BRONZEGALANTERIE, LEDER GALANTERIEUND TASCHNER WAAREN. ( Gruppe X, Section 5.) Bericht von J. WEIDMAN, k. k. Hof- Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Fabrikanten in Wien. Auf Grund eines Commiffions- Berichtes der Handels und Gewerbekammer in Wien im Auftrage Seiner Excellenz des Herrn Handelsminifters redigirt von DR. F. MIGERKA.* Galanteriewaaren aus Bronze. Das der Ausftellung zu Grunde liegende Claffificationsfyftem hat„ Bronze" in die Gruppen: VII( Metallarbeiten), X( Galanteriearbeiten) und XXV( Bildende Kunft) vertheilt. * Fünfundachtzig Vertreter der hiefigen Bronze-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Induftrie haben in einer an Seine Excellenz den Herrn Handelsminifter gerichteten Eingabe die Behauptung aufgeftellt, dafs der von Herrn Jofef Weidman, k. k. Hof- Ledergalanterie und Tafchnerwaaren- Fabrikanten in Wien, verfafste und bereits zur Ausgabe gelangte Theil des durch die Generaldirection der Wiener Weltausftellung 1873 herausgegebenen officiellen Berichtes( 47. Heft) über die Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren( Gruppe X, Section 5) hinfichtlich der genannten öfterreichifchen und fpeciell Wiener Induftriezweige Darftellungen und Bemerkungen enthalte, welche nicht nur mit dem dermaligen Stande diefer Induftrien, fondern auch mit der thatfächlichen internationalen Werthfchätzung derfelben nicht im Einklange ftehen. In Folge diefes förmlichen Proteftes gegen den gedachten Bericht fand fich Seine Excellenz der Herr Handelsminifter beftimmt, die weitere Ausgabe des bezüglichen Heftes zu fiftiren und die Handels- und Gewerbekammer in Wien einzuladen, eine Begutachtung jenes Berichtes unter Beiziehung von Experten aus den betheiligten Induftriezweigen zu veranlaffen, fodann ihm das Ergebnifs der Enquête vorzulegen. Der Aufforderung entfprechend erfuchte die Kammer zunächst mittelft Rundfchreibens fämmtliche 85 Mitunterzeichner der Eingabe, ihr jene Stellen des Weidman'fchen Berichtes bekannt geben zu wollen, gegen welche fie Einwendungen zu erheben haben, oder an welchen Berichtigungen, Abänderungen und Ergänzungen vorzunehmen wären. Bei diefer von der Kammer veranstalteten fchriftlichen Expertife haben folgende Fachinduftrielle Aeufserungen an diefelbe gelangen laffen: A. Von der Bronze waaren- Induftrie die Fabrikanten: Ludwig Böhm, Ferdinand Hagemeier und Alois Hanufch. Ferner haben 25 Bronze waaren- Fabrikanten in einer Collectiveingabe ihre Zuftimmung zu dem von Herrn Hanufch erft atteten Gutachten erklärt. I 2 J. Weidman. Die grofse Schwierigkeit, die Gruppe von Objecten, welche den Vorwurf diefes Specialberichtes bildet, fcharf zu begrenzen, diene als Erklärungs. und Rechtfertigungsgrund, wenn ein oder der andere Gegenftand, der feine Würdigung in dem Berichte über Gruppe VII findet, auch in diefen Bericht einbezogen erfcheint und Beobachtungen und Bemerkungen anklingen, welche ihres allgemeinen Charakters wegen dem naturgemäfsen Inhalte einer Befprechung der gefammten Bronzeinduftrie angehören würden. Frankreich. Auch der Laie in Kunftfachen wird bei Befichtigung der in der Hauptgallerie ausgeftellten Parifer Bronzen den Eindruck empfangen haben, den Leiftungen einer Induftrie gegenüber zu ftehen, welche, von dem guten Gefchmacke der Induftriellen getragen, durch traditionelle Betriebsweifen und künftlerifch durchgebildete Arbeitskräfte in zureichender Menge unterſtützt wie durch einen lebhaften Begehr gefördert wird. Ift auch der Kenner mit dem oft allzufreien und unorganifchen Hinarbeiten auf blofsen momentanen Effect nicht einverftanden, fo bewundert er doch an derartigen Objecten den Schwung, die Phantafie, die in der Erfindung liegt; öfter noch wird er durch Farbe und Wirkung befriedigt, noch öfter aber überrafcht ihn das Gefchick, mit dem diefe letzteren über Mängel in der Erfindung hinweghelfen müffen. Selten nur begegnet man bei den franzöfifchen Bronzen Kindifchem oder Gefchmacklofem. Die franzöfifchen, richtiger Parifer Bronzen dienen in erfter Linie zur Decoration, daher die grofse Anzahl von figuralen, nur für diefen einen Zweck erfundenen und angefertigten Compofitionen, welche dem allgemeinen Bedürfniffe, die Kamine mit einer Standuhr, mit Leuchtern, Vorfätzen etc. zu zieren, entſprechen. Der Aufgabe des Decorirens wird mit grofser Sorgfalt, Berechnung und Zuhilfenahme der verfchiedenften Materialien und Effecte zu genügen getrachtet. Díe verhältnifsmäfsige Billigkeit diefer decorativen Bronzen, welche eine natürliche Folge des grofsen Abfatzes ift, wird von einigen Parifer Fabrikanten noch dadurch gefteigert, dafs fie ftatt echten Materiales Zink verwenden, welches an feiner Oberfläche galvaniſch verkupfert wird. Es mufs hiebei allerdings auf die Feinheit und die Solidität einer cifelirten Bronzearbeit verzichtet werden, allein der Preis, in Verbindung mit der Gefälligkeit und Zierlichkeit der äusseren Erfcheinung, fichert diefen Artikeln reichlichen Abfatz, und man kann fich deffen vom Standpunkte der Gefchmacksförderung nur freuen. Die figurale Richtung repräfentirten vorzüglich: Marchand, Paillard, Romain und Thiebaut& fils, welche Gegenftände in gröfserer Ausführung brachten, dann Blot& Drouard, Denière, Houdebine, Ranvier& Comp. und Sufse frères mit folchen in mehr gefuchten kleineren Dimenfionen. Die Wiedergabe von Vögeln und anderen Thieren, in zumeift fehr naturaliftifcher Weife, vertraten Pautrot& Vallon und Peyzol. B. Von der Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Induftrie die LedergalanteriewaarenFabrikanten: Franz Arneth, Julius Franke, Wunder& Kölbl und Moriz Zander; dann die Tafchnerwaaren- Fabrikanten: Hermann Krammer und Clemens Schittenhelm. Aufserdem hat der Vorfteher der Genoffenfchaft der Buchbinder und Ledergalanteriewaaren- Fabrikanten in Wien, Adolf Streh blow, einen neuerlichen, von 35 Vertretern der Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren- Induftrie unter fertigten, ausführlich motivirten Proteft gegen Weidman's Bericht überreicht. Zur gewiffenhaften Prüfung und Klarftellung der in dem eben angeführten Materiale vorgebrachten Reclamationen berief die Kammer überdiefs die Sachverständigen: Eduard Becher, A. F. Bechmann, Ludwig Böhm, Johann Dürrmayer, Alois Hanufch, Auguft Klein, Hermann Krammer, Guftav Lerl, Franz Nowotny, Emil Rodeck und Adolf Strehblow, unter dem Vorfitze des Kammerrathes Eduard K anitz, zu einer commiffionellen mündlichen Berathung, an welcher auch die Kammerräthe Heinrich Ritter v. Maurer und Theodor Neufs theilnahmen. Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 3 Von Perrot waren hübfche Schreibtisch Geräthe, von Baguès, Domange Rollin, Lefebre, Levy, Morisot, Oppenheimer, Ranvier& Comp., Vullierme, Burgiard& Comp. etc. jene bekannten und gefuchten Objecte, wie Uhren, Candelaber, Leuchter, Kaminvorfätze, Blumenftänder etc., in mannigfachfter Form und verfchiedenfter Art der Ausführung vorhanden. Befondere Beachtung glauben wir den Beleuchtungsapparaten, fpeciell den Luft ern, widmen zu follen, weil uns die hiebei zu erfüllende Aufgabe, der vielen Objecte wegen, fehr wichtig erfcheint, und weil kein Material für diefe Apparate geeigneter ift und allgemeiner angewendet wird, als Bronze. Die exponirt gewefenen Lufter halten wir übrigens für den relativ fchwächften Theil der kunftgewerblichen Bronzearbeiten Frankreichs, was wohl darin liegen mag, dafs vielfach der Charakter des Hängenden nicht genügend erfafst und berücksichtigt erfchien. Das grellfte Beiſpiel hievon gab wohl ein Lufter eines der tüchtigften Parifer Bronzefabrikanten. Den Haupttheil bildeten drei Säulen, deren Schäfte marmorirt waren und auf deren vergoldete Capitäler fich Schnörkel ftützten, an denen das Ganze hing. Am wenigften gelungen fanden wir einzelne für gröfsere reiche Räume gedachte und prunkend ausgeführte Lufter, da fie an Stelle einer mafsvollen Combination von Glas und Bronze, welche geeignet ift, den Lichteffect zu erhöhen, eine folche Fülle dicht aneinander angebrachter Glasprismen und Glasplatten zeigten, dafs die conftructiven Theile ganz verfchwanden und die Ueberzeugung fich aufdrängte, es fei nur auf Glitzern und Flimmern abgefehen. Bei anderen fanden wir wieder die Schnörkel in Ueberladung und unharmonifch aneinander gedrängt, fo dafs der Gefammteffect nichts weniger als günftig war. Demungeachtet zeigten auch in diefer Branche einzelne Artikel jene Tüchtigkeit und Virtuofität, welche die franzöfifche Bronzeinduftrie im grofsen Ganzen charakterifirt. So hatte Barbedienne zwei grofse Lufter ausgeftellt, von welchen der eine das Email in muftergiltiger, höchft gefchmackvoller Weife auf Reifen angebracht zeigte, die durch ein Spangenwerk mit einander reizend verbunden waren. Die Conftruction der für Salons und Arbeitsräume beftimmten Lufter, deren Elemente eine heb- und fenkbare Lampe und unbewegliche Arme mit Flammen bilden, fand in den Expofitionen von Buffet& Comp., Chabrié& Jean, Gagneau frères, Graux, Lacarrière frères, Delatour& Comp., Schlofsmacher& fils, Tardieu etc. in der mannigfaltigften Weife ihre künftlerifche Löfung. Paillard und Romain hatten unter ihren zahlreichen prächtigen Objecten auch einen Lufter aus Bronze mit gemalten Gläfern von charmanter Wirkung und fchönen Details. Von Boudoirluftern, Ampeln, Blumenfchalen etc. fanden wir bei Denière, Servant und Sufse frères ganz gefchmackvolle und originelle Leiftungen. Schliefslich wollen wir der aus gefchmiedetem Eifen verfertigten Veftibulelampen gedenken, welche die Ausstellungen der Bronzefabrikanten Denière, Baguès, La carrière frères, Delatour& Comp. zierten. Als für die franzöfifche Bronzeinduftrie charakteriftifch fei nochmals bemerkt, dafs fie den Stempel der weiteftgehenden Mithilfe künftlerifcher Kräfte bei Erfindung und Modellirung an fich trägt, fowie die technifche Ausführung in Bezug auf das verwendete Materiale und die zu erzielende Wirkung geradezu als virtuos zu bezeichnen ift. Auch die Art der Aufftellung der franzöfifchen Bronzen war eine ganz vorzügliche, denn die offenen, aber mit Plafonds verfehenen Abtheilungen erhielten das Licht auf die Objecte concentrirt und die Vermeidung von Gläfern oder Spiegeln benahm die Veranlaffung zu Lichtzerftreuungen, Reflexen, falfcher oder ble ndender Beleuchtung. Selbft im Mittelgange war das wenige vorhandene Licht für die einzelnen Abtheilungen noch vollkommen ausreichend. I* 4 J. Weidman. Diefe Aufftellungsweife bot zudem in gefchäftlicher Beziehung den Vertretern der Ausfteller und dem Publicum die gröfste Bequemlichkeit und es mag diefelbe, was Leichtigkeit des Abfchluffes und Billigkeit der Herftellung betrifft, als Inftallationsweife für Bronzen, ebenfo für ähnliche plaftifche Objecte, wie Majoliken, Fayencen etc., als beachtenswerth empfohlen werden. Oefterreich. Quantitativ fehr reich vertreten, nahm Oefterreich in diefer Gruppe auch qualitativ einen hervorragenden Rang ein, und wir laffen mit um fo gröfserer Befriedigung feine Leiftungen in der Erinnerung an uns vorüberziehen, wenn wir uns die Kürze der Entwicklungsperiode feines Kunft. gewerbes und die mannigfachen Schwierigkeiten vergegenwärtigen, die deffen Entfaltung erfchwerten. Erft feit wenigen Decennien hat es den Kampf mit einem Concurrenten aufgenommen, der im Befitze der günftigften Arbeits- und Abfatzbedingungen den Weltmarkt beherrfcht. In diefem mit fehr ungleichen Kräften geführten Kampfe fehen wir die öfterreichifche Bronzeinduftrie Erfolge erringen, die eine noch glänzendere Zukunft verbürgen und uns zur angenehmen Pflicht machen, bei Befprechung der Ausftellung die Verdienfte Einzelner befonders zu erwähnen. Die Firma Dziedzinski& Hanufch, welche unfere Bronzeinduftrie fchon auf der letzten Parifer Ausftellung fo würdig vertreten hatte und feither raftlos beftrebt war, durch tadellofe Ausführung von Entwürfen erfter Künftler unfere kunftgewerbliche Induftrie in ftilvoller Richtung zu fördern, entfaltete eine Mannigfaltigkeit, die Staunen erregte. Wir fanden meifterhaft ausgeführte Spiegelrahmen, Uhren, Leuchter, Lampen, Ständer, Schreibtifch- Garnituren, einen reichgefchnitzten Schreibtisch mit emaillirten Bronze- Einlagen etc. Die genannte Firma hat nebft dem das Verdienft, im Jahre 1856 ein eigenes ausgedehntes Genre in glatten Bronzewaaren, die keiner Cifelirung bedürfen, gefchaffen und dem Handel einverleibt zu haben. Diefe Specialität gelangte feither derart zur Geltung, dafs durch fie der grofse Export öfterreichifcher Bronzewaaren eigentlich erft angebahnt wurde; die Nachfrage nach derfelben fteigerte fich allmälig in folchem Mafse, dafs viele Bronzearbeiter in Wien fich der Erzeugung des Artikels zuwenden und bis zur Stunde lohnende Befchäftigung in demfelben finden konnten. Wie, aber auch diefe Arbeiten einer gewiffen Schulung und Fertigkeit bedürfen und folche wirklich erreicht haben, beweifet am beften der Umftand, dafs felbft die Franzofen denfelben ihren Beifall zollen, in Folge deffen ein bedeutender Theil diefer Wiener Frzeugniffe nach Frankreich Abſatz findet. Die alte und renommirte Firma Aug. Klein bewährte auch auf diefer Ausftellung ihren wohlverdienten Ruf. Geläuterter Gefchmack, Vielfeitigkeit der Erfindung und Correctheit in der Ausführung wetteiferten bei jedem der vielen Objecte. Von Künftlern gedacht, zeigte jeder Artikel die entsprechende Durchführung durch techniſch wohlgefchulte Arbeitskräfte. Auch dort, wo die Bronze nur als Montirung auftrat, war die Gediegenheit, welche die ganze Expofition diefer Firma auszeichnete, zur vollen Geltung gebracht. Ludwig Böhm erntete anlässlich feiner eben fo reichhaltigen, als hinfichtlich der Form und der vollendeten Cifelirung präcife und rein ausgeführten Arbeiten grofsen Beifall. Als Handelsartikel den franzöfifchen in Nichts nachftehend, find fie ihnen in Bezug auf Billigkeit überlegen, was am beften daraus hervorgeht, dafs ein grofser Theil von Böhm's Erzeugniffen nach Paris und London Abfatz findet. Böhm's Schreibtisch- Garnituren, Vafen, Spiegel, Caffetten und Taffen gehörten zu den beften ihrer Art in der Ausftellung. Diefem Induftriellen gebührt auch das befondere Verdienft, der Erfte in Deutfchland die Galvanoplaſtik in die Bronzewaaren- Fabrikation eingeführt zu haben, welcher Arbeitsprocefs fein ausgeführte Gegenftände dem Handel zu fo billigen Preifen zugänglich macht, dafs er zur Heranbildung eines gröfseren Exports von Wiener Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 5 Bronzefabrikaten wefentlich mitwirkte und feit feiner Einführung mehrfache Nachahmung fand. Die Firma D. Hollenbach, welche zu den älteften ihres Faches auf hiefigem Platze zählt, hatte in ftilvollen, nach Entwürfen der hervorragendften Künftler gearbeiteten Gegenftänden, befonders in Luftern, Candelabern, Uhren u. f. w., die mit den beften franzöfifchen Erzeugniffen diefer Art verglichen wer den konnten, fehr Schönes zur Ausstellung geliefert. Diefe Firma erwarb fich um die Wiener Bronzeinduftrie dadurch ein grofses Verdienft, dafs fie feit Jahren eminente Kräfte nutzbar machte und für Erlangung guter Modelle keine Opfer fcheute. A. F. Bechmann's Erzeugniffen gebührt wegen der Originalität der Ideen, der exacten Ausführung und brillanten Vergoldung befondere Beachtung. Diefem Induftriellen ift es auch am beften gelungen, fchöne Emails in Anwendung zu bringen. Clemens Lux gab eine reichhaltige Ausftellung fehr gediegener Handelswaare, die eine Menge originell und nett gearbeiteter Gegenftände enthielt. Franz Bergmann hatte aufser currenten, zum Theile figuralifchen Nippes auch einen grofsen Uhrkaften in Rothmetall mit Wafferbetrieb ausgeftellt, deffen reine und fchöne Ausführung nichts zu wünſchen übrig liefs. Guftav Lerl& Söhne, deren Hauptausftellung in Bronzefchmuck beftand, geben auf diefem Gebiete fchon feit vielen Jahren den Beweis, dafs die öfterreichiſche Bronzewaaren- Induftrie den berühmten franzöfifchen Erzeugniffen eine fehr beachtenswerthe Concurrenz zu bieten vermag, und namentlich auch in bemalten Rococoarbeiten bedeutende Fortfchritte entwickelt. In diefen Artikeln leiften auch Friedrich Böhm und Michael Kraulitz ganz Erfpriefsliches. Auch von den kleineren Ausftellern waren theilweife fehr fchön gearbeitete Gegenftände exponirt. So bekundete die Productivgen offenfchaft der Wiener Bronzearbeiter durch ihre prachtvoll ausgeführte Standuhr, in Berücksichtigung der kurzen Zeit, als diefe Affociation befteht, eine fehr anerkennenswerthe Leiftungskraft. Desgleichen haben Ignaz Dörfel und Georg Danberger eine Auswahl gediegener Arbeiten gebracht. Diefen fchloffen fich Michael Scholz, Wilhelm Knoblauch und Jofef Weber, deren Ausstellungen ganz gute Handelswaare enthielten, würdig an. Bronze Uhrketten zeigten fich in erster Linie durch Franz Reiter, dann durch Franz Rowensky und Jofef Ott jun. lobenswerth vertreten. In Kirchenartikeln hatten die Firmen Brix& Anders und Franz Ludwig Adler die Ausftellung mit guten und ftilvollen Arbeiten befchickt. Die Beleuchtungsgegenstände der Wiener Bronzearbeiter endlich gehören zu deren beften Leiftungen und übertreffen an Strenge des Stils und Reinheit der Form entfchieden jene aus Paris, Birmingham und dem deutſchen Reiche. Bei den meiften, feit Jahren entstandenen grofsen Neubauten, unter welchen viele Paläfte und öffentliche Gebäude find, zeichneten die betreffenden Architekten auch die decorativ fo wichtigen Beleuchtungsgegenstände, und es entwickelte fich, Dank den vielen, unter gutem Einfluffe ausgeführten Aufträgen, diefer Zweig unferer Bronzeinduftrie befonders günftig. Nur in jenen currenten Artikeln, die fertig gewählt werden und bei welchen die Billigkeit den Ausfchlag gibt, können unfere Gaslufter und Gasarm- Fabri kanten mit den Birminghamer und deutfchen Erzeugniffen noch nicht concurriren; als unzweifelhaft dürfte anzunehmen fein, dafs, wenn das Gas an Ver breitung zunimmt und namentlich allgemeiner in Wohnräumen Verwendung findet, in Folge des vergröfserten Abfatzes fich auch die Preife unferer Fabrikate diefer Art niedriger ftellen werden. 6 J. Weidman. Die Firmen Dziedzinski& Hanufch und D. Hollenbach, welche mit Ausnahme von Bronzefchmuck in allen Aufgaben der Bronzeinduftrie durch tüchtige Leiftungen vertreten waren, hatten auch eine grofse Zahl von Luftern einfachfter, aber immer künftlerifcher Form, bis zur reichften Compofition, zu welcher die erfterwähnte Firma auch Email und Glas in paffendfter Weife verwendete, ausgeftellt. Wir müffen hier auch die allgemein und mit Recht bewunderte Ausftellung der Lobmeyr'fchen Glaswaaren erwähnen, weil fie Candelaber und Lufter enthielt, bei welchen die mitverwendete Bronze eben fo glücklich im Entwurfe, wie vorzüglich im Modell und in der Ausführung erfchien. Von den Firmen, die fich vorzugsweife mit der Fabrikation von Gasbeleuchtung- Apparaten befchäftigen, waren auf der Wiener Weltausstellung Hoerner& Dantine, Grüllemeyer, Scheler und Wolff& Comp. durch höchft beachtenswerthe Leiftungen vertreten; fie trugen mit zu dem Erfolge bei, den die öfterreichifche Bronzeinduftrie fich errang, und fie Alle haben Antheil an den Fortfchritten, welche diefe Induſtrie feit der Parifer Ausstellung gemacht hat. England, beffer Birmingham, war, ausgenommen die weltberühmte Firma Elkington& Comp., die mit ihren zahlreichen und koftbaren Leiftungen in edlen Metallen und Schmuck der Gruppe VII eingereiht ward, in Bronzewaaren vorzüglich nur durch Beleuchtungsapparate vertreten. Nahezu dasfelbe war der Fall bei den Bronzen aus dem deutfchen Reiche. An den zahlreich ausgeftellten Luftern beider Nationen bemerkten wir, dafs fie beinahe durchwegs für Gas conftruirt waren und meift durch Gegengewichte, deren je nach Arm- Anzahl und Ausftattung 3 bis 8 vorhanden waren, equilibrirt wurden, in Folge deffen das Licht tiefer geftellt und fo am Arbeits- oder Lefetifch der Familie beffer ausgenützt werden kann. Wenn auch diefe Gegengewichte durch ihre Stellung und durch deren Veränderlichkeit die künftlerifche Aufgabe unläugbar erfchweren, fo mufs doch zugegeben werden, dafs die Verwendung von gewöhnlichen einfetzbaren Lampen noch ungünftiger erfcheint und dafs die Handhabung und der Lichteffect eines herabziehbaren Gaslufters im Vergleich mit einem Lufter, der Lampe und Kerzen combinirt, vortheilhafter ift. Bezüglich der technifchen Ausführung, wie Gufs, Cifelirung, Vergoldung, Färbung etc., ftehen die Birminghamer Fabrikate im Allgemeinen auf einer höheren Stufe, als jene des deutfchen Reiches. Namentlich ift diefs der Fall bei den Luftern von Ratcliff& Tyler, die reizend und originell erfunden und in reinfter, dem Material in Conftruction und Behandlung gelungen angepafster Art ausgeführt find. Reich vertreten in Bronze luftern waren die bedeutende Firma Winfield & Comp., deren Erzeugniffe in Erfindung und Ausführung gleich vorzüglich find, dann Phillip, Blews& Sons, Beft& Lloyd, fowie Partridge& Comp. durch viele oft fehr reiche und techniſch vorzüglich ausgeführte Arbeiten. Vom deutfchen Reiche find es zumeift Actiengeſellſchaften in Berlin, welche der Wiener Weltausftellung eine grofse Anzahl von Luftern felbft gröfster Dimenſion für Theater etc. und in mannigfaltigfter Form fandten. Man konnte bei diefen Objecten auch die Mitverwendung des Glafes wahrnehmen, was bei den Birminghamer Luftern nicht der Fall war. Die glänzendften Leiftungen zeigte uns die Actiengeſellſchaft, vormals Schaeffer& Walker in Berlin, dann kamen die Lufter der Actiengefellfchaft, vormals Spinn& Sohn in Berlin und die Objecte der Actiengeſellſchaft, vormals Schaefer& Haufchner in Berlin, welche die hohe Leiftungsfähigkeit der Berliner Fabrikation in currenten Artikeln darthun. Aus Berlin war noch Kramme mit Luftern von reichem, wohl etwas kleinlichem Detail, aber vorzüglich fchöner und reiner Metallarbeit vertreten. Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 7 Von der Gasapparat- und Gufswerk- Actiengefellfchaft in Mainz waren einige fchön mit Glas combinirte Lufter und ftilvoll gehaltene mächtige Gascandelaber exponirt. Wie an den Luftern und Beleuchtungsgegenständen der beiden Reiche, konnte man an den kleinen Bronzen Deutfchlands den Einflufs Frankreichs viel. fach wahrnehmen. Selbft die reichhaltige Ausftellung von Ravené& Sufsmann aus Berlin in emaillirten Bronzen, in der technifchen Ausführung, Farbenftimmung, Gravirung etc. vorzüglich, liefs in den Entwürfen die franzöfifchen Vorbilder häufig erkennen. Sehr gelungen fanden wir eine Collection von emaillirten Thürgriffen. Aehnliches gilt von Waagen& Comp. in Berlin, die hübfche Candelaber, Statuetten und Thiergruppen ausgeftellt hatten. Von Herzner in München waren einige nette Statuetten genre artigen Vorwurfes vorhanden. Schliefslich wollen wir noch der Eigenthümlichkeit Erwähnung thun, dafs das deutfche Reich keine jener Nippes, welche in der öfterreichiſchen Abtheilung eine fo hervorragende Rolle spielten, in Bronze brachte, dafür aber eine grofse Anzahl meift zu beftimmten praktifchen Zwecken dienender Artikel in trefflichem Eifengufs. Wenn auch diefe Arbeiten, von welchen Zimmermann in Hanau, das Harzer Bergwerk in Mägdefprung, Meves Nachfolger in Berlin etc. an Form und Reinheit gleich gelungene ausgeftellt hatten, wegen ihres Materials in Gruppe VII gereiht wurden, fo fchienen fie uns doch wegen der Analogie mit jenen in Bronze ausgeführten, in Gruppe X gereihten Galanterie artikeln hier erwähnenswerth. Italien. Umgeben von vielen Meifterwerken, befonders aus der Renaiffancezeit, fchaffen die italienifchen Kunfthandwerker in Bronze faft nur Reproductionen, die aber meift mit feinem Kunftverftändnifs und grofser manueller Gefchicklichkeit angefertigt find. Es erklärt fich hiedurch, dafs wir an den italienifchen Arbeiten im Allgemeinen jene decorative Verwendbarkeit vermiffen, welche die franzöfifchen Bronzen auszeichnet. Thürklopfer, fchwere Kerzenleuchter, riefige Candelaber oder Kaminvorfätze, Gitter etc. bildeten das Gros der italienifchen Bronzen. Die Kleinbronze hat wenig Bedeutung. Die Farbe fucht die Patina der Originalien möglichft wiederzugeben. Helle Vergoldungen, wie bei den unferen, oder die vielen Nuancen in der Farbe, wie bei den franzöfifchen Bronzen, mangeln an den italienifchen vollſtändig. Die bedeutendften Exponenten auf der Wiener Weltausftellung waren Michieli und Udina in Venedig, die übrigens in Gruppe VII reihen. Das von anderen Staaten auf der Ausftellung Vorhandene fchien uns weder in kunftinduftrieller Richtung eigenthümlich, noch als Handels- oder Exportartikel des betreffenden Landes von Bedeutung. So waren z. B. die ausgeftellten Objecte des in Petersburg etablirten Franzofen Chopin im Charakter der Parifer Arbeiten angefertigt und nur bei drei Luftern die Verbindung mit gefchliffenen ruffifchen Steinen neu. Scheba noff in Moskau hatte nette kleine Gegenstände gebracht. Sonftige ruffifche Bronzen, fehr naturaliftifch, aber lebendig aufgefafste Genreftatuetten nationaler Vorwürfe, waren nicht als Handelsbronzen exponirt, fondern als Kunftbronzen bei den Gemälden im Pavillon des Amateurs; fie ent ziehen fich daher der gegenwärtigen Beurtheilung. Belgien war durch Lelorrain aus Brüffel vertreten, die Bronze erfchien nur als Montirungsbeigabe zu Porzellan für Lampen, Blumentöpfe etc. 8 J. Weidman. Galanteriewaaren aus Leder und Tafchnerwaaren. Zur Ausführung der in diefe Gruppe gehörigen Artikel find wir fprechen hier von allgemein gangbarer Waare und nicht von fogenannten Prachtftücken, welche bei vielen Fabrikanten mehr Goldfchmied- Arbeit als Lederwaare find- Leder, Seide, Bronze und andere Hilfsftoffe nöthig. Ueber das bei der Lederwaaren- Fabrikation hauptfächlich verwendete Leder glauben wir, feiner Wichtig. keit wegen, einige Worte einfchalten zu dürfen. Gewöhnlich ift die erfte Frage des Käufers, ob der Juften echt fei und der Frage folgt das fofortige Riechen zur angebotenen Waare. Aber was heifst nicht Alles Juften! Da nennt man Schaf-, Lamm-, Kalbleder u. f. w. engliſchen Juften u. dgl. Viele diefer imitirten Juften werden mit Birkenöl parfumirt. Uebrigens ift auch echter ruffifcher Juften von grofsem Schönheits- und Werthunterfchied und fchwankt im Preife um circa 50 Procent. Der befte Juften, und einzig für feine Lederwaare verwendbar, fft der von Savin in Petersburg, der auch von der Jury auf der Wiener Weltausstellung durch die Fortfchrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Man unterfcheidet den fogenannten Malja, gefalzten, glatten und Werfchock- Juften. Wir erwähnen hier felbftverſtändlich nur die in diefer Gruppe verwendeten Sorten. Malja- Juften geht nach dem Gewichte und wird per Centner verkauft, ift fpitz( im verfchobenen Rechteck) carrirt und wird meift geglättet( was hier in Wien gefchieht) zu minder feinen Artikeln verwendet. Gefalzter Juften, der fo wie Malja nach dem Gewichte in den Handel kommt, ift gewöhnlich im Quadrat carrirt; erift, da er durch das Wegfalzen überflüffig dicker Theile leichter geworden, ziemlich theuer und wird für feine Waare geglättet oder im Naturzuftande verwendet. Der in Rufsland glatt gearbeitete Juften wird von den Wiener Lederarbeitern durch Befeuchten und Walken noch glatter und glänzender gemacht, und gibt eine fehr feine Sorte, die in letzter Zeit für fogenannte weiche Waare fehr modern geworden ift. Auch diefer wird nach dem Gewichte verkauft, ift von den drei Gattungen der theuerfte und exiftirt, wie alle übrigen, in verfchiedener Gröfse und Stärke. Werfchock- Juften wird nach dem Werfchock, einem ruffifchen Längenmafse, berechnet; eine Haut ift 25 bis 45 Werfchocks lang und breit. Er ift von verfchiedener Stärke, wird felten geglättet und meift für gröfsere Caffetten und für Tafchnerwaaren im Naturzuftande verwendet; feine Narben find fehr fchön, fpitz carrirt und von befonderer Reinheit. Eine Gattung Juften, die in Wien jetzt aber etwas weniger benützt wird, ift der fogenannte Chagrin- Juften. Es ift diefs nur reiner Naturjuften was immer für einer Gattung( meiftens Malja), der zuerft roth gefärbt, dann gleich Schaf, Bock- oder Geifsleder chagrinirt, das heifst mit einer eifernen Rolle gekörnt wird, alfo künftliche Narben erhält. Aufser Juften werden noch verarbeitet: Lamm-, Geifs-, Bock-, Kalb-, Seehund- und Krokodil- Leder, Pergament, fowie Schaf- und Spaltleder für Futter. Alle diefe Ledergattungen kommen vornehmlich, wenigftens die für feine Waare verwendbaren, aus Mainz, Frankfurt a. d. O., Paris etc. Der hohe Preis des Juftens und feine Preisbeftimmung nach dem Gewichte in Verbindung mit dem Umftande, dafs für Reifefäcke u. dgl. eine gröfsere Stärke gewünſcht wird, führt zu feiner fournierartigen Verwendung. Es wird nämlich fchwacher Juften auf Schafleder cachirt. Die Waare fieht gut aus und ftellt fich um etwa 20 Procent billiger. Wollen wir die verfchiedenen Wiener Lederwaaren eintheilen, fo nennen wir als erfte und Hauptgattung die fogenannte weiche Waare, die feit einigen Jahren den Wiener Markt beherrscht. Es find diefs Portemonnaies, Vifit Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 9 karten- Etuis, Brieftafchen u. f. w., welche ganz weich, nur aus Leder ohne jeden Metallbeftandtheil, höchftens mit einem Schlöfschen verfehen, angefertigt find. Diefe Gattung ift die fchwierigfte in der Erzeugung, da fie keine Hilfsmafchine geftattet und blofs durch die Hand des Arbeiters aus einem Stück Leder geformt werden mufs; fie wird hauptfächlich für den Export nach Amerika, England u. f. w. verfertigt. Rahmenarbeit ift bedeutend älter, als die weiche Arbeit. Portemonnaies, Cigarrenetuis u. f. w., in Bronze- oder anderen Metallrahmen gefafst, find die ältefte, aber noch immer begehrte Sorte. Sie find viel leichter zu erzeugen, da der Rahmen fchon die Hauptform bildet und auch Klötze und andere Hilfsmittel dabei verwendbar find. Hieher gehören auch die einft in Maffen erzeugten und noch heute gefuchten Handfchuh- und Sacktuch- Soufflets. Holzarbeit ift gewöhnlich die der Gröfse nach imponirendfte Gattung. Darunter verfteht man Caffetten in allen Formen und für alle möglichen Zwecke; Käftchen, zuerft aus Holz gebaut, dann mit Leder überzogen. Auch gewiffe Sorten von Mappen gehören zu diefer Gattung. Die Arbeit erfordert Gefchicklichkeit, Aufmerkfamkeit und Reinlichkeit. Die zur Waare nöthigen Bronze-, Holz- und anderen Beftandtheile werden von erften Fabrikanten theilweife bei Haufe erzeugt. Viele Hilfsarbeiter werden aber auch aufser dem Haufe befchäftigt. Album- und Buchbinder- Arbeiten, als nach dem Ausftellungs- Programm zur Gruppe XI gehörig, finden in dem diefe Gruppe befprechenden Bericht ihre Würdigung. Gehen wir nach diefer Einleitung auf die Ausftellung felbft über und wenden wir uns da zuerft nach O efterreich. Die Menge und Güte des in diefer Gruppe Ausgeftellten wird fchon durch die Thatfache charakterifirt, dafs 48 Ausfteller vertreten waren und von diefen feitens der Jury 37 mit Auszeichnungen bedacht wurden, während drei( Auguft Klein, Friedrich Ritter v. Rofenberg und Adolf Strehblow) als Jurors aufser Concurs waren und weitere drei Ausfteller( Johann Etz, Gebrüder Rodeck und A. F. Syré& Neffe) freiwillig aufser Preisbewerbung ftanden. Von den Wiener Fabrikanten diefer Branche ift Auguft Klein als derjenige hervorzuheben, welcher mit grofser Ausdauer, Energie und vielen Opfern den Wiener Artikel für den Welthandel cultivirte. Er war der Erfte, der Fachficherheit und Muth genug befafs, unferen Erzeugniffen diefer Kategorie die Bahn nach den induftriell für unerreichbar gehaltenen Metropolen Frankreichs und Englands zu eröffnen und in St. Petersburg, wo man fich bis dahin die englifchen und franzöfifchen Fabrikate als unerreichbar gedacht hatte, den Ruhm der Wiener Lederwaaren- Induftrie zu begründen, für fie dort bleibende Märkte zu erobern. Dafs diefelbe Luft und Liebe, die feiner Zeit den Kleingewerbetreibenden Auguft Klein am Beginne feiner felbftftändigen Laufbahn im Jahre 1845 zur Arbeit anfpornte, auch heute noch den Grofsinduftriellen erfüllt, zeigte feine Ausstellung, welche nur Gutes, Vollkommenes, in Entwurf und Ausführung Gediegenes vorführte. Greifen wir aus der reichen Sammlung von Prachtftücken einige befonders werthvolle heraus, fo ift vor Allem das dem Abte Helferstorfer gehörige Miffale, welches fich durch edlen Stil und fchönes Email auszeichnet, anzuführen. Ferner zwei Albums, eines Eigenthum der Erzherzogin Gifela, das andere des Erzherzogs Rainer, letzteres mit Limofiner Email geziert, dann einige Sammtcaffetten, mit Edelſteinen und Emailblättern gefchmückt. Unter feiner kleinen Waare fanden wir einen durch ihn allein vertretenen fchönen Artikel, nämlich Silhouetten aus fchwarzem Leder, in lichtes Leder eingelegt. 10 J. Weidman. Als ein die Einrichtung und Leitung des Aug. Klein'fchen Etabliffements charakterifirendes Moment ift, von der Mitwirkung hervorragender künftlerifcher Kräfte abgefehen, die Thatfache hervorzuheben, dafs dort unmittelbar felbft alle den mannigfaltigen Erzeugniffen dienenden Künfte und Gewerbe fich vereinigt und gepflegt finden. Rofenberg und Gebrüder Roaeck hatten grofse Collectionen von Lederwaaren ausgeftellt. Erfterer zeigte durchaus feinfte und vorzüglich gearbeitete Waare. Die andere Firma, die weit vielfeitiger exponirte, brachte viel fchöne Nippes, einzelne vorzüglich gearbeitete grofse Stücke und als Specialität mehrere aus Leder geflochtene Arbeitskörbe verfchiedener Form. Die reiche Sammlung von Wappen und Monogrammen in echten Steinen, allerdings mehr Arbeit des Juweliers, nahm fich fehr effectvoll aus. Beide Ausfteller find vorwiegend Kaufleute; eben in diefer Eigenfchaft werden fie aber den von ihnen vertretenen Induftriezweigen, fowie den einzelnen Induſtriellen nützlich, indem fie bei ihrem fteten Verkehr mit einem Vieles kaufenden Publikum Gelegenheit haben, den Kunftfinn in den Kreifen der Confumenten anzuregen und zu fördern, neue glückliche Ideen aufzunehmen und diefe mit Hilfe der Etabliffements, mit welchen fie in Verbindung ftehen, praktiſch zu verwerthen, fie zum Gemeingute Aller zu machen. Moriz Klein, Kaufmann und Fabrikant, ftellte, unterſtützt von den Induftriellen Pollak und Joppich, welche als ehemalige Werkführer bei Auguft Klein eine ausgezeichnete Schule genoffen haben, in reinem Stil fchön ausgeführte Objecte aus. Unter Anderem fah man einen grofsen Kaften aus Rindsleder, der eine vorzügliche Reproduction derartiger antiker Arbeiten war*. Weniger entſprach unferem Gefchmacke ein grofser Kaften aus fchwarzem Holz, mit Juften eingelegt und reich mit Bronze verziert. Schön waren die irriger Weife hier eingereihten Federcaffetten. Auch einige reich ausgeftattete Säcke neuer Form waren ausgeftellt; ferner erfchien eine Sammlung von Silhouetten, aber nicht wie jene von Auguft Klein in Leder eingelegt, fondern blofs auf lichtem Leder gedruckt; Diefes Verfahren ift billig, der Gegenftand aber felbftverftändlich von minderem Werthe. Einige Damen- und Gürteltaschen mit fehr reicher und complicirter farbiger Ledereinflechtung, oder auch mit Einflechtungen aus Pfauenfeder- Kielen verfehen, erinnerten an füdflavifche Hausinduftrie. Im Uebrigen fand man bei Moriz Klein's Expofition noch manchen fchön gearbeiteten Gegenftand, der aber als Gemeingut der Wiener Lederwaaren- Fabrikation zu befonderer Betonung keinen Anlafs bietet. Bei dem Ausfteller Johann Etz fanden wir neben anderem Schönen und Guten, als ihm eigene und neue Specialität, Albums, Mappen und Käftchen aus weifsem Pergament mit gemalten Blumen, eine Combination, die fehr gut ausfah. Jacques Löw's grofse mit Leder überzogene Holzgegenstände zeigten, welchen mannigfaltigen Zwecken die Lederwaaren- Induftrie bei harmonischer Vereinigung der Anforderungen des wirklichen Gebrauches, wie des Luxus, dienen kann. F. Neiber bekundete in feiner Expofition currenter Waare viel Gefchmack; die ftrebfame Firma Theodor Klein Söhne hatte, wie auf früheren Ausstellungen fo auch diefsmal, in folchen Artikeln fchöne Erfolge aufzuweisen. Riederer& Mader bieten mit ihren eingerichteten Caffetten, Mappen u. f. w. anerkannter Mafsen felbft den franzöfifchen Erzeugniffen diefer Art Concurrenz. Wunder& Kölbl waren durch Ledermofaiken vertreten, welche wegen ihrer kunftvollen Ausführung zu den verdienftlichften Leiftungen der * Die Bearbeitungsweife des Stoffes mahnt an den Arbeitsprocefs des Treibens bei Metallen. Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 11 Lederwaaren- Induftrie gehören. Was die von diefer Firma gelieferten Einbände mit Handvergoldung betrifft, citiren wir Jacob Falke, der in feinem Werke( Seite 326 und 327) fagt:" Oefterreich hat auf der Ausftellung nur zwei Etabliffements, das von Wunder& Kölbl und das von Fr. Kritz, welche auf diefes Genre( die Handvergoldung) eingegangen find. Aber der Anfang ift allfeitig gefchehen, und wir zweifeln daher nicht, dafs diefe rationellfte aller modernen Ledertechniken binnen wenig Jahren wieder allgemein werden wird, fo weit es der Preis erlaubt. Sie iſt felbft koftbar genug, wie die englifchen Beiſpiele zeigen, um unfer Girardet- Genre in den meiften Fällen zu erfetzen." F. Nowotny& Söhne, eine der bedeutendften Firmen in billiger Lederwaare für den grofsen Export, führte gangbare Mufter in reicher Auswahl vor. Ignaz Lukfch bereicherte uns mit einem neuen Artikel, den er privilegiren liefs; es find diefs Portemonnaies, Kartenetuis etc. aus einem gelblichen Kalbleder, auf welches Holzflader in dunklerem Braun gedruckt ift. Wir finden es nun wohl begreiflich, wenn koftfpieliges Materiale durch billigeres imitirt wird, halten es jedoch für nicht gerechtfertigt, Holz durch das bedeutend theurere Leder nachzuahmen. Es ift diefs nur ein Beifpiel, welche Mittel der Wunfch, Neues zu bieten, öfter anregt, denn fo wie man hier Holz durch Leder imitirt fah, fand man bei einem anderen Fabrikanten in derfelben Gruppe umgekehrt Leder durch Holz nachgeahmt. Rühmenswerth erfcheinen noch die Firmen Michael Seewald und Jacques Mefenich; Erftere hatte Specialitäten in Schreibzeugen, Letztere in Nippes exponirt. Eduard Becher, der fehr fchöne Albums zeigte, verdient infoferne befonders hervorgehoben zu werden, als er in Albumerzeugniffen überhaupt Vorzügliches leiftet. Auch Julius Franke hatte Einiges ausgeftellt, was nicht nur von Sachverftändigen als gut und originell, fondern auch ohne Concurrenz in der Ausftellung befunden wurde. Ihm kommt das Verdienft zu, dafs er Artikel erzeugt, welche, wie die mannigfaltigen Portefeuilles für Kunfthändler, fehr ftark nach Rufsland begehrt werden. J. Weidman's** gröfsere Ausftellungsobjecte, worunter viele Enveloppen und Prachteinbände, zeichneten fich durch Stilreinheit aus. Die Sammlung kleiner Waaren, fchon wegen ihrer Verfchiedenheit in Formen und Farben bemerkenswerth, ift umfomehr hervorzuheben, als jeder einzelne Gegenftand in der eigenen Fabrik des Ausftellers verfertigt wird. Die gemalten und in chagrinirten Grund eingelaffenen Bilder nach Originalien von Makart, Profeffor Sturm, Lach u. f. w., zeugten ebenfalls von befonderem Streben auf dem Gebiete der Kunftinduftrie. Auf die Wiener Tafchnerwaaren- Induftrie übergehend, haben wir anzuführen, dafs das Vorzüglichfte von eingerichteten Säcken und gefchmackvollen Damentafchen in den Ausftellungen des Fabrikanten Auguft Klein, fowie der Kaufleute Rofenberg, Rodeck und Etz zu fehen war. In dem Hofeinbau der Gruppe VI, wo die eigentlichen Tafchner ausgeftellt hatten, bemerkten wir eine grofse Pyramide von Koffern und einfachen Säcken. Ein Theil davon hatte feinen Urfprung aus der Fabrik Hermann Krammer's, eines unferer beften Tafchner. Die Gegenstände waren alle gut und folid gearbeitet. Neben Krammer hatte Schitten helm currente Waaren, Koffer und Tafchen, ausgeftellt. Gabriel brachte Jagdartikel und war in diefem Fache faft der Einzige. Die Wiener Tafchnerwaaren- Induftrie, früher der Parifer und Londoner weit nachftehend, hat fich im Laufe der letzten zehn Jahre in der erfreulichften * ,, Die Kunftinduftrie auf der Wiener Weltausftellung 1873"( Verlag von Carl Gerold's Sohn in Wien). ** Der Herr Referent wollte nicht felbft über feine Ausftellung berichten. Wir haben uns oben eingefügtes Urtheil von erfahrener Seite eingeholt. 12 J. Weidman. Weife entwickelt und fo vervollkommnet, dafs die von ihr erzeugten Artikel Gegenftand eines namhaften Exportes geworden find. Unter den verfchiedenen auswärtigen Abfatzgebieten können wir nun felbft Frankreich und England anführen. Aus den mannigfachen Artikeln aber, welche Gegenftand des internationalen Handels geworden, find insbefondere Koffer und eingerichtete Reifetafchen als jene Objecte hervorzuheben, bei welchen aufser praktiſcher Verwendbarkeit eine mannigfache, dem Luxus fchmeichelnde Ausftattung angeftrebt wird. Nach diefer Richtung hin waren die Wiener Firmen auf der Ausstellung am reichhaltigften vertreten und fie hatten dabei manche, bisher wenig bekannte Kofferverzierungen, welche fpeciell dem Gefchmacke in einigen fremden Ländern entſprechen, aufzuweifen. Von den Ausftellern diefer Branche find vor Allen Hermann Krammer und M. Würzl& Sohn zu nennen, welche in eingerichteten Reifetafchen, letztere Firma auch in fonftigen Reifeartikeln, fehr zweckmässig und folid gearbeitete Stücke exponirt hatten. Diefen reihen fich Johann Dürrmayer und Clemens Schittenhelm ebenbürtig an; Erfterer brachte aufser verfchiedenen Sorten fehr gediegener Reifetafchen und Reifekoffer als Specialität mehrere mit Pfauenfedern geftickte Gegenftände, Letzterer eine fchöne und reiche Auswahl vorzüglich gearbeiteter Reifeartikel aller Art. In Handtafchen, Gürtel- und Damentafchen lieferte der Tafchnerwaaren- Erzeuger Jofef Veitl Beachtenswerthes, während Franz Hartmann durch Specialitäten in Mufterkoffern für Reifende, fowie in Kinderfeffeln, fich vornehm präfentirte. Die LederwaarenProductivgenoffenfchaft zeigte fich in Leder- und Tafchnerwaaren aller Art fehr vortheilhaft vertreten. Von Jofef Gabriel waren mufterhaft ausgeführte Jagdrequifiten aller Art zu fehen. Die Induftriellen Valentin Marek, J. E. Bartnek und Heinrich Quint hatten die Ausstellung mit gut gearbeiteten Koffern und Tafchen befchickt. Johann Hochedlinger hatte fpeciell Koffer mit vielen Verzierungen aus Metall, Steinen u. dgl., die im Orient dem dort herrfchenden Gebrauche gemäfs als Brautkoffer dienen und grofsen Abfatz haben, exponirt. In Bezug auf das von Ungarn in diefer Gruppe Ausgeftellte finden wir uns nur zu der einen allgemeinen Bemerkung veranlafst, dafs die gegebenen Productionsverhältniffe Wiens den offenkundig hervortretenden prädominirenden Einfluss diefer Stadt erklären. Zur Entfaltung der hier befprochenen Induſtriezweige bedarf es neben anderen Bedingungen einer durch längere Zeit fortgefetzten intenfiven Pflege des Gewerbes. Deutfches Reich. Wien zunächft wird wohl, fpricht man von Lederwaaren- Induſtrie, am meiften Offenbach, in neuerer Zeit auch Berlin, Frankfurt am Main, München und Stuttgart genannt. Offenbach ift bedeutend in feinen praktifchen Artikeln, die Waare ift bei billigem Preife gut und zweckmässig gearbeitet. Die Firma Mönch& Comp. in Offenbach, eine der bedeutendften des Faches, erzeugt alle zu ihren Artikeln nöthigen Beftandtheile, und zwar möglichft vollkommen, jedoch innerhalb der Grenzen, welche die Gangbarkeit der Waare in Deutfchland zieht. Kurz charakterifirt ift die genannte Firma für Offenbach das, was Auguft Klein für Wien ift eine Weltfirma. H. Lehmann in Offenbach bewies in allen feinen Gegenftänden einen vorwärtsftrebenden Sinn für das Verwendbare und Zweckmäfsige und für exacte Ausführung feiner Erzeugniffe. Indem er dabei auch das Wiener Genre verfolgt, geftaltet er feine Artikel zu geachteten Rivalen der vorgenannten Weltfirma. J. F. Knipp in Offenbach hat mit feinen Albums, wenn auch Wien noch nicht erreicht, fo doch den Fortfchrittsmann Offenbachs bewährt. Die reiche Auswahl an Arbeitskörbchen und Neceffaires von Ernst Knipp in Offenbach vergegenwärtigte einen beträchtlichen Exportartikel, der in Wien Bronzegalanterie-, Ledergalanterie- und Tafchnerwaaren. 13 aus Mangel an billigen und guten Einrichtungsftücken nicht im verdienten Mafse gepflegt wird. F. W. Bofsert in Offenbach verwendete grofsen Fleifs auf das Montiren feiner Mufikwerke, mit denen er auch anfehnliche Erfolge erzielte, obwohl man feinen Ideen keinen befonders guten Gefchmack abgewinnen kann. Ueberhaupt weifs Offenbach feine Erzeugniffe dem Welthandel anzupaffen und dadurch einen den auswärtigen Abfatz der Wiener Fabrikate weit überragenden Export zu erzielen. Nach Offenbach folgen im Range Berlin, Stuttgart und Frankfurt a. M., welche, obwohl nicht in gleicher Qualität, das Wiener Genre ftark cultiviren. Zu bedauern war es, dafs fich gerade die bedeutenden Fabrikanten Berlins von der Ausftellung ferne gehalten haben. Aus München war C. Efchenbach der einzige Fabrikant, welcher Luxusartikel ausgeftellt hatte. Sein Schreibtifch war eine meifterhafte Leiftung und trug fammt den Albums für Bilder das Moment der Gediegenheit an fich. J. G. Kugler in Nürnberg verfolgt, im Ganzen betrachtet, die praktiſche Richtung der Deutfchen. Frankreich war in der eigentlichen Ledergalanterie waaren Induſtrie nicht vertreten. Was wir fanden, waren meift Neceffaires, bei welchen die in Paris fo gut und viel erzeugten Einrichtungsftücke die Hauptrolle spielten. W. Marx brachte Photographie Albums und einige Portefeuille Artikel, welche in die Gattung der Offenbacher Waaren einzureihen find. Ebenfo ftellten Midocq& fils und Schultz in Paris eingerichtete Caffetten aus, die aber unferer Anficht nach weder durch Qualität noch durch Zweckmäfsigkeit mit der feinen Wiener Waare concurriren können und als billige Artikel im Vergleiche mit den vorerwähnten Fabrikaten von Riederer& Mader zu theuer find. Walcker's Koffer find gut, ihr Glanzpunkt ift jedoch ebenfalls die Einrichtung. In derfelben Seitenrippe fanden wir in einem Wandkaften prachtvolle Einbände mit reicher Handvergoldung ausgeftellt. Sie ftammen aus verfchiedenen Zeiten und waren zumeift von den jetzigen Privateigenthümern exponirt. Eben folche nicht minder fchöne Arbeiten in Handvergoldung fanden wir in der englifchen Abtheilung. Ausserdem war die Lederwaaren- Induſtrie dort nur noch durch einige Sohlleder- Koffer von altbekannter Solidität und mehrere Säcke primitiver Natur vertreten. Italien und Rufsland, wie die übrigen Länder, zeigten Nichts oder doch nichts Nennenswerthes. In den Abtheilungen China und Japan gewahrte man keine eigentliche Lederwaaren- Induftrie. Der Befucher wurde jedoch an diefe erinnert durch einzelne fackartig zufammengenähte Täfchchen, gewöhnlich mit einem höchft einfachen Verfchluffe verfehen, die als Tabaktafchen dienen. Sie find blofs aus dem fehr zähen, feften, lederartig gekörnten japanifchen Papier verfertigt.