* OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. WEBEREIMASCHINEN. ( Gruppe XIII, Section 2.) BERICHT VON JOHANN ZEMAN, Redacteur von Dingler's polytechnischem Journal in Augsburg, ehemals Docent am deutfchen Polytechnicum in Prag. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1875. GE WEBEREIMASCHINEN. ( Gruppe XIII, Section 2.) Bericht von JOHANN ZEMAN, Redacteur von Dingler's polytechnifchem Journal in Augsburg, ehemals Docent am deutfchen Polytechnicum in Frag. VORWORT. Mit einigem Zögern tritt der Referent an die Berichterstattung über Weberei und Appreturmafchinen auf der Wiener Weltausftellung 1873. Während die Spinnereimafchinen durch deren allgemeinere Behandlung auf gewerblichen und polytechniſchen Schulen eine gründliche, wiffenfchaftliche Durcharbeitung und demzufolge fyftematiſche Eintheilung bereits erfahren haben, welche allerdings durch die gefchloffene Aufeinanderfolge der einzelnen Spinnoperationen wefentlich erleichtert ift, entbehren wir für Mafchinen der Weberei und Appretur folcher Unterlagen, um, auf diefelben geftützt, an Bekanntes anknüpfen und das Neue oder weniger Bekanntgewordene mit kurzen Worten präcifiren zu können. Wefentlich erfchwert wird aber die Aufgabe noch dadurch, dafs bei Webereimafchinen, insbefondere aber bei den Mafchinen für das Zurichten der Stoffe eine folche Mannigfaltigkeit in der Conftruction und noch mehr in der Verwendung der Mafchine platzgreift, dafs jede einzelne Branche die Forfchungen eines eigenen, durchaus erfahrenen Fachmannes auf der Weltausftellung erfordert hätte. Wir konnten uns defshalb lange nicht entfchliefsen, die Verantwortlichkeit für diefen Theilbericht auf uns zu nehmen, und erft als anderweitige Bemühungen des Herrn Chefredacteurs Profeffor Dr. Richter vergeblich blieben, glaubte Referent den wiederholten ehrenvollen Ruf nicht mehr ablehnen zu dürfen in der Ueberzeugung, dafs unter folchen Umständen feiner Arbeit eine nachfichtige Beurtheilung nicht ausbleiben würde. Und eine folche müffen wir heute doppelt in Anspruch nehmen. - - Zunächft waren wir gegen Schlufs der Ausftellung das Referat übernehmend darauf angewiefen auf langwierigem, fchriftlichem Wege von den Ausftellern das erforderliche Material zufammenzutragen, was denn auch- mit einigen Ausnahmen Dank dem verftändnifsvollen Entgegenkommen der Ausfteller( freilich nach monatelangem Correfpondiren) gelang. - Zwei rafch nach einander folgende Berufungen( an die Wiener HandelsHochfchule und später an die Redaction von Dingler's polytechniſchem Journal in Augsburg) hinderten aber den Berichterftatter in der gegebenen Zeit die beabI* Sx 21 Johann Zeman. fichtigte gründliche Durcharbeitung feiner Studien vorzunehmen, insbefondere aber fein Referat durch Illuftrationen zu vervollſtändigen. Nach diefem Hinweife, welchen wir den Ausftellern fowohl zu fchulden glauben, die uns mit werthvollen Skizzen verfahen, als auch den Lefern diefes Berichtes, welche wir durch unferen Spinnereibericht zu gröfseren Anfprüchen vielleicht berechtigt haben, gehen wir zur Sache felbft über. Webereimafchinen. Eine gröfsere Zahl von Mafchinen für Weberei war auf der Wiener Weltausftellung vertreten; aber wie fchon der Berichterstatter über die Parifer Aus ftellung 1867 urtheilte, fo kann auch hier bemerkt werden, dafs der in Rede ftehende Induftriezweig keine folche Neuerungen aufzuweifen hat, welche eine wefentliche Umwälzung des Principes der bisherigen Verfahrungsweifen hervorbringen könnten. Wir werden aber einer Reihe von Detailverbefferungen weittragender Bedeutung fowohl als auch von nebenfächlichem Werthe begegnen, aus welchen wir wegen ihrer befonderen Vervollkommnung fpeciell die Mafchinen für Seidenftoff- Fabrikation hervorzuheben haben. Vorbereitungsmafchinen für Kette und Schufs. Die k. k. priv. Tannwalder Baumwoll- Spinnfabrik hatte eine Spulmafchine, Zettelmafchine und Schlichtmafchine( fchottifches Syftem) für Baumwolle von bekannter, daher nicht weiter auszuführender Einrichtung ausgeftellt. Die in England fchon mehrfach eingeführte, bei Fadenbruch felbftthätig welche die in Paris ausrückende Zettelmafchine- Patent Singleton** bekannt gewordene Conftruction an Einfachheit und Verlässlichkeit weit überragt, ferner die fehr zweckmäfsig fcheinende Anwendung von Heizröhren ftatt umfangreicher Trockencylinder bei Schlichtmafchinen Patent Lancafter und Bullough in Accrington*** waren in Wien leider nicht vertreten. - - Von Henry Livefey in Blackburn war eine Spulmafchine aufgeftellt worden, bei welcher die Abwindung von Cops, Bobinen oder Strähnen in Kötzer oder Spulenform etc. je nach Bedarf erfolgt eine übrigens nicht unbekannte Einrichtung, welche auch von Chemnitzer Conftructeuren( H. F. Küchenmeifter, Rudolf Voigt) fpeciell für Schafwolle in gelungener Weife ausgeführt wird. Für Schafwolle haben wir vor Allem auf ein in der öfterreichifchen Abtheilung ausgeftellt gewefenes Mafchinenfyftem zum Spulen, Scheren, Leimen, Trocknen und Aufbäumen von wollenen Ketten hinzuweifen, welches von der Erften Brünner Mafchinen Fabriksgefellfchaft nach franzöfifchem Vorbilde**** conftruirt war und unferes Wiffens fo wenig bekannt ift, dafs eine nähere Auseinanderfetzung hier am Platze erfcheint. Das Wefentliche diefes Verfahrens befteht darin, dafs das Leimen, Trocknen und Aufbäumen der vorher gefpulten und gefcherten Kette zu gleicher Zeit ftattfindet ein Vorgang, welcher für Tuchfabrikation vollkommen aus - * A. v. Scala im officiellen Ausftellungsberichte vom Jahre 1867; Band IV, Seite 585. ** Engineer, September 1870, Seite 168 und daraus u. a. Dingler's polytechnisches Journal, 1870, Band CXCVIII, Seite 294. *** Dingler's polytechn. Journal, 1873, Band CCVII, Seite 189. **** Dieles Mafchinenfyftem wurde vor mehreren Jahren durch Offermann in Brünn von Eugen Lacrois in Rouen bezogen und nach vollkommener Erprobung der Leiftungsfähigkeit in gröfserer Zahl aufgeftellt. Webereimafchinen. 3 reichende Refultate bei wefentlich gefteigerter Leiftungsfähigkeit gewährt. Das ausgeftellte Maſchinenfyftem beftand aus: 1) einem Bobin oir auf 40 Fäden, um von Kötzern, Spulen( 100 Millimeter hoch und ebenfo dick) zu fpulen; 2) einer Schermafchine, in welcher die Kette vom Spulengeftelle abgezogen und bandweife auf einen Garnbaum, welcher mittelft Scheiben in einzelne Abtheilungen von der Breite des Scherganges eingetheilt ift, aufgewunden wird. Zur Erzielung genau übereinftimmender Länge und durchaus gleichmässiger Spannung der Kettenfäden ift zwifchen Garnbaum und Spulengeftelle ein der englifchen Ketten- Schermafchine für Baumwolle ganz ähnlicher Apparat ( nicht der grofse Schönherr'fche Hafpel) eingefchaltet, und es geht daher Scheren und Aufwinden eines Kettenbandes nach dem anderen ununterbrochen vor fich. Ift der Garnbaum voll, fo gelangt derfelbe, indem gleichzeitig eine frifche Walze eingelegt wird, auf die 3) Leim und Trockenmafchine, auf welcher die Kette in ganzer Breite auf einmal geleimt und durch Anwendung von Windflügel und Heizröhren getrocknet und unmittelbar darauf auf den Kettenbaum, der nunmehr nur mit zwei Randfcheiben verfehen ift, definitiv aufgewickelt wird.* Der Bobinoir( Spulmafchine) zeichnet fich durch eine höchft zweckmässige Conftruction aus, welche einen rafchen Lauf bei verhältnifsmäfsig fehr wenig Fadenbruch zuläfst. Eine von der bekannten, wefentlich abweichende Disposition hat das Spulengeftelle der Schermafchine. Dasfelbe erhielt mit Rücksicht auf möglichfte Platzerfparnifs eine keilförmige Anordnung in mehreren Etagen übereinander, die immer fchmäler werden und im Grundriffe Dreiecke bilden, deren abgeftumpfte Spitze gegen den Garnbaum zugewendet ift; die oberfte Etage gibt im Grundriffe ein gleichfchenkeliges Dreieck mit nicht abgeftumpfter Spitze. Auf jeder der fechs Etagen werden 60 Spulen vertical aufgefteckt, und um die erforderliche Ueberfichtlichkeit über alle Fäden zu erlangen, find in jeder Etage der Länge nach horizontale Führungsftangen gezogen, gegen welche fenkrecht zwifchen je 4 bis 6 Spulen Stängelchen von oben herablaufend eingelegt find. Die Fäden ftreichen über die horizontalen Leitftangen, während die fchräg auffteigenden das Auffinden gebrochener Fäden aufserordentlich erleichtern. Die von dem Auffteckzeug abgehenden Fäden gelangen nun in den eigentlichen Scherapparat, beftehend aus drei in einem Niveau liegenden Walzen, von welchen die beiden äusseren eine glatte, die mittlere dagegen eine rauhe Schmirgel- Oberfläche befitzt. Die Kettenfäden gehen, durch einen Reihekamm( Lefeblatt) eingezogen, über die hintere Walze, dann unter die Schmirgelwalze und endlich wieder über die vordere glatte Walze, hierauf abermals durch einen Kamm zum Aufbäumapparat, welcher in einigem Abftand feft aufgeftellt ift. Unmittelbar hinter dem vorderen Lefeblatt findet fich eine Anordnung, welche auch bei den Baumwoll- Schermafchinen zur Verhinderung des Schlaffwerdens der rückgängig abgerollten Kette vorhanden iſt, hier aber mehr zu dem Zwecke eingefchaltet wurde, um durch beliebiges Auflegen von eifernen Stängelchen eine gröfsere oder geringere Reibung, beziehungsweife Spannung der Fäden hervorzubringen. Um gebrochene Fäden leicht auffinden zu können, müffen die Fäden auf der Schermafchine ins Kreuz gefchlagen werden. Aus diefem Grunde haben die beiden vertical aufgehängten und verftellbaren Kämme eine befondere( für uns * Soviel uns bekannt wurde, hat auch die Sächfifche Webftuhlfabrik( vormals L. Schönherr) in Chemnitz im Jahre 1871 ein Patent auf eine Leimmafchine für wollene Ketten erworben, wobei die Kette in derfelben Breite, in welcher diefelbe gefchert oder aufgebäumt ift, geleimt, dann aber noch nafs oder feucht auf einen Baum aufgewickelt wird, um eine gleichmässige Vertheilung des Leimes in den Kettenfäden durch Auffaugen zu erzielen. Das Trocknen der von der Leimmafchine abzuwickelnden Kette gefchieht in beliebiger Weife. 4 Johann Zeman. neue) Einrichtung. Die einzelnen Zwifchenräume der Kämme find nämlich in regelmäfsiger Abwechslung einmal oben, einmal unten auf etwa 14 der Blatthöhe durch Lothzinn verfchloffen. Der erfte, dritte, fünfte... Spalt A geht demnach von der oberen Blattleifte nur bis 3/4 der Höhe frei herab; die zwifchenliegenden Spalten B find dagegen im oberen Viertel verlöthet. Denkt man fich nun die Kette regelrecht eingezogen, fo werden beim Heben des Kammes alle in den Zwifchenräumen A liegenden Fäden gleichfam in ein Oberfach gebracht, während die Fäden B unten liegen bleiben können. Und umgekehrt müffen beim Niederlaffen desfelben Kammes alle A- Fäden ins Unterfach herabtreten. Man kann fomit auf eine rafche und einfache Weife mit jedem Kamm für fich( daher nicht zu verwechfeln mit der gleichen Operation bei Anwendung zweier Lefekämme zugleich) die Kette ins Kreuz fchlagen und die Kreuzftäbe oder Kreuzfchnuren einziehen. Das vordere Lefeblatt hat eine Fächerform, das heifst, es ift oben breit und unten fchmal. Bei gleicher Fadenzahl läfst fich daher, wie bekannt, durch Verftellung des Blattes die Dichte der Kette entſprechend reguliren. Mit der Schmirgelwalze ift ein Zählwerk in Verbindung gebracht. Da nun die einzelnen Kettenfäden mit hinlänglicher Reibung gegen diefe Rauhwalze anliegen und diefelbe beim Aufbäumen drehen, fo zeigt das Zählwerk die genaue Länge des gefcherten Kettentheiles an, wie denn auch die Schmirgelwalze die Möglichkeit bietet, dafs alle Fäden unter gleicher Spannung zur Aufbäumwalze gelangen,-- eine glücklich überwundene Schwierigkeit bei der Conftruction mechanifcher Schafwoll- Schermafchinen. Zur Aufbäumung der gefcherten und ins Kreuz gefchlagenen Kette dient ein getrennt gelagerter und von der Transmiffion aus betriebener Garnbaum, welcher durch ftellbare Scheiben für die einzelnen Schergänge( bis zu 360 Fäden) getheilt ift. Ein mit einem Gewichte befchwerter Winkelhebel, deffen oberes, gegen die auflaufenden Fäden angedrücktes Ende mit einem Bremsklotz armirt ift, forgt für die gleichmäfsig dichte Aufbäumung aller Kettentheile. Das Aus- und Einrücken der Triebfcheibe kann von jedem Punkte des Apparates rafch bewerkftelligt werden. Damit die vom Spulengeftell abgehenden Fäden nicht in zu fchräger Richtung durch die Kämme gehen und ftets fenkrecht zum Garnbaum, deffen Lagergeftell feft auf dem Boden ruht, geleitet werden, ift der Scherapparat auf mit Rollen Querfchienen fahrbar eingerichtet und ebenfo das Spulengeftell verfehen einer Querverftellung fähig. - - In der Ketten-, Leim- und Trockenmafchine geht die Kette in ihrer ganzen Breite vom Garnbaum, welcher vorne und ziemlich nahe dem Boden eingelegt wurde, über eine hölzerne Leitrolle herab in den Leimtrog, dafelbft um zwei Führungswalzen herum nach aufwärts zwifchen zwei oberhalb des Leimtroges übereinander gelagerten Quetfchwalzen hindurch, die mit Filz überkleidet find, worauf die Kette fofort getrocknet wird. Die Kettenfäden ftreichen zu diefem Zwecke über eine Leitwalze zu einem grofsen, fich langfam drehenden Hafpel ( mit ziemlich fcharf zugefchrägten Latten an den radialen Armen der Speichenkränze), deffen Umfang die Kette nahezu vollkommen umfchliefst. Dicht oberhalb der Zuführwalze vor dem Hafpel wendet fich die Kette über eine andere Leitwalze ab und fteigt fchräg nach rückwärts gegen die Decke des Arbeitslocales, unter welcher die Kette über zwei Leitwalzen frei ausgefpannt ift, kehrt dann unter einem beiläufigen Winkel von 45 Grad von vorne nach rückwärts herab zum Kettenbaum, welcher oberhalb des Garnbaumes- ein wenig vorhängend gelagert ift. Zur rafchen Beförderung der Trocknung liegt unter dem Führungshafpel der Kette( am hinteren Ende der Mafchine) zwifchen diefem und dem Leimtrog ein Schlangenrohr und an der Decke unter der freifchwebenden Kette ein Syftem von dampfgeheizten Röhren. Webereimafchinen. 5 Innerhalb des Hafpels aber dreht fich ein vierarmiger Flügel, durch welchen eine Luftbewegung hervorgerufen wird, welche die Trocknung der Kette beftens einleitet. Wenn nun auch die Erfte Brünner Mafchinen- Fabriksgefellfchaft nicht als Originalconftructeur des befchriebenen Maſchinenfyftems angefehen werden kann, fo hat fie durch Aufnahme und die Aufftellung desfelben in der Mafchinenhalle ein unbeftrittenes Verdienft fich erworben, fo dafs wir auch nicht anftehen, die Hauptvortheile diefer maſchinenmäfsigen Vorbereitung der Schafwoll- Ketten gegenüber der Handarbeit mit den eigenen Worten der obigen Firma nachftehend zufammenzufaffen. " Vor Allem ift hier die grofse Leiftungsfähigkeit hervorzuheben, nachdem diefes Mafchinenfyftem mit einer Bedienung von fieben Perfonen darunter fechs Mädchen mit einem beiläufigen Kraftaufwand von 2 Pferdekraft per Stunde 70 Meter fertige, aufgebäumte Kette in jeder Fadenzahl liefert. - Neben diefer anfehnlichen Production gewährt die Einfachheit, leichte Zugänglichkeit und grofse Ueberfichtlichkeit der verfchiedenen Mafchinen, eine fo leichte Bedienung, wie fie keinem anderen Syfteme eigen ift. Die Kette wird in ihrer ganzen Breite zugleich geleimt, getrocknet und aufgebäumt, ohne dafs die Fäden über einen Trocken cylinder gehen; vielmehr werden fie fchwebend in der Luft getrocknet, fo dafs ihre Elafticität erhalten bleibt. Die Kette ift in der Qualität fo befchaffen, dafs die mechanifchen Webftühle 20 bis 30 Procent Mehrleiſtung ergeben, weil eben die Kette viel egaler und beffer geleimt, daher viel fefter ift; Fadenbrüche werden unter folchen Umftänden feltener eintreten. Eine folche Einrichtung genügt für 30 bis 40 mechanifche Webftühle und koftet ohne Heizröhren loco Brünn 2800 Gulden." Neben diefen fowohl an Gröfse wie auch wirklicher Bedeutung am meiften hervorragenden Ausftellungsobjecten find an diefer Stelle nur noch einige kleinere defshalb nicht unnütze Apparate oder Vorrichtungen zu bemerken. - Bei den bekannten Schufsfpulmafchinen von L. Schönherr( jetzt Sächfifche Webftuhlfabrik), ferner bei den fchon oben bemerkten Spulmafchinen von Küchenmeifter und von Voigt ift kaum auf etwas Neues hinzuweifen. Nähere Beachtung verdient aber die höchft zweckmäfsig eingerichtete Anfeuchtund Ausfchwingmafchine von Rudolf Voigt in Chemnitz, welche fchon in vielen Schafwollwebereien Eingang gefunden hat. Es ift bekannt, dafs neben anderen Gründen auch zur Erleichterung der Arbeit des Webers der Einfchlag vielfach feucht eingefchoffen wird. Ungleich gefeuchtetes Schufsgarn erzeugt aber, wie man befonders nach dem Walken bemerkt, dünne und dicke Stellen in der Waare und defshalb ift ein verlässlicher Apparat für diefe Operation jedem Weber fehr willkommen. Es befteht derfelbe zunächst aus einer kleinen Handpumpe, deren mundftückähnlich erweitertes Saugrohr in einen kleinen Wafferkaften reicht. Hält man nun die Schufsfpulen einzeln unter das Mundftück, fo werden diefelben durch einige Kolbenfpiele vollkommen durchnäfst. Ein Ausfchleudern des zuviel aufgenommenen Waffers erfolgt durch Aufftecken der Spulen auf eine horizontale, mit Stiften befetzte Scheibe, welche durch Kurbel und Schneckentrieb mit einer genügenden Gefchwindigkeit herumgedreht werden kann. Hierdurch erhält man alle Spulen gleichmäfsig feucht; auch bleibt bei diefer Manipulation das Garn vollſtändig unverfehrt und läuft leicht und ficher beim fpäteren Verweben ab. Die Ausfchleuderfcheibe ift in einem oben offenen cylindrifchen Gehäufe eingelagert, an welches die Handpumpe mit dem Wafferkaften direct angefchraubt ift. Platt Brothers& Comp. in Oldham waren auch mit einer fchönen Schufsfpulmafchine vertreten, auf welcher man von Kötzern, Spulen oder auch Strähnen auf Blechpfeifen oder Papierröhrchen abwickeln konnte. Die eine LA 6 Johann Zeman. Seite der Mafchine war nebftbei mit einer ganz netten, ficher einfetzenden Fadenbruch- Abftellung verfehen, welche wohl angedeutet zu werden verdient. Ein winkelförmig gebogener Draht ift auf der Spindelbank um einen Punkt des kurzen, nahezu wagrechten Armes drehbar fo aufgeftellt, dafs er durch das Uebergewicht des aufrechten Armes ftets nach einer Seite fällt und dadurch den wagrechten Arm fo nahe zum Spindelwirtel rückt, dafs ein Stift an demfelben gegen den Arm anftöfst und demzufolge die weitere Drehung der Spindel einftellt. Bei normalem Betriebe verhindert die Spannung des um das obere Drahtende herumgelegten Fadens das Niederfallen des Fadenwächters, der aber fofort einfetzt, wenn die Fadenfpannung aus welchen Gründen immer nachläfst. Für Flachs etc. war nur Combe's Schufs fpulmafchine durch die Firma Combe& Barbour in Belfaft ausgeftellt und zwar in bekannter vortrefflicher Ausführung, mit Selbftabftellung bei Fadenbruch, mit Regulirung zum Weich- oder Feftwinden der Cops, mit Vorrichtung, um von Spulen oder Garnfträhnen zu winden u. f. w. Seide. Reichhaltiger wie für Baumwolle, Schafwolle und Flachs waren die Vorbereitungsmafchinen für Seidenftoff- Fabrikation vertreten und obenan find mit Rückficht auf Neuerungen, Eleganz und Zweckmässigkeit der Conftruction die Mafchinen der Firma Cafpar Honegger in Rüti( Schweiz) zu nennen, welche unferer Anficht nach die höchfte Auszeichnung das Ehrendiplom ftatt der zuerkannten Fortfchrittsmedaille verdienten. - Schon auf der Parifer Ausftellung 1867 hatte Honegger eine Zettelund Aufbäummafchine exponirt; diefelbe wurde aber in der Zwifchenzeit fo umgeftaltet, dafs eine eingehendere Auseinanderfetzung hier am Platze ift. Das Zetteln( Scheren) und Aufbäumen findet nicht mehr wie früher* auf einer und derfelben Mafchine nach einander, fondern auf zwei getrennten, unabhängig von einander arbeitenden Maſchinen ſtatt. Nachdem das Abmelden oder Scheren der für die Zeugkette erforderlichen Fadenzahl mehr Zeit erfordert, wie das Aufwickeln oder Aufbäumen der gefcherten Fäden auf den Kettenbaum, fo kann bei Anwendung des neuen Mafchinenfyftems eine relativ höhere Production erzielt werden. Die Seiden- Zettelmafchine von C. Honegger befteht im wefentlichen aus einem um eine horizontale Achfe drehbar angeordneten Hafpel oder Scherrahmen, welcher durch Riementrieb in Drehung gefetzt wird und hierbei den durch Lefekämme eingezogenen Kettentheil regelmäfsig aufnimmt. Ift die beftimmte Fadenlänge aufgewunden, fo rückt die Mafchine felbftthäthig aus, die Arbeiterin verftellt den Support mit dem Lefekamm( Blattträger) in entſprechender Weife und fetzt die Arbeit bis zum letzten Kettentheil regelmäfsig fort. Die Aufwickelung jedes Kettentheiles auf dem Scherrahmen findet in cylindrifchen Ringen, wie bekannt, aber nicht mit eben-, fondern mit conifchbegrenzten Endflächen ftatt, um das Abrutfchen der Endfäden zu vermeiden. Zu diefem Behufe liegen an der einen Seite der Scherlatten Keilftücke zur Unterftützung der inneren Endfläche des erften Fadenringes; ferner werden die Kettenfäden in einer fchwach anfteigenden Schraubenlinie um den Hafpel umgelegt, bis endlich die feftgefetzte Länge erreicht ift. Behufs diefer Aufwicklung der Fäden nach einer Schraubenlinie erhielt der Hafpel bei der Parifer Ausstellungsmaschine neben feiner drehenden Bewegung auch noch die erforderliche Seitenverfchiebung; einfacher war die Einrichtung in Wien, da der Blatt- oder Kammträger correfpondirend mit der Drehung des Hafpels parallel zur Achfe desfelben durch eine Schraubenfpindel verfchoben wird. * Officieller Ausftellungsbericht vom Jahre 1867; Band IV, Seite 590. Webereimafchinen. 7 Es ift darauf hingewiefen worden, dafs der erfte auf dem Hafpel gebildete Schergang auf Keilftücke in den Latten gewunden wird; bei der fchraubenförmigen Aufwickelung des Kettenbandes erfcheint eine correfpondirende Abdachung auf der äufseren Endfläche, welche als Unterlage für die innere Endfläche des zweiten Kettenringes dient. Um nun der Feinheit der Seide Rechnung zu tragen, beziehentlich die Keilftücke mehr oder weniger geneigt einftellen zu können, ftecken die Endzapfen der Keile in fchrägen Schlitzen einer auf der Hafpelachfe ftellbaren Scheibe. Während alfo früher jedes Keilftück durch eine eigene Stellfchraube juftirt werden musste, wird jetzt die Regulirung der Keile durch einfaches Verdrehen diefer Scheibe hervorgebracht. Ohne Hinweis auf nähere Zeichnungen ift der ingeniös angelegte Bewegungsmechanismus der Zettelmaſchine nicht zu erklären. Referent verweift diefsbezüglich auf Dingler's polytechnifches Journal, 1873, Band CCXII, Seite 25. Die Honegger'fchen Band- Zettelmafchinen find nach gleichen Principien conftruirt, aber für Fufs- oder Riemenbetrieb eingerichtet. Die Keile an den Hafpelplatten find feft, da hier Seide von ziemlich gleichem Titre verarbeitet wird. Ift das Scheren der Seidenkette vollendet, fo wird der Hafpel aus der Mafchine ausgehoben, ein frifcher Scherrahmen eingelegt und die Arbeit wie früher ausgeführt. Der gefüllte Hafpel aber gelangt in die Aufbäummafchine ( Enroulage) und wird hier die Kette direct auf den Seidenbaum abgewickelt. Damit nun die in Schraubengängen auf dem Scherrahmen liegenden Fäden fenkrecht auf den Kettenbaum auflaufen, erhält der Hafpel bei feiner Rückdrehung die entſprechende feitliche Verfchiebung, indem derfelbe in einem durch eine Schraubenfpindel bewegten Geftell ruht. Um die Kanten der Kette gegen Abrutfchen zu fchützen( der Seidenbaum erhält keine Randfcheiben) und um das Ablaufen der Kettenfäden im Webftuhl zu erleichtern, erhalten diefelbe auf dem Kettenbaum dadurch eine gekreuzte Lage, dafs der zwifchen Hafpel und Kettenbaum gelegene Streichbaum bei feiner Umdrehung auch noch regelmässig etwas hin- und hergefchoben wird. Das Abrutfchen der Endfäden wird übrigens noch dadurch hintangehalten, dafs von Zeit zu Zeit ein Carton in die Kette eingelegt wird. Die Mafchinenfabrik Scheller und Berchtold in Thalweil bei Zürich hatte auch eine Seiden- Zettelmafchine( jedoch ohne Aufbäummafchine) mit verfchiedenen Modificationen im Bewegungsmechanismus vorgeführt, deren Zweckmässigkeit uns jedoch nicht einleuchten mochte. In wie weit die Erklärung der öfterreichifchen Firma Gebrüder Schmid& Comp. in Bregenz, welche ebenfalls eine Zettelmafchine für Seide( älterer Conftruction) exponirt hatte und für fich die Erfindung diefer angeblich vor 13 Jahren fchon gebauten Mafchine in Anspruch nimmt, begründet ift, fand der Referent keine Gelegenheit feftzuftellen. Die Vorbereitung des Seidenfchuffes betreffend, erwähnen wir zunächſt Honegger's Bobinoir( Schufsfpulmafchine), welcher zwar verfchiedene kleine Detailverbefferungen, im Ganzen aber die bekannte, fchon vielverbreitete Einrichtung zeigte. Die Mafchine ift doppelfeitig; die Trommelwelle treibt mittelft endlofer Schnüre je vier Spindeln( zwei auf jeder Seite) zugleich. Die Gefchwindigkeit der Spindeln ift variabel, fo dafs die Spindeln rafcher gedreht werden, wenn der Faden gegen die Spitze geleitet wird, wodurch bekanntlich eine gleichmäfsige Spannung des Fadens erzielt wird. Damit die Fadenwindungen nicht jedesmal auf die nämliche Stelle gelegt werden, wohin fie bei dem vorigen Gang gefallen waren- was beim Abziehen ein Abrutfchen ganzer Fadenfchichten zur Folge haben kann- fo ift die Herzfcheibe zur Bewegung der Faden- Führerftange nicht centrifch auf ihrer Welle befeftigt, fondern auf ein kleines Excenter aufgefchoben, welches durch ein Räderwerk eine voreilende Drehung erhält und demzufolge die Herzfcheibe in angemeffen veränderte Stellung bringt. 8 Johann Zeman. Für Handweber, welche nicht in der Lage find, einen Bobinoir aufzuftellen, hat Honegger einen kleinen Hand- Spulapparat conftruirt, welcher, nebenbei bemerkt feiner Einfachheit und Zweckmäfsigkeit halber von dem„ Seideninduftrie- Verein in Zürich" mit einer Prämie von 300 Franken ausgezeichnet wurde. Diefer Apparat wird mittelft Handrad betrieben, von welchem eine horizontal gelagerte und in der Längenrichtung leicht verfchiebbare Spindel durch eine Schnur ihre Drehung bekommt. Parallel zur Spindel liegt der Fadenführer, welcher von derfelben durch Schneckengetriebe und Herzfcheibe fo bewegt wird, dafs der Faden auf die am vorderen Ende der Spindel fteckende conifche Holzpfeife in kurzen, regelmäfsig hin und hergehenden Windungen aufläuft. Da knapp unterhalb der Spindel unter einem beftimmten Winkel eine fich lofe drehende Rolle angebracht ift, fo mufs bei fortfchreitender Bewicklung Spule und Spindel zurückweichen( defshalb ift auch die Spindel leicht verfchiebbar gelagert), womit die kötzerförmige Windung der Spule in ähnlicher Weife erzielt wird, wie bei Platt's oder Combe's und anderen Spulmafchinen mit den bekannten conifch ausgehöhlten Köpfen( Trichter). Für Bandftühle hatten Spulmafchinen ausgeftellt: Franz Laubek in Wien, F. Kufsmaul Sohn in Bafel und Felix Tonnar in Dülken. Die für Fufsbetrieb auf 10 Spindeln vorgerichtete Tonnar'fche Spulmafchine für Scheibenfpulen zu Bandftühlen zeichnete fich durch eine fehr einfache, felbftthätig wirkende Ausrückung der Spindeldrehung, fobald die betreffende Spule ihren im Voraus beſtimmten Durchmeffer erreicht hat, aus. Der Antrieb der horizontal gelagerten Spindeln, an deren vorderem Ende die Spulen aufgefteckt werden, erfolgt durch eine endlofe Lederfchnur, welche mittelft Spannrollen gegen die Spindelwirtel angedrückt, felbft aber durch FufstrittMechanismus in Umlauf gefetzt wird. Unterhalb jeder Spindel ift eine Frictionsrolle angebracht, welche durch die Spule im Momente ihrer Vollbewicklung zunächft um 180 Grad gedreht wird. In Folge deffen kommt ein Stift an der Achfe der Frictionsrolle in die Nähe der nun auszurückenden Spindel, welche fich noch ungehindert weiterdreht, durch einen Mitnehmer aber obigen Stift, daher die Achfe der Frictionsrolle, an der eine Nafe fitzt, mitnimmt und dergeftalt durch diefe Nafe ein federndes Zahngefperre für die Spindel auslöft*. So wie diefs erfolgt, drückt eine Spiralfeder die Spindel etwa 8 Millimeter in die Höhe und der Wirtel kommt aufser Berührung mit der Antriebsfchnur. - Tonnar hat ferner. Vorforge getroffen, dafs nicht nur verfchieden dicke, fondern auch verfchieden lange Spulen auf feiner Mafchine mit aller Präcifion gewickelt werden können, indem der Ausfchlag des Fadenführers einfach regulirbar gemacht ift. Es ift eine bekannte Thatfache, dafs der Schufsfaden beim Abziehen von Schützen- Schleiffpulen eine Drehung( Zwirn) erhält, deren Gröfse mit dem Spulendurchmeffer im umgekehrten Verhältnifs fteht, indem jedes Fadenftück, gleich dem Umfange der Spule, gerade einmal um fich felbft gedreht wird. Vor nicht langer Zeit war in der Seidenweberei die Lauffpule( Abrollfpule) faft ausfchliesslich in Verwendung; aber mit der Verarbeitung geringwerthiger und fchwergefärbter Seide ward man auch auf die Schleiffpulen hingewiefen. Bei mehrfachem Eintrag, welcher flott im Gewebe liegen foll, mufs man denfelben- fofern es das Anfehen oder die Weichheit der Waare verlangt- vor dem Einfchiefsen, beziehungsweife vor oder bei dem Aufwinden auf die Spule mit einem Twift verfehen, welcher der durch das nachfolgende Abziehen von der Schleiffpule hervorgerufenen Drehung entgegengefetzt ift. Honegger hatte hierfür feinem Failles- Webftuhl einen recht netten kleinen Doubli r- und Zwirnapparat beigegeben, auf welchem vor dem * Zur Schonung der Seide darf man die Reibung zwifchen Spule und Frictionsrolle nicht fo weit fteigern, um direct das Zahngefperre auszulöfen. Diefs gefchieht vielmehr durch die mit voller Kraft betriebene Spindel felbft. Webereimafchinen. 9 Spulen das Zwirnen des mehrfachen Eintrages erfolgt und zwar mit Hilfe einer Ringfpindel, welche durch ein Handrad gedreht wird. Diefe Drehung wird durch Zahnrädchen auf eine parallel zur Ringfpindel gelagerte verticale Achfe und an deren oberem Ende durch Kegelrädchen auf die Zuführrolle der Eintragfäden übertragen. In der unteren Hälfte hat die verticale Achfe ein rechtes und linkes Schraubengewinde eingefchnitten, um der Ringbank die auf- und niedergehende Bewegung zu ertheilen. Der Wiener Mechaniker Franz Laubek dagegen zwirnt den mehrfachen Seideneintrag zugleich mit dem Bewickeln der Schleiffpulen. Bei der von diefem Ausfteller conftruirten beachtenswerthen Schufsfpulmafchine ftehen die Spulenfpindeln vertical und feft in der auf- und niederfteigenden Spulenbank. Der zugeleitete doublirte Faden wird durch eine die Spule umfaffende Gabel fowohl gedreht als auch in regelmässigen conifchen Schichten um die Spule gewunden. Der eine Arm der Gabel trägt auf einem eingefchnittenen Schraubengewinde das Fadenführerauge, welches behufs Bildung der conifchen Fadenfchichten eine allmälige Verfchiebung erleidet in ähnlicher Weife, wie diefs bei den allgemein bekannten Schönherr'fchen Schufsfpulmafchinen erfolgt. Neben diefer fehr folid gebauten Mafchine hatte Laubek, wie fchon gefagt wurde, noch eine erwähnenswerthe Band- Spulmafchine ausgeftellt. Die Wiener Induftrie war diefsfalls auch noch durch Spulmafchinen von Alois Röder& Comp. und durch Carl Arzt vertreten. - Handftühle und Jacquard ftühle. - Bei der immer weiteren Ausbreitung der Mafchineninduftrie würde es wohl Niemanden überrafchen, wenn wir berichteten, keiner Novität auf dem Gebiete der Hand- Webftühle begegnet zu fein. Eigentlich ift diefs auch der Fall, indem das einzig bemerkte Object der Hand- Webftuhl von de Grave in Gent bereits auf mehreren Ausftellungen figurirte, ohne jedoch bisher bei Berichterstattungen berücksichtigt worden zu fein. Wahrfcheinlich wurde das kleine, ohne nähere Erklärung auch unverftändliche Modell überfehen, und faft wäre es fo auch in Wien wieder gefchehen, wo man das ganz kleine WebſtuhlModell in der Seitenhalle unter den koloffalen Ausftellungsobjecten der belgifchen Eifenwerke, welche die Aufmerkſamkeit des Befuchers fo fehr ablenkten, aufgeftellt hatte, ohne irgend eine Erklärung oder Erläuterung. Zufällig war Referent früher fchon auf de Grave's Webftuhl aufmerkfam geworden und verdankt ferner dem bereitwilligen Entgegenkommen des Erfinders nähere Auffchlüffe. In den verfchiedenen Handwebereien Flanderns war man entweder nur für Leinenweberei oder nur für die Herftellung geköperterWaare eingerichtet. Theils hatten die betreffenden Weber nur die eine oder nur die andere Zurichtung des Stuhles erlernt, theils verhindern die engen Wohnräume und die grofsen Koften die Aufftellung zweier, doch nur abwechſelnd zu betreibender Stühle, den einen für leinwandartige und den anderen für geköperte Waare. Bei wechselnden Conjuncturen war bald der eine Theil der Weber bitterer Noth ausgefetzt, während der andere Ueberflufs an Arbeit fand, und umgekehrt. - - Zur Ausgleichung diefes Uebelftandes fuchte nun de Grave damals Fabrikfchul- Infpector in Gent dem Webftuhl eine folche Einrichtung zu geben, dafs derfelbe bei den ftrengften Anfprüchen an Solidität und Zweckmäfsigkeit in einfachfter Weife aus einem Leinenftuhl in einen Webftuhl für gemufterte Zeuge und umgekehrt umgewandelt werden könne. De Grave hat die fich geftellte Aufgabe glänzend gelöft, und feine Stühle wurden fofort vom Gouvernement in den verfchiedenen Fabrikfchulen aufgeftellt, um den jungen Webern Gelegenheit zu bieten, nach beiden Richtungen fich auszubilden, um den eintretenden Eventualitäten beffer gewachfen zu fein. 10 Johann Zeman. Der Stuhl für Leinenweberei vorgerichtet zeigt im Ganzen die bekannte Einrichtung. Das Geftelle ift aus Holz mittlerer Stärke, durch Zapfen und Schrauben zufammengefügt, fo dafs es ein feftes Ganze bildet und felbft bei längerer Benützung folid verbleibt. Die einzelnen Theile zur Aufnahme der Kette und des Gefchirres, die Lade und der Trittmechanismus find fo befchaffen, dafs man in kürzester Zeit jene Veränderungen vornehmen kann, um mit den inzwifchen bei Seite gelegenen Stuhltheilen den Webftuhl zum Weben von geköperter Waare aus Baumwolle, Flachs oder Schafwolle vorzurichten. An das Hauptgeftell wird hinten ein kleines rechteckiges Geftell angefteckt, in welches nun der Kettenbaum eingelagert wird, um einen grösseren Abftand desfelben vom Bruftbaum zu erzielen. Auch kann für Arbeiten mit Doppelketten noch ein zweiter Kettenbaum im Hintergeftelle eingelegt werden. Die fefte Kettenfpannung wird durch eine nachgiebige Belaftung mit Waagegewicht erfetzt, dagegen die Aufwicklung der Waare von einem felbftthätig einfetzenden Regulator controlirt. Statt der einfachen Schaft- und Trittvorrichtung hängt der Weber einen Kontermarfch, ftatt der fchweren Lade eine leichtere Lade mit Wechfelkäften ein. Für etwaige Zugarbeit( ftatt Trittarbeit) kann für die Schäfte auch eine kleine Jacquardmafchine auf das Stuhlgeftell aufgefetzt werden. Der Univerfal- Handwebftuhl, Syftem de Grave, erfcheint dem Referenten einer eingehenden Beachtung werth. Auch bei uns könnten in verfchiedenen Webereibezirken folche Stühle Nutzen bringen; verfuchsweife follten fie wenig. ftens in den ftaatlichen Fachſchulen eingeführt werden. Zu diefem Vorfchlage muntern uns die vorgelegten günftigen officiellen Begutachtungen auf, welche uns doppelt bedauern liefsen, dafs wir nicht noch während der Ausftellung felbft Gelegenheit fanden, das befcheidene, von den meiften( ob von der Jury auch, wiffen wir nicht zu fagen) überfehene Webſtuhlmodell der Beurtheilung einheimifcher Fachmänner vorzulegen. Während die letzte Parifer Ausftellung verfchiedenes Bemerkenwerthe zu Jacquardftühlen lieferte*, können wir von Wien 1873 gar nichts Neues berichten. Die Leiftungen der Wiener Jacquardmafchinen und Deffinkarten- Fabrik von Willibald Schramm waren zwar fehr hervorragend, boten indefs keine Neuerungen. Auch die Jacquardmaſchinen von Johann Bachmayer und von Franz Surbek bezeugten nur die alte Solidität diefer Wiener Fabrikate. Bei dem von F. Kufsmaul Sohn in Bafel ausgeftellten Seidenbandftuhl waren ftatt Platinen Knotenfchnuren angewendet, um alles Eifen, das zur Verunreinigung der Seide Anlafs geben kann, zu vermeiden. Holzplatinen find aus Platzrückfichten nicht anwendbar gewefen.** Die von dem ungarifchen Ausfteller M. Melitska in Hermannftadt herrührende Tifchzeug- Mafchine( für Herftellung von Tifchzeug, Servietten, Handtüchern etc. etc.) blieb uns leider fowohl nach dem ausgeftellten Modelle, welches wir ganz zuletzt in vollkommen derangirtem Zuftande auffanden, als auch nach der erhaltenen ungenügenden fchriftlichen Auseinanderfetzung vollkommen unverftändlich. *) Vergleiche Dr. H. Grothe: Spinnerei, Weberei und Appretur auf der Weltausftellung zu Paris 1867( J. Springer. Berlin 1868.); ferner den fchon oben citirten officiellen Bericht vom Jahre 1867, Bd. IV. Seite 83 u. f. f. ** Bezüglich der Jacquardmafchinen verweifen wir hier auf eine jüngst erfchienene Monographie von Profeffor Fr. Kohl: Gefchichte der Jacquardmafchine und der fich ihr anschliefsenden Abänderungen und Verbefferungen nebft der Biographie Jacquard's. Eine von dem Verein zur Beförderung des Gewerbefleifses in Preufsen gekrönte Preisfchrift. Mit dem Bildniffe Jacquard's, 16 lithographirten Tafeln und 18 Abbildungen in Holzfchnitt. 197 S. in Quart. ( Nikolai'fche Verlagsbuchhandlung. Berlin 1873.) Webereimafchinen. 11 Mechanifche Webftühle. Schlagender, wie durch das Capitel„ Vorbereitungsmaschinen" oder ,, Mechanifche Webftühle", kann die Unzulänglichkeit der Weltausftellungen in Hin ficht einer Vorführung der fucceffiven Entwicklung und Vervollkommnung, fowie einer completen und getreuen Darftellung der Fortfchritte im Bau unferer Arbeitsmafchinen u. f. w. nicht dargelegt werden. Vermissten wir fchon oben das in Paris als entwicklungsfähig anerkannte und thatfächlich feither wefentlich vervollkommnete, in Wien aber gar nicht vertretene Syftem der felbftabftellenden Zettelmafchine, fo müfste nun nach dem Ergebnifs unferer Ausftellung der im Jahre 1867 zwar mannigfach kritifirte, aber dennoch allfeitig anerkannte Webftuhl mit felbftthätigem Schützenwechfel beim Reifsen oder Ausgehen des Schufsfadens wieder fpurlos verfchwunden fein. Freilich wurde damals ein Experimentftuhl vorgeführt, im erften Stadium einer Conftruction, welche feine Einführung in Webereien noch nicht räthlich erfcheinen laffen konnte.* Der Bewegungsmechanismus diefes Stuhles ift aber in der Zwifchenzeit verbeffert worden und wenn auch die einfeitige Auswerfung fehlerhaft gewordener Schützen den Gebrauch des Webftuhles immer noch fehr befchränken mufs, in der Mafchinenhalle hätte derfelbe unzweifelhaft grofses Intereffe erregt und vielleicht zu weiterer Verbefferung und Entwicklung Anftofs gegeben. Diefs nur als ein Beiſpiel von fo vielen, welche fich in jeder Claffe herausziehen laffen könnten. Aber aus diefem Grunde und weil uns die Inbetrachtnahme der anderweitig bekannt gewordenen Fortfchritte zu weit führen müfste, wird man dem Referenten eine einleitende Zuſammenfaffung der hier in Wien conftatirten Verbefferungen in Webftühlen wohl erlaffen. Das Neuere oder Intereffante findet fich nachftehend thunlichft nach zufammengehörigen Bewegungsmechanismen oder nach Ausftellern geordnet kurz befprochen vor. Dabei bedauern wir im Voraus, wenn wir ftellenweife aus Mangel hinreichender Aufklärungen die Intentionen des Conftructeurs nicht präcis genug charakterifirt haben. An Mühe haben wir es kaum fehlen laffen; aber einige der Ausfteller hielten es geradezu für überflüffig, wiederholte officielle Anfragen für diefen Bericht zu beantworten; mehrfeitig gefchah es lange nach Schlufs der Ausftellung, wo uns alfo eine nähere Prüfung der blofs angedeuteten Verbefferungen geradezu unmöglich geworden war. In der Mafchinenhalle befanden fich als Ausfteller*** von A. Webftühlen für glatte und geköperte Waare. E. L. Rofs in Providence( Rhode Island, Amerika). Henry Livefey in Blackburn( England) George Hodgfon in Bradford( England). Cafpar Honegger in Rüti( Schweiz). * Ein im Jahre 1868 von einer kleinen Weberei in Prag bezogener Stuhl diefes Syftems mufste fchon aus Mangel eines bewanderten Mafchinenmeifters bald zur Seite geftellt werden. ** Referent fand bei einer Studienreife in England durch die Freundlichkeit der Herren Howard und Bullough in Accrington( October 1872) Gelegenheit, einen wefentlich vervollkommneten Webftuhl zu fehen, leider zu flüchtig, um eine genauere Analyfe der Veränderungen bieten zu können. *** Der Vollständigkeit halber fei noch nach dem officiellen Generalkatalog angeführt, dafs die Firma C. G. Peisker& Comp. in Schweidnitz( Preufsifch- Schlefien) Univerfalftühle ausgeftellt hatte. 12 Johann Zeman. Sächfifche Webftuhl- Fabrik( vormals Louis Schönherr) in Chemnitz( Deutſchland). Felix Tonnar in Dülken( Deutfchland). Gebrüder Schmid& Comp. in Bregenz( Oefterreich). K. k. priv. Tannwalder Baumwoll- Spinnfabrik in Tannwald ( Oefterreich). Gottfried Bernhardt in Wien( Oefterreich). B. Wechfelftühlen und Schaftmafchinen. Platt Brothers& Comp. in Oldham( England). George Hodgfon in Bradford( England). Cafpar Honegger in Rüti( Schweiz). Efcher, Wyfs& Comp. in Zürich( Schweiz). Socin und Wick in Bafel( Schweiz). Sächfifche Webftuhl Fabrik( vormals Louis Schönherr) in Chemnitz( Deutfchland). Möhring& Comp. in Berlin( Deutſchland). Gebrüder Gminder in Reutlingen( Deutſchland). Felix Tonnar in Dülken( Deutfchland). Sächfifche Mafchinenfabrik( vormals Richard Hartmann) in Chemnitz( Deutſchland). Max Strakofch in Brünn( Oefterreich). Sternickel und Gülcher in Biala( Oefterreich). K. k. priv. Tannwalder Baumwoll- Spinnfabrik in Tannwald ( Oefterreich). Gebrüder Schmid& Comp. in Bregenz( Oefterreich). C. Bandftühlen( Dochtftühlen): F. Kufsmaul Sohn in Bafel( Schweiz). Felix Tonnar in Dülken( Deutſchland). Anton Ehrlich in Wien( Oefterreich). A. Webftühle für glatte und geköperte Waare. Der amerikanifche Web ftuhl für Calico von Rofs zeigte zwei Eigenthümlichkeiten, in der Schützenbewegung und in der Anordnung der Triebfcheibe. Um die Gefchwindigkeit der Schütze von dem Gange des Stuhles unabhängig zu machen, wird diefelbe, wie diefs Schönherr für feine breiten Tuchftühle fchon lange eingeführt hat, nicht durch Daumen auf der unteren Stuhlwelle, fondern durch Federkraft in Gang gefetzt. Diefe Federkraft wird jedoch nicht aus langen Spiralen und in ihrer Längenachfe entnommen, fondern aus kürzeren, dafür in gröfserer Anzahl vorhandenen Drahtfedern und in einer zur Längenachfe fenkrechten Richtung, im Sinne der Drehung des Drahtes. Solche Federn follen kräftiger und andauernder wirken. Die Einrichtung war im Ganzen einfach und bei den kurzen Proben, welchen Referent beiwohnte, ging der Stuhl ganz vortrefflich. Auf beiden Seiten des Stuhles nahe dem Boden ift eine eiferne Spindel gelagert, um welche je fieben Drahtfedern gewunden und an einem Ende in der Spindel felbft befeftigt sind; das andere hervortretende Drahtende legt fich um eine fefte Stange parallel zur Federfpindel. Mit Hilfe einer Herzfcheibe an Webereimafchinen. 13 der Stuhlwelle werden nun die beiden Federfpindeln abwechfelnd langfam gedreht und dadurch die Drahtfedern angefpannt. Sowie nun der Schützenfchlag erfolgen foll, wird durch einen Daumen an der Stuhlwelle ein Gefperre, welches die Federfpindel bisher zurückgehalten hat, ausgelöft und durch einen kurzen Arm unter Vermittlung eines Riemens der Schützentreiber angezogen, d. h. die Schütze abgefchnellt. Auf der anderen Seite des Webftuhles findet inzwifchen in ganz derfelben Weife das Anfpannen der anderen dafelbft befindlichen Federfpindel ftatt, um fodann die Schütze zurückzutreiben u. f. w. Die Anordnung ift eine Verbefferung der unter dem Namen Terrel im Jahre 1870 in Amerika patentirten Federfchlagvorrichtung.* Zur rafchen Abftellung des Stuhles war ftatt der gewöhnlichen Riemenfcheiben eine Triebrolle mit der ebenfalls fchon durch ihre Patentbefchreibung bekannt gewordenen Alle n'fchen Frictionskupplung** vorhanden. Während wir der Federfchlagvorrichtung einige Bedeutung beilegen, glauben wir dagegen nicht, dafs die Dispofition der Triebfcheibe in der vorliegenden Form, wiewohl die Kupplung vortrefflich ein- und ausrückt, viel Nachahmung finden wird. Uebrigens ift die Anwendung der Triebrolle mit Frictionskupplung bei Webftühlen nicht neu. In gleicher Abficht, nämlich die Schützenbewegung vom fchnellen oder langfamen Gang des Stuhles unabhängig zu machen, hat die Firma Gebrüder Schmid& Comp. in Bregenz ihre fpeciell für Seidenftoff- Fabrikation conftruirten Stühle mit Federabfchlag eingerichtet. Hier liegt auf beiden inneren Seiten parallel zu den Geftellwänden des Stuhles eine kräftige Feder, welche an einem Ende um einen Zapfen gewunden, am anderen fehr lange vorftehenden, freien Ende mit dem Spannhebel verbunden ift. Der letztere ſpannt bei jedem Umgange der unteren Stuhlwelle durch einen Daumen die Feder, deren Gefperre im Moment des zu erfolgenden Schuffes durch die Lade bei ihrem Rückgange ausgelöft wird. Das Auslöfen der Schlagfeder kann auch von Hand erfolgen, fo dafs der Arbeiter beim Anlaffen der Mafchine Schufs von links oder von rechts geben kann. Schmid hat noch verfchiedene, nicht gering zu fchätzende Verbefferungen an feinen Webftühlen angebracht, welche an Ort und Stelle gründlicher kennen zu lernen uns leider nicht vergönnt wurde; trotzdem möchten wir unfere Seidenweber auch auf diefe Firma nachdrücklich aufmerkfam machen, welche in ihrer Seidenftoff- Fabrik Gelegenheit findet, alle Conftruction en vor ihrer Einführung in andere Webereien gründlich zu erproben. Die Schützenbewegung bei einem 6.7 Meter breiten Webftuhl für Segelleinwand, welchen die Sächfifche Webftuhl- Fabrik( vormals Louis Schönherr) in Chemnitz exponirt hatte, erfolgte auf die bei SchönherrStühlen bekannte Weife, in Rückficht jedoch auf die aufserordentliche Länge der Schützenbahn mit doppelt neben einander angeordneten Federn. Gröfsere Schwierigkeiten bot bei diefem ungewöhnlichen Stuhle die Herftellung der paffendften Unterftützung des Kettenbaumes und der Streichbäume, welche fich bei fo bedeutender Länge unfehlbar einbiegen und dadurch die Leiftung des Stuhles fchliefslich geradezu unmöglich machen würden. Defshalb hat Schönherr den langen Kettenbaum getrennt, die beiden Hälften neben einander angeordnet und die zufammenftofsenden Enden derfelben in einem eigenen gufseifernen Mittelſtänder gelagert. Auf diefem Ständer liegt hinten der Streichbaum, auf einem unter der horizontal ausgefpannten Kette fich nach vorwärts erftreckenden Arm der Bruftbaum und endlich auf einem zweiten nach * Vergleiche Scientific American, December 1870, Seite 400 und daraus u. a. in Dingler's polytechn. Journal, 1871, Band CXCIX, Seite 508. ** Ebendafelbft, Juni 1871, Seite 390, bezieh. Band CCI, Seite 285. S 14 Johann Zeman. aufwärts gekrümmten Arm der eiferne Verbindungsriegel der Geftellwände. Von diefem Querriegel geht eine Schnur zu der über den Bruftbaum fich erftreckenden Ausrückftange. Am äufserften Ende der beiden Kettenbäume find die bekannten Bremfen angebracht und der Regulator am Zeugbaum. Wenn nun auch die Kette hinten durch den Mittelftänder in zwei Hälften getheilt ift, fo vereinigen fich die Fäden vorne doch fo vollkommen, als ob fie von einem ununterbrochenen Kettenbaum fich abwickeln würden. Der von der renommirten Firma George Hodgson in Bradford ausgeftellt gewefene Rips ftuhl, welcher in Frankreich, Deutſchland( Elfafs), Oefterreich und anderwärts grofse Verbreitung gefunden hat, war mit einer neueren Dispofition der Bremsvorrichtung für den Kettenbaum verfehen, welche aus Ketten, Winkelhebeln und einem Waagegewichte fo zufammengefetzt ift, dafs die Bremfung auf beiden Seiten des Kettenbaumes ftets gleichmäfsig vertheilt wird. Gröfseres Intereffe beanspruchte aber ein vom Werkmeifter diefer Firma J. Oldfield uns vorgelegter kleiner Apparat, in welchem eine neue Idee zur Fadenbewegung bei der Fachbildung auf Webftühlen und zwar zunächft für Gewebeleiften in höchft finnreicher Weife ausgeführt war. - Wenn auf einem Webftuhle mehrere Breiten nebeneinander erzeugt werden follen, dann erhalten die einzelnen Streifen an der Verbindungsftelle, welche nachträglich aufgefchnitten wird, feftere Leiften dadurch, dafs man diefe mit gekreuzter Kette webt. Es werden die Kettenfäden an den Rändern der Gewebeftreifen nicht wie gewöhnlich ins Fach genommen, fondern durch eine vom Gazegewebe her bekannte Litzenanordnung. Mit dem Oldfield'fchen Fachbilder wird die Bindung der Leiften- Kettenfäden nun nicht mit gekreuzten, fondern mit ununterbrochen in einem Sinne herumgedrehten Kettenfäden erzielt. Es findet thatfächlich ein Zwirnen je zweier zufammengehörigen Kettenfäden ftatt; doch liegen zwifchen den einzelnen Drehungen die Schufsfäden, welche dergeftalt fefter umfchlungen die Leifte ficherer zufammenhalten follen.* Es liegt nun nahe, den Oldfield'fchen Apparat bei der Fachbildung für Gazegewebe überhaupt in Anwendung zu bringen. Wenn man aber ftatt der continuirlichen Drehung eine ofcillirende Bewegung des die Fäden tragenden Spulenringes eintreten läfst, fo erzielt man die reine leinwandartige Bindung in einer von der bisherigen vollkommen abweichenden Weife, worauf von anderer Seite näher hingewiefen wurde.** Bei der Aufzählung der Neuerungen in den verfchiedenen Bewegungsmechanismen beziehungsweife Conftructions details der mechanifchen Webftühle für glatte Waare etc. haben wir die von Cafpar Honegger in Rüti( Schweiz) ausgeftellten Webftühle für Seidenftoff- Fabrikation bisher unerwähnt gelaffen, um diefelben wegen ihrer hervorragenden Bedeutung und ihrer intereffanten Verbefferungen im Zuſammenhange vorzuführen. Honegger hatte ausgeftellt: 1. Webftuhl für Marzellin oder Doppeltafft, auch für leichtere Seidenftoffe wie Tafft. Schaftbewegung bei entlafteten Flügeln. Verbefferte Aufwindung. Fliegendes Rietblatt mit regulirbarer Spannung. - 2. Webftuhl für fchweren Tafft fogenannten Failles( Lyoner Waare). Verbefferte Gefchirrbewegung. Aufwindung wie vorher. Freier Blattfchlag( battant libre) mit Regulirung des Momentes und der Kraft des Schlages. Roftförmige Schützenbahn zur Schonung der Seidenkette. * Abgebildet und näher befchrieben in Dingler's polytechnifchem Journal, 1873, Band CCIX, Seite 169. ** Vergleiche Dr. H. Grothe in der ,, Allgemeinen deutfchen polytechnifchen Zeitung" 1874, Seite 245. Webereimafchinen. 15 3. Webftuhl für Serge und Satin etc.- Trittvorrichtung mit auswechfelbaren Excenterfcheiben. Aufwindung wie oben. Fliegendes Blatt mit regulirbarer Spannung. Zur näheren Erläuterung der vorftehend nur kurz angedeuteten Neuerungen übergehend, betrachten wir zunächft die Schaftbewegung. Bei dem Marzellinftuhl hängen die Schäfte( Flügel) an je zwei kurzen Sectoren, welche auf einer, parallel zur oberen Verbindungstraverfe der beiden Geftellwände gelagerten, dünnen Welle A links und rechts befeftigt find. Die untere Schaftleifte ift mittelft Schnur an den horizontalen Arm eines Winkelhebels B geknüpft, an deffen anderem aufrechten Arm eine mittelft Flügelmutter mehr oder weniger ſpannbare Spiralfe der wirkt. Die Drehachfe des winkelförmigen Schafthebels B geht unten nahe dem Boden durch eine Geftellwand hindurch und trägt aufsen einen Arm C. Oberhalb desfelben ift auf der Schaftwelle A ein Doppelhebel D aufgefetzt, welcher an feinem vorderen Ende durch ein Stängelchen mit dem Arm C verbunden ift. Ein zweites Stängelchen verbindet das hintere Ende des Schafthebels D mit dem unterhalb der unteren Stuhlwelle auf der Aufsenfeite der Geftellwand angebrachten Tritt. Wird alfo der Tritt niedergedrückt, fo dreht der Doppelhebel D die Schaftwelle A und der betreffende Flügel geht ins Oberfach. Gleichzeitig zieht der Hebel D durch den Arm C den Winkelhebel B fo an, dafs die Spiralfeder auf den Flügel vollkommen wirkungslos gemacht, derfelbe alfo völlig entlaftet ift. Sowie aber das Trittexcenter nachläfst, zieht die gefpannte Spiralfeder durch den Winkelhebel B den Doppelhebel D zurück, in Folge deffen die Schaftwelle A entgegengefetzt gedreht und der Flügel ins Unterfach herabgelaffen wird, ohne Zerrung oder plötzliches Anreifsen des Flügels, welcher dergeftalt factifch vollkommen entlaftet bleibt und ftets eine ruhige und zugleich genaue Bewegung beibehält, welche fowohl die Seidenfäden als die Litzen felbft fehr fchont. Die Verbindung zwifchen Doppelhebel D( an der Schaftwelle A) und Tritt ift keine fefte. Das Verbindungsftängelchen läfst fich in zahnartigen Einfchnitten verftellen, um den Ausfchlag, beziehungsweife die Höhe des Faches ( Sprunghöhe), nach Erfordernifs reguliren zu können. Es iſt felbftverſtändlich, dafs der Mechanismus, entſprechend den zwei Schäften, doppelt und zwar gegenfeitig verfetzt angeordnet ift. Eine andere, ebenfo ruhige, zuverläffige und finnreiche Flügelbewegung ift an dem achtfchäftigen Failles- Webftuh! angebracht. An dem oberen Querftege finden fich horizontal drehbar zwei conifche Büchfen mit je acht kreisförmig eingedrehten Rinnen; es fieht dadurch jede Büchfe wie eine achtläufige conifche Schnurrolle aus. In jeder Spur läfst fich an einem Stift ein Flügel einhängen, fo dafs im Stuhle bis acht Schäfte angebracht werden können, welche direct durch an den unteren Schaftleiften hängende Bleigewichte belaftet find. An dem hinteren Ende der Drehzapfen der Schaft- Aufhängerollen fitzen kleine Kegelrädchen im Eingriffe mit Radfectoren, welche auf einer Querwelle knapp oberhalb des Querfteges befeftigt find. Diefe Querwelle ift nun durch einen Arm und eine Verbindungsftange mit einer Kurbelfcheibe verbunden, welche am Ende der unteren Stuhlwelle aufgefetzt. ift. Bei Drehung derfelben wird alfo die Schaftwelle oben ofcilliren und demzufolge die Schäfte abwechfelnd heben oder fenken, da deren Aufhängefchnur das eine Mal rechts, das andere Mal links herum um die Aufhängerolle gelegt ift. Ein reines Fach wird dadurch erzielt, dafs die hinteren Schäfte immer grössere Sprunghöhe durch Aufhängen an einem gröfseren Radius der conifchen Aufhänge rolle erhalten. Zur Erleichterung der ganzen Bewegung fitzt an der Schaftwelle ein Gegengewicht, und zur bequemeren Erkennung der Fachhöhe dreht fich mit der Aufhängerolle ein Zeiger vor einem feften, eingetheilten Sector vorbei. 2 LA 16 Johann Zeman. Eine Aenderung der Fachhöhe läfst fich in naheliegender Weife durch Verrückung des Zapfens an der Kurbelfcheibe erzielen, welche die Aufhängerolle in hin- und wiederkehrende Drehungen verfetzt. Durch Verdrehung der Kurbelfcheibe felbft auf ihrer Welle kann ferner in der einfachften Weife das Zufammentreffen der Schlag- und Schaftbewegung ganz nach Belieben( Ladenfchlag bei ganz oder theilweife offenem, bei gefchloffenem oder gekreuztem Fache) regulirt werden. Defshalb fitzt die Kurbelfcheibe nicht feft auf der Stuhlwelle, fondern unter Vermittlung einer Zahnkupplung, deren eine Hälfte feft und deren andere Hälfte mit der Kurbelfcheibe verdrehbar aufgefchoben ift. Der Serge- Webftuhl zeigt eine von der vorhergehenden ganz verfchiedene Anordnung der Gefchirrbewegung. Die eigentliche Trittvorrichtung, das find die Tritte und die darauf ruhenden Excenter, befindet fich aufsen leicht zugänglich neben der Stuhlwand. Jeder Flügel hängt an zwei mit der oberen Stuhltraverfe parallel laufenden und mit einem Sector endenden Hebeln, welche unter fich fo verbunden find, dafs fie fich zufammen aufwärts oder abwärts drehen. Der äufsere der paarweife zufammengehörigen Schafthebel ift über die Stuhlwand hinaus verlängert, um mit feinem Tritt in Verbindung gebracht werden zu können. - Sämmtliche Tritte können durch einen Stellhebel auf einmal niedergedrückt, die Schäfte alfo alle auf gleiche Höhe gehoben werden zur Erleichterung des Einziehens gebrochener Kettenfäden, fowie zum Schliefsen des Faches, wenn der Stuhl aufser Thätigkeit gefetzt wird. -- Eine weitergehende und wohl beachtenswerthe Schonung der Seidenkette- nicht bei ihrer Bewegung zur Fachbildung, fondern gegen die Reibung durch das unausgefetzte Hinüber und Herübergleiten der Schütze über die ins Unterfach gelangenden Fäden hat Honegger bei feinem Failles- Webftuhl dadurch zu erreichen gefucht, dafs die Schützenbahn( die obere Seite des Ladenklotzes) roft artig durchbrochen ift. Zwifchen die einzelnen Klingen diefes auf dem tiefer ausgefchnittenen Ladenklotz eingefetzten ftählernen Roftes legen fich die Unterfachfäden und kommen dadurch aufser Bereich der Schütze, welche bei der gewählten Roftweite anftandlos ihren Weg von einem Kaften zum anderen zurücklegt. Die Aufwindung bei den Honegger'fchen Seidenftühlen betreffend, fo wird die Waare auf eine Rolle aufgenommen, welche feft gegen die vom Regulator aus betriebene Einziehwalze angedrückt wird. Diefe Einziehwalze ift jetzt mit Kautschuk bekleidet, auf welchem der Stoff, ohne eine der älteren Spannvorrichtungen, die denfelben trotz zarter Ausführung immer noch zu ftark angriffen, fchön glatt und gefpannt gehalten wird. Damit der Stoff nicht befchädigt werde, ift die Kautfchuk- Einzieh- und Spannwalze auf der dem Arbeiter zugekehrten Seite mit einem Schutzbret bedeckt, welches rechts und links auf den Seitenwänden aufruht. Neben der zweckmäfsigen Dispofition des Regulators ift noch die Druckvorrichtung und deren bequeme Auslöfung anerkennend hervorzuheben. Eine unter der Einziehwalze nahe dem Boden angebrachte Welle trägt einen nach hinten fich ausftreckenden Gewichtshebel, welcher zwei kurze Arme an diefer Welle mit dem erforderlichen Druck gegen die an beiden Enden des Waarenbaumes angebrachten verticalen Lagerungshebel anprefst. Aufserhalb der Stuhlwand fitzt auf der Druckwelle ein Handgriff( mit Gefperre), welcher vorwärts oder rückwärts gedreht werden kann mit dem Erfolge, dafs entweder der Druck des Belaftungsgewichtes auf den Waarenbaum aufgehoben oder aber wirkfam gemacht wird. Haben nun alle bisher fkizzirten Mechanismen einen grofsen Einfluss auf die Leiftung des Webftuhles, fo werden fie alle durch die Ladenbewegung an Wichtigkeit überboten, in Folge der Wirkung des Ladenfchlages auf die Qualität der Waare. Gerade in diefer Beziehung war der Hand Seidenftuhl fo fchwierig Webereimafchinen. 17 von dem Kraftftuhl zu verdrängen, indem die Regulirung des Ladenfchlages den Conftructeuren lange nicht in gewünſchtem Mafse gelingen wollte. Honegger ift diefer Schwierigkeit glücklich beigekommen. Er liefs die bekannte Ladenbewegung von der Kurbelwelle aus unverändert; aber indem das Rietblatt eine gewiffe Beweglichkeit und Regulirbarkeit erhielt, wurde es möglich, einen jeden Kraftftuhl dem jeweiligen Materiale entſprechend vorzurichten, den Ladenfchlag wie beim Hand- Webftuhl zu modificiren, fowie durch ein nachgiebiges Blatt ein Verderben der Waare durch zu ftarken Schlag fozufagen ganz unmöglich zu machen.* - - Bei dem Webftuhle für Marzellin fahen wir zunächft eine Lade mit fliegendem Blatt. Letzteres wird unmittelbar vor dem Anfchlag durch Winkelhebel, welche beiderfeits auf einer parallel hinter dem Ladenklotze gelagerten Achfe fitzen, feftgeftellt, indem der horizontale Arm der Winkelhebel unter je einem bei gewöhnlichen Webftühlen bekanntlich ganz feften Backen hingleitet und dadurch den verticalen Arm feft gegen die untere Blattleifte anprefst. Macht man aber diefe Backen beweglich, indem jeder derfelben an einem mittelft Stellfchraube höher oder tiefer zu fetzenden Arm drehbar angebracht und unter die Einwirkung einer mittelft Flügelmutter ftärker oder fchwächer zu fpannenden Spiralfeder geftellt wird, fo hat man ein bequemes Mittel an der Hand, durch diefe Spannfedern einen mehr oder weniger kräftigen Schlag der Lade zu geftatten oder nach den Worten des Conftructeurs die Spannung des Blattes" zu reguliren, wie diefs einem leichteren oder fchwereren Stoffe angemeffen ift, und wie diefs bei einem Handftuhl vom Arbeiter durch eine kleine oder grofse Schwingung der pendelnden Lade oder auch durch verfchiedene Aufhängung derfelben erreicht wird. Bei ganz fchweren Seidenftoffen, welche auf dem neuen Failles Webftuhl erzeugt werden, ift der Schlag noch finnreicher eingerichtet und von dem todten Punkt der Kurbelbewegung ganz unabhängig gemacht. Das Blatt ift mit einem Rahmen drehbar um eine hinreichend tief unterhalb des Ladenklotzes gelegene Achfe in die Lade eingefetzt und macht mit letzterer durch Kurbelbewegung die Schwingungen vorwärts und rückwärts. Durch eine Spiralfeder wird der Blattrahmen, wenn vorher um feine Drehachfe nach hinten gedreht, wieder in die Normalpofition zurückgefchnellt. Denkt man fich nun diefes Zurückfchnellen des Blattes im äufserften Stande der Lade bei ihrer Vorwärtsbewegung thatfächlich ausgeführt, fo hat man darin ein Mittel, durch Anziehen der Spannfeder einen beliebig ftarken und doch elaftifchen, in allen Fällen aber rafchen, momentanen Schlag auszuführen, welcher den gerade ein. gelegten Schufs wirkfamft an den vorhergehenden Eintrag anfchiebt. Nun ift an dem Blattrahmen zu beiden Seiten ein Arm angelenkt, der durch eine Schlitzführung unter eine gewiffe Lage nicht fallen kann. An dem hinteren freien Ende diefes Armes ift ein Zapfen angefetzt, welcher beim Rückgange der Lade über einen fchräg abgerichteten Backen am Stuhlftänder hingleitet. Schiebt aber die Kurbelwelle bei ihrer Bewegung die Lade nach vorwärts, fo mufs der Zapfen unter die fchief abgerichteten Backen zurück, wobei dann - weil der Arm nicht weiter ausweichen kann der ganze Blattrahmen um feine Achfe gedreht und das Blatt fozufagen zurückgehalten wird. Sowie die Lade ihrem äufserften Stande fich nähert, verläfst der Zapfen den fixen Backen, und das Blatt fchnellt durch den Zug einer Spiralfeder in die verticale Lage zurück, indem es dabei feinen Schlag auf den Schufs ausübt. * Ein nachgiebiger Anfchlag ift uns nur durch die Ladenbewegungen von J. Osbaldefton( Patent 1842) und J. Railton( Patent 1842) bekannt geworden, wobei die Nachgiebigkeit durch Einschaltung einer Feder in der die Lade treibenden und aus zwei Theilen zufammengefetzten Kurbelftange erzielt wurde. Vergleiche Profeffor Kohl: ,, Zufammenftellung der verfchiedenen Ladenbewegungen an mechanifchen Webftühlen" in den Mittheilungen des Gewerbevereines für Hannover, 1872, Heft 6. 2* 18 - Johann Zeman. - Je nachdem man die Backen an den Seitenwänden weiter vor- oder zurück. fchiebt und zu diefem Zwecke ift jeder Backen in einer Schlitzführung mit Hilfe einer Stellfchraube verftellbar wird das Rückfchnellen des zurückgehaltenen Blattes etwas später oder früher erfolgen und, je nachdem man die Blattfpannfeder mehr oder weniger angezogen hat, wird der Schlag kräftiger oder fanfter ausfallen- Umstände, welche die Bezeichnung, battant libre" oder ,, freier Blattfchlag" in dem Sinne vollkommen rechtfertigen, dafs es dem Arbeiter vollkommen freigelaffen ift, durch Stellung des Mechanismus den für das zu verwebende Material, für die zu erzielende Waarenqualität denkbar beften Schlageffect, wie der Handweber mit feiner Pendellade, zu erzielen, zumal noch durch eine Stellfchraube der Verdrehungswinkel des Blattes variirt und dadurch die Gröfse der Blatt- Schlagbewegung regulirt werden kann. Die einer Abnützung ausgefetzten Theile diefer Schlagvorrichtung find folid aus Stahl hergeftellt, fo dafs die Gewähr einer grofsen Dauer und unverändert guten Wirkfamkeit geboten ift. In wieweit der Laden- oder Blattfchlag bei offenem oder gefchloffenem Fach gegeben werden kann, ift fchon oben bei der Gefchirrbewegung bemerkt worden. Es bleibt uns fomit, um diefe intereffanten und lehrreichen Ausftellungsobjecte zu erledigen, nur noch übrig, die Conductorfchütze zu erwähnen, welche Honegger für feinen Faillesftuhl conftruirt hat, um den Faden möglichft weit in die Spitze des Faches einzulegen, fo dafs er beim Ablauf von der Schütze nicht zu lang, der Stoff nicht kraus, fondern feiner Qualität entſprechend möglichft glatt werde. Für leichtere Waare bleibt die fchon feit der Parifer Ausftellung bekannte Schütze in Verwendung. Der Hauptkörper der Conductorfchütze ift fymmetriſch gebaut wie alle Schnellſchützen; an der vorderen Seite jedoch, welche der Spitze des Faches zugekehrt ift, fchliefst fich an den Schützenkörper eine allmälig verjüngte Ausbauchung an. Der von der Schleiffpule abgehende Faden tritt, nachdem er die eine oder die andere Spannvorrichtung paffirt hat, durch ein in der Mitte des Schützenkörpers und der Ausbauchung( Conductor) durchbohrtes Loch heraus. Im Uebrigen ift in diefem Capitel kaum mehr etwas Befonderes vorzubringen. Felix Tonnar in Dülken führte den Sallier'fchen Webftuhl vor, welcher von der Parifer Ausftellung her bekannt ift.** Demfelben war, um jedes beliebige einfache Muftergewebe herftellen zu können, eine einfache, in der Seidenweberei vielfach gebräuchliche Kamm- Mafchine( Schaftmafchine) beigegeben. Von öfterreichifchen Ausftellern haben wir Gebrüder Schmid& Comp. in Bregenz bereits erwähnt. Bei den Tannwalder Webftühlen, welche in Böhmen ziemlich verbreitet find, ift das Leder auf ein Minimum reducirt und meift durch Stahlfedern erfetzt. Der ausgeftellte 5fchäftige Cloth- oder Atlas ftuhl derfelben Firma ( k. k. priv. Tannwalder Baumwoll- Spinnfabrik) war mit Unterfchlag im Gange für 100er Kette und 120er Schufs; 75 Fäden per 4 Zoll. Die Tritt. vorrichtung kann mittelft Wechfelräder und zugehörigen Trittherzen auf zwei bis fünf Schäfte gewechfelt werden. Erwähnen wollen wir hier fchon den von der gleichen Mafchinenfabrik ausgeführten dritten Webftuhl mit einer einfachen Schaftmafchine, bei welcher die Bewegung der Platinen für die Schäfte und die Drehung des Jacquard cylinders von einem Excenter an der unteren Stuhlwelle erzielt wird. * Vergleiche den officiellen Ausstellungsbericht vom Jahre 1867, Band IV, Seite 595; ferner Dr. H. Grothe: Spinnerei, Weberei und Appretur auf der Weltausftellung zu Paris 1867.( Julius Springer. Berlin 1868.) ** Ebendafelbft Seite 595, beziehungsweife Seite 88 und 89. Webereimafchinen. 19 Gottfried Bernhardt in Wien hatte einen Drahtwebftuhl für Metalltücher und daneben eine Mafchine zur Herstellung von Drahtgeflechten, deren hübfches Princip bereits bekannt ift,* ausgeftellt. B. Wechfelftühle und Schaftmafchinen können wir hier ohne Zuhilfenahme von ausführlichen Figuren, welche allein das Referat verftändlicher machen würden, nur kurz behandeln. Auch wollen wir uns wie früher darauf befchränken, auf neuere Conftructiondetails hinzuweifen und uns einer vergleichs. weifen Kritik der verfchiedenen Stuhlfyfteme enthalten. Sind doch hierin die Weber felbft nicht immer übereinftimmender Anficht, und unfere eigenen noch nicht abgefchloffenen Erfahrungen geftatten uns nicht, an einer Stelle, welche wie keine andere die ftrengfte Objectivität bedingt, für die eine oder für die andere Stuhl conftruction befondere Partei zu ergreifen, und diefs um fo weniger, als man diefs berührt fpeciell die Tuchftühle von Schönherr und CromptonHartmann in vielen beftgeleiteten Etabliffements verfchiedene Syſteme in friedlicher Concurrenz neben einander arbeiten und neben einander fich vermehren fieht; wohl nur ein deutlicher Beweis dafür, dafs jedes Syftem eigene Vorzüge befitzt, aber eines dem anderen nicht geradezu als überlegen bezeichnet werden kann. - In Buntwebftühlen waren die Schweizer durch Efcher- Wyfs, Honegger und Socin Wick, England blofs durch Hodgfon vertreten. Einen neuen Webftuhl ſpeciell für Seidenftoffe( Gros d'Afrique etc.) hatte, wie wir leider erft nach Schlufs der Ausftellung unterrichtet wurden, die Firma Gebrüder Schmid& Comp. in Bregenz ausgeftellt, deffen Neuerungen wir eventuell auf anderem Wege veröffentlichen wollen. Der Honegger'fche Buntwebftuhl ift von Paris her wohl bekannt.** Das zur Hebung des Platinenmeffers dienende Excenter fafs früher feft aufgekeilt auf der unteren Stuhlwelle. Um nun jede Gefahr eines etwaigen Bruches beim zufälligen Steckenbleiben des Wechfelkaftens zu vermeiden, ift diefes Excenter jetzt auslösbar, nämlich unter Vermittlung einer durch Federkraft zufammengehaltenen Zahnkupplung auf die Welle aufgefchoben. Das Gegengewicht für den Zellenkaften und die Spiralfeder am Abftofsarm find gemeinfchaftlich durch eine kräftige Spiralfeder erfetzt, welche nun zwifchen einem Fortfatz am Abftofsarm und einem Vorfprung am Hubhebel des Zellenkaftens angebracht ift. Der Buntwebftuhl von Socin und Wick in Bafel ein Spröfsling des vorhergehenden Syftemes- unterfcheidet fich hauptfächlich durch eine verfchiedene Führung der Kartenkette, nämlich unterhalb des Zellenkaftens ftatt in der Höhe, um den Zutritt des Lichtes auf die Arbeitsftelle nicht zu behindern. Damit wird aber die Handlichkeit der Wechfelvorrichtung wefentlich beeinträchtigt, während uns der Vorwurf einer fchlechten Dispofition mit Rücksicht auf das Licht bei Honegger'fchen Stühlen bisher nirgends entgegengebracht wurde. Efcher, Wyfs& Comp. in Zürich waren mit drei Wechfelftühlen für Buntweberei erfchienen, zwei davon mit einfeitigem Wechfelkaften, der dritte Stuhl mit dreizelligem Schützenkaften auf beiden Seiten. Auf diefem Lancirftuhl läfst fich bekanntlich der Eintrag Schufs um Schufs wechfeln. Eine nähere Darftellung der intereffanten Wechfelvorrichtung ift ohne Beihilfe von Zeichnungen gar nicht möglich. * Vergleiche Kick's Mittheilung in den Technifchen Blättern", 1870, Seite 231 und daraus u. a. in Dingler's polytechnifchem Journal, 1871, Band CXCIX, Seite 154. ** Befchrieben und abgebildet im officiellen Bericht vom Jahre 1867, Band IV, Seite 596 und Tafel 20 Johann Zeman. Der Buntwebftuhl von George Hodgfon in Bradford mit drehbarem fechszelligen Schützenkaften( Revolverlade) hat noch eine Auskehrvorrichtung für die Bewegung der Revolverbüchfe fowie der Kartenkette erhalten, fo dafs der Weber im Falle der felbftthätigen Abftellung des Stuhles bei ftattfindendem Fadenbruch oder Auslaufen des Fadens von der Schufsfpule, wobei gleichfalls die obige Auskehrung stattfindet, nicht mehr nach dem Schufs zu fuchen braucht, fondern ohne Rückdrehen nach frischem Einlegen der Schütze unmittelbar weiter arbeiten kann. Die Zugklinke für die Vorwärtsdrehung des Cylinders, auf welchem die Kartenkette weiterrückt, fowie die Winkelhebel, welche die beiden Platinen für die Mitnehmhaken der Revolverbüchfe nach Mafsgabe der Lochung in der Kartenkette zum oder vom Hebmeffer bewegen, ftehen durch zwei an beiden Enden einer horizontalen Verbindungswelle aufgefetzte Arme mit jener Ausrückfchiene auf der entgegengeſetzten Stuhlfeite in Verbindung, welche beim Ausbleiben des Schuffes durch den Gabel- Schufswächter den Stuhl in bekannter Weife zum Stillftand bringt. Sowie diefs thatfächlich gefchieht, wird auch fofort die Zugklinke am Kartencylinder gehoben, fomit eine etwaige Weiterdrehnng der Kette, wie diefs früher möglich war, hintangehalten. Gleichzeitig werden auch die beiden Hebel, die mit ihren Stiften in die Löcher der Karte einzufallen fuchen, fo gelüftet, dafs die beiden Platinen zurückgelegt und von dem etwa noch in die Höhe fchwingenden Meffer nicht mehr erfafst werden. Es entfällt alfo für die Revolverbüchfe jeder Anlafs zu einer Weiterdrehung. Nachdem diefe Sicherheitsvorkehrungen zu der fchon früher eingeführten Sperrvorrichtung, welche ein Ueberwerfen der Revolverbüchfe verhütet,* hinzugetreten find, kann Hodgfon die Gefchwindigkeit feines Wechſelftuhles nunmehr von 135 Schlägen bis auf 170 Schläge per Minute fteigern. Um diesen Ausfteller zu erledigen, erwähnen wir anfchliefsend feinen neuen Tuchft uhl mit fchwingendem zweizelligen Schützenkaften auf beiden Seiten, zu welchem verfchiedene Neuerungen zu bemerken wären. Die erbetene Patentfpecification ift uns aber leider nicht überfendet worden; auf eine unverläfsliche Erinnerung hin möchten wir aber keine Skizzirung wagen, zumal diefer Stuhl wohl bald auf dem Continente heimisch und für ein gründlicheres Studium leichter zugänglich fein wird. Betrachten wir daher den anderen englifchen Wechfelftuhl mit Schaftmafchine für façonnirte Wollftoffe( unter anderen Buckskin), welche Platt Brothers& Comp. in Thätigkeit gefetzt hatten, fo ift am Webftuhl felbft auf die bemerkenswerthe Aufwindebewegung hinzuweifen, in welcher fich eine ältere Idee in vollkommenster Weife conftructiv ausgeführt findet. Der Zeugbaum nimmt die Waare nach Mafsgabe des durch einen Rädermechanismus fucceffive gedrehten Kettenbaumes auf. Diefer Mechanismus wird durch die Vorwärtsfchwingung der Lade in Gang gefetzt, indem hierbei die Druckklinke eines Sperrrades eine horizontal und parallel neben der Stuhlwand gelagerte Achfe umdreht, welche hinten durch zwei Zahnrädchen das Schneckengetriebe am Kettenbaum bewegt. Die Schaltrad- Klinke kommt bei jeder Ladenfchwingung an den gleichen Endpunkt ihrer um die Drehachfe des mitzunehmenden Rades alternirenden Bogenbewegung. Aber indem man deren rückläufigen Leergang je nach der ftärkeren oder fchwächeren Spannung der Kettenfäden variiren läfst, wird die Klinke um eine gröfsere oder geringere Zahl von Zähnen zurückfallen, und es kann in Folge deffen bei der nächften Schaltung und Drehung der Kettenbaum mehr oder weniger Kette abgeben, und dergeftalt die Kettenfpannung innerhalb gewiffer enger Grenzen ftets gleichmässig erhalten werden. * Englifches Patent vom Jahre 1865; mitgetheilt im„ Polytechnifchen Centralblatt", 1865, S. 598. Webereimafchinen. 21 Um die Spannung der Kette auf die Bewegung des Radgefperres, welches vorne unter dem Waarenbaum disponirt ift, einwirken zu laffen, ift der hinten über dem Kettenbaum befindliche Streichbaum nicht feft, fondern links und rechts in dem verticalen Arme je eines um feine Achfe drehbaren Winkelhebels eingehängt. Der verticale Arm des einen diefer Lagerhebel fteht durch ein Hebelwerk mit der Klinke am erwähnten Radgefperre in folcher Verbindung, dafs bei veränderter Spannung der Kette die Klinke bei ihrem Rückgange über weniger, eventuell über keinen Zahn des Schaltrades zurückgeht und umgekehrt bei der ftärksten zuläffigen Spannung der Kette das Maximum ihres Rücklaufes erreicht. Es wird fodann beim nächften Ladenfchlag, wie oben angedeutet wurde, die Abwicklung am Kettenbaum dem entſprechend gröfser oder kleiner, correfpondirend mit der durch den Eintrag bedingten verfchiedenen Aufarbeitung der Kette. Die Abwindewelle ift vorne, um die Abwicklung der Kette auch von Hand zu ermöglichen, mit einem Handrade verfehen. Bei dem gleichen Stuhle könnte noch von den verfchiedenen Verbefferungen jene in der Cylinderbewegung der Schaftmafchine erwähnt werden. Jetzt beendet der Cylinder vollkommen feine Drehung, ehe er gegen die Nadeln anfchlägt, während früher Dreh- und Anfchlagbewegung des Cylinders nicht fo ftrenge getrennt waren, um eine ganz präcife Wirkung zu erzielen, wie diefs bei der neuen Anordnung der Fall ift. So gelangen wir zu den unftreitig wichtigften Buckskin ftühlen Syftem Schönherr und Syftem Crompton Hartmann welche die beiden bekannten Chemnitzer Firmen zur Ausftellung gebracht hatten. Seit dem letzten Ausftellungsjahre 1867 hat der Schönherr- Stuhl aufser kleineren Modificationen nachftehende Verbefferungen erhalten: 1) die Einrichtung, um mit fünf Schützen zu wechſeln; 2) eine neue Schützenbremfe, mit welcher der Gang der Schütze fofort gehemmt werden kann; 3) eine Vorrichtung, um den Stuhl auszurücken, wenn die Lade am Anfchlag ift, mit welcher zugleich ein Räderfchutz verbunden wurde; 4) eine Einrichtung, dafs die Schützen nicht zufammentreffen, wenn eine derfelben in einen falfchen Schützenkaften gefteckt wurde; 5) einen neuen Schufswächter, welcher bei offenem Fach ausrückt. Ehe wir aber den ingeniöfen Schönherr'fchen Nadel- Schufswächter für Webftühle näher charakterifiren, fei erwähnt, dafs auch der Crompton Hartmann'fche Buckskinftuhl feit feiner Acquifition durch die Sächfifche Mafchinenfabrik( vormals Richard Hartmann) in Chemnitz wefentlich verbeffert worden ift. Das Einrücken und Ausrücken des Stuhles erfolgt fofort durch eine hölzerne Stange vor dem Bruftbaum, und es läfst fich beim Ausrücken die Lade gleich fo ftellen, wie es zum Fadeneinziehen oder zum Schützeneinlegen erforderlich ift, ohne die Lade nach dem Ausrücken erft richtig ftellen zu müffen. Bleibt die Schütze im Fache ftecken, fo rückt der Stuhl in bekannter Weife aus; es wird aber die Lade durch Anfchlag einer Zunge an derfelben * Vergleiche die Befchreibung des Schönherr'fchen Tuchftuhles( ohne Schaftmafchine und Wechfellade) von Profeffor F. Kohl in den Mittheilungen des Gewerbevereines für Hannover, 1871, Heft 5. " Ferne r enthält das Programm der königlichen höheren Gewerbefchule etc. zu Chemnitz, Oftern 1872, eine fehr lehrreiche Abhandlung von Profeffor H. Falke: Die Bewegungsmechanismen am Mafchinen- Webftuhl", worin auch die intereffanteften Theile obiger und anderer Webftühle mit Schaftmafchine und Wechfellade befprochen und abgebildet find. Der Crompton'fche Tuch- Webftuhl mit Schaftmafchine und Wechfellade ift von Profeffor Kohl in den Mittheilungen des Gewerbevereines für Hannover, 1868, Heft 1 und daraus u. a. in Dingler's polytechnischem Journal, 1868, Band CLXXXIX, Seite 33 befchrieben worden. S 22 Johann Zeman. gegen die fogenannte Bufferfeder foweit zurückgeworfen, dafs man die Schütze aus dem Fache nehmen und in den Kaften ftecken kann. Dasfelbe gefchieht bei Fadenbruch oder Ausgehen des Schufsfadens, wenn die neue Schütze mit Schufswächter in Anwendung ift, worüber weiter unten das Nähere angeführt wird. Der Schützenfchlag erfolgt bekanntlich durch Schlagdaumen auf der unteren Stuhlwelle, welche verftellbar gemacht find, um die Schütze fchneller oder langfamer laufen laffen zu können. Durch die Schützen Fangvorrichtung wird der Treiber durch den Schlaghebel der ankommenden Schütze entgegengeführt, um deren Anprall zu mildern, beziehentlich jede Störung des Wechfels durch die Schütze und den Treiber hintanzuhalten. Auch das doppelte Abfchiefsen der Schützen, wenn zwei fich gegenüber ftehen und zufammenlaufen würden, ift zufolge der Dispofition des ganzen Schlagmechanismus verhütet. Die Ladenbewegung gefchieht bei den neueren Stühlen durch Kreisexcenter, wodurch mehr Platz im Stuhle gewonnen und der Lade mehr Stillftand gegeben wurde, während die Schütze durch das Fach hindurchgeht. Die Schaftmafchine wird nicht mehr durch eine Querweile von der Kurbelwelle, fondern mittelft Excenter von der unteren Stuhlwelle aus angetrieben. Im höchften Punkte bleibt die Mafchine kurze Zeit ftehen, folange nämlich die Schütze durch das Fach geht; dann fällt fie rafch zufammen, noch bevor der Zufchlag erfolgt. Die Regulirung des Einfallens der Schaftmafchine gefchieht durch Vorwärts- oder Rückwärtsftellen des Excenters auf der Stuhlwelle. Mit der neuen Wechfelvorrichtung kann der Schützenkaften geftellt werden, wie man nur immer will, mit Ueberfpringung des mittleren Kaftens, fo dafs man alle Schufsmufter innerhalb 5 Schützen mit drei Käften auf jeder Seite der Lade beliebig ausführen kann. Die Wechfelkarte befindet fich nun auf dem Schaftcylinder, und fomit drehen fich Schufsmufter und Schaftmufter ftets gemeinfchaftlich, was insbefondere beim Retourweben grofse Erleichterung bietet. Bei der ganzen Durchführung wurde Rückficht darauf genommen, den Gefammtmechanismus aufserhalb der Kettenfäden und der Waare zu legen, um alle fchädlichen Flecken durch herabtröpfelndes, eifenhaltiges Schmieröl zu vermeiden. Nach diefer Aufzählung der verfchiedenen Verbefferungen und Aenderungen an den weiteftverbreiteten Buckskinftühlen müffen wir zum Schlufs die Schufswächter, welche von allen Fortfchritten diefer Stühle die intereffanteften find, etwas näher ins Auge faffen, da gerade folche Sicherheitsvorrichtungen einen erhöhten Impuls zur Entwicklung der mechanifchen Weberei gewähren und da es wohl auch des Referenten Pflicht ist, unter den gerade nicht zahlreichen Novitäten, welche wir als Fortfchritte auf der„ Wiener Weltausftellung 1873" zu verzeichnen fanden, das wirklich originelle und durchfchlagend Neue befonders anerkennend hervorzuheben. Die Gabel- Schufswächter, d. i. der Mechanismus zum felbftthätigen Abftellen des Stuhles, im Falle der Schufsfaden abläuft oder reifst, können bekanntermafsen bei Wechfelftühlen mit zweifeitigem Wechfelkaften( alfo bei Buckskinftühlen), wenn von einer Seite zwei oder mehr Schüffe hintereinander abgehen, nicht in Anwendung gebracht werden. Um nun das die Webftühle bedienende Perfonal beffer auszunützen, und um auch die Leiftungsfähigkeit diefer Stühle zu erhöhen, war man feit länger fchon auf die Erfindung eines geeigneten Schufswächters bedacht. Vor etwa vier Jahren ift diefs in einer für die Praxis befriedigenden Weife zuerft der Sächfifchen Mafchinenfabrik( vormals Richard Hartmann) durch Einführung einer Schütze mit Schufswächter gelungen- eine Einrichtung, bei welcher der Mechanismus zur Einleitung des Stillftandes in der Schütze felbft angebracht ift, daher der Name Schützen Schufswächter Webereimafchinen. 23 wohl gerechtfertigt erfcheint. Derfelbe functionirt in Verbindung mit jener Abftellvorrichtung, welche felbftthätig beim Steckenbleiben der Schütze im Fach einfetzt. Der von der Schützenfpindel ablaufende Schufs paffirt vor dem Heraustreten aus der Schütze das Oehr eines zweiarmigen Hebels, welcher in Folge deffen auf diefer Seite durch die Fadenfpannung entgegen feinem Uebergewichte in gehobener Stellung gehalten wird; der andere Arm verfchliefst hierbei in feiner gefenkten Lage ein Loch in der Schützenwand, wodurch das Eintreten eines Stiftes an dem federnden Backen der Schütze verhütet wird. Fehlt jedoch der Schufsfaden, fo fällt die Oehrfeite des Wächterhebels herab, und das Loch in der Schützenwand wird frei. Kommt daher die Schütze mit abgelaufenem oder abgeriffenem Schufs in den Kaften, fo drückt die Kaftenklappe den federnden Backen an der Schütze zufammen, und der Stuhl rückt aus gerade fo, als ob keine Schütze in dem Schützenkaften angekommen wäre.* Wie oben fchon erwähnt wurde, fpringt bei diefer Ausrückung die Lade fo weit zurück, dafs ohne weiters- alfo ohne Zurückdrehen der Lade der Schufsfaden eingelegt werden kann. - Die Erfchütterungen während des Laufes der Schütze fichern beim Fehlen des Schuffes das Niederfenken des Wächterhebels, wenn derfelbe nicht gerade durch Staub oder verharztes Oel feftgehalten ift. Darum ift bei diefem SchützenSchufswächter auf die Reinhaltung befonders zu achten, wenn der Apparat feinen Dienft nicht verfagen foll. Bei geringem, kurzfaferigem Eintrag verlegt fich nun allerdings der Wäch terhebel fehr leicht, wogegen der von der Sächfifchen Web ftuhl- Fabrik ( vormals Louis Schönherr) gelieferte Nadel- Schufswächter einem folchen Vorwurfe nicht ausgefetzt ift. Derfelbe repräfentirt eine ganz neue, finnreiche und bereits vollkommen ausgebildete Erfindung in der Webereibranche, der wir hier keine zweite zur Seite zu ftellen vermögen. Schönherr's Nadel- Schufswächter ift( wie der Gabel- Schufswächter) nach dem Fühlerfyfteme eingerichtet, d. h. derfelbe fühlt nach dem Vorhandenfein des Schuffes, um bei deffen Ausbleiben fofort die Einftellung des Stuhles hervorzurufen. Dabei unterfcheidet er fich höchft vortheilhaft vom Gabel- Schufswächter und vom Schützen- Schufswächter, dafs er bei mangelndem Einfchlag während des Laufes der Schütze durch das offene Fach und im Vergleiche zum Gabel- Schufswächter auch noch ohne Rückficht auf die Zahl der von einer Seite hintereinander abgehenden Schützen abftellt. Zugleich ift der Schön herr'fche Schufswächter auch an beiden Seiten des Gewebes wirkfam und feine Einrichtung bei allem fo einfach und verläfslich, dafs er mit Recht die Aufmerkfamkeit und Anerkennung aller Sachverständigen auf fich gelenkt hat. - Um diefe fchöne Erfindung hier wenigftens anzudeuten,** fo befindet fich auf jeder Seite des Gewebes eine nach zwei Richtungen drehbar aufgehängte, etwa 30 Millimeter von den äufserften Leiftenfäden entfernte Nadel aus fchwach gekrümmtem Stahldraht, welche während des Rückganges der Lade und vor Abgang der Schütze durch einen Mechanismus von der Hauptwelle aus fo geftellt wird, dafs der abgefchoffene Eintrag fich um die Nadel umlegen und dadurch diefelbe mit fortziehend bis zur Gewebeleifte hin verdrehen muſs. - - Gefchieht diefs, fo findet der Ausrückhebel ein Hindernifs, um den Stuhl in Stillftand zu fetzen. Fehlt aber der Schufs oder ift derfelbe zu kurz, alfo der Zug des übrig bleibenden Fadenftückes zu fchwach, um die Verdrehung der Nadel zur Gewebeleifte auszuführen fo fteht dem Ausrückhebel nunmehr nichts im als * Näher befchrieben und abgebildet in Dingler's polytechnifchem Journal, 1872, Band CCIII, Seite 4. ** Bezüglich der näheren Ausführung verweife ich auf meine unter den ,, Notizen aus der Wiener Weltausftellung" in Dingler's polytechnifchem Journal, 1873, Band CCX, Seite 241 u. ff. mit ausführlichen Abbildungen mitgetheilte Befchreibung. J. Z. 24 Johann Zeman. Wege, den Stuhl durch Auslöfung der Falle am Schlofsrad dem bekannten --fofort einzuZahnrad an der Hauptwelle des Schönherr'fchen Webſtuhles ftellen, ehe noch die Lade ihren Vorgang und die Schäfte das Fach zu wechfeln beginnen. Das doppelte Abfchiefsen der Schützen, wenn zwei in gegenüber liegenden Zellen ftecken würden, ift durch die Schlagvorrichtung felbft hintangehalten. Bei Anwendung des vorftehenden Nadel- Schufswächters wird aber in einem folchen Falle der Stuhl auch fofort abgeftellt und jeder Zeit- und Arbeitsverluft vermieden. Bevor wir weiterfchreiten, wollen wir noch über die neue und fehr hübfche Anordnung zum Feft halten der Spule in der Schütze referiren, welche die Sächfifche Webftuhl- Fabrik ebenfalls exponirt hatte. Statt des fonft üblichen federnden Scharnierftückes am Spulenhalter ( Zwecke oder Seele) ift um ein Scharnierband drehbar ein Keil in eine Nuth der Spulenzwecke eingelaffen in folcher Weife, dafs in aufgeklappter Stellung derfelben die Spule ungehindert auf- oder abgefchoben werden kann. Schlägt man aber den Spulenhalter mit der Spule in die Schütze nieder, fo wird durch das Scharnierband in Folge der gegenseitigen Lage der Drehachfe des Scharniers und der Spulenzwecke der Keil fo weit aufwärts getrieben, dafs die Spule ftets mit grofser Sicherheit feftgehalten wird, während bisher das allmälige Schlaffwerden der Feder mancherlei Störung verurfachen konnte.* - Ein Tuchftuhl nach Schönherr's Syftem war in der öfterreichifchen Abtheilung durch die Firma Sternikel und Gülcher in Biala, welche das Ausführungsrecht für Oefterreich erworben hat, ausgeftellt. Inwieweit die Combination diefes Stuhlfyſtems mit der Crompton'fchen Schaftmafchine, auf welche diefe Firma Patente erhoben hat, mehr als eine locale Bedeutung erlangen wird, mag die Erfahrung lehren. Max Strakofch in Brünn hatte ebenfalls einen Buckskinftuhl mit modificirter Crompton- Schaftmafchine exponirt, welcher indefs nur einen Uebergang zu einem gründlich umgeftalteten Syftem bilden follte, mit dem fich diefer gefchickte Conftructeur feit längerer Zeit fchon befchäftigt. Erwähnten wir die beiden letzten Ausfteller in diefem Berichte nur, um die befcheidene Betheiligung unferes Landes nicht ganz zu übergehen, fo müffen wir noch den Tuch- und Buckskinftuhl der Maschinenfabrik für mechanifche Weberei von Möhring& Comp. in Berlin wegen feiner Einfachheit und mancher gelungenen Conftructions details einer näheren Beachtung würdigen.** Die Ladenbewegung erfolgt durch Excenter, und die Regulirung der Aufwindung durch einen Schneckenregulator. Die Schützen werden durch eine nahe dem Boden ausgeftreckte Spiralfeder abgefchnellt. Der Schützenwechfel gefchieht in bekannter alter Weife durch Hebung der Wechſelkäften mittelft je einer neben der Stuhlwand angebrachten Mufterkette. Sinnreich und für uns neu ift die Schaftmafchine eingerichtet. Je ein Flügel hängt oben und unten zwifchen zwei Schafthebeln, deren jeder mit einer Platine, welche rücklings aneinander geftellt werden, verbunden ift. Durch Anwendung von zwei nach entgegengefetzten Richtungen fich bewegenden Mefferrahmen wird ein volles offenes und reines Fach gebildet rein, da die Meffer in Folge der an den Mefferrahmen angebrachten Verzahnung und darin eingreifenden feften Getrieben eine geneigte Lage annehmen und die hinteren Schäfte höher heben. Einen würdigen Abfchlufs diefer allerdings lückenhaft, aber nach dem vorliegenden Berichte denn doch nicht ganz fo dürftig befchickten Maſchinenclaffe, * Beschreibung mit Abbild. in Dingler's polytechn. Journal, 1873, Bd. CCX, S. 338. ** Bis auf die Schaftmafchine und eine etwas veränderte Schützenbewegung findet fich diefer Stuhl von Dr. H. Grothe befchrieben und abgebildet in der Zeitfchrift des Vereins der Wollintereffenten Deutfchlands", 1870, Seite 121 und Tafel VI. Webereimafchinen. 25 bietet die Besprechung der Revolver- Schaft mafchine von Gebrüder Gminder in Reutlingen, welche eine originelle und glücklich conftruirte Gefchirrbewegung repräfentirt, bei welcher weder die Jacquardmafchine noch eine Stiften oder Löcherwalze mit Platinen oder ähnlichen Theilen benützt wird. Wenn wir fchon die Revolver- Schaftmafchine mit etwas Bekanntem annähernd vergleichen follen, fo wäre es mit dem Mechanismus zum Heben und Senken der Wechfelkäften mittels einer fich drehenden Mufterkette; doch erfolgt bei Gminder die unmittelbare Wirkung auf die Schafthebel felbft ohne alle Zwifchentheile und Zwifchenbewegungen, wie denn auch die Deffinkette eine ruhige und continuirliche Kreisbewegung macht, ferner ein bequemes Umftecken der Trittrollen, daher eine beliebige Aenderung im Rapport ermöglicht ift. Zunächft gehört Gminder's Revolver- Schaftmafchine zu jener Claffe von Gefchirrbewegungen, bei denen mit dem Aufzug der Hochfchäfte nicht ein gleichzeitiges Niederziehen der Tieffchäfte verbunden ift; letztere werden aber durch Federn fo weit niedergehalten, dafs annähernd ein volles Fach entſteht. Die Flügel hängen an je zwei ungleicharmigen Doppelhebeln, deren einander zugewendete kürzere Arme in einander greifende verzahnte Sectoren befitzen. Wird der eine der zufammenarbeitenden Schafthebel gedreht, fo bewegt fich der andere im gleichen Sinne, um nämlich gleichmäfsig den Flügel zu heben oder dem Zuge feiner Feder entſprechend den Uebergang ins Tieffach zu geftatten. Eine ganze Reihe folcher Schafthebel ftecken nebeneinander auf zwei über den Verbindungsfteg der beiden Stuhlwände in einem Rahmen gelagerten Achfen. Denkt man fich nun oben auf dem kürzeren Ende eines der zufammengreifenden Hebelpaare einen paffend gekrümmten Anfatz( nennen wir denfelben Kopf des Schafthebels), fo werden bei jedesmaligem Niederdrücken desfelben die beiden nach links und rechts fich ausftreckenden Schafthebel und mit ihnen direct der angehängte Flügel gehoben. Der Lagerrahmen der Schafthebel ift nun in die Höhe beliebig fortgefetzt, um eine endlofe eiferne Doppelkette über zwei Kettenrollen aufnehmen zu können, von denen die untere durch Kegelräder und ftehende Achfe von der unteren Stuhlwelle continuirlich umgedreht wird. Es paffiren in Folge deffen die einzelnen Kettenbolzen in regelmässiger Aufeinanderfolge die Köpfe an den Schafthebeln, während die Glieder felbft, ohne anderen Zweck als jenen der Verbindung, aufserhalb der Schafthebel fich fortbewegen. Um nun eine Gefchirrbewegung zu erzielen, hat man nur auf die Kettenbolzen in regelrechter Vertheilung Rollen aufzufchieben, welche bei der Drehung der Kette auf die Köpfe der Schafthebel einwirken und die betreffenden Flügel der Reihe nach ins Oberfach heben. Da nun die Bewegungsübertragung derart erfolgt, dafs bei jeder Umdrehung der Kurbelwelle( entfprechend alfo einer halben Umdrehung der unteren Stuhlwelle) die Rollenkette um eine Theilung forfchreitet und eine beftimmte Partie der Schafthebel ins Hochfach verfetzt, fo ftellt fich in leicht begreiflicher Weife die erwünſchte Gefchirrbewegung nach Mafsgabe des in die Rollenkette niedergelegten Rapportes von felbft ein. Um einen richtigen Eingriff zu fichern, find die Köpfe an den Schafthebeln genuthet und die ebenfo breiten Rollen am runden Rand entſprechend V- förmig abgedreht, daher auch die Schafthebel vor allen Seitenfchwankungen bewahrt bleiben. Auch kann die Bewegung der Flügel durch fchickliche Wahl der Curven des Schafthebel- Kopfes mit fanftem Anhub und ebenfolchem Nachlaffen erfolgen. Der Lagerrahmen ift durch eingegoffene Querftege in den Seitenwänden fo eingerichtet, dafs die Rollenkette je nach dem Rapport verlängert oder verkürzt werden kann, wie denn auch das Umftecken der Rollen felbft rafch und ohne befondere Gefchicklichkeit vorzunehmen ift. S 26 Johann Zeman. Für ganz einfache Fälle, z. B. für ein vier- oder fünffchäftiges Mufter, läfst man die Rollen ftatt in Kettenführung in eine Trommel einfetzen, welche über den Schafthebeln in Rotation gebracht wird. Eine forgfältige Ausführung der Mafchine vorausgefetzt, wird der Verfchleifs der Rollen und der Schafthebel- Köpfe ein minimaler, und fo ergeben fich als Vortheile der Gminder'fchen Revolver- Schaftmafchine: fefte Bewegung und unmittelbare Uebertragung derfelben auf die Schäfte; Möglichkeit eines fehr rafchen Ganges ohne Zucken oder Auslaffen der Flügel; beliebiger Rapportwechfel innerhalb weiter Grenzen; Einfachheit und Verläfslichkeit des Apparates und andere mehr. Unter folchen Umftänden können wir uns nur dem Ausfpruche* anfchliefsen, dafs die Gmindner'fche Schaftmafchine zu den beften der bekannten Gefchirrbewegungen zu zählen ift. C. Eine durch erprobte und verbefferte Conftructionen fehr intereffante und inftructive Collection von Bandftühlen hatte die wohlbekannte Mafchinenwerkstätte von F. Kufsmaul Sohn in Bafel zur Wiener Weltausftellung eingefendet. Wir geben nachftehend eine kurze Ueberficht über die uns weniger bekannt fcheinenden Eigenthümlichkeiten diefer Stühle, wobei es wohl möglich fein kann, dafs wir da und dort Bekanntes anführten und neuere Anordnungen überfahen. Es mag diefs aber dadurch entfchuldigt werden, dafs unfere Literatur hier sehr wenig aufweift, und uns ein eingehenderes Studium der Bandftühle überhaupt bisher noch nicht im erwünſchten Mafse vergönnt war. Der fechsfchiffige, viergängige Seidenband- Stuhl war mit einem 1500er Schnur- Jacquard ausgerüftet, deffen Einrichtung wir bereits weiter oben ( Seite 10) bemerkt haben. Der Wechfel zum Heben und Senken der Schiffchen hat eine vereinfachte Einrichtung, welche alle Variationen auf und nieder geftattet. Das fertige Band wird durch einen Selbftregulator aufgezogen, und ftellt fich derfelbe für Brofchirfchüffe durch feine Verbindung mit dem Jacquard von felbft aus und ein. Am achtgängigen Tafftband- Stuhl war eine fogenannte Kreislade ( d. i. eine folche mit bogenförmiger Schützenbahn) angebracht, bei welcher bekanntlich mehr Gänge auf die Stuhlbreite kommen, wie bei Laden mit geraden Schützenbahnen. Die Gefchirrbewegung ift nach einem neuen Patent fo eingerichtet, daſs die Hoch- und Tieffchäfte nicht zugleich ihre Stellung zu wechfeln beginnen, und das Fach längere Zeit offen bleibt, wodurch einerfeits eine gröfsere Schonung der Seidenkette ermöglicht, und diefs ift befonders bei der jetzt üblichen Befchwerung der fchwarzen Seide fehr erwünſcht andererfeits eine vollkommenere Deckung des Schuffes und in Folge deffen fchöneres Anfehen des Bandes erzielt werden foll. - - Das zusammengehörige Flügelpaar hängt mittelft Schnüren und Drähten an Armen eines in der Höhe horizontal gelagerten Schaftbaumes, welcher durch eine Kurbel und Schubftange von der Stuhlwelle aus, und zwar vermittelft unrunder Zahnräder eine ungleichmäfsige Schwingung erhält. An den unteren Schaftleiften hängen Gewichte. Der fechsgängige, zweifchifflige Stuhl für Schuh- Elaftique von 180 Millimeter Breite hat entsprechend der fchwereren Waare, welche auf demfelben erzeugt wird, eine kräftigere Bauart wie Seidenband- Stühle. Es find vier Ketten vorhanden, welche wie beim Stoffweben auf Rollen aufgebäumt und hinten in das Stuhlgeftelle eingelegt find. Zwifchen der Oberkette( von feinerer Qualität Seide oder auch Baumwolle) und der Unterkette( geringerer Qualität) liegt die * Vergleiche Dr. H. Grothe in der ,, Allgemeinen deutfchen polytechnifchen Zeitung", 1873, Seite 390. Webereimafchinen 27 horizontal geführte Kautschukkette, welcher die fogenannte Stengelkette das find ftarke Baumwollfäden, auf einer eigenen Rolle aufgewunden beigegeben ift. Letztere hat bekanntlich den Zweck, ein zu ftarkes Anfpannen der Kautfchukfäden beziehungsweife ein Mattwerden oder Reifsen derfelben hintanzu halten. Zwei verfchiedene Wechfelräder laffen ein vier- oder fechsfchäftiges Arbeiten der Waare zu, und ein Wechfelkreuz dient zum Heben und Senken der Lade für drei oder vierfchüffiges Abbinden der Kette. - Die Aufwindebewegung ift eigenartig. Von der vorderen Streichwalze geht das Band herab um eine lofe Rolle a, dann über und um die Regulatorwalzė b beiläufig dreiviertel herum zwifchen diefer und einer Prefsrolle chérab zur Aufnehmrolle d. Die Rollen a und c find an derfelben Seite eines durch Gewichte belafteten Doppelhebels angebracht, doch derart, dafs nur die Druckrolle c, nicht aber auch die Leitrolle a gegen die Regulatorwalze anliegt. Da nun die Spannkraft des Elaftiquebandes die Rolle a in die Höhe zu heben fucht, fo vermehrt fich dadurch der Druck zwifchen b und c, fichert alfo auch bei erhöhter Spannung das richtige Abziehen der Waare. Hat man jedoch feidene Oberkette, fo darf nicht fo ftark geprefst werden, und das Band geht fofort von der Streichwalze herab zur Regulatorwalze b, hinten herum und zwifchen diefer und der Druckrolle c hindurch zur Aufwinderolle d. Der Regulator mufs nun umgekehrt fchalten. Der Hofenträger- Knopfloch- Stuhl ift zweifchiffig, mit feitwärts aufgefetztem Jacquard. Die Ketten find hier wegen geringer Breite nicht auf Rollen gewunden, fondern in der Höhe des Stuhles auf- und abgehängt und mit belafteten Rollen gefpannt. Eine eigene, hier aber ohne Skizze kaum deutlich zu machende Vorrichtung regulirt die Spannung der einzuwebenden Kautfchukfäden. Die Bandaufwindung ift verfchieden von der vorhergehenden. Von der Streichwalze gehen die Bänder herab zu zwei von beiden Seiten regulirten Walzen a und b, welche in geringem Abftande von einander parallel gelagert find, und zwar um die hintere Rolle a herum, dann über eine auf a und 6 frei aufgelegte, aber entſprechend belaftete Druckrolle c und zwifchen diefer und der zweiten Regulatorrolle 6 herab entweder zur Aufwindefpule d oder frei in einen Bandkaften. Im erfteren Falle erfpart man das fpätere Aufrollen, welches vor dem Appretiren der Waare ohne diefs ftattfinden mufs. Von Sammt ft ühlen hatte Kufsmaul zwei Exemplare aufgeftellt: der eine Stuhl für Sammtband mit geraden Leiften, der andere Stuhl für Sammtbänder mit façonnirten Kanten. Auf beiden Stühlen werden Doppelbänder gewebt, welche die Polkette zwifchen fich enthalten. Diefelbe wird durch Meffer, welche auf einer in flacher Bogenlinie hin- und herfchiebenden Latte befeftigt find, auf dem Stuhle felbft durchfchnitten, und dadurch auch das obere Sammtband vom unteren abgetrennt. Die hölzerne Mefferlatte ift, um jeder Deformation vorzubeugen, aus mehreren Lagen zufammengeleimt. von der Die beiden Grundgewebe werden in einem Abftand von 21 bis 3 Millimeter jedes für fich gewebt und durch die Polkette mit einander verbunden. Die Länge der nach dem Schneiden entſtehenden Florfädchen hängt nun Stellung des fogenannten Flor- oder Polregulators ab, da von diefem das Nachlaffen der Polkettenfäden abhängt. Durch Wechfelrädchen wird hier das Spiel einfach regulirt. Es ift dabei Rückficht zu nehmen, ob man zweifchäftigen oder vierfchäftigen Sammt herſtellt. ba Die billigere Sorte ift der zweifchäftige Sammt, welcher nachftehend im idellen Längenfchnitt des noch ungefchnitten gedachten Doppelbandes veranfchaulicht ist. 28 Grund Grund Johann Zeman. Polkette Polkette Man fieht auf den erften Blick, dafs die durchfchnittenen Polfäden im Tafftgewebe des Grundes nur an einer Stelle durch zwei benachbarte Schufsfäden gehalten find. Beim vierfchäftigen Sammt dagegen, welcher( bis auf die Kette der Grundgewebe) analog durch die zweite Skizze repräfentirt ift, werden die Polfäden nach je vier Schufs abgebunden und find alfo nach dem Durchfchneiden an zwei Stellen durch je zwei Schufsfäden feftgehalten; die aufgefchnittenen Florfäden können weniger leicht ausgezogen werden. Freilich webt fich die Polkette mehr ein, und find diefe Sammtbänder koftfpieliger. Grund Grund Polkette Polkette Beide Bandforten werden am einfachften hergeftellt durch Verwendung eigener Schützen für die obere und für die untere Grundkette, wobei die Leiften rein wie bei gewöhnlichen Bändern entſtehen. ( Man webt indefs auch in der Weife, dafs nur ein Schiffchen, diefes aber zuerft durch das Fach der oberen, dann durch jenes der unteren Kette u. f. f. geführt wird, indem man die Lade hebt und fenkt. In der gleichen Zeit kann man jedoch nur halb fo viel wie oben weben; ferner haben die beiden Grundgewebe an der einen Seite eine gemeinfchaftliche Leifte, welche alfo durch das Meffer mit aufgefchnitten werden mufs.) Der Stuhl für Sammtbänder mit façonnirten Kanten war mit Jacquard verfehen. Soviel über diefe Ausstellung, neben der nun noch die Bandftühle der Firma Felix Tonnar in Dülken bei Crefeld zu erwähnen find, welche den bisher in der Schweiz beinahe monopolifirten Bau von Seidenwebftühlen, fpeciell Bandftühlen, mit beftem Erfolge nach Deutſchland verpflanzt hat. Wir haben fchon oben die hübfche Spulmafchine von Tonnar befprochen, ferner den ausgeftellten Sallier'fchen Seidenwebftuhl und die dazu gehörige Kamm- Mafchine erwähnt. Hieran ift nun noch anzufchliefsen der SammtbandStuhl mit felbftthätiger Abftellung beim Sitzenbleiben der Schiffchen im Fach, das heifst bei irgend einem ungewöhnlichen Gange der Treibftange für die Schiffchen, um alle fonft etwa vorkommenden Webfehler oder Brüche zu vermeiden. Bei der Conftruction der Seidenbandftühie läfst fich Tonnar zunächft von dem Grundfatze leiten, alles Holzwerk am Stuhl möglichft zu befeitigen; es unterfcheiden fich daher feine Stühle von dem fchweizerifchen wie auch von den franzöfifchen Stühlen dadurch, dafs ftatt der hölzernen Traverfen eiferne ange wendet find, welche dem Stuhle ein leichteres Anfehen gewähren; ferner ift ftatt der hölzernen Führungslatte für die Meffer zum Schneiden des doppelten Sammtbandes eine eiferne Führungsfchiene angebracht. An Stelle der hölzernen Trit t- fcheiben find eiferne gefetzt, welche länger widerftehen und fich nicht leicht deformiren; die Flügel werden nicht an Darmfaiten, fondern an eifernen Ketten angehängt u. a. m. Webereimafchinen. 29 Anfchliefsend möge noch das naturgrofse Modell eines Dochtwebftuhles erwähnt werden, welchen die Pofamentierwaaren- und Dochtfabrik von Anton Ehrlich in Wien ausgeftellt hatte. Auf diefen Stühlen laffen fich nebeneinander herftellen: a) flache Dochte für Petroleumlampen; b) hohle Dochte für Rundbrenner; c) gefüllte Dochte für Bergwerkslampen und d) Banddochte, welche mittelft Jacquard gewebt werden und für Oel,( feltener Petroleum-) Lampen, fpeciell für Eifenbahnfahrzeuge, Verwendung finden. Den Schlufs diefes Abfchnittes bilde ein Hinweis auf das Kufsmaul'fche Syftem der Aufftellung von Bandftühlen in Shedanlagen.* Die Webftühle follen natürlich fo geftellt werden, dafs der Arbeiter fich felbft keinen Schatten wirft, insbefondere nicht beim Anknüpfen zerriffener Fäden. Hierbei mufs der Arbeiter mit der linken Hand die Fadenenden zufammenhalten und mit der rechten knüpfen; er mufs alfo die linke Hand deutlich beleuchtet finden, und diefs gefchieht, wenn das Licht von rechts in die linke Hand einfällt. Diefer Umftand bedingt allein die richtige Aufftellung gegen die Fenfter, deren Dispofition für fich durch die Himmelsgegend beftimmt ift. An den Bandwebftühlen gibt es nun herausragende Theile: Seitenjacquard, Trittwerke und dergleichen mehr. Diefe müffen, um keinen ftörenden Schatten zu werfen, an der linken Stuhlfeite angebracht werden und die anderen das Licht weniger hemmenden Mechanismen rechts am Stuhl. Da nun auch die Stühle links an die Säulenreihe im Shed angefchoben werden, wo die Transmiffion angebracht ift, fo wird nebftdem der am meiften Kraft verzehrende Jacquard etc. etc. fehr zweckmäfsig auf derfelben Seite angebracht fein, wo die directe Kraftübertragung ftattfindet. Die Transmiffionen werden in der Richtung von Often nach Weften gelegt, und die Stühle durch halbgefchränkte Riemen von oben angetrieben. Von Often aus gefehen drehen fich die Riemen von links nach rechts und fteht der abwärts gehende Riementheil fenkrecht. Die Befprechung der näheren Einrichtung des Shedbaues felbft gehört nicht hierher. Anhang. Was die ausgeftellt gewefenen Utenfilien und Hilfsapparate etc. etc. für Weberei betrifft, fo befchränken wir uns auf einige wenige Bemerkungen, da wir über die in Käften eingefchloffen gewefenen Maillons, Litzen, Riete, Schützen, Regulatoren u. f. w. nichts zu fagen wiffen. Henry Livefey in Blackburn hatte eine Mafchine zum Knüpfen und Auflöfen von Litzen eingefendet, welche während der Ausftellung in Thätigkeit gewefen fein foll, von uns aber überfehen wurde. Zur Verfertigung der Rietblätter waren drei Mafchinen ausgeftellt: eine von Carl Winter in Wien, welcher das Blatt ftehend in verticaler Lage bindet, während die beiden anderen von J. Ruegg in Aarburg( Schweiz) beziehungsweife von dem Agenten Thomas Barraclough in Mancheſter ausgeftellten Kammfetzmaſchinen eine horizontale Dispofition mit liegendem Blatt haben, welche wir trotz gröfseren Raumbedarfes gegenüber der erften Anordnung vorziehen möchten. Die einfachfte und beftconftruirte war entfchieden die englifche Mafchine. Eine weite Verbreitung und demzufolge allgemeinere Bekanntschaft hat auch der Patent- Spannftab( mit fchräg gelagerten Stachelfcheiben) von Johann Mathis in Dornbirn( Vorarlberg) in Folge feiner einfachen Einrichtung und * Herr Kufsmaul hat fein Syftem in einer mit Zeichnungen begleiteten Broschüre niedergelegt, welche in Uhland's praktifchem Maſchinenconftructeur, 1873, Seite 340 wiedergegeben ift. 30 Johann Zeman. feiner fehr günftigen Wirkungsweife gefunden.* Es verwendet die Sächfifche Mafchinenfabrik in Chemnitz diefen Spannftab bei allen ihren Tuchftühlen. So erübrigt nur noch die Anführung der Apparate zum Prüfen der Gewebe auf ihre Haltbarkeit,** welche in zwei Syftemen vertreten waren. Der Apparat von L. S. Perraux in Paris prüft nur die Zugfeftigkeit des Stoffes in der Richtung der Kette oder des Schuffes, je nachdem man das Gewebeftück zwifchen zwei Klemmen einfpannt, von welchen die eine feft, die andere aber mittelft Schraubenfpindel verfchoben werden kann. Ein Zeigerwerk gibt den Grad der Feftigkeit an. In jeder Beziehung überlegen ift der zweite Apparat: der Hiftometer von Profeffor O. Beylich in München, mit welchem der Stoff auf feine Haltbarkeit gerade fo durch Reibung, Zug, Biegung u. f. w. geprüft wird, wie derfelbe etwa bei feinem Gebrauche beansprucht werden kann. Je länger der Stoff diefen Einwirkungen Widerftand leiftet, defto haltbarer wird derfelbe genannt werden können. Der zur Prüfung der Stoffe hinfichtlich ihrer Haltbarkeit von Beylich erdachte und in der mechanifchen Werkstätte der königlich bayerifchen Induftriefchule zu München ausgeführte Apparat erfüllt folgende Bedingungen: 1. Die Stoffe werden vermittelft des Apparates möglichft denfelben zerftörenden Einwirkungen, welche ihre Abnützung beim Gebrauche verurfachen, gleichzeitig und in fchneller Folge ausgefetzt. 2. Die durch den Apparat bewirkten Abnützungen der Stoffe gehen aus einer Reihenfolge von vollkommen gleichartigen Actionen hervor, wobei keine anderen Aenderungen der auftretenden Widerstände ftattfinden als folche, welche durch die Abnützung felbft verurfacht werden. 3. Der Apparat zählt die ftattgehabten Actionen, und die bis zur Abnützung eines Stoffes auf einen beftimmten Grad, z. B. bis zur gänzlichen Zerstörung, producirte Zahl liefert den Ausdruck für die relative Haltbarkeit des Stoffes eine Zahl, welche Vergleichungen geftattet mit allen denjenigen Zahlen, die irgendwelche andere bei der Probe vollkommen gleich behandelte Stoffe ergeben haben. - - 4. Der Apparat ift übrigens fo eingerichtet, dafs die Stärke der verfchiedenartigen ,, Beanfpruchung", welche die Stoffe erfahren, und zwar jede derfelben unabhängig von den übrigen verändert werden kann. Hierdurch ift es ermöglicht, die Abnützung der Stoffe verfchiedener Gattung in der ihnen angemeffenften Weife, nämlich fehr nahe übereinftimmend mit der Abnützung, welche fie beim gewöhnlichen Gebrauche erleiden, zu bewerkstelligen. Im Wefentlichen befteht der Beylich'fche Hiftometer aus einem Syftem von Walzen, über welche der zu prüfende Stoff gelegt ift, und zwar in doppelter Lage um die untere Hälfte der Hauptwalze herum, welche durch ein Waagegewicht entſprechend belaftet ift. Die eine der Führungswalzen erhält durch einen Kurbelmechanismus eine ofcillirende Bewegung, welche durch das angefpannte Stoffband auf die übrigen Walzen übertragen wird. Die wefentlichfte Inanspruchnahme findet hierbei offenbar in beiden Theilen des Gewebeftückes ftatt, welche unterhalb der belafteten Hauptwalze fich berühren und, indem fich beide immer wiederkehrend gleichzeitig nach entgegengefetzten Richtungen bewegen, auf einander reiben. Diefe Theile des Gewebes find aufserdem noch gewiffen Anfpannungen und wiederholten Biegungen ausgefetzt. Die Stärke der Reibung ift bedingt durch den Druck des äufseren Stoffbandes gegen das innere unmittelbar an der Walze liegende; der Druck * Patentirt in Oefterreich am 14. März 1861; befchrieben in Dingler's polytechniſchem Journal, 1864, Band CLXXII, Seite 411. Vergleiche auch die Befchreibung und Abbildungen von H. Richard in den Mittheilungen des Gewerbevereines für Hannover, 1873, Heft 6. ** Vergleiche Dr. H. Grothe in der ,, Allgemeinen deutfchen polytechnifchen Zeitung", 1874, Seite 112. Webereimafchinen. 31 aber hängt von der Lage diefer Walze ab und kann durch deren Verftellung von einem zuläffigen Maximum bis herab nahe an Null variirt werden. So lange jedoch die gegenfeitige Lage der Walzen und des Waagegewichtes unverändert bleibt, ift auch der Reibungsdruck conftant. Die Reibungsflächen erleiden auf der Mafchine keine andere Veränderung als folche, welche die Reibung felbft verurfacht, und es ift diefer Vorgang an fich, abgefehen von der rafchen Folge und der Regelmässigkeit der Actionen, ganz analog demjenigen beim Abtragen eines aus diefem Stoffe gefertigten Kleidungsftückes. Nach dem Gefagten ift wohl die Manipulation der Prüfung verfchiedener Stoffe von felbft einleuchtend. Die Zahl der Actionen bis zum Eintritt der völligen Zerftörung gleichbreiter auf dem Hiftometer gleichmässig behandelter Stoffproben wird durch ein Zählwerk angegeben, und drückt diefe Zahl ein Mafs des Widerftandes der betreffenden Proben aus. Wenn beifpielsweife bei zwei gleich behandelten Leinwandforten die Auflöfung der Bänder nach 200 beziehungsweife nach 250, Umdrehungen erfolgt, fo ift offenbar der Schlufs gerechtfertigt, dafs die Haltbarkeit der beiden Stoffe fich wie 200: 250 verhält, das heifst, dafs letzterer bei gleichem Gebrauch um ein Viertel länger als erfterer aushalten werde. Bei den in die Augen fpringenden Vortheilen des Beylich'fchen Hiftometers war ein längeres Verweilen bei demfelben gewifs gerechtfertigt, und fo fei derfelbe auch der eingehendften Beachtung empfohlen: den Fabrikanten, welche über den Einfluss der Arbeitsverfahren auf die Qualität ihrer Erzeugniffe Auffchlufs fuchen, dem Kaufmann und dem Publicum( insbefondere den Monturbehörden), welche ihre Waare vor dem Einkauf zu prüfen wünſchen. 3