs er fich in der praktiſchen Verwendung bewähren follte, wofür freilich zur Zeit noch die Beweife ausftehen. Diefe Methode bezweckt durch ein eigenthümliches Verfahren, alle Grundfarben eines Bildes auf einen Stein zu zeichnen und auch auf einmal zu drucken; diefer Druck, welcher gewiffermafsen die Stelle der Untermalung eines Bildes einnehmen foll, würde dann nach dem Programme-mit 2 bis 3 Lafurfteinen vollendet werden. Die Sache ift jedenfalls intereffant und mufs im Auge behalten werden. Eine andere, bereits mehr bewährte Methode, die einzelnen Farbentöne auf Papier zu zeichnen und von diefem auf die Steine umzudrucken, wird bereits von mehreren Anftalten mit recht gutem Erfolge angewendet. - Wenn Frankreich durch feine grofsartigen lithographifchen Leiſtungen auf dem Gebiete der Technik und Induftrie, fowie durch die Schönheit und Gediegenheit feiner Schwarzlithographien, Deutfchland durch feinen Reichthum an Jlluftrationsarbeiten und die Vortrefflichkeit feiner Aquarellimitationen hervorragt, fo dominirt dagegen Oefterreich oder, richtiger gefagt, Wien, auf das entfchiedenfte durch feine Oelgemälde- Imitationen, und zwar fowohl durch ihre folide, von allen Hilfsmitteln der Technik unterſtützte Ausführung, wie durch die echt künftlerifche Tendenz, welche bei der Auswahl der nachzubildenden Gemälde vorherrfcht. Selbſtverſtändlich wurde diefe Abtheilung der XII. Gruppe am reichften und vollſtändigften befchickt und, da fie von guter Beleuchtung und fehr ausgiebigem Raume unterſtützt war, auch in der ehrgeizigen Opferwilligkeit der Ausfteller eine mächtige Förderung fand, geftaltete fie fich auch zu der am gefchmackvollften und überfichtlichften arrangirten; fie gewährte den Anblick einer kleinen Kunftausftellung. Was nun die ausgeftellten Arbeiten felbft betrifft, fo haben wir bereits darauf hingewiefen, dafs der Schwerpunkt derfelben in die Nachbildung von Oelgemälden fiel. Wir haben bei der Einleitung diefer Befprechung erwähnt, dafs fich die Chromolithographie an die gröfsten Werke der alten Meifter wagt und find bei Engländern, Franzofen, Italienern und Holländern mit mehr oder minder Erfolg diefen lobenswerthen Verfuchen begegnet; am weiteften gingen jedoch in diefer Richtung die Wiener Künftler und lithographifchen Anftalten, von denen beiſpielsweife die Firma Reiffenftein& Röfch das berühmte Gemälde von Tizian ,, Madonna mit den Kirfchen" aus der kaiferlichen Gallerie im Belvedere, in der Gröfse des Originales, alfo über 40 Wiener Zoll breit, chromolithographifch nachbilden liefs und fowohl durch den Eifer des ausführenden Künftlers wie durch die grofse Sorgfalt der Druckerei ein in jeder Beziehung zufriedenftellendes und unter allen Umftänden höchft verdienftliches Refultat erzielte. Sowohl diefe Anftalt, wie jene von Hölzel, Paterno, Haupt und Czeiger, Katzianer, dann das mit der grofsen neubegründeten Kunftanftalt von Leop. Sommer& Comp. vereinigte, artiftifche Atelier von Conrad Grefe, verfolgen fämmtlich die Richtung, fo viel als nur irgend möglich, die bedeutendften oder doch mindeftens fehr vorzüglichen Werke moderner oder claffifcher Meifter mittelft der Lithographie dem grofsen Publicum zugänglich zu machen. Viele diefer Leiftungen find von wahrhaft künftlerifchem Geifte durchdrungen und zeigen in jeder Beziehung eine feltene Vollendung. Die vereinigten Anftalten von Grefe& L. Sommer, fowie jene von Reiffenftein& Röfch vertraten auch die Aquarellimitation, durch mehr als 200 Blätter, und zwar erftere durch die grofsen Prachtwerke über die deutfchen Alpen, Egypten, Rofen u. f. w., letztere unter andern durch das hochintereffante Werk über die Balearen. Lithographie und Chromographie. 19 Der Schwarzdruck, infoferne es fich dabei um künftlerifche Leiftungen handelt, tritt allenthalben und fomit auch in Wien mehr und mehr gegen den Farbendruck zurück, woran wohl in erfter Linie der herrfchende Gefchmack die Schuld trägt. Was jedoch in diefer Richtung von Reiffenftein, Haupt und Anderen ausgeftellt war, zeigte eine gleich hohe Stufe technifcher Vollendung, wie wir fie bei Lemercier in Paris trafen. Grofse induftrielle Werke, wie wir fie in der franzöfifchen Abtheilung fo zahlreich fanden, oder literarifche Illuftrationsarbeiten, von denen Deutſchland fo Vieles und Reizendes bietet, waren in der öfterreichiſchen Abtheilung nur fehr fpärlich zu finden, weil eben die Anregung und der Unternehmungsgeift dazu fehlt; beffer ift es mit den wiffenfchaftlichen Illuftrationen und mit den Unterrichtsarbeiten. beftellt. Die Tafeln der geologifchen Reichsanftalt von Grefe und Haupt und die grofsen medicinifchen Werke der kaiferlichen Staatsdruckerei von Dr. Heizmann, das fchöne Werk über die Aroiceen von Reiffenftein& Röfch, die anthropologiſchen Tafeln von Gerhardt, fowie die Arbeiten für Unterrichtszwecke von Hartinger und Hölzel, nebft manchen Anderen zeugen von eifrigem Vorwärtsftreben und laffen ahnen, was unter günftigen Verhältniffen geleiftet werden könnte. Die kaiferliche Staatsdruckerei hat jetzt keinen eigenen Kunftverlag mehr und in Folge deffen auch wenig Neues ausgeftellt, was diefe Anftalt jedoch im Auftrag von privaten und öffentlichen Anftalten ausführt, ift in hohem Grade lobenswerth. Die übrigen rein techniſchen und mercantilen Zweige der Lithographie, inclufive der Autographie waren durch eine Anzahl Wiener und Provinzanſtalten in fehr anerkennenswerther Weife vertreten; nur entbehren die ornamentalen Arbeiten in vielen Fällen, fo zierlich und forgfältig fie auch ausgeführt find, in Bezug auf Stil und Compofition jener Ausbildung, welche fonft die Arbeiten anderer Wiener Kunftgewerbe zeigen. Das mit Oefterreich eng verknüpfte Ungarn hat, obgleich es eine Anzahl fehr ausgezeichneter Künftler befitzt, bisher das Feld der höheren Lithographie noch wenig verfucht; dagegen ihre übrigen Zweige mit einzelnen anerkennenswerthen Arbeiten vertreten. Derfelbe Charakterzug tritt übrigens immer marcanter hervor, je mehr man gegen den Often der alten Welt vorfchreitet; Rufsland befitzt zwar noch in Petersburg die tüchtig geleitete Anftalt von Braefe, welche ein in Zeichnung und Druck fehr gelungenes Bild ausftellte, nebft der Firma Glibow, die einige gut gezeichnete Illuftrationswerke brachte, es befitzt ferner zur Erzeugung von Kirchenbildern in Kiew eine ganz gute, jedoch von deutfchen und fchweizer Lithographen und Druckern eingerichtete und geleitete Anftalt und fchliesslich hat die lithographifche Anftalt von Tajan o in Warfchau einen trefflich ausgeführten Flügelaltar, nebft einigen guten Schwarzdrucken ausgeftellt; allein all' diefs ift denn doch ein geringes Refultat für ein fo grofses aufftrebendes Reich. Der Orient endlich war nur fporadifch durch einzelne Anftalten vertreten und auch diefe find nicht von Einheimifchen, fondern von Europäern begründet und geleitet, wie z. B in Alexandrien, ohne jedoch irgendwie eine hervorragende Stelle einzunehmen; die orientalifchen Sitten und Gewohnheiten widerftreben bis jetzt noch dem in Europa fo allgemeinen Bedürfniffe, fich mit Kunftwerken zu umgeben und fpeciell unfere figuralifchen Darftellungen find dadurch faft ganz ausgefchloffen. Vereinigen wir noch einmal im Geifte all' die im Weltausftellungspalafte zerftreuten Leiftungen der Lithographie, ergänzen wir fie auf demfelben Wege mit den nicht ausgeftellten, aber doch in der Kunftwelt bekannten, und ziehen wir dann eine Parallele mit ihren Standpunkte zur Zeit der letzten Parifer Weltausftellung, fo erkennen wir folgende Refultate. 20 Conrad Grefe. Lithographie und Chromographie.. Kräftiges Erfaffen der künftlerifchen Aufgabe der Lithographie und daraus refultirende grofse Production in Gemälde Imitationen, worunter zwar viele unbedeutende, aber auch eine fehr grofse Zahl höchft vorzüglicher von echt künftlerifchem Geifte durchdrungener Arbeiten fich befinden. Weiteres Fortfchreiten in der Erkenntnifs und Befriedigung der wiffen fchaftlichen, unterrichts- und induftriellen Bedürfniffe, und zwar hat diefer Fortfchritt in einigen Ländern bereits zu fehr bedeutenden Erfolgen im grofsen Mafsftabe geführt, während man in dem Uebrigen wenigftens einzelnes Tüchtige hervorbrachte und die Kräfte zu gröfserer Thätigkeit fammelte. Eine aus den fehr gefteigerten Verkehrsverhältniffen entſpringende maffenhafte Production für mercantile Zwecke. Einige wenige Verbefferungen an der Handpreffe, dagegen grofse Erfolge im Bau der Schnellpreffe. Nun mufs auf Grundlage diefer Fortfchritte mit dem Aufgebote aller geiftigen und technifchen Mittel rüftig weiter gearbeitet, die noch beftehenden Mängel klar erkannt und das Hauptaugenmerk auf die Heranziehung tüchtiger Künftler und die höhere Ausbildung des Druckerperfonales gerichtet werden, damit bei der nächften Weltausftellung in Philadelphia die Kunft der Steinzeichnung, fo wie der Druck derfelben diefe Ziele erreicht hat und frisch gekräftigt, dem alten ehrwürdigen Stamme der graphifchen Künfte: dem Kupferftich, in voller Ebenbürtigkeit zur Seite ftehen kann. Es war unfere Abficht, diefer Befprechung eine tabellarifche Ueberficht fämmtlicher bedeutender lithographifchen Anftalten der ausftellenden Staaten beizufügen und wir verfendeten defshalb an alle diefe Anftalten die entſprechenden Fragebögen, mit dem Erfuchen, fie ausfüllen und zurückfenden zu wollen; allein, ungeachtet wir diefem Erfuchen später eine abermalige Mahnung nachfendeten, gelangten doch kaum von der Hälfte der Eingeladenen Antwortfchreiben zurück. Da unter folchen Umftänden eine vollſtändige Ueberficht nicht zu geben, ein Bruchftück jedoch ohne Nutzen wäre, fo mufste diefe Idee aufgegeben werden, jedoch mit dem Vorbehalte, fpäter, wenn das fehlende Materiale etwa doch noch einlaufen follte, es in einer paffenden Form nachträglich zu veröffentlichen.