OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, кK. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. GRAVEUR UND GUILLOCHIRARBEITEN. ( Gruppe XII, Section 3 und Gruppe XXV c.) Bericht von J. SCHWERDTNER Graveur in Wien. PHOTOGRAPHI E. ( Gruppe XII, Section 4.) Bericht von JOSEF LÖWY, k. k. Hof- Photograph in Wien. MUSTERZEICHNUNGEN UND DECORATIONSMALEREI. ( Gruppe XII, Section 6.) Bericht von F. LI LIEB, Profelor in Wien. WIEN DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. GRAVEUR- UND GUILLOCHIR- ARBEITEN. ( Gruppe XII, Section 14 und Gruppe XXV c.) Bericht von J. SCHWERDTNER, Graveur in Wien, Graviren, eingraben, vertiefen, einfchneiden, das heifst Zeichnen, eine Zeichnung oder Verzierung in einen Gegenftand vertieft einfchneiden, ift die ältefte aller Kunfthantirungen und die Mutter der Bildhauer- Kunft. Beinahe in jedem Menfchen wohnt der Trieb zu diefer Hantirung mehr oder minder, und es bedarf nur einer geringen äufseren Veranlaffung, um diefem Triebe zu folgen und nach Bedürfnifs mindeſtens den Verfuch im Graviren mit einem oftmals primitiven Werkzeuge zu wagen. So lange die Welt fteht, haben die Menfchen gravirt, und unfer Auge hat fich an gravirte Gegenftände fo gewöhnt, dafs wir täglich Hunderte von Malen mit Gravirungen in nahe Berührung kommen, ohne es zu bemerken. Ein Blick in unfere Mufeen und Sammlungen, welche Hausgeräthe, Waffen etc. längft verftorbener Culturvölker bergen, belehrt uns, dafs zu allen Zeiten der Menfch diefe Arbeit gekannt und ausgeübt, und wenn wir den Lauf der Jahrhunderte weiter verfolgen, fo bietet fich beinahe bei jedem Gegenftande Gelegenheit, um die Ausbildung in diefer Hantirung zu conftatiren. Noch ehe man fo weit gelangte, Geldzeichen von Leder zu machen, waren fchon eingegrabene Zeichen und Verzierungen am Hausgeräth, waren Markſteine u f. w. mit Eingrabungen oder Gravirungen verfehen. Die fpäter auftauchenden Münzen, erft gefchlagen, dann mit der Preffe geprägt, bezeugen den Fortfchritt im Graviren. Die alten Egypter, die Griechen und Römer, die Byzantiner u. f. w. haben uns Material in Menge für den Beweis des Gefagten überlaffen, und wir müffen ftaunen über die fortfchreitende Bewegung, wenn wir die Kunft des Gravirens von heute vergleichen mit den Arbeiten längst vergangener Jahrhunderte. Manche Kunfttechnik der Alten ift verloren gegangen, und ift als neue Erfindung nach Jahrhunderten erft wieder aufgetaucht. Wie hat der nimmermüde Schaffensgeift des Menfchen jede Gelegenheit benützt, um auch der Kunft des Gravirens neue Seiten abzugewinnen, den Byzantinern wird nachgerühmt, dafs fie die erften Emailarbeiten gemacht. - Diefe Emailirkunft, bis zum heutigen Tage mit der Metall- Kunftinduftrie vereint, entſtand nur aus dem Beftreben, vertiefte Zeichnungen oder Gravirungen beffer zu markiren, indem man diefelben mit einer dunkler gefärbten Maffe ausfüllte, als die Oberfläche des gravirten Gegenftandes war, und fomit eine gleichmäfsige Fläche gewann, welche die Zeichnung wie gemalt, aber unverwüftlich erfcheinen liefs. Anfangs waren diefe Emailirungen undurchfichtiger Farbenfchmelz, fpäter jedoch wurden diefelben durchfichtig gefertigt, wie mit färbigem durchfichtigen Glafe ausgefüllt. Der Reiz, welcher in diefen Farben lag, gab den Künftlern Gelegenheit zu einem Studium, das bis zum heutigen Tage mit Glück verfolgt worden ift. 1* 2 J. Schwerdtner. Die Emailarbeiten der Japaneſen, welche heute noch gerechtes Auffehen erregen, find in derfelben Manier( Zellenemail) gearbeitet und find in ihrer Art vollkommen. Aus dem Beftreben, Gravirungen mit Email auszufüllen, um die Zeichnung derfelben fichtbarer zu machen, entftand auch die taufchirte Arbeit, eine von den vielen Abzweigungen des Gravirens, welche fich jedoch nur darauf befchränkt, edle Metalle in unedle, z. B. Gold und Silber in Eifen, einzulegen. Diefes Verfahren wurde hauptfächlich zur Verzierung von Waffen angewendet und blühte im Mittelalter und zu Anfang der Renaiffance. Neben der Erzeugung der taufchirten Gravirung, blühte zur felben Zeit die getriebene Arbeit. Die getriebene Arbeit ift eine eigene felbftftändige Kunftfertigkeit, welche fich die Aufgabe geftellt, aus flachem Blech, gleichviel ob von edlem Metall oder von Eifen, Figuren en basrelief oder auch haut- relief mittelft des Hammers, und eines Werkzeuges, Punzen genannt, aufzutreiben. Man braucht nur bei diefen Arbeiten an Benvenuto Cellini zu denken, um den künftlerifchen Werth diefes Faches zu ermeffen. Ein neuer Zweig des Gravirens wurde im XV. Jahrhunderte von Johannes Guttenberg ins Leben gerufen, und zwar die Gravirung der OriginalLettern in Stahl für den Schriftgufs, und als Abzweigung entftand der heute in Gebrauch ftehende Farbdruckftempel mit feftftehenden, erhaben gravirten Lettern. Die folgende Abzweigung ift der Schriftgufs in Meffing für den Gebrauch der Buchbinder, um zufammengefetzte Schriften in Gold auf Buchdecken zu drucken. Bis zum XVII Jahrhunderte war die Gravirung von Petfchaften und die Steingravirung in den Händen der Goldfchmiede. Ein Siegel aus diefer Zeit ( 1610) im Befitze des Muſeums Francisco Carolinum in Linz hat folgende, dem Auge kaum fichtbare Schrift an der Randgravirung:„ Abraham Schwarz Goldfchmieder und Wappen Steinfchneider Conterfeter in Wax vnd Stackel" A. E. 60, nebenbei gefagt, die befte Arbeit im Siegelfache und noch heute muftergiltig. Bei Theilung der Arbeit ift nun in unferem Jahrhunderte, der Münz- oder Medaillen Graveur, der Cifeleur, der Goldgraveur für Bijouterie- Arbeit, der SiegelWappen und Schriftgraveur, der Graveur für Email und der Steingraveur, Arbeiter in einer Branche geworden, um den Anforderungen der Zeit gerecht werden zu können. Mit dem fortfchreitenden Luxus hat die Zeit auch noch Glasgraveure, Guillocheure, Graveure für Buchbinder, Stanzengraveure für Prägung von leichten Goldwaaren, Came engraveure( Mufchelcameen), Schrift- und Stempelgraveure Chablonengraveure und Metallographen gefchaffen, welche, der Kunftinduftrie angehörend, auch nur für Kunftinduftrie- Etabliffements thätig fein können, und dem herrfchenden Gefchmacke und der Mode ihre Arbeiten unterwerfen müffen. Durchfchritt man die Räume der Wiener Weltausftellung, fo konnte man leicht eine Menge von Gravirungen, welche theils der Kunftinduftrie unterthänig, theils befonderen Zwecken für den täglichen Gebrauch dienen, treffen, neben anderen, die reine Kunftwerke, und nur um der Kunft willen gefchaffen. Um nun die verfchiedenen Bewegungen und Veränderungen, welche nicht nur die herrfchenden Moden und der Luxus hervorbringen, genau verfolgen zu können, erfcheint es geboten, jede Gravirungstechnik für fich zu befprechen, um jede Veränderung genau conftatiren zu können. Seit den Ausftellungen in London und Paris hat fich fo Manches zu Gunften der Kunftinduftrie geändert und find die günftigen Refultate, welche die Ausftellungen hinfichtlich der Gefchmacksveredlung hervorgerufen, aufser allem Zweifel. Wenn nun noch der Einflufs hinzugerechnet wird, welchen die verfchiedenen Kunftgewerbe- Schulen auf alle Zweige der Kunftinduftrie ausgeübt haben, fo wird man wohl begreifen, dafs diefer Einfluss auch auf alle Zweige der Gravirung fich bemerkbar macht, und allfeitig das Streben Befferes zu leiften und mit der ftillofen Vergangenheit zu brechen, fühlbar ift; es daher nur einer gewiffenhaften Pflege des guten Gefchmackes bedarf, um noch höhere Ziele zu erreichen. Graveur- und Guillochirarbeiten. 3 Medaillengravirung. Bei Beurtheilung von Gravirungen, welche auf der Wiener Weltausftellung den Befucher zu feffeln im Stande waren, mufs wohl die vorerwähnte Methode die Abzweigungen, die verfchiedenen Techniken einzeln zu befprechen, als eine Nothwendigkeit angefehen werden. In erfter Linie follen die wirklichen Kunftleiftungen befprochen werden, welche des Künftlers eigene Compofition bedingen und, nur vom Gefchmack und der Technik abhängig, als Kunſtleiſtungen gelten können. Als Künftler, als Auserwählter erfcheint jedoch unter den Graveuren nur der Medailleur. Die Medaillen- Gravirung hat jedoch feit Jahren nur mehr eine geringe Zahl von Liebhabern nachzuweifen, welche Medaillen fammeln, daher die Vertreter diefer Kunft zumeift in den verfchiedenen Münzwerken der Staaten eine Anftellung fuchen müffen, um ihre leider zu wenig beachtete Kunft ausüben zu können. Männer von wirklichem Beruf find daher nur wenige zu verzeichnen, und die grofse Menge erfährt auch felten etwas von ihnen, da gröfsere Aufgaben zur Zeit felten geworden. Nur eine Weltausstellung in ihrer Kunftabtheilung ift im Stande, die Namen diefer Künftler dem Publium geläufig zu machen. Sowie durch die Vertheilung der Preismedaillen der letzten Parifer Ausftellung der Name H. Ponscarme in allen Welttheilen bekannt wurde, ebenio wird heute der Name eines jungen Wiener Künftlers, des Kammermedailleurs Jofef Tautenhayn, in alle Winde getragen, da ihm die Anfertigung der Medaillen für die Wiener Weltausftellung 1873, d. i. die Medaille für Kunft, die Fortfchrittsmedaille, mit dem wohlgetroffenen Porträt Seiner Majeftät für jede Aversfeite übertragen wurde. In diefen Ruhm theilen fich noch andere Künftler. Für die Anfertigung der Medaille für guten Gefchmack nach Zeichnungen von Profeffor Cäfar und Veyr wurde Leiffek aus Wien, die Medaille für Verdienft und die Mitarbeitermedaille Carl Schwenzer aus Württemberg übertragen. Die Leiftungen diefer Genannten entziehen fich jeder weiteren Kritik, indem ihnen die allgemeine Anerkennung fchon zu Theil geworden. Haben fie doch fchon einen Sieg errungen über ihre Collegen bei Gelegenheit des zur Anfertigung der Weltausstellungs- Medaillen ausgefchriebenen Concurfes, durch ihre Einfendung der modellirten Skizzen zu den nun ausgeführten Medaillen. In der öfterreichifchen Abtheilung der Kunsthalle haben nur J. Tautenhayn, A. Scharf und F. Leiffek ihre vorzüglichen Arbeiten ausgeftellt, und als Vertreter der Graveurfchule der k. k. Akademie der bildenden Künfte hat Profeffor Radnitzki feine grofse Prinz Eugenmedaille hinzugefügt. Man überblickt daher mit einem Male die Leiftungen eines Theiles der Medailleurkunft Wien's und kann mit leichtem Herzen diefer Schule zu ihren Erfolgen gratuliren, wenn man diefelben mit den Leiftungen der anderen Länder vergleicht. Dem Berichterstatter über Gravirungen wurde fein Amt dadurch erfchwert, dafs die Graveurarbeiten aller Länder erft aufgefucht werden mussten, daher ein Vergleich der ausländifchen Arbeiten mit den Leiftungen der öfterreichischen Ausfteller oft nahezu unmöglich gemacht war. Diefs war am fühlbarften bei Beurtheilung der ausgeftellten Medaillen. Da die Graveure für ihre Ausstellungen befonderes Licht verlangen, aber nicht immer der geeignete Platz unter ausgeftellten Bildern möglich ift, die Räume vor den Fenstern mit direct einfallendem Lichte nur verwendet werden können, fo wird es auch dem Arrangeur einer Ausftellung immer fchwierig fein, felbft mit beftem Willen den Wünfchen der Ausfteller gerecht zu werden. Mangel an Verſtändnifs und geringes Intereffe an Arbeiten, welche zur Befichtigung eines guten Auges bedürfen, haben diefe Arbeiten immer bei Seite gefchoben und dem Fache nicht jene Rückficht zugewendet, die es verdient. Zum Glück für die Kunft überhaupt hat fich jede Species feine Freunde erhalten und fo wurde auch die Medailleurkunft nicht unbeachtet in ihrem Winkel gelaffen, fondern von ihren Freunden, wie von Laien aufgefucht und bewundert. 4 J. Schwerdtner. Auch foll hier an diefer Stelle nicht unberührt gelaffen werden, dafs man bei der Beurtheilung der Medaillenarbeiten von Seite der Jury wie der Ausftellungs- Commiffionen nicht recht im Klaren war, ob der Medailleur in der Kunfthalle oder in der Gruppe XII, graphifche Künfte, untergebracht und beurtheilt werden foll. Wir fahen nämlich die fonft in Gruppe XII ausgeftellten Cameen- Gravirungen auch in der Kunsthalle( Italien), kunftvolle Flachgravirungen ebendafelbft, während diefe beiden Branchen in Frankreich und Deutfchland unter den Goldwaaren, in Oefterreich aber in der Gruppe XII erfchienen. Wir fahen in der Kunfthalle( Italien) Medaillen, ausgeftellt von H. Bianchi und Pierrone in Rom, welche der Beurtheilung der Gruppe XII unterworfen und mit dem Anerkennungs- Diplome ausgezeichnet wurden, während die Ausfteller anderer Länder mit der Kunftmedaille ausgezeichnet erfcheinen. Bianchi in Rom war einer der bedeutendften Architektur- Medailleure, welcher in Paris 1867 mit feinen auch hier ausgeftellten Arbeiten: Innere Anficht der Peterskirche und der Bafilika etc., die Aufmerkfamkeit der Befucher der Ausftellung auf fich lenkte. Die in einer entlegenen Ecke der Kunsthalle untergebrachte Kupferftich Ausftellung Englands hat auch die Medaillenausftellung von A. B. und J. J. Wyon und G. Adams und F. Morgan gaftlich aufgenommen. Von Erfterem fahen wir nicht nur vorzüglich gravirte Medaillen in grofser Anzahl mit Porträts, allegorifchen Figuren und Wappen, fondern auch diverfe Abdrücke der grofsen Staatsfiegel von England, die Königin Victoria zu Pferde, die Königin thronend zwifchen der Justitia und Religion; das Staatsfiegel von Canada und die beiden Abdrücke der Siegel Sr. k. Hoheit des Prinzen Wales. Diefe Siegel find im altgothifchen Stile gravirt, von aufserordentlicher Schönheit und fanden nicht ihres Gleichen auf der Ausftellung. Die beiden letztgenannten Medailleure zeigten diefelbe vorzügliche Schule. Das deutfche Reich hat fich verhältnifsmäfsig wenig an der Ausstellung betheiligt. Wir fahen nur von Schnitzfpahn, Profeffor in Darmstadt, fchöne Modelle von Gypsabgüffen und Medaillen in Bronce, und von Weigand in Berlin Medaillen in fchöner, reiner Arbeit, welche den erfteren Arbeiten nicht viel nachftehen. Belgien hat im Medaillenfache bedeutende Vertreter in der Kunfthalle in Charles Wiener, Lepold Wiener und Jaques Wiener, Letzterer mit vorzüglichen Architektur- Gravirungen das Auge des Befchauers feffelnd. E. Geerts hat neben Broncemedaillen auch Porträts in Marmor gemeifselt zur Ausftellung gebracht, welche erwähnt zu werden verdienen. Die Schweizer Abtheilung brachte die Arbeiten von Bowy, einige fchöne Modellirungen und die Reduction derfelben auf Medaillen mittelft der Mafchine. Frankreich war feinem Ruhme nach fchlecht und fchwach vertreten.. Alphee Dubois war dort der bedeutendfte Vertreter und hatte Abgüffe und Modellirungen und die Reduction auf Medaillen mit der Mafchine. Bei diefer Gelegenheit fei einer Erfindung gedacht, welche im Stande ift, einen ungeheuren Umfchwung in der Medaillengravirung hervorzurufen. Vor zehn Jahren wurde in Frankreich eine Mafchine erfunden, welche die bekannte numismatifche Reductionsmafchine und die Siegel- Bohrmaſchine vereinigte und fomit eine hart in Metall gegoffene Modellirung auf die Stahlftanze übertrug und die Stichelführung der Hand beinahe gänzlich entbehrte. Seit der letzten Parifer Ausftellung, auf der diefe Mafchine exponirt war, hat diefe Mafchinengravirung in vielen Staaten Eingang gefunden und wurden mir folgende Daten bekannt: Wyon in London, Alphee Dubois, F. Kertopy und E. Ferret in Frankreich, Bowy in der Schweiz. Schwenzer, derzeit in Wien, Schnitz fpahn in Darmſtadt, Schiller in Stuttgart bedienen fich mit Erfolg diefe Mafchine. Es ift dem Schreiber diefer Zeilen unbekannt, ob die kaiferli che Münz im Befitze diefer Mafchine ift; die Arbeiten der Wiener Medailleure aber find Hand Graveur, und Guillochirarbeiten. 5 67 arbeiten und werden nach der älteften Methode, nämlich in der Tiefe gravirt, in den feltenften Fällen auf Stahl erhaben gefchnitten. Es ift fomit nachgewiefen, dafs fich die Arbeiten der Wiener Schule noch immer als Kunftwerke beurtheilen laffen können, während die Arbeiten des Auslandes, fo vorzüglich fie auch fein mögen, nicht mehr als Gravirungen, fondern als Modellirungen beurtheilt werden müffen. Man wird hier einwenden, dafs, wenn die Modellirung eine rein künftlerifche Arbeit, die mit der Mafchine gefertigte Gravirung doch auch denfelben künftlerifchen Mafsftab verlange, da bis heute die Erlernung der Gravirungstechnik eine bedeutende Zeit und Uebung in Anfpruch nahm, und man neben Modellirung allerwärts dem Schüler immer die einzige claffifche Methode in der Tiefe zu graviren, beizubringen trachtete. Wenn die Mafchine auch diefe Technik, den letzten Reft von künftlerifcher Kraft, den Graveur zu verdrängen im Stande ift und die Mechanik an die Stelle diefer Technik tritt, fo ift der Medailleur von heute fehr zu beklagen, da es fich dann nimmer um die Begabung, fondern mehr um den Befitz der Mafchine handelt. Es wird die Einführung und Anwendung der Mafchine wohl noch lange in Oefterreich auf fich warten laffen und bis diefs gefchieht, erfreuen wir uns an den Refultaten unferer Kunftfchule und an den hervorragenden Arbeiten unferer Wiener Künftler, welche bis heute die claffifche Gravirung gepflegt und vertreten haben, und welche fich auch auf der Wiener Ausftellung gegenüber den ausländifchen Arbeiten eine hohe Anerkennung zu verfchaffen wufsten. Siegel-, Wappen- und Schriftgravirung. Die Gravirung von Siegeln und Schriften war bis zum XVIII. Jahrhunderte noch ein Privilegium der Goldfchmiede und es find uns Hunderte der vorzüglichften Arbeiten im Siegelfache vom XIV. bis zum XVIII. Jahrhunderte erhalten worden, welche Zeugnifs geben von dem gediegenften Gefchmacke und der vollendetften Durchführung. Viele diefer Meifter find bekannt, und es ist nicht Aufgabe diefer Zeilen, ihre Namen aufzuzählen, aber dem Freunde der modernen Siegel- Stechkunft mufs es auffallen, dafs feit der letzten Ausftellung in Paris fich eine auffallende Lücke in der Siegelgravirung zeigt. Die Siegespalme im Siegelfache wurde auf der Ausftellung in Paris dem nunmehr verftorbenen Graveur Birnböck in München ertheilt, welcher nicht nur die beften heraldifchen Arbeiten ausftellte, fondern auch in der Ausführung der kleinften Details eine unerreichbar gefchienene Technik zeigte. Befondere Aufmerkfamkeit erregte er durch die kaiferlich ruffifchen Staatsfiegel, und mit Birnböck dürfte wohl der genialfte Graveur im Wappenfache zu Grabe gegangen fein. Es fehlte wohl auf der Ausftellung in Wien nicht an Vertretern der SiegelStechkunft, diefelben reichen jedoch weder im Gefchmack noch in der Technik an Birnböck hinan. Diefs hat feine eigenen Urfachen. Das Siegeln der Briefe mit Lack kommt mehr und mehr aufser Gebrauch, und die Sucht, dem Publicum jede mögliche Bequemlichkeit zu bieten, hat zum Schaden der eigentlichen SiegelStechkunft eine Menge Surrogate erfunden, welche, da diefelben als Modeartikel angefehen werden, vom Publicum mit befonderer Vorliebe gebraucht werden. Als im Jahre 1840 durch ausländifche Luxus- Papierfabricanten die kleinen Papieroblaten mit Anfangsbuchftaben, Devifen etc. zu Markte gebracht wurden, da waren die erften Anfänge diefer Gattung Briefverfchliefser von Gelatine mit Gold bedruckt. Die Papierfabrication hat fich diefes Gedankens bemächtigt. und Stahlftempel mit Wappen, Buchftaben, Namen, Devifen, kleine Papieroblaten geprägt, diefe in Verkauf bei den Papierhändlern gebracht und fomit den Grundftein dazu gelegt, dafs heute in jedem Papiergefchäfte Graveurarbeit angenommen und beforgt wird zum Schaden diefes Gefchäftszweiges und zum Ruin der eigentlichen Siegelgravirung. Man darf nicht einwenden, dafs durch 6 J. Schwerdtner diefe Einführung den Graveuren neue Arbeit zugeführt wurde. Was damals an Stempeln für Papieroblaten angefertigt wurde und noch heute von den Graveuren für Siegelmarken gemacht wird, entzieht fich jedem künftlerifchen Mafsftabe. Die Papieroblaten wurden in Broncefarben mit verfchieden färbigem Unterdruck geprägt, welche Gattung Druck man Congrevedruck nennt. Der Luxus in diefen Prägungen ging fo weit, dafs man geprägte Vifitkarten( congreve oder weifs) von gravirten Stempeln anfertige und fomit den Vifitkarten- Kupferftich unterdrückte. Da brachte der Hofgraveur Singer in Wien, von einer Reife nach London zurückgekehrt, die erfte kleine Preffe zum Prägen des Papieres. Es fanden fich eine Menge Fabrikanten, welche folche Preffen erzeugten und fomit wieder die Graveure leider nicht würdig befchäftigten. Eine künftlerifche Ausführung ift für einen folchen Stempel weder möglich noch geboten, da das Haupthindernifs in der mangelhaften Ausprägung der Gravirung mittelft einer vom Stempel in Kupfer geprägten Matrize gefchieht, welche, da diefelbe genau in die Gravirung pafst, das Papier bei Einführung in den Stempel an der Contour der Gravirung abreifsen mufs, da das Papier keiner Ausdehnung fähig ift, um die Gravirung vollkommen auszuprägen. Auch wurden diefe Arbeiten immer fchlechter durch die fteigende Concurrenz honorirt, fo dafs fie, weil immer fchlechter angefertigt und der Bedarf durch vieles auf den Markt bringen gedeckt war, heute wenig mehr gefucht wird. Die Abnahme diefer Arbeit ift nahezu achtzig Percent. Bedeutende Vertreter im Preffen waren Wertheim, F. Wiefe, J. J. Bachrach und W. Zettl, welche noch heute den Markt beherrfchen und den Bedarf an Siegelpreffen decken. Als nun nicht nur in Oefterreich, auch im Auslande durch die Vorgänge der Jahre 1848 und 1849 der hohe und niedere Adel an Anfehen eingebüfst, war die nothwendigfte Folge, dafs die Aufträge zur Gravirung von Wappen immer weniger wurden und nur den vorzüglichften Vertretern diefer Kunft noch Gelegen heit geboten war, Ausgezeichnetes zu leiften. Es waren diefs die Hofgraveure Jauner und Radnitzki in Wien und Birnböck in München u. A. Die Arbeiten Jauner's aus diefer Zeit find bekannt und Birnbök's Arbeiten habe ich Eingangs erwähnt. Als nun im Jahre 1860 die Regierung den k. k. Poftämtern die Annahme von mit Gummi gefchloffenen Briefcouverts geftattete, hat zur felben Zeit Theodor Theyer( Firma Theyer& Hardtmuth in Wien) die erften Monogramme, in Farben gedruckt, in Wien eingeführt und gaben den Firmen H. Braun, Fried& Fiedler Gelegenheit, den Kupferftich im Graveur fache zu verwerthen. Die Ausstellung der Firmen Theyer& Hardtmuth gab den Beweis, was die öfterreichische Kunft induftrie auch in der LuxuspapierBranche leiftet. Es bedient fich faft Niemand mehr des Siegellacks, fondern es wird in der Anfertigung eigens componirter Monogramme in den verfchiedenften Formen und Arten Alles überboten, was die Franzofen und Engländer geleiftet. Die Einfuhr der franzöfifchen Luxuspapiere ift auf Null gefunken, und die Arbeiten der Firma Theyer& Hardtmuth find nicht nur in ganz Deutfchand, Belgien und Frankreich, fondern auch in Rufsland, England, Amerika überall zu finden. Zur Zeit als die Poftbehörde ungefiegelte Briefe anzunehmen fich entchlofs, hatten die Lithographen Siegelmarken erzeugt, welche auf dunklem Papier in Gold oder Silber bedruckt, allgemein Eingang fanden. Die Schriftgraveure, welche durch das Abnehmen der Arbeit für die Handpreffen- Fabrication gezwungen waren, an eine andere Arbeit zu denken, haben nun die Congrevemarken wieder zu Ehren zu bringen gefucht und erzeugten Siegelmarken von Papier in Siegellackroth, fpäter in fchönen Farben und in vorzüglicher Zeichnung und Schrift. Auf dem Wiener Platze lieferte Braun die fchönften Stempel, und Lithographiebefitzer Klein die fchönften Marken. Graveur- und Guillochirarbeiten. 7 Durch eine aufreibende Concurrenz ift die Siegelmarken Fabrication nun auch ichon in Mifscredit gerathen und man wollte nicht nur das Geld für die Marken, fondern auch die Zeit fparen, fomit verfuchten die Lithographen das Terrain wieder zu erobern, indem die gummirten Couverts am Verfchlufs mit der lithographirten Firma erfchienen. Da wurden mittlerweile die à la minute. Mafchinen von Paris gebracht, welche eine Umwälzung in der Erzeugung der Vifitkarten hervorriefen und ebenfo wie Vifitkarten auch die Arbeit des Firmendruckes beforgen konnten. Die amerikanifchen Druckmafchinen und Schnellpreffen beforgen nun den Adreffendruck auf Couverts und dadurch wurde abermals der Graveur und der Lithograph durch die Mode in den Hintergrund gedrängt. Mit der Ausübung der Siegelmarken Fabrication ging die Erzeugung von Selbftbefeuchtern in den fechziger Jahren erft bekannt- Hand in Hand. - Vordem bediente fich nicht nur die k. k. Poft, fondern alle anderen Aemter fogenannter Handftempel mit verfchieden eingerichteten Druckapparaten. Im Jahre 1854 wurden die Gemeinden und Pfarrämter Oefterreichs angewiefen, fich folche Farbftempel anfertigen zu laffen, um diefelben auf Heimatfcheine, Päffe, in Wanderbücher etc. einzudrucken, ftatt des bisher üblichen Siegeloblaten Abdruckes, welcher mit der Zeit unleferlich und unkenntlich wurde, omit wieder ein Theil der befferen Siegelgravirungs- Aufträge entfiel. Die Einrichtungen der vielen Bank- und Wechfelgefchäfte feit Errichtung der Creditanftalt bis zum heutigen Tage hat viele Graveure befchäftigt, welche fich beinahe ausfchliefslich mit diefen Comptoirartikeln befafsten. Auch hier fchritt man vorwärts, indem Numerateure, Datumftempel etc. eingeführt wurden. Das Ausland leiftete hierin Bedeutendes und hat der Arbeit in Wien fehr gefchadet. Die Wiener Arbeiten, welche vor der Berliner Concurrenz weichen mussten, waren beffer als diefe, daher in der Production theurer, werden aber wieder als folid zu Ehren kommen, da die ausländifche Arbeit eine Kritik nicht halten kann. ausHier an diefer Stelle mufs auch der Gravirungen und Mafchinen gedacht werden, deren fich fämmtliche Bahnen beim Betriebe bedienen. Ein bedeutendes Verdienft in der Conftructionsverbefferung der bei der Kartenausgabe in Verwendung ftehenden Mafchinen, Couponfteuer genannt, gebührt unftreitig der Wiener Firma Radnitzki& Schönwetter, k. k. Hofgraveure, welche für vierundzwanzig Bahnverwaltungen die Lieferung fämmtlicher Graveurartikel beforgen. Hier fei noch bemerkt, dafs die Ausftellungen fämmtlicher Poftanftalten die Graveurartikel als weit hinter diefen Fabricaten ftehend erkennen liefsen. Nur der Schweiz gebührt die Anerkennung, auch hierin Befferes zu leiften. Es iſt diefs ein ganz befonderer Zweig der Gravirung, welcher faft ausfchliefsend nur von diefer Firma ausgeübt wird und jede Concurrenz bis heute fiegreich aus dem Felde gefchlagen hat. Die in der Collectivausftellung der Graveure Wiens, Gruppe XII, ausgeftellten Couponfteuern gaben von dem Gefagten den Beweis und mufs nebenbei erwähnt werden, dafs bis jetzt keine zweite Firma genannt werden kann, welche, nie ruhend, den Bedürfniffen unferer Zeit durch möglichft einfache, ja, man möchte agen, kaum denkbare einfache Conftruction mit Vermeidung jeder ftörenden Reparatur diefe Arbeiten beforgt. Es ift Jedermann im Stande, ohne Vorbildung mit diefen Maſchinen zu arbeiten, und find die Gravirungen diefer Datumpreffen mit gewiffenhafter Schärfe und Reinheit gravirt, von vorzüglichftem Materiale gefertigt, die Schrift correct und fchön gezeichnet. Für diefe Arbeit wurde eine eigene Schulung der Arbeitskräfte nothwendig, denn diefelbe bedingt eine eigene technifche Gewandtheit. Das Atelier Jofef Radnitzki ift das ältefte in Wien und hat in Gravirung von Siegeln und Stanzen Bedeutendes bis heute geleiftet, an welche Arbeiten auch voller künftlerifcher Mafsftab angelegt werden kann. 8 J. Schwerdtner. Die in der Collectivausftellung der Graveure Wiens ausgeftellten Siegelgravirungen zeigten viele vorzügliche Arbeiten, trotz der ungünftigen Verhältniffe, und haben, vom heraldifchen Standpunkte beurtheilt, die Arbeiten Kleinert's, welcher Siegel im mittelalterlichen Stile ausgeftellt hatte, am meiften befriedigt. Hier ift eine empfindliche Lücke entftanden durch das Zurücktreten von der Ausftellung durch H. Jauner, k. k. Hofkammer- Graveur. und C. Braun. Die Siegelgravirung würde nicht nur durch diefe Künftler bereichert worden fein, fondern es wäre dem Auslande gegenüber der Beweis geliefert worden, dafs man in Wien weit Vorzüglicheres leiftet nach Gefchmack und Technik, als anderswo. J. Radnitzki, A. Hafelhofer, Refch,& Riek, H. Hölzel, C. Rigl, R. Mayer, Jofef Reywöger, K. Zeplichal und J. Zehngraf haben nicht nur Siegelgravirungen, fondern auch Gravirungen von Wappen und Monogrammen auf Knopfftanzen, Elfenbeinknöpfen, Albumplatten, Uhren, Silberbeftecken etc. zur Ausftellung gebracht und lieferten den Beweis von der Vielfeitigkeit ihres Talentes und ihres Gefchäftsbetriebes. Die Ausftellung des Auslandes befchränkt fich auf ausgeftellte SiegellackAbdrücke und find in der Ausftellung des deutfchen Reiches Carl Voigt, HofGraveur in Berlin und C. Stromann in München als hervorragend in ihren Leiftungen zu nennen. Peterfen, Hofgraveur in Braunfchweig, ftellte nebft hübfchen Gravirungen auch fehr hübfch gebohrte Siegel aus, welche erwähnt zu werden verdienen. A. Hafelhofer in Wien, Selbfterzeuger von Siegelmarken, hat auf der Ausftellung des deutfchen Reiches nur einen Concurrenten in diefem Fache, nämlich Eder& Sohn in München, welche aber von H. A. Hafelhofer weit überragt werden, da die Schriften diefer Herren veraltet und die Eintheilung der felben oft gefchmacklos ift. Auch in der Wahl der Farben werden die Arbeiten des Auslandes vom Inlande übertroffen. Die Schweiz hat gebohrte und gravirte Siegel, gefchmackvoll gearbeitet, zur Ausftellung gebracht. Auch Briefpapier Stempel diefer Firma find erwähnenswerth. Von Frankreich wurden gebohrte Siegel ausgeftellt, ohne die deutfchen Arbeiten zu übertreffen. England hat im Siegelfache Wyon mit feinen kunftvoll gravirten Staatsfiegeln und Gravirungen von Wappen und Monogrammen auf Uhren und auf Stempel für Briefpapier- Erzeugung, zum Vertreter diefer Kunft. Gravirung von Intarsien. Wir kommen zu einer in Oefterreich bis jetzt wenig betriebenen Technik, welche beinahe ausfchliefsend vom Auslande, zuerft in Italien, fpäter in England und Frankreich ausgeübt wurde. Es ift diefs die Gravirung der eingelegten Möbel. Was auf der Parifer Ausftellung von diefen obgenannten Ländern beinahe Privilegium war, wurde feit diefer Zeit auch ein in Oefterreich in's Leben gerufener Artikel, und es gebührt dem k. k. Muſeum für Kunft und Induſtrie die vollfte Anerkennung für die Unterſtützung, die es diefem Fache zuwendete. Wir fahen in der englifchen Abtheilung einen Schrank mit Auffatz, von welchem wir den Untertheil fchon auf der Ausftellung in Paris kennen lernten. Die Tifchlerarbeit ift eine vorzügliche, aber die Elfenbeinintarfien- Gravirung ift die fchönfte Arbeit aller bis jetzt gefehenen Gravirungen. Der ungenannte Künftler hat jahrelang an diefer Arbeit zugebracht, wovon erft auf der Ausftellung in Wien der Auffatz zu dem in Paris ausgeftellten Schranke hinzukam. Die ElfenbeinEinlage in Ebenholz, von welch' Letzterem der ganze Schrank gearbeitet ift, reich mit Gravirung verfehen, die Technik, die des beften Kupferftiches! Obwohl die Einlage des Elfenbeines keine befonderen Schwierigkeiten zeigt, fo können grofse Flächen doch erft durch die Gravirung zur vollen Wirkung kommen. Bei Betrachtung diefes Möbels kann man den wahren Kunftwerth einer Gravirung von Graveur- und Guillochirarbeiten. 9 Intarfien kennen lernen, denn der Werth des ganzen Stückes beſteht nur in feiner Zeichnung und der Gravirung, und wurde um den Betrag von fechzig Taufend Gulden verkauft. Neben diefem Objecte ftand ein Tifch mit eingelegten Buxholz- Ornamenten, welche mit eben folcher ftaunenerregenden Technik und Fertigkeit gravirt ift. Das etwas weiter nach vorne ftehende Cabinet ift mit Bux- und Elfenbeineinlage in fremde Hölzer gefertigt; Buxeinlage und Elfenbein von derfelben Meifterhand gravirt. In der Zeichnung und Einlage ift jedoch ebenfo wie im Ausfchneiden der Fourniren ein bedeutender Künftler zu erkennen. Es war unmöglich, die Namen zu erfahren. Einer nicht bekannten Technik foll hier auch gedacht werden. Diefe befteht darin, eine in Holz eingelegte Elfenbeingravirung mit Bronzefarbe einzulaffen, fo dafs die Zeichnung zu den verwandten Hölzern, in welche das Elfenbein eingelegt wurde, ftimmt und diefes felbft nicht mehr fchreiend wirkt. Ein Tifch und ein Kaften in diefer Behandlung waren in der englifchen Abtheilung ausgeftellt. Die in der franzöfifchen Abtheilung erfcheinenden Möbel von Ebenholz mit Elfenbeineinlage zeigten keine befondere Technik in der Grabftichel- Führung und erheben fich nicht über gewöhnliche gute Arbeiten in diefem Genre. Die Urfache, warum die franzöfifchen Arbeiten hinter den englifchen zurückbleiben, liegt nahe, wenn man weifs, dafs die Graveure in Paris, welche diefe Arbeit beforgen, in den verfchiedenen Tifchler- Werkftätten ihre Arbeiten machen nach Zeichnungen, welche ihnen vorgelegt werden. Diefe Graveure wandern von einer Werkstätte in die andere und arbeiten um geringen Lohn. Vor Jahren bekamen Wiener Firmen von Paris fertige Möbel mit folcher Gravirung, welche als muftergiltig angefehen wurden, obwohl die Technik keinen künftlerifchen Mafsftab vertrug. Man fah viel Uebung in der Stichelführung, aber die Zeichnung war in den meiften Fällen durch die Gravirung fteif geworden. Es fehlte da die Vermittlung der Töne vom Grabftichel und der Nadel; erftere ift fchwarz, die Nadelgravirung grau. Auch ift hier nothwendig zu erwähnen, dafs zu diefen Arbeiten nicht nur vorzügliche Zeichner, fondern auch gefchulte Ausfchneider gehören. Aber die Fabrication von Intarfienmöbeln, wie fie derzeit in Paris getrieben wird, ift zurückgegangen, wahrfcheinlich in Folge des Krieges und des Ausweifens der deutfchen Arbeitskräfte aus Frankreich, da nur vorzügliche deutfche Arbeiter diefe Arbeiten beforgten. In der italienifchen Abtheilung waren Möbel derfelben Gattung ausgeftellt gewefen mit Elfenbeingravirung. Freunde von alten Renaiffancemöbeln konnten hier finden, was ihr Herz erfehnt; aber anders urtheilte der Fachmann. Wir erblickten hier eine vorzügliche Nadelgravirung( eine Gravirung, welche mit der fcharfen Nadel ins Elfenbein geriffen wird). Die Elfenbein Einlage in das Ebenholz ift tadellos, ohne fichtbare Leimfuge. Die mit Medaillons und Köpfen gezierte Zeichnung ift vorzüglich und dem unbekannten Meifter gebührt alles Lob. Wir fahen auch auf Tifchlerarbeit von anderen Ausftellern diefelbe geübte Hand. Aber es ift eine merkwürdige Erfcheinung, dafs in der Ausftellung von Italien beinahe fämmtliche Elfenbein- Gravirung nur Nadelarbeit ift, während Frankreich und das deutfche Reich bei feinen Arbeiten in diefem Genre nur die Grabftichel Technik zeigt. Diefe Technik ift eben gänzlich überwunden und erfcheint unferer Zeit als Künftelei, nicht als Kunft. Bei den in Oefterreich ausgeftellten Möbeln ift dem befferen Gefchmacke fchon Rechnung getragen. Das Aufblühen der Intarfientechnik in Oefter reich ift zum grofsen Theile dem Einfluffe des k. k. Muſeums und dem Profeffor der Kunftgewerbe- Schule dafelbft, Jofef Storck, zu danken, welcher die Zeichnung für das im Auftrage Seiner Majeftät angefertigte Cabinet entworfen und die Arbeiten der verfchiedenen Kunfttechniker perfönlich überwacht hat. Diefes Cabinet wurde in dem Atelier für Kunfttifchlerei des Herrn Michel angefertigt und ist von 10 J. Schwerdtner. Ebenholz mit gravirter Holzeinlage von aulsen, innen aber mit gravirter Elfenbeineinlage ausgeftattet. Die Technik des Ausfchneidens mit künftlerifcher Anforderung wurde von M. Panigl in Wien( welcher auch gediegene Ausfchneidearbeiten nach Zeichnungen von Profeffor Storck in der Collectivausftellung der Graveure ausgeftellt), die Gravirungen von W. Baader und Schwerdtner geleiftet. Das Cabinet ift das fchönfte in Oefterreich nach diefem Genre angefertigte Möbel und wurde von Herrn Michel ausgeftellt. Die Ausfchneidearbeiten Panigl's haben in der Collectivaus ftellung bedeutende Erfolge errungen. Das k. k. Mufeum für Kunft und Induſtrie hat viele diefer Arbeiten angekauft. Eine Schatulle von Ebenholz mit Elfenbeineinlage in ausgezeichneter Technik ift hier befonders zu erwähnen. Diefe wurde von einem Privatmanne erftanden. Um die Hebung der Möbelinduftrie mit Intarfiengravirung hat fich noch manche andere Firma Verdienfte erworben. Bildhauer Franz Schönthaler in Wien hat auch in diefer Branche feinen Einflufs geltend gemacht und folche Arbeiten auf die Ausftellung gebracht, welche befondere Beachtung verdienen. Kunfttifchler Bernhardt Ludwig, welcher viele Jahre in Paris zugebracht, hat diefem Zweige feines blühenden Gefchäftes eine befondere Aufmerksamkeit gewidmet und feiner Ausftellung in fchwarzen Möbeln mit Intarfien mufs gerechte Anerkennung gezollt werden. Carl Bamberger in Wien, fein Gefchäft erweiternd, hat diefen Erzeugniffen auch Bahn gebrochen, indem derfelbe nicht mehr ausfchliefsend franzöfifche Arbeiten importirt, fondern feinen Bedarf in Wien durch die beften Firmen nach Zeichnungen verfchiedener Meifter anfertigen läfst. Die beiden letztgenannten Firmen erweiterten den Kreis der MöbelIntarfiengravirung dadurch, dafs fie nicht nur Einlagen in Elfenbein, fondern auch in Metallen, als: Kupfer oder Meffing in Ebenholz eingelegt anfertigen und fo zur Hebung des Gefchmackes beitragen. Ebenfo erwähnenswerth find die Arbeiten Gelner's in der Collectivausftellung, welcher einen Caffettedeckel in Elfenbein ausgefchnitten, die Laden eingelegt mit fchöner eigener Compofition und Gravirung ausgeftellt. Die Erfolge können nicht ausbleiben, fobald nur Gediegenes verlangt und der Mittelmäfsigkeit die Arbeit entriffen wird. Es iſt fomit die Gravirung von Intarfien auf dem beften Wege und hoffen wir, dafs die Vorbilder, welche England zur Ausftellung gebracht, für die inländifche Arbeit von Nutzen fein und heimifche Kräfte anfpornen werden, ebenfo Gediegenes zu leiften. Stein- und Glasgravirung. Eine ganz befondere Aufmerksamkeit foll der Gravirung von Steinen gewidmet fein, da Wien einige Vertreter diefer Branche des Gravirens befitzt, auf welche Oefterreich mit Recht ftolz fein kann. Befonders im heraldifchen Fache waren hervorragende Arbeiten in der Gruppe XII zu finden von Franz Gubik und deffen Bruder Anton, Erfterer mit künftlerifch und technífch durchgebildeten Arbeiten auf der Ausftellung erfchienen, Letzterer in Zeichnungen, Blumen etc im Kryftalle gefchliffen. Vorzügliches leiftend, theilten fich mit Obigen A. Nowak und F. Schetřil in die Aufträge des Publicums, der Graveure und der Juweliere. Die Arbeiten F. Gubik's find wegen ihrer technifchen Vollendung und aufserordentlichen Tiefe in der Gravirung, gepaart mit Reinheit des Schliffes, aus gezeichnet. Der Gefchmack in der Zeichnung ift mehr oder minder moderne Richtung in der Heraldik, welche nicht als muftergiltig in den Augen der gewiegten Heraldiker erfcheint, jedoch in der Zeichnung und Compofition edel und fchön ift Graveur- und Guillochirarbeiten. 11 Herr Schetřil, bekannt als Steingraveur in Wien, befafst fich noch nebenbei mit Perl- und Steinbohrerei, welche Arbeit früher nach Paris gefendet werden musste, und hat hierin keinen Concurrenten. Derfelben Richtung im Gefchmacke huldigen die übrigen Steinfchneider Wiens mit mehr oder weniger Glück. In diefer Arbeit haben fich die Preife wegen Mangels einer Concurrenz erhalten, da alle Steinfchneider als Künftler felbftthätig und allein arbeiten und für diefe fchwierige Kunft kein Nachwuchs herangebildet wird. Nicht allein in Wien, fondern auch in Deutſchland, in Frankreich, in England felbft ift der Steinfchneider Künftler ohne Mitarbeiter, mufs fich gewöhnlich felbft bilden, und durch jahrelange Mühe feine Technik zu gewinnen fuchen. In der Kunftabtheilung des deutfchen Reiches hat Herr Gube verdienftliche Steingravirungen und Cameen ausgeftellt auf Onyx und Carneol gefchnitten, welche mit den Arbeiten der hiefigen Künftler concurriren. In der Gruppe XII, Collectivausftellung der Graveure Wiens, hat auch Herr Dörflinger Cameen, auf Mufcheln und Steinen gefchnitten, ausgeftellt und liefert den erfreulichen Beweis, dafs er, obwohl alleiniger Vertreter in diefer Branche auf der öfterreichifchen Ausftellung, im Stande ift, der Concurrenz des Auslandes zu begegnen. Die auf der Ausftellung von Frankreich erfchienenen Cameengravirungen von den Herren Gayetaut, G. Biffinger, J. P. Barri find vorzügliche Arbeiten, welche in Wien feit Jahren lebhaften Abfatz fanden, ebenfo brachte die Collectivausftellung der Juweliere und Goldarbeiter von Hanau und Offenbach derlei Arbeiten, welche alle eine ziemlich gleiche Fertigkeit nachweifen, da die antike Richtung in diefem Fache nicht verloren gegangen und die naturaliftifche Richtung, welche verfuchsweife eingefchlagen wurde, wenig Berechtigung und Unterftützung fand. Die Ausftellung der Italiener in der Kunfthalle zeigte fehr fchöne Cameen und darf diefs nicht wundern, wenn man bedenkt, dafs die Wiege diefer Arbeiten in Italien ftand. Pio Siotto, Giuſeppe Landicina, Domenico Pafcoli find neben Anderen die vorzüglichften Vertreter der Cameengravirung. In der öfterreichifchen Abtheilung hat auch Herr Ertl aus Eger Stein und Glasgravirungen ausgeftellt, welche, da diefelben ein Graveur aus der öfter reichifchen Provinz gemacht hat, hier genannt werden follen. Die ausgeftellten Glasgravirungen zeigen eine gewandte Hand und ift nur zu wünfchen, dafs neben der vorzüglichen Technik auch die gefchmackvolle Zeichnung Hand in Hand gehe. Hier hat die Firma Lobmeyer durch einen kaiferlichen Auftrag unter Mit wirkung des Muſeums den einzig richtigen Weg des guten Gefchmackes gezeigt. Das von obgenannter Firma ausgeftellte Trink- und Deffertfervice( Eigenthum Sr. Majeftät) ift von Profeffor Jofef Storck entworfen und von Peter Eifert in Glas gefchliffen, die Zeichnung des Schliffes polirt. Diefe Arbeit hat auf der Wiener Weltausftellung alle Glasarbeiten übertroffen, welche vom Auslande ausgeftellt wurden. Die Glasfchleifereien von Meyer's Neffen, Jofef Conrath, W. Hoffmann haben alle ihre Anerkennung gefunden durch zahlreiche Ankäufe von den Muſeen, und die unbekannten Künftler mögen bei nächfter Gelegenheit mit eigener Ausftellung ihre Fortfchritte conftatiren. Das Ausland kann denfelben. fchon heute die Anerkennung nicht verfagen, da die ausgeftellten Glasgravirungen des Auslandes unferen Arbeiten nicht an die Seite geftellt werden können. Flachgravirung. Die Flachgravirung ift jene Technik des Gravirens, welche fich die Aufgabe ftellt, Gegenftände des Kunftgewerbes, welche glatte Flächen zeigen oder eine flache Verzierung bedingen, mit Gravirungen dem Auge gefälliger zu geftalten. Es ift diefs die verbreitetfte Technik des Gravirens, und deren Vertreter befchäftigen fich beinahe ausfchliefsend mit diefer Gattung. Der Bedarf und die Nachfrage ift feit Jahren in ftetem Wachfen begriffen, und zählte diefe Kunft 12 J. Schwerdtner. richtung viele Vertreter auf der Ausstellung, wie zumeift die Collectivausftellung der Graveure Wiens zeigte. - Herr Linzbauer sen. hat aufser getriebenen Albumplatten für Vervielfältigung durch Galvanoplaftik auch eine auf einer verfchiedenfärbig plattirten Goldplatte gravirte Landfchaft- Waldbachstrup bei Hallftadt, nach eigener Skizze angefertigt ausgeftellt, welche alle Arbeiten auf der Ausftellung, das Ausland nicht ausgenommen, überragt. Mit diefer neuen Methode werden die fchönften Farbeneffecte erzielt, und bedarf es nur des einen Schrittes, diefe Arbeit auch dem Publicum in der Form zugänglich zu machen, um derfelben einen noch höheren Werth beilegen zu können. Die Zeichnung und Gravirung ift von überraschender Wirkung und ftellen die Arbeiten der Schweiz und Italiens in Schatten. In der Collectivausftellung der Graveure Wiens hat C. Linzbauer jun., welcher neben Modellirung auch verdienftvolle Flachgravirung ausftellte, durch correcte Zeichnung fowohl, als fchöne Technik fich Anerkennung verfchafft. Defsgleichen die Arbeiten des Herrn Metz( collectiv), von welchen verfchnittene Albumplatten und eine Serie Initialen, erwähnt zu werden verdienen. Herr Carl Helmer( collectiv) hatte ein Album in eigener Conception mit plaftifchen Verzierungen aus Metall gefchnitten und gravirt, mit Figuren in Flachgravirung gebracht, welche Arbeit, neben Muftern von Flachgravirungen, durch gelungene Ausführung einen fehr fchönen Eindruck machte. Anton Raab hatte Flachgravirung auf Taffen etc. in guter Compofition in Abwechslung mit Guillochirarbeiten ausgeftellt und damit jene Anerkennung gefunden, welche diefe Objecte verdienten. M. Mager hat durch feine in Metall gravirten und mit der Laubfäge ausgefchnittenen Arbeiten: Albumdeckel, Monogramme etc. dem Fachmanne zu imponiren gewufst, indem jedes der ausgeftellten Objecte von aufserordentlichem Fleifse und Geduld Zeugnifs gab. Hier foll noch die Dicke des Metalls der ausgefchnittenen Grundornamente erwähnt werden, welche die Schwierigkeit diefer Arbeiten erhöhte. R. Priefter hatte neben verfchiedenen Flachgravirungen eine Silberplatte, gravirt mit dem Bildniffe des Kaifers Jofef II., den Pflug führend und in Schwarz emailirt ausgeftellt, welche Arbeit eine befondere Erwähnung verdient. F. G. Stöger hatte eine grofse Anzahl von Flachgravirungen, das ift Eck- und Mittelftücke für Albums in den verfchiedenartigften Muſtern gebracht, von denen einige befonders auffielen. Hier fei eine Methode erwähnt, welche nur Herr Stöger zeigte, nämlich blank polirtes Oxyd, worauf verfchnittene Silberornamente montirt waren. Diefe Methode hat eine gute Wirkung und empfiehlt fich von felbft. K. Martner hat eine riefig grofse Metallplatte, für einen Tifch beftimmt, zur Ausstellung gebracht, welche Monate lange Arbeit koftete, in der Technik bewundernswerth war, aber dennoch durch unglückliches Anbringen eines ausgefchnittenen und im Mittelfelde aufmontirten Monogrammes die ganze gute Wirkung zerftörte. C. Müller hatte einige gut gravirte Monogramme, theils auf Stahl für Papierdruck, theils auf Elfenbein Knöpfe gravirt, fehr befcheiden auftretend, ausgeftellt. Um die Arbeiten der Graveure in diefem Fache richtig beurtheilen zu können, mufs man nicht nur die Arbeiten in der Collectivausftellung, fondern auch die in der Gruppe VII befindlichen Bronce waaren verfolgen. Dorthin wurde die befte Arbeit unferer Graveure geliefert. Die in Wien anfäffigen Graveure waren durch überhäufte Aufträge gar nicht in der Lage, für ihre eigene Repräfentation Befferes zu leiften, als eben in der Gruppe XII zu fehen war. Ein Wunfch foll hier nicht unterdrückt werden, nämlich, dafs die Arbeiter in Flachgravirung fich mehr und mehr frei machen follten von baroken Ornamenten und ftilgerechtere Mufter ftudiren, es wird dann der Arbeit ein gröfserer künftlerifcher Werth beigelegt werden müffen, welcher jetzt in vielen Fällen noch mangelt und nur dort die Arbeit brauchbar erfcheinen läfst, wo nach guten Graveur- und Guillochirarbeiten. 13 Muftern gearbeitet wurde. Die Technik diefer Flachgravirung ift in den meiften Fällen bewundernswerth durch die Reinheit und Kraft der Stichelführung. An diefer Stelle fei noch einer Arbeit eines Ausländers erwähnt, welche bei uns in Oefterreich nicht vorkommt; es ift die Gravirung von Zinntellern mit der Nadel und dem Grabftichel vom Zinngiefser und Graveur Waltenberger in Aibling in Oberbaiern, welche als Mufter in der Behandlung diefes Metalles aufgeftellt werden können. Landfchaften in Ornamentrahmen, Figuren und Porträts nach Photographien find gleich vorzüglich gearbeitet und fanden keinen Concurrenten auf der Ausstellung. Die Flachgravirungen der Schweiz haben ihren alten berühmten Werth gezeigt, jedoch nur auf Uhren ihren Ruhm vollinhaltlich bewährt. Wir fahen gravirte Uhrdeckel in verfchiedener Flachgravirung mit Figuren, Landfchaften etc. mit bewundernswerther Reinheit des Stiches, aber ohne befondere Genialität in der Erfindung. Man fah den Ausftellern dafelbft an ihren Werken an, fie möchten gern zur Weltausftellung Befonderes leiften, konnten fich aber von der Chablone nicht ganz befreien, daher diefe Arbeiten auch nicht erwärmen konnten. Sie fahen fteif und ängftlich aus. Ein Porträt nach einer Photographie auf eine Uhr gravirt wäre wohl erwähnenswerth, wenn die Arbeit nicht denfelben ängftlichen Eindruck gemacht hätte. Es fei jedoch mit diefem Urtheile nicht das Verdienftvolle diefer Arbeit abgeleugnet. Die in den meiſten Fällen vorzüglichen Entwürfe von Uhrengravirungen waren fehr intereffant und zeugten von Fleifs und Studium. Die Genfer Firmen J. Sokoloff, Emil Briffand, Bonnet& Comp. theilten fich in obiges Verdienft. Wirklich Neues hat in Flachgravirung Rufsland zur Ausftellung gebracht, es waren diefs von unbekannter Hand auf Silber gravirte Porträts von Beethoven, Mozart und Kaifer Alexander für Albumdecken beftimmt und in gravirten Ornamenten Rahmen gefafst. Diefe Arbeiten waren fo vorzüglich, dafs man die Hand des geübten Kupferftechers eher vermuthet hätte, als die des Graveurs, und nur die Verficherung der Ausfteller, die Bilder feien von dem Graveur, konnte die erfte Vermuthung unterdrücken. Die in der Kunfthalle ausgeftellten Flachgravirungen Italiens find in Kupferftecher- Manier gravirte Porträts auf Gold, welche geniale Arbeit nur von diefem Lande ausgeftellt wurde und gerechtes Auffehen machte. Bei Flachgravirungen, welche grofse Flächen, wie Taffen etc. mit Ornamenten und architektonifchen Verzierungen zu decken haben, wird feit langer Zeit auch die Guillochirung, eine Mafchinenarbeit, zu Hilfe genommen. Die Engländer, welche blofs mit ftilgerechten Ornamenten ihre Taffen, Theekannen etc. verzieren, bedienen fich nur felten der Guillochirung, während die Franzofen und befonders die Schweizer das meifte Verftändnifs in Anwendung der Guillochirung zeigen. Die Guillochirmafchine ift eine englifche Erfindung und gelangte von dort nach Frankreich und der Schweiz, wo fie die mannigfachfte Verwendung fand, noch ehe fie in Deutfchland und Oefterreich bekannt wurde. Mit Anfang diefes Jahrhundertes wurde die Guillochirkunft am Wiener Polytechnicum gepflegt und Profeffor Altmüller fowie der noch jetzt lebende Profeffor Karmarfch zu Hannover erfanden Verbefferungen an diefer Mafchine. Während aber das Ausland fortwährend diefe Mafchinen verbefferte und diefelben praktifcher geftaltete, blieb man in Wien ftehen und vernachläffigte diefe Erfindungen. Es wurden keine Hilfsmafchinen angefchafft, keine Gehilfen herangebildet, die Ateliers daher auch nicht vergrössert. Die noch vor Jahren im Gebrauch ftehenden Mafchinen konnten nur kleine Gegenftände, Uhrgehäuſe etc. mit Mafchinengravirung verfehen, daher man vor Jahren auch auf Taffen Eintheilungen in kleine Felder vornehmen musste, um diefe Mafchinen verwenden zu können, während die Arbeiten des Auslandes grofse Flächen tadellos guillochirt bedeckten. 14 J. Schwerdtner. Um aber derlei Arbeiten concurrenzfähig zu machen, hat der Ausfteller And. Hart, der im Jahre 1865 Studien im Auslande gemacht, die Einrichtung von Mafchinen in feinem Atelier nicht nur immer verbeffert, fondern auch den Deffinograf, eine Mafchine, welche dem Jacquardfyftem annähernd nach conftruirt ift, nach Wien gebracht. Es wurde daher möglich auch in Wien nicht nur Befferes als bisher zu leiften, fondern auch im Gefchmacke vorwärts zu fchreiten, und fomit der Concurrenz des Auslandes begegnen zu können. Arbeiten diefer Guillochirmafchine in Verbindung mit Gravirung fahen wir in der Collectivausftellung der Graveure von A. Hart, C. Raab und wir wollen nochmals hinweifen auf die Leiftungen der Wiener Graveure in der Gruppe VII, wo bei der Ausftellung der Firmen: Berndorfer Metallwaaren- Fabrik und J. L. Herrmann und den Expofitionen der Chinafilberwaaren- Fabriken Wiens diefe Arbeiten beffer beurtheilt werden können. Die Schweizer Abtheilung zeigte Guillochinarbeiten von J. Müller in Biel mittelft Geradzug- Mafchine( ligne droit). Die Arbeiten der numismatifchen Mafchine werden bei den Berichten über Buchdruck und Lithographie beiprochen werden und verweifen wir darauf, wie auf den Bericht über Gruppe VII, Section 4, die wir oftmals erwähnten. Schriftftempel, Gravirung für den Schriftgufs. Als Vertreter der Schriftftempel- Gravirung für Buchdruckereien erfchien n Oefterreich nur Herr Brendler in der Collectivausftellung der Graveure, und waren feine Arbeiten in Schriftgufs fowohl in der Ausftellung der k. k. Hof- und Staatsdruckerei( hebräifche, firifche, chaldäifche, chinefifche, japanefifche und türkifche Schriften zum Zufammenfetzen), als auch in anderen Ausftellungen von Schriftgufs und Buchdruckerlettern in der Gruppe XII zu finden. Eine grofse Concurrenz des Auslandes in Verfendung fertiger Lettern hindert den Auffchwung diefer Arbeit in Oefterreich, obwohl die Schriften durchwegs rein und fauber gearbeitet, an Correctheit der Schriftzeichnung den ausländifchen Arbeiten nicht nachftehen, fondern diefelben übertreffen. Diefes Schriftftempelfach hat in den letzten Jahren einen bedeutenden Auffchwung nachzuweifen, obwohl der Nachwuchs in diefer Branche, was Schulvorbildung anbelangt, Manches zu wünſchen übrig liefse. Die von den Berliner Firmen, deutfches Reich Gruppe XII, ausgeftellten Mufter können fich mit der Arbeit der Oefterreicher nicht meffen und es darf diefs Niemand Wunder nehmen, weil viele in Oefterreich bekannte Firmen des Auslandes auf der Ausftellung nicht erfchienen find. Es genüge hier, zu con ftatiren, dafs eine fortfchreitende Bewegung fichtbar ift in diefer Branche, welche auf die Güte und Ausftattung unferer Buchdruckforten einen wefentlichen Einfluís ausübt, da die mittelmäfsige wie die vorzügliche Arbeit der taufendmaligen Vervielfältigung durch den Schriftgufs unterworfen ift. Das deutfche Reich, Frankreich, Portugal, Rufsland, Schweden, die Schweiz haben Ausftellungen von Schriftftempeln gebracht, aber keinen wefentlichen Fortfchritt im Gefchmacke noch in der Technik gezeigt. Anders verhält es fich mit dem Schriftgraveur für kaufmännische Zwecke und den Hausbedarf; diefe Arbeit wird erhaben gefchnitten, meift in Gufsmeffing ausgeführt und find meiftens für Selbftbefeuchtungsmafchinen oder für den Buchbinder zur Anfertigung von Golddruck- Schriften auf Bücher beftimmt. In England fahen wir Selbftbefeuchtungsmafchinen, welche mit gepressten, zufammengefetzten Lettern, wie im Satzkaften des Buchdruckers, die Namen der Firmen abdrucken. Es ift diefs eine Neuerung, welcher man jedoch keine befonders praktiſche Seite nachrühmen kann, da die eingeklemmten Buchftaben leicht herausfallen und wieder zufammengefetzt werden müffen. Die Anfertigung diefer Stempel ift eine Arbeit des Graveurs geworden, denn es befaffen fich eine Menge Firmen beinahe ausfchliefsend mit diefen Comptoirartikeln. Graveur- und Guillochirarbeiten. 15 Die Collectivausftellung der Graveure zeigt bei vielen ihrer Ausfteller diefe Arbeit, und wird diefelbe als Hauptartikel von den Hofgraveuren Radnitzki& Schönwetter, Zeplichal, A. Hafelhofer, J. Aichberger, F. Kurt, R. Mayer vertreten. Aufser der Collictivausftellung find die Vertreter diefes Handelsartikels, wozu er in den letzten Jahren gemacht wurde, Ausfteller Lindner, Alemann, Schöll, Hecht und Zehngraf, wovon letzterer fehr billige Preife notirt. Die Arbeiten diefer Herren fuchen die Concurrenz des Auslandes mit befferer Arbeit hintanzuhalten und bedienen fich meiftens im Inlande gefertigter Mafchinen. Dabei fei noch erwähnt, dafs alle in Wien und in Oefterreich lebenden Siegelund Wappengraveure diefen Artikel neben anderen Gravirungen fertigen, da trotz der mehrfeitigen Arbeitstheilung diefes Fach vom Siegelfache nicht getrennt werden kann. Gravirung für Buchbinder- und Ledergalanterie- Arbeit. Als Vertreter von Gravirungen für Buchbinder- und Ledergalanterie- Arbeit erfchienen in der Collectivausflellung der Graveure J. Aichberger, T. Kurt und Hans Denk. Die beiden erften Firmen befchäftigen fich zumeift mit diefer Arbeit, welche eine bedeutende Anftrengung erfordert, um der ausländifchen Concurrenz begegnen zu können. Als Grund warum diefe Arbeiten in Wien noch nicht concurrenzfähig find, ift die geringe Gefchicklichkeit der Inländer nicht anzunehmen, fondern der geringe Bedarf auf dem Wiener Platze. Leipzig, die Stadt der Buchhändler und Verleger, war daher das geeignetfte Terrain zur Vervollkommnung diefer Graveurarbeit. Mit den Anforderungen der Zeit, die Ausftattung eines Buches durch den Buchdrucker immer fchöner zu machen, ging das Beftreben der Buchhändler Hand in Hand, die Decken ihrer Verlagswerke immer gefchmackvoller und fchöner zu geftalten. Eigene Zeichner haben fich diefer Ausftattung angenommen, und wir fehen an den ausgeftellten Verlagswerken, wie weit die deutfche Buchbinder- Kunft, die aller Länder überflügelt. Der Golddruck mit Figuren und Ornamenten, mit Sinnfprüchen, Devifen und Allegorien auf den Prachtausgaben von den deutfchen Dichtern find beinahe Jedermann bekannt, und es erübrigt nur, jener Künftler zu gedenken, welche diefe Buchbinder- Stanzen graviren. Gerhold in Leipzig, G. F. Lafchky in Berlin erfcheinen als die Hauptvertreter diefer Kunft in der Ausstellung des deutfchen Reiches. Hafert und Schiller in Stuttgart haben nicht ausgeftellt, aber auf den Prachtwerken von E. Hallberger in Stuttgart erfcheinen ihre Namen auf ihren Leiftungen. Gerhold in Leipzig ift die bedeutendfte Firma und wird mit den fchönften Aufträgen beehrt. Um aber fo Vorzügliches zu leiften, wie Gerhold's Ausftellung zeigte, müfsten auch bedeutende Anftrengungen gemacht werden. Aber nicht allein die künftlerifche Leiftung diefer Firma ift zu erreichen, fondern, wenn das Inland diefe Arbeit ebenfo erzeugen wollte, müfsten die bei Gerhold in Verwendung ftehenden Hilfsmaſchinen eingeführt werden. Die Guillochirmafchine, die Fraismafchine, die Hobelmafchine, Oval- und Kreiswerke, welche dort benützt werden, find für den Graveur in Wien noch unbekannte Dinge. Die ausgeftellten Hochpräge- Stanzen für Buchbinder find theils gehobelt, theils gedreht, gebohrt und erft zuletzt gravirt und guillochirt. Es exiftirt derzeit kein Graveur Wiens, welcher fich einer Hilfsmafchine bediente, wie Herr Gerhold und Andere im Auslande es thun. Es entſtehen fortwährend Verbefferungen an diefen Mafchinen, daher es den Wiener Graveuren noch lange unmöglich fein dürfte, mit dem Auslande in die Schranken zu treten. Was die Handarbeit an diefen Arbeiten leiftet, kann jederzeit auch in Wien gefördert werden. 2 16 J. Schwerdtner. Die Buchhändler Wiens, welche Werke verlegen, müfsten in diefer Richtung nur einige Opfer bringen, und durch Beftellungen in Wien die Graveure in die Lage verfetzen, diefen Artikel auch hier, wie in Leipzig, Berlin und Stuttgart liefern zu können. So lange aber diefe ihren Bedarf im Auslande decken, wird diefes Fach hier zurückbleiben und wird fich nie entwickeln können. Gerhold hat, um den Bedürfniffen der Buchbinder nachzukommen, auch ein Sortiment von zufammenfetzbaren Buchftaben von Meffing für Golddruck auf Bücher ausgeftellt. In diefem Fache find wir concurrenzfähig, das erfahen wir in der Collectivausftellung, wo neben den Buchbinder- Werkzeugen( Fileten) auch vorzüglich gearbeitete Schriften ausgeftellt waren, mit welchen Export getrieben wird. Diefelben find aus freier Hand gravirt und nicht gegoffen oder überarbeitet. Da nun einmal von Mafchinen gefprochen worden, will ich nicht unerwähnt laffen, dafs auch der Siegel- und Schriftgraveur des Auslandes fich einer Mafchine zum Bohren und Guillochiren der Siegel bedient. Es find eine Menge diefer Arbeiten von den Ausländern ausgeftellt worden, welchen keine Wiener Arbeiten entgegengeftellt werden konnten. In jeder Stadt Deutſchlands, der Schweiz, Englands, Frankreichs, Amerikas ift bei einem oder dem anderen Graveur eine folche Mafchine aufgeftellt, welche wunderfchöne Gravirung liefert. Warum in Wien diefe Arbeit nicht Eingang findet, ift dem Fachmann kein Geheimnifs. Derlei Siegel mit zwei Buchftaben und Rand mit guillochirtem Grund koftet 12 bis 2 Thaler. Siegel mit Firmen von 4 Thaler aufwärts. Die Gefchäftsleute des Auslandes wollen fchöne Siegel, die Gefchäftsleute Oefterreichs meift nur billige Siegel, und fomit läfst man bei Beftellung eines gebohrten Siegels - wenn ein folches Verlangen vorkommt!? es im Auslande anfertigen, und erfpart fich eine theuere Mafchine. Wohl verpackt wartet eine folche Mafchine für Siegelbohrung auf eine beffere Zeit feit vielen Jahren in dem Atelier eines Wiener Graveurs, welcher diefelbe wegen Mangel an Aufträgen wieder beifeite geben musste. Gravirung von Chablonen und metallographifche Arbeiten. Die Chablone, eine Graveurarbeit, welche auf verfchiedene Weife, und zwar entweder mit dem Stichel, dem Aetzen, der Laubfäge oder mittelft eines, wie ein Stemmeifen geformten Inftrumentes gefertigt wird, hat in der Collectivausftellung der Graveure fowohl, als auch aufser derfelben ihre Vertreter gefunden. Herr Luzanski hat durch feine Ausftellung fo ziemlich alle Verwendungsarten der Chablone gezeigt und mit Herrn M. Praffer die Collectivausftellung durch diefe Arbeiten bereichert. H. Schifchka, Firma Dinkler's Nachfolger, hat die Concurrenz in diefer Richtung zur Anfchauung gebracht durch feine verdienftvollen Arbeiten, und ift der einzige öfterreichifche Ausfteller, welcher eingeſetzte Buchstaben ftatt gravirten bei Selbftbefeuchtungs- Mafchinen und Handftempeln zur Ausftellung brachte. Die letztere Arbeit, eine wahre Geduldprobe, hat in der Schweizer Abtheilung der Wiener Weltausftellung einen Concurrenten gefunden, welcher fogar einen Preis für die Nachahmung feiner Arbeit ausgefetzt hat. Diefe Arbeit war für Cattundruck beftimmt. So intereffant diefe Arbeit ift, erfcheint fie wegen der aufserordentlichen Mühe, die fie forderte, wenig beachtet und wird, wegen ihrer ,, Künftlichkeit" nie als ein Product der Kunft gefchätzt werden, da jeder gute Holzfchnitt dasfelbe leiftet. Herr Schifchka hat daher wohl daran gethan, nur die praktiſche Seite diefer Arbeit zu zeigen, und ift ihm diefs auch vollkommen gelungen, da feine Arbeit den gravirten Stempeln Concurenz gemacht hat. Die Ausländer, befonders die Deutfchen graviren die Chablonen auf Kupferblech. Sie befitzen auch Einrichtungen, wo die Chablone fabriksmäfsig durch Prägung und Durchfchnitt erzeugt wird, diefelben dienen jedoch demfelben Zwecke, wie die in Oefterreich Graveur- und Guillochirarbeiten. 17 von Meffing- oder Zinkblech erzeugten, welche alle mit der Hand gefertigt werden und ift der Unterfchied nicht merklich. In Frankreich beftehen Etabliffements, welche fich nur mit Anfertigung von Chablonen befaffen, und ihre Agenten bereifen die Welt. um die Waaren an Mann zu bringen. Trotz diefer Concurrenz gibt es in Wien aufser den obengenannten Herren noch eine Menge Graveure, welche Chablonen erzeugen, und die Firmen L. Lindner, R. Mayer, F. Schöll, Zehngraf und Hecht, welche die Bedürfniffe des Kaufmannes an Graveurarbeiten decken, führen diefen Artikel meift eigener Erzeugung. Die Ausftellung des deutfchen Reiches, Gruppe XII, zeigte Chablonen für den Haushalt, für den Handel, für den Kaufmann und Chablonen für Kinder als Spielzeug, alle auf Kupfer gravirt oder durchgeätzt. Email und Emailgravirung. Ein weiterer Zweig der Gravirung bildet die Kunft des Gravirens für Email und die Emaillirung felbft. Wie eingangs erwähnt, ift diefe Technik fehr alt, wurde im vorigen Jahrhundert befonders cultivirt. In unferer Zeit ift die Kunft fehr vernachläffigt worden. Die Bijouterie- Arbeiten Oefterreichs mit Email bringen nur meiftens Handelsartikel als: Manchetten- und Hemdknöpfe, Bracelets, Ringe und Madaillons. Diefe Arbeiten entbehren jeder eigentlichen künftlerifchen Richtung und hängen vollſtändig vom Gefchmacke des Kaufmannes ab, welcher als Vermittler zwifchen Erzeuger und Confumenten fteht. Selbftftändigkeit und gediegener Gefchmack in der Zeichnung wie im Email ift daher felten zu finden, da die Chablone hier ihr Unwefen treibt. Zu keiner Zeit herrfchte eine folche Eintönigkeit in den Producten der Bijouterie, als diefs heute der Fall. Die herrfchende Mode und eine ängftliche Sorgfalt bei Bijouteriarbeiten, dem Emailleur wegen Zeitaufwand und Umftändlichkeit möglichft aus dem Wege zu gehen, fchadet diefen Arbeiten mit wenigen Ausnahmen fehr, fo dafs das Email nur mehr als Deckungsmittel befchränkter mittelmäfsiger Ausführung und zur Hebung des Effectes für fchlechte Steine dienen mufs. Aber auch diefe Arbeiten werden mit ängftlicher Vermeidung jedes Farbenwechfels nur mehr in Schwarz durchgeführt. Wäre nicht die Haft, mit der folche Arbeiten vom Emailleur ausgeführt werden müffen, würde der Emailleur nicht oft von dem Graveur abhängig fein ( denn nicht alle Emailleure find Graveure), fo würde durch das künftlerifche Zufammengehen zweier Factoren noch Gutes gefchaffen, aber durch Chablonenarbeiten find oft die talentvollften Arbeiter ihren Aufgaben entrückt worden. Es wäre jedoch ungerecht zu behaupten, dafs das oben Gefagte auf einen Rückfchritt in diefem Fache hinweife. Die Emaillirkunft hat in den letzten Jahren die gröfsten Fortfchritte nachzuweifen, befonders in der Behandlung des Emails auf unedlem Metall. Die ausgeftellten Arbeiten haben ein ganz klares Bild der Emailleurkunft gezeigt. Hier mufs in erfter Reihe der Arbeiten für kirchliche Kunft gedacht werden, mit welchen Herr Jofef Chadt in Wien die Ausstellung bereicherte und von denen der Berichterftatter über diefes Gebiet des Weiteren ſpricht. Aber nicht diefe Arbeiten allein find es, die ihm den erften Rang einräumen. Wir fahen bei der Ausstellung des Herrn Auguft Klein Gegenftände der Kunftinduftrie, welche von Chadt gefertigt waren. Hier zeigt fich ein Fortfchritt in der Nachahmung von Lapis lazuli, der Emailfchmelz auf Becher, Teller ect., fo dafs das Auge des Befchauers getäufcht, derfelbe diefe Objecte für Lapis lazuli halten kann. Um die Eintönigkeit zu vermeiden, hat Herr Chadt auf diefen Gegenständen Länder mit fortlaufenden Rennaiffance ornamenten in vielfärbigem Translucide Email angebracht und damit diefe Objecte zu kleinen Kunftwerken gemacht. Auch begegnen wir Limoufiner Emailarbeiten von dem Kunstgewerbefchüler Mach unter technifcher Leitung Chadt's gefertigt nach Zeichnungen von den Profefforen Laufberger und Storck, welche die ausgeftellten Limochen aller Länder 2* 18 J. Schwerdtner. an edler Zeichnung und vorzüglicher Technik übertreffen. Auch hier war es das k. k. Muſeum für Kunft und Induftrie, welches die Gelegenheit bot, fo Ausgezeichnetes zu leiften und hat die letztere Arbeit hier eine heimifche Stätte gefunden. Eine Ausftellung von Limoche hatte Frankreich aufzuweifen, welche beftechende Arbeiten enthielt, jedoch nicht im Stande war, obige Arbeiten in den Schatten zu ftellen. Die Collectivausftellung der Graveure Wiens hat in der Graveur- und Emaileurkunft eine Anzahl hervorragender Vertreter. Im Bijouteriefache mag hier die Ausftellung von Carl Edler( hors concours) erwähnt werden, da diefe Firma die ältefte in Wien ift, die diefe Arbeit in feinften Juwelierarbeiten cultivirt. Eine Anzahl der fchönften eleganteften Knöpfe und fonftige Emailarbeiten auf edlem Metall, neben der Ausftellung aller Emailforten haben uns über die Leiftungsfähigkeit diefer Firma aufgeklärt. In derfelben Branche für Juwelierarbeit ftellte eine bedeutende Expofition die Firma Gebrüder Sporer aus, und hat keine Koften gefcheut, um feine ausgedehnte Thätigkeit zu documentiren. Ohrgehänge, Bracelets, Brochen, Medaillons, Wappen für Albums etc. fertig montirt waren da zu fehen und es war daher ein Vergleich der inländifchen Thätigkeit mit dem Auslande möglich. Der Kunftinduftrie dienend hat die Ausstellung J. Rofchmann gezeigt, wie weit es die Technik des Gravirens Hand in Hand mit der Emaillirung gebracht hat, wenn man erwägt, dafs alle diefe Objecte aus unedlem Metall gefertigt werden. Die Farbenfchmelze von Rofchmann wurden auch vom Auslande gewürdigt. Seine Technik im Ausfchneiden, Verfchneiden und Montiren konnte man jedoch nur genügend bewundern, wenn man die Ausftellung des Hofbuchbinders Herrn Leopold Groner befah, welcher feine prachtvollen Bucheinbände und Albumdecken mit den Arbeiten des Herrn Rofchmann nach Zeichnungen des Architekten C. Groner verzieren läfst. Theile der Aufträge des Hofbuchbinders Groner bildeten die Ausftellung Rofchmann's. - Ferdinand Lehmann jun. reiht fich mit feinen Arbeiten, befonders mit feinem fchönen und durchfichtigen Farbenfchmelz auf unedlem Metall, an die Ausftellung des Obigen an, und Monogramme, Wappen etc. bilden die Expofition diefer Firma. J. Zapf, einer unferer ftrebfamften Emailleure, ein noch junger Mann, welcher feine künftlerifche Ausbildung auf der Kunftgewerbe- Schule des k. k. Mufeums gewann, hat vortreffliche Emailgravirungen in zahlreichen Muftern, figuralifche und ornamentale Arbeiten auf Silber und Bronce, translucide Emailarbeiten, Taffen mit Imitation von Lapis lazuli und Onyx inftructiv befchrieben. zur Ausftellung gebracht und Ankäufe des k. k. Mufeums, wie die Anerkennung Aller belohnten das Streben diefes Künftlers, welcher in die Fufstapfen des Altmeifters Chadt bei fortgefetztem Fleifse zu treten berufen fcheint. Hetzel hat nur mit fünf Stück translucider Emailarbeit die vier Evangeliften und Chriftus als Mittelftück die Ausftellung bereichert, und den Beweis geliefert, dafs auch für Technik die beften Kräfte vorhanden find. In translucide Email hat Hetzel, der nur figuralifche Arbeit ausgeftellt, auch keinen Concurrenten auf der ganzen Ausftellung gefunden und, wie erwähnt, nur der Ausftellungskaften Auguft Klein birgt ähnliche Arbeiten von Chadt. Jedenfalls hätte Hetzel eine gröfsere Wirkung mit feiner Arbeit erzielt, wenn er diefelbe auf einem Miffale deckel, umgeben von Gravirung und Emaillirung, ausgeftellt hätte, wozu wohl die Zeit gemangelt haben. In Emailarbeiten glänzte die Ausftellung Rufslands und nur hier konnte man den ganzen Erfolg, den die Emaillirkunft erringen kann, klar vor Augen fehen; die Gegenftände, auf welchen die Emailarbeiten und die Gravirung angebracht find, haben zumeift glatte Formen, welche durch das Schleifen des gefchmolzenen Emails bedungen wird. Hier tritt nun der Goldfchmied und der Silberarbeiter in den Hintergrund und räumt dem Graveur und dem Emailleur alle Ehren ein, die da zu holen. Hier mufs auch noch erwähnt werden, dafs der ruffifch- byzantinifche Stil wohl auch durch feine Farbenpracht, welche derfelbe bedingt, viel dazu beiträgt diefen Arbeiten folchen Reiz zu verleihen, doch möchte ich behaupten, dafs in Graveur- und Guillochirarbeiten. 19 Wien diefe Arbeit ebenfo gut und fchön gefertigt werden kann, wenn diefelbe verlangt wird. Auch das durchfichtige fchöne Roth ift in Wien ebenfo zu finden, als es in Rufslands Ausstellung zu fehen war, und wenn man die Preife erwog, welche für die ruffifchen Arbeiten verlangt und bezahlt wurden, kann ich gegen. über den hiefigen Preifen die obige Behauptung aufrecht erhalten. Die kirchlichen Emailarbeiten und Malereien auf Email waren fehr verdienftvolle Arbeiten, welche auf Anerkennung gerechten Anfpruch machen konnten. Die Firmen A. Poft rikoff, J. P. Klebnikoff und P. Owtfchinikoff haben das unbeftrittene Verdienft, viele Anregung mit ihren Ausftellungen gefchaffen zu haben. Die Niello- Arbeiten( ruffifch Email- Schwefelfilber) find als vorzügliche Arbeiten bekannt, aber fanden, da die Gravirung in der Zeichnung oft recht mittelmäfsig war, nur als techniſche Arbeiten Anklang. Auch Oefterreich fteht in diefer Beziehung mit fortfchreitender Technik da und die Ausstellung, namentlich der Firmen Markovits& Scheid und Cleeberg etc. brachte fchöne derlei Arbeiten. Frankreich hat auch Emailarbeiten für kirchliche Kunft durch Herrn Pouffielque Rufand, Paris, auf die Ausstellung gebracht und mit diefen Arbeiten einen ganz vorzüglichen Eindruck gemacht, jedoch die Wiener Arbeiten nicht übertroffen. Undurchfichtiges Roth in fchöner Farbe ift das Verdienft diefer Ausstellung. Die meifte Anerkennung für Arbeiten in Email gebührt der Firma Barbedienne in Paris, und Elkington& Comp. in London. Der Berichterstatter über Gruppe VII, Section 4, hat ihre Leiftungen umfaffend dargestellt. Taufchirte Arbeiten, das ift Gold- und Silbereinlagen in Eifen, waren in der Collectivausftellung der Graveure Wiens vertreten durch Herrn W. Nowak und Herrn Jofef Rutte. Diefe Ausftellung war infoferne intereffant, als fie die einzige derartige Arbeit auf die Ausftellung brachte. Nowak, einer unferer verdienftvollften Waffengraveure, hat eine Chatouille reich mit Ornamentengravirung in Eifen eingelegt mit plaftifchen verfchnittenen Goldfiguren in fchönfter Technik ausgeftellt; ihm zur Seite ftand fein verdienftvoller Concurrent Herr Rutte mit ähnlicher Arbeit, welche, da diefelbe zu fpät einlangte, von der Jury nicht mehr beurtheilt werden konnte. Die eigentliche taufchirte Arbeit, Ornamente von Gold und Silber flach in Eifen eingetrieben, ift in aufserordentlicher Technik von Spanien auf die Ausftellung gebracht worden. Zwei Firmen theilten fich in das Verdienft, die Proben von taufchirten und inkruftirten Arbeiten gezeigt zu haben und verweifen wir auch dafür auf den Bericht, Gruppe VII, Section 4. Die in taufchirter Arbeit ausgeftellten Arbeiten werden wohl dazu beitragen, diefer Technik jene Aufmerkfamkeit auch in Oefterreich zuzuwenden, welche bisher noch Unerreichtes erreichbar macht. An tüchtigen Kräften ift auch hierin kein Mangel. Stanzengravirung. Die Stanzengravirung, eine der wichtigften Arbeiten der GoldfchmiedeKunft und eine der fchwierigften techniſchen Arbeiten im Graveurfache, welche fich zu jeder Zeit Anerkennung zu verfchaffen wufste, war in der Collectivausftellung der Graveure durch die Herren Auguft Kleeberg und A. Beer vertreten. Kleeberg, einer unferer talentvollften Graveure, welcher im Bijouteriefache fchon feit Jahren thätig ift, hatte fich auch mit Erfolg auf die Gravirung von Medaillen verlegt, in letzterer Zeit jedoch eine Luxusftöcke- Fabrik ins Leben gerufen, welche die Goldfchmiede- Kunft mit der Gravirung und eigenen Prägeanftalt vereint, und kam daher in die Lage, fein volles Können und feinen künftlerifch gebildeten Gefchmack zu zeigen. Diefe Firma wurde mit der Medaille für 20 J. Schwerdtner. guten Gefchmack und mit der Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet und die zahlreichen Beftellungen und Ankäufe zeigen den Erfolg für fein thätiges Wirken. Eine vorzüglich gearbeitete Albumdecke, eine emaillirte Schale und diverfe gravirte und emaillirte Arbeiten, wie eine Serie feiner Emailftanzen und Medaillenftanzen, ebenfo Stanzen für Bijouterie bildeten feine Ausftellung. Der zweite Vertreter für Stanzengravirung ift der in Wien bekannte Graveur A. Beer, welcher fich eine eigene Prägeanftalt eingerichtet hat, um feine kleinere Medaillenarbeiten für Wallfahrtsorte felbft anfertigen zu können. Stanzen für Bijouterie, für Knopffabrication, Medaillenftanzen mit Porträts, geprägte Crucifixe in allen Gröfsen etc. bildeten die Ausftellung und es bedarf nur noch der Erwähnung, dafs Herr Beer feine Arbeiten in Prägung exportfähig gemacht und taufende Dutzend feiner geprägten Arbeit nach Jerufalem liefert, welche dort verkauft werden. Hermann Strobl, ein Schüler der Nürnberger Kunftfchule, feit zwei Jahren in Wien, hat mit feiner Ausftellung ein vielfeitiges Talent nachgewiefen. Will Strobl jedoch die günftigen Erfolge feiner Ausftellung ausnützen, fo gehe er den betretenen Weg der Medailleurkunft muthig vorwärts. Seine Arbeiten in diefem Fache, befonders im Porträtfache, wurden anerkannt und fichern ihm den Erfolg. Die Stanzengravirung für Bijouterie hat hier in Wien aufser den Obgenannten wenige Vertreter und es ift zu befürchten, dafs für diefe fchwierige Arbeit, welche viel Zeit, Mühe und Geduld erfordert, fchwer ein Nachwuchs herangebildet wird. In der Ausstellung der Schweiz begegnen wir einigen folchen Arbeiten, welche mufterhaft und fleifsig gearbeitet find und von der Firma C. Richard in Genf zur Ausftellung gebracht wurden. In der Gruppe XII neben den Collectivausftellern der Graveure hat Herr J. Chriftlbauer Arbeiten feiner Prägeanftalt ausgeftellt, welche, da diefelben für ausgeftellte Graveurarbeiten angefehen würden, durch den Reichthum in der Expofition auffallen mufsten. Herr Chriftlbauer, Mechaniker und tüchtiger Prägemeifter, zeigt in feiner Ausftellung alle Stadien der Hilfsarbeiten für den Medailleur und Stanzengraveur. Original- Tiefgravirungen fahen wir in Stahl ausgehoben vor unferem Auge, erhabene Graveurarbeiten neben eingedruckten Stanzen. Von Modellirungen gegoffene Stanzen, diefelben eingedrückt in Stahl für die Prägung. Medaillenftanzen auf mechanifchem Wege ohne Anwendung einer Mafchine verkleinert. Gut und fcharf geprägte Medaillen, Metalladreffen und geprägte Siegel bildeten diefe Ausftellung, welche den Beweis lieferte, dafs wir noch lange der Graveurmafchine für Medaillen entbehren können, denn Chriftl bauer's Talent unterſtützt den Graveur in jedem vorkommenden Falle. Eine Bemerkung fei jedoch erlaubt; Chriftlbau er würde mehr Anerkennung gefunden haben, hätte er feine ausgeftellten Objecte inftructiv befchrieben. Die Ausftellung der Prägeanftalt W. Pittner in der Mafchinenhalle, hat fich auf die Prägung der von dem Münzgraveur Herrn A. Scharff fehr verdienftvoll gravirten Ausftellungsmedaillen und Münzen befchränkt und gab dem Befucher der Ausftellung Gelegenheit, Medaillen und Münzen mittelft der Prägemafchine erzeugen zu fehen. Eine Ausstellungsmedaille wurde auch von der Firma V. Chriftefen aus Kopenhagen, von F. Schmalfeld, in der Mafchinenhalle auf der gewöhnlichen Preffe geprägt. Auch J. Chriftlbauer hatte eine Prägepreffe dort aufgeftellt, auf welcher Souvenirs der Ausftellung geprägt wurden. Noch erübrigt des Graveurs A. Redler in Wien zu gedenken, welcher kurze Zeit Chattons und Gallerien, für die Steinfaffung von den Juwelieren und Broncefchmuck- Fabrikanten, von einer Walze geprefst, ausftellte und zeigte durch feine Ausstellung, dafs man auch in Wien diefe Technik übt. Die Collectivausftellung der Goldarbeiter in Pforzheim zeigte Chattons und Gallerien, Auffätze etc. durch den Ausfteller Chr. Haulik, Goldarbeiterftanzen Graveur- und Guillochirarbeiten. 21 für Ohrgehänge, Brochen etc. von C. Krieger ebendafelbft in fehr fauberer Arbeit. Aufser diefen Arbeiten hat nur die Ausstellung der Schweiz noch gediegene Stanzenarbeit ausgeftellt, welche meiftens mit der Mafchine angefertigt und für Prägung von Emailarbeiten und Bijouterie beſtimmt waren. Die rege Theilnahme von Seite der Graveure, um das Zuftandekommen der Collectivausftellung der Graveure Wiens zu ermöglichen, mufs hier um fo höher gefchätzt werden, als es gerade unter Collegen, die fich bis dahin gar nicht kannten, ungemein fchwierig war, ein Verftändnifs herzuftellen. Die Graveure Wiens haben aber durch die Befchickung der Ausftellung das verdienftvollfte Materiale zur Beurtheilung aller Abzweigungen des Gravirens gefchaffen. Diefs wurde auch allgemein anerkannt und lobend erwähnt. Zahlreiche Prämiirung und viele Ankäufe von den Mufeen find der Beweis für den Kunstwerth der ausgeftellten Arbeiten in jedem Genre. Bedenkt man, welche riefige Opfer vom Graveur als Ausfteller verlangt wurden, als er mit Arbeiten für die Ausftellung des Kunstgewerbes überhäuft war, fo dafs es allen Theilnehmern gleich fchwer fallen mufste mit vorzüglichen Kunftproducten ihre eigene Ausftellung zu bereichern, fo mufs das Gebotene um fo mehr überraschen. Die Lücken in der Ausftellung von Gravirungen find als nicht vorhanden anzufehen, da ein grofser Theil befonders hervorragender Künſtler die Ausftellung nicht befchickte, welche durch ihre Arbeiten, die ebenfo bekannt als vorzüglich find, diefe Lücken wohl ausgefüllt hätten. Wir kommen daher zu dem Schluffe, dafs es an vorzüglichen Vertretern jeder Technik in Wien nicht fehlte. Würden die Aufträge, welche gröfsere künftlerifche Bildung erfordern, nicht fo felten fein, fo würde man nicht erft die vorzüglichften Arbeiter fuchen müffen. Das k. k. Mufeum für Kunft und Induſtrie hat durch feine Ausftellung und der durch das k. k. Muſeum beftellten Arbeiten, eine Menge Namen bekannt gemacht, welche bis dahin unbekannt waren. Herr Hofrath Eitelberger, welcher fich um die Kunft des Gravirens eifrig bemüht, um diefelbe zu heben, hat eine permanente Ausstellung moderner Graveurarbeiten neben den Ausftellungen anderer Arbeiten ins Leben gerufen, was als ein Erfolg der Wiener Collectivausftellung ausgelegt werden mufs. Könnten fich die Graveure auch noch entfchliefsen, durch gemeinfames Vorgehen diefe Kunft moralifch zu heben, das Bewufstfein zu ftärken, dafs der Graveur auch unter die Künftler zu zählen, eine Fachfchule ins Leben zu rufen, wo die älteren Meifter ihre Erfahrungen verwerthen konnten, würde auch bei den Schülern die Ueberzeugung Eingang finden, dafs das Graviren kein Handwerk fei, welches fich ohne befonderes Talent erlernen laffe. Die jetzt fo arg gefunkene Kalligraphie follte wieder an der Fachſchule neben den Begriffen von techniſcher Chemie gelehrt werden; nur fo müfste der Nachwuchs eine bedeutend beffere Stellung einft einnehmen können, als fich die Vertreter diefer Kunft heute rühmen können. PHOTOGRAPHIE. ( Gruppe XII, Section 4.) Bericht von JOSEF LÖWY, k. k. Hof- Photograph in Wien. EINLEITUNG. Wenn es noch irgend Jemanden gegeben haben follte, der den aufserordentlich hohen Werth der Erfindung des Lichtbildes, die tiefeingreifende Bedeutung der Photographie für den Culturfortfchritt nicht erkannt hätte, oder leugnen wollte, der mufste auf unferer grofsen Weltausftellung gründlich belehrt und bekehrt werden. Nicht nur, dafs die Photographie als graphifche Kunft durch die Expofitionen der ausübenden Fachmänner impofant vertreten war, und man hier die hohe Stufe der Vollendung, die fie bereits erreicht, ihre ehrenvolle Aufgabe und ihr erfolgreiches Wirken im Dienfte der Schönheit erkennen konnte, war fie auch als Hilfsmittel bei allen anderen Kategorien der Ausftellungsgegenstände, bei allen Gruppen der Ausftellung zu finden, und documentirte dadurch ebenfo ihre univerfelle Wichtigkeit wie ihre ausgedehnte Anwendung. - Welch' erfpriefsliche und werthvolle Dienfte hat die Photographie den Ausftellern nicht geleiftet! Viele, welche den geforderten und gehofften Raum nicht erhalten konnten, liefsen einfach die Gegenftände, welché fie nicht in natura ausftellen konnten, photographifch abbilden und vervollftändigten fo ihre Ausstellung. Andere fanden es angemessen, neben ihren Objecten ein photographifches Bild der Fabrik, der Werkstätten, aus welchen die erzeugten Gegenftände hervorgegangen waren, neben letzteren anzubringen; wieder Andere hatten fich Photographien ihrer ausgeftellten Gegenftände zum Zwecke des Vertheilens der Reclame- anfertigen laffen, ja wohl wenige Ausfteller gingen heim. ohne fich ein Andenken an die Ausftellung überhaupt, wie von ihrer fpeciellen Expofition von der Photographen- Affociation( von deren Thätigkeit ich später zu fprechen noch Gelegenheit nehmen werde) erworben und mitgenommen zu haben. Die Albums mit Photographien von Gold-, Silber- und Juwelierarbeiten, Broncegegenftänden, Möbeln und dergl., welche mehrere englifche und franzöfifche Firmen auflegten, repräfentirten wahre Prachtwerke. Der Orient und Indien konnten durch die Photographie ihre merkwürdigften Baudenkmäler und Götzen. ihre Volkstypen und Handwerks- Geräthe vorführen, Ausftralien wollte durch eine ganze Serie Landfchafts- Photographien, worunter manche herrliche Scenerie, wahrfcheinlich die Luft zur Auswanderung dahin erwecken. Im Militärwefen und Ingenieurfache waren Karten und Pläne ausgeftellt, welche durch Photo- Lithographie oder Photo- Zinkographie ausgeführt waren, felbft Werke der bildenden Kunft waren durch Photographien vertreten; ich erinnere nur an die Reproduction der Gemälde des belgifchen Malers Wiertz, Photographie. 23 In hervorragender Weife haben verfchiedene Zweige der Wiffenfchaften die Photographie als Darftellungsmittel auf der Ausftellung benützt, namentlich die Naturwiffenfchaft, welche kein bequemeres und geeigneteres Lehr- und Veranfchaulichungs- Hilfsmittel hätte finden können; auch die Anatomie und die Chirurgie hat fich in manchen Fällen durch die Lichtbilder vertreten laffen. Die Ausftellung zeigte uns, wie fchon Eingangs erwähnt, durch viele Proben, wie die Photographie fchon jetzt in alle Verhältniffe des menfchlichen Lebens gedrungen ift, allen Wiffenfchaften, Künften, Induftrien und Gewerben fich dienftbar macht; dafs aber noch ein grofses, weites Feld für fie zu erobern ift, dafs fie in alle genannten Gebiete noch viel tiefer eindringen mufs, foll dabei nicht geleugnet werden; wir können aber aufser Sorge fein, bei den grofsen Protectoren, welche die Photographie in der Kunft und Wiffenfchaft hat, fchreitet fie von Tag zu Tag einer höheren Stufe der Vollendung entgegen und bei dem mächtigen Einfluffe, den fie jetzt fchon ausübt, den aufserordentlichen Vortheilen, die fie jetzt fchon bietet, durch die jetzt endlich in ausgedehnterem Mafse praktiſch verwertheten Druckverfahren, die fich durch Billigkeit, Dauerhaftigkeit und fchnelle Erzeugung der Bilder auszeichnen, wird fie fich den Eingang bald und ficher auch dort erzwingen, wo ihr Nutzen jetzt noch überfehen wird. Die Zeit dürfte nicht allzufern fein, in welcher die Photographie gleich wie das Zeichnen und Modelliren in den Schulen gelehrt wird, und unfere Nachkommen werden ebenfo fchwer begreifen können, wie man fich früher ohne die Photographie behelfen konnte, als wir uns wundern, dafs es Culturvölker vor der Erfindung der Buchdrucker- Kunft gegeben hat. Meine Aufgabe ift, im nachftehenden Specialberichte weniger die Photographie zu befprechen, wie fie als Hilfs- und Erläuterungsmittel in den verfchiedenen Ausftellungszweigen vorkam, als vielmehr zu unterfuchen, wie diefelbe als Selbftzwek, als graphifche Kunft auf der Ausftellung vertreten war; die Expofitionen der Photographen der verfchiedenen Länder durchzugehen, und die Beftrebungen, Verfuche, Eigenheiten, die Refultate, Fortfchritte und Errungenfchaften, die fich da ergaben, zu notificiren. Bezüglich der Anordnung fei bemerkt, dafs die Reihenfolge der Länder eingehalten wurde, wie man fie, wenn man die Ausftellung vom Weftportale bis zum Oftende durchfchritt, vorfand. Da der Bericht nicht allein für Fachmänner, fondern für das allgemeine Publicum beftimmt ift, fo war ich bemüht, vom exclufive Fachlichen abfehend, demfelben eine allgemein verftändliche Form zu geben; auch fchien es mir aus demfelben Grunde nicht überflüffig, einen gedrängten hiftorifchen Rückblick vorangehen zu laffen. Die erften Verfuche, haltbare Lichtbilder herzuftellen, wurden von Davis in England( 1802) und Niepce in Frankreich unternommen, blieben jedoch ohne nennenswerthen Erfolg. Der letztere verband fich 1829 mit Daguerre und zehn Jahre fpäter, während welcher Zeit Niepce ftarb, war das Problem foweit gelöft, dafs man die Bilder der Camera obscura fixiren konnte, und zwar gefchah diefs durch Daguerre auf einer Silberplatte; zu Ehren des Erfinders wurde fein Verfahren Daguerrotypie genannt. Die Erfindung machte natürlich ungeheueres Auffehen und verbreitete fich fchnell über ganz Europa. Um diefelbe Zeit erfand ein Engländer Fox Talbot eine Methode, Bilder mittelft Chlorfilber auf Papier zu erzeugen. Die Methode befchränkte er darauf Zeichnungen zu vervielfältigen und zwar legte er unter einen Kupferftich oder eine Zeichnung ein mit Chlorfilber präparirtes Papier, und indem dasfelbe dem Lichte ausgefetzt wurde, blieben die durch die Contouren und Striche der Zeichnungen gefchützten Stellen der präparirten Unterlage weifs, wogegen fich die übrigen Stellen fchwärzten; auf diefe Weife erzeugte er Negative, welche wiederum auf lichtempfindliches Papier gelegt, dem Originale getreue Copien 24 Jofef Löwy. gaben. Durch diefe Frfindung trat die Photographie in die Reihe der vervielfältigenden Künfte. Talbot erfetzte fpäter auch die Daguerre'fche Silberplatte durch das mit Jodfilber getränkte Papier, um in der Camera obscura Negative zu erzeugen; der Rauhheit des Papiers wegen blieben die Erfolge mangelhaft, Niepce de St. Victor verfuchte diefem Uebelftande abzuhelfen, indem er als Bildträger für Negative eine mit Eiweifs überzogene und mit Jodfilber empfindlich gemachte Glasplatte ftatt des Papiers anwandte. Erft nach Erfindung der Schiefs- Baumwolle wurde durch Archer& Frig 1851 das eigentliche Negativ- Collod. Verfahren eingeführt, welches bis jetzt die Bafis des photographifchen Proceffes bildet. Von diefem Zeitpunkte angefangen machte die Photographie rafche Fortfchritte; man lernte die nöthigen Chemikalien in gröfserer Reinheit und Lichtempfindlichkeit darftellen, man benützte beffere Apparate, worunter namentlich die von Profeffor Petzval berechneten und von Voigtländer ausgeführten Porträt- und Landfchafts- Objective; das rauhe Chlorfilber- Papier für Pofitive wurde durch das feine Eiweifspapier erfetzt und die anfänglich unfchönen Farbentöne der Bilder wurden durch die Goldton- Bäder verbeffert. In letzterer Zeit wurde namentlich in Wien, um künftlerifch wirkungsvollere Porträts zu erzeugen, die Negativ- Retouche eingeführt und vielfeitig angewendet. Dafs die Einrichtung eigener zweckmäfsiger Ateliers, in welchen die Beleuchtung nach Bedarf regulirt werden kann, beim Fortfchritt in der Photographie keine geringe Rolle spielte, ift jedenfalls erwähnenswerth. Durch diefe fteten Vervollkommnungen ift der Silberdruck heute auf eine fo hohe Stufe gelangt, dafs eine noch höhere Entwicklung kaum denkbar ift; man wird defshalb fein Augenmerk und Beftreben auf die verfchiedenen, feitdem aufgetauchten anderen Verfahrungsarten für die Vervielfältigung richten müffen, welche hauptfächlich das Ziel haben, eine fchnellere und billigere Herſtellung photographifcher Bilder, verbunden mit gröfserer Dauerhaftigkeit derfelben, zu erreichen. Zu diefen Verfahrungsarten rechnen wir: Kohlenbilder, Emailphotographien, Photoxylographien, Photolithographien und Zinkographie, Galvanographie, Woodbury- und Lichtdruck, deren Proceffe wir hier in Kürze anführen und fchicken wir voran, dafs die merkwürdigfte Eigenfchaft der chromfaueren Salze darin befteht, dafs fie unter dem Einfluffe des Lichtes organifche Körper oxydiren; eine mit einem Chromfalz verfetzte Gelatinlöfung wird durch die Lichtwirkung unlöslich; auf diefer Erklärung beruhen zum Theil die nachfolgend befprochenen Verfahren. Kohlendruck. Um Papier zu diefem Verfahren zu präpariren, überzieht man es mit einer Löfung von Gelatine, Albumin oder Gummi mit Zufatz von etwas chromfaurem Salze; nach dem Trocknen belichtet man im directen oder zerftreuten Sonnenlichte hinter einem Negativ, nach der Belichtung wird auf das Papier eine Schichte typographifcher Tinte recht gleichmäfsig mittelft eines Ballens oder einer Rolle aufgetragen, und das alio behandelte Bild in Waffer getaucht; hier laffen alle diejenigen Theile, welche nicht von dem Lichte getroffen wurden, den fetten Körper fahren, während die anderen fo viel davon zurückhalten, als der gröfseren oder geringeren Lichtwirkung an den betreffenden Stellen entſpricht, die färbende Subftanz kann übrigens auch gleich der chromirten Gelatine zugefetzt werden, man hat dann nur nöthig, das fo behandelte Papier tüchtig auszuwafchen, die Zwifchenoperation des Einfchwärzens mit fetter Farbe fällt dann weg, man nennt diefes Verfahren das Kohlecopir- Verfahren; in der Anfangsperiode waren deffen Hauptvertreter: Poitevin, Garnier, Salmon und Pouncy. Eine wefentliche Verbefferung wurde von Blair angebahnt, welcher zuerft die Beobachtung machte, dafs fo präparirtes Papier, von der Rückfeite belichtet, die unlösliche Schichte viel inniger mit dem Papier verbindet. Emailphotographie, auf Glas oder Porzellan eingebrannte Bilder. Eine Mifchung von Eiweifs oder Gummi, Zucker und zweifach chromfaurem Photographie. 25 Kali auf Papier oder Glas aufgetragen, verliert durch Belichtung ihre Klebrigkeit; fand die Belichtung unter einem Negativ ftatt, fo wird, wenn man die Schichte mit feinem Farbenpulver einftreut, diefes Pulver nur an den nicht belichteten Stellen haften; man erhält folglich ein neues Negativ; war die Vorlage ein Pofitiv, fo wird auch der Abdruck ein Pofitiv, in allen Theilen dem Originale gleich. Wo das Licht voll einwirken konnte, wird nämlich die Schichte ganz hart und trocken und das Pulver gleitet über fie hinweg, nur die vor dem Lichte gefchützten Stellen bleiben klebrig und nehmen das Farbenpulver reichlich an, während in den Halbtönen die Schichte einen der Durchfichtigkeit diefer Töne genau entſprechenden Theil ihrer Klebrigkeit verliert, und daher mehr oder weniger Farbe annimmt; wird nun ein Farbenpulver, das aus Porzellan oder Emailfarbe befteht, und mit einem Flufsmittel verfetzt ift, auf eine mit obiger Schichte überzogene und belichtete Platte gebracht, fo kann das fo erhaltene Bild auf Glas, Porzellan oder Email eingebrannt werden. Derartige Bilder können auch auf Holz übertragen, und wie jede andere Zeichnung vom Xylographen gefchnitten werden. Photolithographie und Photozinkographie. Wie die mit chromfaurem Kali verfetzte Leim- oder Gummifchichte hat auch Asphalt die Eigenfchaft, feine Löslichkeit unter der Einwirkung des Lichtes zu verlieren; diefe Eigenfchaft wird benützt, um photographifche Ueberdrücke auf Stein oder Metall zu erzeugen. In Benzin gelöfter Asphalt wird gleichmäfsig auf Stein oder Metall gebracht, nach dem Trocknen unter einem Negativ belichtet, und die dann noch löslichen Stellen mit dem Löfemittel Benzin etc. wieder entfernt, wodurch das eigentliche Bild( Pofitiv) blofsgelegt wird; diefes Bild wird fodann geätzt und ift druckfähig. Das Verfahren eignet fich hauptfächlich für lineare Zeichnungen, doch ift auch fchon fehr Bemerkenswerthes und Schönes in Mitteltönen erreicht worden. Sehr günftige Refultate erhält man, wenn man von einer LichtdruckPlatte auf Umdruckpapier fette Abzüge macht, und diefe fodann auf einen Stein oder eine Zinkplatte überträgt und ätzt. Galvanographie. Die bei dem Kohlenverfahren angewandte Schichte von Leim und chromfaurem Kali zeigt nach der Belichtung und im feuchten Zuftande ein in den Lichtern erhabenes und in den Schatten vertieftes Bild, das heifst ein fehr genaues, dem Lichtbilde entfprechendes Relief. Wird diefes Relief mittelft Guttapercha oder einer anderen plaftifchen Maffe abgeformt, die Form durch Einftauben mit Graphit leitend gemacht, fo kann auf galvanoplaftifchem Wege ein Niederfchlag erzielt und eine auf diefe Weife gewonnene Platte wie eine gravirte Kupferplatte gedruckt werden. Woodburydruck. Woodbury benützte zu feinen Drucken ein ChromGelatinrelief, und machte von diefem mittelft einer hydraulifchen Preffe einen Abdruck in weichem Metall; das auf diefe Weife erhaltene Cliché wird mit gefärbter Gelatine übergoffen, Papier aufgelegt, in eine eigens hiezu conftruirte Preffe gebracht; nach dem Erftarren kann das nun fertige Bild von dem Cliché abgezogen werden. Albertty pie( Lichtdruck. Preffendruck). Nachdem es gelungen ift, durch Anwendung von Druckerfchwärze, welche die Garantie vollſtändiger Haltbarkeit bietet, photographifche Bilder ſchnell und billig zu vervielfältigen, läfst fich die Behauptung mit voller Berechtigung aufftellen, dafs diefer Zweig des Kunftdruckes für Kunft und Wiffenfchaft, Handel und Gewerbe ein ganz unentbehrlicher und unerfetzlicher Factor geworden ift. Es gibt kein anderweitiges Verfahren, welches Abbildungen fo vollkommen darzuftellen und fo getreu wiederzugeben im Stande wäre. Der erfte, welcher in diefem Zweige Vollendetes in die Oeffentlichkeit brachte, war Hof- Photograph Albert in München. Die bei dem Albert'fchen Verfahren beobachtete Manipulation ift folgende: Eine Glasplatte wird mit einer Schichte aus Leim, Albumin und chromfauerem Kali zufammengefetzt, überzogen, an einen vom Tageslicht gefchützten 26 Jofef Löwy. Ort gebracht und getrocknet, und hierauf von rückwärts, das heifst durch die Glasfeite belichtet, Leim und Albumin in Verbindung mit chromfaueren Salzen werden durch die Wirkung des Lichtes unlöslich, es findet demnach eine fehr fefte Verbindung diefer erften Leimfchichte mit der Glasfläche ftatt, auf diefe erfte Schichte, welche gleichfam die Unterlage für das zu empfangende Bild bildet, erfolgt nun ein zweiter Aufgufs für die eigentliche Bildaufnahme, ebenfalls von Leim und chromfauerem Kali, die Platte wird neuerdings natürlich mit Ausfchlufs von Tageslicht getrocknet, und hierauf unter einem gewöhnlichen Negativ je nach der Kraft desfelben und der Stärke des Lichtes länger oder kürzer dem Tageslicht ausgefetzt; nach hinlänglicher Belichtung wird die Platte von allem nicht reducirten Chromfalze durch öfteres Wafchen mit Waffer befreit, und ift druckfähig, es find nämlich alle jene Stellen im Waffer unlösbar geworden, auf welche das Licht durch das Negativ einwirken konnte, und dadurch geeignet, wenn man die Platte mit einer Schwärzerolle übergeht, fette Farbe anzunehmen, während die übrigen durch das Negativ vom Lichte gefchützten Stellen löslich geblieben oder doch wenigftens geneigt find, Feuchtigkeit anzunehmen und demzufolge beim Einwalzen mit der Schwärzerolle die Farbe abftofsen; die Platte mufs defs-halb während des Druckes wie ein lithographifcher Stein durch leichtes Ueberfahren mit naffem Schwamm immer etwas feucht gehalten werden. Die gröfste Manipulationsfchwierigkeit war, die Druckplatten dauerhaft herzuftellen, das Befeftigen der Schichte ift jedoch fchon fo gut gelungen, dafs die Druckplatten eine unbegrenzte Anzahl von Abdrücken ermöglichen. Erwähnen mufs ich noch, dafs diefe verfchiedenen Proceffe fich nur auf die Darftellung und Vervielfältigung von Pofitiven beziehen, für die Gewinnung der Negative blieb der Jodfilber- Procefs bis jetzt noch immer beibehalten, doch werden auch das Einftaubverfahren und der Kohlendruck zur Vervielfältigung der Negative mit Erfolg benützt. Die Photographie als graphifche Kunft auf der Weltausftellung. Wenn ich nun auf die Betrachtung der Photographie als graphifche Kunft auf der Weltausftellung übergehe, fo glaube ich vor Allem bemerken zu müffen, dafs trotz der reichen Betheiligung von Seiten der Photographen und des vielen Schönen und Gediegenen, welches hier vertreten war, doch die Expofition fo manchen Landes nicht die gegenwärtige wirkliche Höhe der Photographie in demfelben repräfentirte. Vertreten waren von fämmtlichen vorher erwähnten Verfahren in überwiegendfter Weife natürlich der Silberdruck, nach ihm der Lichtdruck, Heliogravuren und photographifche Umdrücke, Kohlendrucke, eingebrannte und Emailphotographien. Intereffant war es auch, zu beobachten, wie jeder Staat durch feine eigenthümlichen Verhältniffe in Bezug auf Kunftwefen, Induftrie oder durch feine mehr oder minder reichen Naturanlagen speciell auf einzelne Zweige der photographifchen Kunft mehr oder weniger fördernd wirkte, anderfeits, wie durch den Einflufs bedeutender Fachmänner das eine oder andere photographifche Fach befonders hervorragend zur Geltung gebracht wurde, wie z. B. in Deutfchland die Reproductionen von Gemälden und Zeichnungen, durch die ausfchliefslich diefem Fache gewidmeten Beftrebungen einzelner Photographen, fowie durch die Einflufsnahme und das Entgegenkommen der Künftler felbft; in Frankreich die verfchiedenen Druckverfahren durch die Betheiligung hervorragender Chemiker und Gelehrter( befonderen und bedeutenden Einflufs nahm die Société française de Photographie à Paris) und durch die Förderung der Kunftverleger, in Oefterreich das Porträtfach durch die unermüdlichen Anftrengungen einiger tüchtiger Photographen es gerade im Bildnifs zu einer befonders künftlerifchen Photographie. 27 Vollkommenheit zu bringen; in Italien haben die grofsartigen Bauten, und Denkmäler alter Kunft, fowie die herrlichen Landfchaften hauptfächlich auf die Cultivirung des architektonifchen und landfchaftlichen Faches eingewirkt, wozu auch der ftets immenfe Fremdenzuflufs befondere Aufmunterung gab. Beginnen wir nun unfere Wanderung. Amerika zeigte durch die ausgeftellten Porträts und Landfchaftsbilder, dafs aiefes Land der Photographie eifrige Pflege angedeihen läfst, und mit den Beftrebungen Europas gleichen Schritt einzuhalten fich bemüht; im Porträtfache waren namentlich die Bilder von W. Kurtz( New- York) fehr bedeutend und hervorragend, fie zeigten ebenfo excellente Technik, als künftlerifch feinen Gefchmack, waren aufserordentlich fchön in Ton und Beleuchtung; derfelbe hatte auch fehr bemerkenswerthe Porträts ohne Negativretouche ausgeftellt. Für Fachmänner und Freunde der Photographie war es lohnend, feine Bilder einer eingehenden Befichtigung zu unterziehen, da Kurtz durch fein empfundene Abtönung und Stimmung des Hintergrundes reizende Effecte zu erzielen verftand. Recht hübfche Porträts in fchöner Beleuchtung, zum Theil in Rembrandt Manier, hatte James Landy ( Cincinnati) ausgeftellt; derfelbe brachte auch recht hübfche, mit Humor aufgefafste Kinderbilder. W. R. Howell( New- York) fandte gute Damenporträts in ganzer Figur mit gut gewählten Hintergrund; auszuftellen war an denfelben nur die etwas zu abfichtlichen und coquetten Stellungen und die unnatürlich arrangirten Faltenwürfe. Durch gute Porträts waren noch Henry Rocher( Chicago) und Leon van Loo( Cincinnati) vertreten. Im Landfchaftsfache thaten fich vor Allen Thomas Houfe worth& Comp. Muybridge& C. E. Watkins, fämmtliche aus San- Francisco hervor; die Bilder waren meift in grofsen Formaten, fehr klar und fcharf, meift fchöne und dankbare Motive, von hübfcher Wirkung und fchönem Ton. Charles Bierftadt und Anthony& Comp.( beide aus New- York) hatten gelungene Stereofkopbilder, hauptfächlich Anfichten des Niagarafalles eingefandt; zu bedauern ift, dafs Aufnahmen von bedeutenden Brücken- und Bahnbauten gänzlich fehlten. Ich kenne viele folche Bilder aus dem Kunfthandel, und weifs, dafs diefelben namentlich von Ingenieuren fehr gefucht find. Wirkungsvolle, hübfche Reproductionen plaftifcher Werke( Reliefs von Thorwaldfen) hat Unnevehr( New- York) und gelungene mikrofkopifche Photographien Henry Richman( Cincinnati) gebracht. Alle genannten Photographien waren durch Silbercopien hergeftellt und keines der anderen Verfahren repräfentirt, obwohl wie ich weifs diefelben dort fchon vielfach Eingang gefunden haben. Ich glaube auch hier eine neue Art transparenter Glasbilder erwähnen zu follen, zu deren Herftellung die Photographie eine Vermittlerrolle ſpielt; es werden nämlich Photographien mittelft Gelatinfchichte oder Ueberdruck auf einer Glasplatte erzeugt und diefelbe dann unter einem Sandftrahl des Tilgman'fchen Sandgebläfes( der neuen fo grofses Auffehen erregenden amerikanifchen Erfindung) gebracht, wodurch das Bild alsbald in der feinften Nuancierung und Reinheit in dem Glafe vertieft( eingeritzt) erfcheint. Diefe transparenten Glasbilder haben eine wundervolle Wirkung und eignen fich zur Ausfchmückung der Salons etc. Ich bin überzeugt, dafs diefe Methode in der Glasinduftrie vielfältig und mit Vortheil Anwendung finden wird. Brafilien war durch Henfchel und Benque( Rio Janeiro) ver treten, welche hübfche Porträts und Vergröfserungen ausgeftellt haben. England. Obgleich die photographifche Ausftellung Englands durchaus nicht den Anfpruch auf Vollständigkeit machen konnte, und manche der erften Vertreter diefes Faches, wie Woodbury und Andere durch ihre Abwefenheit 28 Jofef Löwy. glänzten, konnte man aus dem Vorhandenen dennoch auf die bedeutende Höhe und Gediegenheit der Leiftungen in diefem Lande fchliefsen. Bemerkenswerth war das Streben der einzelnen Photographen nach einer gewiffen Originalität und eigenthümlichen Auffaffung entgegen den häufig fo fchablonenhaften Arbeiten der Photographen anderer Länder. Soweit fich die Eigenheit auf die Wahl ungewöhnlicher Darftellung bezieht, möchte ich ihnen nicht in allen Fällen das Wort reden, dafür glaube ich fie infoferne unbedingt loben zu können als fie fich in der Bemühung ausfpricht, zu jedem Motive, fei es Figuren- oder Landfchaftsbild, die geeignete Tonung und Beleuchtung zu finden ein Stimmungsbild hervorzubringen. - Solche Stimmungsbilder von feinfter Empfindung und der reizendften Wirkung konnte man in der englifchen Abtheilung finden, und fie zeigten fo recht den engen Anfchlufs und Zufammenhang der Photographie an die Kunft. Hervorragende Aufmerkſamkeit erregten die Bilder der Mrs. Julia M. Cameron( Freſhwater Bay Isle of Wight) und von Wortley Colonel Stuart( London); erftere hatte Köpfe und Figurenftudien ausgeftellt, in welchen fie im Arrangement und Wirkung Bilder alter Meifter( namentlich Leonardi) nachzuahmen verfuchte; fo eigenthümlich und in mancher Beziehung malerifch diefelben waren, fo möchte ich doch ihre Bildniffe von Darvin, Herfchel, Taylor, in Rembrandtmanier vorziehen; es find diefs directe grofse Aufnahmen; die fchönen Wirkungen derfelben find durch die Beleuchtung erzielt, und dabei weder Negativ- noch Pofitivretouche angewendet; leider ift das Photographifch- Technifche etwas vernachläffigt. Wortley erzeugt ein anderes Genre von Studienköpfen, ich möchte diefelben ftiliftifch gehalten nennen. Es find diefs beinahe lebensgrofse Bruftbilder in künftlerifcher Auffaffung ohne jede Retouche, nicht fehr fcharf in der Aufnahme, hiedurch aber wie durch die berechnete Simmung befonders malerifch wirkend, derfelbe Ausfteller hat auch Stimmungslandfchaften gebracht, in welchen jedoch die unruhig gehaltenen Wolken ftörend wirken. Schöne Porträts in gröfserem Format hat Marshal Wone( Douglas) eingefandt, Levis Abel( London) war durch recht hübfche Kinderporträts vertreten, die Londoner Stereofkopic und Photographic Company( London), bekanntlich eine der verdienftvollften Unternehmungen, war durch eine intereffante Collection Porträts von Berühmtheiten in Cabinet-, Vifit- und Stereofkopformat vertreten, in fchöner reiner Ausführung, dann durch excellente Stereoskope von Landfchaften mit malerifcher Staffage, welche diefen Bildern befonderen Reiz und natürliches Leben verliehen. Im Landfchaftsfache besonders hervorragend, am bedeutendften in diefem Gebiete in der Ausftellung waren die Stimmungsbilder von Robinfon& Cherrill( Tunbridge Wells). Diefe Bilder waren nicht nur durch die äufserfſt anziehenden Motive, fondern auch durch die aufserordentlich fchöne technifche Ausführung und wirklich wunderbare Beleuchtung im hohen Grade feffelnd, namentlich war eine Landfchaft in Abendstimmung darunter, von welcher fich der Befchauer fchwer trennen konnte: fie machten auf denfelben einen ähnlichen Eindruck, wie die Werke der poefievollften Landfchaftsmaler. Brownrigg( Dublin) und Beasley jun.( London) brachten ebenfalls gute Landfchaftsbilder, letzterer erzeugt fie mittelft Trockenplatten. Als Specialität zeigte fich Haes Frank( London), durch Photographien von Thieren aus dem Londoner zoologifchen Garten( Vergröfserungen) für Schulzwecke beftimmt und hiezu fehr geeignet; ebenfalls für Lehrzwecke beftimmte Photographien, fchöne Reproductionen von Kunftwerken hatte das South Kenfington- Muſeum( London) ausgeftellt. Schliefslich ift noch zu erwähnen, eine grofse Perfonengruppe, eine Zeichnung mit Benützung der Photographie im Formate der grofsen englifchen Stahlftiche, welche Lachlan Mc. Lachlan ( Manchefter) einfandte. Photographie. 29 Auch in der englifchen Abtheilung war mit Ausnahme des letzt genannten Bildes, welches in Autotypie( Pigmentdruck) ausgeführt ift, nur der Silberdruck vertreten, für den Fachmann ebenfo auffallend als bedauerlich, da in England manche der neueren Druckverfahren fchon zu einer bedeutenden Höhe der Vollkommenheit gebracht wurden und von dorther ebenfo intereffante als lehrreiche Proben hätten gefandt werden können. Spanien und Portugal waren nur fehr unbedeutend vertreten, und fcheint die Photographie auf keiner befonderen Stufe zu ftehen. Von den zwei Madrider Photographen Alviach& Comp. und E. Julia hat erfterer nur paffable Cabinetporträts ausgeftellt, während letzterer unfchöne Vergröfserungen brachte, dagegen ift aus Portugal wenigftens ein tüchtiger Photograph( Amateur) zu erwähnen, Carlos Relvas( Oporto), der fich ebenfo durch Vielfeitigkeit, als durch bedeutende künftlerifche Leiftungen auszeichnete, feine Porträts ebenso wie die Genrebilder, die Thierftudien, die Landfchaften und Architecturen waren gefchmackvoll im Arrangement, refpective gut gewählt und von tüchtiger technifcher Durchführung. Von den Architecturen ift namentlich das Innere des Klofters von Sta. Maria de Belem( Liffabon) als vorzüglich ausgeführt hervorzuheben. Auch die Sonnenaufnahmen des Obfervatoriums in Liffabon waren bemerkenswerth. Frankreich. Die Expofition der franzöfifchen Photographen zeichnete fich vor Allem durch günftiges Arrangement, dann aber durch Vielfeitigkeit und Trefflichkeit aus. Man fah, dafs fich die Franzofen auf allen Gebieten der Photographie umthun, dafs fie fich mit allen Verfahrungsarten und Proceffen eifrig befchäftigen, dafs fie aber auch höchft anerkennenswerthe Erfolge erringen. Ihre ausgeftellten Photo-, Litho- und Zinkographien, ihre Helio-( Galvano-) Gravuren ftanden unerreicht da, ihre Kohle- und Lichtdrucke waren dem Beften von anderen Ländern ausgeftellten gleich. Anderfeits konnte man aus der franzöfifchen Photographenausftellung erfehen, welch' grofsen Wirkungskreis und vielfältige Anwendung die Photographie auf den Kunft-, wiffenfchaftlichen, technifchen und induftriellen Gebieten fich bereits zu verfchaffen gewufst hat, und wie ihr die neuen fchnellen Vervielfältigungsarten( deren Einführung bei uns in Oefterreich fo viel Mühe und Opfer koften, und dabei noch mit Widerfachern zu kämpfen hat) fo treffliche Dienfte leiften. Im Porträtfache war Reutlinger's( Paris) Collection von grofsen Porträts, Köpfen, Studien und Genreftücken die hervorragendfte; die meiſten Bilder zeichneten fich durch fchöne effectvolle Beleuchtung und angenehmen feinen Ton, welcher hauptfächlich durch Anwendung einfacher tief geftimmter Hintergründe und Vermeidung überflüffiger Staffage erzielt wurde, aus. - Das Arrangement der Stellungen und der Toiletten fo wichtig in der Porträtphotograhie verriethen feines Formgefühl und verftändigen Gefchmack. Die Porträts von A. Lumiére( Lyon) wirkten durch fchönen, warmen braunen Ton; diefer Photograph verfteht es auch, die nicht immer günftige Beleuchtung feiner Porträts durch gute Negativretouche zu verbeffern. Walery Graf Oftorog,( Paris) hatte fehr wirkungsvolle Porträts und Naturftudien in Cabinet- und Vifitkarten- Format( Camée und gelatinirte) ausgeftellt; diefelben machen fehr hübfchen Effect. Ein neues Genre von Porträts fucht A. Bernoud( Lyon) einzuführen; derfelbe erzeugt die Bildniffe in Medaillonform, bei welchen der Namenszug des Porträtirten( durch doppeltes Copiren) zugleich erfichtlich ift. Bernoud befafst fich auch noch immer mit den fchon vor mehreren Jahren aufgetauchten, aber nicht fehr in Verwendung gekommenen Miniaturporträts auf Vifitkarten; die ausgeftellten Proben waren mit Feinheit und Gefchmack ausgeführt. 30 - Jofef Löwy. Geymet& Alker waren durch hübfche Porträt- Emailbilder, dann durch eine italienifche Landfchaft mittelft Verglaspulver dargeftellt- von ungewöhnlicher Wirkung vertreten. Auch Mathieu Deroche hatte vorzügliche Email- und eingebrannte Bilder, hauptfächlich Porträts eingefandt, ebenfo W. D. Alexandre und G. Comte de Roydeville. Alle diefe Bilder waren von fchöner, reiner und effectvoller Ausführung, konnten aber dennoch nicht auf befondere künftlerifche Bedeutung Anfpruch erheben. Das Landfchaftsfach im gröfseren Formate war leider nur fchwach vertreten, einige der bedeutendften Vertreter diefes Faches fehlten. Von den ausgeftellten Bildern find vor Allem die fehr fchönen Landfchaften, namentlich höchft ftimmungsvolle Waldpartien zu nennen, welche Harrifon( Asnières) eingefandt hatte, es ift wohl Jedermann die äufserft gelungene vergrösserte Landfchaft aufgefallen, die in ihrer fchönen Wirkung den Eindruck einer von excellenter Künftlerhand ausgeführten Kohlenzeichnung machte; Harrifon bekundet in feinen kleineren directen Aufnahmen( für welche er ein fehr gefälliges Format gewählt hat) aufserordentlich feine Empfindung in der Wahl feiner Motive, zu deren vorzüglicher Ausführung ihn feine bedeutende Technik wirkfam unterſtützt. Ferrier& Lecadre( Nachfolger von Bingham) waren durch wenige, aber vorzügliche Reproductionen von Gemälden vertreten; diefe Herren beftreben. fich fichtlich den hervorragenden Ruf ihres Vorgängers auf diefem Gebiete auch für fich zu bewahren. Auch das Haus Goupil, von dem ich weiter unten noch fpreche, hatte einige treffliche Gemälde- Reproductionen ausgeftellt. Wir kommen nun zu den excellenten Proben der verfchiedenen Arten von Phototypie; da that fich namentlich Rouffelon( maifon Goupil, Paris) durch Porträts und Architekturen in grofsen Format, mittelft Heliogravure, Kupferdruck in unübertrefflicher Reinheit und Zartheit der Töne erzeugt, hervor. Diefe Drucke waren von den Photographien kaum zu unterfcheiden und verdienten bei der bekannten Schwierigkeit, mit welcher die Ausführung einer Heliogravure verbun den ift und bei den vielen mifslungenen Verfuchen in diefer Richtung, die eingehendfte Beachtung. Einige von diefer Firma aufgelegte Albums zeigten in ihren höchft intereffanten Blättern, in welch' ausgedehntem Mafse diefelbe von der Heliogravure Gebrauch macht. Ebenfo waren die gleichfalls von Goupil ausgeftellten Kohledrucke in ihrer wundervollen Vollkommenheit wahrhaft überrafchend; fie übertrafen an Zartheit und Tiefe weitaus den gewöhnlichen Silberdruck und zeigten fo, welche Zukunft dem Kohleverfahren noch vorbehalten ift. Lefmann& Lourdel( Paris) hatten ebenfalls vorzügliche Bilder in Photo- Zinkographie ausgeftellt, die an Schärfe und Reinheit nichts zu wünſchen übrig liefsen und fich jeder Radirung zur Seite ftellen konnten. Ferner hatten Amand Durand und Baldus grofse Collectionen fehr guter Heliogravuren eingefandt, erfterer meift leichtere lineare Gegenftände, letzterer auch Naturaufnahmen mit vollen und Mitteltönen in fehr gelungener Ausführung. Fleury Hermagis brachte Reproductionen von Stahl und Kupferftichen auf photo- lithographifchem Wege in Sepiaton, fowie Kohledrucke in vorzüglicher Schönheit. G. Fortier hat Photo- Lithographien mit Anwendung verfchiedener Farben auf mattem Zeichenpapier, Papier de Chine und Seide ausgeführt, und gute Wirkungen darin erzielt. Die Photo- Polychromien des L. Vidal( Marfeille) zeigen eine neue höchft intereffante Anwendung der Photographie. In der Aufnahme verfchiedener fehr intereffanter mikrofkopifcher Gegenftände zeigte fich Jules Girard als fehr tüchtig. Im Stereofkopfache waren die bedeutendften und weltbekannten Photographen E. Lamy, J. Levy& Comp., auch J. Lachenal, Favre& Comp. vertreten, erfterer durch eine Sammlung intereffanter Anfichten auf Papier in Photographie. 31 vorzüglicher Schärfe und Reinheit ausgeführt, die beiden letzteren durch eine reichhaltige und fehr fchöne Collection von Glasbildern. Erwähnen wollen wir noch ein Tableau, welches die photographifche Gefellfchaft in Paris ausftellte und welches durch Bilder aus verfchiedenen Zeitabſchnitten einen Ueberblick über die Entwicklung der Photographie von ihren erften Anfängen bis zu ihrer heutigen hohen Stufe gab, und zeigte, welchen bedeutenden Einfluss die Gefellfchaft auf die Entwicklung der Photographie nahm. Von der Schweiz waren recht gute, ichöne Porträts und hübfche Genrebilder ausgeftellt durch Gebrüder Täfchler und Täfchler Signer( St. Gallen); bei beiden ift fchöne, natürlich einfache Auffaffung und hübfcher Ton der Bilder bemerkenswerth; auch die ausgeftellten Porträts von Ganz( Zürich) waren fehr fchön. Schade, dafs diefe anerkannte Firma nicht Mehreres ihrer vorzüglichen Leiftungen exponirt hatte; bedauerlich ift es, dafs die Aufftellung der Bilder höchft ungünftig und zu hoch war, es war kaum möglich, felbe ordentlich zu befichtigen. Auffallend und beinahe unbegreiflich ift es, dafs das Landichaftsfach fo unbedeutend vertreten war. Der einzige Charnaux( Genf) hatte eine Reihe hübfcher Landfchaften ausgeftellt, worunter jene in gröfserem Format als befonders gelungen zu bezeichnen find; man follte kaum denken, dafs in folch' pittoreskem Lande, wo jährlich Taufende von Menfchen hinwandern, um fich an der fchönen, herrlichen Natur Augenweide und Genüffe zu verfchaffen, fich bis jetzt kein bedeutenderer Landfchaftsphotograph gefunden hat. Von Italien haben einige bedeutende Photographen die Ausftellung befchickt, aber leider waren die Bilder zu fehr zerftreut, zu wenig überfichtlich exponirt, als dafs man ein klares Bild der Leiftungen Italiens durch diefelben erhalten konnte. Im Porträtfache ift hervorzuheben Anton Sorgato( Venedig), er brachte verfchiedene Porträts in grofsen Aufnahmen, recht wirkungsvoll und hübfch in Ton, techniſch und künftlerifch gut, auch feine Genrebilder, darunter befonders das Bild„ Die Heimkehr von der Ernte", waren fehr bemerkenswerth; ferner Gebrüder Vianelli( Venedig) mit ihrer Collection Porträts in grofsen Aufnahmen, alle in vorzüglicher Technik, aber nicht alle günftig in Pofe und Beleuch tang; nennenswerth im Porträtfach find noch die Leiftungen der Gebrüder Alinari und Michael Schemboche( beide in Florenz) und Angiolini& Comp.( Bologna). Bedeutender und beffer war das Architektur- und Landfchaftsfach vertreten, für welches das fchöne Italien fo mannigfaltige und dankbare Motive bietet; in erfter Reihe ift hier der rühmlich bekannte Photograph Carl Naya( Venedig) zu nennen, deffen kleinere Bilder, wie auch die ganz grofsen directen Aufnahmen fich purch fehr fchöne Beleuchtung, kräftigen, warmen Ton und ungemeine Schärfe auszeichnen; eine hübfche Wirkung machte das Bild der„ Marcusplatz in Venedig" in Mondbeleuchlung darftellend. Eine ähnliche Sammlung guter Anfichten von Venedig mit und ohne Mondbeleuchtung hatte Peter Bertoja( Venedig) gebracht. Jacob Roffetti( Brescia) fandte eine Anficht der Kirche in beträchtlicher Gröfse( 2 Meter Breite), felbe ift aber aus mehreren Stücken zufammengefetzt. Gebrüder Alinari( Florenz) exponirten eine etwas kleinere Abbildung des Gilbertithores, ferner waren noch hübfche Anfichten der Peterskirche und des Kolloffeums in fehr grofsem Format ausgeftellt von Cuccioni's Witwe( Rom), dann mehrere Albums mit Anfichten von verfchiedenen Photographen, jedoch wenig Beachtenswerthes darunter; aufrichtig gefagt, ich hätte mir von der Ausftel lung Italiens im photographifchen Landfchaftsfache viel mehr und Befferes erwartet. 3 32 Jofef Löwy. Von Schweden hatten ausgeftellt G. Joop& Comp., W. Lundberg, M. Jofephfon, alle aus Stockholm, recht hübfche, nett arrangirte Porträts in guter Ausführung. Eurenius& Qvift( Stockholm) brachten eine Anzahl guter Porträts, eine Collection Nationaltrachten( colorirt) und mehrere Blätter grofser directer Aufnahmen, innere Anfichten einer Ausftellung darftellend, in fehr guter techniſcher Ausführung, und aus Norwegen waren gebracht gute Porträts in kleinem und mittelgrofsem Format von L. Szacinski( Chriftiania), eine Reihe guter landfchaftlicher Bilder in hübfcher Ausführung von Selmer( Bergen). Dänemark. An der photographifchen Expofition Dännemarks haben fich wohl mehrere Photographen betheiligt, hervorzuheben find aber nur Budtz, Müller& Comp., Hofphotographen( Kopenhagen), durch die recht hübfchen Porträts in verfchiedenen Gröfsen. ferner Hanfen, Schou und Weller( Kopenhagen) im Porträtfache und durch ihre Collection dänifcher Nationaltrachten; fchliefslich J. Peterfen( Hofphotograph) durch eine Anzahl guter Porträts. Ferner hatten exponirt: C. Peterfen( Kopenhagen) eine Collection hübfcher Statuen von Thorwaldfen, L. Nielfen, Anfichten von Kopenhagen und Umgebung, S. Nielfen( Slagelfe) verfchiedene Mikrophotographien. Niederlande. Auch die Niederlande hatten die Ausftellung mit guten Photographien befchickt, und zwar zumeift mittelft Druckverfahren ausgeführte. M. B. Verveer( Haag) figurirte durch eine zahlreiche Collection Porträts( meift grofsen Formates) in Lichtdrucken, in welchen er fehr bedeutende Fertigkeit in der Technik, nicht minder auch künftlerifche Auffaffung bekundet; das an die Retouche gewöhnte Auge wird zwar durch manche der ganz ohne diefes Hilfsmittel ausgeführten Köpfe anfangs befremdend berührt werden, bei eingehender Befichtigung aber wird dasfelbe durch die Schönheit und anderweitige künft lerifche Ausführung vollkommen ausgeföhnt. Binger& Chits( Harlem) exponirten ein Album mit Copien fchöner Bilder und Zeichnungen mittelft Lichtdruck erzeugt, welche fich durch hübfche Ausführung und gute Technik auszeichneten, bemerkenswerth dabei war der bei den Bildern angewendete feine, nicht fehr glänzende Ueberzug, der wohlthuend wirkte. Von Mr. C. J. Affer( Amfterdam) war eine grofse Sammlung von Repro ductionen von Holzfchnitten und Stichen, in fehr guter Photolithographie vorhanden, er ftellte gleichzeitig die bezüglichen Matrizen und Steine aus; bei beiden fieht man feine bedeutende Routine und Technik; auffallend war, dafs die Drucke nicht fo fchön und rein waren, als man nach den Steinen fchliefsen konnte; erwähnenswerth ift noch die reichstypographifche Einrichtung( Haag), die Verfchiedenes in Photolithographie und Photozinkographie brachte, und mehrere Anfichten in gewöhnlichen Silberdrucken von F. S. v. Kolkow ( Gröningen). Belgiens Ausftellung war achtenswerth und zeigte, dafs auch dort die Photographen dem Fortfchritte huldigen und fich ernftlich mit den neueren Druckmethoden befchäftigen. J. Maes und Géruzet frères( Brüffel) brachten hübfche Porträts, einige davon in Kohledruck, fehr fchönen und kräftigen Tones mit fchönen Weifsen; erfterer auch Reproductionen nach Zeichnungen und Stichen in recht guten Lichtdrucken; das belgifche Kriegsdepôt hatte ausgeftellt eine bedeutende Anzahl verfchiedener Karten in Photolithographie in reiner, fcharfer und guter Ausführung; von bedeutendem Intereffe waren ferner die vergröfserten Photographien des Mondes von Adolf Neyt( Gent), dann eine grofse Collection gut ausgeführter Reproductionen gröfseren Formates der bekannten Wierz'fchen Gemälde von J. Fierlandtes( Brüffel). Photographie. 33 In Belgien wird übrigens viel mehr und mitunter noch Tüchtigeres geleiftet, als die kleine und unvollständige, wenn auch, wie gefagt bemerkenswerthe Ausftellung darthun konnte. Deutfchlands Photographen haben die Ausstellung quantitiv, wie qualitiv gut befchickt, leider war das Arrangement der Bilder ein höchft mangelhaftes, das heifst, es beftand eigentlich gar kein Arrangement, fondern die Photographien wurden, wo fich eben an der Wand ein Platz fand, gleichviel, ob hoch, ob niedrig, ob zugänglich oder nicht zugänglich, zwifchen und über Clavieren, Geigen, Metallwaaren und Ausftellungsgegenständen aller Art aufgehängt. Vieles dadurch natürlich viel zu hoch, um gut befichtigt zu werden, das Meifte in höchft ungünftiger Beleuchtung. Es wird leider eben von manchen Seiten der Photographie noch immer nicht die erforderliche und verdiente Rückficht gezollt und ihr Einfluss auf die Veredlung des Gefchmackes, ihr Werth für die Kunft und Induftrie nicht genügend gewürdigt. Im Porträt- und Genrefache ragte die berühmte Firma Löfcher& Petfch ( Berlin) hervor, ihre im Handel bekannten und fehr beliebten Genrebilder kleinen Formates haben fchon lange die Aufmerkfamkeit der Fachleute und Kunftliebhaber erregt, diefsmal brachten fie auch Genrebilder in Grofsformat( directe Aufnahmen) mit aufserordentlich künftlerifcher Auffaffung; ihre Porträts find von gleicher Vorzüglichkeit, und können manchem Fachmanne als Beiſpiel und Lehre dienen, wie man trotz einfacher und ruhiger Stimmung und bei Beobachtung feiner Linien und Töne doch Effectvolles erreichen kann; ferner haben Hanfftängl, Franz und Edgar( München), Bieber( Hamburg), Th. Prüm( Berlin), Robert Eich ( Dresden) recht hübfche Portrits und Genrebilder in verfchiedenen Gröfsen in vorzüglicher technifcher Ausführung und feinem Gefchmacke exponirt, nicht minder anerkennenswerthes und von gutem Erfolge begleitetes Streben zeigen auch die Porträts von J. C. Schaarwächter( Berlin) und die Genrebilder von Brafch ( Berlin). Carl Auguft Teich( Firma Hanfftängel in Dresden) behauptete wieder feine eigene Richtung in Porträts auf Ammoniumpapier zu copiren; die Bilder waren fehr fchön arrangirt, die Retouche derfelben zeigte feines, künftlerifches Verſtändnifs und Gefchmack, zwei Bilder mit Landfchaftshintergrund waren fchön componirt, jedoch von eigener Art der Durchführung, welche fich nicht für Maffenproduction eignet, und etwas durch den jetzt nicht mehr gewohnten blauen Ton befremden; hübfche, vergröfserte Porträts waren von Hanfftängl( München), Benque& Kindermann( Hamburg) ausgeftellt. Im Landfchaftsfache zeigte fich ganz befonders das gegenwärtige rege Leben und Schaffen der deutfchen Photographen, es wird in diefer Richtung fehr Vieles geleiftet, da der Handel und Export darin grofse Ausdehnung erlangt hat; leider fteht nicht Alles darin Erzeugte auf einem hohen künftlerifchen Niveau. Johannes Bernhard( Partenkirchen, Baiern) hatte eine grofse Collection vortrefflicher Landfchaftsbilder, Studienblätter für Maler eingefandt, diefelben waren techniſch gut ausgeführt, meift von fchönen, mit gutem Verſtändnifs gewählten Standpunkten aufgenommen; eine bedeutende Sammlung verfchiedener Landfchaften und Architekturen brachten auch G. M. Eckert und Franz Richard ( beide aus Heidelberg), Johann Nöhring( Lübeck), G. Koppmann( Hamburg). Julius Mofer fen.( Berlin) war durch eine Anzahl hübfcher Stereofkopbilder repräfentirt. Was das eigentliche Feld anbelangt, in welchem fich Deutfchland in der Photographie feit Langem hervorthat und wirklich Excellentes leiftete, ich meine in der Reproduction von Kunftwerken, fo fei vor Allem bemerkt, dafs die Ausftellung in diefer Beziehung nicht fo reich und vollkommen befchickt war, als man gewünſcht und gehofft hatte. Die erfte und hervorragendfte Stellung in diefem Zweige nimmt nach wie vor der baierifche Hofphotograph Albert( München 3* 34 Joief Löwy ein, der ja auch der Erfte war, der den Lichtdruck in grofsem Mafsftabe in Anwen dung brachte, und deffen grofser Erfolg mit den Blättern nach Zeichnungen von Kaulbach und anderen Meiftern fchon allgemein genügend anerkannt ift. Seine Lichtdrucke find aber auch fo vorzüglich und haben fich jetzt fchon fo vervollkommnet, dafs bei der Durchficht feiner in der Ausstellung ausgeftellten Albums es felbft dem Fachmanne fchwer war, diefelben von den Silberdrucken zu unterfcheiden. Eine gute Idee, welche von feinem Gefchmacke zeugt, ift es auch, dafs er die Lichtdrucke direct auf Carton druckt, und ich hoffe auch, dafs man mit der Zeit von dem Firniffen der Lichtdrucke gänzlich abkommen wird. Nächft Albert ift Fr. Bruckmann( München), Deutfchlands bedeutendfter Verleger in photographifchen Reproductionen, zu nennen; er brachte wohl nur eine kleine Auswahl aus feiner vortrefflichen Sammlung, wahrfcheinlich in der Vorausficht, dafs feine Photographien ohne diefs jedem Gebildeten bekannt find; feine ausgeftellten Woodburydrucke waren vorzüglich, und zeigten eine Tiefe und Kraft in Ton, ganz ähnlich wie fie bei den Eiweifsbildern zum Vorfchein kommt. Der Dritte, gleich vorzügliche Rivale Franz( Edgar) Hanfftängl aus der Kunftftadt München hat nebft den oben fchon erwähnten Porträts eine vortreffliche Collection photographifcher Reproductionen nach Oelgemälden( feine Specialität) in vorzüglicher Ausführung gebracht. Zu bedauern ift es, dafs aus Berlin, wo fo Vieles und Bedeutendes in diefem Fache reproducirt wird, namentlich von der Photographengefellſchaft dafelbft dann von Milfter etc. nichts exponirt war, nur Guftav Schauer( Berlin) fand fich mit einigen Bildern ein. Höchft Anerkennenswerthes in Thieraufnahmen war von dem bekannten Specialiſten Heinrich Schnäbeli, k. Hof- Photograph( Berlin) ausgeftellt; man fieht ftets an diefen Bildern, dafs er die Eigenthümlichkeit der Thiere genau ftudirt hat und deren Gewohnheiten und Launen gut kennt; befonders fchön find feine componirten Bilder; fie zeichnen fich durch malerifche und lebendige Auffaffung aus. Von Dr. Stein( Frankfurt am Main) waren gute und intereffante Photographien ausgeftellt, die ins Gebiet der Anatomie und Chirurgie fchlagen; über die Art der Ausführung und den dabei angewandten Apparat komme ich noch fpäter zu sprechen. A. Leisner( Waldenburg, Schlefien) hatte fehr fchöne Bilder auf Porzellan und Email in recht klarer Ausführung und von fchönem Ton eingefandt. Im Lichtdruck war Deutfchland am ftärksten und beften vertreten. Albert's Thätigkeit darin habe ich fchon oben erwähnt; nach ihm zeigte fich am hervor ragendften darin J. B. Obernetter( München), der Lichtdrucker par excellence feinem guten, praktiſchen und ficheren Verfahren ift es zu danken, dafs der Lichtdruck immer mehr Anhänger findet; feine ausgeftellten Bilder zeigen, dafs er jeder Gröfse und jeden Genres Herr wird, und feine prompten und fchnellen Lieferungen haben fchon manchen Widerfacher( welche Neuerung hat fie denn nicht?) eines Befferen belehrt; aufserdem find noch fehr achtenswerte und gute Gemofer Leiftungen darin von Römmler& Jonas( Dresden) und von ( München) zu nennen. Der Kohledruck war vorzüglich vertreten durch A. Braun( Dornach) derfelbe hatte meift grofse Bilder, Reproductionen alter Zeichnungen und Stiche in höchft gelungener Ausführung eingefandt. Oefterreich war felbftverftändlich quantitativ der reichlichft vetretene Staat, und qualitativ konnte fich deffen photographifche Ausftellung ohne Scheu mit den Expofitionen fremder Länder meffen; einer der befónderen Vorzüge der öfterreichifchen Ausftellung war das durch die Herren Profeffor Hornig und v. Melingo mit grofser Umficht, Ueberfichtlichkeit, Gefchmack und Verſtändniss geleitete Arrangement. Photographie. 35 Da in Oefterreich wie in allen übrigen Ländern Europas der Schwerpunkt des photographifchen Betriebes zumeift in der Haupt- und Refidenzftadt liegt, fo hat auch auf der Ausftellung Wien weitaus dominirt, und die gröfsten Fortfchritte zur Schau gebracht; in Wien hat fich fchon, als die Photographie fo zu fagen noch auf den Kindesbeinen war, ein grofses Intereffe für diefelbe bethätigt, und manche bedeutende Förderer diefer Kunft, wie Profeffor Petzval, Voigtländer, Bibliothekar Martin, Pretfch u. A. find aus diefer Stadt hervorgegangen und haben in jeder Hinsicht aufmunternd gewirkt. Von allen Gebieten der Photographie wurde in Wien von jeher das Porträtfach am eifrigften cultivirt, Publicum und Photographen haben fich hierin löblich unterſtützt; das grofsftädtiſche, rege, gefellige und gefellſchaftliche Leben die anmuthigen, fchönen und ftets grofsen Gefchmack in der Toilette entwickelnden Damen, die intereffanten und allfeitig beliebten Schaufpielerinen und Schaufpieler in meift fehr dankbaren Coftümen haben den Photographen grofsen Impuls zur fteten Vervollkommnung des Porträtfaches gegeben, wie der bald blühend in Schwung gekommene gegenfeitige Austaufch von Photographieporträts und der Sammlung derfelben in zierlichen Albums diefem Fache reichliche Befchäf tigung gab; anderfeits wurde diefe Vorliebe durch die eifrige und redliche Bemühung der Photographen, immer Neues und Vorzüglicheres zu bieten, auf die günftigfte Weife genährt. Da an der Spitze mancher Ateliers Männer von tüchtiger techniſcher Bildung und künftlerifchem Wiffen ftanden, bürgerte fich eine gefchmackvolle, malerifche Auffaffung ein, die Retouche wurde mit Verſtändnifs benützt, und auf forgfältige, gewiffenhafte Ausführung fowie elegante Ausftattung das gröfste Augenmerk gerichtet; fo hat fich, man könnte fagen, eine Wiener Schule gebildet, die durch manche ihrer Jünger auch nach Aufsen hin fördernd wirkte, und für Wien die Porträtphotographie zu einer Specialität erften Ranges empor hob; wo immer diefelbe auf den Ausftellungen erfchien, hat fie fich als folche hervorgethan, und allfeitige Anerkennung erworben. Die Wiener Porträtftudien find fo ein Handelsartikel geworden, der in alle Länder der Welt verfendet wird, und durch die Sammler, Künftler und felbft Photographen eifrige Abnehmer findet. Hof- Photograph Ludwig Angerer war der erfte, der ein grofses Atelier für Porträtphotographien in Wien eröffnete, und durch feine tüchtigen Leiftungen nicht nur die Aufmerkſamkeit des Wiener wie des auswärtigen Publicums auf fich zog, fondern auch vielen Fachmännern als Vorbild diente. welch' letztere ihm bald mit Eifer und theilweifem Erfolge nachftrebten. Auf der Ausftellung waren Ludwig und Victor Angerer durch gute Porträts und Landfchaften, durch fehr gelungene Interieurs und durch eine Anzahl der bekannten Blätter mit Abbildungen von Gegenftänden alter Kunftinduftrie aus dem Muſeum vertreten. Ludwig Angerer hatte auch verfchiedene fchöne Lichtdrucke ausgeftellt, welche bedauern laffen, dafs er fich mit diefem Verfahren nicht mehr befchäftigt. Das Porträtfach wurde durch das fpätere Einwirken mehrerer anderer tüchtiger Photographen wie Jagemann, Rabending, Luckhardt, Dr. Szekely, Gertinger, Perlmutter( Adéle), J. Löwy u. A. immer forgfältiger und künftlerifcher cultivirt, und kam dadurch wie auch durch die Einführung der Negativretouche zu fteigender Bedeutung und Beliebtheit. Was die einzelnen Ateliers betrifft, fo werden in denfelben in der Praxis verfchiedene Beftrebungen verfolgt, deren verfchiedene Erfolge man denn auch in der Ausftellung beachten konnte. Hof Photograph Herr Fritz Luckhardt zeigte fich namentlich in Damenporträts in ganzer Figur als Meifter in feinem Fache. Die mife- en- fcéne, das Arrangement der Perfonen und ihrer Toiletten, die Wahl des Beiwerkes, in welchem er grofse Mannigfaltigkeit entfaltete, fowie die Wahl der Hintergründe verriethen feines künftlerifches Verftändnifs und die technifche Durchführung war von einer 36 Jofef Löwy. Vorzüglichkeit, wie fie wenig andere feiner Collegen erreicht haben; fehr charakteriftifch waren die von diefem Photographen ausgeftellten grofsen Künftlerköpfe theils in Rembrandt'fcher, theils in gewöhnlicher Beleuchtung. Mit feinen gemalten hübfchen Stereofkopporträts hat er einen glücklichen Wurf gethan, hoffentlich gelingt es ihm, das Publicum für diefes Genre zu animiren, jedenfalls wird er die Photographen zur Nacheiferung anfpornen. Auch Gertinger brachte gelungene Künftlerporträts, ganze Figuren und Bruftbilder in directen grofsen Aufnahmen, aufserdem eine Collection- Porträts in Cabinet- und Vifitformat, welche fich durch gutes Arrangement und vorzügliche Technik bemerkbar machten. Dr. Szekely's reich befchickte Ausstellung fchlofs fich der vorgenannten vollkommen ebenbürtig an, auch er verbindet feinen künftlerifchen Gefchmack mit techniſcher Tüchtigkeit. Perlmutter( Adéle) hat durch die exponirten Bilder felbft die Fach. männer überrafcht; die Köpfe intereffanter Perfönlichkeiten, directe grofse Auf nahmen in höchft wirkungsvoller Beleuchtung, unterſtützt durch fehr freigebig angebrachte Retouche, machten bedeutenden Effect; auch die kleinen Aufnahmen waren gefchickt und wirkungsvoll. Rabending zeigte fich in verfchiedenen Richtungen tüchtig; Porträts, Interieurs, Perfonen zu Pferd und zu Wagen, Künftlerfiguren etc.; die letzteren, Coftumebilder hiefiger Künftler, waren namentlich dadurch intereffant, dafs fie in directem Sonnenlichte mit gut gewählter, natürlicher Staffage aufgenommen waren. Ausserdem waren von ihm fchwarze photographifche Porträts in der Manier der Chromophotographie ausgeftellt, die wir wohl als einen vorläufig nicht ganz geglückten Verfuch anfehen können. Ziemlich reich war auch das Atelier J. Löwy im Porträtfache, erfter Affiftent L. v. Krakow, vertreten, wovon namentlich die directen grofsen Aufnahmen durch fchöne Wirkung fich bemerkbar machten; bei diefen wie bei den kleinen Porträts war das Beftreben herauszufühlen durch einfache, und ruhige Stimmung und Vermeidung alles überflüffigen Beiwerkes eine angenehme Wirkung zu erzielen. Ganz einfache, aber dennoch fehr wirkungsvolle Stimmung zeigten Jagemann's kleine und grofse Porträts, von welchen auch die geläuterte künftlerifche Auffaffung und das feine Formverſtändnifs zu loben war; eine Sonderftellung nimmt derfelbe gegenüber den anderen Photographen noch immer dadurch ein, dafs er die Negativretouche fehr mafsvoll anwendet. Nicht übergehen können wir auch die recht hübfchen Porträts von Stockmann, dann die reichhaltige und intereffante Collection Wiener Damen- und Studienköpfe aus Czihak's Verlag; C. Matzner's Genrebilder mit hübfchem, paffendem landfchaftlichem Arrangement, die grofsen Porträts und gut arrangirten Gruppen von Carl Kroh fowie die Porträts der Hof- Photographin Rofa Jenik, Jofef Hoffmann, Othmar v. Türk, Jofef Ungar und Xaver Maffak. Aus den Provinzen ift im Porträtfache vor allen G. Sebaftianutti( Trieft) hervorzuheben; er hatte eine reichhaltige Sammlung fchöner, kleiner und grofser Porträts ausgeftellt, fämmtliche hübfch aufgefafst und wirkungsvoll. Sebaftianutti machte fich in verfchiedenen Richtungen bemerkbar, auf die ich noch zurückkomme; ihm reihte fich beftens J. B. Rottmayer( Trieft) an mit feinen recht hübfchen, malerifch wirkungsvollen Genreporträts in Rembrandt- Beleuchtung, ferner hatten recht gute Porträts ausgeftellt G. Klöfs( Peft, A. Red( Linz) Beer( Klagenfurt). In Vergröfserungen war zwar nicht viel, aber manches Treffliche zu fehen, die gröfste Serie war von J. Löwy in der additionellen Ausftellung exponirt, Gertinger hatte fehr hübfche Bilder mit und ohne Retouche gebracht; von Rottmayer( Trieft) waren zwei grofse Knieftück- Bilder und ein grofses Gruppenbild( Kinderporträts) fehr fcharf, in fchönem Ton und guter Retouche vorhanden. Franz Scholz( Wien) hatte Vergröfserungen mit etwas zu vieler Retouche exponirt, auch Sebaftianutti( Trieft) hatte einige gelungene Vergröfserungen Photographie. 37 eingefandt. Chromophotographie- Porträts waren durch Kofitz( Prefsburg) in fehr kräftigem und naturwahrem Colorit vertreten. Die Landfchaftsphotographie hat fich erft feit einigen Jahren zu einer gröfseren Bedeutung in Oefterreich emporgefchwungen; früher befchränkte fich diefelbe faft nur auf die Aufnahmen verfchiedener Anfichten des vielbereiften Salzkammergutes, in neuerer Zeit hat aber das Landfchaftsfach reichlichen und dankbaren Stoff durch die vielen und intereffanten Bahnbauten, fowie die grofsartigen Achitekturfchöpfungen in Wien erhalten. Unter den Photographen, welche diefe Richtung mit befonderem Nachdrucke und Erfolg pflegten, ftanden die Ateliers Dr. Heid, Löwy( technifcher Leiter Max Jaffé) Victor Angerer obenan. Die Expofition des Erftgenannten, Dr. Heid, beftand aus einer reichen Auswahl äufserft gelungener intereffanter, landfchaftlicher Scenerien, worunter befonders die grofsen Aufnahmen der Steinbrüche der Wiener Baugefellſchaft und der Anfichten aus Vordernberg hervorzuheben find. Löwy hatte einige Blätter feiner Aufnahmen von Bahnbauten der Nordweft- Bahn und der Carlsftadt- Fiumaner Strecke exponirt, aufserdem noch Wiener Anfichten und grofse directe Aufnahmen der Votivkirche und der neuen Fünfhaufer Kirche, Statuen etc. Max Jaffé feparat das Veftibul der Oper und des Muſeums fehr fchön in grofsen directen Aufnahmen. Victor Angerer brachte ein Album mit vortrefflichen Wiener Anfichten, darunter mehrere Interieurs und fuperbe Anfichten aus Steiermark und Carl Haak auch eine Serie vorzüglicher Anfichten Wiens, ebenfolche brachte auch die Firma Frankenftein& Comp. Baldi( Salzburg) rückte den Befchauern das herrliche Gebirgspanorama diefes Landes, von vortrefflich gewählten Standpunkten aus aufgenommen und in fehr hübfcher Ausführung vor, Johann Reiner ( Klagenfurt) prächtige Anfichten aus Kärnten, G. Klöfs( Peft) mehrere fehr gelungene Aufnahmen von Fabriken etc. F. Jantfch( Reichenberg) verfchiedene Anfichten. Aeufserft gelungen und fchön waren die grofsen Aufnahmen und Interieurs der Kirche in Steinamanger, fowie einige darin befindliche Deckengemälde von Franz Knebel( Oedenburg) und verfchiedene Landfchaften von F. Friedrich( Prag). Von Friedrich Bopp( Innsbruck) war eine fehr intereffante Collection Basreliefs und alter Rüftungen in grofsen, fchönen Aufnahmen ausgeftellt. Ebenfo hochintereffant und vorzüglich in der technifchen Ausführung waren die Landfchaften und Volkstypen, von der Polarexpedition des Johann Grafen Wilczek, einige Aufnahmen darunter mittelft Tanin- Trockenplatten gemacht, und die trefflichen Bilder aus China und Japan vom Hof- Photographen Wilhelm Burger( beide aus Wien). Freiherr v. Still fried exponirte eine bedeutende Collection fowohl kunftlerifch als techniſch vorzüglicher Landfchaften und Anfichten aus Japan. Als eminenter Specialift zeigte fich L. Schodifch in Thieraufnahmen; diefe Bilder die beften diefes Genres auf der Ausftellung zeugten von feiner Empfindung und Auffaffung. Franz Antoine exponirte eine Collection fehr fchöner Photographien aus feinem Werke( die Cupreffinengattungen); die Pflanzen find aufserordentlich gut zur Darstellung gebracht, ferner zeigte er Reproductionen von Stichen- und Handzeichnungen, vortreffliche Kohlendrucke in verfchiedenen Farbentönen. Carl Haack( Wien) excellirte in Mikrofkop- Photographie, derfelbe brachte auch eine Anzahl fehr guter Reproductionen von Gemälden, älterer und neuerer Meifter. Erwähnenswerth find noch die Stillleben( Aufnahmen von todtem Geflügel) von Julius Schindler( Wien), die Aufnahmen von Blumen und Infecten von Friedrich( Prag) und verfchiedene Aufnahmen von Mafchinen Skutta( Wiener Neuftadt). von Carl Die Photographie in ihrer Anwendung auf induftriellem Gebiete zeigte fich in Oefterreich gering vertreten, man beginnt jedoch auch diefes Feld 38 Jofef Löwy. mehr und mehr zu cultiviren, wozu hoffentlich die vermehrte und allgemeine Einführung des Lichtdruckes und anderer Druckverfahren hilfreich Hand leiften wird. In Heliogravuren und Photolithographien zeigten das k. k. militärgeographifche Inftitute in Wien, die eminenteften und hervorragendften Leiftungen auf der Ausftellung; diefs wurde auch von der Jury durch die Ver leihung des Ehrendiploms anerkannt Schon feit Langem find die Leiftungen diefes Inftitutes in Karten, auf photographifchem Wege erzeugt, bekannt, diefsmal brachte es jedoch felbe in einem fehr grofsen Format und in einer bisher noch nirgends erreichten Reinheit der Ausführung; die Reproductionen( Copien von Stahl- und Kupferftichen, Landfchaften, Köpfe etc.) in Heliogravure mittelft Galvanoplaftik erzeugt, find überrafchend, die Abzüge zeigen eine Tiefe und Kraft und eine érftaunliche Reinheit und Wirkung, von den beigelegten Originalen nicht zu unterfcheiden. Die mitausgeftellten Steine und Kupferplatten waren überaus trefflich. Hauptmann Joh. Schopf( Wien) brachte auch recht bemerkenswerthe Photolithographien, nämlich verfchiedene Pläne und Spitzenmufter. Der vielfeitige, gediegen technifch gebildete und äufserft ftrebfame Jul. Leth( Wien) hatte eine bedeutende Collection Emailphotographien, PhotoLithographien, Xylographien und Phototypien, alle in vorzüglicher, fchöner Aus führung ausgeftellt. Der Lichtdruck war vertreten durch Ludwig Angerer, wie fchon oben erwähnt, von dem ebenfalls fchon genannten Sebaftianutti( Trieft), welcher in diefem Fache reichlich und mannigfaltig ausgeftellt hatte, ich erinnere an die mit aufserordentlicher Feinheit und Zartheit wiedergegebenen Porträts, die verfchiedenen reizenden Anfichten von Schlofs Miramare, in kleinerem und recht grofsem Formate, darunter auch einige vortrefflich aufgenommene Interieurs. Löwy( Wien), der fich erft feit Kurzem mit dem Lichtdrucke befchäftigt, brachte einige Anfichten aus Japan nach Matrizen von Baron Stillfried, einige Wiener Anfichten, fo wie mehreres auf photolithographifchem Wege Erzeugte; zugleich demonftrirte derfelbe das Druckverfahren durch eine in der Ausftellung aufgeftellte Preffe praktiſch vor dem Publicum; endlich war noch Alexander Beczedes( Gran) durch recht hübfche Landfchaftsbilder und fehr gute Repro ductionen von Stichen, mittelft Lichtdruck erzeugt, vertreten. Wir fehen, dafs fich Oefterreich mit Eifer auch den neueren photographifchen Verfahren zuwendet, es wird wohl auch der jetzt noch unbeachtet gebliebene Kohledruck und Woodbourydruck hoffentlich bald Eingang finden, und überhaupt die Photographie in allen ihren Zweigen mit Ernft und Beachtung aller wichtigen Neuerungen gepflegt werden. Die rührige photographifche Gefellſchaft wird es an Anregung, Initiative und Unterſtützung ihrerfeits gewifs nicht fehlen laffen, vielleicht läfst fie fich beftimmen, nach den Beiſpielen der photographifchen Gefellſchaften in Paris und London periodifche photographifche Ausftellungen zu veranstalten, zu welchen es jetzt wohl an geeigneten und paffenden Localen in Wien nicht fehlt, und welche gewifs fowohl in Bezug auf die Photographen als auf das Publicum zu den erften Förderungsmitteln diefes Kunftzweiges gehören; an Intereffe und lebhafter Theilnahme hiefür dürfte es wohl auf beiden Seiten nicht fehlen. Ungarn. Die photographifche Ausftellung Ungarns war gerade nicht fchwach befchickt, dennoch können wir nur Einiges hervorheben; mehrere der bedeutenderen Photographen hatten unter Oefterreich, als Mitglieder der photographifchen Gefellfchaft ausgeftellt, und wurden auch dort genannt. Hervorragend in der ungarifchen Abtheilung war das Porträt und Genrefach repräfentirt, in letzterem lernten wir namentlich in Profeffor Koller( Biftritz, Siebenbürgen) einen äufserft tüchtigen Vertreter kennen, der in diefem Zweige kaum von irgend einem Anderen übertroffen wird. Seine Bilder, in denen er meiftens Scenen aus dem Siebenbürger Dorfleben fchildert, zeichnen fich vor Allem durch eine natürliche, malerische und Photographie. 39 lebendige Gruppirung aus, und find auch in techniſcher Hinficht tadellos ausgeführt; indem er für feine Darftellungen ftets charakteriftifche Typen und getreue Coftüme wählt, haben diefe Bilder entfchieden auch ethnographifchen Werth und Intereffe. Die Chromophotographien Profeffor Koller's, die fchönften der Ausftellung, laffen nicht minder den feinfühligen Maler erkennen; diefelben leiden auch nicht, wie fonft gewöhnlich, durch unnatürliche, affectirte Farbe, fondern find im Gegentheile fehr harmoniſch und fein in ihrer Wirkung. Eine fehr fchöne und fchwierige Aufgabe hatte fich Michael Rupprecht ( Oedenburg) geftellt, er brachte nämlich Kinder in ihren Spielen und Beluftigungen, in den verfchiedenften Gruppen, welche in ihrer Natur und Ungefuchtheit, in ihrem lebendigen, frifchen Humor, wie durch ihre gelungene Ausführung ihre anfprechende Wirkung auf Niemanden verfehlten; namentlich wer die Schwierigkeit von Kinderaufnahmen kennt, wird diefe Bilder befonders zu würdigen wiffen. Eduard Ellinger( Peft) hatte hübfche Porträts eingefandt, worunter zwei fchöne, in Aquarell übermalte Bildniffe Prinz Ludwigs von Baiern und Prinzeffin Gifela; mit recht guten Porträts waren weiters Béla Gevay, Franz Kozmata, Albert Doktor, Ignaz Schrecker( alle in Peft) vertreten. Im Landfchaftsfache war aus Ungarn wenig exponirt. Carl Diwald( Peft) brachte hübfche Karpathenlandfchaften in guter Auffaffung und guter Technik. Elias Plohn( Hödmezö- Váfárhely) und Max Stern( Trentfchin) zeigten recht gute landfchaftliche Aufnahmen. Rufsland. Ziemlich lebhaftes Intereffe boten die Photographien aus Rufsland, und man konnte aus denfelben erfehen, dafs auch in diefem Reiche fo ziemlich alle Zweige der Photographie gepflegt werden. Im Porträtfache ift zuerft Carl Bergamafco( Petersburg) zu nennen, welcher fehr fchöne Cabinetporträts, die fich durch gefchicktes Arrangement, höchft wirkungsvolle Beleuchtung und tiefen kräftigen Ton auszeichneten, ausftellte; der prächtige Effect, durch welchen die Bilder Bergamafco's auffallen, ift durch fehr dunkle Hintergründe, weifse Lichter und fchöne, harmonifch verbindende Mitteltöne erzeugt; denfelben reiht fich würdig an Johann Mieczkowski( Warfchau), deffen Porträts, grofse directe Aufnahmen, wenn auch künftlerifch nicht immer glücklich aufgefafst, doch alle von tüchtiger technifcher Vollendung zeugten; fehr fchön waren feine Kohlebilder und kaum vom Silberdruck zu unterfcheiden. Auch Koftka& Mulert ( Warfchau) hatten gute directe Aufnahmen groiser Porträts ausgeftellt. Denier und Johann Hoch( beide aus St. Petersburg) hatten Bilder ohne Negativretouche( durch Anwendung doppelter Negativs copirt) eingefandt. Die Lichter auf diefen Bildern zeigten fich durch diefes Verfahren weiſser, aber auch etwas härter. Im Landfchaftsfache und Lichtdrucke hatten Dutkewicz und Fajans( beide in Warfchau) manches Bemerkenswerthe ausgeftellt. Im hohen Grade intereffant war die Ausftellung der kaiferlich ruffifchen Expedition zur Anfertigung von Staatspapieren, in ihren Karten und Plänen und anderen Objecten, in welchen die bedeutende Leiftungsfähigkeit der Heliographie ( Director der bekannte Scamoni) wie der Galvanoplaftik erfichtlich war; diefelbe hatte ein ebenfo bemerkenswerthes als lehrreiches Ausftellungsobject geliefert. Griechenland war durch Peter Moraitis( Athen), einen fehr tüchtigen Landfchaftsphotographen, vertreten;. er brachte eine bedeutende Collection grofser Aufnahmen von landfchaftlichen, architektonifchen Anfichten und Denkmälern Griechenlands in fehr fchöner Auffaffung und vorzüglicher Technik. Aus der Türkei lernten wir einen fehr bedeutenden, tüchtigen und viel feitigen Photographen in P. Sebah( Conftantinopel) kennen; derfelbe brachte verfchiedene grofse landfchaftliche und architektonifche Anfichten von Conftantinopel und Egypten in fehr fchöner Auffaffung und vollendeter Technik; auch die 40 Jofef Löwy. exponirten Interieurs und das grofse Panorama von Conftantinopel aus mehreren Aufnahmen zufammengefetzt find vorzüglich gemacht, aufserdem zeigte er noch recht hübfche Porträts und mehrere Bilder in Lichtdruck und Photolithographie in vortrefflicher Ausführung. Egypten. Eine fehr hübfche Collection von verfchiedenen und vortrefflichen Photographien war in dem egyptifchen Bau des Khedive vom Photographen Schöfft( Kairo) ausgeftellt. Schöfft hatte vom Vicekönig den ehrenden Auftrag, Land und Leute Egyptens in Photographien zur Anficht zu bringen, und er hat diefe Aufgabe fehr entſprechend gelöft. Die von ihm gebrachten Genrefiguren und Gruppenbilder in directen grofsen und kleinen Aufnahmen waren fehr malerifch und charakteriftifch aufgefafst und in vorzüglicher Technik ausgeführt, von gleicher Vorzüglichkeit waren auch die grofse Anzahl feiner Aufnahmen der egyptifchen Bauten und der neuen dortigen Fabriksanlagen, fowohl Interieurs als Exterieurs. Die Thätigkeit der Wiener Photographen- Affociation für die Weltausftellung 1873. Es bedarf wohl keines befonderen Hinweiſes, dafs der Photographie bei den grofsartigen internationalen Ausftellungen eine ganz befonders wichtige und umfangreiche Aufgabe zufällt. Durch die Photographie ift es möglich, beffer und verftändlicher als durch alle Befchreibungen und Statiftiken für fpätere Zeiten ein lebendiges, anfchauliches Bild der Gefammtausftellung, wie der taufendfältigen Einzelheiten derfelben zu gewinnen; die Photographie ermöglicht es Jenen, welche nicht in der Lage find, eine Ausftellung zu befuchen, fich dennoch ein ziemlich klares Bild von ihr zu machen; die photographifche Nachbildung ift für die meiften Ausftellungsgegenftände, namentlich für viele Producte der Induftrie, des Mafchinenwefens, der Künfte die geeignetfte und wirkfamfte Reclame; die Photographie kann uns den beften Ausftellungsbericht, fie kann uns das fchönfte und werthvollfte Andenken an die Ausftellung verfchaffen. Bei den bisherigen Parifer und Londoner Weltausftellungen hat aber die Photographie die ihr zufallende Aufgabe nicht in entſprechender Weife erfüllt. Bei der letzten Parifer Ausftellung wurden bekanntlich einem einzigen Photographen, Pièrre Petit, fämmtliche photographifche Arbeiten übertragen; derfelbe hatte fich weder für das grofse Unternehmen genügend vorbereitet, noch war er in anderer Beziehung der Riefenaufgabe gewachfen, und überdiefs wurden ihm von Seite der damaligen Ausftellungscommiffion noch mancherlei Hinderniffe in den Weg gelegt. Die Folge davon war, dafs trotzdem Herr Pièrre Petit fpäter noch mit Subunternehmern fich in Verbindung fetzte, die Gefammtheit der Aufnahmen nur ein höchft lückenhaftes Bild der Ausstellung bot, und namentlich viele Ausfteller nicht die gewünſchten Photographien ihrer Expofition und Objecte erhalten konnten. Bei Inangriffnahme unferer Weltausftellung wurde gleich zu Beginn der Aufgabe, welche die Photographie auf derfelben erfüllen follte, ein befonderes Augenmerk zugewendet. Der Herr Generaldirector Seine Excellenz Baron Schwarz- Senborn brachte die Frage, in welcher Weife die photographifchen Arbeiten in Bezug auf die Ausftellung ausgeführt werden follten, vor die Wiener photographifche Gefellſchaft und erfuchte diefelbe, ihm Vorfchläge in diefer Beziehung zu unterbreiten; im Schofse der genannten Gefellſchaft traten zwei Vorfchläge zu Tage: der eine dahin gehend, die Betheiligung der Ausftellungsaufnahmen allen Photographen zugänglich zu machen, der andere, von mir ausgehende, vertrat die Anficht, dafs durch Vereinigung einer Anzahl von Fachmännern die Aufgabe ficherer, fyftematifcher und Photographie. 41 zweckentiprechender gelöft werden könne; der letztere Vorfchlag fand die Zuftimmung des Herrn Generaldirectors, und in Ausführung desfelben traten die Herren Frankenftein& Comp.( technifcher Leiter: Frankenftein), Oskar Kramer( technifcher Leiter: Jägermayer), Klöfz( technifcher Leiter: von der Lippe), J. Löwy( technifcher Leiter: Jaffé) unter dem Namen„ ,, Wiener. Photographen- Affociation für die Weltausftellung 1873" zufammen. وو Diefe Affociation begann fich fofort dem grofsartigen Werke und ihrer wichtigen und fchwierigen Aufgabe entſprechend zu rüften; fie zog für einige Specialfächer bewährte Hilfskräfte herbei, wie z. B. E. Lamy, Paris, für Stereofkopen, Schnaebeli in Berlin für Thieraufnahmen und Obernetter in München für Lichtdruck. Auf dem Weltausftellungs- Platze, und zwar am Ufer des Heuftadel- Waffers, wurde ein ftockhohes, eifernes, englifches Haus mit 10 Fenſtern Front errichtet, welches fich neben der wechfelreichen Architektonik der gegenüberftehenden orientalifchen Bauten ziemlich fchmucklos repräfentirte, aber dafür durch die Einfachheit und Zweckmäfsigkeit der Conftruction und durch äufserft praktiſche Eintheilung feiner Räume fich auszeichnete. Ebenerdig befanden fich die vier Ateliers der vier Chef- Operateurs mit vier Remifen für die acht mit je zwei Dunkelkammern und allen zu photographifchen Aufnahmen nöthigen Requifiten aufs Praktiſchefte ausgeftatteten Wägen, dann das Bureau zur Entgegennahme von Aufträgen; im erften Stocke befanden fich die Wohnungen der befchaftigten Photographen und ihrer Hilfsarbeiter; im Ganzen zählte das Haus 20 Piècen. Das gefammte Arbeitercorps der Wiener Photographenaffociation auf dem Weltausftellungs- Platze betrug zwifchen 40 und 50 Mann, aufserdem nahm das Copiren, Färben, Cachiren und Retouchiren der Bilder, welches in den eigenen Ateliers der Mitglieder beforgt wurde, eine fehr grofse Anzahl von Leuten in Anfpruch. Die Aufnahmsarbeiten der Affociation begannen gleichzeitig mit den erften Vorarbeiten zu den Bauten auf dem Weltausftellungs- Platze und die 150. Aufnahmen der verfchiedenen Stadien im Baue der Rotunde, des Induftriepalaftes etc. gehören zu den intereffanteften und lehrreichften Blättern der ganzen Ausftellungscollection und leiten gewiffermafsen die Gefchichte der Ausftel lung ein. Von Eröffnung der Ausftellung an bereiteten das anhaltend fchlechte Wetter, fowie die Unfertigkeit der Inftallirungsarbeiten viele Hinderniffe und Unannehmlichkeiten, trotzdem wurden fchon damals viele Aufnahmen gemacht, die Thätigkeit der Photographen fteigerte fich bei der Ende Juni eintretenden günftigeren Witterung und zum Schluffe der Ausftellung betrug die Anzahl der äufseren Aufnahmen von Gebäuden und inneren Totalanfichten in Quart-, Cabinet- und Vifitformat ungefähr 1700, in Grofsfolio 250, in Stereofkop 500, von Kunftwerken ( Bilder und Statuen) 380, von Privatbeftellungen, meift in Grofsfolio und Quart, circa 820; von den meiften der Aufnahmen wurden je 3 bis 6 Quart-, 6 bis 10 Cabinet- und 10 bis 15 Vifitnegativs gemacht und hiedurch dem Kunsthandel in kurzer Zeit circa 1/2 Million Bilder zugeführt; die Vervielfältigung in Silberdruck und Lichtdruck war natürlich eine maffenhafte. Diefe Refultate geben gewifs ein glänzendes Zeugnifs für die tüchtige Organiſation und aufserordentlich rege Thätigkeit der Photographenaffociation ab; dafs trotzdem die pecuniären Ergebniffe weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben find, daran find wohl zunächft die gleich bei Beginn der Ausftellung eingetretenen höchft mifslichen Geldverhältniffe, fowie der im Allgemeinen fchwache Befuch der Ausftellung und fchliefslich noch der Umftand Schuld, dafs die von der General direction in Ausficht genommene und verfprochene Inftallirung eines umfangreichen Vertriebes der Photographien auf der Ausftellung zu fpät und höchft mangelhaft in Scene gefetzt wurde, fo dafs die Affociation fchliefslich genöthigt war, felbft und auf eigene Koften in den inneren Räumen Verkaufstifche. aufzuftellen und Verkäuferinen zu engagiren 42 Jofef Löwy. Wie aber das Princip der Affociation von Fachmännern zur Bewältigung der Riefenaufgabe, welche eine grofse Ausftellung an die Photographie ftellt, fich bewährt hat, und ob bei künftigen derlei Anläffen von diefem Principe abgegangen oder dabei geblieben werden folle, darüber geben wohl die vorher erwähnten Refultate, der Vortheil für das Publicum alles die Ausftellung Betreffende in einer Hand vereinigt zu finden, fowie die Thatfache am beften Antwort, dafs noch auf keiner früheren Ausftellung die photographifchen Aufnahmen fo vollftändig und einheitlich durchgeführt, alle Beftellungen fo prompt geliefert worden find, und dafs die Gefammtheit der Bilder, welche die Affociation ausführte, die Weltausftellung 1873 in ihrer Gänze vom Beginne bis zu Ende repräfentirt und illuftrirt und dadurch gewiffermafsen ein Monument derfelben für alle Zeiten bildet. Photographifche Apparate und Geräthfchaften An photographifchen Objectiven war auf der Ausftellung leider nur Weniges vorhanden, und unter diefem Wenigen gar nichts Neues zu bemerken, zudem befanden fich diefe Objective wie auch die anderen Apparate meift in gefchlof. fenen Käften, und waren daher einer Unterfuchung und Probe nicht zugänglich. Darlôt, Hermagis, Derogy( aus Paris) hatten verfchiedene Objective eingefandt, die Rathenower optifche Induftrie- Anft alt, vormals Emil Bufch brachte eine Anzahl derfelben, alle waren jedoch nach den bisher bekannten Principien für Porträts- und Landfchaftsaufnahmen conftruirt; die Matadoren in diefem Fache Voigtländer( Braunfchweig) und Dallmayer ( London) fehlten auffallender und bedauerlicher Weife gänzlich. Von photographifchen Cameras, Stativen, Zelten etc. war etwas mehr vor zufinden; fo hatten Anthony E. und H. T.( New- York) verfchiedene grofse und kleine Cameras, auch folche für Stereofkopaufnahmen und Multiplicators in recht zweckmässiger und folider Ausführung ausgeftellt. Die letzt erwähnten Cameras fcheinen in Amerika fehr ftark in Anwendung zu fein, felbe find auch für Maffenerzeugung kleiner Bilder fehr praktiſch und empfehlenswerth. Die American Optical Company ftellte auch eine bedeutende Anzahl gut gearbeiteter Cameras und Stative aus, die Blasbälge bei den Cameras waren zum Theile aus Guttapercha, theils aus Leder gemacht, letztere würde ich der Solidität wegen vorziehen. George Hare( London) hatte eine gröfsere Expofition meift neuerer Apparate hiehergebracht, feine verfchiedenen Cameras und Stative( kleine und grofse) machten fich durch fehr folide und nette Ausführung bemerkbar. Bei der Ausftellung des Photographen Carlos Relvas( Oporto) fand ich ein fehr praktiſches, finnreiches Einlagebret für grofse Cameras; auf diefem Brete waren vier verfchiedene Landfchaftsobjective in verfchiedener Brennweite derart angebracht, dafs man felbe durch einfache Drehung wechfeln konnte, fo dafs der Photograph das ihm für den aufzunehmenden Gegenftand geeignetfte Objectiv durch einfache Drehung feftftellen kann, und fich dadurch das Auf- und Abfchrauben verchiedener Objective erfpart. Aus Deutſchland betheiligte fich an der Ausftellung Dr. Stein( Frankfurt am Main) durch Beftandtheile und Proben feines intereffanten Heliopictors, eine Art felbftthätigen photographifchen Apparates, namentlich für wiffenfchaftliche Zwecke beftimmt. Dr. L. Harnecker( Wriezen an der Oder) durch einen Vergröfserungsapparat mit Benützung künftlichen Lichtes; A. Stegmann( Berlin) durch mehrere Cameras und Stative in den üblichen Formen. Mofer( Berlin) ftellte unter Anderem eine neuartige Vorrichtung, Vitofkop genannt, welches in der Art der Stereofkoprevolver zur Befichtigung einer grofsen Anzahl von Vifit karten Bildern dient. Photographie. 43 Wien war durch die hervorragendften Firmen für photographifche Bedarfsartikel vertreten. Ich erwähne vor Allem die Ausftellung von Stativen und Cameras des Anton Goldmann; feine grofse Camera für 5 Zoll Objectiv zeichnete fich durch fehr forgfältige und nette Ausführung in neuefter Conftruction aus; felbe ift mit Meffingprisma, Central- Stelltrieb zu haarfcharfer Einstellung, doppelt beweglicher Vifirfcheibe ohne Contrefchraube eingerichtet. Das Verfchieben der Objective ift höchft einfach und zweckmäfsig mittelft Trieb eingerichtet; ebenfo praktiſch war fein ausgeftelltes Salonftativ conftruirt, die vier Füfse ruhen auf Rollen, das Stativ kann mittelft Trieb gehoben und gefenkt, gleichzeitig auch nach jeder Lage dirigirt werden, aufserdem ift noch eine Sperre angebracht, durch welche Statif mit Kammer auf jeden beliebigen Punkt feftgehalten werden kann. Weiters waren von demfelben Ausfteller noch fehr hübfch gearbeitete kleinere Cameras für Vifit-, Cabinet- und Stereofkops mit neuartigem Mechanismus exponirt, bei den Caffetten fämmtlicher Cameras find die als praktiſch anerkannten Silberecken angewendet. Alle genannten Arbeiten zeichneten fich bei grofser Eleganz durch Solidität und Feftigkeit aus. Auch F. Köhler hatte Cameras, Stative und Zelte in verfchiedenen Gröfsen und in fehr folider, fchöner Arbeit ausgeftellt. Die allfeitig wohlbekannten Firmen Oskar Kramer, A. Moll und Auguft Angerer waren durch Cameras, Stative, Möbel und Hintergründe für photographifche Ateliers, Chemikalien und fonftige einfchlägige Bedarfsartikel vertreten. A. Moll's Expofition zeichnete fich durch Vielfeitigkeit, Reichhaltigkeit und fehr gefchmackvolles Arrangement aus. Trapp und Münch ftellten Mufter ihrer Eiweifspapiere nebft Bilderproben auf denfelben aus. Die in Wien erzeugten Bedarfsartikel, namentlich die feinen Tifchlerarbeiten, erfreuen fich übrigens feit jeher bei allen Fachmännern des In- und Auslandes befonderer Anerkennung und Beliebtheit. MUSTER- ZEICHNUNGEN UND DECORATIONSMALEREI. ( Gruppe XII, Section 6.) Bericht von F. LIE B Profeffor in Wien. Es liegt nicht in unferer Abficht, den hier folgenden Bericht auf die unter diefer Gruppe exponirenden Mufterzeichner und Decorations maler allein zu befchränken, vielmehr haben wir es uns zum Ziele gefetzt, auch die in den ausgeftellten Stoffen erfichtlichen Zeichnungen als zum Fache gehörig mit in denfelben einzubeziehen und fo in ganzen Ländergruppen zufammenfaffend unfer Urtheil auszufprechen. Wenn wir uns dadurch den Bericht complicirt, zum Mindeften vergrössert haben, fo waren die Beweggründe dazu mannigfacher Natur. Vor Allem durften wir nicht ftillfchweigend an fo vielem, gerade durch die Ausführung im Stoffe zu erhöhtem Werthe gelangtem Materiale vorübergehen, ohne darüber eine Aeufserung zu thun, und dann würden wir, die ausgeftellten Skizzen der Mufterzeichner allein im Auge behaltend, nur ein unvollkommenes Urtheil über manches Land fällen. Gerade durch das Gefammtftudium war einzig möglich, Fort- oder Rückfchritt, Gefchmacksrichtung oder Verirrungen zu conftatiren. Ein Einzelbericht über die zum grofsen Theile fpärlich vertretenen Mufterzeichnungen zu geben, wäre gleichzeitig eine Ungerechtigkeit, denn bei folchem Bedarfe, bei folchen Kraftanftrengungen, wie fie Weltausftellungen erzeugen, können gerade die gediegenften Künftler am wenigften für ihre ſpeciellen Expofitionen etwas thun Was wir aber hier nicht genug tadeln können, das ift die traurige That ache, dafs nur ein kleiner Theil von Fabrikanten deffinirter Stoffe fo intelligent und liberal war, die Autoren ihrer Mufter zu nennen. Selten genug, wir müffen diefs mit Bedauern hervorheben, waren die Künftler genannt, deren Genie der Fabrikant feine Erfolge verdankte. Mangelhafte Kataloge ftanden eincm umfichtigen, rafchen Auffinden diefer meift verfteckten Gruppe gleich fehr im Wege. Endlich war das Arrangement der diverfen Ländercommiffionen, was diefe Gruppe, fpeciell diefe Section betrifft, ganz ausnehmend fchlimm gewählt. Lange mufste man fuchen, bis man jenen fernen Winkel fand, welcher den graphifchen Künften überlaffen war; hatte man ihn aber einmal entdeckt, dann konnte man ruhig feinem Studium obliegen, unge ftört von der grofsen Menge, welche fingende Vögel, concertirende Virtuofen, Kofthallen und Mufikbanden, nebft unzähligen anderen Zerftreuungen nicht vergeblich anlockten. Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 45 Eben fo ftill, verborgen, im engen Kreife raftlos wirkend, wie die diefer Kunft Geweihten durch's Leben zu gehen beftimmt find, in Mitte des tofenden Getriebes der grofsen Haupt- und Fabriksftädte, fo ftill verborgen ftanden ihre Werke im Gedränge der gröfsten aller bisherigen Ausftellungen. Der weitaus gröfsere Theil ihrer. Leiftungen war aber, wie fchon bemerkt, in den Käften der prunkvoll, im fchönften Lichte, an breiter Avenue, im Kranze der Rotunde ftrahlend, ausftellenden Fabrikanten zu fehen, den Erzeugniffen der felben erhöhten Werth und gefteigerte Anziehungskraft verleihend. Ob auf einer künftigen Weltausftellung alle diefe Mängel behoben fein werden, ob dem fchaffenden Geifte in dem hier behandelten Fache einft diefelben Autorrechte blühen werden, wie diefe bereits in anderen Branchen geiftiger Thätigkeit beftehen, wer weifs diefe Frage zu beantworten?- Die wachfende Intelligenz, der Zeitgeift wird es durchfetzen; möge es recht bald fein! Die Arbeiten des Decorations malers entziehen fich noch mehr der Berichterstattung, fie find localer Natur, und Wenige fanden die Zeit, in den Räumen des Praters in Skizzenform zu exponiren, und fo fehlten Viele, die Beften unter ihnen, und darum war auch die Zahl der Ausfteller diefer Section ver fchwindend klein. Bei den vielen Bauten, welche die Jetztzeit aufweift und welche in ihrer luxuriöfen Ausftattung eine enorme Steigerung der Nachfrage, eine erhöhte Thätigkeit erzeugen, mag wenig Zeit zur Verfügung der einzelnen Kunftbefliffenen geblieben fein. In diefelbe Gruppe, refpective Section, mit den Muſterzeichnern rangirt, theilen fie auch das gleiche Schickfal in Bezug auf die angewiefenen Räume mit denfelben. Wir wollen nunmehr von Weften nach Often den Riefenbau durchfchreiten und die Bitte an den geneigten Lefer richten, uns mit Aufmerkfamkeit zu folgen. Jede Subjectivität fei ftreng vermieden und nur die Thatfachen wollen wir fprechen laffen. Wenn wir, vor dem Weftportale anlangend, unferen Fufs auf den Kampfplatz jener der Kunft und Induftrie huldigenden Nationen des Erdballes fetzten, fo gelangten wir nach kurzer Wanderung zum Könige der hier behandelten Gruppe, zu dem ebenfo als Compofiteur wie als Publicift des gediegenften Werkes der letzten Decennien gleich berühmten, als hochverdienten Oven Jones, deffen Expofition inmitten feiner Werke am Haupteingange der grofsen Längengallerie links, fo einzig am Platz, wie an Gediegenheit des Ausgeftellten, ihn wie immer von feinen Collegen auszeichnet. In keinen Winkel geftellt, ward ihm aufser diefer exceptionellen Stellung auch die höchfte Auszeichnung, das Ehrendiplom zu Theil und neidlos, von den Verdienften wie vom Genie diefes Heroen überzeugt, ftehen wir hier vor deffen nicht für unfere Spanne Zeit allein bemeffenen Werken. Man befchuldige uns nicht der Flüchtigkeit, wenn uns die Worte fehlen, das hier Gebotene in langathmigen Gemeinplätzen zu befchreiben, wie es überhaupt nahezu unmöglich ift, mit Worten fo klar zu zeichnen, dafs Form und Farbe vor das geiftige Auge unferer Lefer trete. Hier wie in der Folge müffen wir uns der Unmöglichkeit in diefer Hinficht fügen und können nur unfere Schuldigkeit thun, auf Leiftungen aufmerksam zu machen, welche genannt zu werden verdienen und es einem graphifchen Werke über die Weltausstellung oder den diefsbezüglichen Publicationen der einzelnen Ausfteller überlaffen, die wenigen Worte unferer feits würdig zu illuftriren und im Gedächtniffe der Befucher bleibend zu erhalten. Und fo wollen wir denn auch vom Altmeifter nur fagen, dafs zu feinen Meifterftücken herrliche Teppichmufter über grofse Salons gehören, welche in ihrer Haupteintheilung an Schönheit der Linien ihres Gleichen nicht finden, was aber befonders den guten Eindruck der Farbe erzeugt, ift Ruhe und Harmonie in derfelben. Haben die englifchen Teppiche einen guten Ruf, fo ift er nicht allein in der Qualität, fondern hauptfächlich im Deffin und in der Farbe begründet, welche 46 F. Lieb. Vortheile leuchtend fich heute von dem gleichen Fabricate Frankreichs abheben. Es ift eben das Flachornament, welches hiezu allein geeignet ift. Der meift etwas erníte Stil, das Hervortreten, vollends gar die Imitation der Plaftik ftreng vermeidend, wurde von Oven Jones auf das Herrlichfte in feiner Art vertreten. Durch all diefe etwas ftumpf bunten Töne geht ein einziger, durchklingender Hauptton, wohlthuend, ohne Störung durch das Ganze, alle diefe zart geftimmten Töne fügen fich zu einem ergreifenden Accorde. Bei Oven Jones kommt diejenige Gefchmacksrichtung zur Geltung, welche heute in England die herrfchende und nahezu national eigenthümlich geworden ift. Man emancipirte fich mit anerkennungswerthem Muthe, vom franzöfifchen Gefchmacke, der muthwilligen, reizend launifchen, modernen franzöfifchen Renaiffance, und wenn man auch mitunter und mit vielem Verdienfte, wir müffen diefs zugeben, einzelne Stoffe mit folchen Ornamenten verziert fieht, fo fpricht es dem englifchen Blute, der englifch vornehmen Lebensweife des Engländers, feinem ernften Charakter, dem deutfchen am ähnlichften, doch mehr zu, auch in feiner Umgebung Aehnliches ausgefprochen zu fehen. Wenn er franzöfifchen Gefchmack auch fchätzt, fo kommt er heute doch felten mehr zur Geltung und darum wird es nicht überrafchen, wenn wir die Thatfachen erwähnen, dafs heute franzöfifche Zeichner in England aufser Curs gefetzt find und wenig mehr in Paris beftellt wird. Frankreichs Zeichner, jedenfalls durch die ausftellenden Fabrikanten leb haft in Anspruch genommen, waren in auffallend geringer Zahl vertreten, und wenn die Summe des Gebotenen nur ein Schatten ift gegen frühere Ausftellungen in ihrer Capitale oder in London 1862, ja fogar heute geringfügig genannt werden mufs, fo fehlen doch nicht gewiffe Erinnerungszeichen ehemaliger Alleinherrfchaft auf dem Gebiete diefer induftriellen Kunft. Wenn wir auch manches Gute und Schöne vorfanden, fo müffen wir doch mit Bedauern fagen, dafs es wohl im Intereffe Frankreichs gewefen wäre, Sorge zu tragen, dafs gerade die hier befprochene Branche der Kunft beffer in der Wiener Weltausftellung hätte vertreten werden follen. Aber unter der kleinen auserlefenen Schaar wollen wir auch mit doppelter Anerkennung jener Namen gedenken, welche fich mit befonderem Kunftfinn ihrer Aufgabe entledigten. Gonelles frères und Antoine Berru's Shawlzeichnungen ftehen, wie überhaupt Frankreichs Shawlzeichnungen, bisher noch unerreicht da. Adau's Möbel- und Teppichzeichnungen, wenngleich fie faft fpeciell franzöfifchem Stile huldigen und eine gewiffe Schwäche in anderen Stilarten zeigen, find doch von reizender Wirkung. Dumont glänzte mehr durch Photographie früherer Leiftungen, welche bei ähnlichen Gelegenheiten exponirt waren; feine ausgeftellten Thiergruppen in Stilleben- Form find matt und wirkungslos. Diefer noch vor einem Decennium fo hoch berühmte Künftler fcheint unter das Rad der Zeit gekommen zu fein. Es ift feine Schuld, wenn wir ihm hier unrecht thun; wir hätten weit Grofsartigeres von ihm erwartet. Von den Decorationsmalern und Zeichnern mufs der erfte Rang Herrn Prignot für feine ausgeftellten Decorationen zuerkannt werden, welche an Schönheit der Verhältniffe, an Reichthum der Compofition und Eleganz der Zeichnung alles Aehnliche auf diefem Gebiete übertreffen. Die im Ausftellungspalafte zur allgemeinen Anficht aufgelegten Blätter find beftimmt zur Publication eines Werkes, welches theilweife fchon erfchienen, demnächft vollſtändig herausgegeben werden wird und welchen wir einen zahlreichen Kundenkreis unter den hervorragenden Künftlern verheifsen. Dubuiffon's Decorationsfkizzen find gediegen und intereffiren Kenner durch ihre ausgefprochen kühne Perfpective. Aufnahme von prachtvollen decorirten Räumlichkeiten, in Frankreich beftehender Kunft- Baudenkmäler, wie fie Denelle in aquarellirten Blättern ausgeftellt hatte, erregten mit Recht allgemeine Bewunderung. Wer wollte leugnen, dafs eine Menge der reizendften Stoffmufter, Teppiche Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 47 und Stickereien der franzöfifchen Abtheilung angehörten, allein ein gewiffer Zug von Monotonie im Stil liefs das Gemüth nicht recht warm werden. Stets diefelben bunten Ornamente mit Blumen, Figuren reizendfter Mache, aber gleichen modernen, franzöfifchen Stiles, und wo man davon abgeht, fehlt das rechte Studium. Die Gobelins allein ftehen unerreicht da, mögen fie auch manche Fehler haben. Die Tapeten müffen wir bedauernd ablehnen. So wenig Gutes hat Frankreich noch nie gebracht, denn wir müffen offen geftehen, aufser den Imitationen von Stoffen und Leder, welche ein Fabrikant, Ballin, brachte und welche wir vom Standpunkte der Fabrication hier nicht zu befprechen berufen find, ftand Frankreich nahezu arm da. Oefterreich war an Siegen und Ehren reich. Seine Stoffe, Teppiche, feine Tapeten, die vielen ausgeftellten Kunftinduftrie- Artikel waren grofsentheils in nicht minder pracht- und gefchmackvollen Pavillons und Schränken ausgeftellt, fo dafs man oft nicht wufste, folle man dem Gehäufe oder dem Inhalte den Vorzug geben. Ein unbeftreitbarer Fortfchritt ift gefchehen, eine Concurrenzfähigkeit conftatirt, welche man fich am wenigften in Oefterreich felbft erwartete, und diefs Gefühl der Stärke wird auch jene Sicherheit verleihen, welche einen fteigenden Auffchwung garantirt. Mannigfaltigkeit im Stile, Reichthum in Form und Farbe waren gepaart mit Gediegenheit der Ausführung und kennzeichneten vortheilhaft die Leiftungen Oefterreichs. Aber es waren auch die Kräfte darnach gewählt, welche eine folche Stel lung gegenüber Frankreich und England fichern mufsten. Die erften Künftler wurden der Induftrie zur Stütze, zu Führern, und wahrhaftig, Oefterreich verfügt über eine nicht geringe Zahl derfelben. Faft fämmtliche Profefforen des öfterreichifchen Muſeums und andere Künftler waren mit den verfchiedenen Induftriellen Hand in Hand thätig im grofsen Kampfe. Diefen, vereint mit einer in fo erftaunlich kurzer Zeit erreichten Gefchmacksläuterung, welche das genannte Muſeum auf die verfchiedenen Induftriebranchen ausübte, ihnen feine Sammlungen, feine Bibliothek in der liberalften Weife zur Verfügung ftellte, vereint mit einem angeborenen Kunftfinn der Bevölkerung Wiens, ift es vornehmlich zu danken, dafs der öfterreichifche Kunftinduftrielle würdig feinen Gäften die Hand reichte, die fie ftaunend und anerkennend drücken konnten. Ein wohlthuendes Selbftbewufstfein wird die Mutter künftiger, gröfserer Thaten werden. Wann hat jemals ein Induftrieller ein folches Riefenterrain fo würdig ausgefüllt wie Philipp Haas& Söhne? Wer kann diefer Expofition Grofsartigkeit, Gefchmack und Mannigfaltigkeit abfprechen? Sie wird einzig daftehen im Gedächtniffe der Befucher diefer Weltausftellung. Oder hatten die vorhergehenden, vier grofsen Expofitionen, welche abwechfelnd in Paris und London ftattfanden, ein reizenderes Object aufzuweifen, als das der Leineninduftriellen Oberleitner aus Mährifch- Schönberg, welches vom erften Tage feiner Eröffnung bis ans Ende der Ausftellung ungefchwächte Anziehungskraft auf die Befucher aus allen Richtungen der Windrofe ausübte? Giani, welcher an vier Punkten der Ausftellung feinen Erzeugniffen Geltung verfchaffte, ift ein zu bekannter Ausftellungsveteran, als dafs wir uns einer breiteren Auseinanderfetzung befleifsen müfsten, um feine Verdienfte zu conftatiren. Die Collectivausftellung der Wiener SeidenwaarenFabrikanten, die Ausstellungen der Firmen Franz Leitenberger, Kosmanos, Bakhäufer, Hlawatfch und Is bary, Küfferle, Sporlin und Zimmermann, Auftin, Alber, Wolff, Dambök& Faber, Drächsler und vieler Anderer bekunden fortgefchrittenen Gefchmack in der Zeichnung auf ihren Erzeugniffen. Die Mufterzeichner Wiens vereinigten fich zu einer recht reichhaltigen Collectivausftellung und wurden mehrfach ausgezeichnet. Gröfseren Raum für 4 48 F. Lieb. diefelben in Anspruch zu nehmen, fteht dem Berichterstatter, welcher zugleich Obmann derfelben ift, will er nicht der Parteilichkeit befchuldigt werden, nicht zu. Wir überlaffen diefs ruhig dem allgemeinen Urtheile. Die Decorationsmalerei war in den Ausftellungsräumen wohl fchwächer vertreten; allein wer Wiens Anftrengungen kennt, der Schauluft der Gäfte in den unzähligen, öffentlichen und Privatlocalen, das Möglichfte zu bieten, der wird es begreiflich finden, dafs da an eine Ausftellung von Skizzen und Entwürfen nicht gedacht werden konnte, und müffen wir, wie fchon Eingangs erwähnt worden, auf deren Leiftungen in den vielen Prachtbauten, wie an den öffentlichen Localitäten aufmerksam machen. Uebrigens fällt das allgemeine Urtheil über diefen Kunftzweig Oefterreichs, beffer gefagt Wiens, nicht zu deffen Ungunften aus, ja es gibt wohl keine Hauptftadt, welche hierin mehr excellirte. Wir fcheiden mit dem ruhigen Bewufstfein von Oefterreich, nicht zu viel über dasfelbe gefagt zu haben, und den Raum, wie die Ausdauer der geneigten Lefer für unfer Heimatland nicht ungebührlich in Anfpruch genommen zu haben. Deutfchland, das einft fo viel Getheilte, fteht heute als ein Ganzes vor uns, und wir müffen feine Erfolge auf der diefsmaligen Weltausftellung auch ganz allein feinem Zufammengehen zufchreiben. Wie kindifch nahmen fich diefe Mignonländchen auf den bisherigen Weltausstellungen aus. Kein Land in allen Induſtriezweigen abgerundet als Ganzes vor uns, jedes einzelne ein Verfuch, feine Dafeinsberechtigung uns plaufibel zu machen, hier nordifch kalter Gefchmack in der Kunft, dort füdlich durchglühter Kunftfinn, Induftrie- Armuth hier, Grofsinduftrie allein dort. Heute ſteht wie auf politifchem Gebiete ein ehrfurchtgebietendes, gefchloffenes Ganze vor uns. Grofsinduftrie mit Kunftinduftrie, nächternes nordifches Studium mit füdlicher Phantafie gepaart. Und wenn wir bedenken, dafs diefes Land noch vor Kurzem mit feinen beften Kräften, feinem edelften Blute ganze Landftriche feindlichen Bodens düngte, fo müffen wir volle Anerkennung dem jungen Deutſchland zollen, wenngleich wir heute dem ganzen Deutfchland( auf kunftinduftriellem Gebiete unferer Branche) die Spitze mit Erfolg geboten haben. Ich bin überzeugt, unter ruhiger Entwicklung, wenn der Ruf nach Blut und Eifen längft verhallt, wenn Krupp's Feuerfchlünde die Hirtenflöte nicht mehr übertönen, wird diefes Land jede Concurrenz beftehen. Seine Bürger find genügfam, feine Söhne ebenfo muthig und intelligent, als betriebfam. Betrachten wir die Expofitionen der verfchiedenen Induftriellen, fo find die Zeichnungen im Allgemeinen bei unferem öfterreichifchen Fabricate beffer. Aber in einzelnen Branchen, z. B. in Leinendamaften, zeigen die Deutfchen einen vorgefchritteneren Gefchmack, als die Mehrheit unferer Erzeugniffe gleicher Branche. Und Ehre diefen Fabrikanten, welche kein Schwinden ihres Namens fürchteten, indem fie ruhig die Autoren der Zeichnungen namhaft machten, wie diefs, leider als Ausnahme, in liberalfter Weife Carl Giani in Wien und eine kleine aber intelligente Schaar Anderer von jeher gethan. Sie haben dabei den Vortheil, dafs fich gerne der befte Kreis von Künftlern unter ihre Fahne fchaart; dafs jeder das Möglichfte leiftet und nicht anders kann, mufs er ja doch mit feinem Namen dafür einftehen. Deutfchlands Tapeten find heute die erften der Welt, und Engelhart in Mannheim hat das alleinige Verdienft, dafs es fo gekommen. Seine Zeichnungen find die beften, fein Colorit das gefchmackvollfte. An der Spitze der deutfchen Mufterzeichner fteht Friedrich Fifchbach, der fich übrigens durch eine ganz eigenartige reiche Ornamentationsweife charak terifirt. Uebrigens ift die Zahl der deutfchen Zeichner eine Legion. Jeder Architekt, jeder Profeffor des Freihandzeichnens, alles macht fich der Induftrie dienftbar. Alles fchaart fich um fie. Kälter läfst fich die norddeutfche Decorationsweife an, theilweise überfetzt fie zu viel Griechenthum ins nordifche Nebelgrau; fie erinnert Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 49 mich an fehr viele italienifche Veranden in Berlin, an welchen der wuchernde bunte Wein des Südens fehlt. Theilweife ift fie erft im Werden, denn bisher war Norddeutſchland noch immer zu fehr von feiner Arrondirung in Anfpruch genommen. Weitaus anfprechender, reicher an Muth und Wärme im Colorit, mannigfaltiger in den Stilarten und Formen erblickten wir Süd- Deutfchland vertreten; nur fei hier mein Bedauern ausgedrückt, dafs wahrfcheinlich zufällig in die hübfche Zimmerdecoration eines Münchners ein ultramarinblauer Ofen mit Silberornament gerieth, welcher mehr den Eindruck einer Kanzel in einer Dorfkirche als den eines Ofens macht. Seidenwaare und Möbelftoffe, wie die Teppiche, wo fie façonnirt vorkommen, Stickereien in Bunt und Weifs, Vorhänge, kurz Alles, was zur Textil- Kunstinduſtrie gehört, fteht zumeift auf hoher Stufe, und kennzeichnet fich durch ernftes Stilftudium, welches immer das Rechte trifft, wozu der Stoff fich eben eignet. Wir wiederholen es nochmals, und können diefs nicht oft genug thun: Deutſchland ift uns Oefterreichern ein gefährlicherer Concurrent als alle anderen Länder der Erde. Die Schweiz und Italien wiefen in Gruppe XII von Mufterzeichnungen nichts auf, obwohl man annehmen musste, dafs nicht alle die vielen Deffins, die man in ihren Ausftellungen fah, ausnahmslos von franzöfifchen Künftlern herrühren. Mehr Gefchmack in den Deffins der Weifswaaren, Vorhänge, Störes und Weifsftickereien als die Maifon blanche in Paris hatte die Schweiz nicht aufzuweifen, auch bot das genannte, weltberühmte Parifer Haus eine koloffale Menge der fchönften Deffins, als dafs ein anderes Land im gleichen Genre mit Erfolg hätte auftreten können. Allein, näher betrachtet, ward die Ausführung in vieler Hinficht in der Schweiz präcifer, vor Allem reiner in der Zeichnung gehalten. Wir erinnern an den figuralifchen Theil der franzöfifchen Störes, welche nahezu ans Fra nhafte grenzten, fo leichthin waren die Gefichtszüge und Körperdetails gehalten. Die Zeichnungen aber auf den Schweizer Bändern waren geradezu von überrafchender Schönheit und reizendem Colorit. Italiens Seidenwaaren erregten die allgemeine Aufmerkfamkeit, wie überhaupt diefes Land bei Künftlern und Kunftliebhabern mit Recht die ungetheilte Bewunderung erregte. Auf dem kleinftmöglichen Terrain war das Beftmögliche zufammengedrängt, und doch konnte man nicht leicht etwas überfehen, denn Alles feffelte unwiderftehlich und hielt den Befchauer gebannt. Rufsland bot eine Fülle des eben fo Schönen wie Charakteriftifchen. Indem diefes Land in feinen Zeichnungen, namentlich in der Textilinduftrie einen eigenen Stil verfolgt, bot fich eine vollkommene, erfrifchende Quelle des Schönen dem müden Auge des Befchauers dar. Eine glückliche Wahl des bizantinifchen Ornamentes geftattete ebenfowohl reiche Farben- Zufammenftellung, wie gelungene und ftilgerechte Anwendung der Edelmetalle in den Geweben, während ihre Leinenftickereien die beften Motive hiefür verarbeiten. Waren da die Formen auch roh und eckig, fie zogen doch eigenthümlich an, und indem fie den füdflavifchen Stickereimuftern fich im Charakter fehr näherten, bildeten fie doch eine Eigenart, welche nicht genug eingehalten wurde, und wir müffen es zur Ehre Rufslands geftehen, es war in feltenen Ausnahmen der Fall, da war aber auch der Gefchmack ein fchlechter. Die Silber- und Goldwaaren zeigten in ihren Zeichnungen gleichfalls in keinem anderen Lande eine beffere Wahl, einen entfchiedenen, eigenthümlichen Stil. Die in Rufsland ausgeftellten Mufterzeichnungen aber zeugten von bedeu tendem Gefchmacke und find es gewifs nicht jene Quellen, aus denen die ruffifchen Induftriellen fchöpften. Einen traurigen Eindruck machte Griechenland und man wendete fich mit Bedauern von einem Lande ab, um welches nur die Erinnerung an die fernfte 4 ፨ 50 F. Lieb. Vergangenheit noch einen fchwachen Nimbus flicht. Eine Wüfte auf kunft induftriellem Gebiete. Eben fo traurig ftimmte das Suchen nach ehemaliger orientalifcher Pracht. Was neu war, war nicht gut und das wenige Gute war eben alt. Wo find die Märchen von orientalifcher Pracht? Sie find eben zu Märchen geworden. Troftlos blickt das Auge auf einen Tand von ftillofen Verzierungen. Egypten und die Türkei, weniger Indien, huldigen dem Gefchmacke à la Franca. Die finnlofeften Schnörkel find willkürlich ohne organifche Ordnung, finnlos an einander gepatzt, die fchönen Linien verfchwunden. Die orientalifchen Zeichner haben eben die nationale Richtung in demfelben Grade verloren, als diefe die ruffifchen Collegen zu finden fuchten und theilweife fchufen. Sie hatten die beften Motive an ihren alten Stoffen und Teppichen, durften nur darnach langen, aber fie wollten fich modernifiren und indem noch in jedem Blutstropfen der Türke fteckt, mufste gewaltfam gegen alle innere Ueberzeugung der Franzmann hinein. Und fo wurde denn ein Baftardftil der mifsrathenften Art erzeugt, der bei den kunftfinnigeren, noch lange nicht allen Gefchmackes baren, gebildeten Ständen nur Zurückweifung und Ekel erzeugte. Bei entfernteren Diftricten, z. B. den Erzeugniffen Bagdads, merkte man fchon weniger den unheilvollen Wahn der Nachahmung, wenn gleich ein Fortfchritt, eine Verfeinerung des Gefchmackes eben fo vergeblich gefucht wird. Meine Befürchtungen, mein Bangen um das fernere Beftehen des fo poefie reichen, rein orientalifchen Gefchmackes, wurden einigermafsen zerftreut durch die Verficherungen des liebenswürdigen Chefs der orientalifchen Abtheilung, dafs er bei feiner Regierung ein Fefthalten am guten alten Stile aus innerer Ueberzeugung lebhaft zu befürworten, fich zur Lebensaufgabe machen wolle. China und Japan brachte in Stoffen nur Mittelmäfsiges; mit den dort noch in Verwendung ftehenden Webevorrichtungen kann es nur Wunder nehmen, dafs es noch möglich war, Solches zu leiften. Stickereien diefer Länder, namentlich Chinas, fowie andere Kunftinduftrie Artikel, erregten ungetheilte Bewunderung. Sie find noch von keinen fremden Einflüffen angekränkelt und wenn auch kein Fortfchritt möglich ift, fo ift er eben fo überflüffig. Das Gebotene könnte unmöglich beffer fein, als es eben ift. Wir find fomit bis zum Oftportale des Riefenbaues gelangt, unter deffen Dach die Producte der gefammten Völker aller uns bekannten Länder unferes Erdballes Raum fanden. Es fei geftattet, dafs wir noch, bevor wir vielleicht auf lange fcheiden, einen vergleichenden Rückblick auf vergangene Ausftellungen machen, wobei wir von alten Bekannten fprechen und indem wir Vergleiche anftellen wollen zwifchen Vergangenheit und Gegenwart, naturgemäfs einen Blick in die Zukunft thun, und unfere Meinung darüber ausfprechen, was noth thut für fernerhin. Es reicht wohl beim grofsen Theile unterer geneigten Lefer in die Knabenzeit, bei anderen in die Jünglings-, beim kleinften Theile in die Manneszeit zurück, die Erinnerung an die letzte Wiener Induſtrieausftellung im polytechniſchen Inftitute, welche im Jahre 1845 abgehalten wurde. Sie kehrten nach Bedürfnifs in einigen Jahren wieder oder gar nicht mehr, wie diefs bei uns der Fall war. Ich möchte fie eigentlich die Vor boten der Weltausftellungen nennen, zu welchen zum erftenmale im Jahre 1852 die Engländer die Völker der Erde einluden, fich gegenfeitig zu meffen im grofsen Wettkampfe. Sprachlos vor Erftaunen ob der Riefenidee ftanden wir damals und in Bewunderung aufgelöft da. Wer ahnte auch zu jener Zeit, dafs diefe Expofition eigentlich ein Kinderfpiel fein wird, gegen jene, welche wir 21 Jahre später im eigenen Lande in Scene fetzen werden. Und diefes, heute in Sydenham ftehende Glashaus genügte hinreichend, um Alles unterzubringen, was fich anmeldete. Viel Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 51 Intereffantes, viel Komifches liefse fich da erzählen, aber wir haben heute die Kinderfchuhe vertreten und wollen auch nicht zu weit vom Ziele abweichen und bei der Sache bleiben. England wurde auf dem hier behandelten Gebiete gefchlagen, total zurückgeworfen. Frankreich ftand damals alleinherrfchend da, in Mode und Gefchmack, reich an guten Zeichnern, im Zenith feiner beften Leiftungen verblüffte es feine Gegner und rifs fie mit fich fort. England fühlte feine Abhängigkeit und diefs bittere Gefühl gebar den Wunfch, aus fich zu werden, was es nur mit Hilfe fremder Kräfte geworden. Ja mehr noch anzuftreben, als fein Nachbar bot, durch ernftes Studium der nationalen Schätze und Hilfsquellen, durch Creirung von Schulen, Mufeen und anderen Bildungsftätten. Und es gelang, mühfam Schritt für Schritt, mit beiſpiellofer Zähigkeit wurde Terrain gewonnen, behauptet und endlich auf neu errungener Bafis ein Fortfchritt erzielt, der unfere volle Anerkennung verdient. Das neu errichtete Kenfington- Muſeum warb um die verborgenen reichen Schätze im vereinigten Königreiche. Kirchen und Klöfter, Gruften und Schlöffer, Staub und Moder gebaren dem Lichte des kunftgewerblichen Auffchwunges die lieblichften, herrlichften, fo lange verborgen gewefenen Schätze, die heute noch kaum erreichten Kunftwerke des Mittelalters bis zur grauen Vorzeit Albions. Ein unberechenbar werthvolles Handbnch für jeden, ernftes Studium anftrebenden Künftler, die Grammatik der Ornamente, von Oven Jones, unferem heute fo wohlverdienten, ausgezeichneten Altmeifter, ins Leben gerufen, gab der ganzen Richtung ein ficheres Steuer, einen unfchätzbaren Lootfen. Die Expofition univerfelle in Paris 1855 zeigte Frankreich noch unübertroffen allen Nationen der Erde gegenüber, man hatte eben Sinn für Prachtentwicklung auf zum gröfsten Theile noch rein naturaliftifcher Bafis. Wo find die herrlichen Tapeten eines Delicourt, des Matadors unter den damaligen Tapetenfabrikanten? Seine Decorationen, feine Blumentapeten, fie werden jedem unpartheiifchen Befucher der Ausftellung unauslöfchlich im Gedächtniffe bleiben, und find heute noch von Niemandem erreicht worden. - Möbelftoffe und Teppichzeichnungen in wunderbarer Weife vertreten, würden, wenn fie auch den heutigen Anfchauungen nicht mehr ganz entfprechen, doch in der Technik ein eben fo grofses Auffehen erregen, wie damals und mit Recht. Frankreich hatte heute, gelinde gefagt, nichts fo Gutes exponirt. Welche Erfolge feines Strebens konnte England feit den wenigen Jahren feiner Reorganiſation auf kunftinduftriellem Gebiete erreicht haben? Kaum dafs man die erften Regungen wahrnahm. Die erften Schritte waren gethan, und es waren glückliche zu nennen. Kleine Schritte, aber fichere; wenige, aber hervorragende Leiftungen kamen fchon zur Geltung. Oefterreich lag damals noch im Argen. Man mifsverftehe hier nicht; die Induſtrie, die Kunft, der Handel im Allgemeinen bleibt in diefem Berichte aus dem Spiele, aber die Mufterzeichnungen und die decorative Kunft, namentlich die Erfteren, befchränkten fich in Bezug auf guten Gefchmack oder vollends gar auf Stilgefühl, auf fo verfchwindend kleine Punkte, dafs es fchwer hielte, wollten diefelben unter dem argen Plunder durchleuchten. Ebenfo erging es faft ausnahmslos den anderen, heute fo glanzvoll vertretenen Staaten auf diefem Gebiete. In jener Zeit erfchollen, vereinzelt zwar, aber doch nicht vergeblich die erften Rufe nach Veredlung des Gefchmackes, nach Bildung des Kunftfinnes und des Stilgefühles. Da öffnet eine neue Weltausftellung in London 1862 ihre Pforten, und fchon tritt ein weit verfchiedenes Bild vor unfer Auge. Frankreich bietet noch gehobenen Hauptes dem Nachbarlande die Spitze. Englands Fortfchritte aber erweifen fich klar, und treten in manchem Fache fogar mit Vortheil Frankreich gegenüber. Der kirchliche Stoff fei hier angeführt, jedoch durchaus nicht als vereinzelter Sieg verzeichnet. Deutſchland ftrebt nach Befferem, Rufsland ift noch zurück. 52 F. Lieb. Und Oefterreich? Es verfucht die erften Schritte aus dem Labyrinthe ver fumpften Gefchmackes. Die vereinzelten Rufe, fie hatten Wiederhall gefunden, der Drang zum Befferen, er hatte fich verallgemeinert. Es handelte fich aber hier mehr als in allen anderen Ländern, verlorene Zeit einzubringen, Verfäumtes nachzuholen. Seine Webe- Induftrie, einft fo mächtig, hatte viel Terrain verloren, und mufste nothwendig ganz aufhören, wenn nicht in kurzer Frift eine beffere Strömung in die Gefchmacksrichtung kam. Und nicht fpäter durfte diefer Entfchlufs reifen, wir waren nahe daran, von den beiden mächtigen Gegnern Frankreich und England gänzlich erdrückt zu werden. Das, was England feiner Zeit gethan, war auch unfer Streben, zu erreichen, und fo entſtand unter dem mächtigen Schutze eines Familiengliedes unferes Kaiferhaufes, des Erzherzogs Rainer, mit dem um Oefterreichs jetzige Blüthe fo hoch verdientem, raftlos thätigen Director v. Eitelberger an der Spitze, das heute muftergiltige öfterreichifche Mufeum für Kunft und Induftrie. Junge, gediegene Kräfte fchaarten fich rafch um den begabten Führer, Hof und Adel, Bürgerthum und Künftlerfchaft gaben reich und mit Begeisterung ihr Beftes, was fie hatten. Die Bibliothek, in wenigen Jahren zur reichften zählend, öffnete ihre Schätze jedem, der ernftem Studium fich weihen wollte. Dem ernften Wollen fehlte auch nicht das Können, und fo darf es Niemand Wunder nehmen, wenn fchon 1867 bei Gelegenheit der Parifer Ausftellung ein Riefenfchritt gethan war, der uns den vorgefchrittenften Staaten, befonders in kunftgewerblichen Artikeln, nahezu gleichftellte, ja fowie feiner Zeit England, Frankreich gegenüber, nun Oefterreich den beiden Stand hielt. Viele Verdienfte um die Hebung des Gefchmackes in Mufterzeichnung, Decoration und anderen kunftgewerblichen Zeichnungen erwarben fich Oefterreichs Architekten: Hanfen, Ferftl, Schmidt, Stork u. A. und halfen redlich mit am grofsen Werke. Doppelt ruhmvoll waren Oefterreichs Siege auf der Parifer Ausftellung, wenn man bedenkt, dafs es, noch aus taufend Wunden blutend, die ihm die ,, Bruderhand" gefchlagen, auffchnellte mit einer Elafticität, die eben nur ihm eigen ift. In den Mufterzeichnungen war fchon eine anerkennenswerthe, fichere Richtung, ein ernftes Studium der Stilarten unverkennbar ausgedrückt. Und wenn England hierin fchon grofs daftand und wenn es einen Vortheil voraus hatte, fo war es die Zeit, und wenn gegen diefe Oefterreich etwas in die Wage zu legen hatte, fo war es feine füdliche Phantafie, fein angeborener Gefchmack, der feinem rafch wachfenden Reichthum, feiner Liebe zum Luxus entſprofs. Frankreich behauptete wie früher feinen Platz, aber auf demfelben Standpunkt, ein Vorwärtsfchreiten war nur in einer Stilart, der franzöfifchen Renaiffance befonders im Stil Louis XVI, bemerkbar, welche Vorliebe für diefen noch heute dominirt, und in welchem es noch heute grofs dafteht. Ernfteres Stilftudium machte fich auch an deutfchen Producten in diefer Ausftellung bemerkbar, obfchon auch da eine etwas kühle Auffaffung des Griechifchen, welche am grellften fich in feiner Decorationsweife, wo diefe nordifchen Urfprunges war, manifeftirte. In den Zeichnungen der Stoffmufter war an deutfchen Fabricaten ein Fortichritt zu verzeichnen. Rufsland fchlug jene Stilrichung, welche es auf der gegenwärtigen Ausflellung auch auszeichnet, foeben ein, war jedoch noch nicht recht ficher und flark mit veraltetem Gefchmacke durchgefetzt. Italien ftrebte befferen Gefchmack an, und hielt fich mehr als früher an die guten Vorbilder feiner Heimat. Die Türkei, Perfien und Oftindien, mehr und mehr fich dem Occident öffnend, gingen von einer Ausftellung zur anderen mehr und mehr zurück. Die finnlofeften Schnörkel des Abendlandes aufnehmend und feine eigene, reizend poetifche Originalität verleugnend, ift, wie fchon früher gefagt, nur mehr auf der heutigen Weltausftellung das Alte, Unverfälfchte gut zu nennen. Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei. 53 Dafs China und Japan in den Motiven zu ihren kunftgewerblichen Producten, namentlich Stoffen und Stickereien, heute daftehen, wo fie vor 21 Jahren waren, liegt in ihren Gefetzen wie in ihrer ganzen Natur, bewahrt fie aber auch vor dem Schickfale der letztgenannten Länder. Möchten fie nie verfuchen, fremde Elemente aufzunehmen! Eine Ausftellung, in welcher alle Länder der Erde fich in allen Stilarten, felbft wenn mit gleichem Glücke verfuchen würden, brächte ficher jeden Gebildeten zur Verzweiflung. So feien denn zum Schlufsworte einige Bemerkungen geftattet. Sollen die hier behandelten Branchen der Kunstgewerbe in ihrer Entwicklung gefördert werden, fo ift eine Pflege der nach dem Mufter des Kenſingtonmufeums in allen Ländern, welche auf der Höhe der Zeit ftehen, bereits errichteten Muſeen die erfte Bedingung. Die an denfelben befindlichen Bibliotheken find den heimifchen Künftlern in liberalfter Weife zugänglich zu machen, durch Publicationen der periodifch ausgeftellten, oder im Befitze der Mufeen befindlichen Kunftfchätze ift in Wort und Bild die möglichfte Verbreitung zu verfchaffen. Mit den Muſeen müffen Schulen verbunden fein, welche fich die ernfte Pflege der kunftgewerblichen Fächer zur Aufgabe ftellen, aber zugleich mit den Induftriellen in regem Contacte ftehen. Dafs diefs in Oefterreich glücklicherweife Alles fchon vorhanden, ift auch die Urfache, warum wir fo eclatante Erfolge aufzuweifen heute in der Lage find. Sind diefe Bedingungen erfüllt, dann fteht dem Fortblühen kein Hindernifs im Wege und wir dürfen nicht fürchten, aus dem Kreife der vorgefchrittenften Nationen verdrängt zu werden. Dann wird die Induftrie blühen und in ihrer Blüthe liegt Segen für das Land, welches fie pflegt. Verbannt fei das Unkraut der Selbftüberhebung und der Anmafsung. Wo die Kunft nicht mit reinen Händen gepflegt wird, da ift das frühe Siechthum der gerechte Lohn, und früher oder später rächt fich die Blindheit. Der Adel aber und das wohlhabende Bürgerthum ift in erfter Linie berufen, diefs Kunstgewerbe zu pflegen,„ von Oben kommt die Bildung", von Oben mufs die Unterſtützung kommen. Decke feine Bedürfniffe heute noch in Frankreich, wer arm genug an Patriotismus oder Intelligenz ift, er richtet fich felbft. Die wahrhaft gebildeten Stände, hoch und nieder, fanden bereits und finden noch im Lande mehr und mehr, von Jahr zu Jahr, was ihr Herz fich wünſcht. Sie mögen den Schlufsftein fügen in das Gebäude, deffen Glanz den ihrigen vermehrt.